Produced by Norbert H. Langkau, Uta Theiling and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Baumeister Solne. _Schauspiel in drei Aufzgen_ von Henrik Ibsen. Deutsch von Sigurd Ibsen. * * * * * * * Einzige vom Verfasser autorisierte deutsche Ausgabe. Leipzig. Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. Den Bhnen gegenber als Manuskript gedruckt. * * * * * * * Fr smtliche Bhnen im ausschlielichen Debit von _Felix Bloch Erben_ in Berlin, von welchen allein das Recht der Auffhrung zu erwerben ist. Fr _sterreich-Ungarn_ ist das Auffhrungsrecht nur durch Dr. _O. F. Eirich_ in _Wien_ zu erwerben. Fr _Grobritannien_ und die _englischen Kolonien_: Dr. _Sylvain Mayer_, Rechtsanwalt, _London_, Temple E. C. I. Garden Court. Fr _Amerika_: _Goldmark & Conried, New-York_, 13 W. 42 Street. Fr _Schweden_, _Norwegen_ und _Finnland_: _Oskar Wijkander_, Kniglicher Hofintendant, _Stockholm_. Fr _Dnemark_: _Henrik Hennings_, Knigliche Hofmusikalienhandlung, _Kopenhagen_. Fr _Ruland_ und _Polen_: _P. Reldner_, Buch- und Musikalienhandlung, _Riga_. _Sigurd Ibsen_. _Felix Bloch Erben_. * * * * * * * * * * * * * Baumeister Solne. * * * * * * * * * * * * * Personen. *Baumeister Halvard Solne*. *Frau Aline Solne*, seine Gattin. *Dr. Herdal*, Hausarzt. *Knut Brovik*, ehemals Architekt, jetzt Assistent bei Solne. *Ragnar Brovik*, sein Sohn, Zeichner. *Kaja Fosli*, seine Nichte, Buchhalterin. *Frulein Hilde Wangel*. Einige Damen. Volksmenge auf der Strae. * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * _Ort der Handlung_: das Haus des Baumeisters Solne. * * * * * * * Rechts und links vom Schauspieler. * * * * * * * Erster Aufzug. _Ein einfach ausgestattetes Arbeitszimmer beim Baumeister Solne._ Eine Flgelthr an der Wand links fhrt zum Vorzimmer. Rechts ist die Thr zu den inneren Rumen des Hauses. An der Hinterwand eine offene Thr zum Zeichenzimmer. Im Vordergrund links ein Pult mit Bchern, Briefschaften und Schreibmaterialien. Oberhalb der Thr ein Ofen. In der Ecke rechts ein Sofa mit Tisch und ein paar Sthlen; auf dem Tische Wasserkaraffe und Glas. Ein kleinerer Tisch mit Schaukelstuhl und Lehnstuhl im Vordergrund rechts. Angezndete Arbeitslampen auf dem Tische im Zeichenzimmer, auf dem Tische in der Ecke und auf dem Pulte. _Rechts und links vom Schauspieler._ Erster Auftritt. *Knut Brovik* und sein Sohn *Ragnar* sitzen im Zeichenzimmer mit Konstruktionen und Berechnungen beschftigt. Knut Brovik ist ein schmchtiger alter Mann mit weiem Haar und Bart; er trgt einen etwas fadenscheinigen, aber sauber gehaltenen schwarzen Rock, eine Brille und eine weie, etwas vergilbte Halsbinde. Ragnar Brovik ist in den dreiiger Jahren, gutgekleidet, blond, mit leicht vornber gebeugter Haltung. *Kaja Fosli*, steht im Arbeitszimmer am Pulte, im Hauptbuche eintragend; sie ist ein zart gebautes junges Mdchen von einigen zwanzig Jahren, aber von krnklichem Aussehen; ein grner Schirm schtzt ihre Augen. Alle drei arbeiten eine Weile schweigend. *Knut Brovik* (erhebt sich pltzlich, wie von Angst getrieben, vom Zeichentische, atmet tief und mit Mhe, indem er zur Thrffnung vorgeht). Nein, jetzt halt ich es bald nicht lnger aus. *Kaja* (geht zu ihm hin). Es ist dir gewi recht schlecht heut Abend, Onkel? *Brovik*. Ach, mir scheint, es wird schlimmer von Tag zu Tag. *Ragnar* (hat sich erhoben und kommt nher). Du solltest lieber heimgehen, Vater. Versuchen ein wenig zu schlafen -- *Brovik* (ungeduldig). Zu Bett gehen vielleicht? Willst du denn, da ich rein ersticke! *Kaja*. Aber dann mach doch einen kleinen Spaziergang. *Ragnar*. Ja, thu das. Ich begleite dich. *Brovik* (heftig). Ich geh nicht, ehe er kommt! Heut Abend red ich grad heraus mit -- (in verbissener Wut) mit ihm -- dem Prinzipal. *Kaja* (angstvoll). Ach nein, Onkel -- warte doch ja damit! *Ragnar*. Ja, lieber warten, Vater. *Brovik* (holt mhsam Atem). Ha -- ha --! Ich hab wohl keine Zeit, recht lange zu warten. *Kaja* (horchend). Still! Da hr ich ihn unten auf der Treppe! *Alle Drei* (gehen wieder an ihre Arbeit). (Kurze Pause.) *Baumeister Halvard Solne* (tritt durch die Vorzimmerthr ein; er ist ein etwas lterer Mann, gesund und krftig, mit kurzgehaltenem, krausem Haar, dunklem Schnurrbart und dunkeln dichten Augenbrauen, trgt eine graugrne zugeknpfte Jacke mit Stehkragen und breiten Aufschlgen, einen weichen grauen Filzhut und unter dem Arme ein paar Mappen). Zweiter Auftritt. *Die Vorigen*. *Solne*. *Baumeister Solne* (an der Thr, weist gegen das Zeichenzimmer hin und fragt flsternd). Sind sie fort? *Kaja* (leise, schttelt den Kopf). Nein. (Sie legt den Augenschirm ab.) *Solne* (geht durchs Zimmer, wirft seinen Hut auf einen Stuhl, legt die Mappen auf den Sofatisch und nhert sich dann wieder dem Pulte). *Kaja* (schreibt ununterbrochen, scheint aber nervs und unruhig). *Solne* (laut). Was tragen Sie denn da ein, Frulein? *Kaja* (zusammenfahrend). O es ist nur etwas, das -- *Solne*. Lassen Sie mich sehen, Frulein. (Er beugt sich ber sie, thut, als ob er im Hauptbuche nachshe und flstert:) Kaja? *Kaja* (schreibend, leise). Ja? *Solne*. Warum nehmen Sie denn immer den Schirm da ab, wenn ich komme? *Kaja* (wie oben). Ich sehe ja so hlich aus damit. *Solne* (lchelnd). Und das wollen Sie nicht, Kaja? *Kaja* (blickt halb zu ihm auf). Nicht um alles in der Welt. Nicht in _Ihren_ Augen. *Solne* (fhrt ihr leicht ber das Haar). Arme, arme kleine Kaja -- *Kaja* (senkt den Kopf). Still -- sie knnten Sie hren! *Solne* (geht nachlssigen Schrittes nach rechts, kehrt um und bleibt an der Thr des Zeichenzimmers stehen). War jemand da, der nach mir gefragt hat? *Ragnar* (erhebt sich). Ja, die jungen Leute, die die Villa gebaut haben wollen drauen bei Lvstrand. *Solne* (brummend). Ach _die_? Ja, die mssen warten. Ich bin mit mir selber noch nicht im Reinen ber den Plan. *Ragnar* (nher, etwas zgernd). Es wre ihnen so sehr daran gelegen, die Zeichnungen bald zu bekommen. *Solne* (wie oben). Ja, das versteht sich -- das wollen sie ja alle miteinander! *Brovik* (aufblickend). Sie sehnten sich nmlich so ber alle Maen danach, ihr eigenes Haus zu beziehen, sagten sie. *Solne*. Jawohl, jawohl! Man kennt das! Und dann nehmen sie's so, wie es sich gerade trifft. Schaffen sich so'ne -- 'ne Wohnung. Eine Art von Zufluchtsort blo. Aber kein Heim. Nein, ich danke! Mgen sie sich dann lieber an einen andern wenden. Sagen Sie ihnen das, wenn sie wiederkommen. *Brovik* (schiebt die Brille auf die Stirn hinauf und sieht ihn stutzend an). An einen andern? Wrden Sie die Arbeit abgeben? *Solne* (ungeduldig). Ja, ja doch, zum Teufel! Wenn's durchaus sein _mu_, dann -- Lieber das, als so ins Blaue hineinbauen. (Herausplatzend.) Denn ich kenne ja die Leute noch so wenig! *Brovik*. Die Leute sind solid genug. Ragnar kennt sie. Er geht mit der Familie um. Sehr solide Leute. *Solne*. Ach, solid -- solid! Das ist's ja gar nicht, was ich meine. Du lieber Gott -- verstehen auch _Sie_ mich jetzt nicht mehr? (Heftig.) Ich will mit den fremden Menschen nichts zu schaffen haben. Mgen sie sich meinetwegen wenden, an wen sie wollen. *Brovik* (erhebt sich). Ist das Ihr Ernst? *Solne* (mrrisch). Jawohl. -- Fr dies eine Mal. (Er geht durchs Zimmer.) *Brovik* (wechselt einen Blick mit Ragnar). *Ragnar* (macht eine warnende Gebrde). *Brovik* (geht ins Vorderzimmer hinein). Gestatten Sie mir, ein paar Worte mit Ihnen zu reden? *Solne*. Sehr gern. *Brovik* (zu Kaja). Geh da hinein derweile, du. *Kaja* (unruhig). Ach, aber Onkel -- *Brovik*. Thu wie ich dir sage, Kind. Und schlie die Thre hinter Dir zu. *Kaja* (geht zgernd ins Zeichenzimmer hinein, wirft verstohlen Solne einen ngstlich bittenden Blick zu und schliet die Thr). *Brovik* (etwas gedmpft). Ich will nicht, da die armen Kinder erfahren, wie schlecht es mit mir steht. *Solne*. Sie sehen auch wirklich recht elend aus in diesen Tagen. *Brovik*. Mit mir ist's bald vorbei. Die Krfte nehmen ab -- von einem Tag zum andern. *Solne*. Setzen Sie sich ein wenig. *Brovik*. Wenn Sie erlauben? *Solne* (rckt den Lehnstuhl ein wenig zurecht). Da, bitte. -- Nun? *Brovik* (hat mit Mhe Platz genommen). Ja, es handelt sich also um das da mit Ragnar. _Das_ ist das allerschwerste. Was soll mit ihm werden? *Solne*. Ihr Sohn, der bleibt natrlich hier bei mir, so lange er nur will. *Brovik*. Aber das ist's ja eben, was er nicht will. Nicht so recht mehr _kann_ -- wie ihm scheint. *Solne*. Nun, er wird denn doch ganz gut bezahlt, sollt ich meinen. Sollte er aber mehr verlangen, wre ich nicht abgeneigt, ihm -- *Brovik*. Nein, nein! Das ist's durchaus nicht. (Ungeduldig.) Aber er mu doch auch einmal Gelegenheit bekommen, auf eigene Hand zu arbeiten. *Solne* (ohne ihn anzusehen). Glauben Sie, da Ragnar dazu alle die rechten Anlagen hat? *Brovik*. Nein, sehen Sie, das ist ja eben das Entsetzliche, da ich angefangen habe, an dem Jungen zu zweifeln. Denn Sie sagten ja nie soviel wie -- wie ein ermunterndes Wort ber ihn. Aber dann scheint's mir wieder, es ist unmglich anders. Er _mu_ die Anlagen haben. *Solne*. Nun ja, er hat aber doch nichts gelernt -- recht grndlich. Auer dem Zeichnen, versteht sich. *Brovik* (blickt ihn mit geheimem Hasse an und sagt mit heiserer Stimme): _Sie_ hatten auch nicht recht viel vom Fach gelernt, damals, als Sie bei mir im Dienste standen. Aber _Sie_ machten sich dennoch auf den Weg. (Er holt mhselig Atem.) Und kamen vorwrts. Und berholten sowohl mich wie -- wie so viele andere. *Solne*. Ja, sehen Sie, das fgte sich nun so fr _mich_. *Brovik*. Darin haben Sie recht. Alles fgte sich fr Sie. Dann knnen Sie's aber auch nicht bers Herz bringen, mich ins Grab gehen zu lassen -- ehe ich sehe, wozu Ragnar taugt. Und dann mchte ich die zwei ja auch gern verheiratet sehen -- ehe ich scheide. *Solne* (unwirsch). Ist sie es, die's so haben will? *Brovik*. Kaja nicht so sehr. Aber Ragnar geht herum und redet jeden Tag davon. (Bittend.) Sie _mssen_ -- Sie _mssen_ ihm jetzt zu irgend einer selbstndigen Arbeit verhelfen. Ich _mu_ etwas zu sehen bekommen, was der Junge gemacht hat. Hren Sie? *Solne* (gereizt). Aber ich kann doch, zum Teufel, keine Bestellungen fr ihn vom Mond herunterholen! *Brovik*. Er kann eine hbsche Bestellung bekommen, gerade jetzt. Eine groe Arbeit. *Solne* (unruhig, stutzend). _Er?_ *Brovik*. Wenn Sie Ihre Zustimmung geben wollten. *Solne*. Was ist denn das fr eine Arbeit? *Brovik* (etwas zgernd). Er knnte die Villa zu bauen bekommen drauen bei Lvstrand. *Solne*. _Die!_ Aber die soll ich ja selber bauen! *Brovik*. Ach, Sie haben ja keine besondere Lust dazu. *Solne* (auffahrend). Keine Lust! Ich! Wer darf das sagen? *Brovik*. Das sagten Sie ja selbst in diesem Augenblicke. *Solne*. Ach was, achten Sie nie auf das, was ich so -- _sage_. -- Kann Ragnar die Villa zu bauen bekommen? *Brovik*. Jawohl. Er kennt ja die Familie. Und dann hat er -- nur so zum Spa -- Zeichnungen gemacht und berschlge und alles miteinander -- *Solne*. Und die Zeichnungen, mit denen sind sie zufrieden? Die Leute, die da wohnen sollen? *Brovik*. Gewi. Wenn blo Sie sie durchsehen wollten und sie gutheien, dann -- *Solne*. Dann wrden sie Ragnar ihr Heim bauen lassen? *Brovik*. Es gefiel ihnen so ausnehmend gut, das, was er draus machen wollte. Es schiene ihnen so etwas durchaus neues, sagten sie. *Solne*. Aha! _Neues!_ Kein so altmodischer Plunder, wie _ich_ ihn zu bauen pflege! *Brovik*. Es schien ihnen etwas _anderes_. *Solne* (in unterdrckter Erbitterung). Ragnar war's also, zu dem sie kamen, hier -- whrend ich fort war! *Brovik*. Sie kamen, um _Sie_ zu sprechen. Und dann um zu fragen, ob Sie vielleicht geneigt wren zurckzutreten -- *Solne*. Zurcktreten! Ich! *Brovik*. Im Falle Sie fnden, da Ragnars Zeichnungen -- *Solne*. Ich! Zurcktreten vor Ihrem Sohn! *Brovik*. Von der Verabredung zurcktreten, meinten sie. *Solne*. Ach was, das kommt ja auf eins hinaus. (Er lacht erbittert.) So, so! Halvard Solne -- der soll jetzt anfangen zurckzutreten! Platz machen denen, die da jnger sind. Den Allerjngsten vielleicht! Nur Platz machen! Platz! Platz! *Brovik*. Du lieber Gott, da ist doch wohl Platz genug fr mehr als einen Einzigen. *Solne*. O so reichlicher Platz ist denn doch nicht da. Na, dem mag nun sein wie ihm will. Aber ich trete niemals zurck! Weiche niemals vor irgend jemand! Niemals freiwillig! Niemals bei meinen Lebzeiten thu' ich so 'was! *Brovik* (erhebt sich mhsam). Soll ich denn aus dem Leben gehen ohne Zuversicht? Ohne Freude? Ohne Glauben und Vertrauen in Ragnar? Ohne ein einziges Werk von ihm zu sehen? Soll ich das? *Solne* (wendet sich halb zur Seite und murmelt). Hm -- fragen Sie doch jetzt nicht mehr. *Brovik*. Doch. Antworten Sie mir darauf. Soll ich so ganz in Armut aus dem Leben gehen? *Solne* (scheint mit sich selbst zu kmpfen; endlich sagt er mit gedmpfter, aber fester Stimme). Sie mssen aus dem Leben gehen, wie Sie's am besten wissen und knnen. *Brovik*. Mag's denn so sein. (Er geht durchs Zimmer.) *Solne* (ihm nachgehend, halb verzweifelt). Ja, ich kann ja doch nicht anders, verstehen Sie! Ich bin nun einmal so, wie ich bin! Und umschaffen kann ich mich doch auch nicht! *Brovik*. Nein, nein -- das knnen Sie wohl nicht. (Er schwankt und bleibt am Sofatisch stehen.) Gestatten Sie, da ich ein Glas Wasser trinke? *Solne*. Bitte sehr. (Er schenkt ein und reicht ihm das Glas.) *Brovik*. Ich danke. (Er trinkt und stellt das Glas wieder hin.) *Solne* (geht zur Thre des Zeichenzimmers und ffnet sie). Ragnar -- Sie mssen Ihren Vater nach Hause begleiten. *Ragnar* (erhebt sich rasch). *Ragnar* und *Kaja* (gehen ins Arbeitszimmer). *Ragnar*. Was giebt's, Vater? *Brovik*. Reich mir den Arm. Und jetzt gehen wir. *Ragnar*. Jawohl. Mach du dich auch fertig, Kaja. *Solne*. Frulein Fosli mu zurckbleiben. Nur einen kleinen Augenblick. Ich habe einen Brief, der geschrieben werden mu. *Brovik* (mit einem Blick auf Solne). Gute Nacht. Schlafen Sie wohl -- wenn Sie knnen. *Solne*. Gute Nacht. *Brovik* und *Ragnar* (ab durch die Vorzimmerthre). Dritter Auftritt. *Solne*. *Kaja*. *Kaja* (geht an das Pult hin). *Solne* (steht mit gesenktem Kopf rechts am Lehnstuhl). *Kaja* (unsicher). Ist's ein Brief? *Solne* (kurz). Ach, keine Spur. (Er blickt sie rauh an.) Kaja! *Kaja* (angstvoll, leise). Ja? *Solne* (weist befehlend mit dem Finger auf den Fuboden). Herkommen! Gleich! *Kaja* (zgernd). Ja. *Solne* (wie oben). Nher! *Kaja* (gehorcht). Was wollen Sie von mir? *Solne* (blickt sie eine Weile an). Sind Sie's, der ich die Geschichte zu verdanken habe? *Kaja*. Nein, nein, glauben Sie das ja nicht! *Solne*. Aber heiraten -- das wollen Sie ja jetzt. *Kaja* (leise). Ragnar und ich sind schon vier -- fnf Jahre verlobt, und da -- *Solne*. Und da meinen Sie, es mu ein Ende nehmen. Ist's nicht so? *Kaja*. Ragnar und der Onkel sagen, ich _soll_. Und da mu ich mich ja fgen. *Solne* (in sanfterem Tone). Kaja, sind Sie nicht auch, im Grunde genommen, Ragnar ein bichen gut? *Kaja*. Ich war Ragnar sehr, sehr gut -- einmal. -- Ehe ich hierher kam zu Ihnen. *Solne*. Aber jetzt nicht mehr? Gar nicht mehr? *Kaja* (leidenschaftlich, faltet die Hnde gegen ihn). Ach, Sie wissen es ja, jetzt bin ich blo einem einzigen gut! Keinem andern in der ganzen Welt! Kann nie einem andern gut werden! *Solne*. Ja, so sagen Sie. Und da gehen Sie trotzdem von mir fort. Lassen mich hier mit allem allein. *Kaja*. Aber drfte ich denn nicht bei Ihnen bleiben, wenn auch Ragnar --? *Solne* (abweisend). Nein, nein, das lt sich durchaus nicht machen. Geht Ragnar weg und fngt er an, auf eigene Hand zu arbeiten, dann hat er Sie ja selber ntig. *Kaja* (ringt die Hnde). Ach, mir kommt's vor, ich _kann_ mich von Ihnen nicht trennen! Das ist doch so rein, rein unmglich, kommt's mir vor! *Solne*. Dann sehen Sie zu, da Sie Ragnar die dummen Einflle da aus dem Kopfe bringen. Heiraten Sie ihn, soviel Sie wollen -- (Er verndert den Ton.) Ja, das heit -- reden Sie ihm zu, da er hier bleibt in seiner guten Stellung bei mir. Dann kann ich ja auch Sie behalten, liebe Kaja. *Kaja*. Ach ja, wie wunderschn war's, wenn sich's so machen liee! *Solne* (legt ihr beide Hnde um den Kopf und flstert). Denn ich _kann's_ ohne Sie nicht aushalten, begreifen Sie. Ich mu Sie um mich haben. Tag aus, Tag ein. *Kaja* (nervs hingerissen). Ach Gott! Ach Gott! *Solne* (drckt ihr einen Ku aufs Haar). Kaja -- Kaja! *Kaja* (sinkt vor ihm nieder). O wie gut sind Sie gegen mich! Wie unsglich gut sind Sie! *Solne* (heftig). Stehen Sie auf! So stehen Sie doch auf, zum --! Mir scheint, ich hre jemand! (Er hilft ihr auf.) *Kaja* (wankt ans Pult hin). *Frau Solne* (erscheint in der Thre rechts; sie ist mager und sieht abgehrmt aus, zeigt aber Spuren einstiger Schnheit; sie trgt blonde Hngelocken, ist elegant, vollstndig schwarz gekleidet; sie spricht etwas langsam und mit klagender Stimme). Vierter Auftritt. *Die Vorigen*. *Frau Solne*. *Frau Solne* (in der Thrffnung). Halvard! *Solne* (dreht sich um). Ach, du bist's, liebe --? *Frau Solne* (mit einem Blick auf Kaja). Ich komme gewi recht ungelegen, kann ich mir denken. *Solne*. Durchaus nicht. Frulein Fosli hat nur einen kleinen Brief zu schreiben. *Frau Solne*. Jawohl, das sehe ich. *Solne*. Was wolltest du denn von mir, Aline? *Frau Solne*. Ich wollte nur sagen, da Doktor Herdal im Eckzimmer drinnen ist. Kommst du vielleicht auch herein, Halvard? *Solne* (blickt sie mitrauisch an). Hm -- mu mich denn der Doktor so notwendig sprechen? *Frau Solne*. Nein, so notwendig gerade nicht. Er kam, mir einen Besuch zu machen. Und dann mchte er natrlich dich auch begren. *Solne* (lacht leise). Kann mir's denken, jawohl. Na, dann mut du ihn bitten, sich ein wenig zu gedulden. *Frau Solne*. So kommst du also zu ihm herein nachher? *Solne*. Vielleicht. Nachher -- nachher, liebe Aline. Nach einer kleinen Weile. *Frau Solne* (wieder mit einem Blick auf Kaja). Gut, vergi es aber ja nicht, Halvard. (Sie zieht sich zurck und schliet die Thre.) Fnfter Auftritt. *Solne*. *Kaja*. *Kaja* (leise). Ach Gott, ach Gott -- die gndige Frau denkt gewi etwas schlechtes von mir! *Solne*. Ach was, keinen Schein. Nicht mehr als gewhnlich wenigstens. Es ist aber doch am besten, wenn Sie jetzt gehen, Kaja. *Kaja*. Ja, ja, jetzt _mu_ ich gehen. *Solne* (streng). Und dann bringen Sie also die andere Geschichte da in Ordnung fr mich. Hren Sie! *Kaja*. Ach, gebe Gott, da es nur auf mich ankme, dann -- *Solne*. Ich _will's_ geordnet wissen, sage ich! Und morgen soll's geschehen! *Kaja* (angstvoll). Geht's auf andere Weise nicht, will ich gern mit ihm ein Ende machen. *Solne* (auffahrend). Ein Ende machen! Sind Sie rein toll geworden! Wollen Sie ein Ende machen? *Kaja* (verzweifelt). Lieber noch das. Denn ich _mu_ -- ich _mu_ bei Ihnen bleiben drfen! Ich _kann_ nicht von Ihnen gehen! Es wre ja rein -- rein unmglich! *Solne* (platzt heraus). Aber zum Teufel -- was wird's mit Ragnar! Es ist ja eben Ragnar, den ich -- *Kaja* (sieht ihn mit erschreckten Augen an). Ist's hauptschlich wegen Ragnar, da -- da Sie --? *Solne* (fat sich). Ach nein, keine Spur, gewi nicht! Sie begreifen aber auch gar nichts. (Sanft und leise.) Sie sind's natrlich, die ich dahaben will. Allererst Sie, Kaja. Aber gerade darum mssen Sie Ragnar zureden, da er auch in seiner Stellung bleibt. Na, lassen Sie es gut sein -- und jetzt gehen Sie nach Hause. *Kaja*. Nun ja, gute Nacht also. *Solne*. Gute Nacht. (Indem sie sich zum Gehen anschickt.) Ach, hren Sie mal! Sind Ragnars Zeichnungen drinnen? *Kaja*. Ich glaube. Wenigstens bemerkte ich nicht, da er sie mitnahm. *Solne*. Dann gehen Sie hinein -- und holen Sie sie mir. Ich knnte Sie vielleicht doch ein bichen ansehen. *Kaja* (erfreut). Ach, thun Sie das doch ja! *Solne*. Um Ihretwillen, liebe Kaja. Na, holen Sie sie mir also geschwind, hren Sie! *Kaja* (eilt ins Zeichenzimmer hinein, whlt ngstlich in der Schublade herum, holt eine Mappe hervor und bringt sie). Da sind alle die Zeichnungen. *Solne*. Schn. Legen Sie sie dorthin auf den Tisch. *Kaja* (legt die Mappe von sich). Gute Nacht also (bittend) und denken Sie gut und lieb von mir. *Solne*. Ach, das thue ich ja immer. Gute Nacht, liebe kleine Kaja. (Er blickt verstohlen nach rechts.) So gehen Sie doch! *Frau Solne* und *Doktor Herdal* (kommen durch die Thr rechts; Herdal ist ein lterer, wohlbeleibter Herr mit rundem, zufriedenem Gesicht, bartlos, hat dnnes helles Haar und trgt eine goldene Brille). Sechster Auftritt. *Die Vorigen*. *Frau Solne*. *Doktor Herdal*. *Frau Solne* (noch in der Thrffnung). Halvard, jetzt kann ich den Doktor nicht lnger halten. *Solne*. Na, kommen Sie nur herein. *Frau Solne* (zu Kaja). Schon fertig mit dem Brief, Frulein? *Kaja* (welche die Pultlampe herunterschraubt, verwirrt). Der Brief --? *Solne*. Es war nur ein ganz kurzer Brief. *Frau Solne*. Recht kurz mu er gewesen sein. *Solne*. Bitte, gehen Sie nur, Frulein Fosli. Und dann sind Sie morgen zu rechter Zeit wieder da. *Kaja*. Gewi. -- Gute Nacht, gndige Frau. (Ab durch die Vorzimmerthr.) *Frau Solne*. Du kannst recht froh sein, Halvard, da du das Frulein da bekommen hast. *Solne*. Ja freilich. Die lt sich zu vielerlei Dingen verwenden. *Frau Solne*. Es scheint so. *Herdal*. Tchtig in der Buchfhrung nebenbei? *Solne*. Na -- einige bung hat sie sich immerhin angeeignet in den zwei Jahren. Und dann ist sie gutmtig und willig zu allem, was man von ihr verlangt. *Frau Solne*. Das mu allerdings eine groe Annehmlichkeit sein -- *Solne*. Das ist's auch. Besonders wenn man nicht verwhnt ist in dieser Beziehung. *Frau Solne* (mit mildem Vorwurf). Kannst du _das_ behaupten, Halvard? *Solne*. Ach nein, nein, liebe Aline. Ich bitte um Verzeihung. *Frau Solne*. Keine Ursache. -- Also Doktor, Sie kommen nachher wieder und trinken den Thee mit uns? *Herdal*. Sobald ich den Krankenbesuch da gemacht habe, komme ich. *Frau Solne*. Sehr liebenswrdig. (Ab durch die Thre rechts.) Siebenter Auftritt. *Solne*. *Doktor Herdal*. *Solne*. Haben Sie Eile, Doktor? *Herdal*. Durchaus nicht. *Solne*. Wir knnen also ein wenig miteinander plaudern? *Herdal*. Wird mir sehr angenehm sein. *Solne*. Dann setzen wir uns. (Er weist dem Doktor den Platz im Schaukelstuhl an und setzt sich selbst in den Lehnstuhl; mit einem forschenden Blick.) Sagen Sie mir -- merkten Sie Aline etwas an? *Herdal*. Soeben, whrend sie hier war, meinen Sie? *Solne*. Ja. Mir gegenber. Merkten Sie etwas? *Herdal* (lchelnd). Na, hren Sie mal -- das _mute_ man ja wohl merken, da Ihre Frau -- hm -- *Solne*. Nun? *Herdal*. Da Ihre Frau keine besondere Vorliebe hat fr dieses Frulein Fosli. *Solne*. Weiter nichts? _Das_ habe ich schon selber bemerkt. *Herdal*. Und ein Wunder ist es ja eigentlich nicht. *Solne*. Was denn? *Herdal*. Da sie es nicht gerade gern sieht, wenn Sie da tagtglich ein anderes Frauenzimmer um sich haben. *Solne*. Nun, darin knnen Sie recht haben. Und Aline auch. Aber _das_ -- das kann nun einmal nicht anders sein. *Herdal*. Knnten Sie sich denn nicht einen Buchhalter anschaffen? *Solne*. Den ersten besten Kerl? Nein, da dank' ich -- damit ist mir nicht gedient. *Herdal*. Aber wenn nun Ihre Frau --? So schwach, wie sie ist -- Wenn sie's nun nicht aushlt, die Sache mitanzusehen? *Solne*. Na, dann mag's in Gottes Namen so sein -- htt' ich beinahe gesagt. Ich mu Kaja Fosli behalten. Kann niemand anderen brauchen als gerade die. *Herdal*. Niemand anderen? *Solne*. Nein, niemand anderen. *Herdal* (seinen Stuhl nher rckend). Jetzt hren Sie mal, lieber Herr Solne. Erlauben Sie mir eine Frage ganz im Vertrauen? *Solne*. Bitte. *Herdal*. Frauenzimmer, sehen Sie -- die haben in gewissen Dingen einen verflucht feinen Sprsinn -- *Solne*. Den haben sie. Das ist so wahr wie nur irgend etwas. Aber --? *Herdal*. Nun gut. Hren Sie weiter. Wenn nun Ihre Frau diese Kaja Fosli schlechterdings nicht ausstehen kann --? *Solne*. Nun, was dann? *Herdal*. Hat sie dann nicht so 'nen -- 'nen ganz winzig kleinen Grund zu dieser unwillkrlichen Abneigung? *Solne* (blickt ihn an und erhebt sich). Oho! *Herdal*. Nehmen Sie mir's nicht bel. Aber _hat_ sie das nicht? *Solne* (kurz und bestimmt). Nein. *Herdal*. Nicht den allermindesten Grund also? *Solne*. Keinen anderen Grund als ihr eigenes Mitrauen. *Herdal*. Ich wei, da Sie in Ihrem Leben verschiedene Frauen gekannt haben. *Solne*. Das leugne ich nicht. *Herdal*. Und auch, da Sie einzelne davon ganz gern gehabt haben. *Solne*. O ja, das auch. *Herdal*. Aber in dieser Sache mit Frulein Fosli --? Hier ist also nichts derartiges mit im Spiele? *Solne*. Nein. Absolut nichts -- _meinerseits_. *Herdal*. Aber von der andern Seite? *Solne*. Danach, scheint mir, haben Sie kein Recht zu fragen, Doktor. *Herdal*. Es war der Sprsinn Ihrer Frau, von dem wir ausgingen. *Solne*. Richtig. Und insofern -- (Er senkt die Stimme.) Alines Sprsinn, wie Sie's nennen -- der hat sich denn auch gewissermaen erprobt. *Herdal*. Na -- sehen Sie wohl! *Solne* (setzt sich). Doktor Herdal -- jetzt will ich Ihnen eine sonderbare Geschichte erzhlen. Wenn Sie sie anhren wollen, heit das. *Herdal*. Sonderbare Geschichten hre ich immer gern. *Solne*. Nun gut. Sie entsinnen sich jedenfalls, da ich Knut Brovik und seinen Sohn in meinen Dienst nahm -- damals, als es mit dem Alten so sehr bergab gegangen war. *Herdal*. Das ist mir so ziemlich bekannt, jawohl. *Solne*. Denn sie sind im Grunde ein paar tchtige Kerle, die beiden, wissen Sie. Sie haben Anlagen, jeder auf seine Art. Da bekam aber der Sohn den Einfall, sich zu verloben. Und nun, natrlich, wollte er auch heiraten -- und anfangen selber zu baumeistern. Denn alle miteinander denken sie nun einmal an solche Geschichten, die jungen Leute. *Herdal* (lachend). Sie haben in der That die ble Gewohnheit, da sie gern einander kriegen wollen. *Solne*. Gut. Damit konnte aber _mir_ nicht gedient sein. Denn Ragnar hatte ich ja selber ntig. Und den Alten auch. Der ist nmlich ausgezeichnet zu verwenden bei Berechnungen von Tragfhigkeit und Kubikinhalt -- und all dem Teufelszeug, wissen Sie. *Herdal*. Nun ja, das gehrt wohl auch mit dazu. *Solne*. Allerdings. Aber Ragnar, der wollte auf eigene Hand beginnen um jeden Preis. Da war alles Reden umsonst. *Herdal*. Dann blieb er ja aber trotzdem bei Ihnen. *Solne*. Jetzt passen Sie nur auf. Eines Tages also, da kommt diese Kaja Fosli zu ihnen herauf, um etwas auszurichten. War frher nie hier gewesen. Und als ich sah, wie herzlich die zwei ineinander vergafft waren, da kam mir pltzlich der Gedanke: htte ich nur das Mdchen hier im Bureau, dann bliebe vielleicht Ragnar auch bei mir sitzen. *Herdal*. Das war ein ganz erklrlicher Gedanke. *Solne*. Gewi. Damals aber lie ich keine Silbe von so etwas fallen. Ich stand nur da und sah sie an -- und wnschte so recht beharrlich, ich htte sie hier. Dann sagte ich ihr ein paar freundliche Worte -- sprach von ganz gleichgltigen Dingen. Und darauf ging sie. *Herdal*. Nun? *Solne*. Den nchsten Tag aber, zur Abendzeit, als der alte Brovik und Ragnar heimgegangen waren, da kam sie wieder her zu mir und benahm sich, als htte ich mit ihr eine Abrede getroffen. *Herdal*. Eine Abrede? Worber? *Solne*. Genau ber das, was ich mir nur so gewnscht hatte. Wovon mir aber kein einziges Wort entschlpft war. *Herdal*. Das war recht merkwrdig. *Solne*. Ja, nicht wahr? Und nun wollte sie wissen, was sie hier zu thun bekme. Ob sie den folgenden Morgen gleich anfangen drfte. Und dergleichen mehr. *Herdal*. Glauben Sie nicht, da sie es that, um mit ihrem Brutigam beisammen zu sein? *Solne*. Anfangs war das auch _meine_ Idee. Aber nein, so verhielt sich's nicht. _Ihm_ entglitt sie, sozusagen vollstndig -- als sie erst hierher gekommen war zu mir. *Herdal*. Da glitt sie wohl zu Ihnen hinber? *Solne*. Ganz und gar. Ich merke, da sie es fhlt, wenn ich hinter ihr bin und sie ansehe. Sie bebt und sie zittert, so oft ich nur in ihre Nhe komme. Was halten Sie davon? *Herdal*. Hm -- das lt sich schon erklren. *Solne*. Nun gut, aber dann das andere? Da sie glaubte, ich htte ihr gesagt, was ich blo gewnscht und gewollt hatte -- so in aller Stille. Inwendig. Ganz fr mich. Was sagen Sie _da_zu? Knnen Sie mir so etwas erklren, Herr Doktor? *Herdal*. Nein, darauf lasse ich mich nicht ein. *Solne*. Das dachte ich mir im voraus. Darum habe ich bisher auch nie davon reden wollen. Aber auf die Dauer fllt mir die Sache verdammt lstig, begreifen Sie wohl. Da mu ich tagtglich herumgehen und thun, als ob ich -- Und es ist ja eine Snde gegen das arme Ding. (Heftig.) Aber ich _kann_ nicht anders. Denn rennt sie von mir fort -- so macht sich auch Ragnar auf den Weg. *Herdal*. Und Ihrer Frau haben Sie diesen ganzen Zusammenhang nie erzhlt? *Solne*. Nein. *Herdal*. Du lieber Gott, warum thun Sie denn das nicht? *Solne* (sieht ihn fest an und sagt gedmpft). Weil's mir vorkommt wie -- wie so eine Art wohlthuende Selbstqulerei, wenn ich mir von Aline Unrecht geschehen lasse. *Herdal* (schttelt den Kopf). Davon verstehe ich kein Sterbenswrtchen. *Solne*. Ja, sehen Sie -- so trage ich doch gleichsam ein bichen ab von einer bodenlosen, ungeheuern Schuld -- *Herdal*. Ihrer Frau gegenber? *Solne*. Jawohl. Und das erleichtert ja immerhin das Gemt ein wenig. Dann kann man eine Weile freier aufatmen, wissen Sie. *Herdal*. Nein, da begreif' ich, wei Gott, kein Wort -- *Solne* (kurz abbrechend, indem er sich aufs neue erhebt). Schon gut -- reden wir nicht mehr davon. (Er geht nachlssigen Schrittes durchs Zimmer, kehrt um, bleibt am Tische stehen und blickt den Doktor mit einem launigen Lcheln an.) Jetzt, Doktor, meinen Sie wohl, da Sie mich recht schn aufs Glatteis gefhrt haben? *Herdal* (etwas rgerlich). Aufs Glatteis? Davon fasse ich _auch_ nicht ein Tpfelchen, Herr Solne. *Solne*. Ach, sagen Sie's nur rein heraus. Ich hab's ja doch sehr wohl bemerkt, hren Sie! *Herdal*. _Was_ haben Sie bemerkt? *Solne* (gedmpft, langsam). Da Sie da so ganz harmlos herumgehen und mich im Auge behalten. *Herdal*. Ich thte das! Du lieber Himmel, warum sollte ich denn _das_ thun? *Solne*. Weil Sie glauben, da ich -- (Aufbrausend.) Na, zum Teufel -- weil _Sie_ von mir dasselbe glauben, was Aline glaubt! *Herdal*. Und was glaubt denn Ihre Frau von Ihnen? *Solne* (sich wieder beherrschend). Sie hat angefangen, zu glauben, ich wre so -- wie soll ich sagen -- krank. *Herdal*. Krank! Sie! Davon hat sie mir nie eine Silbe gesagt. Und was sollte Ihnen denn fehlen, bester Herr Solne? *Solne* (beugt sich ber die Stuhllehne und flstert). Aline geht mit der Idee herum, ich wre verrckt. Das ist's, was sie glaubt. *Herdal*. Aber liebster, bester Herr Solne --! *Solne*. So wahr ich lebe, sie thut's --! So ist es. Und das hat sie auch Ihnen eingeredet. O ich versichere Sie, Doktor -- ich merke es Ihnen nur zu deutlich an. Ich la mich nmlich nicht so leicht hinters Licht fhren, will ich Ihnen sagen. *Herdal* (ihn verwundert anblickend). Niemals, Herr Solne, -- niemals ist mir der leiseste Gedanke an so etwas gekommen. *Solne* (mit einem unglubigen Lcheln). So? Wirklich nicht? *Herdal*. Nein, niemals! Und Ihrer Frau gewi auch nie. Darauf, glaub ich, knnte ich getrost einen Eid ablegen. *Solne*. Na, das sollen Sie doch lieber bleiben lassen. Denn gewissermaen, sehen Sie, da -- da knnte sie wohl auch Grund haben, so was zu denken. *Herdal*. Nein, da mu ich gestehen --! *Solne* (ihn unterbrechend, macht eine Handbewegung). Schon gut, lieber Doktor -- gehen wir auf die Sache nicht nher ein. Mag jeder seine Ansicht fr sich behalten. (Er geht zu einer stillen Leutseligkeit ber.) Aber hren Sie mal, Doktor -- hm -- *Herdal*. Nun? *Solne*. Wenn Sie nun also nicht glauben, da ich -- so -- krank bin -- und verrckt -- und toll und so weiter -- *Herdal*. Was dann, meinen Sie? *Solne*. Dann bilden Sie sich natrlich ein, ich wre ein auerordentlich glcklicher Mann? *Herdal*. Sollte das nur eine Einbildung sein? *Solne* (lachend). I Gott bewahre, wo wollen Sie denn hin! Denken Sie nur -- der Baumeister Solne zu sein! Halvard Solne! Alle Achtung! *Herdal*. Nun, ich mu gestehen, _mir_ kommt's vor, als htten Sie ganz unglaubliches Glck gehabt. *Solne* (unterdrckt ein schwermtiges Lcheln). Das hab' ich auch. In _der_ Beziehung kann ich mich nicht beklagen. *Herdal*. Gleich anfangs, da brannte Ihnen ja die garstige alte Ruberburg nieder. Und das war doch wirklich eine groe Chance. *Solne* (ernst). Es war Alines Elternhaus, das da niederbrannte. Vergessen Sie _das_ nicht. *Herdal*. Fr Ihre Frau mu es allerdings recht traurig gewesen sein. *Solne*. Sie hat's heute noch nicht verwunden. In all' den dreizehn, vierzehn Jahren nicht. *Herdal*. Das, was hinterher kam, das war wohl der schwerste Schlag fr sie. *Solne*. Beides miteinander. *Herdal*. Aber Sie -- Sie selbst -- Sie schwangen sich dabei empor. Da hatten Sie angefangen wie ein armer Bursch vom Lande -- und jetzt stehen Sie da als der erste in Ihrem Fach. Wissen Sie was, Herr Solne, _Sie_ haben wahrhaftig Glck gehabt. *Solne* (mit einem scheuen Blick auf ihn). Jawohl, aber das ist's ja eben, wovor mir so entsetzlich graut. *Herdal*. Es graut Ihnen? Darum, weil Sie Glck haben? *Solne*. Frh und spt ist mir angst und bang. Denn einmal mu doch wohl der Umschwung kommen, verstehen Sie. *Herdal*. Ach was! Woher sollte der Umschwung kommen? *Solne* (fest und sicher). Der kommt von der Jugend. *Herdal*. Pah! Die Jugend! _Sie_ sind doch wohl nicht abgenutzt, sollt ich meinen. O nein -- Sie stehen jetzt so festgemauert da, wie vielleicht niemals zuvor. *Solne*. Der Umschwung kommt. Ich ahne ihn. Und ich fhle, da er nher rckt. Irgend einer drngt sich heran mit der Forderung: Tritt zurck vor _mir_! Und alle die andern strmen ihm nach und drohen und schreien: Platz gemacht -- Platz -- Platz! Jawohl, passen Sie nur auf, Doktor. Eines Tages, da kommt die Jugend hierher und klopft an die Thr -- *Herdal* (lachend). Na, du lieber Gott, was dann? *Solne*. Was dann? Ja, dann ist's aus mit dem Baumeister Solne. (Es klopft an die Thre links.) *Solne* (zusammenfahrend). Was ist denn _das_? Hrten Sie etwas? *Herdal*. Es klopfte jemand. *Solne* (laut). Herein! *Hilde Wangel* (tritt durch die Vorzimmerthr ein; sie ist von mittlerer Gre, geschmeidig, fein gebaut, von der Sonne ein wenig gebrunt; Touristenanzug, das Kleid ein bichen aufgeschrzt, umgeschlagenen Matrosenkragen, ein Seemannshtchen auf den Kopf, Ranzen auf dem Rcken, Plaid in einem Riemen, und mit einem langen Bergstock). Achter Auftritt. *Die Vorigen*. *Hilde Wangel*. *Hilde Wangel* (geht mit freudefunkelnden Augen auf Solne zu). Guten Abend! *Solne* (sieht sie ungewi an). Guten Abend -- *Hilde* (lachend). Ich glaube fast, Sie erkennen mich nicht wieder! *Solne*. Ich mu allerdings gestehen -- so im Augenblick -- *Herdal* (nhert sich). Aber ich erkenne Sie wieder, Frulein -- *Hilde* (vergngt). Ach, _Sie_ sind's --! *Herdal*. Ja freilich bin ich's. (Zu Solne.) Wir trafen uns diesen Sommer im Hochgebirge. (Zu Hilde.) Was wurde denn spter aus den brigen Damen? *Hilde*. Ach die, die gingen nachher westwrts. *Herdal*. Denen war's gewi nicht recht, da wir abends den vielen Unsinn trieben. *Hilde*. Nein, recht wird's ihnen kaum gewesen sein. *Herdal* (mit dem Finger drohend). Und leugnen knnen Sie's auch nicht, da Sie ein bichen mit uns kokettierten. *Hilde*. Das war doch wohl amsanter als dazusitzen und Strmpfe zu stricken mit all' den Weibern. *Herdal* (lachend). Darin bin ich mit Ihnen vollkommen einig. *Solne*. Sind Sie diesen Abend angekommen? *Hilde*. Jawohl, soeben kam ich an. *Herdal*. Ganz allein, Frulein Wangel? *Hilde*. Gewi. *Solne*. Wangel? Heien Sie Wangel? *Hilde* (sieht ihn lustig-verwundert an). Ja freilich thu' ich das. *Solne*. Dann sind Sie vielleicht eine Tochter vom Bezirksarzt oben in Lysanger? *Hilde* (wie oben). Ja, von wem sollte ich denn sonst die Tochter sein? *Solne*. Nun, dann haben wir uns also da oben getroffen. Den Sommer, als ich dort war und den Turm baute fr die alte Kirche. *Hilde* (etwas ernster). Ja freilich war's damals. *Solne*. Nun, das ist lange her. *Hilde* (sieht ihn fest an). Genau zehn Jahre ist's her. *Solne*. Und damals waren Sie wohl ein reines Kind, mein' ich. *Hilde* (leicht hinwerfend). Immerhin so zwlf, dreizehn Jahre alt. *Herdal*. Ist's das erste Mal, da Sie hier in der Stadt sind, Frulein Wangel? *Hilde*. Jawohl. *Solne*. Und Sie kennen vielleicht niemand hier? *Hilde*. Niemand auer Ihnen. Und dann Ihre Frau. *Solne*. So, _die_ kennen Sie auch? *Hilde*. Ein klein wenig nur. Wir waren einige Tage zusammen im Kurort -- *Solne*. Ach, im Hochgebirge. *Hilde*. Sie sagte, ich knnte sie besuchen, wenn ich einmal nach der Stadt kme. (Lchelnd.) Das htte sie brigens nicht ntig gehabt. *Solne*. Da sie davon gar nicht gesprochen hat -- *Hilde* (stellt den Bergstock an den Ofen hin, schnallt den Ranzen ab und legt ihn mit dem Plaid aufs Sofa). *Herdal* (will ihr behilflich sein). *Solne* (steht da und sieht sie an). *Hilde* (auf ihn zugehend). Nun, da bitt' ich also darum, diese Nacht hier bleiben zu drfen. *Solne*. Das lt sich gewi sehr wohl machen. *Hilde*. Ich habe nmlich keine anderen Kleider, als die, in denen ich gehe. Das heit, etwas Wsche im Ranzen habe ich auch. Die mu aber gewaschen werden; denn sie ist so sehr schmutzig. *Solne*. Ach, da kann schon Abhilfe geschafft werden. Jetzt will ich nur gleich meiner Frau -- *Herdal*. Dann mache ich meinen Krankenbesuch derweile. *Solne*. Thun Sie das. Und spter kommen Sie doch wieder. *Herdal* (lustig, mit einem Blick auf Hilde). Na, darauf knnen Sie Ihren Kopf zum Pfand geben! (Lachend.) Sie prophezeiten dennoch richtig, Herr Solne! *Solne*. Wie so! *Herdal*. Die Jugend kam also _doch_ und klopfte bei Ihnen an. *Solne* (aufgerumt). Aber freilich auf andere Art. *Herdal*. Allerdings. Ist nicht zu leugnen! (Ab durch die Vorzimmerthr.) Neunter Auftritt. *Solne*. *Hilde*. Dann *Frau Solne*. *Solne* (ffnet die Thre rechts und spricht ins Seitenzimmer hinein). Aline! Sei so gut und komm' herein. Es ist ein Frulein Wangel da, die du kennst. *Frau Solne* (erscheint in der Thrffnung). _Wer_ ist da, sagst du? (Sie erblickt Hilde.) Ach, Sie sind es, Frulein? (Sie nhert sich und reicht ihr die Hand.) So sind Sie dennoch nach der Stadt gekommen. *Solne*. Frulein Wangel ist soeben angekommen. Und da mchte sie gern die Nacht ber hierbleiben. *Frau Solne*. Hier bei uns? Mit Vergngen. *Solne*. Um Ihre Sachen ein wenig auszubessern, verstehst du. *Frau Solne*. Ich werde mich Ihrer annehmen, so gut ich kann. Das ist ja nur meine Pflicht. Ihr Koffer kommt wohl nach? *Hilde*. Ich habe keinen Koffer. *Frau Solne*. Nun, das lt sich schon ordnen, will ich hoffen. Jetzt mssen Sie aber hier bei meinem Mann vorlieb nehmen solange. Dann sorge ich inzwischen dafr, da Ihnen ein Zimmer etwas behaglich hergerichtet wird. *Solne*. Knnten wir nicht eine von den Kinderstuben nehmen? _Die_ sind ja vollstndig bereit. *Frau Solne*. Das ginge wohl an. _Dort_ haben wir mehr als genug Platz. (Zu Hilde.) Setzen Sie sich doch und ruhen Sie sich ein bichen aus. (Ab nach rechts.) Zehnter Auftritt. *Solne*. *Hilde Wangel*. *Hilde* (schlendert, die Hnde auf dem Rcken, im Zimmer herum und sieht bald dieses, bald jenes an). *Solne* (steht vorn am Tisch, ebenfalls die Hnde auf dem Rcken, und folgt ihr mit den Augen). *Hilde* (bleibt stehen und sieht ihn an). Haben denn Sie mehrere Kinderstuben? *Solne*. Drei Kinderstuben sind im Hause. *Hilde*. Ist's mglich? Dann haben Sie wohl schrecklich viele Kinder? *Solne*. Nein. Wir haben keine Kinder. Aber jetzt knnen ja Sie hier das Kind sein einstweilen. *Hilde*. Fr diese Nacht, ja. Ich werde nicht schreien. Ich will versuchen zu schlafen wie ein Stein. *Solne*. Sie mssen in der That sehr mde sein, denk ich mir. *Hilde*. O nein! Aber trotzdem -- Es ist nmlich so furchtbar schn, so dazuliegen und zu trumen. *Solne*. Trumen Sie oft so in der Nacht? *Hilde*. Jawohl! Fast immer. *Solne*. Wovon trumen Sie denn _meistens_? *Hilde*. Das sag ich heut Abend nicht. Ein anderes Mal -- vielleicht. (Sie schlendert wieder durchs Zimmer, bleibt am Pulte stehen und whlt ein wenig in den Bchern und Papieren herum.) *Solne* (nhert sich). Suchen Sie etwas? *Hilde*. Nein, ich sehe mir nur das alles an. (Sie dreht sich um). Es ist vielleicht nicht erlaubt? *Solne*. O bitte. *Hilde*. Sind Sie's, der in dem groen Protokollbuch schreibt? *Solne*. Nein, das thut die Buchhalterin. *Hilde*. Ein Frauenzimmer? *Solne* (lchelnd). Ja freilich. *Hilde*. So eine, die Sie hier bei sich haben? *Solne*. Gewi. *Hilde*. Ist die verheiratet? *Solne*. Nein, es ist ein Frulein. *Hilde*. Ah so. *Solne*. Aber jetzt heiratet sie wahrscheinlich bald. *Hilde*. Um so besser fr das Frulein. *Solne*. Aber nicht eigentlich fr mich. Dann hab ich nmlich niemand da, um mir zu helfen. *Hilde*. Knnten Sie denn keine andere finden, die ebenso gut wre. *Solne*. Vielleicht mchten _Sie_ hier bleiben und -- und ins Protokollbuch schreiben? *Hilde* (sieht ihn von oben bis unten an). Da kommen Sie schn an! Nein, ich danke -- davon wollen wir nichts wissen. (Sie schlendert wieder durchs Zimmer und setzt sich in den Schaukelstuhl.) *Solne* (geht ebenfalls an den Tisch heran). *Hilde* (gleichsam fortfahrend). Denn hier kann man sich wohl auf andere Art zu schaffen machen, als mit so etwas. (Sie sieht ihn lchelnd an). Meinen Sie nicht auch? *Solne*. Versteht sich. Vor allem da wollen Sie natrlich Einkufe machen und sich recht schn herausputzen. *Hilde* (lustig). Nein, _das_, glaub ich, la ich lieber bleiben. *Solne*. So? *Hilde*. Jawohl; ich habe nmlich mein ganzes Geld durchgebracht, mssen Sie wissen. *Solne* (lachend). Weder Koffer noch Geld also! *Hilde*. Keines von beiden. Aber ich pfeif drauf -- mir kann's jetzt gleich sein. *Solne*. Sehen Sie, _das_ gefllt mir so recht an Ihnen. *Hilde*. Nur das? *Solne*. Das eine mit dem andern. (Er setzt sich in den Lehnstuhl.) Lebt Ihr Vater noch? *Hilde*. Jawohl, der Vater lebt. *Solne*. Und jetzt gedenken Sie vielleicht hier zu studieren? *Hilde*. Nein, die Idee ist mir nicht gekommen. *Solne*. Aber Sie bleiben doch hier einige Zeit, hoffe ich? *Hilde*. Das hngt von den Umstnden ab. (Sie sitzt eine Weile da und blickt ihn, whrend sie sich schaukelt, halb ernsthaft, halb mit unterdrcktem Lcheln an; darauf nimmt sie den Hut ab und legt ihn vor sich auf den Tisch.) Baumeister? *Solne*. Ja? *Hilde*. Sind etwa Sie sehr vergelich? *Solne*. Vergelich? Nicht da ich wte. *Hilde*. Aber wollen Sie denn _gar_ nicht mit mir reden von dem, was da droben vorfiel? *Solne* (einen Augenblick stutzig). Da droben in Lysanger? (Gleichgltig.) Nun, darber ist doch nicht viel zu reden, scheint mir. *Hilde* (sieht ihn vorwurfsvoll an). Wie knnen Sie nur so was sagen! *Solne*. Nun, dann reden Sie zu _mir_ darber. *Hilde*. Als der Turm fertig war, da hatten wir eine groe Feier in der Stadt. *Solne*. Ja, _den_ Tag vergesse ich nicht so leicht. *Hilde* (lchelnd). Nicht? Das ist aber schn von Ihnen! *Solne*. Schn? *Hilde*. Auf dem Kirchhof gab's Musik. Und viele, viele hundert Menschen. Wir Schulmdchen waren wei gekleidet. Und alle miteinander hatten wir Fahnen. *Solne*. Ach ja, die Fahnen -- deren erinnere ich mich nur zu gut! *Hilde*. Dann stiegen Sie geradeswegs am Gerst empor. Direkt hinauf bis zur allerobersten Stelle. Und einen groen Kranz hatten Sie mit. Und den hngten Sie auf ganz oben am Wetterhahn. *Solne* (kurz abbrechend). Ich war's damals so gewohnt. Das ist nmlich ein alter Brauch. *Hilde*. Es war so wundervoll spannend, da unten zu stehen und zu Ihnen hinaufzublicken. Denkt nur, wenn er jetzt abstrzte! Er -- der Baumeister selber! *Solne* (gleichsam ablenkend). Na, das htte auch leicht geschehen knnen. Denn eine von den weigekleideten Teufelsmdchen da -- die gebrdete sich so wild und schrie so zu mir hinauf -- *Hilde* (freudestrahlend). Es lebe der Baumeister Solne! Jawohl! *Solne*. Und schwenkte ihre Fahne so unsinnig hin und her -- da mir ganz wirr im Kopfe wurde vom Ansehen. *Hilde* (leiser, ernsthaft). Das Teufelsmdel -- das war ich! *Solne* (richtet die Augen starr auf sie). Davon bin ich jetzt berzeugt. Das _mssen_ Sie gewesen sein. *Hilde* (wieder lebhaft). Es war ja so entsetzlich schn und spannend. Ich konnte mir nicht denken, da es in der ganzen Welt einen Baumeister gebe, der einen so ungeheuer hohen Turm bauen knnte. Und dann, da Sie selber droben standen, an der allerobersten Spitze! Ein wirklicher lebendiger Mensch! Und da Ihnen gar nicht ein bichen schwindlig wurde! Das war's eigentlich, wovor einem am allermeisten -- so -- schwindelte. *Solne*. Woher wuten Sie denn so sicher, da mir nicht -- *Hilde* (abwehrend). O nein! Pfui! Das sagte mir mein Inneres. Denn sonst htten Sie ja oben nicht singen knnen. *Solne* (sie verwundert anblickend). Singen? Ich htte gesungen? *Hilde*. Ja, das thaten Sie doch wirklich. *Solne* (schttelt den Kopf). Ich habe nie einen Ton gesungen in meinem Leben. *Hilde*. Doch. Damals sangen Sie. Es hrte sich an wie Harfen hoch oben. *Solne* (gedankenvoll). Es ist doch etwas recht wunderliches -- diese ganze Geschichte. *Hilde* (schweigt eine Weile, sieht ihn an und sagt gedmpft). Aber dann -- nachher -- da kam ja das _richtige_. *Solne*. Das richtige? *Hilde* (funkelnd lebhaft). Ja, _daran_ brauch ich Sie wohl nicht zu erinnern? *Solne*. O doch, erinnern Sie mich _daran_ auch ein wenig. *Hilde*. Entsinnen Sie sich nicht, da fr Sie ein groes Diner war im Klub? *Solne*. Gewi. Das mu denselben Nachmittag gewesen sein. Denn den Morgen darauf reiste ich ab. *Hilde*. Und vom Klub her waren Sie zu uns fr den Abend geladen. *Solne*. Das ist ganz richtig, Frulein Wangel. Merkwrdig, wie gut Sie sich alle die Kleinigkeiten eingeprgt haben. *Hilde*. Kleinigkeiten! _Sie_ sind aber kstlich! War das auch vielleicht eine Kleinigkeit, da ich _allein_ war in der Stube, als Sie kamen? *Solne*. Waren _Sie_ das also? *Hilde* (ohne ihm zu antworten). Damals nannten Sie mich nicht Teufelsmdel. *Solne*. Nein, das that ich hoffentlich nicht. *Hilde*. Sie sagten, ich wre wunderschn in dem weien Kleide. Und da ich ausshe wie eine kleine Prinzessin. *Solne*. Das thaten Sie gewi auch, Frulein Wangel. Und nebenbei -- so leicht und frei, wie ich mich an dem Tage fhlte -- *Hilde*. Und dann sagten Sie, wenn ich erst gro wre, sollte ich _Ihre_ Prinzessin sein. *Solne* (lacht ein wenig). Ei, ei -- sagte ich das auch? *Hilde*. Jawohl, das thaten Sie. Und als ich dann fragte, wie lange ich warten sollte, da sagten Sie, Sie kmen in zehn Jahren wieder -- wie ein Unhold -- und entfhrten mich. Nach Spanien oder irgend so einem Lande. Und dort wrden Sie mir ein Knigreich kaufen, versprachen Sie. *Solne* (wie oben). Ja, nach einem guten Diner geht man immer sehr flott mit dem Gelde um. Aber _sagte_ ich denn das alles? *Hilde* (lacht leise). Freilich. Und Sie sagten auch, wie das Knigreich heien sollte. *Solne*. Nun --? *Hilde*. Es sollte das Knigreich Apfelsinia heien. *Solne*. Nun, das war ja ein appetitlicher Name. *Hilde*. Mir gefiel er aber gar nicht. Denn es war ja, als ob Sie sich ber mich lustig machen wollten. *Solne*. Das war aber doch gewi nicht meine Absicht. *Hilde*. Nein, das war ja allerdings auch nicht anzunehmen. Nach dem, was Sie darauf thaten, da -- *Solne*. Was um Himmels willen that ich denn darauf? *Hilde*. Na, das fehlte gerade, da Sie das auch vergessen htten! Denn so etwas mu einer doch behalten, sollt ich meinen. *Solne*. Bringen Sie mich nur ein wenig darauf, dann wird's vielleicht -- Nun? *Hilde* (blickt ihn fest an). Sie kten mich, Baumeister! *Solne* (erhebt sich mit offenem Munde). Ich that das? *Hilde*. Jawohl, das thaten Sie. Sie faten mich mit beiden Armen und bogen mir den Kopf zurck und kten mich. Vielmal nacheinander. *Solne*. Aber ich bitte Sie, Frulein Wangel --! *Hilde* (erhebt sich). Sie wollen es doch nicht leugnen? *Solne*. Doch -- das leugne ich entschieden! *Hilde* (sieht ihn geringschtzig an). Ah so! (Sie dreht sich um und geht langsamen Schrittes dicht an den Ofen hin; dort bleibt sie stehen, den Blick abgewandt, regungslos, die Hnde auf dem Rcken.) (Kurze Pause.) *Solne* (nhert sich behutsam und bleibt hinter ihr stehen). Frulein Wangel --? *Hilde* (schweigt, rhrt sich nicht). *Solne*. Stehen Sie doch nicht da wie eine Salzsule. Was Sie da erzhlten, das mu Ihnen getrumt haben. (Er legt die Hand auf ihren Arm). Hren Sie nur -- *Hilde* (macht mit dem Arm eine ungeduldige Bewegung). *Solne* (als ob ein Gedanke in ihm aufblitze). Oder sollte --! Warten Sie ein wenig --! Da steckt etwas tieferes dahinter, glauben Sie mir! *Hilde* (rhrt sich nicht). *Solne* (gedmpft, aber mit Nachdruck). Ich mu an das alles _gedacht_ haben. Ich mu es _gewollt_ haben. Es _gewnscht_, dazu _Lust_ gehabt. Und da -- Sollte es nicht so zusammenhngen? *Hilde* (schweigt noch immer). *Solne* (ungeduldig). Na ja, zum Kuckuck -- dann hab ich's _gethan_! *Hilde* (dreht den Kopf ein wenig zur Seite, jedoch ohne ihn anzusehen). Sie gestehen also? *Solne*. Jawohl. Alles, was Sie wollen. *Hilde*. Da Sie die Arme um mich schlangen? *Solne*. Jawohl! *Hilde*. Und mir den Kopf zurckbogen? *Solne*. Sehr weit zurck. *Hilde*. Und mich kten? *Solne*. Ja, das that ich. *Hilde*. Vielmal nacheinander? *Solne*. So viel Sie nur wollen. *Hilde* (dreht sich rasch zu ihm um und hat von neuem den freudenfunkelnden Ausdruck in den Augen). Nun, sehen Sie, da hab ich's _doch_ aus Ihnen herausgelockt! *Solne* (verzieht den Mund zu einem kleinen Lcheln). Ja, denken Sie nur -- da ich so was vergessen konnte. *Hilde* (wieder ein wenig schmollend, geht von ihm weg). Ach, _Sie_ haben wohl so viele in Ihrem Leben gekt, kann ich mir vorstellen. *Solne*. Nein, _das_ mssen Sie doch nicht von mir glauben. *Hilde* (setzt sich in den Lehnstuhl). *Solne* (bleibt stehen, indem er sich auf den Schaukelstuhl sttzt und blickt sie sphend an). Frulein Wangel? *Hilde*. Ja? *Solne*. Wie war das doch? Was geschah denn weiter -- zwischen uns beiden, mein ich? *Hilde*. Da geschah ja gar nichts mehr. Das wissen Sie doch wohl. Denn dann kamen ja die andern Fremden, und dann -- pros't Mahlzeit! *Solne*. Richtig! Die andern kamen. Da ich auch das vergessen konnte. *Hilde*. Ach, Sie haben wahrhaftig nichts vergessen. Sie haben sich nur ein bichen geschmt. So was vergit einer doch nicht, sollt' ich meinen. *Solne*. Nein, das sollte man ja annehmen. *Hilde* (wieder lebhaft, sieht ihn an). Oder haben Sie etwa auch vergessen, an welchem Tag es war? *Solne*. An welchem Tag --? *Hilde*. Jawohl. An welchem Tag hngten Sie den Kranz am den Turm? Nun? Sagen Sie's gleich! *Solne*. Hm -- das Datum hab' ich wei Gott vergessen. Ich kann nur sagen, da es vor zehn Jahren war. So zur Herbstzeit. *Hilde* (nickt mehrmals langsam mit dem Kopf). Es war vor zehn Jahren. Am neunzehnten September. *Solne*. Das wird's gewesen sein. So -- so, das haben Sie auch noch behalten! (Er hlt inne.) Aber warten Sie ein wenig --! Gewi -- heute haben wir auch den neunzehnten September. *Hilde*. Jawohl. Und die zehn Jahre sind um. Und Sie kamen nicht -- wie Sie mir's versprochen hatten. *Solne*. Versprochen? Womit ich Ihnen Angst gemacht hatte, meinen Sie wohl? *Hilde*. Es scheint mir nicht, da _das_ etwas zum Angstmachen war. *Solne*. Nun, dann war's also etwas, womit ich mich lustig machte? *Hilde*. Nur _das_ wollten Sie? Sich ber mich lustig machen? *Solne*. Na, oder sagen wir: ein wenig mit Ihnen scherzen. Ich wei es, Gott verzeih mir, nicht mehr. Aber irgend so was ist es wohl gewesen. Denn Sie waren ja nur ein Kind damals. *Hilde*. O ein pures Kind war ich denn doch nicht. Nicht so ein angehender Backfisch, wie _Sie_ glauben. *Solne* (sieht sie forschend an). Haben Sie die ganze Zeit wirklich in vollem Ernst gedacht, ich wrde wiederkommen. *Hilde* (verhehlt ein halb neckisches Lcheln). Freilich! Das hatte ich mir von Ihnen erwartet. *Solne*. Da ich ins Haus kommen wrde zu den Ihrigen und Sie mitnehmen? *Hilde*. Genau wie ein Unhold, jawohl. *Solne*. Und Sie zur Prinzessin machen? *Hilde*. Das versprachen Sie mir ja. *Solne*. Und Ihnen ein Knigreich geben noch dazu? *Hilde* (blickt zur Decke empor). Warum denn nicht? Es brauchte ja nicht gerade so ein gewhnliches richtiges Knigreich zu sein. *Solne*. Aber etwas anderes, was ebensogut wre? *Hilde*. Mindestens ebensogut. (Sie sieht ihn ein wenig an.) Konnten Sie die hchsten Kirchtrme der Welt bauen, da muten Sie wohl auch fr so was wie ein Knigreich Rat schaffen knnen -- dachte ich mir. *Solne* (schttelt den Kopf). Ich kann aus Ihnen nicht recht klug werden, Frulein Wangel. *Hilde*. Nicht? Mir kommt das Ding so einfach vor. *Solne*. Nein, ich kann nicht herausbringen, ob Sie das alles meinen, was Sie sagen. Oder ob Sie nur dasitzen und Unsinn treiben -- *Hilde* (lchelnd). Mich lustig machen etwa? Wie damals Sie? *Solne*. Ganz recht. Da Sie sich lustig machen. ber uns beide. (Mit einem Blick auf sie.) Haben Sie lange gewut, da ich verheiratet bin? *Hilde*. Freilich, das habe ich die ganze Zeit gewut. Warum fragen Sie danach? *Solne* (leicht hinwerfend). Ach, es fiel mir nur so ein. (Er sieht sie ernst an und sagt gedmpft.) Warum sind Sie hergekommen? *Hilde*. Weil ich mein Knigreich haben will. Jetzt ist ja die Frist um. *Solne* (lacht unwillkrlich). Sie sind kostbar! *Hilde* (lustig). Heraus mit meinem Knigreich, Baumeister! (Mit dem Finger klopfend.) Das Knigreich auf den Tisch! *Solne* (rckt den Schaukelstuhl nher und setzt sich). Ernsthaft gesprochen -- warum sind Sie hergekommen? Was wollen Sie eigentlich hier thun? *Hilde*. Nun, frs erste will ich herumgehen und mir alles ansehen, was Sie gebaut haben. *Solne*. Da knnen Sie lange herumlaufen. *Hilde*. Freilich, Sie haben ja so furchtbar viel gebaut. *Solne*. Das hab' ich. Meist in den letzten Jahren. *Hilde*. Viele Kirchtrme auch? Solche ungeheuer hohe? *Solne*. Nein. Ich baue jetzt keine Kirchtrme mehr. Und auch keine Kirchen. *Hilde*. Was bauen Sie denn _jetzt_? *Solne*. Heimsttten fr Menschen. *Hilde* (nachdenklich). Knnten Sie nicht auch ber den Heimsttten da so'n wenig -- so Kirchtrme machen? *Solne* (stutzt). Was meinen Sie _da_mit? *Hilde*. Ich meine -- etwas, was emporzeigt -- frei in die Luft hinauf. Mit dem Wetterhahn in schwindelnder Hhe. *Solne* (grbelt ein wenig). Merkwrdig genug, da Sie das sagen. Denn das ist's ja eben, was ich am allerliebsten mchte. *Hilde* (ungeduldig). Aber warum thun Sie's dann nicht? *Solne* (schttelt den Kopf). Die Menschen wollen's nicht so haben. *Hilde*. Denken Sie nur -- da die das nicht wollen! *Solne* (in leichterem Ton). Jetzt baue ich mir aber ein neues Heim. Hier gerade gegenber. *Hilde*. Fr Sie selber? *Solne*. Jawohl. Es ist beinahe fertig. Und auf _dem_ ist ein Turm. *Hilde*. Ein hoher Turm? *Solne*. Jawohl. *Hilde*. _Sehr_ hoch? *Solne*. Die Leute werden gewi sagen, da er _zu_ hoch ist. Fr ein Wohnhaus wenigstens. *Hilde*. Den Turm da will ich mir ansehen, gleich morgen frh. *Solne* (sitzt da, das Kinn auf die Hand gesttzt, und starrt sie an). Sagen Sie mir, Frulein Wangel -- wie heien Sie? Mit dem Vornamen, meine ich. *Hilde*. Ich heie ja Hilde. *Solne* (wie oben). Hilde? So? *Hilde*. Haben Sie denn _das_ nicht behalten? Sie nannten mich ja selber Hilde. Den Tag, da Sie ungezogen waren. *Solne*. _Das_ that ich auch? *Hilde*. Damals sagten Sie aber: _kleine_ Hilde. Und das gefiel mir nicht. *Solne*. So, das gefiel Ihnen nicht, Frulein Hilde? *Hilde*. Nein. Bei _der_ Gelegenheit nicht. brigens -- Prinzessin Hilde -- Das wird sich ganz gut ausnehmen, scheint mir. *Solne*. Gewi. Prinzessin Hilde von -- von -- Wie hie nur gleich das Knigreich? *Hilde*. Ach was! Von _dem_ dummen Knigreich will ich nichts wissen. Ich wnsche mir ein ganz anderes! *Solne* (hat sich zurckgelehnt und blickt sie immer noch unverwandt an). Ist's nicht sonderbar --? Je mehr ich jetzt darber nachdenke -- da kommt's mir vor, als wre ich lange Jahre herumgegangen und htte mich damit abgeqult -- hm -- *Hilde*. Womit? *Solne*. Auf etwas zu kommen -- so etwas _Erlebtes_, von dem ich meinte, ich mte es vergessen haben. Aber nie fand ich heraus, was das sein knnte. *Hilde*. Sie htten einen Knoten ins Taschentuch machen sollen, Baumeister. *Solne*. Dann htte ich nur daran herumgegrbelt, was wohl der Knoten zu bedeuten htte. *Hilde*. Ja ja, es giebt wohl auch _solche_ Unholde in der Welt. *Solne* (steht langsam auf). Es war ein groes Glck, da _Sie_ jetzt kamen. *Hilde* (blickt ihn tief an). _War's_ ein Glck? *Solne*. Denn ich sa hier so allein. Und starrte so ganz hilflos auf alle die Dinge. (Leiser.) Ich will Ihnen sagen -- ich habe angefangen solche Angst zu bekommen -- so entsetzliche Angst vor der Jugend. *Hilde* (wegwerfend). Pah -- vor der Jugend brauchen Sie doch keine Angst zu haben! *Solne*. Doch; gerade vor _der_. Darum hab' ich mich auch eingeschlossen und eingeriegelt. (Geheimnisvoll.) Sie mssen nmlich wissen, da die Jugend herkommen wird und an die Thre donnern. Da sie zu mir hereinstrmen wird. *Hilde*. Dann, meine ich, sollten Sie einfach hinausgehen und der Jugend aufmachen. *Solne*. Aufmachen? *Hilde*. Freilich. So da die Jugend zu Ihnen hineindrfte. So in aller Gte. *Solne*. Nein, nein! Die Jugend -- sehen Sie -- die ist die Wiedervergeltung. Sie geht dem Umschwung voran. Wie unter einer neuen Fahne. *Hilde* (erhebt sich, blickt ihn an und sagt, indem es um ihre Mundwinkel zuckt). Knnen Sie _mich_ zu etwas brauchen, Baumeister? *Solne*. Ja, jetzt kann ich's wahrhaftig! Denn _Sie_ kommen auch -- gleichsam unter einer neuen Fahne, scheint es mir. Jugend gegen Jugend also --! *Doktor Herdal* (kommt durch die Vorzimmerthr herein). Elfter Auftritt. *Die Vorigen*. *Doktor Herdal*. *Herdal*. Nun -- Sie und das Frulein sind noch immer hier? *Solne*. Wir beide haben vielerlei zu reden gehabt. *Hilde*. Altes und neues. *Herdal*. Wirklich? *Hilde*. O das ist sehr amsant gewesen. Der Baumeister -- der hat nmlich ein ganz unglaubliches Gedchtnis. Alle mglichen Kleinigkeiten, deren entsinnt er sich auf der Stelle. *Frau Solne* (kommt durch die Thre rechts herein). Zwlfter Auftritt. *Die Vorigen*. *Frau Solne*. *Frau Solne*. So, Frulein Wangel, jetzt ist das Zimmer fr Sie in Ordnung. *Hilde*. Ach, wie lieb Sie gegen mich sind! *Solne* (zu seiner Frau). Die Kinderstube? *Frau Solne*. Jawohl, die mittlere. Aber zuerst wollen wir wohl zu Tisch gehen. *Solne* (nickt Hilde zu). Hilde, die soll in der Kinderstube schlafen. *Frau Solne* (sieht ihn an). Hilde? *Solne*. Frulein Wangel heit nmlich Hilde. Ich habe sie gekannt, als sie noch ein Kind war. *Frau Solne*. Ei, was du sagst, Halvard. Also bitte, meine Herrschaften. Der Tisch ist gedeckt. (Sie nimmt den Arm des Doktors und geht mit ihm nach rechts hinaus). *Hilde* (hat inzwischen ihre Reiseeffekten zusammengerafft; leise und schnell zu Solne). Ist das wahr, was sie da sagten? _Knnen_ Sie mich zu etwas brauchen? *Solne* (nimmt ihr die Sachen weg). _Sie_ sind die, die ich am schwersten vermit habe. *Hilde* (blickt ihn mit froh erstaunten Augen an und schlgt die Hnde zusammen). Aber mein Gott --! *Solne* (gespannt). Nun? *Hilde*. Dann _hab_ ich ja das Knigreich! *Solne* (unwillkrlich). Hilde --! *Hilde* (indem es wieder um ihre Mundwinkel zuckt). _Beinahe_ -- htt' ich fast gesagt. (Sie geht nach rechts hinaus.) *Solne* (folgt ihr). * * * * * Zweiter Aufzug. _Ein hbsch ausgestatteter kleiner Salon beim Baumeister Solne._ An der Hinterwand eine Glasthr auf die Veranda und den Garten hinaus. Rechts eine stumpfe Ecke mit Erker, worin Blumenzierrat, und an dem ein groes Fenster angebracht ist. Links ebenfalls eine stumpfe Ecke; an dieser eine kleine Tapetenthr. An jeder Seitenwand eine gewhnliche Thr. Rechts vorn Konsoltisch mit groem Spiegel. Blumen und Pflanzen in reicher Aufstellung. Links vorn Sofa mit Tisch und Sthlen. Weiter zurck ein Bcherschrank. Vor dem Erker ein Tischchen und ein paar Sthle. (Es ist frh vormittags.) Erster Auftritt. *Solne*. *Frau Solne*. Dann *Kaja Fosli*. *Solne* (sitzt am Tischchen, die Mappe Ragnar Broviks vor sich aufgeschlagen; er blttert in den Zeichnungen und sieht einzelne genau an). *Frau Solne* (geht mit einer kleinen Wasserkanne unhrbaren Schrittes herum und macht sich mit den Blumen zu schaffen; sie ist schwarzgekleidet wie zuvor; ihr Hut, Mantel und Sonnenschirm liegen auf einem Stuhl am Spiegel). *Solne* (folgt ihr ein paar Mal unvermerkt mit den Augen. Keines von beiden redet). *Kaja Fosli* (erscheint, leise auftretend, in der Thr links). *Solne* (wendet den Kopf zu ihr hin und sagt in gleichgltigem Ton). Ach, _Sie_ sind's? *Kaja*. Ich wollte nur melden, da ich da wre. *Solne*. Schon gut. Ist Ragnar auch da? *Kaja*. Nein, noch nicht. Er mute noch ein wenig zu Hause bleiben und auf den Arzt warten. Aber nachher, da wollte er herkommen und sich erkundigen -- *Solne*. Wie steht's mit dem Alten heute? *Kaja*. Schlecht. Er lt sich recht sehr entschuldigen, da er den Tag ber liegen bleiben mte. *Solne*. Ach was, entschuldigen. Der soll nur ruhig liegen bleiben. So, jetzt gehen Sie an Ihre Arbeit. *Kaja*. Jawohl. (Sie bleibt an der Thr stehen.) Wollen Sie vielleicht mit Ragnar reden, wenn er kommt? *Solne*. Nein -- ich wte nichts Besonderes. *Kaja* (nach links ab). Zweiter Auftritt. *Solne*. *Frau Solne*. *Solne* (blttert in den Zeitungen weiter). *Frau Solne* (bei den Pflanzen). Ich mchte doch wissen, ob er nicht _auch_ stirbt. *Solne* (blickt zu ihr hin). Der auch? Wer denn noch? *Frau Solne* (ohne zu antworten). Ja, ja, der alte Brovik -- der stirbt jetzt wohl auch, Halvard. Pa nur auf. *Solne*. Liebe Aline, mchtest du nicht ausgehen und dir ein wenig Bewegung machen? *Frau Solne*. Ja, das sollte ich wohl eigentlich thun. (Sie macht sich fortdauernd mit den Blumen zu schaffen.) *Solne* (ber die Zeichnungen gebeugt). Schlft sie noch? *Frau Solne* (sieht ihn an). Ist es Frulein Wangel, an die du da denkst? *Solne* (gleichgltig). Sie kam mir so zufllig in den Sinn. *Frau Solne*. Frulein Wangel ist schon lange auf. *Solne*. So -- so. *Frau Solne*. Als ich drinnen war, da war sie damit beschftigt, ihre Sachen auszubessern. (Sie stellt sich vor den Spiegel hin und setzt langsam den Hut auf). *Solne* (nach einer kurzen Pause). So konnten wir dennoch von einer Kinderstube Gebrauch machen, Aline? *Frau Solne*. Allerdings. *Solne*. Und das ist ja immerhin besser, als da alles leer steht. *Frau Solne*. Diese Leere ist entsetzlich. Darin hast du recht. *Solne* (macht die Mappe zu, steht auf und nhert sich ihr). Du wirst schon sehen, Aline, da es hernach besser fr uns wird. Viel gemtlicher. Leichter zu leben. -- Besonders fr dich. *Frau Solne* (sieht ihn an). Hernach? *Solne*. Ja, glaub mir, Aline -- *Frau Solne*. Meinst du -- weil _sie_ hergekommen ist? *Solne* (bezwingt sich). Ich meine natrlich -- wenn wir erst ins neue Haus eingezogen sind. *Frau Solne* (nimmt ihren Mantel). Ja, glaubst du das, Halvard? Da es _dann_ besser wird? *Solne*. Ich kann mir's nicht anders denken. Und das glaubst doch jedenfalls du auch? *Frau Solne*. Ich glaube gar nichts von dem neuen Hause. *Solne* (verstimmt). Das ist allerdings fr mich verdrielich zu hren. Denn ich habe es doch wohl hauptschlich um deinetwillen gebaut. (Er will ihr beim Anziehen des Mantels behilflich sein). *Frau Solne* (indem sie sich seiner Hilfe entzieht). Im Grunde thust du doch viel zu viel um meinetwillen. *Solne* (mit einer gewissen Heftigkeit). Nein, nein, so was darfst du durchaus nicht sagen, Aline! Ich ertrage es nicht, solche Dinge von dir zu hren! *Frau Solne*. Nun, dann will ich es nicht mehr sagen, Halvard. *Solne*. Aber ich bleib bei meiner Meinung. Du wirst schon sehen, wie gut du dich zurechtfinden wirst da drben im neuen Hause. *Frau Solne*. Ach Gott -- ich mich zurechtfinden --! *Solne* (eifrig). Doch, doch! Darauf kannst du dich verlassen! Denn dort, siehst du -- dort ist so unglaublich viel, was dich an dein eigenes Heim erinnern wird. *Frau Solne*. An das, wo der Vater und die Mutter drin gewohnt hatten. -- Und das dann abbrannte -- alles miteinander. *Solne* (gedmpft). Ja, ja, du arme Aline. Das war fr dich ein furchtbar harter Schlag. *Frau Solne* (in Klagen ausbrechend). Du magst bauen so viel und so lange du nur willst, Halvard -- _mir_ baust du niemals ein richtiges Heim mehr auf! *Solne* (im Zimmer umhergehend). Nun, dann reden wir in Gottes Namen nicht mehr von alledem. *Frau Solne*. Wir pflegen ja sonst auch nie davon zu reden. Denn du schiebst es nur von dir -- *Solne* (bleibt pltzlich stehen und sieht sie an). _Ich?_ Und warum sollt ich denn _das_ thun? Es von mir schieben? *Frau Solne*. Ach, ich verstehe dich ja so wohl, Halvard. Du willst mich ja so gern schonen. Und mich entschuldigen auch. Alles -- was du nur kannst. *Solne* (sie erstaunt anblickend). _Dich!_ _Dich_ entschuldigen! Von dir _selber_ redest du, Aline! *Frau Solne*. Ja, da mu doch wohl von mir die Rede sein. *Solne* (unwillkrlich vor sich hin). _Das_ auch noch! *Frau Solne*. Denn mit dem alten Hause -- mit dem mochte es noch gehen, wie es wollte. Du lieber Gott -- wenn das Unglck nun einmal da war, dann -- *Solne*. Darin hast du recht. Frs Unglck kann man nicht -- wie die Leute sagen. *Frau Solne*. Aber das Entsetzliche, das der Brand nach sich zog --! _Das_ ist es! _Das_ ist es! *Solne* (heftig). Nur nicht _daran_ denken, Aline! *Frau Solne*. Doch, gerade _daran_ mu ich denken. Und endlich einmal davon herausreden auch. Denn es kommt mir vor, als knnte ich es nicht lnger ertragen! Und dann, da ich mir niemals selber verzeihen darf --! *Solne* (mit einem Ausbruch). Dir selber --! *Frau Solne*. Ich hatte ja doch Pflichten nach zwei Seiten hin. Sowohl gegen dich wie gegen die Kleinen. Ich htte mich unempfindlich machen sollen. Nicht den Schrecken so ber mich Herr werden lassen. Auch nicht den Kummer darber, da mir das Heim abgebrannt war. (Sie ringt die Hnde.) Ach, htte ich nur gekonnt, Halvard! *Solne* (nhert sich, erschttert, leise). Aline -- du mut mir versprechen, da du solchen Gedanken nie mehr nachgehen wirst. Versprich mir das ja! *Frau Solne*. Ach Gott -- versprechen! Versprechen! Man kann ja alles mgliche versprechen -- *Solne* (pret die Hnde zusammen und geht im Zimmer umher). Ach, es ist doch zum Verzweifeln! Niemals ein Sonnenstrahl! Nie soviel wie nur ein Streiflicht ins Heim hinein! *Frau Solne*. Hier _ist_ ja kein Heim, Halvard. *Solne*. Ach nein, das ist nur zu wahr. (Schwermtig.) Und Gott wei, ob du nicht darin recht behltst, da es im neuen Hause auch nicht besser fr uns wird! *Frau Solne*. Das wird es nie werden. Ebenso leer. Ebenso de. Dort wie hier. *Solne* (heftig). Aber um's Himmels willen, warum haben wir's dann erst gebaut? Kannst du mir das erklren? *Frau Solne*. Nein, darauf mut du dir selber Antwort geben. *Solne* (blickt mitrauisch zu ihr hin). Was meinst du damit, Aline? *Frau Solne*. Was ich meine? *Solne*. Ja doch, zum Teufel --! Du sagtest es so sonderbar. Als ob du dabei einen verborgenen Gedanken httest. *Frau Solne*. Nein, da kann ich dich wahrhaftig versichern -- *Solne* (nhert sich ihr). Ist gar nicht ntig -- ich wei schon, was ich wei. Und sehen und hren thu' ich auch, Aline. Darauf kannst du dich verlassen! *Frau Solne*. _Was_ denn aber? _Was_ denn? *Solne* (stellt sich vor sie hin). Witterst du etwa nicht einen tckischen versteckten Sinn in dem unschuldigsten Wort, das ich nur sage? *Frau Solne*. _Ich_, sagst du! Thue _ich_ das? *Solne* (lacht). Hahaha! Das ist ja kein Wunder, Aline! Wenn du dich mit einem kranken Mann im Hause abqulen mut, dann -- *Frau Solne* (angstvoll). Krank! Bist du krank, Halvard! *Solne* (herausplatzend). Oder ein halbtoller Mann! Ein verrckter Mann! Nenn' mich, wie du willst! *Frau Solne* (greift nach der Stuhllehne und setzt sich). Halvard -- um's Himmels willen --! *Solne*. Aber ihr irrt euch beide. Sowohl du als der Doktor. So steht's nicht mit mir. (Er geht auf und ab.) *Frau Solne* (folgt ihm ngstlich mit den Augen). *Solne* (geht zu ihr hin, ruhig). Im Grunde fehlt mir nicht das Geringste. *Frau Solne*. Nein, nicht wahr! Aber was hast du dann? *Solne*. Die Sache ist die, da ich manchmal fast zusammenbreche unter dieser entsetzlichen Schuldenlast -- *Frau Solne*. Schulden, sagst du! Aber du bist ja niemand etwas schuldig, Halvard! *Solne* (leise, bewegt). Doch -- ich bin in bodenloser Schuld -- _dir_ gegenber, Aline. *Frau Solne* (erhebt sich langsam). Was steckt hier dahinter? Sag' es lieber gleich. *Solne*. Aber es _steckt_ ja nichts dahinter! Ich habe dir nie etwas Bses zugefgt. Jedenfalls nicht mit Wissen und Willen. Und trotzdem habe ich die Empfindung, als ob eine erdrckende Schuld fortwhrend auf mir lastete. *Frau Solne*. Eine Schuld _mir_ gegenber? *Solne*. Am meisten dir gegenber. *Frau Solne*. Dann bist du dennoch -- krank, Halvard. *Solne* (schwermtig). Das wird's wohl sein. Oder etwas hnliches. (Er blickt nach der Thre rechts, die sich ffnet.) Da! Jetzt wird's wieder hell. *Hilde Wangel* (kommt herein; sie hat an ihrem Anzug einzelnes gendert; das Kleid ist herabgelassen). Dritter Auftritt. *Die Vorigen*. *Hilde Wangel*. *Hilde*. Guten Morgen, Baumeister! *Solne* (nickt ihr zu). Gut geschlafen? *Hilde*. Wundervoll! Wie in einer Wiege. O -- ich habe dagelegen und mich gestreckt wie -- wie eine Prinzessin. *Solne* (lchelt ein wenig). Wohlauf und munter also. *Hilde*. Das sollt ich meinen. *Solne*. Jedenfalls auch getrumt? *Hilde*. Freilich. Das war aber unheimlich. *Solne*. So? *Hilde*. Mir trumte nmlich, ich strzte von einer ungeheuer hohen steilen Felswand hinab. Trumen denn Sie nie so was? *Solne*. O ja -- zuweilen, da -- *Hilde*. Es ist so entsetzlich spannend -- wenn einer so fllt und fllt. *Solne*. Es ist so ein eisiges Gefhl, scheint's mir. *Hilde*. Ziehen Sie die Beine in die Hhe, wenn's kommt? *Solne*. So weit hinauf, wie ich nur kann. *Hilde*. Das thu' ich auch. *Frau Solne* (nimmt ihren Sonnenschirm). Jetzt mu ich wohl in die Stadt, Halvard. (Zu Hilde.) Und dann bring' ich Verschiedenes mit nach Hause, was Sie ntig haben knnen. *Hilde* (will ihr um den Hals fallen). Ach, liebste reizende Frau Solne! Sie sind aber doch _zu_ lieb gegen mich! Furchtbar lieb -- *Frau Solne* (abwehrend, sich losmachend). Ach, durchaus nicht. Das ist ja einfach meine Pflicht. Und darum thue ich es so gern. *Hilde* (verdrossen, spitzt die Lippen). brigens meine ich, da ich mich ganz gut auf der Strae zeigen knnte -- so hbsch, wie ich's jetzt zurechtgebracht habe. Oder _kann_ ich das etwa nicht? *Frau Solne*. Aufrichtig gesprochen, glaube ich schon, da Ihnen die Leute ein wenig nachblicken wrden. *Hilde* (geringschtzig). Pah! Weiter nichts? Das ist ja nur spahaft. *Solne* (bler Laune, die er zu verhehlen sucht). Ja, sehen Sie, die Leute knnten aber auf die Idee kommen, _Sie_ wren auch verrckt. *Hilde*. Verrckt? Giebt's denn so viele Verrckte in der Stadt? *Solne* (zeigt auf seine Stirn). Da sehen Sie wenigstens _einen_ von ihnen. *Hilde*. _Sie_ -- Baumeister! *Frau Solne*. Aber bester Halvard! *Solne*. Haben Sie denn _das_ noch nicht bemerkt? *Hilde*. Nein, das hab' ich allerdings nicht bemerkt. (Sie besinnt sich und lacht ein wenig.) Oder doch -- in einem einzigen Punkt vielleicht. *Solne*. Nun, hrst du wohl, Aline? *Frau Solne*. Was ist denn das fr ein Punkt, Frulein Wangel? *Hilde*. Nein, das sag' ich nicht. *Solne*. Ach, sagen Sie's doch! *Hilde*. O nein -- so verrckt bin ich nicht. *Frau Solne*. Wenn du mit Frulein Wangel allein bist, dann sagt sie es schon, Halvard. *Solne*. So -- glaubst du? *Frau Solne*. Ei gewi. Du kennst sie ja doch so gut von frher. Von der Zeit, da sie noch ein Kind war -- sagtest du. (Ab durch die Thre links.) Vierter Auftritt. *Solne*. *Hilde Wangel*. *Hilde* (nach einer kleinen Pause). Ihre Frau -- kann denn die mich gar nicht leiden? *Solne*. Kam es Ihnen vor, als ob ihr so etwas anzumerken war? *Hilde*. Merkten Sie's denn selber nicht? *Solne* (ausweichend). Aline ist so menschenscheu geworden in den letzten Jahren. *Hilde*. Das auch noch? *Solne*. Aber wenn Sie sie erst recht kennen lernten -- Sie ist nmlich so treu -- und gut -- und brav, im Grunde genommen -- *Hilde* (ungeduldig). Aber wenn sie das alles ist -- warum redet sie denn dann von Pflicht? *Solne*. Von Pflicht? *Hilde*. Sie sagte ja, sie wollte in die Stadt und mir etwas kaufen. Weil es ihre _Pflicht_ wre -- sagte sie. O ich kann das hliche, garstige Wort nicht ausstehen! *Solne*. Warum denn nicht? *Hilde*. Es hrt sich so kalt und spitzig und stechend an. Pflicht -- Pflicht -- Pflicht. Finden _Sie_ das nicht auch? Da es einen gleichsam sticht? *Solne*. Hm -- hab' drber so genau nicht nachgedacht. *Hilde*. Doch! Und wenn sie so gut ist -- wie Sie von ihr behaupten -- warum brauchte sie denn so was zu sagen? *Solne*. Du lieber Gott, was htte sie denn sagen sollen? *Hilde*. Sie htte ja sagen knnen, da sie es thte, weil sie mich so furchtbar gern htte. So was htte sie sagen knnen. Irgend etwas recht Warmes und Herzliches, wissen Sie. *Solne* (sieht sie an). Auf _die_ Art wollen Sie's also haben? *Hilde*. Ja, just auf _die_ Art. (Sie schlendert im Zimmer umher, bleibt am Bcherschrank stehen und sieht sich die Bcher an.) Sie haben aber viele Bcher. *Solne*. 's geht an. Ich hab mir hin und wieder einige angeschafft. *Hilde*. Lesen Sie auch in all den Bchern? *Solne*. Frher probierte ich's. Lesen _Sie_? *Hilde*. O nein! Jetzt nie mehr. Denn den Zusammenhang find ich _doch_ nie heraus. *Solne*. Gerade so geht's mir auch. *Hilde* (geht wieder ein wenig herum, bleibt an dem Tischchen stehen, ffnet die Mappe und blttert darin.) Haben _Sie_ das alles gezeichnet? *Solne*. Nein, das ist von einem jungen Mann, der bei mir angestellt ist. *Hilde*. Einer, den _Sie_ selber ausgebildet haben? *Solne*. Nun, er hat jedenfalls auch von _mir_ etwas gelernt. *Hilde* (setzt sich). Dann ist er wohl _sehr_ tchtig? (Sie sieht sich eine Zeichnung ein wenig an.) Ist er das nicht? *Solne*. Nicht bel. Fr _meinen_ Gebrauch da -- *Hilde*. Doch, doch! Der ist gewi ungeheuer tchtig. *Solne*. Meinen Sie das den Zeichnungen ansehen zu knnen? *Hilde*. Ach, was kmmere ich mich um den Plunder! Aber wenn er bei _Ihnen_ in der Lehre gewesen ist, dann -- *Solne*. Ach, was _das_ betrifft -- Da giebt's viele, die von _mir_ gelernt haben. Aber weiter bringen sie's darum doch nicht. *Hilde* (sieht ihn kopfschttelnd an). Nein, wie _Sie_ dumm sein knnen, das geht doch ber meinen Verstand. *Solne*. Dumm? Komme ich Ihnen denn so _sehr_ dumm vor? *Hilde*. Ja, wahrhaftig. Wenn Sie sich dazu hergeben, alle die Kerle auszubilden, dann -- *Solne* (stutzt). Nun? Und warum denn das nicht? *Hilde* (steht auf, halb im Ernst, halb lachend). Ach nein, Baumeister! Wozu denn das! Kein anderer als Sie sollte bauen drfen. Sie ganz allein. Alles sollten Sie selber machen. Jetzt wissen Sie's. *Solne* (unwillkrlich). Hilde --! *Hilde*. Nun? *Solne*. Wie knnen Sie nur auf die Idee gekommen sein? *Hilde*. Halten Sie sie denn fr so ganz verkehrt? *Solne*. So war's nicht gemeint. Jetzt will ich Ihnen aber etwas sagen. *Hilde*. Nun also? *Solne*. Da hab' ich mich unablssig -- in der Stille und Einsamkeit -- mit dem nmlichen Gedanken herumgebalgt. *Hilde*. Nun, das ist ja ganz natrlich, scheint mir. *Solne* (sieht sie forschend an). Und das haben Sie jedenfalls schon bemerkt. *Hilde*. Nein, das habe ich gar nicht bemerkt. *Solne*. Aber vorhin -- als Sie sagten, Sie hielten mich fr -- verdreht? So in _einem_ Punkt --? *Hilde*. Ach, da dachte ich an etwas ganz anderes. *Solne*. Und was war denn das andere? *Hilde*. Das kann Ihnen ja gleich sein, Baumeister. *Solne* (entfernt sich). Na -- wie Sie wollen. (Er bleibt am Erker stehen). Kommen Sie hierher, da zeige ich Ihnen etwas. *Hilde* (nhert sich). Was denn? *Solne*. Sehen Sie -- da drben im Garten --? *Hilde*. Ja? *Solne* (zeigt hinaus). Gerade ber dem groen Steinbruch --? *Hilde*. Das neue Haus, meinen Sie? *Solne*. An dem gebaut wird, jawohl. Fast ganz fertig. *Hilde*. Es hat einen sehr hohen Turm, kommt's mir vor. *Solne*. Das Gerst ist noch dran. *Hilde*. Ist das Ihr neues Haus? *Solne*. Jawohl. *Hilde*. Das Haus, in das Sie bald einziehen werden? *Solne*. Jawohl. *Hilde* (sieht ihn an). Sind in dem Haus auch Kinderstuben? *Solne*. Drei, ebenso wie hier. *Hilde*. Und keine Kinder. *Solne*. Kommen auch keine. *Hilde* (mit einem halben Lcheln). Ja, hatt' ich da nicht recht --? *Solne*. Worin --? *Hilde*. Darin, da Sie _doch_ so -- ein wenig verrckt sind. *Solne*. _Daran_ dachten Sie also? *Hilde*. Ja, an alle die leeren Kinderstuben. Da, wo ich drin schlief. *Solne* (gedmpft). Wir _haben_ Kinder gehabt -- Aline und ich. *Hilde* (blickt ihn gespannt an). Haben _Sie_ --! *Solne*. Zwei kleine Jungen. Beide waren -- gleich alt. *Hilde*. Zwillinge also. *Solne*. Ja, Zwillinge. Es ist jetzt elf oder zwlf Jahre her. *Hilde* (behutsam). Und beide sind also --? Die Zwillinge haben Sie also jetzt nicht mehr? *Solne* (still bewegt). Wir behielten sie nur so drei Wochen. Oder nicht einmal so lange. (Mit einem Ausbruch.) Ach, Hilde, wie unglaublich gut ist es fr mich, da Sie kamen! Jetzt habe ich doch endlich jemand, mit dem ich reden kann. *Hilde*. Knnen Sie denn das nicht auch mit -- mit _ihr_? *Solne*. Nicht von _dem_ da. Nicht so, wie ich will und mu. (Schwermtig.) Und auch nicht von so vielem andern. *Hilde* (gedmpft). War's nur _das_, worauf Sie anspielten, als Sie sagten, Sie brauchten mich? *Solne*. _Das_ war's wohl am ehesten. Gestern jedenfalls. Denn heute wei ich nicht mehr so recht -- (Abbrechend.) Setzen wir uns doch, Hilde. Setzen Sie sich da aufs Sofa -- so da Sie den Garten vor Augen haben. *Hilde* (setzt sich in die Sofaecke). *Solne* (rckt einen Stuhl nher). Haben Sie Lust mich anzuhren? *Hilde*. Ja, ich hre Sie sehr, sehr gern an. *Solne* (setzt sich). Dann will ich Ihnen also alles sagen. *Hilde*. Jetzt habe ich sowohl den Garten als Sie vor Augen, Baumeister. So, nun erzhlen Sie! Gleich! *Solne* (zeigt gegen das Erkerfenster hin). Da drauen auf der Anhhe -- wo Sie also das neue Haus sehen -- *Hilde*. Ja? *Solne*. Dort wohnten Aline und ich in den ersten Jahren. Da droben lag nmlich damals ein altes Haus, das ihrer Mutter gehrt hatte. Und das bekamen wir nach ihr. Und den ganzen groen Garten, den bekamen wir dazu. *Hilde*. War auf _dem_ Hause auch ein Turm? *Solne*. Keine Spur von so etwas. Von auen nahm es sich aus wie ein groer, hlicher, dunkler Holzkasten. Aber inwendig war's doch ganz nett und gemtlich. *Hilde*. Rissen Sie dann die alte Bude nieder? *Solne*. Nein. Sie brannte ab. *Hilde*. Alles miteinander? *Solne*. Jawohl. *Hilde*. War das fr Sie ein rechtes Unglck? *Solne*. Je nachdem man's nimmt. Als Baumeister kam ich auf den Brand hin in die Hhe -- *Hilde*. Aber --? *Solne*. Die zwei kleinen Jungen waren damals gerade geboren -- *Hilde*. Richtig -- die armen Zwillinge. *Solne*. Sie kamen so gesund und krftig zur Welt. Und wachsen thaten sie, so da man's frmlich sehen konnte von Tag zu Tag. *Hilde*. Kleine Kinder wachsen sehr rasch in den ersten Tagen. *Solne*. Es war der herzigste Anblick, den einer sich nur gnnen konnte, Aline mit den beiden daliegen zu sehen. -- Da kam aber die Brandnacht -- *Hilde* (gespannt). Was geschah! Sagen Sie's doch. Kam jemand um? *Solne*. Das nicht. Alle wurden wohlbehalten aus dem Hause gerettet -- *Hilde*. Nun, aber was weiter --? *Solne*. Der Schrecken hatte Aline so entsetzlich erschttert. Der Feuerlrm -- der Auszug aus dem Hause -- Hals ber Kopf -- und das noch dazu in der eisigen Nachtklte -- Denn sie muten ja hinausgetragen werden, so wie sie dalagen. Sowohl sie als die Kleinen. *Hilde*. Und die vertrugen's nicht? *Solne*. Doch -- _die_ vertrugen's schon. Aber Aline bekam das Fieber. Und das ging in die Milch ber. Selber ihre Amme sein, das hatte sie ja durchaus gewollt. Denn das wre ihre Pflicht, sagte sie. Und unsere beiden Kleinen, die -- (er pret die Hnde zusammen) die -- oh! *Hilde*. _Das_ berstanden sie nicht? *Solne*. Nein, _das_ berstanden sie nicht. Das war's, was sie uns wegri. *Hilde*. Das mu furchtbar hart fr Sie gewesen sein. *Solne*. Hart genug fr mich. Aber zehn Mal hrter fr Aline. (Er ballt die Fuste in verhaltener Wut.) O da so etwas vorfallen darf in dieser Welt! Seit dem Tage, da ich sie verlor, baute ich ungern Kirchen. *Hilde*. Vielleicht auch nicht gern den Kirchturm droben bei uns? *Solne*. Gern nicht. Ich wei noch, wie froh und leicht mir zu Mute war, als der Turm da fertig war. *Hilde*. Das wei ich auch. *Solne*. Und jetzt baue ich nie -- nie mehr so etwas! Weder Kirchen noch Kirchtrme. *Hilde* (nickt langsam). Nur Huser, wo Leute drin wohnen knnen. *Solne*. Heimsttten fr Menschen, Hilde. *Hilde*. Aber Heimsttten mit hohen Trmen und Spitzen. *Solne*. Das am liebsten. (Er geht zu einem leichteren Ton ber). Ja, sehen Sie -- wie gesagt -- der Brand, der brachte mich empor. Als Baumeister, heit das. *Hilde*. Warum nennen Sie sich nicht Architekt wie die andern? *Solne*. Hab dazu nicht grndlich genug gelernt. Was ich kann, hab ich meistenteils selber ausgeheckt. *Hilde*. Aber in die Hhe kamen Sie trotzdem, Baumeister. *Solne*. Nach dem Brande, ja. Fast den ganzen Garten zerstckelte ich in Baupltze fr Villen. Und dort durfte ich bauen, wie ich's selber haben wollte. Und da ging's ja reiend schnell mit mir vorwrts. *Hilde* (sieht ihn forschend an). _Sie_ sind gewi ein sehr glcklicher Mann. So, wie's Ihnen geht. *Solne* (finster). Glcklich? Sagen _Sie_ das auch? Wie alle die andern. *Hilde*. Das mssen Sie doch sein, mein ich. Wenn Sie nur aufhren knnten an die zwei kleinen Kinder zu denken, dann -- *Solne* (langsam). Die zwei kleinen Kinder -- von denen ist es nicht so leicht loszukommen, Hilde. *Hilde* (ein wenig unsicher). Sind sie immer noch ein so groes Hindernis? So lange, lange Zeit nachher? *Solne* (sieht sie fest an, ohne zu antworten). Ein glcklicher Mann, sagten Sie -- *Hilde*. Ja, aber _sind_ Sie denn das nicht -- im brigen? *Solne* (sieht sie fortdauernd an). Als ich Ihnen die Geschichte vom Brande erzhlte -- hm -- *Hilde*. Nun! *Solne*. Kam Ihnen da nicht ein bestimmter Gedanke, der sich Ihnen -- so ganz besonders aufdrngte? *Hilde* (besinnt sich vergebens). Nein. Was sollte denn _das_ fr ein Gedanke sein? *Solne* (mit gedmpftem Nachdruck). Einzig und allein durch den Brand konnte ich dazu kommen, Heimsttten fr Menschen zu bauen. Behagliche, trauliche, helle Heimsttten, wo Vater und Mutter und die ganze Kinderschar leben knnten in dem sichern und frohen Gefhl, da es ein recht glckliches Los ist, _dazusein_ in dieser Welt. Und am glcklichsten, einander anzugehren -- im Groen und im Kleinen. *Hilde* (eifrig). Jawohl, ist denn aber das nicht fr Sie ein rechtes Glck, da Sie solche reizende Heimsttten schaffen knnen? *Solne*. Der Preis, Hilde. Der entsetzliche Preis, den ich bezahlen mute, um dazu zu kommen. *Hilde*. Werden Sie sich denn darber _nie_ hinwegsetzen knnen? *Solne*. Nein. Um dazu zu kommen, Heimsttten zu bauen fr andere, mute ich verzichten -- fr alle Zeiten darauf verzichten, selber ein Heim zu haben. Ich meine ein Heim fr die Kinderschar. Und fr Vater und Mutter auch. *Hilde* (behutsam). Aber _muten_ Sie denn das? Fr alle Zeiten, sagen Sie? *Solne* (nickt langsam). Das war der Preis fr dieses Glck, von dem die Leute so viel reden. (Er atmet schwer.) Das Glck da -- hm -- _das_ Glck war nicht billiger zu erkaufen, Hilde. *Hilde* (wie oben). Aber kann's mit dem nicht doch noch wieder gut werden? *Solne*. Nie. Niemals. Das ist auch eine Folge vom Brande. Und von Alines Krankheit darauf. *Hilde* (sieht ihn mit einem unbestimmbaren Ausdruck an). Und doch bauen Sie immer noch alle die Kinderstuben. *Solne* (ernst). Haben Sie nie gemerkt, Hilde, da das Unmgliche -- da das einen gleichsam lockt und ruft? *Hilde* (denkt nach). Das Unmgliche? (Lebhaft.) Gewi! Haben _Sie's_ auch auf die Art? *Solne*. Ja, so hab ich's. *Hilde*. Dann ist wohl auch in Ihnen so -- so etwas vom Unhold? *Solne*. Warum gerade Unhold? *Hilde*. Nun, wie wollen denn _Sie_ so was nennen? *Solne* (erhebt sich). Mag sein, da Sie recht haben. (Heftig.) Aber mu ich denn nicht zum Unhold _werden_ -- so wie's mir immer und ewig in allem geht! In allem! *Hilde*. Wie meinen Sie das? *Solne* (gedmpft, in innerer Erregung). Achten Sie auf das, was ich Ihnen sage, Hilde. Alles, was mir vergnnt wurde zu wirken, zu bauen, zu schaffen, Schnes, Trauliches -- Erhabenes auch -- (Er ballt die Fuste.) O es ist doch ein entsetzlicher Gedanke --! *Hilde*. _Was_ ist so entsetzlich? *Solne*. Da ich das alles unaufhrlich aufwgen mu. Dafr bezahlen. Nicht mit Geld. Aber mit Menschenglck. Und nicht mit meinem Glck allein. Mit dem Glcke anderer auch. Ja, da sehen Sie's, Hilde! _Den_ Preis hat mich mein Knstlerplatz gekostet -- mich und andere. Und Tag fr Tag mu ich ansehen, wie der Preis aufs neue fr mich bezahlt wird. Wieder und wieder -- und immer wieder! *Hilde* (erhebt sich und blickt ihn unverwandt an). Jetzt denken Sie gewi an -- an _sie_. *Solne*. Ja. Meist an Aline. Denn Aline -- die hatte auch ihren Beruf im Leben. Ebenso wohl, wie ich den meinigen. (Mit bebender Stimme.) Aber ihr Beruf, der mute verpfuscht, erdrckt, zermalmt werden -- damit meiner mich vorwrts bringen knnte zu -- zu dem, was aussieht wie ein groer Sieg. Denn das mssen Sie wissen. Aline -- die hatte auch ihre Anlagen zum Bauen. *Hilde*. Sie? Zum Bauen? *Solne* (schttelt den Kopf). Keine Huser und Trme und Pfeiler -- nichts von dem, was ich selber treibe -- *Hilde*. Nun, aber _was_ denn? *Solne* (weich und bewegt). Kleine Kinderseelen aufzubauen, Hilde. Kinderseelen aufzubauen, so da sie gro werden in Gleichgewicht und in schnen edlen Formen. So da sie sich erheben zu geraden erwachsenen Menschenseelen. _Das_ war's, wozu Aline Anlagen hatte. Und das alles, das liegt jetzt da. Ungebraucht -- und unbrauchbar fr immer. Und ohne das mindeste zu ntzen. Genau wie die Schutthaufen nach einem Brande. *Hilde*. Nun -- wenn's aber auch so wre -- *Solne*. Es _ist_ so. Es _ist_ so. Ich wei es. *Hilde*. Nun gut, aber _Sie_ sind doch jedenfalls nicht schuld daran. *Solne* (richtet den Blick auf sie und nickt langsam). Ja, wissen Sie, _das_ ist eben die groe entsetzliche Frage. _Das_ ist der Zweifel, der an mir nagt -- frh und spt. *Hilde*. _Das?_ *Solne*. Ja, setzen Sie mal den Fall, ich _wre_ schuld daran. Gewissermaen wenigstens. *Hilde*. Sie! An dem Brand! *Solne*. An allem. Alles miteinander. -- Und dann vielleicht -- ganz unschuldig trotzdem. *Hilde* (sieht ihn besorgt an). Ach, Baumeister -- wenn Sie so etwas sagen knnen -- dann sind Sie ja dennoch -- krank. *Solne*. Hm -- werd wohl mein Leben lang auch nie recht gesund werden in dem Stck. *Ragnar Brovik* (ffnet behutsam die kleine Thr in der Ecke links). Fnfter Auftritt. *Die Vorigen*. *Ragnar Brovik*. *Hilde* (macht einige Schritte). *Ragnar* (Hilde erblickend). O -- Entschuldigen Sie, Herr Solne -- (Er will sich zurckziehen.) *Solne*. Nein, nein, bleiben Sie nur. Dann ist's gethan. *Ragnar*. Ach ja -- wr's nur so weit! *Solne*. Ihrem Vater geht's ja nicht besser, wie ich hre. *Ragnar*. Mit dem Vater geht's rasch abwrts. Und darum bitte ich Sie recht instndig -- geben Sie mir ein paar gute Worte auf einem von den Blttern! Etwas, was der Vater zu lesen bekommen kann, ehe er -- *Solne* (heftig). Sie drfen mir von Ihren Zeichnungen nicht mehr reden! *Ragnar*. Haben Sie sie angesehen? *Solne*. Ja -- das hab ich. *Ragnar*. Und sie taugen nicht? Und ich tauge wohl auch nicht? *Solne* (ausweichend). Bleiben Sie hier bei mir, Ragnar. Sie sollen's bekommen, wie Sie's selber haben wollen. Dann knnen Sie Kaja heiraten. Sorgenfrei leben. Glcklich vielleicht auch. Nur denken Sie nie daran, auf eigene Hand zu bauen. *Ragnar*. Ja, da mu ich also heimgehen und das dem Vater sagen. Denn das versprach ich ihm. -- _Soll_ ich das dem Vater sagen -- ehe er stirbt? *Solne* (mit sich selber ringend). Ach, sagen Sie ihm -- sagen Sie ihm meinetwegen, was Sie wollen. Das beste ist, Sie sagen ihm gar nichts! Ich _kann_ nicht anders handeln, als wie ich thue, Ragnar! *Ragnar*. Darf ich also die Zeichnungen mitnehmen? *Solne*. Ja, nehmen Sie sie -- nehmen Sie sie nur! Sie liegen dort auf dem Tisch. *Ragnar* (geht hin). Ich bin so frei. *Hilde* (legt die Hand auf die Mappen). Nein, nein, lassen Sie sie liegen. *Solne*. Warum denn? *Hilde*. Ich will sie nmlich auch ansehen. *Solne*. Aber Sie _haben_ sie ja -- (Zu Ragnar.) Nun, lassen Sie sie also hier liegen. *Ragnar*. Sehr gern. *Solne*. Und dann gehen Sie gleich heim zu Ihrem Vater. *Ragnar*. Ja, das mu ich wohl. *Solne* (wie verzweifelt). Ragnar -- Sie _drfen_ von mir nicht etwas verlangen, was ich nicht kann! Hren Sie, Ragnar! Sie _drfen_ das nicht! *Ragnar*. Nein, nein. Entschuldigen Sie -- (Er verbeugt sich und geht zur Eckthr hinaus). Sechster Auftritt. *Solne*. *Hilde Wangel*. *Hilde* (sieht Solne zornig an). Das war recht hlich von Ihnen. *Solne*. Meinen _Sie_ das auch? *Hilde*. Ja, furchtbar hlich war's. Und hart und bse und grausam noch dazu. *Solne*. Ach, Sie begreifen nicht, was in _mir_ vorgeht. *Hilde*. Und doch -- Nein, _Sie_ sollen nicht so sein. *Solne*. Sie sagten ja selbst eben erst, nur _ich_ sollte bauen drfen. *Hilde*. So was kann ich sagen. Aber _Sie_ drfen's nicht. *Solne*. Ich wohl am meisten. So teuer, wie ich meinen Platz erkauft habe. *Hilde*. Nun ja -- mit etwas, was Sie husliches Behagen nennen -- und dergleichen. *Solne*. Und mit meinem Seelenfrieden obendrein. *Hilde* (erhebt sich). Seelenfrieden! (Innig.) Ja, darin haben Sie recht! Armer Baumeister -- Sie bilden sich ja ein, da -- *Solne* (von einem stillen Lachen geschttelt). Setzen Sie sich nur wieder, Hilde. Da erzhle ich Ihnen etwas Spahaftes. *Hilde* (gespannt, setzt sich). Nun also? *Solne*. Es nimmt sich aus, wie ein lcherlich kleines Ding. Denn die ganze Geschichte dreht sich blo um eine Ritze in einer Schornsteinrhre. *Hilde*. Weiter nichts? *Solne*. Anfangs war's weiter nichts. (Er rckt einen Stuhl an den Hildes nher heran und setzt sich.) *Hilde* (ungeduldig, klopft sich aufs Knie). Die Ritze in der Schornsteinrhre also! *Solne*. Ich hatte die Ritze in der Rhre bemerkt, lange bevor das Feuer ausbrach. Jedesmal, wenn ich auf dem Dachboden droben war, sah ich nach, ob sie noch da wre. *Hilde*. Und das war sie? *Solne*. Jawohl. Denn niemand anders wute darum. *Hilde*. Und Sie sagten nichts? *Solne*. Gar nichts. *Hilde*. Dachten auch nicht daran, die Rhre ausbessern zu lassen? *Solne*. Dachte schon daran -- kam aber nie weiter. Jedesmal, wenn ich mich dranmachen wollte, war's mir gerade, als ob sich eine Hand dazwischen legte. Heute nicht, dachte ich. Morgen. Es wurde nie was daraus. *Hilde*. Ja, warum waren Sie denn so eine Schlafmtze. *Solne*. Weil mir allerlei im Kopf herumging. (Langsam und gedmpft.) Durch die kleine schwarze Ritze in der Schornsteinrhre knnte ich mich vielleicht emporschwingen -- als Baumeister. *Hilde* (blickt vor sich hin). Das mu spannend gewesen sein. *Solne*. Unwiderstehlich fast. Ganz unwiderstehlich. Denn damals kam mir alles so leicht und so einfach vor. Ich wollte, es sollte so mitten im Winter sein. Ein wenig vor der Mittagsstunde. Ich sollte drauen sein und Aline im Schlitten spazieren fahren. Die Dienstboten zu Hause, die sollten stark geheizt haben. *Hilde*. Jawohl, denn an dem Tage sollte es wohl furchtbar kalt sein? *Solne*. Schneidend kalt. Und da wollten sie's natrlich fr Aline recht warm und gemtlich herrichten, bis sie heimkme. *Hilde*. Denn die friert gewi leicht. *Solne*. Ja, das thut sie. Und dann, auf dem Heimwege, sollten wir den Rauch sehen. *Hilde*. Blo den Rauch? *Solne*. Zuerst den Rauch. Aber wenn wir das Gartenthor erreicht htten, dann sollte der ganze alte Holzkasten von lodernden Feuermassen umhllt sein. -- Auf _die_ Art wollte ich's haben, sehen Sie. *Hilde*. Aber du lieber Gott, da es so nicht kommen konnte! *Solne*. Ja, das knnen Sie schon sagen, Hilde. *Hilde*. Jetzt hren Sie aber, Baumeister. Wissen Sie denn auch ganz bestimmt, da das Feuer von der kleinen Ritze im Schornstein herrhrte? *Solne*. Im Gegenteil. Ich wei ganz bestimmt, da die Ritze im Schornstein insofern mit dem Feuer gar nichts zu thun hatte. *Hilde*. _Was!_ *Solne*. Es ist vllig erwiesen, da das Feuer in einer Kleiderkammer ausbrach -- in einem ganz andern Teil des Hauses. *Hilde*. Ja, was faseln Sie denn dann immerfort von der ewigen Ritze im Schornstein! *Solne*. Darf ich noch ein wenig mit Ihnen weiterreden, Hilde? *Hilde*. Ja, wenn Sie nur vernnftig reden wollen -- *Solne*. Ich will's versuchen. (Er rckt seinen Stuhl nher.) *Hilde*. Also heraus mit der Sprache, Baumeister. *Solne* (vertraulich). Glauben Sie nicht auch, Hilde, da es einzelne auserkorene, auserwhlte Menschen giebt, denen die Gnade verliehen wurde und die Macht und die Fhigkeit, etwas zu _wnschen_, etwas zu _begehren_, etwas zu _wollen_ -- so beharrlich und so -- so unerbittlich -- da sie es zuletzt bekommen _mssen_. Glauben Sie das nicht? *Hilde* (mit einem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Wenn _das_ der Fall ist, dann werden wir schon einmal sehen -- ob _ich_ zu den Auserkorenen gehre. *Solne*. _Allein_ wirkt einer so groe Dinge nicht. O nein -- die Helfer und die Diener -- die mssen schon auch dabei sein, wenn's zu was werden soll. Aber die kommen nie von selber. Man mu sie recht beharrlich rufen. So inwendig, verstehen Sie. *Hilde*. Was sind denn das fr Helfer und Diener? *Solne*. Ach, davon knnen wir ein anderes Mal reden. Bleiben wir jetzt bei der Geschichte mit dem Brand. *Hilde*. Glauben Sie nicht, da der Brand trotzdem gekommen wre -- wenn Sie ihn auch _nicht_ herbeigewnscht htten? *Solne*. Htte das Haus dem alten Knut Brovik gehrt, _dem_ wr's gar nie so gelegen abgebrannt. Davon bin ich berzeugt. Denn der versteht nicht die Helfenden zu rufen, und die Dienenden auch nicht. (Unruhig, steht auf.) Sehen Sie, Hilde -- ich bin's also doch, der daran schuld ist, da die zwei Kleinen das Leben einben muten. Und bin ich nicht auch etwa daran schuld, da Aline nicht zu dem geworden ist, was sie werden sollte und konnte. Und was sie am liebsten wollte. *Hilde*. Ja, wenn es nun aber blo diese Helfer und Diener sind, dann --? *Solne*. Wer rief die Helfer und Diener? Das that _ich_! Und da kamen sie und unterwarfen sich meinem Willen. (In steigender Erregung.) _Das_ ist's, was die Leute Glck haben nennen. Aber _ich_ will Ihnen sagen, wie das Glck empfunden wird! Es wird empfunden wie eine groe hautlose Stelle hier auf der Brust. Und die Helfer und Diener nehmen Hautfetzen von andern Menschen, um _meine_ Wunde zu schlieen! Aber die Wunde heilt doch nicht zu. Nie -- niemals! Ach, wenn Sie wten, wie das zuweilen saugt und brennt. *Hilde* (sieht ihn aufmerksam an). Sie _sind_ krank, Baumeister. Schwer krank, glaub ich fast. *Solne*. Sagen Sie verrckt, denn das meinen Sie ja. *Hilde*. Nein, am Verstande, glaub ich, fehlt Ihnen weiter nichts. *Solne*. Wo fehlt's mir denn? Heraus damit! *Hilde*. Ob die Sache nicht _die_ ist, da Sie mit einem krnklichen Gewissen zur Welt gekommen sind. *Solne*. Mit einem krnklichen Gewissen? Was ist denn das fr ein Teufelszeug? *Hilde*. Ich meine, da das Gewissen bei Ihnen recht schwchlich ist. So -- zart gebaut. Da es keinen Sto vertrgt. Da es das, was schwer ist, nicht heben noch tragen kann. *Solne* (brummend). Hm! Wie sollte dann das Gewissen sein, wenn ich fragen darf? *Hilde*. Bei Ihnen mchte ich am liebsten, da das Gewissen so -- so recht robust wre. *Solne*. So? Robust? Na. Haben _Sie_ vielleicht ein robustes Gewissen? *Hilde*. Ich glaube schon. Ich habe wenigstens nichts anderes gemerkt. *Solne*. Ist wohl auch nicht sonderlich auf die Probe gestellt worden, denk ich mir. *Hilde* (indem es um ihre Mundwinkel zuckt). Nun, so leicht war's doch nicht, vom Vater fortzugehen, den ich so ungeheuer gern habe. *Solne*. Ach was! Fr einen Monat oder zwei -- *Hilde*. Ich komme gewi niemals wieder heim. *Solne*. Niemals? Warum gingen Sie denn von ihm fort. *Hilde* (halb im Ernst, halb neckisch). Haben Sie schon wieder vergessen, da die zehn Jahre um sind? *Solne*. Ach, Unsinn. War zu Hause irgend etwas los? Nun? *Hilde* (ernsthaft). Es _war_ dieses Etwas in meinem Innern, was mich herjagte und mich herpeitschte. Und was mich lockte und anzog zu gleicher Zeit. *Solne* (eifrig). Da haben wir's! Da haben wir's, Hilde! Auch in Ihnen wohnt ein Unhold. Wie in mir. Denn es ist der Unhold in einem, sehen Sie -- der ist es, der die Mchte herbeiruft. Und dann _mu_ man nachgeben -- man mag wollen oder nicht. *Hilde*. Ich glaube beinahe, Sie haben recht, Baumeister. *Solne* (geht im Zimmer umher). O es giebt in der Welt so erstaunlich viele Teufelchen, die einer nicht sieht, Hilde. *Hilde*. Teufelchen auch noch? *Solne* (bleibt stehen). Gutmtige Teufelchen und bsartige Teufelchen. Blondhaarige Teufelchen und schwarzhaarige. Wenn man nur immer wte, ob's die blonden sind oder die schwarzen, die einen in ihrer Gewalt haben! (Er schlendert herum.) Ja, dann wre das Ding ganz einfach! *Hilde* (folgt ihm mit den Augen). Oder wenn man ein recht krftiges, von Gesundheit strotzendes Gewissen htte. So da man sich das _getraute_, was man am liebsten _mchte_. *Solne* (bleibt am Konsoltische stehen). Ich meinerseits glaube, da die meisten in dem Punkt ebenso groe Schwchlinge sind wie ich selber. *Hilde*. Mag schon sein. *Solne* (lehnt sich an den Tisch). In den Sagenbchern -- Haben Sie von den alten Sagenbchern etwas gelesen? *Hilde*. Freilich! Zu der Zeit, da ich noch Bcher las -- *Solne*. In den Sagenbchern wird von Wikingern berichtet, die nach fremden Lndern segelten und plnderten und Huser in Brand steckten und Mnner totschlugen -- *Hilde*. Und Weiber gefangen nahmen -- *Solne*. Und sie bei sich behielten -- *Hilde*. Und auf den Schiffen mit nach Hause nahmen -- *Solne*. Und mit ihnen verfuhren wie -- wie die schlimmsten Unholde. *Hilde* (sieht mit einem halbverschleierten Blick vor sich hin). Mir scheint, das mute spannend sein. *Solne* (mit einem kurzen brummenden Lachen). Weiber zu fangen? Jawohl. *Hilde*. Gefangen zu _werden_. *Solne* (sieht sie einen Augenblick an). Ach so. *Hilde* (gleichsam abbrechend). Aber wo wollen Sie denn mit den Wikingern hinaus, Baumeister? *Solne*. Ja, sehen Sie, _die_ Kerle hatten ein robustes Gewissen! Wenn die wieder heimkamen, dann konnten sie fressen und saufen, als wenn nichts geschehen wre. Und lustig wie Kinder waren sie auch noch. Und dann die Weiber! Die wollten manchmal gar nicht wieder von ihnen fort. Knnen Sie so was begreifen, Hilde? *Hilde*. Die Weiber begreife ich ausgezeichnet. *Solne*. Oho! Knnten Sie etwa selber ebenso handeln? *Hilde*. Warum denn nicht? *Solne*. Mit so einem -- Gewaltthter zusammenleben -- freiwillig? *Hilde*. Wenn's ein Gewaltthter wre, den ich recht lieb gewonnen htte, dann -- *Solne*. Knnten Sie denn so einen Menschen lieb gewinnen? *Hilde*. Ach Gott, das steht doch nicht bei einem selber, wen man lieb gewinnen soll. *Solne* (sieht sie nachdenklich an). Ach nein -- _das_ entscheidet wohl der Unhold, der in einem wohnt. *Hilde* (mit einem halben Lachen). Und dann alle diese merkwrdigen Teufelchen, mit denen Sie so gut bekannt sind. Sowohl die blondhaarigen als die schwarzhaarigen. *Solne* (mit Wrme, in gedmpftem Ton). Dann wnsche ich Ihnen, da die Teufelchen mit Schonung fr Sie whlen, Hilde. *Hilde*. Fr mich _haben_ sie schon gewhlt. Ein fr allemal. *Solne* (blickt sie tief an). Hilde -- Sie sind wie ein wilder Waldvogel. *Hilde*. Durchaus nicht. Ich verstecke mich nicht im Gebsch. *Solne*. Nein, das thun Sie wohl nicht. Da sind Sie eher noch einem Raubvogel hnlich. *Hilde*. Das noch eher -- vielleicht. (Mit groer Heftigkeit.) Und warum kein Raubvogel? Warum sollte ich nicht auch auf Raub ausgehen? Die Beute an mich reien, zu der ich Lust habe? Wenn ich sie nur packen kann mit meinen Krallen. Und die Oberhand behalten. *Solne*. Hilde -- wissen Sie, was Sie sind? *Hilde*. Ja, ich bin gewi so ein sonderbarer Vogel. *Solne*. Nein; Sie sind wie ein anbrechender Tag. Wenn ich Sie ansehe -- dann ist's mir, als blickte ich gegen Sonnenaufgang. *Hilde*. Sagen Sie mir, Baumeister -- wissen Sie bestimmt, da Sie mich nie gerufen haben? So inwendig? *Solne* (leise und langsam). Ich glaube fast, ich mu es gethan haben. *Hilde*. Was wollten Sie von mir? *Solne*. _Sie_ sind die Jugend, Hilde. *Hilde* (lchelnd). Die Jugend, vor der sie solche Angst haben? *Solne* (nickt langsam). Und die ich doch im Grunde so sehnlich herbeiwnsche. *Hilde* (erhebt sich, geht zum Tischchen hin, holt die Mappe Ragnar Broviks, hlt ihm die Mappe hin). Die Zeichnungen also -- *Solne* (kurz, abweisend). Legen Sie das Zeug weg! Ich habe es lange genug angesehen. *Hilde*. Aber Sie sollten ja etwas fr ihn daraufschreiben. *Solne*. Daraufschreiben! In meinem Leben thu' ich's nicht. *Hilde*. Aber wenn nun der arme alte Mann im Sterben liegt! Knnten Sie da nicht ihm und dem Sohn eine Freude machen, ehe sie sich trennen? Und vielleicht knnte er dann auch dazu kommen, nach den Zeichnungen zu bauen. *Solne*. Ja, das ist's ja eben, was er kann. Das wird er sich schon gesichert haben, der -- der Monsieur. *Hilde*. Aber du lieber Gott -- wenn sich's so verhlt -- knnen Sie dann nicht ein klein bichen lgen? *Solne*. Lgen? (Wtend). Hilde -- gehen Sie weg von mir mit Ihren Teufelszeichnungen! *Hilde* (zieht die Mappe ein wenig zurck). Nanu -- beien Sie mich doch nicht. -- _Sie_ reden von Unholden. Mir kommt's vor, Sie betragen sich selber wie ein Unhold. (Sie sieht sich um.) Wo haben Sie Feder und Tinte? *Solne*. Giebt's nicht hier im Zimmer. *Hilde* (will hinaus). Aber drauen beim Frulein haben Sie doch -- *Solne*. Bleiben Sie, wo Sie sind, Hilde! -- Ich sollte lgen, sagten Sie. Nun ja, seinem alten Vater zuliebe knnte ich das immerhin thun. Denn den habe ich einmal erdrckt. ber den Haufen geworfen. *Hilde*. Den auch? *Solne*. Ich brauchte Platz fr mich selber. Aber dieser Ragnar -- der darf um keinen Preis in die Hhe kommen. *Hilde*. Das wird er wohl auch nie, der arme Kerl. Wenn er nichts taugt, dann -- *Solne* (nher, sieht sie an und flstert). Kommt Ragnar Brovik in die Hhe, dann schlgt er _mich_ zu Boden. Erdrckt mich -- wie ich's mit seinem Vater that. -- *Hilde*. Erdrckt er _Sie_? Taugt er denn? *Solne*. Ja, darauf knnen Sie sich verlassen, da _der_ taugt! _Der_ ist die Jugend, die bereit steht, bei mir anzuklopfen. Und dem ganzen Baumeister Solne den Garaus zu machen. *Hilde* (sieht ihn mit stillem Vorwurf an). Und trotzdem wollen Sie ihm den Weg versperren. Pfui, Baumeister! *Solne*. Er hat Herzblut genug gekostet, der Kampf, den ich durchgemacht habe. -- Und dann habe ich Angst, da die Helfer und Diener mir nicht mehr gehorchen. *Hilde*. Dann mssen Sie's auf eigene Faust versuchen. Da ist nichts anderes zu thun. *Solne*. Hoffnungslos, Hilde. Der Umschwung kommt. Etwas frher oder etwas spter. Denn die Wiedervergeltung, die ist unerbittlich. *Hilde* (angstvoll, hlt sich die Ohren zu). Reden Sie doch nicht so! Wollen Sie mir das Leben nehmen! Mir das nehmen, was mir mehr ist als das Leben! *Solne*. Und was ist denn _das_? *Hilde*. Sie gro zu sehen. Sie zu sehen mit einem Kranz in der Hand. Hoch, hoch oben auf einem Kirchturm. (Wieder ruhig.) Nun, jetzt heraus mit dem Bleistift. Denn einen Bleistift haben Sie doch bei sich? *Solne* (nimmt seine Brieftasche heraus). Da habe ich einen. *Hilde* (legt die Mappe auf den Sofatisch). Gut. Und jetzt, Baumeister, setzen wir uns, wir zwei. *Solne* (setzt sich an den Tisch). *Hilde* (hinter ihm, beugt sich ber die Stuhllehne). Und jetzt schreiben wir etwas auf die Zeichnungen hinauf. Etwas recht, recht Liebes und Warmes schreiben wir. Fr diesen hlichen Roar -- oder wie er nun heit. *Solne* (schreibt einige Zeilen, wendet den Kopf und blickt zu ihr auf). Ich mchte etwas wissen, Hilde. *Hilde*. Nun? *Solne*. Wenn Sie also volle zehn Jahre auf mich gewartet haben -- *Hilde*. Was dann? *Solne*. Warum schrieben Sie mir nie? Dann htte ich Ihnen antworten knnen. *Hilde* (schnell). Nein, nein! Das war's gerade, was ich nicht haben wollte. *Solne*. Warum nicht? *Hilde*. Ich frchtete, das Ganze knnte mir dabei unter den Hnden zusammenbrechen. -- Aber wir sollten ja auf die Zeichnungen etwas hinaufschreiben, Baumeister. *Solne*. Ja freilich. *Hilde* (beugt sich vornber und sieht zu, whrend er schreibt). Wie warm und gut und herzig. O wie ich ihn hasse -- wie ich ihn hasse, diesen Roald -- *Solne* (schreibend). Haben Sie nie jemand so recht gern gehabt, Hilde? *Hilde* (hart). Was sagten Sie? *Solne*. Ob Sie nie jemand recht gern gehabt haben? *Hilde*. Jemand anderen, meinen Sie wohl? *Solne* (blickt zu ihr auf). Jemand anderen, jawohl. Haben Sie das nie? In diesen zehn Jahren? Niemals? *Hilde*. O ja, dann und wann. Wenn ich recht wild auf Sie war, weil Sie nicht kamen. *Solne*. Da hatten Sie andere auch gern? *Hilde*. Ein klein wenig. Eine Woche oder zwei. Du lieber Gott, Baumeister, Sie wissen ja doch, wie sich's mit so was verhlt. *Solne*. Hilde -- in welcher Absicht sind Sie hergekommen? *Hilde*. Verlieren Sie doch die Zeit nicht mit dem vielen Reden. Der arme alte Mann ist vielleicht schon am Sterben. *Solne*. Antworten Sie mir, Hilde. Was wollen Sie von mir? *Hilde*. Ich will mein Knigreich haben. *Solne*. Hm -- (Er blickt flchtig nach der Thr links und fhrt zu schreiben fort). *Frau Solne* (erscheint gleichzeitig; sie trgt einige Pakete). Siebenter Auftritt. *Die Vorigen*. *Frau Solne*. *Frau Solne*. Da habe ich einige Kleinigkeiten fr Sie mitgebracht, Frulein Wangel. Die groen Pakete werden spter nachgeschickt. *Hilde*. O das war aber _doch_ lieb von Ihnen! *Frau Solne*. Einfach meine Pflicht. Weiter gar nichts. *Solne* (liest das, was er geschrieben hat, durch). Aline! *Frau Solne*. Ja? *Solne*. Sahst du, ob sie -- die Buchhalterin drauen war? *Frau Solne*. Ja natrlich war _die_ da. *Solne* (legt die Zeichnungen in die Mappe hinein). Hm -- *Frau Solne*. Sie stand am Pulte, wie sie immer thut -- wenn _ich_ durchs Zimmer gehe. *Solne* (steht auf). Dann will ich's ihr also geben. Und ihr sagen, da -- *Hilde* (nimmt ihm die Mappe weg). Ach nein, gnnen Sie doch mir die Freude! (Sie geht zur Thr, dreht sich aber dann um.) Wie heit sie? *Solne*. Sie heit Frulein Fosli. *Hilde*. Ach, das hrt sich ja so frostig an! Mit dem Vornamen, meine ich? *Solne*. Kaja -- glaube ich. *Hilde* (ffnet die Thr und ruft hinaus). Kaja! Kommen Sie herein. Schnell! Der Baumeister will mit Ihnen reden. *Kaja Fosli* (kommt herein und bleibt an der Thr stehen). Achter Auftritt. *Die Vorigen*. *Kaja Fosli*. *Kaja* (sieht ihn verschchtert an). Da bin ich --? *Hilde* (reicht ihr die Mappe). Da, Kaja! Sie knnen die Sachen mitnehmen. Denn jetzt hat der Baumeister daraufgeschrieben. *Kaja*. Ach, endlich! *Solne*. Geben Sie's dem Alten so rasch wie mglich. *Kaja*. Ich gehe gleich damit nach Hause. *Solne*. Thun Sie das. Und jetzt kann ja Ragnar dazu kommen, zu bauen. *Kaja*. Ach, darf er herkommen, um Ihnen zu danken fr alles, was -- *Solne* (hart). Ich mag keinen Dank! Sagen Sie ihm das von mir. *Kaja*. Jawohl, das werde ich -- *Solne*. Und sagen Sie ihm zugleich, da ich ihn hernach nicht mehr ntig habe. Und Sie auch nicht. *Kaja* (leise, mit bebender Stimme). Mich auch nicht! *Solne*. Von nun an werden Sie sich ja um andere Dinge kmmern mssen. Und das ist ja nur in der Ordnung. Na, jetzt gehen Sie also mit den Zeichnungen nach Hause, Frulein Fosli. Schnell! Hren Sie! *Kaja* (wie oben). Jawohl, Herr Solne. (Ab.) Neunter Auftritt. *Solne*. *Frau Solne*. *Hilde Wangel*. *Frau Solne*. Gott, hat _die_ tckische Augen. *Solne*. Die! Das arme dumme Gnschen. *Frau Solne*. O -- mir macht sie nichts weis, Halvard. Kndigst du ihnen wirklich? *Solne*. Gewi. *Frau Solne*. Ihr auch? *Solne*. Wolltest du's nicht selber so haben? *Frau Solne*. Da du aber _die_ entbehren kannst --? Na, du wirst schon eine in der Hinterhand haben, Halvard. *Hilde* (lustig). Ja, _ich_ tauge jedenfalls nicht dazu, am Schreibpult zu stehen. *Solne*. Na, la gut sein, Aline -- das wird sich schon finden. Jetzt sollst du nur daran denken, ins neue Heim einzuziehen -- so schnell wie's geht. Heut Abend hngen wir den Kranz hinauf, (zu Hilde) ganz oben auf die Turmspitze. Was sagen Sie dazu, Frulein Hilde? *Hilde* (starrt ihn mit funkelnden Augen an). Das wird entsetzlich schn sein, Sie wieder so hoch oben zu sehen. *Solne*. Mich! *Frau Solne*. Ach Gott, Frulein Wangel, stellen Sie sich doch nicht so etwas vor. Mein Mann -- so _schwindelig_ wie _der_ ist! *Hilde*. Schwindelig! Nein, das ist er doch wahrhaftig nicht! *Frau Solne*. O doch, das ist er. *Hilde*. Ich habe ihn ja aber selber ganz oben auf einem hohen Kirchturm gesehen! *Frau Solne*. Davon habe ich allerdings die Leute reden hren. Aber das ist rein unmglich -- *Solne* (heftig). Unmglich -- unmglich, jawohl! Ich stand aber _doch_ droben! *Frau Solne*. Wie kannst du nur so was sagen, Halvard? Du vertrgst es ja nicht einmal, auf den Balkon hinauszugehen, droben im ersten Stock. So bist du ja immer gewesen. *Solne*. Du knntest vielleicht heut Abend etwas anderes erleben. *Frau Solne* (angstvoll). Nein, nein! Das werde ich doch mit Gottes Hilfe niemals erleben. Gleich schreibe ich dem Doktor. Der wird dich schon davon abbringen. *Solne*. Aber Aline --! *Frau Solne*. Ja, du bist ja doch krank, Halvard! Das _kann_ ja nichts anderes sein! Ach Gott -- ach Gott! (Sie eilt nach rechts ab.) Zehnter Auftritt. *Solne*. *Hilde Wangel*. *Hilde* (sieht ihn gespannt an). Ist es wahr? *Solne*. Da ich schwindelig bin? *Hilde*. Da _mein_ Baumeister sich nicht _getraut_ -- nicht so hoch steigen _kann_, wie er selber baut? *Solne*. Sehen Sie das Ding von _der_ Seite an? *Hilde*. Ja. *Solne*. Ich glaube, es ist bald kein Winkelchen in mir, das vor Ihnen sicher sein kann. *Hilde* (blickt zum Erkerfenster hin). Da oben also. Ganz oben -- *Solne* (nher). In der obersten Turmkammer knnten Sie wohnen, Hilde. -- Knnten's dort haben wie eine Prinzessin. *Hilde* (mit einem unbestimmbaren Gemisch von Ernst und Scherz). Ja, das haben Sie mir ja versprochen. *Solne*. Hab ich das eigentlich? *Hilde*. Pfui, Baumeister! Sie sagten, ich sollte Prinzessin werden. Und da ich von Ihnen ein Knigreich bekommen sollte. Und dann faten Sie -- Na, mehr sag' ich nicht! *Solne* (behutsam). Sind Sie ganz gewi, da es nicht so ein Traum war -- eine Einbildung, die sich bei Ihnen festgesetzt hat? *Hilde* (unwirsch). Sie _thaten's_ am Ende gar nicht? *Solne*. Wei es kaum selber. (Leiser.) Aber _das_ wei ich jetzt allerdings, da ich -- *Hilde*. Da Sie --? Sagen Sie's gleich! *Solne*. Da ich's htte thun _sollen_. *Hilde* (mit khner Zuversicht). _Sie_ waren in Ihrem Leben nie schwindelig! *Solne*. Heut Abend hngen wir also den Kranz hinauf -- Prinzessin Hilde. *Hilde* (mit einem bittern Zug um den Mund). ber Ihr neues Heim, jawohl. *Solne*. ber das neue Haus. Das niemals ein _Heim_ wird fr _mich_. (Ab durch die Verandathr.) *Hilde* (sieht mit einem verschleierten Blick ins Leere hinaus und flstert vor sich hin; man hrt nur die Worte:) Entsetzlich spannend -- -- * * * * * Dritter Aufzug. Eine groe breite Veranda vor dem Wohnhause des Baumeisters Solne. Ein Teil des Hauses mit einem Ausgang zur Veranda ist links sichtbar; vor dieser rechts ein Gelnder. Rckwrts, an der schmalen Seite der Veranda, fhrt eine Treppe hinunter zum tiefer gelegenen Garten. Groe alte Bume im Garten strecken ihre ste ber die Veranda gegen das Haus hin aus. Ganz rechts, zwischen den Bumen, erblickt man den untersten Teil der neuen Villa, um dessen Turmbau das Gerst noch steht. Im Hintergrund ist der Garten von einem alten Steckenzaun begrenzt. Auerhalb des Zauns eine Strae mit niedrigen verfallenen Huschen. Auf der Veranda eine Gartenbank lngs der Hauswand, und vor der Bank ein lnglicher Tisch; an der anderen Seite des Tisches ein Lehnstuhl und einige Taburetts. Alle Mbel sind geflochten. Abendhimmel mit sonnenbeleuchteten Wolken. Erster Auftritt. *Frau Solne*. *Hilde Wangel*. *Frau Solne* (die in einen groen weien Kreppshawl gehllt ist, ruht im Lehnstuhl und starrt nach rechts hinber). *Hilde Wangel* (kommt nach einer Weile die Gartentreppe herauf; sie ist gekleidet wie letzthin und hat ihr Htchen auf; an der Brust trgt sie ein Struchen von gewhnlichen Wiesenblumen). *Frau Solne* (wendet den Kopf ein wenig). Sind Sie im Garten herumgewesen, Frulein Wangel? *Hilde*. Jawohl, ich habe mich da unten umgesehen. *Frau Solne*. Auch Blumen gefunden, wie ich sehe. *Hilde*. Freilich. Von denen ist ja mehr als genug da. Zwischen den Bschen drin. *Frau Solne*. Wirklich? So spt im Jahre? Ich komme ja fast nie hinunter. *Hilde* (kommt nher). Was Sie sagen! Laufen Sie denn nicht jeden Tag in den Garten hinunter? *Frau Solne* (mit einem matten Lcheln). Ich laufe nirgends mehr hin. Jetzt nicht mehr. *Hilde*. Aber gehen Sie denn nicht dann und wann hinunter, um all der Herrlichkeit einen Besuch zu machen? *Frau Solne*. Es ist mir alles so fremd geworden. Ich frchte mich beinahe davor, es wiederzusehen. *Hilde*. Ihren eigenen Garten! *Frau Solne*. Es kommt mir vor, als ob er nicht mehr _mein_ wre. *Hilde*. Ach, was ist denn _das_ fr --! *Frau Solne*. Nein, nein, das ist er nicht. Es ist nicht wie damals, als der Vater und die Mutter noch lebten. Es ist jammerschade, wie viel sie vom Garten weggenommen haben. Denken Sie nur -- da haben sie ihn zerstckelt -- und Huser gebaut fr fremde Menschen. Leute, die ich nicht kenne. Und _die_ knnen mich von ihren Fenstern aus beobachten. *Hilde* (mit einem hellen Ausdruck im Gesicht). Frau Solne? *Frau Solne*. Ja? *Hilde*. Darf ich ein bichen bei Ihnen bleiben? *Frau Solne*. Sehr gern, wenn Sie nur Lust dazu haben. *Hilde* (rckt ein Taburett zum Lehnstuhl hin und setzt sich). Ah -- hier kann man sich sonnen, so recht wie eine Katze. *Frau Solne* (legt die Hand leicht auf ihren Nacken). Das ist schn von Ihnen, da Sie bei _mir_ sitzen wollen. Ich dachte, Sie wollten zu meinem Mann hinein. *Hilde*. Was sollte ich bei ihm thun? *Frau Solne*. Ihm helfen, dachte ich mir. *Hilde*. O nein. brigens ist er nicht drinnen. Er ist da drben bei den Arbeitsleuten. Er sah aber so grimmig aus, da ich mir nicht getraute, ihn anzureden. *Frau Solne*. Ach, im Grunde hat er ein so mildes und weiches Gemt. *Hilde*. _Der!_ *Frau Solne*. Sie kennen ihn eben noch nicht recht, Frulein Wangel. *Hilde* (sieht sie mit Wrme an). Sind Sie jetzt froh, da Sie ins neue Haus hinberziehen sollen? *Frau Solne*. Ich _sollte_ froh sein. Denn Halvard will es ja so haben -- *Hilde*. O nicht gerade aus _dem_ Grunde, scheint mir. *Frau Solne*. Doch, doch, Frulein Wangel. Denn das ist ja nur meine Pflicht, mich _ihm_ zu unterwerfen. Aber manchmal fllt es so schwer, den Sinn zum Gehorsam zu zwingen. *Hilde*. Ja, _das_ mu gewi schwer fallen. *Frau Solne*. Das knnen Sie mir glauben. Wenn man nicht ein besserer Mensch ist, als ich, dann -- *Hilde*. Wenn man soviel Schweres durchgemacht hat, wie Sie -- *Frau Solne*. Woher wissen Sie das? *Hilde*. Ihr Mann sagte es. *Frau Solne*. Mir gegenber berhrt er _die_ Dinge so selten. -- Ja, das knnen Sie mir glauben, Frulein Wangel, ich habe mehr als genug durchgemacht in meinem Leben. *Hilde* (blickt sie teilnehmend an und nickt langsam). Arme Frau Solne. Zuerst hatten Sie ja den Brand -- *Frau Solne* (mit einem Seufzer). Ach ja. All das meinige ging dabei zu Grunde. *Hilde*. Und dann kam ja etwas noch Schlimmeres. *Frau Solne* (sieht sie fragend an). Noch schlimmer? *Hilde*. Das Allerschlimmste. *Frau Solne*. _Was_, meinen Sie? *Hilde* (leise). Sie verloren ja die beiden Kleinen. *Frau Solne*. Ach, _die_. Ja, sehen Sie, das war aber etwas ganz anderes. Das war ja eine hhere Fgung. Und wenn so etwas kommt, da mu man sich unterwerfen. Und Gott danken obendrein. *Hilde*. Thun Sie denn das? *Frau Solne*. Nicht immer, leider. Ich wei ja sehr wohl, da es meine Pflicht wre. Aber ich _kann_ es trotzdem nicht. *Hilde*. Nein, das kommt mir auch ganz natrlich vor. *Frau Solne*. Und oftmals mu ich ja mir selber sagen, da es eine gerechte Strafe war -- *Hilde*. Warum denn? *Frau Solne*. Weil ich nicht standhaft genug war im Unglck. *Hilde*. Aber ich begreife nicht, wie -- *Frau Solne*. Ach nein, Frulein Wangel -- reden wir nicht mehr von den zwei Kleinen. ber die sollen wir uns blo freuen. Die haben es ja jetzt so gut, wie man es nur wnschen kann. Nein, es sind die _kleinen_ Verluste im Leben, die einem wehe thun bis in die Seele hinein. Wenn man das alles verliert, was andere Leute fast fr gar nichts achten. *Hilde* (legt die Arme auf ihre Knie und blickt mit warmem Mitgefhl zu ihr auf). Liebste Frau Solne -- erzhlen Sie mir davon. *Frau Solne*. Wie ich Ihnen sagte. Lauter Kleinigkeiten. Da verbrannten zum Beispiel alle die alten Portrts an den Wnden. Und alle die alten seidenen Kleider, die der Familie Gott wei wie lange gehrt hatten. Und die Spitzen der Mutter und der Gromutter -- die verbrannten auch. Und denken Sie nur -- die Schmucksachen! (Schwermtig.) Und dann alle die Puppen. *Hilde*. Die Puppen? *Frau Solne* (mit thrnenerstickter Stimme). Ich hatte neun wunderschne Puppen. *Hilde*. Und die verbrannten auch? *Frau Solne*. Alle miteinander. Ach, wie ich mir das zu Herzen nahm. *Hilde*. Hatten Sie denn alle die Puppen aufgehoben von der Zeit an, da Sie klein waren? *Frau Solne*. Aufgehoben, nein. Ich und die Puppen, wir blieben immer beisammen. *Hilde*. Nachdem Sie erwachsen waren? *Frau Solne*. Ja, lange nachher. *Hilde*. Auch nachdem Sie verheiratet waren? *Frau Solne*. O ja. Wenn _er_ nicht dabei war, da -- Dann verbrannten sie ja aber, die armen Dinger. _Die_ zu retten, da dachte niemand dran. Ach, das ist ein trauriger Gedanke. Sie drfen mich deshalb nicht auslachen, Frulein Wangel. *Hilde*. Ich lache durchaus nicht. *Frau Solne*. Auf ihre Art waren _die_ ja auch lebendige Wesen, sozusagen. Ich trug sie unter dem Herzen. Wie ungeborene kleine Kinder. *Doktor Herdal* (den Hut in der Hand, erscheint in der Verandathr und erblickt Frau Solne und Hilde). Zweiter Auftritt. *Die Vorigen*. *Doktor Herdal*. *Herdal*. Na, Sie sitzen so im Freien und holen sich eine Erkltung, gndige Frau? *Frau Solne*. Die Luft ist heut so herrlich mild. *Herdal*. 's geht an. Aber ist hier im Hause etwas los? Ich bekam ein Briefchen von Ihnen. *Frau Solne* (erhebt sich). Jawohl, es ist etwas, worber ich notwendig mit Ihnen reden mu. *Herdal*. Gut. Dann gehen wir vielleicht hinein. (Zu Hilde.) Heute auch in Gebirgsuniform, Frulein? *Hilde* (steht auf, lustig). Freilich! In vollem Wichs! Heut will ich aber nicht in die Hhe, um mir's Genick zu brechen. Wir beide, Doktor, wir bleiben hbsch da und sehen uns das Ding von unten an. *Herdal*. _Was_ sollen wir uns ansehen? *Frau Solne* (erschrocken, leise zu Hilde). Still, still -- um Gottes willen! Da kommt er. Sehen Sie doch zu, da Sie ihn von dem Einfall abbringen. Und seien wir Freundinnen, Frulein Wangel. Knnen wir das nicht sein? *Hilde* (fllt ihr strmisch um den Hals). Ach, knnten wir das nur! *Frau Solne* (macht sich gelinde los). So -- lassen Sie es nur gut sein! Da kommt er, Doktor! Ich mchte mit Ihnen reden. *Herdal*. Betrifft es _ihn_? *Frau Solne*. Ja freilich betrifft es _ihn_. Gehen wir nur hinein. *Frau Solne* und *Doktor Herdal* (gehen ins Haus hinein). *Baumeister Solne* (kommt fast gleichzeitig die Gartentreppe herauf). Dritter Auftritt. *Solne*. *Hilde Wangel*. *Hilde* (nimmt einen ernsten Ausdruck an). *Solne* (mit einem Blick auf die Thr, die behutsam von innen zugemacht wird). Haben Sie bemerkt, Hilde, da sie weggeht, sobald ich komme? *Hilde*. Ich habe bemerkt, da Sie sie weg_scheuchen_, sobald Sie kommen. *Solne*. Mag sein. Dafr kann ich aber nichts. (Er sieht sie aufmerksam an.) Frieren Sie, Hilde? Sie sehen wenigstens so aus. *Hilde*. Ich kam soeben von einem Grabgewlbe herauf. *Solne*. Was soll das heien? *Hilde*. Da es mich frostig angeweht hat, Baumeister. *Solne* (langsam). Ich glaube, ich verstehe -- *Hilde*. Weswegen sind Sie jetzt hier? *Solne*. Ich sah da drben, da Sie hier waren. *Hilde*. Dann sahen Sie aber auch _sie_? *Solne*. Ich wute, da sie gleich gehen wrde, wenn ich kme. *Hilde*. Thut Ihnen das recht leid, da sie Ihnen so aus dem Wege geht? *Solne*. Gewissermaen empfinde ich es auch als eine Erleichterung. *Hilde*. Da Sie sie nicht unmittelbar vor Augen haben? *Solne*. Jawohl. *Hilde*. Da Sie nicht immer wieder sehen, wie sie sich die Geschichte mit den Kleinen zu Herzen nimmt? *Solne*. Ja. Darum am meisten. *Hilde* (geht, die Hnde auf dem Rcken, zum Gelnder hin, bleibt dort stehen und blickt ber den Garten hinaus). *Solne* (nach einer kurzen Pause). Sprachen Sie lange mit ihr? *Hilde* (steht unbeweglich da, ohne zu antworten). *Solne*. _Lange_, frag ich? *Hilde* (schweigt). *Solne*. Wovon redete sie denn, Hilde? *Hilde* (schweigt noch immer). *Solne*. Die arme Aline! Es wird wohl von den Kleinen gewesen sein. *Hilde* (wird von einem nervsen Zucken durchfahren, dann nickt sie schnell ein paar Mal hintereinander). *Solne*. Sie verwindet es niemals. Ihr Lebtag verwindet sie's nicht. (Er nhert sich Hilde.) Jetzt stehen Sie wieder da wie eine Salzsule. So standen Sie gestern Abend auch da. *Hilde* (dreht sich um und sieht ihn mit groen Augen an). Ich reise ab. *Solne* (in scharfem Ton). Sie reisen ab! *Hilde*. Ja. *Solne*. Das erlaube ich aber nicht! *Hilde*. Was soll ich jetzt noch _hier_? *Solne*. Nur da Sie _da_ sind, Hilde! *Hilde* (mit ihn mit dem Blick). Wr nicht bel. Dabei wrde es wohl kaum sein Bewenden haben. *Solne* (unberlegt). Um so besser! *Hilde* (heftig). Ich _kann_ nichts Bses vorhaben gegen eine, die ich _kenne_! Ich kann ihr nichts nehmen, was ihr gehrt. *Solne*. Wer sagt denn, da Sie das sollen? *Hilde* (ohne zu antworten). Bei einer Fremden, ja! Das ist etwas ganz anderes. Wenn's eine wre, die ich in meinem Leben nie gesehen htte. Aber bei einer, der ich nahe gekommen bin --! Nein! O nein! Pfui! *Solne*. Ja, aber etwas anderes habe ich ja auch nicht gesagt! *Hilde*. Ach, Baumeister, Sie wissen recht gut, wie's gehen wrde. Und darum reise ich auch ab. *Solne*. Und was soll aus _mir_ werden, wenn Sie fort sind? Wofr habe ich nachher noch zu leben? *Hilde* (mit dem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Mit _Ihnen_ hat's jedenfalls keine Not. Sie haben ja Ihre Pflichten ihr gegenber. Leben Sie doch fr die Pflichten. *Solne*. Zu spt. Diese Mchte -- diese -- diese -- *Hilde*. Teufelchen -- *Solne*. Jawohl, die Teufelchen! Und der Unhold in mir auch. Die haben ihr alles Lebensblut abgezapft. (Er lacht in Verzweiflung.) _Meinem Glck_ zulieb thaten Sie es! Ja freilich! (Schwermtig.) Und jetzt ist sie tot -- um meinetwillen. Und ich bin bei lebendigem Leibe an die Tote gekettet. (In wilder Angst.) _Ich_ -- _ich_, der ein freudeloses Leben nicht tragen _kann_! *Hilde* (geht auf die andere Seite des Tisches hinber und setzt sich auf die Bank; die Ellbogen auf der Tischplatte ruhend, den Kopf auf die Hnde gesttzt, sieht sie ihn eine Weile schweigend an). Was werden Sie denn das nchste Mal bauen? *Solne* (schttelt den Kopf). Glaub nicht, da es was rechtes mehr wird. *Hilde*. Keine so trauliche glckliche Heimsttten fr Mutter und Vater? Und fr die Kinderschar? *Solne*. Mchte wissen, ob so was vonnten sein wird hernach. *Hilde*. Armer Baumeister! Und da haben Sie volle zehn Jahre daran gearbeitet -- das Leben sozusagen darauf eingesetzt -- nur darauf. *Solne*. Da haben Sie recht, Hilde. *Hilde* (platzt heraus). Ach, wie kommt mir doch das alles so albern vor! Wirklich so albern --! *Solne*. Was meinen Sie? *Hilde*. Da einer nach seinem eigenen Glck nicht greifen darf. Nach seinem eigenen Leben nicht! Blo weil jemand dazwischen steht, den man kennt! *Solne*. Jemand, an dem man nicht vorbei darf. *Hilde*. Ich mchte wissen, ob man das im Grunde nicht _drfte_. Aber trotzdem -- Ach, wenn man doch die ganze Geschichte verschlafen knnte! (Sie legt die Arme flach auf den Tisch, lt die linke Seite des Kopfes auf den Hnden ruhen und schliet die Augen.) *Solne* (dreht den Lehnstuhl um und setzt sich an den Tisch). Haben _Sie_ ein trauliches glckliches Heim, Hilde -- droben bei Ihrem Vater? *Hilde* (unbeweglich, antwortet gleichsam halb schlafend). Nur einen Kfig hatte ich. *Solne*. Und Sie wollen durchaus nicht wieder hinein? *Hilde* (wie oben). Der Waldvogel will nie hinein in den Kfig. *Solne*. Lieber jagen in freier Luft -- *Hilde* (noch immer wie oben). Der Raubvogel jagt am liebsten. *Solne* (lt den Blick auf ihr ruhen). Wer doch Wikingertrotz im Leibe htte -- *Hilde* (mit ihrer gewhnlichen Stimme, indem sie die Augen aufschlgt, sich aber nicht rhrt). Und das andere? Nennen Sie's! *Solne*. Ein robustes Gewissen. *Hilde* (richtet sich lebhaft auf der Bank empor; ihre Augen haben aufs neue den freudefunkelnden Ausdruck; sie nickt ihm zu). Ich wei, was Sie das nchste Mal bauen werden! *Solne*. Da wissen Sie mehr, als ich selber, Hilde. *Hilde*. Ja, die Baumeister, die sind ja so dumm. *Solne*. Und was wird's denn werden? *Hilde* (nickt wieder). Das Schlo. *Solne*. Was fr ein Schlo? *Hilde*. _Mein_ Schlo natrlich. *Solne*. Jetzt wollen Sie gar ein Schlo haben? *Hilde*. Sind Sie mir nicht ein Knigreich schuldig, wenn ich fragen darf? *Solne*. Das behaupten Sie wenigstens. *Hilde*. Schn. Das Knigreich sind Sie mir also schuldig. Und zu einem Knigreich gehrt doch wohl ein Schlo, soviel ich wei. *Solne* (immer aufgerumter). Ja, das pflegt ja sonst der Fall zu sein. *Hilde*. Gut, dann bauen Sie mir's also! Gleich! *Solne* (lachend). So auf der Stelle? -- Das auch noch? *Hilde*. Freilich! Denn jetzt sind sie um -- die zehn Jahre. Und ich will nicht lnger warten. Also -- heraus mit dem Schlo, Baumeister! *Solne*. Es ist kein Spa, Ihnen etwas schuldig zu sein, Hilde. *Hilde*. Das htten Sie frher bedenken sollen. Jetzt ist es zu spt. Also -- (sie klopft auf die Tischplatte) das Schlo auf den Tisch! Es ist _mein_ Schlo! _Gleich_ will ich's haben! *Solne* (mehr im Ernst, beugt sich nher zu ihr hinber, die Arme auf dem Tisch). Wie haben Sie sich denn eigentlich das Schlo vorgestellt, Hilde? *Hildes* (Blick verschleiert sich allmhlich; sie starrt gleichsam in sich selbst hinein). Mein Schlo soll hoch oben liegen. Sehr hoch soll es liegen. Und frei nach allen Seiten hin. So da ich weit hinausblicken kann -- weit hinaus. *Solne*. Und ein hoher Turm soll wohl dazu gehren? *Hilde*. Ein ungeheuer hoher Turm. Und ganz oben auf dem Turm ein Sller. Und auf dem will ich stehen -- *Solne* (greift sich unwillkrlich an die Stirn). Da Sie daran Gefallen finden knnen, in so schwindelerregender Hhe zu stehen -- *Hilde*. O gewi! Gerade dort oben will ich stehen und die andern ansehen -- die, die Kirchen bauen. Und Heimsttten fr Mutter und Vater und die Kinderschar. Und _Sie_ drfen auch hinaufkommen und sich's ansehen. *Solne* (gedmpft). Darf der Baumeister zur Prinzessin hinaufkommen? *Hilde*. Wenn der Baumeister _will_. *Solne* (noch leiser). Dann, glaube ich, kommt der Baumeister. *Hilde* (nickt). Der Baumeister -- der kommt. *Solne*. Wird aber nie mehr bauen -- der arme Baumeister. *Hilde* (lebhaft). Doch. Zu zweien werden wir sein. Und dann bauen wir das Herrlichste -- das Allerherrlichste, was es auf Erden giebt. *Solne* (gespannt). Hilde -- sagen Sie mir, was das ist! *Hilde* (sieht ihn lchelnd an, schttelt den Kopf ein wenig, spitzt die Lippen und spricht wie zu einem Kinde). Die Baumeister -- die sind sehr -- sehr dumme Leute. *Solne*. Ja freilich sind sie dumm. Aber jetzt sagen Sie mir, was das ist! Das, was Sie das Herrlichste auf Erden nennen. Und was wir zwei miteinander bauen sollen? *Hilde* (schweigt eine Weile, dann sagt sie mit einem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Luftschlsser. *Solne*. Luftschlsser? *Hilde* (nickt). Luftschlsser, jawohl! Wissen Sie, was so ein Luftschlo fr ein Ding ist? *Solne*. Sie sagen ja, es ist das Herrlichste auf Erden. *Hilde* (erhebt sich heftig und macht eine wegwerfende Handbewegung). Ja, versteht sich! Luftschlsser -- die sind ja so bequeme Zufluchtsorte. Und auch so bequem zu bauen (sie sieht ihn hhnisch an), besonders fr die Baumeister, die ein -- schwindliges Gewissen haben. *Solne* (erhebt sich). Von heute an bauen wir zwei miteinander, Hilde. *Hilde* (mit einem halb zweifelnden Lcheln). So'n _richtiges_ Luftschlo? *Solne*. Jawohl. Mit einer Grundmauer darunter. *Ragnar Brovik* (kommt aus dem Hause heraus; er trgt einen groen grnen Kranz, der mit Blumen und Seidenbndern geschmckt ist). Vierter Auftritt. *Die Vorigen*. *Ragnar Brovik*. *Hilde* (mit einem Freudenausbruch). Der Kranz! O das wird entsetzlich schn werden! *Solne* (verwundert). Kommen denn _Sie_ mit dem Kranz, Ragnar? *Ragnar*. Ich hatte es dem Werkmeister versprochen. *Solne* (erleichtert). Nun, dann geht's jedenfalls Ihrem Vater besser? *Ragnar*. Nein. *Solne*. Ermunterte ihn das nicht, was ich geschrieben hatte? *Ragnar*. Es kam zu spt. *Solne*. Zu spt! *Ragnar*. Als sie es mitbrachte, war er nicht mehr bei Besinnung. Er hatte einen Schlaganfall gehabt. *Solne*. Aber so gehen Sie doch zu ihm heim! Seien Sie doch bei Ihrem Vater! *Ragnar*. Er braucht mich nicht mehr. *Solne*. Aber Sie mssen doch wohl bei ihm sein. *Ragnar*. _Sie_ sitzt an seinem Bett. *Solne* (etwas unsicher). Kaja? *Ragnar* (blickt ihn finster an). Kaja -- jawohl. *Solne*. Gehen Sie nach Hause, Ragnar. Zu ihr sowohl, als zu ihm. Geben Sie _mir_ den Kranz. *Ragnar* (unterdrckt ein spttisches Lcheln). Sie wollen doch nicht selber --? *Solne*. Ich will selber damit hinber gehen. (Er nimmt ihm den Kranz ab.) Und jetzt gehen Sie nach Hause. Wir haben Sie heute nicht ntig. *Ragnar*. Ich wei, da Sie mich hernach nicht ntig haben. Aber heute bleibe ich da. *Solne*. Na, bleiben Sie da, wenn Sie's durchaus wollen. *Hilde* (am Gelnder). Baumeister -- hier will ich mich hinstellen, um Ihnen zuzusehen. *Solne*. Mir! *Hilde*. Das wird entsetzlich spannend werden. *Solne* (gedmpft). Davon reden wir zwei spter, Hilde. (Er geht mit dem Kranz fort, die Treppe hinab und durch den Garten hin.) Fnfter Auftritt. *Ragnar Brovik*. *Hilde Wangel*. *Hilde* (blickt Solne nach; darauf wendet sie sich zu Ragnar). Mir scheint, Sie htten ihm schon mit ein paar Worten danken knnen. *Ragnar*. Ihm danken? _Dem_ htte ich danken sollen? *Hilde*. Ja, das htten Sie doch wahrhaftig thun sollen! *Ragnar*. Da mte ich wohl eher noch _Ihnen_ danken. *Hilde*. Wie knnen Sie so was sagen? *Ragnar* (ohne ihr zu antworten). Aber nehmen Sie sich nur in acht, Frulein! Denn _den_ kennen Sie noch nicht recht. *Hilde* (feurig). O _ich_ kenne ihn am allerbesten! *Ragnar* (lacht erbittert). Ihm danken, der mich jahrelang niedergehalten hat! Der den Vater dazu gebracht hat, an mir zu zweifeln. Der mich selber dazu gebracht hat -- Und das alles nur um --! *Hilde* (wie von einer Ahnung durchzuckt). Um --? Sagen Sie mir's gleich! *Ragnar*. Um sie bei sich behalten zu knnen. *Hilde* (springt auf ihn zu). Das Frulein am Pult? *Ragnar*. Ja. *Hilde* (drohend, mit geballten Hnden). Es ist nicht wahr! Sie verleumden ihn! *Ragnar*. Ich wollte es auch nicht glauben bis heute -- als sie's selber sagte. *Hilde* (wie auer sich). _Was_ sagte sie! Ich will's wissen! Gleich! Gleich! *Ragnar*. Sie sagte, er beherrschte ihr ganzes Sinnen und Trachten. Alle ihre Gedanken gehrten nur ihm allein. Sie sagt, da sie niemals von ihm lassen kann. Da sie hier bleiben will, wo _er_ ist -- *Hilde* (mit sprhenden Augen). Das darf sie nicht! *Ragnar* (gleichsam forschend). Wer wird sie daran hindern? *Hilde* (schnell). Er will's _auch_ nicht haben! *Ragnar*. Nein, natrlich nicht. Jetzt verstehe ich ja die ganze Geschichte. Hernach wrde sie wohl nur -- lstig fallen. *Hilde*. Gar nichts verstehen Sie -- wenn Sie so was reden knnen! Nein, ich will Ihnen sagen, warum er das Frulein festhielt. *Ragnar*. Und warum denn? *Hilde*. Um _Sie_ behalten zu knnen. *Ragnar*. Hat er Ihnen das gesagt? *Hilde*. Nein, es ist aber so! Es _mu_ so sein! (Ungestm.) Ich will -- ich _will_, da es so sein soll! *Ragnar*. Und gerade als _Sie_ kamen -- da lie er sie fahren. *Hilde*. _Sie_ -- Sie selber sind's, den er hat fahren lassen! Was, glauben Sie wohl, kmmert der sich um fremde Frulein? *Ragnar* (nachdenklich). Sollte er mich denn die ganze Zeit insgeheim gefrchtet haben? *Hilde*. _Der_ sich frchten! So eingebildet sollten Sie denn doch nicht sein. *Ragnar*. O er mu doch schon lange gemerkt haben, da _ich_ auch was tauge. brigens -- furchtsam -- das ist er nun einmal von Natur, wissen Sie. *Hilde*. _Er!_ Das machen Sie andern weis! *Ragnar*. Gewissermaen _ist_ er furchtsam. Er, der groe Baumeister. Andere Leute um ihr Lebensglck zu bringen -- wie er's meinem Vater und mir gethan hat -- davor hat er keine Furcht. Aber blo ein armseliges Gerst hinaufzuklettern -- Gott bewahre ihn vor so einem Wagestck! *Hilde*. O Sie htten ihn nur so hoch oben sehen sollen -- so himmelhoch, wie ich ihn einmal gesehen habe! *Ragnar*. Das htten Sie gesehen? *Hilde*. Ja, das kann ich Sie versichern. Und wie frei und khn er dastand, als er den Kranz an der Wetterfahne befestigte! *Ragnar*. Ich wei, da er es _einmal_ in seinem Leben gewagt hat. Ein einziges Mal. Wir Jngeren haben so oft davon gesprochen. Aber keine Macht der Welt wird ihn dazu bewegen, das Ding zu wiederholen. *Hilde*. Heute wiederholt er es! *Ragnar* (hhnisch). Glauben Sie doch das nicht. *Hilde*. Wir werden's schon erleben! *Ragnar*. Das werden weder Sie noch ich erleben. *Hilde* (unbndig). Ich _will_ es erleben! Ich will und mu es erleben! *Ragnar*. Er thut's aber nicht. Er getraut sich's einfach nicht. Denn die Schwche hat er nun einmal -- er, der groe Baumeister. *Frau Solne* (kommt aus dem Hause auf die Veranda hinaus). Sechster Auftritt. *Die Vorigen*. *Frau Solne*. *Frau Solne* (sieht sich um). Ist er nicht da? Wo ist er hingegangen? *Ragnar*. Herr Solne ist drben bei den Arbeitern. *Hilde*. Er ging mit dem Kranze hin. *Frau Solne* (angstvoll). Mit dem Kranze! Ach Gott -- ach Gott! Herr Brovik -- Sie mssen zu ihm hinber! Sorgen Sie dafr, da er wieder herkommt! *Ragnar*. Soll ich ihm sagen, da die gndige Frau ihn zu sprechen wnschen? *Frau Solne*. Ach ja, thun Sie das, bitte. -- Nein, nein -- sagen Sie ihm nichts von _mir_. Sagen Sie nur, es wre jemand da. Und da er gleich kommen mte. *Ragnar*. Sehr wohl. Ich werde es ihm ausrichten, gndige Frau. (Er geht fort, die Treppe hinab durch den Garten.) Siebenter Auftritt. *Frau Solne*. *Hilde Wangel*. *Frau Solne*. Ach, Frulein Wangel, Sie knnen sich nicht vorstellen, welche Angst ich seinetwegen ausstehe. *Hilde*. Ist denn die Sache gar so gefhrlich? *Frau Solne*. O das begreifen Sie doch. Denken Sie nur -- wenn es sein Ernst wre! Wenn er nun wirklich auf das Gerst hinaufstiege! *Hilde* (gespannt). Glauben Sie, da er's thut? *Frau Solne*. Ach, man kann ja nicht wissen, was ihm einfllt. Der knnte zu allem fhig sein. *Hilde*. Aha, _Sie_ glauben vielleicht auch, da er nicht so -- so recht --? *Frau Solne*. Ja, ich wei wahrhaftig nicht mehr, was ich von ihm glauben soll. Der Doktor hat nur nmlich so vielerlei erzhlt. Und wenn ich auerdem an gewisse Dinge denke, die ich ihn habe sagen hren -- *Doktor Herdal* (steckt den Kopf durch die Thr). Achter Auftritt. *Die Vorigen*. *Doktor Herdal*. *Herdal*. Kommt er nicht bald? *Frau Solne*. Ich glaube, doch. Ich habe wenigstens nach ihm geschickt. *Herdal* (nher). Sie werden aber wohl hineingehen mssen, gndige Frau -- *Frau Solne*. Nein, nein. Ich bleibe hier, um Halvard zu erwarten. *Herdal*. Es sind aber einige Damen gekommen -- *Frau Solne*. Ach Gott, das auch noch! Und gerade jetzt! *Herdal*. Sie mchten nmlich gar zu gern die Feierlichkeit mit ansehen. *Frau Solne*. Ja, dann mu ich wohl doch zu ihnen hineingehen. Denn das ist ja meine Pflicht. *Hilde*. Knnten Sie sich denn nicht bei den Damen entschuldigen lassen? *Frau Solne*. Nein, das geht durchaus nicht an. Da sie nun einmal gekommen sind, ist es ja meine Pflicht, sie zu empfangen. Bleiben aber _Sie_ drauen derweile -- und reden Sie mit ihm, wenn er kommt. *Herdal.* Und halten Sie ihn durch Gesprch auf, so lange es nur mglich ist. *Frau Solne*. Thun Sie das ja, liebes Frulein Wangel. Halten Sie ihn so fest, wie Sie nur knnen. *Hilde*. Wre es nicht besser, wenn Sie das selber thten? *Frau Solne*. Du lieber Gott -- _meine_ Pflicht wre es ja eigentlich. Wenn man aber Pflichten hat nach so vielen Seiten hin -- *Herdal* (in den Garten hinausblickend). Da kommt er! *Frau Solne*. Und in dem Augenblick mu ich gerade hinein. *Herdal* (zu Hilde). Sagen Sie ihm nichts davon, da ich da bin. *Hilde*. O nein! Ich werde schon etwas anderes ausfindig machen, worber ich mit dem Baumeister schwatzen kann. *Frau Solne*. Und halten Sie ihn ja fest. Ich glaube, _Sie_ knnen das am besten. *Frau Solne* und *Doktor Herdal* (gehen ins Haus hinein). *Hilde* (bleibt auf der Veranda stehen). *Baumeister Solne* (kommt die Gartentreppe hinauf). Neunter Auftritt. *Solne*. *Hilde Wangel*. *Solne*. Es soll jemand da sein, hre ich, der mich sprechen will. *Hilde*. Jawohl, das bin ich, Baumeister. *Solne*. So, _Sie_ sind's, Hilde. Ich frchtete schon, es knnten Aline und der Doktor sein. *Hilde*. _Sie_ sind gewi berhaupt recht furchtsam! *Solne*. Glauben Sie? *Hilde*. Die Leute sagen, Sie frchten sich davor, auf den Gersten herumzukrabbeln. *Solne*. Nun, mit _dem_ Ding hat's so seine eigene Bewandtnis. *Hilde*. Aber sich davor frchten -- das thun Sie also? *Solne*. Ja, das thue ich. *Hilde*. Frchten Sie, da Sie herunterfallen knnten und sich's Genick brechen? *Solne*. Nein, das nicht. *Hilde*. Was denn aber? *Solne*. Ich frchte die Wiedervergeltung, Hilde. *Hilde*. Die Wiedervergeltung? (Sie schttelt den Kopf.) Das verstehe ich nicht. *Solne*. Setzen Sie sich. Dann werde ich Ihnen etwas erzhlen. *Hilde*. Ja, thun Sie das! Gleich! (Sie setzt sich auf ein Taburett am Gelnder und blickt ihn erwartungsvoll an.) *Solne* (wirft seinen Hut auf den Tisch). Sie wissen ja -- das erste, womit ich anfing, das waren Kirchenbauten. *Hilde* (nickt). Das wei ich. *Solne*. Denn, sehen Sie, als Junge war ich in einem frommen Hause auf dem Lande aufgewachsen. Und da meinte ich denn, es knnte fr mich gar nichts Hheres geben, als diese Kirchenbauerei. *Hilde*. Ja, warum denn nicht? *Solne*. Und das darf ich schon sagen -- ich baute diese kleinen rmlichen Kirchen mit einem so ehrlichen und warmen und innigen Gemt, da -- da -- *Hilde*. Da --? Nun? *Solne*. Da ich meine, er htte wohl mit mir zufrieden sein knnen. *Hilde*. _Er?_ Welcher _er_? *Solne*. Er, fr den die Kirchen bestimmt waren, natrlich! Er, dem zum Ruhm und zu Ehren sie gebaut waren. *Hilde*. Ach so! Aber wissen Sie denn so bestimmt, da -- da er nicht -- so -- mit Ihnen zufrieden war? *Solne* (hhnisch). _Er_ mit _mir_ zufrieden! Wie knnen Sie nur so reden, Hilde? Er, der es zulie, da der Unhold in mir herumrumorte nach eigenem Gutdnken. Er, der ihnen gebot an Ort und Stelle zu sein Tag und Nacht, um mir zu dienen -- all diesen -- diesen -- *Hilde*. Teufelchen -- *Solne*. Jawohl, von allen Arten. O nein, das bekam ich schon zu fhlen, da er mit mir nicht zufrieden war. (Geheimnisvoll.) _Das_, sehen Sie, war eigentlich der Grund, weshalb er das alte Haus niederbrennen lie. *Hilde*. War _das_ der Grund? *Solne*. Ja, begreifen Sie denn das nicht? Er wollte mir Gelegenheit bieten, ein ganzer Meister zu werden in meinem Fach -- ihm um so ruhmvollere Kirchen zu bauen. Anfangs verstand ich nicht, wo er hinauswollte. Aber dann, auf einmal, ging mir ein Licht auf. *Hilde*. Wann war das? *Solne*. Es war, als ich den Kirchturm baute droben in Lysanger. *Hilde*. Das dachte ich mir. *Solne*. Denn, sehen Sie, Hilde, droben in dem fremden Stdtchen, dort konnte ich meinen Grbeleien ungestrt nachhngen. Und da sah ich's denn so klar, warum er mir meine Kleinen genommen hatte. Er hatte es gethan, damit ich von nichts anderem gebunden wre. Nicht von so was wie Liebe und Glck, verstehen Sie. Ich sollte nur Baumeister sein. Nichts anderes. Und mein ganzes Leben sollte ich damit zubringen, fr ihn zu bauen. (Er lacht.) Aber daraus wurde freilich nichts. *Hilde*. Was thaten Sie denn? *Solne*. Zuerst erforschte und prfte ich mich selbst -- *Hilde*. Und dann? *Solne*. Dann that ich das _Unmgliche_. _Ich_ wie _er_! *Hilde*. Das Unmgliche? *Solne*. Ich hatte es niemals zuvor vertragen, hoch und frei hinaufzusteigen. Aber an _dem_ Tage konnte ich es. *Hilde* (springt auf). Ja, ja, das konnten Sie! *Solne*. Und als ich ganz oben stand und den Kranz an die Wetterfahne hngte, da sprach ich zu ihm: jetzt hre mich an, du Mchtiger! Von heute an will ich auch freier Baumeister sein. Auf meinem Gebiet. Wie du auf dem deinigen. Nie mehr will ich Kirchen fr dich bauen. Nur Heimsttten fr Menschen. *Hilde* (mit groen funkelnden Augen). _Das_ war der Gesang, den ich hoch oben hrte. *Solne*. Aber nachher bekam er Wasser auf seine Mhle. *Hilde*. Was meinen Sie _damit_? *Solne* (sieht sie mimutig an). Heimsttten fr Menschen zu bauen -- das ist keine fnf Pfennig wert, Hilde. *Hilde*. So urteilen Sie jetzt? *Solne*. Jetzt sehe ich's nmlich ein. Die Menschen haben die Heimsttten da gar nicht ntig. Jedenfalls nicht um glcklich zu sein. Und ich htte auch so ein Heim nicht ntig gehabt. Wenn ich eins besessen htte, heit das. (Mit einem leisen erbitterten Lachen.) Sehen Sie, das ist der ganze Abschlu, soweit ich zurckblicke. Nichts gebaut, im Grunde genommen. Und auch nichts geopfert, um zum Bauen zu _kommen_. Nichts, gar nichts -- alles miteinander. *Hilde*. Und niemals wollen Sie etwas neues bauen hernach. *Solne* (lebhaft). Doch, gerade jetzt will ich anfangen! *Hilde*. Was denn? Was denn? Sagen Sie mir's gleich! *Solne*. Das einzige, von dem ich glaube, da Menschenglck darin wohnen kann -- _das_ will ich jetzt bauen. *Hilde* (sieht ihn fest an). Baumeister -- jetzt denken Sie an unsere Luftschlsser. *Solne*. An die Luftschlsser, jawohl. *Hilde*. Ich frchte, es wrde Ihnen schwindelig werden, ehe wir halbwegs kmen. *Solne*. Nein, nicht wenn ich mit Ihnen Hand in Hand gehe, Hilde. *Hilde* (mit einem Anflug von unterdrcktem Zorn). Nur mit mir? Sollen denn nicht noch andere mit dabei sein? *Solne*. Wer denn sonst noch, meinen Sie? *Hilde*. O -- zum Beispiel diese Kaja da am Pult. Das arme Ding -- wollen Sie nicht die auch mitnehmen? *Solne*. Aha. War _sie's_, von der Aline vorhin mit Ihnen redete? *Hilde*. Ist es wahr oder nicht? *Solne* (heftig). Auf so was antworte ich Ihnen nicht! Ganz und unbedingt sollen Sie an mich glauben! *Hilde*. Zehn Jahre lang habe ich so felsenfest an Sie geglaubt. *Solne*. Sie sollen fortfahren an mich zu glauben! *Hilde*. Ja, wenn ich Sie wieder oben sehe, hoch und frei! *Solne* (schwermtig). Ach, Hilde -- so stehe ich nicht im Alltagsleben da. *Hilde* (leidenschaftlich). Ich will es! Ich will es! (Bittend.) Nur noch ein einziges Mal, Baumeister! Thun Sie das _Unmgliche_ noch einmal! *Solne* (blickt sie tief an). _Wenn_ ich es versuche, Hilde, dann will ich oben zu ihm sprechen, wie ich's damals that. *Hilde* (in steigender Spannung). Was wollen Sie ihm sagen? *Solne*. Ich will ihm sagen: hre mich, gromchtiger Herr -- du magst nun ber mich urteilen nach eigenem Ermessen. Aber hernach baue ich blo das Herrlichste auf Erden -- *Hilde* (hingerissen). Ja -- ja! *Solne*. Baue es mit einer Prinzessin zusammen, die ich lieb habe -- *Hilde*. Ja, sagen Sie ihm das! Sagen Sie ihm das! *Solne*. Gewi. Und dann will ich ihm sagen: jetzt gehe ich hinunter und umschlinge sie mit den Armen und ksse sie -- *Hilde*. Viele Male! Sagen Sie's! *Solne*. Viele, viele Male, werde ich sagen. *Hilde*. Und dann --? *Solne*. Dann schwenke ich meinen Hut und steige wieder hinunter auf die Erde -- und thue, wie ich ihm sagte. *Hilde* (mit ausgestreckten Armen). Jetzt sehe ich Sie wieder so, wie damals, als ich Gesang hrte hoch oben! *Solne* (sieht sie mit gesenktem Kopfe an). Wie sind Sie zu dem geworden, was Sie sind, Hilde? *Hilde*. Wie haben Sie mich zu dem gemacht, was ich bin? *Solne* (kurz und fest). Die Prinzessin soll ihr Schlo bekommen. *Hilde* (jubelnd, in die Hnde klatschend). Ach, Baumeister --! Mein wunder -- wunderschnes Schlo! Unser Luftschlo! *Solne*. Mit einer Grundmauer darunter. *Eine Menschenmenge* (die nur undeutlich zwischen den Bumen erblickt wird, hat sich auf der Strae versammelt). (In der Ferne, hinter dem neuen Hause ertnt Musik von Blasinstrumenten.) *Frau Solne* (die einen Pelzkragen um hat, *Doktor Herdal*, der ihren weien Shawl auf dem Arme trgt, und *einige Damen* kommen auf die Veranda hinaus. *Ragnar Brovik* kommt gleichzeitig vom Garten hinauf). Zehnter Auftritt. *Die Vorigen*. *Frau Solne*. *Doktor Herdal*. *Ragnar Brovik*. *Einige Damen*. *Frau Solne*. Soll es auch Musik geben? *Ragnar*. Jawohl, gndige Frau. Es ist der Verein der Bauarbeiter. (Zu Solne.) Der Werkfhrer lt sagen, er wre jetzt bereit, mit dem Kranze hinaufzugehen. *Solne* (nimmt seinen Hut). Gut. Ich gehe selber hinber. *Frau Solne* (angstvoll). Was willst du drben, Halvard? *Solne* (kurz). Ich mu drunten sein bei den Leuten. *Frau Solne*. Ja, drunten, nicht wahr? Nur drunten. *Solne*. Ich bin's ja so gewohnt. So im Alltagsleben. (Er geht fort, die Treppe hinab, durch den Garten.) Elfter Auftritt. *Die Vorigen* ohne Solne. *Frau Solne* (am Gelnder, ruft ihm nach). Bitte aber doch ja den Mann, recht vorsichtig zu sein, wenn er hinauf soll! Versprich mir das, Halvard. *Herdal* (zu Frau Solne). Sehen Sie nun, da ich recht hatte? Er denkt nicht mehr an das tolle Zeug. *Frau Solne*. Ach, wie ist mir's leicht ums Herz. Zweimal sind uns jetzt Leute heruntergefallen. Und beide waren auf der Stelle tot. (Sie wendet sich zu Hilde.) Herzlichen Dank, Frulein Wangel, da Sie ihn so gut festhielten. _Ich_ htte ihn sicher nie herumgebracht. *Herdal* (lustig). Ja -- ja, Frulein Wangel, _Sie_ verstehen schon einen festzuhalten, wenn Sie den Vorsatz haben! *Frau Solne* und *Doktor Herdal* (gehen zu den *Damen* hin, die nher der Treppe stehen und ber den Garten hinausblicken). *Hilde* (bleibt am Gelnder im Vordergrund stehen). *Ragnar* (geht zu ihr hin, mit unterdrcktem Lachen, halblaut). Frulein -- sehen Sie alle die jungen Leute drauen auf der Strae? *Hilde*. Gewi. *Ragnar*. Es sind die Kameraden, die gekommen sind, um sich den Meister anzusehen. *Hilde*. Warum wollen sie ihn denn ansehen? *Ragnar*. Sie wollen mit ansehen, wie er sich nicht getraut, auf sein eigenes Haus hinaufzusteigen. *Hilde*. So, _das_ wollen die grnen Jungen! *Ragnar* (mit hhnischem Grollen). Der hat uns jetzt so lange unten gehalten. Nun wollen wir uns ansehen, wie _er_ auch einmal geflligst unten bleibt. *Hilde*. Das bekommen Sie nicht zu sehen. Diesmal nicht. *Ragnar* (lchelt). So? Wo bekommen wir ihn denn zu sehen? *Hilde*. Hoch -- hoch oben an der Wetterfahne werden Sie ihn sehen! *Ragnar* (lacht). Der! Wer's glaubt, wird selig! *Hilde*. Er _will_ auf die Turmspitze und folglich werden Sie ihn dort auch sehen. *Ragnar*. Er _will_, jawohl! Das glaub ich sehr gern. Er _kann_ aber einfach nicht. Es wrde ihm wirr im Kopfe werden, lange bevor er halbwegs kme. Er mte herunterkriechen auf allen Vieren! *Herdal* (hinber zeigend). Sehen Sie! Da klimmt der Werkfhrer die Leitern hinauf. *Frau Solne*. Und dann hat er wohl auch noch den Kranz zu tragen. Ach, wenn er sich doch jetzt nur in acht nhme! *Ragnar* (starrt unglubig hin und ruft). Aber das ist ja --! *Hilde* (in Jubel ausbrechend). Es ist der Baumeister selber! *Frau Solne* (schreit entsetzt auf). Ja, es ist Halvard! Ach! du lieber Gott --! Halvard! Halvard! *Herdal*. Still! Rufen Sie ihn nicht! *Frau Solne* (halb von Sinnen). Ich will zu ihm hin! Er mu herunterkommen! *Herdal* (hlt sie fest). Niemand darf sich rhren! Keinen Laut! *Hilde* (unbeweglich, folgt Solne mit den Augen). Er steigt, steigt. Immer hher. Immer hher. Sehen Sie! Sehen Sie nur! *Ragnar* (in atemloser Spannung). Jetzt _mu_ er umkehren. Da ist nichts anderes mglich. *Hilde*. Er steigt, steigt. Jetzt ist er bald oben. *Frau Solne*. O ich vergehe vor Angst. Ich halte den Anblick nicht aus! *Herdal*. Dann sehen Sie doch nicht hin. *Hilde*. Da steht er auf den obersten Brettern! Ganz oben! *Herdal*. Niemand darf sich rhren. Hren Sie! *Hilde* (jubelt in stiller Innigkeit). Endlich! Endlich! Jetzt sehe ich ihn wieder gro und frei! *Ragnar* (fast sprachlos). Aber das ist ja -- *Hilde*. So habe ich ihn vor mir gesehen alle die zehn Jahre lang. Wie sicher er dasteht! Entsetzlich spannend ist es trotzdem. Sehen Sie! Jetzt hngt er den Kranz um die Turmspitze! *Ragnar*. Das ist, wie wenn man etwas ganz Unmgliches mit anshe. *Hilde*. Ja, das ist ja eben das _Unmgliche_, was er jetzt thut! (Mit unbestimmbarem Ausdruck in den Augen.) Sehen Sie jemand anderen bei ihm droben? *Ragnar*. Es ist kein anderer da. *Hilde*. Doch, da ist einer, mit dem er Worte wechselt. *Ragnar*. Sie irren sich. *Hilde*. Und den Gesang hoch oben, den hren Sie auch nicht? *Ragnar*. Es mu der Wind in den Baumwipfeln sein. *Hilde*. Ich hre den Gesang. Einen gewaltigen Gesang! (Sie ruft in wildem Jubel.) Da, da! Jetzt schwenkt er den Hut! Er grt herunter! Ach, so grt ihn doch wieder! Denn jetzt, jetzt ist es vollbracht! (Sie entreit dem Doktor den weien Shawl, schwenkt ihn und schreit aufwrts.) Es lebe der Baumeister Solne! *Herdal*. Hren Sie auf! Hren Sie auf! Um Gottes willen --! *Die Damen* (auf der Veranda schwenken die Taschentcher). (Von der Strae her ertnen Hochrufe; pltzlich verstummen sie, und die Volksmenge bricht in einen Schrei des Entsetzens aus; zwischen den Bumen sieht man deutlich, wie ein Menschenkrper mit Brettern und Holzstcken zusammen herunterstrzt.) *Frau Solne* und die *Damen* (gleichzeitig). Er fllt! Er fllt! *Frau Solne* (schwankt, sinkt ohnmchtig nach rckwrts und wird unter allgemeinem Rufen und Wirrwarr von den Damen aufgefangen). *Die Menschenmenge* (auf der Strae durchbricht den Zaun und strmt in den Garten hinein). *Herdal* (eilt gleichfalls hinunter). (Kurze Pause.) *Hilde* (starrt unverwandt aufwrts und sagt wie versteinert:) _Mein_ Baumeister. *Ragnar* (hlt sich zitternd am Gelnder fest). Er mu zerschmettert sein. Auf der Stelle gettet. *Eine Dame* (whrend Frau Solne in das Haus hineingetragen wird). Laufen Sie zum Doktor hinunter -- *Ragnar*. Kann kein Glied rhren -- *Eine andere Dame*. Dann rufen Sie doch wenigstens jemandem zu! *Ragnar* (versucht zu rufen). Wie steht's? Ist er am Leben? *Eine Stimme* (vom Garten her). Der Baumeister ist tot! *Andere Stimmen* (nher). Der ganze Kopf zerschmettert. Gerade in den Steinbruch heruntergefallen. *Hilde* (wendet sich zu Ragnar und sagt leise): Jetzt kann ich ihn droben nicht sehen. *Ragnar*. Entsetzlich war das. Er vermochte es also doch nicht. *Hilde* (wie in stillem irrem Triumph). Aber bis zur Spitze kam er. Und ich _hrte_ Harfen hoch oben. (Sie schwenkt den Shawl aufwrts und schreit mit wilder Innigkeit.) _Mein_ -- _mein_ Baumeister! _Ende._ * * * * * [Hinweis der Bearbeiter: Offensichtliche Satzfehler wurden berichtigt. *Fettgedruckter* und _gesperrter_ Text ist im e-Book entsprechend wiedergegeben.] End of the Project Gutenberg EBook of Baumeister Solne, by Henrik Ibsen License: Share Alike