Produced by Jens Sadowski FRANZ JUNG GNADENREICHE, UNSERE KNIGIN LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG 1918 BCHEREI DER JNGSTE TAG BAND 42 GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRCKNER WEIMAR DIE KRISE Ich will nicht mehr, sagte Maria und warf die Karten hinter sich auf das Fensterbrett. Drauen regnete es. Der Wald klebte an den Bergwnden wie ein schleimiger, schwammiger Aussatz. Sie spielten den ganzen Tag Karten, er gab sich Mhe, geschickt zu verlieren. Von Zeit zu Zeit sagte sie: Ich will nicht mehr und warf die Karten hinter sich auf das Fensterbrett. Sie sprach nur, was auf das Spiel Bezug hatte. Wenige Worte. Sie sahen sich schweigend an, als ob jeder in dem anderen etwas tief Geheimnisvolles, eine letzte Erkenntnis ergrnden mte. Sie merkten nicht, da sie aneinander vorbeisahen, durch die Fenster, den Wald und die Berge hindurch in eine unendliche Ebene, in der sie sich verloren. Von Zeit zu Zeit sagte er: Was wird nun -- und versuchte, sich aufzurichten. Er verga, da er wohl eine Antwort berhrt haben mochte. Er nahm wieder die Karten auf und sagte einen Trumpf an. Und doch glimmte ein Funken, fr Sekunden leckten Stichflammen an die Oberflche empor, es zog den Krper auf und nieder, etwas Weiches, Glitschiges, das sich ansaugte und Ekel erregte. Ich will nicht, hrte er wieder und meinte, eine frische Brise msse ihn forttragen, hinaus, weit fort. Weg von dieser Frau, und ihm Frieden geben. Blitzschnell durchzuckte ihn der Gedanke, da er ihre krperliche Nhe nicht mehr ertragen knnte, und lie ein Gefhl von Unbehagen zurck, das sich steigerte. Neulich trumte ich von dir. Du warst von mir gegangen, und ich suchte dich. In einem Konzertgarten glaubte ich dich gefunden zu haben. Du saest in einem Kreise von Mnnern, die wie Kellner und Zuhlter aussahen, und schienst sehr vertraut zu sein. Ihr lachtet alle sehr laut, du erzhltest etwas und langtest stndig mit den Armen ber den Tisch. Ich mute denken, so mu es sein wenn man den Kindern Brot schneidet, und ich entdeckte an deinem Krper, da er eckig war und starke Knochen hatte. Es war so, da man htte sagen mssen, diese Frau hat viele Kinder. Sie ist gut fr den Staat. Ich war sehr bestrzt. Ich lief in weitem Bogen um den Tisch und traute mich nicht mehr, mich bemerkbar zu machen. Ich fhlte, da du von mir sprachst. Aber seltsam, es traf mich nicht. Ich wute wohl, da alle ber mich lachten, aber ich war so ruhig und dachte, das ist gut so, da alle ber mich lachen. Es ist ein so weiter Abstand. Nur die Neugierde empfand ich, zu sehen, ob du das wirklich warst, du verstehst, ich zweifelte noch. Einer der Mnner hatte einen Buckel. Ich erinnerte mich, da du von einem Vetter gesprochen hattest, der nach der ganzen Schilderung einen Buckel haben mute. Ich war erlst. Ich hatte Mitleid mit dir. Ohne da es mich qulte. Doch wollte ich Gewiheit haben, ich merkte, wie ich mit dir rang, ich dachte mir, la doch, es hat ja doch keinen Zweck, es ist gut so. Ich mochte wohl lange Zeit berlegt haben, auf einmal rief ich laut mehrmals hintereinander: Hilpert -- Hilpert. Wie wenn man kurz eine Kugel nach dem Ziel stt. Ich dachte, der Buckelige wrde erschrecken oder schnell sich umdrehen und nach einem Bekannten ausschauen, aber er drehte nur langsam den Kopf mir zu und drohte lchelnd mit dem Finger. Wie wenn ein Vater sein Kind schilt und sagt: Sei brav. Mir war, als htte ich einen Schlag bekommen. Ich sah, da alle von meiner Anwesenheit wuten, sie war selbstverstndlich. Es qulte mich so, da ich erwachte. Ich hrte dich im Nebenzimmer im Bett, und ich gestand mir ein, du seiest vielleicht doch anders als jene Frau. Sie sahen wieder lange Zeit schweigend durcheinander hindurch. Sie hatte den Kopf gesttzt und schien zu lauschen. Er htte es gern gesehen, wenn sie gelchelt oder irgendeine Bemerkung gemacht htte. Sie blieb unbeweglich und schwieg. Er dachte an die Mglichkeit, da sie eingeschlafen war. Er empfand seine Unruhe wachsen. Es lastete etwas auf ihm und drohte ihn zu ersticken. Sein Atem ging kurz. Er sah sie mit flackernden Blicken an. Seine Stimme bekam einen rissigen Klang. Manchmal erinnere ich mich jenes Auftrittes, als ich mit dir in einer fremden Stadt in ein Tanzlokal ging. Es war ein Lokal, das in sehr schlechtem Rufe stand, aber ich wollte durchaus hin, du weit, es spielte ein Orchestrion. Er sprach schneller, als wollte er etwaigen Einwendungen zuvorkommen. Er sprach ber sie hinweg wie zu einer fremden Person, die hinter dem Fenster stand. Ach was, dachte er, ich werde es ihr zeigen, nein, ich mu das sogar und gerade jetzt. Er suchte in ihrem Gesicht nach Spuren von Unruhe und lchelte boshaft. Du mut verstehen, ich konnte nicht anders, ich mute hingehen und um Entschuldigung bitten. Es war ja lcherlich, er kommt auf dich zu, schlgt dir mit der Faust ins Gesicht und schreit, du httest ihm Geld genommen. Warum du nur darauf eingingst -- es war ja gleich, was er auch sagte, aber du gebrauchtest Ausdrcke -- du sagtest damals, du wrest noch nie dort gewesen, es war seltsam. Er schwieg pltzlich. Ihr Gesicht bekam einen abweisenden Zug, wurde kalt, fremd, als wollte sie einem hinzutretenden Unbekannten zurufen: Wer spricht eigentlich hier? Er nahm schnell die Karten wieder auf und sagte einen Trumpf an. Die Erkenntnis seiner Feigheit war ihm so beschmend, da das Blut in den Kopf stieg. Er wartete nicht erst ab, ob sie auf das Spiel einging, und legte die Karten wieder hin. Er tat es behutsam, als habe er Kostbares in den Hnden, und hielt den Kopf gesenkt. Sie fragte leichthin: Wo hast du deine Freundinnen eigentlich kennen gelernt? Er schwankte einen Augenblick, als ob er auffahren wollte, und antwortete ruhig: Du weit es ja, bei jenem Fest. Ich hatte das nicht von dir gedacht. Sie sprach leise mit zitternder Stimme, in Erinnerungen versunken: Du solltest ganz mein sein, ich wollte jemanden haben, zu dem ich htte aufblicken knnen. Er stie hervor: Und da hast du das Schlimmste getan, was berhaupt ein Weib tun kann . . . Was habe ich denn getan . . . sagte sie leise, alles ist von dir ausgegangen, du hast mich gehetzt, wo ich bei dir die Ruhe gesucht habe. Und was ist schlielich, es war ja nicht so schlimm, du httest zu mir kommen sollen. Eine Flut widersprechender Gedanken stieg in ihm auf. Du hast mich gebeten, immer ganz offen zu sein. Ich habe in der ersten Minute unseres Zusammenseins gezittert, enttusche mich nicht, nur du nicht, es tut mir so weh, aber ich habe das nicht gefunden, was ich suchte. Was soll ich denn tun . . . schrie er, brach ab und bereute seine Worte. Sie sprach unbeirrt weiter: Du hast mich immer allein gelassen. Du hast deine Freunde und deine Vergngungen. Was habe ich, und ich habe dich so lieb . . . Sie schwiegen wieder eine Zeitlang. Die Stille des Zimmers und das gleichmige langsame Anklatschen der Regentropfen lieen ein Grauen entstehen, das riesengro emporwuchs. Es war ein unfrmiger Kolo, der lautlos und unabwendbar niederglitt. Es war, da man lauscht nach dem Knistern der erwrgten Fleischmassen und den Splittern der zerriebenen Knochen, da man sich sehnt nach Krachen und Getse und man nichts hrt. Es war, als ob ihre Krper sich in einem verzweifelten Grinsen schttelten. Er fhlte: Vielleicht hat sie recht. Sie ist eine Spinne, ich verstehe es nicht -- hat sie nach mir gefragt? Sie sa ihm gegenber wie festgebannt. Sie starrte ihn unverwandt an. In seinen Blicken lag der Todesschrei eines Tieres. GNADENREICHE, UNSERE KNIGIN Tanzten schwarze Ringe. Durch das Zittern in der Luft, da alle Bume sich hinaufrecken und die Knospen springen, geht die Frau. Verwachsen mit dem dampfenden Boden, ein flimmernder Kelch. Die Sonne treibt vorwrts, die Trambahn hlt. Eigentlich hat sie gesagt, sie wird bald zurckkommen. Die Trambahn fahrt. Die Frau trgt Bcher im Arm. Auch Briefe: Ich denke immer an dich, ich bin hineingewachsen -- schrieb sie vor Jahren. Ihre Briefe. Aber der andere wartet. Auch der eine. Sie frstelt. Sie rckt hin und her. Sie schaut ber die goldenen Huser auf die Wipfel, die sich im weiten Blau schaukeln. Morgen werd ich's ihm sagen. Er wird sie durchdringend ansehen. Sie ist als Kind die Strae hastig auf und ab gegangen. Der andere frchtet sich sehr. Er schweigt, wenn sie nur den Namen nennt. Er wird traurig, sieht sie hilflos an. Er fragt, wei er denn, da du bei mir bist? Aber es ist etwas an ihm, das sich schnell verkriechen mchte. Sie kann ihm nicht antworten. Oder sie mu lgen. Sie wird ihn allmhlich aufblttern. Er soll alle Wrme und Schnheit haben, da er zu ihm und ihr hinauf gedeihen mag. Er trgt seine hohe Stirn gegen das Gesindel. Vielleicht, da er noch gegen diese Welt streitet. Und siegen wird, ohne sich umzusehen. Ihm ein Kamerad werden. Sie hob mit einem Ruck ihren Kopf. Sie wurde rot. Wollte sich umwenden. Befreit aufatmen. Vielleicht laut sprechen. Aber sie merkte, da alle Leute sie haten. Um so besser. Sie war daran, mit dem Blonden ein Nest zu bauen. Und die Kinder werden dann alle miteinander spielen. Sie besucht mit ihm Konzerte. ber alle Stimmen, die sie trafen, hinweg glhte ein Klang, der wuchs, sich wlbte zu einem Dom und sie verschlang. Wie in Zeiten, da alles um die Menschen herum noch stark war, da sie sich selbst nicht merkten. Er blhte ihr entgegen, aus Chorlen, die sie gemeinsam sangen. Er schwebte vor ihr, wenn sie sich in die Augen sahen. Er strahlte ber sie, wenn sie die Strae entlang gingen. Der eine merkte dies alles und wurde unruhig, da sie nicht zu ihm sprach. Ich frchte, du wirst alles zerstren, wenn du nicht zu mir sprichst. Er beunruhigte sich. Er sprach hart und abgerissen. Er ging mit ihr dieselbe Strae entlang. Er sprach von Chorlen. Er sprach von dem Klang. Da spuckte sie aus. Sie wies auf Vorbergehende, die sich nach ihr umsahen. Sie schrie: Schweine, Sue und hnliches. Die Leute blieben stehen. Sie ballte die Fuste, sie zitterte. Er merkte, da sie ihn ganz verga. Er redete auf sie ein. Er hielt sie eisern umklammert, als sie einer fremden Frau nachstrzen wollte. Die Augen quollen hervor, dann weinte sie lautlos. Unaufhrlich. Bengstigend. Sie hrte, wie er sagte, zu jeder Reinheit gehrt eine Sicherung, sie kann niemals zufllig sein. Er sah, wie sie darber hinwegglitt. Spter hrte sie demtig seinen Entwicklungen zu. Er mu vorher alles wissen, man kann nicht auf seine Kosten leben, Bezahlung schwcht. Er erinnerte sich, da sie ihn vor einigen Tagen einen Heiligen genannt hatte. Er erinnerte sich, da sie ihn scheu gestreichelt hatte. Er war still geblieben, die Zhne zusammengebissen. Gesthnt, warum sagst du mir nichts. Sie fllt wieder zusammen, vermorscht, klagt und mu um Hilfe winseln. Er wird wieder Wrter sein. Eine Glut war ber ihm zusammengeschlagen. Er htte sich qulen mgen, um sie zum Sprechen zu bringen. Er blieb einsam. Und wollte es nicht. Und durfte es nicht. Sie sthnte zwischendurch, ich bin so dreckig, ich bin ein Hund. Er lauschte. Aber sie sagte nicht: verzeih. Sie schmhte den Blonden. Er widersprach. Er ist schuldlos, du hast ihn genommen. Sieh, da ein Ende wird. Sie weinte lange. Er sprach viel. Er verteidigte ihn heftiger, aber er schlo immer, der soll sich beweisen . . . . Es war, als ob sie den andern schtzen mte. Er kann sich nicht beweisen, dachte sie. Er ist noch so schwach und klein. Nun gut, htte er da schlieen wollen. Aber sie ging aus seinen Armen und lchelte scheu. Er blieb gebannt stehen. Er brachte keinen Laut hervor. Alles Blut drngte sich zusammen. Er blieb zusammengekauert. Sie war sehr lange aus. Er whlte sich in die Kissen. Ich hab euch lieb, fhlte er und zuckte. Es half nichts, da ihm war, als mte er ersticken. Da er verbrannte. Er blieb angeschmiedet und ohne Waffen. Er erinnerte sich, da sie gestern gewnscht hatte: Eine Stube voll Jungerle. Er erinnerte sich, da manchmal ihr Gesicht hohl und wie entschwunden war. Hergerichtet zum Schlag und unempfindlich. Er wurde nicht erlst, das Feuer prasselt. Eine furchtbare Angst war um ihn: ich bin ausgestoen. Da tauchte eine Tote vor ihm auf, der sein Wesen unaufhaltsam zustrmte. Er dehnte sich beglckt. Er wurde ruhiger. Er merkte, wie sehr er mit einem blassen lustigen Gesicht verbunden war. Er sah dnne goldene Haare, einen flimmernd bleichen Krper. Er mute ein qulendes Gefhl zurckscheuchen, da er sie bedrckend empfunden hatte. Ihre Nhe war hei und fiebrig. Auch glitschig. Aber er sah jetzt in eine Werkstatt. Er sah ihre Krfte an der Arbeit. Ihn schmieden. Dort war sein Leben. Er versank in ein wohliges Trumen. Er kroch ganz in sich zusammen. Er hrte die Schritte der Frau und whlte sich tiefer ein. Er htte rufen mgen, jetzt wenigstens lat mich in Ruh. Da bebte er in Erschtterungen. Wie Nebel ber dem Waldhange sich wlbt, zerreit und sich wieder fngt. Er qulte diese Frau, er drngte ihr ein Leben auf, das in einem dunklen Land verankert war. Vor dem sie zitterte. Sie liebt die Sonne. Sie umspannt das weite graue Feld. Sie ist im quellenden Wasser, in den Katarakten des Stromes. Sie will leuchten und Glck sein . . . . Er versank in ein dumpfes Weh. Und doch merkte er noch, wie er daran ging, sich aus dem Drohenden, Ungeheuren Krfte zu ziehen. Er sah sich panzern. Die Augen ausschlagen. Sein Weg ging steil und schmal. Er fhlte, jeder Schritt ist gegen die Welt. Gegen das Glck. Gegen alles hchstes Leben. Und doch . . . . Aber er mute es ablehnen . . . . Denn er mute es ablehnen, ein Krppel zu sein. LUTERUNG Er liegt am Boden. Hat sich eingewhlt in die harten Schollen. Eine Strae atmet und dehnt sich, steigt, keucht schwer im Dahingleiten, reit -- da er zittert und sich enger pret. Grne Halme ballen sich dichter, weiten sich, Wolken tupfen auf blauem Bogen. Er mchte schreien. Hinten drngen die vielen Menschen. Wimmeln. Weie Schuhe. Lchelnd verstohlen sehnschtig. Straffen sich. Beine. Ein Kind springt. Lockendes Parfm aus der Zeit, als er zwlfjhrig neben einer hochgestellten Dame im Parkett des Provinztheaters sa, die Treppe hinter einer Ingenieursgattin hinaufstieg, die Fuste gegen die Wand schlug und sich wrgte, spter: Steine, Segel, Meer, schlielich enger zusammenkroch, hei, Blut rieselt, bunte lachende Menschen zueinander, alle -- Sonne -- Atmete fiebernd, schlug den Hinterkopf gegen das Grau des Himmels, fra sich tiefer in die Schollen, weinte und schluchzte und wollte beten, ein Duft zog ber allen und schlug nieder. Eine ferne Huserreihe schob sich nher. Er wehrte sich, dachte sich die Achseln zucken. Aufstehen. Das Gesicht abwischen. Langsam den Leuten zugehen. Eine Gaslampe, die so lange niedergehalten war, flackert heller und surrt. Angst schreit. Nicht sich aufblttern zu knnen. Die Welt zieht vorbei. Das Blut kreist enger. Die Gemeinschaft wird wieder brechen. Eher gegen alles, als in sich. Revolution. Sich selbst zerstren. Glck des Gehenkten. Wenn man sich selbst erstickt, bleibt noch ein dnnes Leben. Klingt weiter. Er hrt sich beten, anschwellen, Wnde schwinden, Weiten tun sich auf, aber angeschmiedet . . . durchbohrt . . . kreisend in fremder Qual . . . Hilfe, knirscht er. Jetzt baut er still, voll Sicherheit, ein Werk vor sich her. Unbeirrt. Wenn es auch wchst, streng, fest gefgt -- er schaut kaum hin, keine Freude, keine Zweifel, die Uhr zhlt die Zeit, die Arbeit, die Steine, die er aufschichtet, Menschen gliedern sich an. Er bebt nicht vor Ungeduld, obwohl das Herz schlgt. Da steht jemand auf, dreht das Licht aus. Ein Stuhl wird gerckt. Alle merken, da es fast hell ist. Whrend sich alle rekeln, den Kopf wieder in die Kissen whlen, der Wchter hngt sich die Kontrolluhr ber, rafft am Tisch Papiere zusammen, Sindbad den Seefahrer, -- sagt der Nachbar von Nr. 12 nach der hinteren Wand zu und steigert schnarrend: Morgen, Leute. Merkwrdig, wie er die Worte quetscht. Alle Wrter sind auf ihn rgerlich. Meistens hren sie spter, da er ein Schneider ist namens Erb. Sollen glauben, da Erb Beziehungen hat, in Verbindung mit Regierungsstellen, andererseits Intrigen, die Frau spielt eine Rolle, will ihn los werden. Graf braucht Ehescheidung. Dann aber lassen sie an Erb die Wut ber den Schneider aus. Erb mit dem schmalen spitzen Kopf, knallrotes Gesicht, springt im Bett auf, wiederholt. Sieht sich enttuscht um. Ganz vorn an der Tr lacht ein hbscher junger Mensch. Erb schaut strafenden Blickes hin. Der Junge schttelt sich vor Lachen. Erb schreit: Heute nehme ich euch alle mit raus. Schmidt fragt: Wie denn -- raus -- mein Kopf tut mir so weh. Verzieht das Gesicht zum Weinen. Die beiden neuen Wrter kennen ihn noch nicht und tuscheln. Es wird jetzt gekehrt, gewischt, Eimerklappern. Die Fenster sind aufgerissen. Es scheint, als ob die Eisenstbe in der Sonne glitzern wollen. Dann erinnert sich Schmidt, da er einen Hammer sich vor den Kopf geschlagen hat. Er erzhlt, da er einmal sich halb die Zunge abgebissen hat. Er macht eine gute Figur, frher trug er schwarzen Bart, die Haare etwas wirr. Er hat sehr viel in seinem Leben studiert. Allerdings ist er unter gewissen Voraussetzungen bereit, heute mit Erb gleich wieder wegzugehen, er trinkt indessen keinen Schnaps. Erb wrde Wein trinken. Beide sind schlielich vergngt. Der Wrter denkt, es ist ekelhaft hier drin. Man sitzt und sitzt. Die Toilette, die zwischen den beiden Slen eingebaut ist, stinkt. Er kocht vor Wut. Was? Ach so, austreten. Die Wnde des Kastens werden heruntergelassen. Los! Der schiebt sich den Gang entlang. Der Kollege im anderen Saal erzhlt sich was mit seinen Leuten. Wenn Frhling ist, singen drauen die Vgel. Einige drfen aufstehen und sitzen an ihrem Bett. Schmidt denkt, ob er hier von seiner Frau erzhlen soll, vielleicht wissen die was? -- Ob sie den Erb wirklich kennt -- manches stimmt ja. Schnauer liegt dem Schmidt gerade gegenber. Er soll in Paris Ringkmpfer gewesen sein. Schmidt denkt nach. Er wei nicht, ob seine Frau solche Muskelmenschen mag. Schmidt qult sich. Er gibt dem Erb keine Antwort. Der Oberwrter flitzt durch die Sle. Alle sind einen Augenblick in gehobener Stimmung. Schmidt fhlt ein ungeheures Loch in seiner Seele, das immer weiter noch reit. Und doch glaubt er nicht an Gott. Genossen, mchte er losheulen. Ich wei nicht, was das fr Leute sind. Einer heit Draqua, einer Schubert. Die Frau, die Frau, sie spricht mit allen Menschen. Er kann sich nichts wegseufzen. Whrend alle aufhorchen, die Becher werden aufs Brett gestellt, man hrt schon Tritte, ein hbsch aufgeputztes Mdchen schleppt das Tablett, einer nimmt Becher fr Becher ab, Brot mit rotem Mus, die Uhr geht ganz genau, selbst der Wrter it Brot, das Mdchen mit der weien Schrze . . . Ein Vergngen, wie schnell die Tage vergehen. Mehr als jede Wohltat. Schmidt lebt in seine Leute um ihn herum mehr hinein. Hrt, da einer, den er schon lange wegen seines gequlten Gesichtsausdrucks beobachtet, ein Ofensetzer ist. Zu dem kommt fters eine Frau, setzt sich zu ihm, bringt Milch, Eier, Bonbons. Jedesmal dreht sich der Ofensetzer weg, wenn die Frau erscheint. Einmal begleitet sie ein junger schmchtiger Mann, vielleicht der Sohn, er steht verlegen am Bett herum, die Frau stopft dem Manne Ewaren in den Mund. Der spuckt wtend alles aus. Die Frau ist fiebrig an der Arbeit. Der Mann hebt den Kopf der Hals quillt an, wird blutrot, er gurgelt etwas, dann kann er nicht mehr sprechen, hlt den Arm weit weg. Der ganze Krper erstarrt. Die Frau dreht sich gekrnkt zum Wrter um. Der Ofensetzer mchte hinausgehen, schreitet durch den Gang, bis er gefat und ins Bett geworfen wird. Die Wrter schreien, das Aas fhrt uns an. Die anderen sagen: wenn einer geht, soll man ihn gehen lassen. Einige lachen aber, wenn er Prgel bekommt. Es geschieht sonst nichts. Nr. 5 hat die Faust in den Vorhang gewickelt, schlgt die Fensterscheiben ein, geht dann langsam ins Bett zurck, lacht. Drauen scheint die Sonne. Eigentlich freuen sich alle, sprechen miteinander, fragen, warum denn eigentlich -- nur die Wrter, der Vize, der Oberwrter -- Erb freut sich kindisch. Prophezeit, es wird noch schlimmer kommen, das schlechte Essen mu herhalten, auch von drauen werden sie kommen. Zwei Stunden spter ist vlliger Aufruhr. In allen Stockwerken. In den anderen Husern. Schmidt qulte sich mehr. Er hrte in sich etwas aufbrllen. Laut sagte er: Ordnung mu sein. Jeder mu sich in etwas hineinfgen, sonst kann eine menschliche Gemeinschaft nicht bestehen, da mu der eine dem andern nachgeben, aber er fhlte zu tiefst eine qualvolle Fessel, es wrgte ihn. Er begann wieder, andere Menschen um dessentwillen zu hassen. Dennoch wehrte sich Schmidt weniger heftig gegen das zarte einspinnende Wesen vieler Gegenstnde, die scheinbar von selbst sich zu ihm ordneten. Der Tisch, Schrank, Sthle, die Bettstellen, der Fuboden, die Lampe -- sprachen vertraut dmmernd auf ihn ein und umrankten seine Unterhaltung mit den Freunden in zunehmend besttigender Herrlichkeit. Er lernte viel und streichelte die Bettdecke zaghaft, manchmal beruhigt und voll Erwartungen, einer bisher fremden Seligkeit den Weg bereiten zu helfen. Drauen -- zwischen den Stben, Verzierungen, Rosetten und Kreisen, die das Fenster vergitterten, schwand Tag um Tag das Licht, sprach in der Dmmerung, summte von Glck. Weiter hinaus stand ein Fabrikschornstein starr gegen den Dunst, ein Gewimmel schwarzer Huser, daneben ein Stck Laubwald, der bis an den schmalen Garten heranlief. Und wieder daneben Ackerland, die Mnner vom anderen Haus gingen hufig drber hin, aus versteckter Feldhtte kruselt Rauch. Schmidt hrt Schaufeln, metallischen Klang, kurzen Ruf eines Aufsehers, drei groe Buchen standen allein, ganz scharf, und weiter weg zog sich der Bahndamm. Tag fr Tag. Schmidt hrte das Rollen der Eisenbahn und lauschte, bis es verklang, die Sirenen der Fabriken, Glockenluten von fern her, und sprte keinerlei Sehnsucht, so stark lebte er in sich und in allem, was ihn umgab. Bis er auch nach Wochen selbst in den Garten hinaustrat und immer in der Runde herum und dann kreuz und quer ging, anfangs scheu allein, dann auch mit anderen zusammen. Kinder wurden im geschlossenen Zuge herumgefhrt. Hinkten, stolperten, schleppten sich nach, hingen so schleimig aneinander und sangen. Schmidt ging immer den Kindern nach. Da krampfte wer sein Herz zusammen. Da stand auf einmal alles um ihn herum still. Wurde schwarz. Trocknete ein. Verkroch sich. Wind pfiff. Da rief wer. Dann sah er den Wrter auf sich zukommen. Er htte noch etwas schnell sagen wollen. Aber er mute sogleich mitgehen. Es war alles so eisig. Die Zune, Mauern, Stufen, die Glastr. Drin stand der Doktor, eine Frau, ein dicker Beamter, der freundlich lcheln wollte. Pltzlich mute er daran denken, wie peinlich es sei, drauen sagt einer, Schmidt wird auer der Reihe vorgerufen. Er wurde glhend rot. Sah sich scheu im Vorzimmer um. Die Dame sprach hastig auf ihn ein. Der Doktor sagte etwas zur Dame. Der Beamte klopfte ihm auf die Schulter. Der Doktor ma ihn mit einem scharfen Blick. Schmidt verzog das Gesicht. Die Frau sah gleichfalls sich scheu um. Eine Pause. Eine Frau. Dann drngte der Doktor weiter. Dem Schmidt stieg ein Ha gegen die Frau auf. Er merkte, es beginnt schon zu schlucken, es steigt auf. Willst Du was haben, hrte er. Alles wurde glitschig. Er klammerte sich wo an. Er verzog noch mehr das Gesicht. Bitten kann man hier nicht, dachte er noch. Und doch htte er die Frau am Arm fassen wollen und auf sie einreden. Der Ha wanderte zum Doktor. Schmidt sagte etwas leise zum Beamten. Der verstand nicht. Wurde pltzlich grer, ein fetter Kolo. Immerhin fhlte sich Schmidt zu ihm hingezogen. Er setzte alles daran, mit dem Mann weiter zu reden. Er merkte, da er der Frau unrecht tat. Sie wird bald weinen. Er fhlte auch in sich etwas, das unsagbar weh tat. Und ihn wohlig berzog. Dann gingen alle. Er gab die Hand. Und fiel in einen Abgrund. Schreiend. Er hrte sich noch einem hinzutretenden Aufseher sagen, ich will heute nicht in den Saal, ich will eine Zelle. Ich halt's nicht aus. Eine Zelle fr mich allein. Der bot ihm eine Zigarette an, drauen im Garten, ein paar Zge --? Es sieht niemand. Schmidt aber dachte, ich habe ihr sehr weh getan. Ich habe sie irgendwo getroffen. Dann begann er zu fiebern. Es ist alles doch nicht so! Brchig. Faulig. Bedreckt. Immer gefesselt, unlsbar verstrickt, angeschmiedet. Er fhlte sich das Maul aufreien. Hinten im Kopf hing ein Grinsen: Vorsicht! Dann schlich er weiter. Pah. Die Frau. Soll sie sehen . . . ich will nicht mehr. Die andern! Aber es war keiner mehr da. Schmidt brach ganz zusammen. Er schlich im Gang herum, pickte an die Fensterscheiben. Dachte noch, es wird dunkel, man wird bald zur Nacht essen. Es qulte sich immer hher. Stand schlielich: Ich hab' mich verschrieben, -- ich mu folgen, demtig sein, ich mu . . . dann wollte er Trnen herauspressen, sich selbst beflecken, stellte Stationen auf, hate sich, wollte sich an die Gurgel fahren, auf heulen -- bald wird man mich rufen, ngstigt er sich -- nein oder ja? Ja! Er mute lachen. Er wurde dann gerufen. Dann trumte er, schwer, interessiert, in Schwei gebadet. Er trumte voller Auf und Nieder. Versuche, Zusammenbrche. Er trumte, trumte zh und krallte sich am Bettpfosten fest. Noch, als man ihm Trional geben wollte, das er ausspie. Es ntzte nichts, da man gewaltsam die Zhne auseinanderbrachte. Stotternd sagte er: Lassen Sie mich doch, ich bin gleich ganz ruhig. Der Oberwrter war geradezu erstaunt. Wollte nochmals zugreifen, lie aber, whrend er schon fest den Kopf hielt, pltzlich ab. Er nahm das Glas und trug's hinaus, ohne dem Aufsichtfhrenden noch ein Wort zu sagen. Drauen rollte die Bahn. An einem der nchsten Morgen wurde Schmidt zum Doktor gerufen. Ein Schreiber sa da, mit aufgedunsenem Gesicht, Triefaugen, die Hand zitterte schrecklich, dann der Doktor, hinter einem Sto Akten; auf einem Stuhl dicht an der Tr nahm Schmidt Platz. Die Personalien -- der Vater etc. Der Doktor horcht auf, der Schreiber schreibt auf einen Wink. Und Sie? Nichts. Schmidt gibt an: Nichts. Mutter lungenleidend. Lieben Sie Ihre Mutter? Nein. Warum? Sie lgt. Der Doktor rckt auf dem Sessel herum. Schmidt schweigt auf die nchste Frage. Ja, aber nun sagen Sie mal, wie lange leben Sie mit Ihrer Frau zusammen? -- -- Also -- nach einer peinlichen Pause -- hier ist angegeben, Sie haben sich mit einem Hammer auf die Stirn geschlagen. Sie leiden an Krmpfen? Ich wei nicht. Der Doktor steht auf. Lang, hager, faltiges Gesicht, die Augen blinzeln ber dem Klemmer hinweg. Kommen Sie doch nher, frchten Sie sich denn? Schmidt lchelt verlegen. Na also -- sagen Sie mir doch, qult Sie die Frau nicht? Man wei doch, wie das ist. Schttelt den Kopf, reckt sich. Ja? Nein -- ehrlich berzeugt. Der Doktor fragt schnell: Trinken Sie? -- Stottern Sie immer? So ein Hund, denkt Schmidt. Vorwurfsvoll: Schmidt --? Nein. Der Doktor legt seine Hand Schmidt auf den Arm. Vertrauen Sie mir doch. Ja, um Gottes willen, was soll ich denn sagen, sprudelt der hervor. Sehen Sie, so was tut man doch nicht. Der zuckt die Achseln. Pause. Dann sagte er leise: Manchmal kann ich mich nicht halten. Ich mu einfach. Wie -- Ich will nicht mehr leben, es ist so furchtbar, ich halt's nicht aus, ich will nicht, es ist geradezu . . . Ein Gewicht fllt nieder. Der Doktor verzieht nervs das Gesicht. Sie sind jetzt sehr aufgeregt. Schweigt. Sieht dann zum Doktor auf. Der lchelt etwas. Man hat das Gefhl, die werden zueinander gehen. Schmidt steht auf und sieht zur Tr. Fehlt Ihnen hier was? Schmidt verbeugt sich, will gehen. Warten Sie, lieben Sie Ihre Frau? -- Doktor zuckt nervs. Sehen Sie, Sie sind doch ein prchtiger vernnftiger Mensch, ich glaube, Sie passen nicht zusammen, ha? Ach -- denkt Schmidt geringschtzig, bereitet eine lange Rede vor. Dann sagt er: Ich prgle sie manchmal. -- Ich mu. Viel schlimmer, als wenn ich mich prgle. Der Doktor winkt rgerlich ab, murmelt: Sie werden doch einen Grund haben. Schmidt mchte den Doktor in die Gurgel beien. Er ist hier so machtlos. Schmidt will sprechen. Da kommt schon der Nchste. So glcklich wurde Schmidt, da er fest daran glaubte, es wrde ihm noch gelingen, den Doktor zu retten. Es blieb dabei, drauen leuchtete die Sonne blutrot. Die Vorhnge wurden vorgezogen, es hie schlafen gehen, und sein Glaube wuchs und wurde so bermchtig, da alle Glieder bebten. In solcher Nacht lauschte Schmidt dem Ablauf jedes Lebens. Und es kam vor, da sein Nachbar Schubert sich aufrichtete, sthnte, einige Worte stammelnd starr gegen das Fenster sah. Auch Schmidt richtete sich auf, er dachte, Schubert wird jetzt zu ihm sprechen wollen. Aber der sah angstverzerrt zum Fenster hin, sthnte . . . Die Augen, die Augen . . . und brach in Weinen aus. Jammerte: Ich kann nicht hier bleiben, wand sich hin und her, bis er nur noch krampfhaft zuckte. Es half nichts, da der Wrter ihn festhielt, er begann aufzustehen, es hielt ihn keine Gewalt, er schrie: Ich mu hier fort, liebe liebe Leute. Half nichts, da man ihn schlug, die Arme und Beine binden wollte -- die Wrter schwitzten -- er gurgelte und sthnte und brachte immer neue Kraft auf, alle ringsum im Saal wurden unruhig, Schmidt fieberte vor unertrglichstem Schmerz -- dann glitt ein leuchtender Strahl ber den Jammernden hin, er lauschte gespannt, Verzerrungen lsten sich, man lie von ihm ab, Schmidt sah, wie er das eingefallene Gesicht zu einem Lcheln verzog. Dann fhlte er, wie Schubert nebenan sich lang hinstreckte, den Kopf unter die Decke vergrub. Er fhlte deutlich die entsetzliche Spannung hoch- und niedergehen. Fhlte, wie dessen Krper mitging, er mute ganz zusammengeballt verkrochen sein. Zwar waren die Hnde mit Fausthandschuhen bedeckt am Bettpfosten angebunden, aber sein Blut bebte ruckweise, atmete schwer und sehnschtig, bis er erlst abbrach, ein lauter heller Ton schwebte noch im Saal, dann fiel Schubert wieder vllig zusammen, der Kopf hing zur Seite ber das Bett hinaus, der Krper schrumpfte sich mit ein, es war unschwer, auch die Hnde wieder aus der Fesselung zu befreien. Dennoch hatte alle ein ungeheuer lastendes Grauen gepackt, sie schwangen mit diesem Krper mit und waren erstarrt, da sie nicht mit erlst wurden. Eine Wrgehand hielt alles nieder. Es war entsetzlich, da niemand die Kraft hatte, laut zu schreien. Nur der Wrter lchelte verzweifelt an seinem Tisch. Er kam allen auf einmal klobig und eckig vor. Ein plumpes glotzendes Stck Menschenfleisch, vllig auerhalb. Er konnte durch das Grauen hindurch kaum deutliche Worte sprechen. Es klang blechern, klapperte vor Unruhe, er htte sagen wollen, auch das ist eine Krankheit wie zu vieles Saufen oder so etwas. Schmidt sah, da er sich lieber meilenweit fortwnschte. Es war eine malose berlegenheit vieler Menschen ber den Wrter hereingebrochen. Der dachte noch daran, da Schubert eine junge Frau hatte, der viele Mnner auch hier im Hause nachsahen. Er erzhlte dann noch jemandem, da Schubert bei seiner Einlieferung einen feinen Anzug hatte, er sei sicher was Besseres und seufzte zu guter Letzt. Schmidt wlzt sich noch ruhelos herum, in steigender Angst. Sie greifen wieder in das Leben ein, denkt er. Widerwillen bis zum Speien. Die Eingeweide schmerzen. Kein Fleck an seinem Krper, der nicht wieder betastet werden wird. Es fliet ekle Weichheit ber ihn. Er mchte sich aufbumen und ist doch so wehrlos. Sieh mal, hrt er eine ferne Stimme sich zusprechen, die Menschen sind aufeinander angewiesen. Nein, will er schreien, doch doch, sie sollen sich ergnzen, auch trgt die Kraft des einen viele anderen mit. Ich habe keine Kraft, begehrt er auf. Allerdings bin ich auch zu viel mit anderen Menschen verbunden, gesteht er sich zu -- darum will ich jetzt allein sein. Aber die Glut, die ber ihm ist, lt nicht locker: Sei doch stark. Er beginnt schon nachzugeben, Trnen steigen auf. Wenn ich auch wollte, ich kann doch nicht, fhlt er noch. Dann ist er bereiter. Vielleicht soll man sich wieder mitten in die Welt hineinstellen, beschliet er. Ich habe die Frau doch nicht geliebt, fllt ihm ein. Ich mu erst einsehen, da sie mich vllig trgt. Vielleicht wird sie bald zu mir kommen, fhlt er. Mu daran denken, da sie bei ihren Besuchen immer Trnen in den Augen hat. Es braucht nicht alles glitschig und schmierig zu sein. Er ist schuld, da sie nicht freier atmet. Es ntzt nichts, sich selbst zu zerstren. Alles Betrug. Warum sollen die andern ersticken, da er nicht leben will? Er beginnt sich glhender zu schmen. Wie ein schmerzendes Netz liegen die Gedanken ber ihm. Er mu die Knoten von innen her ausbrennen. Freies Leben. Frohlocken. Dann spinnt er ruhiger seine Plne fort. Er fhlt, da er unendlich stolz geworden ist. Jetzt merkt er erst, da er schon viele Menschen in sich lebt. Sehnsucht quillt. Wenn er die Tiere liebt, Blumen, den Horizont, den blauen Strich ferner Wlder und im Menschen das alles zusammen? Zuerst in dem einen einmal bestimmten und gewhlten Menschen -- niemals mehr Ekel empfinden, sich gehen lassen. Mag er selbst noch gezogen, gezwungen, bestimmt sein -- los! Er wartet alle Tage auf die Frau. Schillernder Frhling macht alles weit, das Feld dehnt sich und lockt. Er mu ganz schnell im Garten hin- und herlaufen. Er mu den Doktor, den Oberwrter, gar den Professor glckstrahlend gren, dankend aufatmen. Das Lcheln verstrickter Gewohnheiten ist hinter ihm. Klammert sich an. Gibt mir Kraft, fhlt er. Ganz frei. Wenn auch drauen die Sonne steigt und fllt, freches Grn zwitschert, Schmidts Sehnsucht klammerte sich nicht daran. Eine andere Arbeit hielt ihn im Bann und zwang und lockte. Es galt, sich tiefer zu festigen. So, da er tglich mit sich rang und Erinnerungen vor sich ausbreitete, die zwar tiefe Wunden geschlagen hatten und immer wieder das Blut sieden lieen, aber dennoch eine mehr regelmige Bewegung loslsten, auf deren Zgelung Schmidt alle Hoffnung setzte. Darin war der Glanz seiner Umwelt mit einbegriffen. Er dachte -- zwischen blutheien Schauern und bohrenden Erbitterungen -- an den Musiker, zu dem erst noch unlngst die Frau gelaufen war: Sie mu ihm helfen, ruft er mich nicht -- ist nicht auch dort mein Platz? Sicherlich hat sie so gesprochen, jedenfalls lief sie hin, sie blieb Nacht fr Nacht dort, gleichwohl er sie schlug, sich selbst das Haar raufte, auf dem Boden lag und mit den Fen schlug. Schmidt fhlte, es wird nie sein, da er das begreift. Damals hatte er auch noch gejammert: Ich hab' ihr doch nichts getan. Bald wute er, das war es nicht. Auch der andere nicht. Ich htte auch sein Freund sein knnen, erinnerte er sich. Und das Schlimmste -- schlielich versank wieder alles. Die Frau lie allmhlich den Musiker fallen. Es wurde eher, da Schmidt ihn htte verteidigen wollen, er fhlte sich immer nher, er kam nie dazu, sich klar auszusprechen, die Frau stritt gegen ihn, sie wurde so leidzerrissen, da er erschrak und verstummen mute. Das Leid dieser Frau schob sich dazwischen und verlangte nach ihm, fra sich ein und erstickte alles. Das Leid dieser Frau. Manchmal war es so lcherlich klar, da er sie nicht liebte. Er dachte daran, Liebe ist etwas Befreiendes, es mu aufstrmen, Emprung, ungeheueres Glck sein. Alles das aber kann es nicht sein, grbelte er. Eher eine Erweiterung voll grlicher Anstrengungen, sich zu ertragen in all dem Mehr. War der Musiker ein Stck Holz -- mute er nicht ein Mensch sein, der auch zu ihr strebte, und dennoch wuten sie voneinander nichts. Sie vereinten sich niemals. Schmidt konnte keine Antwort geben. Bi sich die Faust, das Blut sickerte. Er stellte sich hin und hmmerte sich in den Kopf. Ich will dennoch aushalten. Ihr Blut strmt zu einem andern, sie schliet mich aus. Gut, ich ersticke trotzdem nicht. Aber er weinte. Es war so schwer, wenn sie dann spter zu ihm sprach, neben ihm ging, er erlebte jede Sekunde beider Zusammensein. Das Blut sehnte sich zu beiden. Ob er sich auch emprte, und wurde verschmht und wandte sich gegen ihn da er zitterte und zerri. Die Birken im Garten wuten darum. Auch die Frau kam hufiger und kte ihn. Auch sonstige Menschen von drauen kamen und sprachen zu ihm, Schmidt richtete sich langsam darin ein, wenngleich berlegener. Aber er dachte: die Frau soll gehen. Ich will aufmerken, da ihr nichts fehlt, da ich fr sie da bin. Die Frau drngte ihn wieder zu sich. Sie war zu scheu, ihm aufzuzeigen, ob sie litt. Das Wesen der Frau war ihm so fremd. Er wollte ihr glauben und liebte sie. Und zu verschweigen, da er ins Bordell gegangen war in der Hoffnung, aufgeblttert zu werden, emporgerissen, endlich ein neuer Mensch, um enttuscht wieder herauszulaufen, Gelchter hinter ihm. So lebte Schmidt zwischen den Tagen aufblhender Klarheit. Aber es fgte sich so, da Schmidt, als er viel spter eines Tages pltzlich auf die Strae entlassen wurde und an der Seite der Frau zur Bahn ging durch ein hohes altertmliches Tor hindurch, an dem kunstvolle Schmiedearbeit besonders auffiel, fgte es sich, da Schmidt alle uere Sicherheit wieder verlor, die Kameraden, Kinder, Birken und den Rauch aus der kleinen Waldhtte. Er erschrak vor den Menschen, die jetzt um ihn herum sein wollten. Sie waren so aufgequollen, grob-stier, eckig und zuckten wie Hampelmnner, waren wirklich so klobig, er ekelte sich und schrie verzweifelt in sich hinein. Die lcherliche Bahnfahrt. Er schritt dann am Arm der Frau ihrer Wohnung zu. Sonne grinste herbstlich. Die Frau war mild befangen, zutunlich, zuweilen aufgeregt, sie strte nicht und bestrkte ihn. Er wird es nie merken, da sie vielleicht fr ihn in sich die Welt trgt. Aber Schmidt kriselte. Kruste auf Kruste fiel. Ein Leben umspannender Schrei dehnte sich, eine namenlose Furcht -- er hrte die Menschen sprechen, als ob sie bellen, beien werden -- doch das Wunder hielt stand: er wute, von ihm selbst wird's abhngen. Sollte er auch allein sein -- und htte der Frau die Hand kssen wollen. JEHAN Jehan lebte zu der Zeit, als noch jeder ungerufen und ungestrt darauf ausgehen konnte, die Welt zu erobern. Heut zwingt das die ganze Menschheit in den Einzelnen hinein und hngt sich mit ihrem ganzen Jammer dran. Jehan war eigentlich ein Ruber, ein Kosak, ein Perser-Chan und ein mchtiger Knig aus dem Geschlecht der Timuriden. Die Schtze Indiens, von denen man als junger Mensch noch immer soviel hrt, waren alle sein und noch mehr: die niedergehaltene Wucht der indischen Seele, da jeder von der Glut seines Glaubens entflammt gegen die Sonne lodert, als ginge die Menschen endlich einmal die Weltordnung berhaupt nichts mehr an -- am Ganges oder sonst irgendwo, Gebetschnre, Betel, Augenverdreher, die sich Dolche durchs Hirn stoen fr irgendwelchen Zweck -- das alles war sein und murmelte zu ihm hinauf. Natrlich war Jehan damit nicht so recht einverstanden. * * * * * Denn als freier Mann aus der Steppe schmte er sich zu verachten. Hchstens sich selbst. Und auerdem ist es eine andere Sache, einem Baschkiren einen Futritt zu geben als etwa einem Sulenheiligen. Das fhlte Jehan sehr wohl. Er wurde unruhig und schmte sich, da er niemals spterhin die Qual davon in seinem Tun mehr los wurde. Aber er wute auch, da so viel triftiger Grund dazu gar nicht da war. In dem jetzt verfallenen Delhi hielt Jehan seinen Hof, in einem Palast, von einer Pracht, die zu beschreiben sich nicht mehr lohnt. In feinen Gewndern liefen die Leute herum, riesige Burgen wurden gebaut und die so merkwrdig aussehenden achteckigen breiten Trme, aus Gold und Elfenbein und Marmor, dazwischen die mit Asche beworfenen Heiligen, hunderttausend Baumeister, hunderttausend Heerfhrer und edle Perser. Unzhlige von Lasttrgern, alles Inder und das sonstige winselnde Millionenpack. Was dabei Sonne, Mond und Sterne an Wunder taten, die blauen Schlangen und gelbroten Schmetterlinge und schneeweie Bume mit purpurnen Tupfen und langen grnen Schrpen -- kann man sich denken. Schah Jehan unterhielt auch einen Harem mit vielen tausend Frauen. Darber mute er immer weinen. Es ntzte gar nichts, da immer mehr Millionen an seinen Burgen und Sulen bauten und arbeiteten, Tag und Nacht. Den Himmel konnte er nicht einreien und die Qual in seinem Herzen nicht mildern. * * * * * Jehans Vorfahren wurden noch zur Liebe gerufen. Da stellte einer den Speer vor die Htte zum Zeichen, da er drinnen bei der Frau war. Die Frauen trugen die Liebe. Und Jehan wute nicht, hatte Mahal ihn gerufen, trgt sie ihn. Vielleicht in den Tagen, da er als Eroberer ber das Land zog. Sie sieht seine Arbeit nicht an, fhlt er, lchelt ber die Edelsteine, die er ihr zu Fen legt. Kt ihn, da es wild schmerzt. Nicht so, schreit er. Die Haremsfrauen, die er tagsber besucht. Dmmernd, da er allein ist. Jehan schreit zu Mahal. Das Lcheln frit sich ein. Er lt die Edlen schlagen, die ihr Blick streift. Er baut, plndert, mordet. Mahal lchelt und dehnt sich. Sie kniet demtig, wenn er an ihr Lager tritt, leuchtet bei seinen Festen, da ihn eine unertrgliche Scham zerreit: Starr ruht sie an seiner Seite, in Blicken unergrndlich, ferner Schimmer -- weit -- jenseits ber ihn weg. Sie wird schweben, ahnt er, ein schillernder Hauch ber das Land, das ihrer Familie eigen. Ich bin der noch nicht fremd, keucht er. Jehan wird schwach und stark zu sich selbst. Schwer lastet eine tckische Angst, Glut schlingt. Er kann die schneeigen Felsenberge nicht ebnen. Er windet sich am Boden, jammert zu einem ihm frchterlich fremden Gott. Aber Mahal blht in Schnheit und Liebe. Blht, reift, berschttet die klglich kleine Welt. Reit es ihn auch empor -- er glaubt nicht. Schwankend in stechend scharfen Trumen, da er Mahal schlgt. Fr die Gewiheit ihrer Liebe. Ruhen im Gleiten der Welt zueinander, in Mahal. Jehan erwrgt einen Heiligen. Kein Laut. Hrt nicht fremden Ruf, neues Frohlocken. Blind, verzweifelt. Tobt. Schatten steigen auf, zngeln. Noch deucht ihm eine leise Stimme nher. Dann sieht er Hogal aus seinem Geschlecht neben sich stehen. Die Schwester spricht zu ihm, die Schwester fhrt ihn, die Schwester kniet neben Mahal, die Schwester umarmt ihn. Die Schwester liebt. Jehan erkennt erschauernd, da Mahal liebt. Es reit sich aus ihm los, quillt, will zertrmmern. Dann schlgt er sich vor die Stirn und strzt. * * * * * Wie die Verzweiflung, drckt jetzt den Knig das Glck nieder. Whrend Jehan drauen in jher Machtentfaltung ber das Land wchst, niedergedrckt von der Wucht seines Glcks in das Gemach der beiden Frauen tritt, taumelnd in der Erlsung: ich bin nicht der Herr der Welt, in der Liebe ruht -- gebiert sich jeder neue Tag. Frohlockend gegen Gott, und die Heiligen glauben ihm. Jehan sitzt auf den Stufen seines Palastes und singt. Das Volk singt, die Krieger, Bauleute. Die elfenbeinerne Pracht der Mahalssule steigt empor ber alle Wunder der Welt. Die Perser dringen ins Land und ziehen vor Jehans Stadt. Jehan wei, da sie sein Schwert in alle Winde stieben lassen wird. Ich bin nur einer, fhlt der Knig -- das Volk singt. Ich bin das Volk nicht mehr, und -- dazu ist es schon zu spt, ahnt er. Er singt, getragen von dem Glck der Welterlsung. Es ist zu spt -- Jehan, heit es; wo sind deine Brder? Jehan wei keinen Bruder, es schmerzt. Eine neue Angst breitet sich, aber Jehan lchelt: Ich glaube dennoch, wird es mich auch treffen, der eine wird zu Ende gehetzt. Die Qual seines Stammes rast. Die Edlen empren sich. Des Knigs krperliche Hlle zittert. Eine Schlacht wird geschlagen. Ein Sohn Jehans erkmpft den Sieg. Jehangir entthront den Vater. Stecht ihm die Augen aus, ich will der Welt meine neuen Wunder bringen, ruft er. Der blinde Jehan modert im Kerker mehr als dreiig Jahre. Ein Heiliger dient ihm, des Knigs Haupt deckt Asche. Jehan singt aus dem Kerker gegen die Welt sein sptes Glck. Es wuchtet auf der Arbeit der Lasttrger. Glht ber aller Pracht und dehnt sich im Strom des heiligen Flusses. Bis Jehangir eine neue Stadt viele tausend Meilen weiter ins Innere baut. Denn Jehangir, geliebt in der Vereinigung der Frauen, lockt das Verhngnis, auch wenn Jehan im Traum zu ihm spricht. * * * * * Ob wohl die beiden noch zusammenkommen? Unter der Weltenlast der Verantwortung zur Macht, sich zu entfalten und sich zu schenken -- da die Liebe ber das Glck sich breitet. In Traumbildern, Maschinen und Unsterblichkeit -- statt endlich herzugehen im Schatten aller Frauen, da jedwedes Leben sich befreit! Da das Glck aus dem Wesen der Frau Gemeinschaft wird! Wennschon einer schreit und im Alltag herumlungert, statt in der Liebe zu verrecken. End of Project Gutenberg's Gnadenreiche, unsere Knigin, by Franz Jung License: Share Alike