Produced by Jana Srna and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net FRANZ KAFKA BETRACHTUNG MDCCCCXIII ERNST ROWOHLT VERLAG LEIPZIG Dies Buch wurde in 800 numerierten Exemplaren im November 1912 von der Offizin Poeschel & Trepte gedruckt No. Copyright 1912 by Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig Fr M.B. INHALT Kinder auf der Landstrae 1 Entlarvung eines Bauernfngers 17 Der pltzliche Spaziergang 27 Entschlsse 32 Der Ausflug ins Gebirge 36 Das Unglck des Junggesellen 39 Der Kaufmann 42 Zerstreutes Hinausschaun 51 Der Nachhauseweg 53 Die Vorberlaufenden 56 Der Fahrgast 59 Kleider 63 Die Abweisung 66 Zum Nachdenken fr Herrenreiter 70 Das Gassenfenster 75 Wunsch, Indianer zu werden 77 Die Bume 79 Unglcklichsein 80 Kinder auf der Landstrae Ich hrte die Wagen an dem Gartengitter vorberfahren, manchmal sah ich sie auch durch die schwach bewegten Lcken im Laub. Wie krachte in dem heien Sommer das Holz in ihren Speichen und Deichseln! Arbeiter kamen von den Feldern und lachten, da es eine Schande war. Ich sa auf unserer kleinen Schaukel, ich ruhte mich gerade aus zwischen den Bumen im Garten meiner Eltern. Vor dem Gitter hrte es nicht auf. Kinder im Laufschritt waren im Augenblick vorber; Getreidewagen mit Mnnern und Frauen auf den Garben und rings herum verdunkelten die Blumenbeete; gegen Abend sah ich einen Herrn mit einem Stock langsam spazieren gehn und paar Mdchen, die Arm in Arm ihm entgegenkamen, traten grend ins seitliche Gras. Dann flogen Vgel wie sprhend auf, ich folgte ihnen mit den Blicken, sah, wie sie in einem Atemzug stiegen, bis ich nicht mehr glaubte, da sie stiegen, sondern da ich falle, und fest mich an den Seilen haltend aus Schwche ein wenig zu schaukeln anfing. Bald schaukelte ich strker, als die Luft schon khler wehte und statt der fliegenden Vgel zitternde Sterne erschienen. Bei Kerzenlicht bekam ich mein Nachtmahl. Oft hatte ich beide Arme auf der Holzplatte und, schon mde, bi ich in mein Butterbrot. Die stark durchbrochenen Vorhnge bauschten sich im warmen Wind, und manchmal hielt sie einer, der drauen vorberging, mit seinen Hnden fest, wenn er mich besser sehen und mit mir reden wollte. Meistens verlschte die Kerze bald und in dem dunklen Kerzenrauch trieben sich noch eine Zeitlang die versammelten Mcken herum. Fragte mich einer vom Fenster aus, so sah ich ihn an, als schaue ich ins Gebirge oder in die bloe Luft, und auch ihm war an einer Antwort nicht viel gelegen. Sprang dann einer ber die Fensterbrstung und meldete, die anderen seien schon vor dem Haus, so stand ich freilich seufzend auf. Nein, warum seufzst Du so? Was ist denn geschehn? Ist es ein besonderes, nie gut zu machendes Unglck? Werden wir uns nie davon erholen knnen? Ist wirklich alles verloren? Nichts war verloren. Wir liefen vor das Haus. Gott sei Dank, da seid Ihr endlich! -- Du kommst halt immer zu spt! -- Wieso denn ich? -- Gerade Du, bleib zu Hause, wenn Du nicht mitwillst. -- Keine Gnaden! -- Was? Keine Gnaden? Wie redest Du? Wir durchstieen den Abend mit dem Kopf. Es gab keine Tages- und keine Nachtzeit. Bald rieben sich unsere Westenknpfe aneinander wie Zhne, bald liefen wir in gleichbleibender Entfernung, Feuer im Mund, wie Tiere in den Tropen. Wie Krassiere in alten Kriegen, stampfend und hoch in der Luft, trieben wir einander die kurze Gasse hinunter und mit diesem Anlauf in den Beinen die Landstrae weiter hinauf. Einzelne traten in den Straengraben, kaum verschwanden sie vor der dunklen Bschung, standen sie schon wie fremde Leute oben auf dem Feldweg und schauten herab. Kommt doch herunter! -- Kommt zuerst herauf! -- Damit Ihr uns herunterwerfet, fllt uns nicht ein, so gescheit sind wir noch. -- So feig seid Ihr, wollt Ihr sagen. Kommt nur, kommt! -- Wirklich? Ihr? Gerade Ihr werdet uns hinunterwerfen? Wie mtet Ihr aussehen? Wir machten den Angriff, wurden vor die Brust gestoen und legten uns in das Gras des Straengrabens, fallend und freiwillig. Alles war gleichmig erwrmt, wir sprten nicht Wrme, nicht Klte im Gras, nur mde wurde man. Wenn man sich auf die rechte Seite drehte, die Hand unters Ohr gab, da wollte man gerne einschlafen. Zwar wollte man sich noch einmal aufraffen mit erhobenem Kinn, dafr aber in einen tieferen Graben fallen. Dann wollte man, den Arm quer vorgehalten, die Beine schiefgeweht, sich gegen die Luft werfen und wieder bestimmt in einen noch tieferen Graben fallen. Und damit wollte man gar nicht aufhren. Wie man sich im letzten Graben richtig zum Schlafen aufs uerste strecken wrde, besonders in den Knien, daran dachte man noch kaum und lag, zum Weinen aufgelegt, wie krank auf dem Rcken. Man zwinkerte, wenn einmal ein Junge, die Ellbogen bei den Hften, mit dunklen Sohlen ber uns von der Bschung auf die Strae sprang. Den Mond sah man schon in einiger Hhe, ein Postwagen fuhr in seinem Licht vorbei. Ein schwacher Wind erhob sich allgemein, auch im Graben fhlte man ihn, und in der Nhe fing der Wald zu rauschen an. Da lag einem nicht mehr soviel daran, allein zu sein. Wo seid Ihr? -- Kommt her! -- Alle zusammen! -- Was versteckst Du Dich, la den Unsinn! -- Wit Ihr nicht, da die Post schon vorber ist? -- Aber nein! Schon vorber? -- Natrlich, whrend Du geschlafen hast, ist sie vorbergefahren. -- Ich habe geschlafen? Nein so etwas! -- Schweig nur, man sieht es Dir doch an. -- Aber ich bitte Dich. -- Kommt! Wir liefen enger beisammen, manche reichten einander die Hnde, den Kopf konnte man nicht genug hoch haben, weil es abwrts ging. Einer schrie einen indianischen Kriegsruf heraus, wir bekamen in die Beine einen Galopp wie niemals, bei den Sprngen hob uns in den Hften der Wind. Nichts htte uns aufhalten knnen; wir waren so im Laufe, da wir selbst beim berholen die Arme verschrnken und ruhig uns umsehen konnten. Auf der Wildbachbrcke blieben wir stehn; die weiter gelaufen waren, kehrten zurck. Das Wasser unten schlug an Steine und Wurzeln, als wre es nicht schon spt abend. Es gab keinen Grund dafr, warum nicht einer auf das Gelnder der Brcke sprang. Hinter Gebschen in der Ferne fuhr ein Eisenbahnzug heraus, alle Coupes waren beleuchtet, die Glasfenster sicher herabgelassen. Einer von uns begann einen Gassenhauer zu singen, aber wir alle wollten singen. Wir sangen viel rascher als der Zug fuhr, wir schaukelten die Arme, weil die Stimme nicht gengte, wir kamen mit unseren Stimmen in ein Gedrnge, in dem uns wohl war. Wenn man seine Stimme unter andere mischt, ist man wie mit einem Angelhaken gefangen. So sangen wir, den Wald im Rcken, den fernen Reisenden in die Ohren. Die Erwachsenen wachten noch im Dorfe, die Mtter richteten die Betten fr die Nacht. Es war schon Zeit. Ich kte den, der bei mir stand, reichte den drei Nchsten nur so die Hnde, begann den Weg zurckzulaufen, keiner rief mich. Bei der ersten Kreuzung, wo sie mich nicht mehr sehen konnten, bog ich ein und lief auf Feldwegen wieder in den Wald. Ich strebte zu der Stadt im Sden hin, von der es in unserem Dorfe hie: Dort sind Leute! Denkt Euch, die schlafen nicht! Und warum denn nicht? Weil sie nicht mde werden. Und warum denn nicht? Weil sie Narren sind. Werden denn Narren nicht mde? Wie knnten Narren mde werden! Entlarvung eines Bauernfngers Endlich gegen 10 Uhr abends kam ich mit einem mir von frher her nur flchtig bekannten Mann, der sich mir diesmal unversehens wieder angeschlossen und mich zwei Stunden lang in den Gassen herumgezogen hatte, vor dem herrschaftlichen Hause an, in das ich zu einer Gesellschaft geladen war. So! sagte ich und klatschte in die Hnde zum Zeichen der unbedingten Notwendigkeit des Abschieds. Weniger bestimmte Versuche hatte ich schon einige gemacht. Ich war schon ganz mde. Gehn Sie gleich hinauf? fragte er. In seinem Munde hrte ich ein Gerusch wie vom Aneinanderschlagen der Zhne. Ja. Ich war doch eingeladen, ich hatte es ihm gleich gesagt. Aber ich war eingeladen, hinaufzukommen, wo ich schon so gerne gewesen wre, und nicht hier unten vor dem Tor zu stehn und an den Ohren meines Gegenbers vorberzuschauen. Und jetzt noch mit ihm stumm zu werden, als seien wir zu einem langen Aufenthalt auf diesem Fleck entschlossen. Dabei nahmen an diesem Schweigen gleich die Huser rings herum ihren Anteil, und das Dunkel ber ihnen bis zu den Sternen. Und die Schritte unsichtbarer Spaziergnger, deren Wege zu erraten man nicht Lust hatte, der Wind, der immer wieder an die gegenberliegende Straenseite sich drckte, ein Grammophon, das gegen die geschlossenen Fenster irgendeines Zimmers sang, -- sie lieen aus diesem Schweigen sich hren, als sei es ihr Eigentum seit jeher und fr immer. Und mein Begleiter fgte sich in seinem und -- nach einem Lcheln -- auch in meinem Namen, streckte die Mauer entlang den rechten Arm aufwrts und lehnte sein Gesicht, die Augen schlieend, an ihn. Doch dieses Lcheln sah ich nicht mehr ganz zu Ende, denn Scham drehte mich pltzlich herum. Erst an diesem Lcheln also hatte ich erkannt, da das ein Bauernfnger war, nichts weiter. Und ich war doch schon Monate lang in dieser Stadt, hatte geglaubt, diese Bauernfnger durch und durch zu kennen, wie sie bei Nacht aus Seitenstraen, die Hnde vorgestreckt, wie Gastwirte uns entgegentreten, wie sie sich um die Anschlagsule, bei der wir stehen, herumdrcken, wie zum Versteckenspielen und hinter der Sulenrundung hervor zumindest mit einem Auge spionieren, wie sie in Straenkreuzungen, wenn wir ngstlich werden, auf einmal vor uns schweben auf der Kante unseres Trottoirs! Ich verstand sie doch so gut, sie waren ja meine ersten stdtischen Bekannten in den kleinen Wirtshusern gewesen, und ich verdankte ihnen den ersten Anblick einer Unnachgiebigkeit, die ich mir jetzt so wenig von der Erde wegdenken konnte, da ich sie schon in mir zu fhlen begann. Wie standen sie einem noch gegenber, selbst wenn man ihnen schon lngst entlaufen war, wenn es also lngst nichts mehr zu fangen gab! Wie setzten sie sich nicht, wie fielen sie nicht hin, sondern sahen einen mit Blicken an, die noch immer, wenn auch nur aus der Ferne, berzeugten! Und ihre Mittel waren stets die gleichen: Sie stellten sich vor uns hin, so breit sie konnten; suchten uns abzuhalten von dort, wohin wir strebten; bereiteten uns zum Ersatz eine Wohnung in ihrer eigenen Brust, und bumte sich endlich das gesammelte Gefhl in uns auf, nahmen sie es als Umarmung, in die sie sich warfen, das Gesicht voran. Und diese alten Spe hatte ich diesmal erst nach so langem Beisammensein erkannt. Ich zerrieb mir die Fingerspitzen an einander, um die Schande ungeschehen zu machen. Mein Mann aber lehnte hier noch wie frher, hielt sich noch immer fr einen Bauernfnger, und die Zufriedenheit mit seinem Schicksal rtete ihm die freie Wange. Erkannt! sagte ich und klopfte ihm noch leicht auf die Schulter. Dann eilte ich die Treppe hinauf und die so grundlos treuen Gesichter der Dienerschaft oben im Vorzimmer freuten mich wie eine schne berraschung. Ich sah sie alle der Reihe nach an, whrend man mir den Mantel abnahm und die Stiefel abstaubte. Aufatmend und langgestreckt betrat ich dann den Saal. Der pltzliche Spaziergang Wenn man sich am Abend endgltig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl beim beleuchteten Tische sitzt und jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen hat, nach dessen Beendigung man gewohnheitsgem schlafen geht, wenn drauen ein unfreundliches Wetter ist, welches das Zuhausebleiben selbstverstndlich macht, wenn man jetzt auch schon so lange bei Tisch stillgehalten hat, da das Weggehen allgemeines Erstaunen hervorrufen mte, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor gesperrt ist, und wenn man nun trotz alledem in einem pltzlichen Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort straenmig angezogen erscheint, weggehen zu mssen erklrt, es nach kurzem Abschied auch tut, je nach der Schnelligkeit, mit der man die Wohnungstr zuschlgt, mehr oder weniger rger zu hinterlassen glaubt, wenn man sich auf der Gasse wiederfindet, mit Gliedern, die diese schon unerwartete Freiheit, die man ihnen verschafft hat, mit besonderer Beweglichkeit beantworten, wenn man durch diesen einen Entschlu alle Entschlufhigkeit in sich gesammelt fhlt, wenn man mit grerer als der gewhnlichen Bedeutung erkennt, da man ja mehr Kraft als Bedrfnis hat, die schnellste Vernderung leicht zu bewirken und zu ertragen, und wenn man so die langen Gassen hinluft, -- dann ist man fr diesen Abend gnzlich aus seiner Familie ausgetreten, die ins Wesenlose abschwenkt, whrend man selbst, ganz fest, schwarz vor Umrissenheit, hinten die Schenkel schlagend, sich zu seiner wahren Gestalt erhebt. Verstrkt wird alles noch, wenn man zu dieser spten Abendzeit einen Freund aufsucht, um nachzusehen, wie es ihm geht. Entschlsse Aus einem elenden Zustand sich zu erheben, mu selbst mit gewollter Energie leicht sein. Ich reie mich vom Sessel los, umlaufe den Tisch, mache Kopf und Hals beweglich, bringe Feuer in die Augen, spanne die Muskeln um sie herum. Arbeite jedem Gefhl entgegen, begre A. strmisch, wenn er jetzt kommen wird, dulde B. freundlich in meinem Zimmer, ziehe bei C. alles, was gesagt wird, trotz Schmerz und Mhe mit langen Zgen in mich hinein. Aber selbst wenn es so geht, wird mit jedem Fehler, der nicht ausbleiben kann, das Ganze, das Leichte und das Schwere, stocken, und ich werde mich im Kreise zurckdrehen mssen. Deshalb bleibt doch der beste Rat, alles hinzunehmen, als schwere Masse sich verhalten und fhle man sich selbst fortgeblasen, keinen unntigen Schritt sich ablocken lassen, den anderen mit Tierblick anschaun, keine Reue fhlen, kurz, das, was vom Leben als Gespenst noch brig ist, mit eigener Hand niederdrcken, d.h., die letzte grabmige Ruhe noch vermehren und nichts auer ihr mehr bestehen lassen. Eine charakteristische Bewegung eines solchen Zustandes ist das Hinfahren des kleinen Fingers ber die Augenbrauen. Der Ausflug ins Gebirge Ich wei nicht, rief ich ohne Klang, ich wei ja nicht. Wenn niemand kommt, dann kommt eben niemand. Ich habe niemandem etwas Bses getan, niemand hat mir etwas Bses getan, niemand aber will mir helfen. Lauter niemand. Aber so ist es doch nicht. Nur da mir niemand hilft --, sonst wre lauter niemand hbsch. Ich wrde ganz gern -- warum denn nicht -- einen Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter Niemand machen. Natrlich ins Gebirge, wohin denn sonst? Wie sich diese Niemand aneinander drngen, diese vielen quer gestreckten und eingehngten Arme, diese vielen Fe, durch winzige Schritte getrennt! Versteht sich, da alle in Frack sind. Wir gehen so lala, der Wind fhrt durch die Lcken, die wir und unsere Gliedmaen offen lassen. Die Hlse werden im Gebirge frei! Es ist ein Wunder, da wir nicht singen. Das Unglck des Junggesellen Es scheint so arg, Junggeselle zu bleiben, als alter Mann unter schwerer Wahrung der Wrde um Aufnahme zu bitten, wenn man einen Abend mit Menschen verbringen will, krank zu sein und aus dem Winkel seines Bettes wochenlang das leere Zimmer anzusehn, immer vor dem Haustor Abschied zu nehmen, niemals neben seiner Frau sich die Treppe hinaufzudrngen, in seinem Zimmer nur Seitentren zu haben, die in fremde Wohnungen fhren, sein Nachtmahl in einer Hand nach Hause zu tragen, fremde Kinder anstaunen zu mssen und nicht immerfort wiederholen zu drfen: Ich habe keine, sich im Aussehn und Benehmen nach ein oder zwei Junggesellen der Jugenderinnerungen auszubilden. So wird es sein, nur da man auch in Wirklichkeit heute und spter selbst dastehen wird, mit einem Krper und einem wirklichen Kopf, also auch einer Stirn, um mit der Hand an sie zu schlagen. Der Kaufmann Es ist mglich, da einige Leute Mitleid mit mir haben, aber ich spre nichts davon. Mein kleines Geschft erfllt mich mit Sorgen, die mich innen an Stirne und Schlfen schmerzen, aber ohne mir Zufriedenheit in Aussicht zu stellen, denn mein Geschft ist klein. Fr Stunden im voraus mu ich Bestimmungen treffen, das Gedchtnis des Hausdieners wachhalten, vor befrchteten Fehlern warnen und in einer Jahreszeit die Moden der folgenden berechnen, nicht wie sie unter Leuten meines Kreises herrschen werden, sondern bei unzugnglichen Bevlkerungen auf dem Lande. Mein Geld haben fremde Leute; ihre Verhltnisse knnen mir nicht deutlich sein; das Unglck, das sie treffen knnte, ahne ich nicht; wie knnte ich es abwehren! Vielleicht sind sie verschwenderisch geworden und geben ein Fest in einem Wirtshausgarten und andere halten sich fr ein Weilchen auf der Flucht nach Amerika bei diesem Feste auf. Wenn nun am Abend eines Werketages das Geschft gesperrt wird und ich pltzlich Stunden vor mir sehe, in denen ich fr die ununterbrochenen Bedrfnisse meines Geschftes nichts werde arbeiten knnen, dann wirft sich meine am Morgen weit vorausgeschickte Aufregung in mich, wie eine zurckkehrende Flut, hlt es aber in mir nicht aus und ohne Ziel reit sie mich mit. Und doch kann ich diese Laune gar nicht bentzen und kann nur nach Hause gehn, denn ich habe Gesicht und Hnde schmutzig und verschwitzt, das Kleid fleckig und staubig, die Geschftsmtze auf dem Kopfe und von Kistenngeln zerkratzte Stiefel. Ich gehe dann wie auf Wellen, klappere mit den Fingern beider Hnde und mir entgegenkommenden Kindern fahre ich ber das Haar. Aber der Weg ist zu kurz. Gleich bin ich in meinem Hause, ffne die Lifttr und trete ein. Ich sehe, da ich jetzt und pltzlich allein bin. Andere, die ber Treppen steigen mssen, ermden dabei ein wenig, mssen mit eilig atmenden Lungen warten, bis man die Tr der Wohnung ffnen kommt, haben dabei einen Grund fr rger und Ungeduld, kommen jetzt ins Vorzimmer, wo sie den Hut aufhngen, und erst bis sie durch den Gang an einigen Glastren vorbei in ihr eigenes Zimmer kommen, sind sie allein. Ich aber bin gleich allein im Lift, und schaue, auf die Knie gesttzt, in den schmalen Spiegel. Als der Lift sich zu heben anfngt, sage ich: Seid still, tretet zurck, wollt Ihr in den Schatten der Bume, hinter die Draperien der Fenster, in das Laubengewlbe? Ich rede mit den Zhnen und die Treppengelnder gleiten an den Milchglasscheiben hinunter wie strzendes Wasser. Flieget weg; Euere Flgel, die ich niemals gesehen habe, mgen Euch ins drfliche Tal tragen oder nach Paris, wenn es Euch dorthin treibt. Doch genieet die Aussicht des Fensters, wenn die Prozessionen aus allen drei Straen kommen, einander nicht ausweichen, durcheinander gehn und zwischen ihren letzten Reihen den freien Platz wieder entstehen lassen. Winket mit den Tchern, seid entsetzt, seid gerhrt, lobet die schne Dame, die vorberfhrt. Geht ber den Bach auf der hlzernen Brcke, nickt den badenden Kindern zu und staunet ber das Hurra der tausend Matrosen auf dem fernen Panzerschiff. Verfolget nur den unscheinbaren Mann und wenn Ihr ihn in einen Torweg gestoen habt, beraubt ihn und seht ihm dann, jeder die Hnde in den Taschen, nach, wie er traurig seines Weges in die linke Gasse geht. Die verstreut auf ihren Pferden galoppierende Polizei bndigt die Tiere und drngt Euch zurck. Lasset sie, die leeren Gassen werden sie unglcklich machen, ich wei es. Schon reiten sie, ich bitte, paarweise weg, langsam um die Straenecken, fliegend ber die Pltze. Dann mu ich aussteigen, den Aufzug hinunterlassen, an der Trglocke luten, und das Mdchen ffnet die Tr, whrend ich gre. Zerstreutes Hinausschaun Was werden wir in diesen Frhlingstagen tun, die jetzt rasch kommen? Heute frh war der Himmel grau, geht man aber jetzt zum Fenster, so ist man berrascht und lehnt die Wange an die Klinke des Fensters. Unten sieht man das Licht der freilich schon sinkenden Sonne auf dem Gesicht des kindlichen Mdchens, das so geht und sich umschaut, und zugleich sieht man den Schatten des Mannes darauf, der hinter ihm rascher kommt. Dann ist der Mann schon vorbergegangen und das Gesicht des Kindes ist ganz hell. Der Nachhauseweg Man sehe die berzeugungskraft der Luft nach dem Gewitter! Meine Verdienste erscheinen mir und berwltigen mich, wenn ich mich auch nicht strube. Ich marschiere und mein Tempo ist das Tempo dieser Gassenseite, dieser Gasse, dieses Viertels. Ich bin mit Recht verantwortlich fr alle Schlge gegen Tren, auf die Platten der Tische, fr alle Trinksprche, fr die Liebespaare in ihren Betten, in den Gersten der Neubauten, in dunklen Gassen an die Husermauern gepret, auf den Ottomanen der Bordelle. Ich schtze meine Vergangenheit gegen meine Zukunft, finde aber beide vortrefflich, kann keiner von beiden den Vorzug geben und nur die Ungerechtigkeit der Vorsehung, die mich so begnstigt, mu ich tadeln. Nur als ich in mein Zimmer trete, bin ich ein wenig nachdenklich, aber ohne da ich whrend des Treppensteigens etwas Nachdenkenswertes gefunden htte. Es hilft mir nicht viel, da ich das Fenster gnzlich ffne und da in einem Garten die Musik noch spielt. Die Vorberlaufenden Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht, und ein Mann, von weitem schon sichtbar -- denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond -- uns entgegenluft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm luft und schreit, sondern wir werden ihn weiter laufen lassen. Denn es ist Nacht, und wir knnen nicht dafr, da die Gasse im Vollmond vor uns aufsteigt, und berdies, vielleicht haben diese zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir wrden Mitschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts von einander, und es luft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen. Und endlich, drfen wir nicht mde sein, haben wir nicht soviel Wein getrunken? Wir sind froh, da wir auch den zweiten nicht mehr sehn. Der Fahrgast Ich stehe auf der Plattform des elektrischen Wagens und bin vollstndig unsicher in Rcksicht meiner Stellung in dieser Welt, in dieser Stadt, in meiner Familie. Auch nicht beilufig knnte ich angeben, welche Ansprche ich in irgendeiner Richtung mit Recht vorbringen knnte. Ich kann es gar nicht verteidigen, da ich auf dieser Plattform stehe, mich an dieser Schlinge halte, von diesem Wagen mich tragen lasse, da Leute dem Wagen ausweichen oder still gehn oder vor den Schaufenstern ruhn. -- Niemand verlangt es ja von mir, aber das ist gleichgltig. Der Wagen nhert sich einer Haltestelle, ein Mdchen stellt sich nahe den Stufen, zum Aussteigen bereit. Sie erscheint mir so deutlich, als ob ich sie betastet htte. Sie ist schwarz gekleidet, die Rockfalten bewegen sich fast nicht, die Bluse ist knapp und hat einen Kragen aus weier kleinmaschiger Spitze, die linke Hand hlt sie flach an die Wand, der Schirm in ihrer Rechten steht auf der zweitobersten Stufe. Ihr Gesicht ist braun, die Nase, an den Seiten schwach gepret, schliet rund und breit ab. Sie hat viel braunes Haar und verwehte Hrchen an der rechten Schlfe. Ihr kleines Ohr liegt eng an, doch sehe ich, da ich nahe stehe, den ganzen Rcken der rechten Ohrmuschel und den Schatten an der Wurzel. Ich fragte mich damals: Wieso kommt es, da sie nicht ber sich verwundert ist, da sie den Mund geschlossen hlt und nichts dergleichen sagt? Kleider Oft wenn ich Kleider mit vielfachen Falten, Rschen und Behngen sehe, die ber schnen Krper schn sich legen, dann denke ich, da sie nicht lange so erhalten bleiben, sondern Falten bekommen, nicht mehr gerade zu gltten, Staub bekommen, der, dick in der Verzierung, nicht mehr zu entfernen ist, und da niemand so traurig und lcherlich sich wird machen wollen, tglich das gleiche kostbare Kleid frh anzulegen und abends auszuziehn. Doch sehe ich Mdchen, die wohl schn sind und vielfache reizende Muskeln und Knchelchen und gespannte Haut und Massen dnner Haare zeigen, und doch tagtglich in diesem einen natrlichen Maskenanzug erscheinen, immer das gleiche Gesicht in die gleichen Handflchen legen und von ihrem Spiegel widerscheinen lassen. Nur manchmal am Abend, wenn sie spt von einem Feste kommen, scheint es ihnen im Spiegel abgentzt, gedunsen, verstaubt, von allen schon gesehn und kaum mehr tragbar. Die Abweisung Wenn ich einem schnen Mdchen begegne und sie bitte: Sei so gut, komm mit mir und sie stumm vorbergeht, so meint sie damit: Du bist kein Herzog mit fliegendem Namen, kein breiter Amerikaner mit indianischem Wuchs, mit wagrecht ruhenden Augen, mit einer von der Luft der Rasenpltze und der sie durchstrmenden Flsse massierten Haut, Du hast keine Reisen gemacht zu den groen Seen und auf ihnen, die ich wei nicht wo zu finden sind. Also ich bitte, warum soll ich, ein schnes Mdchen, mit Dir gehn? Du vergit, Dich trgt kein Automobil in langen Sten schaukelnd durch die Gasse; ich sehe nicht die in ihre Kleider gepreten Herren Deines Gefolges, die Segensprche fr Dich murmelnd in genauem Halbkreis hinter Dir gehn; Deine Brste sind im Mieder gut geordnet, aber Deine Schenkel und Hften entschdigen sich fr jene Enthaltsamkeit; Du trgst ein Taffetkleid mit plissierten Falten, wie es im vorigen Herbste uns durchaus allen Freude machte, und doch lchelst Du -- diese Lebensgefahr auf dem Leibe -- bisweilen. Ja, wir haben beide recht und, um uns dessen nicht unwiderleglich bewut zu werden, wollen wir, nicht wahr, lieber jeder allein nach Hause gehn. Zum Nachdenken fr Herrenreiter Nichts, wenn man es berlegt, kann dazu verlocken, in einem Wettrennen der erste sein zu wollen. Der Ruhm, als der beste Reiter eines Landes anerkannt zu werden, freut beim Losgehn des Orchesters zu stark, als da sich am Morgen danach die Reue verhindern liee. Der Neid der Gegner, listiger, ziemlich einflureicher Leute, mu uns in dem engen Spalier schmerzen, das wir nun durchreiten nach jener Ebene, die bald vor uns leer war bis auf einige berrundete Reiter, die klein gegen den Rand des Horizonts anritten. Viele unserer Freunde eilen den Gewinn zu beheben und nur ber die Schultern weg schreien sie von den entlegenen Schaltern ihr Hurra zu uns; die besten Freunde aber haben gar nicht auf unser Pferd gesetzt, da sie frchteten, kme es zum Verluste, mten sie uns bse sein, nun aber, da unser Pferd das erste war und sie nichts gewonnen haben, drehn sie sich um, wenn wir vorberkommen und schauen lieber die Tribnen entlang. Die Konkurrenten rckwrts, fest im Sattel, suchen das Unglck zu berblicken, das sie getroffen hat, und das Unrecht, das ihnen irgendwie zugefgt wird; sie nehmen ein frisches Aussehen an, als msse ein neues Rennen anfangen und ein ernsthaftes nach diesem Kinderspiel. Vielen Damen scheint der Sieger lcherlich, weil er sich aufblht und doch nicht wei, was anzufangen mit dem ewigen Hndeschtteln, Salutieren, Sich-Niederbeugen und In-die-Ferne-Gren, whrend die Besiegten den Mund geschlossen haben und die Hlse ihrer meist wiehernden Pferde leichthin klopfen. Endlich fngt es gar aus dem trb gewordenen Himmel zu regnen an. Das Gassenfenster Wer verlassen lebt und sich doch hie und da irgendwo anschlieen mchte, wer mit Rcksicht auf die Vernderungen der Tageszeit, der Witterung, der Berufsverhltnisse und dergleichen ohne weiteres irgend einen beliebigen Arm sehen will, an dem er sich halten knnte, -- der wird es ohne ein Gassenfenster nicht lange treiben. Und steht es mit ihm so, da er gar nichts sucht und nur als mder Mann, die Augen auf und ab zwischen Publikum und Himmel, an seine Fensterbrstung tritt, und er will nicht und hat ein wenig den Kopf zurckgeneigt, so reien ihn doch unten die Pferde mit in ihr Gefolge von Wagen und Lrm und damit endlich der menschlichen Eintracht zu. Wunsch, Indianer zu werden Wenn man doch ein Indianer wre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte ber dem zitternden Boden, bis man die Sporen lie, denn es gab keine Sporen, bis man die Zgel wegwarf, denn es gab keine Zgel, und kaum das Land vor sich als glatt gemhte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf. Die Bume Denn wir sind wie Baumstmme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Ansto sollte man sie wegschieben knnen. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar. Unglcklichsein Als es schon unertrglich geworden war -- einmal gegen Abend im November -- und ich ber den schmalen Teppich meines Zimmers wie in einer Rennbahn einherlief, durch den Anblick der beleuchteten Gasse erschreckt, wieder wendete, und in der Tiefe des Zimmers, im Grund des Spiegels doch wieder ein neues Ziel bekam, und aufschrie, um nur den Schrei zu hren, dem nichts antwortet und dem auch nichts die Kraft des Schreiens nimmt, der also aufsteigt, ohne Gegengewicht, und nicht aufhren kann, selbst wenn er verstummt, da ffnete sich aus der Wand heraus die Tr, so eilig, weil doch Eile ntig war und selbst die Wagenpferde unten auf dem Pflaster wie wildgewordene Pferde in der Schlacht, die Gurgeln preisgegeben, sich erhoben. Als kleines Gespenst fuhr ein Kind aus dem ganz dunklen Korridor, in dem die Lampe noch nicht brannte, und blieb auf den Fuspitzen stehn, auf einem unmerklich schaukelnden Fubodenbalken. Von der Dmmerung des Zimmers gleich geblendet, wollte es mit dem Gesicht rasch in seine Hnde, beruhigte sich aber unversehens mit dem Blick zum Fenster, vor dessen Kreuz der hochgetriebene Dunst der Straenbeleuchtung endlich unter dem Dunkel liegen blieb. Mit dem rechten Ellbogen hielt es sich vor der offenen Tr aufrecht an der Zimmerwand und lie den Luftzug von drauen um die Gelenke der Fe streichen, auch den Hals, auch die Schlfen entlang. Ich sah ein wenig hin, dann sagte ich Guten Tag und nahm meinen Rock vom Ofenschirm, weil ich nicht so halb nackt dastehen wollte. Ein Weilchen lang hielt ich den Mund offen, damit mich die Aufregung durch den Mund verlasse. Ich hatte schlechten Speichel in mir, im Gesicht zitterten mir die Augenwimpern, kurz, es fehlte mir nichts, als gerade dieser allerdings erwartete Besuch. Das Kind stand noch an der Wand auf dem gleichen Platz, es hatte die rechte Hand an die Mauer gepret und konnte, ganz rotwangig, dessen nicht satt werden, da die weigetnchte Wand grobkrnig war und die Fingerspitzen rieb. Ich sagte: Wollen Sie tatschlich zu mir? Ist es kein Irrtum? Nichts leichter als ein Irrtum in diesem groen Hause. Ich heie Soundso, wohne im dritten Stock. Bin ich also der, den Sie besuchen wollen? Ruhe, Ruhe! sagte das Kind ber die Schulter weg, alles ist schon richtig. Dann kommen Sie weiter ins Zimmer herein, ich mchte die Tr schlieen. Die Tr habe ich jetzt gerade geschlossen. Machen Sie sich keine Mhe. Beruhigen Sie sich berhaupt. Reden Sie nicht von Mhe. Aber auf diesem Gange wohnt eine Menge Leute, alle sind natrlich meine Bekannten; die meisten kommen jetzt aus den Geschften; wenn sie in einem Zimmer reden hren, glauben sie einfach das Recht zu haben, aufzumachen und nachzuschaun, was los ist. Es ist einmal schon so. Diese Leute haben die tgliche Arbeit hinter sich; wem wrden sie sich in der provisorischen Abendfreiheit unterwerfen! brigens wissen Sie es ja auch. Lassen Sie mich die Tre schlieen. Ja was ist denn? Was haben Sie? Meinetwegen kann das ganze Haus hereinkommen. Und dann noch einmal: Ich habe die Tre schon geschlossen, glauben Sie denn, nur Sie knnen die Tre schlieen? Ich habe sogar mit dem Schlssel zugesperrt. Dann ist gut. Mehr will ich ja nicht. Mit dem Schlssel htten Sie gar nicht zusperren mssen. Und jetzt machen Sie es sich nur behaglich, wenn Sie schon einmal da sind. Sie sind mein Gast. Vertrauen Sie mir vllig. Machen Sie sich nur breit ohne Angst. Ich werde Sie weder zum Hierbleiben zwingen, noch zum Weggehn. Mu ich das erst sagen? Kennen Sie mich so schlecht? Nein. Sie htten das wirklich nicht sagen mssen. Noch mehr, Sie htten es gar nicht sagen sollen. Ich bin ein Kind; warum soviel Umstnde mit mir machen? So schlimm ist es nicht. Natrlich, ein Kind. Aber gar so klein sind Sie nicht. Sie sind schon ganz erwachsen. Wenn Sie ein Mdchen wren, drften Sie sich nicht so einfach mit mir in einem Zimmer einsperren. Darber mssen wir uns keine Sorge machen. Ich wollte nur sagen: Da ich Sie so gut kenne, schtzt mich wenig, es enthebt Sie nur der Anstrengung, mir etwas vorzulgen. Trotzdem aber machen Sie mir Komplimente. Lassen Sie das, ich fordere Sie auf, lassen Sie das. Dazu kommt, da ich Sie nicht berall und immerfort kenne, gar bei dieser Finsternis. Es wre viel besser, wenn Sie Licht machen lieen. Nein, lieber nicht. Immerhin werde ich mir merken, da Sie mir schon gedroht haben. Wie? Ich htte Ihnen gedroht? Aber ich bitte Sie. Ich bin ja so froh, da Sie endlich hier sind. Ich sage >endlich<, weil es schon so spt ist. Es ist mir unbegreiflich, warum Sie so spt gekommen sind. Da ist es mglich, da ich in der Freude so durcheinander gesprochen habe und da Sie es gerade so verstanden haben. Da ich so gesprochen habe, gebe ich zehnmal zu, ja ich habe Ihnen mit Allem gedroht, was Sie wollen. -- Nur keinen Streit, um Himmelswillen! -- Aber wie konnten Sie es glauben? Wie konnten Sie mich so krnken? Warum wollen Sie mir mit aller Gewalt dieses kleine Weilchen Ihres Hierseins verderben? Ein fremder Mensch wre entgegenkommender als Sie. Das glaube ich; das war keine Weisheit. So nah, als Ihnen ein fremder Mensch entgegenkommen kann, bin ich Ihnen schon von Natur aus. Das wissen Sie auch, wozu also die Wehmut? Sagen Sie, da Sie Komdie spielen wollen, und ich gehe augenblicklich. So? Auch das wagen Sie mir zu sagen? Sie sind ein wenig zu khn. Am Ende sind Sie doch in meinem Zimmer. Sie reiben Ihre Finger wie verrckt an meiner Wand. Mein Zimmer, meine Wand! Und auerdem ist das, was Sie sagen, lcherlich, nicht nur frech. Sie sagen, Ihre Natur zwinge Sie, mit mir in dieser Weise zu reden. Wirklich? Ihre Natur zwingt Sie? Das ist nett von Ihrer Natur. Ihre Natur ist meine, und wenn ich mich von Natur aus freundlich zu Ihnen verhalte, so drfen auch Sie nicht anders. Ist das freundlich? Ich rede von frher. Wissen Sie, wie ich spter sein werde? Nichts wei ich. Und ich ging zum Nachttisch hin, auf dem ich die Kerze anzndete. Ich hatte in jener Zeit weder Gas noch elektrisches Licht in meinem Zimmer. Ich sa dann noch eine Weile beim Tisch, bis ich auch dessen mde wurde, den berzieher anzog, den Hut vom Kanapee nahm und die Kerze ausblies. Beim Hinausgehen verfing ich mich in ein Sesselbein. Auf der Treppe traf ich einen Mieter aus dem gleichen Stockwerk. Sie gehen schon wieder weg, Sie Lump? fragte er, auf seinen ber zwei Stufen ausgebreiteten Beinen ausruhend. Was soll ich machen? sagte ich, jetzt habe ich ein Gespenst im Zimmer gehabt. Sie sagen das mit der gleichen Unzufriedenheit, wie wenn Sie ein Haar in der Suppe gefunden htten. Sie spaen. Aber merken Sie sich, ein Gespenst ist ein Gespenst. Sehr wahr. Aber wie, wenn man berhaupt nicht an Gespenster glaubt? Ja meinen Sie denn, ich glaube an Gespenster? Was hilft mir aber dieses Nichtglauben? Sehr einfach. Sie mssen eben keine Angst mehr haben, wenn ein Gespenst wirklich zu Ihnen kommt. Ja, aber das ist doch die nebenschliche Angst. Die eigentliche Angst ist die Angst vor der Ursache der Erscheinung. Und diese Angst bleibt. Die habe ich geradezu groartig in mir. Ich fing vor Nervositt an, alle meine Taschen zu durchsuchen. Da Sie aber vor der Erscheinung selbst keine Angst hatten, htten Sie sie doch ruhig nach ihrer Ursache fragen knnen! Sie haben offenbar noch nie mit Gespenstern gesprochen. Aus denen kann man ja niemals eine klare Auskunft bekommen. Das ist ein Hinundher. Diese Gespenster scheinen ber ihre Existenz mehr im Zweifel zu sein, als wir, was brigens bei ihrer Hinflligkeit kein Wunder ist. Ich habe aber gehrt, da man sie auffttern kann. Da sind Sie gut berichtet. Das kann man. Aber wer wird das machen? Warum nicht? Wenn es ein weibliches Gespenst ist z. B. sagte er und schwang sich auf die obere Stufe. Ach so, sagte ich, aber selbst dann steht es nicht dafr. Ich besann mich. Mein Bekannter war schon so hoch, da er sich, um mich zu sehen, unter einer Wlbung des Treppenhauses vorbeugen mute. Aber trotzdem, rief ich, wenn Sie mir dort oben mein Gespenst wegnehmen, dann ist es zwischen uns aus, fr immer. Aber das war ja nur Spaß«, sagte er und zog den Kopf zurck. Dann ist es gut, sagte ich und htte jetzt eigentlich ruhig spazieren gehen knnen. Aber weil ich mich gar so verlassen fhlte, ging ich lieber hinauf und legte mich schlafen. End of the Project Gutenberg EBook of Betrachtung, by Franz Kafka License: Share Alike