Produced by The Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive) Aus Berg und Tal Charakterbilder aus dem schweizer. Bauernleben Von Ulrich Kiebler, Grtner und Lehrer der landw. Schule Plantahof (Graubnden) [Illustration] Druck und Verlag von Manatschal Ebner & Cie. in Chur Inhaltsverzeichnis. Seite Die Geschichte eines Bauernknechtes 1 Die Blumenliese 29 Auf dem Lindenbhl 70 Vorwort. Unter Bauern bin ich aufgewachsen und habe einen Beruf ergriffen, der mich, wenn auch nicht ausschlielich, so doch vorwiegend mit der landwirtschafttreibenden Bevlkerung in Berhrung brachte. So konnte es nicht ausbleiben, da ich schon frh Anteil nehmen lernte an den Freuden und Leiden unserer Bauernschaft. Meine Ttigkeit als Wanderlehrer gab mir aber erst ausgiebige Gelegenheit, unsere landwirtschaftlichen Verhltnisse in den hchsten Gebirgstlern wie im Flachlande kennen zu lernen, und die Sitten und den Volkscharakter auf dem Lande eingehender zu studieren. Wenn ich aus meinen Beobachtungen in den einzelnen Kapiteln dieses Bchleins einiges mitteile, so hat mich dabei der Gedanke geleitet, da neben den vielen Leitfden und Lehrbchern ber die verschiedenen Landwirtschaftszweige auch einige Beispiele aus unserem Volksleben von Nutzen sein knnten. Die heutige Zeit stellt eben nicht nur groe Anforderungen an die fachliche Tchtigkeit eines Landwirts, sondern macht auch die weitestgehenden Ansprche an den Charakter und die moralischen Eigenschaften eines solchen. Weil ich kein Schriftsteller von Beruf bin, so erhebt mein Werkchen auch nicht Anspruch, als eine hervorragende Leistung taxiert zu werden. Meine Arbeit geht hervor aus warmem Herzen fr unsere Landwirtschaft. Das Sprichwort sagt: Was von Herzen kommt, das geht zum Herzen. In der Hoffnung nun, da sich dieser Satz bei dem vorliegenden Bchlein erflle, lasse ich es seine Wanderung antreten durch die Ebenen und Tler unseres Schweizerlandes. Plantahof, im Herbst 1903. Der Verfasser. [Illustration] Die Geschichte eines Bauernknechtes. Meine Ferien gingen zu Ende, sie waren mir dieses Mal besonders genureich verlaufen. Bei dem denkbar gnstigsten Wetter hatte ich seit einigen Wochen das Graubndner Oberland nach allen Richtungen durchstreift und dabei bald da bald dort mein Lager aufgeschlagen. Ich hatte mir vorgenommen, fernab von dem Getriebe groer Fremdenzentren irgendwo ein Stck Naturschnheit zu genieen und dabei Land und Leute eines mir bis jetzt ziemlich unbekannten Teils unserer an Abwechslungen so reichen Schweiz kennen zu lernen. Alles das htte ich wohl nirgends besser erreichen knnen, als hier im Bndner Oberland mit seinen romantischen Tlern und Schluchten, seiner groartigen Gebirgswelt, seinen malerischen Drfern und Hfen, bewohnt von einer ausgesprochen landwirtschafttreibenden Bevlkerung. Hier war ich so recht unter Bauern; denn Bauer ist da auch der Pfarrer, der Lehrer, berhaupt jedermann, und es ist nicht besonders notwendig, eine Unterhaltung oder ein Gesprch durch eine absichtliche Wendung auf landwirtschaftliches Gebiet hinberzuleiten, das ergibt sich hier ganz von selbst. Es herrschen hier zum Teil ganz eigenartige Zustnde im Bauernwesen, so eigenartig, wie das Land selbst ist und auch die Leute, die es bewohnen. Eine allgemeine Schilderung des Bndner Oberlandes und der Art und Weise, wie da Landwirtschaft getrieben wird, wre daher gewi sehr interessant, doch davon vielleicht ein andermal; heute mchte ich vielmehr von einer Persnlichkeit etwas erzhlen, deren Bekanntschaft ich ganz zufllig hier gemacht habe. Es war, wie gesagt, am Ende meiner Ferienzeit; ich kletterte schon einige Tage in den Bergen der Tdikette herum. Es war mir darum zu tun, erstens mein Herbarium etwas zu bereichern, zweitens aber auch verschiedenen Alpen einen Besuch abzustatten, um deren Bewirtschaftung kennen zu lernen. War mir das Wetter bis jetzt uerst gnstig gewesen, so drohte es nun eine Wendung zum Schlimmern zu nehmen. Es zeigten sich am Himmel verdchtige Wolkengebilde und die Aelpler prophezeiten aus den verschiedensten Anzeichen, da etwas besonderes in der Luft liege und zum mindesten ein Gewitter, wo nicht gar ein lngerer Landregen im Anzuge sei. Doch bei mir hie es: Bange machen gilt nicht, ich pochte auf mein gutes Glck und setzte ruhig meine Bergwanderungen fort. Zunchst schien es, als sollte ich Recht behalten, doch auf einmal war es da -- es war am Sptnachmittage desjenigen Tages, von dem ich erzhlen will -- ich wollte noch eine Klubhtte erreichen, in welcher ich schon mehrere Nchte zugebracht hatte, um dann am Morgen einen jener Uebergnge zu bentzen, die vom Kanton Graubnden hinberfhren ins Glarnerland. Zuerst begannen sich im Norden einige dunkle Wolken zu ballen, der Calanda bedeckte sein felsiges Haupt mit einer Nebelkappe und graue Dnste stiegen aus den Schluchten des Rheintals empor. Es war ein seltsames Schauspiel, wie die verschiedenen Wlkchen und Wolken sich sammelten und verdichteten, bis sie einen einzigen bleifarbenen Vorhang bildeten, der die ganze unvergleichlich schne Landschaft, die ich noch vor kurzem bewunderte, meinen Blicken entzog. Schon mehrere Male hatte ich Gelegenheit gehabt, Gewitter im Gebirge zu beobachten und mit Bewunderung dem Toben der entfesselten Natur zugesehen. Heute aber sah ich es mit einem gewissen Bangen heranziehen, denn ich hatte ungefhr noch eine Stunde bis zur Htte zu gehen. Das Terrain, das ich zu begehen hatte, war nicht besonders steil und erlaubte ein tchtiges Ausgreifen, so da ich anfangs hoffte, mein heutiges Ziel noch vor Ausbruch des Gewitters zu erreichen. Indessen schwand diese Hoffnung allmhlich; denn die drohende Wolkenwand verdunkelte sich mehr und mehr, grelle Blitze zuckten immer hufiger ber den stets sich verengernden Horizont, das Auge fast blendend und fr Momente alles in gelben Feuerschein aufflammen lassend; das Rollen des Donners wurde bei jedem Schlage lauter und unheimlicher. Da setzte auf einmal mit einem unvermittelten heftigen Stoe auch der Wind ein und bald fielen die ersten Tropfen, vermischt mit kleinen Hagelkrnern, dichte Nebel jagten an mir vorber, und bald war ich unfhig, auch nur fnf Schritte weit zu sehen. Zu all' dem kam noch, da ich bald an der grern Steigung des Gelndes wahrnehmen mute, da ich mich verirrt hatte, so da ich gar nicht mehr wute, wo ich mich befand. Dicht in meinen Lodenmantel gehllt, trachtete ich jedoch immer vorwrts zu kommen, hoffend, irgendwo unter einem Felsen Schutz zu finden, bis das Gewitter sich verzogen habe. Als ich mich so ein gutes Stck aufwrts gearbeitet hatte, vernahm ich auf einmal Hundegebell; bald blitzte auch ein Feuerschein durch den Nebel, ein krftiges Hallo! drang an mein Ohr, das ich freudig erwiderte, und bald sa ich wohlgeborgen am wrmenden Feuer in einer kleinen Schferhtte, auf die ich ganz zufllig gestoen war. Der Schfer, ein schon lterer, aber noch sehr rstiger Mann mit grauem Bart und freundlichen, gewinnenden Gesichtszgen, tat alles mgliche, um es mir unter seinem einfachen Dache so bequem als mglich zu machen. Die durchgemachten Strapazen hatten mich hungrig gemacht, und die vorgesetzte Milch, samt Brot und Kse schmeckten mir so gut, als manchem verwhnten Gaumen das feinste Essen an der Hoteltafel. Unterdessen war wohl mehr als eine Stunde verflossen, der Regen hatte aufgehrt und der Himmel begann sich wieder zu blauen, so da ich daran dachte, meinen Weg fortzusetzen. Das aber lie der alte Schfer nicht zu. Er bedeutete mir, da ich so weit von meiner Route abgekommen sei, da ich vor Nacht kaum mehr die Klubhtte erreichen knne; auerdem sei es von seiner Htte aus auch nicht weiter bis auf die Pahhe, als von dem Schirmhaus, und den Weg wolle er mir schon zeigen. Fr ein Nachtlager sei schon gesorgt, es sei nicht das erste Mal, da er Gste habe. Weil ich auch ziemlich mde war, so lie ich mich gerne berreden und blieb. Wir zndeten unsere Pfeifen an und setzten uns vor die Htte, von diesem und jenem plaudernd. Als der Alte hrte, da die Landwirtschaft mein Fach sei, zeigte er sich sehr erfreut, und ich mute ihm erzhlen, was drauen im Lande vorgehe, wie die Ernteaussichten im allgemeinen seien u.s.w. Mit Staunen mute ich im Laufe des Gesprches wahrnehmen, wie sehr der einfache Schafhirte auf allen Gebieten der Landwirtschaft zu Hause sei und gab meiner Verwunderung auch unverhohlen durch die Frage Ausdruck, wie es denn komme, da er, der kenntnireiche Bauer, auf einsamer Alp die Schafe hte? Lchelnd gab er mir zur Antwort, da es fr einen Hirten auch Kenntnisse brauche, und wenn er sein jetziges Amt auch als eine Art Ruheposten betrachte, so sei er sich doch jeden Augenblick bewut, da er Pflichten zu erfllen habe und verantwortlich sei fr das Gedeihen seiner ihm anvertrauten Herde, er sei mehr als fnfzig Jahre Bauernknecht gewesen und habe ein an Erfahrungen reiches Leben hinter sich. Ich bat ihn, mir von seinen Erlebnissen mitzuteilen. Er zeigte sich auch bereit dazu, falls er mich nicht zu sehr langweile, wie er meinte, und als er seine Pfeife frisch gefllt hatte, hub er zu erzhlen an: Ich bin in dem Dorfe N. -- von dem Sie von hier aus gerade noch den Kirchturm und einige Huser sehen knnen -- als der Sohn armer Eltern geboren. Mein Vater war Wegmacher und daneben taglhnerte er da und dort bei den Bauern. So hatte er im Sommer, nach den damaligen Verhltnissen, einen leidlichen Verdienst, desto geringer aber war er im Winter und oft blieb er tagelang ganz aus. Der Ertrag aus dem Gemeindegut verschaffte uns wenigstens Kartoffeln, und dank dem unbeschrnkten allgemeinen Weidgang konnten wir zwei Ziegen halten, welche uns einen groen Teil des Jahres mit Milch versahen. Ich hatte aber noch drei Geschwister -- zwei Schwestern und einen Bruder -- somit waren da sechs Muler zu stopfen. Die Kleider, so einfach sie auch waren, kosteten ebenfalls Geld. Also war auch die Mutter noch aufs Verdienen angewiesen, und oft war sie auch, wie der Vater, den ganzen Tag abwesend. Mir, als dem ltesten, war dann das ganze Hauswesen und namentlich die Obhut ber die jngern Geschwister anvertraut. So mute ich denn schon als kleiner Knirps auf eigenen Fen stehen, und ich glaube, da das fr mich ntzlich war. Als ich dann das zwlfte Altersjahr erreicht hatte, fand mein Vater, da meine zehnjhrige Schwester jetzt alt und anstellig genug sei, um die Stelle als Hausmtterchen zu bernehmen, fr mich aber sei es an der Zeit, in die Reihe der Verdienenden einzutreten. Mein Ideal wre es nun gewesen, Gaishirt zu werden; denn die Berge und die grnen Alpen zogen mich mchtig an. So jeden Tag mit der Herde ausziehen zu drfen und frei mich herumtummeln zu knnen, das wre fr mich das damalige Endziel meiner Wnsche gewesen. Aber erstens war ich dazu noch zu jung und zweitens brauchte man eben nur einen Ziegenhirten; der Bewerber waren aber viele. Es mute also eine andere Verdienstquelle fr mich gefunden werden, und ich konnte mich schon als kleiner Knabe darin ben, meinen eigenen Wnschen zu entsagen. Zu jener Zeit war noch die Schwabengngerei stark im Schwunge, und jedes Frhjahr zogen ganze Karawanen von noch schulpflichtigen Knaben hinaus ins Wrttembergische und ins Baierische, um sich fr den Sommer auf die dortigen Bauernhfe zu verdingen und durch Viehhten und andere leichte Arbeiten, wenn auch nicht gerade viel Geld, so doch Unterhalt und Kleider zu verdienen. Oft hatte ich von den greren Knaben, die schon einen oder mehrere Sommer im Schwabenlande gewesen waren, erzhlen gehrt, wie schn es dort sei, wie man gar nicht so streng zu arbeiten brauche und was fr gute Sachen man zu essen bekomme etc. Diese kleinen Auswanderer machten es eben damals schon, wie es heute die groen auch noch machen: sie erzhlten nur das Gute, das sie im fremden Lande erlebt, aber von dem Trben, das sie durchzumachen hatten, und das sie die Fremde oft schwer ertragen lie, sagten sie kein Sterbenswrtchen. So ist es denn sehr leicht begreiflich, da ich mich fr die Schwabengngerei begeisterte, als ich sah, da ich einstweilen darauf verzichten mute, Ziegenhirt zu werden. Ich bat deshalb meine Eltern, mich im Frhjahr ebenfalls mit den andern Knaben ziehen zu lassen, und nach langem Erwgen und Hinundherraten mit den Nachbarn erhielt ich auch die Einwilligung dazu. Als der Tag der Abreise gekommen war, da berkam mich ein sonderbar banges Gefhl. Whrend ich vorher kaum diesen Tag glaubte erwarten zu knnen, fiel es mir nun auf einmal sehr schwer, meine Eltern und Geschwister, meine Heimat und alles, was mit ihr verflochten war, zu verlassen und hinauszuziehen in ein fremdes Land, unter fremde Menschen, einem ungewissen Geschick entgegen, das je nach den Umstnden ebensowohl ein herbes, als ein freundliches sein konnte. Htte nur jemand versucht, mich zum Dableiben zu bestimmen, wie gerne htte ich gefolgt! Aber niemand sprach dieses Wrtchen und ich wollte mich tapfer zeigen und niemanden es merken lassen, wie es in meinem Innern aussah. Keine Trne wollte ich vergieen; denn alles sollte glauben, da es mir nicht an dem ntigen Mute fehle, um in die Fremde zu gehen; doch als die Mutter mich schluchzend zum Abschied in die Arme schlo und mir das Versprechen abnahm, unter allen Umstnden brav, treu und ehrlich zu bleiben, da rannen auch mir dicke Tropfen ber die Wangen herunter. Mit halberstickter Stimme versprach ich den Eltern, auch in der Fremde an sie denken zu wollen und mich so aufzufhren, da ich in Ehren im Herbst wieder zurckkehren knne. Dann ri ich mich los und eilte, ohne mich umzusehen, den andern nach, die schon ein Stck voraus waren. Wir waren eine Truppe von sechzehn Knaben im Alter von zwlf bis fnfzehn Jahren, unter Fhrung eines alten Mannes, der schon viele Sommer hintereinander drauen am gleichen Platze arbeitete, im Frhjahr immer eine Anzahl Knaben mitnahm und sie im Herbste auch wieder zurckbrachte. Die Reise wurde natrlich vollstndig zu Fu ausgefhrt und ging ber Chur und die Luzisteig hinein ins Liechtensteinische, dann durchs Vorarlberg hinunter nach Bregenz und Lindau und von dort nach Ravensburg. In letztgenannter Stadt muten wir an einem bestimmten Tage eintreffen, an welchem, wie das zu jener Zeit alle Jahre blich war, der sogenannte Gesindemarkt abgehalten wurde. Auf diesen Mrkten boten sich Dienstboten jeglicher Art den Bauern zum Verding an, und es ging da oft an ein Feilschen, an ein Herausstreichen und Heruntermachen, rger als an unsern heutigen Viehmrkten. Unser Fhrer hatte uns schon unterwegs instruiert, wie wir uns auf diesem Markte zu benehmen htten, um einen guten Platz zu bekommen, und weil namentlich wir Neulinge uns noch nicht fr unser Interesse zu wehren imstande waren, so versprach er, so gut als mglich fr uns einzustehen. Wir machten auch aus, an welchem Ort und an welchem Tage wir uns im Herbste wieder treffen sollten zum Zwecke der gemeinschaftlichen Heimreise. Der gute Alte, dem an unserem Wohlergehen viel gelegen war, und der sich in vterlicher Weise um uns annahm, nannte uns dann noch seinen Aufenthaltsort whrend des Sommers, damit sich ein jeder an ihn wenden knne, wenn er eines Beistandes bedrfe. So betraten wir denn ohne Furcht den Markt und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Wir kamen etwas spt auf dem Marktplatze an, und die Geschfte waren schon im Gange. Es schien aber, da viele Bauern auf das Erscheinen unseres Fhrers gewartet hatten; denn wir waren bald umringt, und viele schttelten dem Alten als einem guten Bekannten die Hnde, ihn fragend, wie es ihm gehe und was er gutes mitbringe. In kaum einer Stunde waren denn auch schon 14 von uns versorgt und nur noch ich und ein anderer blieben zurck, weil wir anscheinend die schwchsten waren. Ich speziell war etwas hoch aufgeschossen und dabei schmchtig und bleich, niemand erkannte in mir den zhen Burschen, der ich in Wirklichkeit war. Es begann mir schon der Mut zu sinken, und ich glaubte, da mich niemand annehmen wolle, doch der Alte machte uns darauf aufmerksam, da viele, die er kenne, noch gar nicht erschienen seien und also noch lange keine Veranlassung dazu da sei, zu glauben, wir bekommen keinen Platz; er wolle einmal ein wenig Umschau halten und wir sollen nur ruhig warten, bis er wieder komme. Bald kehrte er auch in Begleitung eines uns freundlich anblickenden Mannes zurck, der nach kurzer Unterhandlung geneigt war, uns anzunehmen. So hatten also auch wir einen Meister, oder wie man das drauen kurzweg nennt, einen Bauer, gefunden. Wir dankten unserem Fhrer und verabschiedeten uns von ihm, dann folgten wir unserem Bauern ins Wirtshaus, wo er sein Gefhrt eingestellt hatte. Dort erhielten wir zunchst etwas zu essen, was wir auch wirklich ntig hatten; denn wir waren unterdessen hungrig geworden. Nachher wurde eingespannt und wir fuhren dem zwei Stunden von Ravensburg entfernten Schachenhof zu, wie das Besitztum unseres Bauern hie. Als wir gegen Abend dort anlangten, empfing uns die Buerin, die uns eine Kammer anwies, unsere Habseligkeiten durchmusterte und alles in einen kleinen Kasten einrumte, den sie uns zur Verfgung gestellt hatte zum gemeinsamen Gebrauch. Eine Beschreibung des prchtigen Hofgutes, welches nun unsern Aufenthaltsort und unser Ttigkeitsfeld ausmachte, will ich unterlassen. Die groen Bauernhfe in jener Gegend gleichen sich, was die Art der Bewirtschaftung anbelangt, ja wie ein Ei dem andern. Die Hauptsache war zu jener Zeit immer der Getreidebau; auch Hopfen wurde schon angebaut, wenn auch noch lange nicht in dem Umfange wie heute. Daneben spielte auch die Viehzucht eine Rolle, und auf jedem Hof war eine mehr oder weniger zahlreiche Gnseherde vorhanden. Der Unterschied war aber vorhanden, da das eine Gut sich vor dem andern durch rationelleren Betrieb hervortat; der eine Besitzer wirtschaftete gut, der andere schlecht. Das war damals schon so, wie es auch heute noch ist. Der Schachenhof nun war eine Musterwirtschaft in jeder Beziehung und wir hatten es also sehr gut getroffen. Wir muten ja alle Arbeit erst lernen und waren also gewissermaen nichts anderes als Lehrjungen, und lernen kann man, wie bekannt, da am meisten, wo jede Verrichtung, wenn sie an und fr sich auch noch so gering ist, mustergiltig ausgefhrt wird. Wir muten nun aber nicht nur die Arbeit lernen, sondern auch die Sprache; denn die paar Brocken Deutsch, welche wir verstanden, reichten nicht weit. Da brauchte es Geduld von seite unserer Dienstherrschaft und groen Flei unsererseits, um sich mglichst schnell in alles hineinzufinden. Weil alles mit uns freundlich war und niemand mehr von uns verlangte, als wir wirklich leisten konnten, so verrichteten auch wir unsere Arbeiten mit Lust und Liebe und setzten alles daran, die Zufriedenheit der Meistersleute und der Nebendienstboten zu erwerben. Es gelang uns dies auch, und wir sahen alle Tage besser ein, da es ein Glck fr uns gewesen sei, gerade hier einen Platz gefunden zu haben. Meinem Kameraden war die Stelle eines Gnsehirten zugefallen, er hatte sich den ganzen Sommer fast ausschlielich mit diesem Federvieh abzugeben. Das war keine schwere Arbeit, und das Gnsehten bietet einem Knaben Gelegenheit, dabei faul und gedankenlos zu werden. Der Schachenbauer aber wute es einzurichten, da eine gewisse Verantwortlichkeit mit dem Hirtenstand verbunden war. Der Stall mute immer sauber sein, er mute pnktlich geschlossen werden, die Futterrationen waren genau einzuhalten, er belehrte den Hirten ber den Wert der Tiere, so da die Arbeiten nicht nur mechanisch verrichtet wurden, sondern man dabei auch unwillkrlich an etwas denken mute, was den Zweck der Arbeit betraf. Mein Genosse entwickelte einen wahren Eifer, um seinen Pflichten so gut als mglich nachzukommen. Die Buerin -- zu deren Departement eigentlich die Gnse, sowie smtliches Geflgel gehrte -- belohnte denn auch seinen Flei mit manchem Geschenk. Etwas schwierigerer Natur waren die Obliegenheiten, die mir zufielen; denn ich hatte namentlich im Anfang keine bestimmte Beschftigung, sondern wurde bald diesem, bald jenem Betriebszweige zugeteilt. Zuerst kam die Bestellung der Felder; da mute ich dem Ackerknecht die Mhne treiben (beim Pflgen die Zugochsen fhren). Dann kam die Heuernte und namentlich die Ernte des Getreides, welche fr alle harte Arbeit im Gefolge hatten; da gab es die verschiedensten Arbeiten, die meinen jungen Armen zugemutet wurden. Doch mir war nichts zu viel, sah ich doch, da alle andern ohne Murren, jeder an seiner Stelle, sich ihrer schweren Aufgaben entledigten. Nachdem dann die Erntearbeiten vorber waren, kamen auch fr mich bessere Zeiten, indem nun das Vieh auf die Weide getrieben und meiner Obhut anvertraut wurde. So ging es nun fort, bis die kalten Herbsttage sich einstellten, die Weide anfing, sprlich zu werden, und das Vieh wieder im Stall gefttert wurde. Es rckte nun die Zeit heran, wo wir wieder nach unserer Heimat zurckkehren sollten. Das Heimweh nach unsern Eltern, nach unserem schnen Heimattal und namentlich nach unsern Bergen war den ganzen Sommer in unsern jungen Herzen wach geblieben, und wenn bei klarem Wetter die schneeigen Hupter unserer Schweizerberge herbergrten, so weilten wir in Gedanken dort, wo auf grnem Bergeshang die Alpenrosen blhen und der Hirten Jauchzen von der Felswand widerhallt, wo der Bergbach tosend von Fels zu Fels strzt, bis er sich mit dem Flu vereinigt, der durch die enge Schlucht sich zwngt. Das ist das Schweizerheimweh, das sich nicht beschreiben, sondern nur empfinden lt. Durch die gute Behandlung, welche uns zu teil wurde, hatte man uns diese Sehnsucht nach der Heimat so ertrglich als mglich gemacht, so da, als es zum Abschiednehmen kam, ein fast schmerzliches Gefhl sich mischte mit der Freude, die Heimat wieder sehen zu drfen. Wir schieden mit innigem Danke von den Leuten, die uns so viel Gutes erwiesen hatten. Der Bauer hatte uns ein gutes Zeugnis ausgestellt und versprach, uns entsprechend mehr Lohn zu geben, wenn wir im Frhling wieder in seinen Dienst treten wollten. Er sagte, es sei ihm darum zu tun, die gleichen Leute lnger zu behalten, und da er gesehen habe, da wir anstellige Burschen seien, so knnen wir sogar auch im Winter bei ihm bleiben; wir htten dann Gelegenheit, die Dorfschule zu besuchen und auf diese Weise perfekt deutsch zu lernen. Daneben gebe es allerlei leichte Verrichtungen, die von uns gut ausgefhrt werden knnten. Wir sollen dieserthalben mit unsern Eltern sprechen und, wenn sie zufrieden seien, sein Angebot annehmen. Unser Lohn bestand aus doppelter Kleidung und 10 Gulden. Als wir alles in Empfang genommen und samt dem, was wir von der Buerin noch fr die Wegzehrung und fr die Eltern und Geschwister zugesteckt erhielten, in unsern Reisescken eingepackt hatten, waren wir reisefertig. Bis nach Ravensburg brachte uns der Bauer mit seinem Gefhrt, dort trafen wir wieder mit unserm Fhrer und den andern Schwabengngern zusammen, und auf gleiche Weise, wie wir gekommen -- mit dem einzigen Unterschied, da wir lustiger waren und auf dem Marsche mehr Ausdauer zeigten, trotzdem unsere Scke mehr drckten -- ging es nun der lieben Heimat zu. Das war mein erstes Lehrjahr als Bauernknecht, und wenn ich es etwas ausfhrlich geschildert habe, so bitte ich das zu entschuldigen; denn dieses erste Jahr war grundlegend fr mein ganzes spteres Leben. Nicht alle, welche von unsern Hochtlern hinauszogen ber den Bodensee, waren so glcklich wie mein Kamerad und ich; denn gar viele Bauern waren nur darauf bedacht, die armen Schweizerknaben so gut als mglich auszuntzen, nicht im entferntesten kam es ihnen in den Sinn, auch erzieherisch auf die jungen Herzen einzuwirken und dazu beizutragen, sie zu ntzlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden. Heute noch preise ich die Vorsehung, da sie mich in den Dienst des Schachenhofbauers gefhrt hatte; denn da ich ein rechter Mensch und brauchbarer Bauernknecht geworden bin, das habe ich fast einzig jenem Manne zu verdanken. Meine Eltern waren natrlich sehr erfreut, da es mir so gut ergangen im Schwabenland, und sie hatten nichts dagegen einzuwenden, da ich mich zum zweitenmal auf den Schachenhof verdinge; auch war es ihnen recht, da ich im Winter dort bleibe und die Schule besuche. Mein Genosse vom letzten Jahre war unterdessen mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert und lebt heute noch als glcklicher Besitzer einer Farm in Kansas. So schlo ich mich denn im Frhjahr allein der ausziehenden Schar der Schwabengnger an und kam glcklich wieder im Schachenhof an, wo man ber mein Kommen sehr erfreut war. Es wrde mich nun viel zu weit fhren, wenn ich alle meine ferneren Erlebnisse auf diesem Hof schildern wollte. Wenn ich mitteile, da ich volle 16 Jahre dort blieb und mich vom Kherbub nach und nach zum Oberknecht aufschwang, so mag das gengen. Hingegen kann ich nicht unterlassen, etwas nher einzugehen auf das Leben und Treiben, das auf diesem Bauernhofe herrschte, und auf das Verhltnis zwischen der Herrschaft und den Dienstboten. Wer auf den Hof kam, dem mute vor allen Dingen die peinliche Ordnung und Sauberkeit auffallen, die allenthalben, selbst in dem entlegensten Winkel, sich bemerkbar machte. Die Gebude und alle Einrichtungen waren zwar sehr einfach, von behbigem Luxus oder gar protziger Zurschaustellung des Reichtums war da nichts zu bemerken. Der Schachenhofbauer hatte das Gut von seinem Vater bernommen und war bestrebt, nicht nur alles gut zu erhalten, sondern auch zeitgeme Verbesserungen vorzunehmen. Dabei aber htete er sich, irgendwelche Einrichtungen zu treffen, die sich nicht rentierten oder nur totes Kapital darstellten. Whrend er auch die kleinste Ausgabe vermied, die ihm nicht gerechtfertigt erschien, geizte er nicht, wo es galt, irgend etwas einzufhren oder anzuschaffen, das den Betrieb zu vereinfachen oder zu erleichtern geeignet war oder hheren Ertrag sicherte. Obwohl er sich nicht leicht in Sachen einlie, die praktisch nicht durch und durch erprobt waren, so war er doch ein echter Fortschrittsbauer, der nicht zh am Alten festhielt, sobald er sich berzeugt hatte, da Neues vorteilhafter sei. Auf dem Schachenhof wurde groer Wert auf richtige Zeiteinteilung gelegt und der ganze Betrieb wurde nach einem bestimmten Plan geregelt. So kam es, da man alles zur rechten Zeit fertig brachte, und wenn bei uns eine Arbeit angefangen wurde, so konnte jeder Bauer der Umgegend sicher darauf rechnen, da er weder zu frh noch zu spt komme, wenn er auch damit beginne. Weil alles so gut eingeteilt wurde, so gab es auch keine Hasterei und keine Uebereilung, und das hatte den weiteren Vorteil im Gefolge, da alle Arbeiten auch recht und grndlich getan wurden und nicht nur oberflchlich, wie man das leider so oft in unserer heutigen Zeit wahrnehmen mu. Wenn unsere Kulturen auch manchmal selbst in schlechten Jahrgngen verhltnismig schn standen, so hrte man die andern Bauern oft sagen: Was doch der Schachenhofer fr ein heidenmiges Glck hat! Ich aber lernte hier die Wahrheit des Sprichworts kennen: Jeder ist seines Glckes Schmied. Und wenn ich dazu berufen wre, unsern Bauern gute Lehren zu erteilen, so wrde ich ihnen vor allen Dingen zurufen: Haltet gute Ordnung in allen Dingen; denn das ist das Fundament, auf dem sich ein guter Wirtschaftsbetrieb aufbauen mu! Unser Bauer aber hatte nicht nur schne, ertragreiche Aecker und Wiesen und leistungsfhiges Vieh, sondern er hatte auch weit und breit die besten Dienstboten und meistens solche, die schon eine Reihe von Jahren in seinen Diensten standen. Das kam hauptschlich daher, weil er es nicht nur verstand, Knechte und Mgde richtig zu behandeln und sie als Menschen zu achten, sondern ihnen auch einen rechten Lohn bezahlte und es ihnen gnnte, wenn sie in seinem Dienst etwas frs Alter ersparen konnten. Es wre indessen weit gefehlt, wollte man glauben, da bei uns nicht tchtig und streng gearbeitet wurde von frh bis spt, und htte sich etwa ein Knecht auf den Schachenhof verdingen wollen in der Meinung, da ein Schlaraffenleben fhren zu knnen, so wre er jedenfalls von der Wirklichkeit stark enttuscht gewesen. Mancher neu eingestandene Dienstbote hat es denn auch einsehen mssen, da es auf dem Schachenhof noch manches zu lernen gebe, bevor man imstande sei, den Bauer vollauf zu befriedigen. Manchem, der noch nicht an stramme Ordnung gewhnt war, kam es in den ersten Wochen hart an, sich dem strengen Regiment zu fgen, aber da half kein Murren. Der Schachenhofer wute seinen Willen durchzusetzen, zwar nicht mit Fluchen oder groben Worten, aber mit klaren und deutlichen Befehlen, die nicht so leicht einer zu bertreten wagte. Jeder merkte denn auch bald, da die Arbeit so viel leichter von statten gehe, als da, wo Unordnung einem ungestrten Arbeitsverlauf jeden Augenblick im Wege steht. Weil alles Arbeitsgeschirr an seinem bestimmten Orte aufbewahrt war, so mute man nie etwas suchen, und weil jedes Gert nach dem Gebrauche gereinigt wurde und jede notwendig gewordene Reparatur sofort ausgefhrt werden mute, so war auch immer alles gebrauchsfhig. Nur dieser einzige Umstand bewahrte uns vor vielen Zeitverlusten und Ausgaben, die mancher nur als Kleinigkeit betrachtet, die aber in ihrer Summierung allein schon hinreichen knnen, einen Bauer dem Ruin entgegen zu fhren. Auf dem Schachenhof wurden alle Mahlzeiten gemeinschaftlich eingenommen; der Bauer und die Buerin verschmhten es nicht, mit den Dienstboten am gleichen Tische zu sitzen. Das brachte zwei groe Vorteile mit sich. Erstens war damit allen Reklamationen ber die Bekstigung die Spitze abgebrochen; denn was der Herrschaft recht war, das mute auch den Dienstboten gut genug sein. Zweitens war es da notwendig geboten, da alle ordentlich und reinlich am Tisch erschienen, sich dort auch anstndig benahmen und da eine regelmige Essenszeit eingehalten wurde, alles Punkte, die meistens dort vermit werden, wo das Gesinde abgesondert von der Herrschaft ihr Essen erhlt. Der Bauer hielt berhaupt darauf, da sich seine Leute auch an ihrer Person der Reinlichkeit und Sauberkeit beflissen. Er meinte, wenn der Bauer oft so gering geachtet werde, so rhre das vielfach nur daher, weil er denke, es vertrage sich mit seinem Stande nicht, da er auch sauber gekleidet sei und sich anstndig benehme. Die landwirtschaftlichen Arbeiten bringen es ja gewi mit sich, da man nicht immer wie aus dem Kasten heraus daherkommen kann, aber es ist durchaus nicht notwendig, das, was von rechtswegen auf den Miststock gehrt, an den Kleidern und Schuhen mit sich herumzutragen, oder zu glauben, da die Unsauberkeit des Stalles auch auf das Wohnhaus bertragen werden msse. In dieser Angelegenheit tat dann freilich auch die Buerin das ihrige zur Sache. Sie trug Sorge dafr, da jedem Dienstboten alles gewaschen und geflickt wurde, verlangte aber auch, da die Leute selbst sich daran gewhnten, ihre Kleider gut zu halten. In den Kammern duldete sie keine Unordnung, und ich habe da oft bemerken knnen, da es eigentlich gar nicht so schwer ist, auch den grbsten Knecht zur Reinlichkeit und guten Sitte anzuhalten, wenn man es nur richtig anfat. Freilich, wo es dem Bauer hchstens darauf ankommt, da die Stlle in Ordnung sind, er es aber unter seiner Wrde hlt, einmal eine Knechtenkammer zu betreten, wo nur das Vieh geputzt wird, der Knecht aber wie eine wandelnde Dngersttte herumlaufen darf, da mu es einen nicht Wunder nehmen, wenn es mit der Reinlichkeit schlecht bestellt ist. Unser Bauer liebte es, wenn die Sonntage mglichst eingehalten wurden. Am Samstag muten alle Reinigungsarbeiten vorgenommen werden und nur wenn man in der Erntezeit bei zweifelhaften Witterungsaussichten mit ganz dringenden Arbeiten berhuft war, durfte man so etwas auf den Sonntag verschieben. Er liebte es, wenn an Sonn- und Festtagen eine feierliche Ruhe auf dem Hofe herrschte, die Leute die Kirche besuchten oder einen Spaziergang durch die Felder machten. Hufig unternahm er selbst einen solchen Gang und meinte, man werde da auf manches aufmerksam, an dem man am Werktag, wo der Kopf mit den Sorgen der Arbeit erfllt sei, achtlos vorbergehe. Ging etwa einer der Knechte am Sonntag nachmittag ins Wirtshaus, so hatte der Bauer nichts dagegen. Hingegen duldete er keine Ausschreitungen und Trunkenbolde behielt er nicht in seinem Dienst. Es war eine Freude, zu sehen, wie auf dem Schachenhofe selbst der geringste Hirtenknabe mit eigenem Interesse an der Arbeit beteiligt war. Das kam daher, weil der Bauer nicht nur trockene Befehle austeilte, sondern eine wirkliche Besprechung der Arbeit miteinflocht; er achtete auch die Ansichten anderer und regte so jeden zu selbstndigem Denken an. Es lt sich leicht begreifen, da die Arbeit so ganz andere Resultate zeitigte, als wenn nur mechanisch gearbeitet worden wre. Wo der Bauer eine Belehrung bei uns Dienstboten anbringen konnte, da unterlie er es nie, und namentlich die langen Winterabende bentzte er dazu, uns mit den Neuerungen auf dem Gebiete der Landwirtschaft bekannt zu machen. Damals gab es noch nicht die Flut landwirtschaftlicher Literatur, wie heute, dafr wurde alles grndlicher gelesen und studiert, und auch wir Knechte erhielten die Bcher zu lesen, welche der Bauer besa. Allfllige neue Anregungen wurden besprochen und beraten, in welcher Weise sie ungefhr fr unsere Verhltnisse passen und wie sie verwendet werden knnten. Man kann leicht begreifen, da ich auf dem Schachenhof unter den geschilderten Verhltnissen alle Arbeiten grndlich gelernt habe. Ich lernte nicht nur, wie und wann die verschiedenen Beschftigungen vorzunehmen sind, sondern, weil ich mich auch mit dem Kopf an der Arbeit beteiligte, ber alles nachdachte und den Erfolg beobachtete, lernte ich einigermaen auch das Warum einer Hantierung kennen, soweit das nach den damaligen Verhltnissen und ohne Fachschulen mglich war. Unleugbar war es fr mich ein groer Vorteil, da ich auf der untersten Stufe, nmlich als Hirtenknabe, meine Ttigkeit auf dem Hof begonnen hatte. So kannte ich den ganzen Betrieb durch und durch und konnte dem Bauer krftig an die Hand gehen. Ohne etwa mich selbst rhmen zu wollen, darf ich doch sagen, da ich nicht mit grerem Eifer und Interesse htte arbeiten knnen, wenn ich der leibliche Sohn von Schachenhofers gewesen wre. Hingegen darf ich auch nicht verschweigen, da ich fast wie ein Sohn gehalten wurde. Man rumte mir mehr Rechte ein, als ich je bentzen wollte. Auch der Lohn war ein recht guter fr einen Bauernknecht; fast jedes Jahr gab man mir Aufbesserung, und ich konnte meinen Eltern nette Smmchen nach Hause senden. Zweimal kam ich whrend meines Aufenthaltes auf dem Schachenhof zu einem kurzen Besuch nach Hause und fand zu meiner Freude immer geordnetere Zustnde vor. Aus meinen kleinen Geschwistern wurden mit der Zeit groe Leute; die beiden Schwestern verheirateten sich, mein jngerer Bruder wurde ein Schmied und hat jetzt ein gutgehendes Geschft drunten im Dorfe. Sie sehen, da ich nicht nur ber nichts zu klagen hatte, sondern es ging mir so gut, wie ich es mir eigentlich nie zu wnschen getraut hatte. Doch es sollte anders kommen, und wenn ich bisher nur die Lichtseiten meines Standes kennen gelernt hatte, so sollten mir nun auch die Schattenseiten im Leben eines Bauernknechtes bekannt werden. Eines Tages -- es war gerade in der Zeit der Heuernte -- wurde der Bauer, der sonst immer ein Bild der Gesundheit gewesen war, auf einmal krank, und ich mute schnell einen Arzt aus der Stadt holen. Als dieser den Kranken untersucht hatte, schttelte er bedenklich den Kopf und bedeutete der Buerin, da sie sich auf das Schlimmste gefat machen msse, indem eine heftige Lungenentzndung zu konstatieren sei. Alle rztliche Kunst war denn auch vergebens, und nach vier Tagen standen wir tiefbetrbt an der Bahre unseres Brotherrn, den wir alle wie einen Vater verehrt hatten. Nun kamen trbe Zeiten. Der ganze Gutsbetrieb ruhte auf meinen Schultern. Die Schachenhoferin, die den Verlust ihres Gatten kaum berwinden konnte, wollte sich um nichts mehr annehmen. Ihre Ehe war kinderlos geblieben, und somit hatte sie niemanden, dem sie den Hof bergeben konnte. So entschlo sie sich, denselben zu verkaufen und in die Stadt zu ziehen. Die Sache wurde einem Notar bergeben und bald stellten sich Kaufliebhaber zur Besichtigung des Hofes ein. Ein junger Herr, der eben seine Studien in Hohenheim beendigt hatte und im Begriffe stand, sich zu verheiraten, wurde Besitzer des Schachenhofes, und weil er auch die Dienstboten mit bernommen hatte, unser neuer Herr. Nun begannen Umwlzungen im groen Stil. Zunchst rckte ein Heer der verschiedensten Handwerker ein; denn es galt nun, das Wohnhaus fr den Empfang der jungen Frau wrdig herauszuputzen. Es wurde auch jetzt noch der Betrieb fast vollstndig mir berlassen. Herr Rasch -- so hie der neue Hofbesitzer -- kndete mir zwar vorlufig an, da da vieles anders werden msse; vorerst freilich habe er nicht Zeit dazu. Meistens war er denn auch abwesend, entweder in der Stadt, oder auf Besuch bei seiner Braut in Stuttgart, und wir konnten alle Arbeiten wie gewohnt verrichten. Eine Haushlterin besorgte das Hauswesen, zwar nicht in der Weise, wie unsere Buerin es getan, aber wir hatten auch nicht gerade Anla zu Klagen. Gegen den Herbst kam die Ausstattung der zuknftigen Herrin, alles ganz stdtisch, sogar ein Klavier wurde im Salon aufgestellt. Bald kam auch das neuvermhlte Paar selbst an, und Herr und Frau Rasch begannen nun, die Zgel der Regierung selbst in die Hand zu nehmen. Sehr bald mute ich bemerken, da unser Herr zwar sehr viel wisse -- er hatte jedenfalls die Schule mit sehr gutem Erfolge absolviert -- aber da ihm die notwendige Praxis und die ntige Energie, das Gelernte auch richtig zu verwerten, fehlte. Dabei nahm er auch zu wenig Rcksicht auf die rtlichen Verhltnisse. So konnte es nicht ausbleiben, da falsche Manahmen Mierfolge zeitigten. Zu stolz nun, den Fehler bei sich selbst zu suchen, glaubte Herr Rasch, die Ursachen wo anders suchen zu mssen. Bald muten die schlechten Einrichtungen schuld sein, bald suchte er die Dienstboten verantwortlich zu machen. Das zeitigte natrlich Unzufriedenheiten auf beiden Seiten, und als Lichtme heranrckte, kndigten schon einige derjenigen Dienstboten, die mehrere Jahre unter dem verstorbenen Schachenhofer gedient hatten. Von den Mgden blieb keine einzige, denn bei der jungen Frau war es gar nicht zum Aushalten. Sie wollte regieren, whrend sie doch weder von der Fhrung des Hauswesens, noch von der Landwirtschaft viel verstand. Um das Wohl oder Wehe der Dienstboten kmmerte sie sich nichts, dazu hatte sie eine Haushlterin, die aber auch, wie die Mgde, den Dienst gekndet hatte aufs erste Ziel. Nach und nach ri berall Unordnung ein, besonders auch deswegen, weil planlos bald dieses, bald jenes in Angriff genommen wurde, ohne etwas zu beenden. Da war es unausbleiblich, da hier ein Gert liegen gelassen wurde, dort etwas anderes verloren ging. Aber auch ungemein viel Zeit ging bei dem unsichern Hinundherlaufen verloren. Weil alles am Sonntag aufgerumt und geputzt werden sollte, so geschah es nur oberflchlich und mit Unlust. Weil unser Herr nie grndlich nachschaute, so merkte er nicht, da unter dem uerlichen Schein der Sauberkeit das schlimmste Krebsbel eines Bauernwesens, die Unordnung, an seinem schnen Gute zu zehren begann. Herr Rasch hatte auch einen andern Fehler, der schon manchen Landwirt zu grunde gerichtet hat. Er war prunkschtig und wollte um jeden Preis den andern Bauern der Umgebung imponieren. Htte er die ntige Energie und Schaffenslust besessen, seine Kenntnisse in richtiger Weise zu verwerten, so wre ihm das vielleicht auch gelungen; denn ich glaube bestimmt, da es ihm geglckt wre, den Ertrag des Hofes bedeutend zu erhhen, trotzdem der frhere Besitzer nach seiner Art mustergiltig gewirtschaftet hatte. Ich merkte z.B. gar bald, da mit den neueren Gerten eine ganz andere Arbeit geliefert werden konnte. Aber was ntzte uns der beste Hohenheimer Pflug, wenn er zu spt in Anwendung kam, und was frommte das bessere Saatgut, wenn es zur unrichtigen Zeit in den Boden kam, oder wenn die aufgehende Saat im Unkraut halb erstickte. Weil es nun in diesem Punkte nicht ging, sich hervorzutun, und er dabei nur erzielte, da die Nachbarn im Stillen ber den studierten Bauer lachten, so wurde es auf andere Weise versucht. Die schlichten, aber zweckmigen Wirtschaftsgebude wurden niedergerissen und durch massive Prachtbauten ersetzt. Diese neuen Stallungen und Scheunen erfllten den Zweck nicht viel besser als die alten. Sie gewhrten nur den Vorteil, da sie schner aussahen, hatten aber den sehr schwerwiegenden Nachteil, da in ihnen ein unproduktives Kapital angelegt war. Es wird Ihnen aufgefallen sein, da ich noch gar nichts erzhlte ber das Verhltnis zwischen Herrn Rasch und mir, doch werden Sie sich, nach meiner Beschreibung der allgemeinen Zustnde, schon ein Bild machen knnen, wie wir zu einander gestanden haben. Bei diesem Punkte angelangt, mu ich jedoch gestehen, da mein Herr die Schuld nicht allein trug, wenn die Kluft zwischen uns immer grer und unberbrckbar wurde; auch ich selbst trug sehr viel dazu bei. Herr Rasch berragte mich natrlich an Bildung und theoretischem Wissen himmelweit, wogegen ich im praktischen Knnen und im Bekanntsein mit den rtlichen Verhltnissen im Vorteil war. Beide aber hatten wir den gleich groen Fehler, da wir dem eigenen Wissen die grte Wichtigkeit beimaen und mit Geringschtzung auf die Fhigkeiten des andern blickten. Ich glaube heute bestimmt, da wenn wir darnach getrachtet htten, uns gegenseitig zu ergnzen, alles ins richtige Geleise gekommen wre. Ich war der Untergebene, und an mir wre es also gelegen, damit den Anfang zu machen. Statt dessen versprte ich eine stille Freude, wenn ich sah, da etwas schief ging. Ich befolgte willig die verkehrten Anordnungen meines Herrn, auch dann, wenn es in meiner Macht gelegen htte, die daraus resultierenden Mierfolge abzuwenden. Erhielt ich dann Vorwrfe, so meinte ich, das sei ungerecht, und beklagte mich ber schnde Behandlung. So kamen wir denn beide zur Einsicht, da wir nicht weiter mit einander arbeiten knnen, und als ich schlielich den Dienst kndigte, kam ich damit nur Herrn Rasch zuvor, der mich sicherlich nicht mehr auf dem Hof geduldet htte. Was nun meinen ferneren Aufenthalt im Schwabenlande anbetrifft, so gibt es davon nicht mehr viel zu erzhlen. An zwei andern Pltzen hatte ich auch mehr schlechte als gute Erfahrungen zu machen und zwar hauptschlich deswegen, weil ich noch eines nicht gelernt hatte, nmlich mich, wie es einem Dienstboten geziemt, dem Arbeitgeber unterzuordnen und mich den verschiedenen Verhltnissen anzupassen. Ich hielt mich fr eine viel zu wichtige Persnlichkeit und hatte geglaubt, gleich berall eine wichtige Rolle spielen zu knnen. Der verstorbene Schachenhofer schwebte mir als das Ideal eines Bauern vor, und weil ich dieses Ideal nicht gleich wieder fand, so hielt ich alle andern Bauern fr dumm und meinte, sie seien nicht wert, einen Knecht in ihrem Dienst zu haben, wie ich einer sei. So wurde ich immer unduldsamer und mancher Bauer lie mich gerne aus seinem Dienste scheiden, trotzdem er mich vielleicht als tchtigen Arbeiter und soliden Menschen schtzen gelernt hatte. Dabei wurde bei mir die Sehnsucht nach der Heimat immer grer, und als mich die Trauerkunde ereilte, da mein Vater pltzlich gestorben sei, hielt ich es fr meine Pflicht, mich meiner alten Mutter anzunehmen und mich mit meinen Geschwistern in die Sorge um dieselbe zu teilen. So sagte ich dem Schwabenlande adieu, zog in mein heimatliches Tal zurck und suchte hier einen passenden Platz. Weil man mich fr einen ordentlichen Burschen hielt, so brauchte ich auch nicht lange Umschau zu halten, und es tat mir wohl, in eine ganz vernderte Umgebung zu kommen. Die Betriebsrichtung in der Landwirtschaft war und ist eine ganz andere hier in unserer Berggegend, als drauen im oberschwbischen Flachlande, und das brachte mit sich, da es zunchst fr mich wieder vieles zu lernen gab. Das sah ich glcklicherweise auch ein, und ich warf mich mit wahrem Feuereifer auf meine Ausbildung in der Viehzucht, in der Milchwirtschaft und im Alp- und Weidewesen. Es begann damals gerade ein frischer Zug durch unsere schweizerische Landwirtschaft zu wehen, der auch bis herauf in unsere Berge bemerkbar wurde. Der schweizerische Landwirtschaftliche Verein entwickelte eine segensreiche Wirksamkeit. Zu einigen Ackerbauschulen gesellte sich die landwirtschaftliche Abteilung am Polytechnikum in Zrich, und bei uns war es besonders Schatzmann, der sich ein groes Verdienst um unsere Milchwirtschaft erwarb. Bcher und Zeitschriften wurden jedem zugnglich, und erst jetzt empfand ich es als ein Glck, da ich drauen in der schwbischen Dorfschule deutsch lesen und schreiben gelernt hatte. Ich habe von jeher Freude an den Bchern gehabt, und manchen Franken habe ich ausgegeben, um dieses oder jenes kleinere landwirtschaftliche Werk anzuschaffen. So gelangte ich nach und nach zu einer kleinen Bibliothek, die heute noch mein Stolz ist. Weil es mir an Geld fehlte und ich mich vor dem Schuldenmachen frchtete, so konnte ich meine Erfahrungen nie fr mich selbst verwerten, aber es gab Leute genug, die gerne eine Anregung und einen guten Rat auch von einem Knecht annahmen, und mancher Bauer ist mir heute noch dankbar fr diesen oder jenen praktischen Wink, den er von mir erhalten, und der ihm von Nutzen war. Immer mehr lernte ich erkennen, was fr einen eminenten Vorteil unsere Alpen und Weiden fr unsere Viehzucht und Viehhaltung bedeuten; leider mute ich auch sehen, wie gerade auf diesem Gebiete eine schreckliche Miwirtschaft herrschte, die zum Teil heute noch nicht ganz beseitigt ist. Ich mute sehen, wie in unsern Wldern und namentlich in den Hochwldern eine wahre Raubwirtschaft getrieben wurde, wie die besten Alpen verunkrauteten und vergandeten, wie das Vieh bei denkbar schlechtesten Einrichtungen ohne Schutz und Futter den strksten Unbilden der Witterung ausgesetzt blieb, wie die Milch schlecht verarbeitet wurde, wie man die Tiere den gewissenlosesten Leuten zur Hut anvertraute u.s.w. Namentlich dieser letzte Punkt gab mir viel zu denken, und ich konnte je lnger je weniger begreifen, da Bauern, die sonst das Herz auf dem rechten Fleck hatten und bei Aufzucht und Pflege des Viehes im Stall sehr exakt waren, ihre wertvolle Viehhabe auf der Alp Leuten anvertrauten, von denen jedermann wute, da sie faul, leichtsinnig und in allen Teilen unfhig seien, ihren Dienst pflichtgetreu zu versehen, und das alles nur, weil solche Hirten ein paar Franken weniger kosteten, als gewissenhafte Personen, denen aber auch etwas daran lag, ihre Pflicht voll und ganz zu erfllen. Um nun selbst hier mit gutem Beispiel voranzugehen und um zu zeigen, was ein richtiger Aelpler zu leisten im stande sei, entschlo ich mich, nachdem ich mehrere Jahre am gleichen Platze Knecht gewesen, selbst Senn zu werden. Ich bot mich der Gemeinde als solchen um geringen Lohn an, aber mit der Bedingung, das brige Alppersonal selbst auswhlen zu drfen. Wider Erwarten ging man auf meine Forderung ein, und zur gegebenen Zeit trat ich mein neues Amt an. Da gab es wieder ein reiches Arbeitsfeld fr mich; denn mit den denkbar schlechtesten Einrichtungen mute ich beginnen. Dazu kam noch der Umstand erschwerend hinzu, da es Leute gab, die zh am Alten festhingen und jeder Neuerung abhold waren, besonders solchen, welche etwelche Ausgaben erforderten, und wren sie auch noch so klein gewesen. Diese hatten schon meine Wahl bekmpft und arbeiteten mir jetzt direkt entgegen. Doch ich hatte schon im ersten Jahre Glck. Durch einen richtigen Weidewechsel, durch Verbesserung der Trnksttten und andere kleine Manahmen, die ich mit meinen Leuten ohne weitere Kosten durchfhren konnte, behielt ich die Khe gesund und leistungsfhig. So steigerte ich den Ertrag und verbesserte zugleich durch bessere Verarbeitung der Milch die Produkte. Mit zher Energie steuerte ich auf das mir vorgesteckte Ziel los, und ich habe es erreicht, wenn es auch manchen harten Kampf kostete. Dreiig Jahre lang war ich Senn auf unserer Gemeindealp, und wer dieselbe heute betritt, mu sagen, da es eine Musteralp geworden ist. Sie wirft heute mit den verbesserten Einrichtungen und bei der rationellen Bewirtschaftung den dreifachen Nutzen ab von damals, als ich zum erstenmal ihr als Senn vorstand. Es ist zwar richtig, da die Gemeinde sich etwas hat kosten lassen mssen, aber sie erhielt auch ansehnliche Subventionen von Bund und Kanton, und selbst wenn sie alles htte allein bezahlen mssen, so htte die Ausgabe dennoch gut rentiert. Sehen Sie, so war es mir doch vergnnt, etwas wirken zu knnen, und wenn ich auch bis heute nichts anderes als ein Knecht geblieben bin, so darf ich doch sagen, da ich meinen Platz in Ehren ausgefllt habe. Auch heute bin ich mit meinem Streben noch nicht zu Ende. Als ich als Senn das erreicht hatte, was ich erreichen wollte, und ich getrost mein Amt einer jngeren Kraft abtreten konnte, da bin ich mit ganz bestimmten Absichten Schafhirt geworden. Ich war lngst berzeugt, da die Schafzucht fr unsere Gegend einen sehr eintrglichen Landwirtschaftszweig ausmache und besonders dann, wenn sie so betrieben wrde, wie es die Neuzeit erfordert. Ich erkannte, da man durch richtige Zucht die Rasse verbessern msse, da eine bessere Haltung und Pflege platzzugreifen habe und da der Weidebetrieb anders zu regeln sei. Ueber die ersten beiden Punkte suche ich stets unsere Bauern aufzuklren, und, wie mir scheint, mit Erfolg. Die Hirtschaft bernahm ich selbst und besorge dieselbe seit drei Jahren. Wie ich Ihnen bereits anfangs mitteilte, betrachte ich mein jetziges Amt als eine Art Ruheposten. Im Winter, wenn die Schafe im Stall gehalten werden, pflege auch ich der Ruhe. Ich habe mir so viel erspart, da ich whrend dieser Zeit nicht auf Verdienst ausgehen mu; da bleibe ich ruhig in meinem Huschen, das mir als Erbteil von meinen Eltern zugefallen ist. Da lebe ich meinen Bchern, und gar nicht selten werde ich von den Bauern unseres Dorfes um diesen oder jenen Rat angegangen, den ich stets, wo ich kann, gerne erteile. Im Herbst und Frhjahr besorge ich die Heimweide, und im Sommer ziehe ich herauf in diese Htte, die ich mir wohnlicher eingerichtet habe. Jede Woche bringt man mir meinen Proviant herauf und damit ich nicht ohne Nachrichten bleibe von dem, was drauen in der Welt vorgeht, auch die Zeitungen. Am meisten freue ich mich dabei immer auf die Grne, deren langjhriger Abonnent ich bin. So, da haben Sie nun meine Geschichte, und wenn ich Sie damit gelangweilt habe, so bitte ich um Entschuldigung. Sie haben es brigens ja selbst so haben wollen. Ich drckte dem alten Schfer die Hand zum Danke fr seine sehr interessante Erzhlung und sagte ihm, da mein Herz viel zu sehr an allem Anteil nehme, was die Landwirtschaft betreffe, als da ich seine Mitteilungen langweilig finden knnte. Nur eine Frage msse ich noch an ihn richten, nmlich die, wie es gekommen sei, da er nie daran gedacht habe, sich eine eigene Familie zu grnden. Ja, lieber Herr, entgegnete er, das war bei mir so eine eigene Sache. Zuerst fehlten mir die Mittel zum Heiraten; ich mute meine Eltern und Geschwister untersttzen. Dann war mein Lohn berhaupt nicht so gro, da ich htte Frau und Kinder ernhren knnen, und als ich spter etwas besser gestellt war, war ich zu alt und mute dafr sorgen, da aufs Alter auch noch etwas bleibe. Sehen Sie, das ist berhaupt ein dunkler Punkt in unserem Stand. Ein armer Bauernknecht darf, wenn er nicht leichtsinnig ist, berhaupt nicht so leicht ans Heiraten denken, und das mag auch sehr viel dazu beitragen, da gar mancher seinen Verdienst anderswo sucht als bei der Landwirtschaft. Es wird ja heutzutage sehr viel ber die Dienstbotenfrage geschrieben, und allenthalben fhrt man Klage darber, da niemand mehr gerne Bauernknecht sein wolle, und da alles nur den Stdten und den Kurorten zulaufe. Diese Klage ist ja berechtigt, aber auf der anderen Seite mu man auch bedenken, da das Los eines Knechtes oft kein beneidenswertes ist. Die Hauptarbeiten bei der Landwirtschaft wickeln sich drauen unter freiem Himmel ab; da geht es nicht anders, als da man mit Wind und Regen, mit Schnee und Klte in Berhrung kommen mu. Das wrde man gerne noch in den Kauf nehmen, obwohl es sicher ist, da bei richtiger Arbeitseinteilung auch in dieser Hinsicht die Dienstboten etwas mehr geschont werden knnten. Das Schlimmste aber ist, da bei gar vielen Bauern der arme Knecht, nachdem er den ganzen Tag bei schlimmster Witterung drauen gewesen und bis auf die Haut durchnt heimgekommen ist, oft nicht einmal Gelegenheit findet, seine Kleider zu trocknen; es wird ihm fr die Winterabende kein warmes Zimmer geboten, und nur zu oft ist ihm fr seine mden Glieder ein gar schlechtes Lager bereitet. Ich mute mich oft berzeugen, da mancher Bauer viel mehr fr sein Vieh besorgt ist als fr seine Knechte. Wenn man in dieser Beziehung Besserung schaffen wollte, wrde mancher auch lieber Bauernknecht sein. Ich konnte natrlich nicht anders, als auch dieser Ansicht des Alten beipflichten. Unterdessen war es ziemlich spt geworden. Ueber dem Talgrund lagerte sich bereits die Dmmerung; auf den schneebedeckten Zacken und Kuppeln der Berge erlosch der letzte Hauch des Abendrotes, und schon erglnzte hie und da ein Stern in mattem Licht. Die Luft war wunderbar rein und wrzig, aber es begann sich eine empfindliche Khle bemerkbar zu machen, und wir verlieen die Bank und wandten uns dem Innern der Htte zu, um unsere Schlafsttten aufzusuchen. Als ich am andern Morgen erwachte, hatte mein Wirt schon das Frhstck in Bereitschaft. Er meinte, es sei ein ordentlicher Marsch bis hinber ins Glarnerland, und da sei es gut, wenn ich mich nicht mehr lange aufhalten msse. Es ging denn auch nicht gar zu lange, bis ich zum Aufbruche bereit war. Der Alte begleitete mich ein Stck, um mir den Weg zu zeigen bis zu einer Stelle, von der aus es dann nicht so leicht war, irre zu gehen. Auf dieser Wanderung kamen wir nochmals auf die Erlebnisse meines Begleiters zu sprechen, und ich gab meinem Bedauern Ausdruck, da in unserer Fachliteratur die Dienstbotenfrage zu einseitig vom Standpunkte der Arbeitgeber behandelt werde. Es wrde gewi nichts schaden, uerte ich, wenn sich auch die Dienstboten selbst hie und da hren lieen, und gerade so eine schlichte Erzhlung aus dem Leben, wie sie mir gestern abend aus Ihrem Munde geboten wurde, drfte viel ntzlicher sein, als manche theoretische Abhandlung ber die landwirtschaftliche Arbeiterfrage. Knnten Sie nicht einmal Ihre Winterferien dazu bentzen, um Ihre Lebensgeschichte so zu Papier zu bringen, wie Sie mir dieselbe erzhlten? Lchelnd antwortete mir mein Fhrer: Um in meinen alten Tagen noch Schafhirt zu werden, dazu hatte ich Lust und Energie genug, aber zum Schriftstellern langt's nicht mehr. Meine Hand ist steif geworden, und ich wrde die Gedanken nicht mehr aneinander reihen knnen, wie es sich gehrt; hingegen erlaube ich Ihnen gerne, meine Erlebnisse zu verffentlichen, wenn Sie glauben, da das jemand von Nutzen sein knnte. Von dieser Erlaubnis habe ich nun Gebrauch gemacht und wenn Du, lieber Leser, ein Bauer bist, so denke daran, da Du selbst sehr viel dazu beitragen kannst, um die Dienstboten an Dich zu fesseln, sie brauchbarer, treuer und fleiiger zu machen. Du brauchst Dir nur stets zu vergegenwrtigen, da Deine Knechte, Mgde und Taglhner Menschen sind, die einen Anspruch haben auf eine gute Behandlung, und die dankbar sind, wenn ihnen ihre keineswegs leichten Aufgaben erleichtert werden durch mglichste Bessergestaltung ihrer Lage. Bist Du aber ein Knecht, so bedenke, da Du bei treuer Pflichterfllung in Deinem sehr ehrenhaften Stand es so gut zu einem Erfolge bringen kannst als in jedem andern. Trachte darnach, da Du im Alter auch so zufrieden auf Dein Wirken zurckblicken kannst wie der alte Schfer, von dem ich Dir erzhlt habe. [Illustration] Die Blumenliese. I. Es war an einem jener warmen, sonnenklaren Herbsttage, an welchen man so recht den eigenartigen Zauber der langsam zum Winterschlafe sich vorbereitenden Natur herausfhlt, als ein mit allerlei Hausrat beladener Wagen, von zwei krftigen Pferden gezogen, sich langsam die in mehreren Windungen nach dem Bergdorfe D. fhrende Bergstrae hinaufbewegte. Den Mbelstcken sah man es an, da ihr Besitzer nicht gerade ein reicher Mann sei; indessen deutete auch nichts darauf hin, da er sich in Verhltnissen befinde, die ihn zwngen, notwendige Haushaltungsgegenstnde entbehren zu mssen. Der sofort auffallende Unterschied der Mobilien in Bezug auf Alter, Herstellungsweise und Material, lie darauf schlieen, da viele der einzelnen Stcke nach und nach, je nach Gelegenheit und Bedarf angeschafft wurden. Es war deutlich zu erkennen, da einige Schrnke und Kommoden schon mehreren Generationen gedient hatten. Wie vorteilhaft nehmen sich doch diese schweren, harthlzernen, von ihren Erstellern scheinbar fr die Ewigkeit bestimmten Mbel gegen manche Erzeugnisse der heutigen Mbelfabrikation aus, wo alles fr das Auge berechnet ist und beim ersten rechtschaffenen Putsch aus dem Leim geht. Verschiedene Anzeichen deuteten darauf hin, da das hier seinen Wohnsitz wechselnde Ehepaar oder wenigstens die eine Hlfte davon Liebhabereien fr Blumenzucht hege. Ein ziemlich gerumiger Waschzuber, der zu oberst auf dem hochgeladenen Fuder tronte, schien ganz mit Topfpflanzen gefllt zu sein, wenigstens schauten die Bltendolden verschiedener Geranien wie verwundert in die Welt hinaus, und die schwellenden Knospen einer Monatrose hingen nickend ber den Rand des Zubers hinunter. Hinten an dem Fuder aufgehngt, baumelte ein Blumentisch aus einfachem Weidengeflecht und mit Fhrenzapfen verziert -- wohl von eigener Hand des Besitzers gefertigt. Der Hausrat gehrte dem aus D. gebrtigen Zimmermann Martin Mller, der gleich nach beendigter Lehre ins Unterland gezogen war, wo er an verschiedenen Orten gearbeitet und sich zu einem tchtigen Arbeiter ausgebildet hatte. Der lebenslustige, dabei sehr fleiige und sparsame Zimmergeselle wurde berall, wo er hinkam, gerne gesehen. Als er bei einer grern Baufirma einen gutbezahlten Palierposten erhielt, verheiratete er sich mit der Tochter eines Kleinbauern, die freilich keine groe Mitgift in die Ehe brachte, ihren Mann aber wahrhaft liebte und ber zwei gesunde Arme und einen huslichen Sinn verfgte. Zwlf glckliche Jahre hatten sie nun schon mit einander verlebt; sie waren zufrieden in ihren einfachen Verhltnissen und dankten Gott, da er sie bis jetzt vor herben Prfungen verschont hatte. Martin hatte seine Mutter schon frh verloren, und nun war vor einem halben Jahre auch sein Vater gestorben. Dieser war Maurer gewesen, der seit Jahren fr die Bewohner von D. die etwa notwendigen Reparaturen an ihren Husern ausfhrte und hie und da auch kleinere Bauten bernahm. Daneben versah er die Stelle eines Gemeindeweibels und galt berall als ein uerst fleiiger und rechtschaffener Mann. Eine alte Verwandte, die dem Weibelhannes (so wurde der alte Mller allgemein genannt) nach dem Tode seiner Frau die kleine Haushaltung gefhrt hatte, zog jetzt zu einer im Oberland wohnenden Schwester, und unser Martin erbte das kleine, mitten im Dorfe stehende Haus samt angrenzendem Baumgarten und einigen andern kleineren Grundstcken. Dieser Umstand hatte ihn bewogen, in die Heimat zurckzukehren und auf eigene Rechnung ein kleines Geschft zu grnden. Wir finden ihn heute mit seiner Familie auf dem Wege dahin. Martin ging neben dem Fuhrmann her; sie beide waren Schulkameraden und hatten einander natrlich vieles zu erzhlen, besonders Martin hatte manches zu fragen ber die heimatlichen Verhltnisse, in denen sich so manches in den vielen Jahren seiner Abwesenheit gendert hatte. Die an der Seite des Wagens dahinschreitende Mutter hatte vollauf zu tun, all die Fragen zu beantworten, die zwei Knaben im Alter von sechs und acht Jahren immerfort an sie richteten. Sie saen auf dem Kanapee, das vorn auf dem Wagen Platz gefunden, und schienen ein groes Wohlgefallen an der Fahrt zu haben. Ein zehnjhriges Tchterchen, das an der Seite der Mutter den Weg zu Fu machte, war ganz in das Anschauen der ihm fremdartig erscheinenden Berglandschaft versunken. Bald entlockte ihr der in den verschiedensten Frbungen prangende Wald, bald die den Hintergrund des Tales bildenden Bergriesen, die schon mit frischem Schnee bedeckt waren, laute Ausrufe des Entzckens; bald machte sie die Mutter auf eine sich aus dem Gebsch erhebende Ruine oder auf die oben am Bergeshang zerstreut liegenden Htten aufmerksam. Wir berlassen die vier Personen ihren Betrachtungen und wenden uns den beiden Mnnern zu, um zu lauschen, ber was sie so angelegentlich miteinander verhandeln. Ja, Ja, Martin, hub der Fuhrmann eben wieder an, Du wirst sehen, da wir jetzt ganz andere Verhltnisse in D. haben als frher, und namentlich Dir, der Du so lange abwesend warst, wird es erst recht auffallen, da die Zustnde leider nicht besser, sondern schlimmer geworden sind. Aber, erwiderte Martin, es ist mir doch, als ich beim Begrbnis meines Vaters war, aufgefallen, da viele Huser ein vorteilhafteres Aussehen haben als frher, da auch einige neue freundliche Behausungen entstanden sind, ein neues Schulhaus ist ja auch gebaut worden, und es schien mir, als ob viele Leute am Sonntag viel besser gekleidet wren als frher. Alles das deutet doch auf einen vermehrten Wohlstand hin, und der kann nicht aus so milichen Zustnden entspringen, wie Du sie mir darstellst. Freund, ich glaube, Du siehst die Sache mit einer zu schwarzen Brille an! Wenn Du aus den eben angefhrten Vernderungen, die bei uns stattgefunden haben, den Schlu ziehst, da mehr Geld vorhanden, also der Verdienst ein grerer geworden sei, so ist das im ganzen genommen richtig, obwohl damit noch lange nicht bewiesen ist, da das fr unsere Leute ohne weiteres einen Vorteil bedeute. Du weit, wie einfach es frher in unserm Dorfe zuging. Die Leute bebauten ihre Wiesen und Aecker, hatten keine andere Erwerbsquelle als die Landwirtschaft und waren gesund und zufrieden dabei. Verdiente man weniger, so brauchte man auch weniger. Man kleidete sich in selbstgesponnene und gewobene Stoffe, die freilich nicht so schn waren als die heutige Fabrikware, sich dafr aber durch viel grere Haltbarkeit auszeichneten. Nachdem man die ganze Woche tchtig geschafft hatte, freute man sich, den Sonntag als wirklichen Ruhetag feiern zu drfen. Die einzige Wirtschaft, die es damals bei uns gab, htte als solche fr sich allein gewi nicht rentiert, wenn nicht noch ein Kramladen damit verbunden gewesen wre. Am Werktag ging -- von einigen gewohnheitsmigen Schnapsern abgesehen -- niemand ins Wirtshaus, und auch an gewhnlichen Sonntagen war der Zulauf kein groer; nur an der Bsatzig*), in der Fastnacht und bei hnlichen Anlssen ging es etwas hher her. Seit nun aber auch bei uns alles darnach trachtet, in der Hotelerie und bei der Fremdenindustrie Stellung und Verdienst zu finden, ist alles anders geworden. Du wirst staunen, wenn Du im Frhling die Vlkerwanderung siehst. Die jungen ledigen Leute gehen sozusagen alle fort, und es gilt schon bald fr eine Schande, im Sommer hier bleiben zu mssen. Aber auch genug verheiratete Mnner sind den ganzen Sommer abwesend. Frauen, Kinder und Greise bilden der Hauptsache nach im Sommer die Bevlkerung unseres Dorfes. Da werden im Frhjahr vor dem Auszug die Aecker bestellt, die Wiesen gedngt, berhaupt das Notwendigste gemacht, und alle Sommerarbeit -- manchmal auch ein groer Teil der Herbstarbeiten -- den Frauen und alten Leuten berlassen. Auch die Kinder, die den ganzen Sommer keine Schule haben, mssen tchtig mit anfassen. Du kannst Dir denken, da unter solchen Verhltnissen die Landwirtschaft nicht sonderlich gehoben werden kann, weil alle Arbeiten nur notdrftig und oberflchlich gemacht werden. Aber auch die Familienbande lockern sich, und die Kindererziehung lt vieles zu wnschen brig. *) Wahl des Kreisgerichtes. Martin, der ohne Unterbrechung den Worten des Fuhrmanns zugehrt hatte, war etwas nachdenklich geworden und sagte dann: Ich wei, da Du es gut meinst, und da Deine Worte aus einem fr die Heimat besorgten Herzen kommen; aber es ntzt nun einmal alles nichts, die Zeiten lassen sich nicht ndern, was vergangen ist, kehrt nicht mehr. Das einzig Richtige ist, sich den einem ewigen Wechsel unterworfenen Verhltnissen so gut als mglich anzupassen; wer das am besten versteht, bleibt ber Wasser und wird nicht Heimweh haben nach der guten alten Zeit. Wenn es der Fremdenindustrie gelungen ist, sich emporzuschwingen, oder wenn sie wenigstens das Bestreben hat, es zu tun, so soll man sie untersttzen; denn wo diese Industrie blht, da bietet sie vielen Leuten Lebensunterhalt und Verdienst und stellt eine vortreffliche Absatzquelle fr alle landwirtschaftlichen Produkte dar. Ich glaube, da die besten Zustnde da herrschen, wo die verschiedenen Erwerbsgruppen sich gegenseitig untersttzen und ergnzen. Freilich gehe ich mit Dir einig, da es fr unsere Verhltnisse nicht zum Nutzen ist, wenn fast unsere gesamte Jungmannschaft und natrlich gerade der intelligentere Teil derselben, ganz oder zeitweise auswandert, und wenn dadurch das Bebauen der heimatlichen Scholle mangelhaft ist und berhaupt fast jeder gesunde Fortschritt gehemmt wird. Doch ich denke, da die Auswchse dieser Art von Auswanderung von selbst eingehen werden. Die gesunden Elemente unserer Bevlkerung werden einsehen, da auch manchmal das Los eines Hotelangestellten nicht ein sehr beneidenswertes ist, und da man daheim im Kreise der Familie und bei landwirtschaftlicher Bettigung ein Leben fhren kann, das weit mehr Befriedigung verschafft, als die abhngige und oft sehr aufreibende Ttigkeit in einem Hotel. Zu wnschen wre es, da einige Mnner sich unserer Landwirtschaft annehmen und an deren Hebung arbeiten wrden; das gute Beispiel wrde andere hinreien, und der Erfolg mte ein bedeutender sein. Ich sehe schon, fiel der Fuhrmann wieder ein, Du fassest alles von der leichten Seite auf, indessen mchte ich selbst nur wnschen, da Du recht behalten mchtest und alles wieder von selbst ins richtige Geleise kme. Einstweilen sind viele unserer engern Landsleute zu bedauern, hauptschlich auch deswegen, weil sie moralisch allmhlich auf abschssige Bahnen kommen. Das beweist schon das sich immer mehr entwickelnde Wirtshausleben unserer Dorfbewohner. Wo frher eine Wirtschaft kaum bestehen konnte, rentieren jetzt deren drei, wie es scheint, sehr gut. Nicht nur Wein und Branntwein wie frher, sondern auch Bier und allerlei fremde Liqueure, die man frher nicht einmal dem Namen nach kannte, werden jetzt ausgeschenkt. Das ganze gesellschaftliche Leben spielt sich jetzt im Wirtshause ab. Unsere jungen Mnner, die im Sommer abwesend sind, finden es zu langweilig, die Winterabende im Kreise ihrer Eltern und Geschwister zuzubringen; sie glauben, es fehle ihnen etwas, wenn sie einmal abends nicht im Wirtshaus gewesen sind. Sollte es einmal den Eltern einfallen, einen halberwachsenen Jungen an Sparsamkeit und Huslichkeit zu ermahnen, dann heit es gleich: Ich verdiene ja das Geld, und wenn es Euch nicht gefllt, kann ich im Winter auch fortgehen, denn ich bin mein eigener Herr und Meister und brauche mich nicht wegen jedem Glas Bier, das ich trinke, auszanken zu lassen. Aber auch viele Familienvter fhlen sich zu Hause nicht wohl; Kneipen und Spielen ist auch bei ihnen an der Tagesordnung, und wohin das alles fhren mag, kannst Du Dir leicht selbst vorstellen. Viele, die Jahresstellen haben, oder den Winter in sdlichen Gegenden verbringen, kommen etwa einmal im Jahr, oder alle drei bis vier Jahre fr einige Wochen in die Heimat, um sich zu erholen; diese drehen dann erst recht alles auf den Kopf, sie bestimmen gewhnlich schon vorher eine gewisse Summe, die whrend der Ferien verklopft werden soll. Wenn man so lange Zeit, ohne sich einmal Ruhe zu gnnen, gearbeitet und dabei viel Geld verdient habe, drfe man sich schon etwas zu gute tun, denken solche Leute; etwas msse man vom Leben doch auch haben. Da werden denn allerlei Festlichkeiten arrangiert, es gibt Blle, Ausflge, Kneipgelage und dergleichen mehr. Teils weil jeder Genu ohne passende Gesellschaft zuletzt langweilig wird, teils aus verwandtschaftlichen Rcksichten oder aus alter Freundschaft, teils aber auch aus purer Prahlerei oder Mitleid mit den armen Schluckern, die immer zu Hause bleiben und die heimatliche Scholle bebauen mssen, ergehen Einladungen an die nicht ausgewanderten oder sonst zufllig ortsanwesenden Bekannten, denen dann meistens, um nicht zu verletzen, oder um die willkommene Gelegenheit, auch einmal etwas mitmachen zu knnen, nicht unbenutzt vorber gehen zu lassen, Folge geleistet wird. Es kommt sogar hufig genug vor, da Jnglinge und Mnner von der Arbeit weg ins Wirtshaus geholt werden. Da braucht man sich nun gewi nicht zu verwundern, wenn bei den zum Hierbleiben verurteilten Handwerkern und Landwirten die Unzufriedenheit mit ihrem Geschick immer mehr sich ausbreitet, wenn bei ihnen gewisse Lste und Leidenschaften wach werden, und wenn sich viele eine Lebensweise angewhnen, die mit ihrem Beruf und ihrem Verdienst keineswegs in Einklang stehen. So hatte sich der Fuhrmann in einen wahren Eifer hineingeredet, und die Debatte zwischen den beiden Freunden wre jedenfalls noch lange nicht zu Ende gewesen, htte man sich jetzt nicht dem Dorfe genhert, welcher Umstand natrlich dem Gesprch ein Ende machte. Martin wendete sich seiner Frau und den Kindern zu, whrend der Fuhrmann vollstndig von seinem Fuhrwerk in Anspruch genommen wurde. Weil es gerade um die Mittagszeit war, als der Wagen ber die holprige Dorfstrae fuhr, hatten die Leute Gelegenheit, sich den Einzug der Mllerschen Familie mit Mue anzusehen, und diese Gelegenheit wurde auch reichlich ausgentzt. Whrend sich die Dorfjugend in der Strae aufstellte und so von ihrem Vorrecht, sich nicht genieren zu mssen, Gebrauch machte, standen die Alten unter den Haus- oder Stalltren, schauten zu den geffneten oder geschlossenen Fenstern heraus, und manche, welche sich nicht sehen lassen wollten, hatten sich hinter den Fenstervorhngen postiert. Die einen musterten mit kritischem Blick die Mbel, andere schienen sich fr die Kinder zu interessieren, whrend wieder andere die Augen nur auf die Frau und ihre Kleidung gerichtet hatten. Unterdessen hatte der Wagen seinen Bestimmungsort erreicht und hielt vor dem Hause, das fortan unsern Martin und seine Familie beherbergen sollte. Der Fuhrmann spannte die Pferde aus und zog mit ihnen ab, seiner nicht weit entfernt liegenden Behausung zu. Einige Verwandte und alte Bekannte Martins hatten sich schnell eingefunden; sie boten sich zur Hilfeleistung beim Abladen der Mbel an, und einige Frauen zeigten sich bereit, so schnell als mglich fr die leiblichen Bedrfnisse der Familie sorgen zu wollen, da alle, wie sie meinten, von dem ziemlich weiten Weg doch gewi hungrig und durstig sein mssen. Martin dankte allen fr den freundlichen Willkomm und nahm gerne die dargebotene Hilfe an; denn er meinte, es sei gut, wenn abgeladen werden knne, so lange es noch Tag sei. Fr das Essen aber sei bereits gesorgt, da der Fuhrmann sie alle schon unterwegs eingeladen habe. Er gedenke nur noch schnell seine Frau und die Kinder durch das Haus zu fhren und dann der Einladung Folge zu leisten, damit dann schnell mit dem Unterbringen des Hausrates begonnen werden knne. Elise, so hie die Gattin Martins, zeigte sich sehr erfreut, nun einmal eine gerumige Wohnung zu besitzen, in welcher man sich viel besser einrichten konnte als in den engen Mietrumen, auf die man vorher beschrnkt war. Die vom Vater ererbten Einrichtungsgegenstnde, zusammen mit den mitgebrachten Mobilien, muten eine Ausstattung geben, an welche die bescheidene Frau vorher nie hatte denken drfen. Martin durchschritt mit einer gewissen Wehmut die ihm so wohlbekannten Rume, wo alles ihn an seine Jugendzeit und an die nun heimgegangenen Eltern erinnerte. Wir berlassen es nun den Leutchen, ihr Mittagessen einzunehmen, ihre Habseligkeiten abzuladen und sich notdrftig einzurichten, und wollen unterdessen einen Rundgang durch das Dorf machen, um die herrschenden Zustnde etwas nher kennen zu lernen. D. liegt an einem Abhang nach Sden, so da es von rauhen Nordwinden vollstndig geschtzt ist. Dieser glcklichen Lage ist es jedenfalls auch zu verdanken, da trotz der bedeutenden Hhe ein ziemlich ausgedehnter Obstbau betrieben wird. Namentlich die unter der von Ost nach West sich durch das Dorf ziehenden Hauptstrae gelegenen Huser sind fast ganz in dem Obstbaumwalde versteckt. Die Wohnhuser und Stlle sind meistens mit Schindeln gedeckt und gewhren in ihrer unregelmigen Gruppierung einen pittoresken Anblick. Die Gassen und Pltze sind nicht gerade unsauber, doch machen sich auch hie und da die braunen Bchlein bemerkbar, die von den Dngersttten abflieen und wenig Sparsinn der Bauern verraten. Manche der Huser lassen es deutlich erkennen, da ihre Besitzer in der glcklichen Lage sich befinden, etwas wagen zu drfen zur Verschnerung und Verbesserung ihrer Wohnsttten. Abgesehen von dem frischen Verputz, sehen wir dort ein neues Ziegeldach, hier neue Fensterstcke mit entsprechenden Fenstern, an einem andern Hause ist sogar ein kleiner Balkon angebracht. Auch einigen greren und kleineren Neubauten begegnen wir beim Durchschreiten der Hauptstrae. Wir vermuten, da in diesen neuen und frisch renovierten Behausungen jene Glcklichen wohnen, denen es gelungen ist, fern von der Heimat, in den verschiedensten Lebensstellungen, sich ein schnes Stck Geld zu verdienen, und die nun sich teils aus dem Getriebe der groen Welt in ihr stilles Heimattal zum Ausruhen zurckgezogen, teils aber noch mitten im Strudel des Erwerbes stecken und nur hin und wieder einmal fr kurze Zeit nach D. kommen, um sich etwas zu erholen von den Anstrengungen ihres Berufes. Dieser Umstand lt uns auch begreifen, warum die Fensterlden vieler Wohnungen geschlossen sind, ein Zeichen, da diese leer stehen. Mitten im Dorfe, wo auf einem freien Platze ein Brunnen steht, der aus zwei Rhren das gerumige Brunnenbett mit klarem Quellwasser speist, steht das Gasthaus zur Post, mit dem Postbureau, Laden und einer kleinen Gaststube im Parterre. Einige Fuhrleute, die hier den Pferden eine kurze Rast gnnen, schneiden Brot in die Futtertrge, schtten etwas Hafer aus den mitgebrachten Scken dazu, um sich dann zu einem Glase Wein in die Gaststube zu begeben. Sonst ist es um diese Zeit hier ruhig und von weiteren Gsten nichts zu bemerken. Es herrscht berhaupt eine gewisse Stille im Dorfe; die Kinder sind in der Schule, die Erwachsenen aber bei dem schnen Wetter meistens auf dem Felde beschftigt. Machen also auch wir einen Gang vor das Dorf, um die Leute bei ihren Erntearbeiten zu beobachten. Wir kommen jetzt auch an der Kirche vorbei, die auf einer kleinen Anhhe liegt und mit ihrem spitzen Turm und den hohen gemalten Fenstern einen freundlichen Eindruck macht. Dicht neben der Kirche liegt das Pfarrhaus, und vor demselben finden wir den einzigen wohlgepflegten Garten, dem wir bis jetzt in D. begegnet sind. Auf einer dem Zaune entlang fhrenden Rabatte blhen feurigrote Dahlien, und gelbe und weie Winterastern beginnen ihre Bltendolden zu entfalten, gut entwickeltes Gemse harrt der Einwinterung und an der Hauswand bemerken wir schngezogene und mit Frchten vollbehangene Zwergbume. So gewhrt denn das Pfarrhaus mit seinen blank geputzten Fensterscheiben, durch welche die Blten einiger Topfgewchse zwischen den blendendweien Vorhngen herausschauen, inmitten der freundlichen Umgebung einen hchst einladenden Anblick. Zu uerst im Dorfe und nicht weit voneinander entfernt, finden wir die zwei vom Fuhrmann genannten neuen Wirtschaften, das Gasthaus zum Freihof und das Restaurant National. Der Besitzer des letzteren ist jedenfalls ein Wirt, der es mit seinem Berufe ernst nimmt und es versteht, die Gste heranzulocken und es ihnen bei ihm so angenehm als mglich zu machen. Neben dem im Chletstil erstellten Hause befindet sich eine kleine Gartenwirtschaft und eine Kegelbahn, aus der das Rollen der Kugeln und lautes Gelchter an unser Ohr dringt, als Beweis, da auch heute eine lustige Gesellschaft sich mit Kegelspiel die Zeit vertreibt. Gleich hinter den Wirtschaften liegen rechts und links von der Landstrae einige Aecker, da und dort im Wiesland zerstreut. Weil die Kartoffeln hier die wichtigste Feldfrucht ausmachen und jetzt gerade die Zeit der Ernte ist, so herrscht reges Leben auf den Feldern. Ueberall sehen wir die kleinen Bergwagen, zum Teil schon mit gefllten Scken beladen, an den Ackergrenzen stehen. Die Khe, welche als Zugtiere dienen, weiden daneben in der Wiese. Die Leute arbeiten emsig; man sieht es ihnen an, da es ihnen sehr darum zu tun ist, bei dem schnen Wetter mglichst viel auszurichten. Uns, denen die Verhltnisse fremd sind, fllt es auf, da wir so wenige Mnner an der Arbeit sehen und die ganze Arbeit der Kartoffelernte fast ausschlielich von Frauen besorgt wird. Es fllt uns aber das Gesprch zwischen Martin und dem Fuhrmann ein, und wir vermuten, da die Fremdensaison noch nicht zu Ende und die meisten der mnnlichen Bewohner infolgedessen noch abwesend seien. Die verschiedenen Aecker lassen auch auf den ersten Blick die Unterschiede in der Art und Weise der Bewirtschaftung deutlich erkennen. Whrend einige Stcke rein von Unkraut sind, zeigen sich auf andern meterhohe Stauden von Melden und andern Unkrutern, welche durch reichlichen Samenansatz dafr gesorgt haben, da auch fr ihre Verbreitung im nchsten Jahre der Grund gelegt ist. Eine Frau fand es sogar fr zweckmig, das Unkraut zuerst abzumhen, um das Ausgraben der Kartoffeln leichter vornehmen zu knnen. So ist es denn ber unsern Betrachtungen allmhlich spt geworden, der Rauch der verbrannten Kartoffelstauden vermischt sich mit der Dmmerung zu einem leichten Nebel; da und dort sieht man bereits die Khe einspannen und zum Heimweg rsten. Auch fr uns wird es Zeit, zu unserer Zimmermannsfamilie zurckzukehren, die wir in ihrem neuen Heim zurckgelassen haben. Der kurze Rundgang hat uns belehrt, da die Verhltnisse in D. im ganzen nicht besser und nicht schlimmer sind als an andern Orten, da es auch hier zu loben und zu tadeln gibt wie allerwrts. Wenn aber der Fuhrmann von Martins Habseligkeiten heute morgen der Ueberzeugung Raum gab, da die Auswanderung und das Streben nach Hotelstellen, im Umfange wie beides heute besteht, in landwirtschaftlicher und allgemein moralischer Beziehung einen ungnstigen Einflu auf die Zustnde in D. ausbe, und da dieser Uebelstand nicht ganz aufgehoben werde durch die Erhhung des Verdienstes und den Zuflu reicherer Geldquellen nach D., so mssen wir ihm ein wenig recht geben. II. Im Mllerschen Hause war alles in reger Ttigkeit, besonders Frau Elise tat sich in ihrer Eigenschaft als Hausfrau tchtig hervor. Mit sicherem Blick ordnete sie das Plazieren der verschiedenen Mbelstcke so an, da jedes Stck gleich an den richtigen Platz kam und nicht nachher alles wieder von einem Zimmer ins andere gebracht werden mute. Noch bei vollstndiger Tageshelle war alles unter Dach gebracht und die schwerste Arbeit getan. Begreiflicherweise herrschte im ganzen Hause noch eine groe Unordnung, und bis Kisten und Krbe ausgepackt und jede Kleinigkeit ihren Platz gefunden, waren noch einige Tage erforderlich. Elise lie es sich nun vor allem angelegen sein, die Kche so in den Stand zu stellen, da es ihr mglich war, selbst zu kochen und sie nicht mehr ntig hatte, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Schon beim Einpacken hatte sie auf diesen Umstand Bedacht genommen und alles so eingerichtet, da die verschiedenen Gegenstnde leicht gefunden und sofort bentzt werden konnten. Die kleine Marie ging der Mutter fleiig an die Hand, und bald stand auf dem Tisch eine krftige Mahlzeit, der dann auch -- zum erstenmal im neuen Heim -- von allen Seiten tchtig zugesprochen wurde. Als dann auch in den Schlafzimmern alles soweit in Ordnung war, da man die Betten benutzen konnte, begab sich die ganze Familie zur Ruhe. Es tauge nichts, meinte Martin, wenn man sich noch lnger abmhe; es gehe dann alles viel leichter morgen, wenn man die Nacht gut ausgeruht habe. Zudem komme man doch bei Licht mit solcher Arbeit nicht so recht vom Fleck, das gehe doppelt so schnell, wenn das Tageslicht einem helfe. So ruhig wie am ersten Tage wurde auch an den folgenden gearbeitet, bis das ganze Haus von oben bis unten in Ordnung war. Als auch die letzte Verrichtung, das Befestigen der Fenstervorhnge, beendigt war, da freuten sich Martin und Elise wie die Kinder und fhlten sich froher und glcklicher in ihrem kleinen Hause, als ein Frst in seinem Palaste. Das freundliche Aussehen, das Martins Huschen nun erhalten hatte, als auch Elisens Topfpflanzen vor den blitzblanken Fenstern ihren Platz gefunden hatten, veranlate nicht nur manchen Vorbergehenden zu kurzem Stehenbleiben und Hinaufschauen zu den heruntergrenden Blumen, welche die kurze Zeit, die ihnen der Herbst noch gewhrte, durch reiches Blhen ausntzen zu wollen schienen, sondern erregte auch -- namentlich bei einigen Nachbarinnen Elisens -- den Wunsch, einmal einen Blick hineinwerfen zu drfen in die innere Huslichkeit der Mllerschen Familie. An Vorwnden fr allerlei Besuche fehlte es nicht, und so sah sich denn Elise -- namentlich wenn Martin in seinen Geschften abwesend war -- hufig in Gesellschaft von Bewohnerinnen D's, die ihr bald in dieser, bald in jener Angelegenheit ihre Aufwartung machten. Elise lie sich durch solche Visiten in ihren huslichen Verrichtungen gewhnlich nicht stren, erteilte aber gerne Auskunft, wenn eine solche von ihr verlangt wurde und sie imstande war, eine solche zu geben. Sie mte auch keine Evastochter gewesen sein, wenn sie sich nicht gefreut htte ber das Lob, das ihr hin und wieder bei solchen Gelegenheiten gespendet wurde. Elise verdiente aber dieses Lob auch, besonders wegen ihrer Reinlichkeit und ihrem strengen Ordnungssinn, der sich auch in dem kleinsten Winkel ihres Hauses bemerkbar machte. In der Kche glnzte und blitzte alles. Auf einem Gestell, welches mit ausgezacktem Papier belegt war, war das etwas ungleiche Geschirr so geordnet, da dieser Mangel kaum bemerkbar war, wie es Elise berhaupt verstand, ihre im ganzen ja sehr einfache Einrichtung so herauszuputzen und in ein solches Licht zu stellen, da alles mehr vorstellte, als es eigentlich in Wirklichkeit war. Der kleine eiserne Herd und der Fuboden aus Steinplatten waren stets so sauber, als wenn sie gar nicht gebraucht wrden. So war es in der freundlichen Wohnstube, in den gut gelfteten Schlafzimmern und hinauf bis auf den Dachboden. Den Nachbarinnen gefiel das alles sehr wohl, wenn auch einige meinten, es sei fr gewhnliche Leute nicht notwendig, da alles so glnze, da man sich drin spiegeln knne; von dem ewigen Putzen, Wischen, Abstauben habe man nicht gegessen, das msse man den Herrenleuten berlassen, die htten Zeit und Geld fr solche unntzen Sachen. Die Elise wrde es auch bald bleiben lassen, wenn sie im Feld und im Stall herum hantieren mte; aber die habe es lange gut, sie knne den ganzen Tag in der Stube sitzen, indem das bichen Hausarbeit schnell gemacht sei. Das werde aber schon noch anders kommen, der Martin verrechne sich allweg mit seinem Verdienst; im Winter knne ein Zimmermann auch nicht jeden Tag etwas verdienen und dann werde es bei den teuren Zeiten wohl ohne den Nebenverdienst der Frau nicht ausreichen, um fnf Muler zu stopfen. Solche Redensarten bedeuteten aber nichts anderes, als eine schlechtangebrachte Verdeckung des Neides und der Unzufriedenheit mit dem eigenen Los. Manche der Frauen, die mit Elise in Berhrung kamen und sie ganz aufrichtig wegen ihrer musterhaften Ordnung und Reinlichkeit im Hauswesen lobten, lieen durchblicken, da sie das gerne auch htten, aber die Flle der landwirtschaftlichen Arbeiten, die auf ihren Schultern ruhe, lasse sie nicht dazukommen, alles so im Stande zu halten, wie sie es gerne mchten. Fremde Leute zu halten, das sei viel zu teuer, und auerdem bekomme man auch gute landwirtschaftliche Arbeiter selbst um hohen Lohn nicht mehr. Die Mnner und zum Teil auch die Tchter seien gezwungen, auswrts Verdienst zu suchen, weil das Bauern nicht mehr so rentiere, um ein gesichertes Auskommen zu haben. Da msse man sich halt nach der Decke strecken und die Verhltnisse nehmen wie sie seien. Bei Gelegenheit solcher Gesprche hielt dann auch Elise nicht hinter dem Berg mit ihren Gedanken und machte durchaus kein Hehl daraus, da ihr die Verhltnisse in D. gar nicht gefallen. Sie fhrte dann ihre Heimat als Beispiel an, indem sie auseinandersetzte, da man im Unterland auch Landwirtschaft treibe, da sie ja selbst die Tochter eines Bauern sei, aber es falle dort niemanden ein, den Frauen und Tchtern die schwerste Arbeit sozusagen allein aufzubrden; solche besorgen die Mnner schon selbst und die Frauen seien in erster Linie zur Fhrung des Hauswesens da, was dann freilich nicht ausschliee, da auch sie zu gewissen Zeiten tchtig in Feld, Wiese und Weinberg mit Hand anlegen mssen. Da unter Umstnden die Frauen auch beim Erwerb mithelfen sollen, sei ganz recht, aber man drfe nicht vergessen, da eine tchtige Hausfrau auch indirekt viel mehr verdienen knne, als man im allgemeinen annehme. Rechnet nur aus, sagte sie einmal zu zwei Nachbarinnen, mit denen sie ber diesen Gegenstand zu reden kam, wie viel mte ich der Schneiderin und dem Schneider geben, wenn ich die Kleider fr mich und die Kinder nicht selbst anfertigen knnte. Mein Vater hat nicht gesagt, da ich keine Zeit habe, als ich einen Zuschneidekurs besuchen wollte; er wute, da die Zeit gut angewandt sei. Schaut, da habe ich gerade meinem Manne ein Paar Pantoffeln gemacht, auch das habe ich in wenigen Tagen in einem Kurs gelernt. So ist es noch mit vielen Sachen, und es ist deshalb unrecht zu glauben, da ich nichts verdiene, wenn ich nicht gerade Mist fhre und Erde schaufle wie ihr andern. Mein Mann hat mir schon versprechen mssen, einen kleinen Garten anzulegen und damit hoffe ich dann viele Auslagen zu sparen, indem ich darin Gemse ziehe, so da wir das ganze Jahr genug davon haben. Wir sind an den Genu der verschiedenen Gartengemse gewhnt und haben sie als gesunde und billige Nahrungsmittel schtzen gelernt. Selbst das Putzen und Waschen trgt noch etwas ein. Die Reinlichkeit ist wie nichts anderes geeignet, den Krankheiten vorzubeugen und Seife und Brsten sind viel billiger als die hohen Doktorrechnungen. Durch gute Ordnung nutzen sich alle Dinge weniger ab, man spart also Geld und hat obendrauf weniger Arbeit, als wenn alles in Unordnung herumliegt und oft allein mit Suchen nach Dingen, die irgendwo verlegt sind, sehr viel Zeit verloren geht. Das einzige was mir vielleicht nichts einbringt, sind meine Blumen; aber ein Vergngen mu der Mensch doch auch haben. Die Pflege meiner Topfpflanzen gewhrt mir Erholung von meiner Arbeit, und weil diese Freude sehr wenig kostet, so mag man mir dieselbe wohl gnnen. Diese und hnliche Auseinandersetzungen von seite Elisens waren geeignet, die Frauen von D. zu berzeugen, da bei ihnen manches anders sein knnte, als es war, und sie begannen die Unterlnderliese -- wie man unsere Elise in D. kurzweg nannte -- zu beneiden. Es war deshalb kein Wunder, da man immer mehr von ihr sprach. Freilich hatte das keine weitere Aenderung zur Folge, als da die Unzufriedenheit bei den Frauen wuchs und die Mnner infolgedessen manchen Vorwurf zu hren bekamen ber die ungerechten Zumutungen der Mnner. Diese waren deshalb nicht gut auf Elise zu sprechen und meinten, sie wre besser im Unterland geblieben, als da herauf zu kommen und ihren Weibern die Kpfe zu verdrehen. Die Frauen glaubten zuletzt selbst, da an der Sachlage nichts zu ndern sei; sie stellten, teils um des lieben Friedens willen, teils weil ihre Neugierde ber die huslichen Verhltnisse Elisens befriedigt war, den Verkehr mit ihr nach und nach ein, und alles blieb vorerst beim alten. Elise ihrerseits hielt das Verhalten ihrer Nachbarinnen fr Hochmut. Sie hatte sich schon von Anfang an nicht aufgedrungen und wollte das auch ferner nicht tun, obwohl sie sich eine Zeitlang in dem Gedanken gefallen hatte, etwas beitragen zu knnen zur Verbesserung des harten Loses vieler Frauen von D. Die einzige Person, welche die Bestrebungen der Unterlnderliese nicht verkannte, sie vielmehr zu untersttzen trachtete, war der Pfarrer. Er war in der Gegend aufgewachsen und kannte die Verhltnisse genau. Die sozialen Uebelstnde, die nach und nach in der Talschaft eingerissen, hatte er mit schwerem Herzen bemerkt, war aber unfhig, ihnen zu steuern, da es ihm an tatkrftiger Hilfe mangelte. Es war ihm deshalb sehr willkommen, als er das schne Familienleben im Mllerschen Hause bemerkte, und er sagte sich gleich, da ein solches Beispiel nicht ohne wohlttigen Einflu bleiben knne. Als ihm Elise nun klagte, wie alle Nachbarinnen sich voll Hochmut von ihr abgewandt und ihre guten Absichten mideutet haben, da lchelte er nur und meinte, das werde schon wieder anders werden. Ein wenig sei sie vielleicht auch selbst schuld, weil sie den hier herrschenden Verhltnissen zu wenig Rechnung getragen habe. Es gehe nicht an, die hiesigen Frauen auf einmal zu Unterlnderinnen umformen zu wollen. Um Besserung erzielen zu knnen, msse man die Ursachen kennen, aus welchen die ungnstigen Zustnde entsprungen seien. Indem man dann durch gutes Beispiel zeige, da diesen mit Erfolg entgegengetreten werden knne, werde man Frauen und Mnner fr durchgreifende Reformen gewinnen. Er mchte ihr den Rat geben, mit allen Leuten freundlich zu sein, ihren Nachbarinnen gegenber nicht als Besserwisserin und Lehrmeisterin aufzutreten, und namentlich das Unterland als Beispiel ganz aus dem Spiel zu lassen. Die Verhltnisse seien dort zu verschieden im Vergleich zu den hiesigen. Die Landwirtschaft leide unter der groen Gterzerstckelung, dem allgemeinen Weidgang und andern ungnstigen Einflssen, von denen man im Unterland nichts wisse derart, da es nur zu natrlich sei, wenn andere sich bietende Erwerbsquellen bereitwillig ausgebeutet werden. Die landwirtschaftliche Lage sei zwar nicht derart, da keine Besserung mehr zu hoffen sei, im Gegenteil, es zeige sich schon Tendenz zu einer solchen; aber es brauche Zeit und Geduld und Mnner, die sich mit ganzer Kraft der Sache widmen. Vor allen Dingen gelte es, die Leute so gut als mglich an die Heimat zu fesseln, und das geschehe am besten durch die Bande der Familie. Hier msse man vor allen Dingen veredelnd eingreifen, und hier rechne er auch am meisten auf Elisens Hilfe. Martin hatte vollauf zu tun. Groe Unternehmungen waren es vorderhand freilich nicht, mit denen er sich beschftigte; denn es waren meist nur kleinere Reparaturen, mit denen man ihn betraute, und die man vielfach aufgeschoben hatte, um sie von Martin ausfhren zu lassen, weil in D. vorher kein Zimmermann ansssig war. Es waren das alles Arbeiten, die kein groes Betriebskapital erforderten und doch einen sichern Verdienst abwarfen. Das war ganz im Sinne Martins; denn er wollte nur nach und nach sein Geschft vergrern. Zufrieden und vergngt ging er seiner Arbeit nach. Die Sonntage und die nun immer lnger werdenden Abende verbrachte er in seiner Familie. Schon hie und da hatten alte Freunde versucht, ihn in diese oder jene Gesellschaft hineinzuziehen, ihn zu einem Kegelabend einzuladen, zu einem gemtlichen Ja aufzufordern oder sonst, eine Gelegenheit vorschtzend, ihn ins Wirtshaus zu ziehen; freundlich aber entschieden lehnte er jedesmal ab. Viele sahen in ihm deshalb einen erbrmlichen Pantoffelhelden, der nach der Pfeife seiner Frau tanzen msse. Weil sie keinen Sinn hatten fr das Glck einer stillen Huslichkeit und eines durch nichts getrbten Familienlebens, hielten sie die Anhnglichkeit Martins an seine Familie fr eine nicht ganz freiwillige, und whrend ihn einige bemitleideten, meinten andere, es geschehe ihm ganz recht; warum habe er diese Unterlnderin geheiratet, er htte eine aus der Talschaft nehmen knnen, dann htte er nicht ntig gehabt, innerhalb seiner vier Wnde Trbsal blasen zu mssen. Martin, dem natrlich solches Gerede auch zu Ohren kam, lchelte nur darber; ihm war es gleichgltig, was andere Leute in dieser Beziehung ber ihn dachten. Nur als es einmal einer wagte, sich ihm gegenber direkt mibilligend ber Elise zu uern, indem er sagte: Es schaut gewi nichts dabei heraus, wenn in einer Familie, die nicht reich ist, die Frau nichts als putzt und wascht, sich und die Kinder stets in frische Kleider steckt, die doch schnell wieder schmutzig werden. Das ist gut fr Herrenleute, die Geld genug haben, aber fr einen gewhnlichen Handwerker oder Bauer pat das nicht; ich wenigstens mchte es mit so einer Frau nicht machen; ich wte nicht, wo Geld genug auftreiben, wenn mein Weib, statt auf dem Feld und im Stall zu arbeiten, nur immer ans Kochen, Putzen und Waschen denken wrde, wie es die Liese tut. Da konnte er sich denn nicht enthalten, dem Manne ziemlich aufgebracht zu erwidern. Du denkst wahrscheinlich nicht daran, hub Martin seine Entgegnung an, da Du da meiner Liese die grte Lobrede gehalten hast; denn ich bin ihr z.B. sehr dankbar, da sie auf Reinlichkeit bei den Kindern hlt; ist es doch mein Stolz, da sie so gut geraten; nichts trgt mehr zum Verderbnis von Leib und Seele bei, als Schmutz und Unreinlichkeit. Gerade so ist es mit dem Schmutz auf den Bden und an den Fenstern; denn wo derselbe auf den Gerten liegen bleibt, bleibt er auch gerne im Herzen und in den Gedanken liegen; und Du so wenig wie ich, hast je durch eine schmutzige Scheibe ein frhliches Gesicht schauen sehen. Da mein Weib vollends keine Lumpen aufkommen lt, ducht mir gerade das schnste an ihr; denn ich wei nicht, ob lumpige Menschen lumpige Kleider machen oder lumpige Kleider lumpige Menschen; eines aber ist gewi, da sie stets bei einander sind. Deine Kathrine ist eine fleiige und brave Frau, der man gewi nichts nachsagen kann; aber bedauert habe ich sie schon oft, wenn ich sie schon am morgen in aller Frhe im Stall und auf dem Miststock hantieren sah, whrend Du gemtlich drben in der Post Deinen Schnaps trankst. Und dann, was meinst Du? Wie viel Seife und Brsten lieen sich bezahlen aus dem Gelde, das Du abends und Sonntags bei Spiel und Wein verbrauchst? das wrde noch so weit reichen, da Du Dir eine Huslichkeit schaffen knntest, in der es Dir weit besser als in der dumpfen Wirtsstube gefallen wrde. Schau! wenn ich an den Feierabend denke, da geht mir meine oft schwere Arbeit nochmal so gut aus den Hnden. Komme ich heim, so wartet meiner ein, wenn auch einfaches, so doch krftiges und schmackhaftes Essen. Whrend mir mein kleiner Hans die Pantoffeln bringt, holt der Franz Pfeife und Tabak, die Zeitung liegt schon parat, und wenn ich so rauchend, plaudernd oder lesend im gut durchlfteten und erwrmten Zimmer, im Kreise meiner Familie, von des Tages Mhen ausruhe, so danke ich jedesmal im Stillen meiner Liese, da sie es versteht, mir ein Heim zu bieten, mit dem kein Wirtshaus der Welt den Vergleich aushalten kann. Der auf diese Weise von Martin Zurechtgewiesene wagte nichts mehr zu entgegnen und schlich sich wie ein begossener Pudel von dannen, innerlich denkend, da der Zimmermann eigentlich recht habe, und da es einen Versuch wert sei, die erhaltenen Ermahnungen sich nicht nur zu Herzen zu nehmen, sondern sie auch zu befolgen. Mit den Arbeiten, die Martin ausfhrte, war man allgemein zufrieden. Es konnte eben leicht wahrgenommen werden, da er wute, als Handwerker nicht nur das Anrecht auf den Taglohn zu haben, sondern da ihm auch die Pflicht zukam, etwas vollwertiges dafr zu leisten. Alle Arbeit ging ihm rasch aus den Fingern, wobei aber auch beim Kleinsten auf Genauigkeit und Dauerhaftigkeit gesehen wurde. So wurde Martin mit Auftrgen berhuft, trotzdem er einen hheren Lohn verlangte, als mancher der andern Zimmerleute, mit denen man sich bis jetzt hatte behelfen mssen. Weil Martin sich nur selten einmal im Wirtshaus blicken lie, so waren diejenigen, welche einen Auftrag fr ihn hatten oder in irgend einer Angelegenheit etwas mit ihm besprechen sollten, gentigt, ihn zu Hause aufzusuchen. So kam es nun immer mehr vor, da am Abend oder an Sonntagen Leute im Mllerschen Hause vorsprachen. Merkwrdig war es dabei, zu beobachten, wie mancher, der nur das Geschftliche schnell abtun wollte, um sich dann gleich wieder zu entfernen und vor Eile kaum die Trklinke aus der Hand lie, der freundlichen Einladung zum Sitzen nicht widerstehen konnte und dann oft fr mehrere Stunden nicht ans Fortgehen dachte. Das bewirkte der eigenartige Zauber, der von der Huslichkeit Martins ausging, das freundliche Wesen Elisens und die ernsten und heiteren Gesprche Martins, der ein guter Gesellschafter war und mancherlei zu erzhlen wute. Es lt sich leicht begreifen, da da mancher sozusagen gezwungen wurde, einen Vergleich anzustellen zwischen den anheimelnden, traulichen Verhltnissen in der Familie und in dem Heim Martins und denjenigen, die in seinem Hause herrschten. Andere konnten es zuerst absolut nicht begreifen, wie sie es, ohne die mindeste Langeweile empfunden zu haben, einen ganzen Abend oder Sonntag-Nachmittag haben aushalten knnen, in Martins Stube zu sitzen, ohne Karten und ohne Bier und Wein. Der eine oder andere merkte es dann vielleicht, da er das auch in seiner Stube knnte, wenn es dort so behaglich wre, wie bei Martin, und nahm sich dann wohl vor, einmal zu probieren, ob sich nicht in seinem Haushalt hie und da etwas ndern liee. Sei dem wie ihm wolle; Tatsache ist, da nach und nach mancher gestrenge Eheherr, der noch vor wenigen Wochen seiner Frau Vorwrfe machen wollte, wenn sie der Unterlnderliese etwas nachmachen wollte, geradezu befahl, knftig mehr im Hause zu arbeiten und nachzusehen, da es dort eine bessere Ordnung gebe, dabei aus freien Stcken von der Stallarbeit etwas mehr bernahm und manchmal sogar am Abend zu Hause blieb und mit der Frau einen Ja machte, statt mit den alten Freunden drben im Wirtshaus. So begann sich ganz langsam, ohne da es eigentlich jemand gewahr wurde, ein Umschwung in D. anzubahnen, ausgehend von dem Mllerschen Hause, wo Reinlichkeit und Ordnung waltete, und wo das schnste Familienleben jene Zufriedenheit schuf, welche Eltern und Kindern aus den Augen leuchtete. III. Der Winter, der diesmal seine strenge Herrschaft auch in D. geltend gemacht hatte, begann dem Frhling zu weichen. Ein lauer Fhn, im Bunde mit den krftigen Strahlen der Mrzsonne, hatte die mchtigen Schneemassen schon ein gutes Stck den Hang hinauf zum Schmelzen gebracht. Die Wiesen ob dem Dorfe begannen sich mit zartem Grn zu bedecken, in den Baumgrten blhten die Maliebchen, und hie und da begann schon eine vorwitzige Primel ihre gelben Blten zu entfalten. Die Zeit rckte allgemach heran, wo die Landwirte wieder ihre Arbeit drauen in Feld und Wiese aufnehmen konnten. Unsere Liese freute sich, da auch sie bald wieder hie und da das Haus verlassen und ihre Gartenarbeit aufnehmen knne. Schon im Herbst hatte Martin neben dem Haus zwei groe, aber altersschwache Birnbume gefllt und so einen freien und sehr gnstig gelegenen Platz fr einen kleinen Hausgarten gewonnen. Ebenfalls schon vor Anbruch des Winters wurde die Erde gut umgearbeitet und mit Dnger durchsetzt. Es hatte dann auch Tage gegeben, an welchen Martin seiner gewohnten Arbeit nicht nachgehen konnte; da wurde dann Holz vorbereitet fr einen Gartenzaun und ein Gartenhuschen, welche jetzt beide beinahe vollstndig erstellt waren. Liese hatte an einer Gerllhalde unweit vom Dorfe geeignete Steine entdeckt, die fr die Wegeinfassungen paten; diese wurden jetzt mit dem Handwagen unter Beihilfe der Kinder herbeigefahren und den Wegen entlang so aufrecht eingegraben, da die Erde nicht in die Wege hinausfallen konnte. Dann holte Elise auch noch Sand, den der Bergbach hie und da an seinen Ufern ablagerte, um die Wege etwa fnf Centimeter hoch damit zu bedecken. Die Einteilung des Gartens war hchst einfach ausgefhrt. Rings um den Garten herum, sowohl dem Zaune, als dem Hause entlang wurde eine Rabatte angelegt, die 80Centimeter breit war; auf dieser sollten gegen den Zaun hin allerlei Beerenstrucher Platz finden. Die am Hause gelegene Rabatte, welche sehr geschtzt und sonnig gelegen war, wollte Elise im Frhjahr teils als Anzuchtsbeet fr frhe Setzlinge, teils zur zeitigen Aussaat von Schnittsalat, Kresse, Radieschen u.s.w. bentzen. Ein Mittelweg, der von der hintern Haustre zum Gartenhuschen fhrte, teilte den Garten in zwei Hlften, whrend ein anderer, etwas schmlerer, rings herum fhrte und die Rabatte von den beiden Quartieren trennte. Die notwendigen Smereien hatte Liese schon beizeiten aus einer greren Samenhandlung kommen lassen, und als nun die Erde etwas abgetrocknet und sonst alles vorbereitet war, ging es an das Umgraben und Ausebnen des Bodens; es wurden Beete abgeteilt und solche Gemse ausgest, die von der Klte nicht so schnell leiden. Die Kinder muten bei dieser Arbeit helfen, und bald lag der Garten in schnster Ordnung da. Die Sicherheit, mit welcher unserer Liese diese Verrichtungen durch die Hand gingen, lie leicht erkennen, da sie mit den Gartenarbeiten vertraut war. Sie hatte auch in der Tat schon als kleines Mdchen von der Mutter Anregung zu allerlei leichten Beschftigungen im Garten erhalten, und als sie dann spter an einem Gemsebaukurs teilgenommen hatte, wurde ihr der Garten sozusagen ganz allein zur Besorgung bertragen. Auch nach ihrer Verheiratung verfgte sie ber einen kleinen Hausgarten, wo sie dann erst recht nach ihrem eigenen Willen schalten und walten konnte. Ihr Grtchen war denn auch immer ein wahres Schmuckstck gewesen; denn sie hatte nicht nur immer die schnsten Gemse gehabt, sondern auch ihre Blumenrabatten hatten manchen der Vorbergehenden gezwungen, stehen zu bleiben und einen bewundernden Blick ber den Zaun zu werfen. Hier in D. hoffte sie nun, noch bessere Erfolge mit dem Garten zu erzielen; hatte sie ja doch schon bei der Anlage auf alles ihr Wnschenswerte Rcksicht nehmen knnen; auch war der Garten ihr Eigentum und sie brauchte also nicht zu befrchten, denselben nach einiger Zeit wieder andern Hnden bergeben zu mssen. Freilich wute Liese wohl, da nicht alles, was sie aus ihrem Garten zu machen gedachte, gleich im ersten Jahre mglich war. Sie wollte sich auch gerne mit manchem gedulden und zufrieden sein, wenn sie es nur soweit brachte, da der Garten so viel Gemse hervorbrachte, als sie fr ihre Familie das ganze Jahr ber notwendig hatte. Martin und seine Familie waren so an den Genu von Gemse gewhnt, da sie kaum erwarten konnten, bis die erste Kresse geschnitten werden konnte, und als Liese an einem Sonntag die ersten Radieschen auf den Tisch brachte, da gab es besonders bei den Kindern groen Jubel. Der neue Garten und besonders das Gartenhuschen beim Mllerschen Hause hatte in D. wieder viel zu reden gegeben. Da sich der Pfarrer mit solchen Sachen abgab, das war weiter nicht aufgefallen. Immer konnte er doch nicht innerhalb seiner vier Wnde sitzen, und wenn er also zum Zeitvertreib sich im Garten beschftigte, so konnte man ihm diese Liebhaberei wohl verzeihen. Er msse ja auch nicht streng arbeiten -- hie es -- und da schade es ihm nichts, wenn er zur Abwechslung von seinem Grnzeug esse. Spare er damit etwas an seiner Lebenshaltung, so sei das fr alle gut, weil es ihm dann viel weniger in den Sinn komme, auf eine Gehaltserhhung bei der Gemeinde zu dringen. Mit ganz andern Augen verfolgte man hingegen die Bestrebungen von Martin und Liese. Da ein einfacher Zimmermann, von dem man wute, da er nicht reich war, sich den Luxus erlaubte, einen Garten anzulegen und sogar eine Laube zu erstellen, das konnte niemand recht begreifen. Man glaubte in D. allgemein, da Martin weit ber seine Mittel hinausgehe. Wenn er bis jetzt auch einen guten Verdienst gehabt habe und Anzeichen vorhanden seien, da derselbe nicht so bald nachlasse, so drfe er doch nicht gleich daran denken, es den Herrenleuten nachmachen zu wollen und alles aufs feinste einzurichten. Wenn das sein Vater selig wte, wie jetzt mit dem ererbten Heimwesen umgegangen wird! meinte einer. Was war doch der Weibelhannes fr ein einfacher Mann! Nie hat er einen Rappen umsonst ausgegeben, und kaum hat nun der Martin sich ins warme Nest gesetzt, so ist ihm auch nichts mehr gut genug; er tut gerade, als wenn er in der Fremde Wunder was verdient oder erheiratet htte, whrend man doch gesehen hat, da es mitunter auch recht alter Plunder war, den er mitbrachte, so da er recht froh sein konnte, da der grte Teil der Mbel vom Vater auch noch da war. Ich wette, meinte ein anderer, da Martin auch anders wre, wenn ihm die Unterlnderliese nicht ganz den Kopf verdreht htte. Sie will jetzt einmal ihren Garten haben und dabei bleibt's! Aber, was gilt's, dem Martin werden schon die Augen aufgehen, wenn ihm erst einmal all das Kraut aufgetischt wird, das die Liese in ihrem Garten grozieht! Grnfutter ist gut frs liebe Vieh; aber um die Arbeit eines Zimmermanns verrichten zu knnen, mu einer etwas anderes als Salat und Spinat im Magen haben. Wie es immer in der Welt zu gehen pflegt, da man das Alte ob dem Neuen vergit, so ging es auch hier. Als die Gartenangelegenheit und die vermeintliche Verschwendungssucht Martins gengend breitgeschlagen und durchgeklatscht war, begann man sich allmhlich zu beruhigen. Die Arbeiten in Feld und Wiese wurden auch immer dringender, und bald ging jedermann an dem neuen Zaune vorber, ohne etwas besonderes zu denken, ja einige Frauen begannen sich schon hie und da fr die so regelmig aufgehenden Saaten zu interessieren. Bald rckte wieder die Zeit des allgemeinen Auszuges heran; der grte Teil der jungen Mnner, der Jnglinge und erwachsenen Tchter traten ihre gewohnten Saisonstellen an, und es wurde sehr ruhig in D. Martin hatte fr zwei Neubauten die Zimmerarbeit bernommen, und es fehlte ihm deshalb nicht an Beschftigung. Neben den Hausarbeiten besorgte Liese die zwei kleinen Aecker, die sie mit Kartoffeln bepflanzt hatte, oder sie hatte im Garten irgend eine Verrichtung; war sie aber mit allem fertig, so sa sie in der Laube bei irgend einer Nharbeit. Die Kinder, welche jetzt im Sommer nicht mehr den ganzen Tag in der Schule zubringen muten, halfen, wo sie konnten, nach Krften mit. Die beiden Knaben zogen wohl auch mit einem leichten Wagen auf die Landstrae hinaus, um Mist zu sammeln, der dann an geeigneter Stelle zusammen mit allerlei Abfllen auf einen Haufen geschttet wurde und Kompost fr den Garten liefern sollte. Das gab den Leuten wieder frischen Stoff zu allerlei Gerede, und mnniglich bemitleidete die armen Buben, welche stets barfig waren, und wie es schien, mit dem grten Vergngen dem Geschfte des Dngersammelns nachgingen. In D. war es nie der Brauch gewesen, barfu zu gehen, und selbst die kleinen Kinder trugen auch im Hochsommer Schuhe und Strmpfe; deshalb fiel es auf, da Liese ihre Kinder barfu laufen lie, und gleich hie es: Da sieht man es. Zu Hause ein solcher Luxus, und dabei haben die Kinder nicht einmal Schuhe, und sogar Mist mssen sie zusammenlesen. Es ist also bei Mllers doch nicht alles Gold, was glnzt, sonst mten sie nicht am Notwendigsten sparen. Elise, der wohl hie und da von solchen abflligen Redensarten etwas zu Ohren kam, kehrte sich nicht im mindesten daran. Sie merkte es an den roten Backen der Kinder, da ihnen das Barfugehen nicht schade. Mit Freuden sah sie auch ihren Komposthaufen zu immer greren Dimensionen anwachsen. Sie betrachtete ihn als eine Sparbchse, gespeist mit Kapitalien, die sonst nutzlos auf der Strae zugrunde gehen wrden. Die Gemse in Lieses Garten standen prachtvoll, und als erst die verschiedenen Sommerblumen auf den Rabatten zu blhen begannen, da dachten sogar einige der Nachbarinnen, da so ein Grtchen doch unter Umstnden eine angenehme Sache sei. Die eine oder andere der Frauen blieb hie und da am Zaune stehen, wenn Elise im Garten arbeitete, und hatte bald dieses, bald jenes zu fragen. Besonders suchten sie in Erfahrung zu bringen, wie dem Martin die Gemsekost munde, und erstaunten nicht wenig, als sie hrten, da er sich ja lngst daran gewhnt habe, und ohne Gemse gar nicht mehr sein knnte. Freilich, erklrte ihnen Elise, mssen alle Gemse auch gut und schmackhaft zubereitet werden, das sei gerade so notwendig als die richtige Kultur im Garten selbst. Sie rief auch manchmal diese oder jene der Frauen in die Kche, machte sie mit der Art und Weise des Kochens der Gartengewchse bekannt oder lie sie die fertigen Gerichte probieren. Sie zeigte ihnen auch, wie sie Gemse in Glser einmache, um auch Vorrte fr den Winter zu haben. Bald sahen denn auch die Nachbarinnen die Gartenkunst Elisens mit ganz andern Augen an, und manche begann, sich auch einen kleinen Garten zu wnschen. Indessen waren es nicht nur Lieses Nachbarinnen, welche der Sache Interesse abgewannen, sondern auch in weiteren Kreisen wurde man auf das schmucke Grtchen und seine Produkte aufmerksam. Als einst ein Hotelbesitzer aus dem benachbarten Kurort F. mit seinem Wagen durch D. fuhr und in der Post einkehrte, bewunderte er die gut entwickelten Gemse in dem Mllerschen Hausgarten und fragte gleich bei Elise an, ob sie nicht gewillt sei, ihm von ihren Gartenerzeugnissen etwas zu verkaufen; er sei bereit, gute Preise zu bezahlen, da es stets an frischen Gemsen mangle. Er sehe sich gentigt, seinen ganzen Bedarf kommen zu lassen, und msse da oft mit ganz minderwertiger Ware vorlieb nehmen. Sie bedeutete ihm, da sie leider zum Verkauf nicht eingerichtet sei; da sie aber ein anderes Jahr leicht auf einem Acker Gemse bauen knne, und wenn er ihr Aussichten auf Absatz erffne, so werde sie das auch ausfhren. Der Herr war damit ganz einverstanden, und nachdem ihn Liese noch mit einem hbschen Blumenstraue beschenkt hatte, fuhr er von dannen. Es braucht wohl nicht besonders bemerkt zu werden, da Elise ob den andern Arbeiten ihre Topfpflanzen nicht verga. Als sie im Frhjahr einmal in der Stadt war, hatte sie beim Grtner noch einige junge Pflanzen von leicht zu kultivierenden Arten gekauft; diese gediehen jetzt prchtig und blhten zum Teil schon. Der Pfarrer hatte ihr einige Ableger von jenen groblumigen Nelken geschenkt, die man im Kanton Graubnden in einigen Talschaften in oft prachtvollen Exemplaren bewundern kann. Diese bildeten nun ihren besondern Stolz, da sie schon im Unterland von diesen Riesennelken gehrt, nie aber welche gesehen hatte. Elise besa schon vorher einige hbsche, wenn auch kleinblumige Topfnelkenarten, und so konnte sie jetzt zwei Fenster gegen die Strae, wo die Sonne nicht so hei hinbrannte, mit ihren Nelkenstcken dekorieren. Diese Nelken bildeten nun einen besonderen Gegenstand ihrer Pflege; denn sie hatte von jeher eine groe Liebhaberei fr diese Blumen gehabt. Als dann aber die Bltezeit herannahte, sah sie sich auch reichlich fr alle Mhe entschdigt. Die Pflanzen waren in Laub und Blte wunderbar gut entwickelt, und weit herum waren keine solchen Nelken zu sehen. Da geschah es eines Tages, da eine reiche Familie aus Deutschland nach D. kam. Sie wollte nach F. reisen, es war aber unterwegs etwas an dem Wagen gebrochen, und somit gab es hier einen unfreiwilligen Aufenthalt, bis der Schaden wieder gut gemacht war. Nachdem die Fremden im Gasthaus eine Erfrischung genommen hatten, machten sie einen Spaziergang durch das Dorf und entdeckten dabei gar bald Elisens Nelkenstcke. Ganz verwundert blieben sie unter den Fenstern stehen; denn solche Nelken hatten sie noch nie gesehen. Die junge Frau uerte denn auch sofort den Wunsch, eine solche Pflanze zu kaufen, um sie mit nach Deutschland zu nehmen. Elise war gerade in der Kche mit Konservieren von Gemse beschftigt und erstaunte nicht wenig, als die Herrschaft bei ihr eintrat; fast noch mehr erstaunt aber war sie, als sie hrte, da sie einen ihrer Nelkenstcke verkaufen sollte. Ganz unumwunden erklrte sie denn auch, da sie diese Nelken nicht zum Verkaufen, sondern aus eigener Liebhaberei gezogen habe. Das half indessen nicht viel, der Herr, welcher den Wunsch seiner Frau zu dem seinigen gemacht hatte, fuhr fort zu bitten; er versprach, gerne jeden verlangten Preis zu bezahlen und offerierte, als Liese noch zgerte, 15Fr. fr eine der groblumigen Pflanzen. Als Elise diesen Preis nennen hrte, meinte sie doch, es wre eine Snde, eine solche Einnahme von der Hand zu weisen. Sie willigte also in den Handel ein und erlaubte der Dame, unter smtlichen Pflanzen diejenige auszuwhlen, welche ihr am besten gefalle. So war denn die Sache zur allgemeinen Zufriedenheit geregelt, und whrend der Nelkenstock verpackt wurde, ermunterte die fremde Dame Elise, nur mglichst viele solcher Nelkenpflanzen zu ziehen, an Absatz werde es ihr gewi nicht fehlen. Der Herr war der gleichen Meinung und versprach, einen ihm bekannten Blumenhndler in F. auf diese prachtvollen Blumen aufmerksam zu machen. Es sei ja gar nicht ausgeschlossen, da dieser dann auch allerlei andere Blumen in D. ziehen lasse, sobald sich Elise nur entschlieen knne, einen solchen Auftrag zu bernehmen. Diese dankte ihren Gnnern fr das bewiesene Wohlwollen und versprach, die Sache berlegen zu wollen; es sei ihr selbst auch schon durch den Sinn gefahren, ob sie vielleicht nicht imstande wre, mit Gemse- und Blumenzucht ein hbsches Stck Geld zu verdienen. Sie erzhlte dann von dem Besuch des fremden Hotelbesitzers und wie sie darauf den Vorsatz gefat habe, nchstes Frhjahr mit der Zucht von Gemsen zum Verkauf beginnen zu wollen. Nun ihr auch Aussicht gemacht sei, Blumen und namentlich Nelken gut verkaufen zu knnen, so wrde es vielleicht nicht schaden, auch damit einen Versuch zu wagen. Nachdem die Fremden versprochen hatten, Elise im nchsten Sommer wieder zu besuchen, nahmen sie Abschied, und der kleine Hans trug ihnen den gekauften Nelkenstock noch bis zum Wagen. Martin war nicht recht einverstanden, als Elise ihm ihren Plan mitteilte, im kommenden Jahr einen kleinen Gemseversand einrichten zu wollen. Er meinte, das verursache im Verhltnis zur Einnahme viel zu viel Arbeit, und es sei ja nicht notwendig, da sich Liese ber Gebhr anstrenge wegen einigen Franken, die vielleicht damit zu verdienen seien. Im Geheimen mochte er wohl Angst haben, da Elise die Hausgeschfte vernachlssige, wenn die vermehrte Gartenarbeit auf sie einstrme, und denken, da es dann um die Gemtlichkeit in seinem Hause geschehen sei. Sobald deshalb Elise auf diesen Gegenstand zu sprechen kam, gab er ausweichende Antworten und suchte das Gesprch auf etwas anderes zu bringen. Als ihm nun aber Elise die 15Fr. fr die Topfnelke aufzhlte, da meinte er nun doch: Ja, wenn solche Preise die Regel wren, wrde ich Dir selbst raten, die Sache in etwas grerem Mastabe zu probieren. Ueberhaupt glaube ich, da bei der Blumenzucht mehr herausschauen drfte, als beim Gemsebau. Aber schau Martin, entgegnete Elise, ich kann ganz gut das eine tun und das andere nicht lassen. Manche Flickerei und andere Handarbeiten kann ich ganz gut auf den Winter versparen. Dann mut Du bedenken, da die Kinder grer werden und manches zu helfen imstande sind. Auch wirst Du verstehen, da ich mich mit keinem Gedanken mit der ganzen Angelegenheit befassen wrde, wenn ich denken mte, deswegen auch nur das Kleinste der notwendigen Hausgeschfte vernachlssigen zu mssen. So ward denn der Widerstand Martins gebrochen, und es wurde endgltig der Beschlu gefat, nchstes Jahr regelrechten Gartenbau zu treiben und den Verkauf der erzielten Produkte an die Hand zu nehmen. IV. Der zweite Winter war fr die Familie Mller wieder so ruhig verlaufen wie der erste. Liese hatte in verschiedener Beziehung aufs kommende Jahr vorgearbeitet. Frs erste hatte sie sich mit allerlei Nharbeiten, mit Strmpfestricken und dergleichen derart beflissen, da sie sich damit im Sommer -- von etwa ntig werdenden Ausbesserungen abgesehen -- nicht zu befassen brauchte. Dann hatte sie auch schon fr das notwendige Packmaterial gesorgt. Ein Korbmacher erbot sich, allerlei grere und kleinere Krbe jetzt billiger zu liefern als im Sommer. Im Laden hatte sie passende Kistchen fr den Blumenversand erstanden, und auch gebrauchte Packleinwand zum Uebernhen der Gemsekrbe erhielt sie dort fr billiges Geld. Auch Martin war in seiner freien Zeit fr das Gartengeschft ttig. Im Herbst schon hatte er an einer geschtzten Stelle im Garten einen Frhbeetkasten angebracht, denselben mit guter Erde gefllt und gegen Frost gut bedeckt. Nun arbeitete er an den Fenstern und bald gingen sie ihrer Vollendung entgegen. Aus Gipslttchen wurden Schattengitter hergestellt, welche bei Aussaaten ins Frhbeet die grellen Sonnenstrahlen fernhalten sollten. Selbst einige Dutzend Ansteckhlzer zum Bezeichnen der verschiedenen Sorten hatte er an einigen der langen Winterabende angefertigt. So lag denn alles bereit, um beim ersten Frhlingszeichen mit dem Aussen beginnen zu knnen. Der Winter war dieses Mal ungewhnlich streng und schneereich gewesen; als aber Ende Februar die Sonne schon ziemliche Kraft entfaltete, glaubte Liese nicht mehr lnger warten zu drfen. Sie deckte den Kasten ab, lockerte die Erde und legte die Fenster auf. Als dann nach einigen Tagen die Erde abgetrocknet war, sete sie Sellerie, Lauch, Salat, Blumenkohl, Wirsing und berhaupt allerlei Setzlinge, welche sie frh haben wollte. So folgten dann in kurzen Abstnden mehrere Aussaaten aufeinander, und als im Mrz die Sonne und der Fhn den Schnee hinweggeschmolzen hatten, konnten die Arbeiten auch im freien Lande beginnen. Die Setzlinge im Frhbeet waren schnell auch zum Auspflanzen gro genug, und bald prangte der Garten wieder im schnsten Grn. Aber nicht nur im Garten, sondern auch auf dem Acker, wo Liese namentlich solche Gemse gepflanzt und gest hatte, welche einer weniger sorgfltigen Kultur bedurften, versprach es einen guten Ertrag zu geben. War also in Bezug auf die Gemse alles in bester Ordnung, so berechtigten die Blumen nicht weniger zu den besten Hoffnungen. Weil Liese im Herbst ihre Nelken so stark als nur mglich durch Stecklinge und Ableger vermehrt hatte, so besa sie jetzt ber hundert Stck, die mehr oder weniger Bltenstengel getrieben hatten. Da an den Fenstern natrlich nicht fr so viele Pflanzen Platz war, so hatte Martin an einer halbschattigen Hauswand ein Gestell angebracht, auf welchem nun die in grere und kleinere Holzkistchen gepflanzten Nelken Aufstellung fanden. Im Garten befanden sich noch einige hundert Nelkenpflanzen, die Liese aus Samen gezogen hatte, und die nun hauptschlich billigere Schnittblumen liefern sollten. Liese hatte einstweilen davon abgesehen, andere Blumen zum Verkauf zu ziehen; denn erstens wollte sie nicht zu viel auf einmal beginnen, und zweitens hatte ihr der Blumenhndler keine sehr verlockenden Preise in Aussicht gestellt. Als Ende Juni die Fremdensaison allmhlich in Gang kam, konnte endlich der Versand der Gemse beginnen, und bald gingen auch die ersten Kistchen mit abgeschnittenen Nelken nach F. ab. Es ist natrlich, da sich das ganze Geschft nur in sehr kleinem Rahmen bewegte; waren es ja nur zwei Kunden, an welche Liese ihre Produkte lieferte, nmlich der Hotelbesitzer, welcher voriges Jahr die erste Aufmunterung zum Gemseversand gegeben, und der Blumenhndler, welchem der deutsche Kurgast Liese empfohlen hatte. Aber selbst diesen beiden konnte nicht genug geliefert werden. Die Art und Weise, wie sich der Versand vollzog war sehr einfach. Liese machte wchentlich zwei Sendungen, bald grere, bald kleinere, je nachdem, was sie gerade abzugeben hatte. Sie brauchte also nicht auf Bestellungen zu warten, weil ihre Abnehmer alles verwenden konnten, sobald es nur schne, vollwertige Ware war. Daran lie es nun Liese freilich nicht fehlen; denn sie handelte nach dem Grundsatz, fr ihre Kundschaft sei das Beste gerade gut genug. Fr alles, was nicht von erster Qualitt war, hatte sie im eigenen Haushalt ja gute Verwendung, und sie kam schon deswegen nicht in Versuchung, ihr Absatzgebiet durch unreelle Lieferung zu verscherzen. Gerade der gewissenhaften und pnktlichen Bedienung war es zuzuschreiben, da Liese fr ihre Produkte einen schnen Preis erzielte. Trotz des verhltnismig kleinen Quantums, das sie absetzen konnte, hatte sie doch bis zum Herbst eine ganz hbsche Einnahme erzielt -- die Nelkenblumen allein brachten ihr einen Erls von ber hundert Franken. Nun lachte auch niemand mehr in D. ber Lieses Liebhaberei fr den Gartenbau; alles mute vielmehr lobend anerkennen, da sie es verstanden hatte, nicht nur notwendige Lebensmittel fr den eigenen Haushalt zu pflanzen und mit ihren Blumen ihr Heim zu verschnern, sondern Gemse- und Blumenzucht auch zu einer ergiebigen Einnahmsquelle zu gestalten. Weil man Liese fast nie anders sah als im Garten oder mit ihren Blumen beschftigt, so nannte man sie jetzt nur die Blumenliese, und diesen Namen behielt sie fortan, weshalb auch wir sie nur noch so nennen wollen. Hatten schon im vorigen Sommer einige Frauen den Wunsch gehegt, gleich wie die Blumenliese ein Grtchen zu haben, so nahmen jetzt solche Wnsche eine bestimmtere Gestalt an. Man hoffte jetzt eher auf die Einwilligung der Mnner, wo man ihnen nun doch schlagend beweisen konnte, da ein Garten nicht einfach als ein Luxus zu bezeichnen sei, wie man bisher angenommen habe. Einige der Mnner kamen denn wirklich auch den Frauen schon auf halbem Wege entgegen; denn auch sie waren hingerissen von den Erfolgen der Blumenliese. Wenn die Anlage von verschiedenen Grten nicht sofort an die Hand genommen wurde, so hatte das seinen Grund nur darin, da niemand etwas von der Sache verstand. Man bestrmte deshalb die Blumenliese von allen Seiten mit den verschiedensten Fragen und Auskunftsbegehren. Diese freute sich natrlich, da es ihr so schnell gelungen, die Leute fr den Gartenbau zu begeistern, und lie es an gutem Rat nie fehlen, wo solcher verlangt wurde. Indessen sah sie ein und uerte sich gelegentlich darber, da es gewi nicht gut werde, wenn jetzt alles ber Hals und Kopf planlos sich auf den Gartenbau strze, in der Meinung, damit in einigen Jahren reich zu werden; man sollte sich doch vorerst die allerntigsten Kenntnisse verschaffen und erst auf Grund derselben zielbewut vorgehen. Der Pfarrer war auch der gleichen Ansicht; er dachte, es msse etwas geschehen, um einerseits die gegenwrtige Begeisterung nicht unbentzt vorbergehen zu lassen, anderseits aber die Leute vor einem Mierfolg zu bewahren. Er beriet sich zu diesem Zweck mit einem der Lehrer, von dem er wute, da er ebenfalls ein Gartenfreund sei, und dieser meinte, es wre am besten, in D. einen Gemsebaukurs abhalten zu lassen, an welchem dann die Leute Gelegenheit htten, sich ber die verschiedenen Fragen klar zu werden und sich grundlegende Kenntnisse zu erwerben, auf denen sie dann ihre Praxis aufzubauen imstande wren. Er selbst wolle sich der Sache annehmen, eine Versammlung im Schulhause einberufen und sehen, was sich dann weiter tun lasse. Eine solche Versammlung fand dann auch richtig statt, und es ergab sich, da eine gengende Anzahl von Frauen und Tchtern -- sogar einige Mnner hatten sich angemeldet -- bereit waren, an einem Gartenbaukurs teilzunehmen. Der betreffende Lehrer stellte dann im Namen der Angemeldeten bei der Regierung das Gesuch um Bewilligung eines solchen Kurses, welchem Ansuchen auch gerne entsprochen wurde. Damit war die Angelegenheit einstweilen geregelt und in die richtige Bahn geleitet. Als im Frhjahr die gnstige Zeit herangerckt war, erschien der von der Regierung bestimmte Kursleiter und begann seine Unterweisungen. Er zeigte den Teilnehmern nicht nur, wie man einen Garten anlegen solle, wie man den Boden bearbeite, ihn verbessere und dnge, wie man sen und pflanzen solle, sondern wies auch auf die eigenartigen Verhltnisse in D. hin, Belehrungen anknpfend, wie man dieselben am geeignetsten ausntzen knne. Er hob besonders hervor, da es in erster Linie gelte, fr die eigenen Bedrfnisse zu sorgen. An den Verkauf knne man erst denken, wenn man durch die Praxis die notwendige Routine erworben habe, welche erforderlich sei, um Gemse erster Qualitt zu ziehen; denn nur mit solchen knne der Verkauf andauernden Erfolg haben. Die Aussichten, da D. Hauptproduktionsgebiet von Gemsen fr die benachbarten Kurorte werden knne, seien vorhanden. Indessen drfe man nicht meinen, da es sofort alle der Blumenliese gleichtun knnen. Sobald eben mehrere die Sache einander nachmachen, gebe es Konkurrenz; die Preise werden heruntergetrieben, und in einigen Jahren finde alles, da sich in hiesiger Gegend der Gemsebau nicht rentiere. Der Gemsebau zum Verkauf knne, so wie die Verhltnisse liegen, nur dann ein befriedigendes Resultat zeitigen, wenn der Handel richtig organisiert werde, d.h. wenn man ihn genossenschaftlich betreibe. Diese Einrichtung ermgliche es allein, erstens hohe Preise zu erzielen, zweitens groe Quantitten liefern zu knnen und drittens auch dem kleinsten Gartenbesitzer die Mglichkeit zu bieten, sich am Verkaufe zu beteiligen. Solche und hnliche Belehrungen waren geeignet, die Teilnehmer fr die Sache zu begeistern. Mit ganz andern Begriffen konnten sie jetzt, als der Kurs beendigt war, die Anlage ihrer Grten an die Hand nehmen. Soweit war nun alles so ziemlich im richtigen Geleise. In den neuen Grtchen keimte und grnte es, da es eine Freude war. Da und dort war schon der Spinat zum Schneiden gro genug, hie und da sah man schon ziemlich entwickelte Salatkpfe, und in einem Garten streckten schon die Erbsen ihre jungen Schtchen aus den abwelkenden Blten hervor. Bald kam also der Zeitpunkt, wo man neben Fleisch und Kartoffeln auch etwas Grnes auf den Tisch stellen konnte. Die meisten der glcklichen Gartenbesitzerinnen sahen mit einiger Sorge diesem Ereignis entgegen; denn erstens beschlich manche ein banges Gefhl, wenn sie an die Zubereitung der Gemse dachte. Andere aber fragten sich: Was werden wohl die Mnner dazu sagen? Diese Sorgen waren berechtigt; denn weil Gemse in den meisten Haushaltungen in D. etwas neues waren, so hatten die Hausfrauen und Tchter bis jetzt auch keine Gelegenheit gehabt, sich im Kochen der Gemse zu ben. Den Mnnern aber steckte der Erfolg im Kopfe, den die Blumenliese mit dem Verkauf ihrer Gemse erzielte. Als es aber hie, man msse vorlufig im eigenen Haushalt den Genu der Gemse einfhren, da waren sie unzufrieden, und gerade die lteren Mnner, welche im Sommer daheim geblieben, waren sehr hartnckig; denn sie wollten sich in ihren alten Tagen nicht mehr an das Grnfutter gewhnen, wie sie das Gemse verchtlich nannten. Es ging indessen alles viel besser als man meinte. Die Blumenliese mute mit ihren Ratschlgen und Rezepten den mangelnden Kenntnissen in der Kochkunst nachhelfen, und als dann Erbsen, Spinat, Kohlrabi u.s.w. richtig zubereitet auf dem Tisch erschienen, da probierten aus purer Neugierde auch die Mnner die bisher unbekannten Speisen, fanden sie zuerst leidlich, dann gut, und hatten bald nichts mehr dagegen einzuwenden, ein Zeichen, da sie sich schnell daran gewhnt hatten. Indessen konnte schon wider Erwarten in diesem ersten Jahre von mancher der neugebackenen Grtnerinnen ziemlich viel verkauft werden. Die Blumenliese wurde nmlich mit Bestellungen berhuft und um manchmal einen guten Auftrag nicht zurckweisen zu mssen, kaufte sie da und dort schne Gemse zusammen und leitete so einen allgemeinen Gemseexport aus D. ein. Der Gemsebau, den die Blumenliese unter so kleinen Verhltnissen begonnen hatte, nahm nun einen raschen Aufschwung. Schon im folgenden Jahre wurde eine Genossenschaft zum Zwecke des Gemseversandes in grerem Mastabe gegrndet. Diese Grndung wurde besonders dadurch ermglicht, da ein junger, unternehmender Mann, der schon mehrere Jahre die Stelle eines Kontrolleurs in einem Hotel versehen hatte und also genaue Kenntnis, von dem was in einem Hotel gebraucht wird, besa, die Leitung und den Verkauf der von den Genossenschaftern erzielten Produkte bernahm. Auch die Blumenliese trat dieser Vereinigung bei, und so geht denn in D. bis auf den heutigen Tag der Verkauf smtlicher Gemse nur durch eine Hand, nmlich durch die Genossenschaftsleitung. Es kann sich auch die rmste Frau, die nur ein kleines Grtchen hat, an dem Versand beteiligen; die einzelne Gartenbesitzerin braucht sich nicht um Absatzgebiete zu kmmern und der Preis wird nicht durch zu groe Konkurrenz herabgedrckt. Als man den groen Erfolg mit dem Gemsebau sah, blieb man selbstverstndlich dabei nicht stehen. Einige Frauen versuchten sich mit Glck in der Nelkenzucht. Ein denkender Bauer dachte, der Obstbau knnte jedenfalls auch noch viel eintrglicher gemacht werden, wenn er etwas intensiver betrieben wrde. Er bezog aus einer landwirtschaftlichen Bibliothek Bcher, holte sich auch persnlich von Fachleuten Belehrung, verbesserte seinen Baumbestand durch Neupflanzungen und Umpfropfen und brachte dann durch rationelle Dngung und gute Pflege seinen Baumgarten zu so reichen Ertrgen, da ihm viele nachzuahmen begannen. Jetzt sah man auf einmal ein, da in D. auf landwirtschaftlichem Gebiet viel mehr zu machen war, als man frher annahm. Mancher, der vielleicht schon seit mehreren Jahren gewhnt war, seinen Verdienst auswrts zu suchen und noch vor kurzer Zeit gewi steif und fest behauptet hatte, da es in D. einfach unmglich sei, so viel zu verdienen, um anstndig leben zu knnen, fing an ernstlich zu erwgen, ob es vielleicht nicht besser sei, zu Hause zu bleiben und nach irgend einer Richtung hin sich mit der Landwirtschaft abzugeben. Weil man jetzt anfing, intensiver zu wirtschaften, den alten Schlendrian beiseite zu lassen und nach vollstndig neuen Gesichtspunkten zu handeln, so muten allerlei Verbesserungen die notwendige Folge sein. Die Feldwege wurden verbessert und neue angelegt, durch Kauf und Austausch suchte man die Gter zu arrondieren, und der allgemeine Weidgang wurde abgeschafft. Freilich lief das alles nicht so glatt ab, und gegen manche Neuerung wurde heftig Opposition gemacht; aber als dann alles glcklich durchgefhrt war, sah man allgemein den Nutzen ein. Man fhlte auch das Bedrfnis nach Belehrung in den verschiedenen landwirtschaftlichen Fragen. Es wurde deshalb ein landwirtschaftlicher Lokalverein gegrndet, der namentlich im Winter eine regsame Ttigkeit entwickelte. Vortrge und Kurse ber die verschiedensten Zweige der Landwirtschaft wurden abgehalten und die Wanderlehrer waren hufige Gste in D. Zwei Jnglinge besuchten die landwirtschaftliche Schule. Einer war der jngere Sohn Martins -- der ltere war wie sein Vater Zimmermann geworden. Alle die Vernderungen, die in den letzten Jahren in D. vor sich gegangen waren, wirkten auch gnstig auf die moralischen Verhltnisse ein, und wer heute durch die Ortschaft wandert, erhlt einen ganz andern Eindruck als frher. Die sauber gehaltenen Grten, die gesunden, kraftstrotzenden Obstbume, die blhenden Topfgewchse geben dem Dorf ein freundlicheres Ansehen. Die Mnner haben die schweren Arbeiten lngst den Frauen abgenommen. Infolgedessen sind sie so beschftigt, da sie nicht mehr Zeit haben, alle Tage ins Wirtshaus zu gehen, und geschieht es hie und da, so haben sie auch dort besseres zu tun als Karten zu spielen; denn es gibt ffentliche Angelegenheiten zu besprechen, ber wichtige Projekte und Tagesfragen zu verhandeln etc. Die huslichen Verhltnisse sind angenehmere geworden, und der veredelnde Einflu eines glcklichen Familienverbandes macht sich immer mehr geltend. Die Auswanderung hat zwar nicht ganz aufgehrt, aber sie beschrnkt sich auf das richtige Ma. Dafr hat sich ein Stand von tchtigen Professionisten am Orte gebildet, und die verschiedensten Handwerker aus D. sind auch in den benachbarten Drfern geschtzt und geachtet. Der alte Pfarrer, der noch immer in der Gemeinde amtiert, hat seine helle Freude an den Vernderungen, die in seiner Pfarrei vorgehen, und er behauptet steif und fest, da man das alles nur dem gutem Beispiel der Mllerschen Familie zu verdanken habe, und namentlich die Blumenliese habe den deutlichen Beweis geleistet, wie sehr es auch heutzutage noch auf die Tchtigkeit einer Frau ankomme. Man drfe daher nicht auer acht lassen, die heranwachsenden Mdchen auf ihren zuknftigen Beruf vorzubereiten und sie vor allem zu guten Hausfrauen und pflichtgetreuen Mttern zu erziehen. Martin meint zwar, der Pfarrer bertreibe mit seinem Lob, er und seine Frau htten sich nicht besonders hervorgetan, sie seien vielmehr stets nur bestrebt gewesen, dafr zu sorgen, da sie fr ihre Verhltnisse mglichst zufrieden und sorgenlos haben leben knnen. Als ihnen das gelungen, haben es zwar andere nachzumachen gesucht; aber das sei noch lange nicht der Grund zu dem allgemeinen Umschwung gewesen; dieser sei vielmehr bedingt worden durch das Unhaltbare der Zustnde, die man gehabt habe. Es habe einsichtige Leute genug gegeben, die Verbesserungen fr unabweisbar hielten und sie auch durchfhrten. Sei dem nun wie ihm wolle; Tatsache ist, da die Bewohner von D. mit groer Achtung von der Blumenliese sprechen. Sie ist immer noch die gleiche bescheidene, tchtige Hausfrau. Auch ihre Liebhaberei fr Gartenbau und Blumenzucht hat sie bewahrt, wenigstens kann man sie hufig im Garten hantieren sehen, wenn man durch D. geht. [Illustration] [Illustration] Auf dem Lindenbhl. I. In einem fruchtbaren Tale, durch welches sich ein breiter Flu windet und dessen beide Flanken hohe Berge bilden, liegt auf einem Schuttkegel sehr malerisch gruppiert das Drfchen Haldenburg. Wer von der Landstrae, welche sich mitten durch das Tal, dem Flusse entlang dahinzieht, nach Haldenburg gelangen will, mu in ein Seitenstrchen einbiegen, das in einigen Windungen sich durch ppige Wiesen und wohlgepflegte Baumgrten den Hgel hinaufschlngelt, auf welchem das Dorf liegt. Noch vor 10Jahren fhrte dieser Weg in gerader Richtung, den sogenannten Haldenburgerstutz bildend, den Berg hinauf. Rechts und links waren halb zerfallene Mauern, in deren Trmmern hie und da Holunder- und Spitzbeerenstrucher wucherten. Der Fugnger, der die steile Strae hinaufkeuchte, mute unwillkrlich daran denken, wie beschwerlich es sein msse, das Heu und andere Produkte, aus den Gtern, die da unten in der Ebene liegen, ins Dorf hinauf zu schaffen. Die Haldenburger aber waren daran gewhnt; denn seit Menschengedenken war es nicht anders gewesen. Wenn es je einem einfiel, ihnen den Rat zu erteilen, sich durch den Bau einer neuen Strae bequemere Verhltnisse zu schaffen, so wurde er ausgelacht und gefragt, wer da wohl die Kosten zu bernehmen htte? Ob vielleicht die Gemeinde es tun solle? Die habe sonst schon Schulden bergenug. Die reichen Bauern werden sicher auch nicht in die Tasche greifen wollen; denn wenn eine Last zu schwer sei fr ein Pferd, so spannen sie eben zwei an. Die armen Kuhbauern aber wrden sich schon gar nicht an einem Straenbau beteiligen wollen, der andern greren Nutzen bringen mte, als ihnen. Man sieht, die guten Haldenburger waren nicht so leicht fr Neuerungen zu haben, sie meinten, was von alters her gut gewesen sei, msse es auch ferner sein. Dieses starre Festhalten am Althergebrachten machte sich denn in Haldenburg allenthalben geltend, und wer den steilen Stutz berwunden und sich, nachdem er den Schwei abgetrocknet und ein wenig atemholend einen Blick auf das schne Landschaftsbild, das sich hier einem darbietet, geworfen, dem Innern des Dorfes zuwandte, fand nicht gerade die einladendsten Zustnde. Die Dorfstraen waren lcherig und kotig oder staubig, je nach der Jahreszeit oder der Witterung, und namentlich die Umgebung der groen Brunnen, wo das Vieh zur Trnke gefhrt wurde, war derart, da man sie in weitem Bogen umgehen mute, wollte man nicht riskieren, im Moraste stecken zu bleiben. Es fehlten in Haldenburg zwar nicht einige massiv gebaute Bauernhuser, mit allerlei unntzem Zierrat ausgeschmckt, welche den Reichtum der Besitzer protzig zur Schau stellten; aber auch da vermite man die saubere Umgebung, welche auf den Fremden so einladend wirkt. Einen geradezu klglichen Eindruck aber machten die Behausungen und Stlle der rmeren Bauern. Schiefe Dcher, graue verwitterte Mauern, wackelige Fensterlden und trbe Scheiben, durch welche trbe Gesichter schauten, gaben Zeugnis von der wenig beneidenswerten Lage der Leute, die da hausten. Grten sah man wenig und gutgepflegte schon gar keine, statt dessen aber hart an den Straen verschiedene grere und kleinere Miststcke, umgeben von den obligaten braunen Pftzen, aus denen sich ganze Schwrme von Mcken und Fliegen erhoben, wenn man sich im Sommer ihnen nherte. Rmpfte etwa ein Fremder ber die Zustnde in Haldenburg die Nase, so machte sich niemand etwas daraus; man war berhaupt nicht gut auf die Fremden zu sprechen, und man meinte, es sei das beste, wenn sie wegblieben. Nach diesem Grundsatz behandelte man auch die wenigen ortsansssigen Nichtbrger, die sogenannten Beissse, denen man zwar gromtig einen guten Teil der Steuern aufbrdete, es ihnen aber furchtbar bel nahm, wenn sie auch einmal in die Gemeindeangelegenheiten hineinreden wollten. Daraus sieht man schon, da auch in der Gemeindeverwaltung verschiedenes faul war. Es hatte sich mit der Zeit in Haldenburg ein eigentliches Dorfmagnatentum herausgebildet. Weil die rmeren Bauern von den reichen abhngig waren, so wurden selbstverstndlich nur die letzteren in den Vorstand gewhlt, und diese wuten es stets so einzurichten, da sie dabei in erster Linie auf ihre Rechnung kamen; ein System, das, wenn auch langsam, so doch sicher zum Ruin der Gemeinde fhren mute, wenn nicht eine Aenderung eintrat. Eine solche Aenderung kam und sie war notwendig; denn der allgemeine Kredit hatte schon stark gelitten. Wer heute Haldenburg betritt, dem bietet sich ein ganz anderes Bild als ehedem. Die Straen sind sauber und gut im Stande gehalten; die Dngersttten sind grtenteils hinter die Huser verlegt worden oder, wo das nicht anging, doch wenigstens mit Mauern umgeben, und die Bauern haben jedenfalls indessen gelernt, die Dngemittel besser zu verwerten, als sie nutzlos auf der Strae zu Grunde gehen zu lassen. Hie und da sind kleinere und grere Hausgrten entstanden, die dem Ort zur Zierde gereichen. An vorher kahlen Wnden sieht man jetzt gut gezogene Spalierbume, und an manchen Fenstern prangen schn blhende Topfpflanzen. Auch an der kleinsten Htte sieht man, da der Wohlstand gestiegen ist. Haldenburg wird jetzt von den Sommergsten als Ausflugspunkt geschtzt, und aus dem gut eingerichteten Gasthaus und dem reichhaltigen Ansichtspostkarten-Sortiment im Schaufenster des Krmerladens schlieen wir, da man heute das Geld sehr zu schtzen wei, welches diese Fremden ins Dorf bringen. Woher nun dieser auffallende Umschwung? Die nachfolgende Schilderung soll die verehrten Leser darber aufklren. Etwas abseits vom Dorfe liegt auf einem terrassenartigen Vorsprunge des Gelndes ein kleineres Bauerngut. Zwischen dem zweistckigen Wohnhaus, dessen Bauart ein schon hohes Alter verrt, und der gegenberliegenden Scheune befindet sich ein gerumiger Hof, welcher von den mchtigen Kronen zweier Linden beschattet wird. Diesen majesttischen Bumen hat das Anwesen seinen Namen Lindenbhl zu verdanken. Wenn heute die blankgeputzten Fensterscheiben, das nett in Ordnung gehaltene Grtchen und die ganze reinliche Umgebung des Gehftes auf geordnete Zustnde des Besitzers schlieen lassen, so war das noch vor wenigen Jahren ganz und gar nicht der Fall. Damals gehrte der Lindenbhl einem Manne, der sich zwar auch Bauer nannte, sich aber in Wahrheit um den Stand seiner Wiesen und Aecker wenig kmmerte. Um der Arbeit besser ausweichen zu knnen, und um fr sein Herumtreiben in den Wirtshusern und auf den Mrkten eine Ausrede zu haben, betrieb er den Viehhandel, der ihm aber hufiger Verlust als Gewinn einbrachte; denn auch beim Handel ist es mit hohlen Redensarten und prahlerischem Wirtshausgeschwtz nicht getan. Gewandtheit und Energie aber gingen ihm ab. So kam er immer mehr zurck, die Schuldenlast, welche auf seinem Heimwesen ruhte, wurde immer grer, und zuletzt kam es so weit, da ihm alles versteigert wurde, und er mit seiner Familie im Hauszinse wohnen und als Taglhner seinen Unterhalt verdienen mute. Den Lindenbhl erwarb nun ein junger Landwirt, der bisher auf einem greren Gute eine Verwalterstelle innegehabt hatte, aber schon lange darnach trachtete, ein eigenes Heimwesen zu kaufen, auf dem er nach eigenem Gutdnken schalten und walten knne. Johannes Wachter, so heit der jetzige Bauer auf dem Lindenbhl, ist der jngste Sohn eines sehr vermglichen Bauern, der einen groen Hof im Kanton Thurgau besitzt. Weil Johannes sich schon in der Schule durch groe Intelligenz und emsigen Flei im Lernen auszeichnete, so htte es sein Vater gerne gesehen, wenn er sich htte zum Studieren entschlieen knnen. Es htte dem alten Wachter geschmeichelt, wenn sein Jngster dereinst Pfarrer, Arzt oder gar Advokat geworden wre. Johannes wollte indessen davon nichts wissen, und er bat den Vater, ihn nicht in einen Beruf hineinzwingen zu wollen, zu dem er keine Neigung verspre. Ich bin bei der Landwirtschaft aufgewachsen, sagte er, und mchte auch beim Bauernstand verbleiben. Du hast ja schon oft selbst behauptet, da ein rechter Bauer auch ein heller Kopf sein msse; es widerspricht also Deinen eigenen Ansichten, wenn Du mich der Landwirtschaft entfremden willst, nur weil ich zufllig in der Schule etwas weiter voran bin als mancher andere. Schau, solche, die sich dem Studium zuwenden, gibt es schon genug; hingegen wird allenthalben geklagt, da sich niemand mehr mit der Landwirtschaft abgeben will. Zeige deshalb, da Du Deinen Beruf hoch hlst, und Deine Shne das werden lssest, was Du selber bist, nmlich richtige, schlichte Bauern, die zeigen wollen, da auch heute noch die Scholle ihren Besitzer nhrt. Vater Wachter war wirklich ein Bauer, der, wie man sagt, mit Leib und Seele an seinem schnen Berufe hing. So konnte er nicht anders als Freude haben an solchen Aeuerungen seines Sohnes, und gerne gab er ihm die Einwilligung, ein Landwirt werden zu drfen, obwohl er anfnglich der Meinung war, da es genge, wenn einer seiner Shne sich dem Bauernstande widme, um dereinst den Hof bernehmen zu knnen. Es erfllte ihn auch stets mit Stolz, da Franz, sein Aeltester, in dieser Beziehung ganz seinen Wnschen entsprach. Zu Johannes aber sprach er: Es fllt mir nicht ein, Dich zum Studieren zwingen zu wollen, wenn Du nicht Lust dazu hast, und da Du gerade so groe Neigung versprst, ein Bauer zu werden, obwohl Dir im ganzen auch die Leiden und Unannehmlichkeiten, die dieser Stand mit sich bringt, bekannt sind, das freut mich; denn es gibt mir den Beweis, da es Dir ernst ist mit Deiner Wahl. Wenn ich nun endgiltig Deiner Bitte Gehr schenke, so mut Du mir auch versprechen, da Du alles daran setzen willst, in allen Teilen ein rechter Bauer zu werden. Die heutige Zeit erfordert fr unsern Beruf ganze Mnner, die ber ein vollgertteltes Ma von Kenntnissen verfgen und dieselben mit Flei und Energie stets am rechten Orte anzuwenden wissen. Werde aber nicht nur ein rechter Bauer, sondern im ganzen ein guter, rechtschaffener Mensch; erflle stets getreulich Deine Pflichten in der Familie, in der Gemeinde und im Staate. Es ist ein schwerer Irrtum, wenn mancher Bauer glaubt, er habe nur auf sich selbst zu schauen, die Interessen anderer aber gehen ihn nichts an. Manche schne Ziele der Landwirtschaft lassen sich eben nur gemeinsam erreichen. Zeige deshalb stets einen gemeinntzigen und genossenschaftlichen Sinn und bedenke, da Du, indem Du andern hilfst, Dir selbst auch Hilfe sicherst. Halte nie mit Erfahrungen und Beobachtungen hinter dem Berg; denn indem Du andere belehrst, arbeitest Du an der Hebung des buerlichen Berufes und kommst so selbst auf eine hhere Stufe. Auf politischem Gebiete verfechte stets die Sache der Landwirtschaft und halte treu zu ihrer Fahne; vertraue unsern Fhrern, sie meinen es gut und wissen, wo die Bauern der Schuh drckt. Mehr will ich Dir heute nicht sagen; es wird noch oft genug Gelegenheit geben, wo Dir meine vterlichen Ermahnungen und Winke ntzlich sein knnen. Es wurde nun einstweilen nicht mehr viel ber die Sache gesprochen, und Vater und Sohn betrachteten die Angelegenheit als endgiltig beschlossen. Als Johannes die Realschule seines Heimatortes absolviert hatte, verblieb er vorerst im vterlichen Hause, um unter Anleitung seines Vaters die wichtigsten landwirtschaftlichen Arbeiten grndlich kennen zu lernen. Diese grundlegende Praxis -- so meinte Vater Wachter -- sei notwendig, um mit Erfolg eine landwirtschaftliche Winterschule besuchen zu knnen. Ich halte nicht viel davon, sagte er zu Johannes, wenn Brschchen, welche den Ernst der Arbeit noch nicht kennen, in solche Schulen eintreten. Auch den eifrigsten und fleiigsten dieser jungen Schler wird es an dem notwendigen Verstndnis fr die theoretischen Wissenschaften fehlen, und sie werden nur zu oft geneigt sein, manches fr nebenschlich und weniger notwendig zu halten, was doch fr eine der heutigen Zeit entsprechende Praxis von groer Wichtigkeit ist. Die theoretische Bildung eines Landwirtes ist heutzutage von so groer Bedeutung, da man sich ihr mit vollem Eifer widmen mu, und das kann nach meiner Ansicht nur dann geschehen, wenn man den Ernst des Lebens schon kennt. Lerne deshalb erst praktisch arbeiten, und Du wirst sehen, da Du dann Deine Lehrer viel besser verstehen kannst, weil Du einsiehst, wie wichtig ihre Lehren fr Deine sptere Praxis sind. Johannes sah ein, da sein Vater recht hatte. Er gab sich Mhe, alle Arbeiten, die man ihm auftrug, richtig auszufhren und sich Uebung zu verschaffen. Oft genug kam es freilich vor, da ihm selbst einfache Hantierungen nicht gelingen wollten. Da hie es dann probieren, bis es ging. Bei solchen Gelegenheiten trat dann oft der Vater hinzu und machte ihn auf diesen oder jenen Vorteil aufmerksam, mit dem die Sache angefat werden mute, und auf dessen Anwendung oft genug das Gelingen beruhte. Der alte Wachter bestand berhaupt darauf, da alles grndlich gemacht wurde, und duldete auch bei seinen Shnen nicht, da sie ber Ungenauigkeiten einfach hinweggingen. So sprach er einmal ermahnend zu Johannes: Schau, Du mut Dich von Anfang an schon daran gewhnen, alles recht zu machen. Halbe Arbeit ist keine Arbeit. Weil Du dieses oder jenes erst lernen mut, wirst Du lngere Zeit dazu gebrauchen; das schadet jedoch nichts, wenn's nur schlielich recht herauskommt. Ein groer Fehler aber wre es, wenn Du schnell ber eine Arbeit hinweg hasten wrdest, nur um sie so schnell zu Ende zu fhren wie ein gebter Knecht. Der Wert der Arbeit eines Lernenden liegt nicht in der Quantitt, sondern in der Qualitt. Wer sich das Pfuschen einmal angewhnt, der bleibt sein Leben lang ein Pfuscher; ein solcher aber taugt in der Landwirtschaft so wenig als in jedem andern Beruf. Solche und hnliche Ermahnungen und Lehren erteilte der Vater seinem Sohne stets, wenn sie miteinander arbeiteten oder am Sonntag einen Spaziergang durch Wald und Flur machten, und der Samen solcher Unterweisungen fiel bei Johannes auf einen fruchtbaren Boden. Er gewhnte sich unter der vterlichen Leitung daran, ber jede Arbeit nachzudenken und nicht nur mechanisch in den Tag hinein zu arbeiten. Wer ihm bei der Arbeit zusah, der merkte gleich, da er mit Lust und Liebe dabei war, und mute sich sagen, da er das Zeug habe, um dereinst ein tchtiger Bauer zu werden. So waren denn zwei Jahre verstrichen und Johannes hatte in dieser Zeit in den meisten landwirtschaftlichen Arbeiten eine derartige Fertigkeit erlangt, da er es bald mit einem tchtigen Knecht aufnehmen konnte. Der Vater meinte, es wre jetzt an der Zeit, da sein Sohn eine landwirtschaftliche Winterschule besuche, und Johannes war mit Freuden dazu bereit. Weil sein lterer Bruder schon frher die gleiche Schule besucht hatte, in die auch er nun eintreten sollte, so wute er im groen und ganzen schon, wie es in einer solchen Anstalt zugeht; trotzdem aber fand er sich bei seinem Eintritt wie in einer fremden Welt. In gar vielen Sachen, in denen er zu Haus seine Eltern hatte sorgen lassen, fand er sich jetzt auf sich selbst angewiesen. Das Internat, die strenge Disziplin und Hausordnung, die pnktlich nach Minuten abgemessene Zeiteinteilung, die ganz andere Kost u.s.w. waren alles Dinge, die ihm ganz ungewohnt vorkamen. Johannes hatte sich indessen von Anfang an vorgenommen, sich in alles zu fgen, eingedenk des Sprichwortes: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Er war sich wohl bewut, da er noch vieles ber sich ergehen lassen msse, bis er ein rechter Bauer sei und selbstndig nach eigenem Gutdnken schalten und walten knne. So hatten denn der Direktor und die Lehrer an dem jungen Wachter einen willigen und gehorsamen Schler, der sich ohne Murren in alles fgte und bald als Muster und Vorbild fr die andern Schler gelten konnte. Weil er einer der ltesten Schler seiner Klasse war, sich durch seine groen Fhigkeiten und ein mnnliches Auftreten auszeichnete, so errang er sich, ohne da er es eigentlich wollte, eine gewisse Autoritt ber seine Mitschler und bte einen vorteilhaften Einflu auf dieselben aus. Johannes wollte die Zeit, die er in der Schule zu verbringen hatte, so gut als mglich ausntzen; er betrachtete deshalb das Lernen nicht als eine Last, sondern als ein wichtiges Mittel, sich zum brauchbaren Landwirt auszubilden. Schon durch das, was im ersten Winterhalbjahr im Unterricht geboten wurde, lernte er die Landwirtschaft von einer neuen Seite kennen, und als er nach wohlbestandenem Examen zunchst wieder auf das vterliche Gut zurckkehrte, schaute er alles mit ganz andern Augen an. Unter fleiiger Arbeit verstrich der Sommer rasch, und Johannes freute sich, bald wieder in die Schule zurckkehren und das Studium von neuem aufnehmen zu knnen. Der zweite Lehrkursus wurde mit dem gleichen Eifer absolviert wie der erste, und ausgerstet mit einem guten Zeugnis und dem Abgangsdiplom der Schule, begleitet von den Glckwnschen des Direktors und der Lehrer, konnte der junge Wachter hinaustreten ins praktische Leben, um seine erworbenen Kenntnisse zu seinem Lebensunterhalte zu verwerten. Sein Vater und auch der Direktor waren der Ansicht, da es Johannes bei seiner Tchtigkeit wohl wagen drfe, irgend eine Stelle als Oberknecht oder Werkfhrer anzunehmen; doch Johannes wollte davon nichts wissen. Er meinte, es sei besser als einfacher Knecht anzufangen; denn um dereinst Dienstboten richtig behandeln und befehligen zu knnen, msse er selbst ein solcher gewesen sein. Er habe sich vorgenommen, in allen Teilen ein richtiger Bauer zu werden, und da sei es notwendig, unten anzufangen. Seine Kenntnisse knne er als Knecht auch wohl gebrauchen, man klage ja immer ber groen Mangel an tchtigen Dienstboten. So arbeitete denn der energische junge Landwirt in verschiedenen greren und kleineren Betrieben mehrere Jahre als Knecht und lernte gar mancherlei Verhltnisse kennen. Mit eisernem Flei tat er berall seine Pflicht, freute sich am Angenehmen und fgte sich dem unabweisbaren Unangenehmen, das er sehr oft auch zu kosten bekam. Er merkte gar bald, da wenn die Dienstbotenfrage in gnstigem Sinne gelst werden solle, auch von seiten der Arbeitgeber manche Reformen durchgefhrt werden mssen, und nahm sich vor, darnach zu handeln, wenn er erst sein eigener Herr geworden sei. Zuletzt diente Johannes auf einem groen Gute, dem ein Verwalter vorstand, der ein sehr tchtiger Mann, aber etwas krnklich war und oft Mhe hatte, seinen Pflichten in vollem Umfange nachzukommen. Der Besitzer, der nur kurze Zeit des Jahres auf dem Gute anwesend war, wollte seinen treuen Beamten schonen und bevollmchtigte ihn, eine tchtige Kraft zu seiner Untersttzung anzustellen. Als daher der Verwalter auf die Fhigkeiten seines Knechtes Wachter aufmerksam wurde, erhob er denselben zum Unterverwalter und stellte namentlich die ganze Feldwirtschaft unter seine Aufsicht. Jetzt zeigte es sich, da Johannes nicht nur gelernt hatte zu gehorchen, sondern wenn es sein mute, auch zu befehlen verstand. Die Knechte und Taglhner stellten sich willig unter seinen Befehl, weil er nicht mit Stolz und Ueberhebung auf sie herabsah und nicht nur Pflichten von ihnen verlangte, sondern ihnen auch diejenigen Rechte einrumte, die jeder Arbeiter von seite seines Arbeitgebers verlangen darf. Weil jeder das Gefhl hatte, da das was man ihnen befahl, auch wirklich das Richtige sei, so wurde es auch ausgefhrt ohne Widerrede und Murren. Der Zustand des Verwalters verschlimmerte sich immer mehr und bald ruhte die ganze Gutsverwaltung auf den Schultern des Unterverwalters. Zeitweilig besorgte Johannes sogar die smtlichen Bureauarbeiten, und es zeigte sich, da er berall gleich tchtig war. Man bemerkte an ihm nichts von jenem unsicheren Umherhasten. Zielbewut wurden die verschiedenen Arbeiten in richtiger Reihenfolge durchgefhrt, so da stets alles zur rechten Zeit fertig wurde. Es war eine Freude zu sehen, wie Johannes sich selbst durch die schwierigsten Verwaltungsgeschfte verhltnismig leicht hindurcharbeitete und sich vollste Autoritt zu verschaffen wute, was jedenfalls nicht leicht war, wenn man bedenkt, da er vorher einfacher Knecht gewesen und mit denen auf gleicher Stufe stand, die jetzt seinen Befehlen zu gehorchen hatten. Man sah da wieder deutlich, was sich durch richtigen Takt erreichen lt. Johannes war nicht nur bemht, das Gut unter seiner Leitung auf gleicher Hhe zu erhalten, sondern er bestrebte sich auch, durch geeignete Verbesserungen den Ertrag zu steigern und den Wert der Besitzung zu erhhen. Jetzt konnte er endlich seine praktischen und theoretischen Kenntnisse selbstndig verwerten und seiner Freude am landwirtschaftlichen Berufe Genge leisten. Der Gutseigentmer sah denn auch gar bald ein, da er in dem jungen Wachter eine sehr brauchbare Persnlichkeit gewonnen habe, und als der Verwalter seinen Leiden erlegen war, bat er Johannes, die Stelle, der er ja schon einige Zeit mit dem besten Erfolge aushilfsweise vorgestanden, nun definitiv zu bernehmen. Dieser hatte zwar von Anfang den Plan gefat, einmal ein eigenes Gut zu erwerben, um unumschrnkt nach seinem alleinigen Gutdnken schalten und walten zu knnen. Er dachte aber, als ihm sein Herr ein so vorteilhaftes Anerbieten machte, da es bei seiner Jugend noch immer Zeit sei, sich selbstndig zu machen. Dann sah er auch ein, da er in seiner jetzigen Stelle noch manche wertvollen Erfahrungen sammeln knne, die ihm spter im eigenen Betrieb von groem Nutzen sein knnten. So teilte er denn seinem Herrn ganz offen seine Absichten mit und sagte ihm, da er seine Offerte dankbar annehme, wenn er sich einverstanden erklre, ihn nach einigen Jahren ziehen zu lassen. Der Gutsbesitzer mochte denken, es werde ihm im Laufe der Zeit noch gelingen, den jungen Wachter ganz an sich zu fesseln. Dieser willigte ein und wurde nun Verwalter des schnen Gutes, auf das er vor etwas mehr als einem Jahr als einfacher Knecht gekommen war. Es ist hier nun nicht der Platz, die Laufbahn Wachters als Verwalter weiter zu schildern; nur eine Begebenheit, die in diese Zeit fllt, soll erwhnt werden, nmlich die Verehelichung Johannes und die Umstnde, welche dieselbe vorbereiteten. Seine Stellung brachte es mit sich, da er hufig mit den benachbarten Bauern zusammenkam, sie auf ihren Hfen dieses oder jenes Geschftes wegen besuchte, und weil der junge Verwalter bald berall als ein tchtiger Landwirt bekannt war, der gerne von seinem Wissen auch andern mitteilte und stets mit gutem Rat zur Hand war, wo solcher gewnscht wurde, niemals aber sich wichtig zu machen suchte, oder gleich alles heruntermachte was ihm gerade nicht gefiel, so sah man seine Besuche gerne und trachtete, davon so viel als mglich zu profitieren. Namentlich eines der Nachbargter schien das Interesse Johannes in hohem Grade erweckt zu haben, wenigstens hatte er auffallend oft dort Geschfte und bald wollten einige, welche gewohnt waren, ihre Nasen besonders tief in die Angelegenheiten anderer zu stecken, wissen, da nicht allein der musterhafte Betrieb des Gutes und der leutselige Charakter der dort hausenden Bauersleute den Anziehungspunkt ausmache, und die Folge bewies, da sie im Grunde nicht so unrecht hatten. Gleich das erste Mal, als er wegen eines Ochsenhandels auf den besprochenen Nachbarhof kam, fiel ihm dort eine Magd auf, die zwar nicht gerade das darstellte, was man eine besondere Schnheit zu nennen pflegt, aber durch ihr munteres Wesen, durch die Art und Weise wie sie ihre Arbeit verrichtete und durch ihre bei aller Aermlichkeit doch sauberer Kleidung einen uerst vorteilhaften Eindruck machte. Auf Johannes wirkte dieser Eindruck derart, da er beschlo, dieses Mdchen mglichst zu beobachten und soweit das unauffllig geschehen konnte, auch Erkundigungen ber sie einzuziehen. So erfuhr er denn, da Marie -- so hie die Magd -- die Tochter armer Taglhnersleute aus einem benachbarten Dorfe sei. Die Eltern seien vor mehreren Jahren gestorben und infolgedessen sei die Tochter schon sehr frh darauf angewiesen gewesen, auf eigenen Fen stehen zu mssen. So kam sie in den Dienst der Buerin und fand in ihr eine gute Lehrmeisterin, die sie in alles einfhrte, was eine Buerin wissen und kennen mu. Marie war eine gelehrige Schlerin und hatte sich nach und nach zur rechten Hand und wirksamen Sttze der Meisterin aufgeschwungen. Diese sowohl, als auch der Bauer waren voll Anerkennung ber ihre Magd, und sie hielten auch nicht mit ihrem Lobe hinter dem Berge; denn sie glaubten nicht Angst haben zu mssen, da der Herr Verwalter etwa dadurch bewogen werden knnte, Marie fr seinen Dienst zu gewinnen; sie kannten ihn zu gut, als da sie ihn zu einer solch eigenntzigen Handlung fr fhig hielten, und auerdem wrde ja das Mdchen nie in ein solches Anerbieten eingewilligt haben. Da es ihm gar einfallen wrde, ihre Magd zu seiner Frau zu machen, das kam ihnen gar nicht in den Sinn; denn ein Mann in solcher Stellung, der zugleich der Sohn eines vermglichen Grobauern sei, wrde ja nach ihrer Meinung gewi nicht die Torheit begehen, ein blutarmes Mdchen zu ehelichen. Johannes indessen war von ganz andern Anschauungen beseelt; er fand durch seine Beobachtungen und Erkundigungen gar bald heraus, da Marie in reichem Mae gerade diejenigen Eigenschaften besa, die nach seiner Ansicht eine gute Buerin haben msse. Da sie arm sei, war in seinen Augen kein Grund, der ihn bewegen konnte, vor einer Heirat mit ihr zurckzuschrecken. Der geneigte Leser hat unsern Johannes bereits als einen Mann kennen gelernt, der zwar alles reiflich berlegte, aber das als gut und richtig erkannte dann auch mit zher Energie in Angriff nahm und durchfhrte. So handelte er auch in dieser Heiratsangelegenheit. Sobald er mit sich darber im reinen war, da er das Mdchen liebe und sie fr ihn passe, so suchte er zu erfahren, wie es selbst in dieser wichtigen Angelegenheit denke; denn alles hing ja schlielich doch davon ab, ob Marie auch wirklich einwilligte, seine Frau zu werden. Er nahm sich also vor, bei nchster Gelegenheit mit ihr zu reden und ihr seine Hand anzubieten. Eine solche Gelegenheit fand sich bald. Als er an einem der nchsten Tage bei seinem Nachbar vorbeiging, fand er Marie allein im Garten beschftigt. Er trat zu ihr hinein und teilte ihr ohne Umschweife den Zweck seines Kommens mit. Er sagte ihr, wie sie schon bei der ersten Begegnung Eindruck auf ihn gemacht habe, und was er seither von ihr erfahren und an ihr beobachtet habe, sei dazu angetan gewesen, ihm Liebe und Achtung zu ihr einzuflen. Er hoffe, da auch sie ihn lieben lerne, und wenn sich diese Hoffnung erflle, so wre es sein sehnlichster Wunsch, da sie seine Frau werde. Man kann sich denken, da Marie erstaunt war ob diesem unvermittelten Antrag. Sie sagte denn auch weder ja noch nein, sondern gab einfach zur Antwort, da sie sich geehrt fhle durch das Anerbieten des Herrn Verwalters, aber sie habe bis jetzt noch gar nicht ans Heiraten gedacht, und eine solch hochwichtige Sache wolle gehrig berlegt sein. Auch msse sie mit ihren Meistersleuten sprechen; denn weil sie ja keine Eltern und nahe Verwandte mehr habe, so seien das ihre einzigen Berater. Johannes mute einsehen, da das Mdchen recht habe, er versprach, geduldig warten zu wollen und sich in einigen Tagen den Entscheid zu holen. Als Marie wieder allein war, wollte es mit der Arbeit nicht mehr recht vorwrts; immer mute sie an das Ereignis denken, das sie so unerwartet traf, und je mehr sie darber nachgrbelte, wie sie sich nun verhalten solle, desto verwirrter wurde sie. Zwei Stimmen in ihrem Innern stritten um den Entscheid. Die eine sagte ihr, es sei ein groes Glck, da sie als arme Waise fr wrdig befunden werde, einem so tchtigen Manne, wie Herr Wachter, die Hand zur ehelichen Verbindung zu reichen, und da es eine groe Torheit genannt werden mte, wollte sie ein solches Anerbieten von der Hand weisen, das anzunehmen manche reiche Bauerntochter sich keinen Augenblick besinnen wrde. Die andere Stimme hingegen riet ihr, die Sache von der andern Seite zu betrachten und zu untersuchen, ob vielleicht nicht doch -- trotzdem sie arm sei -- Johannes bei seinem Antrag von eigenntzigen Bestrebungen geleitet worden sei. Knnte er nicht am Ende auf ihre Arbeitskraft spekuliert haben, denkend, da sie ihm eine Magd ersparen wrde? Und knnte nicht gerade ihre Armut spter der Ansto zu allerlei Unzufriedenheiten werden? Alles dieses und noch mehr des Unangenehmen knne ja sehr leicht hervorgehen, wo so ungleiche Verhltnisse sich zusammenfinden, wie das ja tatschlich bei ihr und Johannes der Fall sei. Ungetrbtes Eheglck knne jedenfalls aus einer solchen Verbindung nur dann hervorgehen, wenn die Ungleichheiten ausgeebnet werden durch eine wahre, uneigenntzige Liebe. Aber liebte sie denn Johannes? Bis jetzt hatte sie ihn ja kaum gekannt, also konnte vorerst noch von Liebe nicht die Rede sein. Sie glaubte zwar, da sie ihn lieben lernen knne, den schnen stattlichen Mann mit dem ernsten und doch sanften Blick, den sie schon so oft als das Muster eines tchtigen Landwirtes hatte erwhnen hren. Wenigstens hatte sie eine hohe Achtung vor demselben, und das konnte immerhin der Anfang von der Liebe sein. So von streitenden Gefhlen erfllt, in tiefes Nachsinnen versunken auf die Hacke gelehnt, sah sie sich auf einmal von der Buerin ertappt, die unvermerkt zu ihr in den Garten getreten war. Diese merkte gleich an der Verwirrung und an dem tiefen Errten der Magd, da etwas besonderes vorgefallen sein msse, und auf ihre Frage erzhlte denn auch Marie die ganze Begebenheit, sie zugleich um ihren Rat bittend in der fr ihre Zukunft so wichtigen Angelegenheit. Nun war das Erstaunen auf seite der Meisterin, und das erste, was ihr bei der Erzhlung Maries durch den Kopf fuhr, war der egoistische Gedanke, ihre treue Magd verlieren zu mssen. Doch sprach sie diesen Gedanken nicht aus; denn die angeborene Gutmtigkeit und ihr Wohlwollen gegen Marie siegten schnell ber den anfangs sich regenden Eigennutz. Ein wenig machte sich auch der Stolz bei ihr geltend in dem Gedanken, selbst am meisten dazu beigetragen zu haben, da Marie das geworden war, was sie heute so begehrenswert erscheinen lie. Liebes Kind, sprach sie, Du weit, da ich stets wie eine Mutter an Dir gehandelt und auch in dieser Sache gewi nur Dein Bestes im Auge habe. So wirst Du es also auch nicht als eine leere Redensart betrachten, wenn ich Dir sage, da Dir durch den Antrag des Herrn Verwalters ein Glck widerfahren ist, das Du nicht von der Hand weisen solltest. Deine Zweifel, die Du mir gegenber geuert hast, kann ich nicht gelten lassen. Es freut mich zwar, da Du Dich nicht kopfber, ohne zu berlegen, in die Ehe strzen willst, aber gar zu bescheiden brauchst Du auch nicht zu sein. Wenn Du auch kein Barvermgen besitzest, so fallen dagegen andere Deiner Eigenschaften umso mehr in die Wagschale. Deine Treue, Deine Arbeitslust, Dein Sinn fr Ordnung und Reinlichkeit und Dein munteres Wesen gelten in den Augen des Herrn Verwalters mehr als Geld und Gut und gerade das Vorhandensein dieser Wertschtzung solcher Eigenschaften bietet die beste Gewhr fr Euer zuknftiges Glck. Mein Rat geht also dahin, Deine Zweifel niederzuschlagen und den Antrag anzunehmen, und ich glaube bestimmt, da es Euch beiden so gut gehen wird, wie Ihr es in der Tat verdient. Mit meinem Glckwunsch will ich aber gleich eine Mahnung fr Dich verbinden, die Du nicht vergessen darfst, sie lautet: Werde nicht stolz. Die Bescheidenheit, die als Magd Dich zierte, behalte bei auch als Frau Verwalter; nichts steht einer Bauersfrau, ob sie so oder anders tituliert werde, weniger gut an als der Stolz. Schaue nie mit Ueberhebung auf Deine Untergebenen herab, dann wirst Du von ihnen gerade so geachtet werden, wie der Herr Verwalter heute geliebt und geschtzt wird von seinen Dienstboten, in deren Mitte er einst selbst gedient hatte. Bedenke auch, da es Deine Pflicht sei, namentlich auf jngere Leute erzieherisch einzuwirken, ihnen mit dem guten Beispiel voranzugehen und sie so zu brauchbaren, braven Dienstboten zu machen. Es ist meine feste Ueberzeugung, da der Mangel an guten landwirtschaftlichen Arbeitskrften nicht zum wenigsten daher rhrt, da keine solchen erzogen werden. Das, liebe Marie, sind einstweilen diejenigen Ratschlge, die ich Dir geben mchte, falls Du das Anerbieten annimmst und Frau Verwalterin wirst. Auch der Bauer, als er von dem Vorfall Kunde erhielt, war der gleichen Meinung wie seine Frau; auch er sagte, da das Zurckweisen eines solchen Antrages gleichbedeutend wre mit einem leichtsinnigen Verscherzen seines Glckes. So gab denn Marie dem Johannes ihr Jawort und knpfte nur daran noch die Bedingung, da auch seine Eltern mit seiner Wahl zufrieden seien; denn nie solle es auch nur den Anschein haben, als htte sie sich in eine wohlhabende Familie hineindrngen wollen. Johannes konnte ihr ber diesen Punkt sofort zufriedenstellende Auskunft geben; denn schon bevor er bei Marie seine Werbung angebracht, hatte er seinen Eltern geschrieben und ihren Rat eingeholt. Der alte Wachter, der mit Johannes von Anfang an etwas hher hinaus wollte, war mit dessen Wahl zuerst nicht ganz einverstanden, zuletzt mute er aber selbst zugeben, da Reichtum nicht diejenige Eigenschaft einer Frau ausmache, auf die zuerst gesehen werden msse. Auch er schtzte die Tugenden, die Marie nach den Angaben seines Sohnes hatte, und namentlich fr einen Bauer, als bedeutend wertvoller denn eine reiche Mitgift, und so meinte er selbst, da sein Johannes glcklich werden knne mit der von ihm erwhlten Braut, und gegen das Glck seiner Kinder wolle er nichts unternehmen. So waren denn alle Hindernisse beseitigt, die Verlobung konnte gefeiert werden, und als Marie noch einen Kurs an einer Haushaltungsschule durchgemacht hatte, zog sie als Frau Verwalter auf dem Gutshofe ein. II. Johannes hatte mit seiner jungen Frau bereits mehrere Jahre das ihm unterstellte Gut verwaltet, und war in dieser Zeit so mit seinem Wirkungskreise verwachsen, da er gar nicht mehr daran dachte, einen eigenen Hof zu erwerben. Das Verhltnis zwischen ihm und seinem Herrn war ein so schnes, da es ihn nicht sonderlich drngte, seine gesicherte Existenz mit einer andern zu vertauschen. Da trat auf einmal ganz unverhofft ein Ereignis ein, das seinem friedlichen Wirken einen argen Sto versetzte. Bei einem Unfall, den der Gutsherr erlitt, bte dieser sein Leben ein. Seine drei Shne beschlossen, das Gut weder zu verteilen noch zu veruern, sondern es gelegentlich als Landaufenthalt zu bentzen und sich in den Ertrag, den es abwarf, zu teilen. So bekam Johannes nun statt eines Herrn deren drei, und zwar solche, deren Beruf weit ab von dem des Landwirtes lag. Wenn nun zwar auch keiner direkt in den Gutsbetrieb hineinregieren wollte, so hatte doch jeder Wnsche, die sich manchmal nicht mit der rationellen Bewirtschaftung in Einklang bringen lieen. Es ist begreiflich, da dieser Besitzwechsel manche Verdrielichkeit fr den Verwalter im Gefolge hatte, und Frau Marie bemerkte fters, da sich eine Wolke auf der sonst so heiteren Stirne ihres Mannes lagerte, die zu zerstreuen ihr mit all ihrem Liebreiz nicht immer gelang. Als deshalb Johannes nach und nach wieder auf seinen alten Plan zurckkam, ein eigenes Gut erwerben zu wollen, untersttzte sie denselben lebhaft, und die Suche nach einem geeigneten Kaufobjekt begann. An Angeboten fehlte es nicht. In allen Landesgegenden waren groe und kleine Bauerngter feil, und gar bald begann fr Johannes die Qual der Wahl. Als Verwalter hatte er sich an groe Verhltnisse gewhnt, und es wre deshalb nur zu natrlich gewesen, wenn er sich fr einen greren Betrieb entschieden htte. Seine praktischen Erfahrungen und die Lehren, die er in der Schule erhalten hatte, waren indessen bei ihm zu tief gewurzelt, als da er die Klugheit seinen persnlichen Liebhabereien geopfert htte. Er sagte sich, da der Grundsatz, die verfgbaren Mittel allein ber die Gre des zu erwerbenden Gutes entscheiden zu lassen, der allein richtige sei. So entschied er sich denn fr den Lindenbhl. Johannes mute zwar zugeben, da dieser Besitz seine Vorteile und Nachteile hatte, aber er sagte sich, da es ihm schwerlich gelingen knnte, ein Gut zu finden, an welchem es nicht das oder jenes auszusetzen gebe. Fr den Erwerb des Lindenbhls sprachen hauptschlich die geeignete Gre, die gnstige Lage, der gute Boden und der verhltnismig billige Kaufpreis. Bei sofortiger Barzahlung behielt Johannes noch gengend Kapital, um das sehr vernachlssigte Anwesen wieder einigermaen in den Stand zu setzen, die mangelhaften Einrichtungen zu ergnzen und den Betrieb rationell zu regeln. Das alles hatte er genau berlegt und berechnet, und erst nachdem alles, was fr und gegen den Kauf sprach, genau abgewogen war und sein Vater den Hof besichtigt und ebenfalls fr den Erwerb eintrat, wurde die Angelegenheit perfekt. Nach erfolgter Kndigung verlie er seine Stelle und siedelte nach Haldenburg ber, um vom Lindenbhl Besitz zu ergreifen, und dort als selbstndiger Bauer ein neues Arbeitsfeld zu erffnen. Vorerst kmmerte sich Wachter um nichts anders, als um sein Heimwesen, und da gab es wahrlich genug zu tun; denn, wie wir schon wissen, hatte der frhere Besitzer sehr schlecht gewirtschaftet, zuletzt alles, was irgend anging, zu Geld gemacht, das brige aber verlottern lassen. Zum Glck waren die Gebude ziemlich gut im Stande; sie waren zwar uerst schlicht und einfach, und mancher Landwirt, der in so guten Verhltnissen sich befunden htte wie Johannes, htte sich gewi mit dem Gedanken getragen, wenigstens einen Teil der alten Bauten abzutragen und etwas schneres, der Neuzeit entsprechenderes an ihre Stelle zu setzen. Unser Wachter aber begngte sich, die notwendigen Reparaturen durchzufhren. Er wute, da das Gebudekapital bei der Landwirtschaft das allerunproduktivste sei. Die alten Stlle und Scheunen erlaubten ihm, das Vieh und die Produkte gut unterzubringen, und das gengte ihm vollstndig. Da das ganze von auen nicht gerade luxuris aussah, kmmerte ihn nicht so viel. Lieber als fr Neubauten, wollte er sein Betriebskapital dazu verwenden, den Boden produktiver zu machen, und dadurch dafr zu sorgen, da er die alten Stlle und Vorratsrume wenigstens fllen konnte. Einigen Aufwand leistete er sich einzig bei der Instandstellung seiner Wohnung. Da lie er seiner Frau freien Spielraum, wohl wissend, da sie die richtige Grenze einhalten werde zwischen unntigem Luxus und unangebrachter Sparsamkeit. Nach dem gleichen Prinzip wie bei der Renovation der Gebude verfuhr Johannes bei der Einrichtung seines ganzen Betriebes. Praktisch und gut unter Verpnung jeden Luxus, das war auch hier sein Grundsatz. Dem jetzigen Ertrag des Gutes entsprechend, fllte er seinen Stall mit leistungsfhigem Vieh, bei dessen Ankauf er nicht knauserte. Spter gedachte er durch Anlegung von Kunstwiesen und durch eine rationelle Dngerwirtschaft den Futterertrag bedeutend zu steigern und dementsprechend den Viehstand zu vermehren. Die vorhandenen Gerte und Betriebseinrichtungen waren grtenteils sehr mangelhaft und unzureichend. Da wurde denn alles so ergnzt, da nicht unntige Arbeitskraft verschwendet werden mute, und zugleich eine Arbeit geleistet werden konnte, die einen vollen Erfolg erhoffen lie. Groes Gewicht wurde auch darauf gelegt, Einrichtungen zu treffen, um die erzielten Produkte bestmglich verwerten und alles gut ausntzen zu knnen. So stellte denn das Gehft unseres Wachter bald, trotz aller Einfachheit und Schlichtheit, ein Bauerngut dar, das ganz den Anforderungen der Neuzeit entsprach, das bei der herrschenden Ordnung und Sauberkeit einen wohltuenden Eindruck machte und vorteilhaft abstach von der im Dorfe herrschenden Unordnung und Nachlssigkeit. Die Haldenburger verfolgten alles, was auf dem Lindenbhl vorging, mit Mitrauen, und wo man von Wachters redete, geschah es mit Spott und unter Anwendung fauler Witze. Da es dieser Herrenbauer, trotz all seiner Studiertheit, nicht lange treiben werde mit seinen neumodischen Ideen, wenn er nicht ein steinreicher Mann sei, darber schienen alle einig zu sein. Johannes machte im Anfang auch einige Migriffe, welche aus der ungengenden Kenntnis der rtlichen Verhltnisse hervorgingen. Das war dann Wasser auf die Mhle der Sptter, und es hie dann gleich allgemein, da sehe man es, wie weit man komme mit solch gelehrten Firlefanzereien. Zuerst kmmerte sich Johannes gar nicht um das, was man im Dorfe ber ihn dachte oder redete; er lebte nur fr sich und tat, als ob niemand weiter fr ihn existiere. Bald aber mute er einsehen, da er da einen falschen Weg eingeschlagen habe, auf dem man nur sehr mhsam und auf groen Umwegen ans Ziel gelangen knne. Er sah sich bald vor Aufgaben gestellt, die allein zu erfllen ihm nicht mglich war. Auch merkte er gar bald heraus, wie schdigend eine schlechte Gemeindeverwaltung in den einzelnen Landwirtschaftsbetrieb hineingreifen knne, und zur rechten Zeit erinnerte er sich daran, da sein Vater ihn einst gelehrt habe, nicht nur an sich selbst zu denken, und auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, sondern auch das Allgemeine im Auge zu haben, und zu arbeiten an der Hebung des gesamten Bauernstandes. Er schmte sich jetzt, da er in seinem Stolze sich hoch erhaben geglaubt habe ber seine Nachbarn, die doch auch seinesgleichen waren, und die gewi auch zum Fortschritt zu bekehren seien, wenn man nur den richtigen Weg einschlage. Er dachte daran, was sich alles erreichen liee bei solch gnstigen klimatischen Boden- und Absatzverhltnissen, wie sie Haldenburg aufwies, und es schien ihm jetzt unerklrlich, wie er nur einen Augenblick hatte von seiner Pflicht abweichen knnen. Freilich durfte er sich nicht verhehlen, da es unsgliche Mhe kosten werde, gegen den tiefeingewurzelten Schlendrian, der sich seit altersher in Haldenburg breitmachte, anzukmpfen und einem gesunden Fortschritt zum Siege zu verhelfen. Am meisten wrden sich wohl die Reichen und die Dorfmagnaten dagegen wehren, und weil die Aermeren von den Wohlhabenden mit der Zeit stark abhngig geworden seien, so werde er auch bei diesen einen schweren Stand haben. Der Nutzen aber, der fr ihn und das ganze Dorf aus einem Umschwung zum Besseren resultieren mte, dnkte ihm eines Kampfes wohl wert, und so beschlo er denn, das groe Werk zu beginnen. Ueberstrzen durfte man die Sache nicht, wenn man ans Ziel gelangen wollte, das merkte Johannes gleich. Er tat deshalb einstweilen auch nichts weiter, als da er sich hie und da mit dem einen oder dem andern seiner Nachbarn in ein Gesprch ber allgemeine landwirtschaftliche Zustnde einlie. Dabei vermied er es ernstlich, sich als Besserwisser aufzuspielen oder die Verhltnisse und Manahmen anderer zu kritisieren. Hauptschlich aber gedachte er, das gute Beispiel wirken zu lassen und durch die eigenen Erfolge den Neid der andern zu erwecken, sie so zur Nachahmung zu veranlassen und also gleichsam aus einem Laster eine Tugend zu machen. Gar bald zeigte es sich auch, wie richtig diese Voraussetzung gewesen war. Hatten die Haldenburger Bauern z.B. nur spttisch zugesehen, als Johannes Kunstdnger auf einer Wiese ausstreute, so standen sie nachher, als der Erfolg sich zeigte, um so verblffter an derselben Wiese, und meinten, die Sache sei doch nicht ganz so dumm. Keiner htte sich aber herbeigelassen, bei Johannes anzufragen, wie es sich eigentlich mit dem Kunstdnger verhalte, ob es verschiedene Qualitten gebe, wie er am besten angewendet werde u.s.w. Wohl aber probierte es einer auf eigene Faust; er wute sich die Adresse eines Hndlers zu verschaffen, verlangte von demselben einfach Kunstdnger, ohne nhere Bezeichnung der Qualitt, und erhielt so eine ganz unpassende Marke, und dazu noch geringwertige Ware. Der Kaufmann mochte denken: Fr einen Haldenburger sei es gut genug, die verstnden es doch nicht besser. Der Bauer, der diesen Versuch machte, hatte den gleichen Erfolg erhofft, den Johannes mit seinem Kunstdnger erzielte, sah sich aber bitter enttuscht, und schwur hoch und teuer, nie mehr etwas von diesem neumodischen Hokuspokus wissen zu wollen. Unserm Johannes war die so klug eingeleitete Dngerprobe nicht verborgen geblieben, und er beschlo, dieselbe fr seine Zwecke auszuntzen. Als er deshalb einmal mit dem betreffenden Bauer im Wirtshaus zusammentraf, fragte er ihn mglichst unbefangen, was er fr einen Erfolg erzielt habe mit dem angewendeten Kunstdnger. Der Mann, der glauben mochte, Johannes wolle ihn foppen, geriet in Zorn und warf ihm vor, da er jedenfalls darauf spekuliert habe, da man ihm seine Narrheiten nachmache und Spott und Schaden davontrage; leider sei einer so dumm gewesen, auf den Leim zu gehen, aber er brauche keine Sorge zu haben, da es zum zweiten Male geschehe. Ruhig lie Johannes die Vorwrfe ber sich ergehen, suchte dieselben aber zu entkrften durch eine einfache, klare Belehrung ber das Wesen, den Ankauf, die Anwendung und die Wirkung der Handelsdnger. Er schlo damit, da er gerne von Anfang an bereit gewesen wre, jedem, der sich um die Sache interessiert htte, genauen Aufschlu zu geben; niemand aber habe eine Frage an ihn gestellt. Es tut mir leid, sagte er zu dem betreffenden Bauer, da Sie durch Ihre Unkenntnis der Sache zu Schaden gekommen sind. Ein noch grerer Schaden entsteht aber dadurch, da jetzt ganz Haldenburg den Kunstdnger fr Schwindel hlt, trotz den augenfllig gnstigen Resultaten, die ich mit demselben erzielte. So liegt aber die Gefahr nahe, da bei uns ein sehr wichtiges Hilfsmittel zur Steigerung der Bodenertrge geraume Zeit nicht zur Anwendung kommen wird. Diese Gefahr mu abgewendet werden, und dazu ist es notwendig, da Sie eine zweite Probe machen. Ich begreife zwar, da Sie nicht noch einmal Geld fr einen solchen Versuch auswerfen wollen; aber ich werde Ihnen die Sache erleichtern, und Ihnen ein Quantum geeigneten Kunstdngers zur Verfgung stellen, den Sie dann unter meiner Anleitung anwenden. Damit hoffe ich, nicht nur das untergrabene Ansehen des Kunstdngers wieder herzustellen, sondern auch eine gnstigere Gesinnung gegen mich bei Ihnen zu erwecken. Diese Ausfhrungen hatten nicht nur den vorher so aufgebrachten Kunstdngerfeind wieder besnftigt, sondern auch auf die andern im Wirtshause anwesenden Bauern einen guten Eindruck gemacht. Johannes beschlo, diese gnstige Stimmung auszuntzen, begann von allerlei Verbesserungen zu reden, die in Haldenburg durchgefhrt werden knnten und fhrte an, wie wichtig es wre, da solche Sachen unter den Bauern besprochen und errtert wrden. Gerade die Angelegenheit mit dem Kunstdnger habe gezeigt, wie oft man nur zu geneigt sei, eine sehr wichtige Neuerung einfach als Schwindel zu erklren, blo deswegen, weil man nichts davon verstehe. Eine einfache Aufklrung aber knne oft die Sache verstndlich machen und die Zweifel zerstreuen. Er erzhlte, wie segensreich gerade in dieser Hinsicht die landwirtschaftlichen Lokalvereine zu wirken imstande seien, hinzufgend, fr wie ntzlich er es halten wrde, wenn auch in Haldenburg ein solcher Verein ins Leben gerufen wrde. Alle Anwesenden nahmen diesen Vorschlag begeistert auf und baten Johannes, die Angelegenheit vorzubereiten und eine Versammlung einzuberufen zur Grndung eines Bauernvereins. Eine solche Zusammenkunft wurde denn auch in den nchsten Tagen einberufen und Wachter, der sich von dem am Sonntag errungenen Erfolg blenden lie, setzte groe Hoffnungen auf diese Versammlung. Er hatte einen Statutenentwurf ausgearbeitet und gedachte eine zndende Rede zu halten, um, wie er meinte, das Eisen zu schmieden so lange es warm sei. Gro war daher seine Enttuschung, als nur sechs Mann erschienen. Die Groen des Dorfes hatten von der Sache gehrt und befrchteten, da Johannes zu viel Einflu erhalten knnte, wenn der Verein zustande kme. Es gelang ihnen noch rechtzeitig, die Sache zu vereiteln und dem Fremden ein Schnippchen zu schlagen. Jeder andere htte nun auf eine solche Niederlage hin den Mut sinken lassen, nicht so unser Johannes. Nachdem es ihm gelungen war, den Aerger zu unterdrcken, kehrte die gewohnte Energie wieder und er sprach zu den sechs anwesenden Mnnern, da unter solchen Verhltnissen natrlich von der Grndung eines Vereins vorlufig keine Rede sein knne, da aber auch ohne einen solchen ein halbes Dutzend Bauern mehr ausrichten knnen, als ein einzelner, wenn es ihnen nur nicht an gutem Willen fehle. Da sie aber trotz aller Machinationen anders gesinnter hiehergekommen seien, halte er fr den besten Beweis, da es ihnen mit ihrem Streben nach Fortschritt auch wirklich ernst sei. Der herannahende Winter mit den langen Abenden biete Gelegenheit genug, zu berlegen und zu beraten, wie sie sich gegenseitig am besten in ihren Bestrebungen untersttzen knnen. Gelinge es ihnen, Vorteile zu erringen, so sei es sicher, da sie bald Anhang erhalten werden, und da in kurzem, trotz aller Anfeindungen, der Verein doch zustande kommen werde. Er lade sie ein, jede Woche an einem bestimmten Tag zu ihm auf den Lindenbhl zu kommen, um zu beraten, was getan werden knne, um eine Besserung sowohl ihrer eigenen, als auch der allgemeinen Haldenburger Verhltnisse anzubahnen. Das wurde beschlossen und zuversichtlich ging man nach Hause. Johannes hatte in seinen neuen Anhngern Leute gefunden, die von ernstlichem Streben beseelt waren. Es waren durchwegs kleinere Bauern, aber vollstndig unabhngig, so da sie es nicht ntig hatten, sich am Gngelbande der Groen fhren zu lassen. Sie erkannten gar bald, da Wachter ein Mann sei, dem man vertrauen knne und der es gut mit ihnen meine. Die Diskussionsabende auf dem Lindenbhl wurden fleiig besucht und es begann ein ruhiges, aber zielbewutes Arbeiten, dessen Frchte nicht ausblieben. Die Hauptaufgabe des kleinen Klubs mute vorerst darin bestehen, in ihren eigenen Betrieben Verbesserungen durchzufhren. An groe ffentliche Fragen durften sie ja nicht herantreten. Mit kluger Berechnung blieben sie berhaupt allen groen Projekten fern. Sie sagten sich, da sie nicht zu viel wollen drfen; denn Mierfolge knnten auch sie entmutigen und dann wre alles verloren. Johannes belehrte bei den Zusammenknften die Leute, wie sie durch eine rationelle Dngerwirtschaft ihre Gter ertragreicher machen knnen, wie sie auch mit dem kleinsten haushalten sollen und wie sie selbst noch aus allen Abfallstoffen, die sie bis jetzt nicht zu beachten gewohnt waren, noch Nutzen zu ziehen vermgen. Er zeigte ihnen, wie sie durch richtige Zeiteinteilung und strenge Ordnung in allen Dingen den Betrieb vereinfachen und mheloser gestalten knnen. Durch gemeinsamen Bezug von Kunstdnger, Smereien, Futtermitteln u.s.w. verringerten sie ihre Auslagen, schtzten sich vor Betrug und sicherten sich bessere Qualitten. Zufllig hatte man gerade ein sehr gesegnetes Obstjahr, da legten sie die auf rationelle Art geernteten und sortierten Frchte zu gemeinschaftlichem Verkauf zusammen und erzielten, dank der guten Verbindungen, die Johannes hatte, viel hhere Preise, als die andern Bauern. Auf diese Weise ist es erklrlich, da jeder schon im ersten Jahr einen groen Nutzen aus der zwanglosen Vereinigung davontrug. Das merkten jetzt natrlich auch die andern Bauern und manchen reute es, da er an jenem Abend der Versammlung ferngeblieben war. Wachter mute sich sagen, da er sehr viel erreicht habe, vielleicht sogar mehr, als wenn vor einem Jahr der Verein wirklich zustande gekommen wre; denn viel' Kpf', viel' Sinn'. Bei einem greren Verein htte es gewi auch solche gegeben, die der Sache zum mindesten nicht frderlich gewesen wren, oder gar als Radschuh am Fortschrittswagen figuriert htten. Es darf nun hier nicht verschwiegen werden, da unterdessen auch Frau Marie nicht unttig geblieben war. Als treue Bundesgenossin ihres Mannes hatte sie seine Bestrebungen zu den ihrigen gemacht, und hatte jener bei den Mnnern Erfolge aufzuweisen gehabt, so konnte sie sich rhmen, dasselbe bei den Frauen erreicht zu haben. War der Lindenbhl fr die sechs Mnner der Versammlungsort und der Mittelpunkt ihres Wirkens geworden, so ist es fast selbstverstndlich, da auch ihre Frauen hie und da dort verkehrten. Auch sie wollten etwas lernen, und Marie erteilte gerne Rat, wo sie konnte. Bald hatte sie Fragen zu beantworten die Kche betreffend, bald bildete die Milchwirtschaft den Mittelpunkt der Besprechung, oder es kam das Kapitel Hhnerzucht zur Errterung, und als der Frhling herankam, trat die Gartenwirtschaft in den Vordergrund. Auf allen diesen Gebieten war ja Frau Wachter vollstndig zu Hause und in aller Bescheidenheit erteilte sie Auskunft, ohne mit ihren Kenntnissen zu prahlen. Bald genug wute man im Dorfe auch noch von einer andern Ttigkeit Mariens zu erzhlen, die sich ganz im stillen abspielte. Ihr gutes Herz und ihr Wohlttigkeitssinn trieben sie, die Not und das Elend zu mindern, wo sie es antraf. Hier sah man sie mit wohlgefllter Schrze in die Htte einer armen Wchnerin eintreten, dort stand sie am Bette eines Schwerkranken, trstend und helfend, wo sie konnte. Der Arzt und der Pfarrer wuten ihre Dienste und aufopfernde Mitarbeit dankbar zu schtzen, und manche genesende Person segnete das stille Walten, das vom Lindenbhl ausging. Lange bevor Johannes mit seinen Fortschrittsideen bei den Mnnern durchgedrungen war, zollte man seiner Frau allgemeine Achtung und Verehrung. Hie und da kam Vater Wachter auf Besuch, um zu sehen, wie sein Sohn wirtschafte, und er konnte sich nicht genug wundern, was Johannes in den wenigen Jahren aus dem vernachlssigten Gute gemacht hatte. Er mute bekennen, da sein Sohn sein Wort gehalten und ein rechter Bauer geworden sei. Die sorgfltig gefhrten Bcher ergaben aber auch, da die Rendite mit dem ueren Ansehen des Hofes im Einklang stand. Mit Stolz erfllte es ihn, als er hrte, wie, von seinem Sohne ausgehend, eine Hebung der allgemeinen landwirtschaftlichen Zustnde in Haldenburg angestrebt wurde, und er prophezeite Johannes gerade in dieser Hinsicht noch einen besondern Erfolg. Er meinte, so hartgesottene Anhnger des Althergebrachten knnen diese Bauern doch nicht sein, da sie nicht merken sollten, da diese wohlgepflegten Wiesen nicht mehr und besseres Futter liefern, als die schlechten daneben; da diese glatthaarigen, wohlgeformten und gutgenhrten Khe nicht leistungsfhiger seien und auf dem Markte einen greren Wert reprsentieren, als andere mit allen mglichen Fehlern behaftete, und da diese kraftstrotzenden, sauber in Ordnung gehaltenen Obstbume nicht einen weit greren Nutzen abzuwerfen imstande seien, als jene Serblinge, die ber und ber mit Schmarotzern bedeckt seien. Wenn sie es aber sehen, so msse der erste Schritt der sein, da sie es auch so haben wollen. Wie recht der alte Wachter mit seiner Voraussage hatte, zeigte sich in der Tat immer mehr. Die Sticheleien, denen Johannes und seine sechs Anhnger im Anfang ausgesetzt waren, hrten nach und nach auf. Man gewhnte sich daran, sie ihren eigenen Weg gehen zu sehen, und lie sie gewhren. Als dann aber so nach und nach die Erfolge ihres vernderten Vorgehens sich bemerkbar machten, wurde mancher stutzig und fing an zu fragen, was die Ursache dieser oder jener Erscheinung sei. Bereitwilligst wurde natrlich immer Auskunft gegeben, und gewhnlich tat man bei solchen Errterungen auch des Lindenbhls Erwhnung, als Ausgangspunkt der verschiedenen Anregungen und Belehrungen. So begannen denn die Haldenburger Bauern doch einzusehen, da man die Ansichten Johannes' etwas mehr beachten msse; denn es seien eben unzweideutige Beweise vorhanden, da er mit seiner Methode zu ganz andern Resultaten gelange, als sie mit ihrem alten System. Verfehlt wre es jedoch, zu glauben, da diese guten Leute jetzt ihren Irrtum und ihr Unrecht offen bekannt htten. Nein, nur zu hinterst in ihrem Gewissen begann das Gefhl, nicht ganz im Recht zu sein, langsam aufzutauchen. Aber noch ein anderes Gefhl machte sich geltend, und das war der Neid. Diese beiden Regungen hielten sich eine Zeitlang die Wage und lieen einander nicht vorwrts kommen. Zuletzt zeigte sich aber doch der Neid als strker, und namentlich als man sah, da Johannes nicht zrnte, sondern gerne jedem Bescheid gab, der sich an ihn wandte, wollte jeder so viel als mglich von seinen Kenntnissen profitieren. Manche der vielen wichtigen Fragen, die da zu errtern waren, lieen sich indessen nicht nur so im Vorbeigehen behandeln, und man sah ein, da da grere Zusammenknfte ntig wren. Immer hufiger sprach man deshalb wieder von dem Projekt einer landwirtschaftlichen Vereinigung und bedauerte lebhaft, da man das vorige Jahr der Sache so feindselig begegnet sei. Indessen liee sich vielleicht auf die Angelegenheit zurckkommen. Und als sich einmal eine gnstige Gelegenheit bot, frug einer den Johannes, wie es eigentlich mit der Grndung eines landwirtschaftlichen Vereins stehe, ob er nicht glaube, da man noch einmal einen Versuch wagen sollte, das Entgegenkommen werde jetzt gewi ein besseres sein, als das erste Mal. Johannes wollte aber zuerst nichts mehr davon wissen, er sagte: Ich habe an einer Niederlage gerade genug und bin nicht nach Haldenburg gekommen, um mich ffentlich zum Narren halten zu lassen. Ich hatte lediglich Euer Wohl im Auge, als ich vor einem Jahr die erste Versammlung einberief. Statt dieses anzuerkennen, hat man mich sogar noch schlechter Absichten geziehen, und nun soll ich mich dieser Gefahr von neuem aussetzen? Erst als man von allen Seiten in ihn drang und selbst seine Freunde ihn eines befriedigenden Erfolges versicherten, beschlo er endlich, nochmals die Zusammenberufung einer Versammlung zu wagen, hatte dann aber auch die Freude, die Sache vollstndig gelingen zu sehen. Der Besuch war nicht nur ein sehr groer, sondern viele der anwesenden Bauern erklrten sich auch gleich bereit, dem Verein beizutreten. Johannes, der nun schon aus Erfahrung wute, da man so einen aufflammenden Eifer mglichst gut auszuntzen suchen msse, legte der Versammlung einen Statutenentwurf vor, und als die verschiedenen Paragraphen durchberaten und angenommen waren, wurde zur Wahl des Vorstandes geschritten, wobei natrlich Johannes als Prsident hervorging. So wurde in einer Sitzung in Haldenburg ein landwirtschaftlicher Verein gegrndet, der ber 30 Mitglieder zhlte. Selbst einige der Dorfmagnaten waren dem Verein beigetreten. Sie mochten darauf rechnen, auch hier eine Rolle spielen zu knnen. Nun ging es in Haldenburg rasch vorwrts mit dem Fortschritt in der Landwirtschaft. Ein Cyklus von Vortrgen ber die verschiedensten Gebiete der Landwirtschaft, sowie einige Kurse sollten den Bauern Gelegenheit geben, sich grundlegende Kenntnisse zu verschaffen, mittelst denen es ihnen mglich sein sollte, aus ihren Betrieben einen greren Nutzen zu ziehen. Die Mitglieder des Vereins suchten nicht nur aus Bchern und Zeitschriften zu erfahren, wie man anderwrts vorgehe, oder diese oder jene Neuerung sich zunutze mache, sondern sie tauschten auch ihre eigenen Beobachtungen und Erfahrungen gegenseitig aus, was von groem Nutzen war; denn unter den verschiedenen Verhltnissen, namentlich in Bezug auf Boden und Klima, verndern sich ja bekanntlich die Resultate der landwirtschaftlichen Ttigkeit oft um ein betrchtliches, so da die Beobachtungen, die an Ort und Stelle selbst gemacht werden, immer die beachtenswertesten sind. Der gemeinschaftliche Bezug von Dnger, Samen und andern landwirtschaftlichen Bedarfsartikeln hatte sich schon vorher bewhrt. Es wurde deshalb diese Institution in die Vereinsttigkeit aufgenommen und stetig erweitert. So wurde der genossenschaftliche Sinn bei den Haldenburgern trefflich genhrt, bald wurde eine Viehzuchtgenossenschaft gegrndet und die Sennerei, die schon frher genossenschaftlich betrieben wurde, besser eingerichtet und nach den Anforderungen der Neuzeit umgestaltet. Allen diesen Manahmen war es zu verdanken, da nicht nur die Ertrge betrchtlich erhht, sondern auch die Produkte bedeutend verbessert wurden, so da sie an Ansehen gewannen und marktfhiger wurden. Whrend man frher von Haldenburg nie etwas gutes erwartete und daher der Absatz ein uerst schlechter war, stellten sich jetzt Kufer ein, welche gute Ware suchten und auch dementsprechend bezahlten. So sah man sich jetzt auch fr seine Mhe entschdigt und arbeitete mit viel grerer Lust. Der Aufschwung bedeutete also direkten und indirekten Nutzen. Freilich wre es ein Irrtum, zu glauben, da sich die gnstige Vernderung, welche so viel Gutes mit sich brachte, so glatt vollzog, wie sie eben geschildert wurde. Da galt es anzukmpfen gegen eine ganze Menge von Vorurteilen und Scheingrnden. Die Gutgesinnten bildeten noch lange die Minderheit. Viele wollten sich durchaus vom Alten nicht losmachen, obwohl eigentlich mancher keinen andern Grund dafr angeben konnte, als seine Engherzigkeit, seinen Hochmut und die Lust am Streiten. Die grten Schwierigkeiten traten ein, als der landwirtschaftliche Verein es als seine Aufgabe erkannte, sich auch mit Angelegenheiten zu befassen, welche die Gemeinde angingen, wie z.B. Weganlagen, Alpverbesserungen, eine neue Waldordnung u.s.w. Alles dies waren Projekte, die nicht mehr lnger aufgeschoben werden durften, wollte man nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Johannes sah zwar voraus, da enorme Schwierigkeiten zu berwinden seien, bis man in dieser Beziehung ans Ziel gelange, aber jetzt, da er nicht mehr allein dastand im Kampfe, schreckten ihn die Hindernisse nicht. Mit wohlberechneter Klugheit trat er nie fr etwas ein, das er nicht vorher wohlerwogen und ausgedacht hatte. Bevor er einer Verbesserung das Wort redete, berechnete er immer die Opfer, die dafr zu bringen seien und den Nutzen, den man nach der Ausfhrung erwarten durfte. So konnte er der Opposition mit ziffernmigen Belegen gegenbertreten, und dieser Umstand half manchmal allein schon der Sache zum Durchbruch. Als einige kleinere Projekte dieser Art wirklich zur Ausfhrung gelangten und man allgemein das Gute anerkennen mute, gewann Johannes immer mehr Achtung und Ansehen, und er wurde sogar in den Gemeinderat gewhlt. Dieses Ereignis war ein schwerer Schlag fr den Brgerzopf; denn so etwas war noch nie erhrt worden in Haldenburg, und manches alte Buerlein, das sich nicht mehr in die neue Zeit hineinfinden konnte, meinte, die Vorfahren wrden sich noch im Grabe umdrehen, wenn sie wten, wie man ihre heiligsten Ueberlieferungen miachte. Von jetzt an ging es rasch vorwrts im neuen Kurs. Der Stein war nun einmal ins Rollen gekommen und niemand vermochte ihn aufzuhalten. Die notwendigsten der geplanten Verbesserungen wurden nacheinander durchgefhrt, andere, weniger dringende, wurden einstweilen noch zurckgelegt, da man bei den milichen Verhltnissen, in welche die Gemeinde durch die fortwhrend schlechte Verwaltung nach und nach gekommen war, nicht zu viel auf einmal wagen durfte. Der allgemeine Aufschwung hatte eine bedeutende Verkehrssteigerung zur Folge, welche sich hauptschlich durch vermehrte Ab- und Zufuhr geltend machte. Auch hatte man durch Entwsserung eines groen Sumpfgebietes in der Ebene drunten mehr Kulturland gewonnen, dessen Ertrge ins Dorf heraufgefhrt werden muten. So war es zur dringlichen Notwendigkeit geworden, einen bequemeren Zufahrtsweg zu schaffen. Es gehrte denn bald auch der berchtigte Haldenburgerstutz der Vergangenheit an. An einer Biegung der neuen Strae wurde ein Felsblock aufgestellt, den man beim Bau derselben ausgegraben hatte, und darauf ist der Spruch eingemeielt: Rastlos vorwrts mut du streben, Nie ermdet stille steh'n, Willst du die Vollendung seh'n. Dieses sollte der Wahrspruch werden fr die Weiterentwicklung Haldenburgs, und wer heute dorthin kommt, der mu bekennen, da das rastlose, unermdliche Vorwrtsstreben auch zu einem schnen Erfolge gefhrt hat; denn Haldenburg kann mit seinen geordneten Verhltnissen, unter denen Landwirtschaft und Gewerbe blhen, den umliegenden Gemeinden als Muster dienen. Die Geschichte seines Aufschwungs aber beweist, wie wichtig es fr ein Gemeinwesen ist, wenn Mnner in ihm wirken, denen das ffentliche Wohl am Herzen liegt, und die mit Energie und Tatkraft in umsichtiger Weise fr dasselbe einstehen, wo immer es notwendig ist. Unsere Bauern aber mgen aus vorstehender Schilderung die Lehre ziehen, wie notwendig es ist, da bei der Ausbildung junger Landwirte nichts versumt wird. Echte und rechte Bauern sind notwendig, Mnner, die imstande sind, mit Energie und Intelligenz den althergebrachten Ideen und Ansichten die Stirne zu bieten und einzutreten fr einen gesunden Fortschritt, durch welchen die Hebung der Landwirtschaft sich vollziehen soll. In der Voraussetzung also, da Johannes Wachter nicht nur allein fr Haldenburg so nutzbringend gewirkt habe, sondern auch vielen andern seiner Berufsgenossen als leuchtendes Beispiel diene, nehmen wir von ihm und dem Lindenbhl Abschied. [Illustration] [ Hinweise zur Transkription Das Originalbuch ist, abgesehen von der Titelseite, in Frakturschrift gedruckt. Im Rahmen der Transkription wurde die Stellung der Satzzeichen bei wrtlicher Rede (jedoch nicht bei Zitaten) in "," und "." vereinheitlicht. Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen, Seite 3: "Schferhte" gendert in "Schferhtte" (am wrmenden Feuer in einer kleinen Schferhtte) Seite 8: "bekommrn" gendert in "bekommen" (zu glauben, wir bekommen keinen Platz) Seite 22: Komma verschoben von "Bauern," nach "vor," (schwebte mir als das Ideal eines Bauern vor, und weil ich) Seite 24: "Verarbeituug" gendert in "Verarbeitung" (durch bessere Verarbeitung der Milch) Seite 32: "," eingefgt (freundliche Behausungen entstanden sind, ein neues Schulhaus) Seite 39: "Fuhrmaann" gendert in "Fuhrmann" (die zwei vom Fuhrmann genannten neuen Wirtschaften) Seite 39: "Kegelspliel" gendert in "Kegelspiel" (lustige Gesellschaft sich mit Kegelspiel die Zeit vertreibt) Seite 39: "und und" gendert in "und" (die wichtigste Feldfrucht ausmachen und jetzt gerade die Zeit) Seite 44: "Gespche" gendert in "Gesprche" (Bei Gelegenheit solcher Gesprche hielt dann auch Elise) Seite 44: "Gegestand" gendert in "Gegenstand" (ber diesen Gegenstand zu reden kam) Seite 54: "Grnfutrer" gendert in "Grnfutter" (Grnfutter ist gut frs liebe Vieh) Seite 56: "Nachberinnen" gendert in "Nachbarinnen" (da dachten sogar einige der Nachbarinnen, da so ein) Seite 57: "Blumenstrae" gendert in "Blumenstraue" (noch mit einem hbschen Blumenstraue beschenkt hatte) Seite 61: "verkockenden" gendert in "verlockenden" (keine sehr verlockenden Preise in Aussicht gestellt) Seite 62: "nnd" gendert in "und" (fr den eigenen Haushalt zu pflanzen und mit ihren Blumen) Seite 62: "Einnahmsqunelle" gendert in "Einnahmsquelle" (zu einer ergiebigen Einnahmsquelle zu gestalten) Seite 77: "Flnr" gendert in "Flur" (einen Spaziergang durch Wald und Flur machten) Seite 90: "kmmerte" gendert in "kmmerte" (nicht gerade luxuris aussah, kmmerte ihn nicht so viel) Seite 92: "." eingefgt (anderer zu kritisieren. Hauptschlich aber gedachte er) Seite 99: "Gfhl" gendert in "Gefhl" (noch ein anderes Gefhl machte sich geltend)] End of the Project Gutenberg EBook of Aus Berg und Tal, by Ulrich Kiebler License: Share Alike