Produced by Jens Sadowski Jammes Hasenroman Siebentes und achtes Tausend Francis Jammes Der Hasenroman MCMXXII Bei Jakob Hegner in Hellerau Berechtigte bertragung von Jakob Hegner Copyright 1916 by Hellerauer Verlag, Dresden-Hellerau Erstes Buch In dem Thymian und dem Tau des Fabeldichters vernahm Langohr die Jagd; er entlief ber den aufgeweichten lehmigen Pfad, denn er frchtete seinen Schatten, die Heidekruter kamen ihm eilig entgegen, die blauen Kirchtrme standen von Tal zu Tal auf, er rannte hinab, strmte bergan, und seine Sprnge bogen die Halme, wo die Tropfen ineinanderflossen. In diesem geflgelten Lauf wurde der Hase ein Bruder der Lerchen, er flog ber die Bezirksstraen hinweg, und am Wegweiser berlegte er einen Augenblick lang, eh er dem Feldweg folgte, der aus dem blendenden Sonnenlicht und der geruschvollen Kreuzung in das dunkle stille Moos fhrt. An diesem Tag war er beinahe an den zwlften Kilometerstein angestoen, zwischen Markt Kastetis und Balansun, denn seine Augen, in denen die Angst wohnt, stehn seitwrts. Noch konnte er einhalten. Seine natrlich gespaltne Oberlippe zitterte unmerklich und entblte die langen Nager. Dann reckten sich seine gelben Landstreichergamaschen mit den vom Laufen abgestumpften Fungeln: er hpfte ber die Hecke, in Kugelform, die Ohren auf dem Hinterteil. Eine gute Weile noch trug er seine Haut aufwrts, indes die beunruhigten Hunde seine Spur verloren, und wieder abwrts, bis zur Landstrae in die Pyrenen, wo er ein Pferd mit einem Karren herankommen sah. In der Ferne, auf dem Weg, wirbelte der Staub wie im Mrchen vom Blaubart, wenn die Schwester fragt: Schwester Anna, siehst du noch nichts? Die silberne Trockenheit, wie war sie prchtig und duftete bitter nach Minze. Nicht lange, so stand das Pferd vor dem Hasen. Es war ein armseliger Gaul vor einem zweirdrigen Gefhrt, und er konnte nur noch im Galopp und ruckweise ziehn. Jeder Schritt erschtterte sein gelockertes Gerippe, da das Geschirr klirrte, und die helle Mhne flatterte in der Luft, grnlich wie der Bart eines alten Seemanns. Mhsam, als wren es Pflastersteine, hob das Tier seine geschwulstig aufgetriebenen Hufe. Langohr erschrak vor der groen lebendigen Maschine und ihrem lauten Gerusch. Er tat einen Satz und floh weiter ber die Wiesen, die Stirn gegen das Gebirge, den Schwanz gegen die Heide, das rechte Auge gegen die steigende Sonne, das linke dem Dorf zu. Endlich verkroch er sich in einem Stoppelfeld, unweit einer Wachtel, die in der Art der Hennen mit dem Bauch im Sande schlief und, von der Wrme betubt, durch die Federn hindurch ihr Fett ausschwitzte. Der Tag funkelte im Sden. Der Himmel erblate unter der Hitze und wurde perlgrau. Ein Musefalk schwebte mhlosen Fluges in immer hhern, immer weitern Kreisen. Wenige hundert Schritte geradeaus, und die pfauengleich schillernde Flche eines Flusses wlzte das Spiegelbild von Erlen mit sich; ihren klebrigen Blttern entsickerte ein herber Duft, und ihre gewaltttige Schwrze brach schneidend in den klaren Glanz des Wassers. Nahe dem Damm glitten die Fische in Rudeln vorber. Der Mariengru rhrte mit seiner himmelblauen Schwinge an den Sonnenbrand eines Kirchturms, und Langohrs Mittagsruhe begann. Regungslos blieb er bis zum Abend in seinem Stoppelfeld, nur ein Mckenschwarm belstigte ihn ein wenig, ein Flimmern wie ein Weg in der Sonne. Erst in der Dmmerung hpfte er zweimal leicht nach vorn und dann zwei andere Male nach links und nach rechts. Die Nacht war da. Er wagte sich an den Flu, wo im Mondlicht an den Spindeln des Schilfrohrs das Gespinst der Silbernebel hing. Mitten im blumigen Gras nahm er seinen Platz, erfreut, da zu dieser Stunde die Tne reiner Wohlklang waren und man nicht wute, lockten Wachteln oder Quellen. Waren die Menschen alle tot? Nur einer wachte drauen; geschftig ber dem Wasser holte er unhrbar sein strahlenrieselndes Netz heraus. Aber er strte nur das Herz der Welle, das des Hasen blieb in Frieden. Und da geschah es, da zwischen den Engelwurzdolden behutsam eine Kugel erschien. Es war die nahende Freundin. Langohr lief ihr entgegen, bis er sie tief im blulichen Heu erreicht hatte. Ihre Nasen kamen aneinander. Und einen Augenblick lang, mitten im wilden Ampfer, tauschten sie Ksse. Sie trieben ihr Spiel. Dann wandten sie sich, vom Hunger geleitet, gemchlich und Seite an Seite, gegen eine dunkel hingestreckte Meierei. In dem rmlichen Gemsegarten, wohin sie eingedrungen waren, gab es knisternden Kohl und wrzigen Thymian. Nebenan hauchte der Stall seinen Atem; hinter der Tr des Verschlages lie das Schwein sein bewegliches Grunzen hren und sein Schnffeln. So verstrich die Nacht mit Essen und Lieben. Allmhlich, im Morgenrot, regte sich die Finsternis. Flecken leuchteten von fernher. Alles begann zu schwanken. Ein Gockel auf dem Hhnerstall zerri die stille Luft. Er krhte wie besessen und klatschte sich Beifall mit seinen Flgelstumpfen. Langohr und seine Frau verlieen einander an der Schwelle der Dornen- und Rosenhecke. Kristallen tauchte ein Dorf aus dem Nebel, und im Felde zeigten sich hastende Rden, deren Ruten wie straffe Seile schaukelten; in der Minze und zwischen den Halmen mhten sie sich, die von dem lieblichen Paar geistvoll geschlungenen Schleifen zu entwirren. Unter Maulbeeren, in einer Grube, schlug dann Langohr sein Lager auf, hier verweilte er bis zum Abend, mit offenen Augen. Hier sa er wie ein Knig unter dem Spitzbogen der Zweige, die ein Regengu mit hellblauen Perlen geschmckt hatte. Endlich schlief er ein. Doch sein Traum war unruhig und nicht so, wie ihn der stille Schlummer des schwlen Nachmittags beschert. Fremd war ihm die starre Schlaftrunkenheit der Eidechse, die kaum zuckt, wenn sie das Leben der alten Mauern trumt; und fremd die zutrauliche Feierstunde des Dachses, der da in seinem lichtlosen Erdbau sitzt und es khl hat. Jedes noch so kleine Gerusch raunt ihm von der Gefhrlichkeit dessen, was sich rhrt, fllt und stt; ein Schatten bewegt sich unerwartet: naht ein Feind? Er wei, da man im Nest nur dann glcklich sein darf, wenn alles jetzt ebenso ist, wie es vorher war. Daher kommt seine Liebe zur Ordnung und verhilft ihm zu seiner Behaglichkeit. Denn warum sollte in der blauen Windstille trger Tage am wilden Rosenstrauch ein Blatt erzittern? Warum, wenn die Schatten des Unterholzes so langsam vorrcken, als ob sie den Tag festhalten wollten, warum sollten sie sich pltzlich regen? Und warum htte er sich zu den Menschen begeben sollen, die nicht fern von seiner Zufluchtsttte die Maiskolben einsammelten, darin die Sonne ihre fahlen Lichtkrner enthllte? Seine Lider ohne schtzende Wimpern vertrugen nicht die verwirrenden Wellen der Mittage, gewi nur darum verbot sich ihm die Nhe der Wesen, die ungeblendet in die weien Flammen der Sicheln sehn. Nichts lockte ihn, ehe nicht die Zeit gekommen war, wo er von selbst ausging. Seine Weisheit war eins mit den Dingen. Das Leben war ihm ein Tonwerk, und jeder Miklang riet ihm zur Vorsicht. Er verwechselte niemals das Gelute der Hunde mit einem fernen Glockenschall; auch nicht die Bewegung des Menschen mit der des wehenden Baumes; den Knall des Gewehrs und den des knatternden Blitzes; den Blitz und das Rollen der Karren; den Ruf des Sperbers und die Dampfpfeife im Dorfe. So gab es eine ganze Sprache, und ihre Wrter waren ihm bekannt als Feinde. Wer in der Welt htte zu sagen vermocht, woher Langohr diese Klugheit und solches Wissen besa? Keiner wohl, und keiner kennt ihre geheimen Wege. Denn sein Ursprung verliert sich in der Nacht der Zeiten, wo die Geschichten alle eins sind. Kam er vielleicht aus der Arche des Noah, vom Berg Ararat, an dem Tage, da die Taube, die in ihrem Gurren noch heute das Rauschen der groen Wasser bewahrt, den lzweig brachte, das Zeichen, da die Flut abnahm? Oder war er, so wie er ist, geschaffen worden, der Kurzschwanz, der Strohpelz, die Spaltnase, der Langohr, der Graustrumpf? Die Hand des Ewigen, hatte sie ihn fertig unter die Lorbeeren des Paradieses gesetzt? Gelagert unter einem Rosenstrauch, hatte er vielleicht Eva belauscht? Wie sie sich bumte gleich einem Fllen, zwischen den Schwertlilien die Anmut ihrer gebrunten Beine auf und nieder fhrte und vor den verbotnen Granatbumen ihre goldenen Brste spannte? Oder war er damals blo ein wei glhender Nebelstreif? Lebte er schon im Herzen der Porphyre, war er, unverbrennlich, ihrer Lava entronnen, um nach und nach, eh er sich mit seiner Nase in die Welt wagte, den Granit und dann die Zelle der Alge zu bewohnen? Verdankte er dem geschmolzenen Jaspis seine Pechaugen? Dem lehmigen Morast sein Fell? Dem Seetang seine nachgiebigen Ohren? Dem flssigen Feuer sein Fieberblut? . . . Was bekmmerte ihn seine Herkunft! Still begngt lag er in seiner Grube. Es war im August, ein gewitterschwler, zermrbender Nachmittag, der Himmel dunkel, pflaumenblau, hie und da geschwellt, als sollte er im nchsten Augenblick ber der Ebene bersten. Und schon hallte der Regen auf den Brombeerblttern. Immer schneller trommelten die schlanken Wasserstbe. Langohr aber frchtete sich nicht, denn die Regentropfen folgten aufeinander in einer ihm lngst vertrauten Ordnung. Und die Nsse fhlte er nicht, denn das Wasser fiel auf die dichte Pflanzenwlbung. Nur ein einzelner Tropfen kam bis zum Grunde der Grube und schlug immer wieder auf dieselbe Stelle. Und so bangte dem Graustrumpf nicht vor diesem Zusammenspiele. Wohl bekannt war ihm das Lied, worin die Trnen des Regens die langen Strophen bilden, und er wute, da weder Hund noch Mensch, noch Fuchs oder Falke daran teil haben. Der Himmel war wie eine Harfe, die Silberfden des strmenden Regens waren von oben hinunter gespannt. Und hier unten lie jedes Ding sie auf eine besondere Art ertnen und nahm dann wieder seine ihm eigene Weise auf. Von den grnen Fingern der Bltter rauschten die glsernen Saiten hoch und dumpf. Hatten die Nebel Seele und Stimme erhalten? Die von ihnen erweichte Erde schluchzte auf wie eine vom Sdwind gepeinigte Frau, und dort, wo der Boden am rissigsten war und am trockensten, lie sich das fortwhrende Gerusch des Aufsaugens vernehmen, die Inbrunst brennender, dem vollen Ungewitter hingegebener Lippen. Die Nacht nach dem Gewitter war klar. Der Regen war fast aufgesogen. Auf dem Rasen, wo Langohr sonst seine Freundin begegnete, schwebte das Wasser nur noch in dichten Nebelballen. Es sah aus wie unirdische Baumwollstauden, die ihre Hlsen in der Flut des Mondlichts gesprengt hatten. Lngs den Bschungen standen die regenschweren Bsche reihenweise wie Pilger, vornbergebeugt unter der Last ihrer Scke und Schluche. Ringsum Friede. In eine Hand legte sich die Stirn des Engels. Das Morgengrauen harrte frostdurchschauert auf die rosenfingerige Schwester, und das niedergesunkene Gras betete zum Morgen auf. Da pltzlich sah Langohr auf seiner Wiese einen Mann nahen, und er erschrak gar nicht. Ein erstes Mal seit Urzeiten, seitdem der Mensch Fallen stellt und Bogen spannt, erlosch der Trieb zur Flucht in der Seele des Leichtfigen. Der Mann, der herankam, war angetan wie ein Baumstamm im Winter, wie mit wolligem Moos bekleidet. Er hatte eine Kapuze auf dem Kopf und Sandalen an den Fen. Er trug keinen Stock. Seine Hnde lagen verschrnkt in den rmeln seines Mantels, ein Strick diente ihm als Grtel. Sein bleiches, knochiges Gesicht hielt er dem Mond entgegen, und der Mond war minder bla. Deutlich sah man die Adlernase, die Augen, tief wie die der Esel, und den schwarzen Bart, worin die Bsche Flocken von Schfchenwolle hinterlassen hatten. Zwei Tauben begleiteten ihn. Sie glitten von Ast zu Ast, hinein in die mildttige Nacht. Das verliebte Haschen ihrer Flgel war wie der Kelch einer entbltterten Blume: als wollte er sich wieder vereinigen und sich von neuem zur Krone entfalten. Drei rmliche Hunde mit Stachelhalsbndern trabten ihm schweifwedelnd voran, und ein alter Wolf beleckte ihm den Kleidsaum. Ein Schaf und sein Junges drangen zwischen Krokus vor und stampften blkend, unsicher und entzckt, auf smaragdgrnen Traubenhyazinthen, indes drei Sperber mit den beiden Tauben zu spielen begannen. Ein schchterner Nachtvogel pfiff jubelnd inmitten der Eicheln, dann schwang er sich auf und holte den Sperber ein und die Tauben, das Lamm und das Schaf, die Hunde, den Wolf und den Mann. Und der Mann trat heran zu dem Hasen und sprach zu ihm: Ich bin Franziskus. Ich liebe dich, und ich gre dich, Bruder. Ich gre dich im Namen des Himmels, der die Wasser spiegelt und die glitzernden Steine, im Namen des Sauerampfers, der Rinden und der Krner, womit du deinen Hunger stillst. Komm und folge diesen Unschuldigen, die mich begleiten und sich an meine Schritte hngen, so glubig wie der Efeu, der den Baum umklammert und nicht daran denkt, da sich, vielleicht bald schon, der Holzfller zeigen wird. O Hase, ich bringe dir den Glauben, wie wir ihn der eine in den andern setzen, den Glauben, der das Leben selbst ist, alles das, was wir doch nicht wissen, aber woran wir glauben. O Hase, liebes freundliches Tier, sanfter Wanderer, willst du dich unserm Glauben anschlieen? Und solange Franziskus sprach, verhielten sich die Tiere still, sie lagen und saen in den Zweigen, im Vertraun auf diese Worte, die sie nicht begriffen. Nur der Hase, das Auge weit geffnet, schien jetzt durch das Gerusch der Menschenlippen beunruhigt zu sein. Das eine Ohr nach vorn, das andere nach rckwrts gerichtet, war er unschlssig, ob er fliehn solle oder bleiben. Dies sah Franziskus. Er rupfte von der Wiese eine Handvoll Gras, reichte es dem Leichtfigen, und der folgte ihm nun. Von dieser Nacht an blieben sie Gefhrten. Niemand vermochte ihnen zu schaden, denn der Glaube beschtzte sie. Wenn Franz mit seinen Freunden halt machte, auf einem Dorfplatz, wo die Leute beim Gedudel einer Sackpfeife tanzten, dann, wenn die Ulmen zerflieen und auf den dunkeln Wirtshaustischen die Mdchen ihr Glas lachend in den Abendwind heben, bildete man einen Kreis um sie. Und das junge Volk mit Bogen oder Armbrust dachte nicht daran, Langohr zu tten, so verwunderte sie sein ruhiges Wandeln, so grausam erschien ihnen, ein armes Tier zu hintergehn, das ihnen sein Zutrauen zu Fen legte. Sie hielten Franziskus fr einen Fremden, dessen Gewerb es war, die Tiere zu zhmen, sie ffneten ihm fr die Nacht ihre Scheunen und reichten ihm Almosen, wofr er seinen Tieren ihre Lieblingsspeisen kaufte. Auch fanden die Fahrenden mhlos ihren Unterhalt, denn der Herbst, durch den sie zogen, war freigebig, die Speicher bogen sich, man lie sie auf den Maisfeldern Nachlese halten und teilnehmen an der Weinernte, mit den Gesngen bei Sonnenuntergang. Die blonden Mgde drckten Trauben an ihre lichtumspielten Brste. Ihre Ellbogen leuchteten emporgehoben. Oben ber dem blauen Dunkel der Kastanienhaine, in Ruhe, glitten fallende Sterne. Das Heidekraut in seinem Samt wurde schwrzer. Wie seufzten die Rcke ferne in den Laubgngen. Jene schauten vor sich das Meer, ein Gemlde an der Himmelswand, und die geneigten Segel, den weien Sand mit seinen Flecken von den Schatten der Tamarisken, der Erdbeerbume und der Pinien. Sie wanderten ber heitere Matten, wo, herabgefallen aus der Unbeflecktheit des Schnees, die Sturzwsser zu Bchen werden, doch glitzernd die Erinnerung noch bewahren an den Spieglanz und die Firne. Selbst wenn das Jagdhorn erklang, blieb Langohr jetzt unerschrocken und bei seinen Gesellen. Sie schtzten ihn und er sie. Eines Tages wagte sich eine Meute heran und entfloh beim Anblick des Wolfes, ein anderesmal wieder schlich eine Katze den Tauben nach, entwich aber vor den Hunden mit dem Stachelhalsband, und ein Wiesel auf der Lauer nach dem Lmmchen versteckte sich vor den Raubvgeln. Langohr schreckte Schwalben ab, die auf die Eule losstrmten. Langohrs bester Freund war einer der drei Hunde mit den Stacheln, eine Jagdhndin, gutmtig, kleinen und gedrungenen Baus, mit gestutztem Schwanz, hngenden Ohren und gebogenen Beinen. Sie war artig und umgnglich. Ihre Wiege war ein Schweinekoben gewesen, bei einem Schuster, der des Sonntags jagte. Nun war der Schuster tot, und niemand nahm sie auf. So jagte sie in den Feldern, wo sie zuletzt an Franz kam. Langohr hielt sich immer an ihrer Seite, und wenn sie schlafen wollte, legte sie ihre Schnauze auf ihn, worauf auch er einschlummerte. Denn alle pflegten der Mittagsruhe, und Trume erfllten ihren Schlaf in dem stumpfen Feuer der Sonne. Franz schaute dann wieder das Paradies, das er hinter sich gelassen hatte. Ihm war, als betrte er durch das groe Tor die himmlische Hauptstrae mit ihren Husern der Auserkornen. Es waren niedrige Holzbuden, jede gleich der andern, in einem Schatten, der, hell erstrahlend, zu Trnen der Freude rhrte. Aus dem Innern hervor leuchteten da ein Hobel, dort ein Hammer oder eine Feile. Hier auch war kein Ende der erhebenden Mh. Denn wenn Gott die Menschen bei ihrer Ankunft in den Himmel fragte, womit er ihre irdischen Werke belohnen solle, wollten sie immer das behalten, was ihnen zum Paradiese mit verholfen hatte. Und da war auf einmal eines jeden schlichtes Wirken irgendwie wunderbar geworden. Handwerker traten auf ihre Schwellen, und die Tische waren hinausgetragen fr die Abendmahlzeit. Man hrte den Frohsinn der himmlischen Brunnen. Und auf den offnen Pltzen entfalteten sich die Engel wie Segelboote und neigten sich in der Seligkeit der andmmernden Nacht. Die Tiere aber sahn in ihren Trumen die Erde und das Paradies nicht so, wie wir beides kennen und sehn. Sie trumten von unzusammenhngenden Ebnen, worin ihre Sinne irre wurden. Nebel fiel in sie. In Langohr wurde das Hundegebell ganz eins mit der Sonnenhitze, mit jhem Knallen, mit einem Schwitzen der Lufe, mit dem Taumel der Flucht, dem Schrecken, Lehmgeruch, hellem Wasser, hin- und herschwankenden Mohren, knisterndem Mais, Mondschein und freudiger Aufregung beim Anblick des Weibchens, wie es mitten im Duft der Waldmeister erschien. Sie alle erblickten hinter den geschlossnen Lidern die bewegten Abbilder ihrer Lebenslufe. Nur die Tauben schtzten vor der Sonne ihre lebhaften unruhigen Kpfchen: sie erschauten im Schatten ihrer Flgel ihr Paradies. Zweites Buch Als der Winter kam, sagte Franziskus zu seinen Freunden: Segen ber euch, denn ihr seid Gottes. Doch bin ich in Unruhe, denn der Schrei der ziehenden Gnse verkndet eine Hungersnot, und da es nicht in den Absichten des Himmels liegt, euch die Erde zum Wohltter zu machen. Gelobt seien die verborgenen Ratschlsse des Herrn. Das Land um sie war wirklich verdet. Aus seinen straffen Schluchen voll Schnee trufelte der Himmel ein fahles Licht. Alle Frchte in den Hecken waren abgestorben und alle in den Grten. Und die Krner hatten ihre Schoten verlassen, um in den Scho der Erde einzugehn. . . . Gelobt seien die verborgenen Ratschlsse des Herrn, sagte Franziskus. Vielleicht will er, ihr sollet mich verlassen und ein jeglicher seines Weges ziehn, auf der Suche nach Nahrung. Trennet euch also von mir, der ich nicht allen zugleich folgen kann, wenn euch der Trieb jeden wo andershin fhrt. Denn ihr seid im Leben und bedrfet der Speise, ich jedoch bin auferstanden und bin hier durch die Gnade, den leiblichen Bedrfnissen enthoben, und Gott lie mich erscheinen, damit ihr von mir geleitet wret bis an diesen Tag. Aber ich wei nicht mehr, was tun, und kann nicht lnger mehr fr euch sorgen. Wollt ihr mich also verlassen, so sei einem jeden von euch die Zunge gelst, und er sag es offen. Der erste, der sprach, war der Wolf. Er hob seine Schnauze gegen Franziskus. In seinem zerzausten Schweif fegte der Wind. Er hustete. Lang war das Kleid seines Elends. Sein klglicher Pelz gab ihm das Aussehn eines entthronten Knigs. Er zgerte und blickte im Kreise um sich, von Freund zu Freund. Endlich kam seine Stimme aus dem Schlund, der rauhe Laut des Winterschnees. Und wie er seine Lefzen ffnete, sah man seine ganze frhere Entbehrung an der Lnge seiner Zhne. So wild war sein Ausdruck, da man nicht wute, ob er seinen Herrn beien oder ihn liebkosen wolle. Er sagte: O Honig ohne Stacheln! O Armer! O Sohn Gottes! Wie knnte ich dich verlassen? Mein Leben war elend, und du hast es mit Freude erfllt. In den Nchten, wie mute ich da den Atem der Hunde, der Hirten und der Feuerbrnde belauschen, um dann im richtigen Augenblick meine Krallen in die Kehle der schlafenden Lmmer zu versenken. Du lehrtest mich, o Seliger, die Milde der Obstgrten kennen. Ja eben noch, da sich mir der Bauch in der Lust nach Fleischesspeise hhlte, ernhrte mich deine Liebe zu mir. Wie so oft war mir doch mein Hunger willkommen, wenn ich meinen Kopf auf deinen Schuh legte, denn diesen Hunger, ich ertrage ihn, um dir zu folgen, und aus Liebe zu dir will ich gerne sterben. Und die Tauben gurrten. Sie beendeten ihren frierenden Doppelflug in den Zweigen eines vertrockneten Baumes. Sie konnten sich nicht zum Sprechen entschlieen. Jeden Augenblick, so schien es, wollten sie zustimmen, dann wieder, in Schrecken, erfllten sie von neuem mit ihren weien aufschluchzenden Zrtlichkeiten den Wald, der dieser Anmut lauschte. Sie zuckten wie junge Mdchen, die ihre Trnen und ihre Arme vereinen. Sie sprachen beide zu gleicher Zeit, als htten sie nur eine einzige, gemeinsame Stimme: O Franz, milder als der Schimmer des Leuchtkfers im Moose, lieblicher als der Bach, der uns sein Lied singt, wenn wir unser laues Nest in den wrzigen Schatten der jungen Pappeln hngen. Was kmmert uns, da Reif und Not uns aus deiner Nhe verbannen und uns vertreiben wollen, hinweg zu fruchtbaren Strichen? Um deinetwillen werden wir die Not lieben und Frost und Reif. Und deiner Liebe willen wollen wir auf unsre Neigungen verzichten. Und mssen wir vor Klte sterben, so wird es Herz an Herz geschehn, o Herr. Und einer der Hunde mit dem Stachelhalsband trat hervor. Es war die Jagdhndin, die Freundin des Hasen. Wie der Wolf, hatte auch sie schon hart unter dem Hunger gelitten und klapperte mit den Zhnen. Ihre Ohren runzelten sich, auch wenn sie sie hob; ihr Schwanz, zerfahren wie eine Baumwollspindel, hielt sich unbewegt wagrecht. Die rotgelben Augen richteten sich auf Franziskus mit der Glut des unbedingten Glaubens. Und ihre beiden Genossen, die sich anschickten, vertrauensvoll zuzuhren, senkten gutmtig und unwissend den Kopf. Und sie, die Hirtenhunde, die niemals was anderes gehrt hatten als das Greinen der Schellen, das Blken der Herden und den Geielschlag des Blitzes auf den Gipfeln, sie warteten ab, glcklich und stolz darber, da die kleine Jagdhndin bekannte. Da versuchte diese einen Schritt, aber kein Laut kam aus ihrer Kehle. Sie leckte die Hand des Heiligen, dann legte sie sich ihm zu Fen. Und das Schaf blkte. Sein Blken war so traurig, als hauchte es seine Seele dem Tod entgegen, schon bei dem bloen Gedanken an eine Trennung von Franz. Als es nun schwieg, hrte man auf einmal sein von einer befremdlichen Schwermut ergriffenes Lmmchen weinen wie ein Kind. Und das Schaf sprach: Nicht die Munterkeit der Matten, die der Morgen mit seinem Brodem dmpft, nicht in den Bergen das Sholz, das der Nebel mit seinem Silberseim beperlt, noch die Streu in der verrucherten Htte, sie alle sind nicht zu vergleichen mit den Almen deines Herzens. Lieber als dich zu verlassen, ist uns das blutige und ekle Schlachthaus, das Schwanken auf dem Karren, der uns dorthin bringt, blkend und die Fe gebunden und die Rippen und die Wange auf dein Brett. O Franz, unser Tod wre, dich zu verlieren, denn wir lieben dich. Und whrend dieser Rede hielten Uhu und Sperber beisammen hockend unbeweglich stand, die Augen voll Angst und, um nicht fortzufliegen, die Flgel fest an den Leib gepret. Der letzte, der sprach, war der Hase. In seinem stroh- und erdfarbenen Haarkleid nahm er sich aus wie eine Gottheit der Fluren. Inmitten dieser winterlichen Wste glich er einer Scholle zur Sommerzeit. Er rief graue Erinnerung wach an einen Straenarbeiter oder an einen Landbrieftrger. In den Schnecken seiner Lffel trug er aufrecht mit sich die Erschtterung aller Gerusche. Sein linker Lffel horchte, zu Boden gesenkt, auf das Knistern des Frostes, indessen der andre, in die Ferne gestreckt, die Axtschlge aufsammelte, von denen der tote Wald widerhallte. Wahrlich, sprach er, o Franz, ich kann mich begngen mit der moosigen Rinde, die unter den Liebkosungen der Schneeflocken aufgeweicht und von den winterlichen Sonnenaufgngen durchduftet ist. fters schon sttigte ich mich daran jetzt in diesen Unglckstagen, wo die Brombeerzweige nur rosige Kristalle sind und die wippende Bachstelze ihren heftigen Schrei gegen die Larven unter dem Ufereis ausstt, die ihr Schnabel nun nicht mehr erreicht. Und diese Rinden, ich will sie weiter kauen. Denn, o Franz, ich mag nicht hinsterben mit den sanften Freunden in ihrem Todeskampf, sondern leben will ich neben dir und mich nhren von den bittern Fasern des Bastes. Demnach, und weil die Heimat eines jeden eine andre und nur fr ihn allein bewohnbar gewesen wre, zogen es also die Genossen des Hasen vor, sich nicht zu trennen, vielmehr in diesem Lande des mrderischen Winters miteinander zu sterben. Eines Abends waren die Tauben verwelkt und fielen wie Bltter von ihrem Zweige, auch der Wolf schlo seine Augen dem Leben, die Schnauze auf den Schuh des Heiligen gelegt: schon seit zwei Tagen hatte der Hals den Kopf nicht mehr aufrecht halten knnen, und das Rckgrat war wie ein Brombeerzweig geworden, mit Kot belastet, im Winde zitternd; sein Herr kte ihn auf die Stirn. Danach gaben die Wchterhunde, das Schaf, die Sperber, der Uhu und das Lamm ihren Geist auf, und zuletzt die zierliche Jagdhndin, die der Hase vergeblich zu erwrmen trachtete. Sie verschied wedelnd, und Langohr war darber so tief betrbt, da er bis zum nchsten Tag nicht imstande war, an die Eichenrinde zu rhren. Und Franziskus, in dieser Verheerung, betete, die Stirn in die Hand geschmiegt, so wie im berma des Leidens ein Dichter sein Herz abermals schwinden fhlt. Dann, zum Hasen gewandt, sprach er: O Langohr, ich hre eine Stimme mir erffnen, da du diese hier (und er wies auf die Tierleichen) in die ewige Seligkeit bringen mut. O Langohr, wisse, es gibt fr die Tiere ein Paradies: aber ich kenne es nicht. Kein Mensch wird es jemals betreten. O Langohr, fhre du dorthin die Freunde, die mir Gott gegeben und wieder genommen hat. Du bist verstndig unter allen, und deinem Verstande vertrau ich die Weggenossen an. Franzens Worte stiegen auf in den erhellten Himmel. Das harte Winterblau war allmhlich wieder durchsichtig geworden. Und in dieser Helligkeit wollt es scheinen, als ob die reizende Jagdhndin nochmals ihre geschmeidigen Seidenohren aufrichten werde. O meine Freunde, ihr Toten, sagte Franziskus, seid ihr denn tot, dieweil ich allein von euerm Tode wei? Wodurch knntet ihr dem Schlaf beweisen, da ihr nicht blo eingeschlummert seid? Schlft denn die Frucht der Waldrebe oder ist sie tot, wenn der Wind nicht mehr ihre leichten Wimpern beschwingt? Vielleicht, o Wolf, geht vom Himmel nur nicht mehr Hauches genug, um deine Flanken zu heben? Und ihr, Tauben, damit ihr wie ein Seufzen anschwellt? Und ihr, Schflein, damit eure sanfte Klage die Sanftheit noch der berschwemmten Wiesen erhhe? Und du, mein Uhu, damit dein Ruf wieder erwache, der Liebesseufzer der Nacht selbst? Und ihr, Sperber, damit ihr euch aufschwingt vom Boden? Und ihr, Wachthunde, da euer Schnappen zusammenstrme mit dem Rauschen der Schleusen? Und du, Hndin, damit deine kstliche Einsicht neu auferstehe und du wieder spielen drftest mit dem Graustrumpf da? Auf einmal, von dem Maulwurfshgel, wohin er sich gelagert hatte, tat Langohr einen Sprung ins Blaue und fiel nicht zurck; und dann noch einmal, so leicht als ging es ber eine Wiese von blauem Klee, sprang er in das Leere hinein, in das Engelreich. Kaum hatte er diesen Sprung vollfhrt, als er neben sich die kleine Jagdhndin gewahrte, und er fragte sie voll Freude: Warst du denn nicht tot? Worauf sie aufhpfend zur Antwort gab: Ich begreife nicht, was das heit. Mein Schlaf heute war ruhevoll und hell. Und Langohr sah, da auch die andern Tiere ihm in den Raum nachfolgten, whrend auf einer zweiten Himmelsstrae Franziskus ausschritt und dem Wolf mit der Hand ein Zeichen gab, er mge dem Graustrumpf vertraun. Und Isegrim, gelehrig und beruhigten Sinnes, fhlte, wie ihn der Glaube abermals berkam, und er schlo sich an seine Freunde, nach einem langen Blick auf seinen Herrn und in dem Bewutsein, da fr die Auserwhlten sogar das Abschiednehmen gttlich ist. Sie lieen den Winter hinter sich. Sie staunten ber ihren Gang durch diese Wiesen, die ehemals unerreichbar waren und so hoch ber ihnen. Doch das Verlangen nach dem Paradiese gab ihnen Halt und Sicherheit in dem Himmel. Auf den Pfaden der Seraphim, die Lichtspaliere entlang, auf den Milchstraen, wo der Komet eine Garbe ist, leitete Langohr seine Genossen; Franziskus hatte sie ihm anvertraut, ihn zu ihrem Fhrer erwhlt, weil er Langohrs Klugheit kannte. Und hatte denn Langohr seinem Herrn nicht bei verschiedenen Gelegenheiten Proben erbracht von jener Furcht, die der Anfang der Weisheit ist? Hatte er bei der Begegnung mit Franziskus und bei der Aufforderung zum Mitgehn nicht gewartet, bis ihm der Heilige ein Bschel frisches Gras zu fressen reichte? Und als alle seine Gefhrten sich aus Liebe zueinander dem Tode weihten, hatte da er, der Graustrumpf, nicht weiter die bittere Baumrinde gekaut? Darum konnte es dem Hasen auch im Himmel an seiner Klugheit nicht fehlen; wich man ab, so kam er immer wieder auf die rechte Strae, verstand es, Irrwege zu vermeiden, und wute, wie man weder an die Sonne noch an den Mond stt, auch wie man den fallenden Sternen ausweicht, die so gefhrlich sind wie die Steine aus den Schleudern; und sich zurechtzufinden mit all den Pfhlen, die die Zahl der zurckgelegten Kilometer anzeigen und die Namen der himmlischen Drfer. Die Landschaften, die Langohr und seine Genossen bereisten, erschienen ihnen hinreiend und begeisternd, und dies um so mehr, als sie, anders gerichtet als die Menschen, niemals die Schnheiten des Himmels geahnt, sondern ihn immer nur von der Seite erblickt hatten, doch nicht in der Hhe ber sich, was ein Vorrecht des Herrn der Tiere bleibt. Also, Kurzschwanz, Wolf, Schaf, Lmmchen, Vogel, Herdenwchter und Jgerin stellten fest, da der Himmel nicht minder schn war als die Erde. Und alle, auer Langohr, dem die Marschrichtung zuweilen Sorge machte, genossen einer ungemischten Freude auf dieser Pilgerung zu Gott, wo an Stelle des Himmelfeldes, noch krzlich unerreichbar ber ihren Huptern, jetzt langsam die Erde unerreichbar wurde unter ihren Fen. Und in dem Mae, wie sie sich von ihr entfernten, ward ihnen diese Erde zu ihrer neuen Himmelskugel. Das Blau der Meere ballte dort Wolken Schaumes, und die Lichter in den Buden besternten dort die Weite der Nacht. Allmhlich nherten sie sich den Lndern, die ihnen Franziskus verheien hatte. Bereits zergingen der rosenrote Klee der Sonnenuntergnge und die leuchtenden Frchte des Dunkels, ihre Speise, grer immer und voller, in ihren Seelen zu paradiesischen Sen. Die Bltter, die brennenden Sfte flten in ihr Blut eine sommerliche Kraft, einen frohen berschwang, wovon die Herzen schneller schlugen bei der Annherung an die knftigen Herrlichkeiten. Endlich gelangten sie zu dem Aufenthalt der seligen Tiere, zum ersten Paradies, dem der Hunde. Eine Weile schon vernahm man ein Bellen. Sie kamen an den Stumpf einer zerfressenen Eiche und sahn darin eine Dogge sitzen wie in einer Nische. An ihrem abweisenden und zugleich sanften Blick merkte man, da sich ihr Gehirn ein wenig in Unordnung befand. Es war die Dogge des Diogenes, der Gott eine Einsamkeit geschenkt hatte in dieser aus dem ganzen Baum gehhlten Tonne. Unbewegt sah sie die Stachelhunde vorbeiziehn. Danach, zu deren groer Verwunderung, trat sie auf einen Augenblick aus ihrer moosbewachsenen Behausung und knotete sich selbst wieder an, indem sie mit dem Maule nachhalf -- denn ihre Leine hatte sich gelockert -- kehrte dann in ihr Holzgewlbe zurck und sagte: Hier findet jeder seine Lust, wo er sie sucht. Und wirklich erblickten Langohr und seine Freunde eine Anzahl Hunde auf der Suche nach vorgestellten, verlornen Wanderern. Sie wagten den Abstieg in tiefe Schlnde, um die Verunglckten dort zu finden, ihnen ein wenig Brhe zu bringen, Fleisch und Branntwein, in den kleinen Fssern an ihrem Hals. Andre wieder warfen sich in vereiste Seen, in der immer getuschten Hoffnung, einen Schiffbrchigen daraus hervorzuziehn. Sie schwammen zurck ans Ufer, zitternd und betubt, jedoch befriedigt von ihrer nutzlosen Treue und bereit, sich aufs neue hinauszustrzen. Wieder andre bettelten hartnckig um ein paar alte Knochen vor der Schwelle verlassner Htten an der Strae und warteten auf die Futritte, die ihren Blicken eine verehrungswrdige Schwermut verleihen sollten. Da war auch ein Scherenschleiferhund, der drehte freudig, mit hngender Zunge, an dem Rderwerk eines Steines, auf dem sich kein Messer glatt schliff. Aber seine Augen glnzten von dem hinnehmenden Glauben an seine erfllte Pflicht, und er unterbrach seine Anstrengung nur, um Atem zu holen und sich wiederum anzustrengen. Dann gab es da einen Wchterhund, der wollte ewig verirrte Schafe in ihre Hrde zurckfhren. Er jagte nach ihnen am Rand eines Baches, der am Hang eines wiesengrnen Hgels leuchtete. Von diesem grnen Hgel, und aus Unterholz hervorbrechend, stieg eine Meute nieder, die den ganzen Tag Traumhindinnen und Traumgazellen verfolgt hatte. Ihr Gelute, festgehalten auf alten Spuren, erklang wie beglckte Glocken an einem blhenden Ostermorgen. Nicht weit von dieser Stelle richteten sich die Wachthunde und die kleine Jgerin huslich ein. Aber als diese von Langohr zrtlichen Abschied nehmen wollte, gewahrte sie, da er sich aus dem Staub gemacht hatte, schon seit dem Anschlagen der Meute. Und so muten ohne ihn die Sperber, die Eule, die Tauben, der Wolf und die Lmmer ihren Flug wieder aufnehmen. Sie begriffen gar wohl, da er, ein kleinglubiger Hase, nicht wie sie zu sterben verstanden hatte, und da er lieber, als sich durch Gott gerettet zu sehn, sich selber retten wollte. Das zweite Paradies war das der Vgel; es lag in einem khlen Wldchen, ihr Sang tropfte auf die Erlen und kruselte die Bltter. Und von den Erlen strmten die Lieder hinab in den Flu und erfllten ihn so mit Musik, da er auf den Schilfrohren spielte. In der Ferne zog sich ein Hgel hin, voll Frhling und Schatten. Sein Bau war von einer unvergleichlichen Anmut. Er duftete nach Einsamkeit: nach nchtlichem Flieder und dem Odem aus dem Herzen dunkler Rosen, woraus die heie weie Sonne trinkt. Nun mit einemmal, in Pausen, als wren die kristallenen Sterne, ihr Licht brechend, auf Wasser gefallen, hrte man den Sang der Nachtigall aufgehn. Nichts hrte man als den Sang der Nachtigall. Auf dem ganzen weiten stillen Hgel hrte man blo den Sang der Nachtigall. Die Nacht war blo das Seufzen der Nachtigall. Da, in dem Wldchen, stieg die Morgenstunde auf, errtend wegen ihrer Nacktheit inmitten der gefiederten Snger, die noch nicht daran dachten, ihr Zwitschern abzustimmen, so schwer waren ihre Flgel von Gefhl und Morgentau. Noch schlugen die Wachteln nicht in den grnen Halmen. Die Meisen mit ihren schwarzen Kpfchen rauschten in dem Feigendickicht wie Kiesel in der Strmung. Ein Grnspecht, beinahe wie ein Bschel Gras von goldschimmernden Wiesen, eine Kleeblte auf dem Kopf, zerri mit seinem Schrei die Himmelsblue. Dann richtete er seinen Flug auf die alten, blendend blhenden Apfelbume. Die drei Sperber und die Eule gingen ein in diese Blumenweiden, und nicht ein Rotkehlchen, nicht ein Distelfink, nicht ein Hnfling erschraken vor ihnen. Die Raubvgel hockten sich nieder ins Gest, in anmaender und schwermtiger Haltung, und das Auge zur Sonne gekehrt, schlugen sie dann und wann mit ihren Stahlschwingen gegen den scheckigen Kiel ihrer Brust. Die Eule aber suchte den Schattenhgel auf, um zurckgezogen in einer Hhlung, und zufrieden mit ihrem Dunkel und ihrer Einsicht, die Nachtigall klagen zu hren. Doch die kstlichste Zuflucht hatten sich die Tauben erwhlt. Sie saen auf wrzigen lbumen im Abendwehn. In diesem Garten lebten junge Mdchen, die man wegen ihrer tierhaften Anmut eingelassen hatte, alle die jungen Mdchen, seufzend und wie Jelnger-Jelieber, alle die jungen Mdchen, die mit den empfindsamen Tauben schmachten, von den Tauben Venetiens an, die den gelangweilten Dogaressen fchelten, bis zu den Tauben Westindiens, mit dem neckischen Feuer ihrer orangen- und tabakfarbenen Fischerinnenschnbel; alle die Tauben der Trume und alle die trumenden Tauben: die Taube, die Beatrice aufzog und der Dante ein Korn reichte; und jene, die in der Nacht von der enttuschten Quitteria vernommen ward; und jene, die aufschluchzen mute auf der Schulter Virginiens, als sie im nchtlichen Quell, im Schatten der Kokospalme, vergebens ihre Liebesglut zu khlen versuchte; und noch die Taube, der die Siebzehnjhrige, bedrckt von der Schwle des Sommers, im Hausgarten bei den reifenden Pfirsichen zrtlich wilde Botschaft anvertraut, damit sie sie mit forttrage, auf ihrem Flug ins Ungewisse. Und dann waren hier die Tauben der alten, rosenumsponnenen Pfarrkirchen: die Tauben, die aus seiner weihrauchduftenden Hand Jocelyn nhrte, whrend seine Gedanken bei Laurence weilten. Und die Taube, die man dem sterbenden kleinen Mdchen bringt; und die Taube, die man in manchen Gegenden auf die heie Stirn der Kranken legt; und die geblendete Taube, die so schmerzlich aufsthnt, da sie den Zug ihrer wilden Schwestern in den Hinterhalt des Jgers lockt; und die beste aller Tauben, die in seiner Dachkammer den alten vergessenen Dichter trstet. Das dritte Paradies war das der Schfchen. Im Schoe eines Smaragdtales, bewssert von Bchen, die unter ihrem besonnten Kristall eine Decke unerhrten Grns zeigten; nahe bei einem perlmutternen, pfauengleich schillernden See, tiefblau und wie Glimmerschiefer, wie die Kehle der Kolibri und die Flgel der Schmetterlinge: hier, wo sie das ungetrbte Salz von dem goldgekrnten Granit geleckt hatten, unter dem Dach ihres dichten Wollvliees wie Blatt und Ast unter Schnee, trumten die Lmmer ihren langen Traum. Diese Landschaft war so rein, so traumhaft klar, da sie die Wimpern der Schfchen angesilbert hatte, als sie hineingeglitten war in das Gold ihrer Augen. Darin schien alles so durchsichtig, da man tief in ihrem Wasser, so deutlich enthllten sich die Umrisse, die gelbgestreiften Kalkgipfel zu erblicken vermeinte. In die Teppiche der Buchen- und Tannenwlder waren Blten eingewirkt, von Reif, von Himmel und von Blut, und der sanfte Wind, wenn er darber hinweggeweht hatte, zog noch leichter, noch bedufteter, noch eisesklarer von dannen. Gleich einer blauen Meerflut wallten die kstlichen Kegel der Bume hoch, mit verflochtenem Silbertang. Abwrts von den felsigen Zhnen des Gebirges dampften Wasserflle. Und auf einmal blkten die himmlischen Herden Gott entgegen; die verzckten Schellen weinten um den Schatten der Farnkruter. Und das dunkle Wasser der Grotten brach sich im Licht. Gelagert unter wilden Lorbeerbschen erschien das wiedergewonnene Lamm der Bibel. Seine Pforte ruhte auf seinem Mund und blutete noch. Seine Wege waren hart gewesen, bald aber sollte es an dem leicht gesuerten Zucker der Myrten wieder gesund werden. Schon zitterte es bei dem Laut seiner zerstreuten Gefhrten. Einziehend in dieses gelobte Land, ihren bleibenden Aufenthalt, gewahrten die franziskanischen Schfchen das Lamm aus der Fabel des Lafontaine, wie es unter Vergimeinnicht an der spiegelhellen Welle graste. Nicht mehr stritt es mit dem Wolf des Gedichtes. Es trank, und das Wsserlein wurde nicht trbe davon. Die ungefate Quelle, fr das Gefhl durch einen zweihundertjahrlangen Epheu-Schatten verdstert, strmte ber den Rasen hin ihre zerbrochenen Wellchen und, fortgerissen mit ihrem Glitzern, das schneeige Beben des Lammes. An den Halden der Glckseligkeit hochhngende Schafe, die Schafe sahn sie jener Helden des Cervantes, die aus Liebesgram alle wegen ein- und derselben Schnheit ihre Stadt verlassen hatten, um in der Ferne ein Hirtenleben zu vollbringen. Die Stimmen dieser Tiere waren die allersanftesten: Stimmen von Herzen, die insgeheim ihr eigenes Leiden lieben. Sie schlrften von den Quendelbeeten die immer neuen brennenden Trnen, die ihre bukolischen Dichter wie Tau hatten fallen lassen aus dem Kelche der Augen. Am Rande dieses Paradieses erhob sich ein undeutliches Gerusch gleich dem unendlichen Wellenschlag. Es war der Flten und der Klarinetten immer wieder stockendes Schluchzen, ein Rufen, von den Abgrnden zurckgeschnellt, Gebell der unruhigen Hunde, der Sturz eines umgrnten Steines ins Leere. Es war der Schwall der Wasserflle hoch ber den tosenden Wildbchen. Wie die Sprache war es eines Volkes auf dem Wege zu seinem gelobten Land, namenlosen Weintrauben entgegen, brennenden Dornbschen entgegen, Laute, untermischt mit dem Aufschrei trchtiger Eselinnen, die die Last der vollen Milchkannen trugen und die Hirtenmntel und das Salz und den schieferig abbltternden Kse. Das vierte Paradies, in seiner fast unbeschreiblichen Nacktheit, gehrte den Wlfen. Auf dem Gipfel eines baumlosen Berges, in der de des Windes, in durchdringenden Nebeldmpfen, genossen sie des Glckes der Mrtyrer. Sich also verlassen zu fhlen, empfanden sie als eine herbe Freude und ebenso dies, da sie niemals lnger als einen Augenblick lang -- und unter welchen Qualen! -- ihrem Blutdurst hatten entsagen knnen. Sie waren die Enterbten mit dem ewig unverwirklichtem Traum. Schon seit langem konnten sie nicht mehr heran an die himmlischen Lmmer, deren blanke Augenwimpern in dem grnen Lichte auf- und niederschlugen. Und dann, da keines dieser Tiere starb, durften sie auch nicht lnger den Leib erwarten, da ihn der Schfer ihnen hinwrfe an den immer lachenden Bach. Und die Wlfe hatten sich bescheiden gelernt. Ihr Pelz, rauh wie ihr Fels, war zum Erbarmen. Eine Art von klglicher Gre herrschte an dem seltsamen Ort. So tragisch, so unselig wirkte ihr Erlstsein -- man htte sie, o Mitgefhl!, selbst wenn man sie beim Lmmermord ertappte, auf die Stirne kssen mgen, voll Zrtlichkeit, diese armen Fleischfresser. Die Schnheit ihres Paradieses, wo nun auch der Herzenswolf des Franziskus Wohnung nahm, war in der Trostlosigkeit beschlossen und in der hoffnungslosen Verzweiflung. ber dieses Gebiet hinaus aber erstreckte sich der Tierhimmel ins Unendliche. Drittes Buch Der Hase nun, der hatte beim Anblick der himmlischen Hundeschar klglich das Panier ergriffen. Solange Franziskus bei ihm war, glaubte er an Franziskus. Bald aber, und wenn auch in den Gefilden der Seligen, hatte seine mitrauische Bauernnatur wieder Gewalt ber ihn gewonnen. Und da er sich hier nicht so recht in seinem Paradies fhlte, weder eine vollkommene Seligkeit auskostete, noch den Reiz der bekannten Gefahr, gegen die man ankmpfen konnte, war er irre geworden. Er lief also hin und her, mit Unbehagen, er kannte sich nicht aus, fand sich nicht zurecht und suchte vergebens, was er doch immer wieder floh und was ihn geflohen hatte. Was war das nur? War denn der Himmel nicht das Glck? Wo mochte die Stille noch stiller sein? In welchem andern Nest htte der Spaltnasige einen unbedrohten Schlaf besser trumen knnen als in diesen wollenen Wiegen, die der Windhauch hinbreitete unter das bebltete Strauchwerk der Sterne? Doch schlief er hier nicht, ihm fehlte die Unruhe und noch manches andere. In den Grben des Himmels hockend, sprte er unter dem weien Fleck seines Stummelschwanzes nicht mehr, wie ihn die Feuchtigkeit mit Schauern durchdrang. Die Mcken, weit weg in ihrem Teichparadies, gewhrten seinen immer offenen Augenlidern nicht lnger das beizende Brennen des Sommers. Wohin war dieses Fiebern geschwunden? Sein Herz schlug nicht mehr mit jener Kraft von ehemals, wenn auf den Kuppen der flammendroten Heiden das Feuerrohr einen Erdregen um ihn herum versprhte. Unter der weichen Liebkosung des Rasens sprote ihm sein sonst sprliches Haar aus den Schwielen der Pfoten. Und er begann den berflu des Himmels zu bedauern. Ihm war wie dem Grtner, der, Knig geworden, purpurne Sandalen tragen mu und sich seine Holzschuhe zurckwnscht, mit ihrem Schwergewicht von Lehm und Armut. Und Franziskus in seinem Paradies erfuhr von den Bedrngnissen des Hasen und von seiner Verwirrung. Und sein Herz litt darunter, da einer seiner alten Genossen nicht glcklich war. Seitdem schienen ihm die Gassen des himmlischen Dorfes, seines Wohnortes, nicht mehr so friedlich, die abendlichen Schatten nicht mehr so milde, nicht mehr so wei der Atem der Lilien, nicht mehr so heilig der Schein des Werkzeugs in den Schuppen, nicht mehr so hell die singenden Krge, deren Wasser in frischen Garben auseinanderstrahlte, khlespendend ber die Leiber der Engel, die an den Brunnenrndern saen. Also begab sich Franziskus zum lieben Gott, und er empfing ihn in seinem Garten bei sinkendem Tag. Es war dieser Garten Gottes der einfachste und schnste. Woher das Wunder seiner Schnheit kam, war unerklrlich. Vielleicht wuchs darin nichts anderes als die Liebe. ber die Mauern, ausgekerbt von den Weltaltern, wucherte dunkler Flieder. Entzckt trugen die Steine ihre lchelnden Moose, deren goldne Kpfchen an der schattigen Brust der Veilchen sogen. In einem zerstreuten Schimmer, der nichts von Morgenlicht noch von Abenddmmerung an sich hatte, denn er war noch zarter als diese, inmitten eines Beetes blhte ein blauer Lauch. Ein Geheimnis umgab die blaue Kugel seines Bltenstandes, der sich unbewegt in sich verschlossen hielt auf seinem hohen Stengel. Man begriff, da diese Pflanze trumte. Wo von wohl? Vielleicht von dem Werk ihrer Seele, die am Winterabend in dem Topfe summt, worin die Suppe der Armen kocht. O gttliches Los! Nicht weit von den Buchsbaumzunen strahlten die Zungen des Lattichs lautlose Worte, whrend ein gedmpftes Licht um den Schatten entschlafener Giekannen lag. Ihre Arbeit war getan. Und zu Gott, voll heitern Vertrauens, nicht hochmtig noch kriechend, erhob ein Salbei sein geringes Rchlein. Franziskus setze sich neben Gott auf eine Bank unter eine mit Efeu umwachsene Esche. Und Gott sprach zu Franziskus: Ich wei, was dich herfhrt. Man soll nicht sagen, da hier einer, Hase oder Milbe, sein Paradies nicht finde. Geh also zu dem Schnellfigen und frage ihn, was er begehrt. Und sobald er es dir gesagt hat, will ich es ihm gewhren. Wenn er nicht wie die andern zu sterben und zu entsagen verstanden hat, gewi, so war es, weil sein Herz allzusehr an meiner geliebten Erde hngt. Denn, o Franz, gleich diesem Langohr liebe ich die Erde mit einer tiefen Liebe. Ich liebe die Erde der Menschen, der Tiere, der Pflanzen und der Steine. Franz, suche den Hasen auf und sage ihm, da ich sein Freund bin. Und Fransiskus schritt auf das Paradies der Tiere los, das, von den jungen Mdchen abgesehn, niemals vorher ein Menschenkind betreten hatte. Dort fand er den Hasen untrstlich umherirren; sowie aber das Tier seinen alten Herrn auf sich zukommen sah, versprte es eine so groe Freude, da es sich niederhockte, die Augen erschrockener als je, die Nase kaum merklich zitternd. Sei gegrt, mein Bruder, sagte Franziskus. Ich habe dein Herz klagen gehrt, und ich bin gekommen, den Grund deiner Betrbnis zu erfahren. Hast du zu viel bittere Krner gegessen? Warum genieest du nicht den Frieden der Tauben und der ebenso weien Lmmer . . .? O Mher hinter der Ernte, was suchest du also unruhig hier, wo doch keine Unruhe mehr ist und wo du niemals wieder das Keuchen der Rden fhlen wirst, wie sie herjagen hinter deinem Landstreicherfell? Mein Freund, gab der Spaltnasige zur Antwort, was ich suche? ich suche meinen Gott. Solange du mein Gott warst auf der Erde, fhlte ich mich befriedigt. Aber in diesem Paradies, wo ich verloren bin, weil ich deine Gegenwart entbehre, du gttlicher Bruder der Tiere, erstickt meine Seele, denn hier finde ich ihn nicht. Meintest du denn, versetzte darauf Franziskus, da Gott die Hasen verlt und da sie allein in der Welt kein Recht auf das Paradies haben? Dieses nicht, erwiderte ihm der Graustrumpf. Darber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Dir wre ich nachgegangen, denn ich habe gelernt, mich in dir so gut auszukennen wie in der irdischen Hecke mit ihren Flocken warmen Lmmerschnees, der mein Nest wohnlich macht. Vergeblich habe ich ber diese Himmelswiesen hin den Gott gesucht, von dem du da redest. Doch whrend ihn meine Freunde sogleich entdeckten und ihr Paradies fanden, irre ich umher. Von dem Tage an, da wir von dir schieden, und in der Stunde schon meines Eingangs in den Himmel schlug mein kindisch wildes Herz in Heimweh nach der Erde. O Franz, mein Freund, du einziger, an den ich glaube, gib mir meine Erde wieder. Ich fhle, da ich hier nicht zu Hause bin. Gib mir meine Furchen wieder voll Kot, meine lehmigen Pfade. Das heimische Tal gib mir zurck, wo die Jagdhrner den Nebel aufrhren; die Wagenspur, von wo aus ich mein Abendluten hrte, die Meute mit den hngenden Ohren. Gib mir meine Angst wieder. Gib mir meinen Schrecken wieder. Gib mir wieder die Erregung, die mich ergriff, wenn pltzlich ein Schu unter meinem Sprunge die duftenden Minzen hinwegfegte oder wenn im Strauch unter den Quittenbumen mein Mund an das Kupfer der kalten Schlinge stie. Gib mir die Wiese wieder, wo du mich entdeckt hast. Gib mir wieder die morgenroten Wasser, aus denen der gewandte Fischer seine Netze schwer von Aalen herauszieht. Gib mir die blaue Nachlese im Monde zurck und mein furchtsames heimliches Liebesspiel in den wilden Ampfern, wenn ich nicht mehr unterscheiden konnte zwischen einem Blumenblatt, das mit Tau berlastet ins Gras glitt, und der rosigen Zunge meiner Freundin. Gib mir, o du mein Herz, gib mir meine Schwche zurck. Und sage dem lieben Gott, da ich nicht lnger bei ihm leben kann. O Graustrumpf, erwiderte ihm darauf Franziskus, mein Freund, sanfter mitrauischer Bauer, kleinglubiger Hase, der du lsterst; du konntest deinen Gott nicht finden? so wisse, um diesem Gott zu begegnen, httest du sterben mssen wie deine Genossen. Aber wenn ich sterbe, was soll aus mir werden? schrie der Strohpelz. Und Franziskus sagte: Wenn du stirbst, wird aus dir dein Paradies. Whrend sie sich so besprachen, gelangten die ans Ende des Tierparadieses. Hier begann das Paradies der Menschen. Langohr neigte den Kopf und las ber einem Pfahl auf einer blauen, gueisernen Tafel mit einem Pfeil, der die Wegrichtung anzeigte: Von Kastetis nach Balansun 5 Kilometer Der Tag war so hei, da die Schrift in dem stumpfen Sommerlicht zu zittern schien. In der Ferne, auf dem Weg, wirbelte der Staub wie im Mrchen vom Blaubart, wenn die Schwester fragt: Schwester Anna, siehst du noch nichts? Die silberne Trockenheit, wie war sie prchtig und duftete bitter nach Minze. Und Langohr sah ein Pferd mit einem Karren herankommen. Es war ein armseliger Gaul vor einem zweirdrigen Gefhrt, und er konnte nur noch im Galopp und ruckweise ziehn. Jeder Schritt erschtterte sein gelockertes Gerippe, da das Geschirr klirrte, und die helle Mhne flatterte in der Luft, grnlich wie der Bart eines alten Seemanns. Mhsam, als wren es Pflastersteine, hob das Tier seine geschwulstig aufgetriebenen Hufe . . . Da berfiel ein Zweifel, strker als alle bisherigen Zweifel, die Seele des Hasen und durchbohrte sie. Dieser Zweifel war ein Schrotkorn, das soeben durch den Nacken in das Hirn des Lffelmanns drang. Ein Blutschleier, schner als der glhende Herbst, schwebte vor seinen Augen, darin die Schatten der Ewigkeit aufstiegen. Er schrie. Die Finger eines Jgers schnrten ihm die Kehle zu, wrgten ihn, erstickten ihn. Es verlangsamte sich sein Herz, das ehemals flatterte wie im Wind die bleiche wilde Rose, wenn sie zergeht um die Stunde, da es Morgen wird und die Hecke die sen Lmmer liebkost. Einen Augenblick blieb er unbeweglich in der Faust seines Mrders, matt ausgestreckt, lang wie der Tod. Dann schnellte er auf. Seine Klauen krallten vergebens nach dem Boden, sie erreichten ihn nicht mehr, denn der Mann lie nicht los. Langohr verrann, Tropfen um Tropfen. Auf einmal strubte sich sein Haar, und er wurde den sommerlichen Stoppeln gleich, worin er einst gelegen hatte neben seiner Schwester, der Wachtel, und neben seinem Bruder, dem Mohn; gleich auch der lehmigen Erde, die seine Bettlerfe benetzt hatten; gleich dem Braun, womit die Septembertage den Hgel bekleiden, dessen Gestalt er angenommen hat; gleich der Kutte des Franziskus; gleich der Wagenspur, von wo aus er sein Abendluten hrte, die Meute mit den hngenden Ohren; gleich dem starren Felsen, wie ihn der Quendel liebt; er glich in seinem Blick, worin jetzt ein Hauch nchtlichen Blaus schwamm, dem gesegneten Rasenplatz, auf dem ihn einst das Herz seiner Freundin im Herzen der wilden Ampfer erwartet hatte; in den Trnen, die er vergo, glich er dem Engelquell, an dem der alte Aalfischer sitzt und seine Netze ausbessert; er glich dem Leben; er glich dem Tode; er glich sich selbst; er glich seinem Paradies. Schlu des Hasenromans Von Francis Jammes sind im Verlag Jakob Hegner in Hellerau erschienen: Almaide oder der Roman der Leidenschaft eines jungen Mdchens, Rslein oder der Roman eines leicht hinkenden jungen Mdchens, Klara oder der Roman eines jungen Mdchens aus der alten Zeit Gedruckt bei Jakob Hegner in Hellerau bei Dresden End of the Project Gutenberg EBook of Der Hasenroman, by Francis Jammes License: Share Alike