Produced by Jens Sadowski Ingeborg Roman von Bernhard Kellermann Sechste Auflage S. Fischer, Verlag, Berlin 1907 Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten. Published, February 6, 1906. Privilege of copyright in the United States reserved under the act approved March 3, 1905, by S. Fischer, Verlag, Berlin. 1 Nun wohne ich in einer Htte, die inmitten der weiten Steppe steht. Ich lebe gerne hier, es ist so weit und so still. Niemand kennt mich, niemand kommt zu mir, ich bin ganz allein. Ich kann tun und lassen, was ich will. Ich habe keine Langeweile, meine Tage vergehen. Wie die Wolken ber den weiten Himmel streichen, so streichen die Stunden ber mich hinweg. Ich bin zufrieden. Zuweilen denke ich noch an das Mdchen aus dem Walde. Ich habe sie noch nicht vergessen, nein. Es ist ja nicht mehr wie frher, da ich keine Nelke am Wege sehen konnte und kein Fleckchen blauen Himmels, ohne zu denken: she sie es doch, she sie doch diese Nelke, dieses blaue Fleckchen! so ist es ja nicht mehr, aber doch denke ich zuweilen noch an sie. Sie war . . . Schmuck der Welt nannte ich sie und Liebling Gottes. Ich gab ihr viele, viele Namen. Den richtigen fand ich nicht. Mge es ihr wohl ergehen. Es gab einen Sommer in meinem Leben, da ich mich am liebsten gekleidet htte wie ein Grieche, wehende Haare, Rosen in den Haaren, eine goldene Leier in den Hnden. Diesen Sommer gab es. Er ist lngst vergangen. Sie schenkte ihn mir. Mge es ihr wohl ergehen! * * * * * Sie kam aus dem Walde, da wo er ganz hoch und nchtig ist. Sie war blond. Golden kam sie aus dem schwarzen Walde, das dachte ich oft. Sie ging durch den Wald und sang, sie ging durch das Feld und sang, sie sang Tag und Nacht. Es klang immer, wo sie ging. Sie schwebte von einer Stelle zur andern, wie ein Falter, sie kte Blumen und Bume, sie sah Augen in den Wipfeln der Bume. Sie glaubte an Gnome und Waldwichte . . . An einem Morgen im zarten Frhling, da kam sie angestiegen. Ganz pltzlich tauchte sie vor mir auf. Ich sa auf der Treppe meines Hauses im Bergwalde und sonnte mich. Wir wechselten einige Worte. Ich habe sie noch im Gedchtnis. Es fiel mir auf, wie schwebend ihre Stimme klang. Sie sang zur Hlfte, und sie hatte die Gewohnheit den Kopf dabei zur Seite zu neigen. Sie konnte auch keinen Augenblick ruhig stehen. Damals sah sie na aus wie ein Baum am Morgen. Ihr Kleid war durchnt, ihre Schuhe, die Haare waren zerweicht und hingen ber Schlfen und Wangen. Sie hatte Tau auf den Lippen und Lidern. Tau und Sonnentropfen. Es ist heute so na im Walde! sagte sie, und es rieselte ber ihre Wangen. Sie lachte. Sie sitzen vor Ihrem Hause, Frst, wie ein Dachs vor seinem Bau. Wo waren Sie den langen Winter ber? Zu Hause, Komtesse. Sie lachte. Sie nennen mich immer Komtesse, ich bin aber gar nicht Graf Flggens Tochter. Sie sei nicht Graf Flggens Tochter? Papa nennt mich so, aber er ist nicht mein Vater. Haha, wie sagte ich? Sie lachte und blickte mich von der Seite an. Nein, er hat mich erzogen, Graf Flggen, seit dem achten Jahre. Und sie erzhlte, da sie Ingeborg Giselher heie und ihr Vater ein Holzfller sei, im Revier Otternbrcklein. Er habe viele Kinder, er vermisse sie nicht. Wenn er das Brot ber dem Tische schneide, so sperrten sich so viele Mulchen auf, wie wenn man Weibrot in einen Karpfenteich wirft. -- wie wenn man Weibrot in einen Karpfenteich wirft, so viele Mulchen, sagte sie und lachte. Sie sprach noch einige Worte, dann ging sie. Ich danke fr den Besuch, Frulein Giselher! sagte ich. O, bitte, erwiderte sie und lchelte ber die Schulter zurck. Es war ja kein Besuch, ich kam ganz zufllig vorber. Adieu, Frst! Sie steuerte durch die Wiese, sprang ber den Graben und verschwand im Walde. Ich blickte ihr nach. Wie durchnt sie war, dachte ich, wie es ber ihre Wangen rieselte! Und ich dachte, wie war das mit dem Karpfenteiche? Wie kann ein Mensch nur auf diesen Einfall kommen? Ich lchelte. 2 Dies war unser erstes Gesprch. Dann sah ich sie lange Zeit nicht mehr, die Tochter des Holzfllers aus dem Walde. Ich lebte ruhig in meinem Hause im Bergwalde und es war Frhling. Hier und da kam sie mir in den Sinn: es rieselte so ber ihre Wangen! Und als einmal meine Blicke auf die Trkise eines Schmuckes fielen, schwebten ihre Augen vor mir. Sie waren wie betaute Trkise. Ich dachte nicht mehr an sie. Ich lebte ruhig fr mich in meinem Hause, ich streifte in den Wldern umher. Ich denke an dieses Haus und ein leiser Schmerz erfat mich. Es war ein totes Ding, gewi, aber doch kam es mir beseelt vor. Ich sah es im Schnee, im Gewitter, in der heien Sonne, immer sah es gleichmig ruhig aus. Es kam mir so tapfer vor. Nun steht es nicht mehr. Wie eine Wunde wird es wohl aussehen im Bergwalde. Ich selbst habe dem Bergwalde diese Wunde geschlagen. In einer Nacht -- Aber ich habe es nicht vergessen, es steht immer vor meinen Blicken. Es ist ein altes Jagdschlo, es sieht aus wie die Arche Noahs und ist ockergelb gestrichen. In der Sonne kann es wie golden durch die hohen Kastanien schimmern, es kann glhendrote Wangen bekommen gegen Abend, so sieht es aus. Im Innern ist es khl und still, die Gnge mit den vielen Tren sind schneewei. Oft wandere ich in Gedanken noch durch diese schneeweien Gnge, diese groen, khlen Zimmer. Ich gehe hin und her, ffne die Tren, schliee sie. Ich blicke zum Fenster hinaus. Ich trete ein in die weien Zimmer, begre sie mit einer Verneigung, lausche und lchle. Ich wische mit dem Finger den Staub von dem Schreibtische mit dem sonderbaren Lschblatt. Alles in Gedanken. Ich ffne die schwere Haustre und trete auf die Treppe. Ich stehe in einer schattigen Laube, die von den Wipfeln der Kastanien gebildet wird. Dicht vor mir liegt eine kleine Wiese, dann beginnt der Wald. Ich wende den Kopf nach links, nach rechts, Wald, Wald, Wald, soweit ich sehen kann, Wald und Hgelland. Die Bergstrae schlngelt sich an der kleinen Wiese entlang, dann strzt sie sich ins Tal hinunter, sie bohrt sich in die Wlder hinein. Tief unten liegt das Tal, klein, schmal, ein feines Band zieht durch den Grund, darauf zappelt zuweilen etwas, das ist ein Wagen. Ich blicke ber das Tal, mein Blick fllt auf die Spitze eines Turmes, die, nicht grer als ein Bleistift, aus dem Walde drben ragt. Das ist Rote Buche und hinter dem Berge liegt Hohe Fichte. Doch das sieht man nicht. Nun ist mir nur noch das Jagdschlo geblieben, aber es gengt mir vollauf. So oft ich die Turmspitze wahrnehme, lchle ich. Angenehme Erinnerungen! -- Dieser Frhling war schner als jeder andere, den ich erlebte. Er hatte eine eigentmliche Luft, sie zitterte nicht, sie regte sich nicht, sie lag wie ein einziger, groer Tautropfen auf dem Tale, klar und durchsichtig war sie. Sie besa auch einen eigentmlichen Geschmack, ich versprte ihn, so oft ich sie einatmete. Noch schmeckte sie nach Eis und schon schmeckte sie nach Honig. Ich hatte keine Mue an das Mdchen zu denken, das eines Morgens angestiegen kam, als ich auf der Treppe sa und mich sonnte. Nein. Mein Herz war erfllt von den kleinen Wundern um mich her. Ich ging herum und besah mir meine Herrlichkeiten. Ich sah dem Frhling in die schimmernden Augen. Im Februar hatte ich schon nach den Spionen des Frhlings gefahndet. Ich schlte stchen ab, nein, es war noch nichts. Am vierzehnten Februar wlzte ich einen Stein vom Platze, und siehe da, ein kleiner schwarzer Kfer war darunter und bleiche Keime. Da es der vierzehnte Februar war, wei ich, weil ich an diesem Tage einen Brief von Freund Bluthaupt, dem Dichter, erhielt. Dann kam der Sdwind, mitten in der Nacht, und ich erwachte augenblicklich und lachte laut heraus vor Vergngen. Das war ein Hallo im Walde, die Bume schttelten den Schlaf von sich und taten laut. Seitdem war ich auf dem Posten. Der Frhling kam aus der feuchten Erde, aus der Luft, er kam von berall her. Ich stand und lauschte: es rieselte und gluckste berall. Es war wie ein verstecktes Lachen unter dem faulenden Laube, man wute, da da drunten Dinge vor sich gingen. Es roch so wunderbar nach Erde und Wurzeln. Das Wasser der Bche vernderte seinen Geschmack. Und -- ah! -- es schoben sich grne Spitzen durch die Laubdecke. Was fr ein Grn war es doch! Ich hatte ja ganz vergessen, da es dieses Grn gab. Feuchtigkeit schlug aus den Buchenstmmen, berall regte es sich, eine stille Ergriffenheit lag auf allen Dingen. Ich entdeckte die erste Anemone. Siehst du, Pazzo? sagte ich zu meinem Hunde, und Pazzo betrachtete aufmerksam die Blume und seine Augen glnzten. Dann ging es im Sturmschritt vorwrts, der Frhling fackelte nicht lange. Es grnte, es knospete. Allerlei billiges, wildes Kraut wuchs zuerst, dann kletterte das Grn in die Hhe, in die Strucher und schlielich bis in die obersten stchen der Buchen. Die Knospen der Kastanien tropften, Zge schneller Vgel glitten hoch am Himmel ber das Tal, ein Fink zog ein im Buchenwalde, und eines Tages schaukelte ein weier Schmetterling ber die Wiese! Hoho! rief ich und lachte. Nun war der Frhling da. Ich hatte gesehen, wie er einzog, und doch schien es mir jeden Morgen, wenn ich aus dem Fenster blickte und all das, all das sah, als sei er ber Nacht gekommen. Ich schttelte den Kopf, ich konnte es nicht fassen. Die Erde erfate ein Rausch, ein Taumel, sie lachte. Eines Tages nun, da blhten die Apfelbume an der Bergstrae . . . Sie marschierten die Strae hinab und ich begriff nicht, warum sie nicht auch noch sangen und sich schwenkten wie Fahnen. Das schnste, was ich besa, das war ein kleiner blhender Apfelbaum. Der stand an der Parkmauer, und ich verliebte mich jedes Frhjahr in ihn. Als ich ihn zum ersten Mal ansah, zog es leicht an meinem Herzen und mein Atem setzte eine Weile aus. Er war schn und klein, lieblich, wie eine geschmckte kleine Prinzessin sah er aus, wei in wei, eine kleine schlanke Prinzessin, auf die alle Augen gerichtet sind und die nicht wei, wie schn sie ist, und da alle Leute nichts tun als an sie denken Tag und Nacht. Ich war glcklich und blickte in mein Herz. Da war nichts als Freude und Verwunderung. Hufig setzte ich mich ins Gras und besah mir eine Stelle, nicht grer als die Hand. Das schwebte! Das war so kunstvoll und mannigfaltig. Ich sah mir diese handgroe Stelle an und schttelte den Kopf, und ich begriff nichts, und eine eigentmliche Rhrung zog durch meinen ganzen Krper, von den Zehen bis zum Kopfe. Groer Gott, wie hast du das ersinnen knnen? -- Und Gott lchelte aus dem kleinsten Halme. Es war alles so wunderbar, und ich lauschte auf meine Atemzge. So wunderbar waren meine Atemzge. Ich lebte. So wunderbar war dies. Ich ging in den Wald und sang, um nicht weinen zu mssen. Das war der Frhling. Zuweilen kam der Frhling auch des Nachts zu mir, in meine Trume, und ich lachte viel im Traume. Verliebte und kuriose Abenteuer erlebte ich da. Das war der Frhling, natrlich. Sicherlich war der Frhling auch schuld daran, da ich mich in die rothaarige Liselotte, eine geborene Weikersbach, verliebte. Sie war lngst tot, sie lag drunten in der Dorfkirche, aber ihr Bild hing in meinem Zimmer. Sie blickte mir nach, wohin ich auch ging. Sie lchelte. Sie hatte viele Sommersprossen und eine blulichweie Haut. Im Traume kte ich sie oft. Komme, Axel, rief sie, er ist in die Stadt gefahren, um einen Schmuck fr mich zu kaufen. Am Morgen darauf lchelte sie. Der Frhling hatte mir sein ses Gift in die Adern eingespritzt, das war es. Oft stand ich lange Zeit am Waldesrande und blickte auf das Haus und dachte: Kommt Liselotte heraus im Reifrock und ihr Gemahl mit Percke und Schnallenschuhen? Und ich wartete, obschon ich wute, da Liselotte und ihr Gemahl lngst tot waren. Auch das kam wohl vom Frhling, da ich wartete auf das Unmgliche. Die Luft war es, die alles zum Mrchen werden lie! Mir kam es vor als blickte ich in ein wunderliches Bilderbuch mit sonderbaren Figuren, und unter einer stnde: das ist Axel. -- -- -- -- -- -- -- -- -- In einer Nacht erwachte ich mit dem Gefhle des Glckes: Eine Stimme sang im Walde. Ich richtete mich auf und lauschte. Es war ganz schwarz um mich, Sternchen flimmerten in der Dunkelheit. Es sang. Die Stimme schwebte in der Nacht. Wachte ich? Trumte ich? Die Stimme entfernte sich und schwieg pltzlich. Es war eine Stunde nach Mitternacht, das Sternbild des Orion sank in den Wald. Ich setzte mich im Hemde auf das Fenstergesims. Mitternachtsluft. 3 Einige Tage darauf traf ich Ingeborg wieder. Ich ging mit Pazzo durch den Wald. Es war in einem Laubgange, der sich schnurgerade durch den Buchenwald zog. Sie kam langsam des Weges daher, sie schlenkerte die Arme und blickte nach rechts und links in den Wald hinein, als suche sie etwas. Wie neulich war sie ohne Hut und durchnt vom Tau. Sie trug etwas wie ein Krnzchen in der Hand. Sie sang halblaut, und erst als wir uns ganz nahe waren, schwieg sie still. Sie sah schn aus, wie sie durch den Laubgang wandelte. Der Laubgang war mit grnem Lichte angefllt und so khl und feierlich wie nur die Klostergnge sind, durch deren Bogenfenster die Morgensonne flutet. In all dem grnen Lichte, in der Feierlichkeit wandelte sie, fast durchscheinend, gewebt aus Wei, Wei, etwas Gold und Rot. Guten Morgen! rief sie und ihre Augen strahlten. Ich gab ihr die Hand. Ihre Hand war eisigkalt und ganz blau gefroren. Es war khl. Auch ihr Gesicht war blau gefroren, schmal, und ihre Nase erschien spitzig und klein. Ein feiner Ri lief ber ihre Wange. Heute ist es frisch, Frst! sagte sie und schttelte sich. Ich bin seit fnf Uhr unterwegs. Man mu jetzt zeitig aufstehen, der Tag ist noch so kurz. Ich fragte sie, ob sie wohl den ganzen Tag spazieren ginge und snge? Ja! erwiderte sie und lchelte und blickte mir in die Augen. Dieses Lcheln verwirrte mich. Gewi lchelte sie ber mein grnes Htchen, die hohen Stiefel, oder ber meinen gestutzten Schnurrbart. Man sah ihre oberen Zhne, wenn sie lchelte. Sie standen etwas vor. Wohin sie gehe? Sie beschrieb einen weiten Bogen mit der Hand und zuckte die Achseln. Ich wei es nicht. Zuerst gehe ich da hinunter! Sie deutete in die Richtung, aus der ich gekommen war. Pazzo drehte den Kopf und blickte dem Finger nach. Dort sei ein kleiner Bach, sie wolle sich umsehen, was er treibe. Ich lchelte. Es freue mich, da sie die Wlder von Edelhof liebe, sagte ich. Darauf achtete sie nicht. Sie blickte zu Boden und sah Pazzo aufmerksam an. Sie war um einen Kopf kleiner als ich, ich sah ihren schnen Scheitel. Schnurgerade war er. Mein Blick fiel auf ein goldenes Medaillon, das sie um den nackten Hals trug. Sie schttelte den Kopf. Wie klug Ihr Hund blickt, Frst! sagte sie voller Verwunderung. Er hat Augen wie ein Mensch. Pazzos Augen glnzten wie nasse Kastanien, er lie die Zunge aus dem Maule hngen und atmete aufgeregt. Er ist schn. Wie heit er? Pazzo. Pazzo sprang steif auf die Beine und blickte von einem zum andern. Ingeborg kauerte sich nieder und sagte: Nun komm mal, schner Pazzo! Und sie legte Pazzo das Krnzchen aus Anemonen um den Hals, das sie in der Hand trug. Pazzo klffte vor Vergngen und sprang hoch in die Luft. Ingeborg lachte, sie stand auf. Sie blickte mich an. Wird er zur Jagd verwendet? fragte sie pltzlich voller Hast. Er sei ein Jagdhund. O! -- Ja, er hat Zhne spitz wie Dornen. Ich hasse Jagdhunde und Jger! sagte sie und sie wurde ganz rot im Gesicht. Adieu, Frst! sagte sie kurz. Adieu, Frulein Giselher. Aber Ingeborg ging nicht sogleich, sie wandte sich zurck. Sie sagten vorhin, es freue Sie, da ich die Wlder von Edelhof liebe. Weshalb sagten Sie dies? Ich lchelte, zog die kurze Pfeife aus der Tasche und steckte sie in Brand. Ich blinzelte durch den Rauch, wartete noch ein Weilchen, dann antwortete ich: So? Habe ich das gesagt? Nun das war albern, Sie haben recht. Jeder Gutsbesitzer htte so etwas sagen knnen, der sich auf seine Wlder etwas einbildet. Ingeborg sah mich prfend an. Es habe so geklungen -- Adieu, Frst! Adieu, Frulein Giselher! Im Walde rief ein Kuckuck. Ich ging meines Weges und lchelte in mich hinein. Der Laubgang war zwei Wegstunden von Ingeborgs Behausung entfernt, ich aber konnte ihn in zehn Minuten erreichen. -- Ich ging hin und her. Es war ein schner Morgen. Tief drinnen im Walde wurde Pazzo unruhig und blickte ins Dickicht. Ich sah einen Mann durch das Dickicht eilen, der den Hut in der Hand hielt. Er trat auf den Weg heraus, schwang den Hut und tat, als ginge er spazieren. Es war ein schlanker, junger Mann mit samtschwarzen Haaren und einem bleichen Gesichte. Von weitem schon fielen mir seine Hnde auf. Sie waren lang, blulichwei und feingegliedert. Es waren grausame Hnde, die eine groe Macht in sich trugen. An diesen Hnden erkannte ich den jungen Mann. Es war Harry Usedom, der Geiger. Ich hatte ihn gute sechs Jahre nicht mehr gesehen, damals war er fast noch ein Knabe und ganz aus Samt, Samt sein Anzug, seine Haare, seine Augen und sein Gesicht. Auch sein Spiel war Samt, violetter seidenweicher Samt war sein Spiel, mit einem Orchideengeruch. Ich verstand, natrlich. Jetzt begriff ich alles. Harry Usedom? sagte ich. Er hatte wohl an mir vorbergehen wollen, denn er heftete die Blicke zu Boden. Er wute nicht, da ich ihm eine groe Freude machen wollte. Er wandte mir seine groen Augen zu, die wie Veilchen aussahen, und lchelte mde. Er hatte einen groen Mund, Ekel und Snden. Aber er war schn. Wie eine bleiche Frau sah Harry Usedom aus mit schmalem, schlankem Kopfe. Wir begrten uns und sprachen dies und jenes. Viele Gre an Ihren Vater, sagte ich, ist er noch leidend? Ja. Harry Usedom hatte nicht Lust viel zu sprechen. Ich lchelte, es sei mir eine Freude, ihn getroffen zu haben. Oft vergingen Tage und ich trfe keinen Menschen im Walde, heute habe ich schon zwei getroffen, ihn und vor kurzer Zeit eine junge Dame im Buchengang. Nun also, auf Wiedersehen! Harry Usedom verbeugte sich und errtete. Er ging, ich stellte mich hinter einen Baum und blickte ihm nach. Er hielt den Kopf gesenkt, schwang den Hut, wie vorhin, und gab sich den Anschein, als setze er in aller Ruhe seine Promenade fort. Aber ich bemerkte wohl, da er bernatrlich groe Schritte machte. Ich lachte. Ich, Axel, der Patron der Liebenden! Einen Heiligenschein um den Kopf, Liebestrnke in der Flasche! Ich wnschte den beiden Glck. Es ist Frhling und Gott will, da sich die roten Mnder finden! 4 Man soll die Tage, die ohne Wunsch sind, die wunschlosen Tage soll man preisen und besingen. Sie sind wie ein stiller, stillschaffender Sommer im Herzen, berwuchern alles, lassen Rosenhecken auf Grbern wachsen, sie sind stille Fruchtbarkeit und machen reich, und der Reiche ist gerecht. Darum soll man die wunschlosen Tage loben! Man soll die Tage der heien lodernden Wnsche loben, auch sie! Sie sind wie Sensenhiebe in schlfriges Unkraut, sie tragen den Samen glnzender fremder Blten ins Herz, die Blut anstatt Honig haben und nach Mord und Vernichtung duften, sie sind wie ein schwarzes Wetter im schwlen Sommer, das Blitze st und morsche Bume fortlacht. Sie machen demtig und stolz, auch sie soll man loben. Man soll das Leben in jeder Form loben, den Mord und die Liebe, heilig sind Mord und Liebe. Meine wunschlosen Tage waren gekommen. Sie zogen still vorber wie Leute, die aus der Kirche kommen. Mit einem warmen, weichen Herzen ging ich einher und oft habe ich in mich hineingekichert, wenn ich allein war im Walde. Vor einigen Jahren war ich drauen in der weiten Welt. Ich tanzte. ber Menschen und heilige Bcher bin ich hinweggetanzt, gewi habe ich manches Unheil angerichtet, hier und da habe ich auch einer armen Seele eine kleine Freude bereitet. Nun lebte ich allein fr mich, ich brauchte niemand, ich war mir allein genug. Ich hatte nie Langeweile, nein, niemals. Tag und Nacht flogen vorbei, und von vielen wute ich nicht, wie sie vergingen. Es gab keine Uhren in meinem Hause, in meiner Tasche. Es gab ohnedies genug Uhren, die Sonne, das Laub der Bume, der Brunnen im Parke. Er rauschte am Tag anders als in der Nacht, um Mitternacht anders als gegen Morgen. Auch der Geruch des Waldes war eine Uhr. Auch die kleinen, kleinsten Gerusche, deren Ursache man nicht kennt, sie hatten ihre bestimmten Stunden. bergenug Uhren gab es ohnehin. Ich denke daran, wie diese Tage vergingen, da mein Herz ohne Wnsche war. Ich pfiff Pazzo, und wir streunten im Walde umher. Zuweilen zog ich die hohen Stiefel an und ging mit dem Gesinde auf die Felder. Ich schaufelte und harkte. Hinter dem Pfluge ging ich einher, scherzte und schnupfte und trank aus irdenen Krgen. Ich ging in die Bibliothek, zog ein Buch heraus und las. Ich fand einen berckenden Gedanken, erschrak ber seine Schnheit, seine Tiefe, stellte ihn mir vor, verfolgte ihn. Eine Krone diesem Mann! dachte ich, eine Krone und ein Kaiserreich. Es hat Kpfe in der Welt gegeben . . . Ich setzte mich ans Klavier und schlug eine Taste an und lie den Ton durch mein Blut rieseln. Lange Stunden konnte ich damit verbringen. Dieser Flgel war ein allwissendes, allempfindendes Wesen. Des Menschen wildes, zuckendes Herz war darin verborgen, sein ses Weinen und sein irrsinniges Lachen. Ich lauschte. Was ist das? dachte ich und erschrak. Und ich wagte es nicht, den folgenden Akkord anzuschlagen, ich wagte es nicht. Ich hatte soviel Schmerz in einem Auge gesehen und konnte dieses Auge nicht mehr vergessen. Es wurde dunkel, die Welt verlor die Farben, und in meinem Kopfe erwachten sie. Korallenwlder und ein Meer aus Regenbogen, Wnde von Katzenaugen und eine silberne Unendlichkeit. Kreisende Kometen an meinen Augendeckeln. Haha! Ich konnte mir die Welt nach Gutdnken und Belieben zeichnen und malen. Kohlschwarze Flsse, rote Himmel, grne Menschen, wie ich wollte. Das Unmgliche konnte ich vollbringen. Es ist schwer, den Teufel auf eine Nadelspitze zu setzen, aber ich konnte es, und ich konnte mich ergtzen an seinem jmmerlichen Gesichte, ich konnte Jehovah vorberwandeln lassen, die Sonne am Siegelring, ich konnte alles was ich wollte. So herrlich waren die Visionen hinter den geschlossenen Augenlidern, da ich mir zuweilen wnschte, blind zu sein. Blind, so unsinnig der Gedanke ist. Zum Beispiel, ja, gut, ich schliee die Augen und warte. Ich sehe eine bronzegrne Luft. Etwas Weies erscheint. Es ist der Leib eines Weibes, eines schlanken Mdchens. Das Mdchen richtet seine sanften, warmen Blicke auf mich, still und steif steht es, die Hnde leicht gegen die Brste gedrckt. Ich lasse sie nicht aus den Augen und warte. Da beginnen die Brste zu blhen, ihre Knospen springen auf und durchsichtige Blumenkelche wachsen heraus. Die Finger des Weibes blhen und kleine weie Blten liegen wie Milchtropfen auf ihnen. Feine Korallenstchen sind die Adern der Hnde und Arme. Die Lippen des Weibes blhen purpurrot, die Haare verwandeln sich in goldene Bltengehnge und fallen ber Schultern und Leib. Eine kristallhelle blaue Tulpe wchst aus der Stirne, aus den Knien wchst eine kristallhelle blaue Tulpe. Das Weib bewegt die Lippen und ffnet sie und flstert, ein winziger Schmetterling schwebt aus dem Munde, wieder einer, ein Schwarm in allen Farben, und sie umgaukeln das blhende Weib gleich fliegenden Blten. Das Weib schliet die Lider, da erscheinen in diamantener Schrift rtselhafte Zeichen auf den Lidern, das Weib ffnet die Augen und die Augen sind strahlend wei wie Lichter. Nun fangen auch die Wimpern zu blhen an . . . . . Manche Nacht habe ich mit solchen Trumen verbracht. Sollte ich Langeweile haben? Nein, meine Tage vergingen. -- Ich bekam eine Einladung zu einer Abendgesellschaft von Graf Flggen zugeschickt. Papa erwartet Sie bestimmt, stand darunter geschrieben. Soll er warten. Ich habe keine Zeit. Harry Usedom ging an meinem Hause vorber, in einen phantastischen Mantel eingehllt, es regnete. Er hatte es sehr eilig. Ich sa am Klavier und sah ihn die Strae heraufkommen. Ich hielt inne im Spiel. Denn gewi horchte er mit seinen feinen Ohren, er wollte mein Herz belauschen. Ein wunderlicher Gedanke war dies, aber er zwang mich innezuhalten. Viele Gre! dachte ich und lchelte. -- Ich erinnere mich so deutlich an die Nchte dieses Frhlings. Sie waren so wunderbar still, so still, da man auf die Stille horchen mute. Sie waren schwarz wie Samt mit vielen, vielen Sternen. Ich lag hufig vor meinem Hause im Grase und sah in die Sterne empor. Ein herber Duft fiel aus den Kastanien. Sie standen in Blte, wie groe Christbume sahen sie aus und ihre Kerzen erschienen wiederum wie Christbumchen, ganz aus Licht. Ich roch Wiesensalbei und Waldmeister. Da lag ich, auf dem Rcken, und sah in den Himmel hinein. Das Hirn Gottes mit seinen Gedanken? Sah ich in Gottes Hirn hinein und sah seine Gedanken brennen? Die Sterne blickten mich an und es rieselte durch meinen Leib. Soll ich in die Knie sinken? dachte ich. Und ich wnschte ein Pfeil zu sein, hineingeschossen zu werden in den Himmel, und eine Sekunde da droben stille zu stehen und mich zu drehen und umzublicken, bevor ich wieder zur Erde fiel. Und ich sah solange in die Sterne hinein, bis sie auf mich heruntertropften, und ich zusammenschrak. Ein Hirn voller Sterne trug ich ins Haus und dann trumte ich, da ich im Grase lge und in die Sterne blickte. Ich war reich und glcklich. Meine wunschlosen Tage waren dies. Die Abendgesellschaft bei Graf Flggen fand an einem Sonntage statt. Am Nachmittage jenes Sonntags fuhr Ingeborg im offenen Jagdwagen am Schlosse vorber. Sie kutschierte selbst, knallte mit der Peitsche und nickte zu mir herauf. Es war ganz eigentmlich. Ich trumte zuerst von ihr. Da stand ich im Hofe, in Hemdrmeln und schraubte an einem Pfluge, an dem einige Schrauben locker geworden waren. Der Hof lag zwischen dem Schlosse und den Wirtschaftsgebuden und hatte ein breites Tor zur Bergstrae. Es war Sonntag, alles ruhig und leer. Die Sonne schien, so da die Pflugschar gleite und mir zuweilen in die Augen schnitt. Pazzo lag in der Sonne, die Fe steif von sich gestreckt, wei und blau sah er aus, er warf einen hellblauen schmalen Schatten, der jedes abstehende Hrchen wiedergab. Er blinzelte und schien zu lcheln, weil ich mich ungeschickt anstellte. Und wenn ich ihn anblickte, so schlug er mit dem Schwanz auf den Boden, als wolle er sich fr dieses Lcheln entschuldigen und mich milde stimmen. Unvermittelt mute ich an Ingeborg denken. Gewi, dachte ich, hat sie dies vom Weibrot und dem Karpfenteich irgendwo gelesen. Oder wenigstens schon oft gesagt und nicht erst in jenem Augenblicke erfunden. Nein, sicher hat sie es gelesen. Kam es mir nicht gleich bekannt vor? Ich werde sie fragen. Haha, werde ich zu ihr sagen, Frulein Giselher, diese Geschichte vom Weibrot und dem Karpfenteich habe ich nun in einem Buche entdeckt. Was sagen Sie dazu? Gewi wird sie dann nicht leugnen. Ich werde ihr sagen, da ich mich freuen wrde, sie fters zu sehen. Ich habe vier junge Fchse, kleine drollige Spitzbuben -- die Knechte nahmen einen Bau aus -- kommen Sie und schauen Sie sich diese Fchse an, Frulein Giselher. Der Schwei rann mir ber das Gesicht und tropfte auf meine Hand, die schon schmutzig und fettig geworden war. Das Gewinde der Schraube schien verdorben zu sein. Alles Ernstes, ich wrde ein langes Gesprch mit ihr fhren! Frulein Giselher, so wrde ich beginnen, ich habe lange Jahre auf Sie gewartet, ohne es zu wissen. Hahaha! Weshalb sie nun lache? -- Ohne es selbst zu wissen auf Sie gewartet. Sehnsucht und Trume viele Jahre. Ich strecke meine Arme des Nachts zum Fenster hinaus, um einen Nacken zu umschlingen -- niemand ist da. Es pocht an meine Tre. Herein! rufe ich und erschrecke, denn endlich kommt sie. Aber niemand ist da. Nun aber -- -- Hahaha! Ja, das sind lauter Lgen, gewi Frulein Giselher. Ich liebe es zu lgen und ich habe ein groes Geschick dazu. Die Kinder und ich, was lgen wir doch zusammen! Aber eines sage ich Ihnen -- Sie kennen mich nicht, meine Freundin. Nein. Ich rauche meine Pfeife und lchle vor mich hin, niemand wei, was ich denke. Niemand wei, was ich zuweilen denke, wenn der Wald wehklagt. Wre es nicht mglich, da ich ein Herz htte? Ich sehe die Leute an und denke: sie kennen dich nicht und das stimmt mich heiter. Da hob Pazzo den Kopf und zuckte mit den Ohren. Ein Wagen rasselte die Strae herauf und flog am offenen Tor vorber. Ingeborg kutschierte. Niemand sa sonst im Wagen, den zwei glnzende Fchse zogen. Ich grte, und Ingeborg neigte den Kopf, khl und zurckhaltend, als kenne sie mich gar nicht. Mute ich aber auch gerade in Hemdrmeln im Hofe stehen. In Hemdrmeln, hohen Stiefeln, und dazu hatte ich schmutzige aufgequollene Hnde. Ich hatte kein Glck . . . Da empfand ich, da ich trumte, und ich erwachte! Es knatterte in der Ferne. Es klang, als wrden Nsse aus einem Sack auf die Erde geschttet und zerschlagen. Ich lag in meinem Zimmer. Was trumte ich doch! dachte ich. Das Knattern aber verstrkte sich, und nun hrte ich, da ein Wagen die Strae herauf kam. Die Pferde muten scharf in den Boden einschlagen, da die Strae steil anstieg. Ingeborg flog in einem Jagdwagen heran. Hinter ihr sa steif, die Arme verschrnkt, ein Lakai. Ingeborg hielt die Zgel und knallte mit der Peitsche. Sie blickte an den Fenstern entlang und lchelte, als sie mich gewahrte. Die Peitsche knallte, so da es klang wie feine Schsse. Ich verneigte mich und lchelte. Ich dachte an den sonderbaren Traum. Aber am Abend blieb ich zu Hause. Ich hatte keine Lust, unter Menschen zu gehen. Dieser Abend war ein einziger, schner Traum und ich schlief erst ein, als die Hhne krhten. Ich dachte an Liselotte. * * * * * Rothaarige Liselotte, geborene Weikersbach, was ist mit uns beiden? Wir sehen uns an, lcheln, haben verborgene dunkle Snde in den Augen. Was wird wohl dein Ehegemahl sagen? Ich ging hinunter in die Dorfkirche von Hohenficht und besah mir Liselottes Epitaphium. Ich las die wenigen Daten, las den Namen, Liselotte, geborene Weikersbach, und ward traurig und dunkel in der Seele. Liselotte, dich wrde ich lieben, wenn du lebtest! Ja, das wei ich! Wunderbare Abenteuer habe ich mit Liselotte erlebt. Sie gben ein dickes Buch, wollte ich sie aufschreiben. Ein Buch, ber das man viel lachen mte. Alle meine Abenteuer mit Liselotte sind heiterer Natur. -- Habe ich giftige Beeren gegessen? 5 An einem regnerischen Nachmittage im Mai sa Liselotte in meinem Zimmer, als ich nach Hause kam. Ich war mit Pazzo im Walde gewesen. Es war nicht Liselotte, es war Ingeborg, Ingeborg Giselher, die schne Tochter des Holzfllers drinnen im schwarzen Hochwalde. Aber es war dmmerig in meinem Zimmer und auf den ersten Blick glaubte ich Liselotte, die Rothaarige, vor mir zu sehen. Und dann als ich lngst wute, da es Ingeborg Giselher war, die Goldblonde, nahm mein Besuch immer wieder Liselottes Bild an, und alles schwankte vor meinen Augen. Liselotte kam, um mit mir zu sprechen. Ja, nun sa sie da, wir kannten uns aus den Trumen, wir wuten viel von einander, wir zwei. Es war Ingeborg, natrlich, sie hatten gar keine hnlichkeit, Liselotte und die Tochter des Holzfllers, und doch war es schwer fr mich, Liselotte nicht zu sehen in Ingeborg, Liselotte nicht zu hren aus Ingeborgs Stimme. Die se Luft des Frhlings hatte mir den Sinn betubt. Den ganzen Tag ber hatte ich an Liselotte gedacht und mir zu erklren versucht, wie es kam, da ich sie lieben mute, obschon sie doch lngst tot war. Ich war die Nacht vorher vor ihrem Bilde gesessen, bis mir die Augen zufielen. Ingeborg kam, um mit mir zu sprechen. Sie schlug eine unangenehme Taste an. Gewi, es war nicht angenehm, diese Dinge zu hren. Zuerst sagte sie etwas von einer Jagd, und da sie Gre bringe, recht herzliche Gre von Graf Flggen. Sie mssen entschuldigen, da ich Sie in diesen hohen Stiefeln und der alten Joppe begre, Frulein Giselher, sagte ich, ich komme von der Jagd. Bitte, bitte! Ich bringe recht herzliche Gre von Papa. Er wollte Sie gerne einmal wieder bei sich sehen! Er wird Sie zur nchsten Jagd einladen. Dank und Gegengre. Wir sahen uns an, und ich ging ans Fenster, um mich mit den Vorhngen zu beschftigen. Ingeborg war geschmckt wie eine Prinzessin, sie sah aus wie eine Erscheinung aus den Bildern Botticellis. Sie trug einen weien breitrandigen Strohhut und ihre sorgfltig gelockten Haare hingen wie goldene Quasten ber die Wangen herab. Sie sah sich in meinem Zimmer um, das so gro war wie ein Saal, voll von Schrnkchen, Vasen, Bchern. Es war etwas in Unordnung. Sie wohnen wie ein Dichter! sagte sie lchelnd. Ich bin noch bei keinem Dichter gewesen, aber ich glaube, so wohnen sie, die Dichter. Ich hrte ihr zu. Liselotte? dachte ich. Liselottes Bild an der Wand begann zu lcheln. Wer diese Frau an der Wand dort sei? Liselotte, eine geborene Weikersbach, antwortete ich und mute lcheln. Eine schne und lebenslustige Dame, nicht? Ja. Dann blickte mich Ingeborg an und sagte: Ich habe Ihnen noch andere Gre zu bringen. Von Claire Davison. Sie ist gestorben, das wissen Sie? Gewiß«, sagte ich. Von Claire Davison? Ich war sehr berrascht. Sie ist sehr unglcklich gewesen. Wissen Sie, wie sie gestorben ist, Claire? Ingeborg sah mich an. Aber ich hatte mir nichts vorzuwerfen, ich konnte ganz ruhig bleiben. Sie hat mir sehr leid getan, sagte ich. Ich habe alles gehrt, es ist traurig. Sie war so schn und stolz. Das war sie, ja. Sie habe ihr einige Wochen vor ihrem Tode geschrieben, da sie mich gren solle, trfe sie mich irgendwo einmal. Vor einem Jahre etwa war das. Vor zwei Jahren sei Claire bei Graf Flggen zu Besuch gewesen, drei Monate, sie seien einigemal hier vorbeigefahren. Ob ich sie nicht gesehen htte? Nein. Ich sagte die Wahrheit. Ich danke Ihnen fr die Gre, Frulein Giselher. Damit war das unangenehme Gesprch beendet. Wir plauderten noch einiges. Vielleicht habe sie gehrt, ob der Geiger Harry Usedom nun Rote Buche gekauft habe oder nicht? Doch, Herr Usedom habe Rote Buche gekauft. Der alte Herr Usedom, wo lebt er gegenwrtig? Gegenwrtig lebe er auf Rote Buche bei seinem Sohne. Es wurde dunkel. Ingeborg erhob sich. Ich erbot mich, sie ein Stckchen zu begleiten, da es dunkel und strmisch sei. Bis zur Hhe nhme sie die Begleitung mit Freuden an, aber nur bis zur Hhe. Ich verstand, weshalb ich nur bis zur Hhe mitgehen sollte. Ein hastiger feuchter Wind blies aus dem Tale herauf und die Wlder schttelten sich. Zwischen den Bumen war es dunkel und der Wald roch nach Regen und Nacht. Wir sahen nahezu den Weg nicht. Pazzos weies Fell leuchtete, er schien abenteuerlich hohe Sprnge zu machen und jeden Augenblick seine Gestalt zu verndern. Ingeborg hielt mit beiden Hnden den Hut, und der Wind wehte ihr den Saum des Kleides um die Fe, so da sie kaum vorwrts kam. Haha, lachte sie. Welch ein Wind! Eine richtige Unterhaltung war nicht mglich und unsere Worte flogen vereinzelt und zerfetzt hin und her. Harry Usedom ist ein ganz auerordentlicher Geiger! schrie ich in den Wind hinein. Gewi ist er das, schrie Ingeborg zur Antwort. Er ist ein schner Mensch! Ja. Der Wind hielt inne, es wurde auffallend warm. Wir atmeten auf. Wissen Sie, da jene Liselotte, deren Bild Sie in meinem Zimmer sahen, im Schlosse umgeht? Man sagt es. Nachdem sie gestorben war, hat sie jede Nacht ihren Gemahl besucht. Er wurde immer bleicher und bleicher, war guter Dinge allezeit und starb acht Wochen nach Liselottes Tod. Erzhlte ich. Das sei sehr merkwrdig, sagte Ingeborg und blickte mich an und lchelte unmerklich. Sie lchelte genau wie Liselotte im Traume mich anlchelte, und ein leises Grauen rieselte ber meinen Rcken. Sagen Sie, begann sie, man hat mir viele Dinge von Ihnen erzhlt. Ist es wahr, da Sie buchstblich das Geld auf die Strae warfen? Sie ffneten das Fenster des Hotels und warfen das Geld auf die Strae. Ja, es war ein kleiner Scherz, es war auch nicht viel eigentlich. Ingeborg lchelte und schttelte den Kopf. Ich lachte, weil ich an die Balgerei vor meinem Fenster dachte und an meine lustigen Streiche. Der Wind setzte wieder ein und trieb uns den Berg hinauf, ber die Hhe fiel blasser Lichtschein. Der Mond kam herauf, in Wolken eingehllt, wie ein blindes Auge sah er aus. Alle Dinge warfen pltzlich blasse und wsserige Schatten, die Bume, wir beide, Pazzo. Ingeborgs Lockenbschel flatterten und ihre Kleider. Das ist die Hhe, sagte Ingeborg. Wir blieben stehen. Pazzo wartete abseits und begriff die Strung nicht. Sein Schatten sah aus wie die Silhouette eines hochbeinigen Fabelwesens. Ich nahm den Hut ab. Ich danke Ihnen! sagte Ingeborg. Ein eigentmliches demtiges Lcheln schimmerte in ihren Augen. Dank fr den Besuch, sagte ich, den Hut in der Hand haltend, vielleicht fhrt Sie der Weg wieder einmal an meinem Hause vorber, Frulein Giselher? Ingeborg lachte. Ja, es kann sein, da ich wieder einmal vorbeikomme, rief sie und blickte in den Mond, der hinter glnzenden Wolken zog. Bluliches Licht huschte ber ihr Gesicht, ihre Zhne und ihre Augen glnzten wie Email. Ingeborg blickte in den Mond, dann wandte sie mir den Blick zu und sie sagte unvermutet: Abscheulich mssen Sie gegen Claire gewesen sein, Frst! Ja, abscheulich! Sie sprach sehr schnell. Sie schttelte den Kopf und fuhr leise fort: Ich begreife Sie gar nicht! Nein! Ich bringe Ihnen Gre von ihr, von Claire, wir sprechen von ihrem Tode, und Sie verndern keine Miene und sagen, da Claire Ihnen sehr leid getan habe. Was ist das? Sehr leid hat sie Ihnen getan! Und Sie haben sie doch ermordet, ja, das haben Sie getan. Sie sah mir dicht in die Augen, aber ihr Blick war schchtern und demtig. Ihre Haare wehten. Wissen Sie, was mir Claire alles von Ihnen erzhlt hat? Nein, sie hat nicht oft von Ihnen gesprochen, das ist wahr. Sie sagte, Sie seien edel und gtig. Sie sagte, sie htte nicht mehr als hundert Worte mit Ihnen gewechselt. Sie haben es wohl gewut, Sie haben alles gewut, aber Sie waren doch abscheulich! Was htte Claire fr ein Wort von Ihnen gegeben? Wir fuhren zweimal an Ihrem Hause vorber, Claire wurde so wei wie Kreide. Nein, ich wei nicht, was zwischen Claire und Ihnen war, aber Sie waren nicht edel gegen sie. Sie htten bei Papa einen Besuch machen knnen, um Claire eine Freude zu bereiten, -- nichts taten Sie, gar nichts! Ich sah sie an und konnte nichts erwidern. Ich dachte an diese sonderbaren Menschen, an alles dachte ich und an nichts. Ingeborgs Antlitz war bleich, ihre Augen fllten sich mit dem Lichte des Mondes und wurden bleich. Auch ihre Stimme klang bleich. Frst, flsterte sie, wer sind Sie doch? Sie wissen nicht wer Sie sind, nein. Sie hielt inne. Sie lchelte und schttelte ganz unmerklich den Kopf. Nein, Sie wissen nicht, wer Sie sind! wiederholte sie noch leiser. Dann lachte sie, ganz kurz. Sie sah mich mit schwrmerischen Augen an und sagte: Ich liebe Sie nicht, nein, aber ich mu immerfort an Sie denken. Weshalb kamen Sie am Sonntag nicht? Ich schrieb noch eine Zeile unter die Einladung, ich dachte, Sie mten nun kommen. Aber dann bekam ich Angst und ich fuhr auf Umwegen an Edelhof vorber. Aber doch kamen Sie nicht. Ich habe gewartet und gewartet, ich sa auf der Treppe und der Wind blies. Herr Usedom war da, auch Harry Usedom, alle waren sie da. Ich sprach kein Wort. Was werden sie sich von mir denken? Das ist mir ganz gleichgltig. Harry Usedom sagte zu mir: Was haben Sie doch? Nichts, sagte ich. Ich sagte es sehr unhflich. Ich wartete auf Sie, auf Sie ganz allein! Es ist mir gleichgiltig, da ich unhflich gegen Harry Usedom war -- -- haha -- -- alles hat sich vor meinen Augen gedreht, dann lief ich bis zur Hhe, bis hieher und wartete. Sie kamen aber nicht! Ich wollte sprechen, aber Ingeborg lie es nicht zu. Es hilft nichts, da ich immer singe, fuhr sie fort, und das eigentmliche demtige Lcheln auf ihrem Antlitze irrte hin und her. Es hilft nichts mehr. Den ganzen Winter ber habe ich an etwas gedacht und wute nicht woran. Aber als es Frhling wurde, da fiel es mir ein. Ich bin zu Ihnen gegangen, was hat es mich gekostet? Das mit Claire ist ja gar nicht wahr, ach, es ist ja gar nicht wahr! Sie hat mir keine Gre aufgetragen. Ich habe eine schwere Schuld auf mich geladen. Du knntest ihm Gre bringen, schrieb Claire, aber dann sofort, ich dachte nur so, es war Scherz. Bringe ihm keine Gre, nein, nein. Claire wollte es nicht, sie schrieb ausdrcklich, da sie es nicht wollte, ich sage es Ihnen ganz der Wahrheit gem, aber ich habe es doch getan. Ich mute doch einen Vorwand haben. Ich wollte sie unterbrechen. Nein, nein, sagte sie, Sie haben mich freundlich empfangen. Sie taten nicht erstaunt. Sie lchelten auch nicht. Sie sagten, da ich entschuldigen solle -- ja wegen der alten Joppe und der Stiefel -- das war so gtig von Ihnen! Sie sind gtig, ich wei es, auch Claire sagte es, selbst sie. Ihre zwei Schlsser und sechs Drfer haben Sie weggegeben fr Almosen -- ich wei alles von Ihnen. Ich lchelte. Ich habe gespielt, sagte ich. Hahaha, lachte Ingeborg, jajaja -- -- sie sah mich an, lachte, dann senkte sie den Kopf. Frst, Frst, flsterte sie und schwieg. Ihre Haare wehten. Was sollte ich tun? Ich fand kein Wort, das gepat htte. Ich htte ihr ja gerne ein sanftes Wort gesagt, aber es fiel mir nichts ein. Was wollte sie doch von mir? Zuerst machte sie mir Vorwrfe wegen Claire und dann . . . Pltzlich stieg ein Lcheln in mein Gesicht. All das kam mir lcherlich vor. Diese Worte, diese vielen wirren Worte. Ich bin dieser Worte nicht wrdig, sagte ich. Ich lchle. Ja, sogar eitel machen mich diese Worte. Ingeborg zuckte zusammen und blickte mich erschrocken an. Ihre Lippen lchelten verzerrt und sie sagte ganz tonlos: Man hat mir viel von Ihnen erzhlt, Frst, dann dachte ich -- ich habe dann oft an Sie gedacht. Ich wrde Sie um etwas Liebe bitten, wenn es Wert htte, selbst das wrde ich tun. Ich habe keinen Stolz vor Ihnen. Aber ich glaube, Sie haben kein Herz. Ich erwiderte: Ich lebe fr mich, ich bin mde, ich kann Ihnen nicht sagen wie es kam. Das bleiche Mdchengesicht nickte traurig. Sie knnen also nicht mehr lieben? sagte sie. Wie lcherlich klang das. Nein, entgegnete ich, ich wei nicht wie es kommt. Ingeborg wandte sich ab und ging mit zgernden Schritten davon. Alles flatterte an ihr. Frulein Giselher, sagte ich, ich wollte Sie mit keinem Worte verletzen. Ich gab mir Mhe aufrichtig zu sein. Ich habe mich gefreut, da Sie heute zu mir kamen. Ingeborg ging. Ihre weie Gestalt glitt still in die Dmmerung hinein, sie wurde dster, grau, dann sah ich sie nicht mehr. Ich rief dem Hunde und stieg die Strae hinab. 6 Ich stieg den Berg hinab. Sobald der Wind aussetzte, steckte ich meine Pfeife in Brand. Ich schttelte den Kopf und lachte. Gott verzeihe mir, da ich lachte, aber das Erlebnis da droben auf der Hhe stimmte mich heiter. Wie das Lcheln auf ihrem Antlitze hin und her irrte, wie ihre Worte flackerten! Und das alles meinetwegen, war es mglich? Freude und Stolz schwellten mir die Brust. Ich stieg den Berg hinab und watete in den Wind hinein. Pazzo zerschnitt den Wind mit seiner spitzigen Brust. ber den schwarzen Himmel zogen Herden von Lmmerwlkchen, die sich alle zum Monde begaben, Licht zu trinken. Sie schimmerten vergngt, sie schienen sich zu tummeln und aneinander zu reiben. Der Wald wogte. Der Wind suchte sich seine Bume aus und schttelte sie, da sie mit den Spitzen den Boden berhrten. Die Funken stoben aus meiner Pfeife, und jedesmal schien es mir, als she ich mein frhliches Gesicht. Ingeborgs Worte, diese hastigen wirren Worte, zogen hin und her in meinem Kopfe. Sie stand vor mir, ihre Haare wehten, ihr Gesicht war bleich und voller Demut. Schn, rhrend sah sie aus, und wie ihre Augen strahlten! Bei Gott, ich sah jetzt noch ihren Schein! Ich schttelte den Kopf. So sonderbar ist der Mensch, da er sich vor einem Fremden zu Boden wirft und sich demtigt, wenn seine Zeit gekommen ist. Ich dachte an das junge Mdchen und seine weichen zitternden Worte und war ergriffen. Es war der Frhling, ja, sie konnte nichts dagegen machen. Nun war es Gottes Wille, da sie sich an mich wendete, der gerade seine wunschlosen Tage hatte, der mde war, zu mde fr die Liebe, die ihren ganzen Mann erfordert, viel zu mde. Es hat Zeiten gegeben, da der Blick eines Dienstmdchens wie Feuer in meinen Adern lief, und ich lange Nchte an diesen armseligen heien Blick denken mute -- nun aber waren die wunschlosen Tage des trumenden Blutes gekommen. Ich blieb stehen, blickte in die ziehenden Wlkchen empor, und Mitleid fr die gedemtigte Seele erfate mich. Ich wollte ihr nacheilen und mit ihr sprechen. Dank, Dank, wollte ich sagen. Ich kann Sie nicht lieben, Frulein Ingeborg, ich habe meine wunschlosen Tage, aber Dank fr Ihre Liebe. Wenn Sie wollen, kommen Sie zu mir, Tage und Nchte will ich mit Ihnen plaudern, ich will Ihr Freund sein, ich schme mich ja, ich bin arm in diesen Tagen, egoistisch, weil ich glcklich mit mir allein bin. Aber ich eilte ihr nicht nach. Ich ging weiter. Ich dachte: vielleicht bin ich nur so reich und glcklich, weil sie mich liebt? Sie beschenkt mich mit ihren Gedanken, ihrer Liebe, aus der Ferne, ich werde heiter und froh, und sie wird arm und unglcklich. Sie wirft sich auf den Boden und weint, und im gleichen Momente durchzuckt mich die Freude, eine unerklrliche tiefe Freude, und ich atme tief und lchle. Niemand kann es sagen. Ich ging immer weiter und weiter die dunkle Waldgasse hinab und bei jedem Schritte dachte ich, da ich umkehren sollte, um mit ihr zu sprechen. Nun wanderte sie durch den sausenden Wald, langsam, beschmt und dachte an den Mann mit dem mden Herzen. Der Wind blies und sie hustete. Dann kam sie nach Hause, sie legte das Kleid ab, das schne helle Frhlingsgewand und warf es unter das Bett. Sie wollte es nicht mehr sehen. Im Spiegel haftete noch ihr Bild von heute Mittag. Ich werde ihm gefallen? lchelte der Mund. Und die Augen sagten: Ja, ja, wirst ihm gefallen . . . . . . . . Sie drckte die Lider zu . . . . . . . . Immer weiter stieg ich die Bergstrae hinab und wollte doch eigentlich umkehren. Die wunderlichen Worte klangen durch meinen Kopf. Ja, ich mute umkehren und ihr sagen, da sie doch Geduld haben sollte mit mir, Geduld! Sie sei schn, ja herrlich sei sie, ergreifend sei sie. Ich ging und ging. Mein Sinn verdunkelte sich. Da sprang mein Herz auf. Wie eine Knospe sprang es auf, ich sprte es. Es durchzuckte mich, es war wie ein Schrei der Freude in meinem Blute. Ich kehrte um und stieg den Berg hinauf, zuerst zgernd, dann mit schnellen Schritten. Der Wind trieb mich, es war ein gewaltiges Brausen im Walde, das mich bis in die tiefste Seele erschtterte. Ich ging und ging. Ich holte Ingeborg nicht mehr ein. Ich ging durch den schwarzen Wald, immer zu. Pltzlich lag ein Schlo mit vielen erleuchteten Fenstern im Walde. Es erschien mir wie eine Festung, ich blieb stehen. 7 Wollte ich in das Schlo mit den vielen erleuchteten Fenstern hineingehen und durch den Diener sagen lassen: es steht einer im Korridore, einer, den Hut in der Hand? Es war gegen Morgen, der Tag blaute. Ich blickte aus meinem Fenster, das auf den Park hinausging, und lauschte auf den Gesang eines Vogels. Er sang in der weiten Stille des Morgens, da alles schlief. Die ganze Nacht hindurch sang er, bis die Sonne aufging, der Frhling lie ihn nicht zur Ruhe kommen. Oft hatte ich mich schon an seinem Gesange gelabt, aber heute verstand ich den kleinen Vogel und mein Herz bebte. Ich wute wohl was das bedeutete. Nur die Unglcklichen und die Glcklichen zittern beim Gesang eines Vogels. Mein Herz zuckte bei jedem Tone, und wenn er leise zwitscherte, da man ihn kaum noch hrte, so erschrak ich, ich ffnete die Lippen und mein Atem stockte. Meine Zeit war gekommen! Ich prete die Hnde vors Gesicht und lchelte und drckte einen Ku in meine Hnde. Meine Zeit war gekommen! -- -- -- Mein Sinn ist dunkel, dunkelgolden ist mein Sinn, es kreist etwas in meinem Hirn. Ich habe ein lautes Herz in der Brust. Ich gehe umher, berhre die Schrnke, Tische, als ob sie von Fleisch wren, ich gehe umher und spreche mit mir selbst. Ich ziehe die Vorhnge des Zimmers zu, so da es ganz golden um mich wird. In einem goldenen Zimmer sitze ich und lchle vor mich hin. Ich nehme den Stock und wandere. Mit groen Schritten, in weiten Kreisen mu ich gehen. Mein Schritt hallt durch schlafende Drfer, die Hunde klffen, ich wandere, in weiten Kreisen mu ich wandern. Ich lchle. Die Sterne lcheln. -- Ich lie anspannen und fuhr nach Graf Flggens Schlo. Ich hatte mich sorgfltig rasiert und eine weie Binde umgebunden. Ingeborg war nicht zu sehen. Graf Flggen erschpfte sich in Liebenswrdigkeiten. Er war ein gebckter Greis mit langem Barte, wie ein Zwerg kam er mir vor. Ich zog das Gesprch in die Lnge, erzhlte von fernen Lndern und ihrer Sonne, Ingeborg war nicht zu sehen. Wagen liefen durch den Abend, vorber an meinem Hause. Ich sah nicht wer darinnen sa. ber Rote Buche stiegen bunte Leuchtkugeln in die dunkele Nacht. Ein Fest! dachte ich. Mitten in der Nacht rollten die Wagen wieder die Bergstrae herauf. Ingeborg sa im vordersten Wagen, ich erkannte sie an ihrem Hute, ich erkannte sie an dem Wirbeln meines Herzens. Harry Usedom ging zweimal im Laufe einer Woche an Edelhof vorber, er ging schnell den Berg hinauf, langsam und schwebend den Berg hinunter. Es gingen Dinge vor sich. Wie ein Knabe durch ein Astloch in eine Schaubude spht, so sphte ich in diese Dinge. Sie huschten und zuckten an meinen Augen vorber. Ein leises trauriges Lied klang eines Abends durch meine Seele. Mich frstelte . . . . . Eines Abends, als der Wald rot leuchtete in der untergehenden Sonne, begegnete ich Ingeborg und Harry Usedom droben auf der Hhe. Sie kamen des Weges daher, trugen groe Strue von Maiglckchen in der Hand und lachten. Ich sah es, ich hrte es. Lchelnd kamen sie beide heran, in Ingeborgs Augen schimmerte nicht die leiseste Erinnerung an jenen Abend. Harry Usedoms Augen strahlten. Nie hatte ich solche Augen gesehen, sie hingen wie Lampen in seinem Gesichte und sein Gesicht, das immer wei und krankhaft erschien, war von einer feinen Rte des Glckes berzogen. Die Herren kennen sich? Natrlich -- -- natrlich -- sagte Ingeborg und lchelte. Dann sprach sie mit Pazzo, und ich wechselte einige Worte mit Harry Usedom. Ob es ihm auf Rote Buche gefalle. Sehr schne Wlder, nicht wahr? Prachtvolle Wlder! Und den See habe er auch noch! Es gefalle ihm sehr gut auf Rote Buche! Seine Augen strahlten, sie waren wie dunkle Hhlen voller Geschmeide. Ich mute immerfort diese strahlenden Augen ansehen. Er schreibe gegenwrtig eine Oper. Die Konzertreisen wolle er aufgeben. Harry Usedoms Lippen waren breit, in den Mundwinkeln gekruselt. Sie erinnerten an Orangenschnitten. Sie waren rot. Die Herren zogen den Hut, Ingeborg nickte und verneigte sich leicht, wir trennten uns. Ich bog in den nchsten Seitenweg ein und zndete mir die Pfeife an. Viele Dinge wirbelten im Rauch der Pfeife vor meinen Augen herum. Pazzo sah mich an. Er kannte mich genau, und als ich ihn ansprach, sprang er an mir empor, um mich zu liebkosen. Ich streichelte ihm den Rcken mit sanfter Hand -- immer auf und ab. Einige Tage darauf. Ich ging mit Ingeborg oben auf der Hhe, am Waldesrande entlang. Die Sonne stand schrg und schon etwas rot ber dem Walde und warf einen schattigen, dunkelen Spitzenkragen ber den Hgel. Auf diesem Spitzenkragen schritten wir dahin, hoch ber dem Tale und seinen kleinen Drfern und blitzenden Bchen. Sonnenflecken zuckten ber Ingeborgs Kleid und Gesicht, wir sprachen nichts. Pazzo schritt neben uns her, er tauchte mit Behagen die schlanken Fe in das hohe, saftige Gras. Ingeborgs Gesicht erschien grn im Widerschein des Grases und des Waldes, zuweilen kam die Sonne, dann glhte es fr einen Augenblick. Ingeborgs Stirn war voller Gedanken. Wir kamen an eine Bank und Ingeborg sagte: Wollen wir uns ein wenig niederlassen? Sie blickte mich kurz an, whrend sie die Frage stellte. Ich war ihr dankbar fr den Blick und fr die nichtssagenden Worte. Sie fhlte es, denn sie blickte mich nochmals an und prfte meine Mienen. Ich merkte es sehr gut. Ich stellte das Gewehr an einen Baum, Pazzo bewachte es. Hinter der Bank sang ein Vogel. Ich lauschte, was fr ein Vogel war es doch? Es war ein Vogel, den ich noch nicht gehrt hatte. Vielleicht hatte er sich verflogen. Es hatte sich manches gendert, das sah ich wohl ein. Ich sa neben Ingeborg und mein Herz klopfte. Ingeborg sa mit gleichgltigem, verschlossenem Gesicht da, das Kinn in die Hand gesttzt und interessierte sich fr die jungen Heupferdchen, die im Grase herumschnellten. Eine feine Falte zog zwischen Ingeborgs Brauen, ich wagte es nicht, zu sprechen. Wenn sie bei schlechter Laune war, weshalb ging sie dann nicht? Sie sa so nahe, da ich meine Hand nicht neben mich legen konnte, ohne sie zu berhren, und pltzlich stieg mir das Blut in den Kopf, so nahe sa sie. Ich fhlte ihre Wrme. Ich sa still, ich regte mich nicht, ich dachte an die feine Falte zwischen Ingeborgs Brauen. Sie konnte ber mich befehlen, ja, das konnte sie. Ein Wink und ich verschwand, und ich trat ihr nie wieder unter die Augen. Ich verlie die Gegend, wenn sie es verlangte, meine Gegenwart sollte ihr nicht die Laune verderben. Schn lag das Tal zu unsern Fen, und bis auf die kleine Falte Ingeborgs wre alles herrlich gewesen. Ein Bauer mhte mit einer blitzenden Sense tief unten, er war nicht grer als eine Ameise. ber dem Tale flimmerte es in einer grnen Wiese wie von einem Edelsteine, aber es war nur ein Stck Glas, eine zerbrochene Flasche, die dort blitzte. Drben lagen zerstreute Huschen, still, sie schienen unbewohnt zu sein. Da tauchte pltzlich aus dem nahen Kornfelde ein Spaten auf, dann ein Hut, ein Kopf, der Kopf hpfte auf und ab und verschwand wieder im Korn und auch der Spaten tauchte unter. Dieser hpfende Kopf scheuchte mich aus meiner Versunkenheit auf. Ein wahnsinnig khner Gedanke scho durch meinen Kopf. Wie, wenn ich einfach meinen Arm um Ingeborg legte und sagte: Nun --? Es ist schn hier neben Ihnen zu sitzen und das Tal zu betrachten. Stundenlang knnte ich hier neben Ihnen sitzen, wenn Sie auch nichts sprechen. Ich bewegte die Lippen, feuchtete sie an, dann sagte ich: Es ist schn hier zu sitzen und das Tal zu betrachten. Ingeborg nickte. Ja, sagte sie. Im Tal ging der Mann mit dem Spaten, klein, blau. Mein Herz krampfte sich zusammen. Die Glasscherbe drben im Felde hrte auf zu blitzen, die Schatten stiegen. Ich heftete die Augen auf die Huschen uns gegenber. Sie waren bewohnt, vorhin war eine Tr offen gestanden, jetzt hatte man sie geschlossen. Aus dem Walde, der den Hgel oberhalb der Huschen bedeckte, kam etwas hervorgekrochen. Es sah aus wie ein Krrchen, das von weien Musen gezogen wurde. Etwas Weies ging nebenher, etwas Weies lag auf dem Krrchen. Er war ein Mller, der Scke auf einem Karren fuhr, den zwei Schimmel zogen. Die Beine der Schimmel verschwanden im Getreide. Das Krrchen fuhr bis zu den kleinen Bauernhuschen. Dort machte es Halt, und einige Leute kamen aus den Tren. Eine Magd schlug auf die Scke und Mehl stieb heraus, ein rundes Wlkchen, als habe sie geschossen. Das alles sah ich ganz genau, whrend sich mein Herz zusammenzog. Ingeborg bewegte einen Fu, ich erschrak. Sie bewegte wieder einen Fu, ich erschrak. Ja, nun stand sie auf. Wir gingen. Im Walde war es dunkeler geworden, immer dmmeriger wurde es. Der Himmel leuchtete rot wie Wein durch die dsteren Wipfel. Lang war unser Weg, wir sprachen nichts. Ein Vogel zwitscherte. Ich lchelte. Ingeborg sah mich an. Ich mu an einen Traum denken, Frulein Giselher, sagte ich. Ich sprach sehr schnell, ich wute, da ich nun sprechen konnte und die Freude durchrann mich. Ich fuhr fort. Ich mu an einen Traum denken. Ich denke oft, was es doch fr eine sonderbare Sache mit der Seele des Menschen ist. Heute denke ich nicht daran zu stehlen, aber morgen habe ich den Wunsch es zu tun und bermorgen tue ich es. Aber vor drei Tagen, da dachte ich noch nicht daran. Nun sitze ich im Gefngnis und denke ber mich nach. Pltzlich fllt mir ein, da ich schon zuweilen vom Stehlen getrumt habe. Ja, was sage ich da. Es pat nicht hierher, ich wollte es auch nicht sagen, ich wollte sagen, unsere Seele hat ihre besonderen Wnsche, aber wir kennen sie nicht. Was wollte ich sagen? Ich wollte Ihnen von einem Traume erzhlen, den ich hatte. Ich trume die sonderbarsten Dinge der Welt zusammen. Nun hren Sie, vor einigen Wochen trumte ich von einer Stimme. Welch eine Stimme war es doch! Berckend schn war sie. Ich liege im Bette und trume, da ich im Bette liege und eine Stimme spricht zu mir. Sie sollen hren, wie sonderbar wir uns unterhielten, diese Stimme und ich. Diese Stimme sagte, da sie nur mich wolle und keineswegs den Leuchter aus Bernstein und die Schuhe aus Perlmutter. Nein, nein, nur dich, sagte sie. Und ich lag und lchelte und verlor fast die Besinnung, so herrlich und berckend klang die Stimme. Dann sagte sie, da wir eine Htte am Strande haben wrden, eine kleine Htte. Du bist ja ein Fischer, sagte sie. Ein Feuer wird auf unserm Herde brennen und du wirst mir die Schuhe mit Fischschuppen bekleben. -- Darauf antwortete ich ihr: ja! Ich werde am blauen Grunde des Meeres herumwandern und nach schnen Dingen fr dich suchen. Vielleicht finde ich auch ein hbsches Messerchen fr dich, sagte ich. Ich lchelte und fuhr ebenso hastig fort: Die Stimme sagte darauf, ich solle mich vor den Sgefischen in acht nehmen, da drunten im Meere. -- Haha! -- Ich aber fuhr fort: einmal wird auch eine Kiste an den Strand geworfen und wenn wir sie aufbrechen, so fallen lauter alte Kronen heraus, goldene Reifen mit grnen und roten Steinen, Zepter und Spangen. Auch ein Haarpfeil ist fr dich dabei. Darauf jubelte die Stimme und begann zu singen: ich erwachte und im Garten sang eine Nachtigall. Ich blickte auf Ingeborg und wartete darauf, da sie etwas sagte. Aber Ingeborg bewegte keine Miene, schmal, gleichsam erfroren sah ihr Gesicht aus. Sie schttelte den Kopf. Es sang eben ein Vogel im Walde, da mute ich an die Stimme und den Traum denken, sagte ich. Ja, aber -- ich verstehe den Zusammenhang nicht, entgegnete Ingeborg. Die Falte zwischen ihren Brauen war tiefer geworden. Zusammenhang? War kein Zusammenhang da? Ich mute doch mein Lcheln begrnden, Sie blickten mich an, dann glaubte ich Ihnen sagen zu mssen, weshalb ich lchelte. Es war vielleicht ungeschickt von mir. -- -- Wir kamen an Graf Flggens Schlo. Die Pfeiler des Gitters trugen Lwen aus Stein, die zwei Wappen vorhielten. Mit Moos bedeckt waren die Lwen, als habe man Kbel von Schlamm ber sie gestlpt. Ingeborg bot mir die Hand. Ich blickte sie an. Sie verstand meinen Blick recht gut. Sie senkte die Augen, dann sagte sie: Ich habe Harry Usedom mein Wort gegeben. Ich verneigte mich. Ich verneigte mich tief, mein Unglck drckte mich nieder. Ich war voller Demut. Ich wnsche Ihnen Glck! sagte ich mit ruhiger, tiefer Stimme und nahm den Hut ab. Ich ging . . . . . Ich ging hinein in den Wald, stolperte hin und her, wute nicht, ob ich nach rechts gehen sollte oder nach links. Es war auch einerlei. Ich lachte leicht auf, wie einer der friert. Hahaha, lachte ich, hahaha! Aber gleichzeitig hatte ich den Drang in mir, mich auf den Boden zu werfen und liegen zu bleiben. Dann besann ich mich auf den Weg und steuerte meinem Hause zu. Es war spt, die Sterne tauchten am Himmel auf. Etwas Weies sa auf der Treppe meines Hauses. Es war Ingeborg. Sie erhob sich und eilte auf mich zu. Nein! Nein! rief sie. Sie kam zu mir her, fate leicht meinen Arm und blickte mir von unten herauf in die Augen. Wie war der Blick? Voller Suchen, voller Staunen, voller Glanz. Sie lchelte und schmiegte sich an mich. Ich legte meinen Arm um sie und kte sie auf den Mund. 8 Wie oft kte ich Ingeborg? Ich habe es nicht gezhlt. Auch Ingeborg hat es nicht gezhlt. Siehst du nun? sagte ich und kte sie. Sie lchelte verzckt und bot mir den Mund und die Stirne zum Kusse. Du sagtest, du knntest nicht mehr lieben! Ja, siehst du nun? sagte ich und kte sie. Ach, nach Hause, nach Hause, nein, nein. Jetzt nach Hause? Nein, nein! Wer denkt auch daran? Du? Nein, nein, keiner denkt daran. Wie war dieser Abend? Er war wie der Wind, der ber Blumen gegangen ist. Er war wie der Traum von zwei Vglein, die in einer Rosenhecke schlummern. Gott sandte uns ein Lcheln und Gre, viele Gre. Die Sterne kamen herauf, haha! Blau und voll geheimnisvoller Liebe war der Himmel. Wir saen unter einem blhenden Apfelbaum, er schumte von Blten. Die weien Blten und der blaue Nachthimmel, es war Tausendundeinenacht, es war Himmel. Ich sah Ingeborg an und sagte: Schn, schn, schn bist du! Du verschenkst Himmel! Und ich schttelte den Apfelbaum, da fielen die Blten ber Ingeborgs schnen Scheitel. Ingeborg sagte: Nein, du bist schn! Du weit es nicht. Du bist so schn, als wrst du kein Mensch! Deine Augen sind so warm und rein, du hast Kinderaugen, weit du es? Nein. Mein Herz pochte. Ich glaube, du knntest sterben unter Mrderhnden und deine Augen wrden sich nicht verndern. Solche Augen hat Jesus Christus gehabt, ich wei es! Mein Herz pochte. In meinem Kopfe sprhte es. Ich hatte einen weien Stern in meinem Kopfe. Hre, se Ingeborg, sagte ich, was denkst du! Eben fllt mir eine Legende ein. Gerade in diesem Momente. Es ist die Legende von der Mutter Gottes und dem erfrorenen Weinstock. Du mut sie hren, denn sie pat so gut. Denke dir, alle Weinstcke treiben und grnen, nur einer nicht. Er ist erfroren. In einer Nacht packte ihn der Frost. Ich erzhle schlecht, ach, entschuldige. Ja. Aber da kam die Mutter Gottes des Weges daher, und nun hre: wie an den Fenstern hundert Augen erscheinen, zieht die Knigin vorber, so schlugen pltzlich Blten aus allen Reben, und wie Kinder die rmchen ausstrecken, kommt die Mutter gegangen, so streckten sich berall Ranken und Bltter nach der Mutter Gottes aus. Verstehst du? Schn! -- Wo hast du sie gehrt, die Legende? Gehrt? Nein, sagte ich nicht, da sie mir eben einfiel, diese Legende, in diesem Augenblick? -- -- Es ist spt. Gute Nacht, gute Nacht, gute Nacht! Hat jemand eine Ahnung, wie leise man gute Nacht sagen kann? Immer leiser und leiser und doch hrt man es noch. Und wie man es sagen kann? da es soviel bedeutet! -- -- -- Gute Nacht, du mein Himmelreich! -- -- -- -- Ich war allein. Pltzlich stand Pazzo vor mir und blickte mich an. Niemand hatte ihn mehr gesehen. Ich ging nach Hause, durch den stillen weiten Wald ging ich nach Hause. Mitten im weiten feierlichen Walde begegnete mir Gott. Bist du es, Axel? sprach Gott zu mir. Ich kniete nieder. Ja. Gott hauchte mir seinen Atem ins Gesicht. Ich ging. Auf einer Lichtung begegnete mir der Frhling. Nackt und keck. Er kicherte. Verstehst du mich? sagte er. Er hatte hellgrne Augen. Ja, sagte ich und lchelte, zuerst den kleinen Apfelbaum an der Parkmauer, dann Liselotte -- -- -- Ich habe meine Dinge vor mit dir! sagte der Frhling und kitzelte mich unter dem Kinn, da ich lachen mute. Ich ging hin und her im stillen weiten Walde. Jemand begegnete mir. Bist du es wieder? Ja, ich gehe rings im Kreise, sprach er. Ich kniete nieder. Er berhrte meine Lider mit dem Finger, da sah ich meine frohen Tage vor mir liegen. Meine Augen wurden feucht. * * * * * Ich bin glcklich, kann es ruhig sagen. Ich liege im Grase vor meinem Hause, es duftet, ich rieche Harz und Waldmeister. Die Maikfer segeln ber den Himmel, sie schwirren ber meinem Kopfe. Die ganze Nacht hindurch liege ich da und sehe mir die Sterne an. Wenn ein Stern blinzelt, so mu ich ebenfalls blinzeln, silberne dnne Finger fahren nach meinen Augen. Wenn ein Stern zittert, so spre ich das leise Zittern in der Mitte meines Herzens. Ich sehe in die Sterne und mein Herz klopft. Es durchrieselt mich, die Sterne liebkosen mich. Ich hre den Frieden da droben. Er lispelt. 9 Der Tag graut. Nebel ziehen. Ein Mann sitzt auf der Hhe. An seiner Lodenjoppe hngen feine Tauperlen, er hat den Hut aus der heien Stirne gerckt. Der Nebel zieht in Schnren an ihm vorber. Es blitzt in der Nebelwolke, blitzende Schwerter fahren hin und her. Der Nebel zerreit, Tannenwipfel tauchen empor, sie glhen rot. Durch einen Ri blickt ein Streifen blauen Himmels, ein Eck fahlgrner Wiese, kleine Bauernhuser mit blinzelnden Fenstern. Langsam weicht der Nebel zurck in die Wlder, die letzten Fetzen schlpfen ins Gest der Buchen. Der Mann blickt ber das Tal. Es ist wie eine groe Muschel, in der alle Farben zusammenflieen. Eine Reihe von Schnittern schwingt tief unten in gleichmigem Takte die Sense. Die Fenster der Bauernhuser sehen mit leuchtendem Staunen in die aufsteigende Sonne. Der Wald trieft und atmet tief auf in der Wonne des Erwachens. Es klingelt im Walde von hellen Vgelstimmen. Des Mannes Augen sind geblendet vom Lichte. Die Sonne ist noch nicht rund, da kommt ein Mdchen aus dem Walde. Sie ist na vom Tau wie Blumen und Grser. Sie luft, da die Rcke fliegen. Ich wollte auf dich warten! ruft sie, da es klingt, ich wollte zuerst da sein! Sie lacht, sie weint, sie strzt sich an des Mannes Brust. Des Mannes Hnde zittern. Die Sonne geht auf und scheucht die Nebel in die Wlder, wir gehen durch den Wald, die Sonne sinkt hinter goldenen Hhen, wir gehen zusammen, wir zwei. Wir blicken in die Hhe, die Wipfel der Buchen sind durchsichtig, hellgrn wie Wasser, wir gehen wie in einem hellgrnen Meere, dessen Grund die Sonne erleuchtet. Es ist Mittag, sagen wir. Tag um Tag. Mein Herz klopft. Wir treffen uns auf der Bank auf der Hhe. Ingeborg erzhlt mir, wie sie zur Bank eilt. Ja, zuerst geht sie schnell, sehr schnell, dann luft sie und zuletzt fliegt sie durch Dick und Dnn und es geht immer noch zu langsam. Ich lchle. Ich habe die ganze Nacht gesessen und an dich gedacht! sage ich. Ingeborg nimmt das Kettchen mit dem goldenen Medaillon vom Halse und drckt es mir in die Hand. Hastig, als knne es jemand sehen. Nimm, sagt sie, nimm! Ich habe nichts, das mir mehr wert wre. Erlaube, da ich die Spitze deines Schuhes ksse! sage ich. Ingeborg kommt am Abend in den Birkenhain vor ihrem Hause, sie trgt ein kleines Heft in der Hand. Nimm, sagt sie, nimm! Es ist ein Schulheft, ein kleines Heft, vielleicht macht es dir Freude? Ich mu mich abwenden. Ich danke Ingeborg im tiefsten Herzen. Ich nehme den Hut ab und gehe neben ihr her. Warum trgst du den Hut in der Hand? fragt Ingeborg. Es ist schwl im Walde, erwidere ich. Ingeborg zieht eine Photographie aus der Tasche. Sie lacht. Da steht er, die Geige in der Hand und sieht uns an mit seinen groen Frauenaugen. Ingeborg lacht. Er ist dumm und hochmtig, sagt sie und zerreit das Bild kreuz und quer. Die Stcke wirft sie ins Gebsch. Ich lache. Ja, er ist dumm und hochmtig, sage ich. Ich mchte dir alles schenken, was ich habe! sagt Ingeborg. Ich wei nicht, was ich darauf erwidern soll. Ich drcke ihr die Hand. O! sagt sie und schliet halb die Augen. Ich trume. * * * * * Meine Augen sahen in die schne Welt und ich hatte das tiefe Gefhl, da ich zu ihr gehrte und mich nicht zu schmen brauchte. Mein Herz war schwer und reich und es fllte mir die Brust mit ser Brde. Dankbarkeit und Staunen und Liebe war mein Herz in dieser Zeit. Ich sah Ingeborgs schwebende Gestalt neben mir hergehen und staunte und war dankbar, jenem Geiste dankbar, der sie mir schickte in diesem Frhling, ihr dankbar, da ich neben ihr einhergehen durfte. Ich wnschte mir nichts anderes, als neben ihr einhergehen zu drfen. Das war Glck! Ich konnte einschlafen, whrend ich neben Ingeborg einherging, die Besinnung verlieren, ich hatte keinen Gedanken mehr im Kopfe, keine Klarheit. Klarheit? Ach -- hahaha -- -- nein, ich war betubt, kein Gedanke, keine Klarheit. Ingeborg fhlte meinen Blick, sie kam heran, gab mir die beiden Hnde und blickte mir in die Augen und lchelte. So standen wir lange, Gott wei wie lange, wir wuten ja nichts mehr. Ich kannte ihre Augen ganz genau. Oft dachte ich, immer dachte ich an ihre Augen. Sie sind wie Trkise, glnzende Trkise, aber was will das sagen? Es ist ein eigentmlicher, suchender, strahlender Blick in ihnen, etwas Blitzendes, ich besinne mich, in meinem Kopfe ist es wie ein Wetterleuchten. Ich habe den Ausdruck ihrer Augen vergessen. Ich sehe sie wieder an, diese Augen ja, es ist etwas Blinkendes, Schimmerndes in ihren Augen, niemand kann es im Gedchtnis behalten. Ihr Gesicht ist schmal, spitzig dem Kinn zu, es lugt aus den goldenen Quasten hervor, die ber die Wangen herabhngen und nahezu die Brust berhren, wenn sie den Kopf senkt. Ihre Wangen sind schmal und leicht gertet, sie bekommen Grbchen, sobald sie lchelt. Ein verzcktes Lcheln hat sie und alles lchelt an ihr, sobald sie lchelt, nimmermehr kann ich dies Lcheln vergessen, es umschwebt mich Tag und Nacht. Ich kenne es gut, aber jeden Tag erscheint es mir neu. Jeden Tag entdecke ich es, dieses Lcheln, und es rinnt durch mein Blut, da es heiter und frhlich wird. Heute denke ich, ein goldener Ton ist ber ihr Gesicht gebreitet wie ber die Bildnisse alter Meister. Und morgen denke ich: ja, etwas von dem Golde reifer hren ist ber ihr Gesicht gestreut. Und bermorgen denke ich, da sie die Farben der Wiesen und Felder im Gesicht hat, das Gold der hren, das Blau der Vergimeinnichte, das Rot der Erdbeeren. Ingeborg, Ingeborg . . . . In dieser Zeit schrieb ich einen Brief an meinen Freund, den Dichter Karl Bluthaupt. Ich bin glcklich, schrieb ich, komme sofort! Ich bin sehr glcklich, groe Dinge geschehen, ich wohne auf der Sonne, in einem Garten auf der Sonne, in der Nachbarschaft der schnsten Engel, ich bin glcklich, komme sofort. Noch viel mehr schrieb ich. Nun, Freund Bluthaupt war ein Dichter, der wird wohl verstehen, wenn er liest: ich bin glcklich, ich bin sehr glcklich. Ein Meer von Glck ist ber mich gestrzt, ich bin glcklich . . . . Zwei Stunden hatte ich zu gehen, um diese Botschaft meines Glckes zur Post zu bringen. Ich ging in der Nacht, lachte und schwang den Brief hin und her. Ich bin glcklich, wohne auf der Sonne, in einem Garten auf der Sonne. Ein Bach von Glck bewssert diesen Garten, die Blumen lachen. Nheres mndlich -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- * * * * * Wir gingen durch den Wald, einen hohen Tannenwald. Pazzo spitzte die Ohren und blieb stehen. Er schlug an. Ruhe, Pazzo, rief ich. Pazzo gehorchte, schlich zu mir heran und blickte ins Dickicht. Es ist jemand im Walde, sagte ich. Es ist ein Mensch im Dickicht, kein Tier, ich kenne Pazzo. Ingeborg sah mich an und erblate. Wir gingen weiter. La uns ins Freie gehen, sagte Ingeborg. Sie zitterte. Vielleicht sei es Usedom gewesen? Sie legte die Hand auf meinen Arm und sah mich prfend an. Was denkst du? Ich lchelte. Schn bist du, Ingeborg! das dachte ich. Gtig bist du, Ingeborg! La es dir erzhlen, Axel. Hre mir zu. Er schleicht herum, ich wei es. Seit ich ihn kenne, schleicht er mir nach. Schon als Knabe war er so. Er ist so aufdringlich und so hochmtig. Ich frchtete mich frher vor ihm, besonders vor seinen Hnden frchtete ich mich. Ich habe nichts mit ihm gehabt, ich hate ihn. Ja, es ist wahr, zuweilen liebte ich ihn auch. Damals war ich ein dummes Mdchen, ich war stolz auf ihn. Er bekam immerzu Blumen von den Frauen geschickt, er warf sie weg. Er hatte eine Busennadel von einer Knigin, er schenkte sie einem Bauernknaben. Ich will mir auch nichts von einer Knigin schenken lassen, sagte er. Das gefiel mir, ich war ja so tricht damals. Ich hatte es gerne, wenn er vor mir stand, dann sahen seine Augen aus wie die eines Hundes. Es ist alles Verstellung, er ist so hochmtig und dumm. Immer spricht er von sich, von seinen Konzerten und da die Leute an den Bahnhfen stnden, um ihn zu erwarten. Er weinte immer vor mir. Ich weine vor dir, sagte er, tausend und abertausend Frauen gben ihr Leben fr mich und du blickst mich nicht an. -- -- Einige Tage darauf gingen wir wieder durch den Wald, und wieder schlug Pazzo an. Es war in einem Walde hoher dicker Buchen. Pazzo bellte und sprang in den Wald hinein. Harry Usedom kam hinter einer Buche vor. Rufen Sie Ihren Hund zurck! rief er und zog die Hnde an sich. Er stand am Wege und sah Ingeborg an. Sein Gesicht war fahl, grau, tiefe Ringe zogen um seine Augen, die matt glnzten. Sein schmales Gesicht sah aus wie das einer Frau, die dem Tode nahe ist. Seine Lippen zuckten, er hatte die Linke auf das Herz gelegt, und die Finger begannen nervs zu trommeln. Ich suchte Sie seit vielen Tagen zu sprechen, sagte er, ich wollte Ihnen nur dies sagen: Sie haben ein kurzes Gedchtnis, Frulein Ingeborg! Er griff an den Hut, wandte sich um und ging mit schnellen Schritten in den Wald hinein. Komm, sagte ich zu Ingeborg, indem ich meine Hand sachte auf ihre Schulter legte. Ingeborg war bleich, sie sprach lange nichts. Dann sagte sie: Ich liebe ihn doch. Ein Stich fuhr mir ins Herz, ich nahm sachte die Hand von ihrer Schulter. Nein, nein! La doch deine Hand da. Ich liebe ihn noch ein wenig, er tut mir leid, aber ich liebe dich ja tausendmal mehr, tausendmal mehr. Ksse mich Axel, sei gut! Ich liebe dich, sagte ich und kte sie. O, o, nun sei alles gut. Ich erschrak, Axel. Nun sollst du alles hren. Ich habe ihm mein Wort gegeben -- es war einige Tage nachdem ich dir auf der Hhe gesagt hatte, da ich dich liebte. Er kam zu mir in den Garten. Man sieht Sie ja jetzt so selten, sagte er. Ich gehe viel spazieren. Ja, fuhr er fort, die Krone eines Frsten ist mehr wert, als der Ruhm eines Geigers. So dumm und plump war es. Aber ich war in diesen Tagen unglcklich und hilflos, deshalb zrnte ich ihm nicht. Ich lachte. Was sagen Sie da! rief ich und lachte. Ach, Usedom, wie tricht knnen Sie doch zuweilen sein. An diesem Abend gab ich mein Wort, aus Trotz geschah es. Er legte seine Hand auf meine Schulter, und ich dachte an dich. Das sollte er sehen, dachte ich, das sollte er nur sehen! Ich ging mit Usedom im Walde herum, nur um dir zu begegnen und dich zu verletzen. Du wirst das nicht verstehen, nein, du nicht. Ich war unglcklich und gedemtigt, ich war verwirrt im Kopfe. O, wie gerne wre ich damals mit dir gegangen, gleich zu dir hingegangen, und ich sah dich kaum an und sprach mit Pazzo -- -- -- Wir sitzen in der Sonne auf einer Wiese. Ingeborg singt leise und bindet einen Strau aus Feldblumen. Ich liege im Grase und lausche und sehe zu, wie Ingeborg den Strau bindet. Nie in meinem Leben hrte ich solch eine Stimme, nie in meinem Leben habe ich so etwas Schnes gesehen wie Ingeborg. Ihre Wimpern sind golden und lang. Es ist, als ob sie eine kleine Sonne unter den Lidern habe, die hervorstrahle. Ihre Brauen sind golden, regelmig und hochgeschwungen, goldene Bogen, man sieht jedes einzelne Hrchen. Wie mit einem Pinsel scheinen sie gezeichnet und eines Japaners Hand schien den Pinsel gefhrt zu haben. Ihre Stirne ist hoch und rein und dahinter stecken all die vielen Gedanken, die sie selbst noch nicht kennt. Ingeborg dreht den Strau hin und her und drckt ihn mit mtterlicher Liebe gegen die Brust. Es singt ein Vogel im nahen Walde, Ingeborg hlt inne und lauscht. Sie fhlt meinen Blick, hebt die Lider und lchelt mir zu. Sie beschftigt sich wieder mit ihrem Straue, vergit mich ganz, macht ein rundes Kindermulchen und lchelt die Blumen an und singt leise. Sie ist fertig. Ist er schn? fragt sie. Ja! Nun, so nimm ihn! Aber hte ihn gut. Ingeborg ist die Mutter der Blumen und Vgel und sie streichelt die Bume. Sie kennt alle Kruter, die Namen aller Vgel, aller Bsche. Sie blickt in die Wipfel der Bume, als sehe sie Gesichter, und ich habe sie dabei ertappt, da sie mit Blumen plauderte wie mit Kindern. Ingeborg ist im Walde geboren. Ich sehe sie heute, ich sehe sie morgen, jeden Tag sehe ich sie. Jeden Tag glaube ich sie zum erstenmal zu sehen. Und mein Herz bebt nicht minder, kommt sie daher, als am ersten Morgen. In dieser Zeit lag ich oft lange ber Mitternacht vor meinem Hause im Grase. Silbern schimmerte das Tal und die Wlkchen am Himmel. Dunkele Vgel strichen lautlos ber den Wald, Leuchtkferchen segelten vorber, zuweilen setzten sie sich in meine Nhe und ich lie sie nicht aus den Augen. So klein wie sie waren, so stumm und prchtig. Sie liebten sich und sie waren so glcklich wie ich groer Kfer. Ich sah ihnen nach, bis sie in der Dunkelheit der Gebsche verschwanden. Viele Kferchen, Nachtfalter und Motten mit silberigen Flgeln waren unterwegs. Ich lag und dachte an Ingeborg, dachte an mich und mein unfabares Glck. Der Friede des schimmernden Tales zog in mein Herz. Es war ein solch tiefer Friede, wie ich ihn nie gekannt hatte. Mein Herz strmte ber. Und ich stand auf und erhob die Hand und segnete die Welt. Ich dachte: Frieden in alle Menschenherzen, sen Frieden. Glckliche Stunden allem was da lebt, dem rmsten Manne im fernsten Lande, dem kleinsten Wurm in der dunkelsten Erde. Feuer dem Frierenden, Brot dem Hungernden, einen sanften Tod dem Mrder, gute Fahrt dem Seemanne auf dem Meere! Ich lag bis spt nach Mitternacht im Grase und ich hatte das Gefhl dahinzuschweben. Friedlich schwebt die Erde ihre Bahn, dachte ich. Und ich ffnete die Lippen und flsterte: Friedlich schwebt die Erde ihre Bahn. -- In dieser Zeit, ja, was war doch alles in dieser Zeit! Ich legte mich schlafen und zhlte die Minuten, bis ich sie wiedersehen sollte. Ich ging noch einmal durch den roten Tag und sammelte. Ich fhlte den Druck ihrer Lippen auf meinem Munde, meine Hnde behielten den Druck ihrer Hnde in der Erinnerung. Die Wrme ihres Atems war in meinem Gedchtnis, die Weichheit ihrer Haare, der Glanz ihrer Augen, das Lcheln ihrer Wangen. Dann schlief ich ein und im Traume begegnete mir Ingeborg wieder. Von Stunde zu Stunde erwachte ich, ich blickte in die Sterne empor, sie funkelten, sie leuchteten, sie flackerten, sie erblaten -- endlich! Und Ingeborg sprach: Am Tage gehe ich umher, als ob ich trumte. In der Nacht gehe ich im Traume umher, als ob ich wachte. Ingeborg sprach: Alle Dinge sehe ich in hohem Glanze. Nie war der Himmel blauer, nie war der Wald grner. Ich sehe alle Dinge wie mit Regenbogenrndern. O, Axel, dir danke ich alles! Ingeborg, Ingeborg, du Liebling Gottes, du Schmuck der Welt! Die Tage zogen vorber, wie Rosenbltter einen Bach hinabtreiben, so still, so schn und kaum gesehen, so waren diese Tage. Das Tal schaukelte wie eine goldene Wiege, der Wald rauschte wie eine Orgel, die Vgel sangen als htten sie diamantene Schnbel. Und Ingeborg jubelte: Immer blauer wird der Himmel, immer ser wird dein Mund! 10 Ich liebe dich. Wie schn ist es, das sagen zu knnen, wie schn ist es, das zu hren -- Es ist ein kleines, kleines Wort, aber jeder mu es einmal sagen und jeder hrt es einmal. Wenn eines Menschen Herz aufspringt im Frhling, so mu er es sagen. Er kann ein Tyrann sein mit blutschwarzen Gedanken, er kann ein Forscher sein, der immer ber seinen Bchern sitzt, es kommt seine Stunde. Er vergit alles, sein Sinn wird dunkel, und sein Mund spricht das kleine, kleine Wort. Schne, ewige Gedanken kann einer im Kopfe haben, er kann ein groer Mann sein, an den viele denken tagaus, tagein, es kommt seine Stunde und er findet nichts als dies kleine, kleine Wort. Es ist alt und tief, birgt des Menschen ganzes blutrotes Herz, all sein Glck, all seinen Jammer, bei Tag und bei Nacht wurde es gesprochen, geflstert und geknirscht wurde es, wird gesprochen werden immerfort, immerfort, solange die Lerche im ther trillert. -- -- -- Sei gegrt, Ingeborg! Ich liebe dich, kannst es glauben. Ich gehe hin und her, sehe viel in den Himmel empor, sehe viel ins Weite. Lchle. Stehe vor einem Stein am Wege und lchle. Ich bin nie mde. Nein, es gibt nun keine Mdigkeit mehr. Ich schlage die Augen auf und es ist hell und weit in meiner Seele. Immerzu habe ich Gedanken im Kopfe, herrliche Gedanken, reich ist mein Gemt, reich und hei. Wie ein Dichter fhle ich mich, durch dessen Herz groe Werke brausen. ber die Parkmauer spritzen hohe Wogen von Blten, weie, rote und violette und zitronengelbe, in meinem Garten stehen viele Blumen, wie wehende Feuerchen sehen sie aus, brennende Lunten, Sonnenflocken, wie rote Mnder, wie Augen, ja, auch wie Augen sehen sie aus. Der Frhling hat seine Feuer in den Bergen angezndet und sie brennen Tag um Tag. Er wirft Herzen von Menschen, Rehen und Vgeln, Wnsche von Blumen, Schmetterlingen und Bumen in seine Feuer, da sie brennen. Der Hirsch schreit im Walde. Ich gehe durch die brennenden Feuer des Frhlings und lchle. Zuweilen habe ich wunderliche Gedanken! Eine rote schaumige Abendwolke steht ber den Bergen, wie ein leuchtendes Schneegebirge. Mchte ich nicht auf der Spitze dieser Wolke stehen und den Hut schwingen? Ich sehe mir den Mond an und es geht mir durch den Sinn, da ich auf dem Rande des Mondes stehen mchte und die Erde gren. Herrliche Tage und Nchte. Das Herz hpft mir in der Brust, ich lache vor mich hin. Niemand wei es, nein, keine Seele ahnt es, deshalb lchle ich auch vor mich hin. Ich sitze in meinem Zimmer, es wird Abend. Wollte doch die Nacht schneller kommen! Knnte ich doch eine dunkle Decke ber die Erde breiten. Es ist soviele Ungeduld in mir, niemand wei ja, worauf ich warte. Schweigen ringsum, die Nacht kommt. Ich znde eine Kerze an und setze mich vor die Flamme. Ich hre mein Herz pochen. Ich warte. Es schreitet wohl irgendwo ferne im dunkeln Wald? Es eilt --? Ich warte. Ich habe Geduld, Geliebte, bereile dich nicht . . . Da flstert es, etwas Helles tritt in den Rahmen der Tre. Ingeborg! Ich gehe hin, gleite in die Knie, auch sie kniet nieder und wir kssen uns, beide kniend. Wir schmiegen Wange an Wange, pressen Brust an Brust. Nimm Platz! sage ich leise. Ja! antwortet Ingeborg ebenso leise. Mich trifft ihr leuchtender Blick. Ich lege meinen Arm um sie. Du bist bei mir, es ist tief in der Nacht. Ich danke dir, Ingeborg. Wir sind ganz allein. Ja! Niemand wei, da wir beisammen sind. Niemand! Ingeborg, ich liebe dich sehr, du weit es. Ja, ja! Ingeborg nickt, sie zieht meine Hand an die Brust. Ich habe nur dieses Kleid an, flstert sie und lchelt mir zu. Du bist gut, Ingeborg! Wir lcheln. Unsere Augen sind ohne Lider, die Wimpern zucken nicht mehr. Ich stehe auf und blase die Kerze aus. Nun ist es ganz dunkel. Die dunkelblaue Nacht blickt herein. Ein Stern wandert vorbei, leuchtet uns bis auf den Grund unserer Augen. Ingeborgs Zhne schimmern, ihre Haare sprhen golden auf. Die Wohlgerche des Waldes und des Feldes hauchen durch das Fenster und sinken ber uns. Aus dem Garten duftet ein Mandelbaum. Feine Gerusche erwachen, bald nah, bald fern. Bald im Wipfel der Kastanie am Fenster, bald in den Stllen, ein Klirren, ein Schlrfen, die Nacht klingt leise. Die Ruhe horcht. Alle kleinen Gerusche halten an sich, keines will den Anfang machen, die Ruhe zu stren. Unsere Stimmen sinken zu einem Lispeln herab, nicht lauter als das Rieseln eines Brunnens. Meine Wangen sind hei! sagt Ingeborg. Sie ist stolz darauf. Ja, erwidere ich, deine Wangen sind hei, Liebste. Darf ich ber deine Brste streichen? Sie gehren dir! Es ist s, ber deine Brste zu streichen. Es ist s, wenn du es tust. Wir schwatzen lange Zeit. Die kleinen Gerusche erwachen. Wir rhren uns nicht. Unsere Herzen pochen dumpf. Wie schn! flstert Ingeborg. Noch nie war es so schn und so traut! Traut! sagt sie. Das ist ein wunderschnes Wort. Ein bleierner Ton fllt in der Ferne. Die Uhr im Dorfe drunten schlgt. Es ist so still im Tale, da man die Uhr weit hinein in die Wlder hrt. Ingeborg zuckt zusammen. Wir haben Zeit, flstere ich. Ingeborg nickt. Eine Geschichte erwacht in meinem Kopfe, als ich sage: wir haben Zeit. Wir haben Zeit -- wir haben Zeit. Hre, se Ingeborg, ich denke an zwei junge Menschen, die auf dem Meere segeln. Es ist die Tochter eines Frsten und ein junger Goldschmied. Er hat der Tochter des Frsten ein Geschmeide berbracht, da sahen sie einander. Hre, sie liebten sich und entflohen ber das Meer. Unser Schiff ist wie eine Wiege, die zwei Kindlein schaukelt, flstert die Geliebte. Der Gespiele erwidert: Das Meer ist unser Brautbett, der Himmel der Dom mit abertausend Kerzen, die zu unserer Hochzeit angezndet wurden. Ja, sagt die Tochter des Frsten und schmiegt sich an den Geliebten, Gott trgt uns auf seiner Hand ber das Meer! Hre, se Ingeborg. Der Steuermann kommt und spricht: Herrin, ich finde kein Ziel. Wir mten lngst am Ziele sein, viele Wochen sind wir unterwegs. Hahaha -- wir haben Zeit! Der Steuermann kommt und spricht: Herrin, ich finde kein Ziel. Meine Haare sind schneewei. Dreiig Jahre segeln wir. -- Hahaha -- wir haben Zeit! Hundert Jahre vergehen, tausend Jahre vergehen. Hahaha, wir haben Zeit! -- Ingeborg lchelt. Du sprichst, da mir das Herz stehen bleibt, sagt sie. Ich neige mich vor, da ihr Haar meine Wange liebkost, ich schliee die Augen dabei. Wir haben Zeit! flstert Ingeborg und lacht leise. Ja! Es ist schn, im Dunkeln zu sitzen und die Sterne wandeln drauen vorbei. Ja, es ist unsagbar schn. 11 Was dachten sich wohl Knechte und Mgde, die im Hause hin- und hergingen? Sie blickten mich an und dachten, da sich mein Verstand verwirrt habe. Sie begriffen nicht, weshalb die Treppe mit Blumen bestreut war, als ob eine Hochzeit wre, sie begriffen nicht, da im Zimmer des Herrn ein Teppich aus Kornblumen gebreitet war, heute, morgen aus Mohn, und an einem andern Tage aus Birkenlaub. Dieses Haus war wei Gott ein verzaubertes Haus! Oft ffnete ich die Tren aller Zimmer und ging durch alle Zimmer hindurch. Hin und her, mit einem von Freude und Freiheit geschwellten Herzen. Die Blumen der Tapeten schienen lebendig geworden zu sein und zu duften, die Bildnisse der alten Herrschaften mit komischen Hten und Frisuren lchelten. Liselotte, geborene Weikersbach, blinzelte mir zu. Ich stellte mich vor sie und lchelte. Ja, sagte ich, konnte dir leider die Treue nicht halten, Liselotte, so ist die Liebe! Eine ganz sonderbare Luft webte durch dieses verzauberte Haus. Diese Luft barg Ausrufe, Flstern, Blicke, das Schimmern von Zhnen, das Knistern eines schnellen Schrittes. Viele Geheimnisse waren in dieser Luft verborgen, leises Lachen, verliebte Worte, Lider, die sich bewegen, Arme, die einen Nacken umschlingen, das Rot eines Mundes, das Blitzen eines Ringes. Man dachte an nichts, pltzlich hrte man seinen Namen, die Luft rief ihn, pltzlich sah man einen Mund, der ein Licht ausblst, man erblickte sich selbst, wie man gerade in einem Spiegel seine glcklichen Augen studiert. Die Luft spiegelte das. Den ganzen Tag ging die Sonne in diesem Hause spazieren, sie stieg durch die Fenster ein, durch die Schlssellcher der Tren. Dann kam die Dmmerung und eine kurze Zeit war alles still und tot. Doch sobald der Mond und die Sterne heraufkamen, wurde es wieder lebendig in diesem Hause. Fnkchen sprangen ber die Tische und Sessel, es knisterte und etwas kletterte an der Tapete herunter, etwas Silberiges spielte mit einer Quaste, und die Quaste begann zu baumeln. Im Dorfe drunten schlug die Uhr. Eins, zwei, drei -- zehn. Im Dorf drunten schlug die Uhr. Eins, zwei -- elf. Ein Hauch wehte durch das Haus. Es knisterte, eine Treppe knarrte, ein Schreiten, ein Flackern und Schweben -- Ingeborg war da! Es raunte in meinem Zimmer, es wisperte, flsterte und lachte. Ganz als ob ein kleiner Springbrunnen snge und kichere. Gewi waren die Herrschaften mit den sonderbaren Kleidern und Frisuren aus den Rahmen gestiegen und gaben sich Stelldichein in meinem Zimmer. In vielen, vielen Nchten kam Ingeborg zu mir. Mein Herz klopfte in den langen Stunden des Wartens. Mit einem Jauchzen empfing sie mein Herz. Ja, wie begrten wir uns doch? Als seien wir lange Jahre getrennt gewesen und htte die Sehnsucht unsere Liebe geglht und gesthlt und vertausendfacht. Ein Ineinandertauchen der Blicke, gestammelte Worte, ein Ku auf die Fingerspitzen, das war unsere Begrung. Gar oft sagten wir gar nichts, wir gaben uns die Hnde und lchelten uns an, lange Zeit. Ingeborg kam aus dem Walde zu mir, in stiller Nacht, ich durfte ihr nicht entgegengehen, ich durfte sie nicht begleiten. Nein, nein, ich bin deine wilde Geliebte, wohne im Walde, komme und gehe -- verstehst du? Sie sagte es nicht, wenn sie kam. Ich durfte es nicht wissen. Zuweilen sagte sie: heute komme ich nicht, aber es war kaum Mitternacht, da war sie bei mir. Ich htte nicht schlafen knnen, Axel! Dank, Dank, se Ingeborg! Ich sa hier und dachte an den letzten Blick heute Abend. Er hat mein Herz glhend gemacht. Ingeborg, hte dich! Ich werde dich in meinen Armen erdrcken. Ja, ja! Sie lt den Kopf in den Nacken fallen und schliet die Augen. Ihre Zhne lcheln. Das werde ich alles Ernstes tun, hte dich, Ingeborg! Ich liebe dich, du weit es. Du kannst mit mir tun, was du willst, Ingeborg. Das ist keine Redensart, nein, es ist Ernst, du kannst mich blenden lassen, ich klage nicht, nein, ich lchle. Du kannst mich in den Boden hineintreten, alles was du willst, kannst du. Aber hte dich, meine Liebe ist gefhrlich! Mein Herz ist rot, blutig rot und wild! O, Axel, wie gut mu Gott sein, da er uns ein solches Glck schenkt! Ich erwidere: Er liebt alle Liebenden, mut du wissen. Seht, sagt er zu seinen Engeln, sie lieben einander! Und die Engel sagen: gelobt seist du, du Vater der Liebe, du bist ein guter Gott, ja! Die Nacht vergeht, die Nacht vergeht. Heute verging die Nacht schneller als gestern, morgen wird sie schneller vergehen als heute, bermorgen schneller als morgen. Wir plaudern. Wir schweigen. Wir lauschen auf das Lied des Vogels, der im stillen Parke von seinem Glcke singt. Die Nacht vergeht. Horche doch, was der Vogel singt, Axel! Hrst du alles? Nun sang er deinen Namen -- Ingeborg sieht mich an -- bleibe so, sagte sie, bleibe so -- schliee die Augen -- lchle ein wenig, so! berirdisch siehst du aus! Bleibe so, rhre dich nicht! Sie gleitet in die Knie und flstert: Bleibe so, ich will dich ansehen -- Sie streicht mit dem Finger ber meine Hand, ganz leise. Ich liebe deine Hand, Axel -- ich liebe jedes Hrchen deiner Hand, jeden Nagel, bleibe so, bleibe so -- ich will deine Hand liebkosen --. Ich sitze mit geschlossenen Augen. Meine Hand wird leicht in die Hhe gehoben, Ingeborgs Lippen berhren sie -- es durchschauert mich. Es ist ein erstickter Schrei der Wonne in meiner Kehle -- Die Nacht vergeht, der Morgen dampft. Ein helles Kleid verschwindet im Dampfe des Morgens. Ich nehme mein Gewehr und wandere in den Wald hinein. Tief im Walde fallen zwei Schsse. Was hat der Herr geschossen? Nichts, nichts. Ich treffe nichts, schlechte Augen, sodann zittere ich auch etwas, von der kleinen Pfeife rhrt es her. -- -- -- Ich begegnete ganz zufllig Graf Flggen im Walde, als ich mein Gewehr spazieren trug. Wie ein Zwerg kam er daher mit langen schlenkernden Armen. Er ging immer, als suche er etwas auf dem Boden. Hren Sie doch nur, was fr ein sonderbares Geschpf diese Ingeborg da ist! sagte Graf Flggen und seine uglein blinkerten. Tag und Nacht luft sie im Walde herum. Ja, hihi, auch in der Nacht. Schon jeden Sommer trieb sie es, aber Heuer treibt sie es doch toll. Schlft im Walde, das Mdchen, schlft im Walde. Ich lachte. Graf Flggen lachte ebenfalls. Er hustete, so lachte er. Aber -- aber natrlich -- er schlug die Hnde an die Schenkel -- sie ist im Walde geboren. -- Im Walde fand ich sie. Ganz wie in einem Mrchen sa sie da, blond, ein Zpfchen wie ein Schwnzchen, sang, sang, da man es meilenweit hrte. Wie heit du? Ich heie Ingeborg Giselher. Wer ist dein Vater? Er haut Bume um fr die Schiffe und meine Mutter ist aus Dnemark. Sie sprach so klug und munter, da mir das Herz aufging. Bist du vielleicht der Waldgott, sagte sie. Ja. Nun, dann kenne ich dich. Ich habe dich vor drei Tagen gesehen, mit einem Buschen auf dem Kopf und einem groen Prgel in der Hand. -- Hi hi hi -- -- du singst, Ingeborg? Ja, ich werde eine Sngerin, die Mutter hat es gesagt. Dann zeigte sie mir auch einen hohlen Baum, in dem gerade zweitausend Zwerge zu Mittag aen. Seine Tochter ist krank, sagte sie. Wessen Tochter? Nun, die vom Knig Waps. Sie liegt da. Wo? Nun in der Spinnenwebe. Sie hat Husten . . . . Ja, was ist uns Ingeborg geworden, meiner Gattin und mir? Hihi -- eine Freude fr unsere alten Tage, eine Lust, ein Vergngen -- --. Er kicherte, nickte, Trnen liefen ber seine Wangen. Immerzu sprach der alte Mann von Ingeborg. Er war etwas schwatzhaft geworden in den letzten Jahren. Aber ich hrte zu, meinetwegen. Ja, ja, schlft im Walde, fast jede Nacht. Nun, sie soll ihre Freude gerne haben, unsere Ingeborg. Da stie mich der Teufel ins Genick und ich sagte: Vielleicht hat sie einen Geliebten, den sie besucht? Wie? Graf Flggen pfiff durch die Zhne und blinzelte. Welch ein Einfall! Nein, nein, eine falsche Vermutung -- er ist ja sehr begabt und hbsch, aber es fehlt ihm -- ja, er ist kein Mann -- er ist leidend, sehr krank, glaube ich. Nun, denken Sie, schon mit zwlf Jahren schleppten sie ihn von Stadt zu Stadt. Nein nein, welch ein Einfall von Ihnen! Graf Flggen lachte. Auch ich lachte. Besuchen Sie mich doch! Keine Zeit? Ich glaube auch unsere Ingeborg wird sich freuen. Sie sagte neulich, weshalb sieht man Frst Axel so selten? Ich wrde wohl bald wieder vorsprechen. Viele Gre an Frulein Ingeborg. Danke, danke. Das wird sie freuen, ja gewi. Sie hat mir einmal etwas von Ihren Augen gesagt, kann es Ihnen nicht sagen, junger Freund -- hihi -- Frher stellte sie sich unter Ihnen so etwas wie einen Ritter Blaubart vor, ganz sicherlich, wie in den Mrchen -- dann bekam sie Sie zu Gesicht, vorigen Herbst. Papa, sagte sie, nun und dann sagte sie eben das von Ihren Augen. -- Adieu, junger Freund. Weidmannsheil! 12 Rote Tage! Blaue Nchte! Schn ist das Leben! Die Tage sind ein Rausch, die Nchte ein Mrchen. Die Tage sind Singen und Lachen, die Nchte sind Ksse, die Trnen des Glckes aus zuckenden Wimpern trinken. Die Tage sind eine groe rote Sonne, die Nchte ein blaues Lichtchen Mondenglanz in einem Auge ohne Grund. An einem Sonntage kam ein Mann zu mir, der aus Haaren, Harz und Honig war. Ich stand am Fenster und sah ihn die Bergstrae heraufkommen. Ein dicker Stock ging neben dem Manne her. Dieser Stock machte noch grere Schritte als der Mann und war immer um einiges voraus. Der Mann stand still und stie den Stock in den Boden. Ist der Herr zu Hause? rief er ber die Wiese. Ja, der Herr sei zu Hause. Sofort begann der Mann wieder auszuschreiten, er steuerte auf die Tre zu, und Mann und Stock verschwanden im Hause. Es pochte laut, und ein brtiger haselnubrauner Kopf mit leuchtenden wasserblauen Augen erschien in der Tre. Guten Tag auch, sagte der Mann und trat ein, den Stock in der Hand. Er sei ein Holzfller, komme aus dem Walde und heie Frchtegott Giselher. Willkommen! sagte ich und streckte dem Besuche die Hand hin. Keine bereilung, Herr! sagte der Mann, der aus dem Walde kam. Er zog sich einen Stuhl nher zur Tre, lie sich gemchlich nieder, den Hut auf dem Schoe und den dicken Stock ber den Knien. Er blickte durch mein Zimmer, das ein Museum auserlesener Gegenstnde war, und lchelte geringschtzig. Er hatte einen Kopf wie ein Apostel, sein Gesicht verschwand nahezu in dem Kranze ruiger, zackiger Haare, zu dem sich Haupt- und Barthaare vereinigten. Die Brauen, die Federn hnlich waren, hingen halb ber seine wasserblauen, treuherzigen Augen. Der Mann hatte groe Hnde, xte waren sie gleichsam, sie waren voller Risse und Sprnge, die Ngel abgeschabt und braun. Ja, ich komme aus dem Walde, sagte der Brtige und blickte mich an. Ein weiter Weg hieher, ein weiter Weg. Aber es ist schn durch Gottes Natur zu wandeln, allezeit ist es schn, etwa nicht? Es sei schn, durch Gottes Natur zu wandeln, da habe er recht. Der Mann zog ein groes blaues Schnupftuch aus der Tasche und schnuzte sich geruschvoll. Das Getreide steht gut, die Kartoffeln sehen gut aus. Ein wenig Regen noch. Nun, der Herr ber Mensch und Vieh wird es wohl einrichten. Er wickelte das Schnupftuch zusammen, wiegte den Kopf hin und her und lchelte. Also er sei Ingeborgs Vater. Ingeborg kenne ich doch, wie? Gewi, gewi! Hm. Der Herr Graf ist ein biederer Mann mit einem Herzen, das Gott gefllt. Er hat Ingeborg zu sich genommen und sie zu einer feinen Dame erzogen -- das ist alles schn und recht. Sie hat einen klaren Kopf, Ingeborg, das hat der Herr Graf in der ersten Stunde gemerkt. Wer ist dein Vater? hat der Herr Graf sie gefragt. Er haut Bume um fr die Schiffe und meine Mutter ist aus Dnemark, hat sie ihm geantwortet. Sie gefiel ihm, in Sonderheit ihre Stimme hat ihm recht gefallen -- alles schn und recht, es fressen viele Muler aus meiner Schssel. Ein Mensch mu auch etwas wissen in unserer Zeit. Das haben wir nicht im Walde. Alles schn und recht. Ich habe sie nicht gerne hergegeben, aber es war ja viel besser fr sie und Eigennutz ist nichts nutz. Nun, nun, nun, ich konnte sie ja auch oft sehen, ich fragte, was mit dem Waldschlag am Weiher sei, ich fragte, was mit der Streu sei, -- ich hatte Holz zu fahren -- ja, es gab immer dann und wann einen Grund ins Schlo zu kommen, ja, ja, ja, gut. Alles schn und gut, sagte Frchtegott Giselher und wiegte den Kopf auf den breiten Schultern hin und her. Alles schn und gut, ja ja. Frchtegott Giselher rusperte sich und nahm den dicken Stock in die Hand und schwenkte ihn ein wenig auf und ab. Er blickte mich an und murmelte etwas in den Bart. Dann blies er durch die Lippen, da der Schnurrbart flatterte. Alles schn und gut, aber zuweilen denke ich, da es vielleicht besser fr Ingeborg gewesen wre, wenn sie nicht ins Schlo gekommen wre. Lieber arm bleiben, aber richtig im Herzen, als eine feine Dame werden -- nun nun, hm, verstanden? In den Wald, mein Herr, da kommt die Snde nicht. Hren Sie, Herr, im Walde -- ha -- dada, was ist im Walde? Was ist im Walde nicht, sage ich. Schweigen, dunkel, grn und ein Specht klopft. So! Ich sitze vor meiner Htte und es wird Abend. Es gibt keinen Abend in Stdten und Schlssern, nur im Walde. Da ist er. Du kannst ihn anfassen, er sitzt neben dir auf der Bank! Es saust im Walde, es duftet im Walde, Harz tropft von den Bumen. Herr, wie saust der Wald! Ich hre es. Fnfzig Jahre lebe ich im Walde und nun hre ich, wie er saust. Es saust ringsumher. Der Wald spricht! Worte gehen mir durch den Kopf, Worte wie sie in den Bchern stehen. Ich sitze auf der Bank und klopfe mit der Pfeife den Takt. Ich klopfe den Takt mit der Pfeife, ich will die Worte aussprechen -- -- fort sind sie. Hahaha! Ich bin nur in der Dorfschule gewesen, nur in der Dorfschule -- Herr, wo ist der Feiertag so schn wie im Walde? Ich habe ein frisches Hemd an und meine besten Kleider, ich sitze vor der Htte und horche auf das Rauschen der Bume. Ah! Hrt ihr es? Es suselt. Die Wipfel verneigen sich. -- -- Das ist der Herr!! Der Herr geht durch den Wald, und ich hre es. Ich stehe auf, nehme den Hut ab und sage -- -- Herr?! -- Ich hre ihn, hre seine Worte, und ich strecke die Hand aus und spreche zu den Bumen -- zu den -- -- -- ich spreche zu ihnen -- Der Mann aus dem Walde sa steif und mit ausgestreckter Hand und strahlenden Augen, gerade als ob er zu den Bumen sprche. Es werde Licht! sage ich. Licht! Verstehst du, Sohn des Himmels, was das ist? Licht! Es werde Licht! Ich hre Stimmen, ganz deutlich, ich lausche. Ich hre sie ganz deutlich. -- -- Ich lausche -- -- fort sind sie. Das ist der Wald. Und Frchtegott Giselher sprach noch lange ber den Wald, er sagte, da am Sonntag alte Mnner und Frauen zu ihm kmen und er ihnen die heilige Schrift auslegte. Woher habe er aber diese Gabe, die heilige Schrift auszulegen? Von Gott und vom Walde! Dann rckte er auf dem Stuhle zurecht und sagte: Ich bin von Gott geschickt, um dir das zu sagen. Es ist noch Zeit umzukehren. Bei den Bchern und nackten Frauen an den Wnden ist Snde, im Walde ist Gott. Zwischen dir und mir ein Abgrund, mein Freund! Seine Augen funkelten, er zog auf dem Boden einen Strich mit dem Stock. Hier arm, hier reich, hier Gott, hier Teufel. Jawohl! Er schttelte den Kopf, da seine Haare flatterten, und fuhr in erregtem Tone fort: Die reichen Leute sind fr die Hlle. Reich und gottlos ist ein Ding. Meine Tochter wurde reich, nun, ich lie sie nicht von mir und ihrer Mutter, auf da sie auch gottlos werde! Sie hat arme Eltern, die im Walde wohnen, da kann sie nicht gottlos werden, nein! Hier nahm ich das Wort. Das sei sie doch wohl nicht geworden? Nicht!? Frchtegott Giselher lachte grimmig. Nicht, du Sohn der Snde? -- -- Ja, Gott hat seine Posten berall ausgestellt. Ich habe einen Brief bekommen von einem Unbekannten -- Gewi, sagte ich, Ingeborg ist meine Braut. Hahaha! Mein Freund, auch Maren war meine Braut! Braut, was sagst du, hahaha. Freund, sage ich dir, jung und schn war Maren, aus dem fernen Dnenlande, sprach so sonderbar, sang wie ein Vogel. Oft kam der Teufel zu mir und wollte mich verlocken. Niemand sieht es, sagte er, sieh wie es die anderen treiben! Aber -- ha, acht Jahre haben wir gewartet! -- Braut, das ist etwas ganz anderes! Vater Giselher lachte, rckte auf dem Stuhle hin und her und legte beide Hnde an den dicken Stock. Ja, deshalb sei er gekommen, Gott freue sich ber jedes wiedergefundene Schflein. Er wolle wissen -- er wolle wissen -- Ich lchelte. Wir werden uns wohl verstndigen knnen, sagte ich. Ich beruhigte ihn, so gut ich konnte. Ich wolle mit Ingeborg sprechen. Alles was er wnsche solle geschehen. Vater Giselher nickte mit dem Kopfe. Ich sehe mit dir lt sich reden, mein Sohn, gut! Er stellte den Stock in die Ecke. Ein schner Tag! sagte er, tief aufatmend. Kostbare Dinge in diesem Zimmer da! Nun knne er mir wohl die Hand geben? Nun schon! Vater Giselher drckte mir die Hand. Wir verlebten einen schnen Nachmittag und Abend zusammen, Vater Giselher und ich. Vater Giselher wollte nicht bleiben, aber ich verstand es ihm zuzureden. So blieb er bis zum Abend und schlielich bis Mitternacht. Ich liebte ihn. Wre er nicht Ingeborgs Vater gewesen, so htte ich allein schon diese Eiche aus dem Walde lieb gewonnen, aber so war er noch dazu Ingeborgs Vater. Und Ingeborgs Vater htte ich unter allen Umstnden geliebt, er htte ein zwlffacher Raubmrder sein knnen, ja sogar ein Taschendieb. Wir plauderten, aen und tranken. Vater Giselher lehnte jeden Wein zuerst mit einer schroffen Handbewegung ab, aber als ich ihm sagte, da sogar Jesus Christus nichts gegen das Weintrinken gehabt habe -- habe er nicht auf der Hochzeit zu Kana Wasser in feinsten Wein verwandelt? -- lie er sich bewegen. Er trank den strksten Wein wie Wasser und ich hatte meine Freude an ihm. Er sprach, sprach von Ingeborg und wie sehr er sie liebe, mit feuchten Augen sprach er. Er sprach von der Welt und wie schlecht sie geworden sei. Er spie voller Verachtung auf den Boden. Nun, du mut wissen, da ich ein Blatt lese, der Weinstock und die Reben heit es, der Pfarrer von Heiligenbrunn schickt es mir immer zu, da steht es drinnen, wie schlecht und gottlos die Welt geworden ist. Eieiei -- eiei! -- Sollte man es fr mglich halten? Ein unglaublich verrckter Mann hat behauptet, da Gott gestorben ist! Gott ist gestorben -- wie -- aber dieser Narr lebt noch! Er hat es gesehen, da Gott gestorben ist, er hat ihm die Augen zugedrckt, natrlich! hahaha! Und dabei steht doch schon in der Bibel: ewig, ewig, ewig ist der Herr Zebaoth! Dada! -- Zum Beispiel sei wiederum so ein falscher eitler Schriftgelehrter und Phariser aufgestanden und habe behauptet, jenes Wunder auf der Hochzeit von Kana sei erfunden. Haha! Aber ein Mensch, der Tote auferwecken knne, knne doch auch Wasser in Wein verwandeln? Jedes Kind begreife das! Wie klug diese Phariser doch seien! Der Herr aber ist allmchtig, er kann meinen Stock in ein Huhn, uns zwei in Gerstenkrner verwandeln, und das Huhn frit die Gerstenkrner auf. Niemand wird glauben, da der Stock uns gefressen hat, und doch ist es so. Ja, bei ihm ist kein Ding unmglich! Vater Giselher sprach und sprach, a und trank. Immer wieder sprach er vom Walde und da Worte durch seinen Kopf klngen, soda er sie fast greifen und festhalten knne. Allmhlich nannte er eine Menge von Namen, die mir natrlich fremd waren, er fragte dies und jenes, fragte mich auch, ob ich glaube, da Peter von der Gaschmhle das Mehl gestohlen habe, oder nicht. Nein, ich glaube es nicht. Auch Vater Giselher glaubte es nicht. Nein, nie und nimmermehr, denn er htte doch Peters Vater gekannt, den ein Baum erschlagen habe in jener Sturmnacht vom 3. November 1867. Ob ich je wieder einen solchen Sturm erlebt htte? Haha! Was fr ein Wetter, eiei! Vater Giselher ahmte das Brllen des Sturmes nach, das Krachen der Bume, das Pfeifen der Zweige, das Schwanken der Tannen. Die Zweige der Bume stellte er durch die ausgespreizten Finger dar, er lie sie auf und abschwanken und stie einige Glser dabei um. Was aber nun das Sonderbare ist, dieser Peter hat das Mehl doch gestohlen, Tatsache! Er hat es selbst eingestanden, zwei Monate hat er bekommen! Pltzlich hob Vater Giselher den Finger in die Hhe. Der Wald sauste. Ein Lcheln verklrte sein brtiges braunes Gesicht und er bewegte die Lippen und klopfte mit der Pfeife den Takt auf dem Tische. Jaja, es leben viele Wunder im Walde, sagte er dann vor sich hin. Niemand wei, weshalb die Eiche knorrig sein mu und die Tanne schlank, weshalb das Rotkehlchen eine rote Kehle hat, niemand wei das. Warum sind die Leute im Walde gottesfrchtig und gottlos die in den Stdten? Antwort? haha! Um Mitternacht brach Vater Giselher auf. Ich bot ihm den Wagen an, ich wollte ihn selbst nach Hause fahren. Nein nein! Wenn mir Gott Fe gemacht hat, weshalb soll ich denn fahren? Das ist wider den Sinn. -- Nun also, wie es ausgemacht ist: vor Gott und dem Gesetze. Ich werde mit Ingeborg sprechen. Vater Giselher ging mit groen Schritten den Berg hinunter und schwang den Stock, da Funken aus der Strae fuhren. Dann begann er mit lauter Stimme einen Choral anzustimmen. Der Wald hallte. -- -- -- Am andern Tage traf ich mit Ingeborg im Walde zusammen und ich sprach mit ihr. Mein Herz zitterte, wollte sie doch ja sagen! Ingeborg senkte den Kopf und blickte auf den Weg. Daran habe sie nicht gedacht, nein. Sie zuckte zusammen. Ja, wer hat ihm denn den Brief geschrieben? Unsere Blicke begegneten sich. Ingeborg erblate. -- O, rief sie aus und schlug die Hnde vor das Gesicht, welch ehrlose Menschen es doch gibt, pfui, pfui! Sein Unglck hat ihm den Verstand verwirrt, sagte ich. Er wre gewi nie einer solchen Schlechtigkeit fhig gewesen. Denke daran, wie tief du ihn getroffen hast. O, wie schlecht, wie schlecht! Die Verzweiflung macht sinnlos, Ingeborg. Schlecht ist er erst geworden. Ingeborg sah mich an und ihre Augen strahlten. Du, du, du bist gut, Axel! Er ist dein Rivale und doch verteidigst du ihn. Du bist gerecht. -- Ja, Axel denke nicht, da ich dich nicht liebe, weil ich nicht gleich ja sagte. Ich wollte deine Geliebte sein, deine wilde Geliebte, die aus dem Walde kommt. So schn war es. -- Du kannst es ja bleiben, trotzdem. Du sollst mich immer als deine Geliebte betrachten, Axel. Als nichts anderes! Ja, Ingeborg. 13 Sommer! Unser Sommer. Wir wohnen hoch oben ber dem Tale, wie Vgel in ihrem Horste. Wir fhlen uns stolz und frei, etwas vom Stolze und dem kniglichen Gefhle der Adler ist in uns gekommen. Tief unten das kleine Tal, Berge, Berge, Wlder, Wlder, soweit wir blicken knnen. Viele Stunden weit reicht unser Blick, bis zu den fernen hellblauen Hhenzgen, die den weiten Himmel tragen. All das was wir sehen ist fr uns zu einem Gesichte geworden, in dem wir lesen, lcheln kann das Gesicht, schmunzeln, es kann hilflos aussehen, es kann vor Zorn und verhaltener Wut beben, todtraurig kann es sein, gleichgltig. Es kann ein Zittern der Rhrung ber dieses Gesicht rieseln, wenn die feurigen Boten der Sonne am Morgen ber den Himmel schweben, das Gesicht kann voller Sehnsucht der scheidenden Sonne nachblicken, verzweifeln, wenn die Sonne gesunken ist, sterben. Der Mond kommt und kitzelt es, es lchelt, es kichert. Wie schwebte der Mond in diesem Sommer empor! So frei und stolz und kniglich still. Erstaunt sah er zuweilen aus, zuweilen lchelnd wie ein Verschwender, glnzend, als kme er aus dem Bade. Es ging ihm gut. Er blendete wie ein Spiegel aus Silber, in den die Sonne fllt. Alle Sterne waren am Platze, funkelten, er lchelte berlegen. Die Lerche sang und trillerte in diesen weien Nchten. Die Sonne schttete brennenden Wein auf die Erde, jeden Tag. Es regnete Sonne, in hellen dampfenden Bchen flo sie die vielen Wege und Pfade ins Tal hinab. Ein Dampf von Sonne lag ber den Wldern, ein roter Dampf, in dem lauter kleine Sonnen zitterten. Man mute die Augen scharf machen und das Licht mit der Hand abblenden, wollte man durch diesen Sonnennebel hindurchsphen. Dann sah man tief unter den schlummernden Wldern etwas Blitzendes, eine Schlange aus Quecksilber, das war der Flu. Etwas blitzte, es zappelte, regte sich, das waren Leute, die auf den Feldern arbeiteten. Es summte, brummte. Horch! sagte Ingeborg. Ja, ich hrte es, es war als ob irgendwo in groer Entfernung eine Dreschmaschine surre. Das war der Sommer. Der Frhling klingt, der Sommer surrt, der Herbst klagt und murmelt, der Winter schweigt. Die Wlder schliefen, sie lchelten im heien Schlafe, heitere Trume hatten sie, der Boden war hei, als wrde Brot auf ihm gebacken. Traten wir pltzlich auf eine Lichtung, so stand das Licht vor uns wie eine Mauer, wir prallten zurck. Die Luft zitterte und farbige Feuerchen tanzten ber den Grsern. Die Erdbeeren wurden rot, das Korn golden und die Menschen braun. Der Schwei stand auf ihren Stirnen, in den schweiigen Augen kochte die Sonne. Langsam stiegen die Bauern die Bergstrae herauf und sie blieben oft stehen und fuhren sich mit dem rmel ber das Gesicht. Die Bergstrae war schneewei, mit hohem Staube bedeckt, und es ging sich auf ihr wie auf Samt. Die Spuren vieler nackter Sohlen hatten sich in ihr abgeprgt, ganz deutlich wie in Mehl. Das Haus funkelte golden hinter den Kastanien hervor, in seinen Fenstern brannten helle Feuer. Die Wiese stand hoch und unaufhrlich wimmelte sie von Faltern in allen Farben. Ging man durch sie hindurch, so flatterten sie ringsum in die Hhe und es war als verfolgten sie einen. Prchtige Trauermntel saen hufig auf der heien Treppe und sonnten sich. Im Hause war es hei und die blendendweien Korridore mit den vielen Tren waren die einzig khlen Orte des Hauses. In den Zimmern war es meistens dunkel, da die Lden geschlossen werden muten. Steckte man einen Finger durch den Fensterladen, so konnte man fhlen, wie die Sonne ihn rstete. Am schnsten war es im Parke. Der Park war verwildert, alt, einem Urwalde nicht unhnlich mit den dicken bemoosten Bumen, die von allerlei Schlinggewchsen umsponnen waren. An vielen Stellen vermochte die Sonne nicht durchzudringen, sie stach mit scharfen Nadeln durch das Laub, aber sie hatte nicht die Macht, diese Dunkelheit zu zerstren. Hier war es khl und feucht, moderig. Alle Wege des Parkes waren verwachsen und man mute sich mit den Ellbogen Bahn schaffen. Es gab nur einen langen Hauptweg, der zum Schlosse fhrte. Wie ein Bach flo die Sonne im Zickzack in seiner Mitte. Hier befand sich ein Brunnen, ein rundes Becken, in dem eine dicke kurze Sule Wassers sprudelte. Diesen singenden murmelnden Brunnen, ber dem immer Khle schwebte, liebte Ingeborg ganz besonders. Sie konnte stundenlang auf seinem Rande sitzen und die Hnde in das khle grne Wasser tauchen und das goldene Netz betrachten, das auf dem Grunde des Beckens zitterte. Es entstand durch die Brechung des Lichtes mit den kleinen Wellen, die ohne Aufhren zum Rande des Beckens eilten, und schien nach Ingeborgs Hnden zu haschen. Da sa sie und trumte, dann wandte sie sich pltzlich nach mir um und lchelte fein und voll unsglicher Liebe. Ihr Lcheln glnzte zuerst in den Augen, dann glitt es ber die Lippen. Die Lippen ffneten sich und ihre Zhne lchelten, ihre Wangen berzog ein besonders gtiges, beinahe kindliches Lcheln. Dann sprach Ingeborg mit vertrumter, weicher Stimme: Hre wie der Brunnen rauscht! Sie deutete mit der Hand die Allee hinunter. Etwas Weies schimmerte dort im Sonnenlichte, die Treppe, die ins Haus fhrte. Und sie sprach: Dort wohnen wir! Wie im Traume sagte sie es. Und ich ging nher, legte die Hand auf ihre Schulter, so leicht es ging und sagte: Ich liebe dich, Ingeborg. So leise es ging. Ingeborg erwiderte nichts darauf, sie lchelte zu mir empor, nahm meine Hand und legte sie an ihre Brust. Fhlst du? fragte ihr Lcheln. Und mein Lcheln antwortete ihr, da ich es wohl fhlte. Hrst du, was mein Herz sagt? fragte ihr Lcheln. Und mein Lcheln antwortete ihr, da ich wohl hrte, was ihr gtiges, herrliches Herz sagte. Ingeborg, Ingeborg, wie soll ich doch dein Herz nennen? -- -- Ingeborg wohnt in den weien Zimmern des Schlosses, die gegen Sonnenaufgang gehen. Ich hre sie singen, hell und rein ist ihre Stimme und krftig, die Wnde klingen, und der Wald hallt wie von geschwungenen Glocken, wenn sie drinnen im Walde singt. Ich sehe auf meine Tre. Da steht: Gehst du, Ingeborg? Und auen an der Tre da steht: Willkommen Ingeborg! Ich schlafe ein, fnf Minuten schlummere ich, ich erwache, ein groer Brief mit fnf roten Siegeln ist angekommen, oder ein Paket mit Blumen und einigen hbschen Kieselsteinen. Briefe schwirren hin und her, obschon wir fast stndlich beisammen sind. Aber immer gibt es noch etwas zu sagen, man hat es vergessen, man kann es nicht aussprechen. Es kommt ein Buch mit einer angestrichenen Stelle, oder auch nur ein weies Blatt Papier, ganz leer, nichts steht darauf, aber nher zugesehen findet man eine kleine matte Stelle. Ingeborg geht in den Wald, um Blumen zu pflcken, ich sage: eigentlich habe ich nichts zu tun, Ingeborg, ich gehe mit. Ich gehe um den kleinen See herum, der mitten im Parke liegt. Da kommt Ingeborg daher. Wohin gehst du, Axel? Ich gehe um den See herum! Ich habe ganz den gleichen Weg! Ich lese aber dieses Buch. Ich lese ganz das gleiche Buch! Ich erwache des Morgens, ein Mund kt mich, Ingeborg steht vor mir zerzaust und na vom Tau, Blumen in der Hand. Wo warst du? Ich schlief im Walde, o herrlich war es. Ich habe oben im Bach gebadet! Viele Nchte schlft Ingeborg im Walde, oft bekomme ich sie Tag und Nacht nicht zu sehen. Ich sitze und tue nichts, ich warte auf sie. Mein Herz klingt und singt. Mein Sinn wird dunkel -- ich fhle, da sie nun kommt. Da kommt sie aus dem Walde. Pazzo begleitet sie. Er ist von mir zu ihr bergegangen. Danderadei -- danderadei -- singt sie und schwingt den Strau in der Hand. Es klingt wie Fanfaren. Meine Hnde beben, meine Fe zittern, ich gehe ihr entgegen, mit feuchten Augen gehe ich ihr entgegen und ich gehe langsam, weil meine Knie zittern. Auerdem wrde ich ja springen, sausen. O, du Herrliche! denke ich, ich flstere es. Ich fand etwas im Walde! ruft Ingeborg. Sieben Zettelchen. Du hast sie geschrieben, Axel! Erst fand ich eines. Ich lese: Ingeborg. Axels Hand, denke ich. Ich suche und finde ihrer sieben. Vergilbt sind sie, aber doch kann ich sie noch lesen. Wann schriebst du sie? Ich schrieb sie einige Tage, nachdem du auf der Hhe mit mir gesprochen hattest, Ingeborg! Ich schrieb viele, viele und streute sie in den Wind. Axel, Axel! Ich lasse die Pfeife in das Gras fallen, um unauffllig niederknien zu knnen vor ihr. Oft fassen wir uns an den Hnden und laufen ber die Wiese -- durch den Wald und schreien und lachen. Huriho! Hurihohoho! Gro und weit ist meine Seele geworden. Ein ganzer Weltenraum ist meine Seele nun, voll wiegenden Lichtes. Meine Seele zieht ihre Kreise immer weiter. Ich entdecke mich. Ich staune, staune ber mich selbst, bin verwundert ber mich selbst. Ich sitze und sehe in mich hinein, blhendes Chaos, wiegende Wunder, Licht und Purpur und sanfte Musik. Ich breite die Arme aus und sehe in den Himmel hinein, nie sah ich tiefer in die Unendlichkeit des Blaus. Ich breite die Arme aus . . . Da du so schn bist, du groer Gott, wie gtig mut du sein! Ich hre mein Blut klingen, es ist rot, funkelt, hat Feuer angezndet, es lacht durch meinen Kopf, es klingt gegen meine Hirnschale, Licht fhrt aus meinen Augen. Ich fhle wie mein Herz das Blut in die Adern schleudert, es rauscht, eine sprudelnde Quelle von Blut bin ich. Ich fhle das Leben um mich her. Das Leben in einem Halme, einem Blatte, die Sfte pochen, der Halm erschauert, eine Blume schwankt, zuckt vor Wollust zusammen, sie gibt sich hin. Ingeborg hat den Finger an mein Herz gelegt, da begann es zu schlagen, und nun schlgt es, schlgt es! Es sind erstickte Schreie der Wonne in mir, mein Blut schreit und ich zucke zusammen -- ja -- -- -- Es gab Stunden, da flocht Gott unsere Seelen zusammen zu einem Wesen. Ein Lcheln entdeckte uns alles was in des andern Brust vorging, wir fhlten es, die Worte brauchten wir nicht. Ich empfand Ingeborgs Stimme als meine Stimme, und Ingeborgs Atemzug war mein Atemzug. Dann brach in meinem Kopfe ein zweites Auge auf, ein schrferes, und dieses Auge blickte hinein in eine zweite Welt, deren Ahnung mich erschtterte. Wir saen im dunkeln Zimmer und sahen zu, wie sich eine Blume ffnete. Es war eine weie Lilie. Sie schlte sich aus ihren Huten, sie sprengte langsam die Knospe, die Bltter sanken herab, mde befriedigt, voller Lcheln, voller Weinen und Hoffen. Es dauerte Stunden, bis die Lilie sich entfaltet hatte. Wir erlebten sie. Es war als steige Gott mit dem Dufte aus dem Kelche, als jubele es ringsum, als habe diese kleine Blume eine Erschtterung, eine Vernderung der Welt hervorgerufen. Die Welt hatte einen Schritt vorwrts gemacht und wir fhlten ihn. Keine Blume konnte aufgehen, kein Vogel aus dem Ei schlpfen, ohne da alles was lebte, es fhlte, es miterlebte. Oft eilt ein leises Lachen durch mein Blut, in Stunden, da ich traurig bin, ich wei wohl woher es kommt, dieses leise Lachen. Zuweilen erzhlte Ingeborg. Hoho! lachte sie, das war noch schn! Dann lachte sie noch eine Weile fr sich und dann begann sie. Sie erzhlte immer vom Walde. . . . . . da stand eine alte, alte Tanne, an der das Moos nur so herunterhing wie graue Brte. Ich sah sie oft lange an. Einmal nun, da klopfte ich an die Tanne -- warum? -- das wei ich nicht mehr. Was meinst du? die alte Tanne sprach! Gott, Axel, ich habe, habe es gehrt. Sie sprach mit einer tiefen, tiefen Stimme, wie ein Fa: Willst du Zapfen haben? Dann schttelte sie sich und es kamen viele, viele Zapfen herunter. Tausend solcher Geschichten erzhlte sie. . . . Da schickten sie mich in die Stadt, weil ich etwas lernen sollte. Ich trumte immer vom Walde. Einmal da trumte ich von einer groen Lichtung, die von Erdbeeren ganz berst war. Ja, nie habe ich soviele Erdbeeren gesehen. Ich bckte mich, sie fielen herunter, alle, alle, alle, es sah rot im Grase aus, es klebte . . . In der Stadt hielt ich es ein Jahr aus. Dann kam ich zurck. Hre Axel, wie erschrak ich! Der Wald kannte mich nicht mehr. Er zrnte mir, o, wie sah er mich an! Ich weinte. Dann kam ich auf eine famose Idee. Sie schmckten mich in dieser Zeit so. Ich nahm die Kette aus den Haaren, zog mein ltestes Kleid an, zog die Schuhe und Strmpfe aus, brachte mein Haar in Unordnung, und nun lief ich in den Wald hinein und schrie wie toll. Solltest du gesehen haben, Axel, Axel, hoho! Ja, er kannte mich wieder . . . Einmal wieder, da kam ein Mann durch den Wald, ich habe vergessen, wie er aussah, er lchelte und hatte helle Augen. Ich ging mit ihm ein gutes Stck Weges. Er kte mich auf die Stirne. Ich dachte, ich sei mit Jesus Christus gegangen, und spter als ich erfuhr, da Jesus Christus vor langer Zeit gelebt hatte, trauerte ich. Aber einige Jahre darauf glaubte ich doch wieder, da mir Jesus Christus begegnet sei und es wurde so licht in meiner Seele -- Und jetzt? Frage nicht, Guter! Sie brach in Weinen aus und bettete den Kopf an meine Brust. Nach einer Weile, da sie sich ausgeweint hatte, flsterte sie: Du bist der Mann im Walde gewesen, du! Ich erkannte dich wieder, als ich dich zuerst sah. Gehe hin, rede, hilf ihnen, den armen Menschen! 14 Ich erzhle von meinem Glcke, es ist schn, fr mich ist es schn. Nun, seid gtig, lat mich fortfahren. Ich knnte ja immerzu -- tausend Nchte . . . Wtet ihr, wie schn es ist an diese Dinge zu denken! Es lacht in mir, es jubelt in mir, zuweilen laufe ich im Kreise herum, ich weine vor Freude. Oft ist die Freude der Erinnerung grer als der Schmerz, da all das vergangen ist, und das ist es, weshalb ich erzhle. -- Dies sind die Tage der hohen Feste. Ihr Glanz ist noch um mich und verklrt mir einsame Stunden. Alles wird Religion, Religion wird alles. Die Worte ndern den Sinn, die alltglichsten Worte sind zu Rtseln geworden. Wir speisen zu Mittag und sprechen alltgliche Worte. Das Brot, Lieber! Ja, das Brot, danke. Liebste. Was fr Worte sind das? Es sind alltgliche Worte, ja, aber es sind verkappte, rtselhafte Worte. Sie heien: ich liebe dich, Lieber. Sie heien: ich liebe dich, Liebste. Aber wiederum, was sind das fr Worte? Es sind verkappte, rtselhafte Worte. Sie heien: Welt, Leben, Tod. Sie heien: Gott, Ewigkeit, Erlsung. Aber wiederum, was sind das fr Worte? Verkappte, tiefe, tiefe Worte. Sie heien, wer nennt sie? Du nimmst Wein, Liebste? Ja, danke. Roten, weien? Ja, roten, weien? Du nimmst Gift? Ja, ich nehme Gift. Du nimmst ein Glas Tod? Ja, ich nehme ein Glas Tod. Alle Worte ndern den Sinn. Wir gehen durch den Wald. Ein Wunder ist der Wald, ein Wunder rauscht durch den Wald. Wir gehen durch die Felder, die Wiesen, ein Wunder sind die hren, ein Wunder die kleinste Blume. Alles wird zum Wunder. Wir wollen sehen wie die Sonne untergeht, Axel. Die Sonne sinkt hinter die Berge. O, o! Ingeborg pret die Hnde auf die Brust, ihre Augen schimmern. Es durchschauert mich. Axel, der Mond kommt herauf! O, o! Sieh ein kleiner Stern begleitet ihn! Ein groer goldner Stern funkelt dort ber den Tannen! Sie hat Trnen der Verzckung in den Augen. Ein Wunder Stern und Mensch -- -- -- -- Ob die Tage schner sind als die Nchte, ob die Nchte schner sind als die Tage, wer vermchte das zu sagen? Niemand! Einigemal in der Woche kommt Graf Flggen angefahren. Er breitet die Arme aus, sieht er Ingeborg, er winkt mit dem Taschentuch, rollt der Wagen in den Wald zurck. Du hast mir alles genommen, Axel! sagt er zu mir, er zrnt mir im Geheimen. Er geht gebckter, er wird nun pltzlich wirklich alt. Der Sinn schwindelt mir, denke ich an mein Glck. Wiederum schrieb ich an Freund Bluthaupt. Komme, komme, schrieb ich. Ich bin glcklich, alles jauchzt in mir. Komme, ich bin verndert, verzaubert und verhext, komme, du wirst deine grte berraschung erleben -- -- -- Eines Nachmittags kam Harry Usedom mit einem zerbrochenen Wagen vor mein Haus. Ich sa auf der Treppe, lie mich von der Sonne braten, ich wartete auch auf Ingeborg, die im Walde war. Ich habe ein kleines Unglck gehabt! sagte Harry Usedom. Die Deichsel des Wagens war zerbrochen. Der Wagen umgestrzt. Haben Sie sich verletzt? fragte ich ihn. Er war ber und ber mit Staub bedeckt. Nein, sagte er und lchelte. Ich fiel nur auf die Strae. Es ging gut ab. Ich bat ihn einzutreten, bis die Knechte den Schaden ausgebessert htten. Wir saen in meinem Zimmer und plauderten. Sie haben herrliche Gegenstnde hier, sagte er und betrachtete alles mit kindlicher Freude. Er sah immer noch bleich aus, aber er ging aufrecht und sprach frei und heiter. Sein Blick fiel auf die Tre, wo die Worte standen: Du gehst Ingeborg? er zuckte zusammen, starrte die Worte an, wurde rot. Dann sammelte er sich wieder und sprach ber die Gegenstnde, die in meinem Zimmer standen. Er sprach ber jeden einzeln, lie sich seine Geschichte erzhlen, lchelte, hrte aufmerksam zu, aber seine Gedanken wanderten. Der Wagen war ausgebessert. Harry Usedom ging nicht. Er sprach weiter ber Vasen und Schalen, dazwischen ging er an den Flgel und schlug einige Akkorde an. Er sprach, lachte leise und dazwischen horchte er. Ob ich eine Geige habe? Ich brachte sie ihm und er griff hastig danach und spielte. Er ging langsam hin und her, whrend er spielte. Er ri in den Saiten, er sang. Seine Augen leuchteten, sie wurden trb, sein Gesicht spielte mit. Ich verstand wohl was er spielte. Mitten in seinem Spiele trat Ingeborg ins Zimmer. Ihr Gesicht glhte, ihre Augen schimmerten licht und blau. Pazzo kam mit ihr herein. Er bellte und knurrte und wollte auf Usedom losfahren. Usedom hrte augenblicklich auf zu spielen. Er legte die Geige auf einen Stuhl. Dann nahm er sie vom Stuhle und legte sie auf den Flgel. Seine Hand zitterte, so da die Geige klapperte, whrend er sie auf den Flgel legte. Du hier? sagte Ingeborg und streckte ihm die Hand hin. Wie geht es? Danke! sagte er und es zuckte um seinen Mund. Ich habe einen kleinen Unfall gehabt mit dem Wagen. Die Deichsel ist gebrochen. Ich verhielt mich etwas hier, wir plauderten -- ich bin noch bestaubt -- verzeihe -- dann spielte ich ein wenig Geige -- es war so traulich hier, ich bin immer allein -- Er stockte, verneigte sich leicht. Er blickte Pazzo an, mit gtigen Augen blickte er ihn an. Er streichelte ihn. Bleibe doch, Harry. Spiele weiter. Danke, sagte er, du bist so gtig, so gtig Ingeborg. Ich danke dir von ganzem Herzen -- ich will spielen, wenn du es wnschest -- sehr gerne -- Er griff nach der Geige, nahm sie aber nicht. Nein, fuhr er fort und schttelte den Kopf, ich kann nicht spielen, ich kann jetzt nicht spielen -- ich erlebe so viel, was ist das fr ein Augenblick! Du bist gut -- alles strzt ber mich. Er schlo die Augen, seine Wimpern wurden feucht. Harry! sagte Ingeborg gtig zu ihm und berhrte seinen Arm. Da nahm er ihre Hand von seinem Arme, und er strzte in die Knie. -- -- -- nur einen Augenblick -- einen Augenblick. Ingeborg -- Ingeborgs Augen fllten sich mit Trnen, sie lchelte. -- -- -- nur einen Augenblick -- einen Augenblick, Ingeborg -- Schluchzen erstickte seine Stimme. Er stand auf und lchelte, das Gesicht na von Weinen. Verzeihung! sagte er, er lchelte wie ein glcklicher Knabe und ging. -- -- -- Es war Nacht. Horch! sagte Ingeborg. Unsere Blicke begegneten sich. Im Walde sang eine Geige. Die Geige jubelte und klang. Es war ganz still und die Geige klang so deutlich zu uns herein, als snge sie dicht unter dem Fenster. Nie in meinem Leben hrte ich solch ein wunderbares Lied. Das weinende Glck war es. Ingeborg sa regungslos und blickte mit groen Augen vor sich hin. Dann begann sie zu weinen, sie weinte unaufhrlich in ihre Hnde, und das Weinen erschtterte ihren ganzen Krper. Ihre Schultern zuckten. Das Lied der Geige entfernte sich, es erstarb in der groen Stille. Verzeihe, da ich weinte, sagte Ingeborg. Verzeihe, da ich weinte, sagte sie! In drei Nchten erklang die Geige im stillen Walde. Dann hrten wir sie nicht mehr. Einige Tage darauf kam aus dem fernen Sden eine Karte, sie war an uns beide adressiert. Dank! stand darauf. Sonst nichts. 15 Eines Tags traf Karl Bluthaupt, der Dichter, ein. Das heit, er kam mitten in der Nacht, hatte alle Zge versumt, mit vielem Hallo und Lrm weckte er uns aus dem Schlafe. Nun lebte er oben in den Giebelzimmern des Schlosses und arbeitete Tag und Nacht. Zuweilen kam er zu uns herunter, er lachte, strahlte, berauscht von seinem Werke, dann und wann sah ich ihn im Hofe stehen und mit einer zierlichen hbschen Magd eine Unterhaltung fhren. Dieses Gesprch war weithin hrbar und der Wald gab Echo, lachte er. Wiederum konnte er uns begegnen, eine Falte in der Stirne, zerstreut, er grbelte ber seinem Werke. Er war gro, um einiges grer noch als ich, breitschulterig, knochig, er nahm groe Schritte beim Gehen. Seine Haare waren dunkelrot, wie Kupfer, wirr, er hatte eine Habichtsnase, dunkelblaue Augen und einen immer offenen, immer lchelnden Mund. Er sah aus wie ein Snger vergangener Zeiten, der am Tage hinter dem Pfluge einherschreitet und des Abends in der Halle vor den Frauen singt. Sein Wesen war schwer zu erkennen, viele Widersprche waren in seinem Wesen, er war sehr stolz und doch schchtern, seine Forderungen waren hart, grausam und doch war er weichherzig, er konnte wie ein Kind sein, tanzen, lachen, es gab Stunden, da war er dster, ernst, es zuckte in seinen Augen, seine Zge fielen ein, er redete sonderbare tiefe Worte, der Geist kam ber ihn, er sprach mit sich selbst, mit einem Unsichtbaren. Dann ging er in sein Zimmer und arbeitete. Er konnte von der Arbeit kommen, mde, glcklich bis zur Ergriffenheit, dann sprach er mit feuchter weicher Stimme. Er war geistig und krperlich mutig bis zur Verwegenheit, immer gut, immer edel, er verlangte nichts von den Menschen, nie, nein. Und gab ihnen immerzu, alles! Ich liebte ihn. Stundenlang knnte ich von ihm sprechen, wenn einer es anhren mchte. Ja, er kam mitten in der Nacht, durchnt bis auf die Haut, es regnete diese ganze Nacht. Hallo! rief es. Ich schnellte in die Hhe, das Blut scho mir in den Kopf, das war er, dort stand er. Drei Jahre hindurch hatte ich auf ihn gewartet. Ich erkannte seine Gestalt wieder, ich hatte sie ja nicht vergessen gehabt, aber ich erkannte sie wieder. Ich erkannte seine Hand wieder, den Druck seiner Hand erkannte ich wieder. Sie war schmal und knochig, wie ein Skelett fast, Freund Bluthaupts Hand. Dir geht es ja gut, verdammt gut! Ich erkannte seine Stimme wieder. Wie ich sie liebte, diese krftige, etwas buerische Stimme! Natrlich ging es auch ihm gut. Immer ging es ihm gut, er konnte am Verhungern sein, er konnte mitten in der Verzweiflung leben; es geht mir gut. Ich ging rasch zu Ingeborg. Karl ist da, sagte ich zu ihr, lachte und ging sofort wieder hinaus. Ich ging rasch den Korridor zurck, der Regen trommelte gegen die Scheiben, es war ein wohliges Gefhl, ich fhlte alle Tropfen auf meinem Leibe. Dann kam Ingeborg. In ganz unglaublich kurzer Zeit hatte sie sich angekleidet. Sie trug ihr schnstes Kleid, es war ganz wei und schmiegte sich um ihren Krper, sie hatte die Schuhe aus Wieselpelz an, die ich fr sie ersonnen hatte, eine Rose trug sie an der Brust und eine in der Hand. Die gab sie Bluthaupt. Ihre Augen waren feucht, sie sprach nichts. Haha, ja, er war berrascht, ich mu es sagen. Er wurde rot und dann bla, da sah er sehr schn aus. Ingeborg bot ihm die Rose, wie ein Kind einem Landesherrn eine Rose berreicht, sie neigte den Kopf dabei zurck, ganz gebogen stand sie da. Er nahm die Rose, gab ihr die Hand, stotterte etwas. Er habe keine Ahnung gehabt -- nicht die leiseste Ahnung -- er bitte um Entschuldigung, aber alle Zge seien frher abgefahren, als man annehmen konnte. Ich amsierte mich sehr in dieser Nacht, ich war so glcklich, da ich mich herzlich amsieren konnte. Ingeborg blickte Bluthaupt an, seinen Mund, seine Stirne, seine Hnde, sie lauschte, wenn er die Lippen ffnete. Er sprach solch einfache Worte. Sie hatte noch keinen Dichter gesehen und gehrt. Sie dachte, die Dichter trgen Rosen in den Haaren und sprchen in Versen. Ich stelle mir die Dichter vor wie etwas Wehendes, etwas Goldenes, so sagte sie einmal. Wir hatten Bluthaupts Bcher gelesen, zusammen, Kopf an Kopf. Ingeborg sagte: er kennt mich und deutete auf ihr Herz. Wie er die Menschen doch kennt! -- Bald wird er kommen, Ingeborg. -- Ja, was sage ich zu ihm? Und nun sa er vor ihr, sie konnte ihn nicht verstehen, sie konnte durch keines seiner Worte, keine seiner Mienen eindringen in ihn, sie grbelte, sie war enttuscht. O, sagte sie mir am andern Tage, mit besonders rundem Mulchen sagte sie dieses O. O! Sie schttelte den Kopf. Nein, was kmmern mich diese armen Droschkenpferde, von denen er so viel sprach? Ich bin nun froh keine Droschkenpferde mehr zu sehen! Dann fhrt er mit dem Finger in die Luft hinein und lacht. Diese elenden Droschkenpferde! Haha, das ist der Dichter Karl Bluthaupt! Und sieh, Axel, darauf wute er mir nicht zu antworten, als ich ihn fragte, wie die Frauen seien. Ich wollte nun gerade seine Ansicht wissen. -- Er wich aus. Das kann niemand wissen. Man kennt sie nicht, man kennt nur Beispiele. Ich traf ein armes Mdchen, sie ging mit mir. Am Morgen verlie sie mich und eine Stunde spter war sie wieder da, sie hatte mir eine Kravatte angefertigt. So sind sie. Und wieder, eine Frau kann heute zu einem Mann sagen, du bist ein Heiliger, du kannst Wunder tun, am andern Tage, du bist ein kleiner erbrmlicher Mensch. Sie sind rhrend, wenn sie lieben, interessant, wenn sie hassen. Man kann wirklich nichts bestimmtes ber sie sagen. Einige Tage spter kam sie zu mir, nahm mich am Arm und sagte: Du Axel, nun habe ich es gesehen! Was hast du gesehen? Da er ein Dichter ist. In seinen Augen sah ich ein Licht, einen Glanz. Woran er wohl dachte? Seitdem sehe ich das Licht immer wieder. Ich glaube es ist das Bewutsein der Unsterblichkeit, dieses Licht? Einige Tage spter, da sagte sie: Komme, Axel, komme. Es ist etwas ganz Merkwrdiges geschehen. -- Hre, es ist sonderbar. Der Knecht, den sie den Mnch nennen, ging an uns vorber. Bluthaupt betrachtete ihn so sonderbar. Ich lachte. Er trgt Sommer und Winter diesen dicken Mantel und diesen groen Hut, sagte ich. Das ist es nicht, antwortete er, dieser Mensch ist ein Verbrecher. Der Mnch! hrst du, Axel? Ja, er hat ein Verbrechen begangen, einen Mord, aber es ist schon lange Jahre her. Woher er das wisse? Er hat das Gesicht des Opfers in dem seinen, er hat zwei Gesichter, ich sehe es, er dachte immer daran. Woher wei er nur, da der Mnch ein Verbrechen beging? Ich lchelte. Glaubst du es denn? Ingeborg sah mich verblfft an. Ja? sagte sie, kindlich verlegen. Und sie fuhr fort: Hren Sie, fragte ich dann, wenn Sie nun durch die Strae gehen und sehen viele Gesichter? Darauf sagte er, dann sehe ich viele Schuld, gewi. Woher er das habe? Ich habe frher viel mein Gesicht studiert, sagte er, jedes Laster und jede Schuld prgte sich darinnen ab. Er wurde finster, whrend er dies sagte. Er ist unheimlich! Ich wollte noch mehr wissen. Wenn sie nun im Gesichte Ihres Bruders einen Mord lsen? fragte ich. So wrde ich es ihm sagen und mich in acht nehmen. Wovor? Da ich nicht auch einen Mord begehe. Ich fragte weiter. Wenn er aber Ihre Geliebte ermordet htte? Was wrden Sie tun? Ich wrde ihn erschlagen, antwortete er, dabei lchelte er, aber ich erschrak ber sein Lcheln, er log nicht. Du forschest ihn aus? Ja, ich forsche, Axel! Dann sah sie ihn mit der zierlichen kleinen Magd plaudern. Sie sah ihn mitten unter den Knechten stehen, er duzte sie alle. Sie schttelte den Kopf. Er hat hundert Gesichter, sagte sie, ich gebe es auf ihn zu erforschen. Seitdem nannte sie ihn den Mann mit den hundert Gesichtern. Und sie erzhlte es mir immer, wenn sie ein neues Gesicht an ihm entdeckte. Sehr spt erst entdeckte sie sein wirkliches Gesicht, so wie ich es sehe, wenn ich die Augen schliee und an ihn denke. -- Ich erinnere mich eines Abends, da er so wunderbar ber die Menschen sprach, ber Sehnsucht und Glcksverlangen, ber Hoffnung, ber Glck, ber Verirrung, ber ihre Trauer, ihren Schmerz, ihre Einsamkeit, ihre Verzweiflung. Wie ein Knstler in die Saiten greift und Akkorde und Melodien flicht, so flocht er Akkord an Akkord und wir hrten ein Lied ber des Menschen Herz, das so wunderbar ist, so wunderbar schn, so wunderbar mild, so wunderbar wild, so wunderbar, so wunderbar . . . . . . . Ich glaube, da Ingeborg an diesem Abend sein wirkliches Gesicht entdeckte, ich glaube es, denn sie sprach die ganze Nacht nichts darber, sie blickte mich nur an und ihre Wangen lchelten. Sie zog meine Hand an die Lippen, sie kte sie nicht, sie drckte sie nur an den Mund. Sie sann. Ja, gewi war es an diesem Abend. -- -- -- 16 Es ist schn an diesen Sommer zu denken, ihn immer wieder zu durchwandern, durch seine Sonne zu gehen, seine Sonne, nicht die eines anderen Sommers. Ich habe ja seine Sonne im Gedchtnis, sie brennt noch auf meinen Hnden und glht noch um mein Gesicht. Es ist schn diesen khlen weien Korridor zu durchwandern, die Tren zu ffnen, zuzuschlagen, zu Freund Bluthaupt hinaufzusteigen und eine Zigarette bei ihm zu rauchen, ja, es ist eine Lust, in diesen Wald dieses Sommers zu gehen, Ingeborg an der Seite, eingehllt in Ingeborgs Liebe, die so warm ist, so warm. All das ist schn. Es ist schn, in den verwilderten Park hineinzulaufen, zu rufen, zu singen. Nun gehrt dieser Park Anton Kreidmeier, einem Knechte. Ich habe nichts vergessen, nein. Manches ist verschmolzen wie ein Schmuckstck, das man ins Feuer warf, aber vieles steht ganz klar vor mir, scharf, einzeln, fr alle Zeiten ist es in meinem Kopfe. Ich bin reich, zuweilen schmerzt mich mein Reichtum, aber nur zuweilen. Ich habe einen schmalen Ri in der Hand, er rhrt von Ingeborgs Busennadel her, all die Jahre ist er nicht vergangen. Oft sehe ich diesen Ri an, ganz zrtlich betrachte ich ihn, ja, ich habe ihn schon gestreichelt. Ach, ich wei, ich habe einem Manne auf einem Schiffe eine Geschichte ber diesen Ri erzhlt -- er sah schlecht -- er vermochte ihn kaum zu entdecken -- einem mir gnzlich unbekannten Manne, eine rhrende Geschichte von einem Hunde, der diesen Ri verursachte, nur um ber diesen Ri sprechen zu knnen, da ich gerade an ihn denken mute. So bin ich, mu ich an etwas denken, so komme ich nicht los davon, bis ich es hundertmal gedacht habe, ich mu fortgehen, hinauslaufen, immer wieder von vorne anfangen und an das bestimmte denken. Das ist mir geblieben, es ist recht gut zu vergleichen mit dem vernarbten Ri in der Hand. Ich betrachte diesen Ri, ich fhle ein Paar Lippen darauf, die das Blut aufsaugen, ich sehe sie, diese gespitzten Lippen, diese bittenden lchelnden Augen, die mich von der Seite her anblicken, um Verzeihung bitten fr etwas, was nicht der Rede wert ist, ich fhle ein paar Haare, die mein Handgelenk streifen. Ich spre den Geruch dieser Haare. Worte hre ich. Ich hre das Wort mein. Diese Stimme die es sagt, ist weich und zrtlich, sie spricht noch ein kurzes I nach dem Ei, mei--in spricht sie. Ich knnte diesen kleinen Ri kssen und ihm danken, wre er nicht auf meiner Hand. Ich tue es nicht. Wer htte je gedacht, da dieser unscheinbare Ri, das unscheinbarste Ereignis in einer Stunde, in der sonst noch viel geschah, mir so viel werden knnte, aus einer Zeit, da es viele Stunden gab, viele, viele Stunden, da ich die Stunden nicht zhlte? Er ist mir nun alles, ja, ich mu sagen, jetzt in dieser Minute ist er mir alles, mein ganzes Besitztum, mein Liebling, mein Glck! Ich sehe ihn ja wiederum wochenlang nicht. Denke nicht an ihn, habe viele viele andere Dinge, die mich reich machen, in Entzcken versetzen, aber jetzt, ja jetzt ist er mir alles! -- Die Nachtigall hat uns verlassen, die Lerche brtet zum zweitenmal, die Kirschen sind rot. Viele Bume sind schon geleert. Grne pfel und Birnen, mit Flaum bedeckt, sieht man an den Bumen. Die Erde fiebert. Sie ist Mutter, milliardenfach Mutter, hat viel zu tun und wird nicht mde, mit heien Wangen schafft sie. Die Sonne funkelt, der Himmel ist blau wie Stahl, stille weie Wolken sind ber ihn verstreut wie weie Segel ber ein Meer. Was dachte ich? wie war ich? Ich sehe mich herumgehen. Ich trug einen weien Anzug, meine Hnde und mein Gesicht waren braun von der Sonne. Ich ging mit weiter vorgereckter Brust. Ich ging leicht dahin, der Boden wippte unter meinen Fen, ich war nie mde, ich hatte immer das Gefhl zu schweben. Leicht geriet ich ins Tanzen. Ich ging in meinem Zimmer auf und ab, da passierte es mir oft. Rotes Viereck, blaues Viereck, meine Fe kaprizierten sich auf das rote Viereck. Rotes Viereck rechts, rotes Viereck links, -- da tanzte ich schon. Oft schlich ich, ich ging leise, ganz leise. Weshalb aber ging ich doch nur leise? Ich ging tief hinein in den Wald, wo er dunkel wurde und seltsame glnzende Pilze wuchsen und schillernde Fliegen, dort fing ich an zu singen, ich sang so laut ich konnte, unsinniges Zeug sang ich. Oder ich sang Ingeborgs Namen, ich sang so laut ich konnte und lauschte auf den Widerhall. Ich ging durch den Wald, alle Bltter htte ich kssen mgen, jedes einzeln, vorn und auf der Rckseite. Viele kte ich auch. Denn es konnte sein, da eine pltzliche Welle von Glck ber mich strzte, dann mute ich wohl oder bel die Bltter kssen. Ich ging um den See herum, der im Parke lag, ich erinnerte mich pltzlich eines Wortes, eines sen Wortes, das zwei Lippen mir aufs Ohr kten. Die Welle des Glckes strzte ber mich, ich zog die Ringe vom Finger und warf sie in den See, ich zog die Nadel aus meiner Binde und warf sie in den See. Niemand sah es. Immerzu sang es in mir. Wir wollen uns schmcken, mein Mdchen, denn unser Glck ist gekommen! La uns Krnze von Rosen auf dem Haupte tragen, da es Sommer ist, gib mir deine Hnde, du Liebe, sieh, wir wollen die Arme schwingen und tanzen, da die Wiesen grn sind! So sang es in mir. Einmal da stand ich am Fenster und die Sonne ging unter. So schn ging sie unter, das Tal leuchtete, alles hielt der sinkenden Sonne sein Geschenk entgegen, die Grser funkelnde Rubine, die Wlder goldene Schleier, der Flu Feuer, ein Winken war es, ein heiteres Abschiednehmen, und die Sonne lchelte und sank. Da kam es ber mich, da ich die Freude sah und die Dankbarkeit des Tales und das Lcheln der Sonne, da ich so glcklich war, so reich, ich lchelte, aber es kam ber mich, und ich mute weinen, ich lchelte und weinte zu gleicher Zeit. Wie ich weinte, fate mich eine Hand und ein Paar Augen blickten mich an. Du weinst, Axel? Ich lachte, die Trnen spritzten ber mein Gesicht, weil ich beim Lachen den Kopf schttelte, ich zog Ingeborg an mich und sie blieb regungslos bei mir, nur ihre Lippen bewegten sich unmerklich, sie kte immerzu mein Herz. * * * * * Der glckliche Mensch! Ich kann dir wohl sagen, wie er aussieht, wie er auen und innen aussieht! Schn macht das Glck, weise und gut. Wie ein junger Gott wandelt er, der Glckliche, er geht nicht, er wandelt. Rosen auf dem Haupte, Rosen auf den Wangen, Rosen in seinem Kopfe, was er berhrt, das lebt, was er anblickt, das leuchtet. Feuer ist seine Stimme. Er steht auf seiner Hhe und blickt auf die Dinge und versteht sie, von oben blickt er auf alles und versteht, denn alle Dinge kommen aus Glck und Unglck hervor. Er versteht die groen Herzen und die kleinen, die glhenden und die vereisten, er versteht das Lied des Vogels und eines Dichters Vers. Wisse, da er Freude um sich streut, es gibt viele Bettler auf dem Wege des Lebens, und die meisten erkennt nur das Auge des Glcklichen. Er sucht. Er hat einen Feind, den er grimmig hate, viele Jahre, einen der ihn bitter verriet, er ist glcklich, schreibt an ihn, la es gut sein, schreibt er an ihn, es ist vergessen, neue Tage sind gekommen. Mit Trnen in den Augen schreibt er es, sein Herz strmt ber. Er wandert zu dem Trotzigen, pocht an seiner Tre, pocht und pocht, bis er ffnet. Verzeihe, verzeihe, sagt er, ich, ich war ja schuld -- Schon manch einen habe ich gekannt, der Geld und Gut und Ehre verschenkte, weil er glcklich war, ja der selbst sein Glck verschenkte, da er glcklich war, und arm davontanzte in einem Hemde. Wisse, so macht das Glck, da sich einer ans Kreuz schlagen lt und seinen Mrdern nicht flucht, ja, es kann geschehen, da einer lgt und den Menschen Paradiese erdichtet, weil er glcklich ist. Eine Lawine von Glck rollt er durch Jahrtausende. So ist das Glck: Sprichst du davon, so mut du sprechen, tausend und tausend Tage und Nchte und du findest kein Ende, immerzu mut du sprechen, immerzu -- Zwei glckliche Menschen wohnen da oben im Bergwalde. Ich sehe ein kleines Lichtchen brennen in einem dunkelen Zimmer. Ein kleines Lichtchen, ich sehe ein Lcheln, ein Gesicht, das in goldenen Haaren schwimmt. Ich hre flstern. Ich bin dein. Ich bin dein, ich bin dein. Sommernacht, du bist ein dunkelblauer Edelstein. Sommernacht, du bist ein duftender Hauch aus Gottes Munde. Sommernacht, du bist das klare gtige Auge einer jungen Mutter. Ist nicht das die Sommernacht, ein warmer dunkelblauer Wald, ein nacktes Kindchen im Moose, das mit einem brummelnden Bren spielt? Ist nicht das die Sommernacht, ein Zwerg sitzt auf einem Brunnenrande und blickt in einen Spiegel? Ist nicht das die Sommernacht -- ein Gesang aus der Ferne -- ein Winken irgendwo -- ein Ku in der Luft -- -- ein Seufzen -- -- ein Blitz von Blut -- Ich bin dein, ich bin dein! Ich denke an den Leib eines Weibes, der zu blhen beginnt. Das trumte ich einmal, es standen rtselhafte Worte auf den Lidern des Weibes -- weie Augen -- Augen wie Lichter -- Ich denke -- -- Tiefen ffnen sich, die Welt schlgt ihr Auge auf und blickt mich an -- ich knie vor Gottes Thron und Gott flstert mir seine Geheimnisse ins Ohr. Ich bin dein, ich bin dein!! Die Welt steht still, es ist weder dunkel noch hell, laut noch leise. Es flstert. Siehst du meine Augen? Ja, ich sehe sie. Sie brennen. Deine Augen sind eine glnzende Nacht. Sterne sind darin. Es flstert. Es ist ein Sprhen und Schreiten ringsum. Alte uralte Gtter wandeln um uns. -- -- Sommernacht, du bist ein dunkler Zypressenhain, durch den uralte Gtter wandeln mit langen Brten. Sie tragen die Brte auf den Armen, um nicht daraufzutreten, es ist dunkel, ihre Augen leuchten -- -- Diese Dinge, die kein Mensch erfassen kann, kein Mensch denken kann -- -- Der Tag graut, es wispert in meinem Zimmer, es kichert. Der Mond fllt rckwrts in den Wald, sagt Ingeborg und kichert. Was sieht er wohl alles in einer Nacht? sage ich. Ingeborg kichert. Mir fllt eben ein, Ingeborg, erinnerst du dich, ein Mann hat geschrieben: Des Lebens ungemischte Freude --? Ja, o Axel, ein armer, armer, unglcklicher Mann war das -- Hahaha! Sind wir Kinder? Ja, ich bin so frhlich, so leicht. Ich fliege. Ich knnte ohne Aufhren lachen, lachen! -- -- Auf der Wiese vor dem Schlosse stand eine kleine schlanke Birke. Sie hatte seidenweiche junge Bltter, die immer etwas zu wispern hatten, und eine Rinde so wei und weich wie das Fell eines Kaninchens. Vor diese Birke zimmerten wir eine Bank, Ingeborg und ich. Einen Tag brauchten wir dazu, bis wir die Pflcke zuspitzten, das Brett sgten. Wir lachten viel bei der Arbeit und Ingeborg fieberte vor Eifer. Viele Abende saen wir auf dieser kleinen Bank und sahen zu wie die Sonne unterging. Wir saen wieder auf der Bank unter der Birke und der Abend begann zu glhen. Euch Gttern schreiben wir einen Brief! Wir Ingeborg und Axel! sagte ich. Beginne Axel! sagte Ingeborg. Und ich begann: Ihr Gtter, ihr guten Gtter, ihr habt eure guten und eure schlechten Tage wie wir Menschen. An euern schlechten Tagen, da schafft ihr Menschen mit gewhnlichen Gesichtern und einer Seele nicht tiefer und wrmer als eine Regenpftze im Mrz. Aber an euern guten Tagen, da schafft ihr Menschen mit einem Antlitze, unvergelich, mit einer glhenden tiefen Seele. An eurem besten Tage, da schufet ihr Ingeborg. Ihr guten Gtter, ihr habt gewi groe Ohren, dann hrtet ihr was Axel sprach und ihr vernahmet seine sanfte Stimme. Seht euch sein Gesicht an und ihr wit, wie gtig er sein mu. Ihr Gtter ber den Wolken, ihr kennt Ingeborg wohl, dann begreift ihr auch und ihr verzeiht mir, da ich nicht mit euch ber den Wolken wandeln mchte, trotzdem ihr Gtter seid. Das mchte ich auch nicht! schrie Ingeborg. Nein, ihr alten freundlichen Gtter. Aber ich bitte euch, straft uns nicht fr unsern Frevel! -- -- Wir saen wieder auf der Bank unter der kleinen Birke. Die Bank hatte gerade Raum fr zwei Menschen. Es war in der Stunde, da die Sterne noch nicht aufgegangen sind und man sie doch alle mit den Blicken ahnt. Ich sagte: Ingeborg, du bist mein Liebling, und mein Herz ist so reich geworden, seitdem ich dich kte. Ingeborg sagte: O, Axel, ich erschrecke vor Freude, sehe ich deinen Schatten um die Ecke kommen. Das Blut weicht aus meinen Wangen, wenn ich deine Stimme hre. Es ist mir unbegreiflich, da ich deine Ksse ertrage, ohne zu sterben. Ich sagte: O, Ingeborg, ich bin ein Garten, ein blhender Garten. Ich bin in Blte, Ingeborg! Ingeborg sagte: Ich sehe alle Dinge verndert, und liebe sie mehr als je. Ich liebe die Steine sogar, die auf der Strae liegen. Auf allen Dingen scheinst du zu sein. Die ganze Welt ist ein Spiegel geworden, der dich mir zeigt. Ich habe dein Lcheln schon im Laube einer Buche gesehen und deine Hand in einer Wiese, die sich bewegte. Ach, kme doch etwas, wodurch ich dir meine Liebe zeigen knnte. Ich wrde betteln gehen fr dich, von Haus zu Haus -- Ich sagte: Ich hre kaum was du sagst, ich hre nur deine Stimme. Sie singt mich in den Tod. Das ist herrlich. Das ist herrlich, die Augen zu schlieen und in Gedanken der Linie deines Profiles zu folgen. Das ist herrlich, deine Haare anzusehen, ich habe jedes Fnkchen deiner Haare im Gedchtnis. Wie sind deine Haare? Sie sind als ob sie berall Augen htten. Das ist herrlich, deine Wimpern haben einmal meine Schultern berhrt, immerzu fhle ich es -- jetzt -- in jeder Minute -- Ingeborg sagte: O, mein Geliebter, wirst du mich immer so lieben? Ich sagte: Warum fragst du, se Herrlichkeit? Ingeborg sagte: Ich wei es, ja! Aber doch sollst du mir es im Tage einmal sagen und tausendmal, da du mich liebst. Ich nahm Ingeborgs Hnde und legte sie auf meine Brust, ich ffnete das Hemd, so da sie meine nackte Brust berhrten. Und ich sagte: Ich werde dich lieben in alle Ewigkeit, ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich -- -- So ist das Glck: Sprichst du davon, so mut du sprechen, Tag um Tag, Nacht um Nacht, du kannst nimmer aufhren, nein, das kannst du nicht, du mut sprechen, sprechen -- schreien -- flstern -- immerzu -- -- 17 Es zog eine drohende Wolke herauf ber unseren Himmel, eine finstere Wolke, sie drckte mich nieder. Ich schlug an meine Brust, brach in die Knie und betete zu dem groen Geiste. Die drohende Wolke zog vorbei, sie zerschmetterte mich nicht. Lange danach erst kam der Blitz, da der Himmel wieder klar und leuchtend war -- -- Ingeborg erkrankte. So begann es. Wir saen auf der Wiese am Waldesrande, die Ingeborg Honigtrpflein taufte. Da standen viele gelbe Blumen, aus denen Honig tropfte. Man roch den Honig schon von weitem, ein Heer von Bienen brummelte immerzu auf der Wiese. Da saen wir in der glhenden Sonne, aber Ingeborg frstelte. Wir gingen nach Hause, durch den Park, Ingeborg schmiegte sich an mich. Pltzlich stie sie einen Schrei aus. In der Allee stand eine Statue, die das Schweigen darstellte, eine Frau, die zwei Finger an die Lippen legte. Die Blsse des Marmors hatte Ingeborg erschreckt. Am Abend erholte sie sich wieder. Karl speiste mit uns, wir waren guter Dinge, plauderten, lachten. Aber am andern Morgen war Ingeborg krank. Ich jagte in die Stadt und holte einen Arzt, depeschierte in die Hauptstadt. Der Weg fhrte durch den sommerstillen Wald, die Vgel zwitscherten. Mein Herz war unruhig, meine Ungeduld flog vor mir her. Ich jagte durch Drfer und Ortschaften, die Leute drohten mit der Faust. Es kam auf ein Dutzend dieser Bauernkaffern nicht an. Der Arzt verstand nichts. Auch Karl verstand nichts, oder er stellte sich so. Ingeborg lchelte. Es ginge vorber, heute Abend wolle sie wieder aufstehen. Niemand schien zu hren, da sie hastig sprach, fast plappernd wie ein Kind, niemand schien den metallenen Glanz in ihrem Auge zu sehen. Karl las vor. Ich hrte nicht, was er las, nur dann und wann trat ein Bild vor mein Auge, farb- und konturlos wie ein abgewaschenes Aquarell. Ingeborg schlief ein. Ich sa allein bei Ingeborg im weien Zimmer. Die Angst nagte an meinem Herzen. Goldene Dmmerung kam ins Gemach, Ingeborgs Haare glnzten wie Erz. Ihre Brust hob und senkte sich langsam, diese gleichmige Bewegung brachte Frieden in mein Herz. Unwillkrlich atmete ich im selben Takte, dann fiel es mir auf, wieder begann die Angst zu nagen. Es wurde dunkel, Ingeborgs Haare schimmerten, die Dmmerung senkte sich immer dichter ber sie, es war, als entwiche sie mir. Ich zndete eine Kerze an. Da erwachte Ingeborg. Sie blickte mich mit groen Augen an und es schien, als besnne sie sich. Wie spt ist es, Axel? fragte sie. Der Abend sei eben gekommen. Dann mu ich noch lange schlafen, sagte Ingeborg. Aber sie schlief nicht wieder ein. Es sei hei. Ihre Wangen glhten. Ich ffnete ein Fenster, ein khler Wind wehte, wie nach einem Gewitter, ich mute es wieder schlieen, ber den Himmel zogen schwere hngende Wolken, die die Wlder streiften. In der Ferne dampfte es, es regnete. Ich legte kalte Tcher auf Ingeborgs Stirne, aber im Augenblicke waren diese Tcher warm. Ingeborgs Augen waren feuchtglnzend, wie blaues und weies Email. Nun bin ich krank, sagte Ingeborg und nickte mde. Sie schlo die Augen. Die Nacht kam. Karl lie fragen, ob er mir irgendwie behilflich sein knnte. Nein, danke. Langsam gingen die Minuten. Der Wind wurde strker, er fauchte gegen die Scheiben, zuweilen murmelte er, als schttele ihn die Klte. Es rumorte in den Bergen und Wldern von fernem, dumpfem Donner. Es zogen Gedanken hin und her in meinem Kopfe, eine Stimme flsterte in mir. -- -- Das groe gelbe Haus mit den vielen Zimmern lag ganz still, als wohne niemand darinnen als die Bilder an den Wnden und Erinnerungen. Man hrte weder Tren noch Schritte, und der Hof lag ebenfalls ohne Laut wie am Sonntage, wenn das Gesinde in der Kirche war. Nichts rhrte sich, kein Ruf, kein Schritt. Dieses Schweigen war hrbar und es kam mir vor als verdichte es sich von Stunde zu Stunde. Ich setzte einige Uhren in Gang. Nun hrte man nichts als diese Uhren. Das Schweigen aber wuchs, es breitete sich immer dichter um das Haus. Alles schien zu lauschen auf einen Schritt in der Ferne, der nher kam. Eine Stimme flsterte in mir. Ich verschlo ihr mein Ohr. Ich wollte sie nicht hren. Der Arzt aus der Hauptstadt traf ein. Er sagte, da Ingeborg eine auergewhnlich krftige Natur habe. Da flsterte die Stimme in mir lauter, es waren nun zwei Stimmen, die in mir flsterten. Ich hrte sie, aber ich glaubte ihnen nicht. Ich ging umher und trug ein gleichmtiges, ja ein zuversichtliches Gesicht zur Schau. Die Stunden waren endlos. Bis die Nacht kam, bis die Nacht verging! Es waren khle strmische Gewittertage, die Wolken fingen sich in den Bergen und fanden keinen Ausweg mehr. Langsam schleppten sie sich im Kreise und knurrten. Ich schlief nicht. Ich sprte keine Mdigkeit, aber mein Gehr schlief ein. Ich lie Ingeborg nicht aus den Augen, es gab Kissen zu richten, Fruchtsaft zu reichen, Eis aufzulegen. Ich lie niemand ins Krankenzimmer auer dem Arzte. Er hatte im Schlosse Wohnung genommen. Ich trug Ingeborgs fiebernden Krper ins Bad und zurck ins Bett, ich war krftig, im brigen war es meine Ingeborg, und niemand hatte ein Recht, sie zu pflegen auer mir. Schlafen Sie doch! sagte der Arzt. Sie sind selbst krank! Nein! sagte ich. Es kam eine Nacht, da sa Ingeborg pltzlich steif im Bette mit langem Gesichte, glitzernden Augen, und zhlte an den Fingern etwas ab. Sieben Zettelchen, es sind sieben! rief sie mit der Stimme eines erschrockenen Kindes. Ich erblate. Da war es! Stundenlang phantasierte Ingeborg, bis sie ermattet in die Kissen zurckfiel. Viele Stimmen schrien in mir, so laut, da ich sie hren mute. Sie ist verloren! schrien sie. Und eine schrie unausgesetzt: Ingeborg! Ingeborg! Und eine betete, betete wirre, entsetzte, hilflose Worte, immerzu. Tag und Nacht waren die Stimmen in mir. Pazzo heulte im Hofe. Er ahnte, da die Herrin in Gefahr schwebte. Ich taumelte hin und her in meinem Zimmer. Ich weinte nicht, ich klagte nicht, nein, ich betete nicht. Die Stimmen waren in mir. Es war nun auch eine Stimme in mir, die unausgesetzt weinte. Aber ich weinte nicht. Ich taumelte in meinem Zimmer hin und her. Ich nahm ohne Gedanken ein Federmesser vom Schreibtisch und stie es mir in die Hand. Ich sprte nichts, es blutete. Ich sah das Blut, ja, ich hatte mir das Federmesser in die Hand gestoen, wann denn, warum denn? Es kam noch eine Stimme in mich hinein, die schrie unausgesetzt: Hilfe, Hilfe! Sie rang die Hnde, die Stimme rang die Hnde. -- -- -- Ich habe gerungen mit Ingeborg, mit aller Kraft, sie war strker als ein Mann, ich mute sie zurckhalten, ich mute ihr wehe tun. Sie jammerte, jammerte. Sie wollte in den Wald laufen. -- -- -- Ob etwa eine seelische Erregung vorhergegangen sei? fragte der Arzt. Liebe, Liebe, mein Bester! -- -- -- Der Tag kommt und geht. Die Nacht kommt und geht. Nun lebt kein Schweigen mehr im Hause. Nun lebt der Schrecken im Hause. Wo man hinsieht, kauert er, in allen Gesichtern kauert er und wo man hinhorcht, hrt man ihn. Ingeborgs Rufen und Jammern wird fr immer in den Slen des Hauses bleiben. Der Arzt mit die Temperatur, zhlt den Puls und gibt Befehle. Seine Mienen sind verschwiegen, er zuckt die Achseln. Ich bin bleich und verstrt, ich verstehe nicht, was man zu mir sagt. Mein Krper ist wie gelhmt, ich kann keine Miene mehr bewegen, aber ich schlafe nicht. Auf einige Minuten berfllt mich hin und wieder der Schlaf, das ist alles. Ich blicke in den grauen Wald, ber dem die geballten Wolken hngen, und der Schrecken greift in mein Herz. Ich blicke auf Ingeborg, die ohne Bewutsein liegt, und es ist mir als presse eine Hand mein Herz zusammen wie eine Frucht. Wie gut ist Karl! Er schlft nicht. Er sitzt nebenan im weien Salon, einen groen Atlas auf den Knien und studiert Geographie. Es ist hbsch, wie ein Vogel ber die Kontinente da unten zu fliegen, sagt er. Ich wei wohl, da ihn die Kontinente gar nicht interessieren, da er leidet und es niemandem zeigen mchte. Und er beginnt stets von einem hnlichen Falle zu sprechen, so oft er mich sieht. Meine Schwester -- zwanzig Tage -- welch ein Fieber, Axel! Heute lachen wir, tolles Zeug sprach sie. Mut! Axel, schlafe! Wir wachen ja. Der Alte sagt, Ingeborgs Natur sei auerordentlich krftig. Es ist schon gut, danke, sage ich und begebe mich wiederum zu Ingeborg. Ich friere, meine Kleider sind durchnt, aber ich habe ja keine Zeit, sie zu wechseln. Sodann ist es ja auch hchst einerlei, ob meine Kleider na sind oder nicht. Man mute an einen Soldaten im Kriege denken, acht Tage keinen Schlaf, acht Tage im Schneegestber mit zerschossenen Fingern, man mute an einen Seemann denken, acht Tage Sturm. Meine Fe sind erstarrt, ich fhle den Boden nicht mehr, wenn ich gehe, bergauf, bergab scheine ich zu steigen, oft ist es mir, als ob ich auf den Knien ginge. Ich wei nicht wie lang mein Arm ist. Ich halte die Hand hinaus und ich glaube, mein Arm sei so lang, da ich die Tre ffnen knnte, ohne vom Stuhle aufzustehen. Zuweilen denke ich, ich sei umgefallen und liege auf dem Boden, aber ich sehe doch, da ich aufrecht stehe. Das Zimmer schwankt wie ein Schiff. Aber sobald ich bei Ingeborg bin, sammeln sich meine Krfte und ich verspre weder Mdigkeit noch Schlaf. Zuweilen erwachte Ingeborg und sie erkannte mich und sprach einige Worte. Die Stimmen in mir jauchzten. Alle Stimmen waren zu einer geworden und diese jauchzte, jauchzte. Ihre Stimme klang verndert, kindlich und ein wenig heiser. Hufig vermochte sie es nicht ihre Gedanken zu sammeln. Aber dann sprach sie durch einen Blick, eine Bewegung der Hand und ich wute, was sie sagen wollte. Sie war bla und schmal, die Haare umhllten ihren Kopf und ihre Schultern. Ich bin wohl sehr krank? fragte sie. Ich lchelte und entgegnete ihr, da es nun schon besser mit ihr ginge. Axel, ich mchte den Himmel sehen! Ich zog die Vorhnge zurck, es regnete, die Wlder lagen grau. Eine hohe dunkle Wetterwolke stand drohend am Himmel und ngstliche Vgel flatterten wei wie Asche hin und her vor ihr. Wie geht es unserer kleinen Birke, Axel? Sie ist traurig, da sie dich nicht sehen kann, Ingeborg. Was tut sie? Sie steht im Regen, wie ein Kind, das nicht ins Haus kann und wartet. Ihr Stamm sieht schneewei aus, ihre Bltter hngen durchnt nach unten und regen sich nicht. Ist unsere kleine Bank da? Freilich, Ingeborg. Die Regentropfen zerspringen auf ihr. Wie sieht sie aus? Vielleicht wie ein gelber Hund, der an die Birke angebunden ist und den sein Herr vergessen hat. Ingeborg neigt den Kopf zur Seite und lchelt mde. Was ist auf der Strae zu sehen, Axel? Tiefe Rderspuren, in denen das Wasser rieselt. Grauer Schlamm ist sie. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Man sieht so wenig, da du glaubst auf dem flachen Lande zu wohnen. Einen Vogel siehst du wohl nicht, Axel? Doch, Ingeborg. Ein ganz kleiner sitzt dort auf einem Apfelbaum. Was tut er? Er sitzt unter einem kleinen Dache aus Blttern und schaut dann und wann heraus, in den Himmel hinauf, ob es noch nicht bald zu regnen aufhrt. Ingeborg blickt in eine unbestimmte Weite. Lange. Trnen treten in ihre Augen. Nein, sagt sie dann, es ist unmglich! Sie schttelt langsam den Kopf; es ist als wiege sie ihn hin und her. Was meinst du? Ich kann nicht sterben. Es ist unmglich! Ich zwinge mich zu einem Lcheln. Ein krankes, mattes Kindchen sei sie. Ich nehme ihre Hand. Es ist keine Kraft in den langen, abgezehrten Fingern. Ingeborg, ich liebe dich. Ingeborg nickt mde und lchelt. Ja, sagte sie, ja, und blickt in die Weite. Ich rufe Karl. Karl tritt ein. Hallo! ruft er. Nun geht es ja wieder gut, Frau Ingeborg! Ingeborg lchelt und nickt. Ja, sagt sie und blickt in die Weite. 18 Es gab einen Tag, an dem sie noch nicht die Augen geffnet hatte. Die ganze Nacht hatte sie gefiebert und geredet und phantasiert, nun lag sie vollkommen erschpft und still. Ich sa neben dem Bette und beobachtete sie. Ihr Atem ging schnell und leicht, sie war durchsichtig bla, mit blulichen Schatten unter den Augen und in den Wangen. Ihre fahlen Lippen waren halb geffnet und die langen Wimpern schwebten ber den Augen, die als ein schmaler Spalt zu sehen waren. Der Puls am Handgelenk zuckte. Am Vorhange spielte eine bleiche Sonne, es wurde wieder dunkel und abermals spielte die bleiche Sonne an den Vorhngen. Eine Uhr ticktickte. Sie hmmerte und von Zeit zu Zeit begann es im Gehuse zu sausen und zu klingen. Zuweilen war es mir, als bewege ich mich sehr schnell von der Stelle, als se ich in einem dahinfliegenden Zuge. Am Vorhange bewegten sich die Schatten von Blttern auf und nieder, sobald die Sonne schien, und dann und wann kamen sie so nahe, da man deutlich ihre Form unterscheiden konnte. Es waren Lindenbltter mit langen Zhnen am Rande. Ich sah auf das Zifferblatt der Uhr und entdeckte, da der Minutenzeiger zuckte wie ein langsamer Puls. Alles im Zimmer begann zu zucken wie Ingeborgs Puls. Pltzlich blieb die Uhr stehen und ich erschrak. Schweigen erfllte das Zimmer und die Schatten an den Vorhngen regten sich nicht mehr. Es verging eine unendlich lange Zeit, die mit ganz sonderbaren Dingen angefllt war. Die kleine dunkle Spalte unter Ingeborgs Wimpern vernderte sich nicht, ihre Lippen schienen erstarrt zu sein. Ingeborg regte sich nicht mehr, sie lag ganz still und schien lnger geworden zu sein. Ich sah immerfort diese kleine dunkle Spalte unter Ingeborgs Wimpern an, sie klaffte, sie war starr. Was ist das? dachte ich. Ich konnte mich nicht bewegen, ich wollte aufstehen, aber ich war wie gelhmt, ich wollte rufen, aber ich konnte nur die Zunge gegen die Zhne drcken, nicht einmal die Lippen konnte ich bewegen. Ingeborg lag steif und still. Da hrte ich eine Tre gehen, der Arzt trat lautlos ein. Karl stand unter der Tre, ich sah ihn stehen, obgleich ich nicht hinblickte. Der Arzt trat ans Bett und hob Ingeborgs Hand in die Hhe, diese Hand knickte im Gelenk ab und fiel leblos auf die Decke zurck. Der Arzt blickte mich an, ich nickte. Karl kam, strich ber mein Haar, und wieder nickte ich. Der Arzt ging, Karl ging. Ich begriff nichts. Ingeborg war tot? Nein, es konnte nicht sein. Es entstand ein Flstern im Zimmer nebenan, die Tre wurde ein wenig geffnet und in der Spalte zeigte sich eine Menge Gesichter, die Mgde und Knechte waren es. Jemand schluchzte und einer machte: Pst! ganz leise. Klaget nicht, sagte ich und stand auf. Ihr mt nicht klagen, ihr mt euern Schmerz mit Wrde tragen, Freunde. Ingeborg war tot, aber ich empfand keinen Schmerz. Es schien, als sei mein Herz mit Ingeborg gestorben. Die Sonne flutete gegen die Vorhnge und Ingeborg lchelte friedlich, wie ein Kind, das vom Himmel trumt. Ingeborg ist tot. Ein Mann trgt seinen Schmerz mit Wrde. Weinet nicht, ihr Knechte und Mgde. Ihr mt euern Schmerz mit Wrde tragen. Man wrde Ingeborg in die Erde versenken, oder man wrde ihren Leichnam mit Salben durchtrnken, um ihn gegen die Verwesung zu schtzen. In der Ahnengruft drunten in der Kirche schliefen viele Frauen. Weinet nicht ihr Knechte und Mgde. Die alten Diener kamen in Festtagskleidern herauf und fragten, ob sie dem Herren irgendwie dienen knnten. Blumen, Blumen . . . . . In Ingeborgs Gemchern sieht man keinen Sessel mehr, keine Wand, keinen Teppich. Blumen, Blumen . . . . . Eine Bahre aus grnen Zweigen. Ich denke nach. Nein, ich konnte Ingeborg nicht in die Erde betten. Ich konnte es nicht zugeben, da sie verweste -- nein, bei Gott, nein! Also mute sie in die Gruft gebettet werden, mit Spezereien getrnkt. Aber auch das ging nicht an. Ich hatte Mumien gesehen, die mich mit Schrecken und Abscheu erfllten. Nein, nein. Auch das ging nicht. Das Meer? Ein tiefes grnes schaukelndes Grab, ein dunkler immergrner Wald mit leuchtenden Fischen und Korallenhecken. Aber da wrden die Fische kommen. Ich sah, wie sie Ingeborgs Leib umkreisten, immer enger, immer enger -- Nein, nein, auch das ging nicht. Es gibt nur eines: das Feuer! das Feuer! Ein Grab inmitten donnernder jubelnder wehender Flammen! Und ich befehle Holz aufzuschichten fr ein groes Feuer, das ber die Berge leuchten sollte, damit alle es shen. Auf der Wiese vor dem Hause. Trnkt das Holz mit l und Wohlgerchen! Ein Teppich aus weien Rosen bedeckte den Weg, wie ein Bach von Milch flo er aus Ingeborgs Gemchern, ber die Treppe, ber die Wiese. Die Stunde kam heran, da sie Ingeborg auf die Wiese trugen und auf den blumenbersten Scheiterhaufen legten. Ich stand dicht daneben und um Ingeborgs Grab herum standen Knechte und Mgde, abseits stand Karl mit groen leuchtenden Augen. Der Himmel war grnlichblau wie im Frhling, ein frischer Wind blies, die Vgel sangen im Walde und in den alten Kastanien vor dem Schlosse. Ich blickte auf Ingeborg, die schlank und schmal in einem Bette von Blumen lag. Das Feuer zngelte, ich sah nichts mehr. Feuer, Feuer. Die Flammensule fiel in sich zusammen und ein dichter brauner Qualm hob sich aus der Aschensttte, und lste sich auf in feinen Rauch, der ber das glnzende Blau des Frhlingshimmels wie ein Schleier zog. Der Schleier zerri und Stck um Stck zog ber das Tal und es sah aus, als ob Schwrme von Zugvgeln hoch oben ber den Himmel strichen. Die Knechte und Mgde sahen dem Rauche nach und weinten still: dort oben zog die Herrin davon! Nie wrden sie sie wiedersehn, nie nie mehr. Sie standen noch immer im Kreise um diese Sttte wie am Morgen, da die Sonne aufging. Viele weinten, da und dort aber stand einer und lchelte: er dachte an die Herrin. Karl stand und blickte unverwandt auf seine Brust herab. Da lag ein blondes Haar, das das Feuer zu ihm herbergeweht hatte. Er wagte es nicht, sich zu bewegen und sah unverwandt auf das blonde Haar auf seiner Brust. Vor dem Aschenhaufen lag Pazzo und leckte sich die verbrannten Lufe ab, er heulte dazwischen leise, wobei er den spitzigen Kopf hob und in den Himmel emporblickte. Er hatte den Versuch gemacht in das Feuer zu springen. Der Rauch wurde dnner und erstarb. Sammelt die Asche in silberne Becken! sagte ich und streckte die Hand aus. Diese Hand war die Hand eines Greises, welke Haut, krause Adern. Und ich streute die Asche in den Wind, der sie entfhrte. So sollte Ingeborg zurckkehren in die Welt. Der Wind wrde die Asche in Bltenkelche streuen, Mdchen auf die roten Lippen, Zechern in die Becher, schlafenden Kindern in die offenen Mulchen. Und so bald die Nacht kme, wrde es zu flimmern anfangen, wie die Kerzen in den dunkeln Hhlen der Kirchen flimmern, in den Wldern, ber den Feldern, in den finsteren Gemchern, hoch in den dunkeln Wolken, tief im schwarzen Meere. ber die ganze Welt wrde es flimmern. Ja. Das war Ingeborg! Ich wusch die Hnde und kniete nieder. Ich breitete die nassen Hnde vors Gesicht und weinte. Ich weinte nicht aus Schmerz, ich weinte, weil ich Ingeborg verschenkt hatte. Ich htte sie behalten knnen, seht, drunten in der Gruft der Kirche schliefen viele Frauen, aber ich gab sie her. Und deshalb weinte ich und ich weinte so sehr, da mir die Trnen wie Bche ber die Wangen strzten. Und whrend ich weinte, vernahm ich Ingeborgs Stimme, die mich trstete. Sie rief. Axel, Axel! rief sie. Da lchelte ich und nahm die Hnde vom Gesicht und lauschte auf Ingeborgs Stimme. Etwas berhrte meinen Arm und ich richtete mich auf und wandte den Kopf. Ingeborg sa aufgerichtet im Bette und blickte mich an. Die Haare hingen ihr ber die schmalen Wangen und ihre Augen waren gro und verwundert auf mich gerichtet. Sie sah aus wie ein schlankes Mdchen von fnfzehn Jahren. Axel, sagte sie, warum weintest du? Sie sprach mit kindlicher, hoher Stimme. Ich hatte getrumt und dieser schreckliche Traum stand pltzlich wieder vor mir. O! Ich glitt in die Knie und legte mein Gesicht in Ingeborgs Scho und schluchzte vor Glck. Ingeborg, Ingeborg! Ingeborg kte mir die Haare. Sie atmete tief auf. Wie frisch fhle ich mich, sagte sie. Sage. Axel, warum weintest du? Ich hrte dich weinen, erwachte und sah dich sitzen. Du schliefest, aber die Trnen liefen dir ber die Wangen. Sage es mir. Nun weine ich, weil du dich besser fhlst, Ingeborg. Wie herrlich das ist! -- Ich weinte, ja, ich trumte. Haha, es war ein konfuser Traum! Ich wollte irgend etwas ersinnen, aber nichts fiel mir ein. Das Blut stieg mir ins Gesicht. Ich trumte etwas aus meiner Kindheit -- ich zerbrach etwas -- wei Gott, was ich zerbrach -- ich glaube es war eine Vase -- was war es doch? Immer noch schwankten die Schatten der Bltter an den Vorhngen auf und ab, ich konnte nicht lange geschlafen haben. Ich mchte Pazzo sehen, sagte Ingeborg. Welche Freude wird er doch haben. Ob sie sich nicht noch ein wenig gedulden wolle? Pazzo ginge es ausgezeichnet. Geduldig fgte sich Ingeborg. Es poltere immer. Was sei es doch? Gewitter ziehen in den Bergen. Wie schade es sei. Gewitter habe sie so gerne. Sie lachte. Ihr Lachen klang fieberisch und es erschreckte mich. Ein metallener Glanz zuckte in Ingeborgs Augen. Aber der war ein Narr, der verlangte, da sie in einer Stunde gnzlich genas. Es gbe wohl auch spter noch Gewitter. Ja, auch das -- Hahaha! Ich gab ihr Fruchtsaft, ein Schlckchen Wein, und ntigte sie auch, ein halbes Ei zu essen. Die andere Hlfte verzehrte ich vor ihren Augen, um ihr zu zeigen, wie rasch so ein halbes Ei im Munde verschwindet. Darber konnte Ingeborg nicht genug lachen. Dann fragte sie, ob Karl abgereist sei. Nein, natrlich sei er noch hier. Ob ich es ihr bel nehme, da sie Bluthaupt einfach Karl nenne? Aber Ingeborg? Sie knne Karl gut leiden, haha. Ich ging hinaus. Ich ging befreit, als habe ich eine schwere Last abgeworfen. Es zuckte alles an mir vor Freude. Es geht gut! sagte ich zum Arzte und lchelte triumphierend. Der Arzt sah mich an. Es war ein eigentmlicher Blick, der mich sofort lhmte an allen Gliedern. Auch mein Lcheln lhmte er. Ich verlie das Zimmer. Der Blick des Arztes weckte alle drohenden Stimmen in mir, alle, alle. 19 Doppelschlgiger Puls . . . . . Fassen Sie sich! Ich lief in den Park hinein, ich mute in den Park hineinlaufen, auf eine Minute wenigstens. Es war Nacht im Parke, der Wind warf die Wipfel hin und her. Stimmen waren in der Luft, all die warnenden, drohenden, unglckverheienden Stimmen, die in meiner Brust geredet hatten, waren in der Luft, im Rauschen der Bume, im Fallen der Tropfen. Dann erschien pltzlich Ingeborg in der Dunkelheit, sie lchelte, schwang einen Strau und rief danderadei! Fassen Sie sich! Ich danke dem Arzte. Karl blickt mich an. Ich lchle, ja, seht ihr es denn nicht, ich lchle, spre nichts, nein. Und Karl nimmt mich beiseite, drckt mich an die Brust und sieht mich an. Mut, Axel! Du hast ja Macht ber Ingeborg! Hoffe! Es gbe etwas ber der Wissenschaft und der Kunst eines Arztes. Worte, Worte! Ich lchle, ich danke Karl durch einen Druck der Hand. Die Uhren fangen an zu reden, die Kerzen strecken sich zu Feuersulen -- das ist das Zimmer -- auf jedem Gegenstande schimmern Ingeborgs Augen, die kleinste Schale ist gefllt mit sen Wundern. Ich gehe. Zerreie du Himmel . . . . Ich lief im Parke hin und her. Wer konnte es fassen? Ingeborg sollte sterben! Ingeborg, die liebliche, schne Ingeborg! Ingeborg, die die Sonne liebte und ihre Strahlen in der hohlen Hand sammelte, die die Bume kte und mit ihnen plauderte, Ingeborg, die betete und dankte mit den Blicken, die einem Falter nachsahen. Ingeborg, die Liebe und Wrme in alle Herzen trug, die gtige, die sanfte Ingeborg! Nun sollte sie sterben. Wer sollte das auch fassen knnen? Still wrde sie liegen, in die Erde wrde man sie betten, da wrde sie liegen, still in der schwarzen Finsternis, niemand wrde sie mehr sehen! Konnten denn Ingeborgs strahlende Augen erlschen? Nein, nein! Niemand konnte das fassen. Ich schttelte den Kopf und tastete in die Finsternis hinein. Der Park brauste. In der Ferne bellte ein Hund, heihungrig, fordernd, wie ein Raubtier. Er wrde nicht frher aufhren zu bellen, ehe man seinen Hunger stillte. Ich kam an den Brunnen, und der Brunnen berschttete mich mit Wasser. Dieses war Ingeborgs Brunnen, da sa sie -- Fassen, fassen! Ein Mann -- ja, ein Mann fate sich, ein Mann! Der Schmerz packte mich pltzlich an den Schultern und warf mich aufs Gesicht nieder. Ich grub die Zhne in den Sand und schluchzte: Ingeborg! Ingeborg! Ich richtete mich auf in die Knie und schluchzte, die Rckseiten der Hnde gegen die Augen pressend. Ingeborg! Ingeborg! schrie ich. Ingeborg mu nun sterben, hrt es all ihr Bume, all ihr Menschen auf der Welt. Ingeborg mu fort! Die Wipfel brausten und die Stmme chzten. Ein Schauer von Regen prasselte ber den Park. Ich raufte mir die Haare, fiel zu Boden und schlug mit Hnden und Fen. Ich jammerte -- Mein Gott, mein Gott, was hast du denn vor mit mir? Ich fate mich. Weit und still -- so weit und still wurde es pltzlich in mir -- ich lchelte. Ja gewi, ich werde es nicht berleben. In derselben Stunde noch werde ich Ingeborg nachfolgen. Ich stand auf. Ich werde es nicht berleben, sagte ich vor mir hin. Das war ein Trost! Ingeborg und ich, waren wir nicht eins? Sie konnte nicht von mir gehen, ohne da ich mitging, nein, unmglich war das! Ich wurde so ruhig, heiter, wie matt vom Glcke. Ich ging langsam zurck durch die Allee. Sollte es so sein? Ich liebe das Leben, das Ingeborg mir schenkte, aber es sollte ja nicht sein . . . . . Pltzlich standen Karls Augen vor mir in der Luft. Mut, hoffe! Du hast Macht ber Ingeborg! Ich sah die Augen und sie bannten mich. Ihr Blick gab mir Krfte, ihr Blick entzndete mein Gehirn. Aus der tiefsten Dunkelheit in mir rang sich etwas empor. Ich blieb stehen, mein Herz klopfte wie ein Hammer in der Brust. Die Augen, die vor mir standen, sprhten und pltzlich zerri die Dunkelheit in mir. Ich erschrak. Was meinten diese Augen? Was meinten -- Wie? Ein wonnevoller, ein ser Gedanke. Ein berauschender Gedanke! Ich breitete die Arme aus. Karls Augen strahlten vor mir, was fr Augen waren es doch? Nein, nein! Ein berckender, sinnverwirrender Gedanke! Eine Erlsung! Eine Befreiung, eine Verkndigung! Konnte denn Ingeborg von mir gehen, da ich doch eins mit ihr war? Wenn ich nun nicht wollte? Wenn ich nun nicht wollte! Ich hatte Macht ber Ingeborg. Das war ein berauschender, ein betubender Gedanke! Ich glaubte an meine Kraft! Nein! Ich gab es nicht zu! Ingeborg konnte nicht von mir gehen! -- -- -- Die Menschen wissen nichts. Dumme und anmaende Wesen sind die Menschen. Sie behaupten, da es keine Wunder gibt. Es kann Wunder geben. Sie behaupten, es gibt keinen Gott. Und es kann doch einen Gott geben. Der Mensch ist mehr als ein Staat von Zellen. Es gibt Stunden, die dem Menschen die Augen eines Sehers und die Zunge eines Propheten geben. Stunden, in denen er an Dinge glauben mu, ber die er lachte und ber die alle vernnftigen Leute lachen. In solchen Stunden glaubt er, da Lazarus wieder zu den Lebenden zurckgerufen wurde, obgleich er schon tot war -- Was glaube ich heute? Ich wei es nicht. Es liegt viel alltgliches Empfinden ber jener Stunde, da ich an alle Wunder und an Gott glaubte, da ich mit Gott rang, ja, da ich mit Gott rang. Ich besiegte ihn nicht, nein, wenn er nicht gewollt htte, so htte ich umsonst ringen knnen, aber vielleicht achtete er meinen Willen? Ingeborgs krftige Natur siegte. Man kann so sagen. Ich glaube es auch, ja, aber ich wei, da ich einst etwas ganz anderes glaubte. Bin ich irrsinnig gewesen? Vielleicht. Vielleicht war all dieser Irrsinn gar nicht notwendig? Vielleicht wre Ingeborg ganz allein genesen? Ich wei es nicht. Es gab aber Stunden, da ich wute, da es kein Irrsinn war, nein, nimmermehr! Da ich wute, da Ingeborg nicht ganz allein genesen wre. Alles verwirrt sich in mir. Aber ich glaube, da der Mensch nur in einer Stunde, nur einer einzigen Minute seines Lebens vielleicht, mehr ist als ein Mensch, viele, viele, ja die meisten Menschen erleben sie nie, diese einzige Minute. Und dann ist er wieder gewhnlich und selbst ber seine gttliche Minute urteilt er gewhnlich. Wre Ingeborg tot gewesen, ich htte sie wieder erweckt, ich htte ihr Herz wieder in Bewegung gebracht, mit meinem Gedanken, mit meinem Glauben htte ich sie wie mit Strahlen durchglht, bis das Herz wieder geklopft htte. Ich htte nicht nachgelassen, nein, ich htte gekmpft bis zum Tode oder bis zum Wahnsinn. Das wei ich noch. Es war dies meine Stunde! Ingeborg war nicht tot, aber der Arzt hatte sie aufgegeben. Sie lag lang ausgestreckt, die Augen geschlossen, ohne Kraft. Ihr Krper zitterte leicht im Fieber, vom Kopfe bis zu den Zehen lief das Zittern, herauf, hinunter. Ich sa bei ihr und hielt ihre Hnde in den meinigen und dachte nichts als dies: Du darfst nicht von mir gehen! Der Gedanke erfllte mich mit einer nie gekannten Macht, mein Gehirn war starr, meine Sehnen gespannt, wie Erz war mein ganzer Krper. Ingeborg verfrbte sich, das Fieber wechselte, der Frost schttelte sie. Ich legte mich zu ihr, neben sie legte ich mich und wrmte sie mit meinem Leibe -- ich dachte -- immer das gleiche -- -- Nein, ich kann es nicht wieder denken. Das ist dies, was man nicht ein zweites Mal denken kann -- -- Ich habe gebetet, ich schme mich nicht es zu sagen. Ich habe nicht zum Gott der Juden oder Christen gebetet, ich habe zu Gott gebetet, dem Einzigen. Der Schwei stand auf meiner Stirne, er lief mir ber das Gesicht. Schrecken, Angst -- -- -- Es sind geheime Krfte in der ganzen Natur verborgen, die zog ich an mich, ich lenkte sie durch meine Brust, ich leitete sie in Ingeborgs Krper, den der Tod anfiel, sie, die Krfte des Lebens, des Bewegens, des Wachsens. Ich weckte Ingeborgs Seele, die schon entflohen war, ich rief sie zurck, ich ruhte nicht. Ich gab nicht nach. Ich betete und machte den starken Gedanken noch strker, immer wieder strker. Meine Seele und die Ingeborgs waren ein feines geheimnisvolles Gewebe geworden, es konnte zerreien, ja, aber es konnte sich nicht lsen. Wir beide oder keines. Ingeborg phantasierte, ihre Seele schwankte bis zum Grunde, hin und her wlzte sie sich. Ich sah Gott ins Auge, ich bat ihn, ich drohte ihm! Ingeborg stie hastige Worte hervor, eine fremde Sprache schien es mir. Es vergingen Stunden. Dann endlich vernahm ich ein Wort. Mutterchen, flsterte Ingeborg. Und ich legte meine Lippen an ihr Ohr und rief: Mutterchen ist bei dir! Du bist meine kleine se Ingeborg! Ich umschlang Ingeborg und kte ihre Wange, die so hei war wie ein glhender Stein. Ich liebkoste sie, streichelte sie, wiegte sie hin und her. Mutterchen ist ja da! Ich flsterte und rief ihr alle kindlichen Kosenamen ins Ohr. So weich machte ich meine Stimme. Ich beruhigte sie mit vielen Worten, wie eine Mutter ihr Kind beruhigt, und ich sagte ihr hundertmal, da Mutterchen bei ihr sei. Ich hatte Ingeborgs Seele gefat, ich lie sie nicht mehr los. Ich lauschte verzweifelt, ich machte mein Ohr ganz scharf, spitzig, denn es war schwer aus den wirren Worten herauszuhren, was diesen fiebernden Kopf beschftigte. Hin und her ging es. Wie ein Irrlicht in der Nacht irrte Ingeborgs Gedanke, dahin, dorthin, und es war bermenschlich schwer, ihm zu folgen und ihn fr einige Sekunden festzuhalten. Die Schule, Graf Flggens Schlo, der Wald, wirre Kindheitserlebnisse, Axel, Karl, der Park, die Statue in der Allee, Tiere, Pazzo. So vergingen lange Stunden. Und wie ein Mensch einem Tollgewordenen durch Gassen, Felder, Hecken, Feuer und Wasser nachrennt und ihn zu haschen sucht, so folgte mein Gedanke dem irrenden Gedanken Ingeborgs. Ich hrte wohl, da der Regen gegen die Scheiben trommelte, da der Wald brauste und der Donner rollte. Aber all das war in weiter Ferne. Es gelang mir, Ingeborg beim Sonnenschein und den Blumen und den Vgeln festzuhalten. Ich ahmte das Rauschen der Bume, das Pfeifen der Amseln, das Zirpen der Grillen nach, und das Lachen von Kindern, Frauen und Knechten. Ingeborg wurde ruhiger. Ihr Blick haftete an meinen Augen und ich mute die Augen scharf und stechend machen, um den glitzernden zitternden Blick Ingeborgs zu bannen. Ich sprach, lachte, rief und prete Ingeborg an mich. Man sah es ja, da ich Ingeborg festhalten konnte! Sie gehrte nun schon mir und ich lie sie nicht mehr los. Meine Krfte wuchsen, die Hoffnung lie sie wachsen. Ich wute nicht, wie diese Nacht verging. Zuweilen polterte es, als strze der Himmel zusammen, bluliches Licht flog ber die Wnde, im Walde knatterte es. Es prasselte gegen Scheiben, als regne es Zhne, der Sturm setzte sich auf das Dach des Hauses, hopste wie ein Reiter darauf herum und johlte, er peitschte das Haus, da es klatschte. Glas klirrte. Der Regen schwieg, der Wind schob das Haus vor sich her, hinein in den Wald, ber den schwarzen kochenden brodelnden Wald flog der schreckenbleiche Mond, verfolgt und gebissen von langgestreckten Wolkenhunden. Wieder rauschte es, an den Scheiben flo das Wasser herunter. Fieber, Schttelfrost. Ich wrmte sie. Ich kte sie. Ich sprach, ich lachte, schrie -- -- -- Nein, ich solle nicht versucht haben, das Undenkbare wieder zurckzurufen. Es martert mich. Von allem, was ich frher und spter erlebte, ist nichts entsetzlicher, nichts martert meine Gedanken so als die Erinnerung daran. War es Irrsinn, was ich tat? Ich wei es nicht. Nein, es war nicht Irrsinn, nein -- -- -- Ich sprach von mir. Ich erzhlte der empfindungslosen Seele von unserem Sommer, von unserer Liebe, unseren Nchten, stundenlang. Ingeborg wurde ruhiger. Dann geschah etwas -- es war das Schrecklichste -- -- Ingeborg blickte mich mit sprhenden Blicken an. Sie flsterte. Karl -- Karl! flsterte sie. Sie sprach von Angst und Liebe. Und ich beruhigte sie. Karl liebt dich ja. Bin ich nicht bei dir, Karl? Aber sie war voller Angst. Sie sprach und fieberte. Sie knne mir nie folgen, ich solle es doch nicht verlangen! Da sei ja auch Axel, und auch Axel liebe sie. Ach, gehe nicht, gehe nicht. Karl! Karl wird immer bei dir bleiben, Ingeborg! Ingeborg weinte und lachte. Ja, ja, aber Axel wird sie nicht fortlassen. Er wird sie in sein Zimmer sperren. Nein, Axel habe es mir gesagt, er wrde sie fortlassen, ganz gewi. Wohin sie auch wolle. Er wrde sie keineswegs in sein Zimmer sperren. Du bist schn, Karl! Ich liebe, liebe dich! Verrate es Axel nicht! Sie umschlang mich und mein Herz blieb mit einem Ruck stehen bei dieser Umarmung. Ein violetter Blitz erhellte das Zimmer, zuckte unaufhrlich, aber es schien als wolle er nicht mehr erlschen. Und Ingeborg kte mich, whrend der Blitz um sie leuchtete, sie kte mich fieberhaft rasch und es kam mir vor als ksse sie mich hundertmal. Ihr Gesicht war wei wie Kreide und hell wie Brillanten waren ihre Augen. Pltzlich wurde es schwarze Nacht, der Donner knatterte, als springe ein diamantener Blick eine klingende Stahltreppe hinab, so klang er. Im Walde brach ein Baum entzwei und eine tiefe unheimliche Stille folgte dem Gesplitter. Dann rauschte es, als schtte man Schffer von Wasser vom Dach auf die Strae. Ich verrate es Axel nicht, liebste Ingeborg. Nein, nein, kein Wort sage ich ihm. O, o! Du wirst immer bei mir sein, Ingeborg! Hrst du es! Hahaha, welch ein schnes Leben werden wir zwei haben. Sieh, so wird es sein, gib acht, ich werde dir die Hnde und Wangen kssen, ich werde dich auf die Arme nehmen und in die Hhe heben -- ich werde -- Und ich sprach und sprach -- wie schn sie es mit Karl haben solle. Ingeborg lauschte auf mich. Sie atmete gleichmig und ihre Augen glitzerten nicht mehr. Schlafe nun, mein Mdchen, schlafe nun. Gute Nacht! se Ingeborg, schlafe nun -- der Regen rauscht -- hrst du? Schlafe, schlafe -- -- -- Der Tag graute. Die Lampe sah rot aus, blaues Licht sickerte durch die Scheiben. Ingeborg lag still und atmete leise. Sie schlief. Ingeborg schlief. Ach, kme doch die Sonne heute! Stunden verrannen und die Sonne ging auf. Sonne, Sonne! rief ich leise und kte den ersten Strahl. Ich ffnete das Fenster. Der Wind hat nachgelassen, wie gut das war. Die Luft war herrlich, nagewrzt. Diese Luft wrde Ingeborg vollends heilen. Vereinzelte Tropfen fielen aus dem Himmel. Sie glitzerten in der Sonne. Es regnete Honig. Die Strae war zerwhlt und Bche strzten den Berg hinunter. Die Wiese vor dem Hause war mit Schlamm und Sand berschwemmt. O! die kleine Birke lag zerfetzt auf dem Rasen und die Bank, die ich mit Ingeborg zimmerte, war verschwunden, nur die Pfhle standen noch und ein Splitter des Sitzes hing an einem herab. Weiter unten lag der Wipfel eines Apfelbaumes auf der Strae, wie in einem Bache lag er da. Ein Bauernknabe kletterte auf ihm herum. Da begann Ingeborg wieder zu flstern und zu sprechen und ich beruhigte sie wie in der Nacht. Das Fieber war nicht mehr so heftig, aber es nahm meine ganze Kraft in Anspruch. So verging der Tag und die nchste Nacht, die voll wilder Schreie und Hilferufe war, als wrden Leute drinnen im Walde erschlagen, und voller Sthnen, als habe man Menschen an die Bume genagelt. Am andern Morgen fhlte ich mich aufgehoben und ich erkannte Karl. Sie hatten die Tre erbrochen. Ingeborg schlft, sagte er, es geht besser! Er sttzte mich und fhrte mich hinaus. Und ich hatte das Gefhl, als sei ich ein Greis, schneeweie Haare, zitternde Fe, ein gekrmmter Rcken. Es war ein Winken in mir, ein Leuchten, eine Drohung, eine drohende Faust wuchs aus meiner Seele, ich sah sie -- aber ich lchelte -- Ich fhlte nicht mehr, was mit mir geschah. 20 Jemand rttelte meinen Arm und ich hatte das Gefhl, als sei ich ein Baum, der geschttelt werde. Ich schlug die Augen auf, so gut es ging, aber sie fielen mir sofort wieder zu. Eine tiefe Stimme sprach, ich hrte meinen Namen und etwas von Ingeborg. Es war mir aber alles einerlei, nur Ruhe wollte ich haben, und ich sank wieder in eine wohltuende Finsternis und Erstarrung zurck. Man schttelte mich nach langer Zeit wieder am Arm und diesmal hrte ich Karls Stimme. Karl sagte, da es gut stnde mit Ingeborg. Es sei Zeit aufzuwachen. Ich ffnete die Augen und sah einen rothaarigen lachenden Kopf dicht vor mir. Es war Karl. Ich hatte wiederum vergessen, da Karl eben zu mir sprach. Da schlief ich schon wieder. Wasser pltscherte und etwas Kaltes und Nasses fuhr ber mein Gesicht. Ich duckte mich zusammen, aber das Nasse verfolgte mich, und ich schlief und dachte, da das keine Neuigkeit sei, da es gut stnde mit Ingeborg. Die Sperlinge pfiffen es am Dache. Doch war irgend ein Schrecken in mir, als ob etwas Furchtbares geschehen wre. Dieser Schrecken weckte mich pltzlich auf. Wie geht es Ingeborg? fragte ich. Es ginge vorzglich. Sie schlafe ruhig. Weshalb erschrak ich doch? dachte ich. Etwas Furchtbares mu geschehen sein, aber wenn es gut mit Ingeborg geht, was sollte dann noch Furchtbares mglich sein? Du hast drei Tage geschlafen, Axel, sagte Karl und lchelte gtig. Sein Lcheln war so schn und fein, da es mir wie eine Liebkosung erschien. Ich erhob mich mhsam. Ich war sehr mde und mein Kopf war wie mit Blei ausgegossen. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Aber Ingeborg war ja gerettet! Ich sa auf dem Bettrande und lchelte. Ich vermochte das Glck nicht zu fassen. Und Karl zog mir die Strmpfe an, der Dichter Karl Bluthaupt half mir in die Strmpfe! -- -- -- Freudenfeuer auf den Bergen! Tanz, Spiel und Gesang! Gold in die Htten der Armen! Zwei Tage und zwei Nchte brennt lichterloh ein Wald auf der Hhe, mein Wald. Die Feuerwehren aller Drfer sind ausgerckt mit vielem Getute und Gerumpel. Lat ihn brennen! Lat ihn brennen! Lichterloh flammt der Wald durch die Nacht. Weithin mu man es sehen. 21 Ingeborg sitzt auf der Veranda, ein Tuch um die Schultern geschlungen. Sie ist bleich und man glaubt, das Blut in den Adern der Schlfen und der Hand laufen zu sehen. Mit staunenden groen Augen blickt sie in die Bume, die in der Sonne eingenickt sind, auf die Wiese, die duftet und leicht schwankt im Schlafe, hinab ins Tal. Dort stehen kleine Pferde und Wagen und kleine Wesen sind beschftigt, Heu auf die Wagen zu schichten. Zuweilen blitzt etwas auf, ein Beschlge, eine Gabel, eine Sense, feine verwehte Rufe dringen herauf. Nach den Tagen voll ziehender Gewitter, folgten Wochen herrlicher Sonne, jener Sonne, die flimmernd rot und gleichmig ber der Erde liegt, wenn der Sommer zu Ende geht. Die Schwalben schossen schrillend in der Luft, bald schmal wie Fische, bald wirbelnd wie kleine Turbinen. Bald schwebten sie alle auf eine Stelle zusammen, bald verteilten sie sich blitzschnell nach allen Richtungen ber das ganze Tal. Sie schrien, sie konnten wie ein Pfeil in die Hhe schieen, sie konnten wie ein Stein herunterfallen, um pltzlich die Flgel auszubreiten und ruhig zu schweben wie ein Raubvogel. Und Ingeborg hat Trnen in den Augen, sieht sie die Sonne, und Trnen in den Augen, hrt sie die Schwalben schreien. Ich bin ganz weich, wie ein Kind, sagt sie und eine Trne fllt auf ihre Hand. Nie war mein Herz so voller Staunen und Dankbarkeit. Ich sitze bei ihr, plaudere oder schweige, je nachdem Ingeborg es wnscht. Schnere und leisere Stunden habe ich nicht erlebt als die Tage von Ingeborgs Genesung. Ich bin still vor Glck geworden und meine Brust ist immer voll von Trnen, ohne da ich weinen knnte. Ich und Karl sind bemht, Ingeborg tausend Geflligkeiten zu erweisen in einer Art, die wenig auffllt. Immerfort sind Ingeborgs Zimmer mit Blumen geschmckt und auf Teppichen weier Rosen wandelt sie. Karl bringt von seinen Spaziergngen den ganzen Wald ins Haus, Strue von roten und schwarzen Beeren, die den Saft und den Wohlgeruch des Sommers bergen. Ja, Karl lie sich sogar dazu herbei, Ingeborg Stellen aus seinen Bchern vorzulesen, die sie besonders liebte. Seine ruhige Stimme, sein abgeklrtes Wesen wirken wohltuend auf Ingeborg, sie scheint krftiger zu sein in Karls Nhe. Und wenn Karl lacht, so macht sie Miene herauszulachen und ihre Wangen bekommen Farbe. Hast du es gehrt, Axel, heute sagte Herr Karl liebe Frau Ingeborg zu mir -- haha! Er hat es noch nie gesagt. Ich rume die Mappen aus und bringe die herrlichsten Bilder zu Ingeborg, Bilder von denen man trumt, sieht man sie einmal, und lege sie vor ihr auf, wie ein Museum ist es. Oder ich spiele Klavier, alle Stcke die Ingeborg liebt, und durch die geffneten Fenster dringt es wie eine warme liebkosende Welle, die sie badet wie die Sonne. Mde ist Ingeborg vom Sehen. Sie schliet die Augen und legt den Kopf ins Kissen zurck und sagt Erzhle Axel. Wie war die Legende von dem erfrorenen Weinstock? Und die von den Liebenden auf dem Meere? Erzhle Axel, ersinne etwas. Ich blicke Ingeborg an und hundert Geschichten fallen mir ein. Und ich erzhle. Ich erzhle ihr die Geschichte von dem Priester mit dem silbernen Herzen, ich erzhle ihr die Geschichte von Karin, der um die halbe Erde wanderte um zu seinem Weibe zu kommen. Ich erzhle ihr die Geschichte von Hermann Ecke, dem Gutsherrn auf Entenweiher, den Eva verlassen hatte. Sie lebten glcklich, Eva und er, aber Eva ging von ihm zu einem andern. Warum? Niemand wei es. Wird sie immer bei dem andern bleiben? Nein, sie wird wohl zurckkommen zu Hermann Ecke. Und er wartet, Hermann Ecke, da sie wiederkme. Einen Garten legt er ihr an, eine Terrasse baut er ihr. Jahre vergehen. Wo ist Eva? Sie kommt nicht wieder. Aber er wartet und die Jahre vergehen. Lange Jahre war er traurig und niedergeschlagen, aber seht ihn jetzt, straff und aufgerichtet geht er einher mit leuchtenden Augen. Es fragt der Freund: Glaubst du denn, da Eva wiederkommt? -- Hahaha, antwortete Hermann Ecke. Sonst nichts. Hermann Eckes Haare werden wei. Es fragt der Freund: Was wirst du sagen, wenn Eva wiederkommt? Knigin, werde ich sagen, erwidert Hermann Ecke, dein Thron steht bereit. La uns von den kommenden Tagen reden. Traurig lchelt der Freund, Hermann Ecke hat den Verstand verloren. Eine Lampe brennt in Evas Zimmer, Strue prangen fortwhrend in den Vasen. Hermann Ecke steht jeden Abend auf dem Turm und blickt die Strae entlang, ob kein Wagen kommt. Nein, es kommt kein Wagen. Der Freund sieht Hermann Ecke an und denkt: Bald stirbst du jetzt. Dein Herz ist schwach. Er sinnt. Ja, Eva hat eine Schwester, die mu kommen, um ihm von Eva zu erzhlen und ihm zu sagen, da sie bald kme, Eva. Die Schwester kommt und spricht mit dem Freunde. Eva ist tot, arm und verlassen ist sie gestorben. Sagen sie ihm das nicht, Beste, spricht der Freund, sagen sie ihm, da sie in Glanz und Glck lebe und viel gefeiert werde. Bald kme sie zu ihm. Ja! Da tritt er ein, Hermann Ecke. Und er richtet die Augen auf die Schwester -- er rckt die Brille zurecht -- siehst du es --? seine Augen fllt ein berirdischer Glanz. Er breitet die Hnde aus -- siehst du es? -- Evas Schwester! flstert der Freund. Hrt es Hermann Ecke? Nein. Er spricht: Knigin, dein Thron steht bereit, la uns von den kommenden Tagen reden! Hermann Eckes letzte Worte waren das. -- -- Was sagst du dazu, Ingeborg? Ingeborg nickt, sie lchelt und ihre Wimpern zittern und werden feucht. Erzhle Axel! Ersinne etwas! Die Stunde ist golden, die Sonne segnet die Welt. Ein Lcheln liegt auf allen Dingen, selbst auf den Spitzen der Grser. Die Wlder nahe und ferne sind wie hohe Wogen flssigen Goldes. Ein goldener Himmel, und ein goldener Funkenregen, der zur Erde sinkt. Im Westen liegen schmale Wolken gleich groen glhenden Scheitern, darauf verbrennt die Sonne und ihr Feuer lodert ber den Himmel. Goldene Bltter zittern im goldenen Himmel, man sieht die Zweige nicht, an denen sie hngen. Wie eine Grotte mit goldenen Sulen, gefllt mit funkelndem Geschmeide ist der Wald drben anzusehen. Dort gehen Pferde und ein Knecht, golden sind die Pferde, golden der Knecht. Ein goldener Wind weht und goldener Tau tropft von den Bumen. Ich sehe auf Ingeborg, deren Antlitz und Hnde die Sonne durchleuchtet. Von der Farbe des alten Goldes ist das Haar und ein feines Gespinst von Feuer zittert darber. Sie hat die Lider geschlossen, aber sie erscheinen so dnn, da man die Augen darunter zu sehen vermeint. Ein mdes glckliches Lcheln schwebt auf ihrem schmalen Gesichte, wie es nur die Genesenden und die Wchnerinnen haben und die Liebenden am Morgen einer trauten Nacht. Pazzo liegt zu ihren Fen und sie hat die Fe auf seine atmenden Flanken gestellt. Und ich blicke auf Ingeborg und beginne mit leiser Stimme: Diesmal erzhle ich dir von einer schnen Knigin, weil ich gerade an eine schne Knigin denke. Es ist die Knigin, die sie goldenes Herz nannten. Silvia hie sie. Sie war Nicolo Dandoldis Weib, jung, Nicolo alt. Nicolo hie der Einugige mit dem siegreichen Schwert, im Volke der Schlaflose. Spter der Wortbrchige. Du wirst gleich hren weshalb. Er war sehr grausam, wie alle Knige in den Legenden und man sagte, wenn er soviele Ellen tief in die Hlle kme, als er Menschen gettet habe, wrde er vom Lichte nicht mehr sehen, als eine Nadelspitze ausmacht. Natrlich kommt auch ein Page darin vor, du wirst es gleich hren, Ingeborg. Der Page hie Auge, denn schne Augen hatte er, das wuten alle Frauen. Schn sind deine Augen, sagte Silvia, als sie ihn zum erstenmal sah. Wie im Traume sprach sie. Goldenes Herz liebte Auge, und Auge liebte goldenes Herz. Sie trafen sich im Garten der Frauen und saen die Nchte hindurch unter den Bschen, im verschwiegenen Schatten, den der Palast ber den Garten warf. Da saen sie und plauderten, und ich wute alles was sie einander sagten. Auch Ingeborg wute es und sie lchelte. Wieviele Nchte saen sie da! Aber der Priester umschlich sie und in einer Nacht, die herrlich und duftend war wie keine, da geschah es. Zur Zeit der ersten Kirschenblte hatten sie sich zuerst gesehen, als die Kirschen sich rteten, war es schon geschehen um sie. Sie sollten sterben. Der Knig lud allen Adel ein, wie zu einem Feste, und sie saen gekleidet in den Glanz eines vielhundertjhrigen Reichtums in den Galerien. Von weitem mochten sie wohl erscheinen wie Krbe voller Blumen, die die Grtner zum Verkaufe ausstellten. Silvia und der Page wurden hereingefhrt, da erbleichten alle und ihre Gesichter wurden so wei wie die Kerzen, die die Mnche trugen. Als die beiden niederknieten und die Henker hinter sie traten, da wurde es so still, da jeder sein eigenes Herz klopfen hrte. Der Knig sah aus wie eine Reliquie aus gelbem Wachse, wie sie in den Kirchen zu sehen sind. Silvia sah so schn und rhrend aus, da im Herzen des Knigs ein Kampf zwischen Liebe und Rachedurst entstand. Und er rief: Der Knigin steht eine Bitte frei! Doch das Leben des Buhlen bleibt in meiner Hand. Es war stille und die se Mdchenstimme der Knigin sprach: Ich bitte, da man den Sklaven, der des Nachts so traurig am Lido singt, in seine Heimat sendet. Der Knig lachte heiser. Der Knigin steht eine Bitte frei, rief er abermals und seine Stimme keuchte. Da bat goldenes Herz, da man sie vor dem Geliebten tte. Sie wollte nicht hren, wie sein Haupt fiel. Aber der Geliebte widersprach. Sie solle den Himmel lnger sehen als er, sagte er. Lange Zeit stritten sie hin und her, jeder wollte zuerst sterben. Die Frauen in der Galerie weinten. Und abermals machte sich Silvia bereit zu sterben. Da erhob sich der Knig und beugte sich ber die Galerie und keuchte und rief: Der Knigin steht noch eine Bitte frei! Und er bohrte seine Blicke in Silvias Augen. Aber Silvia sprach nicht die Bitte aus, die er erwartete. Ich bitte meine Schuld bekennen zu drfen sagt sie. Der Knig fiel in den Sessel zurck und nickte. Es war ein eigentmliches Sndenbekenntnis, Ingeborg, du wirst es hren. Silvia begann und sagte, da sie jung wre und die Muttergottes bte, ihr zu vergeben, da sie erst siebzehn Jahre alt wre. Lieber htte ich siebzig Jahre alt sein wollen, als ich Knigin wrde. Aber mge mir die Muttergottes gndig sein, da ich jauchzte, so jung zu sein, als ich den Geliebten erblickte. Denn bei den Wunden des Erlsers, wre ich alt gewesen, aus Gram darber wre ich in derselben Nacht gestorben. Und sie erzhlte, wie sie den Geliebten zum erstenmal sah. Er stand im Saale der gewebten Wnde, wo so viele Herren und Frauen lautlos tafeln und lachen, da man glaubt zwischen Gespenstern zu gehen und einem bange wird. Da sah ich ihn und er verneigte sich vor mir, und ich erschrak. Wei nicht weshalb. Schne Augen hast du! sagte ich zu ihm. Bei Gott ich wute nicht, was ich tat. Erst spter fiel mir ein, was ich gesagt hatte. Ziemt es sich fr eine Knigin, stehen zu bleiben und solche Worte zu sprechen? Gewi nicht. Ich tat es. Ich konnte nicht von der Stelle gehen, zitterte und lachte. Ziemt es sich fr eine Knigin zu lachen wie ein Kind? Aber ich tat es. Ich traf ihn wieder an der silbernen Treppe, er legte Kissen in die Barke des Knigs. Er war sehr bla. Weshalb bist du so bla? fragte ich. Und er erwiderte: Ich bin so bla, weil ich ein Mdchen liebe und es ihr nimmermehr sagen kann. Ich erschrak nicht -- Haha -- nein, denn ich wute wohl, wer das Mdchen war. Wrdest du das Mdchen kssen, wenn du knntest? Das wrde ich bei Gott tun. So ksse mich. Er kte mich. Freunde, es war am Tage, es war angesichts des Palastes, die Mven haben es gesehen, die Fische im Meer und Gottes tausend strahlende Augen, nur euch hat Gott die Augen versiegelt. Und ich erzhlte, da goldenes Herz fortwhrend von dem Geliebten und ihrer Liebe gesprochen habe und nicht mde geworden sei, die Schnheit des Geliebten, seine Augen, seine Lippen, seine Hnde, seine Stimme zu preisen und die Sigkeit ihrer Liebe zu besingen. Ja, so sprach sie, da die Mnche und Nonnen sich abwendeten. O, ihr Frauen dort oben! rief sie. Seht mich Gefallene! Aber ich sage euch, nimmermehr mchte ich mit euch tauschen. Gerne wrde ich sterben fr jedes seiner Worte und fr jede Wimper seiner Lider. Wie glcklich wre wohl jede von euch, knnte sie diese Worte sprechen! Haha! Ihr wrdet keine Reue empfinden, htte er einmal nur seinen Arm um euern Nacken gelegt, die tiefste Hlle wrdet ihr lieber ertragen, als da ihr einen seiner Ksse entbehrtet. Ich wei es, ja, ja, ja! Also sprach Silvia und sie konnte nicht aufhren von dem Geliebten zu sprechen und den Herrlichkeiten ihrer Liebe. Sie sprach nicht, nein, sie jauchzte. Sie lachte und weinte whrend sie sprach und ihre Wangen rtete das Glck. Auge aber weinte vor Seligkeit hinter der Kapuze, die sie ihm ber den Kopf gezogen hatten, und er weinte so sehr, da die Steine zu seinen Fen dunkel wurden, trotzdem die Sonne brannte. Die Gste zitterten. Der Knig krmmte sich unter Silvias Worten und erstarrte, immer mehr. Tiefe graue Furchen entstanden in seinen Wangen und an den Schlfen. Dann machte sich Silvia wieder bereit zu sterben. Sie war so schn und ihr Antlitz so heiter, so strahlend, als wrde sie dem Geliebten vermhlt und ginge es nicht in den Tod. Die Henker lauerten des Winkes, aber da hob der Knig wiederum die Hand. Halt! halt! rief er keuchend und sann nach. Und er wandte sich zu den Gsten. Seht! Seht! Seht doch wie lieblich sie ist! Wie schn sie ist! Wer sah je ein solch schnes Weib? Und er beugte sich weit ber die Brstung und flsterte: Noch eine Bitte steht dir frei, herrlichste Silvia, jede Bitte, welche es auch sei -- bei meiner Ehre! Die Gste jubelten. Was denkst du nun, da Silvia bat? Ja, was gab es auch anderes zu bitten, wie? Aber als sie die Lippen zu diesem Wunsche ffnete, berfiel den Knig pltzlich der alte Grimm. Ttet sie, ttet sie! keuchte er und bewegte die Arme, als schleudere er Steine auf sie. Silvias Haupt sprang ber das Schwert. Und als sie Auges Haupt abschlagen wollten, da fanden sie, da er schon tot war. Er ist schon tot, Herr! schrie der Henker. Die Furcht hat ihn gettet. Die Furcht -- -- Was sagst Du dazu Ingeborg? Ingeborg schwieg. Ingeborg schttelte den Kopf. Du mut sie entkommen lassen, Axel, willst du? Ja! Und ich erzhlte von der Stelle an: die Gste jubelten. Und Silvia sprach: Bist du so gndig, Herr, so lohne es dir Gott. Schenke uns beiden Leben und Freiheit. Der Knig lchelte und nickte. Da schmetterten Posaunen und die Gste jubelten, da die Dcher der Galerien in die Hhe flogen, und alles ging zum Mahle. -- Ingeborg lchelte. Es war eine goldene Stunde und die ganze Welt, die Wlder, das Tal, das Schlo, Ingeborg und ich und Pazzo zu Ingeborgs Fen, alles war aus Gold, und der goldene Regen fiel immer noch langsam vom Himmel. Ich fhlte, da mein Herz golden war und es begann leise zu klingen wie eine Glocke. Ingeborg lchelte. Sie lchelte noch nicht wie frher. Schner als all deine Legenden ist die von Axel und Ingeborg. Ingeborg war dem Tode nahe, aber Axel pflegte sie mit solcher Hingabe, da sie genas und nicht sterben konnte. Gibt es eine schnere Geschichte? Nein, nein . . . . . . Diese Stunde war golden und meine schnste Stunde war es. Schner als deine Legenden ist die von Axel und Ingeborg . . . . . O, Ingeborg. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Die Tage gingen und Ingeborg wurde mit jedem Tage krftiger und gesunder. Aber doch sprach sie noch nicht wie frher, aber doch lachte sie noch wie frher. Mde war Ingeborg noch. Ingeborg ging umher und sann. Stundenweit ging sie in den Wald und sann. Ihr Antlitz war gebrunt wie im Sommer, da die Sonne brannte. Was sann Ingeborg doch? Ich lag viele Nchte und schlief nicht. Ingeborg war noch nicht die alte. Die Vgel sangen nicht mehr wie frher. Die Felder waren gemht. Ich lag viele Nchte und schlief nicht. Aber am Tage berfiel mich oft die Mdigkeit und ich mute schlafen. Ich fuhr oft aus dem Schlafe empor, Trume marterten mich. Ich trumte immer wieder und wieder von jener Nacht, da ich um Ingeborgs Leben kmpfte. Schrecken jagten durch meine Seele. Es erhoben sich Fuste und schlugen mich nieder -- und ich erwachte. Ich vernahm Stimmen, drohende Stimmen, ich vernahm ein Brausen und das Brausen sprach: Du hast es gewagt! Hatte ich etwas Bses getan? Ich sah schlecht aus, als ob ich krank wre. Zuweilen hatte ich auch Fieber. Wie war meine Seele? Wie das Tal war sie, Sonne und Wolkenschatten, jagende Wolkenschatten, ich freute mich ber die Sonne, ich griff nach ihr, wollte sie bannen, ich war glcklich, ich dachte nicht an die Schatten. Nein, ich wollte nicht an sie denken. Ingeborg liebte mich. Sie kte mich tausendmal. Aber ihre Lippen kten anders, es war ein anderer Ku. 22 Es gab eine frhliche Nacht, eine Nacht voller Gesang, voller Lachen, voller Blicke, Ksse in der Luft. Der Himmel tiefblau, Sterne, viele Sterne, Friede ringsum, heiliger Friede, im Walde, im Tale. Hundert Kerzen brennen in meinem Zimmer, wir feiern das Fest der Genesung. Lachen, Gesang, frhliche Worte und Wein. Was geschah alles in dieser Nacht? Ich wei es nicht mehr. Wir waren frhlich und guter Dinge, hundert Kerzen brannten in meinem Zimmer. Wie ein flammendes Blumenbeet, weie Stengel, brennende Blten. Es blitzte und funkelte, nie habe ich eine solche Helle wieder gesehen, solche Augen, solche Lippen, solche Hnde, nie wieder. Wir tranken, Ingeborg und ich und Karl. Karl lachte, trank auf Ingeborg, auf mich, auf alle Heiligen, die im Kalender stehen. Er las eine kleine Geschichte vor, eine geniale, feine Arbeit. Sie hie Der Verschwender. Ich liebe die Verschwender, die Verschwender, die immer verschwenden, Gold, Gedanken und Gefhle, die alles, alles und immer verschwenden! Ja, das war Karl! Ich hasse die Brger, die Krmer, die Rechner, nieder, nieder mit den Brgern, ja, nieder mit den Brgern! A bas, bas! Das war Karl. Wir tranken auf das Wohl der Verschwender, wir tranken auf den Untergang der Brger. Ingeborg sang. Sie sang nie so schn wie in dieser Nacht, zum erstenmal dachte ich nicht mehr, da es Ingeborg war, die da sang, es war eine Stimme, die Stimme einer Sngerin. Ich war frhlich, leicht war mein Herz. Alles war vergessen, alle Schatten. Hatte ich an Schatten gedacht? Ich war wohl tricht. Ingeborgs Blick suchte den meinigen, er sprhte Verfhrung. Ingeborg kte mein Ohr, als ich am Flgel sa und Karl es nicht sehen konnte. Ich schrie leicht auf. Der Flgel kicherte und lachte. Ich hrte Ingeborgs alte Stimme wieder, ich sah Ingeborgs alte Augen. Karl sprhte von Ideen und wir lachten und staunten in einem fort. Er erzhlte eine Geschichte von den Obdachlosen, traurige und abscheuliche Einzelheiten, aber er erzhlte sie so, da wir ber alles lachen muten. Die Nacht verging. Ein Hahn krhte. Da brachen wir alle in Gelchter aus, aber niemand htte den Grund angeben knnen, weshalb wir lachten, denn der Hahn krhte wie ein ganz gewhnlicher Hahn. Ich erhob mich. Freunde, sagte ich, hrt! Ich mache euch einen Vorschlag. Ihr seid Freunde, du Ingeborg und du Karl, ich wnsche, da ihr Geschwister seid. Knnt ihr das, so nennt euch du! Ingeborg wurde verlegen. Ihr Blick flackerte. Karl sagte, da er mir danke, das knnten sie ja einmal versuchen. Und Ingeborg sagte: Ja und lchelte. Gut! rief ich. So kt euch. Ich lachte. Es wurde still. Welche Kinder sie doch waren, diese beiden! Ingeborg blickte Karl an, und diesen Blick kannte ich. Ich hatte irgend ihn einmal gesehen, ja, es war droben auf der Hhe, damals als der Wind wehte. Nun, so kt euch doch! Karl nahm Ingeborgs Kopf sanft zwischen die Hnde und sah sie an. Er wurde bleich und seine Augen strahlten. Er sah schn aus, verlegen und triumphierend zugleich. Das war Karls wirkliches Gesicht. Und er kte Ingeborg auf den Mund. Ingeborg errtete. Sie schlo die Augen. Dann waren sie beide verschmt und still. Solche Kinder waren sie. Man mu neue Kerzen aufstecken, sagte Ingeborg verlegen, und Karl go sich das Glas voll und trank auf mein Wohl, mit verlegener Miene. -- Spter befahl ich den Wagen und wir fuhren hinein in den Wald, der Tag kam herauf. Ingeborg wurde still und schlfrig und schlo die Augen. Bist du mde, Ingeborg? fragte ich. Nein, sagte Ingeborg. Ich bin gar nicht mde. Sie lchelte mit geschlossenen Lidern. -- -- -- -- -- Ingeborg geht herum und hat ein Lcheln auf den Lippen, Trume in den Augen. Wenn ich sie anrufe, so erschrickt sie und sie lchelt mir zu. Woran denkst du, Ingeborg? Ingeborg lchelt und geht. Ich sage es nicht, Axel, sagt sie und lchelt ber die Schulter zurck. 23 Ingeborg sang und plauderte. Es war Ingeborgs alte Stimme. Ich hrte einen Schritt ber den Korridor eilen, es war Ingeborgs alter Schritt. Ingeborg ging ber die Wiese, ich rief sie an, sie wandte sich um, es war Ingeborgs alte Bewegung. Ich war glcklich, wie im Sommer, ja, aber doch berfiel es mich mitunter, eine leise grundlose Angst, ein Gefhl des Schwindels. Ich dachte, es kme noch von jener Nacht her -- ich war nicht mehr so gesund wie zuvor. Dann ereignete sich etwas. Es war an einem Nachmittag. Ich ging durch den Park, Karl und Ingeborg zu suchen. Sie wollten ein wenig rudern auf dem See. Karl war mit seiner Arbeit fertig, er war unermdlich im Vergngen wie in der Arbeit, es mute immer etwas geschehen. Immerzu war er unterwegs, sein Lachen klang herzlich und laut. Das Kind, das im Dichter steckt, beherrschte ihn in diesen Tagen. Ich ging durch den Park, ja. Ich war nicht frhlich, ich wute nicht weshalb. Aber ich entdeckte, da der Herbst kommen wollte. Welke Bltter hingen da und dort, die Wipfel waren so dicht, da man nur kleine, schimmernde, helle Sternchen des Himmels sah, die Bume hatten alle Kraft entfaltet. Ein ser, schwerer, welker Geruch fiel aus den Wipfeln, es roch fast wie in einem Sterbehause. Und es sauste immerzu im Parke. Das war das Sausen des Herbstes, so leise, so mde, so gleichmig. Ein Vogel pipste in seinem Neste. Er wetzte den Schnabel hin und her. Das gab einen leisen, rhrenden Ton, es klang als sei der Vogel allein und verlassen im Parke. Der Herbst war im Blute des kleinen Vogels, er wute nicht, wovon er singen sollte. Ich kam an den See, Ingeborg und Karl waren nicht zu sehen, der Kahn lag trocken am Ufer. Ich bog in einen schmalen Pfad ein, der mit Moos berzogen war, und berlegte, wo die beiden wohl stecken mchten, da sah ich unerwartet Ingeborgs Gewand durch die dichten Gebsche schimmern. Ich freute mich. Sie sitzen in der Grotte, dachte ich und beschleunigte meinen Schritt. Im Park gab es eine Grotte, ein berhngender Fels, ein kleiner klarer Tmpel darunter, in den von Zeit zu Zeit, in gleichen Zwischenrumen ein Tropfen fiel. Der Tropfen rief im Wasser und in der Grotte ein feines Klingen hervor. Das war eine schne, geheimnisvolle Musik, die man nicht hren konnte, ohne schwermtig zu werden und ber die Rtsel der Welt nachzudenken. Ich freute mich, dort wrde ich sie treffen, diese zwei, die ich so sehr liebte. Weshalb schlug mein Herz so sehr? Ich hrte Ingeborgs Stimme, die einige Worte sprach. Das war unsagbar schn, die Stimme der Geliebten durch die Stille des Parkes zu hren. Ich ging leise, vielleicht wrde sie wieder sprechen. Sie sprach wieder und es klang als sprche sie in bittendem Tone. Ich hrte meinen Namen. Mein Herz begann laut zu pochen. Ich lchelte. Ich stand nicht weit von ihnen entfernt und sie wuten nicht, da ich da stand. Wie schn wrde es sein, ihre Worte zu vernehmen und gar, was sie ber mich sagten. Dann wollte ich aus dem Gebsche hervortreten, wie die Zauberer in den Mrchen, und sagen: ganz dasselbe denke ich auch, Ingeborg, oder irgendetwas. Und ich freute mich auf ihre berraschten Gesichter und ihr Lachen. Ich hrte den Wassertropfen in den Tmpel fallen und dann sprach Ingeborg, und es erschien mir pltzlich, als sprche sie ferne. Und doch stand ich nur wenige Schritte hinter ihnen. Ich sah Ingeborgs Nacken, einige Korallenperlen darauf, ich sah einen Hut, Karls Hut und daneben eine knochige, schmale Hand, die das Gras niederdrckte, Karls Hand. Was denkst du aber? sagte Ingeborg. Liebst du mich denn nicht? Peng -- fiel der Tropfen. Und Karl antwortete mit ernster, gleichtnender Stimme: Ich denke an Axels vornehmes Herz und an die schwere Arbeit meines Lebens. Die Lider fielen mir zu und meine Arme wurden steif. Es verging eine endlose Zeit, dann sprach Ingeborg wieder, noch leiser, noch ferner: Aber was soll ich tun? Karl, Karl, rate mir doch! Ich ertrage es nicht lnger. Ich liebe Axel, ja, gewi, aber -- Da gelang es mir, die gelhmten Hnde an die Ohren zu pressen. Es wetterte dumpf in meinen Ohren, wie in der Nhe eines Dampfkessels. Leise und vorsichtig schlich ich fort, ich tnzelte fast auf dem glatten Moose. Meine Zhne schlugen aufeinander, der Schmerz fiel wie ein Beil in mein Herz. Aber was soll ich tun? Karl, Karl, rate mir doch -- Ich eilte schneller, erreichte die breite Allee, es wehte zwischen den Bumen. Huh, wie blies der Wind so kalt! Aber was soll ich tun? Karl, Karl -- Ich wnschte, dem Tode zu begegnen. Ich lief, ich taumelte, ich sthnte -- immer noch hielt ich mir die Ohren zu. -- -- -- Es liegt ein Mann in der Nacht und findet keinen Schlaf. Er wartet, ob sich nicht eine Tre rhrt. Daran dachte ich. Nun wute ich es. Lange Zeit verging, dann kamen sie, Ingeborg und Karl. Wir haben einen wunderschnen Spaziergang gemacht, sagte Ingeborg hastig, nicht, Karl? Karl erwiderte nichts. Eine Lge flackerte in Ingeborgs Stimme, ein Geheimnis schwieg in Karls Schweigen. Ich lchelte, ich beherrschte mich. Hungrig werdet ihr sein, Freunde. Kommt! sagte ich. Und ich ging voran und sie folgten mir, Ingeborg und Karl. 24 Am andern Tage reiste Karl ab, er lie sich durch kein Zureden halten. Ich mu, Axel! Ich lie ihn ziehen, ich liebte ihn. Ingeborg war bleich, ohne Worte. Die Felder sind gemht. Die Wiesen sind braungrn. Die Sonne funkelt noch, aber ein leichter Wind weht immerzu, herauf aus dem Tale und verweht die Strahlen der Sonne. Der Sommer verglht, der Herbst kommt, bald werden die Krhen schreien, denke ich. Und ich sehe in Gedanken Schnee vom Himmel fallen. Es ist schwl im Hause und doch zieht es, wo man geht. Die Hnde und Fe frieren, ein kalter Atem streicht ber den Rcken. Es ist nun sehr stille geworden bei uns und die Uhren ticktacken, wohin man kommt. Ingeborg sitzt am Fenster und blickt die Strae hinab, die ins Dorf fhrt. Vor dem Hause auf der Wiese steht eine Birke, eine neue Bank, aber es ist eine andere Birke, eine andere Bank. Ich lchle und sage zu Ingeborg: Wie stille ist es bei uns, gute Ingeborg! Es sei sehr stille, ja, erwidert Ingeborg und blickt lchelnd zu mir empor. Ich gehe. Dieses Lcheln tut mir weh. So vergeht der Tag. Ingeborg sitzt am Fenster und blickt die Strae hinab, die zum Dorfe fhrt. Ich setze mich zu ihr und sage: Wie man doch Karl vermit. Ein solch gtiger Mensch, ein solch herrlicher Mensch! Wie schn war er doch anzusehen, wenn er kutschierte! Wie ein griechischer Wagenlenker stand er im Wagen und lie die Peitsche ber den Pferden knallen und schrie, da die Pferde scheuten und sein langes, rotes Haar flatterte im Winde um sein lachendes, verzcktes Gesicht. Ingeborg lchelt und blickt hinab ber die dstern Buchenwlder, die sich leise wiegen. Ingeborg lacht leise. Sonderbar war er vor allem, sonderbar in allem, was er tat. Erinnerst du dich, wie er am ersten Abend sagte, die Frauen seien ganz gute Geschpfe, glaube er. Und er erzhlte von einem armen Mdchen, das ihm eine Kravatte geschenkt habe? Wie hrte sich das an! Und zu gleicher Zeit schrieb er an einem Gedichte, zwlf Gesnge zur Verherrlichung der Frau -- haha! Ja, sonderbar war er, du hast recht, Ingeborg. Wer ist er doch? Ich habe nie eine Silbe der Klage von seinen Lippen gehrt, nie einen Zug des Unmutes bei ihm gesehen. Und doch hat er so viel gelitten. Immer frhlich ist er und immer schenkt er. Darauf spricht Ingeborg und sie zieht bedeutsam die Brauen in die Hhe: Ein Weiser ist er und ein Kind. O, er ist ein Mensch! Ich habe eine Stelle in einem seiner Bcher gefunden, die heit: Leiden mut du knnen bis zur Verzweiflung und lachen bis zum Irrsinn, ohne zu verzweifeln, ohne irrsinnig zu werden. Das sagt viel von ihm. Und Ingeborg lchelt und sieht die Strae hinab und eine kleine Falte ist zwischen ihren Brauen zu sehen. Ihre Lider sind halb geschlossen. Ich gehe. Diese kleine unterdrckte Falte zwischen den Brauen zerschneidet mir das Herz. So vergeht der Tag. Und Ingeborg ist bla und ein eigentmlicher Schein ist in ihren Augen. Wo sah ich doch diesen Schein schon und diese erstarrte Miene? Es fllt mir ein: damals auf der Hhe, an jenem Abend, bevor wir uns kten. Ingeborg lacht eigentmlich und sagt: Weit du, woher die Feuerlilie ihre Glut hat und die Amsel ihren Gesang? Nein, das wute ich nicht. Wie sollte ich wissen, woher die Feuerlilie ihre Glut und die Amsel ihren Gesang hat? Ich hatte mich nie mit diesen Dingen beschftigt. Karl wei es! Karl wei es. Bin ich ein Dichter? Nein. Karl ist ein Dichter und mute es wohl wissen. Ingeborg blickt an mir vorber, hinunter auf die Strae, die zum Dorfe fhrt, und spricht: Karl hat eine neue Unsterblichkeitslehre gefunden. Wie gro ist ihm der Mensch. Mir verriet er es, mit niemand sprach er sonst davon. Weit du, wie man sich Zuneigung und Abneigung erklren kann? Er sprach von Geschlechterreihen und da -- Was wei ich von diesen Dingen? Der Tag vergeht, es weht vom Tal herauf. Grellgelbe Flecken bekommen die Wlder. Ein einzelner brennendroter Baum steht in der Ferne im grnen Walde. Ich gehe herum und sinne. Ich gehe in die Stlle und sehe den Knechten nach. Ich spreche mit ihnen. Ich gehe in die Scheunen, wo die Futterschneidmaschine surrt. Es treibt mich herum. Ingeborg! Ingeborg! Jeden Tag gehst du weiter weg von mir, Ingeborg. Bald werde ich dich nimmer sehen. Jeden Tag klingt deine Stimme ferner, es wird ein Tag kommen, da werde ich dich nimmer hren knnen. Eine fremde Sprache wirst du sprechen. Eine groe Traurigkeit breitet sich in meinem Herzen aus und alles will sie verdunkeln. O, Ingeborg, Ingeborg! Es treibt mich herum. Ich fasse einen Baum an und sage zu dem Baume: O, Ingeborg! Hin und her wandere ich. Ich kann mich keinen Augenblick mehr niedersetzen. Ich zernage mir die Lippen. Der Schrecken lhmt mich zuweilen, so da mein Herz stille steht. Mein Gesicht ist erstarrt, es ist ganz steif geworden. Ich habe das Gefhl, als mte ich in die Knie brechen. -- Zuweilen habe ich es -- Es zerbrckelt etwas. Es zerbrckelt unaufhrlich, ich fhle es, ich hre es, es zerbrckelt um mich, in mir -- Ich schlafe nicht mehr. Ich liege immer, immer wach. In meinem Kopfe jagt es. Gegen Morgen sinke ich vor Mattigkeit in den Schlaf. Ich trume, da ich weine. Ich hre mich weinen, ich erwache, meine Augen sind trocken, aber es weint in mir. Ich bin erstaunt, ich erschrecke, es weint immerzu in mir. Ich sehe nicht gut aus. Ich sehe gealtert aus. Ich fhle, wie Ingeborgs Blick auf meinem Gesichte ruht. Ich fhle, da alle Worte sie reuen, die sie ber mein Gesicht sagte. Ich fhle es. Ich spreche mit Ingeborg. So gtig wie mglich suche ich zu sprechen. Erinnerst du dich, wie wir unter dem Apfelbaum saen, er blhte? Ingeborg schweigt. Der Sommer war doch schn, Ingeborg? Ja, er war schn, sagt Ingeborg mit einer teilnahmslosen, mden Stimme. Gereiztheit verbirgt sich darin. Das hat mir wehe getan! Ich gehe. Es treibt mich herum. Hin und her gehe ich und berall stehe ich und plaudere ein paar Worte mit dem Gesinde. Hat sie noch ein wenig Sonne erwischt? sage ich zur alten Maria, die am Fenster sitzt und Strmpfe stopft. Ich spreche sanft und ich bin ergriffen, als sprche ich zu meiner Mutter. Ganz eigentmlich ist das. Ja, es ist heute warm. Bald wird der Winter da sein, ehe man sich umschaut. Sie glaube, da heuer der Winter frh komme. Das glaube ich auch, sage ich. Ich glaube sogar, da es ein strenger Winter werden wird. Die Schlehen htten so stark geblht, ja. Was sie da fr einen Vogel habe. Ganz traurig she er aus. Er snge wohl nicht. Ein Rotkehlchen, Herr. Singen tut es nicht, nein. Sie habe einen Kanarier gehabt, er sei gestorben. Sie glaube, er sei aus Furcht vor der Katze gestorben. Wenn sie das gedacht htte, wre die Katze nicht ins Zimmer gekommen. Aber sie knne keinen leeren Kfig sehen, bis ein neuer Kanarier zu haben wre, wolle sie das Rotkehlchen behalten. Hre, sage ich, schenke mir das Rotkehlchen. Ich besorge dir einen Kanarier. Die sind es seit jeher gewhnt, in Kfigen zu sitzen und singen auch. Schon recht. Ich nehme den Kfig und gehe zu Ingeborg. Ingeborg sitzt am Fenster und blickt in den Sonnenuntergang hinaus. Sanft geht der Tag zu Ende, mit gleichmiger Rte im Westen und zitternden Wlkchen am hohen Himmel. Ganz wie ein Frhlingstag. Die Luft weht lau, klingende Rufe zittern aus dem Tale herauf. Sieh, sage ich. O! sagt Ingeborg. Ein Rotkehlchen gehrt in den Wald, nicht in den Kfig, Ingeborg, denke. Ingeborg sieht mitleidig lchelnd und voller Liebe auf das Vgelchen, als blicke sie einem armen, weinenden Kinde in die Augen. Eine schne rote Brust hat der Vogel, in die er den klugen Kopf drckt. Seine Augen sind schwarz wie Beeren und sphen ngstlich. Ich will sprechen, aber ich kann es nicht. Auf der Wiese nahe der kleinen Birke steht ein alter Knecht, in zusammengeschrumpften Hosen und blauem Arbeitskittel, er ruft zu einem Bauern auf der Strae hinber. Von einer Kirchweih erzhlt er. Er lacht, aber er bewegt die Arme, als wolle er Streit anfangen. Es ist ein armes Vgelchen, ging gerne in die Freiheit, sage ich. Ingeborg denkt, was meint er doch? Sie blickt mich an und ihre Lider zucken verlegen. Der Knecht auf der Wiese lacht und ruft: Alle Hohenfichtener sind dagewesen. Eine Hetze war es, haha! Hahaha -- antwortet es von der Strae her. Und der Knecht bricht wiederum in Gelchter aus. Glcklich und jung lacht er trotz seiner grauen Haare. Siehe, Ingeborg, was ich mit solchen eingesperrten Vgelchen tue. Ich ffne den Kfig. Das Rotkehlchen steht unter der Tre, pfeift schchtern und wendet das gereckte Kpfchen nach links und rechts. Glaubt man nicht, man knnte ohne weiteres fortfliegen, denkt es -- zit zit! Es betrachtet sich die weite Welt und schttelt die Flgel. Ich lchle. Es will gar nicht gehen. Aber die Tre steht ja offen. Ich bin doch nicht so grausam, es zurckzuhalten -- Geh, kleiner Vogel, flieg! Zit! pipst der Vogel. Er blickt rasch zurck, dann gleitet er vom Gesimse und breitet die Flgel aus. Er fliegt bis zur kleinen Birke, lt sich nieder und beginnt zu schmettern. Dann schwingt er sich in die Hhe und fliegt hinein ins Tal, berauscht, in groen Bogen. Er begegnet einigen Schwalben und scheint ihnen etwas zuzurufen, denn die Schwalben ndern pltzlich die Richtung und geben ihm ein Streckchen das Geleite. Ich vermag es nicht, Ingeborg in die Augen zu sehen, und so blicke ich dem kleinen Vogel nach, der in die Freiheit hinausflog. Bald sieht es aus, als fliege ein Schmetterling im gerteten Himmel. Dann zittert nur noch ein Pnktchen ber dem Tale, es tanzt auf und ab. Siehst du, ich bin doch nicht so grausam, ihn zurckzuhalten? Ich freue mich mit ihm ber seine Freude. Da begegne ich Ingeborgs Blick. Sie hat verstanden. Sie blickt mich an und ich sehe, da sie irgendetwas tun mchte, um mir zu danken. Aber sie wagt es nicht. Sie blickt mich nur an. Wir geben uns die Hand. Vor dem Hause erzhlt der Knecht immer noch von der Kirchweih und dem Tanze in Rotenbuch. Ich hre es, verstehe jedes Wort, obgleich mein Herz zerbricht. 25 In jener Nacht lag ich ausgestreckt in meinem Zimmer und rhrte mich nicht. Ich lag und blickte zur Decke empor und rhrte mich nicht. Da schlich es, es knisterte und rauschte. Ingeborg glitt neben mir auf den Boden. Sie umschlang mich und kte mich, sie kte jede Stelle meines Gesichtes, meinen Hals, meine Hnde. Sie weinte, ich hrte es nicht, aber ich sprte ihre Trnen. Sie badeten mein Gesicht, meinen Hals, meine Hnde. Mir war so wohl, so wohl. Ich dankte ihr. Ich wurde frhlich, glcklich war ich. Mehr, mehr dachte ich. Dann flsterte sie: Ich erinnere mich freilich daran, wie wir unter dem blhenden Apfelbaum saen. An alles, alles erinnere ich mich, Axel. Ich werde nichts vergessen, nichts. Und sie erzhlte von unserem Frhling, unserem Sommer immerzu, jede Einzelheit. Mir war so wohl, so leicht . . . 26 Neuer Morgen kam -- er mute kommen, die Sonne mute aufgehen. -- Die Sonne geht auf und die Fenster des Schlosses strahlen, als sei es zu einem Feste beleuchtet. Es ist khl und im Tale ziehen Nebel. Feucht riecht der Wald, es glitzert und Tau perlt an den Grsern. Spinnengewebe hngen an den Brombeerbschen und zwischen den Halmen, und in jedem liegt ein ovaler Tautropfen wie in einer feingesponnenen Wiege. Es rasselt, der Wagen fhrt vor. Ich trete aus dem Hause, Pazzo folgt mir. Ich spreche mit dem Kutscher. Mgde schleppen das Gepck. Da kommt Ingeborg die Treppe herunter, sie knpft sich die Handschuhe zu. Sie trgt einen breiten Hut und das ist auffallend, denn den ganzen Sommer ber trug sie nie einen Hut. Der Hut verndert sie, der Reisemantel, fast wie eine Fremde sieht sie aus. Ein schnes Reisewetter, Ingeborg, sage ich. Ich lchle, ich will es ihr leicht machen. Ingeborg hat Trnen in den Augen. Verzeih, verzeih, flstert sie und beschwrt mich mit den Blicken. Beruhige dich, Ingeborg! Ich kann ja nicht anders. Es ist mein Schicksal! Wohl wei ich das. Die Pferde scharren mit den Hufen. Pazzo bellt und umkreist den Wagen. Der Kutscher sitzt steif und bereit zur Fahrt. Adieu, Ingeborg! O, Axel! Gre Karl! Ich danke, Axel! Wenn du mich besuchen willst, ich freue mich immer ber deinen Besuch, du weit es. Freilich, freilich besuche ich dich. Bald besuche ich dich. Wenn du ausruhen willst, nirgends ist es stiller als hier, du weit es. Ich denke daran. Schreibe bald, Axel! Versprich es! Ich werde schreiben. Hastig nestelt Ingeborg an den Handschuhen und zieht sie von den Hnden. Lebewohl, Axel! Ingeborg, lebewohl! Wir kssen uns. Ich stehe auf dem Trittbrett des Wagens und Ingeborg umschlingt mich mit den Armen. Unter dem Hoftore stehen Knechte und Mgde, die begreifen nichts. Die Pferde ziehen an, der Wagen rollt die Strae hinab. Pazzo heult klglich, bellt, blickt auf mich. Adieu! Adieu! Ingeborg steht im Wagen und winkt mit dem Taschentuch. Noch sehe ich ihre Augen deutlich und den bittenden Ausdruck des Antlitzes, das unter dem breiten Hute leuchtet. Golden schimmern die Lockenbschel. Nun sehe ich die Augen nicht mehr, etwas Blasses schimmert unter dem Hute. Das weie Tuch weht. Der Wagen biegt um die Ecke, ganz klein ist er geworden. Eine weie Taube flattert im Walde, ein Beschlge blitzt, nichts ist mehr zu sehen. Wald, Wald, Wald -- Pazzo winselt und klfft. Er springt an mir empor. Pazzo! Pazzo fliegt in groen Sprngen den Berg hinunter. Das ist noch ein letzter Gru, nicht? Adieu, Ingeborg! -- -- Ich habe einen Geschmack auf den Lippen. 27 Nun ist Ingeborg fort. -- Ich sehe einen Mann, der die Stufen zum Hause emporsteigt. Er steigt und steigt, wieviele Stufen sind es doch? Er blickt nicht zurck. Er steht vor der Tre, ffnet sie, sie ist schwer. Er blickt nicht zurck. Er verschwindet im Hause. Er steigt die Stiege empor, er geht den langen weien Korridor entlang. Er bleibt stehen, die Augen fallen ihm zu. Dieses ist ein Mann, der alles was er besa, verlor. Er erblat. Es sind zwei Worte an eine weie Tre gekritzelt. Er sieht ber sein Zimmer. Es ist sein Zimmer. Da sieht er nun, sieht in sein Zimmer und wagt es nicht, es zu betreten. Er wagt es nicht, nein! Dieses Zimmer ist leer, leer. Schreien, lachen, niederstrzen? Wie? Nein, nichts von alldem. Ein Zittern in den Hnden, ein Beben der Knie, das ist alles. Verzweifelte Gebrden in mir, tief in mir. Wirre, jagende Bilder in meinem Kopfe, sie zerbrechen, andere kommen, zerbrochene. Sie zerbrechen. Ich setze mich in einen Stuhl. Ich lchle. Ich habe einen Geschmack auf den Lippen. Adieu, adieu. Ich nehme Abschied. Tautropfen, bittende Augen, eine nackte Hand. Eine Stimme. Sie schwebt ber mir wie Gesang. Ich verneige mich vor der Stimme. Ich lchle. Ich stehe auf dem Trittbrett und lege meinen Arm um Ingeborg. Wie verzweifelt das Lcheln hin und her irrte auf ihrem Antlitze? Und ihre Augen, die segneten, segneten! Gelobet seist du in alle Ewigkeit, Ingeborg! Ich liebe dich. Mein Herz krampft sich zusammen, es wird dunkel in meinem Kopfe. Ja, nun ist sie fort. Ich habe alles verloren, was ich besa. Ich stehe auf. Es dreht mich im Kreise. Vor meinen Augen wird es schwarz. Soll ich niederstrzen? Drfte ich es doch! Ein klein wenig. Einmal zusammenbrechen, schreien, eine Sekunde nur. Nein, ich tue es nicht, ich stehe aufrecht, ich kmpfe. Ich beginne zu wandern. Meine Wanderung beginnt. Sie dauerte Wochen, Monate, nun begann sie. In den Wald? Nein, da ist sie. Vielleicht gar in die weien Zimmer? Wohin? In den Keller? Da ist sie auch. Was ich gewesen bin, was ich war, was ich sein konnte, Sonne, Glck, Schnheit, Reichtum. Alles verloren. Vorbei das Wandeln. Nein, ich brach nicht zusammen, ich schluchzte nicht, ich grub nicht die Ngel in die Schlfen. Das ist nicht wahr, ich tat es nicht. Ich zerri ein Taschentuch in Streifchen, das tat ich, ja, das! Ich wanderte. Wenn ich nur gehen durfte. Auf der Strae waren die Spuren von Rdern und Hufen zu sehen. Fuspuren. Ich entdeckte meinen Schuhabdruck, ich entdeckte ihren Schuhabdruck. Ich sah ihn an. Ich fhlte beobachtende Gesichter hinter mir, deshalb ging ich. Morgen wrde man diese Spur im Staube nicht mehr sehen. Sie hat sich in mein Gedchtnis eingegraben, oft trumte ich von der Spur im weien Staube. Ich ging in den Wald, stand stille. Adieu, adieu, immerzu nahm ich Abschied. Ich ging zurck ins Haus, kam wieder zum Vorschein, stand wieder bei der kleinen Spur im Staube. Der Wagen kam von der Station zurck. Der Kutscher sprang vom Bock und ein Knecht kam und spannte die Pferde aus. Ich fragte den Kutscher: Wo ist Pazzo? Der Kutscher hatte ihn nicht mehr gesehen. An der Station sah er ihn zum letztenmal. Wei der Teufel wo der Hund steckt. Ja, wei der Teufel -- haha! Dieser Wagen war frchterlich leer. Ein elender Anblick war dieser leere Wagen. Glatt waren die Polster, nichts war auf den Polstern zu sehen. Ein Knecht kam mit der Brste. La es. Schiebe den Wagen in die Remise. Eine Decke darber, so wie er ist. Der Wagen ist altmodisch, ich habe einen neuen bestellt. Ich trat ins Haus. Da du mir etwas Ordentliches kochen lt, Mtterchen, sagte ich zur alten Maria. Ich habe einen schrecklichen Hunger, bin heute frh aufgestanden. Die alte Marie hatte etwas auf dem Herzen. Man sah es gleich an der Art, wie sie sich umwendete. Sprich nur. Auf wielange die Herrin fortreise? Das knne man nicht so genau sagen. Vielleicht einen Monat, vielleicht ein Jahr. Sie sei nach Paris gereist. Nach Paris? Ja, verstehst du, um das Singen zu lernen. Aber das knne sie doch schon. Mtterchen, haha, gelungen sprichst du daher. Wie kannst du ber diese Dinge sprechen? Freilich knne sie schon singen, schn sogar, sehr schn. Aber es mu alles gelernt sein, heutzutage, auf den Schulen. Siehst du, du kannst sehr klug und gelehrt sein, warst du nicht auf vielen Schulen, so glaubt es dir kein Mensch und du hast nichts davon. So ist es auch mit dem Singen. Der Tag ging langsam. Ich hatte nichts zu tun. Langsam drehte sich der Schatten der kleinen Birke im Kreise. Pazzo war noch nicht da. Also an der Station sahst du ihn zuletzt? Ja, Herr. Und dann nicht mehr? Nein, Herr. Ich stahl mich in die Remise. Ich lftete die Decke, die ber den Wagen gebreitet war. Bestaubt stand er da. Ich suchte in den Polstern, Staub um die Knpfe, sonst nichts. Es war nichts zu finden. Ich nahm den Hut und Stock und pfiff. Ich erinnerte mich, da Pazzo ja nicht da war. Ich lchelte. Ich stieg die Strae hinab, dieselbe Strae. Deutlich konnte ich die Rderspuren herausfinden, auch Pazzos Spur. Er war gehetzt. Wie groe Ausrufezeichen sahen seine Spuren aus. Ich kam an die Stelle, wo er den Wagen eingeholt hatte. Der Wagen hatte gehalten, Pazzo war in den Wagen gesprungen. Das sah ich alles aus den Spuren. Im Dorfe verschwand die Spur des Wagens, hinter dem Dorfe tauchte sie wieder auf. Sie zog mich durchs Tal, ber den Berg hinber, an Rote Buche vorbei. Da waren alle Lden geschlossen. Sie zog mich bis zur Station. Ich stand am Perron und blickte dem Geleise nach. Ein Beamter trat heraus und grte. Ich suche meinen Hund, sagte ich. Ja, ach ja, dieser Hund. Es sei eine Wirtschaft gewesen. Der Hund wollte nicht auen bleiben. Er habe geheult und gewinselt. Die Frstin wre ganz ergriffen gewesen. Soso. Ich ging die Geleise entlang. Hier lag Sand, ich konnte Pazzos Spuren nicht entdecken. Diese Geleise. Sie glnzten. Ich berhrte sie mit dem Finger. Ich sah ihnen nach. Sie erschienen mir so sonderbar. Sie zogen mich, zogen mich. Ich rollte auf ihnen dahin, flog, flog. Ich sah einen grellgelben riesigen Eichbaum am Bahndamm. Ich sah ihn mir an. Gewi war er ihr aufgefallen. Ich wurde zu einem Eisenbahnzug, sauste, flog durch die Wlder und Wiesen, die Wlder und Wiesen drehten sich mir entgegen. Wieder, da stand ich auf einer Station und sah auf einen Kopf hinter einer Scheibe. Ein runder, feiner Kopf, glatte goldene Haare, Lockenbschel, die bis zur Schulter herabfallen. Dann ging ich quer durch den Wald nach Hause. Immer stand ich auf dem Trittbrett des Wagens. Es jagte in meinem Kopfe. Meine Hnde zitterten. * * * * * Ich hatte im geheimen gehofft, Pazzo anzutreffen. Er war noch nicht zurckgekommen. Nun, Geduld! Ich hatte nicht daran gedacht, da die Sonne untergehen wrde, da die Nacht heute kommen knnte. Aber alles ging seinen Gang, als wre nichts geschehen. Pltzlich wurde alles rot, durchtrnkt vom Blute der Sonne. Auch meine Hnde. Friede und Schnheit berall, meine Brust tobte. Dann sah ich es mit Grauen dunkel werden, immer dunkler. Asche fiel auf die Erde. Finstere Schatten hoben sich aus den Wldern, irrten hin und her und kauerten sich nieder. Es wurde still, so still wie es nie war. Schweigen, Schweigen. Nicht jenes Schweigen, das man noch hrt, nein, ein tieferes unhrbares Schweigen, ein grauenhaftes Schweigen, das mich lhmte. Leer, alles leer. Nun brach die Nacht an. Pazzo war noch nicht zurckgekehrt. Ich ging hin und her. Ich wartete, ja, worauf wartete ich denn? Ich wartete darauf, da das Haus ber mich zusammenbrche. Ich ging gedankenlos an den Flgel und schlug eine Taste an. Es war ein heller Ton, Ingeborgs Ton war es. Jeder Mensch hat seinen Ton. Mute ich auch gerade Ingeborgs Ton unter den Finger bekommen. Ich zndete eine Kerze an, aber die Flamme flsterte, sie sprach, ein Gesicht erschien in der Flamme. Ich verlschte sie wieder, viel zu viel wute die Flamme. Ich ging hin und her. Es war dunkel. Ich trat ans Fenster. Alles war schwarz. Selbst die Luft war schwarz. Die Sterne fielen vom Himmel und zersprangen auf den finsteren ckern. Mich fror. Pltzlich sah ich ein Zimmer vor mir, eine Lampe war darin, zwei Menschen unter der Lampe, ein Gesicht rckte in den Lichtkreis. So deutlich sah ich es. Ich schlo die Augen. Ja, Karl konnte Ingeborg haben, wenn Ingeborg nur wollte. Er ganz allein, ja. Er hatte nie ein Glck gekannt, Hunger und Sorgen und Nchte voller Arbeit, er hatte Ingeborg ntig. Dann war es Karl, der Dichter! Ich dagegen, wer war ich gegen Karl? Ich wrde auch allein leben knnen -- ja auch allein, dachte ich und ging mit steifem Krper hin und her. Mich fror. Alles war leer, alles. Ich dachte an die Fuspur im Staube, an die Geleise in der Sonne. Ich sah wie jemand die Handschuhe abstreifte. Ich sah ein Gesicht, das in der Ferne entwich, ein Paar Augen, die kleiner und kleiner wurden. Ein Tuch flatterte im Walde. Ich prete die Finger auf die Augen und drckte die Daumen gegen die Schlfen. Ich sa und dachte, dachte, dachte immerzu. Da hrte ich ein leises Wimmern, als ob ein Kind wimmere. Ich erschrak. Ich stand auf, rusperte mich und ging wieder auf und ab. Mein Glck, meinen Sommer im Kopfe, Ingeborg, jeden Schritt, jedes Lachen im Kopfe und das andere im Kopfe, so ging ich hin und her. Ich hatte ja seit einigen Tagen gewut, da das andere kommen wrde, da diese Nacht, da alles leer war, kommen wrde, ich hatte es gewut, meine Seele gewappnet -- aber -- -- Nein, nein, nein! Ich stand in meinem Zimmer, prete die Hnde auf die Augen und sagte immer das gleiche Wort. Nein, nein, nein . . . Die Nacht verging, der Tag graute. Wie verging diese Nacht? Gott wei es. Auch ich wei es. Ich denke nicht daran. Ich habe mich nicht auf den Boden geworfen, ich habe mir nicht die Haare gerauft und die Brust zerfleischt, nein, wer dies behauptet, der lgt. Ich hatte nur etwas Blut am Kinn, das war alles. Die alte Maria entdeckte es, ich hatte es nicht weggewischt. Ich lchelte, so gut es ging, es wollte nicht gut gehen, diesmal, nein, aber doch brachte ich es fertig. Ist Pazzo nicht gekommen? Nein. Der Schlingel! sagte ich und lchelte. Ich sah mein Gesicht dabei, wie ich es sagte, mein Lcheln. Meine Stimme hatte sich verndert. Die alte Maria starrte mich an und ging rckwrts zur Tre hinaus. Natrlich, ich konnte nicht wie ein Brutigam aussehen. -- -- -- Erst einige Tage danach fand ich es: viele, viele meiner Haare waren wei geworden. Ich war sehr betrbt darber. 28 Es kamen die Tage des lauten Schmerzes. Allmchtiger Geist ber den Sternen, Vater der Menschen, habe Erbarmen mit mir. Ein neues Herz, ein neues Hirn! Ich flehe dich an, ein neues Herz, ein neues Hirn! Erbarme dich meiner! -- -- Ein Gebet war in mir, meine Lippen flsterten es nicht, meine Seele sprach es. Einst lag ich in der Nacht im Walde, da hrte ich, wie meine Seele es sprach, ich lauschte, ich verstand. Es waren diese Worte. Ich dachte, ich knnte nicht unglcklicher werden, als ich in jener ersten Nacht war. Ich dachte, ich htte den tiefsten Grund des Unglcks erreicht. Nein. Es sollte in die Tiefe mit mir gehen, jene erste Nacht war die erste Stufe, dann ging ich Stufe um Stufe abwrts, immer tiefer, immer tiefer. Ich habe die Hnde gerungen, ich lag Nchte hindurch im Walde und prete die Zhne zusammen, ich irrte umher, durch Nacht und Regen, mit verwirrtem Sinn. Die Bume woben sich zu Ingeborgs Antlitz, die Wlder, die Wolken, wo ich hinsah, da war es, da lchelte es, da schimmerte es. Ich sah es im Sternenhimmel. Und schlo ich die Augen, so war es in mir, in mir da funkelte Ingeborgs Antlitz in den Farben des Brillanten. berall waren Rufe, berall ein Flstern, ein Lcheln, Worte, Gesang. Da ich doch krank wrde! Krank, lange Wochen und dann erwachte, erneuert, gesund -- -- o, o! Da ich doch krperliche Schmerzen zu ertragen htte, die mich vergessen lieen, was da innen so wehe tat. Einmal hagelte es, ich wei es, ich nahm den Hut ab, die Schloen schlugen mich auf den Kopf, ins Gesicht, auf die Lippen und Augen, es war wie eine Zchtigung, die der Himmel ber mich verhngte. Das tat gut. Ich verstand viel, viel, was ich nie verstanden hatte. Die Klster, wo sie kein Wort mehr sprachen, nur knieten, knieten, lange Gnge entlang rutschten auf den wunden Knien, ich verstand die Flagellanten, die sich den Rcken geieln, die Einsiedler in den Wsten. Das war eine Wonne, o, das war ja eine Wonne gegen all das andere, gegen das da innen. Ich verstand die Trinker, die Verbrecher, die Elenden, die Verworfenen. Ich erinnerte mich an Harry Usedom, wie er vor uns im Walde stand und mit den Fingern auf sein Herz trommelte. Ich erinnerte mich an Claire Davison, wie sie vor mir stand, einst, wie sie drei Worte sagte: Leben Sie wohl! Ich verstand sie nicht, nicht diesen Blick. Ich habe gesndigt an ihr, schwer gesndigt. O, wenn dich einer liebt, so sei gtig und schonend gegen ihn, wandere, wandere, bis du ihn findest, wirf dich in die Knie und danke ihm! Ich irrte umher. Tage und Nchte. Lange Tage kam ich nicht in mein Haus zurck. Lange Tage kam ich nicht in eine menschliche Wohnung. Ich war da tief drinnen im Walde. Ich redete mit mir, mit den Bumen -- -- Ein neues Herz, ein neues Hirn! Es betete in mir, betete -- -- Ich habe Ingeborg oft gesagt, da ich sie liebe. Nein, ich liebte sie nicht. Ich glaubte es, ja, ich log nicht, aber ich liebte sie in dem Augenblick erst, da sie mich verlie. Ich wute nicht, was Liebe ist, nein. Nun wute ich es. Ich fand kein Wort mehr fr diese Liebe, die die richtige war. Flammen, Brausen, das war sie. Sie zerri mein Herz. Es war, als schnitten Messer kreuz und quer in meinem Herzen. Das war sie. Ich ging durch den Wald, es war Nacht, es brauste im Walde, die Bltter fielen. Ich ging, ich ging neben Ingeborg einher. Ich sprach mit ihr. Ich liebe dich, sagte ich, Ingeborg, jetzt, ja, jetzt liebe ich dich! Jetzt bist du in mir, jetzt -- keine Worte -- Die Trnen strzten mir aus den Augen. Ich kniete nieder und drckte die Stirne in den Boden. Jetzt liebe ich dich, Ingeborg, jetzt. Es stach in mein Gesicht, Nadeln stachen und stchen, ich drckte die Stirne tief hinein, es schmerzte, ich hob das Gesicht, es war gespickt mit Nadeln. Jetzt liebe ich dich, Ingeborg! jetzt! -- -- -- Wenn aber Gott aus seinem Sternenwagen gestiegen wre zu mir herab in den Wald, wo ich litt und verzweifelte, wenn er es getan htte und gesagt: Ich will dir ein neues Herz geben, ein neues Hirn! Siehe, jetzt lsche ich alles aus, alles. Nein, nein, mein Gott, tue es nicht! Das htte ich geschrien. Die Tage gingen, ich wurde ruhiger. Ja, es ist wahr, mein Herz zitterte noch, es war, als verndere es seinen Platz in der Brust, es war, als fre etwas daran, als hinge etwas Schweres mit scharfen Zhnen an meinem Herzen, es ist wahr, ich erwachte oft des Nachts, weil ich weinte, ich schlief auch wenig, aber ich war doch ruhiger geworden. * * * * * Ich begegnete Harry Usedom im Walde. Wir sahen uns an. Wir grten. Wir gingen aneinander vorber. 29 Trauer erfllte mein Herz. Eine schwere, tiefe Trauer, sie erfllte mein Herz, stieg bis in den Hals, die Augen, ich dachte, es wrden Trnen aus meinen Augen fallen, sobald ich den Kopf neigte. Deshalb neigte ich ihn nicht, ich ging aufgerichtet einher. Das war der Herbst. Das Laub frbte sich, es war als schicke die Erde ihr Blut in die ste, auszublicken, auszusphen, da der lange Winterschlaf kommen sollte, wo sie nichts mehr wute. Der Wind wehte, und das Laub fiel. Zuerst von den obersten sten, dann bis tief herunter. Die Bume standen kahl, nackt, sie grmten sich, sie verzweifelten, sie resignierten. Sie lchelten in der matten Sonne, wie Sterbende lcheln. Es gab einzelne Bltter, die sich verzweifelt wehrten und nicht fallen wollten. Aber der Wind ri und ri und endlich ri er sie doch los und warf sie roh triumphierend in die Luft. Und mir war es, als hre ich die flatternden Bltter schreien. Die Vgel sammelten sich, sie schrien, lrmten und eines Tages schwangen sie sich in die Hhe und zogen fort. Es wurde stiller, stiller. Auch die Grille zirpte nicht mehr des Nachts. Es war ein Weinen im Walde, ein unterdrcktes Schluchzen irrte in der Mitte des Waldes. Von den Kastanien vor dem Hause fielen die Bltter, es knallte, eine Frucht zerplatzte auf den Stufen. Nun hingen nur noch einige Bltter daran, sie sahen aus wie verkrmmte, vertrocknete Hnde. Das Haus stand kahl da, nackt, geschoren, blogestellt, es war grer geworden, grer und der. Das ganze Tal machte den Eindruck eines Zimmers, dem man Vorhnge, Teppiche und Bilder genommen hat. Schmutziggraue Wolken schleppten sich ber das Tal. Ich dachte an die schaumigen, weien Wolken des Sommers, die ber den blauen Himmel schwebten, Verzierungen gleichsam, ein Schmuck des Sommers. Ich dachte an den Herbst im vorigen Jahre, der mein Herz entzndet hatte mit seiner Glut, seinem Stolze, seinem jauchzenden Tode. Ich war traurig, ich empfand nichts mehr, keine Farben, keine Gluten, es war auch alles schmutzig, mde, es war ein Herbst, der einen hlichen, feigen Tod starb. Ich ging durch den Park, der ganz ohne Laut dalag. Es war ein Friedhof, in dem ein groer Toter schlummerte. Ich kam vorber an der Statue, dem Brunnen, an der Grotte stand ich ein Weilchen still. Der Tropfen fiel. Ich ging durch das Pfrtchen hinaus in den Wald. Da war ein Pfad und ich lchelte und sagte: Hier gingst du, gtige Ingeborg, in jenen Nchten -- Ich sagte es mit sanfter Stimme und es tat mir wohl, es recht gtig zu sagen, als hre es Ingeborg, die Gute. Ich legte die Handflche an den Boden und streichelte ihn. Vielleicht huschte hier Ingeborgs Fu darber? Man kann es nicht sagen. Ich fand einen Kiesel, der in den Pfad getreten war. Vielleicht hatte Ingeborgs Fu ihn in den Pfad getreten? Sollte ich ihn mitnehmen? Nein. Aber ich wandte doch um und nahm ihn mit. Vielleicht? Niemand kann es sagen. Heilige Erde, heiliges Land, heiliger Wald! Ich kniete nieder und kte den Boden des Waldes. Heiliges Land, hier wandelte ihr Fu! heilige Bume, an euch ging sie vorber! Und die Bume, die der Herbst geschndet hatte, wiegten sich traurig hin und her und klagten leise. Sie trauerten mit mir und der ganze Wald flsterte Ingeborgs Namen. Ich ging durch den Wald und lauschte. Es tat wohl, da alles mit mir trauerte. Ich erschrak, sah ich einen Stein, auf dem wir saen, ich erschrak, sah ich einen Baum, den wir beide kannten. Ich freute mich, ich litt. O hrt, ich fand eine hohe, ernsthafte Edeltanne im Walde, worunter wir einst saen, als es regnete. Ingeborg lugte aus dem Versteck hervor und haschte mit dem Munde nach Regentropfen. Ich liebe die kleinen Regentropfen, sagte sie. Und dann zhlte sie alles auf, was sie liebte, whrend der Regen herabstrmte und wir unter einem Wasserfall saen. Ich liebe die kleinen Regentropfen, Axel, ja. O, ich liebe Wind und Wetter, ich liebe Hagelschlag und Schnee, ich liebe die Sonne ber alles, die Wolken, die Bume und das Rauschen der Bume, ich liebe ber alles die Vglein und ganz besonders die Johanniswrmchen, auch die Blitze, sie lachen mich ja an, und dich, dich, Axel, dich mehr als alles, alles, mehr als tausend Sonnen und mehr als alle Sternennchte und das wildeste Gewitter -- Ich ging vorber an der Edeltanne und lchelte, aber ich mute den Kopf zurckbeugen. Es sang kein Vogel mehr im Walde, nein. Ich ging bis an Graf Flggens Schlo, sah das Tor mit den bemoosten Lwen, die die Wappen hinhielten, ich ging durch unser Birkenwldchen, ich kam an unseren Apfelbaum. Kahl stand er. Braune, lederne Bltter baumelten an den Stielen. Im welken Grase lagen verfaulte Frchte. Einst, im lichten Frhling, da schttelte ich ihn und es fielen die Blten ber einen goldenen Scheitel -- -- Ich ging auf die Hhe, wo die Bank stand. Das Tal lag da wie durch gelbes Glas gesehen. Welk und mde und leuchtend, wie das Antlitz eines Sterbenden, das ein eigentmliches Licht ausstrahlt. Die Wiesen waren braun und sumpfig, Herbstzeitlosen standen darauf. Die Gruben waren mit welkem Laube gefllt, sie waren Grber, der Sommer lag darin, Hoffnung und Freude des Sommers und sein Duft. Neben der Bank stand eine Distel, sie sah aus wie der graue Kopf eines alten, schmutzigen Weibes mit gestrubten Haaren. Die Felder waren gemht. Die Stoppeln taten mir weh, es war mir, als ginge ich mit nackten Fen ber die Stoppelfelder. Ich dachte an den Frhling, da die Saat aufging, so jung so grn, sie kitzelte mein Herz, und dann, wie es wuchs und sie die grnen Fahnen aussteckte und schwenkte vor Freude. Dann kam die Zeit, da das Tal wie in einer groen Pfanne briet und jeder Punkt der Luft zu singen begann, da wurde der Weizen blinkend wie Messing und das Korn rot wie das Fell des Fuchses. Das war ein Gren und Nicken und Verneigen, wenn wir durch die Felder gingen! Und die Grillen zirpten in den Feldern, das klang als wren tausend winzige Schmiede tief in der Erde beschftigt, feines Silber zu hmmern. Dann kamen die schlimmen Tage, die Sichel rupste und rauschte und eines Tages lagen die hren da, gefllt, steif, auf dem Gesichte, wie erschossene Soldaten. Das schmerzte uns beide sehr. Ich stand im Winde, die Feder auf meinem Hute schnurrte, mitten im kahlen Herbste, und dachte an den Sommer und die Stoppeln schmerzten mich, wie Krppel kamen sie mir vor. Ich ging weiter. Ich ging umher, besuchte alle Bnke, Steine, Lichtungen, die von Erinnerungen umschwebt waren. Es gab viele heilige Orte im Walde, solche, die ich nicht betrat, ich sah sie nur aus der Ferne an. Schwermtige Geheimnisse waren in meiner Brust. Meine gewhnlichen Wege waren das. Dann wurde es dunkel, die Sonne verschwand bald und nach kurzem Abschiede hinter den Bergen. Es war Herbst, Herbst. Der Wind wehte kalt. Gewi wrde es bald dunkel und kalt sein auf der Welt, auf lange, lange Wochen. Alle Dinge froren schon, die den Winter ahnten und die finsteren Nchte. Es war lange bis zum Frhling. Ich blickte in den Wald hinein, der braunschwarz in der Tiefe war. Ach, traurig sah es da drinnen wohl aus. Und ich dachte -- wie ich darauf kam, wei ich nicht -- ich dachte -- so kann es wohl sein: Unter einem faulen Pilz, da sitzt ein Zwerg im finstern Walde und er flickt zhneklappernd den Wintermantel aus Maulwurfspelz. Eine Schnecke leuchtete ihm. Ich werde sterben, klagt die Schnecke. Ich werde leben, erwidert der Zwerg und seine Zhne klappern. Ihr Schnecken habt es gut! Es ist lange bis zum Frhling! Ich trat ins Haus. Vielleicht war auch ein Zwerg im Walde, ein grauer, mder Zwerg, der sich eigenhndig in die Erde einschaufelte. Es war so stille im Hause und berall schien einer zu stehen, der etwas sagen mchte. Ich pfiff. Eine Tr ffnete sich und der kahle Kopf der alten Maria erschien kugelrund in der hellen Spalte. Ich bin es, rief ich laut. Hat man die Zeitungsannonce wegen Pazzos besorgt? Ja, Herr. Dann ist es gut. Er wird nun bald kommen, unser guter Pazzo. Haha. Gute Nacht, Mtterchen! Gute Nacht auch, Herr. Nun kam die Nacht, die lange Nacht. Ich schlief sehr wenig in diesen ersten Wochen. Ich sa in der Bibliothek und las. Ich spielte Klavier. Da kam dann Ingeborg aus allen Tnen, in allen Gebrden, es war schn, aber oft mute ich aufhren. Ich sa auf dem Fenstersims in den weien Zimmern und wartete auf den Morgen. Ingeborg war um mich. Ein Duft von Waldmeister war in den weien Zimmern, er war mir frher nie so stark aufgefallen. Am Morgen, da wohnte die Frhsonne darin. Es tummelten sich Milliarden blitzender Fnkchen in den weien Rumen, sie flogen mir in die Augen, so da ich sie geblendet schlieen mute. Nachts da zitterte ein gespenstisches, mattes Licht ber allen Dingen und die welken Strue in den Vasen und Krgen begannen zu duften. Ihr Geruch war der Geruch der Vergangenheit, man wute: hier hat jemand gewohnt. Entbltterte Rosen lagen auf dem Boden, gelber Bltenstaub auf der Tischdecke. Ein feiner Geruch von Ingeborgs Gewndern und ihrem Nacken, ihren Haaren schwebte aus den toten Mbeln. Ich sa auf dem Fenstersims, im blauen Mondlicht und plauderte mit ihr. Ganz wie einst. Wir fhrten Gesprche und ich ahmte Ingeborgs Stimme nach, so gut es ging. Wir fhrten mitunter scherzhafte Gesprche, ich stellte mich ungeschickt, unwissend. Wir lachten. Wir plauderten. Der Mond geht auf, ich sage: Der Mond ist ein Brief von Silber, den die Sonne an die Erdenkinder schreibt, weil sie verreist ist, Ingeborg. Alte Worte. Soll ich dir den Mond schenken, Ingeborg? Ingeborg lacht. Ich schenke dir die Schmetterlinge von hundert Sommern, Axel. Willst du? Alte Worte. Zuweilen schauere ich zusammen. Es ist so stille in den weien Zimmern und ich spreche mit einem Gespenste. Ich schlich herum in diesen Zimmern, schlich, flsterte. Ich betastete die Mbel. Es gab ein Kissen, in dem zuletzt ihr Kopf geruht hatte. Man sah es -- -- -- Diese Zimmer zogen mich immer wieder und wieder an! Hier war ihre Stimme, ihr Gesang! Oft fingen die Zimmer ganz deutlich zu singen an. Die Tre, die zum Schlafzimmer fhrte, stand halb offen, sie schien sich zu bewegen und noch leise zu knarren. Ich entdeckte Spuren ihrer Schritte auf den Teppichen, ich fand ein Lschblatt, auf das ein Tannenbaum gekritzelt war, eine Kuh, ein Monogramm, geflochten aus A und I. Auf einem Tische lag ein Buch Karls, viele Stellen waren mit feinen Strichen angemerkt. Ich fand auch ein goldenes Haar zwischen zwei Seiten. Wie erschrak ich da, als ich ganz pltzlich dieses goldene Haar fand! Ich hatte es vielleicht gekt, ja sicherlich, es war um meinen Nacken geschlungen gewesen. Diesen ganzen Tag whlte ich in goldenen Haaren, ich badete mich darin, ich lie sie ber mein Gesicht streichen. Ich fand eine Stelle in Karls Buch, die Ingeborg angestrichen hatte. Sie hie: Wir sahen uns an. Deine Seele umschlang die meinige und sie wollten sich nicht mehr lassen und doch standen wir viele Schritte voneinander entfernt. Dann gingst du. Auch ich ging. Wahrhaftig, wie zwei Fische im Meer zogen wir aneinander vorber. Das ist Menschenart. Ich hrte Ingeborg seufzen. Ich entfloh. Es sang in der Nacht. Herrlich sang es. Ich erwachte und lauschte. Die Stimme entfernte sich. Ich lchelte und prete die Hnde auf das Herz. -- -- -- In einer Nacht, da bellte ein Hund vor dem Hause. Ich sprang aus dem Bette. War es Pazzo? Nein, es war nichts zu sehen. Nun heulte es ganz tief im Walde. Ich kleidete mich an und lief in den Wald hinein. Ich pfiff. Nichts regte sich als das Gerusch der fallenden Bltter. 30 Eines Nachmittags fielen zwei Menschen in mein Haus, zwei Menschen, die lachten und guter Dinge waren. Harry Usedom mit dem schmalen hohen Frauenkopf und ein rothaariger Irrwisch mit Sommersprossen, treuherzigen Augen und einer kleinen Nase, eine Eggern-Weikersbach, Isabella hie sie. Sie war eine Kusine von mir. Schlerin von Usedom, jetzt seine Frau. Er hat mich aus Verzweiflung geheiratet! sagte sie. Sie lachte, konnte keinen Augenblick still sitzen und schob ihren Hut hin und her auf dem Kopfe. Harry Usedom sprach und sprach. Sie unterhielten mich beide, lachten, bestellten Kaffee und Wein und Kognak, und taten, als ob sie sich einnisten wollten. Ich merkte recht gut, da sie gekommen waren, um mich zu zerstreuen. Wir werden dir den ganzen Mozart vorspielen, Axel. Ich versuchte frhlich mit ihnen zu sein, mit ihnen zu plaudern, es ging nicht. Ich lchelte hie und da. Isabella schlug Harry Usedom auf den Mund, wenn er keck wurde. Nun, sie gingen wieder. Wir kommen jeden Tag, Axel! Nur keine Ausflchte! Sie gingen, Isabella kam nochmals zurck. Sie umschlang mich und schmiegte sich an mich. Hre, sagte sie, was ist doch mit dir? Wie siehst du aus? Du siehst ja wie eine Leiche aus! Ganz grn und wchsern. Axel, beichte! Ich lchelte. O, Axel, bessere dich. Was warst du fr ein lustiger Kamerad, frher. Ich sagte zu allen Leuten, das ist gar nichts, da solltet ihr Axel sehen! Nun Adieu, du! -- -- Ich besah mich im Spiegel. Ja, ich sah wie eine Leiche aus. Woher kam es? Kam es daher, da ich immer mit einem Gespenste lebte? -- -- -- Sie kamen wieder, Usedom und Isabella, ich war nicht zu Hause. Sie luden mich nach Rote Buche ein. Sie schickten den Wagen, der mich abholen sollte. Nein, ich ging nicht. Merkten sie es denn nicht, da ich keine Menschen sehen konnte? 31 Das Schlo lag im kahlen Bergwalde, im Regen, im Winde, geduckt unter den schleppenden Wolken, es sah verlassen aus. Es war still wie ein Haus, in dem jemand gestorben ist. Die Tage waren lang und die Nchte noch lnger. Es regnete und wehte, die Welt hatte ihre trbste Seele. Diese Tage und Nchte waren nicht leicht zu ertragen. In den schnsten Stunden, da trumte ich, da Pazzo zurckkme und ich mit ihm sprechen knnte, in den schnsten Stunden, da trumte ich von Ingeborg. Ein Rausch brauste durch die weiten Sle, die Blumen der Tapeten blhten wieder, die Gesichter an den Wnden lchelten wieder, es brannten viele Kerzen in meinem Zimmer und ich ging trunkenen Herzens hin und her. Es war Sommer. Ingeborg lacht und fragt: Wie oft wirst du mich heute noch kssen? Ich stehe vor ihr und meine Brust ist weit. Tausendmal! sage ich. Und Ingeborg schlgt die Hnde vors Gesicht, schttelt sich und lacht. Es ist Sommer und im Parke singen die Vgel, da man glaubt, einer schttele ein Bndel heller Schellen wie verrckt in der Hand. Die Sonne funkelt. Hallo! Ein Regenbogen ist das Tor zu diesem Hause! Die Kerzen erlschen, eine um die andere, es wird dunkeler um mich und dunkler in meinem Herzen. Ich sitze vor der letzten Kerze und sehe zu, wie sie kleiner wird. So vergeht die Zeit, sie schmilzt und man sieht es. Ich bin allein, die Gste gingen. Und ich denke: schwer ist das Leben, es stellt schwierige Aufgaben. Suche dir ein Glck, o Mensch! Lebe ein Glck, o Mensch! Lchle wieder, nachdem du vor Glck geschluchzt hast, o Mensch! Spricht das Leben und zuckt mit keiner Wimper. In einer Nacht, da der Wind an den Scheiben rttelte, verfiel ich auf den Gedanken, an Ingeborg zu schreiben. Ich schrieb die ganze Nacht hindurch und mein Herz wurde leichter. Ich schrieb: Ingeborg, Ingeborg, warum hast du mich verlassen? Ja, warum? Habe ich dich nicht geliebt, war es nicht schn in diesem Frhling und Sommer? Ich frage dich, es soll kein Vorwurf sein, nein. Du sahst Karl, du sahst Karls wirkliches Gesicht, sein wirkliches. Dann mutest du wohl. Ich schreibe an dich. Du wirst diese Briefe nie erhalten, aber es ist so verlockend schn, an dich zu schreiben. Wtest du, wie einsam es bei mir ist. Nichts regt sich in den Zimmern. Ich schlage die Tren zu, ich pfeife, aber die Stille schlgt darauf um so furchtbarer ber mich zusammen. Wtest du, was ich alles erdulde! Vielleicht kmst du auf eine Stunde zu mir. Vielleicht schriebest du mir ein paar Worte. Ja, du bist so gtig, du wrdest es gewi tun. Wtest du nur alles. Ingeborg, sei gegrt! Ich denke immerfort an dich. Du mut es mir nicht verbeln in diesen ersten Wochen. Sobald ich einmal nicht mehr Abschied von dir nehmen werde, wird es besser gehen. Ingeborg, ich sehe dich. Du lchelst und aus deinen Augen springen Funken, hell wie die Funken, die aus einem Steine springen. Ingeborg, du bist ein goldener, runder Ring, du bist eine goldene Kugel, ja, das bist du, denn die Kugel ist die Handschrift des Schpfers, du bist wie die weiche Luft im Frhling, wenn der Schnee zerrinnt, Ingeborg. Du bist eine weie Glockenblume voller Tau. Wieviel schreibe ich dir doch, Ingeborg! Aber es ist erst zehn Uhr und die Nacht ist lang. Nun schreibe ich dir noch ein Stckchen. Ingeborg, so fahre ich fort, ich fhle es, wenn du an mich denkst. Ich lese, aber da werde ich pltzlich unruhig, du stehst hinter mir, du streichst leise ber meinen Scheitel und berhrst die abstehenden Hrchen, wohl fhle ich es. Ingeborg, es kann sein, da dein Antlitz in der Luft schwebt oder nur der Glanz deiner Wange, ein Lcheln deines Mundes. Ingeborg, hre, manche Nacht kommst du zu mir und legst mir zwei Trnen unter die Augenlider. Da erwache ich dann, denn die Trnen fangen an zu glhen, und ich finde sie auf meiner Wange. Ingeborg, zuweilen sprichst du mit mir, du sprichst wie jemand, der sich abwendet und fortgehen will. Axel, so flsterst du, weshalb gehe ich doch von dir? Wie schn war unsere Liebe! Das Schicksal winkte. Ich wollte dir nicht wehe tun. Axel. Nein, nimmermehr, du Gute, wie knntest du es doch gewollt haben. Gehe hin und freue dich. Alles wird gut sein, lasse nur noch einige Tage verstreichen. Bis ich nicht mehr Abschied von dir nehme, weit du -- -- -- Ingeborg, Ingeborg, fielen mir doch rasch zehntausend schne Namen fr dich ein! * * * * * Ingeborg kmmt sich die Haare. Ich denke daran. Ingeborg liebte es, sich die Haare zu kmmen, sie konnte Stunden damit zubringen. Und ich konnte stundenlang zusehen. Es waren so viele Haare! Es waren Bche, sie rieselten, strzten ber ihre Schultern, ber ihre Brust, wenn sie den Kopf schttelte, so bewegten sie sich von oben bis unten, wie Flammen wehten sie. Sie konnten das Gesicht einhllen, da es wie aus einer Hhle blickte. Dann schimmerten die Augen so stolz und gtig. Sie bndigte die freigelassenen Haare mit der Hand und drehte den Kopf nach links, whrend sie mit dem Kamme durch die Haare fuhr. Ich habe nie gesehen, da sie den Kopf nach rechts gedreht htte. Und es knisterte. Heute knistert es besonders stark! sagte Ingeborg. Die Haare lagen auf meiner Hand, ein Netz, ein Gespinst, sie waren weich, sie schmeichelten. Man konnte sich nicht denken, was es ist, Haare, nein, etwas ganz Wunderbares war es. Dann wurden sie gefesselt und in den Nacken gewunden. Ich sah ihnen nach. Ingeborg kmmt sich die Haare. Ich denke daran. Stunden vergehen. Es ist eigentmlich, ganz unbedeutende Dinge knnen zu Ereignissen werden. Aus einer Zeit, da ich einen gespitzten Mund kte und ausrief: Alle Tage ist nun Hochzeit, du! * * * * * Ich habe einen Geschmack auf den Lippen. Zuweilen vergeht er, aber er taucht immer wieder auf. Ich fhle ihn des Morgens, wenn ich aufstehe und das ist mein ganzes Glck fr den Tag. Es kann sein, da ich den Geschmack auf den Lippen verliere, aber ich trume des Nachts von ihm, ich erwache, er ist auf meinen Lippen. -- Dann wage ich es nicht wieder einzuschlafen. -- -- -- Was soll ich tun? Soll ich lesen? Ich begreife ja keine Zeile. Soll ich Klavier oder Geige spielen? Ingeborg ist ja in jedem Tone. Soll ich den Wald ausrotten, eine Wiese entwssern, einen Kanal graben fr die Schiffahrt und den Handel? Soll ich fortreisen, in die Ferne, bis dorthin, wo die Bahn aufhrt und dann wandern, wandern --? Ja! aber wenn es Ingeborg einfiele, mich auf Edelhof zu besuchen? -- -- -- Ich mute in dieser Zeit viel an die Geschichte von Hermann Ecke denken, den Gutsherrn auf Entenweiher, den seine Frau verlie. Zur Zeit von Ingeborgs Genesung hatte ich sie Ingeborg erzhlt. War es nicht sonderbar? Ahnte meine Seele voraus, was kommen sollte? Ich mute oft an die Geschichte denken von Hermann Ecke, der glaubte, da Eva wieder zu ihm kme. Einen Rosengarten legte er ihr an, er baute eine Veranda fr sie. Immer frische Strue in den Vasen, eine brennende Lampe die ganze Nacht in ihrem Zimmer. Hurtig, hurtig, ihr Leute. Ja, nun konnte Eva kommen. Sagt der Freund zu Hermann Ecke: Kommt sie auch? Hahaha, antwortet Hermann Ecke. Das ist alles, was er antwortet. Freilich kommt Eva wieder. Herrliches habe ich erlebt, wird sie sprechen, alle haben mich angebetet. Knigin, dein Thron ist bereit -- ah, ein Narr! Ja, Hermann Ecke ist ein Narr. Aber ein glcklicher Narr ist er. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- In einer Nacht schrie der Hirsch in den Bergen. Ich stand am Fenster und horchte auf seinen Schrei. Da stieg er in meinem Herzen auf der Gedanke, zum erstenmal, ganz deutlich, fordernd und stark. Ich rang mit ihm. Wochen und Monate habe ich mit ihm gerungen, mit diesem Gedanken. Ich war traurig, traurig. Ich ging in Sack und Asche einher. Ich lachte nicht mehr, ich lchelte selten. Ich liebte es, zu tanzen und zu jubeln vor Freude, ich liebte es, prchtige Gedanken im Kopfe zu tragen, ich liebte es, mein Herz klopfen zu hren. Ja, in jenem Sommer, da waren Symphonien in mir, Symphonien, ohne Ende, ohne Ende. Nun war ich aus meinem Reiche vertrieben, ein Bettler, der sich dahinschleppte, Hunger in den Augen. Einst wandelte ich, jetzt kroch ich. Mchte doch die Sonne erblinden, mchte doch die Welt zerfallen in Schutt, Schutt. Die Hand des Schicksals hat mein Gesicht zerknittert, es erscheint mir fremd. Meine Augen sind zusammengerckt und sie stechen, eine tiefe Falte spaltet meine Stirn, meine Lippen hat die Bitternis gesumt. Ich bin unglcklich. Es ist ein kleines Wort. Wehe, wenn du einmal nichts anderes mehr sagen kannst als dies. 32 In der Nacht, da der erste Reif fiel, hatte ich einen herrlichen Traum. Ich trumte, Ingeborg stnde an meinem Bette. Ich sah sie stehen, es war wie im Sommer, der Mond schien durch die Kastanien und der Boden des Zimmers sah aus wie ein Spiegel, der in tausend Stcke zersprungen war. Auch Ingeborg glitzerte. Ich erwachte: da war es leer und kalt um mich. Ich stand auf und ging den Berg hinunter, ber das Tal. Ich stie auf Geleise. Die Geleise waren bereift. Es kamen zwei glckliche Tage. Zwei Tage mit Wangen wie der Mai und leichten Fen wie die Sonnenstrahlen. An einem Tage kam Pazzo zurck. Am andern traf ein Brief von Ingeborg ein. Ich stand am Fenster und blickte die Strae hinab. Die Strae herauf kam ein Jger mit seinem Hunde. Nein, es war kein Jger, er hatte kein Gewehr und ging auch nicht wie die Jger gehen, es war ein Hirte mit seinem Hunde. Nein, es war auch kein Hirte, ein Bahnwrter war es, man sah es an der Mtze, und dieser Hund war nicht der Hund des Bahnwrters, dieser schleichende, magere Hund war ja Pazzo. Ich ri das Fenster auf und pfiff. Der Hund stellte die Ohren, bellte matt und trabte mde heran. Kommen Sie herein! Herein, mein Freund! rief ich dem Bahnwrter zu. Pazzo kam klffend die Treppe herauf und sprang an mir empor. Er sah verndert, ja ganz entstellt aus. Dann winselte er und kroch um meine Fe. Er heulte klglich, legte sich auf den Boden und schlug mit dem Schwanze. Was ist mit dir, Pazzo? Deine Augen sind ganz trb. Der Bahnwrter trat ein. Paulus schreibe ich mich, sagte er. Ich habe den Hund eingefangen. Er sprang hin und her mit den Zgen, immer am Bahndamm entlang. Am Bahndamm? Jawohl. Ein guter Hund! Ja, ein guter Hund. Aber er ist krank. Frit nichts! Das wird schon wieder werden, was, Pazzo? Pazzo schlug mit dem Schwanze und winselte. Er sei immer am Bahndamm hin und her gelaufen. Barbeck von Unternzell habe gesagt: Hast du den Hund gesehen -- ein weier Jagdhund -- Nehmen Sie Platz! -- Wein! -- Bitte, erzhlen Sie. Der Mann, der sich Paulus schrieb, erzhlte ausfhrlich von dem weien Hhnerhund. Er habe ihn in das Grtchen eingeschlossen und auch eine Kiste fr ihn hingestellt. Aber nun, ein schwieriger Fall! Wem gehrte dieser Hund, der nicht auf den Namen Waldmann oder Feldmann, Nero oder Packan hrte? Kein Halsband, nichts. Er mute weit her sein, war vielleicht aus dem Zuge gesprungen. Nun, er wohne einsam, komme nur alle Sonnabend ins Dorf. Sagt der Wirt vom schwarzen Bren: Paulus, da steht es. Nun, ich mache mich auf und bringe den Ausreier gleich selbst her. Ich habe freie Fahrt. Die Erzhlung whrte lange Zeit, aber dann lie ich mir noch ausfhrlich ber Einzelheiten berichten. Also was ich nun schuldig sei, fragte ich. Der Bahnwrter schmunzelte, leckte den Schnurrbart und drehte die Mtze zwischen den Fingern. Nun, der Hund habe keine Strung ins Haus gebracht. Gefressen habe er auch nicht viel. Er wolle halt sagen -- er wolle es dem gndigen Herrn selbst berlassen. Ein Vorschlag. Sagen wir im ganzen fnf Mark. Ich lchelte. Aber bitte --? sagte ich. Er sollte Pazzo nicht umsonst gepflegt haben! So sagen wir in Gottesnamen drei Mark. Ich versume auch einen halben Tag. Verkstigung auswrts -- Ich mute lachen. Der Bahnwrter bekam einen roten Kopf. Ich mute immer mehr lachen. Da sa ich nun, zitterte vor Freude und er verlangte fnf Mark! Das war unerhrt. Er htte mein Vermgen verlangen knnen, ich htte es ihm gegeben. Erlauben Sie, mein Freund, sagte ich zu ihm, es ist mir nicht zuviel, sondern zuwenig. Ich knnte Sie nun betrgen und fnfzig Mark geben -- Sie wrden zufrieden sein -- aber es wre Betrug. Denn dieser Hund da, jawohl dieser Hund da, ist kein gewhnlicher Hund, nein! Ich erzhlte nun, was das fr eine Rasse sei, da er mir schon ber fnfzigtausend Mark an Prmien eingebracht habe, demnchst nach Amerika eingeschifft werde zu einer internationalen Hundeausstellung. Es fiel mir schwer, nicht herauszulachen, denn das Gesicht des Bahnwrters wurde lnger bei jeder Prmie. Die beste Zeit des Hundes ist ja vorber, schlo ich. Er kann noch einige Prmien bekommen, ja. Ich wrde ihn nicht fr fnfzigtausend Mark hergeben. Ein Gerichtstaxator wrde den Wert des Tieres auf etwa dreiigtausend Mark schtzen. Sagen wir zwanzigtausend. Nun haben Sie gerichtlich zehn Prozent des Wertes eines Fundgegenstandes zu beanspruchen, ich bin bereit, Ihnen zweitausend Mark auszubezahlen. Sind Sie damit zufrieden? Nonono?! Kein Scherz, ich kann Ihnen die Prmiierungs-Urkunden zeigen, wenn Sie es wnschen. Ich will Sie nicht betrgen. -- Ich sprach leichthin, aber in berzeugendem Tone. Der Bahnwrter lachte wie besessen, stand militrisch stramm, legte die Hand an die Mtze, warf mir Kuhnde zu. Dann rannte er wie verrckt den Berg hinunter, er verlor dreimal die Mtze. Wie er sich freute! Zweitausend Mark! Es gibt Leute, denen kannst du ganz Indien und das Paradies dazu schenken, und sie werden nicht einmal rot. Ich riegelte die Tre ab. Pazzo, Pazzo! Ich warf mich auf den Boden und weinte und lachte vor Freude. Ja, Pazzo, du gute Seele, mein Freund. Du guter Pazzo -- immer am Bahndamm entlang, hin und her -- Pazzo leckte mir die Hand und das Gesicht ab und wedelte und bellte. Ich sah ihn mir an. Was wute er alles. Htte er reden knnen! Er war nicht ganz gesund. Halb verhungert war er. Aber nun war alles gut. Hahaha! Pazzo war da, Pazzo! -- Gib einem Menschen Indien und das Paradies dazu, die tausend schnsten Frauen der Welt -- ein Herz beginnt zu schlagen, wo sie dich berhren, an jeder Stelle deines Krpers -- er errtet nicht einmal. Gib ihm eine Zeile, ein Wort von der Geliebten, er wird bleich vor Freude. Ja, ein Brief kam, von Ingeborg. Ich sa in meinem Zimmer und pflegte Pazzo. Pazzo schlief ununterbrochen und wandte den Kopf zur Seite, wenn ich ihm Wein reichen wollte oder gehacktes Fleisch. Seine Augen waren rot unterlaufen. Aber bald wrde er gesund sein und dann war eine schne Zeit gekommen. Wir wrden den Winter ertragen knnen zusammen, die Tage, die Nchte, alles. Da kam ein Brief. Die alte Maria reichte ihn mir, sie tat, als sei es gar nichts besonderes -- und ich las die Aufschrift: er war von Ingeborg -- Der Bote hat ihn nicht umsonst gebracht. Freunde, Freunde, Freunde und liebe Leute allesamt auf der Welt. -- Nein, stille, stille! War das Ingeborgs Schrift? Ja, das war sie. Ruhte hier Ingeborgs Hand? Ja, ja. Ingeborgs Lippen haben den Brief zugeklebt. Weit du, wie das ist, wenn einem Unglcklichen eine Freude zuteil wird? Es ist eine Sonne um Mitternacht, es ist als ob Gott selbst zu ihm eintrete, es ist -- -- nein, stille! Ich nahm den Hut und ging in den Wald. Pazzo? Aber Pazzo blinzelte nur und lugte und bewegte den Schwanz ein wenig. In den Wald. Denn der Brief mute im Walde gelesen werden. Noch war er nicht dunkel genug, noch war er nicht schn genug. Hurtig! Immer tiefer ging ich in den Wald hinein, den Brief in der Hand. Da begannen ringsumher Glocken im Walde zu luten. Die Erde lutete und die Bume. Ihre Wipfel schwangen sich hin und her und luteten. Ich ging dahin, getragen von dem Summen der dumpfen, feierlichen Glocken, sie luteten, luteten. Und ich suchte mir ein verstecktes Pltzchen, streckte mich ins Moos und lauschte auf das sonderbare, summende, feierliche Luten um mich her. Schn war es, hier zu liegen und zu lauschen und Ingeborgs Brief anzusehen. Hallo, Ingeborg! Ingeborg schrieb nur wenige Worte. Ich solle ihr vergeben -- -- Hrt, das ist Ingeborg! -- Sie habe nicht gewagt, an mich zu schreiben -- Hrt ihr es? -- Karl lasse gren, sie bitte um einige Kleinigkeiten. Ob sie mich nicht bitten drfe, ihr das Medaillon mit dem Bilde ihrer Mutter zu schicken. Sie knne nicht leben ohne das Medaillon. Viel zu tun habe sie. Gesangstunde. Karl arbeite fortwhrend und nur ein Stndchen knnten sie am Abend zusammen sein. Aber sie sei sehr glcklich. Das Medaillon sollte sie mit der nchsten Post bekommen. Ich trug es um den Hals, versteckt unter dem Kragen, aber sie konnte es haben. Was sie wollte, alles! Schreibe bald, Axel. Ja, heute noch wollte ich schreiben. Ich bin tief in den Wald hineingegangen, Ingeborg, wrde ich schreiben, der Wald begann zu luten. Sonderbar war es, unvergelich. Ich habe mich sehr gefreut, wie habe ich mich gefreut! Ja, ein herrlicher Brief wrde es werden. Hin und her streifte ich im Walde. Gab es heute einen glcklicheren Menschen auf der Erde? Nein, nein! Wer das behauptete, der kam nicht aus den finsteren Nchten hervor. Vergessen waren die finsteren Nchte! Den ganzen Nachmittag trieb ich mich im Walde umher und ich war ausgelassen wie ein Knabe. Hundertmal las ich Ingeborgs Brief. Immer noch lutete der Wald. Es war ein herrlicher Tag, der mit sanfter Dmmerung zu Ende ging. Es begann zu rieseln im Walde, als regne es. Ich kam auf die Bergstrae. Aus einer gelben, groen Wolke fiel der Regen in dnnen Schnren durch die blaue Dmmerung. Blaue Adern zuckten ber den Weg. Das Laub auf der Strae und zwischen den Bumen erschien wie ein schner Teppich. Ein Schritt klang auf der Strae und ich wandte mich um. Ein schmchtiger Mann mit bleigrauem Gesichte und kurz geschorenen Haaren kam die Strae herauf. Seine groen Augen flammten. Er schwang den Hut in der Hand und ging langsam, wie von schwerem Unglck gebeugt. Aber als er nher kam, bemerkte ich, da er nur langsam ging, um ein wenig zu ruhen. Er kam wohl weit her. Seine Schuhe waren ganz wei vom Staube, mit schwarzen Sternchen darauf, vom Regen. Er hatte das verhrmte Gesicht eines Mnches und die leuchtenden Augen, die frei und klar in die Welt sahen, beleuchteten es. Gr Gott! rief der Mnch und schwang den Hut. Gr Gott! antwortete ich. Der Wanderer blieb stehen und blinzelte. Ha! rief er, ein herrlicher Regen! Wie! Diese Luft! Dieser Regen -- der reinste Wein! Er blinzelte, nickte, drehte den kahlen Schdel nach links und rechts und blinzelte wiederum. So ein Baum! Was? Eine Buche! Wei der Himmel, diese Welt ist ein einziges Wunder! Schn sei diese Welt, ja. Ich lachte. Der Wanderer setzte sich in Bewegung und ich ging neben ihm her. Diese Farben! Rot, gelb, grn, wie du sie nur denken kannst. Ungeheuer schn! Der Wald gro, frei, verstehst du, Freund, der Himmel so hoch! Obschon es regnet. Hoch! hoch! Gott, wie hoch ist dein Himmel! Er jauchzte und schwang den Hut. Gott, wie hoch ist dein Himmel! rief er und breitete die Arme aus. Da sprang ein Eichhrnchen ber die Strae. Teufel! schrie er. Hast du es gesehen? Ein verteufeltes Tier, einen Schwanz wie eine Fahne! Und -- ratsch! -- wie geschickt den Baum hinauf. Rings herum -- holla! Dort sitzt es. Siehst du? Ein Eichhrnchen. Wei der Himmel, ein feines, listiges und kluges Tierchen. Hab viele Jahre keins gesehen. Ah! -- ha -- ha -- es flog!! Flog von einem Baum zum andern, gute fnf Meter unter Brdern! Schritt auf Schritt brach der bleiche kleine Mann in Ausrufe des Entzckens aus. Er sah aus, als sei er jahrelang krank gelegen und habe erst heute wieder die dumpfe Krankenstube verlassen. Ein Frosch, du! Wohin, mein Herr? Hoppla! Ich lachte. Ich konnte mich nicht genug wundern ber den sonderbaren Wanderer und nicht genug freuen ber seine Frhlichkeit. Wahrhaftig, zu keiner gelegeneren Stunde htte er mir begegnen knnen! Ich war heute aufgelegt zu einem Gesprche, lange Wochen hatte ich mit keinem Menschen mehr gesprochen. Ob er krank gewesen wre? fragte ich. Ja, schwer krank. Aber nun sei er wieder gesund! Niemand glaube, wie glcklich er sei. Es gbe keine glcklicheren Menschen auf der Welt. Wie? Der Wanderer blieb stehen und blinzelte und lachte. Es war sonderbar, zu sehen wie dieses verhrmte Gesicht mit den grauen Trnenfurchen lachte. Ein Strich waren die Augen und augenblicklich darauf groe, leuchtende Rder. Sieh mich an, Freund! Ein Bild! Etwas Seltenes, sage ich dir. Weit du, mit wem du gehst? Vielleicht hltst du mich fr einen Narren? Kurz und bndig, sieh mich an, der glcklichste Mensch der Welt steht vor dir! Ich schlug ihn mit der flachen Hand auf die Schulter, da der kleine Geselle fast in die Knie brach. Das trifft sich gut, Freund rief ich lachend aus und verbeugte mich tief. Ich bin dein Bruder. Ebenfalls der glcklichste Mann der Welt! Hehehehe! Hahaha! Wir lachten und es schien als machten wir einander groe Verbeugungen, so schttelte uns das Lachen. Standen mitten auf der Strae, im Herbstwald, im Regen, und verneigten uns. Ja sagte ich, glaubst du es nicht? Lieber Freund, was ich fr ein Glck hatte! Ich bin ein Bahnwrter bei Unternzell. Sehe immer einen Hund am Bahndamm laufen, ich fange diesen Hund, Waldmann rufe ich, Feldmann, fange ihn wie gesagt und bringe ihn seinem Herrn. Hast du das Schlo gesehen, da drunten? Ja, schnes Schlo! Nun hre weiter. Ich bringe ihm den Hund. Was verlangst du, fragte er. Ganz kurz, wie die reichen Leute sprechen, er wollte eben ausfahren mit seiner Frau. Lieber, was er fr eine schne Frau hat, sage ich dir! Schlank, blond und ein gewinnendes Lcheln. Die Locken hngen ber die Wangen, wie man es bei Kindern sieht. Augen hat sie, klein und frisch, hellblau wie Vergimeinnichte. Eine Stimme wie ein Vogel. Wenn sie nur spricht -- -- Also was verlangtest du? Ich verlange also fnf Mark. War es zuviel? Wielange hattest du den Hund in Pflege, darauf kommt es an. Sechs Wochen! Dann ist es nicht zuviel. Was meinst du aber was passierte? Der Herr lachte gerade heraus. Und auch seine schne Frau lachte. Noch nie habe ich eine Frau so lachen gehrt. Du, Ingeborg, sagte der Herr, fnf Mark verlangt er. Die schne Frau sagte darauf, da ich verrckt sei. Und beide lachten. Was meinst du aber, da sie mir gaben? Zwanzig Mark? Zweitausend!! Ich schrie es, da der Wald hallte. Hoho! hehehe! Sachte, sachte! schrie der Kleine, ebenso laut. Ja, zweitausend Mark. Du kannst sie sehen. Ich zog meine Brieftasche heraus. Hier sind sie. Siehst du? Also keine Lge. Du hast keine Vorstellung, was das fr ein Hund war! Ein preisgekrntes Vieh, berall preisgekrnt. Nchstens kommt er nach Amerika. Sehr merkwrdig. Hchst eigentmlich. Ja, Glck mu der Mensch haben, so laufen ihm preisgekrnte Hunde ins Haus. Was sagst du jetzt, wenn ich behaupte, der glcklichste Mensch der Welt zu sein? Gehen wir weiter, sagte der Wanderer, im Gehen spricht sich's ebenso gut. Selbst wenn ich annehme, da es so ist, so ist dein Glck doch nicht so gro, wie das meinige. Es ist mehr uerlicher Natur. Geld macht kein Glck. Du kannst dir viel schnes und ntzliches dafr anschaffen, stimmt. Aber mein Glck sitzt tiefer, das sitzt mitten im Herzen, da zittert es, da drinnen, ja! Ich bin wiedergeboren, verstehst du, habe Leben und Freiheit, ich wandere durch die schne Welt, wandere noch vierzehn Tage, dann bin ich bei meiner Frau, habe zwei Kinder, die nun schon in die Schule gehen. Ein Mdchen, ein Knabe. Das ist etwas anderes, nicht? Du hast alles vielleicht auch -- Gewi, gewi! Nur in die Schule gehen meine Kinder noch nicht. Hm. Ich verstehe dich schon, du hast deine Gesundheit wiederum, das Wiedersehen zu Hause nach langen Jahren, ja, aber trotzdem bin ich sehr glcklich, Freund, sehr glcklich. Sage, ist es bei dir ebenso, wenn ich glcklich bin, so mchte ich anderen gerne eine Freude machen. Eine allgemein menschliche Eigenschaft sei dies. Nun hre. Ich htte ebensogut nur tausend Mark bekommen knnen. Wie wre es, wenn wir teilten? Ich brauche das Geld nicht. Der Wanderer blinzelte und lachte. Er klimperte mit der Hand in der Tasche und es klang nach harten Talern. Er schnalzte mit der Zunge. Da, habe Geld, brauche keines, sagte er. Ich bin so glcklich, da das Geld bei mir keine Rolle spielt, Freund. Alles steht gut, meine Frau hat sich eine Strickmaschine angeschafft, ist sehr geschickt und fleiig. Ja, wenn er nun so stolz wre -- Lassen wir uns die Stimmung nicht verderben, sagte der Kleine, weil wir doch die glcklichsten Menschen der Welt sind. Du hast ein gutes Herz, du bist auch glcklich, ja, denn sonst wrdest du nicht so lcheln. Ich kenne Lachen und Lcheln der Menschen genau, ich war da, wo man selten lacht, verstehst du. Du bist so glcklich, da du Scherze treiben mut. Sieh, Bruder, ich sehe deine Hnde an. Du bist kein Bahnwrter, nein -- Haha! Nein. Hat ein Bahnwrter eine Brieftasche? Wo hast du das schon gesehen? Ein Bahnwrter spricht auch ganz anders. Ich bin Reisender und kenne die Bahnwrter also besser als du. Wer sollte auch so ein Narr sein, da er zweitausend Mark bezahlt, wenn man ihm seinen Hund zurckbringt? Wir sind doch nicht in Amerika! Ich wei wohl, da du aus dem Schlosse da drunten bist, vielleicht der Herr selbst --? Ich lachte. Schlaukopf, Schlaukopf! Soll ich jedem sagen, weshalb ich glcklich bin? Nun, dir kann ich es sagen, das mit dem Hunde war freilich Lge. Aber ich will dir die Wahrheit sagen. Ich habe heute einen Brief von meiner Frau erhalten. Sie ist im Bad. Ein Kind hat sie geboren, einen Knaben! Aha! Aha! Ja, das sitzt schon tiefer, das Glck! Gratulation, Gratulation! Danke, danke! Ich mute mich abwenden. Pltzlich hatte ich Trnen in den Augen. Wie dumm das war! Der Kleine blinzelte. Er schttelte eigentmlich den Kopf. Was ist mit dir? sagte er. Du bist so sonderbar -- so sonderbar bist du -- ei, ei --? Es ist nichts, rief ich und lachte und warf den Kopf zurck in den Nacken. Desto besser. Es schien mir so -- auch dein Lcheln ist so eigentmlich. Lebe wohl! Noch eines, eine Aufrichtigkeit ist die andere wert, Freund! Sieh mich nur an, mein Gesicht, meine geschorenen Haare. Wenn du nicht blind bist, so weit du, aus welchem Krankenhaus ich komme. Vier Jahre! Es war ein schlechter und leichtsinniger Streich. Vorbei, vorbei -- lebe wohl. Wir schttelten uns die Hnde. Der Kleine stieg mit raschen Schritten ins Tal hinunter. Er wandte sich dazwischen um und jauchzte und schwang den Hut. Und ich schwang den Hut und jauchzte Antwort. Bald sah ich ihn nicht mehr, er tauchte in die Dmmerung unter. Aber ich hrte noch lange Zeit den jauchzenden Gru und ich antwortete, bis ich nichts mehr vernahm. Ein herrlicher Tag! 33 Der Brief ist geschrieben, das Medaillon ist fortgeschickt. Viele Mhe hat mir dieser Brief gemacht. Nun, ich schreibe selten Briefe. Aber dieser Brief durfte nichts von Traurigkeit enthalten, es hat seinen Grund, er durfte auch nichts von Frhlichkeit enthalten, es hat seinen Grund. So schrieb ich von Pazzo. Da Pazzo sich verlaufen gehabt htte, sechs Wochen strolchte er umher, aber jetzt wre er hier. Aber er sei krank und verstrt. Zuweilen knurre er sogar, wenn man ihn streichle, mrrisch sei er wie ein rechter Kranker. Er habe Falten zwischen den Augen bekommen, ein wirkliches griesgrmiges Gesicht. Aber ich hoffe, da es nun bald eine Wendung zum guten nehme mit Pazzo. Und nun viele Gre, viele, viele Gre an euch, ihr lieben Freunde. Ja, bei Gott, was sollte ich auch anderes schreiben? Der Brief ist geschrieben, das Medaillon ist fortgeschickt. Gerne htte ich es behalten. Ich sah es mir gut an, bevor ich es einpackte. Ingeborg hatte Karl, hatte Gesprche und Lachen, ich hatte -- nun, Ingeborg brauchte es. Gut. Ich behielt nun nur noch ein kleines Vschen aus grnem Glase von Ingeborg zurck. Alles andere war eingeschlossen worden in Ingeborgs Gemcher. Diese Gemcher waren verschlossen fr immer und die Schlssel lagen in einem Schranke alter Kleider. Ein neues Leben mute begonnen werden! Aber das grne Vschen hatte ich zurckbehalten. Es stand auf dem Flgel und ich sah es an, so oft ich vorberging. Es hatte Form und Farbe einer unreifen Zitrone, goldne Reifchen am Rande. Es war krnig wie rauhes Eis. Die Tage gingen. Ich dachte, da vielleicht bald wieder ein Brief von Ingeborg kme. Ich habe deinen Brief und das Medaillon erhalten, so wrde Ingeborg wohl schreiben. Ich sa in meinem Zimmer und bltterte in den Mappen, vielleicht kam der Brief, oder ich ging in den Wald und wenn ich zurckkehrte, lag der Brief da. Man konnte es nicht wissen. Die Tage gingen. Trbe Tage. Der Wind heulte und warf schmutzige Bltter gegen die Scheiben, da sie kleben blieben. Alles welke Laub kam aus den Wldern auf der Wiese vor dem Fenster zusammen und fhrte Tnze auf. Es war eine hohe, wirbelnde Sule, die tanzte, sie tanzte in den Wald hinein. Die Bume standen kahl und man sah pltzlich den Turm der Dorfkirche zwischen den sten. Die Herbstzeitlosen waren verwelkt und verfault, es gab keine Blumen mehr. Eine groe schwarze Krhe wiegte sich auf dem obersten Zweig einer Buche, der blaue Rauch kleiner Feuer stieg aus dem Walde. Schwere Wolken schleppten sich ber die Berge, sie blieben in den Wipfeln hngen und zuweilen regnete es Tag und Nacht in Strmen, so da man glaubte, das Schlo wrde fortschwimmen. Oft trat die alte Maria ins Zimmer. Ich sah auf ihre Hnde. Sie hielten ein Tablett, einen Teller fr Pazzo, einen Schlsselbund. Nur Geduld, Geduld. Ingeborg hat viel zu tun. Sie schrieb es ja. Mein Tag ist ausgefllt mit Gesangstudien. Ich habe einen sehr talentvollen Lehrer, den Komponisten Holger Hunt, er ist ein Bekannter von Karl. Gegenwrtig komponiert er eine Oper, Merlin heit sie. Er ist sehr streng und ich mu viel arbeiten. Einmal aber wrde sie schon Zeit finden. Ich verbrachte meine Tage in der Bibliothek. Ich hatte viel zu lernen, es gab der Wunder unzhlige in den Bchern. Was ist mit Pazzo? Pazzo was ist mit dir? Pazzo liegt auf der Decke vor dem Kamin und ffnet die Augen. Er ist krank und ein starrer, glserner Ausdruck liegt in seinem Blick. Er frit fast nichts und ist schrecklich mager geworden. Und nun ist er so schwach, da er kaum mit den Ohren zucken und den Schwanz bewegen kann. Wenn ich ihn berhrte, so strubten sich die Haare auf seinem Rcken und er knurrte mrrisch. Niemand durfte in seine Nhe kommen und er fra nur aus meiner Hand. Kam eine Dienerin, um Holz in den Kamin zu legen, so blies er zornig durch die Nstern und zeigte die Zhne. Der Zustand des Tieres machte mir groe Sorge. Aber wiederum zerstreute mich die Pflege des Hundes und ich pflegte ihn, wie eine Mutter ihr Kind pflegt. Es wird schon gehen, nur Mut, Pazzo! sagte ich und kauerte auf dem Boden vor ihm. Nur Mut, mein Liebling! Aber es ging nicht besser, nichts wollte helfen, und in einer strmischen Nacht erhob sich Pazzo pltzlich und schlug laut an. Es war ein heiseres Klffen, wild und hungerig. Ich sa am Schreibtisch und las. Ich las in der Bibel, die Geschichte der herrlichen Esther, der Knigin. Neben mir stand der Leuchter und mein Schatten fiel gro und phantastisch an die Wand. Vielleicht hatte der Schatten Pazzo erschreckt, oder das Klappern der Zweige vor dem Fenster. Und ich beruhigte Pazzo, indem ich freundlich auf ihn einsprach. Aber Pazzo bellte abermals, scharf und feindselig, und dieser Laut war so fremdartig und entsetzlich, da es mir kalt ber den Rcken rieselte. Ruhe, Pazzo! rief ich. Pazzo stand mager auf hohen, dnnen Beinen und seine Haare waren gestrubt. Seine Augen funkelten grn und gelb, wie die Augen von Katzen, denen man in dunkelen Gassen begegnet. Geifer hing aus seinem Munde und tropfte auf den Boden. Das war . . . . . Sobald ich mich bewegte, zog er die Nase in die Hhe, so da der Oberkiefer blinkte. Er fauchte wie eine Katze. Nun ist Pazzo toll geworden! dachte ich und der Schmerz wollte mich berwltigen. Es kam so pltzlich! Ich hatte Mhe mich zurckzuhalten und mich nicht vor dem Hunde niederzuwerfen und ihn zu umschlingen. Da kam Pazzo gesenkten Hauptes, die Augen stechend wie Brillanten, auf mich zu. Es mute sein. Ich nahm das Buch vom Schreibtisch und schleuderte es ihm mit aller Gewalt an den Kopf. Pazzo sprang zurck und klffte, da es hallte. Dann tat ich es. Ich nahm den Revolver aus dem Schubfache. Komm Pazzo, mein Liebling! sagte ich und zielte auf Pazzos Stirne. Die Trnen trbten meinen Blick. Ich scho, Pazzo sprang zur Seite, wankte und fiel zusammen. Er bekam noch eine Kugel durchs Ohr. Er zuckte, spreizte die Beine und bog den Kopf zurck. Er war tot, seine Augen starrten glsern auf die Quaste eines Sessels, die baumelte. -- Das waren die Augen, die Ingeborg zuletzt gesehen hatten . . . Eine Stimme im Hause schrie und kreischte. Ein Laufen in den Gngen. Dann kamen einige Mgde ins Zimmer gestrzt, drftig gekleidet, ohne anzuklopfen. Sie starrten mich wie versteinert an. Tragt ihn hinaus, sagte ich, verscharrt ihn. Sie nahmen Pazzos Krper und schleppten ihn aus dem Zimmer. Sein Kopf hing nach unten und er starrte mich an, bis er in der Tre verschwand. -- Er war ein solch schnes und treues Tier, so klug, liebenswrdig, hflich. Er hatte solch klare, vergngte Augen, sein Fell war so wei und weich. Und die Sprnge, die er machen konnte! Er schwebte in der Luft, flog, und er konnte sausen, da seine Ohren wie weie Fhnlein flatterten. Er hatte ein paar schwarze Kleckse an der linken Flanke -- als habe jemand ein Tintenfa nach ihm geworfen, so sagte Ingeborg. Er war so dankbar, bei einem Worte, da leuchteten seine Augen, und bei zwei Worten, da tanzte er, und bei drei Worten, da legte er sich einem zu Fen und schlug mit dem Schwanze. -- -- -- Nun war ich allein. Tag fr Tag, Nacht fr Nacht. Das Leben war nicht leicht zu ertragen. Ich schttelte den Kopf und lchelte: Welch ein Winter! Ich mute viel an Hermann Ecke denken, den Herrn auf Entenweiher, den Eva verlie. Vielleicht hat Hermann Ecke auch einen Hund gehabt, der toll wurde? Nun kannte ich Hermann Ecke genau. Ja, ich sah ihn vor mir. So, so, ja so sieht er aus! -- Wenn du einem begegnest, fahl sein Gesicht, die Augenbrauen hochgezogen, gro und verwundert seine Augen und ohne Blick, ein wundes Lcheln auf den Lippen: Das ist er! Da ist seine Geschichte. Ich schrieb sie, weil mich der Kummer niederdrckte. Ein Mann wandert durch sein Haus und sinnt. Das ist Hermann Ecke. Was sinnt er doch? Es ist kalt in seinem Hause, er kann die Hnde durch das Feuer strecken, ohne da es wrmt. Es ist still. Die Nchte tragen Schrecken und Finsternis um das Haus gleich einem schwarzen Sarge, dem der Wind jammernd folgt. Es ist Nacht, Hermann Ecke trgt eine Kerze in der Hand und wandert. Hin und her wandert er und sucht. Was sucht er doch? Eva ist nicht hier, nein. Eine Mcke summt im Zimmer. Hermann Ecke lchelt. Eine Mcke, sagt er und sieht der kleinen Mcke nach. Er kommt an einem Spiegel vorber und schliet die Augen, er will sein Gesicht nicht sehen. Er trgt ein Licht in der Hand, es flackert und Laute kommen aus der Flamme. Er erschrickt und wendet sich um, ein Schatten duckt sich hinter den Schreibtisch. Er geht weiter, aber er fhlt, wie sich der Schatten aus dem Verstecke reckt. Er sieht ihn wachsen, ber die Wand, die Decke und eine dunkle lange Hand greift nach seinen Haaren, wie ein verkohlter Arm baumelt es ber ihm. Da schreit er. Was ist Herr? Nichts, danke. O! Hermann Ecke steht am Fenster und blickt auf die Strae hinab. Klingen nicht Schlittenglocken durch die Winterstille? Ein Wagen saust daher. Wohin? Zu Nachbar Dohn. Kam da nicht ein Bote? Er taumelte vor Erregung und schwenkte ein Tuch in der Hand. Nein, es ist ein Betrunkener, der ein weies Bndel trgt. Vielleicht kommt er von einer Hochzeit. Ist es heute nicht, ist es morgen. berall ist er zu sehen, Hermann Ecke. Im Walde, im Felde, im Dorfe. Aber er lchelt nicht mehr, er ist bleich, und gro und verwundert blicken seine Augen. Er geht einher, als suche er etwas auf dem Boden. Hermann Ecke geht zu den Knechten und Mgden in die Gesindestube, er will sich unterhalten mit ihnen. Er spricht und sie antworten. Immer mehr spricht er, immer weniger sprechen sie. Er sitzt und redet, redet. Alle sehen ihn an. Er geht. Es ist dunkel, ein dunkler feuchter Abend, ohne Mond, ohne Sterne, feucht, schwarz, und nasser Schnee treibt ber die Strae. Hermann Ecke geht ins Dorf hinab und tritt in die Schenke. Junges Volk ist da versammelt. Knechte und Mgde. Die Dirnen legen die Kpfe gegen die Schultern der Burschen oder sie sitzen ihnen auf den Knien. Ein Bursche in Hemdrmeln, den Hut im Nacken, spielt die Zither. Guten Abend, ihr Leute, sagt Hermann Ecke. Guten Abend. Die Zither klingt und der Bursche singt. Er singt von einem Stier und einer scheckigen Kuh und da eine Dirne dabeistand und sie lachte dazu. So singt er, und die Mgde lachen, und die Burschen fassen sie um den Leib. Da ist ein kleiner Bursche, ein Schneider, der den Mund weit aufreit. Er behauptet keine Knochen zu haben. Er hat keine Knochen, prgeln kann man ihn, er sprt keinen Schmerz. Zwei packen ihn an den Hnden und Fen, schwingen ihn hin und her und schleudern ihn gegen die Tre, da sie kracht. Er steht auf. Nichts hat er gesprt, er hat keine Knochen. Die Knechte lachen, da es drhnt, und die Mgde kreischen. Hermann Ecke lchelt. Er bezahlt und geht. Gottes Friede sei mit euch ihr guten Leute, spricht er. Einige kichern und einer sagt: Amen! Wenn sie alt geworden sind, so werden sie wissen, was es bedeutet, wenn einer sagt: Gottes Friede sei mit euch, ihr guten Leute. Hermann Ecke wandert durch die holperigen dunklen Gassen des Dorfes. Wo ein helles Fenster ist, dahin schleicht er. Wie ein Dieb schleicht er um die Bauernhfe und er blickt verstohlen in die erleuchteten Fenster. Eine Buerin knetet Teig und rollt ihn mit einem Holze aus, ein Bauer steht am Bette und entkleidet sich langsam. Eine junge Mutter badet ihr Kind, es strampelt, da das Wasser gegen die Scheiben spritzt. Hin und her schleicht der Dieb und an dem hellen Fenster bleibt erstehen. Da sitzt ein Knabe und lernt. Er bewegt die Lippen und Hermann Ecke hrt, da er lernt. Dann versteht er des Knaben Worte. Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth und alle Lande -- heilig, heilig ist der Herr Zebaoth und alle Lande sind seiner Ehre voll. Heilig, heilig -- Mutter! ruft er pltzlich laut, es steht wer am Fenster! Der Dieb verschwindet in die dunkelste Gasse. An einem Zaune wispert es. Der Dieb steht hinter einem Holzsto und hrt, was die beiden dort wispern. Es ist dunkel, aber er sieht ihre Gesichter und ihre Hnde. Der Bursche nestelt am Mieder des Mdchens, es schimmert aus dem Mieder. Da knackt ein stchen. Hm, sagt der Bursche und lt die Hnde sinken und geht nher. Der Dieb springt in den Wald hinein. Atemlos. Hermann Ecke. Hermann Ecke irrt hin und her. Er kniet im dunkeln Wald und spricht. Ich knie hier. Ich knie hier ganz allein im Walde. Die Trnen laufen ihm ber die Wangen. Ich knie hier, ganz allein -- Hermann Ecke. Hermann Ecke, mein Bruder, hrme dich nicht! Hermann Ecke keucht und er grbt die Ngel in seine Brust. Er schreit: Ewige Seligkeit allen Menschen und mir eine ruhige Stunde! Willst du nicht Gift nehmen -- Gift --? Hermann Ecke, mein guter Bruder, verzweifle nicht! Ein Vogel zwitschert vor Hermann Eckes Fenster und Hermann Ecke lchelt. Er denkt an alte Dinge. Der Vogel fliegt fort, nichts ist mehr zu hren. Eva war ein solcher Vogel, denkt Hermann Ecke. Wenn ein Vogel vor deinem Fenster singt, so kannst du zuhren und dich freuen und dem kleinen Vogel danken. Du kannst ihn nicht halten, mit Worten und Bitten und feinem Kuchen nicht -- er fliegt fort und singt vor einem andern Fenster. Hermann Ecke kann kein Glck mehr finden, es ist vorbei. Ihr Menschen, ihr Menschen, ich frage euch, was wit ihr? Ihr habt Weib und Kind und knnt es kssen. Ich habe nichts als leere Zimmer. Auch habt ihr euer Glck nicht mit Eva gelebt! Was wit ihr also? Nichts wit ihr! Hermann Ecke, mein guter, guter Bruder . . . Da er nicht immer so verzagt und traurig blieb, das weit du. Und wie er starb, weit du auch. Er starb den seligen Tod. Hermann Ecke. 34 Als der Schnee zu fallen begann, kam zu mir ein unglcklicher Mensch und weinte vor mir. Es war die ausgelassene Isabella mit den brennendroten Haaren und den treuherzigen Augen. Sie weinte, knetete das Taschentuch und weinte es na. Ich habe im Scherz gesagt, er hat mich aus Verzweiflung geheiratet, es ist kein Scherz mehr. O, bin ich unglcklich! Ich habe einen Verrckten zum Manne. Er redet des Nachts im Schlafe, zankt sich mit einer Frau, nennt sie Lgnerin und weint und sagt Liebste, Schnste! Nein, Harry ist verloren, ich sehe es ein. Ich bin ein Surrogat, sonst nichts. Denke dir, ich bin ein Surrogat! Sie weinte, weinte. Harry ist verloren. Er ist schon seit Jahren verrckt. Wenn er lacht, so ist er betrunken, er trinkt zwanzig Glschen Kognak an einem Tage! Er kann nicht mehr Geige spielen, sie wrden ihn auslachen. Er war aber ein Phnomen! Seine Kompositionen sind nichts wert. Nur manchmal spielt er gut, da spielt er am Abend und ich sitze und hre ihm zu. Er blickt mich an. Ich spiele nicht fr dich, sagen seine Augen. Und einmal da sprach er es auch aus -- er wollte nicht, aber er sagte es -- Sie weinte, weinte. Ich unterbrach sie nicht. Ach, ein paar Wochen, da war es wunder -- wunderbar schn! Er sagte, da ich ihn gerettet habe. Aber nun -- er ist tagelang fort, mit dem Automobil. Denke dir, er, der so nervs ist, da er ber keinen Steg gehen kann, jagt durch Nacht und Schnee. Wohin? Ich wei es nicht. Dann kommt er zurck, dann lchelt er vor sich hin -- seine Augen glnzen. Das, das kann ich nicht mit ansehen, dieses Lcheln, diesen Glanz -- o! Sie weinte, weinte. Er ist solch ein guter Mensch, solch ein seelenguter Kerl -- so mute er werden. Ich habe ihn gesehen, vor Jahren, er spielte, ach, das war Jugend, leichter Sinn, Glnzen, Strahlen -- und jetzt -- -- Ich fragte sie: Weshalb verlt du ihn nicht? Sie sah mich an. Wie? Ja, ich liebe ihn ja! Dann sagte ich: So sei so gut zu ihm als es dir mglich ist. Muntere ihn auf, reise mit ihm, reise wohin er will -- Ja, aber, hrst du, Axel, was bekomme ich aber fr alle Liebe, ich? Du kannst um ihn sein, antwortete ich. Sie sah mich an. Sie verstand es nicht. Ich werde zugrunde gehen! weinte sie. -- -- -- Ein groer Zauberer hat ein Buch geschrieben, so s und schn, da wer es liest sterben mu. Alle lesen es, obgleich sie wissen, da sie dann sterben mssen. 35 Es ging nicht besser mit mir, nein. Ich dachte es zuweilen, aber ich tuschte mich. Ich arbeitete viel. Ja, ich kann sagen, nie in meinem Leben habe ich soviel gelesen und studiert wie in diesem Winter. Ich studierte ferne Lnder, lernte ihre Sprachen, denn es konnte sein, da ich bald dorthin reisen wrde, wohin keine Geleise mehr laufen. Ich habe keinen eigentlichen Beruf, keine besonderen Anlagen und Talente, ich habe keine Lust und keine Zeit dazu. Ich bin aus altem Geschlechte, degeneriert, gehre zu jener Klasse der Luxusmenschen, die allmhlich ausstirbt. Ich wnsche es nicht; aber man wird bald nur noch Gemse pflanzen und Rindvieh zchten, der Mensch wird praktisch. Ja, ich habe viel gearbeitet. Ich arbeitete, um mich zu vergessen. Ich ging auf die Jagd, wanderte mich mde, ich war ruhig. Aber pltzlich tauchte Ingeborg vor mir auf, so herrlich, so wunderbar -- dann war die Ruhe vorbei, der Schmerz schttelte mich und ich wute, da ich immer noch auf dem Grunde lag und nie mehr Frieden haben sollte da drinnen. Ich schrieb viele Briefe an Ingeborg, ich sandte sie nicht ab, nur um Ruhe zu bekommen, schrieb ich sie. Ich schrieb einen, der lautete: Ingeborg, es ist ein finsterer Gedanke in mir, mit dem ich immerzu ringen mu. Er lockt mich, er gaukelt mir Dinge vor -- er winkt und ruft -- ich ringe mit ihm, es ist schwer, es ist ein verzweifelter Kampf! Hilf mir! Jeden Tag bekommt der Gedanke mehr Kraft. Er lockt nicht mehr, er hhnt und spottet und lacht. Er triumphiert im geheimen. Ich schrieb einen, der lautete: Komme, Ingeborg, Ingeborg! Ich breite die Arme aus! Komme, hier ist deine Heimat. Komme, komme, eine Pforte aus Rosen will ich bauen, jeder Baum im Walde soll eine lichte Flagge haben, tausend Kerzen znde ich dir an in jedem Saale, ich will niederknien und deine Fe mit Trnen baden und mit Kssen trocknen. Ingeborg will ich sagen, bist du da? Gebenedeiet seist du, ich bin dein! Komme, komme, Ingeborg, ich bin auf dem Grunde, ich kann nicht mehr, ich flehe dich an um ein Wort, ein einziges Wort. Mit Trnen in den Augen schrieb ich diesen. Dann schrieb ich einen, zerknirscht, bleich: Ingeborg, nicht von Liebe spreche ich heute zu dir. Nein, ich will dir beichten, Ingeborg, beichten! Ich habe verbrecherische Wnsche, Ingeborg, verbrecherische Gedanken. Ich mchte meine Hand um deinen Grtel legen und dich an mich pressen. Einmal noch! Ich mchte deinen Scheitel ansehen, leicht darber streichen ber deinen schnen, gttlichen Scheitel. Ich mchte dich auch auf den Mund kssen, nur einmal noch -- einmal noch! Ja -- haha -- so bin ich nun! Ingeborg, einmal mchte ich noch meine Lippen auf deine Brust pressen -- einmal noch mchte ich eine Stunde um Mitternacht bei dir sein -- Es ist auch ein bser Gedanke in mir aufgewachsen, ein Unkraut, ich kann nichts dafr, eine bse Hand ste es. Ich dachte: vielleicht hast du schlecht an mir gehandelt? Da begann mein Herz zu klopfen und es klopfte so frchterlich, einige Minuten lang, da ich bestraft genug war. Verzeihe! Ich liebe dich. Ich ksse oft meine Kissen, die Stelle -- -- -- Dann schrieb ich einen, ich schrieb ihn mitten im Schrecken: O, ihr Freunde, ihr! Wtet ihr es! Ich empfinde jeden Ku, ich empfinde jeden Hndedruck, jeden Blick. Er fllt mir wie ein glhender Tropfen auf mein Herz. Ich empfinde alles, alles, was martert ihr mich denn! Ihr qult mich zu Tode, zu Tode, zu Tode!! Ich arbeitete, arbeitete, sah nicht links noch rechts, vergrub den Kopf in die Hnde. Manche Zeile las ich zwanzigmal, ich zwang mich. 36 Es war Nacht im Walde, nur den Schnee sah ich. Es ging ein Schritt neben mir her. Es war in der Nhe meines Hauses. Es ging eine Stimme neben mir her. Sie flsterte. Ich wollte sie nicht hren. Sie flsterte: Ich habe sie gesehen, sie trgt einen breiten Pelzkragen, grau ist er. Sie sieht so schn und eigenartig aus, da alle Leute nach ihr blicken. Einer ging neben ihr her, er war gro, machte groe Schritte. Er war rothaarig. Mein Atem stockte, mein Herz schlug. Ich lauschte, wollte aber doch nicht zuhren. Die Stimme lockte. Ich habe sie oft gesehen, oft. Ich sah sie auch mit Holger Hunt, dem Komponisten. Sie bewundert ihn, ich sah es an einem Blicke. Haha -- ich betrachte sie, fahre ganz langsam, ich trage eine Brille, eine Kapuze, niemand sieht mich. Eine groartige Erfindung, das Automobil. Ich bog zur Seite. Die Stimme ging neben mir her. Ich sah ihre Hand, sie streifte den Handschuh ab, um Geld aus dem Tschchen zu nehmen Ihre Hand war schneewei. Ihr Hals ist frei, auch im Winter. Ich hab ihr dicht in die Augen gesehen -- Himmel! diese, diese Augen! -- sie mute warten, bis mein Wagen ber die Strae gefahren war. -- Haha, ich wollte Ihnen das schon lngst erzhlen, ich lief immer um Ihr Haus herum, traf Sie nicht. Ich gehe gerne um dieses Haus herum, ja, es ist so eigen, sich vorzustellen -- gewi -- man kann sie nicht mehr vergessen, nein. Sie vergit leichter, ha! Sie lebt tagweise. Stimmt es? Sie ist lieblich wie ein Kind und grausam wie ein Kind -- sie lgt -- sie kann keine Blume zertreten, aber einen Menschen zu Tode peinigen -- Ich lief weg, hinein in den Wald. Ich schickte einen Boten nach Rote Buche mit einem Briefe, darinnen stund: Ich gehe nur noch mit geladenem Gewehre im Walde! Harry Usedom schickte mir eine Antwort: Vergebung, Vergebung, das wollte ich doch nicht. Ich verachtete ihn. Aber ich verga nicht, wie berckend seine Geige einst im Walde klang, als er das weinende Glck spielte. -- Einige Wochen darauf erfuhr ich, da Harry Usedom einen Selbstmordversuch gemacht habe. Er hatte sich aus dem Fenster gestrzt. Er hatte sich schwer verletzt, aber es war nicht lebensgefhrlich. Ich erschrak . . . . . . Es war als ob etwas ber mich snke, immerzu, immer dichter, ich wehrte mich, aber es lhmte mich, immer undurchdringlicher wurde es. In Nacht und Grauen wird einer versinken, einer, ich wei es! 37 Es ging in die Tiefe. So begann es -- -- Ingeborg ist zurckgekehrt. Ist es mglich? Ich sa im Zimmer und hrte weder den Wagen, noch Schritte. Da ging die Tre und Ingeborg stand auf der Schwelle. Sie war in einen dicken Reisemantel gehllt und ihr Gesicht verschwand fast ganz im Pelzkragen. Rot vor Frost war dieses Gesicht, ein kleines, erfrorenes, lchelndes Kindergesicht. Hahaha! lachte Ingeborg. Kennst du mich nicht mehr? Ich begriff all das nicht. Ich stand auf und lchelte. Ich bewegte die Lippen, aber ich vermochte nicht zu sprechen. Und Ingeborg lachte wieder und sagte, da sie nun auf Besuch zu mir komme, wie sie es versprochen habe. Zwei Monate lang. Hahaha, ja, gr Gott, Axel! Ich gebe ihr die Hand, ich kann noch nichts denken. Auf dem Pelze und den goldenen Locken Ingeborgs zerschmilzen kleine Schneesternchen. Ingeborgs Stimme ist krftiger und tnender geworden. Gr Gott! Ingeborg -- Ja, ja ja -- Axel, Axel! Bekomme ich denn keinen Ku? Ksse mich doch. Ich freute mich seit Wochen auf diesen Ku. Mein Herz steht still. Ich ksse Ingeborg auf den Mund und verliere die Besinnung -- Da erwachte ich. Ich lag im Zimmer auf der Ottomane. Es dmmerte. Auf den naschwarzen sten der Kastanien lag Schnee, ein Sperling schaukelte auf einem stchen und Schnee stieb herab. Ich finde keine Ruhe mehr! flsterte ich. Ich war totmde, einige Tage und Nchte hatte ich nicht mehr geschlafen. So heimtckisch arbeitete es in mir, am Tage konnte ich mich betuben, solange ich wachte, aber im Traum, da war ich wehrlos. Ich sprach mit mir. Ich finde selbst im Schlafe keine Ruhe mehr -- es bleibt mir nichts anderes brig. Nein, ein Frst tut es nicht, ein Bankier kann es tun -- ein Frst nicht. Ach, das sind einfltige Redensarten. Nun hat der finstere Gedanke doch gesiegt! Ich stehe auf, krame im Schubfache des Schreibtisches und verlasse das Haus. Blaue Winterdmmerung ringsum. Alles schlft, Bume, Tiere, nur ich kann nicht schlafen. Bald werde ich es knnen. Der Schnee leuchtet blau, wie Stahl fast, die Abendklte hat ihn mit einer dnnen Eiskruste berzogen, die unter den Schritten kracht. Ich gehe an der Statue vorber, einen Eisbrenpelz hat sie um die Schultern geschlungen, als ging sie ins Theater. Pst! hat sie nicht pst! gerufen? Im runden Brunnen sprudelt schwarze Tinte, die eiskalt glitzert. Der Brunnen ist mit dickem Eise bedeckt wie mit Aussatz. Ich eile durch den Park, zur Grotte, wo der ewige Tropfen fllt. Kupferrot steigt der Mond hinter den Stmmen empor, in Dunst gepackt. Der Schnee ist mit schmutzigem Blute getrnkt. Die Grotte ist still. Der Tropfen schweigt, der Tmpel ist gefroren. Ein toter Frosch ist im Eise zu sehen, er zeigt den gelben Bauch. Die Grotte ist mit Eis berzogen und eine Sule aus Eis, einer groen geronnenen Kerze hnlich, hngt vom Felsen zum Tmpel. Ich setze mich in den Schnee. Ich berhre einen Busch und Schnee stiebt ber mich und fllt mir ins Genick, soda ich zusammenschaure. Ich nehme den Revolver aus der Tasche. Alles ist Schnee und Eis. Umsobesser, geht es mir durch den Kopf, ich konserviere mich besser, brigens liegt dort auch schon einer. Schade, da ich keine gelbe Weste anhabe! Wer htte gedacht, da die Geschichte so leicht ist? Ich setze den Revolver an die Schlfe und schliee die Augen. Tick! Der Revolver versagte. Ich blicke in die Trommel. Ich sehe die Kugel. Und ich setze wiederum den Lauf an die Schlfe. Da berhrt jemand meine Schulter und ich blicke mich um. Das verhrmte Gesicht des glcklichen Wanderers nickt traurig ber mir. Bruder, Bruder, spricht er sanft und hebt den Zeigefinger mitleidig drohend empor, es gibt weitaus schlimmere Dinge als ein Weib zu verlieren. Vier Jahre Kerker, Bruder, das ist hart. Ach, ohne frische Luft, ohne Himmel, ohne Freiheit, Bruder weitaus schlimmer ist dies! Schere dich zum Teufel! schreie ich und presse den Revolver auf das Herz. Aber der Wanderer wirft sich ber mich und umklammert mein Handgelenk. Ich keuche. La los! Ich ringe mit ihm. Ich nehme alle Kraft zusammen, ein Ruck noch und mein Arm ist frei -- La los. Ich erwachte. Ich lag immer noch auf der Ottomane. Ich schauderte zusammen. Aber jemand stand im Zimmer, in einen dicken Mantel eingehllt, einen groen Hut auf dem Kopfe. Er hatte ein rotes aufgeblasenes Gesicht mit heimtckischen kleinen Chinesenaugen. Er stand am Flgel, nahm das grne Vschen in die Hand, steckte es ein und schlich sich hinaus. Ich fuhr auf. Ich hrte wie eine Tre vorsichtig zugemacht wurde. Jemand war eben im Zimmer gewesen. Der Knecht, den sie den Mnch nennen. Ja! Er hatte das Vschen gestohlen. Ich blickte auf den Flgel: das Vschen war fort!! Trumte ich? Nein, ich trumte nicht mehr. Ich hatte zwei Trume hintereinander getrumt, den von Ingeborg, den von der Grotte. Das wute ich genau und ich wrde es nicht wissen, trumte ich noch. Ich sah ja, konnte mich anfassen, fhlen. Das Vschen war fort! Lange Wochen stand es doch auf dem Flgel! Ich rannte aus dem Zimmer, die Treppe hinab, ber den Hof. Gro und messinggelb stand der Mond ber dem Walde in einem violetten Himmel. Der gelbe Schnee knarrte unter meinen flchtigen Schritten. In den Stllen klirrten Ketten und die Pferde stampften. Ich eilte ins Haus und ri die Tre zur Gesindestube auf. Da saen sie alle im Tabaksqualm, Knechte und Mgde und flochten Strohbnder. Sie rauchten, lachten und erhoben sich, als ich eintrat. Ich warf die Tre ins Schlo. Es wurde so stille, da man hrte, wie die Khe nebenan das Heu aus dem Barren rupften. Dort stand auch er, der Mnch, im dicken Mantel, den er Sommer und Winter trug, und den groen Hut auf dem roten Kopfe. Wie immer schlug er den Blick zu Boden. Ich trat auf ihn zu und schttelte ihn leicht am Arme. Da bist du ja! sagte ich und lachte hhnisch. Der Knecht hob furchtsam die Lider und blickte erschrocken auf mich. Die Rte wich aus seinem Gesichte und die dicken Backen zitterten. Er senkte die Lider, schneewei lagen sie in seinem fahlen Gesichte. Schon lange habe ich ein Auge auf dich, du! sagte ich. Alle standen sie ringsumher erschrocken, mit groen Augen und geffneten Mulern. Ja ja, murmelte der Mnch. Hole den Schandarm! Du hast es getan? Wie? Ja ja. Der Knecht fiel in die Knie und sagte: Ich habs getan. Ich bereue es. Zehn Jahre habe ich dran gewrgt. Was tat der Mnch? fragte einer. Er hat gestohlen! rief ich. Ein Vschen. Gestohlen? Nichts habe er gestohlen. Jetzt leugnet er wieder, hoho! rief ich und ich bewegte die Hand so schnell vor dem Gesichte des Knienden, da sie dreiig Finger bekam. Eben gestand er es ein, jetzt lgt er frech. Hre, du, ich lasse dich auspeitschen, da dir Hren und Sehen vergeht! Aber da bekam ich Mitleid mit dem Knechte, der in seinem dicken Mantel vor mir kniete und den Kopf neigte. Er hatte sogar den Hut abgenommen, seine Haare waren wei wie Mehl. Ein armer Mensch war das. Wie schlecht bin ich doch geworden, da ich ihn so anschreien konnte. Wie schlecht! Schlecht mute ich also auch noch werden! Hre, sagte ich, was fllt dir ein. Ich tue dir nichts. Gib nur das Vschen her. Hast du es vergraben? Sag es? Ich habe das Ding nicht gestohlen. Vor einer Minute hast du es aus meinem Zimmer gestohlen. Herr, er war diesen ganzen Nachmittag und Abend mit keinem Fu aus der Stube. Alle sagten es. Nicht? Nicht? Also hatte ich doch getrumt. Aber das Vschen stand ja nicht mehr auf dem Flgel. Der Knecht erhob sich und setzte den Hut wieder auf den Kopf. Und mir fiel ein, da ich das Vschen heute morgen in den Schreibtisch geschlossen hatte, damit es die Magd nicht unglcklicherweise zerbrche. Ich erbleichte. Stille war es. Verzeihe mir, sagte ich zu dem Knechte und verlie die Stube. Alle Augen folgten mir. Ich stand im Hofe unter dem dunklen Himmel, aus dem die Sterne wie Eis heruntertropfen. Meine Fe zitterten. Was ist das? Was ist das? flsterte ich und ging mde ins Haus zurck. -- 38 Ich erkrankte. Diese Reihe von Tagen, bis ich mde zusammenstrzte, bis ich liegen blieb und mich nicht mehr rhrte, sie ist in meinem Gedchtnis ausgestrichen! Ich erkrankte. Wie lange lag ich krank? Ich wei es nicht. Dann erwachte ich wieder. Eine Stimme flsterte. -- Du Herr, der du Berge versetzen kannst und Mauern einstrzen mit dem Atem deines Mundes, nimm dich des armen Kranken an, auf da er genese -- Ich hob die Lider. Ich lag im Bette, am Fenster sa die alte Maria, eine groe Brille auf der Nasenspitze und betete. Wie Stricke lagen ihre gebleichten Haare auf dem runden rosigen Schdel. Wo hatte ich dieses Rosige schon gesehen und dieses Krnzchen? Richtig, bei Spanferkeln, genau so, von hinten gesehen. Und ich lag stille, es machte mir Freude zuzuhren, wie jemand mit seinem Gotte sprach, fr mich, immerzu fr mich. Ich kicherte beinahe, so schn hrte sich das an. wie Maria Gott pries, als wolle sie ihn durch Schmeicheleien willfhriger stimmen, und dann um meine Gesundheit flehte. Die Sonne steht still auf dein Gehei -- Tatata, dachte ich bei mir. -- und Tote stehen auf, auf dein Wort -- Tatata, dachte ich bei mir. Sieh auf den armen Kranken und schicke ihm Gesundheit -- Nach Belieben, dachte ich bei mir. Es war mir so leicht ums Herz und ich war zum Scherzen aufgelegt. Ich schlief wieder ein und als ich aufwachte, war es Abend geworden. Maria sa bei einem Lichte und betete immer noch. Und ich schlief wieder ein und erwachte am lichten Morgen. Nun war ich gesund. Ich stand auf und kleidete mich an. Ich war gesund und frisch, wie neugeboren und wollte singen. Aber gerade in dem Augenblicke, da ich beginnen wollte, konnte ich nicht singen. Es war eine eigentmliche Traurigkeit in mir, die mich nicht singen lie. Was aber war das doch fr eine Traurigkeit? -- Tiefer Winter. Tiefer Winter. Scke voll Schnee hat der Himmel ber die Wlder geschttet, die Bume sind starr und glashart. Ein roter Mond geht auf, eine rote Sonne kriecht durch den dunstigen Tag. Wie Grotten aus blauem Eise sind die Nchte. Der Schnee knarrt, im Walde bellen die Fchse. Sonst regt sich nichts mehr. Die Klte zerfrit die Augen. -- Heute schien die Sonne durch den Dunst und das Tal glitzerte weithin vor Freude. Eine Ahnung vom Frhling zitterte tief in der Erde. Ich sah in die Sonne, es war mir als mte ich durchsichtig sein wie Glas. Sie wrmte so ganz anders als das lustigste Feuer. Und ich dachte, da der Frhling schn sei. Ein blhender lachender Apfelbaum am Wege, eine lachende Sonne, eine lachende Wiese, ein Hirtenmdchen, das den Mund bis zu den Ohren verzieht und lacht, ganz wie die Sonne, das ist der Frhling. Ich schlpfte in die Lodenjoppe, zog die hohen Stiefel an, nahm den Stock und das grne Htchen und ging. Ausgestorben liegt das Haus, ausgestorben liegen die Stlle und Scheunen, mit dicken Polstern weien Schnees bedeckt. Sie sind in die Erde gesunken. Die Fenster sind schwarz. Vieh und Pferde sind verkauft, Mgde und Knechte sind fortgegangen. Nun, ich hielt sie nicht. Sie wollten sich einen andern Dienst suchen. Zu einsam sei es hier oben im Bergwalde. Ich hielt sie nicht auf. Nur die alte Maria ist bei mir geblieben. In Tcher eingehllt sitzt sie in ihrem Kmmerchen, wie eine Kastanienverkuferin in der kalten Strae. Sie wird alt und friert. Am Abend jedoch fllt ein gelber Lichtfleck auf den Schnee des Hofes, aus dem Fenster der Gesindestube. Wer ist noch in der Gesindestube? Der Mnch. Hin und her geht er, im Mantel, den groen Hut auf dem Kopfe. Er hat keine Ruhe. Er bt fr etwas. Wofr? Niemand geht das etwas an. Ich schwinge den Stock und gehe hinein in den stillen Wald. Ich lchle. Ich rcke den Hut zurck und mchte lachen und singen. Aber sobald ich die Lippen ffne, um zu lachen und zu singen, hlt mich etwas zurck. Ich wei nicht was es ist. Es ist ein eigentmliches Gefhl. Was ist es doch fr ein Gefhl? Rhrung, Ergriffenheit, Traurigkeit, Freude? Von allem ein wenig. Zartblau ist der Schnee im Walde zwischen den fahlen gefleckten Stmmen der Buchen. Gelbe Wege, gelbe Streifen, das ist die Sonne. Der Himmel schimmert wei. Die Wipfel der Bume sind wie in dicke Watte gepackt. Ein stchen rhrt sich, eine kleine weie Schlange gleitet herab. Von vielen Bschen sieht man nur noch einzelne Zweigchen, die aus dem Schneehaufen hervorlugen. ber den Weg laufen Spuren von Rehen und Fchsen. Ein Hufchen Krhenfedern liegt im Walde. In der Ferne lacht ein Hher. Die Grben sind gefroren und wenn ich mit dem Stocke auf das Eis stoe, so fallen lange Scheiben splitternd ins bereifte Gras. Ein spiegelglatter Tmpel. Ich nehme einen Anlauf und sause darber hinweg. Es ist nicht kalt. Die Luft ist frisch und so oft man sie einatmet, glaubt man Eiswasser zu schlrfen. Da liegt eine Wiese am Waldesrande, sieht aus wie das reinlichgedeckte Bett eines Riesen. Im Sommer stehen gelbe Blumendolden darauf, aus denen der Honig tropft. Honigtrpflein heit die Wiese. Und ich denke an den Sommer. Schwei, Honig und Feuer ist der Sommer, denke ich, und ein heier Ku im Traume. Ich gehe durch den Wald, stundenlang, auf, ab, auf, ab. Ich mu tchtig ausgreifen, der Weg bis zum Revier Otternbrcklein ist weit. Einsam ist es, einsam und feierlich. Der weie Tod haust im Walde. Ich komme in fremdes Gebiet. Axtschlge fallen im Walde. Das ist wunderschn, so still, so feierlich und diese Axtschlge. Man glaubt das Herz des Waldes schlagen zu hren. Das Gefhl, da ein Mensch in der Nhe ist, tut wohl. Man will nichts von ihm, man sieht ihn gar nicht und doch tut es wohl, zu wissen, da dort einer ist. Ja! Da erschrecke ich und trete hinter einen Baum. Ein Wolf! Nein, ein Fuchs. In weitem Bogen zieht er vorber, den dicken Schwanz durch den Schnee schleifend. Ich lchle. Weshalb frchtete ich mich? Nie in meinem Leben war ich furchtsam. Ich greife tchtig aus. Hochwald. Das ist Revier Otternbrcklein. Dort liegt die Htte des Holzfllers. Vater Giselher sitzt vor der Tre in dunkler Sonntagskleidung. Ernst ist sein Gesicht und er sieht weder nach rechts noch nach links. Seine derben Hnde liegen auf den Knien, sie ruhen wie er. Guten Tag, Vater Giselher! rufe ich und schwinge den Hut. Guten Tag. Ich kam lange nicht dazu, dich zu besuchen, Vater Giselher, sage ich. Ich komme in Verlegenheit. Selbstschtig seien Jugend und Glck. Htten nicht Augen und Ohren fr andere. Ja, er zrnt immer noch, weil wir den Pfarrer nicht nahmen, damals. Er blickt weder nach links noch nach rechts. Aber der Tod gebiete Vershnung. Meinen Dank, da du kommst. Tritt nur ein, da drinnen liegt sie. Wer? Wer lag da drinnen? Ihr Tagwerk ist vollbracht. Vierzehn Kinder hat sie geboren und grogezogen. Ihre Pflicht ist erfllt. Der Herr wei was er tut. Ich atmete auf, ich trat in die Htte. Es war dster hier, eine hohe Kerze brannte. Daneben schimmerte das friedlich schlummernde, hohlwangige Gesicht einer alten Frau. Die Frau lag langgestreckt in einem breiten, derben Sarge. Ihr Mund war einwrts gezogen und fast kreisrund, der Tod hatte alles spitzig gemacht, die Nase, die Backenknochen, das Kinn. Die Hnde lagen im eingefallenen Schoe der Toten, gelb mit blauen Ngeln. Um den Sarg herum saen still, die Hnde gefaltet, die Kinder der Toten. Es mochten ihrer wohl zehn sein, in allen Gren, Mdchen mit hellblonden abstehenden Zpfchen und Knaben mit nubraunen Gesichtern und wirren Haaren. Ein schlankes Mdchen von siebzehn Jahren sa auf einem Stuhl und stopfte einen Strumpf. Ihr zu Fen kauerte ein kleines Kind, das mit Bohnen spielte. Alle hatten rote Ohren und rote Nasenspitzen, denn es war kalt in der Htte. Sie wandten mir die Gesichter zu, als ich eintrat, aber sie regten sich nicht. Sie blieben still, die Hnde gefaltet. Ich bin Ingeborgs Mann, flsterte ich dem Mdchen zu, das den Strumpf stopfte. Ich schmte mich, dies zu sagen. Mutter ist tot -- hohoho! schluchzte das Mdchen und groe Trnen fielen auf den Strumpf herab. Hohoho -- weinten sie alle ringsum und sie hrten auf, als die Schwester aufhrte. Das Kind am Boden kroch unter den Sarg, eine Bohne war fortgerollt. Und die Tote lchelte friedlich im Lichte der einzigen Kerze. Da liegt sie! Ingeborgs Mutter ist das! Das ist ja Ingeborgs Mutter! Sie ist tot. Seht, die Ingeborg geboren hat, ist gestorben! Ich konnte mich nicht halten, ich brach in Schluchzen aus. Das ist ja Ingeborgs Mutter! Ist das nicht die Stirne Ingeborgs? O, ja! Ach, das ist Ingeborgs Kinn! Ich schluchzte und beugte mich ber die Tote und streichelte ihre kalten feuchten Wangen. Ingeborgs Mutter ist das ja! Ich mu mich schicken, sagte das lteste Mdchen. Gleich werden sie da sein, um Mutter zu ho -- ho -- holen. Ob ich ihr nicht helfen wolle, Mutter den Strumpf anzuziehen. O, ja, gerne wolle ich ihr helfen, Mutter den Strumpf anzuziehen. Der Strumpf war na von den Trnen des Mdchens. Ich betrachtete sie. Wie heit du? fragte ich und lchelte leise. Es war so manches in diesem Gesichte -- Maria -- ach nun ist Mutter tot! Willst du nicht zu mir kommen, Maria? flsterte ich. Die Stimme wollte mir versagen. Ich hatte vergessen, da eine Tote im Zimmer lag. Mein Hauswesen fhren? Sie brauchten sie hier. Ich sah mir die Geschwister an. In jedem Gesichte fand ich etwas -- etwas -- Vater Giselhers tiefe, ruhige Stimme wurde hrbar vor der Tre, Hsteln und Sprechen. Vater Giselher ffnete die Tre. Tretet ein! Durch den Spalt sah man den Kopf eines Schimmels, daneben das runde frostrote Gesicht eines Bauernburschen. Eine Anzahl alter Mnnerchen und Weiberchen trat ein, so da das Gemach voller Menschen war. Sie flsterten, hstelten und eine Frau begann zu weinen, es klang wie Gekicher. Ein Greis sagte mit nselnder halblauter Stimme: Da liegt sie nun, unsere Mutter Giselher. Und ein weihaariges verwachsenes Mtterchen zischelte: Einen schnen Tod hat sie gehabt, und alle nickten mit den Kpfen. Sie ruht in Gott. Vater Giselher schob sich durch die Gruppe. Er nahm ein dickes Buch zur Hand und stellte sich hinter die Kerze. Seine Gestalt war aufrecht wie immer, und sein brtiger Kopf sa fest und gefat auf den breiten Schultern. Klar und hell war sein Auge. Und er schlug das Buch auf und begann zu lesen. Wir standen um den Sarg und hatten die Hnde gefaltet, die Greise und Mtterchen, die Kinder, und auch ich hrte zu mit gesenktem Kopfe, mit gefalteten Hnden, wie die andern. Es stehet geschrieben in Gottes Wort, las Vater Giselher, in den Psalmen Davids, Psalm 39, Vers 6 bis 8: Siehe meine Tage sind einer Hand breit bei Dir und mein Leben ist nichts vor Dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! Sela. Sie gehen daher wie Schemen und machen sich viel vergebliche Unruhe, sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird. Nun Herr, wes soll ich mich trsten? Ich hoffe auf dich. Vater Giselher schlo das Buch. Ich hoffe auf dich! Brder und Schwestern im Herrn -- eitel sind unsere Hoffnungen dieser Erde, wes soll ich mich trsten? Ich hoffe auf dich. Vater Giselher sprach und sprach. Laut und markig klang seine Stimme und seine wasserblauen strahlenden Augen wanderten im Kreise umher. Vater Giselher sprach lange von den Tugenden der Gestorbenen und der Herrlichkeit des himmlischen Reiches und Gottes hoher Gnade. Wenn er den Namen Gottes oder des Erlsers aussprach, so neigten die Mnner und Weiber den Kopf. Dann schwieg er und nach einer kurzen Pause begannen sie alle wie auf ein Zeichen das Vaterunser zu beten. Allen wurden die Augen na, nur Vater Giselhers Auge blieb trocken. Vater Giselher trat an den Sarg und sprach: Ich sehe dich an und ich sehe dich nicht zum letzten Mal. Ich werde dich da droben wiedersehn, so wahr Gott ist, und Freude wird in unsern Herzen sein. Der Sarg wurde geschlossen und hinausgetragen und auf den Karren gelegt. Der Bauernbursche sagte: hh! und der Schimmel wieherte und stampfte durch den Schnee. Neben dem Sarge schritt Vater Giselher, das Trpplein der Kinder folgte ihm, dann kam der Zug der alten Weiber und Mnner und weit hinter allen ging ich. Maria und das kleine Kind blieben in der Htte zurck. Adieu, Maria, sagte ich leise und sah sie an. Sie hatte goldene Haare und blaue Augen -- -- Der Schimmel stampfte durch den Schnee und nickte bei jedem Schritte mit dem Kopfe, die Kinder trippelten und die alten zusammengeschrumpften Mnner und Weiber humpelten und hinkten, in Tcher eingehllt, hinter dem schwankenden Sarge einher. Der Wald begann ringsum zu rauchen. Feiner Schnee fiel. Es ging steil bergab. Da kam aus der Tiefe das wehmtige Bimmeln einer Glocke. Die Kinder begannen bitterlich zu weinen. Und ich prete die Hnde vors Gesicht und weinte wie die Kinder. Ich weinte leise, damit mich niemand hrte. Leise und unaufhrlich, und je mehr ich weinte, desto leichter wurde es mir im Herzen und ich whnte nimmermehr aufhren zu knnen zu weinen. Vor mir her schwankte der Zug, die Greise und Mtterchen, die Kinder, der Sarg. Feiner Schnee fiel vom Himmel. Aus dem Tale rief die Glocke. Und ich weinte, weinte, immerzu und immer heftiger, weinte, weinte -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- 39 Der Frhling kommt. Der Sommer kommt. Wohnt denn niemand in diesem Hause? -- Nein! Scheiben sind zersprungen, die Dachrinne hngt ber das Dach, viele Lden sind geschlossen und Sperlinge nisten darin. Der Sommer geht. Es kommt der Herbst. Wohnt denn niemand in diesem Hause? Nein! Der Winter kommt. Still liegt das Haus im Walde. Es kommen Leute, pochen, pochen -- Es wohnt niemand in diesem Hause. Nein! Wie dieses Jahr verging? Ich sage es nicht. Nein, ich sage es keinem Menschen, selbst Freund Karl nicht, nicht einmal mir. Es ist ausgelscht, dieses Jahr. Ich habe alles, alles vergessen, ich wei nichts mehr. Ich wei, da ich herum ging, sorgfltig gekleidet und rasiert, da ich immer ber Bchern sa. Was tat ich in den Nchten? Das habe ich vergessen. Ich legte ein Rosenbeet an im Parke, das kann ich gestehen, ich kann auch gestehen, da in den weien Zimmern des Nachts eine Lampe brannte. Zuweilen. Nicht in jeder Nacht. Ich kann auch gestehen, da ich zuweilen des Abends zu den Giebelfenstern hinaussphte, die Strae hinunter und wartete, brigens nicht jeden Tag. Es standen auch dann und wann frische Strue in den weien Zimmern. Ich kann auch gestehen, da am 25. Mai Tag und Nacht eine Kerze in meinem dunklen Zimmer brannte und ich -- nein! Ich bin nicht ber den Park hinaus gekommen, nicht aus dem Hause. Ich hatte keine Lust. Die Tre des Hauses war abgeschlossen, niemand kam herein. Der alten Maria und dem Mnche hatte ich meine Befehle gegeben und sie gehorchten! Ich sah alles, was die Bergstrae herauf kam. Nichts konnte mir entgehen. Eines Tages kamen ein Herr in Reisekleidern und eine Dame mit brennend roten Haaren die Bergstrae herauf. Sie war ebenfalls in Reisekleidern. Ich sah sie kommen, stand hinter der Tre, Angst erfllte mich. Sie pochten, pochten. Die Angst in mir wuchs, mein Herz stand still, ich hielt den Atem an. Nein, ich habe nichts mehr mit den Menschen gemein, ich kann nie mehr offen mit einem Menschen reden, selbst mit Freund Karl nicht, nie mehr. Der Herr sagte: Ist er doch verreist? Die Dame sagte: Bestimmt nicht! Dann sagte der Herr: Wir wollen es unter der Tre durchschieben. Er wird sich freuen darber. Eine Weile verging, dann schoben sich Zeitungen herein. Die Spitzen dnner, weier Finger erschienen. Die Dame sagte leise: Er tut mir leid! Sie meinte mich . . . . Ich atmete wieder. Es waren groe englische Zeitungen. Eine Visitenkarte lag dazwischen. Wir kommen eben von London! Herzlichen Gru! Ich las diese Zeitungen: Tristan und Isolde -- Merlin von Holger Hunt -- -- Ingeborg Hunt-Giselher. Triumphe, Triumphe! -- Sonst geschah nichts in diesem Jahre. Doch, es kam ein Buch von Karl. Karls neues Buch. Es hie Sturm. Es waren knorrige Eichen, die brausten und knarrten, sich schttelten und lachten. -- Seht! Das Jahr verging. Ich habe vergessen, wie. Dann sah ich wieder mit andern Augen in die Welt. Der Frhling kam wieder! Abermals kam er. 40 Es ist Frhling. Ich sitze auf der Treppe meines Hauses und rauche aus meiner kurzen Pfeife. Lustig wirbelt der Rauch heraus. Die Sonne scheint, die Welt ist grn. Grn und durchsichtig wie Glas ist die Wiese, das Laub der Buchen. Blau und durchsichtig wie Glas ist der Himmel. Die Sonne scheint. Die Vgel singen, Tau tropft aus den Bumen. Ich rauche die Pfeife und lchle. Schn ist die Welt! Schn ist das Leben! Da liegt das Tal, schimmernd und grn. Aus dem Walde drben winkt eine kleine Fahne. Die Apfelbume blhen an der Strae. Ein Wegmacher scharrt auf der Strae, das Messingband auf seinem Hute funkelt wie ein Kronenreif. Friede und Schnheit sanken vom Himmel auf die Erde, denke ich. Die Sonne schttet brennenden Wein aus Kannen ber die Welt, wie ehedem. Ich lchle. Es klingt im Walde, im Tal. Die Bergstrae herab kommt ein Mdchen, ein schlankes Bauernmdchen, ein weies Tuch um den Kopf geschlungen, ein Bndel in der Hand. Golden funkelt es unter dem Kopftuche. Es nickt herber zu mir, seine Zhne blitzen und seine Augen. Kind, Kind, was funkelst du mit den Augen und lchelst? Gehst in den Wald und suchst nach einem Geliebten? Es ist Frhling, nimm dich in acht, Kind! Guten Morgen! ruft das Mdchen mit klingender Stimme und geht die Strae hinab. Und ich stehe auf. Diese Stimme -- Habe ich pltzlich Feuer im Kopfe? Und ich lchle und stoe einen Schrei aus, wie ein Falke, der sich im ther wiegt. Ich gehe ins Haus und reie mir alle weien Haare aus. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Die Dmmerung sinkt ber das Tal, alles ist still, das Dorf schlft. Ich sitze auf einem Brunnen, der vor der Htte steht, weit drauen vor dem Dorfe. Der Brunnen plaudert und mein Herz bebt. Ein Mdchen tritt aus der Htte, mit einem Kruge in der Hand. Ich stehe auf. Guten Abend, Maria. Das Mdchen schrickt zusammen und lugt unter dem Kopftuche hervor. Auf dem Kopftuche sind graue blasse Sterne zu sehen. Golden funkelt es unter dem Tuche. Guten Abend, Herr Schwager. Ein schner Abend, Maria? Ja! Wie schn, Maria! Es ist Frhling. Ich bin hierhergekommen, um mit dir zu sprechen. Ein Wegmacher hat mir gesagt, wo du jetzt wohnst. Ob ich ihr etwas von Ingeborg zu sagen habe? Nein, nein! Sprechen wir nicht von Ingeborg. Wir wollen von uns beiden sprechen, haha! Aber da du von Ingeborg sprichst, so kann ich dir schon etwas sagen. Sei stolz auf Ingeborg, hrst du, sie ist ja deine Schwester. Sie feiern sie, sie beugen die Knie vor ihr. -- Aber sprechen wir nicht von ihr. Sprechen wir von uns! Marie lt den Krug voll Wasser laufen und der Krug gluckst, lacht und singt, immer heller. Was ich wolle? Mit ihr sprechen! Aus der Htte ruft eine Stimme. Der Bauer ruft. Maria geht hinein. * * * * * Im Walde liegt eine kleine Wiese und Maria pflgt, eine Kuh zieht den Pflug. Ich trete aus dem Walde, das Gewehr auf der Schulter. Da bin ich wieder, sage ich frhlich. Unbefangen und jung mache ich meine Stimme. Maria schweigt. Neulich kam der Bauer dazu -- haha! Schn ist es heute, wie! Die ganze Welt brennt! Ich blicke unter das weie Kopftuch Marias. Ja, ich sei zu ihr gekommen, gerades Weges zu ihr, sage ich und lege sanft meine Hand auf ihre Schulter. Maria sieht mich erschrocken an. Es glitzert in ihren Augen. Ja ja, gerades Weges zu ihr! Ich liebe dich Maria, kannst es glauben! Maria senkt rasch den Kopf. Blablaue Sternchen sind auf dem weien Kopftuche Marias zu sehen. Ich liebe dich, Maria -- was sagst du dazu? Nie -- nie habe ich ein Mdchen so sehr geliebt. Ich sage es ganz leise und lchle nicht mehr. Meine Augen sind feucht. Ich bitte Euch, Herr -- Haha, hrst du nicht, da ich du zu dir sage? Du sollst in mein Haus kommen, die Herrin sollst du sein, Maria -- sprich doch -- Maria blickt mich an und ihr Gesicht ist so wei wie das Kopftuch. Es ist stille. Ein Vogel singt. In der Ferne blst ein Hirt die Flte. D -- ddd -- dd -- hell klingt es, nach Liebe und Glck. Maria weicht langsam zurck, als habe sie Furcht vor mir. Ich lchle. Du bist ganz bleich, Maria. Ich habe dich erschreckt. Wie ungeschickt war ich doch. Sie solle mir doch die Hand geben. Nein, nein! Maria weicht zurck. Sie sinnt nach, sie sinnt so lange nach, da mir bange wird. Dann sagt sie, und das Blut kehrt in ihre Wangen zurck: Ich bitte Euch, geht. Das kann ja nicht sein sagt sie hastig. Seht doch, Herr, berlegt es Euch, ich bin eine Bauernmagd, Ihr seid ein Frst, ein Schlo habt Ihr, Felder und Wlder -- Maria spricht es gtig und sanft. Haha. Ich lache. Was den Frsten anbelangt -- so ist das -- eine Form -- das ist -- und -- Ich nicke und gehe. Ein Gedanke jagt durch meinen Kopf. Auf Wiedersehn, Maria! Ich verschwinde im Walde. Man mu nicht blde sein gegen junge Mdchen. Frisch angepackt, immer los aufs Ziel! Ich gehe nach Hause und schreibe einen Brief und siegle ihn mit dem Wappen. * * * * * Ich trete in den Hof, den Brief mit dem groen Siegel in der Hand. Ich gehe ans Fenster der Gesindestube und poche. Der Mnch kommt heraus und nimmt den Hut ab. Ich sage zu ihm: Siehst du diesen Brief hier? Den trage in die Stadt. Er gehrt an den Notar. Verliere ihn nicht, denn es steht auch fr dich etwas darin. Ich habe dich einmal unrecht behandelt vor all dem Gesinde, ich habe es nicht vergessen -- auch hast du Pazzo immer so freundlich gestreichelt. Ich habe es beobachtet. Auch die alte Maria habe ich nicht vergessen. Eile. Es ist Nacht. Dunkel liegt die Erde und hell ist der Himmel und er glitzert von Sternen. Ich sitze auf der Bank unter der Birke und blicke auf das Schlo. Ich lchle. Ein kleines Glck. Hrst du, was klopft in meinem Herzen? Ich denke an eine kleine Htte im Walde, an den Geruch des Dngers, an eine hbsche Kuh. An ein Gesicht beim Scheine der Kerze. Wie schn wird es sein, wenn ich dieses Gesicht ansehen darf! Trume wiegen sich in meinem Kopfe. Wie lieblich sind die Frauen! Wenn sie nur guten Tag sagen! Wie das klingt! Wenn sie schlafen -- es atmet unter der Decke, es atmet so! Ich blicke auf alle Fenster des Schlosses. Noch ist nichts zu sehen. Aber pltzlich ist ein Zimmer beleuchtet, noch eines, wieder eines. Eine Scheibe klirrt und Rauch fhrt heraus. Das Schlo steht in Flammen. Hunderttausend rote Derwische heulen und tanzen in den Slen und auf dem Giebel. Da wird die Tre aufgerissen und lautschreiend rennt eine Gestalt im Hemd heraus. Es ist die alte Maria. Sie schreit und luft ber die Wiese, die Strae, in den Wald hinein. Ihr Hemd leuchtet rot und weht um die dnnen nackten Beine. Ich hatte gar nicht an sie gedacht. * * * * * Ein herrlicher, frischer Morgen. Rauch zieht ber den Wald. Ich trete aus dem Walde auf die Wiese, Maria pflgt. Da bin ich, Maria. Maria nimmt die Schrze vors Gesicht und bricht in Schluchzen aus. O, Herr, Herr, was habt Ihr getan? Siehst du es nun, da ich dich liebe? frage ich leise. Ich bin das Gras zu ihren Fen. O, Herr, Herr, was habt Ihr doch getan! Ratlos stehe ich da. Die Kuh dreht den Kopf und blickt mich an. Ein Vogel singt. Wie gestern blst des Hirten Flte in der Ferne. Hre, Maria, sage ich, weine nicht. Welch gutes Herz hast du doch, Maria. Ich liebe dich, -- nun --? Maria weint in die Schrze. O, Herr, Herr! Was habt Ihr doch nur getan! So sei nur stille, Maria. Siehst du, eine Htte werden wir haben, eine Kuh. Schn wird es sein. Wenn die Vgel singen, wenn der Regen rauscht -- Maria schttelt den Kopf. Ich erblasse, ich fhle es. Wie? denke ich und erblasse. Ich spreche. So sage, Maria, was ist dir? Kannst du mich nicht lieben? Ich sah es ja neulich deinen Augen an -- Ingeborg -- haha, wie sage ich, Maria -- Maria schttelt den Kopf. O, Herr, Herr. Ich stehe still. Meine Lippen zucken. Ich bin wie verzweifelt, einen Augenblick. Liebst du einen andern, Maria, sag es? frage ich leise. Sage es offen. Maria nickt. Ja, sagt sie schluchzend, was habt Ihr getan. Herr! Nun, beruhige dich, Maria. Ja dann -- --. Leb wohl. Maria gib mir die Hand. Willst du nicht? Maria nimmt eine Hand von der Schrze und reicht sie mir. Leb wohl, Maria. Ich gehe. Einige Schritte, dann kehre ich zurck. Ich habe etwas in der Tasche fr sie. Immer noch steht Maria da, die Schrze vor dem Gesicht und weint. Maria, sage ich, ich mchte dir wenigstens etwas schenken. Vielleicht gefllt es dir? Ich ziehe ein kleines grnes Vschen aus der Tasche. Da nimm es. Du kannst Blumen hineintun, die dir dein Liebster schenkt. Willst du es nicht nehmen? Maria nimmt die Hand von der Schrze und ich lege ihr das Vschen in die braune schne Hand. Leb wohl, Maria! Maria weint. Ich sehe sie mir noch einmal an -- dann gehe ich in den Wald hinein. Ich wende mich um, immer noch hat Maria die Schrze vor dem Gesichte. Die Zweige verdecken sie. Ich komme auf die Strae und wandere sie entlang, ins Tal hinunter. Die Sonne steigt ber die Hhe. Ich wandere und wandere. Viele Gedanken schwirren mir durch den Kopf. Ich gehe immer weiter, immer weiter. Ich bin noch ein wenig traurig, aber es wird bald vorber sein -- -- -- Ich schreite tchtig aus -- -- * * * * * Nun lebe ich in der Steppe, wo die Sonne blendet und jedes noch so kleine Grschen einen geschliffenen trkisblauen Schatten wirft. Es ist Nacht geworden. Ich liege im Grase, die Arme unter dem Kopfe verschrnkt und sehe den Sternen zu, die ber den Himmel wandeln. Auch den Sternen im Nordwesten sehe ich zu. Es ist Nacht, kein Laut in der Steppe, am Himmel glnzen feierlich und schn die Sterne. Tau fllt auf jede Kreatur. _Ende_ Druck von W. Drugulin in Leipzig. Gustaf af Gejerstam Frauenmacht. Roman. 6. Tausend. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk. Das Buch vom Brderchen. Roman. 10. Taus. Jeder Band geh. 3.50 Mk., geb. 4.50 Mk. Die Komdie der Ehe. Roman. 6. Tausend. Wald und See. Novellen. 4. Tausend. Kampf der Seelen. Roman. 4. Tausend. Alte Briefe. Novellen. 4. Tausend. _Frauenmacht_: Es sind Stellen in dem Buch, die sind zum jubeln, und Stellen von einer Schnheit der Wehmut, wie sie wohl nur der Verfasser des Buches vom Brderchen schreiben kann. Hier ist ein inniges Kunstwerk, durch das man nicht hindurchgeht, ohne bereichert und beglckt zu werden. (Nationalzeitung, Berlin) _Das Buch vom Brderchen_: Wie ein groer Dichter seinen tiefsten Schmerz durch seine Kunst verklrt, sehen wir hier mit Bangen und Andacht. Sterbendes Glck zeigt das hinreiende Buch, zeigt es so innig, warm und mit einer hoheitsvollen Ruhe, da wir wie im Schatten der Ewigkeit wandeln. (Deutsche Literatur- und Kunst-Zeitung) _Die Komdie der Ehe_: In engem Stimmungszusammenhang mit seinem entzckend feinen und wehmtigen Buch vom Brderchen fhrt der Dichter uns in die enge, aber unvergleichlich innig bewegte Welt einer Ehe, die seltsam zusammenfllt. Jedes Wort, das hier geschrieben ist, war sicher ein Blutstropfen, von der Gewalt und Tiefe der Stimmung, dieses ganzen kstlichen Duftes, kann man nicht erzhlen. (Breslauer Zeitung) _Wald und See_: Dieser schwedische Dichter hat die beneidenswerte Gabe, mit den schlichtesten und wahrsten und dabei ungemein poetisch wirkenden Worten den erhabenen Frieden des Waldes zu schildern und uns vollstndig in den Bann seiner Geschichten zu ziehen: Wald und See und Menschen und der Himmel ber ihnen: alles eine einzige wundersame Stimmung. (Literarische Warte) Otto Erich Hartleben Die Serenyi. Novellen, 6. Auflage. Geh. 2 M., geb. 3 M. Die Geschichte vom abgerissenen Knopfe. 16. Aufl. Geh. 2 M. Vom gastfreien Pastor. Novellen. 20. Aufl. Geh. 2, geb. 3 M. Der rmische Maler. Novellen. 6. Aufl. Geh. 2, geb. 3 M. _Die Geschichte vom abgerissenen Knopfe_: Hier offenbart sich ein humoristisches Genie ersten Ranges. Hartleben macht keine Witze; keine scharfen, ausgeklgelten Wortspiele, keine raffiniert berechneten Situationen sollen die Kosten der Wirkung bestreiten. Es ist einzig und allein sein goldner Humor, der alles durchtrnkt; ihn schlrfen wir hinunter wie einen edlen, klaren, schimmernd hellen Rheinwein besten Jahrgangs, und wohlige Behaglichkeit umfngt uns beim Genu. (Reichsanzeiger, Berlin) _Vom gastfreien Pastor_: In der frhlichen Erzhlung vom Gastfreien Pastor hat Hartleben ein deutsches Seitenstck geliefert zur lustigen Maison Tellier von Maupassant. Bewundernswert ist die schalkhafte Feinheit, mit der er den Hauptwitz der Handlung so verschleiert hat, da z. B. ein wirklich unschuldiges, weltunerfahrenes Mdchen die ganze Geschichte lesen knnte und so wenig als der arglose Pastor von Stolberg merken wrde, was eigentlich passiert sei. Wir wollen niemand das berraschende Vergngen, das dieser kstliche Schwank jedem Leser bereiten mu, dadurch wegnehmen, da wir den Gang der Handlung andeuten. (Berner Bund) _Der rmische Maler_: Diese reizvollen, sprhenden Prosastcke, denen man es anmerkt, da sie ihr Autor erst dann schrieb, als er das unabweisliche, drngende Verlangen darnach sprte, haben alle die seltene Eigenschaft, da man sie ein halbdutzendmal lesen kann und jedesmal wieder sein Ergtzen daran findet. Hartleben ist einer der ungezwungensten und Humorvollsten unserer modernen Autoren. (Ostdeutsche Rundschau) Hermann Hesse Peter Camenzind. Roman, 33. Aufl. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk. Unterm Rad. Roman. 15. Aufl. Geh. 3.50 Mk., geb. 4.50 Mk. _Peter Camenzind_: Es ist ein kstliches, lebensstarkes Buch, eines von den Bchern, die, nachdem wir sie gelesen, eine stille Gewalt ber unsere Seelen ben. Diese Schpfung von Hesse ist so reich und meist auch von so reifer Kunst, da sie dem Besten, was seine Landsleute Keller und Meyer geschaffen haben, an die Seite gestellt werden darf. (Der Tag, Berlin) _Unterm Rad_: Es ist dieser Roman ein gutes, tiefes, starkes Buch, geluterter noch als der Camenzind, von einer tchtigen Mnnlichkeit durchweht, eine Wohltat fr den, der ihn liest, treuherzig, berzeugend, von lebhaftem, heiem Natursinn kndend, frei von sthetischer Krnkelei -- ein klares Schwabenbuch, ein durch und durch deutscher Roman. (Mnchener Neueste Nachrichten) Friedrich Huch Geschwister. Roman. 2. Aufl. Geh. 3.50 Mk., geb. 4.50 Mk. Wandlungen. Roman. 2. Aufl. Geh. 2.50 Mk., geb. 3.50 Mk. _Geschwister_: Ein voller, inniger Kultus der Schnheit geht durch das ganze Werk, aus jeder Zeile spricht die tiefe Empfindung des Dichters, dessen Wesen reine Harmonie offenbart. Es tut unendlich wohl, einem solchen Geiste zu begegnen und seinen wohlgegliederten Stzen zu lauschen. (Allgemeine Zeitung, Mnchen) _Geschwister_: Es ist unmglich, den Eindruck, den dieses seltsame Buch macht, in trockenen Worten wiederzugeben. Es ist zart, duftig und stimmungsvoll wie ein Gedicht. (Neue Zricher Zeitung) E. v. Keyserling Beate und Mareile. Roman. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk. Schwle Tage. Novellen. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk. _Beate und Mareile_: Diese elegante Schlogeschichte, ein sparsam, aber virtuos getntes distinguiertes Aquarell, ist berckend in ihrer anspruchslosen Selbstverstndlichkeit. Knnte man diese kondensierte, weltmnnisch berlegene und dichterisch beseelte Geschichte -- etwa in Pastillenform wie ein Medikament verabreichen, wre die Anmie der deutschen Produktion behoben. (Wiener Abendpost) Beate und Mareile ist das Werk einer vornehmen, im Psychologischen wunderbar feinfhligen, mit scharfer Beobachtungsgabe und knstlerischer Konzentrationsfhigkeit ausgersteten Begabung. (Das literarische Echo) George Meredith Richard Feverel. Roman. Geh. 4 Mk., geb. 5 Mk. Der Egoist. Roman. Geh. 6 Mk., geb. 7.50 Mk. _Richard Feverel_: Der Roman ist reich an Begebenheiten und glnzend beobachteten und gezeichneten Charakterbildern, unter denen sich namentlich Frauengestalten von rhrender Schnheit und warmbltiger Leibhaftigkeit befinden. (Knigsberger Allgemeine Zeitung) _Der Egoist_: Ein knstlerischer Geist von unerschpflicher Flle greift hier in das Leben und zeigt es uns an dem kleinen Ausschnitte nur einer Familie, aber welch einen Strom von Bewegung wei er auf diesem engen Hintergrunde zu entfesseln. Esprit, Satire, Humor, eine glnzende Flle tiefer Lebensweisheit entstrzt seinem funkelnden Geiste und umhllt und umspielt seine Gestalten, da man zuletzt kaum mehr wei, durch welche seiner knstlerischen Qualitten dieser Philosoph und Dichter unsere Bewunderung am strksten fesselt. (Freistatt, Mnchen) Thomas Mann Buddenbrooks. Roman. 37. Aufl. Geh. 5 Mk., geb. 6 Mk. Tristan. Novellen. 6. Aufl. Geh. 3.50 Mk., geb. 4.50 Mk. Fiorenza. Drei Akte. 2. Aufl. Geh. 2.50 Mk., geb. 3.50 Mk. _Buddenbrooks_: Dieser Roman bleibt ein unzerstrbares Buch. Er wird wachsen mit der Zeit und noch von vielen Generationen gelesen werden; eines jener Kunstwerke, die wirklich ber Tag und Zeitalter erhaben sind, die nicht im Sturm mit sich fortreien, aber mit sanfter berredung allmhlich und unwiderstehlich berwltigen. (Berliner Tageblatt) _Tristan_: Hlt man den Tristan-Band mit den Buddenbrooks zusammen, so hat man eine Verheiung fr die Zukunft, deren sich unser Volk wohl freuen kann. (Hannoverscher Courier) Jakob Wassermann Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. 9. Auflage. Geh. 6 Mk., geb. 7.50 Mk. Alexander in Babylon. Roman. 3. Aufl. Geh. 3.50, geb. 4.50. _Alexander in Babylon_: Wassermann hat mit dieser Krankheitsgeschichte eines Riesengeistes ein Kunstwerk geschaffen, das weit hinausragt ber die meisten historischen Romane alten Stils. (Kreuzzeitung, Berlin) _Die Geschichte der jungen Renate Fuchs_: Jedes groe, befreiende Buch mu ein Buch der Erlsung und der Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlsung der Frauen, die alten sinnlichen Vorurteilen zu mitrauen beginnen, die ihr Schicksal, ihr Frauenschicksal erleben und nicht lnger leibeigen sein wollen. -- Seit dem Grnen Heinrich Kellers ist in deutscher Sprache kein so interessanter und tiefsinniger Roman erschienen. (Die Zukunft) Hermann Stehr Leonore Griebel. Roman. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk. Der begrabene Gott. Roman. 2. Aufl. Geh. 4 Mk., geb. 5 Mk. _Der begrabene Gott_: wieder hat der einsame Lehrer im unbekannten schlesischen Dorfe ein Werk geschaffen, dster, tiefaufwhlend, von gewaltiger Tragik; wieder zeugt dieser neue Roman von dem Seherblick des Psychologen, der mit unheimlicher Notwendigkeit Charakter und Schicksale seiner Personen ineinander flicht, unerbittlich bis zur letzten erschtternden Katastrophe . . . . Die Sprache ist von einer seltsamen Glut; es klingt zwischen den Zeilen wie verhaltenes Schluchzen und man fhlt von Anfang bis Ende die starke und grenzenlose Liebe und Achtung, mit der der Dichter allem Hohen und Tiefen der Menschenseele nachsprt. (Bremer Brgerzeitung) Emil Strau Der Engelwirt. Eine Schwabengeschichte. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk. Freund Hein. Roman. 14. Auflage. Geh. 4 Mk., geb. 5 Mk. Kreuzungen. Roman. 6. Auflage. Geh. 4 Mk., geb. 5 Mk. Vielleicht war Strauens voriger Roman, der _Freund Hein_, packender, vielleicht griff dies wahrhaft bedeutende Buch uns strker und unmittelbarer ans Herz, weil es unmittelbarer aus eines echten Dichters tiefem Herzen kam. Ein Kunstwerk, ein ganzes, rundes, sind darum die _Kreuzungen_, die Strau nun folgen lie, nicht minder; sie sind vielleicht in eigentlichstem Sinne mehr noch Kunstwerk, als Freund Hein, insofern gerade in ihnen eine vllig ausgeglichene, zielbewut in sich ruhende objektive Gestaltungskraft bewunderungswrdig zutage tritt . . . Reifer noch geworden denn zuvor, steht Strau jetzt beinahe goethisch ber seinem Stoff; reifer nicht nur als Knstler, sondern auch als Mensch lt er nun auch strker jenen heimatlichen, souvernen Humor hervortreten, der in gelegentlichen Lichtern schon im Freund Hein aufblitzte. (Hamburger Fremdenblatt) Anmerkungen zur Transkription Im Original folgt auf Kapitel 24 noch einmal Kapitel 24. Dies und alle nachfolgenden Kapitelnummern wurden stillschweigend korrigiert. Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. End of the Project Gutenberg EBook of Ingeborg, by Bernhard Kellermann License: Share Alike