Produced by Jens Sadowski In Stahlgewittern Aus dem Tagebuch eines Stotruppfhrers Von Ernst Jnger Kriegsfreiwilliger, dann Leutnant und Kompagniefhrer im Fs. Regt. Prinz Albrecht v. Preuen (Hann. Nr. 73) Leutnant im Reichswehr-Regiment Nr. 16 (Hannover) Dritte Auflage 6.--8. Tausend _Mit dem Bilde des Verfassers_ Berlin 1922 / Verlag von E. S. Mittler & Sohn Zur Erinnerung an meine gefallenen Kameraden. Herrn Hermann Stegemann in Verehrung gewidmet Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901 sowie das bersetzungsrecht sind vorbehalten Vorwort. Noch wuchtet der Schatten des Ungeheuren ber uns. Der gewaltigste der Kriege ist uns noch zu nahe, als da wir ihn ganz berblicken, geschweige denn seinen Geist sichtbar auskristallisieren knnen. Eins hebt sich indes immer klarer aus der Flut der Erscheinungen: Die berragende Bedeutung der Materie. Der Krieg gipfelte in der Materialschlacht; Maschinen, Eisen und Sprengstoff waren seine Faktoren. Selbst der Mensch wurde als Material gewertet. Die Verbnde wurden wieder und wieder an den Brennpunkten der Front zur Schlacke zerglht, zurckgezogen und einem schematischen Gesundungsproze unterworfen. Die Division ist reif fr den Grokampf. Das Bild des Krieges war nchtern, grau und rot seine Farben; das Schlachtfeld eine Wste den Irrsinns, in der sich das Leben kmmerlich unter Tage fristete. Nachts wlzten sich mde Kolonnen auf zermahlenen Straen dem brandigen Horizont entgegen. Licht aus! Ruinen und Kreuze sumten den Weg. Kein Lied erscholl, nur leise Kommandoworte und Flche unterbrachen das Knirschen der Riemen, das Klappern von Gewehr und Schanzzeug. Verschwommene Schatten tauchten aus den Rndern zerstampfter Drfer in endlose Laufgrben. Nicht wie frher umrauschte Regimentsmusik ins Gefecht ziehende Kompagnien. Das wre Hohn gewesen. Keine Fahnen schwammen wie einst im Pulverdampf ber zerhackten Karrees, das Morgenrot leuchtete keinem frhlichen Reitertage, nicht ritterlichem Fechten und Sterben. Selten umwand der Lorbeer die Stirn des Wrdigen. Und doch hat auch dieser Krieg seine Mnner und seine Romantik gehabt! Helden, wenn das Wort nicht wohlfeil geworden wre. Draufgnger, unbekannte, eherne Gesellen, denen es nicht vergnnt war, vor aller Augen sich an der eigenen Khnheit zu berauschen. Einsam standen sie im Gewitter der Schlacht, wenn der Tod als roter Ritter mit Flammenhufen durch wallende Nebel galoppierte. Ihr Horizont war der Rand eines Trichters, ihre Sttze das Gefhl der Pflicht, der Ehre und des inneren Wertes. Sie waren berwinder der Furcht; selten ward ihnen die Erlsung, dem Feinde in die Augen blicken zu knnen, nachdem alles Schreckliche sich zum letzten Gipfel getrmt und ihnen die Welt in blutrote Schleier gehllt hatte. Dann ragten sie empor zu brutaler Gre, geschmeidige Tiger der Grben, Meister des Sprengstoffs. Dann wteten ihre Urtriebe mit kompliziertesten Mitteln der Vernichtung. Doch auch wenn die Mhle des Krieges ruhiger lief, waren sie bewundernswert. Ihre Tage verbrachten sie in den Eingeweiden der Erde, vom Schimmel umwest, gefoltert vom ewigen Uhrwerk fallender Tropfen. Wenn die Sonne hinter gezackten Schattenrissen von Ruinen versankt, entklirrten sie dem Pesthauch schwarzer Hhlen, nahmen ihre Whlarbeit wieder auf oder standen, eiserne Pfeiler, nchtelang hinter den Wllen der Grben und starrten in das kalte Silber zischender Leuchtkugeln. Oder sie schlichen als Jger ber klickenden Draht in die de des Niemandslandes. Oft zerrissen jhe Blitze das Dunkel, Schsse knallten und ein Schrei verwehte ins Unbekannte. So arbeiteten und kmpften sie, schlecht verpflegt und bekleidet, als geduldige, eisenbeladene Tagelhner des Todes. Manchmal kamen sie zurck, standen vertrumt auf den Asphaltmeeren der Stdte und schauten unglubig auf das Leben, das strudelnd in seinen gewohnten Bahnen flo. Dann strzten sie sich hinein, um keine Minute der kurzen Tage ungentzt verflieen zu lassen, tranken und kten. Mit der ihnen Lebensform gewordenen Rcksichtslosigkeit schwangen sie in tollen Nchten den Becher, bis ihnen die Welt versank. Da lie man die gefallenen Freunde leben und schierte sich den Teufel um den nchsten Tag. Und dann ging es wieder auf den gewohnten Straen der Brandung zu. Das war der deutsche Infanterist im Kriege. Gleichviel wofr er kmpfte, sein Kampf war bermenschlich. Die Shne waren ber ihr Volk hinausgewachsen. Mit bitterem Lcheln lasen sie das triviale Zeitungsgewsch, die ausgelaugten Worte von Helden und Heldentod. Sie wollten nicht diesen Dank, sie wollten Verstndnis. Kein Dank kann gro genug sein. Ein Bild: der hchste Alpengipfel, ausgehauen zu einem Gesicht unter wuchtendem Stahlhelm, das still und ernst ber die Lande schaut, den deutschen Rhein hinunter aufs freie Meer. -- Einst wird kommen der Tag . . . * * * * * Der Zweck dieses Buches ist, dem Leser sachlich zu schildern, was ein Infanterist als Schtze und Fhrer whrend des groen Krieges inmitten eines berhmten Regimentes[1] erlebt, und was er sich dabei gedacht hat. Es ist entstanden aus dem in Form gebrachten Inhalt meiner Kriegstagebcher. Ich habe mich bemht, meine Impressionen mglichst unmittelbar zu Papier zu bringen, weil ich merkte, wie rasch sich die Eindrcke verwischen und wie sie schon nach wenigen Tagen eine andere Frbung annehmen. Es erforderte Energie, diesen Stapel von Notizbchern zu fllen, in den kurzen Pausen des Geschehens, nach dem Tagewerk der Front, beim trben Licht einer Kerze, auf den Treppen schmaler Stollenhlse, in zeltverhangenem Trichter oder feuchten Kellern von Ruinen; indes es hat sich gelohnt. Ich habe mir die Frische der Erlebnisse gewahrt. Der Mensch neigt zur Idealisierung des Geleisteten, zur Vertuschung des Hlichen, Kleinlichen und Alltglichen. Unmerklich stempelt er sich zum Helden. Ich bin kein Kriegsberichterstatter, ich lege keine Helden-Kollektion vor. Ich will nicht beschreiben, wie es htte sein knnen, sondern wie es war. Iliacos muros peccatur intra et extra. Der Grad der Sachlichkeit eines solchen Buches ist der Mastab seines inneren Wertes. Der Krieg setzt sich wie alle menschlichen Handlungen aus Gut und Bse zusammen. Nur treten hier, wo sich die Kraft von Vlkern aufs Hchste steigert, die Gegenstze noch greller hervor als sonst. Neben gipfelnden Werten ghnen dunkelste Abgrnde. Da, wo ein Mensch die beinah gttliche Stufe der Vollkommenheit erreicht, die selbstlose Hingabe an ein Ideal bis zum Opfertode, findet sich ein anderer, der dem kaum Erkalteten gierig die Taschen durchwhlt. Von groen Worten Berauschte brechen im Moment der Gefahr elend zusammen. Mnner, deren Gesinnung wie ein Fels schien, stellen sich in entscheidender Stunde auf den Boden der Tatsachen, ohne den Degen zu ziehen, der sonst so schallend gerasselt. Andere durchschwelgen die Nchte, in denen fernes Rot am Himmel glutet und leises Drhnen mahnend an die Fenster schlgt. Das mu gesagt werden. Um so glnzender hebt sich aus diesem dunkeln Hintergrunde der wahre Mann, der unscheinbare, echte, vom Geist getriebene Krieger, der seine Pflicht tat, am letzten Tage wie am ersten. Was war dagegen der Rausch von 1914? Eine Massensuggestion! Und doch, wie viele habe ich kennengelernt, die unter dem grauen Tuch ein Herz von Gold und einen Willen von Stahl bargen, eine Auslese der Tchtigsten, die sich dem Tode in die Arme warf -- mit stets gleichbleibender Freudigkeit. Ob ihr gefallen seid auf freiem Felde, das arme, von Blut und Schmutz entstellte Gesicht dem Feinde zu, berrascht in dunklen Hhlen oder versunken im Schlamm endloser Ebenen, einsame, kreuzlose Schlfer; das ist mir Evangelium: Ihr seid nicht umsonst gefallen. Wenn auch vielleicht das Ziel ein anderes, greres ist, als ihr ertrumtet. Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Kameraden, euer Wert ist unvergnglich, Euer Denkmal tief in den Herzen eurer Brder, die mit Euch standen, vom flammenden Ringe umschlossen. Legten wir nicht weie Bnder auf eure Wunden und sahen in eure brechenden Augen, als euch der Vorhang der Ewigkeit hochrauschte? Mge dies Buch dazu beitragen, eine Ahnung zu geben von dem, was ihr geleistet. Wir haben viel, vielleicht alles, auch die Ehre verloren. Eins bleibt uns: die ehrenvolle Erinnerung an euch, an die herrlichste Armee, die je die Waffen trug und an den gewaltigsten Kampf, der je gefochten wurde. Sie hochzuhalten inmitten dieser Zeit weichlichen Gewinsels, der moralischen Verkmmerung und des Renegatentums ist stolzeste Pflicht eines jeden, der nicht nur mit Gewehr und Handgranate, sondern auch mit lebendigem Herzen fr Deutschlands Gre kmpfte. [Funote 1: Das Stammregiment des Fsilier-Regiments Nr. 73, das vormals Kniglich Hannoversche Garderegiment, verteidigte von 1779 bis 1783 fast vier Jahre lang unter General Elliot Gibraltar siegreich gegen die Spanier und Franzosen. Zur Erinnerung an diese ruhmvolle Waffentat trgt unser Regiment am rmel des Waffenrocks ein blaues Band mit der Aufschrift Gibraltar. Dasselbe Zeichen wird jetzt von der 5. Kompagnie des Reichswehr-Regiments Nr. 16 (Hannover) weitergetragen.] Vorwort zur 2. Auflage. Schneller als gedacht, wurde eine zweite Auflage Bedrfnis. Aus Zuschriften und Gesprchen ersah ich, da der Zweck des Buches erreicht, der Geist der Leute am Feind getroffen war. Wer sollte ihn auch besser treffen als einer, der vier Jahre lang in allen Lchern und Hhlen der Westfront in ihrem Kreise hockte? Dies Interesse fr das Geschehen einer Zeit, die uns zu Boden hagelte, ist von Bedeutung. Das Volk im ganzen hat nicht den Willen, das zu verleugnen, wofr Unzhlige fielen. Der Krieg ist eine Sache, an der alle beteiligt sind. Sind zur Stunde noch die Nerven erschttert vom Grauenhaften seiner ueren Gestaltung, so wird er spteren Generationen vielleicht erscheinen wie manche Kreuzigungsbilder alter Meister: Als groer Gedanke, der Nacht und Blut berstrahlt. Dann wird man wohl auch mit Rhrung an uns zurckdenken, an uns und die Hoffnungen und Gefhle, die unsere Brust durchzuckten, als wir im Dunkel durch brllende Wsten irrten. Oder sollten Strmungen unserer Zeit dann schon so reiend geworden sein, da niemand mehr versteht, wie wir das Leben geringer achten konnten als unsere Idee? Ich kann es nicht glauben. _Berlin_, im Juli 1921. Inhaltsverzeichnis. Vorwort Orainville Von Bazancourt bis Hattonchtel Les Eparges Douchy und Monchy Vom tglichen Stellungskampf Der Auftakt zur Somme-Offensive Guillemont Am St. Pierre-Vaast Der Somme-Rckzug Im Dorfe Fresnoy Gegen Inder Langemarck Regniville Noch einmal Flandern Die Cambraischlacht Am Cojeul-Bach Die groe Schlacht Englische Vorste Mein letzter Sturm Orainville. Der Zug hielt in Bazancourt, einem Stdtchen der Champagne. Wir stiegen aus. Mit unglubiger Ehrfurcht lauschten wir dem langsamen Takte des Walzwerkes der Front, einer Melodie, die uns in langen Jahren Gewohnheit werden sollte. Ganz weit zerflo der weie Ball eines Schrapnells im grauen Dezemberhimmel. Der Atem des Kampfes wehte herber und lie uns seltsam erschauern. Ahnten wir, da fast alle von uns verschlungen werden sollten an Tagen, in denen das dunkle Murren dahinten aufbrandete zu unaufhrlich rollendem Donner? Der eine frher, der andere spter? Wir hatten Hrsle, Schulbnke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zusammengeschmolzen zu einem groen, begeisterten Krper, Trger des deutschen Idealismus der nachsiebziger Jahre. Aufgewachsen im Geiste einer materialistischen Zeit, wob in uns allen die Sehnsucht nach dem Ungewhnlichen, nach dem groen Erleben. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch. In einem Regen von Blumen waren wir hinausgezogen in trunkener Morituri-Stimmung. Der Krieg mute es uns ja bringen, das Groe, Starke, Feierliche. Er schien uns mnnliche Tat, ein frhliches Schtzengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen. Kein schnrer Tod ist auf der Welt . . . . Ach, nur nicht zu Haus bleiben, nur mitmachen drfen! In Gruppenkolonne antreten! Die erhitzte Phantasie beruhigte sich beim Marsche durch den schweren Lehmboden der Champagne. Tornister, Patronen und Gewehr drckten wie Blei. Kurztreten. Aufbleiben dahinten! Ach, zu des Geistes Flgeln wird so bald Kein krperlicher Flgel sich gesellen! Endlich erreichten wir das Dorf Orainville, den Ruheort des Fsilier-Regiments 73, eins der typischen Nester jener Gegend, gebildet durch 50 Huschen aus Ziegel- oder Kreidesteinen um einen parkumschlossenen Herrensitz. Das Treiben auf der Dorfstrae bot den kulturgewohnten Augen einen fremden Anblick. Man sah nur wenige scheue und zerlumpte Zivilisten; berall Soldaten in abgetragenen, zerschlissenen Rcken mit wettergegerbten, meist von groen Brten umrahmten Gesichtern, die langsamen Schrittes dahinschlenderten oder in kleinen Gruppen vor den Tren der Huser standen und uns Neulinge mit Scherzrufen empfingen. Irgendwo stand eine nach Erbsensuppe duftende Feldkche, von kochgeschirrklappernden Essenholern umringt. Die wallensteinsche Romantik wurde durch den beginnenden Verfall des Dorfes noch gesteigert. Nachdem wir die erste Nacht in einer gewaltigen Scheune verbracht hatten, wurden wir im Hofe des Schlosses vom Regimentsadjutanten, dem damaligen Oberleutnant v. Brixen, eingeteilt und ich der 9. Kompagnie berwiesen. Unser erster Kriegstag sollte nicht vorbergehen, ohne uns einen entscheidenden Eindruck zu hinterlassen: Wir saen in der uns als Quartier angewiesenen Schule und frhstckten. Pltzlich drhnte eine Reihe dumpfer Erschtterungen in der Nhe, whrend aus allen Husern Soldaten dem Dorfeingang zustrzten. Wir befolgten dies Beispiel, ohne recht zu wissen warum. Wieder ertnte ein eigenartiges, nie gehrtes Flattern und Rauschen ber uns und ertrank in polterndem Krachen. Ich wunderte mich, da die Leute um mich sich zusammenduckten wie unter furchtbarer Drohung. Gleich darauf erschienen schwarze Gruppen auf der menschenleeren Dorfstrae, in Zeltbahnen oder auf den verschrnkten Hnden schwarze Bndel schleppend. Mit einem merkwrdig beklommenen Gefhl der Unwirklichkeit starrte ich auf eine blutberstrmte Gestalt mit lose am Krper herabhngendem Bein, die unaufhrlich ein heiseres Zu Hilfe! hervorstie und in ein Haus getragen wurde, von dessen Eingang die Rote-Kreuz-Flagge herabwehte. -- Was war das nur? Der Krieg hatte seine Krallen gezeigt und die gemtliche Maske abgeworfen. Das war so rtselhaft, so unpersnlich. Kaum, da man dabei an den Feind dachte, dieses geheimnisvolle, tckische Wesen irgendwo dahinten. Das vllig auerhalb der Erfahrung liegende Ereignis machte einen so starken Eindruck, da es Mhe kostete, die Zusammenhnge zu begreifen. Es war wie eine gespenstische Erscheinung am hellen Mittag. Eine Granate war oben am Portal des Schlosses krepiert und hatte eine Wolke von Steinen und Sprengstcken in den Eingang geschleudert, gerade, als die durch die ersten Schsse aufgeschreckten Insassen aus dem Torweg strmten. Sie erschlug 13 Opfer, darunter den Musikmeister Gebhard, eine mir von den hannoverschen Promenaden-Konzerten her wohlbekannte Erscheinung. Ein angebundenes Pferd witterte die Gefahr eher als die Menschen, ri sich wenige Sekunden vorher los und galoppierte, ohne verletzt zu werden, in den Schlohof. Im Gesprch mit meinen Kameraden merkte ich, da dieser Zwischenfall manchem die Kriegsbegeisterung sehr gedmpft hatte. Da er auch auf mich stark gewirkt hatte, ersah ich aus zahlreichen Gehrstuschungen, die mir das Rollen jedes vorberfahrenden Wagens in das fatale Gerusch der Unglcks-Granate verwandelten. Am Abend desselben Tages kam der lang ersehnte Augenblick, in dem wir, schwer bepackt, zur Kampfstellung aufbrachen. Durch die aus phantastischem Halbdunkel ragenden Ruinen des Dorfes Betricourt fhrte unser Weg nach einem einsamen, in Tannenwaldungen versteckten Forsthause, der sogenannten Fasanerie, wo die Regiments-Reserve lag, der bis zu dieser Nacht auch die dort liegende 9. Kompagnie angehrte. Ihr Fhrer war der Leutnant d. R. Brahms. Wir wurden in Empfang genommen, auf die Gruppen verteilt und befanden uns bald im Kreise brtiger, lehmbekrusteter Gesellen, die uns mit einem gewissen ironischen Wohlwollen begrten. Wir wurden gefragt, wie es in Hannover ausshe, und ob der Krieg denn noch nicht bald zu Ende gehen sollte. Dann drehte sich das Gesprch in eintniger Krze um Schanzen, Feldkche, Grabenstcke und andere Angelegenheiten den Stellungskrieges. Nach einiger Zeit erscholl vor der Tr unseres httenartigen Aufenthaltes der Ruf: Heraustreten! Wir traten bei unseren Gruppen an und stieen auf das Kommando: Laden und Sichern! mit geheimer Wollust einen Rahmen scharfer Patronen ins Magazin. Dann ging es schweigend Mann hinter Mann querbeet durch die nchtliche, von dunklen Waldstcken beste Landschaft. Ab und zu verhallte ein einsamer Schu, oder eine Leuchtkugel strahlte zischend auf, um nach kurzer, geisterhafter Beleuchtung eine noch tiefere Dunkelheit zu hinterlassen. Monotones Klappern von Gewehr und Schanzzeug durch den Warnungsruf: Achtung, Draht! unterbrochen. Wie oft bin ich nach diesem erstenmal in halb melancholischer, halb erregter Stimmung durch ausgestorbene Landschaften zur vorderen Linie geschritten! Endlich verschwanden wir in einem der Laufgrben, die sich wie weie Schlangen durch die Nacht zur Stellung wanden. Dort fand ich mich einsam und frstelnd zwischen zwei Schulterwehren wieder, angestrengt in eine vorm Graben liegende Tannenreihe starrend, in der meine Phantasie mir allerhand Schattengestalten vorgaukelte, whrend ab und zu eine verirrte Kugel durchs Gest klatschte. Die einzige Abwechslung in dieser schier endlosen Zeit war, da ich von einem lteren Kameraden abgeholt wurde und mit ihm durch einen langen, schmalen Gang zu einem vorgeschobenen Postenloch trottete, in dem wir wiederum damit beschftigt waren, das Vorgelnde zu betrachten. Zwei Stunden durfte ich in einem kahlen Kreideloche versuchen, den Schlaf der Erschpfung zu finden. Als der Morgen graute, war ich bleich und lehmbeschmiert wie die anderen, und es war mir, als ob ich dieses Maulwurfsleben schon monatelang gefhrt htte. Die Stellung des Regiments wand sich durch den Kreidebogen der Champagne gegenber dem Dorfe Le Gauda. Sie lehnte sich rechts an ein zerhacktes Waldstck, den Granat-Wald, lief dann durch riesige Zuckerrbenfelder, aus denen die roten Hosen gefallener Strmer leuchteten, und endete in einem Bachgrund, ber den die Verbindung mit dem Regiment 74 durch nchtliche Patrouillen aufrechterhalten wurde. Der Bach rauschte ber das Wehr einer zerstrten, von finsteren Bumen umringten Mhle. Ein unheimlicher Aufenthalt, wenn nachts der Mond durch zerrissene Wolken wechselnde Schatten warf, und seltsame Laute in das Murmeln des Wassers und das Rascheln des Schilfes sich zu mischen schienen. Der Dienst war der denkbar anstrengendste. Das Leben begann mit dem Einbruch der Dmmerung, whrend der die ganze Besatzung im Graben stehen mute. Von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens durften dann je zwei Mann jeder Gruppe schlafen, so da man einen Nachtschlaf von zwei Stunden geno, der indes durch frheres Wecken, Strohholen und andere Beschftigungen illusorisch gemacht wurde. Entweder hatte man Wache im Graben, oder man zog in eins der zahlreichen Postenlcher, die mit der Stellung durch lange, ausgehobene Verbindungswege zusammenhingen; eine Art der Sicherung, die wegen der Exponiertheit der Posten im Laufe des Stellungskrieges bald aufgegeben wurde. Diese endlosen, furchtbar ermdenden Nachtwachen waren bei klarem Wetter und selbst bei Frost noch ertrglich, sie wurden jedoch qualvoll, wenn es, wie meist im Januar, regnete. Wenn die Feuchtigkeit erst die ber den Kopf gezogene Zeltbahn, dann Mantel und Uniform durchdrang und stundenlang am Krper herunterrieselte, geriet man in eine Stimmung, die selbst durch das Rauschen der heranwatenden Ablsung nicht erhellt werden konnte. Die Morgendmmerung beleuchtete erschpfte, kreidebeschmierte Gestalten, die sich zhneklappernd mit bleichen Gesichtern auf das faule Stroh der tropfenden Unterstnde warfen. Diese Unterstnde! Es waren nach dem Graben zu offene, in die Kreide gehauene Lcher mit einer Lage von Brettern und einigen Schaufeln Erde bedeckt. Hatte es geregnet, so tropften sie noch tagelang nachher; ein gewisser Galgenhumor hatte sie deshalb mit entsprechenden Namen, wie Tropfsteinhhle, Zum Mnnerbad usw., bezeichnet. Wollten mehrere darin der Ruhe pflegen, so waren sie gezwungen, ihre Beine als unfehlbare Fuangeln fr jeden Vorbergehenden in den Graben zu legen. Unter diesen Umstnden war natrlich auch tagsber von Schlaf wenig die Rede. Auerdem mute man noch zwei Stunden Tagesposten stehen, den Graben reinigen, Essen, Kaffee, Wasser holen und anderes mehr. Man wird begreifen, da dieses ungewohnte Leben uns sehr hart vorkam, besonders da wir dazu von den meisten der alten Leute in jeder Weise schikaniert wurden. Diese aus der Kaserne in den Krieg mitgenommene Gewohnheit trug viel dazu bei, uns die schweren Tage noch mehr zu verbittern, verschwand aber nach der ersten zusammen bestandenen Schlacht. Dem gemeinen Mann war auch die Tatsache, da wir uns freiwillig gemeldet hatten, schwer verstndlich. Er sah das als einen gewissen bermut an, eine Auffassung, der ich im Kriege oft begegnet bin. Die Zeit, whrend der die Kompagnie in Reserve lag, war nicht viel besser. Wir hausten dann in tannenzweiggedeckten Erdhtten bei der Fasanerie oder im Hiller-Wldchen, deren mistbepackter Boden wenigstens eine angenehme Grungswrme ausstrahlte. Manchmal erwachte man in einer zolltiefen Wasserpftze. Trotzdem ich Rheumatismus bislang nur dem Namen nach gekannt hatte, sprte ich schon nach wenigen Tagen infolge der dauernden Durchnssung Schmerzen in allen Gelenken. Die Nchte dienten auch hier nicht dem Schlaf, sondern wurden benutzt, die zahlreichen Annherungsgrben zu vertiefen. Ein Lichtblick in diesem den Einerlei war die allabendliche Ankunft der Feldkche an der Ecke des Hiller-Wldchens, wo sich bei der ffnung des Kessels ein kstlicher Duft nach Erbsen mit Speck oder anderen herrlichen Sachen verbreitete. Aber auch hier gab es einen dunklen Punkt: das Drrgemse, das von enttuschten Gourmets als Drahtverhau oder Flurschaden geschmht wurde. Am angenehmsten waren die Ruhetage in Orainville, die mit Ausschlafen, Reinigen der Sachen und Exerzieren verbracht wurden. Die Kompagnie hauste in einer gewaltigen Scheune, die nur zwei hhnerleiterartige Treppen als Ein- und Ausgang hatte. Obwohl das Gebude noch mit Stroh gefllt war, standen fen darin. Eines Nachts rollte ich gegen den einen und erwachte erst infolge der Bemhungen einiger Kameraden, die mich krftigen Lschversuchen unterzogen. Zu meinem Schrecken gewahrte ich, da meine Uniform an der Rckseite arg verkohlt war, so da ich lngere Zeit in einem frackartigen Anzuge umherlaufen mute. Nach kurzem Aufenthalt beim Regiment hatten wir fast alle Illusionen verloren, mit denen wir ausgezogen waren. Statt der erhofften Gefahren hatten wir Schmutz, Arbeit und schlaflose Nchte vorgefunden, zu deren Bezwingung ein uns wenig liegendes Heldentum gehrte. Diese dauernde beranstrengung war Schuld der Fhrung, die den Geist des neuartigen Stellungskrieges noch nicht erfat hatte. In einem kurzen, draufgngerischen Kriege kann und mu der Offizier die Mannschaft rcksichtslos erschpfen, in einem sich lang hinschleppenden fhrt dies zu physischem und moralischem Zusammenbruch. Die ungeheure Postenzahl und die ununterbrochene Schanzarbeit war zum grten Teil unntig und sogar schdlich. Nicht auf gewaltige Verschanzungen kommt es an, sondern auf den Mut und die Frische der Leute, die dahinterstehen. Eiserne Herzen auf hlzernen Schiffen gewinnen die Schlachten. Wohl hrten wir im Graben Geschosse pfeifen, bekamen auch ab und zu einige Granaten von den Reimser Forts, aber diese kleinen kriegerischen Ereignisse blieben weit hinter unseren Erwartungen zurck. Trotzdem wurden wir manchmal an den blutigen Ernst gemahnt, der hinter diesem scheinbar absichtslosen Geschehen lauerte. So schlug am 8. Januar eine Granate in die Fasanerie und ttete den Leutnant Schmidt, unseren Bataillons-Adjutanten. Am 27. Januar lieen wir unserem Kaiser zur Ehre drei krftige Hurras erschallen und stimmten auf der langen Front, von feindlichen Gewehren begleitet, ein Heil dir im Siegerkranz an. In diesen Tagen hatte ich ein sehr unangenehmen Erlebnis, das meine militrische Laufbahn fast zu einem vorzeitigen und unrhmlichen Abschlu gebracht htte. Die Kompagnie lag am linken Flgel, und ich mute mich gegen Morgen nach vllig durchwachter Nacht mit einem Kameraden in den Bachgrund auf Doppelposten begeben. Ich hatte der Klte wegen verbotenerweise meine Decke um den Kopf geschlagen und lehnte an einem Baum, nachdem ich mein Gewehr neben mich in einen Busch gestellt hatte. Pltzlich hrte ich hinter mir ein Gerusch, griff danach -- die Waffe war verschwunden! Der revidierende Portepee-Trger, ein Offizier-Stellvertreter, hatte sich an mich herangeschlichen und sie unbemerkt an sich genommen. Um mich zu bestrafen, schickte er mich eigenmchtig, nur mit einer Beilpicke bewaffnet, in der Richtung auf die franzsischen Postierungen, ungefhr 100 Meter weit, vor, eine Indianeridee, die mich beinahe ums Leben gebracht htte. Whrend meiner merkwrdigen Strafwache schlich nmlich eine Patrouille von drei Kriegsfreiwilligen durch das Schilf vor, wurde von den Franzosen bemerkt und beschossen. Einer von ihnen, namens Lang, wurde getroffen und nie wieder gesehen. Da ich ganz in der Nhe stand, bekam ich auch mein Teil von den damals so beliebten Gruppensalven ab, so da mir die Zweige des Weidenbaumes, an dem ich stand, um die Ohren pfiffen. Ich bi die Zhne zusammen und blieb aus Trotz stehen. Ich habe dem Offizier-Stellvertreter diese Gemeinheit nie vergessen knnen. Wir waren alle herzlich stolz, als uns mitgeteilt wurde, da wir diese Stellung endgltig verlassen sollten, und feierten unseren Abschied von Orainville durch einen krftigen Bierabend in der groen Scheune. Am 4. Februar 1915 marschierten wir, von einem schsischen Regiment abgelst, nach Bazancourt. Dieser Monat war fr mich, obwohl der hrteste des ganzen Krieges, doch eine gute Schule. Ich hatte den Wacht- und Arbeitsdienst in seiner schwersten Form grndlich kennengelernt. Das bewahrte mich spter, als ich selbst fhrte, davor, von meinen Leuten Unmgliches zu verlangen. Von Bazancourt bis Hattonchtel. In Bazancourt, einem den Champagne-Stdtchen, wurde die Kompagnie in der Schule einquartiert, die infolge des geradezu erstaunlichen Ordnungssinnes unserer Leute in kurzer Zeit das Aussehen einer Friedenskaserne annahm. Da gab es einen Unteroffizier vom Dienst, der Morgens pnktlich weckte, Stubendienst und allabendliche Appells durch die Korporalschaftsfhrer. Jeden Morgen rckten die Kompagnien aus, um auf den umliegenden dfeldern einige Stunden stramm zu exerzieren. Diesem Dienstbetrieb wurde ich nach einigen Tagen durch Abkommandierung zum Offizier-Aspiranten-Kursus in Recouvrence entzogen. Recouvrence war ein entlegenes, in lieblichen Kreidehgeln verstecktes Drfchen, in das von der Division eine Anzahl junger Leute geschickt wurde, um durch den von jedem Regiment gestellten Offizier und einige Unteroffiziere eine grndliche militrische Ausbildung zu erhalten. Wir 73er haben in dieser Beziehung dem uerst fhigen, leider kurz darauf gefallenen Leutnant Hoppe viel zu verdanken. Das Leben in diesem weltabgeschiedenen Neste setzte sich aus einer merkwrdigen Mischung von Kasernendrill und akademischer Freiheit zusammen. Tagsber wurden die Zglinge nach allen Regeln der Kunst zum militrischen Menschen geschliffen, abends versammelten sie sich mit ihren Lehrern um riesige Fsser, wo in ebenso grndlicher Weise gezecht wurde. Wenn in den Morgenstunden die verschiedenen Abteilungen aus ihren Kneiplokalen strmten, hatten die kleinen Kreidesteinhuser den ungewohnten Anblick eines studentischen Walpurgistreibens. Unser Kursusleiter, ein Hauptmann, hatte brigens die erzieherische Gewohnheit, den Dienst an den darauffolgenden Tagen mit doppelter Energie zu handhaben. Unser Verkehr untereinander war, wie bei Leuten derselben Bildungsstufe unter diesen Verhltnissen selbstverstndlich, sehr kameradschaftlich. Wir wohnten zu dritt oder viert zusammen und fhrten gemeinsame Wirtschaft. Besonders ist mir noch unser regelmiges Abendessen von Rhrei und Bratkartoffeln in guter Erinnerung. Sonntags leisteten wir uns das landessbliche Kaninchen oder einen Hahn. Da ich den Einkauf fr den Abendtisch besorgte, legte mir unsere Wirtin einmal eine Anzahl von Bons vor, die sie von requirierenden Soldaten erhalten hatte; meist des Inhalts, da der Fsilier N. N. der Tochter des Hauses Liebenswrdigkeiten erwiesen und dafr 12 Eier requiriert habe. Zur Anfhrung ist diese ergtzliche Bltenlese des Volkshumors leider durchweg zu saftig. Mitte Februar wurden wir 73er durch die Nachricht der groen Verluste unseres Regiments bei Perthes berrascht und waren sehr traurig, diese Tage fern von unseren Kameraden verbracht zu haben. Am 21. Mrz kamen wir nach einem kleinen Examen zum Regiment zurck, das wieder in Bazancourt lag. Es schied in diesen Tagen nach einer groen Parade und einer Abschiedsansprache des Generals von Emmich aus dem Verbande des X. Korps. Wir wurden am 24. Mrz verladen und fuhren bis in die Gegend von Brssel, wo wir mit den Regimentern 76 und 164 zur 111. Infanterie-Division zusammengestellt wurden. Unser Bataillon wurde in dem Stdtchen Hrinnes (flmisch: Herne) untergebracht, inmitten einer Landschaft von flmischer Behaglichkeit. Ich erlebte hier recht glcklich meinen 20. Geburtstag. Obwohl die Belgier in ihren Husern gengend Platz hatten, wurde unsere Kompagnie aus falscher Rcksichtnahme in eine groe zugige Scheune gesteckt, durch die whrend der kalten Mrznchte der rauhe Seewind jener Gegend pfiff. Sonst war uns der Aufenthalt in Herne eine gute Erholung; es wurde zwar viel exerziert, doch gab es auch gute Verpflegung und Lebensmittel fr geringes Geld. Die halb aus Flamen, halb aus Wallonen bestehende Bevlkerung war sehr freundlich zu uns. Ich unterhielt mich oft mit dem Besitzer eines Estaminets, einem eifrigen Sozialisten und Freigeist, der mich am Ostersonntag zum Festmahl einlud und sogar fr seine Getrnke kein Geld nehmen wollte. Man kann sich kaum vorstellen, wie wohltuend eine solche Begegnung inmitten der rauhen Schule der Feldkameradschaft wirkt. Gegen Ende unseres Aufenthaltes wurde das Wetter schn und lud zu Spaziergngen in der lieblichen, wasserreichen Umgebung ein. Die Landschaft war malerisch verziert durch die vielen entkleideten Kriegsleute, die, ihre Wsche auf dem Scho, lngs der pappelumsumten Bachufer eifrig der Lusejagd oblagen. Von dieser Plage bislang ziemlich verschont geblieben, war ich indes meinem Kriegskameraden Priepke, einem Hamburger Exportkaufmann, behilflich, in seine wollene Weste, die bevlkert war wie weiland das Habit Simplicii Simplicissimi, zu Desinfektionszwecken einen schweren Stein zu wickeln und sie in einen Bach zu versenken. Da unser Aufbruch von Herne sehr pltzlich erfolgte, wird sie sich dort wohl noch heute eines ungestrten Aufenthalts erfreuen. Am 12. April 1915 wurden wir in Hal verladen und fuhren, um Spione zu tuschen, ber den Nordflgel der Front in die Gegend des Schlachtfeldes von Mars-la-Tour. Die Kompagnie bezog ihr gewohntes Scheunen-Quartier im Dorfe Tronville, einem der blichen langweiligen, aus flachdchrigen, fensterlosen Steinksten zusammengewrfelten lothringischen Drecknester. Der Fliegergefahr wegen muten wir uns meist in dem berfllten Orte aufhalten, in dessen Nhe die berhmten Sttten von Mars-la-Tour und Gravelotte liegen. Wenige hundert Meter vom Dorfe wurde die Strae nach Gravelotte von der Grenze geschnitten, an der der franzsische Grenzpfahl zerschmettert am Boden lag. Abends machten wir uns oft das wehmtige Vergngen eines Spazierganges nach Deutschland. Unsere Scheune war so baufllig, da man balancieren mute, um nicht durch die morschen Bretter auf die Tenne zu strzen. An einem Abend, als unsere Gruppe gerade unter Vorsitz ihres biederen Korporals Kerkhoff beschftigt war, auf einer Krippe die Portionen zu teilen, lste sich ein ungeheurer Eichklotz aus dem Geblk und strzte krachend herunter. Zum Glck klemmte er sich dicht ber unseren Kpfen zwischen zwei Lehmwnden. Wir kamen mit dem Schrecken davon, aber unsere schne Fleischportion war durch den aufgewirbelten Schutt ungeniebar geworden. Kaum hatten wir uns an diesem ominsen Abend niedergelegt, als krftig an das Tor gedonnert wurde und die alarmierende Stimme des Feldwebels uns vom Lager trieb. Zuerst, wie immer in solchen Augenblicken, ein Moment der Stille, dann wirres Durcheinander und Gepolter: Mein Helm! Wo ist mein Brotbeutel? Ich kriege meine Stiefel nicht an! Du hast meine Patronen geklaut! Hol't Mul, du August! Zuletzt war doch alles fertig, und wir marschierten zum Bahnhof von Chamblay, von wo wir in einigen Minuten mit der Bahn bis Pagny-sur-Moselle fuhren. In den Morgenstunden erklommen wir die Moselhhen und, blieben in Prny, einem romantischen, von einer Burgruine berragten Bergdorf. Diesmal war unsere Scheune ein mit aromatischem Bergheu gefllter Steinbau, aus dessen Luken wir auf die weinbepflanzten Moselberge und das im Tal gelegene Stdtchen Pagny blicken konnten, das oft mit Granaten und Fliegerbomben belegt wurde. Einige Male schlug ein Gescho in die Mosel, eine turmhohe Wassersule hochschleudernd. Das warme Wetter und die prchtige Landschaft wirkten wahrhaft belebend auf uns und reizten in den Freistunden zu langen Spaziergngen. Wir waren so bermtig, da wir abends noch einige Zeit ulkten, bevor alles zur Ruhe kam. Unter anderem war es ein beliebter Scherz, Schnarchern aus einer Feldflasche Wasser oder Kaffee in den Mund zu gieen. Am Abend des 22. April marschierten wir von Prny ab, legten ber 30 Kilometer bis zum Dorfe Hattonchtel zurck, ohne trotz dem schweren Gepck einen Marschkranken zu haben, und schlugen rechts von der berhmten Grande Tranche mitten im Walde Zelte auf. Es war aus allen Anzeichen zu ersehen, da wir am nchsten Tage ins Gefecht kommen wrden. Wir empfingen Verbandpckchen, zweite Fleischbchsen und Signalflaggen fr die Artillerie. Am Abend sa ich noch lange in jener ahnungsvollen Stimmung, von der die Krieger aller Zeiten zu erzhlen wissen, auf einem von blauen Anemonen umwucherten Baumstumpf, ehe ich ber die Reihen der Kameraden an meinen Zeltplatz kroch, und trumte in der Nacht wirres Zeug zusammen, in dem ein Totenkopf die Hauptrolle spielte. Priepke, dem ich am Morgen davon erzhlte, hoffte, da es ein Franzosenschdel gewesen sei. Les Eparges. Das junge Grn des Waldes schimmerte im Morgen. Wir wanden uns durch versteckte Wege zu einer engen Schlucht hinter der vorderen Linie. Es war bekanntgegeben, da das Regiment 76 nach 20minutiger Feuervorbereitung strmen und wir als Reserve bereitstehen sollten. Punkt 12 Uhr erffnete unsere Artillerie eine heftige Kanonade, die vielfach in den Waldschluchten widerhallte. Zum ersten Male vernahmen wir hier das schwere Wort: Trommelfeuer. Wir saen auf den Tornistern, unttig und erregt. Eine Ordonnanz strzte zum Kompagniefhrer. Hastige Worte. Die drei ersten Grben sind in unserer Hand, sechs Geschtze erbeutet! Ein Hurra flammte auf. Draufgngerstimmung erwachte. Endlich kam der ersehnte Befehl. Wir zogen in langer Reihe nach vorn, von wo verschwommenes Gewehrfeuer prasselte. Es wurde ernst. Zur Seite des Waldpfades drhnten in einem Tannendickicht dumpfe Ste, Zweige und Erde rauschten nieder. Ein ngstlicher warf sich unter erzwungenem Gelchter der Kameraden zu Boden. Dann glitt der Mahnruf des Todes durch die Reihen: Sanitter nach vorn! Auf der Grande Tranche hasteten Truppen vor. Um Wasser flehende Verwundete kauerten am Straenrand, bahrentragende Gefangene keuchten zurck, Protzen rasselten im Galopp durchs Feuer. Rechts und links stampften Granaten den weichen Boden, schweres Gest brach nieder. Mitten im Wege lag ein totes Pferd mit riesigen Wunden, daneben dampfende Eingeweide. An einem Baume lehnte ein brtiger Landwehrmann: Jungens, jetzt feste ran, der Franzmann ist im Laufen! Wir gelangten in das kampfzerwhlte Reich der Infanterie. Der Umkreis der Sturmausgangsstellung war von Geschossen kahl geholzt. Im zerrissenen Zwischenfelde lagen die Opfer des Sturmes, den Kopf feindwrts; die grauen Rcke hoben sich kaum vom Boden ab. Eine Riesengestalt, mit rotem, blutbesudeltem Vollbart starrte zum Himmel, die Fuste in die lockere Erde gekrallt. Ein junger Mensch wlzte sich in einem Trichter, die gelbliche Farbe des Todes auf den Zgen. Unsere Blicke schienen ihm unangenehm, mit einer gleichgltigen Bewegung zog er sich den Mantel ber den Kopf und wurde still. Wir lsten uns aus der Marschkolonne. Fortwhrend zischte es in langem, scharfem Bogen heran, Blitze wirbelten den Boden der Lichtung hoch. Sanitter! Wir hatten den ersten Toten. Dem Fsilier S. zerri eine Schrapnellkugel die Halsschlagader. Drei Verbandpckchen waren im Nu vollgesogen. Er verblutete in Sekunden. Neben uns protzten zwei Geschtze ab, noch strkeres Feuer anziehend. Ein Artillerieleutnant, der im Vorgelnde nach Verwundeten suchte, wurde durch eine vor ihm hochfahrende Dampfsule niedergeschleudert. Er erhob sich langsam und kam mit markierter Ruhe zurck. Eben ziemlichen Torkel entwickelt! Unsere Augen glnzten ihn an. Es dunkelte, als wir den Befehl zu weiterem Vorrcken erhielten. Unser Weg fhrte uns durch dichtes, geschodurchklatschtes Unterholz in einen endlosen Laufgraben, den fliehende Franzosen mit Gepck bestreut hatten. In der Nhe des Dorfes Les Eparges muten wir, ohne Truppen vor uns zu haben, eine Stellung in festes Gestein hauen. Zuletzt sank ich in einen Busch und schlief ein. Mensch, aufstehen, wir rcken ab! Ich erwachte in taufeuchtem Grase. Durch die sausende Garbe eines Maschinengewehres strzten wir in unseren Laufgraben zurck und besetzten eine verlassene franzsische Stellung am Waldsaume. Ein slicher Geruch und ein im Drahtverhau hngendes Bndel erweckten meine Aufmerksamkeit. Ich sprang im Morgennebel aus dem Graben und stand vor einer zusammengeschrumpften franzsischen Leiche. Fischartiges, verwestes Fleisch leuchtete grnlichwei aus zersetzter Uniform. Mich umwendend prallte ich entsetzt zurck: Neben mir kauerte eine Gestalt an einem Baum. Leere Augenhhlen und wenige Bschel Haar auf dem schwarzbraunen Schdel verrieten, da ich es mit keinem Lebenden zu tun hatte. Ringsumher lagen noch Dutzende von Leichen, verwest, verkalkt, zu Mumien gedrrt, in unheimlichem Totentanz erstarrt. Die Franzosen muten monatelang neben den gefallenen Kameraden ausgehalten haben, ohne sie zu bestatten. In den Vormittagsstunden durchbrach die Sonne den Nebel und entsandte eine behagliche Wrme. Nachdem ich etwas auf der Grabensohle geschlafen hatte, ging ich durch den vereinsamten, am Vortage erstrmten Graben, dessen Boden mit Bergen von Proviant, Munition, Ausrstungsstcken, Waffen und Zeitungen bedeckt war. Die Unterstnde glichen geplnderten Trdellden. Dazwischen lagen die Leichen tapferer Verteidiger, deren Gewehre noch in den Schiescharten steckten. Aus zerschossenem Geblk ragte ein eingeklemmter Rumpf. Kopf und Hals waren abgeschlagen, weie Knorpel glnzten aus rtlich-schwarzem Fleisch. Es wurde mir schwer, zu verstehen. Daneben ein ganz junger Mensch auf dem Rcken, die glasigen Augen und die Fuste im Zielen erstarrt. Ein seltsames Gefhl, in solche toten, fragenden Augen zu blicken. Ein Schaudern, das ich im Kriege nie ganz verloren habe. Neben ihm lag seine arme, ausgeplnderte Brse. Mit zunehmender Klarheit verstrkte sich das Artilleriefeuer und steigerte sich bald zu wstem Tanze. Ich kehrte zu meiner Gruppe zurck. In immer krzeren Pausen flammte es um uns auf. Weies, schwarzes und gelbes Gewlk mischte sich. Manchmal erdrhnten Schlge von unheimlicher Brisanz, dazwischen schwirrten mit eigenartigem Singen die Znder. Bald war der Wald in Brand geschossen, Flammen kletterten knatternd an den Bumen empor. Ich sa mit einem Kameraden auf einer in den Lehm der Grabenwand gestochenen Bank, whrend neben uns ein hagerer Rekrut vor Angst an allen Gliedern schlotterte. Mein Gefhrte machte sich den grausamen Scherz, heimlich eine Handvoll aufgeraffter Schrapnellkugeln neben ihn zu schleudern. Ich beobachtete mit merkwrdiger Ruhe das Vorgelnde. Sie wissen ja gar nicht, wo du bist. -- Sie knnen dich gar nicht sehen, sie schieen ja ganz wo anders hin. Es war der Mut der Unerfahrenheit. Pltzlich knallte das Brett der Schiescharte, und ein Infanteriegescho schlug zwischen unseren Kpfen in den Lehm. In diesem Augenblick tauchte ein Mann an der Ecke unseres Grabenstckes auf: Nach links folgen! Wir gaben den Befehl weiter und schritten die rauchdurchschwelte Stellung entlang. Gerade waren die Essenholer zurckgekommen und Hunderte von verlassenen Kochgeschirren dampften auf der Brustwehr. Wer mochte jetzt essen? Eine Menge Verwundeter mit blutdurchtrnkten Verbnden prete sich an uns vorber, die Aufregung des Kampfes auf den bleichen Gesichtern. Die Ahnung einer schweren Stunde trmte sich vor uns auf. Vorsicht, Kameraden, mein Arm, mein Arm! Los, los, Mensch, halt Anschlu! Der Graben endete in einem Waldstck. Unentschlossen standen wir unter gewaltigen Buchen. Aus dichtem Unterholz tauchte unser Zugfhrer, ein Leutnant, auf und rief dem ltesten Unteroffizier zu: Lassen Sie ausschwrmen in Richtung auf die untergehende Sonne und Stellung nehmen. Meldungen erreichen mich im Unterstande an der Lichtung. Fluchend bernahm jener das Kommando. Der Eindruck, den dieses Verhalten auf die Leute machte, ist mir whrend meiner ganzen Fhrerzeit eine eindringliche Lehre gewesen. Spter lernte ich diesen Offizier, der sich noch oft auszeichnete, als Kameraden kennen und erfuhr, da er dort Wichtiges zu tun gehabt. Gleichviel, der Offizier darf sich unter keinen Umstnden in der Gefahr von der Mannschaft trennen. Die Gefahr ist der vornehmste Augenblick seines Berufes, da gilt es, gesteigerte Mnnlichkeit zu beweisen. Ehre und Ritterlichkeit erheben ihn zum Herrn der Stunde. Was ist erhabener, als hundert Mnnern voranzuschreiten in den Tod? Gefolgschaft wird solcher Persnlichkeit nie versagt, die mutige Tat fliegt wie Rausch durch die Reihen. Wir schwrmten aus und legten uns erwartungsvoll in eine Reihe flacher Mulden, von irgendwelchen Vorgngern ausgehoben. Mitten in scherzende Zurufe schnitt markerschtterndes Geheul. Zwanzig Meter hinter uns wirbelten Erdklumpen aus weier Wolke und klatschten hoch ins Gest. Vielfach rollte der Schall durch den Wald. Beklommene Augen starrten sich an, Krper schmiegten sich in niederdrckendem Gefhl vlliger Ohnmacht an den Boden. Schu folgte auf Schu. Stickige Gase schwammen im Unterholz, Qualm verhllte die Gipfel, Bume und Zweige strzten rauschend zu Boden, Schreie wurden laut. Wir sprangen hoch und rannten blindlings, von Blitzen und betubendem Luftdruck gehetzt, von Baum zu Baum, Deckung suchend und wie gejagtes Wild riesige Stmme umkreisend. Ein Unterstand, in den viele liefen, erhielt einen Treffer, der den dicken Balkenbelag hochri. Ich eilte mit dem Unteroffizier keuchend um eine mchtige Buche. Pltzlich blitzte es in dem weit ausgreifenden Wurzelwerk, und ein Schlag gegen den linken Oberschenkel warf mich zu Boden. Ich glaubte, von einem Erdklumpen getroffen zu sein, doch belehrte mich reichlich strmendes Blut bald, da ich verwundet war. Es zeigte sich spter, da mir ein haarscharfer Splitter eine Fleischwunde geschlagen hatte, nachdem seine Wucht durch meine dicke Leder-Geldtasche abgeschwcht war. Ich warf meinen Tornister fort und rannte dem Graben zu, aus dem wir gekommen waren. Von allen Seiten strebten Verwundete aus dem beschossenen Gehlz strahlenfrmig darauf zu. Der Durchgang war entsetzlich, von Schwerverwundeten und Sterbenden versperrt. Eine bis zum Grtel entblte Gestalt mit aufgerissenem Rcken lehnte an der Grabenwand. Ein anderer, dem ein dreieckiger Lappen vom Hinterschdel herabhing, stie fortwhrend schrille, erschtternde Schreie aus. -- Und immer neue Einschlge. Ich will offen gestehen, da mich meine Nerven restlos im Stiche lieen. Nur fort, weiter, weiter! Rcksichtslos rannte ich alles ber den Haufen. Ich bin kein Freund des Euphemismus: Nervenzusammenbruch. Ich hatte ganz einfach Angst, blasse, sinnlose Angst. Ich habe spter noch oft kopfschttelnd an jene Momente zurckgedacht. In der Nhe lag ein mit Stmmen gedeckter Sanittsunterstand, in dem ich die Nacht, eng zusammengedrngt mit vielen Verwundeten, verbrachte. Ein abgespannter Arzt stand mitten im Gewhl sthnender Menschen, verband, machte Einspritzungen und gab mit ruhiger Stimme Ermahnungen. Als ich am nchsten Morgen fortgetragen wurde, durchbohrte ein Splitter das Segeltuch der Tragbahre zwischen meinen Knien. Ich wurde ber die immer noch schwer beschossene Grande Tranche zum Hauptverbandplatze und dann in die Kirche des Dorfes St. Maurice transportiert. Neben mir im stampfenden Lazarettwagen lag ein Mann mit Bauchschu, der die Kameraden flehentlich bat, ihn mit der Pistole des Sanitters zu erschieen. In St. Maurice stand schon ein Lazarettzug unter Dampf, der uns in zwei Tagen nach Heidelberg befrderte. Beim Anblick der von blhenden Kirschbumen bekrnzten Neckarberge empfand ich ein eigentmliches, starkes Heimatgefhl. Wie schn war doch das Land, wohl wert, dafr zu bluten und zu sterben. Die Schlacht von Les Eparges war meine erste. Sie war ganz anders, als ich gedacht. Ich hatte an einer groen Kampfhandlung teilgenommen, ohne einen Gegner zu Gesicht bekommen zu haben. Erst viel spter erlebte ich den Zusammenprall, den Gipfelpunkt des modernen Kampfes im Erscheinen des Infanteristen auf freiem Felde, das fr entscheidende, mrderische Augenblicke die chaotische Leere des Schlachtfeldes unterbricht. Douchy und Monchy. Meine Wunde war in vierzehn Tagen geheilt; ich wurde zum Ersatzbataillon nach Hannover entlassen und meldete mich dort als Fahnenjunker. Nachdem ich einen Kursus in Dberitz besucht hatte und zum Fhnrich befrdert war, fuhr ich im September 1915 zum Regiment zurck. Ich verlie mit einer Abteilung Ersatz beim Sitze des Divisionsstabes, dem Dorfe St. Lger, den Zug und marschierte nach Douchy, dem Ruheorte des Regiments. Vorn war die Herbstoffensive im vollen Gange. Die Front hob sich, eine lange wallende Wolke, aus weitem Gelnde. ber uns knatterten die Maschinengewehre von Luftgeschwadern. Ein Fesselballon schien uns erspht zu haben, am Dorfeingang sprang der schwarze Kegel einer Granate vor uns auf. Ich bog ab und fhrte die Kolonne auf Umwegen in den Ort. Douchy, das Ruhedorf des Fsilier-Regiments 73, war von mittlerer Gre und hatte durch den Krieg noch wenig gelitten. Dieser im wellenfrmigen Gelnde des Artois gelegene Platz wurde dem Regiment whrend seines eineinhalbjhrigen Stellungskampfes in jener Gegend zur zweiten Garnison, zu einer Sttte der Erholung und inneren Festigung nach schweren Tagen des Kampfes und der Arbeit in vorderer Linie. Wie oft atmeten wir auf, wenn uns durch dunkle Regennchte ein einsames Licht vom Dorfeingang entgegenschimmerte! Man hatte doch wieder ein Dach ber dem Kopf und sein einfaches, ungestrtes Lager. Wie neugeboren war man am ersten Ruhetage, wenn man gebadet und den Anzug vom Schmutz des Grabens gereinigt hatte. Auf den umliegenden Wiesen wurde exerziert und Turnspiele veranstaltet, um die eingerosteten Knochen gelenkig zu machen und das Zusammengehrigkeitsgefhl der in langen Nachtwachen vereinsamten Leute wieder zu erwecken. Das gab Spannkraft fr neue, lastenreiche Tage. In der ersten Zeit marschierten die Kompagnien abwechselnd in die vordere Linie zu nchtlicher Schanzarbeit. Diese anstrengende Doppelbeschftigung unterblieb spter auf Anordnung unseres Oberstleutnants von Oppen. Die Sicherheit einer Stellung beruht auf der Frische und dem unerschpften Mut ihrer Verteidiger, nicht auf dem verschlungenen Bau ihrer Annherungswege und der Tiefe der Kampfgrben. In den freien Stunden bot Douchy seinen grauen Bewohnern manche Quelle ungezwungener Erholung. Zahlreiche Kantinen waren reichlich versehen mit E- und Trinkbarem; es gab ein Lesezimmer, eine Kaffeestube und spter sogar, kunstvoll in eine groe Scheune eingebaut, ein Lichtspiel. Die Offiziere hatten ein vorzglich eingerichtetes Kasino und eine Kegelbahn im Garten des Pfarrhauses. Oft wurden groe Kompagniefeste gefeiert, bei denen Offiziere und Mannschaft auf gut altdeutsch im Trinken wetteiferten. Da die Zivilbevlkerung noch im Dorfe wohnte, mute der vorhandene Raum in jeder Weise ausgenutzt werden. In den Grten waren zum Teil Baracken und Wohnunterstnde erbaut; ein groer Obstgarten in der Mitte des Dorfes war zum Kirchplatz, ein anderer, der sogenannte Emmich-Platz, zum Lustgarten umgewandelt. Am Emmich-Platz lagen in zwei mit Baumstmmen bedeckten Unterstnden die Rasierstube und die Zahnstation. Eine groe Wiese neben der Kirche diente als Begrbnisplatz, zu dem fast tglich eine Kompagnie marschierte, um einem oder vielen Kameraden unter den Klngen eines Chorals das letzte Geleit zu geben. Die franzsische Bevlkerung war am Ausgange nach Monchy kaserniert. Meist scheue, mitleiderweckende Gestalten, die schwer am Kriege zu tragen hatten. Ahnungslose Kinder spielten vor den Schwellen der bauflligen Huser, und Greise schlichen gebeugt durch das neue Getriebe, das ihnen mit brutaler Rcksichtslosigkeit die Sttten entfremdete, an denen sie ihr Leben verbracht hatten. Die jungen Leute muten jeden Morgen antreten und wurden vom Ortskommandanten, dem Oberleutnant Oberlnder, der ein strenges Regiment fhrte, zur Bewirtschaftung der Dorfgemarkung eingeteilt. Wir kamen mit den Einheimischen nur zusammen, wenn wir ihnen unsere Wsche zum Reinigen brachten oder Butter und Eier einkaufen wollten. Zarte Beziehungen waren uerst selten; die Erotik fand keinen Raum in dem wsten, zerrttenden Getriebe. Eine merkwrdige Erscheinung war der vllige Anschlu zweier verwaister kleiner Franzosen an die Truppe. Die beiden Jungen, von denen der eine acht, der andere zwlf Jahre alt sein mochte, waren ganz in feldgrau gekleidet, sprachen flieend deutsch und grten alle Vorgesetzten auf der Strae vorschriftsmig. Von ihren Landsleuten sprachen sie, wie sie es den Soldaten abgesehen hatten, nur verchtlich als Schangels. Ihr grter Wunsch war, einmal mit ihrer Kompagnie in Stellung gehen zu drfen. Sie konnten tadellos exerzieren, traten bei Appells an den linken Flgel und baten, wenn sie den Kantinengehilfen zum Einkauf nach Cambrai begleiten wollten, um Urlaub. Als das zweite Bataillon fr einige Wochen zur Ausbildung nach Quant kam, sollte der eine, namens Louis, auf Befehl des Oberstleutnants von Oppen in Douchy zurckbleiben, um der Zivilbevlkerung keinen Anla zu unwahren Gerchten zu geben; er wurde auch whrend des Marsches nicht mehr gesehen, sprang aber bei der Ankunft des Bataillons ganz vergngt aus dem Packwagen, in dem er sich versteckt hatte. Leider nahmen unvernnftige Leute die Kleinen fters mit in die Kantine und machten sich den schlechten Spa, ihnen Alkohol zu geben. Der ltere soll spter nach Deutschland auf Unteroffiziersschule geschickt worden sein. Kaum eine Stunde Weges von Douchy entfernt lag Monchy-au-bois, das Dorf, in dem die beiden Reserve-Kompagnien des Regiments untergebracht waren. Es war im Herbst 1914 das Ziel erbitterter Kmpfe gewesen, zuletzt war es in deutscher Hand geblieben und der Kampf im engen Halbkreis um die Trmmer des ehemals reichen Ortes zum Stehen gekommen. Nun waren die Huser ausgebrannt und zusammengeschossen, die verwilderten Grten von Granaten durchfurcht und die Obstbume geknickt. Das Steingewirr war durch Grben, Stacheldraht, Barrikaden und betonierte Sttzpunkte zur Verteidigung eingerichtet. Die Straen konnten von einem im Mittelpunkte liegenden Betonklotz, der Feste Torgau, unter Maschinengewehrfeuer genommen werden. Ein anderer Sttzpunkt war die Feste Altenburg, ein Feldwerk rechts vom Dorfe, das einen Zug der Reservekompagnie beherbergte. Sehr wichtig fr die Verteidigung war ein Bergwerk, dem in Friedenszeiten der Kreidestein zum Bau der Huser entnommen war, und das wir nur durch Zufall entdeckt hatten. Ein Kompagniekoch, dem der Wassereimer in einen Brunnen gefallen war, hatte sich hinuntergelassen und dabei ein sich hhlenartig erweiterndes Loch bemerkt. Man untersuchte die Sache, und nachdem noch ein zweiter Eingang gebrochen war, bot es bombensichere Unterkunft fr eine groe Zahl von Kmpfern. Auf der einsamen Hhe am Wege nach Ransart lag eine Ruine, ein ehemaliges Estaminet, wegen des weiten Ausblicks auf die Front Bellevue genannt, ein Ort, der mich trotz seiner gefhrlichen Lage besonders anzog. Die Verlassenheit und das tiefe Schweigen, ab und zu vom dumpfen Ton der Geschtze unterbrochen, verstrkten den traurigen Eindruck der Zerstrung. Zerrissene Tornister, abgebrochene Gewehre, Zeugfetzen, dazwischen in grausigem Kontrast ein Kinderspielzeug, Granatznder, tiefe Trichter der krepierten Geschosse, Flaschen, Erntegerte, zerfetzte Bcher, zerschlagenes Hausgert, Lcher, deren geheimnisvolles Dunkel einen Keller verrt, in dem vielleicht die Gerippe der unglcklichen Hansbewohner von den beraus geschftigen Rattenschwrmen benagt werden, ein Pfirsichbumchen, das seiner sttzenden Mauer beraubt ist und hilfesuchend seine Arme ausstreckt, in den Stllen die noch an der Kette hngenden Skelette der Haustiere, im verwsteten Garten Grber, dazwischen grnend, tief im Unkraut versteckt, Zwiebeln, Wermut, Rhabarber und Narzissen, auf den benachbarten Feldern Getreidediemen, auf deren Dchern schon die Krner wuchern; all das durchzogen von einem halbverschtteten Laufgraben, umgeben vom Geruch des Brandes und der Verwesung. Traurige Gedanken beschleichen den Krieger, dessen Fu auf den Trmmern einer solchen Sttte ruht, wenn er derer gedenkt, die noch vor kurzem hier friedlich lebten. Die Kampfstellung verlief, wie schon berichtet, in engem Halbkreis um das Dorf, mit dem sie durch eine Reihe von Laufgrben verbunden war. Sie war in zwei Unterabschnitte, Monchy-Sd und Monchy-West, geteilt. Diese gliederten sich wiederum in die sechs Kompagnie-Abschnitte A bis F. Die bogenfrmige Fhrung der Stellung bot dem Englnder eine gute Flankierungsmglichkeit, die auch gehrig ausgenutzt wurde und uns schwere Verluste brachte. Ich war der sechsten Kompagnie zugeteilt und rckte einige Tage nach meiner Ankunft als Fhrer einer Gruppe mit in Stellung, wo mir gleich durch einige englische Kugelminen ein unangenehmer Empfang bereitet wurde. Der Abschnitt C, in dem die Kompagnie lag, war der exponierteste des Regiments. Wir hatten indes in unserem Kompagniefhrer, dem Leutnant d. R. Brecht, der zu Beginn des Krieges von Amerika herbergeeilt war, einen Offizier, der zur Verteidigung eines solchen Platzes der geeignete Mann war. Seine Draufgngernatur suchte die Gefahr und brachte ihm zuletzt einen ruhmvollen Tod. Unser Leben im Graben verlief sehr geregelt; ich schildere im folgenden den Verlauf eines normalen Tages. Der Schtzengrabentag beginnt erst mit hereinbrechender Dmmerung. Um 7 Uhr weckt mich ein Mann meiner Gruppe aus dem Nachmittagsschlafe, den ich in Voraussicht der nchtlichen Wachen getan habe. Ich schnalle um, stecke Leuchtpistole und Handgranaten ins Koppel und verlasse den mehr oder minder gemtlichen Unterstand. Beim ersten Durchschreiten des wohlbekannten Zugabschnitts berzeuge ich mich, ob alle Posten an ihren richtigen Pltzen stehen. Mit leiser Stimme wird die Parole ausgetauscht. Inzwischen ist die Nacht hereingebrochen, und die ersten Leuchtkugeln steigen silbern in die Hhe, whrend angestrengte Augen ins Vorgelnde starren. Eine Ratte raschelt zwischen den ber Deckung geworfenen Konservenbchsen. Eine zweite gesellt sich pfeifend zu ihr, und bald wimmelt es von huschenden Schatten, die den Ruinenkellern des Dorfes oder zerschossenen Stollen entstrmen. Die Jagd auf sie bietet eine beliebte Abwechslung in der de des Postendienstes. Ein Stckchen Brot wird als Kder ausgelegt und das Gewehr darauf eingerichtet, oder es wird Sprengpulver von Blindgngern in ihre Lcher gestreut und angezndet. Quiekend schieen sie dann mit versengtem Fell hervor. Es sind widerliche, ekelhafte Geschpfe. Ein greulicher Dunst umwebt ihre schwirrenden Rudel. Ich mu immer an ihre verborgene, leichenschnderische Ttigkeit in den Kellern des Dorfes denken. Auch einige Katzen sind aus den zerstrten Drfern in die Grben gezogen; sie lieben die Nhe der Menschen. Ein groer weier Kater mit zerschossener Vorderpfote geistert hufig im Niemandslande umher und scheint bei beiden Parteien zu verkehren. Doch ich sprach ja vom Grabendienst. Man liebt solche Abschweifungen, man wird leicht gesprchig, um die dunkle Nacht und die endlose Zeit zu fllen. Deshalb bin ich auch bei einem bekannten Krieger oder einem anderen Unteroffizier stehen geblieben und lausche mit gespanntem Interesse seinen tausend Nichtigkeiten. Als Fhnrich werde ich auch fters von dem wachthabenden Offizier, der sich ebenso unbehaglich fhlt, in ein wohlwollendes Gesprch verwickelt. Ja, er wird sogar ganz kameradschaftlich, redet leise und eifrig, kramt Geheimnisse und Wnsche aus. Und ich gehe gern darauf ein, denn auch mich drcken die schweren, schwarzen Wlle des Grabens, auch ich bange nach Wrme, nach irgend etwas Menschlichem in dieser unheimlichen Einsamkeit. Das Gesprch wird matter. Wir sind ermdet. Apathisch lehnen wir an einer Schulterwehr und starren auf die glhende Zigarette des andern . . . . Bei Frost trampelt man frierend auf und ab, da die harte Erde von vielen Tritten erklingt. Sehr oft regnet es, dann steht man traurig mit hochgeschlagenem Mantelkragen unter den Regendchern der Stolleneingnge und lauscht dem gleichfrmigen Falle der Tropfen. Hrt man die Schritte eines Vorgesetzten auf der nassen Grabensohle, so tritt man rasch hervor, geht weiter, dreht sich pltzlich um, schlgt die Hacken zusammen und meldet: Unteroffizier vom Grabendienst. Im Abschnitt nichts Neues! Denn das Stehen in den Stolleneingngen ist verboten. Die Gedanken wandern. Man sieht in den Mond und denkt an schne gemtliche Tage zu Hause oder an die groe Stadt weit dahinten, in der jetzt gerade die Menschen aus den Kaffees strmen, und viele Bogenlampen das rege, nchtliche Treiben des Zentrums bestrahlen. Es scheint, als ob man das nur irgendwo getrumt htte. Da raschelt irgend etwas vorm Graben, zwei Drhte klirren leise. Im Nu zerflattern die Trume, alle Sinne sind bis zum Schmerz geschrft. Man klettert auf den Postenstand, schiet eine Leuchtkugel hoch: nichts rhrt sich. Es wird wohl nur ein Hase oder Rebhuhn gewesen sein. Oft hrt man den Gegner an seinem Drahtverhau arbeiten. Dann schiet man rasch hintereinander dorthin. Nicht nur, weil es befohlen ist, man empfindet auch eine gewisse Befriedigung dabei. Jetzt sitzen sie drben aber in Druck. Vielleicht hast du sogar einen getroffen. Auch wir ziehen fast jede Nacht Draht und haben hufig Verwundete. Dann fluchen wir auf diese gemeinen Schweine von Englndern. Mitunter hrt man auch ein pfeifendes, flatterndes Gerusch nach dumpfem Abschu. Achtung, Mitte! Man strzt zum nchsten Stolleneingang und hlt den Atem an. Die Minen krachen ganz anders, viel aufregender als die Granaten. Sie haben berhaupt so etwas Reiendes, Hinterlistiges, etwas von persnlicher Gehssigkeit. Es sind heimtckische Wesen. Die Gewehrgranaten sind nicht viel besser. Leuchtet es an bestimmten Stellen des feindlichen Hinterlandes auf, so springen alle Posten von ihren Stnden und verschwinden. Sie wissen aus langer Erfahrung ganz genau, wo die Geschtze stehen, die auf den Abschnitt C eingerichtet sind. Endlich zeigt das Leuchtzifferblatt, da zwei Stunden verflossen sind. Nun rasch die Ablsung geweckt und in den Unterstand. Vielleicht haben die Essenholer Briefe, Pakete oder eine Zeitung mitgebracht. Man empfindet ein ganz merkwrdiges Gefhl, wenn man die Nachrichten von der Heimat und ihren friedlichen Sorgen liest, whrend die Schatten der flatternden Kerze ber das niedrige, rohe Geblk huschen. Nachdem ich mir mit einem Holzspan den grbsten Dreck von den Stiefeln gekratzt und an ein Bein des primitiven Tisches gestrichen habe, lege ich mich auf die Pritsche und ziehe meine Decke ber den Kopf, um fr vier Stunden zu rcheln, wie der Fachausdruck lautet. Drauen knallen die Geschosse in eintniger Wiederholung auf Deckung, eine Maus huscht ber Gesicht und Hnde, ohne meinen festen Schlaf zu stren. Auch vor dem niederen Getier habe ich Ruhe, wir haben den Unterstand erst vor einigen Tagen grndlich desinfiziert. Noch zweimal werde ich aus dem Schlafe gerissen, um meines Amtes zu walten. Whrend der letzten Wache kndet ein heller Strich hinter uns am stlichen Himmel den neuen Tag. Die Umrisse des Grabens werden schrfer; er macht im grauen Frhlicht einen Eindruck unsglicher de. Eine Lerche steigt hoch; ich empfinde ihr Getriller als aufdringlichen Kontrast, es irritiert mich. An eine Schulterwehr gelehnt, starre ich im Gefhl einer groen Ernchterung auf das tote drahtumschlossene Vorfeld. Da die letzten zwanzig Minuten auch gar kein Ende nehmen wollen! Endlich klappern die Kochgeschirre der zurckkehrenden Kaffeeholer im Laufgraben: es ist 7 Uhr, die Nachtwache ist beendet. Ich gehe in den Unterstand und trinke Kaffee. Das macht mich munter; ich habe die Lust verloren, mich hinzulegen. Um 9 Uhr mu ich ja auch schon wieder meine Gruppe zur Arbeit einteilen und anstellen. Wir sind wahre Allesknner, der Graben stellt tglich seine tausend Anforderungen an uns. Wir whlen tiefe Stollen, bauen Unterstnde und Betonkltze, bereiten Drahthindernisse vor, schaffen Entwsserungsanlagen, verschalen, sttzen, nivellieren, erhhen und schrgen ab, schtten Latrinen zu und so weiter. Um ein Uhr wird das Mittagessen in groen Gefen, ehemaligen Milchkannen und Marmeladeeimern, aus der Kche, die in einen Keller Monchys eingebaut ist, herausgeholt. Nach dem Essen wird etwas geschlafen oder gelesen. Allmhlich kommen auch die beiden Stunden heran, die fr den Grabendienst des Tages bestimmt sind. Sie verlaufen bedeutend schneller als die der Nacht. Man beobachtet die wohlbekannte feindliche Stellung durch Glas oder Scherenfernrohr und kommt auch fters zum Schu aus der Fernrohrbchse gegen Kopfziele. Aber Vorsicht, auch der Englnder hat scharfe Augen und gute Glser. Ein Posten strzt pltzlich blutberstrmt zusammen. Kopfschu. Die Kameraden reien ihm die Verbandpckchen vom Rock und verbinden ihn. Hat ja keen Zweck mehr, Willem. Mensch, hei atmet doch noch! Dann kommen die Sanitter, um ihn zum Verbandplatz zu tragen. Die Bahre stt hart gegen die winkligen Schulterwehren. Kaum ist sie entschwunden, ist alles wieder beim alten. Einer wirft einige Schaufeln Erde ber die rote Lache und jeder geht seiner Beschftigung nach. Man ist ja so stumpf geworden. Nur ein Neuling lehnt noch mit bleichem Gesicht an der Verschalung. Er mht sich noch ab, die Zusammenhnge zu fassen. Das war ja so pltzlich, so furchtbar berraschend, ein unsglich brutaler berfall. Das kann ja gar nicht mglich, nicht Wirklichkeit sein. Armer Kerl, im Hintergrunde lauern auf dich noch ganz andere Dinge . . . Oft ist es auch ganz nett. Manche sind mit sportsmigem Interesse bei der Sache. Mit einer gewissen Schadenfreude betrachten sie die Einschlge der eigenen Artillerie im feindlichen Graben. Junge, der sa. Donnerwetter, sieh mal, wie das spritzt! Armer Tommy! Gern schieen sie Gewehrgranaten und leichte Minen hinber, sehr zum Mivergngen ngstlicher Gemter. Mensch, la doch den Bldsinn, wir kriegen gerade Dunst genug! Die Stunde des Nachmittagskaffees ist manchmal direkt gemtlich. Oft mu der Fhnrich einem der Kompagnieoffiziere dabei Gesellschaft leisten. Es geht ganz frmlich zu: Darf ich mir gestatten? Danke gehorsamst! Eine schne Eigenschaft des preuischen Offiziers, diese korrekte Geschlossenheit in jeder Lage. Sie verleiht auch dem ganz jungen etwas Festes, Persnliches. Es schimmern sogar zwei Porzellantassen von der Tischdecke aus Sandsacktuch. Nachher stellt der Bursche eine Flasche und zwei Glser auf den wackligen Tisch. Das Gesprch wird vertraulicher. Merkwrdigerweise bildet auch hier der liebe Nchste einen willkommenen Gegenstand der Unterhaltung. Es hat sich sogar ein ppiger Grabenklatsch entwickelt, der bei den Nachmittagsvisiten eifrig gepflegt wird. Bald wie in einer kleinen Garnison. Vorgesetzte, Kameraden und Untergebene werden einer grndlichen Kritik unterzogen. Ein neues, interessantes Gercht hat im Nu die Zugfhrer-Unterstnde smtlicher sechs Kampfabschnitte vom rechten bis zum linken Flgel durchlaufen. Die Beobachtungsoffiziere, die mit Fernrohr und Skizzen-Mappe die ganze Regimentsstellung abgehen, sind nicht ganz unschuldig daran. Herr Leutnant, darf ich mich verabschieden, ich habe in einer halben Stunde Dienst! Drauen glnzen die Lehmwlle der Bschungen in den letzten Strahlen der Sonne, der Graben liegt bereits in tiefem Schatten. Bald steigt die erste Leuchtkugel empor, die Nachtposten ziehen auf, der neue Tag des Schtzengrabensoldaten hat begonnen. Vom tglichen Stellungskampf. So verliefen unsere Tage in anstrengendem Gleichma, unterbrochen durch die kurze Ruhezeit in Douchy. Doch auch in Stellung bot sich manche schne Stunde. Oft sa ich mit einem Gefhl behaglicher Geborgenheit am Tische meines kleinen Unterstandes, dessen rohe, waffenbehangene Bretterwnde an Wildwest erinnerten, trank eine Tasse Tee, las und rauchte, whrend mein Bursche an dem winzigen Ofen beschftigt war, der den Raum mit dem Geruch gersteter Brotscheiben erfllte. Welcher Grabenkmpfer kennt diese Stimmung nicht? Drauen am Postenstande stapften schwere, gleichmige Schritte, eintniger Zuruf erscholl, wenn jemand im Graben entlang ging. Das abgestumpfte Ohr hrte kaum noch das nie erlschende Gewehrfeuer, den kurzen Hieb auf Deckung schlagender Geschosse oder die Leuchtkugel, die neben der Mndung des Lichtschachtes verzischte. Dann nahm ich mein Notizbuch aus der Kartentasche und schrieb in kurzen Worten die Ereignisse des Tages nieder. So entstand mit der Zeit eine gewissenhafte Chronik des Abschnitts C, dieses kleinen, winkligen Stckes der langen Front, in dem wir zu Hause waren, in dem wir lngst jeden verwachsenen Stichgraben, jeden verfallenen Unterstand kannten. Um uns ruhten in aufgetrmten Lehmwllen die Leichen gefallener Kameraden, auf jeder Fubreite Boden hatte sich ein Drama abgespielt, hinter jeder Schulterwehr lauerte das Verhngnis, Tag und Nacht, sich wahllos ein Opfer zu greifen. Und doch empfanden wir alle ein starkes Zugehrigkeitsgefhl zu unserem Abschnitt, waren fest mit ihm verwachsen. Wir kannten ihn, wenn er sich als schwarzes Band ber die verschneite Landschaft zog, wenn die blumige Wildnis ringsum ihn zur Mittagsstunde mit betubenden Gerchen durchstrmte, oder wenn die spukhafte Blsse des Vollmondes seine dunklen Winkel umspann, in denen pfeifende Rattenscharen ihr geheimnisvolles Wesen trieben. Wir saen heiter an langen Sommerabenden auf seinen Lehmbnken, wenn die laue Luft geschftiges Klopfen und heimatliches Lied zum Feinde trug; wir strzten ber Geblk und zerhackten Draht, wenn der Tod mit sthlerner Keule auf die Grben loskolbte und trger Qualm aus zerrissenen Lehmwnden kroch. Oft wollte uns der Oberst einen ruhigeren Teil der Regimentsstellung anweisen, jedesmal bat die ganze Kompagnie wie ein Mann, im Abschnitt C bleiben zu drfen. Ich bringe hier einen kurzen Auszug von den Notizen, die ich damals in den Nchten von Monchy niederschrieb. 7. 10. 1915. Stand in der Morgendmmerung neben dem Posten meiner Gruppe auf dem Schtzenauftritt bei unserem Unterstande, als ein Gewehrgescho dem Mann die Feldmtze von vorn bis hinten aufri, ohne ihn zu verletzen. Zur selben Stunde wurden am Draht zwei Pioniere verwundet. Der eine Querschlger durch beide Beine, der andere Schu durchs Ohr. Am Vormittag erhielt der linke Flgelposten einen Schu durch beide Backenknochen. Das Blut sprudelte in dicken Strahlen aus der Wunde. Zu allem Unglck kam heute auch noch der Leutnant von Ewald in unseren Abschnitt, um die nur 50 Meter vom Graben entfernt liegende Sappe N. zu photographieren. Als er sich umdrehte, um wieder vom Postenstand herunterzusteigen, zerschmetterte ihm ein Gescho den Hinterkopf. Er starb augenblicklich. Ferner bekam ein Mann einen leichten Schulterschu. 19. 10. Der Abschnitt des mittleren Zuges wurde mit 15-Zentimeter-Granaten beschossen. Ein Mann wurde vom Luftdruck gegen einen Pfahl der Grabenverkleidung geschleudert. Er erlitt schwere innere Verletzungen, auerdem durchschlug ihm ein Splitter die Armschlagader. Im Morgennebel entdeckten wir beim Ausbessern unseres Drahtes vorm rechten Flgel eine franzsische Leiche, die schon Monate alt sein mute. -- In der Nacht wurden beim Drahtziehen zwei unserer Leute verwundet. 30. 10. In der Nacht strzten infolge starker Regenschauer smtliche Schulterwehren ein und verbanden sich mit dem Regenwasser zu zhem Brei, der den Graben in einen schwer passierbaren Sumpf verwandelte. Der einzige Trost war, da es dem Englnder auch nicht besser ging, denn man sah, wie aus seinen Grben eifrig Wasser geschpft wurde. Da wir etwas erhht liegen, pumpten wir ihm unseren berflu noch herunter. -- Die herabstrzenden Grabenwnde legten eine Reihe von Leichen aus den Kmpfen des vorigen Herbstes blo. 21. 11. Ich fhrte eine Abteilung Schanzer von der Feste Altenburg in den Abschnitt C, von denen der Landsturmmann Diener auf einen Vorsprung der Grabenwand stieg, um Erde ber Deckung zu schaufeln. Kaum war er oben, als ein aus der Sappe abgefeuertes Gescho quer durch seinen Schdel schlug und ihn tot auf die Grabensohle warf. Er war verheiratet und Vater von vier Kindern. Seine Kameraden lauerten noch lange Zeit hinter den Schiescharten, um Blutrache zu nehmen. Sie weinten vor Wut. Es ist merkwrdig, wie wenig objektiv sie den Krieg auffassen. Sie schienen in dem Englnder, der das tdliche Gescho abgefeuert, einen ganz persnlichen Feind zu sehen. Ich kann es ihnen nachfhlen. 24. 11. Ein Mann der M. G. K. bekam in unserem Abschnitt einen schweren Kopfschu. Einem anderen von unserer Kompagnie wurde eine halbe Stunde spter durch Infanteriegescho die Backe aufgerissen. Am 29. 11. rckte unser Bataillon fr 14 Tage nach dem in der Etappe der Division gelegenen Stdtchen Q., das spter eine so blutige Berhmtheit erlangen sollte, um dort zu exerzieren und sich der Segnungen des Hinterlandes zu erfreuen. Whrend unseres Aufenthaltes dort erfuhr ich meine Befrderung zum Leutnant und wurde in die zweite Kompagnie versetzt, in der ich viele heitere und ernste Tage verleben sollte. Wir wurden in Q. und den Nachbarorten fters von dem Ortskommandanten zu schwerem Umtrunk geladen und bekamen einen kleinen Einblick in die fast unumschrnkte Gewalt, mit der diese Dorffrsten ihre Untergebenen und die Einwohner beherrschten. Unser Rittmeister nannte sich Knig von Q. und erschien jeden Abend, durch Erheben der rechten Hnde und ein donnerndes: Es lebe der Knig begrt, an der Tischrunde, wo er als launige Majestt la Shakespeare bis in den grauenden Morgen regierte, jeden Versto gegen die Etikette und seinen uerst komplizierten Komment mit einer Bierrunde bestrafend. Wir Frontleute kamen als Neulinge natrlich sehr schlecht dabei weg. Am nchsten Tage sah man ihn dann nach dem Mittagessen meist leicht verschleiert im Dogcart durch seine Lndereien fahren, um den Nachbarknigen bei krftigem Bacchusopfer seine Visite abzustatten und sich so wrdig fr den Abend vorzubereiten. Einmal geriet er in einen Zwist mit dem Knige von I. und lie durch einen berittenen Feldgendarmen Fehde ansagen. Nach mehreren Kampfhandlungen, whrend deren sich sogar zwei Abteilungen von Pferdeknechten aus kleinen, drahtbefestigten Grben mit Erdklumpen bewarfen, war der Knig von I. so unvorsichtig, sich in der Kantine von Q. an bayrischem Biere gtlich zu tun und wurde beim Besuche eines einsamen Ortes berrascht und gefangengenommen. Er mute sich mit einer gewaltigen Tonne Bieres loskaufen. So endete der Orlog der beiden Gewaltigen. Die Einwohner standen unter strenger Disziplin, bertretungen und Vergehen wurden vom Ortskommandanten in schneller Justiz mit empfindlichen Geld- und Freiheitsstrafen geahndet. So sehr ich Anhnger der logischen Durchfhrung des Machtgedankens bin, so zuwider und peinlich waren mir schon damals seine Auswchse, wie die Grupflicht jedes Einwohners, auch der Frauen, den Offizieren gegenber. Derartige Anordnungen sind zwecklos, entwrdigend und schdlich. So wirtschafteten wir aber im ganzen Kriege: schneidig in Kleinigkeiten, unentschlossen gegenber schweren inneren Schden. Am 11. 12. begab ich mich ber Deckung in die vordere Linie, um mich beim Leutnant d. R. Wetje, dem Fhrer der zweiten Kompagnie, die auch den Abschnitt C besetzte, zu melden. Als ich in den Graben springen wollte, erschrak ich ber die Vernderung, die die Stellung whrend unserer vierzehntgigen Abwesenheit erlitten hatte. Sie war zu einer riesigen, mit meterhohem Schlamm gefllten Mulde zusammengesackt, in der die Besatzung ein traurig pltscherndes Amphibiendasein fhrte. Mit Wehmut dachte ich, schon bis zur Hfte versunken, an den runden Tisch des Knigs von Q. zurck. Wir armen Frontschweine! Fast alle Unterstnde waren eingestrzt und die Stollen versoffen. Wir muten in den nchsten Wochen unausgesetzt arbeiten, um uns nur etwas festen Boden unter die Fe zu bringen. Vorlufig hauste ich mit den Leutnants Wetje und Boje zusammen in einem Stollen, dessen Decke trotz der darunter gehngten Zeltbahn wie eine Giekanne tropfte, und aus dem die Burschen alle halbe Stunden das Wasser mit Eimern nach oben schaffen muten. Als ich am anderen Morgen vllig durchnt den Stollen verlie, glaubte ich meinen Augen nicht trauen zu drfen. Das Gelnde, dem bisher die Einsamkeit des Todes ihren Stempel aufgedrckt, hatte das Aussehen eines Jahrmarktes angenommen. Die Besatzung beider Grben war von dem furchtbaren Schlamm auf die Brustwehren getrieben, und schon hatte sich vor den Drahtverhauen ein lebhafter Verkehr und Austausch von Schnaps, Zigaretten, Uniformknpfen usw. entwickelt. Die Menge khakifarbener Gestalten, die den bisher so den englischen Grben entquoll, wirkte direkt verblffend. Pltzlich fiel drben ein Schu, der einen unserer Leute tot im Schlamm versinken lie, worauf beide Parteien maulwurfartig in den Grben verschwanden. Ich begab mich zu dem Teil unserer Stellung, der der englischen Sappe gegenberlag und rief hinber, da ich einen Offizier sprechen mchte. Wirklich begaben sich einige Englnder zurck und brachten nach kurzer Zeit einen jungen Mann mit, der sich, wie ich durchs Glas beobachten konnte, von ihnen durch eine zierlichere Mtze unterschied. Wir verhandelten zunchst in englischer, dann etwas flieender in franzsischer Sprache, whrend die Leute ringsumher zuhrten. Ich hielt ihm vor, da einer unserer Leute durch einen hinterlistigen Schu gettet wre, worauf er antwortete, da das nicht seine, sondern die Nachbarkompagnie getan htte. Il y a des cochons aussi chez vous! meinte er, als einige aus unseren Nebenabschnitt abgefeuerte Geschosse in der Nhe seines Kopfes einschlugen, worauf ich mich vorbereitete, sofort volle Deckung zu nehmen. Wir erzhlten uns indes noch viel in einer Weise, die, ich mchte fast sagen, eine sportsmnnische Achtung ausdrckte, und htten am Schlu zum Andenken gern ein Geschenk ausgetauscht. Es ist im Kriege immer mein Ideal gewesen, den Gegner unter Ausschaltung jedes Hagefhls nur im Kampfe als solchen zu betrachten und ihn als Mann seinem Mute entsprechend zu werten. Ich habe gerade in diesem Punkte unter den englischen Offizieren viele verwandte Naturen kennengelernt. Um wieder klare Verhltnisse zu bekommen, erklrten wir uns feierlich den Krieg binnen drei Minuten nach Abbruch der Verhandlungen, und nach einem Guten Abend seinerseits und einem Au revoir! meinerseits gab ich trotz des Bedauerns meiner Leute einen Schu gegen sein Schutzschild ab, von dem drben sofort einer folgte, der mir fast das Gewehr aus der Hand geschlagen htte. Zum ersten Mal konnte ich bei dieser Gelegenheit das Zwischenfeld vor der Sappe bersehen, da man sonst an dieser gefhrlichen Stelle nicht einmal seinen Mtzenrand zeigen durfte. Ich machte dabei die Beobachtung, da dicht vor unserem Draht ein franzsischen Skelett lag, dessen weie Knochen aus blauen Uniformfetzen schimmerten. Kurz nach dieser Unterredung gab unsere Artillerie einige Schsse auf die feindliche Stellung ab, worauf vor unseren Augen vier Bahren ber das freie Feld getragen wurden, ohne da von unserer Seite ein Schu darauf abgegeben wurde. An den englischen Mtzenschildern stellten wir an diesem Tage fest, da uns das Regiment Hindostan-Leicestershire gegenberlag. Die Witterung wurde gegen Weihnachten immer trostloser; wir muten Pumpen im Graben aufstellen, um des Wassers einigermaen Herr zu werden. Den Christabend verbrachten wir in Stellung. Die Leute stimmten, im Schlamm stehend, Weihnachtslieder an, die jedoch von den Englndern mit M. G.'s bertnt wurden. Am Weihnachtstage verloren wir einen Mann des dritten Zuges durch Querschlger in den Kopf. Gleich darauf versuchten die Englnder eine freundschaftliche Annherung, indem sie einen Christbaum auf ihre Brustwehr stellten, der jedoch von unseren erbitterten Leuten mit einigen Schssen heruntergefegt wurde, was sie wiederum mit Gewehrgranaten beantworteten. So verlief unser Weihnachtsfest recht ungemtlich. Am 28. 12. war ich Kommandant der Feste Altenburg. Es wurde an diesem Tage einem meiner besten Leute durch Granatsplitter ein Arm abgerissen. Ein anderer wurde von einer der vielen verirrten Kugeln, die unser in einer Senke liegendes Erdwerk umschwirrten, am Oberschenkel schwer verwundet. Auch mein getreuer August Kettler fiel auf dem Wege nach Monchy, von wo er mein Essen holen wollte, als erster meiner vielen Burschen, einem Schrapnellschu zum Opfer, der ihn mit durchschlagener Luftrhre zu Boden streckte. Auch der Januar war ein Monat anstrengendster Arbeit. Jede Gruppe entfernte mit Schaufeln, Eimern und Pumpen zunchst den Schlamm in der unmittelbaren Nhe ihres Unterstandes und suchte dann, nachdem sie sich festen Boden unter den Fen geschaffen hatte, Verbindung mit den Nachbargruppen herzustellen. Im Walde von Adinfer, dem Standorte unserer Artillerie, waren Holzfller-Kommandos beschftigt, junge Bume der ste zu entkleiden und in lange Scheite zu spalten. Die Grabenwnde wurden abgeschrgt und vollkommen mit diesem Material verkleidet. Auch wurden zahlreiche Wasserlcher, Sickerschchte und Abflsse gebaut, so da wir allmhlich wieder ertrgliche Lebensverhltnisse bekamen. Am 28. 1. 1916 wurde ein Mann meines Zuges durch Splitter eines an seinem Schutzschild zerschellenden Geschosses in den Leib getroffen. Am 30. bekam ein anderer eine Kugel in den Oberschenkel. Als wir am 1. 2. abgelst wurden, lag gerade ein lebhaftes Feuer auf den Annherungswegen. Ein Schrapnell fuhr direkt vor die Fe meines ehemaligen Putzers von der 6. Kompagnie, des Fsiliers Junge, explodierte aber nicht, sondern brannte aus, so da er mit schweren Verbrennungen fortgetragen werden mute. In diesen Tagen wurde auch ein Unteroffizier der 6. Kompagnie, den ich gut kannte, und dessen Bruder vor einigen Tagen gefallen war, durch eine Kugelmine, die er gefunden hatte, tdlich verletzt. Er hatte den Znder abgeschraubt und steckte, da er bemerkt hatte, da das Pulver glatt abbrannte, eine glimmende Zigarette in die ffnung. Die Mine explodierte natrlich und brachte ihm ber 50 Wunden bei. Auf diese und hnliche Weise hatten wir alle Augenblicke Verluste durch den Leichtsinn, den der stndige Umgang mit Sprengstoffen mit sich brachte. Ein unbehaglicher Nachbar in dieser Beziehung war der Leutnant Pook, der einen einsamen Unterstand im verwickelten Grabengewirre hinter dem linken Flgel bewohnte. Er hatte dort eine Anzahl riesiger Blindgnger zusammengeschleppt und beschftigte sich damit, die Znder abzuschrauben und zu untersuchen. Ich schlug jedesmal einen groen Kreis um diese unheimliche Behausung, wenn mich mein Weg daran vorberfhrte. In der Nacht vom 3. 2. waren wir nach einer anstrengenden Stellungsperiode wieder in Douchy angekommen. Ich sa am nchsten Morgen so recht in der Stimmung des ersten Ruhetages in meinem Quartier am Emmichs-Platz und trank behaglich Kaffee, als pltzlich ein Ungetm von Granate, der Auftakt zu einer schweren Ortsbeschieung, dicht vor meiner Tr krepierte und mir die Fenster ins Zimmer warf. In drei Stzen war ich im Keller, den auch die anderen Hausbewohner schon mit erstaunlicher Geschwindigkeit aufgesucht hatten, um dort das Bild einer klglichen Gruppe zu bieten. Da der Keller halb ber dem Boden gebaut und nur durch eine dnne Mauer vom Garten getrennt war, drngte sich alles in einem kurzen, engen Stollenhals zusammen. Zwischen den zusammengepreten Krpern zwngte sich winselnd mein Schferhund mit dem Instinkt des Tieres in die finsterste Ecke. Weit in der Ferne hrte man in regelmigen Abstnden eine Reihe matter Abschsse, denen nach einigen Sekunden das pfeifende Heranheulen der schweren Eisenkltze folgte, das rings um unser Huschen in krachenden Explosionen endete. Jedesmal fuhr ein unangenehmer Luftdruck durch die Kellerfenster, Erdklumpen und Splitter prasselten auf das Ziegeldach, whrend in den Stllen die aufgeregten Pferde schnaubten und bumten. Dazu winselte der Hund, und ein dicker Musiker schrie bei jedem Heranpfeifen laut auf, als ob ihm ein Zahn gezogen werden sollte. Endlich war das Unwetter vorber, und wir konnten uns wieder in die frische Luft begeben. Die verwstete Dorfstrae war belebt wie ein beunruhigter Ameisenhaufen. Mein Quartier sah bse aus. Dicht neben der Mauer des Kellers war die Erde an verschiedenen Stellen aufgerissen, Obstbume waren umgeknickt, und mitten im Torweg lag hhnisch ein langer Blindgnger. Das Dach war arg durchlchert. Ein groer Splitter hatte den halben Schornstein mitgenommen. In der nebenan liegenden Kompagnie-Schreibstube hatten einige handliche Splitter die Wnde und den groen Kleiderschrank durchbohrt und fast smtliche dort verwahrten Offiziersuniformen zerfetzt, zum groen rger der Betroffenen, zu denen ich brigens nicht gehrte. Am 8. 2. bekam der Abschnitt C starkes Feuer. Schon am frhen Morgen scho die eigene Artillerie einen Blindgnger in den Unterstand meiner rechten Flgelgruppe, der zur unangenehmen berraschung der Insassen die Tr eindrckte und den Ofen umwarf. Ein Witzbold zeichnete spter eine Karikatur, auf der sich acht Mann zugleich ber den qualmenden Ofen durch die zerschmetterte Tr pressen, whrend der Blindgnger aus einer Ecke bsartig blinzelt. Ferner wurden uns am Nachmittag noch drei Unterstnde zusammengeschossen, glcklicherweise dabei aber nur ein Mann leicht am Knie verwundet, da sich alles bis auf die Posten in die Stollen zurckgezogen hatte. Am folgenden Tage wurde ein Mann meines Zuges durch die Flankierungsbatterie tdlich in die Seite getroffen. Am 25. 2. wurden wir durch einen Todesfall, der uns einen vortrefflichen Menschen und beliebten Kameraden entri, besonders ergriffen. Kurz vor der Ablsung bekam ich in meinem Unterstand die Meldung, da soeben der Kriegsfreiwillige K. im Stollen nebenan gefallen wre. Ich begab mich dorthin und fand, wie schon so oft, eine ernste Gruppe um die regungslose Gestalt stehend, die mit verkrampften Hnden auf blutgetrnktem Schnee lag, mit glsernen Augen gen Himmel starrend. Wieder ein Opfer der Flankierungsbatterie! K. war bei den ersten Schssen im Graben gewesen und sogleich in den Stollen gesprungen. Ein groer Splitter einer auf die dem Eingang gegenberliegende Grabenwand schlagenden Granate sauste in den Stollenhals und traf ihn am Hinterkopf, als er sich bereits in Sicherheit whnte. Er starb einen schnellen, unvermuteten Tod. Die Flankierungsbatterie war in diesen Tagen berhaupt sehr rege. Ungefhr stndlich gab sie eine einzige, berraschende Salve ab, deren Sprengstcke genau den Graben abfegten. In den sechs Tagen vom 3. 2. bis 8. 2. kostete sie uns 3 Tote, 3 Schwer- und 4 Leichtverwundete. Trotzdem sie hchstens 1500 Meter von uns entfernt an einem Bergabhang in unserer linken Flanke stehen mute, war es unserer Artillerie unmglich, sie zum Schweigen zu bringen. Unser einziges Mittel, ihre Wirksamkeit zu vermindern, bestand in der Vermehrung und Erhhung unserer Schulterwehren, um ihre Reichweite auf kleine Grabenstcke zu beschrnken. Anfang Mrz hatten wir den grbsten Dreck hinter uns. Das Wetter wurde trocken, und der Graben war sauber verschalt, so da wir hufiger ein paar gemtliche Freistunden hatten. Jeden Abend sa ich im Unterstande vor meinem kleinen Schreibtisch und las oder plauderte, wenn ich Besuch bekommen hatte. Wir waren mit dem Kompagniefhrer 4 Offiziere und fhrten ein sehr kameradschaftliches Zusammensein. Jeden Tag tranken wir im Unterstande des einen oder des anderen Kaffee oder saen zu Abend, oft bei einer oder mehreren Flaschen, rauchten, spielten Karten und fhrten eine landsknechtsmige Unterhaltung. Diese gemtlichen Unterstandsstunden wiegen in der Erinnerung manchen Tag voll Blut, Schmutz und Arbeit auf. Sie waren auch nur in dieser langen und verhltnismig ruhigen Stellungsperiode mglich, wo wir uns fest ineinander eingelebt und beinahe friedensmige Gewohnheiten angenommen hatten. Unser Hauptstolz war unsere Bauttigkeit, in die uns von hinten sehr wenig hineinregiert wurde. In rastloser Arbeit wurde ein 30stufiger Stollen neben dem andern in den lehmigen Kreideboden getrieben und durch Quergalerien verbunden, so da wir bequem sechs Meter unter der Erde vom rechten zum linken Flgel unserer Zge gelangen konnten. Mein Lieblingswerk war ein 60 Meter langer Stollengang von mir zum Kompagniefhrer-Unterstand, der rechts und links mit Munitionskammern und Wohnrumen versehen war. Diese Anlage war whrend der spteren Kmpfe von hohem Wert. Wenn wir uns nach dem Morgenkaffee (man bekam sogar fast regelmig die Zeitung nach oben), frisch gewaschen, mit dem Zollstock in der Hand im Graben begegneten, verglichen wir die Fortschritte unserer Abschnitte, whrend sich das Gesprch um Stollenrahmen, Musterunterstnde, Arbeitszeiten und hnliche Sachen drehte. Ich empfand abends, wenn ich mich auf meine Pritsche legte, immer ein angenehmes Gefhl in dem Bewutsein, den Erwartungen der Heimat an meinem Platze entsprochen zu haben, indem ich mit aller Energie fr die Verteidigung meiner 200 Meter Schtzengraben und fr das Wohl meiner 60 Mann gesorgt hatte. Am 14. 3. schlug der Volltreffer einer 15-Zentimeter-Granate in unseren rechten Nachbarabschnitt, ttete drei Mann und verwundete drei andere schwer. -- Am 18. erhielt der Posten vor meinem Unterstande einen Granatsplitter, der ihm die Backe aufri und einen Ohrzipfel abschlug. -- Am 19. wurde ein Mann am linken Flgel durch Kopfschu schwer verwundet. -- Am 23. fiel rechts neben meinem Unterstande der Fsilier L. durch Kopfschu. Am selben Abend meldete mir ein Posten, da eine feindliche Patrouille im Drahtverhau steckte. Ich verlie mit einigen Leuten den Graben, konnte jedoch nichts feststellen. Am 7. 4. Wurde am rechten Flgel ein Mann durch Gewehrgeschosplitter am Kopfe verwundet. Diese Art von Verwundungen war bei uns infolge der beim geringsten Aufprall zerschellenden englischen Munition sehr hufig. Am Nachmittag wurde die Umgebung meines Unterstandes stundenlang mit schweren Granaten beworfen. Mein Lichtschachtfenster wurde zum x-ten Male zersplittert, und bei jeder Detonation flog ein Hagel von hartem Lehm durch die ffnung, ohne uns indes beim Kaffeetrinken stren zu knnen. Nachher hatten wir ein frmliches Duell mit einem tollkhnen Englnder, dessen Kopf ber den Rand eines hchstens 100 Meter entfernten Grabens schaute, und der eine Reihe haarscharf gezielter Schsse auf unsere Schiescharten abgab. Ich erwiderte das Feuer mit einigen Leuten, doch schlug sofort eine famos gezielte Kugel auf den Rand unserer Scharte, die uns die Augen voll Sand spritzte und mich durch einen kleinen Splitter unbedeutend am Hals verwundete. Wir lieen jedoch nicht locker, indem wir auftauchten, kurz zielten und wieder verschwanden. Gleich darauf platzte ein Gescho am Gewehre des Fsiliers Storch, dessen Gesicht durch mindestens zehn Splitter getroffen, an allen Stellen blutete. Der nchste Schu ri ein Stck aus dem Rand unserer Schiescharte; ein weiterer zerschmetterte den Spiegel, mit dem wir beobachteten, doch hatten wir die Genugtuung, da unser Gegner nach einigen genau auf der Lehmbank vor seinem Gesicht aufgeschlagenen Geschossen spurlos verschwand. Gleich darauf scho ich mit drei Schu K-Munition das Schutzschild, hinter dem dieser rabiate Bursche immer wieder aufgetaucht war, ber den Haufen. Am 9. 4. flogen zwei englische Flieger wiederholt dicht ber unsere Stellung. Die ganze Grabenbesatzung strzte aus den Unterstnden und erffnete ein rasendes Feuer. Ich sagte gerade zu dem neben mir stehenden Leutnant Sievers: Wenn nur die Flankierungsbatterie nicht aufmerksam wird! als uns auch schon die eisernen Fetzen um die Ohren flogen, und wir in den nchsten Stollen sprangen. Sievers stand vorm Eingange, ich riet ihm, weiter hineinzukommen und klatsch! sa ein handbreiter, noch dampfender Splitter vor seinen Fen. Gleich darauf bekamen wir noch etliche Schrapnellminen, die ber unseren Kpfen krepierten. Ein Mann wurde durch einen nadelkopfgroen Splitter auf die Achsel getroffen, der trotz seiner Kleinheit ziemlich schmerzhaft war. Ich antwortete mit einigen Wurfminen, denn es war stillschweigende bereinkunft der Infanterie, sich auf das Gewehr zu beschrnken. Die Anwendung von Sprengstoffen wurde unter allen Umstnden im Verhltnis von mindestens 2:1 erwidert. Leider hatte der Gegner meist so reichliche Munition, da uns zuerst der Atem ausging. Auf diesen Schrecken tranken wir in Sievers' Unterstande einige Flaschen Rotwein, die mich unversehens so in Stimmung brachten, da ich trotz hellen Mondscheins ber Deckung zu meinem Domizil zurckspazierte. Bald verlor ich die Richtung, geriet in einen riesigen Minentrichter und hrte im nahen feindlichen Graben die Englnder arbeiten. Nachdem ich durch zwei Handgranaten sehr ruhestrend gewirkt hatte, zog ich mich eiligst in unseren Graben zurck, wobei ich noch in den aufgerichteten Stachel einer unserer schnen, aus vier geschrften Eisenspitzen bestehenden Fuangeln strzte. Es herrschte in diesen Tagen berhaupt lebhafte Ttigkeit vorm Draht, die zuweilen eines gewissen blutigen Humors nicht entbehrte. So wurde einer unserer Patrouillengnger von eigenen Leuten angeschossen, weil er stotterte und den Paroleruf nicht schnell genug herausbringen konnte. Ein anderes Mal stieg einer, der in Monchy bei der Kche die Mitternacht gefeiert hatte, ber das Hindernis und erffnete ein selbstndiges Schtzenfeuer gegen den eigenen Graben. Er wurde, nachdem er sich verschossen hatte, hereingezogen und gehrig verprgelt. Der Auftakt zur Somme-Offensive. Mitte April 1916 wurde ich nach Croisilles, einem Stdtchen hinter der Divisionsfront, zu einem Offizier-Ausbildungskursus kommandiert, der unter persnlicher Leitung des Divisions-Kommandeurs, Generalmajor Sontag, stand. Es wurde theoretischer und praktischer Unterricht in einer ganzen Reihe von militrischen Fchern erteilt. Besonders fesselnd waren die taktischen Ausritte unter dem Major von Jarotzky. Hufige Ausflge und Besichtigungen der meist aus dem Boden gestampften Einrichtungen des Hinterlandes gaben uns, die wir gewohnt waren, alles ber die Achsel anzusehen, was sich hinter dem ersten Graben befand, einen Begriff von der unermelichen Arbeit, die im Rcken der kmpfenden Truppe geleistet wurde. So besuchten wir die Schlachterei, das Proviantdepot und die Geschtzreparaturstelle in Boyelles, die Sgemhle und den Pionierpark im Walde von Bourlon, die Molkerei, die Schweinezchterei und die Kadaververwertungsstelle in Inchy, den Flugpark und die Bckerei in Quant. Sonntags fuhren wir in die naheliegenden Stdte Cambrai, Douai und Valenciennes, um wieder mal Frauen mit Hten zu sehen. -- Am 16. 6. wurden wir vom General wieder zur Truppe entlassen mit einer kleinen Ansprache, aus der wir entnahmen, da sich eine groe feindliche Offensive an der Westfront vorbereitete, deren linker Flgel ungefhr unserer Stellung gegenberliegen sollte. Da etwas in der Luft liegen mute, wurde uns auch nach der Rckkehr zum Regiment klar, denn die Kameraden erzhlten von der zunehmenden Unruhe des Gegners. Die Englnder hatten zweimal, allerdings ohne Erfolg, eine Gewaltpatrouille gegen den Abschnitt C unternommen. Wir hatten uns durch einen schwer vorbereiteten Angriff von drei Offizierspatrouillen auf das sogen. Grabendreieck gercht und dabei eine ganze Anzahl von Gefangenen gemacht. Whrend meiner Abwesenheit war Leutnant Wetje durch eine Schrapnellkugel am Arme verwundet, bernahm jedoch bald nach meiner Ankunft wieder die Fhrung der Kompagnie. Mein Unterstand hatte sich inzwischen auch verndert, er war durch einen Treffer um die Hlfte kleiner geworden. Am 20. 6. bekam ich den Auftrag, vorm feindlichen Graben zu lauschen, ob der Gegner mit Minierarbeiten beschftigt wre und kletterte mit dem Fhnrich Wohlgemut, dem Gefreiten Schmidt und dem Fsilier Parthenfelder um 11.30 ber unser eigenes, ziemlich hohes Drahtverhau. Wir gingen die erste Strecke gebckt vor und krochen dann nebeneinander ber das dicht bewucherte Vorfeld weiter. Tertianer-Erinnerungen aus Karl May kamen mir ins Gedchtnis, als ich so auf dem Bauche durch betautes Gras und Distelgestrpp rutschte, ngstlich bemht, jedes Rascheln zu vermeiden, da sich 50 Meter vor uns der englische Graben als schwarzer Strich aus dem Halbdunkel hob. Die Garbe eines entfernten Maschinengewehres klatschte fast senkrecht um uns nieder; ab und zu fuhr eine Leuchtkugel hoch und warf ihr kaltes Licht auf den unwirtlichen Flecken Erde. Einmal ertnte hinter uns lebhaftes Rascheln, zwei Schatten huschten zwischen den Grben dahin. Whrend wir uns bereitmachten, auf sie loszustrzen, waren sie schon spurlos verschwunden. Gleich darauf verriet der Donner von zwei Handgranaten im englischen Graben, da eigene Leute unseren Weg gekreuzt hatten. Langsam krochen wir weiter vor. Pltzlich krampfte sich die Hand des Fhnrichs um meinen Arm: Achtung rechts, ganz nahe, leise, leise! Gleich darauf hrte ich zehn Meter rechts von uns vielfaches Rauschen im Grase. Mit der blitzschnellen, logischen Schrfe, die man in solchen Situationen entwickelt, bersah ich die Lage. Wir waren die ganze Zeit am englischen Draht entlang gekrochen, der Feind hatte uns gehrt und kam nun aus seinem Graben, um das Vorgelnde zu untersuchen. Unvergelich sind solche Augenblicke auf nchtlicher Schleiche. Auge und Ohr sind bis zum uersten gespannt, das nher kommende Rauschen der fremden Fe im hohen Grase nimmt eine merkwrdige, unheildrohende Strke an, -- es fllt einen fast ganz aus. Der Atem geht stoweise; man mu sich zwingen, sein keuchendes Wehen zu dmpfen. Mit kleinem, metallischem Knacks springt die Sicherung der Pistole zurck; ein Ton, der wie ein Messer durch die Nerven geht. Die Zhne knirschen auf der Zndschnur der Handgranate. Der Zusammenprall mu kurz und mrderisch werden. Man zittert unter zwei gewaltigen Sensationen: der gesteigerten Aufregung des Jgers und der Angst des Wildes. Man ist eine Welt fr sich, vollgesogen von der dunklen, entsetzlichen Stimmung, die ber dem wsten Gelnde lastet. Eine Reihe verschwommener Gestalten tauchte dicht neben uns auf, Flstern wehte herber. Wir wandten ihnen den Kopf zu; ich hrte, wie der Bayer Parthenfelder auf die Klinge seines Dolches bi. Sie kamen noch einige Schritte auf uns zu, fingen dann aber an, am Draht zu arbeiten, ohne uns bemerkt zu haben. Wir krochen ganz langsam, sie immer im Auge behaltend, zurck. Der Tod, der schon in ragender Erwartung zwischen den Parteien gestanden hatte, entglitt mimutig. Nach einiger Zeit erhoben wir uns und gingen aufrecht weiter, bis wir wohlbehalten in unserem Abschnitt angekommen waren. Der gute Ausgang dieses Ausfluges begeisterte uns zu dem Gedanken, einen Gefangenen zu machen, und wir beschlossen, am nchsten Abend wieder loszugehen. Am Nachmittage hatte ich mich deshalb gerade zur Ruhe gelegt, als ich durch einen donnerartigen Krach in der Nhe meines Unterstandes hochgeschreckt wurde. Die Englnder schickten Kugelminen herber, die trotz dem geringen Abschugerusch von solcher Schwere waren, da ihre Splitter die baumdicken Verschalungspfhle glatt abschlugen. Fluchend kletterte ich von meinem coucher und begab mich in den Graben, um, wenn ich drben wieder einen der schwarzen Stielblle seine bogenfrmige Laufbahn antreten sah, mit dem Geschrei: Mine links zum nchsten Stollen zu sausen. Mit Minen aller Gren und Arten wurden wir in den nchsten Wochen so ausgiebig versorgt, da es uns Gewohnheit wurde, bei unseren Gngen durch den Graben immer ein Auge in die Luft, das andere nach dem nchsten Stolleneingang zu richten. In der Nacht schlich ich also wieder mit drei Begleitern zwischen den Grben herum. Wir robbten uns auf den Fuspitzen und Ellenbogen bis dicht vor das englische Hindernis und verbargen uns dort hinter einzelstehenden Grasbscheln. Nach einiger Zeit erschienen mehrere Englnder, die eine Rolle Draht schleppten. Sie blieben dicht vor uns stehen, setzten die Rolle ab, knipsten mit einer Drahtschere daran herum und unterhielten sich flsternd. Wir schlngelten uns aneinander heran und fhrten im Hauchton eine hastige Unterhaltung: Jetzt 'ne Handgranate dazwischen und dann auf ihn! Mensch, das sind vier Mann! Hei hett de Bx all wedder gestrichen vull! Quatsch doch nich! Leise, leise! Meine Warnung kam zu spt; als ich hochsah, krochen die Englnder gerade wie die Eidechsen unter ihren Draht und verschwanden im Graben. Nun wurde die Stimmung doch etwas schwl. Der Gedanke: Gleich bringen sie ein M. G. in Stellung verursachte mir einen faden Geschmack im Munde. Auch die anderen hegten hnliche Befrchtungen. Wir rutschten unter groem Waffengerassel auf dem Bauche nach rckwrts. Im englischen Graben wurde es lebhaft. Getrappel, Geflster, Hin- und Herlaufen. Pschschscht . . . eine Leuchtkugel. Ringsumher wurde es taghell, whrend wir uns bemhten, unsere Kpfe in Grasbscheln zu verstecken. Noch eine Leuchtkugel. Peinliche Momente. Man mchte in die Erde verschwinden und lieber an jedem anderen Orte sein, als zehn Meter vorm feindlichen Graben. Noch eine. Peng! Peng! Der unverkennbare scharfe, betubende Knall einiger aus nchster Entfernung abgefeuerter Gewehrschsse. Oha! Wir sind entdeckt! Wir schrien uns ohne weitere Rcksicht unsere Absicht, wegzulaufen, zu, sprangen auf und rasten in dem nun losprasselnden Feuer auf unsere Stellung zu. Nach einigen Stzen stolperte ich und schlug in einen kleinen, ganz flachen Granattrichter, whrend die drei anderen, mich fr erledigt haltend, an mir vorbeihetzten. Ich prete mich fest an den Boden, zog Kopf und Beine ein und lie die Geschosse durch das hohe Gras ber mich hinwegfegen. Ebenso unangenehm waren mir die glhenden Magnesiumklumpen der herabfallenden Leuchtkugeln, die zum Teil dicht neben mir abbrannten. Allmhlich wurde das Schieen schwcher, und nach einer weiteren Viertelstunde verlie ich zunchst langsam, dann so schnell mich Fe und Hnde tragen wollten, meinen Zufluchtsort. Da inzwischen der Mond untergegangen war, verlor ich bald jede Orientierung und wute weder wo die englische, noch wo die deutsche Seite sich befand. Nicht einmal die charakteristische Ruine der Monchy-Mhle hob sich mehr vom Horizonte ab. Ab und zu kam ein Gescho von der einen oder anderen Seite mit geradezu bengstigender Rasanz durch die Gegend geflogen. Ich legte mich resigniert ins Gras und beschlo, die Morgendmmerung abzuwarten. Pltzlich ertnte dicht neben mir Gewisper. Ich nahm wieder Gefechtsbereitschaft ein und gab als vorsichtiger Mann zunchst eine Reihe von Naturlauten ab, nach denen ich ebenso gut ein Englnder als ein Deutscher sein konnte. Den ersten englischen Zuruf beschlo ich mit einer Handgranate zu quittieren. Zu meiner Freude stellte sich jedoch heraus, da ich meine Leute vor mir hatte, die gerade beim Abschnallen der Koppel waren, um meine Leiche darauf zurckzutragen. Wir saen noch eine Weile in dem Trichter zusammen und freuten uns ber unser glckliches Wiedersehen. Dann begaben wir uns in unseren Graben zurck, den wir nach dreistndiger Abwesenheit erreichten. Am Morgen hatte ich schon wieder um 5 Uhr Grabendienst. Im Abschnitt des ersten Zuges fand ich den Feldwebel H. vor seinem Unterstande. Alle ich mich wunderte, ihn zu so frher Stunde zu sehen, erzhlte er mir, da er beim Anstande auf eine groe Ratte wre, die ihm den Nachtschlaf raubte. Dabei betrachtete er angelegentlich seinen lcherlich kleinen Unterstand, den er Villa Leberecht Hhnchen getauft hatte. Als wir so nebeneinander standen, hrten wir einen dumpfen Abschu, der indes nichts Besonderes zu bedeuten hatte. H., der am Tage vorher beinahe von einer groen Kugelmine erschlagen wre und daher sehr nervs war, fuhr wie ein Blitz nach dem nchsten Stolleneingang, rutschte in seiner Hast die ersten 15 Stufen sitzend hinunter und benutzte die letzten 15 dazu, sich dreimal zu berschlagen. Ich stand oben am Eingang und verga vor Lachen Mine und Stollen, als ich diese schmerzhafte Unterbrechung einer Rattenjagd von dem armen Opfer unter empfindlichem Reiben verschiedener Krperstellen beklagen hrte. Der Unglcksmensch gestand mir auch noch, da er gestern gerade beim Abendbrot gesessen htte, als die Mine ankam. Erstlich wre sein ganzes Essen versandet gewesen und er auerdem schon gestern recht empfindlich die Treppe hinuntergefallen. Nach dieser erheiternden Episode begab ich mich in meinen Unterstand, sollte indes auch heute nicht zum erquickenden Schlummer kommen. Vom frhen Morgen an wurde unser Graben in immer krzeren Zwischenrumen mit Minen beworfen. Gegen Mittag wurde mir die Sache zu bunt. Ich machte mit einigen Leuten unseren Lanzschen Minenwerfer fertig und nahm die feindlichen Grben unter Feuer, eine allerdings etwas schwchliche Erwiderung der schweren Geschosse, mit denen wir reichlich bedacht wurden. Schwitzend hockten wir auf dem von der Junisonne heigebrannten Lehm einer kleinen Grabenmulde und schickten Mine auf Mine nach drben. Da sich die Englnder durchaus nicht stren lieen, begab ich mich mit Leutnant Wetje ans Telephon, wo wir nach reiflicher berlegung folgenden Notruf erschallen lieen: Helene spuckt in unseren Graben, lauter dicke Brocken, wir brauchen Kartoffeln, groe und kleine! Dies Kauderwelsch wurde angewandt, um dem etwa mithrenden Gegner nichts zu verraten; es kam dann auch bald vom Oberleutnant Deichmann die trstliche Antwort, da sogleich der dicke Wachtmeister mit dem strammen Schnurrbart nebst einigen kleinen Jungen nach vorn kommen wrde, und gleich darauf sauste unsere erste Zwei-Zentner-Mine mit unerhrtem Krachen in den feindlichen Graben, gefolgt von einigen Gruppen der Feldartillerie, so da wir fr den Rest des Tages Ruhe hatten. Am nchsten Mittag begann indes der Tanz in bedeutend schrferer Weise. Beim ersten Schu begab ich mich durch meinen unterirdischen Gang in den zweiten Graben und von dort in den Laufgraben, in dem wir unseren Minenwerfer aufgebaut hatten. Wir erffneten das Feuer in der Weise, da wir bei jeder ankommenden Kugelmine eine Lanz-Mine abschossen. Nachdem wir ungefhr 40 Minen gewechselt hatten, schien sich der feindliche Richtschtze auf uns persnlich einzuschieen. Bald schlugen einige Geschosse rechts, andere links neben uns ein, ohne unsere Ttigkeit unterbrechen zu knnen, bis eine gerade auf uns zukam. Wir rissen im letzten Moment noch unsere Abzugsleine durch und liefen dann so schnell wie mglich fort. Gerade war ich in einen schlammigen, drahtdurchzogenen Graben gelangt, als das Unding dicht hinter mir krepierte. Der gewaltige Luftdruck warf mich ber ein Bndel Stacheldraht in ein mit grnlichem Schlamm geflltes Granatloch, whrend gleichzeitig ein Schauer harter Lehmklumpen auf mich herabrasselte. Halb betubt und bel zugerichtet erhob ich mich. Hose und Stiefel waren durch den Stacheldraht zerrissen, Gesicht, Hnde und Uniform mit zhem Lehm berkleistert, und das Knie blutete aus einer langen Schramme. Ziemlich abgekmpft schlich ich durch den Graben in meinen Unterstand, um mich auszuruhen. Sonst hatten die feindlichen Minen keinen groen Schaden angerichtet. Der Graben war an einigen Stellen zerstrt, ein Priester-Minenwerfer zerschmettert, und Villa Leberecht Hhnchen hatte durch einen Volltreffer den Rest bekommen. Der unglckliche Besitzer hatte schon unten im Stollen gesessen, sonst htte er wohl bei dieser Gelegenheit seinen dritten Treppensturz vollfhrt. Den ganzen Nachmittag ging die Schieerei ununterbrochen weiter und wurde in den Abendstunden durch eine Unzahl zylindrischer Minen zum Trommelfeuer gesteigert. Unsere Leute nannten diese walzenfrmigen Geschosse die Waschkorb-Minen, da es manchmal den Eindruck machte, als wrden sie mit Krben vom Himmel geschttet. Wir saen mit gespannter Erwartung in den Stolleneingngen, bereit, jeden Ankmmling mit Gewehr und Handgranate zu begren, jedoch flaute das Feuer nach einer halben Stunde wieder ab. In der Nacht hatten wir noch zwei Feuerberflle, whrend deren unsere Posten unerschtterlich auf ihren Stnden Ausschau hielten, zu bestehen. Sowie das Feuer nachlie, bestrahlten zahlreiche emporsteigende Leuchtkugeln die aus den Stollen hervorstrzenden Verteidiger, und ein rasendes Feuer berzeugte den Feind von der unbeugsamen Entschlossenheit hannverscher Fsiliere. Trotz dem wahnsinnigen Feuer verloren wir nur einen Mann, dem durch eine auf ein Schutzschild schlagende Mine der Schdel zerschmettert wurde. Ein anderer wurde am Rcken verwundet. Auch am Tage, der diese unruhige Nacht ablste, bereiteten uns zahlreiche Feuerwirbel auf einen baldigen Angriff vor. Unser Graben wurde whrend dieser Zeit kurz und klein geschossen und durch die zerschlagenen Hlzer der Verschalung fast ungangbar gemacht, auch wurde eine Reihe von Unterstnden eingedrckt. Wir beschlossen, whrend der kommenden Nacht smtlich wach zu bleiben, und verabredeten, da derjenige, der auf den Zuruf Hallo nicht seinen Namen riefe, sofort niedergeschossen werden sollte. Jeder Offizier hatte seine Leuchtpistole mit einer roten Kugel geladen, um die Artillerie unverzglich verstndigen zu knnen. Die Nacht wurde noch toller als die vorige. Besonders ein Feuerberfall um 2.15 Uhr bertraf alles Vorhergegangene. Rings um meinen Unterstand schlug ein Hagel schwerer Geschosse ein. Wir standen in voller Bewaffnung auf der Stollentreppe; das Licht der kleinen Kerzenstmpfe schimmerte vielfach an den nassen, schimmligen Wnden. Durch die Eingnge strmte blauer Qualm, Erde brckelte von der Decke. Wumm! Donnerwetter! Streichholz, Streichholz! Alles fertigmachen! Das Herz schlug bis zum Halse. Fliegende Hnde lsten die Kapseln der Handgranaten. Das war die letzte! Rrraus! Als wir zum Ausgang strzten, ging noch eine Mine mit verzgerter Zndung los und schleuderte uns durch ihren Luftdruck wieder zurck. Trotzdem waren, whrend noch die letzten Eisenvgel herunterrauschten, schon alle Postenstnde von der wackeren Mannschaft besetzt. Knatterndes Schnellfeuer sprang auf, und Leuchtkugeln strahlten Mittagshelle auf das mit dichten Rauchschwaden behngte Vorgelnde. Als das Feuer schon verstummt war, erlitten wir noch einen Verlust. Der Fsilier N. fiel pltzlich von seinem Postenstande und rollte polternd die Stollentreppe herunter, mitten in den Kreis seiner unten versammelten Kameraden. Als wir den unheimlichen Ankmmling untersuchten, fanden wir eine kleine Wunde an der Stirn und eine blutende ffnung ber der rechten Brustwarze. Es blieb uns unklar, ob die Verwundung oder der jhe Sturz seinen Tod herbeigefhrt hatte. Am Ende dieser Schreckenssnacht wurden wir von der 6. Kompagnie abgelst. Mit jener eigentmlichen Mistimmung, die eine in der Morgensonne strahlende Landschaft auf die erschpften, bernchtigten Nerven ausbt, zogen wir durch die Laufgrben nach Monchy und von dort zu der sich vor dem Waldrande von Adinfer hinziehenden zweiten Stellung, von wo wir einen grandiosen Ausblick auf den ersten Auftakt zur Sommeschlacht hatten. Die Frontabschnitte links von uns waren in weie und schwarze Rauchwolken gehllt, turmhoch spritzte ein schwerer Einschlag neben dem anderen; darber zuckten zu Hunderten die kurzen Blitze platzender Schrapnells. Als wir am Abend endlich einmal ausschlafen wollten, bekamen wir Befehl, in Monchy schwere Minen zu verladen und muten die ganze Nacht vergeblich auf irgendeinen steckengebliebenen Wagen warten, whrend der Englnder mit M. G.-Steilfeuer und die Strae hinunterfegenden Schrapnells verschiedene, zum Glck erfolglose Attentate auf unser Leben ausbte. In dieser Nacht gab mir der Gegner ein Beispiel seiner hchst sorgfltigen Beobachtung. In der zweiten Stellung, ungefhr 2000 Meter vom Feinde, war vor einem im Bau befindlichen Munitionsstollen ein Haufen Kreide aufgeschichtet. Der Englnder zog daraus den leider richtigen Schlu, da dieser Hgel in der Nacht verzogen wrde und scho eine Gruppe Schrapnells darauf ab, durch die er wirklich drei Mann schwer verwundete. Am Morgen wurde ich schon wieder durch den Befehl, meinen Zug zum Schanzen in den Abschnitt C zu fhren, aus dem Schlaf gerissen. Meine Gruppen wurden innerhalb der 6. Kompagnie verteilt. Ich ging mit einigen Leuten zum Walde von Adinfer zurck, um sie beim Holzhauen anzustellen. Auf dem Rckwege zur Stellung trat ich in meinen Unterstand, um dort ein halben Stndchen auszuruhen. Doch umsonst, ich sollte in diesen Tagen keine ungestrte Ruhe finden. Kaum hatte ich die Stiefel ausgezogen, als ich unsere Artillerie vom Waldrande her merkwrdig lebhaft feuern hrte. Gleichzeitig erschien mein Bursche Paulicke am Stolleneingang und schrie herunter: Gasangriff! Ich ri die Gasmaske heraus, fuhr in die Stiefel, schnallte um, rannte nach drauen und sah dort, wie eine riesige Gaswolke in dichten weilichen Schwaden ber Monchy hing und sich auf den im Grunde liegenden Punkt 124 zuwlzte. Da mein Zug zum grten Teil vorn in Stellung und ein Angriff sehr wahrscheinlich war, gab es fr mich kein langes berlegen. Ich sprang ber das Hindernis der zweiten Stellung, rannte vor und war bald mitten in der Gaswolke. Ich setzte die Maske auf, ri sie aber gleich wieder herunter, da ich so stark gelaufen war, da ich durch den Einsatz nicht gengend Luft bekommen konnte; auch waren die Augenglser im Nu beschlagen und vollkommen undurchsichtig. Da ich Bruststiche versprte, versuchte ich, die Wolke wenigstens so schnell wie mglich zu durchqueren. Vor dem Dorfrande mute ich noch einen Sperrfeuerriegel passieren, dessen Einschlge, von zahlreichen Schrapnellwolken unterbrochen, eine lange, regelmige Kette ber die verdeten, sonst nie betretenen Felder zog. Artilleriefeuer in derartig offenem Gelnde, in dem man sich frei bewegen kann, hat weder dieselbe tatschliche, noch moralische Wirkung wie in Ortschaften oder Stellungen. So hatte ich im Nu die Feuerlinie hinter mich gelegt und befand mich in Monchy, das unter einem tollen Schrapnellhagel lag. Ein Schauer von Kugeln, Ausblsern und Zndern fegte durch das Gest der Obstbume in den verwilderten Grten und klatschte gegen die Reste der zerstrten Mauern. In einem Unterstande der Grten sah ich meine Kompagnie-Kameraden Sievers und Vogel sitzen; sie hatten ein loderndes Holzfeuer entzndet und beugten sich ber die reinigende Flamme, um den Wirkungen des Chlors zu entgehen. Ich leistete ihnen bei dieser Beschftigung Gesellschaft, bis das Feuer abgeflaut war, und ging dann durch den Laufgraben 6 nach vorn. Da ich in meinem unverbesserlichen Phlegma ganz langsam durch den Graben schlenderte, begegnete es mir, da ich, nur 50 Meter vom Kompagniefhrer-Unterstande entfernt, noch einmal in einen wahnsinnigen Feuerberfall geriet und, in eine kleine Nische gedrckt, das Unwetter ber mich ergehen lassen mute. Vorn waren alle Leute beschftigt, ihre Gewehre einzufetten, die durch das Gas vollkommen geschwrzt waren. Ein Fhnrich zeigte mir wehmtig sein neues Portepee, das seinen strahlenden Glanz eingebt und dafr ein grnlich-schwarzes Aussehen angenommen hatte. Da beim Gegner alles ruhig geblieben war, rckte ich mit meinen Gruppen wieder ab. In Monchy sahen wir vor dem Revier eine Menge von Gaskranken sitzen, die sich die Hnde in die Seiten preten, sthnten und wrgten, whrend ihnen das Wasser aus den Augen lief. Die Sache war keineswegs harmlos, denn einige von ihnen starben etliche Tage darauf nach furchtbaren Schmerzen. Wir hatten einen Blasangriff von reinem Chlor auszuhalten gehabt, einem Kampfgas, das durch tzen und Verbrennen der Lungen wirkt. Auf dem Rckwege ging ich, um etwas zu kaufen, in die Kantine des II. Bataillons und fand dort den betrbten Kantinenjngling inmitten eines Haufens zerschlagener Waren vor. Eine Granate war durch die Decke gefahren, im Laden krepiert und hatte seine Schtze in ein merkwrdiges Gemisch von Marmelade, ausgelaufenen Konserven und Seife verwandelt. Er hatte gerade mit echt preuischer Genauigkeit eine Unkostenaufstellung von 82 Mark und 58 Pfennig entworfen. Am Abend wurde mein Zug, der bisher detachiert in der zweiten Stellung gelegen hatte, der unsicheren Gefechtslage wegen bis in das Dorf vorgezogen und bekam das Bergwerk als Aufenthaltsort angewiesen. Wir richteten uns die zahlreichen Nischen als Lagerpltze ein und zndeten ein riesiges Feuer an, dessen Rauch wir durch den Brunnenschacht abziehen lieen, sehr zum rger einiger Kompagniekche, die beim Wasserholen fast erstickten. Da wir einen krftigen Grog empfangen hatten, setzten wir uns rings um das Feuer auf die Kreideblcke, sangen, tranken und rauchten. Um Mitternacht ging im Gefechtsbogen von Monchy ein Hllenspektakel los. Dutzende von Alarmglocken bimmelten, Hunderte von Gewehren knallten und ununterbrochen stiegen grne und weie Leuchtkugeln hoch. Gleich darauf setzte unser Sperrfeuer ein, schwere Minen krachten und zogen Schweife von feurigen Funken hinter sich her. berall, wo im Trmmergewirr eine Menschenseele hauste, erscholl der langgezogene Schrei: Gasangriff! Gasangriff! Im Scheine der Leuchtkugeln wlzte sich eine weiliche Gaswand durch das Dorf. Da sich auch im Bergwerke ein starker Chlorgeruch bemerkbar machte, zndeten wir vor den Eingngen groe Strohfeuer an, deren beizender Qualm uns fast aus unserem Zufluchtsort vertrieb und uns zwang, die Luft durch Schwenken von Mnteln und Zeltbahnen zu reinigen. Am nchsten Morgen konnten wir im Dorfe die Spuren, die der Gasangriff hinterlassen hatte, bestaunen. Ein groer Teil aller Pflanzen war verwelkt, Schnecken und Maulwrfe lagen tot umher, und den in Monchy untergebrachten Pferden der Meldereiter lief das Wasser aus Maul und Augen. Die berall verstreuten Geschosse und Granatsplitter waren von einer schnen, grnen Patina berzogen. Auch in dem weit zurckliegenden Douchy machte sich die Gaswolke noch bemerkbar. Die Zivilisten, denen die Sache unheimlich wurde, versammelten sich vor dem Quartier des Oberstleutnants von Oppen und verlangten Gasmasken. Sie wurden auf Lastautos gesetzt und in weiter zurckliegende Ortschaften transportiert. Die nchste Nacht verbrachten wir wieder im Bergwerk; am Abend bekam ich Nachricht, da um 4.15 Uhr Kaffee empfangen werden sollte, da ein englischer berlufer ausgesagt htte, da um 5 Uhr angegriffen wrde. Wirklich, kaum hatten mich am Morgen die zurckkehrenden Kaffeeholer aus dem Schlaf gestrt, als der uns nicht mehr fremde Ruf Gasangriff! erscholl. Drauen lag slicher Phosgengeruch in der Luft, und im Monchy-Bogen tobte starkes Trommelfeuer, das jedoch bald abflaute. Ein erquickender Morgen folgte dieser unruhigen Stunde. Aus dem Laufgraben 6 trat der Leutnant Brecht auf die Dorfstrae, einen blutigen Verband um die Hand gewunden, von einem Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr und einem gefangenen Englnder begleitet. Er wurde im Stabsquartier West im Triumph empfangen und erzhlte folgendes: Die Englnder hatten um 5 Uhr Gas- und Rauchwolken abgeblasen und anschlieend den Graben stark mit Minen betrommelt. Unsere Leute waren wie gewhnlich noch im Feuer aus Deckung gesprungen und hatten dabei ber 30 Verluste gehabt. Dann waren, in Rauchwolken verborgen, zwei starke englische Patrouillen erschienen, von denen eine in den Graben eingedrungen war und einen verwundeten Unteroffizier mitgenommen hatte. Die andere war schon vor dem Drahtverhau zusammengeknallt worden. Ein einziger, der bereits das Hindernis berwunden hatte, wurde von dem Leutnant Brecht, der vorm Kriege ein Pflanzerleben in Amerika gefhrt hatte, an der Gurgel gepackt und mit einem Come here, you son of a bitch! in Empfang genommen. Dieser einzige wurde nun mit einem Glase Wein bewirtet und schaute mit halb erschreckten, halb verwunderten Augen auf die eben noch menschenleere Dorfstrae, die jetzt von Essenholern, Krankentrgern, Meldegngern und Neugierigen wimmelte. Bald traf ein langer Zug von Bahren am Verbandsplatze ein. Auch vom Abschnitt Sd kamen viele Verwundete, denn im Kompagnieabschnitt E war ebenfalls eine starke Patrouille in den Graben gedrungen. Ungefhr 50 Tragen, auf denen sthnende Menschen mit weien, blutdurchtrnkten Verbnden lagen, waren vor einigen Wellblechbgen aufgestellt, unter denen der Arzt seines Amtes waltete. Ein junges Kerlchen, dessen blaue Lippen als schlimmes Vorzeichen aus einem schneeweien Gesicht leuchteten, stammelte: Ich bin zu schwer . . . ich werde nicht wieder . . . ich -- mu -- sterben. Ein dicker Sanitts-Unteroffizier sah ihn mitleidig an und murmelte verschiedene Male ein trstendes: Nun, nun, Kamerad! Trotzdem der Englnder diesen kleinen Angriff, der hauptschlich Krfte von uns zum Vorteil der Somme-Offensive binden sollte, durch zahlreiche Minenberflle und Gaswolken vorbereitet hatte, fiel ihm dabei nur ein, dazu verwundeter Gefangener in die Hnde, whrend er zahlreiche Tote vor unserem Draht liegen lie. Unsere Verluste waren allerdings auch betrchtlich, das Regiment verlor an diesem Vormittage ber 40 Tote, darunter drei Offiziere. Am nchsten Nachmittag rckten wir endlich wieder fr einige Tage nach unserem lieben Douchy ab. Noch am selben Abend feierten wir den glcklichen Verlauf dieser kleinen Aktion durch einige wohlverdiente Flaschen. Am 1. Juli wurde uns die traurige Aufgabe, einen Teil unserer Toten auf unserem Kirchhofe zu bestatten. 39 rohe Holzsrge wurden nach einer ergreifenden Ansprache des Pfarrers Philippi, whrend der die Leute weinten wie Kinder, in die Grube gesenkt. Der Pfarrer sprach ber den Text: Sie haben einen guten Kampf gekmpft, und begann mit den Worten: Gibraltar, das ist Euer Zeichen und frwahr, Ihr habt gestanden wie der Fels im brandenden Meer![2] In dieser ergreifenden Stunde wurde mir der hohe ethische Wert unserer feierlichen Handlungen klar. Oft haben wir auf irgendeinem Schlachtfelde die zehnfache Zahl von Kameraden liegen lassen mssen und waren von dem Verlust doch nicht so tief gepackt, wie hier vor den offenen Grbern. Whrend dieser Tage lernte ich die Leute erst recht schtzen, mit denen zusammen ich noch drei Kampfjahre verbringen sollte. In der ganzen Armee wird man keinen Mann finden, der so verllich, einfach und ohne Phrase seine Pflicht tut wie der Niedersachse. Wenn es galt zu zeigen: hier steht ein Mann und wenn es sein mu, fllt er hier, war jeder bis zum letzten zur Stelle. -- Am Abend des 3. Juli rckten wir wieder nach vorn. Es war verhltnismig ruhig, doch verrieten kleine Anzeichen, da noch etwas in der Luft liegen mute. Bei der Mhle klopfte und hmmerte es leise und unaufhrlich. Oft fingen wir verdchtige Ferngesprche ber Gasflaschen und Sprengungen, an einen englischen Pionieroffizier in vorderer Linie gerichtet, auf. Vom Morgengrauen bis zum letzten Tagesschimmer flogen feindliche Flugzeuge eine dichte Luftsperre. Der Durchschnitt der tglichen Grabenbeschieung war bedeutend strker als gewhnlich. Trotzdem wurden wir am 12. Juli abgelst, ohne unangenehme Erlebnisse gehabt zu haben und blieben als Reserve in Monchy. Am 13. abends wurden unsere Unterstnde in den Grten durch ein 24-Zentimeter-Schiffsgeschtz beschossen, dessen gewaltige Granaten in scharfer Flachbahn herangurgelten und mit wahrhaft furchtbaren: Knall zerbarsten. In der Nacht wurden wir durch lebhaftes Feuer und einen Gasangriff geweckt. Wir saen im Unterstande mit aufgesetzter Gasmaske um den Ofen herum, bis auf Vogel, der seine Maske nicht finden konnte und jammernd hin- und herlief, whrend einige schadenfrohe Gesellen vorgaben, einen immer strkeren Gasgeruch zu verspren. Schlielich gab ich ihm meine zweite Atempatrone, und er hockte eine Stunde lang wie ein Hufchen Unglck hinter dem gewaltig qualmenden Ofen, hielt sich mit Jammermiene die Nase zu und sog an seinem Einsatz. Ein Angriff erfolgte in dieser Nacht nicht; trotzdem kostete die dumme Geschichte dem Regiment 25 Tote und viele Verwundete. -- Am 15. und 17. hatten wir zwei weitere Gasangriffe auszuhalten. Am 17. wurden wir abgelst und hatten in Douchy zwei schwere Beschieungen zu bestehen. Eine berraschte uns gerade whrend einer Offiziersbesprechung durch den Major von Jarotzky in einem Obstgarten. Trotz der Gefahr bot es einen Anblick von berwltigender Komik, zu sehen, wie die Gesellschaft auseinanderspritzte, auf die Nase fiel, sich mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Hecken zwngte und blitzschnell in allen mglichen Deckungen verschwunden war. Eine Granate ttete im Garten meines Quartiers ein achtjhriges kleines Mdchen, das dort in einer Grube nach Abfllen suchte. Am 20. Juli rckten wir in Stellung. Am 28. verabredete ich mich mit dem Fhnrich Wohlgemut, den Gefreiten Bartels und Birkner zu einer Patrouille. Wir hatten kein anderes Ziel im Auge, als etwas zwischen den Drhten herumzustreichen und zu sehen, was uns das Niemandsland Neues brchte. Am Nachmittag kam der mich ablsende Offizier der 6. Kompagnie, Leutnant Brauns, zu Besuch in meinen Unterstand und brachte mehrere gute Flaschen mit. Um 12 Uhr brachen wir die Sitzung ab; ich ging in den Graben, wo meine drei Gefhrten schon im dunklen Winkel einer Schulterwehr zusammenstanden. Nachdem ich mir einige trockene Handgranaten ausgesucht hatte, kletterte ich in der frhlichsten Stimmung ber den Draht, whrend Brauns mir ein Hals- und Bauchschu! nachrief. Wir hatten uns in kurzer Zeit an das feindliche Hindernis herangepirscht. Dicht davor entdeckten wir im hohen Grase einen ziemlich starken, gut isolierten Draht. Ich hielt die Beobachtung fr wichtig und beauftragte Wohlgemut, ein Stck davon abzuschneiden und mitzunehmen. Whrend er sich in Ermangelung eines anderen Instruments mit seiner Zigarrenschere daran abplagte, klirrte es direkt vor uns im Draht; einige Englnder tauchten auf und begannen zu arbeiten, ohne unsere ins Gras gedrckten Gestalten wahrzunehmen. Der bsen Erfahrungen der vorigen Patrouille eingedenk, hauchte ich fast unhrbar: Wohlgemut, Handgranate dazwischen! Herr Leutnant, ich glaube, wir lassen sie noch etwas arbeiten! Direkter Befehl, Fhnrich! Der Geist des preuischen Kasernenhofes verfehlte auch in dieser Einde nicht seine mchtige Wirkung. Mit dem fatalen Gefhl eines Mannes, der sich in ein sehr ungewisses Abenteuer eingelassen hat, hrte ich neben mir das trockene Knistern der herausgerissenen Zndschnur und sah, wie Wohlgemut, um sich mglichst wenig zu zeigen, die Handgranate ganz flach ber den Boden rollen lie. Sie blieb im Gestrpp, beinahe zwischen den Englndern, liegen, die nichts bemerkt zu haben schienen. Es vergingen einige Momente hchster Spannung. Krrrach! Ein Blitz beleuchtete taumelnde Gestalten. Mit dem Angriffsgebrll: You are prisoners! strzten wir uns wie Tiger in die weie Wolke. Eine wste Szene wickelte sich in Bruchteilen von Sekunden ab. Ich hielt meine Pistole mitten in ein Gesicht, das mir wie eine blasse Maske aus der Dunkelheit entgegenleuchtete. Ein Schatten schlug mit qukendem Aufschrei rcklings ins Drahtverhau. Links neben mir feuerte Wohlgemut seine Pistole ab, whrend der Gefreite Bartels in seiner Erregung blindlings eine Handgranate zwischen uns schleuderte. Beim ersten Schu war mir das Magazin aus dem Pistolenkolben gesprungen. Ich stand schreiend vor einem Englnder, der sich entsetzt mit dem Rcken in den Stacheldraht prete und drckte immer wieder den Abzugsbgel zurck, ohne da ein Schu ertnte. Es war wie ein Alpdruck. Im Graben vor uns wurde es laut. Zurufe erschollen, ratternd setzte ein Maschinengewehr ein. Wir sprangen zurck. Noch einmal blieb ich in einem Trichter stehen und richtete die Pistole auf einen mir folgenden Schatten. Diesmal erwies sich das Versagen als ein Glck, denn es war Birkner, den ich schon lngst zurck glaubte. Nun ging es in sausendem Laufe dem eigenen Graben zu. Vor unserem Draht pfiffen die Geschosse schon so, da ich in einen wassergefllten, drahtversponnenen Minentrichter springen mute. Auf schwingendem Stacheldraht ber dem Wasserspiegel pendelnd, hrte ich mit gemischten Gefhlen die Geschosse wie einen gewaltigen Immenschwarm ber mich hinwegbrausen, whrend Drahtfetzen und Geschosplitter in die Bschung des Trichters fegten. Nach einer halben Stunde, als sich das Feuer beruhigt hatte, arbeitete ich mich ber unser Hindernis und sprang, von den Leuten freudig begrt, in den Graben. Wohlgemut und Bartels waren schon da; nach einer weiteren halben Stunde erschien auch Birkner. Alles freute sich ber den glcklichen Ausgang und bedauerte nur, da uns der ersehnte Gefangene auch diesmal entschlpft war. Da das Erlebnis an die Nerven gegangen war, merkte ich erst, als ich im Unterstande zhneklappernd auf einer Pritsche lag und trotz der Erschpfung keinen Schlaf finden konnte. Am nchsten Morgen konnte ich kaum gehen, da sich ber mein eines Knie ein langer Drahtri zog und in dem anderen ein Splitterchen der von Bartels geschleuderten Handgranate steckte. Diese kurzen, sportsmigen Sensationen waren indes ein gutes Mittel, den Mut zu sthlen und die Eintnigkeit des Grabendaseins zu unterbrechen. Am 11. 8. trieb sich im englischen Hintergelnde vor dem Dorfe Berles-au-bois ein schwarzes Reitpferd herum, das von einem Landwehrmann mit drei Schu zur Strecke gebracht wurde. Der englische Offizier, dem es entlaufen war, wird bei diesem Anblick wohl kein sehr vergngtes Gesicht gemacht haben. In der Nacht flog dem Fsilier S. der Mantel eines Infanteriegeschosses ins Auge. Auch im Dorfe wurden die Verluste immer hufiger, da die durch Artilleriefeuer rasierten Mauern immer weniger Schutz vor den ins Blinde gesandten Garben der Maschinengewehre boten. Wir begannen, das Dorf mit Grben zu durchziehen und an den gefhrlichsten Stellen neue Mauern zu errichten. Der 12. August war der lang ersehnte Tag, an dem ich zum zweiten Male whrend des Krieges auf Urlaub fahren konnte. Kaum war ich jedoch zu Hause wieder etwas warm geworden, als mir ein Telegramm nachgeflogen kam: Sofort zurckkommen, Nheres erfragen bei Ortskommandantur Cambrai. Drei Stunden spter sa ich im Zuge. Auf dem Wege zum Bahnhof schritten drei Mdchen an mir vorber in hellen Kleidern, lachend, Tennisschlger unter dem Arm. Ein strahlender Abschiedsgru des Lebens, an den ich drauen noch lange denken mute. Am 21. war ich wieder in der bekannten Gegend, deren Straen infolge des Abmarsches der 111. und des Zuzuges einer neuen Division von Truppen wimmelten. Das I. Bataillon lag in dem zwei Jahre spter von uns wieder erstrmten Dorfe Ecoust-Saint-Main, wo ich mit acht anderen Offizieren die Nacht auf dem Dachboden eines leer stehenden Hauses verbrachte. Am Abend saen wir noch lange wach und tranken in Ermangelung von etwas Strkerem den Kaffee, den uns zwei Franzsinnen im Nebenhause brauten. Wir wuten, da es diesmal in eine Schlacht ging, wie sie die Weltgeschichte noch nie gesehen hatte. Bald schwoll die erregte Unterhaltung zu einem Gelrm, an dem alte Landsknechte oder friderizianische Grenadiere ihre Freude gehabt htten. Nach einigen Tagen waren nur noch wenige Teilnehmer dieser frhlichen Tafelrunde am Leben. [Funote 2: Vgl. Anmerkung auf Seite V.] Guillemont. Am 23. August 1916 wurden wir in Lastautomobile verladen und fuhren bis Le Mesnil. Obgleich wir schon erfahren hatten, da wir im damaligen Brennpunkt der Sommeschlacht, dem Dorfe Guillemont, eingesetzt werden sollten, war die Stimmung vorzglich. Scherzworte flogen unter allgemeinem Gelchter von einem Auto zum andern. Von Le Mesnil marschierten wir nach Einbruch der Dunkelheit bis Sailly-Saillisel, wo das Bataillon auf einer groen Wiese die Tornister ablegte und Sturmgepck fertigmachte. Vor uns rollte und donnerte ein Artilleriefeuer von nie geahnter Strke, tausend zuckende Blitze hllten den westlichen Horizont in ein glhendes Flammenmeer. Fortwhrend schleppten sich Verwundete mit bleichen, eingefallenen Gesichtern zurck, oft jh von vorberrasselnden Geschtzen oder Munitionskolonnen in den Straengraben gedrckt. Ein Mann im Stahlhelm meldete sich bei mir, um meinen Zug in das berhmte Stdtchen Combles zu fhren, wo wir vorlufig in Reserve bleiben sollten. Neben ihm im Straengraben sitzend, fragte ich natrlich begierig nach den Verhltnissen in Stellung und vernahm eine eintnige Erzhlung von tagelangem Hocken in Granattrichtern ohne Verbindung und Annherungswege, von unaufhrlichen Angriffen, von Leichenfeldern und wahnsinnigem Durst, vom Verschmachten Verwundeter und anderem mehr. Das halb vom Stahlhelm umrahmte, unbewegliche Gesicht und die monotone, vom Lrm der Front begleitete Stimme machten den Eindruck unheimlichen Ernstes. Man merkte dem Manne an, da er jeden Schrecken bis zur Verzweiflung durchgekostet und dann verachten gelernt hatte. Nichts schien zurckgeblieben als eine groe und mnnliche Gleichgltigkeit. Wer fllt, bleibt liegen. Da kann keiner helfen. Niemand wei, ob er lebend zurckkommt. Jeden Tag wird angegriffen, doch durch kommen sie nicht. Jeder wei, da es auf Leben und Tod geht. Mit solchen Leuten kann man kmpfen. Wir schritten auf einer breiten Chaussee, die sich im Mondschein wie ein weies Band ber das dunkle Gelnde spannte, dem Kanonendonner entgegen, dessen verschlingendes Gebrll immer unermelicher wurde. Lasciate ogni speranza! Bald schlugen die ersten Granaten rechts und links von unserem Wege ein. Die Unterhaltung wurde leiser und verstummte zuletzt ganz. Jeder lauschte mit jener seltsamen Spannung, die das ganze Fhlen und Denken auf das Ohr konzentriert, dem gezogenen Heranheulen der Geschosse. Besonders das Passieren von Frgicourt-Ferme, einer kleinen Husergruppe vor dem Friedhof von Combles, die unter stndigem Feuer lag, war eine Nervenprobe. Combles war, soweit wir in der Dunkelheit beobachten konnten, vllig zerschossen. Groe Mengen von Holz zwischen den Trmmern und auf den Weg geschleudertes Hausgert verrieten, da die Zerstrung ganz jungen Datums sein mute. Nach dem bersteigen zahlreicher Schutthaufen, das durch eine Reihe von Schrapnells beschleunigt wurde, erreichten wir unser Quartier, ein groes, von Lchern durchsiebtes Haus, das ich mit drei Gruppen zum Wohnsitze erwhlte, whrend meine beiden anderen Gruppen den Keller einer gegenberliegenden Ruine bezogen. Schon um 4 Uhr wurden wir von unserem aus Bettstcken zusammengesuchten Lager geweckt, um Stahlhelme zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit fanden wir in einer Kellernische einen Sack voll Kaffeebohnen, eine Entdeckung, die eine eifrige Kaffeesiederei zur Folge hatte. Nachdem ich gefrhstckt hatte, sah ich mich etwas im Orte um. In wenigen Tagen hatte die Wirkung der schweren Artillerie ein friedliches Etappenstdtchen in ein Bild des Grauens verwandelt. Ganze Huser waren durch einen Treffer niedergestampft oder mitten auseinandergerissen, so da die Zimmer und ihre Einrichtung wie Theaterkulissen ber dem Chaos schwebten. Aus vielen Ruinen drang slicher Leichengeruch, denn der erste Feuerberfall hatte eine Menge von Zivilisten unter den Trmmern ihrer Wohnungen begraben. Vor der Schwelle einer Haustr lag ein totes kleines Mdchen in einer roten Lache. Ein stark beschossener Ort war der Platz vor der zerstrten Kirche gegenber dem Eingang der Katakomben, eines uralten Hhlenganges mit eingesprengten Nischen, in denen zusammengedrngt fast smtliche Stbe der kmpfenden Truppen hausten. Es wurde erzhlt, da die Zivilisten bei Beginn der Beschieung mit Hacken den vermauerten Zugang freigelegt htten, den sie whrend der ganzen Besatzungszeit den Deutschen verheimlicht hatten. Die Straen bestanden nur noch aus schmalen Trampelpfaden, die sich in Schlangenlinien durch und ber gewaltige Hgel von Balken und Mauerwerk wanden. In zerwhlten Grten verkam eine Unmenge von Frchten und Gemsen. Nach dem Mittagessen, das wir uns in der Kche aus den im berflu vorhandenen eisernen Portionen gekocht hatten und das natrlich durch einen krftigen Kaffee beschlossen wurde, legte ich mich oben in einen Lehnstuhl. Aus umherliegenden Briefen ersah ich, da das Haus dem Brauereibesitzer Lesage gehrte. In dem Zimmer standen aufgerissene Schrnke und Kommoden, ein umgestrzter Waschtisch, eine Nhmaschine und ein Kinderwagen. An den Wnden hingen zerschlagene Bilder und Spiegel. Auf dem Boden waren in meterhoher Unordnung herausgerissene Schubladen, Wsche, Korsetts, Bcher, Zeitungen, Nachttische, Scherben, Flaschen, Notenbcher, Stuhlbeine, Rcke, Mntel, Lampen, Gardinen, Fensterlden, aus den Angeln gerissene Tren, Spitzen, Photographien, lgemlde, Albums, zerschmetterte Kisten, Damenhte, Blumentpfe und zerfetzte Tapeten wirr ineinander verknult. Durch die demolierten Fensterlden blickte man auf das von Granaten zerpflgte Viereck eines verdeten Platzes, den das Gest zerfetzter Linden bedeckte. Dieser Komplex von Eindrcken wurde noch verfinstert durch das unaufhrliche Artilleriefeuer, das rings um den Ort tobte. Ab und zu berbrllte der gigantische Einschlag einer 38-Zentimeter-Granate den Lrm. Wolken von Splittern fegten dann durch Combles, klatschten gegen die Zweige der Bume oder schlugen auf die wenigen noch stehenden Huser, da die Schiefertafeln herabrollten. Im Laufe des Nachmittags schwoll das Feuer zu solcher Strke, da nur noch das Gefhl eines ungeheuren Getses verblieb, in dem jedes Einzelgerusch verschluckt wurde. Von 7 Uhr an wurden der Platz und die umliegenden Huser in Abstnden von halben Minuten mit 15-Zentimeter-Granaten beworfen. Es waren viele Blindgnger darunter, die trotzdem noch die Huser ins Schwanken brachten. Wir saen whrend der ganzen Zeit in unserem Keller auf seidenbezogenen Sesseln rund um den Tisch, den Kopf in die Hnde gesttzt und zhlten die Zeit zwischen den Einschlgen. Die Witzworte wurden immer seltener, und endlich lie die Nervenanstrengung auch den Verwegensten verstummen. Um 8 Uhr brach das Nebenhaus nach zwei Volltreffern zusammen. Von 9 bis 10 Uhr nahm das Feuer eine wahnwitzige Wucht an. Die Erde wankte, der Himmel schien ein brodelnder Riesenkessel. Hunderte von schweren Batterien krachten um und in Combles, unzhlige Granaten kreuzten sich heulend und fauchend ber uns. Alles war in dichten Rauch gehllt, der von bunten Leuchtkugeln unheildrohend bestrahlt wurde. Bei heftigsten Kopf- und Ohrenschmerzen konnten wir uns nur noch durch abgerissene, gebrllte Worte verstndigen. Die Fhigkeit des logischen Denkens und das Gefhl der Schwerkraft schienen aufgehoben. Man hatte das Empfinden des Unentrinnbaren und unbedingt Notwendigen wie einem Ausbruch der Elemente gegenber. Ein Unteroffizier des dritten Zuges wurde tobschtig. Um 10 Uhr beruhigte sich diese Fastnacht der Hlle allmhlich und ging in ein ruhiges Trommelfeuer ber, in dem man allerdings den einzelnen Abschu auch noch nicht wahrnehmen konnte. Um 11 Uhr kam eine Ordonnanz und brachte Befehl, die Zge auf den Kirchplatz zu fhren. Wir vereinigten uns daraufhin mit den beiden anderen Zgen zum Abmarsch in Stellung. Um Verpflegung nach vorn zu bringen, war noch ein vierter Zug unter Fhrung des Leutnants Sievers ausgeschieden. Diese Leute umdrngten uns, whrend wir uns unter hastigen Zurufen an dem gefhrlichen Ort sammelten und beluden uns mit den damals noch reichlich vorhandenen Lebensmitteln. Sievers drngte mir ein Kochgeschirr voll Butter auf, drckte mir zum Abschied die Hand und wnschte uns viel Glck. Dann marschierten wir ab in Reihe zu einem hintereinander. Jeder hatte Befehl, sich unbedingt hinter seinem Vordermann zu halten. Gleich am Ortsausgang merkte unser Fhrer, da er sich verirrt hatte. Wir waren gezwungen, bei starkem Schrapnellfeuer kehrtzumachen. Dann ging es, meist im Laufschritt, an einem zur Orientierung ausgelegten, in kleine Teile zerschossenen, weien Band entlang ber freies Feld. Oft muten wir gerade an den belsten Stellen stehen bleiben, wenn der Fhrer die Richtung verloren hatte. Dabei war es zur Aufrechterhaltung der Verbindung verboten, sich hinzulegen. Trotzdem waren pltzlich der erste und dritte Zug verschwunden. Weiter! In einem heftig beschossenen Hohlweg stauten sich die Gruppen. Hinlegen! Ein ekelhaft aufdringlicher Geruch belehrte uns, da diese Passage schon viele Opfer gefordert hatte. Nach todbedrohtem Lauf gelangten wir in einen zweiten Hohlweg, der den Unterstand des Kampftruppenkommandanten (K. T. K.) barg, verrannten uns und machten im qualvollen Gedrnge nervser und aufgeregter Menschen kehrt. Hchstens fnf Meter neben dem Leutnant Vogel und mir schlug eine mittlere Granate mit dumpfem Krach auf die hintere Bschung und bewarf uns mit gewaltigen Erdklumpen, whrend Todesschauer ber unseren Rcken glitten. Endlich fand der Fhrer durch den Merkpunkt einer aufflligen Leichengruppe den Weg wieder. Weiter! Weiter! Leute brachen im Laufe zusammen, von uns hart bedroht, um die letzte Kraftanspannung aus ihren erschpften Krpern zu pumpen. Verwundete schlugen mit unbeachtetem Hilfeschrei rechts und links in die Trichter. Weiter ging es, die Augen starr auf den Vordermann gerichtet, durch einen knietiefen, von einer Kette riesiger Trichter gebildeten Graben, in dem ein Toter neben dem anderen lag. Widerstrebend trat der Fu auf die weichen, nachgebenden Krper. Auch der in den Weg strzende Verwundete verfiel dem Schicksal, unter die Stiefel der weiter Hastenden getreten zu werden. Und immer dieser sliche Geruch! Auch meine Gefechtsordonnanz, der kleine Schmidt, Begleiter auf mancher gefhrlichen Patrouille, begann zu taumeln. Ich ri ihm das Gewehr aus der Hand, wobei der gute Junge sich selbst in diesem Moment noch aus Hflichkeit struben wollte. Endlich gelangten wir in die vordere Linie, die von eng in die Lcher gekauerten Leuten besetzt war, deren tonlose Stimmen vor Freude zitterten, als sie erfuhren, da die Ablsung da wre. Ein bayrischer Feldwebel bergab mir mit einigen Worten Abschnitt und Leuchtpistole. Mein Zugabschnitt bildete den rechten Flgel der Regimentsstellung und bestand aus einem flachen, muldenartig zertrommelten Hohlweg, der ein paar hundert Meter links von Guillemont und etwas nher rechts am Bois de Trnes lag. Von der rechten Nachbartruppe, dem Infanterie-Regiment 76, trennte uns ein 500 Meter breiter, unbesetzter Raum, in dem sich wegen des beraus heftigen Feuers niemand aufhalten konnte. Der bayerische Feldwebel war pltzlich spurlos verschwunden, und ich stand ganz allein, meine Leuchtpistole in der Hand, mitten in dem unheimlichen Trichtergelnde, das am Boden lagernde weie Nebelschwaden in ein noch drohenderes und rtselhafteres Aussehen hllten. Hinter mir ertnte ein andauerndes, unangenehmes Gerusch; ich stellte mit merkwrdiger Objektivitt fest, da es von einem riesenhaften, in Zersetzung bergehenden Leichnam herrhrte. Da mir nicht einmal klar war, wo der Feind ungefhr sein knnte, begab ich mich zu meinen Leuten und riet ihnen, sich auf das Schlimmste gefat zu machen. Wir blieben alle wach; ich verbrachte die Nacht mit meinem Burschen und meinen beiden Gefechtsordonnanzen in einem Fuchsloch von vielleicht einem Kubikmeter Rauminhalt. Als der Morgen graute, entschleierte sich die fremde Umgebung allmhlich den staunenden Augen. Der Hohlweg erschien nur noch als eine Reihe riesiger, mit Uniformstcken, Waffen und Toten gefllter Trichter; das umliegende Gelnde war, soweit der Blick reichte, vllig von schweren Granaten umgewlzt. Nicht ein einziger armseliger Grashalm zeigte sich dem suchenden Auge. Der zerwhlte Kampfplatz war grauenhaft. Zwischen den lebenden Verteidigern lagen die toten. Beim Graben von Deckungslchern bemerkten wir, da sie in Lagen bereinander geschichtet waren. Eine Kompagnie nach der anderen war dicht gedrngt im Trommelfeuer ausharrend vernichtet. Dann waren die Leichen durch die von den Geschossen hochgeschleuderten Erdmassen verschttet, und die nchste Kompagnie war an den Platz der Gefallenen getreten. Der Hohlweg und das Gelnde dahinter lag voll Deutscher, das Gelnde davor voll Englnder. Aus den Bschungen starrten Arme, Beine und Kpfe; vor unseren Erdlchern lagen abgerissene Gliedmaen und Tote, ber die man zum Teil, um dem steten Anblick der entstellten Gesichter zu entgehen, Mntel oder Zeltbahnen geworfen hatte. Trotz der Hitze dachte niemand daran, die Krper mit Erde zu bedecken. Das Dorf Guillemont unterschied sich vom brigen Terrain nur dadurch, da die Trichter infolge der zu Staub zermalmten Steine der Huser von weilicherer Farbe waren. Vor uns lag der wie ein Kinderspielzeug zerknllte Bahnhof von Guillemont und weiter hinten der in Spne zerrissene Wald von Delville. Kaum war der Tag hereingebrochen, als sich ein tieffliegender Englnder heranschraubte und uns gleich einem Aasvogel ununterbrochen berkreiste, whrend wir in unsere Lcher flohen und uns dort zusammenkauerten. Das scharfe Auge des Beobachters mute uns trotzdem erspht haben, denn bald ertnten von oben in kurzen Abstnden langgezogene, dumpfe Sirenentne. Nach kurzer Zeit schien eine Batterie die Zeichen aufgenommen zu haben. Ein schweres Flachbahngescho nach dem anderen sauste mit unglaublicher Wucht heran. Wir hockten unttig in unseren Zufluchtsorten, ab und zu eine Zigarre anzndend und wieder fortwerfend, gewrtig, jeden Augenblick verschttet zu werden. Schmidts Rockrmel wurde durch einen groen Splitter zerrissen. Gleich beim dritten Schu wurde der Bewohner des Erdloches neben uns durch einen ungeheuren Einschlag verschttet. Wir gruben ihn sofort wieder aus; trotzdem war er durch den Druck der Erdmassen zu Tode erschpft, sein Gesicht eingefallen und einem Totenkopf hnlich. Es war der Gefreite Simon. Er war durch den Schaden klug geworden, denn wenn im Laufe des Tages Leute bei Fliegersicht sich auer Deckung bewegten, vernahm man seine scheltende Stimme und sah seine Faust aus einer ffnung seines zeltbahnverhangenen Fuchsloches drohen. Um 3 Uhr nachmittags kamen meine Posten von links und gaben an, sich nicht mehr halten zu knnen, da ihre Lcher zusammengeschossen wren. Ich mute meine ganze Rcksichtslosigkeit anwenden, um sie wieder auf ihre Pltze zu bringen. Kurz vor 10 Uhr abends setzte am linken Flgel des Regiments ein Feuersturm ein, der nach 20 Minuten auch auf uns bergriff. Nach kurzer Zeit waren wir vllig in Rauch und Staub gehllt, doch lagen die meisten Einschlge dicht vor oder hinter dem Graben. Whrend des uns umbrausenden Orkans ging ich den Abschnitt meines Zuges ab. Die Leute standen in steinerner Unbeweglichkeit, das Gewehr in der Hand, am vorderen Hange des Hohlweges und starrten in das Vorgelnde. Ab und zu beim Scheine einer Leuchtkugel sah ich Stahlhelm an Stahlhelm, Seitengewehr an Seitengewehr blinken und wurde von dem stolzen Gefhl erfllt, einer Handvoll Mnnern zu gebieten, die vielleicht zermalmt, nicht aber besiegt werden konnten. In solchen Augenblicken triumphiert der menschliche Geist ber die gewaltigsten uerungen der Materie, der gebrechliche Krper stellt sich, vom Willen gesthlt, dem furchtbarsten Gewitter entgegen. Im linken Nachbarzuge wollte der Feldwebel H., der unglckliche Rattenfnger von Monchy, eine weie Leuchtkugel abschieen, vergriff sich indes und ein rotes Sperrfeuersignal zischte, von allen Seiten weitergegeben, gen Himmel. Im Nu setzte unsere Artillerie ein, da es eine Freude war. Eine Mrsergranate neben der anderen kam hoch aus den Lften herabgeheult und zerschellte im Vorgelnde zu Splittern und Funken. Ein Gemisch von Staub, stickigen Gasen und dem Dunsthauch aufgeschleuderter Leichen braute aus den Trichtern. Nach dieser Orgie der Vernichtung flutete das Feuer wieder auf sein gewhnliches Niveau zurck, das es whrend der Nacht und des nchsten Tages beibehielt. Der aufgeregte Griff eines einzelnen Mannes hatte die ganze gewaltige Kriegsmaschinerie ausgelst. H. war und blieb ein Unglcksmensch; er scho sich noch in derselben Nacht beim Laden seiner Pistole eine Leuchtkugel in den Stiefelschaft und mute mit schweren Brandwunden zurckgetragen werden. Am nchsten Tage regnete es stark, was uns nicht unlieb war, da das ausgetrocknete Gefhl im Gaumen nach dem Verschwinden des Staubes nicht mehr so qulend war und die groen, blauschwarzen Fliegen, die sich in riesigen Klumpen an den sonnigen Stellen gesammelt hatten, vertrieben wurden. Ich sa fast den ganzen Tag vor meinem Fuchsloch auf dem Boden, rauchte und a trotz der Umgebung mit gutem Appetit. Am nchsten Vormittag erhielt der Fsilier Knicke meines Zuges von irgendwoher einen Gewehrschu durch die Brust, der auch das Rckenmark streifte, so da er die Beine nicht mehr bewegen konnte. Als ich nach ihm sah, lag er sehr gefat in einem Erdloche. Er wurde am Abend durch das Artilleriefeuer geschleppt, wobei er durch das hufige Deckungnehmen seiner Trger noch ein Bein brach. Er starb auf dem Verbandplatze. Am Nachmittag rief mich ein Mann meines Zuges und lie mich ber das abgerissene Bein eines Englnders zum Bahnhof Guillemont visieren. Ich sah durch einen flachen Laufgraben Hunderte von Englndern nach vorn eilen. Durch das Gewehrfeuer von uns paar Leuten lieen sie sich nicht sonderlich stren. Dieser Anblick war bezeichnend fr die Ungleichheit der Mittel, mit denen wir kmpften. Htten wir dasselbe gewagt, so wren unsere Abteilungen innerhalb weniger Minuten zusammengeschossen worden. Whrend nicht ein Fesselballon von uns zu sehen war, standen auf englischer Seite gleich ber 30 auf einem Klumpen und beobachteten mit Argusaugen jede Bewegung, die sich in dem zerstampften Gelnde zeigte, um sofort einen Eisenhagel dorthin zu dirigieren. Am Abend schnurrte mir noch ein groer Granatsplitter gegen den Magen, der zum Glck ziemlich am Ende seiner Flugbahn war und nach einem krftigen Schlage vor mein Koppelschlo zu Boden fiel. Vor dem Abschnitt des ersten Zuges erschienen bei Einbruch der Dunkelheit zwei englische Essenholer, die sich verlaufen hatten. Beide wurden auf krzeste Entfernung niedergeschossen, der eine schlug mit dem Oberkrper in den Hohlweg, whrend seine Beine auf der Bschung liegen blieben. Gefangene zu machen war allen Leuten unerwnscht, denn wie sollte man sie durch die Sperrfeuerzone bringen, in der man mit sich selbst schon so viel zu tun hatte? Gegen 1 Uhr nachts wurde ich von Schmidt aus wirrem Schlaf gerttelt. Nervs fuhr ich hoch und griff nach dem Gewehr. Unsere Ablsung war gekommen. Wir bergaben, was zu bergeben war, und verlieen so schnell wie mglich diesen Ort des Teufels. Kaum hatten wir den flachen Laufgraben erreicht, als die erste Gruppe Schrapnells zwischen uns krepierte. Mein Vordermann taumelte infolge einer Wunde am Handgelenk, aus der das Blut spritzte und wollte sich auf die Seite legen. Ich packte ihn am Arm, ri ihn trotz seines Sthnens hoch und gab ihn erst beim Sanittsunterstand neben dem K. T. K. ab. In beiden Hohlwegen ging es scharf her. Wir kamen stark auer Atem. Die schlimmste Ecke war ein Tal, in das wir gerieten, und in dem ununterbrochen Schrapnells und leichte Granaten aufflammten. Brrruch! Brrruch! umkrachte uns der eiserne Wirbel, einen Funkenregen in die Dunkelheit sprhend. Huiiiii! Wieder eine Gruppe! Mir blieb der Atem aus, denn ich wute Bruchteile von Sekunden vorher aus dem immer schrfer werdenden Heulen, da der absteigende Ast der Geschokurve unmittelbar bei mir enden mute. Gleich darauf wuchtete neben meiner Fusohle ein schwerer Aufschlag, weiche Lehmfetzen hochschleudernd. Gerade diese Granate ging blind! Hier war eine Mustergelegenheit, den Einflu des Offiziers geltend zu machen. berall eilten ablsende und abgelste Trupps durch Nacht und Feuer, zum Teil vllig verirrt, vor Aufregung und Erschpfung sthnend; dazwischen erschollen Zurufe, Befehle und in eintniger Wiederholung die langgezogenen Hilfeschreie im Trichtergelnde verlorener Verwundeter. Ich gab Verirrten im Vorbeirasen Auskunft, zog Leute aus Granatlchern, bedrohte die, die sich hinlegen wollten, schrie dauernd meinen Namen, um alle zusammenzuhalten und brachte so meinen Zug wie durch ein Wunder nach Combles. Wir muten von Combles noch ber Sailly und die Gouvernements-Ferme zum Walde von Hennois marschieren, in dem wir biwakieren sollten. Jetzt zeigte sich unsere Erschpfung erst in vollem Mae. Den Kopf stumpfsinnig zu Boden gerichtet, schlichen wir, oft von Automobilen oder Munitionskolonnen an die Seite gedrckt, unsere Strae entlang. In einer Art von krankhafter Nervositt war ich fest berzeugt, da die vorbeirasselnden Fahrzeuge nur uns zum rger so scharf am Wegrande fuhren und berraschte meine Hand mehr als einmal am Kolben des Revolvers. Nach dem Marsche muten wir noch Zelte aufschlagen und konnten uns dann erst auf den harten Boden werfen. Whrend unseres Aufenthaltes in diesem Waldlager gingen gewaltige Regengsse nieder. Das Stroh in den Zelten begann zu faulen, und viele Leute erkrankten. Wir fnf Kompagnieoffiziere lieen uns durch die Nsse wenig stren, sondern saen jeden Abend auf unseren Koffern im Zelte hinter einer Batterie von Flaschen zusammen. Nach drei Tagen rckten wir wieder nach Combles ab, wo ich mit meinem Zug vier kleinere Keller bezog. Am ersten Morgen war es verhltnismig ruhig; ich machte daher einen kleinen Spaziergang durch die verwsteten Grten und plnderte mit kstlichen Pfirsichen behangene Spaliere. Bei meinen Irrgngen geriet ich in ein von hohen Hecken umschlossenes Haus, das ein Liebhaber schner, alter Sachen bewohnt haben mute. An den Wnden der Zimmer hing eine Sammlung bemalter Teller, wie sie der Nordfranzose liebt, Weihwasserbecken, Kupferstiche und holzgeschnitzte Heiligenbilder. In groen Schrnken stapelte altes Porzellan, zierliche Lederbnde waren auf den Boden geschleudert, darunter eine kstliche alte Ausgabe des Don Quijote. Es war ein Jammer, all diese Schtze dem Verderben preisgegeben zu sehen. Als ich in mein Domizil zurckkehrte, hatten die Leute, die auch ihrerseits die Grten untersucht hatten, aus Gemse und Fleischkonserven, Kartoffeln, Erbsen, Mhren, Artischocken und vielerlei Grnkram eine Suppe gebraut, in der der Lffel stehen blieb. Whrend des Essens schlug eine Granate ins Haus und drei in die Nhe, ohne uns weiter zu stren. Wir waren durch die berflle der Eindrcke schon zu sehr abgestumpft. In dem Hause mute sich schon Blutiges zugetragen haben, denn auf einem Schuttberg im Mittelzimmer erhob sich ein rohgeschnitztes Kreuz mit einer Reihe ins Holz gegrabener Namen. Am nchsten Mittag holte ich mir aus dem Hause des Porzellansammlers einen Band der illustrierten Beilagen des Petit Journal, die in fast jedem franzsischen Hause zu finden sind und von wster Geschmacklosigkeit strotzen; dann setzte ich mich in ein erhaltenes Zimmer, entzndete im Kamin aus Mbelstcken ein Feuerchen und begann zu lesen. Ich mute hufig den Kopf schtteln, denn mir waren die zur Zeit der Faschoda-Affre gedruckten Nummern in die Hnde geraten. Ungefhr um 7 Uhr hatte ich die letzte Seite umgewandt und ging in den Vorraum vor dem Eingang des Kellers, wo meine Leute an einem kleinen Herd kochten. Kaum stand ich zwischen ihnen, gab es vor der Haustr einen scharfen Knall, und im selben Moment sprte ich einen starken Schlag gegen meinen linken Unterschenkel. Mit dem uralten Kriegerruf: Ich habe einen weg! sprang ich, meine Shagpfeife im Munde, die Kellertreppe hinunter. Es wurde rasch Licht angezndet und der Fall untersucht. In der Wickelgamasche klaffte ein gezacktes Loch, aus dem ein Blutstrahl auf den Boden sprang. Auf der anderen Seite erhob sich der rundliche Wulst einer unter der Haut liegenden Schrapnellkugel. Meine Leute verbanden mich und trugen mich ber die beschossene Strae in die Katakomben, wo mich unser Oberstabsarzt in Empfang nahm. Whrend mir der herbeigeeilte Leutnant Wetje den Kopf hielt, schnitt er mir mit Messer und Schere die Schrapnellkugel heraus, wobei er mich beglckwnschte, denn das Blei war scharf zwischen Schien- und Wadenbein hindurchgegangen, ohne einen Knochen zu verletzen. Habent sua fata libelli et balli, meinte der alte Korpsstudent schmunzelnd, indem er mich einem Sanitter zum Verbinden berlie. Whrend ich bis zum Einbruch der Dunkelheit auf einer Bahre in einer Nische der Katakomben lag, kamen zu meiner Freude viele meiner Leute, um Abschied von mir zu nehmen. Auch mein verehrter Oberstleutnant von Oppen besuchte mich fr kurze Zeit. Am Abend wurde ich mit anderen Verwundeten an den Ortsausgang getragen und dort in einen Sanittswagen geladen. Ohne auf das Geschrei der Insassen zu achten, raste der Fahrer auf der unter starkem Feuer liegenden Chaussee ber Trichter und andere Hindernisse hinweg und gab uns endlich an ein Auto weiter, das uns bis zur Kirche des Dorfes Fins fuhr, die mit Hunderten von Verwundeten belegt war. Eine Krankenschwester erzhlte mir, da in der letzten Zeit mehr als 30000 Verwundete ber Fins abtransportiert wren. Von dort kam ich nach St. Quentin, dessen Fensterscheiben vom unaufhrlichen Donner der Schlacht zitterten, und dann im Lazarettzuge weiter nach Gera, wo ich im Garnisonlazarett eine vorzgliche Pflege fand. Von Kameraden der anderen Bataillone, die nach mir verwundet waren, erfuhr ich das weitere Schicksal meiner Kompagnie, die am Tage nach meiner Verwundung wieder in Stellung gerckt war. Nach verlustreichem Anmarsch und zehnstndigem Trommelfeuer war sie infolge der groen Frontlcken von allen Seiten angegriffen worden. Der kleine Schmidt, Fhnrich Wohlgemut, Leutnants Vogel und Sievers, kurz, fast alle Kameraden hatten, bis zur letzten Sekunde fechtend, den Tod gefunden. Nur wenige berlebende, darunter Leutnant Wetje, waren dem Feinde in die Hnde gefallen; kein einziger war nach Combles zurckgekehrt, um dort von dem Heldenkampfe, der mit so unerhrter Erbitterung ausgefochten war, zu erzhlen. Selbst der englische Heeresbericht erwhnte ehrend die Handvoll Mnner, die in eherner Treue bei Guillemont gestanden hatten bis zuletzt. Wenn ich mich auch des Zufallstreffers freute, der mich am Vorabend der Schlacht wie durch ein Wunder dem sicheren Tode entrissen hatte, so htte ich anderseits doch, so seltsam es manchem klingen mag, gern das Los der Kameraden geteilt und mit ihnen vereint auch ber mich den eisernen Wrfel des Krieges dahinrollen lassen. Stets hat mich, auf den Hhepunkten der blutigen Schlachten, die ich noch erleben sollte, der strahlende, unauslschliche Ruhm dieser Kmpfer gemahnt, mich der ehemaligen Kameradschaft wrdig zu erweisen. * * * * * Die Tage von Guillemont machten mich zum ersten Male mit den verheerenden Wirkungen der Materialschlacht bekannt. Wir muten uns ganz neuen Formen des Krieges anpassen. Jede Verbindung der Truppe mit der Fhrung, der Artillerie und den Anschluregimentern war durch das furchtbare Feuer lahmgelegt. Die Meldelufer fielen dem Eisenhagel zum Opfer, der Telephondraht war, kaum gezogen, bereits in kleine Stcke zerhackt. Selbst die Blinkzeichen der Signallampen versagten in dem dampf- und staubberwlkten Gelnde. Hinter der vorderen Linie erstreckte sich eine kilometerbreite Zone, in der nur der Sprengstoff herrschte. Selbst der Regimentsstab erfuhr erst, als wir nach drei Tagen zurckkamen, wo wir eigentlich gelegen hatten und wie die Front verlief. Bei diesen Verhltnissen war ein genaues Schieen der Artillerie ausgeschlossen. Auch die Stellung der Englnder war uns vllig unklar, obwohl wir oft, ohne es zu wissen, nur wenige Meter auseinander lagen. Manchmal lief ein Tommy, der sich durch die Trichter tastete, wie eine Ameise durch einen Sandweg, direkt in ein von uns besetztes Granatloch und umgekehrt, da unsere vordere Linie nur aus einzelnen, verbindungslosen Stcken bestand, die man leicht verfehlen konnte. Das Landschaftsbild ist dem, der es geschaut, unvergelich. Vor kurzem hatte diese Gegend doch noch aus Drfern, Wiesen, Wldern und Feldern bestanden, und nun war buchstblich kein Strauch, kein winziges Hlmchen mehr zu sehen. Jede Handbreit Bodens war umgewhlt und immer wieder umgewhlt, die Bume entwurzelt, zerfetzt und zu Mulm zermahlen, die Huser weggeblasen und zu Pulver zerstubt, Berge abgetragen und das Ackerland zur Wste verwandelt. In dieser Wstenei, umgeben von Toten und halbverdurstet, kmpften Mnner tage- und wochenlang mit dem Bewutsein, im Falle einer Verwundung rettungslos dem Tode des Verschmachtens preisgegeben zu sein. An den im Verhltnis zur Breite der Angriffsfront ungeheuren Verlusten trug die mit altpreuischer Zhigkeit durchgefhrte starre Lineartaktik die Hauptschuld. Ein Bataillon nach dem andern wurde in die berfllte vordere Linie geworfen und in wenigen Stunden zusammengetrommelt. Erst recht spt sah man ein, da es so nicht weiter gehen konnte und hrte auf, um wertlose Gelndestreifen zu kmpfen, um sich einer beweglicheren Verteidigung, deren Hhepunkt die elastische Zonentaktik wurde, zuzuwenden. Daher wurde nie wieder mit solch verbissener Erbitterung gekmpft wie damals, wo man wochenlang um zerschossene Waldstcke oder unkenntliche Ruinen rang. Der Name auch des kleinsten pikardischen Nestes erinnert an unerhrte Heldenkmpfe, die wahrhaft einzig in der Weltgeschichte dastehen. Erst dort sank die Blte unserer disziplinierten Jugend in den Staub. Erhabene Werte, die das deutsche Volk gro gemacht hatten, leuchteten dort noch einmal in blendendem Glanze auf, um langsam in einem Meere von Schlamm und Blut zu erlschen. Am St. Pierre-Vaast. Nachdem ich 14 Tage im Lazarett und ebensoviele auf Urlaub verbracht hatte, begab ich mich wieder zum Regiment, das in Stellung bei Deuxnouds, ganz nahe der wohlbekannten Grande Tranche, lag. Es blieb nach meiner Ankunft nur zwei Tage dort und die gleiche Zeit in dem idyllischen, altertmlichen Bergneste Hattonchtel. Dann dampften wir vom Bahnhof Mars-la-Tour wieder in der Richtung auf das Sommegebiet ab. Wir wurden in Bohain ausgeladen und in dem naheliegenden Dorf Brancourt untergebracht. Diese Gegend, die wir spter noch oft berhrten, ist von Ackerbauern bewohnt, doch steht in fast jedem Hause ein Webstuhl. Die Bevlkerung schien mir unsympathisch, schmutzig und auf geringer Kultur- und Moralstufe stehend. Ich war in einem Huschen einquartiert, das durch ein Ehepaar und seine Tochter bewohnt wurde. Man mu den Leuten lassen, da sie mir fr mein gutes Geld vorzgliche Eierspeisen zubereiteten. Die Tochter erzhlte mir gleich beim Antrittskaffee, da sie mit Poincar nach seiner Rckkehr einen guten Kaffee trinken, das heit ihm ordentlich die Meinung sagen wrde. Niemals habe ich jemand mit so groer Zungengelufigkeit schimpfen hren wie diese filia hospitalis auf die Anschuldigung einer Nachbarin hin, in einer gewissen Strae von St. Quentin gewohnt zu haben. Ah, cette plure, cette pomme de terre pourrie, jete sur un fumier, c'est la crme de la crme, sprudelte sie hervor, whrend sie mit krallenartig vorgestreckten Hnden durch das Zimmer raste, ohne ein Objekt fr ihre Wut finden zu knnen. Am Morgen, wenn diese Rose von Brancourt mit der Zubereitung der Butter und anderen huslichen Arbeiten beschftigt war, sah sie unglaublich wenig einladend aus, doch nachmittags, wenn es galt, die Dorfstrae auf und ab zu stolzieren oder Freundinnen zu besuchen, hatte sich die garstige Puppe in einen prchtigen Schmetterling verwandelt. Mit einem gewissen Mitrauen betrachtete ich immer eine groe Schachtel voll Reispuder, die dauernd auf dem Tische stand und Wasser und Seife vllig zu ersetzen schien. Ihr Vater bat mich eines Tages, ihm eine Anklageschrift an den Ortskommandanten aufzusetzen, da ihn ein Nachbar an der Kehle gepackt, geprgelt und unter dem Rufe: Demande pardon! mit dem Tode bedroht htte. Derartige kleine Beobachtungen gaben mir die trstliche Versicherung, da Nationalstolz auch in Frankreich keine Eigenschaft der Allgemeinheit ist. Diese Erkenntnis half mir zwei Jahre spter ber den merkwrdigen Empfang hinweg, den uns manche Volksgenossen nach vier Jahren ehrenvoller hrtester Kmpfe in der Heimat zuteil werden lieen. Il y a des cochons partout. Die zweite Kompagnie wurde nun durch den Leutnant Boje gefhrt. Wir verlebten hier eine Reihe durch gute Kameradschaft verschnter Tage. Ich mu gestehen, da wir oft bei schwerem Umtrunk zusammensaen, bis wir die ganze Welt nur noch als ein lcherliches Phantom, das um unseren Tisch kreiste, betrachteten. Auch aus dem Zimmer der Burschen drang meist ein gewaltiger Lrm. Wer sich noch nie in der kurzen Zeitspanne zwischen zwei mrderischen Schlachten befunden hat, mag darber absprechend urteilen, wir gnnten jedenfalls uns und unseren Leuten aus vollem Herzen jede Stunde des Rausches, die wir dem Leben abringen konnten, solange es uns noch in seinem Kreise hielt. Fr den kommenden Einsatz war ich als Sphoffizier bestimmt und stand mit einem Sphtrupp und zwei Unteroffizieren und vier Mann der Division zur Verfgung. Am 8. November fuhr das Bataillon bei strmendem Regen nach dem von der Zivilbevlkerung verlassenen Dorfe Gonnelieu. Von dort wurde der Sphtrupp nach Liramont abkommandiert und dem Leiter des Divisionsnachrichtendienstes, Rittmeister Bckelmann, unterstellt. Der Rittmeister bewohnte mit uns vier Sphoffizieren, zwei Beobachtungsoffizieren und seinem Adjutanten das gerumige Pfarrhaus, in dessen gemtlich eingerichteten Zimmern ein kameradschaftliches Zusammenleben gefhrt wurde. Unsere Vorgnger machten uns mit der Stellung der Division vertraut. Wir muten uns jede zweite Nacht nach vorn begeben. Unsere Aufgabe war, die Stellung genau festzulegen, die Anschlsse zu prfen und uns berall zu orientieren, um im Notfalle Truppen einweisen und eventuelle Auftrge ausfhren zu knnen. Der mir als Arbeitsgebiet zugewiesene Abschnitt lag links vom St. Pierre-Vaast-Walde, unmittelbar vor dem sogenannten Namenlosen Walde. In der ersten Nacht geriet ich, nachdem ich beim Durchstreifen eines vom Tortille-Bach durchflossenen Sumpfes fast ertrunken wre, in eine dichte Geschowolke von Phosgengas, die mich trnenden Auges zum Vaux-Walde zurckscheuchte, wobei ich, durch die beschlagene Gasmaske geblendet, von einem Trichter in den anderen strzte. Am 12. November trat ich, auf besseres Glck hoffend, mit dem Auftrage, die Anschlsse in der Trichterstellung festzustellen, meinen zweiten Gang nach vorn an. An einer in Erdlchern verborgenen Kette von Relaisposten strebte ich meinem Ziele zu. Die Trichterstellung trug ihren Namen zu Recht. Auf einem vor dem Dorfe Rancourt liegenden Plateau waren zahllose Miniaturkrater verstreut, hier und dort von einigen Leuten besetzt. Das Gelnde machte in seiner Einsamkeit, in der nur das Pfeifen und Krachen der Geschosse ertnte, einen Eindruck bengstigender de. Nach einiger Zeit verlor ich den Anschlu an die Trichterlinie und ging zurck, um nicht den Franzosen in die Hnde zu laufen. Ich stie dabei auf einen bekannten Offizier vom Regiment 164, der mich warnte, in der anbrechenden Dmmerung noch lnger zu verweilen. Ich durchschritt daher eilig den Namenlosen Wald und stolperte durch tiefe Trichter, ber entwurzelte Bume und ein fast undurchdringliches Gewirr herabgeschlagener ste. Als ich aus dem Waldrande trat, war es hell geworden. Das Trichterfeld lag ohne eine Spur von Leben vor mir. Ich stutzte, denn in der modernen Schlacht sind menschenleere Flchen stets verdchtig. Pltzlich fiel ein von einem unsichtbaren Schtzen abgegebener Schu, der mich an beiden Unterschenkeln traf. Ich warf mich in den nchsten Trichter und verband die Wunden mit meinem Taschentuch, da ich meine Verbandpckchen natrlich wieder vergessen hatte. Ein Gescho hatte mir die rechte Wade durchbohrt und die linke gestreift. Mit uerster Vorsicht kroch ich in den Wald zurck und humpelte von dort durch das schwerbeschossene Gelnde zum Verbandplatz. Kurz davor erlebte ich wieder ein Beispiel dafr, von wie kleinen Umstnden das Glck im Kriege abhngt. Ungefhr 100 Meter vor einer Straenkreuzung, auf die ich zustrebte, rief mich der Fhrer einer schanzenden Abteilung an, mit dem ich in der 9. Kompagnie zusammen gefochten hatte. Kaum hatten wir eine Minute gesprochen, als mitten auf der Kreuzung eine Granate krepierte, die ohne diese zufllige Begegnung wahrscheinlich mich getroffen haben wrde. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde ich bis Nurlu auf einer Bahre getragen. Der Rittmeister Bckelmann erwartete mich freundlicherweise mit einem Auto. Auf der von feindlichen Scheinwerfern bestrahlten Chaussee zog der Fhrer pltzlich den Bremshebel an. Ein dunkles Hindernis sperrte die Strae. Es war eine Infanteriegruppe mit ihrem Fhrer, die soeben einem Volltreffer zum Opfer gefallen war. Die im Tode vereint liegenden Kameraden hatten das friedliche Aussehen stiller Schlfer. Im Pfarrhause mute ich in den Keller getragen werden, da Liramont gerade seinen Abendsegen bekam. Ich wurde am selben Abend in das Feldlazarett Villeret und von dort zum Kriegslazarett Valenciennes transportiert. Das Kriegslazarett war nahe dem Bahnhof im Gymnasium eingerichtet und beherbergte ber 400 Schwerverwundete. Tag fr Tag verlie unter dumpfem Trommelschlag ein Leichenzug das groe Portal. In dem weiten Operationssaal konzentrierte sich der ganze Jammer des Krieges. An einer Reihe von Operationstischen walteten die rzte ihres blutigen Handwerkes. Hier wurde ein Glied amputiert, dort ein Schdel aufgemeielt oder ein festgewachsener Verband gelst. Wimmern und Schmerzensschreie hallten durch den von mitleidlosem Licht durchfluteten Raum, whrend weigekleidete Schwestern geschftig mit Instrumenten oder Verbandzeug von einem Tisch zum andern eilten. Der Soldat, der nach solchem Anblicke wieder in alter Frische ins Feuer geht, hat seine Nervenprobe bestanden, denn jeder neue, schreckliche Eindruck krallt sich im Hirn fest und reiht sich an den lhmenden Vorstellungskomplex, der die Zeitspanne zwischen Heranbrausen und Einschlag der Eisenklumpen immer furchtbarer gestaltet. Neben meinem Bette lag ein Feldwebel, der ein Bein verloren hatte, im Sterben. In seiner letzten Stunde erwachte er aus wirren Fieberschauern und lie sich von der Schwester sein Lieblingskapitel aus der Bibel vorlesen. Dann bat er mit kaum hrbarer Stimme smtliche Stubengenossen um Entschuldigung, da er sie durch seine Fieberdelirien so oft aus der Ruhe gestrt htte und war in wenigen Minuten tot, nachdem er, um uns aufzuheitern, noch versucht hatte, den komischen Dialekt unserer Ordonnanz nachzuahmen. Ich war froh, als ich halbgeheilt nach 14 Tagen diese Sttte gehuften Elends verlassen konnte. Mit Stolz hatte ich von dem inzwischen so glnzend durchgefhrten Sturm des Fsilier-Regiments gegen den St. Pierre-Vaast-Wald gelesen. Die 111. Division hatte noch dieselbe Stellung inne. Als mein Zug in Ephy einrollte, ertnte eine Reihe von Explosionen. Verstreute verbeulte Trmmer vom Gterwagen verrieten, da hier nicht gespat wurde. Was ist denn hier los? fragte ein mir gegenbersitzender Hauptmann, der anscheinend frisch aus der Heimat exportiert war. Ohne mich mit einer Antwort aufzuhalten, ri ich die Tr des Abteils auf und nahm hinter dem Bahndamm Deckung. Zum Glck waren diese Einschlge die letzten. Es waren nur einige Pferde verwundet. Da ich noch nicht gut marschieren konnte, wurde mir der Posten eines Beobachtungsoffiziers bertragen. Die Beobachtung lag an dem abfallenden Hang zwischen Nurlu und Moislains. Sie bestand aus einem in einen Unterstand eingebauten Scherenfernrohr, durch das ich die mir wohlbekannte vordere Linie beobachten konnte. Bei strkerem Feuer, bunten Leuchtkugeln oder sonstigen besonderen Ereignissen war die Division telephonisch zu benachrichtigen. Tagelang hockte ich frierend auf einem Sthlchen hinter dem Doppelglase im Novembernebel ohne eine andere Abwechslung als ab und zu eine Leitungsprobe. War der Draht zerschossen, so mute ich ihn durch meinen Strungstrupp flicken lassen. Das moderne Schlachtfeld gleicht einer ungeheuren, ruhenden Maschinerie, in der ungezhlte verborgene Augen, Ohren und Arme unttig auf die eine Minute lauern, auf die es allein ankommt. Dann fhrt als feurige Ouverture eine einzelne rote Leuchtkugel aus irgendeinem Erdloche in die Hhe, tausend Geschtze brllen zugleich auf, und mit einem Schlage beginnt das Werk der Vernichtung, von unzhligen Hebeln getrieben, seinen zermalmenden Gang. Befehle stiegen als Funken und Blitze durch ein engmaschiges Netz, um vorn zu gesteigerter Vernichtung anzuspornen und von hinten in gleichmigem Strome neue Menschen und neues Material in Bewegung zu setzen und in die Brandung zu schleudern. Jeder fhlt sich wie durch einen Strudel von weither durch einen rtselhaften Willen gepackt und mit unerbittlicher Przision zu den Brennpunkten tdlichen Geschehens getrieben. Nach je 24 Stunden lste mich ein anderer Offizier ab, und ich erholte mich im nahen Nurlu, wo in einem groen Weinkeller ein verhltnismig bequemes Quartier eingerichtet war. Ich erinnere mich noch manchmal der langen, nachdenklichen Novemberabende, die ich, meine Pfeife rauchend, einsam vor dem Kamin des kleinen, tonnenfrmigen Kellergewlbes verbrachte, whrend drauen im verwsteten Park der Nebel von kahlen Bumen tropfte und in langen Pausen ein widerhallender Einschlag die Stille unterbrach. Am 18. November wurde die Division abgelst und ich stie wieder zum Regiment, das im Dorfe Fresnoy-le-Grand in Ruhe lag. Ich bernahm dort fr den beurlaubten Leutnant Boje die Fhrung der zweiten Kompagnie. In Fresnoy hatte das Regiment vier Wochen ungestrter Ruhe, und jeder bemhte sich, davon so viel als mglich zu profitieren. Weihnachten und Neujahr wurden durch groe Kompagniefeste gefeiert, bei denen Bier und Grog in Strmen flo. Es waren gerade noch fnf Mann in der zweiten Kompagnie, die das vorige Weihnachtsfest mit mir zusammen in den Schtzengrben von Monchy gefeiert hatten. Ich bewohnte mit dem Fhnrich Gornick und meinem Bruder Fritz, der als Fahnenjunker fr sechs Wochen zum Regiment gekommen war, den sogenannten Salon und zwei Schlafzimmer eines franzsischen Kleinrentners. Wir machten uns redlich lustig ber das spieige Ehepaar, das seine Plschmbel und Markartbuketts sowie den im Hofe aufgestapelten Holzvorrat mit wahren Argusaugen bewachte und mit den Burschen auf stndigem Kriegsfue lebte. Der Becher wurde in dem kleinen Neste schlimmer denn je geschwungen. Wenn man spt durch die engen Gassen schritt, hrte man berall aus Mannschafts-, Unteroffiziers- und Offiziersquartieren das Gewirr frhlicher Gelage. Im Kriege ist alles auf rcksichtslose Wirkung berechnet, daher kam wohl auch die Vorliebe des Feldsoldaten fr den Alkohol in seinen konzentrierten Formen. Der Verkehr mit der Zivilbevlkerung war teilweise von unerwnschter Vertraulichkeit; Venus entzog dem Mars manchen Diener. Der Dienst wurde selbstverstndlich sofort in altpreuischer Strammheit aufgenommen, und es war ein vorzgliches Zeichen fr Fhrer und Truppe, da nach 14 Tagen die Mannszucht wieder auf der alten Hhe stand. In der ersten Woche fand eine Besichtigung durch den Divisionskommandeur, Generalmajor Sontag, statt, bei der das Regiment fr seine hervorragende Haltung beim Sturm auf den St. Pierre-Vaast-Wald gerhmt und mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht wurde. Als ich dem Divisionskommandeur die zweite Kompagnie im Parademarsch vorfhrte, bemerkte ich, da der Oberstleutnant v. Oppen dem General ber mich zu berichten schien. Einige Stunden spter wurde ich zum Divisionsstabsquartier befohlen, wo mir der General das Eiserne Kreuz I. Klasse berreichte. Am 17. Januar 1917 wurde ich von Fresnoy fr vier Wochen nach dem franzsischen Truppenbungsplatz Sisonne bei Laon zu einem Kompagniefhrerkursus abkommandiert. Der Dienst wurde uns durch den Leiter unserer Abteilung, den Hauptmann Funk, sehr angenehm gemacht, der es in glnzender Weise verstand, das Wesen ber die starre Form zu stellen und uns mit Interesse fr die Sache zu erfllen. Die Verpflegung whrend dieser Zeit war wohl die kmmerlichste, die ich im Kriege erlebt habe. Auf den Tischen unseres riesengroen Kasinos stand whrend der ganzen vier Wochen selten etwas anderes als ein dnnes Steckrbengemse. Dabei war der Dienst keineswegs leicht. Der Somme-Rckzug. Zum Regiment zurckgekehrt, das seit einigen Tagen bei den Ruinen von Villers-Carbonnel in Stellung lag, bekam ich vertretungsweise die Fhrung der 8. Kompagnie. Ruheort war Devise. Wenn man von dort nach der Front marschierte, mute man die Somme-Niederung bei den Drfern Brie und St. Christ berschreiten, deren trostlose Verwstung inmitten der melancholischen Sumpflandschaft mich besonders nachts in eine traurige Stimmung versetzte, wenn dunkle Wolkenfetzen ber den Mondhimmel jagten und durch unheimliche Beleuchtungsdifferenzen den Eindruck des Chaotischen verstrkten. Die Stellung war whrend der letzten Zeit unseres Aufenthaltes zahlreichen englischen Vorsten ausgesetzt, die mit unserer eifrig vorbereiteten groen Rumung des Sommegebietes zusammenhingen. Der Gegner entsandte fast jeden Morgen eine Kampfpatrouille gegen unsere Linie, um sich von unserer Anwesenheit zu berzeugen. Ich bringe hier einige Erlebnisse der damaligen Periode: 4. 3. 1917. Am Nachmittag herrschte des klaren Wetters wegen lebhafte Feuerttigkeit. Besonders eine schwere Batterie ebnete unter Ballonbeobachtung den Abschnitt meines 3. Zuges fast vollkommen ein. Um meine Stellungskarte zu vervollstndigen, patschte ich am Nachmittag durch den vollstndig versoffenen namenlosen Graben zum 3. Zuge. Whrend dieses Weges sah ich vor uns eine riesige, gelbe Sonne zur Erde sinken, eine lange, schwarze Rauchfahne nach sich ziehend. Ein schneidiger Flieger hatte sich an den unangenehmen Fesselballon herangemacht und ihn in Brand geschossen. Er entkam trotz rasendem Verfolgungsfeuer. Am Abend kam der Gefreite Schnau zu mir und meldete, unter seinem Gruppenunterstande schon seit vier Tagen ein pickendes Gerusch vernommen zu haben. Ich gab diese Beobachtung weiter und bekam ein Pionierkommando mit Horchapparaten gestellt, das allerdings nichts Verdchtiges wahrnahm. Spter erfuhren wir, da damals die ganze Stellung unterminiert gewesen sein soll. Am 5. 3. nherte sich in den frhen Morgenstunden eine Patrouille unserem Graben und begann, das Drahtverhau zu durchschneiden. Der Leutnant Eisen eilte mit einigen Leuten auf die Meldung eines Postens herbei und warf Handgranaten, worauf die Angreifer sich zur Flucht wandten und zwei Mann liegen lieen. Der eine, ein junger Leutnant, starb gleich darauf; der andere, ein Sergeant, war schwer an Arm und Bein verwundet. Aus den Papieren des Offiziers ging hervor, da er den Namen Stokes trug und dem Royal Munster 2. Fsilier-Regiment angehrte. Er war sehr gut angezogen, und sein vom Tode verkrampftes Gesicht war intelligent und energisch geschnitten. Wir begruben ihn hinter unserem Graben und setzten ihm ein einfaches Kreuz. Ich ersah aus diesem Erlebnis, da nicht jeder Patrouillengang so glcklich zu enden brauchte wie meine bisherigen. Am nchsten Morgen griff der Englnder nach kurzer Artillerievorbereitung den Abschnitt der Nachbarkompagnie, in dem der Leutnant Reinhardt befehligte, mit 50 Mann an. Der Gegner hatte sich vor den Draht geschlichen, und nachdem einer von ihnen mit einer am rmelaufschlag befestigten Reibflche ein Lichtzeichen gegeben hatte, um die englischen Maschinengewehre zum Schweigen zu bringen, war er gleichzeitig mit seinen letzten Granaten gegen unseren Graben angelaufen. Alle hatten berute Gesichter, um sich mglichst wenig von der Dunkelheit abzuheben. Unsere Leute empfingen sie indessen so meisterhaft, da nur ein einziger in den Graben gelangte. Dieser rannte gleich bis zur zweiten Linie durch, wo er, nachdem er die Aufforderung, sich zu ergeben, nicht beachtet hatte, niedergeschossen wurde. Den Draht zu berspringen, gelang nur einem Leutnant und einem Sergeanten. Der Leutnant wurde, trotzdem er unter der Uniform einen Panzer trug, erledigt, da ihm eine von Reinhardt coup portant entgegengesandte Pistolenkugel eine ganze Panzerplatte in den Leib jagte. Dem Sergeanten wurden durch Handgranatensplitter beide Beine fast abgerissen, trotzdem behielt er mit stoischer Ruhe seine kurze Pfeife bis zum Tode zwischen den zusammengebissenen Zhnen. Am Vormittag dieses erfolgreichen Morgens schlenderte ich durch meinen Graben und sah auf einem Postenstande den Leutnant Pfaffendorf, der von dort mit einem Scherenfernrohr das Feuer seiner Minenwerfer leitete. Ich trat neben ihn und bemerkte sofort einen Englnder, der hinter der dritten feindlichen Linie ber Deckung ging und sich in seiner khakibraunen Uniform scharf vom Horizont abhob. Ich ri dem nchsten Posten das Gewehr aus der Hand, stellte Visier 600, nahm den Mann scharf aufs Korn, hielt etwas vor den Kopf und zog ab. Er tat noch drei Schritte, fiel dann auf den Rcken, als ob ihm die Beine unter dem Leib fortgezogen wren, schlug ein paarmal mit den Armen und rollte in ein Granatloch, aus dem wir durch das Glas noch lange seinen braunen rmel leuchten sahen. Am 9. 3. wurde unser Abschnitt mit schweren Granaten zugedeckt. Ich hatte einen Toten und mehrere Verwundete. Der Eingang meines Stollens wurde wie eine Streichholzschachtel zermalmt. Am Abend wurden wir abgelst und marschierten nach Devise. Am 13. bekam ich vom Oberst v. Oppen den ehrenvollen Auftrag, den Kompagnieabschnitt mit einer Patrouille von zwei Gruppen bis zum vlligen bergang des Regiments ber die Somme zu halten. Jeder der vier Abschnitte in vorderer Linie sollte durch eine derartige Patrouille, deren Fhrung energischen Offizieren bertragen war, besetzt werden. Die Abschnitte waren vom rechten Flgel den Leutnants Reinhardt, Fischer, Lorek und mir unterstellt. Die Drfer, die wir auf unserem Marsch nach vorn passierten, hatten das Aussehen groer Tollhuser angenommen. Ganze Kompagnien stieen und rissen Mauern um oder saen oben auf den Dchern und zertrmmerten die Ziegel. Bume wurden gefllt, Scheiben zerschlagen, rings stiegen von gewaltigen Schutthaufen Rauch und Staubwolken auf, kurz, es wurde eine Orgie der Vernichtung gefeiert. Man sah Leute in den von den Einwohnern zurckgelassenen Anzgen und Frauenkleidern, Zylinderhte auf den Kpfen, voll unglaublichem Eifer umherrasen. Sie fanden mit geradezu genialem Scharfsinn den Hauptbalken der Huser heraus, befestigten Seile daran und zogen mit dem taktmigen Geschrei grter Anstrengung so lange, bis alles zusammenprasselte. Andere schwangen gewaltige Hmmer und zerschmetterten damit, was ihnen in den Weg kam, vom Blumentopfe vorm Fensterbrett bis zur kunstvollen Glaskonstruktion eines Wintergartens. Bis zur Siegfriedstellung war jedes Dorf ein Trmmerhaufen, jeder Baum gefllt, jede Strae unterminiert, jeder Brunnen verpestet, jeder Flulauf abgedmmt, jeder Keller gesprengt oder durch versteckte Bomben gefhrdet, alle Vorrte oder Metalle zurckgeschafft, jede Schiene abmontiert, jeder Telephondraht abgerollt, alles Brennbare verbrannt; kurz, das Land, das den vordringenden Gegner erwartete, war in deste Wste verwandelt. Die moralische Berechtigung dieser Zerstrungen ist viel umstritten, doch scheint mir das chauvinistische Wutgeheul diesmal verstndlicher als der befriedigte Beifall der Heimkrieger und Zeitungsschreiber. Wo tausende friedlicher Menschen ihrer Heimat beraubt werden, mu das selbstgefllige Machtgefhl schweigen. ber die Notwendigkeit der Tat bin ich als preuischer Offizier natrlich keinen Augenblick im Zweifel. Kriegfhren heit, den Gegner durch rcksichtslose Kraftentfaltung zu vernichten suchen. Der Krieg ist der Handwerke hrtestes, seine Meister drfen der Menschlichkeit nur so lange das Herz ffnen, als sie nicht schaden kann. Da diese Handlung, die die Stunde forderte, nicht schn war, tut nichts zur Sache. Der aufmerksame Beobachter ersah es schon aus der Weise, in der sich der objektive Fhrerwille bei der Mannschaft in eine Reihe von niederen Instinkten umsetzte. Am 13. verlie die zweite Kompagnie die Stellung, die ich mit meinen beiden Gruppen bernahm. In dieser Nacht fiel ein Mann mit dem ominsen Namen Kirchhof durch Kopfschu. Merkwrdigerweise war dieses Unglcksgescho das einzige, das vom Gegner innerhalb mehrerer Stunden abgeschossen wurde. Ich ordnete alles Mgliche an, um den Gegner ber unsere Strke zu tuschen. Bald wurden hier, bald dort einige Schaufeln voll Erde ber Deckung geworfen, und unser einziges Maschinengewehr mute bald vom rechten, bald vom linken Flgel eine Reihe von Schssen abgeben. Trotzdem klang unser Feuer recht dnn, wenn niedrigfliegende Beobachter die Stellung berkreuzten oder eine Abteilung von Schanzern das feindliche Hinterland durchquerte. Daher tauchten jede Nacht an verschiedenen Punkten vor unserem Graben Patrouillen auf, die sich am Draht zu schaffen machten. Am vorletzten Tage htte ich beinahe ein rgerliches Ende gefunden. Der Blindgnger einer Ballonabwehrkanone sauste aus gewaltiger Hhe herunter und explodierte auf der Schulterwehr, an die ich mich ahnungslos gelehnt hatte. Ich wurde durch den Luftdruck genau in die gegenberliegende ffnung eines Stollens geschleudert, wo ich mich uerst verdutzt wiederfand. Am 17. morgens merkten wir, da ein Angriff nahe bevorstehen mute. Im vorderen, sonst unbesetzten, stark verschlammten englischen Graben erklang das Patschen vieler Stiefel. Das Lachen und Rufen einer starken Abteilung verriet, da diese Leute sich auch innerlich gut angefeuchtet haben muten. Dunkle Gestalten nherten sich unserem Draht und wurden durch Schsse vertrieben, eine brach jammernd zusammen und blieb liegen. Ich zog meine Leute igelfrmig um die Einmndung eines Laufgrabens zusammen und bemhte mich, das Vorgelnde in dem pltzlich einsetzenden Artillerie- und Minenfeuer durch Leuchtkugeln zu erhellen. Da uns die weien bald ausgingen, jagten wir ein wahres Feuerwerk von bunten in die Luft. Als um 5 Uhr die Stunde der befehlsmigen Rumung anbrach, sprengten wir noch rasch die Unterstnde mit Handgranaten auseinander, soweit wir sie nicht vorher mit teilweise genial konstruierten Hllenmaschinen versehen hatten. Zur festgesetzten Zeit zogen sich smtliche Patrouillen, teilweise schon in Handgranatenkmpfe verwickelt, gegen die Somme zurck. Nachdem wir als die Letzten die Niederung berschritten hatten, wurden die Brcken durch Pionierkommandos in die Luft gesprengt. Auf unserer Stellung tobte noch immer das Trommelfeuer. Erst nach einigen Stunden erschienen die ersten feindlichen Patrouillen an der Somme. Wir zogen uns hinter die noch im Bau befindliche Siegfriedstellung zurck; das Bataillon bezog Quartier in dem am Canal de St. Quentin gelegenen Dorfe Lehaucourt. Ich bewohnte mit meinem Burschen ein kleines, gemtliches Huschen, in dem der Hausrat der verbannten Bewohner noch in Truhen und Schrnken aufgespeichert war. Als bezeichnenden Zug fr das Wesen unserer Leute mchte ich anfhren, da mein Bursche, der treue Knigge, trotz allem Zureden nicht zu bewegen war, sein Nachtlager im warmen Wohnzimmer aufzuschlagen, sondern durchaus in der kalten Kche schlafen wollte. Diese dem Niedersachsen eigene Zurckhaltung machte dem Fhrer den Verkehr mit der Mannschaft leicht. Die Disziplin im Regiment wurde erst von dem Tage an lockerer, an dem wir Angehrige anderer Stmme als Ersatz einstellen muten. Am ersten Ruheabend lud ich meine Freunde zu einem mit smtlichen vom Hausbesitzer hinterlassenen Gewrzen gefeuerten Glhwein ein, denn unsere Rckzugspatrouille hatte nicht nur das Lob aller Vorgesetzten, sondern auch einen vierzehntgigen Urlaub zur Folge gehabt. Im Dorfe Fresnoy. Mein Urlaub, den ich einige Tage spter antrat, wurde diesmal nicht unterbrochen. Am 9. April 1917 kam ich wieder bei der zweiten Kompagnie an, die im Dorfe Merignies unweit Douai in Quartier lag. Die Wiedersehensfreude wurde durch einen unerwarteten Alarm gestrt, der mir besonders durch den Auftrag, den Gefechtstro nach Beaumont zu fhren, unangenehm wurde. Durch Regenschauer und Schneegestber ritt ich an der Spitze der ber die Chaussee schleichenden Wagenkolonne, bis wir um 1 Uhr nachts unser Ziel erreicht hatten. Nachdem ich Pferde und Leute aufs notdrftigste untergebracht hatte, ging ich auf Suche nach einem Quartier fr mich, doch fand ich auch den kleinsten Platz schon besetzt. Endlich kam ein Feldintendanturbeamter auf den guten Gedanken, mir sein Bett anzubieten, da er am Telephon wachen mute. Whrend ich mich mit Stiefeln und Sporen darauf warf, erzhlte er mir, da die Englnder den Bayern die Vimy-Hhe und ein groes Stck Gelnde abgenommen htten. Trotz seiner Gastfreundlichkeit mute ich feststellen, da ihm die Verwandlung seines stillen Etappendrfchens in einen Rendez-vous-Platz der Kampftruppen uerst unangenehm schien. Am folgenden Morgen marschierte das Bataillon dem Kanonendonner entgegen bis zum Dorfe Fresnoy. Dort bekam ich Befehl, eine Beobachtungsstelle zu errichten. Ich suchte mir mit einigen Leuten am Westrande des Dorfes ein Huschen aus, durch dessen Dach ich einen zur Front gerichteten Ausguck schlagen lie. Unsere Wohngemcher verlegten wir in den Keller, bei dessen Ausrumung uns als angenehmer Zuschu zu unserer uerst knappen Verpflegung ein Sack Kartoffeln in die Hnde fiel. Auch schickte mir der Leutnant Gornick, der das bereits gerumte Dorf Villerwal mit einem Zuge als Feldwache besetzt hielt, als kameradschaftliches Geschenk aus den in der Eile zurckgelassenen Bestnden eine groe Dose Leberwurst und einige Flaschen Rotwein. Eine von mir sofort mit Kinderwagen und hnlichen Transportmitteln ausgerstete Expedition zur Bergung dieser Schtze mute leider unverrichteter Dinge wieder umkehren, da der Englnder den Dorfrand bereits mit dichten Schtzenlinien erreicht hatte. Am 14. April bekam ich den Auftrag, im Dorfe eine Nachrichtensammelstelle zu errichten. Es waren mir zu diesem Zwecke Meldelufer, Radfahrer, Telephone, Lichtsignalstation, Erdtelegraph, Brieftauben und eine Leuchtpostenkette zur Verfgung gestellt. Ich suchte mir am Abend einen passenden Keller mit eingebautem Stollen aus und begab mich dann zum letztenmal in meine alte Wohnung am Westrande. In der Nacht glaubte ich einige Male Krachen und Geschrei meines Burschen zu hren, war aber so schlaftrunken, da ich nur murmelte: La man schieen! und mich auf die andere Seite wlzte, trotzdem der ganze Raum dicht voll Staub war. Am nchsten Morgen wurde ich durch den Neffen des Obersts von Oppen, den kleinen Schultz, mit dem Rufe geweckt: Mensch, wissen Sie noch gar nicht, da Ihr ganzes Haus zusammengeschossen ist? Als ich aufstand und mir den Schaden besah, merkte ich, da eine schwere Granate oben am Dache geplatzt war und smtliche Rume mit dem Beobachtungsstande eingerissen hatte. Der Znder htte nur ein wenig grber zu sein brauchen, und das Gescho htte uns im Keller an die Wnde geklebt. Schultz erzhlte mir, da seine Ordonnanz beim Anblick des zerstrten Hauses gesagt htte: Da hat doch gestern ein Leutnant drin gewohnt, wir wollen doch mal sehen, ob der noch is. Mein Bursche war ganz auer sich ber meinen unglaublich festen Schlaf. Am Vormittag siedelten wir in unseren neuen Keller ber. Auf dem Wege dorthin htten uns beinahe die Trmmer des einstrzenden Kirchturms erschlagen, der von einem Pionierkommando sans faon in die Luft gesprengt wurde, um der feindlichen Artillerie das Einschieen zu erschweren. In einem Nachbardorfe hatte man sogar vergessen, einen Doppelposten zu benachrichtigen, der aus der Turmluke beobachtete. Wunderbarerweise konnte man die Leute unverletzt aus dem Geblk hervorziehen. Wir richteten uns in unserem gerumigen Keller ganz leidlich ein, indem wir Mbelstcke aus Schlo und Htte, die uns gerade praktisch erschienen, zusammenschleppten. Whrend der ganzen Tage spielte sich ber uns eine Reihe erbitterter Fliegerkmpfe ab, die fast immer mit der Niederlage der Englnder endeten, da die Kampfstaffel Richthofen ber der Gegend kreiste. Oft wurden fnf, sechs Flugzeuge nacheinander auf den Boden gedrckt oder brennend abgeschossen. Einmal sahen wir den Insassen in weitem Bogen herausfliegen und als schwarzen Punkt von seiner Maschine getrennt zur Erde strzen. Das Hinaufstarren barg allerdings auch seine Gefahren, so wurde zum Beispiel ein Mann der 4. Kompagnie durch einen herabfallenden Splitter tdlich am Halse getroffen. Am 18. April besuchte ich die 2. Kompagnie in Stellung, die in einem um das Dorf Arleux geschlungenen Frontbogen lag. Leutnant Boje erzhlte mir, da er bislang nur einen einzigen Verwundeten gehabt htte, da das planmige Einschieen der Englnder jedesmal eine Rumung der beschossenen Abschnitte gestattete. Nachdem ich ihm alles Gute gewnscht hatte, mute ich der stndig einschlagenden schweren Granaten wegen das Dorf im Galopp verlassen. 300 Meter hinter Arleux blieb ich stehen und betrachtete die Wolken der hochspritzenden Einschlge, die, je nachdem Ziegelmauern zermalmt oder Gartenerde aufgeschleudert wurde, rot oder schwarz gefrbt waren, vermischt mit dem zarten Wei platzender Schrapnells. Als jedoch einige Gruppen leichter Granaten auf die schmalen Trampelpfade fielen, die Arleux mit Fresnoy verspannen, verzichtete ich auf weitere Impressionen und rumte eiligst das Feld, um mich nicht antten zu lassen, wie der damals gerade bliche Fachausdruck der zweiten Kompagnie lautete. Derartige Spaziergnge, die ich zum Teil bis zum Stdtchen Henin-Litard ausdehnte, machte ich ziemlich oft, da in den ersten 14 Tagen trotz meines groen Personals nicht eine einzige Meldung zu befrdern war. Vom 20. April ab wurde Fresnoy durch ein 30,5-cm-Geschtz beschossen, dessen Granaten mit geradezu infernalischem Fauchen heranheulten. Nach jedem Einschlag war das Dorf in eine gewaltige, rotbraune Pikrinwolke gehllt. Ein Mann der 9. Kompagnie, auf dem Schlohofe von einem derartigen Gescho berrascht, wurde hoch ber die Bume des Parkes geschleudert und brach beim Aufsturze smtliche Knochen. An den Nachmittagen lag das Dorf unter dem Feuer verschiedenster Kaliber. Trotz der Gefahr konnte ich mich nicht vom Dachfenster meines Quartiers trennen, denn es war ein spannender Anblick, einzelne Abteilungen und Meldegnger hastig und sich oft niederwerfend ber das beschossene Gelnde eilen zu sehen, whrend rechts und links von ihnen der Boden aufwirbelte. Von Tag zu Tag wurde die Artilleriettigkeit lebhafter und schlo jeden Zweifel an einem baldigen Angriffe aus. Am 27. bekam ich um Mitternacht den Fernspruch: 67 von 5 a. m., was nach unserem Zifferncode von 5 Uhr vormittags an erhhte Alarmbereitschaft bedeutete. Ich legte mich also, um den voraussichtlichen Anstrengungen gewachsen zu sein, gleich nieder, doch als ich gerade beim Einschlafen war, schlug eine Granate ins Haus, drckte die Wand der Kellertreppe ein und warf uns das ganze Mauerwerk in den Raum. Wir sprangen hoch und eilten in den Stollen. Als wir verdrossen und mde beim Scheine einer Kerze auf der Treppe hockten, kam der Fhrer meiner Lichtsignalisten, deren Station nebst zwei wertvollen Signallampen am Nachmittage zerschmettert war, angestrmt und meldete: Herr Leutnant, der Keller von Haus Nr. 11 hat einen Volltreffer bekommen, es liegen noch welche unter den Trmmern! Da ich im Haus Nr. 11 zwei Radfahrer und drei Telephonisten liegen hatte, eilte ich mit einigen Leuten zu Hilfe. Ich fand dort im Stollen einen Gefreiten und einen Verwundeten und erhielt folgenden Bericht: Als die ersten Schsse verdchtig nahe einschlugen, beschlossen vier von den fnf Bewohnern, sich in den Stollen zu begeben. Der eine sprang gleich hinunter, einer blieb ruhig auf seinem Bette liegen, whrend die brigen erst ihre Stiefel anzogen. Der Vorsichtigste und der Gleichgltigste kamen, wie so oft im Kriege, gut davon, der eine ganz ohne Verwundung, der Schlafende mit einem Splitter am Oberschenkel. Die drei anderen wurden von der durch die Kellerwand fliegenden und in der gegenberliegenden Ecke zerschellenden Granate zerrissen. Nach dieser Erzhlung zndete ich mir fr alle Flle eine Zigarre an und trat in den raucherfllten Raum, in dessen Mitte sich ein wster Trmmerhaufen von zerschlagenen Bettstellen, Strohscken und anderen Mbelstcken fast bis zur Decke emporwlbte. Nachdem wir einige Lichter zwischen die Mauerfugen gesteckt hatten, machten wir uns an die traurige Arbeit. Wir packten die aus den Trmmern ragenden Gliedmaen und zogen die Leichen heraus. Dem einen war der Kopf abgeschlagen und der Hals sa am Rumpf wie ein groer, blutiger Schwamm. Aus dem Armstumpf des zweiten ragte der zersplitterte Knochen, und die Uniform war vom Blute einer groen Brustwunde durchtrnkt. Dem dritten quollen die Eingeweide aus dem aufgerissenen Leib. Als wir diesen herauszogen, stemmte sich ein zersplittertes Brett mit hlichem Gerusch in die schauerliche Wunde. Die eine Ordonnanz machte eine Bemerkung darber und wurde von meinem Burschen mit den Worten: Swieg man stille, bi solchen Sachen hat Quasseln kein Zweck! zur Ruhe verwiesen. Ich nahm ein Verzeichnis der Wertsachen auf, die wir bei ihnen fanden. Es war ein unheimliches Geschft. Die Kerzen flackerten rtlich durch den dichten Dunst, whrend die beiden Leute mir Brieftaschen und silberne Gegenstnde zureichten wie bei einer geheimen, dunklen Tat. Auf den Gesichtern der Toten hatte sich das feine gelbe Ziegelmehl niedergeschlagen und gab ihnen das starre Aussehen von Wachsmasken. Wir warfen Decken ber sie und eilten aus dem Keller, nachdem wir unseren Verwundeten in eine Zeltbahn gepackt hatten. Mit dem stoischen Rate: Bei die Zhne zusammen, Kamerad! schleppten wir ihn durch ein wildes Schrapnellfeuer zum Sanittsunterstand. In meine Behausung zurckgekehrt, strkte ich mich zunchst durch eine Reihe Sherry-Brandies, denn die Ereignisse waren mir doch auf die Nerven gefallen. Bald bekamen wir wieder lebhaftes Feuer und versammelten uns eiligst im Stollen, da uns allen das eben geschaute Beispiel von Artilleriewirkung in Kellern noch deutlich vor Augen stand. Um 5.14 Uhr schwoll das Feuer in wenigen Sekunden zu unerhrter Strke. Unser Stollen wankte und zitterte wie ein Schiff auf strmischer See; ringsum erdrhnte das Bersten von Mauerwerk und das Krachen der zusammenstrzenden benachbarten Huser. Um 7 Uhr fing ich einen Lichtspruch der Brigade an das zweite Bataillon auf: Brigade will sofort Klarheit ber die Lage. Nach einer Stunde brachte mir ein Meldelufer die Nachricht zurck: Feind besetzte Arleux, Park von Arleux. Setzte achte Kompagnie zum Gegensto an, bislang keine Nachricht. Rocholl, Hauptmann. Dies war die einzige, allerdings sehr wichtige Nachricht, die ich mit meinem riesigen Apparat von Verbindungsmitteln whrend der drei Wochen meines Aufenthaltes in Fresnoy weitergab. Jetzt, wo meine Ttigkeit von grtem Wert war, hatte mir die Artillerie fast alle Anlagen auer Gefecht gesetzt. Das waren die Folgen der ber-Zentralisation. Mir wurde durch diese berraschende Aufklrung verstndlich, warum schon seit einiger Zeit aus ziemlicher Nhe abgefeuerte Infanteriegeschosse gegen die Mauern klappten. Kaum waren wir uns ber die groen Verluste des Regiments klar, als die Beschieung mit erneuter Wucht einsetzte. Mein Bursche stand als letzter noch auf der obersten Stollenstufe, als ein Donnerkrach ankndete, da es dem Englnder endlich gelungen war, unseren Keller einzuschieen. Der biedere Knigge bekam einen derben Kantstein auf den Buckel, nahm aber sonst keinen Schaden. Oben war alles kurz und klein geschlagen. Das Tageslicht blickte nur noch durch zwei in den Stolleneingang geprete Fahrrder zu uns herab. Wir zogen uns ziemlich kleinlaut auf die unterste Stufe zurck, whrend fortwhrend dumpfe Erschtterungen und Steingepolter uns von der Unsicherheit unseres Asyles berzeugten. Wie durch ein Wunder war das Telephon noch unbeschdigt; ich stellte dem Chef des Divisionsmeldewesens unsere unzweckmige Lage vor und bekam Befehl, mich mit den Leuten in den naheliegenden Sanittsstollen zurckzuziehen. Wir packten also unsere notwendigsten Sachen zusammen und schickten uns an, den Stollen durch den zweiten noch erhaltenen Ausgang zu verlassen. Trotz meiner energischen, durch unzweideutige Drohungen untersttzten Befehle zgerten die wenig kriegsgewandten Leute der Fernsprechkompagnie so lange, sich aus dem Schutze des Stollens ins Feuer zu begeben, bis auch dieser Eingang, von einer schweren Granate zermalmt, krachend zusammenbrach. Zum Glck wurde niemand getroffen, nur unser kleiner Hund heulte jmmerlich auf und war von diesem Augenblick an verschwunden. Wir rissen nun die den Ausgang zum Keller versperrenden Fahrrder zur Seite, krochen auf allen Vieren ber den Trmmerhaufen hinweg und gewannen durch eine enge Mauerspalte das Freie. Ohne uns mit der Betrachtung der unglaublichen Verwandlung des Ortes innerhalb dieser wenigen Stunden aufzuhalten, rannten wir dem Dorfausgang zu. Kaum hatte der Letzte das Hoftor verlassen, als das Haus schon wieder durch einen mchtigen Einschlag getroffen wurde. Auf dem Gelnde zwischen dem Dorfrand und dem Sanittsstollen lag ein kompakter Feuerriegel. Leichte und schwere Granaten mit Aufschlag-, Brenn- und Verzgerungszndern, Blindgnger, Hohlblser und Schrapnells vereinten sich zu einer Raserei akustischer und optischer Effekte. Dazwischen strebten, rechts und links dem Hexenkessel des Dorfes ausweichend, Untersttzungstrupps nach vorn. In Fresnoy lste eine kirchturmhohe Erdsule die andere ab, jede Sekunde schien die vorhergehende noch bertrumpfen zu wollen. Wie durch Zaubermacht wurde ein Haus nach dem andern vom Erdboden eingesogen; Mauern brachen, Giebel strzten, und kahle Sparrengerste wurden durch die Luft geschleudert, die benachbarten Dcher abmhend. ber weilichen Dampfschwaden tanzten Wolken von Splittern. Auge und Ohr hingen wie gebannt an dieser wirbelnden Vernichtung. Im Sanittsstollen verbrachten wir noch zwei Tage in qualvoller Enge, denn auer von meinen Leuten wurde er noch von zwei Bataillonsstben, Ablsungskommandos und den unvermeidlichen Versprengten bevlkert. Der starke Verkehr vor den Eingngen blieb natrlich nicht unbemerkt. Bald saen in Abstnden von einer Minute scharf gezielte Granaten auf dem vorberfhrenden Feldwege und verwundeten alle Augenblicke ein paar Leute. Ich bte durch diese unangenehme Schieerei vier Fahrrder ein, die wir neben den Stolleneingang gelegt hatten. Sie wurden, zu seltsamen Gebilden verbogen, in alle Winde geschleudert. Vor dem Eingang lag steif und stumm in eine Zeltbahn gerollt, die groe Hornbrille noch im Gesicht, der Fhrer der 8. Kompagnie, Leutnant Lemire, den seine Leute hierher geschafft hatten. Er hatte einen Schu in den Mund bekommen. Sein jngerer Bruder fiel einige Monate spter durch genau dieselbe Verletzung. Am 30. April bernahm mein Nachfolger von dem ablsenden Regiment Nr. 25 meine Geschfte, und wir rckten nach Flers, dem Sammelort des ersten Bataillons, ab. Das Kalkwerk Chez-bon-temps mit seinen schweren Einschlgen links liegenlassend, schlenderten wir seelenvergngt durch den wunderschnen Nachmittag ber den Feldweg nach Beaumont. Die Augen genossen wieder die Schnheit der Erde und die Lunge berauschte sich an der milden Frhlingsluft, froh, der unertrglichen Enge des Stollenloches entronnen zu sein. Den Kanonendonner im Rcken, empfand ich das Dichterwort nach: Frwahr ein Tag, von Gott gemacht, Zu besserm Ding als sich zu schlagen. In Flers fand ich das mir zugewiesene Quartier von einigen Feldwebeln der Etappe besetzt, die sich unter dem Vorwande, das Zimmer fr einen Freiherrn von X. bewachen zu mssen, weigerten, Platz zu machen, jedoch nicht mit den aufs uerste gespannten Nerven eines ermdeten Frontsoldaten rechneten. Ich lie von meinen Begleitern kurzerhand die Tr einschlagen und nach einem kleinen Handgemenge vor den Augen der erschreckt im Neglig herbeigeeilten Hausbewohner flogen die Herren die Treppe hinunter. Mein Bursche trieb die Hflichkeit sogar so weit, ihnen ihre langen Stiefel nachzuschleudern. Nach diesem Angriffsgefecht bestieg ich das angewrmte Bett, dessen Hlfte ich noch meinem ohne Quartier herumirrenden Freunde Kius anbot. Der Schlaf in diesem langentbehrten Mbel tat uns so wohl, da wir am nchsten Morgen in alter Frische erwachten. Da das erste Bataillon whrend der verflossenen Kampftage die wenigsten Verluste gehabt hatte, war die Stimmung vorzglich, als wir zum Bahnhof Douai marschierten. Von dort fuhren wir bis zum Bahnknotenpunkt Busigny, in dessen Nhe das Dorf Srain lag, wo wir uns einige Tage erholen sollten. Wir fanden bei der freundlichen Bevlkerung gute Quartiere, und schon am ersten Abend drang aus vielen Husern der frhliche Lrm kameradschaftlicher Wiedersehensfeiern. Dieses Trankopfer nach glcklich bestandener Schlacht zhlt zu den schnsten Erinnerungen alter Krieger. Und wenn zehn vom Dutzend gefallen waren, die letzten zwei fanden sich mit tdlicher Sicherheit am ersten Ruheabend beim Becher, brachten den toten Kameraden ein stilles Glas und besprachen scherzend die gemeinsamen Erlebnisse. Den berstandenen Gefahren ein Landsknechtslachen, den knftigen ein Schluck aus voller Flasche, ob Tod und Teufel dazu grinsten, wenn nur der Wein gut war. So war von je rechter Kriegsbrauch. Das hat mir vor allem den Offizierstisch wert gemacht. Hier, wo die geistigen Trger und Vorkmpfer der Front zusammenkamen, konzentrierte sich der Wille zum Siege und wurde Form in den Zgen wetterharter Gesichter. Hier war ein Element lebendig, das die Wstheit des Krieges unterstrich und doch vergeistigte, das man bei den Leuten, mit denen man zusammen in den Trichtern lag, so selten fand, die sportsmige Freude an der Gefahr, der ritterliche Drang zum Bestehen eines Kampfes. Zum mindesten habe ich in diesem viel verlsterten Kreise niemals ein Wort des Zagens vernommen. Am nchsten Morgen erschien mein Bursche und las mir Befehle vor, aus denen mir gegen Mittag klar wurde, da ich die Fhrung der vierten Kompagnie bernehmen sollte. In dieser Kompagnie war im Herbst 1914 der niederschsische Dichter Hermann Lns gefallen. Gegen Inder. Am 6. Mai 1917 waren wir schon wieder auf dem Marsche nach dem wohlbekannten Brancourt, und am folgenden Tage rckten wir ber Montbrhain, Ramicourt, Joncourt in die Siegfriedstellung, die wir erst vor einem Monat verlassen hatten. Der erste Abend war strmisch; starke Regenschauer prasselten unaufhrlich auf das berschwemmte Gelnde nieder. Bald vershnte uns jedoch eine Reihe von schnen, warmen Tagen mit unserem neuen Aufenthaltsort. Unsere Stellung bildete einen halbmondfrmigen Vorsprung vor dem Kanal von St. Quentin, dahinter lag die berhmte Siegfriedstellung. Es war mir rtselhaft, warum wir uns in die engen, unvollkommenen Kreidegrben legen muten, whrend wir das mchtige, riesenstarke Bollwerk hinter uns hatten. Die vordere Linie schlngelte sich durch ein idyllisches, von kleinen Baumgruppen beschattetes Wiesengelnde in den zarten Farben des ersten Frhjahrs. Man konnte sich ungestraft hinter und vor den Grben bewegen, da zahlreiche, kilometerweit vorgeschobene Feldwachen die Stellung sicherten. Diese Postierungen waren dem Gegner ein Dorn im Auge, und es verging in mancher Woche keine Nacht, wo er nicht hier oder dort mit List oder Gewalt die kleinen Besatzungen zu vertreiben suchte. Unsere erste Stellungsperiode verging jedoch in angenehmer Ruhe; die Witterung war so schn, da die Leute die milden Nchte im Grase liegend verbrachten. Am 14. Mai wurden wir von der achten Kompagnie abgelst und rckten, das brennende St. Quentin zur Rechten, nach unserem Ruheort Montbrhain, einem groen Dorfe, das noch wenig durch den Krieg gelitten hatte und infolgedessen sehr gemtliche Quartiere aufwies. Am 20. besetzten wir als Reservekompagnie die Siegfriedstellung. Wir hatten die reinste Sommerfrische, tagsber saen wir in den zahlreichen in die Bschung eingebauten Lauben oder badeten und ruderten im Kanal. Der Nachteil solcher Idealstellungen ist der hufige Besuch von Vorgesetzten, der gerade in den Schtzengrben am wenigsten geschtzt wird. Allerdings hatte sich mein linker, an das Dorf Bellenglise grenzender Flgel keineswegs ber Mangel an Feuer zu beklagen. Gleich am ersten Tage bekam einer meiner Leute einen Schrapnellsteckschu in die rechte Gesseite. Als ich auf diese Nachricht hin zur Unglcksstelle eilte, sa er schon wieder ganz vergngt, die Sanitter erwartend, auf der linken Seite, trank Kaffee und a eine riesige Marmeladenstulle dazu. Am 25. Mai lsten wir die zwlfte Kompagnie in der Riqueval-Ferme ab. Diese Ferme, ein ehemaliger groer Gutshof, diente jeweilig einer der vier Stellungskompagnien zum Aufenthalt. Es waren mit je einer Gruppe drei im Hintergelnde verstreute Maschinengewehrsttzpunkte zu besetzen. Diese schachbrettartig hinter der Kampfstellung gruppierten Kampfnester waren die ersten Versuche einer elastischen Verteidigung. Die brigen Leute wurden des Nachts zum Schanzen nach vorn entsandt. Die Ferme lag hchstens 1500 Meter hinter der vorderen Linie, trotzdem waren ihre von einem verwachsenen Park umschlossenen Gebude noch vllig unzerstrt. Sie war, da Stollen erst im Bau waren, auch dicht bewohnt. Die blhenden Rotdorngnge des Parks und die anmutige Umgebung verliehen unserem Dasein trotz der Nhe der Front eine Spur jenes heiteren Lebensgenusses, den der Franzose unter seinem vie de campagne versteht. In meinem Schlafzimmer hatte sich ein Schwalbenprchen eingenistet, das schon in den frhesten Morgenstunden mit der geruschvollen Ftterung seiner unersttlichen Nachkommenschaft begann. Am 30. Mai hatte dieses Idyll fr mich ein Ende, denn der aus dem Lazarett entlassene Leutnant Vogeley bernahm wieder die Fhrung der vierten Kompagnie. Ich begab mich zu meiner alten zweiten Kompagnie, die jetzt unter Fhrung eines Kavallerieleutnants stand, in den Schtzengraben. Unser Abschnitt war von der Rmerstrae bis zum sogenannten Artilleriegraben von zwei Zgen besetzt; der Kompagniefhrer lag mit dem dritten hinter einem kleinen Hange ungefhr 200 Meter zurck. Dort erhob sich auch eine winzige Bretterbude, die ich mit Leutnant Kius zusammen in rhrendem Vertrauen auf die Stmperhaftigkeit der englischen Artilleristen bewohnte. Die eine Seite war an einen kleinen, in der Schurichtung verlaufenden Hang geklebt, die drei anderen boten dem Feinde trutzig die Flanken. Jeden Tag, wenn der Morgengru angefegt kam, konnte man ungefhr folgendes Zwiegesprch, das sich zwischen dem Besitzer der oberen und dem der unteren Pritsche entspann, vernehmen: Du, Ernst! Hm? Ich glaube, sie schieen! Na, la uns man noch ein bichen liegen; ich glaube, das waren die letzten. Nach einer Viertelstunde: Du, Oskar! Ja? Das hrt ja heute gar nicht mehr auf; ich glaube, eben ist eine Schrapnellkugel durch die Wand geflogen. Wir wollen doch lieber aufstehen. Der Artilleriebeobachter nebenan ist schon lange ausgerissen! Die Stiefel hatten wir leichtsinnigerweise immer ausgezogen. Wenn wir fertig waren, war es der Englnder meist auch, und wir konnten uns vergngt an den lcherlich kleinen Tisch setzen, den von der Hitze sauer gewordenen Kaffee trinken und die Morgenzigarre anznden. Nachmittags wurde vor der Tr der englischen Artillerie zum Hohn ein Sonnenbad auf der Zeltbahn genommen. Auch sonst war unsere Bude uerst kurzweilig. Wenn man im dolce far niente auf der Drahtpritsche lag, pendelten riesige Regenwrmer an der Erdwand, die bei Strungen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit in ihre Lcher schossen. Ein grmlicher Maulwurf schnffelte ab und zu aus seinem Bau heraus und trug viel zur Belebung unserer ausgedehnten Siesta bei. Am 12. Juni mute ich mit 20 Mann die zum Kompagnieabschnitt gehrige Feldwache besetzen. Zu spter Stunde verlieen wir die Stellung und schritten auf einem Trampelpfade, der sich durch das wellige Gelnde schlngelte, in den lauen Abend. Die Dmmerung war so weit vorgeschritten, da der rote Mohn auf den verwilderten Feldern mit dem hellgrnen Grase in einem merkwrdig satten Farbenton zusammenschmolz. Wir schlenderten, jeder mit seinen Gedanken beschftigt, mit umgehngtem Gewehr lautlos ber den blumigen Teppich und hatten nach 20 Minuten unser Ziel erreicht. Flsternd wurde die Wache bergeben, leise die Posten aufgestellt, dann entschwand die abgelste Mannschaft im Dunkel. Die Feldwache lehnte sich an einen kleinen Steilhang. Im Rcken flo ein wirr verwachsenes Waldstck in die Nacht, vom Hange durch einen 100 Meter breiten Wiesenstreifen getrennt. Davor und in der rechten Flanke erhoben sich zwei Hgel, auf denen die englische Linie verlief. Zwischen diesen Hgeln fhrte ein Hohlweg zum Gegner. Dort traf ich beim Abgeben meiner Posten den Vizefeldwebel Hackmann mit einigen Leuten der siebenten Kompagnie im Begriff, eine Patrouille zu machen. Ich schlo mich ihnen als Schlachtenbummler an, trotzdem ich eigentlich meine Feldwache nicht verlassen durfte. Wir berschritten, indem wir eine von mir erfundene Methode des Vorgehens anwandten, zwei den Weg sperrende Drahtverhaue und gelangten, seltsamerweise ohne auf einen Posten zu stoen, ber den Hgelkamm, auf dem wir rechts und links vor uns Englnder schanzen hrten. Spter wurde mir klar, da der Gegner seine Postierungen zurckgezogen hatte, um sie nicht bei dem Feuerberfall auf unsere Feldwache, von dem ich gleich berichten werde, in Mitleidenschaft zu ziehen. Meine eben erwhnte Art des Vorgehens bestand darin, da ich in einem Gelnde, in dem wir jeden Augenblick auf den Feind stoen muten, die Patrouillenteilnehmer abwechselnd vorkriechen lie. So befand sich zur Zeit immer nur einer, den sich das Fatum auswhlen mochte, in der Gefahr, von einem lauernden Schtzen erschossen zu werden, whrend die anderen geschlossen weiter hinten zum Eingreifen bereit waren. Ich pflegte mich natrlich fr meine Person von diesem Amte niemals auszuschlieen, trotzdem ich meine Anwesenheit bei der Patrouille selbst fr wichtiger hielt. Indes mu der Frontoffizier im Kriege manchmal aus Rcksichten subjektiver Art taktische Fehler begehen. Wir umschlichen mehrere schanzende Abteilungen, die leider durch dichte Hindernisse von uns getrennt waren. Nachdem der Vorschlag des etwas exzentrischen Feldwebels, sich als berlufer auszugeben und so lange zu verhandeln, bis wir den ersten feindlichen Posten umgangen htten, in einer kurzen Beratung verworfen war, pirschten wir uns mimutig zur Feldwache zurck. Dort setzte ich mich am Steilhange auf meinen Mantel, zndete mir so versteckt wie mglich eine Pfeife an, und berlie mich meiner Phantasie. Inmitten des schnsten Luftschlosses wurde ich durch ein merkwrdiges Rascheln im Waldstck und auf der Wiese hochgeschreckt. Vorm Feinde liegen die Sinne immer auf der Lauer und es ist sonderbar, da man in solchen Augenblicken bei gar nicht ungewhnlichen Geruschen sofort bestimmt wei: Jetzt ist etwas los! Gleich darauf kam der nchste Posten angestrzt: Herr Leutnant, es gehen 70 Englnder gegen den Waldrand vor! Ich wunderte mich etwas ber die przise Zahlenangabe, versteckte mich aber vorsichtshalber mit den vier in meiner Nhe liegenden Leuten oben auf dem Steilhange im hohen Grase, um die weitere Entwicklung der Dinge zu beobachten. Nach einigen Sekunden sah ich einen Trupp ber die Wiese huschen. Whrend meine Leute die Gewehre darauf richteten, rief ich ein leises: Wer da? Es war der Unteroffizier Teilengerdes, ein bewhrter alter Krieger der zweiten Kompagnie, der seine aufgeregte Gruppe zu sammeln versuchte. Ich raffte rasch alles zusammen und lie eine Schtzenlinie formieren, deren Flgel sich an Steilhang und Waldstck lehnten. In einer Minute standen die Leute mit aufgepflanztem Seitengewehr. Als ich die Richtung nachsah und einen etwas zurckstehenden Mann zurechtweisen wollte, bekam ich zur Antwort: Ich bin Krankentrger. Der Mann hatte sein Exerzierreglement gut im Kopfe. Beruhigt durch diesen Triumph preuischer Disziplin, lie ich antreten. Whrend wir den Wiesenstreifen berschritten, setzte von englischer Seite ein Schrapnellhagel und wildes Maschinengewehrgeknatter ein. Wir gingen unwillkrlich in Laufschritt ber, um den toten Winkel des vor uns liegenden Hgels zu gewinnen. Pltzlich erhob sich vor mir ein dunkler, Schatten. Ich ri eine Handgranate ab und schleuderte sie ihm entgegen. Zu meinem Schrecken erkannte ich beim Aufblitzen der Explosion den Unteroffizier Teilengerdes, der unbemerkt vorgelaufen und ber einen Draht gestolpert war. Glcklicherweise blieb er unverletzt. Gleichzeitig ertnte neben uns das schrfere Krachen englischer Handgranaten, und das Schrapnellfeuer verstrkte sich zu unangenehmer Dichte. Meine Schtzenlinie zerflatterte und verschwand in der Richtung auf den Steilhang, der unter schwerem Feuer lag, whrend ich mit Teilengerdes und drei Getreuen meinen Platz behielt. Pltzlich stie mich einer an: Die Englnder! Wie eine Vision bohrte sich sekundenlang auf der nur durch stiebende Funken erhellten Wiese eine Doppelschnur knieender Gestalten in mein Auge, sich gerade erhebend und avancierend. Ich erkannte deutlich die Figur des Offiziers am rechten Flgel. Wir sprangen auf und rannten dem Steilhang zu. Trotzdem ich ber einen tckisch durchs hohe Gras gespannten Draht stolperte und mich berschlug, kam ich doch glcklich an und brachte meine erregten Leute allerdings nur durch Anwendung hchster Energie in eine auf Tuchfhlung gedrngte Schtzenlinie. Ich habe immer erfahren, da in solchen Augenblicken der gewhnliche Mann, der vollauf mit seiner persnlichen Gefahr beschftigt ist, die scheinbar unbeteiligte Sachlichkeit des Fhrers bewundert, der inmitten der tausend entnervenden Eindrcke des Gefechts die Ausfhrung seines Auftrages klar im Auge hat. Diese Bewunderung hebt jeden ritterlich Gesinnten ber sich selbst hinaus und spornt ihn zu immer greren Leistungen an, so da Fhrer und Mannschaft sich aneinander zu gewaltiger Energieentfaltung entznden. Der moralische Faktor ist eben alles. Schlagartig verstummte das Feuer, whrend ein vielfaches Knacken und Rauschen durch das Unterholz des Wldchens glitt. Halt! Wer da! Parole?! Wir brllten wohl fnf Minuten lang und schrieen auch das alte Losungswort des 1. Bataillons Lttje Lage, ein Ausdruck fr Schnaps und Bier, jedem Hannoveraner gelufig; doch antwortete uns nur ein seltsames, unverstndliches Geschrei. Endlich nahm ich die Verantwortung auf mich und lie feuern, trotzdem einige Leute behaupteten, deutsche Worte gehrt zu haben. Meine zwanzig Gewehre fegten ihre Geschosse in das Wldchen, die Kammern rasselten, und bald hatte sich das Geschrei drben in Wimmern verwandelt. Ich hatte dabei ein flaues Gefhl der Ungewiheit. Doch blitzten uns ab und zu gelbe Flmmchen entgegen. Einer von uns bekam einen Schulterschu und wurde durch den Sanitter verbunden. Stopfen! Langsam drang das Kommando durch, und das Feuer ruhte. Die Spannung der Nerven war durch die Tat gedmpft. Erneutes Parolerufen und meinerseits die berredende Aufforderung: Come here, you are prisoners, hands up! Darauf drben vielstimmiges Geschrei. Ein einzelner lste sich vom Waldsaum und kam auf uns zu. Einer beging die Dummheit, ihm Parole! entgegenzurufen, worauf er stehen blieb und sich umdrehte. Schiet ihn kaputt! Ein Dutzend Schsse; die Gestalt sank zusammen und glitt ins hohe Gras. Dieser kleine Zwischenakt erfllte uns mit einem Gefhl der Genugtuung. Vom Waldrande erscholl wieder wirres Rufen; es klang, als ob die Angreifer sich gegenseitig ermutigten, gegen die geheimnisvollen Verteidiger vorzugehen. In hchster Spannung starrten wir auf den dunklen Streifen. Es begann zu dmmern, und ein leichter Nebel stieg vom Wiesengrunde auf. Da hob sich eine Reihe von Schatten aus dem Dunkel. Fnf, zehn, fnfzehn, eine ganze Kette. Zitternde Hnde lsten die Sicherungsflgel. Auf 50 Meter waren sie heran, 30, 15 . . . . . Feuerrr! Minutenlang knatterten die Gewehre. Funken sprhten auf, wenn spritzende Bleikerne gegen Waffen und Stahlhelme wuchteten. Pltzlich ein Schrei: Aaaachtung, links! Eine Schar von Angreifern schnellte von ganz links auf uns zu, voran eine Riesengestalt mit vorgestrecktem Revolver, eine weie Keule schwingend. Linke Gruppe links schwenken! Die Leute flogen herum und empfingen die Ankmmlinge stehend. Einige der Gegner, darunter der Fhrer, brachen unter den hastig abgefeuerten Schssen zusammen, die anderen verschwanden spurlos, ebenso schnell wie sie gekommen waren. Das war der Moment zum Draufgehen. Mit aufgepflanztem Seitengewehr und wtendem Hurra strmten wir das Wldchen. Handgranaten flogen in das verschlungene Gestrpp, und im Nu waren wir wieder im Alleinbesitz unserer Feldwache, allerdings ohne den geschmeidigen Gegner gepackt zu haben. Wir sammelten uns in einem angrenzenden Kornfeld und starrten in die blassen, bernchtigen Gesichter der Kameraden. Die Sonne war strahlend aufgegangen. Eine Lerche stieg hoch und rgerte uns durch ihr Trillern. Wir waren ungefhr in derselben Stimmung, in der man nach einer durchspielten Nacht die Karten auf den Tisch wirft, wenn die khle Morgenluft sich durch die aufgerissenen Fenster mit abgestandenem Zigarrenqualm vermengt. Whrend wir uns die Feldflaschen boten und eine Zigarette ansteckten, hrten wir, wie sich der Gegner mit einigen laut jammernden Verwundeten durch den Hohlweg entfernte. Ich beschlo den Kampfplatz abzugehen. Aus der Wiese, auf der wir die Schtzenlinie zusammengeschossen hatten, stiegen fremdartige Rufe und Schmerzensschreie. Wir entdeckten im hohen Grase eine Reihe von Toten und drei Verwundete, die uns um Gnade anflehten. Sie schienen fest berzeugt, von uns umgebracht zu werden. Auf meine Frage: Quelle nation? antwortete einer: Pauvre Radschput! Wir hatten Inder vor uns, weit bers Meer gekommen, um sich bei diesem gottverlassenen Stck Erde an Hannoverschen Fsilieren die Schdel einzurennen. Die zierlichen Gestalten waren bel zugerichtet. Auf diese kurzen Entfernungen besitzt das Infanteriegescho Sprengwirkung. Keiner hatte weniger als zwei Schsse bekommen. Wir nahmen sie auf und schleppten sie zu unserem Graben. Da sie schrieen, als ob sie am Spie stken, verstopften ihnen meine Leute den Mund und drohten mit der Faust, wodurch sie in ihrer Angst noch bestrkt wurden. Einer starb schon whrend des Transportes. Er wurde doch noch mitgenommen, da auf jeden Gefangenen, ob tot oder lebendig, eine Prmie gesetzt war. Die beiden anderen suchten unser Wohlgefallen zu gewinnen, indem sie fortwhrend riefen: Anglais pas bon! Weshalb diese Leute franzsisch sprachen, ist mir nicht recht klar geworden. Im Graben wurden wir von der Kompagnie, die den Lrm des Kampfes gehrt und schweres Absperrungsfeuer bekommen hatte, mit Jubel empfangen und unsere Beute gebhrend bestaunt. Ich zog mich mit Kius, der gleich ein halbes Dutzend Aufnahmen machte, in unsere Htte zurck und lie mich von ihm zur Feier des Tages mit Spiegeleiern bewirten. Unsere Leistung erregte berechtigtes Aufsehen und wurde im Divisionstagesbefehl lobend besprochen. Wir hatten mit 20 Mann einer um das Mehrfache berlegenen Abteilung, die uns schon in den Rcken gekommen war, siegreich widerstanden. Ein solcher Erfolg ist natrlich nur durch eine glnzend disziplinierte Truppe von hoher moralischer Qualitt zu erzielen. Ich selbst konnte mir mit Befriedigung sagen, da ich durch berlegenheit ber die Situation und persnliche Einwirkung auf meine Leute dem feindlichen Fhrer eine arge Enttuschung und ein frhzeitiges Grab bereitet hatte. Wir beiden hatten unsere Fhigkeiten in derselben Weise gemessen, wie es bei kleinen Offiziersbungen in der Garnison blich ist; nur hatten wir nicht mit Platzpatronen geschossen. Sollte ein Angehriger der 1st Hariana Lancers diese Zeilen lesen, so sei ihm hier meine Achtung ausgesprochen fr eine Truppe, die solche Fhrer ihr eigen nennt wie diesen Oberleutnant, gegen den ich die Ehre hatte zu kmpfen. Was sagt Nietzsche vom Kriegsvolke? Ihr drft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten. Ihr mt stolz auf Euren Feind sein, dann sind die Erfolge des Feindes auch Eure Erfolge. Am nchsten Abend bekam ich Befehl, die Feldwache, bei der sich tagsber der Sichtverhltnisse wegen niemand aufhalten konnte, wieder zu besetzen. Kius und ich faten mit 50 Mann zangenfrmig um das Gehlz und trafen am Steilhange zusammen. Vom Feinde war nichts zu bemerken, nur aus dem Hohlwege, den ich mit dem Feldwebel Hackmann erkundet hatte, rief uns ein Posten an, scho eine Leuchtkugel ab und feuerte. Wir merkten uns den unvorsichtigen jungen Mann fr unseren nchsten Ausflug vor. An der Stelle, wo wir in der vorigen Nacht den Flankenangriff abgeschlagen hatten, lagen drei Leichen. Es waren zwei Inder und ein weier Offizier mit zwei goldenen Sternen auf den Achselstcken, also ein Oberleutnant. Er hatte einen Schu ins Auge bekommen. Das Gescho hatte die entgegengesetzte Schlfe durchbohrt und den Rand seines Stahlhelmes zerschmettert, der sich heute in meiner Sammlung derartiger Dinge befindet. Seine Rechte hielt noch die von eigenem Blut bespritzte Keule, die Linke einen groen, sechsschssigen Coldrevolver umspannt, dessen Trommel nur noch zwei scharfe Patronen enthielt. Meine Leute plnderten die Gefallenen. Dieser Anblick hat mich immer unangenehm berhrt, doch mischte ich mich nicht ein, da die Sachen doch nur dem Verderben ausgesetzt waren, und sthetische oder moralische Bedenken mir in dem dunklen Wiesengrund ber dem noch die ganze rohe Unerbittlichkeit des Kampfes schwebte, nicht recht am Platze schienen. In den nchsten Tagen machte sich noch eine Anzahl im Unterholz des Wldchens verborgener Leichen bemerkbar, ein Zeichen der schweren Verluste der Gegner, das den Aufenthalt auf Feldwache noch weniger einladend machte. Als ich mich einmal allein durch das Gestrpp arbeitete, fiel mir ein merkwrdiges, zischendes und sprudelndes Gerusch auf. Ich trat nher und stie auf zwei Leichname, die infolge der Hitze zu einem gespenstischen Leben erwacht schienen. Am Abend des 19. Juni ging ich mit dem kleinen Schultz, zehn Mann und einem leichten Maschinengewehr von dem allmhlich etwas beklemmenden Orte auf Patrouille aus, um dem Posten, der sich neulich so forsch im Hohlweg bemerkbar gemacht hatte, einen Besuch abzustatten. Schultz ging mit seinen Leuten rechts, ich links vom Hohlweg vor mit der Verabredung, uns gegenseitig beizuspringen, wenn ein Trupp Feuer bekme. Wir arbeiteten uns kriechend, ab und zu lauschend, durch Gras und Ginstergestrpp vor. Pltzlich ertnte das klappernde Gerusch einer Gewehrkammer. Wir lagen wie angegossen am Boden. Jeder alte Patrouillengnger wird die Reihe unangenehmer Gefhle der nchsten Sekunden zu wrdigen wissen. Ein Schu zerri die drckende Stille. Ich lag hinter einer Ginsterstaude und wartete ab. Rechts von mir warf ein Mann Handgranaten in den Hohlweg. Schlagartig sprhte eine Feuerlinie vor uns auf. Der ekelhaft scharfe Knall der Abschsse verriet, da die Schtzen nur wenige Meter von uns lagen. Ich sah, da wir in eine ble Falle geraten waren und rief zum Rckzug. Alles sprang hoch und rannte in wahnsinniger Hast zurck, whrend auch zu unserer Linken Gewehrfeuer einsetzte. Inmitten dieses entnervenden Geknatters gab ich jede Hoffnung an heiles Zurckkommen auf. Das Unterbewutsein war in stndiger Erwartung eines Treffers. Der Tod hielt eine Hetzjagd ab. Irgendwo neben uns ging eine Abteilung mit schrillem Hurrh auf uns los. Der kleine Schultz gestand mir spter, die Vorstellung gehabt zu haben, da ein hagerer Inder messerschwingend hinter ihm her wre und ihn schon fast am Kragen gepackt htte. Einmal strzte ich und ber mich hinweg der Unteroffizier Teilengerdes. Ich verlor Stahlhelm, Pistole und Handgranaten. Nur weiter! Endlich erreichten wir den schirmenden Steilhang und preschten hinunter. Zu gleicher Zeit kam der Leutnant Schultz mit seinen Leuten an. Er berichtete mir ganz auer Atem, da er wenigstens den frechen Posten durch Handgranaten gezchtigt htte. Gleich darauf brachten zwei Leute den Fsilier F. angeschleppt, der Schsse durch beide Beine bekommen hatte. Alle anderen waren unverwundet. Das grte Unglck war, da der Mann, der das Maschinengewehr getragen hatte, ein Rekrut, ber den Verwundeten gefallen war, und das Ding liegen gelassen hatte. Whrend wir noch lebhaft debattierten und eine zweite Expedition planten, setzte ein Artilleriefeuer ein, das mich genau an die Nacht vom 12. erinnerte, auch in bezug auf die heillose Verwirrung, die sofort ausbrach. Ich fand mich ohne Waffe am Steilhang allein mit dem Verwundeten, der sich mit beiden Hnden vorwrtszog, an mich herankroch und jammerte: Herr Leutnant, nicht allein lassen! Ich mute, so leid es mir tat, ihn liegen lassen und mich an der Aufstellung der Feldwache beteiligen. Ich sammelte die Leute in einer Reihe von Postenlchern am Waldrande, war jedoch herzlich froh, als der Morgen dmmerte, ohne da sich etwas Besonderes ereignet htte. In derartigen Augenblicken war ich immer wieder erstaunt und gerhrt von dem glubigen Vertrauen des Mannes auf die berlegenheit den Offiziers ber die Lage. Herr Leutnant, wo sollen wir hin? Herr Leutnant, zu Hilfe, ich bin verwundet! Wo ist der Leutnant? Dann Fhrer zu sein mit klarem Kopfe, birgt den schnsten Lohn in sich, wie die Feigheit ihre Strafe. Ich habe stets den Feigling bemitleidet, dem die Schlacht zu einer Reihe hllischer Qualen wurde, die der Mutige in gesteigerter Lebenskraft nur als eine Kette aufregender Ereignisse betrachtete. Die nchste Nacht fand uns an demselben Orte mit der Absicht, unser Maschinengewehr wiederzuholen, doch verriet uns eine Reihe verdchtiger Gerusche beim Anschleichen, da wieder eine starke Besatzung lauern mute. Es wurde daher beschlossen (ein Ehrenstandpunkt, der wie so mancher andere im Kriege uns innerlich fluchen machte), die verlorene Waffe mit Gewalt wiederzuerobern. Wir sollten um 12 Uhr nachts nach einer Feuervorbereitung von drei Minuten die feindlichen Postierungen angreifen und das Gewehr suchen. Ich machte gute Miene zum bsen Spiel und scho am Nachmittage selbst einige Batterien ein. Um 11 Uhr fand ich mich mit meinem Unglckskameraden Schultz wieder auf dem unheimlichen Stck Erde, auf dem mir schon so manche wilde Stunde geblht hatte. Der Verwesungsgeruch in der schwlen Luft war kaum mehr auszuhalten. Wir berstreuten die Leichen mit Chlorkalk, den wir in Scken mitgebracht hatten. Wie Leichentcher leuchteten die weien Flecke aus dem Dunkel. Das Unternehmen fing damit an, da uns die eigenen Maschinengewehrgeschosse fortwhrend um die Beine flogen und in den Steilhang klatschten. Deswegen entstand ein heftiger Zank zwischen mir und dem kleinen Schultz, der die Gewehre selbst eingerichtet hatte. Wir vershnten uns jedoch wieder, als Schultz mich hinter einem Busche im Zwiegesprch mit einer Flasche Burgunder entdeckte, die ich zur Strkung fr das bedenkliche Abenteuer mitgenommen hatte. Zur verabredeten Zeit brauste die erste Granate heran. Sie schlug 50 Meter hinter uns ein. Ehe wir uns noch ber diese seltsame Schieerei verwundern konnten, sa eine zweite neben uns auf dem Steilhange und berschauerte uns mit einem Erdregen. Hierbei durfte ich noch nicht einmal fluchen, denn ich hatte die Geschtze ja selbst eingeschossen. Nach dieser wenig ermunternden Einleitung gingen wir vor, mehr der Ehre wegen als in der Hoffnung auf Erfolg. Wir hatten das Glck, da die Posten anscheinend ihre Pltze verlassen hatten, sonst wre uns wohl ein sehr unsanfter Willkomm zuteil geworden. Leider fanden wir das Maschinengewehr auch nicht. Da wir am folgenden Tage durch Truppen einer anderen Division abgelst wurden, hatte das Geplnkel ein Ende. Wir kamen vorlufig nach Montbrhain zurck und marschierten von dort nach Cambrai, wo wir fast den ganzen Monat Juli verlebten. Die Feldwache ging in der auf unsere Ablsung folgenden Nacht endgltig verloren. Langemarck. Cambrai ist ein ruhiges, vertrumtes Stdtchen des Artois, an dessen Namen sich manche historische Erinnerung knpft. Enge, altertmliche Gassen schlingen sich um das mchtige Rathaus, verwitterte Stadttore und viele Kirchen. Wuchtige Trme ragen aus einem Gewirr winkliger Giebel. Breite Alleen fhren zu dem gepflegten Stadtpark, den ein Denkmal des Fliegers Blriot ziert. Die Einwohner sind stille, freundliche Leute, die in den groen, einfach aussehenden und reich ausgestatteten Husern ein behagliches Spiebrgerdasein fhren. Viele Rentiers verbringen hier ihren Lebensabend. Das Stdtchen fhrt mit Recht den Beinamen la ville des millionaires, denn kurz vor dem Kriege zhlte man darin ber 40 Millionre. Der groe Krieg ri das stille Nest brutal aus seinem Dornrschenschlummer und verwandelte es in einen Brennpunkt riesiger Schlachten. Ein hastiges, neues Leben rasselte ber das holperige Pflaster und klirrte gegen die kleinen Fenster, hinter denen ngstliche Gesichter lauerten. Fremde Gesellen tranken die liebevoll gefllten Keller leer, warfen sich in die mchtigen Mahagonibetten und strten in stndigem Wechsel die beschauliche Ruhe der Privatiers, die nun inmitten des verwandelten Milieus an den Ecken und Haustren zusammenstanden, sich mit vorsichtiger Stimme Schauermren und sicherste Nachrichten ber den baldigen Endsieg der Landsleute zuraunend. Die Leute wohnten in einer Kaserne, die Offiziere waren in der Rue-des-Liniers untergebracht. Diese Strae nahm whrend unserer Anwesenheit das Aussehen eines Studentenviertels an; allgemeine Unterhaltungen aus den Fenstern, nchtliche Gesnge und kleine romantische Abenteuer waren an der Tagesordnung. Jeden Morgen rckten wir zum Exerzieren auf den groen Platz bei dem spter berhmt gewordenen Dorfe Fontaine. Ich hatte einen sehr interessanten Dienst, denn der Oberst von Oppen hatte mir die Ausbildung des Sturmtrupps bertragen. Mein Quartier war uerst behaglich; selten lieen meine Wirte, das freundliche Juwelierehepaar Plancot-Bourlon, mich mittags essen, ohne mir irgend etwas Gutes heraufzuschicken. Abends saen wir bei einer Tasse Tee zusammen, spielten und plauderten. Besonders oft wurde natrlich die schwer zu beantwortende Frage errtert, warum die Menschen Krieg fhren mten. Whrend dieser Stunden gab der gute Monsieur Plancot mancherlei Schwnke der allzeit migen und witzigen Brger Cambrais zum besten, die in Friedenszeiten Straen, Weinschnken und Wochenmarkt in schallendes Gelchter versetzt hatten, und die mich lebhaft an Claude Tilliers kstlichen Onkel Benjamin erinnerten. Am 25. Juli nahmen wir Abschied von dem lieben Stdtchen und fuhren nordwrts nach Flandern. In den Zeitungen hatten wir gelesen, da dort schon wochenlang ein Artilleriekampf tobte, wie ihn die Weltgeschichte noch nicht gesehen. In Staden wurden wir unter fernem Kanonendonner ausgeladen und marschierten durch die ungewohnte Landschaft nach dem Ohndanklager. Rechts und links von der schnurgeraden Chaussee grnten fruchtbare, beetartig erhhte Felder und saftige, wasserreiche, von Hecken besumte Wiesen. Weit verstreut lagen saubere Bauernhfe mit niederen Stroh- oder Ziegeldchern, an deren Mauern Bndel von Tabakspflanzen zum Trocknen aufgehngt waren. Die des Wegs kommenden Landleute waren von germanischem Typ und unterhielten sich in derber, heimatlich anmutender Sprache. Wir verbrachten den Nachmittag in den Grten von Einzelgehften, der Sicht der feindlichen Flieger entzogen. Ab und zu sausten mit weit herkommendem Gurgeln gewaltige Granaten von Schiffsgeschtzen ber unsere Kpfe hinweg und explodierten in der Nhe. Eine schlug in einen der zahlreichen kleinen Bche und ttete einige badende Leute vom Regiment 91. Gegen Abend mute ich mit einem Vorkommando zur Stellung des Bereitschaftsbataillons abrcken, um die Ablsung vorzubereiten und meine Leute einzuweisen. Wir gingen durch den Houthulster Wald und das Dorf Kokuit zum Reservebataillon und wurden auf diesem Wege durch schwere Granaten einige Male aus dem Schritt gebracht. In der Dunkelheit hrte ich die Stimme eines Rekruten: Der Leutnant legt sich ja nie hin. Der wei ganz genau Bescheid, wurde er durch einen lteren belehrt. Wenn eine richtig kommt, ist er der erste, der liegt! Der Mann hatte meinen stets befolgten Grundsatz durchschaut. Nimm nur Deckung, wenn es ntig ist, dann aber pltzlich. Den Grad der Notwendigkeit kann allerdings nur der Kriegserfahrene beurteilen, der den Endpunkt der Geschokurve schon im Gefhl hat, ehe der Neuling noch das leichte, ankndigende Flattern wahrnimmt. Unsere Fhrer, die ihrer Sache nicht ganz sicher schienen, wanden sich durch einen endlos langen Schachtelgraben vor. So nennt man Grben, die des Grundwassers wegen nicht tief gebaut, sondern mit Sandscken und Faschinen auf den gewachsenen Boden gesetzt sind. Dann streiften wir einen unheimlich zerflederten Wald, aus dem der Erzhlung der Fhrer zufolge vor einigen Tagen ein Regimentsgefechtsstand durch die Kleinigkeit von 1000 24-cm-Granaten vertrieben war. Hier scheint es ja grozgig zuzugehen, dachte ich mir dabei im stillen. Nachdem wir kreuz und quer durch dichtes Unterholz geirrt waren, standen wir ratlos, von unseren Fhrern verlassen, auf einem schilfbewachsenen Stck Erde, von moorigen Smpfen eingefat, auf deren schwarzen Spiegeln sich das Mondlicht brach. Fortwhrend krachte es irgendwo auf, und hochgeschleuderter Schlamm klatschte pltschernd ins Wasser. Endlich kam der unglckliche Fhrer, auf den sich unsere ganze Wut verdichtete, zurck und gab an, den Weg gefunden zu haben. Er fhrte uns jedoch wieder irre, bis zu einem Sanittsunterstand, ber dem in regelmigen, ganz kurzen Abstnden zwei Schrapnells explodierten, die ihre Kugeln und Hohlblser durch das Gest prasseln lieen. Der diensthabende Arzt gab uns einen vernnftigen Mann mit, der uns zur Museburg, dem Sitze des Bereitschaftskommandeurs, geleitete. Ich begab mich gleich weiter zu der Kompagnie des Regiments 225, die von der zweiten Kompagnie abgelst werden sollte und fand nach langem Suchen im Trichtergelnde einige zerfallene Huser, die innen unauffllig durch Eisenbeton verstrkt waren. Das eine war am Tage vorher durch einen schweren Treffer eingedrckt und die Besatzung durch die niederkrachende Dachplatte wie in einer Mausefalle zerquetscht worden. Den Rest der Nacht brachte ich in dem berfllten Betonklotz des Kompagniefhrers, eines biederen Frontschweins, zu, der sich mit seinen Ordonnanzen die Zeit mittels einer Schnapsflasche und einer groen Dose Schweinefleisch vertrieb und fters diese Beschftigung unterbrach, um kopfschttelnd dem stndig wachsenden Artilleriefeuer zu lauschen. Dann pflegte er die schnen Zeiten in Ruland zu beseufzen und fluchte ber die Auspumpung seines Regiments. Endlich fielen mir die Augen zu. Der Schlaf war schwer und beklommen; die in der undurchdringlichen Dunkelheit rings um das Haus niederfallenden Brisanzgranaten riefen inmitten der toten Landschaft ein unbeschreibliches Gefhl der Einsamkeit und Verlassenheit hervor. Ich schmiegte mich unwillkrlich an einen Mann, der neben mir auf der Pritsche lag. Einmal wurde ich durch einen starken Sto hochgeschreckt. Meine Leute leuchteten die Wnde ab, um nach einem Loch zu suchen. Es stellte sich heraus, da eine leichte Granate an der Auenwand geplatzt war. Den nchsten Nachmittag verbrachte ich beim Bataillonskommandeur auf der Museburg, da ich mich noch ber einige wichtige Fragen informieren mute. Andauernd schlugen neben der Befehlsstelle 15-cm-Granaten ein, whrend der Rittmeister mit seinem Adjutanten und dem Ordonnanzoffizier einen endlosen Skat spielte und eine Seltersflasche voll schlechten Fusels kreisen lie. Manchmal legte er die Karten hin, um einen Melder abzufertigen oder stellte mit sorgenvoller Miene die Bombensicherheit unseres Betonklotzes zur Diskussion. Trotz seiner eifrigen Gegenreden (der Wunsch war deutlich der Vater des Gedankens) berzeugten wir ihn, da wir einem Treffer von oben nicht gewachsen wren. Am Abend entbrannte das allgemeine Feuer zu rasender Heftigkeit, vorn stiegen in unaufhrlicher Folge bunte Leuchtkugeln hoch. Staubbedeckte Lufer brachten die Meldung, da der Feind angriffe. Nach wochenlangem Trommeln wurde der Infanteriekampf eingeleitet. Zum Stande des Kompagniefhrers zurckgekehrt, wartete ich auf das Eintreffen der zweiten Kompagnie, die um 4 Uhr morgens whrend eines lebhaften Feuerberfalls erschien. Ich bernahm gleich meinen Zug und fhrte ihn an seinen Platz, einen von den Trmmern eines vernichteten Hauses bedeckten Betonbau, der unsglich verlassen inmitten eines riesigen Trichterfeldes von grauenhafter Wstheit lag. Um 6 Uhr morgens lichtete sich der dichte flandrische Nebel und gab uns einen Ausblick auf unsere schaurige Umgebung. Gleich darauf erschien, dicht ber dem Erdboden hngend, ein Schwarm feindlicher Flieger und durchforschte, Sirenensignale abgebend, das zerstampfte Gelnde, whrend versprengt umherirrende Infanteristen sich in Granatlchern zu verbergen suchten. Eine halbe Stunde spter setzte ein furchtbarer Feuerberfall ein, der unsere Zufluchtsinsel einem taifungepeitschten Meere gleich umbrandete. Der Wald von Einschlgen um uns verdichtete sich zu einer wirbelnden Wand. Wir hockten zusammen und erwarteten jeden Augenblick den schmetternden Treffer, der uns samt den Betonblcken spurlos hinwegfegen und unseren Aufenthalt der Trichterwste gleichmachen mute. Unter derartigen gewaltigen Feuersten, auf die wir uns in lngeren Pausen vorbereiten konnten, verging der ganze Tag. Am Abend erschien eine erschpfte Ordonnanz und bergab mir einen Befehl, aus dem ich entnahm, da die erste, dritte und vierte Kompagnie um 10.50 Uhr zum Gegensto antreten, die zweite ihre Ablsung erwarten und in die vordere Linie einschwrmen sollte. Um den nchsten Stunden gekrftigt entgegensehen zu knnen, legte ich mich nieder, nicht ahnend, da mein Bruder Fritz, den ich noch in Hannover whnte, mit einer Gruppe der dritten Kompagnie durch den Feuerorkan dicht an meiner Htte vorbei zum Sturm vorging. Mein Schlaf wurde lange durch das Jammern eines Verwundeten gestrt, den zwei im Trichterfelde verirrte Sachsen, die vllig erschpft eingeschlafen waren, bei uns niedergelegt hatten. Als sie am nchsten Morgen erwachten, war ihr Kamerad tot. Sie trugen ihn in das nchste Granatloch, berdeckten ihn mit ein paar Schaufeln Erde und entfernten sich, eines der unzhligen einsamen und unbekannten Grber des Krieges zurcklassend. Ich erwachte erst um 11 Uhr aus tiefem Schlummer, wusch mich in meinem Stahlhelm und schickte nach Befehlen zum Kompagniefhrer, der zu meinem Erstaunen schon abgerckt war, ohne mich und den Zug Kius berhaupt benachrichtigt zu haben. Es zeigten sich eben die Folgen davon, da Offiziere fremder Waffengattungen, die nicht einmal Gewehr ber! kommandieren konnten, nur ihres Dienstalters wegen gleich an der Spitze von Kompagnien in die Infanterieschlacht geschickt wurden. Derartige Anciennittsrcksichten mag man, wenn man nicht ohne sie auszukommen glaubt, da anwenden, wo keine Menschenleben in Frage kommen. O, rhret, rhret nicht daran! Wir haben so manches Mal im Unterstand und hinterm Becher darber geflucht, aber nur unter uns. Es war angenehmer, gegen das Fort Douaumont Sturm zu laufen, als gegen dieses uralte Erbbel. Den friderizianischen Geist in hohen Ehren, aber Percken, Zpfe und Rangordnung auf Kammer zu den Donnerbchsen von 1806, wenn es noch einmal losgehen sollte. Whrend ich noch fluchend auf meiner Pritsche sa und berlegte, was ich tun sollte, erschien eine Ordonnanz vom Bataillon und bergab mir den Befehl, sofort die achte Kompagnie zu bernehmen. Ich erfuhr, da der Gegenangriff des I. Bataillons in der vorigen Nacht unter starken Verlusten zusammengebrochen war, und da die Reste in einem vor uns liegenden Wldchen, dem sogenannten Dobschtzwald, und rechts und links davon eine Verteidigungsstellung bezogen htten. Die achte Kompagnie hatte den Auftrag gehabt, zur Verstrkung in das Wldchen einzuschwrmen, war jedoch im Zwischengelnde unter starken Verlusten im Sperrfeuer zerstoben. Da auch der Kompagniefhrer, Oberleutnant Bdingen, gefallen war, sollte ich die Kompagnie erneut vorfhren. Nachdem ich mich von meinem verwaisten Zuge verabschiedet hatte, machte ich mich mit der Ordonnanz auf den Weg quer durch die schrapnellbestreute Einde. Eine verzweifelnde Stimme hielt unseren gebckten Lauf fr einen Augenblick an. In der Ferne winkte eine halb aus einem Trichter ragende Gestalt mit blutendem Armstumpfe. Wir wiesen auf unsere eben verlassene Htte und hasteten weiter. Ich fand die achte Kompagnie als ein entmutigtes, hinter einer Reihe von Betonkltzen hockendes Huflein vor, das ein nochmaliges Vorgehen gegen die uns vom Dobschtzwald trennende Wand schwerer Einschlge fr unmglich erklrte. Sieben Mann meldeten sich krank. Dagegen blieb mir nur der Beweis ad oculos brig. Ich befahl, mir zu folgen, und sprang mitten ins Feuer hinein. Schon nach ein paar Stzen berschttete mich eine Granate, die ihren Kegel zum Glck ganz steil hochwarf, mit Erde und schleuderte mich in den nchsten Trichter. Ich merkte jedoch bald, da die Wut des Feuers weiter vorn geringer wurde. Nachdem ich mich 200 Meter weit vorgearbeitet hatte, sah ich mich um. Das Gelnde war menschenleer. Endlich tauchten zwei Mann aus Rauch- und Staubwolken auf, dann noch einer, dann wieder zwei. Mit diesen fnf Leuten erreichte ich glcklich mein Ziel. In einem halb zerschmetterten Betonklotz saen Leutnant Sandvo, Fhrer der dritten Kompagnie, und der kleine Schultz mit drei schweren Maschinengewehren. Ich wurde mit lautem Hallo und einem Schluck Kognak empfangen, dann erklrten sie mir die Lage, die sehr wenig angenehm war. Dicht vor uns sa der Englnder, rechts und links war kein Anschlu. Ganz unvermittelt fragte mich Sandvo, ob ich etwas von meinem Bruder gehrt htte. Man wird sich meine Gefhle vorstellen knnen, als ich erfuhr, da er den gestrigen Sturm mitgemacht habe und vermit sei. Gleich darauf kam ein Mann und teilte mir mit, da mein Bruder verwundet in einem nahen Unterstand lge und zeigte dabei auf ein wstes, von entwurzelten Bumen bedecktes Blockhaus. Ich eilte ber eine Lichtung, die unter gezieltem Gewehrfeuer lag und trat ein. Welch ein Wiedersehen! Mein Bruder lag in einem von Leichengeruch erfllten Raum inmitten einer Menge chzender Schwerverwundeter. Er war in einer traurigen Verfassung. Beim Sturm hatten ihn zwei Schrapnellkugeln getroffen, die eine hatte die Lunge durchschlagen, die andere das rechte Oberarmgelenk zerschmettert. Das Fieber glnzte ihm aus den Augen; er konnte nur mit Mhe sich bewegen, sprechen und atmen. Wir drckten uns die Hand und erzhlten. Es war mir klar, da er nicht an diesem Orte bleiben durfte, denn jeden Augenblick konnte der Englnder strmen, oder eine Granate dem schwerbeschdigten Betonklotz den Rest geben. Der beste Bruderdienst war, ihn sofort zurckzuschaffen. Trotzdem Sandvo sich gegen jede Schwchung unserer Kampfkraft strubte, gab ich den fnf mit mir gekommenen Leuten den Auftrag, meinen Bruder zum Sanittsunterstand Kolumbusei zu schaffen und von dort Leute zur Bergung der anderen Verwundeten mitzubringen. Wir knpften ihn in eine Zeltbahn und steckten eine lange Stange hindurch, dann nahmen ihn zwei Mann auf die Schultern. Noch ein Hndedruck, dann setzte sich der traurige Zug in Bewegung. Ich sah vom Waldrande aus der schwankenden Last nach, die sich durch einen Wald kirchturmhoher Granatfontainen wand. Nachdem ich aus den Trichtern am vorderen Waldrande noch etwas mit den langsam vordringenden Englndern geplnkelt hatte, verbrachte ich die Nacht mit meinen Leuten und einer Maschinengewehrbedienung zwischen den Trmmern des Betonklotzes. Andauernd schlugen in der Nhe Brisanzgranaten von ganz auergewhnlicher Wucht ein, von denen mich am Abend eine um ein Haar gettet htte. Gegen Morgen ratterte pltzlich der Maschinengewehrschtze los, da sich dunkle Gestalten nherten. Es war eine Verbindungspatrouille des Infanterieregiments 76, von der er einen Mann niederstreckte. Derartige Irrtmer kamen in diesen Tagen hufig vor, ohne da man sich lange darber aufhielt. Um 6 Uhr morgens wurden wir durch Teile der neunten Kompagnie abgelst, die mir den Befehl berbrachten, mit meinen Leuten die Rattenburg zu besetzen. Auf dem Wege dorthin wurde mir noch ein Fahnenjunker durch Schrapnellschu kampfunfhig gemacht. Die Rattenburg prsentierte sich uns als ein zerschossenes, mit Betonquadern ausgemauertes Haus hart an dem sumpfigen Bette des Steenbachs, das seinen Namen wahrscheinlich wohl verdiente. Ziemlich zermrbt hielten wir unseren Einzug und warfen uns auf die strohbedeckten Pritschen, bis uns ein reichliches Mittagessen und die ermunternde Pfeife Tabak hinterher wieder etwas auf die Beine brachten. In den frhen Nachmittagsstunden setzte eine andauernde Beschieung mit schweren und schwersten Kalibern ein. Von 6 bis 8 Uhr jagte eine Explosion die andere; oft wurde der Bau durch die ekelhaften Ste in der Nhe einschlagender Blindgnger erschttert und drohte einzustrzen. Als das Feuer gegen Abend verebbte, pirschte ich mich zum Sanittsunterstand Kolumbusei und erkundigte mich bei dem Arzt, der gerade das grauenhaft zugerichtete Bein eines Sterbenden untersuchte, nach meinem Bruder. Mit Freude hrte ich, da er in verhltnismig guter Verfassung zurckgeschafft sei. Zu spter Stunde erschien mein Essentrgertrupp und brachte der kleinen, auf 20 Mann zusammengeschmolzenen Kompagnie warmes Essen, Bchsenfleisch, Kaffee, Brot, Tabak und Schnaps. Wir aen krftig und lieen ohne lstigen Standesunterschied die Flasche mit 98prozentigem rundgehen. Dann gaben wir uns dem Schlafe hin, der durch aus dem Bachgrund aufsteigende Mckenschwrme, Granaten und zeitweilige Gasbeschieungen reichlich gestrt wurde. Infolgedessen schlief ich am nchsten Morgen so fest, da mich meine Leute nach stundenlangem, schwerstem Feuer wecken muten. Sie berichteten, da von vorn dauernd Leute zurckkmen mit der Angabe, die vordere Linie sei gerumt und der Gegner im Vordringen. Nach dem alten Soldatengrundsatz: Gut gefrhstckt, hlt Leib und Seele zusammen, strkte ich mich zunchst, steckte mir eine Pfeife an und sah dann zu, was drauen los war. Ich hatte nur einen bescheidenen berblick, da die ganze Umgebung in dichten Qualm gehllt war. Das Artilleriefeuer wurde von Minute zu Minute gewaltiger und erreichte bald jenen Hhepunkt, auf dem die Nervenerregung, keiner weiteren Steigerung fhig, in eine beinahe lustige Gleichgltigkeit umschlgt. Andauernd prasselten Schauer von Erdklumpen auf unser Dach, zweimal wurde das Haus selbst getroffen. Brandgranaten warfen schwere, milchweie Wolken hoch, aus denen feurige Tropfen zur Erde rieselten. Ein Stck dieser brennenden Masse klatschte auf einen Stein vor meinen Fen und brannte noch minutenlang weiter. Verzgerungsgeschosse whlten sich drhnend in den Boden, flache Erdglocken hochstoend. Gas- und Nebelschwaden krochen schwerfllig ber das Schlachtfeld. Kurz vor uns ertnte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, ein Zeichen, da der Feind schon nahe herangekommen sein mute. Unten im Steenbachgrunde schritt eine Gruppe von Leuten durch den wechselnden Wald hochspritzender Schlammgeiser. Ich erkannte den Bataillonskommandeur, Hauptmann von Brixen, der sich mit verbundenem Arm auf zwei Sanitter sttzte, und eilte nach ihm hin. Er rief mir hastig zu, da der Feind im Vordringen sei und warnte mich vor lngerem Verweilen ohne Deckung. Bald klatschten die ersten Infanteriegeschosse in die umliegenden Trichter oder zerschellten an den Mauerresten. Immer mehr flchtige Gestalten verschwanden hinter uns im Dunst, whrend rasendes Gewehrfeuer fr die erbitterte Verteidigung der vorn Festhaltenden zeugte. Es galt zu handeln. Ich beschlo, die Rattenburg zu verteidigen und machte den Leuten, von denen einige bedenkliche Gesichter zogen, klar, da ich an Rckzug nicht im entferntesten dchte. Die Mannschaft wurde hinter Schiescharten verteilt, und unser einziges Maschinengewehr in eine Fensterffnung gestellt. Ein Trichter wurde zum Verbandplatz bestimmt, und ein Sanitter, der gleich reichliche Arbeit fand, hineingesetzt. Auch ich nahm ein herumliegendes Gewehr auf und hing einen Gurt Patronen um den Hals. Da mein Huflein sehr klein war, versuchte ich, es durch die zahlreichen fhrungslos umherirrenden Leute zu verstrken. Die meisten folgten willig unseren Zurufen, froh, sich anschlieen zu knnen, whrend andere, von ihren Nerven verlassen, weiter eilten, nachdem sie einen Augenblick gestutzt hatten. In solchen Fllen hrt jede zarte Rcksicht auf. Anschlagen! rief ich meinen Leuten zu, die vor mir im Schutze des Hauses standen, und schon fielen ein paar Schsse. Von den Mndungen der Gewehre magnetisch angezogen, kamen diese in jeder Schlacht unvermeidlichen Drckeberger langsam nher, obgleich man ihren Mienen ansah, wie ungern sie uns Gesellschaft leisteten. Eine mir wohlbekannte Kasinoordonnanz versuchte, sich durch allerlei Ausflchte loszuwinden, ich lie jedoch nicht locker. Aber ich habe ja gar kein Gewehr! Dann warten Sie, bis einer totgeschossen wird! Whrend einer letzten gigantischen Feuersteigerung, bei der die Trmmer des Hauses mehrere Male getroffen wurden und die Ziegelbrocken hoch aus der Luft auf unsere Stahlhelme klirrten, wurde ich im Blitze eines furchtbaren Schlages zu Boden geworfen. Zum Erstaunen der Leute raffte ich mich unverletzt wieder hoch. Nach diesem mchtigen Schluwirbel wurde es ruhiger. Das Feuer sprang ber uns hinweg und blieb an der Strae Langemarck--Bixschoote stehen. Uns war nicht wohl dabei zumute. Bislang hatten wir den Wald vor Bumen nicht gesehen, die Gefahr war so gewaltig und vielgestalt auf uns eingedrungen, da wir uns nicht mit ihr beschftigen konnten. Nachdem der Sturm ber uns hinweggebraust war, fand jeder Zeit, sich fr das zu rsten, was unvermeidlich kommen mute. Und es kam. Die Gewehre vor uns verstummten. Die Verteidiger waren erledigt. Aus dem Qualm tauchte eine dichte Schtzenlinie. Meine Leute schossen, hinter den Trmmern kauernd, das Maschinengewehr tackte. Wie weggewischt verschwanden die Angreifer in den Trichtern und fesselten uns durch ihr Feuer. Rechts und links gingen starke Abteilungen vor. Bald waren wir von einem Kranze von Schtzen umgeben. Die Lage war aussichtslos; es hatte keinen Zweck, die Mannschaft hinzuopfern. Ich gab Befehl zum Rckzuge. Es war schwierig, die im Kampfe verbissenen Leute hochzubekommen. Eine im Grunde lagernde Rauchwolke ausnutzend, entkamen wir, ohne bemerkt zu werden. Ich verlie die kleine Feste als Letzter, den Leutnant Hhlemann untersttzend, der aus einer schweren Kopfwunde blutete und sich mit einigen Witzen ber seine Unbeholfenheit hinwegsetzte. Beim berschreiten der Strae stieen wir auf die zweite Kompagnie, die zur Verstrkung vorgeschickt war. Nach kurzer Beratung beschlossen wir, stehen zu bleiben und den Gegner zu erwarten. Auch hier muten wir Leute anderer Truppenteile, die den Rckzug eigenmchtig fortsetzen wollten, zwingen, zu bleiben. Besonders Artilleristen, Lichtsignalisten, Fernsprecher usw. waren nur durch Gewalt zu der Einsicht zu bringen, da unter diesen Umstnden auch sie sich mit einem Gewehr in die Schtzenlinie zu legen htten. Mit Bitten, Befehlen und Kolbensten schaffte ich mit Hilfe von Kius und einigen ruhigen Leuten bald Ordnung. Dann setzten wir uns in einen angedeuteten Graben und frhstckten. Kius zog seinen unvermeidlichen Apparat hervor und photographierte. Links vor uns am Ausgang von Langemarck entstand Bewegung. Unsere Leute schossen auf umherlaufende Gestalten. Bald darauf erschien ein Unteroffizier und meldete, da sich eine Kompagnie der Gardefsiliere an der Strae eingenistet und durch unser Feuer Verluste erlitten htte. Ich lie daraufhin unter starkem Gewehrfeuer bis in ihre Hhe vorgehen. Einige Leute fielen, der Leutnant Bartmer von der zweiten Kompagnie wurde schwer verwundet. Kius blieb an meiner Seite, im Vorgehen sein Butterbrot zu Ende essend. Als wir die Strae besetzt hatten, von der das Gelnde zum Steenbach abfiel, bemerkten wir, da die Englnder im Begriff gewesen waren, dasselbe zu tun. Bis auf 20 Meter waren die ersten khakifarbenen Gestalten schon heran. Soweit das Auge blicken konnte, war das Vorgelnde von Schtzenlinien und Reihenkolonnen erfllt. Auch um die Rattenburg wimmelten sie schon herum. Wir nutzten unser berraschendes Erscheinen energisch aus und knallten gleich ordentlich dazwischen. Am Steenbach brach eine ganze Reihe zusammen. Einer von ihnen hatte eine Rolle Draht auf dem Rcken, von der er eine Leitung abwickelte. Andere sprangen wie die Hasen hin und her, whrend neben ihnen die Staubwlkchen unserer Geschosse aufwirbelten. Ein strammer Gefreiter der achten Kompagnie legte mit der grten Ruhe sein Gewehr auf einen zersplitterten Baumstumpf und scho nacheinander vier Gegner ab. Der Rest verkroch sich in Granattrichter, um sich dort bis zur Dunkelheit verborgen zu halten. Wir hatten gut aufgerumt. Gegen 11 Uhr schraubten sich kokardengeschmckte Flugzeuge auf uns herunter und wurden durch lebhaftes, von oben erwidertes Feuer vertrieben. Gleich nach der Besetzung der Strae hatte ich dem Regiment gemeldet und um Untersttzung gebeten. Am Nachmittag kamen Infanteriezge, Pioniere und Maschinengewehre zur Verstrkung. Nach der Taktik des Alten Fritzen wurde alles in die berfllte vordere Linie gesteckt. Ab und zu streckte der Englnder einige unvorsichtig ber die Strae gehende Leute nieder. Gegen 4 Uhr begann eine sehr unangenehme Schrapnellschieerei. Die Ladungen wurden haarscharf auf die Chaussee geschleudert. Mir war klar, da die Flieger unsere neue Widerstandslinie festgestellt hatten und uns noch schwere Stunden bevorstehen muten. Wirklich setzte bald eine gewaltige Beschieung mit leichten und schweren Granaten ein. Wir lagen dicht nebeneinander in dem berfllten, schnurgeraden Straengraben. Das Feuer tanzte uns vor den Augen, Zweige und Lehmklumpen pfiffen auf uns herab. Links neben mir flammte ein Feuerblitz auf, weien, stickigen Dampf zurcklassend. Ich kroch auf allen Vieren zu meinem Nebenmann. Er regte sich nicht mehr. Das Blut sickerte ihm aus vielen, von schmalen, zackigen Splittern geschlagenen Wunden. Auch weiter rechts traten schwere Verluste ein. Nach einer halben Stunde wurde es still. Wir gruben emsig tiefe Lcher in die flache Mulde des Grabens, um bei einem zweiten berfall wenigstens Schutz gegen Splitter zu haben. Unsere Spaten stieen dabei auf Gewehre, Koppelzeug und Patronenhlsen aus dem Jahre 1914, ein Zeichen, da dieser Boden nicht zum ersten Male Blut trank. Whrend der Dmmerung wurden wir noch einmal grndlich bedacht. Ich hockte neben dem Leutnant Kius in einem Sitzloch, das uns manche Schwiele gekostet hatte. Der Boden rollte wie eine Schiffsplanke unter fortwhrenden nchsten Einschlgen. Wir waren auf das Ende gefat. Den Stahlhelm in die Stirn gedrckt, zerkaute ich meine Pfeife und starrte auf die Chaussee, deren Steine unter aufspringenden Eisenbrocken Funken sprhten. Die merkwrdigsten Gedanken schossen mir durch den Kopf. So beschftigte ich mich lebhaft mit einem franzsischen Schundroman le vautour de la Sierra, der mir in Cambrai in die Hnde gefallen war. Mehrere Male murmelte ich ein Wort Ariost's: Ein groes Herz fhlt vor dem Tod kein Grauen, wann er auch kommt, wenn er nur rhmlich, ist. Heute schmeckt es mir etwas nach Theater, damals half es mir, Haltung vor mir selbst zu bewahren. Wenn die Granaten dem Ohr etwas Ruhe lieen, hrte ich Bruchstcke des schnen Liedes vom schwarzen Walfisch zu Askalon neben mir ertnen und hielt meinen Freund Kius fr bergeschnappt. Jeder hat eben sein eigenes Nervenberuhigungsmittel. Am Ende der Beschieung flog mir ein groer Splitter gegen die Hand. Kius leuchtete mit seiner Taschenlaterne. Wir stellten einen oberflchlichen Ri fest. Stunden wie die eben erlebte waren ohne Zweifel die schrecklichsten des ganzen Krieges. Du kauerst zusammengezogen einsam in deinem Erdloch und fhlst dich einem unbarmherzigen, blinden Vernichtungswillen preisgegeben. Mit Entsetzen ahnst du, da deine ganze Intelligenz, deine Fhigkeiten, deine geistigen und krperlichen Vorzge zur unbedeutenden, lcherlichen Sache geworden sind. Schon kann, whrend du dies denkst, der Eisenklotz seine sausende Fahrt angetreten haben, der dich zu einem formlosen Nichts zerschmettern wird. Dein Unbehagen konzentriert sich auf das Gehr, das das Heranflattern des Todbringers aus der Menge der Gerusche zu unterscheiden sucht. Dabei ist es dunkel. Du mut alle Kraft zum Aushalten aus dir allein schpfen. Du kannst nicht einmal aufstehen und dir mit blasiertem Lcheln eine Zigarette anznden, dich an den bewundernden Blicken deiner Kameraden aufrichtend. Du wirst nicht ermutigt durch deinen Freund, der sich das Monokel einklemmt, um einen Einschlag auf der Schulterwehr neben dir zu betrachten. Du weit, wenn es dich trifft, wird kein Hahn danach krhen. Ja, warum springst du nicht auf und strzt in die Nacht hinein, bis du in einem sicheren Gebsch wie ein erschpftes Tier zusammenbrichst? Warum hltst du noch immer aus, du und deine Braven? Kein Vorgesetzter sieht dich. Und doch beobachtet dich jemand. Dir selbst vielleicht unbewut, wirkt der moralische Mensch in dir und bannt dich durch zwei mchtige Faktoren am Platze: die Pflicht und die Ehre. Du weit, du bist zum Kampfe an diesen Ort gestellt und ein ganzes Volk vertraut darauf, da du deine Sache machst. Du fhlst, wenn ich jetzt meinen Platz verlasse, bin ich ein Feigling vor mir selbst, ein Lump, der spter bei jedem Worte des Lobes errten mu. Du beit die Zhne zusammen und bleibst. An diesem Abend hielten alle aus, die dort an der dunklen flandrischen Chaussee lagen. Man sah, da Fhrer und Mannschaft in einem heroischen Geiste erzogen waren. Pflicht und Ehre mssen die Grundpfeiler jeder Armee sein. Und dem Offizier als Vorkmpfer mu das Gefhl gesteigerter Pflicht und gesteigerter Ehre anerzogen werden. Dazu braucht man geeignetes Material und gewisse Formen. Das wird einem erst im Kriege ganz klar. -- Nach Mitternacht begann es zu rieseln; Patrouillen eines inzwischen eingeschwrmten Regiments, die bis zum Steenbach vorgingen, fanden nur schlammgefllte Trichter vor. Der Feind hatte sich hinter den Bach zurckgezogen. Von den Anstrengungen dieses gewaltigen Tages erschpft, setzten wir uns bis auf die in Wachen eingeteilten Leute in unsere Lcher. Ich zog mir den zerfetzten Mantel meines toten Nebenmannes ber den Kopf und verfiel in einen unruhigen Schlaf. Zur Zeit der Dmmerung erwachte ich durch ein merkwrdig kaltes Gefhl und entdeckte, da ich mich in einer betrblichen Lage befand. Es regnete in Strmen, und die Rinnsale der Strae ergossen sich in die Tiefe meines Sitzloches. Ich errichtete einen kleinen Damm und schpfte meinen Ruheort mit dem Kochgeschirrdeckel aus. Infolge des stndigen Steigens der Wassermenge mute ich meinem Erdwerke eine Krone nach der anderen aufsetzen, bis endlich der schwache Bau dem wachsenden Druck wich, und ein schmutziger Strom mein Sitzloch gurgelnd bis obenhin fllte. Whrend ich mich bemhte, aus dem Schlamm Pistole und Stahlhelm zu angeln, trieben Tabak und Lebensmittel den Chausseegraben entlang, dessen brigen Bewohnern es hnlich ergangen war. Zitternd und frierend, ohne einen trockenen Faden am Leibe standen wir in dem Bewutsein, der nchsten Beschieung vllig deckungslos ausgesetzt zu sein, im Schlamm der Strae. Es war eine erbrmliche Situation. Ich machte hier die Beobachtung, da kein Artilleriefeuer die Widerstandskraft des Menschen so grndlich zu brechen vermag wie Nsse und Klte. Fr den weiteren Verlauf der Schlacht war dieser Landregen ein wahres Gottessgeschenk, denn die englische Offensive mute ja dadurch gerade in den ersten, wichtigsten Tagen ins Stocken kommen. Der Gegner mute mit seiner Artillerie die versumpfte Trichterzone berwinden, whrend wir unsere Munition auf intakten Straen heranrollen konnten. Um 11 Uhr erschien, als uns schon die Verzweiflung gepackt hatte, ein rettender Engel, in Gestalt eines Meldelufers, der den Befehl brachte, da sich das Regiment in Kokuit sammeln sollte. Auf dem Wege sahen wir, wie schwierig die Verbindung nach vorn am Angriffstage gewesen sein mute. Die Straen waren best von Menschen und Pferden. Neben einigen bis zur Unkenntlichkeit zerschmetterten Protzen lagen zwlf grauenhaft verstmmelte Pferde auf einem Haufen. Auf einer regenfeuchten Wiese, ber der sich die milchweien Blle vereinzelter Schrapnells wlkten, sammelten sich die Reste des Regiments. Wir wurden erschttert durch den Anblick dieser kleinen Schar von der Strke einer Kompagnie, in deren Mitte ein Grpplein von Offizieren stand. Welche Verluste! Von zwei Bataillonen fast alle Offiziere und Mannschaften. Dsteren Blicks standen die berlebenden im strmenden Regen, bis die Quartiere angewiesen waren. In einer Holzbaracke trockneten wir uns, um einen glhenden Ofen geschart, und faten bei einem krftigen Frhstck wieder frischen Lebensmut. Die menschliche Natur ist eben unverwstlich. Gegen Abend schlugen Granaten ins Dorf. Eine der Baracken wurde getroffen und eine Reihe von Leuten der dritten Kompagnie gettet. Trotz der Beschieung legten wir uns bald nieder mit der einzigen Hoffnung, nicht zum Gegenangriff oder pltzlicher Verteidigung wieder in den Regen hinausgeworfen zu werden. Um 3 Uhr morgens kam der Befehl zum endgltigen Abrcken. Wir marschierten ber die mit Leichen und zerschossenen Wagen bestreute Chaussee nach Staden. Um den Krater eines riesigen Einschlages herum lagen allein zwlf Tote. Staden, das bei unserer Ankunft noch so belebt gewesen war, wies schon viele zerschossene Huser auf. Der verdete Marktplatz war mit fortgeworfenem Hausgert best. Eine Familie verlie mit uns das Stdtchen, als einzigen Besitz eine Kuh hinter sich herziehend. Der Mann hatte ein Stelzbein, die Frau hielt die weinenden Kinder an der Hand. Der wirre Lrm im Rcken erhhte das Traurige des Bildes. Die berreste des II. Bataillons wurden in einem einsamen Hof untergebracht, der sich inmitten saftiger, hochaufgeschossener Felder hinter dichten Hecken verbarg. Dort wurde mir die Fhrung der siebenten Kompagnie bertragen, mit der ich bis zum Schlu des Krieges Freud und Leid teilen sollte. Am Abend saen wir vor dem mit alten Kacheln ausgelegten Kamin, strkten uns durch einen steifen Grog und lauschten dem wieder auflebenden Donner der Schlacht. Aus dem Heeresbericht einer neuen Zeitung sprang mir der Satz in die Augen: Es gelang uns, den Feind an der Steenbachlinie aufzuhalten. Es war seltsam, zu empfinden, da unser scheinbar wirres Tun in finsterer Nacht weltgeschichtliche Bedeutung erlangt hatte. Wir hatten ein gut Teil dazu beigetragen, die mit so gewaltigen Krften begonnene feindliche Offensive zum Stillstand zu bringen. Bald begaben wir uns zur Ruhe auf den Heuboden. Trotz des ausgiebigen Schlaftrunkes phantasierten die meisten Schlfer und wlzten sich hin und her, als ob sie die Flandernschlacht noch einmal durchkmpfen mten. Am 3. Juli setzten wir uns, reichbeladen mit Vieh und Feldfrchten der verlassenen Gegend nach dem Bahnhof des nahen Stdtchens Gits in Marsch. In der Bahnhofskneipe trank das ganze zusammengeschrumpfte Bataillon schon wieder in glnzender Stimmung Kaffee, den zwei derbe flmische Kellnerinnen zum allgemeinen Vergngen mit sehr gewagten Redewendungen wrzten. Besonderen Spa machte es den Leuten, da sie nach Landesbrauch jeden, auch die Offiziere, mit du traktierten. * * * * * Nach einigen Tagen erhielt ich aus einem Gelsenkirchener Lazarett einen Brief meines Bruders. Er schrieb, da er wohl einen steifen Arm und eine klapprige Lunge behalten wrde. Ich entnehme seinem Tagebuch folgende Zeilen, die meinen Bericht ergnzen und die Eindrcke eines in das Tosen der Materialschlacht geworfenen Neulings anschaulich wiedergeben: -- -- Antreten zum Sturm! Das Gesicht meines Zugfhrers und Vizefeldwebels Schnell beugte sich ber den Eingang der kleinen laub- und bretterberdachten Hhle, in der wir seit Stunden rauchend und essend lagen. Die drei Leute neben mir beendeten ihr Gesprch und rafften sich fluchend auf. Ich erhob mich, schnallte um, rckte den Stahlhelm fest und trat in die Dmmerung hinaus. Es war neblig und khl. Das Bild hatte sich inzwischen verndert. Das Granatfeuer hatte sich verzogen und lagerte dumpfdonnernd auf anderen Teilen des riesigen Schlachtfeldes. Flugzeuge durchknatterten die Luft und beruhigten das ngstlich sphende Auge durch ihre groen eisernen Kreuze. Ich lief noch einmal zu einem Brunnen, der zwischen Trmmern und Schutt sich merkwrdig klar erhalten hatte, zog den Eimer hoch, trank und fllte meine Feldflasche. Die Leute der Kompagnie traten in Zgen an. Ich hakte mir eilig vier Handgranaten in das Koppel und begab mich zu meiner Gruppe, von der zwei Mann nicht zur Stelle waren. Kaum hatte ich noch Zeit, die Namen aufzuschreiben, als alles sich in Bewegung setzte. In Reihen zu einem bewegten sich die Zge durch das Trichtergelnde, umbogen Balken, preten sich an Hecken, tauchten in Tiefen unter und wanden sich klirrend und polternd auf den Feind zu. Ich war mir meines Auftrages klar bewut. Das zweite Bataillon unseres Regiments und ein Bataillon des Nachbarregiments hatten den Befehl, englische Abteilungen, die ber den Kanal gestoen waren, zurckzuwerfen. Mir war zugedacht, mit meiner Gruppe vorn liegen zu bleiben und den Gegensto aufzufangen. Whrend ich all dieses noch einmal berlegte, traf mein Blick auf das blasse, entschlossene Gesicht eines jungen Unteroffiziers. Bachmann, dachte ich, obgleich ich ihn nicht kannte. Es war mein Kamerad, Fahnenjunker-Unteroffizier, ebenfalls bei der Kompagnie Sandvo. Ich verlor ihn aus dem Gesicht und betrachtete staunend die Landschaft, die sich pltzlich vor unseren Augen entwickelt hatte. Wir waren vor den Trmmern eines Dorfes angekommen. Aus der schrecklich zernarbten Ebene Flanderns ragten schwarz und zersplittert die astlosen Stmpfe einzelner Bume, berreste eines groen Waldes. Ungeheure Rauchschwaden zogen durch die Luft und verhngten den Himmel mit dsterem, schwerem Gewlk. ber der kahlen Erde, so unbarmherzig zerrissen und wieder zerrissen, schwelten stinkende Gase, die gelb und braun trge umherwanderten. Es wurde Gasbereitschaft befohlen. In diesem Augenblick setzte schlagartig ein ungeheures Feuer ein. Erde sprang auf in fauchenden Fontnen, und ein Hagel von Splittern fegte wie ein Regenschauer das Land. Einen Augenblick stand jeder erstarrt. Dann strzte alles wie rasend auseinander. Einmal noch hrte ich unverstndlich die brllende Stimme unseres Bataillonskommandeurs, Rittmeister Bckelmann. Meine Leute waren verschwunden, ich befand mich in einem anderen Zuge und drngte mich mit den anderen nach den Trmmern eines Dorfes, das die unerbittlichen Granaten bis auf die Grundmauern rasiert hatten. Wir rissen die Gasmasken heraus. Mit einem Schlage setzte ein tolles Maschinengewehrfeuer ein. Alles warf sich nieder. Links neben mir kniete der Leutnant Ehlers, neben ihm lag sphend ein Unteroffizier. Vor uns flackerte gelb eine Feuerwand, Detonation folgte auf Detonation; Huserreste, ein Schauer von Erdklumpen, Ziegelstcken und Eisensplittern hagelte auf uns herab und schlug helle Funken aus den Stahlhelmen. Ich starrte in diesen glhenden Hexenkessel hinein. Was war dagegen das halbstndige Trommelfeuer, das diesen verfehlten Angriff vorbereitet hatte. Denn da er verfehlt war, war mir klar wie eine Vision. Zweimal verschlang ein ungeheuerlicher Krach in kurzen Zwischenrumen das Toben. Ganze Schuttfelder flogen in die Luft, wirbelten durcheinander und strzten mit hllischem Prasseln nieder. Auf eine schreiende Aufforderung Ehlers' schaute ich nach rechts. Er erhob die linke Hand, winkte nach hinten, rief und sprang vor. Ich stand schwerfllig auf und folgte laufend. Meine Fe brannten von der vorhergehenden Nacht noch immer wie Feuer, das Blut war jedoch von den Strmpfen aufgesogen und der stechende Schmerz hatte nachgelassen. Ich hatte keine zwanzig Schritt gemacht, da blendete mich, als ich aus einem Trichter wieder auftauchte, das brennende Licht eines Schrapnells, das keine zehn Schritt vor mir in drei Meter Hhe auseinandersprang. Ich fhlte zwei dumpfe Schlge gegen Brust und Schulter. Automatisch fiel mir das Gewehr aus der Hand, ich brach, den Kopf nach hinten, zusammen und kollerte in den Trichter zurck. Verschwommen hrte ich noch die Stimme Ehlers, der im Vorbeilaufen rief: Den hat's erwischt. Er sollte den nchsten Tag nicht beenden. Der Vorsto milang, und er wurde beim Zurckspringen mit all seinen Begleitern gettet. Ein Schu durch den Hinterkopf setzte dem Leben dieses tapferen Offiziers ein Ende. Als ich nach einer langen Ohnmacht erwachte, war es ruhig geworden. Ich versuchte mich aufzurichten, empfand jedoch heftigen Schmerz in der rechten Schulter, den jede Bewegung des Armes verstrkte. Der Atem ging kurz und stoweise, die Lunge konnte nicht genug Luft schaffen. Prellschu an Lunge und Schulter, dachte ich, warf Sturmgepck, Koppel und in einem Zustande vlliger Apathie auch die Gasmaske fort. Den Stahlhelm behielt ich auf und hngte die Feldflasche an den Taillenhaken. Nach fnf Schritten blieb ich in einem Nebentrichter regungslos liegen. Nach vielleicht einer Stunde versuchte ich das zweite Mal fortzukriechen, da das Feld schon wieder von leichten Trommelfeuern berschauert wurde. Auch dieser Versuch milang; ich verlor meine Feldflasche und versank in eine unendliche Erschpfung, aus der mich nach langer Zeit das Gefhl brennenden Durstes erweckte. Es begann leise zu regnen. Mit dem Stahlhelm gelang es mir, ein wenig schmutziges Wasser zu sammeln. Ich hatte jede Orientierung verloren. Ein Gewitter zog auf, seine Donnerschlge wurden bertnt von dem einsetzenden Lrm eines neuen Trommelfeuers. Ich drckte mich an die Trichterwand. Ein Lehmklumpen traf meine Schulter, schwere Splitter fegten ber meinen Kopf dahin. Allmhlich verlor ich auch den Sinn fr die Zeit. Einmal tauchten zwei Leute auf, die in langen Sprngen ber das Feld setzten. Ich rief sie an; sie verschwanden, ohne auf mich zu hren wie Schatten in den Nebeln. Endlich kamen drei Leute gerade auf mich zu. Ich erkannte in dem mittleren den Unteroffizier vom Tage vorher. Sie nahmen mich mit zu einer kleinen Htte, die in der Nhe stand, vollgestopft von Verwundeten, die von zwei Sanittern gepflegt wurden. Ich hatte 13 Stunden im Trichter gelegen. In einer Ecke erkannte ich Bachmann, der, seinen Schmerz verbeiend, krampfhaft sein zerschossenes Knie hielt. Wir unterhielten uns abgebrochen; manchmal, wenn jemand ihn anstie, sthnte er leise. Fortwhrend arbeitete das gewaltige Feuer fort. Granate auf Granate schlug neben uns ein, hufig das Dach mit Sand und Erde berschttend. Man verband mich, gab mir eine neue Gasmaske, ein Brot mit grober, roter Marmelade und ein wenig Wasser. Der Sanitter sorgte fr uns wie ein Vater. Die Englnder begannen vorzudringen. Sprungweise nherten sie sich und verschwanden in den Trichtern, wie ich aus drauen erschallenden ngstlichen Ausrufen schlo. Dann trat mein Kompagniefhrer, der Leutnant Sandvo ein, fragte mich, ob ich gehen knnte und verschwand, von einer Ordonnanz abberufen. Gleich darauf hrte ich seine befehlende Stimme, Maschinengewehre wurden umpostiert und begannen zu tacken. Pltzlich strzte von den Schuhen bis zum Stahlhelm mit Lehm beschmiert ein junger Offizier, mit dem E. K. I auf der Brust, herein. Es war mein Bruder, der unten schon am vorigen Tage totgesagt war. Wir begrten uns, ein wenig seltsam und gerhrt lchelnd. Nach wenigen Minuten verlie er mich und brachte die letzten fnf Leute seiner Kompagnie herbei. Ich wurde auf eine Zeltbahn gelegt und unter dem Donner der Geschtze vom Schlachtfelde getragen. -- Regniville. Am 4. Juli 1917 stiegen wir in dem berhmten Mars-la-tour aus. Die siebente und achte Kompagnie kam in Doncourt unter, wo wir einige Tage lang ein ganz beschauliches Leben fhrten. Nur brachten mich die knappen Verpflegungsstze in manchen Konflikt. Es war streng verboten, in den Feldern zu furagieren, trotzdem meldeten mir fast jeden Morgen die Feldgendarmen einige Leute, die sie beim nchtlichen Kartoffelroden angetroffen hatten und deren Bestrafung ich nicht umgehen konnte. Am 9. wurde die Kompagnie durch den Divisionskommandeur, Generalmajor von Busse, besichtigt, der uns sein Lob fr gutes Verhalten im Gefecht aussprach. Am nchsten Nachmittag wurden wir verladen und fuhren bis in die Nhe von Thiaucourt. Von dort marschierten wir gleich in unsere neue Stellung, die sich auf den waldreichen Hhen der Cte Lorraine gegenber dem zerschossenen, aus manchem Tagesbefehl bekannten Dorfe Regniville hinzog. Am ersten Morgen besah ich meinen Abschnitt, der mir reichlich lang fr eine Kompagnie vorkam und aus einem unbersichtlichen Gewirre zum Teil halbverfallener Grben bestand. Auch die vordere Linie war an vielen Stellen durch die in dieser Stellung blichen schweren, dreibeinigen Flgelminen eingeebnet. Mein Stollen lag um 100 Meter zurck in dem sogen. Verkehrsgraben, nahe der aus Regniville herausfhrenden Strae. Zum ersten Male seit langer Zeit lagen wir wieder Franzosen gegenber. Die Grabenwnde bestanden aus Kalkstein, einem Material, das der Witterung bedeutend mehr widerstand als der gewohnte Lehmboden. Stellenweise war der Graben sogar sorgfltig ausgemauert und die Sohle auf lange Strecken betoniert, so da selbst die strksten Regenmassen leicht ablaufen konnten. Der rtlich-weie Fels wimmelte von Fossilien. Jedesmal, wenn ich den Graben durchschritt, kam ich mit Taschen voll Muscheln, Seesternen und Ammonshrnern in den Unterstand zurck. Mein Stollen war tief und tropfig. Er hatte eine Eigenschaft, die mir wenig Freude machte, trotzdem ich sonst leidenschaftlicher Entomologe bin. Es kamen nmlich in dieser Gegend statt der blichen Luse die viel beweglicheren Verwandten vor. Diese beiden Arten stehen anscheinend in demselben feindschaftlichen Verhltnis zueinander wie Wander- und Hausratte. Hier half nicht einmal der gewohnte Wschewechsel, denn die sprunggewandten Schmarotzer lauerten tckisch im Stroh der Lagersttte. Der zur Verzweiflung getriebene Schlfer ri endlich seine Decken heraus und konnte mit Mephisto sprechen: Ich schttle einmal noch den alten Flaus, Noch einer flattert hier und dort hinaus, Hinauf, umher in hunderttausend Ecken, Eilt Euch, ihr Liebchen zu verstecken. Auch die Verpflegung lie viel zu wnschen brig. Auer der dnnen Mittagssuppe gab es nur ein Drittel Brot mit einer lcherlich kleinen Beilage, die meist aus halbverdorbener Marmelade bestand. Die Hlfte davon fra mir jedesmal eine fette Ratte auf, der ich oft vergeblich nachstellte. Die Reserve- und Ruhekompagnie hielten sich in tief im Walde versteckten, romantisch gelegenen Blockhaus-Siedlungen auf. Besonders gefiel mir mein Quartier in der Reservestellung, dem Stumpflager, das im toten Winkel an den Hang einer engen Waldschlucht geklebt war. Ich hauste dort in einer winzig kleinen, halb in den Hang eingebauten Htte, die dicht von Haselnustruchern und Kornelkirschen umfat war. Das Fenster bot einen Ausblick auf den gegenberliegenden bewaldeten Bergrcken und einen schmalen bachdurchflossenen Wiesenstreifen im Grunde. Eine an der Rckwand aufgestapelte Kollektion von Flaschen aller Sorten verriet, da hier schon mancher Einsiedler beschauliche Stunden verbracht haben mute, und auch ich bemhte mich, des Ortes ehrwrdigen Brauch nicht zu vernachlssigen. Wenn abends die Nebel aus dem Grunde stiegen, sich mit dem schweren, weien Qualm meines Holzfeuers mischten, und ich bei offener Tre im ersten Dmmer zwischen der frischen Herbstluft und der Wrme des Feuers hockte, schien mir nur ein Getrnk dazu passend: Rotwein mit Eierkognak zur Hlfte in einem bauchigen Glase. Diese intimen Feiern trsteten mich auch ber die Tatsache, da ein vom Ersatz-Bataillon gekommener, dienstlterer Herr meine Kompagnie bernommen hatte, und ich als Zugfhrer wieder den langweiligen Grabendienst verrichtete. Ich suchte die endlosen Wachen nach alter Gewohnheit durch hufige Patrouillen zu umgehen. Am 24. August wurde der tapfere Rittmeister Bckelmann durch einen Granatsplitter verwundet, der dritte Bataillons-Kommandeur, den das Regiment innerhalb kurzer Zeit verlor. -- Am 29. stattete ich mit dem Unteroffizier Kloppmann, dem tchtigsten Angehrigen der siebenten Kompagnie, der feindlichen Linie einen Besuch ab. Wir krochen auf eine Lcke des feindlichen Hindernisses zu, die Kloppmann in der Nacht vorher geschnitten hatte. Zu unserer unangenehmen berraschung war der Draht geflickt; trotzdem durchschnitten wir ihn wieder mit ziemlichem Gerusch und stiegen in den Graben. Wir kauerten uns hinter der nchsten Schulterwehr nieder und lauschten. Nach einer viertelstndigen Lauerpause schlichen wir weiter, einen Telephondraht verfolgend, der bei einem in die Erde gesteckten Seitengewehr endigte. Wir fanden die Stellung mehrfach durch Draht und einmal durch eine gitterfrmige Tr versperrt, doch unbesetzt. Nachdem wir alles genau angesehen hatten, gingen wir denselben Weg zurck und verspannen die Lcke wieder sorgfltig, um unseren Besuch nicht zu verraten. Am nchsten Abend spionierte Kloppmann wieder um die Stelle herum, wurde jedoch mit Gewehrschssen und zitronenfrmigen Handgranaten, den sogen. Enteneiern, empfangen, deren eine dicht neben seinem in den Boden gepreten Kopf niederfiel ohne zu krepieren. Er mute schleunigst Fersengeld geben. Am 10. September begab ich mich vom Stumpflager zum Regiments-Gefechtsstand, um Urlaub einzureichen. Ich habe schon an Sie gedacht, erwiderte mir der Oberst von Oppen, das Regiment mu jedoch eine gewaltsame Patrouille machen, deren Fhrung Sie bernehmen sollen. Suchen Sie sich die geeigneten Leute aus und ben Sie mit ihnen unten im Souloeuvre-Lager. Wir sollten an zwei Stellen in den feindlichen Graben eindringen und versuchen, Gefangene zu machen. Die Patrouille zweigte sich in drei Teile, zwei Stotrupps und eine Sicherheitsbesatzung, die die erste Linie besetzen und uns den Rcken decken sollte. Ich bernahm die Fhrung des linken Trupps, den rechten bekam der Leutnant v. Kienitz. Die Leute setzten sich nur aus Freiwilligen zusammen; einige berzhlige weinten fast, als ich sie zurckwies. Mein Trupp bestand, mich eingerechnet, aus 14 Mann, darunter der Fhnrich v. Zglinitzky, Unteroffizier Kloppmann, Unteroffizier Mevius, Unteroffizier Dujesiefken und zwei Pioniere. Die tollsten Draufgnger des zweiten Bataillons hatten sich zusammengefunden. Zehn Tage lang trainierten wir uns im Werfen von Handgranaten und fhrten unser Unternehmen an einem der Wirklichkeit nachgebildeten Sturmwerk aus. Es war ein Wunder, da ich bei dem bereifer meiner Leute nur drei schon vorher durch Splitter Verletzte hatte. Im brigen taten wir keinen Dienst, so da ich am Nachmittag des 22. Septembers als Meister einer verwilderten, aber brauchbaren Bande zur zweiten Stellung zog, in der wir fr die Nacht untergebracht werden sollten. Abends pilgerten v. Kienitz und ich durch den dunklen Wald zum Bataillons-Gefechtsstand, da wir vom Bataillons-Kommandeur, Rittmeister Schumacher, zu einer Henkersmahlzeit geladen waren. Dann legten wir uns in unserem Stollen schlafen. Es ist ein merkwrdiges Gefhl, wenn man wei, da man am nchsten Morgen einen Kampf auf Leben und Tod zu bestehen hat und vorm Einschlafen noch eine Zeit lang in sich hineinhorcht. Um 3 Uhr wurden wir geweckt, standen auf, wuschen uns und lieen das Frhstck zurechtmachen. Ich hatte gleich einen tchtigen rger, da mir mein Bursche die Spiegeleier, die ich mir zur Strkung und Feier des Tages leisten wollte, vollkommen versalzen hatte. Wir schoben die Teller zurck und sprachen zum hundertsten Male alle Einzelheiten durch, die uns begegnen konnten. Zwischendurch boten wir uns gegenseitig Cherry Brandies an, whrend v. Kienitz einige uralte Witze zum Besten gab. Zwanzig Minuten vor fnf nahmen wir die Leute zusammen und fhrten sie in die Bereitschaftsbunker der vorderen Linie. Es waren schon Lcken in den Draht geschnitten und lange, mit Kalkmehl gestreute Pfeile wiesen auf unsere Angriffspunkte. Wir trennten uns mit einem Hndedruck und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Ich war vollkommen in Dre: Vor der Brust zwei Sandscke mit je vier Stielhandgranaten, links mit Aufschlag-, rechts mit Brennznder, in der rechten Rocktasche eine Pistole 08 am langen Bande, in der rechten Hosentasche eine kleine Mauserpistole, in der linken Rocktasche fnf Eier-Handgranaten, in der linken Hosentasche Leuchtkompa und Trillerpfeife. Am Koppel Karabinerhaken zum Abreien der Handgranaten, Dolch und Drahtschere. In der inneren Brusttasche steckte eine gefllte Brieftasche und meine Heimatadresse, in der hinteren Rocktasche eine platte Flasche voll Cherry Brandy. Achselklappen und Gibraltarband hatten wir abgelegt, um dem Gegner keinen Aufschlu ber unsere Herkunft zu geben. Als Erkennungszeichen trugen wir an jedem Arm eine weie Binde. Vier Minuten vor fnf setzte bei der linken Nachbardivision Ablenkungsfeuer ein. Punkt 5 Uhr brach schlagartig unser Artillerie- und Minenfeuer los. Ich stand mit dem Unteroffizier Kloppmann vorm Stolleneingang und rauchte eine letzte Zigarre; wir muten jedoch wegen zahlreicher Kurzschsse Deckung nehmen. Mit der Uhr in der Hand zhlten wir die Minuten. Punkt 5.05 Uhr ging es aus dem Stollen heraus und auf den vorbereiteten Wegen durchs Hindernis. Ich rannte, eine Handgranate hochhebend, voran und sah auch die rechte Patrouille in der ersten Dmmerung vorstrmen. Das feindliche Verhau war schwach; ich bersprang es in zwei Stzen, stolperte aber ber eine dahintergezogene Drahtwalze und strzte in einen Trichter, aus dem mich die Unteroffiziere Kloppmann und Mevius hervorzogen. Rin! Wir sprangen in die erste Linie, ohne auf Widerstand zu stoen, whrend rechts ein krachender Handgranatenkampf begann. Ohne uns darum zu kmmern, setzten wir ber die den nchsten Graben absperrende Sandsackbarrikade und sprangen von Trichter zu Trichter vor, bis wir zwei Reihen Spanischer Reiter erreichten, die uns von der zweiten Linie trennten. Da diese vollkommen zerstrt war und keine Hoffnung auf Gefangene gab, eilten wir, ohne uns aufzuhalten, durch einen verbarrikadierten Laufgraben weiter vor. Bei der Einmndung in die dritte Linie fiel vor mir ein glimmendes Zigarettenende zu Boden. Ich gab meinen Leuten ein Zeichen, fate die Handgranate fester und schlich vorsichtig durch den gut ausgebauten Graben vor, an dessen Wnden zahlreiche verlassene Gewehre lehnten. In solchen Situationen registriert das Gedchtnis unbewut auch das Nebenschlichste. So prgte sich mir an dem Grabenkreuz das Bild eines Kochgeschirres ein, in dem ein Lffel stand. Diese Beobachtung rettete mir 20 Minuten spter das Leben. Pltzlich verschwanden vor uns schattenhafte Gestalten. Wir rannten hinter ihnen her und gerieten in eine Sackgasse, in deren Wand ein Stolleneingang gebohrt war. Ich stellte mich davor und schrie: Montez! Eine herausgeschleuderte Handgranate war die Antwort. Sie explodierte in Hhe meines Kopfes an der gegenberliegenden Wand, zerfetzte meine seidene Mtze, verwundete meine linke Hand mehrfach und schlug mir die Kuppe des kleinen Fingers weg. Dem neben mir stehenden Pionier-Unteroffizier wurde die Nase durchbohrt. Wir zogen uns einige Schritte zurck und bombardierten den gefhrlichen Platz mit Handgranaten. Ein bereifriger schleuderte eine Brandrhre in den Eingang und machte dadurch jeden weiteren Angriff unmglich. Wir machten kehrt und verfolgten die dritte Linie in entgegengesetzter Richtung, um endlich einen Gegner zu fassen. berall lagen fortgeworfene Waffen und Ausrstungsstcke. Die Frage: Wo mgen nur die Leute zu diesen vielen Gewehren sein? stieg immer unheimlicher in uns empor, doch hasteten wir entschlossen mit fertiger Handgranate und vorgehaltener Pistole weiter durch die den, pulverdampfverhangenen Grben. Unser Weg von da an ist mir erst bei spterem Nachdenken klar geworden. Ohne es zu bemerken, bogen wir in einen dritten Laufgraben ein und nherten uns, bereits mitten im eigenen Absperrungsfeuer, der vierten Linie. Ab und zu rissen wir einen der in die Wnde eingebauten Ksten auf und steckten uns zum Andenken eine Handgranate in die Tasche. Nachdem wir einige Male durch Kreuz- und Quergrben gelaufen waren, wute niemand mehr, wo wir uns befanden und in welcher Richtung die deutschen Stellungen lagen. Allmhlich wurden alle aufgeregt. Die Nadeln der Leuchtkompasse tanzten in den fliegenden Hnden, und beim Suchen des Polarsternes lie uns in der Erregung unsere ganze Schulweisheit im Stich. Stimmengewirr in nahen Grben verriet, da der Gegner sich von der ersten berraschung erholt hatte. Er mute unsere Lage bald erraten. Nachdem wir wieder einmal kehrt gemacht hatten, ging ich als Letzter und sah pltzlich vor mir ber einer Sandsackschulterwehr die Mndung eines Maschinengewehres hin- und herpendeln. Ich sprang, ber eine franzsische Leiche stolpernd, darauf zu und erblickte den Unteroffizier Kloppmann und den Fhnrich v. Zglinitzky, die sich mit dem Gewehre beschftigten, whrend der Fsilier Haller mit blutbeschmutzten Hnden einen zerfetzten Krper nach Papieren durchwhlte. Wir hantierten, ohne uns um die Umgebung zu kmmern, in fieberhafter Eile an der Waffe herum, um wenigstens eine Beute mitzubringen. Ich versuchte, die Halteschrauben zu lsen; ein anderer kniff mit der Drahtschere den Ladestreifen ab; endlich packten wir das auf einem Dreifu stehende Ding, um es unzerlegt mitzunehmen. In diesem Augenblick ertnte aus einem Parallelgraben in der Richtung, in der wir unseren Graben vermuteten, eine Stimme: Qu'est ce qu'il y a und ein schwarzer Ball flog, sich undeutlich vom dmmernden Himmel abhebend, auf uns zu. Achtung! Zwischen Mevius und mir blitzte es auf; ein Splitter fuhr Mevius in die Hand. Wir stoben nach allen Seiten auseinander, uns immer tiefer in das Grabengewirre verstrickend. Bei mir befand sich nur noch der Pionier-Unteroffizier und Mevius. Unser Glck war nur die Angst der Franzosen, die sich immer noch nicht aus ihren Lchern herauswagten. Es konnte sich indes nur noch um Minuten handeln, bis wir auf eine strkere Abteilung stoen muten, die uns mit Vergngen den Garaus gemacht htte. Pardonstimmung lag nicht in der Luft. Als ich schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, wieder heil aus diesem Kessel herauszukommen, entfuhr mir pltzlich ein Freudenschrei. Mein Blick war auf das Kochgeschirr mit dem Lffel gefallen; nun war ich orientiert. Da es schon ganz hell geworden war, hatten wir keine Sekunde zu verlieren. Wir sprangen ber freies Gelnde, von den ersten Gewehrkugeln umpfiffen, den eigenen Linien zu. Im vorderen franzsischen Graben stieen wir auf die Patrouille des Leutnants v. Kienitz. Als uns der Ruf Lttje Lage! entgegentnte, wuten wir, da wir das Grbste hinter uns hatten. Ich fiel von oben leider gerade auf einen schwer Blessierten, den sie zwischen sich liegen hatten. Kienitz erzhlte mir hastig, da er franzsische Schanzer im ersten Graben durch Handgranaten vertrieben und beim weiteren Vorgehen gleich zu Anfang durch eigene Artillerie Tote und Verwundete gehabt htte. Nach lngerem Warten erschienen noch zwei meiner Leute, der Unteroffizier Dujesiefken und der Fsilier Haller, der mir wenigstens einen kleinen Trost mitbrachte. Er war beim Umherirren allein in einen kleinen Stichgraben geraten und hatte dort drei verlassene MG. entdeckt, von denen er eins vom Gestell geschraubt und mitgenommen hatte. Da es immer heller wurde, hasteten wir ber das Niemandsland in unsere vordere Linie. Von den vierzehn Mann, die mit mir ausgezogen waren, kamen nur vier zurck, und auch die Patrouille Kienitz hatte schwere Verluste. Meine Niedergeschlagenheit wurde etwas erhellt durch die Worte des biederen Oldenburgers Dujesiefken, der, als ich mir im Stollen die Hand verbinden lie, vorm Eingang seinen Kameraden die Ereignisse berichtete und mit dem Satze schlo: Vor Leutnant Jnger habe ich jetzt aber Respekt; Junge, Junge, der flitzte dich man so ber die Barrikaden! Anschlieend marschierten wir durch den Wald zum Regiments-Gefechtsstand. Der Oberst von Oppen begrte uns und lie uns Kaffee einschenken. Er war zwar sehr betrbt ber unseren Mierfolg, sprach uns jedoch seine ganze Anerkennung ber das Geleistete aus. Dann wurde ich in ein Auto gepackt und fuhr zur Division, die genauen Bericht haben wollte. Vor wenigen Stunden noch im wsten Handgranatenkampf durch zerschossene Grben strmend, geno ich in vollen Zgen die Wohltat, zurckgelehnt in schnellem Fluge ber die Landstrae zu brausen. Der Generalstabsoffizier empfing mich in seinem Arbeitszimmer und versuchte vergeblich, mir zu beweisen, da ich durch bereiltes Vorgehen den Verlust meiner Leute verschuldet htte. Ich dachte: Du kannst mir hier, zwanzig Kilometer hinter dem vorderen Graben, viel erzhlen, und gab zu verstehen, da ich in der feindlichen Linie weder einen grnen Tisch, noch die Ste von Karten darauf gehabt htte. Auerdem hatte ich nur die Ehre des Kampfes gehabt, der Plan, an dem ich manches auszusetzen gefunden, war mir fertig in die Hand gedrckt worden. Ich hatte vorher gebeten, den Angriffspunkt an die markante Linie der Chaussee zu verlegen oder wenigstens farbige Leuchtkugeln aus dem eigenen Graben hochzuschieen, um den Verirrten den Weg zu weisen. Man hatte mir bedeutet, da dadurch das feindliche Feuer angezogen wrde. Zum Teufel, was schiert mich das feindliche Feuer? Das bin ich gewohnt. Aber ich bin keine Eule, die ihren Weg im Dunkeln findet! Der Divisions-Kommandeur begrte mich sehr liebenswrdig und verscheuchte bald meine Mistimmung. Beim Mittagessen sa ich im verschlissenen Feldrocke mit verbundener Hand neben ihm und bemhte mich, nach dem Worte: Nur die Lumpe sind bescheiden! unsere Taten vom Morgen in das richtige Licht zu stellen. Am nchsten Tage besichtigte der Oberst von Oppen die Patrouille noch einmal, verteilte Eiserne Kreuze und gab jedem Teilnehmer vierzehn Tage Urlaub. Am Nachmittag wurden die Gefallenen, deren Zurckschaffung gelungen war, auf dem Soldatenfriedhof Thiaucourt begraben. Zwischen den Grbern dieses Krieges ruhten dort auch Kmpfer von 1870/71. Eins dieser alten Grber schmckte ein bemooster Stein mit der schlichten Inschrift: Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah! In eine groe Steintafel war gemeielt: Heldentaten, Heldengrber reihen neu sich an die alten, Knden wie das Reich erstanden, knden wie das Reich erhalten. Abends las ich im franzsischen Heeresbericht: Ein deutsches Unternehmen bei Regniville miglckte; wir machten Gefangene. Da die Gefangenen nur gemacht waren, weil unsere Leute sich bei der Suche nach dem ausgerissenen Gegner verirrt hatten, war nicht hinzugesetzt. Htten die Franzosen ihre Grben verteidigt, wie mutige Soldaten zu tun pflegen, so wre es wohl anders gekommen. Einige Monate spter erhielt ich einen Brief von einem der Vermiten, dem Fsilier Meyer, der dort im Handgranatenkampfe ein Bein verloren hatte; er war mit drei Kameraden nach langem Umherirren in einen Kampf verwickelt und schwer verwundet gefangen genommen worden, nachdem die anderen, darunter auch der brave Unteroffizier Kloppmann, gefallen waren. Ich habe im Kriege manches Abenteuer bestanden, doch keins war unheimlicher. Noch immer gerate ich in eine beklommene Stimmung, wenn ich an unseren Irrweg durch die unbekannten, vom kalten Frhlicht erhellten Grben denke. Einige Tage darauf sprangen die Leutnants Domeyer und Zrn mit mehreren Begleitern nach einigen Schrapnellschssen in die erste franzsische Linie. Domeyer stie auf einen franzsischen Landwehrmann mit mchtigem Vollbart, der seine Aufforderung: Rendez-vous! mit grimmigem Ah non! erwiderte und sich auf ihn strzte. Im Verlauf eines erbitterten Ringkampfes scho Domeyer ihn mit der Pistole durch den Hals und mute wie ich ohne Gefangenen zurckkehren. Nur war bei meinem Unternehmen eine Artilleriemunition verpulvert, die 1870 fr eine ganze Schlacht ausgereicht htte. Noch einmal Flandern. Am gleichen Tage, als ich von meinem vierzehntgigen Urlaub zurckkehrte, wurden wir vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 5 abgelst und zunchst in dem nahegelegenen Dorfe Labry, einem der typischen Drecknester jener Gegend, untergebracht. Am meisten frappierte mich in diesen lothringischen Drfern die vergebliche Suche nach einer verschwiegenen rtlichkeit. Eine Badewanne schien zu den unbekannten Dingen zu gehren. In dieser Beziehung habe ich in Frankreich berhaupt eigentmliche Erfahrungen gemacht. Selbst in den prunkvollen Schlssern mute man gewisse Schattenseiten mit diskretem Lcheln ignorieren. So sehr ich den Franzosen schtze, halte ich doch diese Seite seines Wesens fr eine bezeichnende. Was schadet's, wenn die Senkgrube hinten rinnt und stinkt, Wenn nur der Trknopf vorn blitzt und blinkt. Am 17. Oktober 1917 wurden wir verladen und betraten nach anderthalb Tagen wieder den Boden Flanderns, den wir erst vor zwei Monaten verlassen hatten. Wir bernachteten in dem Stdtchen Iseghem und marschierten am nchsten Morgen nach Roulers oder, wie es flmisch heit: Roselaire. Die Stadt befand sich im ersten Stadium der Zerstrung. Noch wurden in den Lden Waren feilgehalten, doch hauste die Bevlkerung schon in den Kellern, und die Bande des brgerlichen Lebens waren durch hufige Beschieungen zerrissen. Ein Schaufenster mit Damenhten gegenber meinem Quartier machte auf mich in dem Kriegsgewhl einen merkwrdig deplacierten Eindruck. Nachts versuchten Plnderer, in die verlassenen Wohnungen einzubrechen. In meinem in der Oststraat gelegenen Quartier war ich der einzige Bewohner der berirdischen Rume. Das Haus gehrte einem Tuchhndler, der zu Beginn des Krieges geflohen war und eine alte Wirtschafterin mit ihrer Tochter zur Bewachung zurckgelassen hatte. Die beiden sorgten fr ein kleines, verwaistes Mdchen, das sie whrend unseres Vormarsches, von seinen Eltern verlassen, in den Straen umherirrend aufgefunden hatten. Sie kannten nicht einmal Alter und Namen des Kindes. Sie hatten eine fabelhafte Angst vor Bomben und beschworen mich fast auf den Knien, oben kein Licht zu machen, um die bsen Flieger nicht anzulocken. Mir verging das Lachen allerdings auch, als, whrend ich neben Leutnant Reinhardt am Fenster stand und einen im Lichte der Scheinwerfer dicht ber die Dcher fliegenden Englnder betrachtete, eine Riesenbombe in der Nhe des Hauses aufschlug und der Luftdruck uns die Splitter der Fensterscheiben um die Ohren warf. Ich war fr die bevorstehende Aktion zum Sphoffizier bestimmt und dem Regimentsstabe zugeteilt. Um mich zu orientieren, begab ich mich schon vor unserem Einsatz zum Gefechtsstand des bayerischen Reserve-Regiments 10, das wir ablsen sollten. Ich fand in dem Kommandeur einen sehr freundlichen Herrn vor, obgleich er zuerst beim Empfang etwas ber mein rotes Mtzenbandl brummte. Ich legte damals schon lngst keinen Wert mehr auf einen sortiert feldmigen Anzug. Am Fexentum erkennt man berall den Neuling. Zwei Ordonnanzen fhrten mich zu dem sogenannten Meldekopf, der einen sehr guten berblick bieten sollte. Wir hatten kaum den Gefechtsstand verlassen, als eine Granate bei uns einschlug. Da bin ich schon, des Chaos vielgeliebter Sohn! Meine Fhrer wuten indes dem Feuer, das gegen Mittag in unaufhrliches Rollen berging, in dem durch zahlreiche kleine Pappelgehlze maskierten Gelnde sehr geschickt auszuweichen. Auf der Schwelle eines einsamen Gehftes, das die Spuren frischer Einschlge aufwies, erblickten wir einen auf dem Bauch liegenden Toten. Den hat's a derwischt! uerte der biedere Bayer. Dicke Luft, meinte der andere mit witterndem Umblick und schritt rasch weiter. Der Meldekopf lag jenseits der stark beschossenen Strae Paschendale--Westroosebeke und erwies sich als eine Meldesammelstelle, hnlich der, die ich in Fresnoy gefhrt hatte. Er lag neben einem zum Schutthaufen zusammengeschossenen Hause und hatte so wenig Deckung, da ihn der erste derbere Treffer vernichten mute. Ich lie mich von drei Offizieren, die dort ein geselliges Hhlendasein fhrten und ber die baldige Ablsung sehr erfreut waren, ber Feind, Stellung und Annherung orientieren und ging dann ber Roodkruis--Oostnieukerke nach Roulers zurck, wo ich dem Oberst Bericht erstattete. Auf dem Wege durch die Straen der Stadt las ich mit Vergngen die gemtlichen Namen der zahlreichen kleinen Schenken, die so recht die flmische Behbigkeit ausdrckten. Wer fhlt sich nicht angezogen durch ein Wirtschaftsschild, das den Titel De Zalm (Salm), De Reeper (Reiher), De Nieuwe Trompette, De drie Koningen oder Den Olifant fhrt? Klingt das nicht nach Teniers und De Coster? Schon der Empfang in der krftigen unverwelschten Sprache mit dem traulichen Du versetzt in behagliche Stimmung. Gott gebe, da dieses prchtige Land in seinem alten Wesen von den furchtbaren Wunden des Krieges wieder auferstehe. Am Abend wurde die Stadt wieder mit Bomben beworfen. Ich stieg in den Keller, in dem sich die Frauen zitternd in eine Ecke gedrckt hatten und knipste meine Taschenlampe an, um das kleine Mdchen zu beruhigen, das im Dunkeln vor Angst schrie, da eine Explosion das Licht verlscht hatte. Hier zeigte sich wieder, wie fest der Mensch mit seiner Heimat verwachsen ist. Trotz der gewaltigen Furcht, die diese Frauen vor der Gefahr hatten, klammerten sie sich fest an die Scholle, die jeden Augenblick zum Grabe werden konnte. Am Morgen des 22. Oktober brach ich mit meinem Sphtrupp von vier Mann nach Kalve auf, wo der Regimentsstab im Laufe des Vormittags ablsen sollte. An der Front tobte ein gewaltiges Feuer, dessen Blitze dem Frhmorgennebel das Aussehen eines brodelnden, blutigroten Dampfes gaben. Am Eingange von Oostnieukerke strzte neben uns ein Haus, von einer schweren Granate getroffen, krachend zusammen. Steintrmmer rollten ber die Strae. Wir versuchten, den Ort zu umgehen, muten aber doch hindurch, da wir die Richtung Roodkruis--Kalve nicht kannten. Im Vorbeieilen fragte ich einen bayerischen Unteroffizier, der im Eingange eines Kellers stand, nach dem Wege. Statt zu antworten, vergrub er seine Hnde in die Taschen und zuckte die Achseln. Da ich infolge der dauernd einschlagenden Geschosse keine Zeit zu verlieren hatte, sprang ich auf dieses Produkt einer verfehlten militrischen Ausbildung zu und erzwang mir durch die ihm unter die Nase gehaltene Pistole Auskunft. Wenn der Mann inzwischen nicht gefallen oder desertiert ist, wird er sicher die Spartakusgruppe um ein wrdiges Mitglied bereichert haben. Bei Roodkruis, einem kleinen Gehft an einer Straengabel, wurde die Sache bedenklich. Protzen rasten ber die beschossene Strae, Infanterietrupps schlngelten sich zu beiden Seiten durchs Gelnde, und zahllose Verwundete schleppten sich von vorne zurck. Einem jungen Artilleristen, der uns begegnete, ragte ein langer, zackiger Splitter aus der Schulter. Wir bogen rechts von der Strae ab zum Regimentsgefechtsstand, der von einem starken Feuerkranze umgeben war. In der Nhe legten zwei Telephonisten Leitung ber ein Kohlfeld. Unmittelbar neben dem einen schlug eine Granate ein; wir sahen ihn strzen und hielten ihn fr erledigt. Er erhob sich jedoch gleich wieder und zog seinen Draht mit anerkennenswerter Kaltbltigkeit weiter. Da der Gefechtsstand nur aus einem winzigen Betonblock bestand, der kaum fr den Kommandeur mit Adjutanten und Ordonnanzoffizier Platz bot, mute ich in der Nhe Unterkunft suchen. Ich zog mit dem Nachrichten-, Gasschutz- und Minenwerferoffizier in eine leichte Holzbaracke, die nicht gerade das Ideal einer bombensicheren Unterkunft darstellte. Am Nachmittag ging ich in Stellung, da die Meldung eingelaufen war, da der Feind am Morgen unsere fnfte Kompagnie angegriffen htte. Mein Weg fhrte ber den Meldekopf zum Nordhof, einem zur Unkenntlichkeit zerschossenen Gehft, unter dessen Trmmern der Kommandeur des Bereitschaftsbataillons hauste. Von dort lief ein allerdings nur noch angedeuteter Pfad zum Kampftruppen-Kommandeur. Durch die starken Regenflle der letzten Tage war das unbersehbare Trichterfeld in ein Meer von Schlamm verwandelt, das besonders im Paddebachgrunde eine lebensgefhrliche Tiefe aufwies. Auf meinen Irrfahrten kam ich an manchem einsam oder vergessen liegenden Toten vorbei; oft ragte nur noch der Kopf oder eine Hand ber den schmutzigen Spiegel der Trichter. Tausende schlummern so, ohne da ein von Freundeshand errichtetes Kreuz die unbekannte Grabsttte schmckt. Nach dem uerst anstrengenden berschreiten des Paddebaches, das nur durch einige von Granaten darbergeschleuderte Pappeln ermglicht wurde, entdeckte ich in einem Riesentrichter den Fhrer der fnften Kompagnie, Leutnant Heins, inmitten eines Hufleins von Getreuen. Die Trichterstellung lag an einem Hange und konnte, da sie nicht vllig versoffen war, von anspruchslosen Frontsoldaten als bewohnbar bezeichnet werden. Heins erzhlte mir, da am Morgen eine englische Schtzenlinie erschienen und auf Beschieung verschwunden wre. Diese hatte wiederum einige verirrte 164er, die bei ihrer Annherung fortgelaufen waren, erschossen. Sonst war alles in Ordnung; ich begab mich daher zum Gefechtsstand zurck, wo ich dem Oberst Bericht erstattete. Am Tage darauf wurde unser Mittagessen in grbster Weise durch einige uns vor die Tr gesetzte Granaten unterbrochen, deren Dreckfontnen in langsamem Wirbel auf unser Teerpappdach trommelten. Alles strzte aus der Tr; ich flchtete in ein nahes Gehft, in das ich des Regens wegen hineinging. Am Abend wiederholte sich der Vorgang, nur blieb ich diesmal vor dem Hause stehen, da es trockenes Wetter war. Die nchste Granate schlug mitten in das zusammenbrechende Gebude. So spielt der Zufall im Kriege. Mehr als anderswo gilt hier: Kleine Ursachen, groe Wirkungen. Sekunden und Millimeter entscheiden. Am 25. wurden wir schon um 8 Uhr aus den Baracken getrieben, von denen die uns gegenberliegende beim zweiten Schu einen Volltreffer erhielt. Durch die Erfahrungen des vorigen Tages gewitzigt, suchte ich mir in dem groen Kohlfelde hinter dem Regimentsgefechtsstand einen einsamen, vertrauenerweckenden Granattrichter aus, von dem ich mich jedesmal erst nach einer angemessenen Sicherheitspause wieder trennte. Whrend dieses Tages bekam ich die mir sehr nahegehende Nachricht vom Tode des Leutnants Brecht, der als Sphoffizier der Division in dem Trichterfeld rechts vom Nordhof den Heldentod gefunden hatte. Ich hatte Brecht stets als Vorbild und lebenden Beweis des Spruches: Fortes fortuna adjuvat bewundert. Er war einer der wenigen, die infolge ihres unermdlichen Draufgngertums sogar in diesem prosaischsten aller Kriege von einem romantischen Nimbus umgeben waren. Die Morgenstunden des 26. wurden durch ein Trommelfeuer von auergewhnlicher Heftigkeit ausgefllt. Auch unsere Artillerie verdoppelte auf die von vorn hochsteigenden Sperrfeuersignale hin ihre Wut. Jedes kleine Waldstck und jede Hecke war mit Geschtzen gespickt, hinter denen halbtaube Kanoniere ihres Amtes walteten. Da zurckkommende Verwundete unklare und bertriebene Angaben ber einen englischen Angriff machten, wurde ich mit meinen vier Mann um 11 Uhr nach vorn geschickt, um dort Genaueres zu erkunden. Unser Weg fhrte durch scharfes Feuer. Zahlreiche Verwundete begegneten uns, darunter Leutnant Spitz, Fhrer der zwlften Kompagnie, mit einem Kinnschu. Schon vor K. T. K. kamen wir in gezieltes Maschinengewehrfeuer, ein Beweis, da der Feind unsere Linien eingedrckt haben mute. Dieser Verdacht wurde mir durch den Major Dietlein, Fhrer des III. Bataillons besttigt. Ich fand den alten Herrn gerade beschftigt, aus dem Eingange seines dreiviertel unter Wasser stehenden Betonklotzes zu kriechen, eifrig nach seiner in den Schlamm gefallenen Meerschaumspitze fischend. Wenn doch jeder Deutsche sich ohne Rcksicht auf Alter und Gesundheit so eingesetzt htte. Der Feind war in die vordere Linie eingedrungen und hatte einen Hhenrcken genommen, von dem er den wichtigen Paddebachgrund, in dem der K. T. K. lag, unter Feuer nehmen konnte. Nachdem ich diese Vernderung der Lage mit einigen Blaustiftstrichen in meine Karte eingetragen hatte, setzte ich mit meinen Leuten zu neuem Dauerlauf durch den Schlamm an. Wir sprangen im schnellsten Tempo ber die eingesehene Flche bis hinter die nchste Bodenwelle, von dort langsamer zum Nordhof. Rechts und links schlugen Granaten in den Sumpf und schleuderten riesige, von unzhligen kleineren umgebene Schlammberge in die Hhe. Der Nordhof lag unter nervenerschtterndem Brisanzfeuer und mute sprungweise berwunden werden. Ein Schrapnell warf seine Kugelladung mit vielfachem Klatschen zwischen uns. Einer meiner Begleiter wurde am hinteren Stahlhelmrand getroffen und zu Boden geschleudert. Nachdem er eine Zeitlang betubt gelegen hatte, raffte er sich hoch und lief weiter. Das Gelnde um den Nordhof war von einer Menge furchtbar zugerichteter Leichen bedeckt. Nachdem wir noch glcklich den stark beschossenen Grund hinter der Strae Paschendale--Westroosebeke durchschritten hatten, konnte ich dem Regiments-Kommandeur Meldung erstatten. Am nchsten Morgen wurde ich schon um 6 Uhr mit dem Auftrage, festzustellen, ob und wo das Regiment Anschlu htte, nach vorn geschickt. Unterwegs traf ich den Feldwebel-Leutnant Ferchland, der der achten Kompagnie den Befehl berbringen mute, auf Goudberg vorzugehen und, falls eine bestehen sollte, die Lcke zwischen uns und dem linken Nachbar-Regiment auszufllen. Um meinen Auftrag so schnell wie mglich auszufhren, konnte ich nichts besseres tun, als mich anzuschlieen. Wir fanden nach lngerem Suchen den mir befreundeten Fhrer der achten Kompagnie, Leutnant Tebbe, in einem unwirtlichen Teile der Trichterlandschaft nahe dem Meldekopf. Er zeigte sich ber den Auftrag, eine derartig auffllige Bewegung bei hellem Tage auszufhren, wenig erfreut. Wir steckten uns whrend unserer kargen, durch die unsgliche Nchternheit des morgenbeschienenen Trichterfeldes bedrckten Konversation eine Zigarre an und warteten, bis sich die Kompagnie gesammelt hatte. Schon nach wenigen Schritten erhielten wir von den gegenberliegenden Hhen gezieltes Infanteriefeuer und muten einzeln von Trichter zu Trichter vorspringen. Beim berschreiten des nchsten Hanges konzentrierte sich das Feuer so, da Tebbe eine Trichterstellung beziehen lie, um den Schutz der Nacht abzuwarten. Er ging, eine Zigarre rauchend, mit groer Kaltbltigkeit den ganzen Abschnitt ab, um seine Gruppen einzuteilen. Ich beschlo, weiter vorzugehen, um die Gre der Lcke festzustellen und ruhte mich noch einen Augenblick in Tebbes Trichter aus. Schon begann die feindliche Artillerie zur Strafe fr das khne Vorgehen der Kompagnie sich auf den Gelndestreifen einzuschieen. Ein auf den Rand unseres Zufluchtsortes wuchtendes Sprengstck, das Karte und Augen voll Lehm spritzte, mahnte mich zum Aufbruch. Ich verabschiedete mich von Tebbe und wnschte ihm viel Glck fr die nchsten Stunden. Er rief hinter mir her: Lieber Gott, la Abend werden, Morgen wird's von selber! Wir schritten vorsichtig durch den eingesehenen Paddebachgrund, uns hinter den Laubmassen umgeschossener Pappeln verbergend und ihre Stmme als Brcke benutzend. Ab und zu verschwand einer bis ber die Hften im Schlamm und wre ohne die helfend hingestreckten Gewehrkolben der Kameraden unfehlbar ertrunken. Ich whlte als Marschrichtungspunkt eine Gruppe von Leuten, die einen Betonblock umstanden. Vor uns bewegte sich eine von vier Sanittern geschleppte Bahre in derselben Richtung. Durch die Beobachtung, da ein Verwundeter nach vorn geschleppt wurde, stutzig gemacht, sah ich durchs Glas und erblickte eine Reihe von khakifarbenen Gestalten mit flachen Stahlhelmen. In diesem Augenblick knallten auch schon die ersten Schsse. Da Deckungnehmen unmglich war, rannten wir zurck, whrend die Geschosse rings um uns in den Schlamm spritzten. Die Hetze durch den Morast war wahnsinnig anstrengend; doch als wir, vllig ausgepumpt, uns eine Weile den Englndern als Zielscheibe hinstellten, verlieh uns eine Gruppe Brisanz-Granaten wieder die alte Frische. Sie hatte immerhin das Gute, uns durch ihren Qualm der feindlichen Sicht zu entziehen. Das unangenehmste bei diesem Lauf war das Bewutsein, durch eine Verwundung unfehlbar zur Moorleiche verwandelt zu werden. Blutige Rinnsale aus einzelnen Trichtern verrieten, da hier schon mancher verschwunden war. Zu Tode erschpft, erreichten wir den Regiments-Gefechtsstand, wo ich meine Skizzen abgab und Bericht ber die Lage erstattete. Am 28. Oktober wurden wir wieder durch das bayerische Reserve-Regiment 10 abgelst und, zu stetem Eingreifen bereit, in den Drfern hinter der Front untergebracht. Der Stab zog nach Most. Am Abend saen wir schon wieder uerst vergngt im Zimmer einer verlassenen Schenke beim Wein und feierten die Befrderung und Verlobung des Leutnants Zrn, der gerade vom Urlaub zurckgekommen war. Zur Strafe fr diesen Leichtsinn wurden wir am folgenden Morgen durch ein Riesentrommelfeuer geweckt, das trotz der Entfernung noch meine Fensterscheiben sprengte. Gleich darauf wurde alarmiert. Es ging das Gercht, da der Gegner bei der immer noch bestehenden Lcke links der Regimentsstellung eingedrungen wre. Ich verbrachte den Tag, auf Befehle wartend, beim Beobachtungsstande des A. O. K., dessen Umgebung unter schwachem Streufeuer lag. Eine leichte Granate fuhr durch das Fenster eines Huschens, aus dem drei ziegelmehlbestubte verwundete Artilleristen hervorstrzten. Drei andere lagen als Leichen unter den Trmmern. Am Morgen darauf bekam ich von dem bayerischen Kommandeur folgenden Gefechtsauftrag: Durch abermaligen Vorsto des Gegners ist die Stellung des linken Nachbarregiments noch mehr zurckgedrngt und die Lcke zwischen beiden Regimentern sehr vergrert. Da Gefahr bestand, da die Stellung des Regiments von links umgangen wurde, trat gestern abend das I. Bataillon des Fsilier-Regiments Nr. 73 zum Gegensto an, wurde aber anscheinend vom Sperrfeuer zerfledert und kam nicht an den Feind. Heute morgen wurde das II. Bataillon gegen die Lcke vorgeschickt. Nachricht ist bislang nicht eingetroffen. Es ist die Stellung des I. und II. Bataillons zu erkunden. Ich machte mich auf den Weg und begegnete schon beim Nordhof dem Hauptmann von Brixen, Kommandeur des II. Bataillons, der die Aufstellungsskizze bereits in der Tasche hatte. Ich zeichnete sie ab und hatte meinen Auftrag damit eigentlich erledigt, begab mich jedoch noch zum Betonblock des K. T. K. um einen persnlichen berblick zu gewinnen. Auf dem Wege lag eine Menge frischer Leichen, deren blasse Gesichter aus wassergefllten Trichtern starrten oder bereits so von Schlamm berzogen waren, da man die menschliche Gestalt kaum erkennen konnte. Leider leuchtete von den rmeln der meisten das blaue Gibraltarband. Kampftruppen-Kommandeur war der bayerische Hauptmann Rademeyer. Dieser uerst energische Offizier teilte mir ausfhrlich mit, was mir der Hauptmann von Brixen bereits hastig erzhlt hatte. Unser II. Bataillon hatte groe Verluste erlitten, u. a. waren der Bataillons-Adjutant und der Fhrer der braven siebenten Kompagnie gefallen. Das Schicksal des Adjutanten, Leutnants Lemire, war besonders tragisch, da sein Bruder erst im April dieses Jahres bei Fresnoy als Fhrer der achten Kompagnie den Tod gefunden hatte. Die beiden Brder waren Liechtensteinsche Staatsangehrige, trotzdem aus Begeisterung fr die deutsche Sache in die Armee eingetreten. Es ist nicht gut, zwei Shne im selben Regiment in den Krieg zu schicken. Wir hatten im Offizierkorps vier Brderpaare. Von diesen acht jungen Leuten fielen fnf, und zwei, darunter mein Bruder, brachten schwere Schden mit nach Hause. Ich bin der einzige, der einigermaen heil herausgekommen ist. Dies kleine Beispiel illustriert die Verluste des Fsilier-Regiments. Der Hauptmann zeigte auf einen Betonblock 200 Meter vor dem unsrigen, der gestern besonders heldenhaft verteidigt war. Kurz nach dem Angriff sah der Kommandant der kleinen Feste, ein Feldwebel, einen Englnder, der drei Deutsche abtransportierte. Er scho den Englnder heraus und verstrkte mit den drei Leuten seine Besatzung. Helden schien er dem Vaterlande freilich nicht erhalten zu haben. Als sie ihre Munition verschossen hatten, setzten sie einen gut verbundenen Englnder als friedliches Aushngeschild vor die Tr, konnten sich jedoch nach Einbruch der Dunkelheit noch unbemerkt zurckziehen. Ein anderer Betonklotz, den ein Leutnant kommandierte, wurde durch einen englischen Offizier zur Ergebung aufgefordert; statt einer Antwort sprang der Deutsche heraus, packte den Englnder und zog ihn vor den Augen seiner verdutzten Leute hinein. An diesem Tage sah ich das einzige Mal im Kriege kleine Trupps von Krankentrgern mit erhobenen Roten-Kreuzflaggen sich offen in der Zone des Infanteriefeuers bewegen, ohne da ein Schu gegen sie fiel. Solche Bilder zeigten sich dem Frontkmpfer in diesem unterirdischen Kriege nur, wenn die Not bis zur Unertrglichkeit gestiegen war. Trotzdem erfuhr ich spter, da verborgene englische Schtzen einige unserer Krankentrger niedergeschossen hatten. Viele Leser werden diese Tat fr den Gipfel der Vertierung halten, und doch kann ich mir erklren, da schwache Naturen dem atavistischen Triebe, zu vernichten, erliegen, der den eindgewohnten Grabenkmpfer packt, wenn drben Menschen erscheinen. Ich habe ihn selbst nur zu oft empfunden. Mein Rckweg wurde durch unangenehmes, nach faulen pfeln riechendes Reizgas englischer Granaten, das sich im Boden festgesogen hatte und die Augen trnen machte, erschwert. Gleich darauf sollte ich einen schmerzlicheren Grund zum Vergieen von Trnen bekommen. Nachdem ich im Gefechtsstande meine Meldung erstattet hatte, begegnete ich kurz vorm Verbandsplatze Kalve den Bahren zweier befreundeter, schwer verwundeter Offiziere. Der eine war Leutnant Zrn, den wir zwei Abende zuvor in frhlichem Kreise gefeiert hatten. Jetzt lag er, halb entkleidet, mit jener wachsgelben Gesichtsfarbe, die ein sicheres Vorzeichen des Todes ist, auf einer losgerissenen Tr und sah mich mit stieren Augen an, als ich herantrat, um ihm die Hand zu drcken. Dem anderen, Leutnant Haverkamp, waren Arm- und Beinknochen durch Granatsplitter so zerschmettert, da eine Amputation sehr wahrscheinlich war. Er lag totenbla mit in Fatalismus versteinerten Zgen auf seiner Bahre und rauchte eine Zigarette. Wir hatten in diesen Tagen wieder erschreckende Verluste an jungen Offizieren aufzuweisen. Jedesmal, wenn ich heute das abfllige Urteil der Masse ber den Kriegsleutnant hre, mu ich an diese Mnner denken, die den alten Preuengeist von Pflicht und Ehre, den Geist von Kolin, hinaustrugen in Blut und Schlamm, aufrecht bis zum bitteren Ende. Am 3. November wurden wir in dem uns von den ersten Flanderntagen her wohlbekannten Bahnhof Gits verladen. Wir konstatierten, da die beiden Flminnen nicht mehr die alte Frische zeigten. Auch sie schienen inzwischen manchen Gro-Kampftag erlebt zu haben. Wir kamen fr einige Tage nach Tourcoing, einer ansehnlichen Schwesterstadt von Lille, in Ruhe. Das erste und letzte Mal im Kriege schlief hier jeder Mann der siebenten Kompagnie in einem Federbett. Ich bewohnte ein prachtvoll eingerichtetes Zimmer im Hause eines Industriebarons in der Rue de Lille. Mit unsglichem Behagen geno ich den ersten Abend in einem Klubsessel vorm Feuer des unvermeidlichen Marmorkamins. Die wenigen Tage wurden von allen benutzt, sich des hart errungenen Daseins zu freuen. Noch konnte man es kaum fassen, da man dem Tode entronnen war. Man fhlte den Zwang, sich des Lebens zu vergewissern, es in all' seinen Formen zu genieen. Die Cambraischlacht. Die schnen Tage von Tourcoing waren bald vorber. Wir lagen noch kurze Zeit in Villers-au-tertre, wo wir durch neuen Ersatz aufgefllt wurden, und fuhren am 15. November 1917 nach Lcluse, dem Aufenthaltsort des jeweiligen Ruhebataillons der uns zugewiesenen Stellung. Lcluse war ein greres, von Seen umgebenes Dorf des Artois. Die ausgedehnten Schilfflchen bargen Enten und Wasserhhner, die Gewsser wimmelten von Fischen. Obwohl das Fischen streng verboten war, hrte man nachts auf dem Wasser oft rtselhafte Gerusche. Eines Tages bekam ich von der Ortskommandantur auch ein paar Soldbcher von Leuten meiner Kompagnie, die beim Fischen mit Handgranaten erwischt waren, zugestellt. Ich verlor indes kein Wort darber, da mir die gute Stimmung der Mannschaft bedeutend mehr am Herzen lag als die Schonung der franzsischen Jagd oder die Mittagsmahlzeiten des Ortsgewaltigen. Seitdem wurde fast jeden Abend von unbekannter Hand ein Riesenhecht auf meinem Tische niedergelegt. Am nchsten Mittag gab ich dann meinen beiden Kompagnie-Offizieren ein Essen mit dem Hauptgange Hecht la Lohengrin (Nie sollst du mich befragen). Am 19. besichtigte ich mit meinen Zugfhrern die Stellung, die wir in den nchsten Tagen besetzen sollten. Sie lag vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Wir kamen jedoch nicht so rasch in die Grben, wie wir gedacht hatten, da fast jede Nacht alarmiert und wir wegen eines vermuteten englischen Angriffes abwechselnd in der Wotanstellung, dem Artillerieschutzriegel oder dem Dorfe Dury bereitgestellt wurden. Erfahrenen Kriegern war klar, da das nicht lange gut gehen konnte. Wirklich erfuhren wir am 29. November durch unseren Bataillons-Kommandeur, Hauptmann von Brixen, da wir an einem gro angelegten Gegenangriff auf den Stellungsbogen teilnehmen sollten, den die Tankschlacht von Cambrai in unsere Front gedrckt hatte. Obwohl wir froh waren, endlich einmal die Rolle des Ambosses mit der des Hammers vertauschen zu knnen, hegten wir unserer noch von Flandern her ausgepumpten Leute wegen Bedenken. Trotzdem setzte ich festes Vertrauen in den Geist meiner Kompagnie und deren eisernes Rckgrat, die erfahrenen Zugfhrer und vorzglichen Unteroffiziere. In der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember wurden wir in Lastautomobile verladen. Dabei erlitt meine Kompagnie die ersten Verluste dadurch, da ein Mann eine Handgranate fallen lie, die auf rtselhafte Weise explodierte und ihn nebst einem Kameraden schwer verwundete. Ein anderer versuchte sich wahnsinnig zu stellen, um der Schlacht zu entgehen. Ich wute nicht, ob ich lachen oder wtend werden sollte. Endlich wurde er durch den krftigen Rippensto eines Unteroffiziers wieder vernnftig und wir konnten endlich einsteigen. Wir fuhren, eng zusammengepkelt, bis dicht vor Baralle, wo wir in einem Straengraben stundenlang auf Befehle warteten. Ich legte mich trotz der Klte auf eine Wiese und schlief bis zum Morgengrauen. Wir erfuhren mit einer gewissen Enttuschung, da das Regiment 225, dem wir unterstellt waren, auf unsere Mitwirkung beim Sturm verzichtet hatte. Wir sollten whrenddessen im Schlopark von Baralle in Reserve liegen. Um 9 Uhr setzte unsere Artillerie in wuchtigen Feuersten ein, die sich von 11.45 Uhr bis 11.50 Uhr zum Trommelfeuer verdichteten. Der Bourlon-Wald, der wegen seiner starken Befestigungen nicht frontal angegriffen, sondern ausgespart wurde, verschwand unter gelbgrnen Gaswolken. Um 11.50 sahen wir durch unsere Glser Schtzenlinien aus dem leeren Trichterfelde tauchen, whrend im Hintergelnde Batterien anspannten und zum Stellungswechsel vorjagten. Ein deutscher Flieger scho einen englischen Fesselballon in Brand, dessen Beobachter mit Fallschirm absprang. Nach dem Genu dieses Schlachtenpanoramas, das wir von der Hhe des Schloparkes betrachtet hatten, leerten wir ein Kochgeschirr Nudeln, legten uns trotz der Klte zu einem Nachmittagsschlaf auf den Boden und bekamen um 3 Uhr den Befehl, bis zum Regiments-Gefechtsstand vorzurcken, der in der Schleusenkammer eines ausgetrockneten Kanalbeckens versteckt war. Wir legten diesen Weg zugweise unter schwachem Streufeuer zurck. Von dort wurde die siebente und achte Kompagnie zum Bereitschaftskommandeur vorgeschickt, um zwei Kompagnien von 225 abzulsen. Die 500 Meter, die im Kanalbett zu berwinden waren, lagen unter dichtem Feuerriegel. Wir rannten ohne Verluste, in einem Klumpen zusammengeballt, zum Ziel. Zahlreiche Tote verrieten, da hier schon manche Kompagnie blutigen Zoll gezahlt hatte. Reserven lagen dicht an die Bschungen gepret und waren beschftigt, in fieberhafter Hast Deckungslcher in die ausgemauerten Wnde zu schlagen. Da alle Pltze besetzt waren und der Ort als Gelndemarke das Feuer auf sich zog, fhrte ich die Kompagnie in ein Trichterfeld rechts daneben und berlie jedem einzelnen, sich dort einzurichten. Ein Splitter flog klirrend gegen mein Seitengewehr. Ich suchte mir mit dem Leutnant Tebbe, der mit seiner achten Kompagnie unserem Beispiel gefolgt war, einen passenden Trichter aus, den wir mit einer Zeltbahn berspannten. Wir steckten eine Kerze an, aen zu Abend, rauchten unsere Pfeifen und unterhielten uns frstelnd. Um 11 Uhr bekam ich Befehl, in die ehemalige vordere Linie einzurcken und mich bei dem K. T. K. zu melden, dem die siebente Kompagnie unterstellt war. Ich lie sammeln und fhrte die Leute vor. Es schlugen nur noch vereinzelte, mchtige Granaten ein, von denen eine gleich einem Gru der Hlle vor uns zerschellte, das ganze Kanalbett mit finsterem Qualm fllend. Die Mannschaft verstummte wie von einer eisigen Faust in den Nacken gepackt und stolperte hastig ber Stacheldraht und Steintrmmer hinter mir her. Ein unbeschreiblich unangenehmes Gefhl beschleicht die Nerven beim Durchschreiten einer unbekannten Stellung zur Nachtzeit, auch wenn das Feuer nicht sonderlich stark ist. Auge und Ohr des Kriegers werden durch die sonderbarsten Tuschungen gereizt; er fhlt sich zwischen den drohenden Wnden des Grabens einsam wie ein Kind, das sich in dunkler Heide verirrt hat. Endlich fanden wir die enge Mndung der vorderen Linie in den Kanal und wanden uns durch menschenberfllte Grben zum Bataillons-Gefechtsstand. Ich trat ein und fand einen Haufen von Offizieren und Ordonnanzen inmitten einer pantagruelschen Atmosphre vor. Ich erfuhr, da der Angriff an dieser Stelle nicht viel erreicht htte und am nchsten Morgen weiter vorgetrieben werden sollte. Die Stimmung im Raum hatte wenig Zuversichtliches. Zwei Bataillonskommandeure begannen eine lange Verhandlung mit ihren Adjutanten. Ab und zu warfen Offiziere der Spezialwaffen einige Brocken von der Hhe ihrer Pritschen, die wie Hhnerkrbe bevlkert waren, in die Debatte. Der Zigarrenqualm wurde erstickend. Burschen versuchten in dem Gedrnge fr ihre Herren Brote zu schneiden. Ein hereinstrzender Verwundeter rief durch die Meldung eines feindlichen Handgranatenangriffes vorbergehenden Alarm hervor. Endlich konnte ich meinen Angriffsbefehl niederschreiben. Ich sollte mit der Kompagnie um 6 Uhr morgens den Drachenweg und von dort so weit als mglich die Siegfried-Linie aufrollen. Die beiden Bataillone des Stellungs-Regiments sollten um 7 Uhr rechts von uns angreifen. Diese Zeitdifferenz erweckte in mir sofort einen ganz bestimmten Verdacht. Ich erhob entschiedenen Einspruch gegen den zersplitterten Angriff und erreichte, da auch wir erst um 7 Uhr antreten sollten. Der nchste Morgen zeigte, da diese nderung von groer Bedeutung war. Der kriegserfahrene Fhrer kann in solchen Fllen seiner Truppe viel unntzes Blut sparen. Eine aus ihrem Verbande gerissene Kompagnie wird unter fremdem Befehle nicht verwhnt. Da mir die Lage des Drachenweges uerst schleierhaft war, bat ich beim Abschied um eine Karte, die aber angeblich nicht entbehrt werden konnte. Ich dachte mir mein Teil und ging. Nachdem ich mit den schwerbepackten Leuten lange Zeit in der Stellung umhergeirrt war, entdeckte ein Mann an einem kleinen, nach vorn abzweigenden Graben, der durch spanische Reiter gesperrt war, ein Schild mit der halbverwischten Aufschrift Drachenweg. Als ich hineinging, hrte ich schon nach wenigen Schritten fremdartiges Stimmengewirr. Ich war uerst berrascht, den Gegner so nahe, beinahe in der eigenen Stellung zu finden, ohne da Sicherungsmaregeln getroffen waren, und sperrte den Graben sofort durch eine Gruppe ab. Dicht neben dem Drachenweg lag ein riesiges Erdloch, anscheinend eine Tankfalle, in der ich die ganze Kompagnie zusammenzog, um den Gefechtsauftrag zu erklren und die Zge zum Angriff einzuteilen. Meine Ansprache wurde mehrere Male durch leichte Granaten unterbrochen. Einmal sauste sogar ein Blindgnger in die rckwrtige Wand der Grube. Ich stand oben auf dem Rande und sah bei jedem Einschlag eine tiefe, gleichmige Verneigung der mondbeglnzten Stahlhelme unter mir. Aus Sorge vor einem groen Unglckstreffer schickte ich den ersten und zweiten Zug in die Stellung zurck und blieb mit dem dritten in der Grube. Mannschaften einer Abteilung, die am vorigen Mittag im Drachenweg abgeschmiert war, machten meine Leute kopfscheu, indem sie erzhlten, da nach 50 Metern ein englisches Maschinengewehr den Graben als unberwindliches Hindernis sperrte. Ich kam daraufhin mit den Zugfhrern berein, beim ersten Widerstand rechts und links auf Deckung zu springen und konzentrisch mit Handgranaten anzugreifen. Inmitten des fremden Verbandes galt es besonders, die Waffenehre des Regiments hochzuhalten. Die endlos langen Stunden verbrachte ich, eng an den Leutnant Hopf gekauert, in einem Erdloch. Um 6 Uhr erhob ich mich und traf in der eigentmlichen Stimmung, die jedem Angriff vorausgeht, die letzten Anordnungen. Man hat ein seltsames, flaues Gefhl im Magen, redet mit den Gruppenfhrern, versucht Scherze zu machen, luft hin und her wie vor einer Parade vor dem kommandierenden General; kurz, man sucht sich mglichst zu beschftigen, um den bohrenden Gedanken zu entgehen. Ein Mann bot mir eine auf Hartspiritus erwrmte Tasse Kaffee an, die Wrme und Zuversicht ins Mark zauberte. Punkt 7 Uhr traten wir in der bestimmten Reihenfolge in langer Schlange an. Wir fanden den Drachenweg unbesetzt; eine Reihe leerer Trommeln hinter einer Barrikade verriet, da das MG. zurckgenommen sein mute. Unser Angriffsgeist wurde dadurch entfacht. Wir betraten einen kleinen Hohlweg, nachdem ich einen rechts abzweigenden, gut ausgebauten Graben durch ein paar Mann abgeriegelt hatte. Der Hohlweg wurde immer flacher, und zuletzt fanden wir uns im grauenden Morgen auf freiem Felde. Wir machten kehrt und betraten den rechten Graben, der gestopft voll Kriegsgert und englischer Toter lag. Es war die Siegfried-Stellung. Pltzlich ri der Fhrer der Stogruppen, Leutnant Hoppenrath, einem Manne das Gewehr aus der Hand und scho. Er war auf einen englischen Posten gestoen, der nach einigen Handgranatenwrfen die Flucht ergriff. Es ging weiter, bis gleich darauf von neuem Widerstand geleistet wurde. Handgranaten flogen von beiden Seiten und barsten mit vielfachem Krachen. Die Stotrupp-Technik trat in Funktion. Wurfgeschosse wanderten von Mann zu Mann durch die Kette der Hnde; Scharfschtzen nisteten sich hinter Schulterwehren ein, um die feindlichen Werfer aufs Korn zu nehmen, die Zugfhrer sphten ber Deckung, um einen Gegensto rechtzeitig zu erkennen und die Bedienungen der leichten MG. bauten ihre Waffen an schufeldbietenden Stellen auf. Nach kurzem Kampfe erschollen drben aufgeregte Stimmen, und ehe wir recht begriffen, was geschehen, kamen uns die ersten Englnder mit hochgereckten Hnden entgegen. Einer nach dem anderen bog um die Schulterwehr und schnallte ab, whrend unsere Gewehre und Pistolen drohend auf ihn gerichtet waren. Es waren lauter junge, stramme Kerle in neuen Uniformen. Ich lie sie mit der Aufforderung: Hands down! passieren und beauftragte eine Gruppe mit dem Abtransport. Die Meisten zeigten durch ihr zuversichtliches Lcheln, da sie uns nichts Unmenschliches zutrauten. Andere suchten mit vorgehaltenen Zigarettenschachteln und Schokoladentafeln uns zur Milde zu stimmen. Mit der gesteigerten Freude eines Weidmannes sah ich, da wir einen gewaltigen Fang gemacht hatten; der Zug wollte gar kein Ende nehmen. Schon hatten wir 150 Mann gezhlt, und immer noch erschienen neue mit erhobenen Armen. Ich hielt einen Offizier an und fragte ihn nach dem weiteren Verlauf und der Besetzung der Stellung. Er antwortete sehr hflich, beeintrchtigte indes den guten Eindruck, den er auf mich machte, dadurch, da er stramm stand. Er geleitete mich dann zu dem Fhrer der Kompagnie, einem verwundeten Captain, der sich in einem nahen Stollen aufhielt. Ich fand einen jungen Mann von ungefhr 26 Jahren mit feingeschnittenem Gesicht, der mit durchschossener Wade an dem Stollenrahmen lehnte. Als ich mich vorstellte, hob er seine Hand, von der eine goldene Kette blitzte, an die Mtze, nannte seinen Namen und bergab mir seine Pistole. Seine ersten Worte zeigten, da ich einen Mann vor mir hatte. We were surroundet about. Es drngte ihn, seinem Gegner zu erklren, warum sich seine Kompagnie so rasch ergeben htte. Wir unterhielten uns in franzsischer Sprache ber verschiedenes. Er erzhlte mir, da eine Reihe deutscher Verwundeter, die von seinen Leuten verbunden und verpflegt wren, in einem nahen Unterstande lgen. Als ich mich erkundigte, wie stark die Siegfriedstellung weiter hinten besetzt wre, verweigerte er die Auskunft. Nachdem ich versprochen hatte, ihn und die anderen Verwundeten zurckschaffen zu lassen, verabschiedeten wir uns durch einen Hndedruck. Vorm Stollen standen meine Leute und meldeten, da wir an 200 Gefangene gemacht htten. Fr eine Kompagnie von 80 Kpfen eine schne Leistung. Nachdem ich Postierungen ausgestellt hatte, sahen wir uns in dem eroberten Graben um, der von Waffen und Ausrstungsstcken starrte. Auf den Postenstnden lagen MG., Minenwerfer, Hand- und Gewehrgranaten, Feldflaschen, Pelzwesten, Gummimntel, Zeltbahnen, Dosen voll Fleisch, Marmelade, Tee, Kaffee, Kakao und Tabak, Kognak-Flaschen, Handwerkszeug, Pistolen, Leuchtpistolen, Wsche, Handschuhe, kurz alles, was man sich nur denken konnte. Ich legte eine kleine Pause ein, um den Leuten Zeit zu geben, sich auszuruhen und die guten Sachen etwas nher zu untersuchen. Auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mir von meinem Burschen in einem Stolleneingang ein kleines Frhstck zusammenstellen zu lassen und eine Pfeife des langentbehrten navy cut zu entznden, whrend ich meinen Bericht an den Kampftruppen-Kommandeur kritzelte. Als vorsichtiger Mann schickte ich ein Duplikat an unseren Bataillons-Kommandeur. Nach einer halben Stunde traten wir in gehobener Stimmung (ich will nicht ableugnen, da die englischen Kognakflaschen ein wenig dazu beigetragen haben mochten) wieder an und pirschten uns von Schulterwehr zu Schulterwehr die Siegfriedstellung entlang. Aus einem in dem Graben eingebauten Blockhaus erhielten wir Feuer und stiegen, um uns zu orientieren, auf den nchsten Postenstand. Whrend wir mit den Insassen einige Kugeln wechselten, wurde ein Mann wie durch eine unsichtbare Faust zu Boden gestoen. Ein Gescho hatte den Scheitel seines Stahlhelms durchbohrt und eine lange Rille in die Schdeldecke gerissen. Das Gehirn hob und senkte sich in der Wunde unter jedem Schlage des Blutes, trotzdem konnte er noch allein zurckgehen. Ich rief Freiwillige auf, um den Widerstand durch einen Angriff ber freies Feld zu brechen. Die Leute sahen sich zgernd an; nur ein unbeholfener Pole, den ich immer fr bldsinnig gehalten hatte, kletterte aus dem Graben und stapfte schwerfllig auf das Blockhaus los. Nun sprang auch der Fhnrich Neupert mit seiner Gruppe auf Deckung, whrend wir gleichzeitig im Graben vorgingen. Die Englnder gaben einige Schsse ab und rissen aus, das Blockhaus uns berlassend. Einer der Leute des Fhnrichs war mitten im Anlauf tot zusammengebrochen und lag wenige Schritte vorm Ziel mit dem Gesicht auf dem Boden. Beim weiteren Vorgehen stieen wir auf die erbitterte Gegenwehr unsichtbarer Handgranatenwerfer und wurden im Verlaufe eines lngeren Gemetzels wieder bis zum Blockhaus zurckgedrngt. Dort verbarrikadierten wir uns. Sowohl wir als die Englnder lieen in dem umkmpften Grabenstck eine Anzahl von Leichen zurck. Leider befand sich darunter auch der Unteroffizier Mevius, den ich in der Nacht von Regniville als tollkhnen Kmpfer schtzen gelernt hatte. Er lag mit dem Gesicht in einer groen Blutlache. Als ich ihn umdrehte, sah ich an einem groen Loch in der Stirn, da hier keine Hilfe mehr not tat. Nachdem sich auch der Gegner etwas zurckgezogen hatte, begann ein hartnckiges Feuergefecht, whrenddessen ein 50 Meter von uns postiertes Lewis-Gewehr unsere Kpfe niederzwang. Ein leichtes Maschinengewehr von uns nahm das Duell auf. Eine halbe Minute lang knatterten die beiden Mordwaffen, von Geschossen umspritzt, gegen einander los. Dann brach unser Richtschtze, der Gefreite Motullo, mit einem Kopfschu zusammen. Obwohl ihm das Gehirn bis zum Kinn ber das Gesicht lief, war er noch bei klarem Verstande, als wir ihn in den nchsten Stollen trugen. Allmhlich wurde es etwas ruhiger, da auch die Englnder an einer Barrikade arbeiteten. Um 12 Uhr erschienen Hauptmann von Brixen, Leutnant Tebbe und Leutnant Vogt und beglckwnschten mich zu den Erfolgen der Kompagnie. Wir setzten uns in das Blockhaus, frhstckten von den englischen Vorrten und besprachen die Lage. Zwischendurch unterhandelte ich schreiend mit ungefhr 25 Englndern, deren Kpfe 100 Meter vor uns aus dem Graben tauchten, und die sich anscheinend ergeben wollten. Sowie ich mich aber ber Deckung erhob, wurde ich von weiter hinten beschossen. Pltzlich entstand bei der Barrikade Bewegung. Handgranaten flogen. Gewehre knallten, MG. ratterten. Sie kommen! Sie kommen! Wir sprangen hinter die Sandscke und schossen. Einer meiner Leute, der Gefreite Kimpenhaus, sprang in der Hitze des Kampfes oben auf die Barrikade und scho so lange in den Graben, bis ihn zwei schwere Armschsse herunterfegten. Ich merkte mir diesen Helden des Augenblicks und hatte die Freude, ihm 14 Tage spter zum E. K. I gratulieren zu knnen. Kaum waren wir von diesem kleinen Intermezzo zum Frhstck zurckgekehrt, als von neuem ein Heidenlrm losbrach. Es trat einer jener merkwrdigen Zwischenflle ein, an denen die Kriegsgeschichte im groen und kleinen so reich ist. Das Geschrei rhrte von einem Offizier-Stellvertreter des linken Nachbar-Regiments, der mit uns Verbindung aufnehmen wollte und von gewaltiger Rauflust beseelt war. Alkoholgenu schien seine angeborene Tapferkeit zur Raserei entfacht zu haben. Wo ist der Tommy? Ran an die Hunde! Los, wer kommt mit? In seiner Wut ri er unsere schne Barrikade ein und strzte vor, sich den Weg mit krachenden Handgranaten bahnend. Vor ihm glitt seine Ordonnanz durch den Graben und erledigte mit Gewehrschssen die dem Sprengstoff Entronnenen. Mut, tollkhner Einsatz der eigenen Person wirken immer begeisternd. Auch wir wurden vom Draufgngertum gepackt und beeilten uns, einige Handgranaten aufraffend, an dem improvisierten Sturm teilzunehmen. Bald befand ich mich neben dem Offizier-Stellvertreter, und auch die anderen Offiziere, gefolgt von Leuten meiner Kompagnie, lieen sich nicht lange bitten. Selbst der Bataillons-Kommandeur, Hauptmann von Brixen, befand sich mit einem Gewehre in der Hand unter den Vordersten und streckte ber unsere Kpfe hinweg mehrere feindliche Werfer nieder. Die Englnder wehrten sich wacker. Es wurde um jede Schulterwehr gerungen. Die schwarzen Blle der Mill-Handgranaten kreuzten sich in der Luft mit unseren Gestielten. Hinter jeder genommenen Schulterwehr fanden wir Leichen oder noch zuckende Krper. Man ttete sich, ohne sich zu sehen. Auch wir hatten Verluste. Neben der Ordonnanz fiel ein Stck Eisen zu Boden, dem der Mann nicht mehr ausweichen konnte; er brach zusammen, whrend sein Blut aus vielen Wunden auf den Lehm sickerte. ber seinen Krper hinweg sprangen wir weiter. Donnerkrachen zeichnete unseren Weg. Hunderte von Augen lauerten in dem toten Gelnde hinter Gewehr und Maschinengewehr auf Ziel. Wir waren schon weit vor den eigenen Linien. Von allen Seiten pfiffen uns Geschosse um die Stahlhelme oder zerschellten mit hartem Knall am Grabenrand. Ein rechts abzweigender Graben wurde von uns folgenden Leuten des Regiments 225 ausgerumt. In die Zwickmhle geratene Englnder versuchten, ber freies Feld zu entkommen und wurden niedergeschossen wie bei einer Treibjagd. Dann kam der Hhepunkt; der atemlose Gegner, dem wir hart auf den Fersen geblieben waren, machte Anstalten, durch einen rechts abbiegenden Verbindungsgraben zu entweichen. Ich sprang auf einen Postenauftritt und sah, da dieser Graben eine ganze Strecke lang dem unsrigen in einer Entfernung von 20 m parallel lief. Der Feind mute also noch einmal an uns vorbei. Wir konnten von unserem erhhten Standpunkt den Englndern, die vor Eile und Aufregung stolperten, direkt auf die Stahlhelme sehen. Ich schleuderte den Vordersten eine Handgranate vor die Fe, so da sie stutzend stehen blieben, und die ihnen Folgenden eingekeilt wurden. Nun entstand eine unbeschreibliche Vernichtung; Handgranaten flogen wie Schneeblle durch die Luft, alles in weilichen Qualm hllend. Zwei Leute reichten mir ununterbrochen fertige Wurfgeschosse zu. Zwischen den zusammengeballten Englndern zuckten Blitze auf, Fetzen und Stahlhelme hochschleudernd. Wut- und Angstgebrll mischte sich. Feuer vor den Augen, sprangen wir schreiend auf den Grabenrand. Mitten in diesem Taumel wurde ich durch einen furchtbaren Schlag zu Boden geworfen. Ernchtert ri ich meinen Stahlhelm herunter und erblickte zu meinem Schrecken zwei groe Lcher darin. Der Fahnenjunker-Unteroffizier Mohrmann, der mir beisprang, beruhigte mich durch die Versicherung, da an meinem Hinterkopfe nur ein blutender Ri zu sehen wre. Das Gescho eines weiter entfernten Schtzen hatte meinen Stahlhelm durchschlagen und den Kopf gestreift. Halb betubt, wankte ich mit verbundenem Kopfe zurck, um mich aus diesem Brennpunkte des Kampfes zu entfernen. Kaum hatte ich die nchste Schulterwehr passiert, als ein Mann hinter mir herstrzte und hervorstie, da Leutnant Tebbe an derselben Stelle soeben durch Kopfschu gefallen wre. Diese Nachricht gab mir den Rest. Ich strubte mich, die Tatsache zu fassen, da ein Freund, mit dem ich jahrelang Freud, Leid und Gefahr geteilt, und der mir vor wenigen Minuten noch ein Scherzwort zugerufen hatte, durch ein sinnloses Stck Blei sein Ende gefunden haben sollte. Es war leider nur zu wahr. Gleichzeitig verbluteten in diesem mrderischen Grabenstckchen smtliche hervorragenden Unteroffiziere und ein Drittel meiner Kompagnie. Auch der Leutnant Hopf fiel, ein bereits lterer Mann, Lehrer von Beruf, deutscher Ideal-Schulmeister im besten Sinne des Wortes. Meine beiden Fhnriche und viele andere wurden verwundet. Trotzdem hielt die siebente Kompagnie die glorreich eroberte Stellung unter Fhrung des Leutnants Hoppenrath, des letzten Kompagnieoffizieres, bis zur Ablsung. Auch das moderne Gefecht hat seine groen Augenblicke. Man hrt so oft die irrige Ansicht, da der Infanteriekampf zu einer uninteressanten Massenschlchterei herabgesunken ist. Im Gegenteil, heute mehr denn je entscheidet der einzelne. Das wei jeder, der sie in ihrem Reich gesehen hat, die Frsten des Grabens mit den harten, entschlossenen Gesichtern, tollkhn, so sehnig, geschmeidig vor- und zurckspringend, mit scharfen, blutdrstigen Augen, Helden, die kein Bericht nennt. Der Grabenkampf ist der blutigste, wildeste, brutalste von allen, doch auch er hat seine Mnner gehabt, Mnner, die ihrer Stunde gewachsen waren, unbekannte, verwegene Kmpfer. Unter allen nervenerregenden Momenten des Krieges ist keiner so stark, wie die Begegnung zweier Stotruppfhrer zwischen den engen Lehmwnden des Grabens. Da gibt es kein Zurck und kein Erbarmen. Blut klingt aus dem schrillen Erkennungsschrei, der sich wie Alpdruck von der Brust ringt. Auf dem Rckweg blieb ich neben dem Hauptmann von Brixen stehen, der, mit einigen Leuten einen Feuerkampf gegen eine Reihe von Kpfen fhrte, die aus einem nahen Parallelgraben ragten. Ich stellte mich zwischen ihn und einen anderen Schtzen und beobachtete die Geschoeinschlge. Pltzlich warf mich wieder ein Prall vor die Stirne auf die Grabensohle, whrend meine Augen durch herabstrmendes Blut geblendet wurden. Der Mann neben mir strzte zu gleicher Zeit und begann zu jammern. Kopfsteckschu durch Stahlhelm und Schlfe. Der Hauptmann frchtete, seinen zweiten Kompagniefhrer an diesem Tage verloren zu haben, stellte indes bei nherem Hinsehen nur zwei oberflchliche Lcher an der Haargrenze fest; wahrscheinlich durch das zerschellende Gescho oder Stahlhelmsplitter des Verwundeten verursacht. Durch den erneuten Blutverlust geschwcht, schlo ich mich dem Hauptmann an, der zu seiner Befehlsstelle zurckging. Den hart beschossenen Dorfrand von Moeuvres im Laufschritt berwindend, gewannen wir den Unterstand im Kanalbett, wo ich Verband und Tetanusspritze erhielt. -- Am Nachmittag setzte ich mich in ein Lastauto und fuhr nach Lcluse, wo ich dem begeisterten Oberst von Oppen beim Abendessen Bericht erstattete. Nachdem ich halb im Schlaf, aber in vorzglicher Stimmung, eine Flasche Wein geleert hatte, verabschiedete ich mich und warf mich nach diesem gewaltigen Tage mit einem Feierabendgefhl in das Bett, das mir mein treuer, freudestrahlender Vinke bereitet hatte. Am bernchsten Tage rckte das Bataillon in Lcluse ein. Am 4. Dezember hielt der Divisions-Kommandeur, Generalmajor von Busse, eine Ansprache an die beteiligten Bataillone, in der die Verdienste der siebenten Kompagnie besonders hervorgehoben wurden. Ich konnte mit Recht stolz auf meine Leute sein. Kaum 80 Mann hatten ein langes Grabenstck erobert; eine Menge Maschinengewehre, Minenwerfer und Material erbeutet und 200 Gefangene gemacht. Leider hatten wir auch eine Verlustziffer von 50 Prozent, darunter besonders viele Chargen. Ich hatte die Freude, eine lange Reihe von Befrderungen und Auszeichnungen verknden zu knnen. Verdientermaen erhielten der Leutnant Hoppenrath, Fhrer der Stotruppen, Fhnrich Neupert, der Blockhausstrmer und last not least, der khne Barrikadenverteidiger Kimpenhaus das E. K. I. Ich bekam als Pflaster auf meine fnfte Verwundung einen vierzehntgigen Weihnachtssurlaub, whrenddessen mir das Ritterkreuz des Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern ins Haus geschickt wurde. Ich habe mir im Verlaufe des Krieges ber Orden eine eigentmliche Anschauung erworben, indes gestehe ich, da ich mir das goldgerandete Emaillekreuz mit Stolz an die Brust heftete. Dieses Kreuz, mein durchschossener Stahlhelm und ein silberner Pokal mit der Inschrift Dem Sieger von Moeuvres, den mir die drei anderen Kompagniefhrer des Bataillons schenkten, sind meine Erinnerungszeichen an den Tag von Cambrai. Am Cojeul-Bach. Nach wenigen Tagen der Ruhe lsten wir am 9. Dezember 1917 die zehnte Kompagnie in vorderer Linie ab. Die Stellung lag, wie ich schon berichtete, vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Mein Kompagnieabschnitt wurde rechts durch die Strae Arras--Cambrai, links durch das versumpfte Bett des Cojeul-Baches begrenzt, ber das wir die Verbindung mit der Nebenkompagnie durch nchtliche Patrouillen aufrechterhielten. Die feindliche Stellung wurde durch eine zwischen den vorderen Grben liegende Erhebung der Sicht entzogen. Auer ein paar Patrouillen, die sich nachts an unserem Draht zu schaffen machten, und dem Surren eines in der nahen Hubertus-Ferme aufgestellten Lichtmotors nahmen wir nichts von der feindlichen Infanterie wahr. Mein Unterstand war in die steile Wand einer hinter der Stellung ghnenden Kiesgrube getrieben, die fast jeden Tag stark beschossen wurde. Dahinter ragte in grotesker Wstheit das Eisengerst einer zerstrten Zuckerfabrik. Die Kiesgrube war ein unheimlicher Aufenthaltsort. Zwischen den mit verbrauchtem Kriegsmaterial gefllten Trichtern steckten die windschiefen Kreuze verfallener Grber. Nachts konnte man nicht die Hand vor Augen sehen und mute von dem Erlschen der einen Leuchtkugel auf das Hochsteigen der anderen warten, um nicht vom sicheren Pfade der Laufrosten in den Schlamm des Cojeul-Grundes zu geraten. Die Tage verbrachte ich, wenn ich nicht bei dem im Bau befindlichen Postengraben zu tun hatte, in dem eisigkalten Stollen, las ein Buch und trommelte mit den Fen zur Erwrmung gegen die Stollenrahmen. Demselben Zweck diente auch die in einer Nische des Kalkfelsens verborgene Flasche, der von meinen Ordonnanzen und mir stark zugesprochen wurde. Htten wir indes aus der Kiesgrube den Dampf eines Feuerchens zum trben Dezemberhimmel emporsteigen lassen, so wre der Platz gnzlich unbewohnbar geworden, da der Feind bislang die Zuckerfabrik fr den Sitz der Befehlsstelle zu halten schien und demgem bedachte. So kam erst zur Stunde der Dmmerung Leben in unsere erstarrten Glieder. Der kleine Ofen wurde in Brand gesetzt und verbreitete neben dichtem Qualm auch eine behagliche Wrme. Bald klapperten auf der Stollentreppe die Kochgeschirre der aus Vis zurckkehrenden Essenholer, die bereits sehnschtig erwartet wurden. Wenn dann die ewige Folge von Steckrben, Graupen und Drrgemse durch Bohnen oder Nudeln unterbrochen wurde, lie die Stimmung nichts mehr zu wnschen brig. Ich freute mich manchmal, an meinem kleinen Tische sitzend, ber die urwchsige Unterhaltung der Leute, die, in Tabakswolken gehllt, um den Ofen hockten, von dem ein Kochgeschirr voll Grog krftige Gerche ausstrmte. Krieg und Frieden, Kampf und Heimat, Ruheort und Urlaub wurden in trockener niederschsischer Art besprochen, auch die Erotik spielte eine Hauptrolle. Am 17. Dezember trat ich meinen Urlaub an, von dem ich am 2. Januar zurckkehrte. Am 19. Januar wurden wir um 4 Uhr morgens abgelst und marschierten durch dichtes Schneegestber nach Gouy, wo wir lngere Zeit bleiben sollten, um uns fr die Aufgaben der groen Offensive zu schulen. Die wunderbar klaren Ausbildungsbefehle Ludendorffs, die bis zu den Kompagniefhrern verteilt wurden, stellten den Angriff fr die nchste Zeit in Aussicht. Wir bten die fast vergessenen Formen des Schtzengefechts und Bewegungskrieges, auch wurde eifrig mit Gewehr und Maschinengewehr geschossen. Da alle Drfer hinter der Front bis zur letzten Dachkammer belegt waren, wurde jede Bschung als Scheibenstand benutzt, so da die Geschosse manchmal wie bei einem Gefecht ber das Gelnde flirrten. Ein Richtschtze meiner Kompagnie scho mit seinem leichten Maschinengewehr den Kommandeur eines fremden Regiments mitten in einer Kritik aus dem Sattel. Zum Glck war die Verwundung eine leichte und unsere Tterschaft nicht klar erweislich. Einige Male unternahm ich mit der Kompagnie bungsangriffe mit scharfen Handgranaten auf verwickelte Grabensysteme, um die Erfahrungen der Cambraischlacht auszuwerten. Auch dabei gab es Verwundete. Wo Holz gehauen wird, fallen Spne. Am 24. Januar verabschiedete sich unser von allen verehrter Oberst v. Oppen, um im fernen Sdosten eine Brigade zu bernehmen. Das Scheiden dieses hervorragenden, whrend der langen Jahre des Krieges fest mit seiner Truppe verwachsenen Fhrers war dem ganzen Regiment ein schmerzlicher Verlust. Neben einer warmen Teilnahme am Geschick seiner Untergebenen besa er die bei im eintnigen Friedensdienst alt gewordenen Offizieren nicht hufige Eigenschaft, sich den gewaltigen Neuerungen des Krieges mit Leichtigkeit anpassen zu knnen. Ein solcher Mann kann im Kriege Unermeliches leisten. Leider gingen seine Abschiedsworte: Auf Wiedersehen in Hannover! nicht in Erfllung. Unser lieber Oberst hat weder die Heimat noch sein stolzes Regiment wiedergesehen. Er ruht in fremder Erde, fern von der Heimat, von tckischer Seuche dahingerafft. Am 6. Februar siedelten wir wieder nach Lcluse ber und wurden am 22. fr vier Tage im Trichterfelde links der Strae Dury--Hendecourt untergebracht, um nachts in vorderer Linie zu schanzen. Bei der Besichtigung der Stellung, die dem Trmmerhaufen des ehemaligen Dorfes Bullecourt gegenberlag, wurde mir klar, da ein Teil des gewaltigen Angriffs, von dem an der ganzen Westfront erwartungsvoll geraunt wurde, an dieser Stelle stattfinden mute. berall wurde mit fieberhafter Hast gebaut, Stollen getrieben und neue Wege angelegt. Das Trichterfeld wimmelte von mitten im Gelnde stehenden Schildchen, auf denen unverstndliche Ziffern standen, die anscheinend die Pltze fr Batterien und Befehlsstellen bezeichneten. Dauernd flogen unsere Flugzeuge Sperre, um den feindlichen den Einblick zu verwehren. Eine interessante Neuerscheinung an der Front war, da jeden Mittag punkt 12 Uhr von den Fesselballons ein schwarzer Ball heruntergelassen wurde, der um 12.10 Uhr verschwand. Es geschah dies, um die Truppe mit genauer Uhrzeit zu versorgen. Gegen Ende des Monats marschierten wir wieder nach Gouy in unsere alten Quartiere. Nach mehreren bungen im Bataillons- und Regimentsverbande exerzierten wir zweimal an einer groen tracierten Stellung einen Durchbruch der ganzen Division. Anschlieend hielt der Divisionskommandeur eine Ansprache an seine Offiziere, bei der jedem klar wurde, da der Sturm in den nchsten Tagen losbrechen sollte. Der eherne Geist des Angriffs, der Geist der preuischen Infanterie, schwebte ber den Massen, die sich hier auf nordfranzsischem Felde beim Frhlingserwachen zur Kampfprobe versammelt hatten. Wenn das Ziel nicht erreicht wurde, das die Fhrung sich gesteckt hatte, so war es nicht die Schuld der Offiziere und der Leute, die nach 44 Monaten schwerster Kmpfe sich dem Feinde mit einer Begeisterung entgegenwarfen, wie je im August 1914. Frwahr, es mute sich die ganze Welt in die Bresche stemmen, um solcher Sturmflut standzuhalten. Wenn sich im Laufe der Jahre einst die Wogen des Hasses geglttet haben, wird die Geschichte anerkennen, da wir gekmpft haben wie nie ein Volk zuvor. Mit Vergngen erinnere ich mich auch jener Abendstunden, wo wir am runden Tisch zusammensaen und uns mit heien Kpfen ber den bevorstehenden frisch-frhlichen Bewegungskrieg unterhielten. Ging auch in der Begeisterung der letzte Taler fr Wein drauf, was brauchten wir noch Geld jenseits der feindlichen Linien oder gar im besseren Jenseits? Wer wei, ob nicht die Welt Morgen in Schutt zerfllt, Wenn sie nur heut noch hlt, Heute ist heut! Nur durch die Vorstellung, da die Etappe doch auch leben wollte, konnte uns der Hauptmann v. Brixen am letzten Abend davon abhalten, Glser, Flaschen und Porzellan gegen die Wnde zu feuern. Auch die Leute waren gut in Form. Hrte man sie in ihrer trockenen niederschsischen Weise von dem bevorstehenden Hindenburg-Flachrennen reden, so wute man, da sie anpacken wrden wie immer, zh, zuverlssig und ohne unntiges Geschrei. Wie htte man hinten sein knnen, wenn sie ins Gefecht gingen, diese stillen Shne alter, eichenumrauschter Hfe? Viel schimmernde Ideale, die ber unseren Zielen hingen, hat mir der Krieg zerschlagen, eins blieb fr immer: diese unerschtterliche Treue. Am 17. Mrz marschierten wir nach Dunkelwerden von den uns bereits liebgewordenen Quartieren nach Brunemont. Alle Straen waren berfllt von rastlos sich vorwlzenden Marschkolonnen, unzhligen Geschtzen und endlosen Trains. Trotzdem herrschte genaue Ordnung nach einem von Generalstabsoffizieren ausgearbeiteten Mobilmachungsplan. Wehe der Truppe, die nicht peinlich Weg- und Marschzeit innehielt; sie wurde rcksichtslos in den Straengraben gedrngt und mute stundenlang warten, ehe sie sich in eine Lcke zwngen konnte. Einmal gerieten wir doch ins Gedrnge, wobei sich das Reitpferd des Hauptmanns v. Brixen auf eine beschlagene Wagendeichsel spiete und verendete. Die groe Schlacht. Das Bataillon wurde im Schlo von Brunemont untergebracht. Wir erfuhren, da wir in der Nacht vom 19. zum 20. Mrz 1918 nach vorn marschieren sollten, um in der Nhe von Cagnicourt in Stollen des Trichterfeldes bereitgestellt zu werden, und da der groe Angriff am Morgen des 21. beginnen sollte. Das Regiment hatte den Auftrag, zwischen den uns von 1915/16 her wohlbekannten Drfern Ecoust-St. Mein und Noreuil durchzustoen und womglich am ersten Tage Mory zu erreichen. Ich schickte den Leutnant Schmidt, den wir seines netten Wesen wegen gar nicht anders nennen konnten als Schmidtchen, voraus, um die Unterkunft der Kompagnie zu sichern. Zur bestimmten Stunde marschierte das Bataillon aus Brunemont ab. Trotz strmenden Regens war die Stimmung gut. Einen Betrunkenen, der grhlend zwischen den Gliedern meiner Kompagnie taumelte, bersah ich. Jetzt mute jedes scharfe Wort schaden. Die Ausbildung war vorber, nun kam die Sache selbst. Man mute jedes Rdchen laufen lassen. Von einer Straenkreuzung, an der uns unsere Fhrerkommandos erwarteten, marschierten die Kompagnien selbstndig nach vorn. Als wir in der Hhe der zweiten Linie waren, in der wir untergebracht werden sollten, stellte sich heraus, da sich unsere Fhrer verlaufen hatten. Es begann ein Umherirren in dem schwach beleuchteten, aufgeweichten Trichtergelnde und ein Fragen bei unzhligen, ebensowenig orientierten Trupps. Um meine Leute nicht vllig zu erschpfen, lie ich halten und schickte die Fhrer in verschiedenen Richtungen aus. Die Gruppen setzten die Gewehre zusammen und drngten sich in einen gewaltigen Trichter, whrend ich mit dem Leutnant Sprenger auf dem Rande eines kleineren sa. Schon seit einiger Zeit waren ungefhr 100 Meter vor uns einzelne Einschlge aufgeflammt. Ein neues Projektil schlug in geringerer Entfernung ein; Splitter klatschten in die Lehmwnde des Trichters. Ein Mann schrie auf und behauptete, am Fue getroffen zu sein. Ich rief den Leuten zu, sich in die umliegenden Lcher zu verteilen, whrend ich mit den Hnden den schlammigen Stiefel des Getroffenen nach einem Einschu untersuchte. Da pfiff es wieder hoch in der Luft; jeder hatte das zusammenschnrende Gefhl: die kommt hierher! Dann schmetterte ein betubender, ungeheurer Krach; -- die Granate war mitten zwischen uns geschlagen. . . . Halb ohnmchtig richtete ich mich auf. Aus dem groen Trichter strahlte unsere in Brand gesetzte Maschinengewehrmunition ein intensives rosa Licht. Es beleuchtete den schwelenden Qualm des Einschlages, in dem sich schwarze Krper wlzten und die Schatten der nach allen Seiten auseinanderstiebenden berlebenden. Gleichzeitig ertnte ein vielfaches, grauenhaftes Gebrll und Hilfegeschrei. Ich will nicht verheimlichen, da ich zunchst, wie alle anderen, nach einem Augenblick starren Entsetzens aufsprang und planlos in die Nacht rannte. Erst in einem kleinen Granatloch, in das ich kopfber gestrzt war, wurde mir der Vorgang klar. Nichts mehr hren und sehen! Fort, weit weg, verkriechen! Und doch meldete sich sofort die andere Stimme: Mensch, du bist doch der Kompagniefhrer! Genau so. Ich sage es nicht, um mich zu rhmen; ich mchte eher sagen: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand dazu. Ich habe an mir und anderen oft erfahren, da das Verantwortlichkeitsgefhl des Fhrers die persnliche Angst bertubte. Man hatte einen Halt, etwas, an das man denken mute. Ich zwang mich also an den schrecklichen Ort zurck; unterwegs stie ich auf den Fsilier Haller, der whrend meiner November-Patrouille das Maschinengewehr erbeutet hatte, und nahm ihn mit. Die Verwundeten stieen noch immer ihre furchtbaren Schreie aus. Einige kamen auf mich zugekrochen und winselten, meine Stimme erkennend: Herr Leutnant! Herr Leutnant! Einer meiner liebsten Rekruten, dem ein Splitter den Schenkel zerknickt hatte, klammerte sich an meinen Beinen fest. Meinem Unvermgen zu helfen, fluchend, klopfte ich ihm ratlos auf die Schulter. Solche Augenblicke vergit man nie. Ich mute die Unglcklichen dem einzig berlebenden Krankentrger berlassen, um das Huflein Getreuer, das sich um mich gesammelt hatte, aus dem gefhrdeten Bereich zu fhren. Vor einer halben Stunde noch an der Spitze einer kriegsstarken, ausgezeichneten Kompagnie, irrte ich nun mit wenigen, seelisch vollkommen deprimierten Leuten durch das Grabengewirre. Ein blutjunges Milchgesicht, das vor einigen Tagen noch, von seinen Kameraden verspottet, beim Exerzieren der schweren Munitionsksten wegen geweint hatte, schleppte nun diese Last, die es aus der furchtbaren Szene gerettet hatte, getreulich auf unserem mhsamen Wege mit. Diese Beobachtung gab mir den Rest. Ich warf mich zu Boden und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus, whrend die Leute dster um mich herumstanden. Nachdem wir einige Stunden lang erfolglos, oft von einschlagenden Granaten bedroht, durch Grben gehastet waren, in denen Schlamm und Wasser fuhoch standen, verkrochen wir uns, zu Tode erschpft, in einige in die Wnde eingebaute Munitionsnischen. Mein Bursche breitete seine Decke ber mich; trotzdem konnte ich infolge der furchtbaren Nervenerregung kein Auge schlieen und erwartete, Zigarren rauchend, die Dmmerung. Das erste Tageslicht entschleierte ein ganz unglaubliches Leben im Trichterfelde. Zahllose Trupps Infanterie suchten noch ihre Deckungen zu erreichen. Artilleristen schleppten Munition, Minenwerfer zogen ihre Fahrzeuge; Fernsprecher und Lichtsignalisten bauten Leitungen. Es war der reinste Jahrmarktstrubel tausend Meter vorm Feinde, der unbegreiflicherweise nichts zu merken schien. Zum Glck stie ich auf den Fhrer der zweiten Maschinengewehrkompagnie, Leutnant Fallenstein, einen alten Frontoffizier, der mir unsere Unterkunft zeigen konnte. Sein erstes Wort war: Mensch, wie sehen Sie denn aus? Ich fhrte meine Leute in einen groen Stollen, an dem wir in der Nacht wohl ein dutzendmal vorbeigelaufen waren, und in dem ich Schmidtchen vorfand, der von unserem Unglck noch nichts wute. Auch die Fhrer fand ich hier wieder. Seit diesem Tage habe ich, wenn wir eine neue Stellung bezogen, die Auswahl der Fhrer stets selbst und mit der grten Sorgfalt getroffen. Im Kriege lernt man grndlich, aber das Lehrgeld ist teuer. Nachdem ich meine Begleiter untergebracht hatte, machte ich mich auf den Weg nach der Schreckensstelle der vergangenen Nacht. Der Platz sah schaurig aus. Rings um die verbrannte Einschlagsstelle lagen ber 20 geschwrzte Leichen, fast alle bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Einige der Gefallenen muten wir spter als vermit fhren, da nichts von ihnen vorzufinden war. Einige Soldaten fremder Truppenteile fand ich beschftigt, aus dem grlichen Gewirr die blutbesudelten Sachen der Toten hervorzuziehen und nach Beute zu durchsuchen. Angeekelt jagte ich das Hynengelichter fort und gab meiner Ordonnanz den Auftrag, soweit mglich, die Brieftaschen und Wertsachen an sich zu nehmen, um sie fr die Hinterbliebenen zu retten. Wir muten sie allerdings am folgenden Tage beim Sturm zurcklassen. Zu meiner Freude kann aus einem nahen Stollen der Leutnant Sprenger mit einer Schar von Leuten, die dort die Nacht verbracht hatten. Ich lie die Gruppenfhrer melden und stellte fest, da mir noch 63 Mann zur Verfgung standen. Mit ber 150 war ich am Abend zuvor in bester Stimmung ausgezogen! Es gelang mir, ber 20 Tote und ber 60 Verwundete, von denen spter noch viele ihren Verletzungen erlagen, zu ermitteln. Der einzige schwache Trost war, da es noch schlimmer htte kommen knnen. So stand z. B. der Fsilier Rust so dicht neben dem Einschlag, da die Tragegurte seiner Munitionsksten anfingen zu brennen. Der Unteroffizier Peggau, der allerdings am nchsten Tage sein Leben lassen mute, stand zwischen zwei Leuten, die vollkommen zerrissen wurden, ohne auch nur geritzt zu werden. Wir verbrachten den Tag in gedrckter Stimmung, meist schlafend. Ich mute hufig zum Bataillonskommandeur, da immer wieder etwas ber den Angriff zu besprechen war. Sonst fhrte ich mit meinen beiden Offizieren, auf einer Pritsche liegend, eine Unterhaltung ber die nebenschlichsten Dinge, um den marternden Gedanken zu entgehen. Der stete Refrain war: Mehr als totgeschossen knnen wir Gott sei Dank nicht werden! Eine kleine Ansprache, mit der ich die Leute zu ermuntern suchte, die wortlos auf der Stollentreppe zusammenkauerten, schien wenig Wirkung zu haben. Ich war auch zum Ermutigen nicht disponiert. Um 10 Uhr abends brachte eine Ordonnanz den Befehl zum Abmarsch in vordere Linie. Wenn ein Tier der Wildnis aus seiner Hhle hervorgezerrt wird, oder ein Seemann die rettende Planke unter seinen Fen sinken sieht, mgen sie hnliche Gefhle haben wie wir, als wir uns von dem sicheren, warmen Stollen trennen muten. Jedoch kam nicht einem meiner Leute der Gedanke, unbemerkt zurckzubleiben. Wir eilten in scharfem Schrapnellfeuer durch den Felixgraben und kamen ohne Verluste vorn an. Dem Bataillon war ein ganz schmaler Abschnitt zugewiesen. Smtliche Stollen waren im Nu gestopft voll Menschen. Die brigen gruben sich Lcher in die Grabenwnde, um whrend des dem Angriff vorausgehenden Artilleriefeuers wenigstens etwas Schutz zu haben. Nach vielem Hin und Her hatte jeder sein Pltzlein gefunden. Noch einmal versammelte der Hauptmann von Brixen die Kompagniefhrer zur Besprechung. Nachdem zum letzten Mal die Uhren verglichen waren, trennten wir uns mit einem Hndedruck. Ich setzte mich neben meine beiden Offiziere auf eine Stollentreppe, um den Zeitpunkt 5.05 Uhr zu erwarten, mit dem die Feuervorbereitung beginnen sollte. Die Stimmung hatte sich etwas aufgeheitert, da der Regen aufgehrt hatte und die sternklare Nacht einen trockenen Morgen versprach. Wir verbrachten die Zeit mit Erzhlen und Essen; es wurde stark geraucht, und die gefllte Feldflasche machte stetig die Runde. In den ersten Morgenstunden war die feindliche Artillerie so lebhaft, da wir frchteten, der Englnder htte Lunte gerochen. Kurz vor Beginn wurde folgender Funkspruch bekanntgegeben: S. M. der Kaiser und Hindenburg haben sich an den Schauplatz der Operationen begeben. Er wurde mit Beifall begrt. Immer weiter rckte der Zeiger; wir zhlten die letzten Minuten mit. Endlich stand er auf 5.05 Uhr. Der Orkan brach los. Ein rasender Donner, der auch die schwersten Abschsse in seinem gewaltigen Rollen verschlang, lie die Erde erzittern. Das gigantische Vernichtungsgebrll der unzhligen Geschtze hinter uns war so furchtbar, da auch die grten der berstandenen Schlachten dagegen ein Kinderspiel schienen. Was wir nicht gewagt hatten zu hoffen, geschah: Die feindliche Artillerie blieb stumm; sie war mit einem einzigen Riesenschlage niedergeschmettert. Wir hielten es im Stollen nicht lnger aus. Auf Deckung stehend, bewunderten wir die ber den englischen Grben flammende Feuerwand, die sich hinter wallenden, blutroten Wolken verschleierte. Unsere Freude wurde durch Augentrnen und Brennen der Schleimhute gestrt, verursacht durch die vom Winde zurckgetriebenen Dnste unserer Gasgranaten. Die unangenehmen Wirkungen des Blaukreuzgases zwangen viele Leute durch Wrge- und Hustenreiz, die Masken abzureien. Ich war sehr besorgt; doch vertraute ich fest darauf, da unsere Fhrung unmglich eine Berechnung gemacht haben knnte, die unser Verderben werden mute. Trotzdem zwang ich mit Aufbietung aller Energie den ersten Husten zurck, um den Reiz nicht zu frdern. Nach einer Stunde konnten wir die Masken absetzen. Es war Tag geworden. Hinter uns wuchs das ungeheure Getse fortwhrend. Vor uns war eine dem Blick undurchdringliche Wand von Rauch, Staub und Gas entstanden. Leute liefen durch den Graben und brllten sich freudige Zurufe ins Ohr. Infanteristen und Artilleristen, Pioniere und Fernsprecher, Preuen und Bayern, Offiziere und Mannschaften, alle waren berwltigt, begeistert durch diese elementare uerung deutscher Kraft und brannten darauf, um 9.40 Uhr zum Sturm anzutreten. Um 8.25 griffen unsere schweren Minenwerfer ein, die in engen Zwischenrumen hinter dem vorderen Graben standen. Wir sahen die gewaltigen Zweizentner-Minen im hohen Bogen durch die Luft fliegen und drben mit vulkanartigen Explosionen zu Boden fallen. Selbst die Naturgesetze schienen ihre Gltigkeit verloren zu haben; die Luft flimmerte wie an heien Sommertagen. Der wechselnde Brechungsexponent lie feste Gegenstnde hin und her tanzen. Schwarze Schattenstriche huschten durch das Gewlk. Die letzte Stunde der Vorbereitung wurde gefhrlicher als die vier anderen, whrend deren wir uns ruhig auf Deckung bewegt hatten. Der Feind brachte eine schwere Batterie ins Feuer, die Schu um Schu in unseren gedrngt vollen Graben warf. Um auszuweichen, begab ich mich nach links und stie auf den Adjutanten, Leutnant Heins, der mich nach dem Leutnant Freiherrn v. Solemacher fragte: Der mu sofort das Bataillon bernehmen, Hauptmann v. Brixen ist eben gefallen. Erschttert von dieser Schreckensnachricht ging ich zurck und setzte mich in ein tiefes Erdloch. Auf dem kurzen Wege hatte ich die Tatsache schon wieder vergessen. Mein Gehirn klammerte sich nur noch durch die Zahl 9.40 Uhr an die Wirklichkeit. Ich schien mich indes sehr kouragiert zu benehmen, denn alle Leute lchelten mir beifllig zu. Vor meinem Erdloch stand der Unteroffizier Dujesiefken, mein Begleiter bei Regniville, und bat mich, in den Graben zu kommen, da beim kleinsten Einschlage die Erdmassen ber mir zusammenstrzen knnten. Eine Explosion ri ihm das Wort vom Munde: mit einem abgerissenen Bein strzte er zu Boden. Ich sprang ber ihn hinweg und hastete nach rechts, wo ich in ein Fuchsloch kroch, das bereits von zwei Pionieren besetzt war. Im engen Kreise um uns setzten die schweren Geschosse ihr Wten fort. Man sah pltzlich schwarze Erdklumpen aus einer weien Wolke wirbeln; die Detonation ging im allgemeinen Tosen unter. Man hrte eigentlich berhaupt nichts mehr. Im Grabenstckchen links neben uns wurden drei Leute meiner Kompagnie zerrissen. Einer der letzten Treffer, ein Blindgnger, ttete das arme Schmidtchen, das noch auf der Stollentreppe sa. Ich stand zusammen mit Sprenger, die Uhr in der Hand, vor meinem Fuchsloch und erwartete den groen Augenblick. Um uns hatten sich die Reste der Kompagnie geschart. Es gelang uns, sie durch Scherzworte von einer Derbheit, die sich hier leider nicht wiedergeben lt, aufzuheitern und abzulenken. Der Leutnant Meyer, der einen Augenblick um die Schulterwehr lugte, erzhlte mir spter, da er uns fr wahnsinnig gehalten htte. Um 9.10 Uhr verlieen die Offizier-Patrouillen, die unsere Aufstellung sichern sollten, den Graben. Da die vorderen Linien ber 800 Meter auseinanderlagen, muten wir noch whrend der Vorbereitung antreten und uns im Niemandslande derart bereitlegen, da wir um 9.40 in die erste feindliche Linie springen konnten. Auch Sprenger und ich kletterten nach einigen Minuten, gefolgt von unseren Leuten, auf Deckung. Nun wollen wir mal zeigen, was die siebte Kompagnie kann! Jetzt ist mir alles ejal! Rache fr die siebte Kompagnie! Rache fr Hauptmann von Brixen! Wir zogen die Pistolen und berschritten unseren Draht, durch den sich schon die ersten Verwundeten zurckschleppten. Ich blickte nach rechts und links. Die Vlkerscheide bot ein seltsames Bild. In den Trichtern vor dem feindlichen Graben, der in hchster Feuersteigerung wieder und wieder umgewhlt wurde, harrten in unbersehbar breiter Front, kompagnieweise zusammengeklumpt, die Angriffsbataillone. Beim Anblick dieser aufgestauten gewaltigen Massen schien mir der Durchbruch gewi. Ob aber auch die Kraft in uns steckte, die feindlichen Reserven zu zersplittern und vernichtend auseinanderzureien? Ich erwartete es mit Bestimmtheit. Der Endkampf, der letzte Anlauf schien gekommen. Die Stimmung war sonderbar, geladen von hchster Spannung. Offiziere standen aufrecht und riefen sich nervse Scherzworte zu. Oft ging eine schwere Mine zu kurz, warf eine kirchturmhohe Fontne hoch und berschttete uns mit Erde, ohne da einer auch nur den Kopf beugte. Der Schlachtendonner war so frchterlich geworden, da keiner mehr bei klarem Verstande war. Die Nerven konnten keine Angst mehr empfinden. Drei Minuten vor dem Angriff winkte mir mein Bursche, der treue Vinke, mit einer gefllten Feldflasche. Sein einfacher Horizont erkannte das Gebot der Stunde. Ich tat einen tiefen Zug. Es war, als ob ich Wasser trnke. Nun fehlte noch die Offensiv-Zigarre. Dreimal lschte der Luftdruck mein Streichholz aus. Der groe Augenblick war gekommen. Die Feuerwalze rollte ber die ersten Grben hinweg. Wir traten an. In einer Mischung von Gefhlen, hervorgerufen durch Blutdurst, Wut und Alkoholgenu gingen wir im Schritt auf die feindlichen Linien los. Ich war weit vor der Kompagnie, gefolgt von meinem Burschen und einem Einjhrigen. Die rechte Hand umklammerte den Pistolenschaft, die linke einen Reitstock aus Bambusrohr. Ich kochte vor einem mir jetzt unbegreiflichen Grimm. Der bermchtige Wunsch zu tten, beflgelte meine Schritte. Die Wut entprete mir bittere Trnen. Der ungeheure Vernichtungswille, der ber der Walstatt lastete, konzentrierte sich in den Gehirnen. So mgen die Mnner der Renaissance von ihren Leidenschaften gepackt sein, so mag ein Cellini gerast haben, Werwlfe, die heulend durch die Nacht hetzen, um Blut zu trinken. Ohne Schwierigkeiten durchschritten wir ein zerfetztes Drahtgewirre und setzten in einem Sprunge ber den ersten Graben. Die Sturmwelle tanzte wie eine Reihe von Gespenstern durch weie, wallende Dmpfe. Wider Erwarten knatterte uns aus der zweiten Linie Maschinengewehrfeuer entgegen. Ich sprang mit meinen Begleitern in einen Trichter. Eine Sekunde spter gab es einen furchtbaren Krach und ich sackte vorn ber. Vinke packte mich am Kragen und drehte mich auf den Rcken: Sind Herr Leutnant verwundet? Es war nichts zu finden. Der Einjhrige hatte ein Loch im Oberarme und versicherte sthnend, da ihm eine Kugel in den Rcken geschlagen wre. Wir rissen ihm die Uniform vom Leibe und verbanden ihn. Die aufgewhlte Erde zeigte, da ein Schrapnell in Hhe unserer Gesichter auf den Trichterrand geschlagen war. Ein Wunder, da wir noch lebten. Whrenddessen waren die anderen an uns vorbeigeschritten. Wir strzten ihnen nach, den Verwundeten seinem Schicksal berlassend. Halb links vor uns tauchte der mchtige Eisenbahndamm Ecoust-Croisilles, den wir berschreiten muten, aus dem Dunst. Aus eingebauten Schiescharten und Stollenfenstern prasselte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer. Auch Vinke war abhanden gekommen. Ich folgte einem Hohlweg, aus dessen Bschung eingedrckte Unterstnde ghnten. Wtend schritt ich voran, ber den schwarzen, aufgerissenen Boden, dem noch die stickigen Gase unserer Granaten entschwelten. Da erblickte ich den ersten Feind. Eine Gestalt kauerte etwa drei Meter vor mir, anscheinend verwundet, in der Mitte der zertrommelten Mulde. Ich sah sie bei meinem Erscheinen zusammenfahren und mich mit weit geffneten Augen anstarren, als ich ganz langsam, die Pistole vorstreckend, auf sie zuschritt. Zhneknirschend setzte ich die Mndung an die Schlfe des vor Angst Gelhmten; mit einem Klagelaut griff er in seine Tasche und hielt mir eine Karte vor Augen. Es war das Bild von ihm, umgeben von einer zahlreichen Familie . . . Nach sekundenlangem inneren Kampfe hatte ich mich in der Hand. Ich schritt vorber. Von oben sprangen Leute meiner Kompagnie in den Hohlweg. Mir war glhend hei. Ich ri den Mantel herunter und schleuderte ihn fort. Ich wei noch, da ich einigemale sehr energisch rief: Jetzt zieht Leutnant Jnger seinen Mantel aus, und die Fsiliere dazu lachten, als ob ich den kstlichsten Witz gemacht htte. Oben lief alles ber Deckung, ohne der hchstens 400 Meter entfernten Maschinengewehre zu achten. Auch mich zwang der Vernichtungstrieb in die Feuergarben. Ich rannte den feuerspeienden Bahndamm frontal an. In irgend einem Trichter sprang ich auf eine pistolenschieende Gestalt in braunem Manchester. Es war Kius, der sich in hnlicher Stimmung befand und mir zur Begrung eine Hand voll Munition zusteckte. Wir mssen nun eine ganze Zeit lang kreuz und quer durch die Trichter gerannt sein und auf verschiedene Ziele geschossen haben. Jedenfalls befand ich mich auf einmal am Fue des Bahndammes und merkte, da aus einem mit Sackleinewand verhllten Stollenfenster dicht neben mir gefeuert wurde. Ich scho durch das Tuch; ein Mann neben mir ri es fort und warf eine Handgranate in die ffnung. Ein Sto und eine entquellende weiliche Wolke verrieten die Wirkung. Das Mittel war rauh, doch probat. Wir beiden rannten an der Bschung entlang und bearbeiteten die nchsten Luken in hnlicher Weise. Ich hob die Hand, um unsere Leute, deren Geschosse uns aus nchster Entfernung um die Ohren schellten, zu verstndigen. Sie winkten freudig zurck. Danach erklommen wir mit hundert anderen zugleich den Damm. Zum ersten Male im Kriege sah ich Massen aufeinanderprallen. Die Englnder hielten auf der hinteren Bschung zwei terrassenartig eingehauene Grben besetzt. Geschosse wurden auf wenige Meter gewechselt, Handgranaten flogen im Bogen hinunter. Ich sprang in den ersten Graben; um die nchste Schulterwehr strzend, stie ich mit einem englischen Offizier in offener Jacke und herabhngender Halsbinde zusammen. Auf den Gebrauch der Pistole verzichtend, packte ich ihn an der Gurgel und schleuderte ihn gegen eine Sandsackpackung, vor der er zusammenbrach. Hinter mir tauchte der Kopf eines alten Majors auf, der mir zuschrie: Schlagen Sie den Hund tot! Ich berlie diese Arbeit den Folgenden, wandte mich dem unteren Graben zu, der von Englndern wimmelte und scho meine Pistolenkugeln mit solchem Eifer darauf ab, da ich nach dem letzten Schu wohl noch zehnmal abdrckte. Ein Mann neben mir warf Handgranaten unter die Davonhastenden. Ein tellerfrmiger Stahlhelm stieg kreiselnd hoch in die Luft. In einer Minute war der Kampf entschieden. Die Englnder sprangen aus ihren Grben und flohen zu Bataillonen ber das freie Feld. Von der Dammkrone raste tolles Verfolgungsfeuer los. Die Fliehenden berschlugen sich im Laufen, und in einigen Sekunden war der Boden mit Leichen bedeckt. Nur wenige entkamen. Ich ri einem Unteroffizier, der dieses Schauspiel mit offenem Munde beglotzte, das Gewehr aus der Hand. Mein erstes Opfer war ein Englnder, den ich auf 150 Meter zwischen zwei Deutschen herausscho. Er klappte wie ein Messer zusammen und blieb liegen. Nachdem so ganze Arbeit geschafft war, ging es weiter. Der Erfolg hatte Angriffsgeist und Draufgngertum jedes Einzelnen zur Weiglut entfacht. Von der Fhrung einheitlicher Verbnde war keine Rede mehr. Trotzdem kannte jeder Mann nur noch eine Parole: Vor! Jeder rannte geradeaus los. Als Ziel whlte ich mir eine kleine Anhhe, auf der die Trmmer eines Huschens, ein Grabkreuz und ein zerstrtes Flugzeug zu sehen waren. Mein stures Vorstrmen fhrte mich mitten in die Flammenwand der eigenen Feuerwalze. Ich mute mich in einen Trichter werfen, um Deckung zu nehmen und das weitere Vorschreiten des Feuers abzuwarten. Neben mir entdeckte ich einen jungen Offizier eines anderen Regiments, der sich gleich mir ganz allein ber das gute Gelingen des ersten Ansturmes freute. Die gemeinsame Begeisterung brachte uns in den wenigen Augenblicken so nahe, als ob wir uns schon jahrelang gekannt htten. Der nchste Sprung trennte uns auf Nimmerwiedersehen. Neben der Hausruine lag ein kleines Grabenstck, das vom jenseitigen Grunde mit Maschinengewehren abgekmmt wurde. Ich sprang in einem Anlauf hinein und fand es unbesetzt. Gleich darauf erschienen die Leutnants Kius und von Wedelstdt. Eine Ordonnanz Wedelstdts, die als letzter kam, brach mitten im Sprunge zusammen und blieb, durchs Auge getroffen, tot liegen. Als Wedelstdt diesen Letzten seiner Kompagnie strzen sah, sttzte er seinen Kopf auf die Grabenwand und weinte. Auch er sollte den Tag nicht berleben. Im Grunde lag eine stark befestigte Hohlwegstellung, davor an den beiden Rndern einer Mulde zwei Maschinengewehrnester. Die Feuerwalze war schon ber diese Stellung hinweggerollt, der Gegner schien sich erholt zu haben und scho, was aus den Lufen wollte. Wir waren von ihm durch einen 500 Meter breiten Gelndestreifen getrennt, ber den die Geschogarben wie Bienenschwrme surrten. Nach kurzer Atempause sprangen wir mit wenigen Leuten aus unserem Grabenstck auf den Feind zu. Es ging um Leben und Tod. Nach ein paar Sprngen lag ich mit einem Begleitmann allein dem linken Maschinengewehrnest gegenber. Deutlich sah ich hinter einem kleinen Erdaufwurf einen flach behelmten Kopf neben einer emporsteigenden feinen Wasserdampfsule. Ich nherte mich durch ganz kurze Sprnge, um keine Zeit zum Zielen zu geben. Jedesmal, wenn ich lag, schleuderte mir der Mann einen Rahmen Patronen zu, mit denen ich eine Reihe wohlgezielter Schsse abgab. Patronen, Patronen! Ich wandte mich um und sah ihn zuckend auf der Seite liegen. -- -- Wenn ich heute an diesen blinden Anlauf ber freies Feld gegen eine gespickte Stellung zurckdenke, mu ich gestehen, da wir von einer ganz unwahrscheinlichen Verwegenheit besessen waren. Und doch, wo wre der Erfolg im Kriege, wenn nicht der Rausch zur Tat einzelne packte und vorwrtswrfe in unwiderstehlichem Schwung? Manchmal schien es mir, als ob selbst der Tod sich scheute, ihnen in den Weg zu treten. -- -- -- Von links, wo der Widerstand nicht so stark war, erschienen einige Leute, welche die Verteidiger fast mit Handgranaten erreichen konnten. Ich setzte zum letzten Sprunge an und stolperte ber ein Drahtverhau in das Grabenstck. Die Englnder rannten, von allen Seiten beschossen, zum rechten Maschinengewehrnest hinber, ihre Waffe zurcklassend. Das Maschinengewehr war halb unter einem riesigen Haufen abgeschossener Hlsen verborgen. Es war noch glhendhei und dampfte. Davor lag ein athletischer Leichnam, dem ein Kopfschu, der auf meine Rechnung kam, ein Auge herausgetrieben hatte. Der Riesenkerl mit dem groen weien Augapfel vorm Schdel sah schaurig aus. Da ich vor Durst fast verschmachtete, hielt ich mich nicht weiter auf, sondern suchte nach Wasser. Ein Stolleneingang zog mich an. Ich blickte hinein und sah unten einen Mann sitzen, der Munitionsgurte ber seine Knie zog und ordnete. Anstatt ihn sofort zu erledigen, wie es die Vorsicht gebot, rief ich ihm zuvor zu: Come here, hands up! Er sprang hoch, starrte mich entgeistert an und verschwand im Dunkel des Stollens. Wahrscheinlich ist er der Handgranate zum Opfer gefallen, die ich ihm nachschleuderte. Endlich entdeckte ich einen Blechkasten voll Khlwasser. Ich strzte die lige Flssigkeit in langen Zgen hinunter, fllte mir eine englische Feldflasche und gab auch den anderen Leuten zu trinken, die pltzlich das Grabenstck fllten. Whrenddessen leistete das rechte Maschinengewehrnest und der 60 Meter vor uns liegende Hohlweg noch immer erbitterten Widerstand. Wir versuchten, das englische Maschinenegewehr darauf einzurichten, hatten aber keinen Erfolg damit, vielmehr sauste mir bei diesem Bemhen ein Gescho am Kopfe vorbei, streifte einen hinter mir stehenden Jgerleutnant und verwundete einen Mann sehr bedenklich am Oberschenkel. Mit mehr Glck brachte die Bedienung eines leichten Maschinengewehrs ihre Waffe am Rande unseres kleinen Grabenhalbmondes in Stellung und jagte den Englndern eine Reihe von Geschossen in die Flanke. Diesen Moment der berraschung benutzten die Strmer rechts und liefen frontal auf den Hohlweg los, voran unsere noch ganz intakte neunte Kompagnie unter Fhrung den Leutnants Gipkens. Aus allen Trichtern erhoben sich nun gewehrschwingende Gestalten und rannten mit rollenden Augen und schumendem Munde unter furchtbarem Hurragebrll gegen die feindliche Stellung an, aus der die Verteidiger zu Hunderten mit hochgehobenen Hnden hervorkamen. Pardon wurde nicht gegeben. Die Englnder eilten mit hochgereckten Armen durch die erste Sturmwelle nach hinten, wo die Kampfeswut noch nicht zu solcher Siedehitze gestiegen war. Eine Ordonnanz von Gipkens legte mit seiner 32schssigen Repetierpistole wohl ein Dutzend von ihnen um. Ich kann unseren Leuten dies blutdrstige Gebaren nicht verbeln. Einen Wehrlosen umzubringen, ist eine Gemeinheit. Mir war im Kriege niemand widerlicher, als die Stammtischhelden, die mit fettigem Lachen die bekannte Geschichte von den Bayern und dem Gefangenentransport erzhlten: Haben Sie schon gehrt, die Sache von dem Schlaganfall? Kstlich! Andererseits mu ein Verteidiger, der dem Angreifer bis auf fnf Schritt seine Geschosse durch den Leib jagt, die Konsequenzen tragen. Der Kmpfer, dem whrend des Anlaufs ein blutiger Schleier vor den Augen wallte, kann seine Gefhle nicht mehr umstellen. Er will nicht gefangennehmen; er will tten. Er hat jedes Ziel aus den Augen verloren und steht im Banne gewaltiger Urtriebe. Erst, wenn Blut geflossen ist, weichen die Nebel aus seinem Hirn; er sieht sich um wie aus schwerem Traum erwachend. Erst dann ist er wieder moderner Soldat, imstande, eine neue taktische Aufgabe zu lsen. In diesem Zustande befanden wir uns nach der Eroberung der Hohlweges. Eine Menge Leute waren zusammengekommen und standen, durcheinanderschreiend, auf einem Klumpen. Offiziere zeigten ihnen die Verlngerung der Mulde, und der gewaltige Kampfhaufen setzte sich mit erstaunlicher Gleichgltigkeit, schwerfllig in Bewegung. Die Mulde lief in eine Hhe aus, auf der feindliche Kolonnen auftauchten. Wir gingen, ab und zu stehenbleibend und schieend, vor, bis wir durch heftiges Feuer aufgehalten wurden. Es war ein uerst peinliches Gefhl, die Kugeln neben dem Kopf in den Boden knallen zu hren. Kius, der wieder herangekommen war, hob ein abgeplattetes Gescho auf, das einen halben Meter vor seiner Nase liegen geblieben war. Wir benutzten eine kleine Pause, um einen der hier bereits selten gewordenen Trichter zu erreichen. Dort fanden sich eine Menge von Offizieren unseres Bataillons zusammen, das jetzt von dem Leutnant Lindenberg gefhrt wurde, da leider auch der Freiherr von Solemacher eine tdliche Verwundung erhalten hatte. Am rechten Hange der Schlucht spazierte zur allgemeinen Heiterkeit der von den 10. Jgern zu uns kommandierte Leutnant Breyer, den Spazierstock in der Hand und eine lange grne Jgerpfeife im Munde, mit umgehngter Flinte durch das Maschinengewehrfeuer, als ob es zur Hasenjagd ginge. Wir erzhlten uns in kurzen Worten unsere bisherigen Abenteuer und boten uns Feldflasche und Schokolade an, dann ging es auf allgemeinen Wunsch wieder vor. Die Maschinengewehre, anscheinend in der Flanke bedroht, waren verschwunden. Wir mochten bislang drei bis vier Kilometer gewonnen haben. Die Mulde wimmelte von Angriffstruppen. Soweit das Auge nach hinten blicken konnte, rckten Truppen in Schtzenlinie, Reihe und Gruppenkolonne heran. Wir waren leider viel zu dicht, wieviele wir liegen lieen, wurde uns zum Glck im Sturm nicht klar. Ohne Widerstand zu finden, erreichten wir die Hhe. Rechts von uns sprangen einige khakifarbige Gestalten aus einem Grabenstck, hinter denen wir stehend freihndig herknallten. Die meisten wurden umgelegt. Die Hhe war durch eine Reihe von Unterstnden befestigt. Teils zeigten aufquellende Dampfwolken, da mit Handgranaten kurzer Proze gemacht wurde, teils kamen die Insassen mit hochgehobenen Armen und schlotternden Knien heraus. Es wurden ihnen Feldflasche und Zigaretten abgenommen und die Richtung nach hinten gezeigt, in der sie mit groer Geschwindigkeit enteilten. Ein junger Englnder hatte sich mir bereits ergeben, als er sich pltzlich umdrehte und wieder in seinem Unterstand verschwand. Da er trotz meiner Aufforderung, herauszukommen, sich unten versteckt hielt, machten wir seinem Zgern mit einigen Handgranaten ein Ende und gingen weiter. Ein schmaler Fupfad verschwand jenseits der Hhe. Ein Wegweiser besagte, da er nach Vraucourt fhrte. Whrend sich die anderen noch bei den Unterstnden aufhielten, berschritt ich mit dem Leutnant Heins die Hhe. Jenseits dem Grunde lagen die Ruinen des Dorfes Vraucourt. Davor blitzten die Abschsse einer feuernden Batterie auf, deren Bedienung bei dem Erscheinen der ersten Sturmwelle ins Dorf flchtete. Auch die Besatzung einer Reihe in einen Hohlweg eingebauter Unterstnde strzte heraus und entfloh. Ich scho einen davon in dem Augenblick, als er aus dem Eingange des ersten sprang, nieder. Mit zwei Leuten meiner Kompagnie, die sich inzwischen bei mir gemeldet hatten, ging ich in dem Hohlweg vor. Rechts davon lag eine besetzte Stellung, aus der wir starkes Feuer erhielten. Wir zogen uns in den ersten Unterstand zurck, ber dem sich bald die Geschosse beider Parteien kreuzten. Davor lag mein Englnder, ein blutjunges Kerlchen, den mein Schu quer durch den Schdel getroffen hatte. Ein merkwrdiges Gefhl, einem Menschen ins Auge zu sehen, den man selbst gettet. Wir lieen uns durch das zunehmende Feuer nicht stren, sondern richteten uns in dem Unterstande ein und rumten unter den zurckgelassenen Lebensmitteln auf, da unser Magen uns daran erinnerte, da wir whrend des ganzen Angriffs noch nichts genossen hatten. Wir fanden Schinken, Weibrot, Marmelade und einen Steinkrug voll Ingwer-Likr. Nachdem ich mich gestrkt hatte, setzte ich mich auf eine leere Biskuitdose und las einige englische Zeitschriften, die von recht geschmacklosen Ausfllen gegen the Huns wimmelten. Allmhlich wurde uns die Lage doch zu langweilig, und wir kehrten in Sprngen zum Anfange des Hohlweges zurck, wo sich eine Menge von Leuten angesammelt hatte. . . Von dort sahen wir schon ein Bataillon 164er links neben Vraucourt. Wir beschlossen, das Dorf zu strmen, und eilten wieder durch den Hohlweg vor. Kurz vor dem Dorfrande setzte uns die eigene Artillerie, die stumpfsinnig bis zum Morgen auf denselben Fleck weiterscho, ein Ziel. Eine schwere Granate schlug mitten auf dem Wege ein und zerri vier Leute. Die anderen liefen zurck. Wie ich spter erfuhr, hatte die Artillerie Befehl, mit hchster Entfernung weiterzuschieen. Diese unverstndliche Anordnung ri uns die schnsten Frchte des Sieges aus der Hand. Zhneknirschend muten wir vor der Feuerwand Halt machen. Um eine Lcke des Feuers zu suchen, wandten wir uns weiter nach rechts, wo gerade ein Kompagniefhrer des Infanterie-Rgts. 76 zum Sturm auf die Vraucourt-Stellung ansetzte. Wir beteiligten uns mit Hurra, aber kaum waren wir eingedrungen, als uns die eigene Artillerie wieder herausscho. Dreimal strmten wir und dreimal muten wir wieder zurck. Fluchend besetzten wir einige Trichter, in denen uns ein durch die Granaten verursachter Wiesenbrand, bei dem viele Verwundete umkamen, auerordentlich lstig wurde. Auch tteten englische Gewehrgeschosse einige Leute. Langsam brach die Dmmerung herein. Stellenweise lohte das Gewehrfeuer noch einmal gewaltig auf, um allmhlich zu erlschen. Die erschpften Kmpfer suchten sich einen Ort, wo sie die Nacht verbringen konnten. Offiziere schrieen ununterbrochen ihren Namen, um die zersplitterten Kompagnien zu sammeln. Zwlf Mann der siebenten Kompagnie hatten sich whrend der letzten Stunde um mich geschart; da es kalt zu werden begann, fhrte ich sie zu dem kleinen Unterstande, vor dem mein Englnder lag und schickte sie aus, um Decken und Mntel von Gefallenen zu suchen. Als ich alle untergebracht hatte, gab ich meiner Neugier nach, die mich in die vor uns liegende Artilleriemulde trieb. Ich nahm den Fsilier Haller mit, dem ich den grten Sportsgeist zutraute. Wir schritten mit schubereitem Gewehr gegen die Mulde vor, auf der noch immer unser Artilleriefeuer wuchtete und untersuchten zunchst einen Unterstand, der anscheinend vor kurzem von englischen Artillerieoffizieren verlassen war. Auf einem Tische stand ein riesiges Grammophon, das Haller sofort in Bewegung setzte. Das lustige Couplet, das von der Walze schnurrte, machte einen geisterhaften Eindruck. Ich warf den Kasten auf den Boden, wo er wie ein Erschlagener noch ein paar schnarrende Tne von sich gab und verstummte. Der Unterstand war uerst behaglich eingerichtet; sogar ein kleiner Kamin, auf dessen Sims Pfeifen und Tabak lagen, mit im Kreise herumgestellten Sesseln fehlte nicht. Merry old England! Wir legten uns natrlich keinen Zwang auf, sondern nahmen, was uns gefiel. Ich suchte mir einen Brotbeutel, Wsche, eine kleine Metallflasche voll Whisky, eine Kartentasche und einige wundernette Toiletteartikel von Roger und Gallet aus, vermutlich zrtliche Erinnerungen an einen Pariser Fronturlaub. Ein nebenan liegender Raum enthielt eine Kche, deren Vorrte wir ehrfurchtsvoll bestaunten. Da war eine ganze Kiste voll roher Eier, von denen wir uns gleich eine erhebliche Zahl einverleibten, da wir sie kaum noch dem Namen nach kannten. Auf den Wandborden stapelten Bchsen voll Fleisch, Dosen kstlicher eingedickter Marmelade, ferner Flaschen voll Kaffee-Essenz, Tomaten und Zwiebeln; kurz alles, was der Gourmet sich wnschen konnte. Dieser Anblick trat mir spter noch oft vors Gedchtnis, wenn wir wochenlang bei schmaler Brotportion, wssrigen Suppen und dnner Marmelade im Schtzengraben lagen. Der deutsche Feldsoldat eilte in verschlissenem Rock, schlechter verpflegt als ein chinesischer Kuli, vier Jahre lang von Schlachtfeld zu Schlachtfeld, um die an Zahl vielfach berlegenen, wohlausgersteten und -genhrten Gegner immer wieder seine Eisenfaust spren zu lassen. Es gibt kein greres Zeichen fr die Macht der Idee, die uns trieb. Dem Tode entgegenschreiten, sterben in Augenblicken der Begeisterung, ist viel; fr seine Sache hungern und darben, ist mehr. -- -- -- Nach diesem kleinen Einblick in die wirtschaftlichen Verhltnisse des Gegners verlieen wir den Unterstand und schritten in die Mulde, in der wir zwei funkelneue verlassene Geschtze vorfanden. Ich nahm einen Kreidestein und zeichnete sie mit der Nummer meiner Kompagnie. Dann kehrten wir, da die eigene Artillerie uns noch fortwhrend Eisen um die Ohren schmi, zu den anderen zurck. Unsere vordere Linie, inzwischen von nachrckenden Truppen gebildet, war 200 Meter hinter uns. Ich stellte einen Doppelposten vor den Unterstand und befahl den anderen, das Gewehr im Arm zu behalten. Nachdem ich die Ablsung geregelt, noch etwas gegessen und die Tageserlebnisse in kurzen Stichworten notiert hatte, schlief ich ein. Um 1 Uhr wurden wir durch Hurrageschrei und lebhaftes Feuer rechts von uns geweckt. Wir packten die Gewehre, strzten aus dem Raum und postierten uns in einem groen Granattrichter. Von vorn kamen einige versprengte Deutsche zurck, auf die von unserer Linie geschossen wurde. Zwei von ihnen blieben auf dem Wege liegen. Durch diesen Zwischenfall gewitzigt, warteten wir, bis sich hinter uns die erste Aufregung gelegt hatte, machten uns durch Zurufe verstndlich und gingen in die eigene Linie zurck. Dort sa der Fhrer der zweiten Kompagnie, Leutnant Kosik, der vor Erkltung kein Wort sprechen konnte und am Arm verwundet war, mit ungefhr sechzig 73ern. Da er sich zum Sanittsplatze zurckbegeben mute, bernahm ich das Kommando ber seine Schar, bei der sich drei Offiziere befanden. Auerdem bestanden vom Regiment noch die beiden ebenso zusammengewrfelten Kompagnien Gipkens und Vorbeck. Bataillonsfhrer war Hauptmann Freiherr von Ledebour, Regimentskommandeur Major Dietlein, da Major v. Bardeleben bereits am Morgen durch Verwundung ausgeschieden war. Den Rest der Nacht verbrachte ich mit einigen Unteroffizieren der zweiten Kompagnie zusammen in einem kleinen Erdloch, in dem wir vor Klte erstarrten. Am Morgen frhstckte ich von den erbeuteten Bestnden und schickte Leute nach Quant, um von der Kche Kaffee und Essen zu holen. Die eigene Artillerie begann wieder mit ihrer verfluchten Schieerei und setzte uns als ersten Morgengru einen Volltreffer in einen Trichter, der vier Leute der MG.-Kompagnie beherbergte. In der ersten Dmmerung stie noch ein Zugfhrer meiner Kompagnie, der Vizefeldwebel Kumpart, mit einigen Leuten zu mir. Kaum hatte ich mir die Nachtklte etwas aus den Gliedern gestampft, als ich Befehl bekam, weiter rechts mit den Resten des Regiments 76 zusammen die Vraucourt-Stellung zu strmen, die bei uns schon teilweise genommen war. Wir zogen im dichten Morgennebel zum Bereitstellungsraum, einer Hhe sdlich von Ecoust, auf der viele Tote des vorigen Tages lagen. Es gab wie meist vor unklar gefaten Angriffsbefehlen ein gewaltiges Palaver der Sturmfhrer, das erst durch die Garbe eines feindlichen Maschinengewehres beendet wurde. Alles sprang in die nchsten Trichter bis auf den Feldwebel Kumpart, der jammernd liegen blieb. Ich eilte mit einem Sanitter zu ihm und verband ihn. Er hatte einen schweren Knieschu erhalten. Wir entfernten mit einer Zange mehrere Knochenbrocken aus der Wunde. Er ist einige Tage spter gestorben. Mir ging der Fall besonders nahe, weil Kumpart vor drei Jahren in Recouvrence mein Exerziermeister gewesen war. In einer Besprechung mit dem Hauptmann von Ledebour legte ich das Sinnlose eines Frontalsturmes dar, da die zum Teil schon in unserem Besitz befindliche Vraucourt-Stellung mit viel geringeren Verlusten von links her aufgerollt werden konnte. Wir beschlossen, den Angriff nicht auszufhren, und die Folge zeigte, da wir recht gehandelt hatten. Bei solchen Gelegenheiten rchte sich die Einrichtung der weit zurckliegenden Befehlsstellen der hheren Fhrung, deren Notwendigkeit mir natrlich klar ist. Jedoch verrieten derartige Befehle deutlich einen Mangel an Fronterfahrung. Die Zeiten des unvorbereiteten Frontalangriffes sind fr immer vorber. Der einfache Mann, dem die feindlichen Gewehre das Gesetz des Handelns vorschrieben, konnte auf solche Irrtmer nicht verfallen. Er kam nur da vor, wo der Gegner schwach war. Die starken Stellungsteile fielen dann von selbst . . . . . . Vorlufig richteten wir uns in den Trichtern auf der Hhe ein. Allmhlich brach die Sonne durch, und es erschienen englische Flugzeuge, die mit Maschinengewehren unsere Lcher abstreuten, indes bald von den unsrigen vertrieben wurden. Im Grunde von Ecoust fuhr eine Batterie auf, ein ungewhnliches Bild fr alte Grabenkrieger; sie wurde auch bald zusammengeschossen. Ein einzelnes Pferd ri sich los und galoppierte durch das Gelnde; ein gespenstischer Anblick, dieses rasend gewordene Tier auf weiter, einsamer Flche, vom wechselnden Gewlk der Geschosse behangen. Die feindlichen Flieger waren noch nicht lange verschwunden, als wir das erste Feuer bekamen. Zuerst platzten einige Schrapnells, dann zahlreiche leichte und schwere Granaten. Wir lagen wie auf dem Prsentierteller. Mehrere ngstliche Gemter vermehrten das Feuer noch, indem sie kopflos hin und her liefen, anstatt in ihre Trichter geduckt, den Segen ber sich ergehen zu lassen. In solchen Lagen mu man Fatalist sein. Diesen Grundsatz beherzigte ich, indem ich den geradezu groartigen Inhalt einer erbeuteten Bchse voll Stachelbeer-Marmelade verspeiste. So wurde es langsam Mittag. Schon seit lngerer Zeit war links in der Vraucourtstellung Bewegung zu beobachten. Jetzt sahen wir gerade vor uns die bogenfrmige Flugbahn und den weien Einschlag deutscher Stielhandgranaten. Das war der gegebene Augenblick. Ich lie antreten. Ohne strkeres Feuer zu bekommen, gelangten wir an den feindlichen Graben und sprangen hinein, freudig begrt von einem Sturmtrupp des Regiments 76. Im aufrollenden Handgranatenangriff ging es, hnlich wie bei Cambrai, langsam vor. Der feindlichen Artillerie blieb es leider nicht verborgen, da wir uns langsam in ihren Linien vorfraen. Ein scharfer Feuerberfall von Schrapnells und leichten Granaten fate uns vorne noch gerade, in der Hauptsache jedoch die Reserven, die hinter uns ber freies Feld dem Graben zustrmten. Wir bemhten uns, mglichst schnell mit dem Gegner fertig zu werden, um das Feuer zu unterlaufen. Die Vraucourt-Stellung schien noch im Bau gewesen zu sein, denn manche Grabenstcke waren nur durch Abheben der Rasenschicht angedeutet. Wenn wir ein solches Stck bersprangen, konzentrierte sich das ganze Feuer des Umkreises auf uns. Ebenso nahmen wir den ber diese Stellen vor uns her hastenden Gegner unter Feuer, so da die kurzen tracierten Stcke bald mit Leichen behuft waren. Es war eine nervenpeitschende Hetzjagd. Wir eilten an noch warmen, stmmigen Gestalten vorber, unter deren kurzen Rckchen krftige Knie glnzten, oder krochen ber sie hinweg. Es waren Hochlnder, und die Art des Widerstandes zeigte, da wir keine Feiglinge vor uns hatten. Nachdem wir so einige hundert Meter gewonnen hatten, geboten uns immer dichter fallende Hand- und Gewehrgranaten Halt. Die Leute begannen zu weichen. Der Tommy macht einen Gegensto! Bliew stahn! Ich will blo Verbindung aufnehmen! Handgranaten nach vorn; Handgranaten, Handgranaten! Achtung, Herr Leutnant! Gerade im Grabenkampf, wo am brutalsten gefochten wird, sind solche Rckschlge am hufigsten. Die Mutigsten strzen, schieend und werfend, an der Spitze vor. Die Masse folgt als willenlose Herde auf den Fersen. Beim Aufeinanderprall springen die Kmpfer hin und her, um den vernichtenden Wrfen auszuweichen und stoen dabei auf die Nachdrngenden. Nur die vordersten bersehen die Lage; weiter hinten bricht unter der im engen Graben zusammengekeilten Menge wilde Panik aus. Erkennt der Gegner den Augenblick, ist alles verloren; jetzt mu der Fhrer zeigen, ob er die Achselstcke zu Recht trgt, obgleich ihn selbst das bekannte mulmige Gefhl beschleicht. Es gelang mir, eine Handvoll Leute zusammenzuraffen, mit denen ich hinter einer breiten Schulterwehr ein Widerstandsnest bildete. Auf wenige Meter tauschten wir mit einem unsichtbaren Gegner Geschosse. Es gehrte Mut dazu, bei den knallenden Aufschlgen den Kopf hochzuhalten, whrend der Sand der Schulterwehr aufgepeitscht wurde. Ein 76er neben mir scho mit wildem Gesichtsausdruck, ohne an Deckung zu denken, eine Patrone nach der anderen ab, bis er blutberstrmt zusammenbrach. Ein Gescho hatte ihm mit dem Knall eines aufschlagenden Brettes die Stirn durchbohrt. Er knickte in seiner Grabenecke zusammen und blieb, den Kopf gegen die Wand gelehnt, in kauernder Stellung stehen. Sein Blut flo, wie aus einem Eimer gegossen, auf die Grabensohle. Sein schnarchendes Rcheln ertnte in immer lngeren Abstnden und hrte endlich ganz auf. Ich ergriff sein Gewehr und feuerte weiter. Endlich trat eine kleine Pause ein. Zwei Mann, die noch vor uns gelegen hatten, machten den Versuch, ber Deckung zurckzuspringen. Einer fiel mit einem Kopfschu in den Graben, der andere konnte ihn eines Bauchschusses wegen nur mehr kriechend erreichen. Wir setzten uns abwartend auf die Grabensohle und rauchten englische Zigaretten. Ab und zu pfeilten sich gut gezielte Gewehrgranaten herber. Der Verwundete mit dem Bauchschu, ein blutjunger Mensch, lag zwischen uns und dehnte sich fast wohlig wie eine Katze in den warmen Strahlen der untergehenden Sonne. Er schlief mit einem kindlichen Lcheln in den Tod hinber. Es war ein Anblick, bei dem nichts Trbes und Unangenehmes, sondern nur ein klares Gefhl der Zuneigung zu dem Sterbenden mich berhrte. Auch das Sthnen seines Kameraden verstummte allmhlich. Mehrere Male versuchten wir, tief geduckt an den tracierten Stellen ber die Leichen der Hochlnder vorkriechend, uns weiter vorzuarbeiten, wurden aber immer wieder durch Maschinengewehrfeuer und Gewehrgranaten zurckgetrieben. Jeder Treffer, den ich sah, war tdlich. So fllte sich der vordere Teil des Grabens allmhlich mit Leichen; dafr bekamen wir von hinten dauernd Verstrkung. Bald stand hinter jeder Schulterwehr ein leichtes oder schweres Maschinengewehr. Ich stellte mich hinter eine dieser Kugelspritzen und scho, bis der Zeigefinger von Rauch geschwrzt war. Wenn das Khlwasser verdunstet war, wurden die Ksten herumgereicht und unter wenig feinen Scherzen durch ein sehr einfaches Verfahren wieder gefllt. Die Sonne stand tief am Horizonte. Der zweite Kampftag schien vorber. Ich sah mir zum erstenmale genau die Umgebung an und schickte Meldung und Skizze nach hinten. Unser Graben schnitt in 500 Meter Entfernung die Strae Vraucourt--Mory, die durch an den Bumen befestigte Stoffblenden verschleiert war. Auf einem Hange dahinter eilten feindliche Trupps ber das geschobestreute Gelnde. Den blauen, unbewlkten Abendhimmel durchschnitt ein schwarz-wei-rot bewimpeltes Geschwader. Die scheidenden Strahlen der Sonne tauchten es gleich einer Kette von Flamingos in zartes Rosenrot. Wir entfalteten unsere Stellungskarten und legten die weie Rckseite aus, um zu zeigen, wie weit wir uns in den Feind hineingebohrt hatten. Ein khler Abendwind kndete eine scharfe Nacht an. Ich lehnte, in einen englischen Mantel gehllt, an der Grabenwand und unterhielt mich mit dem kleinen Schultz, dem Gefhrten meiner Inderpatrouille, der mit vier schweren MG. nach altem kameradschaftlichen Brauche dort erschienen war, wo die Sache am brenzlichsten stand. Auf den Postenstnden saen Leute aller Kompagnien mit jungen, scharfgeschnittenen Gesichtern unterm Stahlhelm. Ihre Fhrer waren gefallen; sie standen aus eigenem Antrieb am rechten Orte. Da ertnte von rechts erneut Handgranatenkrachen und links stiegen deutsche Leuchtzeichen hoch. Von irgendwo flatterte mit dem Winde ein dnnes, vielstimmiges Hurra herber. Das zndete. Sie sind umgangen, sie sind umgangen! In einem jener Augenblicke der Begeisterung, die groen Taten vorangehen, griff alles zu den Gewehren und strmte in dem Graben vor. Nach kurzem Handgranatengefecht eilte ein Trupp Hochlnder der Strae zu. Nun gab es kein Halten mehr. Trotz warnender Zurufe: Vorsicht, das Maschinengewehr links schiet noch! sprangen wir aus dem Graben und hatten im Nu die Strae erreicht, die von verstrten Hochlndern wimmelte. Ein langes dichtes Drahtverhau verhinderte ihr Entweichen nach hinten, so da sie unter tosendem Hurragebrll und rasendem Schnellfeuer in einer Entfernung von 50 Metern wie eingelapptes Hochwild an uns vorberlaufen muten. Rasch aufgebaute Maschinengewehre machten das Gemetzel vernichtend. Fluchend mit einer Ladehemmung beschftigt, die mich am Schieen hinderte, wandte ich mich infolge eines Schlages auf die Schulter um, und blickte in das wutverzerrte Gesicht des kleinen Schultz: Da schieen sie noch, die verfluchten Schweine! Ich folgte seiner Handbewegung und sah in einem kleinen Grabengewirre, von uns durch die Strae getrennt, eine Reihe von Gestalten, teils ladend, teils das Gewehr an der Backe. Schon flogen von rechts die ersten Handgranaten, den Oberkrper eines von ihnen hoch in die Luft schleudernd. Die Vernunft gebot, an meinem Platze zu bleiben und die Gegner in aller Ruhe mit einigen Schssen zu erledigen. Statt dessen warf ich mein Gewehr fort und strzte mit geballten Fusten zwischen beide Parteien auf die Strae. Zum Unglck trug ich noch immer den englischen Mantel und meine rot berandete Feldmtze. Mitten im Hochgefhl des Sieges versprte ich einen scharfen Schlag an der linken Brustseite; es wurde Nacht um mich. Vorbei! Ich glaubte bestimmt, ins Herz getroffen zu sein, doch empfand ich bei der Erwartung meines sofortigen Todes weder Schmerz noch Angst. Da ich indes zu meinem Erstaunen nicht zusammenbrach und auch kein Loch in der Bluse entdeckte, wandte ich mich wieder dem Feinde zu. Ein Mann meiner Kompagnie strzte heran: Herr Leutnant, den Mantel 'runter! und ri mir das gefhrliche Kleidungsstck von der Schulter. Ein neues Hurra zerri die Luft. Von rechts, wo auch schon den ganzen Nachmittag mit Handgranaten gearbeitet worden war, sprang eine Anzahl Deutscher ber die Chaussee zur Hilfe herbei, voran ein junger Offizier in braunem Manchester. Es war Kius. Die Schotten wurden in wenigen Augenblicken der Wut durch Gewehr und Handgranaten vernichtet. Die Strae war mit Leichen bedeckt, whrend die wenigen berlebenden mit Feuer verfolgt wurden. Als ich, mich mit Kius unterhaltend, in dem eroberten Grabenstck stand, versprte ich ein feuchtes Gefhl auf der Brust. Die Bluse herunterreiend, sah ich, da ich einen Schu quer ber dem Herzen bekommen hatte. Das Gescho war gerade unter dem E. K. I durchgeflogen, zwei Lcher in der Bluse und zwei im Krper hinterlassend. Ohne Zweifel hatte mich einer der Unseren (ich hatte den, der mir den Mantel abri, in starkem Verdacht) fr einen Englnder gehalten und auf eine Entfernung von wenigen Schritten angeschossen. Kius legte mir einen Verband um und konnte mich nur mit Mhe bewegen, in diesem interessanten Augenblick das Schlachtfeld zu verlassen. Wir trennten uns mit einem: Auf Wiedersehen in Hannover! Ich whlte mir einen Begleiter, suchte auf der scharf beschossenen Chaussee meine Kartentasche, in der mein Tagebuch steckte und ging durch den Graben, in dem wir uns vorgekmpft hatten, zurck. Unser Angriffsgeschrei war so gewaltig gewesen, da die feindliche Artillerie schlagartig eingesetzt hatte. Auf dem Gelnde hinter der Strae und vor allem auf dem Graben selbst lag ein Sperrfeuer von seltener Dichte. Ein heiles Durchkommen war wenig wahrscheinlich. Wir bewegten uns sprungweise von Schulterwehr zu Schultermehr zurck. Pltzlich gab es neben mir am Grabenrande einen schmettern den Krach. Ich bekam einen Schlag auf den Hinterschdel und fiel betubt vornber. Als ich erwachte, hing ich mit dem Kopfe nach unten ber dem Schlitten eines schweren Maschinengewehrs und starrte auf die Grabensohle in eine sich bengstigend schnell vergrernde rote Lache. Das Blut sprudelte so unaufhaltsam hervor, da ich ein Davonkommen fr ausgeschlossen hielt. Da mein Begleiter indes behauptete, noch kein Hirn zu sehen, raffte ich mich hoch und lief weiter. Hier hatte ich die Quittung fr meinen Leichtsinn, ohne Stahlhelm ins Gefecht zu gehen. Trotz des doppelten Blutverlustes war ich gewaltig aufgeregt und beschwor jeden, der mir im Graben begegnete, wie von einer fixen Idee besessen, nach vorne zu eilen und sich am Kampfe zu beteiligen. Bald waren wir der Zone der leichten Feldgeschtze entronnen und verlangsamten unser Tempo. Im Hohlwege von Noreuil kam ich am Brigade-Gefechtsstand vorbei, lie mich beim Generalmajor Hbel melden, dem ich ber unseren Erfolg Bericht erstattete, und bat, den Strmern mit Reserven zu Hilfe zu kommen. Der General erzhlte mir, da ich bei den Gefechtsstnden schon seit gestern tot gesagt wre. Es war nicht das erste Mal im Kriege. In Noreuil stand dicht am Wege ein hoher Stapel von Handgranatenkisten in hellen Flammen. Wir eilten mit sehr gemischten Gefhlen daran vorber. Hinter dem Dorfe nahm mich ein Fahrer mit auf seinen leeren Munitionswagen. Ich geriet scharf mit dem fhrenden Trainoffizier zusammen, der zwei verwundete Englnder, die mich whrend des letzten Teiles meines Weges gesttzt hatten, vom Wagen werfen lassen wollte. Auf der Strae Noreuil--Quant herrschte ein unglaublicher Verkehr. Wer es nicht gesehen hat, kann sich kein Bild von den endlosen Kolonnen machen, die zu einer groen Offensive gehren. Hinter Quant steigerte sich das Gewhl ins Fabelhafte. Ich wandte mich an einen der durch weie Binden kenntlichen Verkehrsoffiziere, der mir einen Platz in einem Personenauto zum Feldlazarett Sauchy-Cauchy anwies. Wir muten oft halbe Stunden warten, wenn ineinandergeschachtelte Wagen und Automobile den Weg sperrten. Die rzte im Operationsraum des Feldlazaretts waren fieberhaft beschftigt; trotzdem wunderte sich der Chirurg ber die glckliche Art meiner Verletzungen. Auch die Kopfwunde hatte Ein- und Ausschu, ohne da die Schdeldecke beschdigt war. Nachdem ich whrend der Nacht vorzglich geschlafen hatte, wurde ich am nchsten Morgen zur Kranken-Sammelstelle Cantin transportiert, wo ich zu meiner Freude den Leutnant Sprenger antraf, den ich seit Beginn des Sturmes nicht mehr gesehen hatte. Er war durch Infanteriegescho am Oberschenkel verwundet. Nach einem kurzen Aufenthalt im bayrischen Feldlazarett 14 (Montigny) wurden wir in Douai in einen Lazarettzug geladen und fuhren bis Berlin. Dort heilte diese sechste Doppelverwundung bei vierzehntgiger Pflege ebenso gut wie alle vorhergehenden. Leider erfuhr ich in Hannover, da unter vielen anderen Bekannten whrend des Handgemenges auch der kleine Schultz gefallen war. Kius war mit einer harmlosen Bauchwunde abgekommen. Wer unsere Wiedersehensfeier in einer kleinen hannoverschen Bar beobachtete, kam wohl schwerlich auf den Gedanken, da wir uns erst vor vierzehn Tagen bei einer anderen Musik als dem friedlichen Knalle von Pfropfen getrennt hatten. Englische Vorste. Am 4. Juni 1918 kam ich wieder beim Regiment an, das ganz in der Nhe des jetzt weit hinter der Front befindlichen Dorfes Vraucourt in Ruhe lag. Der neue Kommandeur, Major von Lttichau, bergab mir die Fhrung meiner alten siebenten Kompagnie. Als ich mich den Quartieren nherte, liefen mir die Leute entgegen, nahmen mir meine Sachen ab und empfingen mich im Triumph. Es war, als ob ich in den Kreis einer Familie zurckkehrte. Wir bewohnten ein Huflein von Wellblechbaracken inmitten einer verwilderten Wiesenlandschaft, aus deren Grn unzhlige gelbe Blmchen schimmerten. Das wste Gelnde, das wir Die Wallachei getauft hatten, war durch Herden weidender Pferde bevlkert. Trat man vor die Tr der Htten, so empfand man jenes bengstigende Gefhl der Leere, von dem der Cowboy, der Beduine und jeder andere Eindbewohner zuweilen gepackt wird. Des Abends machten wir lange Spaziergnge im Umkreise der Baracken und suchten Rebhuhngelege oder im Rasen verborgenes Kriegsmaterial. Eines Nachmittags ritt ich nach dem vor zwei Monaten so hart umkmpften Hohlweg bei Vraucourt, dessen Rnder mit Grabkreuzen best waren. Ich fand manchen bekannten Namen. Bald bekam das Regiment Befehl, die vordere Linie der vorm Dorfe Puisieux-au-Mont liegenden Stellung zu besetzen. Wir machten auf Lastautomobilen eine Nachtfahrt bis Achiet-le-Grand. Oft muten wir halten, wenn die Strahlenkegel der Fallschirm-Leuchtkugeln nchtlicher Bombenflieger das weie Band der Strae aus dem Dunkel hoben. Nah oder fern wurde das vielfache Pfeifen der schweren Sprengpfeile von den rollenden Sten der Einschlge verschlungen. Dann tasteten die unsicheren Arme der Scheinwerfer den dunklen Himmel nach den tckischen Nachtvgeln ab, Schrapnells zersprhten wie zierliches Spielzeug, und Leuchtgeschosse jagten in langer Kette gleich feurigen Wlfen hintereinander her. Ein widriger Geruch nach Leichen lagerte ber der eroberten Gegend, bald mehr, bald weniger intensiv, immer aber die Nerven erregend und in eine Stimmung phantastischer und ahnungsvoller Unheimlichkeit hllend. Offensiv-Parfm erscholl neben mir die Stimme eines cynischen alten Kriegers, als wir einige Minuten lang eine Allee von Massengrbern zu passieren schienen. Von Achiet-le-Grand schritten wir an dem nach Bapaume fhrenden Bahndamm entlang und dann querbeet auf die Stellung zu. Der Feuerbetrieb war lebhaft. Als wir einen Augenblick rasteten, schlugen zwei mittlere Granaten neben uns ein. Die Erinnerung an die unvergeliche Schreckensnacht des 19. Mrz trieb uns vorwrts. Dicht hinter der vorderen Linie stand eine abgelste, lrmende Kompagnie, an der uns das Fatum gerade vorberfhrte, als ihr der Mund durch einige Dutzend Schrapnells gestopft wurde. Mit einem Hagel von Schimpfworten strzten sich meine Leute kopfber in den nchsten Laufgraben. Drei muten blutend zum Sanittsunterstand zurckkehren. Um 3 Uhr kam ich vllig erschpft in meinem Unterstande an, dessen drangsalsvolle Enge mir eine Reihe wenig genureicher Tage in Aussicht stellte. Das rtliche Licht einer Kerze glhte inmitten einer unbeschreiblichen Dunstwolke. Ich stolperte ber ein Gewirr von Beinen und brachte durch die Zauberformel Ablsung! Leben in die Bude. Einem backofenfrmigen Loch entstieg eine Kette von Flchen, dann erschienen nach und nach ein unrasiertes Gesicht, ein Paar ramponierte Achselstcke, eine verwitterte Uniform und zwei Lehmkltze, in denen wahrscheinlich die Stiefel steckten. Wir setzten uns zusammen an den sogenannten Tisch und erledigten das Geschft der bergabe, bei dem jeder versuchte, den anderen um ein Dutzend eiserne Portionen und einige Leuchtpistolen zu prellen. Dann wrgte sich mein Vorgnger durch den engen Stollenhals ins Freie mit der Prophezeiung, da das Dreckloch keine drei Tage mehr stehen wrde. Ich blieb zurck als neuer Kapitn des Abschnitts A. Die Stellung, die ich am nchsten Morgen besichtigte, bot wenig Erfreuliches. Gleich vorm Unterstande kamen mir zwei blutende Kaffeeholer entgegen, die im Annherungswege durch eine Schrapnellladung getroffen waren. Einige Schritte weiter meldete sich der Fsilier A. mit einem Prellschu ab. Wir hatten das Dorf Bucquoy vor uns und Puisieux-au-Mont im Rcken. Die Kompagnie lag ungestaffelt in der flachen, schmalen, vorderen Linie und war rechts vom Infanterie-Regiment 76 durch eine groe, unbesetzte Lcke getrennt. Der linke Flgel des Regiments-Abschnitts schlo ein zerhacktes Gehlz, das Wldchen 125, ein. Befehlsgem waren keine Stollen ausgeschachtet. Je zwei Mann hausten in kleinen Erdlchern, die durch sogenannte Siegfriedbleche gesttzt waren. Da mein Unterstand hinter einem ganz anderen Abschnitt lag, suchte ich mir zunchst eine neue Behausung. Ein httenartiges Gebilde in einem verfallenen Grabenstck schien mir ganz geeignet, nachdem ich es durch zusammengeschleppte Mordinstrumente in einen verteidigungsfhigen Zustand versetzt hatte. Ich fhrte dort mit meinem Burschen zusammen ein Leben wie ein Einsiedler im Grnen, das nur zuweilen durch Meldegnger und Ordonnanzen gestrt wurde, die den umstndlichen Papierkrieg selbst in diese entlegene Hhle trugen. Kopfschttelnd konnte man dann zwischen den Einschlgen zweier Granaten neben anderen wichtigen Sachen die Neuigkeit lesen, da dem Ortskommandanten von X. ein schwarzgefleckter Terrier, auf den Namen Zippi hrend, entlaufen wre; wenn man sich nicht gerade mit grimmigem Humor in die Alimentationsklage der Dienstmagd Makeben gegen den Gefreiten Meyer vertieft hatte. Auch sorgten Zeichnungen und hufige Terminmeldungen fr die ntige Abwechslung. Stets hatte man soviel mit der inneren Organisation zu tun, da man sich um die taktischen Kleinigkeiten kaum noch kmmern konnte. Man wurde auch wenig danach gefragt. Oft schien die fortgeworfene Patronenhlse weit wichtiger. Ich lief jedesmal, wenn mir ein revidierender Vorgesetzter angemeldet wurde, durch den Graben, las Papier und Hlsen auf und instruierte die Posten, wie sie zu melden und die Hacken zusammenzuklappen htten. Auch da sie nicht etwa das Verbrechen begingen, dabei das Gesicht vom feindlichen Graben abzuwenden, aus dem sich schon seit drei Monaten kein Nasenzipfel mehr gezeigt hatte, oder gar das Gewehr aus der Hand zu stellen. Dafr waren drei Tage Mittelarrest unbedingte Taxe. Diese fr uns typischen Dinge haben sehr geschadet. Die Form erstickte den Geist. Der Krieg wurde brokratisiert. Indes hatte der Frontleutnant viel zu viel Disziplin in den Knochen, um das, worber in jedem Zugfhrerunterstande vor und nach dem Besuchsschnaps in allen Tonarten geflucht wurde, zur Sprache zu bringen. Trotzdem war er der Berufene, den altpreuischen Geist mit den Formen des neuen Krieges zu verschmelzen. Doch zurck zu meinem Unterstand, dem ich den schnen Namen Haus Wahnfried verliehen hatte. Den einzigen Kummer machte mir die Deckung, die nur als relativ bombensicher anzusprechen war, das heit nur solange, wie kein Schu daraufging. Jedoch trstete ich mich mit dem Gedanken, in keiner besseren Lage als meine Leute zu sein. Jeden Mittag legte mein Bursche mir eine Decke in einen Riesentrichter, zu dem wir einen Gang gewhlt hatten, um ihn als Sonnenbad einzurichten. fters wurde meine Siesta allerdings durch in der Nhe einschlagende Granaten oder die herabsurrenden Sprengstcke von Fliegerbeschieungen gestrt. Die vordere Linie hatte unter feindlichem Feuer verhltnismig wenig zu leiden, sie wre sonst auch bald unhaltbar geworden. Hauptschlich lagen Puisieux und die benachbarten Mulden unter dauernder Beschieung, die sich in den Abendstunden zu berfllen von auerordentlicher Dichte steigerte. Essenholen und Ablsung wurden dadurch sehr gefhrdet. Am 14. Juni wurde ich um 2 Uhr morgens von Kius, der auch zurckgekehrt war und die zweite Kompagnie fhrte, abgelst. Wir verbrachten unsere Ruhezeit am Bahndamm bei Achiet-le-Grand, unter dessen Schutze unsere Baracken und Unterstnde lagen. Der Englnder belegte uns hufig mit schwerem Flachbahnfeuer, dem unter anderen der etatsmige Feldwebel der dritten Kompagnie, Rackebrand, zum Opfer fiel. Einige Tage zuvor hatte sich bereits ein furchtbares Unglck ereignet. Ein Flieger hatte seine Bombe mitten in die von einem Zuhrerkranze umringte Kapelle des Infanterie-Regiments 76 geworfen. Unter den Getroffenen befanden sich auch viele 73er. In der nheren Umgebung des Bahndammes lag eine Reihe zerschossener Tanks, die ich auf meinen Spaziergngen mit Interesse besichtigte. Sie trugen zum Teil spttische, drohende oder glckbringende Namen und Kriegsbemalungen, waren aber alle bel zugerichtet. Der enge, von Geschossen zerschmetterte Panzerraum mit seinem Gewirr von Rohren, Stangen und Drhten mute beim Sturm ein uerst ungemtlicher Aufenthaltsort sein, wenn die Kolosse, um den Flammenschlgen der Artillerie zu entgehen, gleich unbeholfenen Riesenkfern sich in Bogenlinien ber die Walstatt wlzten. Ich dachte lebhaft an die Mnner im feurigen Ofen. Am Morgen des 18. Juni mute die siebente Kompagnie der unsicheren Lage wegen schon wieder nach Puisieux, um dort dem K. T. K. zum Materialtragen und taktischer Verwendung zur Verfgung zu stehen. Wir bezogen am Ausgang nach Bucquoy liegende Keller und Stollen. Gerade als wir ankamen, hieb eine Gruppe schwerer Granaten in die umliegenden Grten. Trotzdem lie ich mich nicht abhalten, in einer kleinen Laube vorm Eingang meines Stollens zu frhstcken. Nach einer Weile brauste es wieder heran. Ich warf mich hin. Neben mir flammte es auf. Ein in der Nhe stehender Sanitter meiner Kompagnie, der mit einigen Kochgeschirren voll Wasser vorbeikam, brach durch den Unterleib getroffen, zusammen. Wir verbanden ihn, whrend groe Schweitropfen auf seine Stirne traten. Als ich versuchte, ihn zu trsten, sthnte er hervor: Der Schu ist tdlich, ich fhle es ganz genau. Trotz dieser Prophezeiung konnte ich ihm nach einem halben Jahre beim Einzuge in Hannover die Hand schtteln. Am Nachmittage machte ich einen einsamen Spaziergang durch das vllig zerstrte Puisieux. Das Dorf war schon whrend der Sommeschlachten zu einem Trmmerhaufen zusammengehmmert. Trichter und Mauerreste waren mit dichtem Grn berzogen, aus dem berall die weien Scheiben des ruinenfreundlichen Hollunders leuchteten. Zahlreiche frische Geschoeinschlge hatten das hllende Gewebe zerrissen und die schon so oft umgewhlte Erde der Grten von neuem blogelegt. Die Dorfstrae war mit dem Kriegsschutt des zum Stillstand gekommenen Vormarsches besumt. Zerschossene Wagen, weggeworfene Munition, Nahkampfmittel und die Umrisse halbverwester Pferde, von blitzenden Fliegenwolken umbraust, verkndeten die Nichtigkeit aller Dinge im Kampfe ums Leben. Die auf dem hchsten Punkt ragende Kirche bestand nur noch aus einem wsten Steinhaufen. Whrend ich einen Strau wundervoller verwilderter Rosen pflckte, mahnten mich einschlagende Granaten zur Vorsicht auf diesem Tanzplatz des Todes. Nach einigen Tagen lsten wir die neunte Kompagnie in der Hauptwiderstandslinie, die ungefhr 500 Meter hinter der vorderen lag, ab. Dabei wurden drei Leute meiner Kompagnie verwundet. Am folgenden Morgen wurde in der Nhe meines Unterstandes der Hauptmann von Ledebour durch eine Schrapnellkugel am Fu verletzt. Obwohl schwer lungenkrank, fhlte er doch im Kampfe seine Bestimmung. So mute er der geringen Wunde erliegen. Er starb kurze Zeit darauf im Lazarett. Am 28. wurde der Fhrer meiner Essenholer durch einen Granatsplitter getroffen. Dies war der neunte Verlust in der Kompagnie binnen kurzer Zeit. Nachdem wir eine Woche in vorderer Linie gelegen hatten, muten wir nochmals die Hauptwiderstandslinie besetzen, da unser Ablsungsbataillon durch die spanische Krankheit fast aufgelst war. Auch von unseren Leuten meldeten sich tglich mehrere krank. Bei der Nachbardivision wtete die Grippe so stark, da ein feindlicher Flieger Zettel abwarf, auf denen stand, da der Englnder die Ablsung bernehmen wrde, wenn die Truppe nicht bald zurckgezogen wrde. Doch erfuhren wir, da sich die Seuche auch auf der Gegenseite mehr und mehr ausbreitete. Bei uns traten noch verschrfend die schlechten Verpflegungsverhltnisse hinzu. Dabei standen wir dauernd in hchster Gefechtsbereitschaft, da das Wldchen 125 durch fortwhrende Hchstbeschieung dauernd bedroht war. Infolge der Explosionsgase war dort ein Teil der sechsten Kompagnie an Kohlenoxydvergiftung erkrankt. Wir muten viele Leute mit Sauerstoffapparaten herausholen. Eines Nachmittags fand ich beim Durchschreiten meines Abschnittes mehrere vergrabene Ksten voll englischer Munition und sprengte mir in meinem Leichtsinn beim Auseinandernehmen einer Gewehrgranate die Kuppe des rechten Zeigefingers ab. Am selben Abend platzte, als ich mit dem Leutnant Sprenger auf der Deckung meines Unterstandes stand, eine schwere Granate in der Nhe. Wir stritten uns ber die Entfernung, die Sprenger auf 10, ich auf 30 Meter schtzte. Um zu sehen, wie weit ich meinen Angaben in dieser Beziehung trauen knnte, ma ich nach und fand den Trichter 22 Meter von unserem Standorte entfernt. Man ist leicht geneigt, die Entfernung zu unterschtzen. Am 20. Juli lag ich mit meiner Kompagnie wieder in Puisieux. Den ganzen Nachmittag stand ich auf einem Mauerrest und beobachtete das Gefechtsbild, das einen sehr verdchtigen Eindruck machte. Das Wldchen 125 wurde oft durch mchtige Feuerste in dichten Qualm gehllt, whrend grne und rote Leuchtkugeln auf- und niederstiegen. Manchmal schwieg das Artilleriefeuer, dann hrte man das Tacken einiger Maschinengewehre und den matten Knall entfernter Handgranaten. Das Ganze sah sich von meinem Standorte fast wie ein zierliches Spiel an. Es fehlte das Gewaltige des Grokampfes, und doch sprte man das erbitterte Ringen zwischen zwei ehernen Krften. . . . . . Aus dem leeren, weiten Gelnde starren die Augen tausend Verborgener nach dem kleinen Waldstck, aus dem in wechselndem Reigen braune Erdbrunnen die Gipfel der strzenden Eichbume umtanzen. In der Tiefe des Umkreises staffeln in Grben, Trichtern, Hhlen und Ruinen Menschen und Material, des Einsatzes gegen das von zerhackten Strnken bedeckte Stck Erde harrend. Weit hinten an zwei Gegenpolen sitzen zwei Generale an kartenverdeckten Tischen. Eine Meldung, ein kurzer Vortrag, einige Stze an einen Ordonnanzoffizier, ein Telephongesprch. Eine Stunde spter umflammen die Blitze eines neuen Feuerstoes die alten Trichter, eine frische Menschenhekatombe verblutet in stickigem Qualm. . . . . . Gegen Abend wurde ich zum Bereitschaftskommandeur berufen, wo ich erfuhr, da der Gegner am linken Flgel in unser Grabensystem eingedrungen wre. Um uns wieder etwas Vorfeld zu schaffen, war befohlen, da der Leutnant Petersen mit der Sturmkompagnie den Heckengraben, ich mit meinen Leuten einen ihm in einer Mulde parallel laufenden Annherungsweg aufrumen sollte. Wir zogen im Morgengrauen los, bekamen aber schon in unserer Sturmausgangsstellung so starkes Infanteriefeuer, da wir vorlufig auf die Ausfhrung verzichteten. Ich lie den Elbinger Weg besetzen und holte in einem riesigen Hhlenstollen den versumten Nachtschlaf nach. Um 11 Uhr vormittags weckte mich Handgranatenkrachen vom linken Flgel, wo wir eine Barrikade besetzt hielten. Ich eilte hin und fand das bliche Bild des Barrikadenkampfes. Bei der Verschanzung wirbelten weie Handgranatenwolken, einige Schulterwehren zurck rasselte auf jeder Seite ein Maschinengewehr. Dazwischen Leute geduckt vor und zurckspringend. Der kleine Handstreich der Englnder war bereits abgeschlagen, hatte uns jedoch einen Mann gekostet, der, von Handgranatensplittern zerrissen, hinter der Barrikade lag. Gegen Abend bekam ich Befehl, die Kompagnie nach Puisieux zurckzufhren, wo ich bei der Ankunft die Order vorfand, mich am nchsten Morgen mit zwei Gruppen an dem Aufrollen des Grabens in der Mulde zu beteiligen. Um 3.40 Uhr brachen wir, das heit der Leutnant Voigt von der Sturmkompagnie mit einem Stotrupp und ich mit meinen beiden Gruppen zur Ausgangsstellung auf. Wir hatten Befehl, den Graben nach einer fnfminutigen Artillerie- und Minenvorbereitung vom Rotpunkt K bis zum Rotpunkt Z1 aufzuteilen. Ich darf nicht verschweigen, da wir beide die Feuervorbereitung und berhaupt das Nehmen und Besetzen des tief in der Mulde liegenden, von allen Seiten eingesehenen Grabens fr unntig und verkehrt hielten. Der entscheidende Punkt war der Heckengraben; wollte man angreifen, so mute man ihn nehmen und war dann auch im Besitze der Mulde. Ich hegte den bestimmten Verdacht, da der Angriff von hinten nach der Karte befohlen war, denn wer das Gelnde vor Augen hatte, konnte keine derartigen Anordnungen treffen. Nach der Vorbereitung, bei der einer unserer Leute verwundet wurde, traten wir an und rollten den Graben auf. Kurz vor Z1 stieen wir auf Widerstand, der durch Handgranaten gebrochen wurde. Da wir unser Ziel erreicht hatten und auf weiteren Kampf nicht erpicht waren, bauten wir eine Barrikade und lieen eine Gruppe mit einem Maschinengewehr dahinter zurck. Das einzige Vergngen an der Sache bereitete mir das Benehmen der Leute vom Sturmtrupp, die mich lebhaft an Grimmelshausens Simplizissimus erinnerten. Diese jungen Krieger mit gewaltigen Haarschpfen und Wickelgamaschen gerieten 20 Meter vorm Feinde in einen heftigen Streit, weil einer den anderen Schlappsack geschimpft hatte und fluchten dabei wie die Landsknechte. Mensch, alle haben doch nicht so'n Schi wie du!, schrie zuletzt einer und rollte allein noch 50 Meter Graben auf. Schon am Nachmittag kam die Barrikadengruppe zurck. Sie hatte Verluste gehabt und sich nicht lnger halten knnen. Ich hatte die Leute bereits aufgegeben und wunderte mich, da berhaupt jemand lebend bei Licht den langen Schlauch des Muldengrabens hatte passieren knnen. Das sind die Folgen des Papierkrieges. Trotz unserer Gegenste sa der Feind fest im linken Flgel unserer vorderen Linie und in den verbarrikadierten Verbindungswegen, die Hauptwiderstandslinie bedrohend. Am 24. Juli begab ich mich zur Orientierung in den neuen Abschnitt C der Hauptwiderstandslinie, den ich am nchsten Tage bernehmen sollte. Ich lie mir von dem Kompagniefhrer, Leutnant Gipkens, die Barrikade am Heckengraben zeigen und setzte mich neben ihn auf einen Postenstand. Pltzlich packte mich Gipkens und ri mich zur Seite. Im nchsten Augenblick spritzte ein Gescho auf dem Sand meines Sitzplatzes auseinander. Durch einen glcklichen Zufall hatte er beobachtet, wie ein Gewehr langsam aus einer Schiescharte der 40 Meter entfernten feindlichen Barrikade geschoben wurde und mir so durch seine scharfen Knstleraugen das Leben gerettet. Wie mir nachher erzhlt wurde, waren an dieser so harmlos aussehenden Stelle schon drei Mann der neunten Kompagnie durch Kopfschu gefallen. Am Nachmittag wurde ich durch eine nicht sonderlich starke Schieerei aus meinem Bunker gelockt, in dem ich gerade gemtlich lesend am Kaffeetische sa. Vorn stiegen bestndig Sperrfeuerzeichen hoch. Zurckhumpelnde Verwundete erzhlten, da die Englnder in den Abschnitten B und C in die Hauptwiderstandslinie, in A ins Vorfeld eingedrungen wren. Gleich darauf kam die Unglcksbotschaft, da die Leutnants Vorbeck und Grieshaber bei der Verteidigung ihrer Abschnitte gefallen, Leutnant Kastner schwer verwundet wre. Um 8 Uhr kam auch der Leutnant Sprenger, der stellvertretend die fnfte Kompagnie gefhrt hatte, mit einem Splitter im Rcken in meinen Unterstand, krftigte sich durch einen Blick in die Rhre und begab sich mit dem Zitat: Rckwrts, rckwrts, Don Rodrigo zum Verbandplatze. Ihm folgte sein Freund, Leutnant Domeyer, mit blutender Hand. Am nchsten Morgen lsten wir die Besatzung des Abschnittes C ab, der inzwischen wieder vom Feinde gerumt war. Ich fand dort Pioniere Boje und Kius mit einem Teile der zweiten, Gipkens mit den Resten der neunten Kompagnie vor. Im Graben lagen acht tote Deutsche und zwei Englnder (Mtzenschild: South-Africa, Otago-Rifles). Alle waren durch Handgranatentreffer bel zugerichtet. Ihre angstverzerrten Gesichter wiesen furchtbare Verletzungen auf. Zweien waren beide Augen ausgeschossen. Als ich mich mit Boje und Kius in unserem gewhnlichen pessimistisch-ironischen Ton begrte, fhlte ich die entsetzten Augen eines meiner Rekruten, eines Seminaristen, auf mir ruhen. Ich durchschaute seinen Gedankengang und erschrak zum erstenmale ber die abstumpfende Wirkung des Krieges. Man kam dazu, den Menschen nur noch als Sache zu betrachten. Ich lie die Barrikade besetzen und den Graben aufrumen. Um 11.45 Uhr erffnete, ohne da wir zuvor benachrichtigt wurden, die eigene Artillerie ein wildes Feuer auf die vor uns liegende Stellung, bei dem wir jedoch mehr Treffer bekamen als die Englnder. Das Unglck lie nicht lange auf sich warten. Der Ruf Sanitter! flog von links durch den Graben. Hineilend, fand ich vor der Barrikade im Heckengraben eine unfrmliche Leichenmasse, die berreste meines besten Zugfhrers. Er hatte den Volltreffer einer eignen Granate mitten ins Kreuz bekommen. Uniform- und Wschefetzen, die ihm der Druck der Explosion vom Leibe gerissen hatte, hingen ber ihm im zerhackten Gezweig einer Weidornhecke. Ich lie eine Zeltbahn ber ihn werfen, um den Leuten den Anblick zu ersparen. Gleich darauf wurden an derselben Stelle noch drei Mann verwundet, einem von ihnen beide Hnde am Gelenk durchschlagen. Er taumelte mit totbleichem Gesicht, die Arme auf die Schultern einen Krankentrgers gelegt, blutberspritzt zurck. Der Gefreite Ehlers wand sich, vom Luftdruck betubt, auf der Erde. Ich sandte einen Protest nach dem andern an die Befehlsstellen und forderte dringend Einstellung des Feuers oder die Anwesenheit von Artillerieoffizieren im Graben. Statt aller Antwort setzte noch ein schwerer Minenwerfer ein und machte mir den Graben vollends zur Fleischbank. berall lagen Blut, Hirn und Fleischfetzen, auf denen sich Schwrme von Fliegen sammelten. Um 7.15 Uhr (!) bekam ich einen Befehl, demzufolge 7.30 Uhr starkes Artilleriefeuer einsetzen und um 8 Uhr zwei Gruppen der Sturmkompagnie unter Leutnant Voigt ber die Barrikade des Heckengrabens vorbrechen sollten, um bis zum Rotpunkt A aufzurollen und nach rechts Verbindung mit einer parallel vorgehenden Stotruppe herzustellen. Zwei Gruppen meiner Kompagnie sollten zur Besetzung des eroberten Grabenstckes folgen. Ich traf in aller Eile, whrend schon das Artilleriefeuer einsetzte, die ntigen Anordnungen, bestimmte zwei Gruppen und sprach kurz mit dem Leutnant Voigt, der einige Minuten spter befehlsgem vorging. Ich hielt die Sache mehr fr einen Abendspaziergang und schlenderte in Mtze, eine Stielhandgranate unterm Arm, hinter meinen beiden Gruppen her. Im Augenblick des Angriffs richteten sich die Gewehre der ganzen Gegend auf den Heckengraben. Wir sprangen gebckt von Schulterwehr zu Schulterwehr. Es ging sehr schn vorwrts, die Englnder flchteten unter Zurcklassung eines Toten in eine rckwrtige Linie. Ich hatte als Letzter gerade die Einmndung eines links abzweigenden Grabens passiert, als mein Vordermann, ein Unteroffizier, einen Schrei hchster Erregung ausstie und mir am Kopf vorbei nach links scho. Da ich mir sein Benehmen nicht erklren konnte, ging ich einige Schritt zurck und stand pltzlich einem athletisch gebauten Englnder in dem Augenblick, als er dem fliehenden Unteroffizier eine Handgranate nachschleuderte, gegenber. Gleichzeitig ertnte von allen Seiten das Angriffsgeschrei anderer, die ber Deckung heranstrmten, um uns abzuschneiden. Ich zog die Handgranate, meine einzige Waffe, ab und schleuderte sie in kurzem Zirkel dem Tommy vor die Fe. Dann gab ich, von Handgranaten umkracht, Fersengeld in der Richtung auf unseren Graben. Ein einziger, der kleine Wilzek von meiner Kompagnie, hatte die Besonnenheit, hinter mir herzulaufen. Ein uns nachgeworfenes Eisenei zerri ihm Koppel und Hosenboden, ohne ihn weiter zu verletzen. Voigt und die anderen Leute, die nach vorn ausgewichen waren, schienen umringt und verloren. Kampfgeschrei und zahlreiche Explosionen kndeten, da sie ihr Leben teuer verkauften. Um ihnen zu Hilfe zu kommen, fhrte ich die Gruppe des Fahnenjunker-Unteroffiziers Mohrmann durch den Heckengraben vor. Wir muten indes vor einer Sperre hageldicht einschlagender Flaschenminen Halt machen. Ein Splitter flog mir gegen die Brust und wurde von der Hosentrgerschnalle abgefangen. Auerdem brach schlagartig ein Artilleriefeuer von gewaltiger Strke los. Rings spritzten Erdstrahlen aus farbigen Dmpfen, metallisches Geschmetter durchschrie das dumpfe Drhnen schwerer Schlge, Eisenblcke brausten in unheimlicher Krze heran, dazwischen sangen und schwirrten Wolken von Splittern. Da ein Angriff zu befrchten stand, setzte ich mir einen herumliegenden Stahlhelm auf und eilte mit einigen Begleitern in den Kampfgraben zurck. Drben tauchten Gestalten auf. Wir legten uns auf die zerwalzte Grabenwand und schossen. Neben mir fingerte ein ganz junger Krieger mit fiebernden Hnden am Ladehebel seines Maschinengewehres, ohne einen Schu aus dem Lauf zu bekommen. Einige Englnder klappten um, die andern verschwanden im Graben, whrend das Feuer immer toller wurde. Die eigene Artillerie schien keine Parteien mehr zu kennen. Als ich, von einer Gefechtsordonnanz gefolgt, zu meinem Bunker schritt, schlug irgend etwas zwischen uns in die Wand, ri mir mit enormer Wucht den Stahlhelm vom Kopf und schleuderte ihn weit weg. Ich glaubte, eine ganze Schrapnell-Ladung erhalten zu haben, und legte mich halb betubt in mein Fuchsloch, auf dessen Rand einige Sekunden spter eine Granate schlug, den kleinen Raum mit dichtem Qualen fllend. Ein langer Splitter zerschmetterte eine Bchse voll Gurken, die neben meinen Fen lag. Um nicht verschttet zu werden, kroch ich wieder in den Graben und spornte die beiden Gefechtsordonnanzen und meinen Burschen zur Wachsamkeit an. Es war eine wirklich unangenehme halbe Stunde, whrend deren die Kompagnie viele Verluste hatte. Nachdem die Feuerwelle verebbt war, ging ich durch den Graben, besah den Schaden und stellte fest, wieviel Leute mir noch zur Verfgung standen. Da die Kopfzahl von 15 Mann zur Linearverteidigung zu gering war, bertrug ich dem Fahnenjunker Mohrmann und drei Leuten die Verteidigung der Barrikade, zog die Trmmer zu einem Schtzenigel in einem Riesentrichter hinter der eigenen Linie zusammen und lie alle Handgranaten dort anhufen. Mein Plan war, den angreifenden Gegner ruhig in den Graben kommen zu lassen, um ihn dann auf einen Pfiff von oben her zusammenzuknallen. Jedoch beschrnkte sich die Kampfttigkeit auf ein fortwhrendes Geplnkel mit leichten Minen, Gewehr- und Handgranaten. Am 27. Juli wurden wir durch eine Kompagnie des Infanterie-Regiments 164 abgelst. Wir waren auch restlos ausgepumpt. Der Fhrer dieser Kompagnie wurde schon beim Anmarsch schwer verwundet; einige Tage spter wurde mein Bunker eingeschossen und begrub seinen Nachfolger. Wir atmeten alle erleichtert auf, als wir das vom heraufziehenden Gewitter der groen Endoffensive umgrollte Puisieux im Rcken hatten. * * * * * 111. Inf. Division. Div. Gef. Stand, 12. 8. 18. _Divisionstagesbefehl._ Das Fsilier-Regt. 73 hat seinen hohen Ruf als tapfere, kampferprobte Truppe in den harten Kmpfen am 25. 7. gegen einen an Zahl weit berlegenen Gegner erneut aufs glnzendste in Verteidigung und Gegensten bewiesen. Ich erkenne das um so lieber an, als ich wohl wei, welch hohe Anforderungen an die Truppen der Division bei dem langen Einsatz an schwieriger Front an Ausdauer und Pflichttreue gestellt werden mssen fr unser geliebtes Vaterland. Insbesondere verdient Leutnant Jnger, schon sechsmal verwundet und diesmal wie immer ein leuchtendes Vorbild fr Offiziere und Mannschaften, erneute Anerkennung. _v. Busse_, Generalmajor und Divisions-Kommandeur. Mein letzter Sturm. Am 30. Juli 1918 bezogen wir Ruhequartiere in Sauchy-Lstre, einer wasserumglnzten Perle des Artois. Nach einigen Tagen marschierten wir noch weiter zurck nach Escaudoeuvres, einem kleinen, nchternen Arbeitervorstdtchen von Cambrai. Ich bewohnte in der Rue-des-Bouchers das typische Staatszimmer eines nordfranzsischen Arbeiterhuschens. Das bliche Riesenbett als ominses Hauptmbel, ein Kamin mit scheulichen roten und blauen Glasvasen auf dem Sims, ein runder Tisch, Sthle; an den Wnden einige der furchtbaren Farbendrucke des Familistre, Vive la classe, souvenir de premire communion, Postkarten und anderer Plunder. Alles zusammen der Gipfel von Talmi, verlogener Sentimentalitt und Ungemtlichkeit. Ich fhlte mich inmitten dieser selbstgeflligen Geschmacklosigkeit unbehaglicher als im nssesten Stollen und versuchte, wenigstens durch einen auf dem Tisch gestapelten Kartensto und die auf das Familienbett geschleuderten Reitstiefel meine Anwesenheit etwas zu motivieren. Die hellen Vollmondnchte begnstigten den hufigen Besuch feindlicher Flieger, der uns einen Begriff von der erdrckenden Materialberlegenheit auf der Gegenseite gab. Nacht fr Nacht schwebten mehrere Geschwader heran und lieen Bomben von unheimlicher Brisanz auf Cambrai und die Vorstdte fallen. Ich wurde weniger durch das feine, moskitoartige Summen der Motore und die Gruppen lang widerhallender Detonationen als durch das ngstliche In-den-Keller-Strzen meiner Wirtsleute gestrt. Einen Tag vor meiner Ankunft war allerdings eine Bombe vor dem Fenster aufgeschlagen, hatte den in meinem Bette schlafenden Hausherrn betubt ins Zimmer geschleudert und die Mauern von Splittern durchlchert. Gerade dieser Zufall gab mir indes die Beruhigung, da eine Wiederholung ziemlich unwahrscheinlich sein wrde. Nach einem Ruhetage setzte die verhate, aber unentbehrliche Ausbildungsleier wieder ein. Exerzieren, Unterricht, Appells, Besprechungen und Besichtigungen fllten einen groen Teil des Tages. Einen ganzen Vormittag verbrachten wir sogar damit, einen ehrengerichtlichen Spruch zu fllen. Die Verpflegung war wieder einmal miserabel. Eine Zeitlang gab es als Abendportion nur Gurken, denen der trockene Humor der Leute den trefflichen Namen Grtnerwurst beilegte. Es war nicht leicht, meine dezimierte Kompagnie wieder zu einer Einheit zusammenzuschmelzen. Trotzdem mir die Notwendigkeit klar war, empfand ich es oft peinlich, immer wieder mit den Kleinigkeiten des Exerzierens an die Leute herantreten zu mssen. Der Drill wird als Mittel zum Zweck bei keinem Heere zu entbehren sein, er lt sich weder durch individuelle noch durch sportliche Erziehung ganz ersetzen. Ein Mann, dessen innerer Wert nicht ber jeden Zweifel erhaben ist, mu bis zum Stumpfsinn gehorchen lernen, damit seine Triebe auch in den schrecklichsten Momenten durch den geistigen Zwang des Fhrers gezgelt werden knnen. Vor allem widmete ich mich der Ausbildung einer Stotruppe, da mir im Verlaufe des Krieges immer klarer geworden war, da aller Erfolg der Tat des einzelnen entspringt, whrend die Masse der Mitlufer nur Sto- und Feuerkraft darstellt. Lieber Fhrer einer entschlossenen Gruppe als einer zaghaften Kompagnie. Meine Freizeit verbrachte ich mit Lesen, Baden, Schieen und Reiten. Auf den Spazierritten fand ich massenhaft herabgeworfene Flugbltter, die den Proze der moralischen Zersetzung unserer Armee beschleunigen sollten. Es war sogar ein Gedicht Schillers vom freien Britannien dabei. Ich fand es recht klug vom Englnder, das deutsche Gemt mit Gedichten zu bombardieren, und auch recht schmeichelhaft fr uns. Ein Krieg, in dem man sich durch Verse bekmpft, wre eine recht segensreiche Erfindung. Die Fundprmie von 30 Pf. pro Exemplar verriet, da die Heeresleitung die Gefhrlichkeit dieser vergifteten Waffen nicht gering schtzte. Die Unkosten wurden allerdings der Bevlkerung des besetzten Gebietes zur Last gelegt. Wir schienen also doch nicht mehr das ganz reine Verstndnis fr Poesie zu besitzen. Eines Nachmittags setzte ich mich aufs Rad und fuhr nach Cambrai. Das liebe, alte Stdtchen war wst und de geworden. Lden und Kaffees waren geschlossen; die Straen schienen tot trotz der feldgrauen Woge, die sie durchflutete. Ich fand Herrn und Frau Plancot, die mir das Jahr zuvor ein so schnes Quartier geboten hatten, herzlich erfreut ber meinen Besuch. Sie erzhlten mir, da sich die Verhltnisse in Cambrai in jeder Beziehung verschlechtert htten. Besondere beklagten sie sich ber die hufigen Fliegerbesuche, die sie zwngen, des Nachts oft mehrere Male die Treppen auf und nieder zu rennen, ber das Problem streitend, ob es ratsamer sei, im ersten Keller durch die Bombe selbst oder im zweiten durch Verschttung umzukommen. Die alten Herrschaften mit den sorgenvollen Mienen taten mir herzlich leid. Einige Wochen spter muten sie Hals ber Kopf infolge der Beschieung das Haus verlassen, in dem sie ihr Leben verbracht hatten. Am 23. August gegen 11 Uhr wurde ich durch heftiges Pochen gegen meine Tr hochgeschreckt, als ich gerade sanft eingeschlafen war. Eine Ordonnanz brachte Marschbefehl. Schon tags vorher war von der Front das eintnige Rollen und Stampfen eines ungewhnlich heftigen Artilleriefeuers herbergebrandet und hatte uns beim Dienst, beim Essen und beim Kartenspiel gemahnt, uns keinen Illusionen in bezug auf eine lngere Dauer unserer Ruhezeit hinzugeben. Fr dieses Brodeln entfernten Kanonendonners hatten wir den klangvollen Frontausdruck es wummert geprgt. Rasch packten wir und traten whrend eines wolkenbruchartigen Gewitters auf der Strae nach Cambrai an. Unser Marschziel war Marquion, wo wir gegen 5 Uhr morgens eintrafen. Der Kompagnie wurde ein groer, von einer Reihe demolierter Stallgebude eingeschlossener Hof zugewiesen, indem sich jeder so gut wie mglich unterbrachte. Ich kroch mit meinem einzigen Kompagnieoffizier, dem Leutnant Schrader, in ein kleines Backsteinverlie, das zu friedlicheren Zeiten anscheinend als Ziegenstall fungiert hatte, jetzt allerdings nur noch von einigen groen Ratten bewohnt war. Am Nachmittag war eine Offiziersbesprechung, bei der wir erfuhren, da wir in der Nacht rechts der groen Strae Cambrai--Bapaume unweit Beugny bereitgestellt werden sollten. Wir wurden vor einem wahrscheinlichen Angriff der neuen, schnellen und wendigen Tanks gewarnt. Ich teilte meine Kompagnie in einem kleinen Obstgarten zum Gefecht ein. Unter einem Apfelbaume stehend, sprach ich ein paar Worte zu den Leuten, die mich im Hufeisen umschlossen. Ihre Gesichter sahen ernst und mnnlich aus. Es war wenig zu sagen. Jeder wute, da wir nicht mehr siegen konnten. Aber der Gegner sollte sehen, da er gegen Mnner von Ehre kmpfte. Bei solchen Gelegenheiten vermied ich, mich vom Draufgngertum fortreien zu lassen. Es wre wenig taktvoll gewesen, den Leuten, die zum Teil mit der Angst um Frau und Kind zur Vernichtung zogen, zu zeigen, da man der Schlacht mit einer gewissen Lust entgegensah. Auch war es mein Grundsatz, nicht durch groe Worte zum Mute anzuspornen oder den Feigling zu bedrohen. Ich suggerierte: Ich wei genau, da mich niemand im Stiche lt. Wir haben alle Angst, aber wir mssen dagegen kmpfen. Es ist menschlich, wenn jemand von seiner Schwche bermannt wird. Er mu dann auf seinen Fhrer und die Kameraden sehen. Schon beim Sprechen fhlte ich, da solche Worte den Leuten verstndlich waren. Die Erfolge rechtfertigten diese psychologische Vorbereitung in glnzender Weise. An unserem aus einer Karre und einer Haustr improvisierten Tisch a ich im Hof mit Schrader zu Abend und trank eine Flasche Wein dazu. Dann rollten wir uns in unseren Ziegenstall, bis uns um 2 Uhr morgens der Posten meldete, da die Lastautos auf dem Marktplatz verladebereit stnden. In geisterhafter Beleuchtung rasselten wir durch das kampfzerwhlte Gelnde der vorjhrigen Cambraischlacht und wanden uns durch die von Trmmerwllen eingefaten Dorfstraen abenteuerlich zerschossener Nester. Dicht vor Beugny wurden wir ausgeladen und in unsere Aufstellungsrume gefhrt. Das Bataillon besetzte einen Hohlweg an der Strae Beugny--Vaux. In den Vormittagsstunden brachte eine Ordonnanz den Befehl, da sich die Kompagnie bis an die Strae Frmicourt--Vaux vorzuschieben htte. Dies typische Vorrcken gab mir die Gewiheit, da uns bis zum Abend noch Blutiges bevorstand. Ich schlngelte meine drei Zge in Reihen durch das Gelnde, das kreisende Flieger mit Bomben und Geschossen bestreuten. Am Ziele verteilten wir uns in Trichter und Erdlcher, da vereinzelte Granaten bis ber die Strae hinausgriffen. Ich befand mich an diesem Tage so schlecht, da ich mich sofort in ein kleines Grabenstck legte und einschlief. Nach dem Erwachen las ich in Laurence Sterne's Tristram Shandy und verbrachte so, mit der Gleichgltigkeit eines Kranken, in der warmen Sonne liegend, den Nachmittag. Ab und zu trank ich einen Schluck Wermut. Um 6.15 Uhr nachmittags rief ein Gefechtslufer die Kompagniefhrer zum Hauptmann von Weyhe. Ich habe Ihnen die ernste Mitteilung zu machen, da wir angreifen. Das Bataillon tritt nach halbstndiger Feuervorbereitung um 7 Uhr (!) vom Westrande Favreuil zum Sturm an. Marschrichtungspunkt der Kirchturm von Sapignies. Nach kurzem hin und her und einem krftigen Hndedruck strzten wir zu den Kompagnien, da das Feuer in zehn Minuten beginnen sollte und wir noch eine groe Strecke zu marschieren hatten. Ich verstndigte meine Zugfhrer und lie antreten. Die Gruppen in Reihe zu einem mit 20 Meter Zwischenraum. Marschrichtung halblinks die Baumkronen von Favreuil! Ein gutes Zeichen fr den Geist, der in den Leuten steckte, war, da ich einen Mann bestimmen mute, zurckzubleiben, um die Feldkche zu benachrichtigen. Freiwillig hatte sich keiner melden mgen. Ich schritt mit meinem Kompagniestabe und dem Feldwebel Reinecke, der die Gegend genau kannte, weit vor der Kompagnie. Hinter Hecken und Ruinen sprangen die Abschsse unserer Geschtze auf. Das Feuer glich mehr einem wtenden Gebell als einer vernichtenden Sturmwelle. Hinter mir sah ich meine Gruppen in bewunderungswrdiger Ordnung vorgehen. Neben ihnen staubten die Wlkchen der Fliegergeschosse auf, Kugelladungen, Hohlblser und Treibplatten von Schrapnells fuhren mit hllischem Fauchen durch die Zwischenrume der schmalen Menschenstreifen. Rechts lag das schwer beschossene Beugntre, aus dem gezackte Eisenstcke schwerfllig herberbrummten und sich mit kurzem Schlag in den lehmigen Boden stanzten. Noch ungemtlicher wurde der Anmarsch hinter der Strae Beugntre--Bapaume. Pltzlich platzte eine Reihe von Brisanzgranaten vor, hinter und zwischen uns. Wir spritzten auseinander und warfen uns in die Trichter. Ich strzte mit dem Knie in das Angstprodukt eines Vorgngers und lie in der Eile von meinem Burschen mit dem Messer eine grobe Suberung vornehmen. Um den Dorfrand Favreuil ballten sich die Wolken zahlreicher Einschlge, dazwischen stiegen und fielen braune Erdsulen in hastigem Wechsel. Um mich zu orientieren, ging ich allein bis zu den ersten Ruinen vor und gab dann mit dem Spazierstock das Zeichen zum Folgen. Das Dorf war von zerschossenen Baracken umsumt, bei denen sich allmhlich Teile des ersten und zweiten Bataillons sammelten. Whrend des letzten Wegabschnittes forderte ein Maschinengewehr verschiedene Opfer. Unter anderen erhielt der Vizefeldwebel Balg von meiner Kompagnie einen Schu durchs Bein. Eine Gestalt in braunem Manchester schritt gleichgltig ber das beschossene Stck und schttelte mir die Hand. Kius und Boje, Hauptmann Junker und Schaper, Schrader, Schlger, Heins, Findeisen, Hhlemann und Hoppenrath standen hinter einer von Blei und Eisen durchfegten Hecke und hielten ein groes Angriffspalaver. Wir hatten an manchem Tage des Zorns auf einem Felde gefochten, und auch diesmal sollte die schon tief im Westen stehende Sonne noch das Blut fast aller bestrahlen. Teile des I. Bataillons rckten in den Schlopark. Vom II. Bataillon hatten nur meine und die fnfte Kompagnie ungefhr vollzhlig den flammenden Vorhang durchschritten. Wir arbeiteten uns durch Trichter und Husertrmmer zu einem Hohlweg am Westrande des Dorfes vor. Unterwegs stlpte ich mir einen gefundenen Stahlhelm aufs Haupt, eine Handlung, die ich nur in kritischen Momenten vorzunehmen pflegte. Zu meinem Erstaunen lag Favreuil vollkommen tot da, die Besatzung hatte anscheinend ihren Verteidigungsabschnitt verlassen. Hauptmann von Weyhe, der bereits einsam und schwerverwundet in einem Trichter des Dorfes lag, hatte angeordnet, da fnfte und achte Kompagnie in vorderer, sechste in zweiter und siebente in dritter Linie strmen sollten. Da von der sechsten und achten Kompagnie noch nichts zu sehen war, beschlo ich draufzugehen, ohne mich lange um Staffelungen zu kmmern. Es war 7 Uhr geworden. Durch die Kulisse von Huserresten und Baumstmpfen sah ich bei schwachem Gewehrfeuer eine Schtzenlinie auf das freie Feld heraustreten. Es mute die fnfte Kompagnie sein. Ich stellte meine Leute im Hohlweg auf und gab Befehl, in zwei Wellen anzutreten. Abstand 100 Meter. Ich selbst befinde mich zwischen erster und zweiter Welle! Es ging zum letzten Sturm. Wie oft waren wir in den verflossenen Jahren in hnlicher Stimmung in die westliche Sonne geschritten! Les Eparges, Guillemont, St. Pierre-Vaast, Langemarck, Paschendale, Moeuvres, Braucourt, Mory! Wieder winkte ein blutiges Fest. Wir verlieen den Hohlweg ganz programmig, nur befand ich selbst, wie die schne Befehlsformel lautet, mich pltzlich neben dem Leutnant Schrader weit vor der ersten Welle. Vereinzelte Gewehrschsse knallten uns entgegen. Den Spazierstock in der rechten, Pistole in der linken Hand stapfte ich vor und lie, ohne es recht zu merken, die Schtzenlinie der fnften Kompagnie zum Teil hinter, zum Teil rechts neben mir. Whrend des Vorgehens merkte ich, da mein Eisernes Kreuz sich von der Brust gelst hatte und zu Boden gefallen war. Schrader, mein Bursche und ich begannen eifrig zu suchen, trotzdem verborgene Schtzen uns aufs Korn zu nehmen schienen. Endlich zog Schrader es aus einem Grasplacken hervor, und ich steckte es wieder fest. Das Gelnde senkte sich. Verschwommene Gestalten bewegten sich vor einem Hintergrund aus braunem Lehm. Ein Maschinengewehr hackte uns seine Geschogarben entgegen. Mich packte ein fatales Gefhl der Aussichtslosigkeit. Trotzdem begannen wir zu laufen. Mitten im Sprunge ber ein Grabenstck ri mich ein durchdringender Sto vor die Brust aus der Luft. Mit lautem Schrei wirbelte ich um die Lngsachse und klirrte betubt zu Boden. Ich erwachte im Gefhl eines groen Unglcks, eingeklemmt zwischen enge Lehmwnde, whrend durch eine geduckte Menschenreihe der Ruf glitt: Sanitter! Der Kompagniefhrer ist verwundet! Ein lterer Mann einer anderen Kompagnie beugte sich mit gutmtigem Gesicht ber mich, lste das Koppel und ffnete meinen Rock. Zwei blutige Kreisflecke leuchteten von der Mitte der rechten Brust und vom Rcken. Ein Gefhl der Lhmung fesselte mich an die Erde, und die glhende Luft des engen Grabens badete mich in qualvollem Schwei. Der mitleidige Helfer erquickte mich durch fchelndes Schwingen meiner Kartentasche. Ich hoffte, nach Luft ringend, auf baldiges Dunkelwerden, um mich zurckschleppen zu lassen. Pltzlich brauste von Sapignies her ein Feuerorkan los. Es war klar, da dieses lckenlose Rollen, dieses gleichmige Brllen und Stampfen mehr drohte als Abwehr unseres so schlecht angesetzten Angriffes. ber mir blickte ich in das unterm Stahlhelm versteinerte Gesicht des Leutnants Schrader, der wie eine Maschine scho und lud, scho und lud. Es entspann sich zwischen uns ein Gesprch, das an die Turmszene der Jungfrau von Orleans erinnerte. Sehr humoristisch war mir indes nicht zumute, denn ich hatte die klare Erkenntnis, verloren zu sein. Oben sprang der Schreckensschrei: Links sind sie durch! Wir sind umgangen! von Mund zu Mund. Er gab mir die alte Kraft zurck. Ich fate in ein Loch, das ein Maulwurf in die Grabenwand gebohrt hatte, und zog mich hoch, whrend das Blut aus den Wunden rieselte. Mit bloem Kopf und offenem Rock, die Pistole in der Faust, starrte ich ins Gefecht. Durch weiliche Rauchschwaden strzte eine Kette bepackter Menschen schnurgeradeaus. Einige fielen und blieben liegen, andere schlugen Rad wie getroffene Hasen. 100 Meter vor uns wurden die letzten vom Trichtergelnde eingesogen. Wie an einer Schnur gezogen krochen vier Tanks ber den Kamm einer Bodenwelle. In wenigen Minuten waren sie von der Artillerie in die Erde gestampft. Der eine klappte wie ein Spielzeug aus Blech in zwei Hlften auseinander. Rechts brach der wackere Fahnenjunker Mohrmann mit einem Todesschrei zusammen. Die Sache schien noch nicht verloren. Ich flsterte dem Fhnrich Wilsky zu, nach links zu kriechen und mit seinem Maschinengewehr die Lcke abzufegen. Er kam gleich darauf zurck und meldete, da sich 20 Meter weiter schon alles ergeben htte. Es lagen dort Teile des Regiments 99 (Zabern). Mich umwendend, hatte ich ein seltsames Bild. Von hinten kamen Leute mit erhobenen Hnden nach vorne! Der Feind mute bereits das Dorf, aus dem wir gestrmt hatten, genommen haben. Die Szene belebte sich immer mehr. Ein Kreis von Englndern und Deutschen umringte uns und forderte uns auf, die Waffen fortzuwerfen. Ich ermunterte mit schwacher Stimme die Nchststehenden zum Kampf aufs Messer. Sie schossen auf Freund und Feind. Ein Kranz von Stummen und Schreienden umschlo unser Huflein. Links tauchten zwei hnenhafte Englnder ihre Bajonette in ein Grabenstck, aus dem sich flehende Hnde reckten. Auch unter uns wurden gellende Stimmen laut: Es hat keinen Zweck mehr! Gewehre weg! Nicht schieen, Kameraden! Ich blickte nach den beiden Offizieren, die mit mir im Graben standen. Sie lchelten fatalistisch zurck und lieen ihre Koppel zu Boden fallen. Es blieb die Wahl zwischen Gefangenschaft und einer Kugel. Nun war ja der Augenblick gekommen, wo es galt, zu zeigen, ob das, was ich meinen Leuten in manchem Ruhetage ber den Kampf gesagt hatte, mehr war als leere Phrase. Ich kroch aus dem Graben und taumelte auf Favreuil zu. Zwei Englnder, die einen Trupp gefangener 99er auf ihre Linien zufhrten, stellten sich mir entgegen. Ich hielt dem nchsten die Pistole vor den Leib und drckte ab. Er klappte wie eine Schiebudenfigur zusammen. Der andere brannte sein Gewehr auf mich ab, ohne zu treffen. Die hastigen Bewegungen trieben das Blut in hellen Schlgen aus der Lunge. Ich konnte freier atmen und begann, an dem Grabenstck entlang zu laufen. Hinter einer Schulterwehr kauerte der Leutnant Schlger inmitten einer feuernden Gruppe. Sie schlossen sich an. Einige Englnder, die ber das Gelnde schritten, blieben stehen, setzten ein Lewisgewehr auf den Boden und beschossen uns. Bis auf mich, Schlger und zwei Begleiter wurden alle getroffen. Schlger, der seinen Kneifer verloren hatte, erzhlte mir spter, da er nichts gesehen htte als meine auf- und niederfliegende Kartentasche. Der dauernde Blutverlust gab mir die Freiheit und Leichtigkeit eines Rausches, mich beunruhigte nur der Gedanke, zu frh zusammenzubrechen. Endlich gelangten wir an einen halbmondfrmigen Erdaufwurf rechts von Favreuil, aus dem ein halbes Dutzend schwerer Maschinengewehre auf Freund und Feind Feuer spieen. Feindliche Geschosse zerspritzten im Sande der Schanze, Offiziere schrien, aufgeregte Leute tanzten hin und her. Ein Sanittsunteroffizier der sechsten Kompagnie ri meine Jacke herunter und riet mir, mich sofort hinzulegen, da ich sonst in wenigen Minuten verblutet sein knnte. Ich wurde in eine Zeltbahn gerollt und am Ortsrand von Favreuil entlang geschleppt. Einige Leute meiner und der sechsten Kompagnie begleiteten mich. Nach einigen hundert Schritten bekamen wir auf nchste Entfernung aus dem Dorfe Gewehrfeuer. Knallend schlugen Geschosse in menschliche Krper. Den Sanitter der sechsten Kompagnie, der das Hinterende meiner Zeltbahn trug, ri ein Kopfschu zu Boden; ich strzte mit ihm. Die kleine Schar hatte sich glatt auf die Erde geworfen und kroch, von Aufschlgen umpeitscht, der nchsten Senkung zu. Ich blieb einsam, in meine Zeltbahn eingeknpft auf dem Felde, den Endtreffer erwartend. Doch solange noch ein Mann meiner Kompagnie lebte, war ich nicht ganz verlassen. Neben mir ertnte die Stimme des Gefreiten Hengstmann: Ich nehme Herrn Leutnant auf den Rcken, entweder kommen wir durch, oder wir bleiben liegen. Leider kamen wir nicht durch; zu viele Gewehre waren auf krzeste Entfernung auf uns gerichtet. Als ich, die Arme um den Hals des Getreuen geschlungen, auf seinem Rcken sa, erklang mitten im Lauf ein feines metallisches Sirren. Hengstmann sank ganz sanft unter mir zusammen. Ich lste mich aus seinen Armen, die meine Schenkel noch fest umklammert hielten. Ein Gescho hatte ihm Stahlhelm und Schlfen durchschlagen. Der Tapfere, der die Treue zu seinem Fhrer mit dem Tode besiegelte, war ein Lehrerssohn aus Letter bei Hannover. Ich habe spter seine Familie aufgesucht und halte sein Andenken heilig. Das schlimme Beispiel schreckte einen anderen Helfer nicht ab, einen neuen Versuch zu meiner Rettung zu wagen. Es war der Sanitts-Sergeant Strichalsky. Er nahm mich auf seine Schultern und brachte mich glcklich in den toten Winkel der nchsten Gelndewelle. Es dunkelte. Die Leute suchten die Zeltbahn eines Toten und trugen mich ber ein einsames Gelnde, auf dem nah und fern zackige Strahlensterne hochflammten. Ich mute nach Luft ringen, eins der qualvollsten Gefhle, die der Mensch haben kann. Der Duft einer Zigarette, die ein Mann zehn Schritt vor mir rauchte, drohte mich zu ersticken. Endlich gelangten wir an einen Verbandsunterstand, in dem der mir befreundete Doktor Key seines Amtes waltete. Er mischte mir eine kstliche Zitronenlimonade und versenkte mich mittels einer Morphiumspritze in erquickenden Schlummer. Am nchsten Tage setzte die bliche, etappenweise Rckbefrderung ein. Die wste Autofahrt zum Kriegslazarett brachte mich an den Rand des Grabes. Dann kam ich in die Hnde der Schwestern. Trotzdem ich kein Weiberfeind bin, irritierte mich jedesmal das weibliche Wesen, wenn mich das Schicksal der Schlacht in das Bett eines Krankensaales geworfen hatte. Aus dem mnnlichen, zielbewuten und zweckmigen Handeln des Krieges tauchte man in eine Atmosphre undefinierbarer Ausstrahlungen. Eine wohltuende Ausnahme bildete die abgeklrte Sachlichkeit der katholischen Ordensschwestern. Nach 14 Tagen lag ich in dem federnden Bett eines Lazarettzuges und hatte das Glck, in Hannover ausgeladen zu werden. Dort lag ich im Clementinenstift mit einem jungen Kampfflieger der Staffel Richthofen zusammen, der bereits zwlf Gegner im Luftkampf gestreckt hatte. Der letzte hatte ihm zuvor durch ein Gescho den Oberarmknochen zersplittert. Auf unserem ersten Genesungsgange trafen wir meinen Bruder und einige Kameraden, mit denen wir zu Abend aen. Da unsere baldige Kriegstchtigkeit angezweifelt wurde, fhlten wir beide das unbedingte Bedrfnis, verschiedentlich ber einen gewaltigen Sessel zu eskaladieren. Es bekam uns sehr schlecht. Trotzdem fhlten wir uns recht bald wieder in Form fr eine neue Winterkampagne. Diese wurde vorlufig vertagt. Wir sollten uns bald an anderen Kmpfen beteiligen, als uns getrumt. -- -- -- Am 22. September 1918 erhielt ich folgendes Telegramm: Seine Majestt der Kaiser hat Ihnen den Orden Pour le Mrite verliehen. Ich beglckwnsche Sie im Namen der ganzen Division. General von Busse. Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Buchdruckerei G. m. b. H., Berlin SW 68, Kochstr. 68-71. End of the Project Gutenberg EBook of In Stahlgewittern, by Ernst Jnger License: Share Alike