Produced by Peter Becker, Heike Leichsenring and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive) Anmerkungen zur Transkription: Umschlieungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an, Umschlieungen mit _ Text, der im Original in einer anderen Schriftart dargestellt war. Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im brigen wurden Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wrter belassen. Eine Liste mit sonstigen Korrekturen finden Sie am Ende des Buchs. Umwege Erzhlungen von Hermann Hesse S. Fischer, Verlag, Berlin 1912 *Neunte Auflage.* Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten. Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin. Inhalt Ladidel 9 Die Heimkehr 88 Der Weltverbesserer 149 Emil Kolb 211 Pater Matthias 265 Ladidel Erstes Kapitel Der junge Herr Alfred Ladidel wute von Kind auf das Leben leicht zu nehmen. Es war sein Wunsch gewesen, sich den hheren Studien zu widmen, doch als er mit einiger Versptung die zu den oberen Gymnasialklassen fhrende Prfung nur notdrftig bestanden hatte, entschlo er sich nicht allzuschwer, dem Rat seiner Lehrer und Eltern zu folgen und auf diese Laufbahn zu verzichten. Und kaum war dies geschehen und er als Lehrling in der Schreibstube eines Notars untergebracht, so lernte er einsehen, wie sehr Studententum und Wissenschaft doch meist berschtzt werden und wie wenig der wahre Wert eines Mannes von bestandenen Prfungen und akademischen Semestern abhnge. Gar bald schlug diese Ansicht Wurzel in ihm, berwltigte sein Gedchtnis und veranlate ihn manchmal unter Kollegen zu erzhlen, wie er nach reiflichem berlegen gegen den Wunsch der Lehrer diese scheinbar einfachere Laufbahn erwhlt habe, und da dies der klgste und wertvollste Entschlu seines Lebens gewesen sei, wenn er ihn auch ein betrchtliches Opfer gekostet habe. Seinen Altersgenossen, die in der Schule geblieben waren und die er jeden Tag mit ihren Bchermappen auf der Gasse antraf, nickte er mit Herablassung zu und freute sich, wenn er sie vor ihren Lehrern die Hte ziehen sah, was er selber lngst nimmer tat. Tagsber stand er geduldig unter dem Regiment seines Notars, der es den Anfngern nicht leicht machte, und eignete sich mit Geschick manche liebliche und stattliche Kontorgewohnheit an, die ihn freute, zierte und schon jetzt uerlich den lteren Kollegen gleichstellte. Am Abend bte er mit Kameraden die Kunst des Zigarrenrauchens und des sorglosen Flanierens durch die Gassen, auch trank er im Notfall unter seinesgleichen ein Glas Bier schon mit Anmut und nachlssiger Ruhe, obwohl er seine von der Mama erbettelten Taschengelder lieber zum Konditor trug, wie er denn auch im Kontor, wenn die andern zur Vesper ein Butterbrot mit Most genossen, stets etwas Ses verzehrte, sei es nun an schmalen Tagen nur ein Brtchen mit Eingemachtem oder in reichlichern Zeiten ein Mohrenkopf, Butterteiggipfel oder Makrnchen. Indessen hatte er seine erste Lehrzeit abgebt und war mit Stolz nach der Hauptstadt verzogen, wo es ihm beraus wohl gefiel. Erst hier kam der hhere Schwung seiner Natur zur vollen Entfaltung, und wenn er bisher immer noch eine Sehnsucht und heimliche Begierde in sich getragen hatte, so gedieh nun sein Wesen vllig zu Glanz und heiterem Glcke. Schon frher hatte sich der Jngling zu den schnen Knsten hingezogen gefhlt und im Stillen nach Schnheit und Ruhm Begierde getragen. Jetzt galt er unter seinen jngeren Kollegen und Freunden unbestritten fr einen famosen Bruder und begabten Kerl, der in Angelegenheiten der feineren Geselligkeit und des Geschmacks als Fhrer galt und um Rat gefragt wurde. Denn hatte er schon als Knabe mit Kunst und Liebe gesungen, gepfiffen, deklamiert und getanzt, so war er in allen diesen schnen bungen seither zum Meister geworden, ja er hatte neue dazu gelernt. Vor allem besa er eine Gitarre, mit der er Lieder und spahafte Verslein begleitete und bei jeder Geselligkeit Ruhm und Beifall erntete, ferner machte er zuweilen Gedichte, die er aus dem Stegreif nach bekannten Melodien zur Gitarre vortrug, und ohne die Wrde seines Standes zu verletzen, wute er sich auf eine Art zu kleiden, die ihn als etwas Besonderes, Geniales kennzeichnete. Namentlich schlang er seine Halsbinden mit einer khnen, freien Schleife, die keinem andern so gelang, und wute sein hbsches braunes Haar hchst edel und kavaliermig zu kmmen. Wer den Alfred Ladidel sah, wenn er an einem geselligen Abend des Vereins Quodlibet tanzte und die Damen unterhielt, oder wenn er im Verein Fidelitas im Sessel zurckgelehnt seine kleinen lustigen Liedlein sang und dazu auf der am grnen Bande hngenden Gitarre mit zrtlichen Fingern harfte, und wie er dann abbrach und den lauten Beifall bescheidentlich abwehrte und sinnend leise auf den Saiten weiterfingerte, bis alles strmisch um einen neuen Gesang bat, der mute ihn hochschtzen, ja beneiden. Da er auer seinem kleinen Monatsgehalt von Hause ein anstndiges Sackgeld bezog, konnte er sich diesen gesellschaftlichen Freuden ohne Sorgen hingeben und tat es mit Zufriedenheit und ohne Schaden, da er immer noch trotz seiner Weltfertigkeit in manchen Dingen fast noch ein Kind geblieben war. So trank er noch immer lieber Himbeerwasser als Bier und nahm, wenn es sein konnte, statt mancher Mahlzeit lieber eine Tasse Schokolade und ein paar Stcklein Kuchen beim Zuckerbcker. Die Streber und Mignstigen unter seinen Kameraden, an denen es natrlich nicht fehlte, nannten ihn darum das Baby und nahmen ihn trotz allen schnen Knsten nicht ernst. Dies war das einzige, was ihm je und je zu schaffen und betrbte Stunden machte. Mit der Zeit kam dazu allerdings noch ein anderer Schatten, der leise doch immerhin dsternd ber diesen hellen Lebensfrhling zog. Seinem Alter gem begann der junge Herr Ladidel den hbschen Mdchen sinnend nachzuschauen und war bestndig in die eine oder andre verliebt. Das bereitete ihm anfnglich zwar ein neues, inniges Vergngen, bald aber doch mehr Pein als Lust, denn whrend sein Liebesverlangen wuchs, sanken sein Mut und Unternehmungsgeist auf diesem Gebiete immer mehr. Wohl sang er daheim in seinem Stblein zum Saitenspiel viele verliebte und gefhlvolle Lieder, in Gegenwart schner Mdchen aber entfiel ihm aller Mut. Wohl war er immer noch ein vorzglicher Tnzer, aber seine Unterhaltungskunst lie ihn ganz im Stiche, wenn er je versuchen wollte, einiges von seinen Gefhlen kundzugeben. Desto gewaltiger redete und sang und glnzte er dann freilich im Kreis seiner Freunde, allein er htte ihren Beifall und alle seine Lorbeeren gerne fr einen Ku, ja fr ein liebes Wort vom Munde eines schnen Mdchens hingegeben. Diese Schchternheit, die zu seinem brigen Wesen nicht recht zu passen schien, hatte ihren Grund in einer Unverdorbenheit des Herzens, welche ihm seine Freunde gar nicht zutrauten. Diese fanden, wenn ihre Begierde es wollte, ihr Liebesvergngen da und dort in kleinen Verhltnissen mit Dienstmdchen und Kchinnen, wobei es zwar verliebt zuging, von Leidenschaft und idealer Liebe oder gar von ewiger Treue und knftigem Ehebund aber keine Rede war. Und ohne dies alles mochte der junge Herr Ladidel sich die Liebe nicht vorstellen. Er verliebte sich stets in hbsche, wohlangesehene Brgerstchter und dachte sich dabei zwar wohl auch einigen Sinnengenu, vor allem aber doch eine richtige, sittsame Brautschaft. An eine solche war nun bei seinem Alter und Einkommen nicht von ferne zu denken, was er wohl wute, und da seine Sinne mavoll beschaffen waren, begngte er sich lieber mit einem zarten Schmachten und Notleiden, als da er wie andere es mit einem Kochmdel probiert htte. Dabei sahen ihn, ohne da er es zu bemerken wagte, die Mdchen gern. Ihnen gefiel sein hbsches Gesicht, seine Tanzkunst und sein Gesang, und sie hatten auch das schchterne Begehren an ihm gern und fhlten, da unter seiner Schnheit und zierlichen Bildung ein unverbrauchtes und noch halb kindliches Herz sich verbarg. Allein von diesen geheimen Sympathien hatte er einstweilen nichts, und wenn er auch in der Fidelitas noch immer Bewunderung und Beliebtheit geno, ward doch der Schatten tiefer und bnglicher und drohte sein bisheriges leichtes und lichtes Leben allmhlich fast zu verdunklen. In solchen beln Zeiten legte er sich mit gewaltsamem Eifer auf seine Arbeit, war zeitweilig ein musterhafter Notariatsgehilfe und bereitete sich abends mit Flei auf das Amtsexamen vor, teils um seine Gedanken auf andere Wege zu zwingen, teils um desto eher und sicherer in die ersehnte Lage zu kommen, als ein Werber, ja mit gutem Glck als ein Brutigam auftreten zu knnen. Allerdings whrten diese Zeiten niemals lange, da Sitzleder und harte Kopfarbeit seiner Natur nicht angemessen waren. Hatte der Eifer ausgetobt, so griff der Jngling wieder zur Gitarre, spazierte zierlich und sehnschtig in den schnen hauptstdtischen Straen oder schrieb Gedichte in sein Heftlein. Neuerdings waren diese meist verliebter und gefhlvoller Art, und sie bestanden aus Worten und Versen, Reimen und hbschen Wendungen, die er in Liederbchlein da und dort gelesen und behalten hatte. Diese setzte er zusammen, ohne weiteres dazu zu tun, und so entstand ein sauberes Mosaik von gangbaren Ausdrcken beliebter Liebesdichter und andren naiven Plagiaten. Es bereitete ihm Vergngen, diese Verslein mit leichter, sauberer Kanzleihandschrift ins Reine zu schreiben, und er verga darber oft fr eine Stunde seinen Kummer ganz. Auch sonst lag es in seiner glcklichen Natur, da er in guten wie bsen Zeiten gern ins Spielen geriet und darber Wichtiges und Wirkliches verga. Schon das tgliche Herstellen seiner ueren Erscheinung gab einen hbschen Zeitvertreib, das Fhren des Kammes und der Brste durch das halblange braune Haar, das Wichsen und sonstige Liebkosen des kleinen, lichten Schnurrbrtchens, das Schlingen des Krawattenknotens, das genaue Abbrsten des Rockes und das Reinigen und Gltten der Fingerngel. Weiterhin beschftigte ihn hufig das Ordnen und Betrachten seiner Kleinodien, die er in einem Kstchen aus Mahagoniholz verwahrte. Darunter befanden sich ein Paar vergoldeter Manschettenknpfe, ein in grnen Sammet gebundenes Bchlein mit der Aufschrift Vergimeinnicht, worein er seine nchsten Freunde ihre Namen und Geburtstage eintragen lie, ein aus weiem Bein geschnitzter Federhalter mit filigran-feinen gotischen Ornamenten und einem winzigen Glassplitter, der -- wenn man ihn gegen das Licht hielt und hineinsah -- eine Ansicht des Niederwalddenkmals enthielt, des weiteren ein Herz aus Silber, das man mit einem unendlich kleinen Schlsselchen erschlieen konnte, ein Sonntagstaschenmesser mit elfenbeinerner Schale und eingeschnitzten Edelweiblten, endlich eine zerbrochene Mdchenbrosche mit mehreren zum Teil aufgesprungenen Granatsteinen, welche der Besitzer spter bei einer festlichen Gelegenheit zu einem Schmuckstck fr sich selber verarbeiten zu lassen gedachte. Da es ihm auerdem an einem dnnen, eleganten Spazierstcklein nicht fehlte, dessen Griff den Kopf eines Windhundes darstellte, sowie an einer Busennadel in Form einer goldenen Leier, versteht sich von selbst. Wie der junge Mann seine Kostbarkeiten und Glanzstcke verwahrte und wert hielt, so trug er auch sein kleines, stndig brennendes Liebesfeuerlein getreu mit sich herum, besah es je nachdem mit Lust oder Wehmut und hoffte auf eine Zeit, da er es wrdig verwenden und von sich geben knne. Mittlerweile kam unter den Kollegen ein neuer Zug auf, der Ladideln nicht gefiel und seine bisherige Beliebtheit und Autoritt stark erschtterte. Irgendein junger Privatdozent der technischen Hochschule begann abendliche Vorlesungen ber Volkswirtschaft zu halten, die namentlich von den Angestellten der Schreibstuben und niedern mter fleiig besucht wurden. Ladidels Bekannte gingen alle hin und in ihren Zusammenknften erhoben sich nun feurige Debatten ber soziale Angelegenheiten und innere Politik, an welchen Ladidel weder teilnehmen wollte noch konnte. Es wurden Vortrge gehalten und Bcher gelesen und besprochen, und ob er auch versuchte mitzutun und Interesse zu zeigen, es kam ihm das alles doch im Grunde der Seele als Streberei und Wichtigtuerei vor. Er langweilte und rgerte sich dabei, und da ber dem neuen Geiste seine frheren Knste von den Kameraden fast vergessen und kaum mehr geschtzt oder begehrt wurden, sank er mehr und mehr von seiner einstigen Hhe herab in ein ruhmloses Dunkel. Anfangs kmpfte er noch und nahm mehrmals eines von den dicken Bchern mit nach Hause, allein er fand sie hoffnungslos langweilig, legte sie mit Seufzen wieder weg und tat auf die Gelehrsamkeit wie auf den Ruhm Verzicht. In dieser Zeit, da er den hbschen Kopf weniger hoch und Unzufriedenheit im Gemte trug, verga er eines Freitags, sich rasieren zu lassen, was er immer an diesem Tage sowie am Dienstag zu besorgen pflegte. Darum trat er auf dem abendlichen Heimweg, da er lngst ber die Strae hinausgegangen war, wo sein Barbier wohnte, in der Nhe seines Speisehauses in einen bescheidenen Friseurladen, um das Versumte nachzuholen; denn ob ihn auch Sorgen bedrckten, mochte er dennoch keiner Gewohnheit untreu werden. Auch war ihm die Viertelstunde beim Barbier immer ein kleines Fest; er hatte nichts dawider, wenn er etwa warten mute, sondern sa alsdann vergngt auf seinem Sessel, bltterte in einer Zeitung und betrachtete die mit Bildern geschmckten Anpreisungen von Seifen, Haarlen und Bartwichsen an der Wand, bis er an die Reihe kam und mit Genu den Kopf zurcklegte, um die vorsichtigen Finger des Gehilfen, das khle Messer und zuletzt die zrtliche Puderquaste auf seinen Wangen zu fhlen. Auch jetzt flog ihn die gute Laune an, da er unter den im Winde klingenden Messingbecken weg den Laden betrat, den Stock an die Wand stellte und den Hut aufhngte, sich in den weiten Frisierstuhl lehnte und das Rauschen des schwach duftenden Seifenschaumes vernahm. Es bediente ihn ein junger Gehilfe mit aller Aufmerksamkeit, rasierte ihn, wusch ihn ab, hielt ihm den ovalen Handspiegel vor, trocknete ihm die Wangen, fuhr spielend mit der Puderquaste darber und fragte hflich: Sonst nichts gefllig? Dann folgte er dem aufstehenden Gaste mit leisem Tritt, brstete ihm den Rockkragen ab, empfing das wohlverdiente Rasiergeld und reichte ihm Stock und Hut. Das alles hatte den jungen Herrn in eine gtige und zufriedene Stimmung gebracht, er spitzte schon die Lippen, um mit einem wohligen Pfeifen auf die Strae zu treten, da hrte er den Friseurgehilfen, den er kaum angesehen hatte, fragen: Verzeihen Sie, heien Sie nicht Alfred Ladidel? Whrend er erstaunt die Frage bejahte, fate er den Mann ins Auge und erkannte sofort seinen ehemaligen Schulkameraden Fritz Kleuber in ihm. Nun htte er unter andern Umstnden diese Bekanntschaft mit wenig Vergngen anerkannt und sich gehtet, einen Verkehr mit einem Barbiergehilfen anzufangen, dessen er sich vor Kollegen zu schmen gehabt htte. Allein er war in diesem Augenblick herzlich gut gestimmt, und auerdem hatte sein Stolz und Standesgefhl in dieser letzten Zeit bedeutend nachgelassen. Darum geschah es ebenso aus guter Laune wie aus einem Bedrfnis nach Freundschaftlichkeit und Anerkennung, da er dem Friseur die Hand hinstreckte und rief: Schau, der Fritz Kleuber! Wir werden doch noch Du zueinander sagen? Wie geht dir's? Der Schulkamerad nahm die dargebotene Hand und das Du frhlich an, und da er im Dienst war und jetzt keine Zeit hatte, verabredeten sie eine Zusammenkunft fr den Sonntag Nachmittag. Auf diese Stunde freute der Barbier sich sehr, und er war dem alten Kameraden dankbar, da er trotz seinem vornehmern Stande sich ihrer Schulfreundschaft hatte erinnern mgen. Fritz Kleuber hatte fr seinen Nachbarssohn und Klassengenossen immer eine gewisse Verehrung gehabt, da jener ihm in allen Lebensknsten berlegen gewesen war, und Ladidels Eleganz und zierliche Erscheinung hatte ihm auch jetzt wieder tiefen Eindruck gemacht. Darum bereitete er sich am Sonntag, sobald sein Dienst getan war, mit Sorgfalt auf den Besuch vor, legte seine besten Kleider an und bewegte sich auf der Strae mit Vorsicht, um nicht staubig zu werden. Ehe er in das Haus trat, in dem Ladidel wohnte, wischte er die Stiefel mit einer Zeitung ab, dann stieg er freudig die Treppen empor und klopfte an die Tre, an der er Alfreds groe Visitenkarte leuchten sah. Auch dieser hatte sich ein wenig vorbereitet, da er seinem Landsmann und Jugendfreund gern einen glnzenden Eindruck machen wollte. Er empfing ihn mit groer Herzlichkeit, wennschon nicht ohne rcksichtsvolle berlegenheit, und hatte einen vortrefflichen Kaffee mit feinem Gebck auf dem Tische stehen, zu dem er Kleuber burschikos einlud. Keine Umstnde, alter Freund, nicht wahr? Wir trinken unsern Kaffee zusammen und machen nachher einen Spaziergang, wenn dir's recht ist. Gewi, es war ihm recht, er nahm dankbar Platz, trank Kaffee und a Kuchen, bekam alsdann eine Zigarette und zeigte ber diese schne Gastlichkeit eine so unverstellte Freude, da auch dem Notariatskandidaten das Herz aufging. Sie plauderten bald im alten heimatlichen Ton von den vergangenen Zeiten, von den Lehrern und Mitschlern und was aus diesen allen geworden sei. Der Friseur mute ein wenig erzhlen, wie es ihm seither gegangen und wo er berall herumgekommen sei, dann hub der andre an und berichtete ausfhrlich ber sein Leben und seine Aussichten. Und am Ende nahm er die Gitarre von der Wand, stimmte und zupfte, fing zu singen an und sang Lied um Lied, lauter lustige Sachen, da dem Friseur vor Lachen und Wohlbehagen die Trnen in den Augen standen. Sie verzichteten auf den Spaziergang und beschauten statt dessen einige von Ladidels Kostbarkeiten, und darber kamen sie in ein Gesprch ber das, was jeder von ihnen sich unter einer feinen und noblen Lebensfhrung vorstellte. Da waren freilich des Barbiers Ansprche an das Glck um vieles bescheidener als die seines Freundes, aber am Ende spielte er ganz ohne Absicht einen Trumpf aus, mit dem er dessen Achtung und Neid gewann. Er erzhlte nmlich, da er eine Braut in der Stadt habe, und lud den Freund ein, bald einmal mit ihm in ihr Haus zu gehen, wo er willkommen sein werde. Ei sieh, rief Ladidel, du hast eine Braut! So weit bin ich leider noch nicht. Wisset ihr denn schon, wann ihr heiraten knnet? Noch nicht ganz genau, aber lnger als zwei Jahre warten wir nimmer, wir sind schon ber ein Jahr versprochen. Ich habe ein Muttererbe von dreitausend Mark, und wenn ich dazu noch ein oder zwei Jahre fleiig bin und was erspare, knnen wir wohl ein eigenes Geschft aufmachen. Ich wei auch schon wo, nmlich in Schaffhausen in der Schweiz, da habe ich zwei Jahre gearbeitet, der Meister hat mich gern und ist alt und hat mir noch nicht lang geschrieben, wenn ich so weit sei, mir berlasse er seine Sache am liebsten und nicht zu teuer. Ich kenne ja das Geschft gut von damals her, es geht recht flott und ist gerade neben einem Hotel, da kommen viele Fremde, und auer dem Geschft ist ein Handel mit Ansichtskarten dabei. Er griff in die Brusttasche seines braunen Sonntagsrockes und zog eine Brieftasche heraus, darin hatte er sowohl den Brief des schaffhausener Meisters, wie auch eine in Seidenpapier eingeschlagene Ansichtskarte mitgebracht, die er seinem Freunde zeigte. Ah, der Rheinfall! rief Alfred, und sie schauten das Bild zusammen an. Es war der Rheinfall in einer purpurnen bengalischen Beleuchtung, der Friseur beschrieb alles, kannte jeden Fleck darauf und erzhlte davon und von den vielen Fremden, die das Naturwunder besuchen, kam dann wieder auf seinen Meister und dessen Geschft, las seinen Brief vor und war voller Eifer und Freude, so da sein Kamerad schlielich auch wieder zu Wort kommen und etwas gelten wollte. Darum fing er an vom Niederwalddenkmal zu sprechen, das er selber zwar nicht gesehen hatte, wohl aber ein Onkel von ihm, und er ffnete seine Schatztruhe, holte den beinernen Federhalter heraus und lie den Freund durch das kleine Glslein schauen, das die Pracht verbarg. Fritz Kleuber gab gerne zu, da das eine nicht mindere Schnheit sei als sein roter Wasserfall, und berlie bescheiden dem andern wieder das Wort, der sich nun, sei es aus wirklichem Interesse oder zum Teil aus Hflichkeit, nach dem Gewerbe seines Gastes erkundigte. Das Gesprch ward lebhaft, Ladidel wute immer neues zu fragen und Kleuber gab gewissenhaft und treulich Auskunft. Es war vom Schliff der Rasiermesser, von den Handgriffen beim Haarschneiden, von Pomaden und len die Rede, und bei dieser Gelegenheit zog Fritz eine kleine Porzellandose mit feiner Pomade aus der Tasche, die er seinem Freunde und Wirt als ein bescheidenes Gastgeschenk anbot. Nach einigem Zgern nahm dieser die Gabe an, die Dose ward geffnet und berochen, ein wenig probiert und endlich auf den Waschtisch gestellt. Hier nahm Alfred Gelegenheit, Fritz seine Toilettesachen vorzuweisen, die ohne Luxus doch vollkommen und wohlgewhlt waren, nur mit der Seife wollte Kleuber nicht einverstanden sein und empfahl eine andere, welche zwar etwas weniger dufte, dafr aber keinerlei schdliche Dinge enthalte. Mittlerweile war es Abend geworden, Fritz wollte bei seiner Braut speisen und nahm Abschied, nicht ohne sich fr das Genossene freundlich zu bedanken. Auch Alfred fand, es sei ein schner und wohlverbrachter Nachmittag gewesen, und sie wurden einig, sich am Dienstag oder Mittwoch abend wieder zu treffen. Zweites Kapitel Inzwischen fiel es Fritz Kleuber ein, da er sich fr die Sonntagseinladung und den Kaffee bei Ladidel revanchieren und auch ihm wieder eine Ehre antun msse. Darum schrieb er ihm Montags einen Brief mit goldnem Rande und einer ins feine Papier gepreten Taube und lud ihn ein, am Mittwoch abend mit ihm bei seiner Braut, dem Frulein Meta Weber in der Hirschengasse, zu speisen. Darauf erhielt er mit der nchsten Post Ladidels elegante Visitenkarte mit den Worten -- dankt fr die freundliche Einladung und wird um acht Uhr kommen. Auf diesen Abend bereitete Alfred Ladidel sich mit aller Sorgfalt vor. Er hatte sich ber das Frulein Meta Weber erkundigt und in Erfahrung gebracht, da sie neben einer ebenfalls noch ledigen Schwester von einem lang verstorbenen Kanzleischreiber Weber abstammte, also eine Beamtentochter war, so da er mit Ehren ihr Gast sein konnte. Diese Erwgung und auch der Gedanke an die noch ledige Schwester veranlaten ihn, sich besonders schn zu machen und auch im voraus ein wenig an die Konversation zu denken. Wohlausgerstet erschien er gegen acht Uhr in der Hirschengasse und hatte das Haus bald gefunden, ging aber nicht hinein, sondern aus der Gasse auf und ab, bis nach einer Viertelstunde sein Freund Kleuber daherkam. Dem schlo er sich an, und sie stiegen hintereinander in die hochgelegene Wohnung der Jungfern hinauf. An der Glastre empfing sie die Witwe Weber, eine schchterne kleine Dame mit einem versorgten alten Leidensgesicht, das dem Notariatskandidaten wenig Frohes zu versprechen schien. Er grte sehr tief, ward vorgestellt und in den Gang gefhrt, wo es dunkel war und nach der Kche duftete. Von da ging es in eine Stube, die war so gro und hell und frhlich, wie man es nicht erwartet htte; und vom Fenster her, wo Geranien im Abendscheine tief wie Kirchenfenster leuchteten, traten munter die zwei Tchter der kleinen Witwe. Diese waren ebenfalls freudige berraschungen und berboten das Beste, was sich von dem kleinen alten Frulein erwarten lie, um ein Bedeutendes. Sie trugen beide auf schlanken, krftigen Gestalten kluge, frische Blondkpfe und waren ganz hell gekleidet. Grgott, sagte die eine und gab dem Friseur die Hand. Meine Braut, sagte er zu Ladidel, und dieser nherte sich dem hbschen Mdchen mit einer Verbeugung ohne Tadel, zog die hinterm Rcken versteckte Hand hervor und bot der Jungfer einen Maiblumenstrau dar, den er unterwegs gekauft hatte. Sie lachte und sagte Dank und schob ihre Schwester heran, die ebenfalls lachte und hbsch und blond war und Martha hie. Dann setzte man sich unverweilt an den gedeckten Tisch zum Tee und einer mit Kressensalat bekrnzten Eierspeise. Whrend der Mahlzeit wurde fast kein Wort gesprochen, Fritz sa neben seiner Braut, die ihm Butterbrote strich, und die alte Mutter schaute mhsam kauend um sich, mit dem unvernderlichen kummervollen Blick, hinter dem es ihr recht wohl war, der aber auf Ladidel einen bengstigenden Eindruck machte, so da er wenig a und sich bedrckt und still verhielt wie in einem Trauerhaus. Nach Tisch blieb die Mutter zwar im Zimmer, verschwand jedoch in einem Lehnstuhl am Fenster, dessen Gardinen sie zuvor geschlossen hatte, und schien zu schlummern. Die Jugend blhte dafr munter auf, und die Mdchen verwickelten den Gast in ein neckendes und kampflustiges Gesprch, wobei Fritz seinen Freund untersttzte. Von der Wand schaute der selige Herr Weber aus einem kirschholzenen Rahmen verwundert und bescheiden hernieder, auer seinem Bildnis aber war alles in dem behaglichen Zimmer hbsch und frohgemut, von den in der Dmmerung verglhenden Geranien bis zu den Kleidern und Schhlein der Mdchen und bis zu einer an der Schmalwand hngenden Mandoline. Auf diese fiel, als das Gesprch ihm anfing hei zu machen, der Blick des Gastes, er ugte heftig hinber und drckte sich um eine fllige Antwort, die ihm Not machte, indem er sich erkundigte, welche von den Schwestern denn musikalisch sei und die Mandoline spiele. Das blieb nun an Martha hngen, und sie wurde sogleich von Schwester und Schwager ausgelacht, da die Mandoline seit den verschollenen Zeiten einer lngst verwehten Backfischschwrmerei her kaum mehr Tne von sich gegeben hatte. Dennoch bestand Herr Ladidel mit Ernst und Innigkeit darauf, Martha msse etwas vorspielen, und bekannte sich als einen unerbittlichen Musikfreund. Da das Frulein durchaus nicht zu bewegen war, griff schlielich Meta nach dem Instrument und legte es vor sie hin, und da sie abwehrend lachte und rot wurde, nahm Ladidel die Mandoline an sich und klimperte leise mit suchenden Fingern darauf herum. Ei, Sie knnen es ja, rief Martha. Sie sind ein Schner, bringen andre Leute in Verlegenheit und knnen es nachher selber besser. Er erklrte bescheiden, das sei nicht der Fall, er habe kaum jemals so ein Ding in Hnden gehabt, hingegen spiele er allerdings seit mehreren Jahren die Gitarre. Ja, rief Fritz, ihr solltet ihn nur hren! Warum hast du auch das Instrument nicht mitgebracht? Das mut du nchstesmal tun, gelt! Darum baten auch die Schwestern dringlich, und der Gast begann einigen Glanz zu gewinnen und auszustrahlen. Zgernd erklrte er sich bereit, die Bitte zu erfllen, wenn er wirklich den Damen mit seiner Stmperei ein bichen Vergngen machen knne. Er frchte nur, man werde ihn hernach auslachen, und es werde dann Frulein Martha sich doch noch als Virtuosin entpuppen, wofr er sie einstweilen immer noch zu halten geneigt sei. Der Abend ging hin wie auf Flgeln. Als die beiden Jnglinge Abschied nahmen, erhob sich am Fenster klein und sorgenvoll die vergessene Mutter, legte ihre schmale, wesenlose Hand in die warmen, krftigen Hnde der Jungen und wnschte eine gute Nacht. Fritz ging noch ein paar Gassen weit mit Ladidel, der des Vergngens und Lobes voll war. In der still gewordenen Weberschen Wohnung wurde gleich nach dem Weggange der Gste der Tisch gerumt und das Licht gelscht. In der Schlafstube hielten wie gewhnlich die beiden Mdchen sich still, bis die Mutter eingeschlafen war. Alsdann begann Martha, anfnglich flsternd, das Geplauder. Wo hast du denn deine Maiblumen hingetan? Du hast's ja gesehen, ins Glas auf dem Ofen. -- Ach ja. Gut Nacht! -- Ja, bist md? Ein bichen. Du, wie hat dir denn der Notar gefallen? Ein bissel geschleckt, nicht? Warum? Na, ich hab immer denken mssen, mein Fritz htte Notar werden sollen und dafr der andre Friseur. Findest du nicht auch? Er hat so was Ses. Ja, ein wenig schon. Aber er ist doch nett, und hat Geschmack. Hast du seine Krawatte gesehen? Freilich. Und dann, weit du, er hat etwas Unverdorbenes. Anfangs war er ja ganz schchtern. Er ist auch erst zwanzig Jahr. -- Na, gut Nacht also! Frulein Martha dachte noch eine Weile, bis sie einschlief, an den Alfred Ladidel. Er hatte ihr gefallen, und sie lie einstweilen, ohne sich weiter preiszugeben, eine kleine Kammer in ihrem Herzen fr den hbschen Jungen offen, falls er eines Tages Lust htte, einzutreten und Ernst zu machen. Denn an einer bloen Liebelei war ihr nicht gelegen, teils weil sie diese Vorschule schon vor Zeiten hinter sich gebracht hatte (woher noch die Mandoline rhrte), teils weil sie nicht Lust hatte, noch lange neben der um ein Jahr jngeren Meta unverlobt einherzugehen. Was an diesem Abend in ihr aufgegangen war, das tat nicht weh und brannte nicht, sondern hatte vorerst nur ein zartes, vertraulich stilles Licht wie die junge, zage Sonne eines Tages, der sich Zeit lassen kann und ohne Eile schn zu werden verspricht. Auch dem Notariatskandidaten war das Herz nicht unbewegt geblieben. Zwar lebte er noch in dem dumpfen Liebesdurst eines kaum flgge Gewordnen und verliebte sich in jedes hbsche Tchterlein, das er zu sehen bekam; und es hatte ihm eigentlich Meta besser gefallen. Doch war diese nun einmal schon Fritzens Braut und nimmer zu haben, und Martha konnte sich neben jener wohl auch zeigen; so war Alfreds Herz im Laufe des Abends mehr und mehr nach ihrer Seite geglitten und trug ihr Bildnis mit dem hellen, schweren Kranz von blonden Zpfen in unbestimmter Verehrung davon. Bei solchen Umstnden dauerte es nur wenige Tage, bis die kleine Gesellschaft wieder in der abendlichen Wohnstube beisammen sa; nur da diesmal die jungen Herren spter gekommen waren, da der Tisch der Witwe eine so hufige Bewirtung von Gsten nicht vermocht htte. Dafr brachte Ladidel seine Gitarre mit, die ihm Fritz mit Stolz vorantrug, und in kurzem tnte und lachte das Zimmer vergnglich in den warmen Abend hinaus, an der alten Mutter vorber, die am Fenster ruhte und unbeschadet ihres Trauergesichtes ihre heimliche Freude und Verwunderung an der Lust der Jugend hatte. Der Musikant wute es so einzurichten, da zwar seine Kunst zur Geltung kam und reichen Beifall erweckte, er aber doch nicht allein blieb und alle Kosten trug. Denn nachdem er einige Lieder vorgetragen und in Krze die Kunst seines Gesangs und Saitenspiels entfaltet hatte, zog er die andern mit ins Spiel und stimmte lauter Weisen an, die gleich beim ersten Takt von selber zum Mitsingen verlockten. Das Brautpaar, von der Musik und der festlichen Stimmung erwrmt und benommen, rckte nahe zusammen und sang nur leise und strophenweise mit, dazwischen plaudernd und sich mit verstohlenen Fingern streichelnd, wogegen Martha dem Spieler gegenber sa, ihn im Auge behielt und alle Verse freudig mitsang. So waren zwei Paare entstanden, ohne da jemand dessen achtete, und war ein Anfang fr Alfred und Martha gewonnen, den sie ohne Mibrauch whrend dieser Abendstunde bis zum stillen Einverstndnis einer guten Kameradschaft fhrten. Nur als beim Abschiednehmen in dem schlecht erleuchteten Gang das Brautpaar seine Ksse tauschte, standen die beiden andern, mit dem Adieusagen schon fertig, eine Minute lang verlegen wartend da. Im Bett brachte sodann Meta die Rede wieder auf den Notar, wie sie ihn immer nannte, dieses Mal voller Anerkennung und Lob. Aber die Schwester sagte nur Ja ja, legte den blonden Kopf auf beide Hnde und lag lange still und wach, ins Dunkle schauend und tief atmend. Spter, als die Schwester schon schlief, stie Martha einen langen, leisen Seufzer aus, der jedoch keinem gegenwrtigen Leide galt, sondern nur einem dumpfen Gefhl fr die Unsicherheit aller Liebeshoffnungen entsprang, und den sie nicht wiederholte. Vielmehr entschlief sie bald darauf leicht und mit einem innigen Lcheln auf dem frischen Munde. Der Verkehr gedieh behaglich weiter, Fritz Kleuber nannte den eleganten Alfred mit Stolz seinen Freund, Meta sah es gerne, da ihr Verlobter nicht allein kam, sondern den Musikanten mitbrachte, und Martha gewann den Gast desto lieber, je mehr sie seine fast noch kindliche Harmlosigkeit erkannte. Ihr schien, dieser hbsche und lenksame Jngling wre recht zu einem Manne fr sie geschaffen, mit dem sie sich zeigen und auf den sie stolz sein knnte, ohne ihm doch jegliche Herrschaft berlassen zu mssen. Auch Alfred, der mit seinem Empfang bei den Weberschen sehr zufrieden war, sprte in Marthas Freundlichkeit eine heimliche Wrme, die er bei aller Schchternheit wohl zu schtzen wute. Eine Liebschaft und Verlobung mit dem schnen, stattlichen Mdchen wollte ihm in khnen Stunden nicht ganz unmglich, zu allen Zeiten aber begehrenswert und selig lockend erscheinen. Dennoch geschah von beiden Seiten nichts Entscheidendes. Alfred kam sehr hufig mit seinem Freund zu Besuch, zweimal wurden auch gemeinsame Sonntagsspaziergnge unternommen, aber es blieb bei dem Zustande vertraulicher Nachbarschaft, den jener erste Gitarrenabend begrndet hatte. Da nichts Weiteres geschah, hatte manche Grnde. Vor allem hatte Martha an dem jungen Manne im lngeren Umgang manches allzu Unreife und Knabenhafte entdeckt und es rtlich gefunden, einem noch so unerfahrenen Jnglinge den Weg zum Glcke nicht allzusehr zu erleichtern, sondern abzuwarten, bis er die ersten Stufen selber fnde und unterwegs etwa, sei es auch nicht ohne Bitternis, einige Reife und Zuverlssigkeit gewnne. Sie sah wohl, da es ihr ein Leichtes wre, ihn an sich zu nehmen und festzuhalten; allein sie hatte es gar nicht so eilig, und war selber, wenn auch unverletzt, so doch nicht unerfahren und ungewitzigt aus den blichen Enttuschungen erster Liebeswege hervorgegangen. So erschien es ihr billig, da der junge Herr es auch nicht allzuleicht habe und nicht am Ende gar den Eindruck gewnne, sie habe sich ihm nachgeworfen. Immerhin war es ihr Wille, ihn zu bekommen, und sie beschlo, ihn einstweilen wohl im Auge zu behalten und gerstet den Zeitpunkt zu erwarten, da er seines Glckes wrdig sein wrde. Bei Ladidel waren es andere Bedenken, die ihm die Zunge banden. Da war zuerst seine Schchternheit, die ihn immer wieder dazu brachte, seinen Beobachtungen zu mitrauen und an der Einbildung, er werde geliebt und begehrt, zu verzweifeln. Sodann fhlte er sich dem groen, gescheiten, sicheren Mdchen gegenber elend jung und unfertig, -- nicht mit Unrecht, obwohl sie kaum drei oder vier Jahre lter sein konnte als er. Und schlielich erwog er in ernsthaften Stunden mit Bangen, auf welch unfesten Grund seine uere Existenz gebaut war. Je nher nmlich das Jahr heranrckte, in dem er die bisherige untergeordnete Ttigkeit beenden und im Staatsexamen seine Fhigkeit und Wissenschaft kundtun mute, desto dringender wurden seine Zweifel. Wohl hatte er alle hbschen, kleinen bungen und uerlichkeiten des Amtes rasch und sicher erlernt, er machte im Bro eine gute Figur und spielte den beschftigten Schreiber vortrefflich; aber das Studium der Gesetze fiel ihm schwer, und wenn er an alles das dachte, was im Examen verlangt wurde, brach ihm der Schwei aus. Konnte er denn um ein Mdchen anhalten oder auch nur Hoffnungen in ihr erwecken, ehe er diese lebensgefhrliche Klippe hinter sich und ein auskmmliches und ehrenhaftes Leben vor sich sah? Zuweilen sperrte er sich verzweifelt in seiner Stube ein und beschlo, den steilen Berg der Wissenschaft im Sturm zu nehmen. Kompendien, Gesetzbcher und Kommentare lagen auf seinem Tisch, auch entlieh er handschriftliche Auszge aus den Fragen und Aufgaben frherer Examina, er stand morgens frh auf und setzte sich frstelnd hin, er spitzte Bleistifte und machte sich genaue Arbeitsplne fr Wochen voraus. Aber sein Wille war schwach, er hielt niemals lange aus, er fand immer andres zu tun, was im Augenblick ntiger und wichtiger schien; und je lnger die Bcher dalagen und ihn anschauten, desto bitterer und ungeniebarer ward ihr Inhalt. Er verschob es wieder, es war ja noch Zeit, und er meinte, wenn es erst brennend wrde und zu drngen begnne, werde wohl das Notwendige doch noch bewltigt werden. Inzwischen wurde seine Freundschaft mit Fritz Kleuber immer fester und erfreulicher. Es geschah zuweilen, da Fritz ihn abends aufsuchte und, wenn es eben ntig schien, sich erbot, ihn zu rasieren. Dabei fiel es Alfred ein, diese nette, leichte, saubere Hantierung selber ein wenig zu probieren, und Fritz ging mit Vergngen darauf ein. Auf seine ernsthafte und beinah ehrerbietige Art zeigte er dem hochgeschtzten Freund die Handgriffe, lehrte ihn ein Messer tadellos abziehen und einen guten, haltbaren Seifenschaum schlagen. Alfred zeigte sich, wie der andre vorausgesagt hatte, beraus gelehrig und fingerfertig. Bald vermochte er nicht nur sich selber schnell und fehlerlos zu barbieren, sondern auch seinem Freund und Lehrmeister diesen Dienst zu tun, und er fand darin ein Vergngen und eine Befriedigung, die ihm manchen von den Studien verbitterten Tag auf den Abend noch rosig machte. Eine ungeahnte Lust bereitete es ihm, als Fritz ihn auch noch in das Haarflechten einweihte. Er brachte ihm nmlich, von seinen schnellen Fortschritten entzckt, eines Tages einen knstlichen Zopf aus Frauenhaar mit und zeigte ihm, wie ein solches Kunstwerk entstehe. Ladidel war sofort begeistert fr dieses zarte Handwerk und machte sich mit feinen, geduldigen Fingern daran, die Strhne zu lsen und wieder ineinander zu flechten. Es gelang ihm bald, und nun kam Fritz mit schwereren und feineren Arbeiten, und Alfred lernte spielend, zog das lange seidne Haar mit Feinschmeckerei durch die Finger, vertiefte sich in die Flechtarten und Frisurstile, lie sich bald auch das Lockenbrennen zeigen und hatte nun bei jedem Zusammensein mit dem Freunde lange, lebhafte Unterhaltungen ber fachmnnische Dinge. Er schaute nun auch die Frisuren aller Frauen und Mdchen, denen er begegnete, mit prfendem und lernendem Auge an und berraschte Kleuber durch manches treffende Urteil. Nur bat er ihn wiederholt und dringend, den beiden Frulein Weber nichts von diesem Zeitvertreib zu sagen. Er fhlte, da er mit dieser neuen Kunst dort wenig Ehre ernten wrde. Und dennoch war es sein Lieblingstraum und verstohlener Herzenswunsch, einmal die langen blonden Haare der Jungfer Martha in seinen Hnden zu haben und ihr neue, feine, kunstvolle Zpfe zu flechten. Darber vergingen die Tage und Wochen des Sommers. Es war in den letzten Augusttagen, da nahm Ladidel an einem Spaziergang der Familie Weber teil. Man wanderte das Flutal hinauf zu einer Burgruine und ruhte in deren Schatten auf einer schrgen Bergwiese vom Gehen aus. Martha war an diesem Tage besonders freundlich und vertraulich mit Alfred umgegangen, nun lag sie in seiner Nhe auf dem grnen Hang, ordnete einen Strau von spten Feldblumen, tat ein paar silbrige zitternde Grasblten hinzu und sah gar lieb und reizend aus, so da Alfred den Blick nicht von ihr lassen konnte. Da bemerkte er, da etwas an ihrer Frisur aufgegangen war, rckte ihr nahe und sagte es, und zugleich wagte er es, streckte seine Hnde nach den blonden Zpfen aus und erbot sich, sie in Ordnung zu bringen. Martha aber, einer solchen Annherung von ihm ganz ungewohnt, wurde rot und rgerlich, wies ihn kurz ab und bat ihre Schwester, das Haar aufzustecken. Alfred schwieg betrbt und ein wenig verletzt, schmte sich und nahm spter die Einladung, bei Frau Weber zu speisen, nicht an, sondern ging nach der Rckkehr in die Stadt sogleich seiner Wege. Es war die erste kleine Verstimmung zwischen den Halbverliebten und sie htte wohl dazu dienen knnen, ihre Sache zu frdern und in Gang zu bringen. Doch ging es umgekehrt, und es kamen andere Dinge dazwischen. War Alfred Ladidel auch eine kindliche und leichte Natur und zum Glcke geboren, so sollte doch auch er einigen Sturm erleben und einmal das Wasser an der Kehle spren, ehe sein frhliches Schiff zum Hafen kam. Drittes Kapitel Martha hatte es mit ihrem Verweise nicht schlimm gemeint und war nun erstaunt, als sie wahrnahm, da Alfred eine Woche und lnger ihr Haus mied. Er tat ihr ein wenig leid und sie htte ihn gar gerne wiedergesehen. Als er aber acht und zehn Tage ausblieb und wirklich zu grollen schien, besann sie sich darauf, da sie ihm das Recht zu einem so liebhabermigen Betragen niemals eingerumt habe. Nun begann sie selber zu zrnen. Wenn er wiederkme und den gndig Vershnten spielen wrde, wollte sie ihm zeigen, wie sehr er sich getuscht habe. Indessen war sie selbst im Irrtum, denn Ladidels Ausbleiben hatte nicht Zorn und Trotz, sondern Schchternheit und Furcht vor Marthas Strenge zur Ursache. Er wollte einige Zeit vergehen lassen, bis sie ihm seine damalige Zudringlichkeit vergeben und er selber die Dummheit vergessen und die Scham berwunden habe. In dieser Buzeit sprte er deutlich, wie sehr er sich schon an den Umgang mit Martha gewhnt hatte und wie sauer es ihn ankommen wrde, auf die warme Nhe eines lieben Mdchens wieder zu verzichten. Das Studieren, das er zur Verstrkung seiner Bue und zum Kampf wider die lange Zeit betrieb, trug nicht dazu bei, ihn zu trsten und geduldiger zu machen. So hielt er es denn nicht lnger als bis in die Mitte der zweiten Woche aus, rasierte sich eines Tages sorgfltig, schlang eine neue Binde um den reinen Hemdkragen und sprach bei den Weberschen vor, diesmal ohne Fritz, den er nicht zum Zeugen seiner Beschmtheit machen wollte. Um nicht mit leeren Hnden und lediglich als Bettler zu erscheinen, hatte er sich einen hbschen Plan ausgedacht. Es stand fr die letzte Woche des September ein groes Fest- und Preisschieen bevor, worauf die ganze Stadt schon eifrig rstete. Zu dieser Lustbarkeit gedachte Alfred Ladidel, der selber ein Liebhaber solcher Festfreuden war, die beiden Frulein Weber einzuladen und hoffte damit eine hbsche Begrndung seines Besuches wie auch gleich einen Stein im Brett bei Martha zu gewinnen. Ein freundlicher oder auch nur milder Empfang htte den Verliebten, der seit Tagen seiner Einsamkeit bersatt war, getrstet und zum treuen Diener gemacht. Nun hatte aber Martha, durch sein Ausbleiben, das sie fr Trotz hielt, verletzt, sich hart und strenge gemacht. Sie grte kaum, als er die Stube betrat, berlie Empfang und Unterhaltung ihrer Schwester und ging, mit Abstauben beschftigt, im Zimmer ab und zu, als wre sie allein. Ladidel war sehr eingeschchtert, machte ein betrbtes, demtiges Gesicht, und wagte erst nach einer Weile, da sein verlegenes Gesprch mit Meta versiegte, sich an die Beleidigte zu wenden und seine Einladung vorzubringen, von welcher er sich einen Umschwung und Marthas Vershnung versprach. Die aber war jetzt nimmer zu fangen. Alfreds Bestrzung und demtige Ergebenheit bestrkte nur ihren Beschlu, das Brschlein diesmal in die Kur zu nehmen und ihm die Krallen zu stutzen. Sie hrte khl zu, dankte kurz und hflich, lehnte die Einladung jedoch ab mit der Begrndung, es stehe ihr nicht zu, mit jungen Herren Feste zu besuchen, und was ihre Schwester angehe, so sei diese verlobt und sei es Sache ihres Brutigams, sie einzuladen und mitzunehmen, falls er dazu Lust habe. Das alles brachte sie so frostig vor, und schien Alfreds guten Willen so wenig anzuerkennen, da er erstaunt und ernstlich verletzt sich an Meta mit der Frage wandte, ob sie diese Meinung teile. Und da Meta, wenn schon hflicher, der Schwester recht gab, griff Ladidel nach seinem Hut, verbeugte sich kurz und ging davon wie ein Mann, der bedauert, an einer falschen Tre angeklopft zu haben, und nicht im Sinn hat wiederzukommen. Die alte Frau Weber war nicht da, Meta versuchte zwar ihn zurckzuhalten und ihm zuzureden, Martha aber hatte seine Verbeugung mit einem Nicken gleichmtig erwidert, und Alfred war es nicht anders zumute, als htte sie ihm fr immer abgewinkt. Er ging hinaus und schnell die Treppe hinab, und je schneller er lief und je weiter er wegkam, desto rascher verwandelten sich seine Bestrzung und Enttuschung in Beleidigung und Zorn, da er eine solche Aufnahme seines redlichen Willens durchaus nicht verdient zu haben glaubte. Einen geringen Trost gewhrte ihm der Gedanke, da er sich in dieser Sache mnnlich und stolz gezeigt habe. Zorn und Trauer berwogen jedoch, grimmig lief er nach Hause, und als am Abend Fritz Kleuber ihn besuchen wollte, lie er ihn an der Tre klopfen und wieder gehen, ohne sich zu zeigen. Die Bcher sahen ihn ermahnend an, die Gitarre hing an der Wand, aber er lie alles liegen und hngen, ging aus und trieb sich den Abend in den Gassen herum, bis er mde war. Dabei fiel ihm alles ein, was er je Bses ber die Falschheit und Wandelbarkeit der Weiber hatte sagen hren, und was ihm frher als ein leeres und scheelschtiges Geschwtz erschienen war. Jetzt begriff er alles, fand auch die bittersten Worte zutreffend, wenn nicht zu milde, und htte wohl ein Gedicht mit krftigen Sprchen solcher Art zusammengestellt, wenn es ihm nicht doch zu elend ums Herz gewesen wre. Es vergingen einige Tage, und Alfred hoffte bestndig, gegen seinen Stolz und Willen, es mchte etwas geschehen, ein Brieflein oder eine Botschaft durch Fritz kommen, denn nachdem der erste Groll vertan war, schien ihm eine Vershnung doch nicht ganz auer der Mglichkeit, und sein Herz wandte sich ber alle Grnde hinweg stetig zu dem bsen Mdchen zurck. Allein es geschah nichts und es kam niemand. Das groe Schtzenfest jedoch rckte nher, und ob es dem betrbten Ladidel gefiel oder nicht, er mute tagaus tagein sehen und hren, wie jedermann sich bereitmachte, die glnzenden Tage zu feiern. Es wurden Bume errichtet und Girlanden geflochten, Huser mit Tannenzweigen geschmckt und Torbgen mit Inschriften, die groe Festhalle am Wasen war fertig und lie schon Fahnen flattern, und dazu tat der Herbst seine schnste Blue auf, stieg die Sonne aus den leichten Morgennebeln tglich klarer und festlicher empor. Obwohl Ladidel sich wochenlang auf das Fest gefreut hatte, und obwohl ihm und seinen Kollegen ein freier Tag oder gar zwei bevorstanden, verschlo er sich doch der Freude gewaltsam und hatte fest im Sinn, die Festlichkeiten mit keinem Auge zu betrachten und in den Tagen der allgemeinen Frhlichkeit desto trotziger bei seinem Schmerz zu bleiben. Mit Bitterkeit sah er Fahnen und Laubgewinde, hrte da und dort in den Gassen hinter offenen Fenstern die Musikkapellen Proben halten und die Mdchen bei der Arbeit singen, und je mehr die Stadt von Erwartung und Vorfreude scholl und tnte, desto feindseliger ging er in dem Getmmel seinen finstern Weg, das Herz voll Bitternis und grimmiger Entsagung. In der Schreibstube hatten die Kollegen schon seit einiger Zeit von nichts als dem Fest mehr gesprochen und Plne ausgeheckt, wie sie der Herrlichkeit recht schlau und grndlich froh werden wollen. Zuweilen gelang es Ladidel, den Unbefangenen zu spielen und so zu tun, als freue auch er sich und habe seine Absichten und Plne; meistens aber sa er schweigend an seinem Pult und trug einen wilden Flei zur Schau. Dabei brannte ihm die Seele nicht nur um Martha und den Verdru mit ihr, sondern mehr und mehr auch um die groe Festlichkeit, auf die er so lang und freudig gewartet hatte und von der er nun nichts haben sollte. Seine letzte Hoffnung fiel dahin, als Kleuber ihn aufsuchte, wenige Tage vor dem Beginn des Festes. Dieser machte ein betrbtes Gesicht und erzhlte, er wisse gar nicht, was den Mdchen zu Kopf gestiegen sei, sie htten seine Einladung zum Fest abgelehnt und erklrt, in ihren Verhltnissen knne man keine Lustbarkeiten mitmachen. Nun machte er Alfred den Vorschlag, mit ihm zusammen sich frohe Festtage zu schaffen, wenn auch in aller Bescheidenheit, denn wenn er auch nicht gesonnen sei, auf alles zu verzichten, so wisse er doch, was er seinem Stande als Brutigam schulde. Immerhin geschhe es den sprden Jungfern ganz recht, wenn er nun eben ohne sie den einen oder andern Taler draufgehen lasse. Allein Ladidel widerstand auch dieser Versuchung. Er dankte freundlich, erklrte aber, er sei nicht recht wohl und wolle auch die freie Zeit dazu benutzen, um in seinen Studien weiterzukommen. Von diesen Studien hatte er seinem Freunde frher so viel erzhlt und so viele Kunstausdrcke und Fremdwrter dabei aufgewendet, da Fritz nun in tiefem Respekt keine Einwnde wagte und traurig wieder ging. Aber als er fort war, langte Alfred die Gitarre herab, stimmte und prludierte, rusperte sich und sang in seinem Leide das Lied: Wie die Blmlein drauen zittern. Und als der Refrain zum zweiten Male wiederkehrte: O bleib bei mir und geh nicht fort, mein Herz ist ja dein Heimatort!, da berschlug ihm die Stimme und er lie den Kopf ber die Gitarre sinken und seine Trnen ber die Saiten laufen. Erst eine Stunde spter, als er schon im Bette lag, fiel ihm ein, da das Instrument leiden knnte, und er stand auf, um es abzuwischen, aber die Tropfen waren schon im trocknen Holz verronnen. Indessen kam der Tag, da das Schtzenfest erffnet werden sollte. Es war ein Sonntag, und das Fest sollte die ganze Woche dauern. Die Stadt hallte von Gesang, Blechmusik, Bllerschieen und Freudenrufen wider, aus allen Straen her kamen und sammelten sich Zge, Vereine aus dem ganzen Lande waren angekommen, und der Bahnhof wimmelte von Festbesuchern, die in Extrazgen gefahren kamen. Allenthalben schallte Musik, und die Strme der Menschen und die Weisen der Musikkapellen trafen am Ende alle vor der Stadt am Schtzenhause zusammen, wo das Volk seit dem Morgen zu Tausenden wartend stand. Schwarz drngte der Zug in dickem Flu heran, schwer wankten die Fahnen darber und stellten sich auf, bis ihrer wohl hundert waren, und eine Musikbande um die andere schwenkte rauschend auf den gewaltigen Platz. Auf alle diese Pracht schien mit noch fast sommerlicher Wrme eine heitere Sonntagssonne hernieder. Die Bannertrger hatten dicke Tropfen auf den gerteten Stirnen, die Festordner schrieen heiser und rannten wie Besessene umher, von der Menge gehnselt und durch Zurufe angefeuert; wer in der Nhe war und Zutritt fand, nahm die Gelegenheit wahr, schon um diese frhe Stunde an den wohlversehenen Trinkhallen einen frischen Trunk zu erkmpfen. Die Wirte riefen sich hei, traktierten und befahlen einem Volk von Kellnern, Schenkmdchen, Knechten und Verkuferinnen, fluchten und schwitzten und rechneten, in der Stille lachend, fr diesen Glanztag einen Goldregen voraus. Whrend dieses feierlichen Tumultes sa Ladidel in seiner Stube auf dem Bett und hatte noch nicht einmal Stiefel an, so wenig schien ihm an der Freude gelegen. Er trug sich jetzt, nach langen ermdenden Nachtgedanken, mit dem Vorsatz, einen Brief an Martha zu schreiben. Er wollte sie bitten, ihm die Ursache ihres Zrnens zu nennen, ihr sein Unglck darstellen und ihr Herz bewegen, von dem er noch immer in leiser Ahnung sich einiger Anhnglichkeit und Freundschaft versah. Nun zog er aus der Tischlade sein Schreibzeug und einen feinen Briefbogen mit seinem Monogramm hervor, desgleichen ein blaues Kuvert, steckte eine gute neue Feder ins Rohr, machte sie mit der Zunge na, prfte die Tinte und schrieb alsdann in einer runden, elegant ausholenden Kanzleischrift zunchst die Adresse, an das wohlgeborne Fulein Martha Weber in der Hirschgasse, zu eigenen Hnden. Mittlerweile stimmte ihn das aus der Ferne herbertnende Geblase und Festgelrme elegisch und er fand es gut, seinen Brief mit der Schilderung dieser Stimmung anzufangen. So begann er mit Sorgfalt: Sehr geehrtes Frulein! Erlauben Sie mir, mich an Sie zu wenden. Es ist Sonntag morgen und die Musik spielt von ferne, weil das Schtzenfest beginnt. Nur ich kann an demselben nicht teilnehmen und bleibe daheim. Er berlas die Zeilen, war zufrieden und besann sich weiter. Da fiel ihm noch manche schne und treffende Wendung ein, mit welcher er seinen betrbten Zustand schildern konnte. Aber was dann? Es wurde ihm klar, da dies alles nur insofern einen Wert und Sinn haben konnte, als es die Einleitung zu einer Liebeserklrung und Werbung wre. Und wie konnte er dies wagen? Und je lnger er sann, desto mehr ward ihm klar, da es mit dem Briefe nicht gehe. Und was er auch dachte und ausfand, es hatte alles keinen Wert, solange er nicht sein Examen und damit die Berechtigung zur Werbung hatte. Nun htte er dies ja wohl im Dunkeln lassen und die Zeit bis dahin als Wartezeit und kurzen Aufschub betrachten knnen; allein er wute recht wohl, wie es um seine Aussichten im Examen stand, und konnte weder sich selber noch das Mdchen ber diese Sorge wegtuschen. Also sa er wieder unschlssig und verzweifelt, und wieder schien ihm alles, was Martha ihm Freundliches erwiesen und was er zu seinen Gunsten zu deuten hatte, jmmerlich ungewi und gering. Eine Stunde verging und er kam nicht weiter. Das ganze Haus lag in tiefer Ruhe, da alles drauen war, und ber die Dcher hinweg jubelte die ferne Musik und das Brausen der Glocken. Ladidel hing seiner Trauer nach und bedachte, wieviel Freude und Lust ihm heute verloren ging, und da er kaum in langer Zeit, ja vielleicht niemals wieder Gelegenheit haben wrde, eine so groe und glnzende Festlichkeit zu sehen. Darber berfiel ihn ein Mitleiden mit sich selber und ein unberwindliches Trostbedrfnis, dem die Gitarre nicht zu gengen vermochte. Darum tat er gegen Mittag das, was er durchaus nicht hatte tun wollen. Er zog seine Stiefel an und verlie das Haus, und whrend er nur hin und wider zu wandeln meinte und bald wieder daheim sein und an den Brief und an sein Elend denken wollte, zogen ihn Musik und Lrm und Festzauber von Gasse zu Gasse wie der Magnetberg ein Schiff, und unversehens stand er bei dem Schtzenhaus. Da wachte er auf und schmte sich seiner Schwche und meinte seine Trauer verraten zu haben, doch whrte alles dies nur Augenblicke, denn die Menge trieb und toste betubend, und Ladidel war nicht der Mann, in diesem Jubel fest zu bleiben oder wieder zu gehen. Auf sein Gemt wirkten, wie bei einem Kinde und wie beim niederen Volk, Umgebung und Ton und Luft zerstreuend und erregend, der Taumel so vieler zog ihn mit und nahm ihn wie eine mchtige Wolke von sich selber und allem kaum Gewesenen hinweg in ein verzaubertes Reich des Feiertags und der besinnungslosen Lust. Ladidel trieb ohne Ziel und ohne Willen umher, von der Menge mitgenommen, und sah und hrte und roch und atmete so viel Fremdes, Erregendes ein, da ihm wohlig schwindelte. Ungefragt erfuhr er alles, was der Menge wichtig war und wissenswert erschien, da das Schieen erst am Nachmittag beginnen sollte, dagegen die Festtafel bald anhebe, da nach Tische vielleicht der Knig herauskommen werde, um sich das auch zu besehen, ferner wieviel und welcherlei Preise bereitlgen und wer sie gestiftet habe, was der Eintritt zur Halle und was ein Gedeck an der Festtafel koste. Dazwischen rauschte aus Trompeten und Hrnern da und dort und berall feurige Musik, und in Pausen drang von der Ferne her, wo das Tafeln begonnen hatte, eindringlich und s die weichere Musik von Geigen und Flten. Auerdem geschah auf Schritt und Tritt in der Menge des Volkes viel Sonderbares, Erheiterndes und Erschreckendes, es wurden Pferde scheu, Kinder fielen um und schrien, ein vorzeitig Betrunkener sang unbekmmert, als wre er allein, sein Lied und schien ber sein eigenes Taumeln und Entrcktsein beraus belustigt und vergngt. Hndler zogen rufend umher, mit Orangen und Zuckerwaren, mit Luftballonen fr die Kinder, mit Backwerk und mit knstlichen Blumenstruchen fr die Hte der Burschen, abseits drehte sich unter heftiger Orgelmusik ein Karussell. Hier hatte ein Hausierer laute Hndel mit einem Kufer, der nicht zahlen wollte, dort fhrte ein Polizeidiener ein verlaufenes Bblein an der Hand. Dieses heftige Leben sog der betubte Ladidel in sich und fhlte sich beglckt, an einem solchen Treiben teilzunehmen und Dinge mit Augen zu sehen, von denen man noch lange im ganzen Lande reden wrde. Es war ihm wichtig, zu hren, um welche Stunde man den Knig erwarte, und als es ihm gelungen war, in die Nhe der Ehrenhalle zu dringen, wo die Tafel auf einer fahnengeschmckten Hhe stattfand, schaute er mit Bewunderung und Verehrung den Oberbrgermeister, die Stadtvorstnde, den Oberamtmann und andre Wrdentrger mit Orden und Abzeichen zumitten des Ehrentisches sitzen und speisen und weien Wein aus geschliffenen Glsern trinken. Flsternd nannte man die Namen der Mnner, und wer etwas Weiteres ber sie wute oder gar schon mit ihnen zu tun gehabt hatte, fand dankbare Zuhrer. Ein bekannter Fabrikant und Millionr wurde erkannt und besprochen, dann der Sohn eines Ministers, und schlielich wollte man in einem jungen Manne oben an der Tafel einen Prinzen erkennen. Da das alles vor seinen Augen vor sich ging und soviel Glanz zu schauen ihm vergnnt war, machte einen jeden glcklich. Auch der kleine Ladidel staunte und bewunderte und fhlte sich gro und bedeutend als Zuschauer solcher Dinge; er sah ferne Tage voraus, da er Leuten, die weniger glcklich waren und nicht hatten dabei sein knnen, die ganze Herrlichkeit genau beschreiben wrde. Das Mittagessen verga er ganz, und als er nach einigen Stunden Hunger versprte, setzte er sich in das Zelt eines Zuckerbckers und verzehrte ein paar Stcke Kuchen. Dann eilte er, um ja nichts zu versumen, wieder ins Gewhl, und war so glcklich, den Knig zu sehen, wenn auch nur von hinten. Nun erkaufte er sich den Eintritt zu den Schiestnden, und wenn er auch vom Schiewesen nichts verstand, sah er doch mit Vergngen und Spannung den Schtzen zu, lie sich einige berhmte Helden zeigen und betrachtete mit Ehrfurcht das Mienenspiel und Augenzwinkern der Schieenden. Alsdann suchte er das Karussell auf und sah ihm eine Weile zu, wandelte unter den Bumen in der frohen Menschenflut, kaufte eine Ansichtskarte mit dem Bildnis des Knigs und dem Landeswappen, hrte alsdann lange Zeit einem Marktschreier zu, der seine Waren fleiig ausrief und einen Witz um den andern machte, und weidete seine Augen am Anblick der geputzten Volksscharen. Errtend entwich er von der Bude eines Photographen, dessen Frau ihn zum Eintritt eingeladen und unter dem Gelchter der Umstehenden einen entzckenden jungen Don Juan genannt hatte. Und immer wieder blieb er stehen, um einer Musik zuzuhren, bekannte Melodien mitzusummen und sein Stcklein im Takt dazu zu schwingen. ber dem allem wurde es Abend, das Schieen hatte ein Ende, und es begann da und dort ein Zechen in Hallen oder unter Bumen. Whrend der Himmel noch in zartem Lichte schwamm und Trme und ferne Berge in der Herbstabendklarheit standen, glommen hier und dort schon Lichter und Laternen auf. Ladidel ging in seinem Rausche dahin und bedauerte das Sinken des Tages. Die solide Brgerschaft eilte nun heimwrts zum Abendessen, mdgewordene Kinder ritten taumelnd auf den Schultern der Vter, die eleganten Wagen verschwanden. Dafr regten sich Lust und bermut der Jugend, die sich auf Tanz und Wein freute, und wie es auf dem Platze und den Gassen leerer ward, tauchte da und dort und an jeder Ecke bald scheu, bald khn ein Liebespaar auf, Arm in Arm und noch mit sonntglichem Anstande, jedoch voll Ungeduld und Ahnung nchtlicher Lust. Um diese Stunde begann die Frhlichkeit und Selbstvergessenheit Ladidels sich zu verlieren wie das hinschwindende Tageslicht. Die Erinnerung an Trauer und Leid kehrte mhlich wieder, vermischt mit einem ungelschten Festdurst und Erlebensdrang. Ergriffen und traurig werdend strich der einsame Jngling durch den warmen Abend. Es kicherte kein Liebespaar an ihm vorbei, dem er nicht nachsah, und als nun in einem Garten unter hohen schwarzen Kastanien mit lockender Pracht Reihen von roten Papierampeln aufglhten und aus eben diesem Garten her eine weiche, sehnliche Musik ertnte, da folgte er dem Ruf der heien, flsternden Geigen und trat ein. An langen Tischen a und trank viel junges Volk, dahinter wartete ein groer Tanzplan erst halb erleuchtet. Der junge Mann nahm am leeren Ende eines Tisches Platz und verlangte, als ein Kellner zu ihm kam, Wein und Essen. Dann ruhte er aus, atmete die Gartenluft und horchte auf die Musik, a ein weniges und trank langsam in kleinen Schlcken den ungewohnten Wein. Je lnger er in die roten Lampen schaute, die Geigen spielen hrte und den Duft der Festnacht atmete, desto einsamer und elender kam er sich vor, und zugleich erschien ihm dieser Ort als eine Sttte seliger Lust, von deren Genu nur er allein ausgeschlossen sei. Wohin er blickte, sah er rote Wangen und begierige Augen leuchten, junge Burschen in Sonntagskleidern mit khnen und herrischen Blicken, Mdchen im Putz mit verlangenden Augen und tanzbereiten, unruhigen Fen. Und er war noch nicht lange mit seinem Abendessen fertig, als die Musik mit erneuter Wucht und Se anstimmte, der Tanzplatz von hundert Lichtern strahlte und Paar auf Paar in Eile und hastiger Begierde sich zum Tanze drngte. Ladidel sog langsam an seinem Wein, um noch eine Weile dableiben zu knnen, und als der Wein doch schlielich zu Ende war, konnte er sich nicht entschlieen, heimzugehen. Er lie nochmals ein kleines Flschlein kommen und sa und starrte und fiel in eine stachelnde Unruhe, als msse allem zum Trotz an diesem Abend ihm ein Glck blhen und etwas vom berflu der Wonne auch fr ihn abfallen. Und wenn es nicht geschah, so schrieb er sich in Leid und Trotz das Recht zu, wenigstens dem Fest und seinem Unglck zu Ehren den ersten Rausch seines Lebens zu trinken. Zu diesem wre es nun wohl trotzdem nicht gekommen, denn so schlimm er es meinte, seine Natur war klger und htte ihm nicht erlaubt, mehr als einen kindlichen Versuch nach dieser Seite hin zu tun. Es war auch keineswegs der Wein, der ihn verlockte, und den Rausch hatte er nimmer ntig, da Umtrieb und Lrm und Freudenschwall ihm den Kopf hinreichend erhitzt und verwirrt hatten. Aber der mige und zierliche Jngling konnte soviel bermut und Lustbarkeit, soviel Tanzmusik und den Anblick so vieler hbscher erhitzter Tnzerinnen nicht ertragen, ohne gleichfalls ein Verlangen nach Lust und Selbstvergessen und blhender Jugendtorheit zu verspren. Und so stiegen, je heftiger rings um ihn die Freude tobte, sein Unglck sowohl wie sein Trostbedrfnis hher, und rissen den Unbeschtzten zur bertreibung und zum Rausche hin. Die Stunde war gekommen, da der Most seiner Jugend verderben oder sich Lust schaffen mute. Viertes Kapitel Whrend Ladidel vor seinem Weinglas am Tische sa und mit heien Augen in das Tanzgewhl blickte, vom roten Licht der Ampeln und vom raschen Takt der Musik bezaubert und seines Kummers bis zur Verzweiflung berdrssig, hrte er pltzlich neben sich eine leise Stimme, die fragte: Ganz allein? Schnell wandte er sich um und sah ber die Lehne der Bank gebeugt ein hbsches Mdchen mit schwarzen Haaren, mit einem weien linnenen Htlein und einer roten leichten Bluse angetan. Sie lachte mit einem hellroten Munde, whrend ihr um die erhitzte Stirn und die dunkeln Augen ein paar lose Locken hingen. Ganz allein? fragte sie mitleidig und schelmisch, und er gab Antwort: Ach ja, leider. Da nahm sie sein Weinglas, fragte mit einem Blick um Erlaubnis, sagte Prosit und trank es in einem durstigen Zuge aus. Er sah dabei ihren schlanken Hals, der brunlich aus dem roten leichten Stoff emporstieg, und indessen sie trank, fhlte er mit heftig klopfendem Herzen, da sich hier ein Abenteuer anspinne. Er fhlte es nicht ohne Schrecken, aber er war allsofort entschlossen, dabei zu bleiben und alles gehen zu lassen, wie es wollte. Und es ging vortrefflich. Um doch etwas zur Sache zu tun, schenkte Ladidel das leere Glas wieder voll und bot es dem Mdchen an. Aber sie schttelte den Kopf und blickte rckwrts nach dem Tanzplatz, wo soeben eine neue Musik erscholl. Tanzen mcht ich, sagte sie und sah dem Jngling in die Augen, der augenblicklich aufstand, sich vor ihr verbeugte und seinen Namen nannte. Ladidel heien Sie? Und mit dem Vornamen? Ich heie Fanny. Sie nahm ihn an sich und beide tauchten in den Strom und Schwall des Walzers, den Ladidel noch nie so ausgezeichnet getanzt hatte. Frher war er beim Tanzen lediglich seiner Geschicklichkeit, seiner flinken Beine und feinen Haltung froh geworden und hatte dabei stets daran gedacht, wie er aussehe und ob er auch einen guten Eindruck mache. Jetzt war daran nicht zu denken. Er flog in einem feurigen Wirbel mit, gezogen und hingeweht und wehrlos, aber glcklich und im Innersten erregt. Bald zog und schwang ihn seine Tnzerin, da ihm Boden und Atem verloren ging, bald lag sie still und eng an ihn gelehnt, da ihre Pulse an seinen schlugen und ihre Wrme die seine entfachte. Als der Tanz zu Ende war, legte Fanny ihren Arm in den ihres Begleiters und zog ihn mit sich weg. Tief atmend wandelten sie langsam einen Laubengang entlang, zwischen vielen andern Paaren, in einer Dmmerung voll warmer Farben. Durch die Bume schien tief der Nachthimmel mit blanken Sternen herein, von der Seite her spielte, von beweglichen Schatten unterbrochen, der rote Schein der Festampeln, und in diesem ungewissen Licht bewegten sich plaudernd die ausruhenden Tnzer, die Mdchen in weien und andern hellfarbigen Kleidern und Hten, mit bloen Hlsen und Armen, manche mit stattlichen Fchern versehen, die gleich Pfauenrdern spielten. Ladidel nahm das alles nur als einen farbigen Nebel wahr, der mit Musik und Nachtluft zusammenflo, und daraus nur hin und wieder im nahen Vorbeistreifen ein helles Gesicht mit funkelnden Augen, ein offener lachender Mund mit glnzenden Zhnen, ein zrtlich gebogener weier Arm fr Augenblicke deutlich hervorschimmerte. Alfred! sagte Fanny leise. Ja, was? Gelt, du hast auch keinen Schatz? Meiner ist nach Amerika. Nein, ich hab keinen. Willst du nicht mein Schatz sein? Ich will schon. Sie lag ganz in seinem Arm und bot ihm den feuchten hellroten Mund. Liebestaumel wehte in den Bumen und Wegen; Ladidel kte den roten Mund und kte den weien Hals und den brunlichen Nacken, die Hand und den Arm seines Mdchens. Er fhrte sie, oder sie ihn, an einen Tisch abseits im tiefen Schatten, lie Wein kommen und trank mit ihr aus einem Glase, hatte den Arm um ihre Hfte gelegt und fhlte Feuer in allen Adern. Seit einer Stunde war die Welt und alles Vergangene hinter ihm versunken und ins Bodenlose gefallen, um ihn wehte allmchtig die glhende Nacht, ohne Gestern und ohne Morgen. Auch die hbsche Fanny freute sich ihres neuen Schatzes und ihrer blhenden Jugend, jedoch weniger rckhaltslos und gedankenlos als ihr Liebster, dessen Feuer sie mit der einen Hand zu mehren, mit der andern abzuwehren bemht war. Der schne Tanzabend gefiel auch ihr wohl, und sie tanzte ihre Touren mit heien Wangen und blitzenden Augen; doch war sie nicht gesonnen, darber ihre Absichten und Zwecke zu vergessen, und diese gingen nicht auf Vergngen und flchtiges Liebesglck, sondern auf soliden Erwerb. Darum erfuhr Ladidel im Laufe des Abends, zwischen Wein und Tanz, von seiner Geliebten eine lange traurige Geschichte, die mit einer kranken Mutter begann und mit Schulden und drohender Obdachlosigkeit endete. Sie bot dem bestrzten Liebhaber diese bedenklichen Mitteilungen nicht auf einmal dar, sondern mit vielen Pausen, whrend deren er sich stets wieder erholen und neue Glut fassen konnte, sie bat ihn sogar, nicht allzuviel daran zu denken und sich den schnen Abend nicht verderben zu lassen, bald aber seufzte sie wieder tief auf und wischte sich die Augen. Bei dem guten Ladidel wirkte denn auch, wie bei allen Anfngern, das Mitleid eher entflammend als niederschlagend, soda er das Mdchen gar nimmer aus den Armen lie und ihr zwischen Kssen goldene Berge fr die Zukunft versprach. Sie nahm es hin, ohne sich getrstet zu zeigen, und fand dann pltzlich, es sei spt, und sie drfe ihre arme kranke Mutter nicht lnger warten lassen. Ladidel bat und flehte, wollte sie dabehalten oder zumindest begleiten, schalt und klagte und lie auf alle Weise merken, da er die Angel geschluckt habe und nimmer entrinnen knne. Mehr hatte Fanny nicht gewollt. Sie zuckte hoffnungslos die Achseln, streichelte Ladidels Hand und bat ihn, nun fr immer von ihr Abschied zu nehmen. Denn, wenn sie bis morgen Abend nicht im Besitze von hundert Mark sei, so werde sie samt ihrer armen Mama auf die Strae gesetzt werden und knne fr das, wozu die Verzweiflung sie dann treiben wrde, nicht einstehen. Ach, sie wollte ja gern lieb sein und ihrem Alfred jede Gunst gewhren, da sie ihn nun einmal so schrecklich liebe, aber unter diesen Umstnden sei es doch besser, auseinanderzugehen und sich mit der ewigen Erinnerung an diesen schnen Abend zu begngen. Dieser Meinung war Ladidel nicht. Ohne sich viel zu besinnen, versprach er das Geld morgen Abend herzubringen, und schien fast zu bedauern, da sie seine Liebe auf keine grere Probe stelle. Ach, wenn du das knntest! seufzte Fanny. Dabei schmiegte sie sich an ihn, da er beinahe den Atem verlor. Verla dich drauf, sagte er. Und nun wollte er sie nach Hause begleiten, aber sie war so scheu und hatte pltzlich eine so furchtbare Angst, man mchte sie sehen und ihr guter Ruf mchte notleiden, da er mitleidig nachgab und sie allein ziehen lie. Darauf schweifte er noch wohl eine Stunde lang umher. Da und dort tnte aus Grten und Zelten noch nchtliche Festlichkeit. Erhitzt und mde kam er endlich nach Hause, ging zu Bett und fiel sogleich in einen unruhigen Schlaf, aus dem er schon nach einer Stunde wieder erwachte. Da brauchte er lange, um sich aus einem zhen Wirrwarr verliebter Trume zurechtzufinden. Die Nacht stand bleich und grau im Fenster, die Stube war dunkel und alles still, soda Ladidel, der nicht an schlaflose Nchte gewhnt war, verwirrt und ngstlich in die Finsternis blickte und den noch nicht verwundenen Rausch des Abends im Kopf rumoren fhlte. Irgend etwas, was er vergessen hatte und woran zu denken ihm doch notwendig schien, qulte ihn eine gute Weile. Am Ende klrte sich jedoch die peinigende Trbe und der ernchterte Trumer wute wieder genau, um was es sich handle. Und nun drehten seine Gedanken sich die ganze lange Nacht hindurch um die Frage, woher das Geld kommen solle, das er seinem neuen Schtzchen versprochen hatte. Er begriff nimmer, wie er das Versprechen hatte geben knnen, es mute in einer Bezauberung geschehen sein. Auch trat ihm der Gedanke, sein Wort zu brechen, nahe und sah gar friedlich aus. Doch gewann er den Sieg nicht, zum Teil, weil eine ehrliche Gutmtigkeit den Jngling abhielt, eine Notleidende umsonst auf die zugesagte Hilfe warten zu lassen. Noch mchtiger freilich war die Erinnerung an Fannys Schnheit, an ihre Ksse und die Wrme ihres Leibes, und die sichere Hoffnung, das alles schon morgen ganz zu eigen zu haben. Darum entschlug und schmte er sich des Gedankens, ihr untreu zu werden, und wandte allen Scharfsinn daran, einen sicheren und ungefhrlichen Weg zu dem versprochenen Gelde zu ersinnen. Allein je mehr er sann und spann, desto grer ward in seiner Vorstellung die Summe und desto unmglicher ihre Erlangung. Als Ladidel am Morgen grau und mde, mit verwachten Augen und schwindelndem Kopfe, ins Kontor trat und sich an seinen Platz setzte, wute er noch immer keinen Ausweg und htte gern fr die hundert Mark seine Seligkeit verkauft. Er war in der Frhe schon bei einem Pfandleiher gewesen und hatte seine Uhr und Uhrkette samt allen seinen kleinen Kostbarkeiten versetzen wollen, doch war der saure und beschmende Gang vergeblich gewesen, denn man hatte ihm fr das Ganze nicht mehr als zehn Mark geben wollen. Nun bckte er sich traurig ber seine Arbeit und brachte eine de Stunde ber Tabellen hin, da kam mit der Post, die ein Lehrling brachte, ein kleiner Brief fr ihn. Erstaunt ffnete er das zierliche Kuvert, steckte es in die Tasche und las heimlich das kleine rosenrote Billett, das er darin gefunden hatte. Liebster, gelt du kommst heut Abend? Mit Ku deine Fanny. Das gab den Ausschlag. Ladidel beschlo, unter allen Umstnden und um jeden Preis sein Versprechen zu halten. Das Brieflein verbarg er in der Brusttasche und zog es je und je heimlich hervor, um daran zu riechen, denn es hatte einen feinen warmen Duft, der ihm wie Wein zu Kopfe stieg. Schon in den berlegungen der vergangenen Nacht war der Gedanke in ihm aufgestiegen, im Notfalle das Geld auf eine verbotene Weise an sich zu bringen, doch hatte er diesen Plnen keinen Raum in sich gegnnt. Nun kamen sie wieder und waren strker und schmeichelnder geworden. Ob ihm auch als einem redlichen Menschen vor Diebstahl und Betrug im Herzen graute, so wollte ihm doch der Gedanke, es handle sich dabei nur um eine erzwungene Anleihe, deren Erstattung ihm heilig sein wrde, mehr und mehr einleuchten. ber die Art der Ausfhrung aber zerbrach er sich vergeblich den Kopf. Es wre ihm leicht gewesen, sich die Summe auf der Bank, wo man ihn kannte, zu verschaffen, wenn er sich htte entschlieen knnen, die Handschrift seines Prinzipals zu flschen. Aber zu einem solchen richtigen Spitzbubenstck reichte es ihm doch nicht. Er brachte den Tag verstrt und bitter hin, sann und plante, und er wre am Ende betrbt, doch unbefleckt, aus dieser Prfung hervorgegangen, wenn ihn nicht am Abend, in der letzten Stunde, eine allzu verlockende Gelegenheit doch noch zum Schelm gemacht htte. Der Prinzipal gab ihm Auftrag, da und dahin einen Wertbrief zu senden, und zhlte ihm die Banknoten hin. Es waren sieben Scheine, die er zweimal durchzhlte. Da widerstand er nicht lnger, brachte mit zitternder Hand eines von den Papieren an sich und siegelte die sechse ein, die denn auch zur Post kamen und abreisten. Die Tat wollte ihn reuen, schon als der Lehrling den Siegelbrief wegtrug, dessen Aufschrift nicht mit seinem Inhalte stimmte. Von allen Arten der Unterschlagung schien ihm diese nun die trichtste und gefhrlichste, da im besten Fall nur Tage vergehen konnten, bis das Fehlen des Geldes entdeckt und Bericht darber einlaufen wrde. Als der Brief fort und nichts zu bessern war, hatte der im Bsen unbewanderte Ladidel das Gefhl eines Selbstmrders, der den Strick um den Hals und den Schemel schon weggestoen hat, nun aber gerne doch noch leben mchte. Drei Tage kann es dauern, dachte er, vielleicht aber auch nur einen, dann bin ich meines guten Rufes, meiner Freiheit und Zukunft ledig, und alles um die hundert Mark, die nicht einmal fr mich sind. Er sah sich verhrt, verurteilt, mit Schanden fortgejagt und ins Gefngnis gesteckt und mute zugeben, da das alles durchaus verdient und in der Ordnung sei. Erst auf dem Wege zum Abendessen fiel ihm ein, es knnte am Ende auch besser ablaufen. Da die Sache gar nicht entdeckt werden wrde, wagte er zwar nicht zu hoffen; aber wenn nun das Geld auch fehlte, wie wollte man beweisen, da er der Dieb war? Um sich zu strken, trank er wider seine Gewohnheit ein Bier zum Abendbrot und ging dann nach Hause, um sich schn zu machen. Mit dem Sonntagsrock und seiner besten Wsche angetan, erschien er eine Stunde spter auf dem Tanzplatze. Unterwegs war seine Zuversicht zurckgekehrt, oder es hatten doch die wieder erwachten heien Wnsche seiner Jugend die Angstgefhle bertubt. Es ging auch an diesem Abend lebhaft zu, doch fiel es dem einsam wartenden Ladidel auf, da der Ort nicht von der guten Brgerschaft, sondern zumeist von geringeren Leuten und auch von manchen verdchtig Aussehenden besucht war. Als er sein Viertel Landwein getrunken hatte und Fanny noch nicht gekommen war, befiel ihn ein Mibehagen an dieser Gesellschaft und er verlie den Garten, um drauen hinterm Zaun zu warten. Da lehnte er in der Abendkhle an einer finstern Stelle des Geheges, sah in das Gewhl und wunderte sich, da er gestern inmitten derselben Leute und bei derselben Musik so glcklich gewesen war und so ausgelassen getanzt hatte. Heute wollte ihm alles weniger gefallen; von den Mdchen sahen viele frech und liederlich aus, die Burschen hatten ble Manieren und unterhielten selbst whrend des Tanzes ein lrmendes Einverstndnis durch Schreie und Pfiffe. Auch die roten Papierlaternen sahen weniger festlich und leuchtend aus, als sie ihm gestern erschienen waren. Er wute nicht, ob nur Mdigkeit und Ernchterung, oder ob sein schlechtes Gewissen daran schuld sei; aber je lnger er zuschaute und wartete, desto weniger wollte der Festrausch wieder kommen, und er nahm sich vor, mit Fanny, sobald sie kme, von diesem Ort wegzugehen. Als er wohl eine Stunde gewartet hatte und md und ungeduldig zu werden begann, sah er am jenseitigen Eingang des Gartens sein Mdchen ankommen, in der roten Bluse und mit dem weien Segeltuchhtchen, und betrachtete sie neugierig. Da er solang hatte warten mssen, wollte er nun auch sie ein wenig necken und warten lassen, auch reizte es ihn, sie so aus dem Verborgenen zu belauschen. Die hbsche Fanny spazierte langsam durch den Garten und suchte; und da sie Ladidel nicht fand, setzte sie sich beiseite an einen Tisch. Ein Kellner kam, doch winkte sie ihm ab. Dann sah Ladidel, wie sich ihr ein Bursche nherte, der ihm schon gestern als ein vorlauter und roher Patron aufgefallen war. Er schien sie gut zu kennen, und soweit Ladidel sehen konnte, fragte sie ihn eifrig nach etwas, wohl nach ihm, und der Bursche zeigte nach dem Ausgang und schien zu erzhlen, der Gesuchte sei dagewesen, aber wieder fortgegangen. Nun begann Ladidel Mitleid zu haben und wollte zu ihr eilen, doch sah er in demselben Augenblick mit Schrecken, wie der unangenehme Bursche die Fanny ergriff und mit ihr zum Tanz antrat. Aufmerksam beobachtete er sie beide, und wenn ihm auch ein paar grobe Liebkosungen des Mannes das Blut ins Gesicht trieben, so schien doch das Mdchen gleichgltig zu sein, ja ihn abzuwehren. Kaum war der Tanz zu Ende, so ward Fanny von ihrem Begleiter einem andern zugeschoben, der den Hut vor ihr zog und sie hflich zur neuen Tour aufforderte. Ladidel wollte ihr zurufen, wollte ber den Zaun zu ihr hinein, doch kam es nicht dazu, und er mute in trauriger Betubung zusehen, wie sie dem Fremden zulchelte und mit ihm den Schottischen begann. Und whrend des Schottischen sah er sie schn mit dem andern tun und seine Hnde streicheln und sich an ihn lehnen, gerade wie sie es gestern ihm selbst getan hatte, und er sah den Fremden warm werden und sie fester umfassen und am Schlu des Tanzes mit ihr durch die dunkleren Laubengnge wandeln, wobei das Paar dem Lauscher peinlich nahe kam und er ihre Worte und Ksse gar deutlich hrten konnte. Da ging Alfred Ladidel heimwrts, mit trnenden Augen, das Herz voll Scham und Wut und dennoch froh, der Hure entgangen zu sein. Junge Leute kehrten von den Festpltzen heim und sangen, Musik und Gelchter drang aus den Grten; ihm aber klang alles wie ein Hohn auf ihn und alle Lust, und wie vergiftet. Als er heimkam, war er todmde und hatte kein Verlangen mehr als zu schlafen. Und da er seinen Sonntagsrock auszog und gewohnterweise seine Falten glatt strich, knisterte es in der Tasche und er zog unversehrt den blauen Geldschein hervor. Unschuldig lag das Papier im Kerzenschein auf dem Tische; er sah es eine Weile an, schlo es dann in die Schublade und schttelte den Kopf dazu. Um das zu erleben, hatte er nun gestohlen und sein Leben verdorben. Gegen eine Stunde lag er noch wach, doch dachte er in dieser Zeit nicht mehr an Fanny und nicht mehr an die hundert Mark, noch an das, was jetzt ber ihn kommen wrde, sondern er dachte an Martha Weber und daran, da er sich nun alle Wege zu ihr verschttet habe. Fnftes Kapitel Was er jetzt zu tun habe, wute Ladidel genau. Er hatte erfahren, wie bitter es ist, sich vor sich selber schmen zu mssen, und stand sein Mut auch tief, so war er dennoch fest entschlossen, mit dem Gelde und einem ehrlichen Gestndnis zu seinem Prinzipal zu gehen und von seiner Ehre und Zukunft zu retten, was noch zu retten wre. Darum war es ihm nicht wenig peinlich, als am folgenden Tage der Notar nicht ins Kontor kam. Er wartete bis Mittag und vermochte seinen Kollegen kaum in die Augen zu blicken, da er nicht wute, ob er morgen noch an diesem Platze stehen und als ihresgleichen gelten werde. Nach Tische erschien der Notar wieder nicht, und es verlautete, er sei unwohl und werde heut nimmer ins Geschft kommen. Da hielt Ladidel es nicht lnger aus. Er ging unter einem Vorwand weg und geradenwegs in die Wohnung seines Prinzipals. Man wollte ihn nicht vorlassen, er bestand aber mit Verzweiflung darauf, nannte seinen Namen und begehrte in einer wichtigen Sache den Herrn zu sprechen. So wurde er in ein Vorzimmer gefhrt und aufgefordert zu warten. Die Dienstmagd lie ihn allein, er stand in Verwirrung und Angst zwischen plschbezogenen Sthlen, lauschte auf jeden Ton im Hause und hatte das Sacktuch in der Hand, da ihm ohne Unterla der Schwei ber die Stirn lief. Auf einem ovalen Tische lagen goldverzierte Bcher, Schillers Glocke und der siebziger Krieg, ferner stand dort ein Lwe aus grauem Stein und in Stehrahmen eine Menge von Photographien. Es sah hier feiner, doch hnlich aus wie in der schnen Stube von Ladidels Eltern, und alles mahnte an Ehrbarkeit, Wohlstand und Wrde. Die Photographien stellten lauter wohlgekleidete Leute vor, Brautpaare im Hochzeitsstaat, Frauen und Mnner von guter Familie und zweifellos bestem Rufe, und von der Wand schaute ein wohl lebensgroer Mannskopf herab, dessen Zge und Augen Ladidel an das Bildnis des verstorbenen Vaters bei den Weberschen Damen erinnerten. Zwischen so viel brgerlicher Wrde sank der Snder in seinen eigenen Augen von Augenblick zu Augenblick tiefer, er fhlte sich durch seine beltat von diesem und jedem ehrbaren Kreise ausgeschlossen und unter die Abgngigen und Ehrlosen geworfen, von denen keine Photographien gemacht und unter Glas gespannt und in den guten Stuben rechter Leute aufgestellt werden. Eine groe Wanduhr von der Art, die man Regulatoren nennt, schwang ihren messingenen Perpendikel gleichmtig und unangefochten hin und wider, und einmal, nachdem Ladidel schon recht lang gewartet hatte, rusperte sie sich leise und tat sodann einen tiefen, schnen, vollen Schlag. Der arme Jngling schrak auf, und in demselben Augenblick trat ihm gegenber der Notar durch die Tre. Er beachtete Ladidels Verbeugung nicht, sondern wies sogleich befehlend auf einen Sessel, nahm selber Platz und sagte: Was fhrt Sie her? Ich wollte, begann Ladidel, ich hatte, ich wre -- --. Dann aber schluckte er energisch und stie heraus: Ich habe Sie bestehlen wollen. Der Notar nickte und sagte ruhig: Sie haben mich sogar wirklich bestohlen, ich wei es schon. Es ist vor einer Stunde telegraphiert worden. Sie haben also wirklich einen von den Hundertmarkscheinen genommen? Statt der Antwort zog Ladidel den Schein aus der Tasche und streckte ihn dar. Erstaunt nahm der Herr ihn in die Finger, spielte damit und sah Ladidel scharf an. Wie geht das zu? Haben Sie schon Ersatz geschafft? Nein, es ist derselbe Schein, den ich weggenommen hatte. Ich habe ihn nicht gebraucht. Sie sind ein Sonderling, Ladidel. Da Sie das Geld genommen htten, wute ich sofort. Es konnte ja sonst niemand sein. Und auerdem wurde mir gestern erzhlt, man habe Sie am Sonntag Abend auf dem Festplatz in einer etwas verrufenen Tanzbude gesehen. Oder hngt es nicht damit zusammen? Nun mute Ladidel erzhlen, und so sehr er sich Mhe gab, das Beschmendste zu unterdrcken, es kam wider seinen Willen doch fast alles heraus. Der alte Herr unterbrach ihn nur zwei-, dreimal durch kurze Fragen, im brigen hrte er gedankenvoll zu und sah zuweilen dem Beichtenden ins Gesicht, sonst aber zu Boden, um ihn nicht zu stren. Am Ende stand er auf und ging in der Stube hin und wider. Nachdenklich nahm er eine von den Photographien in die Hand. Pltzlich bot er das Bild dem beltter hin, der in seinem Sessel ganz zusammengebrochen kauerte. Sehen Sie, sagte er, das ist der Direktor einer groen Fabrik in Amerika. Er ist ein Vetter von mir, Sie brauchen es ja nicht jedermann zu erzhlen, und er hat als junger Mensch in einer hnlichen Lage wie Sie tausend Mark entwendet. Er wurde von seinem Vater preisgegeben, mute hinter Schlo und Riegel und ging nachher nach Amerika. Er schwieg und wanderte wieder umher, whrend Ladidel das Bild des stattlichen Mannes ansah und einigen Trost daraus sog, da also auch in dieser ehrenwerten Familie ein Fehltritt vorgekommen sei, und da der Snder es doch noch zu etwas gebracht habe und nun gleich den Gerechten gelte, und sein Bild zwischen den Bildern unbescholtener Leute stehen drfe. Inzwischen hatte der Notar seine Gedanken zu Ende gesponnen und trat zu Ladidel, der ihn schchtern anschaute. Er sagte fast freundlich: Sie tun mir leid, Ladidel. Ich glaube nicht, da Sie schlecht sind, und hoffe, Sie kommen wieder auf rechte Wege. Am Ende wrde ich es sogar wagen und Sie behalten. Aber das geht doch nicht. Es wre fr uns beide unerquicklich und ginge gegen meine Grundstze. Und einem Kollegen kann ich Sie auch nicht empfehlen, wenn ich auch an Ihre guten Vorstze gern glauben will. Wir wollen also die Sache zwischen uns fr abgetan ansehen, ich werde niemand davon sagen. Aber bei mir bleiben knnen Sie nicht. Ladidel war zwar berfroh, die bse Sache so menschlich behandelt zu sehen. Da er sich aber nun ans Freie gesetzt und so ins Ungewisse geschickt fand, verzagte er doch und klagte: Ach, was soll ich aber jetzt anfangen? Etwas Neues, rief der Notar, und unversehens lchelte er. Seien Sie ehrlich, Ladidel, und sagen Sie: wie wre es Ihnen wohl nchstes Frhjahr im Staatsexamen gegangen? Schauen Sie, Sie werden rot. Nun, wenn Sie auch schlielich den Winter ber noch manches htten nachholen knnen, so htte es doch schwerlich gereicht, und ich hatte ohnehin schon seit einiger Zeit die Absicht, darber mit Ihnen zu reden. Jetzt ist ja die beste Gelegenheit dazu. Meine berzeugung, und vielleicht im Stillen auch Ihre, ist die, da Sie Ihren Beruf verfehlt haben. Sie passen nicht zum Notar und berhaupt nicht ins Amtsleben. Nehmen Sie an, Sie seien im Examen durchgefallen, und suchen Sie recht bald einen andern Beruf, in dem Sie es weiter bringen knnen. Vielleicht ist es fr eine Kaufmannslehre noch nicht zu spt -- aber das ist Ihre und Ihres Vaters Sache. Ihr Monatsgeld schicke ich Ihnen morgen. Wenn Sie noch etwas im Kontor liegen haben, was Ihnen gehrt, so holen Sie es jetzt. -- Nur noch eins: Ihr Vater mu die Sache natrlich wissen! Ladidel sagte leise ja und senkte den Kopf. Es ist das Beste, Sie sagen es ihm selbst. Aber tun Sie es gewi, und warten Sie damit nicht lang, denn schreiben mu ich ihm doch. Am besten fahren Sie gleich morgen nach Hause. Und jetzt adieu. Sehen Sie mir ins Gesicht! Und behalten Sie mich in gutem Andenken. Wenn Sie mir spter einmal Bericht geben, wird es mich freuen. Nur jetzt den Kopf nicht ganz hngen lassen und keine neuen Dummheiten machen! -- Adieu denn, und gren Sie den Herrn Vater von mir! Er gab dem Bestrzten die Hand, drckte ihm die seine krftig und schob ihn, der noch reden und danken wollte, zur Tr. Damit stand unser Freund auf der Gasse und konnte sehen, was weiter kme. Er hatte im Kontor nur ein paar schwarze rmelschoner zurckgelassen, an denen war ihm nichts gelegen, und er zog es vor, sich dort nimmer zu zeigen und sich das Abschiednehmen von den Kollegen zu ersparen. Allein so betrbt er war und so sehr ihm vor der Heimfahrt und dem Vater und der ganzen kommenden Zeit graute, auf dem Grund seiner Seele war er doch dankbar und beinahe vergngt, der furchtbaren Angst vor Polizei und Schande ledig zu sein; und whrend er langsam durch die Straen ging, schlich auch der Gedanke, da er nun kein Examen mehr vor sich habe, als ein trstlicher Lichtstrahl in sein Gemt, das von den vielen Erlebnissen dieser Tage auszuruhen und aufzuatmen begehrte. So begann ihm beim Dahinwandeln allmhlich auch das ungewohnte Vergngen, Werktags um diese Tageszeit frei durch die Stadt zu spazieren, recht wohl zu gefallen. Er blieb vor den Auslagen der Kaufleute stehen, betrachtete die Kutschenpferde, die an den Ecken warteten, schaute auch zum zartblauen Herbsthimmel hinan und geno fr eine Stunde ein unverhofftes Ferien- und Herrengefhl. Dann kehrten seine Gedanken in den alten engen Kreis zurck, und als er, schon wieder gedrckt und ziemlich mutlos, in der Nhe seiner Wohnung um eine Gassenecke bog, mute ihm gerade eine hbsche junge Dame begegnen, die dem Frulein Martha Weber hnlich sah. Da fiel ihm alles wieder recht aufs Herz, seine miglckten und lcherlichen Versuche auf dem Gebiete der Liebe zumal, und er mute sich vorstellen, was wohl die Martha denken und sagen wrde, wenn sie seine ganze Geschichte erfhre. Erst jetzt fiel ihm ein, da sein Fortgehen von hier ihn nicht nur von Amt und Zukunft, sondern auch aus der Nhe des geliebten Mdchens entfhre. Und alles um diese Fanny. Je mehr ihm das klar wurde, desto strker ward sein Verlangen, nicht ohne einen Gru an Martha fortzugehen. Schreiben mochte und durfte er ihr nicht, es blieb ihm nur der Weg durch Fritz Kleuber. Darum kehrte er, kurz vor dem Hause, um und suchte Kleuber in seiner Rasierstube auf. Der gute Fritz hatte eine ehrliche Freude, ihn wieder zu sehen. Doch deutete Ladidel ihm nur in Krze an, er msse aus besonderen Grnden seine Stelle verlassen und wegreisen. Nein aber! rief Fritz betrbt. Da mssen wir aber wenigstens noch einmal zusammensein, wer wei, wann man sich wieder sieht! Wann mut du denn reisen? Alfred berlegte. Morgen mu ich doch noch packen. Also bermorgen. Dann mache ich mich morgen abend frei und komme zu dir, wenn dir's recht ist. Ja, gut. Und gelt, wenn du wieder zu deiner Braut kommst, sagst du viele Gre von mir -- an alle! Ja, gern. Aber willst du nicht selber noch hingehen? Ach, das geht jetzt nimmer. -- Also morgen! Trotzdem berlegte er diesen und den ganzen folgenden Tag, ob er es nicht doch tun solle. Allein er fand nicht den Mut dazu. Was htte er sagen und wie seine Abreise erklren sollen? Ohnehin berfiel ihn heute eine heillose Angst vor der Heimreise und vor seinem Vater, vor den Leuten daheim und aller Schande, der er entgegenging. Und er packte nicht, er fand nicht einmal den Mut, seiner Wirtin die Stube zu kndigen. Statt all dies Notwendige zu tun, sa er und fllte Bogen mit Entwrfen zu einem Brief an seinen Vater. Lieber Vater! Der Notar kann mich nicht mehr brauchen -- Lieber Vater! Da ich doch zum Notar nicht recht passe --. Es war nicht leicht, das Schreckliche sanft und doch deutlich zu sagen. Aber es war immerhin leichter, diesen Brief zusammenzudichten als heimzufahren und zu sagen: Da bin ich wieder, man hat mich fortgejagt. Und so ward denn bis zum Abend der Brief wirklich fertig. Hatte der Snder beim Schreiben und Wiederschreiben seine Vergehen oftmals berdenken und den bittern Trank der Scham und Reue leeren mssen, so hatte er im Verlauf doch auch Gelegenheit gefunden, die bse Sache von freundlicheren Seiten her zu betrachten und Balsam auf die Wunde zu streichen. Dennoch war er am Abend mrbe und mitgenommen, und Kleuber fand ihn so milde und weich wie noch nie. Er hatte ihm, als ein Abschiedsgeschenk, eine kleine geschliffene Glasflasche mit edelm Odeur mitgebracht. Die bot er ihm hin und sagte: Darf ich dir das zum Andenken mitgeben? Es wird schon noch in den Koffer gehen. Indessen sah er sich um und rief verwundert: Du hast ja noch gar nicht gepackt! Soll ich dir helfen? Ladidel sah ihn unsicher an und meinte: Ja, ich bin noch nicht soweit. Ich mu noch auf einen Brief warten. Das freut mich, sagte Fritz vergngt, so hat man doch Zeit zum Adieusagen. Weit du, wir knnten eigentlich heut Abend miteinander zu den Webers gehen. Es wre doch schade, wenn du so wegreisen wrdest. Dem armen Ladidel war es, als ginge eine Tr zum Himmel auf und wrde im selben Augenblick wieder zugeschlagen. Er wollte etwas sagen, schttelte aber nur den Kopf, und als er sich zwingen wollte, wrgten die Worte ihn in der Kehle, und unversehens brach er vor dem erstaunten Fritz in ein Schluchzen aus. Ja lieber Gott, was hast du? rief der erschrocken. Ladidel winkte schweigend ab, aber Kleuber war darber, da er seinen bewunderten und stolzen Freund in Trnen sah, so ergriffen und gerhrt, da er ihn in die Arme nahm wie einen Kranken, ihm die Hnde streichelte und ihm in unbestimmten Ausdrcken seine Hilfe anbot. Ach, du kannst mir nicht helfen, sagte Alfred, als er wieder reden konnte. Doch lie Kleuber ihm keine Ruhe, und schlielich kam es Ladidel wie eine Erlsung vor, einer so wohlmeinenden Seele zu beichten, so da er nachgab. Sie setzten sich einander gegenber, Ladidel wandte sein Gesicht ins Dunkle und fing an: Weit du, damals als wir zum erstenmal miteinander zu deiner Braut gegangen sind -- und erzhlte weiter, alles und alles, von seiner Liebe zu Martha, von ihrem kleinen Streit und Auseinanderkommen, und wie leid ihm das tue. Sodann kam er auf das Schtzenfest zu sprechen, auf seine Verstimmung und Verlassenheit, von der Tanzwirtschaft und der Fanny, von dem Hundertmarkschein, und wie dieser unverwendet geblieben sei, endlich von dem gestrigen Gesprch mit dem Notar und seiner jetzigen Lage. Er gestand auch, da er das Herz nicht habe, so vor seinen Vater zu kommen, da er ihm geschrieben habe und nun mit Schrecken des Kommenden warte. Dem allem hrte Fritz Kleuber still und aufmerksam zu, betrbt und in der Seele aufgewhlt durch solche Ereignisse. Als der andre schwieg und das Wort an ihm war, sagte er leise und schchtern: Da tust du mir leid. Und obschon er selber gewi niemals im Leben einen Pfennig veruntreut hatte, fuhr er fort: Es kann ja jedem so etwas passieren, und du hast ja das Geld auch wieder zurckgebracht. Was soll ich da sagen? Die Hauptsache ist jetzt, was du anfangen sollst. Ja, wenn ich das wte! Ich wollt, ich wr tot. So darfst du nicht reden, rief Fritz entsetzt. Weit du denn wirklich nichts? Gar nichts. Ich kann jetzt Steinklopfer werden. Das wird nicht ntig sein. -- Wenn ich nur wte, ob es dir keine Beleidigung ist -- -- Was denn? Ja, ich htte einen Vorschlag. Ich frchte nur, es ist eine Dummheit von mir, und du nimmst es bel. Aber sicher nicht! Ich kann mirs gar nicht denken. Sieh, ich denke mir so -- du hast ja hie und da dich fr meine Arbeit interessiert, und hast selber zum Vergngen es damit probiert. Du hast auch viel Genie dafr und knntest es bald besser als ich, weil du geschickte Finger hast und so einen feinen Geschmack. Ich meine, wenn sich vielleicht nicht gleich etwas Besseres findet, ob du es nicht mit unsrem Handwerk probieren mchtest? Ladidel war erstaunt; daran hatte er nie gedacht. Das Gewerbe eines Barbiers war ihm bisher zwar nicht schimpflich, doch aber wenig nobel vorgekommen. Nun aber war er von jener hohen Stufe herabgesunken und hatte wenig Grund mehr, irgendein ehrliches Gewerbe gering zu achten. Das fhlte er auch; und da Fritz sein Talent so rhmte, tat ihm wohl. Er meinte nach einigem Besinnen: Das wre vielleicht gar nicht das Dmmste. Aber weit du, ich bin doch schon erwachsen, und auch an einen andern Stand gewhnt; da wrde ich schwer tun, noch einmal als Lehrbub bei irgendeinem Meister anzufangen. Fritz nickte. Wohl, wohl. So ist es auch nicht gemeint! Ja wie denn sonst? Ich meine, du knntest bei mir lernen, was noch zu lernen ist. Entweder warten wir, bis ich mein eigenes Geschft habe, das dauert nimmer lang. Du knntest aber auch schon jetzt zu mir kommen. Mein Meister nhme ganz gern einen Volontr, der geschickt ist und keinen Lohn will. Dann wrde ich dich anleiten, und sobald ich mein eigenes Geschft anfange, kannst du bei mir eintreten. Es ist ja vielleicht nicht leicht fr dich, dich dran zu gewhnen; aber wenn man eine gute und feine Kundschaft hat, ist es doch kein bles Geschft. Ladidel hrte mit angenehmer Verwunderung zu und sprte im Herzen, da hier sein Schicksal sich entschied. War es auch vom Notar zum Friseur ein gewisser Rckschritt, so empfand er doch zum erstenmal im Leben die innige Befriedigung eines Mannes, der seinen wahren Beruf entdeckt und den ihm bestimmten Weg gefunden hat. Du, das ist ja groartig, rief er glcklich und streckte Kleubern die Hand hin. Jetzt ist mir erst wieder wohl in meiner Haut. Mein Alter wird ja vielleicht nicht gleich einverstanden sein, aber er mu es ja einsehen. Gelt, du redest dann auch ein Wort mit ihm? Wenn du meinst --, sagte Fritz schchtern. Nun war Ladidel so entzckt von seinem zuknftigen Beruf und so voll Eifers, da er begehrte, augenblicklich eine Probe abzulegen. Kleuber mochte wollen oder nicht, er mute sich hinsetzen und sich von seinem Freunde rasieren, den Kopf waschen und frisieren lassen. Und siehe, es glckte alles vorzglich, kaum da Fritz ein paar kleine Ratschlge zu geben hatte. Ladidel bot ihm Zigaretten an, holte den Weingeistkocher und setzte Tee an, plauderte und setzte seinen Freund durch diese rasche Heilung von seinem Trbsinn nicht wenig in Erstaunen. Fritz brauchte lnger, um sich in die vernderte Stimmung zu finden, doch ri Alfreds Laune ihn endlich mit, und wenig fehlte, so htte dieser wie in frhern vergngten Zeiten die Gitarre ergriffen und Schelmenlieder angestimmt. Es hielt ihn davon nur der Anblick des Briefes an seinen Vater ab, der noch auf dem Tische lag und ihn am sptern Abend nach Kleubers Weggehen noch lang beschftigte. Er las ihn wieder durch, war nimmer mit ihm zufrieden und fate am Ende den Entschlu, nun doch heimzufahren und seine Beichte selber abzulegen. Nun wagte er es, da er einen Ausweg aus der Trbsal und ein neues Glck seiner warten wute. Sechstes Kapitel Als Ladidel von dem Besuch bei seinem Vater wiederkehrte, war er zwar etwas stiller geworden, hatte aber seine Absicht erreicht und trat fr ein halbes Jahr als Volontr bei Kleubers Meister ein. Frs erste sah er damit seine Lage bedeutend verschlechtert, da er nichts mehr verdiente und das Monatsgeld von Hause sehr sparsam gemessen war. Er mute seine hbsche Stube aufgeben und eine geringe Kammer nehmen, auch sonst trennte er sich von manchen Gewohnheiten, die seiner neuen Stellung nicht mehr angemessen schienen. Nur die Gitarre blieb bei ihm und half ihm ber vieles weg, auch konnte er seiner Neigung zu sorgfltiger Pflege seines Haupthaares und Schnurrbartes, seiner Hnde und Fingerngel jetzt ohne Beschrnkung frnen. Er schuf sich nach kurzem Studium eine Frisur, die jedermann bewunderte, und lie seiner Haut mit Brsten, Pinseln, Salben, Seifen, Wassern und Pudern das Beste zukommen. Was ihn jedoch mehr als dies alles beglckte und mit dem Wechsel seines Standes vershnte, war die Befriedigung, die er im neuen Berufe fand, und die innerliche Gewiheit, nunmehr ein Metier zu betreiben, das seinen Talenten entsprach und in dem er Aussicht hatte, Bedeutendes zu leisten. Anfnglich lie man ihn freilich nur untergeordnete Arbeiten tun. Er mute Knaben die Haare schneiden, Arbeiter rasieren und Kmme und Brsten reinigen, doch erwarb er durch seine Fertigkeit im Flechten knstlicher Zpfe bald seines Meisters Vertrauen und erlebte nach kurzem Warten den Ehrentag, da er einen wohlgekleideten, nobel aussehenden Herrn bedienen durfte. Dieser war zufrieden und gab sogar ein Trinkgeld, und nun ging es Stufe fr Stufe vorwrts. Ein einzigesmal schnitt er einen Kunden in die Wange und mute Tadel ber sich ergehen lassen, im brigen erlebte er beinahe nur Anerkennung und Erfolge. Besonders war es Fritz Kleuber, der ihn bewunderte und nun erst recht fr einen Auserwhlten ansah. Denn wenn er selbst auch ein tchtiger Arbeiter und seiner Fertigkeit sicher war, so fehlte ihm doch sowohl die leichte Erfindungskraft, die fr jeden Kopf sofort die entsprechende Frisur zu schaffen wei, wie auch das leichte, unterhaltende, angenehme Wesen im Umgang mit nobler Kundschaft. Hierin war Ladidel bedeutend, und nach einem Vierteljahr begehrten schon die verwhnteren Stammgste immer von ihm bedient zu werden. Er verstand es auch vortrefflich, nebenher seine Herren zum hufigeren Ankauf neuer Pomaden, Bartwichsen und Seifen, teurer Brstchen und Kmme zu berreden; und in der Tat mute in diesen Dingen jedermann seinen Rat willig und dankbar hinnehmen, denn er selbst sah beneidenswert tadellos und wohlbestellt aus. Da die Arbeit ihn so in Anspruch nahm und befriedigte, trug er jede Entbehrung leichter, und so hielt er auch die lange Trennung von Martha Weber geduldig aus. Ein Schamgefhl hatte ihn gehindert, sich ihr in seiner neuen Gestalt zu zeigen, ja er hatte Fritz instndig gebeten, seinen neuen Stand vor den Damen zu verheimlichen. Dies war allerdings nur eine kurze Zeit mglich gewesen. Meta, der die Neigung ihrer Schwester zu dem hbschen Notar nicht unbekannt geblieben war, hatte sich hinter Fritz gesteckt und bald ohne Mhe alles herausbekommen. So konnte sie der Schwester nach und nach ihre Neuigkeiten enthllen und Martha erfuhr nicht nur den Berufswechsel ihres Geliebten, den er jedoch aus Gesundheitsrcksichten vorgenommen habe, sondern auch seine unvernderte treue Verliebtheit. Sie erfuhr ferner, da er sich seines neuen Standes vor ihr schmen zu mssen meine und jedenfalls nicht eher sich wieder zeigen mge, als bis er es zu etwas gebracht und begrndete Aussichten fr die Zukunft habe. Eines Abends war in dem Mdchenstbchen wieder vom Notar die Rede. Meta hatte ihn ber den Schellenknig gelobt, Martha aber sich wie immer sprde verhalten und es vermieden, Farbe zu bekennen. Pa auf, sagte Meta, der macht so schnell voran, da er am Ende noch vor meinem Fritz ans Heiraten kommt. Meinetwegen, ich gnns ihm ja. Und dir aber auch, nicht? Oder tust du's unter einem Notar durchaus nicht? La mich aus dem Spiel! Der Ladidel wird schon wissen, wo er sich eine zu suchen hat. Das wird er, hoff ich. Blo hat man ihn zu sprd empfangen, und jetzt ist er scheu und findet den Weg nimmer recht. Dem wenn man einen Wink gbe, er km auf allen Vieren gelaufen. Kann schon sein. Wohl. Soll ich winken? Willst denn du ihn haben? Du hast doch deinen Bartscherer, mein ich. Meta schwieg nun und lachte in sich hinein. Sie sah wohl, wie ihrer Schwester ihre vorige Schrfe leid tat und sie gar zu gern ihren Alfred auf gute Art wieder zu Handen gekriegt htte. Sie sann auf Wege, den Scheugewordenen wieder herzulocken, und hrte Marthas verheimlichten Seufzern mit einer kleinen Schadenfreude zu. Mittlerweile meldete sich von Schaffhausen her Fritzens alter Meister wieder und lie wissen, er wnsche nun bald sich einen Feierabend zu gnnen. Da frage er an, wie es mit Kleubers Absichten stehe. Zugleich nannte er die Summe, um welche sein Geschft ihm feil sei, und wieviel davon er angezahlt haben msse. Diese Bedingungen waren nun billig und wohlmeinend, jedoch reichten Kleubers Mittel dazu nicht hin, so da er in Sorgen umherging, und diese gute Gelegenheit zum Selbstndigwerden und Heiratenknnen zu versumen frchtete. Und endlich berwand er sich und schrieb ab, und erst dann erzhlte er die ganze Sache Ladideln. Der schalt ihn, da er ihn das nicht habe frher wissen lassen, und machte sogleich den Vorschlag, er wolle die Angelegenheit vor seinen Vater bringen. Wenn der zu gewinnen sei, knnten sie ja das Geschft gemeinsam bernehmen. Der alte Ladidel war berrascht, als die beiden jungen Leute mit ihrem Anliegen zu ihm kamen, und wollte nicht sogleich daran, obwohl die Summe seinen Beutel nicht erschpft htte. Doch hatte er zu Fritz Kleuber, der sich seines Sohnes in einer entscheidenden Stunde so wohl angenommen hatte, ein gutes Vertrauen, auch hatte Alfred von seinem jetzigen Meister ein beraus lobendes Zeugnis mitgebracht. Ihm schien, sein Sohn sei jetzt auf gutem Wege, und er zgerte, ihm nun einen Stein darein zu werfen. Nach einigen Tagen des Hin- und Widerredens entschlo er sich und fuhr selber nach Schaffhausen, um sich alles anzusehen. Der Kauf kam zustande, und die beiden Kompagnone wurden von allen Kollegen beglckwnscht. Kleuber beschlo im Frhjahr Hochzeit zu halten und bat sich Ladidel als ersten Brautfhrer aus. Da war ein Besuch im Hause Weber nicht mehr zu umgehen. Ladidel kam in Fritzens Gesellschaft sehr rot und schmig daher, und konnte vor Herzklopfen kaum die vielen Treppen hinaufkommen. Oben empfing ihn der gewohnte Duft und das gewohnte Halbdunkel, Meta begrte ihn lachend, und die alte Mutter schaute ihn ngstlich und bekmmert an. Hinten in der hellen Stube aber stand Martha ernsthaft und etwas bla in einem dunkeln Kleide, gab ihm auch die Hand und war diesmal kaum minder verwirrt als er selber. Man tauschte Hflichkeiten, fragte nach der Gesundheit, trank aus kleinen altmodischen Kelchglsern einen hellroten sen Stachelbeerwein und besprach dabei die Hochzeit und alles dazu gehrige. Herr Ladidel bat sich die Ehre aus, Frulein Marthas Kavalier sein zu drfen, und wurde eingeladen, sich nun auch wieder fleiig im Hause zu zeigen. Beide sprachen miteinander nur hfliche und unbedeutende Worte, sahen einander aber heimlich an, und jedes fand das andre auf eine nicht auszudrckende, doch reizende Art verndert. Ohne es einander zu sagen, wuten und sprten sie jedes, da auch das andre in dieser Zeit gelitten habe, und beschlossen heimlich, einander nicht wieder ohne Grund weh zu tun. Zugleich merkten sie auch beide mit Verwunderung, da die lange Trennung und das Trotzen sie einander nicht entfremdet, sondern nher gebracht habe, und es wollte ihnen scheinen, nun seien wenig Worte mehr notwendig und die Hauptsache zwischen ihnen in Ordnung. So war es denn auch, und dazu trug nicht wenig bei, da Meta und Fritz die beiden nach schweigendem bereinkommen wie ein versprochenes Paar ansahen. Wenn Ladidel ins Haus kam, was jetzt hufiger als je geschah, so schien es allen selbstverstndlich, da er Marthas wegen komme und vor allem mit ihr zusammen sein wolle. Ladidel half treulich bei den Vorbereitungen zur Hochzeit mit und tat es so eifrig und mit dem Herzen, als glte es seine eigene Heirat. Verschwiegen aber und mit unendlicher Kunst erdachte er sich fr Martha eine herrliche neue Frisur. Einige Tage vor der Hochzeit nun, da es im Hause drber und drunter ging, erschien er eines Tages feierlich, wartete einen Augenblick ab, da er mit Martha still allein war, und erffnete ihr, es liege ihm eine gewagte Bitte an sie auf dem Herzen. Sie ward rot und glaubte alles zu ahnen, und wenn sie den Tag auch nicht gut gewhlt fand, wollte sie doch nichts versumen und gab bescheiden Antwort, er mge nur reden. Ermutigt brachte er dann seine Bitte vor, die auf nichts andres zielte als auf die Erlaubnis, dem Frulein fr den Festtag mit einer neuen von ihm ausgedachten Frisur aufwarten zu drfen. Verwundert willigte Martha ein, da eine Probe gemacht werde. Meta mute helfen, und nun erlebte Ladidel den Augenblick, da sein alter Wunsch in Erfllung ging, und er Marthas lange blonde Haare in den Hnden hielt. Zu Anfang wollte diese zwar haben, da Meta allein sie frisiere und er nur mit Rat beistehe. Doch lie dieses sich nicht durchfhren, sondern bald mute er mit eigener Hand zugreifen und verlie nun den Posten nicht mehr. Als das Haargebude seiner Vollendung nahe war, lie Meta die beiden allein, angeblich nur fr einen Augenblick, doch blieb sie lange aus. Inzwischen war Ladidel mit seiner Kunst fertig geworden. Martha sah sich im Spiegel kniglich verschnt, und er stand hinter ihr, da und dort noch bessernd. Da bermochte ihn die Ergriffenheit, da er dem schnen Mdchen mit leiser Hand liebkosend ber die Schlfe strich. Und da sie sich beklommen umwandte und ihn still mit nassen Augen ansah, geschah es von selbst, da er sich ber sie beugte und sie kte und, von ihr in Trnen festgehalten, vor ihr kniete und als ihr Liebhaber und Brutigam wieder aufstand. Wir mssen es der Mama sagen, war alsdann ihr erstes schmeichelndes Wort, und er stimmte zu, obwohl ihm vor der betrbten alten Witwe ein wenig bange war. Als er jedoch vor ihr stand und Martha an der Hand fhrte und um ihre Hand anhielt, schttelte die alte Frau nur ein wenig den Kopf, sah sie beide ratlos und bekmmert an und hatte nichts dafr und nichts dawider zu sagen. Doch rief sie Meta herbei, und nun umarmten sich die Schwestern, lachten und weinten, bis Meta pltzlich stehen blieb, die Schwester mit beiden Armen von sich schob, sie dann festhielt und begierig ihre Frisur bewunderte. Wahrhaftig, sagte sie zu Ladidel, und gab ihm die Hand, das ist Ihr Meisterstck. Aber gelt, wir sagen jetzt Du zu einander? Am vorbestimmten Tage fand mit Glanz die Hochzeit und zugleich die Verlobungsfeier statt. Darauf reiste Ladidel in Eile nach Schaffhausen, whrend die Kleubers in derselben Richtung ihre Hochzeitsreise antraten. Der alte Meister bergab Ladidel das Geschft, und der fing sofort an, als htte er nie etwas anderes getrieben. In den Tagen bis zu Kleubers Ankunft half der Alte mit, und es war ntig, denn die Ladentre ging fleiig. Ladidel sah bald, da hier sein Weizen blhe, und als Kleuber mit seiner Frau auf dem Dampfschiff von Konstanz her ankam, und er ihn abholte, packte er schon auf dem Heimwege seine Vorschlge zur knftigen Vergrerung des Geschftes aus. Am nchsten Sonntag spazierten die Freunde samt der jungen Frau zum Rheinfall hinaus, der um diese Jahreszeit reichlich Wasser fhrte. Hier saen sie zufrieden unter jungbelaubten Bumen, sahen das weie Wasser strmen und zerstuben und redeten von der vergangenen Zeit. Ja, sagte Ladidel nachdenklich und schaute auf den tobenden Strom hinab, nchste Woche wre mein Examen gewesen. Tut dirs nicht leid? fragte Meta. Ladidel gab keine Antwort. Er schttelte nur den Kopf und lachte. Dann zog er aus der Brusttasche ein kleines Paket, machte es auf und brachte ein halb Dutzend feine kleine Kuchen hervor, von denen er den andern anbot und sich selber nahm. Du fngst gut an, lachte Fritz Kleuber. Meinst du, das Geschft trage schon soviel? Es trgts, nickte Ladidel im Kauen. Es trgts und mu noch mehr tragen. Die Heimkehr Die Gerbersauer wandern im ganzen nicht ungerne und es ist Herkommen, da ein junger Mensch ein Stck Welt und fremde Sitte sieht, ehe er sich selbstndig macht, heiratet und sich fr immer in den Bann der heimischen Gewohnheiten und Regeln begibt. Doch pflegen die meisten schon nach kurzen Wanderzeiten die Vorzge der Heimat einzusehen und wiederzukehren, und es ist eine Raritt, da einer bis in die hheren Mannesjahre oder gar fr immer in der Fremde hngen bleibt. Immerhin kommt es je und je einmal vor und macht den, der es tut, zu einer widerwillig anerkannten, doch vielbesprochenen Berhmtheit in der Heimatstadt. Ein solcher war August Schlotterbeck, der einzige Sohn des Weigerbers Schlotterbeck an der Badwiese. Er ging wie andere junge Leute auf Wanderschaft, und zwar als Kaufmann, denn er war als Knabe schwchlich gewesen und fr die Gerberei untauglich befunden worden. Spter freilich zeigte sich, wie es hufig mit solchen Kindern geht, da die Zartheit und Schwche nur eine Laune der Wachsjahre gewesen und dieser August ein recht krftiger und zher Bursche war. Jedoch hatte er nun schon den Handelsberuf ergriffen und schaute im Schreibstubenrock mit rmelschonern auf die Handwerker zwar duldsam, doch mit einigem Mitleid herab, seinen Vater nicht ausgenommen. Und sei es nun, da der alte Schlotterbeck dadurch an Vaterzrtlichkeit verlor, sei es, da er in Ermangelung weiterer Shne doch einmal darauf verzichten mute, die alte Schlotterbecksche Gerberei der Familie zu erhalten -- kurz, er begann gegen seine alten Tage das Geschft sichtlich zu vernachlssigen und es sich wohl sein zu lassen, als wre keine Nachkommenschaft da, und endete damit, da er nach sorglos verlebtem Alter entschlief und seinem einzigen Sohne das Geschft so verschuldet hinterlie, da August froh sein mute, es um ein Geringes an einen jungen, eben Meister gewordenen Gerber loszuwerden. Vielleicht war dies die Ursache, da August lnger als ntig in der Fremde verblieb, wo es ihm brigens gut erging, und schlielich berhaupt nimmer an die Heimkehr dachte. Als er etwas ber dreiig Jahre alt war und weder zur Begrndung eines eigenen Geschftes noch zu einer Heirat Veranlassung gefunden hatte, erfate ihn spt ein Reisedurst. Er hatte die letzten Jahre bei gutem Gehalt in einer Fabrikstadt der Ostschweiz gearbeitet, nun gab er diese Stellung auf und begab sich nach England, um mehr zu lernen und nicht einzurosten. Obwohl ihm England und die Stadt Glasgow, in der er Arbeit genommen hatte, nicht sonderlich gefiel, geschah es doch, da er dort sich an ein Weltbrgertum und eine unbeschrnkte Freizgigkeit gewhnte und das Zugehrigkeitsgefhl zur Heimat verlor oder auf die ganze Welt ausdehnte. Und da ihn nichts hielt, kam ihm ein Angebot aus Chicago, als Direktor eine groe Fabrik zu leiten, ganz gelegen, und er war bald in Amerika so heimisch oder so wenig heimisch geworden wie an den frheren Orten. Lngst sah ihm niemand mehr den Gerbersauer an, und wenn er einmal Landsleute traf, was alle paar Jahre vorkam, begrte und behandelte er sie nett und hflich wie andere Leute auch, wodurch ihm in der Heimat der Ruf erwuchs, er sei zwar reich und gewaltig, aber auch gar hochmtig und amerikanisch geworden. Als er nach Jahren in Chicago genug gelernt und genug erspart zu haben meinte, folgte er seinem einzigen Freunde, einem Deutschen aus Sdruland, in dessen Heimat und tat dort in Blde eine kleine Fabrik auf, die ihn ernhrte und einen guten Ruf geno. Er heiratete die Tochter seines Freundes und dachte nun fr den Rest seines Lebens unter Dach zu sein. Aber das Weitere ging nicht nach seinem Sinn. Zunchst verdro und bekmmerte es ihn, da er ohne Kinder blieb, worber seine Ehe an Frieden und Genge viel verlor. Dann starb die Frau, was ihm trotz allem weh tat und den rstigen, fast noch jnglinghaften Mann etwas lter und nachdenklicher machte. Nach einigen weiteren Jahren begannen die Geschfte sich zu verschlechtern und infolge von politischen Unruhen am Ende bedenklich zu stocken. Als aber wiederum ein Jahr spter auch noch sein Freund und Schwiegervater starb und ihn ganz allein lie, war es um die wohlerworbene Ruhe und Sehaftigkeit des Mannes geschehen. Er merkte, da doch nicht ein jeder Fleck Erde gleich dem andern ist, wenigstens nicht fr einen, dessen Jugend und Glckszeit sich gegen das Ende neigt. Es geschah, da er die gesicherten politischen Zustnde der Heimat in Gedanken mit dem dortigen Skandal verglich, da er mit Unbehagen an das Altwerden und den Feierabend zu denken kam, da ihm ohne Anla heimische Namen und Worte, Geschichten und sogar Liederverse einfielen. Aus diesen Zeichen schlo August Schlotterbeck, da er trotz seiner guten Gesundheit und obwohl er kaum mehr als fnfzig Jahre hatte, kein junger Mensch mehr sei, und mit dem Bewutsein der unerschtterten Jugendlichkeit ging ihm auch das des Weltbrgertums und der unbedingten Freiheit verloren. Er dachte mehr und mehr daran, wie er sich noch eines zufriedenen Alters versichern mchte, und da die Geschfte wenig Lockung mehr fr ihn hatten, andrerseits der Wandertrieb und die Schwungkraft der frheren Jahre sich verloren hatte, kreiste die Sehnsucht und Hoffnung des alternden Fabrikanten zu seiner eigenen Verwunderung immer enger und begehrlicher um das Heimatland und um das Stdtlein Gerbersau, dessen er in Jahrzehnten nur selten und ohne Rhrung gedacht hatte. Daheim war unterdessen der Auswanderer in einige Vergessenheit gesunken, nachdem vor manchen Jahren sein letztes Lebenszeichen ihm den Ruf groen Edelmutes und Reichtums eingetragen hatte. Es war damals ein Vetter von ihm gestorben und August hatte Anspruch auf einen migen gromtterlichen Erbesanteil, dessen Genu jetzt an ihn fiel. Die Sache war ihm mitgeteilt und er zu einer uerung aufgefordert worden, da hatte er zu Gunsten der Waisen des Verstorbenen Verzicht geleistet. Seither aber hatte er weder den Dankbrief des Vormundes beantwortet noch sonst das Geringste von sich hren lassen. Man wute zwar oder nahm an, er sei noch am Leben, fand sonst aber keinen Stoff zum Bereden an dem Entfernten, den die jetzige junge Generation nicht mehr kannte, und so erlosch, wenigstens auerhalb der engsten Verwandtschaft, sein Andenken mehr und mehr. Er ward vergessen im selben Mae als er selber neuerdings sich in Gedanken wieder der fernen Heimat nherte, und von seinen Jugendgenossen erwartete keiner ihn wiederzusehen. Inzwischen wurden Schlotterbecks Gedanken und Bedenklichkeiten ihm lstig und eines Tages fate er mit der Schnelligkeit und Ruhe seiner frheren Zeiten den Beschlu, die kaum noch rentierende Fabrik aufzugeben und das ihm stets fremd gebliebene Land zu verlassen. Mit entschlossenem Eifer, doch ohne bereilung betrieb er den Verkauf seines Geschftes, dann den des Hauses und endlich des gesamten Hausrats, brachte das ledig gewordene Vermgen vorlufig in sddeutschen Banken unter, brach sein Zelt ab und reiste ber Venedig und Wien nach Deutschland. Mit Behagen trank er an einer Grenzstation das erste bayrische Bier seit vielen Jahren, aber erst als die Namen der Stdte heimatlicher zu tnen begannen und als die Mundart der Mitreisenden immer deutlicher und schneller nach Gerbersau hinwies, ergriff den Weltreisenden eine starke Unruhe, bis er, ber sich selber verwundert, beinahe mit Herzklopfen die Stationen ausrufen hrte und in den Gesichtern der Einsteigenden lauter wohlbekannt und fast verwandtschaftlich anmutende Zge fand. Und endlich fuhr der Zug die letzte steile Strecke in langen Windungen talabwrts, und unten lag zuerst klein und von Windung zu Windung grer und nher und wirklicher das Stdtlein am Flu, zu Fen der Tannenwaldberge. Dem Reisenden lag ein starker Druck auf dem Herzen, wie er alles noch stehen sah wie vor Zeiten, und unversehens fielen ihm lauter Begebenheiten aus der Bubenzeit und aus der Lehrlingszeit ein, die er eigentlich lang vergessen hatte. Das tatschliche Nochvorhandensein dieser ganzen Welt, des Flusses und des Rathaustrmchens, der Gassen und Grten bedrckte ihn mit einer Art von Tadel, da er das alles so lang vernachlssigt und vergessen und aus dem Herzen verloren hatte. Doch dauerte diese ungewhnliche und eigentlich bengstigende Rhrung nicht lange, und am Bahnhofe stieg Herr Schlotterbeck aus und ergriff seine hbsche gelblederne Reisetasche wie ein Mann, der in Geschften unterwegs ist und sich freut, bei der Gelegenheit einen von frher her bekannten Ort einmal wieder zu sehen. Er fand an der Station die Knechte von drei Gasthfen, was ihm einen Eindruck von Fortschritt und Entwickelung machte, und da der eine auf seiner Mtze den Namen des alten Gasthauses zum Schwanen trug, dessen sich Schlotterbeck aus der Vergangenheit her erinnerte, gab er diesem sein Gepck und ging allein zu Fu stadteinwrts. Der gut und einfach, doch ein klein wenig auslndisch gekleidete Fremde zog bei seinem langsamen Dahinschreiten manche Blicke auf sich, ohne darauf zu achten. Er hatte die alte, beobachtungsfrohe Reiselaune wieder gefunden und betrachtete das alte Nest mit Aufmerksamkeit, ohne es mit Begrungen und Fragen und Auftritten des Wiedererkennens eilig zu haben. Zunchst wandelte er durch die etwas vernderte Bahnhofstrae dem Flusse zu, auf dessen grnem Spiegel wie sonst die Gnse schwammen und dem wie ehemals die Huser ihre ungepflegten Rckseiten und winzigen Hintergrtchen zukehrten. Dann schritt er ber den oberen Steg und durch unvernderte, arme enge Gassen der Gegend zu, wo einst die Schlotterbecksche Weigerberei gewesen war. Da suchte er jedoch das hohe Giebelhaus und den groen Grasgarten mit den Lohgruben vergebens. Das Haus war verschwunden und der Garten und Gerberplatz berbaut. Etwas betreten und unwillig wandte er sich ab und weiter, um den Marktplatz zu besuchen, den er im alten Zustande fand, nur schien er kleiner geworden, und auch das stattliche Rathaus war weniger ansehnlich, als er es in der Erinnerung getragen hatte. Dafr war die Kirche erneuert und gediehen, und die Bume davor nicht mehr die von damals, sondern junge, die aber auch schon wieder recht ehrwrdige Wipfel zur Schau trugen. Der Heimgekehrte hatte nun frs erste genug gesehen und fand ohne Mhe den Weg zum Schwanen, wo er ein gutes Essen verlangte und auf die erste Erkennungsszene gefat war. Doch fand er die frhere Wirtsfamilie nicht mehr und ward ganz wie ein willkommener, doch fremder Gast behandelt, was ihm auch lieb war. Jetzt bemerkte er auch erst, da seine Redeweise und Aussprache, die er in allen den Jahren immer fr gut schwbisch und kaum verndert gehalten hatte, hier fremd und sonderbar klang und von der Kellnerin mit einiger Mhe verstanden wurde. Es fiel auch auf, da er beim Essen den Salat zurckwies und neuen verlangte, den er sich selber anmachte, und da er statt der sen Mehlspeise, aus der in Gerbersau jedes Dessert besteht, Eingemachtes verlangte, von dem er dann einen ganzen Topf ausa. Und als er nach Tische sich einen zweiten Stuhl heranzog und die Fe auf ihn legte, um ein wenig zu ruhen, waren Wirtsleute und Mitgste darber heftigst erstaunt. Ein Gast am Nebentisch, den diese fremde Sitte aufregte, stand auf und wischte seinen Stuhl mit dem Sacktuch ab, wobei er sagte: Ich hab ganz vergessen abzuwischen. Wie leicht knnt einer seine dreckigen Stiefel drauf gehabt haben! Man lachte leise, Schlotterbeck drehte aber nur den Kopf hinber und schnell wieder zurck, dann legte er die Hnde zusammen und pflegte der Verdauung. Eine Stunde spter machte er sich auf und streifte nochmals durch die ganze Stadt. Neugierig schaute er durch die Scheiben in manchen Laden und manche Werkstatt, um zu sehen, ob da oder dort etwa noch einer von den ganz Alten, die zu seiner Zeit schon die Alten gewesen waren, brig wre. Von diesen sah er jedoch frs erste einzig einen Lehrer, bei dem er einstmals sein erstes Alphabet auf die Tafel gemalt hatte, auf der Strae vorbergehen. Der Mann mute zumindest hoch in den siebenzig sein und ging alt geworden und wohl schon lange auer Amtes, doch noch deutlich am Schwung der Nase und sogar an den Bewegungen erkennbar, noch leidlich aufrecht und zufrieden einher. Schlotterbeck hatte Lust ihn anzusprechen, doch hielt ihn immer noch eine leise Angst vor dem Sturm der Begrungen und Hndedrcke zurck. Er ging weiter, ohne jemand zu gren, von vielen betrachtet, doch von keinem erkannt, und brachte so diesen ganzen ersten Tag in der Heimat als ein Fremder und Unbekannter zu. Wenn es nun auch an menschlicher Ansprache und Bewillkommnung mangelte, sprach doch die Stadt selber desto deutlicher und eindringlicher zu ihrem heimgekehrten Kinde. Wohl gab es berall Vernderungen und Neues, das Angesicht des Stdtleins aber war nicht lter noch anders geworden und sah den Ankmmling vertraut und mtterlich an, so da es ihm wohl und geborgen zu Mute ward und die Jahrzehnte der Fremde und Reisen und Abenteuer wunderlich zusammengingen und einschmolzen, als wren sie nur ein Abstecher und kleiner Umweg gewesen. Geschfte gemacht und Geld verdient hatte er da und dort, er hatte auch in der Ferne ein Weib genommen und verloren, sich wohl gefhlt und Leid erfahren, allein zugehrig und daheim war er doch nur hier, und whrend er fr einen Fremden galt und sogar als Auslnder betrachtet wurde, kam er sich selber ganz zu Hause und gleichartig mit diesen Leuten, Gassen und Husern vor. Es ging bei diesen Betrachtungen nicht ohne eine kleine Wehmut ab; denn statt nun hier Haus und Arbeit, Familie und Nachkommen zu haben, hatte er seine guten Jahre in der Ferne verbraucht und weder eine neue Heimat erworben, noch sich in der alten befestigt und angewurzelt. Doch lie er solche Gefhle nicht Meister werden, hrte ihnen nur mit halber Billigung zu und war im ganzen doch der Meinung, es sei nicht zu spt, da er heimkomme, und er habe noch ein hinreichendes Stck Leben zugute, um noch einmal ein Gerbersauer zu werden und haltbare Wurzeln am alten Ort zu schlagen. Die Neuerungen in der Stadt gefielen ihm nicht bel. Er fand, es sei auch hier Arbeit und Bedrfnis gewachsen, wenn auch mit Ma, und sowohl die Gasanstalt wie das neue Volksschulhaus fand seine Billigung. Die Bevlkerung schien ihm, der dafr in der Welt ein Auge bekommen hatte, recht wohlerhalten, ob auch nicht mehr so ungemischt einheimisch wie vor Zeiten, da die Enkel von Zugewanderten noch durchaus fr Fremde gegolten hatten. Die ansehnlicheren Geschfte schienen alle noch in den Hnden von ortsbrtigen Leuten zu sein, der Zuwachs aus Eindringlingen war nur unter der Arbeiterschaft deutlich zu spren. Es mute also das brgerliche Leben von einstmals noch wohlerhalten fortbestehen, und es war zu hoffen, da ein Heimkommender auch nach langer Abwesenheit sich bald zurechtfinden und wieder heimisch machen knne. Kurz, dem einsam und beschftigungslos gewordenen Manne kam die Heimat, die er sich nicht in den Zeiten der Fremde durch Heimweh und Erinnerungslust unntz verklrt hatte, nun lieblich vor und atmete einen friedvoll wohligen Zauber, dem der im Gefhlswesen Unverdorbene und Ungebte nicht widerstand. Als er zeitig am Abend in das Gasthaus zurckkehrte, war er in guter Stimmung und bereute nicht, diese Reise getan zu haben. Er nahm sich vor, zunchst einige Zeit hier zu bleiben und abzuwarten, und wenn dann die Befriedigung anhielte, sich am Ort niederzulassen. Es liee sich dann, dachte er, selbstndig oder im Anschlu an eine der Gerbersauer Fabriken mit der Zeit eine neue, erfreuliche Ttigkeit beginnen. Denn er glaubte doch schon jetzt zu spren, da ein beschauliches Rentenverzehren und Spazierengehen nicht seine Sache sein werde. Das Bewutsein, in der alten heimischen Stadt zu sein und doch von keinem einzigen Menschen erkannt und begrt zu werden, tat ihm gar nicht weh, wenn es auch wunderlich war, so wie in einer Maske zwischen lauter Schulfreunden, Jugendgenossen und Verwandten einherzugehen. Er geno es mit schlauer Freude und mit dem Hintergedanken, da er jetzt immer noch ohne alles Aufheben wieder verschwinden knnte, wenn es ihm einfiele. Dazu wute er genau, da das Begren und Anstaunen und Ausfragen gar reichlich auf ihn warte; denn er kannte die hiesige Art noch wohl genug, um sich das alles recht gut vorausdenken zu knnen. Er hatte es damit nicht eilig, da ja nach einer so langen Zeit auch von den ehemaligen Freunden mehr Neugierde und freundliche berraschung als Freundschaft und Teilnahme zu erwarten war. Das behaglich erwartungsvolle Inkognito des alten Weltfahrers nahm denn auch bald sein Ende. Nach dem Abendessen brachte der Schwanenwirt seinem Gaste das Logierbuch und ersuchte ihn hflich, die Rubriken unter Nummer soundso auszufllen. Er tat es weniger, weil es unbedingt notwendig war, als weil er selber es satt hatte, sich ber Herkunft und Rang des Fremdlings den Kopf zu zerbrechen. Und der Gast nahm das dicke Buch, las eine Weile die Namen vormaliger Gste durch, nahm dann dem wartenden Wirte die eingetauchte Feder aus der Hand und schrieb mit krftigen, deutlichen Buchstaben, alle Fchlein gewissenhaft ausfllend. Der Wirt sagte Dank, streute Sand auf und entfernte sich mit dem Folianten wie mit einer Beute, um vor der Tre sofort seine Neugierde zu stillen. Er las: Schlotterbeck, August -- aus Ruland -- auf Geschftsreisen. Und wenn er auch die Herkunft und Geschichte des Mannes nicht kannte, so schien der Name Schlotterbeck doch auf einen Gerbersauer hinzudeuten. In die Gaststube zurckkehrend, fing der Wirt mit dem Fremden ein vorsichtiges und respektvolles Gesprch an. Er begann mit dem Gedeihen und Wachstum der hiesigen Stadt, kam auf Straenverbesserungen und neue Eisenbahnanschlsse zu sprechen, berhrte die Stadtpolitik, uerte sich ber die letztjhrige Dividende der Wollspinnerei-Aktiengesellschaft und schlo nach einem Viertelstndchen mit der harmlosen Frage, ob der Herr nicht Verwandte am Orte habe. Darauf antwortete Schlotterbeck gelassen, ja, er habe Verwandte hier und gedenke etwa noch bei ihnen vorzusprechen, fragte aber nach keinem und zeigte so wenig Neugier, da das Gesprch bald versiegend dahinschwankte und in sich selbst versank, und der Wirt mit Hflichkeit sich zurckziehen mute. Der Gast trank einen guten Wein mit Ma und Genu, las unberhrt von den Gesprchen des Nachbartisches eine Zeitung und suchte frh seine Schlafstube auf. Inzwischen taten der Eintrag ins Fremdenbuch und die Unterhaltung mit dem Schwanenwirt in aller Stille ihre Wirkung, und whrend August Schlotterbeck ahnungslos und zufrieden in dem guten, auf heimische Art geschichteten Wirtsbette den ersten Schlaf und Traum im Vaterlande tat, machte sein Name und das Gercht von seiner Ankunft manche Leute munter und gesprchig und einen sogar schlaflos. Dieser war Augusts leiblicher Vetter und nchster Verwandter, der Kaufmann Lukas Pfrommer an der Spitalgasse. Eigentlich war er Buchbinder und hatte frher als Handwerksbursche ein paar Jahre lang in deutschen Landen das Handwerk gegrt, alsdann in Gerbersau eine bescheidene Werksttte erffnet und lange Zeit den Schulkindern ihre ruinierten Fibeln wieder geflickt und der Frau Amtsrichter halbjhrlich die Gartenlaube eingebunden, auch Schreibhefte hergestellt und Haussegen eingerahmt, vom Untergang bedrohte Holzschnitte durch Hinterkleben und Aufziehen der Welt erhalten und den Kanzleien graue und grne Aktendeckel, Mappen und Kartonbnde geliefert. Dabei hatte er unmerklich etwas erspart und hinter sich gebracht, jedenfalls keine Sorgen gehabt. Alsdann hatten die Zeiten sich verndert, die kleinen Handwerker hatten fast alle irgend ein Schaufenster und Ladengeschft angefangen, die greren waren Fabrikanten geworden. Da hatte auch Pfrommer die Vorderwand seines Husleins durchschlagen und ein Schaufenster eingesetzt, sein Erspartes von der Bank genommen und einen Papier- und Galanteriewarenladen erffnet, wo seine Frau den Verkauf betrieb und Haushalt und Kinder drber zu kurz kommen lie, indessen der Mann weiter in seiner Werkstatt schaffte. Doch war der Laden jetzt die Hauptsache, wenigstens vor den Leuten, und wenn er nicht mehr einbrachte, als das Handwerk, so kostete er doch mehr und machte mehr Sorgen. So war Pfrommer Kaufmann geworden. Mit der Zeit gewhnte er sich an diese geachtete und stattlichere Stellung, zeigte sich in den Straen nimmer in der grnen Schrze, sondern stets im guten Rock, lernte mit Kredit und Hypotheken arbeiten und konnte sich zwar in Ehren halten, hatte die Ehre aber weit teurer als frher. Die Vorrte an unverkuflich gewordenen Neujahrskarten, Bildchen, Albumen, an abgelegenen Zigarren und im Schaufenster verbleichtem Trdelkram wuchsen langsam, doch sicher und kamen ihm nicht selten im Traume vor. Und seine Frau, eine geborene Pfisterer aus der oberen Vorstadt, die frher ein lustiges und erfreuliches Weibchen gewesen war, verwandelte sich durch das Empfehlen und Schntun im Laden sowie spter durch die Sorgen und Rechenknste allmhlich in eine unruhige Sorgerin, der das sehaft gewordene se Ladenlcheln gar nimmer in das altgewordene Gesicht pate. Es war keine Not im Hause, und Herr Pfrommer galt in seiner Heimat fr einen ansehnlichen Vertreter des guten Brgerstandes, aber ihm selber war es in den bescheidenen Handwerkszeiten, in die er doch jetzt nimmer zurckgekehrt wre, bedeutend wohler gewesen und besser gegangen als in der neuen Pracht. Dieser Mann, Schlotterbecks Vetter, hatte gestern Abend gegen neun Uhr, als er mit der Zeitung bei der Lampe sa, zu seiner groen berraschung einen Besuch des Schwanenwirtes erhalten. Er hatte ihn erstaunt empfangen, jener aber hatte nicht Platz nehmen wollen, sondern erklrt, er msse sofort zu seinen Gsten zurck, unter denen er brigens den Herrn Pfrommer in letzter Zeit leider nur selten habe sehen drfen. Aber er sei der Meinung, unter Mitbrgern und Nachbarn sei ein kleiner Liebesdienst selbstverstndlich und Ehrensache, darum wolle er ihm in allem Vertrauen mitteilen, da bei ihm seit heute ein fremder Herr logiere, mit wohlhabenden Manieren, der sich Schlotterbeck schreibe und aus Ruland zu kommen vorgebe. Da war Lukas Pfrommer aufgesprungen und hatte wie bei einem Hausbrand der Frau gerufen, die schon im Bette war, nach Stiefeln, Stock und Sonntagshut gekeucht und sich sogar in aller Eile noch die Hnde gewaschen, um dann im Laufschritt hinter dem Wirte her in den Schwanen zu eilen. Dort hatte er aber den russischen Vetter nicht mehr im Gastzimmer angetroffen, und ihn in der Schlafstube aufzusuchen wagte er doch nicht, denn er mute sich sagen, wenn der Vetter extra seinetwegen die groe Reise getan htte, so htte er ihn wohl schon bei sich gesehen. So trank er denn erregt und halb enttuscht einen halben Liter Heilbronner zu sechzig, um dem Wirte eine Ehre anzutun, lauschte auf die Unterhaltung einiger Stammgste und htete sich, etwas von dem eigentlichen Zwecke seines Hierseins zu verraten. Am Morgen war Schlotterbeck kaum in den Kleidern und zum Kaffee heruntergekommen, als ein lterer Mann von kleinem Wuchs, der offenbar schon eine gute Weile bei seinem Glschen Kirschengeist gewartet hatte, sich seinem Tische in Befangenheit nherte und ihn mit einem recht schchternen Kompliment begrte. Schlotterbeck sagte guten Morgen und fuhr fort, sein Butterbrot mit herrlichem Honig zu bestreichen; der Besucher aber blieb stehen, sah ein wenig zu und rusperte sich wie ein Redner, ohne doch etwas Deutsches herauszubringen. Erst als ihn der Fremde fragend anblickte, entschlo er sich, mit einem zweiten Kompliment an den Tisch heranzutreten und mit seinen Erffnungen zu beginnen. Mein Name ist Lukas Pfrommer, sagte er und schaute den Rulnder erwartungsvoll an. So, sagte dieser, ohne sich aufzuregen. Sind Sie Buchbinder, wenn ich fragen darf? Ja, Kaufmann und Buchbinder, an der Spitalgasse. Sind Sie -- -- Schlotterbeck sah ein, da er jetzt preisgegeben sei, und suchte nicht lnger hinterm Berg zu halten. Dann bist du mein Vetter, sagte er einfach. Hast du schon gefrhstckt? Also doch! rief Pfrommer triumphierend. Ich htte dich kaum mehr gekannt. Er streckte mit pltzlicher Freudigkeit dem Vetter die Hand entgegen und konnte erst nach manchen Gebrden und Armbewegungen der Ergriffenheit am Tische Platz nehmen. Ja du lieber Gott, rief er bewegt, wer htt' es gedacht, da wir dich einmal wiedersehen wrden. Aus Ruland! Ist es eine Geschftsreise? Ja, nimmst du eine Zigarre? Was hat dich eigentlich hergefhrt? Ach, den Buchbinder hatte vieles hergefhrt, wovon er jedoch vorerst schwieg. Er habe ein Gercht gehrt, der Vetter sei wieder im Land, und da habe er keine Ruhe mehr gehabt. Gott sei Dank, nun habe er ihn gesehen und begrt; es htte ihm sein Leben lang leid getan, wenn ihm jemand zuvorgekommen wre. Der Vetter sei doch wohl? Und was denn die liebe Familie mache? Danke. Meine Frau ist vor vier Jahren gestorben. Entsetzt fuhr Pfrommer zurck. Nein, ist's mglich? rief er mit tiefem Schmerz. Und wir haben gar nichts gewut und haben nicht einmal kondolieren knnen! Meine herzliche Teilnahme, Vetter! La nur, es ist ja schon lang her. Und wie geht's bei dir? Du bist Kaufmann geworden? Ein bichen. Man sucht sich eben ber Wasser zu halten und womglich was fr die Kinder auf die Seite zu tun. Ich fhre auch recht gute Zigarren. -- Und du? Was macht die Fabrik? Die hab' ich aufgegeben. Im Ernst? Ja warum denn? Die Geschfte sind nimmer gegangen. Wir haben Hungersnot und Aufstnde gehabt. Ja, das Ruland! Ich hab' mich immer ein bichen gewundert, da du gerade in Ruland ein Geschft angefangen hast. Schon dieser Despotismus, und dann die Nihilisten, und die Beamtenwirtschaft mu ja arg sein. Ich habe mich immer ein bichen auf dem Laufenden gehalten, du begreifst, wenn ich doch einen Verwandten dort wute. Der Pobjedonoszeff -- -- Ja, der lebt auch noch. Aber verzeih', von Politik verstehst du sicher mehr als ich. Ich? Ich bin gar kein Politiker. Man liest ja so ein bichen im Blatt, aber -- -- Nun, und was machst du denn jetzt fr Geschfte? Hast du viel verloren? Ja, tchtig. Das sagt er so ruhig! Mein Beileid, Vetter! Wir haben hier ja keine Ahnung gehabt. Schlotterbeck lchelte ein wenig. Ja, sagte er nachdenklich, ich dachte damals in der schlimmsten Zeit daran, mich vielleicht an euch hier zu wenden. Nun, es ist schlielich auch so gegangen. Es wre auch dumm gewesen. Wer wird einem so entfernten Verwandten, den man kaum mehr kennt, noch Geld in die Pleite nachwerfen. Ja du mein Gott, -- Pleite, sagst du? Nun ja, es htte so kommen knnen. Wie gesagt, ich fand dann anderwrts Hilfe ... Das war wirklich nicht recht von dir! Sieh, wir sind ja arme Teufel und brauchen unser bichen ntig genug; aber da wir dich gerade htten stecken lassen, nein, es ist nicht recht von dir, da du das hast meinen knnen. Na, trste dich, es ist ja besser so. Wie geht's denn deiner Frau? Danke, gut. Ich Esel, fast htte ich's in der Freude vergessen, ich soll dich ja zum Mittagessen einladen. Du kommst doch? Gut. Danke schn. Ich hab' unterwegs eine Kleinigkeit fr die Kinder eingekauft, das knntest du gerade mit nehmen und deine Frau einstweilen von mir gren. Damit wurde er ihn los. Der Buchbinder zog erfreut mit einem Paketchen nach Hause, und da der Inhalt sich als recht nobel erwies, nahm seine Meinung von des Vetters Geschften wieder einen Aufschwung. Dieser war indessen froh, den gesprchigen Mann fr eine Weile vom Hals zu haben, und begab sich aufs Rathaus, um seinen Pa vorzulegen und sich zu einem hiesigen Aufenthalt fr unbestimmte Zeit anzumelden. Es htte dieser Anmeldung nicht bedurft, um Schlotterbecks Heimkehr in der Stadt bekannt zu machen. Dies geschah ohne sein Bemhen durch eine geheimnisvolle drahtlose Telegraphie, so da er jetzt auf Schritt und Tritt angerufen, begrt oder zumindest angeschaut und durch Lftung der Hte bewillkommnet wurde. Man wute schon gar viel von ihm, namentlich aber nahm sein Barvermgen in der Leute Mund schnell einen frstlichen Umfang an. Einige verwechselten beim Weiterberichten in der Eile Chicago mit San Franzisko und Ruland mit der Trkei, nur das mit unbekannten Geschften erworbene Vermgen blieb ein fester Glaubenssatz, und in den nchsten Tagen wimmelte es in Gerbersau von Lesarten, die zwischen einer halben und zehn Millionen und zwischen den Erwerbsarten vom Kriegslieferanten bis zum Sklavenhndler je nach Temperament und Phantasie der Erzhler auf und nieder spielten. Man erinnerte sich des lngstverstorbenen alten Weigerbers Schlotterbeck und der Jugendgeschichte seines Sohnes, es fanden sich solche, die ihn als Lehrling und als Schulbuben und als Konfirmanden noch im Gedchtnis hatten, und eine verstorbene Fabrikantenfrau wurde zu seiner unglcklichen Jugendliebe ernannt. Er selber bekam, da es ihn nicht interessierte, wenig von diesen Historien zu hren. An jenem Tage, da er bei seinem Vetter zu Tisch geladen war, hatte ihn vor dessen Frau und Kindern ein unberwindliches Grauen erfat, so bel maskiert war ihm die Spekulation auf den Erbvetter entgegengetreten. Er hatte um des Friedens willen dem Verwandten, der viel zu klagen gewut hatte, ein miges Darlehn gewhrt, zugleich aber war er sehr khl und wortkarg geworden und hatte sich fr weitere Einladungen einstweilen im voraus freundlich bedankt. Die Frau war enttuscht und gekrnkt, doch ward im Hause Pfrommer von dem Vetter vor Zeugen nur ehrerbietig geredet. Dieser blieb noch ein paar Tage im Schwanen wohnen. Dann fand er ein Quartier, das ihm zusagte. Es war oberhalb der Stadt gegen die Wlder hin eine neue Strae entstanden, vorerst nur fr den Bedarf einiger Steinbrche, die weiter oben lagen. Doch hatte ein Baumeister, der in dieser etwas beschwerlich zu erreichenden, doch wunderschnen Lage knftige Geschfte witterte, auf dem noch fr wenige Kreuzer kuflichen Boden am Beginn des neuen Weges einstweilen drei hbsche kleine Huschen gebaut, wei verputzt mit braunem Geblk. Man schaute von hier aus hoch auf die Altstadt hinab und konnte sehen und hren, was da unten getrieben wurde, weiterhin sah man talabwrts den Flu durch die Wiesen laufen und gegenber die roten Felsenhhen hngen, und rckwrts hatte man in nchster Nhe den Tannenwald. Von den drei hbschen Spekulantenhuslein stand eines fertig, doch leer, eines hatte schon vor drei Jahren ein pensionierter Gerichtsvollzieher gekauft, und das dritte war noch im Bau. Da dieser aber der Vollendung entgegenrckte und nur noch wenige Handwerker darin zu tun hatten, ging es hier oben recht still und friedevoll zu. Denn auch der Gerichtsvollzieher, brigens ein friedfertiger und geduldiger Mann, war schon nicht mehr da. Er hatte das unttige Leben nicht ertragen und war einem alten Leiden, das er bis dahin manche Jahrzehnte lang mit Arbeit und Humor berwunden hatte, nach kurzer Zeit erlegen. In dem Huschen sa nun ganz allein mit einer ltlichen Schwgerin die Witwe des Gerichtsvollziehers, ein recht frisches und sauberes Frauchen, von welcher noch zu reden sein wird. In dem mittleren Hause, das je hundert Schritt von dem Witwensitz und dem Neubau entfernt lag, richtete nun Schlotterbeck sich ein. Er mietete den unteren Stock, der drei Zimmer und eine Kche enthielt, und da er keine Lust hatte, seine Mahlzeiten hier oben in vlliger Einsamkeit einzunehmen, kaufte und mietete er nur Bett, Tische, Sthle, Kanapee, lie die Kche leer und dingte zur tglichen Aufwartung eine Frau, die zweimal des Tages kam. Den Kaffee kochte er sich am Morgen, wie frher in langen Junggesellenjahren, selber auf Weingeist, mittags und abends a er in der Stadt. Die kleine Einrichtung gab ihm eine Weile angenehm zu tun, auch trafen nun seine Koffer aus Ruland ein, deren Inhalt die leeren Wandschrnke fllte. Tglich erhielt und las er einige Zeitungen, darunter zwei auslndische, auch ein lebhafter Briefwechsel kam in Gang und dazwischen machte er da und dort in der Stadt seine Besuche, teils bei Verwandten und alten Bekannten, teils bei den Geschftsleuten, namentlich in den Fabriken. Denn er suchte ohne Hast, doch aufmerksam nach einer bequemen und vorteilhaften Gelegenheit, sich mit Geld und Arbeit an einem gewerblichen Unternehmen zu beteiligen. Dabei trat er allmhlich auch zu der brgerlichen Gesellschaft seiner Vaterstadt wieder in einige Beziehung. Er wurde da und dort eingeladen, auch zu den geselligen Vereinen und an die Stammtische der Honoratioren. Freundlich und mit den Manieren eines gereisten Mannes von Vermgen nahm er da und dort teil, ohne sich fest zu verpflichten, aber auch ohne zu wissen, wie viel Kritik hinter seinem Rcken an ihm gebt wurde. August Schlotterbeck war trotz seines offenen Blickes in einer Tuschung ber sich selbst befangen. Er meinte zwar ein klein wenig ber seinen Landsleuten zu stehen, lebte aber doch in dem Gefhl, ein Gerbersauer zu sein und in allem Wesentlichen recht wieder an den alten Ort zu passen. Und das stimmte nun nicht so ganz. Er wute nicht, wie sehr er in der Sprache und Lebensweise, in Gedanken und Gewohnheiten von seinen Mitbrgern abstach. Diese empfanden das desto besser, und wenn auch Schlotterbecks guter Ruf im Schatten seines Geldbeutels eine schne Sicherheit geno, wurde doch im einzelnen gar viel ber ihn gesprochen, was er nicht gern gehrt htte. Manches, was er ahnungslos in alter Gewohnheit tat, erregte hier Kritik und Mifallen, man fand seine Sprache zu frei, seine Ausdrcke zu fremd, seine Anschauungen amerikanisch und sein ungezwungenes Benehmen mit jedermann anspruchsvoll und unfein. Er sprach mit seiner Aufwrterin wenig anders als mit dem Stadtschultheien, er lie sich zu Tisch laden, ohne innerhalb sieben Tagen eine Verdauungsvisite abzustatten, er machte zwar im Mnnerkreis kein Zotenflstern mit, sagte aber Dinge, die ihm natrlich und von Gott gewollt schienen, auch in Familien in Gegenwart der Damen harmlos heraus. Namentlich in den Beamtenkreisen, die in der Stadt wie billig zuoberst standen und den feinen Ton angaben, in der Sphre zwischen Oberamtmann und Oberpostmeister, machte er keine Eroberungen. Diese kleine, ngstlich geschonte und behtete Welt amtlicher Machthaber und ihrer Frauen, voll von gegenseitiger Hochachtung und Rcksicht, wo jeder des anderen Verhltnisse bis auf den letzten Faden kennt und jeder in einem Glashause sitzt, hatte an dem heimgekehrten Weltfahrer keine Freude, um so mehr da sie von seinem sagenhaften Reichtum doch keinen Vorteil zu ziehen hoffen konnte. Und in Amerika hatte Schlotterbeck sich angewhnt, Beamte einfach fr Angestellte zu halten, die wie andere Leute fr Geld ihre Arbeit tun, whrend er sie in Ruland als eine schlimme, gefrchtete Kaste kennen gelernt hatte, bei der nur Geld etwas vermochte. Da war es schwer fr ihn, dem niemand Anweisungen gab, die Heiligkeit der Titel und die ganze zarte Wrde dieses Kreises richtig zu begreifen, am rechten Ort Ehrfurcht zu zeigen, Obersekretre nicht mit Untersekretren zu verwechseln und im geselligen Verkehr berall den rechten Ton zu treffen. Als Fremder kannte er auch die verwickelten Familiengeschichten nicht und es konnte gelegentlich ohne seine Schuld passieren, da er im Hause des Gehenkten vom Strick redete. Da sammelten sich denn unter der Decke unverwstlicher Hflichkeit und verbindlichsten Lchelns die kleinen Posten seiner Verfehlungen zu suberlich gebuchten und kontrollierten Smmchen an, von denen er keine Ahnung hatte, und wer konnte, sah mit Schadenfreude zu. Auch andere Harmlosigkeiten, die Schlotterbeck mit dem besten Gewissen beging, wurden ihm belgenommen. Er konnte jemand, dessen Stiefel ihm gefielen, ohne lange Einleitungen nach ihrem Preise fragen. Und eine Advokatenfrau, die zu ihrem Kummer unbekannte Snden der Vorfahren dadurch ben mute, da ihr von Geburt an der linke Zeigefinger fehlte, und dies unverschuldete Gebrechen mit Kunst und Eifer zu verbergen suchte, wurde von ihm mit aufrichtigem Mitleid gefragt, wann und wo sie denn ihres Fingers verlustig geworden sei. Der Mann, der Jahrzehnte in mancherlei Lndern sich seiner Haut gewehrt und seine Geschfte getrieben hatte, konnte nicht wissen, da man einen Amtsrichter nicht fragen darf, was seine Hosen kosten. Er hatte wohl gelernt, im Gesprch mit jedermann hflich und vorsichtig zu sein, er wute, da manche Vlker kein Schweinefleisch oder keine Taube verzehren, da man zwischen Russen, Armeniern und Trken es vermeidet, sich zu einer allein wahren Religion zu bekennen; aber da mitten in Europa es groe Gesellschaftskreise und Stnde gab, in welchen es fr roh gilt, von Leben und Tod, Essen und Trinken, Geld und Gesundheit freiweg zu reden, das war diesem entarteten Gerbersauer unbekannt geblieben. Da man Gift streuen und Fallen legen nach Belieben, aber von niemand geradezu sagen darf, man knne ihn nicht ausstehen, das war nebst mancher andern goldenen Regel ihm weder in Amerika noch in Ruland beigebracht worden. Auch konnte es ihm im Grunde einerlei sein, ob man mit ihm zufrieden sei, da er wenig Ansprche an die Menschen machte, viel weniger als sie an ihn. Er ward zu allerlei guten Zwecken um Beitrge angegangen und gab sie jeweils nach seinem Ermessen. Man dankte dafr hflichst und kam bald mit neuen Anliegen wieder, doch war man auch hier nur halb zufrieden und hatte Gold und Banknoten erwartet, wo er Silber und Nickel gab. Zum Glck erfuhr er von diesen Verurteilungen nichts und lebte eine gute Zeit im frhlichen Glauben dahin, ein einwandfreier Brger und wohlgelittener, wenn nicht gar beliebter Mann zu sein. Bei jedem Gange in die Stadt hinab, also tglich mehrere Male, kam Herr Schlotterbeck an dem netten kleinen Hause der Frau Entri vorbei, der Witwe des Gerichtsvollziehers, die hier in Gesellschaft einer schweigsamen und etwas blden Schwgerin ein sehr stilles Leben fhrte. Diese noch wohlerhaltene und dem Leben nicht abgestorbene Witwe htte im Genu ihrer Freiheit und eines kleinen Vermgens ganz angenehme und unterhaltsame Tage haben knnen. Es hinderte sie daran aber sowohl ihr eigener Charakter wie auch der Ruf, den sie sich im Lauf ihrer Gerbersauer Jahre erworben hatte. Sie stammte aus dem Badischen, und man hatte sie einst, schon aus Rcksicht fr ihren in der Stadt wohlbeliebten Mann, freundlich und erwartungsvoll aufgenommen. Doch hatte mit der Zeit sich ein abflliger Leumund ber sie gebildet, dessen eigentliche Wurzel ihre bertriebene Sparsamkeit war. Daraus machte das Gerede einen giftigen Geiz, und da man einmal kein Gefallen an der Frau gefunden hatte, hngte sich beim Plaudern eins ans andere und sie wurde nicht nur als ein Geizkragen und eine Pfennigklauberin, sondern auch als Hausdrache verrufen. Der Gerichtsvollzieher selber war nun nicht der Mann, der ber die eigene Frau schlecht gesprochen htte, aber immerhin blieb es nicht verborgen, da der heitere und gesellige Mann seine Freude und Erholung weniger daheim bei der Frau als im Rle oder Schwanen bei abendlichen Biersitzungen suchte. Nicht da er ein Trinker geworden wre, Trinker gab es in Gerbersau unter der angesehenen Brgerschaft berhaupt nicht. Aber doch gewhnte er sich daran, einen Teil seiner Muezeit im Wirtshaus hinzubringen und auch tagsber zwischenein gelegentlich einen Schoppen zu nehmen. Trotz seiner schlechten Gesundheit setzte er dieses Leben so lange fort, bis ihm vom Arzt und auch von der Behrde nahegelegt ward, sein anstrengendes Amt aufzugeben und im Ruhestand seiner bedrftigen Gesundheit zu leben. Doch war es nach seiner Pensionierung eher schlimmer gegangen, und jetzt war alles darber einig, da die Frau ihm das Haus verleidet und von Anfang an den Untergang des braven Mannes verschuldet habe. Als er dann starb, ergo sich der allgemeine Unwille ber die Witwe. Sie blieb allein mit der Schwgerin sitzen und fand weder Frauentrost noch mnnliche Beschtzer, obwohl auer dem schuldenfreien Haus auch noch einiges Vermgen vorhanden war. Die unbeliebte Witwe schien jedoch unter der Einsamkeit nicht unertrglich zu leiden. Sie hielt Haus und Hausrat, Bankbchlein und Garten in bester Ordnung und hatte damit genug zu tun, denn die Schwgerin litt an einer leisen Verdunkelung des Verstandes und tat nichts anderes als zuschauen und sich die stillen Tage mit Murmeln, Reiben der Nase und hufigerem Betrachten eines alten Bilderalbums vertreiben. Die Gerbersauer, damit das Gerede ber die Frau auch nach des Mannes Tode nicht aufhre, hatten sich ausgedacht, sie halte das arme Wesen zu kurz, ja in furchtbarer Gefangenschaft. Es hie, die Gemtskranke leide Hunger, werde zu schwerer Arbeit angehalten, schlafe in einem nie gereinigten und gelfteten Verschlag, Hitze und Klte ausgesetzt, und werde das alles sicherlich nimmer lange aushalten, was ja auch im Interesse der Entri liege und ihre Absicht sei. Da diese Gerchte immer offener hervortraten, mute schlielich von Amts wegen etwas getan werden, und eines Tages erschien im Haus der erstaunten Frau der Stadtschulthei mit dem Oberamtsarzt, sagte ernstlich mahnende Worte ber die Verantwortung, verlangte zu sehen, wie die Kranke wohne und schlafe, was sie arbeite und esse, und schlo mit der Drohung, wenn nicht alles einwandfrei befunden werde, msse die Gestrte in einem staatlichen Krankenhause versorgt werden, natrlich auf Kosten der Frau Entri. Diese verhielt sich khl und gab zur Antwort, man mge nur alles untersuchen. Ihre Schwgerin sei harmlos und ungefhrlich, wenn in der Stadt der Bldsinn berhand nehme, msse er aus einer andern Quelle kommen, und wenn man die Kranke anderwrts versorgen wolle, knne es ihr nur lieb sein, es msse das aber auf Kosten der Stadt geschehen und sie zweifle, ob das arme Geschpf es dann besser haben werde als bei ihr. Die Untersuchung ergab, da die Kranke keinerlei Mangel litt, anstndig und reinlich gekleidet war und bei der wohlwollenden Frage, ob sie etwa gern anderswo leben mchte, wo sie es sehr gut haben werde, furchtbar erschrak und flehentlich sich an ihrer Schwgerin festhielt. Der Arzt fand sie durchaus wohlgenhrt und ohne alle Spuren harter Arbeit, und er ging samt dem Stadtschulthei verlegen wieder fort. Was nun den Geiz der Frau Entri betrifft, so kann man darber verschieden urteilen. Es ist gar leicht, Charakter und Lebensfhrung einer schutzlosen Frau zu tadeln. Da sie sparsam war, steht fest. Sie hatte nicht nur vor dem Gelde, sondern vor jeder Habe und jedem noch so kleinen Werte eine tiefe Hochachtung, so da es ihr bitter schwer fiel, etwas auszugeben, und unmglich war, etwas wegzuwerfen oder umkommen zu lassen. Von dem Gelde, das ihr Mann seinerzeit in die Wirtshuser getragen hatte, tat ihr ein jeder Kreuzer heute noch leid wie ein unshnbares Unrecht, und es mag wohl sein, da darber die Eintracht ihrer Ehe entzweigegangen war. Desto eifriger hatte sie, was der Mann so leichtsinnig vertat, durch genaue Rechnung im Hause und durch fleiige Arbeit einigermaen einzubringen gesucht. Und nun, da er gestorben und damit das schreckliche Loch im Beutel geschlossen war, da kein Taler und kein Pfennig mehr unntz aus dem Hause ging und ein Teil der Zinsen jhrlich zum Kapital geschlagen werden konnte, erlebte die gute Haushalterin ein sptes, ruhiges Glck, ja Behagen. Nicht da sie sich irgendetwas ber das Notwendige gegnnt htte, sie sparte eher mehr als frher, aber das Bewutsein, da es Frchte trug und sich langsam summierte, verlieh ihrem Wesen eine stille Zufriedenheit, die sie nimmer aufs Spiel zu setzen entschlossen war. Eine ganz besondere Freude und Genugtuung empfand Frau Entri, wenn sie irgend etwas Wertloses zu Wert bringen, etwas finden oder erobern konnte, etwas Weggeworfenes doch noch brauchen und etwas Verachtetes verwerten. Diese Leidenschaft war keineswegs nur auf den baren Nutzen gerichtet, sondern hier verlie ihr Denken und Begehren den engen Kreis des Notwendigen und erhob sich in das Gebiet des sthetischen. Die Frau Gerichtsvollzieher war dem Schnen und dem Luxus nicht abgeneigt, sie mochte es auch gerne hbsch und wohlig haben, nur durfte das niemals einen Pfennig bares Geld kosten. So war ihre Kleidung uerst bescheiden, aber sauber und nett, und seit sie mit dem Huslein auch ein kleines Stck Boden besa, hatte ihr Bedrfnis nach Schnem und Erfreulichem ein lohnendes Ziel gefunden. Sie wurde eine eifrige Grtnerin. Wenn August Schlotterbeck am Zaun seiner Nachbarin vorberschritt, schaute er jedesmal mit Freude und einem leisen Neid in die kleine bescheidene Gartenpracht der stillen Witwe. Nett bestellte Gemsebeete waren appetitlich von Rabatten mit Schnittlauch und Erdbeeren, aber auch mit Blumen eingefat, und Rosen, Levkojen, Goldlack und Reseden schienen ein anspruchsloses, in sich begngsames Glck zu verknden. Es war nicht leicht gewesen, auf dem steilen Gelnde und in dem hoffnungslos unfruchtbaren Sandboden einen solchen Wuchs zu erzielen. Hier hatte Frau Entriens Leidenschaft Wunder getan, und tat sie noch immer. Sie brachte mit eigenen Hnden aus dem Walde schwarze Erde und Laub herbei, sie ging des Abends auf den Spuren der schweren Steinbruchwagen und sammelte mit zierlichem Schufelein den goldeswerten Dung, den die Pferde und ihre Herren achtlos liegen lieen. Hinterm Hause tat sie jeden Abfall und jede Kartoffelschale sorgsam auf den Haufen, der im nchsten Frhling durch seine Verwesung das arme leichte Land schwerer und reicher machen mute. Sie brachte aus dem Walde auch wilde Rosen und Setzlinge von Maiblumen und Schneeglckchen mit, und den Winter hindurch zog sie im Zimmer und Keller ihre Ableger mit aller Sorgfalt auf. Ein wenig ahnungsvolles Begehren nach Schnheit, das in jedem Menschengemt verborgen duftet, eine Freude am Ntzen des Brachliegenden und Verwenden des umsonst zu Habenden, und vielleicht unbewut auch ein still glimmender Rest unbefriedigter Weiblichkeit machten sie zu einer vortrefflichen Gartenmutter. Ohne von der Nachbarin etwas zu wissen, tat Herr Schlotterbeck tglich mehrmals anerkennende Blicke in die von jedem Unkraut reinen Beete und Wegchen, labte seine Augen an dem frohen Grn der Gemse, dem zarten Rosenrot und den luftigen Farben der Winden, und wenn ein leichter Wind ging und ihm beim Weitergehen eine Handvoll sen Gartenduftes nachwehte, freute er sich dieser lieblichen Nachbarschaft mit einer zunehmenden Dankbarkeit. Denn es gab immerhin Stunden, in denen er ahnte, da der Heimatboden ihm das Wurzelfassen nicht eben leicht mache, und sich einigermaen vereinsamt und betrogen vorkam. Als er sich gelegentlich bei Bekannten nach der Gartenbesitzerin erkundigte, bekam er die Geschichte des seligen Gerichtsvollziehers und viel arge Urteile ber seine Witwe zu hren, so da er nun eine Zeitlang das friedevolle Haus im Garten mit einem traurigen Erstaunen darber betrachtete, da diese anmutende Lieblichkeit der Wohnsitz einer so verworfenen Seele sein msse. Da begab es sich, da er sie eines Morgens zum erstenmal hinter ihrem niederen Zaune sah und anredete. Bisher war sie stets, wenn sie ihn von weitem daherkommen sah, still ins Haus entwichen. Diesmal hatte sie ihn, ber ein Beet gebckt, im Arbeitseifer nicht kommen hren, und nun stand er am Zaune, hielt hflich den Hut in der Hand und sagte freundlich guten Morgen. Sie gab, halb wider ihren Willen, den Gru zurck, und er hatte es nicht eilig, sondern fragte sie: Schon fleiig, Frau Nachbarin? Ein bichen, sagte sie, und er fuhr ermuntert fort: Was Sie fr einen schnen Garten haben! Sie gab darauf keine Antwort, und er schaute sie, die schon wieder an ihren Grslein zupfte, verwundert an. Er hatte sie sich, jenem Gerede nach, mehr furienmig vorgestellt, und nun war sie zu seinem angenehmen Erstaunen recht ordentlich und gefllig von Gestalt, das Gesicht ein wenig streng und ungesellig, aber frisch und ohne Hinterhalt, und so im ganzen eine gar nicht unerquickliche Erscheinung. Ja, dann will ich weitergehen, sagte er freundlich. Adieu, Frau Nachbarin. Sie blickte auf und nickte, wie er den Hut schwang, sah ihm drei, vier Schritte weit nach und fuhr darauf gleichmtig in ihrer Arbeit fort, ohne sich ber den Nachbar Gedanken zu machen. Dieser aber dachte noch eine Weile an sie. Es war ihm wunderlich, da diese Person ein solches Greuel sein solle, und er nahm sich vor, sie ein wenig zu beobachten. Das tat er denn auch, und als ein weltkundiger Mann sah er bald aus vielen kleinen Zgen ein Bild zusammen, das keinem Engel gleichsah, aber auch nicht zu dem Teufel pate, den die Leute aus ihr machen wollten. Er nahm wahr, wie sie ihre paar Einkufe in der Stadt still und rasch ohne langes Herumschweifen und Reden besorgte, er sah sie den Garten pflegen und ihre Wsche sonnen, stellte fest, da sie keine Besuche empfing, und belauschte das kleine, einsame Leben der fleiigen Frau mit Hochachtung und Rhrung. Auch ihre etwas scheuen, abendlichen Gnge nach den Ropfeln, um die sie sehr verschrien war, blieben ihm nicht verborgen. Doch fiel es ihm nicht ein, darber zu spotten, wenn er auch darber lcheln mute. Er fand sie ein wenig scheu geworden, aber ehrenwert und tapfer, und er dachte sich, es sei schade, da soviel Sorge und Achtsamkeit an so kleine Zwecke gewendet werde. Zum erstenmal begann er jetzt, durch diesen Fall stutzig geworden, dem Urteil der Gerbersauer zu mitrauen und manches faul zu finden, was er bisher glubig hingenommen hatte. Inzwischen traf er die Frau Nachbarin je und je wieder und wechselte ein paar Worte mit ihr. Er redete sie jetzt mit ihrem Namen an, und auch sie wute ja, wer er sei, und sagte Herr Schlotterbeck zu ihm. Er wartete gern mit dem Ausgehen, bis er sie im Freien sah, und ging dann nicht vorber, ohne ein kleines Gesprch ber Witterung und Gartenaussichten anzuknpfen und sich an ihren einfachen, ehrlichen und recht gescheiten Antworten zu freuen. Einst brachte er einen seiner Bekannten abends im Adler auf die Frau zu sprechen. Er erzhlte, wie der saubere Garten ihm aufgefallen sei, wie er die Frau in ihrem stillen Leben beobachtet habe und nicht begreifen knne, da sie in so blem Ruf stehe. Der Mann hrte ihm hflich zu, dann meinte er: Sehen Sie, Sie haben ihren Mann nicht gekannt. Ein Prachtskerl, wissen Sie, immer witzig, ein lieber Kamerad, und so gut wie ein Kind! Und den hat sie einfach auf dem Gewissen. An was ist er denn gestorben? An einem Nierenleiden. Aber das hat er schon jahrelang gehabt und ist fidel dabei gewesen. Dann nach seiner Pensionierung, statt da ihm die Frau es jetzt nett und freundlich daheim gemacht htte, ist er ganz hausscheu geworden. Manchmal ist er schon zum Mittagessen ausgegangen, weil sie ihm zu schlecht gekocht hat! Ein bichen leichtsinnig mag er ja von Natur gewesen sein, aber da er am Ende gar zuviel geschppelt hat, daran ist allein sie schuld gewesen. Sie ist ein Ripp, wissen Sie. Da hat sie zum Beispiel eine Schwgerin im Haus, ein armes krankes Ding, das seit Jahren tiefsinnig ist. Die hat sie wahrhaftig so behandelt und hungern lassen, da die Behrde sich darum bekmmern und sie kontrollieren mute. Auf so bsen Bericht war Schlotterbeck doch nicht gefat gewesen. Er traute dem Erzhler nicht recht, aber die Sache ward ihm berall besttigt, wo er darum anklopfte. Es schien ihm wunderlich und wollte ihm leid tun, da er sich in der Frau so hatte tuschen knnen. Aber so oft er sie wiedersah und einen Gru mit ihr wechselte, schwand aller Groll und Verdacht wieder dahin. Er entschlo sich und ging zum Stadtschulthei, um etwas Sicheres zu erfahren. Er wurde mit Freundlichkeit aufgenommen; als er jedoch seine Frage vorbrachte, wie es denn mit der Frau Entri und ihrer Schwgerin stehe, ob sie wirklich im Verdacht der Mihandlung und unter Kontrolle sei, da meinte der Stadtschulthei abweisend: Es ist ja nett, da Sie sich fr Ihre Nachbarin so interessieren, aber ich glaube doch, da diese Sachen Sie eigentlich wenig angehen. Ich denke, Sie knnen es uns ruhig berlassen, da wir zum Rechten sehen. Oder haben Sie eine Beschwerde vorzubringen? Da wurde Schlotterbeck eiskalt und schneidig, wie er es in Amerika manchmal hatte sein mssen. Er ging leise und machte die Tre zu, setzte sich dann wieder und sagte: Herr Stadtschulthei, Sie wissen, wie ber die Frau Entri geredet wird, und da Sie selber bei ihr waren, mssen Sie auch wissen, was wahr daran ist. Ich brauche ja keine Antwort mehr, es ist alles verlogen und bswilliger Klatsch. Oder nicht? -- Also. Warum dulden Sie das? Der Herr war anfangs erschrocken, hatte sich aber schnell wieder gefat. Er zuckte die Achseln und sagte: Lieber Herr, ich habe wirklich anderes zu tun, als mich mit solchen Sachen zu befassen. Es kann sein, da da und dort der Frau etwas nachgeredet wird, was nicht recht ist, aber dagegen mu sie sich selber wehren. Sie kann ja klagen. Gut, sagte Schlotterbeck, das gengt mir. Sie geben mir also die Versicherung, da die Kranke dort Ihres Wissens in guter Behandlung ist? Ihretwegen, ja, Herr Schlotterbeck. Aber wenn ich Ihnen raten darf, lassen Sie die Finger davon! Sie kennen die Leute hier nicht und machen sich blo miliebig, wenn Sie sich in ihre Sachen mischen. Danke, Herr Stadtschulthei. Ich will mir's berlegen. Aber einstweilen, wenn ich wieder einen so ber die Frau reden hre, werde ich ihn einen Ehrabschneider heien und mich dabei auf Ihr Zeugnis berufen. Tun Sie das nicht! Der Frau nutzen Sie damit doch nichts, und Sie haben nur Verdru davon. Ich warne Sie, weil es mir leid tte, wenn -- Ja, ich danke schn. Die Folge dieses Besuches war zunchst, da Schlotterbeck von seinem Vetter Pfrommer aufgesucht wurde. Es hatte sich herumgeredet, da er ein merkwrdiges Interesse fr die schlimme Witwe zeige, und Pfrommer war von einer Angst ergriffen worden, der verrckte Vetter mchte auf seine alten Tage noch Torheiten machen. Wenn es zum Schlimmsten kme und er die Frau heiratete, wrden seine Kinder von den ganzen Millionen keinen Taler kriegen. Mit groer Vorsicht unterhielt er seinen Vetter von der hbschen Lage seiner Wohnung, kam langsam auf die Nachbarschaft zu sprechen und lie vermuten, er wisse viel ber die Frau Entri zu erzhlen, falls es den Vetter interessiere. Der winkte jedoch gleichmtig ab, bot dem Buchbinder einen vortrefflichen Kognak an und lie ihn zu alldem, was er hatte sagen wollen, gar nicht kommen. Aber noch am selben Nachmittag sah er seine Nachbarin im Garten erscheinen und ging hinber. Zum erstenmal hatte er ein langes, vertrauliches Gesprch mit ihr, worin er auf sein einsames Leben hinwies und ihre freundlich-trstliche Nachbarschaft dankbar rhmte. Sie ging klug und bescheiden darauf ein, des eigentlichen Plauderns ungewohnt und doch mit frauenhafter Anpassung und, wie ihm schien, auch Anmut. Diese Unterhaltungen wiederholten sich von jetzt an tglich, immer ber den Staketenzaun hinweg, denn seine Bitte, ihn auch einmal im Garten selber oder gar im Hause zu empfangen, lehnte sie mit stiller Entschiedenheit ab. Das geht nicht, sagte sie lchelnd. Wir sind ja beide keine jungen Leute mehr, aber die Gerbersauer haben immer gern was zu plappern und es wre schnell ein dummes Gerede beieinander. Ich bin ohnehin bel angeschrieben, und Sie gelten auch fr eine Art Sonderling, wissen Sie. Ja, das wute er jetzt, im zweiten Monat seines Hierseins, und seine Freude an Gerbersau und den Landsleuten hatte schon bedeutend nachgelassen. Er begann zu merken, da er hier doch fremd sei und da Hflichkeit, Duldung und Entgegenkommen der Leute nicht seinem Namen und Wesen oder dem aus der Fremde heimgekehrten Mitbrger, sondern eben seinem Geldsack galt. Es belustigte ihn, da man sein Vermgen weit berschtzte, und die ngstliche Beflissenheit seines Vetters Pfrommer und anderer Angelknstler machte ihm einen gewissen Spa, aber fr die beginnende Enttuschung konnte ihn das nicht entschdigen, und er hatte den Wunsch, sich dauernd hier niederzulassen, heimlich schon wieder zurckgenommen. Vielleicht wre er einfach wieder abgereist und htte nochmals wie in jungen Jahren die Wanderschaft gekostet, wovor ihm nicht bange war. Es hielt ihn aber jetzt ein feiner Dorn zurck, so da er sprte, er werde nicht gehen knnen, ohne sich zu verletzen und ein Stcklein von sich hngen zu lassen. Darum blieb er wo er war, und ging hufig an dem kleinen, wei und braunen Nachbarhaus vorber. Das Schicksal der Frau Entri war ihm jetzt nimmer so dunkel, da er sie besser kannte und sie ihm auch manches erzhlt hatte. Namentlich vermochte er sich den seligen Gerichtsvollzieher jetzt recht deutlich vorzustellen, von dem die Witwe ruhig und ohne Tadel sprach, der aber doch im Grunde genommen ein Windbeutel gewesen sein mute, da er es nicht verstanden hatte, unter der Herbe und Strenge dieser Frau den kstlichen Kern aufzuspren und ans Licht zu bringen. Herr Schlotterbeck war berzeugt, da sie neben einem verstndigen Manne, vollends in reichlichen Verhltnissen, eine Perle abgeben mte. Ihr Geiz war eine in Einsamkeit und Enttuschung zur Leidenschaft ausgewachsene Liebhaberei, schien ihm, und war auch eigentlich keine Habsucht, da sie soviel Respekt vor jedem Werte besa, um ihn auch ohne eigenen Vorteil mglichst zu retten und zu bewahren. Je mehr er die Frau kennen lernte und ein Bild von ihr bekam, worin freilich Neigung und Hoffnung stark mitmalen halfen, desto besser begriff er, da sie in Gerbersau unmglich verstanden werden konnte. Denn auch der Gerbersauer Charakter schien ihm nun verstndlicher geworden, wenn auch dadurch nicht lieber. Jedenfalls erkannte er, da er selber diesen Charakter nicht oder nicht mehr habe und hier ebensowenig gedeihen und sich entfalten knne wie die Frau Entri. Diese Gedanken waren, ihm unbewut, lauter spielende Paraphrasen zu seinem stillen Verlangen nach einem nochmaligen Ehebund und Versuch, sein einsam gebliebenes Leben doch noch fruchtbar und unsterblich zu machen. Der Sommer hatte seine Hhe erreicht und der Garten der Witwe duftete mitten in der sandigen und glhenden Umgebung triumphierend weit ber seinen niederen Zaun hinaus, besonders am Abend, wenn dazu noch vom nahen Waldrande die Vgel aufatmend den schnen Tag lobten und aus dem Tale in der Stille nach dem Schlu der Fabriken der Flu leise herauf rauschte. An einem solchen Abend kam August Schlotterbeck zu Frau Entri und trat ungefragt nicht nur in den Garten, sondern auch in die Haustre, wo eine dnne, erschrockene Glocke ihn anmeldete und die Hausfrau ihn verwundert und fast ein wenig ungehalten ansprach. Er erklrte aber, heute durchaus hereinkommen zu mssen, und ward denn von ihr in die Stube gefhrt, wo er sich umblickte und es allerdings etwas kahl und schmucklos, doch reinlich und abendsonnig fand. Die Frau legte schnell ihre Schrze ab, setzte sich auf einen Stuhl beim Fenster und hie auch ihn sich setzen. Da fing Herr Schlotterbeck eine lange, hbsche Rede an. Er erzhlte sein ganzes Leben, seine erste kurze Ehe nicht ausgenommen, mit einfacher Trockenheit, schilderte dann etwas wrmer seine Heimkehr nach Gerbersau, seine erste Bekanntschaft mit ihr und erinnerte sie an manche Gesprche, in denen sie einander so gut verstanden htten. Und nun sei er da, sie wisse schon warum, und hoffe, sie sei nicht gar zu sehr berrascht. ber mein Vermgen kann ich mich ausweisen. Ich bin kein Millionr, wie die Leute hier herumreden, aber so ungefhr eine viertel Million oder etwas drber wird schon da sein. Im brigen meine ich, wir seien beide noch zu jung und krftig, als da es schon Zeit wre, Verzicht zu leisten und sich einzuspinnen. Was soll eine Frau wie Sie schon allein sitzen und sich mit dem Grtlein bescheiden, statt noch einmal anzufangen und vielleicht hereinzubringen, was frher am rechten Glck gefehlt hat? Die Frau Entri hatte beide Hnde still auf ihren Knien liegen und hrte aufmerksam dem Freier zu, der allmhlich warm und lebhaft wurde und wiederholt seine rechte Hand ausstreckte, als fordere er sie auf, sie zu nehmen und festzuhalten. Sie tat aber nichts dergleichen, sie sa ganz still und geno es, ohne alles wirklich mit den Gedanken zu erfassen, da hier jemand gekommen war, um ihr Freundlichkeit und Liebe und guten Willen zu zeigen. Die beiden Leute saen einander nahe gegenber, er von seinem Willen und Verlangen erwrmt und verjngt, sie aber von einem zarten Wohlsein und einer nur halb erwarteten Ehrung leise erregt wie eine Jubilarin, und ber beide Gesichter glhte mit feiner Abschiedsrte die tiefstehende Sonne durch das offene Fenster. Da sie weder Antwort gab noch aus ihrem seltsamen Traumgefhle aufsah, fuhr Schlotterbeck nach einer Pause zu reden fort. Gtig und hoffnungsvoll stellte er ihr vor, wie es sein und werden knnte, wenn sie einverstanden wre, wie da an einem andern, neuen Ort ohne unliebe Erinnerungen sich ein friedlich fleiiges Leben fhren liee, bescheiden und doch etwas mehr aus dem Vollen, mit einem greren Garten und einem reichlicheren Monatsgelde, wobei dennoch jhrlich zurckgelegt wrde. Er sprach, von ihrem lieben Anblick besnftigt und von dem rotgelben, innigen Abendscheine leicht und wohlig geblendet, recht milde mit halber Stimme und zufrieden, da sie wenigstens zuhrte und ihn da sein und gelten und werben lie. Und sie hrte und schwieg, von einer angenehmen Mdigkeit in der Seele leicht gelhmt. Es ward ihr nicht vllig bewut, da das eine Werbung und eine Entscheidung fr ihr Leben bedeute, auch schuf dieser Gedanke ihr weder Erregung noch Qual, denn sie war durchaus entschieden und dachte keine Sekunde daran, das fr Ernst zu nehmen. Aber die Minuten gingen so gleitend und leicht und wie von einer Musik getragen, da sie benommen lauschte und keines Entschlusses fhig war, auch nicht des kleinen, den Kopf zu schtteln oder aufzustehen. Wieder hielt Schlotterbeck inne und atmete tief, sah sie fragend an und sah sie unverndert mit niedergeschlagenen Augen und fein gerteten Wangen verharren, als schaue sie ein wohlgeflliges Spiel oder lausche einer seltenen Musik. Und wieder hielt er ihr die Hand entgegen, die sie aber nicht zu sehen schien, und fing nochmals an, glubig wie ein Trumer von der Zukunft zu reden, die er schon an einem kleinen goldenen Faden zu halten meinte. Ihre Bewegung verstand er nicht, denn er deutete sie zu seinen Gunsten, aber er fhlte doch denselben hingenommenen und traumhaften Zustand und hrte gleich ihr die merkwrdigen Augenblicke wie auf wohllautend rauschenden Flgeln durch das abendhelle Stblein und durch sein Gemt reisen. Beiden schien es spter, sie seien eine gar lange Zeit so halbverzaubert beieinander gesessen, doch waren es nur Minuten, denn die Sonne stand noch immer nah am Rande der jenseitigen Berge, als sie aus dieser Stille jh erweckt wurden. Im Nebenzimmer hatte sich die kranke Schwgerin aufgehalten und war, schon durch den ungewohnten Besuch in Aufregung und einige Angst geraten, bei dem langen, leisen Gesprch und Beisammensein der Beiden von argen Ahnungen und Wahnvorstellungen befallen worden. Es schien ihr Ungewhnliches und Gefhrliches vorzugehen und allmhlich ergriff sie, die nur an sich selber zu denken vermochte, eine wachsende Furcht, der fremde Mann mchte gekommen sein, um sie fortzuholen. Denn eine stille, argwhnische Angst hievor war das Ergebnis jenes Besuches der Magistratsherren gewesen, und seither konnte nichts noch so Geringes im Hause vorfallen, ohne da die arme Jungfer mit Entsetzen an eine gewaltsame Hinwegfhrung und Einsperrung an einem unbekannten fernen Orte denken mute. Darum kam sie jetzt, nachdem sie eine Weile mit immer abnehmenden Krften gegen das Grauen gekmpft hatte, gewaltsam schluchzend und in Verzweiflung aufgelst in die Stube gelaufen, warf sich vor ihrer Schwgerin nieder und umfate ihre Knie unter Sthnen und zuckendem Weinen, so da Schlotterbeck erschrocken auffuhr und die Frau Entri pltzlich aus ihrer Benommenheit gerissen alles wieder mit nchternem Verstande wahrnahm und sich der vorigen Verlorenheit unwillig schmte. Sie stand eilig auf, zog die Kniende mit sich empor, fuhr ihr mit trstender Hand bers Haar und redete halblaut und eintnig auf sie ein wie auf ein heulendes Kind. Nein, nein, Seelchen, nicht weinen! Gelt, du weinst jetzt nicht mehr? Komm, Kindelchen, komm, wir sind vergngt und kriegen was Gutes zum Nachtessen. Hast gemeint, er will dich fortnehmen? O, Dummes du, es nimmt dich niemand fort; nein, nein, darfst mir's glauben, kein Mensch darf dir was tun. Nimmer weinen, Dummelein, nimmer weinen! August Schlotterbeck sah mit Verlegenheit und auch mit Rhrung zu, die Kranke weinte schon ruhiger und fast mit einem kindlichen Genu, wiegte den Kopf hin und wider, klagte mit abnehmender Stimme und verzog ihr verzweifeltes Gesicht unter den noch munter laufenden Trnen unversehens zu einem blden, hilflosen Kleinkinderlcheln. Doch kam sich der Besucher bei dem allen unntz und mehr als entbehrlich vor, er hustete darum ein wenig und sagte: Das tut mir leid, Frau Entri, hoffentlich geht es gut vorbei. Ich werde so frei sein und morgen wiederkommen, wenn ich darf. Erst in diesem Augenblick fiel der Frau alles aufs Herz, wie er um sie geworben und sie ihm zugehrt und es geduldet habe, ohne da sie doch willens war, ihn zu erhren. Sie erstaunte ber sich selber, es konnte ja aussehen, als habe sie mit ihm gespielt. Nun durfte sie ihn nicht fortgehen und die Tuschung mitnehmen lassen, das sah sie ein, und sie sagte: Nein, bleiben Sie da, es ist schon vorber. Wir mssen noch reden. Ihre Stimme war ruhig und ihr Gesicht unbewegt, aber die Rte der Sonne und die Rte der lieblichen Erregung war verglht und ihre Augen schauten klug und khl, doch mit einem kleinen bangen Glanz von Trauer auf den Werber, der mit dem Hute in den Hnden wieder niedersa und nicht begriff, wohin seine Freudigkeit und ihre liebe Wrme gekommen sei. Sie setzte indessen die Schwgerin auf einen Stuhl und kehrte an ihren vorigen Platz zurck. Wir mssen sie im Zimmer lassen, sagte sie leise, sonst wird sie wieder unruhig und macht Dummheiten. -- Ich habe Sie vorher reden lassen, Herr Nachbar, ich wei selber nicht warum, ich bin ein wenig md gewesen. Hoffentlich haben Sie es nicht falsch gedeutet. Es ist nmlich schon lange mein fester Entschlu, mich nicht mehr zu verndern. Ich bin fast vierzig Jahre alt, und Sie werden gewi reichlich fnfzig sein, in diesem Alter heiraten vorsichtige Leute nimmer. Da ich Ihnen als einem freundlichen Nachbar gut und dankbar bin, wissen Sie ja, und wenn Sie wollen, knnen wir es weiter so haben. Aber damit wollen wir zufrieden sein, wir knnten sonst den Schaden haben. Herr Schlotterbeck sah sie betrbt, doch freundlich an. Unter Umstnden, dachte er, wrde er jetzt ganz ruhig abziehen und ihr recht geben. Allein der Glanz, den sie vor einer Viertelstunde im Gesicht gehabt hatte, war ihm noch wie ein ernsthaft schner Sptsommerflor im Gedchtnis und hielt sein Begehren mit Macht am Leben. Wre der Glanz nicht gewesen, er wre betrbt, doch ohne Stachel im Herzen seiner Wege gegangen; so aber schien ihm, er habe das Glck schon wie einen zutraulichen Vogel auf dem Finger sitzen gehabt und nur den Augenblick des Zugreifens verpat. Und Vgel, die man schon so nahe gehabt, lt man nicht ohne grimmige Hoffnung auf eine neue Gelegenheit zum Fang entrinnen. Auerdem, und trotz des rgers ber ihr Entwischen, nachdem sie schon so fromm ber seine Freiersrede erglht war, hatte er sie jetzt viel lieber als noch vor einer Stunde. Bis dahin war es seine Meinung gewesen, eine angenehme und ersprieliche Vernunftheirat zu betreiben, nun aber hatte die stille Weichheit dieser Abendstunde ihn vollends wahrhaft verliebt gemacht, so da jetzt an ein einfaches, freundlich khles Bedauern und Adieusagen nimmer zu denken war. Frau Entri, sagte er deshalb entschlossen, Sie sind jetzt erschreckt worden und vielleicht von meinem Vorschlag zu sehr berrascht. Auch habe ich vielleicht zu wenig gesagt und mich zu sehr an das Praktische und Geschftliche der Sache gehalten, wenn es auch nicht so gemeint war. Ich will darum nur sagen, da mein Herz es ernst meint und nicht von seiner Liebe lassen will, wenn es auch Grnde dagegen geben mag. Ich kann das nicht so ausdrcken, es steht mir nicht an, aber es ist mein Entschlu, davon nimmer zu lassen. Ich habe Sie lieb, und da Sie nur mit dem Verstande Widerstand leisten, kann ich mich nicht zufrieden geben wie ein Handelsmann, den man um ein Haus weiterschickt. Sondern es ist meine Meinung, diesen Krieg weiterzufhren und Sie nach meinen Krften zu belagern, damit es sich zeigt, wer der Strkere ist. Auf diesen Ton war sie nicht gefat gewesen, er klang, wenn auch nicht berzeugend, so doch warm und schmeichelhaft in ihr Frauengemt und tat ihr im Innern wohl wie ein erster Amselruf im Februar, wenn sie es auch nicht wahr haben wollte. Doch war sie nicht gewohnt, so dunkeln Regungen Macht zu gnnen, und fest entschlossen, den Angriff abzuwehren und ihre liebgewordene Freiheit zu behalten. Sie sagte: Sie machen mir ja Angst, Herr Nachbar! Die Mnner bleiben eben lnger jung als unsereine, und es tut mir leid, da Sie mit meinem Bescheide nicht zufrieden sein wollen. Denn bei mir sieht es nun einmal nimmer so lebenslustig aus, ich kann mich nicht wieder jung machen und verliebt tun, es kme nicht von Herzen. Auch ist mir mein Leben, so wie es jetzt ist, lieb und gewohnt geworden, ich habe meine Freiheit und keine Sorgen. Und da ist auch das arme Ding, meine Schwgerin, die mich braucht und die ich nicht im Stich lasse, das hab' ich ihr versprochen und will dabei bleiben. -- Aber was rede ich lang, wo nichts zu sagen ist! Ich will nicht und ich kann nicht, und wenn Sie es gut mit mir meinen, so lassen Sie mir meinen Frieden und drohen mir nicht mit Belagerungen und dergleichen, ich mte Ihnen sonst zrnen und wrde kein Wort mehr von Ihnen anhren. Wenn Sie wollen, so vergessen wir das heutige und bleiben gute Nachbarn. Im andern Fall kann ich Sie nimmer sehen. Schlotterbeck stand auf, verabschiedete sich jedoch noch nicht, sondern ging in erregten Gedanken, als wre er im eigenen Hause, heftig auf und ab, um einen Weg aus dieser Not zu finden. Sie sah ihm eine Weile zu, ein wenig belustigt, ein wenig gerhrt und ein wenig beleidigt, bis es ihr zu viel ward. Da rief sie ihn an: Seien Sie nicht tricht, Herr Nachbar: Wir wollen jetzt zu Nacht essen, und fr Sie wird es auch Zeit sein. Aber er hatte eben jetzt seinen Entschlu gefunden. Er nahm seinen Hut, den er in der Aufregung weggelegt hatte, manierlich in die linke Hand, verbeugte sich und sagte mit einem schwachen, etwas milungenen Lcheln: Gut, ich gehe jetzt, Frau Entri. Sie mssen heut ein bichen Nachsicht mit mir haben. Ich sage Ihnen jetzt Adieu und werde Sie eine Zeitlang nimmer belstigen. Sie sollen mich nicht fr gewaltttig halten. Aber ich komme wieder, sagen wir in vier, fnf Wochen, und ich bitte um nichts, als da Sie in der Zeit sich diese Sache noch einmal in Gedanken betrachten und mir alsdann eine richtige Antwort geben, ganz wie es Ihnen dann ums Herz sein wird. Ich reise fort, das hatte ich ohnehin im Sinn, und Sie werden also alle Ruhe vor mir haben. Und wenn ich wiederkomme, ist es nur, um Ihre Antwort zu holen. Wenn Sie dann Nein sagen, verspreche ich damit zufrieden zu sein und werde dann Sie auch von meiner Nachbarschaft befreien. Sie sind das Einzige, was mich noch in Gerbersau halten knnte. Also leben Sie recht wohl, und auf Wiedersehen! Sie nahm seine Hand nicht an, die er ihr hinbot, gab aber in freundlichem Ton Antwort: Meine Meinung kennen Sie schon, sie wird nicht anders werden. Damit Sie meinen guten Willen sehen, will ich Ihren Vorschlag gelten lassen. Aber ich hoffe, bis Sie wiederkommen, sehen Sie selber das alles ruhiger an, auch das mit dem Fortziehen, und bleiben mein Nachbar. Adieu denn, und gute Reise! Ja, adieu, sagte Schlotterbeck wehmtig, nahm den Trgriff in die Hand, warf einen Blick ins Zimmer zurck, den nur die Schwgerin erwiderte, und trat unbegleitet aus dem Hause in die noch lichte Dmmerung. Er schttelte eine Faust gegen die schwach herauftnende Stadt, welcher er alle Schuld an Frau Entriens Verstocktheit zuschrieb, und beschlo im Herzen, sie so bald wie mglich fr immer zu verlassen, sei es nun mit oder ohne Frau. Dieser Entschlu tat ihm in seinem brigen schwebenden und abhngigen Zustande wohl, als ein Ausblick auf selbstndigere und gesichertere Zeiten, nach denen ihn sehnlich verlangte. Langsam tat er den kurzen Gang zu seiner Wohnung hinber, nicht ohne mehrmals nach dem Nachbarhuschen zurckzuschauen, das mit geschlossener Tr und Gartenpforte gleichmtig und khl die spte Sommernacht erwartete. Ganz fern stand am verglhten Himmel noch eine kleine Wolke, kaum ein Hauch, und blhte hinsterbend in einem sanften rosigen Goldduft dem ersten Stern entgegen. Bei ihrem Anblick fhlte der Mann noch einmal die feine, innig glhende Erregung der vergangenen Stunde vorberziehen und schttelte lchelnd den alten Kopf zu den tricht sen Wnschen seines Herzens. Dann betrat er sein einsames Haus, verzichtete auf das Abendessen in der Stadt, a nur ein halbes Pfund Kirschen, die er morgens gekauft hatte, und fing noch am selben Abend an, sich fr die Reise zu rsten. Am Nachmittag des andern Tages war er fertig, bergab die Schlssel seiner Aufwrterin und den Koffer einem Dienstmann, seufzte befreit und ging davon, in die Stadt hinunter und dem Bahnhof zu, ohne im Vorbeigehen einen Blick in den Garten und die Fenster der Frau Entri zu wagen. Sie aber sah ihn wohl, wie er vom Koffertrger begleitet, elegisch dahinging. Er tat ihr leid und sie wnschte ihm von Herzen gute Erholung. Fr Frau Entri begannen nun stille Tage. Ihr bescheidenes Leben glitt wieder in die vorige Einsamkeit zurck, es kam niemand zu ihr und es schaute niemand mehr ber ihren Gartenzaun herein. In der Stadt wute man genau, da sie mit allen Knsten nach dem reichen Rulnder geangelt habe, und gnnte ihr seine Abreise, die natrlich keinen Tag verborgen blieb. Sie kmmerte sich nach ihrer Art um das alles nicht, sondern ging ruhig ihren Pflichten und Gewohnheiten nach. Es tat ihr leid, da es mit Herrn Schlotterbeck so gegangen war, denn sie hatte ihn gern gesehen und sah die freundliche Nachbarlichkeit mit Bedauern gestrt. Doch war sie sich keiner Schuld bewut und in langen Jahren an das Alleinleben so gewhnt, da sein Fortgehen ihr keinen ernstlichen Kummer machte. Sie sammelte Blumensamen von den verblhenden Beeten, go am Morgen und Abend, erntete das Beerenobst, machte ein und tat mit zufriedener Emsigkeit die vielen Sommerarbeiten. Und dann machte ihr die Schwgerin unverhofft zu schaffen. Diese hatte sich seit jenem Abend still verhalten, schien aber seither noch mehr als frher mit einer heimlichen Angst zu kmpfen, welche eine Art von Verfolgungswahnsinn war und in einem mitrauischen Trumen von Entfhrung und Gewalttaten bestand. Der heie Sommer, der ungewhnlich viele Gewitter brachte, tat ihr auch nicht gut, und schlielich konnte Frau Entri kaum mehr auf eine halbe Stunde zu Einkufen ausgehen, da die Kranke das Alleinbleiben nimmer ertrug. Das elende Wesen fhlte sich nur in der nchsten Nhe der gewohnten Pflegerin sicher und umgab die geplagte Frau mit Seufzen, Hnderingen und scheuen Blicken einer grundlosen Furcht. Am Ende mute sie den Arzt holen, vor dem die Kranke in neues Entsetzen geriet und der nun alle paar Tage zur Beobachtung wiederkam. Fr die Gerbersauer war das wieder ein Grund, von erneuter Mihandlung und behrdlicher Kontrolle zu erzhlen; die Sache ward nun in Verbindung mit ihren Absichten auf Schlotterbeck gebracht und zu einem skandalsen Fall von arglistiger Habsucht gestaltet. Unterdessen war August Schlotterbeck nach Wildbad gefahren, wo es ihm jedoch zu hei und zu lebhaft wurde, so da er, auch von einiger innerer Unrast geplagt, bald wieder aufpackte und weiterfuhr, diesmal nach Freudenstadt, das ihm von jungen Zeiten her bekannt war. Dort gefiel es ihm recht wohl, er fand die Gesellschaft eines schwbischen Fabrikanten, mit dem er gut Freund wurde und ber technische und kaufmnnische Dinge seiner Erfahrung reden konnte. Mit diesem Manne, der Viktor Trefz hie und gleich ihm selber weit in der Welt herumgekommen war, machte er tglich lange Spaziergnge in den khlen Wldern, zum Kniebis hinauf und nach Rippoldsau, oder das schne Murgtal hinunter, wo man berall in schner Landschaft und Waldnhe marschieren und in hbschen Ortschaften und guten Gasthusern sich ausruhen kann. Herr Trefz besa im Osten des Landes eine Lederwarenfabrik von altem und bekanntem Ruf, sein neuer Freund fragte ihn nach allem aus und ihm war es wohl dabei, seine Erholungstage in so angenehmen und vertrauten Gesprchen hinbringen zu knnen. Es entstand zwischen den beiden alten Herren eine hfliche Vertraulichkeit und gegenseitige Hochschtzung, denn Schlotterbeck zeigte in der Lederbranche vortreffliche Kenntnisse und auerdem eine Bekanntschaft mit dem Weltmarkt, die fr einen Privatier erstaunlich war. So whrte es nicht lange, bis er dem Fabrikanten seine Geschichte und Lage genauer mitteilte, und es wollte beiden scheinen, sie knnten unter Umstnden einmal auch in Geschften recht gute Kameraden werden. Die erhoffte Erholung fand Schlotterbeck also reichlich, er verga sogar fr halbe Tage seinen schwebenden Handel mit der Witwe in Gerbersau, von dem er Herrn Trefz keine Mitteilung hatte machen mgen. Den alten Geschftsmann belebte und erregte die Unterhaltung mit einem gewiegten Kollegen und die Aussicht auf etwaige neue Unternehmungen nicht wenig, und die Bedrfnisse seines Herzens zogen sich, da er ihnen nie allzuvielen Raum gegnnt hatte, bescheidentlich zurck. Nur wenn er allein war, etwa abends vor dem Einschlafen, suchte ihn das Bild der Frau Entri heim und machte ihn wieder warm. Doch auch dann schien ihm die Angelegenheit nicht mehr gar so verzweifelt und gewichtig. Er dachte an jenen Abend im Huschen der Nachbarin und fand schlielich, sie habe nicht vllig unrecht gehabt. Er sah ein, da der Mangel an Arbeit und das Alleinhausen zu einem groen Teil an seinen Heiratsgedanken schuld gewesen seien. Nicht da er nun kalt und untreu geworden wre, das lag nicht in seiner Art, aber wenn nun, wie zu vermuten war, es bei jener ersten Antwort der Frau bleiben wrde, schien ihm das Unglck immerhin unter den jetzigen Umstnden nicht unertrglich. Auf einem Spaziergang im Fichtenwalde wurde er von Herrn Trefz eingeladen, diesen Herbst ihn zu besuchen und seinen Betrieb anzuschauen. Es war noch mit keinem Wort von geschftlichen Beziehungen die Rede gewesen, doch wuten beide, wie es stand und da der Besuch sehr wohl zu einer Teilhaberschaft und Vergrerung des Geschfts fhren knnte. Schlotterbeck nahm dankend an und nannte dem Freunde die Bank, bei der er sich ber ihn erkundigen knne. Danke, es ist gut, sagte Trefz, das Weitere besprechen wir dann, falls Sie Lust haben, an Ort und Stelle. Damit fhlte sich August Schlotterbeck dem Leben wiedergewonnen, dem er nun eine unfrohe Weile nur unbeteiligt zugesehen hatte. Er sah Arbeit und Sorge, Gewinn und Erregung des Handels in naher Zukunft winken, und mehr als einst auf die Heimkehr in die alte Heimat freute er sich jetzt auf die Rckkehr zum gewohnten Leben eines Arbeiters und Unternehmers, auf Einrichtungen und Reisen, Korrespondenzen und Berechnungen, auf Telegramme, Verwicklungen und Kmpfe. Es war weniger des Geldes wegen, dessen er fr den Bedarf seines Alters genug besa, als aus Freude an Umtrieb und Wagnis, aus einer gewissen Lust am Verkehr mit dem Welthandel und den Abenteuern des khnen Kaufmanns. Frhlich stieg er an jenem Tag in sein Bett und schlief ein, ohne heut ein einziges Mal an seine Witwe gedacht zu haben. Er ahnte nicht, da diese eben jetzt recht ble Zeit habe und seinen Beistand wohl htte brauchen knnen. Die Schwgerin war unter der Beobachtung des Oberamtsarztes noch scheuer und unheimlicher geworden und machte das kleine Huschen zu einem Orte des Jammers, indem sie bald schrie wie am Spie, bald rastlos und schwer seufzend die Treppen auf und ab stieg und durch die Stuben wanderte, bald auch sich in ihrer Kammer einschlo und eingebildete Belagerungen unter Gebet und Winseln bestand. Das arme Geschpf mute immerfort bewacht werden, wenn auch ruhige Tage dazwischen kamen, und der gengstigte Doktor, der in solchen Dingen keine Erfahrung hatte, drngte zur Fortschaffung und Versorgung in einer Anstalt. Frau Entri widersetzte sich dem, so lange sie konnte. Sie hatte sich an die Nhe der schwermtigen Jungfer in langen Jahren gewhnt und zog ihre Gesellschaft der vlligen Einsamkeit immerhin vor, auch hoffte sie, es werde dieser schlimme Zustand nicht lange dauern, und schlielich frchtete sie die bedenklichen Kosten, die mglicherweise nach Abgang der Kranken in eine Irrenanstalt ihr entstehen knnten. Sie wollte gern der Unglcklichen ihr Lebenlang kochen, waschen und aufwarten, ihre Launen ertragen und sich um sie sorgen; aber die Aussicht, es mchte fr dies zerstrte Leben vielleicht jahrelang ihr Erspartes dahingehen und in einen Sack ohne Boden rinnen, war ihr furchtbar. So hatte sie auer der tglichen Sorge um die Gemtskranke auch noch diese Angst und Last zu tragen, und sie fing trotz ihrer Zhigkeit an, etwas vom Fleisch zu fallen und im Gesicht ein wenig zu altern. Von dem allem wute Schlotterbeck kein Wort. Er war der sicheren Meinung, die muntere Witwe sitze vergngt in ihrem hbschen kleinen Hause und sei womglich froh, den lstigen Nachbarn und Bewerber fr eine Weile los zu sein. Dies stimmte aber nun schon nicht mehr. Zwar hatte die Abreise des Herrn Schlotterbeck nicht die Folge gehabt, ihr nach dem Entfernten Sehnsucht zu wecken und ihr sein Bild zrtlich zu verklren, doch wre sie jetzt in ihrer Not ganz froh gewesen, einen Freund und Berater zu haben, und war mit ihrer Selbstherrlichkeit durchaus nicht mehr so stolz zufrieden wie bisher. Ja sie htte, falls es mit der Schwgerin schlimm gehen sollte, sich wohl auch die Bewerbung des reichen Mannes noch einmal nher und freundlicher angesehen. In Gerbersau war unterdessen das Gesprch ber die Abreise Schlotterbecks und ihre vermutliche Bedeutung und Dauer verstummt, da man jetzt an der Witwe Entri wieder fr eine Weile die Muler voll hatte. Und whrend unter den schnen Tannenbumen von Freudenstadt die beiden Geschftsleute und Freunde sich immer besser verstanden und schon deutlicher von knftigen gemeinsamen Unternehmungen miteinander plauderten, sa daheim in der Spitalgasse der Buchbinder Pfrommer zwei lange Abende an einem Schreiben an seinen Vetter, dessen Wohl und Zukunft ihm gar sehr am Herzen lag. Einige Tage spter hielt August Schlotterbeck diesen Brief, der auf das beste Papier mit einem goldenen Rande geschrieben war, verwundert in den Hnden und las ihn langsam zweimal durch. Er lautete: Lieber und werter Vetter Schlotterbeck! Der Herr Aktuar Schwarzmantel, der neulich eine Schwarzwaldtour gemacht hat, hat uns berichtet, da er Dich in Freudenstadt gesehen und da Du wohl bist und in der Linde logierst. Das hat uns gefreut, und mchte ich Dir an diesem schnen Ort eine gute Erholung wnschen. Wenn man es vermag, ist ja eine solche Sommerkur immer sehr gut, ich war auch einmal ein paar Tage in Herrenalb, weil ich krank gewesen war, und hat mir vorzgliche Dienste getan. Wnsche also nochmals besten Erfolg, und wird unser heimatlicher Schwarzwald mit seinem Tannenrauschen auch Dir gewi nur gut gefallen. Lieber Vetter, wir haben alle lange Zeit nach Dir, und wenn du nach guter Erholung wieder heimkommst, wird es Dir gewi in Gerbersau wieder recht gut gefallen. Der Mensch hat doch nur eine Heimat, und wenn es auch drauen in der Welt viel Schnes geben mag, kann man doch blo in der Heimat wirklich glcklich sein. Du hast Dich auch in der Stadt sehr beliebt gemacht, alle freuen sich bis Du wiederkommst. Es ist nur gut, da Du gerade jetzt verreist bist, wo es in Deiner Nachbarschaft wieder so arg zugeht. Ich wei es nicht, ob es Dir schon bekannt ist. Die Frau Entri hat jetzt also doch ihre kranke Schwgerin hergeben mssen. Sie war so mit ihr umgegangen, da das unglckliche Geschpf es nimmer hat aushalten knnen und hat Tag und Nacht um Hilfe gerufen, bis man den Oberamtsarzt geholt hat. Da hat sich gezeigt, da es mit der kranken Jungfer furchtbar stand, und trotzdem hat die Entri drauf bestehen und sie um jeden Preis dabehalten wollen, man kann sich denken warum. Aber jetzt ist ihr das Handwerk gelegt, man hat ihr die Schwgerin weggenommen und vielleicht mu sie sich noch anderswo verantworten. Dieselbe ist im Narrenhaus in Zwiefalten untergebracht worden, und die Entri mu tchtig fr sie zahlen. Warum hat sie frher so an der Kranken gespart! Wie man das arme Ding fortgebracht hat, das httest Du sehen sollen, es war ein Jammer. Sie hatten einen Wagen genommen, da sa die Entri, der Oberamtsarzt, ein Wrter aus Zwiefalten drin und die Patientin. Da fing sie an und hat den ganzen Weg geschrien wie verrckt, da alles nachgelaufen ist, bis auf den Bahnhof. Auf dem Heimweg hat die Entri dann allerlei zu hren gekriegt, ein Bub hat ihr sogar einen Stein nachgeworfen. Lieber Vetter, falls ich Dir hier irgend etwas besorgen kann, tue ich es sehr gern. Du bist ja dreiig Jahre lang von der Heimat fortgewesen, aber das macht nichts und fr meine Verwandten ist mir, wie Du weit, nichts zuviel. Meine Frau lt Dich auch gren. Ich wnsche Dir gutes Wetter fr Deine Sommerfrische. In dem Freudenstadt droben wird es schon khler sein als hier in dem engen Loch, wir haben sehr hei und viel Gewitter. Im Bayrischen Hof hat es vorgestern eingeschlagen, aber kalt. Wenn Du etwas brauchst, stehe ich ganz zur Verfgung. In alter Treue Dein Vetter und Freund Lukas Pfrommer. Herr Schlotterbeck las diesen Brief aufmerksam durch, steckte ihn in die Tasche, zog ihn wieder heraus und las ihn nochmals, dann sagte er: O du Simpel, was seinem Vetter galt. Doch hielt er sich nicht lange mit Gedanken an den Briefschreiber auf, sondern bedachte sich den Brief selber recht genau, bersetzte ihn aus dem Gerbersauerischen ins Deutsche und suchte sich die geschilderten Begebenheiten vor Augen zu denken. Dabei ergriff ihn Scham und Zorn, er sah das arme Frauelein verhhnt und preisgegeben, mit Trnen kmpfen und ohne Trost allein sitzen. Je mehr er es berlegte und je deutlicher er alles sah und begriff, desto mehr schwand sein stilles Schmunzeln ber den briefschreibenden Vetter dahin. Er war ber ihn und ber ganz Gerbersau herzlich emprt und wollte schon Rache beschlieen, da fiel ihm allmhlich ein, wie wenig er selber in dieser letzten Zeit an die Frau Entri gedacht hatte. Er hatte Plne geschmiedet und sich ohne viel Heimweh gute Tage gegnnt, und whrenddessen war es der lieben Frau bel gegangen, sie hatte es schwer gehabt und vielleicht auf seinen Beistand gehofft. Indem er das bedachte, begann er sich sehr zu schmen. Das Bildnis der kleinen Witwe stand ihm nun wieder so klar und nett vor Augen, da er nicht begriff, wie er sie tagelang fast ganz habe vergessen knnen. Was war jetzt zu tun? Jedenfalls wollte er sofort heimreisen. Ohne Verzug rief er den Wirt, ordnete fr morgen frh seine Abreise an und teilte dies auch dem Herrn Trefz mit, der sich darber sehr betrbt zeigte. Doch ward verabredet, da Schlotterbeck ihn bald besuchen und seine Fabrik ansehen solle. Dann packte dieser seinen Koffer, worin er viel bung und Geschick hatte, und whrend er dies tat und die Dmmerung hereinbrach, verga er die Scham und den Zorn und alle Bedenken und verfiel in eine muntere, trstliche Heiterkeit, die ihn den ganzen Abend nimmer verlie. Es war ihm klar geworden, da alle diese Geschichten nur Wasser auf seine Mhle seien. Die Schwgerin war fort, Gott sei Dank, die Frau Entri sa vereinsamt und traurig und hatte wohl auch Geldsorgen, da war es Zeit, da er nochmals vor sie trat und in dem abendsonnigen Stblein ihr sein Angebot wiederholte. Vergngt pfiff er ein Freudenlied, das stark miglckte und ihn doch noch froher und mutiger machte, und den Abend verbrachte er mit Herrn Trefz bei einem guten Markgrflerwein. Die Mnner stieen auf ein gutes Wiedersehen und eine weiterdauernde Freundschaft an, der Wirt trank ein Glas mit und hoffte beide gute Gste im nchsten Jahr wiederzusehen. Am andern Morgen stand Schlotterbeck zeitig an der Eisenbahn und erwartete den Zug. Der Wirt hatte ihn begleitet und drckte ihm nochmals die Hand, der Hausknecht hob den Koffer in den Wagen und bekam sein Trinkgeld, der Zug fuhr dahin, und nach einigen ungeduldigen Stunden war die Reise getan und Schlotterbeck wandelte an dem grenden Stationsvorstande vorbei in die Stadt hinein. Er nahm nur ein kurzes Frhstck im Adler, der am Wege lag, lie sich dort den Rock abbrsten und ging alsdann geraden Weges zur Frau Entri hinauf, deren Garten ihn in der alten Sauberkeit begrte. Das Tor war verschlossen und er mute ein paar Augenblicke warten, bis die Hausfrau daherkam und mit einem fragenden Gesicht -- denn sie hatte ihn nicht kommen sehen -- die Tr auftat. Da sie ihn erkannte, wurde sie rot und versuchte ein strenges Gesicht zu machen, er trat aber mit freundlichem Gru herein und sie fhrte ihn in die Stube. Sein Kommen hatte sie berrascht. Sie hatte in der vergangenen Zeit wenig an ihn denken knnen, doch war seine Wiederkunft ihr immerhin kein Schrecken mehr, sondern eher ein Trost. Er sah das auch, trotz ihrer Stille und knstlichen Khle, sehr wohl, und machte ihr und sich selber die Sache leicht, indem er sie herzhaft an beiden Schultern fate, ihr halb lachend ins rote Gesicht schaute und fragte: Es ist jetzt recht, nicht wahr? Da wollte sie lcheln und noch ein wenig sprdeln und Worte machen; aber unversehens bernahm sie die Bewegung, die Erinnerung an so viel Sorge und Bitterkeit dieser Wochen, die sie bis zum Augenblick tapfer und trocken durchgemacht hatte, und sie brach zu seinem und ihrem eigenen Schrecken pltzlich in helle Trnen aus. Bald hernach aber erschien auf ihren Wangen wieder der schchterne Glcksschein, den Herr Schlotterbeck vom letztenmal her kannte, sie lehnte sich an ihn, lie sich von ihm umfangen, und als nach einem sanften Kusse der Brutigam sie auf einen Stuhl niedersetzte, sagte er wohlgemut: Gott sei Dank, das stimmt also. Aber auf den Herbst wird das Husel verkauft, oder willst du um jeden Preis in dem Nest hier bleiben? Sie schttelte den Kopf, und er sagte frhlich: Da bin ich froh! Und das Privatisieren hrt auch bald auf. Was meinst du zum Beispiel zu einer Lederwarenfabrik? Der Weltverbesserer 1 Berthold Reichardt war vierundzwanzig Jahre alt. Aus einem guten brgerlichen Hause stammend, besa er einen angeborenen Sinn fr das Schickliche und Angenehme, den aber ein begehrlicher, auf eigene Wege und Erlebnisse erpichter Verstand vor den Gefahren der Bequemlichkeit des Philistertums bewahrte. Zum Unglck hatte er die Eltern frh verloren und von seinen mehrmals wechselnden Erziehern hatte nur ein einziger Einflu auf ihn bekommen, ein edler doch fanatischer Mensch und frommer Freigeist, welcher dem Jngling frh die Gewohnheit eines Denkens beibrachte, das bei scheinbarer Gerechtigkeit doch eben nicht ohne Hochmut den Dingen seine Form aufzwang. Nun wre es fr den jungen Menschen Zeit gewesen, unbefangen seine Krfte im Spiel der Welt zu versuchen und im Anschlu an irgendeinen Kreis ttigen Lebens sich unter die Menschen zu begeben, um ohne Hast sich nach dem ihm zukmmlichen und erreichbaren Lebensglck umzusehen, auf das er als ein gescheiter und gutartiger, dabei hbscher und wohlhabender Mann gewi nicht lange htte zu warten brauchen. Von diesem natrlichen und einfachen Wege hielten jedoch zwei Umstnde ihn ab, beide mehr in seinem Erziehungsgang als seiner Natur begrndet, beide unschuldig und edel von Ansehen. Zunchst war da, von jenem wohlmeinenden Erzieher geweckt und befestigt, in dem Jngling eine Neigung nach dem Abstrakten, die ihn zwang, allen Dingen auf den Grund zu gehen, auch wo kein solcher abzusehen war, und aus Zustnden, fr die er nicht verantwortlich war, persnliche Gedanken- und Gewissensprobleme zu ziehen wie Schalen von der Zwiebel, wobei denn jeder natrliche Leichtsinn und jede schne Unschuld des Denkens erkrankt und verkmmert war. Daraus hatte sich auch der zweite belstand ergeben: Berthold Reichardt hatte keinen bestimmten Beruf gewhlt. Gewissenhaft und eifrig hatte er seine Neigungen und Gaben immer wieder geprft und war dabei geblieben, sich erst recht grndlich im Allgemeinen zu bilden und zu festigen, ehe er den folgenschweren Schritt in eine begrenzte und verantwortliche Ttigkeit wage. Seinen Neigungen gem hatte er bei guten Lehrern, auf Reisen und aus Bchern Philosophie und Geschichte studiert mit einer Tendenz nach den sthetischen Fchern. Sein ursprnglicher Wunsch, Baumeister zu werden, war dabei in den Studienjahren abwechselnd erkaltet und wieder aufgeflammt; schlielich war er, um doch ein festes Ergebnis zu erreichen, bei der Kunstgeschichte stehen geblieben und hatte vorlufig seine Lehrjahre durch eine Doktorarbeit ber die Ornamentik in der Architektur der sddeutschen Renaissance abgeschlossen. Als junger Doktor traf er nun in Mnchen ein, wo er im Zusammenstrmen so vieler junger Talente, Krfte und Bedrfnisse am ehesten die Menschen und die Ttigkeit zu finden hoffte, zu denen seine Natur auf noch verdunkelten Wegen doch immer strker hinstrebte. Er drstete danach, Verkehr mit dem Leben und Einflu auf Menschen zu ben, am Entstehen neuer Zeiten und Werke mitzuraten und mitzubauen und im Werden und Emporkommen seiner Generation mitzuwachsen. Des Vorteiles, den jeder Friseurgehilfe hat: durch Beruf und Stellung von allem Anfang an ein festes, klares Verhltnis zum Leben und eine berechtigte Stelle im Gefge der menschlichen Ttigkeiten zu haben, dieses Vorteils also mute Berthold bei seinem Eintritt in die Welt und ins mnnliche Alter entraten. Sein Doktorname bezeichnete keine Arbeit und Stellung, kein Amt und keine Richtung, er war nur ein Titel und Schmuck, am Sonntag zu tragen. Freilich empfand Berthold selbst diesen Mangel an uerer Bestimmung lediglich als goldene Freiheit, welche er hochzuhalten und durchaus nur um den allerhchsten Preis, um die Krone des Lebens selber, daranzugeben gewillt war. In Mnchen, wo er schon frher ein Jahr als Student gelebt hatte, war der junge Herr Doktor Reichardt in mehreren Husern eingefhrt, hatte es aber mit den Begrungen und den Besuchen nicht eilig, da er seinen Umgang in aller Freiheit suchen und unabhngig von frheren Verpflichtungen sein Leben einrichten wollte. Vor allem war er auf die Knstlerwelt begierig, welche zurzeit eben wieder voll neuer Ideen grte und beinahe tglich Zustnde, Gesetze und Sitten entdeckte, welchen der Krieg zu erklren war. Da Verwandtes dem Verwandten zustrebt, geriet Reichardt, ohne sich darum Mhe gegeben zu haben, bald in nheren Umgang mit einem kleinen Kreise moderner junger Knstler dieser Art. Man traf sich bei Tische und im Kaffeehaus, bei ffentlichen Vortrgen und bald auch freundschaftlich in den Wohnungen und Ateliers, meistens in dem des Malers Hans Konegen, der eine Art geistiger Fhrerschaft in dieser Knstlergruppe ausbte. Das Wohlwollen dieser meist noch sehr jungen Leute hatte sich Berthold vor allem durch die Bescheidenheit erworben, mit welcher er ihren oft verblffend khnen Reden zuhrte und auch die gegen seine Person und seinen Stand gerichtete freimtige Kritik hinnahm. Als Hans Konegen ihn einstmals nach seinem Beruf gefragt und Reichardt sich als eine Art von Privatgelehrten vorstellte, der sich durch kunstgeschichtliche Studien den Doktorgrad erworben habe, da hatte ihm der Maler geradezu ins Gesicht gelacht und gesagt: Ach, Sie sind Kunsthistoriker! und hatte dieses Wort mit einer so erstaunten Verchtlichkeit betont, als wre es mit Idiot oder Raubmrder gleichbedeutend. Reichardt aber hatte nur verwundert mitgelacht und ohne Empfindlichkeit zugegeben, da allerdings das gelehrte Kunststudium viel uerliches an sich habe, wie es denn auch fr ihn nur eine methodische Bildung bedeute, welche er nun womglich in einer mehr auf das Leben selbst gerichteten Ttigkeit anzuwenden hoffe. Im weiteren Umgang mit den jungen Knstlern fand er nun noch manchen Anla zur Verwunderung, ohne darber den guten Willen zum Lernen zu verlieren. Es fiel ihm vor allem auf, da die paar berhmten Maler und Bildhauer, deren Namen er stets in enger Verbindung mit den jungen knstlerischen Revolutionen nennen gehrt oder gelesen hatte, offenbar diesem reformierenden Denken und Treiben der Jungen weit ferner standen, als er gedacht htte, da sie vielmehr in einer gewissen Einsamkeit und Unsichtbarkeit nur ihrer persnlichen Arbeit zu leben schienen. Ja, diese Weitberhmten wurden, worber er anfnglich geradezu erschrak, von den jungen Kollegen keineswegs als Vorbilder bewundert, sondern mit Schrfe, ja mit Lieblosigkeit kritisiert und zum Teil sogar beinahe verachtet. Es schien, als begehe jeder Knstler, der unbekmmert seine Werke schuf, damit einen Verrat an der Sache der revolutionierenden Jugend, ja, als sei trotz Goethe es eines rechten Knstlers Art und Pflicht nicht so sehr zu malen und zu bilden als zu denken und zu reden. Leider entsprach dieser Verirrung ein gewisser jugendlich-pedantischer, ideologischer Zug in Reichardts Wesen selbst, so da er trotz gelegentlichen Bedenken dieser ganzen Art sehr bald zustimmte. Es fiel ihm nicht auf, wie wenig und mit wie geringer Leidenschaft in den Ateliers seiner Freunde gearbeitet wurde. Da er selbst ohne Beruf und ohne Ntigung zu positiver Arbeit war, gefiel es ihm wohl, da auch seine Malerfreunde fast immer Zeit und Lust zum reden und theoretisieren hatten. Namentlich schlo er sich an Hans Konegen an, dessen kaltbltige Kritiklust ihm ebensosehr imponierte wie sein unverhohlenes Selbstbewutsein. Mit ihm durchstreifte er hufig die vielen Kunstausstellungen und hatte die berzeugung, dabei erstaunlich viel zu lernen, denn es gab kaum ein Kunstwerk, an dem Konegen nicht klar und schn darzulegen wute, wo seine Fehler lagen. Anfangs hatte es Berthold oft weh getan, wenn der andere ber ein Bild, das ihm gefiel und in das er sich eben mit Freude hineingesehen hatte, grblich und schonungslos hergefallen war; mit der Zeit gefiel ihm jedoch dieser Ton und frbte sogar auf seinen eigenen ab. Da hing eine zarte grne Landschaft, ein Flutal mit bewaldeten Hgeln, von Frhsommerwolken berflogen, treu und zart gemalt, das Werk eines noch jungen, doch schon rhmlich bekannten bayerischen Malers. Das schtzen und kaufen nun die Leute, sagte Hans Konegen dazu, und es ist ja ganz nett, die Wolkenspiegel im Wasser sind sogar direkt gut. Aber wo ist da Gre, Wucht, Linie, kurz -- Rhythmus? Eine nette kleine Arbeit, sauber und lieb, gewi, aber das soll nun ein Berhmter sein! Ich bitte Sie: wir sind ein Volk, das den grten Krieg der modernen Geschichte gewonnen hat, das Handel und Industrie im grten Mastab treibt, das reich geworden ist und Machtbewutsein hat, das eben noch zu den Fen Bismarcks und Nietzsches sa -- und das soll nun unsere Kunst sein! Ob ein hbsches waldiges Flutal geeignet sei, mit monumentaler Wucht gemalt zu werden, oder ob das Gefhl fr einfache Schnheiten der lndlichen Natur unseres Volkes unwrdig sei, davon sprach er nicht, und tat man einen derartigen Einwurf, so hie es unverweilt: Nun ja, wir knnen ja auch ber das Ding an sich oder ber den Kaukasus reden, warum nicht? Aber da wir nun doch einmal gerade von diesem Bild hier sprechen, kann ich nur wiederholen: ist hier Monumentalitt? Ist hier Gre? Ist hier der Ausdruck dessen, was unser Volk bewegt? und so weiter. Berthold Reichardt verlernte es unter dieser Fhrung, sich still und bescheiden in irgendein schnes Werk zu vertiefen, und wenn er schlielich gleich seinen neuen Freunden mit Bitterkeit fragte: Was sollen uns alle diese Ausstellungen? Sie lassen uns ja doch alle kalt! so hatte er damit mehr Recht als er selber wute, denn wirklich mochte das geringste dieser Bilder, in einem schlechten Farbendruck reproduziert und einem Bauernbuben geschenkt, diesem weit mehr Freude bereiten als dem so kritischen Betrachter alle Galerien. Doktor Reichardt wute nicht, da seine Bekannten keineswegs die Blte der heutigen Knstlerjugend darstellten, denn nach ihren Reden, ihrem Auftreten und ihren vielen theoretischen Kenntnissen taten sie das entschieden. Er wute nicht, da sie hchstens einen migen Durchschnitt, ja vielleicht nur eine launige Luftblase und Zerrform bedeuteten, und wute nicht, da neben dieser lrmenden und berklugen Jugend unbeachtet gar viele stille Talente hausten und arbeiteten. Er wute auch nicht, wie wenig grndlich und gewissenhaft die Urteile Konegens waren, der von schlichten Landschaften den groen Stil, von Riesenkartons aber tonige Weichheit, von Studienblttern Bildwirkung und von Staffeleibildern grere Naturnhe verlangte, so da freilich seine Ansprche stets weit grer blieben als die Kunst aller Knner. Und er fragte nicht, ob eigentlich Konegens eigene Arbeiten so mchtig seien, da sie ihm das Recht zu solchen Ansprchen und Urteilen gben. Wie es Art und schnes Recht der Jugend ist, unterschied er nicht zwischen seiner Freunde Idealen und ihren Taten, und wenn er ihnen in lebhafter Unterredung gegenberstand, geno er das Gefhl, als Freund neben lauter Talenten und Ausnahmegeistern zu leben, unter glcklichen Reprsentanten der zeitgenssischen Jugend. Es bten brigens auch diese eine Art von auffallender Bescheidenheit. Whrend sie nmlich ber Hodler wie ber Botticelli zu reden und alle Forderungen der hchsten Kunst genau zu formulieren wuten, galt ihre eigene Arbeit meistens recht anspruchslosen Dingen, kleinen Gegenstnden und Spielereien dekorativer und gewerblicher Art. Aber wie das Knnen des grten Malers klein wurde und elend dahinschmolz, wenn man es an ihren Forderungen an ihn und ihren Urteilen ber ihn ma, so wuchsen ihre eigenen kleinen Geschftigkeiten ins Gewaltige, wenn man sie darber sprechen hrte. Der eine hatte eine ganz hbsche Zeichnung zu einer Vase oder Tasse gemacht und wute nachzuweisen, da diese Arbeit, so unscheinbar sie sei, doch vielleicht mehr bedeute als mancher Saal voll Bilder, da sie in ihrem schlichten Ausdrucke das Geprge des Notwendigen trage und auf einer Erkenntnis der statischen und konstruktiven Grundgesetze jedes gewerblichen Gegenstandes, ja des Weltgefges selbst, beruhe. Ein anderer versah ein Stck graues Papier, das zu Bchereinbnden dienen sollte, mit einigen regellos verteilten gelblichen Flecken und konnte darber ebenfalls eine Stunde lang philosophieren, wie die Art der Verteilung jener Flecken etwas Kosmisches zeige und ein Gefhl von Sternhimmel und Unendlichkeit zu wecken vermge und wie der Zusammenklang des Grau mit dem Gelb etwas melancholisch Schweres, aber doch dmonisch Krftiges habe. Dergleichen Unfug lag in der Luft und wurde von der Jugend als eine Mode betrieben; mancher kluge, doch schwache Knstler mochte es auch ernstlich darauf anlegen, mangelnden natrlichen Geschmack durch solche Raisonnements zu ersetzen oder zu entschuldigen. Reichardt aber in seiner langsamen Grndlichkeit nahm alles eine Zeit lang ernst und lernte dabei von Grund aus die verderbliche Miggngerkunst eines intellektualistischen Beschftigtseins, das der Todfeind jeder wertvollen Arbeit ist. 2 ber diesem Umgange und Treiben aber konnte er, als ein ziemlich gut erzogener Mensch, doch auf die Dauer nicht alle gesellschaftlichen Verpflichtungen vergessen, und so erinnerte er sich vor allem eines Hauses, in dem er einst als Student verkehrt hatte, da der Hausherr vor Zeiten mit Bertholds Vater in nheren Beziehungen gestanden war. Es war dies ein Herr Justizrat Weinland, der ehemals Diplomat gewesen, dann zur Rechtswissenschaft zurckgekehrt war und als leidenschaftlicher Freund der Kunst und der Geselligkeit ein belebtes und glnzendes Haus gefhrt hatte. Dort wollte nun Reichardt, nachdem er schon gegen einen Monat in der Stadt wohnte, einen Besuch machen und sprach in sorgfltiger Toilette in dem Hause vor, dessen erste Etage der Rat einst bewohnt hatte. Da fand er zu seinem Erstaunen einen fremden Namen auf dem Trschilde stehen, und als er einen zufllig heraustretenden Diener nach der jetzigen Wohnung des Justizrats fragte, erfuhr er diese und zugleich die Nachricht, der Herr Rat selbst sei vor mehr als Jahresfrist gestorben. Die Wohnung der Witwe, die Berthold sich aufgeschrieben hatte, lag weit drauen in einer unbekannten stillen Strae am Rande der Stadt, und ehe er dorthin ging, suchte er durch Kaffeehausbekannte, deren er einige noch von der Studentenzeit her vorgefunden hatte, ber Schicksal und jetzigen Zustand des Hauses Weinland Bericht zu erhalten. Das hielt nicht schwer, da der verstorbene Rat ein weithin gekannter Mann gewesen war, und so erfuhr Berthold eine ganze Geschichte: Weinland hatte allezeit weit ber seine Verhltnisse gelebt und war so tief in Schulden, ja in zweifelhafte und miliche Finanzgeschfte hineingeraten, da niemand seinen pltzlichen Tod fr einen natrlichen hatte halten mgen. Jedenfalls hatte sofort nach diesem unerklrten Todesfall die Familie alle Habe verkaufen mssen und sei, obwohl noch in der Stadt wohnhaft, so gut wie vergessen und verschollen, da die angesehenen Freunde sich alle mitrauisch zurckgezogen htten und die ganz verarmte Frau nicht in der Lage sei, ein Haus zu machen. Schade sei es dabei am meisten um die Tochter, der jedermann ein besseres Schicksal gegnnt htte. Der junge Mann, von solchen Nachrichten berrascht und mitleidig ergriffen, wunderte sich doch ber das Dasein dieser Tochter, welche je gesehen zu haben er sich nicht erinnern konnte, und es geschah zum Teil aus Neugierde auf das Mdchen, als er nach einigen Tagen beschlo, die Weinlands zu besuchen. Er nahm einen Mietwagen und fuhr hinaus, durch eine unvornehme Vorstadt bis an die Grenze des freien Feldes, das zum Teil durch einen Exerzierplatz eingenommen wurde, wo im nassen Herbstwetter einige kleine Truppen sich unfroh bewegten. Der Wagen hielt vor einem einzeln stehenden mehrstckigen Miethause, das trotz seiner Neuheit in Fluren und Treppen schon den trben Duft der rmlichkeit angenommen hatte. Etwas verlegen trat er in die kleine Wohnung im zweiten Stockwerk, dessen Tre ihm eine Kchenmagd, offenbar erstaunt ber den eleganten Besuch, geffnet hatte. Sogleich erkannte er in der einfachen Stube mit neuen billigen Mbeln die Frau Rtin, deren strenge magere Gestalt und ruhig wrdiges Gesicht ihm beinahe unverndert und nur um einen Schatten reservierter und khler geworden schien. Neben ihr aber tauchte die Tochter auf, und nun wute er genau, da er diese noch nie gesehen habe, denn sonst htte er sie gewi nicht so ganz vergessen knnen. Sie hatte die Figur der Mutter, ohne ihr im Gesicht hnlich zu sein, und sah mit dem gesunden Gesicht, in der strammen, elastischen Haltung und einfachen, doch tadellosen Toilette wie eine junge Offiziersfrau oder Sportsdame aus. Dies war der erste Eindruck, und schon der war angenehm genug. Bei lngerem Betrachten ergab sich dann, da in dem frischen, herben Gesicht ruhige dunkelbraune Augen ihre Sttte hatten, und in diesen ruhigen Augen sowohl, wie in manchen weichen Bewegungen der strengen und beherrschten Gestalt schien erst der wahre Charakter des schnen Mdchens zu wohnen, den das brige uere hrter und klter vermuten lie, als er war. Reichardt blieb eine halbe Stunde bei den Frauen. Das Frulein Agnes war, wie er nun erfuhr, whrend der Zeit seines frheren Verkehrs in ihrem Vaterhause im Auslande gewesen, und er meinte sich nun zu erinnern, da damals zuweilen von ihr die Rede gewesen sei. Doch vermieden sie es alle, nher an die Vergangenheit zu rhren, und so kam es von selbst, da vor allem des Besuchers Person und Leben besprochen wurde. Beide Frauen zeigten sich ein wenig verwundert, ihn so zuwartend und unschlssig an den Toren des Lebens stehen zu sehen, und Agnes meinte geradezu, wenn er einiges Talent zum Baumeister in sich fhle, so sei das ein so herrlicher Beruf, da sie sein Zaudern nicht begreife. Beim Abschied fragte er, ob sein gelegentliches Wiederkommen die Damen in ihrer stillen Zurckgezogenheit nicht stren wrde, und erhielt die Erlaubnis, nach Belieben sich wieder einzufinden. Von den vernderten Umstnden der Familie, von ihrer Vereinsamung und Verarmung hatte zwar die Lage und Bescheidenheit ihrer Wohnung Kunde gegeben, die Frauen selbst aber hatten dessen nicht nur mit keinem Worte gedacht, sondern auch in ihrem ganzen Wesen und Benehmen kein Wissen von Armut oder Bedrcktheit gezeigt, vielmehr den Ton innegehalten, der in ihrer frheren weitluftigen Lebensfhrung ihnen gelufig und selbstverstndlich gewesen war. Erst als Reichardt sich, die Damen im Zimmer zurcklassend, auf dem engen finstern Flur allein fand und tappend nach dem Trgriff suchen mute, kam ihm die Lage dieser Frauen wieder in den Sinn. Er nahm eine ihm noch kaum bewute Teilnahme und Bewunderung fr die schne, tapfere Tochter mit sich in die abendliche Stadt hinein und fhlte sich bis zur Nacht und zum Augenblick des Einschlafens von einer wohlig reizenden Atmosphre umgeben, wie vom tiefen, warmen Braun ihrer Blicke. Dieser sanfte Reiz spornte den Doktor auch zu neuen Arbeitsgedanken und Lebensplnen an. Wenige Tage nach seinem Besuche bei den Frauen Weinland hatte er ein langes, ernstes Gesprch mit dem Maler Konegen, das zwar zu keinem Ziel fhrte, ihm aber den von ihm noch unerkannten Vorteil einer Abkhlung dieser Freundschaft brachte. Hans Konegen hatte auf Reichardts Klagen hin sofort einen breiten, genial konstruierten Arbeitsplan entworfen, er war in dem groen Atelier heftig hin und wieder geschritten, hatte seinen rotbraunen Bart mit nervsen Hnden gedreht und sich alsbald, wie es seine unheimliche Gabe war, in ein flimmerndes Gehuse eingesponnen, das aus lauter Beredtsamkeit bestand und dem Regendache jenes Meisterfechters im Volksmrchen glich, unter welchem jener trocken stand, obwohl es aus nichts bestund als dem rasenden Kreisschwung seines Degens. Er rechtfertigte zuerst die Existenz seines Freundes Reichardt, indem er den Wert und die Bedeutung solcher Intelligenzen ausfhrte, die als kritische und heimlich mitschpferische Berater der Kunst helfen und dienen knnten. Ja, es sei das Wesen der Kunst so kompliziert und unseren materiellen Zeitbestrebungen so fremd geworden, da ein richtiges verstehendes Verhltnis zur wahren Kunst vielleicht berhaupt nur noch den Knstlern selber und etwa noch solchen emsigen und klugen Kunstgelehrten, wie Reichardt, mglich sei. Um so mehr nun sei es also dessen Pflicht, seine Krfte der Kunst dienstbar zu machen und als unbeirrbarer Kmpfer fr das einzutreten, was er als den Sinn und das Ideal der modernen Kunst erkannt habe. Er mge daher trachten, an einer angesehenen Kunstzeitschrift oder noch besser an einer Tageszeitung kritischer Mitarbeiter zu werden und zu Einflu zu kommen. Dann wrde er, Hans Konegen, ihm durch eine Gesamtausstellung seiner Schpfungen Gelegenheit geben, einer guten Sache zu dienen und der Welt etwas Neues zu zeigen. Als Berthold ein wenig mimutig den Freund daran erinnerte, wie verchtlich sich dieser noch krzlich ber alle Zeitungen und Zeitschriften und ber das Amt des Kritikers im allgemeinen geuert habe, bekannte sich der Maler sogleich freudig zu jener uerung, die er zu jeder Stunde zu wiederholen und zu beweisen bereit sei, nahm sie dann aber sofort zur Folie fr seine heutigen Absichten und legte dar, wie eben bei dem traurig tiefen Stande der Kritik ein wahrhaft edler und freier Geist auf diesem Gebiete zum Reformator werden knne, zum Lessing unserer Zeit. brigens stehe, so lenkte er nach einem freundlichen Seitenpfade ein, dem Kunstschriftsteller auch noch ein anderer und schnerer Weg offen, nmlich der des Buches. Er selbst habe schon manchmal daran gedacht, die Herausgabe einer Monographie ber ihn, Hans Konegen, zu veranlassen; nun sei in Reichardt endlich der rechte Mann fr die nicht leichte Aufgabe gefunden. Berthold solle den Text schreiben, die Illustration des Buches bernehme er selbst, werde auch Handdrucke seiner drei Holzschnitte in Japanabzgen beiheften und schon dadurch jeden echten und reichen Kunstfreund zum Erwerb des Buches geradezu ntigen. Reichardt hrte die wortreichen Vorschlge mit einer zunehmenden Verstimmung an. Heute, da er das bel seiner berufslosen Entbehrlichkeit besonders stark empfand und fr einen guten Rat oder auch schon fr ein wenig Trost empfnglich und dankbar gewesen wre, tat es ihm weh zu sehen, wie der Maler in diesem Zustande nichts anderes fand als eine Verlockung, ihn seinem persnlichen Ruhm oder Vorteil dienstbar zu machen. Aber als er ermdet und betrbt ihm ins Wort fiel und diese Plne kurz von der Hand wies, war Hans Konegen keineswegs geschlagen. Gut, gut, sagte er wohlwollend, ich verstehe Sie vollkommen und mu Ihnen eigentlich recht geben. Die Kritik und die verfluchte Federfuchserei berhaupt ist ja im Grunde eine entbehrliche und lcherliche Sache. Sie wollen Werte schaffen helfen, nicht wahr? Tun Sie das! Sie haben Kenntnisse und Geschmack, Sie haben mich und einige Freunde und dadurch eine direkte Verbindung mit dem schaffenden Geist der Zeit. Grnden Sie also ein schnes Unternehmen, mit dem Sie einen unmittelbaren Einflu auf das Kunstleben ausben knnen! Grnden Sie zum Beispiel einen Kunstverlag, eine Stelle fr Herstellung und Vertrieb wertvoller Graphik, ich stelle dazu das Verlagsrecht meiner Holzschnitte und zahlreicher Entwrfe zur Verfgung, ich richte Ihre Druckerei und Ihr Privatbureau ein, die Mbel etwa in Ahornholz mit Messingbeschlgen. Oder noch besser, hren Sie! Beginnen wir eine kleine Werksttte fr vornehmes Kunstgewerbe! Nehmen Sie mich als Berater oder Direktor, fr gute Hilfskrfte werde ich sorgen, ein Freund von mir modelliert zum Beispiel prachtvoll und versteht sich auch auf Bronzegu. Und so ging es weiter, munter Plan auf Plan, bis Reichardt beinahe wieder lachen konnte. berall sollte er der Unternehmer sein, das Geld aufbringen und riskieren, Konegen aber war der Direktor, der Beirat, der technische Leiter, kurz die Seele von allem. Zum ersten Male erkannte Berthold deutlich, wie eng und selbstschtig alle Kunstgedanken und Zukunftsideale des Malergenies nur um dessen eigene Person und Eitelkeit oder Gewinnsucht kreisten, und er sah nachtrglich mit Unbehagen, wie wenig schn die Rolle war, die er in der Vorstellung und den Absichten dieser Leute gespielt hatte. Doch berschtzte er sie immer noch, indem er nun darauf dachte, sich still von diesem Umgang zurckzuziehen, unter mglichster Delikatesse und Schonung. Denn kaum hatte Herr Konegen nach mehrmals wiederholten Beredungsversuchen eingesehen, da Reichardt wirklich nicht gesonnen war, diese Unternehmergelste zu befriedigen, so fiel die ganze Bekanntschaft dahin, als wre sie nie gewesen. Der Doktor hatte diesen Leuten ihre paar Holzschnitte und Tpfchen lngst abgekauft, einigen auch kleine Geldbetrge geliehen; wenn er nun seiner Wege gehen wollte, hielt niemand ihn zurck. Reichardt, mit den Sitten der Boheme noch wenig vertraut, sah sich mit unbehaglichem Erstaunen von seinen Knstlerfreunden vergessen und kaum mehr gegrt, whrend er sich noch damit qulte, eine ebensolche Entfremdung langsam und vorsichtig einzuleiten. Ein junger Zeichner schickte ihm noch den Entwurf zu einem Exlibris zu, das Herr Reichardt einmal mndlich bei ihm bestellt habe. Er kaufte das kleine Blttchen an, obwohl er sich des Auftrages nicht erinnerte, und legte es in dieselbe Mappe, welche auch Konegens Holzschnitte barg. 3 Zuweilen sprach Doktor Reichardt in dem den Vorstadthause bei der Frau Rat Weinland vor, wo es ihm jedesmal merkwrdig wohl wurde. Der vornehme Ton dort bildete einen angenehmen erzieherischen Gegensatz zu den Reden und Sitten des Zigeunertums, in welchen der junge Mann sich bewegte, ohne sie freilich selbst je ganz anzunehmen, und immer ernsthafter beschftigte ihn die Tochter, die ihn zweimal allein empfing, und deren strenge Anmut ihn jedesmal entzckte und verwirrte. Denn er fand es unmglich, mit ihr jemals ber Gefhle zu reden oder doch die ihren kennen zu lernen, da sie bei all ihrer damenhaften Schnheit die Verstndigkeit selbst zu sein schien. Und zwar besa sie jene praktische, auf das Notwendige und Nchste gerichtete Klugheit, welche das nur spielerische Sichabgeben mit geistigen Dingen nicht kennt und welche, wie er sich gestand, von den Bohemiens gewi als philistrs verlacht worden wre, whrend sie ihm doch jedesmal Eindruck machte. Agnes zeigte eine freundliche, sachliche Teilnahme fr den Zustand, in dem sie ihn befangen sah, und wurde nicht mde, ihn auszufragen und ihm zuzureden, ja sie machte gar kein Hehl daraus, da sie es eines Mannes unwrdig finde, sich seinen Beruf so im Weiten zu suchen wie man Abenteuer suche, statt mit Bescheidenheit und festem Willen an einem bestimmten Punkte zu beginnen. Von den Weisheiten des Malers Konegen hielt sie ebenso wenig wie von dessen Holzschnitten, die ihr Reichardt mitgebracht hatte. Das sind Spielereien, sagte sie bestimmt, und ich hoffe, Ihr Freund treibe dergleichen nur in Muestunden. Es sind, so viel ich davon verstehe, Nachahmungen japanischer Arbeiten, die vielleicht den Wert von Stilbungen haben knnen. Mein Gott, was sind denn das fr Mnner, die in den besten Jugendjahren sich daran verlieren, ein Grn und ein Grau gegeneinander abzustimmen! Jede Frau von einigem Geschmack leistet ja mehr, wenn sie sich ihre Kleiderstoffe aussucht! Die wehrhafte Gestalt bot selber in ihrem sehr einfachen, doch sorgfltig und bewut zusammengestellten Kostm das Beispiel einer solchen Frau. Recht als wolle es ihn mit der Nase darauf stoen, hatte sein Glck ihm diese prchtige Figur in seinen Weg gestellt, da er sich an sie halte und von ihr zum Rechten geleitet werde. Aber der Mensch ist zu nichts schwerer zu bringen als zu seinem Glck, wenn er einmal verrannt und in Abwege und Spekulationen geraten ist. Nmlich Berthold hatte, nachdem die Sache mit dem Maler Konegen abgetan war, sich im Labyrinthe seiner Unsicherheit ungesumt einen neuen stattlichen Gang erwhlt, der berallhin fhren konnte, und den er jetzt mit dem Eifer verfolgte, dessen gute Grbler seiner Art leider meist nur fr Undinge fhig sind. Bei einem ffentlichen Vortrag ber das Thema Kunst und Leben, oder neue Wege zu einer knstlerischen Kultur hatte er etwas erfahren, das er umso bereitwilliger aufnahm, als es seiner augenblicklichen enttuschten Gedankenlage entsprach, nmlich da es nottue, aus allen sthetischen und intellektualistischen Interessantheiten herauszukommen. Fort mit der formalistischen und negativen Kritik unserer Kultur, fort mit dem kraftlosen Geistreichtun auf Kosten heiliger Gter und Angelegenheiten unserer Zeit! Dies war der Ruf, dem er wie ein Erlster folgte. Er folgte ihm in einer Art von Bekehrung sofort und unbedingt, einerlei wohin er fhre. Und er fhrte auf eine Strae, deren Pflaster fr Bertholds Steckenpferde wie geschaffen war, nmlich zu einer neuen Ethik. War nicht ringsum alles faul und verdorben, wohin der Blick auch fallen mochte? Unsere Huser, Mbel und Kleider geschmacklos, auf Schein berechnet und unecht, unsere Geselligkeit hohl und eitel, unsere Wissenschaft verknchert, unser Adel vertrottelt und unser Brgertum verfettet? Beruhte nicht unsere Industrie auf einem Raubsystem, und war es nicht eben deshalb, da sie das hliche Widerspiel ihres wahren Ideals darstellte? Warf sie etwa, wie sie knnte und sollte, Schnheit und Heiterkeit in die Massen, erleichterte sie das Leben, frderte sie Freude und Edelmut? Nein, ach nein. berall sa einer und wollte Geld verdienen, von der Politik bis zur bildenden Kunst war jede geistige Ttigkeit von Anfang an ein Kompromi mit der Unkultur. Der gelehrige Gelehrte sah sich pltzlich von Falschheit und Schwindel umgeben, er sah die Stdte vom Kohlenrauch beschmutzt und vom Geldhunger korrumpiert, das Land entvlkert, das Bauerntum aussterbend; jede echte und heilige Lebensregung an der Wurzel bedroht. Dinge, die er noch vor Tagen mit Gleichmut, ja mit Vergngen betrachtet hatte, enthllten ihm nun ihre innere Fulnis. Berthold fhlte sich fr dies alles mit verantwortlich und zur Mitarbeit an der neuen Ethik und Kultur verpflichtet. Als er dem Frulein Weinland zum erstenmal davon berichtete, wurde sie aufrichtig betrbt. Sie hatte Berthold gerne und traute es sich zu, ihm zu einem tchtigen und schnen Leben zu verhelfen, und nun sah sie ihn, der sie doch sichtlich liebte, blind in diese Lehren und Umtriebe strzen, fr die er nicht der Mann war, und bei denen er nur zu verlieren hatte. Sie sagte ihm ihre Meinung recht deutlich und meinte, jeder der auch nur eine Stiefelsohle mache oder einen Knopf annhe, sei der Menschheit und der Kultur gewi ntzlicher und lieber als alle Propheten. Es gebe in jedem kleinen Menschenleben Anla genug, edel zu sein und Mut zu zeigen, und nur wenige seien dazu berufen, das Bestehende anzugreifen und Lehrer der Menschheit zu werden. Er antwortete dagegen mit Feuer, eben diese Gesinnung, die sie uere, sei die bliche weltkluge Lauheit, mit welcher es zu halten sein Gewissen ihm verbiete. Es war der erste kleine Streit, den die beiden hatten, und Agnes sah mit Betrbnis, wie der liebe Mensch immer weiter von seinem eigenen Leben und Glck abgedrngt und in endlose Wasserwsten der Theorie und Einbildungen verschlagen wurde. Schon war er im Begriffe, blind und stolz an der hbschen Glcksinsel vorber zu segeln, wo sie auf ihn wartete. Die Sache wurde um so bler, als Reichardt jetzt in den Einflu eines wirklichen Propheten geriet, den er in einem ethischen Verein kennen gelernt hatte. Dieser Mann, welcher Eduard van Vlissen hie, war erst Theologe, dann Knstler gewesen und hatte berall, wohin er kam, rasch eine groe Macht in den Kreisen der Suchenden und Verirrten gewonnen, welche ihm auch zukam, da er nicht nur unerbittlich im Erkennen und Verurteilen sozialer belstnde, sondern persnlich auch zu jeder Stunde bereit war, fr seine Gedanken einzustehen und sich ihnen zu opfern. Als katholischer Theologe hatte er eine Schrift ber den heiligen Franz von Assisi verffentlicht, worin er den Untergang seiner Ideen aus seinem Kompromi mit dem Papsttum erklrt und den Gegensatz von heiliger Intuition und echter Sittlichkeit gegen Dogma und Kirchenmacht auf das Schroffste ausgemalt hatte. Von der Kanzel deshalb vertrieben, nahm er seinen Austritt aus der Kirche und tauchte bald darauf in belgischen Kunstausstellungen als Urheber seltsamer mystischer Gemlde auf, die viel von sich reden machten. Seit Jahren aber lebte er nun auf Reisen, ohne Erwerb und ohne festen Wohnort, ganz dem Drange seiner Mission hingegeben. Er gab einem Armen achtlos sein letztes kleines Geldstck, um dann selbst zu betteln. In den Husern der Reichsten verkehrte er unbefangen und freimtig, stets in dasselbe anstndige, doch beraus einfache Lodenkleid gehllt, das er auch auf seinen Fuwanderungen und Reisen trug. Seine Lehre war ohne feste Dogmen, er liebte und empfahl vor allem Bedrfnislosigkeit und Wahrhaftigkeit, so da er auch die kleinste Hflichkeitslge verabscheute. Wenn er daher zu jemand, den er kennen lernte, sagte Es freut mich, so galt das fr eine Auszeichnung, und eben das hatte er zu Reichardt gesagt. Seit dieser den merkwrdigen und bedeutenden Mann gesehen hatte und seinen Umgang geno, wurde sein Verhltnis zu Agnes Weinland immer lockerer und unsicherer. Der Prophet, von dem man sagte, er habe nie in seinem Leben mit Frauen zu tun gehabt, war allerdings in Liebessachen kein Kenner. Whrend jeder kluge Arzt oder Beichtvater einen jungen Menschen, der mit sich unzufrieden ist, vor allem nach einer etwaigen Liebe oder Brautschaft befragen wrde, dachte van Vlissen daran nicht. Er sah in Reichardt einen sympathischen und begabten jungen Mann, der im Getriebe der Welt keinen rechten Platz finden konnte, und den er keineswegs zu beruhigen und zu vershnen dachte, denn er liebte und brauchte solche Unzufriedene, deren Not er teilte und aus deren Bedrfnis und Auflehnung er die Entstehung der besseren Zeiten erwartete. Whrend dilettantische Weltverbesserer stets an ihren eigenen Unzulnglichkeiten leiden, die sie der Weltordnung zuschreiben, und ber die sie niemals hinauskommen, war dieser hollndische Prophet gegen sein eigenes Wohl oder Wehe nahezu vllig unempfindlich und richtete alle Kraft seiner Wnsche und seines Kopfes auf jene bel, die er als prinzipielle Feinde und Zerstrer menschlichen Friedens ansah. Er hate den Krieg und die Machtpolitik, er hate das Geld und den Luxus, und er sah seine Mission darin, seinen Ha auszubreiten und aus dem Funken zur groen Flamme zu machen, damit sie einst das bel vernichte. In der Tat kannte er Hunderte und Tausende von notleidenden und suchenden Seelen in der Welt, und seine Verbindungen mit solchen reichten vom russischen Gutshofe des Grafen Tolstoi bis in die Friedens- und Vegetarierkolonien an der sdfranzsischen Kste und auf Madeira. Berthold verfiel der Anziehungskraft dieses Mannes vollkommen. Van Vlissen hielt sich nur drei Wochen in Mnchen auf und wohnte bei einem schwedischen Maler, in dessen Atelier er sich nachts eine Hngematte ausspannte, und dessen mageres Frhstck er teilte, obwohl er genug reiche Freunde hatte, die ihn mit Einladungen bedrngten. ffentliche Vortrge hielt er nicht, war aber von frh bis spt und selbst bei Gngen auf der Strae umgeben von einem Kreise Gleichgesinnter oder Ratsuchender, mit denen er einzeln oder in Gruppen redete, ohne zu ermden. Mit einer einfachen, volkstmlichen Dialektik wute er alle Propheten und Weisen als seine Bundesgenossen darzustellen und ihre Sprche als Belege fr seine Lehre zu zitieren, nicht nur den heiligen Franz, sondern ebenso Jesus selbst, Sokrates, Buddha, Konfuzius. Htte Berthold seine Reden irgendwo gedruckt gelesen, so htten sie vielleicht wenig Eindruck auf ihn gemacht, jedenfalls htte er sofort ihre ebenso schne wie gefhrliche Einseitigkeit erkannt. So aber unterlag er willig dem Einflu einer so starken und seltsam anziehenden Persnlichkeit. Wie ihm ging es auch hundert anderen, die sich in van Vlissens Nhe hielten. Aber Reichardt war einer von den ganz Wenigen, die sich nicht mit der Sensation und Stimmung des gegenwrtigen Augenblicks begngten, sondern eine ernstliche Umkehrung des Willens in sich erlebten, wozu es gewi keiner berlegenen Urteilskraft, wohl aber eines ungetrbten und zarten sittlichen Empfindens bedarf. In dieser Zeit besuchte er Agnes Weinland und ihre Mutter nur ein einzigesmal. Die Frauen bemerkten die Vernderung seines Wesens alsbald; seine fast knabenhafte Begeisterung, die doch keinen kleinsten Widerspruch ertragen konnte, und die fanatisierte Gehobenheit seiner Sprache mifielen ihnen beiden, und indem er ahnungslos in seinem glcklichen Eifer sich immer heier und immer weiter von Agnes weg redete, sorgte der bse Feind dafr, da auch noch gerade heute ihn das denkbar unglcklichste Thema beschftigen mute. Dieses war die damals vielbesprochene Reform der Frauenkleidung, welche von vielen Seiten fanatisch gefordert wurde, von Knstlern aus sthetischen Grnden, von Hygienikern aus hygienischen, von Ethikern aus ethischen. Whrend eine lrmende Jugend, von manchen ernsthaften Mnnern und Frauen bedeutsam untersttzt, gegen die bisherigen Frauenkleider auftrat und der Mode ihre Lebensberechtigung absprach, sah man freilich die schnen und eleganten Frauen der berhmten Knstler, rzte und so weiter nach wie vor sich mit dem schnen Schein dieser verfolgten Mode schmcken; und mochte es nun tiefer begrndet sein oder nur an mangelnder Gewhnung der Augen liegen, diese eleganten Frauen gefielen sich und der Welt entschieden besser als die Erstlingsopfer der neuen Reform, die mutig in ungewohnten, fast faltenlosen Kostmen einhergingen. Reichardt nun stand neuerdings unbedingt auf der Seite der Reformer. Die anfangs humoristischen, dann ernster werdenden und schlielich leicht indignierten Einwrfe der beiden Damen beantwortete er nicht gerade heftig oder unhflich, aber in einem anmaend berlegenen Tone, wie ein Weiser, der zu Kindern spricht. Die alte Dame versuchte mehrmals das Gesprch in andere Gleise zu lenken, doch vergebens, bis schlielich Agnes mit Entschiedenheit sagte: Sprechen wir nicht mehr davon! Ich bin darber erstaunt, Herr Doktor, wie viel Sie von diesem Gebiet verstehen, auf dem ich mich auch ein wenig auszukennen glaubte, denn ich mache alle meine Kleider selber. Da habe ich denn also, ohne es zu ahnen, Ihre Gesinnungen und Ihren Geschmack durch meine Trachten fortwhrend beleidigt. Erst bei diesen Worten ward Reichardt inne, wie undelikat und anmaend sein Predigen gewesen sei, und errtend bat er um Entschuldigung. Meine berzeugung zwar bleibt vllig bestehen, sagte er ernsthaft, aber es ist mir tatschlich niemals eingefallen, auch nur einen Augenblick dabei an Ihre Person zu denken, die mir fr solche Kritik viel zu hoch steht. Auch mu ich gestehen, da ich selbst wider meine Anschauungen sndige, indem Sie mich in einer Kleidung sehen, deren Prinzip ich verwerfe. Mit anderen nderungen meiner Lebensweise, die ich schon vorbereite, werde ich auch zu einer anderen Tracht bergehen, mit deren Beschreibung ich Sie jedoch nicht belstigen darf. Unwillkrlich musterte bei diesen Worten Agnes seine Gestalt, die in ihrer unauffllig eleganten Besuchskleidung recht hbsch und nobel aussah, und sie rief mit einem Seufzer: Sie werden doch nicht im Ernst hier in Mnchen in einem Prophetenmantel herumlaufen wollen! Nein, sagte der Doktor, ich begreife, da dies lcherlich und unntz wre. Aber ich habe eingesehen, da ich berhaupt nicht in das Stadtleben tauge, und will mich in Blde auf das Land zurckziehen, um in schlichter Ttigkeit ein einfaches und naturgemes Leben zu fhren. Eine gewisse Befangenheit, der sie alle drei verfielen, lag lhmend ber der weiteren Unterhaltung, so da Reichardt nach wenigen Minuten Abschied nahm. Er reichte der Rtin die Hand, dann der Tochter, die jedoch erklrte, ihn hinausbegleiten zu wollen. Sie ging, was sie noch nie getan hatte, mit ihm in den engen Flur hinaus und wartete, bis er im berzieher war. Dann ffnete sie die Tr zur Treppe, und als er ihr nun Abschied nehmend die Hand gab, hielt sie diese einen Augenblick fest, sah ihn mit dunklen Augen aus dem erbleichten Gesicht durchdringend an und sagte: Tun Sie das nicht! Tun Sie nichts von dem, was Ihr Prophet verlangt! Ich meine es gut. Unter ihrem halb flehenden, halb befehlenden Blick berlief ihn ein ser, starker Schauder von Glck, und im Augenblick mute er es sich wie eine selige Erlsung vorstellen, sein Leben dieser Frau in die Hnde zu geben. Er fhlte, wie weit aus ihrer sprden Selbstndigkeit sie ihm hatte entgegenkommen mssen, und einige Sekunden lang schwankte, von diesem Wort und Blick erschttert, das ganze Gebude seiner Gedankenwelt, als wolle es einstrzen. Indessen hatte sie seine Hand losgelassen und leise die Tre hinter ihm geschlossen. 4 Am folgenden Tag merkte van Vlissen wohl, da sein Jnger unsicher geworden und von fremden Einflssen gestrt war. Er sah ihm lchelnd ins Gesicht, mit seinen merkwrdig klaren, doch leidvollen Augen, doch tat er keine Frage und lud statt dessen, als sie einen Augenblick in Reichardts Wohnung allein waren, ihn zu einem Spaziergange ein. Das hatte er noch nie getan, und Berthold lie alsbald einen Wagen kommen, in dem sie weit vor die Stadt hinaus isaraufwrts fuhren. Im Walde lie van Vlissen halten und schickte den Wagen zurck. Der Wald stand vorwinterlich verlassen unter dem bleichen grauen Himmel, es war weit und still, nur aus groer Ferne her hrten sie die Axtschlge von Holzhauern durch die graue Khle klingen. Auch jetzt begann der Apostel kein Gesprch. Er schritt mit leichtem, wandergewohntem Gange dahin, aufmerksam mit allen Sinnen die Waldstille einatmend und durchdringend. Wie er die Luft eintrank und den Boden trat, wie er einem entfliehenden Eichhorn nachblickte und mit lautloser Gebrde den Begleiter auf einen nahesitzenden Specht aufmerksam machte, da war etwas still Zwingendes in seinem Wesen, eine ungetrbte Wachheit und berall mitlebende Unschuld oder Gte, in welche der mchtige Mann wie in einen Zaubermantel gehllt ein Reich zu durchwandern schien, dessen heimlicher Knig er war. Aus dem Walde tretend sahen sie weite cker ausgebreitet, ein Bauer fuhr am Horizont langsam mit schweren Gulen dahin, und langsam begann van Vlissen zu sprechen, von Saat und Ernte, von Erde und Dung und lauter buerlichen Dingen und entfaltete in einfachen Worten ein Bild des lndlichen Lebens, das der stumpfe Bauer unbewut fhre, das aber, von bewuten und dankbaren Menschen gefhrt, voll Heiligung und Frieden und geheimer Kraft sein msse. Und der Jnger fhlte, wie die Weite und Stille und der ruhige groe Atem der lndlichen Natur Sprache gewann und sich seines Herzens bemchtigte. Erst gegen Abend kehrten sie in die Stadt zurck. Wenige Tage spter fuhr van Vlissen zu Freunden nach Tirol, und Reichhardt reiste mit ihm, und in einem schnen sdlichen Tal kaufte er einen Obstgarten und ein kleines, etwas verfallenes Weinberghuschen, in das er ohne Sumen einziehen wollte, um sein neues Leben zu beginnen. Er trug ein einfaches Kleid aus grauem Loden, wie das des Hollnders, und fuhr in diesem Kleide auch nach Mnchen zurck, wo er sein Zelt abbrechen und Abschied nehmen wollte. Schon aus seinem langen Wegbleiben hatte Agnes geschlossen, da ihr Rettungsversuch vergeblich gewesen sei. Das stolze Mdchen war betrbt, den Mann und die an ihn geknpften Hoffnungen zu verlieren, doch nicht minder in ihrem Selbstgefhl verletzt, sich einer Grille wegen von ihm verschmht zu sehen, dem sie nicht ohne Selbstberwindung so weit entgegengekommen war. Als jetzt Berthold Reichardt gemeldet wurde, hatte sie alle Lust, ihn gar nicht zu empfangen, bezwang jedoch ihre Verstimmung und sah ihm ohne eigentliche Hoffnung, doch mit einer gewissen erregten Neugierde entgegen. Die Mutter lag im rckwrtigen Zimmer mit einer Erkltung zu Bette. Mit Verwunderung sah Agnes den Mann eintreten, um den sie mit einem Luftgespinste zu kmpfen hatte, und der nun etwas verlegen und wunderlich verndert vor ihr stand. Er trug nmlich die Tracht van Vlissens, Wams und Beinkleider von grobem Filztuch, statt steifgebgelter Wsche ein Hemd aus naturfarbenem Linnen mit einem ziemlich breiten weichen Halskragen. Agnes, die ihn nie anders als im schwarzen Besuchsrock oder im modischen Straenanzug gesehen hatte, betrachtete ihn einen Augenblick mit Enttuschung und Staunen, dann bot sie ihm einen Stuhl an und sagte mit einem kleinen Anklang von Spott: Sie haben sich verndert, Herr Doktor. Er lchelte befangen und sagte: Allerdings, und Sie wissen ja auch, was diese Vernderung bedeutet. Ich komme, um Abschied zu nehmen, denn ich bersiedele dieser Tage nach meinem kleinen Gute in Tirol. Sie haben Gter in Tirol? Davon wuten wir ja gar nichts. O, es ist nur ein Garten und Weinberg, und gehrt mir erst seit einer Woche. Sie haben die groe Gte gehabt, sich um mein Vorhaben und Ergehen zu kmmern, darum glaube ich Ihnen darber Rechenschaft schuldig zu sein. Oder darf ich nun auf jene liebe Teilnahme nicht mehr rechnen? Agnes Weinland zog die Brauen zusammen und sah ihn an. Ihr Ergehen, sagte sie leise und klar, hat mich interessiert, so lange ich so etwas wie einen ttigen Anteil daran nehmen konnte. Fr die Versuche mit Tolstoischer Lebensweise, die Sie vorhaben, kann ich aber leider nur wenig Interesse aufbringen. Seien Sie nicht zu strenge! sagte er bittend. Aber wie Sie auch von mir denken mgen, Frulein Agnes, ich werde Sie nicht vergessen knnen, und ich hoffe von Herzen, Sie werden mir das, was ich tue, verzeihen, sobald Sie mich hierin ganz verstehen. O, zu verzeihen habe ich Ihnen nichts. Berthold beugte sich vor und fragte leise: Und wenn wir beide guten Willens wren, glauben Sie nicht, da Sie dann vielleicht diesen Weg mit mir gemeinsam gehen knnten? Sie stand auf und sagte ohne Erregung: Nein, Herr Reichardt, das glaube ich nicht. Ich kann Ihnen alles Glck wnschen. Aber ich bin in all meiner Armut gar nicht so unglcklich, da ich Lust htte, einen Weg zu teilen, der aus der Welt hinaus ins Unsichere fhrt. Und pltzlich aufflammend rief sie fast heftig: Gehen Sie nur Ihren Weg! Gehen Sie ihn! Mit einer zornigstolzen, prachtvollen Gebrde lud sie ihn ein sich zu verabschieden, was er betroffen und bekmmert tat, und indessen er drauen die Tre ffnete und schlo und die Treppe hinabstieg, hatte sie, die seine Schritte verklingen hrte, genau dasselbe wunderlich bittere und hoffnungslose Gefhl im Herzen wie der davongehende Mann, als gehe hier einer Torheit wegen eine schne und kstliche Sache zugrunde; nur da jedes dabei der Torheit des andern dachte. 5 Es begann jetzt Berthold Reichardts Martyrium. In den ersten Anfngen sah es gar nicht bel aus. Wenn er ziemlich frh am Morgen das Lager verlie, das er sich selber bereitete, schaute durch das kleine Fenster seiner Schlafkammer das stille morgendliche Tal herein, an dessen tiefster Stelle die Sonne hervortrat. Der Tag begann mit angenehmen und kurzweiligen Bettigungen des Einsiedlerlehrlings, mit dem Waschen oder auch Baden im Brunnentrog, je nach der Wrme des Tages, mit dem Feuermachen im Steinherde, dem Herrichten der Kammer, Milchkochen und trinken. Sodann erschien, alle Tage pnktlich zu seiner Stunde, der Knecht und Lehrmeister, Ratgeber und Minister Xaver aus dem Dorfe, der auch das Brot mitbrachte. Mit ihm ging Berthold nun an die Arbeit, bei gutem Wetter im Freien, sonst im Holzschuppen oder in der Stube. Emsig lernte er unter des Knechtes Anleitung die wichtigsten Gerte handhaben, die Gais melken und fttern, den Boden graben, Obstbume putzen, den Gartenzaun flicken, Scheitholz fr den Herd spalten und Reisig fr den Ofen bndeln, und war es kalt und wst, so wurden im Hause Wnde und Fenster verstopft, Krbe und Strohseile geflochten, Spatenstiele geschnitzt und hnliche Dinge betrieben, wobei der Knecht vergngt seine Holzpfeife rauchte und aus dem dichten Gewlk hervor eine Menge Geschichten erzhlte. Whrend aber dem Knechte dies Leben als ein leichtes und halbmiges wohlgefiel, offenbarte es dem Herrn die krftige Wrze der Arbeit, die ihm nicht minder gefiel und wohltat. Wenn er mit dem von ihm selbst gespaltenen Holze in der urtmlichen Feuerstelle unterm riesigen schwarzen Schlunde des Kchenrauchfanges Feuer anmachte und das Wasser oder die Milch im viel zu groen Hngekessel zu sieden begann, dann konnte er ein robustes Lebensgefhl robinsonschen Behagens in den Gliedern spren, das er seit fernen Knabenzeiten nicht gekannt hatte, und in dem er schon die ersten Atemzge der ersehnten inneren Erlsung zu kosten meinte. In der Tat mag es fr den Kulturmenschen und Stdter nichts Erfrischenderes geben als eine Weile mit buerlicher Arbeit zu spielen, die Gedanken ruhen zu lassen und die Glieder zu ermden, frh schlafen zu gehen und frh aufzustehen. Es lassen sich jedoch ererbte und erworbene Gewohnheiten und Bedrfnisse nicht wie Hemden wechseln, und wer seit Schlerzeiten gelernt hat, vorwiegend mit dem Gehirn zu arbeiten, der kann kein Kleinbauer mehr werden. Diese Binsenwahrheit mute auch Reichardt erfahren. Seine Abende brachte er allein im Huschen zu, dann ging der Knecht mit seinem guten Tagelohn nach Hause oder ins Wirtshaus, um unter seinesgleichen froh zu sein und von dem Treiben seines wunderlichen Brotgebers zu erzhlen; der Herr aber sa bei der Lampe und las in den Bchern, die er mitgebracht hatte, und die vom Garten- und Obstbau handelten. Diese vermochten ihn aber nicht lange zu fesseln. Er las und lernte glubig, da das Steinobst die Neigung hat, mit seinen Wurzeln in die Breite zu gehen, das Kernobst aber mehr in die Tiefe, und da dem Blumenkohl nichts so bekmmlich sei wie eine gleichmige feuchte Wrme. Er interessierte sich auch noch dafr, da die Samen von Lauch und Zwiebeln ihre Keimkraft nach zwei Jahren verlieren, whrend die Kerne von Gurken und Melonen ihr geheimnisvolles Leben bis ins sechste Jahr behalten. Bald aber ermdeten und langweilten ihn diese Dinge, die er von Xaver doch besser lernen konnte, und er gab diese Lektre auf. Dafr nahm er jetzt einen kleinen Bchersto hervor, der sich in der letzten mnchener Zeit bei ihm angesammelt, da er dies und jenes Zeitbuch auf dringende Empfehlungen hin gekauft hatte, zum Lesen aber nie gekommen war. Nun schien ihm die Zeit gekommen, diese Kleinode in Stille und Sammlung auf sich wirken zu lassen. Beim Ordnen dieser Bcher und Schriften fielen ihm freilich einige in die Hnde, die er als unntz beiseite tat, denn sie stammten aus den Tagen seines Verkehrs mit Hans Konegen und handelten von Ornament und Symbol, vom Stil der Zukunft und hnlichen Materien. Dann folgten zwei Bndchen von Tolstoi, van Vlissens Abhandlung ber den Heiligen von Assisi, Schriften wider den Alkohol, wider die Laster der Grostadt, wider den Luxus, den Industrialismus, den Krieg. Von diesen Bchern fhlte sich der junge Weltflchtige wieder krftig und wohlttig in allen seinen Prinzipien besttigt, er sog sich mit erbittertem Vergngen voll an der Philosophie der Unzufriedenen, Asketen und Idealisten, aus deren Schriften her ein feiner Heiligenschein ber sein eigenes jetziges Leben fiel. Und als nun bald der Frhling begann, erlebte Berthold mit Wonne den Segen natrlicher Arbeit und Lebensweise, er sah unter seinem Rechen hbsche Beete entstehen, tat zum erstenmal in seinem Leben die schne, vertrauensvolle Arbeit des Sens und hatte seine Lust am Keimen und Gedeihen der Gewchse. Die Arbeit hielt ihn jetzt bis weit in die Abende hinein gefangen, die migen Stunden wurden selten, und in den Nchten schlief er tief und rastbedrftig wie ein rechter Bauer. Wenn er jetzt, in einer Ruhepause auf den Spaten gesttzt oder am Brunnen das Vollwerden der Giekanne abwartend, an Agnes Weinland denken mute, so zog sich wohl sein Herz ein wenig zusammen, aber das Leiden war ohne Verzweiflung, und er dachte es mit der Zeit wohl vollends zu berwinden, denn er meinte, es wre doch tricht und schade gewesen, htte er sich von dieser Liebe verfhren und in der argen Welt zurckhalten lassen. Dazu kam, da von der Zeit des Wonnemonats an sich auch die Einsamkeit mehr und mehr verlor wie ein Winternebel. Von dieser Zeit an erschienen je und je unerwartete, freundlich aufgenommene Gste verschiedener Art, lauter fremde Menschen, von denen er nie gewut hatte, und deren eigentmliche Klasse er nun kennen lernte, da sie alle aus unbekannter Quelle seine Adresse wuten und keiner ihres Ordens durch das Tal zog, ohne ihn heimzusuchen. Es waren dies verstreute Angehrige jener groen Schar von Sonderlingsexistenzen, die auerhalb der gewhnlichen Weltordnung ein kometenhaftes Wanderleben fhren, und deren einzelne Typen nun Berthold allmhlich unterscheiden lernte. Denn ihrer sind viele, aber sie lassen sich ordnen und einteilen und bilden Klassen und Gruppen wie andere Lebewesen auch. Der erste, der sich zeigte, war ein ziemlich brgerlich aussehender Mann oder Herr aus Leipzig, der die Welt mit Vortrgen ber die Gefahren des Alkohols bereiste und auf einer Ferientour unterwegs war. Er blieb nur eine Stunde oder zwei, hinterlie aber bei Reichardt ein angenehmes Gefhl, er sei nicht vllig in der Welt vergessen und gehre einer heimlichen Gemeinschaft edel strebender Menschen an. Der nchste Besucher sah schon aparter aus, es war ein regsamer, begeisterter Herr in einem weiten altmodischen Gehrocke, zu welchem er keine Weste, dafr aber ein Jgerhemd, gelbe karrierte Beinkleider und auf dem Kopfe einen hellbraunen, malerisch breitrandigen Filzhut trug. Dieser Mann, welcher sich Salomon Adolfus Wolff nannte, benahm sich mit einer so leutseligen Frstlichkeit und nannte seinen Namen so bescheiden lchelnd und alle zu hohen Ehrbezeugungen im voraus etwas nervs ablehnend, da Reichardt in eine kleine Verlegenheit geriet, da er ihn nicht kannte und seinen Namen nie gehrt hatte. Der Fremde war, soweit aus seinem eigenen Berichte hervorging, ein hervorragendes Werkzeug Gottes und vollzog wundersame Heilungen, wegen deren er zwar von rzten und Gerichten beargwohnt und angefeindet, ja grimmig verfolgt, von der kleinen Schar der Weisen und Gerechten aber desto hher verehrt wurde. Er hatte soeben in Italien einer Grfin, deren Namen er nicht verraten drfe, durch bloes Hndeauflegen das schon verloren gegebene Leben wiedergeschenkt. Nun war er, als ein Verchter der modernen Hastigkeit und hlichen Eile, zu Fu auf dem Rckwege nach der Heimat, wo ihn zahlreiche Bedrftige sehnlich erwarteten. Leider sehe er sich die Reise durch Geldmangel erschwert, denn es sei ihm unmglich, fr seine Heilungen anderen Entgelt anzunehmen, als die Dankestrnen der Genesenen, und er schme sich daher nicht, seinen Bruder Reichardt, zu welchem Gott ihn gewiesen, um ein kleines Darlehen zu bitten, welches nicht seiner Person -- an welcher nichts gelegen sei -- sondern eben den auf seine Rckkunft harrenden Bedrftigen zugute kommen sollte. Das Gegenteil dieses Heilandes stellte ein junger Mann von russischem Aussehen vor, welcher eines Abends vorsprach, und dessen feine Gesichtszge und Hnde in Widerspruch standen mit seiner uerst drftigen Arbeiterkleidung und den zerrissenen groben Schuhen. Er sprach nur wenige Worte deutsch, und Reichardt erfuhr nie, ob er einen verfolgten Anarchisten, einen heruntergekommenen Knstler oder einen Heiligen beherbergt habe. Der Fremdling begngte sich damit, einen glhend forschenden Blick in Reichardts Gesicht zu tun und ihn dann mit einem geheimen Signal der aufgehobenen Hnde zu begren. Er ging schweigend durch das ganze Huschen, von dem verwunderten Wirte gefolgt, zeigte dann auf eine leerstehende Kammer mit einer breiten Wandbank und fragte demtig: Ich hier kann schlafen? Reichardt nickte, lud den Mann zur Abendsuppe ein und machte ihm auf jener Bank ein Nachtlager zurecht, ohne da der Fremde noch ein Wort gesprochen htte. Am nchsten Morgen nahm er noch eine Tasse Milch an, sagte mit tiefem Gurgelton Danke und ging fort. Bald nach ihm erschien ein halbnackter Vegetarier, der erste einer langen Reihe von Pflanzenessern, in Sandalen und einer Art von baumwollener Hemdhose. Er hatte, wie die meisten Brder seiner Zunft, auer einiger Arbeitsscheu keine Laster, sondern war ein lieber, kindlicher Mensch von rhrender Bedrfnislosigkeit, der in seinem sonderbaren Gespinste von hygienischen und sozialen Erlsungsgedanken ebenso frei und natrlich dahinlebte, wie er uerlich seine etwas theaterhafte Wstentracht nicht ohne Wrde trug. Dieser einfache, kindliche Mann machte Eindruck auf Reichardt. Er predigte nicht Ha und Kampf, sondern war in stolzer Demut berzeugt, da auf dem Grunde seiner Lehre ganz von selbst ein neues paradiesisches Menschendasein erblhen werde, dessen er selbst sich schon teilhaftig fhlte. Sein oberstes Gebot war: Du sollst nicht tten!, was er nicht nur auf Mitmenschen und Tiere bezog, sondern als eine grenzenlose Verehrung alles Lebendigen auffate. Ein Tier zu tten, schien ihm scheulich, und er glaubte fest daran, da nach Ablauf der jetzigen Periode von Entartung und Blindheit die Menschheit von diesem Verbrechen wieder vllig ablassen werde. Er fand es aber auch mrderisch, Blumen abzureien und Bume zu fllen; von allen Gaben der Natur schienen ihm nur die Frchte dem Menschen bestimmt und erlaubt zu sein, welche man auch essen knne, ohne den Gewchsen zu schaden. Reichardt wandte ein, da wir, ohne Bume zu fllen, ja keine Huser bauen knnten, worauf der Frugivore eifrig nickte: Ganz recht! Wir sollen ja auch keine Huser haben, so wenig wie Kleider, das alles trennt uns von der Natur und fhrt uns weiter zu allen den Bedrfnissen, um deren willen Mord und Krieg und alle Laster entstanden sind. Und als Reichardt wieder einwarf, es mchte sich kaum irgendein Mensch finden, der in unserem Klima ohne Haus und ohne Kleider einen Winter berleben knnte, da lchelte sein Gast abermals freudig und sagte: Gut so, gut so! Sie verstehen mich ausgezeichnet. Eben das ist ja die Hauptquelle alles Elends in der Welt, da der Mensch seine Wiege und natrliche Heimat im Scho Asiens verlassen hat. Dahin wird der Weg der Menschheit zurckfhren, und dann werden wir alle wieder im Garten Eden sein. Berthold hatte, trotz der offenkundigen Untiefen, eine gewisse Freude an dieser idyllisch harmlosen Philosophie, die er noch von manchen anderen Verkndern in anderen Tnungen zu hren bekam, und er htte ein Riese sein mssen, wenn nicht allmhlich jedes dieser Bekenntnisse ihm, der auerhalb der Welt lebte, bleibende Eindrcke gemacht und sein eigenes Denken gefrbt htte. Die Welt, wie er sie jetzt sah und nicht anders sehen konnte, bestand aus dem kleinen Kreise primitiver Ttigkeiten, denen er oblag, darber hinaus war nichts vorhanden als auf der einen Seite eine verderbte, verfaulende und daher von ihm verlassene Kultur, auf der anderen eine ber die Welt verteilte kleine Gemeinde von Zuknftigen, welcher er sich zurechnen mute, und zu der auch alle die Gste zhlten, deren manche tagelang bei ihm blieben und gegen deren drollige Auenseite er bald abgestumpft war, whrend ihr Glauben und Hoffen, ihr Aberglaube und Fanatismus die Luft war, in der sein Geist atmete. Nun begriff er auch wohl den sonderbar religis-schwrmerischen Anhauch, den alle diese seine Gste und Brder hatten. Askese und Mnchtum, Sektenwesen und Ekstase waren nicht Erscheinungen gewisser Zeiten und Religionen, sondern immer und berall in tausend Formen unter den Menschen vorhanden gewesen und heute noch da, und alle diese Wanderer, Prediger, Asketen und Phantasten gehrten in diesen Kreis. Sie waren das Salz der Erde, die Umschaffenden und Zukunftbringenden, geheime geistige Krfte hatten sich mit ihnen verbndet, von den Fasten und Mysterien der gypter und Inder bis zu den Phantasien der langhaarigen Obstesser und den Heilungswundern der Magnetiseure oder Gesundbeter. Da aus diesen Erlebnissen und Beobachtungen alsbald wieder eine systematische Theorie oder Weltanschauung werde, dafr sorgte nicht nur des Doktors eigenes Geistesbedrfnis, sondern auch eine ganze Literatur von Schriften, die ihm von diesen Gsten teils mitgebracht, teils zugesandt, teils als notwendig empfohlen wurden. Eine seltsame Bibliothek entstand in dem kleinen Huschen, beginnend mit vegetarischen Kochbchern und endend mit den tollsten mystischen Systemen, ber Christentum, Platonismus, Gnostizismus, Spiritismus und Theosophie hinweg alle Gebiete geistigen Lebens in einer allen diesen Autoren gemeinsamen Neigung zu okkultistischer Wichtigtuerei umfassend. Der eine Autor wute die Identitt der pythagoreischen Lehre mit dem Spiritismus darzutun, der andere Jesus als Verkndiger des Vegetarismus zu deuten, der dritte das lstige Liebesbedrfnis als eine bergangsstufe der Natur zu erweisen, welche sich der Fortpflanzung nur vorlufig bediene, in ihren Endabsichten aber die wandellose leibliche Unsterblichkeit der Individuen anstrebe. Mit den vielen Bekanntschaften dieses Sommers und Herbstes und mit dieser Bchersammlung fand sich Berthold schlielich bei rasch abnehmenden Tagen seinem zweiten tiroler Winter gegenbergestellt. Mit dem Eintritt der khlen Zeit und der Herbstnderung der Fahrplne hrte nmlich der Gsteverkehr, an den er sich gewhnt hatte, urpltzlich auf wie mit der Schere abgeschnitten. Die Apostel und Brder saen jetzt entweder still im eigenen Winternest oder hielten sich, soweit sie heimatlos von Wanderung und Bettel lebten, an andere Gegenden und an die Adressen stdtischer Gesinnungsgenossen. Um diese Zeit las Reichardt in der einzigen Zeitung, die er bezog, die Nachricht von dem Tode des Eduard van Vlissen. Der hatte in einem Dorf an der russischen Grenze, wo er der Cholera wegen in Quarantne gehalten, aber kaum bewacht wurde, in der Bauernschenke gegen den Schnaps gepredigt und war im ausbrechenden Tumult erschlagen worden. 6 Vereinsamt sah Berthold dem Einwintern in seinem Tale zu. Seit einem Jahre hatte er sein Stcklein Boden nimmer verlassen und sich zugeschworen, auch ferner dem Leben der Welt den Rcken zu kehren. Die Gengsamkeit und erste Kinderfreude am Neuen war aber nicht mehr in seinem Herzen, er trieb sich viel auf mhsamen Spaziergngen im Schnee herum, denn der Winter war viel hrter als der vorjhrige, und berlie die husliche Handarbeit immer hufiger dem Xaver, der sich lngst in dem kleinen Haushalt unentbehrlich wute und das Gehorchen so ziemlich verlernt hatte. Mochte sich aber Reichardt noch so viel drauen herumtreiben, so mute er doch alle die unendlich langen, stillen, toten Abende allein in der Htte sitzen, und ihm gegenber mit furchtbaren groen Augen sa die Einsamkeit wie ein Wolf, den er nicht anders zu bannen wute als durch ein stetes waches Starren in seine leeren Augen, und der ihn doch von hinten berfiel, so oft er den Blick abwandte. Die Einsamkeit sa nachts auf seinem Bett, wenn er durch leibliche Ermdung den Schlaf gefunden hatte, und vergiftete ihm Schlaf und Trume. Und wenn am Abend der Knecht das Haus verlie und mit wohligen Schritten pfeifend durch den Obstgarten hinab gegen das Dorf verschwand, sah ihm sein Herr nicht selten mit nacktem Neide nach. Fr unbefestigte Menschen ist nichts gefhrlicher und seelenmordender als die bestndige Beschftigung mit dem eigenen Wesen und Ergehen, dem eigenen Leben, der eigenen einsamen Unzufriedenheit und Schwche. Die ganze Krankheit dieses Zustandes mute nun der gute Eremit an sich erleben, und durch die Lektre so manches mystischen Buches geschult konnte er nun an sich selbst beobachten, wie unheimlich wahr alle die vielen Legenden von den Nten und Versuchungen der frommen Einsiedler in der Wste Thebais waren. Von den Entrckungen und dem Einswerden mit dem Herzschlag der Natur, welche jene Heiligen ihrer Askese verdankten, wurde ihm nichts zuteil, es sei denn der bitter traurige Einsamkeitsstolz des freiwillig Ausgeschlossenen, der allein ihn aufrecht hielt. So brachte er trostlose Monate hin, dem Leben entfremdet und an der Wurzel der Seele krank. Er sah bel aus, und seine frheren Freunde htten ihn nicht mehr erkannt; denn ber dem wetterfarbenen, aber eingesunkenen Gesichte war Bart und Haar lang gewachsen, und aus dem hohlen Gesicht brannten hungrig und durch die Einsamkeit scheu geworden die Augen, als htten sie niemals gelacht und niemals sich unschuldig an der Buntheit der Welt gefreut. Ein einziges Mal suchte er, als ihm das Alleinsein in einer schlimmen Stunde unertrglich wurde, das Dorfwirtshaus auf. Sauber gebrstet und gekmmt, doch fremd und wunderlich trat er in die Stube, setzte sich an einen Tisch und lie sich Wein bringen, von dem er nur wenige Tropfen in ein Glas Wasser go; und die Stille bei seinem Eintritt, das einsilbige Gren und nachherige Wegrcken der Tischnachbarn, das verhaltene Lachen am Nebentische machten ihn sofort verzagt und lieen ihn bereuen, da er gekommen war. Ach nein, er war kein Prophet wie van Vlissen, der unter Menschen jeder Art seine berlegenheit bewahrt hatte! Bedrckt und beinahe weinend vor Enttuschung und Schwchegefhl ging er bald wieder davon. Es blies schon der erste Fhnwind, da brachte eines Tages der Knecht mit der Zeitung auch einen kleinen Brief herauf, die gedruckte Einladung zu einer Versammlung aller derer, die mit Wort oder Tat sich um eine Reform des Lebens und der Menschheit mhten. Die Versammlung, zu deren Einberufung theosophische, vegetarische und andere Gesellschaften sich vereinigt hatten, sollte zu Ende des Februar in Mnchen abgehalten werden. Wohlfeile Wohnungen und fleischfreie Kosttische zu vermitteln erbot sich ein dortiger Verein. Mehrere Tage schwankte Reichardt ungewi, ob ihm diese Einladung eine Erlsung oder Versuchung bedeute, dann aber fate er seinen Entschlu und meldete sich in Mnchen an. Und nun dachte er drei Wochen lang an nichts anderes als an dieses Unternehmen. Schon die Reise, so einfach sie war, machte ihm, der lnger als ein Jahr eingesponnen hier gehaust hatte, Gedanken und Sorgen; er lie sich ein Kursbuch kommen und las nachdenklich die Namen der Haltestellen und Umsteigestationen, die er von mancher sorglosen Reise der frheren Zeiten her kannte. Gern htte er auch zum Bader geschickt und sich Bart und Haar zuschneiden lassen, doch scheute er davor zurck, da es ihm als eine feige Konzession an die Weltsitten erschien, und da er wute, da manche der ihm befreundeten Sektierer auf nichts einen so hohen Wert legten wie auf die religis eingehaltene Unbeschnittenheit des Haarwuchses. Dafr lie er sich im Dorfe einen neuen Anzug machen, gleich in Art und Schnitt wie sein van Vlissensches Berkleid, aber von gutem Tuche, und einen langen, landesblichen Lodenkragen als Mantel. Am vorbestimmten Tage verlie er frh am kalten Morgen sein Huschen, dessen Schlssel er im Dorf bei Xaver abgab, und wanderte in der Dmmerung das stille Tal hinab bis zum nchsten Bahnhof. Da sa er nun im Wartesaal, von Marktfrauen und Bauernburschen neugierig beobachtet, und a sein mitgebrachtes Frhstck. Gar gerne wre er in der zweiten oder ersten Klasse gefahren, nicht so sehr aus alter Gewohnheit als um weniger beobachtet unter diskreten Mitreisenden zu sitzen; aber die Schndlichkeit eines solchen Rckfalles in Luxus und Weltrcksicht war einleuchtend, und er lie davon ab. Mit Hilfe zweier schner pfel, die von seinem Imbi brig waren, machte er sich die Kinder einer Bauernfrau zu Freunden und kam mit den Leuten in ein leidliches Gesprch, das ihm wohltat und Mut machte. Er stieg mit in ihren Wagen und nahm beim Anschlu an die Hauptbahnlinie in Freundschaft Abschied. Nun sa er geborgen und mit einer lang nicht mehr gekosteten frohen Reiseunruhe im Mnchener Zug und fuhr aufmerksam durch das schne Land, unendlich froh, dem unertrglichen heimischen Zustand fr ungewisse Tage entronnen zu sein. Von Kufstein an wuchs seine Erregung. Wie war das wunderlich, da Kufstein und Rosenheim und Mnchen und die ganze alte Welt noch unverndert und gleichmtig dastand, und da alles das, was er sich aus dem Herzen gerissen und in hheren Erkenntnissen ertrnkt hatte, doch eben noch da war und lebte! Es war der Tag vor dem Beginn der Versammlung, und es begrten den Ankommenden gleich am Bahnhof die ersten Zeichen derselben. Aus einem Zug, der mit dem seinen zugleich ankam, stieg eine ganze Gesellschaft von Naturverehrern in malerisch exotischen Kostmen und auf Sandalen, mit Christuskpfen und Apostelkpfen, und mehrere Entgegenkmmlinge gleicher Art aus der Stadt begrten die Brder, bis alle sich in einer ansehnlichen Prozession in Bewegung setzten. Reichardt, den ein ebenfalls heute zugereister Buddhist, einer seiner Sommerbesuche, erkannt hatte, mute sich anschlieen, und so hielt er seinen Wiedereinzug in Mnchen in einem Aufzug von Erscheinungen, deren Absonderlichkeit ihm hier im Straenbilde augenblicklich peinlich strend auffiel. Unter dem lauten Vergngen einer nachfolgenden Knabenhorde und den belustigten Blicken aller Vorbergehenden wallte die seltsame Schar stadteinwrts zur Begrung im Empfangssaale. Reichardt erfragte so bald als mglich die ihm zugewiesene Wohnung und bekam einen Zettel mit der Adresse in die Hand gedrckt. Er verabschiedete sich, nahm an der nchsten Straenecke einen Wagen und fuhr, ermdet und verwirrt, nach der ihm unbekannten Strae. Da rauschte um ihn her das Leben der wohlbekannten Stadt, die ihn nichts mehr angehen sollte, da standen die Ausstellungsgebude, in denen er einst mit dem Maler Konegen Kunstkritik getrieben hatte, dort lag seine ehemalige Wohnung, mit erleuchteten Fenstern, da drben hatte frher der Justizrat Weinland gewohnt. Er aber war vereinsamt und beziehungslos geworden und hatte nichts mehr mit alledem zu tun, und doch bereitete jede von den wieder erweckten Erinnerungen ihm einen leisen sen Schmerz. Und in den Straen lief und fuhr das Volk wie ehemals und immer, als sei nichts Arges dabei und sei keine Sorge noch Gefahr in der Welt, elegante Wagen fuhren auf lautlosen Rdern zu den Theatern, und Soldaten hatten ihre Mdel am Arm. Das alles erregte den Einsamen, das wogende rtliche Licht, das im feuchten Pflaster sich mit froher Eitelkeit abspiegelte, und das Gesumme der Wagen und Schritte, das ganze wie selbstverstndlich spielende Getriebe. Da war Laster und Not, Luxus und Selbstsucht, aber da war auch Freude und Glanz, Geselligkeit und Liebe, und vor allem war da die naive Rechenschaftslosigkeit und gleichmtige Lebenslust einer Welt, deren mahnendes Gewissen er hatte sein wollen, und die ihn einfach beiseite getan hatte, ohne einen Verlust zu fhlen, whrend sein bichen Glck darber in Scherben gegangen war. Und dies alles sprach zu ihm, zog mit ungelsten Fden an seinen Gefhlen und machte ihn traurig. Sein Wagen hielt vor einem groen Mietshause, seinem Zettel folgend stieg er zwei Treppen hinan und wurde von einer kleinen roten Frau, die ihn fast mitrauisch musterte, in ein beraus kahles Zimmerchen gefhrt, das ihn kalt und ungastlich empfing. Fr wieviel Tage ist es? fragte die Vermieterin khl und bedeutete ihm ohne Zartheit, da das Mietgeld im Voraus zu erlegen sei. Unwillig zog er die Geldtasche und fragte, whrend sie auf die Zahlung lauerte, nach einem besseren Zimmer. Fr anderthalb Mark im Tag gibt es keine besseren Zimmer, in ganz Mnchen nicht, sagte die Frau kurz und sachlich. Nun mute er lcheln. Es scheint hier ein Miverstndnis zu walten, sagte er rasch. Ich suche ein schnes, groes, bequemes Zimmer, nicht eine Schlafstelle. Die Herren, die hier fr mich bestellt haben, waren so freundlich, meine Brse mglichst schonen zu wollen. Mir liegt aber nichts am Preise, wenn Sie ein schneres Zimmer haben. Die Vermieterin ging wortlos durch den Korridor voran, ffnete ein anderes Zimmer, drehte das elektrische Licht an und sagte: Das hier wre noch frei, das kostet aber dreieinhalb. Zufrieden sah der Gast sich in dem weit greren und wohnlich, fast behaglich eingerichteten Zimmer um, legte den Mantel ab, gab der Frau ihr Geld fr einige Tage voraus und sah erst nachtrglich, als er in dem fremden Raume umherging und sich auszukleiden begann, da er allerdings als ein Fremder in hchst uneleganter Kleidung ohne anderes Gepck als den Rucksack kaum Ansprche auf einen besseren Empfang machen durfte. 7 Erst am Morgen, da er in dem ungewohnt weichen fremden Bett erwachte und sich auf den vorigen Abend besann, ward ihm bewut, da seine Unzufriedenheit mit der einfachen Schlafstelle und sein herrenmiges Verlangen nach grerer Bequemlichkeit eigentlich wider sein Gewissen sei. Allein er nahm es sich nicht zu Herzen, stieg vielmehr munter aus dem Bette und sah dem Tag mit Spannung entgegen. Frh ging er aus, und beim nchternen Gehen durch die noch ruhigen Straen erkannte er auf Schritt und Tritt bekannte Bilder wieder, mit einer gewissen frohen Dankbarkeit, die ihn selbst berraschte. Es war herrlich, hier umherzugehen und als kleiner Mitbewohner dem groen Mechanismus einer schnen Stadt anzugehren, statt im verzauberten Ring der Einsamkeit zu lechzen und immer nur vom eigenen Gehirn zu zehren. Sogar die weither ertnenden Morgenpfeifen der Fabriken klangen ihm nicht hlich und erinnerten ihn nicht an Not und Industriesnden, sondern erzhlten nur, da jetzt berall Menschen an ihre Arbeit gingen. Die groen Kaffeehuser und Lden waren noch geschlossen, er suchte daher eine volkstmliche Frhstckshalle, um eine Schale Milch zu genieen. Kaffee gefllig? fragte der Kellner und begann schon einzugieen. Lchelnd lie Reichardt ihn gewhren und roch mit heimlichem Vergngen den Duft des Trankes, den er ein Jahr lang entbehrt hatte. Doch lie er es bei diesem kleinen Genusse bewenden, a nur ein Stck Brot dazu und nahm eine Zeitung zur Hand. Da fand er bald einen kurzen Artikel, in dem die heutige Versammlung angekndigt und begrt wurde. Man sei gespannt, hie es, auf diesen Kongre von Menschen, die ein redliches Bemhen um wichtige Lebensfragen vereine, und man hoffe, es werde aus dem Vielerlei widerstreitender Bekenntnisse sich ein brauchbarer Niederschlag gemeinsamer Grundgedanken ergeben. Mit leisem Spott wurde einiger Extravaganzen und Drolligkeiten gedacht und mit Aufrichtigkeit bedauert, da die Mehrzahl dieser Weltverbesserer allzufern vom Tagesleben sich in Spekulationen verliere, statt ttig da und dort mitzuwirken und sich an praktischen Bewegungen und Unternehmungen der Zeit zu beteiligen. Das alles war freundlich und hbsch gesagt, und es fiel dem stillen Leser auf, wie sehr diese Urbanitt sich von der gehssigen Unzulnglichkeit unterscheide, mit welcher die meisten Schriften der neuen Propheten die Welt beurteilten. Nachdenklich ging er weg und suchte den Versammlungssaal auf, den er mit Palmen und Lorbeer geschmckt und schon von vielen Gsten belebt fand. Die Naturburschen waren sehr in der Minderzahl, und die alttestamentlichen oder tropischen Kostme fielen auch hier als Seltsamkeiten auf, dafr sah man manchen feinen Gelehrtenkopf und viel Knstlerjugend. Die gestrige Gruppe von langhaarigen Barfern stand fremd als wunderliche Insel im Gewoge. Ein eleganter Wiener trat als erster Redner auf und sprach den Wunsch aus, die Angehrigen der vielen Einzelgruppen mchten sich hier nicht noch weiter auseinanderreden, sondern das Gemeinsame suchen und Freunde werden. Dann sprach er parteilos ber die religisen Neubildungen der Zeit und ihr Verhltnis zur Frage des Weltfriedens. Ihm folgte ein greiser Theosoph aus England, der seinen Glauben als universale Vereinigung der einzelnen Lichtpunkte aller Weltreligionen empfahl. Ihn lste ein Rassentheoretiker ab, der mit scharfer Hflichkeit fr die Belehrung dankte, jedoch den Gedanken einer internationalen Weltreligion als eine gefhrliche Utopie brandmarkte, da jede Nation oder doch jede Rasse das Bedrfnis und Recht auf einen eigenen, nach seiner Sonderart geformten und gefrbten Glauben habe. Whrend dieser Rede wurde eine neben Reichardt sitzende Frau unwohl, und er begleitete sie hilfreich durch den Saal bis zum nchsten Ausgang. Um nicht weiter zu stren, blieb er alsdann hier stehen und suchte den Faden des Vortrages wieder zu erhaschen, whrend sein Blick ber die benachbarten Stuhlreihen wanderte. Da sah er gar nicht weit entfernt in aufmerksamer Haltung eine schne Frauenfigur sitzen, die seinen Blick gefangen hielt, und whrend sein Herz unruhig wurde und jeder Gedanke an die Worte des Redners ihn jh verlie, erkannte er Agnes Weinland. Heftig zitternd lehnte er sich an den Trbalken und hatte keine andere Empfindung als die eines Verirrten, dem in Qual und Verzweiflung unerwartet ber fremde Hhen hinweg die Trme der Heimat winken. Denn kaum hatte er die freie, stolze Haltung ihres Kopfes erkannt und von hinten den verlorenen Umri ihrer Wange erfhlt, so sank ihm Religion und Rasse, Menschenmenge und Ort wie Nebel dahin, und er wute nichts auf der Welt als sich und sie, und wute, der Schritt zu ihr und der Blick ihrer braunen Augen und der Ku ihres Mundes sei das Einzige, was seinem Leben fehle und ohne welches keine Weisheit und kein Trost ihm helfen knne. Und dies alles schien ihm mglich und in Treue aufbewahrt; denn er meinte mit liebender Ahnung zu fhlen, da sie, die sonst fr dergleichen Dinge wenig Teilnahme hatte, nur seinetwegen oder doch im Gedanken an ihn diese Versammlung aufgesucht habe. Als der Redner zu Ende war, meldeten sich viele zur Erwiderung, und es machte sich bereits die erste Woge der Rechthaberei und Unduldsamkeit bemerklich, welche fast allen diesen ehrlichen Kpfen die Weite, Freiheit und Liebe nahm, und woran auch dieser ganze Kongre, statt der Welterlsung zu dienen, klglich scheitern sollte. Berthold Reichardt jedoch hatte fr diese Vorboten naher Strme kein Ohr. Er starrte auf die Gestalt seiner Geliebten, als sei sein ganzes Wesen sich bewut, da es einzig von ihr gerettet und zu Leben und Glck zurckgeleitet werden knne. Mit dem Schlu jener Rede erhob sich das Frulein, schritt schlank und geschmeidig dem Ausgang zu und zeigte ein ernstkhles Gesicht, in welchem sichtlich ein Widerwille gegen diese ganzen Verhandlungen unterdrckt wurde. Sie ging ganz nahe an Berthold vorbei, ohne ihn doch zu beachten, und er konnte deutlich sehen, wie ihr beherrschtes khles Gesicht noch immer in frischer Farbe blhte, doch um einen feinen lieben Schatten lter und stiller geworden war. Zugleich bemerkte er mit wunderlich frohem Stolz, wie die Vorberschreitende berall von bewundernden und achtungsvollen Blicken begleitet wurde. Sie trat ins Freie und ging die Strae hinab, wie sonst in tadelloser Kleidung und mit ihrem sportmigen, krftig gleichmigen Schritt, nicht eben frhlich, aber aufrecht und elastisch wie in einem guten Lebensglauben. Ohne Eile ging sie dahin, von Strae zu Strae, nur vor einem prchtig prangenden Blumenladen eine Weile sich vergngend, ohne zu ahnen, da ihr Berthold immerzu folgte und in ihrer Nhe war. Und er blieb hinter ihr bis zur Ecke der fernen Vorstadtstrae, wo er sie im Tor ihrer alten Wohnung verschwinden sah. Dann kehrte er um, und im langsamen Gehen blickte er an sich nieder. Er war froh, da sie ihn nicht gesehen hatte, und die ganze ungepflegte Drftigkeit seiner Erscheinung, die ihn schon seit gestern bedrckt hatte, schien ihm jetzt unertrglich. Sein erster Gang war zu einem Barbier, der ihm das Haar scheren und den Bart abnehmen mute, und als er in den Spiegel sah und dann wieder auf die Gasse trat und die duftige Frische der rasierten Wangen im leisen Winde sprte, fiel alle Befangenheit und einsiedlerische Scheu vollends ganz von ihm ab. Eilig fuhr er nach einem groen Kleidergeschft, kaufte einen modischen Anzug und lie ihn so sorgfltig wie mglich seiner Figur anpassen, kaufte nebenan weie Wsche, Halsbinde, Hut und amerikanische Stiefel, sah sein Geld zu Ende gehen und fuhr zur Bank um neues, fgte dem Anzug einen Mantel und den Stiefeln Gummischuhe hinzu und fand am Abend, als er in angenehmer Ermdung heimkehrte, alles schon in Schachteln und Paketen daliegen und auf ihn warten. Nun konnte er nicht widerstehen, sofort eine Probe zu machen, und zog sich alsbald vom Kopfe zu Fen mit den neuen Sachen an, lchelte sich etwas verlegen im Spiegel zu und konnte sich nicht erinnern, je in seinem Leben eine so knabenhafte Freude ber neue Kleider gehabt zu haben. Daneben hing, unsorglich ber seinen Stuhl geworfen, sein asketisches Lodenzeug grau und entbehrlich geworden wie die brchige Puppenhlle eines jungen Schmetterlings. Whrend er so vor dem Spiegel stand, unschlssig, ob er noch einmal ausgehen sollte, wurde an seine Tr geklopft, und er hatte kaum Antwort gegeben, so trat geruschvoll ein stattlicher Mann herein, in welchem er sofort den Herrn Salomon Adolfus Wolff erkannte, jenen reisenden Wundertter, der ihn vor Monaten in der tiroler Einsiedelei besucht hatte. Wolff begrte den Freund mit heftigem Hndeschtteln und nahm mit Verwunderung dessen frische Eleganz wahr. Er selbst trug den braunen Hut und alten Gehrock von damals, jedoch diesmal auch eine schwarze Weste dazu und neue hellgraue Beinkleider, die jedoch fr lngere Beine als die seinen gearbeitet schienen, da sie oberhalb der Stiefel eine harmonikahnliche Anordnung von kleinen widerwilligen Querfalten aufwiesen. Er beglckwnschte den Doktor zu seinem guten Aussehen und hatte nichts dagegen, als dieser ihn zum Abendessen einlud. Schon unterwegs auf der Strae begann Salomon Adolfus mit Leidenschaft von den heutigen Reden und Verhandlungen zu sprechen und konnte es kaum glauben, da Reichardt ihnen nicht beigewohnt habe. Am Nachmittag hatte ein schner langlockiger Russe ber Pflanzenkost und soziales Elend gesprochen und dadurch Skandal erregt, da er bestndig den nichtvegetarianischen Teil der Menschheit als Leichenfresser bezeichnet hatte. Darber waren die Leidenschaften der Parteien erwacht, mitten im Geznke hatte sich ein Anarchist des Wortes bemchtigt und mute durch Polizeigewalt von der Tribne entfernt werden. Die Buddhisten hatten stumm in geschlossenem Zuge den Saal verlassen, die Theosophen vergebens zum Frieden gemahnt. Ein Redner habe das von ihm selbst verfate Bundeslied der Zukunft vorgetragen, mit dem Refrain: Ich la der Welt ihr Teil, Im All allein ist Heil! und das Publikum sei schlielich unter Lachen und Schimpfen auseinandergegangen. Erst beim Essen beruhigte sich der erregte Mann und wurde dann gelassen und heiter, indem er ankndigte, er werde morgen selbst im Saale sprechen. Es sei ja traurig, all diesen Streit um nichts mit anzusehen, wenn man selbst im Besitz der so einfachen Wahrheit sei. Und er entwickelte seine Lehre, die vom Geheimnis des Lebens handelte und in der Weckung der in jedem Menschen vorhandenen magischen Seelenkrfte das Heilmittel fr die bel der Welt erblickte. Sie werden doch dabei sein, Bruder Reichardt? sagte er einladend. Leider nicht, Bruder Wolff, meinte dieser lchelnd. Ich kenne ja Ihre Lehre schon, der ich guten Erfolg wnsche. Ich selber bin in Familiensachen hier in Mnchen und morgen leider nicht frei. Aber wenn ich Ihnen sonst irgendeinen Dienst erweisen kann, tue ich es sehr gerne. Wolff sah ihn mitrauisch an, konnte aber in Reichardts Mienen nur Freundliches entdecken. Nun denn, sagte er rasch. Sie haben mir diesen Sommer mit einem Darlehen von zehn Kronen geholfen, die nicht vergessen sind, wenn ich auch bis jetzt nicht in der Lage war, sie zurckzugeben. Wenn Sie mir nun nochmals mit einer Kleinigkeit aushelfen wollten -- mein Aufenthalt hier im Dienst unserer Sache ist mit Kosten verbunden, die niemand mir ersetzt. Berthold gab ihm ein Goldstck und wnschte nochmals Glck fr morgen, dann nahm er Abschied und ging nach Hause, um zu schlafen. Kaum lag er jedoch im Bette und hatte das Licht gelscht, da war Mdigkeit und Schlaf pltzlich dahin, und er lag die ganze Nacht brennend in Gedanken an Agnes und in tausend bitteren Zweifeln, denen doch das Herz in stiller Ahnung tapfer widersprach. Frh am Morgen verlie er das Haus, unruhig und von der schlaflosen Nacht erschpft. Er brachte die frhen Stunden auf einem Spaziergange und im Schwimmbad zu, sa dann noch eine ungeduldige halbe Stunde vor einer Tasse Tee und fuhr, sobald ein Besuch mglich schien, in einem hbschen Wagen an der Weinlandschen Wohnung vor. Nachdem er die Glocke gezogen, mute er eine Weile warten, dann fragte ihn ein kleines neues Mdchen, keine richtige Magd, erstaunt und unbeholfen nach seinem Begehren. Er fragte nach den Damen und die Kleine lief, die Tr offen lassend, nach der Kche davon. Dort wurde nun ein Gesprch hrbar und zur Hlfte verstndlich. Es geht nicht, sagte Agnesens Stimme, du mut sagen, da die gndige Frau krank ist. -- Wie sieht er denn aus? Schlielich aber kam Agnes selbst heraus, in einem blauen leinenen Kchenkleide, sah ihn fragend an und sprach kein Wort, da sie ihn unverweilt erkannte. Er streckte ihr die Hand entgegen. Darf ich hereinkommen? fragte er, und ehe weiteres gesagt wurde, traten sie in das bekannte Wohnzimmer, wo die Frau Rat in einen Wollenschal gehllt im Lehnstuhl sa, sich bei seinem Anblick aber alsbald steif und tadellos aufrichtete. Der Herr Doktor Reichardt ist gekommen, sagte Agnes zur Mutter, die dem Besuch die Hand gab. Sie selbst aber sah nun im Morgenlicht der hellen Stube den Mann an, las die Not eines verfehlten und schweren Jahres in seinem mageren Gesicht und die Sicherheit und den Willen einer geklrten Liebe in seinen Augen. Sie lie seinen Blick nicht mehr los, und eines vom andern wortlos angezogen gaben sie einander nochmals die Hand. Kind, aber Kind! rief die Rtin erschrocken, als unversehens ihre Tochter groe Trnen in den Augen hatte und ihr erbleichtes Gesicht neben dem der Mutter im Lehnstuhl verbarg. Das Mdchen richtete sich aber mit neu erglhten Wangen sogleich wieder auf und lchelte noch mit Trnen in den Augen. Es ist schn, da Sie wieder gekommen sind, begann nun die alte Dame. Da stand das hbsche Paar schon Hand in Hand bei ihr und sah dabei so gut und lachend aus, als habe es schon seit langem zusammengehrt. Emil Kolb Die geborenen Dilettanten, aus welchen ein so groer Teil der Menschheit zu bestehen scheint, knnte man als Karikaturen der Willensfreiheit bezeichnen. Indem sie nmlich, unendlich weit von der Natur abgeirrt und von der Erkenntnis des Notwendigen entfernt, die ursprngliche Fhigkeit jedes originellen Menschen entbehren, den Ruf der Natur im eigenen Innern zu vernehmen, treiben sie leichtsinnig und unentschlossen in einem wertlosen Leben scheinbarer Willkr dahin. Da sie Eigenes nicht in sich haben, finden sie sich auf das Nachahmen verwiesen und betreiben nun das, was sie andere aus innerer Anlage und Notwendigkeit tun sehen, spielerisch und willkrlich als Affen der Natur. Zu diesen Vielen gehrte auch der Knabe Emil Kolb in Gerbersau, und der Zufall (da man bei solchen Menschen doch wohl nicht von Schicksal reden darf) brachte es dahin, da er mit seinem Dilettantentum nicht gleich vielen anderen zu Ehren und Wohlstande, sondern zu Unehre und Elend kam, obwohl er um nichts schlimmer war als tausend seiner Art. Emil Kolbs Vater war ein sehr bescheidener Flickschuster, und nur seine Verwandtschaft mit den hochgeschtzten Brgerfamilien der Dierlamm und der Giebenrath hielt ihn im stdtischen Leben etwas oberhalb des Grades von Miachtung, dessen Leute ohne Geld und ohne Glck sonst unter ihren Mitbrgern genieen. Diesen groen Verwandten gegenber machte Herr Kolb vorsichtigerweise von seinem Vetternrecht nahezu gar keinen Gebrauch. Es fiel ihm nicht ein, etwa bei einer Leichenfeier oder in einem Festzuge neben einem Giebenrath schreiten zu wollen oder zu erwarten, da ihn ein Dierlamm zu seiner Hochzeit oder Taufe einlade. Desto hufiger und stolzer erinnerte er in seinem Hause und unter seinesgleichen an die ehrenvolle Verwandtschaft, die ihm immerhin von Nutzen war. Es war diesem Manne die Gabe versagt, im Walten der Natur und in der Entfaltung menschlicher Schicksale das unabnderlich Notwendige zu erkennen und anzuerkennen; deshalb hielt er denn auch, was seinem Tun und Leben versagt war, wenigstens seinen Wnschen und migen Trumen fr erlaubt und schwelgte gerne in Vorstellungen eines anderen reicheren, schneren Lebens, soweit seine auf das Materielle gerichtete Phantasie dessen fhig war. Kaum hatte diesem Flickschuster sein Weib einen leidlich rstigen Knaben geboren, so bertrug er seine Schwrmereien auf dessen Zukunft, und damit rckte dies alles, was bisher nur Gedankensnde und Fabelvergngen gewesen war, in ein bestimmtes Licht des Mglichen, das bald zum Wahrscheinlichen und endlich zum Gewissen wurde. Denn der junge Emil Kolb sprte diese vterlichen Wnsche und Trume schon frhe als eine warme und treibende Luft um sich und gedieh darin wie der Krbis im Dnger, er nahm sich gleich in den ersten Schuljahren vor, der Messias seiner armen Familie zu werden und spter einmal unerbittlich alles zu ernten, was nach seiner seltsamen Religion das Glck ihm nach so langen Entbehrungen der Eltern und Vorfahren schuldete. Emil Kolb fhlte den Mut in sich, einmal das Schicksal eines Gewaltigen auf sich zu nehmen, eines Brgermeisters oder Millionrs, und wre heute schon eine goldene Kutsche mit vier Schimmeln bei seines Vaters Hause vorgefahren, so htte keinerlei Schchternheit ihn abgehalten, sich hineinzusetzen und mit ruhigem Lcheln die ehrerbietigen Gre der Mitbrger einzustreichen. Mag das Trumen und Ersehnen goldener Zukunftsfrchte das beste Recht aller Jugend sein und manchem tchtigen Manne die Jahre schwerer Erwartung tragen helfen -- jene Tchtigen meinen es eben doch etwas anders, als Emil es meinte, welchem nicht Verdienst und Knnen, Macht des Wissens oder Macht der Kunst vorschwebte, sondern lediglich gut Essen und Wohnen, schne Kleider und feistes Wohlergehen. Schon frh erschienen ihm die wenigen originellen Menschen, die er kennen lernte, lcherlich und geradezu nrrisch, da sie es vorzogen, heimlichen Idealen zu opfern und einen nutzlosen Ehrgeiz zu pflegen, statt ihre guten Gaben einem glatten baren Lohne dienstbar zu machen. So zeigte er auch fr alle jene Fcher der Schulwissenschaft reichlichen Eifer, die von den Dingen dieser Erde handeln, wogegen ihm die Beschftigung mit Geschichten und Sagen der Vorzeit, mit Gesang, Turnen und anderen hnlichen Dingen als ein reiner Zeitverderb erschien. Eine besondere Hochachtung jedoch hatte der junge Streber vor der Kunst der Sprache, worunter er aber nicht die Torheiten der Dichter verstand, sondern die Pflege des Ausdruckes zugunsten realer geschftlicher Handlungen und Vorteile. Er las alle Dokumente geschftlicher oder rechtlicher Natur, von der einfachen Rechnung oder Quittung bis zum ffentlichen Anschlag oder Zeitungsaufruf, mit tiefem Verstndnis und reiner Bewunderung. Denn er sah gar wohl, da die Sprache solcher Kunsterzeugnisse, von der gemeinen Sprache der Gasse ebenso weit entfernt wie nur irgendeine tolle Dichtung, geeignet sei, Eindruck zu machen, Macht zu ben und ber Unverstndige Vorteile zu erlangen. In seinen Schulaufstzen strebte er diesen Vorbildern beharrlich nach und brachte manche Blte hervor, die einer kleineren Kanzlei kaum unwrdig gewesen wre. Und einen in seiner Sammlung solcher Dokumente befindlichen Steckbrief, den er aus der Zeitung des Vaters ausgeschnitten hatte, versah er in einer guten Stunde sogar mit einer kleinen Korrektur, die ihm ein inniges Vergngen bereitete. Es hie nmlich dort, nach der Beschreibung des Vermiten: Wer etwas ber den Gesuchten wei, mge sich beim unterzeichneten Notariatsamt melden. Dafr setzte Emil Kolb die Worte ein: Personen, welche in der Lage sein sollten, Ausknfte ber den Gesuchten beizubringen -- --. Eben diese Vorliebe fr den feinen Kanzleistil gab den Anla und Ankergrund fr Emil Kolbs einzige Freundschaft. Der Lehrer hatte seine Klasse einst einen Aufsatz ber den Frhling verfassen und mehrere dieser Arbeiten von ihren Urhebern vorlesen lassen. Da tat mancher zwlfjhrige Schler seine ersten scheuen Flge in das Land der schaffenden Phantasie, und frhe Bcherleser schmckten ihre Aufstze mit begeisterten Nachbildungen der Frhlingsschilderungen gangbarer Dichter. Es war vom Amselruf und von Maifesten die Rede, und ein besonders Belesener hatte sogar das Wort Philomele gebraucht. Alle diese Schnheiten aber hatten den zuhrenden Emil nicht zu rhren vermocht, er fand das alles bld und tricht. Da kam, vom Lehrer aufgerufen, der Sohn des Kannenwirts, Franz Remppis, an die Reihe, seinen Aufsatz vorzulesen. Und gleich bei den ersten Worten Es ist nicht zu bestreiten, da der Frhling immerhin eine sehr angenehme Jahreszeit genannt zu werden verdient -- gleich bei diesen Worten merkte Kolb mit entzcktem Ohre den Klang einer ihm verwandten Seele, lauschte scharf und beifllig und lie sich kein Wort entgehen. Dies war der Stil, in welchem das Wochenblatt seine Berichte aus Stadt und Land abzufassen pflegte und den Emil selbst schon mit einiger Sicherheit anzuwenden wute. Nach dem Schlu der Schule sprach Kolb dem Mitschler seine Anerkennung aus, und von der Stunde ab hatten die beiden Knaben das Gefhl, einander zu verstehen und zu einander zu gehren. Da keiner von ihnen je bereit gewesen wre, ein Opfer zu bringen, verlangte es auch keiner vom andern, vielmehr sprten sie, da es gut sei, einander gelten und bestehen zu lassen, um einmal einer am andern etwas zu haben und etwa spter grere Dinge gemeinsam unternehmen zu knnen. Emil begann damit, da er die Grndung einer gemeinschaftlichen Sparkasse vorschlug. Er wute die Vorteile des Zusammenlegens und der gegenseitigen Ermunterung zur Sparsamkeit so beredt darzulegen, da Franz Remppis darauf einging und sich bereit erklrte, sein Erspartes dieser Kasse anzuvertrauen. Doch war er klug genug, darauf zu bestehen, da das Geld solange in seinen Hnden bleibe, bis auch der Freund eine bare Einlage gemacht habe, und da es hierzu niemals kommen wollte, versank der gute Plan, ohne da Emil an ihn erinnert oder Franz ihm den Versuch einer berlistung belgenommen htte. Ohnehin fand Kolb sehr bald einen Weg, seine kmmerlichen Umstnde vorteilhaft mit den weit bessern des Wirtssohnes zu verknpfen, indem er seinem Kameraden gegen kleine Geschenke und ebare Gaben in manchen Schulfchern mit seinen Fhigkeiten aushalf. Das dauerte bis zum Ende der Schulzeit, und gegen das Versprechen eines Honorars von fnfzig Pfennigen lieferte Emil Kolb dem Franz die mathematische Arbeit im Abgangsexamen, welches sie auf diese Weise beide wohl bestanden. Emil hatte sogar so gute Zeugnisse eingeheimst, da sein Vater darauf schwor, an dem prchtigen Jungen sei ein Gelehrter verloren gegangen. Allein an fernere Studien war nicht zu denken. Doch gab sich der Vater Kolb jede Mhe und tat manchen sauren Bittgang zu den wohlhabenden Verwandten, um seinem Sohne einen besonderen Platz im Leben zu verschaffen und seine Hoffnungen auf eine glnzende Zukunft nach Krften zu frdern. Durch die Befrwortung der Familie Dierlamm gelang es ihm, seinen Knaben als Lehrling im Bankgeschft der Brder Drei unterzubringen. Damit schien ihm ein bedeutender Schritt nach oben hin getan und eine Gewhr fr die Erfllung weit khnerer Trume gegeben. Fr junge Gerbersauer, die sich dem Kaufmannsberufe widmen wollten, gab es keine rhmlichere und hoffnungsreichere Erffnung dieser Laufbahn als die Lehrlingschaft bei den Brdern Drei. Deren Bank und Warengeschft war alt und hochangesehen, und die Herren hatten jedes Jahr die Wahl unter den besten Schlern der obersten Klassen, deren sie jhrlich einen oder zwei als Lehrlinge in ihr Geschft aufnahmen. So hatten sie stets, da die Lehrzeit dreijhrig war, zwischen vier und sechs junger Leute in Lehre und Kost, welche zwar vom zweiten Lehrjahr an die Kost, sonst aber fr ihre Arbeit keine Entschdigung erhielten. Dafr konnten sie dann den Lehrbrief des alten ehrwrdigen Hauses als eine berall im Lande gltige Empfehlung ins Leben mitnehmen. Dieses Jahr war Emil Kolb der einzige neu eintretende Lehrling und wurde darum von manchem beneidet, der sich selbst auf diesen Ehrenplatz gewnscht hatte. Er selbst fand hingegen die Ehre gering und recht teuer bezahlt; denn als jngster Lehrbub war er derjenige, an welchem alle lteren, auch schon die vom vorigen Jahr, die Stiefel glaubten abreiben zu mssen. Wo etwas im Hause zu tun war, das zu tun sich jeder scheute und zu gut hielt, da rief man nach Emil, dessen Name immerzu gleich einer Dienstbotenglocke durchs Haus erschallte, so da der junge Mensch nur selten Zeit fand, in einer Kellerecke hinter den Erdlfssern oder auf dem Dachboden bei den leeren Kisten eine kurze Weile seinen Trumen vom Glanz der Zukunft nachzuhngen. Es entschdigte ihn fr dies rauhe Leben nur die sichere Rechnung auf den Glanz spterer Tage und die gute reichliche Kost des Hauses. Die Brder Drei, die mit ihrem Lehrlingswesen gute Geschfte machten und sich auerdem noch einen gut zahlenden Volontr hielten, pflegten an allem zu sparen, nur am Essen fr ihre Leute nicht. So konnte der junge Kolb sich jeden Tag dreimal vollstndig satt essen, was er mit Eifer tat, und wenn er trotzdem in Blde lernte, ber die miserable Verpflegung zu schimpfen, so war das nur eine zum Brauch der Lehrlinge gehrende bung, welcher er mit derselben Treue oblag, wie dem Stiefelwichsen am Morgen und dem Rauchen gestohlener Zigaretten am Abend. Ein Kummer war es ihm gewesen, da er beim Eintritt in diese Vorhlle seines Berufes sich von dem Freund hatte trennen mssen. Franz Remppis wurde von seinem Vater in eine auswrtige Lehrstelle verdingt und erschien eines Tages, um von Emil Abschied zu nehmen und ihm seinen rotbraunen neuen Leinwandkoffer zu zeigen, auf dessen Ecken aus Weiblech sein Name graviert war. Franzens Trost, da sie beide einander fleiig schreiben wollten, leuchtete dem armen Emil wenig ein; denn er wute nicht, woher er das Geld fr die Briefmarken htte nehmen sollen. Wirklich kam schon bald ein Brief aus Lchstetten, worin Remppis von seinem Einstand am neuen Orte berichtete. Dieses Schreiben, das mit groem Flei und Vergngen aus vielen vortrefflichen Phrasen und kaufmnnischen Ausdrcken zusammengestellt war, regte Emil zu einer langen, sorgfltigen Antwort an, mit deren Abfassung er mehrere Abende hinbrachte, deren Absendung ihm jedoch frs Erste nicht mglich war. Endlich gelang es ihm doch, und er sah es vor sich selbst als eine Entschuldigung und halbe Rechtfertigung an, da sein erster Fehltritt dem edlen Gefhle der Freundschaft entsprang. Er mute nmlich einige Briefe zur Post tragen und da es eben eilte, gab der Oberlehrling ihm die Briefmarken dazu in die Hand, die er unterwegs aufkleben solle. Diese Gelegenheit nahm Emil wahr. Er beklebte den Brief an Franz, den er in der Brusttasche bei sich trug, mit einer der hbschen neuen Briefmarken und steckte dafr einen von den Geschftsbriefen ohne Marke in den Postkasten. Mit dieser Tat begab sich der junge Mensch unbewut ber eine Grenze, die fr ihn besonders gefhrlich und lockend war. Wohl hatte er auch zuvor schon je und je, gleich den anderen Lehrbuben, Kleinigkeiten zu sich gesteckt, die seinen Herren angehrten, etwa ein paar gedrrte Zwetschgen oder eine Zigarre. Allein diese Nschereien verbte ein jeder mit ganz heilem Gewissen -- sie stellten eine flotte und herrische Gebrde dar, womit der Tter vor sich selber prahlte und seine Zugehrigkeit zum Hause und dessen Vorrten dartat. Hingegen war mit dem Diebstahl der Briefmarke etwas anderes geschehen, etwas weit Schwereres, ein heimlicher Raub an Geldeswert, den keine Gewohnheit und kein Beispiel entschuldigen konnte. Es schlug denn auch dem jungen Missetter das Herz in geziemender Angst, und einige Tage lang war er zu jeder Stunde darauf gefat, da sein Vergehen entdeckt und er zur Rechenschaft gezogen werde. Es ist selbst fr leichtsinnige Menschen und auch fr solche, die schon im Vaterhaus genascht und gediebelt haben, dennoch der erste richtige Diebstahl ein unheimliches Erlebnis, und mancher trgt schwerer daran als an weit greren Snden. Wenigstens zeigt die Erfahrung, da hufig junge Gelegenheitsdiebe ihre erste Untat nicht zu tragen vermgen und ohne uere Ntigung sich durch ein Gestndnis erleichtern und fr immer reinigen. Dieses nun tat Emil Kolb nicht. Er litt einige Angst vor der mglichen Entdeckung, und vermutlich brannte auch sein wenig feines Gewissen ein wenig, aber als die Tage gingen und die Sonne weiter schien und die Geschfte ihren Gang dahinliefen, als wre nichts geschehen und als habe er nichts zu verantworten, da erschien ihm diese Mglichkeit, in allem Frieden aus fremder Tasche Nutzen zu ziehen, als ein Ausweg aus hundert Nten, ja vielleicht als der ihm bestimmte Weg zum Glcke. Denn da ihn die Arbeit und Geschfte nur als ein mhsamer Umweg zum Erwerb und Vergngen zu freuen vermochten, da er stets wie alle Toren nur das Ziel und nie den Weg bedachte, mute die Erfahrung, da man unter Umstnden sich ungestraft allerlei Vorteil erstehlen knne, ihn gewaltig in Versuchung fhren. Und dieser Versuchung widerstand er nicht. Es gibt fr ein Mnnlein seines Alters hundert kleine schwer entbehrte Dinge, die vor seinen Trumen wie begehrenswerte Frchte des Paradieses hngen und welchen das Kind armer Eltern stets einen doppelten Wert beimit. Sobald Emil Kolb begonnen hatte, mit der Vorstellung weiteren unredlichen Erwerbs zu spielen, sobald der Besitz eines Nickelstcks, ja einer Silbermnze ihm keine Unmglichkeit mehr, sondern jederzeit erreichbar schien, richtete sich sein Verlangen lstern auf viele kleine Sachen, an die er zuvor kaum gedacht hatte. Da besa sein Mitlehrling Frber ein Taschenmesser mit einer Sge und einem Stahlrdchen zum Glasschneiden daran, und obwohl das Sgen und Glasschneiden ihm durchaus kein Bedrfnis war, wollte ihm doch der Besitz eines solchen Prachtstckes von Messer beraus wnschenswert vorkommen. Und nicht bel wre es auch, am Sonntag eine solche blau und braun gefrbte Krawatte zu tragen, wie sie jetzt bei den feineren Lehrjungen die Mode waren. Sodann war es rgerlich genug zu sehen, wie die vierzehnjhrigen Fabriklehrbuben am Feierabend schon zum Bier gingen, whrend ein Kaufmannslehrling, schon um ein Jahr lter und an Stande so viel hher als jene, jahraus, jahrein kein Wirtshaus von innen zu sehen bekam. Und war es nicht ebenso mit den Mdchen? Sah man nicht manchen halbwchsigen Stricker oder Weber aus den Fabriken schon am Sonntag freimtig mit den Kolleginnen verkehren oder gar Arm in Arm gehen? Und ein junger Kaufmann sollte seine ganze drei- oder vierjhrige Lehrzeit erst abwarten mssen, ehe er imstande wre, einem hbschen Mdel das Karussellfahren zu bezahlen und eine Bretzel anzubieten? Diesen belstnden beschlo der junge Kolb ein Ende zu machen. Es war weder sein Gaumen fr die herbe Wrze des Bieres noch sein Herz und Auge fr die Reize der Mdchen reif, aber er strebte selbst im Vergngen fremden Zielen nach und wnschte nichts, als so zu sein und zu leben wie die angesehenen und flotten unter seinen Kollegen. Bei aller Torheit war Emil aber gar nicht dumm. Er bedachte seine Diebeslaufbahn nicht minder sorgfltig, als er zuvor seine erste Berufswahl bedacht hatte, und es blieb seinem Nachdenken nicht verborgen, da auch dem besten Dieb stets ein Feind am Wege lauere. Es durfte durchaus nicht geschehen, da er je erwischt wurde, darum wollte er lieber einige Mhe daran wenden und die Sache weitlufig vorbereiten, als einem verfrhten Genusse zulieb den Hals wagen. So berlegte und untersuchte er alle Wege zum verbotenen Gelde, die ihm etwa offen standen, und fand am Ende, da er sich bis zum nchsten Jahre gedulden msse. Er wute nmlich, wenn er sein erstes Lehrjahr tadelfrei abdiene, so wrden die Herren ihm die sogenannte Portokasse bertragen, welche stets der zweitjngste Lehrling zu fhren hatte. Um also seine Herren im kommenden Jahre bequemer bestehlen zu knnen, diente ihnen der Jngling nun mit der grten Aufmerksamkeit. Er wre darber beinahe seinem Entschlusse untreu und wieder ehrlich geworden; denn der ltere von seinen Prinzipalen, der seinen beflissenen Eifer bemerkte und mit dem armen Schustershnlein Mitleid hatte, gab ihm gelegentlich einen Zehner oder wandte ihm solche Besorgungen zu, welche ein Trinkgeld abzuwerfen versprachen. So war er hufig im Besitz kleinen Geldes und brachte es dazu, noch mit ehrlich verdientem Gelde sich eine von den braun und blau gescheckten Krawatten zu kaufen, womit die Feinen unter seinen Kollegen sich am Sonntag schmckten. Mit dieser Halsbinde angetan tat der junge Herr seinen ersten Schritt in die Welt der Erwachsenen und feierte sein erstes Fest. Bisher hatte er sich wohl des Sonntags manchmal den Kameraden angeschlossen, wenn sie langsam und unentschlossen durch die sonnigen Gassen bummelten, vorbergehenden Kollegen ein Witzwort nachriefen und recht heimatlos und verstoen sich umhertrieben, aus der farbigen Kinderwelt ohne Gnade entlassen und in die wrdige Welt der Mnner noch nicht aufgenommen. Da hatte Emil sehr wohl gefhlt, da sie alle noch weit bis zu Glck und Ehre htten, und hatte nicht ohne bitteren Neid den jungen Fabriklern nachgeschaut, die mit langen Zigarren im Munde und Mdchen am Arm der Musik einer Ziehharmonika folgten. Nun aber sollte auch er zum erstenmal seit der Schulzeit einen festlichen Sonntag mitfeiern. Sein Freund Remppis hatte in Lchstetten, wie es schien, mehr Glck gehabt als Emil daheim. Und neulich hatte er einen Brief geschrieben, der den Freund Kolb zum Kauf der feinen Halsbinde veranlat hatte. Lieber, sehr geehrter Freund! Im Besitz Deines Werten vom 12. _hujus_ bin in der angenehmen Lage, Dich fr kommenden Sonntag, 23. _hj._, zu kleiner Fidelitt einzuladen. Unser Verein jngerer Angehriger des Handelsstandes macht am Sonntag seinen Jahresausflug und mchte nicht verfehlen, Dich dazu herzlich einzuladen. Erwarte Dich bald nach Mittag, da erst noch bei meinem Chef essen mu. Werde Sorge tragen, da alles Deine Anerkennung findet, und bitte, Dich sodann ganz als meinen Gast betrachten zu drfen. Selbstverstndlich sind auch Damen eingeladen! Zusagendenfalls erbitte Antwort wie sonst _poste restante_ Merkur 01137. Deinem Werten mit Vergngen entgegensehend empfiehlt sich mit Gru Dein Franz Remppis, Mitglied des V. j. A. d. H. Sofort hatte Emil Kolb geantwortet: Lieber, sehr geehrter Freund! In umgehender Beantwortung Deines Geschtzten von gestern sage fr Deine gtige Einladung besten Dank und wird es mir ein Vergngen sein, derselben Folge zu leisten. Die Aussicht auf die Bekanntschaft mit den werten Herren und Damen eures lblichen Vereins ist mir so wertvoll wie schmeichelhaft und kann ich nicht umhin, Dich zu dem regen gesellschaftlichen Leben von Lchstetten zu beglckwnschen. Alles Weitere auf unser demnchstiges mndliches Zusammentreffen verschiebend, verbleibe mit besten Gren Dein ergebener Freund Emil Kolb. _P. S._ In Eile erlaube mir noch speziellen Dank fr die geschftliche Seite Deiner Einladung, von welcher dankbar Gebrauch machen werde, da zurzeit leider meine Kasse greren Ansprchen nicht gewachsen sein drfte. Dein treuer Obiger. Nun war dieser Sonntag gekommen. Es war gegen Ende Juni und da seit wenigen Tagen nach langem Regen heies Sommerwetter eingetreten war, sah man berall die Heuernte in vollem Gange. Emil hatte fr den ganzen Tag ohne Schwierigkeit Urlaub, jedoch kein Geld fr die kleine Eisenbahnfahrt nach Lchstetten erhalten. Darum machte er sich zeitig am Vormittag auf den Weg und war bis zur verabredeten Stunde lange genug unterwegs, um sich die bevorstehenden Freuden und Ehren in reichlicher Flle und Schnheit ausdenken zu knnen. Daneben tat er an gnstigen Orten auch den eben reifenden Kirschen Ehre an und kam bequemlich zur rechten Zeit in Lchstetten an, das er noch nie gesehen hatte. Nach den Schilderungen seines Freundes Remppis hatte er sich diese Stadt in vollem Gegensatze zu dem schlechten, spieigen Gerbersau als einen glnzenden, reichen Ort herrlichster Lebenslust vorgestellt und war nun etwas enttuscht, die Gassen, Pltze, Huser und Brunnen eher geringer und schmuckloser zu finden als in der Vaterstadt. Auch das Geschftshaus Johann Lhle, in welchem sein Freund die Geheimnisse des Handels erlernen sollte, konnte sich mit dem stattlichen Hause der Brder Drei in Gerbersau nicht messen. Dies alles stimmte Emils Erwartungen und Freudebereitschaft einigermaen herab, doch strkten diese kritischen Wahrnehmungen seinen Mut und seine Hoffnung, er wrde neben der weltgewandteren und lebensfroheren Jugend dieser Stadt bestehen knnen. Eine Weile umstrich der Ankmmling das Handelshaus, ohne da er den Mut gefunden htte, einzutreten und nach seinem Landsmann zu fragen. Er ging hin und wieder, atmete den Duft der Fremde und Wanderschaft und wagte nur hie und da schchtern einen Liedanfang zu pfeifen, der in frheren Zeiten als Signal zwischen Franz Remppis und ihm gegolten hatte. Nach einiger Zeit erschien der Gesuchte denn auch in einem hohen Mansardenfensterchen, winkte hinab und wies den Freund durch Zeichen an, ihn nicht vor dem Hause, sondern unten am Marktplatz zu erwarten. Leicht enttuscht begab sich Emil hinweg und brachte seine Wartezeit vor dem Schaufenster eines Eisenhndlers zu, wo er von neuem feststellte, da es hier am Orte weniger fein und modern aussehe und zugehe als daheim in Gerbersau. Nun aber kam Franz daher, und sogleich sank Emils Kritiklust zusammen, da er den Schulfreund in einem ganz neuen Anzug mit einem steifen, unmig hohen Hemdkragen und sogar mit Manschetten geschmckt sah. Servus! rief der junge Remppis frhlich. Jetzt kann es also losgehen. Hast du Zigarren? Und da Emil keine hatte, schob er ihm eine kleine Handvoll in die Brusttasche. Schon recht, du bist ja mein Gast. Ums Haar htte ich heut nicht frei gekriegt, der Alte war verflucht scharf. Aber jetzt wollen wir marschieren. So sehr das flotte Wesen Emil gefiel, so konnte er eine Enttuschung doch nicht verbergen. Er war zu einem Vereinsausfluge eingeladen, er hatte Fahnen und vielleicht sogar Musik erwartet. Ja, wo ist denn euer Verein jngerer Angehriger des Handelsstandes? fragte er mitrauisch. Der wird schon kommen. Wir knnen doch nicht unter den Fenstern der Prinzipale ausrcken! Die gnnen einem so wie so kein Vergngen. Nein, wir treffen uns vor der Stadt beim alten Galgen. So so. Beim Galgen? Ja, so heit es dort. Es ist ein Wirtshaus. Da sind wir ganz sicher, da keiner von den Alten hinkommt. Bald hatten sie den alten Galgen erreicht, ein kleines Gehlz und ein altes schbiges Wirtshuschen, wo sie rasch eintraten, nachdem Franz sich scharf umgesehen hatte, ob niemand ihn beobachte. Drinnen wurden sie von sechs oder sieben anderen Lehrlingen empfangen, die alle vor hohen Bierglsern saen und Zigarren rauchten. Remppis stellte seinen Landsmann den Kameraden vor, und Emil ward feierlich willkommen geheien. Sie gehren wohl alle zum Verein? fragte er. Gewi, wurde ihm geantwortet. Wir haben diesen Verein ins Leben gerufen, um die Interessen unseres Standes zu frdern, vor allem aber um unter uns die Geselligkeit zu pflegen. Wenn Sie einverstanden sind, Herr Kolb, so wollen wir jetzt aufbrechen. Schchtern fragte Emil seinen Freund nach den Damen, die doch eingeladen seien, und erfuhr, da man diese spter im Walde zu treffen hoffe. Munter wanderten die jungen Leute in den glnzenden Sommertag hinein. Es fiel Emil auf, mit welchem Eifer Franz sich seiner Vaterstadt rhmte, die er in seinen Briefen beinahe verleugnet hatte. Ja, unser Gerbersau! pries der Freund. Nicht wahr, Emil, da geht es anders zu als hierzuland! Und was es dort fr schne Mdchen gibt! Emil stimmte etwas befangen zu, wurde dann gesprchig und erzhlte freimtig, wie wenig gro und schn er Lchstetten im Vergleich mit Gerbersau finde. Einige von den jungen Leuten, die schon in Gerbersau gewesen waren, gaben ihm recht. Bald sprach ein jeder darauf los, rhmte ein jeder seine Stadt und Herkunft, wie es da ein anderes und flotteres Leben sei als in diesem verdammten Nest, und die paar geborenen Lchstettener, die dabei waren, gaben ihnen recht und schimpften auf die eigene Heimat. Sie alle waren voll unerlster Kindlichkeit und zielloser Freiheitsliebe, sie rauchten ihre Zigarren und rckten an ihren hohen Stehkragen und taten so mnnlich und wild, als sie konnten. Emil Kolb fand sich rasch in diesen Ton, den er daheim wohl auch schon gehrt und ein wenig gebt hatte, und wurde mit allen gut Freund. Eine halbe Stunde weiter drauen, am Eingang eines prchtigen Fhrenwaldes, erwartete sie eine kleine Gesellschaft von vier halbwchsigen Mdchen in hellen Sonntagskleidern. Es waren Tchter geringer Huser, denen es an Beaufsichtigung fehlte und die zum Teil schon als Schulmdel mit Schlern oder Lehrbuben zrtliche Verhltnisse unterhielten. Sie wurden dem Emil Kolb als Frulein Berta, Luise, Emma und Agnes vorgestellt. Zwei von ihnen hatten schon feste Verhltnisse und hngten sich sofort an ihre Verehrer, die beiden anderen gingen lose nebenher und gaben sich Mhe, die ganze Gesellschaft zu unterhalten. Es war nmlich nach dem Hinzutritt der Damen die frhere lrmende Gesprchigkeit der Jnglinge pltzlich erkaltet und an deren Stelle eine verlegen schweigsame Liebenswrdigkeit getreten, in deren Bann auch Franz und Emil fielen. Alle diese jungen Leute waren noch durchaus Kinder, und ihnen allen fiel es weit leichter, die Manieren von Mnnern nachzuahmen, als sich ihrem eigenen Alter und Wesen gem zu benehmen. Sie alle wren im Grunde lieber ohne Mdchen gewesen oder htten doch mit diesen wie mit ihresgleichen geschwatzt und gescherzt, aber das schien nicht anzugehen, und da sie alle wohl wuten, da die Mdchen ohne Erlaubnis ihrer Eltern und unter Gefahren fr ihren Ruf diese Wege gingen, suchte ein jeder von diesen jungen Handelsleuten das nachzuahmen, was er sich nach Hrensagen und Lektre unter einem feinen geselligen Wesen vorstellte. Die Mdchen waren berlegen und gaben den Ton an, der auf eine empfindsame Schwrmerei gestimmt war, und sie alle, die nach Verlust der Kindesunschuld doch der Liebe noch nicht fhig waren, bewegten sich recht ngstlich und befangen in einer phantastisch verlogenen Sphre zierlicher Sentimentalitt. Emil geno als Fremder besondere Aufmerksamkeit, und das Frulein Emma verstrickte ihn bald in ein schnes Gesprch ber den Reiz sommerlicher Waldausflge, das spter in eine Unterhaltung ber Emils Herkunft und Lebensumstnde berging und wobei Emil sich nicht bel bewhrte, da er nur Fragen zu beantworten hatte. Bald wute das Mdchen alles Wissenswerte ber den jungen Mann, den sie sich zum Kavalier fr diesen Tag erlesen hatte; nur war freilich des Jnglings Auskunft ber sich und sein Leben mehr ein Notbehelf und poetischer Zeitvertreib als eine Mitteilung realer Dinge. Denn wenn Frulein Emma nach dem Stande seines Vaters fragte, schien ihm das Wort Flickschuster gar zu schroff und hlich und er umschrieb die Sache, indem er erklrte, sein Papa habe ein Schuhgeschft. Alsbald sah des Fruleins Phantasie ein glnzendes Schaufenster voll schwarzer und farbiger Schuhwaren, dem ein solcher Duft von Eleganz und geschmackvoller Wohlhabenheit entstieg, da ihre weiteren Fragen immer schon einen guten Teil solchen Glanzes als vorhanden voraussetzten und den Schusterssohn unvermerkt zu immer krftigeren Beschnigungen der Wirklichkeit ntigten. Es entstand aus Fragen und Antworten eine hbsche, angenehme Legende. Nach derselben war Emil der etwas streng gehaltene, doch geliebte Sohn nicht eben reicher, doch wohlhabender Eltern, den seine Neigung und Begabung frh von den Schulstudien zum Handel hingefhrt hatte. Er erlernte als Volontr, welches Wort auf Rechnung der Emma kam, in einem mchtigen alten Handelshause die Obliegenheiten seines knftigen Berufes und war heute, durch das herrliche Wetter verlockt, herbergekommen, um seinen Schulfreund Franz zu besuchen. Was die Zukunft betraf, so konnte Emil ohne Gefahr und Gewissensbedrngnis die Farben verschwenden, und je weniger von Wirklichkeit, Gegenwart und Arbeit, je mehr von Zukunft, Genu und Hoffnungen die Rede war, desto mehr kam er ins Feuer und desto besser gefiel er dem Frulein Emma. Diese hatte von ihrer Abstammung nichts und von ihren brigen Verhltnissen nur soviel erzhlt, da sie als zartfhlende Tochter einer wenig begterten und leider auch etwas herrischen, ja groben Witwe manches zu leiden habe, das sie jedoch kraft eines tapferen Herzens ohne Murren zu ertragen wisse. Auf den jungen Kolb machten sowohl diese moralischen Eigenschaften wie auch das uere des Fruleins einen starken Eindruck. Vielleicht und vermutlich htte er sich in irgendeine andere, sofern sie nicht gerade hlich war, ebenso verliebt. Es war das erstemal, da er so mit einem Mdchen ging, da ein Mdchen solches Interesse fr ihn zeigte und da er allen Ernstes ein Gebiet betrat, fr das er in der Stille sich selber noch zu jung erschien. Desto feierlicher lauschte er den Erzhlungen der Emma und gab sich Mhe, keine Hflichkeit zu versumen. Es blieb ihm nicht verborgen, da sein Auftreten und sein Erfolg bei Emma ihm Ansehen verlieh und da es namentlich dem Franz imponierte. So war der erhoffte Vereinsausflug mit Fahnen, Musik und lrmender Lustbarkeit fr den Gerbersauer Gast ein stilles Erlebnis und jedenfalls etwas nicht minder Schnes geworden. Es geschahen zwischen ihm und seinem schnen Frulein keine Liebeserklrungen und keine Zrtlichkeiten, vor dem Kssen htte es ihm auch noch gegraut, aber es entstand doch Emils erste Vertrautheit mit einem Mdchen, er war zum erstenmal verliebt und zum erstenmal Kavalier, und beides gefiel ihm nicht wenig. Da man der Damen wegen nicht wagte, in einer Herberge einzukehren, wurden in der Nhe eines Dorfes zwei von den Jnglingen auf Proviant ausgeschickt. Sie kehrten mit Brot und Kse, Bierflaschen und Glsern wieder, und es ergab sich ein heiteres Gelage im Grnen, wobei die Mdchen das Brotschneiden und Einschenken bernahmen und mit ihren hellen Sommerkleidern froh und festlich aussahen. Emil, der den ganzen Tag auf den Beinen und ohne Mittagbrot gewesen war, griff nun mit eifrigem Hunger zu den guten Sachen und war der frhlichste von allen. Doch mute er bei diesem ersten Fest seines Mannesalters die bittere Erfahrung machen, da nicht alles Wohlschmeckende auch wohltut und da seine Krfte im Schlrfen mnnlicher Gensse noch die eines Kindes waren. Er erlag mit Schmach dem dritten oder vierten Glase Bier und mute den Heimweg nach Lchstetten als Nachzgler unter des Freundes Obhut in Schmerzen und Reue zurcklegen. Wehmtig nahm er am Abend von dem Freunde Abschied und trug ihm Gre an die Kameraden und an die lieben Frulein auf, die er nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Gromtig hatte ihm Franz Remppis ein Billet fr die Eisenbahn geschenkt, und whrend er im Fahren durchs Fenster die schne sommerliche Landschaft abendlich werden und festlich verglhen sah, empfand er alle Ernchterung der Rckkehr zu Arbeit und Entbehrung voraus und htte nichts dagegen gehabt, wenn es angegangen wre, diesen Tag wieder auszustreichen und zu den ungelebten zu legen. Dennoch konnte er, ohne zu lgen, nach vier Tagen seinem Freunde schreiben: Lieber Freund! In Anbetracht des verflossenen Sonntags mchte nicht unterlassen, Dir nochmals meinen Dank auszusprechen. Zu meinem lebhaften Bedauern ist mir unterwegs jenes Versehen passiert und hoffe ich sehr, es mchte Dir und den Herren und Damen den schnen Festtag nicht gestrt haben. Namentlich wre Dir uerst verpflichtet, wenn Du die Gte haben wolltest, dem Frulein Emma einen Gru von mir und meine Bitte um Entschuldigung fr jenes Unglck zu bestellen. Zugleich wre ich sehr gespannt, Deine Ansicht ber Frulein Emma erfahren zu drfen, da ich nicht verhehlen kann, da eben diese mir vllig zugesagt und ich eventuell nicht abgeneigt wre, bei spterem Anla an selbe mit ernsteren Antrgen heranzutreten. Diesbezglich Deine strengste Diskretion erbittend und voraussetzend verbleibe mit besten Gren in freundschaftlicher Ergebenheit Dein Emil Kolb. Franz gab hierauf nie eine richtige Antwort. Er lie wissen, da der Gru ausgerichtet sei und da die Herren vom Verein sich freuen wrden, Emil bald einmal wieder bei sich zu sehen. Der Sommer ging hin, und die Freunde sahen sich in Monaten nur ein einziges Mal, bei einer Zusammenkunft in dem Dorfe Walzenbach, das in der Mitte zwischen Lchstetten und Gerbersau lag und wohin Emil den Schulfreund bestellt hatte. Es kam jedoch keine richtige Wiedersehensfreude auf, denn Emil hatte keinen anderen Gedanken, als etwas ber das Frulein Emma zu erfahren, und Franz wute seinen Fragen nach ihr immer wieder hartnckig auszuweichen. Er hatte nmlich seit jenem Sonntage selbst seine Blicke auf diese Jungfer gerichtet und seinen Freund bei ihr auszustechen versucht. Unschnerweise hatte er damit begonnen, da er dessen Legende zerstrt und seine geringe Herkunft ohne Schonung dargetan hatte. Zum Teil wegen dieses Verrates am Freunde, noch mehr aber wegen einer sogenannten Hasenscharte, welche Franz am Munde hatte und die der Emma mifiel, wies sie ihn sehr khl ab, wovon Emil jedoch nichts erfuhr. Und nun saen die alten Freunde einander unoffen und enttuscht gegenber und waren beim Auseinandergehen am Abend nur darin einig, da keiner von beiden eine baldige Wiederholung dieser Zusammenkunft fr notwendig hielt. Im Geschft der Brder Drei hatte sich Emil indessen zwar nicht eben beliebt, wohl aber ntzlich gemacht und soviel Vertrauen erworben, da im Herbst, nach dem Avancement des ltesten Lehrlings und dem Eintritt eines neuen, die Prinzipale keinen Grund fanden, von einer alten Gewohnheit abzugehen, und dem Jngling die sogenannte Portokasse bergaben. Es wurde ihm ein Stehpult angewiesen und zugleich Bchlein und Kasse bergeben, ein flaches Kstlein aus grnem Drahtgeflechte, worin oben die Bogen mit Briefmarken, unten aber das bare Geld geordnet lagen. Der Jngling, am Ziele langer Wnsche und Plne angelangt, verwaltete in der ersten Zeit die paar Taler seiner Kasse mit uerster Gewissenhaftigkeit. Seit Monaten mit dem Gedanken vertraut, aus dieser Quelle zu schpfen, nahm er nun doch keinen Pfennig an sich. Diese Ehrlichkeit wurzelte nur zum Teil in der Furcht und in der klugen Voraussetzung, man werde seine Fhrung in dieser ersten Zeit besonders genau beobachten. Vielmehr war es ein Gefhl von Feierlichkeit und innerer Befriedigung, das ihn gut machte und vom Bsen abhielt. Emil sah sich, im Besitz eines eigenen Stehpultes im Kontor und als Verwalter baren Geldes, in die Reihe der Erwachsenen und Geachteten emporgerckt; er geno diese Stellung mit Andacht und sah auf den soeben neu eingetretenen jngsten Lehrling mit groem Mitleid hernieder. Diese gtige und weiche Stimmung hielt ihn gefangen. Allein wie den schwachen Burschen eine Stimmung vom Bsen abzuhalten vermochte, so gengte auch eine Stimmung, ihn an seine blen Vorstze zu erinnern und diese zur Ausfhrung zu bringen. Es begann, wie alle Snden junger Geschftsleute, an einem Montage. Dieser Tag, an welchem nach kurzer Sonntagsfreiheit und mancher Lustbarkeit die Nebel des Dienstes, des Gehorchenmssens und der Arbeit sich wieder fr so lange Tage senken, ist auch fr fleiige und tchtige junge Menschen eine Prfung, zumal wenn auch die Vorgesetzten den Sonntag der Lust geweiht und alle gute Laune einer Woche im voraus verbraucht haben. Es war ein Montag zu Anfang des November. Die beiden lteren Lehrlinge waren tags zuvor samt dem Herrn Volontr in der Vorstellung einer durchreisenden Theatertruppe gewesen und hatten nun, durch das gemeinsame seltne Erlebnis heimlich verbunden, viel untereinander zu flstern. Der Volontr, ein junger Lebemann aus der Hauptstadt, ahmte an seinem Stehpult Grimassen und Gebrden eines Komikers nach und weckte die Erinnerung an gestrige Gensse jeden Augenblick von neuem. Emil, der den regnerischen Sonntag zu Hause mit Lesen und kaufmnnischen Stilbungen hingebracht hatte, horchte mit Neid und rger hinber. Der jngere Chef hatte ihn am frhen Morgen schon in bitterer Montagslaune angebrummt, allein und ausgeschlossen stand er an seinem Platz, whrend die anderen ans Theater dachten und ihn ohne Zweifel bemitleideten. Traurig und erbittert durchlas er einen Brief seines Prinzipals, den er abschicken sollte und aus dem er zuvor noch Stilistisches zu lernen hoffte. Es war ein Brief an einen groen Lieferanten und begann Sehr geehrter Herr! Ihre geschtzte Faktura noch immer vergebens erwartend, bitte nun endlich, Berechnung ber die am 11. Vorigen erhaltenen Waren einzusenden. Es war nichts Neues, enttuscht legte der Lehrling den Brief zu den anderen. In diesem Augenblick erschallte drauen auf dem Marktplatz ein frhlich schmetternder Trompetensto, der sich zweimal wiederholte. Das Signal, seit einigen Tagen der ganzen Stadt vertraut, kndete den Ausrufer der Schauspielerfamilie an, der auch sogleich auf dem Platz erschien, sich auf die Vortreppe des Rathauses schwang und mit rollender Stimme verkndete: Meine Herrschaften! Damen und Herren! Es findet heute Abend acht Uhr im Saale des Hotels zum grauen Hecht die unwiderruflich letzte Vorstellung der bekannten Truppe Elvira statt. Zur Auffhrung gelangt das berhmte Stck Der Graf von Felsheim oder Vaterfluch und Brudermord. Zu dieser unwiderruflich allerletzten Hauptgalavorstellung wird Alt und Jung hiermit ergebenst eingeladen. Trara! Trara! Am Schlusse findet eine Verlosung wertvoller Gegenstnde statt! Jeder Inhaber einer Karte zum ersten und zweiten Rang erhlt vollstndig gratis ein Los. Trara! Trara! Letztes Auftreten der berhmten Truppe! Letztes Auftreten auf Wunsch zahlreicher Kunstfreunde! Heute Abend halb acht Uhr Kassenffnung! Dieser Lockruf mitten in der Trbe des nchternen Montagmorgens traf den einsamen Lehrling ins Herz. Die Gebrden und Gesichter des Volontrs, das Tuscheln der Kollegen, bunte, wirre Vorstellungen von unerhrtem Glanz und Genu flossen zu dem glhenden Verlangen zusammen, endlich auch einmal dies alles zu sehen und zu genieen, und das Verlangen ward alsbald zum Vorsatz, denn die Mittel waren ja in seiner Hand. An diesem Tage schrieb Emil Kolb zum erstenmal falsche Zahlen in sein kleines sauberes Kassabchlein und nahm einige Nickelstcke von dem ihm Anvertrauten weg. Aber obwohl dies schlimmer war als vor Monaten jener Diebstahl einer Briefmarke, blieb doch diesmal sein Herz ruhig. Er hatte sich seit langem an den Gedanken dieser Tat gewhnt, er frchtete keine Entdeckung, ja er fhlte einen leisen Triumph, als er sich abends vom Prinzipal verabschiedete. Da ging er nun hinweg, das Geld des Mannes in seiner Tasche, und er wrde es noch oft so machen, und der dumme Kerl wrde nichts merken. Das Theater machte ihn sehr glcklich. In groen Stdten, hatte er sagen hren, gab es noch weit grere und glnzendere Theater, und da gab es Leute, die jeden lieben Abend hineingingen, immer auf die besten Pltze. So wollte er es auch einmal haben. War ihm auch der Sinn des Theaterspielens dunkel, so amsierten ihn doch die farbigen Figuren und Bilder der Bhne, auerdem war es nobel und gab Ansehen, wenn einer so im Parkett sitzen und sich von den Lustigmachern fr sein Geld was vorspielen lassen konnte. Von da an hatte die Portokasse des Hauses Drei ein unsichtbares Loch, durch welches in aller Stille immerzu ein kleiner dnner Geldflu entwich und dem Lehrling Kolb gute Tage machte. Das Theater freilich zog hinweg in andere Stdte, und hnliches kam sobald nicht wieder. Aber da war bald eine Kirchweih in Hngstett, bald auf dem Brhel ein Karussell, und auer dem Fahrgeld und Bier oder Kuchen war meistens dazu auch ein neuer Hemdkragen oder Schlips unentbehrlich, oder beides. Ganz allmhlich wurde der arme junge Mensch zu einem verwhnten Manne, der sich berlegt, wo er am kommenden Sonntag vergngt sein will, und der aufs Geld nicht zu sehen braucht. Er hatte bald gelernt, da es beim Vergngen auf anderes ankommt als aufs Notwendige, und tat mit Genu Dinge, die er frher fr Snde und Dummheit gehalten htte. Beim Bier schrieb er an die jungen Herren in Lchstetten Ansichtskarten, und nicht die billigsten, sondern stets von den lackierten farbigen mit den tiefblauen Himmeln und brandroten Dchern, auf denen jede Gegend schner aussah, als am schnsten Sommertage. Und wo er sonst ein trockenes Brot verzehrt hatte, fragte er nun nach Wurst oder Kse dazu, er lernte in Wirtschaften herrisch nach Senf und Zndhlzern verlangen und den Zigarettenrauch durch die Nase blasen. Immerhin mute er in solchem Verbrauch seines Wohlstandes vorsichtig sein und durfte nicht immer auftreten, wie es ihm gerade Spa gemacht htte. Die paar ersten Male sprte er auch vor dem Monatsende und der Kontrolle seiner Kasse ziemliches Bangen. Aber stets ging alles gut, und nirgends fand sich eine Ntigung, den begonnenen Unfug einzustellen. So wurde Kolb, wie jeder Gewohnheitsdieb, trotz aller Vorsicht am Ende sicher und blind. Und eines Tages, da er wieder das Portogeld fr sieben Briefe statt fr vier aufgeschrieben hatte und da sein Herr ihm den falschen Eintrag vorhielt, blieb er frech dabei, es mten sieben Briefe gewesen sein. Und da der Herr Drei sich dabei zu beruhigen schien, ging Emil friedlich seiner Wege. Am Abend aber setzte sich der Herr, ohne da der Schelm davon wute, hinter sein Bchlein und studierte es sorgsam durch. Denn es war ihm nicht nur der grere Portoverbrauch in letzter Zeit aufgefallen, sondern es hatte ihm heute ein Gastwirt aus der Vorstadt erzhlt, der junge Kolb komme neuerdings am Sonntag fter zu ihm und scheine mehr fr Bier auszugeben, als der Vater ihm dafr geben knne. Und nun hatte der Kaufherr geringe Mhe, das bel zu bersehen und die Ursache mancher Vernderung im Wesen und Treiben seines jungen Kassiers zu erkennen. Da der ltere Bruder Drei gerade auf Reisen war, lie der jngere der Sache zunchst ihren Lauf, indem er nur tglich in der Stille die kleinen Unterschlagungen betrachtete und notierte. Er sah, da sein Verdacht dem jungen Manne nicht Unrecht getan hatte, und wunderte sich rgerlich ber die Ruhe und geschickte Sachlichkeit, mit der ihn der Bursche eine so lange Zeit hintergangen und bestohlen hatte. Der Bruder kehrte zurck, und am folgenden Morgen beriefen die beiden Herren den Snder in ihr Privatkontor. Da versagte denn doch die erworbene Sicherheit des Gewissens; kaum hatte Emil Kolb die beiden ernsten Gesichter der Prinzipale und in des einen Hnden sein schmales Kassenbchlein erblickt, so wurde er wei im Gesicht und verlor den Atem. Hier begannen Emils schlimme Tage. Als wrde ein schmucker Marktplatz durchsichtig, oder eine nette helle Gasse, und man she unterm Boden Kanle, Kloaken und trbe Wasser rinnen, von Gewrm bevlkert und bel riechend, so lag der unreine Grund dieses scheinbar harmlosen jungen Lebens hlich aufgedeckt vor seinen und seiner Herren Augen da. Das Schlimmste, was er je gefrchtet, war hereingebrochen, und es war bler, als er gedacht htte. Alles Saubere, Ehrliche, das bisher in seinem Leben gewesen war, versank und war weg, sein Flei und Gehorsam war nicht gewesen, es blieb von einem fleiigen Leben zweier Jahre nichts brig als die Schmach seines Vergehens. Emil Kolb, der bis dahin einfach ein kleiner Schelm und bescheidener Hausdieb gewesen war, wurde nun zu dem, was die Zeitungen ein Opfer der Gesellschaft nennen. Denn die beiden Brder Drei waren nicht darauf eingerichtet, in ihren vielen Lehrbuben junge Menschen mit jungen wartenden Schicksalen zu sehen, sondern nur eben Arbeiter, deren Unterhalt wenig kostete und die fr Jahre eines nicht leichten Dienstes noch dankbar sein muten. Sie konnten nicht sehen, da hier ein verwahrlostes junges Leben an der Wende stand, wo es ins Dunkel hinabgeht, wenn nicht ein guter und williger Mensch zu helfen bereit ist. Einem jungen Diebe zu helfen wre ihnen im Gegenteil als Snde und Torheit erschienen. Sie hatten einem Buben aus armem Hause Vertrauen geschenkt und ihr Haus geffnet, nun hatte dieser Mensch sie hintergangen und ihr Vertrauen mibraucht -- das war eine klare Sache. Die Herren Drei waren sogar edel und kamen berein, den armen Kerl nicht der Polizei zu bergeben, und doch wre dies das Beste gewesen, wenn sie doch einmal selbst die Hand von dem Entgleisten abziehen wollten. Sie entlieen ihn vielmehr, ausgescholten und zerschmettert, und trugen ihm auf, er mge zu seinem Vater gehen und ihm selber sagen, weshalb man ihn in einem anstndigen Handelshause nicht mehr brauchen knne. Daraus darf jedoch den Brdern Drei kein Vorwurf gemacht werden. Sie waren ehrenwerte Mnner und auf ihre Art wohlmeinend, sie waren nur gewohnt, in allem Geschehenden Flle zu sehen, auf welche sie je nachdem eine der Regeln brgerlichen Tuns anwenden muten. So war auch Emil Kolb fr sie nicht ein gefhrdeter und untersinkender Mensch, sondern ein bedauerlicher Fall, welchen sie nach allen Regeln ohne Hrte erledigten. Sie waren sogar ber das notwendige Ma pflichtbewut und gingen am folgenden Tage selber zu Emils Vater, um mit ihm zu reden, die Sache zu erzhlen und etwa mit einem Rate zu dienen. Aber der Vater Kolb wute noch gar nichts von dem Unglck. Sein Sohn war gestern nicht nach Hause gekommen, er war davongelaufen und hatte die Nacht im Freien hingebracht. Zur Stunde, da seine Prinzipale ihn beim Vater suchten, stand er frierend und hungrig berm Tale am Waldrand und hatte sich, im Selbsterhaltungsdrang gegen die Versuchung freiwilligen Untergangs, so hart und trotzig gemacht, wie es dem schwachen Jungen sonst in Jahren nicht mglich gewesen wre. Sein erster Wunsch und Gedanke war gewesen, sich nur zu flchten, sich zu verbergen und die Augen zu schlieen, da er die Schande wie einen groen giftigen Schatten ber sich fhlte. Erst allmhlich, da er einsah, er msse zurckkehren und irgendwie das Leben weiter fhren, hatte sein Lebenswille sich zu Trotz verhrtet und er hatte sich vorgenommen, den Brdern Drei das Haus anzuznden. Indessen war auch diese Rachelust vergangen. Emil sah ein, wie sehr er sich den weiteren Weg zu jedem Glck erschwert habe, und kam am Ende mit seinen Gedanken zu dem Schlusse, es sei ihm nun doch jeder lichte Pfad verbaut und er msse nun erst recht und mit verdoppelten Krften den Weg des Bsen gehen, um doch noch auf seine Weise Recht zu behalten und das Schicksal zu zwingen. Der entsetzte kleine Flchtling von gestern kehrte nach einer verwachten und durchfrornen Nacht als ein junger Bsewicht nach der Heimat zurck, auf Schmach und ble Behandlung gefat und zu Krieg und Widerstand gegen die Gesetze dieser schnden Welt gewillt. Nun wieder wre es an seinem Vater gewesen, ihn ohne Umgehung der Prgelstrafe in eine ernsthafte Kur zu nehmen und den geschwchten Willen nicht vollends zu brechen, sondern langsam wieder zu erheben und zum Guten zu wenden. Das war indessen mehr, als der Schuster Kolb vermochte. So wenig wie sein Sohn vermochte dieser Mann das Gesetz des Zusammenhanges von Ursache und Wirkung zu erkennen oder doch zu fhlen. Statt die Entgleisung seines Sprlings als eine Folge seiner schlechten Erziehung zu nehmen und den Versuch einer Besserung an sich und dem Kinde zu beginnen, tat Herr Kolb so, als sei von seiner Seite her alles in Ordnung und als habe er allen Grund gehabt, von seinem Shnlein nur Gutes zu erwarten. Freilich, Vater Kolb hatte nie gestohlen, doch war in seinem Hause der Geist nie gewesen, der allein in den Seelen der Kinder das Gewissen wecken und der Lust zur Entartung trotzen kann. Der zornige, gekrnkte Mann empfing den heimkehrenden Snder wie ein Hllenwchter bellend und fauchend, er rhmte ohne Grund den guten Ruf seines Hauses, ja er rhmte seine redliche Armut, die er sonst hundertmal verwnscht hatte, und lud alles Elend, alle Last und Enttuschung seines Lebens auf den halbwchsigen Sohn, der sein Haus in Schande gebracht und seinen Namen in den Schmutz gezogen habe. Alle diese Ausdrcke kamen nicht aus seinem erschrockenen und vllig ratlosen Herzen, sondern aus Erinnerung, er befolgte damit eine Regel und erledigte einen Fall, hnlich und trauriger, als es die Drei getan hatten. Emil stand ruhig und lie den Strom verrinnen, er hielt den Kopf gesenkt und schwieg, er fhlte sich elend, aber beinahe doch dem ohnmchtig wetternden Alten berlegen. Alles was der Vater von der ehrlichen Armut vom besudelten Namen und vom Zuchthause schrie, kam ihm nichtig vor; wenn er irgendeine andere Unterkunft in der Welt gewut htte, wre er ohne Antwort hinweggegangen. Er war in der berlegenen Lage dessen, dem alles einerlei ist, weil er soeben von dem bitteren Wasser der Verzweiflung und des Grauens getrunken hat. Dagegen verstand er die Mutter wohl, die hinten am Tische sa und stille weinte. Er fhlte, da sie in dieser Stunde etwas von dem kosten mute, woran er selber diese Nacht gewrgt hatte, aber er fand keinen Weg zu ihr, der er am wehesten getan hatte und von der er doch am ehesten Mitleid erwartete. Das Haus Kolb war nicht in der Lage oder nicht willens, einen nahezu erwachsenen Sohn unbeschftigt herumsitzen zu haben. Der Meister Kolb, als er sich vom ersten Schrecken aufgerafft hatte, hatte zwar noch alles versucht, dem Schlingel trotz allem eine feinere Zukunft zu ermglichen. Aber ein Lehrling, den die Brder Drei, wenn auch aus unbekannten Ursachen, pltzlich weggejagt hatten, fand in Gerbersau keinen Boden mehr. Nicht einmal der Schreinermeister Kiderle, der doch im Blatt einen Lehrbuben bei freier Kost gesucht hatte, konnte sich entschlieen, den Emil aufzunehmen. Ein Schneider freilich war noch da, der htte ihn genommen, aber dagegen strubte sich Emil selbst so wild und verzweifelt, da man ihn gewhren lassen mute. Schlielich, als eine Woche nutzlos verstrichen war, sagte der Vater: Ja, wenn alles nicht hilft, mut du halt in die Fabrik! Er war auf Klagen und Widerstand gefat, aber Emil sagte ganz zufrieden: Mir ist's recht. Aber den Hiesigen mach' ich die Freude nicht, da sie mich in die Fabrik gehen sehen. Daraufhin fuhr Herr Kolb mit seinem Sohne nach Lchstetten hinber. Da sprach er beim Fabrikanten Erler vor, der tannene Faspunden herstellte, fand aber kein Gehr, und dann beim Walkmller, der ebenfalls eilig dankte, und ging schlielich verzweifelnd, nur weil vor dem Abgang des Zuges noch eine halbe Stunde Zeit brig war, auch noch in die Spindlersche Maschinenstrickerei, wo er im Werkfhrer zu seiner berraschung einen Bekannten fand, der sich fr ihn verwendete. So lie man den Zug fahren und wartete auf den Fabrikanten, der nach wenig Worten den jungen Menschen auf Probe zu nehmen einwilligte. Nach der Art gedankenloser Leute war Vater Kolb froh, als am folgenden Montag sein miratener Sohn das Haus verlie, um sein Fabriklerleben in Lchstetten zu beginnen. Auch dem Sohne war es wohl, da er aus den Augen der Eltern kam. Er nahm Abschied, als wre es fr wenige Tage, und hatte doch fest im Sinne, sich daheim nimmer oder doch lange Zeit nicht mehr zu zeigen. Der Eintritt in die Fabrik fiel ihm trotz aller desperaten Vorstze doch nicht leicht. Wer einmal gewohnt war, wenn auch nur als geringstes Glied, zu den geachteten Stnden zu gehren und ber den Pbel die Nase zu rmpfen, dem ist es ein saurer Bissen, wenn er einmal selber den guten Rock ausziehen und zu den Verachteten zhlen soll. Dazu kam, da Emil bei dem Wegzug nach Lchstetten sich darauf verlassen hatte, da er dort an seinem Freunde Remppis einen guten Halt finden werde. Darin hatte der schlaue Jngling sich indessen verrechnet. Er hatte nicht gewagt, seinen Freund im stolzen Hause des Prinzipals aufzusuchen, begegnete ihm aber gleich am zweiten Abend auf der Gasse. Erfreut trat er auf ihn zu und rief ihn bei Namen. Gr Gott, Franz, das freut mich aber! Denk, ich bin jetzt auch in Lchstetten! Der Freund aber machte gar kein frohes Gesicht. Ich wei schon, sagte er sehr khl, man hat es mir geschrieben. Sie gingen miteinander die Gasse hinab. Emil suchte einen leichten Ton anzustimmen, aber die Miachtung, die der Freund ihm so deutlich zeigte, drckte ihn nieder. Er versuchte zu erzhlen, zu fragen, ein Zusammentreffen am Sonntag zu verabreden; aber auf alles antwortete Franz Remppis khl und vorsichtig. Er habe jetzt so wenig Zeit, sei auch nicht recht wohl, und gerade heut erwarte ihn ein Kamerad in einer wichtigen Angelegenheit, und auf einmal war er weg und Emil ging allein durch den Abend zu seiner rmlichen Schlafstelle, erzrnt und traurig. Er nahm sich vor, dem Freunde bald seine Untreue in einem beweglichen Briefe vorzuhalten, und fand in diesem Vorsatz einigen Trost. Allein auch hierin kam ihm Franz zuvor. Schon am folgenden Tage erhielt der junge Fabrikler beim abendlichen Nachhausekommen einen Brief, den er mit Sorgen ffnete und mit Schrecken las: Geehrter Emil! Unter Bezugnahme auf unser Mndliches von gestern, mchte Dir nahelegen, knftighin auf unsere bisherigen angenehmen Beziehungen zu verzichten. Ohne Dir im geringsten zu nahe treten zu wollen, drfte es doch angezeigt sein, da jeder von uns seinen Umgang im Kreise seiner Standesgenossen sucht. Ebendaher erlaube mir auch vorzuschlagen, uns knftig gegebenenfalls lieber mit dem hflichen Sie anzureden. Ergebenst grend Ihr ehemaliger Franz Remppis. Auf dem Wege des jungen Kolb, der von da an stetig abwrts fhrte, war hier der Punkt des letzten Zurckschauens, der letzten Besinnung, ob es nicht auch anders htte gehen knnen, ja ob nicht jetzt noch eine Wandlung mglich wre. Nach einigen Tagen lag dies alles abgetan dahinten, und der junge Mensch lief vollends blindlings in der engen Sackgasse seines Schicksals weiter. Die Arbeit in der Fabrik war nicht so schlimm, wie sie ihm geschildert worden war. Er hatte zu Anfang nur Handlangerdienste zu tun, Kisten zu ffnen oder zu vernageln, Krbe mit Wolle in die Sle zu tragen, Gnge zum Magazin und zur Reparaturwerksttte zu besorgen. Es dauerte jedoch nicht lange, so bekam er probeweise einen Strickstuhl zu besorgen, und da er sich anstellig zeigte, sa er in Blde an seinem eigenen Stuhl und arbeitete im Akkord, so da es ganz von seinem Flei und Willen abhing, wieviel Geld er in der Woche verdienen wollte. Dieses Verhltnis, das sich in keinem anderen Berufe so findet, gefiel dem jungen Burschen sehr wohl, und er geno seine Freiheit mit grimmigem Behagen, indem er am Feierabend und Sonntag mit den wildesten Kameraden aus der Fabrik bummeln ging. Da gab es keinen Prinzipal mehr, der in hlicher Nhe kontrollierend sa, und keine Hausordnung eines alten strengen Handelshauses, keine Eltern und nicht einmal ein Standesbewutsein, das strende Forderungen machen konnte. Geld verdienen und Geld verbrauchen war des Lebens Sinn, und das Vergngen bestand neben Bier und Tanzen und Zigarren vor allem im Gefhl frecher Unabhngigkeit, womit man am Sonntag den schwarzgekleideten Kaufleuten und anderen Philistern ins Gesicht grinsen konnte, ohne da es jemand gab, der einem verbieten oder befehlen durfte. Dafr, da es ihm milungen war, aus seinem geringen Vaterhause in die hheren Stnde empor zu gelangen, rchte sich Emil Kolb nun an diesen hheren Stnden. Er fing, wie billig, oben an und lie den lieben Gott seine Verachtung fhlen, indem er weder Predigt noch Katechese je besuchte und dem Pfarrer, den er zu gren gewohnt gewesen war, beim Begegnen auf der Strae vergngt den Rauch seiner langen Zigarre ins Gesicht blies. Schn war es auch, am Abend sich vor das beleuchtete Schaufenster zu stellen, hinter welchem der Lehrling Remppis noch saure Abendstunden an der Arbeit war, oder in den Laden selbst hinein zu gehen und mit dem baren Gelde in der Hosentasche eine gute Zigarre zu verlangen. Das Schnste aber waren ohne Zweifel die Mdchen. In der ersten Zeit hielt sich Emil den Frauenslen der Fabrik fern, bis er eines Tages in der Mittagspause aus dem Saal der Sortiererinnen eine junge Mdchengestalt hervortreten sah, die er trotz mancher Vernderungen alsbald wieder erkannte. Er lief hinber und rief sie an. Frulein Emma! Kennen Sie mich noch? Erst in diesem Augenblicke fiel ihm ein, unter welch anderen Umstnden er das Mdchen im vorigen Jahre kennen gelernt hatte und wie wenig sein jetziger Zustand dem entsprach, was er ihr damals von sich erzhlt hatte. Auch sie schien sich jener Unterhaltungen noch wohl zu erinnern, denn sie grte ihn ziemlich kalt und meinte: So, Sie sind's? Ja, was tun denn Sie hier? Doch gewann er fr den Augenblick das Spiel, indem er mit lebhafter Galanterie antwortete: Es versteht sich doch von selbst, da ich nur Ihretwegen hier bin! Das Frulein Emma hatte seit dem Sonntagsausflug mit dem Verein jngerer Angehriger des Handelsstandes ein wenig an Anmut und Mdchenzierlichkeit verloren, hingegen sehr an Lebenserfahrung und Khnheit gewonnen. Nach einer kurzen Prfungszeit bemchtigte sie sich des jungen Liebhabers entschieden, der nun seine Sonntage stolz und herrisch am Arm der Schnen verbummelte und an Tanzpltzen und Ausflugsorten seine junge Mannheit sehen lie. Es kam da auch zu einem Wiedersehen mit jenem Huflein junger Ladenschwengel, dessen Gste Emma und ihr Schatz damals gewesen waren. Da mochten nun die Herren Lehrlinge noch so sehr die Nasen hochziehen und fremd tun, Emil lachte sie geradezu an und hatte sein Mdchen so frech und herausfordernd im Arme, und sie lachte auch so laut und hing ihm so hingegeben an, da freilich die Handelsstndler an ihrem Glcke nicht zweifeln konnten. Genug Geld zu haben und ohne lstige Kontrolle nach seinem Belieben ausgeben zu drfen, war fr Kolb ein lang ersehntes Vergngen, dessen er jetzt schwelgerisch geno. Trotzdem aber und trotz seines blhenden Liebesfrhlings war es dem Manne nicht vllig wohl. Was ihm fehlte, war die Lust des unrechtmigen Besitzes und der Kitzel des schlechten Gewissens. Zum Stehlen gab es in seinem jetzigen Leben kaum eine Gelegenheit. Nichts ist dem Menschen schwerer zu entbehren als ein Laster, und wenige Laster sind so zh wie das der Diebe. Auerdem hatte der junge Mensch in seiner Verwahrlosung einen Ha gegen die Reichen und Angesehenen in sich ausgebildet, aus deren Reihen er fr immer ausgestoen war, und mit dem Hasse ein Verlangen, diese Leute nach Mglichkeit zu berlisten und zu schdigen. Das Gefhl, am Samstag Abend mit einigen wohlverdienten Talern im Beutel aus der Fabrik zu gehen, war ganz angenehm. Aber jenes Gefhl, heimlich ber fremde Gelder zu verfgen und einen dummen Kerl von Prinzipal beliebig prellen zu knnen, war doch weit kstlicher gewesen. Darum sann Emil Kolb mitten in seinem Glcke immer gieriger auf neue Mglichkeiten zu unehrlichem Erwerb. Eine neue Leidenschaft, die soeben Gewalt ber ihn zu ben anfing, tat diesen Plnen Vorschub. Es kam neuerdings manchmal vor, da er ohne Geld war, obwohl er ber seinen Bedarf verdiente. Er hatte nmlich, durch einen Zeitungsartikel angeregt, sich in den Gedanken verliebt, einmal durch einen Lotteriegewinn reich zu werden. Das war schon seinem Vater im Blut gelegen, der in frheren Zeiten manchen Taler an Lose vergeudet, seit langem aber das Geld dafr nimmer aufgebracht hatte. Emil kaufte sich mehrere Lose, und da sie alle nicht gewannen, die Spannung aber im Erwarten und Lesen der Ziehungslisten ihn immer heftiger kitzelte, wurde es ihm zur Gewohnheit, immer wieder sein Geld an diese wilden Hoffnungen zu wagen. Die Energie eines planmigen Denkens, welche er im tglichen Leben und zu redlichen Zwecken kaum aufbrachte, fand er in seinen Diebesplnen wieder. Geduldig suchte er Gelegenheit und Ort eines greren Unternehmens ausfindig zu machen, und da er durch die heimatlichen Erfahrungen gewitzigt war, schien es ihm richtig, diesmal das eigene Geschft zu schonen und etwas Entlegneres zu suchen. Da stach ihm der Laden ins Auge, wo Franz Remppis als Lehrling diente, das grte Geschft des Stdtchens. Das Haus Johann Lhle in Lchstetten entsprach etwa dem der Brder Drei in Gerbersau. Es fhrte auer Kolonialwaren und landwirtschaftlichen Gerten alle Artikel des tglichen Gebrauches, vom Briefpapier und Siegellack bis zu Kleiderstoffen und eisernen fen, und hielt nebenher eine kleine Bank. Den Laden kannte Emil Kolb genau, er war oft genug darin gewesen und ber die Standorte mancher Kiste und Lade sowie ber Ort und Beschaffenheit der Kasse wohl unterrichtet. ber die sonstigen Rume des Hauses wute er durch frhere Erzhlungen seines Freundes einigermaen Bescheid, und was ihm zu wissen noch unentbehrlich schien, erfragte er bei gelegentlichen Besuchen des Ladens. Er sagte etwa, wenn er abends gegen sieben Uhr den Laden betrat, zum Hausknecht oder jngsten Lehrling: Na, jetzt ist bald Feierabend! Sagte der dann: Noch lange nicht, es kann halb neune werden, so fragte Emil weiter: So so; aber dann kannst du wenigstens gleich weglaufen, das Ladenschlieen wird nicht deine Sache sein. Und dann erfuhr er, da der Prokurist Menzel oder zu andern Zeiten der Sohn des Prinzipals immer als Letzter das Geschft verlasse, und richtete nach alle dem seine Plne ein. Darber verging die Zeit, und es war seit seinem Eintritt in die Fabrik schon ein Jahr vergangen. Diese lange Zeit war auch an dem Frulein Emma nicht spurlos vorbergegangen. Sie begann etwas gealtert und unfrisch auszusehen; was aber ihren Liebhaber am meisten erschreckte, war der nicht mehr zu verbergende Umstand, da sie ein Kind erwartete. Das verdarb ihm die Lchstettener Luft, und je nher die gefrchtete Niederkunft heranrckte, desto fester wurde in Kolb der Vorsatz, noch vor diesem Ereignis den Ort zu verlassen. Er erkundigte sich daher fleiig nach auswrtigen Arbeitsgelegenheiten und stellte fest, da er nichts zu verlieren habe, wenn er sich der Schweiz zuwendete. Auf den schnen Plan einer Erleichterung des Johann Lhleschen Ladens jedoch dachte er deswegen nicht zu verzichten. Ja es schien ihm sehr gut und schlau, seinen Abgang aus der Stadt mit der Tat zu verbinden. Darum hielt er eine letzte bersicht ber alle seine Mittel und Aussichten, schlo die Rechnung befriedigt ab und vermite zur Ausfhrung seines Unternehmens nichts als ein wenig Mut. Der kam ihm jedoch whrend einer sehr untrstlichen Unterredung mit der Emma, so da er im rger der Stunde ungesumt den Weg des Schicksals betrat und beim Aufseher fr die nchste Woche kndigte. Es wurde ihm ohne Erfolg zum Dableiben geraten, und da er vom Wandern nicht abzubringen war, versprach ihm der Aufseher ein gutes Zeugnis und eine Empfehlung an mehrere Schweizer Fabriken mitzugeben. So setzte er denn den Tag seiner Abreise fest, und am Abend zuvor beschlo er den Handstreich bei Johann Lhle auszufhren. Er war auf den Einfall gekommen, sich am Abend in das Haus einschlieen zu lassen. So suchte er denn, vor dem Hause gegen den Abend hin lungernd, schon mit seinem Zeugnis und Wanderpa in der Tasche, einen Eingang und fand ihn in einem Augenblick, da niemand in der Nhe schien, durch das groe, weit offen stehende Hoftor. Vom Hof schlich er sich still in das Magazin hinber, das mit dem Laden in unmittelbarer Verbindung stand, und blieb zwischen Fssern und hohen Kisten verborgen, bis es nachtete und das Leben im Geschfte erlosch. Gegen acht Uhr war es in dem Raume schon vllig dunkel, eine Stunde spter verlie der junge Herr Lhle das Geschft, schlo hinter sich ab und verschwand nach dem oberen Stockwerk, wo seine Wohnung lag. Der im finstern Magazin versteckte Dieb wartete zwei ganze Stunden, ehe er den Mut fand, einen Schritt zu tun. Dann wurde es ringsum stille, auch von Strae und Marktplatz her war kaum ein Ton mehr zu hren, und Emil trat vorsichtig im Finstern aus seinem Loche hervor. Die Stille des groen, verdeten Raumes beengte ihm das Herz, und als er an der Tre zum Laden hin den Riegel zurckschob, kam ihm pltzlich zum Bewutsein, da Einbruch ein schweres Verbrechen sei und schwer bestraft werde. Nun aber, im Laden drinnen, nahm die Flle der guten und schnen Dinge seine Aufmerksamkeit ganz gefangen. Es wurde ihm feierlich zumute, da er die Laden und Wandfcher voller Waren ansah. Da lagen in einem Glaskasten, nach Sorten geordnet, Hunderte von schnen Zigarren, und oben auf dem Wandgerste standen davon weitere Kisten voll; Zuckerhte und Feigenkrnze, gerucherte lange Wrste und Blechksten voll Zwieback schauten ihn heiter an, und er konnte nicht widerstehen, frs erste wenigstens eine Handvoll feiner Zigarren in seine Brusttasche zu stopfen. Beim schwachen Schein seiner winzigen Laterne suchte er alsdann die Kasse auf, eine einfache Holzschieblade im Ladentisch, die jedoch verschlossen war. Aus Vorsicht, damit es ihn nicht verriete, hatte er keinerlei Werkzeuge mitgebracht und suchte sich nun im Laden selbst Stemmeisen, Zange und Schraubenzieher aus. Damit machte er sorgfltig das Schlo der Lade los und hatte bald ohne Mhe die Kasse erffnet. Mit Begier schaute er beim schwachen Lichte hinein und sah erregt in kleinen Abteilungen geordnet die Mnzen liegen, leise glnzend, Zehner bei Zehner und Pfennig bei Pfennig. Er begann das Ausrumen mit den greren Mnzstcken, deren aber sehr wenige da waren, und hatte bald zu seiner zornigen Enttuschung berrechnet, da der ganze Inhalt der erbrochenen Kasse hchstens zwanzig Mark betrage. Mit so wenigem hatte er nicht gerechnet und kam sich nun elend betrogen vor. Sein Zorn war so gro, da er das Haus htte anznden mgen. Da war er nun, so sorgfltig vorbereitet, zum erstenmal in seinem Leben eingebrochen, hatte seine schne Freiheit riskiert und sich in schwere Gefahr begeben, um die paar elenden Geldstckchen zu erbeuten! Den groen Haufen Kupfergeld lie er verchtlich liegen, tat das andere in seinen Geldbeutel und hielt nun Umschau, was etwa sonst noch des Mitnehmens wert sein mchte. Da war nun genug des Begehrenswerten, aber lauter groe und schwere Sachen, die ohne Hilfe nicht hinwegzubringen waren. Wieder kam er sich betrogen vor und war vor Enttuschung und Krnkung dem Weinen nahe, als er, ohne mehr etwas dabei zu denken, noch einige Zigarren und von einem groen Vorrat, der auf dem Tische gestapelt lag, eine kleine Handvoll Ansichtskarten zu sich steckte und den Laden verlie. ngstlich suchte er, ohne Licht, den Weg durch das Magazin in den Hof zurck und erschrak nicht wenig, als das schwere Hoftor seinen Bemhungen nicht gleich nachgeben wollte. Verzweifelt arbeitete er am groen Riegel, der in seiner Steinritze am Boden spannte, und atmete tief auf, als er nachgab und das Tor langsam aufging. Er zog es hinter sich notdrftig zu und schritt nun mit einem merkwrdig khlen Gefhl von Ernchterung und Bangigkeit durch die toten nchtigen Gassen zu seiner Schlafstelle. Hier lag er ohne Schlaf drei bange Stunden wartend, bis der Morgen graute. Da sprang er auf, wusch sich die Augen klar und trat mit dem alten kecken Gesicht bei den Hauswirten ein, um Adieu zu sagen. Er bekam einen Kaffee eingeschenkt und viel gute Reisewnsche, nahm sein Kfferlein am Stock ber die Schulter und ging zum Bahnhof. Und als im Stdtchen der Tag erwachte und der Lhlesche Hausknecht beim Ladenffnen die Kasse aufgebrochen fand, da fuhr Emil Kolb schon ein paar Meilen weiter durch ein schnes Waldland, das er vom Wagenfenster mit Neugierde betrachtete, denn es war die erste so groe Reise seines Lebens. Im Hause Johann Lhle erregte die Entdeckung des Verbrechens groen Sturm, und auch nachdem der Schaden festgestellt und als recht geringfgig erkannt war, summte die lsterne Aufregung weiter und verbreitete sich durch die ganze Stadt. Polizei und Landjgerschaft erschien, nahm die bliche Reihe von symbolischen Handlungen vor und stie die vor dem berhmt gewordenen Hause sich drngende Menschenmenge hin und wider. Auch der Amtsrichter erschien selber und besah sich die schlimme Sache, aber auch er konnte den Tter nicht finden noch ahnen. Es ward der Hausknecht und der Packer und die ganze Reihe der erschrockenen und dennoch ber das Unerhrte heimlich wild entzckten Lehrlinge ins Verhr genommen, es wurde nach allen Kufern gefragt, die gestern den Laden beehrt hatten, doch alles war vergebens. Alsdann setzte der Amtsrichter einen Bericht ber das Schrecknis auf samt einem genauen Verzeichnis der gestohlenen Sachen. An Emil Kolb dachte niemand. Indessen dachte dieser selbst sehr hufig an Lchstetten und das Haus Lhle zurck. Er las mit tiefem Bangen, hernach mit Genugtuung die heimatlichen Zeitungen, deren mehrere sich mit dem Fall beschftigten, und da er sah, da auf ihn gar kein Verdacht gefallen sei, freute er sich geschmeichelt seiner Geriebenheit und war trotz der kleinen Beute mit seinem ersten Einbruch ganz zufrieden. Noch war er auf der Wanderschaft und hielt sich gerade in der Gegend des Bodensees auf, denn er hatte wenig Eile und wollte unterwegs auch etwas sehen. Seine erste Empfehlung lautete nach Winterthur, wo er erst einzutreffen gedachte, wenn sein Geld knapp werden wrde. Behaglich sa er in einem kleinen hbschen Wirtshause bei einer guten Wurst, deren Scheiben er bedachtsam und reichlich mit Senf bestrich, dessen Schrfe er sodann mit einem khlen guten Bier bekmpfte. Darber ward ihm wohl und fast wehmtig vor Erinnerung und abgeklrter Seelenruhe, so da er ohne Groll an seine Emma denken konnte. Es schien ihm nun, sie habe es doch gut mit ihm gemeint, ja sie tat ihm leid und er htte sie gerne ein wenig vershnt und getrstet. Je lnger er daran kaute, desto mehr tat ihm das Mdel leid, und whrend er das dritte oder vierte Glas von dem guten Bier bestellte und erwartete, kam er zu dem Entschlusse, ihr einen Gru zu schreiben. Vergngt griff er in die Tasche, wo noch ein kleiner Vorrat von den Lhleschen Zigarren brig war, und zog das kleine steife Pcklein heraus, worin die Lchstettener Ansichtspostkarten waren. Die Kellnerin lieh ihm einen Bleistift, und whrend er ihn mit der Zungenspitze befeuchtete, schaute er das Bildchen auf den Karten zum erstenmal genauer an. Es stellte die untere Brcke in Lchstetten vor und war auf eine ganz neue Manier mit glnzenden Farben gedruckt, wie sie die arme Wirklichkeit nicht hat. Befriedigt betrachtete Kolb diese Beute, nahm einen Schluck aus dem Bierglas, das die Kellnerin ihm eben gebracht hatte, und fing zu schreiben an. Mit Deutlichkeit malte er die Adresse, wobei ihm der Stift abbrach. Doch lie er sich die Laune dadurch nicht verderben, schnitzte den Stift in aller Ruhe wieder zurecht und schrieb dann unter das schnfarbene Bild: Gedenke Deiner in der Fremde und bin mit vielen Gren Dein getreuer E. K. Diese zrtliche Karte bekam die betrbte Emma zwar zu Gesicht, jedoch nicht ohne Verzgerung und nicht aus den Hnden des Briefboten, sondern aus denen des Herrn Amtsrichters, der das Mdchen durch die pltzliche Vorladung auf sein Amtszimmer nicht wenig erschreckt hatte. Es waren nmlich jene Ansichtskarten erst vor ganz wenigen Tagen in den Lhleschen Laden gekommen und von dem ganzen Vorrate waren erst drei oder vier Stck verkauft worden, deren Kufer man hatte feststellen knnen. Es war daher auf die vom Diebe mitgenommenen Karten die Hoffnung seiner Entdeckung gesetzt worden und die davon unterrichteten Postbeamten hatten die vom Bodensee her eintreffende Postkarte mit dem Bild der unteren Brcke von Lchstetten sofort erkannt und angehalten. Immerhin gelangte Emil Kolb noch bis Winterthur, so da seine Gefangennehmung und berlieferung nicht so einfach und glanzlos verlief, sondern mit den Stempeln und Uniformen zweier Lnder als feierliche Auslieferung der Schweiz an das Deutsche Reich als Staatsaktion verlief. Damit ist die Geschichte Emil Kolbs zu Ende. Seine Einlieferung in Lchstetten verlief wie ein groes Volksfest, wobei der Triumph der Einwohnerschaft ber den gefesselt einhergefhrten achtzehnjhrigen Dieb einer kleinen Ladenkasse alle jenen kleinen Zge zeigte, welche dem Leser solcher Berichte den Verbrecher bemitleidenswert und die Einwohnerschaft verchtlich machen. Sein Proze dauerte nicht lange. Ob er nun aus dem Zuchthause, das ihn einstweilen aufgenommen hat, zu lngerem Aufenthalt in unsere Welt zurckkehren oder -- wie ich glaube -- den Rest seines Lebens mit kleinen Pausen vollends in solchen Strafanstalten hinbringen wird, jedenfalls wird seine Geschichte uns wenig mehr zu sagen und zu lehren haben. Denn Emil Kolb war kein Charakter, auch nicht als Verbrecher, sondern war auch als Verbrecher nur eben ein Dilettant, der denn auf unsere Achtung keinen Anspruch hat, unser Mitleid aber eher verdient und braucht als mancher, dessen Unglck weniger in seiner eigenen Seele begrndet scheint. Pater Matthias Erstes Kapitel An der Biegung des grnen Flusses, ganz in der Mitte der hgeligen alten Stadt, lag im Vormittagslicht eines sonnigen Sptsommertages das stille Kloster. Von der Stadt durch den hoch ummauerten Garten, vom ebenso groen und stillen Nonnenkloster durch den Flu getrennt, ruhte der dunkle breite Bau in behaglicher Ehrwrdigkeit am gekrmmten Ufer und schaute mit vielen blinden Fensterscheiben hochmtig in die entartete Zeit. In seinem Rcken an der schattigen Hgelseite stieg die fromme Stadt mit Kirchen, Kapellen, Kollegien und geistlichen Herrenhusern bergan bis zum hohen Dom; gegenber aber jenseits des Wassers und des einsam stehenden Schwesterklosters lag helle Sonne auf der steilen Halde, deren lichte Matten und Obsthnge da und dort von goldbraun schimmernden Gerllwllen und Lehmgruben unterbrochen wurden. An einem offenen Fenster des zweiten Stockwerkes sa lesend der Pater Matthias, ein blondbrtiger Mann im besten Alter, der im Kloster und anderwrts den Ruf eines freundlichen, wohlwollenden und sehr achtbaren Herrn geno. Es spielte jedoch unter der Oberflche seines hbschen Gesichtes und ruhigen Blickes ein Schatten von verheimlichter Dunkelheit und Unordnung, den die Brder, sofern sie ihn wahrnahmen, als einen gelinden Nachklang der tiefen Jugendmelancholie betrachteten, welche vor zwlf Jahren den Pater in dieses stille Kloster getrieben hatte und seit geraumer Zeit immer mehr untergesunken und in liebenswrdige Gemtsruhe verwandelt schien. Aber der Schein trgt, und Pater Matthias selbst war der einzige, der um die verborgenen Ursachen dieses Schattens wute. Nach heftigen Strmen einer leidenschaftlichen Jugend hatte ein Schiffbruch diesen einst glhenden Menschen in das Kloster gefhrt, wo er Jahre in zerstrender Selbstverleugnung und Schwermut hinbrachte, bis die geduldige Zeit und die ursprngliche krftige Gesundheit seiner Natur ihm Vergessen und neuen Lebensmut brachte. Er war ein beliebter Bruder geworden und stand im gesegneten Ruf, er habe eine besondere Gabe, auf Missionsreisen und in frommen Husern lndlicher Gemeinden die Herzen zu rhren und die Hnde zu ffnen, so da er von solchen Zgen stets mit reichlichen Ertrgen an barem Gut und rechtskrftigen Legaten in das beglckte Kloster heimkehrte. Ohne Zweifel war dieser Ruf wohl erworben, sein Glanz jedoch und der des klingenden Geldes hatte die Vter fr einige andere Zge im Bild ihres lieben Bruders blind gemacht. Denn wohl hatte Pater Matthias die Seelenstrme jener dunklen Jugendzeiten berwunden und machte den Eindruck eines ruhig gewordenen, doch vorwiegend frohgesinnten Mannes, dessen Wnsche und Gedanken im Frieden mit seinen Pflichten beisammen wohnten; wirkliche Seelenkenner aber htten doch wohl sehen mssen, da die angenehme Bonhommie des Paters nur einen Teil seines inneren Zustandes wirklich ausdrckte, ber manchen verschwiegenen Unebenheiten aber nur als eine hbsche Maske lag. Der Pater Matthias war nicht ein Vollkommener, in dessen Brust alle Schlacken des ehemals untergegangen waren; vielmehr hatte mit der Gesundung seiner Seele auch der alte, eingeborne Kern dieses Menschen wieder eine Genesung begangen und schaute, wenn auch aus vernderten und beherrschten Augen, lngst wieder mit heller Begierde nach dem funkelnden Leben der Welt. Um es ohne Umschweife zu sagen: Der Pater hatte schon mehrmals die Klostergelbde gebrochen. Seiner reinlichen Natur widerstrebte es zwar, unterm Mantel der Frmmigkeit Weltlust zu suchen, und er hatte seine Kutte nie befleckt. Wohl aber hatte er sie, wovon kein Mensch etwas wute, schon mehrmals beiseite getan, um sie suberlich zu erhalten und nach einem Ausflug ins Weltliche wieder anzulegen. Pater Matthias hatte ein gefhrliches Geheimnis. Er besa, an sicherem Orte verborgen, eine angenehme, ja elegante Brgerkleidung samt Wsche, Hut und Schmuck, und wenn er auch neunundneunzig von hunderten seiner Tage durchaus ehrbar in Kutte und Pflichtbung hinbrachte, so weilten seine heimlichen Gedanken doch allzu oft bei jenen seltenen, geheimnisvollen Tagen, die er da und dort als Weltmann unter Weltmenschen verlebt hatte. Dieses Doppelleben, dessen Ironie auszukosten des Paters Gemt viel zu redlich war, lastete als ungebeichtetes Verbrechen auf seiner Seele. Wre er ein schlechter, uneifriger und unbeliebter Pater gewesen, so htte er lngst den Mut gefunden, sich des Ordenskleides unwrdig zu bekennen und eine ehrliche Freiheit zu gewinnen. So aber sah er sich geachtet und geliebt und tat seinem Orden die trefflichsten Dienste, neben welchen ihm sogar zuweilen seine Verfehlungen beinahe verzeihlich erscheinen wollten. Ihm war wohl und frei ums Herz, wenn er in ehrlicher Arbeit fr die Kirche und seinen Orden wirken konnte. Wohl war ihm auch, wenn er auf verbotenen Wegen den Begierden seiner Natur Genge tun und lang unterdrckte Wnsche ihres Stachels berauben konnte. In allen migen Zwischenzeiten jedoch erschien in seinem guten Blick der unliebliche Schatten, da schwankte seine nach Sicherheit begehrende Seele zwischen Reue und Trotz, Mut und Angst hin und wider, und bald beneidete er jeden Mitbruder um seine Unschuld, bald jeden Stdter drauen um seine Freiheit. So sa er auch jetzt, vom Lesen nicht erfllt, an seinem Fenster und sah hufig vom Buche weg ins Freie hinaus. Indem er mit migem Auge den lichten frohen Hgelhang gegenber betrachtete, sah er einen merkwrdigen Menschenzug dort drben erscheinen, der von der Hhenstrae her auf einem Fupfad nher kam. Es waren vier Mnner, von denen der eine fast elegant, die anderen schbig und kmmerlich gekleidet waren, ein Landjger in glitzernder Uniform ging ihnen voraus und zwei andere Landjger folgten hinten nach. Der neugierig zuschauende Pater erkannte bald, da es Verurteilte waren, welche vom Bahnhofe her auf diesem nchsten Wege dem Kreisgefngnis zugefhrt wurden, wie er es fter gesehen hatte. Erfreut durch die Ablenkung, beschaute er sich die betrbte Gruppe, jedoch nicht ohne in seinem heimlichen Mimut unzufriedene Betrachtungen daran zu knpfen. Er empfand zwar wohl ein Mitleid mit diesen armen Teufeln, von welchen namentlich einer den Kopf hngen lie und jeden Schritt voll Widerstrebens tat; doch meinte er, es ginge ihnen eigentlich nicht gar so bel wie ihre augenblickliche Lage andeute. Jeder von diesen Gefangenen, dachte er, hat als ersehntes Ziel den Tag vor Augen, da er entlassen und wieder frei wird. Ich aber habe keinen solchen Tag vor mir, nicht nah noch ferne, sondern eine endlose bequeme Gefangenschaft, nur durch seltene gestohlene Stunden einer eingebildeten Freiheit unterbrochen. Der eine oder andere von den armen Kerlen da drben mag mich jetzt hier sitzen sehen und mich herzlich beneiden. Sobald sie aber wieder frei sind und ins Leben zurckkehren, hat der Neid ein Ende und sie halten mich lediglich fr einen armen Tropf, der wohlgenhrt hinterm zierlichen Gitter sitzt. Whrend er noch, in den Anblick der Dahingefhrten und Soldaten verloren, solchen Gedanken nachhing, trat ein Bruder bei ihm ein und meldete, er werde vom Guardian in dessen Amtszimmer erwartet. Freundlich kam der gewohnte Gru und Dank von seinen Lippen, lchelnd erhob er sich, tat das Buch an seinen Ort, wischte ber den braunen rmel seiner Kutte, auf dem ein Lichtreflex vom Wasser herauf in rostfarbenen Flecken tanzte, und ging sogleich mit seinem unfehlbar anmutig-wrdigen Schritt ber die langen khlen Korridore zum Guardian hinber. Dieser empfing ihn mit gemessener Herzlichkeit, bot ihm einen Stuhl an und begann ein Gesprch ber die schlimme Zeit, ber das scheinbare Abnehmen des Gottesreiches auf Erden und die zunehmende Teuerung. Pater Matthias, der dieses Gesprch seit langem kannte, gab ernsthaft die erwarteten Antworten und Einwrfe von sich und sah mit froher Erregung dem Endziel entgegen, welchem sich denn auch der wrdige Herr ohne Eile nherte. Es sei, so schlo er seufzend, eine Ausfahrt ins Land sehr notwendig, auf welcher Matthias den Glauben treuer Seelen ermuntern, den Wankelmut ungetreuer vermahnen solle und von welcher er, wie man hoffe, eine erfreuliche Beute von Liebesgaben heimbringen werde. Der Zeitpunkt sei nmlich ungewhnlich gnstig, da ja soeben in einem fernen sdlichen Lande bei Anla einer politischen Revolution Kirchen und Klster mrderlich heimgesucht worden, wovon alle Zeitungen meldeten. Und er gab dem Pater eine sorgfltige Auswahl von teils schrecklichen, teils rhrenden Einzelheiten aus diesen neuesten Martyrien der kmpfenden Kirche. Dankend zog sich der erfreute Pater zurck, schrieb Notizen in sein kleines Taschenbchlein, berdachte mit geschlossenen Augen seine Aufgabe und fand eine glckliche Wendung und Lsung um die andere, ging zur gewohnten Stunde munter zu Tische und brachte alsdann den Nachmittag mit den vielen kleinen Vorbereitungen zur Reise hin. Sein unscheinbares Bndel war bald beisammen; weit mehr Zeit und Sorgfalt erforderten die Anmeldungen in Pfarrhusern und bei treuen gastfreien Anhngern, deren er manche wute. Gegen Abend trug er eine Handvoll Briefe zur Post und hatte dann noch eine ganze Weile auf dem Telegraphenamt zu tun. Schlielich legte er noch einen tchtigen Taschenvorrat von kleinen Traktaten, Flugblttern und frommen Bildchen bereit und schlief danach fest und friedevoll als ein Mann, der wohlgerstet einer ehrenvollen Arbeit entgegengeht. Zweites Kapitel Am Morgen gab es, gerade vor seiner Abreise, noch eine kleine unerfreuliche Szene. Es lebte im Kloster ein junger Laienbruder von geringem Verstand, der frher an Epilepsie gelitten hatte, aber seiner zutraulichen Unschuld und rhrenden Dienstwilligkeit wegen von allen im Hause geliebt wurde. Dieser einfltige Bursche begleitete den Pater Matthias zur Eisenbahn, seine kleine Reisetasche tragend. Schon unterwegs zeigte er ein etwas erregtes und gestrtes Wesen, auf dem Bahnhofe aber zog er pltzlich mit flehenden Mienen den reisefertigen Pater in eine menschenleere Ecke und bat ihn mit Trnen in den Augen, er mge doch um Gotteswillen von dieser Reise abstehen, deren unheilvollen Ausgang ihm eine sichere Ahnung vorausverknde. Ich wei, Ihr kommet nicht wieder! rief er weinend mit verzerrtem Gesicht. Ach ich wei gewi, Ihr werdet nimmer wiederkommen! Der gute Matthias hatte alle Mhe, dem Trostlosen, dessen Zuneigung er kannte, zuzureden; er mute sich am Ende beinahe mit Gewalt losreien und sprang in den Wagen, als der Zug schon die Rder zu drehen begann. Und im Wegfahren sah er von drauen das angstvolle Gesicht des Halbklugen mit Wehmut und Sorge auf sich gerichtet. Der unscheinbare Mensch in seiner schbigen und verflickten Kutte winkte ihm noch lange nach, Abschied nehmend und beschwrend, und es ging dem Abreisenden noch eine Weile ein leiser khler Schauder nach. Bald indessen berkam ihn die hintangehaltene Freude am Reisen, das er ber alles liebte, so da er die peinliche Szene rasch verga und mit zufriedenem Blick und gespannten Seelenkrften den Abenteuern und Siegen seines Beutezuges entgegenfuhr. Die hgelige und waldreiche Landschaft leuchtete ahnungsvoll einem glnzenden Tag entgegen, schon von ersten herbstlichen Feuern berflogen, und der reisende Pater lie bald das Brevier wie das kleine wohlgerstete Notizbuch ruhen und schaute in wohliger Erwartung durchs offne Wagenfenster in den siegreichen Tag, der ber Wlder hinweg und aus noch nebelverschleierten Tlern emporwuchs und Kraft gewann, um bald in Blau und Goldglanz makellos zu erstehen. Seine Gedanken gingen elastisch zwischen diesem Reisevergngen und den ihm bevorstehenden Aufgaben hin und wider. Wie wollte er die fruchtbringende Schnheit dieser Erntetage hinmalen, und den nahen sicheren Ertrag an Obst und Wein, und wie wrde sich von diesem paradiesischen Grunde das Entsetzliche abheben, das er von den heimgesuchten Glubigen in dem fernen gottlosen Lande zu berichten hatte! Die zwei oder drei Stunden der Eisenbahnfahrt vergingen schnell. An dem bescheidenen Bahnhofe, an welchem Pater Matthias ausstieg und welcher einsam neben einem kleinen Gehlz im freien Felde lag, erwartete ihn ein hbscher Einspnner, dessen Besitzer den geistlichen Gast mit Ehrerbietung begrte. Dieser gab leutselig Antwort, stieg vergngt in das bequeme Gefhrt und fuhr sogleich an Ackerland und schner Weide vorbei dem stattlichen Dorfe entgegen, wo seine Ttigkeit beginnen sollte und das ihn bald einladend und festlich anlachte, zwischen Weinbergen und Grten gelegen. Der frhliche Ankommende betrachtete das hbsche gastliche Dorf mit Wohlwollen. Da wuchs Korn und Rbe, gedieh Wein und Obst, stand Kartoffel und Kohl in Flle, da war berall Wohlsein und feiste Gedeihlichkeit zu spren; wie sollte nicht von diesem Born des berflusses ein voller Opferbecher auch dem anklopfenden Gaste zugut kommen? Der Pfarrherr empfing ihn und bot ihm Quartier im Pfarrhause an, teilte ihm auch mit, da er schon auf den heutigen Abend des Paters Gastpredigt in der Dorfkirche angekndigt habe und da, bei dem Ruf des Herrn Paters, ein bedeutender Zulauf auch aus dem Filialdorfe zu erwarten sei. Der Gast nahm die Schmeichelei mit Liebenswrdigkeit auf und gab sich Mhe, den Kollegen mit Hflichkeit einzuspinnen, da er die Neigung kleiner Landpfarrer wohl kannte, auf wortgewandte und erfolgreiche Gastspieler ihrer Kanzeln eiferschtig zu werden. Hinwieder hielt der Geistliche mit einem recht ppigen Mittagessen im Hinterhalt, das alsbald nach der Ankunft im Pfarrhause aufgetragen wurde. Und auch hier wute Matthias die Mittelstrae zwischen Pflicht und Neigung zu finden, indem er unter schmeichelnder Anerkennung hiesiger Kchenknste dem Dargebotenen mit gesunder Begierde zusprach, ohne doch -- zumal beim Weine -- ein ihm bekmmliches Ma zu berschreiten und seiner Aufgabe zu vergessen. Gestrkt und frhlich konnte er schon nach einer ganz kurzen Ruhepause dem Gastgeber mitteilen, er fhle sich nun ganz in der Stimmung, seine Arbeit im Weinberge des Herrn zu beginnen. Hatte also der Wirt etwa den schlimmen Plan gehabt, unseren Pater durch die so reichliche Bewirtung lahm zu legen, so war er ihm vllig milungen. Dafr hatte nun allerdings der Pfarrer dem Gast eine Arbeit eingefdelt, welche an Schwierigkeit und Delikatesse nichts zu wnschen lie. Seit kurzem lebte im Dorf, als am Heimatorte ihres Mannes, in einem neu erbauten Landhause die Witwe eines reichen Bierbrauers, die wegen ihres skeptischen Verstandes und ihrer anmutig gewandten Zunge nicht minder bekannt und mit Scheu geachtet war als wegen ihres Geldes. Diese Frau Franziska Tanner stand zuoberst auf der Liste derer, deren spezielle Heimsuchung der Pfarrer dem Pater Matthias ans Herz legte. So erschien, auf das zu Gewrtigende vom geistlichen Kollegen wenig vorbereitet, der satte Pater zu guter Nachmittagsstunde im Landhause und begehrte mit der Frau Tanner zu sprechen. Eine nette Magd fhrte ihn in das Besuchszimmer, wo er eine lngere Weile warten mute, was ihn als eine ungewohnte Respektlosigkeit verwirrte und warnte. Alsdann trat zu seinem Erstaunen nicht eine lndliche Person und schwarzgekleidete Witwe, sondern eine grauseidene damenhafte Erscheinung in das Zimmer, die ihn gelassen willkommen hie und nach seinem Begehren fragte. Und nun versuchte er der Reihe nach alle Register, und jedes versagte, und Schlag um Schlag ging ins Leere, whrend die geschickte Frau lchelnd entglitt und von Satz zu Satz neue Angeln auslegte. War er weihevoll, so begann sie zu scherzen; neigte er zu geistlichen Bedrohungen, so lie sie harmlos ihren Reichtum und ihre Lust zu mildttigen Werken glnzen, so da er aufs neue Feuer fing und ins Disputieren kam, denn sie lie ihn deutlich merken, sie kenne seine Endabsicht genau und sei auch bereit, Geld zu geben, wenn es ihm nur gelnge, ihr die tatschliche Ntzlichkeit einer solchen Gabe zu beweisen. War es ihr kaum gelungen, den gar nicht ungeschickten Herrn in einen leichten geselligen Weltton zu verstricken, so redete sie ihn pltzlich wieder devot mit Hochwrden an, und begann er sie wieder geistlicherweise als Tochter zu ermahnen, so war sie unversehens eine khle Dame. Trotz dieser Maskenspiele und Redekmpfe hatten die beiden ein Gefallen aneinander. Sie schtzte an dem hbschen Pater die mnnliche Aufmerksamkeit, mit der er ihrem Spiel zu folgen und sie im Besiegen zu schonen suchte, und er hatte mitten im Schwei der Bedrngnis eine heimliche natrliche Freude an dem Schauspiel weiblich beweglicher Koketterie, so da es trotz schwieriger Augenblicke zu einer ganz guten Unterhaltung kam und der lange Besuch in gutem Frieden verlief, wobei unausgesprochenerweise freilich der moralische Sieg auf der Seite der Dame blieb. Sie bergab zwar dem Pater am Ende eine Banknote und sprach ihm und seinem Orden ihre Anerkennung aus, doch geschah es in ganz gesellschaftlichen Formen und beinahe mit einem Hauch von Ironie, und auch sein Dank und Abschied fiel so diskret und weltmnnisch aus, da er sogar den blichen feierlichen Segensspruch verga. Die weiteren Besuche im Dorf wurden etwas abgekrzt und verliefen nach der Regel. Pater Matthias zog sich noch eine halbe Stunde in seine Stube zurck, aus welcher er wohlbereitet und frisch zur Abendpredigt wieder hervorging. Diese Predigt gelang vortrefflich. Zwischen den im entlegenen Sden geplnderten Altren und Klstern und dem Bedrfnis des eigenen Klosters nach einigen Geldern entstand ganz zauberhaft ein inniger Zusammenhang, der weniger auf khlen logischen Folgerungen als auf einer mit Kunst erzeugten und gesteigerten Stimmung des Mitleids und unbestimmter frommer Erregung beruhte. Die Frauen weinten und die Opferbchsen klangen, und der Pfarrer sah mit Erstaunen die Frau Tanner unter den Andchtigen sitzen und dem Vortrage zwar ohne Aufregung, doch mit freundlichster Aufmerksamkeit lauschen. Damit hatte der feierliche Beutezug des beliebten Paters seinen glnzenden Anfang genommen. Auf seinem Angesicht glnzte Pflichteifer und herzliche Befriedigung, in seiner verborgenen Brusttasche ruhte und wuchs der kleine Schatz, in einige gefllige Banknoten und Goldstcke umgewechselt. Da inzwischen die greren Zeitungen drauen in der Welt berichteten, es stehe um die bei jener Revolution geschdigten Klster bei weitem nicht so bel, als es im ersten Wirrwarr geschienen habe, das wute der Pater nicht und htte sich dadurch wohl auch wenig stren lassen. Sechs, sieben Gemeinden hatten die Freude, ihn bei sich zu sehen, und die ganze Reise verlief aufs erfreulichste. Nun, indem er sich schon gegen die protestantische Nachbargegend hin dem letzten kleinen Weiler nherte, den zu besuchen ihm noch oblag, nun dachte er mit Stolz und Wehmut an den Glanz dieser Triumphtage und daran, da nun fr eine ungewisse Weile Klosterstille und mimutige Langeweile den genureichen Erregungen seiner Fahrt nachfolgen wrden. Diese Zeiten waren dem Pater stets verhat und gefhrlich gewesen, da das Gerusch und die Leidenschaft einer frohen auerordentlichen Ttigkeit sich legte und hinter den prchtigen Kulissen der klanglose Alltag hervorschaute. Die Schlacht war geschlagen, der Lohn im Beutel, nun blieb nichts Lockendes mehr als die kurze Freude der Ablieferung und Anerkennung daheim, und diese Freude war auch schon keine richtige mehr. Hingegen war von hier der Ort nicht weit entfernt, wo er sein merkwrdiges Geheimnis verwahrte, und je mehr die Feststimmung in ihm verglhte und je nher die Heimkehr bevorstand, desto heftiger ward seine Begierde, die Gelegenheit zu ntzen und einen wilden frohen Tag ohne Kutte zu genieen. Noch gestern htte er davon nichts wissen mgen, allein so ging es jedesmal und er war es schon mde, dagegen anzukmpfen: am Schlu einer solchen Reise stand immer der Versucher pltzlich da, und fast immer war er ihm unterlegen. So ging es auch dieses Mal. Der kleine Weiler wurde noch besucht und gewissenhaft erledigt, dann wanderte Pater Matthias zu Fue nach dem nchsten Bahnhof, lie den nach seiner Heimat fhrenden Zug trotzig davonfahren und kaufte sich ein Billett nach der nchsten greren Stadt, welche in protestantischem Lande lag und fr ihn sicher war. In der Hand aber trug er einen kleinen hbschen Reisekoffer, den gestern noch niemand bei ihm gesehen hatte. Drittes Kapitel Am Bahnhof eines lebhaften Vorortes, wo bestndig viele Zge aus- und einliefen, stieg Pater Matthias aus, den Koffer in der Hand, und bewegte sich ruhig, von niemandem beachtet, einem kleinen hlzernen Gebude zu, auf dessen weiem Schilde die Inschrift Fr Mnner stand. An diesem Ort verhielt er sich wohl eine Stunde, bis gerade wieder mehrere ankommende Zge ein Gewhl von Menschen ergossen, und da er in diesem Augenblicke wieder hervortrat, trug er wohl noch denselben Koffer bei sich, war aber nicht der Pater Matthias mehr, sondern ein angenehmer, blhender Herr in guter, wennschon nicht ganz modischer Kleidung, der sein Gepck am Schalter in Verwahrung gab und alsdann ruhig der Stadt entgegenschlenderte, wo er bald auf der Plattform eines Trambahnwagens, bald vor einem Schaufenster zu sehen war und endlich im Straengetse sich verlor. Mit diesem vielfach zusammengesetzten, ohne Pause schwingenden Getne, mit dem Glanz der Geschfte, dem durchsonnten Staub der Straen atmete Herr Matthias die berauschende Vielfltigkeit und liebe Farbigkeit der trichten Welt, fr welche seine wenig verdorbenen Sinne empfnglich waren, und gab sich jedem frohen Eindruck willig hin. Es schien ihm herrlich, die eleganten Damen in Federhten spazieren oder in feinen Equipagen fahren zu sehen, und kstlich, als Frhstck in einem schnen Laden von marmornem Tische eine Tasse Schokolade und einen zarten, sen franzsischen Likr zu nehmen. Und daraufhin, innerlich erwrmt und erheitert, hin und wider zu gehen, sich an Plakatsulen ber die fr den Abend versprochenen Unterhaltungen zu unterrichten und darber nachzudenken, wo es nachher sich am besten zu Mittag werde speisen lassen; das tat ihm in allen Fasern wohl. Allen diesen greren und kleineren Genssen ging er ohne Eile in dankbarer Kindlichkeit nach, und wer ihn dabei beobachtet htte, wre niemals auf den Gedanken gekommen, dieser schlichte, sympathische Herr knnte verbotene Wege gehen. Ein treffliches Mittagessen zog Matthias beim schwarzen Kaffee und einer Zigarre weit in den Nachmittag hinein. Er sa nahe an einer der gewaltigen bis zum Fuboden reichenden Fensterscheiben des Restaurants und sah durch den duftenden Rauch seiner Zigarre mit Behagen auf die belebte Strae hinaus. Vom Essen und Sitzen war er ein wenig schwer geworden und schaute gleichmtig auf den Strom der Vorbergehenden. Nur einmal reckte er sich pltzlich auf, leicht errtend, und blickte aufmerksam einer schlanken Frauengestalt nach, in welcher er einen Augenblick lang die Frau Tanner zu erkennen glaubte. Er sah jedoch, da er sich getuscht habe, fhlte eine leise Ernchterung und erhob sich, um weiter zu gehen. Unschlssig stand er eine Stunde spter vor den Reklametafeln eines kinematographischen Theaters und las die grogedruckten Titel der versprochenen Darbietungen. Dabei hielt er eine brennende Zigarre in der Hand und wurde pltzlich im Lesen durch einen jungen Mann unterbrochen, der ihn mit Hflichkeit um Feuer fr seine Zigarette bat. Bereitwillig erfllte er die kleine Bitte, sah dabei den Fremden an und sagte: Mir scheint, ich habe Sie schon gesehen. Waren Sie nicht heute frh im Caf Royal? Der Fremde bejahte, dankte freundlich, griff an den Hut und wollte weiter gehen, besann sich aber pltzlich anders und sagte lchelnd: Ich glaube, wir sind beide fremd hier. Ich bin auf der Reise und suche hier nichts als ein paar Stunden gute Unterhaltung und vielleicht ein bichen holde Weiblichkeit fr den Abend. Wenn es Ihnen nicht zuwider ist, knnten wir ja zusammen bleiben. Das gefiel Herrn Matthias durchaus, und die beiden Miggnger flanierten nun nebeneinander weiter, wobei der Fremde sich dem lteren stets hflich zur Linken hielt. Er fragte ohne Zudringlichkeit ein wenig nach Herkunft und Absichten des neuen Bekannten, und da er merkte, da Matthias hierber nur undeutlich und beinahe etwas befangen sich uerte, lie er die Frage lssig fallen und begann ein munteres Geplauder, das Herrn Matthias sehr wohl gefiel. Der junge Herr Breitinger schien viel gereist zu sein und die Kunst wohl zu verstehen, wie man in fremden Stdten sich einen vergngten Tag macht. Auch am hiesigen Ort war er schon je und je gewesen und erinnerte sich einiger Vergngungslokale, wo er damals recht nette Gesellschaft gefunden und kstliche Stunden verlebt habe. So ergab es sich bald von selbst, da er mit des Herrn Matthias dankbarer Einwilligung die Fhrung bernahm. Nur einen heiklen Punkt erlaubte sich Herr Breitinger im voraus zu berhren. Er bat, es ihm nicht zu verbeln, wenn er darauf bestehe, da jeder von ihnen beiden berall seine Zeche sofort aus dem eigenen Beutel bezahle. Denn, so fgte er entschuldigend bei, er sei zwar kein Rechner und Knicker, habe jedoch in Geldsachen gern reinliche Ordnung und sei zudem nicht gesonnen, seinem heutigen Vergngen mehr als ein paar Goldfchse zu opfern, und wenn etwa sein Begleiter groartigere Gewohnheiten habe, so wrde es besser sein, sich in Frieden zu trennen, statt etwaige Enttuschungen und rgerlichkeiten zu wagen. Auch dieser Freimut war ganz nach Matthias' Geschmack. Er erklrte, auf einen goldenen Zwanziger hin oder her komme es ihm allerdings nicht an, doch sei er gerne einverstanden und im voraus berzeugt, da sie beide aufs beste miteinander auskommen wrden. Darber hatte Breitinger, wie er sagte, einen kleinen Durst bekommen, und ohnehin war es jetzt nach seiner Meinung Zeit, die angenehme Bekanntschaft durch Anstoen mit einem Glase Wein zu feiern. Er fhrte den Freund durch unbekannte Gassen nach einer kleinen, abseits gelegenen Gastwirtschaft, wo man sicher sein drfe, einen raren Tropfen zu bekommen, und sie traten durch eine klirrende Glastre in die enge niedere Stube, in der sie die einzigen Gste waren. Ein etwas unfreundlicher Wirt brachte auf Breitingers Verlangen eine Flasche herbei, die er ffnete, und woraus er den Gsten einen hellgelben khlen, leicht prickelnden Wein einschenkte, mit welchem sie denn anstieen. Darauf zog sich der Wirt zurck, und bald erschien statt seiner ein groes hbsches Mdchen, das die Herren lchelnd begrte und, da eben das erste Glas geleert war, das Einschenken bernahm. Prosit! sagte Breitinger zu Matthias, und indem er sich zu dem Mdchen wandte: Prosit, schnes Frulein! Sie lachte und hielt scherzweise dem Herrn ein Salzfa zum Anstoen hin. Ach, Sie haben ja nichts zum Anstoen, rief Breitinger und holte selbst von der Kredenz ein Glas fr sie. Kommen Sie, Frulein, und leisten Sie uns ein bichen Gesellschaft! Damit schenkte er ihr Glas voll und hie sie, die sich nicht strubte, zwischen ihm und seinem Bekannten sitzen. Diese zwanglose Leichtigkeit der Anknpfung machte Herrn Matthias Eindruck. Er stie nun auch seinerseits mit dem Mdchen an und rckte seinen Stuhl dem ihren nahe. Es war indessen in dem unfrohen Raume schon dunkel geworden, die Kellnerin zndete ein paar Gasflammen an und bemerkte nun, da kein Wein mehr in der Flasche sei. Die zweite Bouteille geht auf meine Kosten! rief Herr Breitinger. Aber der andere wollte das nicht dulden, und es gab einen kleinen Wortkrieg, bis er sich unter der Bedingung fgte, da nachher auf seine Rechnung noch eine Flasche Champagner getrunken werde. Frulein Meta hatte inzwischen die neue Flasche herbeigebracht und ihren Platz wieder eingenommen, und whrend der Jngere mit dem Korkziehen beschftigt war, streichelte sie unterm Tische leise die Hand des Herrn Matthias, der alsbald mit Feuer auf diese Eroberung einging und sie weiter verfolgte, indem er seinen Fu auf ihren setzte. Nun zog sie den Fu zwar zurck, liebkoste dafr aber wieder seine Hand, und so blieben sie in stillem Einverstndnis triumphierend beieinander sitzen. Matthias ward jetzt gesprchig, er redete vom Wein und erzhlte von Zechgelagen, die er frher mitgemacht habe, stie immer wieder mit den beiden an, und der erhitzende falsche Wein machte seine Augen glnzen. Als eine Weile spter Frulein Meta meinte, sie habe in der Nachbarschaft eine sehr nette und lustige Freundin, da hatte keiner von den Kavalieren etwas dagegen, da sie diese einlade, den Abend mitzufeiern. Eine alte Frau, die inzwischen den Wirt abgelst hatte, wurde mit dem Auftrag weggeschickt. Als nun Herr Breitinger sich fr Minuten zurckzog, nahm Matthias die hbsche Meta an sich und kte sie heftig auf den Mund. Sie lie es still und lchelnd geschehen, da er aber strmisch ward und mehr begehrte, leuchtete sie ihn aus feurigen Augen an und wehrte: Spter, du, spter! Die klappernde Glastre mehr als ihre beschwichtigende Gebrde hielt ihn zurck, und es kam mit der Alten nicht nur die erwartete Freundin herein, sondern auch noch eine zweite mit ihrem Brutigam, einem halbeleganten Jngling mit steifem Htchen und glatt in der Mitte gescheiteltem schwarzem Haar, dessen Mund unter einem gezwickelten Schnauzbrtchen hervor hochmtig und gewaltttig ausschaute. Zugleich trat auch Breitinger wieder ein, es entstand eine Begrung und man rckte zwei Tische aneinander, um gemeinsam zu Abend zu essen. Matthias sollte bestellen und war fr einen Fisch mit nachfolgendem Rindsbraten, dazu kam auf Metas Vorschlag noch eine Platte mit Kaviar, Lachs und Sardinen, sowie auf den Wunsch ihrer Freundin eine Punschtorte. Der Brutigam aber erklrte mit merkwrdig gereizter Verchtlichkeit, ohne Geflgel tauge ein Abendessen nichts, und wenn auf das Rindfleisch nicht ein Fasanenbraten folge, so esse er schon lieber gar nicht mit. Meta wollte ihm zureden, aber Herr Matthias, der inzwischen zu einem Burgunderwein bergegangen war, rief munter dazwischen: Ach was, man soll doch den Fasan bestellen! Die Herrschaften sind doch hoffentlich alle meine Gste? Das wurde angenommen, die Alte verschwand mit dem Speisezettel, der Wirt tauchte auch wieder auf. Meta hatte sich nun ganz an Matthias angeschlossen, ihre Freundin sa gegenber neben Herrn Breitinger. Das Essen, das nicht im Hause gekocht, sondern ber die Strae herbeigeholt schien, wurde rasch aufgetragen und war gut. Beim Nachtisch machte Frulein Meta ihren Verehrer mit einem neuen Genusse bekannt: er bekam in einem groen fulosen Glase ein delikates Getrnk dargereicht, das sie ihm eigens zubereitet hatte und das, wie sie erzhlte, aus Champagner, Sherry und Kognak gemischt war. Es schmeckte gut, nur etwas schwer und s, und sie nippte jedesmal selber am Glase, wenn sie ihn zum Trinken einlud. Matthias wollte nun auch Herrn Breitinger ein solches Glas anbieten. Der lehnte jedoch ab, da er das Se nicht liebe, auch habe dies Getrnk den leidigen Nachteil, da man darauf hin nur noch Champagner genieen knne. Hoho, das ist doch kein Nachteil! rief Matthias berlaut. Ihr Leute, Champagner her! Er brach in ein heftiges Gelchter aus, wobei ihm die Augen voll Wasser liefen, und war von diesem Augenblicke an ein hoffnungslos betrunkener Mann, der bestndig ohne Ursache lachte, Wein ber den Tisch vergo und rechenschaftslos auf einem breiten Strome von Rausch und Wohlleben dahintrieb. Nur zuweilen besann er sich fr eine Minute, blickte verwundert in die Lustbarkeit und griff nach Metas Hand, die er kte und streichelte, um sie bald wieder loszulassen und zu vergessen. Einmal erhob er sich, um einen Trinkspruch auszubringen, doch fiel ihm das schwankende Glas aus der Hand und zersprang auf dem berschwemmten Tische, worber er wieder ein herzliches, doch schon ermdetes Gelchter begann. Meta zog ihn in seinen Stuhl zurck, und Breitinger bot ihm mit ernsthafter Zurede ein Glas Kirschwasser an, das er leerte und dessen scharfer brennender Geschmack das Letzte war, was ihm von diesem Abend dunkel im Gedchtnis blieb. Viertes Kapitel Nach einem todschweren Schlaf erwachte Herr Matthias blinzelnd zu einem schauderhaften Gefhl von Leere, Zerschlagenheit, Schmerz und Ekel. Kopfweh und Schwindel hielten ihn nieder, die Augen brannten trocken und entzndet, an der Hand schmerzte ihn ein breiter verkrusteter Ri, an dessen Herkunft er keine Erinnerung hatte. Nur langsam erholte sich sein Bewutsein, da richtete er sich pltzlich auf, sah an sich nieder und suchte Sttzen fr sein Gedchtnis zu gewinnen. Er lag, nur halb entkleidet, in einem fremden Zimmer und Bett, und da er erschreckend aufsprang und zum Fenster trat, blickte er in eine morgendliche unbekannte Strae hinab. Sthnend go er ein Waschbecken voll und badete das entstellte heie Gesicht, und whrend er mit dem Handtuch darber fuhr, schlug ihm pltzlich ein bser Argwohn wie ein Blitz ins Gehirn. Hastig strzte er sich auf seinen Rock, der am Boden lag, ri ihn an sich, betastete und wendete ihn, griff in alle Taschen und lie ihn erstarrt aus zitternden Hnden sinken. Er war beraubt. Die schwarzlederne Brustmappe war fort. Er besann sich, er wute alles pltzlich wieder. Es waren ber tausend Kronen in Papier und Gold gewesen. Still legte er sich wieder auf das Bett und blieb wohl eine halbe Stunde wie ein Erschlagener liegen. Weindunst und Schlaftrunkenheit waren vllig verflogen, auch die Schmerzen sprte er nicht mehr, nur eine groe Mdigkeit und Trauer. Langsam erhob er sich wieder, wusch sich mit Sorgfalt, klopfte und schabte seine beschmutzten Kleider nach Mglichkeit zurecht, zog sich an und schaute in den Spiegel, wo ein gedunsenes trauriges Gesicht ihm fremd entgegensah. Dann fate er alle Kraft mit einem heftigen Entschlu zusammen und berdachte seine Lage. Und dann tat er ruhig und bitter das Wenige, was ihm zu tun brigblieb. Vor allem durchsuchte er seine ganze Kleidung, auch Bett und Fuboden genau. Der Rock war leer, im Beinkleid jedoch fand sich ein zerknitterter Schein von fnfzig Kronen und zehn Kronen in Gold. Sonst war kein Geld mehr da. Nun zog er die Glocke und fragte den erscheinenden Kellner, um welche Zeit er heute Nacht angekommen sei. Der junge Mensch sah ihm lchelnd ins Gesicht und meinte, wenn der Herr selber sich nimmer erinnern knne, so werde einzig der Portier Bescheid wissen. Und er lie den Portier kommen, gab ihm das Goldstck und fragte ihn aus. Wann er ins Haus gebracht worden sei? -- Gegen zwlf Uhr. -- Ob er bewutlos gewesen? -- Nein, nur anscheinend bezecht. -- Wer ihn hergebracht habe? -- Zwei junge Mnner. Sie htten erzhlt, der Herr habe sich bei einem Gastmahl bernommen und begehre hier zu schlafen. Er habe ihn zuerst nicht aufnehmen wollen, sei jedoch durch ein schnes Trinkgeld doch dazu bestimmt worden. -- Ob der Portier die beiden Mnner wieder erkennen wrde? -- Ja, das heit wohl nur den einen, den mit dem steifen Hut. Matthias entlie den Mann und bestellte seine Rechnung samt einer Tasse Kaffee. Den trank er hei hinunter, bezahlte und ging weg. Er kannte den Teil der Stadt, in dem sein Gasthaus lag, nicht, und ob er wohl nach lngerem Gehen bekannte und halbbekannte Straen traf, so gelang es ihm doch in mehreren Stunden angestrengter Wanderung nicht, jenes kleine Wirtshaus wieder zu finden, wo das Gestrige passiert war. Doch hatte er sich ohnehin kaum Hoffnung gemacht, etwas von dem Verlorenen wieder zu gewinnen. Von dem Augenblick an, da er in pltzlich aufzuckendem Verdacht seinen Rock untersucht und die Brusttasche leer gefunden hatte, war er von der Erkenntnis durchdrungen, es sei nicht das Kleinste mehr zu retten. Dieses Gefhl hatte durchaus mit der Empfindung eines rgerlichen Zufalls oder Unglcks nichts zu tun, sondern war frei von jeder Auflehnung und glich mehr einer zwar bitteren, doch entschiedenen Zustimmung zu dem Geschehenen. Dies Gefhl vom Einklang des Geschehens mit dem eigenen Gemt, der ueren und inneren Notwendigkeit, dessen ganz geringe Menschen niemals fhig sind, rettete den armen betrogenen Pater vor der Verzweiflung. Er dachte nicht einen Augenblick daran, sich etwa durch List reinzuwaschen und wieder in Ehre und Achtung zurckzustehlen, noch auch trat ihm der Gedanke nahe, sich ein Leid anzutun. Nein, er fhlte nichts als eine vllig klare und gerechte Notwendigkeit, die ihn zwar traurig machte, gegen welche er jedoch mit keinem Gedanken protestierte. Denn strker als Bangnis und Sorge, wenn auch noch verborgen und auerhalb des Bewutseins, war in ihm die Empfindung einer groen Erlsung vorhanden, da jetzt unzweifelhaft seiner bisherigen Unzufriedenheit und dem unklaren, durch Jahre gefhrten und verheimlichten Doppelleben ein Ende gesetzt war. Er fhlte wie frher zuweilen nach kleineren Verfehlungen die schmerzliche innere Befreitheit eines Mannes, der vor dem Beichtstuhl kniet und dem zwar eine Demtigung und Bestrafung bevorsteht, dessen Seele aber die beklemmende Last verheimlichter Taten schon weichen fhlt. Dennoch aber war er ber das, was nun zu tun sei, keineswegs im klaren. Hatte er innerlich seinen Austritt aus dem Orden schon genommen und Verzicht auf alle Ehren getan, so schien es ihm doch rgerlich und recht unntz, nun alle hlichen und schmerzenden Szenen einer feierlichen Ausstoung und Verurteilung auskosten zu sollen. Schlielich hatte er, weltlich gedacht, kein gar so schndliches Verbrechen begangen, und das viele Klostergeld hatte ja nicht er gestohlen, sondern offenbar jener Herr Breitinger. Klar war ihm zunchst nur, da noch heute etwas Entscheidendes zu geschehen habe; denn blieb er lnger als noch diesen Tag dem Kloster fern, so entstand Verdacht und Untersuchung und ward ihm die Freiheit des Handelns abgeschnitten. Ermdet und hungrig suchte er ein Speisehaus, a einen Teller Suppe und schaute alsdann, rasch gesttigt und von verwirrten Erinnerungsbildern geqult, mit mden Augen durchs Fenster auf die Strae hinaus, genau wie er es gestern ungefhr um dieselbe Zeit getan hatte. Indem er seine Lage hin und her bedachte, fiel es ihm grausam auf die Seele, da er auf Erden keinen einzigen Menschen habe, dem er mit Vertrauen und Hoffnung seine Not klagen knnte, der ihm hlfe und riete, der ihn zurechtweise, rette oder doch trste. Ein Auftritt, den er erst vor einer Woche erlebt und schon vllig wieder vergessen hatte, stieg unversehens rhrend und wunderlich in seinem Gedchtnis auf: der junge halbgescheite Laienbruder in seiner verflickten Kutte, wie er am heimischen Bahnhofe stand und ihm nachschaute, angstvoll und beschwrend. Heftig wendete er sich von diesem Bilde ab und zwang seinen Blick, dem Straenleben drauen zu folgen. Da trat ihm, auf seltsamen Umwegen der Erinnerung, mit einem Male ein Name und eine Gestalt vor die Seele, woran sie sich sofort mit instinktivem Zutrauen klammerte. Diese Gestalt war die der Frau Franziska Tanner, jener reichen jungen Witwe, deren Geist und Takt er erst krzlich bewundert, und deren anmutig strenges Bild ihn heimlich begleitet hatte. Er schlo die Augen und sah sie, im grauseidenen Kleide, mit dem klugen und beinahe spttischen Mund im hbschen blassen Gesicht, und je genauer er zuschaute und je deutlicher nun auch der krftig entschlossene Ton ihrer hellen Stimme und der feste, ruhig beobachtende Blick ihrer grauen Augen ihm wieder vorschwebte, desto leichter, ja selbstverstndlicher schien es ihm, das Vertrauen dieser ungewhnlichen Frau in seiner ungewhnlichen Lage anzurufen. Dankbar und froh, das nchste Stck seines Weges endlich klar vor sich zu sehen, machte er sich sofort daran, seinen Entschlu auszufhren. Von dieser Minute an bis zu jener, da er wirklich vor Frau Tanner stand, tat er jeden Schritt sicher und rasch, nur ein einzigesmal geriet er ins Zaudern. Das war, als er jenen Bahnhof des Vorortes wieder erreichte, wo er gestern seinen Sndenwandel begonnen hatte und wo seither sein Kfferchen in Verwahrung stand. Er war des Sinnes gewesen, wieder als Pater in der Kutte vor die hochgeschtzte Frau zu treten, schon um sie nicht allzu sehr zu erschrecken, und hatte deshalb den Weg hieher genommen. Nun jedoch, da er nur eines Schrittes bedurfte, um am Schalter sein Eigentum wieder zu fordern, kam diese Absicht ihm pltzlich tricht und unredlich vor, ja er empfand, wie nie zuvor, vor der Rckkehr in die klsterliche Tracht einen wahren Schreck und Abscheu, so da er seinen Plan im Augenblick nderte und vor sich selber schwor, die Kutte niemals wieder anzulegen, es komme, wie es wolle. Da mit den brigen Wertsachen ihm auch der Gepckschein entwendet worden war, wute und bedachte er dabei gar nicht. Darum lie er sein Gepck liegen, wo es lag, und reiste denselben Weg, den er gestern in der Frhe noch als Pater gefahren, im schlichten Brgerrocke zurck. Dabei schlug ihm das Herz immerhin, je nher er dem Ziele kam, desto peinlicher; denn er fuhr nun schon wieder durch die Gegend, welcher er vor Tagen noch gepredigt hatte, und mute in jedem neu einsteigenden Fahrgaste den beargwhnen, der ihn erkennen und als erster seine Schande sehen wrde. Doch war der Zufall und der einbrechende Abend ihm gnstig, so da er die letzte Station unerkannt und unbelstigt erreichte. Bei sinkender Nacht wanderte er auf mden Beinen den Weg zum Dorfe hin, den er zuletzt bei Sonnenschein im Einspnner gefahren war, und zog, da er noch berall Licht hinter den Lden bemerkte, noch am selben Abend die Glocke am Tore des Tannerschen Landhauses. Die gleiche Magd wie neulich tat ihm auf und fragte nach seinem Begehren, ohne ihn zu erkennen. Matthias bat, die Hausfrau noch heute abend sprechen zu drfen, und gab dem Mdchen ein verschlossenes Billett mit, das er vorsorglich noch in der Stadt geschrieben hatte. Sie lie ihn, der spten Stunde wegen ngstlich, im Freien warten, schlo das Tor wieder ab und blieb eine bange Weile aus. Dann aber schlo sie rasch wieder auf, hie ihn mit verlegener Entschuldigung ihrer vorigen ngstlichkeit eintreten und fhrte ihn in das Wohnzimmer der Frau, die ihn dort allein erwartete. Guten Abend, Frau Tanner, sagte er mit etwas befangener Stimme, darf ich Sie nochmals fr eine kleine Weile stren? Sie grte gemessen und sah ihn an. Da Sie, wie Ihr Billett mir sagt, in einer sehr wichtigen Sache kommen, stehe ich gerne zur Verfgung. -- Aber wie sehen Sie denn aus? Ich werde Ihnen alles erklren, bitte, erschrecken Sie nicht! Ich wre nicht zu Ihnen gekommen, wenn ich nicht das Zutrauen htte, Sie werden mich in einer sehr schlimmen Lage nicht ohne Rat und Teilnahme lassen. Ach, verehrte Frau, was ist aus mir geworden! Seine Stimme brach, und es schien, als wrgten ihn Trnen. Doch hielt er sich tapfer, entschuldigte sich mit groer Erschpfung und begann alsdann, in einem bequemen Sessel ruhend, seine Erzhlung. Er fing damit an, da er schon seit mehreren Jahren des Klosterlebens mde sei und sich mehrere Verfehlungen vorzuwerfen habe. Dann gab er eine kurze Darstellung seines frheren Lebens und seiner Klosterzeit, seiner Predigtreisen und auch seiner letzten Mission. Und darauf berichtete er ohne viel Einzelheiten, aber ehrlich und verstndlich sein Abenteuer in der Stadt. Fnftes Kapitel Es folgte auf seine Erzhlung eine lange Pause. Frau Tanner hatte aufmerksam und ohne jede Unterbrechung zugehrt, zuweilen gelchelt und zuweilen den Kopf geschttelt, schlielich aber jedes Wort mit einem gleichbleibenden gespannten Ernst verfolgt. Nun schwiegen sie beide eine Weile. Wollen Sie jetzt nicht vor allem andern einen Imbi nehmen? fragte sie endlich. Sie bleiben jedenfalls die Nacht hier und knnen in der Grtnerwohnung schlafen. Die Herberge nahm der Pater dankbar an, wollte jedoch von Essen und Trinken nichts wissen. Was wollen Sie nun von mir haben? fragte sie langsam. Vor allem Ihren Rat. Ich wei selber nicht genau, woher mein Vertrauen zu Ihnen kommt. Aber in allen diesen schlimmen Stunden ist mir niemand sonst eingefallen, auf den ich htte hoffen mgen. Bitte, sagen Sie mir, was ich tun soll! Nun lchelte sie ein wenig. Es ist eigentlich schade, sagte sie, da Sie mich das nicht neulich schon gefragt haben. Da Sie fr einen Mnch zu gut oder doch zu lebenslustig sind, kann ich wohl begreifen. Es ist aber nicht schn, da Sie Ihre Rckkehr ins Weltleben so heimlich betreiben wollten. Dafr sind Sie nun gestraft. Denn Sie mssen den Austritt aus Ihrem Orden, den Sie freiwillig und in Ehren htten suchen sollen, jetzt eben unfreiwillig tun. Mir scheint, Sie knnen gar nichts anderes tun, als Ihre Sache mit aller Offenheit Ihren Oberen anheimstellen. Ist das nicht Ihre Meinung? Ja, das ist sie; ich habe es mir nicht anders gedacht. Gut also. Und was wird dann aus Ihnen werden? Das ist es eben! Ich werde ohne Zweifel nicht im Orden behalten werden, was ich auch keinesfalls annehmen wrde. Mein Wille ist, ein stilles Leben als ein fleiiger und ehrlicher Mensch anzufangen; denn ich bin zu jeder anstndigen Arbeit bereit und habe manche Kenntnisse, die mir ntzen knnen. Recht so, das habe ich von Ihnen erwartet. Ja. Aber nun werde ich nicht nur aus dem Kloster entlassen werden, sondern mu auch fr die mir anvertrauten Summen, die dem Kloster gehren, mit meiner Person eintreten. Da ich diese Summen in der Hauptsache nicht selber veruntreut, sondern an Schelme verloren habe, wre es mir doch gar bitter, fr sie wie ein gemeiner Betrger zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das verstehe ich wohl. Aber wie wollen Sie das verhten? Das wei ich noch nicht. Ich wrde, wie es selbstverstndlich ist, das Geld so bald und so vollkommen als mglich zu ersetzen suchen. Wenn es mglich wre, dafr eine einstweilige Brgschaft zu stellen, so knnte wohl ein gerichtliches Verfahren ganz vermieden werden. Die Frau sah ihn forschend an. Was wren in diesem Falle Ihre Plne? fragte sie dann ruhig. Dann wrde ich auer Landes eine Arbeit suchen und mich bemhen, vor allem jene Summe abzutragen. Sollte jedoch die Person, welche fr mich brgt, mir anders raten und mich anders zu verwenden wnschen, so wre mir natrlich dieser Wunsch Befehl. Frau Tanner erhob sich und tat einige erregte Schritte durchs Zimmer. Sie blieb auerhalb des Lichtkreises der Lampe in der Dmmerung stehen und sagte leise von dort herber: Und die Person, von der Sie reden und die fr Sie brgen soll, die soll ich sein? Herr Matthias war ebenfalls aufgestanden. Wenn Sie wollen -- ja, sagte er tief atmend. Da ich mich Ihnen, die ich noch kaum kannte, so weit erffnet habe, mag auch das gewagt sein. Ach, liebe Frau Tanner, es ist mir wunderlich, wie ich in meiner elenden Lage zu solcher Khnheit komme. Aber ich wei keinen Richter, dem ich mich so leicht und gerne zu jedem Urteilsspruch berliee, wie Ihnen. Sagen Sie ein Wort, so gehe ich heute noch fr immer aus Ihren Augen. Sie trat an den Tisch zurck, wo vom Abend her noch eine feine Stickarbeit und eine umgefalzte Zeitung lag, und verbarg ihre leicht zitternden Hnde hinter ihrem Rcken. Dann lchelte sie ganz leicht und sagte: Danke fr Ihr Vertrauen, Herr Matthias, es soll in guten Hnden sein. Aber Geschfte tut man nicht so in einer Abendstimmung ab. Wir wollen jetzt zur Ruhe gehen, die Magd wird Sie ins Grtnerhaus fhren. Morgen frh um sieben wollen wir hier frhstcken und weiter reden, dann knnen Sie noch leicht den ersten Bahnzug erreichen. * * * * * In dieser Nacht hatte der flchtige Pater einen weit besseren Schlaf als seine gtige Wirtin. Er holte in einer tiefen achtstndigen Ruhe das Versumte zweier Tage und Nchte ein und erwachte zur rechten Zeit ausgeruht und hellugig, so da ihn die Frau Tanner beim Frhstck erstaunt und wohlgefllig betrachten mute. Diese verlor ber der Sache Matthias den greren Teil ihrer Nachtruhe. Die Bitte des Paters htte, soweit sie nur das verlorene Geld betraf, ihr dies nicht angetan. Aber es war ihr sonderbar zu Herzen gegangen, wie da ein fremder Mensch, der nur ein einzigesmal zuvor flchtig ihren Weg gestreift, in der Stunde peinlicher Not so voll Vertrauen zu ihr gekommen war, fast wie ein Kind zur Mutter. Und da ihr selber dies doch eigentlich nicht erstaunlich gewesen war, da sie es ohne weiteres verstanden und beinahe wie etwas Erwartetes aufgenommen hatte, whrend sie sonst eher zum Mitrauen neigte, das schien ihr darauf zu deuten, da zwischen ihr und dem Fremden ein Zug von Geschwisterlichkeit und heimlicher Harmonie bestehe. Der Pater hatte ihr schon bei seinem ersten Besuche neulich einen angenehmen Eindruck gemacht. Sie mute ihn fr einen lebenstchtigen, harmlosen Menschen halten, dazu war er ein hbscher und gebildeter Mann. An diesem Urteil hatte das seither Erfahrene nichts gendert, nur da die Gestalt des Paters dadurch in ein etwas schwankendes Licht von Abenteuer gerckt und in seinem Charakter immerhin eine gewisse Schwche enthllt schien. Dies alles htte hingereicht, dem Mann ihre Teilnahme zu gewinnen, wobei sie die geforderte Brgschaft oder Geldsumme gar nicht beachtet haben wrde. Durch die merkwrdige Sympathie jedoch, die sie mit dem Fremden verband und die auch in den sorgenvollen Gedanken dieser Nacht nicht abgenommen hatte, war alles in eine andere Beleuchtung getreten, wo das Geschftliche und Persnliche gar eng aneinander hing und wo sonst harmlose Dinge ein bedeutendes, ja schicksalhaftes Aussehen gewannen. Wenn wirklich dieser Mann so viel Macht ber sie hatte und so viel Anziehung zwischen ihnen beiden bestand, so war es mit einem Geschenke nicht getan, sondern es muten daraus dauernde Verhltnisse und Beziehungen entstehen, die immerhin auf ihr Leben groen Einflu gewinnen konnten. Dem gewesenen Pater schlechthin mit einer Geldgabe aus der Not und ins Ausland zu helfen, unter Ausschlu aller weiteren Beteiligung an seinem Schicksal als einfache Abfindung, das ging nicht an, dazu stand ihr der Mann zu hoch. Andererseits trug sie Bedenken, ihn auf seine immerhin seltsamen Gestndnisse hin ohne weiteres in ihr Leben aufzunehmen, dessen Freiheit und bersicht sie liebte. Und wieder tat es ihr weh und schien ihr unmglich, den Armen ganz ohne Hilfe zu lassen. So sann sie mehrere Stunden hin und wider, und als sie nach kurzem Schlaf in guter Toilette das Frhstckszimmer betrat, sah sie ein wenig geschwcht und mde aus. Matthias begrte sie und blickte ihr so klar in die Augen, da ihr Herz sich rasch wieder erwrmte. Sie sah, es war ihm mit allem, was er gestern gesagt, vollkommen Ernst, und er wrde zuverlssig dabei bleiben. Sie schenkte ihm Kaffee und Milch ein, ohne mehr als die notwendigen geselligen Worte dazu zu sagen, und gab Auftrag, da spter fr ihren Gast der Wagen angespannt werde, da er zum Bahnhof msse. Zierlich a sie aus silbernem Becherlein ein Ei und trank eine Schale Milch dazu, und erst als sie damit und der Gast ebenfalls mit seinem Morgenkaffee fertig war, begann sie zu sprechen. Sie haben mir gestern, sagte sie, eine Frage und Bitte vorgelegt, ber die ich mich nun besonnen habe. Sie haben auch ein Versprechen gegeben, nmlich in allem und jedem es so zu halten, wie ich es gut finden werde. Ist das Ihr Ernst gewesen und wollen Sie sich noch dazu bekennen? Er sah sie ernsthaft und innig an und sagte einfach: Ja. Gut, so will ich Ihnen sagen, was ich mir zurechtgelegt habe. Sie wissen selbst, da Sie mit Ihrer Bitte nicht nur mein Schuldner werden, sondern mir und meinem Leben auf eine Weise nhertreten wollen, deren Bedeutung und Folgen fr uns beide wichtig werden knnen. Sie wollen nicht ein Geschenk von mir haben, sondern mein Vertrauen und meine Freundschaft. Das ist mir lieb und ehrenvoll, doch mssen Sie selbst zugeben, da Ihre Bitte in einem Augenblick an mich gekommen ist, wo Sie nicht vllig tadelfrei dastehen und wo manches Bedenken wider Sie erlaubt und mglich ist. Matthias nickte errtend, lchelte aber ein klein wenig dazu, weshalb sie ihren Ton sofort um einen Schatten strenger werden lie. Eben darum kann ich leider Ihren Vorschlag nicht annehmen, werter Herr. Es ist mir fr die Zuverlssigkeit und Dauer Ihrer guten Gesinnung zu wenig Gewhr vorhanden. Wie es mit Ihrer Freundschaft und Treue beschaffen ist, das kann nur die Zeit lehren, und was aus meinem Gelde wrde, kann ich auch nicht wissen, seit Sie mir das mit Ihrem Freunde Breitinger erzhlt haben. Ich bin daher gesonnen, Sie beim Wort zu nehmen. Sie sind mir zu gut, als da ich Sie mit Geld abfinden mchte, und Sie sind mir wieder zu fremd und unsicher, als da ich Sie ohne weiteres in meinen Lebenskreis aufnehmen knnte. Darum stelle ich Ihre Treue auf eine vielleicht schwere Probe, indem ich Sie bitte: Reisen Sie heim, bergeben Sie Ihren ganzen Handel dem Kloster, fgen Sie sich in alles, auch in eine Bestrafung durch die Gerichte! Wenn Sie das tapfer und ehrlich tun wollen, ohne mich in der Sache irgend zu nennen, so verspreche ich Ihnen dagegen, nachher keinen Zweifel mehr an Ihnen zu haben und Ihnen zu helfen, wenn Sie mit Mut und Frhlichkeit ein neues Leben anfangen wollen. -- Haben Sie mich verstanden und soll es gelten? Herr Matthias nahm ihre ausgestreckte Hand, blickte ihr mit Bewunderung und tiefer Rhrung in das schn erregte bleiche Gesicht und machte eine sonderbare strmische Bewegung, beinahe als wollte er sie in die Arme schlieen. Statt dessen verbeugte er sich sehr tief und drckte auf die schmale Damenhand einen festen Ku. Dann ging er aufrecht aus dem Zimmer, ohne weiteren Abschied zu nehmen, und schritt durch den Garten und stieg in das drauen wartende Kabriolet, whrend die berraschte Frau seiner groen Gestalt und entschiedenen Bewegung in sonderbar gemischter Empfindung nachschaute. Sechstes Kapitel Als der Pater Matthias in seinem stdtischen Anzug und mit einem merkwrdig vernderten Gesicht wieder in sein Kloster gegangen kam und ohne Umweg den Guardian aufsuchte, da zuckte Schrecken, Erstaunen und lsterne Neugierde durch die alten Hallen. Doch erfuhr niemand etwas Gewisses. Hingegen fand schon nach einer Stunde eine geheime Sitzung der Oberen statt, in welcher die Herren trotz manchen Bedenken schlssig wurden, den beln Fall mit aller Sorgfalt geheim zu halten, die verlorenen Gelder zu verschmerzen und den Pater lediglich mit einer lngeren Bue in einem auslndischen Kloster zu bestrafen. Da er hereingefhrt und ihm dieser Entscheid mitgeteilt wurde, setzte er die milden Richter durch seine Weigerung, ihren Spruch anzuerkennen, in kein geringes Erstaunen. Allein es half kein Drohen und kein gtiges Zureden, Matthias blieb dabei, um seine Entlassung aus dem Orden zu bitten. Wolle man ihm, fgte er hinzu, die durch seinen Leichtsinn verloren gegangene Opfersumme als persnliche Schuld stunden und deren allmhliche Abtragung erlauben, so wrde er dies dankbar als eine groe Gnade annehmen, andernfalls jedoch ziehe er es vor, da seine Sache vor einem weltlichen Gericht ausgetragen werde. Da war guter Rat teuer, und whrend Matthias Tag um Tag einsam in strengem Zellenarrest gehalten wurde, beschftigte seine Angelegenheit die Vorgesetzten bis nach Rom hin, ohne da der Gefangene ber den Stand der Dinge das Geringste erfahren konnte. Es htte auch noch viele Zeit darber hingehen knnen, wre nicht durch einen unvermuteten Ansto von auen her pltzlich alles in Flu gekommen und nach einer ganz anderen Entwicklung hin gedrngt worden. Es wurde nmlich, zehn Tage nach des Paters unseliger Rckkehr, amtlich und eilig von der Behrde angefragt, ob etwa dem Kloster neuestens ein Insasse oder doch eine so und so beschriebene Ordenskleidung abhanden gekommen, da diese Gewandung soeben als Inhalt eines auf dem und dem Bahnhofe abgegebenen rtselhaften Handkoffers festgestellt worden sei. Es habe dieser Koffer, der seit genau zwlf Tagen an jener Station lagere, infolge eines schwebenden Prozesses geffnet werden mssen, da ein unter schwerem Verdacht verhafteter Gauner neben anderem gestohlenen Gute auch den auf obigen Koffer lautenden Gepckschein bei sich getragen habe. Eilig lief nun einer der Vter zur Behrde, bat um nhere Ausknfte und reiste, da er diese nicht erhielt, unverweilt in die benachbarte Provinzhauptstadt, wo er sich viele, doch vergebliche Mhe gab, die Person und die Spuren des guten Paters Matthias als mit dem Gaunerprozesse unzusammenhngend darzustellen. Der Staatsanwalt zeigte im Gegenteil fr diese Spuren ein lebhaftes Interesse und eine groe Lust, den einstweilen als krankliegend entschuldigten Pater Matthias selber kennen zu lernen. Durch diese Ereignisse kam pltzlich eine schroffe nderung in die Taktik der Vter. Es wurde nun, um zu retten, was noch zu retten wre, der Pater Matthias mit aller Feierlichkeit aus dem Orden ausgestoen, der Staatsanwaltschaft bergeben und wegen Veruntreuung von Klostergeldern angeklagt. Und von dieser Stunde an fllte der Proze des Paters nicht nur die Aktenmappen der Richter und Anwlte, sondern auch als Skandalgeschichte alle Zeitungen, so da sein Name im ganzen Lande widerhallte. Da niemand sich des Mannes annahm, da sein Orden ihn vllig preisgab und die ffentliche Meinung, dargestellt durch die Artikel der liberalen Tagesbltter, den Pater keineswegs schonte und den Anla zu einer kleinen frohen Hetze wider die Klster benutzte, kam der Angeklagte in eine wahre Hlle von Verdacht und Verleumdung und bekam eine schlimmere Suppe auszuessen, als er sich eingebrockt zu haben meinte. Er hielt sich aber in aller Bedrngnis brav und tat keine einzige Aussage, die sich nicht bewhrt htte. Im brigen nahmen die beiden ineinander verwickelten Prozesse ihren raschen Verlauf. Mit wunderlichen Gefhlen sah sich Matthias bald als Angeklagter den Pfarrern und Menern jener Missionsgegend, bald als Zeuge der hbschen Meta und dem Herrn Breitinger gegenbergestellt, der gar nicht Breitinger hie und in weiten Kreisen als Gauner und Zuhlter unter dem Namen des dnnen Jakob bekannt war. Sobald sein Anteil an der Breitingerschen Affre klargestellt war, entschwand dieser und seine Gefolgschaft aus des Paters Augen, und es wurde in wenigen krftigen Verhandlungen sein eigenes Urteil vorbereitet. Er war auf eine Verurteilung von allem Anfang an gefat gewesen. Inzwischen hatte die Enthllung der Einzelheiten jenes Tages in der Stadt, das Verhalten seiner Oberen und die ffentliche Stimmung auf seine allgemeine Beurteilung gedrckt, so da die Richter auf sein unbestrittenes Vergehen den gefhrlichsten Paragraphen anwendeten und ihn zu einer recht langen Gefngnisstrafe verurteilten. Das war ihm nun doch ein empfindlicher Schlag, und es wollte ihm scheinen, eine so harte Bue habe sein in keiner eigentlichen Bosheit beruhendes Vergehen doch nicht verdient. Am meisten qulte ihn dabei der Gedanke an die Frau Tanner und ob sie ihn, wenn er nach Verbung einer so langwierigen Strafe und berhaupt nach diesem unerwartet viel beschrieenen Skandal sich ihr wieder vorstelle, noch berhaupt werde kennen wollen. Zu gleicher Zeit bekmmerte und emprte sich Frau Tanner kaum weniger ber diesen Ausgang der Sache und machte sich Vorwrfe darber, da sie ihn doch eigentlich ohne Not da hineingetrieben habe. Sie schrieb auch ein Brieflein an ihn, worin sie ihn ihres unvernderten Zutrauens versicherte und die Hoffnung aussprach, er werde gerade in der unverdienten Hrte seines Urteils eine Mahnung sehen, sich innerlich ungebeugt und unverbittert fr bessere Tage zu erhalten. Allein dann fand sie wieder, es sei kein Grund vorhanden, an Matthias zu zweifeln, und sie msse es nun erst recht darauf ankommen lassen, wie er die Probe bestehe. Und sie legte den geschriebenen Brief, ohne ihn nochmals anzusehen, in ein Fach ihres Schreibtisches, das sie sorgfltig verschlo. * * * * * ber alledem war es lngst vllig Herbst geworden und der Wein schon gekeltert, als nach einigen trben Wochen der Sptherbst noch einmal warme, blaue, zart verklrte Tage brachte. Friedlich lag, vom Wasser in gebrochenen Linien gespiegelt, an der Biegung des grnen Flusses das alte Kloster und schaute mit vielen Fensterscheiben in den zartgolden blhenden Tag. Da zog in dem schnen Sptherbstwetter wieder einmal ein trauriges Trpplein unter der Fhrung einiger bewaffneter Landjger auf dem hohen Weg berm steilen Ufer dahin. Unter den Gefangenen war auch der ehemalige Pater Matthias, der zuweilen den gesenkten Kopf aufrichtete und in die sonnige Weite des Tales und zum stillen Kloster hinunter sah. Er hatte keine guten Tage, aber seine Hoffnung stand immer wieder, von allen Zweifeln unzerstrt, auf das Bild der hbschen blassen Frau gerichtet, deren Hand er vor dem bitteren Gang in die Schande gehalten und gekt hatte. Und indem er unwillkrlich jenes Tages vor seiner Schicksalsreise gedachte, da er noch aus dem Schutz und Schatten des Klosters in Langeweile und Mimut hier herbergeblickt hatte, da ging ein feines Lcheln ber sein mager gewordenes Gesicht, und es schien ihm das halbzufriedene Damals keineswegs besser und wnschenswerter als das hoffnungsvolle Heute. Ende Werke von Hermann Hesse Peter Camenzind Roman. 60. Auflage. Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark. Wenn du aber zu den Menschen gehrst, die weinen knnen, weil der Himmel kornblumenblau ber einem goldenen Weizenfeld steht, wenn du einer von denen bist, die jauchzen knnen, wenn der Wind durch blhende Lindenbume rauscht, dann schnr dein Bndel und pack die Geschichte des Peter Camenzind obenauf. Und dann wandre und wandre, bis du zu einem dunklen See kommst, der zu Fen einiger hoher Bergschroffen liegt. Dort sitz nieder und lies, was dir Peter Camenzind von den Bergen und vom Walde, von den Strmen und von der Liebe zu erzhlen hat. Und glaub mir: Du wirst grer, reiner, freier wieder heimkehren in die Stadtwirrnis. (Die Woche) Unterm Rad Roman. 19. Auflage. Geheftet 3.50 Mark, geb. 4.50 Mark. Es ist die einfache Geschichte von einem Jungen, der stolz und mit der Anwartschaft auf Ruhm und Glck ins Leben eintritt und unters Rad kommt und berfahren wird; ein Buch voll Schwermut und heimlicher leiser Klage und ein Buch voll Anklage. Schwer und gewichtig in seiner Einfachheit, die um so tiefer wirkt, als sie das Resultat einer unnachahmlichen sprachlichen Meisterschaft und stilistischen Adels ist. (Mnchener Zeitung) Es ist dieser Roman ein gutes, tiefes, starkes Buch, geluterter noch als der Camenzind, von einer tchtigen Mnnlichkeit durchweht, eine Wohltat fr den, der ihn liest, treuherzig, berzeugend, von lebhaftem, heiem Natursinn kndend, frei von sthetischer Krnkelei -- ein klares Schwabenbuch, ein durch und durch deutscher Roman. (Mnchener Neueste Nachrichten) Diesseits Erzhlungen. 18. Aufl. Geh. 3.50 Mark, geb. 4.50 Mark. Wie man etwa Eduard Mrikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen, schnen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltglichkeit weit entrckt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden Natur lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses neuen Novellenband Diesseits lesen. (Neue Zrcher Zeitung) Wie lange habe ich mich darauf gefreut, dieses Buch anzuzeigen! Es ist ein stilles, vornehmes und unsglich schnes Buch geworden, das man ehrfrchtig in die Hand nimmt, ehrfrchtig aus der Hand legt, still, ergriffen, nachdenklich, voll einer Liebe zu dem Menschen, der ein so starkes, reines Herz hat und es so lauter schenkt. Hermann Hesse bedeutet einen Gipfelpunkt deutscher Erzhlerkunst. (Mnchener Zeitung) Nachbarn Erzhlungen. 12. Aufl. Geh. 3.50 Mark, geb. 4.50 Mark. Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fnf Erzhlungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch zusammengeschweit erscheinen sie ... Ruhig, ber allen Dingen schwebend, ohne Leidenschaft und vollkommen abgeklrt werden uns diese Geschichten erzhlt. Aber in einer Sprache, die ihresgleichen sucht, und die den Stolz in uns aufleben lt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei Dank, da es eine deutsche Sprache gibt. Und Dichter, die sie adeln. (Wrttemberger Zeitung, Stuttgart) Hesse arbeitet aus der Stimmung, aus der Landschaft, und darum flieen seine Erzhlungen ineinander ber. Sie lesen sich entzckend. Natrlicheres, Traulicheres, Feineres wird heute kaum geschrieben. (Vossische Zeitung, Berlin) Spamersche Buchdruckerei in Leipzig. Anmerkungen zur Transkription: In "er war in dem groen Atelier heftig hin und wieder geschritten, hatte seinen rotbraunen Bart mit nervsen Hnden gedreht und sich alsbald, wie es seine unheimliche Gabe war, in ein flimmerndes Gehuse eingesponnen, das aus lauter Beredtsamkeit bestand und dem Regendache jenes Meisterfechters im Volksmrchen glich, unter welchem jener trocken stand, obwohl es aus nichts bestand als dem rasenden Kreisschwung seines Degens." stand "bestund" statt des zweiten "bestand". In "Berthold hatte, trotz der offenkundigen Untiefen, eine gewisse Freude an dieser idyllisch harmlosen Philosophie, die er noch von manchen anderen Verkndern in anderen Tnungen zu hren bekam, und er htte ein Riese sein mssen, wenn nicht allmhlich jedes dieser Bekenntnisse ihm, der auerhalb der Welt lebte, bleibende Eindrcke gemacht und sein eigenes Denken gefrbt htte." stand "Welte" statt "Welt" In "Denn er sah gar wohl, da die Sprache solcher Kunsterzeugnisse, von der gemeinen Sprache der Gasse ebenso weit entfernt wie nur irgendeine tolle Dichtung, geeignet sei, Eindruck zu machen, Macht zu ben und ber Unverstndige Vorteile zu erlangen." stand "entlernt" statt "entfernt". End of the Project Gutenberg EBook of Umwege, by Hermann Hesse License: Share Alike