Produced by richyfourtytwo, Wolfgang Menges and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by the Bibliothque nationale de France (BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr) Anmerkungen zur Transkription Passagen, die im Originaltext gesperrt gedruckt waren, sind hier _so_ gekennzeichnet; Passagen, die im Originaltext nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt waren, sind hier +so+ gekennzeichnet; Passagen in griechischer Schrift sind hier %so% gekennzeichnet; Passagen in hebrischer Schrift sind hier $so$ gekennzeichnet. Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes. Der Occultismus des Altertums von Karl Kiesewetter. Leipzig, Verlag von Wilhelm Friedrich. Druck von Emil Herrmann senior in Leipzig. Der Occultismus des Altertums. Von demselben Verfasser erschien in gleichem Verlage: Geschichte des neueren Occultismus. Broschiert Mark 16,--, gebunden Mark 18,--. Geheimwissenschaften. Broschiert Mark 16,--, gebunden Mark 18,--. Inhaltsverzeichnis. Der Occultismus des Altertums. I. Buch. Der Occultismus bei den Akkadern, Babyloniern, Chaldern und Assyriern. I. Kapitel. Religionsphilosophie, weie und schwarze Magie der Akkader. Eine aus der Bibliothek des Knigspalastes von Niniveh stammende Tafel mit den Fragmenten von 28 Zaubersprchen. -- Die akkadische Magie. -- Religion der Kuschiten. -- Planetengtter. -- Tammuz. -- Die obersten zwlf Gtter. -- Astralgeister. -- Die obersten Naturgeister der Akkader. -- Sieben Maskim. -- Die akkadischen Beschwrungen der Maskim. -- Die akkadischen Krankheitsbeschwrungen. -- Mesmerisierte Bder. -- Verschiedene Arten von Talismanen. -- Heilmesmerismus. -- Transplantation der Krankheiten. -- Der Bildzauber. -- Die Verwnschung. -- Silik-mulu-khi. -- Das Urbild des Paktes mit dem Teufel. -- Das Intellektualsystem der Akkader. -- Die akkadische Geisterlehre. -- Lehre von den Feruern. II. Kapitel. Das Divinationswesen der Chalder. Die Astrologie. -- Observatorien. -- Die Loswahrsagung. -- Belomantie. -- Die Beobachtung des Vogelflugs. -- Wahrsagung aus den Eingeweiden der Opfertiere. -- Traumdeutung. -- Die wahrsagerische Beobachtung der Wolken und atmosphrischen Erscheinungen. -- Die Fulguration. -- Wahrsagerei aus Erdbeben. -- Phyllomantie, Wahrsagung aus der Bewegung und dem Rauschen der Bume. -- Die Schlange als wahrsagendes Tier. -- Baalzebub, Baalfliege, Herr der Fliege. -- Trume von Feuer und Flammen. -- Incubation. -- Nekromantie. II. Buch. Der Occultismus der Meder und Perser. Erste Abteilung. Der medische Magismus. Das System des Magismus. -- Kambyses in gypten. -- Feier des Magiermords. -- Geist des ursprnglichen Mazdeismus. -- Der siebenstckige Thurm zu Borsippa. -- Der babylonische Gestirn- und Planetendienst. -- Die Trias. -- Die drei Weltzonen. -- Zrvna-akarana, Ahuramazd und Angrmainyus. -- Der Brauch der Menschenopfer. -- Die turanischen Ureinwohner Mediens. -- Die Wurzel aller Schlangen- und Teufelskulte. -- Directe Nachkommen der alten Angrmainyusverehrer. -- Yezidis oder Teufelsanbeter. Zweite Abteilung. Der Zoroastrismus. I. Kapitel. Das Leben Zoroasters. Sohn des Poraschasp und der Dogdo. -- Zendavesta. -- Amschaspands. -- Die vier Elemente des Menschenkrpers. -- Parsismus. -- Gustaspes. -- Die mediumistischen Erscheinungen der Feuerfestigkeit und des forcierten Pflanzenwachstums. -- Spuren der Physiognomik. -- Das Darunopfer mit Wein, Wohlgerchen, Milch und einem Granatapfel. -- Sein Krper, aller Verwundung unfhig. -- Der Brahmine Tschengregatscha. -- Ardjaspes. -- Iran. -- Grndung des Cypressendienstes. Dritte Abteilung. Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt und die Kosmogonie des Zoroastrismus. I. Kapitel. Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt des Zoroastrismus. Der Unendliche und Anbeginnlose Ahuramazd und Angrmainyus. -- Zrvna-akarana. -- Die Feruer aller Wesen. -- Gedanken du Prels anticipiert. -- Die sieben Amschaspands. -- Bahman. -- Schahriver. -- Sapandomad. -- Chordad. -- Amerdad. -- Die Izeds. -- Die Stufenleiter der Izeds. -- Mithra. -- Korschid. -- Aban. -- Ader. -- Anahid. -- Amiran. -- Ard. -- Arduisur. -- Aschtad. -- Asman. -- Barzo. -- Behram. -- Dahman. -- Din. -- Farvardin. -- Gosch. -- Goschorun. -- Mah. -- Mansrespand. -- Neriosengh. -- Pavand. -- Rameschne-kharan. -- Raschne-rast. -- Serosch. -- Taschter. -- Vad. -- Venant. -- Zemiad. -- Der Urvater der Menschheit. -- Die sieben Erzdews. -- Kampf der guten und bsen Geister. -- Der Tod. -- Die Auferstehung der Toten. II. Kapitel. Der zoroastrische Kultus. Liebe und Ha, Sympathie und Antipathie. -- Zoroaster gebietet unhnlich dem indischen Quietismus keine empfindungslose Geistesstille, keine Abttung des Leibes. -- Das heilige Altarfeuer Behram, das heilige Wasser Zahre, welches auf dem Urberg Albordj entspringt, und der heilige Hombaum, aus welchem der Lebenssaft, das Wasser der Unsterblichkeit hervorquillt. -- Die Zauberer als Hnde und Fe, Augen und Zungen von Angrmainyus betrachet. -- Zweck der Religion Lichtwerdung der ganzen Schpfung. -- Die allgemeine Harmonie alles Lebendigen. -- Gemeinde der Lebendigen. -- Krper des Urworts. -- Das Wort, das Urwesen, durch welches alle Wesen geworden sind, was sie sind. -- Es ist eins mit der Lebenskraft und dem gttlichen Wesen. -- Das erste Gesetz. -- Das Werk der Finsternis. -- Erhaltung der Reinheit der Seele. -- Feuerdienst. -- Die Reinigungen. -- Das Wasser. -- Das Fasten. III. Kapitel. Auszug aus dem Bun-Dehesch, der parsistischen Kosmogonie. Ahuramazd und Angrmainyus. -- Die beiden Urprinzipien. -- Die Fixsterne der Sichtbarkeit. -- Meschgah. -- Kaiomorts. -- Sieben Fixsterne als Wchter. -- Schpfung des Wassers. -- Der Urstier. -- Der Hund Sura. -- Meschia und Meschiane. -- Von der Zeugung. -- Eine Art mystischer Zoologie. -- Von der Auferstehung der Toten und Wiederherstellung der Leiber. -- Sostosch. -- Vom sublunarischen Himmel. -- Ewige Dauer. IV. Kapitel. Die Orakel Zoroasters. Aphorismen. -- Oneirokritik des Astrampsychus. -- Kommentar des Psellos. -- Plethon. -- Incarnationen. -- Das Bild von den Ausklopfern der Seele. -- Paradies. -- Der Astralkrper. -- Hefe der Seele. III. Buch. Der Occultismus der Inder. Veden. -- Rigveda. -- Yayurveda. -- Samaveda. -- Artharvaveda. -- Sabismus. -- Gttertrias: Brahma, Wischnu, Schiwa. -- Brahma. -- Der vergeistigte Mazdeismus. -- Das Gesetzbuch des Manu. -- Die kosmogonischen Philosopheme. -- ther (+ksa+). -- Reincarnationen. -- Die Weltendauer. -- Pessimismus der indischen Religionsphilosophie. -- Drei Dimensionen des Raumes. -- Tamas. -- Maya. -- Satya. -- Sankhyaphilosophie. -- Echtheit der Theosophie. -- Yogi. -- Autohypnose. -- Somatrank. -- Atma. -- Traumschlaf. -- Ekstase. -- Das Manas. -- Indische Astrologie. -- Die Siebenzahl. -- Die Wochentage. -- Tierkreis. -- Die Entstehung des Tierkreises. -- Harmonie des Makrokosmos mit dem Mikrokosmus. -- Die eigentliche Astronomie. -- Der Brahmane und spter portugiesische Abb Faria. -- Schaustellungen der Bokte-Lamas. -- Hucs Bericht ber die magischen Wunderheilungen. -- Der franzsische Gesandte Gobineau. -- Zauberei in Camerun. -- Oberstlieutenant T.G. Frazer. -- Die wandelnden Krge. -- Die Fakire Jacolliots. -- Covindasamy. IV. Buch. Der Occultismus der gypter. I. Kapitel. Der gyptische Occultismus als Priesterwissenschaft. Jamblichus. -- Die gyptischen Priester. -- Porphyrius. -- Die Hofzauberer Pharaos. -- Die Heilgottheiten der gypter. -- Isis. -- Horus. -- Apis. -- Phtha, das Bild des unendlichen Geistes. II. Kapitel. Der Heilmagnetismus bei den alten gyptern. Bentrosch-Stele nach der bersetzung des Professor Dr.Lauth. -- Chonsu Heilgott. -- Der gyptische Hypnotiseur. -- Die +sa+-Striche. -- Festmachen. -- Erzeugung von Hypnose und Somnambulismus. III. Kapitel. Die eigentliche magische Heilkunde der gypter. Hermes Trismegistos. -- Die hermetische Litteratur. -- Heilkrfte gegen Hautkrankheiten und Epilepsie, gegen Augenkrankheiten, Zahnleiden, Ohrenleiden, Nasenleiden, fr die Kehle, fr den Magen, fr die Gedrme, fr die Blase, fr die Geschlechtsteile, fr die Gebrmutter, fr die Nieren. -- Humoralpathologie. -- Der Grundsatz: +similia similibus+. -- Homopathie. -- Impfung und Serumtherapie. -- Ebn Esras. IV. Kapitel. Die Seelenlehre der alten gypter. Wahrscheinlichkeit, da die Kabbala auf Moses zurckzufhren. -- Totengericht. -- Wgung des Herzens. -- Das Zwischenreich. -- Die Unterwelt Amenti. -- Paradies. -- Papyrus, Totenbuch. -- Der Mensch als Monade in einer Siebenteilung. -- 92.Kapitel des Totenbuches. -- Tetragramme oder magische Quadrate. V. Buch. Der Occultismus der Hebrer. I. Kapitel. Die schwarze Magie der Hebrer. Elementarwesen des Feuers, der Luft, des Wassers und der Erde. -- Salamander, Sylphen, Undinen und Pygmen. -- Pflanzlicher Nephesch (Astralleib). -- Gewisse Vorgnge im modernen Mediumismus. -- Mit Hilfe der Elementarwesen ausgefhrte Magie. -- Der Sohar. -- Das magische Schauen. -- Monen. -- Astrologie der Tagewhlerei. -- Nichusch, wahrsagende Deutung der Erscheinungen und Vernderungen irdischer Dinge. -- Doresch ha Methim, ein Befragen der Toten. -- Der Kischuph. -- Beschwrung der Satanim. -- Habal de Garmin. -- Schdigende Willensmagie. Zweite Abteilung. Die Kabbala. I. Kapitel. Das Alter der Kabbala. Joseph ben Akiba. -- Simon ben Jochai. -- Gemara. -- Mischna. -- Rabbi Zera. -- Die mysterise und heilige Lehre der Merkaba. -- Das Tetragrammaton. -- Maimonides. -- Geheimlehre ber die Schpfung und die Natur der Gottheit. -- Kultus des Buchstabens. -- Kabbalisten im Gegensatz zu den Essern. -- Die Adepten der Kabbala. II. Kapitel. Die kabbalistischen Bcher. -- Die Authenticitt des Sepher Jezirah. berlieferung des Talmud. -- Die Darstellungsweise des Jezirah. -- Autoritt des Moses Botril. -- Rabbi Akiba. -- Der Verfasser des Buches der Schpfung. III. Kapitel. Die Authenticitt des Sohar. Rabbi Moses ben Nachman. -- Rabbi Ascher. -- Rabbi Gedalia. -- Jehuda ben Gerim. -- Simon ben Jochai. -- Der Verfasser des Sohar. -- Moses von Leon. -- Die Emanationslehre, Grundlehre des ganzen im Sohar entwickelten Systems. -- Hieronymus, von den zehn mystischen Namen. -- Die Stephiroth. -- Die Kette der Tradition. -- Supplement des Sohar. -- Die kabbalistischen Lehren durch mndliche Tradition berliefert. -- Das System des Simon ben Jochai. -- Das Copernikanische System. -- Der heilige Augustin ber denselben Gegenstand. IV. Kapitel. Die Lehren der kabbalistischen Bcher. -- Analyse des Sepher Jezirah. Das Buch Jezirah. -- Die zweiunddreiig wunderbaren Wege der Weisheit. -- Die zehn Sephiroth. -- Die zweiundzwanzig Buchstaben des hebrischen Alphabets. -- Das letzte Wort des kabbalistischen Systems. -- Transformation des Symbols zur Idee. V. Kapitel. Analyse des Sohar. -- Die allegorische Methode der Kabbalisten. Die Kabbalisten schoben auf eine den Profanen unbekannte Weise in mysterisem Sinn den historischen Thatsachen und positiven Geboten eine geheime Bedeutung unter. -- Origenes, +Homil 7 in Levit.+ VI. Kapitel. Die Anschauungen der Kabbalisten ber die gttliche Natur. Das Buch des Geheimnisses. -- Dreizehntausend Myriaden Welten. -- Der Name des Unendlichen En Soph. -- Die gttlichen Attribute. -- Idra Suta. -- Der hchste Gedanke oder das Wort. -- Besondere Rolle der einzelnen Sephiroth und ihre Gruppierung nach Trinitten und Personen. -- Hegel. -- Die Personen dieser Trinitt als drei aufeinanderfolgende und absolut notwendige Phasen des Denkens und Seins. -- Mit der Hegelschen Philosophie vergleichbar, eine Verbindung von Ideen Platos und Spinozas. -- Die drei ersten Sephiroth. -- Die Sephiroth bilden in ihrer Gesamtheit den himmlischen oder idealen Menschen. -- Absolute Identitt der Existenz und des Gedankens. -- Schechinah. -- Die immanente Kraft der Dinge. -- Das Buch der Geheimnisse. -- Die Knige von Edom, die Welten, welche bestanden, noch ehe sich die Formen gebildet hatten, um als Mittelglied zwischen der Schpfung und der gttlichen Wesenheit in ihrer grten Reinheit zu dienen. -- Von dem Geschlechtsunterschied des idealen Menschen. -- Die Metempsychose. -- Die Dmonen. -- Hllen. VII. Kapitel. Die Weltanschauung der Kabbalisten. Kommentatoren des Sepher Jezirah. -- Das Dogma von der Schpfung. -- +Ex nihilo nihil.+ -- Der Erzengel des Bsen. -- Samael. -- Die Kabbalisten ber die Physiognomik. -- Die vier Gestalten des mystischen Wagens des Hesekiel. -- Von der himmlischen und der hllischen Hierarchie. -- Der Engel der Reinheit (Tahariel), der Barmherzigkeit (Rachmiel), der Gerechtigkeit (Zadkiel), der Befreiung (Padael), und der berhmte Raziel, welcher mit eiferschtigen Augen die Geheimnisse der kabbalistischen Weisheit bewacht. -- Der Engel des Feuers Nuriel, der des Lichts Uriel. -- Die Absicht dieser Allegorien. -- Die groe Hure oder die Meisterin der Ausschweifungen Lilith. -- Die Dmonologie der Kabbalisten eine notwendige Ergnzung ihrer Metaphysik. VIII. Kapitel. Die Lehrmeinung der Kabbalisten von der menschlichen Seele. Drei Principien oder vielmehr drei Grade der menschlichen Existenz. -- Das individuelle Princip. -- Von den Androgynen Platos. -- Dogma der Prexistenz. -- Die Lehre von der moralischen Prdestination. -- Diejenigen welche auf der Welt Bses thun, haben schon im Himmel angefangen, sich vom Heiligen zu entfernen. -- Probe der Seelenwanderung (Gilgul). -- Die Rckkehr der Seele in den Scho der Gottheit. -- Palast der Liebe. -- Ksse der Liebe. -- Das Dogma vom Sndenfall. Anhang. Blten vom Baume der Kabbala. Grundstoff (Huli) der Welt. -- Isaak Loriah: Sepher Cch'wanoth, Fol.46. -- Massel (Genius, transcendentales Subject). -- Nischmath Chajim, Fol.101. -- Nephesch. -- Machschaba (Imagination). -- Mairecheth Aeloluth, Fol.41, 63. -- Der Ruach der Tiere. -- Der umkreisende ther. -- Gedanken des Herzens wirken auf den ther ein. -- Esarah Maimeroth, Fol.49. VI. Buch. Der Occultismus der alten Griechen. I. Kapitel. Die jonischen Naturphilosophen. Berhrung des Occultismus mit der Philosophie. -- Thales von Milet. -- Seine Lehre vom flssigen Urstoff. -- Hylozoimus. -- Aussprche des Thales. -- Anaximander. -- Der gasfrmige Urzustand. -- Nebularhypothese. -- Entstehen und Vergehen der Welten. -- Anaximenes. -- Bedeutung der Verdnnung und Verdichtung. -- Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia. -- Kreisbewegung. -- Heraclit der Dunkle. -- Sein ist Werden. -- Lehre von den Weltperioden. -- Das groe Jahr. -- Beziehungen zu Zoroaster. II. Kapitel. Pythagoras und die Alt-Pythagorer. Geschichte seines Lebens. -- Geheimbund. -- Die einfachsten Zahlenbestimmungen der musikalischen Harmonie. -- Zahlenmystische Spielereien. -- Theologie der alten Pythagorer. -- Die kosmologischen Einsichten. -- Harmonie der Sphren. -- Metempsychose, richtiger Metemsomatose. -- Palingenesie. -- Sexuelle Enthaltsamkeit. -- Genu der Bohnen. III. Kapitel. Die Eleaten. Xenophanes. -- Skepsis. -- Reiner Monotheismus. -- Parmenides. -- Vorlufer der Naturphilosophie des Telesius. -- Warmes und Kaltes. -- Zeno, der Eleat. -- Einheit des Seins. -- Wesen von Raum und Zeit. -- Wirklichkeit und Erscheinung. -- Gesetz der bestimmten Anzahl. -- Rangordnung der Realitten. IV. Kapitel. Empedocles, Pherekydes, Epimenides von Kreta. Praktiker auf dem Gebiete der sog. Geheimwissenschaften. -- Medizin-Mann. -- Hypnotische Technik. -- Gotie. -- Charlatanerie. -- Kreislauf des Stoffwechsels. -- Attraktionskraft und Repulsionskraft. -- Liebe und Ha. -- Darwinistische Theorie. -- Antizipation der Lehre von der indirekten Auslese. -- Seelenwanderungslehre. -- Vegetarismus. -- Pherekydes. -- Sehertum. -- Theogonie. -- Epimenides von Kreta. -- Jatromanten. -- Nona. -- Epidemische Geisteskrankheit. -- Reinigungsceremonien. -- Orpheotelesten. -- Das Wunder suggestiver Massenheilung. V. Kapitel. Die Geheimlehre der Mysterien. Bacchische und cerealische. -- Kreta. -- Soziale Nebentendenz. -- Die bacchischen Mysterien. -- Ahnung der gttlichen Einheit. -- Geheimkult indischen Ursprungs. -- Dionysos. -- Zagreus. -- Die Siebenzahl. -- Weltkonomie. -- Spiegelbecher. -- Phallus. -- Lingam und Yoni. -- Die Welt des Scheins. -- Becher der Reinigung oder Wiedergeburt. -- Spekulative Analyse der indischen Ideen. -- Die schaffende Gottheit Welt-Lingam. -- Die cerealischen Mysterien. -- Die Eleusinien. -- Erntefeste. -- Die sog. kleinen Mysterien. -- Erkennungszeichen. -- Die letzte Weihe, +epopteia+. -- Selbstschau. -- +Conx ompax.+ -- Spiritismus. -- Unsterblichkeit. -- Demeter eine Gottheit mit doppeltem Charakter. -- Spekulative Analyse des Inhalts der eleusinischen Lehre. -- Die Toten sind Demetrier. -- Die Thesmophorien. -- Der Ackerbau als das fruchtbarste Prinzip der Humanitt. -- Mysterium der Ehe. -- Natrlich geschlechtliche Basis der Ehe. -- Neuntgige Enthaltung von geschlechtlichem Verkehr. -- Sthenien. -- Die Orgie in Halimus. -- Schamlose Seite altheidnischer Feste. -- +Kteis.+ -- Orgiasmus. -- Die samothrakischen Mysterien. -- Todesfeier des Dionysios. -- Orphiker. -- Heilige Sage. VI. Kapitel. Anaxagoras. +Nus+, Verstand. -- Homomerien. VII. Kapitel. Die Atomistiker, insbesondere Demokritos. Leucippos. -- Demokrit. -- Atomverbindungen. -- Quantitative Beziehungen. -- Primre und sekundre Eigenschaften. -- Besonderer Seelenstoff. -- Sophistik. VIII. Kapitel. Sokrates und sein Dmonium. Problem des sog. Genius. -- Glauben an die Orakel. -- Dmonion. -- Vulgre Psychologie. -- Unbegreiflichkeit des Phmomens. -- Dhring. -- Dramatische Spaltung des Ich. -- Du Prels Mystik der alten Griechen. IX. Kapitel. Platon. Platon der Vater des Idealismus. -- Traum des Sokrates. -- Groe Reise nach Cyrene und nach gypten. -- Syrakus. -- Dionysios. -- Dion. -- Unverletzte Virginitt. -- Platos Lehre. -- Der Thetet, der Sophist und der Politikos. -- Parmenides. -- Ideenlehre. -- Bedeutung der platonischen Ideen. -- Lotze in seiner Metaphysik. -- Verhltnis der Ideenwelt zur Gottheit. -- Phdrus, Philebus, die Republik und der Dialog von den Gesetzen. -- Unsterblichkeit der Seele. -- Phaedon, der Staat, Phaedrus, Timaeus und das Gastmahl. -- Der intelligible Charakter. -- sthetische Mystik. X. Kapitel. Aristoteles. Universal-Gelehrter. -- Scholastik. -- berschtzung. -- Exoterische und esoterische Schriften. -- Form und Stoff. -- Dualismus. -- Seelenlehre. -- Entelechie. -- Persnliche Substanz. -- Der thtige Intellekt. -- Der leidentliche Intellekt. -- Rationalistische Theorie der Trume. VII. Buch. Der Occultismus der alten Rmer. I. Kapitel. Einflu der Etrusker auf die rmische Religion. Die Verhllten. II. Kapitel. Die Religion der Rmer. Die Religion im Dienste des Staates. -- R. v. Ihering. -- Machiavellismus der Rmer. -- +Ver sacrum.+ -- Jupiter. -- Mars. -- Quirinus. -- Juno. -- Die Matronalien. -- +Ficus Ruminalis.+ -- Nebenbedeutung allerintimster Natur. -- Lupercus. -- Lupera. -- Innuus. -- Unfruchtbarkeit. -- +Februare.+ -- Rock der Juno. -- Subigus. -- Prema. -- Pertunda. -- Perfica. -- Fluonia. -- Lucina. -- Befriedigung des Geschlechtstriebes. -- Janus. -- Saturn. -- Das goldene Zeitalter. -- Ceres, Liber und Libera. -- +Fascinum+= Phallus. -- Flora. -- Euhemeristische Mythologie. -- Die Freudenmdchen. -- Die rmische Venus. -- Volupia, die eigentliche Gttin der Wollust. -- Angeronia. -- Cloacina. -- Minerva. -- Vulcan. -- Faunus. -- Ficarii und Incubi. -- Fatua. -- Pales. -- Priapus. -- Anna Perenna. -- Acca Laurentia. -- Die Apotheose eines Freudenmdchens. -- Die geschlechtliche Sinnlichkeit des Rmers. -- Volksmetaphysik. III. Kapitel. Unsterblichkeitsglaube und Jenseitsvorstellung. Eine sozial sehr zweckmige Eigenschaft. -- Genien, Laren oder Manen und Lemuren. -- Manen. -- Totenfest. -- Aller-Seelenfeier. -- Larenopfer. -- Venus Libitina. -- Beziehung der Demeter zum Tode und zur Zeugung. IV. Kapitel. Der Glaube an Magie und symbolische Handlungen. Cicero in seiner Schrift ber die Weissagung. -- Ausfhrung des Naturforschers Plinius. V. Kapitel. Weissagung und Zeichendeuterei. Orakel. Sibyllinische Bcher. Werfen der Loose. -- Orakel. -- Tibur. -- Somnambule Zustnde. -- Orakel zu Tumae. -- Sibylle. -- Neun Bcher Weissagungen. -- Die sog. sibyllinischen Bcher. -- Eine sibyllinische Weissagung. VI. Kapitel. Beobachtung der Himmelszeichen, Vgel, Blitze u.s.w., und Opferschau. +Augurium.+ -- Auguren. -- Der Glaube der alten Rmer an die Unfehlbarkeit der Auspicien. -- Geheimwissenschaft. -- Verfahren. -- Flug der Vgel. -- Fressen der heiligen Hhner. -- Cicero ber die Auspicien. -- Opferschauer. -- +Haruspicium.+ -- Ein Wort Hannibals. -- Beobachtung der Blitze. -- Jupiter, Elicius. -- Wettermagie. VIII. Buch. Der Occultimus der Alexandriner, Neupythagorer und Neuplatoniker. Vorbemerkung. Erste Abteilung. Die Alexandriner. I. Philo von Alexandria I. Kapitel. Philos Leben und Lehrweise. Alexandria. -- Bibliothek. -- Philos Leben. -- Versuche, das alte Testament esoterisch zu deuten. -- Die mystische Reise nach Haran. -- Ekstase der indischen Sonnen- und Mondkinder. -- Der Logos. II. Kapitel. Philos Mystik. Sekte der Esser durch buddhistische Missionre gestiftet. -- Sndenfall. -- Askese oder Unterricht. -- Heraustreten aus dem eigenen Ich. III. Kapitel. Die Elemente der Gnosis bei Philo. Theosophie Philos. -- Die doppelte Erkenntnis. II. Die Therapeuten und Esser. Josephus. -- Ihre Gtergemeinschaft. Zweite Abteilung. Die Neupythagorer. Apollonius von Tyana. Parallele Christi. -- Zweifel an der Existenz des Apollonius. -- Eduard Baltzer. -- Apollonius, ein entschiedener Spiritist. -- Julia Domna. -- Philostratus von Lemnos. -- Mysterien des Aeskulapdienstes. -- Schweigezeit. -- Die indischen Brahmanen. -- Ereignisse im Leben des Apollonius. -- Parallele aus der Autobiographie des Brgermeisters Barth. Sastrow zu Stralsund. -- Gymnosophisten. Dritte Abteilung. Die Neuplatoniker. I. Kapitel. Plotinos. Plutarch. -- L. Apulejus. -- Ammonios Sakkas. -- Longinos. -- Porphyrius. -- Die Verstandeswelt, das Muster der Sinnenwelt. -- Das Geisterreich. -- Die Einkrperung der Seele. -- Zwei Wege, zum Schauen des Einen, Ersten und Hchsten. II. Kapitel. Porphyrius, Jamblichus, Proklus, Sosipatra. Vereinigung mit Gott. -- Vehikel der Seele. -- Dmonologie. -- Mantik. -- Jamblichus. -- Materialisation. -- Schrift +De mysteriis Aegyptiorum+. -- Annahme eines Astralleibes. -- Prachtstck der theurgischen Weisheit. -- Proklus. -- Sosipatra. III. Kapitel. Hierokles und sein Kommentar zu den goldenen Sprchen des Pythagoras. -- Die letzten Neuplatoniker. Vierundfnfzig Strophen der goldenen Sprche. -- Hierokles. -- Erkenntnis der Doppelnatur des Menschen. -- Die mystische Reinigung. IV. Kapitel. Synesios, der letzte Neuplatoniker, sein Leben und seine Lehren. Hypatia. -- Cyrenaica oder Pentapolis. -- Messias-Putsch. -- Synesios in Konstantinopel. -- Schrift Die gypter, oder ber die Vorsehung. -- Bischofswrde. -- Die Schrift ber die Trume. V. Kapitel. Die Gnostiker und Manicher. IX. Buch. Der Occultismus der Kelten und Germanen. Erste Abteilung. Die Kelten. I. Kapitel. Die Druiden. Das Religionssystem der Kelten. -- Pentalpha. -- Geheimlehre. -- Die auf Eichen wachsende Mistel. -- Triaden. -- Oberdruide. II. Kapitel. Gottesdienst und Geheimlehre der Druiden. Menschenopfer. -- +Teutates.+ -- Seelenfhrer. -- +Esus+ oder +Hesus+. -- Die Insel Mona. -- Hu gadarn. -- Die Gotteinheit der britischen Kelten. -- Mysterien vom Tode des Hu. -- Ceridwen. -- Tetragrammaton. -- Lehrgebude des Kesselordens. Zweite Abteilung. Der Occultismus der Germanen. Entwickelungsgeschichte der germanischen Mythologie. I. Kapitel. Die Weltschpfung der Edda. Yggdrasil. Dualismus eines bsen und guten Weltprinzips. -- Der Mythus vom Weltbaum. II. Kapitel. Der Gtterhimmel der Germanen. Die Edda. -- Odin. -- Odin-Wodan. -- Das Gespensterheer. -- Die Erzhlung der Edda vom Dichtertrank. -- Der runenkundige Gott. -- Lehre vom Doppel-Ich. -- Thor und Loki. -- Balder. -- Hdur. -- Deutung dieses Mythus. -- Frigg. -- Iduna. III. Kapitel. Gtterdmmerung und Wiedergeburt. Ragnark. -- Weltuntergang. -- Esoterische Idee der Wiedergeburt. X. Buch. Der Occultismus der barbarischen Vlker. Skythen. -- Toxaris und Anacharsis. -- Massageten. -- Geten. -- Zamolxis. -- Hyperborer. -- Abaois. -- Taurer. Vorwort. Am zweiten Ostertage v.J. (1895) starb _Karl Kiesewetter_, einer der eifrigsten Forscher auf dem Gebiete des Wunderbaren und Geheimnisvollen, der Verfasser der _Geschichte des neueren Occultismus_, der _Geheimwissenschaften_ und des ersten Halbbandes _dieses Buches_ ber den _Occultismus des Altertums_. Ein pltzlicher Tod entri ihn im besten Mannesalter seinem eigenartigen Studiengebiete, auf dem er augenscheinlich eine erstaunliche Belesenheit und Quellenkunde besa. _Die Verlagshandlung wandte sich nun an mich, mit dem Antrage, die Herstellung des zweiten Halbbandes dieses Buches unter Benutzung des Kiesewetterschen handschriftlichen Nachlasses zu bernehmen_ und zwar genau nach der bereits von Kiesewetter festgestellten Disposition. Die Einsicht des handschriftlichen Nachlasses ergab, da der Verstorbene nur das achte Buch seiner Disposition, den Abschnitt ber die _Alexandriner_, _Neupythagorer_ und _Neuplatoniker_ ausgearbeitet hatte. Der wohlwollende Leser mge die ganze von mir gelieferte Arbeit nicht etwa als ein Werk auffassen, das mit wissenschaftlicher Prtension sich etwaigen hnlichen Forschungen ber vergleichende Religionswissenschaft zur Seite stellen mchte, sondern als das Ergebnis dilettantischer Nebenstunden, als eine dem gebildeten Dilettanten selber, der ber keine Zeit und keine gengende Ausdauer verfgt, aus dem Staube der Bibliotheken und dem Studium schwerfllig gelehrter Originalwerke das ihn Interessierende selber herauszusuchen, gewidmete Skizze eklektischer Streifzge ins Gebiet der Mystik. +Dixi et salvavi animam meam.+ _Jena_, im Februar 1896. L. Kuhlenbeck. Erstes Buch. Der Occultismus bei den Akkadern, Babyloniern, Chaldern und Assyriern. Erstes Kapitel. Religionsphilosophie, weie und schwarze Magie der Akkader. Der Occultismus ist so alt wie die ihrer selbst bewute Menschheit, und selbst wo uns die Hieroglyphen gyptens im Stich lassen, fhrt uns die Keilschriftlitteratur der Euphrat- und Tigrislande in die graueste Urzeit des Menschengeschlechts hinauf und zeigt uns, da zum allermindesten tausend Jahre vor Beginn der beglaubigten Geschichte der Occultismus in seinem _Kern_ derselbe war wie heute. Natrlich wechselten mit den verschiedenen Staatsreligionen seine _Formen_, und wir haben deshalb den stets gleichen _esoterischen Kern_ unter den wechselnden Hllen der _Dogmen_ nachzuweisen sowie auch seine fortschreitende Weiterbildung und Ausreifung. Vor noch nicht einem Menschenalter -- im Jahre 1866 -- verffentlichten die englischen Orientalisten Sir Henry Rawlinson und Norris im zweiten Band der +Cuneiform Inscriptions of Western Asia+ eine aus der Bibliothek des Knigspalastes von Niniveh stammende Tafel mit den Fragmenten von 28 Zaubersprchen, welche, wie Lenormant sagt[1]: von der Existenz einer so knstlichen und zahlreichen Dmonologie bei den Chaldern zeugt, wie sie sich ein Jacob Sprenger, Jean Bodin, Wier oder Pierre de Lancre wohl nimmer vorgestellt htten. Es erschliet sich uns darin eine ganze Welt von bsen Geistern, deren Rangordnung mit vieler Gelehrsamkeit festgestellt, deren Persnlichkeiten sorgfltig unterschieden und deren besondere Eigenschaften scharf prcisiert sind. Auerdem entdeckte Layard an gleicher Stelle die gegenwrtig im +British Museum+ aufbewahrten Fragmente eines umfangreichen magischen Werkes von zweihundert Tafeln, welches fr Chalda wohl das Gleiche war, was die alten Inder in ihrem Atharva-Veda besaen, nmlich eine Sammlung aller Formeln, Beschwrungen und Hymnen der chaldischen Magier, von denen die Schriftsteller des Altertums berichten. Diese Urkunden sind in akkadischer, einer den finnischen und tartarischen Dialekten verwandten turanischen Sprache abgefat, welche von den vorgeschichtlichen Ureinwohnern Chaldas, den Akkadern, gesprochen wurde. Assurbanhabal lie dieselben im siebenten Jahrhundert v.Chr. fr seine Palastbibliothek mit der berlieferten assyrischen Interlinearversion abschreiben, ohne welche sie wohl nicht mehr verstanden worden wren, weil damals die akkadische schon ber tausend Jahre eine tote Sprache war. Dieses Erbe der Akkader, welches offenbar aus ltern im Laufe der Zeit zusammengestellten berlieferungen besteht, fhrt in eine altersgraue Zeit hinauf, in welcher, wie wir sehen werden, neben dem Kultus kosmischer und tellurer Potenzen der Glaube an die Einheit und Geistigkeit des gttlichen Wesens bestand. Die akkadische Magie beruhte auf einem vollstndigen wohlgegliederten mythologischen System, welches in seinen Ursprngen ber das dritte Jahrtausend vor Christus zurckreicht. In diesem Jahrtausend wanderten vermutlich in das von den Akkadern bewohnte nachmalige Chalda Kuschiten ein, welche Sprache, Religion und Volkstum der Akkader allmhlich in den Hintergrund drngten. In Babylonien wie in Chalda bildeten sich verschiedene Religionsformen aus, bis ums Jahr 2000 Knig Sargon eine einheitliche Staatsreligion einfhrte, die in Chalda und Babylonien wie spter auch in Assyrien galt. Diese Staatsreligion beruhte zum Teil auf der der syrischen und phnicischen verwandten Religion der Kuschiten; sie nahm aber viele akkadische Elemente auf, und so beginnt denn die bis zur Zeit Alexanders des Groen reichende Periode der Chalder. Allerdings nahmen in dieser Mischreligion die akkadischen Elemente mit ihrer Dmonenlehre und ihren Exorcismen einen untergeordneten Rang ein, und ihre Pfleger waren eine niedere Kaste von Zauberpriestern, welche durch ihre Beschwrungen Krankheiten und Bezauberungen zu heilen, Dmonen zu vertreiben, widrige elementarische Einflsse zu zerstreuen usw. usw. suchten. Die oberste Priesterkaste waren die Chalder, welche -- wie die persisch-medischen Magier -- sich nur mit Astronomie und Astrologie befaten. Da bei den genannten Vlkern Kultus und Occultismus auf das engste verbunden sind, mssen wir zunchst zu einer Darstellung ihrer Religionslehren bergehen. Nach chaldisch-babylonischer Anschauung ist die Erde von den als Gottheiten gedachten Meer, Ocean und Chaos (chald. +Tiamat+, +Apsu+ und +Mummu+ -- %Thayath%, %Apasn% und %Mumis% des Berosus) geboren. Jedoch werden diese mystischen Gottheiten im ffentlichen Kultus nicht verehrt, sondern an ihre Stelle tritt zuerst die oberste Trias der mnnlichen Gottheiten, welcher eine gewisse hnlichkeit mit der christlichen Dreieinigkeit nicht abzusprechen ist. Die erste Person dieser Trias ist +Anu+ (Himmel), der Erstgeborene, der Uralte, der lteste der Gtter, der Vater der Gtter, der Gebieter der Finsternis. Er ist der Herr des Himmels und des Weltalls, schon ehe er dem Chaos eine feste Gestalt gegeben hatte, und zugleich der Gott der Welt und Zeit. Auf ihn folgt +Ea+, die das All durchdringende, belebende, lenkende und befruchtende gttliche Weisheit, der ber dem Meer schwebende Geist. Die dritte Person dieser Trias ist +Bel+ (akkad. +Mul-ge+), der Gebieter und die Personifikation der geordneten Schpfung, der Bildner des Sternenhimmels und Lenker der geordneten Bewegung der Himmelskrper. Diese drei Personen der obersten gttlichen Trias sind in ihrem Wesen gleich und gleich mchtig, ohne jedoch auf gleicher Stufe der Emanation zu stehen; +Anu+ ist stets der Vater des +Ea+, aber bald der Vater und bald der Bruder des +Bel+. Dieser obersten mnnlichen Trias steht eine weibliche gegenber, +Anat+ (akkad. +Anu+), +Belit+ (akkad. +Ningelal+) und +Davkina+, welche man sich als der weibliche Ausdruck und Form der mnnlichen Trias dachte. Diese Gottheiten sind androgyner Natur, und dieser uralten Anschauung entstammen die von den Orphikern und Neuplatonikern gelehrten hierhergehrigen Mythen der klassischen Vlker. Der Begriff der Androgynie war bei den Chaldern auch auf die Planetengtter bertragen, wie es denn von der Venus (+Dilbat+) heit: Der weibliche Stern ist der Venusstern; er ist weiblich bei Sonnenaufgang; Der mnnliche Stern ist der Venusstern; er ist mnnlich bei Sonnenuntergang. Wie lange sich diese Anschauungen erhielten, mge man daraus ersehen, da in der Astrologie bis auf die neueste Zeit Mercur als Hermaphrodit gilt, welcher -- am Morgenhimmel sichtbar -- weiblich und am Abendhimmel mnnlich ist. Die hchste Planetengottheit ist die Sonne, +Samas+, dessen weibliche Potenz +Gula+ hie; ihr folgte der Mondgott +Sin+, dessen weibliches Prinzip im Akkadischen +Nin-gelal+ hie; der assyrische Name ist noch nicht mit Sicherheit entziffert. Diesen hchsten Planetengttern folgen nun in bekannter Stufenreihe: +Adar+ (Saturn), +Maruduk+ (Jupiter), +Nergal+ (Mars), +Istar+ (Venus), +Nebo+ (Mercur); akkadisch: +Nin-dara+, +Amar-utuki+, +Nirgal+, +Sukus+ und +Ak+. Ihnen allen stehen mit Ausnahme der unklar androgyn gedachten +Istar+, deren geheimnisvoller Gatte +Dumuzu+ heit, ausgesprochene weibliche Prinzipe gegenber. So dem Adar: die +Belit+, dem Maruduk die +Zarpanit+, dem Nergal die +Laz+, und endlich dem Nebo die +Tasmit+. Da nun Venus und Mercur bald am Morgen, und bald am Abend sichtbar sind, so nahm man eine doppelte Istar, eine von Arbela und eine von Niniveh, an und machte aus Nebo gar zwei Persnlichkeiten, Nebo den Gott der Wissenschaften und Knste, und +Nuzku+, den Diener und Boten des Bel. -- Wir sehen also hier schon vllig den mythologischen wie den astrologischen Charakter des Mercur vorgebildet. Der geheimnisvolle Gatte Dumuzu (Tammuz) der Istar wurde ihr in seiner Jugendblte entrissen und veranlate ihre Wanderung in das Land ohne Heimkehr, das Totenreich, wodurch er Anla zur Dichtung des ltesten Epos der Menschheit, die Hllenfahrt der Istar, gab. Da nun Dumuzu die Sonne ist, liegt diesem Mythus wohl der astronomische Vorgang des zeitweisen Verschwindens der Venus unter den Sonnenstrahlen zu Grund. Die Planetengtter bilden die auf die hchste Trias folgende oberste Gtterklasse und regieren mit ihnen nach Diodorus Siculus[2] die zwlf Monate und zwlf Zeichen des Tierkreises. Auf Denkmlern, wie dem Obelisk des Salmanassar zu Nimrud und dem Monolithen des Assur-nasir-habal werden die obersten zwlf Gtter folgendermaen genannt: 1. _Anu_, der Knig der himmlischen und irdischen Erzengel, Knig der Welt. 2. _Bel_, Vater der Gtter, Schpfer. 3. _Ea_, Knig des Oceans, Lenker des Schicksals, Gott der Weisheit und Erkenntni. 4. _Sin_, Herr der Kronen, zum hchsten Glanz erkoren. 5. _Bin_, der Krieger und Herr der befruchtenden Kanle. 6. _Samas_, Richter des Himmels und der Erde. 7. _Maruduk_, gerechter Frst der Gtter, Herr der Geburt. 8. _Adar-Samdar_, der Mchtige, Krieger unter den kriegerischen Gttern, Vernichter des Bsen. 9. _Nergal_, der Edelmthige, Knig der Schlachten. 10. _Nebo_, Trger des hchsten Scepters. 11. _Belit_, Gattin des Bel und Mutter der hchsten Gtter. 12. _Istar_, die lteste des Himmels und der Erde, die das Antlitz der Krieger mit Glanz erfllt. Anderswo[3] heien die zwlf Monate des Jahres mit ihren Gttern: 1. _Nisannu_, Anu und Bel. 2. _Airu_, Ea, Gebieter der Menschheit. 3. _Sivanu_, Sin, Erstgeborener des Bel. 4. _Duzu_, Adar, der Krieger. 5. _Abu_, Allat, Herrin des Zauberstabes (Nin-gis-zida). 6. _Ululu_, Istar, Herrin der Schlachten. 7. _Tasritu_, Samas, der Herr der Welt. 8. _Arak-samma_, Maruduk, der groe Frst der Gtter. 9. _Kisilvu_, Nergal, der groe Krieger. 10. _Tebitu_, Pap-sukul, Diener des Anu und der Anat. 11. _Sabatu_, Bin, Feldherr des Himmels und der Erde. 12. _Addaru_, die sieben groen Gtter der Planeten. 13. _Makru-sa-addari_, (Schaltmonat) Assur, Vater der Gtter. Mit Leichtigkeit erkennt man in diesen Monaten diejenigen des Kalenders der Juden, welche ihr Jahr mit dem siebenten Monat der Chalder beginnen lieen. Der erste jdische Monat Tischri entspricht dem Tasritu, der Marchesvan dem Arak-samma, der Kaslev dem Kisilvu, der Thebet dem Tebitu, der Schebat dem Sabatu, der Adar dem Addaru, der Nisan dem Nisannu, der Ijar dem Airu, der Sivan dem Sivanu, der Tammuz dem Duzu, der Ab dem Abu, der Elul dem Ululu und der jdische Schaltmonat Veadar endlich dem chaldischen Makru-sa-addari. Damit endlich, da man die Planeten vergttlichte und sie zu den Herren der Zeichen des Tierkreises wie der Monate machte, waren die Grundlagen der Astrologie geschaffen. Eine groe Anzahl von Sternbildern und einzelnen Fixsternen wurden als Gtter niederen Ranges und Genien (+musedu+) angesehen und nach ihrem Rang und ihrer Bedeutung genau klassifiziert. Man suchte sich ihrer Krfte durch Anfertigung ihnen geweihter Talismane zu versichern, aus denen dann die astrologischen Bilder entstanden, von denen ich in meinen Geheimwissenschaften ausfhrlich handelte. Diese Astralgeister standen zwischen den Gttern und Menschen und griffen segenbringend oder unheilstiftend in das Schicksal der letzteren ein. Die vier wichtigsten schtzenden Genien waren: der bekannte Flgelstier mit dem Menschenhaupt, der +sedu+ oder +Kirubu+, akk. +Alad+; der Lwe mit dem Menschenhaupt, +lamassu+ oder +nirgallu+, akkad. +lamass+; der menschlich gestaltete +ustur+ und endlich der geierkpfige +nattig+, welcher Hesekiel bei seiner Beschreibung der vier symbolischen, den Thron Jehovas tragenden Wesen vorschwebte. ber diesen Genien standen noch zwei besondere Engelgruppen, die +Igigi+, die Geister des Himmels, und die +Amuna-irsiti+ (akkad. +amuma-ge+), die Geister der Erde, welche den phnizischen Kabiren entsprechen. Nach Angabe eines Tfelchens aus der Bibliothek von Niniveh gab es auer der obersten Trias sieben hchste Gtter, fnfzig groe Gtter des Himmels und der Erde, dreihundert Geister des Himmels und sechshundert Geister der Erde. Es ist natrlich, da die Annahme eines solchen Gtter- und Dmonenschwarmes die Aufnahme des akkadischen Beschwrungs- und Zauberritus in die chaldische Priesterwissenschaft begnstigen mute, obschon die alten Akkader keine eigentlichen Gtter, sondern nur gute und bse Naturgeister kannten, welche die Chalder spter in Gtter, Genien und Dmonen umbildeten. Lenormant nimmt an, da diese Jahrhunderte whrende Umbildung und der Ausbau der alten Religion innerhalb der chaldischen Priesterschulen zur Zeit SargonsI. um das Jahr 2000 v.Chr. abgeschlossen wurde. Die obersten Naturgeister der Akkader sind die +allad+ (assyr. +sedu+), Genien, und +lamma+ (assyr. +lamassu+), Kolosse, welche jedoch in sehr unklarer Weise bald als gute und bald als bse Geister aufgefat werden. Besser sind wir ber die eigentlichen Dmonen, +utuk+, welches Wort aber auch zuweilen einen guten Geist oder die menschliche Seele bedeutet, unterrichtet. Die wichtigsten unter ihnen sind die +alal+ (assyr. +allu+), Zerstrer, die +gigim+ (assyr. +e-kimmu+), welcher Name nicht entziffert ist, die +tellal+ (assyr. +gallu+), Krieger, und endlich die +maskim+ (assyr. +rabisu+), Nachsteller. Diese letzten bilden die wichtigste scharf abgegrenzte Klasse und sind aufs genaueste das Widerspiel der sieben Planetengottheiten, kosmische Dmonen, welche berall strend und vernichtend in das Naturleben eingreifen; sieben bse Geister, sieben Flammengespenster, sieben Dmonen der feurigen Sphren. Diese sieben Maskim, welche sich als Planetendmonen durch alle Mythologien ziehen[4] und noch als Vorbilder der sieben Kurfrsten der Teufel des Faustschen Hllenzwangs deutlich erkennbar sind, sind die Shne des +Ana+, des Gottes und Knigs der finstern Welt der Akkader; sie stren die Ordnung des Planetenlaufs, erregen Sonnen- und Mondfinsternisse; sie fhren gleich den griechischen Titanen und den Naphelim oder Nephilim des Buches Henoch kurz nach der Schpfung erbitterte Kmpfe gegen Gott. Sie thronen gleich den Teufeln im Innern der Erde und verursachen Unheil und Umsturz im Himmel und auf Erden. Eine akkadische Inschrift schildert ihr Treiben folgendermaen mit lebhaften Farben: Die Sieben, sie werden im Gebirge des Westens geboren; Die Sieben, sie werden gro im Gebirge des Ostens; Sie thronen in den Tiefen der Erde; Sie lassen ihre Stimme erschallen auf der Hhe der Erde; Sie lagern im unermelichen Raum im Himmel und auf Erden. Einen guten Namen im Himmel und auf Erden besitzen sie nicht; Sie, die Sieben, erheben sich im Gebirge des Westens; Sie, die Sieben, legen sich im Gebirge des Ostens zur Ruh. -- -- -- Sieben sind es, sieben sind es: Sieben sind es in des Oceans tiefsten Grnden, aus dem verborgenen Schlupfwinkel. Sie sind nicht mnnlich, sind nicht weiblich, Sie breiten sich aus gleich Fesseln. Sie haben kein Weib, zeugen nicht Kinder; Ehrfurcht und Wohlthun kennen sie nicht. Gebet und Flehen erhren sie nicht. Ungeziefer, das dem Gebirge entsprossen, Feinde des Ea, Sind sie die Werkzeuge des Zornes der Gtter. Die Landstrae strend, lassen sie auf dem Wege sich nieder, Die Feinde, die Feinde; Sieben sind sie! Sieben sind sie! Sieben sind sie! Geist des Himmels, da sie beschworen seien! Geist der Erde, da sie beschworen seien! -- -- -- Sie sind der Tag der Trauer, der schdlichen Winde! Sie sind der verhngnivolle Tag, der verheerende Wind, der ihm vorausgeht. Sie sind die Kinder der Rache, die Shne der Rache; Sie sind die Vorboten der Pest; Sie sind die Werkzeuge des Zorns der Nin-kigal[5]; Sie sind die flammende Wettersule, welche arg hauset auf Erden; Sie sind die sieben Gtter des unermelichen Himmels; Sie sind die sieben Gtter der unermelichen Erde; Sie sind die sieben Gtter der feurigen Sphren; Die sieben Gtter, sie sind sieben an der Zahl; Sie sind die sieben schdlichen Gtter; Sie sind die sieben Schreckgeister; Sie sind die sieben bsen Flammengespenster, Sieben im Himmel, sieben auf der Erde, Der bse Dmon, der bse +alal+, der bse +gigim+, der bse +telal+, der bse Gott, der bse +maskim+. Geist des Himmels, beschwre sie! Geist der Erde, beschwre sie! Geist der Nin-gelal, der Herrin der Lnder, beschwre sie! Geist des Nin-dara, Sohn des Feuerhimmels, beschwre sie! Geist der Sukus, Herrin der Lnder, die zur Nachtzeit erglnzt, beschwre sie! Die akkadischen Beschwrungen der Maskim erhalten zuweilen eine noch grere Ausdehnung und nehmen dann stets eine dramatische Form an. Eine Schilderung der von den Dmonen verursachten Verheerungen bildet die Einleitung, wobei vorausgesetzt wird, da die Klage von dem wohlwollenden +Silik-mulu-khi+, dem Sohne Ea's, der ber den Menschen wacht und zwischen ihnen und den obern Gttern als Vermittler dient, erhrt worden sei. Aber seine Macht und Weisheit sind nicht derart, da sie die bermchtigen Geister, deren Einflu beschworen werden soll, zu berwinden vermgen. Silik-mulu-khi wendet sich daher an seinen Vater Ea, den Herrn der ewigen Geheimnisse, der die theurgischen Handlungen leitet, und dieser offenbart endlich den mysterisen Ritus, die Zauberformel oder den _allmchtigen geheimnivollen Namen_, der im Stande ist, alle Anschlge der furchtbarsten Hllenmchte zu vereiteln. Es wird also in den akkadischen Beschwrungen von einem allmchtigen, geheimnisvollen Namen gesprochen, mittelst dessen Ea im Innern seines Herzens die Zukunft bewacht und beschirmt; dieser Name aber, der alle hllischen Mchte zu Boden streckt, wird nicht genannt: er wird in geheimnisvoller Weise vom Vater auf den Sohn bermittelt, hnlich wie die wahre Aussprache des $YHWH$ bei den Juden von Hohepriester zu Hohepriester. Ea erteilt noch einige Vorschriften zum Behuf der Beschtzung und Heilung der von den Maskim Besessenen, worauf endlich mehrere gttliche Wesen, wie die Hllengttin Nin-kigal und Nin-akka-quddu, deren Eigenschaften weniger bekannt sind, unter Eas Anfhrung in die Handlung eingreifen und zusammen mit dem Feuergott zur vlligen Unterwerfung und Bindung der Maskim schreiten. Noch ist zu bemerken, da diese soeben besprochenen Dmonen, deren Thtigkeit vorwiegend eine allgemeine und kosmische ist, nicht selten auch Menschen angreifen, deren Migeschick sie herbeifhren. Ihre Einwirkung kann aber auch -- wie die der Teufel des Mittelalters und der Reformationszeit -- infolge der Bezauberung durch Schwarzknstler, wovon weiter unten, eintreten, und diese gilt daher als Urquelle alles menschlichen Unglcks sowie als Ursache aller tellurischen Katastrophen. Wir sehen also in dem akkadischen Beschwrungsritual den ganzen Modus der mittelalterlichen Teufelsbeschwrungen vorgebildet, und wie dort die Maskim durch Silik-mulu-khi, den Sohn des Ea, und den allmchtigen, geheimnivollen Namen Eas beschworen werden, so werden hier die sieben Kur- oder Grofrsten der Hlle durch Jesum Christum, Gottes Sohn, und die geheimnisvollen kabbalistischen Namen Gottes citiert und wieder entlassen. Ja, der allmchtige, geheimnivolle Name der Akkader erinnert sogar an die Worte des Goetheschen Fausts, mit welchen dieser den in Pudelsgestalt hinter dem Ofen hockenden Mephistopheles apostrophiert: Verworfenes Wesen, Kannst du ihn lesen, Den nie entsprossenen, _Unausgesprochenen_, Durch alle Himmel gegossenen, Freventlich durchstochenen? Die akkadisch-chaldischen Planetengtter und Maskim wurden im Parsismus zu den Amschaspands und Devs, bei den Juden zu den Erzengeln und Dmonen der Planeten, bei den Neuplatonikern zu den Weltfrsten und den Frsten der Materie, und bei den mittelalterlichen Magiern endlich zu den Planetenintelligenzen und Grofrsten der Hlle. Die andern Naturgeister wurden nicht zu den eigentlichen Dmonen gezhlt, sondern -- wie der keilschriftliche Ausdruck lautet -- als an sich selbst bse Geister angesehen. Namentlich waren dies die Geister heier und ungesunder Winde, welche in Verbindung mit den klimatischen Verhltnissen Chaldas die Ausbildung und Verbreitung ansteckender Krankheiten begnstigten. Noch die Magie der nachreformatorischen Zeit lt die vier Kardinalwinde von den Teufeln Oriens, Paymon, Egyn, Amaymon beseelt sein, und noch Robert Fludd schrieb in seiner +Medicina catholica+ einen stattlichen Folioband, worin er die Entstehung und Heilung aller Krankheiten durch die Geister der Winde detailliert. Die Thtigkeit der brigen, unbestimmt klassifizierten akkadischen Dmonen ist auf die Vorgnge des tglichen Lebens gerichtet, und eine Beschwrung sagt hierber Folgendes: Sie sind der Hlle Ausgeburt, Sie tragen den Umsturz nach oben, sie bringen Verwirrung nach unten. Sie sind das Gift in der Galle der Gtter, die groen Tage, die vom Himmel sich weg stehlen. Sie fallen als Regen vom Himmel, sie sind die der Erde entsprossenen Kinder. Sie drngen sich rings um hohe Gerste, um gerumige Gerste. Sie dringen aus einem Hause in das andere, Sie werden von den Thren nicht abgehalten, Sie werden von den Riegeln nicht aufgehalten, Sie schleichen zwischen den Thren hindurch wie Schlangen, Sie verhindern die Schwngerung des Weibes durch den Gatten[6], Sie stehlen die Kinder vom Schooe des Menschen[7], Sie vertreiben den Besitzer vom vterlichen Hause, Sie sind die Stimme, die den Menschen verflucht und verfolgt. Diese Dmonen wohnen in Einden und Wildnissen[8], von wo aus sie in bewohnte Lndereien einfallen, um die Menschen zu schrecken und zu schdigen. Sie werden in den Beschwrungen nach ihren Wohnorten klassifiziert, nach der Wste, rauhen Berggipfeln, pesthauchenden Smpfen und dem Meere. Ferner heit es an einer Stelle, da der +utuk+ die Wste bewohne, der +alad+ sich auf den Berggipfeln aufhalte, der +gigim+ die Wste durchstreife und der +telal+ in den Stdten umherschleiche. Von allen bsen Einwirkungen, welche die Dmonen auf die Menschen ausben, ist die Besessenheit am meisten gefrchtet, und es giebt zahlreiche Sprche und Beschwrungen zur Heilung derselben. So heit es z.B.: Den Dmon, der sich des Menschen bemchtigt, den Dmon, der sich des Menschen bemchtigt, Den +gigim+, der das ble anthut, den bsen Dmon, Geist des Himmels, beschwre ihn! Geist der Erde, beschwre ihn! Wenn die Dmonen aus den Besessenen vertrieben waren, so suchte man zum Schutz gegen ihre Wiederkehr durch Beschwrung dahin zu wirken, da nach Ausfahrt des bsen Geistes ein guter in den Leib des Besessenen fahre. In diesem Sinne sagt eine Beschwrung: Da der bse Dmon ausfahren mge! Da er sich anderswo niederlasse! Da der holde Dmon, der holde Colo Einfahren mge in seinen Krper! Geist des Himmels, beschwre sie! Geist der Erde, beschwre sie! Nach akkadischem Glauben waren alle Krankheiten ein Werk der Dmonen, woraus sich die schon Herodots Aufmerksamkeit erregende Thatsache erklrt, da es bei den Erben der Akkader, den Babyloniern und Assyriern, keine rzte in unserm Sinne gab; die Medizin war bei ihnen nicht wie bei den Griechen eine rationelle Wissenschaft, sondern ein Zweig der Magie, welche wiederum mit der Religion zusammenfiel. Das rztliche Verfahren bestand in Beschwrungen, Exorcismen und der Anwendung von Zaubertrnken, wodurch allerdings nicht ausgeschlossen wird, da man sich bei Anwendung der letzteren nicht auch einer Anzahl von Stoffen bediente, deren Heilkraft die Erfahrung gelehrt hatte. Die Auffassung, da die Krankheiten ein Werk feindlicher Dmonen seien, zieht sich bekanntlich durch die ganze Geschichte, und diesbezgliche Beschwrungen wren wohl kaum zu allen Zeiten gebt worden, wenn sie nicht zuweilen wirksam gewesen wren. Die so von und bei geeigneten Persnlichkeiten erzielten Heilungen bestrkten natrlich den Glauben an die objektive Wahrheit des den Beschwrungen zu Grund liegenden zufllig herrschenden Dogmas, welcher Irrtum zur Zeit der Aufklrung Veranlassung gab, das Kind mit dem Bade auszuschtten und mit der falschen Voraussetzung auch den thatschlich erzielten Erfolg preiszugeben. Die durch Exorcismen erzielten Heilungen sind ganz einfach als +mind-cures+ zu betrachten, in denen eine willenskrftig liebevolle durch die dem jeweiligen Kulturzustand entsprechende Beschwrung glubig erregte Psyche auf eine andere, schwchere wirkt; und dies mag wohl schon bei den Akkadern der Fall gewesen sein. Das zweite Buch des Sargonschen Auguralwerks enthlt die akkadischen Krankheitsbeschwrungen, welche nach einem Muster geformt sind: Eine Erklrung der Krankheit und ihrer Symptome macht den Anfang und fllt den grten Teil der Beschwrung aus, worauf die Wnsche nach Genesung, oder aber eine an die Krankheit selbst[9] gerichtete kategorische Aufforderung, sich zu entfernen, den Schlu bilden. Manchmal erhlt die Beschwrung am Schlu eine dramatische Form, und es entspinnt sich dann stets ein Dialog, in welchem Ea von Silik-mulu-khi angegangen wird, das gewnschte Heilmittel nachzuweisen. Manchmal sind diese Heilmittel magnetische, wie z.B. magnetisiertes Wasser, Transplantation der Krankheit und magnetisierte Amulette. Ein Beispiel fr den Gebrauch magnetisierten Wassers liefert uns eine lngere Beschwrung, deren Anfang leider verstmmelt ist. Der Text beginnt mit den Worten: Die Krankheit der Stirn ist der Hlle entsprungen, Sie ist dem Wohnsitz des Gebieters der Hlle entsprungen. Im Folgenden werden die besonderen Symptome des Leidens charakterisiert; es wird von der anschwellenden Geschwulst und beginnender Eiterung sowie von der Gewalt des bels gesprochen, welches die Wnde des Kopfes gleich denen eines morschen Schiffes zersprengt. Vergeblich hat der Kranke die Wirkung der reinigenden Gebruche versucht; sie vermochten die der Hlle entstammende Plage nicht zu bemeistern: Er hat sich gereinigt und hat den Stier nicht gebndigt, Er hat sich gereinigt und hat den Bffel nicht ins Joch gespannt. Trotzdem lt das bel nicht ab, den Kranken gleich Heuschreckenschwrmen zu zernagen; da schreiten endlich die Gtter ein, und von jetzt ab lautet der Text: Silik-mulu-khi hat ihm Beistand geliehen. Er ist in seines Vaters Behausung getreten und hat zu ihm gesprochen: Mein Vater! die Krankheit des Hauptes ist der Hlle entstiegen. Ein zweites Mal hat er zu ihm gesprochen: Was er dagegen thun soll, das wei dieser Mann nicht; wie wird er dieselbe berwinden? Er hat seinem Sohne Silik-mulu-khi erwidert: Mein Sohn! weshalb weit du das nicht? Warum soll ichs dich erst lehren? Was ich wei, das weit du doch auch. Doch komme her, mein Sohn Silik-mulu-khi; ..........[10] nimm den Eimer; Schpfe Wasser von der Spiegelflche des Flusses; Theile diesem Wasser deine hohe Zauberkraft mit; Verleihe ihm durch deinen Zauber den Glanz der Reinheit. Benetze mit ihm den Mann, den Sohn seines Gottes; .......... umhlle sein Haupt. Da der Irrsinn vergehe! Da die Krankheit seines Hauptes sich auflse wie ein flchtiger Nachtregen! Da Eas Vorschrift ihn heile! Da Davkina[11] ihn heile! Da Silik-mulu-khi, des Oceans Erstgeborener, das gnstige Bild schaffe! Nehmen wir, was hier zulssig ist, an, da bei den Akkadern, wie bei den gyptern der heilende Gott in der Praxis durch einen Priester vertreten wird[12], so sehen wir in dem letzten Passus der Beschwrung gleichzeitig eine Vorschrift zur Herstellung magnetisierten Wassers vor uns, welches angewendet wurde, wenn der Exorcismus oder -- besser gesagt -- die geistige Heilkraft, nicht stark genug war. Da die alten Akkader auch eine Art mesmerisierter Bder kannten, ergiebt sich aus dem Inhalt folgenden Zauberspruchs[13]: Flle ein Gef mit Wasser; .......... Stelle einen Zweig von der weien Ceder hinein; bertrage demselben den Zauber der von Eridhu[14] kommt. Bekrftige sodann die Bezauberung dieses Wassers; Vervollstndige den gttlichen Zauber. Reiche dieses Wasser dem Menschen; Thue, was.......... sein Haupt. Den hinflligen Menschen, Sohn seines Gottes, stelle wieder her! .......... sein Zauberbild. Beschwre diesen Menschen. Verleihe Heilkraft diesem bezauberten Wasser, auf da Ihn alle Folgen der Verwnschung verlassen. Gleichzeitig, whrend dieses Wasser ber seinem Krper zerrinnt, Mge die Pest, die seinen Krper behaftet, zerrinnen wie dieses Wasser. Fange dieses Wasser im Gefe wieder auf Und schtte es aus als Trankopfer auf die Seite der Landstrae, Da die Landstrae die Krankheit, die seine Krfte verzehrt, entfhre! Wie allbekannt, werden noch heute Bder mesmerisiert, indem man mit einem Stab, dem Konduktor, das in der Wanne befindliche Wasser eine Zeit lang in gleicher Richtung kreisfrmig umrhrt, eine Manipulation, welche, wie der Augenschein beweist, schon vor Jahrtausenden bekannt war. Nach unserer Vorschrift scheint man das magnetisierte Wasser sowohl zum Trinken als zu einer Art Douche benutzt zu haben. Das Ausgieen des Bades auf die Landstrae ist eine sogenannte Transplantation der Krankheit in die Elemente, wie sie noch heute bei den sogenannten magnetischen Kuren vielfach gebt wird, indem man die mit der kranken Mumie angefllten Magnete -- um die klassisch gewordenen Ausdrcke der Paracelsisten beizubehalten -- an die Luft oder in den Rauch hngt, vergrbt, verbrennt, ausschttet usw. Der Zauberstab oder magnetische Konduktor spielt in den Euphratlndern eine groe Rolle und heit akkadisch +gis-zida+, der gnstige, wohlthtig wirkende Stab, oder +gi-namekirru+, Rohr des Schicksals und assyrisch +qan mamiti+, Rohr des Schicksals und +qan pasari+, Rohr der Offenbarung. Als Schilfrohr ist der Zauberstab Attribut des heilenden Gottes Silik-mulu-khi, und es heit von ihm[15]: Goldenes Schilfrohr, mchtiges Schilfrohr, leuchtendes Schilfrohr der Smpfe, Heilige Streu der Gtter, Kupfernes Schilfrohr, das die Vollendung erhht, Ich bin der Bote des Silik-mulu-khi, Der Verknder hehrer Verjngung. Offenbar beziehen sich die dem Schilfrohr oder Zauberstab beigelegten Bezeichnungen auf durch denselben hervorgerufenes Hellsehen oder erzeugte Heilungen resp. wohlthtige allgemeine Wirkungen, und es gewinnt nach obiger Strophe den Anschein, als ob man sich auch metallener Konduktoren bedient habe. Vielleicht untersttzten die Erben der Akkader ihre Seher und Seherinnen durch das Rohr der Offenbarung. Die bekannteste dieser antiken Somnambulen wohnte im Turme zu Borsippa, und Herodot uert sich, das Wesen der Incubation miverstehend, folgendermaen ber die dort erteilten Orakel: Im obersten Thurm ist ein gerumiger Tempel, in demselben befindet sich eine groe wohlgebettete Lagersttte und daneben steht ein goldener Tisch; ein Gtterbild ist aber dort nicht aufgerichtet, auch verweilt kein Mensch darin des Nachts auer einem Weibe, eine von den Eingeborenen, welche der Gott sich aus allen erwhlt hat, wie die Chalder versichern, welche die Priester dieses Gottes sind. Eben dieselben behaupten auch, wovon sie mich jedoch nicht berzeugt haben, da der Gott selbst in den Tempel komme und auf dem Lager ruhe, gerade wie in dem egyptischen Theben auf dieselbe Weise nach Angabe der Aegypter, denn auch dort schlft im Tempel des thebanischen Zeus ein Weib. Diese beiden pflegen, wie man sagt, mit keinem Manne Umgang; ebenso verhlt es sich in dem lycischen Patara mit der Priesterin des Gottes zur Zeit des Orakels, denn es findet dasselbe nicht immer dort statt; wenn es aber stattfindet, so wird sie dann die Nchte hindurch mit dem Gott in den Tempel eingeschlossen.[16] Einigen Aufschlu ber die Anwendung magnetisierter Stoffe zu Heilzwecken in Verbindung mit magnetisiertem Wasser bei den Akkadern giebt uns folgender Zauberspruch, in welchem Ea die Mittel zur Heilung eines Kopfbels angiebt[17]: Nimm das Fell eines weiblichen Camels, das sich nie begattete, Die Zauberin[18] stelle sich zur Rechten, auch treffe sie ihre Vorbereitungen zur Linken (des Kranken); Zertheile (dieses Fell) in zweimal sieben Stcke und theile ihnen den Zauber mit, der da kommt von Eridhu.[19] Umhlle das Haupt des Kranken, Umhlle den Sitz seines Lebens, Umhlle seine Hnde und Fe. Lasse ihn sich niedersetzen auf seinem Lager und Benetze ihn mit den bezauberten Wassern; Da die Krankheit seines Hauptes in den Himmelsraum entfhrt werde gleich einem reienden Sturmwind. Da sie von der Erde entfhrt werde wie die zeitweise bertretenden Wasser.[20] Da Eas Vorschrift ihn heile! Da Davkina ihn heile! Da Silik-mulu-khi, des Ozeans Erstgeborener, dem Bilde die heilsame Kraft verleihe! Soviel ber den Mesmerismus bei den Akkadern, dessen Anwendung auf dem heilenden wie auf dem divinatorischen Gebiet die gleiche ist, heute wie tausend Jahre vor dem Beginn der eigentlichen Geschichte. Oben wurde bereits angedeutet, da die Akkader die Krankheit als ein persnliches Wesen betrachteten, welches sich des Menschen bemchtige. Dies geschah besonders bei den beiden schwersten Krankheiten, an denen die Chalder zu leiden hatten, der Pest und dem Fieber, Namtar und Idpa. Diese zhlen zu den gefrchtetsten Dmonen, wie wir aus folgendem Beschwrungsfragment ersehen: Gegen den Kopf des Menschen richtet seine Macht der fluchwrdige +idpa+, Gegen das Leben des Menschen der grausame +namtar+, Gegen den Hals des Menschen der schdliche +utuq+, Gegen die Brust des Menschen der verderbenbringende +alal+, Gegen die Eingeweide des Menschen der bse +gigim+, Gegen die Hand des Menschen der schreckliche +telal+. Die auf diese schadenstiftenden Dmonen folgende Klasse sind die Schreckgespenster, welche mit den Schatten der Toten im Innern der Erde, in dem dem jdischen Scheol vergleichbaren Land ohne Heimkehr wohnen und aus ihm hervorgehen. Die drei wichtigsten Wesen dieser Klasse sind das larvenartige Schreckgespenst oder Schattenbild (akkad. +dimme+, assyr. +lamastuv+), das Gespenst (akkad. +dimmea+, assyr. +labasu+) und der Vampyr (akkad. +dimmekhab+, assyr. +abharu+), von welchen die ersteren nur die Menschen durch ihre Erscheinung erschrecken, whrend der Vampyr den Menschen anfllt. Der Vampyrglaube ist in Chalda sehr verbreitet, und in dem Epos die Hllenfahrt der Istar ruft die Gttin dem Hter der Hlle am Thore folgende Worte zu: Hter, ffne dein Thor; ffne dein Thor, damit ich eintreten kann! ffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten, Dann strme ich das Thor und sprenge sein Schlo, Strme die schlieenden Riegel, durchschreite das Thor. Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden, Ich werde die dem Tageslicht wieder zugefhrten Todten zahlreicher machen denn Alles, was lebt. Eine besondere Geisterklasse sind die Dmonen der nchtlichen Samenergsse, das Nachtmnnchen, +lillal+, und das Nachtweibchen, +kiel-lillal+, die bezwingende Beischlferin, deren Umarmungen sich weder Weiber noch Mnner entziehen knnen. Die +kiel-lillal+ ist die Lilith der Juden, und es heit von ihr ganz conform der Stelle bei Jesaias[21]: Dornen werden in ihren Palsten wachsen, In ihren Festen Nesseln und Disteln; Schakale werden da hausen, Straue werden da nisten. Dort werden die Thiere der Wste den Wlfen begegnen, Die Dmonen mit einander verkehren. Dort allein wird Lilith ihre Wohnstatt suchen, ihren Ruheplatz finden. Auer dem Nachtweibchen giebt es noch einen weiblichen Kobold (akkad. +kiel-udda-karra+, assyr. +ardat+), von welchem nur bekannt ist, da er sich gern in der Nhe der Menschen aufhlt und besonders die Stlle zum Schauplatz ihres Treibens macht, also ein Hauskobold. Noch sei erwhnt, da die Akkader den bsen Blick und das Berufen kannten. Das bse Wort und der bse Mund werden berall neben dem bsen Blick erwhnt; so heit es: Den, der das gefertigte Ebenbild bezaubert, Das bse Antlitz, den bsen Blick, Den bsen Mund, die bse Zunge, Die bse Lippe, das schdliche Gift, Geist des Himmels, beschwre sie! Geist der Erde, beschwre sie! Auer den Beschwrungen bedienten sich die Chalder und spter die Assyrer in ausgedehntester Weise der Talismane (akkad. +sagba+, assyr. +mamituv+). Folgende Beschwrung wurde ber einen solchen Talisman gesprochen, um ihm die Macht zu verleihen, die sich in die Huser einschleichenden Dmonen zu vertreiben: Talisman! Talisman! Unwandelbarer Hort! Unberschreitbare, von den Gttern errichtete, Schranke! Grenzscheide des Himmels und der Erde, die man nimmer hinwegrckt. Einziger Gott, der sich nimmer verndert, Dessen Macht kein Gott, kein Mensch zu bekmpfen vermag, Schlinge, die nimmer gelst wird, dem bsen Zauber gelegt, Schwert, dem man nimmer entgeht, gegen den schdlichen Zauber gerichtet! Sei's auch ein bser +utuk+, ein bser +alal+, ein bser +gigim+, ein bser +telal+, ein bser Gott, ein bser +maskim+, Ein Schreckgespenst, ein Nachtgeist, ein Vampyr, Ein Nachtmnnchen, ein Nachtweibchen, ein weiblicher Kobold, Sei's gar die verheerende Pest, das schmerzhafte Fieber, eine bsartige Krankheit: Wer sein Haupt gegen die Wasser des Ea erhebt, die durch Besprengen verbreitet, Den soll die Falle des Gottes Ea erfassen. Wer sein Haupt gegen die Speicher des Gottes Serakh erhebt, Den soll das Sichelschwert des Gottes Serakh in Stcke zerschneiden, Wer den Grenzstein des Eigenthums berschreitet, Den wird der Grenzstein der Gtter, der Grenzstein des Himmels und der Erde nimmer entkommen lassen! -- .......... Wer Arges im Schilde fhrt wider das Wohnhaus, Den soll er in den Graben des Hauses versenken! Diejenigen, die aller Orten Verwirrung und Umsturz stiften, Die soll er anderswohin verjagen, in de, unfruchtbare Orte! Wer am Thore des Hauses auflauert, Den soll er einsperren im Hause, an einem Ort, aus dem keine Wiederkehr mglich ist! Wer sich den Thrflgeln, den Querriegeln anhngt, Den sollen die Thrflgel, die Riegel in unauflsbare Bande einschlieen! Wer sich heimlich in die Rinnen und Dachtraufen stiehlt, Wer mit Gewalt den Verschlu fortstt, der auf die Thr und Angeln gelegt ist, Den soll er wie Wasser hindurchflieen lassen! Den soll er zerschmettern wie einen irdenen Krug! Den soll er zermalmen wie Thonerde. Wer das Zimmerwerk berschreitet, den soll er der Flgel berauben! Den, der seinen Hals zum Fenster hinaussteckt, den soll das Fenster erwrgen! Es gab sehr verschiedene Arten von Talismanen bei den Akkadern: so auf Zettel geschriebene Zaubersprche, welche gleich den Denkzetteln der Juden an die Kleider geheftet getragen wurden. Auch trug man Periapte aus allerlei Stoffen um den Hals als Schutzmittel gegen Unglck aller Art, Krankheiten, dmonische Nachstellungen usw., ebenso in Steine geschnittene Bildnisse von Gttern und Genien, wie dergleichen vielfach in den Museen aufbewahrt werden. Eine ganze Anzahl talismanischer Gtterstatuetten aus gebranntem Lehm fand Botta unter der Thorschwelle des Knigspalastes von Khorsabad und lie sie in das Museum des Louvre schaffen. Es sind dies: Bel mit einer Kopfbedeckung, die mit mehreren Reihen Stierhrnern geschmckt ist; Nergal mit einem Lwenkopf, Nebo mit einem Scepter usw. In einer dazugehrigen Inschrift, welche sich gegenwrtig in Cambridge befindet, sagt Nergalsarussur, ein Nachfolger des babylonischen Knigs Nabukudurussur, da er bei der Wiederherstellung der Thore der heiligen Pyramide von Babylon acht talismanische Figuren von Bronce, welche durch Todesschrecken Bse und Feinde entfernen, habe verfertigen lassen, um sie dort aufzustellen. Aus dem Fragment folgenden Zauberspruches lassen sich recht deutlich die Bestimmung, Macht und Anwendung derartiger Talismane ersehen: Zur Erhebung eurer Hnde habe ich mich in einen dunkelblauen Schleier gehllt; Ich habe ein vielfarbiges Kleid angelegt; in eure Hnde.. Ich habe die Zauberbinde vervollkommnet, ich habe sie gereinigt. Ich habe mich mit Glanz umhllt.......... .......... Stelle zwei an einander gebundene Bilder, untadelhafte Bilder, welche die bsen Dmonen verjagen, Neben den Kopf des Kranken zur Rechten und Linken. Stelle das Bild des Gottes Ungal-Nirra[22], der nicht seines Gleichen hat, an die Umzunung des Hauses. Stelle das Bild des Gottes, der im Glanze der Tapferkeit strahlt, der nicht seines Gleichen hat[23], Und das Bild des Gottes Narudi, des Gebieters der mchtigen Gtter, Auf den Boden unter das Bett. Zur Abhaltung alles nahenden Ungemaches stelle den Gott.. und den Gott Latarak an die Thr. Zur Abhaltung alles bels stelle als Scheuche an die Thr.. An den Thorweg stelle den streitbaren Helden, der seine Hand dem Feinde entgegenstreckt, Stelle ihn zur Rechten und Linken. Stelle die wachsamen Bilder des Ea und Silik-mulu-khi unter den Thorweg; Stelle sie zur Rechten und Linken...... .... die Zauberkraft Silik-mulu-khis, welche dem Bilde innewohnt, .......... O, die ihr dem Ocean entsprossen, ihr Glnzenden, Kinder des Ea, Esset, was mundet, trinket, was s schmeckt! Dank eurem Schutz kein Ungemach eindringe! Aus dem Schlu des Zauberspruches ergiebt es sich mit Sicherheit, da die Akkader fr ihre Gtter und Genien, gerade wie unsere Altvordern fr die Hauskobolde, irgendwo im Hause Speise und Trank aufzustellen pflegten, um sich ihrer Gunst zu versichern. Analog heit es in einer Sammlung assyrischer Beschwrungen gegen die Einwirkung bser Zauberer: Gegen die Dmonen, den Genius, den +rabisu+, den +ekimmu+, Das Gespenst, das Schattenbild, den Vampyr, Das Nachtmnnchen, das Nachtweibchen, den weiblichen Kobold Und alles bel, das den Menschen erfat, Veranstaltet Festlichkeiten, opfert und kommt alle zusammen; Da euer Weihrauch zum Himmel emporsteige! Da die Sonne das Fleisch eures Opfers verzehre! Da Eas Sohn, der Held, dessen Zauber...... euer Leben verlngere! Eine andere Art von Talismanen wurde in der Absicht hergestellt, da man die durch sie dargestellten Dmonen durch die Scheulichkeit ihrer Ebenbilder zu vertreiben gedachte. So giebt z.B. Ea seinem Sohne Silik-mulu-khi behufs Vertreibung des Pestdmons Namtar folgenden Rat: Tritt heran, mein Sohn Silik-mulu-khi, Knete den Schlamm des Oceans Und forme daraus das ihm (Namtar) hnliche Bild, Lege den Menschen nieder, nachdem du ihn einer Reinigung unterzogen; Lege das Bild auf seinen entblten Unterleib; Theile ihm den Zauber mit, der von Eridhu kommt. Wende sein Antlitz nach Westen. Da der bse Namtar, der seinen Krper bewohnt, sich anderswo niederlasse. Amen. Das Bild, das sein Haupt emporgerichtet, ist mit groer Macht ausgestattet. Eine derartige Broncestatuette, welche nach einer auf ihrem Rcken befindlichen akkadischen Inschrift den Dmon des Westwindes darstellt, befindet sich im Museum des Louvre. Die aufrechtstehende Figur hat einen Totenkopf mit Augen und Ziegenhrnern, den Rumpf eines Hundes, Lwentatzen, Adlerfe, einen Skorpionsschweif und ausgespannte Flgel. An einem am Hinterkopf der Figur befindlichen Ring wurde dieselbe am Fenster oder vor der Thr des Hauses aufgehngt, um den schdlichen Einflu des von der arabischen Wste nach Babylon herberstreichenden Westwindes zu vernichten. Im +British Museum+ befinden sich hnliche Talismane wie z.B. ein Bild eines Dmons mit einem Widderkopf und bermig langem Hals oder mit einem Hynenkopf, Brenleib und Lwentatzen usw. usw. Es ist leider nicht mglich, alle Formen dieser Talismane festzustellen und zu deuten, indessen kann nicht der mindeste Zweifel darber herrschen, da in spterer Zeit aus ihnen Abraxasgemmen und -ringe sowie die astrologischen Bilder entstanden. Die abenteuerlichen Formen dieser aus menschlichen und tierischen Teilen bestehenden Geschpfe hngen mit uralten kosmogonischen Mythen zusammen, denn Berosus schildert die Geschpfe des Chaos ganz analog, wenn er sagt: Es gab eine Zeit, wo alles in Finsterni gehllt und vom Wasser durchdrungen war, und wo mitten in diesem wirren Chaos die scheulichsten Thiere und wunderbarsten Geschpfe urpltzlich entstanden; es gab Menschen mit zwei und vier Flgeln, mit zwei verschiedenen Gesichtern oder Kpfen, von denen der eine oft mnnlichen, der andere weiblichen Geschlechtes war, ja es gab sogar Menschen, welche gleichzeitig mnnlichen und weiblichen Geschlechtes waren; es gab Menschen mit Ziegenfen und Ziegenhrnern oder solche mit Pferdefen; es gab endlich Menschen, welche mit dem Hintertheil eines Pferdes und dem Vordertheil eines Menschen ausgestattet waren, hnlich den Hippocentauren, Es gab Stiere mit menschlichem Kopfe, Hunde mit vierfachem Krper und Fischschwnzen, Pferde und Menschen mit Hundekpfen, desgleichen Thiere, welche mit dem Kopf und Krper eines Pferdes und dem Schwanze eines Fisches versehen, auch andere Vierfler, welche aus verschiedenen Thieren, wie Fische, Schlangen und andere Reptilien zusammengesetzt, desgleichen zahlreiche Arten von wunderbaren Ungeheuern, welche auf das verschiedenartigste gestaltet waren und deren Abbildungen man auf den Wandgemlden des Baaltempels sehen kann. Ein Weib, Amoroka[24], leitete diese Schpfung; sie wird im Chaldischen Thavatth[25] genannt, ein Name, der im Griechischen das Meer bedeutet; doch wird sie auch mit dem Monde identificiert. Diese Geschpfe des Chaos sind nach Lenormant[26] entweder wohlthtige Genien oder von den Gttern bekmpfte Dmonen, welche bei der Scheidung der Elemente entstanden, und denen Diodorus Siculus die ganze untere Hlfte des Weltalls als Sitz anweist.[27] Die Ungeheuer, welche Tiamat im Chaos beherrschte, sind indessen auch die Bestandteile jenes Heeres, mit welchem Tiamat -- die Personifizierung der von den Gttern noch ungeordneten Materie -- die geordnete Welt befehdet. Auch ist es Tiamat, welche die ersten Menschen zur Verletzung der gttlichen Gebote verleitet, so da sie in der chaldo-babylonischen Schpfungstradition die gleiche Rolle spielt, wie die Schlange in der biblischen. Die beim Kampfe der Tiamat mitwirkenden chaotischen Geschpfe werden vollstndig mit den Dmonen identifiziert und deshalb von den oberen Gttern bekmpft. Im +British Museum+ befindet sich z.B. ein aus dem Palast von Nimrud herrhrendes Basrelief, auf welchem der mit Knigskrone und Stierhrnern geschmckte Maruduk, welcher an den Schultern vier Flgel trgt, mit dem Blitzstrahl in der Hand die Tiamat verfolgt, welche als Ungeheuer mit Krper, Kopf und Vorderfen eines Lwen und den Flgeln, Kopf und Krallen eines Adlers erscheint. Die Talismane, welche man zum Schutz in den Husern verbarg, entfalten nach dem Glauben der Urzeit wie nach dem des spteren Mittelalters nur so lang ihre heilbringende Kraft, als sie an ihrem Platz bleiben, wie sich schon aus folgender von Knig Assurakhiddin herrhrenden Inschrift ergibt: Da der bewachende Stier, der bewachende Genius, Der die Macht meines Knigthums schtzt, Fr alle Zeiten meinen freudestrahlenden und geachteten Namen erhalte, Bis seine Fe von seinem Platz verdrngt werden. In anderen Bruchstcken unseres magischen Sammelwerkes wird dem reuevollen Bekenntnis begangener Snden, der aufrichtigen Bue und reinigenden Gebruchen schtzende Wirkung gegen die Nachstellung bser Dmonen beigelegt. Man sieht also, da gewisse kirchliche Gebruche nichts weniger als christlichen Ursprungs sind. Zu den wichtigsten der schtzenden Talismane der Chalder wird der Zauberstab bezeichnet, dessen akkadische Bezeichnung +gis-zida+, der gnstige, wohlthtige wirkende Stab auch von den Babyloniern und Assyriern, wenn er auch Beinamen fhrte, doch nicht durch einen andern Namen ersetzt wurde. Der Titel +Nin-gis-zida+, die Herrin des Zauberstabs, ist eine Nebenbezeichnung der akkadischen Gttin Nin-kigal und der assyrischen Allat, der Herrin des Totenreichs, welche daher auch die Sondergttin der Magie und Geisterbeschwrung ist; ihr, der Herrin des Zauberstabs, ist der Monat Ab geheiligt. Welche Rolle der magische Stab bei den Hofzauberern Pharaos, in der Odyssee, bei Cicero usw. usw. spielt, ist bekannt. Die Chalder machten einen Unterschied zwischen helfender Magie und schdigender schwarzen Kunst. Die Vorschriften zu ersterer wurden in den heiligen Bchern mitgeteilt und ich habe oben an einigen Stichproben gezeigt, da dem Verfahren im wesentlichen Heilmesmerismus und Transplantation der Krankheiten zu Grund lag; auerdem spielten noch die Beschwrungen eine groe Rolle. Durch die Beschwrung der Schutzgtter, als welche besonders Ea und der Sonnengott betrachtet werden, sollen nicht allein die bsen Dmonen bekmpft, sondern es soll auch die Wirkung des Zaubers vernichtet werden. In diesem Sinne heit es in einem Hymnus: Der du die Lge zu Schanden machst, den bsen Einflu vernichtest, Der du Wunder, schreckliche Zeichen, Deutungen, Trum' und Erscheinungen, Der du die bsen Rnke vereitelst, Menschen und Lnder vernichtest, Die der Hexerei und bsem Zauber ergeben sind, usw. Der Zauberer und Schwarzknstler wird in den akkadischen Beschwrungen meist der Bsewicht, der boshafte Mensch bezeichnet, welche Namen dessen magische Thtigkeit aus Furcht nur verschleiert andeuten, gerade wie man im Mittelalter die Hexen gute Frauen, +bonnes dames+ usw. zu nennen pflegte. So wird auch bei den Akkadern im gleichen Sinn die Zauberei das Wirkende, das Gewaltsame; die magischen Gebruche die Handlung; die Beschwrung das Wort und der Zaubertrank die wirkende Sache genannt. Der akkadische Bsewicht bt die gleichen Venefizien wie die mittelalterlichen Hexen. Sie bezaubern den Menschen durch den bsen Blick oder bse Worte; durch seine Beschwrungen und Knste zwingt er die Dmonen, da sie seinen Befehlen gehorchen und Menschen wie ganze Lnder mit Krankheit, Besessenheit und Tod berziehen. Durch Zauberei, Verwnschungen und wirkliches den Zaubertrnken beigemischtes Gift ttet er die Menschen, whrend umgekehrt die zur Heilung der Zauberei angewendete Beschwrung den tdlichen Ausgang auf den Schwarzknstler zurckzuwlzen sucht. So lautet ein hierhergehriger Passus einer assyrischen Beschwrung, die gegen die bsen Knste einer Hexe gerichtet ist[28]: Da sie sterbe und ich am Leben bleiben mge! Bei den Akkadern wird wie bei den Thessaliern, den brigen Vlkern des Altertums und den Hexen die Schwarzkunst hauptschlich von den Frauen betrieben, weshalb sich auch eine groe Anzahl assyrischer Beschwrungen gegen das Treiben der Zauberinnen und Hexen richtet. Bei den mesopotamischen Vlkern herrschte auch der Glaube, da die Hexen auf Besenstielen durch die Luft ritten, und das dazu bestimmte Stck Holz (+gusur+) heit das Reitthier der Hexe (+rakabu sa kasipti+). Ein lebhaftes Bild von den Knsten der akkadischen Hexen entwirft uns folgende Beschwrung[29]: Der Zauberer hat mich durch Zauber bezaubert, er hat mich durch seinen Zauber bezaubert; Die Zauberin hat mich durch Zauber bezaubert; sie hat mich durch ihren Zauber bezaubert; Der Hexenmeister hat mich durch Hexerei behext; er hat usw.; Die Hexe hat mich durch Hexerei behext; sie hat mich usw.; Die Zauberin hat mich durch Hexerei behext, sie hat mich usw. Derjenige, der Bildnisse anfertigt, entsprechend meiner ganzen Erscheinung, hat meine Erscheinung bezaubert; Er hat den mir bereiteten Zaubertrank ergriffen und meine Kleider verunreinigt. Er hat meine Kleider zerrissen und sein zauberisches Kraut mit dem Staube meiner Fe vermengt[30], Da der Feuergott, der Held, ihre Zaubereien zu Schanden machen mge! Eine andere Beschwrung derselben Tafel spricht von dem Zauberer, der die Nachtwachen mit Zauberei hinbringt, schdliche Worte spricht, zauberische Knoten schrzt, die gelst werden mssen[31], und schliet mit dem Wunsche, da er durch das Machtwort der Gtter beschworen werden mge! Das Venefizium wurde von den Akkadern wie von den Hexen durch die Beschwrung, die symbolische Handlung und den Zaubertrank ausgebt, der unter Umstnden irgend ein pflanzliches oder mineralisches Gift ist. Der Bildzauber spielt eine groe Rolle und scheint eine der hufigsten Manipulationen der chaldischen Schwarzknstler gewesen zu sein, denn in fast allen Beschwrungen wird vor dem Anfertiger des Ebenbildes gewarnt. Diese Manipulation scheint sich Jahrtausende hindurch fortgeerbt zu haben, denn der im 14. Jahrhundert lebende arabische Geschichtsschreiber Ibn Chaldn berichtet als Augenzeuge von den am untern Euphrat lebenden nabatischen Zauberern[32]: Wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie einer dieser Schwarzknstler das Bildni einer Person herstellte, die er bezaubern wollte. Die Bildnisse bestehen aus Stoffen, deren Qualitt sich je nach den Absichten und Plnen des Zauberers richtet, und deren symbolische Bedeutung mit dem Namen und Stand seines Opfers gewissermaen harmonirt. Nachdem der Zauberer das Bildni, welches die zu bezaubernde Person thatschlich oder sinnbildlich darstellt, vor sich aufgestellt und einige Worte darber gesprochen, speit er einen Theil des im Munde gesammelten Speichels gegen dasselbe, whrend er gleichzeitig die Organe bewegt, mittelst deren die Buchstaben der verhngnivollen Formel ausgesprochen werden. Endlich spannt er ber diesem symbolischen Bildni eine bereit gehaltene Leine, in welche er einen Knoten macht[33], womit er andeuten will, da er mit Entschlossenheit und Beharrlichkeit handelt und mit dem Dmon, der im Augenblick des Ausspeiens seine Handlung untersttzte, einen Bund schliet, und beweist, da er die feste Absicht hegt, den Zauber unlsbar zu machen. Ein bser Geist, der, im Speichel verborgen, dem Munde des Zauberers entfhrt, nimmt an diesen unheilvollen Handlungen und Worten Theil, whrend allmhlich noch andere bse Geister hinzutreten, soda der Zauberer vollkommen im Stande ist, seinem Opfer das Bse anzuthun, was er ihm angewnscht hat. Des magischen Knpfens der Knoten bedienten sich brigens auch die helfenden Magier, und eine akkadische Formel sagt u.a.: Silik-mulu-khi, Eridhus Sohn, durchschneide den Knoten mit deinen reinen, heiligen Hnden! Es scheint jedoch hier die Lsung eines in schdigender Absicht geknpften magischen Knotens von Seiten eines helfenden Zauberers gemeint zu sein, wie wir hnlichen Manipulationen beim Nestelknpfen und andern magischen Knsten des Mittelalters begegnen. Das mchtigste Zaubermittel des akkadischen Bsewichts war die Verwnschung, welche nicht allein die Dmonen entfesselte, sondern auch die Gtter beeinflute, insofern sie deren Handlungen und Worte mit schdlichen Eigenschaften ausstattete. Nach chaldischer Anschauung machten sich die Schwarzknstler durch ihre Verwnschungen die ber die einzelnen Menschen wachenden Gtter unterthan und verwandelten ihre wohlthtige Macht in eine feindliche. Dieser Gedanke liegt folgender Beschwrung zu Grund[34]: Die schndliche Verwnschung, sie wirkt auf den Menschen wie ein bser Dmon; Der Spruch der Verwnschung schwebt ber ihm; Der Spruch des Verderbens schwebt ber ihm; Die schndlichste Verwnschung, sie ist der Zauber, der den Irrsinn hervorrief. Die schndliche Verwnschung, sie erwrgt diesen Menschen wie ein Lamm. Sein Gott hat sich aus dem Innern seines Krpers entfernt; Seine Gttin, aufgebracht, hat sich anderswo niedergelassen, Die drhnende Stimme umhllt ihn wie ein Schleier, sie schmettert ihn zu Boden durch die Kraft ihres Schalles. Hierauf kommt Silik-mulu-khi dem Verwnschten zu Hilfe und befragt Ea um Rat, welcher antwortet: Reich' ihm die Hand von der Hhe der glnzenden Wohnsitze herab; Zerstre das bse Geschick, befreie ihn vom bsen Geschick, Welches bel auch in seinem Innern whlen mag, Sei es eine Verwnschung seines Vaters, Eine Verwnschung seiner Mutter, Eine Verwnschung seines lteren Bruders, Oder gar der Fluch eines Unbekannten. Das bse Geschick, mge es auf den Zauberspruch, den Ea verkndet, Gleich einer Zwiebel sich abschlen, Gleich einer Dattel zerstckelt, Gleich einem Knoten gelst werden! Das bse Geschick! Geist des Himmels, beschwre es! Geist der Erde, beschwre es! Die Fortsetzung des Zauberspruches zerfllt in eine Anzahl von Strophen, welche zu symbolischen Handlungen gesprochen wurden, die sich aus den Anfngen derselben ergeben. So heit es: I. Gleichwie diese Zwiebel ihrer Schale beraubt ist, so wird es auch dem bsen Zauber ergehen! Das lodernde Feuer wird sie verzehren! II. Gleichwie diese Dattel in Stcke zerschnitten ist, so wird es auch dem bsen Zauber ergehen! Das lodernde Feuer wird sie verzehren! III. Gleichwie dieser Knoten gelst ist, so wird es auch dem bsen Zauber ergehen! usw. IV. Gleichwie diese Wolle zerfetzt ist, so usw. V. Gleichwie dieses Fhnlein zerrissen ist, so usw. VI. Gleichwie dieses gewalkte Tuch zerfetzt ist, so wird es auch dem bsen Zauber ergehen! Das Feuer wird es verzehren! Der Walker wird es nimmermehr frben und zu einem Kleidungsstck verwenden, Es wird nimmermehr zum Gewand eines Knigs, eines Gottes erwhlt werden! Der Mensch, der den bsen Zauber verhngt hat, desgleichen sein Weib, Die gewaltsame Einwirkung, das Zeigen mit den Fingern, die bezaubernde Schrift, die Verwnschung und sndige Rede, Das bel, welches meinen Unterleib, mein Fleisch, meine Wunden behaftet, Mge dies Alles zerfetzt werden wie dieses gewalkte Tuch! Mge es noch an diesem Tage vom lodernden Feuer verzehrt werden! Mge sich das bse Verhngni verziehen, mge es wieder hell um mich werden! Soviel von der schwarzen Magie der Akkader. Wie bereits oben gesagt, ging der akkadische Kultus der Naturgeister in die Staatsreligion der Chalder ber, in welcher er eine untergeordnete Stellung einnahm, whrend die Naturgeister selbst zu niedrigen, kaum ber den Menschen stehenden Emanationen wurden. Die akkadischen Zauberpriester, die wir uns wohl als eine Art Medizinmnner oder Schamanen zu denken haben, fanden Aufnahme in die Priesterkaste der Chalder, hnlich wie in Indien Priesterfamilien der braunen, den Ariern vorausgehenden Rasse unter die Brahminen aufgenommen wurden. Aber diese Zauberpriester bildeten nach ihrer Aufnahme besondere, den andern Priestern im Rang nachstehende Krperschaften, die +Khartumim+, +hakamim+ und +asaphim+ des Buches Daniel. Die Sammlung ihrer berlieferten Beschwrungen, welche wohl um diese Zeit abgeschlossen wurde, fand Aufnahme unter die heiligen Bcher der Chalder und erhielt einen kanonischen Charakter. Sie war das Hauptlehrbuch dieser der Magie ergebenen Priesterkollegien, hnlich wie man in Indien das Atharva-Veda, welches in vielen Stcken mit dem ursprnglichen reinen Glauben der Arier wie auch mit der orthodoxen brahminischen Lehre in Widerspruch stand, unter die heiligen Bcher aufnahm, insofern es als den Priesterfamilien Goptris oder Angiras angehrend betrachtet wurde. Die akkadische Magie beruht auf dem Glauben an unzhlige persnliche Geister, welche berall in der Natur verbreitet und bald mit den von ihnen beseelten Naturkrpern eins sind, bald eine von diesen abgesonderte Existenz besitzen. Diese naive Anschauung des bersinnlichen ist dem Fetischismus nahe verwandt, mit welchem sie das blinde Vertrauen zu den an die Stelle der Fetische tretenden Talismanen gemein hat. Die genannten Geister rufen alle Naturerscheinungen hervor; sie beleben und beherrschen alle Geschpfe, verursachen das Gute und Bse, leiten die Himmelskrper in ihren Bahnen, fhren den Wechsel der Jahreszeiten herbei, bewirken das Wehen der Winde, erzeugen den Regen sowie alle guten und schadenstiftenden atmosphrischen Erscheinungen; sie machen den Boden fruchtbar, lassen die Pflanzen keimen und reifen; sie sind die Erzeuger und Erhalter der Lebenskraft und die Bringer von Krankheit und Tod. Diese Geister wohnen berall: im Sternenhimmel, in der Atmosphre, auf der Erde, in der Luft, im Feuer und Wasser. Jeder Himmelskrper wird von Geistern bewohnt. Man verleiht diesen Geistern sichtbare, bestimmte Persnlichkeiten. Wie berall in der Natur Bses und Gutes, Licht und Nacht, Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit einander gegenberstehen, so findet sich -- hnlich wie bei Zoroaster -- auch bei den akkadischen Zauberpriestern ein ausgesprochener Dualismus in ihren Vorstellungen von der Geisterwelt, von welcher sie weniger Gutes erhoffen, als Bses frchten. Gewaltige Gruppen bser und guter Geister stehen einander gegenber und bekmpfen sich unaufhrlich in allen Teilen des Weltalls. Die abwechselnden Siege und Niederlagen der guten Geister verursachen den Wechsel zwischen guten und bsen, glcklichen oder unglcklichen Ereignissen und lassen auf den regelmigen Verlauf der Dinge pltzliche Katastrophen folgen. Mit jedem Stern, jedem Element, jedem Wesen und Ding sind gute wie bse Geister verbunden, leben und weben in ihm, weshalb denn auch berall Zwietracht herrscht und nichts vom Kampfe zwischen dem Guten und Bsen verschont bleibt. Dieser Kampf wird -- dem niederen kulturellen Standpunkt der Akkader entsprechend -- in berwiegender Weise als ein physischer aufgefat, und die ethische Seite desselben tritt selbst in den religisen Hymnen vllig zurck. In einer an gewisse Stellen des alten Testaments erinnernden Weise erscheinen in den magischen Texten der Akkader Verste gegen den Ritus als die schwersten Vergehen, welche durch uere Gebruche geshnt werden mssen. Eines der grten Verbrechen ist die unterlassene Anrufung der guten Geister und der mit den bsen eingegangene Bund. Wir haben also hier das Urbild des Paktes mit dem Teufel. Auf dieser dualistischen Grundlage beruht auch die fromme und erlaubte akkadische Magie, welche als Theurgie, als ein durch heilige Gebruche zwischen den Menschen und der Welt der guten Geister vermittelter Verkehr zu betrachten ist. Der Mensch ist selbst in den bestndigen Streit zwischen den guten und bsen Geistern verwickelt, ohne ihm entrinnen zu knnen. Alles ihm widerfahrende Gute rhrt von den guten, alles Bse von den bsen Geistern her. Deshalb bedarf er des Beistandes der guten gegen die bsen Geister und die von diesen hervorgerufenen Krankheiten und Plagen. Denselben gewhren ihm die allmchtigen, geheimnisvollen Worte der Beschwrungen der Zauberpriester, ihre Bannungen und Talismane. Allein durch diese werden die bsen Dmonen vertrieben und die guten herbeigerufen. Ja man hat einen so hohen Begriff von der Allgewalt dieser Beschwrungsworte und Gebruche usw., da man annimmt, sie erhhten die Kraft der guten Geister im Kampfe gegen die bsen, da sie dieselben unberwindlich machten und ihnen den Sieg verliehen. Darum beschirmen die Zauberpriester nicht nur die Menschen, sondern verhindern auch schdigende Naturereignisse und greifen entscheidend in den Kampf der guten und bsen Geister ein. Die guten Geister wurden in Klassen geteilt, welche mit denen der Dmonen parallel liefen; jedoch sind die keilschriftlichen Angaben ber die Einteilung und Rangordnung der guten Geister noch ungenauer als die ber die Klassifizierung der bsen erhalten gebliebenen. Nur soviel ist ersichtlich, da die Geisterrassen der +alad+, +lamma+ und +utuk+ sowohl unter den guten, als unter den bsen Geistern vorkamen, insofern in den Beschwrungen sehr hufig der gute +alad+, der gute +lamma+ und der gute +utuk+ den bsen entgegengestellt werden. Auch ist von Elementargeistern (+zi+) im engeren Sinn, Schutzgeistern und krperlich gestalteten Engeln die Rede, unter denen namentlich die auf Erden wohnenden +anunna+ und die unter dem Himmel schwebenden +igigi+ oder +igaga+ unterschieden werden. Auf der Spitze dieser Geisterleiter stehen eine Anzahl Gtter, -- +ana+, +dingi+ oder +dimmer+--, welche sich jedoch nicht erheblich von den Geistern (+zi+) unterscheiden und nur dadurch auszeichnen, da man ihnen eine grere Macht oder einen greren Wirkungskreis beilegt. Soweit sich das Intellektualsystem der Akkader bersehen lt, ist ein Gott von einem Naturgeist nur dadurch unterschieden, da er an weniger enge rumliche Grenzen gebunden ist und einen greren Teil des Universum, eine grere Menge von Naturvorgngen und eine besondere Gruppe von Menschen und Dingen, von welchen brigens eine jede Individualitt durch einen besondern Geist beherrscht wird, regiert. Diese Gtterklasse erscheint uerst zahlreich. Viele werden in den Beschwrungen gegen die Dmonen und Krankheiten sowie in den magischen Hymnen genannt; viele werden aber auch nur an einer einzelnen Stelle und unter Umstnden erwhnt, da man daraus nichts Bestimmtes ber ihre Persnlichkeiten, mter usw. entnehmen kann. Um die akkadische Geisterlehre vllig verstehen zu knnen, mssen wir uns mit den Begriffen bekannt machen, welche sie von Himmel und Erde hatten: Die Akkader dachten sich die von den Menschen bewohnte Erde (+k+) als eine umgestrzte Barke in Gestalt einer halben Kugel, deren innere, nach unten geffnete Hhlung der Abgrund, die Unterwelt (+ge+) ist, in welcher die Toten wohnen (+kur-nu-ga+, +kgal+, +arali+), und in welcher auch die Sonne ihre Wanderung whrend der Nachtzeit vollbringt. ber der Erde dehnt sich der Himmel (+ana+) wie eine Decke aus. Derselbe dreht sich mit den Fixsternen (+mul+) um den Berg des Ostens (+charsak kurraj+), nmlich um eine Himmel und Erde verbindende, dem Himmel als Axe dienende Sule. Dieser Berg ist nordstlich von Akkad gelegen, welches -- unter dem Zenith (+nuzku+) befindlich -- der Mittelpunkt der bewohnten Erde ist. Weiter nordstlich vom Berge des Ostens befindet sich das Land der Aralli, der goldreiche Wohnsitz der Gtter und seligen Geister. In spterer Zeit nahmen die chaldischen Astrologen einen sphrischen Himmel an, welcher die Erde nach allen Seiten hin umschlo; jedoch lassen gewisse charakteristische Ausdrcke die Vermutung zu, da man in der Zeit, in welcher der grte Teil der magischen Urkunden abgefat wurde, sich den Himmel als Halbkugel dachte, deren unterer Rand als Fundamente des Himmels (+uru ana+) auf den uersten Enden der Erde jenseits des groen Wasserbeckens (+abzu+) ruhten, welches das Festland gerade wie der Okeanos des Homer umgab. Die Planeten, welche, wie ihr akkadischer Name +lubad+ -- Leithammel -- anzeigt, als lebende Wesen betrachtet wurden, bewegen sich in einer niedern Sphre (+ul-gana+), die sich unterhalb des Fixsternhimmels (+e-sara+) befindet. Jedoch findet sich in diesen Texten noch keine Spur einer Annahme konzentrischer Planetenbahnen. Der Fixsternhimmel trgt den Ocean der himmlischen Gewsser (+ziku+), welche noch in der mittelalterlichen Magie spuken; derselbe wird auch wie der irdische Ocean als ein alles umschlingender Flu gedacht. Das Universum besteht aus drei Regionen, dem Himmel, der Erde und Luft sowie endlich dem Abgrund. ber diese drei Regionen gebieten die drei mchtigsten Gtter: Ana, Ea und Mul-ge oder Elim, entsprechend den chaldischen Anu, Ea und Bel. Der akkadische Ana ist jedoch nicht nur der Himmel selbst, sondern auch der Gott desselben und der oberste Herr der Naturgeister. Ea ist der gewaltige Fisch des Oceans (+gal-chana-abzu+), den er bewohnt, der Oannes (+ea-chan+) des Berosus. Derselbe nennt Ea den Beschtzer und Retter des Xisuthros (+khasisatra+), des chaldischen Noah und sagt, nachdem er erzhlt hat, wie das Schiff des Gerechten auf einem hohen Berge stehen geblieben war: Ein Theil dieses gestrandeten Schiffes ist noch vorhanden in den korydischen Bergen in Armenien, und Wallfahrer holen von da Asphalt, den sie vom Wrack abkratzen, um es als Mittel gegen Bezauberung zu gebrauchen. hnlich sagt der Auszug des Abydenus: Aus dem Holze des Schiffes machen die Bewohner des Landes Amulette, welche sie zum Schutz gegen Bezauberung um den Hals hngen. ber die Vorstellungen, welche die Akkader von der Gestalt der Erde hatten, wurde bereits das Ntige gesagt; es bleibt nur noch brig, die Anschauungen derselben von der Unterwelt, dem Abgrund und Land ohne Heimkehr zu entwickeln. In der Hllenfahrt der Istar wird dasselbe hnlich dem hebrischen Scheol folgendermaen geschildert: Die Tochter des Sin (Istar) hat ihren Geist gerichtet Auf die Sttten der Auflsung, den Sitz des Gottes Irkalla, Auf die Sttte, in die man eintritt, ohne wiederzukommen[35], Auf den Pfad, den man wandelt, ohne wiederzukehren, Auf die Sttte, wo Allen, die da eintreten, das Licht durch Blindheit ersetzt wird, Wo die Menge nur Staub fr ihren Hunger, nur Schlamm zu ihrer Nahrung hat, Wo man das Licht nicht erblickt und im Finstern wohnt, Wo die Schatten gleich Vgeln gekleidet sind in ein Gewand von Flgeln, Wo auf der Thr und den Thrflgeln der Staub sich anhuft. In Istars Hllenfahrt wird eine Quelle des Lebenswassers erwhnt, welche sich im Hintergrund des Landes ohne Heimkehr befindet und von den unterirdischen Mchten eiferschtig vor der Annherung der Schatten (+utuk+) der Verstorbenen bewacht wird. Nur ein Befehl der himmlischen Gtter kann sie veranlassen, eine Annherung zu gestatten; wer aber das Wasser des Lebens getrunken, kehrt lebend an das Tageslicht zurck. -- Eine hnliche Vorstellung hat wohl schon zur Zeit der Abfassung der magischen Texte existiert, weil ein Hymnus auch dem Silik-mulu-khi, dem Mittler zwischen Gott und Mensch, die Macht zuschreibt, die Todten ins Leben zurckzufhren. -- Auch Diogenes Lartius berichtet ausdrcklich, da die Chalder an eine Auferstehung glaubten, nach welcher die Menschen unsterblich sein sollten. In dem genannten chaldischen Epos wird das Land ohne Heimkehr nach dem Vorbilde der Planetensphren in sieben konzentrische Kreise geteilt, zu welchen sieben Thore und Verschlsse der Welt fhren, die man sich vermutlich rings um den Saum der Erde verteilt dachte. Der Haupteingang in die Unterwelt, welchen der Gott Negab (Thrhter), der groe Thrhter der Welt bewachte, lag im Westen in der Nhe des groen Berges, welcher dem Berge des Ostens, der Wiege des Menschengeschlechts und dem Versammlungsort der Gtter gegenberliegt. Whrend die Pelasger die Gtter der Unterwelt als die Erzeuger der Fruchtbarkeit verehrten, verehrten die Akkader die Sonne der Unterwelt[36] als den Gott der glnzenden Steine und Metalle, aus welchen die Talismane gefertigt wurden. Die magischen Bcher kennen einen Gott des Goldes, des Silbers und Kupfers, einen Gott und Herrn des Ostens in seinem Berg von Edelsteinen und einen Gott der Ceder, welcher namentlich bsen Zauber abwendete. In einem Hymnus an Nin-dara werden fter kostbare Steine erwhnt, deren talismanische Krfte ihr Besitzer Nin-dara gegen das feindliche Land richtet, woraus sich wohl die Thatsache erklren lt, da das Altertum den Ursprung des talismanischen Zaubers nach Chalda verlegt. Das Buch, welches nach Angabe des Plinius der Babylonier Zacharias ber Talismane verfate und dem Knig Mithridates widmete, gehrte wahrscheinlich zu den Produkten der griechisch-babylonischen Litteratur, welche zu den alten akkadischen Zauberbchern in einem hnlichen Verhltnis standen wie die hermetischen Bcher zu den Schriften der alten gypter. Die der Hlle entsprossenen Dmonen hegen wie die Schwarzknstler eine groe Vorliebe fr die Finsternis und schleichen unter dem Schutz der Finsternis als Plagegeister umher, welche die Menschen berall belstigen und heimsuchen. Die Finsternis galt deshalb als sichtbare Offenbarung des bsen Prinzips ebenso wie das Licht als Offenbarung des guten. Utu, die Tagessonne, verscheucht die Dmonen und Zauberer: Du machst die Lge schwinden, du vernichtest den bsen Einflu Der Wunder, Vorbedeutungen, Zaubereien, Trume und schdlichen Erscheinungen. Ein anderer Gegner der Dmonen und Zauberer ist Ini oder Mermer, der Gott der Winde und fruchtbaren Regen, welcher spter in den chaldischen Bin oder Ramann, den Gott aller atmosphrischen Erscheinungen umgewandelt wurde. Auch der Feuergott Bil-gi ist ein mchtiger Widersacher der Zaubereien und Bekmpfer der bsen Dmonen, als welchen ihn folgendes Fragment preist: Der du die bsen Maskim verjagst, Der du gedeihen lt die Wohlfahrt des Lebens, Der du des Bsen Brust in Schrecken bannst, Hter des Orakels des Mul-Gelal. Feuer, Vernichter des Feindes, Schreckliche Waffe, welche die Pest vertreibt, Welche befruchtet und leuchten lt, Welche unter den sieben Gttern die Bsen vernichtet. Ini, der altakkadische Feuergott, nahm bei den Babyloniern einen solaren Charakter an und wird als Izdhubar der Held eines der bedeutendsten chaldischen Epen, in welchem auch die Sintflutmythe eine besondere Episode bildet. Er wird wie Bil-gi der Herr der Talismane genannt, und seine hauptschlichsten Prdikate sind: +puvalu+, Riese, und +puvalu-emuki+, Riese an Macht. Sein Abzeichen ist das Schilfrohr, welchem wir als Zauberstab schon oben begegneten, und das spter an Silik-mulu-khi bergeht. Silik-mulu-khi, der Verknder des Willens und der Ratschlge Eas, der Mittler zwischen ihm und der Menschheit, ist eng mit dem Erzengel raoscha, dem Heiligen und Gerechten des Zoroastrismus verwandt, ebenso mit Mithra, wie man denselben am Ende der Periode der Achmeniden unter dem Einflu des medischen Magismus zur Zeit der Zersetzung der alten mazdeischen Lehre auffate. Eine andere Analogie zwischen der Magie der Akkader und der sptern mazdeischen Religion findet sich in der Lehre von den Feruern, welche im Zoroastrismus die reinen Formen der Dinge, himmlische Urbilder der irdischen Wesen sind. Jeder Engel, jeder Mensch, jeder Stern, ja jedes Tier und jede Pflanze hat seinen eigenen Feruer, seinen unsichtbaren Schutzgeist, welcher bestndig ber ihm wacht, und den der Mensch durch Gebet und Opfer um Gnade anfleht. Diese Feruer sind offenbar die den Einzelwesen vorstehenden Geister der Akkader, welche in den sptern Parsismus Aufnahme fanden und hier ihren Platz auf den untern Stufen der Hierarchie des guten Prinzips fanden. Wie im Zendavesta jeder Mensch seinen Feruer besitzt, so ist bei den Akkadern einem jeden von Geburt an ein besonderer Gott zugeeignet, welcher ihn beschtzt, in ihm lebt und sein geistiges Urbild ist.[37] Nach einer Vorstellung entspricht jedem Menschen sogar ein Gott und dessen Gttin, reine Geister ber ihm. Daher heit es auch so hufig anstatt z.B. der fromme Mensch, der fromme Knig: der Mensch, Sohn seines Gottes, der Knig, Sohn seines Gottes. Daher ruft auch z.B. in einer Beschwrung der Priester dem Feuergott zu: Mit dir sei in Frieden das Herz meines Gottes und meiner Gttin, der reinen Geister! und deshalb heit es: Er werde zurckversetzt in die gndigen Hnde seines Gottes! Diese Schutzgtter sind brigens keineswegs vollkommene Wesen, sondern teilen die menschliche Natur ihrer Schutzbefohlenen mit ihren Unvollkommenheiten und Schwchen. Sie knnen samt den mit ihnen verbundenen Menschen von den Dmonen und Zauberern bezwungen und dienstbar gemacht und sogar dahin gebracht werden, alles Bse im Menschen zu bewirken und zu veranlassen, was Dmonen und Zauberer befehlen. Wenn z.B. der Pestdmon Namtar einen Menschen ergriffen hat, so befinden sich der Gott und die Gttin des Menschen ebensogut in der Gewalt des Geistes der Krankheit als dessen Krper. Es lt sich mithin sagen, da der besondere Gott und die besondere Gttin eines Menschen einen Teil seiner Seele bilden, was auch von den zoroastrischen Feruern gilt, nur da die Auffassung der letzteren eine dem transcendentalen Subjekt entsprechende hhere war und sich von der Stofflichkeit und Unvollkommenheit des irdischen Menschen besser abgelst hatte. Zweites Kapitel. Das Divinationswesen der Chalder. Das chaldische Divinationswesen gehrt der sechzehn Jahrhunderte umfassenden Periode an, welche von SargonI., Knig von Agane, bis zu Alexander dem Groen reicht. Aus den im vorigen Kapitel angegebenen Elementen hatte sich die chaldische Staatsreligion herausgebildet und war in den in Babylonien, Assyrien und Chalda gleich einflureichen Priesterschulen nach einem einheitlichen philosophischen System geregelt worden. Ihre ein zusammenhngendes Ganze bildenden Lehren waren in den heiligen Bchern codifiziert und wurden in den Tempeln und Priesterschulen, deren einflureichste sich zu Erech befand, gelehrt. Wie schon gesagt, nahm die akkadische Magie in dieser Staatsreligion nur eine niedere Stufe ein, denn die den forschenden Geist der Priester der neuen Religion belebenden Ideen waren ganz anderer Natur. Die Basis derselben war die Astrologie, welche die im Altertum sprichwrtlich gewordene Hauptbeschftigung der Chalder bildete. Die Bezeichnung Chalder hat hier jedoch keine ethnische Bedeutung, sondern wird im Sinne der Bibel wie der Griechen fr die Angehrigen jener groen Priesterkaste gebraucht, welche sich nach der eingangs erwhnten groen Reformation um das Jahr 2000 v.Chr. ber Babylonien wie Chalda verbreitete und ihren allgewaltigen Einflu auch auf die assyrische Kultur ausbte. Philo sagt: Die Chalder scheinen die Sternkunde und Wahrsagerei vor allen andern Vlkern gepflegt und befrdert zu haben. Sie brachten die irdischen Dinge mit den himmlischen, mit andern Worten den Himmel mit der Erde in Verbindung und suchten dann aus den wechselseitigen Beziehungen dieser nur rumlich, nicht wesentlich geschiedenen Theile des Weltalls auch den harmonischen Einklang derselben nachzuweisen. Sie stellten die Vermuthung auf, da die sinnliche Welt an sich oder doch wenigstens durch die sie belebende Kraft Gott sei, und riefen, indem sie diese Kraft unter dem Namen Verhngni oder Nothwendigkeit vergttlichten, den reinen Atheismus hervor, denn sie erweckten den Glauben, da alle Naturerscheinungen nur eine sichtbare Ursache htten, und da von der Sonne, dem Mond und dem Laufe der Gestirne das Glck oder Unglck eines jeden Menschen abhnge. Der Kern der chaldischen Lehren, ihre Licht- und Schattenseiten knnen wohl kaum treffender charakterisiert werden; nur ist das, was Philo ber den Atheismus und Materialismus der Chalder sagt, eben so wenig wrtlich zu nehmen als eine hnliche Stelle des Diodorus Siculus[38]: Die Chalder behaupten, da die Welt ihrem Wesen nach ewig sei, da sie keinen Anfang gehabt habe und kein Ende haben werde. Die Schnheit und die Ordnung des Weltalls schreiben sie einer gttlichen Vorsehung zu und behaupten dennoch, da auf Erden keine Erscheinung, kein Vorkommni zufllig oder spontan, sondern schon im Voraus von den Gttern bestimmt sei. Die von Diodorus gemeinte Vorsehung ist nicht die schaffende, sondern die ordnende Urkraft, welche einerseits mit der Ewigkeit der Welt verbunden ist, andererseits aber nach einem hheren Willen den Lauf der Gestirne in den bestimmten Bahnen regelt. Dieses Gesetz aber ist nichts anderes als das Verhngnis oder die Notwendigkeit des Philo, das Gesetz und die Harmonie, welche Sanchuniathon personifiziert[39], die Thuro-Chusartis der phnizischen Theologie, das Sinnbild der Einheit der unwandelbaren Ordnung und wunderbaren Harmonie des Weltalls. Die Bezeichnung Atheismus ist insofern unzutreffend, als die Chalder ein gttliches Urwesen oder eine allgemeine Weltseele, aus welcher alle niederen Gottheiten emanierten, annahmen. Nur leiten sie dieses gttliche Urwesen von der Materie ab, welche sie sich niemals vllig von ihm getrennt dachten. Deshalb war auch ihr Gott weder ein Wesen an sich, noch rein geistiger Natur, noch auch unumschrnkt. Er war als Ordner und Leiter der Welt doch durch das unbeugsame Gesetz der Notwendigkeit gebunden, nach dessen Bestimmungen er durch seine oberste Emanation die Schpfung der Welt hatte vollbringen lassen. Die Neigung zur Astrologie erwuchs den Chaldern aus ihren eigentmlichen, den nrdlichen Semitenvlkern entlehnten religisen Anschauungen. Indem sie den Himmel, die Harmonie seiner Bewegung und die Einwirkung der Sonne auf alle Lebewesen beobachteten, waren sie in durchaus naheliegender Weise dahin gekommen, alle Naturerscheinungen mit den Sternen, namentlich mit den Planeten, in Verbindung zu bringen; sie fhrten den Gestirndienst ein. Die Chalder verehrten die Gestirne nicht nur als die glnzendste Offenbarung der gttlichen Macht, sondern verehrten sie als Gottheiten. Auch fhrten sie zuerst systematische astronomische Beobachtungen ein, wie sie zur Einteilung der Zeit und Innehaltung ihrer religisen Feste unbedingt notwendig waren. Diese Beobachtungen nahmen sie auf ihren Pyramiden vor, welche in Stockwerke geteilt und wie die gyptischen mit den Seiten nach den Himmelsgegenden orientiert waren. Die Zahl der Stockwerke schwankt zwischen drei zu Ur und sieben zu Borsippa am groen Turm, den Nabukudurussur wieder herstellen lie. Die drei Stockwerke zu Ur entsprechen der Trias der Gtter der Sonne, des Mondes und der Luft, Samas, Sin und Bin. Fnf Stockwerke, welche ebenfalls vorkommen, entsprechen den Planeten, und sieben den Planeten samt den Lichtern. Alle Pyramiden von sieben Stockwerken sind mit den Farben der Planeten bertncht.[40] Sie waren sowohl die Sttten des Gestirnkultus als auch wirkliche Observatorien, wie Diodorus Siculus von der groen Pyramide zu Babylon ausdrcklich sagt. Man glaubte sich durch sie den Gttern stufenweise zu nhern, und auch auf einem Basrelief von Denderah ist die in den Geheimlehren des Altertums eine so groe Rolle spielende Leiter in dieser Gestalt abgebildet, und auch Celsus bedient sich bei der Beschreibung der Mithrasmysterien des Wortes %klimax%, Leiter, in entsprechender Weise.[41] Die Himmelsleiter Jakobs ist ebenfalls als eine solche Pyramide zu betrachten. Die Chalder zeichneten die auf diesen Pyramiden beobachteten Himmelserscheinungen, Konstellationen, Mondphasen usw. samt ihrem Zusammenfallen mit irdischen Ereignissen auf und glaubten, indem sie von der hnlichkeit und Gleichheit der Erscheinungen auf den Parallelismus der Geschicke schlossen, den Schlssel zu den Rtseln der Zukunft gefunden zu haben. Lenormant sagt: Die unabnderliche Regelmigkeit des Laufes der Sterne und ihr Einflu auf den Wechsel der Jahreszeiten rief die Vorstellung vom Walten eines unabnderlichen und ewigen Gesetzes hervor, welches durch ein festes solidarisches Verhltni alle Erscheinungen und Ereignisse verbinden und die irdischen Dinge von den himmlischen abhngig mache. Und daraufhin wurde angenommen, da alle beobachteten Coincidenzen sich mit nothwendiger Gleichheit wiederholen mten. Die Astrologie nahm allmhlich eine immer bestimmtere Form an, ja sie machte sogar auf wissenschaftliche Genauigkeit Anspruch, da sie mittelst der fortgesetzten alltglichen Beobachtungen eine Reihe astronomischer Wahrheiten erhrtet hatte. Die menschlichen Geschicke und geschichtlichen Begebenheiten wurden lediglich in die Kategorie der gewhnlichen Naturereignisse gerechnet, und daher suchte man denn auch das Geheimni derselben in den complicirten wechselnden Stellungen derselben, sowohl unter einander als in Bezug auf Sonne und Mond zu ergrnden. Die Gestirne waren nicht allein Lenker des Weltalls, die bestimmende Ursache aller Vorkommnisse und Begebenheiten, sondern auch die Verknder derselben. Denn ihre Stellungen und Erscheinungsphasen hatten smmtlich eine bestimmte Bedeutung, und wie die ersteren die Ereignisse bestimmten, so waren die letzteren auch sichere Vorzeichen derselben. Man reihte deshalb alle wahrgenommenen Coincidenzen der verschiedenen Begebenheiten mit den Erscheinungen der Sonne, des Mondes, der Planeten und Fixsterne in ein bestimmtes System ein, unterlie aber gleichzeitig nicht, aus den allgemeinen Beziehungen der wechselnden Erscheinungen zur Atmosphre neben den politischen und historischen Prophezeiungen auch manche sich nicht selten als richtig erweisende Vermuthungen ber das Wetter abzuleiten. Endlich wurden derartige Beobachtungen und Erfahrungen tabellarisch verzeichnet, um eben in allen vorkommenden Fllen befragt und als Richtschnur beobachtet zu werden. Hier einige Proben derartiger Aufzeichnungen der Keilschriftlitteratur: Erscheint der Mond auffllig gro, so wird eine Finsterni eintreten. Erscheint er dagegen auffllig klein, so wird die Ernte des Landes gesegnet sein. (Unvollkommene Beobachtungen von Perigum und Apogum des Mondes, welche zufllig mit einer Finsternis und guten Ernte zusammenfielen.) Zeigt der Mond am 1. und 28. des Monats das gleiche Aussehen, so ist dies ein verhngnivolles Zeichen fr Syrien. -- Ist der Mond am 30. sichtbar, so ist dies ein gutes Zeichen fr das Land Akkad und ein bses fr Syrien. Zeigt der Mond am 1. und 27. des Monats das gleiche Aussehen, so ist dies ein verhngnivolles Zeichen fr Elam. Jupiter geht auf, und sein Licht ist hell wie der Tag; in einem Glanze bildet er hinter sich einen Schweif, hnlich dem Stachel der Scorpione. Es ist dies ein gnstiges Vorzeichen, welches Glck verkndet dem Herrn des Hauses und dem ganzen ihm unterthnigen Lande. Leuchtet im Monat Duz der Stern Entemaslun (Aldebaran) bei seinem Aufgang sehr hell, so wird die Ernte des Landes sehr gut, und ihr Ertrag ein reichlicher sein. -- Ist dagegen dieser bei seinem Aufgange verhllt, so wird die Ernte des Landes mirathen. Wird der Mond von dichtem Gewlk verhllt, so stehen berschwemmungen bevor. -- Trinkt der Mond in den Wolken, so wird es regnen. Man sieht, da diese Aufzeichnungen der frhesten Kindheit der Beobachtung entstammen und mit Ausnahme der letzten Schlsse vom Prgel auf den Winkel sind. Auer den astronomischen Erscheinungen wurden noch die tellurischen eifrig beobachtet, und es hat sich das Inhaltsverzeichnis eines augurallitterarischen Werkes aus der Bibliothek des Statthalters von Niniveh erhalten, welches fnfundzwanzig Tafeln und Kapitel stark war. Von diesen fnfundzwanzig Kapiteln handelten vierzehn von gnstigen und ungnstigen tellurischen Erscheinungen, elf von Astrologie. Der Text selbst ist verloren, und von den Kapitelberschriften sind folgende Reste erhalten: 1. Also, die Prophezeiungen von Glck und ihr Gegentheil, -- die Anzeichen von Freude und Trbsal fr das Menschenherz. 2. Also: der Herr des Geldes, der Erklrer der Regengsse--. Es handelt sich hier offenbar um die Wahrsagung aus den Regen, welche als Brechomantie noch heute in der Trkei eine groe Rolle spielt. 3. Von den Sternwarten der Stadt. Die berschrift des vierten Kapitels ist schwer verstndlich; es scheint von der Deutung des Gesanges oder Geschreis, des Erscheinens und des Fluges der Vgel des Himmels, der Gewsser und der Erde gehandelt zu haben. Den diesbezglichen Beobachtungen scheint man besonders dann eine groe Wichtigkeit beigelegt zu haben, wenn sie in der Stadt und den Straen derselben gemacht wurden. 6. Zinnober ist ber der Flamme verbrannt. 7. Wird das Aussehen eines Hauses alterthmlich, so ist dies fr die Bewohner des Hauses ein verhngnivolles Zeichen. ber diese sogenannte koskopie schrieb bei den Griechen ein gewisser Xenokrates, und auch der heilige Basilius spricht in seinen Schriften darber. 13. Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer, -- ein Traum von hellem Schein, die Stadt in Flammen. 14. Ein Seedrache mit den Vgeln des Himmels... Aus den astrologischen Kapitelberschriften sind folgende hervorzuheben. 3. Der Venusstern erhebt sich bei Tagesanbruch... 4. Der Marsstern mit sieben Namen in........ 5. Das gleichmige Aussehen von Sonne und Mond.. 6. Der gleichzeitige Anblick von Sonne und Mond.. 7. Vom 1. und 5. des Monats, der Mond..... 8. Der Stern, welcher vorn einen Stern und hinten einen Schweif hat.... 10. Der Stern +iku+.... 11. Der Polarstern, der am Scheitelpunkt (des Himmels) sich um sich selbst dreht.... Elf Tafeln, betreffend Himmelserscheinungen, unter ihnen der Stern, der vorn einen Stern und hinten einen Schweif hat, -- die Himmelserscheinungen .... Die Erscheinungen auf Erden und am Himmel.... Himmel und Erde.... Die Schluzeilen der Vorderseite dieser Tafel sind nur fragmentarisch erhalten und betreffen irgend eine Himmelserscheinung, deren verhngnisvolle Bedeutung auf der Rckseite folgendermaen angegeben wird: Diese Erscheinung lehrt, da die Stadt des Landesfrsten samt ihren Einwohnern in die Gewalt des Feindes gerathen wird; Sterblichkeit und Hungersnoth.... auf der Tafel, die Zahl, welche du genannt, dir verknden wird, und wie..... Diese Sammlung von fnfundzwanzig Tafeln betrifft die Erscheinungen am Himmel und auf Erden, sowie ihre gnstigen und ungnstigen Vorbedeutungen.... alle Erscheinungen am Himmel und auf Erden.... hierin ist ihre Deutung verzeichnet. Knig SargonI. lie diese Sammlung sowie ein groes Werk von siebenzig Tafeln ber alle bis auf seine Zeit erhaltenen astrologischen Resultate anlegen, welches das Hauptwerk der chaldischen Astrologie und anscheinend von Berosus ins Griechische bersetzt wurde. Neben der bienenfleiig getriebenen Beobachtung der astronomischen und tellurischen Erscheinungen und Vorzeichen bten die Chalder auch das einfachste und unentwickeltste Divinationsverfahren, die Loswahrsagung. Ich habe dieselbe in meinen Geheimwissenschaften ausfhrlich beschrieben und mu darauf zurckverweisen. Hier will ich nur kurz rekapitulieren, da man in einem Kcher sieben mit Schriftzeichen versehene Pfeilschfte durcheinander schttelte und aus dem zuerst herausspringenden wahrsagte. Mit diesen Stben ist nicht das Rohr des Schicksals, der Offenbarung, der Enthllung (akkad. +gi-namekirru+, +qan-mamiti+, +qan pasari+, assyr. +kil-killuo+) zu verwechseln, welches durch Bewegungen in der Hand der Magier Orakel erteilte. Neben dieser Art Belomantie kannten die Chalder noch ein anderes Verfahren, welches in einem besonderen Kapitel eines Werkes der Bibliothek von Niniveh besprochen wird.[42] Es wurden wirkliche Pfeile nach verschiedenen Richtungen hin abgeschossen und sodann aus der greren und geringeren Entfernung derselben vom Schtzen, sowie aus der Art und Weise ihres Niederfallens Schlsse auf die Zukunft gezogen. Bekanntlich wird diese Wahrsagungsart im alten Testament mehrfach erwhnt. ber die chaldischen Auguren und Haruspices sagt Diodorus Siculus[43]: Die Chalder sind erfahren in der Deutung des Vogelfluges und in der Auslegung von Trumen und Wunderzeichen, auch hlt man sie fr geschickte Opferschauer, welche genau das Richtige treffen. Die Auguralwissenschaft der Chalder war demnach, und wie sich aus den Keilschriften ergiebt, in vier Abteilungen geteilt: in die Beobachtung des Vogelflugs, in die Wahrsagung aus den Eingeweiden der Opfertiere, in die Auslegung aller Arten von Naturerscheinungen (%terata%) und in die Traumdeutung. Leider sind wir bei dem gnzlichen Mangel an Keilschrifttexten nicht im Stande, etwas Nheres ber die Vogelschau der Chalder zu sagen; nur soviel ergiebt sich -- wie schon erwhnt--, da dieselben dem Gesang und Geschrei der Vgel groe Bedeutung beimaen, wie dies die Griechen, Etrusker und Rmer ebenfalls thaten. Nach Festus teilten die Etrusker und Rmer die Vgel in +alites+ und +oscines+, je nachdem man ihren Flug oder Ruf fr bedeutungsvoll hielt. Bei den Griechen war die Kunst der %oinpoloi% schon in sehr frher Zeit im Gebrauch und kommt bereits bei Homer vllig ausgebildet vor. Wahrscheinlich war sie von Chalda nach Griechenland gekommen. Wie Suidas angiebt, sei sie eine Erfindung des Telegonus, des Sohnes des Odysseus und der Circe gewesen, Clemens von Alexandrien hingegen sagt, da sie aus Phrygien stamme, womit Cicero bereinstimmt, der Phrygien, Cilicien, Pisidien und Pamphylien als die Lnder nennt, in welchen diese Divinationsgattung besonders im Schwang sei. Diese Gegenden hatten aber bereits in sehr frher Zeit die Kultur der Euphratlnder angenommen und mit andern babylonisch-chaldischen Elementen auch diese Wahrsagungsart nach Griechenland getragen. Auch die nach Cicero[44] in hohem Grad entwickelte Auguralwissenschaft der Araber ist wohl auf babylonische Einflsse zurckzufhren ebenso wie die Spuren, die sich bei den Maudi und Juden[45] finden. Auch das Haruspicium kennen die Juden, und zwar spricht Hesekiel an der bekannten Stelle davon[46], wo Nabukudurussur das Pfeilorakel befragt und sich aus der Leber der Opfertiere weissagen lt. Nach den Fragmenten des groen auguralwissenschaftlichen Werkes von Knig SargonI. suchten die Chalder in den Eingeweiden der verschiedensten Tiere vorbedeutende Anzeichen. Ein Fragment handelt von einem leider nicht nher angegebenen Vorzeichen, welches man in den Herzen junger Hunde, Fchse, wilder und zahmer Schafe, Pferde, Esel, Rinder, Lwen, Bren, Fische, Schlangen u.a.m. beobachten knne. Doch hatte die betreffende Erscheinung bei jeder Tierart eine besondere Vorbedeutung. Ein zweites Fragment bezieht sich auf Wahrzeichen, welche man aus der Farbe und dem Ansehen der Eingeweide der Opfertiere besonders der Esel und Maultiere entnehmen wollte. So heit es z.B.: Sind die Eingeweide des Esels auf der rechten Seite schwarz, -- auf der rechten Seite blulich, desgleichen ihre Windungen, -- auf der rechten Seite dunkelfarbig, -- auf der rechten Seite kupferfarbig, -- auf der linken Seite kupferfarbig, so sind diese Erscheinungen ebenso viele Vorbedeutungen fr die Jahreszeiten sowie die Schicksale des Landes und des Landesherrn. Die gleichen Erscheinungen, welche auf der rechten Seite gnstig waren, waren auf der linken Seite ungnstig und umgekehrt. Die auf der linken Seite auftretenden Erscheinungen waren im allgemeinen ungnstiger als die auf der rechten vorkommenden. Andere Vorbedeutungen suchten die chaldischen Haruspices im Innern der Eingeweide, welche nach vorausgegangener uerer Besichtigung geffnet wurden. So heit es z.B.: Zeigen sich im Innern der Eingeweide auf der linken Seite Risse, so tritt Hader und Zwietracht ein. Zeigen sich im Innern der Eingeweide auf der linken und rechten Seite Risse, so tritt ebenfalls Hader und Zwietracht ein. Ist das Innere der Eingeweide auf der rechten und linken Seite schwarz, so tritt Zwietracht ein. Von den noch unverffentlichten Fragmenten bezieht sich nach Lenormant eines auf die Hepatoskopie, die Leberschau, welche bekanntlich auer bei den Babyloniern bei den Vlkern des klassischen Altertums eine groe Rolle spielte. Das erhaltene keilschriftliche Fragment ist klein und verstmmelt und enthlt nur die Aufzhlung der Flle, welche mit der greren oder geringeren Entwickelung des einen oder anderen Lappens der Leber oder beider zugleich sowie mit dem vlligen Schwund des rechten oder linken Lappens oder aber mit der schwarzen, blulichen, kupferigen oder roten Frbung eines oder beider Lappen zusammenhngen, worauf die aus dem Aussehen und der Entwickelung der Gallenblase gezogenen Schlsse folgen. Die Opferschau verbreitete sich von Babylonien aus ber alle Lnder der alten Welt: im Norden ber Armenien und Komagene, im Westen ber Phnizien und Palstina (die O. wird den Juden ausdrcklich verboten[47]) bis nach Karthago. Vorzugsweise wurde sie in Kleinasien betrieben, wo namentlich die Einwohner von Telmessos als geschickte Haruspices berhmt waren. Von Kleinasien kam das Haruspicium sehr frhzeitig nach Griechenland, wo die Familienangehrigen der Damiden und Klytiaden als Haruspices in groem Ansehen standen. Der griechischen Tradition zufolge soll Delphos, der Sohn des Apollo, der Erfinder des Haruspicium gewesen sein, was indessen wohl nur darauf hindeutet, da die Opferschau vorzugsweise in Delphi ausgebt wurde. In Italien war diese Divinationsgattung besonders in Etrurien gebruchlich und erlangte in Rom selbst niemals den offiziellen Charakter, den die Beobachtung der Auspicien und sonstigen Naturerscheinungen trug. Zur Zeit, als der Senat die +haruspices+ befragte[48], wurden dieselben aus Etrurien berufen und bildeten eine besondere Krperschaft, welche gesetzlich anerkannt war.[49] Die +libri haruspicini+ waren ebenso wie die +libri fulgurales+ und +tonitruales+[50] etruskische Bcher, deren Vorschriften und Lehren man fr Offenbarungen des der Erde entstiegenen Tages hielt.[51] Auer den Regengssen wurde die Gestalt und Farbe der bei Tage erscheinenden Wolken eifrig beobachtet und gedeutet, whrend die Deutung der Beziehungen der nchtlichen Wolken zu den Sternen Sache der Astrologen war. ber die erstere Wolkengattung heit es z.B.: Steigt blulichschwarzes Gewlk am Himmel auf, so wird im Verlaufe des Tages der Wind wehen. Ausgefertigt durch Nabu-akha-irib. Wie man sieht, tragen diese kindlich naiven Beobachtungen einen meteorologischen Charakter. Moses[52] und Jeremias[53] verbieten den Juden die wahrsagerische Beobachtung der Wolken und atmosphrischen Erscheinungen. Die Fulguration scheint bei den Chaldern sehr ausgebildet gewesen zu sein. Wie die klassischen Schriftsteller berichten, unterschieden die Chalder im allgemeinen zwei Arten von Blitzen: 1.auf die Erde herabfallende und 2.nur in den Wolken leuchtende. Nach der Versicherung des Plinius[54] nahmen die Chalder an, da diese Blitze von den Planeten Saturn, Jupiter und Mars herrhrten und beobachteten sie vorzugsweise. Die zweite Art, die +fulgura fortuita+ des Plinius verkndeten durch ihren Donner die Stimme der atmosphrischen Wchter, deren Pfad sie durch ihre Leuchtkraft bezeichneten.[55] Es ist nur ein einziges und zwar sehr verstmmeltes keilschriftliches Fragment ber die Einteilung der Blitze bei den Chaldern erhalten[56], das aber trotz seiner Verstmmelung sehr wichtig ist, insofern es die Richtigkeit der Angaben des Plinius beweist. Dasselbe lautet: Der Blitz................. Der Blitz der Sterne............ Der Blitz des Gottes Bin.......... Der Blitz der Erde............. Der Blitz des Wassers............ Der Blitz der Nacht, welcher leuchtet.... Der Blitz des Gottes Mamna......... Der Blitz des Gottes Baluv......... Der Blitz des Gestirnes........... Der Blitz.................. Vergleichen wir nun die Blitze der Planeten und die +fulgura fortuita+ des Plinius mit den Angaben des Fragments, so finden wir, da die Blitze des Ersteren mit dem Blitz der Gestirne und dem Blitz des Gottes Bin (assyr. Rimmon) zusammenfallen. Bin ist der Gott der Luft und des Donners und wird deshalb mit einem Donnerkeil oder einem zackigen Blitz dargestellt. Die Blitze der Gtter Mamna und Baluv sind verschiedenen Erscheinungsphasen des Planeten Mars zugeeignet und waren wegen ihrer zndenden Kraft berchtigt.[57] Die brigen auf dem Fragment genannten Blitzarten waren den Etruskern ebenfalls bekannt, welche dieselben auch zum Teil den obern Planeten zuschrieben.[58] Dieselben kannten auch eine Art dem Saturn geweihte Blitze, welche von der Erde zum Himmel emporstiegen.[59] Dies ist wohl der Blitz der Erde des Fragments, welcher mit dem Blitz des Bel oder Mul-ge identisch ist. Endlich kannten die Etrusker noch die Blitze der Nacht, welche der Gott Summanus erzeugen sollte, whrend die Rmer die komplizierte etruskische Fulgurallehre einfacher gestalteten und nur Blitze des Tages und Blitze der Nacht annahmen, die sie dem Jupiter oder dem Summanus zuschrieben. Dagegen findet sich in den Berichten ber die etruskische Fulguration nichts, was sich mit dem rtselhaften Blitz des Wassers der Chalder vergleichen liee. ber die Wahrsagerei der Chalder aus Erdbeben, welche Diodorus Siculus erwhnt[60], wissen wir nichts nheres, ebensowenig als ber die chaldische Kapnomantie und Pyromantie. In Griechenland war die Pyromantie, deren Erfindung dem Amphiaraus zugeschrieben wurde, allgemein gebruchlich. Man warf unter Gebeten Weihrauch in die Flamme und beobachtete, ob derselbe verzehrt oder zerstreut wurde, worauf man dann Schlsse auf gnstige oder ungnstige Vorbedeutung schlo. Diese auch Libanomantie genannte Wahrsagungsart war besonders in Apollonia gebruchlich, wo die heiligen Feuer durch dem Boden entstrmende Kohlenwasserstoffgase genhrt wurden. Da oben ein mitgeteiltes Fragment einer Kapitelberschrift des Sargonschen Auguralwerkes lautet: Zinnober ist ber der Flamme verbrannt, so scheint es, da die Akkader ein hnliches Verfahren kannten; auch drften sie, weil sie ihrem Feuergott eine so groe Bedeutung als Bekmpfer der bsen Dmonen beilegten, auch auf das uere Ansehen der Feuerflammen geachtet haben. Nach einigen Bruchstcken des Sargonschen Werkes schrieben die Akkader auch Quellen und Flssen prophetische Bedeutung zu und weissagten aus der Menge, dem Aussehen und der Strmung des Wassers. Nach Psellus[61] sind die Assyrer die Erfinder der Lekanomantie, welche bei ihnen jedoch anders als in spterer Zeit ausgebt wurde. Psellus sagt: Die Lekanomantie wird mittelst einer Schale ausgebt, welche man mit prophetischem Wasser anfllt und vor sich stehen hat. -- Dieses Wasser unterscheidet sich uerlich durch nichts vom gewhnlichen Wasser, aber die Handlungen und Beschwrungen, welche ber dem Gef vorgenommen werden, beschenken es mit einer prophetischen Kraft, welche im Schoe der Erde entspringt und sich eigenartig uert: Denn whrend sie sich dem Wasser mitteilt, ruft sie ein unbestimmtes Rauschen hervor, welchem die Anwesenden zunchst keinen rechten Sinn abgewinnen knnen; hat sie sich aber in der Flssigkeit nach allen Seiten hin gleichmig ausgebreitet, so vernimmt man gewisse seltsame Tne, aus denen man die Prophezeiung der Zukunft schpft. Diese der materiellen Wirklichkeit angehrenden Klnge haben aber stets etwas Rtselhaftes und Geheimnisvolles an sich[62], daher denn auch die Weissager, welche diesen Umstand mglichst ausbeuten, niemals eines Betrugs berfhrt werden knnen. Nach einigen Tafeln der Bibliothek zu Niniveh legte man auch dem grern oder geringeren Glanz edler Steine divinatorische Bedeutung bei, wie denn z.B., um ber das Gelingen oder Fehlschlagen eines feindlichen Angriffs zu prophezeien, geprft wurde, ob der Diamant am Finger seine Strahlen nach rechts oder links warf. Unter den Akkadern wie unter allen Vlkern des Altertums war die Phyllomantie, die Wahrsagung aus der Bewegung und dem Rauschen der Bume sehr gebruchlich[63] und von ihnen zu den Juden bergegangen; bei ihnen finden wir die Zaubereiche in Sichem[64]; die Maulbeerbume, aus deren Rauschen David prophezeite[65], und die Palme, unter welcher Deborah weissagte.[66] Auch die vorislamitischen Araber hatten heilige Palmen und verehrten auch den Sumurahstrauch (+Spina aegyptiaca+) als gttlich. berhaupt war es ein sehr verbreiteter Glaube der Araber, da sie aus allen mglichen Arten dorniger Strucher prophetische Laute zu vernehmen glaubten, und dieser Anschauung drfte auch die Erscheinung Jehovahs im brennenden Dornbusch ihren Ursprung verdanken. -- Die Etrusker, deren Kultur entschieden von der chaldischen abhngig ist, unterschieden gnstige und ungnstige Bume je nach den Prophezeiungen, welche sie denselben entnahmen.[67] Die Griechen hatten redende Eichen (%prosgoroi dryes%), wie zu Dodona, der ltesten pelasgischen Orakelsttte, und weissagende Lorbeerbume zu Delphi und Delos. -- Auf den Baumkultus der Germanen werde ich spter zurckkommen. Die den Tieren entnommene Orakel anlangend, so betrachteten die Chalder vorzugsweise die Schlange als wahrsagendes Tier, was die alten Philosophen damit zu erklren suchen, da die kriechende Schlange am meisten von allen Tieren mit der Erde, dem Urquell aller Inspiration, in Verbindung stehe. Auch ist darauf aufmerksam zu machen, da in den semitischen Sprachen die Worte Schlange und weissagen der gleichen Wurzel +nahasch+ entspringen. Die Schlange ist bei den Chaldo-Babyloniern und Assyriern das Sinnbild des Ea, der hchsten Einsicht wie des Inhabers der hchsten Weisheit, weshalb sie auch als Sinnbild alles magischen Wissens betrachtet wird. Die Genesis hlt sie fr listiger denn alle Tiere, die Jehovah erschaffen und die alten Araber glaubten, da man durch den Genu eines Schlangenherzens und einer Schlangenleber die Sprache der Tiere verstehen lerne, eine Anschauung, welche bekanntlich noch in der deutschen Volkssage fortlebt. -- Es scheint sogar, da man in einigen babylonischen Tempeln Schlangen zchtete, welche man als Mittler zwischen den Gttern und Menschen ansah und aus ihren Gebahren orakelte. -- Auf hnliches scheint auch die biblische Erzhlung vom Drachen zu Babel hinzudeuten. Ein anderes prophetisches Tier war der Hund, und Lenormant teilt eine ganze Reihe von Regeln mit, nach welchen die Chaldo-Babylonier aus der Farbe und dem Exkrementieren eines fremd in den Knigspalast oder ein Privathaus gelaufenen Hundes wahrsagten. Eine leider nur lckenhaft erhaltene Inschrift giebt an, da Fliegen (+zumbi+) von den Chaldo-Babyloniern zum Wahrsagen benutzt wurden. Dieser Umstand beleuchtet einen wichtigen Punkt der semitischen Mythologie, nmlich die Rolle, welche der groe Gott von Akkaron (Ekron) spielt. Derselbe hie bei den Philistern bekanntlich Baal-Zebub, Baal-Fliege oder Herr der Fliege; die Septuaginta nennt ihn %Baal myia%, Josephus %theos myia%, und die Juden machten ihn spter zum Obersten der Teufel. Dieser Baal-Zebub besa ein berhmtes Orakel, welches nach dem alttestamentarischen Bericht selbst Achasja, Knig von Israel, ber den Ausgang seiner Krankheit um Rat befragte und dadurch den Zeloteneifer des Elias entflammte. Bercksichtigen wir nun obige keilschriftliche Nachricht, so bleibt kein Zweifel, da zwischen dem Namen des groen Gottes von Akkaron und der Art und Weise der Ausbung seines Orakels Zusammenhang herrscht, und da die semitischen Vlker so gut wie die Chalder Fliegenorakel besaen. Da Bienen und Ameisen als wahrsagende Tiere auch bei den klassischen Vlkern eine Rolle spielten, beweist die Erzhlung von der Kindheit Platos und die Midassage. Nach dem Bericht des Jamblichus[68] weissagten die Babylonier sogar aus dem Verhalten der Ratten, Heuschrecken&c., und endlich wurden nach Angabe des Sargonschen Auguralwerks auch die Fische der Teiche zu den prophetischen Tieren der Chalder gerechnet, worunter wahrscheinlich heilige Fische zu verstehen sind, die man zum Behuf der Wahrsagung zchtete. So gab es z.B. in Lycien heilige Fische, welche durch Fltenspiel an die Oberflche des Wassers gelockt wurden, worauf man aus ihrem Verhalten orakelte; das Gleiche war nach Varro[69] auch in Lydien der Fall. Auch drften die in einem Teiche beim Tempel des Zeus Labrandeus zu Mylasa in Karien gezchteten Fische, welche Ohrgehnge an den Kiemen trugen, zu Wahrsagezwecken gehalten worden sein, wie ferner die zu Ehren der Gttin Atargatis oder Derketo zu Askalon gezchteten, wo bekanntlich ein dem babylonischen verwandter Kultus herrschte. Auch war die chaldische Mantik bemht, aus spontanen Bewegungen oder Tnen von Hausgerten und Mbeln wahrzusagen, und es ist ein Fragment erhalten, welches eine ganze Reihe von hlzernen Mbeln und Teilen des Hauses nennt, aus denen prophetische Laute hervortnen (+assaput+, +ku-a+), geeignet, das Menschenherz frhlich zu stimmen. Die einzelnen Deutungen sind jedoch verloren gegangen. Ich habe schon oft darauf hingewiesen, da wir es hier wohl mit den Anfngen des Tischklopfens und Tischrckens zu thun haben. Auch zufllig gehrten Worten wurde prophetische Bedeutung beigelegt; es sind dies die von den Juden +bath-kol+ genannten Stimmen. Hingegen lt sich im Sargonschen Auguralwerk nicht die Ausbung der im Buche Hiob erwhnten Chiromantie, der Onychomantie sowie der Kranioskopie nachweisen. Die Beschftigung der Chalder mit der Astrologie brachte es mit sich, da sie den Migeburten groe Aufmerksamkeit zuwendeten. Nach ihren Behauptungen rechtfertigten 470000 jahrelang angestellte Beobachtungen die Annahme, da der bei der Geburt eines Menschen vorhandene Sternenstand dessen Geschick bestimmen. Da aber Gebrechen und Migestaltungen neugeborener Kinder ebenfalls von diesem Sternenstand abhngig seien, so lasse sich aus Migeburten ebenso gut die Zukunft entschleiern als aus den Sternen selbst.[70] Deshalb legte man den Migeburten eine ungeheuere Wichtigkeit bei und behandelte deren Deutung sehr ausfhrlich in dem Sargonschen Auguralwerk. Von den 72 diesbezglichen Texten, welche Lenormant beibringt, will ich nur folgenden anfhren, welcher beweist, da man schon in jener altersgrauen Vorzeit der Glckshaube eines neugeborenen Kindes eine ebenso groe Wichtigkeit beilegte als heute: Gebiert eine Frau ein Kind, dessen Haupt mit einer Haube bedeckt ist, so wird beim Anblick desselben ein gnstiges Vorzeichen im Hause walten. Namentlich wurde den Migeburten frstlicher Frauen groe Bedeutung beigelegt, und auch die Migeburten mancher Tiere -- wie z.B. der Stuten -- galten als besonders omins. Der Glaube an die Vorbedeutung der +Portenta+ ging auf Etrusker und Rmer ber, und noch in der zweiten Hlfte des 17. Jahrhunderts schrieb Caspar Schott +De mirabilibus portentorum+. Mit die wichtigste Rolle im chaldischen Divinationswesen spielt die Traumdeutung. Nach Diodorus Siculus rechneten die Chalder die Trume zu den tellurischen Vorzeichen und deuteten sie nach den Vorschriften des Sargonschen Auguralwerks. Ein Fragment desselben lautet[71]: Sieht einer im Traum...................... Einen mnnlichen......................... Die Gestalt eines Hundes..................... Die Gestalt eines Bren mit den Fen eines........... Das Vordertheil eines Bren mit den Fen eines......... Die Gestalt eines Hundes mit den Fen eines andern Thiers.... Einen todten Hund........................ Den Gott Nin-kistu (Nergal) todtschlagen............. Leichen groer Thiere...................... Ein Licht............................ Einen Mann auf sich harnen.................... Das Urinlassen als Traumsymbol dnkte den Chaldern ganz besonders wichtig und wird auch noch von einem Weib, Bren, Hunde usw. angefhrt. Herodot berichtet bekanntlich von einem hierhergehrigen Traum des Astyages, dessen Tochter Mandane auf diese Weise ganz Asien berschwemmte und so die Herrschaft des Cyrus prognostizierte. Von den Kapiteln des Auguralwerkes scheint besonders das von der Traumdeutung gehandelt zu haben, dessen Anfang lautet: Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer.... Ein Traum von hellem Schein, die Stadt in Flammen... Bekanntlich spielen Trume von Feuer und Flammen noch in der modernen Traumdeutung eine groe Rolle. Nach Jamblichus begaben sich die babylonischen Frauen absichtlich in den Tempel der Zirpanit oder Aphrodite, um divinatorische Trume zu erhalten, welche sie sofort von den Traumdeutern auslegen lieen. Bekanntlich wurde dieser +incubatio+ oder %enkoimsis% genannte Brauch auch in gypten oder Griechenland ausgebt. In Chalda und wahrscheinlich auch in Assyrien, da ja die Assyrier in diesen Dingen nur die Schler und Nachbeter der Chalder waren, gab es nach den Keilschrifttexten Seher (+sabru+), welchen die Gtter vorzugsweise prophetische Trume zu Teil werden lieen. Derartige Seher und Seherinnen scheint es, wie die oben mitgeteilte Nachricht Herodots vom Tempel zu Borsippa andeutet, in manchen Tempeln stndig gegeben zu haben. -- Zweifellos wurden bei den Chaldern prophetische Trume auch durch narkotische Mittel hervorgerufen wie bei andern Vlkern des Altertums und noch bei vielen wilden Vlkerschaften. Der Eingang des obersten -- siebenten -- Stockwerks des Turmes von Borsippa war dem Gott Nebo (Prophet) geweiht und hie +bab assaput+, Thor des Orakels. Ein hnliches Orakelgemach, +bil assaput+, existierte noch nach inschriftlichen Angaben in der Pyramide des kniglichen Stadtviertels zu Babylon. Ob jedoch die Art und Weise, wie die Orakel in diesem erteilt wurden, die gleiche war wie im Turme von Borsippa, ist aus den Inschriften nicht ersichtlich. Gewi ist nur, da dieses Gemach als Grabkammer des Bel-Maruduk galt, was vermuten lt, da daselbst Incubation stattfand, weil man im Altertum hufig Grabsttten aufsuchte, um in ihnen prophetische Trume zu erhalten. Auch ist bekannt, da das Orakel des Belus oder Bel-Maruduk in der Geschichte Alexanders des Groen insofern eine Rolle spielt, als die Chalder den siegreichen Eroberer im Namen dieses Heiligtums zu bestimmen suchten, von Babylon fern zu bleiben. Allerdings blieb dieser Versuch erfolglos, weil Alexander die egoistischen Beweggrnde der Chalder wohl erkannte. Das Gebet, welches Incubation im Grab des Bel-Maruduk einleitete, ist teilweise erhalten und enthlt folgende charakteristische Stellen: Gewhre mir den Eintritt, da mir ein Glckstraum zu Theil werde! Der Traum, den ich trume, da er gnstig sei! Der Traum, den ich trumen werde, da er wahrhaft sei! Der Traum, den ich trumen werde, la ihn ausfallen zu meinen Gunsten! Makhir, der Traumgott, mge walten ber meinem Haupt! Gewhre mir Eintritt in den E-saggal, in das Gtterschlo, den Wohnsitz des Herrn! Auf da ich mich nhere Maruduk, dem Erbarmer, dem Glckspender und den gesegneten Hnden seiner Allmacht! Mge ich rhmen knnen deine Gre, lobpreisen deine Gottheit! Mgen die Bewohner meiner Stadt rhmen knnen deine Werke! In der Zeit vom 8. bis 6. Jahrhundert erreichte die Traumdeutung ihren Hhepunkt in Vorderasien und gypten, woselbst sie sogar die Politik und Kriegsfhrung beeinflute. Durch einen siegverheienden Traum wurde Assurbanhabal zum Kriege gegen Te-Umman angeregt, und durch Trume wurde mehrfach sein Heer zur Ausdauer ermuntert. Ein Traum bewog Gyges zur Anerkennung der assyrischen Oberherrschaft. Trume waren es, welche Krsus den Tod seines Sohnes Atys, Astyages die Herrschaft seines Enkels und Cyrus die des Darius verkndeten. Ein Traum fhrte Sebek, Knig von gypten, zum Entschlu, seine Regierung niederzulegen; auch war es wiederum ein Traum, welcher dem Knig Seti die endliche Vernichtung des assyrischen Heeres unter Senacherib zusicherte und ihn so zum Ausharren in der Gegenwehr ermunterte. Endlich hatte der thiopische Frst Ta-nuat-Amen einen Traum, welcher ihm seine zuknftige Macht offenbarte und ihn zur Eroberung gyptens anspornte. Bei den Juden war die Deutung der von Jehovah gesandten Trume erlaubt, dagegen bei Strafe der Steinigung verboten, im Namen fremder Gottheiten Trume herbeizufhren und zu deuten. Diese Bestimmung wirkt in der bei den Christen gemachten Einteilung der Trume in gttliche und teuflische bis in das vorige Jahrhundert nach. Die letzte wichtige Wahrsagung der Chaldo-Babylonier ist die Nekromantie. Wie oben schon mitgeteilt, ist jedem Menschen von Geburt an ein den Feruern entsprechender besonderer Geist beigegeben, welcher ihn schtzt, in ihm lebt und sein geistiges Urbild ist. Nach dem Tode des Menschen wird aus diesem Geist ein Dmon (+utuk+, +utukku+), dessen Schicksal im Land ohne Heimkehr je nach Magabe der Geneigtheit der Gtter ein gnstiges oder ungnstiges ist. Nur bevorzugte Seelen von Helden und Knigen fanden Eingang in den Himmel und bewohnten fortan: Das Land mit Silberhimmel, Wo Segensgter Sind zu ihrer Nahrung Und se Lust Sie zu beseligen, Wo ist Einhalt Des Kummers und Jammers. Das Loos der groen berzahl der Menschen, deren +utuk+ in das Land ohne Heimkehr (akkad. +kur-nu-ga+, assyr. +mat la Tayarti+) hinabstieg, gestaltete sich ziemlich trostlos. Das Land ohne Heimkehr wird in der Hllenfahrt der Istar folgendermaen geschildert: Dort wohnen die Fhrer und die des Glckes entbehren, Wohnen die Geringen und Groen, Wohnen die Ungeheuer des Abgrunds der groen Gtter, Wohnt Etanna, wohnt Nir.... Im Land ohne Heimkehr lebt die Seele wie im Scheol der Hebrer ohne Empfindung und Willenskraft, von Finsternis umgeben, fort. Ihr Zustand ist weder vllige Vernichtung noch Unsterblichkeit, sondern eine Art von Erstarrung oder Schlummer. Im Hintergrund des Landes ohne Heimkehr befand sich jedoch, wie oben erwhnt, im ewigen Heiligthum die Quelle der Lebenswsser, deren Sprudel die hllischen Mchte mit der grten Wachsamkeit und Ehrfurcht behteten. Den Zugang zu ihr konnte nur ein Gebot der hchsten Gtter, namentlich des Ea, erschlieen, und wer daraufhin von ihr getrunken hatte, kehrte -- wie Istar am Schlu ihrer Gefangenschaft -- lebend an das Licht zurck. Ob diese Quelle eine Andeutung der Auferstehung, an welche die Chalder nach Diogenes Lartius glaubten, ist, lt sich nach den Texten nicht entscheiden. brigens konnten die Seelen nicht nur auf Eas Gebot, sondern auch als Vampyre dem Land ohne Heimkehr entsteigen, um die Lebenden zu qulen. Deshalb droht auch Istar dem Schlieer des Hllenreichs mit den Worten: Oeffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten,-- Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden; Ich werde die dem Tageslicht wieder zugefhrten Todten zahlreicher machen denn Alles, was lebt. Auch die Schwarzknstler vermgen Vampyre aus dem Land ohne Heimkehr heraufzubeschwren und die Gegenstnde ihres Hasses von ihnen peinigen zu lassen. Da man sonach an die Citation Verstorbener glaubte, so lag es sehr nahe, die von den Schranken des Raumes und der Zeit befreiten Geister der Verstorbenen ber die Zukunft zu befragen, und die Nekromantie mute sich folgerecht entwickeln. ber die Ausbung der Nekromantie habe ich anderwrts[72] schon das Ntige gesagt. Hier will ich nur rekapitulieren, da wir uns aus dem alten Testament ein ungefhres Bild von der Totenbeschwrung der Chalder entwerfen knnen. Der biblische +Ob+ ist ein unsauberer Geist, ein Totengeist, welcher in dem Krper eines Mannes oder einer Frau wohnt und von hier aus die Zukunft offenbart, entsprechend dem +jidoni+, dem Wissenden oder Belehrenden, welcher fast immer mit den +oboth+ zusammen genannt wird. Es ist dabei zu bemerken, da die Worte +oboth+ und +jidonim+ sowohl fr die Geister selbst als die von ihnen Besessenen gebraucht werden. Das Letztere ist nicht nur der Besprechung der Hexe von Endor durch Josephus[73] sondern auch daraus zu entnehmen, da die Septuaginta wiederholt +oboth+ mit %engastrimythoi% bersetzt, sowie berhaupt aus den charakteristischen Ausdrcken, deren sich die Propheten bei der Schilderung der +oboth+ bedienen. Ziehen wir nun die ausdrckliche Angabe des Jamblichus, da die Babylonier mittelst ihrer %Sakchoiras% die Geister der Toten ber die Zukunft befragten, in Betracht, und erwgen wir, da +ob+ kein semitisches Wort ist, sondern vom akkadischen +ubi+, strafwrdigen Knsten obliegen, abstammt, so kann es keinem Zweifel unterliegen, da die hebrische Nekromantie aus der akkadischen hervorging. Zweites Buch. Der Occultismus der Meder und Perser. Erste Abteilung. Der medische Magismus. Medien war bis zur Einwanderung der eigentlichen iranischen Meder im Besitz eines Volkes turanischer Rasse, welches mit den Akkadern eine groe hnlichkeit hatte und das protomedische genannt wird. Die iranische Einwanderung geschah nach Lenormant und Maury im achten Jahrhundert vor Christus; jedoch bildeten auch nach der vlligen Besitznahme Mediens die Iraner immer noch den kleineren, wenn auch herrschenden Teil der Bevlkerung. Zur Zeit der Achmeniden sprach das Volk noch die protomedische Sprache, welche auch die amtliche Sprache der Perserknige wurde. Das turanische Medien aber bewahrte nicht nur seine eigene Sprache, sondern auch seinen eigenen religisen Charakter, welchem es erst nach langem mit wechselndem Glck gefhrten Kampf gegen die Religion Zoroasters entsagte. Die den Protomedern eigenen religisen Vorstellungen fanden endlich sogar bei den iranischen Eroberern Eingang und erzeugten durch ihre Vermischung mit der Religion derselben das System des _Magismus_, so genannt nach dem Stamme der Magier, welche das ausschlieliche Privilegium besaen, daselbst das Priesteramt auszuben.[74] Der Name Magismus wurde sehr lange Zeit der Religion des Zoroaster beigelegt, was jedoch auf einer von den griechischen Schriftstellern begangenen Verwechslung beruht, die namentlich Herodot verschuldet hat, welcher wohl Medien, aber nicht das eigentliche Persien bereiste. Ja diese Annahme ist nach den neuesten Forschungen sogar ein entschiedener Irrtum, da beide Religionssysteme, der Magismus und der Zoroastrismus einander entgegengesetzt sind. Darius, Sohn des Hystaspes, welcher wohl genauer als Herodot unterrichtet war, berichtet ausdrcklich in seinen Regierungsannalen auf dem Felsen von Behistan, da die Magier, welche mit Gaumata, dem falschen Smerdis, eine Zeit lang Herren des Reichs waren, den Versuch machten, die iranische Religion durch die ihrige zu verdrngen, und da Darius ihre gottlosen Altre strzte. Es heit in der genannten Inschrift[75]: Als Kambyses in Aegypten war, verfiel das Volk in Gottlosigkeit, und Wahnglauben wurde im Lande mchtig, in Persien, Medien und andern Provinzen. Die Knigswrde, welche unserm Geschlecht entrissen war, habe ich wiedererlangt; ich habe sie von Neuem wiederhergestellt. Die Tempel, welche der Magier Gaumata zerstrt hatte, habe ich wieder erbaut; ich habe die Familien, welchen sie vom Magier Gaumata entrissen worden, die heiligen Gesnge und rituellen Gebruche wiedererstattet; ich habe den Staat auf seinen alten Grundlagen wiederhergestellt und Persien, Medien sowie die brigen Provinzen wieder an mich gebracht. In der zu Naksch-i-Rustam befindlichen Grabschrift des Darius heit es ferner: Als Ahuramazd dieses Land dem Aberglauben preisgegeben sah, vertraute er es mir an. Das im Text fr Aberglauben gebrauchte Wort ist +ytum+, Religion der Ytus, wie die Feinde des Zoroaster im Zendavesta genannt werden. Danach und nach der im nchsten Kapitel zu gebenden Lebensbeschreibung des Zoroaster erscheint das Blutbad, welches die Perser bald nach der Ermordung des falschen Smerdis anrichteten, und die sonst unerklrliche Einsetzung der Feier des Magiermords, welche man lange Zeit hindurch am Jahrestag desselben beging, begreiflich. Die Magier werden berhaupt in keiner alten entschieden zoroastrischen Urkunde persischen oder baktrischen Ursprungs als Diener der Religion erwhnt. Jedoch trat die Zersetzung und Entstellung der ursprnglichen und nationalen iranischen Lehre des reinen Mazdeismus der Ghts und der ersten Fargards der Vendidad-Sde bei den Medern schon frhzeitig durch ihre Berhrung mit turanischen Elementen ein, bevor sie das ganze Medien genannte Land erobert hatten. Indessen charakterisieren Herodot und die andern alten Schriftsteller den eigentlichen Geist des ursprnglichen Mazdeismus sehr richtig, indem sie die Perser als ein Volk hinstellen, welches Gtzendienst und fremde Religionen verabscheute und deshalb auf seinen Kriegszgen den Kultus anderer Vlker zu zerstren suchte, Tempel verbrannte, die Gtterbilder vernichtete, wertvolle gottesdienstliche Gerte als Beute mitschleppte, die Priester beschimpfte und ttete, die Feier religiser Feste verhinderte, heilige Tiere ttete und sogar die Grber entweihte. -- Kambyses in Aegypten ist das Prototyp des persischen Fanatismus. Wenn aber Herodot auf die positive Seite des Mazdeismus einzugehen versucht, so sehen wir mit Erstaunen, da er nicht einmal den Namen des Ahuramazd kennt. Er spricht von einem Kultus der Sonne, des Mondes, des Feuers, der Erde, des Wassers und der Winde, also von einer Religion, welche mit dem Geiste des Zendavesta nicht das Mindeste gemein hat und weit mehr der der Veden oder gar der alten akkadischen Zauberbcher gleicht. Hiermit stimmt berein, da Herodot ausdrcklich die Magier, die Vertreter der alten protomedischen Religion als die Priester dieses Kultus nennt.[76] Der Gestirndienst war im medischen Magismus sehr ausgebildet, obschon er in den Zendschriften nur wenig und zwar in neueren unter fremden Einflssen stehenden Teilen hervortritt. Gegen das Ende der persischen Herrschaft jedoch hatte er -- wie auch in den am sptesten Zendbchern -- groe Bedeutung gewonnen. Da dieser von den Magiern herrhrende Kultus bei den Medern eine Hauptrolle spielte, bezeugt brigens auch Herodot in seiner Schilderung der sieben Mauern Ekbatanas, welche mit den Farben der sieben Planeten bemalt waren. Wir begegnen dieser Sitte noch zu Gazaka, dem zweiten Ekbatana, der Stadt mit den sieben Ringmauern und zur Zeit der Sassaniden an dem Palaste Bahram-Gurs. Dieser Brauch entstammt direkt chaldo-babylonischer Anschauung, denn der siebenstckige Thurm zu Borsippa wurde nach seiner Wiederherstellung durch Nabukudurussur ebenfalls mit den sieben Planetenfarben bemalt, und das Gleiche war bei dem Zipurrat, dem heiligen Turm des Palastes zu Khorsabad der Fall. Der babylonische Gestirn- und Planetendienst gelangte gleich dem Anatkultus vermutlich durch die Assyrier zu den medischen Turanern und zwar whrend deren langer Berhrung mit der Kultur der Euphratlnder; dann ging er auf die Magier ber, welche ihn hinwiederum auf die Perser und andern iranischen Vlker bertrugen. Erwhnt sei, da die Lehre von Zrvna-akarana, der unbegrenzten Zeit, der gemeinsamen Quelle des Ahuramazd und Angrmainyus, eine von der Sekte der Zervanier herrhrende Entstellung der ursprnglichen mazdeischen Lehre ist. Eudemius, der Lieblingsschler des Aristoteles, welcher diese Person wie das aus ihr entspringende dualistische Paar sehr eingehend behandelt, bezeichnet sie ebenfalls als eine Schpfung der Magier.[77] Auch ist es von Interesse, hier eine Angabe des Berosus zu erwhnen, wonach derselbe Name Zrvna auch der mythischen Personifikation der alten turanischen Rasse, welche in der chaldisch-babylonischen Legende vom Ursprung der Rassen in Armenien auftritt, beigelegt wurde. In den Bruchstcken der akkadischen Zaubertexte begegnet man aber ebenfalls Anschauungen, welche denen der Auffassung der Zrvna-akarana entsprechen. In derselben emanieren aus Mul-ge sowohl gehssige Gtter wie Namtar, als gndige, die Dmonen bekmpfende Gtter, wie z.B. Nin-dara; auch aus Ana entspringen sowohl Dmonen, als auch der Feuergott, welcher den Charakter eines +Deus averruncus+, eines die Dmonen vertreibenden Gottes trgt. Betrachten wir die Trias: das Urwesen Ana und den dem dstern Mul-ge entgegengesetzten holden Ea, die drei Gtter, welche die Akkader ber die drei Weltzonen setzten, so werden wir bei Zrvna-akarana, Ahuramazd, und Angrmainyus nur unwesentliche Modifikationen finden. Aus dem medischen Magismus ist indessen noch mehr hervorzuheben als das gemeinschaftliche Urprinzip, aus welchem Ahuramazd und Angrmainyus hervorgingen. Whrend nmlich im echten Mazdeismus der Perser Ahuramazd allein verehrt und Angrmainyus mit Verwnschungen berschttet wurde, wurden im Magismus das gute wie das bse Prinzip in gleicher Weise verehrt. Plutarch erzhlt[78], da die Magier dem Angrmainyus (%Aids, Areimans%) Opfer darbrachten, und beschreibt die drei blichen Gebruche, welche hauptschlich in der Darbringung des Sumpfgrases (%ommi%) bestanden, das mit dem Blute eines Menschen benetzt und an einem finstern Ort aufbewahrt wurde. Herodot[79] lt Amnestris, die Gemahlin des Xerxes, welche dem Einflu der Magier gnzlich ergeben war, dem Gotte der Finsterni und der untern Regionen sieben Kinder opfern; auch berichtet er von einem hnlichen Opfer, welches die Perser auf ihrem Zug nach Griechenland beim bergang ber den Strymon zu Ehren desselben Gottes verrichtet haben sollten. Der Brauch der Menschenopfer ist aber ebenso wie die Anbetung des Angrmainyus den Grundprinzipien des Zoroastrismus durchaus zuwider, auch wiederholt er sich sonst in der Geschichte der Perser nicht, weshalb er wohl als ein Rckfall in den Magismus zu betrachten ist. Der medische Magismus steht insofern auf einer tieferen Stufe wie die akkadische Magie, als in ihm das bse wie das gute Prinzip gleichmig verehrt wurden. Aber, wie es scheint, rhrt dies daher, da die Meder einen ihrer Hauptgtter vor der iranischen Einwanderung und Eroberung in Schlangengestalt verehrten, ein Brauch, welcher sich mehrfach bei den turanischen Vlkern findet. So war bei den Akkadern die Schlange eine Erscheinungsform des Ea und ein hufig gebrauchtes religises Symbol. So legt z.B. ein akkadischer Zauberhymnus einem Gott -- vielleicht Ea -- folgende Worte in den Mund: Wie die gewaltige siebenkpfige Schlange ihre Kpfe heftig schttelt, so schwinge ich die siebenkpfige Waffe. Wie die Schlange, die die Wogen des Meeres peitscht, ihren Feind von vorn angreift, So fhre auch ich die Verheererin in tobendem Schlachtgetmmel, die Beherrscherin von Himmel und Erde, die siebenkpfige Waffe. Bei der Vermischung der protomedischen Religion mit den iranischen berlieferungen mute sich der alte Schlangengott mit dem iranischen bsen Prinzip zu einem Wesen verschmelzen, um so mehr, als in der iranischen berlieferung Angrmainyus Schlangengestalt angenommen hatte, um in den Himmel Ahuramazds zu gelangen. Da nun die turanischen Ureinwohner Mediens wohl sicher grere Neigung ihren alten Schlangengott als den iranischen Ahuramazd zu verehren besaen, mute der Kultus des Angrmainyus so recht zu der mit magischen Gebruchen verbundenen Volksreligion werden, und hier haben wir auch die Wurzel aller spteren Schlangen- und Teufelskulte zu suchen, deren ursprngliche Bedeutung verloren gegangen war. -- Direkte Nachkommen der alten Angrmainyusverehrer sind die noch heute im nrdlichen Mesopotamien lebenden Yezidis oder Teufelsanbeter, deren Religion noch ganz die alte dualistische ist, die aber nur das bse Prinzip verehren, weil das gute keine Anbetung verlange. Hervorgehoben mu noch werden, da seit Artaxerxes Memnon der persische Mithra eben dieselbe Vermittlerrolle zwischen der Gottheit und der Menschheit ausbt wie der akkadische Silik-mulu-khi. So wird auch Mithra der Freund genannt, was als iranische bersetzung des akkadischen Beinamens des Silik-mulu-khi, der den Menschen Gutes zuwendet, gelten kann. Jedenfalls hat Mithra im Magismus die Stellung irgend eines vermittelnden, dem akkadischen Silik-mulu-khi entsprechenden Gottes in der protomedischen Religion mit hnliches bedeutendem Namen innegehabt. Was nun den eigentlichen Ritus der Magier anlangt, so sind nach Ansicht aller mazdeischen Schriften die Beschwrungs- und Zaubergebruche des medischen Magismus nur ein Werk und eine Erfindung der Ytus, der Feinde des Zoroaster, weshalb dieselben ausdrcklich untersagt und mit strengen Strafen belegt werden. Die Weissagung bten die Magier, wie schon oben gesagt, hauptschlich durch das Loswerfen mit Tamariskenstben aus. Das in spterer Zeit das Hauptabzeichen der Diener des mazdeischen Kultus bildende Barema ist nichts als ein Bndel solcher Wahrsagestbe, deren Anwendung in Persien unter dem Einflu der Magierkaste Eingang gefunden hatte. Die Magier gaben ferner vor, da sie durch bestimmte Worte und Handlungen himmlisches Feuer auf ihre Altre herabziehen knnten, und legten sich berhaupt nach Herodot[80] und Diogenes Lartius[81] alle mglichen bersinnlichen Krfte bei. Das Herabziehen des Blitzes, welches wir auch bei den Etruskern und Rmern antreffen, knnte vielleicht auf primitiven elektrischen Kenntnissen beruhen, welche bei der Ausbung der Fulguration erworben worden waren. Endlich verbreitete sich zur Zeit der Perserkriege in Griechenland ein Buch, welches von einem Magier Osthanes verfat worden war und nach Plinius[82] den Griechen einen wahren Heihunger nach Magie beibrachte, die von jetzt ab an die Stelle der alten rohen Gotie trat. So viel von dem Buche bekannt ist, lehrte es allerlei Zauber- und Wahrsageknste sowie die Beschwrung der Toten und Dmonen.[83] Zweite Abteilung. Der Zoroastrismus. Erstes Kapitel. Das Leben Zoroasters.[84] Der groe parsische Gesetzgeber heit in der Zendsprache Zarethoschtro, im Pehlvi Zerathescht oder Zertoscht, und endlich im Parsi Zerduscht. Die Griechen machten aus diesen Namen Zeroasters, Zabratos, Zaratas, Zarasdes und endlich den gebruchlichsten Namen Zoroaster. Die Bedeutung desselben ist Goldstern oder Sohn des Stern, hnlich wie Bar Cochba oder Nazaratos. Nach den Zendschriften lebte Zoroaster im 6ten Jahrhundert v.Chr. und wurde zu Urmi in Aderbedschan als Sohn des Poraschasp und der Dogdo geboren. Dies begab sich -- heit es im Zerduscht-nameh -- am Ende eines Zeitpunkts, wo Angrmainyus Macht hatte. Bosheit war gewaltig auf Erden, die Vlker ohne Richter, und Angrmainyus war ihr Herrscher und Plager. Da zeigte Gott das Antlitz seiner Liebe, lie aus Feriduns Wurzel einen Baum hervorgehen[85], Zoroaster, den Propheten der mute die Gefangenen erlsen. Dogdo, Zoroasters Mutter, hatte im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft einen Traum voll Furcht und Schauder. Eine schwarze Wolke war vor ihrem Auge, die wie ein Adlerflgel das Licht bedeckte und schreckliches Dunkel erzeugte. Lwen und Tiger und Wlfe und Rhinocerosse mit Schlangen regneten aus dieser Wolke in Dogdos Haus. Das gewaltigste und grausamste dieser Ungeheuer strzte sich auf sie, wthete und brllte, ri ihr den Leib auf und zog Zoroaster hervor, packte ihn zwischen die Klauen und wollte ihn umbringen. Alle Menschen erhoben ein furchtbares Geschrei, und Dogdo rief mit Zittern und Zagen: Wer will mich erretten von dem Ungeheuer, das mich erdrckt? -- Sei guten Muths, sprach Zoroaster, die Ungeheuer werden nichts ausrichten, denn der Herr wacht zu meinem Schutz; lerne ihn nur kennen, Mutter! Ich, der Einzige, will die Menge der Ungeheuer bezwingen! Diese Worte waren Trost fr Dogdos Herz. Und am Orte der Bestien erhob sich ein hoher Berg; Sonnenglanz zerstubte die Nachtwolke, Sdwind blies, und die Ungeheuer zerstiebten wie Bltter. Am hohen Tage zeigte sich ein Jngling, schn wie der Glanz des vollen Mondes, leuchtend wie Djemschid, mit einem Lichthorn[86] in der einen Hand ri er die Wurzel der Dews aus, die andere hielt ein Buch. Er schwang sein Buch nach den Bestien, da schwanden sie aus Dogdos Haus, als wren sie zu nichts geworden. Nur die drei mchtigsten: Lwe, Wolf und Tiger blieben. Es schlug sie aber der Jngling mit dem Lichthorn, da sie vergingen. Da schlo er Zoroaster wieder in seiner Mutter Leib, blies sie an, und sie ward schwanger. Ohne Furcht! sprach er zu Dogdo, der Knig des Himmels schtzt das Kind; die Welt ist voll seiner Erwartung; er ist der Prophet Gottes an sein Volk. Sein Gesetz wird der Erde Freude bringen. Durch ihn soll Lwe und Lamm zusammen trinken. Frchte diese Bestien nicht! Wessen Helfer Gott ist, wie sollte er die ganze Welt frchten? Der Jngling verschwand und Dogdo erwachte. Dies war gegen Mitternacht. Die zagende Dogdo suchte einen ehrwrdigen Greis auf, der erfahren war in der Traumdeutung und Kenntni der Welt wie des Laufes der Gestirne. Sie erzhlte ihr Gesicht, um das Unglck zu erfahren, welches sie befrchten msse. Mein Leben lang, sprach der Alte, habe ich dergleichen nicht gehrt. Bringe mir den Planetenstand bei deiner Geburt und komme in vier Tagen wieder. Die drei Nchte, welche kamen, waren schlaflos fr Dogdo. Als der vierte Tag anbrach, sah sie den Traumdeuter wieder, und Freudenlicht glnzte aus seinen Augen. Sein Astrolabium war zur Sonne gerichtet; er betrachtete nochmals, was sich begeben sollte, nahm darauf eine Tafel und schrieb darauf bei einer Stunde lang, indem er die Sterne beobachtete, und sprach dann zur Mutter Zoroasters: Ich sehe, was noch kein Menschenkind gesehen hat. Du bist schwanger fnf Monate und dreiundzwanzig Tage, und wenn deine Zeit gekommen ist, sollst du einen Sohn gebren[87], den man nennen wird gebenedeieter Zoroaster. Er soll ein Gesetz verkndigen, das der Erde Freude bringen wird. Die Verehrer des unreinen Gesetzes werden seine Widersacher sein und gegen ihn streiten. Du wirst davon leiden, wie du gelitten hast von jenen Bestien, endlich aber siegen. Der lichtglnzende Jngling, der dir im Gesicht erschienen, ist aus dem sechsten Himmel; das Lichthorn in seiner einen Hand ist ein Sinnbild der Gre Gottes, der Zoroasters Beistand sein wird zur Vertreibung des Bsen. Das Buch in seiner andern Hand ist ein Siegel seiner Weissagung[88], vor welchem die Dews fliehen. Die drei Bestien, welche bleiben, sind drei gewaltige Feinde, die aber nichts gegen ihn auszurichten vermgen. Um diese Zeit wird ein Knig sein, der das vortreffliche Gesetz einfhren wird. Welcher Mensch Zoroasters Worten glaubt, dem wird Gott das Paradies schenken; die Seele seiner Feinde wird zum Duzakh[89] mssen. Woher, sprach Dogdo, weit du meine fnfmonatliche Schwangerschaft? Wisse, war seine Antwort, da ich Wahrheit sage: Die Berechnungen meiner Kunst beruhen in der Kenntni des Himmels. So schreiben die alten Bcher. Dogdo, deren Herz vor Freude trunken war wie von Wein, hpfte wie die Wolken, segnete den Traumdeuter, kehrte heim und sagte Alles, was sie begeben hatte, Poroschasp, ihrem Manne. Am Ausgang der neun Monate gebar sie einen Sohn. Kaum geboren, lchelte der Knabe, worber sich alle Welt verwunderte und groe Dinge weissagte. Unter den Frauen in Dogdos Gemach waren Magierinnen, welche dieses Wunder, das sie im Leben noch nicht gesehen hatten[90], stumm machte. Das Gercht des Wunders erscholl allenthalben und machte den groen Haufen der Magier bekmmert. Sie besorgten daraus Bses fr sich und wollten Zoroaster umbringen. Dies entdeckte Ahuramazd Zoroaster[91] mit den Worten: Im Anfang verschworen sich die Dews wider den groen Zoroaster und trachteten ihm nach dem Leben. Aber Zoroaster soll reine Freude haben und die Dews berwinden. Von Norden aus kommt Angrmainyus[92], aus allen Gegenden und Orten kommt der todschwangere Frst der Dews; er luft ruhelos, dieser todschwangere Angrmainyus, dieser Eingeber des argen Gesetzes. Dieser Darudj[93] durchstreicht die Lnder und verheert sie, o reiner Zoroaster! berall dringt er hin; er, der Dew, der Vater alles Bsen, der Verheerer, Plager und Lehrer des bsen Gesetzes. Darauf offenbarte Ahuramazd dem Zoroaster, was beim Anfang der Welt zwischen ihm und Angrmainyus vorgefallen; wie der Arge im Anblick des knftigen Untergangs seines Reiches durch Zoroaster Alles, die Krfte seiner Engel, gegen ihn aufgebracht von der Stunde seiner Geburt an. Er mit seinem langen Arm und ausgedehnten Krper, heiliger Zoroaster, durchstreifte die weite Erde, ohne nach Ahuramazd dem Groen, dem gerechten Richter der Welt, zu fragen; er durchlief sie lang und breit, und da er wie ber eine weitgehende Brcke war, drang er in die feste Stadt des Poroschasp. Doch war Zoroaster weit strker als Angrmainyus, der Vater des bsen Gesetzes. Damals lebte in dieser Gegend Frst Duranserun, Haupt der Magier und Erster der Schler des bsen Gesetzes.[94] Er wute, da Zoroaster, sobald er aufstnde, durch sein reines Gesetz alle Magie tten wrde. Kaum wurde ihm des Kindes Geburt verkndigt[95], als er auf den Thron sprang wie ein Stier, zu Pferde stieg und sich mit Eifer in das Haus des Poroschasp begab. Er fand Zoroaster an der Mutter Brust, seine Wangen waren wie des Frhlings Blte, und Gre Gottes ging von ihm aus. Belehrt von dem, was sich begeben hatte bei seiner Geburt, machte Duranserun der Zorn bla, und er befahl seinen Leuten, da sie das Kind greifen und mit dem Sbel zerhauen sollten. Aber der Vater der Seelen lie seine Hand verdorren auf dem Fleck. Im Feuerzorn verlie er Zoroasters Wiege, und die Magier, wie Schlangen gekrmmt, machten sich von dannen. Einige Zeit darauf nahmen sie Zoroaster und trugen ihn in die Wste. Daselbst bauten sie einen Holzsto von Pech und andern Feuermaterien, entzndeten ihn und warfen Zoroaster darauf und gingen mit Freude und Jauchzen, Duranserun anzusagen, was sie gemacht htten. Dogdo hrte dies und lief wie auer sich zur Wste, fand aber Zoroaster sanft und ruhig schlafen. Feuer war ihm ses Wasser. Sein Antlitz glnzte wie Zohore[96] und Moschteri.[97] Sie nahm ihr Kind, gab ihm hundert Ksse und trug es heim. Augenblicklich verbreiteten sich diese Wunder. Feuer hatte nicht Macht gehabt ber Zoroaster, das wute Jedermann. Darauf trugen ihn die Magier auf Befehl ihres Obersten in einen Hohlweg, den Ochsen begingen; die sollten ihn zertreten und zerreien. Aber der grte und strkste der Heerde ging auf Zoroaster zu wie eine zrtliche Mutter, umfate ihn und schlug mit dem Horn alle Stiere, die auf ihn zu wollten, und wie sie alle vorbei waren, ging der Ochse seinen Weg und lie das Kind. Dies ward wieder ruchbar. Als Dogdo hrte, wohin man ihr Kind getragen, holte sie es heim und behielt alle diese Dinge Tag und Nacht in ihr ihrem Herzen. Ein gewisser Zauberer Turberatorsch, berhmt durch seine Zauberknste, sah seine Gesellen ganz muthlos und sprach: Wozu das Klagen? Ich wei, wir knnen nichts gegen Zoroaster. Gott schtzt ihn. Bahman[98] wird ihn zum Throne Ahuramazds bringen; der wird ihm alle Geheimnisse aufschlieen und ihn zum Propheten der ganzen Welt machen. Er wird ihr ein Gesetz geben, und ein gerechter Knig wird alle Magier verderben. Poroschasp hrte den Magier vom Schicksal seines Sohnes reden und fragte: Was denkst du von seinem Lachen bei der Geburt? Turberatorsch sprach: Dein Herz freue sich: So lange die Welt steht, hat sie dergleichen nicht gesehen. Das Kind wird ein Wunder der Heiligkeit werden und den Vlkern den Weg zur Reinigkeit zeigen und nach dem Wort des reinen und siegreichen Gottes Zendavesta auf die Erde bringen. Der Knig Gustasp[99] wird sein Gesetz annehmen. -- Das waren Worte der Freude fr Zoroasters Vater. Poroschasps Nachbar, alt in Weisheit und Heiligkeit, kam als der Hahn krhte, und bat Poroschasp, ihm Zoroaster anzuvertrauen. Er wolle seiner pflegen und fr ihn sorgen als fr die zarteste und schnste Blume. Poroschasp willigte darein, und Zoroaster blieb bei dem alten Weisen, geschtzt durch die Glorie Ahuramazds, ohne den Feuerwind des Angrmainyus und der Magier zu empfinden. Nach diesem kamen Turberatorsch und Duranserun zu Poroschasp, um durch ihre Bezauberungen seinen Knaben tdlich zu erschrecken. Sie trieben Kunst auf Kunst, erregten Schrecken auf Schrecken, da alles Volk zitterte. Zoroaster, dessen ganzes Thun und Lassen in Gott war, blieb allein beherzt, ohne einen Fu zu bewegen. Gott lie ihn alle Zaubereien berwinden und erfllte die Magier mit Verzweiflung, da sie von dannen wichen. Zoroaster wurde krank, und seine Freunde sehr betrbt. Turberatorsch, der Zauberer Oberster, bereitete einen Arzneitrank aus reinen und unreinen Pflanzen aller Art. Nimm diesen Trank, sprach er zu Zoroaster, wenn du genesen willst! Zoroaster, der gleich wute, da dies Zauberarznei wre, die allem Volke Ahuramazds verboten ist, nahm sie aus der Hand des Argen und go sie auf die Erde mit den Worten: Kothseele, ich bedarf deines Mittels nicht; verbe alle deine Magie gegen mich: komme zu mir im falschen Kleide, meine Seele kennet dich doch. Der Allerhchste lt mich sehen, wie du bist; er, welcher der Seele Leben giebt und nimmt. Magier deckten damals das Erdreich, und die meisten Erdenkinder vergaen des Weltenschpfers und fragten blos die Dews.[100] Poroschasp, der Diener Ahuramazds lie sich vom Strom mit fort reien und vereinigte in sich Anbetung Ahuramazds und Ehrfurcht vor den Dewspriestern. Eines Tages versammelte er bei sich eine Schaar kundiger Magier, unter ihnen Turberatorsch und Duranserun, und gab ihnen ein Mahl. Als sie gegessen und getrunken hatten, sprach er zu Turberatorsch: O, du, der du alle Tiefen der Magie weit, gieb mir ein geheimes Mittel, das heute Freude in meiner Seele erzeugt. Zoroaster hrte seines Vaters Begehr und sagte: Sprich nicht, Vater, solche leere Worte; du brauchst nicht solche Mittel. Geht dein Fu nicht reinen Weg, so mut du einst zur Hlle. Folge dem, was Gott dir zeigt, der alle Dinge gemacht hat. Du trauest falsch den Zauberknsten und vergissest das Werk des Gottes aller Welt. Ihr Ende wird sein Abgrund und Verderben, ihrer Thaten Frucht. Turberatorsch antwortete: Warum kannst du nicht schweigen, kleiner Schwtzer? Du und dein Vater, was seid ihr vor mir? Du willst mit Gewalt mein Geheimni aufdecken? Kein Mensch hat noch also von mir geredet. Warte! Ich will dich berall beschimpfen, deine Werke verrufen; nie soll dein Herz sich freuen! Heillose Kothseele, sprach Zoroaster, alle deine Lgen werden nichts vermgen. Was ich sage ist wahr. Dieser Arm soll dich zerstuben! Durch Hlfe des groen Gottes der Allmacht will ich all dein Beginnen zu nichts machen, dich an Leib und Seele plagen! Diese Worte erfllten die Zauberer mit Schauder, und Turberatorsch -- man sollte gedacht haben, seine Seele wre auer dem Leibe -- wich von dannen und wurde heftig krank. So erreichte Zoroaster sein fnfzehntes Jahr.[101] Er war Tag und Nacht im Gebet, sein Haupt zur Erde gebeugt, und hatte Leiden an Seele und Leib. Den Bedrngten spendete er Trost und Hlfe im Geheimen. Konnte Jemand nicht in seinem Vorhaben fort, so brachte er es in Ordnung, kleidete die Armen und gab Almosen, wo es nthig war. All sein Gold und Silber gab er dahin, und sein Name war gro bei Jung und Alt. Ein Jngling wie Zoroaster, dessen Herz nicht durch irdische Gter umfat, noch durch die Vergngungen seines Alters erwrmt wurde, fand keine Lust am Umgang der der Magie ergebenen Bewohner von Urmi. Er fand seine Freude und Trost in der Weisheit bis zum fnfundzwanzigsten Jahr. Er hrte die Weisen aus Chalda, und die hohen Gedanken, welche er aus ihren Schriften schpfte, waren der Keim fr alle die Wahrheiten, durch welche er spter Persien erleuchtete. Im dreiigsten Jahr trieb ihn sein Herz nach Iran.[102] -- Er kam daselbst an am letzten Tag des Jahres. Man feierte daselbst just Farvardians, d.h. das Fest der Seelen des Gesetzes[103], und die Frsten des Reiches waren beisammen. Zoroaster wollte auch dahin, aber die Nacht berkam ihn auf dem Wege. Er legte sich hier schlafen und sah im Traum ein Heer Schlangen von Mitternacht ausziehen, welche den ganzen Weg bedeckten und keinen Ausgang lieen. Wie Zoroaster sie eine Weile anschaute, sah er ein anderes Heer von Mittag kommen. Beide stieen wthend auf einander; dieses aber berwand. Dieser Traum deutete auf die Magier und Dews, welche wie brllende Lwen gegen Zoroaster kriegen wrden, wenn er, in den Geheimnissen Gottes unterrichtet, der Welt sein Gesetz bekannt gemacht htte; da aber Mediomah[104] an dieses Gesetz glauben, dem neuen Gesandten Gottes beistehen, und die Dews und Magier durch das Lesen des Zendavesta in die Flucht getrieben wrden. Sobald Zoroaster der geheime Sinn seines Traumes aufgegangen war, ging er zu dem Ort des Festes und berlie sein Herz der Freude. Dann besuchte er in der Mitte des Monats Ardibehescht[105] ein groes Meer und sah sich in der Mitte eines paradieshnlichen Landes. Bei Sonnenaufgang des Tages Dapmeher[106] dachte Zoroaster hin und her ber die Widersprche, die er nun bald wrde leiden mssen, und verlie Iran mit nassen Augen. Nachdem er ber den Araxes war, kam er nach wenigen Tagen an das Ufer des Meeres Daeti.[107] Er stieg in das Wasser ohne Furcht; anfangs ging es ihm bis an die Schenkel, darauf bis an die Kniee, den Leib und den Hals. Diese vier Wasserhhen deuteten auf das Wachsen seines herrlichen Gesetzes[108] zu vier verschiedenen Zeiten: unter Zoroaster, unter den Propheten Oschederbami und Oschedermah in den letzten Tagen und unter dem Sosiosch, der bei der Auferstehung die ganze Welt reinigen und zum Paradies machen wird.[109] Zoroaster wusch sich Haupt und Leib im Daeti und dankte Ahuramazd, wie er hindurch war. Er zog sich hierauf in die Gebirge zurck, um den Allerhchsten zu befragen, und in allergrter Ruhe bei sich zu betrachten, was er seinem Vaterland verknden wolle. Hier erschien ihm nun Bahman im Lichtglanz wie die Sonne. Seine Hnde waren in einen Schleier gehllt, und er sprach zu Zoroaster: Wer bist du, und was suchst du? -- Ich suche, was Ahuramazd gefllt, dem Schpfer beider Welten, wei aber nicht, was er von mir will. Du, der du rein bist, zeige mir den Weg des Gesetzes. -- Bahman hatte Wohlgefallen an diesen Worten und sprach: Mache dich auf, um vor Gott zu erscheinen; da sollst du Antwort hren auf dein Begehr. Zoroaster machte sich auf und folgte Bahman, der zu ihm sprach: Schliee deine Augen und gehe frisch. -- Es war, als ob ein Adler ihn aufnhme und vor Gott brchte. -- Zoroaster that seine Augen auf und sah des Himmels Glanz, Heerscharen der Engel kamen auf ihn zu; jeder fragte ihn um etwas und zeigte es mit dem Finger. Vor dem Throne Gottes betete er erst an und fragte dann um dies und das, wie Djemschid einst that. Zoroaster sprach zum Allerhchsten: Wer ist der beste deiner Diener in der Welt? -- Gott, der immer gewesen ist und immer sein wird, antwortete: Der ist's, der reines Herzens ist; wohlthtig gegen den Gerechten und gegen alle Menschen; der seine Augen vom Reichthum wendet; der von Herzen Gutes thut allem Geschpf in der Welt, dem Feuer, Wasser und Thiergeschpfen: der soll ewig sein in Fried und Freuden. Ich hasse den, sprach Ahuramazd, der den Guten betrbt, der meine Diener bekmmert und auer meinen Geboten wandelt, der -- sage es allem Volk -- mu ewig in der Hlle sein. Hierauf fragte Zoroaster Ahuramazd ber die Amschaspands[110], die ihm lieb sind, ber den unreinen Angrmainyus, der nur Arges denkt, ber Gute und Bse und ber den Ausgang derer, die den Dews anhngen. Ahuramazd sprach: Ich bin es, der lehrt, was gut ist[111]; Angrmainyus ist der Vater des Bsen; mein Wille ist nicht der Menschen Plage. Wisse: Bses kommt nur von Angrmainyus, alles bse Thun und alles bse Denken. Die Strafe der Snde ist in der Hlle. Die Thoren lgen, wenn sie sagen, ich thte Bses. Alsdann bat Zoroaster Angrmainyus um Unsterblichkeit, damit er in allen Zeiten die Menschen im Glauben und der Befolgung des Gesetzes strken knne. Ahuramazd sprach[112]: Befreie ich dich vom Tode, so wird auch der Krper des Dew Turberatorsch davon befreit sein, und es wrde alsdann keine Auferstehung geben. Du wrdest alsdann den Tod von mir suchen. Ahuramazd gab ihm eine Speise, hnlich dem Honig. Zoroaster a und sah im Traum die Herzen und Gedanken der Menschen aufgedeckt. Ahuramazd lie ihn alle Begebenheiten vom Ersten der Menschen bis zur Auferstehung sehen und was im letzten Weltjahrtausend geschehen wrde. Beim Anblick der Plagen und belthaten, welche die Welt verwsten wrden, wnschte er sich nicht mehr Todlosigkeit.[113] Ahuramazd lehrte ihn noch den Umlauf des Himmels[114], die guten und bsen Einflsse der Gestirne, die Tiefen der Naturgeheimnisse, die Hoheit der Amschaspands und die Freuden der himmlischen Wesen. Zoroaster sah auch die Gestalt des Angrmainyus in der Hlle und erlste aus diesem Reich der Finsternis einen Menschen, der Gutes und Bses gethan hatte.[115] Als Angrmainyus ihn erblickte, schrie er mit groer Stimme: Verlasse das reine Gesetz; wirf es wie Staub hinweg; du sollst doch in der Welt haben, was dein Herz begehrt.[116] Kmmere dich nicht um deinen Ausgang, oder bekmpfe wenigstens mein Volk nicht, o reiner Zoroaster, Sohn des Poroschasp, der du geboren bist von der, die dich getragen. Zoroaster sprach: Falscher Ruhm und Glanz ist dir und allen deinen Nachfolgern in der Hlle. Mit Gottes Barmherzigkeit will ich dein Werk in Schimpf und Schande bringen! Zoroaster -- voll gttlicher Majestt -- sah nun einen Feuerberg; er mute hinein und ging schadlos hindurch. Es wurden geschmolzene Metalle ber ihn ausgegossen, und er verlor kein Haar. Darauf ffnete man ihm auf Befehl Ahuramazds den Leib und nahm Alles heraus. Wen Gott schtzt, dem ist Feuer in der Hand wie Wachs, und wenn er auch durch Feuer oder Wasser mu, so frchtet er doch nichts.[117] Ahuramazd sprach: Sage nun allem Volk, was du gesehen hast, du, sein Hirte! Wer nun Angrmainyus unreinen Weg wandelt, aus dessen Leib sollen Blutflsse flieen, und er soll den Feuerflammen bergeben werden, wie dir gezeigt ist. Vom Flu des geschmolzenen Metalls siehe diese Deutung: Ein Menschengeschlecht wird das Gesetz verlassen und Angrmainyus anhngen; aber die Mobeds werden sich rsten wider die Dews zu streiten. Zweifelsucht wird ber die Menschen Gewalt ben, aber dieser Feuerstrom soll sie aufzehren. Aderbad Mahrespand[118] wird erscheinen und die Menschen lehren Alles, was sie wissen mssen. Geschmolzene Metalle werden ber ihn gegossen werden, ihm aber nicht schaden. Dieses Wunder wird alle Zweifel wie Staub verschwinden machen und den rechten Weg zeigen.[119] Darauf befragte Zoroaster Ahuramazd, der alle Geheimnisse wei, um die Pflichten seiner Diener -- Desturs und wachsamen Mobeds -- um die Art zu beten und sein Gesicht zu kehren. Der Allernhrer jedes Tags und Allgenugsame sprach: Sage den Menschen, da mein Licht verborgen ist unter allem, was glnzt.[120] Richte dein Antlitz gegen das Licht und thue meine Gebote, so wird Angrmainyus fliehen; in der Welt geht nichts ber das Licht. Dann lehrte Ahuramazd Zoroaster den Zendavesta und sprach: Lies ihn vor dem Knig Gustasp, damit er ihn in seinen Schutz nehme; zeige ihm, wer ich bin, damit er Mitleiden und Gte beweise; lehre ihn Alles und unterrichte auch die Mobeds an meiner Statt, da sie den Weg Angrmainyus meiden. ber diese Gebote freute sich Zoroaster und dankte Ahuramazd. Nun kamen die Amschaspands zu Zoroaster, um ihre Auftrge auszurichten. _Bahman_, der die Tiere schtzt[121], sprach: Ich berlasse dir die Thiere und Herden; la die Mobeds dafr sorgen. Kein junges und ntzliches Thier msse getdtet werden; das sage Alt und Jung: ich habe sie von Ahuramazd empfangen und darf sie keinem Bsen anvertrauen. Der glnzende _Ardibehescht_[122] sprach: Sage in meinem Namen Gustasp, Diener des reinen Gottes, ich habe dir alle Feuer empfohlen. La Desturs, Mobeds und Herbeds[123] dafr sorgen, da sie nicht getilgt werden, weder durch Wasser, noch Koth, da jede Stadt ein Atesch-gah[124] habe und diesem Element zum Lobe die vorgeschriebenen Feste feiere, denn der Glanz des Feuers kommt vom Glanze Gottes. Was ist Schneres in der Welt? Er will nur Holz und Gerche; Jung und Alt bringt ihm die, und er wird die Gebete erhren. Ich berlasse es dir, wie es mir von Ahuramazd berlassen ist. Wer mein Wort nicht hrt, der geht zur Hlle. _Shariver_[125] befahl, die Waffen -- Sbel, Lanze&c. -- nicht verrosten zu lassen. _Espendarmad_[126]: die Menschen sollten nach dem Willen dessen, der alles segnet, die Erde vor Blut bewahren, vor Unreinigkeiten und Todten; alles Unreine und Todte an besondere Orte schaffen, die Erde fleiig bauenusw. _Chordad_[127] empfahl ihm alles Wasser unter und ber der Erde, in Quellen, Flssen, Brunnen usw. Wasser giebt allem Lebendigen Strke, macht grn usw.; deshalb darf man nichts Unreines und Todtes hineinwerfen. _Amerdad_[128] sprach von Frchten und Bumen und befahl sie nicht muthwillig zu beschdigen. Noch wurde Zoroaster befohlen: La die Desturs in alle Welt gehen und die Menschen zum Glauben an Ahuramazds Gesetz bekehren.[129] In jedem Ort bestelle einen zum Lehrer des Gesetzes und der Gerechtigkeit, der den Zendavesta liest und zu Gott, dem Schpfer der Welt, betet. Alle Menschen sollen sich nach der Seite des Rechts wenden, mit dem Kosti[130] umgrtet sein, dem Kennzeichen der Schler des heiligen Gesetzes, und rein erhalten die vier Elemente des Menschenkrpers, Luft, Wasser, Feuer, Erde; dann wird alles blhen und den Segen des Allerhchsten genieen. Dies waren die Lehren, welche Ahuramazd und die Amschaspands ihrem Diener Zoroaster erteilten. Da nun Zoroaster auerdem noch auf den Bergen Offenbarungen von Ahuramazd erhielt, so heiligte er in den Gebirgen Persiens dem Mithra[131] eine Hhle. Diese Hhle sollte ein Bild der Weltschpfung durch Mithra sein, und die Dinge, welche in ihr in abgemessenen Entfernungen von einander lagen, sollten die Harmonie des Weltalls darstellen, die Bewegung der Planeten und Fixsterne und den Aufenthalt der Seelen auf denselben. Nach Origenes[132] hatten die Perser in den spter allenthalben entstandenen Mithrasgrotten eine symbolische Leiter von acht Sprossen. Die erste aus Blei bestehende Sprosse stellte den Saturn, die zweite aus Zinn bestehende den Jupiter, die dritte aus Eisen bestehende den Mars, die vierte aus Kupfer bestehende die Venus, die fnfte aus gemischtem Metall bestehende den Mercur, die sechste, silberne, den Mond, die siebente, goldene, die Sonne und die achte den Fixsternhimmel dar. Auch im neueren Parsismus nimmt man sieben den Planeten entsprechende Himmel mit verschiedenen Graden der Seligkeit an. ber sie alle geht Gorotman, die Wohnung Ahuramazds und der himmlischen Geister. Gorotman ist die achte Stufe der Leiter des Origenes. Nachdem Zoroaster die Offenbarungen Ahuramazds und der Amschaspands erhalten hatte, kehrte er in die Welt zurck. Die Dews und Magier versuchten ihn zu bekriegen, konnten aber nichts ausrichten. Der oberste Magier sprach: Sprich du immerhin Avesta, du sollst gegen uns doch nichts knnen. Da ward Zoroaster zornig und sprach Avesta in Zend[133], da flohen alle Dews und verbargen sich in den Abgrnden der Erde. Die Magier erfllte Schrecken und Verzweiflung; ein Teil derselben starb, der andere bat um Gnade. Nunmehr nahte sich Zoroaster auf der Strae von Balkh dem Palaste des Gustasp.[134] An einem Glckstag kam er in die Stadt und ruhete ein wenig; dann betete er zu Gott und ging zum Knig. Da er nicht vor sein Angesicht kommen sollte, spaltete er das Dach des Hauses darin der Knig Hof hielt. Die Hofleute flohen, und nur Gustaspes blieb allein ohne Schrecken. Die Hofleute aber bestanden aus den Groen Irans und den berhmtesten Weisen. Der nhere und entferntere Zutritt zu seiner Person war die Belohnung ihrer greren oder geringeren Verdienste. Zoroaster trat vor den glnzenden Gustaspes und segnete ihn. Getroffen durch Zoroasters Worte der Weisheit, fragte der Knig seine Weisen, wer er wre. Zoroaster setzte sich und redete unerhrte Dinge und beantwortete die Fragen, da alle staunten. Darauf breiteten die Weisen ein Decke auf den Fuboden und setzten sich um Zoroaster.[135] Jeder fragte ihn besonders, so viel er konnte, um die alten Wissenschaften und bewunderte die Tiefe und Weite seiner Einsicht. Gustaspes fragte auch nach der Weisheit der Alten und vernahm mit der Freude des Herzens seine Antwort und schenkte ihm darauf eine herrliche Wohnung neben sich. Die Weisen sannen die ganze Nacht auf Fragen, womit sie Zoroaster beschmen wollten; er aber betete die ganze Nacht und dankte Gott fr den Sieg ber sie. Bei Tagesanbruch fanden sich die Diener und Weisen beim Knig ein. Sie redeten von vielen Dingen, aber Zoroaster war ihnen immer berlegen. Was will daraus werden? sagten sie. Wie ein scharfschneidendes Schwert war seine Zunge gegen sie, und ihre Fragen aus der Weisheit beantwortete er hundertfltig. Gustaspes erwies ihm Ehre ber Ehre, und Zoroaster mute ihm seinen Stand, Namen, Familie und Geburtsort anzeigen. Am folgenden Tag Ahuramazd war Versammlung aller Groen, Heerfhrer und Weisen. Des Knigs Diener aber entbrannten vor Zorn und sprachen: Was, ein Fremdling will uns unsern Namen rauben? Wohlan, wir wollen zusammenhalten und alle seine Reden unntz machen! Aber Zoroaster machte, da am Tage Ahuramazd[136] wie an den vorigen Tagen alle Groen und Weisen verstummen muten, und er wurde gro vor Gustaspes und sprach: Ich bin von Gott ausgegangen, der die sieben Himmel gemacht hat, die Erde und die Sterne; von dem Gott, der Leben und Nahrung giebt Tag vor Tag und sich seines Dieners annimmt; der dir die Krone aufgesetzt hat und dich schtzt und deinen Krper aus dem Nichts gezogen. Durch ihn regierst du und hast Gewalt ber seine Knechte. Zoroaster stellte Gustaspes Avesta vor und sprach: Gott hat mich den Vlkern gesandt, da sie sein Wort in Zend, Ahuramazds Willen, annehmen. Thust du Gottes Willen, so wirst du Glanz haben in der andern Welt, wie dieser; hrst du aber sein Wort nicht, so wird Gott in seinem Zorn deine Krone zerbrechen, und dein Ende der Duzakh[137] sein. Neige dein Ohr den Belehrungen Ahuramazds und thue nicht mehr den Willen der Dews.[138] -- Gustaspes sprach: Was thust du zum Beweis deiner gttlichen Sendung fr Zeichen, da ich deinen Worten glaube und dich wider Ungerechtigkeiten schtze? Wer das thut, was ich lehre, sprach Zoroaster, wird groe Wunder thun. Gott hat mir gesagt: Wenn dein Knig Zeichen fordert, so sprich: Lies nur Zendavesta, so brauchst du keine Wunder. Das Buch selbst, das du siehst, ist Wunder genug. Es wird dich lehren, was in beiden Welten ist, der Sterne Lauf und den Weg des Guten. -- So lies denn Zendavesta, sprach Gustaspes. Zoroaster las ein ganzes Stck, und der Knig fand nicht Geschmack, denn die Gre von Avesta ging ber seinen Verstand. Er war wie ein Kind, das nicht kstliche Steine schtzt; wie ein Unwissender, der nicht kennt den Wert der Wissenschaft. Der Knig sprach zu Zoroaster: Ich billige deine guten Wnsche fr mich; aber wir mssen die Sache besonders ansehen. Ich will untersuchen und dir meine Zweifel darlegen. Um nicht Lge zu glauben, will ich Zendavesta lesen, und was ich klar erkenne, dem will ich folgen. Zoroaster freute sich ber den Knig und versprach zur Zerstreuung seiner Zweifel alle Zeichen zu thun, die der Knig verlangte. Die Weisen des Knigs gestanden, da Zoroasters Lehre rein sei; da man aber, um sich von seiner gttlichen Sendung zu berzeugen, ein auerordentliches Zeichen von ihm verlangen msse. Welches denn? fragte der Knig. Die Weisen antworteten: Wir wollen ihn stark binden, mit Krutern, deren Kraft wir kennen, reiben und ein Man[139] geschmolzenes Erz ber ihn ausgieen. Zoroaster war damit zufrieden, legte den Zendavesta vor sie und sprach: O Gott, wenn dieses Buch dein ist, so zeige es jetzt! Man go geschmolzenes Erz auf seine Brust, und es schmerzte ihn nicht. Zoroaster that noch andere Wunder als: er pflanzte eine Cypresse, die in wenig Tagen zu einem groen Baum erwuchs[140]usw. Nun glaubte Gustaspes, und Zoroaster erklrte ihm den ganzen Zendavesta. Des Knigs Diener wurden eiferschtig und sannen auf Mittel ihn zu strzen. Einst erhielten sie durch Bestechung den Schlssel zu Zoroasters Gemach im Palast des Knigs. Sie trugen Blut, unreine Dinge, Haare, Leichname usw. zusammen, alles in einen Sack und legten es in sein Bett unter das Kopfkissen. Darauf gingen sie zum Knig und sprachen: Zoroaster ist ein groer Betrger; die ganze Nacht zaubert er und erfllt dein Reich mit Grueln.[141] Du bist unser Knig, und wir sagen nichts, als was wir wissen; du kennst diesen Schalk noch nicht! Gustaspes dachte dem nach und wollte doch wissen, ob es wahr wre. Zoroaster, der sich seiner Unschuld freute, ffnete ganz ruhig sein Gemach; aber da fand man Ngel, Todtengebeine usw.[142] Gustaspes zeigte das Alles seinen Dienern, und sie verfluchten Zoroaster. Du Unreiner! sprachen sie. Ist das nicht Rstzeug der Zauberer? Zoroaster berief sich auf den Thrhter, welcher sagte, kein fremder Wind sei in sein Gemach gegangen. Gustaspes glaubte und nannte Zoroaster einen Hund, warf ihm den Zendavesta vor die Fe und lie ihn in Eisen legen. Solch ein Zauberer sei noch nicht in der Welt gewesen, denn er knne die Welt umkehren. -- Tglich bekam Zoroaster im Kerker ein Brod und einen Krug Wasser. Nach sieben Tagen offenbarte ein Wunder seine Unschuld. Der Knig hatte ein Lieblingspferd, das war schwarz. Er glaubte, wenn er dasselbe reite, so folge ihm der Sieg. Pltzlich hatten sich diesem die Beine in den Leib gezogen, und kein Arzt oder Weise wute Hlfe. Der Knig a und trank nicht, und die ganze Stadt war Trauer und Klage. Zoroaster hrte es endlich und sprach: Lasse mich der Knig aus dem Kerker, so soll sein Pferd gesund sein. Es geschah. Als Zoroaster vor den Knig kam, sprach dieser: Von dem, was du mir sagst, begreife ich nichts; heilst du aber mein Pferd, so bist du ein wahrer Prophet. Zoroaster sprach: Zuerst mut du glauben[143], da ich ein Prophet Gottes bin, der dir dein Gesicht gegeben hat und darin einen Charakter ausdrckt.[144] Wenn dein Herz ist wie deine Lippen, so soll dein Wunsch geschehen. Gustaspes versprach sein Leben lang das Gesetz zu halten, zu thun, was recht sei, und Gott zu ehren. Darauf rief Zoroaster Gott an und weinte, und dem Pferde kamen die Beine wieder. Vor dem Heraustreten des zweiten Beines mute der Held Espendiar versprechen, da er Zoroaster und sein Gesetz schtzen wolle. Vor dem Heraustreten des dritten lie sich Zoroaster in das Innerste des Palastes fhren und verkndete dem ganzen kniglichen Hause den Zendavesta. Endlich mute der Thrhter die Betrger unter den Dienern des Knigs entdecken, die ihn in Ungnade gebracht hatten. Der Knig bedrohte ihn mit dem Leben, die Wahrheit zu sagen. Er fiel auf sein Angesicht und bat um Gnade. Die Weisen haben mich bedroht, sprach er, und wie sollte ich denen widerstehen, die mein Herr und Knig ehrt? -- Die vier vornehmsten der Weisen wurden gespiet. Zuletzt sprach Zoroaster: Gottes Macht ist so gro, da er thut, was er will, ohne da man fragen darf, wie und warum? Von nun an fragte der Knig Zoroaster um Alles, was er vornehmen wollte. Einst sprach er: Mein Herz verlangt vier Dinge, die eben so gro und wunderbar sind als Gottes Gesetz: Zu wissen, was fr ein Ort mir in in der andern Welt bestimmt ist; da ich mich vor keinem meiner Feinde frchte; da ich sehe, alles Gute und Bse, was in der Welt sich begeben wird, und da meine Seele im Krper bleibe bis zur Auferstehung.[145] Ich will zwar, sprach Zoroaster, um diese vier Dinge von Gott bitten; du mut dich aber an einem begngen und den drei Vornehmsten deines Hofes die andern berlassen; denn Gott schenkt sie alle nicht einem Menschen allein, damit er nicht sagen knne: ich bin allmchtig. Da verlangte Gustaspes seinen Ort in der andern Welt zu wissen. Am Morgen des andern Tags kam Zoroaster vor den Knig, der auf einem goldenen Thron sa. Er hatte den Knig kaum gesegnet, so standen vier edle Krieger im reichsten Waffenschmuck und hoch wie Berge vor der Thre. Sie hieen Bahman, Ardibehescht, Chordad und Adergoschasp.[146] Sie sprachen: Gott hat uns zu dir gesandt, Knig der Lnder, um dir zu sagen, da, wenn du Zoroasters Worten glaubst, du vor der Hlle bewahrt bleiben sollst, denn ich, sagt Ahuramazd, habe ihn gesandt. Der Knig war eine Zeit lang sprach- und sinnlos. Als er wieder bei Sinnen war, sprach er: Ich, der Geringste unter den Dienern Ahuramazds, bin zu allem bereit, was ihr mir gesagt habt. Der Knig sprach zu Zoroaster: Ich bergebe mich dir mit Leib und Seele, wie mir Ahuramazd befohlen hat. Zoroaster antwortete: Sei getrost und guten Muths; du sollst sehen, was du verlangt hast! Er verrichtete darauf das Darunopfer mit Wein, Wohlgerchen, Milch und einem Granatapfel. Nachdem er diese Dinge und las Zendavesta und trank von dem Wein und gab den Becher dem Knig, der auch trinken mute und wie berauscht einschlief. Im Schlafe, der drei Tage dauerte, erhob sich seine Seele zum Throne Gottes und sah seinen Kerdar[147] in Reinheit glnzend, seinen Platz, der fr ihn und die Heiligen im Himmel bereitet war. Dem zweiten Sohn des Gustaspes, Paschutan, gab Zoroaster die Milch zu trinken. Er wurde dadurch unsterblich. Djamaspes, der Diener des Gustaspes, bekam die Gerche und damit alle Weisheit und die Erkenntnis alles Geschehenden bis an die Auferstehung. Espendiar endlich geno einige Granatkerne, und sein Krper wurde fest wie ein Fels, aller Verwundung unfhig; daher nannte man ihn Kupferleib (Ruintan). Als der Knig nach drei Tagen erwachte, sprach er: O Gott der beiden Welten, dein Reich wird whren von Ewigkeit zu Ewigkeit. Er berief hierauf Zoroaster zu sich und sagte Alles, was er gesehen hatte, und befahl auch allen seinen Unterthanen, dem Gesetz zu gehorchen. Nun verlangte der Knig, da Zoroaster von einem erhabenen Sitz den Zendavesta vorlesen sollte, damit ihm alle Zweifel benommen wrden und er das Gesetz vollkommen verstehen lerne. Zoroaster that dies mit Herzensfreude und begann mit dem Gebet an Gott. Durch das Lesen erzitterten alle Dews und flohen in die Abgrnde. Darauf lie Zoroaster die reinen Mobeds und Herbeds zu sich kommen und redete mit ihnen in Gegenwart des Knigs der Knige von den verschiedenen Arten des Feuers, zeigte ihnen den Dienst derselben&c. Er lie auch ein gewlbtes Gemach bauen, darunter das Bild eines halben Mondes setzen, und in dieses Gemach einen mit Gold und Silber bekleideten Thron; es wurde auch allenthalben bedeckt, damit kein Unreiner es sehen knne. In diesen Atesch-gah wurde das heilige Feuer[148] gebracht, und Zoroaster befahl, da an jedem Ort ein hnlicher Atesch-gah erbaut werden solle. Da war das Herz der Diener Ahuramazds in Freude und das der Anbeter der Dews[149] in Traurigkeit. Vor dem Atesch-gah gab Zoroaster dem Gustaspes noch folgende Ermahnungen: Den Anfang machte eine Lobpreisung Gottes, der alle Welt geschaffen hat, und die Bsen am Ende, wie er sie aus dem Nichts genommen, wieder ins Nichts zurckbringen wird; er, der den Himmel gemacht und den Sternen Glanz gegeben, dessen Reich ohne Ende dauert, der ein Knig alles Lichtes und aller Herrlichkeit ist. Darauf erklrte Zoroaster dem Knig das Gesetz nach den Zendbchern und sprach also: Betest du Gott an in der Wahrheit, so wirst du zum Himmel gehen. Angrmainyus ist Ahuramazds Feind; er wendet das Herz der Menschen unaufhrlich vom Gesetz der Gerechtigkeit und sucht sie nach sich in die Hlle zu ziehen, um seine natrliche Wuth zu stillen, denn der Menschen Unglck ist der Hlle Freude. Am Ende werden die Snder von den Dews verspottet, welche sagen: Warum hast du den Weg der Gerechtigkeit verlassen und bist den Weg der Finsterni gewandelt? Zoroaster fuhr fort: Gott, der herzliches Mitleiden mit seinen Dienern hat, hat mich mit dem Gesetz zu ihnen gesandt, damit sie den Weg des Bsen verlassen. Wer sein Herz vom bel wendet, der wird ewige Freude haben. Mchte doch der Ungerechte seine Ungerechtigkeiten verwnschen und Andere mit sich auf den Weg der Wahrheit fhren. Der Gott der Welt hat mich zu dir gesandt, o reiner und gerechter Knig, und gesagt: Verkndige meinen Dienern, da sie nicht von meinen Geboten weichen; lehre die Vlker der Erde den Weg des verwnschten Angrmainyus zu hassen und meinen Weg der Gerechtigkeit zu wandeln; dann werden sie in den Himmel gelangen. Wer ihn verlt, der mu mit Angrmainyus in der Hlle sein. Siehe, noch folgenden Unterricht hat mir Ahuramazd gegeben. Die Welt ist wie nichts in den Augen dessen, der sie gemacht hat. Auch die lngste Geschlechtsreihe mu ihr Ende haben. Du siehst diese runden Gewlbe -- er zeigte nach dem Himmel und dem Atesch-gah[150]--; hier wird einst der Knig mit seinem Unterthan, der Herr mit dem Knecht vereinigt sein. Lehre nie, was du nicht von mir gehrt hast, und am Ende will ich mich deiner erbarmen; denn ich finde nicht Wohlgefallen an deiner Snde; ich will dein Bses und deine Strafen mindern. Bei deinen Handlungen werden die Frchte sein, je nachdem du gepflanzt hast. Wer in der Welt Reinigkeit set, dem wird sie im Himmel zu Theil. Gott spricht ein Wort, dazu und davon kommt nichts: Wer Snde thut, wird in der Hlle Schande tragen. Siehe, was Ahuramazd ber die verstndigen Mobeds sagt: Das Wasser der Gre[151] ist Ebenmaa, das weder zu viel noch zu wenig hat. Wenn diese Wahrheit schon gesagt ist, bin ich ein Lgner; wenn aber noch kein Mund etwas hnliches hervorgebracht hat, so mu man meine Worte nicht mit einem bsen Herzen betrachten. Der Mensch soll vielmehr wissen, da dies Worte des reinen Gottes sind und nicht der unreinen Dews. Denn die Dews wrden nicht so reden und Gott lobpreisen. Von allen, die als Propheten in die Welt gekommen sind und den Vlkern Gesetze gegeben haben, hat noch keiner gezeigt, was auf Erden ist oder geschehen wird. Nur Zoroaster, der Reine, hat nach Zendavesta verkndigt, was sein wird; Gutes und Bses, das nach der Weltschpfung bis zur Auferstehung verborgen geblieben sein wrde, hat er aufgedeckt. Er hat uns die Dews kennen lehren, Gerechtigkeit und gute und bse Thaten. Noch kein Prophet hat mit reinem, geraden, menschlichen und fehlerlosen Herzen gebetet als Zoroaster, der Meister des reinen Gesetzes, der Lobpreiser und Vertraute Ahuramazds. Ahuramazd sagt zum Menschen des Gesetzes: wer Gutes thut, wird guten Lohn empfangen, nachdem sein Gutes ist. Ahuramazd verkndet dies den Vlkern der Welt: Die Seelen aller Menschen mssen einige Zeit in der Hlle dauern, nachdem ihr Bses ist, gro oder klein. Noch zuletzt sagt Ahuramazd: Wer nicht dein Schler ist, ber den frage nicht, wie es mit ihm werden wird; Strafe erwartet ihn am Ende seiner Tage.-- Der Eifer des Gustaspes war die feste Sttze Zoroasters. Es wurden Atesch-gahs errichtet, und zwar zuerst dem Feuer Farpa[152], das Djemschid heilig ist, auf dem Berge Charesom, neben Kasbin im Vardjemguerd; ferner dem Feuer Goschasp[153], dem Kekhosro auf dem Berge Asnevand in Aderbedjan einen Atesch-gah gebaut hatte; und dem Feuer Burzin-meher und Behram[154], das aus verschiedenen Feuern bestand. Allenthalben wurden nun auch Gesellschaften von Mobeds und Desturs gegrndet. Zu Kaschmer[155] in Khorasan war ein sehr berhmter Atesch-gah. Neben dem Tempelthor pflanzte Zoroaster eine Cypresse, in deren Rinde er die Annahme des Gesetzes durch Gustaspes schnitt. Wie nun nach einigen Jahren diese Cypresse gro und stark genug geworden war, so baute man darber einen Palast, der in der Hhe und ins Gevierte vierzig Ellen hielt. Er schlo zwei Sle ein, deren Decke mit Gold, deren Fuboden aber mit Silber berzogen war; die Mauern waren mit kstlichen Steinen ausgeschmckt. Daselbst hing man die Bildnisse Djemschids und Feriduns auf. Hierher zog Gustaspes, als seine Stunde gekommen war, da seine Seele sich in den Himmel erheben wollte. Vor seinem Ende lie dieser Frst den Satrapen aller Provinzen bekannt machen, da sie zu Fue nach dieser Cypresse wallen, an Zoroasters Gesetz glauben und allem Gtzendienst von Turan und Tschin absagen sollten. Diesem Gesetz kam man teils mit Lust, teils aus Furcht nach. Zoroasters Name drang bis Indien. Der Brahmine _Tschengregatscha_, der die Weisen der Welt gebildet hatte, und dessen Bcher in Iran sehr berhmt waren, hrte von einem ihm unbekannten Propheten, der den Knig von Iran und seine Diener und alle seine Lnder bekehrt habe. Er schrieb daher mit dem Eifer eines Mannes, der sich fr die Sttze der Wahrheit hlt, an Gustaspes. Sein Brief begann mit dem Namen Gottes, des Allbeherrschers, der den kreisenden Himmel zu seinen Fen hat und Leib und Seele des Menschen geschaffen. Hierauf erhob er den Knig mit einer Lobpreisung und bezeugte, da er von einer neuen Religionsform gehrt habe, die ihn tief schmerze und ruhelos lasse. Er sagte: Ein Betrger, ein Heuchler, hat Iran verfhrt. Dergleichen hat sich weder unter Feridun, noch unter Kobad, noch unter Djemschid, noch unter Kaus begeben. Die Einwohner Irans haben sich einem jungen Mann[156] ergeben und seine Lgen glubig angenommen. Was mich am meisten wundert, ist Djamaspes, der Diener des Knigs Lohraspes. Er hat mehrere Jahre hindurch meine Lehren gehrt; ich habe ihm nichts von meiner Weisheit verhalten. Er, der Andere htte vor Gefahr schtzen sollen, ist selbst in die Schlingen gefallen. Ich wei nicht, welches Netz ihm gestellt ist, da seine Kraft ihn verlassen hat, und er mit Schande verstummt ist. Hierauf gab Tschengregatscha Gustaspes den Rat, sich ja nicht durch dieses Betrgers Zaubereien, noch durch seine gleienden Worte fangen zu lassen. Ich selbst will mich aufmachen, sprach der Brahmine, ihn seiner Lgen berfhren und auf Alles antworten, was er vorbringen wird. Du, o groer Knig, mut ihn so lange bewahren, bis ich komme, und wenn ich alsdann werde die Schande dieses Schurken aufgedeckt haben, so werde ich dich um seine Bestrafung bitten, damit kein hnlicher in Zukunft das Herz habe, die Vlker durch falsche Gesetze und Neuerungen in der Religion irre zu fhren. Als dieser Brief Tschengregatschas anlangte, befand sich Djamaspes bei Gustaspes. Die Schreiber muten ihn lesen, und der Knig sprach zu seinem Diener: Kein Andrer als du bist im Stande, die Sache einzusehen. Prfe sie und antworte Tschengregatscha, wie du es fr passend erachtest. Ich bin unbeweglich im himmlischen Gesetz, sprach Djamaspes, ich glaube an Gottes Wort. Kein Mensch kann aus sich selbst wissen, was Zoroaster wei, noch thun, was er thut. Gott mu sein Lehrer sein. Doch glaube ich auch, o groer Knig, da kein Mensch auf der Welt so weise sei wie Tschengregatscha. Ich habe seine Bcher gelesen, Iran verlassen und ihn in Hindostan aufgesucht; er hat meine Seele in allen Wissenschaften ausgebildet. Ich halte es also fr das Beste, da man ihn mit Gte bitte, nach Iran zu kommen, damit er selbst das Gesetz des Himmels annehme; dadurch werden, wenn die Welt es hrt, alle Zweifel gegen Zoroasters Gesetz vllig vernichtet werden. Tschengregatscha erhielt folgende Antwort: Wir haben deinen Brief gelesen. Was du von Zoroaster gehrt hast, ist wahr. Wir glauben an sein Gesetz. Wir sagen dir hiermit, da wir uns der Weisheit und den Lehren Zoroasters ergeben haben. Mit unsern Augen haben wir seine unglaublichen Thaten gesehen. Wir haben seine Worte gehrt, seine Bcher gelesen, und kein Mensch kann etwas dagegen sagen. Wir haben die Weisen aller Lnder berufen, und alle haben sie der Weisheit seiner Antworten weichen mssen. Die Groen Irans beneiden ihn nicht mehr, sondern glauben an sein Gesetz und sagen: Kein Mensch kann solche Dinge aus sich lernen; der Mund Gottes mu sie ihm sagen. Wundert dich das, so komme selbst und du wirst ber die Tiefe seiner Weisheit staunen. Dem denke fleiig nach. Gott leite dich! Tschengregatscha wurde mit Freude erfllt, als er dieses las. Er las noch eine Menge Bcher, um die ganze Weisheit der Vorwelt in sich zu sammeln, und erdachte zwei ganze Jahre hindurch ohne Schlaf und Ruhe die schrfsten, tiefsten und feinsten Fragen. Den Weisen von Hindostan schrieb er, da sie sich wie Lwen bereiten sollten, mit ihm zu ziehen. Frchtet euch aber nur nicht, sprach er zugleich; ganz Iran soll noch sagen: Wer Weisheit sucht, mu nach Hindostan, und ber Tschengregatscha ist kein Menschenkind weise. -- Der Brahmine schrieb darauf an Gustaspes: Ich bin bereit, mit meinen Weisen vor deinen Thron zu kommen, und dich und die Herzen deiner Unterthanen vom Irrthum zu erlsen. Es wurden nun alle Anstalten der Pracht und des Glanzes gemacht. Tschengregatscha stellte sich am siebenten Tag nach seiner Ankunft in der Knigstadt vor den Thron des Gustaspes, segnete ihn und sprach: Es sei mir erlaubt, o Knig, mit dir zu reden! Gustaspes antwortete: Hier ist nicht der Ort des Kampfes mit der Lanze oder aus Neid; sondern Thaten, Fragen, Worte, das sind die Waffen, welche die Zweifel auflsen mssen. Es wurden hierauf zwei goldene Throne gesetzt fr Tschengregatscha und Zoroaster, dessen lichtglnzendes Antlitz die Blicke aller Weisen auf sich zog. Tschengregatscha erhob sich und sprach: Gerechter Knig! Wir sind hier versammelt aus zwei Ursachen; erstlich, da ich diesem Mann, welcher Gottes Prophet sein will, Fragen vorlege und, wenn er sie lsen kann, ich mit meinen Freunden, den Weisen Hindostans, sein Gesetz annehme; zweitens aber, da du ihn zur Stunde strafest, wenn meine Fragen ungelst bleiben. Gustaspes sprach, da er nach der bloen That richten werde und sich durch keine Vorliebe fr irgend eine Partei binden lassen wolle. Zoroaster sprach zu Tschengregatscha: Zum Besten meines Gesetzes will ich vor dem Ersten der Vlker ein Neues thun, was den Augen als Wunder erscheinen mu. Vlker haben mich schon gehrt; neige auch du dein Ohr gegen einen der gttlichen Nosks[157], den ich vorlesen will; oder gefllt es dir, so la ihn einen deiner Schler vorlesen. Die Weisen hrten nun mit Aufmerksamkeit einen Nosk des Avesta an. Dieser Nosk enthielt die Lsung aller Fragen, auf welche Tschengregatscha zwei Jahre lang gesonnen hatte. Kaum war das Lesen beendet, so rief Tschengregatscha ganz in Verwunderung versunken aus: Wie, ich bin schon grau, und Alles, was mir Gott erschlossen hat von meiner Jugend an bis heute, das Alles habe ich eben aus Avesta gehrt. Welche Wissenschaft hat dies errathen knnen? Auf wie Vieles habe ich nicht in den zwei Jahren gedacht, welche Fragen, die mir so viel Mhe gemacht haben, und von denen ich glaubte, da sie in zweihundert Jahren nicht aufgelst werden knnten! Keinem Menschen habe ich sie erffnet, o Knig des Ruhms! Ich erkenne das bermenschliche, das Werk Gottes! Tschengregatscha bezeugte hierauf, da er an Avesta glauben und Zeit seines Lebens danach handeln werde. Zoroaster empfahl ihm die Anbetung Ahuramazds, Reinheit des Leibes und der Seele und verhie ihm einen Platz im Himmel. Zoroaster umarmte Tschengregatscha und gab ihm eine Abschrift vom Avesta; auch wurde wegen der wunderbaren Bekehrung dieses Brahminen, welche nach allen Enden der Welt erscholl, ein Fest von sieben Tagen gefeiert. Tschengregatscha studierte nun sein Leben lang im Avesta und entzndete die Brahminen mit gleichem Eifer. Mehr als achtzigtausend der Weisen und Hupter von Indien, Sind und andern Reichen glaubten an Zoroasters Avesta. Nach der Bekehrung Tschengregatschas begab sich Zoroaster nach Babylon, um den Chaldern den Avesta zu lehren, und soll daselbst auch Pythagoras unterwiesen haben. Dann begleitete er Gustaspes nach Istakhar, nachdem er die von ihm so gerhmten reinen Seelen[158] in den Provinzen Serman, Saenan und Dahu besucht hatte. Nach etwa zwanzig Jahren wurde die zoroastrische Religion dem Knig von Turan mifllig, und selbst verschiedene vom Knig von Iran abhngige Frsten waren dagegen. Unter andern Sal und Rustem, Frsten von Sistan, Vater und Sohn. Darum glnzen ihre Namen auch nicht in den Zendbchern, obschon ihre Ahnen, Sam und Guerschaspes, als alte Helden Persiens darin verewigt sind. Nicht so mild wie gegen diese Frsten, an denen er sich nur durch Stillschweigen rchte, verfuhr Zoroaster gegen den Dewsanbeter Ardjaspes, Knig von Turan. Ardjaspes stammte von Afrasiab und war nach dem Schah-nameh einer der mchtigsten Frsten Asiens. Er hatte vom Knige Irans einen jhrlichen Tribut erzwungen und besa auch im westlichen Iran am kaspischen Meer Lndereien; auch hate er Zoroaster persnlich. Darum auch sagte derselbe[159]: Sei mir gndig, o Quell Arduisur, da Zerir verderbe den, der groe Schtze hat, den Frieden mindert, den Dew, den Anbeter der Dews, meinen Feind Ardjaspes, der in der Welt Macht hat. Zoroaster frchtete, da Ardjaspes seine Religion vernichten wrde, und trachtete daher nach dem Tod desselben. Er kannte den gewaltsamen, schnell entschlossenen Charakter des Gustaspes und war sich seines Einflusses auf ihn wohl bewut. Deshalb stellte er ihm die Notwendigkeit vor, den Knig von Turan zu bekriegen. Nach seinem Gesetz sei Freundschaft mit Gottlosen unerlaubt; es sei unverantwortlich, da Gustaspes, als rechtglubiger Frst, dem Knig von Tschin, einem Dewsanbeter, den Tribut der Unterthnigkeit zahle. Wirst du ihn angreifen, sprach Zoroaster zu Gustaspes, so ist Gott gewi dein Schutz. Der Knig war froh, sagte Ardjaspes den Gehorsam auf und verlangte von ihm, er solle Zoroasters Gesetz annehmen und ihm einen Teil seiner Lnder nordwestlich von Balkh abtreten; wo nicht, so werde er ihn zu Staub machen. Beim Anblick des diese Botschaft enthaltenden Briefes entbrannte Ardjaspes vor Zorn und schrieb an Gustaspes, da er sich mit seinem ganzen Hofe von einem alten Betrger habe verfhren lassen. Er rate ihm die Religion der Vter wieder anzunehmen, die Lehren und Grundstze der Magier, welche einen Knig, welchem Gott die Krone aufgesetzt habe, zu verwerfen. Wo nicht, so werde er ihn bekriegen und sein Reich zerrtten und verheeren. Die Herrlichkeit Gottes will es, da ich dich angreife! sprach Ardjaspes. Gustaspes zeigte den Brief dieses Frsten Zoroaster und seinen Dienern und allen Groen des Hofes. Djamaspes wollte mit groer Klugheit darauf antworten; aber Zoroaster sprach: Was Klugheit? Ziehe gegen ihn zu Feld! Nach diesem Ausspruch wurde die Antwort abgefat und beide Knige stellten groe Heere gegeneinander auf. Der Krieg war sehr blutig, und ein Teil der Familie des Gustaspes -- sein Bruder Zerir und mehrere seiner Kinder -- fielen. Aber Espendiar entschied endlich den Sieg fr Gustaspes. Der Knig von Turan mute sein Land abtreten, und Gustaspes bezeugte Zoroaster seine Dankbarkeit. Der weitere Verlauf der Kriege hngt nicht direkt mit dem Leben des Religionsstifters zusammen. Nach den Ravaets[160] starb Zoroaster im 77. Jahre seines Alters. Kleuker setzt Zoroasters Geburt in das Jahr 589 v.Chr. Im dreiigsten Jahr durchzog er Iran, lebte dann zehn -- nach anderer Angabe zwanzig -- Jahre in der Wste und nhrte sich nur von Kse. Zehn Jahre that er Wunder. Im 65. Jahre gab Zoroaster philosophischen Unterricht zu Babylon und kehrte nach drei Jahren zur Grndung des Cypressendienstes zurck. Nach acht Jahren riet er Gustaspes zum Krieg gegen Turan und starb als Greis von 77 Jahren. Dritte Abteilung. Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt und die Kosmogonie des Zoroastrismus. Erstes Kapitel. Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt des Zoroastrismus. Der Geist des ausgebildeten Zoroastrismus setzt vor den Anfang der Welt und der Wesen Zrvna-akarana[161], die unbegrenzte Zeit, die anbeginnlose Ewigkeit. Sie ist der unergrndliche Urgrund, in dem heilige Dunkelheit, Ewigkeit im Leben in unschaubarer Nacht, in Unergrndlichkeit der Lnge und Weite, Hhe und Tiefe ist. In ihr ist aber nicht leere de, sondern aller Wesensstufen Urgrund, der allerhchste Gott. Der Ewige ist Schpfer des Urlichts, Urwassers und Urfeuers, und der Same dessen, was beim Beginn der Wesen Licht, Wasser und Feuer wurde lag von Ewigkeit her in der grenzenlosen Zeit verborgen. Der Ewige ist seinem Wesen nach _Wort_, das vor allen Wesen, sichtbaren und unsichtbaren, da war, und wodurch alles, was Wesen hat, geboren ist. Aus dem gttlichen und ewigen Samen zeugte der Unendliche und Anbeginnlose _Ahuramazd_ und _Angrmainyus_, die zweiten Wesen nach sich, lebendig, wirkend, schaffend, die Wurzeln aller Geschpfe. _Ahuramazd_, aus dem ewigen Samen des Unendlichen erzeugt, der Erstgeborene aller Wesen, das Glanzbild und Gef der Unendlichkeiten des Unergrndlichen aus ewigem Licht geboren und fort und fort an sich ziehend, wohnend im Urlicht, dem Thron der Ewigkeit, von Anbeginn. Durch und durch gut, rein und alles Guten Quell und Wurzel, hat der Himmlische der Himmlischen fast alle Herrlichkeiten und Eigenschaften des Unendlichen; denn er ist der Urabdruck seines Wesens, worin das Wesen des Ewigen allein sichtbar wird. Seine Weisheit und Einsicht ist ohne Anfang in Weite, Hhe und Tiefe, und seine Macht, sein Wille, unbegrenzt heilig bis auf die Wurzel seines Wesens. Der Erste und Erhabenste im Wissen und Verstehen, im Wirken des Reinen und Guten. Darum ist er die hchste Weisheit selbst und -- schlaflos bei Tag und Nacht -- der hchste Weltenrichter, Knig aller Wesen in reinster Gerechtigkeit, Gte, Licht und Glanz. Sein Krper, d.h. seine Hlle, die ihn umschlieende Sphre ist das reinste Licht. _Ahuramazd_ hat die ganze reine Welt aus sich geboren durch sein allschaffendes _Wort_; den Himmel und was darin ist: Licht, Feuer, Wasser, Sterne und Sonne. Er liebt in sich sein Volk die durch ihn gewordenen Menschen. Er ist als Knig gut und weise, lebendig ber Alles; er strkt, nhrt und erhlt alle Wesen, giebt ihnen das geistige Lebensfeuer, wodurch sie dauern und leben. Er giebt dem Menschen, der ihn bittet, Lichtsamen zur Reinigkeit des Gedankens, des Herzens, Geistes und Willens. Gnade und Liebe ist seine Lust; er ermdet nie, der sichtbaren und unsichtbaren Welt, der ganzen Natur wohlzuthun. Er bestreitet durch seine und seiner Diener Kraft alles Bse Tag und Nacht bis zum endlichen Triumph des Guten ber das Bse. _Angrmainyus_, vom Ewigen nach Ahuramazd geschaffen, war anfangs gut und kannte das Gute; aber er wurde aus Neid gegen Ahuramazd _Dew_, arg, Quell, Grund und Wurzel alles Unreinen, Argen und Bsen. Sein Licht verwandelte sich in Finsternis; im Lichtreich der Schpfung entstand ein Schatten. Die Zerrttung seines Wesens aus Licht in Finsternis kam nicht vom Ewigen, sondern aus ihm und durch ihn selbst. Durch ihn wurde die _Finsternis_ geboren, der Same alles Bsen, Argen und Todes. Als er Dew wurde, strzte er aus der Hhe und wurde vom Abgrund der Finsternis verschlungen, bis auf die Wurzel seines Wesens bse. Ahuramazd ist seinem Wesen nach Licht und wohnt im Lichtreich hher denn die Himmel; Angrmainyus ist seinem Wesen nach Finsternis, d.h. Laster, Zerrttung und Argheit selbst, und die Sphre seiner Wohnung, alles, was ihn einhllt, ist Finsternis der Finsternisse. In _Duzakhs_ Tiefen ist sein Thron, und soweit die Finsternis reicht, ist er Knig und grausamer Gewalthaber. Seine Kenntnis ist gro, aber durch die Finsternis beschrnkt; seine Macht, als die des Zweiten nach Ahuramazd, ist ausgedehnt, reicht aber nicht an Ahuramazds Erhabenheit und Glanz. Seiner Neigungen Wurzel ist die ewige Grundfeindschaft alles Guten, das durch Ahuramazds Herrlichkeit erzeugt wird. Er, die als ein mchtig wirkendes Wesen symbolisierte Finsternis ist in einem stndigen Kampfe gegen das Licht begriffen, soweit ihm dieser zugelassen ist. Durch ihn wird alles Bse. Wie nichts Reines, Gutes und Seliges in der Welt sein kann, ohne aus Ahuramazds Lichtquell zu flieen, so steigt der Grund alles Bsen von Ursache zu Ursache bis in seinen Abgrund. Sein Sinnen und Dichten endigt sich in bestndigem Streben und Wirken zur Erweiterung seines Reichs. Darum vergiftet er mit seinen Dews die ganze Natur, Pflanzen, Tiere und Menschen durch Krankheiten, Seuchen, Plagen, und besonders streut er den Samen zu unreinen Gedanken und schwarzen Begierden in der Menschen Herz, wodurch sein und der Dews Reich bestndig an Umfang und innerer Macht zunimmt. Er durchstreift die Welt, um berall Irrtum, Tod und Laster auszustreuen, denn damit ist er stets schwanger, und er ist der Einzige, welcher unter den Izeds im Himmel erscheinen darf. Wo er einen Menschen findet mit groer Kraft und Heldeneifer fr des Guten Vermehrung in Ahuramazds Lichtwelt, dem ist er todfeind. Der bloe Gedanke oder Anblick desselben macht ihn blagelb, er wagt alles gegen ihn, vermag aber nichts, denn der Streiter fr das Gute gehrt zu dem geliebten Volk Ahuramazds und hat den Schutz aller Izeds des Lichtes fr sich. Das Bild seines Wesens ist die Schlange oder der Drache. Der Ewige hat ihn zur Dauer aller Ewigkeiten geschaffen; er soll aber nicht immer der Grundfeind des Lichtes, der Bestreiter des Guten und Knig der Finsternis bleiben, sondern nach der Auferstehung der Toten wird er von Ahuramazd mit Ohnmacht geschlagen und sein Reich bis auf die Tiefen seiner Grundfesten zertrmmert werden. Er selbst wird ausgebrannt in feurigen Metallstrmen, wodurch er Sinn und Willen ndert; er wird heilig, himmlisch, und begrndet in seiner Welt Ahuramazds Gesetz und Wort, wodurch alle Wesen geworden sind. Er wird auf ewig Freund Ahuramazds, und beide singen Zrvna-akarana Izeschn, d.h. Ruhm- und Lobgesnge. Aus der unbegrenzten Ewigkeit wurde der Anfang, die Zeit. Wie der Ewige Ahuramazd und Angrmainyus geboren, fate er den Ratschlu einer Zeitdauer von zwlf Jahrtausenden, worin alles, was der Ewige in Gedanken hatte in aufeinanderfolgenden Reihen erscheinen und vollendet werden sollte. Dies geschah noch vor der Schpfung der Wesen auf hheren oder niederen Stufen. Noch hatte der Unbegrenzte kein Volk auer Ahuramazd und Angrmainyus. Dieser die begrenzte Zeit genannte Cyclus ist fr die Herrschaft von Ahuramazd und Angrmainyus bestimmt; sie als die Erstgeborenen aus der Unendlichkeit des Ewigen sollen die ersten Regenten und Machthaber bis nach Ablauf dieses Zeitraumes sein. Diese zwlf Jahrtausende teilte der Unendliche nach wechselnden Perioden unter diese beiden Knige aus. Das erste Vierteil wurde Ahuramazd, dem Erstgeborenen der Wesen, zu Teil. Ahuramazd in Licht und Herrlichkeit fing an zu schaffen und zu wirken nach der Art und Natur seines Wesens. Angrmainyus sah Ahuramazds Glorie und Herrlichkeit, wurde neidisch, schwur ihm ewige Feindschaft und begann den Krieg gegen Ahuramazd. Nun begann der Kampf zwischen Licht und Finsternis. Ahuramazd entbot ihm zwar Freundschaft, wenn er Mitschpfer der reinen, guten Welt sein wolle, aber Angrmainyus verhrtete sich aus Stolz, Neid und Ha und wurde der Grundrgste. Nun zerfiel alles in zwei Knigreiche, Welten und Gewalten. Das Licht ward Ahuramazds Eigentum, die Finsternis das des Angrmainyus. Angrmainyus strzte aus der Hhe unendlich tief in den Abgrund, blieb aber Knig des Abgrundes, und wenn die Zeit seiner Herrschaft kommt, ist er der grausamste Gewalthaber, der rgste Tyrann. In der Zeit seiner Herrschaft wirkt er mit uerstem Streben, Unruhe und Anspannung aller seiner Krfte, denn er wei sein Ende. In dieser Zeit des Angrmainyus hat oft das Bse die Oberhand, und die Finsternis verdunkelt das Licht. So steigt und fllt bis zum Schlu der begrenzten Zeit die bermacht oder Schwche des Guten und Bsen. Ahuramazd und Angrmainyus befinden sich in stetem Kampf gegeneinander, und das Ende ist der Sieg des Guten, der Triumph Ahuramazds. Am Anfang schuf Ahuramazd zur Bekmpfung des Angrmainyus die _Feruer_ aller Wesen. Er dachte als Schpfer auf Wesen aller Art, die rein, gut, stark und edel wren, und jeder dieser Gedanken war ein Feruer, der Geist des knftigen Wesens, das knftig ein Teil von Ahuramazds Welt sein sollte, ganz Licht und Geist, im Wesen Geist und im Leben Geist, durch den bloen Schpfergedanken geboren; denn Ahuramazd dachte im _Wort_, und jeder Gedanke im allschaffenden Wort ist _Geist_, der das Geschpf belebt, zu dem er gedacht ist. Die aus Ahuramazds allschaffendem Geist hervorgegangenen zahllosen Arten, Gestalten und Stufen der Feruer aller reinen Wesen sind unsterblich, denn ihr Same war vom ewigen Geist und unzerstrbaren Licht. Sie sind ganz Leben, denn der sie gebar, schuf sie durch ihre schaffende Feuer- und Lichtkraft stets wirkend und belebend. Durch sie lebt Alles in der Natur, Stern und Mensch, Tier und Baum; Alles erhlt durch sie Bewegung und Segen. Sie sind des Himmels Schutz und Wache gegen Angrmainyus; der Seele Schutz, denn sie sind erhaltend, reinigend bei der Auferstehung von allem Bsen; sie bekmpfen die Schlangen, Dews, die Bsen und erlsen die Gerechten. Mit der Schnelligkeit eines Vogels fahren sie gen Himmel und bringen die Gebote vor Ahuramazd. In der Welt sind sie an die Krper gebunden. Die Zahl und Stufen der Feruer sind unendlich wie die der Wesen, weil die unbegrenzte Ewigkeit sich denkt im allmchtigen Wort, und dieser Abdruck des unergrndlichen Wesens ist Ahuramazds Feruer. Des Gesetzes Feruer ist des Gesetzes Geist und Lebenskraft, das Lebendige und Belebende im Wort, das Wort, wie Gott es denkt. Der Feruer Zoroasters ist kstlich in den Augen Ahuramazds, denn er hat das Gesetz in Gang gebracht und des Weltenherrschers Glanz und Herrlichkeit an das Licht gebracht. Nach diesen reinen ersten Schpfungsbildern sind alle himmlischen und irdischen Wesen in endlosen Reihenfolgen geworden. In ihnen steht die Welt Ahuramazds, und gegen sie kmpft Angrmainyus mit seinen argen Geistern. An diese zoroastrischen Stze knpft Kleuker eine lngere Anmerkung, die insofern Interesse besitzt, als in einem Teil derselben Kleuker den Gedanken du Prels anticipiert, der Genius des Sokrates sei dessen transcendentales Subjekt oder Feruer. Die betreffende Stelle lautet: Zend-Avestas Feruers sind ein feiner Gedanke. Sie sind der bergang von dem, was wir Substanz nennen, zum bloen Schpfergedanken der Substanz. Weil aber der Wesenschpfer nach dem Geist Zendavestas, keinen einzigen Gedanken leer -- als einer bloen Mglichkeit denkt, so dachte er lauter Feruers. Feruers sind die ersten, reinsten Abdrcke aller knftigen Wesen und Geschpfe; das, was in allen Wesen abgezogenster Geist, reinster Funke, himmlischer, gttlicher Natur ist. Sie werden immer von den Seelen unterschieden; sie sind hher und eher als dieselben; sie haben zwar schon den Grund in sich, warum sie knftig mit solchen und nicht andern Geschpfen vereinigt werden sollen, aber noch nicht die Gestalt eines besonderen Geschpfes; sie sind Platos Ideen. Wie Ormuzds Gedanke Zoroasters Feruer schuf, so war er von allen Feruers hherer Geister, wie von allen Feruers aller Menschen unterschieden; er war aber noch nicht Zoroaster, sondern enthielt nur das ganze Bild, doch aber in wahrer, lebendiger Existenz, was Zoroaster knftig werden sollte. Sobald Ormuzd sie dachte, lebten sie, und knnen Jahrtausende leben und wirken, ehe sie mit den Geschpfen vereinigt werden, dieselben zu beleben. Daher kommts, da die alten Philosophen, die aus dem Quell der Weisheit des Orients getrunken, den Geist lange vorher leben und freiwirken lassen, ehe er mit dem Krper verbunden wird, da sie ihn gttlichen Geschlechts und Natur nennen, sagen, im Tode geh' er wieder hin, woher er gekommen sei. Nach Zoroaster sind die Feruers die reinsten Ausflsse von Ormuzds Schpfergeist, derselben Natur, wahres Licht, wahres, lebendiges Wort: darauf wird auch ihre Unsterblichkeit und ewige Fortdauer gegrndet: denn kein Funke gttlichen Geistes kann sterben, er ist seiner Natur nach Leben und belebende Kraft. Zunchst wird Feruer von verstndigen und lebenden Geschpfen gebraucht, die gewesen sind, oder sind, oder noch geboren werden sollen, (denn auch diese sind schon vorhanden,) wie wir nur von Himmelswesen und Menschen Geist eigentlich zu gebrauchen pflegen; aber es giebt auch Feruers (Geist) in Thieren, Bumen, Blumen, Sternen. -- Kurz, wo Leben, Regsamkeit, Bewegung, Wachsthum ist, da lehren die Parsen innere Kraft, Feuer, Lichtsamen, und das bestimmt eben die Natur der Feruers. Sind sie mit Wesen verbunden, so werden sie oft fr das Wesen oder Geschpf selbst gesagt, weil sie das Reinste und letzter Mittelpunkt jeden Geschpfes sind. Sie sind der Seele Schutz. Daher mu der Parse fr seinen Feruer besonders beten, da Ormuzd ihn bewahren wolle; denn ohne ihn wird Seel' und Leib unrein, irre geleitet. Siehe da Sokrates Schutzgeist![162]---- Die von Ahuramazd geschaffene Welt ist unendlich gro, lebend und wirkend in Wesen und Geschpfen von zahllosen Arten und Stufen; sie teilt sich in eine himmlische und irdische, in eine geistige und materielle Welt ein. Den hchsten Rang in der geistigen Welt nehmen die sieben _Amschaspands_ ein. Ihr Knig und Schpfer ist _Ahuramazd_, der Urquell alles Lebens. Sie sind die sieben ersten Geister Gottes, Knige, ganz Leben, heilig, rein und gro; der Menschen Muster. Sie gehen an keinen unreinen Ort. Ein jeder hat einen Tag, dem er vorsteht, an dem er Segen und Wohlthaten spendet. Ihre Namen sind heilig. Der zweite Amschaspand ist _Bahman_, der Knig der Welt, des Lichtes und Himmels. Die brigen Amschaspands ruhen unter seinem Schutz. Er sieht durch Ahuramazds Lichtverstand, giebt Weisheit, Friede und Reinigkeit des Herzens; er nimmt die Seelen der Gerechten in Gorotman auf und segnet ihre Ankunft im Sitz der Seligkeit. Er ist fort und fort in Lichtglanz und Glorie. Der dritte Amschaspand ist der lichtglnzende _Ardibehescht_. Er giebt Feuer und Gesundheit. Der vierte Amschaspand ist _Schahriver_. Er ist der Vorsteher der Metalle, der Vater des Mitleids und der Pfleger der Hungrigen. Der fnfte Amschaspand ist _Sapandomad_, Ahuramazds Tochter, der weibliche Ized der Erde; die heiligste und reinste der ersten reinen Wesen; weise, freigebig und demtig wie Demut verleihend; er hat reine, wohlthtige Augen und befruchtet die Erde. Von ihr sind das erste Menschenpaar, _Meschia_ und _Meschiane_, gebildet. Der sechste Amschaspand ist der von Ahuramazd den Menschen zum Heil geschaffene _Chordad_, der Knig der Jahre, Monate, Tage und Zeiten. Den Reinen giebt er reines Wasser und se Speise. Sein Tag ist heilig und der erste des Jahres. Der siebente Amschaspand ist _Amerdad_, der Schutzgeist der Bume und des Getreides, der Befruchter der Herden, welcher Frchte aller Art in Flle spendet. Die zweite Klasse der guten Geister sind die _Izeds_. Ahuramazd hat sie geschaffen zum Segen der Welt, zu Richtern und Schutzaugen des reinen Volks. Der Mensch mu ihre heiligen Namen nennen und durch Nachahmung ihrer Eigenschaften nach ihrem Wohlgefallen streben. Alle Monate und Tage sind unter die Amschaspands und Izeds verteilt, und selbst die fnf Abschnitte des Tages und die fnf Schalttage werden als unter besondere Ized stehend gedacht. Jeder hhere Geist hat niedriger stehende zu Begleitern; so ist Ahuramazd von den Amschaspands, und diese sind von den Izeds begleitet. Folgendes ist die Stufenleiter der Izeds nach den Zendbchern: 1. _Mithra_ (auch Meher), der Hchste und Glanzreichste aller Izeds, wird mit der Sonne angerufen, ohne die Sonne selbst zu sein. Er glnzt wie der Mond, ist hocherhaben wie Taschter[163], hebt seine Hnde auf zu Ahuramazd, dem Knig der Welt. Er ist mit tausend Ohren und Augen der Schutzwchter und Segner aller Menschen und Geschpfe, und spricht die Wahrheit in den Versammlungen der Izeds. Er segnet Iran mit Friede und Glck, giebt der Erde Licht und Sonne und vertreibt die Druschts.[164] 2. _Korschid_ (die Sonne) ist gro, unsterblich, Ahuramazds Auge. Er hat vier Pferde und vollendet seinen Lauf in 365 Tagen wie ein Held. 3. _Aban_, Ized des Wassers. 4. _Ader_, Ized des Feuers; er giebt Glanz, und sein Name bezeichnet alle gttlichen Feuererscheinungen, welche sich den Menschen gezeigt haben. 5. _Anahid_ (Venus), die Bewahrerin des Samens Zoroasters. 6. _Amiran_, das von Gott geschaffene Urlicht; der Urheber des Lichtes des menschlichen Leibes. 7. _Ard_, giebt Weisheit, Gre, Edelmuth, Glanz, Gter; er wird mit dem weiblichen Ized _Aesching_ oder _Aschehing_ identificirt, welcher Gesundheit, tgliche Nahrung und Freuden spendet. 8. _Arduisur_, ein weiblicher Ized, kommt den Toten zu Hilfe, hat einen jungfrulichen Leib, heit die Tochter Ahuramazds und ist das von Ahuramazds Thron ausflieende Wasser; von Arduisur kommen alle Wasser unter dem Himmel. 9. _Aschtad_ ist der Ized des berflusses, _Oschens_ Mitgehlfe. Sein Sitz ist der Berg des Lebens. Von da wacht er ber die Erde und hilft das Tagewerk der Menschen vollbringen. 10. _Asman_, der Himmel, schtzt wider den Duzakh. 11. _Barzo_ ist der Schutzgeist von Bordj, woher die Wasser ausstrmen. Taschters Gehilfe bei der Austeilung des Wassers auf der Erde. 12. _Behram_, der lebendigste aller Izeds, besitzt einen himmlischen Krper, dessen Glanz von Ahuramazd kommt. Derselbe hat ihn auch zum Knig der Wesen gesetzt, welche er alle wie Feuer durchdringt. Er erscheint im Winde und unter allerlei Tiergestalten. 13. _Dahman_ ist der Segen der Geschpfe und des gerechten Menschen, dessen Seele er von Seroschs Hnden nimmt und in den Himmel trgt. 14. _Din_, Ized des Gesetzes, giebt Wissenschaft. 15. _Farvardin_, der Herr des ersten Monats des Jahres und des neunzehnten Tags eines jeden Monats, giebt Kraft und Licht. 16. _Gosch_, giebt alle Gter, Unsterblichkeit, Reinigkeit; er vermehrt die Wesen, die Kinder des Verdienstes, welche fr das Gesetz mit Eifer brennen; er verleiht die Freundschaft der Gerechten, vertreibt die Dews und hilft die Dewsanbeter besiegen. 17. _Goschorun_ ist der Ized der Herden und die Seele der Tiere; er seufzt und klagt vor Ahuramazd und bittet um Erlsung vom Dew Eschem. 18. _Mah_ (der Mond) ist ein weiblicher Ized und schtzt den Keim des Stiers; er geht von Albordj aus, giebt Wrme, Geist und Frieden. Bei seiner Flle beginnt alles zu grnen und zu wachsen; er ist wohlthtig und giebt allen Herden Samen. 19. _Mansrespand_, der Ized als gttliches Wort, ist der Schutzwchter des Himmels. Sein Glanz ist rein, und was er sehen lt, ist gut. 20. _Neriosengh_, der Ized des Feuers zu kniglichem Mut und des Friedens, schtzt den Gerechten nach Gottes Willen; er schtzt zwei Teile zu Kaiomorts Samen, zum mnnlichen Gliede und zur Seele. 21. _Parvand_ ist ein weiblicher Ized. 22. _Rameschne-kharan_ ist der Ized des Glcks, der reine dauernde Freuden giebt. 23. _Raschne-rast_, der Ized der Wahrheit und Redlichkeit, ist herrlich und weise, sieht scharf und weit und schtzt die Erde. Zehntausende himmlischer Geister begleiten ihn; er hat tausend Krfte und zehntausend Augen. 24. _Serosch_ ist der Ahuramazd der Erde, weil er ihr Knig ist. Er ist auf dem Gipfel der Welt ber alles erhaben, lebendig und der wirksamste aller Izeds, der gehorsamste und am meisten thtige. Er ist der Menschen Schutz, und durch seinen Dienst haben sie das Gesetz. 25. _Taschter_. Sein Auge ist Gerechtigkeit und Gte. Er ist der Ized des Regens und erscheint unter mancherlei Gestalten, als Jngling, als mutiges Pferd usw.; er belebt die ganze Natur durch fruchtbare Gewsser und Regen. 26. _Vad_, der Ized des Windes, giebt Kraft und Mut. 27. _Venant_, Ized des Rigel[165], schtzt im Mittage und giebt Kraft und Gesundheit. 28. _Zemiad_ giebt ewigen Thron, thut alles Gute, wenn sie gepflegt wird, und ist ein weiblicher Ized.[166] So viel ber die himmlische Welt. Die sichtbare Welt, Himmel und Erde, schuf Ahuramazd in sechs Reihenfolgen, und die Amschaspands waren dabei thtig. Zuerst schuf Ahuramazd das _Licht_ zwischen Himmel und Erde, die Fixsterne und Planeten. Alsdann schuf er das _Wasser_, welches die ganze Erde bedeckte, in die Tiefen der Erde stieg und durch den himmlischen Wind, der es durchdrang wie der Geist den Leib, in die Hhen getrieben wurde, damit sich Wolken bildeten. Darauf schlo Ahuramazd dieses Wasser ein und gab ihm die Erde zur Grenze. Hierauf ward die _Erde_, bei deren Schpfung -- wie auch bei der des Wassers -- Angrmainyus mit thtig war, denn diese Elemente besitzen einen Teil Finsternis, und alle Finsternis kommt von Angrmainyus. Albordj[167] wurde zuerst geboren, darauf die brigen Gebirge. Albordj ist der Erde Kern, Wurzel, Herz und Nabel. Ferner wurden die _Bume_ aller Art geschaffen. Im Anfang lie Ahuramazd einen Baum erstehen, aber der war drr. Aber der Amschaspand Amerdad, welchem Ahuramazd die Bume anvertraut hat, setzte den Keim dieses Baumes, als Taschter ber die ganze Erde Regen ausgo, in Taschters Wasser. Darauf wuchsen Bume aus der Erde wie Haare auf des Menschen Haupt. Zum Fnften wurden die _Tiere_ geschaffen. Zuerst wurde der _Stier_ gebildet. Dieser starb, und aus seinem Schweif gingen fnfzig Heilpflanzen hervor, die sich auf Erden mehrten. Die Izeds brachten den Samen dieses Stieres in den Mondhimmel, durch dessen Licht er gereinigt wurde, so da Ahuramazd einen neuen, schnen Krper daraus bildete, den er belebte. Hieraus wurde ein neues Paar erzeugt, welches Vater und Mutter aller Tiergeschlechter wurde, die auf Erden sind, der Vgel in den Wolken und der Fische im Wasser. Am Ende wurde der _Mensch_ geschaffen, dessen Keim ebenfalls dem Urstier, dem Vorbild aller lebenden und sich bewegenden Geschpfe entstammt. Der Urvater der Menschheit war _Kaiomorts_.[168] Er war lichtglnzend mit zum Himmel schauenden Augen, rein durch seinen Feruer und lebte noch dreiig Jahre nach dem Tode des Urstiers. Als er starb, weissagte er den knftigen Triumph des Menschengeschlechts ber Angrmainyus. Bei seinem Tod lie er seinen Samen zurck, den die Sonne reinigen, und von welchen Neriosengh zwei Teile und Sapandomad den dritten aufbewahren mute. Aus diesem Samen erwuchs der Baum Reivas aus der Erde, welcher ein Zwitter[169] war, anzusehen, wie zwei, die aufs Innigste vereinigt sind. Ahuramazd bildete diesen Baum zum Doppelmenschen um, worauf er anstatt Frchte zehn Menschenpaare trug. Das erste Paar war _Meschia_ und _Meschiane_, die Stammeltern des Menschengeschlechts. Sie waren anfangs rein und unschuldig, und der Himmel sollte ihnen werden, wenn sie rein wren in Gedanken, rein und demtig im Herzen, rein in ihren Thaten. Anfangs waren sie das und erkannten Ahuramazd als den einzigen Schpfer aller Dinge und beteten auch keine Dews an. Sie lebten aber schon in dem Jahrtausend, da Angrmainyus Gewalt hatte, Bses unter das Gute zu mischen, und so wurde zuerst das Weib Meschiane und darauf Meschia von Angrmainyus, der sich der Gedanken und Begierden ihres Herzens bemchtigt hatte, verfhrt, und beide wurden Darvands (Snder). Jedoch vermehrte sich ihr Geschlecht durch immer neue Zeugungen. Als Ahuramazd seine Schpfung vollendet hatte, feierte er ihr zu Ehren die himmlischen Gahanbars.[170] Von der Lichtwelt Ahuramazds wenden wir uns zur finstern Welt des Angrmainyus. Angrmainyus, der grundarge Feind Ahuramazds und alles Guten, gedachte, sobald er nur knne, eine Reihe von Wesen zu schaffen, die ihm hnlich sind, Feinde Ahuramazds und aller reinen und guten Geschpfe wie er, und die wie Angrmainyus aus dem innern Quell der Bosheit und Feindschaft an Zerrttung der Welt Ahuramazds arbeiten. Wie auf Erden Tier gegen Tier ist, so ist im Reiche der unsichtbaren Wesen Geist gegen Geist. Die ersten sieben Dews sind das im Reiche der Finsternis, was die Amschaspands im Reiche des Lichts sind. Jeder hat seinen besondern Namen und einen besondern Widersacher unter den Amschaspands, mit dem er zunchst zu kmpfen hat. Die sieben _Erzdews_[171] sind an die sieben Planeten gekettet. Sie kommen von Norden, sind mnnlichen und weiblichen Geschlechts, und alle bel kommen von ihnen. Jeder ist eine besondere Quelle eines besonderen bels; andere Dews wiederum sind deren Gehilfen, gerade so wie die Amschaspands ihre Gehilfen (Hamkars) an den Izeds, und diese wieder an den geringeren Izeds besitzen. Sie erscheinen unter allerlei Gestalten auf der Erde, als Schlange, Mensch, Wolf, Fliege&c. Am Ende der Welt und Zeit sollen alle Dews bis auf Angrmainyus ausgerottet werden. Ihre Zahl ist -- wie die der guten Geister -- ber zehntausendmal zehntausend. Folgende sind die wichtigsten: 1. _Akuman_, welcher unter allen Dews zuerst von Angrmainyus geschaffen wurde. Er ist der Widersacher Bahmans, in seinen Gedanken ganz Gift und der hlichste der Dews. Er plagt vorzglich die gut und edel lebenden Menschen. 2. _Aresch_, der Dew des Neids. 3. _Aschmogh_, raubt alles Gute von der Erde und bringt dafr alles Bse. Das Wort der Wahrheit ist ihm wegen seiner auerordentlichen Grundbosheit unertrglich. Er heit auch die zweifige Schlange. 4. _Astuiad_, der Dew des Todes, raubt den Toten die Seele. 5. _Boete_ besitzt und lhmt die Gelenke des menschlichen Leibes. 6. _Derevesch_ ist der Dew der Armut. 7. _Djadu_ ist der Dew der Magie. Dies sind die sieben Erzdews. Weiter folgen: 8. _Dje_, Dew der Unreinigkeit. 9. _Eghetesch_, Dew der Zerrttung des Herzens. 10. _Eschem_, Dew des Neides, Goschoruns Widersacher. 11. _Epeosche_, erscheint in Gestalt eines Pferdes. 12. _Kesosch_, giebt Zwerggestalt. 13. _Khevezo_ ist der Besitzer der Toten. 14. _Khiveh_ ist der Feind des Feuers und Wassers. 15. _Xonde_ ist der Dew der Trunkenheit. 16. _Nesosch_ besitzt ein ganzes Heer von Dews, die nach Norden schwrmen. 17. _Pretesch_ ist der Dew aller Falschheit und Lsterung. 18. _Sor_ ist Seroschs Widersacher. 19. _Vaziresch_ besitzt die Toten. 20. _Vato_ ist der Dew der Ungewitter. 21. _Verin_ ist der Dew der Regengsse. 22. _Zaretsch_ ist der Allverderber. Dies sind die wichtigsten Dews. Fast jedes Laster, jede bse Neigung, jede Plage und Krankheit hat ihren Dew. Jeder Wohlthter unter den Amschaspands und Izeds hat mit vielen und namentlich mit dem ihm entgegengesetzten Erzdew zu kmpfen. Die neun Hupter der Druschts sind: 1. _Angrmainyus_, der Widersacher Ahuramazds. 2. _Akuman_, der Widersacher Bahmans. 3. _Ander_, der Nebenbuhler Ardibeheschts. 4. _Savel_, der Nebenbuhler Schahrivers. 5. _Tarmad_, der Gegner Sapandomads, der Druscht des Stolzes. 6. _Tarik_, der Gegner Chordads. 7. _Zaretsch_, der Gegner Amerdads. 8. _Eschem_, einer der schlimmsten Druschts, Druscht der Gewaltthtigkeit, Gegner des Serosch, Dmon der Grausamkeit, welcher Ahuramazds Volk mit ganz besonderem Grimm bekmpft. 9. _Aschmogh_, raubt alle Gter, schwcht und krnkt die Menschen und verursacht alle bel der Erde. Er wei, da Avesta das wahre Gesetz Ahuramazds ist, weigert sich aber infolge seiner grenzenlosen Bosheit dasselbe auszuben. In dem bestndigen Kampf der guten und bsen Geister, Menschen und Krfte, liegt nun die Mischung des Guten und Bsen, wie sie in der Welt in Erscheinung tritt. Alles Gute, alle lebendige Kraft und Wirkung stammt von Ahuramazd und fhrt wieder zu ihm zurck. Die Thtigkeit eines jeden Wirkenden, sei er auch der Unterste der unendlichen Kette, reicht in ihren Folgen wie in der Kette ihrer Ursachen bis hinab in die unbegrenzte Zeit[172]. -- Ebenso verhlt es sich mit dem Bsen. Die Welt der bel ist unter gute und bse Prinzipien, Wesen und wirkende Ursachen verteilt. Des Guten ist nur soviel vorhanden, als wirkende Ursachen sind und Angrmainyus mit seinen Dews geschlagen wird. Deshalb betrachtet sich der Anhnger Zoroasters als einen Krieger Ahuramazds, welcher nicht sndigen kann, ohne alle guten Izeds zu betrben, die Krfte des Guten in der Welt Ahuramazds zu schwchen, und keine Todsnde begehen, ohne selbst ein Darvand, ein Glied der Welt des Angrmainyus zu werden. Der _Tod_ ist durch Angrmainyus durch die Snde des ersten Menschenpaares in die Welt gebracht worden. Er erlst den Anhnger Zoroasters von seinem Streit gegen Angrmainyus. Wenn er in seinem Leben treu war im Streit und rstig durch Tilgung des Bsen gegen Angrmainyus und die Dews kmpfte, so hat er vom Tod nichts zu frchten. Er geht ber die Brcke _Tschinvad_ zur Ruhe und Seligkeit ein. Sofort nach seinem Abscheiden eilen die Dews herbei und wollen sich seiner Seele bemchtigen. Ist sie aber gerecht und rein und hat sie sich im Leben die Izeds zu Freunden gemacht, so sind diese zu ihrem Schutz bereit. Die Seele des Gottlosen aber ist von allen verlassen, und da sie sich in ihrer Ohnmacht nicht selbst wehren kann, so wird sie der Raub der Dews. Einige Tage nach ihrem Hinscheiden kommt sie an die groe Brcke Tschinvad, welche die Scheidewand und Verbindung zwischen dieser und jener Welt bildet. Hier untersuchen Ahuramazd und Bahman den Wandel des Menschen und verweisen ihn, wenn sich Gutes und Bses annhernd die Wage halten, zu einem _Mittelaufenthalt_ bis zur Auferstehung, der je nach dem Wandel mehr oder weniger selig oder von Unseligkeit und Angst erfllt ist.[173] -- Spricht Ahuramazd Lob und Preis ber des Menschen Leben, so wird er von den heiligen Izeds ber die Brcke in das Land der Freuden gefhrt, wo er einer frhlichen Auferstehung wartet. Im andern Fall kann er nicht ber die Brcke und mu in den Duzakh, den seine Thaten verdienen. Zuletzt erfolgt die _Auferstehung der Toten_. Gute und Bse sollen auferstehen, und Erde und Flsse sollen die Gebeine der Menschen wiedergeben. Ahuramazd will sie zusammensetzen und mit Fleisch und Adern berziehen und neu beleben.[174] Gute sollen sich zu Guten und Bse zu Bsen gesellen. Darauf soll die ganze Natur so neu werden wie der Mensch an Leib und Seele. Nun folgen noch nach einem von der anbeginnlosen Zeit festgestellten Ratschlu Versuche, den Sndern die Thore Gorotmans aufzuschlieen. Wenn die Verdammten durch Strafen im unterirdischen Duzakh gelutert und gedemtigt worden sind, so mssen sie durch Feuerstrme geschmolzenen Metalls, wo sie die letzte Reinigung erfahren; alsdann genieen sie mit den Gerechten die endlose Seligkeit. Die ganze Natur ist alsdann am Endziel ihrer Bestimmung angelangt und Licht geworden. Selbst Duzakh ist nicht mehr, sondern ist Paradies geworden. Das Reich des Angrmainyus ist zertrmmert und das des Ahuramazd Alles in Allem geworden. Das Gesetz Ahuramazds herrscht allein im Weltall und ist das alleinige Element, in dem die Geschpfe aller Stufen und Arten leben und weben. Ahuramazd, im Gefolge die Amschaspands, und Angrmainyus, von den vormaligen Erzdews begleitet, bringen dem Urwesen Zrvna-akarana die Opfer ewigen Lobes. Dies ist das Ende der begrenzten Zeit. Zweites Kapitel. Der zoroastrische Kultus. Die Anbetung Ahuramazds, die Liebe gegen alles von ihm kommende, tdlicher Ha gegen Angrmainyus und sein Reich ist die erste Pflicht des Avestabekenners. Liebe und Ha, Sympathie und Antipathie sind die +causa movens+ des Parsismus, wie alles Bestehenden. Der Anhnger Zoroasters mu alles Gute, die sichtbare und unsichtbare Lichtschpfung Ahuramazds lieben, das Reich des Angrmainyus aber hassen und bestreiten, so lange ein physisches und moralisches bel zu bekmpfen ist. Ahuramazd ist Licht, sein Reich ist Licht, sein religises System ein Lichtsystem, und der ganze Kultus bezweckt die Verherrlichung Ahuramazds, wobei seine Glorie erkannt und durch Vermehrung des Lichtes Lebensgenu und Lebensmitteilung vermehrt werden. Dies ist das Wesen der Religion Zoroasters, der heilige Dienst des lebendigen Worts. Die Erkenntnis Ahuramazds ist die erste Pflicht des Parsen, der Anfang und das Ende seiner Bestimmung, die Grundlage seines Denkens, Thuns und Lassens in der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Ohne Ahuramazd wrde alles Nacht sein, tot und de, durch ihn ist der Parse, was er ist, und hofft in alle Ewigkeit an Kraft und Licht, Leben und Gte zu wachsen. Ahuramazd mu erkannt werden als Gott und Schpfer aller guten Wesen. Er ist seinem Wesen nach Licht; Licht aber ist Leben, Lebenskraft, Gte und Urwort. Aus ihm strmt Licht, Leben, Geist, Kraft, Gte und Wahrheit ber das ganze von ihm geschaffene Weltall aus. Er mu erkannt werden als der allein alles Belebende, der alles zu Licht und Leben macht und Gte und Seligkeit zu erkennen und genieen giebt. Darum preisen auch die Gebete des Zendavesta alle Geschpfe Ahuramazds hoch, alle Izeds, alle reinen Menschen, reine Tiere und Pflanzen. Denn alle leben mehr oder minder im Lichte Ahuramazds, durch seine belebende Geisteskraft. Selbst Bahman, der hchste Amschaspand und seinem Wesen nach Ahuramazd am nchsten stehend, bekennt in seinen Lobgesngen, da er seinen Verstand, sein Licht, seine Weisheit und vielzeugende Kraft nur von Ahuramazd habe. So mu Ahuramazd erkannt werden im Himmel und auf Erden von allen Wesen, die ihn erkennen knnen. Die Verehrung Ahuramazds mu aber zur _That_, zu _lebendigen Handlungen_ werden. Das Bild des Lichtes, welches ohne Unterla leuchtet, wrmt, belebt und wirksam ist, mu die ganze Empfindung durchdrungen haben und _thtig sein_. Obgleich Zoroaster in der heiligen Hhle seinen Geist nach orientalischer Sitte lang in tiefe Betrachtungen versenkt hatte, so gebietet er doch unhnlich dem indischen Quietismus keine empfindungslose Geistesstille, keine Abttung des Leibes, um durch Versenkung in die Gottheit nur Geist zu werden. Bei ihm ist alles Leben und That, Wachsamkeit und reger Dienst des Gttlichen bei Tag und Nacht. Deshalb auch konnte er durch das Judentum und Christentum so unendlichen Einflu auf die Vlker der kaukasischen Rasse gewinnen, welcher der faule Buddhismus gnzlich zuwider ist. Nach dem Zendavesta ist alles Lichte und Reine, alles, was Leben besitzt und Leben mitteilt, gut; die ganze Welt Ahuramazds mit allen in ihr lebenden Wesen ist gut, alles durch Gedanken, Wort und That Belebende ist gut. Zoroaster fat alles, was im einzelnen Wahrheit, Gte, Liebe, Leben, Kraft, Geist, Segen und Seligkeit ist, in dem Worte Licht zusammen. Darum schreibt er auch allen Wesen einen _Glanz_, einen _Lichtschein_ zu, dem Baume wie dem edlen Menschen, dem ntzlichen Tier wie dem Amschaspand. In allen Wesen und Geschpfen Ahuramazds ist Licht, und der Glanz eines Geschpfes ist der Inbegriff seines Geistes, seiner Kraft und seiner Lebensregungen als Funken der Gottheit. Je nach Magabe der Beschaffenheit dieser Funken ist der Grad des Glanzes grer oder geringer. In Ahuramazd vereinigt sich alles, darum ist sein Glanz der hchste und vollkommenste. Da nun der zoroastrische Kultus nur den Zweck hat, Ahuramazd in seiner Schpfung zu verherrlichen, so mu der Parse alles vom Schpfer des Lichts kommende Gute lieben, verehren und sich ihm gefllig zu machen suchen. Vor allen Dingen aber mu er Ahuramazd in Gedanken, Worten und Thaten anbeten. Kein Wesen darf er gleich Ahuramazd verehren auer Zrvna-akarana, die zuweilen auch der Urgrund und Abgrund aller Wesen genannt wird. Nach dem Schpfer alles Guten mu aber sein Geschpf, die Welt, wie sie von den Menschen erkannt wird, je nach der Stufe der Hoheit, Wrde und Vollkommenheit der Dinge geliebt und angerufen werden; denn die Welt enthlt, soweit sie gut ist, lauter Shne Ahuramazds, von Ahuramazd geliebte Geschpfe, in welchen er sich mit Wohlgefallen widerspiegelt, ber die er sich freut wie beim Anbeginn der Dinge, da alles durch ihn geboren ward. Darum richtet der Parse sein Gebet zuerst an die Amschaspands, die ersten Abdrcke Ahuramazds, die Nchsten seines Glanzes und die Ersten an seinem Thron. In den an sie gerichteten Gebeten und Lobpreisungen werden die besonderen Eigenschaften eines jeden gerhmt, und sie werden um Schutz, Hilfe und Segen angerufen, je nachdem ihnen Ahuramazd die verschiedenen Teile der Schpfung anvertraut hat. Hieraus, wie aus den brigen Anrufungen der Geschpfe ergiebt sich, worin deren Verehrung besteht. Sie besteht darin, da ein jedes Geschpf fr das erkannt wird, was es ist, da dies in der Form eines Gebetes bekannt wird, und da man von jedem Geschpf, je nach seinem Daseinszweck die Wohlthat erbittet, welche zu erteilen ihm von Ahuramazd anbefohlen ist. Der Zoroastrismus personifiziert im Geiste des alten Orients die guten oder bsen Eigenschaften der Dinge in guten oder bsen geistigen Wesen und glaubt z.B. seine Dankbarkeit fr die wohlthtigen Eigenschaften des Wassers nicht besser beweisen zu knnen, als wenn er dieselben in einem an den Ized des Wassers gerichteten Lobhymnus preist, wobei indessen Ahuramazd ebensowenig vergessen wird, als wenn er von einem Ized oder dem ihm geweihten Gegenstand dessen wohlthtige Wirkungen erbittet. Das Gebet an die himmlischen Geister bezieht sich genau auf ihre Eigenschaften wie Funktionen und -- wenn es Himmelskrper sind -- auf die Zeit ihrer Erscheinung. So wird z.B. die Sonne nur bei Tag angerufen, der Mond aber bei Tag und bei Nacht. Die Sonne als Quell alles Lichtes, die alles mit Leben und Freude erfllt, wird als sichtbares Bild Ahuramazds angerufen, als Knig des Himmels, der ohne Ruhe im Lauf ist wie ein Held. Die Anrufungen sind je nach den Tageszeiten verschieden. Das Morgengebet geht dahin, da Ahuramazd seinen Glanz erhhen wolle wie der Sonne Glanz, und das Abendgebet, da der Beter durch Ahuramazds und aller Izeds Schutz seinen Lebenslauf vollenden mge wie der himmlische Glanzknig, um in Gorotman einzugehen. Mithra wird in allen Gebeten nach seinem reinen Glanz als Befruchter der Erde gepriesen, welcher Nahrungssaft ber die ganze Natur ausgiet, als Urheber des Friedens, als mchtiger Streiter wider alle Dews des Streites, des Krieges und der Zerrttung. Endlich richtet der Parse sein Gebet an den eigenen Feruer und den aller reinen Menschen. Diese Feruer werden schon im irdischen Leben eng verbunden gedacht als Glieder jener lebendigen Gemeinde, welche in Gorotman noch mehr eins werden soll. Auch die Tiere werden unter Hinweisung auf Ahuramazd gepriesen, und der Gedanke an den himmlischen Stier, von welchem alle Menschen, Tiere und Pflanzen kommen, giebt diesem Gebet Leben und inneres Gewicht. Endlich wird alles von Ahuramazd kommende gepriesen: Feuer, Wasser und Bume, so namentlich das heilige Altarfeuer Behram, das heilige Wasser Zare, welches auf dem Urberg Albordj entspringt, und der heilige Hombaum, aus welchem der Lebenssaft das Wasser der Unsterblichkeit hervorquillt. Nach der Anbetung Ahuramazds und der Hochschtzung aller wohlthtigen und reinen Geschpfe befiehlt der Zendavesta die Ausbung des Guten in Reinigkeit des Gedankens, des Wortes und der That. Der Mensch soll im ganzen Verhalten des uern und innern Menschen wie Licht sein und wirken. Dies ist der beste Beweis fr die zu Ahuramazd getragene Liebe. Er soll wirken wie das Licht, d.h. wie Ahuramazd, die Amschaspands, die Izeds, wie Zoroaster und die reinen Menschen, in denen Ahuramazd sich gefllt, weil sie ihm hnlich sind. Je mehr Lichtreinheit und Gte ein Mensch in seinem Wesen ausdrckt, um so nher sind ihm die himmlischen Geister, um so mehr knnen sie ihn lieben und zu seinem Dienst bereit sein. In diesem Geist mu man auch gegen die Menschen auf Erden handeln und wie die Izeds alles mit Wohlthtigkeit segnen, so mu der Mensch die Natur zu veredeln und berall Lebenslicht und Fruchtbarkeit auszustreuen suchen. In diesem Sinn speist er die Hungrigen, pflegt die Kranken, beherbergt die Wanderer, bepflanzt die Wste mit Bumen, trnkt die Erde und beset sie zur Freude der heiligen Sapandomad mit reinem Samen; er sorgt fr die Nahrung und Fortpflanzung der Tiere, stiftet Ehen usw. Dies alles thut er, damit er nicht Finsternis sei, sondern Licht werde und die Finsternis durch sein wohlthtiges Licht erleuchte, da das Wste fruchtbar werde, das Schwache stark und das Tote lebendig. Der zweite Teil des Ahuramazddienstes besteht im Streit gegen Angrmainyus und seine Anhnger, im Ha gegen alles Bse und der Unterdrckung des physischen und moralischen bels. Jeder Parse mu Angrmainyus, den Thronfrsten der Finsternis, Vater alles Bsen, durch Gedanken, Wort und That, so sehr verwnschen und hassen, als er nur Kraft zu hassen hat. Wer Angrmainyus und seine Gesellen anbetet, und als Darvand thut, was die Dews thun, liebt was sie lieben, in irgend welcher Weise ihre feindlichen Absichten frdert, ihre Einflsse erleichtert und vermehrt, der ist verwnscht an Leib, Seele und Vermgen; Flche ruhen auf ihm zu Tausenden. Zum Streit gegen Angrmainyus gehrt besonders noch, da der Anhnger Zoroasters bekenne, von Angrmainyus und den Dews komme alles Bse her. Zu den Anhngern des Angrmainyus gehren besonders die Zauberer, welche Zoroaster als Hnde und Fe, Augen und Zungen von Angrmainyus betrachtet. Um so hher das Ansehen der Magier beim Volke gestanden hatte, um so mehr verwnscht Zoroaster ihr Thun. Sie hren und Gemeinschaft mit ihnen haben, ist Fluch und Verdammnis; sie verfolgen und vertreiben, ist die Freude Ahuramazds und aller Izeds und Segen fr alle Menschen und Geschpfe. Eine That ist edel, wenn die Dews dadurch erbittert werden, und bei jedem amschaspandhnlichem Thun mchten sie vor Bosheit und Zornwut ohnmchtig werden; jeder Anblick einer reinen hochstrebenden Seele -- wie z.B. die Zoroasters -- macht sie mutlos und blagelb. Thaten des Lichts, reine, edle Werke sind das beste Mittel, das Beginnen der Dews zu zerstren. Was die Dews verheeren, mu der Anhnger Zoroasters blhend machen. Die Dews lehren den Menschen das Gesetz Duzakhs und der Finsternis; der Mensch dagegen mu das Wort des Lebens berall lebendig machen und das Gesetz des Lichts und der Wahrheit in Gang bringen. So wie bei der Verehrung Ahuramazds nichts als die That gilt, so ist der Kampf gegen Angrmainyus und sein Reich ganz That und Streit durch Gebet im lebendigen Wort, durch Reinheit der Seele und des Leibes und durch Vertreibung der Dews, wo sie oder ihre Anhnger sich einfinden sollten. Nach dem Zendavesta ist der Zweck der Religion Lichtwerdung der ganzen Schpfung Ahuramazds, Triumph des Guten, des Lichts der Wahrheit und des Lebens, sowie Zerstrung des Todes, der Finsternis und Unseligkeit. Der Anhnger Zoroasters ist nicht der Ansicht, da er fr sich und Ahuramazd fr Alle sorgen msse, sondern betrachtet sich als ein Glied der lebendigen Gesellschaft, das nur dann gesund ist, wenn der ganze Krper in Gesundheit und Strke blht. Er wacht ber die Mitanbeter Ahuramazds mit der gleichen Sorgfalt wie ber sich selbst, denn je mehr durch ihn die ganze Schpfung zum Licht emporgehoben wird, desto glcklicher ist sein Zustand. So thun Ahuramazd wie die Izeds, und der Parse mu ihr Thun nachahmen. Ahuramazd, seinem Wesen nach ganz Licht und Leben, hat bei seiner Schpfung und Regierung der Welt nur den Zweck, da dieselbe Licht und Leben werde, und alle Glieder seines Reiches, jedes nach seiner Stellung zum Ganzen, zu Reinheit, Wahrheit, Vollkommenheit und Seligkeit gelange, deren es fhig ist, und alles gewonnen werde und nichts verloren gehe, da alles in Ahuramazd, dem Schpfer und Urquell alles Lichts und aller Gte, zuletzt zusammenfliee. Das Licht mu immer im Kampf sein mit der Finsterni, und Ahuramazd mit dem zahllosen Heer seiner Krfte ist ohne Unterla geschftig, die Mchte, Wirkungen und Geschpfe von Angrmainyus tglich zu schwchen, sein Volk zu retten und zu reinigen von allen physischen und moralischem bel, wo eins das andere erzeugt, eins das andere verschlingt, und jedem seines Volkes durch Verleihung von Kraft im Kampfe beizustehen. Dies ist das tgliche Geschft Ahuramazds, und darum soll jedes Glied seiner Welt durch seine Krfte in seiner Sphre thun, was Ahuramazd im ganzen All seines Reiches fr alle Geschpfe und durch die ganze Flle seiner Licht- und Lebenskrfte vollendet. Im Zendavesta wird die allgemeine Harmonie alles Lebendigen, die Existenz _eines_ Lebens in der ganzen Schpfung gelehrt. Alle Einzelheiten, welche Zoroaster dem Schpfer alles Guten beigelegt, einigen sich im Begriff der Allbelebung, der Allschpfung und Allbeseligung, dessen Geist, Wort und Kraft durch alle Glieder des Lebens und Webens der Schpfung dringt, der in allen Gliedern wohnt und sie alle leben, fhlen, thun und wachsen lt wie der menschliche Lebensgeist den menschlichen Organismus. Was nun Ahuramazd fr das All der Schpfung ist, das soll jeder Ahuramazdverehrer in seinem Wirkungskreis sein, wobei er allezeit den groen Zweck Ahuramazds im Auge haben mu, der das Ganze zu Einem machen will, voll Harmonie, Leben, Wahrheit, Licht und lebendiger Wirksamkeit. Die ganze Schpfung ist _ein_ Wesen, worin alles in Harmonie verbunden ist von Glied zu Glied, von Ursache zu Ursache, von Wirkung zu Wirkung. Besonders werden alle Izeds, die Feruers des Lichts und alle Seelen reiner Menschen als eine lebendige Gemeinde, als das Volk Ahuramazds vorgestellt, worin derselbe Knig und Haupt ist und in allen und durch alle wirkt. Kein Geschpf kann im Licht der Wahrheit leben und wahre Seligkeit genieen, wenn es nicht ein Teil dieser _Gemeinde der Lebendigen_ ist. In der lebendigen Gemeinde der Ahuramazddiener hat ein jedes Glied einen Teil der Krfte des Alls. Diese Krfte sind Krfte des Lebens und kommen von Ahuramazd; sie mssen gebraucht werden, wozu sie dienen, zur Zerstrung des Bsen und Schaffung des Guten. Der Anhnger Zoroasters mu fortwhrend Licht schaffen, sonst weicht Ahuramazd von ihm und er selbst hrt auf ein Lebendiger zu sein. Jedes Glied der lebendigen Gemeinde hat eine von Ahuramazd ihm angewiesene Wirkungssphre, welche er durch sein Licht beleuchten und den Samen seiner guten Thaten befruchten und beleben mu, sonst wird sie de Wste, Sphre der Finsternis und des Todes. Der Wirkungskreis eines jeden Wesens in Ahuramazds Lichtwelt liegt in der Sphre, worin er lebt. So wirkt Bahman nicht in der Sapandomads, die Sonne nicht in der des Mondes, und der Priester nicht in der Sphre des gemeinen Parsen. Wenn ein jeder Wirkende in der Kette lebendiger Ursachen sich und was um ihn ist belebt, so ziehen alle brigen Glieder aus seiner Flle Lebenssaft an sich und teilen ihn wieder mit; er macht vielen ihr Wirken leicht und sie wieder ihm. Deshalb mu jeder Parse fr Alle beten; der Priester mu durch die Flle seiner guten Handlungen und durch die Erfllung aller Pflichten Ahuramazd und Zoroaster nachahmen und so ein Beispiel fr das Volk und zum Segen fr alle Stnde werden. Vom Ackerbautreibenden wird bestndige Sorge fr seine Lndereien und Herden begehrt, damit er ein Quell des berflues fr Viele werde. So wie im himmlischen Reich Ahuramazds jeder Ized seine Verrichtungen mit Freude und Leichtigkeit thun kann, weil sie sie alle freudig thun, so soll nach dem Zendavesta ein jedes Glied eines jeden Standes im sichtbaren Reich Ahuramazds auf Erden die Pflichten seiner Sphre ganz und mit Reinigkeit, Lust und Leben thun, damit alle sie thun knnen, und diese Gemeinde der Ahuramazdverehrer auf Erden ein Abbild sei der lebendigen Gemeinde des Himmels, und sie immer hher gehoben und weiter gefrdert werde, bis sie im groen All des Lichtreiches von Ahuramazd aufgeht. Ein jedes Glied der Gemeinde der Ahuramazddiener hat den Zweck, _vollkommen_ zu werden; aber wie die Vollkommenheit des Auges nicht die Vollkommenheit des Ohrs ist oder der Hand oder des Fues, so hat auch in der lebendigen Gemeinde jeder Obere wie jeder Untergeordnete eines jeden Standes eine besondere Bestimmung, und im besten Erreichen _seiner_ Bestimmung besteht seine Vollkommenheit, darin beruht _sein_ Glanz, _seine_ Gte, _sein_ Leben und _sein_ Licht. Und obgleich der Glanz des Kriegers nicht wie der Glanz des Priesters, noch der Glanz des Unterthanen wie der Glanz des Knigs, so hat doch ein jeder _seine_ Vollkommenheit, und darin beruht sein Ruhm und Glanz. Wenn alle sind, was sie sein sollen, so fliet daraus die Verherrlichung Ahuramazds wie die Lichtwerdung der ganzen guten Welt. Alsdann freut sich die ganze Gemeinde im Lebensgenu, ein jedes Glied im Leben aller geniet und giebt zu genieen, jedes fr alle und alle fr jedes. Es soll also jeder Anhnger Zoroasters als Glied der lebendigen Gemeinde die Verherrlichung Ahuramazds zum ersten und letzten Zweck haben sowohl _fr sich_ in dieser Welt dadurch, da er sich von allem Bsen des Leibes und der Seele reinigt, Angrmainyus und seine Diener im ganzen Reich der Finsternis bestreitet, Licht wird und Licht schafft; und in der knftigen Welt, da er als treuer Diener Ahuramazds ewiges Leben geniee, ewig Ahuramazd gefalle, und im Licht lebe und webe. Er soll aber auch die Verherrlichung Ahuramazds zum ersten und letzten Zweck haben _fr Andere_, da er die ganze Schpfung verehre, in ihr Ahuramazd berall finde und mit sich die Geschpfe verschiedener Art veredle, die Geister nach ihrer Hoheit, nach ihrem verschiedenen Glanz, nach ihrer mannigfaltigen Wohlthtigkeit rhme und hoch erhebe und in ihnen lebendige Muster seines ganzen Verhaltens erkenne. Die Menschen verehre und veredle er dadurch, da er fr ihr Heil in diesem und jenem Leben sorge, fr sie bete und ber sie wache, damit sie ihre Pflichten thun. Er nhre die Tiere, ziehe sie auf und sorge, da alle guten Geschpfe auf Erden sich vermehren und die Elemente rein erhalten bleiben, damit von Tag zu Tag alles in Licht und Reinheit, Lebensgenu, Gte, Freude wachse, und er mit allem, was ihn umgiebt, von Tag zu Tag edler werde und von Finsternis zum Licht, vom Tod zum Leben, von der Materie zum Geist sich entwickle und alles mit sich emporhebe in die Nhe Ahuramazds, damit alles eins werde und eine Seligkeit des Lebens geniee. Zur Erreichung dieses Zwecks schrieb Zoroaster einen Kultus vor, dessen genaue und sorgfltige Ausbung das Mittel dazu ist. Zoroasters Gesetz ist der Krper des _Urworts_[175], das _vor_ allen Wesen war, und ist als fortwhrend schaffende gttliche Geistessprache im Zendavesta wahrhaftig aufbehalten. Das _Wort_ war das Urwesen, durch welches alle Wesen geworden sind, was sie sind. Es ist eins mit der Lebenskraft und dem gttlichen Wesen, insofern es ganz Licht, Geist und Kraft des Lebens ist und alles belebt, sobald Ahuramazd haucht. Insofern Gottes Natur ganz Leben und Lebenskraft ist und weder von Anfang noch von Ende wei, heit Gott das _Urwort_, und insofern Gottes Geist dieses Wort spricht und durch dieses Sprechen auer sich andern Wesen auer sich Sein, Leben und Wirksamkeit, d.h. Licht mitteilt, heit dieses Sprechen Gottes auch _Wort_, Wort der Belebung, lebendige Geistessprache Gottes. Die Sprache Gottes ist blos geistig, ein unsichtbarer Zug der gttlichen Willenskraft, der aus dem Mittelpunkt der Gottheit in die Izeds bergeht und zugleich die Kraft zu beleben und zu schaffen mit sich fhrt. Diese Sprache verstehen die Izeds vollkommen, denn sie ist die unmittelbare Anschauung der Dinge, das Gefhl des Willens, wie es in Gott war und das aus Gott in sie berging, was keine Menschenzunge aussprechen kann. Die Izeds und Feruers selbst reden unter sich diese Sprache innerer Empfindung und Anschauung, die Menschen aber sprechen mit dem von der Zunge gefaten Wort miteinander, darum wissen sie auch nicht, wie Gott spricht, und was die Sprache und das Wort Gottes ist. Dieses Wort heit auch das _erste Gesetz_, die hchste Weisheit, Ahuramazds ursprnglichstes Element, das mit dem Urlicht so zu sagen eins ist, der Ausflu und die Seele Ahuramazds, denn es enthlt gewissermaen die wahren Elemente Gottes; es ist das ewige _Ich bin_, vor dem Beginn aller Dinge vorhanden, ewig die Vollkommenheit selbst, Licht, schrecklich, lebendig und schnell. Ahuramazd sprach es, und alle Wesen wurden. Er spricht es von Augenblick zu Augenblick, und dadurch kommt aller berflu, alles Gute, aller Samen des Lichts in die Welt; alle Dinge in der Welt sind nur ausgesprochene Worte Ahuramazds. Wie Ahuramazd das _Wort_ der unbegrenzten Ewigkeit ist, so ist die ganze Welt _sein_ Wort, und alles, was die Izeds wirken, ist _ihr_ Wort. Dieses Wort wurde unter der Hlle des Gesetzes den Menschen offenbart, oder -- besser gesagt: der Schpfer aller Dinge wollte den Menschen Erkenntnis und Licht der Natur der ewigen und in jedem Augenblick neu schaffenden Gottheit geben und redete deshalb zu den Menschen in menschlicher Sprache, die sie verstehen konnten, und so wurde das _Gesetz_, das im Zendavesta, das himmlische, gttliche Gesetz genannt wird, das Gesetz des Lichts, der Wahrheit und des Lebens. Die Gottheit hat sich schon vor Zoroaster offenbart und offenbart sich nach ihm, aber Zoroaster ist ihr vornehmster Prophet. Der Hauptinhalt des ganzen Gesetzes besteht in den Worten: Du mut Ahuramazd, den Knig der ganzen Welt, erkennen in Reinheit, seine Schpfung hochschtzen, Zoroaster fr den wahren Propheten Gottes halten und das Reich des Angrmainyus zerstren. Die Menschen sollen Gutes thun wie der erste der Amschaspands, weise sein in ihrem Verstand, wahrhaftig in der Rede, gro, edel und verstandvoll in ihrem Thun und Lassen. Die einzelnen Vorschriften des Gesetzes bezwecken Ahuramazds Reich im einzelnen und im ganzen zu verschnern, Licht, Leben, Wahrheit und Seligkeit berall auszubreiten, und sind entweder moralisch oder gottesdienstlich oder politisch-religis. Die moralischen Vorschriften beziehen sich auf die Seele, ihre inneren und ueren Wirkungen. Hier ist das Hauptgebot die grte Reinheit des inneren und ueren Lebens, Reinheit des Gedankens, Reinheit des Worts und der That. Der Schwerpunkt liegt auf dem Innern der That. Die Reinheit des Gedankens, aus welcher Reinheit der Rede und der That entspringt, ist die Richtschnur, nach welcher die Handlungen bemessen und beurteilt werden mssen. Die Reinheit des Gedankens verdammt alle bsen Begierden, welche aus den Keimen Duzakhs entspringen. Jede unreine Lust hat ihren eigenen Dew, wie jede Vollkommenheit und Tugend ihren besonderen Ized. Jeder unreine Gedanke betrbt die Izeds und hindert sie dieser Seele zu dienen, er schwcht das Licht und Leben der Seele und macht, da die Dews sich freuen und mehr Gewalt bekommen. Die Reinheit des Worts besteht in der Gte und Wahrheit der Rede, in der Harmonie zwischen Gedanken und Wort, Zunge und Herz. In der Bezeichnung Reinheit der Rede wird im Zendavesta alles zusammengefat, was in der Reinheit des Gedankens liegt, nur da die Rede unsern Nebenmenschen versinnlicht, was im Herzen Edles, Wahres und Gutes verborgen liegt. Bekannt ist, da die alten Schriftsteller nicht genug die Wahrheitsliebe der Perser zu rhmen wissen, und nach Herodot bedeutete die Lge bei den Persern brgerlichen Tod, und die Jugend wurde von frh an an die strengste Wahrheitsliebe gewhnt. Im Zendavesta heit es sehr oft: Sei wahrhaftig in deinen Worten! und von allen Persern wird Reinheit, Edelmut, Hoheit im Denken und Wahrhaftigkeit im Reden vorzglich verlangt. Ahuramazd, dessen Wort lautere Wahrheit ist, wird bestndig als Muster aller Muster gepriesen, und Mithra ist der spezielle Ized der Wahrheit in der lebendigen Gemeinde; er ist der Schutzengel der Wahrheit, der Einigkeit und des Friedens. Die Lge gilt im Zendavesta als das Hlichste, wodurch der Mensch zum Dew wird; Angrmainyus ist der Erzlgner und Vater aller Lgen. Die Reinheit der That oder Gerechtigkeit ist der Tugendgeist und die Lichtabsicht der Handlungen. Wie alles zwischen Ahuramazds und Angrmainyus Reich, zwischen Licht und Finsternis, Reinheit und Unreinheit geteilt ist, so auch die Thaten. Die Handlungen haben Licht und Glanz, wenn der Geist des Gesetzes in ihnen lebt, wenn der sie erzeugende Trieb auf Ahuramazd und die Verherrlichung seiner Schpfung durch Vermehrung des Guten gerichtet ist. Alles dagegen, was nicht hierauf abzielt, ist das Werk der Finsternis, ein Werk von Angrmainyus. Im Zendavesta wird die Reinheit der Handlungen nicht durch viele subtile Regeln bestimmt, sondern der Unterricht ist, weil die Vorschriften fr Menschen aller Stnde bestimmt sind, so beschaffen, da alle bei der Befolgung des Gesetzes wissen knnen, wie sie aus reinen Trieben zu handeln imstande sind. Verehre Ahuramazd und sein glnzendes Volk, das er im Anfang geschaffen hat, -- heit es im Zendavesta, -- whle ihr Beispiel dir zum Muster und thue den Willen Ahuramazds so, wie die Izeds im Himmel ihn thun, so handelst du rein. -- Wenn die Anhnger Zoroasters beten, so mssen sie vorher in demtiger Reue ihre Snden bekennen, wodurch das Herz erleichtert und zum Gebet gereinigt wird. Beim Spenden der Almosen, das den Parsen oft und dringend geboten wird, mssen sie bestndig an Ahuramazd und die Izeds gedenken und betrachten, wie wohlthtig dieselben sind. Mit grter Bereitwilligkeit des Herzens soll ein Parse dem andern wohlthun, der Reiche den Armen speisen, weil auch dieser ein Verehrer Ahuramazds ist, weil alle im Gorotman eins zu werden hoffen, und weil Ahuramazd und die Amschaspands sich vorzglich der Notleidenden annehmen. -- Der Knig soll hauptschlich dahin streben, da sein Thun und Lassen rein sei, wozu gehrt, da er seinem Volk sei, was Ahuramazd der ganzen Welt ist, Ernhrer und Vater der Armen und Betrbten, der Schtzer und Helfer der Gerechten, da er ihnen viel Freude mache und mit seiner ganzen Gewalt das Bse unterdrcke, da er seine Macht und Wrde allein als Ahuramazds Geschenk trage und sie nur zum Wohlthun benutze. Weiterhin wird allen Stnden die Nachahmung Ahuramazds und seiner Izeds anbefohlen, und jeder Stand hat einen besondern Ized, den er vorzugsweise nachahmen soll, und wenn er dies befolgt, so trgt sein Thun zur Verherrlichung und Lichtwerdung der Schpfung Ahuramazds bei, was der Zweck der Lebensthtigkeit eines jeden Geschpfs sein soll. Jede darauf hinzielende That ist rein, und je reicher jemand an reinen Thaten ist, desto hnlicher ist er Ahuramazd und seinen Lichtgeschpfen. Diese Reinigkeit des Herzens und der That ist das Endziel aller Parsen, und wer sie besitzt, der soll Tag und Nacht dahin wirken, da ihr Samen sich vermehre. Ist erst jemand durch die Reinheit des Gedankens, des Worts und der That so weit gereinigt, da er nichts als Gutes thut und -- als Mensch auf Erden betrachtet -- ganz Licht ist und immer mit ganzem Herzen Ahuramazd anbeten kann, dessen Gewalt ist so gro, da alle Darvands, Druschts und Dews vor ihm fliehen mssen, da er sie durch seinen Willen, sein Gebet und das Licht seiner Thaten vollstndig ohnmchtig macht. Jedoch soll niemand glauben, da er ohne die Kraft und den Beistand Ahuramazds, der Izeds und namentlich Mithras sich in der Reinheit der Seele erhalten knne. Vorzugsweise soll der Parse die Sprache und die Kraft zu wirken heilig halten, denn beide sind Ahuramazds Geschenke und die Mittel, wodurch der Mensch Gre, Edelmut und Thatkraft im Dienste Ahuramazds beweisen und vermehren kann. Zur Erhaltung der Reinheit der Seele dient in erster Linie der Gebrauch des Gesetzes. Das Lesen des Zendavesta ist eine der notwendigsten Pflichten, und ein dem Urwort gebrachtes Opfer ist eine tgliche Nahrung der Seele, ohne welche ihr Licht zu Finsternis wird. Nur durch dieses Opfer erhlt sich der Anhnger Zoroasters im Besitz des lebendigen Worts. Auer dem Lesen des Gesetzes ist das Gebet die heiligste Pflicht der Ahuramazdverehrer und unumgnglich notwendig, weil dieselben mit den tglichen Anlufen Angrmainyus und seiner Diener sowie mit den Lockungen zum Bsen kmpfen mssen, welche nicht anders als durch das Gebet zu berwinden sind. Das Gebet verleiht neue Kraft und neuen Eifer zum Streit gegen das Bse und zum Streben nach dem Guten. Es erweckt den hohen Gedanken, da jeder Anhnger Zoroasters fr Ahuramazd kmpfe, tglich in der Seele von neuem und erhebt das Herz zum Himmel. Ohne das Gebet knnen die Geister in ihrer Sphre das nicht wirken, wozu sie geschaffen sind und wovon die Diener Ahuramazds alles Gute erhoffen mssen. Die Beschaffenheit des Gebets ist im Zendavesta vorgeschrieben. Zuerst legt der Parse ein aufrichtiges Gebet seiner Snden ab, deren Entstehungsarten aufgezhlt werden. Alsdann beklagt er seine und aller Menschen Snden und rhmt die grenzenlose Barmherzigkeit und Gnade Gottes, von welcher er Vergebung erhofft. Hierauf beteuert er seine Liebe zu Ahuramazd und seinen Ha gegen das Reich des Angrmainyus, seine Treue gegen das Gesetz und die Notwendigkeit guter Thaten. Nach diesem Sndenbekenntnis und Gelbde folgen Lobpreisungen Ahuramazds, der Amschaspands, Izeds und aller reinen Menschen von Kaiomorts an bis zur Auferstehung sowie aller Shne Gottes, d.h. aller Geschpfe, in denen Leben und Spuren von Ahuramazds Geist zu finden sind. Die Parsen beten nicht nur fr sich, sondern fr alle reinen Menschen, welche den Schpfer der Natur erkennen und verehren auf allen Teilen der Erde. Besonders ist der Priester verbunden, fr sich und alle zu beten: fr den Knig, den Ahuramazd ber sein Volk gesetzt hat und so herab bis auf alle Menschen, die noch bis an das Ende der Welt in Ahuramazds Reich leben werden; er betet ferner fr die Seelen und Feruer, gleichviel ob dieselben auf Erden bereits verkrpert waren oder nicht. Damit das Gebet eine grere innere Energie habe, vereinigt es der Priester mit dem Gebet aller reinen Menschen auf der ganzen Erde, die gelebt haben, leben und bis zur Auferstehung leben werden. Ein Ahuramazddiener betet fr Alle, und Alle fr Einen. Der Priester bekennt, da er Teil nehme an den guten Werken aller von Ahuramazd geliebten Seelen, wie sie umgekehrt alle an den Frchten seiner eigenen guten Thaten teilnehmen. Ebenso atmen alle religisen Ceremonien und liturgischen Formen den Geist der Gemeinsamkeit. Unter den eigentlichen gottesdienstlichen Gebruchen und Riten ist in erster Linie der Feuerdienst zu nennen. Die Parsen glauben nmlich an ein _Urfeuer_ und ein _materielles Feuer_, welches letztere ein Bild vom Ersteren ist. Jenes ist von Ewigkeit, und dieses ist aus jenem entstanden. Das Urfeuer ist das Band der Vereinigung und den in Zrvna-akarana verschlungenen Wesen; es ist der Samen, aus welchem Ahuramazd alle Wesen erzeugt hat und was Ahuramazd durch sein Feuer erzeugt ist sein Sohn. Deshalb heien die Amschaspands, Izeds, Feruer, Sterne, Menschen, Tiere und Pflanzen, alle Shne Gottes, weil alle diese Wesen etwas vom Samen der Allschpfung und Allbelebung in sich tragen und dadurch sind, was sie sind. Das Urfeuer hat sich von Anfang an unter verschiedenen Gestalten hier auf Erden zu erkennen gegeben, teils in sichtbaren Feuererscheinungen, teils in unsichtbaren Wirkungen seiner Kraft in den Geschpfen. Alle groen Thaten, alle Heldenthaten, alle Weisheit und alle Weissagung werden der Kraft des Urfeuers zugeschrieben. Je reiner und strker das Feuer ist, durch welches die Menschen belebt werden, desto reiner, strker und geistiger sind ihre Wirkungen. Das Urfeuer war von Ewigkeit in der unendlichen Gottheit und gab allen Geschpfen ihr Wesen, und das durch jenes entstandene und in alle Wesen bergegangene Feuer, welches nun in Millionen und aber Millionen von Geschpfen unter den verschiedensten uerungen und Wirkungsarten das einzige allschaffende, allwirkende und allbelebende Prinzip ist, das Mittel, durch welches Ahuramazd die ganze Schpfung in Leben und Bewegung erhlt. Das Feuer ist also der Ausflu des Geistes und der Kraft Gottes, das reinste Symbol der unaufhrlich schaffenden, allwirkenden und allbelebenden Gottheit. Zum Ruhm dieser Kraft Gottes stiftete Zoroaster den Feuerdienst, und weil das gttliche Urfeuer unsichtbar ist, so befahl er, heilige Feuerherde, Tempel zur Feuerverehrung (Dad-gah) zu errichten. Ihr Zweck war, die Gottheit unter dem Symbol des Feuers zu verehren. Das Bild des Feuers mute also mit aller ihm zu Grund liegenden Kraft und Hoheit der Idee den Seelen der Anhnger Zoroasters tief eingeprgt werden. Deshalb sagt Strabo[176]: Zu welcher Gottheit die Perser auch beten mgen, sie rufen vor allen Dingen zuerst das Feuer an. Trotzdem verehren die Parsen das Feuer nicht als Gottheit selbst, sondern beten in ihm nur die Eigenschaften des Schpfers an, Ahuramazds belebende und erzeugende Kraft. Die dem Feuer gebrachten Opfer dienen zur Unterhaltung desselben, und die an das Feuer gerichteten Gebete sind Lob- und Dankgebete fr die genannten uerungen Ahuramazds. Auch die Elemente, Izeds, Sterne usw. wurden nicht als eigentliche Gottheiten verehrt, sondern als wohlthtige Krfte, als belebte Wesen, durch welche Ahuramazd die Welt regiert. Wenn die griechischen Schriftsteller derartigen von den Persern verehrten Wesen Namen wie Zeus, Hestia usw. beilegen, so beweist dies nur, da es ihnen unmglich ist, aus dem Bannkreis ihrer Mythologie herauszukommen. Auer dem Feuerdienst hatten die Perser noch andere rituelle Gebruche, von denen in erster Linie die Opfergeschenke zu nennen sind. Dieselben bestanden in Miezd, Hom und Perahom genannten Kleidern fr die Priester, deren Darbringung durch Gebete an Ahuramazd und die Izeds und das Lesen der heiligen Bcher begleitet wurde. Einen uerst wichtigen Teil der parsistischen Ceremonien machen die Reinigungen aus. Die Reinheit des Leibes ist das Bild der Reinheit des Herzens und dieses ist Alles in Allem. Das Herz kann aber nicht rein sein ohne Reinheit des Krpers, weshalb diese die grte Sorgfalt und Wachsamkeit erfordert. Den unreinen Krper besitzen eine Menge Dews, aber vor dem reinen mssen sie weichen. Die Menschen werden von Natur unrein geboren, denn sie stammen alle von Kaiomorts, welcher durch Angrmainyus verunreinigt ist.[177] Aus dem Glauben an die Unreinheit des Krpers sind verschiedene rituelle Gebruche entstanden. So das Gebot, beim Gebet und Essen den untern Teil des Angesichts mit dem Penom[178] verhllt zu halten, weil der Speichel irgend etwas verunreinigen knne. Daher rhrt auch das Gebot, nichts vom oder aus dem Krper Kommendes in das Wasser oder Feuer zu werfen; auch drfen die Parsen beim Beten, Essen und Verrichten der Notdurft nur eine Zeichensprache reden, weil sich sonst Dews in den Krper einschleichen knnen, wenn sich das Gemt nicht in gehriger Sammlung, Stille und Wachsamkeit befindet. -- hnliche Anschauungen gingen bekanntlich in den Talmud ber. Die Unreinheit des inneren Krpers kann nicht ganz aufgehoben werden, weshalb der Parse wenigstens fr die Reinhaltung des ueren sorgen und durch bestndige Aufmerksamkeit auf alles, was verunreinigen kann, verhten mu, da die Unreinheit des Innern wachse. Dabei mu sein Blick sowohl auf die Auenwelt als auf sich selbst gerichtet sein, weil dies die beiden Wege sind, auf welchen sich Verunreinigungen einschleichen knnen. Auf die Auenwelt, damit er keinem unreinen Menschen oder Tier nahe, und da er nichts Totes berhre, ohne die vorgeschriebenen Bruche beobachtet zu haben. Auf sich selbst insofern, als er in allen Fllen, in welchen Dews ihn verunreinigen knnen, besonders wachsam auf sich ist und sich nicht durch sinnliche Gegenstnde zerstreuen lt. Ist der Mensch, was nicht zu vermeiden, verunreinigt worden, so mu er sich durch das Wasser reinigen. Das Wasser wird im Zendavesta eben so hoch gepriesen als das Feuer. Es gehrt mit zum Ursamen aller Dinge, und das reinste Himmelswasser fliet vor dem Throne Ahuramazds, es belebt die Natur, reinigt die Krper der Natur, giebt ihnen Nahrungssaft, Samen, Gehirn, Verstand, Mark und Kraft, Milch und Fruchtbarkeit zur Zeugung, es erneuert die Wesen und giebt berflu aller Art. Ahuramazd hat das Wasser dem Menschen zum Schutz gegen die Dews und ihre Erzeugnisse gegeben; es hat einen heiligen Ized und mu des Morgens beim Krhen der Hhne angerufen werden. Das Wasser ist -- wie Feuer und Licht -- Symbol alles Guten und untersttzt das Feuer in seinen Wirkungen. So wie das Feuer alle Geschpfe durchdringt und in allen Geschpfen Wirkungen des Lebens uert, so auch das Wasser, welches den Lebenssaft aller Menschen, Tiere und Pflanzen enthlt. Die Parsen haben zwei heilige Wsser, _Zur_ und _Hom_. Das Wasser Zur wird zu Mitternacht unter mancherlei Ceremonien und Gebeten aus gemeinem Wasser bereitet, whrend Hom, das Wasser des Lebens und der Unsterblichkeit, aus dem Saft des Hombaumes bereitet wird. Die Flle, in welchen der Parse der Wasserreinigung bedarf, sind: nach Verrichtung der Notdurft, bei Frauen nach der Menstruation, das Kind nach der Geburt, berhaupt nach jeder Verunreinigung usw. usw. Ist der Parse verhindert, sich zu reinigen, so ersetzen Reue und Gebet die Reinigung. Auch die gesetzlichen Strafen gelten als Reinigungsmittel, und die reinigende Kraft der Todesstrafe ist so gro, da die Snde dadurch getilgt und der Snder in Gorotman aufgenommen wird. Das Fasten hlt Zoroaster weder fr ntig, noch fr verdienstlich, noch berhaupt fr erlaubt. Er befiehlt Migkeit, aber der Parse soll seinen Leib pflegen, damit er Ahuramazd zu Ehren wirken und gegen die Dews kmpfen knne, und damit der Hunger seinen Geist nicht von der Aufmerksamkeit auf das Gesetz abziehe. Die religisen Feste der Parsen beziehen sich auf die Schpfung und das Naturleben berhaupt. So die sechs je fnftgigen _Gahanbars_ auf die sechs Perioden der Schpfung, das allerheiligste _No-ruz_ (Neujahr) als Frhlingsfest auf die Vollendung der Schpfung, auf den Triumph Kaiomorts ber den Dew Eschem, auf die Schaffung des ersten Menschenpaares und die Neubelebung der Natur an diesem Tag. Dem No-ruz ist die Mithrafeier _Mehrdjan_ als Herbstfest entgegengesetzt. Drittes Kapitel. Auszug aus dem Bun-Dehesch[179], der parsistischen Kosmogonie. Im Urbeginn wurde Ahuramazd und Angrmainyus das Wesen mitgeteilt. Darauf nahm die Welt ihren Anfang und was sie sein wird bis ans Ende, bis zur Wiederherstellung aller Dinge.[180] Ahuramazd lebt erhaben ber alles mit hchster Weisheit und Heiligkeit im Lichtkreise der Welt. Dieser Lichtthron[181] Ahuramazds wird das erste Licht genannt und ist als alles bertreffende Weisheit und Reinheit Ahuramazds Gesetz. Ahuramazd und Angrmainyus sind im Laufe ihrer Existenz allein das Volk der unbegrenzten Zeit. Der wahre Schpfer ist die Zeit, welche keine Schranken kennt, nichts ber sich und keine Wurzel hat, die ewig gewesen ist und ewig sein wird. Deshalb spricht der Verstndige nicht: Woher ist die Zeit gekommen? In der Gre, worin die Zeit war, war nichts Geschaffenes, das sie Schpfer nennen konnte, denn es war noch nichts geschaffen. Darauf ward Feuer und Wasser, und aus ihrer Vereinigung Ahuramazd. Die Zeit war der Schpfer und fhrte die Herrschaft ber alle Geschpfe. Ahuramazd war in der Zeit und wird sein in Ewigkeit. Angrmainyus wohnt mit seinem Gesetz in der ersten Finsternis und war allein ihre Mitte. Die beiden Urprinzipien, in Unendlichkeit des Guten und Bsen verschlungen und ohne Grenzen der Fortdauer, wurden sichtbar durch Vermischung. Ihre Wohnungen, des groen Ahuramazd erstes Lichtreich und Angrmainyus Urfinsternis, waren ebenfalls ohne Grenzen. Sie lebten einsam in der Mitte dieser _Abgrnde_, und einer nherte sich dem andern. Ein jedes dieser Wesen war durch seine Hlle begrenzt. -- Angrmainyus wei alles, wie Ahuramazd, und beide haben alles, was ist, geschaffen. Ahuramazd ist ohne Grenzen, denn er durchschaut die Schranken der Macht beider in Unendlichkeit verschlungenen Wesen. Angrmainyus ist Sklave und Knig. Ahuramazds Volk wird bis zur Auferstehung der Toten endlos dauern, ewig wie der Lauf der Wesen. Die Genossen des Angrmainyus werden, wenn dereinst die Toten neu belebt sind, schwinden. Er selbst wird ohne Ende sein. Ahuramazd kannte durch seine ihm von der unbegrenzten Zeit gegebene allumfassende Wissenschaft das listige Unterfangen der argen Wnsche des Angrmainyus, wie er bis an das Ende der Dinge seine Werke mit den Werken des guten Wesens vermischen drfe, und wie seine Macht sich endigen werde. Darauf sprach Ahuramazd: Ich mu durch meine Macht das Volk des Himmels schaffen. Da schuf er in dreitausend Jahren den Himmel und sein Volk. Und Angrmainyus, fort und fort auf Bses sinnend zum Widerstand des Guten, war unbekmmert um das, was vorging. Angrmainyus wute nicht, was Ahuramazd wute. Endlich erhob sich der Grundarge und nherte sich dem Licht. Wie er nun Ahuramazds Licht erblickte, wollte er, dem nie Gutes in den Sinn kommt, der nichts denkt, als wie er als Druscht alles schlagen und zerstren mag, er wollte das Licht verschlingen. Aber durch dessen Schnheit, Glanz, Erhabenheit geblendet, strzte er von selbst in seine vorige dicke Finsternis zurck und zeugte ein groes Heer von Dews und Druschts zur Plage der Welt. Ahuramazd, der alles wei, erhob sich, sah Angrmainyus Volk, sein grlich-schreckliches Volk; sein Hauch war Fulnis, Bosheit und der Schpfung unwert. Angrmainyus erblickte das Volk Ahuramazds, das Volk in Scharen, das Volk in Herrlichkeit, ber welches der in Ewigkeit verschlungene den Schpfungsrat fassen mute, das der Schpfung wert war und welches Ahuramazd fr wrdig erklrt hatte. Ahuramazd indessen, welcher wute, da zuletzt Angrmainyus Werk doch ein Ende nehmen msse, bot ihm Friede und sprach: O Angrmainyus, hilf der Welt, die ich geschaffen habe, ehre sie, und deine Schpfung soll unsterblich sein, nicht altern, sich nicht zerrtten und nie Mangel haben. Angrmainyus, der Lgenvater, schuf Akuman, den ersten der Dews und Widersacher Bahmans. Der Himmel war die erste Schpfung Ahuramazds in der reinen Welt; ihm ward Bahman vorgesetzt. Er sah, da seine Schpfungen bis zur Auferstehung dauern wrden, und lie Ardibehescht, Schahriver, Sapandomad, Chordad und Amerdad der Folge nach werden. In der dunkeln Welt schuf Angrmainyus Akuman, Ander, Savel, Nakaed, Tarik und Zaretsch. Nach dem Himmel schuf Ahuramazd das Wasser, die Erde, die Pflanzen, die Tiere und die Menschen. Ahuramazd lie Licht werden zwischen Himmel und Erde, Fixsterne und Planeten, Sonne und Mond, wie gesagt ist: Er schuf anfangs den Himmel. Die Fixsterne der Sichtbarkeit ordneten sich in zwlf Gestirne wie in eben so viel Stammmtter. Ihre Namen sind: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Lwe, hre, Wage, Scorpion, Bogen, Steinbock, Schpfeimer und Fische. Diese Konstellationen sind seit ihrem Ursprung in achtundzwanzig _Kordehs_[182] mnnlichen Geschlechts eingeteilt, welche heien: Pesch, Parviz, Peruesch, Pehe, Aveser, Beschen, Rekhad, Tarehe, Avre, Nehn, Meian, Avdem, Maschahe, Sapner oder Sapur, Hohro, Srob, Nor, Guel, Grefsche, Vareand, Gao, Goi, Moro, Bonde, Kehtser, Veht, Meian, Keht. Alle diese Gestirne wurden anfangs geschaffen, um in der Welt immerfort Stand zu halten, damit, wenn der Feind sich darstellt, wenn Peetiar[183] selbst zu schaden trachtet, durch ihren Beistand die Geschpfe von den belthtern gerettet werden. Dieser Sterne sind sechstausend und vierhundert und zwanzigtausend zum Dienst des groen Gestirns geschaffen worden. Noch hat Ahuramazd an den vier Enden des Himmels vier Wachen aufgestellt, welche auf die Fixsterne achten mssen. Ein jeder steht da als Wchter seines Kreises und seiner Himmelsgegend durch seine Kraft und Macht, er, der Schpfer der Sternenheere, wie gesagt ist: Taschter schtzt den Osten, Satevis den Westen, Venand den Mittag und Haftorang den Norden. Meschgah ist ein groer Stern in der Mitte des Himmels, und wenn der Feind mit seinem Heer herannaht, so deckt derselbe -- auch Rapitan genannt -- den Mittag. Um den Gah Rapitans[184] lobsingt Ahuramazd mit den Amschaspands himmlische Izeschn.[185] Izeschn giebt jedem Kraft, Peetiar zu schlagen. Notwendig ist dieser Dienst. Zu gleicher Zeit fhrte die allwissende und vortrefflichste Weisheit den Menschen Feruer zu und sprach: Welcher Gewinn fr euch, Krper in der Welt zu beleben! Seid daher im Kampfe gegen die Druschts und macht die Druschts schwinden! Am Ende sollt ihr in den ersten Zustand zurckkehren. Seligkeit soll euch werden, Unsterblichkeit ohne Veraltung, ohne bel. Meine Fittige sollen euch gegen den Feind decken! -- Darauf kam des Menschen Feruer, durch des Allwissenden Geist gegen die Druschts des Angrmainyus geschtzt, in die Welt und ward sichtbar. Am Ende der Zeit wird er, vom Feinde Peetiar errettet, des ersten Glcks genieen, wenn die Toten neu leben, durch alle Ewigkeiten der Wesendauer. Angrmainyus, der Machtberaubte, und alle Dews mit ihm sahen den Menschen und strzten vor seiner Macht zu Boden. Eine Zeitlnge von drei Jahrtausenden mute Angrmainyus angekettet liegen, und wie er so gebunden lag, sprach jeder der Dews zu ihm: Auf und mit mir! Ich will diesen Ahuramazd und die Amschaspands in dieser Welt bestrmen und zusammentreiben! -- Der Arge berlegte zweimal und war sehr unzufrieden, denn Furcht vor dem reinen Menschen hielt Angrmainyus zurck. Am Schlu der dreitausend Jahre kam der Darvand Dj zu ihm und sprach: O Angrmainyus, mache dich auf mit mir! Ich will hinaus in die Welt, Ahuramazd und die Amschaspands bekriegen und sie ngstigen! -- Der belthter berzhlte zweimal seine Dews, aber mit Verdru. -- Angrmainyus wollte sich gern von seinem Kummer beim Anblick des reinen Menschen losmachen, aber der Darvand Dj sprach: Auf, mit mir zum Krieg! Welche Plagen will ich ber die reinen Menschen und arbeitenden Rinder ausgieen! Wenn ich meinen Willen an ihnen vollbracht habe, so sollen sie, so wahr ich bin, nicht leben! Zerstren will ich ihr Licht, durchdringen das Wasser, die Bume, das Feuer Ahuramazds, ja alle Geschpfe Ahuramazds. Der nichts als Bses thut bersah nochmals seine Heere, und siehe, wie auer sich vor Freude, sprang er aus dem Kleinmut, welcher bis jetzt gefangen hielt, und kte Djs Haupt. Dj ist der Schpfer der Unreinigkeit, die man der Weiber Zeit nennt. Angrmainyus sprach zu Dj: Was du nur immer wnschen kannst, nimm von mir! Djs Bitte war: Mit Menschengestalt wollte ich bekleidet sein, gieb sie mir! -- Angrmainyus bildete eines fnfzehnjhrigen Jnglings schnen Leib und zeigte ihn Dj, und Dj, unsauber in Gedanken, trug ihn davon. Nach diesem stellte sich Angrmainyus in Begleitung aller Dews vors Licht und sah den Himmel, und die nur Zerrttung sinnenden Dews gedachten, wie sie ihn strzten. Angrmainyus allein drang in den Himmel. In Schlangengestalt sprang er vom Himmel auf die Erde. Am Tage Ahuramazd des Monats Farvardin[186] lief er von Sden aus und sah den Himmel, aber Schauder und Schreck durchfuhr ihn, wie das Schaf vor dem Wolf. Er zog in die Wolken, sah unter sich die Erde und drang durch die gemachte ffnung in die Mitte der Erde. Darauf durchfuhr er die Bume, den Stier, Kaiomorts[187] und das Feuer. In Fliegengestalt durchstreifte er alles Geschaffene. Gegen Sden, in Mittag verheerte er die Erde durchaus, und Alles berzog Schwrze wie Nacht. Danach schickte er fressende _Kahrfesters_ auf die Erde, welche Gift haben, wie Schlangen, Skorpione, Krten usw. Alles verbrannte bis zur Wurzel, und nichts konnte den Kahrfesters widerstehen. Glutheies Wasser regnete auf die Bume und machte sie im Augenblick verdorren. Der grausam plagende Verin und Boschasp[188] muten sich auf den Stier und Kaiomorts strzen, um sie an der Brust zu fassen. Vor des Stiers Erscheinung schuf Ahuramazd Binak, das Wasser der Gesundheit. Wer daraus an der Quelle trank, mute ihre ganze Heilkraft spren. Der, dessen ganzer Wille Bses war, schlug durch sein Gift den Stier, da er krank darnieder sank und seufzend starb. Im Sterben sprach er noch: Siehe, was geschehen mu fr die Tiere, die noch werden sollen. Mein Wille ist, sie vor dem Bsen zu schtzen! Ehe Kaiomorts ward, schuf Ahuramazd das Wasser Chei[189] und brachte es zu ihm. Mit groem Ruhm spricht das Gesetz von dem Wasser Chei, welches Kaiomorts Lichtglanz und Jugend verlieh. Kaiomorts sah die Welt in Finsternis wie die Nacht, und wie die durch Kahrfesters verbrannte Erde kaum noch bestand. Am Himmel liefen Sonne und Mond in ihren Bahnen, und die Dews von Mazenderan kmpften gegen die Fixsterne. Denn Angrmainyus hatte auer dem, was er gegen Kaiomorts Bses im Sinne hatte, einen Plan, welcher war der ganzen Welt Zerstrung. Astruiad[190] mute mit tausend Dews, Kunstmeistern des Todes, Kaiomorts besitzen; aber seine Zeit war noch nicht gekommen, daher vermochten sie nichts an seinem Krper, denn es heit: Zur Zeit der Ankunft Angrmainyus Peetiars war Kaiomorts schon im Leben; schon dreiig Jahre war er Knig. Nach der Ankunft Peetiars lebte er noch dreiig Jahre. Kaiomorts sprach zu ihm: Du bist wie ein Feind gekommen; aber alle Menschen meines Samens werden thun, was rein ist, verdienstvolle Werke und dich zu Boden strzen! Nach diesem drang Angrmainyus ins Feuer und lie schwarzen Rauchdampf daraus aufsteigen. Geschtzt durch ein Heer von Dews mischte er sich unter die Planeten und versuchte sich mit dem Sternenhimmel zu messen und drang durch die Fixsterne und an allen Orten hervor. Durch neunzig Tage und neunzig Nchte standen des Himmels Izeds im Kampfe mit Angrmainyus und den Dews aller Welt. Die Dews strzten entkrftet in den Abgrund, und der Himmel half den Izeds, da Angrmainyus sich nicht mehr an sie wagen durfte. Aus des Abgrunds Mitte stieg Angrmainyus auf die Erde, durchbrach sie, zeigte sich darauf und durchreiste sie; Alles in der Welt kehrte er um. Als Feind des Guten mischte er sich in Alles, zeigte sich in Allem und suchte Bses zu schaffen oben und unten. Es steht ferner geschrieben, da im Augenblick, da der noch einzig geschaffene Urstier starb, Kaiomorts aus seiner rechten Schulter hervorging. Nach seinem Tode kam aus seiner linken Schulter Goschorun als Seele des einzig geschaffenen Stiers. Goschorun, also geboren, verweilte bei dem Leichnam des Stiers und erhob ein lautes Geschrei wie tausend Menschen. Er trat vor Ahuramazd mit diesen Worten: Wen hast du zum Knig der Erde gesetzt? Angrmainyus geht darauf aus, in Eile die Erde zu zertrmmern, die Bume zu schdigen und sie durch feuriges Wasser zu verbrennen. Ist es dieser Mensch, von dem du gesagt hast, ich will ihn schaffen, da er lerne sich vor dem Argen zu schtzen? Ahuramazd antwortete: Krank ist der Stier geworden durch Angrmainyus Krankheit; aber dieser Mensch ist fr eine Erde und Zeit aufgehoben, wo Angrmainyus nicht wird Gewalt ben knnen. Goschorun ging und zog durch die Sphren der Sterne und den Himmel der Sonne wie des Mondes. Nun zeigte ihm Ahuramazd Zoroasters Feruer und sprach: Ihn will ich der Welt schenken, und er soll sie lehren, wie man sich vor dem Bsen rein bewahre. Goschorun wurde freudig, zollte dem Verlangen Ahuramazds Beifall und sprach: Ich werde fr der Welt Geschpfe sorgen.---- ber die Welt sind sieben Fixsterne als Wchter bestellt: 1. Taschter, von dem Planeten Tir (Jupiter) begleitet. 2. Haftorang, " " " Beram (Mars) " 3. Venant, " " " Anhuma (Merkur) " 4. Satevis, " " " Anahid (Venus) " 5. Mesch, " " " Revans (Saturn) " 6. Gurzscher und 7. Dodjdom Muschever mit ihren Schweifen (Kometen), stehen unter der Wache der Sonne und des Mondes. Albordj ging hervor. Dieser Berg umkreist die Welt und steht in der Mitte der Erde. Wie das Wasser, so geht auch die Sonne im Kreislauf, schwebend in der Mitte der Welt, beginnend bei Albordj, beim Zeichen Var.[191] Hundert und achtzig Tage luft die Sonne stlich und eben so viel westlich.[192] Tag fr Tag besucht sie Albordj mit ihrem Licht. Das macht einen Tag. Fixsterne wie Planeten, sichtbar in ihrem Lauf, durchschwrmen alle Tage drei Keschwars und einen halben[193], wie deine Augen sehen knnen. Jedes Jahr hat zweimal Gleichheit der Tage und Nchte. Am ersten Kordeh zur Frhlingszeit beginnt die erste Gleichheit zwischen Dunkel und Licht. Lngster Tag ist am ersten Kordeh des Krebses, die zweite Gleichheit des Tages und Dunkels am Kordeh der Wage, wo Anfang des Herbstes ist, und am Kordeh des Steinbocks ist die lngste Dauer der Nacht. Hier beginnt der Winter, und wenn Var wieder sichtbar wird, so ist neue Gleichheit zwischen Licht und Dunkel, so da die Sonne von Beginn ihres Laufs bis zur Rckkehr 360 Tage braucht. Dazu kommen die fnf Tage der Gahs.[194] Wer in ihnen die vorgeschriebenen Gebete vollendet, der soll die Geheimnisse der Dews wissen und wird dieselben binden knnen. Angrmainyus lief hinaus in die Welt, und beim Anblick der Schnheit, Reinheit und Strke der Izeds ergriff er von neuem die Flucht. Der Himmel stellte sich wie ein Streiter im Harnisch vor Angrmainyus zum Kampf. Ahuramazd half aus dem festen Himmel, seinem Wohnsitz, dem Himmel, der umluft. Die Feruer der Krieger und Reinen, mit Lanzen und Keulen in der Hand, rsteten sich zur Untersttzung des Himmels, der sich umdreht, und halfen ihm mit der That. Angrmainyus ward zur neuen Flucht gezwungen, indem er sah, da seine Dews flohen und er selbst seine Kraft verlieren werde, weil der endliche Sieg Ahuramazd aufbehalten ist, von der Auferstehung der Toten an durch die ewige Dauer der Wesen hindurch. Ahuramazd und Angrmainyus wirkten beide bei der Schpfung des Wassers. Als nmlich der Stern Taschter im Krebs war, flo Wasser im Kordeh Avr.[195] Am Tage, da der Feind im Wassergebiet seinen Lauf hatte, kehrte Taschter in seiner Bahn zurck[196] und schien im Kordeh Avr westwrts, denn jeder Monat hat sein besonderes Zeichen. Der Tirmonat ist der vierte des Jahres. Der Krebs ist das vierte Zeichen vom Lamm an. Wie Taschter dieses Zeichen berhrt hatte, lie er Regen kommen, der allen Dingen Wachstum giebt, und daraus zog er mit der Kraft des Windes Wasser in die Wolken. Taschter fand Schutz an Bahman und dem Ized Hom[197], den der gesegnete Ized Barso[198] begleitete, und reine Seelen wachten mit Sorge ber Taschter. Dreiig Tage und dreiig Nchte lang glnzte sein Licht hoch[199], und unter jedem Krper gab er zehn Tage Regen, wie es von den Fixsternen heit: jeder dieser Sterne hat drei Krper. Jeder Wassertropfen war wie eine Schale, und die Erde war in der Hhe eines Menschen mit Wasser bedeckt. Alle Kharfesters auf Erden starben durch diesen Regen[200]; er durchdrang alle ffnungen. In der Folge teilte sich ein Wind vom Himmel dem Wasser mit und trug es in den Wolken mit sich fort und gab ihm die Erde zum Pfand. So ward Zar Ferakh kand[201] gebildet. Die toten Kharfesters blieben auf Erden zurck und teilten derselben Gift und Fulnis mit. Um die Erde von der groen Menge Krten zu reinigen, kam Taschter in Gestalt eines weien Pferdes mit langem Schwanz in den Zar herab, und der Dew Apevesch[202] in der Hlle eines schwarzen Pferdes mit starkem Schwanz zog ihm entgegen in den Streit. Taschter wurde geschwcht und berwunden und mute ein Stck zurckfliehen, bat aber Ahuramazd um den Sieg, der ihm bermacht schenkte, denn es heit: Alsobald bekam Taschter von Ahuramazd zehn junge Pferde, eben so viel Kameele und Stiere, zehn Berge und zehn Flsse. Der Dew Apevesch wurde schwach und floh als berwundener ein Stck zurck. Tschem[203] soll keine Sttze gewesen sein wie Tir[204] die Taschters. Darauf wirkte Hom in der Hhe mit groer Macht, da das Wasser ber die Erde schwemmte. Jetzt ist Frage ber das Wasser, das Taschter aus dem Zar nahm. Er lie es in wunderbarer Menge regnen, und es fielen Tropfen in der Gre eines Rinder- und Menschenkopfs, grere und kleinere. Unter Taschters Regen versuchte der Dew Apevesch in Rogestalt Bses zu thun. Taschter schleuderte aber den Blitz (das Vadjeschtefeuer) auf ihn und Aspotschereh[205] erhob ein frchterliches Gebrll. Wie beide so wirkten, regnete es zehn Tage und Nchte und die Flsse wurden. Die Erde behielt Krten in Menge und Gift der Kharfesters, die sich in alles Wasser mischten und es salzig machten. Denn alle Kharfesterkeime, die der Erde blieben, verursachten giftige Fulnis. Darauf strmte ein heftiger Wind drei Tage lang allerseits Wasser ber die Erde; daraus sammelten sich drei groe Zars und dreiundzwanzig kleine. Zwei Zarquellen, Tetscheschtvar und Sumbar, fingen an zu springen, welches zwei groe Quellen sind, die sich bei dem Quell der Zars einigen. Von der Nordseite aus flossen zwei Wasser, eines ost- und das andere westwrts, Arg und Veh, wie es heit: Ahuramazd lie nach seiner hchsten Liebe gegen die Menschen von seinem Thron aus zwei Wasser flieen, die ihren Kreislauf ber die Oberflche der Erde nehmen und zuletzt im Zar Ferakh kand in eins zusammenflieen. Diese zwei Wasser flieen aus Quellen, woraus Gott achtzehn andere ausgehen lt, und daraus kommt alles brige Gewsser, das er zuletzt wieder in den Arg und Veh zurckflieen lt, er der da ist der Weltenschpfer. Whrend sich Angrmainyus in das Innere der Erde zurckzog, ward den Bergen ihre Kraft anerschaffen, die Erde gleichsam zu entwickeln. Im Anfang entstand Albordj, darauf die brigen Berge der Erde. Wie sich Albordj nach allen Seiten weit ausgedehnt hatte, gelangten alle andern Berge auch zur Vervielfltigung, da sie aus der Wurzel von Albordj entsprossen waren. Sie stiegen tief aus der Erde in die Hhe empor, wie ein Baum, dessen Wurzel bald hoch, bald in die Tiefe wchst. So kam es, da alle Berge aller Wurzel Sprossen waren, sich durch den ganzen Erdkrper ausbreiteten und seit der Wesenschpfung gesehen worden sind. Das Erdwasser quillt in den Bergen, wo die Ader verborgen liegt. Aller Berge Wurzel ist in Hhen und Tiefen gepflanzt; man sieht ihre Ausbreitung durch die Erde, den Verschlingungen der Baumwurzeln in der Erde gleich, und wie alle Adern des menschlichen Krpers in einen Stamm zusammenlaufen und dem ganzen Krper Kraft und Strke geben. Auer dem Albordj wuchsen innerhalb hundertundsechzig Jahren aus und ber der Erde alle Berge mit allem ihrem berflu und ihrer Fruchtbarkeit. Ahuramazd und Angrmainyus waren beide Schpfer des Baumes. Anfangs war derselbe drr, aber der Amschaspand Amerdad, dem der Baum zugehrt, setzte ihn, als er noch klein war, in das Wasser Taschters, als Taschter durch einen allgemeinen Regen Wasser ber die ganze Erde fhrte. Der Baum wuchs wie Haar des Menschenhauptes, und aus einem Baum sproten zehntausend fruchtbare Baumarten zur Heilung der Zehntausenden von Krankheiten, welche Angrmainyus in der Welt geschaffen hat. Diese zehntausend Gattungen von Bumen gaben wieder die Keime zu einhundertundzwanzigtausend Arten von Gewchsen, welche sich -- aus einem Keim entspringend -- fruchtbar vermehrten. Ahuramazd legte den Keim aller Pflanzen in den Zar Ferakh kand, worin dieser Keim wuchs, der alle Pflanzenarten mit ihren Vervielfltigungen in sich schlo. Neben diesen Urkeim aller Pflanzen setzte Ahuramazd den Baum Gogard, welcher alle verjngende und reichmachende Kraft in sich schlo.[206] Ahuramazd und Angrmainyus sind der Schpfer des Urstiers. Als derselbe tot war, gingen aus seinem Schweif fnfundfnfzig Arten Getreidepflanzen und zwlf Arten gesundmachender Bume hervor, die sich auf Erden vervielfltigten. Den Samen des Lichts und der Strke des Stiers bergaben die Izeds dem Mondhimmel, wo er durch das Mondlicht gelutert wurde. Ahuramazd bildete daraus einen wohlgebauten Krper, belebte ihn, und daraus wurden zwei andere Stiere, mnnlichen und weiblichen Geschlechts. Aus diesen entwickelten sich wieder 282 Tierarten auf Erden, die Vgel in der Luft und die Fische im Wasser. Whrend des dreiigtgigen Regens, welchen Taschter ber die Erde ausgo, teilte sich dieselbe in sieben Teile, deren mittelster, um welchen sich die sechs anderen gruppieren, Khunnerets (Iran) ist. In Khunnerets hat Ahuramazd alles gelegt, was im hchsten Grad rein ist, und seit Anbeginn schon sucht Angrmainyus diesen Erdteil zu schdigen, weil er sah, da Khunnerets das Vaterland des Keans (reinen, weisen Menschen) sein, und das reine Gesetz in Keans gegeben werden wrde, von wo aus es erst die andern Teile der Erde erhalten, und da der Sosiosch in Khunnerets geboren werden wrde, der bestimmt ist, Angrmainyus ohnmchtig zu machen und die Auferstehung der Toten sowie die Wiederherstellung der Leiber zu bewirken.[207]---- Im Gesetz steht geschrieben: Als der Urstier tot war, ging aus dem Mark seines Leibes Samen in Mannigfaltigkeit aus, wie es heit: Aus dem Marke kamen Schpfungen verschiedener Art, denn im Marke liegt alles verborgen. Aus den Hrnern des Stiers wuchsen die Frchte, aus seiner Nase die Laucharten, aus seinem Blute die Trauben, aus denen der Wein gekeltert wird, welcher das Blut vermehrt. Aus seiner Brust keimte Espand[208], welches gegen Fulnis und Hauptkrankheiten dient. Als der Same des Stiers im Mondhimmel gereinigt worden war, wurden aus ihm verschiedene Tiergattungen gebildet, zuerst zwei Stiere mnnlichen und weiblichen Geschlechts. Darauf setzte Ahuramazd von jedem Tierpaare eines auf die Erde, welche sich in Iran-vedj vermehrten und einen Hesar von drei Farsangs mit mit ihren Jungen anfllten.[209] Diese Tiere blieben tausend Tage und tausend Nchte ohne Nahrung, danach tranken sie Wasser und nhrten sich von den Bumen. Aus dem Stierpaar wurden zuerst Ziegen und Schafe, dann Kameel und Rindvieh und endlich Pferd und Esel geschaffen. Diese wurden zuerst und zum Gebrauch der Reinen erzeugt. In zweiter Linie schuf Ahuramazd Soweje[210], dessen Lauf schnell ist, und den Hirsch, Tiere, die keine Hand zhmt. Drittens schuf Ahuramazd die Wassertiere. Diese Tiere teilte Ahuramazd in fnf Gattungen: in solche mit gespaltenem Huf zum Gebrauch der Reinen, in Tiere mit ungespaltenem Huf, in Tiere mit fnf Klauen, in Vgel und Fische.-- Im Bun-Dehesch werden die Sugetiere in 282, die Vgel und Fische in je zehn Arten geteilt. Es ist auch von einem mystischen Hund Sura am Himmel nach der Seite des Gestirns Haftorang zu die Rede, den Ahuramazd zur Wache ber die Menschen und zum Schutz der Tiere schuf. Wenn Menschen und Tiere zusammenkommen, ist er in der Welt und bewacht sie. Er ist es, welcher durch die Hilfe des Arduisurwassers aus einem Menschen eine unzhlige Menge hat entstehen lassen. Sein Haar ist ihm Kleid, und er wacht mit Thtigkeit und Gre. Der lebendige Sa (Wolf) ist vom Haupte der bsen Geister geschaffen und richtet unter den Herden viel Unheil an. In Abwesenheit des Hundes vermehrt er die Furcht. Ahuramazd sagt: Ich habe den Vogel Varescha in groer Anzahl wider das Bse in der Welt geschaffen und besonders wider den, der -- durch das Gesetz erleuchtet -- hufig die Werke Angrmainyus thut. Ich habe ihn geschaffen, damit die Wnsche des Menschen Darvand nicht erfllet werden. Du wirst dich nicht sttigen knnen, wenn du den Wasservogel schlgst. Ohne den Vogel Varescha wrde Angrmainyus Darvand alle Arten von beln ber die Krper verhngen; die Welt wrde nicht bestehen knnen.[211] Der Hund Sura vervielfltigt alle Tierarten, und Angrmainyus zerrttet eines wie das andere, da zuletzt nur eines brig bleibt. Nach dem Tode Kaiomorts wurde dessen Same durch das Licht der Sonne gereinigt, und nach Ablauf von vierzig Jahren ging eine Reivaspflanze aus der Erde hervor, die wie ein Baum aufwuchs fnfzehn Jahre mit fnfzehn Sprlingen. Dieser Baum ist wie zwei nebeneinander gestellte Krper, da einer dem andern die Hand ans Ohr hlt und beide -- so miteinander vereinigt -- gleichsam ein Leib sind.[212] -- Sie waren so genau miteinander verbunden, da man weder mnnliches noch weibliches voneinander unterscheiden, noch sehen konnte, ob Ahuramazd das mnnliche Glied zuerst erschaffen habe, wie gesagt wird in Hinsicht auf das Erstgeschaffene, ob es das Glied oder der Leib gewesen. Ahuramazd sagt davon, da er zuerst die Hand und darauf den Krper gemacht und dann jenes Glied dem Krper angefgt habe; da er dem Krper seine eigentmliche Wirkungskraft anerschaffen, um sein Werk zu thun und zu leben. Aber die Seele ist von ihm vor dem Krper erschaffen worden. Wie Krper und Seele aus Pflanzenwesen in Menschenwesen umgebildet waren, so bekam das Glied von Ahuramazd seine Stelle, und die Seele nahm ihre Wohnung im Krper. Der Baum wuchs empor und trug zehn Menschenarten als Frchte. Ahuramazd redete von Meschia und Meschiane. Der Mensch als Weltvater wurde. Der Himmel ward ihm bestimmt mit der Bedingung der Herzensdemut, Gehorsam gegen den Willen des Gesetzes, der Reinheit in Gedanken, der Reinheit in Reden, der Reinheit in Thun und Lassen, und da er keine Dews anbete. Durch Beharren in diesem Geist sollten der Mann zum Glcke des Weibes und das Weib zum Glcke des Mannes leben. So waren auch im Anfang ihre Gedanken und ihre Werke. Sie nahten sich einander und hatten Gemeinschaft zusammen. Anfangs sprachen sie: Ahuramazd ist es, von dem Wasser und Erde, Bume und Tiere, Sterne, Sonne, Mond und alles Gute kommt, das reine Wurzel und reine Frucht hat. Darauf bemchtigte sich Angrmainyus ihrer Gedanken, verdarb ihre Seele und gab ihnen ein, er sei es, der Wasser und Erde, Bume und Tiere und alles Gute geschaffen habe. Das glaubten sie, und so gelang es Angrmainyus, sie gleich anfangs zu betrgen durch Irrtmer in der Lehre von den Dews, und von Anfang bis zu Ende suchte der Grausame nichts als Betrug. Meschia und Meschiane wurden durch den Glauben an diese Lge Darvands, und ihre Seelen mssen bis zur Neubelebung der Leiber im Duzakh verharren. Meschia und Meschiane kleideten sich dreiig Tage lang schwarz; danach gingen sie auf die Jagd und fanden eine weie Ziege, aus deren Zitzen sie die Milch sogen; die war ihnen liebliche Nahrung. Meschia und Meschiane sprachen: ich habe noch nichts so angenehmes genossen wie diese Milch, sie hat mich ungemein erquickt. Das war aber ein bel fr ihren Krper, denn dadurch sndigten sie gegen ihren Leib und wurden gestraft. Angrmainyus, dessen Rede ganz Lge ist, zeigte sich -- durch jenen Betrug noch beherzter -- ihnen zum zweiten Mal und gab ihnen Frchte, die sie aen. Dadurch verloren sie die hundert Glckseligkeiten, die sie bisher genossen hatten, bis auf eine. Nach dreiig Tagen und dreiig Nchten kam ein fetter weier Schps zu ihnen, dem sie das linke Ohr abschnitten. Die himmlischen Izeds hatten sie gelehrt, Feuer aus dem Konarbaum zu ziehen, dessen Holz sie mit einem scharfen Eisen rieben. Beide legten das Feuer an den Baum und machten durch ihr Blasen, da es in einer Flamme ausschlug. Zuerst brannten sie Holz von Konarbaum, darauf von Datteln und Myrten. Den Schps brieten sie und teilten ihn dreifach, und von den zwei Teilen, die sie nicht aen, wurde ein Teil durch den Vogel Kehrkas gen Himmel getragen. Anfangs kleideten sie sich in Hundsfelle, denn Hundefleisch war ihre Speise, danach jagten sie fleiig und machten sich Kleider von den Fellen des Rotwilds. Es steht auch geschrieben, da Meschia und Meschiane eine ffnung in die Erde machten. Darin fanden sie Eisen, woraus sie eine Axt fertigten, nachdem sie es mit Steinen geschrft hatten. Diese legten sie einem Baum an die Wurzel, hieben ihn ab und bauten sich eine Wohnung, ohne Gott zu danken. Dadurch bekamen die Dews groe Gewalt ber sie. Einer wurde der Feind des andern, einer entbrannte in Neid und Ha gegen den andern, einer lehnte sich gegen den andern auf, schlug und beschdigte ihn und erlitt ein Gleiches. Endlich schrie der Frst der Dews aus seiner finstern Wohnung gewaltig: O, betet an, ihr Menschen, betet an die Dews! Der Dew des Neides und des Hasses setzte sich auf seinen Thron. Meschia nahte sich, zog Milch von seiner Kuh und go sie nordwrts aus. Dadurch bekamen die Dews grere Macht, und Meschia und Meschiane wurden unfruchtbar. In fnfzig Jahren dachten sie an keine leibliche Vereinigung. Am Ende der fnfzig Jahre bekam Meschia zuerst Lust zur Zeugung und danach Meschiane. Meschia sprach zu Meschiane: Ich mchte deine Schlange sehen, denn die meinige erhebt sich mit Macht. Danach sprach Meschiane: O Bruder Meschia, ich sehe deine groe Schlange, sie fhrt auf wie ein leinen Tuch. Darauf sahen sie sich, und dieses Sehen ward ihnen verderblich, denn sie thatens mit Ausschweifung, indem jedes bei sich selbst dachte: schon seit fnfzig Jahren htte ich das thun sollen. Nach neun Monaten wurden ihnen Zwillinge, ein Knblein und ein Mgdlein, geboren. Von diesen geliebten Kindern pflegte die Mutter das eine und der Vater das andere. In der Folge nahm ihnen Ahuramazd diese Lieblinge ab und sorgte fr ihre Erziehung; sie blieben auf der Erde. Meschia und Meschiane sahen noch sieben Paar Nachkommen mnnlichen und weiblichen Geschlechts von ihnen. Alle waren Brder und Schwestern. Jedes Paar zeugte Kinder bis zum fnfzigsten Jahr und gegen das hundertste starb es. Unter diesen sieben Paaren waren Siamakh, der Mann, und Veschak, die Frau, welche wieder zwei Kinder beiderlei Geschlechts miteinander hatten, Frevak und Frevakein. Von diesen wurden fnfzehn Paare Kinder geboren, von denen ein jedes die Eltern eines besonderen Volkes wurde, und auf welche alle Vlker der Erde zurckgehen. -- Dabei sei nebenbei bemerkt, da im Bun-Dehesch monstrse Menschen -- hnlich wie bei Berosus -- angefhrt werden, so Menschen mit einem Ohr, einem Auge, einem Haarschweif, einem Pferde- oder Hundskopfusw. Von der Zeugung sagt das Gesetz, da eine Frau, nachdem sie vom Daschtan[213] gekommen ist, innerhalb zehn Tagen und zehn Nchten nach ihrer Empfngnis schwanger wird. Der Beginn ihrer Schwangerschaft ist das Ende ihrer Periode. Ist der Same des Mannes krftiger, so wird ein Knabe geboren, ist es der weibliche Same, ein Mdchen. Hat der Same von Mann und Frau gleichviel Kraft und Geist, so wird die Geburt zwei- und dreifach. Tritt der Samen des Mannes zuerst aus, so wird die Frau Mutter; quillt aber der weibliche Samen zuerst, so ist es bloes Blut, und sie hat Ungemach davon. Der Samen des Weibes ist bluthnlich und kommt aus der Seite als eine weilich-rot-gelbe Flssigkeit. Der feurige und trockene Samen des Mannes quillt aus dem Haupt und Marke, ist flssig, wei, stark und in Menge ausschieend. Sobald der weibliche Samen in die Mutter dringt, ist er wirksam; der mnnliche bedeckt ihn und erfllt die Mutter; aller nachmalige geht in die Adern der Mutter und wird zu Blut, und nach der Geburt wird er zu Milch, der Nahrung des Kindes, denn alle Muttermilch kommt vom mnnlichen Keime. Vier Dinge sind Mutter. Himmel, Metalle, Wind und Feuer sind zeugende Vter und werden nie etwas anderes; aber Wasser, Erde, Bume und Mond sind weiblich ohne alle Verwandlung. Alles brige ist mnnlich und weiblich. Das Gesetz spricht von fnf Arten Feuer: vom Feuer Berezesengh in Ahuramazd und den Knigen; von Voh freiann in den Menschen und Tieren; von Oruazescht in den Tieren und Gewchsen; von Vazescht, dem Feuer des Blitzes und dem Feuer des Beehenescht, welches den Bedrfnissen des Menschen dient und aus dem das heilige Feuer Behram zubereitet wird. Das Behramfeuer stammt aus der reinsten Lichtmaterie aller Feuer. Nachdem der Menschenkrper im Mutterleib gebildet ist, kommt die Seele vom Himmel herab und belebt ihn. So lange er durch sie lebt und sich bewegt, begleitet sie ihn unablssig. Wenn der Mensch stirbt, wird sein Leib Staub, und die Seele kehrt in den Himmel zurck. Im Bun-Dehesch folgt nun eine Art mystischer Zoologie, worin namentlich dargestellt ist, welche Tiergattungen gegen gewisse Dmonen schtzen, eine Anschauung, welche sich bekanntlich bis in das Mittelalter fortspinnt. Aus den diesbezglichen Anfhrungen des Bun-Dehesch will ich nur folgende, als bei den Juden, den Neuplatonikern und im Mittelalter noch besonders in Ansehen stehend mitteilen, obschon die Erinnerung an die Quelle dieser Anschauung verloren gegangen war: Der Hahn ist den Dews und Zauberern feind. Er untersttzt den Hund, wie im Gesetz steht: Unter den die Druschts plagenden Geschpfen vereinigen der Hahn und der Hund ihre Krfte. -- Das Gesetz sagt: wenn der Hund und der Hahn gegen Druscht streiten, so entkrften sie ihn, der sonst Menschen und Vieh peinigt. Daher heit es: Durch ihn werden alle Feinde des Guten berwunden; seine Stimme zerstrt das Bse. Der Hund verlangt vom Menschen nichts als Fleisch und Fett; ihm es geben, ist Quelle der Gesundheit, die Ahuramazd schenkt. Nichts Schdliches darf ihm gegeben werden. Wer ihm -- auch unbewut -- etwas Faules giebt, der mu von den Desturs, welche die fnf ntigen Eigenschaften haben, gestraft werden. Nhrt man ihn aber mit dem, was vorgeschrieben ist, so macht man alle Dews zu Schanden. In der deutschen Volkssage spielt bekanntlich ein dreibeiniger gespenstiger Schimmel eine bedeutende Rolle, whrend im Bun-Dehesch von einem hnlichen dreibeinigen weien Esel die Rede ist. Offenbar walten hier uralte Reminiscenzen arischer Vlker ob, deren Sinn verloren gegangen ist. Vom Wasser wird im Bun-Dehesch allerlei Mystisches berichtet: Das erste Wasser ist das der Pflanzen; das zweite, das aus den Bergen quillt und Quellen bildet; das dritte Wasser ist der Regen; das vierte das in Brunnen gegrabene; das fnfte der menschliche und tierische Samen; das sechste der Schwei; das siebente das Rckenmark; das achte der Urin; das neunte der Speichel; das zehnte das menschliche und tierische Fett; das elfte der menschliche und tierische Lebenssaft; das zwlfte der von unten aufsteigende Baumsaft, von welchem es heit: Der Saft in den Bumen gleicht Wassertropfen, die ausquellen, wenn man den Baum nahe an das Feuer legt. Das dreizehnte Wasser endlich ist die Milch der Tiere und Menschen. Wenn alle diese Dinge ein Nefa[214] berhrt oder wenn ein aus dem Wasser gezogener Leichnam oder ein Stck davon sich wieder mit dem Wasser der Ruds vermischt, alsdann sind, wie geschrieben steht, die drei Ruds: Arg, Muru und Itmand, sie die himmlischen, mit Unreinheit geschlagen; ihr Flu trnkt die Welt nicht mehr; und wenn eine Frau nach unzeitiger Geburt aus dem besondern Ort ihrer Entfernung dieses Wasser anschauet, so zeigt sich in diesen Fllen das Wirken des Menschenfeindes.[215] Aber Zoroaster hat auch dafr gesorgt, denn Ahuramazd spricht: Ich gebe euch das sechste Wasser Zur. Wen ihr damit begiet, der gelangt zur ersten Reinheit. Von diesem Wasser heit es: Wenn wenig Her[216] und viel Zur ist, so kommt das Wasser in drei Jahren wieder zur Quelle; sind Her und Zur gleich, so geschieht es in sechs Jahren; ist aber mehr Her als Zur, so bedarf es neun Jahre, und dann kehrt es zurck, um den Bumen Glanz zu geben. Es folgt im Bun-Dehesch wieder eine lngere naturgeschichtlich-mystische Exkursion, aus welcher ich nur hervorheben will, da die Affen als eine Art Dews betrachtet werden, erzeugt aus der Ehe der Schwester Djemschids mit einem Dew. Bekanntlich hlt noch Luther in seinen Tischreden die Affen fr Teufel. Hinsichtlich der Chronologie will ich nur folgende Stellen des Bun-Dehesch anfhren. Es heit, da im Jahr, durch der Monate Lauf Wrme und Klte und Klte und Wrme sich innerhalb sechzig Tagen zweimal miteinander vereinigen. Die Monate Farvardin, Ardibehescht, Chordad machen Frhling; Tir, Amerdad, Schahriver Sommer, Meher, Avan, Ader Herbst und Din, Bahman und Sapandomad sind Wintermonate. Die Sonne vollendet vom Kordeh Vareh (Widder), bis sie wieder an diesen Ort kommt, in ihrem Lauf 365 Tage und fnf kleine Zeitteile. Das macht ein Jahr. Alsdann kehrt sie dahin, woher sie gekommen ist. In drei Monaten durchluft sie drei Himmelszeichen mehr oder minder sichtbar und kehrt wieder zurck. Alle Zeit vollendet sich in zwlf Jahrtausenden. Im Gesetz steht, da das Himmelsvolk in den ersten drei Jahrtausenden allein war, da damals das Heer des Feindes nicht in die Welt ausstreifte. Kaiomorts und der Stier machen bis zur Erscheinung der Welt drei andere Jahrtausende. Das sind also sechs Jahrtausende. Diese Tausende Gottes bilden sich ab in den sechs ersten himmlischen Zeichen: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Lwe, Kornhre. Diese begreifen die sechs Jahrtausende Gottes. Nach den Tausenden Gottes kam die Wage. Angrmainyus lief aus in die Welt. Nach der Zeitrechnung des Bun-Dehesch wrde die Gegenwart unter dem Zeichen des Steinbocks stehen. Ich will bemerken, da die Verteilung der Zeit unter die Himmelszeichen und Planeten auf die ganze Astrologie nachwirkte. Noch sei erwhnt, da auch im Bun-Dehesch die biblische Anschauung von einem paradiesischen unschuldigen Urzustand der Natur vertreten ist. Es heit: Vor des Feindes Ankunft in der Welt hatten die Bume weder Dornen noch Rinde. Seit Angrmainyus Peetiar, der sich in alles, was ist, mischte, tragen sie Stachel und Rinde. Am strksten wirkte seine Macht auf die Gewchse, denn ihre Schdlichkeit bertrifft alles andere bel; ihr Giftsaft ttet durch seinen Genu Menschen und Tiere. Von den Druschts heit es: Dew Tarmat ist der Dew des Hochmuts. Dew Medokht ist Angrmainyus. Dew Areschk ist Urheber des Neids. Der mchtigste dieses argen Volkes ist Dew Eschem, wie geschrieben steht. Sieben Krfte werden Eschem gegeben zur Zerrttung der lebendigen Geschpfe. Durch seine siebenfachen Krfte schlug er zu seiner Zeit die Keans, lebendige Bewohner der sieben Keschvars. Ein einziger Keschvar kmpfte gegen ihn, Medokht kam dahin, und Areschk ward darber froh. Eschem kehrte alles um. Eschem eroberte eine Gegend, woselbst er viele Geschpfe zerrttete und in groer Zahl zu Grund richtete. Eschem ist es eigentlich, der gegen das von Ahuramazd geschtzte Volk feindselig handelt. Die Keans, Geschpfe des Lebens, wurden durch die Bosheit Eschems gedrckt, wie es heit: Eschem Khruidrosch schuf Dew Odjescht, der Tag und Nacht frit in der Welt und der Toten Seelen mit Furcht qult, ihnen Schrecken einflt und vor dem Hllenthor sich aufhlt. Er schuf Dew Ode, der den Menschen, er sitze am Orte der Aufmerksamkeit oder speise an einem himmlischen Ort, auf die Schulter schlgt und ihm zuredet, Unreines zu essen, damit er nicht zu den reinen Wohnungen der Seligkeit (Behescht) gelangen mge. Von der Auferstehung der Toten und Wiederherstellung der Leiber berichtet das Gesetz, da so, wie Meschia und Meschiane, Erdengezeugte, zuerst von bloem Wassertrinken lebten, nachmals festere Nahrung, Baumfrchte, genossen, dann Milch und endlich Fleisch, so in umgekehrter Ordnung die Menschen, welche durch die ganze Zeitdauer von ihnen abstammen, zuerst Fleisch, dann Milch und Brot zur Nahrung machen werden, bis sie wieder dahin gebracht sind, da sie von nichts als Wasser leben. Im Jahrtausend Oscheder mah wird noch Kraft in der Natur sein, aber abnehmen. Die Menschen werden nur in je drei Tagen ein Izeschn[217] vollenden, eines wie das andere essen und sich am Ende der Tage erkennen. Darauf werden sie nicht mehr Fleisch essen, sondern Baumfrchte und Milch wird ihre Nahrung sein. Dann werden sie auch nicht mehr Milch genieen, sondern blos von Gewchsen leben und Wasser trinken. Im letzten Jahr der Erscheinung des Sosiosch wird der Mensch ohne alle Nahrung leben. Danach wird Sosiosch die Toten beleben, wie geschrieben steht: Zoroaster fragte Ahuramazd und sprach: Der Wind fhrt den Staub der Krper fort, Wasser nimmt ihn mit sich; wie soll der Tote auferstehen? Ahuramazd antwortete: Ich bin es, der den allweiten sternreichen Asman (Himmel) im Raum des thers hlt; der macht, da er -- hier zeigte er auf das Antlitz des Himmels -- in Tiefen und Weiten Licht, das einst in Nacht begraben war, ausstrahlen mu. Durch mich ist die Erde geworden zur Dauer und Bestand, die Erde, darauf der Herr der Welt wandelt. Ich bin es, der den Glanz der Sonne, des Monds und der Sterne durch die Wolken leuchten lt. Ich bin der Schpfer des Samenkorns, das nach der Verwesung in der Erde von neuem keimt und sich vermehrt ins Unendliche. Ich bin es, der den Bumen Adern des Saftes und Wurzeln mancherlei Art geschaffen. Durch meine Kraft lebt in den Bumen und allen Geschpfen ein Feuer, das nicht verzehrt. Ich bin es, der die lebendige Frucht in die Mutter legt nach ihrer Art, der allen Wesen besonders giebt Haut, Ngel, Blut, Fu, Auge, Ohr. Ich bin es, der Wasser in den Tiefen schafft und in den Hhen, damit die Welt getrnkt werde durch Flsse und Regen. Ich bin es, der den Menschen macht, dessen Auge Licht ist, dessen Lebenskraft im Hauche des Mundes liegt; will er sich heben durch die unsichtbare Kraft des Lebens, das ich in ihn gelegt, so kann kein Arm ihn niederdrcken. Ich bin Schpfer aller Wesen. Trete der Arge auf und versuche die Auferweckung; er wird sie umsonst versuchen und keinen Leichnam beleben knnen. Sicher und gewi sollen deine Augen einst durch die Auferstehung neu leben sehen. Gerippe sollen Sehnen und Adern bekommen. Und ist die Belebung der Toten vollendet, so wird sie kein zweites Mal erfolgen. Denn um diese Zeit wird die verklrte Erde Gebeine und Wasser, Blut und Pflanzen, Haar und Feuer und Leben geben wie beim Beginn der Dinge. Kaiomorts wird der Erstling der Auferstehung sein und Meschia und Meschiane nach ihm; nach diesen wird das brige Menschengeschlecht Leben bekommen. Der Mensch soll wieder auf Erden sichtbar werden. Rein oder Darvand, jeder Mensch soll nach dieser Ordnung neu leben. Ihre Seelen sollen erst sein; alsdann sollen alle Leichname der ganzen Welt, so weit sie ist, ganz so neu werden wie beim Anbeginn der Schpfung. Ein Lichtstrahl der Sonne wird Kaiomorts Licht und Glanz geben, ein anderer der brigen Menschenmenge. Jede Seele wird die Leiber erkennen: Siehe, mein Vater! meine Mutter! mein Bruder! mein Weib! meine Freunde und Verwandten! Alsdann werden die Wesen aller Welt mit dem Menschen auf Erden versammelt sein. In dieser Versammlung wird jeder sein Gutes und Bses, das er gethan hat, sehen. In dieser Versammlung wird der Darvand sein wie ein weies Tier unter den schwarzen. In dieser Weltversammlung wird der Darvand den Gerechten, dessen Freund er hier war, besonders an sich ziehen und sagen: Ach, warum hast du mich doch auf Erden, da ich doch dein Freund war, nicht gelehrt, mit Reinheit zu handeln. Du, o Reiner, hast mich nicht zum Guten geleitet, und darum bin ich unter diesen Seligen! Danach wird eine Scheidung sein zwischen den Gerechten und Darvands. Die Gerechten werden in Gorotman eingehen, und alle Darvands werden von neuem in den Abgrund gestrzt werden. Drei Tage und drei Nchte hindurch mssen Leib und Seele ben, unterdessen der Gerechte in der Himmelswohnung die Lieblichkeiten der Seligen mit Leib und Seele schmecken wird, denn so steht geschrieben. Am Tage der Scheidung des Reinen von Allem, was Darvand ist, wird jeder Befleckte in die Tiefe sinken. Dann wird der Vater von seinen Geliebten, die Schwester vom Bruder, der Freund vom Freund geschieden sein. Jeder wird nehmen nach seinen Werken. Unbefleckte werden weinen ber die Darvands, und die Darvands ber sich selbst. Von zwei Schwestern wird die eine rein sein, die andere Darvand. Zohak und Afrasiab aus Turan und ihnen hnliche werden die Strafe der Snde Marguerzan (Tod) erleiden. Die Menschen werden jener Luterung von drei Tagen und drei Nchten nicht entrinnen. Beim Beginn dieser Auferstehung werden von den noch lebenden Reinen fnfzig mnnlichen und fnfzig weiblichen Geschlechts dem Sosiosch zu Hilfe kommen. Wenn einst Gurzscher[218] vom sublunarischen Himmel auf die Erde strzen wird, so wird die Erde krank sein gleich dem Schaf, das mit Zittern und Zagen vor dem Wolf niederfllt. Alsdann werden durch des Feuers Hitze groe und kleine Berge mit Metallen zerflieen. Das geschmolzene Erz bildet einen groen Strom, und alles, was Mensch heit, mu hindurch zur Reinigung. Der Reine durchgeht ihn wie einen warmen Milchflu. Die Darvands mssen auch hindurch, sie fhlen sich dazu gezwungen, und so mu die ganze Welt den geschmolzenen Erzstrom durchgehen, damit sie rein und glcklich werde, Vater, Sohn, Schwester, Freund, Einer wie der Andere, und Einer mit dem Andern werden Gutes thun. Wenn nun die Seelen, es sei der Gerechten oder Darvands, sprach Zoroaster, ber die ich deinen Unterricht gesucht habe, so gereinigt worden sind, was wird dann weiter aus dem Menschen, sowohl der Seele als dem Leibe nach, werden? Ahuramazd sprach: Alle Menschen werden sich zu einem Werk vereinigen und werden Ahuramazd und den Amschaspands mit lebendigem Eifer ein groes Setaesch[219] bringen. Wenn nun um diese Zeit alle Schpfungen Ahuramazds vollendet sein werden, wird er nichts mehr hinzuthun. Die Neubelebten werden dem Knechtsdienst entrissen sein. Sosiosch wird mit allen belebten Toten lobpreisen, und der Stier Hedeiavesch wird einstimmen. Die Toten werden leben durch das, was vom Stier ausgeht und dem weien Hom. Sosiosch wird allen Menschen von diesen Sften zu trinken geben, und sie werden gro und unvergelich sein, so lange Wesen dauern. Alle Tote, gro und klein, werden davon trinken und neu leben. Endlich wird Sosiosch auf Befehl des gerechten Richters Ahuramazd von einem erhabenen Ort aus allen Menschen geben, was ihre Thaten wert sind. Der Reinen Wohnung wird der glnzende Gorotman sein, Ahuramazd selbst wird ihre Krper zu sich in Gorotmans Hhen ziehen, und sie werden alle Ewigkeiten hindurch unter seinem Schutze wandeln. Dann werden Ahuramazd und Angrmainyus, Bahman und Akuman, Ardibehescht und Ander, Schahriver und Savel, Sapandomad und Darmad, Naonghes, Kordad, Amerdad, Tarik und Zaretch, Serosch und Eschem vereinigt Izeschn anstimmen. Alsdann wird Druscht Angrmainyus bleiben und in Ahuramazds Welt zurckkehren. Er selbst, Djuti[220] und Serosch und Raspi[221] werden den Evanguin[222] in der Hand fhren. Alsdann wird Angrmainyus, des Argen, Macht, die nichts als Bses thut, geschlagen sein. Er wird vom Himmel zur Brcke Tschinvad eilen und sich von neuem in die dichte Finsternis strzen. Dieser Morddrache wird in dem Flusse geschmolzenen Erzes ausbrennen: Alles Faule und Unreine des Duzakh wird darin aufgelst und gelutert werden. Der unterirdische Angrmainyus wird von neuem erscheinen, des Abgrunds Erde durch den Erzstrom ziehen und sie zum fruchtreichsten Land machen. Auch wird die Welt durch das Wort bei der Auferstehung ewige Dauer bekommen. Viertes Kapitel. Die Orakel Zoroasters. Wie bereits gesagt, galt -- wenn auch durchaus irrtmlicher Weise -- im ganzen Altertum Zoroaster als der Erfinder und grte Adept der Magie. Deshalb standen auch bei den Magiern und Theurgen, Neuplatonikern und Gnostikern ihm zugeschriebene Aphorismen, die sogenannten +Oracula magica Zoroastris+, im hchsten Ansehen. Lt sich nun auch ein Zusammenhang dieser Orakel mit der Person Zoroasters nicht nachweisen, so vertreten sie doch entschieden zoroastrische Ideen, obschon dieselben neuplatonisch und gnostisch berfirnit erscheinen. Uralt sind sie gewi; und wenn der um 220 gestorbene Kirchenvater Clemens von Alexandria in seinen +Stromata+ sagt: Pythagoras machte zuerst auf den berhmten persischen Magier Zoroaster aufmerksam, dessen Geheimschriften die Anhnger des Prodicus zu besitzen vorgaben, so haben wir in dem den magischen Orakeln Zoroasters zu Grund liegenden Original vielleicht eine solche Geheimschrift zu sehen, welche -- von den alten Pythagorern wollen wir ganz absehen -- zweifelsohne den Neupythagorern, Neuplatonikern und Gnostikern bekannt war. Dafr spricht auer dem sachlichen Inhalt auch der Umstand, da sie von dem gelehrten Byzantiner _Michael Psellos_ (gest.1106) kommentiert wurden, von demselben Psellos, der so viele neuplatonische Schriften dem Untergang entri und mit Commentaren versah. Auch ist sie den von Marsilius Ficinus mitgeteilten Symbolen des Pythagoras sehr hnlich. Ich habe von dem den magischen Orakeln zu Grund liegenden Original gesprochen und zwar mit Recht, denn die uns heute unter diesem Namen vorliegenden Aphorismen sind ganz offenbar nicht das Original, sondern Fragmente, welche sich in vier verschiedenen Fassungen mit eben soviel Kommentaren erhalten haben. Drei Fassungen tragen neuplatonisches, die vierte anscheinend gnostisches Geprge. Ich wende mich zuerst zu den neuplatonischen Bearbeitungen samt ihren Kommentaren. Der erste Commentator der Orakel ist der oben genannte Psellos, der zweite ist der als Rat des Manuel und Theodor Palologos und berhmter Philosoph der Renaissance bekannte, wahrscheinlich 1452 gestorbene _Georgios Gemistios Plethon_, der dritte, aber der hier beobachteten Reihenfolge nach der erste, ist ungenannt. Ich vermute in diesem unbekannten Kommentator einen gewissen _Johannes Opsopoeus_, welcher diese mystischen Fragmente mit den Kommentaren des Psellos und Plethon unter dem Titel herausgab: +Oracula magica Zoroastris cum scholiis+ unter +Plethonis et Pselli nunc primum edita, e bibliotheca regia stud. Joh. Opsopoei, Graec. et Lat. Paris. 1607. 8.+ Beigebunden sind noch die sogenannten metrischen Orakel des Jupiter, Apollo, Serapis und der Hekate, sowie die von Joseph Scaliger besorgte Ausgabe der Oneirokritik des Astrampsychus. Opsopoeus schickt seiner Zusammenstellung der drei verschiedenen Redaktionen der zoroastrischen Fragmente eine Sammlung von Stellen aus Platos Alcibiades, aus Plutarchs Isis und Osiris, ber den Verfall der Orakel, aus Plinius Naturgeschichte, aus Suidas Ammianus Marcellinus, Clemens von Alexandria und Eusebius ber die Person&c. Zoroasters voraus, welche wir hier bergehen knnen. Darauf lt er die erste Fassung der Orakel mit dem Kommentar des Ungenannten, alsdann die Fassung und den Kommentar des Psellos folgen. An denselben giebt er eine kurze Erluterung der chaldischen[223] Religionslehren durch Psellos, aus welcher ich nur herausheben will, da Psellos sagt: Die Chalder nehmen sieben Welten an, eine feurige, drei therische und drei materielle, deren letzte die unter dem Mond befindliche irdische ist. Weiterhin sagt Psellos noch, da nach chaldischer Lehre die Seelen sich nach dem Tode nach Magabe ihres Luterungsbedrfnisses zerstreuten und sich in teilbare und unteilbare Naturen absonderten. Das brige dieses Abschnittes ber die chaldischen Lehren enthlt nichts als bekannte exoterische uerlichkeiten. Den Schlu des Buches von Opsopoeus bilden die zoroastrischen Orakel in der Fassung, wie sie Plethon kannte, mit dem Kommentar des selben. -- Am meisten gleichen sich die erste Fassung der Orakel und die des Plethon; die Fassung des Psellos weicht erheblich ab. Ich gebe nun eine vergleichende Zusammenstellung der Orakel sowohl als der Kommentare. Der erste Aphorismus in der ersten Fassung lautet: Erforsche den Weg der Seele, woher sie komme und weshalb sie dem Leib dienen msse. Trachte dahin, da du sie an den Ort zurckbringst, von dem sie ausgegangen ist. Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in dieser Fassung des Plethon: Erforsche die Reihenstufe, auf welcher deine Seele steht, welchen Rang sie vor ihrer Verbindung eingenommen; mittelst magischer Worte und Gebruche wirst du sie zu ihrer frheren Wrde wieder aufrichten. Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu, da nach Annahme der Magier die Seele unsterblich vom Himmel herabkomme, um sich auf der Erde mit dem Krper analog dem Verhltnis des Mannes zur Frau zu verbinden und ihn dereinst wieder behufs ihrer Rckkehr in den Himmel zu verlassen. Ob sie aber thatschlich in den Himmel zurckkehre, komme auf ihr Verhalten whrend des irdischen Lebens an, ob sie sich nmlich mehr den Prinzipien des Lichts oder der Finsternis zugeneigt habe&c. Darauf deutet nun ermahnend der Spruch hin, da wir ber den reinen Spruch der Seele nachdenken sollen; denn kennen wir den Weg, welchen sie aus dem Himmel genommen hat, so wird sie ihn auch zurckfinden. -- Bestimmter spricht sich Plethon aus: Die Magier aus der Schule Zoroasters glaubten, da die Seele wegen frherer Verschuldung mit dem Krper sich verbinde, sich aber derselben in dieser Verbindung nicht mehr entsinnen knne. Nur wenn die Seele whrend ihres irdischen Aufenthaltes einen tugendhaften Wandel gefhrt habe, stehe ihr die Rckkehr in die himmlische Heimat frei. Weil aber mannigfache Wohnungen der Seele bereitet sind, so ist es natrlich und begreiflich, da der Aufenthalt der einen ein lichtumflossener, der der andern ein undurchdringliches Dunkel sein mu. Der Zug der Seele fhrt sie dahin, wo ihr die whrend der Verbindung mit dem Leibe begangenen Handlungen eine Stelle anweisen. Das Orakel ermahnt uns daher, da wir ber den Ursprung der Seele und ber unsere Handlungen auf Erden nachdenken und darauf durch Gebet und gottgefllige Ceremonien ihre Erhebung in den Himmel zu bewirken trachten. Unter diesen Ceremonien sind die sogenannten theurgischen Hlfen zu verstehen, welche nach Philo und den Neuplatonikern, wie berhaupt nach den Mystikern aller Zeiten in der Zurckgezogenheit von der Welt und Stille, in der Enthaltsamkeit von berflssiger Nahrung, Fleischspeisen, alkoholischen Getrnken und physischer Liebe, in der Zurcksetzung weltlicher Geschfte, Meditation und Betrachtung gewisser Worte und Symbole bestehen. Von diesen sagt _Proklos_[224]: Die Vollbringung geheimer, ber alle Vernunft gehender, den Gttern wohlgeflliger Handlungen und die Kraft der von den Gttern allein erkannten unaussprechlichen Symbolen gewhrt nur die theurgische Vereinigung. Daher wird sie nicht durch das Denken bewirkt, und wir bringen sie nicht durch die Thtigkeit der Vernunft in uns hervor. Die gttlichen Charaktere oder Symbole (%symbola% oder %synthmata%) bringen vielmehr, ohne da wir denken, die theurgische Vereinigung (%theougikn hensis%, bei Porphyrius %synousia%) hervor, also da die verborgene Kraft der Gtter, worauf sich jene beziehen, durch sich selbst ihre eigenthmlichen Bilder erkennt.[225] Der zweite sich dem Sinn nach vllig an den ersten anschlieende Aphorismus lautet in der ersten Fassung: Wende dich nicht rckwrts! Das Verderben ist auf der Erde, und sieben Wege sind es, welche dich vom Bessern abziehen und dem Schicksal unterwerfen. Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in der Fassung des Plethon: Damit du nicht zum Abgrund hinneigst und abermals dem Schicksal verfllst. Der anonyme Kommentator versteht unter dem Verderben das Laster, die sittliche Verdorbenheit und das sittliche Elend; unter Erde den irdischen Leib, die sinnliche Natur, unter Feuer das Gttliche im Menschen. Die sieben den Menschen dem Schicksal unterwerfenden Wege sind die sieben nach der alten Weltanschauung von den Planeten abhngigen Kardinalfehler, die Todsnden der katholischen Kirche. Nach diesem Kommentator erhebt sich der Mensch durch die Anwendung seiner sittlichen Kraft ber das Fatum oder die vorher bestimmte Versuchung, indem er der unsittlichen Neigung, welche sich, je nach dem in ihm herrschenden Temperamente, seiner Seele am meisten zu bemchtigen droht, den krftigsten Widerstand entgegensetzt. Plethon versteht unter dem Abgrund die Erde als Gegensatz zur Lichtwelt und giebt dem Aphorismus folgenden Sinn: Lebe so, da du vor der Wiederverkrperung behtet werdest, denn solltest du zu einem abermaligen Wandeln auf der Erde verurteilt werden, so befindest du dich wieder unter der Herrschaft der Nothwendigkeit. Der dritte Aphorismus lautet in der ersten Fassung und bei Plethon bereinstimmend: Dein Gef werden die Thiere der Erde bewohnen und beide Kommentatoren verstehen einstimmig unter dem Gef der Seele den Leib, und unter seinen Bewohnern die Wrmer. Psellos dagegen, in dessen Fassung dieser Aphorismus der Reihenfolge nach der neunzehnte ist, versteht unter Gefß« das Temperament des aus allen Elementen zusammengesetzten Leibes, und unter den Bewohnern des Gefes die sich eines jeden Menschen, der seine Leidenschaften nicht beherrschen kann, sich bemchtigenden Dmonen nach dem Grundsatz, da Gleiches von Gleichem angezogen wird. Der vierte Aphorismus lautet in der ersten Fassung: Strebe nicht dein Schicksal zu erweitern, denn die Vorsehung giebt allen Dingen ihr bestimmtes Maa, und ihre Handlungen sind nicht unvollkommen. Bei Plethon und Psellos (bei letzterem Aph. 29): Erweitere nicht dein Schicksal. Der anonyme Kommentator erklrt diesen Aphorismus allgemein moralisierend und sagt, da diese Mahnung diejenigen angehe, welche mit der ihnen im Leben angewiesenen Stellung unzufrieden seien und whnen, da sie selber ihr Schicksal machen und die Beschlsse der Gottheit verbessern knnten. Psellos und Plethon fassen das Schicksal (%heimarmen%, +fatum+, des Grundtextes) im landlufigen Sinn auf und sagen, es sei thricht, durch Wnsche und Gebete die unabwendbaren Beschlsse der Gottheit abndern zu wollen. Die zweite Hlfte des vierten Aphorismus der ersten Fassung bildet in der Reihenfolge Plethons den fnften und lautet hier: Denn es geht nichts Unvollkommenes vom Vater der Seelen aus. Der Kommentar dazu sagt: Du bist nicht im Stande, dein Erdenlos zu verbessern, denn alle Ereignisse geschehen nach naturgemem Lauf, und es ist eines die Folge des andern bis zum Zeitpunkt der Schpfung zurck; alle Begebenheiten greifen harmonisch in einander, nirgends nimmt man einen Zufall wahr. Wo ist also Unvollkommenheit? Dieser wie der fnfte Aphorismus der ersten oder der sechste der Plethonischen Fassung fehlt bei Psellos. Bei dem fnften (sechsten) Aphorismus zeigt sich jedoch recht deutlich, da die auf uns gekommenen Fassungen Varianten eines alten, verloren gegangenen Originals sind. Derselbe lautet in der ersten Fassung: Der Seelen Vater gestattet nicht solche Ausschweifungen des Eigenwillens; bei Plethon: Er kann nicht auf deine Wnsche achten, so lange die Binde der Vergessenheit deinen Blick umschleiert, bis endlich diese fallen wird, und das heilige Zeichen des Vaters sich deinem Gedchtni einprgt. Was bei Plethon Text ist, wird in der ersten Fassung hnlich im Kommentar gesagt, denn daselbst heit es: Erst dann wird unsere Seele sich freier bewegen, wenn sie die Binde der Vergessenheit ihrer himmlischen Heimath zugleich mit den Banden des sie umnachtenden Leibes abgestreift hat. Dann besitzt sie wieder das Vermgen, in die tiefste Vergangenheit und in die ernste Zukunft zu blicken. Aber es kann dieses Vermgen auch schon bei Lebzeiten des Leibes zum Theil erreicht werden, wenn man sich eines heiligen Wandels befleiigt und gewisse magische Sprche erlernt hat, welche dem Reinen die Pforten der Geisterwelt ffnen. Plethon kommentiert: Die Vergessenheit der frheren Zustnde (Incarnationen) ist eine Folge der Verbindung der Seele mit dem Leibe. Erst nach der Auflsung des letzteren wird ihr Blick wieder freier, und sie begreift nun auch, indem sie ihres frheren Seins wieder bewut wird, da ihr Schicksal auf der Erde nur die notwendige Folge ihrer Handlungen und deshalb unabnderlich war.[226] Die freigewordene Seele ist alsdann wieder gotthnlich und allwissend; das ist das Zeichen des Vaters, welches ihr Gedchtni auffrischt. Der sechste Aphorismus der ersten Fassung ist bei Psellos der sechzehnte und bei Plethon der siebente. Sein Wortlaut in den drei Redaktionen ist der Reihenfolge nach: 1. Eile, da du zum Urlicht zurckkehrst, zum Glanze deines himmlischen Erzeugers, von dem deine Seele ausgeflossen ist. 2. Das Gttliche erflle deine Seele! Den Blick zum Himmel stets gewendet![227] 3. Eile zum Licht des Vaters, von welchem deine Seele ausgeflossen ist. Der Anonymus und Plethon deuten diesen Spruch bereinstimmend dahin, da die Gottheit das hchste Licht, und in diese Lichtheimat zurckzukehren das einzige Verlangen der Seele sein msse. Psellos dagegen sagt etwas abweichend: Die Seele entwickelt drei Krfte: Verstand, Gedchtni und Urtheilskraft; diese drei Potenzen vereinige, um ber das Wesen der Gottheit nachzudenken und sich mit dieser zu vereinigen. Bis hierher haben wir in der Aufeinanderfolge der Aphorismen einen gewissen Zusammenhang beobachten knnen. Jetzt aber folgt ein dem Sinn nach gar nicht verwandter Spruch, was auf einen verloren gegangenen Teil des den drei Bearbeitungen zu Grunde liegenden Originals deutet. Dieser in der ersten Fassung als siebenter folgende Aphorismus ist bei Psellos der achtundzwanzigste und bei Plethon der achte. Sein Wortlaut ist der Reihenfolge nach: 1. Jene beweint die Erde sammt ihren Kindern. 2. Die Erde klagt fortwhrend ber sie und ihre Kinder. 3. Sie beweint die Erde und mit ihnen zugleich ihre Kinder. Plethon kommentiert diesen Spruch folgendermaen: Diejenigen, welche dieser Mahnung nicht folgen, werden von der Erde beklagt. Unter der Erde ist aber hier die irdische Natur verstanden, welche eine Folge der Unvollkommenheit ist, denn das irdische Leben ist eine Strafe. Darum beweint die Erde auch die Kinder der Unvollkommenheit, denn die Eltern pflanzen ihre sndhaften Begierden auf die Kinder fort; die Tugendhaften befleiigen sich eines keuschen Wandels. Whrend also Plethon obigen Spruch mit Bezugnahme auf die Reincarnations- und Vererbungstheorie deutet, so kommentieren ihn der Anonymus und Psellos nur in Hinsicht auf die Wiederverkrperung. Ich kann ihre Aussprche hier bergehen. Der nchste Aphorismus, ebenfalls ohne Zusammenhang mit den brigen, findet sich nur in der ersten Fassung und lautet: Die Ausklopfer der Seele, welche ihr aufzuathmen mglich machen, sind auflsender Art. Der Kommentar sagt: Unter den 'Ausklopfern der Seele', welche hier unter dem Bilde eines Kleides eingefhrt sind, werden die Vernunftgrnde verstanden, welche, wenn sie Eingang in die Seele finden, den Staub der Leidenschaften und alle bsen Neigungen aus ihr heraustreiben. Ihre auflsende Art besteht darin, da sie von den Schlacken reinigen, welche die Seele von ihrer Hlle, der unreinen Materie, an sich zieht. Ich bemerke hierzu, da auch die Kabbala das Bild von den Ausklopfern der Seele kennt, welche der Seele im Moment des Todes den letzten schweren Grabschlag (+Chibbut Hakkeber+) erteilen. Da die Kabbala zum groen Teil im Zoroastrismus wurzelt, so ist diese Stelle ein Beweis fr das hohe Alter unserer Aphorismen. Der neunte auch zusammenhanglose Aphorismus, bei Psellos der zwlfte und bei Plethon ebenfalls der neunte lautet: 1. Auf der linken Seite ist der Sitz der tugendhaften Begierden. 2. Der Tugend Quell ist auf der linken Seite der Hekate. Jungfrulichkeit bewahre. 3. Auf der linken Seite ist der Tugend Quell, bewahre die Jungfrulichkeit. Alle drei Kommentatoren betrachten diesen Spruch als Keuschheitsgebot und sagen, da die linke Seite als Sitz der Tugend betrachtet werde, weil auf ihr das Herz liege; die rechte Seite sei wegen Anwesenheit der Leber der Sitz der Begierden. Der zehnte Aphorismus der ersten Fassung findet sich in allen drei Bearbeitungen, er ist bei Psellos der fnfzehnte und bei Plethon ebenfalls der zehnte und hat der Reihe nach folgenden Wortlaut: 1. Die Seele strebe danach, sich mit dem Gttlichen zu verbinden. Hat sie sich dadurch von den Einflssen der Materie frei gemacht, so wird sie von Gott durchdrungen sein. 2. Die Seele trachte gottberauscht zu sein, Was irdisch und gebrechlich von sich thuend. 3. Die Seele des Menschen strebe, das Gttliche in sich zu behalten. Der erste Kommentar sagt sehr drftig, die Seele knne des Gttlichen nicht voll sein, ohne zuvor die irdischen Gelste abgelegt zu haben. Psellos bemerkt: Die Seele heilige sich zu einem Gefe, in welchem die Gottheit ihre Wohnung nehme. Dies geschieht, wenn sie erleuchtet ist, in einem Zustand also, dem ein heiliger Wandel, eine Verachtung alles Irdischen vorhergehen mu. Plethon endlich sagt: Obgleich die Seele mit dem Leib verbunden ist, so vergesse sie doch ihren himmlischen Ursprung nicht, beklage sich aber auch nicht, da ihr der schmutzige Leib zur Hlle gegeben wurde, ebenso wenig als sie auf die himmlischen Gter und gttlichen Eigenschaften stolz sein darf, mit welchen sie der Vater so reichlich bedachte. Aphorismus elf in allen drei Fassungen lautet der Reihenfolge nach: 1. Weil die Seele ein durchsichtiges Feuer ist, so bleibt sie unsterblich und die Herrin des Lebens. 2. Weil die Seele ein leuchtendes Feuer ist, darum ist sie unsterblich und Herrin des Lebens. 3. Weil sie ein lichtes Feuer ist und unsterblich.... Die drei Kommentatoren sagen: 1. Das Irdische ist das Vergngliche, das Geistige das Unvergngliche. Nur des letzteren knnen wir verlustig gehen, und deshalb ist die Seele die Herrin des Lebens, d.h. des ewigen Lebens. 2. Die Seele ist immateriell, stofflos, daher unvergnglich, weil sie nicht aus auflsbaren Stoffen zusammengesetzt ist. Sie nimmt nichts von der Finsterni an, weil sie keinen Krper hat; sie ist also eitel Licht. 3. Unter dem Feuer sind die geistigen Fhigkeiten verstanden, mit welchen die Seele des Menschen begabt ist. Bei Plethon folgt nun als zwlfter, bei Psellos als achtzehnter ein kurzer Aphorismus, der in der ersten Fassung fehlt: Suche das Paradies! Plethon sagt kommentierend nur, da unter Paradies der lichtumflossene Aufenthalt der reinen Seelen zu verstehen sei; Psellos dagegen uert sich folgendermaen: Die Chalder verstehen unter Paradies den Chorus von smmtlichen Eigenschaften der Gottheit, welche ihn als besondere Personificationen umgeben.[228] Dem Unwrdigen wehrt ein feuriges Schwert. Daselbst findet man alle Tugenden, welche den Menschen gotthnlich machen. Der zwlfte Aphorismus der ersten Fassung, bei Psellos der siebzehnte und bei Plethon der dreizehnte hat dieser Reihenfolge nach folgenden Wortlaut: 1. Verunreinige nicht den Geist und ziehe ihn nicht in die Tiefe hinab. 2. Beflecke nicht den Geist und ziehe Sein Lichtgewand nicht in die Tiefe. 3. Verunreinige nicht den Geist. Der bedeutsamste Kommentar dieses Spruches ist der erste: Die Pythagorer und Platoniker denken sich die Seele auch nach dem Tode nicht vom Krper getrennt. Sie theilen nmlich die Seele in einen unsterblichen Geist, der vom Himmel stammt, und in die Thierseele. Ersterer kehrt nach dem Tode in den ther zurck, Letztere[229] bewohnt noch einige Zeit den Krper bis zu seiner gnzlichen Auflsung. Die Wnsche, von welchen sie whrend des Lebens bewegt wurde, beschftigen sie noch jetzt, whrend ihr die Organe zur Befriedigung derselben fehlen[230]; sie sind nach der Erde gerichtet und verhindern die volle Befriedigung des Geistes. Das sind die Dmonen, welche unstt umherirren; sie verunreinigen den Geist und ziehen ihn in die Tiefe hinab. Die reineren Seelen hingegen, welche sich schon im leiblichen Leben dem Ewigen zuwendeten, vereinigen sich nach dem Tode sogleich mit dem Urquell des Lichts. Das ist, was die Jnger Zoroasters lehren. Psellos sagt, da die Chalder der Seele zwei Gewnder zuerteilen, deren eines (es ist der Astralkrper gemeint) aus den feinsten Stoffen der Sinnenwelt gewebt, das andere aber therisch, lichtglnzend und unfalich sei. Der Spruch warne, beide mit sndigen Lsten zu beflecken. -- Plethon uert sich folgendermaen: Die Pythagorer und Platoniker nehmen mit Zoroaster eine dreifache Seele an, nmlich die Thierseele, welche vom Leibe unzertrennlich ist und mit diesem aufhrt zu sein. Hher als diese steht die mit Vernunft begabte Seele des Menschen, welche aber durch die Verbindung der Seele mit dem Krper der Versuchung sich zu verunreinigen ausgesetzt ist, aber auch durch den Sieg ber die Versuchung die Unsterblichkeit sich zu bewahren vermag. Die hchste Stufe nehmen die Seelen der Dmonen ein, deren Hlle eine feinere ist und nicht aus materiellen Stoffen besteht, weshalb sie auch nicht dem Verderbni einer gebrechlichen Natur ausgesetzt ist. ber diesen stehen die Planetenintelligenzen, deren Hlle aus reinem Licht besteht. Bei Plethon folgt nun als vierzehnter Aphorismus der bei den Andern fehlende Spruch: Vernachlssige aber auch nicht den Leib. mit dem kurzen Kommentar: D.h. man schwche ihn nicht absichtlich, um sich aus diesem Leben frher zu befreien, als es der Wille der Vorsehung beschlossen hat. In der ersten Fassung der Orakel folgt nun als dreizehnter, nachstehender, bei Psellos gleichlautender und in seiner Reihenfolge erster, bei Plethon aber fehlender Aphorismus: Auch von dem Schattenbild der Seele ist ein Theil eitel Licht. Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu: Das Schattenbild der Seele ist die thierische Psyche im Menschen, welche zwar mit dem bessern Ich desselben in Wechselwirkung steht und insofern also von dem gttlichen Theil im Menschen einiges Licht empfngt, aber an sich selbst der Vernunft beraubt ist und nur den Einflsterungen der Sinne gehorcht. Psellos sagt: Schattenbilder oder Idole sind bei den Philosophen solche Dinge, welche an sich selbst schlechter oder den bessern untergeordnet sind, aber doch mit ihnen eine gewisse hnlichkeit besitzen, wie z.B. der menschliche Verstand ein Theil der Gottheit, aber doch dem Irrthum unterworfen ist. Vom Verstand ist nun wieder die Thierseele im Menschen in gleichem Abstand; sie hat nur materielles Streben und ist deshalb ein Schattenbild des Geistes. Dieser begiebt sich nach seiner Trennung vom Leibe in die Lichtregion. Zoroaster will also sagen: Nicht blos die mit Vernunft begabten Seelen knnen in die vollkommen erleuchtete Region versetzt werden, sondern auch die Thierseele im Menschen, wenn dieser tugendhaft wandelte. Hier weicht also der Grieche vom Chalder ab, insofern Ersterer die Thierseele sich nach ihrer Trennung vom Leibe im Weltenraum unbewut verflchtigen lt, d.h. ihr die Fortdauer abspricht. Aphorismus vierzehn und fnfzehn der ersten Fassung (bei Plethon fehlend) lauten: berlasse auch nicht deine Seele der Hefe der Materie. berlasse auch nicht die Hefe deiner Seele dem Abgrund, damit sie bei ihrer Trennung vom Krper nicht zu Schaden komme. Bei Psellos zwei und drei: berlasse auch nicht die Hefe der Seele dem Abgrund Damit sie nicht bei der Trennung vom Krper zu Schaden komme. Der erste Kommentar nennt diese Aphorismen: Eine Ermahnung, da die Seele stets ber sich wache und nicht den Anfechtungen des Leibes unterliege, wodurch sie mit ihm ins Verderben sinkt. Damit ist vor der Strafe der Seelenwanderung gewarnt, welcher alle verfallen, die whrend ihres Erdenlebens dem Krper, d.h. der Hefe der Seele, eine zu groe Macht einrumen. Psellos sagt: Unter Hefe der Seele ist der aus den vier Elementen zusammengesetzte Krper verstanden. Der Jnger wird also ermahnt: Nicht nur die Seele erhebe zu Gott, sondern suche auch ihr Kleid, nmlich den Leib, zu erheben. Abgrund ist Erde, auf welche die aus dem Himmel verwiesene Seele herabgeschleudert wurde. Wie lt sich aber diese Ermahnung anders befolgen, als indem man den Krper dem Scheiterhaufen bergiebt. Oder ist die Luterung durch gttliches Feuer gemeint, wie wir an Henoch und Elias sehen, die es wegen ihrer Auffahrt zum Himmel noch bei lebendigem Leibe wohl in ihrer Vervollkommnung so weit gebracht hatten, da sie nur noch einen therischen Leib besaen? Dieses Ziel zu erreichen ist aber ohne den Beistand der gttlichen Gnade unmglich. Bezglich des zweiten Spruchs sagt Psellos, da auch Plotinos denselben anfhre und bemerkt weiter: Diese Ermahnung ist sehr wichtig, denn die Furcht vor dem Tode zieht die meisten Menschen von edleren Betrachtungen ab, so da die Seele ihre Luterung nicht bestehen kann. Daher kommt es, da die aus der Welt abscheidende Seele noch einige ihrer irdischen Sorgen und Wnsche mit hinber nimmt, anstatt sie zu Gott und den Engeln zu erheben, wie die Erleuchteten thun, deren Blick schon diesseits des Grabes eine hhere Richtung nimmt. Der sechzehnte Aphorismus der ersten Fassung, der zwanzigste bei Psellos und fnfzehnte bei Plethon hat in den drei Bearbeitungen folgenden Wortlaut: 1. Wenn du deinen aus therischem Stoff bestehenden Geist zur Verehrung der Gottheit hinleitest, so wird auch dein irdisches Theil dabei wohl fahren. 2. Wenn du dein feurig Ich zu guten Werken lenkst, So wirst du auch dein feuchtes Ich erretten. 3. Wenn du dein feuriges Theil aufrichtest, so wirst du auch den feinsten Stoff des Leibes dir erhalten. Der anonyme erste Kommentator bemerkt, da unter der Verehrung der Gottheit nicht allein der Kultus, sondern alle sittlichen Handlungen zu verstehen seien. Psellos versteht unter dem feurigen Ich die vom Gttlichen erleuchtete Seele und unter dem feuchten Ich den materiellen Leib. Plethon sagt: Wenn du einen gottesfrchtigen Wandel fhrst, so wird dir auch leibliches Wohlsein zu Theil werden. Der siebzehnte Aphorismus, bei Plethon der sechzehnte (bei Psellos fehlend) wird in mystischen Werken sehr hufig citiert[231] und lautet in der ersten Fassung: Von allen Enden der Erde kommen Hunde herbei, die den Sterblichen durch falsche Zeichen ffen. In der zweiten: Aus allen Enden der Erde springen Hunde hervor, den Menschen Gaukelbilder zeigend. Beide Kommentatoren sagen bereinstimmend, da den in die Mysterien Einzuweihenden Gespenster mit Hundefratzen erschienen, und verstehen unter denselben Personifikationen der zerstrenden Leidenschaften, welche die Seele aus ihrer Ruhe aufschrecken. Der achtzehnte (bei Psellos fehlende) und bei Plethon siebzehnte Aphorismus hat folgenden Wortlaut: 1. Die Vernunft lehrt uns, da die Dmonen ursprnglich heilige Geister seien, und die bsen Eigenschaften eine Verkehrung der guten sind. 2. Die Natur sagt uns, da die Dmonen vollkommene Wesen seien. Der erste Kommentar ergeht sich in ziemlich nichtssagender Weise ber den Fall der Engel, welchen wir auch oben bei Zoroaster vorkommen sahen. -- Plethon versteht unter Dmonen nicht im vulgren Sinn bse Geister, sondern geistige Wesen berhaupt; im brigen umschreibt er nur den Aphorismus, ohne etwas von Bedeutung zu sagen. Der nchste Aphorismus findet sich nur in der ersten Fassung: Die rchenden Furien zgeln den Menschen. Es fhre die Seele die Oberherrschaft und schicke vorsichtig nach allen Seiten ihre Blicke aus. Der Kommentar versteht unter den rchenden Furien die notwendigen Folgen der Thaten der Menschen, und unter den Blicken die angeborenen guten Eigenschaften, mit deren Hilfe wir die schlechten erkennen und ihren Einflu auf uns abwehren. Der folgende, sich auch bei Psellos findende Aphorismus: O Mensch, du khnes Kunstwerk der Natur. gehrt offenbar zum einundzwanzigsten Spruch der ersten Fassung, welcher in den beiden andern fehlt: Httest du meinen Beistand fleiiger angerufen, so wrdest du wohlgethan haben, denn nicht vom himmlischen Stoffe scheint dir das Weltgebude, sondern zu Schlechten und Krummen sich neigend. Die Sterne glnzen nicht, der Mond ist verfinstert, die Erde wankt, und alle Gegenstnde scheinen sich in Blitze zu verwandeln. Der Kommentar sagt nur: So spricht das Orakel zu dem in die Weihen Initiierten. Der zweiundzwanzigste -- bei Psellos fehlende -- und bei Plethon achtzehnte Aphorismus lautet: Nimm nicht das Bild der Natur fr die Gottheit selbst! Bei Plethon: Berufe dich nicht auf das Bild der Natur! Beide Kommentare sagen bereinstimmend, Gott sei nicht durch das Bild zu erfassen. Alle dem Eingeweihten[232] sich darbietenden Erscheinungen, wie Flammen, Blitze, sind nur Sinnbilder des Schpfers, nicht sein eigentliches Wesen. Der dreiundzwanzigste -- bei Psellos zehnte -- Spruch heit: Mit reinem Gemth umfasse die Zgel des Feuers. Bei Psellos: Die gestaltlose Seele halte die Zgel des Feuers. Der erste Kommentar ist nichtssagend. Psellos bemerkt: Die gestaltlose, d.h. die von der Materie sich abwendende Seele halte die Zgel des Feuers. Sie soll sich nmlich in den Besitz des zum ewigen Licht fhrenden Mittels setzen. Wer die Zgel schlaff hlt, dessen gute Vorstze erschlaffen, und er fllt wieder der Erde anheim. Der vierundzwanzigste, bei Psellos dreizehnte Spruch hat den Wortlaut: Wenn du das heilige Feuer aller Gestalt ledig durch die Tiefen des ganzen Weltalls wirst schimmern sehen, so horche auf den Ton des Feuers. Bei Psellos heit es: Wenn du gewahrst des heiligen Feuers Strahl, Das doch Gestalt nicht hat, der Unterwelt auch leuchtend, Dann horche auf des Feuers Ton! Der erste Kommentator giebt folgende Auslegung: Das gestaltlose Feuer ist die Gottheit selbst, welche alle Rume der Welt durchdringt. Auf ihr Flstern achte du! Psellos bemerkt: Dieses Feuer ist das gttliche Licht, weil es keine Gestalt hat. Wenn dieses den Seher erleuchtet, da er im Geist der Erde Tiefen durchschaut, dann vertraue er seinen Eingebungen. Der fnfundzwanzigste Aphorismus lautet bei dem Anonymus und Psellos: 1. Die Seele des Menschen trgt die Spuren ihrer gttlichen Abkunft in sich. 2. Eile zum Lichte zu gelangen, zu den Strahlen des Vaters, von welchem deine Seele ausgeflossen ist. Beide Commentare sind nichtssagend, weil der Aphorismus fr sich spricht. Der sechsundzwanzigste Aphorismus in der ersten Fassung und zweiunddreiigste bei Psellos lautet: 1. Vernimm, was sich durch den Verstand fassen lt, denn dies ist ber die Vernunft. 2. Wisse, das durch den Geist Wahrnehmbare kann vom Verstande nicht begriffen werden. Der erste Kommentar lautet: Obschon der Schpfer die Bilder der unsichtbaren Dinge dir eingegeben hat, so bestehen sie in deiner Seele doch nur durch das Vorstellungsvermgen; trachte du aber danach, sie in der Wirklichkeit zu besitzen, d.h. dich nach dem Tode des Leibes mit dem Urgeist, dem nichts verborgen ist, zu vereinigen. Psellos dagegen sagt: Obschon der Verstand uns alle Dinge erklrt, so kann doch das Wesen Gottes von ihm nicht erfat werden, denn dies wre nur durch unmittelbare Erleuchtung von oben mglich. Weder der Gedanke des Menschen, noch das artikulirte Wort kann das Wesen des Schpfers definiren. Er ist durch ehrfurchtvolles Schweigen weit passender verehrt, als durch einen Schwall von Worten. Er ist ber alles Lob erhaben. Der siebenundzwanzigste -- bei Psellos fehlende -- Aphorismus hat den Wortlaut: 1. Wahrlich, etwas ist durch den Geist wahrnehmbar, das sich den Sinnen entzieht. Der Kommentator bezieht das den Sinnen nicht Wahrnehmbare kurzweg auf Gott. Der achtundzwanzigste -- bei Psellos sechsundzwanzigste -- Aphorismus lautet: 1. Alles ist aus Einem Feuer hervorgegangen, welches der Urheber dem aus ihm hervorgegangenen Geist bergab, welch' Letzteren die Menschen fr das Urwesen[233] selbst halten. 2. Alles ist aus einem Feuer entstanden. Der erste Kommentator sagt: Alles emanirt aus Gott. Er hat Alles geschaffen, nmlich die geistigen Vorbilder der Dinge[234]; der eigentliche Weltbaumeister verfertigte die irdischen Abbilder der vorigen, denn von der Materie, welche aber nicht vom Urquell des Lichts herstammt, konnte die Krperwelt nicht entstehen. Psellos bemerkt zu diesem Aphorismus in seiner Fassung nur, da er dem christlichen Glauben entspreche, insofern alles in Gott wurzele. Der neunundzwanzigste Aphorismus der ersten Fassung fehlt bei Psellos und ist der neunzehnte bei Plethon; er hat folgenden Wortlaut: 1. Die Dinge, welche vom Verstand erforscht werden, sind selbst Intelligenzen. 2. Die Seelen, welche vom Vater empfangen werden, sind selbst der Empfngni fhig. Der erste Kommentar lautet dahin, da die geistigen, unkrperlichen Wesen Zeugungen Gottes, selbst handelnde Persnlichkeiten und verschieden von den mit dem Leib vermhlten Seelen[235], den Geschpfen des Demiurgen sind. Plethon sagt nur, da hier die geistige Fortpflanzung der Ideen gemeint sei, welche die Chalder sich als unsichtbare Personifikationen der Dinge auf Erden vorstellten. Der dreiigste Aphorismus der ersten Fassung ist bei Psellos der siebente und bei Plethon der zwanzigste. Er lautet der Reihenfolge nach: 1. Die Welt wird nach unwandelbaren Gesetzen von vielen Intelligenzen regiert. 2. Die Welt wird durch vernunftbegabte und doch unbewegliche Wesen vor dem Untergang geschtzt. 3. Die Welt erhlt zu Lenkern solche Wesen, die, weil sie nur intellektuell, also mit den Sinnen nicht wahrnehmbar, auch der Vernderung nicht unterworfen sind. Der erste Kommentator und Plethon bemerken nur, da die oberste dieser Intelligenzen der Demiurg[236] sei, und da, da die Welt unvergnglich sei, diese Eigenschaft deren geistigen Regenten erst recht zukomme. Psellos verliert sich in die unfruchtbare magisch-astrologische Lehre von den Planetenintelligenzen. Der einunddreiigste Aphorismus ist bei Psellos der dreiundzwanzigste, bei Plethon der einundzwanzigste und lautet in den drei Fassungen: 1. Sich selbst hat der hchste Gott dem Blicke aller Wesen entzogen, welche, obschon mit dem Vermgen ausgerstet, sich von unsichtbaren Dingen eine Vorstellung zu machen, doch seine Eigenschaften nicht begreifen knnen. 2. Der Schpfer hat sich in die Verborgenheit zurckgezogen und ist selbst den geistigen Naturen unerforschlich. 3. Der Vater hat sich selbst entzogen. ber diese auch in der Kabbalistik ausgesprochene Lehre bemerkt der erste Kommentator nur, da dies daher komme, weil kein geschaffener Geist Gott als ungeschaffenes Wesen begreifen knne. Psellos lt sich auf keine Erklrung ein und sagt nur, da dieser Satz dem christlichen Glauben widerspreche. Plethon hingegen uert sich folgendermaen: Obgleich geistige Wesen mittelst des Geistes wahrgenommen werden, entzieht sich doch der Schpfer auch diesem, wenn der menschliche Forschungsgeist die Natur der Gottheit zu erforschen sich vermit. Der zweiunddreiigste und letzte Aphorismus der ersten Fassung, der zweiundzwanzigste bei Psellos und Plethon lautet: 1. Der Vater aller Wesen flt nicht Furcht ein, sondern den Trieb, ihm gehorsam zu sein. 2. Gott flt keine Furcht ein, sondern den Trieb, ihm gehorsam zu sein. 3. Der Vater flt nicht Furcht ein. Der erste Kommentator und Plethon sagen nur, da Gott als Urquell alles Guten nur Liebe, nicht aber Furcht einflen knne. Psellos bemerkt: Die gttliche Natur kennt weder Zorn noch Unwillen, sie bleibt sich stets gleich. Deshalb flt sie auch den Geschpfen keine Furcht ein. Wre sie feindlicher Gesinnung, so knnte die Schpfung keinen Bestand haben. Gott ist ein Licht, aber dem Snder ein verzehrendes Feuer. Damit schlieen bei Plethon und in der ersten Fassung die magischen Orakel Zoroasters. Aus der Fassung des Psellos hebe ich noch folgende, bei den andern Beiden fehlenden Aphorismen hervor: Aph. 5: Nicht niederwrts den Blick gerichtet! Zum Himmel strebe auf! Denn unten Herrscht nur Nothwendigkeit, die harte, Die den Planeten ihre Richtung gab. Der Kommentar enthlt nur den bemerkenswerten Ausspruch, da sich die Seele auf jedem Planeten verkrpern msse. Das brige ist astrologische Spitzfindelei. Aph. 14: Es lt Natur uns Geisterreiche ahnen, Des Bsen wie des Guten allzugleich. Der Kommentar sagt nur, da die geahnten Geisterreiche auch zur Erscheinung gebracht werden knnten, wenn es dem Theurgen gelinge, die Elementarkrfte aufzuregen. Damit schlieen die Orakel Zoroasters in der Redaktion des Psellos, welche ich hier der fortlaufenden Vergleichung halber auer der Reihenfolge brachte. In der anscheinend gnostischen Fassung lauten die Orakel folgendermaen: Erforsche den Weg der Seele, woher oder auf welche Weise du, wenn du dem Leibe dienest, jene wieder in die Ordnung, von der du abgewichen bist, bringen kannst, indem du mit dem heiligen Wort dein Werk vollbringst. Nicht abwrts sollst du dich neigen; ein Abgrund ist auf Erden, welcher dich von der Schwelle, die sieben Gnge hat, abzieht, unter welcher der Thron des furchtbaren Schicksals steht. Denn dein Behltni werden die wilden Thiere der Erde bewohnen. Gieb ja nicht dem Schicksal einen Zuwachs; denn nichts Unvollkommenes geht von der Herrschaft des himmlischen Vaters aus. Aber der Wille des Vaters lt nicht den Willen jener Seele, bis sie die Vergessenheit preisgegeben und das Wort gesprochen hat, im Gedchtni behaltend das heilige Zeichen des Vaters. Du mut zum Lichte eilen und zum Glanze des Vaters, von dem deine Seele ausgegangen ist, welcher viel Verstand inne wohnt. Die Erde beweint sie bis auf die Kinder. Die Vertreiber der Seele, welche sie wieder ins Leben rufen, knnen erlst werden. In der linken Hhle deines Lagers wohnt die Kraft der Tugend und bleibt ganz darin, ohne ihre Jungfrulichkeit preiszugeben. Die Seele der Menschen wird Gott gewaltig an sich ziehen; nichts Sterbliches habend, ist sie ganz Gottestrunken. Denn sie rhmt sich der Einheit[237], in welcher sich der sterbliche Krper befindet. Weil die Seele glnzendes Feuer ist durch die Macht des Vaters, so bleibt sie unsterblich und ist Herrin des Lebens, und weil sie viele Vollendungen der Welt hat, sollst du das Paradies suchen. Verunreinige nicht den Geist und drcke ihn nicht in die Tiefe nieder. Es ist auch dem Bilde der Seele[238] sein Theil allenthalben an einem hellglnzenden Ort. La nicht den Auswurf des Stoffes am Abgrunde liegen. Fhre nicht die Seele heraus, damit sie nicht den Krper verlassend, in Gefahr komme.[239] Wenn du den feurigen Geist zum Dienste Gottes antreibst, so wirst du auch den Krper im Leben wohl-erhalten. Aus dem Busen der Erde gehen irdische Hunde hervor, die niemals das wahre Zeichen dem irdischen Menschen aufweisen. Die Natur rth, da die Geister heilig seien, und da auch die Steine des schlechten Stoffs gut und edel sind. Rchende Wesen zchtigen den Menschen. Eine unsterbliche Tiefe wird ber die Seele herrschen; du aber richte die Augen ganz in die Hhe. O Mensch, du Gebilde der zuversichtlichsten Natur! Wenn du fter mit mir geredet haben wirst, so wirst du alles wohl im Gedchtni behalten. Denn dann wird dir nicht mehr krumm und schief die himmlische Masse erscheinen. Die Sterne glnzen nicht; das Licht des Mondes ist verdeckt. Die Erde steht nicht fest, und Alles wird wie Blitze aussehen. Du sollst nicht das durch sich selbst offenbare Bild der Natur anrufen. Allenthalben mit einfltigem Herzen ergreife die Zgel des Feuers. Wenn du gestaltlos das heilige Feuer erblickst, wie es schimmernd springt durch die Tiefen der ganzen Welt, so hre auf das Gerusch des Feuers. Der Geist Gottes selber gab den Seelen der Menschen die vterlichen Sinnbilder ein. Begreife, was mit dem Verstand begriffen werden kann, denn es ist auer dem Geiste.[240] Es giebt wahrlich etwas, was mit dem Verstand begriffen werden kann.[241] Alles ist aus einem Feuer hervorgebracht, sintemal Alles der Vater vollbracht hat und hat es dem zweiten Geiste mitgetheilt, welchen die Geschlechter der Menschen den ersten nennen. Die Gestalten, welche im Geiste ergriffen werden, vernommen durch den Geist des Vaters, begreifen auch selbst, damit sie, durch schweigende berlegung bewegt, einsehen. O wie hat diese Welt Lenker, welche mit der Kraft der Einsicht begabt sind und nicht gebeugt werden knnen. Sich selber hat der hchste Vater von allen andern getrennt; aber nicht auf die Kraft seiner Einsicht hat er sein Feuer beschrnkt. Der Vater lt keine Furcht zu, sondern nur Gehorsam. Drittes Buch. Der Occultismus der Inder. Am reinsten gelangt der indische Occultismus in den Veden zur Darstellung. Veda, das Wissen, heit im weiteren Sinn alles Geoffenbarte, weshalb gewissermaen alle heiligen Bcher der Inder Veden genannt werden knnen. In engerem Sinn jedoch versteht man unter Veden die vier ltesten Sammlungen religiser Urkunden, welche nach indischer Anschauung in der Urzeit von Brahma selbst gegeben wurden, und auf welche die indische Religion, die Gesetze und die Litteratur gegrndet sind. Es sind: 1. Der Rigveda mit religis-moralischen Vorschriften, Ermahnungen und Hymnen auf alle Gottheiten. 2. Der Yayurveda, bestehend in sechsundachtzig prosaischen Abschnitten ber die verschiedenen Arten der Opfer und die dabei zu beobachtenden Gebruche. 3. Der Samaveda, welcher fr den heiligsten gehalten wird und lyrische Gebete enthlt, die gesungen werden. 4. Der Atharvaveda mit ber siebenhundert Hymnen, Exorcismen, Zaubersprchen, Verfluchungenusw. Die Veden zerfallen weiter in einen rituellen, Prvakndam oder Karmakndam genannten Teil, welcher u.a. die Gebete -- Mantras -- enthlt, die, wenn sie metrisch -- rig -- sind, gesungen und, wenn nicht metrisch -- yajush -- leise gemurmelt werden. Daran reiht sich der Brhmana, Uttaraknda oder Gnna -- Gnosis -- genannte Abschnitt, welcher sich ber Kosmogonie, das gttliche Wesen, die gttlichen Attribute usw. verbreitet. Jeder Veda, besonders die Brhmanas enthalten noch eine Anzahl Upanischads oder Meditationen, genannte Traktate, welche die eigentliche Theologie der Veden enthalten. Jedes auf die Veden sich sttzende Werk fhrt den Namen Sstra; deren giebt es eine groe Anzahl und sie wie ihre Kommentare enthalten die zahllosen ceremoniellen Vorschriften. Die Veden werden hufig Sruti, das durch Offenbarung Gehrte genannt, weil sie von Brahma selbst heiligen Mnnern, deren Namen genannt werden, geoffenbart worden sein sollen; doch gestehen die Kommentare selbst zu, da die genannten Heiligen, die Rischis, die wahren Verfasser sind. -- Die ber diese Verfasser usw. umlaufenden Traditionen lasse ich beiseite. Zur Zeit als die arischen Indier sich von verwandten Vlkern trennten und von den asiatischen Hochebenen in das Tiefland einwanderten, war ihre Religion wohl Sabismus und im wesentlichen Sonnendienst, wie denn noch jetzt bei Sonnenaufgang das Homaopfer dargebracht wird und die Sekte der Sauras ausschlielich die Sonne verehrt; bei den Indiern wie bei den Essern darf die Sonne die Ble des Menschen nicht bescheinen, und in den Veden ist es wie im Zendavesta und bei den Pythagorern verboten, sein Wasser gegen die Sonne zu lassen,&c.&c. Als mythische Gottheit und erste Person der allbekannten indischen Gttertrias: Brahma, Wischnu, Schiwa, fhrte die Sonne den Namen Brahman, der Leuchtende. Sie schlft zur Zeit des winterlichen Regens, sie stirbt, wird neugeboren, und zahlreiche Mythen des alten Indiens sind nur aus dem Sonnenkultus zu erklren und +mutatis mutandis+ universalgeschichtliche Erscheinungen. berall, wo Sonnendienst herrschte, begegnen wir denselben Festen und den gleichen ihnen zu Grund liegenden mythologischen Vorstellungen, die -- wie die ganze Theogonie -- in epischem Gewand gleichsam historisiert auftreten. Die zum Heil des Menschengeschlechts unternommenen Thaten und Wanderungen des Sonnengottes bilden sich im Laufe der Zeit in eine Gtterlegende oder -- wenn auf menschliche Heroen bertragen -- zu einer Heldensage um, aus welcher fr das Volk Belehrung und Moral geschpft wird, und an deren thatschlicher Grundlage weder Priester noch Geschichtschreiber zweifeln. In den Veden treffen wir den Brahmaismus in engerem Sinn oder den Sonnendienst mit dem untergelegten Gedanken eines ewigen Lichtquells und weltschaffenden Geistes, welcher -- an sich von der Sonne als Weltkrper unabhngig -- diese wie das ganze Universum hervorgebracht hat, welcher alles Thun der Gtter und Menschen wahrnimmt und unter dem Bilde der Sonne zu verehren ist. Mit der Zeit ging diese Anschauung zum reinen Monotheismus ber, und wie im Mazdeismus Zrvna-akarana, so wird im Brahmaismus +Brahma+, das Groe, ein neutrales Abstraktum, welchem erst die Prdikate durch Kraftuerungen nach auen werden mssen; deshalb wird es auch +tat+, das Ich, die Seele oder das Wesen, +sat+, genannt. Dieses Groe wurde als das hchste Wesen betrachtet, in welchem alles seinen Grund habe, und das man mit Eifer aus seinen Wirkungen zu erkennen suchen msse. Es fhrt in den Veden den Namen +Parabrahma+, das Urgroe; +Avoyaka+, das Unsichtbare; +Nirvikalpa+, das Unerschaffene; +Svayambhu+, das durch sich selbst Seiende, wodurch Brahma den Begriff des Ewigen und Selbstndigen erhlt. Auf dieses unendliche Urwesen bezieht sich keine Mythe, und es heit in den Veden nur, da vor ihm nichts vorhanden war, und da seine Glorie so gro sei, da es kein Bild derselben geben kann. Eine Manifestation desselben ist erst die als Demiurg, als weltschaffender Brahma gedachte Sonne, hnlich wie im Mazdeismus Ahuramazd der vollkommenste Abdruck des Erhabenen ist. Das durch sich selbst Seiende regiert durch diesen seinen Statthalter und andere aus ihm geflossene gttliche Emanationen, welche nur das persnliche Hervortreten und Sichtbarwerden der verschiedenen Attribute und Eigenschaften des Urersten sein sollen, die Welt nur mittelbar, und hierbei verliert sich die indische Spekulation in ein buntes Gewimmel metaphysisch-mythologischer Gestaltungen, welches wir hier bei Seite lassen knnen. Bei diesem Personifikationsproze der einzelnen Attribute trat vorerst das durch sich selbst Seiende in den Hintergrund zurck, und selbst Brahma -- seine erste Emanation -- verlor an Ansehen, so da vom Brahmaismus Indiens nur insofern die Rede sein kann, als sich derselbe auf den ursprnglichen vergeistigten Sonnendienst bezieht. Trotzdem ist aus den heiligen Bchern der Indier berall nachweisbar, da die indische Religion sich schon sehr bald vom Sabismus zur Verehrung _eines_ hchsten Wesens erhoben hatte, und es ist leicht einzusehen, da in Indien, wo kein Eroberer die beschauliche Ruhe der Weisen unterbrach, der Sinn fr die religisen Grundwahrheiten frher geweckt werden mute, als es in dem von wilden Strmen bewegten Westen mglich war. Hier begannen die schchternen, von Sokrates nachmals mit der Moral verbundenen Anfnge der Religionsphilosophie mit Anaxagoras und Xenophanes und nahmen dann unter Pythagoras und Plato einen hhern Aufschwung bis sie in den Lehren der Stoa einen dem Christentum hnlichen wrdigen Ausdruck fanden. Der vergeistigte Mazdeismus bte mchtigen Einflu auf die Religion der Juden, unter denen bisher nur die Propheten auf einer hheren Erkenntnisstufe gestanden hatten, whrend der groe Haufe zwischen den polytheistischen Religionen seiner Nachbarvlker hin und her schwankte bis endlich der Stifter des Christentums die Lichtstrahlen des Mazdeismus, des Buddhismus und der hellenistisch-jdischen Religionsphilosophie in einem Brennpunkt vereinigte und mit einer reinen praktischen Moral verband. Alle Religionen des Altertums zeigen ein Fortschreiten vom Fetischismus aus durch den Sabismus und Sonnendienst zur Lichtreligion und Verehrung Eines hchsten Wesens, von welchem die Volksgottheiten usw. nur niedere Potenzen, Emanationen, Attribute&c. sind. Gerade die indische Litteratur zeigt wie keine andere die Fhigkeit des menschlichen Geistes, von der Bewunderung der menschlichen Natur ausgehend, aus eigner Kraft zum Hchsten sich erheben zu knnen, und beweist die Nichtigkeit einer ertrumten gttlichen Urweisheit und eines Urpriestertums des menschlichen Geschlechts, wie es sich bei den mehr oder weniger von Jakob Bhme abhngigen glubigen Naturforschern und Naturphilosophen der ersten Hlfte unseres Jahrhunderts in so aufdringlicher Weise breit macht. Fr den indischen Monotheismus der Indier erheben sich schon frh gewichtige Stimmen. So sagt Philostratus in seinem Leben des Apollonius von Tyana[242], da in Indien nur eine hchste Gottheit alles leite, da aber daneben Untergtter angenommen wrden. Bardesanes spricht sich dahin aus[243], da es mehrere tausend Brahminen gebe, die nach Gesetz und Tradition keine Bilder verehrten, weder Fleisch noch geistige Getrnke genssen, ohne Falsch seien, ihren Geist allein auf die Gottheit richteten. Selbst der Muhammedaner Abulfeda gesteht zu, da der gebildete Indier keine Idololatrie treibe, und da beim Volk endlich die Gtterbilder nur zur Fixirung der Andacht dienten. In unserer Zeit bekennt endlich Colebrooke[244], da der Monotheismus in den Lehren der Vedas genau ausgesprochen, wenn auch nicht immer klar von der Polylatrie geschieden sei; da er aber in den den Veden folgenden Schriften der Indier, welche sich demnach mit Recht auf die Lehre ihrer religisen Schriften von der Einheit Gottes beriefen, immer mehr hervortrete. Das Gesetzbuch des Manu sagt ausdrcklich, da die Veden nur einen Gott lehren als den Herrn aller Gtter und Menschen, den man in jedem Wesen erkennen und verehren msse, und im allgemeinen schildern die Veden die Gottheit als immateriell, unsichtbar, ber alle Vorstellung erhaben, aus deren Werken der Mensch ihre Ewigkeit, Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart erkennen kann; als das gttliche unvergleichlich groe Licht, von welchem alles ausgeht, zu dem alles zurckkehrt, welches allein unsern Verstand erleuchten kann und auf gerechte Weise Vergeltung erteilt durch die rollenden Zeiten.[245] Die Veden lehren: Es ist ein lebendiger, wahrer Gott, ewig, krperlos, ohne Theile und ohne Leidenschaft, allmchtig, allweise und allgtig, ein Schpfer und Erhalter aller Dinge. -- Er ist allwissend, aber Niemand kennt ihn, den man den groen, weisen Gott nennt. -- Gott, der die vollkommene Weisheit ist, ist die endliche Zuflucht des Menschen, der freigebig sein Vermgen spendete, fest in der Tugend war und der den groen Einen kennt und verehrt. -- Er ist der Gott, welcher das Weltall regierend durchdringt; er war der Erstgeborene und ruht fort im Mutterleib; er kam in das Licht des Daseins, wohnt im Licht und in Allem, was ist. Der Herr der Schpfung war frher als das All, er wirkt in allen Wesen und freut sich ber seine Schpfung. Wem sollten wir blutlose Opfer bringen, als ihm, der die therische Luft geschaffen wie die feste Erde, ihm, der die Scheibe der Sonne festheftete und des Himmels Wohnung, ihm, der des niedern Luftkreises Tropfen in eine Gestalt brachte? Wem sollten wir unsere Gaben bieten als ihm, den Himmel und Erde im Geiste beschauen?[246] Wer wei genau, und wer wird in dieser Welt aussprechen, von wannen und warum diese Schpfung stattgefunden? Die Gtter sind spter als die Schpfung. Der im hchsten Himmel der Lenker dieses Alls ist, wei es; aber kein Anderer kann darber Kunde haben.[247] -- ber den Sonnen hinaus scheint keine Sonne mehr, kein Mond und kein Stern mehr, dort funkelt kein Blitz, sondern die Gottheit strahlt dort allein und giebt dem Universum sein Licht. Es ist kein Grerer als Brahma, der Mchtige, in jedem Raume gegenwrtig, allwissend und einzig. Forsche nicht ber das Wesen des Ewigen, noch ber die Gesetze, nach welchen er regiert, beides ist eitel und strafbar; dir sei es genug, da du tglich seine Weisheit, Macht und Gte in seinen Werken schaust. Dies sei dir Heil. Du, o Gott, bist das wahre ewig selige Licht aller Zeiten und Rume; deine Weisheit erkennt tausend und mehr als tausend Gesetze, und doch handelst du allezeit frei und zu deiner Ehre; du warst vor Allem, was wir verehren, dir sei Lob und Anbetung. -- Man kann Gott erkennen aus dem Gesetz, das er gegeben hat, und aus den Wundern, die er in der Welt wirkt. Man entdeckt ihn auch durch die Vernunft und den Verstand, welche er den Menschen gegeben, und durch die Schpfung und Erhaltung aller Dinge. Was er von den Menschen fordert, besteht hauptschlich in Liebe und Glauben, denn so steht in unserm Gesetz vom Dienste des hchsten Gottes: der Mensch soll ihn lieben, ihn mit Mund und Herz bekennen und soll nichts thun als aus Liebe und Glauben, nach welchem er Gott anrufen und seinen Geboten gehorchen mu, also da er sich in Allem unverbrchlich nach seinem Willen richte.[248] Das hchste Wesen ist unsichtbar; niemand hat es je gesehen, und die Zeit hat es nicht begriffen. Sein Wesen erfllt Alles, und alle Dinge entspringen aus ihm; alle Kraft, alle Weisheit, alle Heiligkeit und alle Wahrheit ist in ihm; es ist unendlich gtig, gerecht und barmherzig; es hat alle Dinge geschaffen, erhlt Alles und ist gern unter den Menschenkindern, um sie zur ewigen Glckseligkeit zu fhren, die darin besteht, da man das unendliche Wesen liebe und und ihm diene.[249] Ich diene dem Herrn der Welt, in welchem sie besteht, zu dem sie einst zurckkehrt, und in dessen Licht sie glnzt; dem Herrn, dessen Herrlichkeit ewig und unaussprechlich; der ohne Wechsel ruhend und immer dauernd ist, und zu dem heilige Menschen sich erheben, wenn sie die Finsterni des Irrthums zerstreut haben.[250] -- Als Einsiedler mut du mit einem aufrichtigen Herzen an Gott denken, an denjenigen Gott, der weder veralten, noch ein Ende haben wird, welcher der Hchste ist, der Allen, die ihn suchen, Verstand giebt; seiner sollst du allein gedenken.[251] -- Welchen Vortheil hat man, wenn man die Vedas, Puranas und Shastras liest? Besser ist allezeit an Brahma denken und also seine Seele bewahren, denn diese wird immerdar bestehen, und der, durch welchen weie Flamingos, grne Papageien und bunte Pfauen geschaffen wurden, der wird fr dich sorgen.[252] Soviel ber den indischen Monotheismus. Was nun die kosmogonischen Philosopheme anlangt, so widersprechen sich dieselben in den Veden und namentlich in den Puranas vielfach. Am reinsten treten die Schpfungstheorien in den Veden entgegen, in welchen es heit, da das Weltall durch den bloen Gedanken Brahmas entstanden sei: Er[253] dachte, ich will Welten schaffen, und sie waren da! oder durch sein Schpfungswort, welches -- wie spter in der Gnosis -- personificiert erscheint. Im Rigveda erscheint +vch+, die Rede, als aktive Kraft Brahmas, welche von ihm als Gttin ausgeht, als die hchste Weisheit und Knigin aller Wissenschaft. Alle Wesen durchdringend erzeugte sie erst den als Demiurg gedachten Brahma und ist mit dem Urwesen eins.[254] Auch Origenes sagt[255], da die Brahminen sich die Gottheit nicht sowohl als ein Licht denken, verschieden von Sonne und Feuer, sondern auch als Wort (%logos%), gttlich und krperlich, als das Wort der Gnosis, durch welches den Weisen die verborgensten Mysterien sichtbar wrden. Ja, ein anonymer Indier uert sich in seinem Schriftchen +De Brahmanis+[256]: +Nam verbum Deus est, hoc mundum creavit, hoc regit et alit omnia. Hoc nos veneramur, hoc diligimus, ex hoc spiritum trahimus, siquidem ipso Deus spiritus est atque mens.+ Diese und hnliche schon frher erwhnte Anschauungen liegen der schon sptern spezifischen Logosidee zu Grund. In Manus Gesetzbuch heit es ber die Schpfung: Zahllose Weltentwickelungen giebts, Schpfungen, Zerstrungen, Spielend gleichsam wirkt er dies, der hchste Schpfer fr und fr, und in den Veden spielt der alles hervorbringende Brahma mit Maya, der illusorischen Ideenwelt, und ruht gleichsam in der Mitte des Universum, wie eine Spinne in ihrem Gewebe, alles aus sich selbst herausspinnend und wieder in sich hineinziehend. An einer andern Vedastelle, wo von der Schpfung gehandelt wird, heit es, da anfangs weder Sein noch Nichtsein -- +sat+ und +asat+ -- gewesen, sondern das groe Es -- +tat+ -- oder Brahma habe sich selbst erst zum Sein manifestiert, whrend die Maya oder Tuschung rings um ihn in gestaltlosem Nebel als +asat+ oder +non Ens+ geschwebt habe.[257] Indem aber nun auf diese Weise das Urwesen sich selbst im Spiegelglanz der Maya anzuschauen begann, ward durch seine Betrachtung die Finsternis geteilt, und die Liebe in seinem Gemt wurde zur produktiven Schpferkraft. Im Upnekhata bildet sich die Welt aus einem Ei, woraus sich zunchst Brahma als Makrokosmus in der Gestalt eines Menschen entwickelt. Zu seinem Krper gehren selbst die Gtter, da alles eins ist, und wer ihn erkennt und ihn versteht, der ist selbst Gott.[258] Wenn in den indischen Kosmogonien ein Urstoff angenommen wird, so ist derselbe je nach dem herrschenden Kultus verschieden, bei den Verehrern des Schiwa das Feuer, und im Wischnukultus das Wasser. Im Ramayana heit es[259]: Alles war Wasser, dann wurde die Erde geschaffen, und darauf entstand der selbststndige Brahma mit den Devatas. In Manus Gesetzbuch wird gesagt[260]: Als der Ewige und Unsichtbare, den nur die Vernunft ergrndet, aus seiner eigenen gttlichen Substanz mannigfache Wesen hervorbringen wollte, schuf er zuerst durch einen Gedanken das Wasser und that darein den Zeugungsstoff. Dieser ward zu einem Ei, wie die Sonne glnzend, und in ihm entwickelte sich der groe Urvater aller Geister, Brahma, die schaffende Kraft des Ewigen, welche nach einem Schpfungsjahr allein durch den Gedanken das Ei zertheilte, dessen beide Hlften sodann Himmel und Erde bildeten. Andere wieder halten die Luft oder -- besser gesagt -- den ther (+ksa+) fr das erste Prinzip und betrachten ihn, wie spter die Griechen usw., als ein fnftes Element, in welchem sich die Himmelskrper bewegen, seit sie von der Hand des Schpfers den ersten Ansto erhielten. In noch andern Kosmogonien waltet ein dualistisches Prinzip, insofern der ewigen Materie ein ewiger Urgeist als Seele oder +sensorium commune+ gegenbergestellt wird, auf welchen die hchste Gottheit durch Bewegung einwirkt. In diesem Sinne heit es in einem Purana[261]: Den Stoff und auch den Geist durchdrang von Anbeginn der Weltenfrst, Mit seiner Einheit Majestt bewegte sie der hchste Herr; Dem jungfrulichen Sehnen gleich, und wie des Frhlings Zephirhauch Verharrte in Bewegung dann Er, dieser Eingestaltige. Eine Grundlehre der Brahmanen ist ferner, da Gott alle Dinge gut schuf, und der Mensch als freies Wesen allein die Schuld an dem moralischen bel trgt, insofern seine Seele eine Emanation der Gottheit ist. Als Brahma das Schpferwort aussprach, entstanden die geistigen Urbilder alles Lebens, deren Aufenthalt der ther ist. Sie sind vllig den Feruers des Mazdeismus vergleichbar. Andere aus Brahma emanierende, den Amschaspands, Izeds oder Engeln hnliche Wesen sind die Devs und Surs, welche in der intelligiblen Welt ihre Freiheit genossen, bis einer von ihnen -- +Mahsasura+, der Bffeldmon, -- aus Neid und Eifersucht von Brahma abfiel, ihm hnlich gesinnte Geister verfhrte und dadurch der Seligkeit verlustig ging. Hierauf schuf Brahma die materielle Welt, damit in ihr die abgefallenen Geister durch Prfungen gelutert und erneuert wrden. Die menschliche Seele ist das Ebenbild (+mrt+) der Gottheit, denn sie ist vom gttlichen Atem belebt. Sie hat ihren Sitz im Gehirn, wo sie wie die Luft in einem Gef eingeschlossen ist. Zerbricht die Form, so vereinigt sich der menschliche Geist wieder mit dem gttlichen, gleichwie ein in das Meer geworfenes Gef seinen Inhalt mit dem des Oceans mischt. Die brigen Teile des Menschen lsen sich in die vier Elemente auf. Diese Auflsung in fnf Bestandteile -- +panchatvam+, der Zustand von Fnfen, denen die fnf Sinne als ebensoviel Thren dienen, welche man gegen die Auenwelt verschlossen halten soll -- ist der Tod, der keine Vernichtung ist, sondern eine stete Umbildung in neue Formen. Die endliche Vereinigung mit der Gottheit sucht der Mensch dadurch zu erreichen, da er in strenger Askese alle sinnlichen Einflsse auf sich abzuhalten sucht. Das moralisch Bse wird als etwas Negatives, als das Nachlassen der geistigen Kraft auf die Materie aufgefat, gegen welche das Gute als Positives, als frei waltende Kraft fortwhrend zu kmpfen hat. Die Gtter selbst gaben dazu durch ihre Bungen ein Vorbild. Das Dasein des Menschen auf Erden ist eine Strafe und wie jedes Leiden und Ungemach durch in frheren Daseinsstufen begangene Snden verschuldet, und je weiter sich alles von der Quelle der Gottheit entfernt, desto mehr verschlimmert es sich, weil die Gesetze der Emanation und Evolution es mit sich bringen, da die Kette und der Kreis aller Wesen sich je lnger je mehr vom Mittelpunkt entfernt. Das Bse wrde demnach bei seinem beharrlichen Sinken keine Aussicht auf eine Rckkehr zum Gttlichen haben, wenn die Gottheit nicht selbst dazu ein Mittel gegeben htte. Sie hat, sich gewissermaen zum Fatum -- Karma -- gestaltend, nicht nur jedem Einzelwesen ein besonderes Ziel in einer Einzelexistenz -- Incarnation -- gesteckt, sondern vergnnt ihm auch in wiederholten Existenzen -- Reincarnationen -- auf die Erde herabzukommen, um sich in ihnen zum endlichen Rckflu in die Gottheit zu lutern. -- Durch die Kenntnis dieses Gesetzes erhlt der Mensch die Richtschnur fr sein Denken und Handeln. Die Weltendauer ist auf 12000 resp. 432000 Jahre beschrnkt, nach deren Verlauf alles Bse vernichtet wird, wenn die Gottheit abermals erscheint, die materielle Welt zerstrt und ein allgemeines Reich des Geistes einfhrt. Es heit in den Veden: Was kann die Welt fr Freude gewhren, wo Alles sich verschlimmert? Knige sind gefallen, Strme versiegt, Berge versunken. Der Pol selbst hat seinen Ort verndert; Sterne sind aus ihrer Bahn gewichen, die ganze Erde ist von ihrer Bahn heimgesucht und die Geister selbst vom Himmel geschleudert worden. Darum mu alles Sein dahinschwinden, und das Ramayana[262] ergeht sich in folgenden Betrachtungen: So wie die reife Baumesfrucht im Augenblicke fallen kann, Mu dir, o Mensch, dein Erdenziel bestndig in Gedanken sein; Denn wie veraltet ein Gebu, so fest es war, in Trmmer fllt, So welkt der Sterblichen Geschlecht dem Tode unaufhaltsam zu. Es kehret nimmermehr zurck die Nacht, wenn einmal sie verschwand, Und mit des Ganges Wasser mischt ohne Rast sich Yamuna. Es schwinden unsre Tage hin, und aller Wesen Lebenshauch Ist wie ein Dunst zur Sommerzeit, den aufwrts zieht der Sonnenstrahl, Zur Seite wandert uns der Tod, kehrt ein mit uns von Jugend auf. Und wendet sich mit uns zurck, wenn wir am hchsten Ziele sind, Wenn grau das Haar geworden ist, wenn eingeschrumpft die Glieder sind. -- Es freuen sich die Menschen hier, wenn auf- die Sonn' und untergeht: Es sollte Warnung ihnen sein, da Alles auf- und untergeht: Sie freuen sich der Frhlingszeit, wenn Alles jung und neu erscheint: Ach, wie das Jahr die Zeiten rollt, so schwindet auch das Leben hin! -- Wie dort am Lotosblatte sich ein Tropfen Thaues zitternd hlt, So ist dem steten Falle nah des Menschen zitternd Erdenglck, Und wie im groen Ocean ein Splitter Holz den andern trifft, So treffen hier auf Erden sich die Wesen einen Augenblick. Der ausgesprochene Pessimismus der indischen Religionsphilosophie lt, wie bekannt und bereits gesagt, die irdische, materielle, sublunarische Welt ein bel sein, welches steter Vernderlichkeit und stetem Wechsel ausgesetzt ist, whrend darber hinaus stete Ruhe und Seligkeit herrscht. Diese dem Wandel unterworfene Sinnenwelt zerfllt in drei Abteilungen nach den drei Dimensionen des Raumes. In diesen drei Abteilungen sind vierzehn Klassen von Wesen verteilt nach den drei Grundkrften, mit denen die Natur wirkt. Denn gleichwie der Zusammenflu von drei Strmen nur einen bildet, oder wie durch Vereinigung von l, Docht und Flamme das Licht entsteht, so wirken die drei Grundkrfte durch Vereinigung der feindlichen Gegenstze zu einem Zwecke hin. Die drei Grundkrfte sind folgende: 1. +Tamas+, Finsternis, Unwissenheit und niedere Selbstsucht, bei welcher das Gewissen und die Scham wegen bser Handlungen eintritt.[263] Diese Eigenschaft ist in Erde und Wasser vorherrschend, weil diese Elemente abwrts streben. Zu ihr gehren fnf Abteilungen der untersten Weltzone, die Tierwelt und die leblosen Krper. Deshalb findet auch bei Menschen, in denen diese Eigenschaft vorherrscht, die Metempsychose in niedere Tierkrper statt, soda die grten Snden wie Ehebruch, Zerstrung religiser Gebude die Seelenwanderung in die niedersten Tierkrper, ja sogar den bergang in Pflanzen und Mineralien nach sich zieht. 2. +Maya+, die Tuschung oder der Schein. Dieselbe herrscht in der Luft vor und ist beim Menschen ein passiv-leidenschaftlicher Zustand, in welchem die Vernunft gefangen genommen ist. Bei ihm findet eine Metempsychose in menschliche oder hchstens bermenschliche Wesen niederster Gattung statt. Sie hat in der mittlern, nur von einer Wesensreihe -- der menschlichen -- bewohnten Weltzone die Oberhand. In ihr herrscht die Leidenschaft, weshalb sich der Mensch gegen dieselbe wappnen und seine Sinne beherrschen soll. 3. +Satya+, die Wesenheit, Wahrheit, Tugend. Sie herrscht im Feuer vor, weil dieses nach oben steigt. Bei dem Menschen ist sie die harmonische Wirksamkeit aller Seelenkrfte und das Streben nach dem Guten und Wahren, bei dessen Obwalten bei der Metempsychose eine bestndige Vergttlichung stattfindet, hnlich wie sich der Neuplatoniker Hierokles in folgenden Versen ausdrckt[264]: Dann wirst du froh in den reinen ther dich singend erheben, Vom Tod auf ewig befreit, bist du unsterblicher Gott dann! Bevor aber die Seele, wie es in der Bhagavadgita heit[265], nach dem zerrissenen und abgenutzten Gewand ein neues anzieht oder vom Mund zum Himmel sich erhebt, mu sie vor den Totenrichter Yamas kommen, der ihr das Verzeichnis ihrer Thaten vorliest, worauf sie in dem Fall, da in ihrer Incarnation die Snde vorherrschte, eine Zeit lang ohne krperliche Hlle in verschiedenen Hllen ben mu. Dieselben sind Fegefeuer mit furchtbaren Einrichtungen, wie glhende Betten, Schlammgruben&c., zur Peinigung der sndigen Seelen. Erst wenn eine solche Seele je nach dem Grad ihrer Sndhaftigkeit eine grere Anzahl Hllen durchwandert hat, kann sie einen neuen Krper anziehen und behufs ihrer Besserung den Weg der Reincarnation weiter beschreiten. Die Guten kommen direkt in das Paradies Indras, wo sie in seliges Anschauen, in Ekstase versinken. In der sogenannten Theosophie oder dem esoterischen Buddhismus ist unendlich viel von den sieben Grundteilen des Menschen die Rede, ohne da jedoch im Entferntesten diese Lehre etwas dem Buddhismus oder der indischen Religionsphilosophie Eigentmliches wre. Im Gegenteil finden wir bei allen philosophischen, religisen und occultistischen Lehren, die auf pantheistischer Grundlage ruhen und ein Emanieren der Seele aus Gott annehmen, ein Zerlegen des nicht krperlichen Menschen in mehrere, keineswegs stets sieben Grundteile; im Gegenteil ist die Zahl derselben eine sehr schwankende. Der Annahme mehrerer Grundteile des bersinnlichen Menschen liegt die Folgerung zu Grund, da die eigentliche als Teil der Gottheit emanierte Seele weder leiden noch sndigen knne. Darum giebt man ihr noch mehrere mehr oder weniger niedere Grundteile bei, um Leiden, Snde, Leidenschaft usw. erklren zu knnen. Damit ist die Annahme eines Astralkrpers als therisches Grundschema des Menschenleibes eng verbunden. Ich werde die Ausbildung dieser Anschauungen verfolgen und will hier einstweilen nur bemerken, da die Theosophie eine Entwickelung oder Sublimation der sieben Grundteile aus dem Stoff heraus und empor analog der Entwickelung des Menschen aus dem Urschleim annimmt, um den Umstand erklren zu knnen, da in manchem Menschen der gttliche Funke total fehlt oder nur ganz rudimentr entwickelt ist, wie beim Idioten, Verbrecher usw. So ist bei dem Menschen der westlichen Kultur nach theosophischer Anschauung erst der fnfte Grundteil entwickelt, bei den hochbelobten Mahatmas der sechste und erst bei den verschiedenen Buddhas und Christus -- ein hirnverbrannter Theosoph zhlt neunzehn Christus auf -- ist der siebente Grundteil ausgebildet. -- Die als die geistigste aller geistigen Lehren und uralt gepriesene Theosophie ist also durchaus materieller Natur und modernsten Ursprungs. Die theosophische Anschauung entstammt der Sankhyaphilosophie, welche zwischen einer spirituellen und einer sensitiven Seele oder einer Art Astralkrper unterscheidet. Die Grnder der Theosophie haben dann aus den verschiedensten Geheimlehren Brocken aufgelesen, die Lebenskraft hinzugethan und endlich, um der mystischen Zahl Sieben Genge zu thun, sieben Grundteile glcklich herausgebracht. Davon, da Paracelsus und Agrippa von Nettesheim wie Helmont wirklich sieben Grundteile annahmen, wuten sie kein Wort, das habe _ich_ erst entdeckt und Herr Franz Hartmann in seinem Paracelsus verwendet. Spter wies Herr Franz Lambert die Annahme von sieben Grundteilen bei den gyptern und in der Kabbala nach, was indessen ebenso wie meine Entdeckungen fr die Echtheit der Theosophie gar nichts beweist, als da in den ersten beiden Jahren des Bekanntwerdens der Blavatskosophie in Deutschland ein Jagdfieber nach Grundteilen herrschte. Das Zusammentreffen ist ein rein zuflliges und eine durchgehende esoterische Annahme von sieben Grundteilen im Menschen ist nicht im Entferntesten vorhanden. Ich werde den Nachweis fhren. Mit der durchgehenden Annahme von sieben Grundteilen aber, die sich einer aus dem andern entwickeln, steht und fllt die ganze Theosophie. Nach der Sankhyaphilosophie also sind zwar die Seelen aus dem Urgeist -- Atma -- geflossen, aber wir mssen sie mit Perlen vergleichen, die an eine Schnur gereiht sind. Ein jeder Krper hat seine individuelle Seele, weil sonst jeder Einflu auf alle zusammen wirken wrde, und ebenso hat auch jede Seele ihre Vollkommenheiten und Schwchen, gerade wie eine jede der auf der Schnur verteilten Perlen. Die geistige, lebende, selbstbewute Seele -- +jva+, +buddhi+ -- ist umhllt mit einem feinen Leib aus dem feinsten materiellen ther. Derselbe ist das, was die spteren Philosophen +anima sensitiva+ -- bei den Indiern +manas+ -- nannten, welches der Sitz der Neigungen und Leidenschaften der Menschen ist, und welchen man durch die geistige Seele, die Vernunft, +buddhi+, beherrschen mu. Die +anima sensitiva+ fhrt auch den Namen +skshmasarra+, feiner Krper -- also Astralkrper -- und ist der Sitz des Selbstbewutseins; derselbe wird durch innere und uere Eindrcke angeregt, ist aber des sinnlichen Genusses so lange unfhig, bis er von einem materiellen Krper umgeben ist. -- Derselbe -- +sthlasarra+ -- besteht aus den Elementen, wird durch die Zeugung fortgepflanzt und ist sehr vergnglich, whrend der feine Krper dauerhafter ist und sich durch eine Reihe von Generationen hindurchzieht, gleich wie derselbe Schauspieler die verschiedenen Rollen seines Repertoirs spielt. Endlich aber wird der feine Krper im ther aufgelst, whrend die Vernunft -- +buddhi+ -- in der Gottheit aufgeht, ohne dabei ihre Individualitt zu verlieren. Dies ist die ewige Seligkeit, die Auferstehung in der Lichtwelt. Nach der Lehre der Brahmanen ist die eigentliche Aufgabe des hheren geistigen Lebens die Contemplation und Meditation, bis die Seele ganz und gar dasjenige erreicht, womit sie sich ausschlielich beschftigt. Indem sie sich mit allen Krften in die Natur dessen, womit sie sich beschftigt, versetzt und darin aufgeht, so mu sie die ganze Kraft ihres Willens dahin richten, den Gebrauch solcher Mittel zu ben, welche einen derartigen magisch-mystischen Rapport hervorrufen, um durch stufenweise Einweihung und fortschreitende bung jene mystische Vollendung zu erreichen, in welcher ihnen Brahma selbst erscheint und sich mit ihnen vereinigt. Diese Mittel sind Bue und strenge Askese. Um die Seele ganz von dem Irdischen loszulsen und sie in vllige Freiheit zu setzen, mu der Yogi genannte Asket allen natrlichen Verhltnissen entsagen, sich gnzlich von der Welt zurckziehen und allem Umgang mit Menschen entsagen, durchaus keusch leben und streng fasten. Auch scheint ein anhaltender Aufenthalt im Dunkeln und eine berladung des Bluts mit Kohlensure, herbeigefhrt durch systematisch verlangsamtes Atmen, die Yoga zu befrdern. Unbedingter Gehorsam gegen den Fhrer -- Guru -- auf den ansteigenden Stufen der Yoga ist ebenfalls unbedingt erforderlich, um die vollkommene Ruhe der Seele zu erlangen, ebenso wie der Leib ganz ohne Bewegung, dem Holze gleich, ohne Empfindung und Regung festgehalten und alle seine Pforten der natrlichen Ausgnge verschlossen gehalten werden mssen. brigens kommen in Manus Gesetzbuch mehrere Stellen vor, welche noch uere Mittel nennen, die zur Erreichung des inneren Schauens mithelfen sollen, wie das Schauen in Feuer, Sonne oder Mond -- also Autohypnose -- Opfer, Gesnge und endlich der berhmte Somatrank. Der Somatrank gilt als unerllich zur Vollendung der Yoga und soll in jenen magischen Zustand versetzen, in welchem die Yogis sich ber alle Welten erheben und -- mit Brahma vereint -- das All durchschauen. Nach Decandolle ist der Somatrank der Milchsaft der +Asclepias acida+ (+Cynanchum viminale+), und der genannte Botaniker spricht sich ber denselben folgendermaen aus: Dieser Saft ist scharf und reizend und kann in grerer Gabe leicht giftig werden, und in manchen Fllen werden die Nerven wie von narkotischen Mitteln afficiert, die besser als erstarrend bezeichnet werden knnen, da sie die Bewegungsthtigkeit der Nerven hemmen, ohne einen betubenden Schlaf hervorzurufen. hnlich sagt Windischmann in seinem bekannten Werk ber die Anwendung des heiligen Trankes, da der Genu des Somatrankes schon in lterer Zeit als ein heiliger Akt und gleichsam als ein Sakrament betrachtet wurde, wodurch die Vereinigung mit Brahma bewirkt werden sollte, leuchtet aus mehreren Zeugnissen der indischen Schriften ein; fter heit es: Paradschapati selbst trinke diese Milch, die Essenz aller Nahrung und Wahrnehmung, die Milch der Unsterblichkeit. Oben wurde der eigentmlichen Methode, durch systematisch gehemmtes Atmen das Blut mit Kohlensure zu berladen und so ekstatische Zustnde zu erzeugen, gedacht. Nach dem Oupnekhata ist der Vorgang folgender: Voraus geht ein Gebet: Brahma ist ein unvergngliches Wesen, reines Licht in einer heiligen Wohnung, und so ist auch die denkende Seele eine Offenbarung jener lichtausstrahlenden Kraft. Ich sinne im Geiste jener Lichtkraft -- Brahma -- nach, durch ein verborgenes Licht geleitet, das in mir selbst wohnt, und durch das ich denke, welches in meinem Herzen ist. Der allerhchste Brahma, der die sieben Welten erleuchtet, wolle meine Seele mit ihrem Lichte erleuchten. Dann heit es weiter: Um die weie Magudschi (Betrachtung) zu machen, soll man sich auf eine viereckige Basis setzen, auf die Fersen nmlich, und dann die neun Pforten verschlieen. Die beiden untern durch die Fersen, die Ohren durch die Daumen, die Augen durch die Zeigefinger, die Nase durch die mittleren, die Lippen durch die vier andern Finger. Die Lampe im Gef des Krpers wird dann bewahrt vor Licht und Bewegung, und das ganze Gef wird Licht. Wie die Schildkrte mu der Mensch alle Sinne in sich hineinziehen, das Herz dann in der Mitte der ffnung hten, dann wird Brahma in ihn eintreten als Feuer, Blitz. In dem groen Feuer in der Herzffnung wird eine kleine Flamme aufwrts lodern, und in ihrer Mitte Atma sein. Und wer alle weltliche Lust und ihre Weisheit in sich zerstreut, wie ein Habicht ist er durch die Fden des Netzes gebrochen und ist mit Brahma eins geworden. Wie die Flsse, nachdem sie einen groen Raum durchlaufen, eins werden mit dem ungebundenen Meer, so diese sich absondernden Menschen; sie werden selbst Brahma, selbst Atma. Im Groen der Groen und der Groe der Groen ist mit seinem Lichte Alllicht; wer ihn als Brahma erkennt, wird Brahma. Hunderttausendmal hunderttausendfaches Sonnenlicht reicht nicht an das Licht dessen, der Brahmatma geworden ist. Atma selbst zeigt ihm seine Gestalt. Eben darum gelangt nicht jeder zu dieser Hhe, weil Atma ihre Sinne von sich treibt, da sie nur ueres sehen. Wer daher diesen Weg zu Brahma einschlgt, mu aller Welt und Lust entsagen, die Scham nur bedecken, einen Stock nur fhren und so viel Almosen nehmen, als zur Fristung des Lebens nothwendig ist. Dies thun aber nur noch die Kleineren; der Groe wirft Gef und Stock weg und liest auch nicht die Oupnekhata. Brahma erkennt die Luft als seine Decke; er heftet sich an nichts, er ist nicht geschieden und nicht gebunden mit irgend etwas; fr ihn ist nicht Tag und nicht Nacht, nichts als Atma, und Brahma ist ihm Alles. Analog heit es in den Upanischads: Das Herz wandelt in der Zeit des Wachens an Orten, wohin das Auge, das Ohr und die andern Sinne nicht gelangen und gewhrt schon so ein groes Licht. Ebenso wandelt es im Traume an entlegene Orte und zndet den andren Sinnen ein groes Licht an. Im tiefen Schlaf ist es eins und ungetheilt und hat nicht seines Gleichen im Leibe; es ist das Princip aller Sinne. Der Fhige vollbringt seine Werke mittelst des Herzens, und der Erkennende erkennt durch das Herz, auch ist es der Beweggrund aller Opfer. Es ist die Leuchte des Leibes und der Mittelpunkt desselben und aller Sinne Mitte. In ihm wohnt die Erinnerung und alle berlegung. In seinen Banden ist der vergangene, gegenwrtige und zuknftige Zustand der Welt, alles Vergngliche; es selbst aber ist unvergnglich. In der Herzhhle wohnt die unsterbliche Person nicht grer als ein Daumen, in der Mitte des Geistes, diese Person ist klar wie eine rauchlose Flamme. In dieser Hhle ist Brahmas Wohnung, eine kleine Lotosblume, ein kleiner Raum, der von therischem Licht erfllt ist. Was das sei, was darin ist, sollte erforscht und erkannt werden. Derselbe ther, wie er auen ist, ist auch innerhalb jenes kleinen Raumes im Herzen und in ihm sind Himmel und Erde enthalten, und das Feuer und der Wind, und Sonne und Mond, und der Blitz und die Gestirne. Alles ist und ist nicht an diesem Ort. Und wenn Einer sagt, da hierin Alles enthalten ist und alles Verlangenswerthe, was bleibt dann brig, wenn Brahmas Wohnung, welche im Herzen ist, altert und vergeht? Darauf mu erwidert werden: jener zarte ther altert nicht und wird nicht getdtet mit dem Leibe. Er ist wahrhaftig und Brahmas Wohnung, in welcher Alles enthalten ist. Er ist der Geist, von allem bel weit entfernt, dem Alter, der Krankheit, dem Tode nicht unterworfen. Wer diesen Atma nicht erkennt, geht aus der Welt und in alle Welten, seiner nicht mchtig, und zieht aus, den Lohn der Werke zu empfangen, der ihm gebhrt. Die aber von hier weg gehen, den Geist erkennend, die gehen ihrer und ihrer Wnsche mchtig und empfangen ewigen Lohn. Wem der Schleier der Unwissenheit und des Irrthums vom Herzen genommen wird, wer die Gestalt des zarten thers angenommen hat, dem ist alles Wnschenswerthe gegenwrtig. Wie der Nichtwissende ber einen in der Erde verborgenen Schatz wegschreitet und ihn nicht findet, so wissen die Menschen nicht, wohin sie gehen und mit wem sie alle Tage zusammenkommen, wenn sie -- in tiefen Schlaf versinkend -- wirklich zu Brahma eingehen und einkehren in jenen innern ther. Wer aber den Geist erreicht, der sieht, wenn er auch uerlich nicht sieht, der wird gesund, wenn er auch krank ist. Ihm wird die Nacht zum Tag, das Dunkel zum Licht, er ist sich offenbar, und diese offenbare Gegenwart ist die Welt des Brahma selbst. Wer sie gewinnt, der ist aller Orten und auf alle Weisen, wie er will, zu jeder Zeit; wenn er sich von aller Anhnglichkeit an die Sinnenwelt geschieden hat, ist er wahrhaftig. Nach Manus Gesetzbuch hat die Seele drei Zustnde der Erkenntnis: das Wachen, der Traumschlaf und die durch die Yoga hervorgerufene Ekstase. Das Wachen in der uern sinnlichen Welt gilt den Indiern nicht als ein wahres Erkennen, denn Unwissenheit und Bethrung walten vor wegen der Anhnglichkeit an uere Dinge und der Begierde nach deren Besitz. Daher die Habsucht, die Anhnglichkeit an das Vergngliche und sinnlich Handgreifliche, das Trachten nach falschen Gtern, die Unbestndigkeit und das Gemisch von gut und bse, hohem und niedern, Laster und Tugend, Tier und Mensch. Dieser Zustand entspricht der Finsternis nach den verschiedenen Stufen vom ersten Erwachen ins irdische Dasein bis zur Intelligenz und allem Raffinement in den Knsten und Wissenschaften. Im Traumschlaf herrscht noch der Sonnendienst in Bildern; die Seele schwebt noch im Dmmerlicht in Bewegung zwischen Freude und Leid, Liebe und Ha, zwischen Khnheit und Furcht vor Gefahren. Das ganze Leben ist ein Traumleben voll Eitelkeit, ohne je das wahre Ziel zu erreichen; jedoch ist es schon der bergang zum wahren Erwachen in Brahmas Welt. Die Ekstase ffnet erst das wahre Licht der Erkenntnis, und das rechte Wachen ist ein Schauen eines dem gemeinen Auge unsichtbaren unzugnglichen Lichtes. Hier wird erst das innere Auge aufgeschlossen, und das Sehen ist nicht mehr das sinnliche, dem Zufall und dem natrlichen Licht preisgegebene verwirrbare, sondern es ist das Hellsehen, das Durchschauen der Dinge. -- Die Ekstase hat aber verschiedene Grade des innern Erwachens, in welchem die Yogis in tiefen Schlaf versenkt und wie die im Traumschlaf Befangenen der Welt entrckt sind, und in den niedern Stufen herrscht Ohnmacht und Ruhe und halbaufgeschlossener innerer Sinn wie im Traumschlafe. Alle Menschen verfallen tglich in diesen Zustand, aber daraus zurckgekehrt wissen die wenigsten etwas davon und fallen beim Erwachen in die uere Welt wieder der Unwissenheit anheim. Nach einer Erzhlung der Upanischads antwortete ein Rischi auf die Frage: wer wohl der Grere sei, der wache, der Trume schaue, und wo der Ort der Wonne sei? auf folgende Weise: Wenn die Sonne untergeht, gehen ihre Strahlen in den Kern zurck; auf dieselbe Weise gehen die Sinne in Manas (den Allsinn) zurck. Die Person sieht nichts, hrt nichts, riecht nichts, schmeckt und fhlt nichts, fat nichts mit der Hand und hat keine Lustbegierde, eine solche Person ist in Supta (im Schlafe). Aber innerhalb der Stadt des Brahma (im Leibe des Schlafenden) sind dann die fnf Pranas leuchtend und wach. So lange die Pforten des Leibes noch offen stehen und das Herz in den Regionen der uern Sinneswelt umherschweift, erwacht keine wesentliche Selbstheit, denn die Sinne stehen dann geschieden und vereinzelt. Werden sie aber in das Herz hineingezogen, so gehen sie Gemeinschaft ein, und der Mensch erreicht sich selbst im Licht jener Pranas, er ist bei verschlossenen Pforten des Leibes und im tiefen Schlafe -- auch bei vlliger Erstarrung und Unempfindlichkeit -- innerlich wach und geniet die Erkenntnis des Brahma an jedem Tag und zur Zeit des seligen Schlafes. Da sieht er dann, was er im Wachen that, und sah an jedem Ort Alles aufs Neue. Er sieht Alles insgesammt, Gesehenes und Nichtgesehenes, Gehrtes und Nichtgehrtes, Gewutes und Nichtgewutes, und weil Atma selbst Urheber aller Handlungen ist, so verrichtet er nun im Schlaf gleichfalls alle Handlungen und nimmt seine ursprngliche Gestalt wieder an. Um dahin zu gelangen, mssen die Sinne und die Sinnenlust verschlossen sein, auch innerlich im Leibe mu diese Macht in die Pfortader eintreten und der Galle den Ausflu verschlieen, denn das Manas bindet in dieser Zeit jene Ader, welche der Weg der Begierde ist, und der Schlafende sieht dann keinen Traum mehr, sondern er wird dann ganz Atma, lichtartig, und sieht die Dinge, wie sie sind. Er wirkt vernnftig und vollbringt Alles. Er wird mit Brahma Eins. Wie Strme rinnen und im Ocean, Aufgebend, Name und Gestalt, verschwinden, So geht, erlst von Name und Gestalt, Der Weise ein zum gttlich hchsten Geist. So viel ber Kosmogonie, Mystik&c. der Inder. Ich wende mich nun zur indischen Astrologie, ber die ich in meinen Geheimwissenschaften schon Einiges sagte. Eine jede sabische Religion ist aus der Beobachtung der Gestirne erwachsen, und es gehrt zum Glauben der hierhergehrigen Kulte, da die Himmelskrper die Geschicke der Menschen bestimmen. Deshalb ist und bleibt die Astrologie die Mutter der Astronomie. Es ist ein tiefeingreifender Glaube der sabischen Religionen, da die Gestirne belebt, da sie entweder gttliche Wesen an sich seien, deren Pfad am Himmel die Milchstrae darstellt, weshalb diese bei den Indern sowohl die Sternenbahn, als auch die Gtterstrae und der Weg der Frommen genannt wird, oder da wenigstens die Seelen der Tugendhaften aus ihnen strahlen, so lange ihr Verdienst whrt, dann aber als Sternschnuppen herabfallen, um abermals in irdische Krper gebannt zu werden. So sagt Matalis zu Arjunas: es sind Fromme, welche du in Sternengestalt auf der Erde gesehen hast! und diese Vergleichung mit einem gefallenen Stern bei den indischen Dichtern findet nach dieser Ansicht erst einen tiefen Sinn. hnlich war die Vorstellung bei einigen Griechen; denn bei Aristophanes heit es ausdrcklich, da die Seele zum leuchtenden Stern werde, und auch Origenes kann sich von diesem Stern kaum losreien. Werden aber die Gestirne mit diesem Interesse betrachtet, so mu die Astrologie in dem ursprnglichen Sinn der Astrognosie gar bald ein unzertrennlicher Teil der Religion werden, und die Beobachtung mu sich auf die Himmelskrper mit gesteigertem Anteil lenken, um womglich ihre ewigen Gesetze zu berechnen und die scheinbar regellos zerstreuten Funken in eine kosmische Symmetrie zu bringen. Die Beobachter waren Priester, durch Mue, hhere Bildung, Kastenverbindung und Beruf am ersten angewiesen, auf alles, was Religion betraf, aufmerksam zu sein, und so konnte es auch der oberflchlichsten Beobachtung nicht entgehen, wie die alles belebende Sonne als Hauptgottheit des Sabismus im Laufe der Jahreszeiten ihren Einflu zugleich mit der anscheinenden Bahn vernderte, wie die Sterngruppen zu ihrer Stellung wechselten, und besonders der Mond eine regelmige Wanderung zu machen schien am unermelichen Himmelsgewlbe, bald dieses, bald jenes Gestirn begrend, bald im vollen Glanz, bald unscheinbar und ganz verschwindend. Im Geiste des Orients hllte man die beobachtete Regelmigkeit in populre Allegorien ein, teils um die Mitteilung der Erfahrungen zu erleichtern, teils um dem Volke den geglaubten Einflu jener glnzenden Krper auf die Erde bemerklich zu machen. Dies war der Ursprung der Astrologie. Fortgesetzte Beobachtungen muten bald neben Sonne und Mond noch fnf Planeten entdecken lassen, und wirklich geht die Bekanntschaft mit denselben ber die uns bekannte Geschichte hinaus. Bereits Homer kennt die Venus, whrend die Chalder besonders Jupiter und Mars verehrten, und aus keinem andern Grund geniet die mystische Zahl Sieben eine solche Verehrung, als aus Rcksicht auf die Zahl der Planeten. Bei den Indern ist die Siebenzahl hochheilig und spielt in den Mythen eine sehr bedeutende Rolle; dabei will ich nur an die sieben heiligen Rischis, die sieben Rosse des Surya, die sieben Zungen des Agnis, an den siebenkpfigen Drachen und an die sieben Reinigungshllen erinnern. Die Planeten werden in den ltesten heiligen Schriften der Indier genannt, und es giebt sogar besondere Gebete an sie. Venus ist eine mnnliche Gottheit; sie und Merkur sind glckliche Sterne und stehen wie Jupiter, der Lehrer der Gtter, in hohem Ansehen. Hingegen ist Saturn, der Langsame (+Sanis+), unheilbringend; ihm ist der Rabe gewidmet, welcher allenthalben als ein Anzeichen des Unglcks, der Trennung und der Regenzeit erscheint. Die Wochentage werden folgendermaen unter die Planeten verteilt: 1. Sonntag Tag des +Sryas+ (Sonne). 2. Montag " " +Chandras+ (Mond). 3. Dienstag " " +Mangalas+ (Mars). 4. Mittwoch " " +Buddhas+ (Merkur). 5. Donnerstag " " +Vrihaspatis+ (Jupiter). 6. Freitag " " +Sukras+ (Venus). 7. Sonnabend " " +Sanis+ (Saturn). Der Sonntag war der heiligste Tag; er war der Schpfungstag unter dem Meridian von Lanka, und mit ihm -- um Sonnenaufgang -- beginnt die Kalpa oder eine neue Weltperiode. Die Indier haben einen doppelten Tierkreis, insofern derselbe nmlich sowohl in die zwlf Bilder der Ekliptik, als in achtundzwanzig Mondstationen geteilt ist. Die Indier nennen den Zodiacus Gestirnkreis (+jyotishimandala+) oder Zeichenrad (+rsichakra+), und die Bilder kommen sowohl in den Veden, als im Ramayana und Bhagavadgita vor. Sie sind ursprnglich einfache Kalenderzeichen und beziehen sich auf die klimatischen Verhltnisse, von denen die drei bedeutsamsten Zeichen auf eine periodische berschwemmung hinweisen. Diese sind: Der _Steinbock_, welcher eine Doppelgestalt, halb Bock, halb Fisch, besitzt. Aratus gedenkt des Fischschwanzes noch nicht, wohl aber Eratosthenes, welcher ihn nach gelufigen Ideen Pan nennt. Bei den Indiern ist er eigentlich ein Delphin (+makara+) und wird dann mit einem Seeungeheuer, welches dem Gotte Varuna geweiht ist, am gewhnlichsten mit einem Krokodil, verwechselt. Die Bildung des ausgehenden Fischschwanzes kommt hier hufiger vor, unter andern bei der Matsyavatara des Wischnu; um aber das Steigen des Wassers recht anschaulich zu machen, fgt die indische Sphre das Bild einer Gazelle hinzu. Der _Wassermann_ giet aus seiner Urne Strme Wasser aus, und schon Eratosthenes meint, er scheine seinen Namen von der That zu haben. Im Sanskrit heit dieses Zeichen Krug (+kumbha+), welcher in der Hand des Wassermanns die auffallendste hnlichkeit mit den gyptischen Canopuskrgen darbietet. Nach dem periodischen Regen zur Zeit, in welcher die Sonne im Zeichen des Wassermannes steht, folgt im dritten Monat der Regenzeit das vllige Wachsen der Strme, welches die _Fische_ andeuten, deren Mythus sich unwandelbar an die syrische Gttin Atargatis -- Derketo -- knpft. Im nchsten Monat ist das Wasser so weit abgelaufen, da man im Zeichen des _Widders_ das Kleinvieh wieder auf die Weide treiben kann. Der Widder wird bald als der des Bacchus in Libyen, bald als der des Phrixus und der Helle aufgefat und wiederum mit Jupiter Ammon in Verbindung gebracht. Sein Charakter als Zeichen der Frhlingsnachtgleiche wrde auf ein Entstehen des Tierkreises um etwa 560 v.Chr. hindeuten. Der _Stier_ ist das natrlichste Zeichen, da im Frhling das Feld bestellt werden mu; auerdem ist auch in Bezug seiner Reihenfolge auf den Widder zu beobachten, da im Frhling nach den Schafen die Rinder werfen. gyptische Mythen beziehen den Stier auf den Apis; mit grerem Recht haben wir wohl an den zoroastrischen Urstier, Moloch&c. zu denken. Die _Zwillinge_ erscheinen auf der indischen Sphre getrennten Geschlechts; jedoch erscheint diese Darstellung jnger als die griechischen Mythen, welche in diesem Sternbild die Dioskuren, Triptolemus und Jasion, Zethus und Amphion, Herkules und Apollo sehen. Bemerkt sei noch, da sich anstatt der menschlichen Zwillinge, auf welche sich jedoch schon die Asvinau der Indier in den epischen Gedichten zu beziehen scheinen, in indischen Darstellungen zwei Gazellen finden, und das ganze Bild somit die im Frhling ppig grnende Natur anzudeuten scheint. Die Darstellung des folgenden Zeichens durch einen _Krebs_ ist zwar allverbreitet und uralt, unterliegt aber doch wohl ursprnglich einer falschen Deutung, insofern die ltesten Darstellungen der gyptischen und indischen Sphre nicht einen Krebs, sondern den der Sonne geheiligten Scarabus darstellen, welcher jedoch erst in spterer Zeit als Solstitialzeichen dem Anubis beigesellt wurde. Die griechische Mythe lt den Krebs aus dem lernischen Sumpf hervorgehen und den Herkules bei seinem Kampf gegen die Schlange am Fue verwunden. Diese Mythe entstand hchst wahrscheinlich erst aus dem Sternbild selbst, um so mehr, als Taschenkrebse -- denn einen solchen stellt das Sternbild vor -- nur im Meere leben. -- In spterer Zeit erklrt Makrobius den Krebs aus der abnehmenden Deklination der Sonne, nachdem sie den Sommersolstitialpunkt erreicht hatte. Auf der alten Sphre bezeichnet der _Lwe_, das Sinnbild der Kraft, den ursprnglichen Kulminationspunkt der Sonne, und hierauf beziehen sich die diesbezglichen Mythen wie vom nemeischen Lwenusw. Die _Jungfrau_ mit der hre (+Spica+) ist an sich klar das Bild der Ernte und kann sich, da dem gesamten Altertum das Bild einer Frau als Schnitterin fremd ist, nur auf die Erde als Gttin beziehen, welche ihre Gaben spendet. Darauf beziehen sich auch die schwankenden Mythen, welche bald auf Dike, bald auf Astra, Isis usw. abzielen. Bekannt ist, da der ltesten griechischen Sphre das Zeichen der _Wage_ fehlt, und da sich an ihrer Stelle die Scheren des Skorpions befinden. Auf der indischen Sphre jedoch befindet sich die Wage (+tul+) mit zwei Schalen, deren die Goldschmiede sich bedienen und worauf der Totenrichter Yama die Thaten der Menschen abwgt. Auerdem bedeutet sie an sich +aequalitas+ und ist somit das natrlichste Zeichen des quinoktium. Bezglich des _Skorpions_ finden sich nur wenig Mythen, doch fngt in gypten unter ihm das Reich des Typhon an. Am richtigsten ist wohl, bei der Aufstellung dieses Sternbildes daran zu denken, da im Herbst Indien und Persien von Skorpionen, Schlangen und anderm Gewrm wimmeln; auch wre es vielleicht angezeigt, an die Kharfesters des Zendavesta zu denken. Die Entstehung des Sternbildes des _Schtzen_ ist sehr zweifelhaft; auf keinen Fall kann die Mythe von den Centauren, Chiron&c. gengen, und auch an einen gyptischen Ursprung ist wohl kaum zu denken, da das Nilthal ein durchaus pferdearmes Land ist, wohingegen die Entstehung der Centaurenmythe durchaus auf die Ebenen Hochasiens pat. berhaupt steht die Annahme des gyptischen Ursprungs des Tierkreises in entschiedenem Widerspruch zum dortigen Naturleben, abgesehen von dem Umstand, da das Alter des Tierkreises von Denderah nicht ber die Zeit des Tiberius hinausgeht. Wenn andere Flsse abnehmen, sagen schon die Alten, so steigt der Nil vom Sommersolstitium bis zum Herbstquinoktium, und wenn andere Vlker Winter haben, ist in gypten alles blhend. Die Frhlingsnachtgleiche findet im Widder statt; der Nil steigt im Krebs, und die berschwemmung dauert bis in das Zeichen der Wage, weshalb der Lwe nicht mehr ein Bild der Sonnenhhe sein kann. Die Landbestellung fngt im November, also im Zeichen des Schtzen an, die Ernte fllt in den Mrz, weshalb der Stier nicht Erntestier sein kann, und im Zeichen der Jungfrau steht das Land unter Wasser. Aus den genannten Ursachen wrde ein gyptischer Ursprung des Tierkreises nur dann annehmbar sein, wenn man das Frhlingsquinoktium in die Wage, und das Wintersolstitium in den Krebs versetzen wollte. Dabei wrden aber die so charakteristischen Zeichen des Stiers, des Krebses und des Lwen ihre Bedeutung vllig einben, abgesehen von dem Umstand, da man die Entstehung des gyptischen Tierkreises in das Jahr 14272 v.Chr. setzen mte. Dahingegen wrde die Entstehung des Tierkreises vllig auf das nrdliche Indien und Bengalen passen, insofern die Regenmonate (+chaturo vrshikan msn+ nach der Ramayana) der Sphre entsprechend vom November bis Februar fallen. Die Vedas setzen den Frhling (+vasanta+) unter die Zeichen von den Fischen bis zum Stier sofort nach der berschwemmung. Die betreffenden drei Monate sind die angenehmsten, und in ihnen beginnen die Pilgerfahrten nach Haridvari bis zum April hin, wo endlich die Zeit der Feldbestellung im Zeichen des Stieres beginnt. Der Tierkreis bietet somit noch gegenwrtig den Indiern einen vlligen Naturkalender dar, whrend er fr gypten eine nichtssagende Hieroglyphe ist. Es fragt sich nun endlich noch, ob die Anordnung des Tierkreises getroffen wurde, als noch Bild und Sache zusammenfielen, d.h. mit andern Worten, als der Katasterismus des Widders das Zeichen des Frhlingsquinoktium war, was um ca. 550 v.Chr. stattfand, oder ob dies frher geschehen sei. Dabei ist der Betrag der Prcession -- in 72 Jahren ein Grad -- wohl zu bercksichtigen und zu bedenken, das die Prcession eines Zeichens 2160 Jahre, die des ganzen Tierkreises jedoch rund ca. 26000 Jahre betrgt. Da nun trotz der Behauptungen des Ktesias, der alten chaldischen Priester usw. nicht an ein solches Alter der Astronomie zu denken ist, so bleibt nur die Annahme des indischen Ursprungs des Zodiacus brig, wobei nur das spt entstandene Zeichen der Wage strend wirkt, whrend alle anderen Zeichen ihre ungezwungene Erklrung finden, wenn mit dem Stier das Jahr sich erffnete. Die Hitze mit ihren Fiebern wird am drckendsten zur Zeit des Herbstquinoktium, wenn die Sonne in den Skorpion tritt, gerade wie der Parsismus und die biblische Kosmogonie das Hereinbrechen des bels unter dem alten Drachen und die neueren Stcke des Zendavesta im Zeichen der Wage annehmen. Im Steinbock steigt die Sonne wie das Wasser der Strme, welches durch das Amphibium Makara angedeutet wird. Der Wassermann giet seine Strme herunter, und der Scarabus erhlt dadurch Bedeutung, da er erst zur Sonne strebt, aber noch nicht deren Kulminationspunkt bezeichnet. Derselbe tritt im Lwen, im astrologischen Haus der Sonne ein, weshalb Herkules auf der Lwenhaut ausruht und in gypten der Lwe der Thron des Horus ist. berhaupt beziehen sich alle siderischen Mythen nur auf diese Sphre, besonders wenn in ihnen der Stier figuriert, an dessen Stelle in spterer Zeit der Widder oder das Lamm trat. Die Chinesen beginnen noch heute den Tierkreis mit dem Stier und feiern die Wiederkehr der Sonne im Wassermann, whrend die Perser die zwlf Bilder des Tierkreises mit den zwlf ersten Buchstaben des Alphabets bezeichnen und fr den Stier +A+, fr die Zwillinge +B+ setzen usw. Dabei will ich nochmals daran erinnern, da im Zendavesta der Urstier, der himmlische Lichtbringer, welcher das Gras wachsen lt, im Frhjahr geschaffen wird. Noch deutlicher wird dies bei den Mithramonumenten und bei dem gyptischen Apis usw. In allen diesen religisen Mythen, welche das ganze Altertum durchdringen, erffnet der Stier das Jahr, und es geht mit ihm und dem Frhlingsquinoktium bei der Weltschpfung die Umwlzung smtlicher Gestirne aus. In den Vedas beginnen die Krittikas oder die Plejaden am Halse dieses Sternbildes ebenso wie die 28 Mondnakshatras, eine Anordnung, welche Colebrooke um das Jahr 1400 v.Chr. setzt. Nur die gypter, bei denen die Personifikation der Erde als eine Kuh als eine ihnen ursprnglich fremde Vorstellung vorausgesetzt werden darf, treten hier -- durch ihr Klima gentigt -- mit der spteren Sphre allenthalben in Widerspruch. Der Widder, welcher im koptischen Tierkreis das Reich des Ammon genannt wird, war den gyptern bereits das Zeichen des Frhlingsquinoktium, und die Mythen von Jupiter Ammon sind wie die Sothisperiode wohl kaum so alt als man gewhnlich annimmt. Der Sirius (Sothis) sollte nach den Anschauungen der gypter der Schpfung der Welt vorgestanden haben, weil sie nach dem astronomischen Jahr des Meton den Jahresanfang in das Sommersolstitium verlegten oder die Schpfung im Zeichen der Wage geschehen sein lieen, weil sonst die Zge des Osiris keine Beziehungen zu dem Land gehabt htten, denn nach Diodorus Siculus trat, whrend Osiris in thiopien war, der Nil aus seinen Ufern. Dennoch begannen sie die Trauer um Isis, wenn der Nil noch im Steigen war, und die Thrnen der Isis vermehrten das Wasser, und Osiris stirbt im Zeichen des Skorpions. Alles dies sind Anschauungen der Perser und Indier von dem Absterben der Natur und dem Sieg des Bsen, welche jedoch mit dem Anfang des Frhlings im Nilthal ohne alle Bedeutung sind. Alle diese Umstnde wrden auf eine Entstehung des Tierkreises um etwa 1600 v.Chr. deuten. Das hohe Alter des Tierkreises erhellt auch aus dem Umstand, da das lteste Jahr 360 Tage zhlte. Die Griechen schrieben die Einfhrung desselben dem Solon zu, whrend nach Diodor[266] in gypten zu Phil tglich ein Gef mit Milch aufgestellt wurde, bis die Zahl von 360 erreicht war; eben so viele Priester muten Wasser in ein durchlchertes Fa gieen, und der Kriegsrock des Amasis bestand aus Fden von 360 Drhten. Am Rocke des Hohepriesters befanden sich nach einigen Rabbinen 360 Glckchen, und in der Kaaba der alten Araber standen 360 Gtterbilder; Semiramis baute um Babylon eine Mauer von 360 Stadien Lnge, und auch das altpersische Jahr hatte 360 Tage. Bei den Indiern bilden 360 irdische Jahre ein Gtterjahr, und noch jetzt ist ein Jahr von 360 Tagen auf Sumatra, Java, in Surate usw. in Gebrauch. Die indische Stunde hat 60 Minuten oder 360 Augenblicke, und es scheint, da auch die gypter ihre Stundeneinteilung diesem Jahre entlehnten. Wenigstens scheint dies aus Ptolemus zu erhellen, welcher nach den 360 Graden des Tierkreises der Stunde fnfzehn Minuten und der Minute fnfzehn Sekunden, dem Tag also 60 Stunden giebt, whrend der brgerliche Tag nur 24 Stunden zhlt. Es bleibt nun noch die indische Lehre zu erwhnen, nach welcher der Tierkreis in 120 Dekatemorien geteilt wird, so da auf jedes Zeichen zehn entfallen, ferner in 36 Dekanate, deren Herren -- die Dekane -- die einzelnen menschlichen Glieder analog der Harmonie des Makrokosmos mit dem Mikrokosmos regieren. Ursprnglich entstammte diese Anordnung wohl den Chaldern, weil Psellus und andere sie denselben zuschreiben. Diodorus Siculus nennt dieselben %theoi boulaioi%, und bei den Indiern heien sie +dreskns+. Einer der bedeutendsten indischen Astrologen war der um 506 nach Christus lebende Varahamihioas, ein Brahmane zu Udjayini, von seinen Schlern Avantikas genannt, welcher ein reichhaltiges astronomisch-astrologisches Werk schrieb. Der erste Teil desselben enthlt die eigentliche Astronomie, und die beiden letzten die Astrologie. Die letztere zerfllt wieder in drei Teile (+skands+), nmlich +Tantra+, welches die Berechnung der Planetenorte lehrt, alsdann +Hor+, das eigentliche Stellen der Nativitten und das Ermitteln glcklicher Elektionen zu Reisen, Hochzeiten usw. Der dritte Teil enthlt die Wetterprognostika (+Skh+). Von dem Gesamtwerk sind nur die astrologischen Teile unter dem Namen +Vrihatsanhit+ erhalten geblieben und von Bhattatpala kommentiert worden. Ein anderer berhmter Astrolog war der um 581 n.Chr. lebende Brahmaguptas, welcher groen Einflu auf die Araber ausbte, und mit welchem namentlich Abumassar in der Theorie von den groen Umlufen des Saturn und Jupiter bereinstimmt. Noch will ich bemerken, da es nach Diodorus Siculus und Strabo bereits zur Zeit Alexanders des Groen in Indien astrologische Ephemeriden gab, und da am Neujahrstage die Astrologen bei Hofe erscheinen muten, um die Witterung fr das Jahr vorauszusagen. Was aber Strabo und Diodorus Witterung nennen, bezieht sich auf die glcklichen und verbrannten Tage (+dagdhas+), welche bis auf die Neuzeit in der Astrologie eine groe Rolle spielen. Es leuchtet ein, da die Ermittelung dieser Tage, welche an gewisse Konstellationen geknpft sind, Berechnungen erfordern, weshalb der Astrolog im Sanskrit Rechner (+ganakas+) oder Zeichenkenner (+nimittavid+) heit. Die Astrologie heit entweder Gtterbefragung (+devaprasna+) oder Nativittsberechnung (+jtaka+), und der Berechner astrologischer Ephemeriden fhrt den Namen +Smoatsaras+. In Trankebar besteht gegenwrtig noch der Kalender (+panchngam+) aus fnf Hauptteilen: aus den Titthis, den Wochentagen (+vara+), den Nakschatras, den Yogas und aus dem astrologischen Teil, der die +Kana+ und +Tyga+ oder dasjenige vorschreibt, was an den glcklichen oder unglcklichen Tagen zu thun und zu lassen sei. Die Astrologie kommt bereits im Ramayana bei der Geburt des Rama vor, welche unter einer glcklichen Konstellation stattfand, ja aus vielen Stellen alter Sanskritschriften ergiebt sich, da das Leben der alten Inder durch astrologische Ideen so beherrscht wurde, da er nichts that, ohne die Planeten zu befragen. Diese Anschauungen muten sich allenthalben da entwickeln, wo die Gestirne ihren Einflu auf die Regierung der Welt, auf Charakter und Sitten, auf die knftigen Schicksale, auf die Krperbildung wie auf das ganze Naturleben behaupteten. Was sonst noch ber indische Astrologie zu sagen ist, habe ich in meinen Geheimwissenschaften mitgeteilt. Sehen wir nun zu, was an verbrgten Resultaten des praktischen Occultismus der Inder in Europa bekannt geworden ist. Dr. Johannes Baumgarten berichtet in der +Sphinx+[267]: Seitdem Charcot 1878 den wissenschaftlichen Bann gebrochen hat, der auf den Magnetisten (nicht zu verwechseln mit den Magnetiseurs) lastete, sind die 'Profanen' allseitig in das sorgfltig gehtete dunkle Gebiet des Occultismus eingedrungen und haben als Gewinn ihrer Streifzge eine Reihe sogenannte Entdeckungen von Thatsachen heimgebracht, die seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, nur der blinden Schulweisheit unbekannt waren, die sie jedoch unter neuen Namen zuerst an das Licht gezogen zu haben whnen. Keine einzige der durch die Experimente von Charcot, Baurneville, Richet, Liebeault, Bernheim, Dumontpallier, Preyer u.v.a. herausgestellten Hauptthatsachen des Hypnotismus und der Suggestion ist neu; sie lassen sich nachweisen in den Schriften von Du Potet und dessen Schlern; ja manche bei den ersten Mesmeristen und selbst weiter rckwrts im 18. Jahrhundert. Der Brahmane und sptere portugiesische Abb Faria, der in dem ersten Viertel unseres Jahrhunderts durch seine Experimente in Frankreich Aufsehen erregte und Schler wie Noizet und Bertrand bildete, stellte die erste Theorie der Suggestion auf. In vielen Dingen steht er bereits auf heutigem wissenschaftlichem Boden. Sein etwas schwer zu lesendes Werk ist eine Fundgrube fr Forscher; man findet darin: Gedankenbertragung, Lesen geschlossener Bcher oder versiegelter Briefe, Fernsehen, Ortsvernderung der Seele&c. Ein anderer Brahmane Lahanteka, der 1854 und 55 Amerika bereiste, bewies in merkwrdigen Experimenten die direkte Wirkung des Willens auf die uere Welt und zeigte u.a. wie durch einen einfachen Willensakt die Sinne seiner Zuhrer dergestalt von Illusionen befangen wurden, da sie glaubten, einen Schwarm von Vgeln durch den Saal fliegen zu sehen und deren Gesang zu hren. Von Gedankenlesen gab er ihnen folgenden Beweis: Lahanteka hatte ihnen zu wiederholten Malen unter zwanzig Mnzen diejenige richtig bezeichnet, auf welche sie whrend seiner Abwesenheit ihre Willenskraft koncentrirt hatten. Da schlug einer, ebenfalls in Abwesenheit des Brahmanen, vor, um ihn zu prfen, unter den Geldstcken keine Wahl zu treffen und sie ihm so vorzulegen. Lahanteka untersuchte die Mnzen genau und erklrte dann, man habe auf keine einzige speziell den Gedanken gerichtet; hierauf betrachtete er eben so genau seine Zuhrer und bezeichnete dann richtig denjenigen, der diese Probe vorgeschlagen hatte. Bei aufmerksamer Lektre der seit dem 16. Jahrhundert erschienenen Reisebeschreibungen wird man auf eine Menge bisher wenig beachteter occultistischer Thatsachen stoen, die nicht selten durch ihre bereinstimmung in den verschiedensten Lndern eine entscheidende Beweiskraft fr ihre Wirklichkeit und dadurch vielfach fast den Wert direkter Experimente haben. Erst seit sieben Jahren wei man genauer, da in den Bazars des Orients eine geheime Korrespondenzweise bekannt ist, wodurch man Nachrichten in die Ferne senden und daraus erhalten kann. Dieselbe heit Hindostan und im westlichen Asien Khabar (d.h. arab. Nachrichten). Diese bis jetzt fr die Wissenschaft unerklrliche Mitteilung geschieht mit der Schnelligkeit des Blitzes, wie Lord Cameron in seinen 'Erinnerungen an die Drusen' sagt: Fragt euch ein Kaufmann, Trke, Araber, Hindu oder Perser, ob ihr die neuesten Nachrichten kennt, und ihr antwortet verneinend, so teilt er euch diejenigen mit, welche der Khabar eben offenbart hat. Hieraus erklrt sich, wie whrend des Krimkrieges die Brahmanen eher als die Englnder und noch vor dem Eintreffen der telegraphischen Nachricht den Fall Sebastopols und nachher den Abschlu des Friedens von 1856 erfuhren. Das Journal Du Potets erinnert daran, da 1816 ein kurzer Aufstand unter einigen Vlkerschaften im Innern von Hindostan entstand, weil diese -- drei Wochen bevor die englische Regierung es erfuhr -- die Nachricht von der Niederlage der Englnder am Vormittage von Waterloo erhalten hatten. Kurz darauf traf ebenso schnell die Nachricht vom schlielichen Siege der Englnder ein. An der Thatsache, die in hnlicher Weise auch in Central- und Nordasien von Reisenden beobachtet wurde, ist kaum zu zweifeln. Aber wie soll man sie erklren? Noch kein wissenschaftlicher Beobachter hat sie untersucht, man ist also auf Vermuthungen beschrnkt, da auch von der Benutzung des Hellsehens einer Somnambule dabei nicht die Rede ist. Man knnte denken an den Gebrauch des magischen Spiegels +Sarwa anjoun+, den die Hindu und Mohammedaner in Indien kennen, und welcher in merkwrdiger Weise an das Experiment des Grafen de Laborde mit dem Magier Achmed in gypten erinnert. Die Operationsweise mit diesem Spiegel ist folgende: Man nimmt eine Handvoll von +dolichos lablab+, welche man ber dem Feuer verkohlen lt und zu Pulver zerreibt und dann mit Biberl befeuchtet. Hierauf lt man dieses Prparat in einem neuen irdenen Gef, Lota genannt, verbrennen und drckt diese Masse, nachdem man eine gewisse Formel gesprochen hat, in die Hand eines Knaben, der bald darauf darin geheimnisvolle Gestalten und Geister erblickt. -- Hchst bemerkenswerth ist, da eine der ersten Gestalten, welche das Kind erblickt, gewhnlich die des +fourach+ oder Straenkehrers ist, dem ein Wassertrger folgt; hierauf kehrt der +fourach+ zurck, breitet einen Teppich aus und es erscheint eine groe Schaar von guten und bsen Geistern, bis sich ihr Fhrer auf einem Throne zeigt und dadurch die Erscheinung zu Ende geht. So geht die Sache in Hindostan vor sich. Nun hat sich aber ganz dasselbe in Kairo beim Experiment Achmeds vor dem Grafen de Laborde gezeigt: Der in seine Hand blickende Knabe beschrieb einen trkischen Soldaten, der einen Platz vor einem Zelte fegte. Die Beweise von Fernsicht, welche das Kind gab, waren durchaus berzeugend. Von einem zum Fernsehen gebrauchten Knaben ist weder beim Khabar noch bei den Sannyasis und Hoyis, welche den +Sarwa anjoun+ handhaben, die Rede. Es mu also eine andere Erklrung gesucht werden, und da drfte denn die von einem Herrn Magliulo 1856 zu Bona in Algerien (jedenfalls im Verkehr mit den dortigen Arabern) gemachte Entdeckung eines hchst einfachen, Ferngesichte erzeugenden Zauberspiegels eine Handhabe bieten. Nach Du Potets Journal (+XV, 494+) bereitet man diesen Spiegel auf folgende Weise: Man schwrzt mit Tinte in der Hhlung der linken Hand eine Flche von der Gre eines Zehncentimes-Stckes, giet 2-3 Tropfen l darauf, den Flecken magnetisiert man durch einige Striche mit der rechten Hand, was auch ein anderer eine halbe Minute lang thun kann, hierauf lehnt man die Hand irgendwo an, um sie nicht ermden zu lassen, und haftet unverwandt den Blick ohne die Augen und Gedanken jemals abschweifen zu lassen, auf den schwarzen Flecken in der linken Hand und erwartet die sicher eintreffenden Erscheinungen und verlangten Fernblicke ab. Personen von nervsem oder lymphatischem Temperamente erhalten dieselben recht bald, vollkommen gesunde und krftige oft erst nach lngerer Zeit. Die Mglichkeit dieser Operationsweise beim Khabar lt sich nicht ohne weiteres zurckweisen, da eine Reihe hnlicher Beobachtungen mit anderen sogenannten Zauberspiegeln vorliegen. Das Ganze beschrnkt sich auf eine braidistische Konzentration des Blickes und Gedankens, die eine Auto-Hypnose erzeugt, welche bei hysterischen und nervsen Personen die bekannten Erscheinungen unzweifelhaft zur Folge haben. Es kann nicht eindringlich genug darauf aufmerksam gemacht werden, da diese Auto-Hypnose wie berhaupt alle Auto-Magnetisations-Experimente uerst gefhrlich sind, da hufig Wahnsinn, selbst Tobsucht eintritt, jedenfalls eine dauernde Disposition zu Delirien und Wahnvorstellungen. Aubin Gauthier machte schon auf die Gefhrlichkeit der vor ihm so genannten Ipso-Magnetisation aufmerksam in dem Falle, wo sie die Erzeugung eines somnambulen Zustandes bezwecke. Es treten zuweilen unheimliche Zustnde einer Art von fast dmonischer Besessenheit mit entsetzlichen Hallucinationen ein, wie sie uns Du Potet beschreibt, der sie an sich selbst erfahren hat. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht unerwhnt lassen, da Paul Gibier in seinen beiden letzten Schriften und mehrere andere Sachkenner es fr einen hchst gefhrlichen Unfug halten, wenn sogenannte Antispiritisten und Hallucinationsknstler in Deutschland umherziehen und mit ihren hypnotistischen Experimenten die unwissende Menge, wozu auch auf diesem Gebiete die meisten Gebildeten gehren, verblffen. 'Es sind Kinder', sagte er, 'welche mit Dynamitpatronen spielen.' Wir gehen jetzt ber zur Schilderung einiger occultistischer Merkwrdigkeiten aus Tibet, welche wir den Reisebeschreibungen des Missionars Huc entnehmen. Die Werke dieses Reisenden wurden auf den Index gesetzt und er selbst seiner Stelle als Missionar entkleidet, weil er in naiver Weise die bereinstimmung einer Reihe katholischer Ceremonien und Gebruche mit tibetanischen wahrheitsgetreu ans Licht gezogen und ebenso ber einige Wunderdinge, die er unter den Lamas mit eigenen Augen gesehen, berichtet hatte. Einiges harrt noch der wissenschaftlichen Erklrung und Besttigung, anderes, wie die Schaustellungen der Bokte-Lamas, ist heute durch hnliche Beobachtungen in Kleinasien und Nordafrika vollstndig auer Zweifel gesetzt. Wir gehen jetzt zu einer andern occultistischen Thatsache ber, deren Bericht dem Missionr Huc[268] den Spott und Hohn der wissenschaftlichen Welt, namentlich der Mediziner, zuzog, die aber heute durch ganz dieselben Beobachtungen in andern Lndern in die Reihe jener zahlreichen, scheinbar unmglichen und bernatrlichen Thatsachen gerckt worden ist, deren Erklrung auf positiv wissenschaftlichem Boden gegenwrtig teils schon erfolgt ist, teils mit Zuversicht erwartet werden kann. Allerdings wird das Ergrnden der letzten atomistischen Vorgnge fr uns Erdenshne ewig ein vergebliches Suchen bleiben; man wird zuletzt immer auf ein unbegriffenes Residuum stoen, wie dies selbst bei einigen Vorgngen des Telephonierens der Fall sein drfte. Die in ganz Tibet berhmten Schaustellungen der Bokte-Lamas finden an den groen religisen Festen in den buddhistischen Klstern statt. Vor der Tempelthre im Klosterhof wird ein groer Altar errichtet, welchen zahlreiche im Kreise geordnete Lamas und die dichtgedrngte Schaar der Pilger schweigend umlagern. Der Bokte-Lama, der stets den untern Stufen der Hierarchie angehrt, erscheint, schreitet wrdevoll zum Altar und setzt sich darauf unter dem Beifallrufen der Menge. Hierauf nimmt er ein groes Messer aus seinem Grtel und legt es vor sich auf die Kniee. Nun erheben die Lamas, die zu seinen Fen sitzen, die schrecklichen Anrufungen und Gebete dieser scheulichen Ceremonie. Unter den fortdauernden Gebeten beginnt der Lama an allen Gliedern zu zittern und mehr und mehr in wahnsinnige Krmpfe zu gerathen. Bald verlieren die Lamas alles Maa; ihre Stimmen werden begeistert, ihr Gesang wird unordentlich und bereilt; das Hersagen der Gebete geht zuletzt in Schreien und Heulen ber. In diesem Augenblick wirft der Bokte die Schrze, mit welcher er umwickelt ist, ab, ebenso seinen Grtel, ergreift das geheiligte Messer und ffnet sich den Bauch in seiner ganzen Lnge. Whrend das Blut fliet, wirft sich die Menge vor diesem schauderhaften Schauspiel auf die Kniee und man befragt diesen Wahnsinnigen ber verborgene Dinge, ber zuknftige Ereignisse und dergleichen. Der Bokte giebt auf alle diese Fragen Antworten, die von Jedermann als Orakel betrachtet werden. Ist die fromme Neugierde der zahlreichen Pilger befriedigt, so beginnen die Lamas wieder mit Ernst und Ruhe ihre Gebete herzusagen. Der Bokte nimmt in seiner rechten Hand Blut aus seiner Wunde auf, hlt es an seinen Mund, blst dreimal darber und wirft es mit einem groen Schrei in die Luft. Dann fhrt er rasch mit der Hand ber seine Wunde und alles kehrt in seinen frheren Zustand zurck, ohne da auer einer auerordentlich groen Entkrftung die geringste Spur dieser diabolischen Operation zurckbleibt. Das Bauchaufschneiden -- fgt Huc hinzu -- ist eine der berhmtesten Sifas (tibetanisch: verworfene Mittel) der Lamas; andere gleichartige sind weniger volksthmlich und auffallend; sie werden in Privatkreisen und nicht an den groen Festen der Lamaserieen gezeigt: so hlt man z.B. glhende Eisen ungestraft an die Zunge, bringt sich Schnitte bei, von denen einen Augenblick nachher keine Spur mehr sichtbar ist usw. Allen diesen Schaustellungen mu das Hersagen eines Gebetes vorangehen. Der Missionr, der von seinem Standpunkt aus alles als Wirkungen und Wunder des Teufels erklrt, sagt jedoch ausdrcklich: Wir denken durchaus nicht, da man diese Thatsachen stets auf Rechnung der Betrgerei setzen kann. Wenn Hucs Bericht ber die magischen Wunderheilungen vereinzelt dastnde, so wrde er sicherlich in das Gebiet der Fabeln verwiesen und der wissenschaftlichen Verwerthung entzogen werden; aber derselbe schliet sich einer langen Reihe hnlicher Beobachtungen anderer Reisender bis auf die neueste Zeit an, wodurch, wie wir spter sehen werden, eine fr die Psychologie und Philosophie beraus wichtige Thatsache festgestellt, bewahrheitet und der definitiven wissenschaftlichen Erklrung nher gebracht wird. Wir heben einige dieser Beobachtungen hervor und bemerken dabei, da wir das ganze Gebiet der christlichen Wunderwirkungen ausschlieen. Dieselben sind keine bloen Schaustellungen, sondern meistens auf sittliche Zwecke gerichtet, und es drfte daher trotz mancher Analogien eine bloe physiologische und psychologische Erklrung nicht ausreichen.[269] Von den Aissawas, den tanzenden und heulenden Derwischen und der Secte der Ruffais ist bekannt, da sie sich durch Tnze, krampfhafte Bewegungen, Musik, lange wiederholte Gutturaltne usw. in epileptische Ekstase versetzen und sich dann unbeschadet die grlichsten Wunden beibringen und glhende Eisen belecken. Diedier sah in Cairo die Derwische vom Orden des Scheiks Bedr-Eddin nicht nur sich ohne Schaden spitze Eisen in die Brust, den Kopf und die Augen stoen, leere Gefe aus der Ferne mit Wasser fllen, sondern auch am Feste des Propheten auf lange Stangen aufgepfhlt, deren eiserne Spitzen zwischen ihren Schultern hervorragten, sich durch die Moschee umhertragen lassen, whrend die Glubigen laut beteten oder die Kapitel des Korans hersagten. Kein Beobachter hat genauer und drastischer die grausenhaften Vorstellungen der heulenden Derwische geschildert als Theophile Gautier, der sie in Scutari und Pera sah. Der Raum gestattet uns leider nicht, den interessanten Bericht, der das allmhliche Entstehen der Ekstase, ihre wahnsinnigen Gestaltungen und deren Ansteckungsfhigkeit auf die Zuschauer fast photographisch treu schildert, hier wiederzugeben. Seit Tavernier haben zahlreiche Reisende ganz dieselben Vorkommnisse aus Hindostan berichtet; doch drfte eine Erfahrung, welche ein Oberst und mehrere Marine-Officiere mit den hindostanischen Ruffais machten, weniger bekannt geworden sein. Die Officiere sahen, wie diese Leute sich ohne Schaden Glieder und selbst die Zunge abschnitten, welche sie wieder in den Mund steckten, wo sie augenblicklich anheilte.[270] In andern Theilen Asiens machte man dieselben Beobachtungen. So berichtet der franzsische Gesandte Gobineau[271], der in Persien Ekstatiker glhende Kohlen in den Mund stecken sah; Bastian[272], der von den burtischen Schamanen berichtet, da sie unbeschadet ins Feuer springen und glhende Eisen ber die Zunge ziehen, bis sich die Htte mit dem Geruch des verbrannten Fleisches fllt. Zu den vorstehend mitgetheilten Thatsachen giebt die von Carl Rehbinder in der +Sphinx 1889, VII, S.243ff.+ mitgetheilte, der +Pall Mall Gazette (Nr.3, Januar 1889)+ entnommene merkwrdige Nachricht von einer 'Zauberei in Camerun' eine sehr willkommene Ergnzung, welche allerdings der heutigen officiellen Wissenschaft etwas rgerlich, ungeheuerlich und unerklrbar, also absurd fabelhaft vorkommen mu. Doch Thatsachen sind hartnckig und weichen keiner bloen Leugnung. -- Die Leistungen der schwarzen Zauberin bertrafen alle bekannten Wunderwirkungen der Fakire und Derwische: Nichts von alledem, was ich von ihr sah, sagt der Berichterstatter, konnte bernatrlich im eigentlichen Sinn genannt werden. Sie schien nmlich die Naturkrfte blo in ihrer Gewalt zu haben, ja, wie der eben erzhlte Fall (Schweben in der Luft) beweist, ihre Gesetze aufheben, aber nicht umkehren zu knnen. Sie konnte z.B. einen frisch abgehauenen Arm durch Berhrung ihres Stabes und angeblicher Zaubersprche innerhalb einer Secunde mit dem Stumpf wieder so vereinigen, da auch nicht eine Spur von einer Verletzung zu sehen war (ganz wie bei den Ruffais oben); als ich sie jedoch aufforderte, unserm Quartiermeister den vor mehreren Jahren verlorenen Vorderarm zu ersetzen, erklrte sie freimthig, da sie es nicht im Stande sei. Sie sagte: der Arm ist todt, ich habe nicht die Macht. -- ber alles Lebendige hatte sie eine erstaunliche, unmittelbare, Grausen erregende Gewalt. Als sie einst in meiner Gegenwart mit einem boshaft gezischten Fluchwort ihren Stab gegen einen Krieger richtete, schwand dieser frmlich hin: Die Muskeln begannen zusammenzuschrumpfen, und nach ein paar Minuten blieb von dem groen, starken Mann nicht viel mehr brig als ein Gerippe. -- Ebenso verwandelte sich unter dem Zauberstabe eine Frau in ein hartes und kaltes Steinbild im buchstblichen Sinn des Wortes, wovon ich mich berzeugte, indem ich mit meinem Revolver den ganzen Krper ausklopfte und einen Ton erhielt, als wenn ich Marmor angeschlagen htte. Rehbinder meint: Das Weib war einfach in hypnotische Katalepsie versetzt; aber der Hypnotismus, ein neues Wort fr alte Thatsachen, reicht hier zur Erklrung nicht aus, ebensowenig wie bei der Fernwirkung jenes malabarischen Fakirs Covindasamy, der vor den Augen Jacolliots von der Terrasse des Hauses aus die Hand gegen einen Diener ausstreckte, der aus dem Brunnen inmitten des groen Gartens Wasser heraufzog; zuerst wurde das Brunnenseil unbeweglich, dann als der Mann, im Wahne, das Seil sei bezaubert, mit gellender Stimme Beschwrungen zu singen begann, stockte dieselbe pltzlich in seiner Kehle, er konnte trotz aller Anstrengung kein Wort mehr hervorbringen, bis der Fakir durch Sinkenlassen der Hand den Bann lste. Die magische Wirkung des Fakirs ist derselben Art, wie die der schwarzen Zauberin von Kamerun; die Hypnose, unter welchem Namen man heute eine ganze Reihe verschiedener Zustnde und Wirkungen zusammenfat, erklrt sie nicht, ebensowenig wie die Kataplexie oder Schrecklhmung Preyers. Suggestion oder Hallucination findet auch nicht dabei statt; die Erklrung mu also einen andern Weg suchen, der zu einem occultistischen Arkanum fhren drfte, dessen vollstndige Kenntni auch das Knnen einschlieen und deshalb nur Eingeweihten zugnglich sein wrde. Von welchem Ausgangspunkte aus man eine annhernde Kenntni zu erstreben haben wird, lt sich jedoch, wie wir sehen werden, mit einiger Sicherheit bestimmen. Jemehr die Aufmerksamkeit sich auf occultistische Thatsachen in Reisebeschreibungen lenkt, desto mehr Besttigungen viel bisher mit unglubigem Lcheln als dummer Aberglaube der Beachtung nicht werth gehaltener lterer Berichte werden zu Tage treten. Es mgen hier noch als besonders merkwrdig hervorgehoben werden die noch wenig bekannten occultistischen Vorgnge mit Drusen im Libanon, welche seit Jahrhunderten die Magie und deren Praxis in einem sorgfltig gehteten geheimen Orden lehren und ausben. Der ganze Stamm zerfllt in Akkals, Eingeweihte, und Dschahils, Profane, Nichteingeweihte. Die Geheimlehre wird nur mndlich berliefert; die auf den Bibliotheken von London, Paris und Oxford befindlichen drusischen Bcher und Handschriften enthalten wenig darber. Silvester de Sacy, der sich eingehend damit beschftigte, fand nicht so viel Zuverlssiges, als Gerard de Nerval (+Voyage en Orient, Paris 1867+), der einem drusischen Scheik wichtige Dienste leistete, als Gast desselben manche Einzelheiten der Tradition erfuhr und u.A. auch einen drusischen Katechismus verffentlichte. Einige englische Berichte theilt A. Diezmann mit, worin auch merkwrdige Wunderheilungen, namentlich der Epilepsie und des Wahnsinnes, erwhnt werden. Der Akkal giebt den Kranken, die man zu ihm bringt, durchaus keine Arznei, sondern spricht nur einige Beschwrungsformeln und streicht mit der Hand ber sie. Ein Englnder, welcher sechs Monate unter den Drusen verweilte und mit ihnen sehr vertraut wurde, hatte von einem Landsmann, 'dessen Aussage unbedingten Glauben verdiente', erfahren, da der Scheik Beschir nicht blos Wunderheilungen, sondern auch unerklrliche Zaubereien verrichte. So habe er einen Stock auf dessen Befehl ganz allein und ohne sichtbare Beihilfe von einem Ende des Zimmers zum andern gehen sehen. Ferner wurden in seiner Gegenwart zwei Krge, ein leerer und ein gefllter, in zwei Ecken des Zimmers einander gegenberstellt, worauf bald der leere sich in Bewegung setzte, ber das Zimmer hin und danach auch der volle sich erhob, dem andern entgegenmarschirte (d.h. sich bewegte) und ihm seinen Inhalt bergab, mit dem der letztere dann an die Stelle zurckkehrte, von welcher er gekommen war. -- Durch diese Erzhlung neugierig gemacht, beschlo der Berichterstatter, den merkwrdigen Mann nher kennen zu lernen und berichtet darber: Anfangs lehnte Scheik Beschir mit aller Bestimmtheit meine Bitte ab, mir einige seiner Zauberkrfte zu zeigen, von denen ich so viel gehrt, und erklrte, er habe es sich zur Regel gemacht, nichts mehr mit der unsichtbaren Welt zu schaffen zu haben, auer etwa um Heilungen zu bewirken. Nachdem wir aber genauer mit einander bekannt geworden waren, willigte er eines Tages ein, mir eines seiner Kunststcke zu zeigen... Er nahm einen gewhnlichen Wasserkrug, murmelte gewisse Beschwrungsformeln in denselben hinein und bergab ihn zwei Personen, die aufs Geradewohl unter den Anwesenden ausgewhlt wurden, und die einander gegenber saen. Eine Zeit lang rhrte sich der Krug nicht, whrend der Scheik sehr rasch hintereinander, wie es mir vorkam, Verse aus dem Koran sprach und dazu den Takt mit der rechten Hand in die linke schlug. Der Krug blieb noch immer unbeweglich und der Scheik wiederholte seine Verse so ungestm und schien wegen des Erfolges so aufgeregt zu sein, da trotz dem kalten Winde, der in das Zimmer blies, in welchem wir saen, der Schwei ihm ber das Gesicht und den Bart strmte. Endlich begann der Krug sich zu bewegen, anfangs langsam, dann schneller, bis er ziemlich rasch drei- bis viermal herumging. Der Scheik wies triumphirend darauf hin und stellte sein Gemurmel ein, worauf der Krug stehen blieb. Nach einer Pause von etwa einer Minute begann der Scheik seine Beschwrungen von Neuem und wunderbarer Weise drehte sich der Krug ebenfalls sofort wieder. Endlich hrte er auf, nahm den Krug aus den Hnden derer, die ihn gehabt hatten und hielt ihn einen Augenblick an mein Ohr, so da ich deutlich ein singendes Gerusch darin hrte, wie von kochendem Wasser. Darauf go er das Wasser sorgsam aus, murmelte wieder etwas in den Krug hinein und gab ihn den Dienern, damit sie ihn wieder mit Wasser fllten und an den Ort stellten, wo er vorher gestanden hatte, fr den Fall, da Jemand zu trinken wnsche. Ich htte vorausschicken sollen, da der Krug einer der gewhnlichen war, wie man sie in Syrien hat und mit mehreren andern an der Thr stand. Als die Vorstellung zu Ende war, sank der Scheik ganz erschpft auf den Divan und erklrte, es sei das letzte Mal, da er sich solcher Anstrengung aussetze und Zauberknste verrichte, auer wenn es einen Kranken gesund machen knne. Der Scheik, berichtet der Englnder, bereitet sich zu den Heilungen durch lngere Fasten vor, die, wie er sagte, nothwendig seien, um die Macht ber die Geister zu erlangen, die er dabei brauche. Er ist wohlhabend, nimmt keine Belohnung an; will seine Kunst, die aus der Pharaonenzeit stamme, von einem alten Marokkaner erlernt haben; sie knne nicht fr Geld erlangt werden; es lebten jetzt nicht fnfzig Personen in der Welt, welche die wahre Kenntni davon besen; er selbst sei noch ein Anfnger, da er die erforderlichen strengen Fasten nie ohne Nachtheil fr seine Gesundheit habe halten knnen. So weit der Englnder. Oberstlieutenant T. G. Fraser berichtet folgende Erzhlung einer Generalin W. in seinem Werke: +Sport and Military life in Western India+--, brigens ein Buch, in welchem man nicht leichtglubige Voreingenommenheit fr die bersinnliche Erklrung von Thatsachen vermuten wird. Die Dame beschreibt Fraser als untadelhaft in Genauigkeit und Aufrichtigkeit, furchtlos und starksinnig, auch so wenig unter dem Einflusse krankhafter oder aberglubischer Einbildung stehend, wie nur irgend Jemand, den er kenne. Von Fraser selbst aber sagt u.a. Oberst Malteser +C.B.J.+, da er der offenste und zuverlssigste Mann sei, mit dem er je das Glck gehabt habe, in Berhrung zu kommen. Fraser giebt die Erzhlung der Generalin folgendermaen wieder: An einem schwlen Aprilabende stand ich an der Eingangspforte unseres Grundstcks, als ein Birudge, ein Hinduber von mittleren Jahren, mit Asche bedeckt, auf der Strae daher kam und an mir vorberging. Dabei sah er mich einen Augenblick eindringend an, ohne jedoch stehen zu bleiben oder mir zu zeigen, da er mich kenne. Als er einige Schritte weiter gegangen war, wandte er sich um und sagte zu mir: Im Namen Gottes, es ist mir gegeben, Dir zu sagen, was Dein Schicksal sein wird. -- Ich rief eine in der Nhe stehende Ordonanz herbei und befahl ihr, dem Manne eine Rupie zu geben. -- Nein, sagte der Mann, ich bitte um nichts; aber Dein Schicksal steht fr mich auf Deiner Stirn geschrieben, und ich will es Dir, wenn Du es wnscht, enthllen. -- Ich vermuthe, erwiderte ich, Du gewinnst Deinen Unterhalt damit. -- Ich kann dies, sagte er dagegen, nur fr wenige Personen, Du aber bist eine derselben. -- Wirklich? Nun dann la einmal hren! Sag mir, wer ich bin; wenn Du aber etwas unrichtiges sagst, werde ich Dich bestrafen lassen. -- Du bist die Frau des General Sahib, Du hast einen Sohn und eine Tochter! -- Ich hatte, warf ich ein, aber ich habe ersteren verloren. -- Nein, erwiderte er, es ist wie ich sage. -- Nun fahre nur fort. -- Du wirst sehr bald das Land verlassen und in Deine Heimath zurckkehren. (Mein Mann hatte indessen sehr hufig erklrt, niemals wieder Indien verlassen zu wollen.) -- Nun, wann soll denn das vor sich gehen? -- Sehr bald! -- Werden wir denn unversehrt daheim ankommen? -- Du wirst; aber vierzehn Tage, nachdem Ihr von hier abreist, wird er in Gott ruhen! -- Bis dahin hatte ich ihm gleichgltig zugehrt, jetzt aber fuhr ich erbost und gengstigt auf: Was sagst Du, Elender? -- Nicht ich rede, hohe Frau, nur Dein Schicksal redet. In 18 Tagen wirst Du an Bord sein, und wirst Alles hier verkauft haben bis auf ein einziges Pferd. -- Hier, rief ich, ist der Stall; komm und zeige mir das Pferd, von dem Du meinst, da wir es nicht verkaufen werden. -- Er lie seine Augen schnell an der Reihe der Pferde entlang gleiten, und zeigte sofort auf einen Grauschimmel: das da! (Mein Mann hatte mir dieses Pferd zwei Jahre vorher zum Geburtstage geschenkt.) -- Nun, sagte ich, wenn Du doch so viel weit, sage mir doch, ob ich sicher im Hause anlangen und mein Kind sehen werde? -- Ja, Du wirst Deinen Sohn sehen, wenn Du von hier abreisest, aber wirst ihn nicht mehr sprechen; er wird Dir mit einem Tuche von ferne zuwinken. Du wirst in Europa anlangen und dort eine Zeit bleiben, aber Geldschwierigkeiten werden Dich zwingen, hierher zurckzukehren; danach jedoch wirst Du wieder heimkehren und nach einiger Zeit wirst Du das Geld erhalten und glcklich sein. Bis diesen Augenblick ist All und Jedes eingetroffen, genau wie es jener Mann vorhergesagt. Noch an demselben Abend beim Thee sagte pltzlich der General, der so oft seinen Entschlu geuert hatte, nur in Indien leben und sterben zu wollen: 'Was wrdest Du zu einer Tour nach England sagen? Ich sprach mit F. und er hat mir einen Platz an Bord der *** gesichert, wenn wir zum *** bereit sind; ich habe Lust dazu.' Ich war so berrascht, da mir fast die Tasse aus der Hand fiel. Ich starrte meinen Mann an, aber es war nur zu wahr. Noch im Laufe desselben Monats waren die erforderlichen Einrichtungen getroffen, Alles wurde verkauft bis auf den arabischen Grauschimmel, der, da er ein Geburtstagsgeschenk war, an *** gegeben wurde. Wir schifften uns bei vollstndiger Gesundheit ein, und als wir eben auf der Hhe des Leuchtthurmes waren, sahen wir in der Ferne ein Boot, das sich vergeblich bemhte, uns einzuholen. Mit dem Fernglas konnten wir in demselben einen Europer bemerken, der mit einem Taschentuch winkte; nachher stellte sich heraus, da dies mein Sohn gewesen, dessen Tod uns zwei Monate vorher aus den oberen Provinzen berichtet worden war. Htte ich ihn damals erkennen knnen, so wre ich dadurch gewissermaen auf das, was folgte, vorbereitet worden. Zehn Tage spter fiel der General auf dem Deck nieder, wurde in seine Cabine getragen und starb am vierzehnten Tage nach unserer Abreise, wie der Fakir es richtig vorhergesagt hatte. Ich kam brigens wohlbehalten daheim an und es mu sich zeigen, ob sich auch der Rest seiner Prophezeiungen erfllen wird. Jedenfalls sehen Sie, da ich wieder nach Indien zurckgekehrt bin, um meine Geldangelegenheiten und das Testament des Generals zu ordnen, denn F. wollte mir kein Geld weiter auszahlen. Oberst Fraser fgt hinzu: So weit die Geschichte; sie redet fr sich selbst. Bald nachher hrte ich, da meine verehrte Freundin, die Generalin, wieder nach England abgereist ist. -- -- Je tiefer man in das occultistische Gebiet, auf dem sich heute eine hchst bedeutende wissenschaftliche Neugestaltung zu vollziehen im Begriff ist, vordringt, auf desto mehr Thatsachen, wiederholen wir, stt man, die bisher vereinzelt, als unglaublich erschienen sind, deren vergleichende Zusammenstellung jedoch zur Anerkennung ihrer Wirklichkeit fhrt, wenn auch die Wissenschaft dabei noch vor ungelsten Rtseln steht. Wir fahren mit den Belegen dazu fort. Was die wandelnden Krge betrifft, welche bei den Drusen im Libanon Wasser herbeischleppen und ausgieen, so erinnern sie auffallend an Berichte der Alten[273] von laufenden Dreifen, von Bildsulen, welche sich automatisch bewegen und an den Hfen der indischen Frsten bei der Tafel aufwarten. Das Bewirken von Ortsvernderungen lebloser Gegenstnde ohne Berhrung und aus der Ferne bei Sitzungen mit Medien ist durch zahlreiche Experimente aus letzter Zeit eine so unzweifelhafte Thatsache geworden, da selbst Vertreter der exakten Wissenschaften, wie Wallace, Crookes und neuerdings Paul Gibier, de Rochas und viele andere dieselbe anerkannt haben, obgleich ihnen, wie allen unbefangenen Forschern dabei zugestoen ist, was der berhmte Foucault Jahrzehnte vorher prophetisch gesagt hatte: +Le jour, o l'on ferait bouger un ftude de paille sons la seule action de ma volont, j'en serais pouvant.+ Die unglubigsten Beobachter haben bei solchen Sitzungen sehr oft gesehen, wie ohne Berhrung Sthle herbeihumpelten, Bcher und Instrumente durch die Luft flogen und Tische sich fuhoch ber den Boden erhoben; Thatsachen, die zu derselben Kategorie gehren, wie die durch Berichte von russischen und deutschen Reisenden bekannten ebenso unzweifelhaften fliegenden Tische der Schamanen. Es lieen sich aus Hindostan, Tibet und China noch eine Reihe hnlicher, genugsam beglaubigter Vorkommnisse anfhren; wir bergehen sie und geben dafr aus neuester Zeit eine Mitteilung von Horace Pelletier, einem Schler des Obersten de Rochas, welcher mit drei Sensitiven (magnetisch Begabten) occultistische Experimente vornimmt, die ihn zu hchst interessanten Ergebnissen gefhrt haben. Sie wissen, schreibt er an den Direktor der +l'Initation+, da dank der psychischen Kraft, welche aus dem Krper meiner Sensitiven ausgeht, leblose Gegenstnde aus der Ferne und ohne jede Berhrung bewegt werden und ihre Stelle verlassen. Diese Gegenstnde bleiben nicht bei der bloen Ortsvernderung, sie drehen sich, Kreise beschreibend, um sich selbst, laufen von einem Ende der Tischplatte bis zur andern, kehren selbst zu ihrem Ausgangspunkte zurck, um von neuem mit erstaunlicher Schnelligkeit wieder davon auszugehen; manchmal schnellen sie in die Hhe, springen ber den Tischrand und fallen zur Erde. Oft gehorchen sie dem Worte; ja sie gehorchen wirklich; wenn man ihnen befiehlt. Bei allen meinen Sitzungen wiederholt sich diese merkwrdige Thatsache mehrmals, als wenn das Fluidum, welches ihnen die Bewegung mittheilt, mit Verstand begabt wre. Ich stelle zwei Korkstpsel mitten auf die Tischplatte, 11/2-2 Zoll von einander entfernt, und ich sage zu ihnen: Kt euch! Sofort drcken sie sich aneinander, nachdem jeder die Hlfte des Zwischenraumes zurckgelegt hat. Nun befehle ich ihnen sich zu trennen, und jeder seines Weges zu gehen. Sie gehorchen pnktlich, trennen sich und, indem jeder eine entgegengesetzte Richtung einschlgt, bewegt er sich bis an den Rand der Tischplatte. -- Ich befehle ihnen sich zu vereinigen; sie kehren zu einander zurck und von Neuem drckt der eine sich an den andern. -- Hierauf sage ich zu dem einen: Nimm einen Anlauf und springe! Sofort luft der treue Korkstpsel, meinem Befehl gehorchend, an den Rand der Tischplatte; aber zuweilen hat er die Entfernung schlecht bemessen und bleibt am Rand stehen. Ich wiederhole meinen Befehl, und er kehrt zu seinem Ausgangspunkt zurck, aber besser berechnend, luft er mit groer Schnelligkeit, springt wie eine Gemse ber den Rand und fllt zu Boden. Ich wei wohl, da ich da sonderbare, unerhrte, unglaubliche Dinge erzhlte, aber ich bertreibe nichts, ich behaupte nur, was genau wahr ist. Auch habe ich hierfr Zeugen. Bemerken will ich noch, da meine Sensitiven, whrend die Dinge vor sich gingen, sich drei Fu vom Tischchen entfernt befanden und meistens, gelangweilt durch diese von mir unablssig wiederholten Experimente, wenig darauf achteten, plauderten und lachten, ohne sich um das Ergebni zu kmmern. Der Umstand, da die vorgehend geschilderten Experimente mit ganz gewhnlichen Krgen, Stpseln u.dergl. gemacht wurden, kann dieselben weder lcherlich machen, noch deren Bedeutsamkeit fr die Erkenntnis der ihnen zu Grunde liegenden, zum Teil noch unbekannten Naturgesetze im mindesten schmlern. Ich wende mich jetzt zu den Berichten ber die Fakire Jacolliots, deren Knste wie die oben erwhnten auf uralten Traditionen beruhen und hnlich schon im alten Indien gebt wurden, wie wir bei Apollonius von Tyana sehen werden. Ich referiere nach Perty[274], dessen Darstellung in weiteren Kreisen wenig bekannt wurde: Die Urgeschichte gerade derjenigen alten Vlker, welche am meisten auf die klassische und moderne Kultur Einflu bten, wurde am sptesten, hauptschlich erst in diesem Jahrhundert aufgeschlossen. Es sind die Indier und die noch lteren gypter, Vlker mit wesentlich hierarchischen Verfassungen einer mchtigen Priesterschaft, ausgebildeter Geheimlehre, bis ins kleinste geordnetem Ritus und Ceremoniell, deren Sitten, Knste, Meinungen, Philosophie mchtig auf die Perser, Araber, Griechen eingewirkt haben, deren Religionsbegriffe z.B. auch in andern Glaubenslehren, die christliche nicht ausgeschlossen, eingedrungen sind. An die Geister der Vorfahren scheinen schon die Arier in ihren Ursitzen geglaubt zu haben, bei den Indiern wurde dieser Glaube im Buche der Pitris zu einem System ausgebildet. Diese und andere indische Verhltnisse wurden wieder in den letzten Jahren durch den Franzosen Herrn Louis Jacolliot untersucht, der in Pondichery wohnhaft, von hier aus Indien durchstreifte, und Forschungen ber seine Geschichte, seine Altertmer und Religion anstellte. Der Teil derselben, welcher die Leser nher interessieren drfte, fhrt den Titel: +Le spiritisme dans le monde, l'Initiation et les scienses occultes dans l'Inde (Paris 1875)+ und enthlt, sich hauptschlich auf das Buch der Pitris (Geister) sttzend, unter anderem selbstbeobachtete Produktionen der Fakirs, welche mit den spiritualistischen des Abendlandes groe hnlichkeit haben. Zum Verkehr mit den Geistern knnen nur die Eingeweihten, von den Fakirs an, gelangen. Nur durch schwere, lang fortgesetzte Bungen kommt man zu den oberen Stufen, deren hchste, der Yogi, unermelich hoch ber den gewhnlichen Menschen steht. Die Yogis bilden den Rat der Alten, enthalten sich des geschlechtlichen Verkehrs, und so erhaben ist ihr Zustand und Verdienst, da gewhnliche Menschen ihn in Tausenden von Generationen und Seelenwanderungen nicht erreichen knnten. Das siebenknotige Bambusstbchen, welches schon die Fakirs immer fhren, findet man auch bei den oberen Stufen, und es wird feierlich durch den Oberpriester zugestellt; die sieben Knoten stellen die sieben Stufen der Anrufung und der ueren Manifestationen vor. Der oberste Priester fhrt den Namen Brahmatma. Wenn der Guru (Oberpriester) seinen Unterricht vor den Schlern beginnt, die glubig und verehrend zu seinen Fen sitzen, so spricht er zu ihnen: Hrt! Whrend der elende Sudra (die unterste Kaste) sich dem Hunde gleich auf sein Lager wirft, der Vaysia die Reichtmer der Erde anzuhufen denkt, der Tschatrya (Frst, Krieger) im Frauengemach schlft, ermdet aber nie gesttigt vom Vergngen, so ist es jetzt fr die Gerechten, die nicht von der unreinen Krperhlle sich wollen beherrschen lassen, Zeit, die Wissenschaft zu studieren. Die Eingeweihten gelangen zu der ihnen zugeschriebenen Macht durch ein langes Leben der strengsten Askese und zwar zu den verschiedenen Graden ihrer Macht. Zu einer ersten Klasse gehren die Grihastas, die ihre Familien nicht verlassen und die Vermittelung zwischen den Tempeln und dem Volk herstellen, keine magischen Phnomene hervorbringen knnen, sondern nur die Seelen der Vorfahren, und zwar nur in ihrem Stammbaum anrufen drfen, um von ihnen Eingebungen zu erhalten; dann die Purohitas, welche, bereits den Tempeln zugeteilt, die gewhnlichen Priesterfunktionen versehen, bei den Geburten, Ehen, Bestattungen thtig sind, die Familiengeister anrufen, die Horoskope stellen, die Dmonen vertreiben; endlich die Fakirs, die Almosensammler der Tempel, zugleich die Zauberer, welche willkrlich die auffallendsten und unsern sogenannten Naturgesetzen am meisten widersprechenden Wirkungen hervorbringen und zwar mit Hilfe der Pitris, Geister der Vorfahren, zu deren Herbeirufung nach brahmanischer Behauptung sie ermchtigt sind. Fr die Eingeweihten der zweiten Klasse, der Sanyassis, und der dritten, der Nirvanys und Yogis ist die Macht ihrem Wesen nach gleich und nur dem Grade nach verschieden. Sie bringen ihre Manifestationen nur im Innern der Tempel, uerst selten bei sehr vornehmen Personen oder bei seltenen ffentlichen Festen hervor, glauben, da die sichtbare und unsichtbare Welt ihrem Willen unterworfen sei, da sie den Elementen gebieten, ihren Krper verlassen und wieder in denselben zurckkehren knnen; ihre orientalische Phantasie kennt keine Schranke und kein Hindernis, und sie werden in Indien gleichsam fr Gtter gehalten. Man sieht, da daselbst eine durchgefhrte priesterliche Organisation besteht und es wird behauptet, da in den Krypten der Pagoden die Eingeweihten viele Jahre hindurch einer strengen Disziplin unterworfen werden, welche ihren Organismus physiologisch umstimmt und das reine Fluidum in ihnen vermehrt, welches, Akasa genannt, das Vehikel aller magischen Wirkungen ist. Es war Herrn Jacolliot nicht mglich, ber diese verborgenen Vorgnge sich zu unterrichten, und er kann daher nur ber die Fakirs Mitteilungen machen. Sogar die Gebets- und Evokationsformeln der hheren Grade wurden nie aufgeschrieben, sondern nur mndlich mitgeteilt, und das Buch der Pitris schweigt hierber. Nach brahmanischer Lehre ist jener Akasa, das reine Lebensfluidum -- etwa unser ther -- durch die ganze Natur verbreitet und setzt alle belebten und unbelebten, alle sichtbaren und unsichtbaren Wesen miteinander in Verbindung; Elektrizitt, Wrme, alle Naturkrfte kommen nur durch den Akasa zur Wirksamkeit. Wer eine grere Quantitt desselben besitzt, erlangt Macht ber diejenigen, welche davon weniger haben, und ber die leblosen Wesen. Selbst die Geister, welche ihre Macht zum Dienst der Menschen anwenden, die imstande sind, sie herbeizurufen, fhlen die allgemeine Verbindung, welche der Akasa unter den Weltdingen herstellt. Fr gewisse Brahmanen ist der Akasa das wirkende Prinzip der Weltseele und der Beherrscher aller Seelen, die in inniger Gemeinschaft stehen wrden, trte nicht die grobkrperliche Materie bis auf einen gewissen Grad hindernd dazwischen; je mehr von dieser eine Seele sich durch ein beschauliches Wesen frei macht, desto inniger fhlt sie die allgemeine Strmung, welche die sichtbare und unsichtbare Welt durchzieht. Allgemein bekannt ist die auerordentliche Geschicklichkeit der indischen Fakirs, die man gewhnlich als Zauberer oder Jongleurs bezeichnet und welchen alle asiatischen Vlker eine bernatrliche Kraft zuschreiben. Viele glauben zwar, da unsere geschicktesten Taschenspieler das Gleiche zu vollbringen vermgen, es bestehen aber zwischen beiden die wesentlichsten Unterschiede, denn der Fakir giebt nie Vorstellungen vor greren Gesellschaften, sondern nur im Innern von Privatwohnungen, hat nie einen Helfer, ist immer ganz unbekleidet mit Ausnahme eines handgroen, die Geschlechtsteile bedeckenden Lappens, wei nichts von den tausend Gerten und Apparaten, den Bechern, Bchsen mit doppeltem Boden, Zauberscken, prparierten Tischen, eigens eingerichteten Localitten unserer Taschenspieler. Der Fakir hat gar nichts als ein Bambusstbchen, dick wie ein Federhalter, mit sieben Knoten in der rechten Hand und ein Pfeifchen von etwa drei Zoll Lnge, an einer seiner Haarflechten befestigt, weil er, als ganz unbekleidet, keine Tasche hat, um es darin aufzubewahren. Er operiert, wie man will, sitzend oder aufrecht, auf der Rohrmatte des Salons, auf dem Marmor-, Granit- oder Mrtelboden der Veranda, auf der nackten Erde des Gartens. Hat er zur Hervorrufung lebensmagnetischer und somnambulistischer Zustnde eine Person ntig, so nimmt er den nchsten Domestiken dazu, den man ihm bezeichnet, gleichviel ob Indier oder Europer; bedarf er ein Musikinstrument, Rohr, Papier, Bleistift, so ersucht er darum. Zugleich wiederholt er seine Darstellung, so oft man es verlangt, um sie kontrollieren zu knnen, und verlangt niemals eine Bezahlung, sondern nimmt das Almosen an, das man ihm fr seinen Tempel giebt; alle Fakire der verschiedenen indischen Lnder beobachten diese Vorschriften. Glaubt man in der That, fragt Jacolliot, da unsere Taschenspieler unter diesen Bedingungen etwas leisten knnten? Derselbe, seit vielen Jahren in Indien, kannte die Phnomene des amerikanischen und europischen Spiritualismus nicht, hatte in Europa nie einen Tisch sich bewegen sehen, der bertriebene Glaube an die Unsichtbaren erinnerte ihn so sehr an die Ekstasen und Mysterien des Katholicismus, da er, ein eingefleischter Rationalist, welcher noch jetzt zu sein er behauptet, sich nicht entschlieen konnte, bei den Vorgngen in einem Cirkel zugegen zu sein. Die indischen Fakirs, von ihm einfach fr Taschenspieler gehalten, hat er immer abgewiesen, hrte aber fortwhrend von ihrer wunderbaren Geschicklichkeit sprechen. Als nun in Pondichery einst gegen den Mittag durch den Dobaschy, Kammerdiener, wieder ein Fakir bei ihm gemeldet wurde, entschlo er sich doch, ihn zu empfangen, was in einer der inneren Verandas seines Hauses geschah, wo ihn der Fakir, auf den Marmorplatten des Fubodens kauernd, erwartete. Jacolliot war betroffen ber seine Magerkeit, sein fleischloses Gesicht und die halberloschenen Augen erinnerten ihn an die graublauen Augen der Haie des groen Oceans. Der Fakir erhob sich langsam, verneigte sich mit an die Stirne gelegten Hnden und murmelte: Ehrerbietigen Gru, Herr! Ich bin Salvanidin-Odar, Sohn des Canagareyen-Odar. Der unsterbliche Wischnu beschtze deine Tage! -- Sei gegrt Salvanidin-Odar, Sohn des Canagareyen-Odar, knntest du sterben am heiligen Ufer des Tucangy, und mge diese Transformation deine letzte sein! erwiderte Jacolliot. -- Der Guru der Pagode hat mir diesen Morgen gesagt: geh auf geradewohl hren lesen lngs den Reisfeldern, und Ganesa, der Schutzgott der Wanderer, hat mich zu Dir gefhrt. -- Sei willkommen! -- Was wnschest Du von mir? -- Man behauptet, Du knntest leblose Krper bewegen, ohne sie zu berhren; ich mchte gerne dieses Wunder dich vollbringen sehen. -- Salvanidin-Odar hat diese Macht nicht; er ruft seine Geister an, die ihm ihren Beistand gewhren. -- Nun wohl, Salvanidin-Odar, rufe die Geister und zeige mir ihre Macht! -- Gleich nach diesen Worten kauerte der Fakir sich wieder auf dem Boden nieder, stellte sein Stbchen mit den sieben Knoten zwischen seine gekreuzten Beine und bat mich nun, ihm sieben kleine irdene Tpfe mit Erde, sieben dnne Holzstbchen von je zwei Ellen Lnge und sieben beliebige Bltter bringen zu lassen. Dann lie er die gebrachten Gegenstnde, ohne sie selbst zu berhren, durch den Dobaschy etwa zwei Meter von seinen ausgestreckten Armen in eine Linie legen; hierauf mute der Diener in jeden Topf eines von den Holzstbchen stecken und ber jedes ein in der Mitte durchbohrtes Blatt stlpen, das am Stbchen hinuntergleitend, den Topf wie einen Deckel bedeckte. Hierauf hob der Fakir die geschlossenen Hnde ber seinen Kopf und sprach in tamulischer Sprache folgende Anrufung: Mgen alle Mchte, die ber das geistige Prinzip des Lebens und ber das Prinzip der Materie wachen, mich gegen den Zorn der bsen Geister beschtzen, und der unsterbliche Geist Mahatatritandi, der drei Formen hat, mich nicht der Rache Yamas berliefern! -- Dann streckte er die Hnde gegen die Tpfe und blieb unbeweglich wie in Ekstase, nur von Zeit zu Zeit seine Lippen bewegend, als wenn er innerlich sprche. Pltzlich schien es Jacolliot, als wenn ein leichter Wind seine eigenen Haare bewege und ber sein Gesicht streiche wie der tropische Abendwind nach Untergang der Sonne, und doch bewegten sich die Vorhnge zwischen den Sulen der Veranda nicht; die gleiche Empfindung wiederholte sich mehrmals nach einander. Es war etwa eine Viertelstunde verflossen, wo der Fakir seine Stellung nicht verndert hatte; da stiegen langsam die Feigenbltter an den Holzstben empor und lieen sich wieder herab, und der Beobachter, nher tretend und gar keine Verbindung zwischen dem Fakir und ihnen findend, fhlte eine gewisse Aufregung; die Bltter unterbrachen ihr Auf- und Absteigen nicht, obschon er mehrmals zwischen den Tpfen und dem Fakir durchging. Jacolliot nahm dann, was ihm unbedenklich zugestanden wurde, die Bltter von den Stben und diese aus den Tpfen und leerte die ganze Erde auf dem Fuboden aus. Hierauf klingelte Jacolliot dem Koch, lie sich aus der Kche sieben Fuglser, aus dem Garten Erde und neue Bltter bringen, teilte selbst ein Bambusrohr in sieben Stcke, die er in die Glser steckte, ber welche er die durchbohrten Bltter stlpte und fragte nun den etwa vier Meter entfernten Fakir, der regungslos dem Allen zugesehen hatte, ob er glaube, da seine Geister auch jetzt noch wirken knnten. Der Hindu antwortete nicht, sondern streckte nur wie zuvor seine Hnde gegen die Glser aus, und es dauerte keine fnf Minuten, als das Auf- und Absteigen der Bltter von neuem begann. Jacolliot fragte hierauf den Fakir, ob denn die Tpfe und Erde fr die Hervorbringung des Phnomens notwendig seien, und als dieser die Frage verneinte, lie Jacolliot sieben Lcher in ein Brett bohren und steckte in diese die Bambusstcke. Nach kurzer Zeit folgte die Erscheinung mit gleicher Regelmigkeit und zwar zwei Stunden hindurch nach vielfach genderten Versuchen in immer gleicher Weise, so da Jacolliot sich fragen wollte, ob er nicht selbst unter einer starken magischen Einwirkung stehe. Da sprach der Fakir: Hast Du von den Unsichtbaren nichts zu verlangen, ehe ich mich von ihnen trenne? Jacolliot hatte gehrt, da die europischen Medien sich fr ihre angebliche Unterhaltung mit den Geistern eines Alphabets bedienen, teilte dies dem Hindu mit und fragte, ob man nicht durch hnliche Mittel eine Verbindung mit jenen herstellen knnte. Wrtlich antwortete der Fakir: Frage, was Du wnschest. Haben die Geister Dir nichts zu sagen, so werden die Bltter unbeweglich bleiben; haben sie, welche die Bltter bewegen, Dir ihre Gedanken mitzuteilen, so werden die Bltter an den Stbchen emporsteigen. Jacolliot zeichnete eiligst das Alphabet auf ein Blatt Papier, da fiel ihm noch ein anderes Mittel ein. Er besa kupferne Buchstaben und Zahlen auf Zinkplatten geltet, die er brauchte, seinen Namen und eine Ordnungsnummer auf seine Bcher zu prgen, und warf diese nun alle unter einander in einen kleinen Sack, um eine nach der andern herauszunehmen. Der Fakir hatte seine Anrufungsstellung angenommen, Jacolliot dachte an einen vor fast zwanzig Jahren verstorbenen Freund und nahm nun eine Zinkplatte nach der andern heraus, immer die Buchstaben und Zahlen und zugleich die Bltter beobachtend. Vierzehn von jenen waren schon herausgenommen, als beim Buchstaben +A+ die Bltter schnell bis zum Gipfel der Stbchen emporstiegen, dann herunterfielen und unbeweglich auf dem Brett liegen blieben, in welchem die Stbchen steckten. Jacolliot fhlte sich bewegt, denn +A+ war der erste Buchstabe des Namens jenes Verstorbenen. Als der Sack leer war, wurde er wieder mit den Typen gefllt, und nach und nach, Buchstaben fr Buchstaben, erhielt der Beobachter den Satz: +Albain Brunier, mort Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+ Es flimmerte vor seinen Augen, als er dieses Resultat vor sich sah, und er mute, unfhig, die Beobachtungen diesen Tag lnger fortzusetzen, den Fakir fr den nchsten Tag zu sich laden. Nachdem er einen Teil der Nacht ber diese Dinge nachgedacht, dann in der folgenden Sitzung die Phnomene des vorigen Tages in gleicher Art hatte wiederholen lassen, bat Jacolliot den Fakir, noch einmal anzufangen, richtete aber sein Verhalten nach einer von ihm gemachten Voraussetzung ein. Er nderte nmlich im Geiste die Buchstaben jener Phrase, wie er meinte, beibehaltend, die Stellung derselben und erhielt so durch dieselbe Prozedur wie am vorigen Tage die Namen: +Halbin Pruniet, mort Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+ Jacolliot wollte auch den Namen der Stadt und den Todestag ndern, gelangte aber nicht dazu, sondern erhielt wieder: +mort Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+ Vierzehn Tage nacheinander lie Jacolliot den Fakir kommen, welcher die grte Hingebung bewies, und vernderte fortwhrend seine Versuche, bald erhielt er nderungen in den Buchstaben jenes Namens, die denselben ganz unkenntlich machten, bald Modifikationen des Tages, Monats und Jahres des Todes, nie aber eine nderung im Namen der Stadt, woraus er, immer von der Voraussetzung einer natrlichen Kraft ausgehend, die den Fakir und die Bltter in Verbindung setze, schlo, da er vielleicht sein Wissen der wahren Orthographie vielleicht nicht bei allen Worten gengend isoliren knne. Er wiederholte dann noch fter zu verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Subjekten die Versuche, ohne zu einem andern Resultat zu gelangen. Whrend einesteils die materiellen Phnomene sich sozusagen konstant reproduzierten, wechselte ebenso konstant die Verschiedenheit in bertragung der Gedanken, und zwar von ihm gewollte oder ganz gegen seinen Willen eingetretene Verschiedenheit. In der letzten Sitzung mit dem Fakir machte dieser mit einer gewhnlichen Pfauenfeder die leere Schale einer Wage sinken, whrend die andere mit 80 Kilos belastet war; auf einfache Auflegung seiner Hnde flog ein Blumenkranz in die Luft; man hrte in dieser unbestimmte Tne, und eine therische Hand schrieb in der Luft leuchtende Zeichen, Phnomene, die Jacolliot damals fr reine Phantasmagorie hielt und von denen spter noch die Rede sein wird. Die erwhnten materiellen Phnomene lieen auch bei der strengsten Untersuchung keinerlei Betrug entdecken, hinsichtlich der psychologischen hat er nichts ganz Festes und Unvernderliches erhalten und neigt sich mit Ausschlu aller natrlichen Einwirkung zu der Ansicht, da die Phnomene auf einer fluidischen Gemeinschaft zwischen ihm und dem Operateur beruhen. Seine richterlichen Funktionen einerseits und dann die Studien ber das alte Indien gestatteten ihm nicht die Fortsetzung dieser Untersuchungen, doch zeichnete er Alles auf, was sich auf die Lehre von den Pitris und den Geisterglauben bezog, ebenso was ihm ber die materiellen Wirkungen des Fakirs kund wurde, in der Absicht, das ber diese fremdartigen Gegenstnde Gefundene spter bekannt zu machen, wobei er sich jedoch blo als Historiker verhalten wollte, da er nach seiner Aussage zu keiner wissenschaftlichen Ansicht hierber kommen konnte. Jacolliot glaubt jedoch, da in der Natur und im Menschen, der in der Welt doch nur ein Atom ist, unermeliche Krfte liegen, deren Gesetze man jetzt noch nicht kennt, aber sie entdecken wird, und da die Zukunft Dinge als Wirklichkeiten erweisen wird, die man jetzt fr Trumereien hlt, und Phnomene sehen wird, die man jetzt nicht einmal ahnen kann. Man knnte vielleicht einwenden, die Indier htten seit tausenden von Jahren nicht vermocht, die Gesetze jener Phnomene festzustellen und man solle seine Zeit damit nicht weiter verlieren. Aber bei den Brahmanen, die alles unter den religisen Glauben gebeugt haben, giebt es eben wegen des Glaubens weder Erfahrung noch wissenschaftliche Prfung, und was hat, fragt Jacolliot, das Mittelalter, das seine Grundstze aus dem Text der Bibel holte, von Wissenschaft zu Tag befrdert? Man hat in den Pagoden die Dampfkraft gekannt und durch sie Vasen zersprengen lassen, man hat auch einige uerungen der Elektrizitt beobachtet, ist aber weder zu Eisenbahnen, noch zu Telegraphen gekommen, die freilich auch bei uns von sehr gelehrten Gesellschaften als Schwindel behauptet worden waren. Das, was er in Indien sah, bringt Jacolliot schlielich zum Ausspruch, da im Menschen eine spezifische Kraft vorhanden sein msse, die unter einer unbekannten, oft intellektuellen Leitung wirkt, eine Kraft, deren Gesetze durch vorurteilsfreie Mnner studiert werden sollten. Und ist es am Ende nicht die gleiche Kraft, welche, durch Erziehung und Leitung entwickelt, die Tempelpriester der alten Vlker in den Stand setzte, der Menge durch angebliche Wunder zu imponieren? Dann wre manches begrndet, was uns in den alten berlieferungen geboten wird, und neben aberglubischen Vorstellungen htten wir auch reale Wirkung einer natrlichen Kraft vor uns. Jacolliot hatte den ganzen Abschnitt ber diese Gegenstnde 1866 in Pondichery geschrieben, und als er das vorliegende Buch fr den Druck vorbereitete, anfnglich die Absicht, ihn ganz zu unterdrcken, weil er, der sich vorgenommen, nur einfacher Berichterstatter sein zu wollen, bemerkte, da er doch Partei fr eine nach seiner Meinung eine natrliche, in Wahrheit jedoch bernatrliche Wirkungen erzeugende Kraft genommen habe. Da bekam er durch Geflligkeit des Dr.Pual den bekannten Artikel von Crookes ber die sogen. psychische Kraft im +Quarterly Journal of Science+ zu lesen, der whrend seines Aufenthaltes in Indien erschienen war, und geriet in Erstaunen, als er sah, da der berhmte englische Chemiker nach seinen Versuchen die Existenz einer Kraft im Menschen frmlich behauptete, die er, Jacolliot, mehrere Jahre frher nur vermutet hatte. Dieses bestimmte ihn, das betreffende Kapitel so zu lassen, wie es ursprnglich geschrieben worden war und demgem auch seine hier folgenden Erfahrungen mitzuteilen. Unter dem indischen Himmel mit seiner Glut und Farbenpracht ist die Gefahr noch grer als bei uns, aus der Sprache nchterner und objektiver Erzhlung in eine solche zu verfallen, welche Sensation zu beabsichtigen scheinen knnte. Am 3. Januar 1866 reiste Jacolliot in einem Dungui, einem landesblichen Fahrzeug, mit kleiner Kajte, von Tschandernagore auf dem Hugly ab und gelangte 14 Tage spter nach der heiligen Stadt Benares. Zwei Eingeborene, nmlich ein Kammerdiener und ein Koch, begleiteten ihn, ein Bootsfhrer und sechs Ruderer aus der Fischerkaste bildeten die Bemannung des Fahrzeuges. Jacolliot schilderte mit Begeisterung die Pracht der groen Wallfahrtsstadt der Bekenner der Brahmareligion, in welcher unzhlige Pilger aus dem weiten Indien kommen und gehen, mit ihren Tempeln, den Minaretstrmen der Mohammedaner, welche ber die Massen der Palste emporragen, den zahlreichen mchtigen Quadertreppen (Chabs), welche zum Ganges hinabfhren, an dessen gekrmmten Ufern sich die Stadt in einer Ausdehnung von fast zwei Stunden hinzieht. berall lange Arkaden, von Sulen gesttzt, hohe Quais, Terrassen mit Balkonen und dazwischen das ppige Laubwerk der Baobabs, Tamarinden und Bananenbume, vielfach mit vielfarbigen Bltentrauben bedeckt, Grten voll Blumen in weiten Hfen. Mohammedanische und indische Baukunst mischen sich wundersam in der ganz unregelmigen Stadt, in welcher die Waren von Indien und Asien zusammenstrmen, in der eine Toleranz ohnegleichen herrscht, so da die Moslim und Brahmadiener gemeinsam ihre Waschungen im heiligen Strome verrichten. Jacolliot hatte in Tschandernagore einen Mahrattenfrsten kennen gelernt, der sich nach Benares zurckgezogen hatte und ihm nun ein Quartier in seinem prachtvollen siebenstckigen Palast am Strome, links von der berhmten Moschee Aurengzebs, anwies. Es ist nicht selten, da indische Groe ihre letzten Jahre in Benares, zurckgezogen von der Welt, hinbringen, und unter den Pilgern giebt es solche, welche in kleinen Scken die nach der Leichenverbrennung gesammelten Knochenreste der Bagahs oder reicher Personen mitbringen, welche die Reise bezahlen knnen, beauftragt, sie in den heiligen Strom zu werfen; denn die letzte Hoffnung des Hindu ist, an den Ufern des Ganges zu sterben, oder seine Reste dahin bringen zu lassen. Diesem Umstand verdankt Jacolliot die Bekanntschaft vielleicht des auerordentlichsten Fakirs, den er in Indien getroffen, Covindasamy mit Namen. Er kam von Trivanderam, nicht weit von Kap Comorin, der Sdspitze Hindostans, mit dem Auftrage, die Leichenreste eines reichen Malabaren, aus der Kaste der Kaufleute, Commutys, nach Benares zu bringen. Der Frst, dessen Familie aus dem Sden stammte, war gewhnt, in den Nebengebuden seines Palastes die Pilger von Travancor, Maisur, Tandjaor und der alten Mahrattenlande aufzunehmen und hatte Covindasamy, der schon 14 Tage da war, eine kleine Strohhtte am Ufer angewiesen, wo er whrend einundzwanzig Tagen zu Ehren des Toten jeden Tag morgens und abends seine Waschungen machen sollte. Nachdem sich Jacolliot von seinem guten Willen berzeugt hatte, lie er ihn eines Tages um die Mittagsstunde, wo Alles im Palast wegen der Hitze Siesta hielt, zu sich in ein Zimmer fhren, vor welchem eine Terrasse mit der Aussicht auf den Ganges sich befand, in welcher ein Springbrunnen hchst angenehme Khlung verbreitete. Nachdem sich der Fakir mit gekreuzten Beinen auf den Boden gekauert, sprach Jacolliot zu ihm, ob er wohl eine Frage an ihn richten knne? -- Ich hre, war die Antwort. -- Weit Du, fuhr Jacolliot fort, ob in Dir eine Kraft sich entwickelt, wenn Du die Phnomene hervorbringst, und hast Du nie in Deinem Gehirn oder Deinen Muskeln eine besondere Empfindung erhalten? -- Es ist nicht eine natrliche Kraft, die wirkt, antwortete Covindasamy, sondern ich rufe die Seelen der Vorfahren an, und sie sind es, welche ihre Macht zeigen, deren Werkzeug ich nur bin. -- Eine Menge Fakirs, welche Jacolliot ber den gleichen Punkt befragt hatte, gaben fast die gleiche Antwort, und er lie nun Covindasamy seine Wirksamkeit beginnen. Derselbe hatte schon Stellung genommen und streckte seine Hnde in der Richtung gegen eine groe, mit Wasser gefllte Bronzevase aus. Kaum nach 5 Minuten begann die Vase an ihrem Grunde in Schwingungen zu geraten und sich ohne sichtbare Rucke unmerklich dem Zauberer zu nhern, und im Mae wie ihre Entfernung von ihm abnahm, hrte man mehr und mehr metallische Tne aus ihr, als wenn mit einem Stahlstab auf sie geschlagen wrde, und diese Tne wurden in einem gegebenen Moment so zahlreich und folgten sich so rasch, als wenn ein Hagelschauer auf ein Zinkdach fiele. Jacolliot verlangte, die Operation leiten zu drfen, was der Fakir ohne weiteres zugab, und die Vase, stets von ihm beeinflut, rckte vor oder wieder zurck, oder blieb ruhig, und die Tne stellten ein ununterbrochenes Rollen dar, oder folgten sich langsam und regelmig, wie die Stundenschlge einer Uhr, je nach dem Verlangen, welches Jacolliot uerte; auch geschah eine bestimmte Zahl von Schlgen in einer gegebenen Zeit, und es wurde das Spiel einer Musikdose, welche sich im Palast befand, fr die die Hindus so groe Liebhaberei hegen, und welche zuerst den Walzer aus dem Freischtz, dann den Marsch aus dem Propheten spielte, im Takt von den Schlgen begleitet. Alles geschah ohne Apparat auf einer Terrasse von einigen Quadratmetern, und die, wie angegeben, bewegte Vase, breit ausgeschweift wie eine Schale und bestimmt, das Wasser des Springbrunnens aufzunehmen, das zu den morgendlichen Waschungen diente, die in Indien ein wahres Bad sind, hatte, wenn ganz leer, ein solches Gewicht, da kaum zwei Mnner sie bewegen konnten. Der Fakir, bis dahin unbeweglich kauernd, erhob sich nun und sttzte seine Fingerspitzen auf den Rand der Vase, die nach einigen Augenblicken immer schneller hin und her zu schwanken begann, ohne da ihr Fu, der bald die eine, bald die andere Seite auf den Stuckboden setzte, das geringste Gerusch machte. Dabei blieb, was Jacolliot am meisten in Erstaunen setzte, das Wasser in der Vase unbeweglich, als wenn ein starker Druck es hinderte, seinem durch die Bewegung des Behlters fortwhrend genderten Schwerpunkt zu folgen. Dreimal whrend dieser Schwankungen erhob sich die Vase ganz ber den Boden, 7-8 Zoll hoch, und wenn sie auf diesen wieder zurck ging, geschah es ohne wahrnehmbaren Sto. Die sich gegen den Horizont neigende Sonne mahnte Jacolliot, seine Exkursionen durch die Monumente und Ruinen des alten Kassy, des Mittelpunktes geistlicher Macht zu unternehmen, nachdem die Brahminen im Kampf mit den Rajahs ihre weltliche verloren hatten, -- und den Fakir, sich im Sivatempel durch die blichen Gebete auf die Waschungen und Trauerceremonien vorzubereiten, die er jeden Abend am Ufer des heiligen Stromes zu erfllen hatte. Er versprach, jeden der wenigen Tage seines Bleibens in Benares noch zu kommen, denn Jacolliot hatte sein Herz gewonnen, da er, so lange Jahre im Sden Indiens lebend, das sanfte und wohlklingende Tamul sprach, was in Benares nicht verstanden wurde, der Fakir daher mit ihm sich ber sein wunderbares Heimatsland voll alter Denkmler und herrlicher Vegetation, und ber die geheimnisvollen Krypten der Pagode von Trivanderam unterhalten konnte, in welchem er von den Brahminen in die Kunst der Anrufung eingeweiht worden war. Nachdem dies auch bei der Zusammenkunft am nchsten Tage geschehen, und hierauf Covindasamy sinnend mit gekreuzten Beinen verharrt hatte, stand er pltzlich auf, nherte sich der Bronzevase, die bis zum Rand mit Wasser gefllt war, hielt seine Hnde ber dieses, ohne es zu berhren, und blieb unbeweglich. Vielleicht weil seine Kraft heute schwcher war, verflo eine Stunde ohne alle sichtbare Wirkung, bis endlich das Wasser wie unter einem leichten Luftzug sich zu runzeln begann; Jacolliot, der seine Hnde auf den Rand des Gefes gelegt hatte, empfand einen Hauch von Frische, und ein auf das Wasser geworfenes Rosenblatt trieb gegen den Rand. Eigen war dabei, da die kleinen Wellen sich an der dem Fakir entgegengesetzten Seite bildeten und gegen den Rand, an dem er stand, anschlugen. Nach und nach geriet die Wassermasse wie bei starker Erhitzung in eine sprudelnde Bewegung, berflutete die Hnde des Zauberers und manche Wasserstrahlen schossen ein bis zwei Fu hoch empor. Bat Jacolliot den Fakir, seine Hnde vom Wasser zurckzuziehen, so lie dessen Bewegung allmhlich nach, nherte er sie wieder, so nahm sie aufs neue zu. Der Hindu bat um ein kleines Stbchen, und Jacolliot gab ihm einen noch nicht angeschnittenen Bleistift, den Covindasamy auf das Wasser legte und der nach einigen Minuten den Hnden des Fakirs folgte, wie man eine Magnetnadel durch vorgehaltenes Eisen in allen Richtungen zu fhren vermag. Dann legte er uerst leise die Spitze seines Zeigefingers auf die Mitte des Bleistiftes und dieser sank nach wenig Augenblicken unter das Wasser bis auf den Grund der Vase. Jacolliot hatte schon bei manchen Fakirs Erhebungen vom Boden gesehen und bat auch Covindasamy um eine solche. Dieser ergriff ein Rohr von Eisenholz, welches Jacolliot von Ceylon gebracht hatte, sttzte die rechte Hand auf den Kopf, schlug die Augen zur Erde und begann seine Evokationen zu sprechen, worauf er sich allmhlich, die eine Hand auf den Kopf gesttzt, mit nach orientalischer Weise gekreuzten Beinen bis etwa zwei Fu ber den Boden erhob, dabei unbeweglich bleibend in einer Stellung, hnlich den bronzenen Buddhas, welche jetzt alle Touristen aus dem uersten Orient mitbringen, whrend die meisten dieser Statuetten in den Schmelzereien von London angefertigt wurden. Jacolliot vermochte schlechterdings nicht zu begreifen, wie der Fakir ber 20 Minuten lang in einer dem Gesetze der Schwere gnzlich widersprechenden Stellung verharren konnte. Als er an diesem Tage Abschied nahm, kndigte er Jacolliot an, da in dem Augenblick, wo die heiligen Elephanten auf den kupfernen Becken in Sivas Pagode die Mitternachtsstunde schlagen wrden, er die Familiengeister der Franguys (Franzosen) anrufen wolle, welche im Schlafzimmer Jacolliots dann ihre Gegenwart anzeigen wrden. Um gegen alle Tuschung gesichert zu sein, schickte Jacolliot die beiden Diener auf das Dingui, um dort mit dem Cercar (Bootsfhrer) und seinen Leuten die Nacht zuzubringen. Der Palast des Peischwa hat Fenster nur nach dem Ganges hin und besteht aus sieben bereinander gebauten Stockwerken, deren Zimmer sich gegen bedeckte Gallerien und Terrassen ffnen. Die Stockwerke sind auf sonderbare Weise untereinander in Verbindung gesetzt; vom untersten fhrt nmlich eine einzige Freitreppe (Perron) in das nchste obere, und am andern uersten Ende von diesem wieder ein Perron nach dem dritten Stockwerk und so fort bis zum sechsten, von welchem ein beweglicher Perron durch Ketten, nach Art einer Zugbrcke aufhebbar, in das siebente Stockwerk fhrt, welches letztere, halb orientalisch und halb europisch mbliert, der Peischwa seinen fremden Gsten anzuweisen pflegt. Nachdem Jacolliot die Zimmer genau untersucht, die Zugbrcke aufgehoben hatte, war alle Verbindung nach auen abgeschnitten. Da schien es ihm um die angegebene Stunde, er hre deutlich zwei Schlge gegen die Mauer seines Zimmers, und als er gegen die Stelle zuging, einen schwachen Schlag, der aus der Glasglocke zu kommen schien, welche die Hngelampe gegen die Mcken und Nachtschmetterlinge schtzte, dann noch Gerusch in den Cedernbalken der Decke, worauf alles still war. Er ging dann an das Ende der Terrasse, es war eine der Silbernchte, die man in unserem Klima nicht kennt, der Ganges breitete seinen ungeheuren Teppich zu Fen der schlafenden Stadt aus, und auf einem der Tritte war eine dunkle Gestalt sichtbar: Der Fakir von Trivanderam, welcher fr die Ruhe der Toten betete. Jacolliot konnte sich nicht berzeugen, da fr die Hervorbringung der so oft von ihm gesehenen Phnomene die Theorie der Hindus, nach welcher die Geister der Vorfahren sie erzeugen, erwiesen sei, versichert aber wiederholt, da niemand in Hindostan die von den Zauberern angewandten Mittel kennt; die Hindus trennen die materiellen Phnomene nicht von ihrem religisen Glauben. Jawohl, sagte er zum Fakir, als dieser am nchsten Abend wieder erschien, die Gerusche, welche Du angezeigt hast, haben sich vernehmen lassen, der Fakir ist sehr geschickt. -- Der Fakir ist nichts, antwortete Covindasamy hchst kaltbltig, er spricht die Mentrams und die Geister hren ihn. Es waren die Manen Deiner franzsischen Vorfahren, welche Dich besucht haben. -- Du hast also Macht auch ber fremde Geister? -- Niemand kann den Geistern gebieten. -- Ich meine, wie knnen die Seelen der Franguys die Bitten eines Hindu erhren, sie sind ja nicht von Deiner Kaste? -- Es giebt keine Kaste in der obern Welt. -- Es war diesmal so wenig als ein andermal mglich, Covindasamys berzeugung wankend zu machen; er ergriff, ohne weiteres abzuwarten, einen kleinen Schemel von Bambus und setzte sich darauf, die Beine nach Moslimweise gekreuzt, die Arme ber die Brust gelegt. Der Kammerdiener (Cansama in Hindustani, das Gleiche was Dobaschy im Tamul) hatte die Terrasse taghell erleuchtet, und so sah auch Jacolliot nach einigen Augenblicken der Willenskonzentration des ganz unbeweglichen Fakirs, den Bambusschemel geruschlos in kleinen Rucken von etwa 10 Centimeter ber den Boden gleiten und in etwa 10 Minuten an das Ende der sieben Meter langen Terrasse gelangen, dann sich wieder rckwrts bis zum alten Platz bewegen. Dreimal erfolgte auf Jacolliots Wunsch das gleiche; die Beine des Fakirs waren um die ganze Hhe des Schemels ber dem Boden. Die Hitze war an diesem Tag auerordentlich, die khlende Brise, jeden Abend vom Himalaya kommend, noch nicht eingetreten und der Koch bewegte zur Abkhlung nach Leibeskrften ber den mittelst eines Strickes aus Kokosfasern einen enormen Pankah, eine Art beweglichen Fcher, der an einer der mittleren Eisenstangen der Terrasse aufgehngt war. Der Fakir lie sich den Strick geben, sttzte beide Hnde auf die Stirne und kauerte sich unter dem Pankah nieder, der bald, ohne da Covindasamy eine Bewegung gemacht hatte, zuerst sanft, dann immer schneller, wie von Menschenhand bewegt, zu schwingen anfing. Lie der Zauberer den Strick fahren, so bewegte sich der Pankah langsamer und langsamer, bis er zuletzt still stand. Von drei Blumentpfen auf der Terrasse, so schwer, da Manneskraft zur Hebung von einem erforderlich war, whlte Covindasamy einen, legte seine Fingerspitzen auf dessen Rand und bewirkte damit ein regelmiges, pendelartiges Hin- und Herbewegen auf seiner Basis und zuletzt schien Jacolliot der Topf sich ber den Boden zu erheben und nach dem Willen des Fakirs hin und her zu gehen, ein Phnomen, was Jacolliot auch sehr oft am hellen Tag gesehen hatte. Derselbe hatte dem Fakir auch so gut als mglich den Lebensmagnetismus und Somnambulismus erklrt, die nach des letzteren Meinung ebenfalls durch Geisterwirkung zustande kommen; er konnte aber keine Zeit finden, hierber Versuche anzustellen. Er hatte manchmal Gegenstnde durch Zauberer fest an den Boden heften sehen, entweder, wie ein englischer Mayor meinte, indem sie durch ihr Fluidum deren spezifisches Gewicht ungemein vermehrten, oder auf unbekannte Weise. Jacolliot, willens den Versuch zu wiederholen, nahm einen kleinen Leuchterstuhl von Teakholz, den er leicht mit Daumen und Zeigefinger aufheben konnte, setzte ihn in die Mitte der Terrasse und fragte den Fakir, ob er ihn hier nicht so befestigen knne, da er nicht anderswo hin zu bringen sei? Der Malabare, seine beiden Hnde auf die obere Platte legend, blieb fast eine Viertelstunde in dieser Stellung, worauf er lchelnd sprach: Die Geister sind gekommen, und niemand kann diesen Gueridon ohne ihren Willen verrcken. Jacolliot versuchte dieses, aber das Mbel verrckte sich so wenig, als wenn es durch Klammern am Boden befestigt wre, und als er seine Anstrengungen verdoppelte, blieb ihm die obere zerbrechliche Platte in den Hnden. Als er mit den ein Kreuz bildenden Fen auch nichts machen konnte, dachte er, wenn das Gerte durch die Hnde des Zauberers mit einer Kraft geladen worden sei und diese nicht mehr erneuert werde, so msse nach einiger Zeit der Gegenstand bewegt werden knnen. Er bat daher den Fakir, an das Ende der Terrasse zu gehen, und in der That konnte nach einigen Minuten Jacolliot das Mbel verrcken, was Covindasamy damit erklrte, da die Geister abgegangen seien. Aber hre, sie kehren wieder zurck. Mit diesen Worten legte er seine Hnde auf eine der gewaltig groen silberplattierten Kupferplatten, welche die reichen Eingeborenen zu einem gewissen Spiel brauchen, und fast augenblicklich hrte man eine gewaltige Menge starker Laute, als wie von Hagel auf ein Metalldach, und Jacolliot glaubte, ungeachtet es Tag war, eine Anzahl die Platte in allen Richtungen durchkreuzender Flmmchen zu sehen. Nach dem Willen des Fakirs verschwand die Erscheinung und kehrte wieder zurck. Auf den Gestellen dieser halb europisch, halb orientalisch mblierten Zimmer standen eine Menge Nippsachen: kleine Windmhlen, welche Schmiedehmmer bewegten, Bleisoldaten, Tierchen in Holz mit grnen Bumchen, ein frhes Spielzeug der Kinder, und andere Nrnberger Waren, dazwischen wieder wertvolle und knstliche Dinge, alles durcheinander. Jacolliot nahm eine kleine Mhle, die, durch Blasen in Bewegung gesetzt, diese einigen Persnchen mitteilte, und ersuchte Covindasamy, sie ohne Berhrung in Bewegung zu setzen. Dies geschah durch bloes Darberhalten seiner Hnde, und die Bewegung wurde immer schneller, je mehr er die Hnde nherte. Jacolliot hing eine Harmonika an einer dnnen Schnur an einen der eisernen Griffe der Terrasse auf, so da sie etwa zwei Fu ber dem Boden schwebte, und bat den Zauberer, Tne aus ihr zu ziehen, ohne sie zu berhren. Dieser ergriff mit Daumen und Zeigefinger beider Hnde die Schnur, an welcher das Instrument schwebte, und ging dann, vllig unbeweglich werdend, in sich selbst ein. Bald regte sich das Instrument, das Pfeifenwerk erhielt eine Bewegung von unsichtbarer Hand und man hrte langgezogene reine Tne, doch keine Akkorde. Knntest Du nicht eine Arie erhalten? fragte Jacolliot. -- Ich will den Geist eines alten Musikers der Pagoden anrufen, erwiderte dieser hchst kaltbltig. Das Instrument hatte nach Jacolliots Frage sogleich geschwiegen; nach langer Stille regte es sich, gab zuerst wie prludierend, eine Reihe von Akkorden und dann ganz entschieden eine der populrsten Arien der Malabarkste, deren Anfangsworte lauten: Bringe Kleinodien fr die Jungfrau von Aruna. Der Fakir, ganz unbeweglich bleibend, hielt nur die Schnur zwischen seinen Fingern; Jacolliot, der beim Instrument niederkniete, sah die Griffe nach Bedrfnis sich auf- und niederbewegen. Es war fr Covindasamy der einundzwanzigste Tag seiner Anwesenheit in Benares gekommen, wo er 24 Stunden lang von einem Sonnenaufgang zum andern im Gebet verharren mute, um dann nach Trivandaram zurckzukehren. Aber zuvor, sprach er zu Jacolliot, werde ich Dir noch einen Tag und eine Nacht widmen, denn Du warst gut mit mir, und ich, dessen Mund lange verschlossen war, habe in der Sprache mit Dir reden knnen, die meine Mutter brauchte, als sie mich in einem Bananenblatt in Schlaf wiegte. Alle Indier sprechen nie ohne Bewegung von ihrer Mutter. Als am Vorabend des langen Gebetstages Covindasamy die Terrasse verlie und in einem Gef vielfarbige Federn der merkwrdigsten indischen Vgel sah, ergriff er davon eine Hand voll und warf sie so hoch als mglich ber seinen Kopf, und als sie herab kommen wollten, machte er mit den Hnden Luftstriche unter ihnen, und sowie letzteren eine Feder nahe kam, so drehte sie sich leicht um sich selbst und stieg in Spiralen bis zum Zeltdach der Terrasse empor. Alle folgten der gleichen Richtung, aber einen Augenblick spter wollten sie, der Schwere folgend, zu Boden sinken, stiegen aber, kaum auf der Hlfte des Weges angelangt, wieder auf und setzten sich an der Decke fest. Noch einmal erzitterten sie und zeigten eine schwache Neigung zum Herabsinken, aber bald blieben sie vollkommen unbeweglich hngen und gewhrten durch ihre Anordnung auf dem Goldgelb der Strohmatte der Decke und ihre bunten Farben einen angenehmen Anblick. Kaum aber war der Fakir abgegangen, so fielen sie trg zu Boden, wo sie Jacolliot lngere Zeit liegen lie, um sich zu berzeugen, da er beim Anblick dieser unbegreiflichen Phnomene nicht das Opfer einer Hallucination geworden sei. Der Fakir weihte nach Beendigung seiner Mission Jacolliot noch einen Tag fr zwei Sitzungen, eine zur Tages-, die andere zur Nachtzeit, jedoch bei voller Beleuchtung, und hatte Jacolliot versprochen, alle Geister, welche ihm beistehen, anzurufen, damit Jacolliot Dinge sehe, die ihm stets unvergelich bleiben wrden. Covindasamy brachte zur Tagsitzung ein Sckchen sehr feinen Sandes mit, den er auf den Boden leerte und mit der Hand zu einer gleichfrmigen Flche von etwa 50 Quadratcentimeter ausbreitete. Dann lie er an einem Tisch gegenber mit Papier und Bleistift Jacolliot Platz nehmen, verlangte ein Stckchen Holz, worauf ihm Jacolliot einen Federhalter reichte, den er vorsichtig auf die Sandflche legte. Ich rufe, sprach Covindasamy, nun die Geister an; sobald Du den mir gegebenen Gegenstand sich vertikal erheben siehst, so aber, da sein eines Ende mit dem Sand in Verbindung bleibt, kannst Du auf das Papier beliebige Zeichen machen, und Du wirst sie auf dem Sande nachgebildet sehen. Er streckte dann seine beiden Hnde wagerecht vor und murmelte seine geheimen Anrufungen, worauf in krzester Zeit der Federhalter sich allmhlich erhob und zu gleicher Zeit, wo Jacolliot auf sein Papier die bizarrsten Figuren zeichnete, dieselben getreu auf dem Sande kopierte. Hielt Jacolliot an, so stand auch der Federhalter still, und fuhr seinerseits fort, wenn Jacolliot wieder begann; der Fakir, der keine Verbindung mit ihm hatte, blieb vollkommen ruhig. Jacolliot, um zu veranlassen, da der Fakir nicht einmal die Bewegungen sehen knne, die er mit seinem Bleistift mache, nahm hierauf eine Stellung an, wo dieses unmglich war, untersuchte hierauf die Zeichnungen auf dem Papier und dem Sande und fand sie ganz identisch. Der Fakir, nachdem er den Sand wieder geglttet hatte, forderte Jacolliot auf, sich ein Wort in der Gttersprache, dem Sanskrit, zu denken und auf dessen Frage, warum gerade in dieser? bemerkte er, da die Geister sich leichter dieser unsterblichen, den Unreinen verbotenen Sprache bedienen; Jacolliot, der mit Covindasamy ber dessen religise Anschauungen diskutierte, dachte sich hierauf ein Sanskritwort; der Hindu regte sich, erhob sich, und schrieb alsbald: +Purucha+ (der himmlische Erzeuger), das Wort, was Jacolliot gedacht hatte. Und auch eine ganze Phrase: +Adict Vaicuntam Haris+ (Vischnu schlft auf dem Berge Veikunta), die Jacolliot zu denken aufgefordert worden war, wurde geschrieben. Knnte mir wohl der Geist, der Dich inspiriert, fragte Jacolliot, die 243. Sloca des vierten Buches von Manu geben? Er hatte kaum diesen Wunsch ausgesprochen, so setzte sich der Federhalter in Bewegung und schrieb Buchstaben fr Buchstaben jener Strophe: +Darmapr dnam purucham tapas hatakilvisam paralkam nayati cou bsuantam kaarininan+ (der Mensch, dessen smmtliche Handlungen auf Tugend zielen, dessen Snden durch fromme Akte und Opfer vershnt werden, gelangt zum himmlischen Aufenthalt, lichtstrahlend und von einem geistigen Leibe bekleidet). Jacolliot legte die Hand auf ein kleines geschlossenes Buch, das im Auszug einige Hymnen des Rigveda enthielt und fragte, welches das erste Wort der fnften Zeile der einundzwanzigsten Seite sei? Der Federhalter schrieb +Devadatta+ (von Gott gegeben), und es war so. Willst Du eine Frage in Gedanken stellen, fragte Covindasamy, und Jacolliot nickte einwilligend mit dem Kopfe. Der Stift schrieb auf den Sand: +Vasundara+ (die Erde). Jacolliot hatte in Gedanken gefragt: Was ist unsere gemeinschaftliche Mutter? Es war 10 Uhr morgens geworden, Licht und Hitze bereits sehr gro, der Spiegel des Ganges warf einen blendenden Glanz. Jacolliot ging mit dem Zauberer an das Ende der Terrasse und sie sahen im Garten einen Koch, der Wasser aus einem Brunnen schpfte und es in eine Bambusleitung go, die in einen Badesaal ausmndete. Covindasamy streckte seine Hnde in der Richtung des Brunnens aus, und alsbald wollte das Seil des Eimers nicht mehr in der Rolle laufen, trotz des Zornes des Kochs. Wie alle Hindus Widerwrtigkeiten den bsen Geistern zuschreiben und diese dann durch magische Gesnge zu vertreiben suchen, so auch dieser Koch. Kaum hatte er jedoch einige Worte in dem scharfen nselnden Tone hervorgebracht, der uns den orientalischen Gesang so unangenehm macht, so blieben ihm die Worte in der Kehle stecken, und er konnte trotz aller Grimmassen kein einziges mehr sprechen. Nach einigen Minuten lie der Fakir seine Hnde sinken, und der Koch erhielt seine Stimme wieder und den Gebrauch seines Seiles. Jacolliot klagte ber die Hitze, der Fakir schien ihn nicht zu hren, so tief war er in sich selbst gekehrt. Da sah der erstere einen Fcher von Palmblttern von einem Tisch, auf dem er lag, sich erheben und die Luft um sein Gesicht fcheln, und glaubte harmonische Tne einer Menschenstimme zu hren. Als der Fakir, Abschied nehmend, die Hnde ber die Brust gekreuzt, im Ausschnitt der Pforte stand, welche von der Terrasse auf den Perron fhrte, erhob er sich ohne alle Sttze 25-30 Centimeter in die Luft, was Jacolliot dieses Mal genau messen konnte; indem hinter ihm sich ein seidener Vorhang befand, der als Thre diente und weie und Goldstreifen hatte; die Fe des Fakirs waren beim nchsten Streifen. Das Erheben, Schweben in der Luft und Wiederherabkommen whrte etwas ber 8 Minuten, das Beharren im Maximum der Erhebung etwa 5 Minuten. Auf die Frage, ob er dieses Phnomen willkrlich hervorbringen knne, antwortete er mit orientalischer Emphase: Der Fakir knnte sich bis in die Wolken erheben. Obschon er sich schon oft nur als ein Werkzeug der Geister erklrt hatte, enthielt sich Jacolliot doch wieder nicht der Frage, wie er diese Macht der Erhebung erlange? worauf Covindasamy mit einer Sentenz antwortete: Man mu durch Gebete und Betrachtung mit den Pitris in bestndiger Verbindung bleiben, dann steigt ein hoher Geist vom Himmel herab. Jacolliot sah schon fter die Leistungen der Fakire, einen Einflu auf das Pflanzenwachstum in der Weise ben, da dadurch, wie sie behaupten, in wenigen Stunden Resultate erreicht werden, die sonst Monate, selbst Jahre erfordern, wie hnliches der Missionr Juc auch aus Tibet berichtet. Jacolliot hatte dieses jeder Zeit als ein sehr knstliches Taschenspielerstckchen betrachtet, demselben daher keine nhere Beachtung geschenkt, jetzt wollte er es auch von Covindasamy sehen, dessen Fhigkeiten wirklich wunderbar waren, und alle Aufmerksamkeit darauf wenden. Als der Fakir nachmittags 3 Uhr erschien, glaubte er ihn mit diesem Ansinnen zu berraschen, aber Covindasamy sagte in seiner gewhnlichen einfachen Weise: Ich stehe zu deinem Befehl. -- Wirst Du mich auch die Erde, das Gef und den Samen whlen lassen, den Du vor mir treiben lassen willst? -- Das Gef und den Samen ja! Die Erde hingegen mu aus einem Nest der Carias (Termiten) genommen sein. -- Der Kammerdiener wurde beauftragt, eine Blumenvase voll Erde und verschiedene Samen zu bringen, und der Fakir bat ihn noch, die Erde zwischen zwei Steinen zu zermalmen, denn sie ist durch den mrtelartigen Speichel der Insekten fast so fest wie Mauerstcke. In weniger als einer Viertelstunde waren die Sachen zur Hand, und Jacolliot schickte den Cansama fort, weil er nicht wollte, da er mit dem Fakir etwa Gemeinschaft habe. Er gab nun letzterem die Erde, die derselbe mit etwas Wasser anrhrte, dabei seine Mentrams murmelnd. Dann verlangte er die Samen und einige Ellen irgend eines weien Stoffes. Jacolliot ergriff auf geradewohl einen Kern des Melonenbaumes und fragte ihn, ob er ihn zeichnen drfe? Auf die bejahende Antwort schnitt Jacolliot die uere Haut dieses, mit Ausnahme der Farbe, einem Krbiskern hnlichen, nur ganz dunkelbraunen Kernes leicht ein und bergab ihn nebst einigen Ellen Moskitotuch dem Fakir. -- Ich werde bald den Schlaf der Geister schlafen, sagte dieser, schwre mir, weder mich noch die Vase zu berhren. Nachdem Jacolliot dieses gelobt, pflanzte er den Samenkern in die nun einem flssigen Schlamm hnliche Erde, stie dann sein Stbchen mit sieben Knoten, dem Attribut des Eingeweihten, ohne das er nie ging, in einen Winkel der Vase und breitete ber ihn das Mousselinstck aus. Dann kauerte er sich nieder, streckte beide Hnde horizontal ber den Apparat und verfiel in vollkommene Katalepsie. Als nach einer halben Stunde, immer die Arme horizontal ausgestreckt, was kein Wacher thun knnte, und selbst nach einer Stunde nicht die geringste Muskelzuckung eintrat und der fast nackte durch die Hitze gebrunte und glnzende Krper einer Bronzestatue glich, wobei die Augen offen und starr waren, konnte Jacolliot, der sich der Beobachtung halber ihm gegenbergesetzt hatte, den Blick dieser halberloschenen Augen nicht mehr ertragen; es schien ihm die ganze Umgebung -- der Fakir mit -- vor den Augen zu tanzen, ohne Zweifel infolge der zu gespannten Aufmerksamkeit, und er mute sich an das Ende der Terrasse setzen, wo er abwechselnd auf den Strom und Covindasamy blickte. Endlich nach zwei Stunden machte ein leichter Seufzer ihn erzittern, der Fakir war wieder zum Bewutsein gekommen, gab ihm ein Zeichen sich zu nhern, hob das Mousselintuch weg und zeigte ihm ein frisches junges Stmmchen des Melonenbaumes von etwa 20 Centimeter Hhe. Jacolliots Gedanken erratend, griff er in die Erde, zog vorsichtig die junge Pflanze heraus und zeigte an dem Hutchen, das noch an den Wurzeln hing, den vor zwei Stunden gemachten Einschnitt. Jacolliot bemerkt, der Fakir habe vor seinem Kommen nicht gewut, was von ihm verlangt wrde; er konnte nichts unter Kleidern verbergen, da er fast nackt war, er konnte auch nicht wissen, da Jacolliot, der ihn whrend der ganzen Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte, gerade einen Samenkern des Melonenbaumes whlen werde. Es sei dies einer von den Fllen, wo die Sinne keinerlei Betrug zu entdecken vermochten, die Vernunft sich aber doch nicht gefangen geben wolle. Nachdem der Fakir sich einige Augenblicke an seinem Staunen geweidet, sagte er nicht ohne Stolz: Htte ich die Anrufungen fortgesetzt, so wrde der Melonenbaum in 8 Tagen Blten und in 14 Frchte gehabt haben. -- An die Erzhlung von Huc und an gewisse Phnomene denkend, die Jacolliot selbst in Carnatic gesehen, sprach er, es gbe Zauberer, die das Gleiche in zwei Stunden hervorbringen knnten. -- Du irrst, erwiderte Covindasamy, das, wovon Du sprichst, war die Herbeibringung fruchtbarer Bume durch die Geister; was ich Dir zeigte ist Wachsthum; nie hat das von den Pitris gerichtete reine Fluidum in einem einzigen Tage Keimung, Blte und Frucht erzeugen knnen. -- Jacolliot macht darauf aufmerksam, da unter dem Himmel Indiens, wenn man den Samen vieler Kchenkruter um die Morgenrte in feuchtes, der Sonne gut ausgesetztes Erdreich set, die Pflnzchen schon um Mittag aus der Erde hervorkommen und um 6 Uhr abends fast einen Centimeter hoch sind, da aber freilich ein Same des Melonenbaumes 14 Tage zur Keimung braucht. Um zehn Uhr abends an diesem Tage trat Covindasamy wie gewhnlich schweigend in das Zimmer von Jacolliot, nachdem er auf einer der Stufen der Treppe das Languty abgelegt hatte, jenes kleine Zeugstck, und gewhnlich seine einzige Bekleidung, und er war nun ganz nackt, sein Bambusstbchen mit den sieben Knoten an einer seiner langen Haarflechten befestigt. -- Nichts Unreines, sagte er, darf den Krper des Anrufenden berhren, wenn er seine Fhigkeit, mit den Geistern in Verbindung zu treten, in ihrer ganzen Strke erhalten will. -- Jacolliot kam hierbei der Gedanke, ob nicht die von den Griechen am Indus getroffenen Gymnosophisten eben solche Eingeweihte wie Covindasamy waren. Es wurde an diesem Abend auf der Terrasse und im Schlafzimmer von Jacolliot experimentiert, beide, nur unter sich zusammenhngend, waren nach auen vollstndig abgeschlossen, in jeder der beiden Lokalitten brannte eine Hngelampe mit Kokosl, in ein Krystallglas eingeschlossen. In allen indischen Husern findet man kleine kupferne Kohlenbecken, bestndig mit glhenden Kohlen gefllt, um darauf von Zeit zu Zeit einige Prisen eines wohlriechenden Pulvers von Sandelholz, Iriswurzel und Myrte zu verbrennen. Der Fakir stellte ein solches Becken auf die Mitte der Terrasse und daneben eine kupferne Platte mit jenem wohlriechenden Pulver, dann kauerte er sich in gewohnter Stellung mit gekreuzten Armen auf den Boden, begann hierauf eine lange Inkantation in einer unbekannten Sprache, rezitierte seine Mentrams und blieb dann unbeweglich, die linke Hand auf dem Herzen, die rechte auf sein Stbchen gesttzt; von Zeit zu Zeit brachte er die Hand an die Stirne, wie um durch Striche sein Gehirn frei zu machen. Auf einmal mute Jacolliot erzittern, denn eine schwachleuchtende Wolke bildete sich in seinem Schlafzimmer, aus der nach allen Seiten hin rasch Hnde hervorkamen und wiederum in sie zurckgingen; nach einigen Minuten verloren mehrere dieser Hnde ihr dunstiges Ansehen und glichen, sich gewissermaen materialisierend, menschlichen Hnden, whrend die andern leuchtender wurden; erstere waren undurchsichtig und warfen Schatten, die andern so durchsichtig, da man Gegenstnde hindurchsehen konnte; Jacolliot zhlte im Ganzen sechzehn. Kaum hatte Jacolliot den Fakir gefragt, ob es nicht mglich wre, diese Hnde zu berhren, so lste sich eine von der Gruppe ab, kam gegen ihn geschwebt und drckte seine dargebotene Hand. Sie war klein, geschmeidig und feucht wie die Hand einer jungen Frau. -- Der Geist ist da, obwohl nur eine seiner Hnde sichtbar ist, sprach Covindasamy. Du kannst mit ihm reden, wenn Du es wnschest. -- Jacolliot fragte lchelnd, ob der Geist, dem diese kleine Hand gehre, ihm nicht ein Andenken geben wolle? und fhlte darauf jene Hand in der seinen vergehen und sie gegen ein Blumenbouquet schweben, eine Rosenknospe abbrechen, welche sie zu seinen Fen warf, worauf sie verschwand. Whrend zwei Stunden kamen Dinge vor, ganz geeignet, die Besinnung zu verwirren; bald streifte eine Hand Jacolliots Gesicht oder fchelte ihm mit einem Fcher, bald verbreitete eine andere im Zimmer einen Blumenregen oder zeichnete in der Luft feurige Buchstaben, welche verschwanden, nachdem der letzte erschienen war, wobei wahrhafte Blitzstrahlen durch das Zimmer und die Terrasse fuhren. Zwei der Sanskritsprche, die Jacolliot rasch mit dem Bleistift aufzeichnete, lauteten: +Divyavapur gatw+ (Ich habe einen fluidischen Krper angenommen) und unmittelbar darauf schrieb die Hand: +Atmram cryasa yoxyatas Dchasya'sya vim canat+ (Du wirst das Glck erlangen, wenn du dich von diesem vergnglichen Krper losmachst). Nach und nach verschwanden die Hnde, die Wolke hatte in dem Mae abgenommen, als die Hnde sich zu materialisieren schienen; an der Stelle, wo die letzte Hand verdunstet war, fand man einen Kranz von jenen stark duftenden Immortellen, welche die Hindus bei allen ihren Ceremonien verwenden. Einen Augenblick nach dem Verschwinden der Hnde, whrend der Fakir seine Anrufungen eifrig fortsetzte, bildete sich eine dunklere und dichtere Wolke neben dem kleinen Kohlenbecken, das Jacolliot nach dem Wunsch des Hindu stets mit Glut gefllt erhalten hatte, und allmhlich nahm diese Wolke menschliche Form an und erschien als der Schemen eines alten opfernden Brahminen, der neben dem Becken kniete. Er hatte auf der Stirne die dem Wischnu heiligen Zeichen, seine Hnde hielt er vereinigt wie beim Opfern ber den Kopf, und seine Lippen bewegten sich wie betend. In einem gegebenen Augenblick nahm er eine starke Prise des wohlriechenden Pulvers und warf sie auf die Glut, worauf alsbald ein dichter Rauch alle Rume erfllte, nach dessen Verschwinden Jacolliot den Schemen zwei Schritte vor sich sah, der ihm seine fleischlose Hand reichte, die Jacolliot grend in die seine fate und -- obwohl knchern und hart -- doch warm und lebend fand. Bist du wohl, fragte er laut, ein frherer Bewohner der Erde? Und kaum hatte er diese Frage beendet, als auf der Brust des Schemens glnzend wie Phosphorlicht das Wort +Am+ (Ja) erschien und sogleich wieder verschwand. Und als Jacolliot weiter fragte: Willst du mir kein Zeichen deines Vorbergangs hinterlassen? zerri der Geist seinen aus drei Baumwollenschnren gemachten Grtel, gab ihm denselben und verschwand zu seinen Fen. Jacolliot glaubte die Sitzung beendet, aber der Fakir dachte noch immer nicht daran, seine Stellung zu verndern. Da hrte ersterer pltzlich eine bizarre Melodie, ausgefhrt auf einem Instrument, das ihm die zwei Tage vorher gebrauchte Ziehharmonika zu sein schien, welche jedoch der Peischwa des Abends vorher hatte abholen lassen, und die sich nicht mehr in den Zimmern von Jacolliot befand. Die anfangs fernen Tne erklangen bald wie aus nheren Rumen und zuletzt wie im Schlafzimmer, als Jacolliot lngs den Mauern hingleitend das Phantom eines Pagodenmusikers erblickte, welcher, die Harmonika spielend, auf ihr jene einfrmigen und klagenden Tne hervorbrachte, wie sie der religisen Musik der Hindus eigen sind. Als das Phantom durch das Zimmer und die Terrasse passiert war, verschwand es, und an der Stelle seines Verschwindens lag das von ihm gebrauchte Instrument, in der That die Ziehharmonika des Rajah, und doch waren alle Thren wohl verschlossen. Covindasamy stand nun auf, in Schwei reich gebadet, auf das uerste erschpft, und doch sollte er in wenig Stunden seine Reise antreten. -- Dank Dir, Malabare, sprach Jacolliot, ihn so mit dem Namen seiner geliebten Heimat anredend--, und mge der, welcher die drei geheimnisvollen Gewalten vereinigt, (die brahmanische Dreifaltigkeit), Deine Reise nach den lieblichen Lndern des Sdens beschtzen, und mgest Du erfahren, da whrend Deiner Abwesenheit Freude und Glck in Deiner Htte gewohnt haben. -- Der Fakir antwortete in noch mehr emphatischem Tone, und nachdem er das dargereichte Geschenk empfangen, ohne es anzusehen, selbst ohne dafr zu danken, sprach er melancholisch seinen letzten Salam (Gru) und verschwand geruschlos. Als Jacolliot in der ersten Morgenrte von der Terrasse auf den Strom blickte, sah er auf demselben einen schwarzen Punkt und mittelst des Nachtfernrohrs, da es der Fakir war, der den Fhrmann geweckt hatte und nun den Ganges kreuzte, um den Weg nach Trivanderam einzuschlagen und das blaue Meer, die Kokospalmen und seine Htte wiederzusehen, von der er so oft gesprochen. Nach einigen Stunden Schlafs im Hamak erwachend, schien ihm die vergangene Nacht Traum und Hallucination zu sein, aber die Harmonika war da, die geworfenen Blumen bedeckten alle noch die Terrasse, der Immortellenkranz lag noch auf einem Divan, und die Worte, die er in Feuerschrift gesehen, standen in seiner Schreibtafel aufgezeichnet, einen Betrug konnte Jacolliot ebensowenig entdecken als Abb Huc in Tibet bei den dort gesehenen Produktionen. Etwa vier Jahre spter reiste Jacolliot ber Madras, Bellary und Bedjapur nach der Provinz Aurungabad, um den unterirdischen Tempel von Karli zu besuchen, welche berhmten Krypten wie Ellora, Elephantea, Rosach&c. in einem Hgelkranz des Mahrattenlandes liegen, der -- mit Forts versehen -- Jahrhunderte lang das Eindringen der Moslims gehindert hat. Der Eingang in die in Felsen gehauenen Krypten von Karli befindet sich etwa 300 Fu ber der Basis des Hgels, und man gelangt dahin auf einem Wege, der eher dem Bett eines Bergstroms als einer Strae gleicht und auf eine Terrasse fhrt, die einen wrdigen Vorplatz des prachtvollen Innern bildet. Auf der linken Seite des Porticus steht eine mit unentzifferbaren Charakteren bedeckte massive Sule, die auf ihrem Kapitl drei noch kaum erkennbare Lwen trgt; auf die Schwelle tretend, hat man einen ungeheuren Vorsaal vor sich, der in seiner ganzen Lnge von etwa 600 Schritt mit Arabesken und Skulpturen bedeckt ist; an jeder Seite des Eingangs stehen drei riesige Elephanten mit ihren Cornacs auf Hals und Rcken; das Gewlbe ist durch zwei Reihen von Pfeilern gesttzt mit einem Elephanten ber jedem, der auf seinem Rcken eine mnnliche und eine weibliche Gestalt trgt, wie gebeugt unter der ungeheuern auf ihnen ruhenden Last. Dieses imposante dunkle Innere ist nun eine berhmte Wallfahrtssttte fr die Fakirs aus ganz Indien, und manche schlagen ihre Wohnung in der Nhe des Tempels auf, kasteien ihren Leib und leben allein noch der Betrachtung. Tag und Nacht vor flammenden Feuern hingekauert, welche die Glubigen unterhalten, eine Binde ber den Mund, um nicht das geringste Unreine einzuatmen, nichts genieend als einige Krner gersteten Reis mit Wasser befeuchtet, das durch ein Tuch geseiht wird, magern sie nach und nach zu Skeletten ab, die Geisteskrfte sinken rasch, und ehe ihre letzte Stunde schlgt, haben sie schon eine lange Zeit physischer und intellektueller Schwche durchlebt, die kein Leben mehr ist. Alle Fakirs, welche in der obern Welt die hchsten Transformationen erlangen wollen, mssen ihren Leib diesen schrecklichen Kasteiungen unterwerfen. Man zeigte Jacolliot einen, erst vor wenigen Monaten vom Kap Comorin angekommenen, der, zwischen zwei Glutpfannen liegend, fast schon ganz gefhllos geworden war. Wie erstaunte Jacolliot, als eine breite Narbe auf dem Schdel ihn den Fakir von Trivanderam erkennen lie, und er fragte ihn in seiner geliebten Sprache des Sdens, ob er sich nicht an den Franguy von Benares erinnere. Einen Augenblick schien ein Blitz durch seine fast verloschenen Augen zu zucken, und er murmelte die zwei Sanskritworte, welche in jener Sitzung in feurigen Buchstaben erschienen waren: +Divyavapur gatw.+ Ich habe einen fluidischen Krper angenommen. Es war von ihm, den sie nur Karli Sava, den Leichnam, das Phantom von Karli nannten, kein weiteres Zeichen von Aufmerksamkeit zu erlangen. So enden, sagt Jacolliot, in Siechtum und Geistesschwche die indischen Medien.-- Es ist denkbar, selbst wahrscheinlich, da Jacolliot manches mit zu lebhaften Farben geschildert hat, und da eine Gruppierung der Phnomene stattgefunden hat, um die berzeugung herbeizufhren, da namentlich vielleicht die Steigerung derselben ein teilweises Produkt spterer Anordnung sei, die Folge nicht gerade in der angegebenen Weise stattgefunden habe. Prft man aber die einzelnen Flle fr sich, so stimmen sie nach Wegrechnung des Volkscharakters, der natrlichen Umgebungen, des Bodens, auf dem sie spielen, dem Wesen nach mit den brigen mystischen Erscheinungen der verschiedensten Zeiten und Vlker berein und sind nicht mehr und nicht weniger wunderbar als diese, namentlich auch die spiritistischen Phnomene. Diese bereinstimmung in der innern wesentlichen Beschaffenheit lt demnach die Angaben Jacolliots so glaubwrdig erscheinen, wie die meisten andern, und wir befinden uns auch ihnen gegenber in der gleichen Kontroverse einer Hervorbringung durch magische Krfte lebender Menschen oder in der Regel unsichtbare Wesen, sogenannte Geister, welche die Lebenden, speziell die, welche man Medien nennt, als Organe ihrer Kundgebung brauchen. Man sieht aus den hier mitgeteilten Angaben, da die Indier seit uralter Zeit sich fr die letztere Meinung entschieden haben und ihre Pitris, die Geister der Vorfahren, fr die hierbei Wirkenden ansehen. Haben sie recht, so mu man schlieen, da bei diesen Krfte frei werden, die nicht an die sogenannten Naturgesetze gebunden sind, da sie aber zur Besttigung derselben in sehr vielen Fllen mit Lebenden in Verbindung treten, nicht sowohl als wenn sie dieselben zur Hervorbringung der Phnomene ntig htten, als vielmehr durch diese ihr eigenes Dasein zu erweisen und wenigstens teilweise ihre Fhigkeiten dem Verstndnis der Lebenden nher zu bringen. -- Was aber die Fakirs, Sanyassis, Nirvanys&c. betrifft, so ist kaum daran zu zweifeln, da manche nicht dazu gelangen werden, das magische Vermgen in sich zu entwickeln, und dadurch der Versuchung verfallen, dasselbe zu simulieren, durch seinen Schein zu tuschen, da sie von Magiern zu Taschenspielern herabsinken. Dieses wrde, wie beim gyptischen, Zend- und anderem Kultus geschehen ist, in dem Mae zunehmen, als der Brahmanismus seinem Verfall entgegen ginge, wovon jedoch bis jetzt nicht viel zu bemerken ist. Lachten doch schon in der sptern Zeit der Republik rmische Auguren, wenn sie sich begegneten, und als die Rmer nach gypten kamen, waren die Priester nur noch imstande, als Fhrer zu den alten Herrlichkeiten zu dienen. Die Erfahrung aller Zeiten hat gelehrt, da die bung dieser Dinge fr die Lebenden mit Gefahr verbunden ist, und da sie auf Kosten ihrer Bestimmung fr die gegenwrtige Form des Daseins vollzogen wird. Bekannt ist, wie gefhrlich z.B. jene das visionre Vermgen erweckenden Rucherungen sind, von denen schon Benvenuto Cellini erzhlt, vor welchen Horst und Eckartshausen warnen und deren Wirkung auch Jacolliot erfahren hat. Um wie viel bedenklicher werden aber jene fortgesetzten asketischen bungen sein, die in manchen Fllen zur Stigmatisation, in andern sonst zum Hinsiechen des Organismus fhren. Wenn ein Trost fr solche Hingebung zu finden ist, so wird er darin bestehen, da durch sie Aufschlsse ber das innerste Wesen der menschlichen Natur erlangt worden sind, die auf anderem Wege nicht zu erhalten waren, und wenn jene Meinung richtig ist, welche die Wirkung oder doch Mitwirkung der nicht mehr im irdischen Leben Wandelnden behauptet, so wre damit ein empirischer Beweis fr die persnliche Fortdauer geleistet, ungleich wertvoller als alle Spekulation darber. Und so htten die Mystiker aller Zeiten, indem sie irdische Bestimmung wenigstens teilweise verfehlten, sehr oft auch das, was man irdisches Glck nennt, einbten, doch nicht umsonst gelebt und entbehrt, sondern der Menschheit einen sehr groen Dienst indirekt erwiesen. Dieses und nicht die vermeinte Gottgeflligkeit der sich jenen abnormen Zustnden Hingebenden oder von ihnen berwltigten, scheint mir der Gesichtspunkt zu sein, von welchem aus sie zu wrdigen sind. Eine spezielle gttliche Einwirkung mu man wohl bei ihnen allen ausschlieen; es erfolgen diese Vorgnge bei einer Gesetzmigkeit, wie sie durch die Weltvernunft fr alle Gebiete des Seins festgestellt, aber fr das in Frage stehende uns noch ganz verschleiert ist. Diese Dinge sind sehr wunderbar, aber kein Wunder im populren Sinn des Worts, wofr sie freilich der fromme Glauben aller Zeiten zu halten geneigt ist. Mit denjenigen aber ist nicht zu rechten, welche bei ihrer gnzlichen Unkenntnis dieses Gebietes mit dem Schlagwort Betrug die Thatsachen vernichten zu knnen glauben, welche aus Naturgesetzen, die hier nicht gelten, die Unmglichkeit mystischer Erscheinungen erweisen wollen und den Beifall einer urteilslosen Menge der ernsten und unbefangenen Forschung vorziehen. So weit Perty. Ich habe seinen Worten nichts hinzuzufgen. Viertes Buch. Der Occultismus der gypter. Erstes Kapitel. Der gyptische Occultismus als Priesterwissenschaft. Mehr als in jedem Land des Altertums -- Akkad vielleicht ausgenommen -- wurde der Occultismus und zwar zumeist in den Zweigen des Somnambulismus und Heilmagnetismus -- in gypten von den Priestern ausgebt, deren ganze Lebensweise und Disziplin an die Brahmanen gemahnt. Schon Jamblichus sagt[275]: Die Priester verlegen sich nur auf die Erkenntni Gottes, ihrer selbst und der Wahrheit. Sie beachten nicht einen eitlen Ruhm bei ihren heiligen Handlungen und geben der Phantasie keinen Platz. Bekanntlich waren sie gleich den Brahmanen die herrschende Kaste und ihr Rang dem des oft von ihnen beherrschten und ihrer Kaste angehrigen Knigs gleichgestellt. Wie die Brahmanen fhrten sie die strengste Lebensweise und abermals wie diesen waren auch ihnen wiederholte tgliche Waschungen vorgeschrieben. Ihre Kleidung bestand aus Baumwolle und Leinwand, und ihre Sandalen waren aus Papyrus gefertigt. Ihre Dit war zumeist die vegetarische, jedoch genossen sie auch zuweilen Fleisch, welches jedoch vorher von besonders dazu angestellten Beamten besichtigt werden mute, die dasselbe, wenn sie es fr rein und gesund erkannten, mit einem Stempel bezeichneten. Schweinefleisch genossen sie nur zur Zeit des Vollmonds, und Fische -- ganz besonders aber Seefische -- waren ihnen ebenfalls verboten. Von Pflanzenkost waren ihnen die Hlsenfrchte und Zwiebeln verboten, und zwar -- wie Plutarch meint -- erstere, weil sie zu stark nhren und Blhungen erzeugen, letztere wegen ihrer stimulierenden Wirkung und weil sie zum Durst reizen. Wein durften sie nach einigen alten Schriftstellern nicht trinken, nach anderen war es jedoch gestattet. Sprengel sucht diesen Widerspruch dergestalt zu erklren[276], da er annimmt, der Wein sei erst zu Psammetichs Zeiten in gypten eingefhrt worden und auch dann noch ein Privilegium der hheren Stnde gewesen. Die gyptischen Priester waren bekanntlich in verschiedene Grade und Klassen geteilt, von denen einige -- wie die Fakire -- magisch- mediumistische Knste ausbten, andere die Astrologie pflegten, wieder andere magisch-magnetische Heilkunst trieben und Somnambulismus hervorriefen. Sie teilten ihre geheimen Knste keinem nicht zur Kaste gehrenden mit, und lange war es Auslndern unmglich, in dieselbe aufgenommen zu werden. Die ersten Fremden, welche der Tradition zufolge in die Tempelgeheimnisse eingeweiht wurden, waren Orpheus, Thales und Pythagoras. Von letzterem erzhlt Porphyrius[277]: Pythagoras bat vor seiner Reise nach gypten den Polykrates, Knig von Samos, um ein Empfehlungsschreiben an den gyptischen Knig Amasis, damit man ihn dort in die geheimen Lehren der Priester einweihe. Der Knig gab es ihm, allein die Helipoliten, an die er sich zuerst wendete, schickten ihn nach Memphis, gleichsam zu den Hheren und lteren. Zu Memphis wurde er unter demselben Vorwand zu den Diospoliten oder Thebanern entlassen. Da diese aus Furcht vor dem Knig nichts mehr vorzuschtzen wuten, kamen sie berein, ihn durch bermiges Arbeiten und Druck von seinem Vorhaben abzuwenden. Da aber Pythagoras auf das Pnktlichste Alles erfllte, so wunderten sie sich darber so sehr, da sie ihn einweihten und ihren Geheimnissen beiwohnen lieen, was sonst keinem Fremden gelang. Wie allbekannt, spricht die Bibel von gyptischen Magiern, Traumdeutern, und die Hofzauberer Pharaos kennt jedes Kind. Auch Homer deutet hnliches an, wenn er singt[278]: Aber ein Neues ersann die liebliche Tochter Kronions: Siehe, sie warf in den Wein, wovon sie tranken, ein Mittel Gegen Kummer und Groll und aller Leiden Gedchtni. Kostet einer des Weins, mit dieser Wrze gemischet, Dann benetzt den Tag ihm keine Thrne die Wangen, Wr ihm auch sein Vater und seine Mutter gestorben, Wrde vor ihm sein Vater und sein geliebtester Sohn auch Mit dem Schwerte getdtet, da seine Augen es shen. Siehe, so heilsam war die knstlich bereitete Wrze, Welche Helenen einst die Gemahlin Thons, Polydamna, In Aegyptos geschenkt. Dort bringt die fruchtbare Erde Mancherlei Sfte hervor zu gut und schdlicher Mischung; Dort ist jeder ein Arzt und bertrifft an Erfahrung Alle Menschen, denn wahrlich, sie sind vom Geschlechte Paons. Die Heilgottheiten der gypter waren Isis, Horus, Serapis, Osiris, Apis und Phtha. Bezglich der Isis sagt Diodorus Siculus[279]: Die Aegypter versichern, da Isis ihnen in der Arzneikunst groe Dienste geleistet habe durch heilsame Mittel, die sie entdeckte; da sie jetzt, wo sie unsterblich geworden, an dem Gottesdienst der Menschen ein besonderes Wohlgefallen habe und sich vorzglich um ihre Gesundheit bekmmere; da sie ihnen durch Trume zu Hlfe komme, womit sie ihr ganzes Wohlgefallen offenbare. Die Probe ist darber festgesetzt nicht durch Fabeln, wie bei den Griechen, sondern durch gewisse Thatsachen. In der That, alle Vlker der Erde geben Zeugni von der Macht dieser Gttin in Bezug auf Heilung von Krankheiten durch ihre Verehrung und Dankbarkeit. Sie zeigt in den Trumen denjenigen, die leidend sind, die fr ihre Krankheiten geeigneten Mittel an, und die treue Erfllung ihrer Verordnungen hat gegen die Erwartung aller Welt Kranke gerettet, die von den rzten aufgegeben waren. Die berhmtesten Isistempel befanden sich zu Memphis und Busiris. Horus, der Sohn der Isis, hatte nach dem Glauben der gypter von seiner Mutter die Heilkunst erlernt und wurde namentlich in seiner spteren Gestaltung als Harpokrates als Heilgott verehrt. Hhere Verehrung geno Serapis, dem nach Jablonski zweiundvierzig Tempel geweiht waren, von denen sich die berhmtesten zu Memphis, Canopus und besonders in Alexandria befanden. Strabo sagt von Serapis[280]: In seinen Tempeln ist eine groe Gottesverehrung, wo viele medicinische Wunder geschehen, an welche die berhmtesten Mnner glauben und fr sich und andere den Tempelschlaf pflegen. Der Serapistempel zu Canopus wurde von den angesehensten Personen mit groer Ehrfurcht besucht und nach Strabo befanden sich im Innern desselben eine Menge Wunderkuren enthaltende Weihetafeln. Der berhmteste Serapistempel war bekanntlich der zu Alexandria, wo auch die von Kaiser Vespasian ausgebten magnetischen Heilungen sich ereigneten. Tacitus erzhlt dieselben folgendermaen[281]: Als Vespasian sich zu Alexandrien aufhielt, geschahen sehr viele Wunder, wodurch besonders sich die gttliche Gewogenheit und Zuneigung fr Vespasian offenbarte. Irgend ein gemeiner und wohlbekannter Blinder von Alexandrien kam auf Anrathen des Gottes Serapis zu den Knieen des Kaisers, mit Thrnen um Hlfe rufend. Er bat den Kaiser, da er seine Augen mit seinem -- des Kaisers -- Speichel benetzen mchte. Ein anderer an der Hand Gelhmter bat gleichfalls auf Anrathen des Serapis, da ihn der Kaiser mit seinem Fu berhren, d.h. mit der Fusohle treten mchte. Allein Vespasian lachte zuerst, war ungehalten und frchtete, als jene dringend zu bitten fortfuhren, in den Ruf der Eitelkeit zu kommen; endlich aber wurde er durch ihr Flehen, durch den Zuspruch und durch die Liebkosungen Anderer zur Hoffnung bewegt. Zuletzt lie er die rzte entscheiden, ob eine solche Blindheit und Schwche durch menschliche Hlfe zu heilen wre. Die rzte sprachen hin und her und meinten, die ganze Sehkraft sei noch nicht erloschen[282], und das Gesicht knne wiederkehren, wenn nur die Hindernisse gehoben werden knnten; allein der Kaiser versuchte es vor der Versammlung, und der glckliche Erfolg blieb nicht aus. Jener andere knne seine bsen Gliedmaen wieder heilen, wenn irgend eine hlfreiche Kraft angewendet wrde. Zu diesem gttlichen Dienst knne vielleicht der Kaiser ausersehen sein. Und endlich wrde der Ruhm der geleisteten Hlfe immer dem Kaiser bleiben, der Spott aber im Falle des Fehlschlags die armen Kranken treffen. Vespasian vollzog also im Glauben, da seinem Glcke Alles offen stehe, und da nichts unmglich sei, mit freudigem Gesicht vor der aufs uerste gespannten Versammlung das Gebot. Der Eine gebrauchte gleich seine Hand und dem Blinden schien das Tageslicht. Alle, die gegenwrtig waren, stimmen bezglich der Wahrheit mit einander berein, daher erwartet die Lge umsonst ihren Preis. Eine weitere Heilgottheit war Apis, von welchem Plinius berichtet[283]: In Aegypten wird ein Ochse, den sie Apis nennen, gttlich verehrt; er hat an der rechten Seite einen glnzenden weien Fleck, welcher mit dem Neumonde zu wachsen beginnt.[284] Er darf nur ein gewisses Alter erreichen, dann ertrnken ihn die Priester und suchen klagend nach einem andern an dessen Stelle. Nachdem sie einen gefunden haben, fhren ihn die Priester nach Memphis, wo das Orakel blos durch Zeichen und Deutungen knftige Dinge verkndete. Aus der verschiedenen Haltung, aus den Bewegungen und dem Thun des Ochsen pflegten sie wahrzusagen, indem ihm die Rathfragenden Speise darboten. Aus der verschiedenen Zu- oder Abneigung, solche anzunehmen, leitete man seine Antworten ab.[285] So stie er z.B. die Hand des Kaisers Augustus von sich, worauf derselbe nach kurzer Zeit starb. Apis lebt ganz verborgen; wenn er sich aber einmal losreit, so treiben die Lictoren das Volk aus dem Wege und eine Herde Knaben begleitet ihn, Loblieder zu seiner Ehre singend, was er zu verstehen scheint. Phtha ist das Bild des unendlichen Geistes, der Alles schuf. Er ist ein feines therisches Feuer, welches unaufhrlich fortleuchtet, und dessen Glanz weit ber den der Sterne und Planeten erhaben ist. Er ist also gewissermaen das Symbol des Astral- oder odischen Lichtes, welches ja bekanntlich bei somnambulen und heilmagnetischen Vorgngen eine groe Rolle spielt. Der berhmteste Phthatempel befand sich zu Memphis und hatte wie die Isistempel die Inschrift: Ich bin, der ich bin, und kein Sterblicher hat mein Geheimni entdeckt. ber das, was im Innern dieser geheimnisvollen Tempel vorging, haben wir bruchstcksweise berlieferte Nachrichten, denn den Uneingeweihten war der Zutritt gnzlich untersagt, und die Eingeweihten -- selbst die Griechen -- hielten den abgelegten Schwur des Stillschweigens. Dennoch wissen wir aber, da, wie im nchsten Kapitel nher ausgefhrt werden soll, Hervorrufung von Somnambulismus und heilmagnetische Praxis eine Hauptrolle spielte. Die Vorbereitung dazu bestand in Fasten, Baden, Reinigung, Salben und Reiben; in an die Gtter gerichteten Gebeten und Lobpreisungen, whrend feierliche Opfer, heilige Ceremonien und geheimnisvolle Musik in tiefer Dunkelheit die Seele der Glubigen in mystische Schwingungen versetzte. Vom Priester selbst sagt Jamblichus: +Ipse sacerdos, antequam det oracula, multa rite peragit sacrificia, observat sanctimonium, lavatur; triduum prorsus abstinet cibo, habitat in secessu, jamque incipit paulatim illuminari mirificeque gaudere.+ Betrachten wir nun das magnetische Verfahren der gypter selbst. Zweites Kapitel. Der Heilmagnetismus bei den alten gyptern.[286] Auf der auf der Pariser Nationalbibliothek befindlichen sogen. Bentrosch-Stele von dreitausendjhrigem Alter wird die glckliche Heilung der besessenen Tochter eines mesopotamischen Frsten erzhlt, und es kann nicht der mindeste Zweifel obwalten, da die Heilung durch Hypnotismus und Heilmagnetismus geschah. Der Text der Bentrosch-Stele lautet nach der bersetzung des Professor Dr. Lauth in Mnchen[287]: Siehe, es befand sich Se. Majestt in Nahar gem seiner alljhrlichen Gepflogenheit. Die Groen jedes Fremdlandes zogen als Gebckte, als Friedfertige mit Opfergaben vor die Geistigkeit Sr. Majestt von den uersten Hinterlndern her. Sie brachten ihre Tribute an Gold, Silber, Lapis Lazuli, Kupfer und allen Holzarten des heiligen Landes auf ihren Rcken; ein jeglicher suchte seinen Nebenmann zu berbieten. Da lie auch der Frst des Landes Buchtan herbeigebracht werden seine Tribute und gab ihm seine lteste Tochter an der Spitze derselben, indem er anrief Se. Majestt und das Leben erbat von demselben. Es war dies ein schnes Weib, beraus geschtzt von Sr. Majestt ber Alles. Sofort schrieb man ihren Titel als knigliche Hauptfrau mit dem Namen Ranofru 'Sonne der Schnheiten'. Nachdem Se. Majestt der Knig nach gypten gelangt war, vollbrachte er ihr alle Ceremonien, die einer kniglichen Hauptfrau gebhren. Im Jahre 15 am 22. Payni[288] geschah es nun, da sich Se. Majestt in der Stadt Theben befand, der siegreichen, der Gebieterin der Stdte, beschftigt mit Lobpreisungen des Vaters Amun, des Herrn der Throne beider Welten, an seinem schnen Panegyrienfeste im sdlichen Apt, seinem Lieblingssitze von Anfang. Da kam man zu sagen Sr. Majestt: 'Es ist ein Bote des Frsten von Buchtan da, gekommen mit zahlreichen Geschenken fr die Knigsfrau', und sofort wurde dieser vor Se. Majestt gebracht mit den Geschenken. Alsdann sprach er, den Boden kssend vor Sr. Majestt: 'Preis Dir, Du Sonne der neun Vlker! Gestatte uns zu leben bei Dir! Ich komme zu Dir, o Groknig, mein Gebieter, in Betreff der Bentrosch, deiner jngern Schwester von Seiten der Knigsfrau Ranofru. Ein bel ist eingedrungen in ihre Glieder. Mge darum abreisen lassen Deine Majestt einen Sachverstndigen, um sie zu besehen.' Sofort sprach Se. Majestt: 'Bringet mir die Schreiber des Hierogrammatenhauses und die Gelehrten der Geheimnisse des Adytum!' Sie wurden auf der Stelle herbeigefhrt. Da sprach Se. Majestt: 'Warum hat man Euch rufen lassen? Damit ihr hret dieses Wort: Sofort liefert mir einen Knstler in seinem Herzen, einen Schreiber (Operateur) mit seinen Fingern aus Eurem Kreise.' Nachdem nun der Basilicogrammate Thotemhebi vor Se. Majestt getreten war, befahl ihm Se. Majestt, da er ausziehe gen Buchtan mit diesem Boten. Als nun aber gelangt war der Sachverstndige gen Buchtan, traf er die Bentrosch im Zustande einer von einem Dmon Besessenen, und fand sich selbst zu schwach, um mit demselben zu kmpfen. Da sandte der Frst von Buchtan wiederum einen Boten an Se. Majestt mit den Worten: 'O Groknig, mein Herr, es mge befehlen Se. Majestt, da gebracht werde der Gott Chonsu selber.'[289] Es ereignete sich nun, da Se. Majestt im Jahre 26 im Monate Pachon[290] zur Zeit der Amunspanegyrie im Innern von Theben sich befand. Da trat Se. Majestt wieder vor Chonsu nofer hotep[291] mit den Worten: 'O gtiger Herr, ich bin wieder vor dir in Betreff der Tochter des Knigs von Buchtan.' Sofort wurde gebracht Chonsu nofer hotep zu Chonsu p-ari secher[292], dem groen Gott, welcher vertreibt die Unholde. Alsdann sprach Se. Majestt vor Chonsu nofer hotep: 'O du gtiger Herr, wenn du doch wendetest dein Antlitz gen Chonsu p-ari secher, welcher vertreibt die Unholde, damit er ziehe gen Buchtan.' Zunickung, groe, groe. Alsdann sprach der Knig: 'Gieb deinen Segen mit ihm, damit ich ziehen mache Se. Heiligkeit gen Buchtan, um zu erlsen die Tochter des Frsten von Buchtan.' Zunickung des Hauptes, groe, groe, von Seiten des Chonsu nofer hotep. Sofort machte er den Segen viermal ber den Chonsu p-ari secher. Es befahl dann Se. Majestt, da man ausziehen mache Chonsu p-ari secher auf einer groen Barke mit fnf Schifflein, einem Wagen und zahlreichen Pferden rechts und links. Als nun gelangt war dieser Gott gen Buchtan in einer Dauer von 1 Jahr 5 Monaten, siehe da kam der Frst von Buchtan mit seinen Soldaten und Edeln entgegen dem Chonsu p-ari secher, dem Planausfhrenden. Derselbe that sich auf seinen Bauch, indem er sprach: 'Du kommst zu uns, du lt dich bei uns nieder nach der Weisung des Knigs Vesu-ma-Ra sotep-en-Ra.' Sofort begab sich dieser Gott[293] zu dem Ort, wo Bentrosch sich aufhielt. Alsdann machte er den Segen ber die Tochter des Frsten von Buchtan: gut ward sie augenblicklich. Hierauf sprach der Dmon, der mit ihr war, vor Chonsu p-ari secher[294]: 'Komme in Frieden, groer Gott, welcher vertreibt die Unholde: Deine Stadt ist Buchtan, deine Sklaven sind seine Bewohner; auch ich bin dein Sklave: ich werde fortgehen zu dem Ort, von dem ich ausgezogen bin, um zu befriedigen dein Herz in Betreff dessen, weshalb du gekommen bist. Nun mge Deine Heiligkeit befehlen, da man begehe einen Festtag mit mir und dem Frsten von Buchtan.' Sofort nickte dieser Gott gegen seinen Propheten mit den Worten: 'Lasse veranstalten den Frsten von Buchtan ein Speiseopfer vor diesem Dmon.' Whrend nun Chonsu p-ari secher dies mit dem Dmon verhandelte, stand der Frst mit seinen Soldaten dabei, sich gar sehr frchtend. Indessen veranstaltete er ein groes Opfer vor Chonsu p-ari secher und vor diesem Dmon; der Frst von Buchtan hielt ein Freudenfest fr sie. Hierauf ging der Dmon in Frieden an den Ort, den er liebte, auf Befehl des Chonsu p-ari secher. Da war der Frst von Buchtan aufjubelnd ber alle Maen sowie jede Person, welche in Buchtan war. Alsdann berlegte er in seinem Herzen, indem er bei sich sprach: 'Es knnte werden dieser Gott eine Gabe fr Buchtan; ich werde ihn nicht heimziehen lassen nach gypten.' So blieb derselbe 3 Jahre 9 Monate in Buchtan. Da lag der Frst von Buchtan einstmals auf seinem Bette und sah trumend, wie dieser Gott herausging aus seinem Hause, in Gestalt eines Goldsperbers aufschwebend himmelwrts gen Chemi. Nachdem er vor Entsetzen aufgewacht war, sagte er sofort zu den Theodulen des Chonsu p-ari secher: 'Dieser Gott, welcher bei uns weilt, will gen Chemi ziehen. Lasse also seinen Wagen fahren gen Chemi.' Alsdann lie der Frst von Buchtan fortziehen diesen Gott gen Chemi, indem er ihm mitgab Geschenke, viele von allen guten Dingen, Soldaten und zahlreiche Pferde; sie gelangten in Frieden nach Theben. Alsdann ging Chonsu p-ari secher zum Tempel des Chonsu nofer hotep, und er legte die Geschenke, die ihm der Frst von Buchtan gegeben hatte, an allen guten Dingen, vor Chonsu nofer hotep; er that nichts in sein eigenes Haus. Es gelangte Chonsu p-ari secher zu seinem Hause in Frieden im Jahre 33 am 19. Mechir[295] des Knigs von Ober- und Untergypten Vesu-ma-Ra sotep-en-Ra, der dieses Denkmal geschaffen hat. Mge er Leben spenden gleich dem Sonnengott immerdar. Soweit der Text der Bentrosch-Stele. Festzuhalten ist, da Chonsu Heilgott ist, welcher durch geistige, magische Kraft heilt. Wir sehen aus der Erzhlung, da die Schwgerin eines gyptischen Knigs -- es ist RamsesXII. gemeint -- erkrankt, resp. besessen ist. Da die Kunst der einheimischen rzte nicht geholfen zu haben scheint, so wurde eine Gesandtschaft abgeschickt, um einen der in hohem Rufe stehenden gyptischen rzte herbeizuholen. Ramses lt sich darauf einen geeigneten Mann bezeichnen, einen -- wie Prof. Dr. Lauth bersetzt -- Knstler in seinem Herzen, einen Schreiber (Operateur) mit seinen Fingern. -- Setzt man nun die Kenntnis des Heilmagnetismus und Hypnotismus bei den gyptern voraus, wozu sich die Berechtigung bald ergeben wird, so wird man die Stelle anders bersetzen mssen. Deshalb bersetzt auch der franzsische gyptologe Vicomte de Roug: Ein Mann mit intelligentem Herzen, ein Meister mit geschickten Fingern. -- Allein nach Lambert ist auch dies nicht ganz richtig, insofern Herz fr Wille gebraucht wird, und er sagt deshalb[296]: Es hat also nach dieser Analyse alle Berechtigung, wenn ich den Befehl des Pharao so verstehe, da ihm ein Mann bezeichnet werde, der 'Herr seines Willens und Meister seiner Finger' sei. Bei der letzteren Eigenschaft ist jedoch weniger an einen Operateur, als an einen tchtigen Hypnotiseur und Magnetiseur zu denken, weil ein solcher sowohl mit seiner Hand als mit seinem Willen arbeiten mu. Der erwhlte gyptische Hypnotiseur, der lteste, dessen Namen bekannt wurde, hie Thotemhebi. Als derselbe nach Buchtan kam, gewahrte er, da Bentrosch besessen war, und versuchte sie ohne Erfolg zu heilen. Es vergingen elf Jahre, ohne da die Leidende gesund wurde, worauf deren Vater abermals eine Gesandtschaft nach gypten schickte mit der Bitte, man mge doch einen Gott nach Buchtan schicken. Wie sich aus dem Zusammenhang klar ergiebt, wird hier Gott euphemistisch fr einen Priester der oberen hierarchischen Stufen gebraucht. Der Pharao begiebt sich also nach dem Tempel des Chonsu und bittet den Chonsu nofer hotep, welcher offenbar als Oberpriester zu betrachten ist, er mge den Chonsu p-ari secher, einem unter diesem stehenden Priester, seinen Segen oder seine Kraft mitteilen. Dies wird gewhrt, und der Chonsu nofer hotep macht die segnende Bestreichung -- +sa+ -- viermal. Fr dieselbe wird folgende Hieroglyphe gebraucht: [Illustration: Hieroglyphe] Darauf wird der Chonsu p-ari secher nach Buchtan geleitet, wo er die besessene Bentrosch durch eine segnende Bestreichung heilt, die mit folgender Hieroglyphe bezeichnet wird: [Illustration: Hieroglyphe] ber die Bedeutung dieser Segen lasse ich nun Lambert selbst sprechen: Was sind nun diese verschiedenen Segen? Ich denke, ich werde keinem Widerspruch begegnen, wenn ich dieselbe fr mesmerische Bestreichungen, und ihre verschiedenen, durch die beiden Hieroglyphen deutlich dargestellten Formen fr die Schemata halte, nach denen die Striche gefhrt wurden. Der Segen ist ja in seiner ursprnglichen Wesenheit wohl nichts Anderes als ein Ausstrmenlassen einer Kraft aus seinen Hnden. Der einfachere +sa+-Strich (No.2) wurde ausgefhrt, indem die segnende Gottheit oder der Arzt in der durch die Hieroglyphe gekennzeichneten Art ber den Hinterkopf nach den Schultern zu strich, nicht einmal, sondern wiederholt und mit beiden Hnden. So spricht die Gttin Muth zu RamsesIII. auf einer Abbildung, die sich in Lepsius +Denkmlern (III.21.)+ verffentlicht findet: 'Ich strecke aus meine beiden Arme, um zu machen die +sa+-Striche hinter deinem Haupte.' An beiden Seiten des +sa+-Zeichens sehen wir Knoten oder Verdickungen. Jedenfalls bezeichnen diese die Stellen, wo der Streichende einen Halt in der Bewegung zu machen oder einen besondern Nachdruck auszuben hatte. Das Gleiche ist an jener Stelle der Fall, wo die Linie des Striches in der Gegend des Genickes sich selbst schneidet. Aus der ganzen Fhrung des Striches scheint hervorzugehen, da sich an dieser Stelle des Genickes die Kraft der Streichungen concentriren soll. Warum aber gerade dort? Die Kabbalisten lehren, da ein kleiner Knochen des Halses, Luz genannt, 'unverweslich' sei, in ihn versenkte sich die Schattengestalt des Nephesch bei dem Verstorbenen, und aus beiden werde der Auferstehungsleib am Ende der Tage gebildet. Dieser Luz der Kabbala ist aber identisch mit dem Uls der gyptischen Lehre, welcher da liegt, wo das Rckgrat vom Hinterhaupt nach den Schultern eine Einbiegung macht. (Luz heit im Hebrischen wie Uls im Altgyptischen Einbiegung oder Krmmung.) Es wrde zu weit fhren, diesen Uls und seinen ganzen Kultus in der Stadt Mendes, wo die Rckgratreliquie des Osiris aufbewahrt wurde, hier zu besprechen. Ich wollte hier nur darauf hinweisen, warum bei dem Akte jenes +sa+-Striches der Nachdruck auf die hintere Halspartie verlegt wurde, und die Ursache hiervon liegt wohl unzweifelhaft, da dort eine gnstige Stelle zum Erwecken gewisser transscendentaler Krfte des Menschen gesehen wurde. Vielfache Textstellen bezeugen, da bei der +sa+-Bestreichung die Absicht war, inneres Leben zu erwecken. Die andere -- complicirtere -- Bestreichung (No.1), welche vom Nofer hotep an dem Ari-secher ausgefhrt wird, erstreckte sich vermuthlich ber den ganzen Krper, ob aber ber die Vorder- oder Rckseite desselben, ist fraglich. [Illustration: Hieroglyphe] Es kommen nun unter den Hieroglyphen noch mehrfache Zeichen vor, die solche Knoten vorstellen, und jedenfalls als hnliche Manipulationen wie die +sa+-Striche zu verstehen sind. Ein solches Zeichen ist +rod+, was 'festmachen' bedeutet. Das drfte wohl ein Strich gewesen sein, um die Unbeweglichkeit der Extremitten zu bewirken. Ist dies der Fall, dann geschah diese Action nicht durch einfache gerade Striche, wie bei unsern Hypnotiseuren, sondern es wurde, z.B. um den linken Arm 'festzumachen', wohl an der rechten Schulter begonnen, von da eine ber den Rumpf gehende Schleife gezogen, die an der linken Schulter endigte, und dann von hier aus ein gerader Strich ber den Arm mit einem Halt am Ellenbogengelenk nach den Fingerspitzen zu ausgefhrt. Da der Chonsu nofer hotep die Bestreichung viermal machte, scheint einen ganz besondern Grund zu haben. Es entspricht dies den Bezeichnungen, die in Verbindung mit dem +sa+-Zeichen No.1 vorkommen, nmlich +tos-sa+, 'den Einflu herbeifhren', +tu-sa+, 'den Einflu mittheilen', +meh-sa+, 'den Einflu vermehren', und +sotep-sa+, 'den Einflu fixiren'. Es hat also wohl jede der vier Bestreichungen ihren bestimmten Zweck: die Wirkung wird herbeigefhrt, mitgetheilt, vermehrt und fixirt. Nicht ohne Bedeutung ist es, da der Gott Thot, der spter zum Hermes Trismegistos geworden ist, den Beinamen +Sa+ fhrt. Thot ist ein Gott der Heilkunde, der Ibis ist ihm heilig. Thot ist auch ein Gott der Erkenntni und zwar besonders der transscendentalen Erkenntni, und es hat alle Wahrscheinlichkeit fr sich, da er seinen Beinamen +Sa+ deswegen fhrte, weil in der Hypnose, die ja, wie wir jetzt wissen, durch einen Act, der +Sa+ heit, herbeigefhrt wird, die innere transscendentale Erkenntni aufgeht. Demnach ist es Gott Thot, welcher in der Hypnose nach der Meinung der Aegypter das innere Schauen und besonders auch als Heilgott die Heilverordnungen eingiebt. -- Thot wird vielfach mit Chonsu identificirt und scheint in seiner medicinischen Eigenschaft als Mondgott mit Chonsu nofer hotep vollstndig dieselbe Person zu sein. Ich mchte hierzu auch an den Einflu des Mondes auf Schlafende erinnern. Soweit Herr Franz Lambert. Ich mchte noch hinzufgen, da auch die bekannten Hnde der Isis, welche nach Apulejus bei Prozessionen umhergetragen wurden (auf einen Stab gesteckte linke Hnde, deren Daumen und zwei erste Finger ausgestreckt, deren drei letzte aber eingeschlagen sind), auf Erzeugung von Hypnose und Somnambulismus hinzudeuten scheinen. Drittes Kapitel. Die eigentliche magische Heilkunde der gypter. Die magische Heilkunde der gypter knpft, wenn in ihr auch uralte Tempelgeheimnisse des Thot enthalten sein mgen, im Wesentlichen an den mythischen Hermes Trismegistos[297] an und entstammt somit einer verhltnismig spten Zeit. ber ihren Ursprung heit es im hermetischen Asklepius: +Quoniam ergo proavi nostri multum errabant, contra rationem Deorum increduli et non animadvertentes ad cultum religionemque divinam, invenerunt artem, qua Deos efficerent, cui inventae adjunxerunt virtutem de mundi natura convenientem, eamque miscentes, et quoniam animas facere non poterant, evocantes animas Daemonum vel Angelorum, eas indiderunt imaginibus suis divinisque mysteriis, per quas sola idola et benefaciendi et maleficiendi vires habere potuissent. Avus tuus, o Asclepi, medicinae primus inventor, cui templum consecratum est in monte Lybiae circa littus Crocodilorum, in quo ejus jacet mundanus homo, id est corpus; reliquus enim, vel potius totus, si est homo totus in sensu vitae melior, remeavit in coelum, omnia etiam nunc adjumenta hominibus praestans infirmis numine suo, quae ante solebat Medicinae arte praebere. Hermes, cujus nomen mihi avitum est, sibi cognomen patrium consistens omnes mortales undique venientes adjuvat atque conservat.+ +Constat, o Asclepi, de herbis, lapidibus et de aromatibus vim divinitatis naturalem in se habentibus, et propter hanc causam sacrificiis frequentibus oblectantur numina hymnis quoque et laudibus dulcissimisque sonis in modum coelestis harmoniae, concinnantibus, ut illud, quod est coelesti usu et frequentatione illectum in idola, possit laetum humanitas patiens longe durare per tempora; sic Deorum autor est homo. Et ne putes fortuitos effectus esse terrenorum Deorum, o Asclepi, Dii coelestes inhabitant summa coelestia unusquisque per ordinem, quem accepit complens atque custodiens. Hi vero nostri sigillatim quaedam curantes, quaedam praevidentes, quaedam hortibus et divinatione praedicentes, his pro mado subvenientes humanis, quasi amica cognatione auxiliantur.+ Mit diesen Worten des mythischen Hermes Trismegistos stimmt der sptere Neuplatoniker Proklos (412-485 n.Chr.) vllig berein, wenn er sich folgendermaen ausspricht: Und wenn uns auch der Verstand an sich selbst gleichsam als Gott erscheint, und die Seele von Urbeginn verstndig ist, so sind doch die obersten Dmonen hher geartet, sie stehen den Gttern am nchsten, sind gleichfrmig und gttlich. Die zweite auf diese folgende Dmonenclasse ist ebenfalls des Intellects theilhaftig; sie stehen den himmlischen Aufsteigungen und Absteigungen vor und berbringen und offenbaren die gttlichen Befehle allen Dingen. Die dritte Dmonenclasse ist jene, welche die Befehle der gttlichen Seelen berbringt und das Band zwischen diesen und den niedern Dingen bildet. Die vierte berbringt die wirkenden Krfte aller Naturen auf die erzeugten Dinge, flt den Einzelnen Leben ein, schafft Ordnung, Regel und Wirkung. Die fnfte ist gewissermaen krperlich und schafft das uere der Krper. -- Die meisten von ihnen beschftigen sich mit der Materie und berbringen herabsteigend die Krfte der himmlischen Materie der irdischen, verbinden beide, bewachen das Irdische sodann und bringen die Verschiedenheit der Formen hervor. Nach diesen Grundstzen wurden gttliche Wesen konstruiert, welche den einzelnen Krankheiten vorstanden, und man richtete an dieselben Gebete, Hymnen und Beschwrungen, damit sich ihr Zorn besnftige, und sie die verlorene Gesundheit wieder verliehen. Also ganz dieselbe primitive Anschauung, wie wir sie schon bei den Akkadern fanden, und der wir noch heute bei den Indianern, Negern&c. begegnen. Die gypter betrachten die Welt als _ein_ groes Lebewesen, in welchem alles in wechselseitiger Verbindung stehe, das von einer bestndigen Sympathie durchstrmt und durch _eine_ Kraft zu _einem_ Leben vereinigt werde.[298] Deshalb suchte man nach Krften die wechselseitigen Beziehungen und Wirkungen der Dinge zu erforschen, was bei den Krankheiten, da man von dem Grundsatz: +similia similibus+ ausging, zu der von Paracelsus aufgefrischten Lehre von den Signaturen fhrte. D.h. man schlo aus der hnlichkeit irgend eines Teils einer Pflanze, eines Tiers oder Minerals mit irgend einem Glied des menschlichen Krpers, da ersterer Heilkrfte gegen die Krankheiten des letzteren besitzen msse. So galt als gegen Hauptkrankheiten und Epilepsie besonders wirksam die Ponienknospe, ferner der Mohn, die Wallnu, Muskatnu, Meerzwiebel, der Lerchenschwamm&c. Gegen Augenkrankheiten wurden Augentrost, Habichtskraut, Skabiosen usw. angewendet; gegen Zahnleiden die Zahnwurz, Granatapfelkerne, Zirbelnsse, die Knllchen des Feigwarzenkrautes&c., gegen Ohrenleiden die Bltter von der Haselwurz, dem Lffelkraut und der Wassermnze. Dieselben sollten auch gegen Nasenleiden dienen, weil zwischen Ohr und Nase eine besondere -- wahrscheinlich aus der Beobachtung der Katarrhe geschlossene -- Verwandtschaft bestehe. Fr die Kehle galt als heilsam das Wintergrn, der Hirschschwamm und der Zimmt. Fr die Lunge war das Lungenkraut signiert; fr das Herz die Citrone, der Pfirsich, die Brechnu und Anthora; fr die Leber pfel, eine -- nicht genannte -- Moosart, Birkenschwamm, Eicheln und das Leberkraut; fr die Milz das Scolopendrium, die Hirschzunge, Mauerraute, das Milzkraut; fr den Magen die Bltter des Alpenveilchens, Ingwer, Galgant; fr die Gedrme eine nicht nher genannte Windenart, Calmus, Zimmt; fr die Blase die Judenkirsche, Staphisagria, der Nachtschatten; fr die Geschlechtsteile die Wurzeln aller Orchisarten; fr die Gebrmutter die Hohlwurz; fr die Nieren der Portulac und das Alpenveilchen; fr die Gelenke die Datteln; fr die Hnde die jetzt +Palma Christi+ genannte Orchideenwurzel. In hnlicher Weise wandte man in spterer Zeit in gypten den +humores peccantes+ der Galen'schen Humoralpathologie hnlich gefrbte Pflanzensfte zur Austreibung der Ersteren an. So gegen die gelbe Galle Kmmel, Crocus, Aloe, Senna, Wermut, Koloquinte, Rhicinus, Rhabarber. Gegen die schwarze Galle allerlei Pflanzen mit dunkelgefrbten Blten, wie Smilax, rote Melde, Ochsenzunge&c. Gegen berflssige phlegmatische Feuchtigkeiten Pflanzen mit Milchsaft oder weien Blten, weie Schwmme, wie Lerchenschwamm&c. Gegen die sogenannte rote Galle wurden Pflanzenstoffe von rotem Aussehen, rote Blten, rote Sfte usw. angewendet, wie rotes Sandelholz, Rotkohl, Alkannawurzel&c. Der Grundsatz: +similia similibus+ durchzog die ganze Arznei. So wandte man z.B. gegen den Stein einige zubereitete Steinarten, menschliche Blasensteine, die steinigen Concremente in gewissen Fischaugen&c. an; gegen Wunden brauchte man scheinbar von der Natur durchlcherte Kruter wie das Johanniskraut. Giftige Schlangen, Spinnen, Scorpione wurden zubereitet, um als Gegengift zu dienen. Gegen allzulebhaften Geschlechtstrieb wandte man Pflanzen an, welche nach alter Anschauung keine Frucht hervorbrachten, wie Salat, Sadebaum, Weide. Umgekehrt suchte man durch saftstrotzende Pflanzenteile -- wie Orchideenwurzeln -- oder durch den Genu geiler Tiere, wie des Sperlings und des Skinks die daniederliegende Zeugungskraft zu heben. Das Fleisch gefriger Tiere, wie des Wolfs oder des Karpfens geno man zur Hebung des Appetits, whrend der Genu des Fleisches intelligenter Tiere Intelligenz, das trger Trgheit hervorrufen sollte. Endlich wandte man sich durch hervorragende Leistungen auszeichnende Krperteile gewisser Tiere gegen Leiden der entsprechenden menschlichen Krperteile an, wie z.B. Fuchslunge gegen Lungenschwindsucht. Erscheint uns nun auch bei der Lehre von den Signaturen das Meiste nicht mehr haltbar und barock, so lt sich jedoch keineswegs in Abrede stellen, da dem Ganzen ein groer und richtiger Gedanke zu Grund liegt, welcher der Vater der Homopathie ist; und erinnert es nicht an die Impfung und Serumtherapie, wenn die gypter aus giftigen Tieren Gegengifte bereiteten? Wie allbekannt, nahm man einen Gestirneinflu auf alles Irdische und mithin auch auf die menschlichen Glieder und Pflanzen an, wobei die gypter (doch wohl erst der alexandrinischen Zeit?) nach Ebn Esra besonders die zwlf Zeichen des Tierkreises als magebend betrachteten. Auf diese Art entstand eine astrale Botanik und eine astral-botanische Heilkunde, bei welcher die vier Grade der alten Grundeigenschaften der Dinge: warm und trocken, warm und feucht, kalt und trocken, kalt und feucht, besondere Bercksichtigung fanden. Ebn Esra giebt von dieser Lehre folgende Grundzge[299]: Der Widder ist ein mnnliches, feuriges, warmes und trockenes, das menschliche Haupt beherrschendes Zeichen. Die ihm unterworfenen Pflanzen sind warm und trocken in vier Graden. Im ersten Grad stehen: der rothe Beifu, die Betonica Cichorie, die Drrwurz, der Traubenhollunder, die Mnze, der Huflattig und Ehrenpreis. Diese Pflanzen sind nach dem in die Hundstage fallenden Vollmond zu sammeln. Dem zweiten Grad gehren an: der Spargel, das Johanniskraut, die Schafgarbe, der Wegebreit, die Ponie. Zu sammeln sind sie, wenn sich Sonne und Mond im Krebs befinden. Dem dritten Grad gehren an: der Lerchenschwamm, Kellerhals, die Coloquinthe, der Enzian, Liguster, Rhicinus, Hollunder. Sie sind Ende Juli und Anfang August[300] zu sammeln. Dem vierten Grad gehren an: die weie Niewurz, der Majoran, der weie Andorn, die Kresse, der Rosmarin. Sie sind theils im April, theils im September zu sammeln. Der Stier ist ein weibliches, kaltes, trockenes und irdisches Zeichen; ihm ist Hals und Gurgel unterthan. Die ihm angehrigen Pflanzen sind kalt und trocken. Dem ersten Grad gehren an: das Milzkraut, Cathera(?), der Gamander, Epheu, die Lilienwurzel, Narcisse, das Engels, die Rose, der Baldrian, das Veilchen. Dieselben erweichen die Geschwlste des Halses und der Milz. Dem zweiten Grad gehren an: das Venushaar, die Judenkirsche, die Aklei, die Eiche und Eichenmistel. Diese Pflanzen sind Wundkruter. Dem dritten Grad gehren an: die Ochsen- und Hundszunge, das Carduibenedictenkraut, der Wasserhanf, die Klette, die Doste, Petersilie, der Sanikel, die Braunwurz, Tormentill und das Kreuzkraut. Alle sind Wundkruter. Dem vierten Grad gehren an: das Maushrchen, Schllkraut, die Esche, Malve, das Lungenkraut und die Scabiose. Die Zwillinge sind ein mnnliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen, dem die Schultern unterworfen sind. Die ihm zugehrigen Pflanzen sind warm und feucht. Dem ersten Grad gehren an: der Anis, Althstrauch, Boretsch, Fenchel, Ysop, die Prunelle und Mauerraute. Dem zweiten Grad: das Farrnkraut, die Linde und Rbe. Dem dritten Grad: die Vogelmiere, Aronswurz, der Macis, Sauerklee und die Taubnessel. Dem vierten Grad: der Sauerampfer, die Camille, das Mutterkraut, der Rhabarber. Der Krebs ist ein weibliches, wsseriges, kaltes und feuchtes Zeichen, dem Brust, Lunge, Rippen und Zwerchfell unterthan sind. Die ihm angehrigen Pflanzen sind kalt und feucht. Dem ersten Grad gehren an: der Kohl, die Kardendistel, die Bohnen, die Rapunzel, die Weinreben und die Braunwurz. Dem zweiten Grad: der Erdbeerstrauch, die Tanne, die Zirbelnsse, der Nachtschatten, die Terebinthe und Mistel. Dem dritten Grad: die Binse, die Brunnenkresse, der Petersiliensamen, Portulac, die Weide, der Steinbrech und Mauerpfeffer. Dem vierten Grad: die Muscheln[301], die weie Coralle, der Krystall, die Perlmutter, die Wasserrose, die Krebsaugen, der Vitriol. Der Lwe ist ein mnnliches, feuriges, warmes und trockenes Zeichen, welchem Herz und Magen unterthan sind. Die ihm zugeschriebenen Pflanzen sind warm und trocken. Dem ersten Grad gehren an: das Basilicum, der Crocus, die Cypresse, Gewrznelke, der Ysop, Lavendel, Wegerich, Sonnenthau und Thymian. Dem zweiten Grad: die Angelica, das Zweiblatt, die Kornblume, der Galgant, Enzian und Teufelsabbi. Dem dritten Grad: die Hundscamille, Pastinakwurz, Mnze, Gartenkresse, das Flhkraut, die Ranunkel und Brennnessel. Dem vierten Grad: die Birke, der Buchsbaum und Lorbeer. Die Pflanzen des ersten Grades mssen gesammelt werden, wenn die Sonne in den Fischen, der Mond im Krebs ist; die des zweiten Grades: zu Anfang Mai vor Sonnenaufgang oder zu Ende August; die des dritten Grades, wenn die Sonne im Lwen und der Mond in der Jungfrau, oder wenn die Sonne im Stier und der Mond in den Zwillingen sich befinden, vor Sonnenaufgang; die des vierten Grades, wenn die Sonne in den Fischen und der Mond im Wassermann steht. Die Jungfrau ist ein weibliches, irdisches, kaltes und trockenes Zeichen, dem der Bauch, die Leber und Eingeweide unterthan sind. Die ihr zugeschriebenen Pflanzen sind kalt und trocken. Dem ersten Grad gehren an: die Berberitze, Cichorie, der spitze Wegerich, die Birne und der wilde Salbei. Dem zweiten Grad: der Mangold, die Hagebutten, die Mispel, das Salomonssiegel. Dem dritten Grad: die Osterluzei und Drrwurz. Dem vierten Grad: das Tausendgldenkraut, die Schlangenzunge, die Schlehe und Schlangenwurz. Die Wage ist ein mnnliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen, welches den Nieren und der Blase vorsteht. Ihr werden folgende warme und feuchte Pflanzen zugeschrieben: Dem ersten Grad gehren an: das Gnseblmchen, der Brwurz, der Bocksbart. Dem zweiten Grad: der Lauch, Trkenbund und das Eisenkraut. Dem dritten Grad: das Lwenmaul, der Beifu. Dem vierten Grad: der Lachenknoblauch, Hhnerdarm, die Haselnu und Mauerraute. Der Scorpion ist ein weibliches, wsseriges, kaltes und feuchtes Zeichen, welches den Genitalien vorsteht. Ihm werden folgende kalte und feuchte Pflanzen zugeschrieben: Dem ersten Grad gehren an: das Kreuzkraut, der Weidorn, die Vogelbeere. Dem zweiten Grad: die Esche, der Apfelbaum, die Pflaume. Dem dritten Grad: die Erbse und das Seifenkraut. Dem vierten Grad: die Melde, das Bingelkraut und die Narcisse. Der Schtze ist ein mnnliches, feuriges, warmes und trockenes Zeichen, welchem die Lenden und Schenkel unterthan sind. Ihm werden folgende Pflanzen zugeschrieben: Dem ersten Grad gehren an: die Zwiebel, der Rettig, der Sesam und die Knigskerze. Dem zweiten Grad: der Lauch, das Liebstckel. Dem dritten Grad: die Haselwurz, das Curcume, der Gundermann, die Maulbeere. Dem vierten Grad: die Eselsgurke, Wolfsmilch und Waldrebe. Der Steinbock ist ein weibliches, irdisches, kaltes und trockenes Zeichen, welches den Knieen und Sehnen vorsteht. Ihm gehren folgende Pflanzen an: Dem ersten Grad: die Ringelblume, Schwarzkirsche, der Alant, die Maul- und Heidelbeere. Dem zweiten Grad: das Scharlachkraut, das Wollkraut. Dem dritten Grad: der Wasserschwertel, das Tschelkraut, der Krbis und die Disteln. Dem vierten Grad: die Niewurz, das Bilsenkraut, die Mandragora, der Sturmhut, der Nachtschatten und das Lusekraut. Der Wassermann ist ein mnnliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen, welches den Schienbeinen vorsteht. Ihm gehren folgende Pflanzen an: Dem ersten Grad: die Mhre, die Feige, der Steinklee und die Sanikel. Dem zweiten Grad: der Kmmel, die Flachsseide, die Rosenwurz, das Mauerkraut. Dem dritten Grad: die Odermennige, das Musehrchen, die Gerste, der Steinbrech. Dem vierten Grad: das Herzgespann und die Mispel. Die Fische sind ein weibliches, wsseriges, kaltes und feuchtes Zeichen, welches den Fen vorsteht. Ihm gehren folgende Pflanzen an: Dem ersten Grad: Die Buche, die Osterluzei, das Kraut, die Myrobalanen und Rben. Dem zweiten Grad: Die Artischocke, die Kornblume, das Stchaskraut. Dem dritten Grad: der Schwarzkmmel und Mohn. Dem vierten Grad: der Schierling, das Bilsenkraut, der Sturmhut und Nachtschatten. Wir drfen Ebn Esra wohl unbedenklich glauben, da das eben geschilderte astrologisch-botanische System den gyptern der alexandrinischen Zeit entstammt; allein, was uns hier vorliegt -- ich habe Ebn Esras Originalwerk nicht auftreiben knnen[302] -- ist offenbar die Bearbeitung desselben durch einen deutschen Arzt des 16. Jahrhunderts. Es kam indessen auch nur auf eine Darstellung des Systems und der Methode an. Viertes Kapitel. Die Seelenlehre der alten gypter.[303] Die Berichte, welche das erste Buch Mosis ber die Schpfung der Welt und die lteste Geschichte des Menschengeschlechtes liefert, sind nicht ausschlielich Eigentum der Juden, sondern finden sich bei fast allen Kulturvlkern semitischer und hamitischer Abstammung bereits in uralter Zeit, so bei den Babyloniern, Phniziern und gyptern. Es werden in unsern Tagen an den Ufern des Euphrats ganze Bibliotheken von beschriebenen Thontafeln zu Tage befrdert, welche von der Schpfungsgeschichte, dem Paradiesgarten mit dem Lebensbaume und der Schlange, der Sintflutsage Nachricht geben, und zwar mit einer bereinstimmung in der Detaillierung, da ein notwendiger Zusammenhang mit den biblischen Erzhlungen unmglich geleugnet werden kann. In gypten sind es weniger zahlreiche und deutliche berreste, doch darf auch fr das alte Pharaonenland die Kenntnis der Flutsage, des Gartens Eden und des Babelturmes als erwiesen betrachtet werden. Diese merkwrdigen bereinstimmungen weisen auf die gemeinsame asiatische Urheimat dieser Vlker hin und auf die Verwandtschaft aller Nachkommen der Shne Noahs, Sem, Cham und Japhet, die sich ber die benachbarten Lnder verbreiten muten, weil die Heimat die allzu zahlreich Gewordenen nicht mehr zu fassen vermochte. Nach GenesisX, 6 sind die Shne Chams: Kusch, Mizraim, Put und Kanaan. Diese wanderten nach Westen und wir drfen fr die Nachkommen des Put und Kanaan die Bewohner des Landes Punt und Keft ansehen, die Araber und Phnizier, whrend Kusch am weitesten nach Sden gelangt und der Stammvater der thiopier wurde, und Mizraim sich in gypten niederlie. Die ltesten Abkmmlinge des Mizraim erkennen wir in gypten in den prhistorischen Hor-schasu, den Horusdienern, den Grndern der ltesten Stadt des Landes Anu (On der Bibel, Heliopolis der Klassiker), mit theokratischer Regierung, deren letzter Herrscher, Bytes, bis auf 4245 v.Chr. zurckreicht. Die Kultur dieser Hor-schasu mu schon in unvordenklichen Zeiten eine hochentwickelte gewesen sein; in den ltesten Schriften wird auf ihre Epoche als auf ein goldenes Zeitalter hingewiesen und ihr eine Dauer von Myriaden von Jahren zugesprochen, whrend eine Dauer von 4000 Jahren eine mige Schtzung der heutigen Gelehrten ist. Ihnen ist die Gaueinteilung des Landes, Einfhrung der Gesetze, Erfindung der Knste und Wissenschaften, des Papiers und der Schrift zuzuschreiben. Nach der Hor-schasu beginnt (etwa 4000 v.Chr.) die historische Zeit mit der Regierung von Knigen, und wir finden schon unter der ersten Dynastie derselben in gypten eine ausgebildete Mythologie, die nur das Produkt langer theosophischer Spekulationen sein kann, mit Tempeln und Pyramiden, welche letztere wieder die Einbalsamierung der Leichen und somit die Lehre von einer Fortdauer der Seele nach dem Tode voraussetzt. -- War ein Keim aus der asiatischen Urheimat mitgebracht worden, aus welchem die Priester ihre esoterischen Lehren von Gott, der Welt und den Menschen entwickelten? Man knnte versucht sein, die jdische Geheimlehre, die Kabbala, hier in Betracht zu ziehen, die so viele bereinstimmungen mit dem gyptischen Emanationssystem der Priesterlehre aufweist, und vermuten, da der Ursprung beider auf eine solche asiatische Quelle zurckzufhren sei. In der That greifen einige Kabbalisten bezglich der Entstehung ihrer Lehre bis auf Adam zurck, dagegen nennen andere den Abraham, wieder andere Moses als den ersten, dem die Lehre mitgeteilt worden sei, ganz zu schweigen von den neueren Forschern, von denen jeder zu einem andern Resultate gelangt. -- Ich mchte der Wahrscheinlichkeit, da die Kabbala auf Moses zurckzufhren, demnach gyptischen Ursprungs sei, vor allen anderen Theorien den Vorzug geben. Die jdische Nation war als Nomadenfamilie von 70 Gliedern in gypten eingewandert (11. Moses1, 5), und erst whrend ihres mehr als 400jhrigen Aufenthaltes daselbst das groe Volk geworden, das nachmals durch das rote Meer zog. Moses selbst, in gyptischer Weisheit erzogen und wie auch sein Bruder Aharon-Levi, in die Geheimnisse der Priester eingeweiht, tritt gleich nach dem Auszuge als Gesetzgeber auf -- mit gyptischen Gesetzen. Die Hierarchie der Leviten, Lebensart und Verrichtungen derselben, die Bestimmungen ber reine und unreine Tiere, die Einteilung der Stiftshtte mit dem Allerheiligsten, alles dieses, auch die zehn Gebote, von denen das vierte mit derselben Verheiung bei den gyptern vorkommt, ist von Moses nach gyptischen Vorbildern bestimmt und zum Gesetz erhoben worden. Sollte dagegen Moses die geheime Priesterweisheit selbst seinem Volke ganz und gar vorenthalten haben? Hieran anknpfend, will ich im Nachfolgenden den Beweis zu liefern versuchen, da die Vorstellung vom Menschenwesen, von seinem materiellsten, krperlichsten Prinzip, dem Leib, bis hinauf zu dem hchsten, dem transscendentalen Ich, dem Geist, wie in der jdischen und sonstigen esoterischen Lehre, so auch wohl in der Priesterlehre der alten gypter die gleiche war, da fr alle Zwischenglieder der beiden Extreme, Krper und Geist, sich Bezeichnungen im gyptischen Totenbuche vorfinden, die fr vollstndig kongruent mit den Bezeichnungen der jdischen und indischen Geheimlehren gehalten werden drfen. -- Zuvrderst mu ich jedoch zum besseren Verstndnis die altgyptische Vorstellung von dem Schicksal des Menschen nach dem Tode schildern. Dem griechischen Schriftsteller Stobos verdanken wir die Schilderung eines Fragmentes aus einer lteren hermetischen Schrift, die einen wichtigen Beitrag zur Seelenlehre enthlt. Es wird darin gelehrt, da: Von _einer_ Seele, der des Alls, alle diese Seelen stammen, welche sich, gleichsam verteilt, in der Welt umhertreiben. Diese Seelen erfahren viele Verwandlungen; die, welche jetzt kriechende Geschpfe sind, verwandeln sich in Wassertiere; aus diesen Wassertieren werden Landtiere, aus diesen Vgel. Aus den Geschpfen, die oben in der Luft leben, werden die Menschen. Als Menschen aber empfangen sie den Anfang der Unsterblichkeit, indem sie zu Dmonen werden und in den Chor der Gtter gelangen. Wir erkennen hier die Wanderung eines Ausflusses der Allseele durch die Tierleiber als Prexistenz einerseits und die Fortdauer der Seele nach dem Tode des Menschen als Unsterblichkeit andererseits; die Begriffe Seelenwanderung und Unsterblichkeit sind streng auseinander zu halten. Auch die bis auf unsere Tage erhaltenen inschriftlichen Denkmler des Pharaonenlandes trennen stets diese beiden Begriffe, und zwar so, da die Unsterblichkeit als ein Zustand dargestellt wird, in welchem die Seele, mit ihrem verklrten Leibe vereinigt, ein ewiges glckliches Dasein geniet, befreit von allen Leiden der irdischen Wesen, whrend die Seelenwanderung sich auf der Erde vollzieht, in einem steten Wechsel zwischen Tod und Wiederaufleben in einem neuen Krper besteht, wobei die Leiden in den irdischen Krpern, besonders der Schmerz des jedesmaligen Todes, von der Seele ertragen werden mssen. Hand in Hand mit dem gttlichen Ursprung der Seele geht dann die Lehre von einer Belohnung der Guten und einer Bestrafung der Bsen. So heit es im ersten Kapitel des Totenbuches: Da ich fr fromm befunden wurde auf Erden und Sorge hatte vor dem Herrn der Gtter, darum habe ich erreicht das Land der Wahrheit und Rechtfertigung. Ich erstehe als ein lebender Gott und strahle im Chor der Gtter, welche im Himmel wohnen, denn ich bin von ihrem Stamm. Der Glaube an ein ewiges Leben der Gerechten und an einen zweiten Tod der Frevler, wie sich die gypter ausdrcken, setzt ein Gericht voraus, das nach dem Hinscheiden ber den Verstorbenen gehalten wird. Dieses Totengericht wird vielfach bildlich dargestellt. Im Saale der zweifachen Wahrheit sitzt Osiris als Totenrichter auf dem Thron, Krummstab und Geiel in den Hnden, auf dem Haupt die Federkrone, um den Hals eine Kette mit dem Abzeichen des Oberrichters, einem Tfelchen, welches die Wahrheit genannt wurde. Anbetend tritt der Verstorbene ein, ihn empfngt die Gttin der Wahrheit, Mat. In der Mitte des Saales steht eine Wage, auf deren eine Schale der Verstorbene sein Herz legt. Anubis, der schakalkpfige, legt eine Statuette der Gttin der Gerechtigkeit auf die andere Wagschale. Horus, der sperberkpfige, prft das Gewicht, und Thot, der ibiskpfige Gott der Schreibkunst, verzeichnet das Resultat der Wgung auf einer Schreibtafel. Osiris spricht das Urteil. Wurde das Herz zu leicht befunden, so mute der Verstorbene zum zweitenmal sterben, d.h. sein Herz hat die dreitausendjhrige Wanderung durch die verschiedenen Tierleiber, vom Schwein angefangen, von neuem durchzumachen, whrend die Seele unrettbar der Vernichtung durch die Hllengeister anheimfllt. Bei der Vollstreckung ihrer Strafe tritt in die Seele das transscendentale Wesen des Verdammten als rchender Dmon, erinnert sie an die Verachtung seines Rates, an die Verhhnung seiner Bitten, zchtigt sie mit der Geiel ihrer Snden und giebt sie dem Sturme und Wirbelwinde der heraufbeschworenen Elemente preis. Bestndig zwischen Himmel und Erde hin und hergeworfen, ohne je ihrem Bannfluche zu entgehen, sucht die verurteilte Seele menschliche Krper heim, um sich in ihnen einzunisten, und sobald sie einen gefunden hat, martert sie diesen, beldt ihn mit Fluch und strzt ihn in Mordthaten und Irrsinn. Wenn die Seele nach Jahrhunderten schlielich das Ziel ihrer Qualen erreicht, so fllt sie doch nur dem zweiten Tode anheim. In den 75 Abteilungen der Hlle, die in ihrer Einrichtung dem Gehenna oder Ghinam der Kabbala entspricht, werden die Seelen der Verdammten den qualvollsten Martern unterworfen. Sie werden in glhenden Kesseln gebraten, unter den frchterlichsten Durstesqualen in kaltes Wasser geworfen, versuchen sie zu trinken, so wird das Wasser zu Feuer. Die Speisen, die sich den Hungernden darbieten, verwandeln sich in Schatten. Von roten Dmonen werden sie an Pfhle gebunden und mit Schwertern zerfleischt, mit den Fen nach oben gehngt, ihnen das Herz aus dem Leibe gerissen usw. -- Die Darstellung dieser Qualen der Hlle scheint jedoch nur an die Adresse der groen Menge gerichtet gewesen zu sein, in der esoterischen Lehre drften die Strafen fr immaterielle Wesen doch anders gelautet haben. Hat der Verstorbene jedoch Gnade gefunden vor den Augen des Osiris, so harren seiner die Freuden des Paradieses, des Gefildes Aalu. Gtter erscheinen an seinem Sterbebette, um die Seele in Empfang zu nehmen. Sie reinigen seinen Krper von allen Makeln, sie richten seine Beine ein und krftigen seine Gelenke, sie bereiten seinen Krper zur Wiedergeburt vor. Die Vorstellung, da am Sterbebette der Frommen Gtter erscheinen, seine Seele in Empfang zu nehmen und vor Gefahren zu schtzen, begegnet uns wieder im Gnostizismus. -- So sagt St.Pachomius: Wenn jemand im Punkte ist zu sterben, dann kommen zu demselben vier Engel. Gott will durch sie bewirken, da die Trennung der Seele vom Leibe eine schmerzlose sei. Einer dieser Engel steht zu Hupten, der andere zu Fen des Hinscheidenden, und zwar in der Stellung von Menschen, die den Krper mit l einreiben, bis sich die Seele vom Leibe trennt. Der dritte Engel hlt in den Hnden ein Tuch von nichtstofflicher Beschaffenheit, in das er die Seele aufnimmt, der vierte endlich singt Hymnen in einer dem Menschen unverstndlichen Sprache: so geleiten sie die Seele zu den Sphrenwohnungen. Diese Vorstellung ist, wie so vieles im Gnostizismus, eine cht gyptische. Zahl und Amt der Engel entsprechen genau denen der vier gyptischen Totengenien. Der Verstorbene, welcher bei der Wgung des Herzens von sich sagen konnte, da er die verschiedenen Snden nicht begangen und gengend gute Handlungen, die er im Leben verrichtet, zu seinem Herzen auf die Wage legen konnte, fhrt nun den Namen Osiris und kann seine Reise nach dem Paradiese antreten. Das Vermeiden bser und Verrichten guter Handlungen wurde jedoch nicht fr gengend erachtet, um den Verstorbenen des direkten Eintrittes in das Paradies, der Genossenschaft der Gtter zu wrdigen. Die guten und bsen Handlungen waren nach der Priesterlehre zunchst Ergebnis seiner Neigungen, also Handlungen, die ihren Grund im Herzen haben. Aber nicht nur das Herz, sondern auch der Verstand mute den Gttern hnlich sein. Der Verstorbene mute die Religionslehre kennen, die Namen der Gtter wissen und in den Geheimnissen der Priesterlehre bewandert sein. Stand sein Wissen nicht auf dieser Hhe, so mute er im Zwischenreich lngere oder krzere Zeit verweilen. Wir werden solchen Verstorbenen, den Uschabti, noch begegnen. Im Westen wurde der Verstorbene begraben, und wie im Westen die Sonne als Osiris untergeht, dann um die untere Hemisphre, ohne zu leuchten, durch das von Osiris beherrschte Reich Amenti, den dunkeln Hades, das Zwischenreich zieht, um anderen Tages als Morgensonne, Horus, im Osten wieder aufzuleuchten, so dachte man sich auch den Weg des Verstorbenen von der westlichen Grabregion nach Osten durch die untere Hemisphre, Amenti, gehend, worauf er dann am Himmel, jetzt nicht mehr mit dem Namen Osiris, sondern als Horus gleich der Sonne erscheint. Die Unterwelt Amenti ist zu denken als ein Land, dem obern Land gypten etwa gleich mit einem unterirdischen Nil, Gauen und Stdten, mit ckern und Wiesen, jedoch dunkel, ohne leuchtende Sonne. Ebenso ist das Paradies, das Gefilde Aalu, welches der Verstorbene betritt, wenn er die Unterwelt verlassen hat, als ein hnliches Land zu denken, jedoch mit Abnderungen, welche auf die, vor undenklichen Zeiten von den eingewanderten gyptern aus Asien mitgebrachten Paradies-Vorstellungen zurckzufhren sein drften. Die berfahrt von der westlichen Grabesregion nach der unteren Hemisphre macht der Verstorbene auf der Sonnenbarke des Osiris als dessen Gefhrte. Sobald die Barke im verborgenen Lande anlegt, betritt er den Weg, der unter der Erde ist. Auf diesem Wege nun begleiten wir unsern Osiris. Er ist noch immer als ein Verstorbener in Mumienform zu denken, er kann nicht sprechen, er ist ohne Erinnerung, ohne Atem und Lebenswrme. In der Region der Unterwelt, die den Namen Nutercherti hat, trifft er als deren Bewohner, die vorhin erwhnten Uschabti. Ich halte diese fr die noch nicht an Wissen vollendeten Verstorbenen, gewissermaen die armen Seelen des Fegfeuers. Auch sie sind, wie er, in Mumiengestalt ohne Sprache u.s.f. Der Verstorbene mte nun eigentlich helfen, die Arbeiten dieses Gaues zu verrichten, zu bebauen die Felder, zu fllen die Kanle mit Wasser, zu fhren den Sand des Westens nach dem Osten und umgekehrt. Alles Arbeiten, welche die Uschabti ohne Gebrauch von Hnden und Fen verrichten, nur vermge der ihnen innewohnenden Fhigkeiten, wie es auf den Texten der Uschabtifigurinen heit. Ist er jedoch bereits geistig hher entwickelt, so gengte es, da man den Verstorbenen, dessen Name, gefolgt von dem seiner Mutter, fast stets darin bemerkt ist, Licht ausgestrahlt, das heit, da er bereits ein Geluterter ist, und da die Uschabti ihn fr fhig erklren sollen, die besagten Arbeiten zu thun. Da aber, wie gesagt, die Uschabti noch stumm sind, und die Befhigung nicht aussprechen knnen, gerade deshalb ist dieselbe auf den Figurinen aufgeschrieben. Die anerkannte Befhigung gengt, der Verstorbene braucht sich nicht im Nutercherti aufzuhalten und kann seinen Weg fortsetzen. Er wandert nun im groen Zuge der Gtter. Nach und nach erhlt er seinen Mund, d.h. seine Sprache, seine Erinnerung, sein Herz und seine Seele zurck. Er bekmpft Krokodile und allerlei schlimmes Gewrm; er wird bedroht, gebissen zu werden von dem, der das Gesicht nach hinten hat; er stt den zurck, der den Esel verzehrt; er rettet sich vor der Gefahr, Kot essen zu mssen, -- Abenteuer, die zwar recht albern lauten, denen jedoch eine tiefere allegorische Bedeutung zu Grunde liegt. Er kommt auch an den Ort, wo die Gottlosen, die zweifach Toten, sich befinden, und man zeigt ihm ihre Leiden und Qualen, gleichsam um ihm den Wert der himmlischen Freuden noch schtzbarer zu machen. Auch diese Vorstellung findet sich in der Kabbala wieder. Es wrde natrlich zu weit fhren, alle Details des Zwischenreiches Amenti, wie auch des nun folgenden Paradieses hier ausfhrlich zu besprechen, oder auch nur deren Namen anzufhren; auch wrde es sehr schwer sein, einen Begriff von diesen Labyrinthen mit allen ihren Gngen, Hallen, Thoren, Stdten und Gauen zu geben. In der That war das berhmte, von dem Knig AmenemhaIII. erbaute Labyrinth nichts anderes, als eine steinerne Darstellung des Amenti. An dem Paradies, das wir uns im Bereiche des Sonnengottes Ra, also am Himmel ber uns, vorzustellen haben, angekommen, tritt der Verstorbene ein, gefolgt von dem Gotte Thot. Nach den vorgeschriebenen Verbeugungen bringt er den dreimal drei groen Gttern ein Opfer dar. Dann besteigt er die Barke, um auf dem Wasser des Friedens zu fahren, vorbei an Stdten und Inseln, und gelangt endlich an den ihm angewiesenen Wohnort, wo er den Gttern der beiden Sonnenberge und dem Herrn des Himmels ein zweites Opfer darbringt. Wir sehen den Verstorbenen im Gefilde des Aalu pflgen, sen und ernten. Das Getreide wird sieben Ellen hoch, die hren haben drei Ellen, die Halme vier. Vom Ertrage bringt er dem Hapi, dem Gott der Fruchtbarkeit, ein Dankopfer dar fr den reichen Erntesegen. Auf der Reise dahin nimmt er in jedem himmlischen Gau die Gestalt und Eigenschaft des Gottes an, der dem Gau vorgeht. Er sprot als ein reiner Lotus auf dem Wiesengrunde des Ra. Er nimmt die Gestalt des Phtha an, und geniet die Opfer, welche diesem Gotte dargebracht werden. Er erhebt sich in die Lfte als Horussperber, verwandelt sich in den heiligen Phnixusw. Der Aufenthalt im Gefilde Aalu soll aber kein ewig dauernder sein, sondern scheint nur ein Lohn zu sein fr das menschlich Gute des Verstorbenen. Wie alle Seelen ein Ausflu der All-Seele sind, so mssen sie auch wieder zur All-Seele zurckkehren, in den hchsten reinsten gttlichen Urzustand. Maspero sagt: Es giebt zwei Gtterchre, der eine schweift umher, der andere steht unbeweglich fest. Letzterer bildet die letzte Stufe in der verklrten Weihe der Seele. Auf dieser wurde sie ganz Vernunft (richtiger: Dmon= +chu+), sie sieht Gott von Angesicht zu Angesicht und versenkt sich in ihn. Es erbrigt mir noch, einige Bemerkungen ber das Totenbuch beizufgen. -- Da dem lebenden Bewohner des schwarzen Landes, wenigstens dem Laien, die Geheimnisse der Priesterlehre streng vorenthalten wurden, der Verstorbene dieselben jedoch zu seinem Heil im Jenseits kennen mute, so wurden sie auf einer Papyrusrolle niedergeschrieben, und diese nebst verschiedenen Amuletten und Talismanen dem Toten mit ins Grab gegeben. Diese Papyrus fhren in der Wissenschaft seit Lepsius den Namen Totenbuch. In der Form und Redaktion, in der uns die erhaltenen Exemplare dieser Papyrus vorliegen, drfte deren Entstehung wohl nicht ber die 18. Dynastie zurckreichen. Einzelne Teile und Kapitel derselben waren jedoch bereits im alten Reiche, in der ersten und vierten Dynastie, bekannt. So heit es z.B. ausdrcklich im 64. Kapitel: Dieses Kapitel wurde gefunden zu Hermopolis, auf einer Alabasterplatte, mit blauer Farbe geschrieben zu Fen des Gottes Thot, zur Zeit des Knigs Menkera durch den Prinzen Hartatef, als er auf einer Reise begriffen war, um die Tempel zu besichtigen. Er trug den Stein in den kniglichen Wagen, als er sah, was darauf geschrieben stand. O, groes Geheimni! Er sah nicht mehr, er hrte nicht mehr, als er dies reine und heilige Kapitel las, er berhrte kein Weib mehr und a weder Fleisch noch Fisch. Die ltesten Fragmente, die auf uns gekommen sind, finden sich auf Holzsrgen der 11. Dynastie. -- Das Totenbuch wurde von den Priestern sorgfltig geheim gehalten. So heit es am Schlusse des 162. Kapitels: Dieses Buch ist ein groes Geheimni: Lasse es kein Menschenauge sehen; es wre das eine groe Snde. Verbirg sein Vorhandensein. Sein Name ist: Buch von der verborgenen Wohnung. (Ferner Kapitel 133:) La dieses Buch keines Menschen Antlitz schauen, studire es geheim vor deinem Vater, vor deinen Shnen, denn wer es verwahrt, der ist ein reiner Geist vor Ra, und es verleiht ihm Macht vor dem Herrn der Gtter, da die Gtter ihn betrachten, wie einen ihres Gleichen, und die zweifach Toten schauen ihn liegend auf ihrem Antlitz, denn er wird betrachtet als ein Bote des Ra. Der Grund der Geheimhaltung drfte der sein, da der Mensch nicht im Streben nach Reinigung des Herzens erlahmen, dann auch, da er sich nicht ber die Furcht vor dem letzten Gericht hinwegsetzen sollte, was bei der Kenntnis der geheimnisvollen Kapitel zu befrchten war. Ein weiterer Grund war wohl auch der, da nicht Mibrauch damit getrieben werden sollte. Es wird in Papyros Lee und Rollin von dem gottlosen Huy, dem Aufseher der Herden des Ramses, berichtet, welcher dergleichen Schriften aus der Hofbibliothek entwendete und dann mit denselben bsen Zauber versuchte. Ich komme nun zu meinen Resultaten ber die verschiedenen Bezeichnungen fr die leiblichen, seelischen und geistigen inhrierenden Bestandteile des Menschen, wie sich solche in der hieroglyphischen Sprache, besonders im Totenbuch, vorfinden, und zu dem Beweise, da diese mit den Bezeichnungen der Kabbala und des Esoterismus berhaupt bereinstimmen. Letzterer tritt uns in deutscher Darstellung zuerst mit dem Aufblhen der neueren Zeit bei den tonangebenden Mnnern des 16. und 17. Jahrhunderts, Agrippa, van Helmont und anderen entgegen, findet sich aber wohl am weitestgehenden bei Paracelsus ausgeprgt. Wie in manchen esoterischen Lehren der Mensch als Monade in einer Siebenteilung sich darstellt, so auch in der gyptischen Priesterlehre. Ich will diese Teile des menschlichen Wesens kurz die sieben Grundteile des Menschen nennen. Von dem untersten, materiellsten Grundteile, dem Krper, gyptisch +chat+, hebrisch +guf+, bei Paracelsus Elementarleib ausgehend, finden wir als das zweite, das Leibesleben, gyptisch +anch+, hebrisch +coach ha guf+, bei Paracelsus der Archus oder die Mumia. Dieses +anch+, Leben, wurde als Hauch und Lebenswrme (+nifu+ und +bas+) gedacht, und da es durch den Tod dem Krper verloren geht, von dem Gott Anubis, dem Wiederbeleber, von neuem dem gerechten Verstorbenen verliehen. Die alten Abbildungen zeigen den Gott Anubis, die Hnde wie zum Segnen ber den auf der Bahre liegenden Leichnam ausbreitend. Infolgedessen zieht die Seele in Gestalt eines Vogels mit Menschenkopf, mit dem Lebenszeichen und dem Zeichen des Hauches, dem Segel, versehen, in den Krper wieder ein. Dadurch wird aber der Verstorbene nicht ein +anch+, ein krperlich Lebender, sondern ein +sahu+, ein geistig Lebender. So sagt ein Text einer Votivtafel in Wien: Es macht ihn zum +sahu+ der Gott Anubis selbst. Bei einer hnlichen Abbildung lautet die Beischrift: Die Seele, ihren Krper erblickend, vereinigt sich zu ihrem gttlichen +sahu+. Der dritte Grundteil, in der Kabbala +Nephesch+, bei Paracelsus der siderische Mensch, Astralleib oder +Evestrum+ wird durch die Hieroglyphe +ka+ bezeichnet, welche zwei nach oben ausgebreitete Arme darstellt. ber den +ka+ ist von den gyptiologen vielfach geschrieben und gestritten worden. Le Page Renouf und Maspero haben die Bedeutung als Reflex des Menschen nach dem Tode, +le double de l'homme+, erklrt. Pierret widerspricht dem und findet in +ka+ gerade im Gegenteil die krperliche Substanz, die materielle Person, die Individualitt des Leibes. Zieht man die esoterische und kabbalistische Bezeichnung zu Rate, so findet man, da beide Deutungen nicht unrichtig, aber auch nicht vollstndig sind. +Ka+ ist die Persnlichkeit des krperlichen Menschen und zugleich ein Doppelgnger stofflicherer Art, als der geistige Doppelgnger, welchen wir im sechsten Grundteil, dem +cheybi+, kennen lernen. +Ka+ ist auch die krperliche Erscheinung des Verstorbenen im Hades, dem Zwischenreich; er entspricht somit vollstndig dem obersten Gliede im +Zelem+ des +Nephesch+. Der Gebrauch der gypter, die Leiche auf das sorgfltigste vor Verwesung zu schtzen, um dadurch dem Verstorbenen, wie es heit, die Mglichkeit der astralen Erscheinung zu sichern, setzt voraus, da in dem mumifizierten Krper etwas Immaterielles als zurckbleibend gedacht wurde, das, mit den hheren Grundteilen in Verbindung tretend, die Erscheinung bewirkt. Es mu angenommen werden, da den gyptern ein hnliches wie der +Habal de garmin+ der Kabbala, der sich in die Knochen versenkende +Zelem+ des +Nephesch+, bekannt war. In der That finden wir im 154. Kapitel des Totenbuches die, wenn auch mystisch dunkel gehaltene Besttigung dessen. Die Vignette, welche dieses Kapitel ziert, stellt den Sonnendiskus dar, der von dem baldachinartigen Himmelsgewlbe auf die Mumie herabsteigt, und von dem es im Texte heit, da er sich in den Leib versenkt. Einige Zeilen weiter heit es: (Dieses ist) das Geheimni von demjenigen Leben, welches das Ergebnis der Zerstrung des Lebens ist. Dieses Leben also, das Resultat des durch den Tod vernichteten +anch+, kann daher wohl fr bereinstimmend mit dem +Habal de garmin+ angesehen werden. Der vierte Grundteil ist der Wille, das Gemt, in der Kabbala +Ruach+, bei Paracelsus der tierische Geist. Die Hieroglyphe dafr stellt das Herz dar, mit der Lautung +hati+ und +ab+. Als der Sitz des Gemtes, des Ethischen im Menschen, sahen wir bereits das Herz auf der Wage im Totengericht; und es wurde dadurch darauf hingewiesen, da nicht die Seele, sondern das Herz, dessen Ausflsse die guten und bsen Thaten, die Werke der Barmherzigkeit und die Gebete sind, bei der Wgung in Betracht kommen. Auch als Wille oder tierische Seele finden wir +hati+ im Totenbuch aufgefat. Im 26. Kapitel wird dem Verstorbenen sein Herz zurckgegeben, wodurch er die Herrschaft ber seine Glieder zurck erhlt, und zwar geschieht dies, wie es dort heit, zum Besten seines +ka+, seines Astralleibes. Dieses zum Besten seines +ka+ ist insofern wichtig, als daraus zur Evidenz hervorgeht, da der +ka+, der Astralleib, als die krperliche Form des Verstorbenen in der Unterwelt gedacht wurde. Der fnfte Grundteil ist die Seele, +Neschamah+, bei Paracelsus die verstndige Seele, die Trgerin der Vernunft, des Verstandes und Gedchtnisses, hieroglyphisch dargestellt durch den Sperber mit Menschenkopf, +bai+ oder +ba+. Horapollo lehrt, da die Psyche, die Seele, gyptisch +bai+ heit. Da nun aber das griechische Wort %psych% verschiedene Bedeutung hatte, so: Verstand (+ratio+), Gemt (+mens+) und Leidenschaft (+appetitus+), dann Lebenskraft (+spiritus vitalis+), wir aber die letzteren bereits in +hati+, +ab+ und +anch+ kennen gelernt haben, da ferner +ba+ im Totenbuche nie im Sinne von Gemt, Leidenschaft oder Lebenskraft gebraucht wird, so bleibt uns fr +bai+ nur die Bedeutung Verstand (+ratio+) brig, in welchem Sinne es auch vortrefflich mit zu dem +Neschamah+ der Kabbala pat. Die Seele ist das oberste Glied unter den dreien, die den +Zelem+ des +Ruach+ ausmachen, und zugleich das unterste Glied im +Zelem+ der +Neschamah+. Mit dem fnften Grundteil, Seele, schliet die Reihe der Bezeichnungen fr die bewute Person des Menschensubjektes und es beginnt die unbewute, die transscendentale Person. Der sechste Grundteil, in der Kabbala +chaijah+, bei Paracelsus Geistesseele, ist hieroglyphisch +cheybi+, der Schatten, geschrieben durch ein Zeichen, welches den Schattenspender, den Sonnenschirm darstellt (ungefhr in der Form von einem Palmblattfcher). Es entspricht den %skiai% und +umbrae+ der klassischen Autoren und ist die Erscheinung der Verstorbenen, die von den Lebenden gesehen aber nicht angefhlt werden kann. Der +cheybi+ wandelt tglich auf Erden umher, sieht seine Angehrigen und freut sich ber die an das Grab gebrachten Opfergaben. Hufig kommt die Dualform +cheybti+ vor, mit der Bedeutung, der zweite Schatten, jedenfalls bezieht sich dies auf eine Unterscheidung von dem Astralleib +ka+, der ja als Doppelgnger auch eine Art von Schatten ist. Merkwrdig drfte es sein, da sehr hufig in den bildlichen Darstellungen der +cheybi+ umgedreht, also das unterste zu oberst dargestellt wird. Ein Fries aus Karnak zeigt Kpfe mit dem Zeichen +cheybi+ bekrnt abwechselnd mit der Geiel, dem heute noch in gypten vielgebrauchten Kurbatsch. Der siebente Grundteil endlich ist der Geist, in den verwandten Lehren +jeschida+ und der gttliche Gedanke der deutschen Mystik, oder bei Paracelsus der Mensch des neuen Olymps, gyptisch geschrieben durch die Hieroglyphe +chu+, deren Bedeutung: Der Leuchtende, Strahlende ist. Es ist der Geist im hchsten Sinne des Begriffs. Mit +cheybi+ und +bai+ vereint bildet er die Wesenheit des verstorbenen Gerechten oder Verdammten (fr welche beide der Ausdruck +chu+ gebraucht wird, bei letzteren jedoch mit dem Zusatz +moti+, der zweifach Tote). Diese Wesenheit ist der gute oder bse Dmon, von dem bereits oben die Rede war. Identisch mit diesen drei obersten Grundteilen erscheinen mir auch die %daimones%, %res% und %psychai archontoi% in dem Jamblichus zugeschriebenen +de mysteriis liber+ zu sein. Eine Besttigung fr die richtige Aufeinanderfolge der einzelnen Prinzipien in der Zusammenstellung, in der ich dieselbe gegeben, findet sich im 92. Kapitel des Totenbuches, woselbst die Bezeichnungen fr die geistig-seelischen Grundteile in einer unzweifelhaft absichtlichen Reihenfolge angefhrt sind, und zwar immer vom unteren Prinzip ausgehend, zum oberen fortschreitend. So heit es: Nicht werde meine Seele gefangen, nicht werde mein Schatten aufgehalten, damit ich den Weg bahne meinem +ba+, meinem +cheybi+ und meinem +chu+. Dieses also sind die drei obersten Grundteile. Ferner erwhne ich die Stelle: Der Weg der Bsen sei abgelenkt von meinem +ka+, meinem +ba+ und meinem +chu+. Hier sind also der 3., 5. und 7. Grundteil zusammengestellt, je das oberste Glied aus der krperlichen, der bewut-geistigen und transscendental-geistigen Triade, auerdem findet sich ein schlagender Beweis fr die Richtigkeit meiner Aufstellung im Grabe des Nebunef in Theben. Der Verstorbene ist dargestellt in: Anbetung der vier Totengenien Amasath, Hapi, Tiaumutef und Kebsonuf, welche vier stets in dieser typischen Reihenfolge auftreten. Amasath berreicht dem Verstorbenen seinen +ka+, Hapi sein +ab+, Tiaumutef seinen +ba+ und Kebsonuf seinen +cheybi+. Es wird nach dem bisher Gesagten als hchst wahrscheinlich gelten mssen, da sich wesentliche Teile der gyptischen Seelenlehre mehr oder weniger unmittelbar ber die spteren Kulturvlker verbreiteten. Da Griechenland seine Kunst und Wissenschaft, auch zum Teil seine Gesetze, Staatsverfassungen und Religionsgebruche aus gypten bezogen, wird von den griechischen Schriftstellern selbst zur Genge bezeugt. Schon Orpheus soll ein Schler gyptischer Priester gewesen sein, und die durch ihn gestifteten eleusinischen Geheimnisse erinnern an gyptische Mysterien. Thales von Milet, der den Joniern eine Sonnenfinsternis genau voraussagte, was er wohl aus eigenem Studium nicht vermocht htte, hatte gypten besucht. Pythagoras war mit den grten Anstrengungen in die esoterischen Lehren eingedrungen, indem er selbst gyptischer Priester wurde. Er verdankte wohl den besten Teil seines Wissens dem Unterricht in den Tempeln. Nebenbei will ich seine Kenntnis der Tetragramme oder magischen Quadrate erwhnen, deren sich auch die Kabbalisten bedienen. Solon, welchem die Hierogrammaten mitteilten, da der Weltteil Atlantis vor 9000 Jahren vom Meere verschlungen worden sei, dasselbe verschollene Land, das auch in verschiedenen neueren Werken wieder ein Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden ist, Solon und ebenso Lykurg gaben Gesetze nach gyptischen Vorbildern. Auch Platos ist nicht zu vergessen, der mit Weisheit und Philosophie dieses Landes durch seine Reisen dahin wohl vertraut wurde. In den ersten Jahrhunderten des Christentums ward gypten, und speziell Alexandria, noch einmal der Glanzpunkt in der Geschichte der Gelehrsamkeit mit dem Aufblhen des Neuplatonismus und des Gnostizismus; und da auch die deutschen Mystiker zur Zeit des Wendepunktes unserer Kulturentwickelung durch diese Vermittelung aus der alten Quelle gyptischer Weisheit schpften, wird ebenfalls nicht bezweifelt werden knnen. Ganz besonders hatte Paracelsus vermutlich eine Gelegenheit, unmittelbare Unterweisung in diesen esoterischen Lehren whrend seiner Orientreise zu genieen. Seitdem nun aber die Sprachforschung der letzten hundert Jahre uns mehr und mehr auch die Schtze altindischer Weisheit erschlossen hat, finden wir selbst in dieser einige charakteristische Zge, welche eine Verwandtschaft mit der gyptischen Seelenlehre nicht wohl verkennen lassen; so die Anschauung einer Aufwrtsentwickelung der Lebewesen von den niedrigsten Gestaltungen durch unzhlige Verkrperungen bis zum Menschen und zum Gotte, ferner die daran anknpfende Lehre der Seelenwanderung und nicht minder die Einteilung des menschlichen Wesens in verschiedene Grundteile, deren Zahl allerdings je nach den verschiedenen Zeiten und Anschauungen verndert gerechnet wurde. Ob nun vielleicht auch die Indier aus der gyptischen Quelle esoterische Weisheit geschpft haben und wann? Ob in frhester Zeit oder etwa erst um 1300 v.Chr., wo die Handelsverbindung beider Lnder ihren Anfang genommen haben drfte: darber lt sich Bestimmtes nicht sagen. Soviel drfte gewi sein, da die brahmanischen Weisen einen groen Teil der gyptischen Priesterweisheit bis zum heutigen Tage besitzen, wo es denjenigen Forschern des Westens, welche nach denselben begehren, allmhlich mehr gelingt, in deren Wesen einzudringen. Freilich aber standen wohl nicht ohne Grund auf dem Standbild der Gttin Neith zu Sais, welche die Hterin der Geheimnisse war, die Worte geschrieben: Keiner lftet jemals meinen Schleier. Fnftes Buch. Der Occultismus der Hebrer. Erstes Kapitel. Die schwarze Magie der Hebrer.[304] Nach der Kabbala steht alles Existierende im groen wie im kleinen, im einzelnen wie im ganzen, in einer magischen Verbindung. berall ist das uere der Ausdruck des Innern und das Untere die Ausprgung des Hheren, und in derselben Weise, wie das Hhere und Innere nach unten und auen wirkt, so wirkt umgekehrt das Untere und uere nach oben und innen magisch zurck. Diese Sympathie bildet das innere Prinzip alles Geschaffenen. Der Welt des Lichtes steht eine Welt der Finsternis gegenber, whrend der Mensch seinen Platz in der Mitte behauptet und als der unterste Auslufer der Welten sowohl des Lichtes als auch der Finsternis gelten kann. Der Rapport zwischen dem Unteren und dem Hheren wird durch den Kultus, durch die mit rituellen Handlungen verknpfte Assimilation hergestellt, indem das Untere, welches nur durch sein Oberes existiert, sich demselben gleichfrmig zu machen und mit ihm eins zu werden bestrebt ist. Gleichzeitig sucht es von ihm immer mehr Krfte an sich zu ziehen, um in seinem Geiste zu leben und zu wirken. Es ist also die Mglichkeit der Existenz einer heiligen und einer finstern Magie gegeben. Es wird aber auch ein Rapport des Innern mit dem uern, des Menschen mit der Natur, d.h. eine Naturmagie mglich sein. Bei derselben wird die Beobachtung eines fest bestimmten naturgesetzmigen Verhaltens gefordert, um sich mit den Krften und Individualitten der Natur in Verbindung zu setzen, sowie sich denn auch der Mensch hier durch Anwendung von knstlichen Mitteln auf naturnotwendigem Wege in einen ekstatischen Zustand versetzen mu. Diese Naturmagie ist an sich weder unrichtig noch bse, kann aber leicht in beide Eigenschaften umschlagen und ist dem Irrtum und Trug leicht ausgesetzt. Nach kabbalistischer Lehre bilden nmlich alle Wesenheiten des Universums eine organisch gegliederte, auf das Innigste verbundene Kette, in welcher die obern Glieder auf die untern, und diese wieder auf jene wirken. Der Mensch aber kann durch die Naturmagie nur mit den untern und uern Wesen dieser Kette (Merkabah), den Elementarwesen und Astralgeistern, in Verbindung treten, nie aber mit den hheren Intelligenzen, welche sich ihm auf uerliche Weise durch die unteren getrbten Naturkrfte mitteilen. Die Mitteilungen, welche diese Wesen den Menschen zukommen lassen, sind je nach ihrem hheren oder tieferen Ursprung von sehr verschiedenem Wert, nur bedingungsweise richtige und nichtsweniger als unverbrchliche Wahrheiten. Selbst die hheren Wesen dieser Klasse haben nur Einsicht in die natrlichen Verhltnisse der Dinge und das Schicksal der Menschen, insofern dasselbe durch ihre frheren Handlungen bedingt ist, whrend sich das aus den knftigen Thaten Entspringende ihrer Kenntnis entzieht. Die Mitteilungen der untern Wesen dieser Klasse aber sind noch unzuverlssiger, indem ihr Wissen mit jeder tieferen Stufe dunkler und unbestimmter wird, und die am tiefsten stehenden, an die dmonische Region grenzenden Naturgeister und Elementarwesen (Schedim) den Menschen oft geflissentlich belgen. -- Die Kabbala kennt also bereits die bedingte Richtigkeit der von ihr dem sogen. Elementarwesen zugeschriebenen mediumistischen Mitteilungen, und konstruiert eine an Kardek erinnernde Geisterleiter, in welcher selbst die hier allerdings auermenschliche Zge tragenden +esprits menteurs+ unverkennbar geschildert sind. Aber auch zum Bsen kann die Naturmagie fhren, weil der Mensch groe Gefahr luft, unter den Einflu niederer Wesen zu gelangen, die ihn immer tiefer in das Dunkel der Natur fhren, ihn moralisch und intellektuell verkommen lassen und alle Schrecken des Mediumismus ber ihn heraufbeschwren. Es drfte umsomehr am Platze sein, hier eine kurze bersicht ber das zu geben, was die Kabbala von den Elementarwesen lehrt, als sich diese Lehren bei den Neuplatonikern, bei Psellus, den mittelalterlichen Magiern, Paracelsus, van Helmont und berhaupt in der ganzen Mystik wiederholen; und von der Kabbala wird die Naturmagie im wesentlichen als von den Elementarwesen abhngig gedacht, weshalb sie dieselbe auch Maase Schedim, das Werk der Elementarwesen, nennt. Die Kabbala geht von dem Prinzip aus, da nichts in der Welt ohne geistiges Leben sei und da, wie sich Paracelsus vllig im Geiste der jdischen Geheimlehre ausdrckt, nichts geschaffen ist, das ohne ein Mysterium (bei P. geistiges Leben berhaupt) ist[305]. Demgem lt sie die Elemente durch Wesen belebt sein, welche sie die Hefen oder Reste des untersten Geistigen nennt und klassifiziert dieselben in Elementarwesen des Feuers, der Luft, des Wassers und der Erde, welche als Salamander, Sylphen, Undinen und Pygmen sich durch die ganze Geschichte der Magie ziehen. -- Die ersteren sind nach Loria[306] zum Guten weise und unsichtbar, sie haben etwas von der menschlichen Seele an sich, kennen die Geheimnisse der Natur und helfen den Menschen gern. -- Die zweite Klasse hnelt der ersten, nur steht sie auf einer etwas niedrigeren Stufe. -- Die dritte Klasse steht noch tiefer und besitzt nach Loria[307] einen pflanzlichen Nephesch (Astralleib), whrend die vierte Klasse am tiefsten steht und mit einem mineralischen Nephesch bekleidet ist. -- Diese beiden letzten Klassen knnen mit unsern Sinnen leichter wahrgenommen werden, und im ganzen unterscheiden sich die Elementarwesen hauptschlich nur dadurch von den Menschen, da ihnen sowohl die hheren geistigen Grundteile als auch der Elementarleib abgehen und sie nur aus einem Ruach und Nephesch bestehen. Darum sind auch diese Elementarwesen der Nahrung bedrftig, welche sie aus den feinsten Teilen der Speisen, aus den Dmpfen der Opfer und Rucherungen ziehen; darum pflanzen sie sich fort und sind der Auflsung unterworfen.[308] Die letzten beiden Klassen sind meist bsartige Koboldnaturen, die den Menschen necken, verspotten[309] und ihm gerne Schaden zufgen; doch giebt es unter ihnen auch friedlichere Wesen, welche es mit dem Menschen gut meinen und allerlei husliche Dienste verrichten.[310] -- Die Kabbala unterscheidet die Elementarwesen ferner nach ihrem Aufenthaltsort, ob sie nmlich unter Menschen, in Einden, an unfltigen Orten usw. wohnen, ein Gedanke, welchem wir bei den +Sylvestres+, +Vulcanales+ usw. des Paracelsus wieder begegnen. Die oben genannten beiden Koboldklassen bilden nach kabbalistischer Lehre den bergang aus dem Reiche des Sichtbaren in das Unsichtbare und sind, weil dem Menschen leiblich am nchsten stehend, demselben besonders gefhrlich. Sie sind mit mancherlei ungewhnlichen Krften und Einsichten in das verborgene Reich der unteren Natur ausgerstet und entbehren auch nicht einzelner Blicke in die Zukunft und die hhere geistige Naturwelt, weshalb ein Kultus derselben[311] von seiten der jdischen Zauberer nahe lag, der zum Reiche des Bsen hinabfhrt. -- Ganz besonders sind es widernatrliche sexuelle Verbindungen, Claim, welche diese S'hirim anziehen, weshalb manche Zauberer -- Bileam[312] gilt hier %kat' exochin% als Beispiel -- solche Claim geflissentlich aufsuchen, denn das Wesen der Zauberei besteht in der Verbindung von Dingen, welche voneinander verschieden sind, und wenn man solche Dinge hierunten verbindet, dann vermischen und verbinden sich ihre oberen Krfte miteinander und bringen eine wunderbare fremdartige Wirkung hervor. Das Verbot der Claim geht auch dahin usw. Der Mensch mu die Welt lassen nach dem einfachen natrlichen Gange, das ist der Wille Gottes[313]. -- Ich habe wohl kaum ntig, hierzu auf gewisse Vorgnge im modernen Mediumismus hinzuweisen. Durch diese Claim werden nmlich nach kabbalistischer Lehre unvollkommene Nephesch erzeugt, welche den unreinen Klippoth zur Hilfe dienen und eine Art dmonischer Schemen bilden. -- Der gleiche Gedanke wird von Paracelsus und Jung-Stilling wiederholt.[314] -- Doch nicht allein durch die Claim werden magische Geburten erzeugt: ein jeder Gedanke, jedes Wort und jede That besitzt eine bleibende und lebende magische Existenz, welche das Reich der Finsternis oder des Lichts auf reale Weise vermehrt.[315] Deshalb wurde auch beim Tode frommer Israeliten ein Exorcismus ber die aus ihren Snden erzeugten Wesen gesprochen, damit diese dem Leichnam nicht nahen und ihn nicht zu Grabe geleiten sollten.[316] Die mit Hilfe der Elementarwesen ausgefhrte Magie heit -- wie erwhnt -- Maase Schedim, das Werk der Schedim, und ist nicht so strafbar als das Maase Kischuph, die schwarze Magie, weil die Schedim -- entgegengesetzt den wirklichen Dmonen -- die Menschen nicht in vlliges Verderben ziehen. -- Interessant ist die Ansicht verschiedener Talmudisten, da die Schedim zwar nicht die Wesenheit der Dinge verndern, wohl aber die Dinge sammeln und von Ort zu Ort bewegen knnen.[317] -- Die Bringungen, Bewegungsphnomene usw. werden also den Elementarwesen zugeschrieben. Die eigentliche Naturmagie ist zum groen Teil von der geistigen Strke und dem Willen abhngig, und die Kabbala lehrt ausdrcklich, da bei allen Menschen Sehergabe und magische Kraft -- wenn auch in verschiedenen Graden -- vorhanden ist. Zu allem magischen Wirken wird nach der Kabbala[318] von seiten des Menschen eine feste und starke Kwanah (Willensrichtung, Intention) erfordert, um den hheren geistigen Einflu an sich zu ziehen und zu seinen Zwecken verwerten zu knnen, was nur durch Willenskraft mglich ist. Der Wille des Menschen mu ausschlielich auf seinen Gegenstand gerichtet sein und mit ihm bereinstimmen, indem nur das Verwandte einander anziehen kann.[319] Ferner gehrt zu allem magischen Wirken eine starke, lebhafte und klare Vorstellungskraft (Koach ha Dimian), damit die Impressionen aus der geistigen Welt sich tief und lebendig in die Seele eingraben und dort festgehalten werden. Dieselben Bedingungen gehren auch zum richtigen magischen Schauen. Es mu nmlich der Zustand des Geistes, der Seele und des Leibes des Sehers in einer inneren harmonischen bereinstimmung mit dem innerlich anzuschauenden geistigen Objekt stehen, denn blo hnliches vermag das hnliche wahrzunehmen. Deshalb darf die Seele nicht durch weltliche Dinge, Leidenschaften usw. getrbt, sondern mu ganz auf ihr inneres Objekt gerichtet sein. Endlich aber mu die Imagination klar, stark und lebhaft sein, damit nach kabbalistischer Lehre die Einzeichnung aus der geistigen Welt (Reschima) sich tief und fest einprgt und nicht verwischt oder durch fremde Vorstellungen entstellt wird. Darum lieben auch die Zauberer die Einsamkeit und suchen sich bei ihren Beschwrungen durch allerlei knstliche Mittel von der Auenwelt abzuziehen und so ihre Imagination zu steigern. Weil nun zu allem magischen Schauen und Wirken auer der natrlichen Kraft und Strke des Geistes und der Seele noch ganz besonders notwendig ist, da die ganze Neigung und Willensintention eine bestimmte feste Richtung hat, und der Mensch sich in vlliger bereinstimmung mit dem Gegenstand seiner Wnsche befindet, so wird in der schwarzen Magie nur derjenige erfolgreich wirken, welcher mit einer hohen geistigen Strke eine eben so groe Verkehrtheit des Willens verbindet. Deshalb sagt auch der Sohar: Der Mensch mu fr dergleichen Dinge geordnet sein. Bileam war dazu geordnet, denn er hatte einen Fehler im Auge[320], worunter jedoch nicht blo ein krperlicher, sondern vielmehr ein moralischer Fehler zu verstehen ist, weil Bileam in der Kabbala als das Prototyp der Wollust, des Stolzes und des Neides gilt. -- berhaupt ist nach dem Sohar die uere Physiognomie der objektive Ausdruck der Beschaffenheit der Seele[321], welche demnach als organisierendes Prinzip gedacht wird. In dieser Beziehung behauptet dann auch die Kabbala folgerecht, da jeder Schwarzknstler etwas Verzerrtes oder Gebrechliches an sich habe.[322] Der Virtuositt der weien Magie im Guten entspricht die Virtuositt der Schwarzkunst im Bsen, welche beide besondere Strke der Seele und des Geistes voraussetzen, weshalb auch die Kabbala -- in Hinsicht der Strke -- Bileam dem Moses gleichstellt.[323] Zauberer wie Bileam sind die Priester und Heroen im Reiche der Tumah, und es hat solche berall und zu allen Zeiten gegeben. Die Kabbala rechnet zu ihnen die Nephilim der Tradition und die groen Magier der mosaischen Zeit wie Jamnes und Jambres[324] und Balak.[325] Da nun die Kabbala dem Menschen eine sowohl auf das Schauen als auch auf das Wirken gerichtete magische Kraft beilegt, so tritt die Frage an uns heran, weshalb nach dieser Lehre das Herbeiziehen und die Mitwirkung einer Geisterwelt notwendig wird. Diese Frage wird zwar in der Kabbala selbst nirgends ausdrcklich aufgestellt, aber ihre Beantwortung ergiebt sich leicht aus den Prinzipien der jdischen Magie: Obschon der Mensch von Natur aus magische Kraft besitzt, so wird doch dieses Vermgen bei weitem erhht, durch den Einflu anderer mchtigerer geistiger Wesen, und zwar hat er die Hilfe um so ntiger, wenn er in Sphren gelangen will, fr welche seine eigene Kraft nicht ausreicht. Was nun das magische Schauen betrifft, so mu das Erkennen der ueren Sinne rtlich oder zeitlich verborgener, oder in natrlicher Verbindung stehender Dinge unterschieden werden von der hheren Divination oder dem Voraussehen knftiger durch die freie Wahl der Menschen bedingter Begebenheiten. Allerdings kann der geistige Mensch durch das Entbundensein von den ueren Sinnen, durch das innere geistige Wesen der Dinge auf eine fr ihn fhl- und bemerkbare Weise affiziert werden[326], infolgedessen er ohne alle fremde Beihilfe unmittelbar das Verborgene durchschaut und aus der Beschaffenheit desselben die dadurch verursachten Wirkungen erkennt. Er vermag daher auch, da nach kabbalistischer Lehre nicht nur jede Handlung eines Menschen eine Reschimah (Einzeichnung) hinterlt, sondern auch alles Geschehene seit Beginn der Welt sich in den ther eingrbt, die Zukunft vorauszusehen, insofern sie durch frhere Handlungen bedingt ist. Trotzdem hat diese unvermittelte Seherschaft ihre Grenzen, weil der innere Mensch nur von demjenigen affiziert wird, das ihm verwandt ist. Je freier und hher entwickelt der geistige Mensch, desto weiter wird sich seine eigenste unmittelbare Anschauungs- und Aktionssphre erstrecken. Wo aber dieselbe endigt, hat er die Hilfe anderer geistiger Wesen nach kabbalistischer Lehre ntig, die sein inneres Schauen erweitern und ihm kund thun, was er selbst nicht zu schauen vermag. Darum lehrt die Kabbala auch bei den hheren Graden der niederen Magie den Einflu und die Einwirkung geistiger Wesen, welche sich gern und leicht zu den Menschen gesellen, die in ihr Gebiet hineinimaginieren. Anders verhlt es sich mit knftigen, vom freien Willen abhngigen Handlungen eines Geschpfes oder mit dem Ratschlu der Gottheit und ihrem Eingreifen in die Schicksale der Einzelnen wie des Ganzen. Diese Dinge sind nur der Gottheit als dem absoluten selbstndigen Urgrund bekannt und werden von derselben den Propheten durch einen freien Willensakt mitgeteilt.[327] Die Intellektualwelt ist eine in zahllosen Stufen gegliederte Hierarchie von Wesen, welche von der Gottheit nach unten emanieren, die von ihr erhalten und regiert werden und um so hher und geistiger sind, als sie ihrem Urquell nher stehen. Die Gottheit, der absolute Urgrund, offenbart sich allen Geschpfen, jedem nach seiner Art, auf doppelte Weise, auf eine innerlich subjektive und eine uere objektive. Vermge der ersteren erfllt die Gottheit die Kreatur in der Art, da der Schpfer in seiner ganzen Unendlichkeit im Geschpfe gegenwrtig, demselben innerlich unmittelbar nahe und fr dasselbe gleichsam nur allein vorhanden ist. Vermge der letzteren jedoch ist die Gottheit zwar der eine allgemeine Gott fr alle Geschpfe der intellektuellen und materiellen Welt, aber er befindet sich auerhalb der Geschpfe und teilt sich denselben auf eine uerliche geistige Weise mit in der Art, da die der Gottheit zunchststehende Stufe der Intellektualwelt den gttlichen Einflu unmittelbar empfngt und mittelbar auf die unteren Stufen bertrgt, die sich stufenweise ineinander abspiegeln. So gelangen die gttlichen Offenbarungen nach unten, in welche die niederen Stufen nur so viel Einsicht erlangen als ihnen die oberen mitteilen; endlich empfangen die Offenbarungen -- namentlich die unglcklicher Ereignisse -- die Vollzieher der Strenge (die finstern Wesen) und zeigen sie, die in baldiger Erfllung stehen, den Menschen im Traume.[328] Deshalb ist nach kabbalistischer Lehre auch in vielen Fllen des finstern magischen Schauens und Wirkens die Beihilfe der Dmonen ntig, welche sich gern freiwillig zu den Menschen gesellen, sobald diese in ihre Sphre energisch einzugreifen beginnen. Die schauende Naturmagie ist sowohl auf das uere Sinnliche, als auch auf das innere bersinnliche gerichtet. Die uerlich schauende Magie besteht in den Versuchen, aus den Erscheinungen und Vernderungen in den ueren sichtbaren Dingen den verborgenen Willen ihrer unsichtbaren Lenker und damit die Zukunft zu erforschen und zerfllt in zwei Abteilungen, deren erste die Aufmerksamkeit auf die oberen himmlischen, die letzte jedoch auf die unteren irdischen Dinge richtet. Die erstere wird Monen, die letztere Nichusch genannt. Unter Monen versteht man die gesamte Astrologie der Tagewhlerei durch astrologische Elektionen. Die Tagewhlerei ist verboten, ebenso das unbedingte Vertrauen auf die astrologischen Schicksalssprche und das Einrichten des Lebens nach den Konstellationen des Himmels. Doch ist die Astrologie als Naturweisheit erlaubt, und der Jude soll die Aussprche der Astrologen nicht verachten, sondern beherzigen; er darf sie jedoch nicht als untrglich ansehen, weil alle natrlichen Mantien die Zukunft nur mit bedingter Gewiheit verknden.[329] Der Nichusch ist also die wahrsagende Deutung der Erscheinungen und Vernderungen irdischer Dinge und grndet sich darauf, da nach kabbalistischer Lehre erstens alles beseelt ist und das Himmlische sich dem Irdischen sowohl mitteilt als auch einprgt. Das Innerste der Elemente ist geistiger Natur und von Intelligenzen belebt, welche ihren Einflu und ihre Wirkung selbst auf die Vgel und vierfigen Tiere ausdehnen.[330] Zweitens grndet sich der Nichusch auf den Umstand, da es keinen reinen Zufall giebt, sondern da alle Dinge auf der Welt in einem inneren geistigen Zusammenhang stehen und sich aufeinander beziehen. Der Nichusch schpft also seine Weissagungen aus allen Reichen der Natur, aus meteorologischen Erscheinungen, aus dem Rauschen der Bume, aus dem Verhalten des Feuers wie der Tiere, besonders der Vgel, aus den Eingeweiden der Opfertiere, den Angngen, Anzeichen usw. und umfat bei weitem die meisten der zum Teil noch heute blichen niederen Wahrsageknste. Die innerlich schauende Naturmagie beruht darauf, da der Mensch durch verschiedene Manipulationen und Methoden seine Sehergabe entwickelt und sich auf knstliche Weise mit der innern Naturwelt in Verbindung setzt. Auch die innerlich schauende Naturmagie zhlt verschiedene Stufen, deren unterste Kosem K'samim genannt wird, auf dieser wird ein mehr oder minder klares Hellsehen durch die Kleromantie mit ihren Unterarten[331], sodann durch Hypnotismus und Mesmerismus, also durch das Blicken auf glnzende Gegenstnde, Spiegel, blanke Messer und Pfeile, Wasserbecken usw. sowie endlich durch das Auflegen der Hnde erzeugt.[332] -- Die Kleromantie oder Looswahrsagung beruht jedoch nicht allein auf einer bewirkten inneren Konzentration der Seele, sondern auch gleichzeitig auf der bereinstimmung des ueren magischen Aktes mit der inneren Ordnung der Dinge selbst, und wird daher nur insoweit von Erfolg begleitet sein, als diese bereinstimmung vorhanden oder hergestellt ist.[333] -- Bei dem magischen Schauen bedienen sich die Magier vielfach junger Leute, welche noch keinen Umgang mit Frauen gehabt haben, unter der Voraussetzung, da sich die Unschuld noch in ungetrbter Verbindung mit dem Wesen des Seins befindet.[334] Die zweite hhere Stufe der schauenden Naturmagie ist das Doresch ha Methim, ein Befragen der Toten, welches jedoch nicht mit der Nekromantie zu verwechseln, sondern eher als eine Art Inspirationsmediumschaft zu betrachten ist. Der Magier sucht nmlich durch Fasten, Beten gewisser Sprche, Verbrennung von Rauchwerk und bernachten auf Grbern eine Art Inkubation und den Rapport mit geistesverwandten Verstorbenen herbeizufhren.[335] -- Die dritte und geistige Stufe ist endlich die, auf welcher der Mensch sich nach mystischer Vorbereitung, Abziehung von allem ueren und die Anwendung heiliger Schemoth (Namen) mit den oberen Sarim (Naturgeistern) in Verbindung setzt, um von ihnen Offenbarungen zu erhalten; also wieder ein inspiriertes Medientum, bei welchem auch die hohen Geister der Spiritisten nicht fehlen. Die wirkende Naturmagie besteht in der Kunst, auf uerem, physischem Wege die wirksamen Beziehungen im inneren Elementarnephesch der Dinge zu erregen und so irgend welche Wirkungen und Vernderungen hervorzubringen, wobei sowohl Leben auf Leben wirkt, als auch die Willensrichtung und Willensstrke des Menschen eine bedeutende Rolle spielen. Hierher gehren die magischen Heilungen, die auf Hypnose beruhende Augenverblendung, das Segnen organischer Wesen zur Befrderung ihres Wachstums und Wohlseins und endlich das Chober-Chaber genannte Besprechen resp. Bannen von Menschen und Tieren durch leise geraunte, manchmal keinen Sinn ergebende Zaubersprche, welche nach Moses Maimonides nur zur Fixierung der Seelenkrfte dienen, nach anderen aber eine innere Kraft besitzen.[336] Die letzte Stufe der Naturmagie ist die Verbindung mit den Elementarwesen, um mit deren Hilfe Vernderungen sowohl im Leben der allgemeinen als auch der individuellen Natur hervorzubringen. Maimonides schildert einige hierher gehrende magische Gebruche[337], welche im wesentlichen in einer entsprechenden Lebensweise, im Tragen von aus gewissen Metallen oder Metallmischungen gefertigten Amuletten, sowie in Reinigungen, Opfern und Rucherungen bestanden. Die schwarze Magie, der Kischuph[338], ist ebenfalls ein schauender und wirkender und wird von der Kabbala zwar als ein Werk der finstern Welt betrachtet, bei welchem sich jedoch der dazu besonders veranlagte Mensch nicht passiv verhlt, sondern selbstthtig mitwirkt, weshalb der Seher auch sagt: Mancher macht Zauberei, und es gelingt ihm, ein anderer macht es ebenso und es gelingt ihm nicht, denn zu solchen Dingen mu der Mensch geordnet sein.[339] Der schauende Kischuph besteht nach kabbalistischer Lehre entweder in der Beschwrung der Satanim oder in der eigentlichen Nekromantie. Die Satanim sind gewissermaen als Schedim auf der tiefsten Stufe zu betrachten, als auer der irdischen Beschrnkung lebende, geistig schauende, nicht an die Kategorien der Zeit und des Raumes gebundene Wesen, die insofern einen Blick in die Zukunft haben, als diese nicht von den freien Handlungen der Menschen abhngt, und hintergehen die Zauberer mit Lgen.[340] Die Beschwrung der Satanim geschieht entweder in der Art, da durch schamanistisches Tanzen, Toben, Drehen, Heulen, durch Selbstverstmmelung usw. ein ekstatischer Zustand hervorgerufen wird, in welchem die Satanim angeblich von den Jidonim genannten Zauberern Besitz ergreifen und aus ihnen heraussprechen.[341] -- Die zweite Art ist die frmliche Beschwrung mit blutigen Opfern und zur Materialisation dienende Rucherungen.[342] Die Nekromantie geschieht nach der Kabbala durch Einwirkung auf den Habal de Garmin, des eigentlichen Elementarnephesch, welches sich von der Empfngnis an nicht wieder von dem irdischen Stoff trennt, sondern selbst in der Nhe des Grabes bleibt. Der Habal de Garmin, durch dessen Kraft der Auferstehungsleib gebaut wird[343], hat die Gestalt des Krpers, schwebt ber dem Grabe und kann von jenen gesehen werden, denen die Augen geffnet sind.[344] -- Da nun nach der Kabbala der Leichnam unter die Herrschaft der finstern Welt fllt, so ist die von den Ob genannten Nekromanten gewnschte und fr den Toten mit groer Erschtterung[345] verbundene Erregung des Habal de Garmin fr die Satanim ein Leichtes. -- Eine andere Art Nekromantie besteht darin, da der Zauberer den Schdel eines Verstorbenen[346] einruchert und Beschwrungen spricht, worauf der Habal de Garmin zwar nicht sichtbar erscheint, aber mit vernehmlicher Stimme antwortet.[347] Die wirkende schwarze Magie der Juden besteht der Kabbala zufolge in der Strung der Elemente und des Naturlebens mit Hilfe der Satanim, in Versuchung von Menschen und Tieren, in der Stiftung von Ha und Feindschaft (schdigende Willensmagie), in der Erzeugung von Schmerz, Krankheiten und Tod von Menschen und Vieh durch bse, namentlich mit krperlichen Excretionen gebte Sympathie. Ja, die Kabbala kennt selbst die Lykanthropie und den spezifischen Hexensabbath, wobei gewisse Salben und le eine groe Rolle spielen.[348] Die weie Magie besteht in der Vergeistigung des Menschen durch ein aufrichtiges Streben nach oben, zum Gttlichen hin, wobei dieselbe in dem Mae, als er nichts egoistisch fr sich selbst zu erringen strebt, sondern das Heilige nur um dessen willen sucht, aus freier, gttlicher, nur das Reine und Heilige liebender Gnade mit der Kraft des gttlichen Lebens erfllt wird. Ist nun nach der Kabbala das Nephesch und der Ruach eines solchen Menschen dazu disponiert, so kann dessen N'schamah in Verbindung mit den Engeln und der gttlichen Welt treten und von dieser je nach ihrer Fassungskraft Offenbarungen erhalten und mit magischer Wirkungskraft ausgerstet werden. Die unmittelbare Verbindung mit der Gottheit, wobei alles Irdische und Stoffliche vergeistigt wird, ist die letzte, hchste Daseinsstufe, die heilige Manie. Zweite Abteilung. Die Kabbala. Erstes Kapitel. Das Alter der Kabbala.[349] Die enthusiastischen Anhnger der Kabbala lassen dieselbe durch die Engel vom Himmel herabgebracht werden, um dem ersten Menschen nach seinem Fall die Mittel zu bezeichnen, wie er seinen ursprnglichen Adel und seine ursprngliche Glckseligkeit wieder erlangen knne. Andere sind der Meinung, da der Gesetzgeber der Hebrer, nachdem er sie whrend seines vierzigtgigen Aufenthaltes auf dem Sinai von Gott selbst empfangen habe, sie den siebenzig ltesten, mit denen er die Gaben des heiligen Geistes teilte, mitgeteilt habe, und da sie sich mndlich bis zu der Zeit fortgepflanzt habe, in welcher Esra sie und das Gesetz niederschreiben lie. Mag man aber mit der skrupulsesten Aufmerksamkeit die Bcher des alten Testamentes durchsehen, so wird man nirgends auf die Spuren einer Geheimlehre oder auf eine tiefere und reinere esoterische Lehre stoen, welche nur einer kleinen Zahl Auserlesener vorbehalten sei. Das hebrische Volk kannte von seinem Ursprung bis zur Rckkehr aus der babylonischen Gefangenschaft -- wie alle anderen Nationen in ihrer Jugend -- keine anderen Organe der Wahrheit und keine anderen Diener der Gottheit als die Propheten, Priester und Dichter, von denen die beiden letzteren -- ungeachtet einer gewissen trennenden Verschiedenheit -- in dem ersteren aufgehen; der Priester lehrte nicht, sondern wandte sich nur mittelst des Pompes der religisen Ceremonien an das Auge, und was die die Religion in Form einer Wissenschaft, welche der Sprache der Inspiration den dogmatischen Ton substituiert, lehrenden Theologen anlangt, so wissen wir nur, da sie -- ohne Sonderbezeichnung -- in jener Periode berhaupt existierten. In bestimmten Umrissen treten sie erst zu Anfang des dritten Jahrhunderts der christlichen ra unter der Allgemeinbezeichnung Thannam auf, welches Wort Organe der Tradition bezeichnet, kraft deren man alles lehrte, was nicht klar in der heiligen Schrift zum Ausdruck gelangte. Die Thannam, die ltesten und geachtetsten der jdischen Gelehrten, bilden eine lange Kette, deren letztes Glied der heilige Judas, der Verfasser der Mischna ist, in welchem Werk er der Nachwelt alle Aussprche seiner Vorgnger sammelte und berlieferte. Man zhlt zu ihnen die angeblichen Verfasser der ltesten kabbalistischen Bcher, nmlich Joseph ben Akiba und Simon ben Jochai samt ihren Shnen und Freunden. Unmittelbar nach dem in das Ende des zweiten Jahrhunderts n.Christi fallenden Tod des Judas beginnt eine neue Gelehrtengeneration, welche den Namen Amoraim fhrt, weil sie fr sich selbst keine Autoritt beanspruchen, sondern nur in erklrender Weise die Aussprche ihrer Vorgnger wiederholen; auch sammelten sie alle noch nicht redigierten Sentenzen derselben. Whrend der nchsten drei Jahrhunderte hrten diese Kommentare und neuen Traditionen nicht auf, sich in einer wahrhaft wunderbaren Weise zu vermehren und wurden endlich unter dem Namen der Gemara d.h. Tradition gesammelt. In diesen beiden Sammlungen, welche von ihrer Zusammenstellung bis auf unsere Zeit heilig aufbewahrt und unter dem Namen Talmud (Studium, Wissenschaft) vereinigt wurden, mssen wir zweifelsohne die Ideen suchen, welche die Basis des kabbalistischen Systems bilden und Gelegenheit zur Entstehung der Kabbala gaben. Man findet in der Mischna[350] folgende merkwrdige Stelle. Es ist verboten, zwei Personen die Genesis zu erklren, nur einer einzigen darf man die Merkaba oder den himmlischen Wagen lehren, und diese sei ein weiser Mann, der ein gutes Verstndni besitze. Der Talmud berliefert (+Hagiga 13a+) eine Bereita, welche nicht in die Mischna des Rabbi Judas aufgenommen wurde, in welcher Rabbi Hiya hinzusetzt: Aber man kann ihm die ersten Worte der Kapitel erklren. Ein Talmudist, Rabbi Zera (+a.a.O.+) zeigt sich noch strenger, denn er sagt, da selbst der Hauptinhalt der Kapitel nur Menschen von hoher Wrde und auerordentlicher Klugheit mitgeteilt werden drfe, oder, um die Worte des Originals zu gebrauchen: welche in sich ein Herz voll Unruhe tragen. Augenscheinlich ist hier weder vom Text der Genesis noch von der Vision des Hesekiel, welche derselbe an den Ufern des Flusses Khebar hatte, allein die Rede. Die ganze Schrift war, so zu sagen, in aller Mund, und seit undenklichen Zeiten machten es auch die skrupulsesten Beobachter der Traditionen zur Pflicht, da sie jhrlich mindestens einmal in den Synagogen ganz gelesen werde. Moses selbst hrt nicht auf, das Studium des Gesetzes zu empfehlen, unter welchem man allgemein den Pentateuch verstand, und Esra las dasselbe nach der Rckkehr aus der babylonischen Gefangenschaft mit lauter Stimme dem versammelten Volke vor. Es ist in der That unmglich, da die von uns citierten Worte ein Verbot der Erklrung oder des Suchens eines Verstndnisses der Erzhlungen der Genesis oder der Vision des Hesekiel enthielten; es handelt sich vielmehr um eine bekannte Auslegung oder Lehre, welche jedoch mit einem gewissen geheimnisvollen Schleier umgeben ist. Es handelt sich um ein Wissen, welches sowohl in seiner Form, als in seinen Prinzipien feststeht, kennt man doch seine Einteilung in verschiedene Kapitel mit ihrem Inhalt. Es ist zu bemerken, da die Vision des Hesekiel nichts hnliches enthlt; sie erstreckt sich nicht ber mehrere Kapitel, sondern nur ber ein einziges und zwar das erste des diesem Propheten zugeschriebenen Buches. Wir sehen weiter, da diese Geheimlehre zwei Theile enthlt, welchen man jedoch nicht gleiche Wichtigkeit beilegte, denn der eine Teil durfte zwei Personen gelehrt werden, der andere jedoch nur einer einzigen, welcher die schwersten Bedingungen auferlegt wurden. Wenn wir Maimonides Glauben schenken drfen, der, obgleich nicht eingeweiht in die Kabbala, weit entfernt ist, deren Existenz zu leugnen, so enthielt die erste Hlfte unter dem Titel: Geschichte der Genesis oder der Schpfung ($Ma'aseh bereshit$) die Wissenschaft der Natur, whrend der zweite, die Geschichte des Wagens ($Ma'aseh merkaba$) genannte, eine geheime Theologie lehrte. Diese Anschauung wird von allen Kabbalisten angenommen. Ich fhre hier eine weitere Stelle an, aus welcher dasselbe auf eine nicht weniger evidente Weise hervorgeht: Rabbi Jochanan sagte eines Tages zu Rabbi Eliezer: Siehe, ich will dir die Geschichte der Merkaba lehren. Darauf antwortete dieser: Ich bin noch nicht alt genug dazu. Als er das Alter erreicht hatte, starb Rabbi Jochanan, und einige Zeit spter sagte Rabbi Assi ebenfalls zu ihm: Siehe, ich will dir die Geschichte der Merkaba lehren. Da antwortete Eliezer: Wenn ich mich dazu wrdig gehalten htte, so wrde ich sie von Rabbi Jochanan, deinem Lehrer, gelernt haben.[351] Man sieht aus diesen Worten, da, um in die mysterise und heilige Lehre der Merkaba eingeweiht zu werden, weder Intelligenz, noch eine hervorragende Stellung gengte, sondern da auch dazu ein gewisses fortgeschrittenes Alter ntig war, und selbst wenn man diese auch von den modernen Kabbalisten verlangte Bedingung erfllte[352], so hielt man sich weder hinsichtlich seiner Intelligenz noch seiner moralischen Kraft fr sicher genug, um die Last dieser gefrchteten Geheimnisse auf sich zu nehmen, welche durchaus nicht ohne Gefahr fr den positiven Glauben und fr die uere Beobachtung der religisen Vorschriften waren. Es mge hier ein merkwrdiges im Talmud erzhltes Beispiel folgen, welches uns in allegorischer Sprache folgende Erluterung giebt: Nachdem unser Meister uns belehrt hat, gingen vier in den Garten der Wonne ein, nmlich Ben Aza, Ben Zoma, Acher und Rabbi Akiba. Ben Aza warf einen neugierigen Blick hinein und starb. Man kann auf ihn den Spruch der Schrift anwenden: Der Tod seiner Heiligen ist werth gehalten vor dem Herrn.[353] Ben Zoma blickte ebenfalls hinein und verlor die Vernunft, und sein Schicksal wird durch den Ausspruch des weisen Salomo gekennzeichnet: Findest du Honig, so i seiner genug, da du nicht zu satt werdest und speiest ihn aus.[354] Acher aber richtete Verwirrung unter den Pflanzen an. Nur Akiba ging davon in Frieden.[355] Es ist kaum ntig, diesen Text buchstblich zu verstehen und anzunehmen, es handle sich hier um eine wirkliche Vision des knftigen Lebens, denn erstens ist es ohne Beispiel, da der Talmud, wenn er vom Paradies spricht, solche mystische Ausdrcke gebraucht, wie sie in obiger Stelle Anwendung finden. Und wie wrde sich zweitens damit vereinigen lassen, da zwei lebende Personen, welche in den Himmel der Auserwhlten blicken, den Glauben und die Vernunft verlieren, wie die Erzhlung angiebt? Dagegen ist zu bemerken, da nach den angesehensten Autoritten der Synagoge der Garten der Wonne, in welchen die vier Rabbinen eingetreten sind, als die mysterise Wissenschaft, von welcher wir sprechen, die so schrecklich fr schwache Gemter ist, da sie dieselben entweder dem Wahnsinn oder den schrecklichsten Verwirrungen der Gottlosigkeit preisgiebt. Das letztere will die Gemara andeuten, wenn sie bezglich Achers sagt, da er Verwirrung unter den Pflanzen angerichtet habe. Dieselbe erzhlt uns, da der in den talmudistischen Erzhlungen so berhmte Acher ursprnglich einer der Weisesten in Israel war. Sein wahrer Name war Elisa ben Abuja, welcher in Acher[356] umgewandelt wurde, um die nderung zu kennzeichnen, die sich in ihm vollzog. Denn als er den allegorischen Garten verlie, in welchen ihn eine verhngnisvolle Neugierde gefhrt hatte, ward er ein ausgesprochener Gottloser; er verlor sich, wie der Text sagt, in der Erzeugung des Bsen, lebte sittenlos und der Welt zum Abscheu, verriet den Glauben, und einige klagen ihn sogar des Kindesmordes an. Und worin bestand die Ursache seines ersten Irrtums? Wohin fhrten ihn seine Forschungen ber die wichtigsten Religionsgeheimnisse? Der jerusalemitische Talmud sagt positiv, da er die beiden obersten Prinzipien anerkannt habe, und der babylonische Talmud, nach welchem wir die obige Erzhlung mitteilten, deutet das Gleiche an. Er sagt, da Acher, als er im Himmel Metatron in all seiner Macht sah, den Engel, welcher unmittelbar nach dem Herrn kommt, betete: Wenn es mglich ist, so sei mir erlaubt, zwei Mchte anzunehmen. Wir wollen uns nicht zu lange bei dieser Sache aufhalten, denn es sind noch viel bedeutungsvollere anzufhren, nur sei bemerkt, da der Engel oder die Metatron[357] genannte Hypostase eine groe Rolle im System der Kabbala spielt. Er ist es, welchem recht eigentlich die Herrschaft der sichtbaren Welt anvertraut ist, er herrscht ber alle himmlischen Sphren, die Planeten und Fixsterne sowie ber die Engel, welche denselben vorstehen, denn die ber ihm stehenden intelligibeln Formen der gttlichen Wesenheit und reinsten Geister sind so immateriell, da sie keine unmittelbare Wirkung auf krperliche Dinge ausben knnen. Auch ist der Zahlenwert seines Namens gleich dem des Allmchtigen. -- Zweifelsohne ist die Kabbala weit davon entfernt, einen eigentlichen Dualismus zu lehren, aber die allegorische Manier, mit welcher sie die intelligible Wesenheit Gottes von der das Weltall ordnenden Kraft scheidet, ist sehr geeignet, diesen von der Gemara gekennzeichneten Irrtum hervorzurufen. Ein letztes, derselben Quelle entnommenes und von Reflexionen des Maimonides begleitetes Citat wird, wie ich hoffe, die Darlegung des wichtigen Punktes abschlieen, da eine Art Philosophie oder religiser Metaphysik so zu sagen von Mund zu Mund von den Thannam oder den ltesten hebrischen Theologen gelehrt wurde. Der Talmud lehrt uns, da man frher drei Namen besa, um die gttliche Wesenheit zu bezeichnen und auszudrcken: nmlich das berhmte Tetragrammaton oder den aus vier Buchstaben bestehenden Namen, sodann zwei andere der Bibel unbekannte Namen, von denen der eine aus zwlf und der zweite aus zweiundvierzig Buchstaben zusammengesetzt ist. Das Tetragrammaton, dessen Gebrauch der groen Menge allerdings verboten war, fand freie Anwendung im Innern der Schule. Die Weisen, sagt der Text, lehrten diesen Namen einmal wchentlich ihren Shnen und ihren Schlern. Der aus zwlf Buchstaben bestehende Namen war anfnglich noch bekannter und verbreiteter. Man lehrte ihn aller Welt. Aber als die Zahl der Gottlosen sich vermehrte, wurde er nur den verschwiegensten unter den Priestern anvertraut, und diese lieen ihn mit leiser Stimme von ihren Brdern whrend der Segnung des Volkes wiederholen. Der Name von zweiundvierzig Buchstaben wurde endlich als das heiligste Geheimnis betrachtet. Man lehrte ihn nur einem Mann von anerkannter Verschwiegenheit, reifem Alter, welcher dem Zorn, der Unmigkeit und Eitelkeit unzugnglich und in angenehmem Verkehr mit seines Gleichen lebte. Wer, sagt der Talmud, in dieses gttliche Geheimni eingeweiht war und dasselbe wachsam, in reinem Herzen bewahrt, kann auf die Liebe Gottes und die Gunst der Menschen zhlen; sein Name flt Achtung ein, sein Wissen darf das Vergessenwerden nicht frchten und er wird der Erbe beider Welten, der gegenwrtigen und der knftigen.[358] Maimonides bemerkt mit viel Scharfsinn, da in keiner Sprache ein aus zweiundvierzig Buchstaben bestehender Namen existiert, und da dies im Hebrischen noch unmglicher sei, da dasselbe keine Vokale besitzt. Er hlt sich deshalb zu dem Schlu berechtigt, da diese zweiundvierzig Buchstaben auf mehrere Worte entfielen, von denen ein jedes eine notwendige Idee oder ein fundamentales Attribut des ewigen Wesens ausdrckte, welche in ihrer Gesamtheit die wahre Definition der gttlichen Wesenheit ergaben. Sagt man alsdann, fhrt unser Autor fort, da der hier in Frage stehende Name der Gegenstand eines Studiums, einer nur den Weisesten vorbehaltenen Lehre war, so will man uns zweifelsohne zu wissen thun, da mit der Definition der gttlichen Wesenheit notwendige Aufklrungen und gewisse Enthllungen ber die Natur der Gottheit und der Dinge im allgemeinen verbunden waren. Dies ist noch zutreffender fr das Tetragrammaton, denn wie wre es sonst mglich, einem in der Bibel so hufig gebrauchten Wort, von welchem diese selbst die Erklrung giebt: Ich bin, der ich bin, einen geheimen Sinn unterzulegen, den die Weisesten des Volkes wchentlich einmal ihren auserlesensten Schlern im Geheimen mitteilten? Das, was der Talmud die Kenntni der Namen Gottes nennt, sagt Maimonides, ist nichts als ein guter Theil der Wissenschaft von Gott, oder der Metaphysik, was man die Probe des Vergessens nennt, denn ein Vergessen ist nicht mglich fr Ideen, welche ihren Sitz in der aktiven Intelligenz, d.h. in der Vernunft haben. Es drfte schwer sein, sich diesen Reflexionen hinzugeben, wenn nicht die tiefe Wissenschaft und die allgemein anerkannte Autoritt der Talmudisten sich nicht schlielich doch an den gesunden Menschenverstand des freien Denkers wendete. Wir wollen hier nur eine einzige Beobachtung anfhren, die, wenn auch in den Augen des kritischen Verstandes bestreitbar, doch nicht ohne Wert fr die hier behandelte Ideenfolge ist, und die wir als eine geschichtliche Thatsache hinnehmen mssen, nmlich den Umstand, da die Buchstaben der heiligen zehn Sephiroth der Kabbala zusammengezhlt die Zahl zweiundvierzig ergeben. Ist es da nicht erlaubt anzunehmen, da dies der dreimal heilige Name sei, welchen man selbst den auserlesensten Weisen nur mit Zittern mitteilte? Wir finden eine volle Besttigung der gemachten Bemerkungen bei Maimonides: Zunchst bildeten die zweiundvierzig Buchstaben nicht nach gewhnlicher Annahme einen Namen, sondern mehrere Worte. Weiterhin drckt jedes Wort -- wenigstens nach der Anschauung der Kabbalisten -- ein wesentliches Attribut der gttlichen Natur aus oder, was fr sie dasselbe ist, eine der notwendigen Formen des gttlichen Seins. Endlich aber geben alle nach der kabbalistischen Wissenschaft, nach dem Sohar und allen Kommentatoren die exakteste Definition, welche unsere Intelligenz vom Grundprinzip aller Dinge gewhren kann. Diese Art, das Verstndnis des gttlichen Wesens zu suchen, ist durch einen Abgrund von der vulgren Glubigkeit getrennt, und man begreift nun sehr wohl die getroffenen Vorsichtsmaregeln, da dieses Geheimwissen nicht aus dem Kreis der Initiierten heraustrete. Doch, es sei nochmals gesagt, ist dies ein Punkt, welchem wir kein besonderes Gewicht beilegen wollen, es mge gengen, da wir die allen Citaten zu Grund liegende Thatsache zur Evidenz bewiesen haben. Zur Zeit der Zusammenstellung der Mischna existierte also eine Geheimlehre ber die Schpfung und die Natur der Gottheit. Man einigte sich ber die Art der Einteilung dieser Lehre, deren Name bei den nicht Eingeweihten einen frommen Schauder hervorrief. Wre es nun nicht mglich, genau die Zeit ihres Ursprungs zu bestimmen und so die denselben umgebende Finsternis aufzuhellen? In dieser Beziehung lt sich folgendes sagen: Nach Ansicht der vertrauenswrdigsten Historiker wurde die Redaktion der Mischna sptestens im Jahre 3949 der Schpfung oder 189 n.Chr. beendet. Weiterhin mssen wir uns ins Gedchtnis zurckrufen, da Judas hanassi nur die Vorschriften und Traditionen der ihm vorausgehenden Thannam sammelte, und da weiterhin die oben mitgeteilten Citate, welche die unvorsichtige Mitteilung der Geheimnisse der Schpfung und Merkaba verbieten, lter sind, als die Mischna selbst. Es ist wahr, man kennt den Autor obiger Citate nicht, aber eben dieser Umstand ist der sicherste Beweis fr ihr Altertum, denn wenn sie nur die Meinung eines Einzelnen aussprchen, so wrden sie entweder nicht so viel Gewicht besessen haben, um Autoritt werden zu knnen, oder man wrde ihren verantwortlichen Urheber genannt haben. Weiterhin mu eine Lehre selbst lter sein als ein Gesetz, welche ihre allgemeine Bekanntmachung verbietet. Sie mute bekannt geworden sein und eine gewisse Autoritt erworben haben, bevor man die Gefahr ihres Bekanntwerdens nicht sowohl unter dem Volk, als unter den Gelehrten und Weisen in Israel einsah. Wir knnen also ihre Entstehung unbedenklich mindestens in das Ende des ersten christlichen Jahrhunderts setzen. Es ist dies die Zeit, in welcher Joseph ben Akiba und Simon ben Jochai lebten, welchen die Kabbalisten die Autorschaft ihrer wichtigsten und berhmtesten Bcher zuschreiben. In dieser Zeit lebte auch Rabbi Joseph von Sepphoris, der Verfasser der Idra Rabba, eines der wichtigsten und ltesten Theile des Sohar, welcher zu den vertrautesten Freunden und eifrigsten Schlern des Simon ben Jochai gehrte. Die Idra Rabba ist derjenige kabbalistische Traktat, welchem wir die meisten auf die Merkaba bezglichen Citate entnahmen. Zu der Zahl der das Alter, wenn nicht der Bcher, so doch der kabbalistischen Ideen bezeugenden Autoritten gehrt auch die unter dem Namen des Onkelos vorhandene chaldische bersetzung der fnf Bcher Mosis. Diese berhmte bersetzung stand von Anfang an in so hohem Ansehen, da sie fr eine gttliche Offenbarung gehalten wurde. Ja der babylonische Talmud nimmt an, da Moses dieselbe auf dem Sinai gleichzeitig mit dem geschriebenen und dem mndlichen Gesetz erhalten habe, da sie durch Tradition bis auf die Zeit der Thannam gekommen sei, und da dem Onkelos allein der Ruhm ihrer Niederschrift gebhre. Eine groe Anzahl moderner Theologen will in ihr die Grundlage des Christentums sehen und den Namen der zweiten gttlichen Person in dem Wort Mimra finden, welches in der That das Wort, der Gedanke, %logos% bedeutet, und welches der Verfasser dem Namen Jehovah substituiert. Thatsache ist, da in dem ganzen Buch ein der Mischna, dem Talmud, dem ganzen vulgren Judaismus, ja selbst dem Pentateuch entgegengesetzter Geist herrscht; mit einem Wort, die Spuren des Mysticismus sind nicht selten. So wurde es mglich, da eine Idee an die Stelle einer Sache oder eines Bildes trat, da der geschriebene Buchstabe dem geistigen Sinn aufgeopfert wurde, und da der zerstrte Anthropomorphismus die gttlichen Attribute in ihrer Nacktheit sehen lie. In einer Zeit, wo der Kultus des Buchstabens bis zur Idololatrie ging, wo die Menschen ihr Leben damit zubrachten, die Verse, Worte und Buchstaben des Gesetzes zu zhlen, wo die offiziellen Lehrer, die legitimen Vertreter der Religion nichts Besseres zu thun wuten, als die Intelligenz sowohl als den Willen unter einem Wust uerlicher Religionsvorschriften zu ersticken, macht uns dieser Abscheu vor allem Materiellen und Positiven, die Gewohnheit, sowohl Grammatik als Geschichte einem hochgeschraubten Idealismus zu opfern, unfehlbar die Existenz einer Geheimlehre klar, welche alle charakteristischen Eigenschaften und Prtensionen des Mysticismus besitzt und die sicher nicht erst von dem Tage stammt, an welchem ihre Existenz verlautbarte. Ohne der Sache zu viel Gewicht beizulegen, sei noch bemerkt, da die Kabbalisten ihre Zuflucht zu wenig rationellen Mitteln nahmen, um zu ihren Zwecken zu gelangen und ihre eigenen Ideen in die gttliche Offenbarung einzufhren. Eines dieser Mittel bestand in der Bildung eines neuen Alphabets, wobei man die Buchstaben nach ihrem Zahlenwert betrachtete oder sie vielmehr nach einer durch denselben gegebenen Ordnung vertauschte. Diese Methode wird hufig im Talmud angewendet, wurde aber schon weit frher in der chaldischen Paraphrase des Jonathan ben Usiel gebraucht, eines Schlers und Zeitgenossen von Hillel dem lteren, welcher whrend der ersten Regierungsjahre des Herodes in hohem Ansehen stand. Es ist richtig, da hnliche Prozeduren unterschiedslos den verschiedensten Ideen dienen knnen, aber man findet nicht leicht eine knstliche Sprache, deren Schlssel man sowohl nach seinem Willen verbergen kann, wenn man entschlossen ist, seine Gedanken der groen Menge zu verbergen. Aber, obschon der Talmud oft analoge und weit ltere hnliche Methoden anwendet, auf welche wir zurckkommen werden, so ist diese doch die seltsamste. Vergleicht man alle zusammen, so kommt man zu dem Schlu, da vor dem Ende des ersten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung sich geheimnisvoll unter den Juden eine hochverehrte Wissenschaft sich verbreitete, welche von der Mischna, dem Talmud und der heiligen Schrift sehr verschieden ist, eine mystische Lehre, welche von dem Bedrfnis der Reflexion und Selbstndigkeit, besser gesagt, der Philosophie, erzeugt wurde, und in welcher man mit Vorliebe die Autoritt der Tradition und der heiligen Schrift vereinigt sah. Die Urheber dieser Lehre, welche man jetzt Kabbalisten nennt, drfen nicht mit den Essern verwechselt werden, welche schon bedeutend frher bekannt waren und ihre Gebruche wie ihren Glauben bis in das Zeitalter Justinians erhielten. Wenn wir Philo und Josephus, den einzigen vertrauenswrdigen Berichterstattern ber dieselben Glauben schenken[359], so war der Zweck dieser Sekte lediglich ein moralischer und praktischer; sie strebten die Herrschaft des Geistes der Gleichheit und Brderlichkeit unter den Menschen an, also das Gleiche, was Christus und die Apostel wollten. Die Kabbala aber ist im Gegenteil nach den uns berlieferten alten Zeugnissen eine durchaus spekulative Wissenschaft, welche die Geheimnisse der Gottheit und der Schpfung entschleiern will. Die Esser hingegen bildeten eine organisierte Gesellschaft, welche mit den religisen Bruderschaften des Mittelalters vergleichbar ist; ihre Anschauungen wie ihre Ideen reflektierten sich in ihrem uern Leben, und sie nahmen alle in ihre Gemeinschaft auf, welche ein reines Leben fhrten, selbst Frauen und Kinder. Die Kabbalisten waren im Gegensatz zu den Essern von ihrem ersten Auftreten an in Geheimnisse gehllt. Erst nach und nach ffneten sie unter tausend Vorsichtsmaregeln einem neuaufgenommenen Adepten die Thre ihres Sanktuarium ein wenig, bei dessen Auswahl sie jedoch nur die Elite des Geistes bercksichtigten und darauf sahen, da sein Alter wie seine Weisheit Garantien fr seine Verschwiegenheit boten. Die Esser scheuten sich ungeachtet der pharisischen Strenge, mit welcher sie den Sabbath feierten, nicht, ffentlich die Traditionen zu verwerfen und zuzugestehen, da die Moral weit ber dem Kultus stehe, und waren sogar bezglich desselben weit entfernt, die vom Pentateuch vorgeschriebenen Opfer darzubringen und die anbefohlenen Ceremonien auszuben. Aber die Adepten der Kabbala banden sich wie die Karmaten unter den Mohammedanern und die meisten christlichen Mystiker streng an die uerlichen Gebruche; sie hielten sich genau an die Tradition, welche sie zu ihren Gunsten auslegten, und mehrere von ihnen waren -- wie schon gesagt -- berhmte Mischnagelehrte, und auch noch in den spteren Zeiten wurden sie selten diesen Geboten der Klugheit untreu. Zweites Kapitel. Die kabbalistischen Bcher. Die Authenticitt des Sepher Jezirah. Wir kommen jetzt zu den Originalschriften, in welchen nach der allgemein verbreiteten Meinung das kabbalistische System seit seiner Entstehung niedergelegt ist. Nach den uns erhaltenen Titeln scheinen sie sehr zahlreich gewesen zu sein, allein wir beschftigen uns hier nur mit denjenigen, welche vollstndig erhalten geblieben sind und unsere Aufmerksamkeit sowohl durch ihre Wichtigkeit als durch ihr Alter fesseln. Dieselben entsprechen also der berlieferung des Talmud, da die Kabbala in die Geschichte der Schpfung und die heilige Merkaba zerfllt. Das eine ist betitelt: Buch der Schpfung ($Sepher Jezirah$) und enthlt, ich will nicht sagen ein physikalisches, wohl aber ein kosmologisches System, welches einer Epoche und einem Land entspricht, wo der Geist gewohnt war, alle Naturvorgnge aus einem unmittelbaren Eingreifen der Gottheit zu erklren, und in welcher demgem allgemeine Beziehungen und oberflchliche Beobachtungen fr Naturwissenschaft galten. Das andere Buch ist Sohar Licht genannt nach den Worten des Propheten Daniel[360]: Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels Glanz. Der Sohar beschftigt sich ausschlielich mit Gott, den Geistern und der menschlichen Seele, mit einem Wort, mit der intellektuellen Welt. Wir sind weit von der Annahme entfernt, da beide Bcher von gleichem Wert und gleicher Wichtigkeit sind. Das zweite ist viel umfangreicher, viel reichhaltiger, aber auch viel schwieriger als das erste und verdient eine weit eingehendere Behandlung. Jedoch mssen wir uns zunchst mit dem ersten als dem lteren beschftigen. Man hat sich zu Gunsten des Alters des Sepher Jezirah auf den Talmud berufen und dabei viel Scharfsinn vergeblich verschwendet. Wir bergehen also die diesbezglichen umlaufenden Legenden und Kontroversen mit Stillschweigen und suchen nur den Inhalt des Buches kennen zu lernen. Dies wird gengen, seinen Charakter zu taxieren und seinen frhen Ursprung kennen zu lernen. 1. Das System, welches das Buch Jezirah enthlt, entspricht genau den Begriffen, welche man sich nach seinem Titel von ihm machen mu, und wir knnen zunchst folgenden Satz aufstellen: Der Ewige, der Herr der Heerscharen, der Gott Israels, der lebende, allmchtige, allerhchste Gott, der von Ewigkeit ist, und dessen Name hehr und heilig ist, schuf die Welt durch zweiunddreiig Wege der Weisheit. 2. Die zur Erklrung des Werks der Schpfung angewandten Mittel, die den Zahlen und Buchstaben beigelegte Wichtigkeit machen es begreiflich, wie Unwissenheit und Aberglaube in spterer Zeit das angewandte Prinzip mibrauchten, wie sich die bekannten ber die Kabbala umlaufenden Fabeln verbreiteten, und wie die sogenannte praktische Kabbala entstehen konnte, welche durch die Kraft der Buchstaben und Zahlen den Lauf der Natur verndern zu knnen glaubt. Die Darstellungsweise des Jezirah ist einfach und schwerfllig, und man findet nicht das Geringste, was einem Beweis oder einer Begrndung gleicht; es enthlt nur in eine ziemlich regelmige Ordnung getheilte Aphorismen, welche ungefhr die gleiche Bndigkeit wie die alten Orakel besitzen. Eine Thatsache ist frappant, da nmlich das in spterer Zeit ausschlielich fr Seele gebrauchte Wort[361] gerade wie im Pentateuch und im ganzen alten Testament berhaupt fr den lebenden, von der Seele noch nicht verlassenen Leib gebraucht wird. Auerdem finden sich mehrere Worte fremden Ursprungs. So gehren z.B. die Namen der Planeten und des himmlischen Drachens[362] der Sprache der Chalder an, welche zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft einen fast allmchtigen Einflu auf die Juden ausbten. Hingegen wird man keinem der vielen griechischen und arabischen Ausdrcke begegnen, wie sie im Talmud oder in den Werken einer Zeit vorkommen, in welcher die hebrische Sprache bereits in den Dienst der Wissenschaft und Philosophie getreten war. Wir kommen also zu dem Schlu, da das Buch Jezirah zu einer Zeit, wo die jdische Civilisation noch nicht an der griechischen und arabischen teilnahm, ja vielleicht schon vor der Entstehung des Christentums abgefat wurde. Wir mssen jedoch zugestehen, da es nicht schwer ist, in dem uns beschftigenden Werk Spuren der Sprache und Philosophie des Aristoteles nachzuweisen. Nach dem oben citierten Satz, laut welchem der Ewige die Welt auf zweiunddreiig wunderbaren Wegen der Weisheit schuf, gebraucht das Buch Jezirah noch die Ausdrcke: der, welcher zhlt, das Gezhlte und die Handlung des Zhlens, was schon die ltesten Kommentatoren durch Subjekt, Objekt und die Handlung der Reflexion oder das Denken auslegen. Es ist unmglich, sich dabei nicht an den berhmten Satz des zwlften Buches der Metaphysik des Aristoteles zu erinnern: Die Intelligenz begreift sich selbst, indem sie das Intelligible wahrnimmt, und sie wird selbst intelligibel durch den Akt des Begreifens und Einsehens, insofern nmlich die Intelligenz und das Intelligible identisch sind. Jedoch liegt es auf der Hand, da obige Worte spter hinzugesetzt sind, insofern sie weder mit dem Satz selbst, noch im Vorausgehenden und Folgenden; sie kommen berhaupt im ganzen Verlauf des Werkes nicht wieder zum Vorschein, obgleich in demselben in der umfangreichsten Weise von dem Gebrauch der zehn Zahlen und zweiundzwanzig Buchstaben die Rede ist, welche die zweiunddreiig Wege bilden, deren sich die Gottheit bei der Schpfung bediente. Man begreift endlich kaum, wie sie ihren Platz in einem Werk finden konnten, in welchem nur die Rede von den verschiedenen Beziehungen der verschiedenen Teile der materiellen Welt ist. Was nun die Abweichungen der beiden Manuskripte der Mantuaer Ausgabe[363] anlangt, von denen das eine am Schlu des Bandes, das andere inmitten anderer Traktate abgedruckt ist, so sind dieselben nicht im Entferntesten so bedeutend, als manche moderne Kritiker annehmen wollen. Bei einer unparteiischen und eingehenden Vergleichung findet man nur einige unbedeutende Varianten, welche sich bei dem hohen Alter des Sepher Jezirah im Laufe der Jahrhunderte sehr leicht durch die Unaufmerksamkeit der Abschreiber und Kommentatoren einschleichen konnten. Andererseits behandeln die beiden Manuskripte nicht nur denselben Stoff, dasselbe von einem allgemeinen Standpunkt aus betrachtete System, sondern sie haben auch die gleiche Einteilung, die gleiche Kapitelzahl und den gleichen Inhalt der Kapitel; endlich aber sind die gleichen Gedanken mit den gleichen Ausdrcken dargestellt. Aber man findet nicht die gleiche bereinstimmung in der Zahl und Stellung derjenigen Stze, welche unter dem Namen Mischna hier und da eingestreut sind. Hier hat man sich nicht vor berflssigen Wiederholungen gehtet, an der einen Stelle die Stze unntig zusammengehuft und an der andern ungerechtfertigt getrennt und vereinzelt. Endlich erscheint ein Satz klarer als der andere, weniger bezglich des Wortlautes als hinsichtlich des Gedankenganges. Wir wollen nur eine einzige Stelle anfhren, bei welcher dieser letztere Unterschied auffllig hervortritt. Das eine Manuskript sagt ganz einfach, da der Urbeginn des Alls der Geist des lebendigen Gottes sei; das andere Manuskript fgt hinzu, da dieser Geist Gottes der heilige Geist sei, welcher gleichzeitig Geist, Stimme und Wort sei. Ohne Zweifel ist dieser Gedanke von hoher Wichtigkeit, aber er fehlt auch nicht in dem Manuskript, wo er weniger klar dargestellt ist, und er bildet, wie wir bald sehen werden, die Grundlage und das Schluergebnis des ganzen Systems. brigens wurde das Buch der Schpfung zu Anfang des zehnten Jahrhunderts ins Arabische bersetzt und kommentiert von Rabbi Saadiah, einem groen Geist und methodischen, klugen Kopf; derselbe hlt es fr eines der ltesten und frhesten Denkmler des menschlichen Geistes. Wir fgen, ohne diesem Zeugnis einen zu groen Wert beizulegen, hinzu, da die ihm whrend des zwlften und dreizehnten Jahrhunderts folgenden Kommentatoren der gleichen Meinung sind. Wie alle Werke einer weit zurckliegenden Zeit ist auch das uns beschftigende ohne Titel und Namen des Verfassers; jedoch schliet es mit folgenden merkwrdigen Worten: Und als Abraham, unser Vater, alle diese Dinge betrachtet, untersucht, ergrndet und erforscht hatte, offenbarte sich ihm der Herr der Welt und nannte ihn seinen Freund und machte ein ewiges Bndnis mit ihm und seiner Nachkommenschaft. Und Abraham glaubte an Gott, und dies ward ihm als ein Werk der Gerechtigkeit angerechnet, und der Glanz Gottes fiel auf ihn, denn von ihm sind die Worte gesprochen: Siehe, ich habe dich gekannt, ehe du im Mutterleib gebildet wurdest. Diese Stelle kann nicht als eine neue Erfindung gelten, denn sie findet sich in den beiden mantuanischen Texten und den meisten alten Kommentaren. Wahrscheinlich wurde sie im Interesse des Buches der Schpfung untergeschoben, damit es scheine, als ob der Stammvater der Hebrer der Verfasser dieses Buches sei und durch dasselbe zu dem Gedanken eines einzigen und allmchtigen Gottes gelangt sei. Ferner existiert unter den Juden eine Tradition, nach welcher Abraham groe astronomische Kenntnisse besa und sich allein durch die Betrachtung der Natur zu der Idee des wahren Gottes emporgeschwungen habe. Nichtsdestoweniger hat man bis heute obige Worte auf eine grobmaterielle Weise interpretiert. Man glaubte nmlich, da Abraham der Verfasser sei und nannte seinen Namen mit einer religisen Scheu. Folgendes sind die Ausdrcke, mit denen Moses Botril seinen Kommentar des Sepher Jezirah beginnt: Unser Vater Abraham, Friede sei mit ihm, schrieb gegen die Weisen seiner Zeit, welche nicht an das Prinzip der Einheit glaubten. Wenigstens sagt so Rabbi Saadiah -- das Andenken dieses Gerechten sei gesegnet! -- im ersten Kapitel seines Buches, welches den Titel fhrt: der Stein der Weisen.[364] Ich fhre seine eigenen Worte an: Die chaldischen Weisen bekmpften unsern Vater Abraham um seines Glaubens willen. Die chaldischen Weisen aber zerfielen in drei Sekten. Die erste glaubte, da das Weltall zwei in der Art ihrer Thtigkeit durchaus verschiedenen Grundursachen unterworfen sei, von denen die eine zu zerstren versuche, was die andere geschaffen habe. Es ist dies die Anschauung der Dualisten, die sich auf ein System sttzen, welches auf die Urheber des Guten und des Bsen gegrndet ist. Die zweite Sekte nimmt drei Grundprinzipien an, nmlich die eben genannten, welche sich gegenseitig aufheben, und das aus dieser Aufhebung entspringende Nichts. Die dritte Sekte endlich erkennt keinen anderen Gott als die Sonne an, welche sie als das Grundprinzip des Werdens und Vergehens betrachtet. Ungeachtet der groen und allgemein respektierten Autoritt des Moses Botril knnen wir seine Meinung nur als eine ganz vereinzelte betrachten, denn an die Stelle des Namens von Abraham ist lngst der des Ben Akiba getreten, eines der fanatischsten Trger der Tradition und eines der vielen Mrtyrer der Freiheit seines Landes, welcher verdient, zu den bewundernswertesten Helden gezhlt zu werden, wie sie je in Athen und Rom eine Rolle spielten. Uns erscheint jedoch diese letztere Annahme ebenso unwahrscheinlich und nicht besser begrndet als die erstere. berall, wo der Talmud Akiba erwhnt, erscheint er als ein fast gttliches, selbst ber Moses hinausragendes Wesen, jedoch reprsentiert er sich in keiner Weise als eine der Leuchten der Merkaba oder der Weisheit der Genesis, nichts lt vermuten, da er das Buch der Schpfung geschrieben habe oder irgend ein Buch von hnlicher Beschaffenheit, und im Gegenteil tadelt man ganz positiv an ihm, da er von der Gottheit gerade keine sehr erhabenen Anschauungen gehabt habe. So sagt z.B. Rabbi Joseph von Galila: O Akiba, wie sehr vermischest du Gewhnliches mit der gttlichen Majestt. Nur die Begeisterung, welche er einflte, die Geduld, mit welcher er Regeln fr alle Lebenslagen aufstellte, der von ihm vierzig Jahre lang gezeigte religise Eifer und endlich der Heroismus seines Todes haben der Tradition ein gewisses Gewicht gegeben; hingegen stimmen die ihm zugeschriebenen vierundzwanzigtausend Schler durchaus nicht mit dem Verbot der Mischna berein, auch nur das geringste Geheimnis der Kabbala bekannt zu machen. Einige neuere Kritiker haben geglaubt, es htten zwei verschiedene Bcher unter dem Titel Sepher Jezirah existiert, von denen das dem Abraham zugeschriebene und im Talmud erwhnte lngst verloren gegangen und nur das neuere uns erhalten geblieben sei. Morin, der Verfasser der +Exercitationes biblicae+, entnimmt einem Chronisten des 16. Jahrhunderts folgende Stelle, an welcher sich derselbe ber Akiba uert: Derselbe hat das Buch der Schpfung zu Ehren der Kabbala geschrieben; es existierte aber noch ein anderes von Abraham geschriebenes Buch der Schpfung, ber welches Rabbi Moses ben Nachman (abgekrzt Ramban genannt[365]), einen groen und wunderbaren Kommentar schrieb. Dieser zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts geschriebene und in der Mantuaer Ausgabe einige Jahre nach der erwhnten Chronik gedruckte Kommentar entspricht auf das Genaueste dem Buche Jezirah, wie wir es noch heute besitzen. Die meisten seiner Ausdrcke sind genau hinbergenommen, und es liegt auf der Hand, da der von uns genannte Chronist den Kommentar nicht gelesen hat. Endlich ist der erste, welcher an die Stelle des Namens von Abraham den des Akiba setzte, ein Kabbalist des 16. Jahrhunderts, Isaak Delares, welcher in seiner Vorrede zum Sohar fragt: Wer hat Rabbi Akiba erlaubt, unter dem Namen Mischna das Buch Jezirah zu schreiben, da dasselbe ein Buch ist, welches seit Abraham mndlich berliefert wurde? Allerdings ist dieser Ausspruch der Fiktion, welche wir zerstren wollen, entgegenstehend; aber nichtsdestoweniger beruht dieselbe auf der eben genannten Autoritt. Der Verfasser des Buches der Schpfung ist noch nicht entdeckt, und es ist nicht unsere Sache, den ber seinem Namen liegenden Schleier zu lften; ja wir glauben sogar, da dies bei dem geringen vorliegenden Material unmglich ist. Diese Ungewiheit kann sich aber nicht auf die im Sepher Jezirah demonstrierten Lehrstze erstrecken, welche das philosophische Interesse erwecken mssen, das dieser Stoff beanspruchen kann. Drittes Kapitel. Die Authenticitt des Sohar. Ein lebhaftes Interesse, aber auch groe Schwierigkeiten sind mit dem jetzt zu besprechenden litterarischen Denkmal, dem Sohar oder Buch des Lichtes, dem Universalkodex der Kabbala verbunden. In der bescheidenen Form eines Kommentars zum Pentateuch berhrt er mit groer Unabhngigkeit alle geistigen Fragen und erhebt sich manchmal zu Lehren, welche dem grten Genie unserer Zeit zur Ehre gereichen wrden. Aber er ist weit entfernt, sich bestndig auf dieser Hhe zu erhalten, sondern steigt oft zu einer Sprache, zu Ausdrcken und Ideen herab, welche den uersten Grad von Unwissenheit und Aberglauben verraten. Man findet in ihm einerseits die Einfachheit und den naiven Enthusiasmus der biblischen Zeit, andererseits Namen, Thatsachen, Kenntnisse und Gebruche, welche auf eine ziemlich vorgerckte Epoche des Mittelalters deuten. Diese Ungleichheit der Form wie des Inhalts, die bizarre, die verschiedensten Zeiten ineinander werfende Mischung des Charakters, das fast vllige Schweigen der beiden Talmud und endlich das Fehlen positiver Dokumente bis zum Schlu des 13. Jahrhunderts haben die verschiedensten Meinungen ber den Ursprung und den Verfasser dieses Buches aufkommen lassen. Wir wollen zunchst die ltesten und zuverlssigsten Zeugnisse beibringen und sprechen lassen, bevor wir unsere eigene Meinung ber diese schwierige Frage kund thun. Alles, was man ber die Entstehung und das Alter der Sohar sagt und vermutet, ist in einer durchaus unparteiischen Weise zwei Schriftstellern entnommen. Der erste derselben, Abraham ben Zakuth (um 1492) sagt in seinem Buch der Genealogien: Der Sohar, dessen Strahlen die Welt erleuchten und die tiefsten Geheimnisse des Gesetzes und der Kabbala enthllen, ist nicht das Werk des Simon ben Jochai, obgleich er unter dessen Namen verffentlicht wurde. Aber es ist von seinen Schlern verfat, welche es wiederum ihren Schlern anvertrauten und denselben die Fortsetzung ihrer Arbeit zur Aufgabe machten. Die mit der Wahrheit vollkommen bereinstimmenden Worte des Sohar wurden von Mnnern niedergeschrieben, welche spt genug lebten, um die Bestimmungen der Mischna und die Vorschriften des mndlichen Gesetzes zu kennen. Dieses Buch wurde erst nach dem Tod von Rabbi Moses ben Nachman (ca. 1309) und Rabbi Ascher (ca. 1320; beide spanische Juden) verbreitet, die es noch nicht kannten. Rabbi Gedalia, der Verfasser einer berhmten Chronik unter dem Titel Kette der Tradition sagt: Um das Jahr 5500 der Schpfung (1290 n.Chr.) gab es eine Anzahl Leute, welche annahmen, da alle im aramischen Dialekt geschriebenen Theile des Sohar das Werk des Rabbi Simon ben Jochai seien, und da ihm nur die in heiliger Sprache (dem reinen Hebrisch) abgefaten nicht zugeschrieben werden drften. Andere glaubten, da Rabbi Moses ben Nachman dieses Buch im heiligen Land entdeckt und nach Catalonien geschickt habe, von wo es nach Arragonien und in die Hnde des Rabbi Moses von Leon gekommen sei. Wieder Andere waren der Meinung, da Rabbi Moses von Leon als wohl unterrichteter Mann die Commentare selbst geschrieben und dieselben, um bei den Gelehrten seinen finanziellen Nutzen zu wahren, unter dem Namen des Rabbi Simon ben Jochai und seiner Freunde verffentlicht habe. Man fgt hinzu, da er dies gethan habe, weil er arm und von Geschften erschpft gewesen sei. Was mich jedoch anlangt, sagt Rabbi Gedalia, so glaube ich, da alle diese Meinungen grundlos sind, und da Rabbi Simon ben Jochai mit seinen heiligen Genossen in Wirklichkeit alle diese und noch andere Dinge gesagt haben, da sie aber zu seiner Zeit noch nicht niedergeschrieben, sondern, nachdem sie lange Zeit in verschiedenen Handschriften umgelaufen waren, gesammelt und geordnet wurden. Man darf sich darber nicht wundern, denn in gleicher Weise stellten Rabbi Ascher die Gemara und Rabbi Judas die Mischna zusammen, deren Manuscripte anfnglich in alle vier Enden der Erde zerstreut waren. Wir sehen aus diesen Worten, welchen die moderne Kritik auch nichts Wesentliches hinzuzufgen wei, da die uns beschftigende Frage drei verschiedene Lsungen gefunden hat. Eine Partei schreibt die Urheberschaft des Sohar mit Ausnahme der rein hebrischen Stellen, die brigens in keiner gedruckten Ausgabe[366] und in keinem bekannten Manuskript vorkommen, dem Rabbi Simon ben Jochai zu. Die andere Partei macht den Sohar zum Werk eines Betrgers, Moses von Leon, und setzt seine Entstehung in den Schlu des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts. Die dritte Partei endlich schlgt einen Mittelweg zwischen beiden Extremen ein: sie lt Simon ben Jochai die im Sohar enthaltene Philosophie seinen Schlern lehren, welche dieselbe mndlich fortpflanzten, bis nach einigen Jahrhunderten die zerstreuten Niederschriften im Sohar, wie er uns jetzt vorliegt, gesammelt worden seien. Die erste Anschauung verdient keine ernsthafte Widerlegung, und sie grndet sich auf folgendes dem Talmud entlehnte Faktum[367]: Rabbi Jehuda, Rabbi Joseph und Rabbi Simon ben Jochai waren eines Tages versammelt, und bei Ihnen befand sich ein gewisser Jehuda ben Gerim. Da sagte Rabbi Jehuda bezglich der Rmer: Was hat diese Nation gro gemacht? Doch nur das Erbauen von Brcken und die Einrichtung von Mrkten und ffentlichen Bdern. -- Auf diese Worte hin schwieg Rabbi Joseph, aber Rabbi Simon ben Jochai antwortete: Sie haben dies nur zu ihrem eigenen Nutzen gethan. Sie haben Mrkte eingerichtet, um Huren anzulocken; sie haben Brcken gebaut, um Zlle zu erheben, und Bder, um sich zu erfrischen. Rabbi Jehuda ben Gerim erzhlte weiter, was er gehrt hatte, und es kam zu den Ohren des Kaisers, welcher befahl: Jehuda, welcher mich gelobt hat, soll erhht werden; Joseph, welcher schwieg, soll nach Sipora (Sephoris) verbannt, und Simon, welcher mich geschmht hat, getdtet werden. Daraufhin verbarg sich dieser mit seinem Sohn in der Schule, und die Thrhterin brachte ihm jeden Tag ein Brod und einen Napf Wasser. Aber die Acht, welche auf ihn gelegt war, war sehr schwer, und Simon sprach zu seinem Sohn: Die Frauen sind von schwachem Charakter; deshalb steht zu befrchten, da unsere Thrhterin, wenn man ihr mit Fragen zusetzt, uns verrth. Auf diese Betrachtungen hin verlieen sie ihr Asyl und verbargen sich in einer Hhle. Dort schuf Gott durch ein Wunder zu ihren Gunsten einen Johannisbrotbaum und eine Quelle. Simon und sein Sohn legten ihre Kleider ab, vergruben sich bis an den Hals in den Sand und brachten ihre Tage mit der Betrachtung des Gesetzes zu. So lebten sie in dieser Hhle zwlf Jahre lang, bis der Prophet Elias am Eingang ihres Zufluchtsortes erschien und ihnen zurief: Wer verkndet dem Sohn des Jochai, da der Kaiser gestorben und sein Befehl vergessen ist? Darauf gingen sie hinweg, lebten wie andere Menschen und bebauten das Land. Whrend dieser zwlf Jahre der Einsamkeit und Verbannung soll nun nach dem Talmud Simon ben Jochai mit Hilfe seines Sohnes Eleazar das berhmte Werk geschrieben haben, an welches sein Name geknpft blieb. Aber, selbst wenn man aus dieser Erzhlung die beigemengten fabelhaften Umstnde ausscheidet, ist es noch immer sehr schwierig, die daraus gezogenen Folgerungen zu rechtfertigen, denn man kann natrlich unmglich sagen, was die Resultate der Betrachtungen waren, durch welche die beiden Proskribierten ihre Qualen zu vergessen suchten. Endlich findet man im Sohar eine Menge von Thatsachen und Namen, welche Simon ben Jochai, der nicht lang nach der Zerstrung Jerusalems um den Anfang des zweiten christlichen Jahrhunderts starb, unmglich kennen konnte. Wie konnte er z.B. von den sechs Teilen sprechen[368], in welche die etwa sechzig Jahre spter geschriebene Mischna zerfllt? Wie konnte er die Autoren und Vorschriften der Gemara erwhnen[369], welche nach dem Tod des heiligen Judas begonnen und fnfhundert Jahre nach Christus vollendet wurde? Wie konnte er die Namen, die Gesichtspunkte und andere Eigentmlichkeiten der Schule von Tiberias kennen, welche erst zu Anfang des sechsten christlichen Jahrhunderts entstand? Ja manche Kritiker wollen sogar die mohammedanischen Araber im Sohar unter dem Namen der Ismaliten erwhnt finden, und es ist in der That sehr schwer, sich der Beweiskraft folgenden Satzes zu verschlieen: Der Mond ist sowohl das Zeichen des Guten als des Bsen. Der Vollmond ist das Gute, der Neumond das Bse. Und weil er sowohl das Gute als das Bse in sich begreift, so haben ihn sowohl die Kinder Israels als Ismaels ihrer Rechnung zu Grund gelegt. Wenn eine Mondfinsterni eintritt, so ist dies ein bses Zeichen fr Israel, tritt dagegen eine Sonnenfinsterni ein, so ist es ein solches fr Ismael. Also bewahrheiten sich die Worte des Propheten: Die Weisheit der Weisen wird zu Grunde gehen, und die Klugheit der Klugen wird verdunkelt werden. Es mu jedoch bemerkt werden, da diese Worte nicht im Text, sondern in einem weit jngeren Kommentar stehen, welcher den Titel fhrt: der gute Hirte, $Ra'ya Meheimna$, und da sie die ersten Herausgeber aus eigener Machtvollkommenheit dem Sohar hinzufgten, weil sie an der betreffenden Stelle eine Lcke zu finden glaubten. Man hat im Sohar selbst noch eine bestimmtere Stelle finden wollen, welche ein Schler des Simon ben Jochai aus dem Munde seines Meisters gehrt haben will: Wehe ber den Augen, da Ismael zur Welt geboren wurde und das Zeichen der Beschneidung annahm. Denn was that der Herr, dessen Name gelobt sei? Er schlo die Kinder Ismaels von der himmlischen Verbindung aus. Aber da sie das Verdienst hatten, das Zeichen des Bundes angenommen zu haben, so behielt er ihnen fr ihren Theil den Besitz des heiligen Landes vor. Also sind die Kinder Ismaels bestimmt, das heilige Land zu beherrschen, und sie hindern die Kinder Israels dorthin zurckzukehren. Aber dies wird nur bis zu der Zeit dauern, in welcher das Verdienst der Kinder Israels erloschen sein wird. Alsdann werden sie schreckliche Kriege entfesseln, und die Kinder Edoms werden sich gegen sie vereinigen und sie schlagen zu Wasser, zu Land und bei Jerusalem. Der Sieg wird bald auf der einen und bald auf der andern Seite sein, aber das heilige Land wird nicht in die Hnde der Kinder Edoms gegeben werden. Zum richtigen Verstndnis dieser Zeilen sei bemerkt, da die hebrisch schreibenden jdischen Schriftsteller unter den Kindern Israels sowohl das heidnische, als das christliche Rom, als auch die Christenheit berhaupt verstehen. Da nun hier nicht vom heidnischen Rom die Rede sein kann, so hat man in dieser Stelle die Niederlagen der Sarazenen gegen die Christen whrend der Kreuzzge vor der Eroberung Jerusalems sehen wollen. Was die Prophezeiung des Simon ben Jochai anlangt, so habe ich wohl kaum ntig zu sagen, welches Gewicht sie unserer Ansicht nach besitzt. Auch will ich mich nicht lange bei der Darstellung der heute allgemein bekannten und von der modernen Kritik zur Genge wiederholten Thatsachen aufhalten. Ich will nur einen fr unser endliches Urteil ganz besonders wichtigen Umstand anfhren. Um die berzeugung zu gewinnen, da Simon ben Jochai nicht der Verfasser des Sohar, und dieses Buch selbst nicht die Frucht dreizehnjhriger Betrachtungen und der Einsamkeit sein kann, gengt es, einige Aufmerksamkeit auf die Erzhlungen zu verwenden, welche fast stets mit der Entwickelung des Gedankenganges verbunden sind. So vereinigte nach dem Idra Suta genannten Fragment, welches eine in jeder Hinsicht bewundernswrdige Episode in dieser ungeheuren Kompilation bildet, Rabbi Simon vor seinem Tode eine kleine Anzahl seiner Schler und Freunde um sich, unter welchen sich sein Sohn Eleazar befand. Simon sagte zum Letzteren: Du wirst studieren, Rabbi Aba wird schreiben und meine andern Freunde werden stillschweigend ihren Betrachtungen nachhngen. An allen andern Stellen spricht der Meister in den seltensten Fllen; wohl aber sind seine Worte im Munde seiner Shne und Freunde, welche sich noch nach seinem Tod versammeln, um ihre Erinnerungen auszutauschen und sich gegenseitig ber den rechten Glauben zu belehren nach den Worten der heiligen Schrift: Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brder eintrchtig bei einander wohnen! -- Begegnen sich einige seiner Schler unterwegs, so dreht sich ihre Unterhaltung sofort um den gewhnlichen Gegenstand ihrer Betrachtungen und sie beginnen irgend eine Stelle des alten Testaments in einem geistigen Sinn auszulegen. Hier ein Beispiel statt tausend: Rabbi Jehuda und Rabbi Joseph waren unterwegs, und der erstere sprach zu seinem Reisegefhrten: Sage mir etwas vom Gesetz, denn wenn der Mensch die Worte des Gesetzes betrachtet, so steigt der Geist Gottes zu ihm herab oder geht vor ihm her, um ihn zu fhren.[370] Man pflegt endlich, wie wir bereits oben sagten, Bcher zu citieren, von denen nur vereinzelte Bruchstcke auf uns gekommen sind, die aber notwendiger Weise lter als der Sohar sein mssen. So wollen wir nur folgende Stelle hierhersetzen, von welcher man glauben knnte, da sie von einem Schler des Copernicus geschrieben sein msse, wenn ihr Ursprung nicht mit voller Gewiheit sptestens in das Ende des 13. Jahrhunderts zu setzen wre[371]: Im Buch des Rabbi Hamnuna des ltern wird vermittelst verschiedener Erklrungen gelehrt, da sich die Erde um sich selber kreisfrmig dreht, da Einige oben und Andere unten sind, da alle Menschen nacheinander in gleicher Lage die verschiedenen Stellungen des Himmels zu Gesicht bekommen, da ein Theil der Erde erleuchtet ist, whrend der andere in Dunkelheit liegt, da ein Theil der Menschen Tag hat, whrend es bei den andern Nacht ist, da es Gegenden giebt, wo es bestndig Tag ist, oder wo wenigstens die Nacht nur wenige Augenblicke dauert. Es liegt auf der Hand, da der Verfasser des Sohar, sei er, wer er sei, gewi nicht Rabbi Simon ben Jochai sein kann, dessen Tod und letzte Augenblicke darin erzhlt werden. Sind wir aber deshalb gentigt, die Ehre seiner Urheberschaft einem obskuren Rabbi des dreizehnten Jahrhunderts, einem unglckseligen Charlatan, zuschreiben zu mssen, welcher seinem Elend auf eine ebenso unwrdige als unsichere Weise ein Ende machen wollte? Ganz gewi nicht. Und selbst wenn wir die innerste Natur, den innersten Wert des Buches prfen, so macht es nicht die mindeste Mhe darzulegen, da diese Ansicht ebensowenig als die erste begrndet ist. Doch mssen wir zu ihrer Widerlegung positive Beweisgrnde beizubringen suchen. Der Sohar ist in aramischer Sprache geschrieben, welche keinem ausgesprochenen Dialekt angehrt. Welche Absicht knnte wohl Rabbi Moses von Leon gehabt haben, als er sich eines Idioms bediente, das zu seiner Zeit gar nicht gebruchlich war? Wollte er, wie ein neuerer, bereits angefhrter Kritiker annimmt[372], seinen Erdichtungen eine gewisse Wahrscheinlichkeit geben, wenn er die Personen des Sohar, unter deren Namen er seine Ideen einschmuggelte, in der Sprache ihrer Zeit reden lt? Aber selbst, wenn er so ausgedehnte Kenntnisse besessen htte, so wrde er selbst nach der Meinung der von uns hier bekmpften Gegner nicht haben bersehen drfen, da Simon ben Jochai und seine Freunde zu den Verfassern der Mischna gehren, deren gewohnte Sprache der jerusalemitische Dialekt war, und welche demnach gewi hebrisch geschrieben htten. Er wrde sich also gewi der letzteren Sprache bedient haben, wenn er den Sohar durch Einschmuggelung seiner eigenen Ideen htte flschen wollen, welcher Betrug sicher bald entdeckt worden wre. Da wir aber nirgends etwas dergleichen auf unsere Zeit Gekommenes finden, so braucht uns obige Annahme nicht mehr zu beschftigen. Aber sei sie wahr oder falsch, sie dient zur Bekrftigung folgenden Umstandes: Wir wissen mit grter Gewiheit, da Moses von Leon in hebrischer Sprache ein kabbalistsches Werk unter dem Titel: der Name Gottes oder einfach der Name ($Sefer Hashem$) schrieb. Moses Corduero besa dieses noch handschriftlich erhaltene Werk und bringt daraus mehrere Stellen bei, aus welchen sich ergiebt, da es ein sehr subtiler und detaillierter Kommentar ber einige der dunkelsten Stellen der Lehren des Sohar ist, wie z.B.: Welches sind die verschiedenen Kanle oder -- so zu sagen -- Influenzen, wechselseitige Rapporte, welche zwischen den Sephiroth bestehen und die das gttliche Licht oder die Ursubstanz der Dinge von dem einen zum andern fhren? Lt sich nun annehmen, da derselbe Mann, welcher den Sohar in chaldisch-syrischer Sprache geschrieben haben soll, um die Schwierigkeiten desselben noch durch den Dialekt zu vermehren, um die in ihm erhaltenen Gedanken dem Volk zu verschleiern, im Hebrischen entschleierte und preisgab, was er in einer selbst von den Gelehrten halbvergessenen Sprache so ngstlich zu verbergen gesucht hatte? Glaubt man wirklich, da er durch diesen Wechsel der Methode bei seinen Lesern Erfolg erzielt haben wrde? Es ist in der That viel zu viel Zeit und Mhe mit viel zu gelehrten und komplizierten Kombinationen verschwendet worden, um einen unbedeutenden Mann der dmmsten Widersprche und grbsten Anachronismen zu beschuldigen. Ein anderer Grund zwingt uns, den Sohar fr weit lter als Moses von Leon und fr nicht europischen Ursprungs zu halten, nmlich der, da man nirgends eine Spur aristotelischer Philosophie und keine Erwhnung des Christentums und seines Begrnders findet, und es ist doch allbekannt, da whrend des 13. und 14. Jahrhunderts in Europa das Christentum und Aristoteles unbeschrnkt herrschten. Wie knnte man also annehmen, da in einer so fanatischen Zeit ein armer spanischer Rabbi, welcher in unverstndlicher Sprache ber religise Stoffe schrieb, der Anklage entgangen wre, welche so oft gegen sptere Schriftsteller erhoben wurde, nmlich, da sie sich nicht wie Saadiah, Maimonides und ihre Nachfolger von dem unwiderstehlichen Einflu der peripatetischen Philosophie htten frei machen knnen? Man lese aber alle Kommentare des Buches der Schpfung und werfe einen Blick auf alle religisen und philosophischen Schriften seiner Zeit, und man wird berall der Sprache des Organon und der unbeschrnkten Herrschaft der Philosophie des Stagyriten begegnen. Das Fehlen dieses Merkmals im Sohar ist aber von einer nicht hoch genug zu schtzenden Bedeutung. Man kann in den zehn Sephiroth, von denen wir weiter unten ausfhrlich sprechen werden, keine verkappte Nachahmung der aristotelischen Kategorien sehen, weil nmlich die letzteren nur einen logischen Wert besitzen, die ersteren hingegen ein erhabenes metaphysisches System darstellen. Wenn einige Teile der Kabbala ja einem System der griechischen Philosophie hneln, so ist es das System Platos, welcher ja bekanntlich einem gewissen Mysticismus ergeben war; Plato war aber damals auerhalb seines Vaterlandes sehr wenig bekannt. Endlich aber bemerken wir, da die im Sohar gebrauchten Ideen und Ausdrcke, welche zur Erluterung des kabbalistischen Systems dienen, in weit lteren Schriften als solchen vorkommen, die zu Ende des 12. Jahrhunderts abgefat wurden. So ist z.B. der von uns schon genannte Moses Botarel, einer der Kommentatoren des Sepher Jezirah, der die Emanationstheorie nach den Anschauungen der Kabbalisten lehrt, von Saadiah wohl gekannt, denn dieser fhrt folgende Stelle des ihm zugeschriebenen der Stein der Weisen genannten Buches an: O du, der du aus den Cisternen schpfst, hte dich, wenn man dich versuchen will, die Emanationslehre zu enthllen, denn dieselbe ist ein groes Geheimni im Munde der Kabbalisten, und ein anderes Geheimni ist enthalten in den Worten des Gesetzes: Ihr sollt den Herrn nicht versuchen! Aber Saadiah greift die Emanationslehre, welche die Grundlage des ganzen im Sohar entwickelten Systems ist, heftig in seinem Glauben und Meinen betitelten Buch an, wie einwandsfrei aus folgender Stelle desselben hervorgeht[373]: Ich bin oft Leuten begegnet, welche die Existenz eines Schpfers nicht leugnen, aber nicht begreifen, wie unser Geist fassen knne, da irgend etwas aus nichts geschaffen sei. Da nun der Schpfer das einzige Wesen ist, welches von Anbeginn an existiert, so mu ihrer Meinung nach das Weltall aus der eigenen Wesenheit des Schpfers hervorgegangen sein. Diese Leute (Gott behte euch vor ihren Anschauungen) sind noch sinnlicher als alle andern, von denen wir bisher gesprochen haben. Der Sinn dieser Worte wird noch klarer, wenn man in demselben Kapitel liest, da der Glaube, auf welchen sie anspielen, durch die Worte bei Hiob[374] gerechtfertigt werde: Woher kommt denn die Weisheit? Und wo ist die Sttte des Verstandes? -- Gott wei den Weg dazu und kennet ihre Sttte. Man findet hier in der That die Namen, welche der Sohar den drei ersten und obern Sephiroth weiht, und die alle andern in sich fassen: nmlich die Weisheit, den Verstand und die Sttte. Anstatt Sttte sagen nun die Kabbalisten das Nichtseiende und nennen sie so, weil das Nichtseiende das Unendliche ohne Attribut, Form und Eigenschaft in einem unbegreiflichen Zustand ohne Realitt reprsentiert.[375] Dies ist der aus dem Nichtseienden gezogene Sinn, sagen die Kabbalisten. Derselbe Autor giebt uns auch eine psychologische Theorie, welche vllig identisch mit der Simon ben Jochai zugeschriebenen ist[376] und lehrt uns, da das im Sohar[377] enthaltene Dogma der Prexistenz und Rincarnation zu seiner Zeit von Leuten angenommen worden sei, welche nur dem Namen nach Juden gewesen seien und ihre extravagante Meinungen durch das Zeugnis der heiligen Schrift zu sttzen gesucht htten. Dies ist jedoch nicht alles, denn der heilige Hieronymus spricht in einem seiner Briefe[378] von den zehn mystischen Namen (+decem nomina mystica+), durch welche die Engel die Gottheit bezeichneten. Diese von Hieronymus erwhnten und ausgewhlten Namen sind aber genau dieselben, mit welchen der Sohar die zehn Sephiroth oder Attribute der Gottheit bezeichnet. Sie mgen hier folgen, wie sie im Buch des Geheimnisses ($Sifra Ditzni'uta$), einem der ltesten Fragmente des Sohar enthalten sind und gleichzeitig die Grundprinzipien der Kabbala in sich fassen: Wenn der Mensch eine Bitte an den Herrn richten will, so mu er stets die heiligen Namen Gottes anrufen, nmlich: Eheie, Jah, Jehovah, El, Elohim, Jedud, Eloha, Sabaoth, Schadai, Adonai. Dies sind die zehn Sephiroth, welche heien: Krone, Weisheit, Verstand, Schnheit, Gnade, Gerechtigkeitusw. Alle Kabbalisten stimmen darin berein, da die zehn Namen Gottes und die zehn Sephiroth einunddasselbe sind, nmlich der geistige Teil derselben sei die Wesenheit der gttlichen Emanationen. Hieronymus spricht auch in mehreren seiner Schriften von gewissen hebrischen Traditionen, welche das Paradies, oder, wie es hebrisch heit: Eden ($Gan Eden$), lter sei als die Welt.[379] Bemerkt sei dazu zunchst, da bei den Juden keine andern Traditionen hnlichen Inhalts bekannt waren als die geheimnisvolle Wissenschaft, welche der Talmud die Geschichte der Schpfung nennt. Was ferner den mit ihrem Namen verbundenen Glauben anlangt, so stimmt derselbe vllig mit dem Sohar berein, wo die hchste Weisheit, das gttliche Wort, durch welches die Schpfung begonnen und vollendet wurde, das Prinzip aller Intelligenz und des ganzen Lebens, als das wahre oder obere Eden ($Eden ila'a$) bezeichnet wird. Aber ein schwerer als dies alles wiegender Umstand ist, da die Kabbala sowohl der Sprache als dem Inhalt nach mit allen gnostischen Sekten -- namentlich den in Syrien entstandenen -- und dem Religionskodex der Nazarener besitzt, welcher vor einigen Jahren entdeckt und aus dem Syrischen in das Lateinische bersetzt wurde. Es sei ferner noch bemerkt, da die Lehren eines Simon Magus, Elxa, Bardesanes, Basilides und Valentinus nur bruchstckweise in den Schriften einiger Kirchenvter wie Clemens von Alexandria und Irenus erhalten sind, die auf keinen Fall einem in der christlichen Litteratur gnzlich unbewanderten Rabbi des 13. Jahrhunderts bekannt waren. Wir sind also zu der Annahme gezwungen, da der Gnosticismus auf den Sohar nicht sowohl in seiner uns heute vorliegenden Form, als bezglich der in ihm enthaltenen Traditionen und Theorien einwirkte. Auer obiger Annahme ist noch die Ansicht zu erwhnen, welche die Kabbala zu einer Nachahmung der mystischen Philosophie der Araber macht und sie zur Zeit der Herrschaft der Khalifen ungefhr zu Anfang des elften Jahrhunderts entstehen lt, also in einer Epoche, wo sich die ersten Spuren des Mysticismus bei den Arabern zeigen. Diese Konjektur wurde schon im neunten Band der Memoiren der +Akademie des Inscriptions+ ausgesprochen, und auch Tholuck hat sie durch seine groe Gelehrsamkeit zu untersttzen gesucht. In einer lteren Schrift[380], worin er den Einflu der griechischen Philosophie auf die Araber untersucht, kommt Tholuck zu dem Schlu, da die Emanationslehre den Arabern zu gleicher Zeit wie die Philosophie des Aristoteles bekannt geworden sei. Die letztere jedoch wurde ihnen nur durch die Kommentare des Themistius, Theon von Smyrna, Aeneas von Gaza, Johann Philopon, mit einem Wort, mit alexandrinischen Philosophemen in einer sehr unvollstndigen Gestalt berliefert. Dieser vom Stamme des Islam abgelegte Zweig entwickelte sich zu einem ausgedehnten System, hnlich dem des Plotinos, welcher den Enthusiasmus ber die Vernunft setzt, und -- indem er alle Wesen aus der Gottheit hervorgehen lt, dem Menschen als Endziel der Vervollkommnung die Ekstase und Verneinung seiner selbst vorschreibt. Diesen halb griechischen, halb arabischen Mysticismus will Tholuck als die Quelle der Kabbala hinstellen.[381] Zu diesem Zweck greift er die Authenticitt der kabbalistischen Bcher und vor allem die des Sohar an, welchen er als eine am Schlu des 13. Jahrhunderts entstandene Kompilation betrachtet, obschon er der Kabbala im allgemeinen ein hheres Alter zugesteht. Nachdem er dies auer allen Zweifel gesetzt zu haben glaubt, sucht er die vollkommene hnlichkeit der im Sohar enthaltenen Ideen mit denen des arabischen Mysticismus nachzuweisen. Jedoch bringt er kein Argument vor, das von uns nicht schon widerlegt wre, und wir brauchen uns nur an den letzten und zweifelsohne interessantesten Teil seiner Arbeit zu halten. Dabei sind wir jedoch gentigt, vorausgreifend uns mit den Grundlagen des kabbalistischen Systems zu beschftigen und daran einige ziemlich trockene Bemerkungen ber seinen Ursprung zu knpfen. Die erste Beobachtung, welche wir machen, ist die, da allerdings die hebrischen Lehren den arabischen vollkommen gleichen, ohne da die ersteren jedoch ein Abklatsch der letzteren zu sein brauchen. Wre es nicht mglich, da beide Lehren durch verschiedene Kanle aus ein und derselben Quelle geflossen sein knnten, welche lter als die arabische und alexandrinische Philosophie ist? Und in der That giebt auch Tholuck zu, da die Araber mit den Hauptwerken der alexandrinischen Philosophie unbekannt waren, da sie die Schriften des Plotinus, Jamblichus und Proclus, von denen weder eine syrische noch eine arabische bersetzung existiert, gar nicht, und von Porphyrius nur einen rein logischen Kommentar, nmlich die Einleitung seiner Abhandlung ber die Kategorien kannten. Andererseits aber lt sich kaum annehmen, da die im ganzen Altertum unter dem Namen der orientalischen Weisheit so hochberhmte parsistische Religionsphilosophie den Arabern bei ihrer Invasion nicht bekannt geworden wre, da sie doch offenbar der groen unter der Herrschaft der Abbassiden sich Bahn brechenden Bewegung zu Grunde liegt. Wissen wir doch, da Avicenna ein Werk ber die orientalische Weisheit schrieb, welche ein neuerer Autor auf Grund einiger weniger Citate fr eine Zusammenstellung neuplatonischer Ideen halten will. Er sttzt sich dabei auf folgende Stelle des Al Gazali: Du mut wissen, da zwischen der Krperwelt und der, von welcher wir sprechen (der Geisterwelt), hnliche Beziehungen obwalten wie zwischen unserm Krper und unserm Schatten. Hat sich jener Kritiker nicht in das Gedchtnis zurckgerufen, da in diesen Worten das Grundprinzip des Mazdeismus formuliert ist, und da die Juden von ihrer Gefangenschaft an bis zu ihrer Zerstreuung in ununterbrochener Verbindung mit Babylonien standen? Wir wollen uns bei diesem Punkt nicht lnger aufhalten, sondern nur sagen, da der Sohar ganz positiv die orientalische Weisheit wiederholt; er sagt: diese Weisheit, welche die Shne des Orients seit der frhesten Zeit kannten, und citiert aus ihr ein vollstndig mit seinen Lehren bereinstimmendes Beispiel. Schlielich kann hier keine Rede von den Arabern sein, welche die hebrischen Schriftsteller unabnderlich die Kinder Ismaels oder die Kinder Arabiens nennen. In solchen Ausdrcken spricht man aber nicht von gleichzeitigen Philosophen und ihren eben erst unter dem Einflu des Aristoteles und seiner alexandrinischen Kommentatoren entstandenen Lehren. Endlich wrde der Sohar den Ursprung seiner Lehren nicht in die lteste Zeit der Menschheit verlegen und sie nicht von Abraham den Shnen seiner Kebsweiber und von diesen den Vlkern des Orients berliefern lassen. Aber es ist gar nicht ntig, sich dieses Arguments zu bedienen, denn in Wahrheit bieten der arabische Mysticismus und der Sohar viel mehr Unterscheidungs- als Berhrungspunkte dar, denn die ersteren beschrnken sich nur auf einige in allen mystischen Systemen nachweisbare allgemeine Grundanschauungen, whrend die metaphysischen Hauptpunkte der beiden Systeme keinen Zweifel ber ihre Verschiedenheit aufkommen lassen. So sehen, um das Wichtigste hervorzuheben, die arabischen Mystiker in Gott die Grundsubstanz aller Dinge und die immanente Ursache des Weltalls und sie behaupten, da sich die Gottheit in dreierlei Weise offenbart habe: Erstens als Einheit oder absolutes Sein, in welchem noch keinerlei Scheidung war. Zweitens als die das Weltall bildenden Objekte, als diese anfingen sich in ihrer Wesenheit und intelligibeln Formen sich zu scheiden und sich vor der gttlichen Intelligenz als gegenwrtig darzustellen. Drittens als das Universum, die reale Welt selbst, in welcher die Gottheit sichtbar geworden ist. Das kabbalistische System ist weit davon entfernt, diesen Charakter der Einfachheit aufzuweisen. Zweifelsohne gilt auch in ihm die gttliche Wesenheit als die Grundsubstanz, als die Quelle, aus welcher von Ewigkeit, ohne da sie erschpft wird, alles Leben, alles Licht und alles Dasein fliet; aber anstatt der drei Manifestationen, der drei Generalformen des unendlichen Wesens, hat sie deren zehn, nmlich die zehn Sephiroth, welche sich in drei in einer Dreiheit aufgehenden Dreiheiten und eine hchste Form teilen. In ihrer Gesamtheit betrachtet, reprsentieren die Sephiroth nur den ersten Grad, die erste Sphre des Seins, nmlich das, was man die Welt der Emanationen nennt. Unterhalb derselben befinden sich noch von einander unterschieden in unendlicher Vielfltigkeit die Welt der reinen Geister oder der Schpfung, die Welt der Sphren und der sie lenkenden Intelligenzen oder die Welt der Formation, und als unterste Stufe endlich die Welt der Arbeit oder Thtigkeit. Die arabischen Mystiker nahmen ebenfalls eine Kollektivseele an, aus welcher alle einzelnen die Welt belebenden Seelen ausgeflossen seien, einen zeugenden Geist, welchen sie den Vater der Geister, den Geist Muhammeds, die Quelle, das Vorbild und die Wesenheit aller andern Geister nennen. In dieser Auffassung des Geistes hat man das Vorbild des Adam Kadmon, den himmlischen Menschen der Kabbalisten sehen wollen. Aber das, was die Kabbalisten mit diesem Namen bezeichnen, ist nicht allein das Prinzip der Intelligenz und des geistigen Lebens; es ist auch das, was sie fr ber und unter dem Geist stehend ansehen, nmlich die Gesamtheit der Sephiroth oder die ganze Emanationswelt, nmlich das Wesen in seinem abstraktesten und unbegreiflichsten Charakter bis herab zu den bildenden Krften der Natur, welches sie in diesem Sinn den Punkt oder das Nichtsein nennen. Weiterhin findet man bei den Arabern keine Spur der Metempsychose, welche im kabbalistischen System eine so groe Rolle spielt. Vergebens wird man auch in den Werken der arabischen Mystiker die fortlaufenden Allegorien, die bestndige Berufung auf die Tradition, die endlosen Geschlechtsregister nach den Worten des heiligen Paulus[382], die gigantischen und bizarren Metaphern suchen, welche so ganz mit dem Geist des alten Orients bereinstimmen. Schlielich kommt Tholuck von seiner anfnglich vertretenen Ansicht zurck und meint, es sei unmglich die Kabbala aus arabischen Quellen abzuleiten, eine Meinungsuerung, die bei einem philosophisch so geschulten gelehrten Orientalisten ganz besonders ins Gewicht fllt. Hier seine eigenen Worte: Was knnen wir nun aus diesen Analogien schlieen? Meines Erachtens sehr wenig. Denn was die beiden Systeme bereinstimmendes haben, findet sich bereits in den ltesten Geheimlehren, in den Bchern der Saber und Perser und bei den Neuplatonikern. Im Gegenteil aber ist die ungewhnliche Form, in welcher uns der Gedankeninhalt der Kabbala entgegentritt, der arabischen Mystik ganz fremd. Um nun zu beweisen, da die Kabbala wirklich aus der letzteren hervorgegangen wre, mte man vor allem die Lehre von den Sephiroth untersuchen; aber von ihnen findet sich bei den arabischen Mystikern, welche nur eine einzige Art und Weise kennen, wie Gott sich selbst offenbart, nicht die mindeste Spur; wohl aber nhert sich hier die Kabbala den Lehren der Saber und Gnostiker. Ist nun die Unzulssigkeit der Annahme dargethan, da die Kabbala arabischen Ursprungs sei, so verliert die Meinung, welche den Sohar zu einem Werk des 13. Jahrhunderts machen will, den letzten Halt. Der Sohar enthlt ferner, wie wir s.Z. nher darlegen werden, ein philosophisches Werk von hchstem Gedankenflug und einer ungeheuren Ausdehnung; ein solches Werk entsteht aber nicht -- so zu sagen -- ber Nacht in einer Epoche der Unwissenheit und des blinden Glaubens, und namentlich nicht bei einer Menschenklasse, auf welcher der Druck der Verachtung und Verfolgung lastet. Endlich aber begegnen wir im ganzen Mittelalter weder Vorlufern noch Elementen des kabbalistischen Systems, weshalb wir gentigt sind, die Entstehung desselben in das Altertum zurckzuversetzen. Wir sind nun jetzt bei Jenen angelangt, welche behaupten, da Simon ben Jochai thatschlich einer kleinen Anzahl seiner Schler und Freunde, unter welchen sich auch sein Sohn befunden habe, die die Basis des Sohar bildenden metaphysischen und religisen Lehren mitgeteilt habe. Diese Lehren seien dann als unverletzliche Geheimnisse von Mund zu Mund berliefert und nach und nach niedergeschrieben worden. In neuerer Zeit seien nun diese Traditionen mit Anmerkungen und Kommentaren versehen worden, wodurch sie zum Teil ihre Eigentmlichkeit vernderten, und endlich gegen das Ende des 13. Jahrhunderts hin von Palstina nach Europa gekommen. Wir hoffen, da diese bisher nur schchtern als Konjektur vorgetragene Meinung bald den Charakter der vlligen Gewiheit annehmen wird. Wie schon der Verfasser der die Kette der Tradition betitelten Chronik bemerkt, stimmt der Sohar vollkommen mit der Geschichte der brigen religisen Denkmler des jdischen Volkes berein; sie vereinigt in sich die auf gemeinschaftlicher Grundlage stehenden Traditionen der verschiedenen Zeitalter und die Lehren der verschiedenen Meister, aus denen auch die Mischna wie der jerusalemitische und babylonische Talmud entstanden. Er sagt: Ich habe die Tradition gehrt, dieses Werk sei so umfangreich, da es in seiner Vollstndigkeit zur Belastung eines Kameels gengen wrde. Es lt sich nun aber nicht annehmen, da ein einziger Mann, auch wenn er sein ganzes Leben hindurch ber den betreffenden Stoff geschrieben htte, eine so schreckenerregende Probe seiner Fruchtbarkeit abgelegt haben knne. Endlich aber liest man in den in derselben Sprache geschriebenen und mit dem Sohar gleichalterigen Supplementen des Sohar ($Tikunei Zohar$), da derselbe nie ganz verffentlicht worden sei, oder -- um uns an den Wortlaut zu halten -- erst am Ende der Tage werde verffentlicht werden. Beginnt man nun den Sohar selbst zu untersuchen, um ohne Vorurteil einige Aufklrung ber seinen Ursprung zu erhalten, so ersieht man bald aus der Ungleichheit des Styls, aus dem Fehlen einer Einheit und Geschlossenheit nicht sowohl des Systems, als der Exposition, der Methode, der Anwendung der allgemeinen Grundstze wie endlich aus dem Gedankengang im Einzelnen, da es unmglich ist, die Autorschaft des Buches einer einzigen Person zuzuschreiben. Wir beschrnken uns auf eine kurze Darstellung der hauptschlichsten Differenzen der drei Hauptteile des Sohar, nmlich des Buches des Geheimnisses ($Sifra Ditzni'uta$), welches als der lteste Teil gilt; der groen Versammlung ($Idra Rabba$), in welcher sich Simon ben Jochai inmitten seiner Jnger reprsentiert; und endlich die kleine Versammlung ($Idra Zuta$), in welcher Simon auf dem Sterbebett vor seinem Ende drei seiner Schler zu sich berufen hat, um ihnen seine noch brigen Lehren mitzuteilen. Diese drei durch groe Zwischenrume in der ungeheuren Sammlung getrennten Werke bilden jedoch ein zusammengehriges Ganzes sowohl was die Thatsachen, als auch was den Gedankengang des Inhalts anlangt. Man findet darin bald in allegorischer Form, bald in durchaus metaphysischer Sprache eine fortlaufende und glnzende Beschreibung der gttlichen Attribute, ihrer verschiedenen Attribute, der Art und Weise der Schpfung und der Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen. Jedoch verlt der Sohar nicht selten diese Hhen der Spekulation, um zu dem uern und praktischen Leben herabzusteigen und die Beobachtung des Gesetzes und der religisen Gebruche zu empfehlen. Hufig begegnet man auch einem Namen, einer Thatsache oder einem Ausdruck, welcher uns die Authenticitt dieser Bltter bezweifeln lassen knnte, auf denen die Originalitt der Form dem Fluge des Gedankens preisgegeben wird. Das Wort fhrt immer der Meister, welcher seine Zuhrer nicht mit logischen Grnden, sondern nur durch die Macht seiner Autoritt berzeugt. Er demonstriert nicht, er erklrt nicht, er wiederholt nicht, was er von andern gelernt hat, sondern er versichert, und ein jedes seiner Worte wird als ein heiliger Glaubensartikel betrachtet. Diesen Charakter trgt besonders das Buch des Geheimnisses, ein sehr ausfhrliches, aber auch sehr dunkles Resum des ganzen Werkes. Man knnte von ihm sagen: +docebat quasi auctoritatem habens+. Im brigen enthlt das Buch anstatt einer fortlaufenden Exposition eine Menge ungeregelter Ideen; anstatt eines festen, konsequent verfolgten Planes, wobei die vom Autor als Belege seiner eigenen Ideen herangezogenen Schriftstellen sich dem Gedankengang anschmiegen mten, ist der Verlauf des Kommentars untergeordnet und ohne Zusammenhang. Jedoch ist, wie wir bereits bemerkten, die Auslegung der Schrift nur ein Vorwand, und wir werden, ohne den Bannkreis ihrer Ideen zu verlassen, durch den Text von einem Gegenstand zum andern gefhrt, womit sich die Traditionen der Schule des Simon ben Jochai beschftigte, der, anstatt ein logisch geordnetes System aufzustellen, dem Zeitgeschmack folgend, seine Ideen den Hauptstellen des Pentateuch anpate. Diese Ansicht wird noch durch den Umstand bestrkt, da oft nicht die mindesten Beziehungen zwischen dem betreffenden biblischen Text und den Stellen des Sohar bestehen, welche ihm als Kommentar dienen sollen. Dieselbe Zusammenhangslosigkeit und Unordnung herrscht in der Anordnung des Stoffes, und es finden sich nur eine kleine Anzahl von Stellen, die einen gleichfrmigen Charakter zur Schau tragen. Hier herrscht die metaphysische Theologie vllig souvern; aber ungeachtet der khnsten und hochfliegendsten Theorien begegnet man sehr hufig den materiellsten Details des uern Kultus oder kindischen Fragen, mit welchen die Gemaristen gleich den Kasuisten anderer Religionen Zeit und Papier zu verschwenden pflegten. Und hierin sind alle Argumente aufgehuft, deren sich die neueren Kritiker zur Sttze ihrer Anschauungen bedient haben, und wovon wir die Falschheit nachgewiesen zu haben hoffen. Dieser letztere Teil des Sohars endlich weist nach Form und Inhalt die Spuren einer ziemlich neuen Zeit auf, whrend die Einfachheit wie der glubige und naive Enthusiasmus der andern Teile an die Zeit und Sprache der Bibel erinnert. Wir wollen als Beispiel nur die Erzhlung vom Tode des Simon ben Jochai von Rabbi Aba anfhren, welcher derjenige Schler Simons war, den er mit der Niederschrift seiner Lehren beauftragt hatte: Die heilige Leuchte (so wurde nmlich Simon ben Jochai von seinen Schlern genannt) hatte den letzten Satz noch nicht beendet, als seine Worte stockten, whrend ich dennoch weiter schrieb; ich schrieb noch eine Zeit lang, obschon ich nichts mehr hrte. Ich erhob mein Haupt nicht, denn das Licht war zu hell, als da ich es htte betrachten drfen. Auf einmal vernahm ich eine Stimme, welche sprach: Lange Tage und Jahre des Glcks stehen dir bevor. -- Darauf hrte ich eine andere Stimme, welche sprach: Er verlangt dein Leben, und du giebst ihm die Jahre der Ewigkeit. Whrend des ganzen Tages wird das Feuer nicht vom Hause weichen, und Niemand wird sich ihm wegen des Feuers und Glanzes zu nhern wagen. -- Ich habe den ganzen Tag auf der Erde gelegen und meinen Klagen freien Lauf gelassen. Als das Feuer verschwunden war, sah ich, da die heilige Leuchte, der Heiligste der Heiligen, die Erde verlassen hatte. Er lag auf seiner rechten Seite, und sein Antlitz lchelte. Sein Sohn Eleazar stand auf, ergriff seine Hnde mit Kssen, und ich htte gern den Staub gegessen, den seine Fe berhrt hatten. Alsdann kamen alle seine Freunde, um ihn zu beklagen; aber keiner von ihnen konnte das Schweigen brechen. Aber endlich flossen ihre Thrnen. Rabbi Eleazar warf sich dreimal auf die Erde und konnte nur die Worte hervorbringen: Ach, mein Vater! mein Vater! Rabbi Hiah, der erste seiner Schler, setzte sich zu seinen Fen und sprach: Bis heute hat die heilige Leuchte nicht aufgehrt uns zu erleuchten und ber uns zu wachen, und jetzt knnen wir nichts weiter thun, als ihm die letzten Ehren zu erzeigen. Rabbi Eleazar und Rabbi Aba standen auf, um ihm sein Sterbekleid anzulegen; alsdann versammelten sich seine Freunde klagend um ihn, und Wohlgerche durchdufteten das ganze Haus. Er wurde auf die Bahre gelegt, und Rabbi Eleazar verrichtete mit Rabbi Aba dies traurige Geschft. Als die Bahre aufgehoben wurde, sah man ber Simons Antlitz einen feurigen Glanz in der Luft. Darauf hrte man eine Stimme, welche sprach: Kommt und feiert die Hochzeit des Rabbi Simon! -- So wurde Rabbi Simon, der Sohn des Jochai, jeden Tag von dem Herrn geehrt, und sein Loos war glcklich in dieser und der andern Welt. Er ist es, von dem gesagt wurde: Ruhe in Frieden nach deinem Ende und erwarte deinen Gewinn am jngsten Tage![383] Mag man nun auch ber den Wert dieser Stelle denken, wie man will, so giebt sie uns doch einen Begriff von dem Ansehen, in welchem Simon ben Jochai bei seinen Schlern stand, und von dem wahrhaft religisen Kultus, den die ganze kabbalistische Schule mit seinem Namen trieb. Zweifelsohne aber wird man in dem folgenden Text einen schlagenden Beweis fr die von uns vertretene Meinung finden, obschon dieser Text noch nie, weder in lterer noch in neuerer Zeit citiert wurde. Er sagt, nachdem er zwei Klassen von Gelehrten, die der Mischna ($marei Mishna$), und die der Kabbala ($marei kabbala$) unterschieden hat: Er gehrt zu denen, von welchen der Prophet Daniel sagt: Die weisen Mnner leuchten wie das Licht des Himmels. Es sind das diejenigen, welche sich mit dem Buch des Lichtes beschftigen, das gleich der Arche Noah zwei aus einer Stadt und sieben aus einem Knigreich in sich vereinigt. Aber manchmal vereinigt sie weder zwei aus einer Stadt, noch zwei aus einer Familie. Auf diese sind die Worte anwendbar: Der ganze Mensch wird in einen Flu geworfen werden. Dieser Flu aber ist das Licht dieses Buches.[384] Diese Worte erwhnen den Sohar, welcher demnach zu jener Zeit bereits geschrieben und unter demselben Namen wie heute bekannt war. Wir sind also zu dem Schlu gezwungen, da der Sohar whrend des Verlaufs mehrerer Jahrhunderte durch die Arbeit verschiedener Generationen von Kabbalisten entstand. Es mge hier nicht in wrtlicher bersetzung, die zu viel Raum beanspruchen wrde, wohl aber dem Inhalt nach eine durch ihre Beziehungen sehr wertvolle Stelle folgen, welche beweist, da die Lehren Simon ben Jochais lange Zeit nach seinem Tod in Palstina, wo er gelebt und gelehrt hatte, in Umlauf waren, und da sogar von Babylon Abgesandte kamen, um seine Worte zu sammeln. Rabbi Joseph und Rabbi Hesekiel waren eines Tages zusammen unterwegs, als die Rede auf den Vers des Predigers Salomonis kam[385]: Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh. Die beiden Weisen konnten nicht begreifen, da Salomo, der weiseste der Menschen, diese Worte geschrieben htte, welche, um mich des Originalausdrucks zu bedienen, eine offene Thr fr die Unglubigen bilden. Indem sie also sprachen, begegnete ihnen ein Mann, welcher -- von den Anstrengungen des langen Weges und dem Sonnenbrand erschpft -- zu trinken begehrte. Sie gaben ihm Wasser und fhrten ihn zu einer Quelle. Als sich der Fremde gelabt hatte, teilte er ihnen mit, da er ihr Glaubensgenosse sei, und da er durch die Vermittelung eines seiner Shne, der das Gesetz studiert habe, in ihre Wissenschaft eingeweiht worden sei. Darauf legten sie ihm die Frage vor, mit welcher sie sich vor seiner Ankunft beschftigt hatten. Fr den von uns hier verfolgten Zweck ist die Mitteilung, wie er sie auflste, berflssig; es genge, da er groen Beifall fand, und die Rabbinen ihn nicht von sich lassen wollten. Kurze Zeit darauf hatten die beiden Kabbalisten Gelegenheit sich zu berzeugen, da dieser Mann den Freunden angehrte, mit welchem Namen der Sohar die Adepten der Kabbala bezeichnet, und da er, obschon einer der grten Gelehrten seiner Zeit, aus Demut seinem Sohn die Ehren zukommen lie, welche ihm allein gebhrten. Er war von den Freunden zu Babylon abgesandt worden, um die Aussprche des Simon ben Jochai und seiner Schler zu sammeln. -- Alle andern in diesem Buch mitgeteilten Dinge tragen dieselbe Farbe und bewegen sich auf dem gleichen Schauplatz. Noch wollen wir erwhnen, da auch oft andere orientalische Glaubensstze, wie solche des Sabismus und Islam erwhnt werden, da sich aber nicht die geringste Erwhnung des Christentums findet, und es somit wahrscheinlich wird, da der Sohar in der gegenwrtig vorliegenden Gestalt erst zu Ende des 13. Jahrhunderts nach Europa kam. Einige der im Sohar enthaltenen Lehren waren, wie das Beispiel des Saadiah beweist, schon lange bekannt, aber es scheint eine Thatsache zu sein, da vor der Zeit des Moses von Leon und der Reise des Nachmanides nach dem heiligen Land, kein vollstndiges Exemplar desselben nach Europa gekommen ist. Was nun den Gedankeninhalt anlangt, so belehrt uns Simon ben Jochai selbst, da derselbe nicht ihm entstammt, sondern da er seinen Schlern nur lehrte, was die Freunde in alten Bchern niedergeschrieben hatten. Er citiert hauptschlich Jeba den lteren und Hamnuna den lteren. Er hofft, da in dem Augenblick, wo er die tiefsten Geheimnisse der Kabbala enthllen will, ihm der Schatten des Hamnuna von sechzig Gerechten begleitet zuhren werde. Ich bin von der Annahme weit entfernt, da diese Bcher und Personen in der That ein so hohes Alter reprsentieren, sondern will nur darthun, da die Verfasser des Sohar den Simon ben Jochai niemals als den Erfinder der kabbalistischen Wissenschaft hinstellen wollten. Eine andere Thatsache verdient jedoch unsere grte Aufmerksamkeit. Es gab nmlich noch ber hundert Jahre nach dem Bekanntwerden des Sohars in Spanien immer noch Leute, welche die kabbalistischen Lehren durch mndliche Tradition berlieferten und berliefert erhalten hatten, wie z.B. Rabbi Moses Botril, welcher sich im Jahre 1409 ber die Kabbala und die Vorsichtsmaregeln, unter denen sie zu lehren sei, folgendermaen uert: Die Kabbala ist nichts als die reinste und heiligste Philosophie; aber die Sprache der Philosophie ist nicht die der Kabbala. Dieselbe trgt ihren Namen, nicht weil sie von Vernunftschlssen ausgeht, sondern weil sie durch die Tradition berliefert wird. Und wenn ein Lehrer ihren Inhalt seinem Schler berliefert hat und nicht das gengende Vertrauen in dessen Weisheit setzt, so wird diesem nicht eher erlaubt, von dieser Wissenschaft zu sprechen, als bis er von seinem Meister dazu autorisiert worden ist. Dieses Recht wird ihm gewhrt, d.h. er darf ber die Merkaba sprechen, wenn er gengende Proben seiner Intelligenz gegeben hat, und wenn die in seinen Busen gestreuten Samenkrner Frucht getragen haben. Man mu ihm aber Stillschweigen auferlegen, wenn man in ihm nur einen profanen Menschen erkannt hat, welcher noch nicht zu denjenigen gehrt, die sich durch ihre Meditationen auszeichnen. Der Verfasser dieser Zeilen ignoriert den Namen des Sohar, welcher auch nicht ein einziges Mal in seinem Werk genannt wird. Auf der anderen Seite nennt er aber eine groe Anzahl sehr alter dem Orient angehriger Schriftsteller, wie Rabbi Saadiah, Rabbi Hai und Rabbi Aron, das Oberhaupt der Schule von Babylon. Manchmal spricht er auch davon, da er seine Weisheit aus dem Munde seines Meisters habe, weshalb nicht anzunehmen ist, da er seine kabbalistischen Kenntnisse aus den von Nachmanides und Moses von Leon verffentlichten Manuskripten geschpft habe. Das System des Simon ben Jochai ist aber vor Anfang des 13. Jahrhunderts der berhmteste Vertreter der kabbalistischen Philosophie, das treu aufbewahrt und in einer Menge von Traditionen fortgepflanzt wurde, welche die Einen niederschrieben, whrend die andern nach dem Brauch ihrer Vter vorzogen, es in ihrem Gedchtnis zu behalten. Im Sohar selbst finden sich nur die Traditionen, welche dem ersten bis siebenten christlichen Jahrhundert entstammen, ohne da wir jedoch dadurch gentigt wrden, die Abfassung des Sohars in jene Zeit zurckzuversetzen. Wohl aber entstammen ihr die einander so hnlichen und durch den gleichen Geist verbundenen Traditionen, denn damals kannte man schon, wie wir bereits sahen, die Merkaba, d.h. den Teil der Kabbala, mit welchem sich der Sohar ganz besonders beschftigt; und Simon ben Jochai hatte, wie er selbst sagt, Vorlufer. Wir knnen unmglich die Entstehung dieser Traditionen in eine uns nahe liegende Zeit verlegen, da kein einziger Umstand dafr spricht; im Gegenteil stehen den der unsern entgegengesetzten Meinungen unberwindliche Hindernisse entgegen, unter welchen die von uns angefhrten Grnde nicht die geringsten sein drften. Es bleiben nun noch zwei Einwrfe zu widerlegen. Man hat eingewendet, da man whrend eines so frhen Zeitalters, in welchem unserer Ansicht nach das Hauptmonument des kabbalistischen Systems entstanden ist, unmglich das Copernikanische System, die Grundlage unserer Weltanschauung, gekannt haben knne, welche Kenntnis zweifelsohne aus der von uns oben citierten Stelle hervorgeht. Wir entgegnen darauf, da auf alle Flle, selbst wenn der Sohar eine am Schlu des 13. Jahrhunderts begangene Flschung wre, die betreffende Stelle doch lange vor der Geburt des groen preuischen Astronomen bekannt gewesen ist. Auch war diese Weltanschauung schon im klassischen Altertum bekannt, weil Aristoteles dieselbe der pythagorischen Schule zuschreibt. Er sagt[386]: Fast Alle, die den Lauf des Himmels erforscht zu haben, versichern, nehmen an, da sich die Erde im Mittelpunkt desselben befindet; aber die Philosophen der italischen Schule oder die Pythagorer lehren gerade das Gegentheil davon. Nach ihrer Meinung nimmt das Feuer die Mitte ein, und die Bewegung der Erde um dasselbe bringt Tag und Nacht hervor. Die ersten Kirchenvter haben in ihren Angriffen gegen die heidnische Philosophie diese mit der Genesis unvereinbare Weltanschauung widerlegen zu mssen geglaubt, und Lactanz sagt ber dieselbe: +Ineptum credere esse homines quorum vestigia sint superiora quam capita, aut ibi quae apud nos jacent inversa pendere; fruges et arbores deorsum versus crescere. -- Hujus erroris origenem philosophis fuisse quod existimarint rotundum esse mundum.+[387] Der heilige Augustin drckt sich ber denselben Gegenstand mit hnlichen Worten aus.[388] Endlich aber hatten die ltesten Autoren der Gemara Kenntnis von den Antipoden und der sphrischen Form der Erde, denn man liest im jerusalemitischen Talmud[389], da Alexander der Groe auf seinem Eroberungszug gelernt habe, die Erde sei rund, und da sie recht gut mit einem Ball verglichen werden knne. Der gegen uns sprechen sollende Umstand spricht also thatschlich fr uns, denn im Mittelalter war das wahre Weltsystem nur sehr wenigen bekannt, whrend das falsche des Ptolemus unbeschrnkt herrschte. Man knnte sich auch darber wundern, da in dem von uns fr den ltesten gehaltenen Teil des Sohar, der Idra Rabba oder groen Versammlung, medizinische Kenntnisse anzutreffen sind, die einer sehr vorgeschrittenen Civilisation anzugehren scheinen. Hier findet sich z.B. folgende bemerkenswerte Stelle, welche einem modernen Lehrbuch der Anatomie entnommen sein knnte[390]: Das Hirn inmitten des Schdels wird in drei Theile getheilt, deren jeder einen gesonderten Platz einnimmt. Zu uerst ist es mit einer sehr zarten Haut bedeckt, auf welche eine harte Haut folgt. Aus der Mitte dieser drei Theile des Gehirns verbreiten sich zweiunddreiig Kanle auf beiden Seiten durch den ganzen Krper, so da sie den Krper in allen Punkten umfassen und sich durch alle Theile erstrecken. Es ist unmglich, in diesen Worten sowohl die Hirnhute mit der Marksubstanz als die zweiunddreiig Nervenpaare zu verkennen, welche sich symmetrisch durch den Krper verteilen, um dem ganzen animalischen Haushalt Leben und Empfindung zuzufhren. Dabei ist jedoch zu bemerken, da der religise Zwang der Speisegesetze und die Furcht, etwas Unreines zu genieen, die Juden schon sehr frh zum Studium der Naturgeschichte und Anatomie fhren mute. So giebt es im Talmud eine Vorschrift, da der Genu des Fleisches derjenigen Tiere verboten sei, deren Gehirnhute durchbohrt sind. Jedoch sind die Meinungen ber diese Vorschrift geteilt. Einige nehmen an, da das Verbot nur dann gelte, wenn beide Hute, andere dagegen, wenn nur die +dura mater+ verletzt sei. Wieder andern gengt schon eine Trennung des Zusammenhangs der beiden Hute.[391] In demselben Traktat ist auch vom Rckenmark und seinen Huten die Rede, wozu bemerkt sei, da es um die Mitte des zweiten Jahrhunderts unter den Juden bereits rzte von Beruf gab, denn im Talmud wird erzhlt[392], da Judas, der Verfasser der Mischna, whrend dreizehn Jahre an einer Augenkrankheit litt, und da sein Arzt Rabbi Samuel, einer der eifrigsten Verteidiger der Tradition war, welcher auer der Medizin noch das Studium der Astronomie und Mathematik betrieb, und von dem man zu sagen pflegte, da er die Bahnen des Himmels gleich den Straen von Nehardea, seiner Vaterstadt, kannte. Wir beenden hiermit die bibliographischen Bemerkungen und die uere Geschichte der Kabbala, deren Bcher nicht, wie die Enthusiasten wollen, bernatrlichen und vorgeschichtlichen Ursprungs sind. Sie sind aber auch nicht, wie eine oberflchliche und parteiische Kritik will, die Erzeugnisse des Betrugs und der schmutzigen Spekulation eines vom Hunger getriebenen Charlatans, welcher ohne eigene Idee und berzeugung auf eine stupide Glubigkeit rechnet. Die Bcher Jezirah und Sohar sind, wir sagen es noch einmal, die Erzeugnisse mehrerer Generationen. Sei nun auch der Wert ihrer Lehren, welcher er wolle, so verdienen sie doch als Monumente des freien Denkens zu einer Zeit, wo der religise Despotismus mit bleiernem Druck auf den Vlkern lastete, alle Ehrfurcht. Aber das ist nicht der Hauptgrund unseres Interesses, sondern der Umstand, da ihr System einen der wichtigsten Marksteine in der Geschichte des menschlichen Denkens bildet. Viertes Kapitel. Die Lehren der kabbalistischen Bcher. -- Analyse des Sepher Jezirah. Die beiden Bcher, welche wir ungeachtet des Aberglaubens auf der einen und des Skepticismus auf der andern Seite als wahre Monumente der Kabbala erkannt haben, sollen uns allein das Material zu unserer Darstellung der kabbalistischen Lehren liefern, wobei es jedoch nicht selten die Dunkelheit der Texte ntig machen wird, da wir uns der Kommentare bedienen, denn die zahllosen, ohne Auswahl und Unterschied zu den verschiedensten Zeiten zusammengestellten Fragmente, aus denen diese Bcher bestehen, sind weit davon entfernt, einen einheitlichen Charakter zur Schau zu tragen. Einige von ihnen enthalten nichts als ein mythologisches System, dessen wesentliche Elemente sich bereits im Buche Hiob und den Visionen des Jesaias finden; sie belehren uns mit der grten Ausfhrlichkeit ber die Attribute der Engel und Dmonen und entsprechen zu sehr uralten volkstmlichen Anschauungen, um einer Wissenschaft anzugehren, welche seit ihrem Entstehen als ein schreckliches und unverletzbares Geheimnis galt. Andere und zweifelsohne die am sptesten entstandenen enthalten so knechtische Ideen und einen so ausgesprochenen Pharisismus, da man in ihnen nur talmudistische Ideen sehen kann, welche Stolz und Unwissenheit mit den Anschauungen jener berhmten Sekte vermischte, mit deren bloen Namen schon eine wahre Gtzendienerei getrieben wurde. Die bei weitem meisten Fragmente jedoch lehren uns den wahren Glauben der alten Kabbalisten, und sie bilden die Quelle, aus welcher -- mehr oder weniger von der Philosophie ihrer Zeit beeinflut -- bis auf die Gegenwart deren Schler und Nachfolger geschpft haben. Wir bemerken jedoch, da unsere eben aufgestellte Klassifikation nur den Sohar angeht. Was dagegen das Buch der Schpfung betrifft, so ist dasselbe, obschon es keinen groen Umfang besitzt und unsern Geist nicht zu schwindelnden Hhen emporhebt, doch von einer durchaus gleichmigen Komposition und einer seltenen Originalitt. Die Wolken, mit denen dasselbe die Imagination seiner Kommentatoren umgeben zu mssen geglaubt hat, werden sich ganz von selbst zerstreuen, wenn wir, anstatt in ihm die Geheimnisse einer unaussprechlichen Weisheit zu suchen, nichts anderes darin zu finden hoffen als die Anstrengungen, welche die Vernunft im Augenblick ihres Erwachens macht, um den Plan des Universum und das Band zu erkennen, welches ein gemeinsames Grundprinzip mit den Elementen verbindet und vereinigt. Die Bibel und jedes andere religise Denkmal sttzt sich nur auf die Gottesidee und macht sich zum Interpreten des gttlichen Willens und Gedankens, wenn sie uns die Welt und die sich auf derselben abspielenden Vorgnge zu erklren versucht. Dies geschieht in der Genesis, wo wir auf den gttlichen Befehl hin das Licht aus der Finsternis hervorbrechen sehen. Als Jehova aus dem Chaos Himmel und Erde geschaffen hatte, betrachtete er sein Werk und fand es seiner wrdig; darum heftete er zur Erleuchtung der Erde dem Firmament die Sonne, den Mond und die Sterne an. Dann blst er dem Staub einen lebenden Odem ein und lt aus seinen Hnden das letzte und schnste der Geschpfe hervorgehen, welches er nach seinem Bilde geschaffen hatte. In dem Werk dagegen, das wir jetzt analysieren wollen, wird gerade der umgekehrte Weg eingeschlagen, und gerade das erste Vorkommen dieses Unterschiedes ist fr die Geschichte des jdischen Volkes sehr bezeichnend, denn auf diese Weise erhebt es sich durch die Betrachtung der Welt zur Gottesidee, indem durch die das Weltall durchziehende Einheit gleichzeitig die Einheit und Weisheit des Schpfers dargethan wird. Dies ist der Grund, weshalb unser Buch eigentlich nichts anderes als ein dem Erzvater Abraham in den Mund gelegter Monolog ist, dem Betrachtungen untergeschoben werden, welche den Kultus der Gestirne durch den des Ewigen ersetzen sollen. Da der von uns gekennzeichnete Charakter des Sepher Jezirah sich mit voller Evidenz ergiebt, geht schon aus einer sehr markanten Stelle eines Schriftstellers des zwlften Jahrhunderts hervor. Rabbi Jehuda Halevi sagt nmlich: Das Buch Jezirah lehrt uns das Dasein eines einzigen Gottes, indem es uns in der Verschiedenheit und Vielheit die Gegenwart der Einheit und Harmonie zeigt, welche bereinstimmung nur von einem einzigen Anordner herrhren kann. Bisher entspricht das Buch Jezirah vllig den Ansprchen der Vernunft; aber weiterhin macht es, anstatt die im Universum herrschenden Gesetze zu ergrnden, um aus ihnen die Weisheit und den Plan des Schpfers darzulegen, Anstrengungen, um eine grobe Analogie zwischen den Dingen und Zeichen des gttlichen Gedankens und den Mitteln, durch welche sich die gttliche Weisheit den Menschen kundgiebt, aufzusuchen. Wir mssen jedoch, ehe wir weiter gehen, bemerken, da der Mysticismus aller Zeiten und Erscheinungsformen ein bertriebenes Gewicht darauf gelegt hat, da er eine freie Offenbarung der gttlichen Intelligenz, und da die heilige Schrift kein menschliches Erzeugnis, sondern ein Geschenk der Offenbarung sei. Das Buch Jezirah sucht dies durch die zweiundzwanzig Buchstaben des hebrischen Alphabets darzuthun, dessen ersten zehn Buchstaben, indem sie ihren eigenen Wert behalten, den Ausdruck der brigen bilden. Unter einem Gesichtspunkt vereinigt, bilden diese beiden Klassen von Zeichen die zweiunddreiig wunderbaren Wege der Weisheit, durch welche, wie der Text sagt, der Ewige, der Herr der Heerschaaren, der Gott Israels, der lebendige Gott, der Knig des Weltalls, der Gott der Barmherzigkeit und Gnade, der hchste Gott, welcher in Ewigkeit herrscht, der ber alles Erhabene und Allerheiligste seinen Namen gegrndet hat. Mit diesen zweiunddreiig Wegen der Weisheit darf man nicht die auf ganz andere Dinge bezglichen Haarspaltereien der neueren Kabbalisten verwechseln; man mu im Gegenteil drei Formen annehmen, die sich -- allerdings in einem dem Zweifel unterworfenen Sinn -- an drei Ausdrcke anpassen, welche jedoch -- wenigstens ihrem grammatikalischen Ursprung nach -- eine groe hnlichkeit mit dem haben, was die griechische Philosophie das Subjekt, das Objekt und den Akt des Denkens nennt. Wir haben oben dargelegt, da diese Worte nicht im Text enthalten sind; jedoch drfen wir nicht verschweigen, da ein angesehener spanischer Schriftsteller[393] diesen Sinn in einer den Gesetzen der Etymologie nicht widersprechenden Weise im Jezirah zu finden glaubt. Er sagt: Durch den ersten dieser drei Ausdrcke (+Sephar+) will man die Zahlen bezeichnen, welche uns allein in den Stand setzen, die Dispositionen und Proportionen abzuschtzen, welche jeder Gegenstand nthig hat, um das Ziel und den Zweck zu erreichen, zu welchem er geschaffen ist; das Ma seiner Lnge, seines Inhalts, seines Gewichtes, seiner Bewegung und Harmonie: alles ist durch die Zahl geregelt. Der zweite Ausdruck (+Sipur+) bedeutet das Wort oder die Stimme, weil durch das gttliche Wort oder die Stimme des lebendigen Gottes alle Wesen in ihrer innern und uern Form geschaffen sind, und worauf die Worte anspielen: 'Gott sprach: es werde Licht, und es ward Licht.' Der dritte Ausdruck endlich (+Sepher+) bedeutet die Schrift; die Schrift Gottes oder das Werk der Schpfung; das Wort Gottes ist seine Schrift, und der Gedanke Gottes sein Wort. So sind bei Gott Gedanke, Wort und Schrift Eins, whrend sie beim Menschen Drei sind. Diese Erklrung charakterisiert und veredelt sehr schn das bizarre System, welche den Gedanken mit allgemeinen Symbolen zusammenwirft, um ihn gewissermaen in der Gesamtheit und Vielheit der Schpfung sichtbar zu machen. Unter dem Namen der Sephiroth, welche in der Kabbala eine so groe Rolle spielen und im Buche Jezirah zuerst genannt werden, versteht man die zehn abstrakten Zahlen oder Numerationen. Sie reprsentieren die allgemeinen und essentiellen Formen der Dinge oder, wenn ich mich so ausdrcken darf, der Kategorien des Weltalls, denn wenn man nach der Kabbala -- von welchem Gesichtspunkt aus es auch sei -- die ersten Elemente oder unverletzlichen Grundlagen der Welt sucht, so begegnet man stets der Zahl Zehn. Es giebt zehn Sephiroth, heit es im Buche Raziel, zehn und nicht neun, zehn und nicht elf. Du mut sie mit deinem Verstand und deiner Einsicht zu begreifen suchen und an ihnen bestndig deine Forschung, deine Spekulation, dein Wissen, dein Denken und deine Imagination ben. La die Dinge auf ihrem Urgrund beruhen und halte den Schpfer fr denselben. Mit andern Worten: das Walten Gottes und die Existenz der Welt erscheinen in den Augen des Verstandes unter der abstrakten Gestalt von zehn Zahlen, deren jede etwas Unendliches reprsentiert, sei es bezglich der Ausdehnung, der Dauer oder irgend welcher andern Eigenschaft. Dies scheint wenigstens der Sinn folgender Stelle[394] zu sein: Fr die zehn Sephiroth giebt es kein Ende, weder in der Zukunft, noch in der Vergangenheit, weder im Guten noch im Bsen, weder in der Hhe, noch in der Tiefe, weder im Osten noch im Westen, weder im Sden, noch im Norden. Es verdient bemerkt zu werden, da hier das Unendliche in zehnerlei Hinsicht betrachtet wird, weshalb wir aus dieser Stelle nicht allein den allgemeinen Charakter der Sephiroth, sondern auch die mit ihnen korrespondierenden Prinzipien und Elemente kennen lernen. Alle diese paarweise einander gegenbergestellten Gesichtspunkte entsprechen jedoch einer einzigen Idee und einem einzigen Unendlichen, denn es heit[395]: Die zehn Sephiroth sind wie die Finger der Hand der Zahl nach zehn, fnf gegen fnf, aber zwischen ihnen hindurch zieht sich das Band der Einheit. Diese Worte besttigen unsern Ausspruch: Diese Auffassung der zehn Sephiroth, ohne tiefer auf ihre Beziehungen zu den ueren Dingen einzugehen, hat einen eminent abstrakten und metaphysischen Charakter. Wollten wir hier eine genauere Untersuchung anstellen, so wrden wir die Kategorien der Dauer und des Raumes in einer gewissen unabnderlichen Ordnung dem Unendlichen und der absoluten Einheit unterworfen sehen, ohne welche es selbst in der sinnlichen Sphre weder Gutes noch Bses geben wrde. Jedoch geben wir hier eine scheinbar dem Sinnlichen etwas mehr Rechnung tragende Darstellung der zehn Sephiroth: Die erste der Sephiroth, Eins, ist der Geist des lebendigen Gottes. Gelobt sei sein Name; gelobt sei der Name dessen, der da lebt in Ewigkeit! Der Geist, die Stimme, das Wort, der heilige Geist. Zwei ist der vom Geist ausgehende Hauch; in ihm sind die zweiundzwanzig Buchstaben, welche jedoch zusammen nur einen Hauch bilden, eingegraben und ausgeprgt. Drei ist das vom Geist oder Hauch kommende Wasser. Im Wasser ergrndete er die Finsterni und Leere; im Wasser bildete er die Erde und den Thon und spannte sie gleich einem Teppich aus, geformt wie eine Mauer und mit einem Dach bedeckt. Vier ist das vom Wasser kommende Feuer, woraus der Ewige den Thron seines Ruhmes, die himmlischen Rder (+Ophanim+), die Seraphim und dienstbaren Engel bildete. Mit diesen Dreien erbaute der Himmlische seine Wohnung, wie denn geschrieben steht: Er macht die Winde zu seinen Boten und die Feuerflammen zu seinen Dienern. Die sechs folgenden Zahlen reprsentieren die vier Enden der Welt oder die Kardinalpunkte des Himmels, die Hhe und die Tiefe. Die Enden der Welt gelten auch als die Embleme der Kombinationen, welche aus den drei ersten Buchstaben des Wortes $YHWH$ gebildet werden knnen. An Stelle der verschiedenen Punkte des Raumes, welche angenommen werden, aber nicht reell existieren, kann man die verschiedenen Elemente, aus denen die Welt zusammengesetzt ist, substituieren, die, dem Ewigen entspringend, um so materieller werden, je mehr sie sich von ihrem Urquell entfernen. Hier haben wir die dem populren Glauben, da die Welt aus nichts geschaffen sei, entgegengesetzte Emanationslehre. Folgende Worte setzen dies auer allem Zweifel: Das Ende der Sephiroth ist mit ihrem Anfang verbunden, wie die Flamme mit dem Brand, denn der Herr ist ein einiger Herr, und es giebt keinen andern. Und was sind in Gegenwart des Einigen Namen und Zahlen?[396] Um uns nicht vergessen zu lassen, da hier ein groes Geheimnis verborgen ist, heit es sogleich weiter: Schliee deinen Mund, damit du nicht davon redest, und dein Herz, da es nicht darber nachdenke; und ist es dir entschlpft, so bringe es zurck, denn deshalb wurde der Bund geschlossen.[397] Ich fge hinzu, da diese letzten Worte auf einen Eid anspielen, welchen die Kabbalisten schwuren, um ihre Lehren der groen Menge zu verbergen. Was die erste Stelle anlangt, so wird der in ihr enthaltene einfache Vergleich sehr hufig im Sohar wiederholt, und wir werden ihn dort sowohl auf die Seele als auf Gott angewendet und ausgedehnt wiederfinden. Wir fgen hinzu, da zu allen Zeiten und in allen Sphren des Seins, sei es im innern Bewutsein, sei es in der uern Natur, die Schpfung auf dem Wege der Emanation mit den Ausstrahlungen des Lichts oder der Flamme verglichen wurden. Mit dieser Theorie verbindet sich eine andere von uerst beachtungswertem Charakter, nmlich die, welche das gttliche Wort mit dem heiligen Geist identificiert und es nicht nur als absolute Form, sondern als das zeugende Element und die Substanz des Weltalls betrachtet. Es ist in der That nichts weiter als die Lehre des Onkelos, welcher, um den Anthropomorphismus zu vernichten, an die Stelle der Persnlichkeit Gottes, welcher uns in der Bibel in menschlicher Gestalt entgegentritt, den Gedanken oder die gttliche Inspiration setzt. Auch in unserm vorliegenden Buch wird in klarer und conciser Sprache gesagt, da der heilige Geist oder der Geist des lebendigen Gottes und die Stimme oder das Wort ein und dasselbe ist; es nimmt nach und nach je nach der Entfernung von seinem Ursprung eine immer materiellere Gestalt an und wird schlielich, um in der Sprache des Aristoteles zu reden, das materielle Prinzip der Dinge. Es ist das Welt gewordene Wort, denn wir mssen uns ins Gedchtnis zurckrufen, da im Buche Jezirah nur von der Welt, nicht aber vom Menschen und von der Menschheit die Rede ist. Die Betrachtungen ber die zehn Zahlen nehmen einen groen Raum des Buches der Schpfung ein, und man bemerkt leicht, da sie sich auf das Weltall im allgemeinen, mehr auf die Wesenheit als auf die Form beziehen. Man vergleicht sie mit den verschiedenen Teilen des Weltalls und sucht sie auf ein gemeinsames Grundprinzip und Grundgesetz zurckzufhren. Ihre Basis bilden die zweiundzwanzig Buchstaben des hebrischen Alphabets, welche als uerliche Zeichen der Ideen eine ungemein groe Rolle spielen. Betrachten wir dieselben nach ihrem Klang oder Laut, so stehen sie sozusagen auf der Schwelle der intellektuellen und physischen Welt, denn einesteils werden sie durch ein materielles Element, durch die Luft oder den Hauch hervorgebracht, whrend sie andererseits die von der Sprache untrennbaren Zeichen und somit die einzig mgliche und unvernderliche Form des Geistes sind. Auch lassen weder der Inhalt des ganzen Systems noch der buchstbliche Sinn eine andere Deutung der bereits oben citierten Worte zu: Die Zahl Zwei (oder das zweite Prinzip des Weltalls) ist der vom Geist ausgehende Hauch; in ihm sind die zweiundzwanzig Buchstaben, welche zusammen nur einen Hauch bilden, eingegraben und ausgeprgt. Also spielen hier infolge einer bizarren, aber keineswegs einer gewissen Gre entbehrenden Kombination die Grundelemente der Sprache, die Buchstaben, eine hnliche Rolle wie die Ideen Platos. Infolge ihrer Gegenwart und ihres Eindruckes auf die Dinge erkennt man in allen Teilen des Alls das Walten einer hchsten Intelligenz, und durch ihre Vermittelung offenbart sich der heilige Geist in der Natur. Nur dies ist der Sinn folgender Stelle: Gott schuf die Seele alles dessen, was ist und sein wird, durch die zweiundzwanzig Buchstaben, indem er ihnen Form und Figur gab und sie auf die verschiedenste Weise kombinierte. Auf dieselben Buchstaben hat der Allerheiligste, gebenedeit sei er, seinen erhabenen und unaussprechlichen Namen gegrndet. Die Buchstaben werden in drei Klassen geteilt, nmlich in drei Mtter, sieben doppelte und zwlf einfache Buchstaben. Es ist fr unsern Zweck ohne Belang, dem Grund dieser sonderbaren Einteilung hier nachzuspren: es sei nur bemerkt, da man +per fas et nefas+ die Drei, Sieben und Zwlf im Naturleben wiederfinden will, nmlich: 1.in der allgemeinen Einteilung der Welt; 2.in der Einteilung des Jahres und 3.im Bau des Menschen. -- Wir finden hier, wenn auch nicht ausdrcklich ausgesprochen, die Idee des Makrokosmus und Mikrokosmus, oder den Glauben, da der Mensch -- so zu sagen -- das Bild oder das Resum des Weltalls sei. Hinsichtlich der allgemeinen Zusammensetzung der Welt reprsentieren die Mtter oder die Zahl Drei die Elemente Wasser, Luft und Feuer. Das Feuer ist die Substanz des Himmels, und das Wasser wurde, indem es sich verdichtete, die der Erde. Zwischen diesen einander feindlichen Elementen befindet sich die Luft, welche sie trennt, verbindet und beherrscht.[398] Bei der Einteilung des Jahres in die Jahreszeiten begegnen wir der gleichen Signatur: dem Sommer entspricht das Feuer, dem Frhling, der Regenzeit des Orients, das Wasser, und dem gemigten Herbst die Luft. Im Bau des menschlichen Krpers entspricht die Drei dem Kopf, dem Herzen oder der Brust und dem Magen oder dem Unterleib, welche Teile ein neuerer Arzt den Dreifu des Lebens genannt hat. Die Dreizahl erscheint hier wie in allen mystischen Kombinationen als etwas so notwendiges, da man sie auch zum Symbol des moralischen Menschen gemacht hat, bei welchem das Buch Jezirah die Ebene des Verdienstes, die Ebene der Schuld und den zwischen beiden stehenden Wegweiser des Gesetzes unterscheidet. Die sieben doppelten Buchstaben reprsentieren die Gegenstze oder wenigstens Dinge, welche zueinander entgegen gesetzten Zwecken dienen knnen. Es sind zunchst die sieben Planeten, deren Einflu bald gut und bald bse ist, ferner die sieben Tage und Nchte der Woche und die sieben Pforten des Krpers, nmlich die Augen, Ohren, Nasenlcher und der Mund. Endlich giebt es siebenerlei Glcks- und Unglcksflle, welche dem Menschen zustoen knnen. Wie man jedoch sieht, ist diese Einteilung eine sehr willkrliche, und wir haben ein lngeres Verweilen bei derselben nicht ntig. Die zwlf einfachen Zahlen, von denen wir noch reden mssen, entsprechen den zwlf Zeichen des Tierkreises, den zwlf Monaten des Jahres, den Hauptgliedern des menschlichen Krpers und den wesentlichsten Verrichtungen des menschlichen Organismus, nmlich: dem Gesicht, dem Gehr, dem Geruch, der Sprache, der Ernhrung, der Zeugung, des Gefhls, der Bewegung, des Zorns, des Lachens und des Schlafes.[399] -- Wir sehen hier den Geist der Untersuchung bei seinem Erwachen und brauchen uns weder ber seine kindliche Forschungsweise noch die Resultate zu verwundern, die eben seine Originalitt beweisen. Die durch die Buchstaben des Alphabets dargestellte materielle Form der Intelligenz ist gleichzeitig die Form alles Seienden, denn auer dem Menschen, dem Universum und der Zeit ist nichts als das Unendliche denkbar; deshalb nennen die Glubigen jene drei die Zeugen der Wahrheit[400]. Jedes von ihnen ist ungeachtet der zu beobachtenden Verschiedenheit ein System, welches ein Centrum und gewissermaen eine Hierarchie besitzt: Denn, sagt der Text, die Einheit herrscht ber die Drei, die Drei ber die Sieben, und die Sieben ber die Zwlf; aber ein jeder Teil des Systems ist von dem andern untrennbar.[401] Das Universum hat den himmlischen Drachen[402] als Centrum; das Herz ist das Centrum des Menschen, und der Lauf der Himmelszeichen die Basis des Jahres. Das Erste, sagt der Text, gleicht einem Knig auf seinem Thron, das Zweite einem Knig inmitten seiner Unterthanen, und das Dritte einem Knig in der Schlacht.[403] Ich glaube, da man durch diesen Vergleich die vollkommene im Weltall herrschende Regelmigkeit und die Gegenstze bezeichnen will, welche im Menschen walten, ohne seine Einheit zu vernichten. Der Text sagt, da die zwlf Hauptglieder des menschlichen Krpers einander gewissermaen in Schlachtordnung gegenberstehen; drei dienen der Liebe, drei dem Ha, drei geben das Leben und drei den Tod. -- Dem Guten steht das Bse gegenber, und das Bse erzeugt nur Bses, wie das Gute nur Gutes. ber diese drei Reiche, ber den Menschen, das Universum und die Zeit sowohl als ber die Buchstaben und Sephiroth ist der Herr erhaben, welcher in seiner Heiligkeit thront und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Auf diese Worte folgt der Schlu des Buches in einer Art dramatischen Lsung des Ganzen, worin Abraham vom Gtzendienst zur Religion des wahren Gottes bekehrt wird. Das letzte Wort des kabbalistischen Systems ist die Ersetzung jeder Art eines Dualismus durch die absolute Einheit: so des Dualismus der heidnischen Philosophie, welche im Stoff eine ewige Substanz erblickt, deren Gesetze sich nicht stets im Einklang mit dem gttlichen Willen befinden; so aber auch des Dualismus der Bibel, welche im Schpfungsgedanken wohl die Idee des gttlichen Willens erfat und folgegem im unendlichen Sein die einzige Ursache und den einzigen realen Ursprung der Welt erblickt, die aber doch die Gottheit und die Welt als zwei absolut verschiedene Dinge auffat. Im Sepher Jezirah wird dagegen Gott als das unendliche Sein und infolgedessen als undefinierbar erklrt; Gott steht nach unserm Text in aller Gre seines Wesens und seiner Macht ber und nicht unter der Mglichkeit, ihn durch Zahlen und Buchstaben auszudrcken, oder durch irgendwelche unserer Vernunft begreifbare Gesetze des Weltalls. Jedes weltliche Element hat seine Quelle in einem hheren Element, deren gemeinsamer Ursprung das Wort oder der heilige Geist ist. Im Wort finden wir auch die unvernderlichen Zeichen des Gedankens, welche sich in jeder Sphre des Seins wiederholen und berall die bestimmte Absicht des Schpfers durchblicken lassen. Und ist dieses Wort, die erste der Zahlen, das erhabenste aller Dinge, die wir wahrnehmen und definieren knnen, nicht die hchste und absoluteste Offenbarung Gottes oder des Denkens der hchsten Intelligenz? Also ist Gott im tiefsten Sinn und in der hchsten Bedeutung der Stoff und die Form des Weltalls, denn nichts kann ohne ihn existieren, seine Wesenheit ist die Grundwesenheit der Dinge, die alles erfllt, und alle Dinge sind nur ihr Symbol. Diese scheinbar so verwegene Folgerung ist die Grundlage der Lehren des Sohar, welcher jedoch einen dem Buche Jezirah vllig entgegengesetzten Weg einschlgt. Denn, anstatt sich nach und nach durch Vergleichung der Formen der Einzelheiten mit denen ihnen bergeordneten emporzuschwingen, beschftigt er sich sogleich mit dem hchsten Prinzip, mit der universellen Form und der absoluten Einheit, welche er stets als ein unberhrbares Axiom betrachtet. Man knnte allerdings das den Gedankengang der beiden Bcher verbindende Band durch die Art und Weise der Darstellung zerrissen betrachten, obschon in ihnen ein wesentlich synthetischer Charakter vorherrscht. Aber nichtsdestoweniger beginnt der Sohar dort, wo das Buch Jezirah aufhrt. Eine zweite sehr bemerkenswerte Verschiedenheit trennt diese beiden Monumente und erklrt sich durch ein allgemeines Gesetz des menschlichen Geistes: den Zahlen und Buchstaben knnen wir nmlich die innern Formen, die unvernderlichen Konzeptionen des Denkens, mit einem Wort die Ideen in ihrer edelsten und weitesten Bedeutung substituieren. Das gttliche Wort, anstatt sich ausschlielich in der Natur zu manifestieren, erscheint uns vor allem im Menschen und in der Intelligenz und wird insofern als der urbildliche oder himmlische Mensch, $Adam kadmon$, bezeichnet. Endlich aber wrde, wie wir noch sehen werden, in gewissen Fragmenten von hohem Alter die absolute Einheit oder der Gedanke nicht als die Universalsubstanz bezeichnet und die regelmige Entwickelung dieser Potenz nicht an die Stelle der ziemlich groben Emanationstheorie gesetzt werden. Diese Transformation des Symbols zur Idee, welche die Kabbala vornimmt, wiederholt sich bei allen groen religisen und philosophischen Systemen, und es genge hier, an dieser allgemeinen Thatsache die Beziehungen des Sepher Jezirah zu denselben dargethan zu haben. Fnftes Kapitel. Analyse des Sohar. -- Die allegorische Methode der Kabbalisten. Da die Autoren, aus deren Arbeiten der Sohar entstand, ihre Ideen in der einfachsten und einer sehr wenig logischen Form darstellten, nmlich in der eines Kommentars zu den fnf Bchern Mosis, so knnen wir, ohne die ihnen schuldige Achtung zu verletzen, unsere Darstellung nach der uns am geeignetsten scheinenden Weise einrichten. Und zwar mssen wir zunchst ihre Methode der Schriftauslegung betrachten, deren Basis der symbolische Mysticismus ist. Ihr Urteil hierber formulieren sie mit folgenden Worten: Wehe ber den Menschen, welcher im Gesetz nur einfache Erzhlungen und gewhnliche Worte sieht. Denn wenn es in Wahrheit nichts weiter als solche enthielte, so knnten wir noch heute ein ebenso bewundernswertes Gesetz aufstellen. Um nur einfache Worte zu finden, brauchten wir uns nur an die irdischen Gesetzgeber zu wenden, bei welchen man oft noch grere Erhabenheit des Ausdrucks findet. Es wrde gengen, dieselben nachzuahmen und ein Gesetz nach ihrem Vorgang und Beispiel aufzustellen. Aber dem ist nicht also, denn jedes Wort des Gesetzes hat einen erhabenen Sinn und schliet ein hohes Geheimni in sich. Die Erzhlungen des Gesetzes sind das Kleid des Gesetzes, und Wehe dem, welcher das Kleid fr das Gesetz selbst nimmt! In diesem Sinn hat David gesagt: Mein Gott, ffne meine Augen, auf da ich sehe die Wunder an deinem Gesetz! David wollte mit diesen Worten das unter dem Kleid des Gesetzes Verborgene bezeichnen. Es giebt unverstndige, die, wenn sie einen Menschen in seinem schnen Kleid sehen, nur auf dieses ihr Augenmerk legen, und doch ist es nur der Krper, welcher dem Kleid Werth verleiht; dem Krper aber giebt die Seele seinen Werth. So hat auch das Gesetz seinen Krper. Es giebt Gebote, welche man den Krper des Gesetzes nennen knnte. Die im Gesetz vorkommenden Erzhlungen sind die Kleider, mit welchen dessen Krper bedeckt ist. Die Thoren betrachten nur die Kleider oder die Erzhlungen des Gesetzes; sie kennen nichts Anderes und sehen nicht, was unter diesen Kleidern verborgen ist. Die Klugen wenden keine Aufmerksamkeit auf die Kleider, sondern auf den Krper, welchen dieselben bedecken. Die Weisen endlich, die Diener des hchsten Knigs, welche auf dem Gipfel des Sinai wohnen, beschftigen sich nur mit der Seele, welche die Grundlage alles brigen ist, nmlich mit dem Gesetz selbst; und in der Zukunft sind sie bereit, die Seele der Seele, welche das Gesetz durchweht, zu betrachten.[404] Die Kabbalisten schoben also auf eine den Profanen unbekannte Weise in mysterisem Sinn den historischen Thatsachen und positiven Geboten, aus denen sich die Schrift zusammensetzt, eine geheime Bedeutung unter. Dies war fr sie das einzige Mittel, ihre Freiheit zu bewahren, ohne mit der religisen Autoritt zu brechen, und vielleicht hatten sie dasselbe auch zur Beruhigung ihres Gewissens ntig. In folgendem Passus treffen wir den nmlichen Geist in einer noch bemerkenswerteren Form an: Wenn das Gesetz nur aus gewhnlichen Worten und Erzhlungen bestnde, wie die von Esau, Hagar, Laban, von Bileam und seiner Eselin, warum wrde es dann wohl das Gesetz der Wahrheit, das vollkommene Gesetz, das wahre Wort Gottes heien? Warum wrde es der Weise dann hher schtzen als Gold und Perlen? Es ist eben unter jedem Wort ein erhabener Sinn verborgen, und jede Erzhlung lehrt uns etwas Anderes als die Thatsachen, welche sie scheinbar erhlt, und dieses erhabene und heilige Gesetz ist das wahre Gesetz.[405] Es ist nicht ohne Interesse, da wir in den Werken eines Kirchenvaters einer vollkommen hnlichen Ausdrucksweise begegnen. So sagt Origenes[406]: +Si adsideamus litterae et secundum hoc vel quod Judaeis, vel quod vulgo videtur, accipiamus quae in lege scripta sunt, erubesco dicere et confiteri quia tales leges dederit Deus: videbuntur enim magis elegantes et rationabiles hominum leges, verbi gratia, vel Romanorum, vel Atheniensium, vel Lacedaemoniorum.+-- +Cuinam quaeso sensum habenti convenienter videbitur dictum quod dies prima et secunda et tertia, in quibus et vespera nominatur et mane; fuerint sine sole et sine luna et sine stellis; prima autem dies sine coelo? Quis vero ita idiotes invenitur, ut putet, velut hominem quemdam agricolam, Deum plantasse arbores in Paradiso, in Eden, contra orientem, et arborem vitae plantasse in eo, ita ut manducans quis ex ea arbore vitam percipiat? et rursus ex alia manducans arbore, boni et mali scientiam capitat.+[407] +Triplicem in Scripturis divinis intelligentiae modum, historicum moralem et mysticum: unde et corpus inesse et animam ac spiritum intelleximus.+[408] Um nun zwischen dem heiligen Text und ihren willkrlichen Auslegungen plausibel erscheinende Beziehungen herzustellen, griffen die Kabbalisten zu verschiedenen knstlichen Mitteln, welche zwar im Sohar keine Anwendung finden, dafr aber in spterer Zeit in um so hherem Ansehen stehen. Diese Mittel sind an sich wertlos, und wir haben uns mit ihnen nicht zu beschftigen. Anstatt dessen suchen wir kennen zu lernen, was in den ltesten Teilen des Sohar ber die Natur und die Attribute der Gottheit, ber die Schpfung und die Beziehungen Gottes zur Welt, sowie endlich ber den Ursprung, die Natur und die Bestimmung des Menschen gelehrt wird. Sechstes Kapitel. Die Anschauungen der Kabbalisten ber die gttliche Natur. Die Kabbalisten haben zweierlei Manier von Gott zu reden, ohne da dies jedoch der Einheit ihres Gottesgedankens Eintrag thte. Wenn sie die Gottheit zu definieren suchen, ihre Attribute unterscheiden und uns eine przise Anschauung ihrer Natur geben wollen, so ist ihre Sprache eine metaphysische und sie besitzt so viel Klarheit, als die Natur der Sache und Sprache mit sich bringt. Manchmal aber begngen sie sich, die Gottheit als ein unbegreifliches Wesen darzustellen, welches weit ber alle Formen erhaben ist, mit denen es die menschliche Imagination zu bekleiden liebt. In diesem Falle ist ihre Ausdrucksweise poetisch und bildlich, wobei gewissermaen ihre Imagination gegen die erwhnte profane zu Feld zieht. Alle ihre Anstrengungen sind auf die Zerstrung des Anthropomorphismus gerichtet, dem sie gigantische schreckenerregende Proportionen verleihen, um fr die Idee des Unendlichen passende Vergleiche aufzustellen. Das Buch des Geheimnisses ist durchaus in diesem Styl geschrieben, wobei zu bemerken ist, da die Allegorien oft gleichzeitig Rtsel bilden, wie wir aus folgender Stelle des Idra Rabba darthun wollen: Simon ben Jochai versammelt seine Schler und sagt ihnen, da die Zeit gekommen sei, fr den Herrn zu arbeiten, d.h. den wahren Sinn des Gesetzes kennen zu lernen; die Tage der Menschen seien gezhlt, der Arbeiter nur eine kleine Zahl, und die Stimme des Herrn und Schpfers treibe zur Eile. Er ermahnt sie, die Geheimnisse, welche er ihnen anvertrauen wolle, nicht zu profanieren, setzt sich mitten unter sie auf das Feld unter den Schatten eines Baumes und beginnt unter tiefem Schweigen: Und siehe, eine Stimme ertnte, und ihre Kniee erbebten vor Schrecken. Was war diese Stimme? Es waren die Stimmen der himmlischen Versammlung, welche sich vereinigten, um gehrt zu werden. Rabbi Simon aber rief voll Freude aus: Herr, ich sage nicht wie einer deiner Propheten[409], da ich erbebte, als ich deine Stimme hrte, denn es ist nicht mehr die Zeit der Furcht, sondern die der Liebe, wie da geschrieben steht: du wirst den Ewigen, deinen Gott lieben.[410] Nach dieser Einleitung, welche weder eines gewissen Pompes noch Interesses ermangelt, folgt eine lange durchaus allegorische Beschreibung der gttlichen Gre. Es mgen hier einige Stellen aus derselben folgen: Er ist der lteste der Alten, das Geheimni der Geheimnisse, der Unbekannteste der Unbekannten. Er hat die Gestalt, welche ihm gehrt und erscheint uns besonders als Greis, als der lteste der Alten und der Unbekannteste unter den Unbekannten. Aber unter der Gestalt, in welcher er sich uns zu erkennen giebt, bleibt er dennoch der Unbekannte. Sein Kleid ist wei und sein Anblick glnzend. Er sitzt auf einem Thron von Funken, welcher seinem Willen unterworfen ist. Das weie Licht seines Hauptes erhellt viermalhunderttausend Welten. Viermalhunderttausend von diesem weien Licht geborene Welten werden das Erbtheil der Gerechten in der knftigen Welt sein. Jeden Tag entsprossen aus seinem Gehirn dreizehntausend Myriaden Welten, welche ihm ihre Existenz verdanken und deren Last er allein trgt. Von seinem Haupt truft der Thau, welcher die Todten erweckt und ihnen ein neues Leben bereitet. Darum steht geschrieben: Dein Thau ist der Thau des Lichtes. Er ist die Nahrung der Heiligen vom erhabensten Rang. Er ist das Manna, welches den Gerechten im knftigen Leben bereitet ist. Er steigt herab auf das Feld der heiligen Frchte.[411] Der Anblick dieses Thaues ist glnzend wie Diamanten, deren Farbe alle Farben in sich fat. Die Gre dieses Gesichtes ist dreihundertsiebenzig mal zehntausend Welten. Darum heit es 'das groe Gesicht', denn also ist der Name des ltesten der Alten. Es wrde jedoch der Wahrheit nicht entsprechen, wenn wir behaupten wollten, da alles brige nach diesem Beispiel zu beurteilen sei, obschon die Bizarrerie, die Affektation und die orientalische Gewohnheit, die Allegorie auf die Spitze zu treiben, hufig den Adel und die Gre des Ausdrucks berwuchern. So wird z.B. das blendende Haupt, welches den ewigen Herd des Seins und Wissens reprsentieren soll, gewissermaen zu einer anatomischen Studie, bei welcher weder die Stirn, noch das Gesicht, die Augen, das Gehirn, die Haare und der Bart vergessen sind; alles dies giebt Gelegenheit mit bis ins Unendliche gehenden Zahlen zu spielen, und dies gab Veranlassung, da von neueren Schriftstellern gegen die Kabbalisten der Vorwurf des Anthropomorphismus und selbst des Materialismus erhoben wurde, obgleich sie denselben in keiner Weise verdienen. Ohne uns dabei weiter aufzuhalten, wollen wir hier einige fr die Geschichte des menschlichen Geistes wichtige Stellen des Sohar mitteilen, deren erste -- sehr umfangreiche -- in Anschlu an die Worte des Jesaias[412]: Wem wollt ihr denn mich nachbilden, dem ich gleich sei? sich mit den zehn Sephiroth oder den Attributen der Gottheit beschftigt, so lange dieselbe noch in ihrer eigenen Wesenheit verborgen ist: Bevor irgend eine Form, irgend ein Bild in dieser Welt geschaffen wurde, war er allein, ohne Form und nichts ihm hnlich. Und wer konnte ihn erfassen, da er vor der Schpfung und noch ohne Form war? Daher ist es auch verboten, ihn unter irgend welchem Bild, in irgend einer Gestalt darzustellen, sei sie auch, was sie immer sei, selbst sein heiliger Name oder ein Buchstabe oder ein Punct. Dies ist der Sinn der Worte[413]: 'So bewahret nun eure Seelen wohl, denn ihr habt kein Gleichni gesehen des Tages, da der Herr mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb.' Das heit nmlich: ihr habt nichts gesehen, was ihr in einer Gestalt, einem Bildni darstellen knntet. Aber nachdem er die Gestalt des 'himmlischen Menschen' ($Adam ila'a$) hervorgebracht hatte, bediente er sich der Merkaba als eines Wagens, um herabzusteigen. Er will unter der Form des heiligen Namens Jehovah genannt sein und giebt sich unter seinen Attributen zu erkennen, deren jedes einen besonderen Namen besitzt, als: Gott der Gnade, Gott der Gerechtigkeit, allmchtiger Gott, Herr der Heerscharen und 'der, welcher ist'. Seine Absicht war, seine Eigenschaften zu offenbaren und kund zu thun, wie sich seine Gnade und Barmherzigkeit sowohl auf die Welt als auf die Werke der Menschen erstreckt. Denn wie wrden wir ihn erkennen knnen, wenn er nicht sein Licht allen Kreaturen geoffenbart htte? Wie knnte man sonst sagen, da die Welt von seinem Ruhm erfllt sei? Wehe dem, der es wagt, ihn selbst mit einem seiner Attribute zu vergleichen! Noch weniger aber darf er mit dem Menschen verglichen werden, der auf die Welt gekommen und dem Tode verfallen ist. Man mu ihn als ber allen Geschpfen und allen Attributen stehend erkennen. Wenn man von all diesen Dingen abstrahiert, so bleibt weder Bild, noch Attribut, noch Figur, und er ist dem Meere vergleichbar, dessen Gewsser ohne Grenzen und Form sind; wenn sie sich aber ber die Erde ergieen, so bringen sie ein Bild ($dmut$) hervor, welches sich in folgender Berechnung ausdrcken lt: Die Quelle der Wsser des Meeres und der Glanz, welchen der Strahl der Sonne darauf wirft, sind zwei. Aus ihnen bildet sich ein riesengroes Becken, welches in ungeheurer Tiefe ausgehhlt ist. Dieses Becken ist mit den aus ihrer Quelle entstrmenden Gewssern angefllt; es ist das Meer selbst und kann als das Dritte betrachtet werden. Diese ungeheure Tiefe teilt sich in sieben Kanle, durch welche sich, wie durch groe Gefe, das Wasser des Meeres ergiet. Die Quelle, der Strom, das Meer und die sieben Kanle bilden zusammen die Zahl Zehn. Und wenn der Arbeiter, der diese Gefe gebildet hat, dieselben zerbricht, so kehrt das Wasser zu seiner Quelle zurck, und es bleibt nichts als die vertrockneten wasserlosen Scherben. Die Ursache aller Ursachen hat also die zehn Sephiroth hervorgebracht. Die erste derselben, 'die Krone', ist die Quelle, welche ein endloses Licht ausstrahlt, und von ihr kommt der Name des Unendlichen, En Soph, um die hchste Ursache zu bezeichnen, denn sie hat in dieser Gestalt weder Form noch Figur, und es giebt noch kein Mittel, sie zu begreifen, und keine Art und Weise, sie zu erkennen. In diesem Sinn steht geschrieben: 'Sinnet nicht nach ber etwas, das ber euch ist.' Darauf bildet sich ein Gef, das fast wie ein Punkt zusammengedrckt ist, (der Buchstabe $Y$), welches aber dennoch vom gttlichen Licht durchdrungen ist; es ist die Quelle der Weisheit, ja die Weisheit selbst, die Tugend, von welcher die hchste Ursache sich Gott nennt. Diese Quelle bildet alsdann ein Gef, unendlich wie das Meer selbst; man nennt es die Weisheit, und von ihm kommt der Name: der allweise Gott. Wir mssen nmlich wissen, da Gott intelligent und weise seinem eigensten Wesen nach ist, und da die Weisheit ihren Namen nicht durch sich selbst verdient, sondern durch ihn, der weise ist und das aus ihm emanirende Licht hervorgebracht hat. Nicht durch sie selbst kann man die Intelligenz begreifen, sondern durch ihn, welcher intelligent ist und die Intelligenz mit seiner eigenen Wesenheit erfllt. Wenn er sich aus ihr zurckzge, wrde sie vllig zu nichte werden. Dies ist der Sinn der Worte[414]: 'Wie ein Wasser ausluft aus dem See, und wie ein Strom versieget und vertrocknet.' Endlich theilt sich das Meer in sieben Arme, welche sieben kostbare Gefe bilden, welche genannt werden: die Barmherzigkeit oder die Gre; die Gerechtigkeit oder die Strke; die Schnheit; der Triumph; der Ruhm; das Reich; der Grund oder die Basis. Aus diesem Grund wird Gott der Groe oder der Barmherzige, der Starke, der Prchtige, der Gott des Siegs, der Schpfer, welchem allein Ruhm gebhrt, und der Urgrund aller Dinge genannt. Dies ist das letzte Attribut, welches die Grundlage aller brigen und der Totalitt der Welten bildet. Endlich ist Gott auch der Knig des Weltalls, denn in seiner Gewalt steht Alles, sei es, da man die Zahl der Gefe vermindern oder, je nach der zu treffenden Wahl das Licht, welches er ausstrahlt, vermehren will.[415] In diesem Text ist so ziemlich alles enthalten, was die Kabbalisten ber die gttliche Natur gedacht haben; jedoch leidet derselbe selbst fr die mit der kabbalistischen Ausdrucksweise Vertrauten an groer Unklarheit, weshalb es sich empfiehlt, seinen Inhalt in prciserer Ausdrucksweise wiederzugeben, indem wir das im Sohar an verschiedenen Stellen ber die gttlichen Attribute Gesagte in einer Anzahl von Fundamentalstzen zusammenfassen: 1. Gott war, bevor irgend etwas existierte, die unendliche Wesenheit. Deshalb kann er weder als die Gesamtheit der Dinge, noch als die Summe seiner Attribute betrachtet werden. Aber ohne diese Attribute und die von ihnen hervorgebrachten Wirkungen -- so zu sagen ohne eine determinierte Form -- ist es unmglich, ihn zu begreifen oder zu erkennen. Dieser Grundsatz ist klar in folgenden Worten ausgesprochen: Vor der Schpfung war Gott ohne Gestalt, nichts gleichend, und in diesem Stand war er fr die Intelligenz unbegreiflich. Aber wir beschrnken uns nicht allein auf dieses Zeugnis, sondern hoffen, da man den gleichen Sinn auch in folgender Stelle wiederfinde: Bevor sich Gott offenbarte, als alle Dinge noch in ihm verborgen lagen, war er der Unbekannteste unter den Unbekannten. In diesem Stand hatte er keinen andern Namen als den der Frage. Er begann einen unfabaren Punkt zu bilden, welcher sein eigener Gedanke war. Alsdann bildete er durch seinen Gedanken eine geheimnivolle und heilige Form, die er endlich mit einem reichen und glnzenden Kleid bedeckte. Dies ist das Weltall, welches nothwendiger Weise im Namen Gottes enthalten ist.[416] Weiterhin heit es in der Idra Suta: Der lteste der Alten ist gleichzeitig der Unbekannteste der Unbekannten; er ist von allem getrennt und nicht getrennt; er vereinigt in sich Alles, und nichts ist auer ihm. Er besitzt eine Gestalt, ohne da es mglich ist, sie zu beschreiben. Er giebt Form und Existenz allem, das ist. Er lt aus seinem Busen zehn Lichtstrahlen ausgehen, welche in der von ihm verliehenen Form erglnzen und alles mit Tageshelle erleuchten. Er ist gewissermaen ein Pharus, welcher nach allen Seiten seine Strahlen spendet. Der lteste der Alten, der Unbekannteste der Unbekannten ist ein erhabener Pharus, den man nur an seinem Licht erkennt, welches in berschwenglicher Flle und Glanz in unsere Augen blitzt; und was man seinen heiligen Namen nennt, ist nichts anderes als dieses Licht.[417] 2. Die zehn Sephiroth, durch welche sich das unendliche Wesen ursprnglich zu erkennen gab, sind nichts anderes als die Attribute, welche an sich selbst keine substantielle Realitt besitzen; jedoch reprsentiert sich in jedem derselben die gttliche Wesenheit, und in ihrer Gesamtheit besteht das erste Attribut, die vollkommenste und erhabenste Offenbarung der Gottheit. Es wird der ursprngliche oder himmlische Mensch ($Adam ila'a, Adam kadmon$) genannt und es ist die Gestalt, welche den geheimnivollen Wagen des Hesekiel lenkt, und von der der irdische Mensch nur eine blasse Kopie ist.[418] Die Gestalt des Menschen, sagt Simon ben Jochai zu seinen Schlern, fat alles in sich, was im Himmel und auf Erden ist, die obern Wesen wie die untern Wesen, und deshalb hat sie auch der lteste der Alten zu der seinen gemacht. Keine Gestalt, keine Welt kann vor der menschlichen bestehen, denn sie schliet alle Dinge in sich, und alles besteht nur durch sie. Ohne sie wrde die Welt nicht bestehen knnen, und in diesem Sinn sind die Worte zu verstehen: Der Ewige hat die Erde auf die Weisheit gegrndet. Aber man mu den obern Menschen ($adam dil'eila$) von dem untern Menschen ($adam diltata$) unterscheiden, von denen keiner ohne den andern bestehen kann. Unter der menschlichen Gestalt ist die Vollkommenheit des Glaubens verborgen, und das ist es, was durch die Menschengestalt, die den Wagen lenkt, ausgedrckt werden soll. Und das ist es, was Daniel mit den Worten kund thun will: Und ich sah des Menschen Sohn kommen mit den Wettern des Himmels und vordringen bis zu dem Alten der Tage und sich vor ihm darstellen.[419] Was man also den himmlischen Menschen oder die erste Offenbarung der Gottheit nennt, ist nichts anderes als die absolute Form alles Seienden, die Quelle aller andern Formen oder vielmehr der Ideen; mit einem Wort: der hchste Gedanke, welcher der %logos% oder das Wort genannt wird. So heit es: Die Gestalt des Alten (sein Name sei geheiligt!) ist die einzige Form, welche alle Formen in sich einschliet; sie ist die hchste und geheimnivollste Weisheit, welche alles brige in sich fat.[420] 3. Die zehn Sephiroth sind, wenn wir den Verfassern des Sohar Glauben schenken drfen, bereits im alten Testament durch eben so viele Gott geheiligte Namen gekennzeichnet, welche identisch mit denen sind, welche der heilige Hieronymus in seinem Brief an Marcella erwhnt.[421] Man hat sie auch in der Mischna finden wollen, weil dort gesagt ist, da Gott die Welt durch zehn Worte geschaffen habe, welche als eben so viele Befehle aus seinem allmchtigen Wort ausgingen.[422] Obschon sie alle gleich notwendig sind, knnen die Attribute und die Distinktionen, welche sie ausdrcken, uns doch nicht die gttliche Natur in ihrer ganzen Hoheit erkennen lassen, aber sie stellen dieselbe unter verschiedenen Gesichtspunkten dar, welche in der Sprache der Kabbalisten Gesichter ($Anpin, Partzufin$) genannt werden. Simon ben Jochai und seine Schler machten sehr hufig von dieser metaphorischen Ausdrucksweise Gebrauch, aber sie mibrauchten dieselbe nicht, wie ihre neueren Nachfolger. Wir sind gentigt, uns lnger bei diesem wichtigsten Punkt der kabbalistischen Wissenschaft aufzuhalten; aber bevor wir den besondern Charakter der einzelnen Sephiroth darlegen, mssen wir einen Blick auf die allgemeine Frage ihrer Wesenheit werfen und mit wenigen Worten die verschiedenen Meinungen darstellen, welche ber dieselben bei den Adepten der Kabbala kursieren. Die Kabbalisten haben zwei Fragen aufgestellt, nmlich: warum giebt es Sephiroth? und was sind die Sephiroth sowohl in ihrer Gesamtheit, als an sich selbst, als auch in ihren Beziehungen zu Gott? ber die erste Frage uert sich der Sohar sehr positiv, ohne den mindesten Zweifel aufkommen zu lassen. Es giebt so viele Sephiroth als Namen Gottes; beide sind dem Geist nach eins, und die Sephiroth sind nichts als die durch die Namen ausgedrckten Ideen und Dinge. Wenn Gott keine Namen htte, oder, wenn die ihm gegebenen Namen keine Realitten bezeichneten, so wrde er nicht allein uns unbekannt sein, sondern er wrde auch an sich nicht existieren, denn er kann sich selbst nicht ohne Intelligenz begreifen, ohne Weisheit nicht weise sein und ohne Macht nicht handeln. -- Die zweite Frage wird nicht in gleich bndiger Weise beantwortet. Manche Kabbalisten sttzen sich auf den Grundsatz, da Gott unvernderlich sei, und sehen in den Sephiroth nur die Werkzeuge der gttlichen Allmacht, Geschpfe einer hheren Natur, welche jedoch vom ersten Wesen durchaus verschieden sind. Es sind dies diejenigen, welche die Sprache der Kabbala mit dem Buchstaben des Gesetzes vereinigen wollen. -- Das, was der Sohar En-Soph nennt, nmlich das Unendliche an sich, ist in ihren Augen die Gesamtheit der Sephiroth, nichts mehr und nichts weniger, und jede der letzteren ist nur das Unendliche von einem verschiedenen Standpunkt betrachtet. Zwischen diesen extremen Anschauungen steht ein tieferes und dem Geist der Originale konformeres System, welches die Sephiroth als Werkzeuge, als Geschpfe und als von der Gottheit verschiedene Wesen betrachtet, die nicht mit ihr verwechselt werden drfen. Diese Anschauung beruht auf folgendem Ideengang: Gott ist in den Sephiroth gegenwrtig, sonst wrde er sich durch dieselben nicht offenbaren knnen; aber er wohnt nicht ganz in ihnen, und er ist es nicht allein, was man unter diesen sublimen Ideen- und Existenzformen verhllt. Die Sephiroth an sich knnen nie den Unendlichen begreiflich machen; das En-Soph, die Quelle aller Formen, besitzt an sich selbst keine, oder um in der dem Sohar heiligen Ausdrucksweise zu sprechen: obschon eine jede Sephire einen bekannten Namen hat, so besitzt er allein doch keinen. Gott bleibt immer das unaussprechliche, unendliche Wesen, welches ber allen Welten, selbst ber der Emanationswelt thront, die uns seine Gegenwart offenbaren. Die zehn Sephiroth knnen mit ebensoviel Gefen von verschiedener Form verglichen werden oder mit verschieden gefrbten Glsern. Welches nun auch das Gef sei, womit man die gttliche Wesenheit messen will, so wohnt doch die absolute Wesenheit der Dinge bestndig in ihm, und das gttliche Licht verndert nicht wie das Sonnenlicht seine Natur nach dem Mittel, durch welches es hindurch geht. Diese Gefe und Mittel haben an sich keine positive Realitt und keine eigene Existenz, sondern sie sind gewissermaen die Grenzen, in denen die hchste Wesenheit der Dinge eingeschlossen ist, oder die verschiedenen Grade der Dunkelheit, mit denen das gttliche Licht seine unendliche Klarheit verschleiert, um sich anschaubar zu machen. Darum hat man in jeder Sephire zwei Elemente oder vielmehr zwei Gesichtspunkte erkennen wollen: der eine, rein uerliche und negative, welcher den Krper reprsentiert, wird recht eigentlich das Gef ($Kli$) genannt, whrend der andere, innere positive, den Geist und das Licht bildet. Darum spricht man auch von den zerbrochenen Gefen, welche das gttliche Licht entweichen lassen. Dieser auch von Isaak Loriah und Moses Corduero eingenommene Standpunkt wird von letzterem mit viel Logik und Prcision vertreten und bildet die Basis des ganzen metaphysischen Teils der Kabbala. Nachdem wir nun die allgemeinen Grundstze festgestellt haben, auf denen die Autoritt der Texte und der geschtztesten Kommentare beruhen, mssen wir jetzt die besondere Rolle der einzelnen Sephiroth und ihre Gruppierung nach Trinitten und Personen betrachten. Die erste und erhabenste der gttlichen Offenbarungen oder die erste Sephire ist die Krone ($Keter$), welche so genannt wird, weil sie ber allen andern Sephiroth steht. Der Text sagt: Sie ist das Princip aller Principien, die geheimnivolle Weisheit, die ber alles erhabene Krone, das Diadem der Diademe. Sie ist nicht die verschwommene Totalitt ohne Namen und Form, der geheimnivolle Unbekannte, welcher alle Dinge und selbst die Attribute ($Ein Sof$) hervorgebracht hat. Sie reprsentiert das vom Unendlichen geschiedene Endliche, und sein Name in der Schrift bedeutet ich bin ($Ehye$), weil es das Wesen an sich selbst ist. Dieses Wesen wird unter einem Gesichtspunkt betrachtet, den keine Untersuchung mehr ergrndet, der keine Qualifikation mehr zult, und in welchem alles in einem unteilbaren Punkt zusammenfliet. Aus diesem Grund wird sie auch der primitive Punkt genannt, und es heit: Als der Unbekannteste der Unbekannten sich offenbaren wollte, brachte er einen Punkt hervor; jedoch war dieser Punkt nicht von seinem Busen ausgegangen; der Unendliche war noch durchaus unbekannt, und es strahlte kein Licht.[423] Die neueren Kabbalisten erklren dies durch die absolute Konzentration Gottes in seine eigene Substanz. Diese Konzentration hat aus sich den Raum, die primitive Luft ($avir kadmon$) geboren, welche keine reale Leere, sondern eine gewisse Stufe eines niedern Lichtes der Schpfung ist. Und durch dasselbe hat die in sich selbst konzentrierte Gottheit alles Endliche geschieden, begrenzt und bestimmt, und von ihm kann man in gewisser Beziehung sagen, da es durch das Wort Nichts oder das Nichtseiende ($ayin$) bezeichnet wird. Die Idra Suta sagt: Wir nennen es also, weil wir es nicht kennen und weil es unmglich ist, dasselbe in diesem Stand zu erkennen, denn es steigt nicht zu unserer Unwissenheit herab, sondern wohnt ber der Weisheit selbst.[424] Eine ganz hnliche Anschauung vertritt Hegel, wenn er sagt[425]: Das reine Sein macht den Anfang, weil es sowohl reiner Gedanke, als das unbestimmte einfache Unmittelbare ist, der erste Anfang aber nichts Vermitteltes und weiter Bestimmtes sein kann. Dieses reine Sein ist nun die reine Abstraktion, damit das Absolut-Negative, welches, gleichfalls unmittelbar genommen, das Nichts ist. Um nun wieder auf die Kabbalisten zurckzukommen, so bildet der Gedanke des Seins oder des Absoluten von diesem Standpunkt aus eine vollstndige Form oder -- um in ihrer Sprache zu reden -- einen Kopf, ein Gesicht. Sie nennen dasselbe das weie Gesicht ($Reisha Chivra$), weil in ihm gewissermaen alle Farben, alle Begriffe und alle Bestimmungen zusammenflieen, oder auch den Alten ($Atika$), weil es die erste der Sephiroth ist. In dem letzteren Fall darf es aber nicht mit dem ltesten der Alten verwechselt werden, d.h. mit dem En-Soph selbst, vor welchem das hellste Licht nur Finsternis ist. Man bezeichnet es im allgemeinen mit dem Ausdruck das groe Gesicht ($Arich Apayyim$), zweifelsohne deshalb, weil es alle Eigenschaften, alle intellektuellen und moralischen Qualitten, alle Formen in sich einschliet; in hnlichem Sinn heit es auch das kleine Gesicht. Der Text sagt[426]: Das Erste ist der Alte. Von Angesicht zu Angesicht gesehen ist er das hchste Haupt, die Quelle alles Lichts, das Princip aller Weisheit, welches nur durch die Einheit definirt werden kann. Aus dem Scho dieser absoluten Einheit, unterschieden von der Vielheit und der relativen Einheit, gehen einander parallel zwei scheinbar verschiedene Prinzipien aus, welche jedoch in Wirklichkeit eine untrennbare Realitt bilden; das eine, mnnlich und aktiv, wird die Weisheit ($Chokhma$), das andere, weiblich und passiv, die Intelligenz ($Bina$) genannt, und der Text sagt: Alles, was existiert, ist durch den Alten -- gelobt sei sein Name! -- geschaffen worden und kann nur durch das mnnliche und weibliche Princip bestehen.[427] Die Weisheit wird auch der Vater genannt, denn, wie es heit, hat sie alle Dinge erzeugt. Auf den zweiunddreiig wunderbaren Wegen ergiet sie sich durch das Weltall und verleiht allen Dingen Form und Ma.[428] Die Intelligenz ist die Mutter, denn es steht geschrieben: du wirst die Intelligenz mit dem Namen Mutter nennen.[429] -- Aus ihrer geheimnisvollen und ewigen Verbindung entsprot ein Sohn, welcher nach dem Ausdruck des Originals die Zge des Vaters wie der Mutter trgt und so Zeugnis von beiden giebt. Dieser Sohn der Weisheit und Intelligenz wird wegen seiner doppelten Erbschaft der lteste Sohn Gottes, das Bewutsein oder die Weisheit ($Da'at$) genannt. Diese drei Personen umfassen und schlieen in sich alles, was war, ist und sein wird, und sind in dem weien Haupt, dem ltesten der Alten vereinigt, denn er ist Alles, und Alles ist er.[430] -- Er wird bald durch drei Hupter dargestellt, welche zusammen nur eines bilden, bald wird er mit dem Gehirn verglichen, welches, ohne seine Einheit zu verlieren, in drei Teile zerfllt, und von dem zweiunddreiig Nervenpaare in den Krper ausgehen, vergleichbar mit den zweiunddreiig Wegen, auf welchen sich die Gottheit dem Universum mitteilt. Der Alte, gelobt sei sein Name! besitzt drei Hupter, welche zusammen blos eines bilden; dieses Haupt ist erhaben ber alle erhabene Dinge. Und weil der Alte, dessen Name gelobt sei, durch die Zahl drei dargestellt wird, so sind alle brigen Lichter, welche uns mit ihren Strahlen erleuchten (nmlich die brigen Sephiroth), in der Zahl Drei inbegriffen.[431] In der folgenden Stelle werden von der Trinitt etwas andere Ausdrcke gebraucht; es figuriert in ihr das En-Soph, aber wir begegnen nicht der Intelligenz, zweifelsohne weil sie nur ein Reflex, eine gewisse Expansion des Logos ist, die hier die Weisheit genannt wird: Es giebt drei kunstvoll gebildete Hupter, eines in dem andern und eines ber dem andern. Zu ihnen wird gezhlt: die geheimnivolle Weisheit, die verborgene Weisheit, welche nie ohne Schleier erscheint. Diese geheimnivolle Weisheit ist die Grundlage jeder andern Weisheit. ber dem ersten Haupt ist der Alte, dessen Namen gelobt sei! und welcher das Geheimste der Geheimnisse ist. Darauf kommt das Haupt, welches alle andern Hupter beherrscht, ein Haupt, welches nicht nur eines ist. Was es in sich schliet, wei Niemand und kann Niemand wissen, denn dies entzieht sich sowohl unserer Weisheit als unserer Unwissenheit. Deshalb wird auch der Alte, dessen Namen gelobt sei! das Nichts genannt.[432] Wir haben also auch hier die Einheit des Wesens und die Dreiheit der intellektuellen Offenbarung oder des Denkens, was nachzuweisen war. Manchmal werden die Bezeichnungen oder, wenn man will, die Personen dieser Trinitt als drei aufeinanderfolgende und absolut notwendige Phasen des Denkens und Seins dargestellt, als ein logischer Proze, welcher die Welt hervorbringt. Dies ergiebt sich aus folgender Stelle: Kommet und sehet: der Gedanke ist die Grundlage alles Seienden; aber der Gedanke ist Anfangs unbekannt und in sich selbst eingeschlossen. Wenn der Gedanke sich zu offenbaren beginnt, so gelangt er zu der Wohnung des Geistes. Er erhlt alsdann den Namen der Intelligenz und ist nicht mehr auf sich selbst beschrnkt. Der Geist enthllt sich im Schoo der Geheimnisse, von denen er noch umgeben ist, und geht daraus hervor als eine Stimme, welche die Vereinigung aller himmlischen Dinge ist; diese offenbart sich in unterschiedenen und articulirten Worten, denn sie kommt vom Geist. Aber wenn wir alle diese Abstufungen betrachten, so sehen wir, da Gedanke, Intelligenz, Stimme und Wort Eins sind, da der Gedanke die Grundlage von allem ist und keine Unterbrechung in ihm stattfinden will. Der Gedanke selbst verbindet sich mit dem Nichts und trennt sich nicht von ihm. Dies ist der Sinn der Worte: Jehovah ist Eins, und sein Name ist Eins.[433] Es mge noch eine andere Stelle folgen, welche den gleichen Sinn in einer lteren und originelleren Form enthlt: Der Name, welcher 'Ich bin' ($Ehye$) bedeutet, zeigt uns die Vereinigung alles Seienden an; in ihm sind alle Wege der Weisheit noch verborgen und zusammen untrennbar vereinigt. Man kann ihn mit einer Mutter vergleichen, welche in ihrem Schoo alle Dinge trgt und im Begriff ist, sie zu gebren, um den hchsten Namen Gottes zu offenbaren, den der Allmchtige mit den Worten bezeichnete: 'ich bin, der ich bin' ($Asher Ehye$). Wenn nun endlich alles wohlgebildet aus dem Mutterschoo hervorgegangen ist, wenn jedes Ding an seiner Stelle ist, und man das Einzelne oder das Seiende bezeichnen will, so wird Gott Jehovah genannt oder 'ich bin der, welcher ist' ($Ehye Asher Ehye$). Dies sind die Geheimnisse des heiligen, Moses geoffenbarten Namens, von welchem sonst Niemand Kenntni besitzt.[434] Das kabbalistische System beruht also nicht nur einfach auf dem Prinzip der Emanation oder der Einheit der Substanz, sondern ist weit ausgedehnter und gewissermaen mit der Hegelschen Philosophie vergleichbar, auch lt es sich in mancher Beziehung so zu sagen als eine Verbindung von Ideen Platos und Spinozas bezeichnen. Um nun endlich darzuthun, da die neueren Kabbalisten den Traditionen ihrer Vorgnger treu blieben, wollen wir eine Stelle aus dem Kommentar des Moses Corduero zum Sohar anfhren: Die drei ersten Sephiroth, nmlich die Krone, die Weisheit und die Intelligenz, mssen als ein und dieselbe Sache bezeichnet werden. Die erste reprsentiert die Erkenntni oder die Wissenschaft, die zweite das Erkennende und die dritte das Erkennbare. Um diese Identitt zu erklren, mu man wissen, da die Erkenntni des Schpfers nicht die Erkenntni der Geschpfe ist, denn bei diesen ist die Erkenntni vom Erkennenden unterschieden und auf das von diesem getrennte Erkennbare bertragen. Man bezeichnet es auch mit den Ausdrcken: der Gedanke, der Denker und das Gedachte. Im Gegentheil ist der Schpfer die Erkenntni selbst und erkennt, was erkennbar ist. Die Art und Weise seines Erkennens geschieht nicht durch Anwendung des Gedankens auf die Dinge, welche auer ihm sind, sondern er erkennt sich selbst und schaut sich in allem Seienden. Es giebt nichts, was nicht mit ihm vereinigt und in seiner eigenen Wesenheit auffindbar ist. Er ist der Typus des ganzen Seins, und alle Dinge existieren in ihm in ihrer reinsten und vollendetsten Form in der Weise, da die Vollkommenheit der Geschpfe in dieser Existenz selbst besteht, durch welche sie mit der Quelle ihres Seins vereinigt sind je nach Magabe, wie sie sich von einem so vollkommenen und erhabenen Zustand entfernen. Alle Wesenheiten der Welt haben also ihren Ursprung in den Sephiroth, und die Sephiroth sind die Quelle, von welcher sie ausflieen. Die sieben Attribute, von welchen wir noch sprechen mssen, und die die neueren Kabbalisten die Sephiroth der Konstruktion nennen, -- zweifelsohne weil sie bei der Schpfung am meisten in Thtigkeit traten, offenbaren sich wie die ersten in Trinitten, und bei jeder sind zwei Extreme durch ein Mittelglied verbunden. Aus dem Schoe des gttlichen Denkens in ihrer vollendeten Offenbarung geschaffen, gehen zuerst zwei entgegengesetzte Prinzipien hervor, eines mnnlich und aktiv, das andere weiblich und passiv; in der Gnade oder Barmherzigkeit ($Chesed$) ist das erste anzutreffen, das zweite wird durch die Gerechtigkeit ($Din$) reprsentiert. Es ist leicht, die Rolle zu erkennen, welche diese Sephiroth im kabbalistischen System spielen, und da weder Gnade noch Gerechtigkeit in buchstblichem Sinn genommen werden drfen; es handelt sich vielmehr um das, was wir Extension und Konzentration des Willens nennen. Aus der ersteren gehen die mnnlichen und aus der zweiten die weiblichen Seelen hervor. Diese beiden Attribute werden auch die Arme der Gottheit genannt; der eine giebt das Leben und der andere den Tod. Die Welt wrde nicht bestehen knnen, wenn sie getrennt wren; es ist unmglich, da sie sich trennen, denn nach der Ausdrucksweise des Originals kann die Gerechtigkeit nicht ohne die Gnade bestehen; beide sind zu einem gemeinschaftlichen Wesen vereinigt, welches die Schnheit ($Tif'eret$) ist, als deren Symbol die Brust oder das Herz gilt. Es ist eine merkwrdige Thatsache, da die Schnheit als der Ausdruck und das Resultat aller moralischen Eigenschaften und die Summe des Guten angesehen wird. Die drei folgenden Attribute sind durchaus dynamischer Natur und reprsentieren so zu sagen die Gottheit als Ursache, als allgemeine Kraft und das Urprinzip alles Seins. Die beiden ersten, welche in dieser neuen Sphre das mnnliche und weibliche Prinzip reprsentieren, werden bereinstimmend nach einem Schrifttext der Triumph ($Netzach$) und der Ruhm ($Hod$) genannt. Es wrde sehr schwer sein, den eigentlichen Sinn dieser Worte herauszufinden, wenn sie nicht durch folgende Definition erklrt wrden: Unter dem Triumph und dem Ruhm versteht man die Ausdehnung, die Vervielfltigung und die Strke, denn alle Krfte des Universum gehen aus deren Schoo hervor, und deshalb werden diese Sephiroth 'die Heerschaaren des Ewigen' genannt.[435] Sie vereinigen sich in einem gemeinsamen Prinzip, welches gewhnlich durch die Zeugungsorgane reprsentiert wird und das auch das zeugende Element, die Quelle und Wurzel alles Seins darstellt. Man nennt es in dieser Hinsicht das Fundament oder die Basis ($Yesod$). Der Text sagt: Alles kehrt zu der Basis zurck, von der es ausgegangen ist. Alles Mark, aller Saft, alle Macht versammelt sich hier. Alle existierenden Krfte gehen von hier aus durch die Organe der Zeugung.[436] Alle diese drei Attribute bilden gewissermaen nur ein Gesicht, das der gttlichen Natur, welches die Bibel mit dem Namen der Herr der Heerschaaren bezeichnet. Was nun die letzte der Sephiroth, das Reich ($Malkhut$), anlangt, so stimmen alle Kabbalisten darin berein, da dieselbe kein neues Attribut bezeichnet, sondern nur die zwischen den brigen bestehende Harmonie und ihre Herrschaft ber die Welt. Die zehn Sephiroth bilden also in ihrer Gesamtheit den himmlischen oder idealen Menschen oder das, was die neueren Kabbalisten die Emanationswelt nennen. Sie teilen dieselbe in drei Abteilungen, deren jede die Gottheit von einem verschiedenen Standpunkt, aber stets in Gestalt einer unteilbaren Dreieinigkeit darstellt. Die drei ersten sind durchaus intellektueller oder metaphysischer Natur und drcken die absolute Identitt der Existenz und des Gedankens aus; sie bilden das, was die neueren Kabbalisten die intelligible Welt nennen. Die folgenden tragen einen moralischen Charakter zur Schau und lassen Gott als die Identitt der Gte und Weisheit erscheinen; andererseits zeigen sie uns in der Gte oder vielmehr im hchsten Wesen den Ursprung der Schnheit und Gre oder Erhabenheit. Man nennt sie auch die Tugenden oder die sensible Welt in der erhabensten Bedeutung dieses Wortes. Endlich sehen wir in den letzten dieser Attribute sowohl die allgemeine Vorsehung als den hchsten Knstler, welcher auch die absolute Kraft, die allmchtige Ursache und das zeugende Element alles Seienden ist. Dies sind die letzten Sephiroth, welche die natrliche Welt oder die Natur in ihrer Wesenheit und in ihrem Prinzip, +Natura naturans+, bildet. Es mge hier eine Stelle folgen, in welcher die verschiedenen Anschauungsstandpunkte auf eine Einheit oder eine oberste Trinitt zurckzufhren gesucht werden: Um die Wissenschaft der gttlichen Einheit zu erhalten, mssen wir die Flamme betrachten, welche von einem Feuer oder einer angezndeten Lampe emporflackert; man sieht in ihr zwei Lichter: ein weies und ein dunkles oder blaues. Das weie schwebt oben und steigt in gerader Linie empor, whrend sich das blaue darunter befindet und in der Gewalt des weien zu sein scheint. Beide sind jedoch so vollkommen mit einander vereinigt, da sie nur eine Flamme bilden. Der Sitz des blauen Lichtes ist am Docht. Das weie wechselt nicht, sondern bewahrt stets die ihm eigene Natur, aber man unterscheidet verschiedene Nuancen in dem darunter befindlichen blauen, welches sich nach oben an das weie Licht und nach unten an die angezndete Materie anhngt. Alles zusammen bildet jedoch eine Einheit.[437] ber den Sinn dieser Allegorie kann kein Zweifel obwalten, und wir fgen hinzu, da sie in einem andern Teil des Sohar fast buchstblich wird, um die Natur der menschlichen Seele zu erklren, welche ebenfalls eine Trinitt bildet, die eine abgefate Kopie der Allerhchsten ist. Die letzte Gattung der Trinitten, welche alle brigen in sich fat, giebt uns die ganze Theorie der Sephiroth, und sie ist es auch, welche im Sohar die grte Rolle spielt. Sie wird wie die vorhergehenden durch drei Ausdrcke dargestellt, von denen jeder als Centrum, als hchste Offenbarung, eine der untergeordneten Trinitten reprsentiert: unter den metaphysischen Attributen ist es die Krone, unter den moralischen die Schnheit, und unter den untergeordneten das Reich. Was aber ist in der kabbalistischen Sprache die Krone? Die Substanz, das eine und absolute Wesen. Was ist die Schnheit? Sie ist, wie die Idra Suta ausdrcklich sagt, der hchste Ausdruck des Lebens und der moralischen Vollkommenheit. Als Emanation der Intelligenz und Gnade wird sie im Orient oft mit der Sonne verglichen, die ihr Licht auf alle Dinge der Welt wirft, und ohne welche dieselbe in Nacht versinken wrde; mit einem Wort: sie ist das Ideal. Was ist nun endlich das Reich? Die permanente und immanente Aktion aller vereinigten Sephiroth, die reelle Gegenwart Gottes in der Mitte der Schpfung, welche Idee durch das Wort Schechinah bezeichnet wird, durch einen Beinamen des Reichs. Sie ist also das absolute ideale Wesen, die immanente Kraft der Dinge oder, wenn man will, die Substanz, der Gedanke und das Leben, d.h. die Vereinigung des Gedankens mit den Objekten. Dies ist der wahre Sinn dieser Trinitt. Diese enthlt, was die Kabbala die Sule der Mitte nennt, weil sie unter allen Bildern, in die man die Sephiroth gekleidet hat, die Mitte in Gestalt einer geraden Linie oder Sule einnimmt. Diese drei Bezeichnungen werden, wie man leicht ersehen kann, von den Gesichtern oder symbolischen Personifikationen entnommen, und zwar wechselt die Krone nicht einmal den Namen, sondern ist stets das groe Gesicht, der Alte der Tage, der Alte, dessen Name geheiligt ist. Die Schnheit ist der heilige Knig oder einfach der Knig und die Schechinah, die gttliche Gegenwart in den Dingen oder die Matrone und Knigin. Wenn die eine mit der Sonne, so wird die andere mit dem Mond verglichen, oder nach anderer Ausdrucksweise: die reelle Existenz ist nichts als der Reflex oder das Bild der idealen Schnheit. Die Matrone wird auch mit dem Namen Eva bezeichnet, denn, sagt der Text, sie ist die Mutter aller Dinge, und alles, was hier unten existiert, geht aus ihrem Scho hervor und wird durch sie gesegnet.[438] -- Der Knig und die Knigin, welche man auch die beiden Gesichter nennt[439], bilden zusammen ein Band, dessen Aufgabe es ist, der Welt immer neue Gnade zu spenden und durch ihre Vereinigung das Werk der Schpfung fortzusetzen und zu vollenden. Aber die gegenseitige Liebe, welche sie zu diesem Werk tragen, offenbart sich auf zweierlei Weise und bringt infolgedessen zweierlei Arten von Frchten hervor. Von oben kommt der Gatte zu der Gattin, so zu sagen die Existenz und das Leben; sie gehen aus aus der Tiefe der intelligibeln Welt und suchen sich in den Naturkrpern zu vermehren. Von unten kommt die Gattin zu dem Gatten, von der realen Welt zur idealen, von der Erde zum Himmel, und sucht im Schoe der Gottheit das, was sie zurckfhren kann. Der Sohar selbst giebt uns ein Beispiel der beiden Zeugungsarten in dem Kreislauf, welchen die heiligen Seelen durchlaufen. Die Seele, in ihrer reinsten Wesenheit, in ihrer Wurzel in der Intelligenz betrachtet, unterscheidet sich schon in der universellen Seele. Ist die Seele nun eine mnnliche, so passiert sie von hier aus das Prinzip der Gnade oder der Expansion; ist sie aber eine weibliche, das der Gerechtigkeit oder Konzentration. Endlich wird sie zur Welt geboren, wo wir durch die Vereinigung des Knigs mit der Knigin leben, welche, wie der Text sagt, das fr die Erzeugung der Seele sind, was Mann und Frau fr die Erzeugung des Krpers.[440] Dies ist der Weg, auf welchem die Seele auf die Erde herabsteigt. Und nun folgt der Weg, auf welchem sich die Seele in den Schoo der Gottheit zurckbegiebt. Wenn sie ihre Bestimmung vollendet und sich mit allen Tugenden geschmckt hat, so erhebt sie sich durch ihre eigene Bewegung, durch die Liebe, welche sie zur Gottheit trgt, zu dem hchsten Grad der Emanation, wo die reale Existenz sich in Harmonie mit der idealen Form setzt. Der Knig und die Knigin vereinigen sich von neuem, aber aus anderer Ursache und zu einem andern Zweck als das erste Mal.[441] Der Sohar sagt hierber: Auf diese Weise ergiet sich das Leben sowohl von oben als von unten, die Quelle erneuert sich, und das immer gefllte Meer vertheilt seine Gewsser aller Orten.[442] Diese Vereinigung findet auch auf eine accidentielle Weise statt. Aber wir wrden hierbei die Lehre von der Ekstase, der mystischen Verzckung und der Rinkarnation berhren, von welcher wir an anderer Stelle sprechen mssen. Jedoch mten wir glauben, die Theorie der Sephiroth unvollkommen dargestellt zu haben, wenn wir nicht die Figuren kennzeichneten, unter welchen die Sephiroth unsern Augen dargestellt werden. Im Sohar kommen zum mindesten zwei derselben vor. Die eine besteht aus zehn konzentrischen Kreisen oder -- besser gesagt -- aus neun, welche um einen Punkt aus ihrem gemeinsamen Mittelpunkt gezogen sind. Die andere ist die Figur des menschlichen Krpers. Die Krone ist der Kopf, die Weisheit das Hirn, die Intelligenz das Herz; der Rumpf und die Brust sind das Symbol der Schnheit, die Arme der Gnade und Gerechtigkeit, und die untern Krperteile entsprechen den brigen Attributen. Auf diese ganz willkrlichen Beziehungen wird in den Tikunim, den Supplementen des Sohar, die praktische Kabbala begrndet, welche durch die verschiedenen Namen Gottes die Krankheiten, welche die einzelnen Krperteile befallen, zu vertreiben sucht. Es ist in der Geschichte des menschlichen Geistes nicht das erste Mal, da zu einer Zeit des Verfalls die Ideen oft durch die grbsten Symbole erstickt werden, und die Form an die Stelle des Gedankens tritt. Schlielich kann man die letzte Manier der Darstellung der Sephiroth in drei Gruppen teilen: rechts in einer senkrechten Linie stehen die expansiven Attribute, nmlich des Logos oder die Weisheit, die Gnade und Strke; links in einer Parallellinie befinden sich die des Widerstands und der Konzentration: die Intelligenz oder das Bewutsein des Logos, die Gerechtigkeit und der Widerstand. In der Mitte befinden sich die substantiellen Attribute, welche wir in der hchsten Trinitt gefunden haben. An der Spitze befindet sich die Krone und an der Basis das Reich.[443] Der Sohar spielt oft auf diese Figur an, welche er mit einem Baum vergleicht, dessen Leben und Mark das En-Soph ist; derselbe wird deshalb auch der kabbalistische Baum genannt. Man hat die verschiedenen Seiten dieser Figur auch die Sule der Gerechtigkeit, die Sule der Gnade und die Sule der Mitte genannt. brigens betrachtet man die Figur auch nach Horizontallinien, wobei die sekundren Trinitten entstehen, von denen wir oben gesprochen haben. Auer diesen Figuren sprechen die neueren Kabbalisten auch noch von Kanlen, welche unter einer materiellen Form alle unter den Sephiroth bestehenden Beziehungen und Kombinationen darstellen. Moses Corduero spricht sogar von einem Autor, welcher siebenmalhunderttausend solcher Beziehungen gezhlt hat.[444] Diese Subtilitten knnen bis zu einem gewissen Grad die Kombinationsgabe interessieren, fr die metaphysische Spekulation sind sie jedoch belanglos. In die Lehre von den Sephiroth mischt der Sohar eine fremdartige Idee, welche in einer noch fremdartigeren Gestalt dargestellt wird, nmlich in der eines Verfalls und einer Wiederherstellung in der Sphre der Attribute selbst, einer gescheiterten Schpfung, in welcher Gott herniederstieg, um auf der Erde zu wohnen, weil er sich mit dieser Mittelform zwischen ihm und der Kreatur bekleidet hatte, von welcher die menschliche Gestalt die beste Darstellung ist. Die verschiedenen Darstellungen, welche die beiden Idra und das Buch der Geheimnisse davon geben, sind ohne Interesse, jedoch wollen wir hier wenigstens die bizarrste derselben mitteilen: Die Genesis spricht von sieben Knigen von Edom, welche den Knigen Israels vorangingen und einer nach dem andern starben. In diesem bizarren Bild wollen nun die Autoren des Sohar eine solche Gedankenordnung sehen, da ihre Glubigkeit daraus eine Art Revolution in der unsichtbaren Welt der gttlichen Emanation macht. Unter den Knigen von Israel verstehen sie die beiden Gestalten des absoluten Seins, welche als Knig und Knigin bezeichnet werden, und fr unsere schwache Intelligenz die Essenz des Wesens selbst reprsentieren. Die Knige von Edom oder, wie man sie auch nennt, die alten Knige sind die Welten, welche bestanden, noch ehe sich die Formen gebildet hatten, um als Mittelglied zwischen der Schpfung und der gttlichen Wesenheit in ihrer grten Reinheit zu dienen. Schlielich ist das beste Mittel, uns diese dunkle Partie des kabbalistischen Systems, ohne es zu verndern, klar zu machen, wenn wir eine andere in den Fragmenten des Sohar befindliche citieren, welche dieselbe zu erlutern sucht: Bevor der lteste der Alten, welcher das verborgenste der verborgenen Dinge ist, die Gestalten der Knige und der ersten Kronen geschaffen hatte, besa er weder Grenzen noch Ende. Er bildete also diese Formen nach seiner eigenen Wesenheit. Er spannte vor sich eine Decke aus und bildete auf derselben die Umrisse und Gestalten der Knige ab. Aber dieselben konnten nicht existiren, weil geschrieben steht: Dies sind die Knige, welche im Lande Edom regierten, ehe denn ein Knig ber Israel herrschte. Es handelt sich hier um die idealen Knige und um das ideale Israel. Alle die so geschaffenen Knige hatten ihre Namen, aber sie konnten nicht eher bestehen, als bis der lteste der Alten herabstieg und sich vor ihren Augen enthllte.[445] Da in dieser Stelle von einer der unsern vorausgegangenen Schpfung, von einer frheren Welt die Rede ist, daran kann kein Zweifel sein, und der Sohar teilt uns an einem spteren Ort diese einstimmige Anschauung der neueren Kabbalisten unter den bestimmtesten Ausdrcken mit. Aber warum sind diese frheren Welten verschwunden? Weil Gott nicht in ihrer Mitte regelmig und bestndig wohnte, oder -- wie der Text sagt -- weil er nicht zu ihnen herabgestiegen war, weil er sich nicht in einer Gestalt gezeigt hatte, die ihm erlaubte, inmitten der Schpfung zu bleiben und seine Vereinigung mit ihr fortzusetzen. Die Existenzen, welche er damals durch eine spontane Emanation seiner eigenen Wesenheit schuf, werden mit Funken verglichen, welche in ungeordneter Weise von einem Herdfeuer aufflackern und ersterben, wenn sie sich von ihm entfernen. Unter den zerstrten Urwelten waren formlose, welche man Funken nennt, weil es sich bei ihnen hnlich verhlt wie bei einem Schmied, der das glhende Eisen hmmert, wobei die Funken umherspringen. Diese Funken sind die Urwelten, welche zerstrt wurden und nicht bestehen konnten, weil der Alte, dessen Name geheiligt sei, sich noch nicht mit einer Gestalt bekleidet hatte und der Arbeiter noch nicht an seinem Werke war.[446] Und welches ist die Gestalt, ohne welche alle Dauer und alle Organisation der endlichen Existenzen unmglich ist, und welche so recht eigentlich den Arbeiter in den gttlichen Werken darstellt, die Gestalt, unter welcher die Gottheit sich offenbart und kundgiebt? Es ist die in ihrer hchsten Allgemeinheit verstandene menschliche Gestalt, welche alle moralischen und intellektuellen Attribute unserer Natur in ihrer gesamten Entwickelung und Fortdauer umfat, mit einem Wort den Geschlechtsunterschied, den die Verfasser des Sohar sowohl auf die Seele wie auf den Krper anwenden. Dieser so verstandene Geschlechtsunterschied oder vielmehr die Teilung und Reproduktion der menschlichen Gestalt sind fr sie das Symbol des universellen Lebens, die regelmige und unendliche Entwickelung des Seins, eine regelmige und fortgesetzte Schpfung nicht allein hinsichtlich der Dauer, sondern auch hinsichtlich der aufeinanderfolgenden Realisation aller mglichen Existenzformen. Wir sind der Grundlage dieser Idee schon frher begegnet, hier folgt aber noch etwas mehr, nmlich die graduelle Expansion des Lebens, des Seins und des gttlichen Gedankens, welche nicht unmittelbar mit der Substanz begonnen hat, welcher im Gegenteil jene tumultuse, ungeordnete und unorganische Emanation vorausging, von welcher wir eben gesprochen haben. Warum wurden jene Urwelten zerstrt? Weil der Mensch noch nicht geschaffen war. Da nmlich die menschliche Gestalt alle Dinge in sich einschliet, ist auch Alles in ihr enthalten. Weil nun diese Gestalt noch nicht existirte, so konnten die frheren Welten weder bestehen noch sich erhalten, sie zerfielen in Trmmer, ehe die menschliche Gestalt geschaffen wurde, worauf sie aufs Neue, aber unter anderen Namen wiedergeboren wurden.[447] Wir wollen nicht abermals die Stellen wiederholen, in welchen von dem Geschlechtsunterschied des idealen Menschen die Rede ist; es genge, da von dieser Anschauung an unzhligen Stellen des Sohar die Rede ist, und da sie auf den charakteristischen Namen die Wage fhrt. Das Buch des Geheimnisses sagt: Ehe die Wage geschaffen wurde, beschauten sich der Knig und die Knigin (die ideale und reale Welt) nicht von Angesicht zu Angesicht, und die alten Knige starben, weil sie nicht existiren konnten. Diese Wage ist an einem Ort aufgehangen, der nicht ist, (das primitive Nichtseiende), denn die auf ihrer Schale existierenden Orte waren noch nicht. Es ist eine ganz innere unsichtbare Wage ohne Sttze. Sie ist das, was nicht ist, was ist und was sein wird. Das trgt diese Wage.[448] Wir haben schon in einem frheren Citat gesehen, da die Knige von Edom, die Urwelten, nicht durchaus verschwunden sind, denn nach dem kabbalistischen System wird nichts absolut geschaffen, und geht nichts absolut unter. Sie haben nur ihren alten Platz verloren, welcher der des aktuellen Universum war. Wenn aber Gott sich auerhalb seiner selbst in menschlicher Gestalt offenbart, erwachen sie wieder um unter andern Namen in das allgemeine System der Schpfung einzutreten. Wenn man sagt, da die Knige von Edom gestorben sind, so spricht man nicht von einem wirklichen Tod oder von einer vollkommenen Zerstrung, sondern jeder Verlust wird mit dem Namen Tod bezeichnet.[449] In Wirklichkeit stiegen sie wieder herab, oder besser gesagt -- sie erhoben sich wieder aus dem Nichts, denn sie waren in den uersten Grad des Universum versetzt worden. Sie reprsentieren die rein passive Existenz, oder, um uns der eigenen Ausdrucksweise des Sohar zu bedienen, die Gerechtigkeit ohne irgend welche Beimischung von Gnade, einen Ort der Strenge und Gerechtigkeit[450], wo alles weiblich ohne irgend ein mnnliches Prinzip, wo alles Widerstand und Trgheit wie in der Materie ist. Deshalb wurden sie auch die Knige von Edom genannt, denn Edom war diametral Israel entgegengesetzt, welches die Gnade, das Leben, die spirituelle und aktive Existenz reprsentiert. Wir knnen also, wenn wir die meisten dieser Ausdrcke wrtlich nehmen, mit den neueren Kabbalisten sagen, da die Urwelten ein Aufenthaltsort fr die Bestrafung der Verbrechen geworden sind, und da von ihnen jene bsartigen Wesen ausgehen, welche der gttlichen Gerechtigkeit zu Werkzeugen dienen. Nichts wird durch diesen Gedanken verndert, denn wie wir bei weiterer Untersuchung des Sohar sehen werden, in welchem die Metempsychose eine so groe Rolle spielt, besteht die Zchtigung schuldiger Seelen hauptschlich in der Wiedergeburt auf niedriger Stufe der Schpfung und in grerer Sklaverei der Materie. Was die Dmonen anlangt, so wurden sie bereinstimmend mit dem Namen Hllen ($Klipot$) bezeichnet und sind weiter nichts als die Materie selbst und die von ihr abhngigen Leidenschaften. Also ist jede Existenzform von der Materie bis zur ewigen Weisheit eine Offenbarung oder, wenn man will, eine Emanation des unendlichen Wesens. Aber es gengt nicht, da alle Dinge von Gott kommen mssen, um Realitt und Bestand zu haben, Gott mu auch bestndig inmitten derselben sein, damit er lebe, sich enthlle und von Ewigkeit zu Ewigkeit in ihnen aufs Neue erzeuge, denn wenn er sich von ihnen losmachen wollte, wrden sie vergehen wie ein Schatten. Dieser Schatten ist auch ein Teil des gttlichen Wesens; er ist die Grenzmarke, wo Geist und Leben vor unsern Augen verschwinden; er ist das Ende, wie der ideale Mensch der Anfang ist. Auf diese Grundstze ist die Kosmologie und Psychologie der Kabbala gegrndet. Siebentes Kapitel. Die Weltanschauung der Kabbalisten. Was wir ber die Anschauungen der Kabbalisten von der gttlichen Natur wissen, ntigt uns, etwas lnger bei ihrer Betrachtungsweise der Schpfung und des Ursprungs der Welt zu verweilen, weil nmlich beides in ihrem Geist ineinander fliet. Wenn sich Gott mit ihr in ihrer unendlichen Totalitt, im Gedanken und Sein vereinigt, so ist es gewi, da auer ihm nichts existieren und erkannt werden kann, denn Alles, was wir durch die Vernunft oder die Erfahrung erkennen, ist eine teilweise Enthllung oder ein teilweiser Anblick des absoluten Seins. Die ewige Dauer einer trgen und von ihm getrennten Substanz ist eine Unmglichkeit, eine Chimre, und die Schpfung ist, wie sie gewhnlich aufgefat wird, unmglich. Diese letzte Konsequenz ist klar in folgenden Worten ausgesprochen: Der unteilbare Punkt (das Absolute) hat keine Grenzen und kann nicht erkannt werden. In Folge seiner Strke und Reinheit hat er sich in sich selbst zurckgezogen und ein Zelt gebildet, das wie ein Vorhang den unteilbaren Punkt bedeckt. Dieses Zelt, obgleich von einem weniger reinen Licht als der Punkt selbst, ist immer noch zu hell, um betrachtet werden zu knnen. Es hat sich in sich selbst concentriert, und diese Extension dient ihm als Bekleidung. Alles ist also in einer bestndig herniedersteigenden Bewegung, welche das Universum geschaffen hat.[451] Wir mssen uns ins Gedchtnis zurckrufen, da das absolute Sein und die sichtbare Natur nur einen einzigen Namen Gott haben. Eine andere Stelle deutet uns an, da die vom Geist ausgehende und mit dem hchsten Gedanken identische Stimme im Grund nichts anderes ist als das Wasser, die Luft und das Feuer, der Norden, der Mittag und alle Krfte der Natur.[452] Alle diese Elemente und Krfte sind in einem Ding verbunden, in der vom Geist ausgehenden Stimme. Die Materie endlich, unter einem allgemeinen Gesichtspunkt betrachtet, ist der untere Teil der geheimnisvollen Flamme, von der wir weiter oben gesprochen haben. Durch diese Lehrmeinung suchten sich die Kabbalisten mit dem landlufigen Glauben, da die Welt aus nichts geschaffen sei zu vershnen. Aber das Nichts hat fr sie einen anderen Sinn als den gewhnlichen. Es mge folgen, was ber diesen Punkt ziemlich deutlich von einem der Kommentatoren des Sepher Jezirah gesagt wird: Wenn man zugiebt, da alle Dinge aus dem Nichts geschaffen sind, so spricht man nicht von dem eigentlichen Nichts, denn niemals kann aus dem Nichtseienden etwas entstehen. Man versteht aber unter dem Nichtseienden das, was nicht seiner Ursache und Wesenheit nach erkannt werden kann, nmlich dasjenige, was wir das primitive Nichtseiende ($Ayyin Kadmon$) nennen, weil es vor der Welt da war. Unter ihm verstehen wir nicht allein die materiellen Objekte, sondern auch die Weisheit, auf welche die Welt gegrndet ist. Wenn man nun fragt, was ist das Wesen der Weisheit, und auf welche Weise ist sie in der Weisheit oder der hchsten Krone enthalten? so kann Niemand auf diese Frage antworten, denn in dem Nichtseienden ist kein Unterschied und keine Existenz. Man wird zunchst nicht begreifen, wie die Weisheit mit dem Leben verbunden ist.[453] Alle alten und neueren Kabbalisten erklren auf diese Weise das Dogma von der Schpfung und sagen in daraus sich ergebender Konsequenz: +Ex nihilo nihil.+ Sie glauben weder an eine absolute Vernichtung, noch an eine Schpfung in der landlufigen Auffassung. Der Sohar sagt: Nichts geht in der Welt verloren, selbst nicht der Hauch unseres Mundes. Jedes Ding hat seinen Bestimmungsort, und der Heilige, gelobt sei er, lt dort seine Werke zusammenstrmen. Nichts fllt ins Leere, selbst nicht die Stimme des Menschen. Alles hat seinen Bestimmungsort.[454] Ein unbekannter Greis sprach diese Worte zu den Schlern des Jochai, und sie erkannten darin einen der geheimnisvollsten Artikel ihres Glaubens, weshalb sie in die Worte ausbrachen: O Greis, was hast du gethan? Konntest du nicht Stillschweigen bewahren? Denn jetzt bist du ohne Segel und ohne Mast auf ein uferloses Meer hinausgetragen. Du wolltest fliegen und konntest es nicht, sondern fielst in einen bodenlosen Abgrund.[455] Sie fhren auch das Beispiel ihres Meisters an, welcher immer gemigt in seinen Ausdrcken, sich nicht ohne Mittel zur Rckkehr auf dieses uferlose Meer hinauswagte, d.h. seine Gedanken unter einer Allegorie verbarg. Dieses Mittel wird mit groer Freimtigkeit folgendermaen kundgegeben: Alle Dinge, aus denen die Welt zusammengesetzt ist, der Geist sowohl als der Krper, kehren zu dem Ursprung und der Wurzel zurck, woraus sie entsprossen sind.[456] Sie beginnen aufs Neue am Ende aller Stufen der Schpfung, welche alle mit ihrem Siegel bezeichnet sind, das man nur mit dem Namen der Einheit bezeichnen kann. Es ist das einzige Wesen ungeachtet der unzhligen Formen, mit denen es bekleidet ist.[457] Wenn Gott die Ursache und Substanz oder, wie Spinoza sagen wrde, die immanente Ursache des Universum, welches notwendigerweise das Meisterstck der Vervollkommnung, der Weisheit und hchsten Gte ist. Zur Darstellung dieses Gedankens bedienen sich die Kabbalisten einer sehr originellen Ausdrucksweise, wie sie mehrere neuere Mystiker, z.B. Jakob Bhme und St. Martin in ihren Werken anwenden. Sie nennen die Natur eine Segnung und betrachten es als eine sehr bezeichnende Thatsache, da der Buchstabe, mit welchem das erste Wort des mosaischen Schpfungsberichtes beginnt ($Bereshit$), auch der Anfangsbuchstabe des Wortes Segen ($Berakhah$) ist.[458] -- Nichts ist absolut schlecht, nichts ist fr immer verdammt, selbst nicht der Erzengel des Bsen, die vergiftete Schlange ($Chivya Bisha$), wie sie denselben manchmal nennen. Es wird die Zeit kommen, wo er seinen Namen und seine Engelsnatur wiedererhalten wird.[459] Schlielich ist die Weisheit hier unten so wenig sichtbar als die Gte, weil das Universum durch das gttliche Wort geschaffen ist und weil es selbst nichts anderes ist als dieses Wort, oder nach der mystischen Ausdrucksweise des Sohar: der artikulierte Ausdruck des gttlichen Gedankens. Es ist, wie wir schon gesehen haben, die Gesamtheit aller Sonderwesen, die in ihrem Keim in den ewigen Formen der hchsten Weisheit existieren. Folgende Worte sind die markanteste Stelle ber diese Lehre: Der Heilige, gelobt sei er, hatte schon mehrere Welten geschaffen und zerstrt, bevor ihm der Schpfungsgedanke unserer Welt kam. Als nun dieser Gedanke auf dem Punkt angelangt war, sich zu verwirklichen, standen alle Geschpfe des Weltalls, welche geschaffen werden sollten, vor Gott in ihren wahren Gestalten, wie der Prediger sagt: Was war, wird auch in Zukunft sein, und was sein wird, ist schon gewesen.[460] Jede untere Welt hat hnlichkeit mit der obern Welt, und alles, was in der obern Welt existiert, erscheint uns in der untern Welt wie ein Bild, und Alles ist nur Eins.[461] Diesen erhabenen Glauben, welchen man -- allerdings mehr oder weniger verndert -- in allen groen metaphysischen Systemen wiederfindet, haben die Kabbalisten auf ihren Mysticismus zurckgefhrt, indem sie annehmen, da Alles eine symbolische Bedeutung besitze, und da sich alle materiellen Dinge in dem gttlichen Denken oder der menschlichen Intelligenz wiederfinden. Alles, was vom Geist kommt, mu sich uerlich manifestieren und sichtbar werden.[462] Dies ist die Wurzel des Glaubens an ein himmlisches und ein physiognomisches Alphabet. In folgenden Ausdrcken sprechen die Kabbalisten ber das Erstere: In der ganzen Ausdehnung des Himmels, der die Welt umgiebt, sind Figuren und Zeichen verborgen, mittelst deren wir die tiefsten und verborgensten Geheimnisse ergrnden knnen. Diese Figuren werden durch die Constellationen und Sterne gebildet, welche fr den Weisen ein Gegenstand der Betrachtung und eine Quelle mystischer Freuden sind.[463] Wer sich auf eine Reise begiebt und frh aufsteht, sieht, wenn er aufmerksam den Osten betrachtet, wie diese Buchstaben am Himmel erscheinen; die einen steigen auf, die andern gehen unter. Diese glnzenden Formen sind die Buchstaben, durch welche Gott Himmel und Erde geschaffen hat; sie bilden seinen geheimnivollen und heiligen Namen.[464] Solche Ideen knnen, wenn sie nicht in einem erhabenen Sinn aufgefat werden, einer ernsten Arbeit unwrdig erscheinen. Bevor wir sie aber verurteilen, mssen wir das ganze System des Sohar betrachten, welches voll der glnzendsten und begrndetsten Aphorismen ist und sich wohl htet, gegen unsere intellektuellen Gewohnheiten zu verstoen, andernfalls wrden wir der geschichtlichen Wahrheit untreu werden. Endlich ist noch zu bemerken, da noch eine groe Anzahl hnlicher Trumereien von dem gleichen Prinzip ausgingen und keineswegs schwachen Kpfen entstammten. Pythagoras und Plato sind hier zu nennen, und alle groen Reprsentanten des Mysticismus, welche in der uern Natur nur eine lebende Allegorie sehen, nehmen je nach Magabe ihrer Intelligenz die Theorie der Zahlen und Ideen an. Es ist dies nur eine Konsequenz ihres allgemeinen metaphysischen Systems oder, wenn es hier gestattet ist, in der philosophischen Sprache unserer Zeit zu reden, ein Urteil +a priori+, welches die Kabbalisten ber die Physiognomik abgaben, die ihrer Natur nach schon im Zeitalter des Sokrates bekannt war. Sie sagen: Die Physiognomik besteht, wenn wir den Meistern der innern Wissenschaft Glauben schenken drfen, nicht in der Erkenntni der sich uerlich kundgebenden Zge, sondern in der Erkenntni jener, welche sich auf geheimnivolle Weise im tiefsten Grund unserer Natur abzeichnen. Die Gesichtszge verndern oft die Form des innern Gesichts unseres Geistes; der Geist allein aber bringt die die Weisen kennzeichnenden Gesichtszge hervor; es ist der Geist, welcher ihnen den Ausdruck giebt. Wenn der Geist oder die Seelen von Eden (so nennt man die hchste Weisheit) auswandern, so haben sie alle eine gewisse Gestalt, welche sich spter in der Physiognomie ausprgt.[465] Auf diese allgemeinen Betrachtungen folgen eine groe Anzahl detaillierter Beobachtungen, welche noch heut zu Tage ihre Gltigkeit besitzen. So ist z.B. eine breite und konvexe Stirn das Zeichen eines lebhaften und tiefen Geistes, einer auserlesenen Intelligenz. Eine breite, aber platte Stirn ist ein Zeichen der Dummheit. Eine breite, in eine Spitze auslaufende und an den Seiten zusammengedrckte Stirn ist ein unfehlbares Zeichen eines sehr beschrnkten Geistes, welcher jedoch mit einer malosen Eitelkeit verbunden sein kann.[466] Endlich werden alle menschlichen Physiognomien in vier Hauptklassen geteilt, welche sich je nach dem Rang, welchen die menschlichen Seelen in der intellektuellen und moralischen Reihenfolge einnehmen von einander entfernen oder sich einander nhern. Diese Figuren werden durch die vier Gestalten des mystischen Wagens des Hesekiel gekennzeichnet: des Menschen, des Lwen, des Ochsen und des Adlers.[467] Es will uns scheinen, als ob die kabbalistische Dmonologie nichts anderes sei als eine von den verschiedenen Graden des Lebens und der Intelligenz in der uern Natur abgeleitete Personifikation. Der Glaube an Dmonen und Engel hatte sich seit altersgrauer Zeit als eine dem ernsten Dogma von der gttlichen Einheit entgegengesetzte lcherliche Mythologie im menschlichen Glauben festgewurzelt. Warum also htten sich die Kabbalisten ihrer nicht bedienen sollen, um ihre Ideen ber die Beziehungen der Gottheit zur Welt zu verschleiern, da sie sich der Schpfungslehre bedienten, um gerade das Gegenteil auszudrcken, und der Schrifttexte, um sich von der Autoritt der Schrift und Religion zu befreien? Wir haben zu Gunsten dieser Lehre keinen einzigen einwandfreien Text gefunden, aber hier mgen wenigstens einige Wahrscheinlichkeitsgrnde folgen: Erstens ist in drei Fragmenten des Sohar, in den beiden Idra und im Buche des Geheimnisses in verschiedenster Weise sehr viel von der himmlischen und hllischen Hierarchie die Rede, was augenscheinlich eine Erinnerung an die babylonische Gefangenschaft ist. Weiterhin wird in andern Teilen des Sohar von unter dem Menschen stehenden Engeln gesprochen, welche als von einem blinden Impuls angetriebene Krfte betrachtet werden. Hier eine solche Stelle: Gott belebte einen jeden Theil des Firmaments mit einem besondern Geist. Also wurden die himmlischen Heerschaaren gebildet, und sie standen vor ihm. Dies ist mit den Worten ausgedrckt: Mit dem Hauche seines Mundes schuf er die himmlischen Heerschaaren. Die heiligen Engel, welche die Boten des Herrn sind, steigen nur auf einem Weg herab, aber in den Seelen der Gerechten giebt es zwei Wege, welche sich zu einem verbinden. Deshalb steigen die Seelen der Gerechten hher, denn ihr Rang ist ein hherer.[468] Die Talmudisten selbst, obgleich sie sich an den Buchstaben halten, bekennen sich zu dem gleichen Grundsatz: Die Gerechten stehen hher als die Engel.[469] Wir begreifen das, was man mit diesen Geistern, welche die Himmelskrper und Elemente beseelen, sagen will, besser, wenn wir auf ihre Namen und die ihnen zugeschriebenen Verrichtungen Obacht geben. Vor allen Dingen mu man die rein poetischen Personifikationen, ber deren Natur kein Zweifel obwalten kann, ausscheiden. Dies sind jene Engel, deren Namen einer moralischen Eigenschaft oder einer metaphysischen Abstraktion entnommen sind, wie z.B. das gute und bse Verlangen, welche man unsern Augen als reale Personen darstellen will, der Engel der Reinheit (Tahariel), der Barmherzigkeit (Rachmiel), der Gerechtigkeit (Zadkiel), der Befreiung (Padael) und der berhmte Raziel, welcher mit eiferschtigen Augen die Geheimnisse der kabbalistischen Weisheit bewacht.[470] Etwas anderes ist der von allen Kabbalisten anerkannte Grundsatz, nach welchem das allgemeine System der Wesen, welche die himmlische Hierarchie bilden, in der dritten Welt, welche die Welt der Gestaltung (Olam Jezirah) genannt wird, beginnt, und die die Fixsterne und Planeten umfat. Wie wir schon gesagt haben, ist der Herr dieser unsichtbaren Welt der Engel Metatron, welcher unter dem Throne Gottes steht, und durch den dieser die Welt der Schpfung oder der reinen Geister (Olam Briah) schuf. Seine Aufgabe ist es, die Einheit, Harmonie und Bewegung zu erhalten. Er ist eine jener blinden unendlichen Krfte, durch welche man Gott unter dem Namen Natur ersetzen wollte. Unter seinem Befehl stehen Myriaden von Geistern, welche man -- zweifelsohne zu Ehren der Sephiroth -- in zehn Kategorien geteilt hat. Diese untergeordneten Engel befinden sich in den verschiedenen Teilen der Natur, in jeder Sphre und in jedem Element, whrend ihr Herr im Universum thront. Also beherrscht der eine die Bewegungen der Erde, der andere die des Mondes, und das gleiche findet statt bezglich der anderen Himmelskrper.[471] Der Engel des Feuers heit Nuriel, der des Lichts Uriel; ein dritter steht den Jahreszeiten vor, ein vierter der Vegetation. Endlich werden alle Erzeugnisse, alle Krfte und alle Erscheinungen der Natur auf dieselbe Weise reprsentiert. Die Absicht dieser Allegorien wird vollkommen klar, wenn es sich um die bsen Geister handelt. Wir haben schon die Aufmerksamkeit auf den Namen gelenkt, welchen man im allgemeinen den Mchten dieser Ordnung beilegt. Die Dmonen sind fr die Kabbalisten die grbsten, unvollkommensten Formen, die Hllen der Existenz, nmlich alles das, welches die Abwesenheit des Lebens, der Intelligenz und der Ordnung darstellt. Also bilden diese Engel wie die zehn Sephiroth, zehn Grade, in denen die Finsternis und die Unreinheit sich mehr und mehr verdichtet wie in den hllischen Kreisen Dantes.[472] Der erste oder vielmehr die beiden ersten sind nichts anderes, als der Zustand, in welchem uns die Genesis die Erde vor dem Werk der sieben Tage zeigt, nmlich die Abwesenheit jeder sichtbaren Form und aller Organisation. Der dritte ist der Aufenthaltsort der Finsternis, der nmlichen Finsternis, welche im Anfang den Abgrund bedeckte. Alsdann folgt das, was man die sieben Tabernakel oder die eigentliche Hlle nennt, welche unsern Augen eine systematische Reihenfolge aller Unordnungen der moralischen Welt und der daraus folgenden Leiden darbietet. Dort sehen wir jede Leidenschaft des menschlichen Herzens, jedes Laster und jede Schwche, in einem Dmon personifiziert, zu einem Henker werden, welcher in die Welt entsendet wird. Hier ist die Wollust, die Verfhrung, der Zorn, die grobe Unreinheit, der Dmon der stummen Gruel, der Totschlag, der Neid, der Gtzendienst und der Stolz. Die sieben hllischen Tabernakel werden bis in das Unendliche geteilt[473]; fr jede Art der Verkehrtheit giebt es ein besonderes Reich, und man sieht also den Abgrund sich stufenweise in seiner ganzen Tiefe und Unendlichkeit aufthun. Der Beherrscher dieser finstern Welt, welchen die Bibel Satan nennt, trgt in der Kabbala den Namen Samael, das heit der Engel des Giftes und des Todes, und der Sohar sagt bestimmt, da der Engel des Todes, die schlechte Begierde, Satan und die Schlange, welche unsere Mutter Eva verfhrte, ein und dasselbe sind.[474] Man giebt auch Satan eine Gattin, welche die Personifikation des Lasters und der Sinnlichkeit ist, denn sie wird in der Kabbala die groe Hure oder die Meisterin der Ausschweifungen genannt.[475] In der Regel wird sie durch das einfache Symbol der Schlange dargestellt. Wenn man diese Theorie der Dmonen und der Engel auf die einfachste und allgemeinste Form zurckfhren will, so wird man sehen, da die Kabbalisten in jedem Naturerzeugnis und infolgedessen in der gesamten Natur zwei sehr verschiedene Elemente anerkennen: Ein innerliches, unverderbliches, welches sich ausschlielich der Intelligenz enthllt, nmlich der Geist, das Leben oder die Form; das andere ist rein uerlich und materiell, und dessen Symbol der Verfall, die Verfluchung und der Tod. Man kann diese ganze Theorie mit den Worten Spinozas ausdrcken: +Omnia, quamvis diversis gradibus, animata tamen sunt.+[476] Auf diese Weise wird die Dmonologie der Kabbalisten eine notwendige Ergnzung ihrer Metaphysik und erklrt uns vollkommen die Namen, mit welchen man die beiden unteren Welten bezeichnet. Achtes Kapitel. Die Lehrmeinung der Kabbalisten von der menschlichen Seele. Durch den erhabenen Rang, welchen die Kabbalisten dem Menschen einrumen, empfehlen sie sich nicht nur unserem Interesse, sondern das Studium ihres Systems gewinnt auch eine hohe Wichtigkeit sowohl fr die Geschichte der Philosophie als fr die der Religion. Du bist vom Staub und wirst zu Staub werden, sagt die Genesis, und auf diese Worte des Fluches folgt kein Versprechen einer bessern Zukunft, keine Erwhnung der Seele, welche zu Gott emporsteigt, wenn der Krper zu Erde geworden ist. Nach dem Autor des Pentateuch hat das Urbild der israelitischen Weisheit, der Prediger Salomonis, der Nachwelt folgende fremdartige Parallele hinterlassen: Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch; und haben alle einerlei Odem; und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh; denn es ist alles eitel.[477] Der Talmud drckt sich manchmal in poetischen uerungen ber die Belohnungen aus, welche die Gerechten erwarten. Er stellt dieselben dar, sitzend im himmlischen Eden, das Haupt mit Licht umflossen und sich der gttlichen Herrlichkeit freuend. Aber die menschliche Natur sucht er mehr zu erniedrigen als zu adeln.[478] Woher kommst du? Von einem Tropfen faulenden Stoffes. Wohin gehst du? In die Mitte des Staubes, der Verderbnis und der Wrmer. Und vor wem wirst du dich eines Tages rechtfertigen und Rechenschaft geben von deinen Handlungen? Vor demjenigen, welcher herrscht ber die Knige der Knige, vor dem Heiligen, gelobt sei er.[479] Dieses sind die Worte, welche man in einer Sammlung von Sentenzen liest, welche einem der ltesten und geachtetsten Hupter der talmudistischen Schule zugeschrieben wird. Der Sohar belehrt uns in einer ganz andern Sprache ber unsern Ursprung, unsere zuknftige Bestimmung und unsere Beziehungen zum gttlichen Wesen. Er sagt: Der Mensch ist die Zusammenfassung und der erhabenste Ausdruck der Schpfung; deshalb wurde er am sechsten Tag geschaffen. Sobald der Mensch erschien, war alles vollendet, sowohl die obere als die untere Welt, denn alles ist im Menschen zusammengefat, er vereinigt in sich alle Formen.[480] Aber es ist nicht allein das Bild der Welt, der Universalitt der Wesen, die man unter dem absoluten Sein versteht, er ist auch das Bildnis Gottes, betrachtet in der Gesamtheit seiner unendlichen Attribute. Er ist die gttliche Anwesenheit auf der Erde, der himmlische Adam, welcher, von der tiefsten und ersten Dunkelheit ausgehend, den irdischen Adam geschaffen hat.[481] Es mge hier in erster Linie folgen, in welcherlei Hinsicht der Sohar den Menschen die kleine Welt nennt: Glaube nicht, da der Mensch allein Fleisch, Haut, Knochen und Adern sei. Im Gegentheil: Das, was wirklich den Menschen ausmacht, ist seine Seele, und die Dinge, von denen wir sprachen, die Haut, das Fleisch, die Knochen, die Adern, sind fr uns nur ein Kleid, ein Schleier, aber sie sind nicht der Mensch. Wenn der Mensch stirbt, legt er alle Schleier ab, welche ihn bedecken. Jedoch sind diese verschiedenen Theile unseres Krpers bereinstimmend mit den Geheimnissen der hchsten Weisheit. Die Haut entspricht dem Firmament, welches sich allenthalben ausdehnt und alle Dinge wie ein Kleid bedeckt. Das Fleisch entspricht der blen Seite des Universum, die wir weiter oben das rein uerliche und sinnliche Element genannt haben. Die Knochen und Adern bilden den himmlischen Wagen, die innerlichen Krfte, die Diener Gottes. Alles dies ist jedoch nur ein Kleid. Denn im Innern ist das Geheimni des himmlischen Menschen verborgen. Also steigt der irdische Mensch, der himmlische und innere Adam, sowohl hinauf als herab. Es hat dies denselben Sinn, als wie gesagt ist, da Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf. Aber selbst am Firmament, welches das Weltall einschliet, sehen wir verschiedene durch die Sterne und Planeten gebildete Figuren, welche uns verborgene Dinge und tiefe Geheimnisse ankndigen. Ebenso finden wir auf der Haut, welche unsern Krper umgiebt, Formen und Zge, welche als die Planeten und Sterne unseres Krpers zu betrachten sind. Alle diese Formen haben einen verborgenen Sinn und sind ein Gegenstand der Aufmerksamkeit fr die Weisen, welche im Gesicht des Menschen lesen knnen.[482] Allein durch die Gewalt seiner uern Gestalt, durch den Reflex der Intelligenz und der ber seine Zge ausgegossenen Gre macht der Mensch die wildesten Tiere erzittern.[483] Der Engel, welchen Gott Daniel zur Verteidigung gegen die Wut der Lwen sandte, ist nach dem Sohar nichts anderes, als das Gesicht des Propheten, oder die Herrschaft, welche ein reiner Mensch ausbt. Aber er fgt hinzu, da dieser Vorzug sogleich verschwindet, sobald sich der Mensch durch die Snde und das Vergessen seiner Pflichten herabsetzt.[484] Wir wollen nicht lnger bei diesem Punkt verweilen, weil derselbe, wie wir schon bemerkt haben, durchaus unter die Theorie von der Natur gehrt. An sich selbst betrachtet, das heit, unter dem Gesichtspunkt der Seele und verglichen mit Gott, bevor derselbe in der Welt sichtbar wurde, ruft uns das menschliche Wesen durch seine Einheit, seine substantielle und seine dreifache Natur vollkommen die hchste Trinitt ins Gedchtnis zurck. Er ist aus folgenden Elementen zusammengesetzt: 1. Aus dem Geist, $Neshama$, welcher den erhabensten Grad seiner Existenz reprsentiert; 2., aus der Seele, $Ruach$, welche das Behltnis des Guten und Bsen, des guten und schlechten Verlangens, mit einem Wort: der moralischen Eigenschaften ist; 3., aus einem grberen Geist, $Nefesh$, welcher in unmittelbarer Verbindung mit dem Krper steht und direkt das verursacht, was der Text die untern Bewegungen, d.h. die Handlungen und Instinkte des tierischen Lebens verursacht. Um zu begreifen, wie sich diese drei Prinzipien oder vielmehr diese drei Grade der menschlichen Existenz, ungeachtet des sie trennenden Abstandes, sich zu einem einzigen Wesen verbinden, wird hier der Vergleich wiederholt, dessen sich schon das Buch der Schpfung hinsichtlich der gttlichen Attribute bedient. An einer Unzahl von Stellen wird von diesen drei Seelen gesprochen; aber ihrer Klarheit wegen bringen wir nur die folgenden zur Wiedergabe: In den drei Dingen, dem Geist, der Seele und dem sinnlichen Leben finden wir ein getreues Bild von dem, was von oben herabsteigt; denn alle drei bilden nur ein einziges Wesen, in welchem alles zu einer Einheit verbunden ist. Das sinnliche Leben besitzt an sich selbst kein Licht und ist deshalb mit dem Krper eng verbunden, welchem es die Freuden und die Nahrung, deren er bedarf, beschafft. Man kann es mit den Worten des Weisen erklren: 'Es bereitet seinem Haus die Nahrung und weist den Knechten ihr Tagewerk an.' Das Haus ist der zu ernhrende Krper, und die Knechte sind die Glieder, welche ihm gehorchen. ber das sinnliche Leben erhebt sich die Seele, welche es unterjocht, ihm Gesetze auflegt und erleuchtet, soviel es die Natur bedarf. Das animalische Prinzip steht also unter der Herrschaft der Seele. ber die Seele endlich erhebt sich der Geist, welcher alles beherrscht und auf sie ein Licht des Lebens wirft. Die Seele wird durch dieses Licht erleuchtet, und alles hngt vollkommen vom Geist ab. Nach dem Tod hat sie keine Ruhe; die Thore des Eden werden nicht eher geffnet, als bis der Geist zu seiner Quelle, dem ltesten der Alten, zurckgekehrt ist, um von ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit erfllt zu werden, denn alles kehrt zu seiner Quelle zurck.[485] Jede dieser drei Seelen hat, wie leicht einzusehen, ihren Ursprung in einem verschiedenen Grad der gttlichen Wesenheit. Die hchste Weisheit, welche auch das himmlische Eden genannt wird, ist der alleinige Ursprung des Geistes. Die Seele kommt nach den Auslegern des Sohar von dem Attribut, welches in sich die Gerechtigkeit und Gnade vereinigt, nmlich von der Schnheit. Das animalische Prinzip endlich, welches sich nie ber diese Welt erhebt, hat keine andere Basis als die Attribute der Strke, welche im Reich zusammengefat sind. Auer diesen drei Elementen kennt der Sohar noch ein anderes von ganz auerordentlicher Natur, auf dessen alten Ursprung wir im weiteren Verlauf zurckkommen werden. Es ist die uere Form des Menschen, aufgefat als eine vom Krper getrennte Existenz, mit einem Wort: die Idee des Krpers mit den persnlichen Zgen, welche uns von den andern unterscheiden. Diese Idee steigt vom Himmel herab und wird sichtbar im Augenblick der Empfngnis. In dem Augenblick der irdischen Vereinigung sendet der Heilige, dessen Name gelobt sei, vom Himmel herab eine Form von der hnlichkeit des Menschen, welche den Abdruck des gttlichen Siegels trgt. Diese Form hilft bei dem Act, von welchem wir sprechen, und wenn das Auge sehen knnte, was dabei vorgeht, so wrde man ber seinem Haupt ein dem menschlichen Gesicht vollkommen hnliches Bild erblicken, welches das Modell ist, nach welchem wir geschaffen sind. Wenn es von dem Herrn nicht herabgesandt wird und nicht ber unser Haupt schwebt, so findet keine Zeugung statt, denn es steht geschrieben: 'Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.' Dieses Bild empfing uns bei unserer Ankunft auf der Welt, es entwickelt sich, wenn wir wachsen, und verlt mit uns die Erde. Sein Ursprung ist im Himmel. Im Augenblick, wo die Seelen ihren himmlischen Aufenthaltsort verlassen, erscheint jede Seele vor dem hchsten Knig, bekleidet mit einer erhabenen Form, in welche die Zge eingegraben sind, welche sie hier unten tragen soll. Das Bild, von dem wir reden, besteht in dieser erhabenen Form, es kommt als drittes hinter der Seele, es geht uns auf der Erde voraus und erwartet unsere Ankunft seit dem Augenblick der Empfngni; es ist bestndig gegenwrtig bei dem Akt der ehelichen Vereinigung.[486] Bei den neueren Kabbalisten wird dieses Bild das individuelle Prinzip genannt. Endlich haben einige unter dem Namen Lebensgeist in die kabbalistische Psychologie ein fnftes Prinzip eingefhrt, welches seinen Sitz im Herzen hat, und das der Kombination und Organisation der materiellen Elemente vorsteht und sich gnzlich vom Prinzip des tierischen Lebens, vom sinnlichen Leben unterscheidet, wie bei Aristoteles und den scholastischen Philosophen die negative Seele sich von der sensitiven unterscheidet. Diese Meinung grndet sich auf eine allegorische Stelle des Sohar, wo gesagt wird, da jede Nacht whrend unseres Schlafs unsere Seele zum Himmel hinaufsteigt, um Rechenschaft von ihrem Tagewerk abzulegen, und da in diesem Augenblick der Krper nur von einem im Herzen wohnenden Lebenshauch beseelt wird.[487] Aber diese beiden letzteren Elemente zhlen nichts in unserer geistigen Existenz, welche vllig in der innigen Verbindung des Geistes mit der Seele aufgeht. Was nun die augenblickliche Verbindung dieser beiden oberen Prinzipien mit dem sinnlichen anlangt, wodurch dieselben an die Erde gekettet werden, so wird sie nur als ein bel angesehen. Man will dieselbe nicht nach dem Beispiel des Origenes und der Gnostiker fr einen Fall oder ein Exil gelten lassen, wohl aber fr ein Erziehungsmittel und eine heilsame Probe. In den Augen der Kabbalisten ist es eine Notwendigkeit fr die Seele, eine mit ihrer endlichen Natur zusammenhngende Notwendigkeit, eine Rolle im Universum zu spielen, das Schauspiel der Schpfung zu betrachten, und das Bewutsein ihrer selbst und ihres Ursprungs zu erhalten, und zurckzukehren ohne sich vollkommen mit der unerschpflichen Quelle des Lichtes und Lebens zu vermischen, welche man den gttlichen Gedanken nennt. Im andern Fall wrde der Geist nicht hernieder steigen knnen, ohne gleichzeitig die beiden unteren Prinzipien, ja sogar die noch niedriger stehende Materie zu erheben. Wenn das menschliche Leben vollendet ist, ist es gewissermaen eine Art Vershnung zwischen den beiden uersten Grenzen der Existenz, in ihrer Gesamtheit betrachtet, zwischen dem Idealen und Realen, zwischen der Form und dem Stoff, oder wie das Original sagt, zwischen dem Knig und der Knigin. Es mgen hier diese beiden zwar in poetischer Form, aber unverkennbar geschilderten Konsequenzen folgen: Die Seelen der Gerechten sind ber alle Mchte und Diener des Himmels erhht. Und wenn du fragst, warum sie von einer so erhabenen Stelle auf die Welt herabsteigen und sich von ihrem Ursprung entfernen, so antworte ich darauf: Es ist das Beispiel eines Knigs, welchem ein Sohn geboren wird, welchen er auf das Land schickt, damit er dort ernhrt und erzogen werde, bis da er gro geworden und vorbereitet ist zu den im Palast seines Vaters herrschenden Gebruchen. Wenn man nun dem Knig meldet, da die Erziehung seines Sohnes vollendet sei, was wird er wohl in seiner Liebe zu ihm thun? Er lt, um seine Rckkehr zu feiern, die Knigin, seine Mutter, holen, er fhrt ihn in seinen Palast und freut sich mit ihm den ganzen Tag. Der Heilige, gelobt sei sein Name, hat auch einen Sohn von der Knigin; dieser Sohn ist die obere und heilige Seele. Er schickt sie auf das Land, das heit in diese Welt, um hier gro und eingefhrt zu werden in die Gebruche, welche man im Palast des Knigs befolgt. Wenn es nun zur Kenntni des Knigs kommt, da sein Sohn erwachsen und die Zeit gekommen ist, ihn bei sich einzufhren, was wird er dann in seiner Liebe zu ihm thun? Er lt ihm zu Ehren die Knigin holen und den Sohn in seinen Palast eintreten. So verlt die Seele die Erde nicht, bevor nicht die Knigin sich mit ihr verbunden hat, um sie in den Palast des Knigs einzufhren, wo sie ewig wohnen wird. Und doch haben die Landbewohner die Gewohnheit zu weinen, wenn der Sohn des Knigs sich von ihnen trennt. Wenn aber ein hellsehender Mann zugegen wre, so wrde er zu ihnen sagen: Warum weint ihr? Ist es nicht der Sohn des Knigs? Ist es nicht recht, da er euch verlt, um im Palast seines Vaters zu wohnen? Deshalb richtete Moses, welcher die Wahrheit wute und sah, da die Landbewohner, das heit die Menschen zu klagen pflegen, an sie folgende Worte: Ihr seid Kinder des Herrn, eures Gottes: Ihr sollt euch nicht Maale stechen, noch kahl scheeren ber den Augen ber einem Todten.[488] -- Wenn alle Gerechte diese Dinge wten, so wrden sie mit Freuden den Tag erwarten, an dem sie diese Welt verlassen mssen. Und ist es nicht der Gipfel des Ruhmes, wenn die Knigin, die Schechinah oder die gttliche Gegenwart, in ihre Mitte herabsteigt, damit sie in den Palast des Knigs aufgenommen werden und seine Wonnen schmecken von Ewigkeit zu Ewigkeit.[489] Wir finden hier noch in den Beziehungen, welche zwischen Gott, der Natur und der menschlichen Seele bestehen, die nmliche Form der Trinitt, welcher wir so oft begegnet sind, und der die Kabbalisten eine viel grere logische Wichtigkeit beilegen, als man nach dem exklusiven Kreis der religisen Ideen noch erwarten sollte. Aber nicht allein unter diesem Gesichtspunkt ist die menschliche Natur das Bild Gottes; sie schliet auch auf allen Stufen ihrer Existenz die beiden Prinzipien in sich ein, welche mit Hilfe eines Mittelgliedes aus ihrer Verbindung hervorgeht, wodurch die Trinitt, welche das Resultat oder der vollkommenste Ausdruck ist, erzeugt wird. Der himmlische Adam ist das Resultat eines mnnlichen und weiblichen Prinzips. Dies mute sein, damit daraus der irdische Mensch entstehen konnte, und diese Unterscheidung findet sowohl hinsichtlich des Krpers, als auch der Seele, in ihrer hchsten Reinheit betrachtet, statt. Der Sohar sagt: Jede Form, in welcher man nicht ein mnnliches und ein weibliches Prinzip findet, ist keine obere und vollkommene Form. Der Heilige, gelobt sei er, schlgt seine Wohnung nur an einem Ort auf, wo diese beiden Prinzipien vollkommen vereinigt sind. Nur von hier und durch diese Vereinigung strmt der Segen herab, wie wir aus folgenden Worten ersehen: Er segnete sie und nannte ihren Namen Adam an dem Tag, an welchem er sie schuf, denn selbst der gegebene Name Mensch kann nur einem Mann und einer Frau werden, welche zu einem einzigen Wesen vereinigt sind.[490] Die Seele war ursprnglich so eng mit der hchsten Intelligenz verbunden, da beide Hlften des menschlichen Wesens, in welchem alle Elemente unserer geistigen Natur zusammengefat sind, sich unter einander vereinigt befanden, bevor sie auf diese Welt kamen, wohin sie gesandt wurden, um sich selbst zu erkennen und sich von neuem im Schoe der Gottheit zu vereinigen. Dieser Gedanke ist nirgends so rein ausgedrckt als in folgendem Fragment: Vor ihrer Herabkunft auf die Erde ist jede Seele und jeder Geist aus einem Mann und einer Frau zusammengesetzt, welche zu einem einzigen Wesen vereinigt sind. Indem sie zur Erde herabsteigen, trennen sich beide Hlften und beseelen verschiedene Krper. Wenn aber die Zeit der Ehe gekommen ist, vereinigt der Heilige, gelobt sei er, welcher alle Seelen und alle Geister kennt, sie wie zuvor, und alsdann bilden sie wie vorher einen einzigen Krper und eine einzige Seele. Aber das sie verbindende Band entspricht den Werken des Menschen und den Wegen, welche er wandelte. Wenn der Mensch rein war und fromm handelte, so wird er sich einer Vereinigung erfreuen, welche vollkommen jener gleicht, die seiner Geburt vorausging.[491] Der Autor scheint hier von den Androgynen Platos zu sprechen, deren Name in der alten Tradition der Hebrer bekannt genug ist. Aber wie kommt dieser Punkt der griechischen Philosophie in die Kabbala? Man wird uns die Bemerkung gestatten, da diese Frage hier prokkupiert erscheint, da aber der Grundsatz, nach welchem sie gelst wird, nicht unwrdig eines so groen metaphysischen Systems erscheint: Denn, wenn Mann und Frau ihrer geistigen Natur nach und hinsichtlich der absoluten moralischen Gesetze gleiche Wesen sind, so sind sie hinsichtlich der natrlichen Richtung ihrer Fhigkeiten vollkommen hnlich, und wir haben allen Grund, mit dem Sohar zu sagen, da die Trennung der Geschlechter nicht weniger fr die Seelen als fr die Krper Geltung besitzt. Der Glaube, welchen wir jetzt klarlegen, ist unzertrennlich von dem Dogma der Prexistenz und bereits mit der Ideenlehre verbunden, indem er genau mit ihr die Existenz und den Gedanken verbindet. Auch ist dieses Dogma mit vlliger Klarheit in dem Prinzip klargelegt, worin es seinen Ursprung hat. Wir brauchen nur unsere bescheidene Rolle des bersetzers beizubehalten: In der Zeit, in welcher der Heilige, gelobt sei er, das Universum schaffen wollte, war dasselbe bereits in seinen Gedanken gegenwrtig. Er schuf deshalb die Seelen, welche in der Folge den Menschen gehren sollten. Sie standen alle vor ihm vollkommen in der Form, welche sie nachher in den menschlichen Krpern annehmen sollten. Der Ewige betrachtete eine nach der andern und sah mehrere, welche ihre Wege auf der Welt verderben wrden. Wenn ihre Zeit gekommen ist, wird jede dieser Seelen vor den Ewigen gerufen, welcher zu ihnen sagt: Gehe auf den oder jenen Theil der Erde und belebe diesen oder jenen Krper. Die Seele antwortet ihm: O Herr des Weltalls, ich bin glcklich auf der Welt, in welcher ich bin, und ich wnsche sie nicht um eine andere zu verlassen, wo ich jeder Beschmutzung ausgesetzt bin. Alsdann wird der Heilige, gelobt sei er, antworten: Am Tag, an welchem du geschaffen wurdest, hattest du keine andere Bestimmung, als auf die Welt zu gehen, wohin ich dich sandte. Die Seele schlug mit Schmerzen den Weg zur Erde ein und stieg in die Mitte von uns herab.[492] Dieselbe Idee finden wir einfacher ausgedrckt in folgender Stelle: Insofern vor der Schpfung alle Dinge im gttlichen Gedanken gegenwrtig waren in den ihnen eigenthmlichen Formen, existirten alle menschlichen Seelen, bevor sie auf diese Welt herabstiegen, in Gott und dem Himmel in der Form, welche sie hier unten beibehielten; und alle, welche zur Erde herabstiegen, wuten dies, bevor sie hier ankamen.[493] Man wird leicht mit uns einsehen, da ein Prinzip von solcher Wichtigkeit nicht irgend welchen Offenbarungen entstammt, um seinen Platz in der Gesamtheit des Systems einzunehmen, im Gegenteil wird es auf eine viel kategorischere Weise gebildet sein mssen. Wir mssen uns jedoch hten, die Lehre von der Prexistenz mit derjenigen der moralischen Prdestination zu verwechseln. Mit dieser wird die menschliche Freiheit vollkommen unmglich; mit jener ist sie nur ein Geheimnis, wozu der heidnische Dualismus und das biblische Dogma von der Schpfung ebensowenig geeignet sind, den Schleier zu lften, als der Glaube an die absolute Einheit. Dieses Mysterium wird frmlich im Sohar anerkannt: Simon ben Jochai sagte zu seinen Schlern: Wenn der Herr, gelobt sei er, in uns nicht das gute und bse Verlangen gelegt htte, welches uns die heilige Schrift unter dem Bilde des Lichtes und der Finsterni darstellt, so wrde fr den Menschen weder Verdienst noch Schuld existiren. Aber warum ist diesem also? fragten seine Schler. Wre es nicht besser, wenn fr ihn weder Lohn noch Strafe existirten, damit der Mensch nicht sndigen und Bses thun knnte? Nein, entgegnete der Meister, es ist gerecht, da der Mensch so geschaffen wurde, wie er ist, denn alles, was der Heilige geschaffen hat, gelobt sei er, war nothwendig. Wegen des Menschen wurde das Gesetz der Schpfung geschaffen. Dieses Gesetz ist ein Kleid der Gottheit. Ohne den Menschen und ohne dieses Gesetz wrde die gttliche Gegenwart gewesen sein wie ein Armer, der seine Ble nicht bedecken kann.[494] Mit andern Worten ist die moralische Natur des Menschen die Idee des Guten und Bsen, welche man ohne den Begriff der Freiheit nicht erfassen kann, eine derjenigen Formen, unter welchen wir uns das absolute Wesen vorzustellen gezwungen sind. Wir haben schon oben gesehen, da Gott die Seelen, welche ihn eines Tages verlassen, schon vor ihrer Ankunft auf der Welt erkennt. Aber der Begriff der Freiheit ist nicht von dieser Meinung abhngig; im Gegenteil, sie existiert schon zu dieser Zeit, und hier mge folgen, wie die freien Geister noch die Ketten der Materie mibrauchen: Alle diejenigen, welche auf der Welt Bses thun, haben schon im Himmel angefangen, sich vom Heiligen, dessen Name gelobt sei, zu entfernen; sie haben sich in den Abgrund gestrzt und sind vor der ihnen bestimmten Zeit zur Erde herabgestiegen. So waren diese Seelen vor ihrer Ankunft unter uns beschaffen.[495] Dies ist hinlnglich, um den Begriff der Freiheit mit der Bestimmung der Seele zu verbinden und dem Menschen die Mglichkeit der Verbesserung seiner Fehler zu lassen, ohne ihn fr immer aus dem Schoe der Gottheit zu verbannen. Deshalb haben die Kabbalisten das pythagorische Dogma der Metempsychose angenommen, jedoch dasselbe veredelt. Die Seelen mssen, wie alle Sonderexistenzen dieser Welt, zur absoluten Substanz zurckkehren, von welcher sie ausgegangen sind. Darum mssen aber alle Fhigkeiten der Vervollkommnungen, deren unzerstrbarer Keim in ihnen liegt, entwickelt werden; sie mssen durch eine Menge von Proben das Bewutsein ihrer selbst und ihres Ursprungs gewinnen. Wenn sie diese Bedingungen nicht in einem frheren Leben erfllt haben, so beginnen sie ein neues und nach diesem ein drittes mit immer neuen Proben, denn alles kommt schlielich darauf an, da die Seelen immer neue Tugenden erwerben, welche ihnen frher gefehlt traben. Dieses Exil hrt auf, wenn wir wollen; nichts aber hindert uns, da es ewig dauere. Der Text sagt: Alle Seelen sind der Probe der Seelenwanderung (Gilgul) unterworfen, und die Menschen wissen nicht, was sie sind in Bezug auf die Wege, welche der Allerhchste mit ihnen einschlgt. Sie wissen nicht, da sie fr alle Zeiten gerichtet sind, bevor sie auf diese Welt herabkommen und wenn sie dieselbe verlassen. Sie wissen nicht, wieviel Transformationen und geheimnisvolle Proben sie durchmachen mssen, wieviel Seelen und Geister auf diese Welt herabkommen, welche niemals in den Palast des himmlischen Knigs zurckkehren; wieviel sie endlich solche Verwandlungen bis zum Stein, welchen man mit der Schleuder wirft, durchmachen mssen. Die Zeit ist endlich gekommen, da diese Geheimnisse enthllt wrden.[496] Auf diese Worte, welche so vollstndig mit der Metaphysik des Sohar im Einklang stehen, folgen Details, in denen sich die hchste poetische Imagination kundgiebt, welche vielleicht das Genie Dantes in seinem unsterblichen Werk gesammelt htte, die aber keinerlei Interesse fr die Geschichte der Philosophie besitzen und nichts dem hier kennen zu lernenden System hinzufgen. Wir bemerken hier nur, da die Seelenwanderung, wenn wir dem heiligen Hieronymus Glauben schenken drfen, unter den ersten Christen lange Zeit als eine esoterische und traditionelle Lehre im Umlauf war, welche nur einer kleinen Anzahl Auserlesener anvertraut wurde: +abscondite quasi in foveis viperarum versari, et quasi haereditario malo serpere in paucis.+ Origenes betrachtet die Seelenwanderung als das einzige Mittel zur Erklrung gewisser biblischer Erzhlungen, wie zum Beispiel des Kampfes von Jakob und Esau vor ihrer Geburt, von der Auswahl des Jeremias, als er sich noch im Mutterscho befand, und einer Menge anderer Erzhlungen, welche den Himmel der Ungerechtigkeit anklagen wrden, wenn sie nicht durch gute oder bse Handlungen in einem frheren Leben gerechtfertigt wrden. Um nun schlielich keinerlei Zweifel ber den Ursprung dieses Glaubens aufkommen zu lassen, trgt der Priester von Alexandria Sorge zu sagen, da es sich hier nicht um die Metempsychose Platos, sondern um eine davon ganz verschiedene und weit erhabenere Theorie handelt. Weiterhin glauben die neueren Kabbalisten, da die gttliche Gnade uns in der eigentlichen Metempsychose ein Mittel zur Wiedererlangung des Himmels darbietet. Sie geben an, da, wenn zwei Seelen die Kraft fehlt, -- jede fr sich die Vorschriften des Gesetzes zu erfllen, Gott sie beide in einem einzigen Krper und zu einem Leben verbindet, damit eine die andere ergnze, wie der Blinde den Lahmen. Manchmal hat eine dieser beiden Seelen die Ergnzung einer Tugend ntig, welche in der andern besser und strker entwickelt ist. Diese wird alsdann gewissermaen die Mutter der ersteren; sie trgt dieselbe alsdann in ihrem Scho und ernhrt sie wie die Mutter ihr Kind. Dies ist der kabbalistische Sinn der Worte Trchtigkeit oder Schwangerschaft, mit welchen diese merkwrdige Verbindung bezeichnet wird, deren philosophischer Sinn sehr schwer zu begreifen ist. Aber lassen wir hier diese Trumereien oder unwichtigen Allegorien und halten wir uns weiter an den Text des Sohar. Wir wissen bereits, da die Rckkehr der Seele in den Scho der Gottheit stets das Ende und die Belohnung aller Proben ist, von denen wir sprachen.[497] Jedoch haben die Autoren des Sohar dabei nicht Halt machen wollen: diese Verbindung, aus welcher fr den Schpfer sowohl als fr das Geschpf unaussprechliche Freuden hervorgehen, schien ihnen eine natrliche Thatsache, deren Prinzip in der Natur des Geistes selbst begrndet ist; mit einem Wort, sie wollten es durch ein psychologisches System erklren, welches man ohne Ausnahme in allen dem Mysticismus entsprungenen Theorien wiederfindet. Nachdem der Sohar von der menschlichen Natur die blinde Kraft getrennt hat, welche dem tierischen Leben vorsteht, das nie die Erde verlt und infolgedessen keine Rolle in der Bestimmung der Seele spielt, unterscheidet der Sohar noch zwei Arten des Empfindens und Erkennens. Die beiden ersten sind die Furcht und die Liebe: das direkte und reflektierte Licht, oder das innere und uere Gesicht; dieses sind die Ausdrcke, welche gewhnlich zur Bezeichnung der beiden letzteren angewendet werden. Der Text sagt: Das innere Gesicht empfngt sein Licht von der hchsten Flamme, welche in Ewigkeit leuchtet, und deren Geheimni nie entschleiert werden wird, es ist innerlich, weil es von einer verborgenen Quelle stammt; es ist auch erhaben, weil es von oben kommt. Das uere Gesicht ist nur ein Reflex dieses Lichtes, welches direkt von oben emanirt.[498] Als Gott zu Moses sagte, da er ihn nie von Angesicht, sondern nur von hinten sehen werde, spielt er auf diese beiden Weisen des Erkennens an, welche auerdem noch durch den Baum des Lebens dargestellt werden, welcher die Erkenntnis des Guten und Bsen giebt. Es ist mit einem Wort das, was wir heute die Intuition und die Reflexion nennen. Die Liebe und die Furcht, vom religisen Standpunkt aus betrachtet, werden in einer sehr bemerkenswerten Weise in folgendem Satz definiert: Durch die Furcht wird der Mensch zur Liebe gefhrt. Ohne Zweifel ist der Mensch, welcher Gott aus Liebe gehorcht, auf der erhabensten Stufe angekommen, und ihm gebhrt schon in Folge seiner Heiligkeit das zuknftige Leben; aber man darf nicht glauben, da Gott aus Furcht dienen, Gott nicht dienen sei. Es ist im Gegentheil eine sehr wichtige Ehrerbietung gegen Gott, da die Furcht vor Gott zwischen diesem und einer weniger fortgeschrittenen Seele ein gewisses Band herstellt. Es giebt nur eine ber die Furcht erhabene Stufe, nmlich die Liebe. In der Liebe ist das Geheimni der Einheit verborgen. Sie ist es, welche die Einen zu den obern Stufen hinauf und die Andern zu den untern hinabzieht. Sie ist es, welche alles Seiende auf die hchste Stufe erhebt, wo Alles nothwendiger Weise vereinigt werden mu. Dies ist der geheimnisvolle Sinn der Worte: Hre, Israel, der Herr, dein Gott, ist ein einiger Gott.[499] Wir begreifen auf der Stelle, wenn wir einmal auf diesem hchsten Grad der Vollkommenheit angelangt sind, da der Geist weder Reflexion noch Furcht mehr kennt, da vielmehr seine in die Intuition und Liebe eingeschlossene glckliche Existenz ihren individuellen Charakter verloren hat; ohne Interesse, ohne Handlung, ohne Rckkehr zu sich selbst kann sie sich nicht mehr von der gttlichen Wesenheit trennen. Hier mge folgen, wie sie sich zunchst unter dem Gesichtspunkt der Intelligenz darstellt: Kommet und sehet: wenn die Seelen an den Ort gekommen sind, welche man den Schatz des Lebens nennt, so erfreuen sie sich jenes glnzenden Lichtes, dessen Herd im hchsten Himmel ist: und so gro ist der von ihm ausgehende Glanz, da ihn die Seelen nicht wrden ertragen knnen, wenn sie nicht mit einer Lichthlle bekleidet wren. Dank dieser Hlle knnen sie Angesichts dieses blendenden Herdes bestehen, welcher den Aufenthaltsort des Lebens verklrt. Moses selbst konnte sich ihm nur nhern, um ihn zu betrachten, nachdem er seine irdische Hlle abgelegt hatte.[500] Wenn wir nun wissen wollen, wie sich Gott aus Liebe mit der Seele vereinigt, so mssen wir die Worte jenes Greises hren, welchen der Sohar nchst Simon ben Jochai die grte Rolle spielen lt: In einem der geheimsten und erhabensten Orte des Himmels steht ein Palast, welchen man den Palast der Liebe nennt. Von ihm gehen die tiefsten Geheimnisse aus; in ihm sind alle vom himmlischen Knig geliebten Seelen versammelt; in ihm wohnt der himmlische Knig, der Heilige, gelobt sei er, mit den heiligen Seelen und vereinigt sich mit ihnen durch Ksse der Liebe.[501] Kraft dieser Idee wird der Tod des Gerechten ein Ku Gottes genannt. Der Text sagt ausdrcklich: Dieser Ku ist die Vereinigung der Seele mit der Substanz, woraus sie entsprungen ist.[502] Das gleiche Prinzip macht uns begreiflich, warum die Interpreten des Mysticismus den zrtlichen, aber oft sehr profanen Ausdrcken des Hohenliedes eine so groe Verehrung entgegen bringen. Mein Geliebter gehrt mir, und ich gehre meinem Geliebten, sagte Simon ben Jochai vor seinem Tod, und es verdient als wichtig bemerkt zu werden, da dieser Ausdruck auch die Abhandlung Gersons ber die mystische Theologie schliet. Ungeachtet der berraschung, welche der eben genannte berhmte Name und der groe Name Fenelons in Verbindung mit dem Sohar hervorrufen knnte, wrden wir keine Mhe haben, darzulegen, da in den Betrachtungen ber die mystische Theologie und in der Auseinandersetzung der Grundstze der Heiligen es unmglich ist, etwas anderes zu finden, als diese Theorie der Liebe und Betrachtung, deren Grundzge wir darlegten. Ihre letzte Konsequenz hat endlich niemand mit solchem Freimut dargestellt wie die Kabbalisten. Unter den verschiedenen Stufen der Existenz, welche man auch die sieben Tabernakel nennt, giebt es eine, welche der Heiligste der Heiligen genannt wird, auf welcher alle Seelen sich mit der hchsten Seele vereinigen und einander ergnzen. Hier kehrt alles zur Einheit und Vollkommenheit zurck; alles verbindet sich zu einem einzigen Gedanken, welcher sich ber das Weltall ausdehnt und dasselbe vllig erfllt. Aber der Grund dieses Gedankens, das Licht, welches sich verbirgt, und das nie verlscht oder erkannt werden kann, wird nur sichtbar durch den von ihm ausgehenden Gedanken. In diesem Zustand endlich kann die Kreatur nicht mehr vom Schpfer unterschieden werden; derselbe Gedanke erleuchtet sie, derselbe Wille beseelt sie; die Seele sowohl sich selbst als Gott befehlend und dem Weltall, und was sie befiehlt fhrt Gott aus.[503] Es bleibt uns noch zum Beschlu dieser Untersuchung brig, mit wenig Worten die Meinung der Kabbalisten ber ein traditionelles Dogma kennen zu lernen, welches in ihrem System zwar eine sehr untergeordnete Rolle spielt, das aber fr die Religionsgeschichte von der hchsten Wichtigkeit ist. Der Sohar erwhnt fter den Abfall und den Fluch, welchen der Ungehorsam unserer ersten Eltern in die menschliche Natur brachte. Er lehrt uns, da Adam, indem er der Schlange nachgab, in Wirklichkeit den Tod auf sich, seine Nachkommenschaft und die ganze Natur herab beschwor. Vor seinem Fall war er von grerer Schnheit und Strke als die Engel. Wenn er einen Krper hatte, so war er nicht von gemeinem Stoff wie der unsere, er hatte keine Bedrfnisse und sinnliche Wnsche. Er wurde durch die hchste Weisheit verklrt, durch diejenige der Boten Gottes von der hchsten Ordnung, welche ihn spter aus dem Paradies vertreiben muten. Man kann jedoch nicht sagen, da dieses Dogma das nmliche sei, wie das vom Sndenfall. In Wirklichkeit handelt es sich hier, wenn man nur die Nachkommenschaft Adams im Auge hat, weder um ein Verbrechen noch um eine menschliche Tugend, wohl aber um ein erbliches bel, um eine schreckliche Strafe, welche sich sowohl ber die Zukunft als ber die Gegenwart erstreckt. Der Text sagt: Der reine Mensch ist an sich selbst ein wahres Opfer, welches zur Heilung dienen kann; deshalb werden auch die Gerechten die Reinigungsopfer des Weltalls genannt.[504] Die Kabbalisten gehen sogar so weit, den Todesengel als den grten Wohlthter des Weltalls hinzustellen; denn, sagen sie, er beschtzt uns gegen das gegebene Gesetz, er ist die Ursache, da die Gerechten die erhabenen Schtze erben, welche ihnen fr das zuknftige Leben vorbehalten sind.[505] Schlielich ist dieser alte, in der Genesis so positiv ausgedrckte Glaube an den Sndenfall des Menschen in der Kabbala mit groer Geschicklichkeit als eine natrliche Thatsache, als eine Schpfung der menschlichen Seele dargestellt, welche folgendermaen erklrt wird: Bevor Adam gesndigt hatte, wute er noch nicht, da die Weisheit des Lichtes von oben kommt; er war noch nicht vom Baum des Lebens getrennt. Aber als er dem Verlangen nachgab, die unteren Dinge kennen zu lernen und in ihre Mitte herabzusteigen, alsdann wurde er verfhrt, er erkannte das Bse und verga das Gute; er trennte sich vom Baume des Lebens. Bevor er dieses gethan hatte, hrte er eine Stimme von oben; er besa noch die hhere Weisheit und bewahrte noch ihre lichtartige Natur. Aber nach seinem Fall hrte er die Stimme nicht mehr.[506] Wie knnte man die Meinung nicht erkennen, welche wir eben darstellten, wenn man uns lehrt, da Adam und Eva, bevor sie durch die Einflsterungen der Schlange betrogen wurden, nicht allein von den Bedrfnissen des Krpers befreit waren, sondern sogar nicht einmal einen Krper besaen; da sie also sozusagen der Erde gar nicht angehrten? Sie waren beide reine Intelligenzen, glckliche Geister, wie diejenigen, welche den Aufenthaltsort der Gerechten bewohnen. Dies bedeutet die Nacktheit, unter welcher sie uns die heilige Schrift im Stande ihrer Unschuld darstellt. Und wenn der heilige Geschichtsschreiber erzhlt, da ihm der Herr ein Kleid von Fellen anzog, so will dies sagen, da die Erlaubnis diese Welt zu bewohnen, eine unvorsichtige Neugierde von ihnen war oder vielmehr der Wunsch, das Gute und Bse kennen zu lernen. Gott gab ihnen einen Krper und Sinne. Hier mge eine der zahlreichen Stellen folgen, worin diese auch von Philo und Origenes angenommene Idee in ziemlich klarer Weise dargestellt wird: Als Adam, unser erster Vater, den Garten von Eden bewohnte, war er wie im Himmel mit einer Hlle aus dem oberen Licht bekleidet. Als er aus dem Garten von Eden verjagt und gezwungen wurde, sich den Nothwendigkeiten der Welt zu unterwerfen, was geschah dann mit ihm? Gott, sagt uns die Schrift, machte fr Adam und seine Frau Kleider von Fellen, denn vorher hatten sie Kleider von Licht, welches in Eden strahlt. Die guten Handlungen, welche der Mensch auf Erden vollbringt, lassen auf ihn einen Theil dieses obern Lichtes herabsteigen, welches im Himmel erglnzt. Es ist dasjenige, welches ihm als Kleid dient, wenn er diese Welt verlassen und vor dem Heiligen, dessen Name gelobt sei, erscheinen mu. Dank diesem Kleid kann er die Wonnen der Auserlesenen schmecken und sich von Angesicht zu Angesicht im Spiegel des Lichtes betrachten. Also besitzt die Seele, bevor sie die Vollkommenheit in allen Dingen erlangt, ein verschiedenes Kleid fr jede der beiden Welten, welche sie bewohnen mu, eines fr die irdische und das andere fr die obere Welt. Andererseits wissen wir schon, da der Tod, welcher nichts anderes ist als die Snde selbst, nicht ein allgemeiner Fluch, sondern nur ein allgemeines bel ist. Er existiert nicht fr den Gerechten, welcher sich mit Gott durch einen Ku der Liebe verbindet, sondern er trifft nur den Bsen, welcher in dieser Welt alle seine Hoffnungen zurcklt. Das Dogma vom Sndenfall wird auch von den neueren Kabbalisten, namentlich von Isaak Loriah angenommen, welcher glaubt, da alle Seelen mit Adam geschaffen wurden und zuerst nur eine und dieselbe Seele bildeten, smtlich gleich strafbar fr den ersten Akt des Ungehorsams sind. Aber in derselben Zeit, worin er sie uns so erniedrigt seit dem Beginn der Schpfung darstellt, spricht er ihnen die Fhigkeit zu, sich wieder durch sich selbst zu erheben, indem sie alle Gebote Gottes ausfhren kann. ber die Verpflichtung, sich diesem niedern Zustand zu entreien und, so viel in ihrer Macht steht, die Gebote Gottes auszufhren, schreibt das Gesetz vor: Glaubt und vermehrt euch. Hieraus rhrt auch die Notwendigkeit her der Metempsychose, denn ein einziges Leben reicht nicht hin, um das Werk der Rehabilitation zu vollbringen. Immer ist, wenn auch stets unter einer andern Form, die Veredelung unserer irdischen Existenz und Heiligung unseres Lebens das einzige Mittel zur Vervollkommnung, wozu sie das Bedrfnis und den Keim in sich trgt. Es liegt nicht in unserem Plan, ein Urteil ber das groe, jetzt von uns dargestellte System auszusprechen; denn wir knnten dies nicht thun, ohne da wir eine profane Hand an die erhabensten Lehren der Philosophie und religisen Dogmen legen mten, deren Geheimnis mit Recht hochgeachtet ist. Wir sind hier nur zu der bescheidenen Rolle eines Auslegers bestimmt; aber wir haben wenigstens die berzeugung, da, ungeachtet der zahllosen Widerwrtigkeiten, mit denen wir zu kmpfen haben, ungeachtet der kindischen Trumereien, welche jeden Augenblick den erhabensten Ideengang unterbrechen, die geschichtliche Wahrheit sich nicht ber uns zu beklagen haben wird. Wenn wir jetzt auf die einfachste Weise den durchmessenen Raum bersehen wollen, so finden wir, da sich vom Standpunkt des Sepher Jezirah und des Sohar aus, die Kabbala aus folgenden Elementen zusammensetzt: 1. Indem sie alle Erzhlungen und Worte der Schrift als Symbole auffat, will sie den Menschen Vertrauen zu sich selbst einflen; sie setzt die Vernunft an die Stelle der Autoritt und lt die Philosophie in unserer eigenen Brust unter der Obhut der Religion geboren werden. 2. An die Stelle des Glaubens an einen von der Natur unterschiedenen Schpfer, welcher ungeachtet seiner Allmacht eine Ewigkeit in Unthtigkeit verharren mute, setzte sie den Gedanken einer universellen, durchaus unendlichen, stets aktiven, immer denkenden Substanz, welche die immanente Ursache des Weltalls ist, die jedoch durch das Weltall nicht ausgefllt wird, und fr welche endlich Schaffen nichts anderes ist, als Denken, Sein und sich selbst Enthllen. 3. An die Stelle einer rein materiellen, von Gott verschiedenen Welt, welche aus dem Nichts hervorging und bestimmt ist, dahin zurckzukehren, erkennt sie zahllose Formen an, unter denen sich die gttliche Substanz nach den unvernderlichen Gesetzen des Denkens enthllt und offenbart. Alle existierten ursprnglich in der hchsten Intelligenz vereinigt, bevor sie sich in einer sinnlichen Form realisierten; hierher stammen die beiden Welten, die intelligible oder obere und die untere oder materielle. 4. Der Mensch besitzt von allen Formen die erhabenste und vollkommenste, unter welcher es allein erlaubt ist, Gott darzustellen. Der Mensch dient als Band und Verbindung zwischen Gott und der Natur. Beide reflektieren ihn in seiner doppelten Natur. Also ist alles Begrnzte anfnglich in der absoluten Substanz vereinigt, mit welcher es sich dereinst aufs neue verbinden mu, damit sie fr die noch mglichen Entwickelungen vorbereitet sei. Aber man mu die absolute und universelle Form des Menschen von der der einzelnen Menschen unterscheiden, welche nur eine schwache Wiedergabe der ersteren ist. Die erstere, gewhnlich der himmlische Mensch genannt, ist durchaus untrennbar von der gttlichen Natur und deren erste Offenbarung. Anhang. Blten vom Baume der Kabbala.[507] In der Kraft und dem Wesen der Seele liegt die Fhigkeit zu wirken auf den Grundstoff (Huli) der Welt, da sie eine Form (Zurach) vernichten und eine andere hervorbringen kann. Schon durch die Einbildungskraft (Machschaba) vermag der Mensch andern Dingen zu schaden, ja selbst Menschen umzubringen. _Isaak Loriah: Sepher Cch'wanoth_, Fol.46. Die Lehrer sagen: Wenn einer pltzlich erschrickt, wiewohl er nichts siehet, so sieht doch sein Massel (Genius, transscendentales Subjekt) etwas. Denn ein pltzlich den Menschen berfallender Schrecken ohne bestimmte Ursache giebt einen Beweis, da wiewohl das Krperliche nichts sieht, dennoch die N'schama, so das Massel ist, welches den Menschen bewegt, etwas siehet. Oft ahnet das Herz die Todesflle und bsen Nachrichten, die es in der Zukunft treffen, und das Herz trauert ohne bestimmte Grnde, denn die N'schama sieht das, was knftig ber den Leib kommt und trauert darber. _Nischmath Chajim_, Fol.101. Wenn sich die Heiligen und Wunderthter in die Einsamkeit begeben und sich mit hheren Geheimnissen beschftigen, so bilden sie zuerst in der Kraft ihres geistigen Bildungs- und Vorstellungsvermgens die heiligen Namen so, als wenn diese Dinge vor ihnen eingegraben wren, und diese furchtbaren Dinge sind in ihrem Herzen eingegraben. Wenn sie dann verbinden ihr Nephesch mit dem oberen Nephesch, so werden diese Dinge vermehrt, quellen auf und offenbaren sich aus sich selbst, weil hier jeder Gedanke aufhrt. Wer daher seine Machschaba (Imagination) an einen bsen Gedanken hngt, sndigt mehr als durch die That. _Mairecheth Aeloluth_, Fol.41, 63. Die That ist im Nephesch, das Wort im Ruach, das Denken in der N'schama. Da jedoch in jeden derselben alle drei enthalten sind, so findet sich auch das Denken im Nephesch,usw. _Kisri Melech_, Fol.53. Es ist eine Eigenthmlichkeit in der Kraft des Nephesch und seinem Wesen, zu wirken in den Grundstoff der Welt, und Formen zu zerstren und andere hervorzubringen. Es geht die Wirkung von manchem Nephesch in ein anderes Wesen ber, so da der Ruach schon durch seine Imagination Schaden hervorbringen, ja sogar einen Menschen durch die Machschaba tten kann, und um so mehr noch, wenn er zu den Bsaugigten (+mal' occhio+) gehrt. Denn die Krfte des Menschen sind verschieden, Bses und Gutes hervorzubringen. Sowie die Kraft der Frommen und Wunderthter gro ist, um Gutes zu thun den Guten, so ist auch durch die andere Seite den bsen sndigen Menschen Gewalt gegeben, jeden, dem sie wollen, Bses zuzufgen durch die Machschaba, durch Wort und That mittelst der Versenkung ihrer inneren und ueren Sinne. _Een Jacob_, Fol.46. Auch im Mineralreich, der Erde und den Steinen ist notwendig Leben und Geistiges, und ein Gestirn und Wchter ber ihm oben. Denn wenn es nicht so wre, knnte die Erde nicht Kruter, Frchte und Samen hervorbringen, in denen Leben ist. Das Leben des Pflanzenreichs ist ber dem Leben des Mineralreichs, denn es wchst und wird gro wie der Mensch, und das in ihm wohnende Leben verursacht das Wachsen. Die Thiere stehen noch hher, insofern sich in ihnen das Nephesch deutlich zeigt und schon Ruach genannt wird, wie es heit: Der Ruach der Thiere geht zur Erde. Das Leben des vernnftigen Menschen aber steht hher als alle. _Etz Hachajim_, Fol.192. Das allgemeine Buch, in welches alle Handlungen des Menschen auf der Stelle eingeschrieben werden, ist der saphirartige, umkreisende ther. In ihn graben sich alle einzelne Bewegungen des Menschen ein, sowohl die Blicke des Auges, als auch die ffnung des Mundes zum Guten wie zum Bsen; selbst die inneren Gedanken des Herzens, die Freude, Traurigkeit u.s.w. bringen im uern Angesicht nothwendigerweise etwas hervor und wirken auf den ther ein. _Esarah Maimeroth_, Fol.49. Sechstes Buch. Der Occultismus der alten Griechen. Erstes Kapitel. Die jonischen Naturphilosophen. Auf dem hellenischen Boden beginnt, was auf dem Titel des Gesamtwerkes, dessen letzten Band ich hiermit beginne, als Occultismus bezeichnet ist, in die Philosophie einzumnden. Philosophie ist nicht nur dem Namen, sondern auch der Sache nach erst eine Erfindung des griechischen Geistes. Der Occultismus der Griechen fllt daher in gewissem Grade mit einer Geschichte der griechischen Philosophie zusammen, und die folgende Darstellung der letzteren wird sich nur insofern von den gewhnlichen Darstellungen der griechischen Philosophie unterscheiden, als sie den mystischen Elementen derselben eine grere Beachtung schenkt. _Wir treten zwar aus dem Nebel der orientalisch wsten Phantastik heraus in eine reinere und freiere Atmosphre._ Allein wir werden finden, da selbst die rationellsten Denker des begabtesten aller antiken Vlker von mystischen und transcendentalen Voraussetzungen noch nicht ganz frei waren, und da mit der Auflsung der griechischen Kraft auch die Philosophie im Neu-Pythagorerismus und Neu-Platonismus nach dem anfangs so verheiungsvollen Erwachen einer nchternen, wissenschaftlichen Naturbetrachtung wieder in die Trume und Superstitionen des Asiatismus und zu jenem Mysticismus herabsinkt, der dann auch bei dem Wiedererwachen des wissenschaftlichen Geistes gegen Ausgang des Mittelalters noch einen strenden Einflu auf den Anfang der neueren Philosophie ausgebt hat. So z.B. wird Giordano Bruno nur als Neu-Platoniker ganz verstndlich. Erst die moderne Naturwissenschaft hat, beginnend mit Galilei, in stetigem Kampfe gegen die metaphysischen Vorurteile unsere _positivistische_ rein wissenschaftliche Denkweise gereift, fr welche die Philosophie nichts anderes mehr ist, als Centralisation und denkende Verarbeitung und Verknpfung aller Erfahrungs-Wissenschaften. Vergl. +Comte, Cours de philosophie positive+. I. Thales von Milet. Das erste Erwhnen des natur-philosophischen Bewutseins hat auf jonischem Boden stattgefunden. Hier zum ersten Male wurde in besonnener und verstandesklarer Gedankenhaltung die Frage gestellt nach dem Grunde oder Anfange, aus welchem sich das Vorhandene gestaltet habe, oder auch, wenn man will nach dem Ding an Sich oder dem reinen Sein. Den Zug der ersten Philosophenschule, der sog. jonischen Physiologen oder Physiker, erffnet Thales von Milet. ber das Leben dieses Vaters der griechischen Philosophie sind wir wenig, aber doch immer noch verhltnismig besser unterrichtet, als ber dasjenige mancher spterer, durch unkritische Sagenbildung umwlkter Philosophen, z.B. des Pythagoras. Er entstammt einem thebanischen Geschlecht und ist wahrscheinlich um 640 v.Chr. geboren; jedenfalls war er ein Zeitgenosse des Solon und Crsus. Er war ein Brger von Milet, sei es, da er selbst erst dort eingewandert und unter die Brger aufgenommen war, oder da bereits sein Vater Examios das Brgerrecht erlangt hatte. Es steht fest, da er auch an den politischen Angelegenheiten Milets Anteil genommen hat. Nach +Herodot I., 170+, riet er den Joniern vor ihrer Unterwerfung durch die Perser, sich zur Abwehr derselben zu einem Bundesstaat mit einheitlicher Centralregierung zu vereinigen. Er erlangte frh in ganz Griechenland den Ruf groer Kenntnisse und wurde unter die sog. sieben Weisen eingereiht. Eine Anekdote erzhlt, da er anfangs ber seinen naturphilosophischen Spekulationen sein Vermgen vernachlssigt habe, dann aber, als ihm dieserhalb Vorwrfe gemacht wurden, um zu beweisen, da einem Philosophen, wenn er nur wolle, auch die praktische Erwerbsthtigkeit eine Kleinigkeit sei, binnen kurzer Zeit durch finanzielle Spekulationen mit lpressen sich gewaltige Reichtmer erworben habe. Zunchst scheint er sich dem bis dahin bei den Griechen noch sehr rckstndigen Studium der Mathematik und Astronomie zugewandt zu haben. Diogenes giebt an, er habe zuerst bewiesen, da die Dreiecke auf dem Kreisdurchmesser rechtwinklig sind; Plinius, er habe zuerst die Hhe der Pyramide aus ihrem Schatten berechnet; Proklus, er habe zuerst bewiesen, da die Scheitelwinkel einander gleich sind, da Dreiecke sich gleich sind, wenn sie je zwei Winkel und eine Seite gleich haben, und da man mittels dieses Satzes die Entfernung von Schiffen auf dem Meere messen knne, auch habe er den in Euklid 440 gegebenen Beweis dafr entdeckt, da der Durchmesser den Kreis halbiert. Im Altertum kursierte eine Schrift ber nautische Astronomie unter seinem Namen, die jedoch Diogenes Laertius einem Samier Phocus zuschreibt. Mglich ist, da er diese geometrischen und astronomischen Kenntnisse sich bei einer Anwesenheit in Egypten angeeignet hat.[508] Am berhmtesten ist seine Vorausbestimmung einer zur Zeit des lydischen Knigs Alyattes eingetretenen Sonnenfinsternis. Nach Zech's astronomischen Untersuchungen (vgl. +Ueberweg's Geschichte der Philosophie I, 12+), hat diese Finsternis am 30. September 161 v.Chr. stattgefunden. Mglicherweise hat er dabei den Saros, d.h. die von den Chaldern durch fortgesetzte Beobachtung aufgefundene Periode der Verfinsterungen benutzt, welche 223 synodische Monate oder 65851/3 Tage umfat. Aristoteles sagt +Metaph. I, 3+: Von denen, welche zuerst philosophiert haben, haben die meisten blo _materielle_ Urgrnde angenommen, und zwar Thales, der Urheber dieser Richtung das _Wasser_. Er schpfte diese Meinung wahrscheinlich aus der Beobachtung, da die Nahrung von allem feucht sei, und da das Warme selbst hieraus werde und das lebende Wesen hierdurch sich erhalte; das, woraus ein anderes wird, ist aber fr dieses das Prinzip; -- ferner aus der Beobachtung, da der Same seiner Natur nach feucht sei; das Prinzip aber, vermge dessen das Feuchte feucht sei, sei das _Wasser_. Dazu bemerkt Dhring in seiner +kritischen Geschichte der Philosophie (S.20 u.22)+: Mit vollem Rechte werden die ursprnglichen flssigen oder gasfrmigen Zustnde der Natur als Totalitten gedacht, in denen alles der Anlage nach enthalten war, was in der gegebenen in festen Formen gestalteten Welt anzutreffen ist. Stand es einmal fr den Verstand fest, da das Gegebene seine gegenwrtige Gestalt einem Bildungshergang verdanke und nicht etwa jederzeit ebenso bestanden habe, wie jetzt, so war die nchste Konsequenz des Vorstellens offenbar die, sich nach einem wirklich bildsamen Stoff umzusehen, auf welchen gestaltende Krfte mit Leichtigkeit wirken knnen. Das Feste ist erfahrungsmig wenig bildsam. Es mute daher eine der Bethtigung des Krftespiels gnstigere Urbeschaffenheit angenommen werden. Die einzelnen Beobachtungen der natrlichen Gestaltungshergnge mgen das Flssige als Ausgangspunkt des Festwerdens sowie auch der Verdunstung besonders empfohlen haben. Das Thaletische Wasser erscheint auf diese Weise gar nicht als ein willkrliches Prinzip, sondern als _eine fr den damaligen Stand des Naturwissens verhltnismig gelungene Idee_. Ich selbst habe in meiner Einleitung zu Brunos Dialogen Vom Unendlichen daran erinnert, da Thales zu Milet am Strande des Meeres lebte, da daher sein Grundprinzip aller Dinge der sinnlichen Anschauung seine Anregung verdankt. Denn mehr fast, als selbst der als abgeschlossene Wlbung erscheinende Luftraum vermag das Meer einen gefhlsmigen Antrieb zur Unendlichkeits-Idee zu erwecken, wie dies Byron in den schnen Versen seines +Childe Harold+ ausdrckt: Glorreicher Spiegel, wo im Wettersausen Blickt des Allmcht'gen Bild! Zu allen Zeiten, Still und bewegt, im Sturm, im Brausen, Am eis'gen Pol, in glutdurchflammten Weiten, Nachtdunkel, endlos, hehr, -- der Ewigkeiten Erhab'nes Bild, des Unsichtbaren Schrein! Des Abgrunds Ungeheuer selbst entgleiten Blo deinem Schleim entsprot! Allwrts herrscht dein Gesetz! So wogst du fort, hehr, bodenlos, allein! * * * * * Wir drfen bei Wasser nur nicht an unser chemisches H2O, sondern an den flssigen Aggregatzustand denken, um das Grundprinzip des Thales nicht fr eine so kindische Vorstellung gelten zu lassen, wie es vielleicht manchem oberflchlichen modernen Beurteiler auf den ersten Blick erscheint. Ob Thales vom Wasser, als dem Urstoff, die Gottheit oder den Geist unterschieden habe, oder ob er, wie Zeller[509] meint, der Urheber des sog. Hylozoismus war, sich alle Dinge lebendig gedacht, alle wirkenden Krfte nach Analogie der menschlichen Seele personifiziert hat, ist sehr zweifelhaft. Aristoteles bemerkt zwar, er habe gelehrt, da alles voll von Gttern sei. Ich mchte dem Urteil Dhrings den Vorzug geben, wonach eine Unterscheidung des rein Materiellen von affizierenden Krften oder gar geistigen Potenzen nicht auf dem Wege einer so einfachen Rechenschaft lag, wie sie von den jonischen Naturdenkern ins Auge gefat worden ist. Man thut ihnen daher, und insbesondere dem Thales, wohl Unrecht, wenn man ihnen mit Zeller eine unberechtigte Belebung der Materie unterschiebt. Ebenso ist es schlecht beglaubigt, da er zuerst die Unsterblichkeit der Seelen gelehrt habe. Ebenso unverbrgt und unwahrscheinlich sind folgende Aussprche, die Diogenes Laertius ihm beilegt: Gott ist das lteste aller Wesen; denn er ist unentstanden. Das Schnste ist das Weltall; denn es ist von Gott erschaffen. Das Grte ist der Raum; denn er umfat alles. Das Schnellste ist der Geist; denn er durcheilt das Weltall. Das Strkste ist die Notwendigkeit; denn sie berwindet alles. Das Weiseste die Zeit; denn sie entdeckt alles. _Der Tod unterscheidet sich nicht vom Leben._ Als ihn mit Hinweis auf diesen Ausspruch jemand gefragt haben soll: Warum stirbst du denn nicht? soll er geantwortet haben: Weil es keinen Unterschied ausmacht. Auf die Frage, was schwer sei, erwiderte er: Sich selbst zu kennen; auf die Frage, was leicht: Einem andern gute Ratschlge zu erteilen; auf die Frage, wie man die harten Schlge des Schicksals am leichtesten ertragen knne, antwortete er: Wenn man sehe, da es unseren Feinden noch schlechter gehe; und auf die Frage, wie man sein Leben am besten und richtigsten einrichte, wenn man die Fehler, die man an anderen tadelnswert finde, selber vermeide. Einst sollen Milesische Fischer mit ihrem Netz einen Dreifu von bewundernswerter Arbeit, ein Werk des Vulkan, aus dem Meere gezogen haben. Um den unter ihnen ber das Eigentum entbrannten Streit zu schlichten, sandte man zum Delphischen Orakel. Die Pythia gab zur Antwort: ber den Dreifu befragst den Gott du, Milesische Jugend: Der gehret dem Mann, de Weisheit unbertroffen. Man gab daher den Dreifu dem Thales. Thales gab ihn weiter und so gelangte er schlielich an Solon, der ihn dann mit der Erklrung, da der Gott der Weiseste sei, nach Delphi geschickt haben soll. II. Anaximander. Anaximander, um 610 v.Chr. geboren, soll ein Schler des Thales gewesen sein. Jedenfalls stand er, als sein Mitbrger und jngerer Zeitgenosse, unter der geistigen _Anregung_ der Lehren des Thales. Er hat aber einen erheblichen Fortschritt in der Richtung der philosophischen Abstraktion von der sinnlichen Anschauungsweise gemacht. Er nannte zuerst ausdrcklich das materielle Urwesen Prinzip (%arch%) und bezeichnete es nher als einen _luft- oder gasfrmigen_, der Masse nach _unendlichen_ Stoff. Andere meinen, er habe den Urstoff als etwas zwischen Luft und Wasser in der Mitte Liegendes gedacht. Vielleicht hat er geglaubt, ein recht vollkommenes Prinzip dadurch zu gewinnen, da er sich die drei in der gegebenen Welt bestehenden Aggregatzustnde in einem chaotischen Urstoff _gemischt_ vorstellte und so einen Schlu auf die Dichtigkeit in der vorausgesetzten Aggregation machte; jedenfalls finden wir, da sein Urstoff auch als _Mischung_ (%migma%) bezeichnet wird[510]; und er lehrte, da die besonderen Stoffe aus dem unendlichen Urstoff durch Entmischung entstanden seien, indem das Verwandte sich vereinigte, die Goldteilchen mit Goldteilchen, Erde mit Erde u.s.w. Dagegen ist die unter den Historikern der Philosophie bestehende Controverse, ob er sich diese Entwicklung der besonderen Stoffe und Dinge rein mechanisch durch Trennung und Verbindung gedacht habe (Ritter), oder dynamisch, so da die Unterschiede nur potentiell in dem an und fr sich gleichartig gasfrmigen der Qualitt nach unbestimmten Urstoff vorhanden gewesen wren (Herbart), in Ermangelung ausreichender Quellenberichte mit keinerlei Sicherheit zu entscheiden. Aristoteles scheint die Annahme eines _qualittslosen_ Urstoffs dem Anaximander aufs bestimmteste abzusprechen, wenigstens die Annahme, da die Dinge aus diesem Urstoff durch bloe Verdnnung oder Verdichtung entstehen.[511] Vielmehr schreibt er ihm die Lehre zu, da die Entwicklung der Einzelstoffe und Einzeldinge durch Sonderung der im Unendlichen enthaltenen Gegenstze sich vollziehe. Zuerst scheiden sich voneinander Warmes und Kaltes; eine feurige Sphre umgiebt rings die Luft und die Erde; aus Feuer und Luft bilden sich die Gestirne. Im Mittelpunkt der unendlichen Welt ruht die Erde, unbeweglich wegen des gleichen Abstandes von allen Punkten der Himmelskugel. Die Gestirne sind himmlische Gottheiten. Die Erde hat sich aus einem ursprnglich flssigen Zustande gebildet. Aus dem Feuchten sind unter dem Einflu der Wrme in stufenweiser Entwickelung die lebenden Wesen hervorgegangen. Da alle lebenden Wesen ursprnglich im Wasser entstanden sind, so nahm er an, da auch die Landtiere, mit Einschlu des Menschen, zuerst fischartig gewesen und erst infolge der Abtrocknung der Erdoberflche sich allmhlich zu ihrer jetzigen Gestalt entwickelt haben. Ueberweg findet daher nicht mit Unrecht bei ihm die ersten Anfnge des heute vorzugsweise sog. Darwinismus. Ja, Anaximander spricht schon von dem Einflu der _vernderten Lebensbedingungen_ auf die Entwicklung der Arten. Die Seele soll er als luftartig bezeichnet haben. Er lehrte, da es unendlich viele Welten, d.h. Weltkrper gebe, die zusammen ein Weltsystem bilden, und die er wohl nur deshalb Welten nannte, weil er sie fr weit grer und unserem Weltkrper hnlicher ansah, als die gewhnliche Meinung. Die Entstehung dieser einzelnen Weltkrper aus dem ursprnglich luft- oder modern genauer gesprochen gasfrmigen Zustande suchte er sich mechanisch zu erklren, wahrscheinlich war er dabei auf eine hnliche Theorie geraten, wie die sog. Wirbeltheorie des Descartes[512]; wenigstens wird berichtet, er habe die Bewegung der Himmelskrper von Luftstrmungen hergeleitet, die eine Drehung der Gestirnsphren herbeifhrten. Dhring bemerkt, da uns die jonischen Philosophen erst in richtiger Beleuchtung erscheinen, wenn wir ihre freilich noch roheren Vorstellungen mit den neueren naturphilosophischen und zugleich naturwissenschaftlichen Ideen ber einen denkbar frhesten Zustand des Kosmos vergleichen. Kant legte in seiner Naturgeschichte des Himmels ebenfalls die Hypothese zu Grunde, alle Weltkrper seien durch Verdichtung aus einem Urnebel entstanden.[513] Und jedenfalls hat Bruno so Unrecht nicht, wenn er auf den Rckgang der kosmologischen und insbesondere der kosmogonischen Vorstellungsweise eines Aristoteles gegenber diesen ersten von Aristoteles stets mit einer gewissen verchtlichen Blasiertheit behandelten Physikern hinweist. Vergl. meine bersetzung der Dialoge Brunos +Vom Unendlichen und den zahllosen Welten S.74ff.+ Der Weltenentstehung aber entspricht eine Weltenzerstrung. Er lehrt: Woraus die Dinge entstehen, in eben dasselbe mssen sie auch vergehen, wie es der Billigkeit gem ist; denn sie mssen Bue und Strafe geben um der Ungerechtigkeit willen nach der Ordnung der Zeit. Man kann hierin ein pessimistisches Element in der Philosophie des Anaximander finden und zwar eben jenes, das bekanntlich Felix Dahn auf modern naturwissenschaftlicher Grundlage in seinem Odhins Trost poetisch ausgesponnen hat. Auf diese Annahme eines dereinstigen Vergehens der Welten weist uns auch die Nachricht, da er eine allmhliche Abnahme und endliche Austrocknung des Meeres angenommen habe; ich verstehe nicht, wie noch Zeller (+die Philosophie der Griechen I. S.202+), sagen kann, da eine solche Vorstellung fr uns _fremdartig_ klinge, fr uns, denen die Notwendigkeit und Thatschlichkeit einer solchen Entstehung und allmhlichen Vergehung der einzelnen Welten geradezu naturwissenschaftlich bewiesen ist, fr uns, die wir insbesondere mit unseren Teleskopen den Mond als Beispiel einer bereits greisenhaft ausgetrockneten und erstorbenen Welt den Augen nahebringen knnen. Vielmehr knnen wir der wissenschaftlich treffenden Intuition des Milesiers unsere Bewunderung nicht versagen. Auch im Einzelnen soll Anaximander fr seine Zeit nicht unerhebliche Kenntnisse auf naturwissenschaftlichem Gebiete besessen haben. Er beschftigte sich vorwiegend mit Astronomie und Geographie, entwarf nach Eratosthenes eine metallene Erdtafel und eine Himmelskugel; nach +Diogenes Laertius II, 1+, soll er die Sonnenuhr (%gnmn%) erfunden haben; wahrscheinlich hat er jedoch nur, da solche bereits bei den Babyloniern in Gebrauch waren, die Hellenen nur zuerst damit bekannt gemacht. Nheres siehe bei +Teichmller, Studien S.1-70+. III. Anaximenes. Anaximenes war nach Diogenes Laertius ein Schler des Anaximander. Von seinen Lebensumstnden wissen wir fast nichts, als da auch er aus Milet war, ein Sohn des Euristratus, geboren zwischen 529-525 v.Chr. und um die Zeit der Eroberung von Sardes durch die Jonier gestorben (499 v.Chr., also etwa 45 Jahre spter, als Anaximander.) Er hinterlie eine Schrift ber die Natur, aus der uns Stobus den Satz erhalten hat: Wie unsere Seele Luft ist und unseren ganzen Leib durchdringt, so auch durchdringt und umfat eine geistige Luft das Weltall. Diese (beseelte) Luft also erklrte er fr das Prinzip aller Dinge. Nach der einstimmigen Angabe aller Berichterstatter hat er sich diese Luft als _unendlich_ der Ausdehnung nach gedacht und die Dinge aus derselben durch Verdnnung und Verdichtung abgeleitet, oder wie der ihm eigentmliche Ausdruck gelautet zu haben scheint, durch Zusammenziehung und Nachlassung. So lehrte er, das Warmwerden und Kaltwerden der Dinge bestehe nur in der Verdnnung und Verdichtung der Luft; verdnnt werde die Luft Feuer, verdichtet Wind und Gewlk, noch mehr verdichtet Wasser, und daraus wieder durch Verdichtung Erde und Stein; alles brige aber werde aus diesen. Es ist mglich, da Anaximenes nur durch die Beobachtung des Athems, als einer Bedingung alles tierischen Daseins, dazu gefhrt ist, in der Luft zunchst das Lebensprinzip und so schlielich das Prinzip aller Dinge berhaupt zu suchen. Die Identifizierung von Leben, Seele und Athem (Odem) ist ja uralt, wie denn sogar die Stammgeschichte der Worte Seele, Geist, +anima+, +psyche+, darauf zurckweist. Auch deutet darauf hin die von ihm fr die Gleichstellung der Naturkrfte mit dem Lebensprinzip und die Erklrung des Lebensprozesses angefhrte naive Bemerkung, wenn wir die Luft mit den Lippen zusammengedrckt aushauchten, wrde sie kalt, aus geffnetem Munde dagegen gehe sie warm hervor. Ein gewisser Fortschritt ber Anaximander ist insofern nicht zu verkennen, als Anaximenes den Versuch machte, eine bestimmtere Vorstellung von dem _Proze_ zu gewinnen, durch den sich die Dinge aus dem Urstoff bilden. _Anaximenes soll auch zuerst die Beleuchtung des Mondes durch die Sonne und den Grund der Mondfinsternisse entdeckt haben._[514] brigens dachte er sich die Erde noch als eine runde breite von der Luft getragene _Platte_, und dieselbe Scheibengestalt schrieb er auch der Sonne und den Gestirnen zu. IV. Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia. Die Schule der jonischen Naturphilosophie erstreckte sich bis in das Zeitalter des Perikles, in dem allmhlich die Sophisten an ihre Stelle traten. Als die drei bedeutendsten spteren Vertreter dieser Richtung werden uns Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia genannt. Hippo scheint einer der ersten Naturphilosophen gewesen zu sein, die dem unverstndigen Spotte der attischen Komiker, der spter fr Sokrates so bedenklich wurde, verfallen sind. Zu folgenden Versen aus des Aristophanes Wolken: Da haben weise Geister ihr Studiergemach. Es wohnen Mnner drinnen, die beweisen Dir, Der Himmel sei nichts anderes, als ein Stlpkamin, Der rings um uns sich wlbe, wir die Kohlen drin. bemerkt der Scholiast, da dies zuerst vom Komiker Kratinos mit Bezug auf den Physiker Hippo gesagt worden sei. Wir knnen darnach vermuten, da Hippo lngere Zeit in Athen gelebt hat. Seine sonstigen Lebensumstnde, insbesondere seine Herkunft, sind ungewi, er war vielleicht auf Samos oder Melos geboren. Aristoteles (+de anima I. 2+) spricht von ihm noch verchtlicher, als von den anderen Physikern oder Physiologen und bemerkt, er habe die Seele fr Wasser, vermutlich als Anhnger des Thales, fr ein feuchtes Prinzip gehalten. Wahrscheinlich leitete ihn die Beobachtung, da aller tierischer Same feucht ist. Aus dem flssigen Aggregatzustand lie er das Feuer und aus der berwindung des Wassers durch das Feuer die Welt entstehen, weshalb auch geradezu gesagt wird, seine Prinzipien seien Feuer und Wasser gewesen. Er scheint mehr empirischer Naturforscher, als Naturphilosoph gewesen zu sein und sich hauptschlich mit der Entwicklungsgeschichte des Ftus und der Lehre von der Erzeugung beschftigt zu haben. Wenn der scholastisch denkende Aristoteles ihm den Vorwurf besonderer Einfalt macht, so ist darauf wenig zu geben. Idaeus aus Himera scheint sich hauptschlich an Anaximenes angeschlossen zu haben, und ebenso Diogenes von Apollonia (auf Kreta). Von letzterem ist uns ein eingehenderes Fragment bei +Simplicius Phys. 32b, 33a+ erhalten. Er stellte bezglich des Urwesens nicht nur die Forderung auf, da dasselbe der gemeinsame _Stoff_ aller Dinge, sondern auch, da es zugleich ein denkendes Wesen sein msse, insofern ein Vorgnger (oder auch Nachfolger) des Anaxagoras. Dasjenige, woraus alles besteht, war ihm ein ewiger und unvernderlicher Krper, gro und gewaltig und reich an Wissen, das, was man gewhnlich die Luft nenne. Aus ihm entsteht durch Verdichtung und Verdnnung jegliches Einzeldasein. Zuerst sondert sich aus dem unendlichen Urstoff das Schwere ab, das sich nach unten, und das Leichte, das sich nach oben bewegt. Den Grund der Bewegung sah er im warmen, den Grund der krperlichen Konsistenz in dem kalten und dichten Stoff. Infolge der Wrme soll das Weltganze in eine _Kreisbewegung_ geraten sein, wodurch auch die Erde ihre runde Gestalt erhielt. Die Erde war in ihrem Urzustand eine weiche und flssige Masse, die allmhlich durch die Sonnenwrme ausgetrocknet ist. Der Erdkrper sei von Gngen durchzogen, in welche die Luft eindringe; werden ihr die Auswege aus denselben verstopft, so entstehen Erdbeben. * * * * * Im Gegensatz zu denjenigen Geschichtsschreibern der Philosophie, welche die jonischen Naturphilosophen, zumal sie von eigentlichen metaphysischen Voraussetzungen sich, wie es scheint, ziemlich frei hielten, nach dem Vorgange des Aristoteles mit Geringschtzung betrachten und sich auch ber ihre vom Standpunkte des modernen Naturwissens selbstverstndlich rohen Vorstellungen belustigen, glaube ich die _einzig gerechte Wrdigung ihrer unbefangenen und ehrlichen_, occultistisch freilich wenig Ausbeute liefernden, _Positivitt_ in folgenden Worten Dhrings zu finden: Wichtiger, als die verhltnismige bereinstimmung, welche unser modernes naturwissenschaftliches Bewutsein den Vorstellungen der jonischen Denker nahe bringt, ist die Gemeinschaft und Analogie in der Ntigung unserer Ideen zu einer bestimmten Voraussetzung. Heute ist es bekanntlich die astronomische Beobachtung, welche uns besonders mit Rcksicht auf die Abplattung der rotierenden Weltkrper und im Hinblick auf die mechanischen Wirkungen der Drehung bildsamer Massen zu dem Rckschlu nicht blo berechtigt, sondern ntigt, da ein weniger fester Aggregatzustand den gegenwrtigen Verhltnissen vorausgegangen sein msse. Durch derartige Gedankenbewegung greifen wir stetig und zwar immer _an der Hand der leitenden Thatsachen_ in eine Vergangenheit des Kosmos zurck, die der uns brigens bekannten und etwa durch Rechnung rckwrts feststellbaren Verfassung und Beschaffenheit desselben vorausgegangen sein mu. Wo die Fingerzeige der aus der gegenwrtigen Gestaltung sprechenden Zge aufhren, da hat auch die wissenschaftlich begrndete und mit ihr eigentlich alle gerechtfertigte Vorstellung eine Schranke. Es ist daher kein Mangel, wenn bei irgend einem Zustande mit den Rckschlssen Halt gemacht werden mu. Sind wir einmal bei der gasfrmigen Gestalt der Welt angelangt, so ist zu einer weiteren Voraussetzung innerhalb dieser Gattung, d.h. in der Geschichte der Natur weder Antrieb noch Anknpfungspunkt vorhanden. Die Zustnde der Materie sind bis zum Extrem durchlaufen und durch den Urnebel hindurch drfte keine physische Hypothese mehr sichtbar werden. Etwas Unvollkommenes liegt aber in dieser Schranke durchaus nicht. Im Gegenteil lehrt sie uns, _da wir in dieser Richtung in dem, was der engeren Naturphilosophie wesentlich ist, auch nicht weiter gelangen, als die ersten antiken Denker, und da wir vor ihnen nichts, als die bessere Begrndung und Kenntnis des Weges voraus haben_. Hierbei bleibt nur noch fr die logische Notwendigkeit ein letzter Abschlu offen, und dieser besteht in der unumgnglichen Voraussetzung eines allem zhlbaren Wechselspiel der Vorgnge vorangegangenen sich selbst gleichen Zustandes des Weltmediums.[515] V. Heraclit der Dunkle. Die Lehre dieses Philosophen schliet sich zwar insofern noch an die drei bisher behandelten sog. Physiker an, als auch sie allem Seienden eines der sog. vier Elemente als Grundstoff, aus dem alles entstanden sei, zu Grunde legt, nmlich das Feuer. Sie geht aber in ihrer Entwickelung so erheblich ber die von den Vorgngern gesteckten Grenzen hinaus und enthlt soviel keimkrftige, erst in spteren Perioden der Philosophie-Geschichte von einzelnen Systemen zu einseitiger Entwickelung gefrderte Gedanken, da man ihrer Universalitt Unrecht thun wrde, wollte man Heraclit noch zu den sogenannten Physikern rechnen, wie dies Aristoteles +Metaphys. I. 3ff.+ thut. Heraclit wurde nach Hermann (+De philos. Jonic. aetatt S.10. 22+) um 510 v.Chr. zu Ephesus geboren und lebte etwa bis 450 v.Chr.; Zeller dagegen (+Philosophie der Griechen I. S.524+) setzt seine Geburt in die Zeit zwischen 530-540 v.Chr. Es steht fest, da er ein Alter von 60 Jahren erreichte. Er entstammte einer der vornehmsten Familien seiner Vaterstadt, wie schon daraus hervorgeht, da er das in seiner Familie erbliche Amt eines Opfer-Knigs seinem jngeren Bruder abtrat. Er trat der demokratischen Partei seiner Vaterstadt mit entschieden aristokratischen Grundstzen entgegen und erfreute sich deshalb keiner groen Popularitt. Seine Verbitterung gegen die Mitbrger steigerte sich in hohem Grade, als sein Freund Hermodor verbannt wurde, jener Hermodor, von dem uns der Jurist Pomponius in seiner +Rechtsgeschichte Dig. I. 1, 1. 2 4+ berichtet, da er den rmischen Dezemvirn bei Abfassung der Zwlf-Tafeln an die Hand ging. ber Heraclits Tod und sonstige Lebensschicksale haben wir nur wenige und teilweise widersprechende Nachrichten. Die Fragmente seiner Schriften hat P. Schuster in den +Acta philos. societ. Lipsiensis Tom. III, Leipzig 1873+, zusammengestellt. Man darf behaupten, da Heraclit seinem Philosophieren schon eine gewisse Erkenntnis-Kritik vorausgehen lie. Wenn eine Rede verstndig sein soll, sagt er, so mu sie sich auf das sttzen, was allen gemeinsam ist, das Denken.[516] Was unsere _Sinne_ wahrnehmen, ist nur die flchtige Erscheinung, nicht das Wesen. Alle Sinnesempfindung entsteht aus dem Zusammentreffen von zwei Bewegungen, sie ist das gemeinsame Erzeugnis aus der Einwirkung des Gegenstandes auf das Sinnesorgan und der Thtigkeit des Organs; sie zeigt daher nichts bleibendes und an sich seiendes, sondern nur eine Einzelerscheinung, so wie diese in dem gegebenen Falle und fr diese bestimmte Wahrnehmung sich darstellt.[517] Schlechte Zeugen sind der Menschen Augen und Ohren, wenn sie unverstndige Seelen haben.[518] Gerade dieses Zeugnis aber ist es, dem die Menge allein folgt. Daher finden wir bei ihm hnlich geringschtzige uerungen ber die groe Masse der nicht denkenden Menschen, auch sogar ber frhere und gleichzeitige Dichter und Denker, wie sie in hnlich aristokratischer Geisteshaltung bei Giordano Bruno wiederkehren. Besonders verchtlich erscheint ihm die bloe _Vielwisserei_. +Polymathie noon u didaskei+, die bloe Vielwisserei, schafft keine Weisheit.[519] Er will sich begngen, mit vieler Arbeit weniges zu finden, wie die Goldgrber, nicht leichthin ber das Wichtigste urteilen, nicht andere befragen, sondern sich selbst oder vielmehr die Gottheit.[520] Nur wer dem gttlichen Gesetz, _der allgemeinen Vernunft_, lauscht, kann die Wahrheit finden, wer dagegen dem tuschenden Schein der Sinne und den unsicheren Meinungen der Menschen folgt, dem bleibt sie ewig verborgen. Wie das Erkennen der Menschen, so ihr Handeln. Darum leben die meisten Menschen dahin wie das Vieh, sie wlzen sich im Schmutze und nhren sich von Erde gleich dem Gewrm, werden geboren, zeugen Kinder und sterben, ohne ein hheres Lebensziel zu verfolgen.[521] Die meisten Menschen sind fr die Wahrheit auch dann taub, wenn man sie ihnen in die Ohren schreit, und wie Hunde bellen sie alles und jedes an, das sie nicht kennen. Besonders _durch seine Unglaublichkeit entschlpft das Wahre zumeist dem Erkanntwerden_.[522] Der Esel frit eben lieber Spreu, als Gold. Der Grundfehler der bisherigen Philosophie hat nun nach Heraclit darin bestanden, da man in den Dingen eine Beharrlichkeit des Seins suchte, die ihnen fremd ist. Vielmehr gibt es nichts festes und bleibendes in der Welt, alles ist in unablssiger Vernderung begriffen (%to pan rhei%), wie ein Strom, man kann nicht zweimal in denselben Flu steigen.[523] Heraclit ist auch der Urheber des zuerst von Cusanus und Bruno wieder so viel betonten Prinzips der Coincidenz der Gegenstze, das von Hegel als logische Einheit des Widerspruchs mideutet wurde. Er selbst hat damit nur das antagonistische Spiel der Naturkrfte bezeichnen wollen, in dem nicht das Gleichgewicht, sondern das bergewicht und die Strung wesentlich sind und die stetige Bewegung und das Leben erhalten; dagegen stand er den Hegelschen Begriffsverwirrungen fern, und die Darstellung seiner Lehre durch den Junghegelianer Lassalle ist eine arge Verdrehung.[524] Freilich finden wir bei ihm uerungen wie: Tag und Nacht sind dasselbe (d.h. es ist Ein Wesen, welches bald licht, bald dunkel ist); Heilsames und Verderbliches, Oberes und Unteres, Anfang und Ende, Sterbliches und Unsterbliches ist dasselbe.[525] Hunger und Sttigung, Anstrengung und Erholung gehren zusammen; aus dem Lebenden wird Totes und aus dem Toten Lebendiges, aus dem Jungen Altes und aus dem Alten Junges u.s.w., nur in der Bewegung beruht alles Leben, besteht berhaupt das Dasein der Dinge, kein Ding _ist_ dieses oder jenes, sondern es _wird_ nur in der bestndigen Bewegung des Naturlebens.[526] Whrend Parmenides dem Begriff des Werdens, als einem vereinigten Widerspruch von Sein und Nichtsein, die Realitt abspricht und ihn, hnlich wie der moderne Philosoph v.Kirchmann in das Wissen verlegt, behauptet also Heraclit: _Sein ist Werden_. Wenn nun alles in unaufhrlicher Bewegung und Vernderung begriffen ist, so folgt, da _alles Feuer ist_. Offenbar will er, da er sein tieferes philosophisches Bewutsein noch nicht abstrakt ausdrcken kann, seiner Metaphysik damit nur eine sinnlich symbolische Ausdrucksform leihen.[527] Diese Welt, sagt er, hat weder der Gtter noch der Menschen einer gemacht, sondern sie war immer und wird sein, ein ewig lebendiges Feuer, nach Maen sich entzndend und nach Maen erlschend.[528] Offenbar verstand Heraclit unter dem Feuer nicht blo das sichtbare Feuer, sondern berhaupt das Warme, Wrmestoff, oder wie seine Nachfolger sagten, trockene Dnste, ja geradezu Hauch, die %psych%, also etwa den _ther_. Nichts aber wre verkehrter, als es mit Lassalle in eine metaphysische Abstraktion aufzulsen, wie die prozessierende Einheit des Sein und Nichtsein.[529] Aus dem Urfeuer, dem an sich gestaltlosen ther, lt er alle Einzelsubjekte durch _Streit_ (+eris+) (auch %polemos%) hervorgehen, welcher der Vater aller Dinge ist.[530] Die Welt ist die zerteilte Gottheit, das %en diapheromenon hauto haut%; aber indem sie sich in sich selbst unterscheidet, geht sie auch wieder mit sich zusammen, zu einer Harmonie, die wie die des Bogens und der Leyer auf entgegengesetzter Spannung beruht.[531] In ihr vollzieht sich ein stetiger Doppelproze der relativen Materialisierung des Feuergeistes und der Wiedervergeistung der Erde und des Wassers. Denn auch Erde und Wasser, d.h. der feste und flssige Aggregatzustand, sind nur Erscheinungsformen des Einen, des Feuers; dieses geht in sie ber in der %hodos kat%, dem Wege nach der Tiefe; es kehrt aber auch Erde und Wasser ins Feuer zurck, in der %hodos an%, dem Weg nach oben. Des Feuers Tod ist, Wasser zu werden, des Wassers, Erde zu werden, aus Erde aber wird wieder Wasser und aus Wasser Feuer (oder Seele). Alles wird umgesetzt gegen Feuer und Feuer gegen alles, wie Waaren gegen Gold und Gold gegen Waaren.[532] Alles Leben bewegt sich also im Kreise; nachdem es seine elementarische Beschaffenheit im festen Aggregatzustand am weitesten von der Urform entfernt hat, kehrt es durch die frheren Zwischenstufen schlielich doch zum Anfang zurck. Somit strebt auch die aus dem Streit entstandene Vielheit der Dinge immer wieder zur anfnglichen Einheit zurck; und dies Streben wird von den Dingen empfunden als Zustand der begehrenden Bedrftigkeit, die wiedergewonnene Einheit aber als Sttigung, Eintracht und Friede.[533] Der ewige Kampf und die ewige Vershnung im steten Strome des Stoffwechsels, im Flu des Geschehens, wird aber von strenger Gesetzmigkeit beherrscht, die er mit dem Namen der Harmonie, der +Dike+ (Gerechtigkeit), des Schicksals, der weltregierenden Weisheit bezeichnet. Er nennt sie auch Zeus oder die Gottheit, unterscheidet aber diese weltbeherrschende Kraft, der er auch kein besonderes Bewutsein zuschreibt, nicht von der Welt als Ganzem. Seine Weltanschauung lt sich daher, zumal ihm aller Stoff beseelt ist, als hylozoistischer Monismus oder Pantheismus bezeichnen.[534] Interessante Anticipationen bieten seine kosmischen Ansichten. Die Sonne ist, sagt er, eine brennende Dunstmasse, deren Feuer durch die aufsteigenden Dnste genhrt wird; es findet ein stetiger Zu- und Abflu an ihrem Krper statt. Man wird versucht, dabei an Robert Mayers Theorie vom Wiederersatz der Sonnenwrme durch Meteormassen zu denken.[535] Die Welt als Ganzes ist zwar ohne Anfang und Ende; allein die einzelnen Weltsysteme haben ihren Anfang und ihr Ende, aus Feuer entstanden gehen sie in Feuer wieder unter, und zwar, da alles in der Welt sein festes Ma, auch Zeitma, hat, nach Ablauf gewisser Perioden. Eine solche Periode nennt Heraclit _ein groes Jahr_, das er zu 18000 Sonnenjahren angenommen haben soll.[536] Man sollte nun glauben, da ein Monist, wie Heraclit, die Selbstndigkeit und Substantialitt der Menschenseele konsequent habe leugnen mssen. Aber dem ist nicht so. Sein Pantheismus schliet den Individualismus, wenigstens als relativen, nicht aus, sondern ein. Der Leib an sich ist starr und leblos, erst durch die Seele wird er bewegt; die Seele aber ist ein unendlicher Teil des menschlichen Wesens, in ihr hat sich das gttliche Feuer in relativ reinster Form erhalten. Je trockener dieses Feuer ist, um so weiser und besser ist die Seele[537], durch Feuchtigkeit wird dagegen das Seelenfeuer verunreinigt und geht die Vernunft verloren, wie die Erscheinungen des Rausches, der angefeuchteten Seele beweisen. Wie brigens jedes Ding in unablssiger Umwandlung begriffen ist, so auch die Seele, auch sie mu sich vom Feuer auer ihr nhren, das sie durch die Sinnesorgane empfngt. Dieses beweist der Schlaf, der das Licht des Bewutseins verdunkelt. Und dennoch bewahrt die Seele ihre Identitt im Tode. Die Menschen, sagt er, sind sterbliche Gtter, die Gtter unsterbliche Menschen; unser Leben der Tod der Gtter, unser Tod ihr Leben; denn solange der Mensch lebt, ist der gttliche Teil seines Wesens mit den niederen Stoffen verbunden, von denen er im Tode wieder frei wird; die Seelen durchwandern ebenfalls den Weg nach unten und den Weg nach oben, sie treten in Leiber ein, weil sie der Vernderung bedrftig sind, und ebenso verlassen sie die Leiber wieder.[538] _Des Menschen wartet nach seinem Tode, was er nicht zu hoffen noch zu glauben wagt._[539] _Die besseren Menschen kehren nach dem Tode als Dmonen in ein reineres Leben zurck_, die gewhnlichen aber sinken weiter zum Hades herab.[540] _brigens ist alles voll von Seelen und Dmonen._[541] _Wenn wir leben, sind unsere Seelen tot und in unseren Leibern begraben; erst wenn wir sterben, erwachen sie zum vollen Bewutsein und Leben._[542] Der Dmon des Menschen ist sein Gemt. Von diesem hngt es allein ab, glcklich zu leben und sich in die Weltordnung zu finden.[543] Die Meinung, da die Gottheit nach Belieben Glck oder Unglck verhnge, vertrug sich nicht mit Heraclits Einsicht in die Gesetzmigkeit des Naturlaufs. Wohl aber glaubte er an die Mglichkeit der Weissagung und erkannte z.B. in den Sprchen der Sibylle eine hhere Eingebung.[544] In politischer Hinsicht war Heraclit ein Freund der Freiheit, und eben darum ein schroffer Gegner der Demokratie, die auch den Besten nicht zu gehorchen und keine hervorragende Gre zu ertragen wei.[545] Er legte seine Bcher ber die Natur als ein frommes Opfer im Tempel der groen Diana zu Ephesus nieder.[546] Creuzer, +Symbolik und Mythologie II. 196+, hat zuerst die Vermutung ausgesprochen, da Heraclit ein Schler der _Zoroastrischen_ Lehre gewesen. Was ihm der Orient und Egypten in der Religion seines Vaterlandes dargeboten, was er aus eigenem dort erleichterten Verkehr mit dem Morgenlande geschpft hatte, durchdrang er mit griechischem, scharfen Geiste, begrndete er durch eigenes tiefes Denken, brachte es in systematischen Zusammenhang, und machte es fruchtbar fr sein Volk. Aus _sich_ hat er also vieles genommen; aber da er alles aus sich genommen, da er im strengsten Sinne Erfinder seiner Lehre sei, ist nicht zu glauben. Heraclit geht sichtbar von der Priesterlehre und von Symbolen der Lichtreligionen aus. Auch bei Zoroaster ist die Feindschaft, der Streit, der Grund der endlichen Dinge. Bedeutet doch des Bogens Namen (%bios%) Leben, sein Geschft aber ist der Tod.[547] Da diese Stze in die Ephesische Priesterdogmatik aufgenommen waren, wre schon aus dem nachgewiesenen Zusammenhange der Artemisischen Religion mit dem Feuerdienste Oberasiens wahrscheinlich. Die ganze Feuerlehre des Ephesers ist in Prinzip und Folgerungen Magismus, besonders sein Satz von der Geburt der Gtter aus dem Feuer.[548] Freilich auch bei den Egyptern finden wir Phtha, das Urfeuer, und selbst die Sonnentheorie des Heraclit. Aus den Lichttheorien des Orients hatte er den Inhalt seiner Lehren genommen, von dort nahm er auch seine Bilder. Ob nun dieser Heraclitus einen Zoroaster geschrieben, wie sptere Zeugen wollen, oder nicht, ist gleichgltig. Es ist genug, da er Zoroastrisch philosophiert hat, da er gelehrt hat, wie der alte groe Lichtlehrer Zerethoschtro, der Stern des Goldes. Der Beiname des Dunklen, weil er nicht redet, nicht verbirgt, sondern andeutet, findet sich zuerst in der pseudo-aristotelischen Schrift +de mundo (c.5)+. Sokrates soll gesagt haben, es bedrfe zum Verstndnis seiner Schreibweise eines delischen (tchtigen) Tauchers. Knnte man ihn aber mit Hinsicht auf den Inhalt seiner Lehre, einer Licht- und Feuer-Religion, nicht vielmehr auch den _lichten_ nennen? Auch dadurch wrde sich fr ihn die Coincidenz des Gegensatzes besttigen. Zweites Kapitel. Pythagoras und die Alt-Pythagorer. Pythagoras gehrte einer etwas frheren Zeit an, als Heraclit. Er steht als _Dorer_ schon dem Stamme nach in einem gewissen Gegensatz zu den Jonischen Philosophen. Leider ist die Geschichte seines Lebens in ein solches mystisches Dunkel gehllt, da in unseren Tagen, wo ja die historische Skepsis auf die denkbar feinste Spitze getrieben worden ist, einzelne Forscher sogar seine Existenz bezweifelt und die Mglichkeit bejaht haben, da er ein bloer Kollektivname, eine Personifikation der ganzen orientalischen und nordischen Weisheit sei.[549] Wir sind weit entfernt, diese, ja auch auf vielen anderen Gebieten und besonders durch David Strau an der Geschichte Jesu bis zur Selbstironie bertriebene Skepsis, welche zum groen Teil der aprioristischen negativen Voreingenommenheit des Materialismus gegen mystische Berichte entspringt, unbedingt zu teilen, mssen aber zugeben, da die zweifellos historische Persnlichkeit dieses dorischen Denkers dermaen von Mythen umrankt ist, da es schwer fllt, einen thatschlichen Kern aus dem Sagengewirr herauszuschlen. Fest steht, da er ein Sohn des Mnesarchus war und zu Samos, etwa um 582 v.Chr. geboren ist, von wo aus er erst in spteren Jahren, vielleicht 529 v.Chr. nach Kroton in Unteritalien bersiedelte und hier einen politisch-ethisch-religisen Geheimbund stiftete. Im brigen wchst die Reichhaltigkeit der Mitteilungen ber ihn nahezu im quadratischen Verhltnisse der zeitlichen Entfernung und somit im umgekehrten der Zuverlssigkeit. Am meisten wissen die fast ein Jahrtausend spter lebenden sog. Neupythagorer und Neuplatoniker von ihm zu erzhlen, unter denen Jamblichus und Porphyrius sogar eine ausfhrliche Lebensbeschreibung des Pythagoras liefern. Von dem ihm zeitlich am nchsten stehenden Heraclit ist uns eine uerung ber Pythagoras erhalten[550], die eben keine wohlwollende Beurteilung einschliet. Er sagt: Pythagoras, der Sohn des Mnesarchus, hat Forschung gebt von allen Menschen zumeist, und eklektisch sich _seine eigene_ Wahrheit gebildet, eine _Vielwisserei_ und _gelehrte Kunst_. Nicht unwahrscheinlich ist es daher, da er, wie dies ja wibegierige Hellenen, z.B. Solon und Herodot vielfach thaten, auch groe Reisen gemacht und insbesondere sich auch in Egypten aufgehalten hat, um sich in die dortige Priesterweisheit einfhren zu lassen. Dadurch wrde sich sein mit dem, was als logische Grundlage seiner Philosophie berichtet wird, nur unorganisch verknpfter Glaube an die Seelenwanderung erklren. Jedenfalls aber sind seine Reisen von den Spteren, deren einige ihn sogar bis nach Indien zu den Brahmanen fhren[551], sehr bertrieben, und Zeller bemerkt wohl mit Recht, da nicht die bestimmte Kenntnis von seinem Verkehr mit auswrtigen Vlkern zu der Annahme ber den Ursprung seiner Lehre, sondern vielmehr umgekehrt die Voraussetzung von dem auswrtigen Ursprung seiner Lehre zu den Erzhlungen ber seinen Verkehr mit Barbaren den Ansto gegeben haben wird. Einige bringen ihn sogar mit dem mythischen Knig der im Norden Griechenlands wohnenden Geten Zamolxis in Verbindung.[552] Jedenfalls hat er keine Schriften hinterlassen, und die Behauptung des Jamblichus, es seien wohl Schriften vorhanden gewesen, aber bis auf Philolaos streng als Geheimnis der Schule bewahrt worden, verdient wenig Glauben.[553] Fr den von ihm gestifteten Geheimbund wurde dessen politische (aristokratische) Richtung verhngnisvoll. Derselbe wurde durch eine blutige demokratische Revolution, den Aufstand der sog. Kyloner vernichtet; bei einer Beratung im Hause des Milo zu Metapont sollen seine smtlichen Anhnger mit Ausnahme der Tarentiner Archippus und Lysis umgekommen sein, da die Gegner das Haus umstellten und anzndeten. Unwahrscheinlich ist der Bericht, da Pythagoras selbst bei dieser Veranlassung geendet habe, da diese sog. Kylonischen Unruhen mindestens 100 Jahre nach seiner Geburt datiert werden mssen. Zuverlssige Mitteilungen ber seine Lehre bieten uns nur Plato und Aristoteles. Darnach scheint dieselbe rationelle und mystische Elemente in wunderlichstem Grade verquickt zu haben. Einerseits mssen wir annehmen, da die Mathematik und zwar die Geometrie in erster Linie ihm nicht unbedeutende Fortschritte verdankt. Bekannt ist ja die Erzhlung, da er den wichtigen nach ihm benannten Satz von der Flchengleichheit des Hypotenusenquadrats und der Kathetenquadrate entdeckt und zum Dank dafr den Gttern eine Stierhekatombe geopfert hat, woher das +bon mot+, da seitdem alle Ochsen zittern, so oft eine neue Wahrheit entdeckt wird. Auch werden die einfachsten Zahlenbestimmungen der musikalischen Harmonie auf ihn zurckgefhrt. Die Beobachtung der letzteren hat vermutlich den Ausgangspunkt seiner Grundlehre gebildet. Weil die Pythagorer zwischen den Zahlen und den Dingen manche hnlichkeit entdeckten, sagt Aristoteles[554], so hielten sie die Elemente der Zahlen fr die Elemente der Dinge selbst; sie sahen in der Zahl sowohl den Stoff als die Eigenschaften der Dinge. Das Rationelle an dieser Einsicht beschrnkt sich auf die Erheblichkeit der quantitativen Beziehungen in der Konstitution der Dinge und in der Beschaffenheit der Phnomene, die ja in der That eine Grundlage des Verstndnisses alles Daseins ist. Alles weitere ist nur aus der im Anfange der menschlichen Denkarbeit, wie es scheint, ganz unvermeidlich gewesenen und auch fr uns Modernen immer noch eine bedenkliche Klippe des Verstandes bildenden Hypostasierung oder Verdinglichung abstrakter Begriffe zu erklren. In der Ausfhrung dieser Zahlenphilosophie treffen wir nur auf zahlenmystische Spielereien und Deuteleien. So ist die sog. Tetraktys, die Zahlengruppe 1, 2, 3, 4, deren Summe 10 giebt, Gegenstand besonderer Heilighaltung gewesen, da sie die Grundzahl der Menschenseele bilde. Diese spielerische Symbolik wurde besonders auf die moralischen Erscheinungen bertragen; so sollen sie die Gerechtigkeit bald auf die Zahl 3, bald auf die 4, bald auf die 5, bald auf die 9 zurckgefhrt haben. Weil alle Zahlen sich in ungerade und gerade teilen, so fand man darin einen weiteren grundlegenden Wesensunterschied, indem man das Ungerade dem Begrenzten, das Gerade dem Unbegrenzten gleichsetzte. Das Begrenzte ist das Bessere und Vollkommene, das Unbegrenzte und Gerade das Unvollkommene. In 10 Gegengrundstzen stellten sie die erste, hchst willkrliche Tafel sogenannter Kategorien auf: 1.Grenze und Unbegrenztes. 2.Ungerades und Gerades. 3.Eins und Vielheit. 4.Rechtes und Linkes. 5.Mnnliches und Weibliches. 6.Ruhendes und Bewegtes. 7.Gerades und Krummes. 8.Licht und Finsternis. 9.Gutes und Bses. 10.Quadrat und Rechteck. ber die _Theologie_ der alten Pythagorer lt sich nichts Sicheres feststellen. So unleugbar die Pythagorer an Gtter geglaubt haben, und so wahrscheinlich es ist, da auch sie der monotheistischen Richtung, welche seit Xenophanes in der griechischen Philosophie so bedeutenden Einflu gewann, soweit gefolgt sind, um aus der Vielheit der Gtter die Einheit (%ho theos, to theion%) strker, als die gewhnliche Volksreligion, herauszuheben, so gering scheint doch die Bedeutung der Gottesidee fr ihr _philosophisches_ System gewesen zu sein, und in die Untersuchung ber die letzten Grnde scheinen sie dieselbe nicht tiefer verflochten zu haben.[555] Auch die _kosmologischen_ Einsichten des Pythagoras bezw. der ltesten Pythagorer werden vielfach mit Rcksicht auf sptere Unterschiebungen und infolge allzu gnstiger Deutung der wenigen unklaren berlieferungen stark berschtzt. Das Weltgebude selbst dachten sich die Pythagorer als eine Kugel. Im Mittelpunkt derselben nahmen sie ein Centralfeuer an. Um dieses sollen _zehn_ himmlische Krper sich von West nach Ost bewegen, zunchst die 5 Planeten Merkur, Venus, Mars, Saturn und Jupiter, dann die Sonne, der Mond und die Erde. Als zehnten Himmelskrper, wohl nur, um die heilige Zehnzahl voll zu machen, setzten sie dann eine sog. Gegenerde, +antichthon+; der uerste Umkreis aber wird durch eine feurige Region, das Empyreum, gebildet.[556] Das ganze System erhlt sein Licht und seine Wrme mittelbar vom Centralfeuer und unmittelbar von der Sonne. Wenn einzelne Historiker der Astronomie in der sog. Gegenerde die andere Halbkugel der Erde sehen wollen und dem Pythagoras schon die nachweisbar erst von Heraclides Ponticus, Ekphant, Plato und Hicetas behauptete Axendrehung der Erde als bekannt zuschreiben, so ist das, wie gesagt, eine zu gnstige Auslegung. Nur die Kugelform der Erde ist den alten Pythagorern bekannt gewesen. Mit dieser Anschauung vom Bau der Welt verband sich nun die berhmte Lehre von der _Harmonie der Sphren_. Jedes der Gestirne bringt durch seinen Umschwung um das im Mittelpunkt stehende Centralfeuer einen eigenartigen Ton hervor, da jeder schnell bewegte Krper einen Ton erzeugt. Diese Tne der Planeten setzen sich zu einer Harmonie zusammen; da wir von dieser Sphrenharmonie, die man sich durch eine Anzahl verschieden abgestimmter Brummkreisel veranschaulichen knnte, nichts hren, erklrte man durch die Bemerkung, es gehe uns damit wie den Bewohnern einer Mhle; da wir das gleiche Gerusch von Geburt an unausgesetzt vernehmen, so kmen wir nie in den Fall, sein Dasein am Gegensatz der Stille zu bemerken. Was die _Psychologie_ des Pythagoras betrifft, so ist unstreitig zunchst seine Lehre von der Seelenwanderung, die man unrichtig gewhnlich als _Metempsychose_, also wrtlich bersetzt Umbeseelung bezeichnet, whrend man richtiger von einer _Metensomatose_, d.h. Umkrperung reden sollte. Pythagoras wurde dieser Lehre wegen schon von Xenophanes verspottet[557]; und in der That scheint die Seelenwanderungslehre der alten Pythagorer sich von der krassesten Form dieses Aberglaubens, der sogar eine Wanderung der Menschenseele in Tier- und Pflanzenleiber fr mglich hielt, nicht sehr weit entfernt zu haben. Andererseits berichtet auch Aristoteles in seiner Psychologie, einige von den Pythagorern htten die Seelen in den Sonnenstubchen oder auch in dem, was diese bewege, gesucht.[558] Gleichzeitig wurde auch der Glaube an unterirdische Wohnsitze der Abgeschiedenen festgehalten, und nach Aelian +V. H. IV. 17+ soll Pythagoras sogar die Erdbeben von Wanderungen (%synodoi%) der Toten hergeleitet haben. Vielleicht lt sich der Seelenwanderungsglauben und der an einen Aufenthalt im Hades so zusammenreimen, wie dies spter bei Plato und Vergil geschieht, da nmlich ein Teil der Seelen vor dem Wiedereintritt in einen Krper sich durch Strafen und Qualen im Hades, der dann also als Fegefeuer dient, lutern mu. Ob die Pythagorrer sich die Verbindung der Seele mit ihrem Leibe durch Wahl, wie spter Plato, oder durch natrliche Verwandtschaft oder durch den Willen der Gottheit bestimmt dachten, ist nicht klar zu stellen. Wahrscheinlich war ihre Lehre in dieser Richtung noch nicht fest ausgebildet. Ebenso wenig wissen wir, ob und wieso sie ihre Seelenwanderungslehre mit der Grundlehre des Systems, wofern man ihnen berhaupt ein System zuschreiben darf, von den Zahlen in Verbindung gebracht haben. Wenn nmlich einerseits berichtet wird, Pythagoras habe die Seele als Harmonie des Krpers aufgefat, so knnte man daraus auf eine die Unvergnglichkeit der Seele leugnende materialistische Psychologie schlieen. Denn sofern die Harmonie das Produkt einer Zusammensetzung ist, mu sie ja zweifellos mit der Auflsung des Zusammenhangs untergehen. Andererseits ist aber doch der Pythagorische Unsterblichkeitsglaube zu gut beglaubigt. Da sie die Zahl hypostasierten, wird man bei ihnen vielleicht den Keim jener spteren neuplatonischen Definition der Seele als einer idealen oder sich selbst bewegenden Zahl voraussetzen drfen, die eine groe Rolle bei Plotin und spter noch bei Bruno spielt.[559] Dem modernen Kritizismus freilich, dem die Zahl ein subjektiver Beziehungsbegriff ist, mu eine solche Verdinglichung derselben ganz unverstndlich erscheinen. Allein die Hypostasierung der Gedankenbewegung ist ja eben das eigentliche Element aller Spekulationsdichtung. Endlich haben nach Angabe des Aristotelikers Eudemos[560] die Pythagorer schon jene eigentmliche Lehre von einer Wiederbringung aller Dinge und Ereignisse aufgestellt, die dann mit besonderer Vorliebe von einigen Stoikern und Neuplatonikern kultiviert worden ist und die in unserem Jahrhundert eine der Beachtung meistens infolge der abstrakten Fassung entgangene merkwrdige Neubegrndung durch einen deutschen Philosophen erhalten hat, bei dem man eine solche mystische Konzeption am allerwenigsten vermuten mchte, nmlich durch den Realisten v.Kirchmann. Vergl. dessen Schrift: +Die Unsterblichkeit, Berlin 1865. IV, 3.+ +Die Wiederkehr des Wissens. S.130+: Wenn irgend ein Wirksames fortschreitend das Wissen in dem Sein erweckt, so ist es sehr wohl mglich, da solcher Ursachen nicht blo _eine_ besteht, sondern da _mehrere_ in gewissen Abstnden einander folgen. Die Wirkung wrde dann _die_ sein, da das Sein des Menschen nach seinem Tode nicht fr alle Ewigkeit zur Bewutlosigkeit verdammt bliebe, sondern da mit dem Eintritt eines zweiten Lichtstreifens, welcher in gleicher Weise fortschritte, das Sein des Menschen wieder mit dem Bewutsein sich verbinden wrde. Wre dieser zweite Lichtstreifen dem ersten durchaus gleich, so wrde das bewute Leben des Menschen ganz in derselben Weise sich dann wiederholen, wie er es bereits das erste Mal durchlebt hat; dieselbe Jugend, dasselbe Alter, dieselben Handlungen, dieselben Freuden und Leiden wrden noch einmal von ihm wiederholt werden. Dies zweite Leben wre nur eine genaue Wiederholung des ersten. -- Eine wenig verlockende Aussicht! Man sieht, es kann nichts so Wunderliches erdacht werden, was nicht irgend ein Philosoph auch einmal alles Ernstes fr erwiesen oder wenigstens probabel erkennte! Die ausfhrlichste Darstellung dieser Idee giebt Synesios, die Aegypter oder die Vorsehung. Vergl. auch Bruno, +de Triplici minimo, c.l.v. 170-174+. Die gyptische, pythagorische Seelenwanderungslehre, die wir als Metensomatose (Umkrperung) bezeichnet haben, mute bei den gebildeten Griechen schon frh Ansto erregen. Man versuchte ihr daher allmhlich eine blo allegorische Deutung zu geben, unter Anspielung auf die homerische Wendung von der Zauberin Kirke, welche Menschen in Tierleiber verwandelte. So erzhlt Xenophon in seinen Memorabilien des Sokrates 3, 7, da letzterer oft scherzend geuert habe, er glaube Kirke habe dadurch Leute zu Schweinen gemacht, da sie ihnen vieles vorgesetzt habe, Odysseus aber sei darum nicht zum Schweine geworden, weil er auf die Warnung des Hermes und aus eigener Enthaltsamkeit sich vor dem bermigen Genusse der Speisen gehtet habe. Plato entwickelte hieraus die feinere und mehr pantheistisch zu denkende Lehre von der _Palingenesie_, deren Unterschied von der groben Umkrperung darin besteht, da sie nur annimmt, da die _allgemeine_ oder die Weltseele in allen wechselnden Erscheinungen der Krperwelt wirksam bleibe.[561] Als der erste Pythagorer, der die Lehre seines Meisters in einer Schrift dargestellt hat, gilt Philolaos, ein Zeitgenosse des Sokrates. Die von dieser Schrift berlieferten Fragmente, denen aber fremdartige Elemente beigemischt zu sein scheinen, hat Boeckh zusammengestellt. (+Philolaos des Pythagorers Lehren nebst den Bruchstcken seines Werkes. Berlin 1819.+) Ein anderer Jnger des Pythagoras, der Arzt und Anatom Alkmon, ein Krotoniate, wird von Aristoteles und Theophrast erwhnt und soll zuerst den Sitz der Seele in's Gehirn verlegt haben, zu dem alle Empfindungen von den Sinnesorganen aus durch Kanle hingeleitet wrden. Der schon erwhnte Lysis, der sich beim Brande des Milonischen Hauses rettete, begab sich nach Theben und wurde dort der Lehrer des Epaminondas. Vielleicht war dieser Lysis Verfasser der sog. goldenen Sprche des Pythagoras. Auerdem werden als ltere Pythagorer noch genannt der Tarentiner Eurytus, der Architekt Hippodamus aus Milet, ein Zeitgenosse des Sokrates und Epicharmus von Kos, endlich jener Tarentiner Archytas, dessen mathematisch-physikalische Kenntnisse und Tod auf dem Meere Horaz in der +Ode 18, Buch I+, mit den Versen verewigt hat: +Te maris et terrae numeroque carentis arenae Mensorem cohibent, Archyta, Pulveris exigui prope litus parva Matinum Munera, nec quicquam tibi prodest Arias temptasse domos animoque rotundum Percurrisse polum morituro.+ * * * * * Die Pythagorer sollen sich durch besondere Migkeit im Genu von Nahrungsmitteln und einfache Kleidung ausgezeichnet haben. Ob sie, wie spter behauptet worden ist, ganz vegetarisch lebten und sexuelle Enthaltsamkeit forderten, ist zweifelhaft.[562] Wenigstens Gellius, +Noctes Atticae IV, 11+ schreibt: Es ist eine alte, aber falsche Ansicht, der Philosoph Pythagoras habe keine Fleischspeisen genossen und sich auch jener Bohne enthalten, welche die Griechen +cyamus+ nennen (sog. groe oder Saubohne, ein besonders bei den Westfalen mit Schinken oder Speck beliebtes Gemse). In dieser unrichtigen Meinung hat Cicero im ersten Buch von dem Ahnungsvermgen folgendes geschrieben: Plato schreibt daher vor, da man sich in solcher Leibesverfassung schlafen legen solle, da alles, was die Seele in Irrtum und Unruhe bringen knne, vermieden sei. Und deshalb soll auch den Pythagorern verboten sein, Bohnen zu essen, da diese leicht starke Blhungen erzeugen, was fr Leute, die nach geistiger Ruhe trachten, widerwrtig sein mu. So zwar Cicero. Aber Aristoxenos, ein in der alten Litteraturgeschichte sehr gelehrter Mann, der Hrer des Philosophen Aristoteles, behauptet, da Pythagoras gerade keine andere Hlsenfrucht fter gegessen habe, als die Bohne, da dieselben langsam abfhrend und erleichternd wirkten. Die eigenen Worte des Aristoteles lauten: Pythagoras liebte unter den Hlsenfrchten am meisten die Bohne. Denn sie sei abfhrend und erleichternd. Deshalb a er sie am meisten. Derselbe Aristoxenos berichtet auch, da er gern Schweinefleisch und Lammfleisch gegessen. Er scheint dies von dem Pythagorer Xenophilus, seinem Freunde, und einigen anderen Zeitgenossen des Pythagoras erfahren zu haben. Die Ursache des Irrtums hinsichtlich des Bohnenverbots wird in einem Gedichte des Empedocles, das die Pythagorische Lehre betrifft, gefunden: Elende Welt, enthalte dich doch des Genusses der Bohne! Hier haben die meisten angenommen, sei die Hlsenfrucht der Bohne gemeint. Die aber, welche die Verse des Empedocles scharfsinniger auslegen, wollen an dieser Stelle unter Bohnen die Geschlechtsteile verstanden wissen, welche von den Pythagorern wegen der (im Griechischen) aufflligen etymologischen Verwandtschaft (%kyamoi%, +quod sint+ %aitioi tou kyein%) so genannt seien. Empedocles habe daher die Menschen nicht vor dem Genu der Bohnen, sondern vor der geschlechtlichen Ausschweifung warnen wollen. Allgemein bekannt ist, da Pythagoras behauptet haben soll, er sei in einem frheren Leben Euphorbus gewesen; weniger, was Clearchus berichtet, da er spter als Pyrrhus, dann als Aethalides und zuletzt als ein schnes Weib, namens Alco, das sich der Prostitution ergeben habe, sich wieder verkrpert habe. Die zuletzt von Gellius erwhnte Fabel zeigt deutlich, bis zu welchem Grade in spteren Zeiten die Person des Pythagoras zum Gestell abgeschmacktester Fabeleien mibraucht wurde, gewi kein beneidenswertes posthumes Schicksal fr einen Philosophen. Vielleicht aber hat Pythagoras selbst einige Veranlassung zu den ber ihn berichteten Mythen gegeben. Denn nach einer uerung des Plutarch, der ihn brigens sogar in ganz unhistorischer Weise mit Numa in Verbindung bringt, mchte man annehmen, da er es nicht verschmht hat, ungefhr wie die modernen Theosophen, seinen theoretischen Lehren durch magische Knste Nachdruck zu verschaffen. Plutarch erzhlt, da er einen Adler abgerichtet und ihn durch gewisse Worte mitten im Fluge aufgehalten und zu sich herabgelockt habe, -- wir htten in ihm also das historische Vorbild des bekannten Mannes mit Speck unterm Hut; -- nach Aelian +IV, 17+ htte schon Aristoteles erzhlt, da Pythagoras einmal gleichzeitig in Kroton und Metapont gesehen worden sei (also Doppelgngerei oder sog. Majavi-Rupa nach Art der berchtigten Blavatzki-Mahatmas +fin de sicle+), aus dem Wasser eines Brunnens soll er ein Erdbeben drei Tage vor seinem Eintritt prophezeit haben; mit der Seele eines Freundes soll er nach dessen Tode in fortwhrendem Verkehr gestanden und +last not least+ eine goldene Hfte gehabt haben und einmal von einem veritablen Flugott angeredet worden sein.[563] Der um das Jahr 270 vor Christi Geburt lebende Epigrammendichter Timon von Phlius, ein Freund des Knigs Antigonus von Makedonien widmete ihm daher folgende Denkschrift: Pythagoras hascht nur nach dem eitlen Ruhme des Gauklers, Menschen wei er geschickt durch blendende Reden zu fangen. Drittes Kapitel. Die Eleaten. Als Eleaten bezeichnet man vornehmlich drei Philosophen, die smmtlich in Elea, einer Stadt Unteritaliens lebten und lehrten. Der Gedankenkreis dieser Mnner ist, wie Eugen Dhring[564] mit Recht bemerkt, der subtilste, dessen die gesammte griechische Philosophie sich rhmen kann. Wir finden bei ihnen bereits erkenntniskritische und weltschematische Probleme errtert, wie sie die moderne Philosophie erst mit Kant ernstlich wieder aufgenommen hat. Im allgemeinen lt sich die Eleatik als der erste unbeholfene Versuch eines _idealistischen_ Monismus bezeichnen. Ihr einziges Endziel bildet die Erkenntnis des reinen Sein, welches der bestimmungslose Grund alles Werdens ist, whrend das empirische Sein, das rumlich-zeitliche Dasein nur Erscheinung ist. Indem sie damit schlielich zu dem Satze kommt: Nur das Sein ist und das Nichtsein, das _Werden_, ist gar nicht, bildet sie die dialektische Antithese zu der geschilderten objektiv-realistischen Weltanschauung des Joniers Heraclit. Durch ihre entschieden logische Richtung blieb die Eleatik mehr als der Pythagorismus und Platonismus vor occultistischen Trbungen bewahrt. In einer Geschichte des Occultismus in demjenigen Sinne, in welchem Kiesewetter dieses Werk auffate, knnen sie daher keinen Ehrenplatz beanspruchen. Wenn ich ihnen gleichwohl eine Stelle in diesem Bande einrume, so geschieht dies nicht sowohl aus meiner persnlichen, greren Sympathie mit diesen wirklich rationellen Denkern, welche zugleich in wohlthuendem Gegensatz zu den Pythagorern von jeder Wichtigthuerei mit Geheimwissen und jeder Geheimbndelei sich frei hielten, als um darauf hinzuweisen, da der griechische Geist ursprnglich in der That krftig genug gewesen ist, die grten Probleme des philosophischen Denkens wenigstens festzustellen, soda wir nur bedauern mssen, da sein vorzeitiges Altern und die durch orientalische Einflsse in Verbindung mit der zersetzenden Sophistik verursachte Entartung die Gedankenkeime der Eleatik nicht zur Entwickelung gelangen lie. I. Xenophanes. Der Begrnder der eleatischen Schule ist Xenophanes. Als seine Vaterstadt wird Kolophon genannt. Er wanderte frhzeitig in die phokische Kolonie Elea, deren Grndung er in einem aus 2000 Hexametern bestehenden Gedicht besungen haben soll, aus. Der grere Teil seiner langjhrigen Wirksamkeit ist in die zweite Hlfte des 6. Jahrhunderts vor Chr. zu versetzen. Lucian giebt seine Lebensdauer auf 91 Jahre an. Seine philosophischen Ansichten legte er in einem Lehrgedicht ber die Natur nieder, von dem uns zerstreute Fragmente erhalten sind.[565] Xenophanes ist zwar von einer allen Forschungswert und die Wahrheitsliebe selbst vernichtenden Skepsis weit entfernt; allein er meint, da die Wahrheit nur allmhlich und mhsam entdeckt werden kann; er glaubt, da eine vollkommene Sicherheit des Wissens selbstverstndlich nur in philosophischen, besonders metaphysischen Dingen unmglich ist und will deshalb auch seine eigenen Ansichten nur als wahrscheinlich bezeichnen.[566] Nichts genaues hat jemals ein Mensch gewut noch auch wird je Wissen ein Mensch ber Gtter und bernatrliches Wesen, Sollt' auch in vielerlei Richtung er Richtiges treffend behaupten, Wissen kann er es nicht. Zu meinen ist allen beschieden. In diesem Sinne behauptet er zunchst die Einheit der Welt und nennt das Weltganze Gott. Er ist der Urheber des %hen kai pan%, des Eins und Alles. Er scheint sich aber diese Einheit der Welt nicht in gewhnlicher pantheistischer (unbewuter), sondern in theistischer Wesenheit gedacht zu haben; denn der Eine Gott ist ihm ganz Auge, ganz Ohr, ganz Sinn und Bewutsein.[567] Entschieden tritt sein reiner Monotheismus der Vielgtterei entgegen und besonders tadelt er, fast wie ein Apostel des Christentums, da die alten Dichter den Gttern so mancherlei Unsittlichkeiten angedichtet haben.[568] Die Menschen scheinen sich ihre Gtter nach ihrem eigenen Bilde geschaffen zu haben. Jeder stellt sich die Gtter so vor, wie er selbst ist, der Neger schwarz und plattnasig, der Thracier blauugig und rothhaarig, und wenn die Pferde und Ochsen malen knnten, so wrden sie dieselben ohne Zweifel als Pferde und Ochsen darstellen. Von seinen physikalischen Ansichten wird mitgeteilt, da er angenommen habe, da die Erde sich nach unten, wie auch die Luft nach oben hin unbegrenzt weit hin erstrecke; wahrscheinlich hat er inde die Kugelform der Erde gelehrt. Das Vorkommen versteinerter Seetiere in den Bergwerken von Syrakus fhrte ihn zu der Annahme, da das Meer das Land bedeckt haben msse. II. Parmenides. Parmenides war ein Schler des Xenophanes (geboren etwa 515 v.Chr. zu Elea). Auch er legte seine philosophischen Gedanken in poetischer Form nieder, indem er ein Lehrgedicht ber die Natur verfate. Dasselbe zerfiel in zwei Hauptteile, in die Lehre vom Sein (der Wahrheit) und vom Schein. Das Nichts kann kein Objekt des Denkens sein. Folglich ist Denken und Sein identisch. Das Seiende kann ferner nicht anfangen oder aufhren, zu sein. Denn es kann doch aus dem Nichtseienden nicht entstanden sein und also auch nicht in Nichtsein bergehen. Es ist ferner unteilbar und unbeweglich, _und da es nicht unvollendet und mangelhaft sein kann, mu es begrenzt sein_. Obwohl nun Parmenides fr seiend nur dieses Eine unteilbare, den Raum ausfllende, unbewegliche Wesen erklrt, geht er doch im zweiten Teil seines Gedichtes auf die nichtseiende Erscheinungswelt ber, um seine Ansichten ber dieselbe darzustellen. Er betont dabei ausdrcklich, da diese Ansichten keine philosophische Wahrheit im engsten Sinne, sondern nur die Gestalt bieten, in welcher in dem denkenden Geiste die nicht seiende Erscheinungswelt sich spiegelt. Seine kosmologische Anschauung scheint sich von der pythagorischen nicht unterschieden zu haben. Doch werden uns neben diesen einige nicht uninteressante anthropologische Bemerkungen berliefert. So soll er sich die erste Entstehung des Menschen als eine Entwickelung aus dem Erdschlamm durch die Sonnenwrme herbeigefhrt gedacht haben. berhaupt aber scheint er, insofern der Vorlufer der Naturphilosophie des Telesius[569], alle Erscheinungen der Natur aus zwei unvernderlichen Gegenstzen, die Aristoteles als Warmes und Kaltes, als Feuer und Erde bezeichnet, abgeleitet zu haben. Von diesen beiden, bemerkt Aristoteles weiter, stellte er das Warme mit dem Seienden, das Kalte mit dem Nichtseienden in Parallele. Alle Dinge sind ihm aus diesen Gegenstzen gemischt; je mehr Feuer, destomehr Sein, Leben und Bewutsein. III. Zeno, der Eleat. Zeno, der Eleat, wohl zu unterscheiden von dem etwa ein Jahrhundert spter geborenen Begrnder der stoischen Schule Zeno aus Cittium, ist durch seine bekannten logischen Argumente zur indirekten Beweisfhrung der eleatischen Hauptlehre von der Einheit des Seins berhmt: 1. Wenn vieles wre, so mte dasselbe zugleich unendlich _klein_ und unendlich _gro_ sein, jenes wegen der Grelosigkeit der letzten Teile, dieses wegen der unendlichen Vielheit derselben. Ferner mte ja das Viele der Zahl nach begrenzt und doch auch unbegrenzt sein. 2. Die Realitt des Raumes leugnet Zeno; denn, wenn alles Seiende in einem Raume wre, so mte der Raum auch wieder in einem Raume sein, und so fort ins Unendliche. 3. Die Bewegung ist nichts Wirkliches. Denn: a) Die Bewegung kann nicht beginnen, weil der Krper nicht an einen anderen Ort gelangen kann, ohne zuvor eine unbegrenzte Zahl von Zwischenorten durchlaufen zu haben. b) Achilleus kann die Schildkrte nicht einholen, weil dieselbe, so oft er an ihren bisherigen Ort gelangt ist, trotz ihrer langsameren Bewegung auch diesen immer schon wieder verlassen hat. c) Der fliegende Pfeil ruht. Denn er ist in jedem Moment nur an _einem_ Orte. d) Der halbe Zeitabschnitt ist gleich einem ganzen; denn der nmliche Punkt durchluft mit der nmlichen Geschwindigkeit einen gleichen Weg, das eine Mal in dem halben, das andere Mal in dem ganzen Zeitabschnitt.[570] * * * * * Wir knnen nur bedauern, da uns die eleatische Philosophie nur bruchstckweise, besonders in den Schriften des Aristoteles, der sich eingehend mit ihrer Widerlegung beschftigt, erhalten ist. Denn wir sehen, da in ihr der menschliche Geist zum ersten Male mit echt philosophischer Besonnenheit die hchsten Probleme des rein logischen und erkenntniskritischen Denkens, die Frage nach der Einheit des Seins, dem Wesen von Raum und Zeit, dem Verhltnis von Wirklichkeit und Erscheinung, dem Begriff der Unendlichkeit sich wenigstens formuliert hat. Die deutliche Formulierung der Aufgabe ist aber der erste groe Schritt zur Lsung. Es kann nun hier nicht der Ort sein, auch noch zu untersuchen, wie weit die ersten Schritte zur Lsung der Aufgabe selbst von den Eleaten in der Richtung des selbst heute noch keineswegs _erreichten_ Endziels gefhrt haben; selbstverstndlich knnen diese ersten Schritte nur hchst unsicher und unbeholfen gewesen sein. Eine vortreffliche Wrdigung der Eleatischen Gedanken bietet Dhring in seiner +Geschichte der Philosophie I, S.34-50+, und ich hebe aus den Bemerkungen dieses eminent kritischen Philosophen nur folgende Stze hervor: Der Begriff des einheitlichen Seins reprsentiert die hchste zusammenfassende Kraft des Denkens und die grte Energie der spekulativen Synthese. -- Die Hauptschwierigkeit, auf welche zuerst aufmerksam gemacht zu haben, ein besonderes Verdienst der Eleaten ist, liegt in der Idee des Unendlichen. Die zwingende Kraft und die eigentliche Schlssigkeit der Eleatischen Wendungen ist in der That in jener logischen Notwendigkeit zu suchen, die nicht gestattet, das Unendliche als vollendet, die Unzahl als gleichsam abgezhlt und abgeschlossen zu denken. Hier liegt die Kraft und Schrfe der Eleatischen Dialektik verborgen, nicht aber in anderen untergeordneten Umstnden und Hilfsmitteln der Darlegung. Es ist der falsche Unendlichkeitsbegriff, der sich berall und auch da, wo er zunchst garnicht sichtbar ist, als die wahre Ursache der Unvereinbarkeiten erweist. Er ist es, der die Idee der Vernderung und Vielheit verdchtig macht. Er verschuldet die Unzerlegbarkeit der Bewegung. Auf seine Fassung wird in letzter Instanz bei jeder Wendung zurckgegriffen, und der Widersinn einer absolvierten Unendlichkeit ist der logische Obersatz und das leitende Prinzip aller gegen die gemeine Vorstellung gerichteten Ansprche. Das nun, was Dhring in seinen philosophischen Systemschriften als Gesetz der bestimmten Anzahl erwiesen hat und wodurch sich der bisher herrschende falsche Unendlichkeitsbegriff ausgemerzt findet, ist auch der Schlssel, zu den Rtseln der Eleaten, berdies aber, was mehr bedeutet, _der Erffner eines richtigen logischen Seins- und Weltschematismus_. Hierin liegt auch von dem kritischen Standpunkte aus, den der Herausgeber zum Occultismus einnimmt, schlielich die Berechtigung, den Eleaten einen Platz innerhalb einer Geschichte des Occultismus einzurumen. Denn bei denjenigen feineren Wendungen der occultistischen oder mystischen Geistesrichtung, die sich ber das wste Ideendelirium der Kabbalisten und hnlicher Offenbarungen einer intellektuellen Anschauung (+lucus a non lucendo+) zum Versuche einer logischen Rechtfertigung erheben, ist es ja allemal der falsche Unendlichkeitsbegriff, der den Ausgangspunkt oder richtiger Eingangspunkt in ein Labyrinth bildet, aus dem kein Ausweg mglich ist. Mit vollem Rechte hat daher du Prel selbst Kant, der auf die eleatischen Fragen auch nur eine traum-idealistische Antwort zu geben verstand, als Mystiker in Anspruch nehmen knnen.[571] Auch ist ja das Sinnbild jener falschen Unendlichkeit, _die sich selber in den Schwanz beiende Schlange_, das Symbol der neubuddhistischen Theosophie. Von der ernsten Rechenschaft freilich, welche sich die Eleaten ber die angedeuteten Probleme zu geben versuchten, findet man bei diesen Neu-Buddhisten europischer Abstammung keine Spur. Vielmehr dient ihnen der Hinweis auf die blo phnomenale Seite der Wirklichkeit nur zur Rechtfertigung jeglicher, auch der wstesten _traumhaften_ Lebensauffassung. Die Eleaten aber sind, wie richtig Dhring bemerkt, ungeachtet ihrer noch nicht gengenden Klrung ber den Begriff des Seins und seines Verhltnisses zum Denken, doch weit entfernt gewesen, die gegenstndliche Existenz der Dinge zu leugnen. Sie waren empirisch Realisten und nur transcendentale Idealisten. Vergl. Kant, +Kritik der reinen Vernunft (Kehrbach S.55, 56)+. Offenbar kann es sich in keiner philosophischen Vorstellung um die Leugnung der Existenz berhaupt, sondern stets nur um die _Rangordnung_ der Realitten handeln.[572] Viertes Kapitel. Empedocles, Pherekydes, Epimenides von Kreta. I. Empedocles. Mit Empedocles tritt uns ein Philosoph, wenn wir ihn so nennen drfen, entgegen, der zwischen Heraclit und der eleatischen Schule eine selbstndige Stelle einnimmt und die anscheinend unvershnbaren Gegenstze dieser beiden Richtungen, sofern ersterer alle Beharrlichkeit der Substanz aufhob und das Sein als ewiges Werden bezeichnet, letztere aber die Bewegung und Vernderung leugnete, augenscheinlich zu berbrcken versucht. Occultistisch ist Empedocles jedenfalls interessant, weil die ber ihn erhaltenen biographischen Notizen hnlich, wie diejenigen ber Pythagoras, ganz abnorme Dinge bieten, die in der That, soweit sie nicht, wie bei Pythagoras, groenteils auf fabuloser bertreibung beruhen, die Vermutung nahe legen, da Empedocles ein Praktiker auf dem Gebiete der sog. Geheimwissenschaften gewesen ist, und zwar eine Faust-Natur, die es sich nicht versagen konnte, sich ein wenig als Wundermann aufzuspielen, was freilich seine moralische Qualitt in weniger gnstigem Lichte erscheinen lt. Empedocles ist um 490 v.Chr. zu Agrigent auf Sizilien geboren. Er entstammte einem reichen und vornehmen Geschlecht. Dies geht schon daraus hervor, da sein gleichnamiger Grovater bei den olympischen Festspielen mit einem Viergespann den Sieg davontrug, bekanntlich bei den alten Hellenen nicht nur ein Zeichen feinster Aristokratie, sondern auch eine der unvergelichsten Auszeichnungen, wrdig plastischer und poetischer Verewigung. Irrtmlich haben sptere diesen Sieg dem Philosophen selber zugeschrieben. Ungeachtet seiner aristokratischen Abstammung und entgegen der sonstigen Haltung griechischer Denker scheint er sich politisch zur demokratischen Fraktion gehalten zu haben. Er soll die ihm angebotene Tyrannis verschmht haben[573]; mute aber gleichwohl die Wandelbarkeit der Volksgunst erfahren und verlie wahrscheinlich infolge eines Verbannungsbeschlusses Agrigent, um dann im Peloponnes, vielleicht durch einen Sturz vom Wagen, sein Leben zu enden. Empedocles scheint stellenweise weniger ein Philosoph als vielmehr ein richtiger Medizin-Mann im Sinne des Indianer-Jargons gewesen zu sein, und zwar ein solcher, der eine teilweise vielleicht ganz rationelle hygienische Technik, um sich ein greres Ansehen bei der glubigen Masse zu verschaffen, mit dem Humbug eines Paracelsus vereinigte. Ein historischer Kern steckt gewi in der Erzhlung, da er die Stadt Selinunt, die infolge von Verjauchung eines sie durchstrmenden Flchens durch Pestilenz heimgesucht wurde, dadurch von dieser Pestilenz befreite, da er, und zwar, wie hinzugefgt wird, auf eigene Kosten zwei Nachbarflsse mit dem verjauchten Flubett durch Kanle vereinigte und so durch vermehrten Zuflu das verpestete Wasser aus der Stadt ableitete. Die Selinuntier haben zum Andenken daran Denkmnzen geprgt, deren zwei uns erhalten sind. Eine Abbildung derselben, welche das Ereignis sinnbildlich darstellen und den Philosophen neben dem Fernhintreffer Apollo, den Erreger der Epidemie, auf einem Wagen zeigen, wie er dem unheilstiftenden Gotte in die Zgel fllt, findet man in Karstens +Empedoclis Carminum reliquiae S.23+. Das hchste Interesse glubiger Occultisten fordert aber die Erzhlung heraus, da er seine Vaterstadt, die von trockenen Winden dermaen heimgesucht wurde, da alle Frchte verdarben, _von diesen schdlichen Winden befreite_, eine That, die ihm sogar den Ehrennamen %klysanemas% oder +ventos arcendi artifex+ eintrug. Nach einer Mitteilung des Thimaeus soll er dies durch Einfangen der Winde in Eselhuten erreicht haben, was beinahe an eine bekannte Erzhlung von den Schppenstedtern erinnert. Mir persnlich erscheint die Erzhlung der angeblich wunderbaren Heilung eines hysterischen Frauenzimmers namens Panthea von Atemlosigkeit (%apnoia%) und totenhnlicher Starre glaubhafter, die, wie Heraclides berichtet, ihn in den Ruf brachte, Tote zum Leben erwecken zu knnen.[574] ber die hypnotische Technik mu er in hohem Grade verfgt haben. Denn als einst in seiner Gegenwart ein rasender junger Mann einen seiner Gastfreunde mit gezcktem Schwerte durchbohren wollte, soll er denselben durch bloes Anstimmen eines besnftigenden Zaubersangs sofort entwaffnet haben.[575] Es ist unleugbar, da Empedocles selber sich den Besitz bernatrlicher Weisheit und magischer Krfte und zwar mit ziemlich charlatanmiger Grosprecherei zugeschrieben hat, er suchte schon durch seine uerliche Erscheinung Aufsehen zu erregen, trug, wie auch heute noch gern derartige Brder, ungeschorenes langes Haupthaar, affektierte in stets salbungsvoller Rede eine tragische schauspielerische Wrde und kleidete sich nur in langen Purpurgewndern, die er mit weithin klingenden Erzschellen besetzt hatte, stets hatte er bei ffentlichem Auftreten einen Lorbeerzweig in der Hand und das Haupt mit einer Priesterbinde umwunden. Er schreibt sich in seinen Gedichten selber die Macht zu, Alter und Krankheit zu heilen, Winde zu beschwichtigen und zu erregen, Regen und Trockenheit herbeizufhren, ja er sagt: %chairet', eg d'hymin theos ambrotos, ouk eti thntos pleumai.% Freut Euch, ich bin ein unsterblicher Gott, kein sterblicher Mensch mehr! Er ist wenn nicht gar der Begrnder, so doch einer der bedeutendsten Vertreter einer noch zu Platos Zeit in Griechenland hufigen Klasse von Charlatanen, der sog. Goten. Unter Gotie[576] verstand man die Kunst, mittelst gewisser in _heulendem Tone_ gesungener Beschwrungsformeln allerhand Zauber zu verben, die Seelen Verstorbener zu citieren, die Gtter zu bewegen, dem Menschen dienstbar zu sein und eventuell, wie wir sehen, selbst Wetter zu machen; sie erinnert lebhaft an den +modus operandi+ der indianischen Medizin-Mnner. Aus diesem Auftreten wird uns denn auch der Mythus ber seinen Tod erklrlich, er soll nmlich nach einer Erzhlung pltzlich bei einem Gastmahl verschwunden sein und durch eine bernatrliche Stimme verkndet haben, er sei zu den Gttern entrckt, nach einer anderen bekannteren Anekdote soll er sich in den Krater des tna gestrzt haben. Die wenig ansprechende, aber nach den Berichten unzweifelhafte Charlatanerie des Empedocles ist psychologisch um so aufflliger, als wir, sobald wir seinem Gedankenkreise nher treten, Symptome einer oft genialen, wenn auch unreinen und wsten Denker-Phantasie nicht verkennen knnen. Empedocles fordert insofern unwillkrlich zur Vergleichung mit einem viel spteren Dichter-Philosophen, nmlich mit Giordano Bruno, heraus, dem ja bei aller intellektuellen und moralischen Gre im brigen ebenfalls ein kleiner Hang zur Grosprecherei und berschwenglichkeit anhaftet. Wie Bruno vereinigt Empedocles abgesehen von der poetischen Darstellungsform mit interessanten allgemeinen Gesichtspunkten einzelne berraschende Treffer einer wissenschaftlichen Phantasie in Einzelheiten. Zunchst erklrt er die Entstehung fr einen leeren Namen und weist hierdurch die gemeine Vorstellung von einer Schpfung aus nichts zurck. Es ist ein grobsinnlicher Irrtum, meint er, wenn man ein Wesen ins Leben treten sieht, anzunehmen, es sei etwas, was vorher nicht da war, es sei entstanden; und umgekehrt, wenn man es untergehen sieht, zu glauben, ein Seiendes habe aufgehrt zu sein. Denn woher knnte der Gesamtheit des Wirklichen etwas hinzukommen, und wo sollte das, was ist, hinkommen? Es ist ja nirgends ein Leeres, in das es sich auflsen knnte, und was es auch werde, immer wird wieder _etwas_ daraus werden. Was wir Entstehung nennen, ist in Wahrheit nur Verbindung, Mischung, was wir Vergehen nennen, in Wahrheit nur Trennung der Stoffe. Immer wird nur entweder (im Fall des Entstehens) Eines aus Vielem, oder umgekehrt (im Fall des Vergehens) Vieles aus Einem. Der _Kreislauf des Stoffwechsels_ ist also vielleicht zum ersten Male von Empedocles deutlich erkannt. Aus 4 Elementen, Erde, Wasser, Luft und Feuer, ist alles zusammengesetzt. Diese 4 Grundstoffe sind gleich ursprnglich, ungeworden und unvergnglich, sie bestehen aus qualitativ gleichartigen Teilen, ohne sich selbst in ihrer Beschaffenheit zu ndern, durchlaufen sie die verschiedenen Verbindungen, in die sie durch den Kreislauf des Stoffes gebracht werden. Thrichte sind's, denn sie reichen nicht weit in ihren Gedanken, Die da whnen, es knne Zuvor-nicht-Seiendes werden, Oder auch etwas ganz hinsterben und vllig verschwinden. Aus Nicht-Seiendem ist durchaus ein Entstehen nicht mglich; Ganz unmglich auch ist, da Seiendes vllig vergehe; Denn stets bleibt es ja da, wohin man es eben verdrnget. * * * * * Aber erforsche mit allem Vermgen, wie Jegliches klar sei; Weder vertrau dem, was du erschaust, mehr, als dem Gehre, Nach dem Getn des Gehrs mehr, als der Empfindung der Zunge, Auch zu den anderen Gliedern, soviel da Wege des Wissens, Halte zurck das Vertrauen, doch sieh, wie Jegliches klar ist. * * * * * Vier Urwurzeln zuvrderst vernimm von smtlichen Dingen, Feuer und Wasser und Erd' und der Luft unermeliche Hhe; Denn aus diesen ist alles, was war und was ist und was sein wird. * * * * * Aber indem sie sich mischen, entsteh'n unzhlige Wesen, Mit manchfachen Gestalten geschmckt, ein Wunder dem Anblick. * * * * * Wie da geschieht, wenn Maler ein prchtig Gemld' ausfhren, Mnner, die wohl in der Kunst von gttlicher Weisheit belehrt sind; Diese, nachdem sie der Farben verschiedene Stoffe genommen Und sie passend gemischt, die mehr und weniger jene, Bilden daraus sie Gestalten, den smmtlichen Dingen vergleichbar. Bringen sie Bum' aus ihnen hervor und Mnner und Frauen, Tiere des Feld's und Vgel und wasserbewohnende Fische Und langlebende Gtter zumal, an Ehren die Hchsten. Also tusche dich nicht, als kmen die sterblichen Wesen, Die da entsteh'n unendlich an Zahl, aus anderer Quelle, Sondern gewi glaub' dieses, dieweil's eine Gottheit dich lehret. * * * * * Er beschreibt das Feuer als warm und glnzend, die Luft als flssig und durchsichtig, das Wasser als dunkel und kalt, die Erde als schwer und hart; er legt der Erde eine natrliche Bewegung nach unten, dem Feuer nach oben bei. Erst Giordano Bruno, der brigens selber bis ber die Ohren in Empedocleischen Vorstellungen steckte, hat in seiner naturphilosophischen Hauptschrift vom Unendlichen, dem All und den Welten, diese Lehre von den 4 Elementen, soweit sie gegen die Aristotelisch-Kopernikanische Weltanschauung verwertet wurde, zu erschttern versucht. (+Vgl. S.192 meiner bersetzung dieser Dialoge.+) Er bemerkt: Die alte Unterscheidung der Elemente beruht nicht auf natrlichen, sondern logischen Unterschieden. Ich mchte freilich diese Bemerkung dahin berichtigen, da sie auch nicht auf logischen Erwgungen, sondern neben einer oberflchlichen Beobachtung wohl in erster Linie auf mystischen Ideen, nmlich auf der Pythagorischen Wertschtzung der Vierzahl beruhte. Eine solche langdauernde Bedeutung konnten zahlensymbolische Spielereien in der Geschichte des menschlichen Wissens erhalten! Noch heute hat ja der vulgre Sprachgebrauch die Tradition des griechischen Dichter-Philosophen nicht verlassen. Empedocles bezeichnet die Elemente mit mythologischen Namen, das Feuer ist fr ihn Zeus oder Hephstus, die anderen erhalten die Namen Here, Aidoneus und Nestis. Vier Urwurzeln zuvrderst vernimm von smtlichen Dingen Zeus im Glanz und Here, die Nhrerin, und Aidoneus, Nestis dazu, die in Thrnen den Sterblichen Flieendes ausgiet. * * * * * Als treibende Krfte aber fr die stetige Bewegung der Elemente in der Mischung und Entmischung setzt Empedocles zwei, die wir als Attraktionskraft einerseits und Repulsionskraft andrerseits bezeichnen wrden; er aber nennt sie in affektiver Auffassung _Liebe_ und _Ha_. Wenn man sich nicht mit der rein objektiven Auffassung der Krfte begngen will, so liegt in der That in dieser Auffassung der Kraftbeziehungen ein auch heute noch naturphilosophisch zulssiger Gedanke, nmlich die Voraussetzung, da in den realen Elementen _innere_ Zustnde irgend welcher nach Analogie der psychischen _Triebe_ zu denkenden Art vorhanden sind, welche den rumlichen Entfernungen entsprechen und das nchste wirksame Glied sind, von dem die Gren der bewegenden Krfte, welche die Elemente ausben, in jedem Augenblicke entspringen. Denn wenn die Entfernung +zy+ zwischen den Atomen +z+ und +y+ zunchst nichts weiter ist, als die Vorstellung, die ein Beobachter sich bildet, indem er den rumlichen Ort des +y+ durch Ausgehen von dem Orte des +z+ zu erreichen sucht und sich dabei der Gre der Vernderung bewut wird, die der Zustand seiner Sinne dabei erfhrt; -- so mu doch auch +z+ selbst, wenn es sich nach der Entfernung richten soll, etwas von ihr _merken_, d.h. es selber mu _innerlich_ anders affiziert sein, wenn ihre Gre +p+ und anders, wenn sie +q+ betrgt. Was soll es sonst heien, die Entfernung bestehe _fr_ +z+ und +y+? (+Vgl. Lotze, Grundzge der Naturphilosophie S.25.+) Die Attraktion oder Liebe personifiziert unser Dichter als Afrodite. Wie durch Mischung des Wassers, der Erd' und der Luft und des Feuers Hier die Gestalten entsteh'n und Farben der sterblichen Wesen, Alle, soviele da sind, hat _Afrodite_ gebildet. * * * * * Sie selbst (die Elemente) bleiben dieselben, doch durcheinander verlaufend, Werden sie Menschen und all die unzhligen andern Wesen, Jetzt durch der Liebe Gewalt sich zu Einem Gebilde versammelnd, Jetzo durch Ha und Streit sich als einzelne wieder zerstreuend. * * * * * Im Urwesen freilich, dem Sphairos (er denkt es sich kugelfrmig, da die Kugel das vollkommenste stereometrische Gebilde), oder der Gottheit, sind die 4 Elemente, die Urwurzeln aller Dinge, noch in vollkommener Unterschiedslosigkeit und Einheit beisammen, kraft der in ihm waltenden Liebe, und die Schpfung der Welt ist nichts anderes, als Entwickelung und Zerrissenwerden der Gottheit aus der Einheit in die Vielheit. Zunchst geht durch die hereintretende Zwietracht die Einheit des Sphairos auseinander in die Vierheit der Elemente, aus denen dann Afrodite oder die Liebe die ganze harmonische Weltbildung und die Einzelwesen hervorbringt. In der ursprnglichen Einheit: Da sind weder des Feuers bewegliche Glieder gesondert noch die Erde, das Wasser und die Luft; Also ist sie durch heimliche Kraft der Verbindung gehalten, Eine gerundete Kugel, sich ruhender Kreisung erfreuend. * * * * * Aber nachdem ihr der mchtige Streit in den Gliedern erwachsen, Und zu Macht und Ehren gelangt, da die Zeit sich erfllet, Die abwechselnd den beiden erscheint nach gewaltigem Eidschwur, Smtlich da nacheinander erbebten die Glieder der Gottheit. Indem sich die Elemente trennen, wird der Leib der Gottheit zerrissen, oder, wie der Dichter Claudian[577] sagt: Empedocles: Streuet umher und erneuert den Gott und knpfet von neuem Wieder durch Liebe zusammen, soviel auflste die Zwietracht. * * * * * Bald wchst aus Vielem zu Einem Alles heran, bald wieder zergeht's aus Einem in Vieles, Feuer und Wasser und Erd' und der Luft unermeliche Hhe, Und von diesem gesondert der Streit, jedwedem gewachsen, Und in diesen die Liebe, die gleich an Lng' und an Breite. Und nie hrte es auf, in Ewigkeit immer zu wechseln, Bald durch Liebe sich alles in Eins zusammen verbindend, Bald durch Hader und Streit sich in Einzelnes wieder zerstreuend. * * * * * Die kosmischen Vorstellungen des Empedocles sind wst und kindisch, obwohl sie einzelne _fr die damalige Zeit_ auffllige Ahnungen wahrer Sachverhalte einschlieen. _So soll er behauptet haben, da das Licht der Sonne eine gewisse Zeit gebraucht, um zu uns zu gelangen._[578] Im brigen aber hlt er die Sonne fr einen gasartigen Krper, der, angeblich so gro wie die Erde, die Strahlen des Feuers aus der ihn umgebenden lichten Hemisphre wie ein Brennspiegel sammle und zurckstrahle; hnlich sollte der Mond aus krystallartig gehrteter Luft bestehen; seine Gestalt jedoch sei die einer Scheibe. Da der Mond sein Licht von der Sonne erhlt, war ihm bekannt; auch wurden von ihm die Sonnenfinsternisse durch Dazwischentreten des Mondes erklrt. Geradezu wie eine antizipatorische Persiflage auf die zur Zeit noch moderne Darwinistische Theorie aber nimmt sich die Anschauung des Empedocles von der Entstehung der organischen Wesen und ihrer Gattungen aus. Er ist ein Anhnger der Urzeugung: Die organischen Wesen sind aus dem Schlamm entstanden, und Ovid hatte jedenfalls nicht Pythagoras, sondern Empedocles in der Vorstellung, wenn er +Metam. I, 422ff.+, schreibt: So, wenn das triefende Land der sich siebenfach mndende Nilstrom Wieder verlt und in's frhere Bett die Gewsser zurckzieht, Und von dem hohen Gestirn der entstandene Schlamm sich erwrmet, Findet der Bauer, nachdem er die Schollen des Bodens gewendet, Vielerlei Tier', und erblickt da die einen soeben begonnen, Grad' im Entstehen, und andere noch nicht vllig entwickelt, Einiger Glieder beraubt, und oft in demselben Krper Lebet ein Teil und der andere Teil ist lauter Erde. * * * * * Ferner +XV, 374ff.+: Samen besitzet der Schlamm, die grnliche Frsche erzeugen, Und er gebiert sie zuerst fulos, d'rauf leihet er ihnen Schenkel, zum Schwimmen geschickt, und damit die auch dienen zu langen Sprngen, erhebt sich der hinteren Maa weit ber die vorderen; Auch ein Junges nicht ist, was eben die Brin gebieret, Sondern noch kaum lebendiges Fleisch; durch Lecken erst bringet D'raus sie die Glieder hervor und Gestalt, die ihr selber zu Teil wird. * * * * * Ebenso dichtet Empedocles: Rohe, noch formlose Bilder entsprangen zuerst aus dem Boden, Beiderlei, Wasser sowohl wie Erde, besitzend als Anteil; Diese bewirkte das Feuer, indem es zum Gleichen empordrang, Ganz noch an ihnen verhllt die gefllige Bildung der Glieder, Weder mit Laut, noch gar mit der blichen Rede der Menschen. * * * * * Was wird man aber erst zu folgender Antizipation der Lehre von der _indirekten Auslese_ oder Selektion des Zweckmigen sagen, die ja, um die Voraussetzung eines bewuten Schpfers zu umgehen, als Hauptsttze der modernen Entwickelungslehre gilt? Also geschah's, da Hupter, des Nackens beraubt, aufsproten; Blo auch irrten da Arme herum, die der Schultern entbehrten; Augen auch schweiften vereinzelt noch unteilhaftig der Stirnen, Vieles erwuchs mit doppelter Brust und doppeltem Antlitz; Rind mit Menschengesicht ward dieses, dagegen ein anderes Mensch mit dem Haupte des Stiers, und Gemischtes zum Teil von dem Manne, Teils in des Weibes Natur aus zarten Gliedern gebildet. * * * * * Ueberweg[579] meint wohl mit Recht, der Unterschied dieser Hypothese des Empedocles von derjenigen Hckels sei nur ein relativer; jedenfalls liegt die Erinnerung an den Hckelschen Urschleim und dessen Bathybius bei Lektre dieser grotesken Schpfungspoesie sehr nahe. Auch einige sonstige physiologische Lehren des Empedocles bieten ein hnliches Interesse fr eine vergleichende Theorie spekulativer Naturphilosopheme, wie sie sich zu allen Zeiten, auch heute noch bei Leuten, denen die Elemente der Physik ein kabbalistisches Geheimnis geblieben sind, wiederholt finden. So z.B. seine Theorie des Sehens. Zufolge dieser Theorie mten wir eigentlich im Dunkeln am besten sehen knnen. Er meint nmlich, da das Sehen durch eine Ausstrmung von Strahlen aus dem Auge zu den Gegenstnden hin geschehe, feine Netze halten im Auge die Masse des umherschwimmenden Wassers zurck, die Feuerteilchen aber springen in langen Strahlen heraus, bis sie den Gegenstand erreichen und ihn gewissermaen wie weit vorgestreckte Fhlhrner betasten. Er vergleicht deshalb das Auge mit einer Laterne. Wie wenn ein Mann, um ins Freie zu gehen, sich bereitet die Leuchte, Da sie die strmische Nacht mit dem Scheine des Feuers erhelle, Und die Latern' anzndet, die jeglichem Winde verschlossen; Diese bewahret das Feu'r vor dem Hauche der blasenden Winde; Aber das Licht dringt durch; denn es ist um Vieles ja feiner, Und es beleuchtet den Boden mit nimmer ermdenden Strahlen: Also lagert von Hutchen umschlossen das ewige Feuer, Von ganz feinen Gewndern umhllt, in der runden Pupille, Diese verhegen die Flut ihm des rings ansplenden Wassers, Aber das Feu'r dringt durch; denn es ist um Vieles ja feiner. * * * * * Auch sptere Naturphilosophen, wie Bruno, sehen wir noch diese seltsame Optik, die das Sehen auf eine aktive +per radios ab oculo+ statt +per radios ad oculum+ vermittelte Thtigkeit zurckfhrt, lehren und damit gleichzeitig allerhand occultistische Annahmen ber die Wirkung des bsen Blicks u.s.w. als thatschliche Verhltnisse und Naturerscheinungen erklren. Auch Bruno lehrt, da das Sehen eine Thtigkeit des Nervengeistes ist, der zuerst mittels der vom Auge ausgehenden Strahlen sich nach auen hin verbreitet und von den verschiedensten, mit verschiedenen Empfindungen beseelten Objekten berhrt wird, und sich dann wieder zusammenzieht (wie wenn z.B. eine Schnecke ihre Fhlhrner nach der Berhrung wieder einzieht). Bekanntlich ist diese +ante+-Newtonische Optik auch den modernen Spiritisten auerordentlich bequem. Denn da die schwierigeren spiritistischen Experimente, wie z.B. die sog. Materialisationen, der Apport von Gegenstnden u.s.w. niemals zu stande kommen, wenn ein kritischer Zuschauer ein Auge auf den +modus operandi+ des sog. Mediums hat, so sagt die moderne spiritistische Theorie, da der feindselige Magnetismus des Auges, also jene _vom_ Auge ausgehenden Sehstrahlen + la+ Empedocles-Bruno die Entwickelung der mediumistischen Krfte verhindern; man mu vielmehr solange die Augen schlieen oder nach einer anderen Richtung schauen, bis eins, zwei, drei, +hocus pocus fidibus+, die phnomenale Aktion des Mediums in die dreidimensionale Sphre einzugreifen Zeit und Gelegenheit gefunden hat. Ich komme nun endlich auf die Krone der Empedocleischen Philosophie, auf seine _Seelenwanderungslehre_. Man wird allerdings erstaunt sein, wie so dem bisher geschilderten Rumpfe ein solches Haupt (einem Pferde das Haupt der Ziege) entwachsen konnte. Denn gewi hat man alle Veranlassung, nach den bisherigen Prmissen zu erwarten, da Empedocles so etwas wie eine unsterbliche Einzelseele nicht kenne und vielmehr nur die Unsterblichkeit der 4 Elemente annehme. Allein, es giebt eben auch individuelle notwendige Inkonsequenzen! Fr Empedocles ist das Dogma von der Seele und ihren Wanderungen eine solche notwendige Inkonsequenz, sei es nun, da ihn das Bedrfnis seines Herzens oder die bei Leugnung der Seelensubstanz schwer zu rechtfertigende Gotie oder Nekromantik, d.h. der antike Spiritismus, zur Annahme derselben fhrte. Schon im Altertum haben Schriftsteller, welche die Seelenwanderung fr eine so tiefsinnige Idee erachteten, wie beispielsweise unter den modernen Denkern der Verfasser der 100 Thesen ber die Erziehung des Menschengeschlechts, Ephraim Lessing, die Frage aufgeworfen, ob dieselbe bei Empedocles auch eine originale Konzeption war; ja einige gingen soweit, ihn des _geistigen Diebstahls_ (%logoklopeia%) an der occultistischen Ideenschatzkammer der Pythagorer zu beschuldigen[580]; und neuerdings hat noch Professor Gladisch gemeint, auch Empedocles knne diese Lehre, wie manches andere, z.B. seine Kosmogonie und Optik, nur der Weisheit der Egypter entlehnt haben.[581] Aber warum sollte die Wahrscheinlichkeit einer solchen Superstition nicht gerade dadurch gewinnen, da die verschiedensten groen Denker ganz _selbstndig_ zu derselben Vorstellungsweise gelangt wren? Empedocles also schreibt: Nimmer wohl wird, wer darin belehrt ist, solches verneinen, Da nur so lange sie leben, was man nun Leben benennet, Nur so lange sie sind und Leiden empfangen und Freuden, Doch eh' Menschen sie wurden und wann sie gestorben, sie Nichts sind. * * * * * Also besteht ein Verhngnis, ein alter Beschlu von den Gttern, Der fr die Ewigkeit gilt, durch mchtige Eide besiegelt; Wer mit Frevel im Sinn, hat seine Gebeine beflecket, Von den Dmonen, so vielen verliehen langdauerndes Leben, Mu unzhlige Horen entfernt von den Seligen irren, Sich umwandeln im Wechsel in allerlei Formen der Wesen. So leb' ich jetzo verbannt von Gott und ein Flchtling, Dienstbar dem rasenden Zwist. * * * * * Dann ruft er aus: O! aus was fr Ehr' und aus was fr Hhe des Glckes Fiel ich herab, und verkehre nun hier mit sterblichen Wesen! Und er betrachtet die Welt als eine finstere Hhle, indem er die Mchte, welche die Seele hierher geleiten, sagen lt: Also gelangten wir hier in die dunkele Grotte und er schreibt von seinem ersten Eintritte in dieselbe, von seiner Geburt: Und ich weinet' und schrie, da ich sah den unheimlichen Wohnsitz. (Shakespeare beging also vielleicht eine %logoklopeia% an Empedocles, als er schrieb: Wenn wir geboren werden, weinen wir, Weil wir die Narrenbhne Welt betreten.) Nachdem aber die Seele in das irdische Dasein verbannt ist, mu sie hier durch alle Arten der sterblichen Geschpfe wandern, selbst in Pflanzen eingehen: Denn ich selber (+scilicet+ Empedocles) war auch vordem schon Jngling und Jungfrau, Auch schon Strauch und Vogel und lautloser Fisch in dem Meere. Aber whrend andere Seelen auf dem Wege nach unten sind und immer schlimmeren Metamorphosen entgegengehen, z.B.: Werden zu Leu'n, die Bewohner die Berg', auf der Erde sich lagern, Unter dem Wild und zu Lorbeern unter den laubigen Bumen; hat Empedocles auf dem Wege nach oben schon die nchsthchste Stufe des Mahatma erlangt, nmlich: Aber zuletzt als Seher und heilige Snger und rzte, Und als Lenker der Vlker erstehen sie unter den Menschen. Und aus ihnen erblh'n dann Gtter, an Ehren die Hchsten. * * * * * Und so ruft er denn schlielich gar, seine Gttlichkeit vorausnehmend seinen Mitbrgern zu: Heil Euch! ich als unsterblicher Gott, kein Sterblicher frder Wandle bei Euch! * * * * * Aus seinem Seelenwanderungsglauben entsprang -- insofern war er anscheinend konsequenter als Pythagoras -- auch sein strenger Vegetarismus. Mit Hinsicht auf das Fleischessen ruft er aus: Steht ihr nicht ab vom Morden, dem greulichen? Sehet ihr denn nicht, Da ihr Einer den Andern verzehrt gleichgltigen Sinnes? * * * * * Siehe, den eigenen Sohn, den verwandelten, bringet der Vater Dar zum Opfer mit Beten, der Thrichte; jener nun schreitet Flehend daher, doch er hrt ihn nicht, und treibet ihn scheltend, Schlachtet ihn, richtet sodann sich im Haus ein scheuliches Mahl zu; Auch so der Vater den Sohn, und die Mtter ergreifen die Kinder, Morden sie hin und schlingen herunter die teuren Gebeine. * * * * * So soll denn auch Empedocles einmal, als er dem gewhnlichen Gebrauche nach htte einen Ochsen opfern mssen, einen solchen aus Myrrhen und sonstigen kostbaren Salben haben herstellen und nach der Opferung unter das Volk verteilen lassen. Da nach seiner Seelenwanderungstheorie auch die Pflanzen von Menschenseelen bewohnt werden knnen, so war freilich auch sein Vegetarismus wiederum nur eine Halbheit. Mglicherweise erleben wir es noch, wenn erst einmal die moderne Chemie das groe Problem der Herstellung von Nahrungsmitteln auf chemischem Wege aus Mineralien, aus Steinen und Erde gelst haben wird, da dann sogar der Vegetarier einer fortgeschrittenen Sekte von Mineralophagen oder Chemikalienessern in demselben grausamen Lichte erscheinen wird, in welchem jetzt dem theosophisch gebildeten Vegetarier der Fleischesser oder Tierleichenverzehrer dasteht. II. Pherekydes. Eine Mittelstellung zwischen Philosophie und Theologie (in antikem Sinne) oder auch Priestertum und einem Sehertum, wie es Empedocles vertrat, nimmt auch Pherekydes von der Insel Syros ein, welchen Cicero den ersten Lehrer der Unsterblichkeit nennt.[582] Seine Geburt setzt Suidas in die Zeit zwischen 600-596 v.Chr. (+Ol.45+). Diogenes nennt ihn einen Schler des Weisen Pittakus. Derselbe berichtet folgende Geschichten ber seine Sehergabe: Als er einst am Strande von Samos wandelte und ein Schiff mit vollen Segeln vorbeifahren sah, weissagte er, dasselbe werde binnen kurzer Frist zu Grunde gehen; und so geschah es alsbald vor seinen Augen. Ein anderes Mal soll er aus dem Geschmack des Brunnenwassers ein Erdbeben vorausgesagt haben. Einem Gastfreunde in Messina riet er, mglichst bald mit seiner Familie auszuwandern. Dieser befolgte den Rat nicht, und kurze Zeit darauf wurde Messina von Feinden erobert und jener mit der ganzen Einwohnerschaft als Kriegsgefangener verkauft. Er soll ein Alter von 83 Jahren erreicht haben, und fr das Ansehen, das er geno, brgt der Bericht, da ihm als Grabschrift folgende Worte gesetzt seien: %Ts sophias pass en emoi telos% = Aller Weisheit Vollendung war in mir. Eine Schrift ber den Ursprung der Dinge von ihm scheint noch dem Cicero bekannt gewesen zu sein. In derselben bezeichnete er als das erste, was immer war, Zeus, Chronos und Chthon. Zeus ist der hchste weltschpferische Gott und zugleich der hchste Himmel, vielleicht der ther. Unter Chthon, meint Conrad (+De Pherecydis Syrii aetate atque cosmologia, Koblenz 1857+), ist das Chaos, der Urstoff, zu verstehen, der alle Stoffe, auer dem ther, in sich enthalten habe; Zeller dagegen nimmt an, es sei dabei nur an die Erde als solche zu denken. Unter dem Chronos versteht man gewhnlich die _Zeit_. +Zeller, a.a.O., S.73+ bemerkt jedoch, da es kaum glaublich sei, da ein so altertmlicher Denker den abstrakten Begriff der Zeit unter den ersten Urgrnden aufgefhrt hatte; Chronos bringt nmlich aus seinem Samen Feuer, Wind und Wasser hervor. Schwerlich soll damit nur gesagt sein, diese seien im Laufe der Zeit entstanden. Daher meint Zeller, im Widerspruch mit Conrad und Brandis (+Gesch. der Entw. der griech. Philosophie+), da Chronos richtiger Kronos zu schreiben und als Gott der heien Jahreszeit und des Sonnenbrandes zu denken sei, jedenfalls als ein realer Bestandteil der Welt. Diese drei Urwesen erzeugten zahlreiche weitere Gtter in fnf Geschlechtern. Preller glaubt (+Rh. Museum382+), es sollen damit fnf Mischungsverhltnisse der Elementarsubstanzen (ther, Feuer, Luft, Wasser, Erde) bezeichnet werden, in denen je eine derselben vorherrschend sei. Zeus verwandelt sich zum Zwecke der Weltbildung in Eros. Die weltbildende Kraft ist die Liebe. Er machte ein groes Gewand, in das er die Erde und den Okeanos einwob und spannte dieses ber einen von Flgeln getragenen Eichbaum, d.h. er bekleidete das im Weltraum schwebende Erdgerst (daher die Flgel des Eichbaums) mit der mannigfach wechselnden Oberflche des Landes und der Seeen. Dieser Weltbildung widerstrebte Ophioneus, als Reprsentant der untergeordneten Naturkrfte, aber das Gtterheer unter Chronos strzt ihn in die Meerestiefe und behauptet den Himmel. Pherekydes ist nur um deswillen interessant, weil wir aus den wenigen abgerissenen Stzen, die uns von seiner Lehre berliefert sind, entnehmen knnen, da man sich bemhte den mythologischen Vorstellungen, insbesondere der sog. Theogonie eine esoterische Deutung zu geben. Doch geht +Conrad, a.a.O.+, wohl zu weit, wenn er dem Pherekydes geradezu eine der aristotelischen nahestehende Naturansicht beilegt. Inwieweit egyptische Einflsse auf seine Anschauungen gewirkt haben, ist schwer festzustellen; Suidas lt ihn die Geheimschriften der Phniker benutzen, Josephus (+e. Ap. I2+) zhlt ihn zu den Schlern der Egypter und Chalder. III. Epimenides von Kreta. Zu den hervorragendsten _praktischen_ Mystikern der antiken Welt hat unstreitig jener Epimenides von Kreta gehrt, dessen historische Existenz ebenso unzweifelhaft ist, wie einzelne ber sein Leben berichtete Wunderdinge auf bertreibungen beruhen werden. Die Alten nennen ihn einen Jatromanten, einen Seher-Arzt. Er soll in Knossus auf Kreta geboren sein. Sein Vater, den einige Phaestios, andere Dosiades, noch andere Agesarkos nennen, soll ihn einmal fortgeschickt haben, um ein Schaf zu holen; auf diesem Wege soll er vor der Mittagshitze in einer Hhle Schatten und Erholung gesucht haben und hier, wo niemand ihn suchte und fand, in einen _tiefen Schlaf_ gesunken sein, _aus dem er erst nach 57 Jahren erwacht sein soll_. Als er nach Ablauf dieser Zeit erwachte, berichtet die Sage[583], suchte er erst, den Zeitverlauf nicht ahnend, das Schaf und kehrte, als er es nicht fand, nach der Stadt zurck. Sein Erstaunen war nicht gering, als er alles verndert fand und zu Hause nur noch seinen jngsten Bruder, der mittlerweile ein Greis geworden war, antraf, der ihn nicht wiedererkannte. Das etwaige Wahre an dieser Geschichte, die an die Erzhlungen indischer Reisender von den schlafenden Fakiren erinnert, wird freilich fr immer der kritischen Forschung entzogen bleiben. Ein Mediziner knnte vielleicht an einen eklatanten Fall der in unseren Tagen vielfach beobachteten sog. +Nona+ denken, einer auf noch unerforschten centralen Strungen beruhenden Schlafsucht, von der man Flle registriert hat, die sich ber viele Jahre hinaus erstreckt haben.[584] Die Geschichte oder Fabel hat Goethe zum Stoff eines Festspiels gedient: Des Epimenides Erwachen. Die Entwicklung der Sehergabe wird hier auf den fraglichen Tiefschlaf in folgenden Versen zurckgefhrt: Auf Kretas Hh'n, des Vaters Herde weidend, Die Insel unter mir, ringsum das Meer, Den Tageshimmel von der einzigen Sonne, Von tausenden den nchtigen erleuchtet; Da strebt's in meiner Seele, dieses All, Das herrliche zu kennen; doch umsonst: Der Kindheit Bande fesselten mein Haupt. Da nahmen sich die Gtter meiner an, Zur Hhle fhrten sie den Sinnenden, Versenkten mich in tiefen, langen Schlaf. Als ich erwachte, hrt' ich einen Gott: Bist vorbereitet, sprach er, whle nun! Willst du die Gegenwart und das, was ist, Willst du die Zukunft sehn, was sein wird? -- Gleich Mit heiterm Sinn verlangt' ich zu verstehn, Was mir das Auge, was das Ohr mir beut. Und gleich erschien durchsichtig mir die Welt, Wie ein Kristallgef mit seinem Inhalt. -- Den schau ich nun so viele Jahre schon; Was aber knftig ist, bleibt mir verborgen. Soll ich vielleicht nun schlafen, sagt mir an, Da ich zugleich auch Knftiges gewahre. Historisch beglaubigt ist, da er von Kreta nach Athen berufen wurde, um hier eine epidemische Geisteskrankheit zu heilen, wie auf dieselbe Art ein anderer Jatromant, sein Landsmann und Zeitgenosse Phaletas einige Jahre zuvor nach Sparta berufen war, um durch die Wirkung seiner Musik und religise Hymnen eine Pestilenz aufhren zu machen. Die Athener beunruhigten sich nmlich wegen des sog. Kylonischen Frevels, ber den uns +Thucydides I. 126+ folgendes erzhlt: Es lebte in Athen ein gewisser Kylon, ein Mann, der in den olympischen Spielen gesiegt hatte und aus einem der ltesten und mchtigsten Huser war und die Tochter eines Megarers, namens Theagenes, geheiratet hatte, welcher damals als Tyrann zu Megara herrschte. Dieser hatte von dem Orakel zu Delphi auf Befragen die Antwort erhalten, er sollte sich an dem grten Feste des Zeus der Burg zu Athen bemchtigen. Er lie demzufolge sich von Theagenes Sldner geben, vermochte seine Freunde, seinen Absichten beizutreten und wartete sodann nur, bis die in der Peloponnes gefeierten olympischen Spiele wieder herankamen; da besetzte er die Burg in der Absicht, die Herrschaft an sich zu reien. Dies hielt er nmlich als das grte Fest des Zeus, welches ihn gewissermaen noch nher anginge, da er in den olympischen Spielen den Preis erhalten habe. Ob aber das grte Fest in Attika oder sonst wo gemeint sein sollte, darber hatte er sich weiter keine Gedanken gemacht, und das Orakel hatte auch nichts davon gesagt, indem sonst auch die Athener dem Zeus Meilichios auerhalb der Stadt ein groes Fest unter dem Namen Diasia feiern, an welchem alles Volk in der Stadt haufenweise opfert, und zwar viele keine Schlachtopfer, sondern Opfer von den eigenen Landesfrchten. Kylon griff also, ohne an der Richtigkeit seiner Gedanken zu zweifeln, das Werk an. Die Athener vom Lande eilten zwar auf die erste Nachricht davon mit gesamter Hand zur Gegenwehr herbei und sperrten sie auf der Burg ein; allein nach Verlauf einiger Zeit lieen sie sich durch Beschwerden bei der Belagerung ermden und zogen grtenteils ab, bevollmchtigten dagegen die neuen Archonten, die Wachen zur Besetzung der Zugnge sammt allen brigen Veranstaltungen nach eigenem Belieben und Gutdnken einzurichten. Diese neun Regenten hatten diese Zeit ber den grten Teil der Regierungsgeschfte unter Hnden. Kylon und diejenigen, welche mit ihm eingesperrt waren, befanden sich durch den Abgang von Wasser und Lebensmitteln gar bald in schlechten Umstnden. Inzwischen fand er selbst nebst seinem Bruder Mittel zu entkommen. Die brigen, die immer mehr ins Gedrnge gerieten, so da auch schon einige Hungers starben, setzten sich als Schutzflehende an den auf der Burg befindlichen Altar. Die Athener, welche die Wache hatten, hieen sie davon weggehen; und als sie sahen, da sie in dem Tempel sterben wollten, _fhrten sie dieselben unter dem Versprechen, ihnen kein Leid anthun zu wollen, hinaus und tteten sie; andere, welche zu den Altren der ehrwrdigen Gttinnen ihre Zuflucht genommen hatten, richteten sie im Vorbeigehen ebenfalls hin_. Die Folge dieses Frevels am Heiligtum des Asylrechts war eine epidemische Gewissensangst, die besonders bei dem weiblichen Teile der Bevlkerung sehr bengstigende Formen angenommen haben soll. Die Frauen wurden durch Hallucinationen, Visionen, Auditionen bengstigt, und es traten alle nur denkbaren Symptome hysterischer Melancholie und Krmpfe massenhaft auf. Epimenides kam nun nach Athen, um die Stadt zu reinigen und zu entshnen. Er grndete zu dem Ende neue Kapellen und richtete verschiedene Reinigungsceremonien ein, ganz besonders aber regelte er den Dienst der Frauen so, da er die heftigen Impulse, die diese aufgeregt hatten, beruhigte. Grote in seiner griechischen Geschichte bemerkt dazu: Wir wissen kaum etwas Genaueres ber sein Thun; aber die Thatsache seines Besuchs und die heilsame Wirkung, die er durch Wegschaffung der religisen Verzweiflung, welche die Athener niederdrckte, hervorgebracht, sind wohl bezeugt. berdies besa Epimenides die Klugheit, sich mit Solon zu vereinigen, und whrend er so viele wertvolle Ratschlge erhalten mochte, untersttzte er indirekt die Erhhung des Rufes des Solon selbst, dessen konstitutionelle Reform sich jetzt schnell vollendete. Er blieb lange genug in Athen, um einen gemtlicheren Ton der religisen Gefhle vollstndig wieder herzustellen, und reiste dann ab, allgemeine Dankbarkeit und Bewunderung mit sich nehmend, _schlug aber mit Ausnahme eines Zweiges vom heiligen lbaum auf der Akropolis jede andere Belohnung aus_. Nach einer Angabe, welche schon whrend der Zeit des Xenophanes von Kolophon gangbar war, soll er das ungewhnliche Alter von 154 Jahren erreicht haben; und die Kreter (sprchwrtlich bse Lgner und faule Buche) wagten sogar zu behaupten, er habe 300 Jahre gelebt. Sie rhmten ihn nicht nur als Weisen und geistigen Purifikator, sondern auch als Dichter; sehr lange Dichtungen mystischen Inhalts wurden ihm zugeschrieben. Sowohl Plato, als auch Cicero betrachten den Epimenides in demselben Lichte, als einen Seher, der unter _temporren ekstatischen Zufllen_ die Zukunft habe vorausverknden knnen. Nach Aristoteles dagegen gab Epimenides selber an, von den Gttern keine hhere Gabe empfangen zu haben, als die unbekannten Phnomene der Vergangenheit zu erraten.[585] Plato (+Kratyl. p.905+, +Phaedr. p.244+) glaubte fest an Epimenides als gottbegeisterten Seher in der vergangenen Zeit, in Bezug auf die jedoch, welche zu seinen Lebzeiten Ansprche auf bersinnliche Krfte vorbrachten, war er weniger leichtglubig. Er, wie Euripides und Theophrast, behandelten die Orpheotelesten der spteren Zeit mit gebhrender Verachtung.[586] Wre Epimenides selbst in jenen Tagen, in welchen die Aufklrung der Massen groe Fortschritte gemacht hatte, nach Athen gekommen, so wrde wahrscheinlich das Wunder suggestiver Massenheilung auch ausgeblieben sein, und er wrde sich nur vereinzelter Erfolge bei lteren Weibern und in rckstndigen entlegenen Drfern haben rhmen knnen, wie dieselben Bauchredner und Medizinleute, welche Plato verspottet. Nur die Vergangenheit ist es, die solche Erscheinungen idealisiert. ber die Lehren des Epimenides berichtet Damascius[587] und Eudemus, er habe zwei erste Grnde angenommen, die Luft und die Nacht[588], von diesen sei als drittes der Tartarus erzeugt worden. Von ihnen sollen, wie es scheint, zwei weitere nicht nher bezeichnete Wesen hervorgebracht sein, aus deren Verbindung das Weltei entstanden sei; eine Bezeichnung der Himmelskugel, die in vielen Kosmogonieen vorkommt, und die sich sehr natrlich ergab, wenn die Weltentstehung einmal der tierischen Lebensentwickelung analog vorgestellt wurde. Aus dem Weltei seien dann weitere Erzeugungen hervorgegangen. Fnftes Kapitel. Die Geheimlehre der Mysterien. Persnlichkeiten, wie Empedocles, Pherekydes von Syros und Epimenides bilden ein Mittelglied zwischen der Philosophie und dem Esoterismus der griechischen Religionslehren, der bekanntlich seinen Sitz in den verschiedenen Mysterien oder Geheimkulten hatte. Diese Mysterien bilden immer noch eins der grten kulturhistorischen und psychologischen Probleme des Altertums. Die Berufung des Epimenides von Kreta nach Athen hatte vermutlich nebenbei den Zweck, die brigens uralten, mglicherweise bis in das 15. Jahrhundert v.Chr. zurckdatierenden cerealischen Mysterien wieder zu reorganisieren. Man hat nmlich ursprnglich die _bacchischen_ und _cerealischen_ Mysterien zu unterscheiden. Die allgemeine religise Idee beider war zwar dieselbe. Beide fhren auch auf orientalische, sehr weit, vielleicht bis Indien reichende Einflsse zurck. Der Geheimdienst der Ceres und Proserpina ist aber nach Attika jedenfalls von Kreta, dem Vaterlande des Epimenides aus importiert worden. Kreta hat fr die Verbindung mit dem Orient die glcklichste Lage, es war eine der ersten Niederlassungen phnizischer Kolonisten, es empfing frh egyptische Lehren, und vermutlich hat die Kultur der Hellenen von hier aus ihre erste Anregung erhalten. Thucydides berichtet, da _Minos_ der erste gewesen, der eine Flotte in See hatte, wie er denn das jetzt sog. griechische Meer grtenteils beherrschte, auch die cykladischen Inseln unter seiner Botmigkeit standen, von welchen er die meisten zuerst angebaut hat, indem er die Karier daraus vertrieb und seine Shne als Hupter der neuen Kolonien einsetzte.[589] Cadmus, Phnix und Cilix, angeblich Oheime des Minos, schlagen dem orientalischen Mystizismus die Brcke von Asien nach Europa. Wolfgang Menzel[590] meint, da die Mysterien mit einer demokratischen Tendenz verbunden gewesen, da sie einen geheimen Kampf der Humanitt gegen Priester- und Kriegerkaste, des Liberalismus gegen die Vorrechte, etwa nach Art unserer modernen Freimaurerei, gefhrt htten. So paradox diese Behauptung klingt und so bertrieben sie in ihrer modernen Ausdrucksweise erscheinen mu, so kann ich nicht in Abrede stellen, da wenigstens die Geschichte Athens und Thebens einen gewissen inneren Zusammenhang zwischen der (lteren) Demokratie, die man wohl als Liberalismus bezeichnen kann, und den Geheimkulten aufweist. Ich erinnerte schon an die Beziehungen Solons, der ja im Sinne einer gemigten Demokratie reformierte, zu Epimenides. Ferner ist sicher, da die demokratische Verschwrung des Pelopidas und Epaminondas ihren Ausgangspunkt in _Eleusis_ nahm[591] und beinahe durch einen Hierophanten vorzeitig verraten wre. Auch der Buddhismus hatte ja eine soziale Nebentendenz. Uns interessieren jedoch hier nicht die politisch-sozialen Nebenbeziehungen, sondern die Lehren. I. Die bacchischen Mysterien. In der Schpfungslehre der _bacchischen_ Mysterien erscheint zunchst Chronos, die niemals alternde Zeit in Schlangengestalt. Dieser _Chronos_ zeugte das unbegrenzte Chaos nebst dem feuchten _ther_ und dem finstern Erebus, und darin erzeugte er ein Ei, das in eine Wolke oder in ein Gewand gehllt war, welches nachher zerri. Aus dem Ei ging Phanes hervor, ein Mannweib, auch Protogonos und _Pan_ genannt. Man stellte ihn dar mit goldenen Flgeln, auf den Schultern mit Stierkpfen und auf dem Kopfe mit einer Schlange. Als Aeon wird er auch mit Osiris identifiziert. Er ist die demiurgische Ursache oder der Anla zur Weltschpfung. Er wird nmlich vom Zeus, den er erzeugte, verschlungen, die Urbilder aller Dinge, die Phanes in sich hatte, werden jetzt alle in Zeus sichtbar, d.h. Zeus bringt alles Lebendige aus sich hervor. In der sog. hieratischen Poesie, in jenen Versen, die dem sagenhaften Snger Orpheus zugeschrieben wurden, heit es daher: Zeus wurde der erste, Zeus der letzte Herrscher des Blitzes; Zeus das Haupt, Zeus die Mitte; aus Zeus ist Alles bereitet; Zeus ward Mann und Zeus ward unsterbliche Jungfrau. Zeus der Erde Wurzel und des gestirneten Himmels, Zeus das Wesen der Winde, Zeus die Kraft des unverlschlichen Feuers, Zeus des Meeres Wurzel, und Zeus der Mond und die Sonne, Zeus der Knig, Zeus, der selber Alles geboren. Die Ahnung der gttlichen Einheit wird also in dem Bilde eines krperlichen Ganzen, eines Riesenkrpers ausgeprgt. brigens werden in fast allen heidnischen Religionen die ltesten Gottheiten androgyn mannweiblich gedacht. Das zweifellos nach Egypten zurckweisende Symbol dieser aus sich selbst alles Lebendige hervorbringenden Gottheit war seltsamer Weise der Scarabus, d.h. der Mist-Kfer; weshalb der Dichter Pamphos sogar singt: Zeus, hehrester, grter der Gtter, eingewickelt In Mist von Schafen, Rossen und Mulern! Erst spter zeigt die Trennung der Geschlechter, indem dem Zeus ein weibliches Wesen untergeordnet wird, einen unmerklichen bergang zum Anthropomorphismus. Dieses weibliche Urwesen heit Chthonia (von %chthn% = unbegrenzter Grund und Boden, Materie), das dann durch Zeus' Umarmungen befruchtet, Mutter Erde (Ga) wird und im Jahreslaufe Alles hervorbringt. So sangen die Peleiaden, jene Wahrsagerinnen des Orakels zu Dodona, wo Pelasger und Hellenen unter der heiligen Eiche Belehrungen ber Jupiters Ratschlu einholten: Zeus war, Zeus wird sein, o groer Zeus! Die Erde bringt Frchte hervor, drum preiset die Mutter Erde! Von diesem Zeus und der Ga geht nun Dionysos aus, der brigens seinem Wesen nach identisch ist mit Zeus selber. Zeus soll nach einer alten Mythe als Schlange zu der unter einem Felsen verborgenen und von zwei Drachen bewachten Persephone eingeschlichen sein und mit ihr den Zagreus gezeugt haben. Sehr bemerkenswert fr die Herkunft dieser Gtterbegriffe ist der naive Bericht des +Herodot II. 52+: Es brachten die Pelasger, wie ich zu Dodona vernommen, anfnglich unter Gebeten den Gttern Opfer aller Art. Jedoch legten sie keinem von jenen einen _Beinamen_ oder _Namen_ bei, dieweil sie noch niemals dergleichen gehrt hatten. Gtter benannten sie dieselben und deshalb, weil sie alle Dinge in Harmonie gesetzt und alle Einteilungen gemacht. Spter, nach Ablauf geraumer Zeit, erfuhren sie die aus _Egypten_ gekommenen Namen der brigen Gtter, des _Dionysius Namen erfuhren sie aber viel spter_. Mglicherweise ist der Dionysische Geheimkult indischen Ursprungs.[592] Nach +Arrian Ind. Kap. 5+ zieht Dionysios nach Indien. Bei seiner Rckkunft nach Griechenland weiht er dem Apollo eine Schale mit der Inschrift: Dionysos, der Sohn der Semele und des Zeus _von Indien_ her weihet sie dem Apollo, dem Delphier. Nachdem Zeus den Zagreus erzeugt hat, trachtet die eiferschtige Here, ihn zu verderben und sendet Titanen aus, ihn umzubringen. Zagreus betrachtete sich gerade als Stier in einem Spiegel, als die Titanen kamen, und verwandelte sich dann vergeblich in alle mgliche Gestalten, er wurde von den _Titanen zerrissen_. (Dieselbe Sage vom Zerreien wiederholt sich bei dem mythischen Snger Orpheus selbst, den die bacchantischen Weiber, die Mnaden zerreien.) Nur sein Herz rettet Pallas Athene und bringt es dem Vater Zeus, der dann aus Zorn mit seinen Blitzen die ganze Erde verbrennt, so da erst die Sndflut das Feuer wieder lschen kann. Das Herz des Zagreus wird in einen Becher gelegt, und als Semele daraus trinkt, wird sie Mutter des Dionysos. Dieser Dionysos-Zagreus ist die Vielheit d.h. das in vielen Formen sich darstellende All, in Luft, Wasser, Erde, Pflanzen und Tieren. Apollo sammelt die Glieder des Dionysos wieder: er ist die Einheit, die der Natur in ihrer Entwickelung vorsteht, um sie vor Zersplitterung zu bewahren und wieder an das Eine zu befestigen. In sieben Teile war Zagreus zerstckelt. Die Siebenzahl ist daher gleicher Weise dem Dionysos und dem Apoll heilig. Dionysos ist nach Macrob[593] der Inbegriff aller Seelen. Der Becher, aus dem die Semele trinkt, heit auch Quelle der Seelen. Man unterschied brigens zwei solcher Becher. Die Alten haben sie auch als Sternbilder an den Himmel versetzt, den einen nahe am Zeichen des Krebses, den andern sahen sie in der Urne des Wassermanns. Der erste heit Dionysoskelch, bei den Platonikern der Leben erzeugende Becher. Manilius (+astron. V. 116+) nennt ihn den Becher der Geburt. Durch den Trunk aus ihm vergit die Seele ihre hhere Natur und sinkt in die Zeitlichkeit hinab, indem sie in einen irdischen Leib eingeschlossen wird. Aus dem zweiten Becher trinkt man wiederum die Vergessenheit des Irdischen und findet sich dadurch in der alten Heimat wieder. Der erste Becher heit auch der Teilungsbecher, die aus ihm geflossenen Seelen mssen in die _Individualitt_ treten, sie mssen in die Geburt herab. Einige Seelen kommen herab, weil sie noch nicht hienieden waren, zur Erhaltung der Weltkonomie; das sind die Neulingsseelen (+mentes novellae+).[594] Andere mssen zur Strafe herab; andere geben sich freiwillig der Neigung zur Erde hin. Diese Neigung ist Folge des Blicks in den Spiegel, in den Dionysos gesehen, ehe er sich zum Schaffen der Dinge gewendet. Der Becher wird auch mit dem Spiegel selbst identifiziert; und bei Nonnus ist es die Liebesgttin Afrodite, die dem Dionysos den Becher reicht. Ob Afrodite oder Persephone genannt wird, ist brigens gleichgltig. Das Wesentliche ist die Einfhrung eines passiven, die Erschaffung bedingenden, weiblichen Prinzips. Der Spiegelbecher ist das Organ dieses Prinzips und wird daher realistischer auch durch das weibliche Organ dargestellt, wie umgekehrt der Phallus, das mnnliche Zeugungsorgan, das Symbol des Dionysos ist. Wir treffen hier lediglich die rohe indische Natursymbolik des Lingam und der Yoni wieder. Je mehr die Seelen aus dem Becher der (sinnlichen) Liebe trinken, um so mehr werden sie berauscht, um so mehr erblat das Andenken an ihre hhere Abkunft. Edlere Seelen nippen nur an dem Kelch der Sinnlichkeit und sinken daher nicht so tief in tierische Gemeinheit herab, wie die meisten anderen Menschen. -- Anders die unedlen, die das _Feuchte_, (die Materie) lieben, die daher auch wohl Najaden genannt werden. Diese feuchten Seelen weilen gerne in dieser sinnlichen, formenreichen Welt, wie in einer Grotte, die in tausendfarbigem Gestein das volle Leben zurckspiegelt. Diese Welt der Sinnlichkeit, die Welt des Scheins, ist die tuschende Maja, indisch Maya-Bharani; in der Priestersprache wird Proserpina auch Maja genannt. Sie wird auch als Weberin bezeichnet, welche den materiellen Leib webt. Je mehr die Seelen am irdischen Dasein hngen, desto mehr Leiber, wie Kleider. Plato, Gorgias 523. Die Seele hngt sich gleichsam an den zuerst gesponnenen Lebensfaden; dann spinnt die Gttin weiter und webt das Kleid fertig. Das unfertige Gespinnst aber ist der bloe Schattenleib als Gespenst, das eben daher seinen Namen hat. Von Persephone (Maja, Proserpina) kommt das Leiblichwerden der Seele, von Dionysos die Beseelung des Leibes. Als zeugendes Prinzip ist Dionysos in der Mysterienlehre auch Sonnengott. Und so wird die Vorstellung von der Seelenbahn auch mit der Sonnenbahn durch den Tierkreis verknpft. Dionysos als Sonnengott wandelt jhrlich die doppelte Bahn, den Weg des Winters und den des Sommers. Und dieselbe Bahn ist den Seelen vorgezeichnet. Aus dem Centrum des Himmels treten sie im Zeichen des Krebses in der Sommersonnenwende in die Erdenwelt ein, nach dem Tode aber steigen sie im Zeichen des Steinbocks wieder durch dieselbe Milchstrae zur himmlischen Welt empor. Hier trinken sie dann aus dem schon erwhnten zweiten Becher, dem Becher der Reinigung oder Wiedergeburt, der als die Urne des Wassermanns am Sternenhimmel dargestellt ist. Wenn nmlich die Sonne in dieses Zeichen tritt, wird die Natur im Frhling wiedergeboren und damit wird die Wiedergeburt der verstorbenen Menschen im Himmel verglichen. Dionysos hat also einen _doppelten_ Charakter. Er ist einmal das Prinzip der Zeugung, der Versinnlichung, der Wille zum Leben, der Gott der Weltbejahung, sodann aber auch der mystische Vertreter der Weltverneinung, der Entsinnlichung, der Erlsung, welche letztere ja in allen mystischen Systemen als Wiedergeburt oder zweite Geburt bezeichnet wird. Daher finden wir in seinen Mysterien die beiden Gegenstze, auf die _alle Mystik_ hinausluft, Lust und Unlust, Snde und Entshnung eng aneinander gerckt. Bacchantische Ausgelassenheit wird von leidenschaftlicher Trauer und Klage abgelst und umgekehrt. In Verbindung damit steht seine spezielle Bedeutung als Gott des _Weines_ und der Liebe. Man vergleiche hierber die geistreichen Bemerkungen Wolfgang Menzels (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, S.90-96.) Auch der Wein spielt ja eine doppelte Rolle, er begeistert und steigert die Seelen zu dithyrambischer Ekstase, verwandelt Wasser in Feuer, er berauscht und lt im Rausche die Welt schner erscheinen, andrerseits wirkt der Rausch Vergessenheit auch der sittlichen Pflichten. Aus dem Weindunst wird ein zweiter Schleier der Maja gewebt. Gleichzeitig hat der Wein selber in der Grung eine Art Wiedergeburt durchgemacht. Aus dem sich zersetzenden Traubensaft entsteht der edlere feurige Trank, und wenn der Mensch davon trinkt, erhebt er sich ber seine gemeine Wirklichkeit: Die kummerbelastenden Sorgen Fliehen aus der Brust des Menschen, Sie schiffen auf dem Meer der goldreichen Flle Allhin zum Strande der Tuschung. Der Arme wird reich, der Reiche Durch neuen Reichtum bereichert, Das Herz von den Pfeilen des Weinstocks gebndigt singt Pindar, und in reizender Weise deutet Apollonius den Zusammenhang zwischen dem Becher der Lust und dem Schleier der Maja an, wenn er von letzterem singt: Wer ihn betastet Oder beschaut, nie stillet sich der die Sehnsucht des Herzens. Er auch atmete Duft, ambrosischen, gleich von dem Tag an, Da der nysische Gott auf dem zrtlichen Purpur geschlummert, Leise von Wein und von Nektar beseligt, als er den schnen Busen von Minos Tochter berhrte. Umgekehrt hatte der Wein in den Dionysos-Mysterien eine sakramentale Bedeutung, die einer Transsubstantiation aus dem Zeitlichen ins Ewige. Was die erstere Bedeutung des Weins betrifft, so bietet darber +Nork, vergleichende Mythologie S.177ff.+ seltsame etymologische Bemerkungen. Er erinnert an den indischen Gott Shiwa, der den Palmenwein erfand und auch der Thrnengott (Rutren) hie; er weist auf die Verwandtschaft hin zwischen Bacchus und dem semitischen +bacca+= weinen, vergit aber merkwrdigerweise unser deutsches Weinen mit Wein zusammenzubringen. Dagegen ist ihm Ariadne das semitische +ari edna+= Wollust des Lwen und er bemerkt +S.178+: Bacchus, nachdem er mit Ariadne gebuhlt, fllt in die Gewalt der Titanen -- d.h. die Ichheit, die als Selbstheit, als Besonderheit mit selbstischem, dem Allwillen entgegenstrebenden Wollen verstanden wird, weswegen am Ende aller Dinge, in welchem die Wesen wieder in Gott bergehen, der Zustand ist, wo Niemand 'Ich' sagt. Ich mchte glauben, da der Mythus von der Ariadne, der in den Mysterien mit Vorliebe pantomimisch dargestellt wird, jedenfalls auch die umgekehrte Bedeutung, nmlich das Erwachen der Seele symbolisieren sollte. Gerade auf Sarkophagen finden wir hufig Scenen dargestellt, wie den der schlafenden Ariadne nahenden Gott; oder Bacchus umarmt die schne Ariadne, setzt ihr den Kranz auf und reicht ihr den Becher, daneben steht der schne Knabe Staphilos, ihr gemeinschaftliches Kind, der Traubengeist. Creuzer, der die Dionysos-Mysterien aus Indien stammen lt (Dionysos ist ihm Dewanachi, der Entwilderer Indiens) giebt folgende spekulative Analyse der fraglichen indischen Ideen (+Symbolik I. S.399+): a) Das erste Sein vor und ber Allem. b) Die Liebe, die das erste Sein in sich aufgenommen, der es sich hingegeben hat. Mithin c) Gott, geschieden in ein Liebendes und in ein Geliebtes. d) Diese Spaltung ist der Urbestand der Dinge. Die Dinge sind und sind nicht, sie sind nur in der Trennung und durch sie, sie sind nicht auf dem Standpunkte _ber_ der Trennung. Die Liebe ist Weltmutter, aber was sie geboren hat, ist im bloen Schein geboren, es ist ein Scheinbild, es sind Zaubergrten, die mit dem Beschwrungsworte in sich selbst versinken. Das Eine aber bleibt: Parabrahma, der Selbstndige. Diese spekulative Auflsung nimmt die realen Dinge als Kunstgebilde der Liebe im Scheine, mithin ist sie a)sthetisch, b)sie hat sich aber ganz natrlich aus dem ersten _naiven Naturmythus_ entwickelt. Hiernach ist die schaffende Gottheit Welt-Lingam. Der Grund des Zeugens und Schaffens kann in nichts anderem liegen, als in der Liebe; und davon giebt sich nun die gesteigerte Spekulation die angefhrte Rechenschaft. II. Die cerealischen Mysterien. 1. Die Eleusinien. Whrend die bacchischen oder dionysischen Mysterien an das mnnliche Naturprinzip anknpfen, gehen die cerealischen vom weiblichen aus; sie knpfen an die _Erntefeste_ an, whrend die bacchischen ursprnglich _Winzerfeste_ waren. In Attika haben sich freilich allmhlich in den Eleusinien, in denen auch Jakchos (Bacchos) seine groe Rolle spielt, beide vermischt; jedoch blieb Demeter (Ceres) die Hauptgottheit der Eleusinien. ber die Eleusinischen Mysterien sind wir verhltnismig am besten unterrichtet, da sie im Altertum den grten Ruhm erlangten, und daher vielfache Andeutungen ber ihre Feier von Dichtern, Philosophen und Historikern gegeben worden sind. Die Zulassung zu ihnen wurde allen Hellenen gewhrt, von welchem Stamme oder Staate sie auch sein mochten. Sie bestanden aus zwei durch einen halbjhrigen Zwischenraum getrennten Feiern. Die erste derselben, die sog. _kleinen_ Mysterien wurden im Monat Anthesterion, der etwa unserem Februar entspricht, begangen, also im Frhling, sie waren vorzugsweise der Kora oder Persephone, der Tochter der Ceres, und dem Jakchos oder Dionysos, der als Bruder der Kora galt, gewidmet. Diese Feier wurde zu Agra, einer Vorstadt Athens, am Ilissus begangen. Ihr ging eine Reinigung vorauf, zu der das Wasser des Ilissus diente -- Die _groen_ Mysterien fielen in die Mitte des Monats Bodromion, September, und dauerten nahezu 14 Tage. Der erste Tag hie Tag der Versammlung. Die Mysten versammelten sich in der Stadt. Am zweiten Tag begaben sie sich mit dem Ruf %halade mystai%, an das Meer, ihr Mysten, an den Strand, um im Meerwasser die vorbereitende Reinigung vorzunehmen. Die folgenden Tage wurden mit mancherlei Umzgen, Opfern und Andachtsbungen in Heiligtmern der Demeter, Persephone und des Jakchos ausgefllt. Am 20.Bodromion begab man sich dann in feierlicher Prozession von Athen nach Eleusis. Die Prozession nahm fast einen ganzen Tag in Anspruch, da an einer groen Anzahl von Stationen, z.B. beim Grabmal des Eumolpos, bei dem wilden Feigenbaum, wo einst Pluto mit der geraubten Proserpina in die Unterwelt hinabgefahren sein sollte, beim Tempel des Triptolemos lngerer Aufenthalt zur Vollziehung gottesdienstlicher Handlungen genommen wurde. Sie schlo damit, da das Bild des Jakchos in den Weihetempel zu Eleusis, das Telesterion, gebracht wurde. Am folgenden Tage und in der Nacht wurden verschiedene Festakte, ber die wir nichts nheres wissen, teils im Freien, teils im Peribolos des Telesterion begangen. Hierbei wechselte ausgelassene Lust und gegenseitige Neckerei beider Geschlechter, wobei die Frauen vielfach jene Handlung der Baubo oder Jambe wiederholten, durch die nach dem Mythos Ceres zuerst in ihrer Traurigkeit getrstet sein soll, mit feierlichem Ernst und andchtiger Sammlung. Einige Ahnung von diesem Treiben verschafft uns die Schilderung +Herodots I. 60+ vom egyptischen Isisfest. Einige von den Weibern haben Klappern und klappern damit, einige Mnner aber spielen die Flte, und die brigen Weiber und Mnner singen und klatschen in die Hnde; etliche verhhnen die Weiber und etliche tanzen, etliche aber stehen auf und _heben die Kleider in die Hhe_. (Die Baubo oder Jambe entlockte nmlich durch eine _unanstndige Entblung_ der Demeter das erste Lcheln.) In den Frschen des Aristophanes wird uns der Chorgesang der Mysten und ihr ausgelassenes Treiben durch folgende Verse geschildert: Chor: O Heil, Heil, Jakchos! O Heil, Heil, Jakchos! Jakchos, der du weilst hier In dem stolzprangenden Wohnsitz, O Heil, Heil, Jakchos; Komm hierher auf die Bachwiese zum Reih'ntanz In die Schaar deiner Geweihten, Und im Schwunge walle duftig Dir der Myrtenkranz voll Beeren Um das lockige Haupt! Und khn stampfe den Takt uns Mit dem Fue zum neckisch Sich entfesselnden Lustreih'n, Der in holdreizender Anmut, Der in Unschuld dich umhpft, Der Geweihten heil'gem Chortanz! Ermuntere Dich: naht doch In der Hand schwingend die Fackeln, Er naht schon Jakchos, Stern des Lichtes, in Nacht leuchtend zum Feste! Von der Flamme glht die Wiese; Ja, das Knie der Greise regt sich, Und sie schtteln ab die Sorgen Und die Brde der Zeit, Die Last bleichender Haare, In der heiligen Festlust. Du, Seliger, fhre Die zum Tanz rstige Jugend Zu des Quells blumigen Auen Mit voranflammender Fackel! Chorfhrer: Voll Andacht schweig' er und halte sich fern von unseren heiligen Reigen, Wer fremd in solchen Geheimnissen ist und wer unlauteren Herzens, Wer Orgien himmlischer Kunst nicht sah noch tanzt in dem Chore der Musen, Wen nicht einweiht' in bacchantischen Ton Kratinos, der Stiereverschlinger, Und wer plumpspaender Worte sich freut, die heran sich drngen zur Unzeit, Wer feindlichen Hader im Volk nicht dmpft, nicht hold und gefllig den Brgern, Nein, Zwietracht st und die Glut anschrt, nach eigenem Nutzen verlangend, Wer, Lenker des Staats, wankt dieser im Sturm, ausstreckt nach Geschenken die Hnde, Wer Vesten verrt, wer Schiffe verrt und verbotene Waren versendet, Wer andre beschwatzt, fr der Flotte Bedarf mit Geld zu bedienen die Feinde, Wer Hekate's Bild mit Gesngen beschmutzt, fr kyklische Chre gedichtet, Auch wer als Redner im Volke benagt den gebhrenden Lohn der Poeten. Sei's diesen gesagt, sei's aber gesagt, sei's zum dritten gesagt und geboten: Hebt Euch von dem Chor der Geweihten hinweg! Ihr anderen stimmt den Gesang an, Und beginnt mit der heiligen Feier der Nacht, die dem heutigen Feste gem ist! I. Halbchor: Nun auf, zieht herzhaft alle Zu dem blumigen Schooe der Wiesen In stampfendem Schritte hinab, Mit neckendem Spott, Mit hhnendem Ruf und Gelchter! Denn fromm und ernsthaft wart ihr genug. II. Halbchor: Eilt, eilt nun, da ihr der Gttin, Der Beschirmerin, heilige Lieder Anstimmt aus frhlichem Mund, Ihr, welche das Land Auf ewig verhie zu beschirmen, Und sei's auch gegen Thorykions Wunsch! Chorfhrer: Wohlauf, hebt Hymnen von anderem Klang jetzt an, und verherrlichet preisend Der Demeter Gewalt in begeistertem Lied, der Verleiherin frohen Gedeihens! I. Halbchor: Du, keuscher Orgien Herrscherin, Demeter, steh' uns gndig bei, Und schirme selber deinen Chor! La ungestrt den ganzen Tag In Spiel und Tanz mich freuen! II. Halbchor: La viel im Ernst und viel im Spa Sich meine Zunge heut ergehn; Und wenn ich wrdig deines Fests Gelacht, gespottet, la mich dann Als Sieger stehn im Kranze! Chorfhrer: Auf! Eia! Nun auch den jugendschnen Gott Ruft herbei mit Liedern, Auf da er uns Genosse sei Dieses Reigentanzes! Einzelne des Chores: Jakchos, vielgefeierter, der des Festes Anmutig Lied erfunden, komm, geleit uns Zur Gttin hin, Und zeige, wie du mhelos Die weite Bahn zurcklegst! Der ganze Chor: Jakchos, heit'rer Tnze Freund, geleite mich! Einzelne: Denn du zerrissest, da wir zum Gelchter Armselig aussehn, dieses Paar Sandlchen, Dies Fetzenkleid, Und schafftest, da wir ungestraft In Spiel und Tanz uns freuen. Der ganze Chor: Jakchos, heit'rer Tnze Freund, geleite mich! Einzelne: Denn eben, als ich nach dem Dirnchen seitwrts Hinberblinzelte nach der allerliebsten Mittnzerin, Da sah ich des Hemdchens Schlitz Und weie Brstchen gucken. Chorfhrer: So wandelt Jetzt nach der Gttin heiligem Rund, Nach dem Blumenhaine, Froh scherzend, ihr, des heiligen Gtterfestes Genossen! Ich, sammt den Mdchen und Frau'n, Ziehe hin zum Nachtfest Der Gttin, um die heilige Fackel dort zu tragen. Chor: Ja, wandeln wir zum Rosenhain, Zu blumenreichen Auen, Und scherzen in alter Art, Zum lieblichsten Tanz gesellt, Den wieder erwecken hier Die seligen Mren. Denn uns allein strahlt Sonnenglanz Und heitern Lichtes Helle, Uns, die die Weihen wir einst Empfangen und frommen Brauch An Fremdlingen stets gebt Und Brgern. * * * * * An einzelnen Tagen muten die Mysten fasten, doch nur bis zum Anbruch der Nacht. Alsdann genossen sie zuerst den Kykeon[595], einen Mischtrank aus Mehl und Wasser, der mit Polei und anderen Zuthaten gewrzt war, und darauf, wozu sie Lust hatten mit Ausnahme gewisser verbotener Speisen.[596] Es wurde auch etwas Speise aus einer Kiste genommen, und nachdem man davon gekostet, in einen Korb und aus diesem wieder in die Kiste gelegt. Darauf bezieht sich die Formel, die als Erkennungszeichen fr die Mysten gedient haben soll: Ich fastete, ich trank den Kykeon, ich nahm aus der Kiste, ich kostete, ich legte in den Korb und aus dem Korbe in die Kiste. Die Speise, die man der Kiste entnahm, war wahrscheinlich Sesamkuchen. Solche Kuchen wurden fr die Feier in einer eigentmlichen Form, worber spter bei den Thesmophorien nheres, gebacken. Man meint, die Kiste bedeutete die Erde, aus der der Mensch seine Nahrung entnimmt, von der er einen Teil verzehrt, einen anderen in der Scheuer (dem Korbe) verwahrt, um ihn dann aus dieser, als Saatkorn, der Erde zurckzugeben. Im Telesterion selbst, in Rumen, die nur fr die Mysten selbst zugnglich waren, -- jeder einzelne wird sich hier haben legitimieren mssen, nachdem durch den Ruf des Hierokeryx, des heiligen Herolds, allen Profanen geboten war, sich zu entfernen, -- fanden dann diejenigen liturgischen Akte statt, die den eigentlichen Hauptteil der Mysterien ausmachten, -- die letzte Weihe, +epopteia+ genannt. Nach einer Wiederholung des Mysten-Eides, der Formeln, der sogen. kleinen Weihen, der Reinigung, des Glckwunsches an die Initiierten (Neueingeweihten) fand im Vortempel die letzte Vorbereitung fr diese letzte Weihe statt. Darauf: alle Schrecken der Nacht, Blitze, die durchs Dunkel zuckten (+Saintecroix I. p.348. Dio Chrysost. Op. XII. V. I, p.387. Reiske+), Stimmen und furchtbare Tne, Schreckgestalten, Todesangst (+Plutarch, Fragm. de anima p.136+). Einige werden zu Boden geworfen, bei den Haaren ergriffen, geschlagen, ohne in der Finsternis den Thter entdecken zu knnen. (+Achill. Tatian, V. 23+). Endlich wird der Vorhang hinweggezogen, der bisher das Allerheiligste verhllt hat. Dieser Schluakt heit +autopsie+ Selbstschau. Ein taghelles Licht strahlt aus dem Allerheiligsten hervor, die Priester stehen da in stattlichem und bedeutungsvollem Schmuck, Chre von Sngern und Musikern im Hintergrunde: der Hierophant tritt hervor und zeigt die Heiligtmer, jedes einzeln, und offenbart, was ber ihre Bedeutung nur den Eingeweihten zu wissen vergnnt ist: die Chre lassen ihre Lieder zur Verherrlichung der Gtter und ihrer Macht und Segensgaben erschallen. Wir mgen begreifen, bemerkt +Schoemann, griech. Altertmer II, 376+, dessen Darstellung ich im wesentlichen folgte, wie die Glubigen, denen jene Heiligtmer, jene Gtter wirklich als Gtter gelten, aufs Tiefste davon ergriffen und von frommen Gefhlen erfllt werden konnten. Dann aber lassen ausdrckliche Zeugnisse uns nicht daran zweifeln, da dieses Zeigen der Heiligtmer und die sich daran schlieenden Vortrge und Gesnge keineswegs alles waren, sondern, da es auch nachahmende Darstellungen gegeben habe, durch welche, was in den heiligen Sagen von den Thaten und Leiden der Gtter berliefert war, in lebendiger Vergegenwrtigung der Schauenden vor die Augen trat. -- Es ist brigens wohl anzunehmen, da die Enthllungen der mystischen Heiligtmer und die mimischen Darstellungen der heiligen Geschichten nicht alle in einer und derselben Nacht stattfanden, und nicht alle Mysten auf einmal zugelassen wurden, um zur Epoptie zu gelangen, sondern da sie in verschiedenen Abteilungen an die Reihe kamen. Vorgestellt wurden wahrscheinlich 1. das Blumenpflcken und die Entfhrung der Kore (Persephone). Vgl. +Ovid. Metamorph. V, v.340-675+. Kore spielt mit den Okeaninen. Auf grner Wiese spielen die Gtterkinder, Blumen pflckend, Krokos, Veilchen, Rosen, und was sonst Griechenlands Fluren beim ersten Frhlinge Anmutiges darbieten. Da lt Ga den verhngnisvollen Narci wachsen. Kore greift darnach; alsbald weicht die Erde unter ihren Fen und sie wird eine Beute des +Hades-Adoneus+. 2. Das Suchen der Demeter: sie hrt den letzten Schrei der Tochter, da ergreift sie heftigster Schmerz. Es ist der Schmerz einer Mutter, der man ihr Liebstes geraubt. Zerrissen der Schleier, die Locken gelst, verhllt in das schwarze Gewand der Trauer, eilt die Gttin in fliegender Hast ber Land und Meer, immer sphend ohne Auskunft zu finden. Denn niemand wagt es, ihr die Wahrheit zu sagen, weder ein Gott, noch ein Mensch, noch ein Vogel. 3. Demeters Ankunft in Eleusis: Sie tilgt das Gttliche an ihrer Erscheinung und wird eine gemeine Magd, bei hohen Jahren, von adeligem Aussehen, aber leidend und des Trostes bedrftig. So war sie lange unter den Menschen umhergeirrt, ungesellig, einsam in ihrem Grame. So kommt sie nach Eleusis und setzt sich an der Landstrae, neben dem Brunnen der Jungfrauen. Hier wird sie von der Baubo aufgenommen, die auch Jambe[597] genannt wird, der Frau des Dysaules. Der Name Dysaules verrt die Unwirtlichkeit der Lebensart, die Demeter vorfand. Es waren arme Menschen, die unbekannt mit dem Segen des Ackerbaues von Beeren und Eicheln lebten. Baubo bedeutet Pflegerin, Amme des Jakchos, des eleusinischen Dionysos oder Zagreus, den Kore vor ihrer Entfhrung geboren hatte. Baubo ist es, die nun der Gttin den Kykeon reicht und sie durch eine unzchtige Geberde wieder zum Lachen bringt. Daher das Kleideraufheben der Frauen und das Trinken des Mischtrankes in den ausgelassenen Episoden der Feier. Demeter bernimmt nun die Pflege des Kindes, dem sie, indem sie es ins Feuer hlt, die Unsterblichkeit zu verschaffen sucht; das Fleischliche als Sitz des Sterblichen soll weggebrannt werden. 4. Das Wiederfinden der Persephone und die Stiftung des Ackerbaues. Von dem Schweinehirten Eubulos erfhrt Demeter den Ort, wo Pluton mit der Kore in den Hades hinabgefahren. Eubulos und Triptolemos hatten ihre Heerden dort geweidet, darum konnten sie Bericht geben. Demeter geht darauf selbst in den Hades und fhrt die Kore wieder aus der Unterwelt empor. -- Aus Dankbarkeit bergiebt sie dem Eubulos und Triptolemos die ersten Cerealien und unterweist sie im Pflgen und Sen, und zwar in einem doppelten Sinne.[598] Zum Schlu Einsetzung der Mysterien, wobei Dysaules, Eumolpos, Triptolemos die ersten Priester werden. Gegen Ende der Feierlichkeiten wurden zwei thnerne Gefe mit Wein gefllt und das eine nach Osten, das andere nach Westen unter Aussprechen mystischer Formeln ausgegossen. Auch bekrnzten sich die Mysten mit Myrten. Endlich erfolgte der Beschlu, indem der Hierophant die Entlassungsformel sprach. Diese Formel, welche %konx ompax% (+conx ompax+) lautete, hat zu seltsamen Deutungen Veranlassung gegeben. Die griechische Bedeutung und Herkunft der Worte ist nicht nachweisbar. Nicht geringes Aufsehen machte es nun, als Mitte dieses Jahrhunderts der Englnder Wilforce in %konx ompax% die indische Formel wiederzufinden glaubte, womit die _Braminen_ noch jetzt ihre gottesdienstlichen Versammlungen schlieen. Diese lautet: +Canscha-Om-Pacsha+. +Canscha+ bezeichnet den Ort des hchsten Sehnens; +Om+ das heilige Wort, womit die hchste Gottheit, das ewige Wesen, bezeichnet wird; +Pacsha+ heit Wechselung, Wanderung, Reihe, Ordnung, Pflicht. Forscher, wie Muenter, Creuzer (+Symbolik IV. 399+), Schelling, glaubten hiermit sei das Rtsel gelst und zugleich sei damit die Herkunft der Mysterien von Indien besttigt. Dagegen machte Lobeck in seinem hchst gelehrten lateinisch geschriebenen Buche +Aglaophamus sive de theologiae mysticae graecorum causis+, diese Ableitung lcherlich. Obwohl der Versuch Lobecks seinerseits eine rein griechische Entstehung der Worte aus Naturlauten, die das Umkippen der Wasseruhr nachahmen sollen, zu versuchen, mir auch sehr zweifelhaft erscheint, mchte ich doch die Annahme einer indischen Herkunft der fraglichen Entlassungsworte fr ebenso gewagt erachten. Noch gewagter und meines Erachtens in verschiedenen Richtungen noch leichter widerlegbar ist freilich der Versuch du Prels (+die Mystik der alten Griechen S.68-120+), zur Erklrung der Mysterien, wenigstens der _Eleusinischen_, den _Spiritismus_ heranzuziehen. Er nimmt an, da jene geheimen Weihen, die wir eben beschrieben, nichts anderes als spiritistische Sitzungen mit allen dazu gehrigen physikalischen und dmonischen Phnomenen, Materialisationen, usw. gewesen seien. Schon die groe Menge der Beteiligten sollte diese Annahme selbst fr einen von der Mglichkeit derartiger spiritistischer Phnomene berzeugten Occultisten ausschlieen. Eigentlich spiritistische oder diesen analoge hypnotische Manipulationen mgen bei einzelnen der spteren besonderen Geheim-Conventikel syrischen und egyptischen Ursprungs zumal in der Zeit des Verfalls der hellenischen Kultur blich gewesen sein; im Rahmen der staatlich offiziellen Eleusinien erscheinen sie undenkbar. Vielmehr sind die Erscheinungen der eleusinischen Epoptie zweifellos durchweg auf theatralische Vorstellungen ohne jeden Nebengedanken bewuter Tuschung zurckzufhren und insofern den mittelalterlichen kirchlichen Mysterien, deren Reste wir z.B. in den Oberammergauer Passionsspielen vor uns haben, gleich zu stellen. Was gezeigt wurde, war wesentlich dramatische und mimische Symbolik. Vielleicht war dieselbe in der nachklassischen Zeit auch mit belehrenden, die Allegorie direkt erluternden Vortrgen verbunden, fr die vorchristliche Zeit steht nach den grndlichen Untersuchungen +Lobecks a.a.O.+ das Gegenteil fest; damals wurde das Verstndnis des tieferen Sinnes entweder vorausgesetzt oder der privaten Erklrung, etwa durch den Mystagogen d.h. diejenige Person, welche die Einfhrung des Einzelnen in den Geheimkult vermittelte, berlassen. Wir drfen uns freilich keine zu geringschtzige Ansicht ber die Theatertechnik der alten Griechen machen; dieselben verfgten ber auerordentlich sinnreiche Theatermaschinen. (Vgl. die Skene der Hellenen, von Gymnasiallehrer +R. Kuhlenbeck, Gymnasial-Programm, Osnabrck 1875+.) In den Fundamenten des von Perikles erbauten, 20-30000 Menschen fassenden Weihetempels zu Eleusis hat man sogar interessante berreste der Maschinenrume, von denen aus die mystischen Phantasmagorien[599] ins Werk gesetzt worden sind, nachgewiesen. (+S. Wheler, Chandler Reisen in Griechenland, Leipzig 1777.+) Die gewaltige Wirkung sthetisch-sinnlicher Symbolik, die wir ja heutzutage noch an der Eindrucksfhigkeit des katholischen Kultus beobachten knnen, erklrt aber auch gengend den berzeugenden unvergelichen Eindruck der heiligen Handlungen auf die einer sthetischen Entzckung mit allem knstlerischen Raffinement durch eine Reihe von systematisch darauf abzielenden Festlichkeiten immer nher gefhrten Epopten. Vgl. Schillers Marie Stuart: Mortimer: Wie ward mir, Knigin! Als mir der Sulen Pracht und Siegesbogen Entgegenstieg, des Kolosseums Herrlichkeit Den Staunenden umfing, ein hoher Bildnergeist In seine heitre Wunderwelt mich einschlo. Wie wurde mir, als ich ins Innre nun Der Kirchen trat, und die Musik der Himmel Herunterstieg, und der Gestalten Flle Verschwenderisch aus Wand und Decke quoll, _Das Herrlichste und Hchste gegenwrtig, Vor den entzckten Sinnen sich bewegte, Als ich sie selbst nun sah, die Gttlichen, Den Gru des Engels, die Geburt des Herrn, Die heil'ge Mutter, die herabgestieg'ne Dreifaltigkeit, die leuchtende Verklrung_, usw. So wird es uns begreiflich, wenn Pindar[600] singt: Glcklich ist, wer der eleusinischen Wahrheiten Kenner In die Gruft des Todes hinabsteigt. Er kennt den Ausgang des Lebens, Kennt den gottverliehenen Anfang. oder Sophokles: Wie hchstbeglckt gelangen die ins Schattenreich, Die eingeweiht sind. Sie leben dort allein, Den andern ist nur Not und Ungemach bestimmt. oder wenn Isocrates schreibt, da die, welche in die eleusinischen Mysterien eingeweiht sind, beseligende Hoffnungen bezglich des Lebensendes und der ganzen Ewigkeit erlangen; und Cicero: Athen hat zwar manches Vortreffliche geschaffen, aber gewi nichts Besseres, als jene Mysterien, durch die wir aus einer rohen und uncivilisierten Lebensweise zur wahren Bildung gefhrt sind und in die wahren Prinzipien des Lebens eingeweiht, ber das Rtsel des Lebens aufgeklrt werden, soda wir nicht nur mit grerer Freude das Leben zu genieen, sondern auch mit besserer Hoffnung zu sterben gelernt haben. Was war denn nun der wesentliche Inhalt der Lehre, die der Eingeweihte aus den Symbolen und dramatischen Handlungen der eleusinischen Mysterien entnahm? Zunchst allerdings nichts occultistisches, sondern die civilisatorische Bedeutung des Ackerbaues, wie sie Schiller in seinem Gedicht: das eleusinische Fest so unbertrefflich schildert. Ceres, singt Ovid, Ceres zuerst hat Schollen mit hackigem Pfluge gewhlet, Ceres zuerst gab Frchte dem Land' und mildere Nahrung; Ceres gab die Gesetze; durch Ceres Geschenk sind wir Alles! * * * * * Vor allem verehrte man in der Demeter die unerschpfliche ppige ewig jugendliche Naturkraft, die starke, nhrende Mutter der lebenden Wesen; und _dementsprechend trug die Feier vorwiegend den Charakter des freudigen Erntefestes_. Deo, du gttliche _Mutter_ des All's, vielnamiges Wesen, _Jugendernhrerin_ du, Glckspenderin, hehre Demeter, Segenquell', im hrengespro, allgebende Gottheit, Welche der Frieden ergtzt und die Mhsal ihres Berufes; _Dein ist die Saat, dein Garben und Tenn'_, o Gttin des _Fruchtgrns_, Die Du Dir Wohnung erkorst in Eleusis heiligen Hallen! _Anmutsvoll, liebreizend, der Menschen Ernhrerin allwrts_; Welche zuerst zum Pflgen gebeugt den Nacken des Stieres, _Und dem Sterblichen gab den lieblichen Segen der Nahrung_; Wuchernder Blte, Genossin des Bromios, glnzender Ehre Fackel umstrahlt, urrein, die im Sommer sich freute der Sichel, Jetzt in der Tief', aufsteigend anjetzt, jetzt jeglichem milde, _Kinderbeglckt, den Jnglingen hold, du Nhrerin, Mnnin_, Welche mit Drachengebi den rollenden Wagen bespannt hat, Und in kreisendem Lauf um den eigenen Thron froh jauchzet! Eingeburt, _an Sprlingen reich_, voll waltender Obmacht, In der Gestalten Gedrng' hehrblhender, buntes Geblmes, Selige, komm, urreine, _beladen mit Frchten der Ernte_; Frieden bringe zurck und des Rechtes gefllige Satzung, _berstrmende Fll' und knigliche Gesundheit_.[601] Soweit geht die Lehre auf vollste Lebensbejahung, auf einen genureichen Optimismus. Aber dem Herbste folgt der Winter, dem Leben der Tod. Und so hat das Erntefest auch seine Kehrseite. Hier nun setzt der Mythus vom Raub der Persephone ein, und damit zugleich der tiefere occultistische Kern der Geheimlehre. Die Vegetation der Erde verfllt dem Tode; allein gleichzeitig ist die Hoffnung auf ihre _Wiederkehr_ im Kreislauf des Jahres, die Hoffnung auf das neue Erwachen im Frhling begrndet. Die Saat wird in die Erde gesenkt, aber nur um aus scheinbarer Verwesung aufs Neue zu erblhen. So entnimmt der Mensch fr sich selber aus der Natur die Hoffnung der eigenen Unsterblichkeit, der Wiederkehr zum Leben. Aus dem einfachen Erntefeste wird so eine Feier der Unsterblichkeit. In welcher Weise man sich diese Unsterblichkeit denken wollte, das wurde in der klassischen Zeit dem einzelnen berlassen. Vgl. +Preller, Demeter und Persephone, S.233+. Man zog nach dem uralten Symbol des Saatkorns auch andere Natur-Analogien z.B. die der Raupe, aus deren Puppe der Schmetterling des nchsten Jahres entsteht, herbei, und nachweislich ist ja die reizende Sage von Eros und Psyche ebenfalls ein Zubehr des eleusinischen Dichtungskreises. Spter nahm man zumeist das irdische Dasein selber fr das niedere, aus dem der Tod fr die Eingeweihten wenigstens den Aufgang zu einem besseren himmlischen Dasein erffnet. Was der Mythus Unterwelt nennt, schreibt +W. Menzel a.a.O. S.29+, ist unsere sichtbare mit Menschen und anderen Geschpfen erfllte Oberwelt und als untere nur deshalb bezeichnet, weil die himmlische Welt ber ihr liegt. Das in die Erde begrabene Saatkorn, welches wieder zum Licht emporgrnt, ist nur ein Sinnbild der aus dem Himmel ins irdische Dasein gefallenen, aber wieder zu ihm zurckkehrenden Seele. Persephone wird damit eine Personifikation der Menschheit, die vom Himmel herabsank. Demeter wird die _himmlische_ Mutter, welche ber ihre in unsere irdische Natur verbannten Kinder wacht, ganz wie die deutsche Gttin Bertha ber ihre Heimchen. Wie sich der dionysische Geheimdienst (durch Jakchos) allmhlich mit der eleusinischen, ursprnglich rein cerealischen Feier verquickt, so wird auch Ceres, Demeter eine Gottheit mit doppeltem Charakter, wie Dionys, eine Gottheit der Erniedrigung und Erhhung. Es giebt einen Aufgang und Niedergang der Geister, und ber diesem waltet die Allmutter, Demeter und die Knigin der Geister, die Manenknigin Persephone. Ob man sich nach dem Tode wieder zu weiterem Niedergang oder zum Aufgang wendet, das hngt von der Erkenntnis ab, vom Wiedererinnern des gttlichen Ursprungs, aus dem Neugierde zum Fall und Vergessenheit fhrte (Eros und Psyche). Diese Erkenntnis verschafft die Weihe. Nur die in den Mysterien Eingeweihten, die durch Reinigungen und Belehrungen sich der Erreichung hherer Erkenntnisstufen wrdig gemacht haben, erfreuen sich schon in diesem Leben aller Vorteile der Gesetzlichkeit und Civilisation, und werden die Einzigen sein, denen die Unsterblichkeit und die ewigen Freuden im Himmel zu teil werden; ihnen allein strahlt Sonnenglanz und Lichtes Helle. * * * * * +Creuzer, Symbolik IV 21+ giebt folgende _spekulative_ Analyse des Inhalts der eleusinischen Lehre auf Grund der Theologumenen des Nicomachus: Die Pythagorer haben die Zweiheit (Dyas) auch Demetra und Eleusinia genannt. -- Darum ist sie die heilige Zahl der _Ehe_ und heit auch Mutter und Amme (Maria). Nach Plotinos ist die Seele eine Zahl, hervorgetreten und abgefallen aus dem Einen. Warum, fragt er, ist das Eins nicht in sich geblieben, und warum das Viele daraus hervorgeflossen? -- Die Weltseele ist schon ein Abfall aus der Einheit, die Menschenseele wird gar, durch eine Trunkenheit schwindelnd gemacht, herabgezogen in den Leib, Ceres (Demeter) aber ist die Erdseele, und heit bestimmt Dyas. Die Dyas ist die Mutter der Zahl und heit weiblich, und als solche +alma mater+, Nhrmutter. Insofern aber das weibliche Prinzip nicht auer, sondern noch in der Einheit ist, ist es die Kraft in Zeus (%aret%); es ist Hecate (Kore), die das Jungfruliche nicht lassen will, Artemis die reine Jungfrau, Minerva in Jupiters Haupt. Das sind die drei Jungfrauen der alten Mysterien. Aber wenn Kore sich mit Zeus und Pluto begattet, so heit das nach Eleusinischer Lehre: Die Kore ist _Lebensquell im Weltall_. Sie webt; ihr Gewebe ist die Schpfung beseelter Wesen. Aber Minerva ist auch ganz in ihr. Minerva ist in ihr %philosophos philopolemos%, Krieg- und Weisheit liebende, und sie in der Minerva. Kore ist aber auch die Kraft, die von der Demeter _nach unten_ wirkt, die _zeugende Seele_; als Jungfruliche aber in der Hhe die Zurckfhrerin der Seelen _nach oben_. Nun werden wir wohl von selbst die verschiedenen Namen der Dyas bei den Pythagorern (offenbar Orphische Lehre und zugleich Lehre der Eleusinien) verstehen, welche nichts als mythische Ausdrcke fr theologische sind: %h mythoplastia theologei%, sagt Nicomachus. Diese Namengebung ist aber nicht blindlings ersonnen, sondern sie hat sich an _Tradition_ und _alte Lehre_ gehalten. Wir wissen jetzt den _Grund_, warum die Dyas _Demeter_ hie und _Eleusinia_. _Das war die Weltmutter, die einst den bunten Becher der geteilten Natur ausgeleert hatte; Isis, die ihrem Sohne Horus den Naturbecher reicht. Es war die Erdseele, die Materie, die Weberin materieller Leiber; die Nhrmutter, die das Samenkorn und mit ihm geteilten Besitz und Hader und Tod gebracht. Die Toten sind Demetrier._ Die obere Kore fhrt sie wieder aus dem Vielen durch das Zwei in das Eine zurck. Das Widerstreben des sich in der bunten Welt gestaltenden Menschengeistes stellt die Eleusinische Lehre in Bildern dar. Es bedarf Kmpfe und Reinigungen: Das ist der Kampf und Krieg von Eleusis, und darum nannte, von der Haderstadt Eleusis, der Pythagorer die Zweiheit und Zwietracht Demeter und Eleusine. 2. Die Thesmophorien. Zu den cerealischen Mysterien gehrten auch die Thesmophorien. Die Feier derselben verdient sowohl ihres eigentmlichen Charakters wegen, der sie vor den Eleusinien auszeichnet, -- es handelt sich nmlich um ein _ausschlielich von Frauen begangenes Fest_--, als auch deshalb noch besonders dargestellt zu werden, weil in ihr eine von den blo agrarischen und auf das Jenseits bezglichen Symbolen sehr verschiedene, sozusagen soziale Beziehung des Demeterkultus zu Tage tritt. Sie bietet interessante kulturgeschichtliche Momente. Der Beiname Thesmophoros, d.h. _Gesetzgeberin_[602], kennzeichnet die Demeter als Stifterin des Gesetzes. %Thesmoi%, Satzungen, heien die ltesten Gesetze, z.B. die des Draco. In den Thesmophorien wird der Ackerbau als das _fruchtbarste Prinzip der Humanitt_, als Anfang allseitiger Veredelung, als Grenze zwischen dem unstten Nomadenleben und zwischen dem auf feste Wohnsitze gegrndeten _geordneten Familien- und Staatsleben_ gefeiert. Die Gedanken, welchen Schiller in seiner Ballade: _Das Eleusische Fest_ eine so klassische poetische Einkleidung gegeben hat, bilden eigentlich weniger den Hintergrund der eigentlichen Eleusinien, als vielmehr der Thesmophorien. Da der Mensch zum Menschen werde, Stift er einen ew'gen Bund, Glubig mit der frommen Erde, Seinem mtterlichen Grund, Ehre das Gesetz der Zeiten Und der Monde heil'gen Gang, Welche still gemessen schreiten Im melodischen Gesang. Freiheit liebt das Tier der Wste, Frei im ther herrscht der Gott, Ihrer Brust gewalt'ge Lste Zhmet das Naturgebot; Doch der Mensch in ihrer Mitte Soll sich an den Menschen reihn, Und allein durch seine Sitte Kann er frei und mchtig sein. Als wichtigste Satzung aber, als Fundament des geordneten Familienlebens und des Staates galt auch den Griechen die _Ehe_. Darum ist es vor allem die Ehe und alles, was mit dieser zusammenhngt, was den Gegenstand der Thesmophorien bildet. Man kann sie als das _Mysterium der Ehe_ bezeichnen. Die rechtmige, gesetzliche Ehe, schreibt W. Menzel, a.a.O. S.19, verhielt sich zur wilden Ehe oder zum Concubinat, wie die geregelt auf dem Acker stehende goldne Saat zum wilden Unkraut der Steppe und des Waldes. Die edlere Gesittung, die aus der ehelichen Pflicht erwchst, wurde so hoch angeschlagen, als sie es verdient, und lange, bevor Schiller sang: Ehret die Frauen! wurden sie in Hellas auf die wrdigste Weise verehrt. Dabei vergit freilich W. Menzel zu bemerken, da die _natrlich-geschlechtliche_ Basis der Ehe in den Thesmophorien in einer so unzweideutigen Weise hervorgekehrt und in den Vordergrund gestellt wurde, wie es unserer germanischen _christlich gesitteten_ Anschauung fast unbegreiflich erscheinen mu. Willst du genau erfahren, was sich ziemt, So frage nur bei edlen Frauen an! sagt zwar Goethe. Einige Einzelheiten der Thesmophorien mssen uns aber bezweifeln lassen, ob dieses Dichterwort auch schon fr die edlen Frauen des Altertums Geltung beanspruchen darf; -- jedenfalls werden etwaige Leserinnen, denen brigens geraten werden darf, diesen Abschnitt ber die Thesmophorien zu berschlagen, falls sie ihn dennoch lesen, stellenweise Veranlassung haben, ber den Mangel an Dezenz bei den althellenischen Frauen sich zu entrsten. Wenn ich selbst keinen Anstand nehme, auch ber diese grobsinnlichen Natrlichkeiten der Thesmophorien Bericht zu erstatten, so bedarf ich wohl bei dem vorwiegend kulturgeschichtlichen Standpunkte meiner Arbeit keiner Entschuldigung. Es ist von nicht geringem Interesse, den gewaltigen Fortschritt zu konstatieren, den die christliche Religion und daneben vor allem der _bessere Volkstypus der Germanen_, der fr die christliche Religion erst den angemessenen Boden bot, fr die Erziehung und Wrde des Weibes bezeichnet. In unserer dem Christentum leider nicht eben sehr gnstig gesinnten Zeit kann eine getreue Schilderung der Thesmophorien als Warnungszeichen gelten dafr, wie weit eine rein _naturalistische_ Weltanschauung, -- eine solche war ja diejenige des heidnischen Altertums im vollsten Sinne, -- selbst dann, wenn sie die _Heiligkeit_ der Ehe feiern will, das Weib erniedrigte. Die Thesmophorien waren eine uralte Feier; ihre Stiftung war in mythisches Dunkel gehllt, nach Herodot (+II, 171+) ist sie noch vor diejenige der Eleusinien, mindestens 1568 Jahre vor Christi Geburt zurckzudatieren. Auch ber die Weihen der Demeter, die bei den Hellenen Thesmophoria oder Gesetzgebung heien, schreibt Herodot, auch darber halte ich reinen Mund, ohne was zu sagen davon erlaubt ist. _Die Tchter des Danaos brachten dieselben aus Egypten mit und lehrten sie den pelasgischen Weibern._ Die Thesmophorien waren ein Saatfest; sie fielen in den Monat Pyanepsion, nach dem herbstlichen quinoktium, in dem der Acker neugepflgt und das Winterkorn gest wurde. Das Pflgen und Sen hatte bei den alten Hellenen von jeher die Nebenbedeutung der geschlechtlichen Vereinigung. So sagt Kreon in der Antigone des Sophokles unter Anspielung auf diese Zweideutigkeit zum Hmon: Noch andre Fluren giebt es, die du pflgen kannst. Und Demeter galt daher ganz besonders auch als die Gttin dieses Schlu-Mysteriums der Liebe, in weit bevorzugterem Sinne, als selbst Afrodite, die in ihrer hellenischen Idealisierung viel mehr eine Gttin der Schnheit und des Liebreizes, als der bloen Fortpflanzung ist. Darum unterweist sie selber nach dem Mythos ihre Schtzlinge, den Celeus, den Jasion oder Triptolemos nicht nur im Pflgen und Sen in rein agronomischer, sondern auch in dieser _bertragenen_ Bedeutung, wie es Goethe in der 12. seiner rmischen Elegieen mit folgenden Versen beschreibt: Ungeduldig und bang harrte der Lehrling auf Licht. Erst nach mancherlei Proben und Prfungen ward ihm enthllet, Was der geheiligte Kreis seltsam in Bildern verbarg. Und was war das Geheimnis? als da Demeter, die Groe, Sich gefllig einmal auch einem Helden bequemt, Als sie dem Jasion einst, dem rstigen Knig der Kreter, Ihres unsterblichen Leibs holdes Verborgne gegnnt. Da war Kreta beglckt! Das Hochzeitsbette der Gttin Schwoll von hren; und reich drckte den Acker die Saat. Um dieses Geheimnis nun drehte sich das ganze Thun und Treiben des Frauenfestes der Herbstsaat, allerdings mit der Einschrnkung, da zugleich die gesetzlich geheiligte _eheliche_ Form derselben gefeiert, die ungesetzliche aber verpnt wurde.[603] So soll nach Clemens (+Alex. Strom. IV. p.619+) die athenische Priesterin Theano, gefragt: wie viel Tage eine Frau, die ihrem Manne beigewohnt habe, warten msse, ehe sie dem Fest der Thesmophorien vorstehen drfe, geantwortet haben: keinen. Als man sie aber frug, an welchem Tage sie dem Feste beiwohnen drfe, nachdem sie einen andern Mann umarmt htte, antwortete sie: niemals. Mit dieser Anekdote ist freilich der sicher beglaubigte Umstand nicht gut zu vereinigen, da zur Vorbereitung des Festes (+paraskeve+) vorerst neuntgige Enthaltung von geschlechtlichem Verkehr berhaupt gehrt hat. So schreibt z.B. +Ovid. Metam. X. 430ff.+: Demeters Jahresfest begehen die Matronen, Den Leib in weien Kleidern eingehllt, Und opfern Erstlingsfrchte von der Ernte, Den hrenkranz im wohlgepflegten Haar, Neun Nchte lang nun achten sie's fr Snde, Dem Manne sich in Liebe zu vereinen. Creuzer (+Symbolik IV. 374+) findet darin eine Anspielung auf die neuntgige Ungewiheit und Trauer der Ceres ber das Verschwinden der Persephone. Ein eigenartiges Licht auf die natrliche Sinnlichkeit der griechischen Frau wirft nun dabei die Nachricht, da die Frauen sich diese Enthaltsamkeit erleichterten, indem sie auf allerlei Krutern saen und ruhten, denen besondere Krfte zur Abstumpfung des Geschlechtstriebes zugeschrieben wurden. Unter andern zhlte man dazu das %kneron%, aus der Gattung +Daphne+, den %lygos%, eine Weidenart (+agnus castus+, Keuschlamm), %konyza% oder %knyza% (+erigeron graveolens+). In Milet war die Fichte der Demeter heilig und wurden deren Zweige zu demselben Gebrauche verwandt. (+Vgl. Preller, Demeter und Persephone S.345 Nr.36.+) Den Genu der Granate muten die Frauen in dieser Vorbereitungszeit meiden, da derselben eine entgegengesetzte Wirkung beigelegt wurde, weshalb sie gerade umgekehrt als Symbol bei der Hochzeit ihre Rolle spielte und gemeinsam von den Neuverehelichten genossen wurde. Als Persephone in der Unterwelt von der Granate gekostet hat, verliert sie die Mglichkeit der freiwilligen Rckkehr: Nach dem Apfel greift sie, und es bindet Ewig sie des Orkus Pflicht. (Schiller.) Seltsamerweise aber bucken sie in derselben Zeit Festkuchen aus feinem Weizenmehl, Sesam und Honig, sog. %mylloi%, die eine sehr _obscne_ Form hatten, nmlich teils die mnnliche des +Phallus+, teils die des weiblichen Organs. Vgl. +Athenaeus XIV. 647+. Nach +Delaur, Des divinits generatrices p.226+ hat diese Sitte sich in einigen Gegenden Frankreichs erhalten: +Dans plusieurs parties de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus. On en trouve de cette forme dans le ci-devans Bas-Limousin et notamment Brires. Quelque fois ces pains on miches out les formes du sexe feminin; tels sont ceux que l'on fabrique Clermont en Auvergne et ailleurs.+ Nheres bei +Lobeck, Aglaophamus p.1067ff.+ +Bryerinus Campagius (de re cibar. VII. 7. 402. 1560)+ rgt, da sich diese Unsitte auch in den christlichen Zeiten noch erhalten hat, +adeo degeneravere boni mores, ut etiam Christianis obscoena et pudenda in cibis placeant; sunt enim quos _cunnos saccharatos_ appellent+. Das eigentliche Fest, zu dem man sich so vorbereitete, dauerte fnf[604], oder nach Wellauer (+De Thesmophor.+) drei Tage. Wie bereits gesagt, nahmen nur Frauen an der Feier teil, _kein Mann durfte nahen, bei strenger Strafe_. Am ersten Festtage, dem 9. Pyanepsion (Oktober?) zogen die Frauen in zwanglosen einzelnen Zgen nach Halimus. Dieser Ort lag am Strande des Meeres. Vermutlich nahmen sie hier zum Zwecke der Reinigung und Entshnung Bder und Waschungen im Meere vor.[605] Der Tag hie %stniai% (Sthenien) angeblich wegen der Neckereien und Scherze, welche die einzelnen sich begegnenden Zge miteinander ausbten. Vermutlich sangen sie keineswegs immer sehr anstndige Lieder, die sogar mit allerlei unanstndigen Geberden illustriert wurden. Man versammelte sich vor und in dem uralten Tempel der Gttin, wo dann eine nchtliche Orgie gefeiert wurde. Einiges Licht auf die Art der Feier in Halimus wirft ein erst im Jahre 1870 entdecktes Scholion zu +Lucian, Dial. meretr. II. 1 (Rohde, Rhein. Museum N. F.25)+. Die Frauen versenkten neben den Backwerken der vorhin geschilderten Gestalt lebende Ferkel in eine Grube. Angeblich geschah letzteres zur Erinnerung daran, da Eubulos an der Stelle, wo Pluto die Proserpina zur Unterwelt entfhrte, gerade eine Schweineheerde htete und da diese in den sich ffnenden Erdschlund mit hinabgerissen wurde. Das Ferkel hat aber im Griechischen auch noch eine andere den bildlichen Darstellungen der genannten Backwerke durchaus kongruente Nebenbedeutung, wie aus des Aristophanes +Acharnern V. 755-785+ deutlich erhellt. Darum wurde es mit Vorliebe der Demeter geopfert. Es ist ein Sinnbild der Fruchtbarkeit. Die Orgie in Halimus zeichnete sich durch groe Ausgelassenheit aus. Man denke sich die Frauen Athens, in der brigen Zeit des Jahres meist in ihrer Huslichkeit eingeschlossen, jetzt pltzlich fr einige Tage vllig der strengen Obhut entledigt und unter sich beim Opfermahl schwelgend, wobei fast aller Witz sich um den einen, durch eine neuntgige Enthaltsamkeit nur um so mehr erregten, Gedanken des Festes drehte. Besonders wird allseitig berichtet, da die Handlung der Baubo, durch welche diese die Ceres zuerst in ihrer Trauer erheiterte, von den Weibern mit Vorliebe bei dieser Gelegenheit nachgeahmt wurde. Da dies auch bei dem Jakchoszuge der Eleusinien vorkam, wurde schon oben erwhnt. Hier, wo nur Frauen unter sich waren, geschah es in weit rckhaltloserer Weise. Genaueres darber hat der Philologe Lobeck in seinem klassischen leider lateinisch geschriebenen Werke +Aglaophamus II. e.6+ zusammengestellt. Das deutlichste Licht darauf werfen einige Kirchenvter, die gerade diese schamlose Seite altheidnischer Feste in geschicktester Weise zum Angriffspunkte gegen den Paganismus benutzt haben. Ich citiere den Arnobius, ohne mich jedoch aus begreiflichen Grnden zu einer bersetzung der von jeder modernen Prderie allzuweit entfernten Stelle zu bequemen: +Baubo accipit hospitio Cererem; sitienti ad ores oggerit potionem cinnum; aversatur et respuit dea. -- Tum vertit Baubo artes et quam serio non quibat (poterat) allicere, ludibriorum statuit exhilarare miraculis; _partem illam corporis, per quam sexus femineum sobolem solet prodere, facit in speciem laevigari (levigari) nondum duri atque striculi pusionis, redit ad deam tristem et retegit se ipsam_, Sic effata sinu vestem contraxit ab imo _Objecitque oculis formatas inguinibus res, Quas cava succutiens Baubo manu_, nam puerilis Ollis vultus erat, plaudit, _contrectat amice_. Tum Dea defigens augusti luminis orbes, Tristitias animi paulum mollita reponit; Inde manu poculum sumit, risuque sequenti Producit totum cyceonis laeta liquorem.+ Etwas anders heit es in den angeblichen Versen des Orpheus: %hos eipousa peplous anesyrato, deixe te panta smatos oude preponta typon. pais d'en Iakchos cheiri te min rhiptaske geln Baubous hypo kolpois. h d'epei eidse thea, meids' eni thym dexato d'aiolon angos, en h kyken enekeito.% Auch belustigte man sich mit Tnzen, ber deren Charakter schon die Benennung derselben nicht den mindesten Zweifel gestattet. Einer dieser Tnze hie %knismos% (Reiz und Lsternheit), ein anderer %oklasma% (Niederkauern und Spreizen der Beine). Man spielte das %chalkidikon digma% (Greifspiel). Vor allem wurden auch Scenen aus der heiligen Geschichte der Demeter, der Raub der Kore, die Scenen mit Eubulos usw. mimisch aufgefhrt. Am folgenden Tag begab man sich in feierlicher Prozession zur Stadt zurck. Hierbei trugen ausgewhlte Frauen die Satzungen der Demeter, welche sich auf das eheliche Mysterium bezogen, Schriftrollen in Kapseln auf den Kpfen. Unter anderen Bildern und Symbolen, Phallus usw., trug man dabei ein Kolossalbild der %kteis%[606] (+kteis+) voran, welches nichts anderes war als eine keineswegs blo symbolische, sondern uerst naturalistische Abbildung des holden Geheimnisses der Ceres, der weiblichen Scham. Creuzer bemerkt (+Symbolik IV+) zu diesen Schamlosigkeiten: Man darf die naive Freiheit dieser Gebruche nicht mit unserem Mastabe des Schicklichen messen. Am folgenden Festtage schlug die Ausgelassenheit in hchste Andacht um; man nannte ihn %Nsteia% von dem strengen Fasten, das an diesem Tage bis zum Eintritt der Nacht gewahrt wurde. In der Nacht begann dann wieder der Orgiasmus, Chorgesnge und Reigen unter Fackelbeleuchtung. Der dritte Tag hie %kalligeneia% (+Calligeneia+) vielleicht wegen der von Demeter erflehten Geburt schner Kinder. Die ganze Gruppe der von den Thesmophoriazusen gefeierten Gottheiten nennt Aristophanes in seiner gleichnamigen Komdie: Demeter und Kore, beide unter dem Epithet Thesmophoros, Plutos, Kalligeneia, Ge Kurotrophos, Hermes und die Chariten. Daraus kann man auf den Inhalt der Gebete schlieen, um Segen der Flur und des Ackers, besonders aber der Kindererzeugung und Geburt. Dahin gehrt auch die Kalligeneia. Sie wird als Tochter oder Dienerin der Demeter oder sonst erklrt, ist aber wohl weiter nichts, als die Demeter selbst in einer besonderen Beziehung, als die Mutter des schnen Kindes nmlich, der lieblichen Kore, darum vornehmlich von den Frauen gerufen, welche ihren Geburten gleiche Anmut wnschen.[607] Von den Chorgesngen der Frauen hat uns mglicherweise Aristophanes in jenem Stcke einige mehr oder weniger echte Beispiele berliefert. Vor dem Thesmophorentempel singt die Heroldin (6. Scene): Still schweigt in Andacht! Still schweigt in Andacht! Der Thesmophoren Gtterpaar Fleht an, Demeter und die Tochter, Auch Plutos und Kalligeneia, Und die Jugendnhrerin Erde, Den Hermes und die Chariten, Da sie diese Versammlung und die Gemeine dahier Schn und herrlich machen, Wohlersprielich der Stadt der Athener, Und segensreich uns Frauen, Und da Jene den Sieg gewinne, Die mit Rat und That das Beste schafft Fr das Volk der Athener Und fr das Volk der Frauen! Solches erfleht und was uns selber frommt! Heil ber uns! Heil ber uns! Derselbe Komiker schildert uns in drastischer Weise, wie die Entdeckung gemacht wird, da Mnesilochus, ein Freund des Weiberfeindes Euripides, ber den die Frauen bei seiner Thesmophorienfeier zu Gericht sitzen, sich in Weibertracht eingeschlichen hat, und kennzeichnet diese That als ein Beispiel trotzatmenden Hohns, unheiligen Thuns, ungttlichen Sinns. -- Das Schluopfer des Festes hie %zmia%, nach Wellauers Vermutung, weil es zur Shne etwaiger Vergehungen whrend der Feier dargebracht ward. III. Die samothrakischen Mysterien. Auer den eleusinischen waren die samothrakischen Mysterien in Griechenland am berhmtesten. Sie werden als Orgien der Kabiren zuerst von Herodot erwhnt; zu besonderem Ansehen gelangten sie erst im dritten und vierten Jahrhundert, wo PhilippII. von Makedonien und Olympias sich aufnehmen lieen. Freilich standen sie bei vielen Hellenen als Mysterien halbbarbarischen Ursprungs nicht im besten Rufe, und Demosthenes macht es in seiner Rede fr die Krone seinem makedonisch gesinnten Gegner Aeschines zum Vorwurf, Orpheotelest oder Orphiker, -- so nannte man jene samothrakischen Mysten, in deren Geheimlehre die sagenhafte Gestalt des Sngers Orpheus eine Hauptrolle spielt, -- gewesen zu sein. Als du zum Manne herangewachsen warest, so redet Demosthenes den Aeschines an, lasest du deiner Mutter bei ihren Weihungen die (orphischen) Bcher vor, und halfest ihr auch bei den brigen Einrichtungen, indem du zur Nachtzeit die Nebris (das Hirschfell) umhingst, ihnen aus dem Mischkrug einschenktest, sie mit Thon und Kleie beschmierend shntest, und ihnen dann nach der Reinigung gebotest aufzustehen und zu sagen: 'Ich entrann dem bel und fand das Bessere;' -- bei Tage aber die schnen, mit Krnzen von Fenchel und Weipappel geschmckten Festzge durch die Straen fhrtest und die dickbackigen Schlangen drcktest und ber dem Kopfe schwenktest, +Evoe Saboi!+ rufend und dazu tanzend: +Hyes Attes, Attes Hyes!+; von den alten Weibern als Vorsteher und Anfhrer und Kistostrger begrt, und mit Kuchen, Bretzeln und Semmelbrod dafr belohnt. Im wesentlichen waren diese Mysterien offenbar eine Todesfeier des Dionysios; seine Zerreiung durch die Titanen, sein Tod und seine Bestattung, und seine Wiederauferweckung als nunmehrigen Beherrschers der Unterwelt und Totenrichters wurde mimisch dargestellt. Sie zerfielen daher hnlich wie die eleusinischen in zwei Teile, in den ernsten und dsteren Nachtdienst und den lustigen heiteren Tagdienst. Der erstere endete, da eine Leichenfeier nach orientalischen Begriffen verunreinigt, mit Shnungen und Reinigungen durch Gebete und Waschungen, und hierbei wurden jene Worte gesprochen, die Demosthenes erwhnt: Ich entrann dem bel und fand das Bessere. Der Tagdienst versinnlichte die Hoffnungen einer knftigen Seligkeit, die man ausdrcklich als das glckliche Loos der Eingeweihten betrachtete. Als geheiligte Dionysosdiener (Bacchen) begaben sie sich in Festzgen zu den Tempeln, um Dankopfer darzubringen; mit Weipappel und Fenchel bekrnzt, whrend die begleitende Menge Nartheken- und Kistoszweige in den Hnden trug (der Kistos, +cistus+, war ein Strauch mit rosenfarbigen Blten), unter den Jubelrufen: +Hyes Attes+ usw.: Er lebt der Vermite, der Vermite lebt! Die Orphiker waren, wie alle anderen Mysten zur strengen Geheimhaltung der mit ihrem mystischen Kultus verknpften Lehre verbunden. Da nmlich ein bestimmter Ideenkreis mit dem samothrakischen Weihedienst verbunden war, berichtet schon +Herodot II. 51+. Wer in die samothrakischen Mysterien eingeweiht ist, wei, was ich meine, ist freilich alles, was er sagt. Offenbar war er selber in sie eingeweiht und scheute sich deshalb etwas Nheres mitzuteilen. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber ist diese Lehre in dem als _heilige Sage_ bezeichneten Gedichte niedergelegt, das man in der alexandrinischen Periode allgemein dem Pythagoras als Verfasser zuschob; die Pythagorer jener Zeit waren smtlich Orphiker. Man wird sich dieses Gedicht bei der feierlichen Aufnahme in den Kreis der Mysten gesprochen zu denken haben: Jnglinge, horcht ehrfrchtig und still auf Alles. Ich will jetzt Zu den Geweiheten reden. Profanen schlieet die Thren, Allen zumal. Du Sprling des leuchtenden Monds und der Musen Sohn, Du hre. Denn _Wahres_ verknd' ich, damit nicht des Busens Frher gehegter _Wahn_ Dein liebes Leben verblende. Trachte nach gttlicher _Einsicht_ vielmehr, sie fa in das Auge, Lenke nach ihr das verstndige Herz, und wandel' auf ihrem Pfad recht, einzig den Blick auf den Herrscher des Weltalls gerichtet. Einer Er, sein selbst Grund. Von dem Einen stammt alles Geschaffne. Darin tritt Er hervor; denn Ihn selbst ist der Sterblichen Keiner Anzuschauen im Stande, obgleich sie Smmtliche Er schaut. Er ist's, der aus Gutem den Sterblichen bles verhnget: Schauder erregenden Krieg und beweinenswrdige Trbsal; Auch ist kein Anderer ja noch auer dem groen Beherrscher. Aber Ihn kann ich nicht schau'n; denn in Dunkel ist er gehllet, Und wir Sterblichen haben nur blde sterbliche Augen, Zu schwach ihn zu erblicken, den Gott, der Alles regieret. Denn auf das eh'rne Gewlbe des Himmels hat er errichtet Seinen goldenen Thron, die Erde liegt ihm zu Fen, Und bis fern zu den Grenzen des Oceans hlt er die Rechte Allhin ausgestreckt; vor ihr erbeben die hohen Berg' und die Strm' und die Tiefen des blulichen dunkelen Meeres. O Du Herrscher des Meers und des Landes, des thers und Abgrunds, Der Du den festen Olymp mit Deinem Donner erschtterst, Du, vor welchem die Geister erschauern, die Gtter erzittern, Dem die Geschicke gehorchen, so unerweichlich sie sonst sind, Ewiger Vater der Mutter Natur, de Willen sich Alles Beugt, der die Winde bewegt, den Himmel mit Wolken verhllet, De Blitzstrahlen der ther sich theilt, -- Dein ist der Gestirne Ordnung, sie laufen nach Deinen unwandelbaren Geheien, Dein ist der junge Lenz, der von purpurnen Blumen erglnzet, Dein ist des Winters Sturm, der Schneegestber heranfhrt, Dein ist der bacchisch jubelnde Herbst, der Frchte vertheilet. Ew'ges unsterbliches Wesen, nennbar Unsterblichen einzig, Komm, mit dem mchtigen Schicksal vereint, o erhabenste Gottheit, Furchtbar und unbezwinglich und ewig, in ther gehllt, und Gnad' uns, gepriesene Zahl, die du Gtter und Menschen erzeuget, Heil'ge Vierfaltigkeit Du, die der ewig strmenden Schpfung Wrze enthlt und Quell! Denn es gehet die heilige Urzahl[608] Aus von der Einheit[609] Tiefen, der unvermischten, bis da sie Kommt zu der heiligen Vier[610]; die gebiehrt dann die Mutter des Alls[611], die Alles aufnehmende, Alles umgrnzende, erstgebor'ne, Nie ablenkende, nimmer ermdende, heilige Zehn, die Schlsselhalt'rin des Alls, die der Urzahl[612] gleichet in Allem. Aber Du, sume nicht zgernd, Du Sterblicher, wechselnd gesinnter, Sondern zur Umkehr lenkend mach' huldvoll geneigt Dir die Gottheit. Ehre zuerst die unsterblichen Gtter, so wie es die Sitte Lehrt; hoch halte den Eid, und dann die erlauchten Heroen. Leist' auch die bruchlichen Pflichten den unterird'schen Dmonen! Ehre die Eltern sodann, und die Dir am nchsten verwandt sind, Und vor den Andern erwhle zum Freund, wer an Tugend hervorragt. Werde dem Freund nicht Feind um keine Fehler, so lang Du Irgend nur kannst; wohnt Knnen und Mssen doch nah bei einander. Dies nun halte Du so. Zu beherrschen gewhne Dich aber Dieses: vor allem den Bauch, dann den Schlaf und die Wollust und dann den Zorn. Unsittliches sollst Du mit Anderen weder verben, Noch auch allein; denn es ziemt Dir am meisten Scham vor Dir selber. Ferner Gerechtigkeit lern' in Werken und Worten zu ben, Und bei Nichts Dich im Leben mit Unvernunft zu betragen! Sondern erwge, da blos der Tod uns allen gewi ist, Da man den ird'schen Besitz bald aber gewinnt, bald verlieret. Drum, was des Himmels Geschick an Schmerzen den Sterblichen bringet, Wenn Du Dein Theil empfngst, so trag es und murre nicht, sondern Suche zu heilen, so viel Du vermagst, und denke, da dessen Doch nicht allzuviel aufbrdet das Schicksal den Guten. Vielerlei ist das Gerede, bald gut und bald schlecht, das die Menschen Trifft: Drum lasse Du's weder Dich jemals erschrecken, noch jemals Gar am Handeln verhindern; und sagt man Lgen, so trags mit Gleichmuth. Was ich Dir aber jetzt sage, das thue vor Allem: Niemand mit Wort und mit That bewege Dich je, da Du Etwas Thust oder sagst, was Du selber nicht als das Bessere billigst! Vor der That berlege, da es nichts Thrichtes werde, Sondern Du nur vollfhrst, was nicht nachher Dich gereu'n wird. Trpfe nur sagen und thun, was Unvernunft fr einen Mann ist. Was Du nicht recht verstehst, unternimm nicht, sondern wo's Noth ist, La Dich belehren! So wird das Leben Dir heiter und leicht sein. Auch die Gesundheit des Krpers ist werth, da Du nicht sie miachtest, Sondern in Speis' und in Trank und in leiblichen bungen halte Ma; und das richtige Ma hei' ich was nie Dich erschpfet. Sauberkeit liebend auch sei, doch fern von ppigkeit Deine Lebensweise; vermeide dabei, was Neid Dir erreget. Keinen unpassenden Aufwand, wie der, dem feinrer Geschmack fehlt! Sei aber auch nicht knickrig! Denn Ma ist in Allem das Beste. Handle nur so, da Du selbst nicht Dir schadest, und denke zuvor nach. Niemals lasse den Schlaf auf die zarten Augen Dir sinken, Eh' von den Werken des Tags dreimal Du jedes gemustert: Wo ward gefehlt? Was gethan? Ward keine Pflicht unterlassen? So anfangend vom Ersten geh' Alles durch, und wofern Du Schlechtes gethan, so erschrick! Wenn aber Gutes, so freu' Dich! Dem weih' Mh', dem Sorgfalt und Flei, de pflege mit Liebe! Dies ist's, was auf die Fhrte der gttlichen Tugend Dich bringt, bei Dem, der unserem Geist die Vielfaltigkeit lehrte, den Quell der Ewig strmenden Schpfung. Geh' nur getrost an das Werk, und Bitte zu End' es zu fhren die Gtter. Wenn dies Du erlangst, so Wird der unsterblichen Gtter und sterblichen Menschen Verbindung Klar Dir, wie sie durch Jedes hindurch geht und Jedes beherrscht; doch Klar auch, da, nach Gebhr, die Natur in Allem sich gleich bleibt, So da Du Nichts Unmgliches hoffst, und von Nichts berrascht wirst; Klar, da die Menschen auch leiden an selbst verschuldeten beln. O die Unsel'gen! sie hren und sehn Nichts von dem nahegeleg'nen Guten, und auch die Erlsung vom bel erkennen nur Wen'ge. So verblendet den Sinn die Thorheit ihnen. Vom Wirbel Lassen sie unvermerkt sich in Leid fortreien, weil nicht sie Ahnen, da schlimmes Gefolge, das schadende Unheil, sich ihnen Anhngt, das man nicht locken, nein fliehen mu, indem man ihm ausweicht. Vater Zeus, o wie vielfachem Weh enthbest Du Alle, Wenn Du nur Jeglichem zeigtest, was fr ein Dmon ihm nachfolgt. Aber nur Muth, da gttlichen Stammes die Sterblichen sind, und Ihre geweihte Natur sie bevorzugt, Jegliches selbst lehrt! Ward Dir dies nicht versagt, so erlangst Du auch, wie ich ermahne, Da Du die Seele Dir heilend von diesen Leiden errettest. Meide die Anfnge nur, von dem was ich sagte, zur Lut'rung Und zur Erlsung des Geists streng prfend; erwge nur Jedes Und erwhl' die Vernunft zum hchsten und obersten Lenker. Wenn Du den Leib dann verlassend zum freien ther emporsteigst, Wirst Du unsterblich sein, ein seliger Gott und kein Mensch mehr. Hiermit endete der moralische Teil der heiligen Sage, den wir wohl auch nur in seinen Hauptumrissen besitzen, wenn er gleich offenbar weniger lckenhaft erhalten ist, als der erste metaphysische Teil. Es folgten nun noch einige Verse, die sogenannten Orphischen Schwre, welche das Ganze abschlossen. Sie scheinen, -- denn etwas ganz Bestimmtes lt sich aus dem kurzen, gerade der wesentlichen End-Zeilen entbehrenden Fragmente nicht festsetzen,-- den Leser beschworen zu haben, entweder nichts an dem Buche zu ndern, oder seinen Inhalt geheim zu halten. Was uns berliefert wird, lautet nach Beseitigung einiger spteren Entstellungen: Ja beim Himmel beschwr ich, dem weisen Werke des groen Gottes Dich, und beim Lichte des Vaters, das er zum ersten Mal' ausstrahlte, wie seinen Rathschlssen gem er den Weltbau Grndete, und mu etwa so ergnzt werden: Da Du dies Buch vor jeder Entweihung bewahrest! Sechstes Kapitel. Anaxagoras. Aus der etwas narkotischen Atmosphre der Mysterien und ihrer symbolischen trumerischen Geheimlehre, -- wenn man berhaupt von einer mit ihnen verknpften _Lehre_ sprechen will--, wenden wir uns gern wieder zur Entwicklung der griechischen _Philosophie_ zurck, deren klassische Blte in _Athen_ sich in derselben Zeit entfaltete, in der diese Stadt, das Auge von Hellas unter der Leitung des Perikles ihr kurzes, aber in der Weltgeschichte unvergleichlich dastehendes Ideal eines sthetischen Gemeinwesens erfllt. Hier war es der Philosoph _Anaxagoras_, der, wie Aristoteles (+Metaphysik I.3+) hervorhebt, als der Erste vor Jedermann den Satz aussprach, wie in den lebenden Wesen, so wohne auch in der Natur eine _Vernunft_, und diese sei die Ursache der gesammten Weltordnung, ein _Satz, welcher gegenber den frheren sinn- und haltlosen Behauptungen eigentlich erst die Periode des nchternen Denkens erffnete_. Seine eigenen Zeitgenossen geben diesem Manne, der wie Plutarch, +Leben des Perikles Kap.4+ berichtet, den meisten Umgang mit Perikles hatte, der ihm jene Kraft, jenen festen und standhaften Muth, das Volk zu leiten, beibrachte und berhaupt seinen Charakter zu einer besonderen Wrde und Vollkommenheit erhob, den Beinamen +Nus+, _Verstand_, entweder aus Bewunderung ber seine groen und ungemeinen Einsichten in der Naturkunde, oder weil er zuerst als Prinzip der Einrichtung des Weltalls nicht den Zufall noch die Notwendigkeit, sondern einen reinen, lauteren _Verstand_ annahm, der aus allen anderen zusammengemischten Dingen die gleichartigen Theile absonderte. Anaxagoras war 500 v.Chr. Geburt zu Klazomen in Jonien geboren; sein Vater, Hegesibulos, besa hier ein nicht unbedeutendes Vermgen und ansehnliche politische Stellung. Anaxagoras verlie jedoch in frhem Mannesalter seine Vaterstadt und begab sich nach Athen, wo er, wie gesagt, ein Vertrauter des Perikles wurde. Die Naturforschung betrachtete er als seinen eigentlichen Lebensberuf; besonders die Astronomie. Er versuchte die Sonnenfinsternisse aus natrlichen Ursachen zu erklren und nahm der Sonne ihre Gttlichkeit, indem er sie fr eine glhende Metallmasse erklrte, die grer sei als der Peloponnes. Auch soll er versucht haben, eine Kometentheorie zu liefern, und gewi ist, da er vom Monde behauptet hat, derselbe habe, hnlich wie die Erde, Berge und Thler und sei wahrscheinlich bewohnt. Vermuthlich gaben diese naturwissenschaftlichen weit mehr als seine eigentlich philosophischen Behauptungen den Feinden des Perikles, die dadurch mehr diesen, als den Philosophen selbst treffen wollten, den Anla, ihn kurz vor Ausbruch des peloponnesischen Krieges in eine Anklage wegen Leugnung der Staatsgtter zu verwickeln. Sein beredter und einflureicher Gnner vermochte ihn nicht vor einer Verurteilung zu schtzen, er wurde mit einer Geldstrafe von 5 Talenten belegt und aus der Stadt verwiesen. Er begab sich darauf nach Lampsacus, wo er in hohem Alter, angeblich infolge freiwilliger Nahrungsenthaltung, sein Leben beschlo. Seine Weltanschauung kann, sofern er ausdrcklich den Geist, Verstand oder die Vernunft, welche den Kosmos gestaltet, nicht fr unbewut erklrt, sondern sagt, da derselbe aus seinem Wissen und nach seiner Vorherbestimmung die Welt gebildet habe, als _deistische_ und _dualistische_ bezeichnet werden. brigens machte er, wie wir aus Platos Phdon und Aristoteles erfahren, von dem teleologischen Prinzip nur einen sparsamen Gebrauch; wo er mit einer rein mechanischen Erklrung auskommen konnte, gab er dieser in echt naturwissenschaftlicher Denkart den Vorzug. Dem uranfnglichen Geist stand nach seiner Lehre als passives Prinzip die ewige Materie gegenber; der Geist wirkte auf diese, aus deren Chaos er den Kosmos gestaltete, seit dieser ersten Schpfungsthat nur, wie Zeller sagt, noch als Maschinengott ein. Was die Konstruktion des Begriffs der Materie betrifft, so nahm er abweichend von den brigens an seine eigene nchterne Naturforschung anknpfenden Atomistikern, welche die einfachsten Krper fr die ursprnglichsten hielten, umgekehrt fr jedes besondere Ding gleichnamige Urelemente an, so da z.B. Erde, Stein, Gold, Blut, Knochen, aus unendlich kleinen ebenso individuell bestimmten Erd-, Stein-, Gold-, Blut-, Knochenteilchen bestehe und man in der Teilung der Krper immer auf etwas _Gleichartiges_ komme. Diese Urstoffe wurden von ihm oder seinen Nachfolgern _Homomerien_ genannt. In der Wirklichkeit kommen diese Grundstoffe jedoch niemals ganz rein und abgesondert von allen andern vor; allen ist fremdartiges beigemischt. _In Allen ist Alles oder jeder Materienteil ist ein Universum im Kleinen._ Wenn uns ein Gegenstand irgend eine Eigenschaft mit Ausschlu anderer zu besitzen scheint, so rhrt dies nur daher, weil von den entsprechenden Homomerien _mehr_ in ihm sind, als von anderen; in Wahrheit hat aber jedes Ding Stoffe jeder Art in sich. Nur der Geist ist _nicht_ in allen Dingen; sondern nur in einigen, welche eine _Seele_ haben. Da der Geist allein das ist, was die _Bewegung_ hervorbringt, so hat jedes sich selbst bewegende Wesen eine _Seele_. Darum legt er auch schon den Pflanzen, sofern Wachstum Bewegung ist, Leben (Seele) und sogar eine schwache Empfindung bei. Bezglich der Entstehung des organischen Lebens und der Entwicklung der Arten traf er ungeachtet seines grundstzlich teleologischen Ausgangspunkts mit Empedocles zusammen, von dem er dagegen als Leugner aller bernatrlichen Wunder und Vorbedeutungen erheblich abwich. Er leugnete, wie es scheint, die Unsterblichkeit der geistigen Individualitt, da diese krperlich bedingt sei; nur der unpersnliche Geist als solcher sei ewig. Siebentes Kapitel. Die Atomistiker, insbesondere Demokritos. Die Atomistiker, welche Ritter in seiner +Geschichte der Philosophie+ sehr belwollend behandelt und kaum noch fr Philosophen gelten lassen mchte, bezeichnen in Wahrheit die besonnenste und streng wissenschaftlich genommen hchste Stufe der _Natur_-Philosophie des Altertums. Ihr eigentlicher Begrnder war Leucippos, von dessen Leben und genaueren Ansichten uns aber so wenig berliefert ist, da er nur als der Lehrer seines groen Schlers Demokrit genannt zu werden verdient. Der Zeitpunkt der Geburt des Demokrit ist ungewi, zwischen 424 bis 460 v.Chr. Sein Geburtsort war Abdera, eine Stadt, die spter zwar in den Ruf eines antiken Schilda oder Schppenstedt gekommen ist, damals aber durch Bildung und Wohlstand ausgezeichnet war. Sein Vater war reich genug, um den Xerxes und dessen Armee auf dem Rckzuge nach der Schlacht bei Salamis einige Tage zu verpflegen. Demokrit hat jedenfalls in seiner Jugend mehrere Jahre auf Reisen zu wissenschaftlichen Zwecken in Asien und Afrika verwendet. Er soll sogar auf diesen Reisen das ererbte Dritteil des groen vterlichen Vermgens verbraucht haben. Diogenes Laertius behauptet, da er schon als Knabe Unterricht durch Magier bekommen habe; dann Jahre lang in Egypten zugebracht, sogar thiopien und Indien besucht habe. Den Unterricht des Leucippos hatte er bereits vor diesen Reisen genossen. Nach der Rckkehr von denselben lie er sich wieder in Abdera nieder, von wo aus er gelegentlich auch Athen besucht hat. Die Erzhlung von seiner Selbstblendung (+Gellius N.A. X,17+) verdankt vielleicht einer miverstndlichen Deutung seiner uerungen ber die Unzuverlssigkeit der Sinneswahrnehmung ihre Entstehung; schon Plutarch hat sie als Lge bezeichnet. Demokrit starb hochbetagt in Abdera. Er hinterlie eine groe Anzahl von Schriften und kann, nach dem Verzeichnis derselben zu schlieen, das Laertius uns hinterlassen hat, als einer der produktivsten Denker des griechischen Altertums bezeichnet werden; auch haben wir allen Grund den Verlust seiner Schriften zu beklagen, weil dieselben nach dem Urteil kompetenter Zeitgenossen und Nachfolger sich sowohl durch ihre wissenschaftliche Strenge wie auch durch formelle Schnheit der Sprache ausgezeichnet haben sollen. Sein Denken richtete sich nicht, wie das fast aller seiner Vorgnger in der Philosophie, besonders der Eleaten, von vornherein auf das einheitliche Sein, vielmehr zunchst auf die Bestandteile der Zusammensetzung der materiellen Wirklichkeit, welcher er den leeren Raum als Reprsentanten des Nichtseins gegenberstellt. Allerdings fat er auch dieses Nichtsein, diesen leeren Raum nicht als vllige Negation des Seins auf; vielmehr schreibt er ausdrcklich auch dem Leeren eine objektive Realitt zu und in diesem Sinne behauptet er im Gegensatz zu den Eleaten ausdrcklich, das Sein sei um nichts realer als das Nichts. Dasjenige Sein im Sinne materieller Wirklichkeit nun, welches dem leeren Raum als dessen Erfllung gegenbersteht, ist kein zusammenhngendes, sondern besteht aus unzhligen _Atomen_: diese letzten Elemente des Seienden sind ihrer Substanz nach schlechthin einfach, qualitativ gleichartig und unvernderlich; sie unterscheiden sich aber in quantitativer Beziehung, hinsichtlich ihrer _Form_, _Gre_ und _Lage_, auch _Schwere_. Sie sind daher keineswegs, wie dies in der neueren Gestaltung der wissenschaftlichen Atomistik vielfach behauptet wird, mathematische Punkte, sondern Krper von gewisser Gre, nur zu klein, um mit dem Sinne wahrgenommen zu werden. Schwere, richtiger Gewicht, kommt ihnen zu, da sie eine +conditio sine qua non+ der Krperlichkeit berhaupt ist; und das Gewicht der wahrnehmbaren Krper ist eben nur das Produkt der sie zusammensetzenden Atomgewichte. _Wenn es scheint, ein grerer Krper sei leichter, als ein kleinerer, so rhrt dies nur daher, da er zwischen den einzelnen Atomen oder Atomverbindungen mehr leeren Zwischenraum enthlt, da also seine Masse in Wahrheit geringer ist, als die der anderen._[613] Das Leere dachte Demokrit sich unbegrenzt, die Zahl der von ihm umfaten Atome unendlich. Alle sinnlich wahrnehmbaren _Eigenschaften_ der Dinge nun sind in letztem Grunde ausschlielich auf die Menge, die Gre, die Gestalt und das rumliche Verhltnis der Atome zurckzufhren, und ebenso jede Vernderung der Einzelkrper als solcher auf eine Vernderung ihrer Atomverbindungen. So hat bereits Demokrit den unendlich wichtigen Schritt gemacht, alle qualitativen Eigenschaften und Vernderungen auf _quantitative_ Beziehungen zurckzufhren, ein Schritt, der, wenn er auch philosophisch zum Irrtum fhrt, sofern der Materialismus darin die letzte Aufklrung des Weltrtsels findet, doch die Voraussetzung einer wirklich wissenschaftlichen Naturforschung bildet, da nur so die Anwendung der Mathematik auf ihre Objekte mglich wird und positive Ergebnisse immer erst bei Rckfhrung eines Naturphnomens auf seine bestimmten quantitativen Verhltnisse zu erwarten sind. Ich erinnere an die enorme Bedeutung der quantitativen Bestimmung der Schwere durch Galilei, des Wrme-quivalents durch R. Mayer. Auerdem aber enthlt diese Behauptung Demokrits einen ganz auerordentlichen Fortschritt in der Erkenntnistheorie, der irrtmlich hufig erst einem Locke zugeschrieben wird. Demokrit unterschied nmlich klar zwischen primren und sekundren Eigenschaften der Dinge; die sekundren Eigenschaften, Farbe, Geruch, Geschmack, Wrme, Klte usw. erkannte er als blo _subjektive_ Wirkungen der Atome auf unser Empfindungsorgan. Die Lehre von den vier Elementen hatte natrlich innerhalb dieser atomistischen Theorie keinen Platz mehr. Aus den zuflligen Bewegungen der Atome leitete nun Demokrit die Entstehung der Welten her; fr den Zufall knnten wir auch die Naturnotwendigkeit setzen; ausgeschlossen sein soll damit nur der Anteil eines zweckbildenden Geistes, der Verstand des Anaxagoras. Durch die Bewegung der Atome wird einerseits das gleichartige zusammengefhrt; denn, was an Schwere und Gestalt gleich ist, wird eben deshalb an die gleichen Orte sinken oder getrieben werden; andrerseits werden auch, wenn verschiedengestaltete Krperchen durcheinander geschttelt werden, viele von ihnen aneinanderhngen und sich ineinander verwickeln und ihren Lauf gegenseitig hemmen, so da auch manche an einem Orte festgehalten werden, der ihrer Natur an sich nicht gem ist, und so kommt es zur Bildung zusammengesetzter Krper, zur Wirbelbewegung und zur Strung des Gleichgewichts d.h. zu all jenen vielfltigen sich kreuzenden Bewegungen des Wachstums, der Ernhrung, des Vergehens, welchen ein wechselndes subjektives Empfinden korrespondiert. Soweit deckt sich seine rein mechanische Naturerklrung fast durchaus mit den Grundzgen des modernen Materialismus. Allein ein erheblicher Unterschied zwischen Demokrit und unseren modernen Materialisten besteht darin, da ersterer einen _besonderen Seelenstoff_ annahm, der aus den feinsten, rundesten, glattsten und daher beweglichsten Atomen bestehe. Ja, er glaubt sogar an eine Unsterblichkeit der Seele, und zwar an eine Auferstehung der Toten und wird deswegen von Plinius verspottet. (+Plin. H. N. VII, c.56.+) Man wird diesen scheinbaren Widerspruch in seinem System auf seine Studienreisen im Orient zurckzufhren haben und auf seine Erfahrungen bei den Magiern des Ostens. Findet sich doch unter dem Verzeichnis seiner Schriften von Diogenes Laertius auch eine solche ber die Litteratur der Babylonier, die, wie +Rth, Geschichte der abendlndischen Philosophie I, 362+, meint, wohl nichts als ein Bericht ber die Lehre der Magier gewesen ist. Auch Philostratus versichert in seinem Leben des Apollonius von Tyana, da Demokrit ein Schler der Magier gewesen, und lt sogar den Apollonius in seiner Apologie behaupten, da er durch magische Knste Abdera von einer Pest befreit habe. Vielleicht liegt der letzteren Behauptung ein hnlicher historischer Kern zu Grunde, wie der gleichen Erzhlung von Empedocles. Es wird sich weniger um eigentliche Magie, als um Verwertung seiner physikalischen und medizinischen, vielleicht auch psychologischen Kenntnisse gehandelt haben. * * * * * Ich erwhnte schon oben, da der Professor Ritter den Atomistikern in seiner +Geschichte der Philosophie+ keine wohlwollende Behandlung zu teil werden lt; derselbe schreibt in der +Allgem. Encyklopdie von Ersch und Gruber+ sogar: Er bewegte sich in derselben Richtung, in welcher um die Zeit des Sokrates viele waren, denen die Wissenschaft fast nur als ein Spiel der Vorstellungsweise erschien. Wenn er gleich selbst die Knste dieser Mnner, welche gewhnlich unter dem Namen der Sophisten zusammengefat werden, in starken Ausdrcken tadelte, so war er doch von ihrer Denkart nicht fern. Diesen Vorwurf, den auch Schleiermacher erhebt, hat Zeller in seiner +Philosophie der Griechen, S.943-959+, grndlich zurckgewiesen. Ich hebe aus letzterer folgenden Satz hervor: Im allgemeinen mu ber die Zusammenstellung der Atomistik mit der Sophistik bemerkt werden, da dieselbe auf einem allzu unbestimmten Begriff der Sophistik beruht. Sophistik wird jede Denkweise genannt, in der man die rechte wissenschaftliche Gesinnung vermit. Dies ist aber nicht das geschichtliche Wesen der Sophistik, dieses besteht vielmehr in der Zurckziehung des Denkens aus der objektiven Forschung, in seiner Beschrnkung auf eine _einseitig subjektive_, gegen die _wissenschaftliche Wahrheit gleichgltige Reflexion_, in der Behauptung, da alle unsere Vorstellungen blo subjektive Erscheinungen, alle sittlichen Begriffe und Grundstze willkrliche Satzungen seien. Von allen diesen Zgen findet sich nichts bei den Atomistikern. * * * * * Im brigen verdienen die _Sophisten_ hier nur insofern berhrt zu werden, als dieselben ihre Hauptaufgabe im _Gelderwerb_ durch Verbreitung einer Art von rein _negativer_ Aufklrung suchten, _deren Mittelpunkt der bodenloseste Skepticismus_ war; auerdem durch ihre damit zusammenhngende frivole Disputiersucht. Die bekanntesten dieser Virtuosen der Deputierkunst waren Gorgias und Protagoras, letzterer allerdings ein Landsmann des Demokrit. Der berhmteste Satz des Protagoras ist der: Der Mensch ist das Ma aller Dinge, der seienden, da sie sind, der nichtseienden, da sie nicht sind. Damit wurde der subjektivistische Grundsatz aufgestellt: Jedes Ding ist fr jedes Individuum so, wie es erscheint, aber es ist so auch nur fr dies Individuum und genauer fr dessen augenblicklichen Wahrnehmungszustand. Wenn Hegel irgendwo (+W. W. XIV. 5ff.+) ein berechtigtes Moment in der Wirksamkeit dieser Leute hervorgehoben haben soll, so wird er dies hoffentlich nur in dem Sinne gemeint haben, da durch ihre Wirksamkeit der Hauptansto fr die gewaltige Persnlichkeit des Sokrates gegeben worden ist, dem eingebildeten Scheinwissen und der sophistischen Halbbildung berhaupt den Streit zu verknden und diesem Streite ihr Leben zu widmen und zu opfern. Achtes Kapitel. Sokrates und sein Dmonium. Von Sokrates wurde schon im Altertum gesagt, da er die Philosophie vom Himmel zur Erde zurckgerufen habe; man wollte damit sagen, da er die philosophische Forschung nicht auf die Erkenntnis des _Weltrtsels_, sondern auf diejenige des _Menschenrtsels_ beschrnkt wissen wollte. Er redete, schreibt sein Schler Xenophon, nicht wie die Meisten, ber die Natur des Weltalls, indem er darber Betrachtungen angestellt htte, was es mit dem von den Philosophen so genannten Kosmos fr eine Bewandtnis habe und nach welchen Naturgesetzen alle Himmelserscheinungen vor sich gehen, sondern er hielt sogar diejenigen, welche ber solche Dinge grbelten, fr thricht. Auch bildete nicht etwa der Mensch im Sinne der psychologischen Forschung den Gegenstand seines Interesses, sondern dieses war ausschlielich die _Moral_. Ein hervorragender Platz in der Geschichte der Philosophie gebhrt ihm daher, abgesehen von seiner Begrndung der dialektischen Methode und den dadurch jedenfalls gelegten Grundstein der Logik wesentlich nur vom Standpunkte der _praktischen_ Philosophie aus. Fr bloe Physiker oder gar bloe Metaphysiker ist deshalb die Weisheit des Sokrates in der That, wie Schopenhauer schreibt, +Parerg. und Paralipomen. I 13+, ein bloer _Glaubensartikel_. Schopenhauer aber, der doch mehr sein wollte, als dieses, der vielmehr zahlreiche geistvolle Beitrge zur Ethik und Lebensweisheit geschrieben hat, htte einige seiner Bemerkungen ber Sokrates besser ungeschrieben gelassen. So meint er z.B.: Nach Lukianos htte Sokrates einen dicken Bauch gehabt, welches eben nicht zu den Abzeichen des Genies gehrt. -- Ferner gleitet er zu der Bemerkung herab, es stehe zweifelhaft hinsichtlich seiner hohen Geistesfhigkeiten, weil er _nichts geschrieben habe_. Ich habe mir an dieser Stelle meiner Schopenhauer-Ausgabe die Randnote nicht versagen knnen: +O si tacuisses+ usw.! Schopenhauer, der allerdings selber seine eigene Theorie in der Praxis verleugnete, hatte eben von der Philosophie nur einen halben Begriff, er verlegte sie ausschlielich in die Sphre der Vorstellung. Er htte aber von Sokrates lernen knnen und sollen, da die echte Philosophie auf dem Zusammenwirken beider, berhaupt in der Wirklichkeit untrennbaren Seiten des Menschenwesens, des _Wollens und Vorstellens_ beruht. Die philosophische Gesinnung, sagt sehr schn Dhring, leitet zu dem entsprechenden Wissen, und das errungene Wissen wirkt seinerseits auf die Willensrichtung magebend und veredelnd zurck. Richtig ist freilich, da auch Sokrates sich einer Einseitigkeit schuldig machte, wenn er nach jenem Berichte des Xenophon wirklich die ernste naturwissenschaftliche und naturphilosophische Forschung verachtete. Allein diese Einseitigkeit kann uns angesichts der geringen positiven Erfolge des ihm vorliegenden bloen Spekulierens in hohem Grade entschuldbar erscheinen. Wre unsere Aufgabe die, eine Geschichte der griechischen Philosophie zu schreiben, so wrde Sokrates geradezu den Mittelpunkt unserer Darstellung bilden, obwohl er nichts Schriftliches hinterlassen hat und seine Lehren deshalb indirekt aus den Schriften seiner Schler konstruiert werden mten. Wir wrden uns dann mit der schwierigen Aufgabe befassen mssen, den wahren Sokrates aus der idealisierenden und subjektiv gefrbten Darstellung seines begabtesten Schlers, Platos, und aus den _gewi wahrheitsgetreuen_, aber _unzulnglichen_ Memorabilien des vielfach beschrnkten und der Gre seines Lehrers nicht gewachsenen Xenophon herauszuarbeiten. Glcklicherweise aber gestattet uns die Aufgabe dieses Buches nicht einmal, dieses Problem zu berhren. Ja, wenn es sich um die _Lehren_ des Sokrates handelte, so wrde es gerechtfertigt erscheinen, ihn in diesem Buche berhaupt zu bergehen, da hier eben nur diejenigen Lehren der griechischen Philosophie in Betracht kommen knnen, welche irgend welche, wenn auch noch so entfernte Beziehungen zum Occultismus haben. Nun aber stellt uns gerade Sokrates weniger durch seine Lehren, als vielmehr durch sein _Leben_ und seine _Persnlichkeit_ eines der interessantesten occultistischen Probleme. Der Leser, den ich selbstverstndlich als bekannt mit den wichtigsten Daten des Sokratischen Lebens voraussetze, wird schon wissen, da ich damit auf das viel errterte Problem des sog. Genius oder Dmon des Sokrates komme. Am liebsten wrde ich mich freilich auch der Besprechung dieses Gegenstandes durch den einfachen Hinweis auf die gerade vom occultistischen Standpunkte aus denselben grndlichst und lichtvoll beleuchtenden Ausfhrungen du Prels in seiner +Mystik der alten Griechen+ entledigen, vgl. auch +Sphinx IV, 22 und 24+, wie ich denn berhaupt in diesem Bande den praktischen Occultismus der Griechen, da derselbe in jener Mystik der alten Griechen seinen berufensten Bearbeiter gefunden hat, absichtlich bei Seite lasse und nur die Theorie bercksichtige. Dennoch wrde eine vllige bergehung gerade des Sokrates im Zusammenhange unserer Darstellung vielleicht als Lcke empfunden werden; denn immerhin hat sich diese doch bislang am Leitfaden der Philosophie-Geschichte fortbewegt, und ein direkter Sprung von Demokrit auf Plato knnte unmotiviert erscheinen. Wir drfen deshalb die Stellung des Sokrates zum Gegenstand der occultistischen Forschung nicht unerwhnt lassen. Zunchst ist es nun schon an sich bemerkenswert, da ein so nchterner und gewi von reinster Wahrheitsliebe bis zum Mrtyrertum beseelter Denker, mindestens doch einer der aufgeklrtesten Kpfe seines Zeitalters nachweislich dem Glauben an die Orakel ernstlich gehuldigt hat. Wir wissen, da er den Xenophon, als derselbe ihn um seine Meinung fragte, ob es fr ihn ratsam sei, sich der Expedition des jngeren Cyrus anzuschlieen, ausdrcklich an das Orakel zu Delphi verwies. Unmglich knnen wir annehmen, da er dies lediglich gethan, um eine verantwortliche Raterteilung von sich auf einen beliebigen Dritten abzuwlzen. Auch berichtet Xenophon in seinen Memorabilien ber ihn folgendes: Es hat bses Blut gemacht, da Sokrates sagte, das _Dmonium gebe_ ihm _Andeutungen, weshalb eben ganz besonders sie_, wie ich glaube, _ihn beschuldigt haben, da er fremde Gottheiten einfhre_. -- Aber er fhrte damit ebensowenig etwas Neues ein, als all' die anderen, welche an Weissagungen glauben; -- und vielen seiner Freunde gab er den Rath, dieses zu thun, jenes aber nicht zu thun, weil ihm das Dmonium eine Andeutung gbe; und denen, die ihm folgten, gereichte es zum Nutzen, diejenigen aber, die ihm nicht folgten, bereuten es. -- Die notwendigen Dinge riet er so zu thun, wie er glaubte, da sie am besten gethan sein wrden; hinsichtlich alles dessen aber, dessen Ausgang unberechenbar war, verwies er sie an das Orakel, um zu fragen, ob sie es unternehmen drften. Auch diejenigen, welche Haus- und Staatsangelegenheiten gut verwalten wollten, knnten, sagte er, der Weissagekunst nicht entbehren, obwohl er so etwas, wie ein Zimmermann, ein Schmied, ein Landmann, ein Beherrscher der Menschen oder einer, der dergleichen Arbeiten zu prfen versteht, oder ein Rechenknstler, ein Hausverwalter oder ein Heerfhrer zu werden, fr erlernbar hielt und glaubte, es knne auch schon durch menschliche Einsicht gewonnen werden. -- Das Wichtigste aber von dem, was dabei in Betracht kommt, sagte er, haben die Gtter sich selbst vorbehalten und den Menschen nicht offenbart. Denn weder knne der wissen, welcher seinen Acker gut bestellt habe, wer die Frchte einernten werde, noch wisse der, welcher sich ein schnes Haus gebaut habe, wer darin wohnen werde, auch wisse ein Feldherr nicht, ob seine Kriegsfhrung Heil bringen werde, und der Staatsmann wisse nicht, ob er mit gutem Erfolge an der Spitze des Staates stehe; auch wisse der nicht, welcher ein schnes Weib geheiratet hat, um sich desselben zu erfreuen, ob es ihm dereinst nicht Kummer bereiten werde; auch knne der nicht, welcher zu Verwandten einflureiche Mnner im Staate habe, wissen, ob er nicht gerade durch diese des Staates verlustig gehen knnte. Diejenigen aber, welche glaubten, da nichts von alledem von der Einwirkung der Gtter abhngig sei, sondern alles Sache der menschlichen Einsicht sei, hielt er fr verrckt; fr verrckt aber auch diejenigen, welche Weissagungen in solchen Dingen haben wollten, welche die Gtter den Menschen zur Erlernung und zur Beurteilung bergeben htten. Wenn z.B. einer fragte, ob es besser sei, einen des Fahrens Kundigen beim Fuhrwerk anzunehmen oder einen Unkundigen, oder ob es besser sei, einen, der das Steuern verstnde, auf sein Schiff zu nehmen oder einen, der es nicht verstnde, -- ein solcher, wie auch diejenigen, welche Dinge, die durch Zhlen, durch Abmessen oder durch Abwgen man sich aneignen knne, von den Gttern erfragten, -- alle diese hielt er fr Frevler. Er behauptete, da man alles das, was uns die Gtter zur Erlernung und zur Ausfhrung gegeben htten, erlernen mssen; das aber, was den Menschen unergrndlich sei, msse _man mit Hilfe der Weissagekunst von den Gttern zu erfragen versuchen; denn die Gtter gben denjenigen Zeichen, welchen sie gndig seien_. Auch aus Platos Schriften knnen wir eine nicht geringe Anzahl von Selbstzeugnissen des Sokrates ber das Dmonium, das er sich zuschrieb, entnehmen. Dem Alkibiades gegenber, dessen Vormund Perikles war, rhmt er sich (+Plato, Alkibiad.1+), da er in seinem Dmonium einen besseren Vormund besitze. In seiner Verteidigungsrede, die Plato jedenfalls in mglichst getreuem Anschlu an seine eigenen Worte uns wiedergiebt, sagt er, um sein grundstzliches Fernhalten von Politik zu erklren: Der Grund davon liegt in dem, was Ihr mich oft und bei vielen Gelegenheiten sagen hrtet, da etwas Gttliches und Dmonisches sich mir vernehmen lasse... Das begann bei mir schon _von meinen Knabenjahren an; eine Stimme lt sich vernehmen_, und wenn sie sich vernehmen lt, _warnt sie mich stets vor dem, was ich zu thun im Begriffe bin, treibt aber mich nie an_; das ist es, was mich abmahnt, mit ffentlichen Angelegenheiten mich zu befassen. -- So motiviert er auch sein Verhalten in dem Prozesse selbst: Mir, verehrter Richter, widerfuhr etwas Wundersames. Die _weissagende Stimme_ nmlich, die ich zu vernehmen pflege, mahnte mich in der ganzen frheren Zeit sehr hufig ab, und zwar _bei sehr geringfgigen Veranlassungen_, wenn ich etwas Verkehrtes zu thun im Begriffe war. Jetzt aber ist mir das begegnet, was ihr selbst seht, und manche fr das grte Unglck halten mchten, und was wirklich dafr gilt -- seine Verurteilung nmlich;-- doch mich mahnte weder, als ich am heutigen Morgen vom Hause wegging, der Wink des Gottes ab, noch als ich hier heraufstieg zum Gerichtshof, noch bei meiner Rede, wenn ich irgend etwas zu sagen im Begriffe war, obwohl er frwahr bei anderen Vortrgen _hufig mitten in der Rede mich zurckhielt_. Jetzt aber, bei der Verhandlung selbst, hat er mich nirgends von etwas, was ich that oder sagte, abgemahnt. Wie erklre ich nun diese Erscheinung? Das will ich Euch sagen: zu meinem Heile scheint mir, was mir widerfuhr, sich begeben zu haben, und unmglich haben diejenigen von uns die richtige Ansicht, die annehmen, das Sterben sei ein bel. Dafr wurde mir ein starker Beleg; notwendig nmlich htte das gewhnliche Zeichen mich abgemahnt, war ich im Begriffe, etwas Unheilbringendes zu thun. Als Sokrates einst das Lyceum verlassen wollte und eben aufstand, berichtet Plato, +Euthydem.2+, wurde ihm das gewhnliche dmonische Zeichen zu teil. Er setzte sich also wieder nieder, und in der That kamen bald darauf Euthydemos und dessen Bruder Dionysodor herbei. +Plutarch de genio Socratis+ erzhlt: Als Sokrates mit verschiedenen Freunden zum Wahrsager Eutyphron gegangen war, blieb er auf einmal stehen und kehrte nach einiger Besinnung durch eine andere Gasse um, die voraufgegangenen Freunde zurckrufend, da sein Genius ihn hindere, weiter zu gehen. Die meisten kehrten mit ihm um; die andern, um den Genius einmal Lgen zu strafen, gingen den geraden Weg fort, begegneten aber einer Herde Schweine und wurden, da nicht ausgewichen werden konnte, zu Boden geworfen und mit Schmutz bedeckt. Im Theages des Plato berichtet Sokrates selbst: Mir ist nmlich durch die gttliche Fgung von meinen Knabenjahren an etwas dmonisches zugesellt: das besteht in einer Stimme, die stets, wenn sie sich vernehmen lt, von dem, was ich unternehmen will, mir abrt, doch nie zu etwas mich antreibt. Auch wenn einer meiner Freunde sich ber etwas mit mir bespricht, und die Stimme sich vernehmen lt, hlt sie ihn davon ab und gestattet ihm nicht, es zu unternehmen. Und dafr kann ich auch Zeugen aufstellen.... Wollt ihr ferner den Bruder des Timarchos, den Kleitomachos, befragen, was Timarchos zu ihm sagte, als er auf dem geraden Wege sich befand, durch Henkershand zu sterben, er und der Wettrenner Euathlos, der den Timarchos auf seiner Flucht bei sich aufnahm? Dieser wird euch nmlich erzhlen, da jener zu ihm sprach: Gewi, lieber Kleitomachos, sagte er, gehe ich jetzt dem Tod entgegen, weil ich auf den Sokrates nicht hren wollte. Warum sagte denn das nun wohl Timarchos? Das will ich euch sagen. Als vom Zechgelage Timarchos und Philemon, der Sohn des Philemonides, sich erhoben, um den Nikias, den Sohn des Heroskamandros, umzubringen, -- ein Anschlag, von dem sonst niemand wute, -- sagte Timarchos im Aufstehen zu mir: Was meinst Du, lieber Sokrates? Zecht ihr nur; ich aber mu mich irgendwohin aufmachen, doch bin ich, wenn es gelingt, bald wieder da. Da erhob sich die Stimme in mir und ich sagte zu ihm: Stehe doch nicht auf, denn ich habe die gewhnliche dmonische Wahrnehmung empfangen. Und er verweilte noch. Nachdem er eine Weile gewartet, machte er wieder Anstalt zu gehen, und sagte mir: Ich gehe nun, lieber Sokrates. Die Stimme wurde wieder laut, daher ntigte ich ihn wieder, zu verweilen. Das dritte Mal stand er, weil ich es nicht bemerken sollte, ohne mir etwas zu sagen, auf, sondern pate, um von mir nicht bemerkt zu werden, den Augenblick ab, wo meine Aufmerksamkeit eine andere Richtung hatte, entfernte sich schleunigst und fhrte das aus, weshalb er jetzt dem Tode entgegenging. Darum sagte er das, was ich euch jetzt erzhle, zu seinem Bruder, er geht jetzt zum Tode weil er mir nicht glaubte. Demzufolge werdet ihr noch jetzt ber die Ereignisse in Sikelion von vielen hren, was ich ber den Untergang des Heeres uerte. Doch Vergangenes wollt ihr von den davon Unterrichteten vernehmen; aber auch jetzt knnt ihr das Zeichen erproben, ob es von Bedeutung ist. Als nmlich der schne Samion in das Feld zog, erhielt ich das Zeichen; nun ist er, um unter Prasyllos zu fechten, auf dem geraden Wege nach Ephesos und Jonien. Darum glaube ich, da er entweder umkommen oder etwas dem hnliches erfahren wird, und ich bin auch wegen des brigen Heeres in groer Besorgnis. Das hab ich dir aber erzhlt, weil die Einwirkung dieses Dmonischen auch ber den Umgang der mit mir Verkehrenden alles entscheidet. Dieses Dmonion nun, offenbar eine der bestbeglaubigten Thatsachen aus der Geschichte des Occultismus, hat bereits im Altertum zu den verschiedensten Hypothesen Anla gegeben, Plutarch, Maximus Tyrius, Apulejus haben darber geschrieben. Bei den Alten berwiegt die Auslegung, da Sokrates von einem Dmon, einem gttlichen Wesen inspiriert gewesen sei. -- Vllig ratlos steht die moderne _vulgre_ Psychologie dem Problem gegenber. Die seichte rein negative Aufklrung ging daher soweit, die gut beglaubigten Thatsachen zu leugnen und einen Mann von dem sittlichen Ernste eines Sokrates zum Komdianten zu stempeln. Barthlemy, (+voyage du jeune Anarchis c.67+) meint, da Sokrates mit seinem Dmonion nur Spa gemacht habe; Plessing (+Osiris und Socrates 185+) erklrt es fr eine bewute Erfindung. Der franzsische Arzt Lelut (+Le dmon de Socrate+) wittert darin ein Symptom des Irrsinns. Ihm folgt Lombroso (+Genie und Irrsinn+). Die meisten Philologen und Philosophen finden sich dem Problem gegenber mit unbestimmten vagen Redensarten ab. Zeller schreibt (+II. 1,65+): Die dmonische Stimme zeigt sich (vielmehr) im allgemeinen als die Form, welche das lebhafte, aber nicht zur klaren Erkenntnis seiner Grnde aufgeschlossene Gefhl von der Unangemessenheit einer Handlung fr das eigene Bewutsein des Sokrates annahm. Der Philologe Cron (+Einleitung zu Platons Apologie S.17+): Da Sokrates darunter kein besonderes, fr sich bestehendes Wesen, sondern nur eine Offenbarung der gttlichen Liebe und Gte verstand, geht aus allen authentischen Berichten unwiderstehlich hervor. Etwas weniger seicht, aber noch mehr die Unbegreiflichkeit des Phnomens konstatierend, drckt sich +Dhring, krit. Geschichte der Philosophie S.87+, aus: Dieser Dmon oder Genius, der in wichtigen Fllen ihm als allein zureichender Erklrungsgrund der brigens unmotivierten Entscheidung galt, ist offenbar nichts anderes, als die instinktive Ergnzung zu den bewuten und rein nach klaren Verstandesgesichtspunkten bemessenen Grnden gewesen. Manche haben dieses Prinzip mit dem bloen Takt verwechselt, welcher fr den einzelnen Fall ber die Unzulnglichkeit allgemeiner Regeln hinweghilft. Allein der Takt ist nur eine Art Gefhl, dessen Bestandteile nicht gesondert vorgestellt werden. Er ist nur eine bestimmte Form des gewhnlichen, meist uerlich und offen daliegenden Urteils, whrend der dunkle Antrieb, den Sokrates meinte, gar nichts mit der individuellen Geschicklichkeit des Verhaltens zu thun hat, sondern nur diejenigen unbewuten Motive betrifft, die sich nicht als gewhnliche verstandesmige Grnde begreifen lassen. Es ist das Unbegreifliche, -- was in der Form des Dmonischen sich unwillkrlich auszugleichen sucht. Allein es ist mir zweifelhaft, ob diese Unbegreiflichkeit sich nicht vielleicht _nur_ fr den Standpunkt der materialistischen Psychologie ergiebt. Ich habe zwar die spiritistische Deutung der eleusinischen Mysterien, welche +du Prel a.a.O.+ zu geben versucht, desavouieren zu mssen geglaubt. Was dagegen das Dmonion des Sokrates betrifft, so glaube ich, da du Prel, der hier nicht bis zum Spiritismus ausgreift, sondern lediglich im Rahmen seiner, die _dramatische Spaltung des Ich_ als fruchtbaren Erklrungsgrund vieler rtselhafter Erscheinungen des Seelenlebens verwertenden Philosophie der Mystik bleibt, in dem citierten Buche die beste Auflsung des Problems liefert. Ich schliee daher dieses Kapitel mit folgendem Citat aus +du Prels Mystik der alten Griechen, S.136ff.+: Demnach ist die dramatische Spaltung des Ich nicht nur die psychologische Formel zur Erklrung unseres Traumlebens, sondern auch die metaphysische Formel zur Erklrung des Menschen. Unsere Existenz, ohne ein bloer Traum zu sein, hat doch die Formel des Traumlebens. Unser irdisches Wesen ist nur die Hlfte unseres eigentlichen Wesens, dessen andere Hlfte fr uns transscendental bleibt, hinter dem irdischen Bewutsein liegt. Wir gleichen also einem Doppelstern, ohne unsern dunkeln Begleiter zu erkennen. Tritt in unseren Trumen eine zweite Figur neben uns auf, so gehrt diese zwar auch unserem Wesen an, aber nur einen Teil dieses unseres Wesens haben wir in diese Traumfigur versenkt und nur im anderen Teile erkennen wir unser eigenes Ich. Darum reden wir im Traume mit solchen Figuren wie mit fremden Wesen, wiewohl die beiden Personen durch ein gemeinschaftliches Subjekt zusammengehalten sind und beim Erwachen in der That wieder zusammenrinnen. In eine Traumfigur knnen wir schon darum nie ganz versenkt sein, weil deren meistens mehrere vorhanden sind, deren jede nur einen Teil unseres Wesens objektiviert. Nicht einmal in die Gesamtheit der Figuren sind wir ganz ausgegossen, sonst wre es nicht mglich, da wir auch noch selbst auf der Bhne uns bewegen; es bliebe fr uns nur mehr der Anteil eines vollstndig objektiven Zuschauers, was in jenen Trumen, darin wir uns auf der Bhne nicht mit befinden, teilweise allerdings der Fall ist. Diese im Traume blo psychologische Thatsache der Spaltung wird als eine auerhalb des Traumes metaphysische erwiesen durch die transscendentalen Fhigkeiten unserer Seele, die aus dem irdischen Bewutsein nicht abzuleiten sind. Dies ist der Grund, warum Kant gerade gelegentlich seiner Schrift ber den Seher Swedenborg dahin gelangte, die hier vorgetragene Formel zur Erklrung des Menschenrtsels in ganz klaren Stzen auszusprechen. Die Rationalisten sehen in dieser Schrift Kants -- 'Trume eines Geistersehers' -- nur eine Verspottung des Geisterglaubens; sie bersehen dabei, da von diesem Spott mindestens ein Geist ganz unberhrt bleibt, der Geist des Menschen im Sinne eines transscendentalen Subjekts. Ein solches bezweifelt Kant nicht nur nicht, sondern er behauptet es mit groer Entschiedenheit: 'Ich gestehe, da ich sehr geneigt bin, das Dasein immaterieller Naturen in der Welt zu behaupten und meine Seele selbst in die Klasse dieser Wesen zu versetzen.'.... 'Die menschliche Seele wrde daher schon in dem gegenwrtigen Leben als verknpft mit zwei Welten zugleich mssen angesehen werden, von welchen sie, sofern sie zur persnlichen Einheit mit einem Krper verbunden ist, die materielle allein klar empfindet, dagegen als ein Glied der Geisterwelt die reinen Einflsse immaterieller Naturen empfngt und verteilt, so da, sobald jene Verbindung aufgehrt hat, die Gemeinschaft, darin sie jederzeit mit geistigen Naturen steht, allein brig bleibt und sich ihrem Bewutsein zum klaren Anschauen erffnen mte.'.... 'Es wird knftig, ich wei nicht, wo oder wann, noch bewiesen werden, da die menschliche Seele auch in diesem Leben in einer unauflslichen verknpften Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen der Geisterwelt stehe, da sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Eindrcke empfange, deren sie sich aber als Mensch nicht bewut, so lange alles wohl steht.'.... 'Es ist demnach zwar einerlei Subjekt, was der sichtbaren und unsichtbaren Welt zugleich als ein Glied angehrt, aber nicht eben dieselbe Person, weil die Vorstellungen der einen, ihrer verschiedenen Beschaffenheit wegen, keine begleitenden Ideen von denen der anderen Welt sind, und daher, was ich als Geist denke, von mir als Mensch nicht erinnert wird.' Aus diesen so klaren und bestimmten Stzen ergiebt sich, da meine Behauptung, die dramatische Spaltung des Ich, die im Traum als psychologische Formel auftritt, sei zugleich die metaphysische Formel des Menschen, mit den Ansichten Kants bereinstimmt, aber auch mit dem, was Kant in der Lehre von der dritten Antinomie sagt; er hat demnach diese seine Ansicht auch noch in seinem Alter aufrecht erhalten. Sogar des von mir gebrauchten Ausdrucks 'transscendentales Subjekt' bedient er sich, wenn er sagt, da 'das transscendentale Subjekt uns empirisch unbekannt ist', d.h. also, da unser Selbstbewutsein nur auf einen Teil unseres Wesens, auf die irdische Person sich erstreckt, da unser Wesen ber das Selbstbewutsein hinausragt. Einen Verkehr mit unserem transscendentalen Subjekt und durch dessen Vermittlung mit den transscendenten Subjekten, d.h. mit dem Geisterreich, hlt nun Kant nicht fr mglich 'so lange alles wohl steht'; damit ist aber gesagt, da er ihn fr mglich hlt in abnormen Zustnden: 'Diese Ungleichartigkeit der geistigen Vorstellungen und deren, die zum leiblichen Leben des Menschen gehren, darf indessen nicht als ein so groes Hindernis angesehen werden, da sie alle Mglichkeit aufhebe, sich bisweilen der Einflsse von seiten der Geisterwelt sogar in diesem Leben bewut zu werden. Noch leichter mte daher ein bergang einer Vorstellung unseres eigenen transscendentalen Subjekts in das sinnliche Bewutsein eintreten; denn in beiden Fllen der dramatischen Spaltung, in der psychologischen, wie in der metaphysischen, ist die Empfindungsschwelle die Bruchflche der Spaltung; diese Empfindungsschwelle ist aber beweglich, schon im gewhnlichen Traum, mehr noch im Somnambulismus, und da dieses im Wachen geradezu unmglich sei, lt sich in keiner Weise begrnden; wohl aber ist vorweg zu erwarten, da transscendentale Vorstellungen, die whrend des Wachens die Empfindungsschwelle berschreiten, an Bestimmtheit verlieren und vielleicht nur teilweise zum Bewutsein kommen.' _Damit ist nun auch das Rtsel des Sokratischen Dmonions erklrt._ Sokrates war ein Mensch von beweglicher Empfindungsschwelle, so da er sich transscendentaler Einflsse bewut werden konnte, die sich auf die Folgen seiner Handlungen bezogen. Da nun das transscendentale Subjekt fernsehend ist, zeigt sich in hufigen Fllen bei Somnambulen. Diese zeigen sogar eine gesteigerte Form des Sokratischen Dmonions. Bei Sokrates trat dasselbe in der abgeschwchten Form bloer Ahnungen ins Bewutsein, und es verhielt sich nur abhaltend, nicht antreibend. Diese beiden Merkmale lassen sich auf die gemeinschaftliche Ursache zurckfhren, da das Dmonion sich im Wachen und darum in abgeschwchter Form geltend machte. Sokrates selbst sagt, da die innere Stimme sich nur geltend machte, wenn er etwas in den Folgen Unangemessenes und Nachteiliges thun wollte. Nun ist es ein alter Erfahrungssatz der Mystik, da das Fernsehen, wenn es spontan eintritt, auf die Schattenseiten der Zukunft sich richtet. Gerade solche Ferngesichte aber mssen begreiflicherweise mit dem grten Gefhlswert versehen sein, und weil ihnen ein grerer Reiz zu Grunde liegt, mssen sie mit grerer Leichtigkeit auch die Empfindungsschwelle berschreiten. Wenn aber selbst das Ferngesicht als solches nicht ins Bewutsein tritt, so mu doch die damit verbundene Gefhlserregung bewut werden, die dann aber nur mehr als von der beabsichtigten Handlung Abhaltendes, als ein innerhalb des Bewutseins unmotiviertes Gefhl sich geltend machen wird. Dies war eben bei Sokrates der Fall. Nur die Gefhlswirkung des Ferngesichts war ihm bewut. Es unterliegt fr mich keinem Zweifel, da alle Flle von Ahnungen auf solchen abgeschwchten Ferngesichten beruhen, die nur mit ihrem Gefhlswert ber die Empfindungsschwelle treten, whrend die Vision unbewut wird. Denn ein Motiv mu diesen Gefhlserregungen zu Grunde liegen, und es ist wohl kein anderes denkbar als eine Vision, wir mten denn zur Inspiration greifen. Den Schein einer fremden Inspiration mssen allerdings Ahnungen selbst dann haben, wenn sie auf ein bloes Angstgefhl beschrnkt bleiben, weil eben das transscendentale Bewutsein vom irdischen abgegangen ist. Eine Steigerung schon ist es, wenn, wie bei Sokrates, zum abhaltenden Gefhl in dramatischer Spaltung die innere Stimme hinzukommt, die gleich einer fremden vernommen wird. Bei noch hherer Steigerung nimmt der Abmahner plastische Gestalt an; dies scheint aber bei Sokrates niemals eingetreten zu sein, er hrte nur immer die Stimme, sein Dmonion kam aber nie zur Sichtbarkeit. Das Dmonion des Sokrates ist also ein dramatisiertes Ahnen, eine abgeschwchte fernsehende Erkenntnis von der Unangemessenheit einer beabsichtigten Handlung; dieses transscendentale Fernsehen, ins Bewutsein nur als Ahnung dringend, scheint aber immer erst dann eingetreten zu sein, wenn er eben im Begriffe war, die betreffende Handlung zu begehen. Neuntes Kapitel. Platon. Das sokratische Prinzip hatte zwar der naturwissenschaftlichen Metaphysik, die in Demokrit ihren Hhepunkt erreichte, ein Ende gemacht; nicht aber der Metaphysik berhaupt. Vielmehr, wie spter unmittelbar an Kant, dessen Prinzip in vieler Hinsicht an Sokrates erinnert, eine besonders lebhafte Thtigkeit der metaphysischen Forschung anknpft, so auch schon an Sokrates. Zweifellos der begabteste aller Schler des Sokrates ist _Platon, der Vater des Idealismus_. Er war als Sohn des Ariston, eines Atheners von vornehmster Geburt, der seinen Stammbaum auf Knig Kodrus zurckfhren konnte, im Jahre 427 zu gina geboren. Er soll zuerst nach seinem vterlichen Grovater Aristoteles genannt sein und den Namen Platon erst als Beinamen (wegen seiner breiten Brust) im Gymnasium erhalten haben. Von der Natur mit allen krperlichen und geistigen Vorzgen begabt, empfing er die sorgfltigste Erziehung. Im Jnglingsalter widmete er sich zuerst der Dichtkunst. Von diesen poetischen Versuchen aber brachte ihn Sokrates ab, mit dem er angeblich schon in seinem zwanzigsten Jahre in vertrautesten Umgang trat. Die Sage hat diesen Moment durch einen Traum des Sokrates ausgeschmckt, _von einem Schwan, der aus seinem Busen auffliege_. Als ihm am Tage nach diesem Traum Plato von seinem Vater zum Unterricht zugefhrt wurde, soll er den Traum sofort erzhlt und Plato als den Schwan bezeichnet haben. Der Tod des Sokrates machte auf ihn einen erschtternden Eindruck und verklrte das Bild seines Meisters zu dem Ideal des vollkommensten Weisen, welches in fast smtlichen seiner zahlreichen Schriften in der Rolle des Sokrates auftritt. Er ging nach diesem Ereignis zunchst mit anderen Schlern seines Meisters zu Euklides nach Megara. Bald darauf trat er eine groe Reise an, die ihn jedenfalls zuerst nach Kyrene und nach gypten fhrte. Mit Unrecht wird bezweifelt, da er sich hier lange Zeit aufgehalten und in die Geheimlehren der Priester habe einweihen lassen; die Nachrichten der alten Schriftsteller ber diesen Punkt, auch _indirekte_ Zeugnisse unmittelbarer Zeitgenossen, wie z.B. des Isokrates, sind unanfechtbar. Diogenes Laert. (+III.7+) berichtet, er habe auch die persischen Magier besuchen wollen, sei aber durch den Krieg daran verhindert worden. Da er sich im Innern Asiens lngere Zeit aufgehalten hat, besttigt auch Cicero (+Tusc. IV.19+). Nach Rckkehr von gypten oder Asien unternahm er seine erste Reise nach Unteritalien und Sizilien, um mit den dortigen Pythagorern in nheren Verkehr zu treten. Diese Reise fhrte ihn an den Hof des bekannten Tyrannen von Syrakus, Dionysios des lteren. Er schlo hier einen engen Freundschaftsbund mit Dion und wurde durch diesen in die politischen Gegenstze und Parteiungen, die zu Syrakus herrschten, hineingezogen, was fr ihn bedenkliche Folgen hatte. Der Tyrann lie ihn festnehmen, lieferte ihn als Kriegsgefangenen den Spartanern aus und diese lieen den Philosophen in gina _als Sklaven verkaufen_. Ein Kyrenaiker namens Annikeris soll ihn dann frei gekauft haben. Im Alter von vierzig Jahren (387) kehrte er nach Athen zurck und grndete hier in dem akademischen Gymnasium eine philosophische Schule, in der er teils in der dialogischen Methode des Sokrates, teils auch durch Vortrge seine Philosophie verbreitete. Diese Lehrthtigkeit wurde aber durch zweimaligen lngeren Aufenthalt in Sizilien unterbrochen. Zunchst kehrte er nach dem Tode des lteren Dionysios auf den Wunsch des Dion, dem der jngere Dionysios anfnglich sehr gewogen war, nach Syrakus zurck. Dionysios wurde anfangs leidenschaftlich fr Plato eingenommen und nahm sich dessen Lehren und Beispiele zu Herzen; wie ein wildes Tier, sagt Plutarch (+Dion 16+), mit der Zeit das Betasten der Menschen ertragen lernt, so gewhnte sich auch Dionysios so an Platons Umgang und Lehren, da er ihn mglichst lange in Sizilien zurckhielt und eine gewisse tyrannische Liebe gegen ihn hegte, indem er verlangte, Plato solle ihn allein lieben und bewundern und dem Dion vorziehen. Allein als Dion schlielich vom Dionys verbannt wurde, auch die Bemhungen Platos, dessen Rckkehr durchzusetzen und den Tyrannen zur Entsagung auf die Alleinherrschaft und zur Einfhrung einer platonischen Aristokratie zu bestimmen, sich als nutzlos erwiesen, verlie Plato Syrakus. Zum dritten Male freilich kehrte er auf die dringenden Bitten Dions und seiner pythagorischen Freunde im Jahre 361 v.Chr. an den Hof des Dionysios zurck; von letzterem anfangs mit groer Freude aufgenommen, geriet er jedoch, bei seinen unablssigen Bemhungen, denselben wieder mit Dion und dessen politischen Grundstzen zu vershnen, infolge einer Verstimmung des Tyrannen wiederum in persnliche Gefahr. Nur das energische Eintreten der Pythagorer, die, an ihrer Spitze Archytas, die damals nicht geringe Macht Tarents fr ihn engagierten, scheint ihn gerettet zu haben. Er kehrte nach Athen zurck, wo er fortan unter Fernhaltung von jeder politischen Thtigkeit nach dem Vorgange des Sokrates, -- die Demokratie Athens war ihm seit der Verurteilung des Sokrates in hchstem Mae verhat und selbst ber die besten Staatsmnner seiner Vaterstadt, wie z.B. Perikles, enthalten seine Schriften nur bittere Urteile--, sich mit grtem Eifer der wissenschaftlichen Lehrttigkeit in der Akademie und der Abfassung von Schriften widmete. In ungeschwchter Geisteskraft erreichte er das 81. Lebensjahr und starb 348 v.Chr. nach +Diogenes III. 2+, bei einem Gastmahl, nach Cicero (+Senect.5+), falls dessen Angabe wrtlich zu nehmen ist, schreibend. Schon das Altertum, das als besondere Merkwrdigkeit auch seine angeblich unverletzte Virginitt hervorhebt, bewunderte ihn wie einen Heros. In der That hat er, wie kein anderer, die schne Lebensfhrung des Hellenentums durch eine Tiefe des geistigen Daseins geadelt, die ihn am Horizonte der menschlichen Weltanschauung fr alle Zeiten als Stern erster Gre strahlen lt. * * * * * Platos Lehre wird nicht mit Unrecht als die vollkommenste Gestalt der hellenischen Philosophie, als ihre hchste Blte bezeichnet, wenn man gleichzeitig zugiebt, da die hchste Blte auch regelmig den Wendepunkt und bergang zum Verfall in sich birgt. Schwegler will drei Entwicklungsperioden seiner Lehre unterscheiden; in die erste verlegt er die kleinen Gesprche, welche lediglich praktisch sittliche Fragen in sokratischer Weise behandeln, so den Charmides, der die Migung, den Lysis, der die Freundschaft, den Laches, der die Tapferkeit behandelt, und schlielich den Gorgias, der gegen die sophistische Identificierung von Lust und Tugend, Gutem und Angenehmen gerichtet ist. Hier haben diese rein ethischen Schriften, da sie jeder Beziehung zum Occultismus ermangeln, kein Interesse. In die zweite verlegt er die als Vermittlung mit der _Eleatik_ sich vollziehende Aufstellung und dialektische Begrndung der _Ideenlehre_. Ihre Hauptschriften sind der Thetet, der Sophist und der Politikos, vor allem aber der _Parmenides_. Von diesem letzteren Dialog, der ziemlich einstimmig fr den ontologisch wichtigsten von allen erklrt wird, lt Plato den Sokrates mit dem Eleaten Dialektik treiben, und der wesentliche Gedankengang ist nach einem von August Niemann (+Sphinx IV. 22+) gemachten Auszug folgendes: Wenn ihr sagt, da die Gottheit nur Eins sei, so stimme ich euch zu. Als Vielheit wrde Gott sich selbst sowohl gleich als ungleich sein, sich also von sich selbst unterscheiden, was unmglich zu denken ist. Daran ist aber auch nichts zu verwundern, sondern die Einheit Gottes liegt auf der Hand. Zu verwundern ist aber, da verschiedene Begriffe, welche unvershnlich einander gegenberstehen, innerhalb des All-Einen zu finden sind. Ihr sagt freilich, da ja auch der Mensch diese miteinander streitenden Begriffe in sich trgt, indem er in einer Hinsicht hnlichkeit, in anderer Hinsicht Unhnlichkeit besitzt, wie er auch zugleich Einheit und Vielheit in sich trgt. Einer bin ich unter der Menge, vieles bin ich, weil ich eine rechte und linke Seite u.s.w. habe. Aber was ich sagen will, ist noch ein anderes. Alles, was hnlich ist, ist insofern und in dem Grade hnlich, als es an der hnlichkeit selbst, an der Idee der hnlichkeit teil hat. Durch die Parusie der hnlichkeit ist das hnliche hnlich. Und so ist es auch mit dem Gleichen, dem Schnen und allen derartigen. Nun kann ja der Mensch ganz gewi, so wie jedes Ding, zugleich an allen mglichen Ideeen teilhaben; die Ideeen aber bleiben immer dieselben und haben nur an sich selbst teil. _Wir mssen daher die Ideeen von den Dingen absondern_ und jedes fr sich betrachten. Was mich nun, wie gesagt, in Verwunderung setzt, ist das, da die Ideeen, obwohl fr immer geschieden, doch in der Gottheit vereinigt sind. Hierauf antwortet _Parmenides_: Wenn ich dich recht verstehe, so nimmst du also eine fr sich bestehende Idee des Gerechten, des Schnen, des Guten u.s.w. an, und ebenso Ideeen von allem anderen, _welche gesondert von dem sinnlich Wahrnehmbaren sind_. Zum Beispiel eine Idee des Menschen wrdest du annehmen, welcher etwas anderes ist, als irgend ein wirklich lebender Mensch, eine Idee des Feuers, des Wassers und aller Dinge. In deinen Gedanken entsteht eine _Ideeenwelt und diese nennst du Gott_, whrend du die sinnlich wahrnehmbare Welt nur insofern benennen willst, als sie an der Ideeenwelt teil hat. Doch habe ich meine Bedenken hinsichtlich deiner Ansicht. -- Als solche Bedenken fhrt er dann an, da erstens, wenn alles an den Ideeen teil habe, jedes auch an der ganzen Welt teil haben msse. Wenn jemand mutig sei, insofern er an der Idee des Mutes teil habe, so mte die Idee des Mutes, da ja alle Menschen und auch die Tiere in grerem oder geringerem Mae mutig seien, in allen Erscheinungen ganz auftreten, also in unzhlige Vielheiten aufgelst werden. Zweitens wrde beim Vergleich der Dinge mit den Ideeen die Parusie eines Dritten erforderlich sein, mit welchem die Vergleichung geschhe, und das Fortschreiten der Untersuchung wrde unermeliche Vielheiten erzeugen. Drittens mte die grte Schwierigkeit erst aus der Unmglichkeit der Erkennbarkeit der Ideeen entstehen. Denn es habe den Anschein, als ob die Ideeen infolge der ihnen zuerteilten Beschaffenheit sich nicht bei uns befinden knnten, weil dadurch ihr Frsichbestehen aufhren wrde, und als ob auch diejenigen Ideeen, welche ihre Beschaffenheit nur in Wechselbeziehung untereinander htten, ihre Natur nur untereinander, aber nicht in Bezug auf ihre Abbilder, die Dinge geltend machen wrden. So wenig also die Gottheit vom Menschen erkannt werden knne, so wenig knne der Mensch von der Gottheit erkannt werden. -- _Trotz aller dieser selbst gemachten Einwrfe schliet er mit dem Satze, da berhaupt jede ernste Philosophie unmglich sei, wenn man die Ideeenlehre verwerfe._ * * * * * Wir sind damit nicht nur bei dem schwierigsten Teile der platonischen Philosophie, ber deren Sinn noch immer die verschiedensten Auffassungen streiten, sondern vielleicht bei dem schwierigsten Teile der Philosophie berhaupt angelangt. Denn um diesen Angelpunkt dreht sich der immer noch endgiltig nicht entschiedene Streit zwischen Nominalismus und Realismus, wie man es im Mittelalter, oder Idealismus und Realismus, wie man es in etwas verschobener Namensbedeutung bezglich des letzteren, in der modernen Philosophie bezeichnet. +Bruno, de umbris idearum+, und ihm folgend +Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung II. S.417ff.+, auch +Dhring, krit. Geschichte der Philosophie S.101ff.+ wollen in den Platonischen Ideeen nichts anderes finden, als das, was wir empirisch redend die Spezies oder Art nennen. Unrichtig ist dies gerade nicht, aber es deckt nicht die ganze Bedeutung der platonischen Ideeen; denn wenn dieselben auch keineswegs mit den Allgemeinbegriffen zu verwechseln sind, und Plato gewi keine Ideeen z.B. von Artefakten angenommen hat, so gehren doch vor allem auch die Ideeen der Moral und sthetik zur Ideenwelt, und Kant (+Kritik der reinen Vernunft II. 1+) hebt mit Recht hervor, da gerade auf _praktischem_ Gebiete Plato die _vorzglichste_ Bedeutung seiner Ideeenlehre suchte. Die groe Frage ist nun, einmal wie Plato sich das _Sein_ der Ideeen gedacht habe, ob er sie _hypostasiert_ und ihnen eine hhere ber den Dingen schwebende, von der empirischen Wirklichkeit getrennte Existenz zugeschrieben hat oder nicht; sodann, wie er sich ihr Verhltnis zur Gottheit gedacht habe, welche letztere Frage zusammenfllt mit der nach der theologischen Grundlage seiner Weltanschauung. Den ersten Teil dieser Frage scheint mir am klarsten und zutreffendsten Lotze in seiner +Metaphysik S.513+ zu beantworten: So wenig jemand sagen kann, wie es gemacht wird, da Etwas ist oder Etwas geschieht, ebenso wenig lt sich angeben, wie es gemacht wird, da eine Wahrheit gelte; man mu auch diesen Begriff als einen durchaus nur auf sich beruhenden Grundbegriff ansehen, von dem jeder wissen kann, was er mit ihm meint, den wir aber nicht durch eine Konstruktion aus Bestandteilen erzeugen knnen, welche ihn selbst nicht bereits enthielten. Von hier aus scheint mir Licht auf eine befremdliche Angabe zu fallen, die in der Geschichte der Philosophie berliefert wird: Platon habe den Ideeen, zu deren Bewutsein er sich erhoben, ein Dasein abgesondert von den Dingen, und doch, nach der Meinung derer, die ihn so verstanden, hnlich dem Sein der Dinge, zugeschrieben. Es ist seltsam, wie friedlich die hergebrachte Bewunderung des Platonischen Tiefsinns sich damit vertrgt, ihm eine so widersinnige Meinung zuzutrauen; man wrde von jener zurckkommen mssen, wenn Platon wirklich diese gelehrt und nicht nur einen begreiflichen und verzeihlichen Anla zu einem so groen Miverstndnis gegeben htte. Der Ausdruck philosophischer Gedanken ist von der Leistungsfhigkeit der gegebenen Sprache abhngig, und es ist kaum vermeidlich, zur Bezeichnung dessen, was man meint, Worte zu benutzen, welche diese eigentlich nur fr Verwandtes, was man nicht meint, ausgeprgt hat, dann vorzglich, wenn ein neues Gebiet erffnet wird und die Dringlichkeit der Unterscheidung des gemeinten von jenem anderen noch wenig empfunden werden kann. Hierin scheint mir der Grund jenes Miverstndnisses zu liegen. Nichts sonst wollte Platon lehren, als die Geltung von Wahrheiten, _abgesehen davon, ob sie_ an irgend einem _Gegenstande der Auenwelt_, als dessen Art zu sein, sich besttigen; die ewig sich selbst gleiche Bedeutung der Ideeen, die immer sind, was sie sind, gleichviel ob es Dinge giebt, die durch Teilnahme an ihnen sie in dieser Auenwelt zur Erscheinung bringen, oder ob es Geister giebt, welche ihnen, indem sie sie denken, die Wirklichkeit eines sich ereignenden Seelenzustandes geben. Aber der griechischen Sprache fehlte damals und noch spter ein Ausdruck fr diesen Begriff des Geltens, der kein Sein einschliet; eben dieser des Seins trat allenthalben, sehr hufig unschdlich, hier verhngnisvoll an seine Stelle. Jeder fr das Denken fabare Inhalt, wenn man ihn als etwas mit sich Einiges von anderem Verschiedenes und Abgeschlossenes betrachten wollte, alles, wofr die Sprache der Schule spter den nicht blen Namen des Gedankendinges erfunden hat, war dem Griechen ein Seiendes, %on% oder %ousia%; und wenn der Unterschied einer wirklich geltenden Wahrheit von einer angeblichen in Frage kam, so war auch jene ein %onts on%--; anders als in dieser bestndigen Vermischung mit der Wirklichkeit des Seins hat die Sprache des alten Griechenlands jene Wirklichkeit der bloen Geltung niemals zu bezeichnen gewut; unter dieser Vermischung hat auch der Ausdruck des Platonischen Gedankens gelitten. Man berzeugt sich leicht, da alles, was von den Ideeen gesagt wird, unter der Voraussetzung, die wir machten, sich als natrlich und notwendig ergiebt, und da die verschiedenen Wendungen, die in der Darstellung ihres Wesens genommen werden, eben darauf hinauslaufen, den Begriff, zu dessen Bezeichnung ein einziger Ausdruck fehlte, durch viele einander zu Hilfe kommende und beschrnkende zu erschpfen. Ewig, weder entstehend noch vergehend (%aidia, agennta, anlethra%), muten die Ideeen genannt werden gegenber dem Flu des Heraklit, der auch ihren Sinn schien mit sich fortreien zu sollen; die Wirklichkeit des Seins allerdings kommt ihnen bald zu, bald nicht zu, je nachdem vergngliche Dinge sich mit ihnen schmcken oder nicht; die Wirklichkeit der Geltung aber, welche ihre eigne Weise der Wirklichkeit ist, bleibt unberhrt von diesem Wechsel; diese Unabhngigkeit von aller Zeit, in Vergleichung gebracht mit dem, was in der Zeit entsteht und vergeht, konnte nicht wohl anders als durch das zeitliche und doch die Macht der Zeit negierende Prdikat der Ewigkeit ausgesprochen werden, ebenso wie wir das, was an sich nicht gelte und gelten knnte, an seinem Niemalsvorkommen in aller Zeit am leichtesten erkennen wrden. Trennbar oder getrennt von den Dingen (%chris tn ontn%), heien die Ideeen zunchst begreiflich, weil das Bild (%eidos%) ihres Inhalts unserer Erinnerung vorstellbar bleibt, auch nachdem in der Wirklichkeit des Seins die Dinge verschwunden sind, durch deren Anregung es in uns entstanden war; dann aber, weil unter jenem Inhalt nur das verstanden war, was in allgemeiner Gestalt fabar, in verschiedenen Erscheinungen der uern Wirklichkeit sich selbst gleich vorkommt, und deshalb unabhngig ist von jedem einzelnen Beispiele seiner sinnlichen Verwirklichung. Aber es war nicht die Meinung Platons, da die Ideeen nur von den Dingen unabhngig, dagegen in ihrer Weise der Wirklichkeit abhngig sein sollten von dem Geiste, welcher sie denkt; Wirklichkeit des Seins genieen sie freilich nur in dem Augenblicke, in welchem sie, als Gegenstnde oder Erzeugnisse eines eben geschehenden Vorstellens, Bestandteile dieser vernderlichen Welt des Seins und Geschehens werden; aber wir alle sind berzeugt, in diesem Augenblicke, in welchem wir den Inhalt einer Wahrheit denken, ihn nicht erst geschaffen, sondern nur ihn anerkannt zu haben; auch als wir ihn nicht dachten, galt er und wird gelten, abgetrennt von allem Seienden, von den Dingen sowohl als von uns, und gleichviel, ob er je in der Wirklichkeit des Seins eine erscheinende Anwendung findet oder in der Wirklichkeit des Gedachtwerdens zum Gegenstand einer Erkenntnis wird; so denken wir alle von der Wahrheit, sobald wir sie suchen und suchend vielleicht ihre Unzugnglichkeit fr jede wenigstens menschliche Erkenntnis beklagen; auch die niemals vorgestellte gilt nicht minder, als der kleine Teil von ihr, der in unsere Gedanken eingeht. In etwas anderer Form, und gegen Protagoras, wird die selbstndige Geltung der Ideeen hervorgehoben, wenn sie als an sich seiend was sie sind (%auta kath' auta onta%) der Relativitt entzogen werden, in die sie der berhmte Ausspruch dieses Sophisten verwickeln wollte. Zugegeben selbst, da die Lehre desselben, auf sinnliche Empfindungen beschrnkt, ihre gute Gltigkeit hat, und da Platon sie in dieser Beziehung miverstndlich bekmpft, zugegeben also, da jede sinnliche Empfindung fr den, der sie hat, so gut eine Wahrheit ist, wie eine abweichende andere fr den, der diese andere hat, so wrde doch Platon mit Recht behaupten, weder der eine noch der andere knne diese oder jene Empfindung haben, ohne da dasjenige, was er in ihr empfindet, Rot oder Blau, S oder Bitter, ein an sich Etwas und immer dasselbe Etwas bedeutender Bestandteil einer Welt von Ideeen sei; sie bildet gleichsam den bestndigen unerschpflichen Vorrat, aus dem jedem Dinge der Auenwelt alle die noch so verschiedenen Prdikate, mit denen es sich wechselnd bekleidet, und ebenso jedem Geist die verschiedenen Zustnde zugeteilt werden, die er soll erfahren knnen; unmglich ist es dagegen, da ein einzelnes Subjekt etwas empfinde oder vorstelle, dessen Inhalt nicht in dieser allgemeinen Welt des Denkbaren seine bestimmte Stelle, seine Verwandtschaften und Unterschiede gegen anderes ein fr allemal bese, sondern eine zu dieser ganzen Welt beziehungslose, nirgends sonst heimische Sonderbarkeit dieses einen Subjekts bliebe. Ist nun durch diese Ausdrcke fr die selbstndige Gltigkeit der Ideen gesorgt, so ist auch hinlnglich vorgebaut, da diese Gltigkeit nicht mit der Wirklichkeit des Seins verwechselt werde, die nur einem beharrlichen Dinge zugeschrieben werden knnte. Wenn die Ideeen in einem intelligiblen berhimmlischen Ort (%notos, hyperouranios topos%) ihre Heimat haben sollen, wenn sie anderseits ausdrcklich noch als nirgends wohnend bezeichnet werden, so ist fr jeden, der die Anschauungsweise des griechischen Altertums versteht, vollkommen hinlnglich ausgedrckt, da sie zu dem nicht gehren, was wir reale Welt nennen; was nicht im Raume ist, das ist fr den Griechen nicht, und wenn Platon die Ideeen in diese unrumliche Heimat verweist, so liegt darin nicht ein Versuch, ihre bloe Geltung zu irgend einer Art von seiender Wirklichkeit zu hypostasieren, sondern die deutliche Anstrengung, jeden solchen Versuch von vornherein abzuwehren. Auch dies steht nicht entgegen, da die Ideeen als Einheiten (%henades, monades%) aufgefhrt werden; denn keine Veranlassung liegt vor, diese Bezeichnung in dem Sinne atomistischer Vorstellungen, sei es auf krperliche Unteilbarkeit, sei es auf eine der Persnlichkeit hnliche Selbstheit zu deuten; vielmehr dem Sinne jeder Idee, und nicht jeder einfachen blos, sondern auch jeder zusammengesetzten, kommt es zu, durch Vereinigung des in ihm zusammengehrigen und durch Ausschlieung alles Fremden sich als Einheit zu beweisen. Dennoch aber, obgleich alle diese uerungen darin bereinstimmen, da Platon _nur_ die ewige _Gltigkeit_ der Ideeen, _niemals_ aber ihr _Sein_ behauptete, dennoch blieb ihm auf die Frage: was sie denn seien, zuletzt nichts brig, als sie doch wieder unter den Allgemeinbegriff der %ousia% zu bringen, und so war dem Miverstndnis eine Thr geffnet, das seitdem sich fortgepflanzt hat, obschon man nie anzugeben wute, was denn das eigentlich sei, wozu Platon durch die ihm schuld gegebene Hypostase seine Ideeen hypostasiert haben sollte. * * * * * ber das Verhltnis der Ideeenwelt zur Gottheit und die theologische Seite des Systems,-- wenn man bei Plato von einem System reden darf--, geben uns diejenigen Schriften Auskunft, welche in die von Schwegler angenommene _dritte_ und letzte Periode seiner Entwicklung fallen, nmlich in die Zeit nach seiner Heimkehr in die Vaterstadt bis zu seinem Tode; es sind dies in erster Linie der Phdrus, Philebus, die Republik und der Dialog von den Gesetzen. uerlich kennzeichnet diese Schluperiode seines geistigen Schaffens sich durch das berhandnehmen der mythischen Form. Die wichtigsten hier in Betracht kommenden Stze sind folgende: Den Schpfer und Vater des Weltalls zu finden, ist schwer, und wenn man ihn gefunden, mit allen darber zu sprechen, unmglich: alte heilige berlieferungen bezeichnen ihn als den Gott der Gtter, der nach Gesetzen regiert, als den Anfang, die Mitte und das Ende aller Dinge. In der Natur dieses Gottes wohnt eine knigliche Seele, und in dieser ein kniglicher Verstand, welcher die oberste Ursache alles Guten, Wahren und Schnen ist. Alle Wesen stimmen darin berein, da dieser bewunderungswrdige Verstand der Knig des Himmels und der Erde sei; da nicht wie die Menge whnt, eine blind wirkende Natur und Notwendigkeit, sondern der gttliche seiner selbst bewute Verstand, um eines guten Endzwecks willen, das Weltall geordnet habe, und da ohne Gott diese Weltordnung ganz unmglich wre. Wie nun ein Knstler, bevor er sein Kunstwerk sinnlich ausfhrt, sich zuvor eine Idee desselben bildet, nach welcher er das Werk ausfhrt: so hat auch Gott, der grte und beste aller Knstler, ehe er diese sichtbare Welt und in ihr die einzelnen Dinge gebildet, zuvor die Ideeen derselben konzipiert, und diese gttlichen Ideeen und geistigen Vorbilder sind das der Erscheinungswelt vorangehende, wahre, ewige, allein reale Wesen der Dinge; die einzelnen sogenannten wirklichen Dinge, die wir durch die Sinne wahrnehmen, sind nur Abbilder, vorbergehende vergngliche Erscheinungen jener gttlichen Ideeen. Es giebt also zwei Welten, eine gttliche Ideeenwelt, die Welt der ewigen substanziellen Gedanken Gottes, und eine irdische Erscheinungswelt, die Welt der wandelbaren Formen; die Welt des ewig Seienden und ewig sich Gleichbleibenden, und die Welt des zeitlichen Werdens, des Entstehenden und Vergehenden, der Zeugung und des Todes. Die erscheinenden Dinge in dieser Welt sind nur die Wirkungen der wahren Existenzen in jener Welt; jedes Ding hat seine Idee in Gott, diese gttlichen Ideeen sind das Original, die irdischen Phnomene die Kopieen. In der Ideeenwelt aber ist die oberste nur mit Mhe erkennbare Ursache alles Wahren und Schnen die Idee des Guten, der Urheber des Guten aber ist Gott, der sich selbst immerdar gleich und mit sich identisch ist, und der allein auch vollkommenste Erkenntnis besitzt. Wre dieser Gott neidisch, so htte er sich an sich selbst gengen lassen und nichts auer sich ins Leben gerufen; da er aber nicht neidisch, sondern neidlos gtig ist, so hat er auch das Nichtsein an dem Reichtum seines Seins teilnehmen, und das Einzelne, Unvollkommene um der Vollkommenheit und Glckseligkeit des Ganzen willen entstehen lassen: er hat gleichsam wie ein reicher Mann ein armes Mdchen, das Nichtseiende sich zur Braut erwhlt und mit ihr, aus Liebe, die Welt erzeugt. Die Unvollkommenheit aller irdischen Dinge hat daher ihren Grund darin, da in ihnen zwar etwas Gttliches, Ewiges, Wirkliches, aber auch etwas Ungttliches, Vergngliches, Nichtiges; da in ihnen Sein und Nichtsein, Freiheit und Notwendigkeit gemischt ist. Das Nichtsein, aus dem die Dinge hervorgerufen sind, klebt ihnen noch an, ja es ist ganz unmglich, da sie absolut vollkommen seien; denn nur Gott ist dieses, nichts geschaffenes. Man mu demnach zwei Arten von Ursachen unterscheiden, eine naturnotwendige, leibliche, und eine gttliche, seelische: die gttliche mu man in allen Dingen aufsuchen, um, so viel die menschliche Natur es zult, ein glckseliges Leben zu erlangen; die naturnotwendige aber nur um jener willen. Die gttliche ist die eigentliche Ursache, die naturnotwendige die Hilfsursache zur irdischen Geburt. Die stofflichen Entstehungsgrnde oder Urelemente der Dinge, des Menschen wie aller brigen Wesen, lassen eine logische Erklrung nicht zu, es ist unmglich, diese Urstoffe durch Worte zu definieren, sie sind ihrer Natur nach unerklrlich, unsere Sprache hat fr sie kein adquates Wort. Der Mensch nun, das am meisten zur Gottesverehrung befhigte unter allen Geschpfen, ist ursprnglich nicht eine irdische, sondern eine himmlische Pflanze; unter allen Besitztmern, die er hat, ist nchst den Gttern seine Seele sein wertvollstes gttlichstes Eigentum, ja das eigentliche Wesen des Menschen: ihre Ausbildung ist daher Menschen und Gttern das teuerste: denn ihr allein kommt, wie die Priester und alte gttliche Dichter lehren, wahres unsterbliches Sein zu: sie gehrt zu den ersten Existenzen, und ist lter und frher als alle Krper, und hat vor ihrem gegenwrtigen Leben in einer hheren Region gelebt und die Wahrheit geschaut: so da, da die ganze Natur unter sich verwandt ist, was sie in dem irdischen Leben lernt, eigentlich nur eine Wiedererinnerung dessen ist, was sie in einem vorirdischen Leben schon einmal gewut hat. In der Seele aber, als die oberste Seelenkraft wohnt der reine denkende Geist, der, wie er vom Himmel in den Menschen herabgekommen ist, den Menschen auch wieder von der Erde in den Himmel emporhebt, als der einem jeden von Gott geschenkte Schutzgeist. Dieser spezifisch geistige Teil der menschlichen Seele, der gttliche Geist in uns, lt sich nicht gengen an dem Einzelnen, Vielen, Vernderlichen, Sinnlichen, sondern fhlt sich erst dann befriedigt und gesttigt, wenn er vorgedrungen ist bis zu dem Urgrunde, der ewigen Wesenheit der Dinge und der ewigen Wahrheit, welchen beiden er selbst verwandt und homogen ist. Liebe zu dem ewig Seienden, zu der ewigen Weisheit, und zu der ewigen Wahrheit, sind dem Menschen von Natur eingeboren: sein denkender Geist strebt ebenso natrlich nach Erkenntnis der Wahrheit, wie das sonnenartige Auge des Menschen nach Licht; und wie diesem die Finsternis, so ist jenem die Unwissenheit zuwider. Die echt philosophischen Naturen haben darum ihr Denken nicht auf die Welt des Werdens, sondern auf das ewig und unvernderlich Seiende gerichtet: sie sind vor allem bestrebt die ewige Wesenheit der Dinge zu erkennen, die obersten Ursachen in der gttlichen Ideenwelt; nicht dasjenige, was zwischen Entstehen und Vergehen hin und her schwankt, die vorbergehende Erscheinungswelt. Dieses ist das ursprngliche Verhltnis der menschlichen Seele und in dieser des menschlichen Geistes zu Gott und dem Weltall. Ursprnglich, in Kraft und Fortwirkung ihres gttlichen Ursprungs, sind die Menschen viel wahrhaftiger, groherziger, vollkommener gewesen als spter, wo der Anteil Gottes in ihnen, durch die fortgesetzte Vermischung mit der sterblichen Natur, immer schwcher geworden, und der menschliche Charakter immer strker hervorgetreten ist. So kommt es, da jetzt allerdings, wie der Meerdmon Glaukos von dem Seewasser angefressen und durch das Seetang und Muschelwerk, was sich ihm angesetzt, fast unkenntlich geworden ist, auch die menschliche Seele in dem gegenwrtigen Leben, in dem Meer der Todeswelt, durch vielfache bel ihre ursprngliche Reinheit und Schnheit fast ganz verloren hat, und wenn sie diese wiedergewinnen will, zuerst aus dem Meere, in welchem sie versunken ist, sich erheben und alles ihr fremdartige Anhngsel abwerfen mu. Reinigung der Seele von den Leidenschaften, Loslsung von den Banden des Leibes und allem Irdischen, ist darum die notwendige Vorbedingung jedes echten Philosophierens. Denn nur mit reiner Seele knnen wir das Reine, Wahre, Ewige berhren, nur dann mit der Seele selbst das wahre ewige Wesen der Dinge schauen und erkennen. Wer darum wahrhaft philosophisch gesinnt, und wirklich in Freiheit und Mue auferzogen ist, der trachtet so schnell als mglich aus dem Irdischen in das berirdische sich zu flchten. Diese Flucht bringt ihn dann zur mglichst grten Verhnlichung mit Gott, diese Verhnlichung aber besteht darin, da er mit Wissen und Willen gerecht und fromm ist. Dieses zu erkennen ist die wahre Weisheit und Tugend; darin unwissend zu sein, offenbarer Unverstand und Schlechtigkeit. * * * * * Hier freilich drfte am meisten die Lehre Platos von der _Unsterblichkeit der Seele_ interessieren. Als Quellen kommen dafr hauptschlich die Dialoge _Phaedon_, _der Staat_, _Phaedrus_, _Timaeus_ und das _Gastmahl_ in Betracht. Im _Phaedon_ lt er Sokrates in dem unmittelbar vor seinem Tode gefhrten letzten Gesprch davon ausgehen, da der Tod der Gegensatz des Lebens sei. Der Tod ist eben die Trennung der Seele vom Krper, und da der Krper nur die Wahrnehmungen trbt, ein _ersehnenswertes_ Ziel. Der Weise hofft durch den Tod mit den Gttern und mit den dahingegangenen guten Menschen vereinigt zu werden. Erst nach der Trennung vom Krper wird die Seele, losgelst von allem Sinnlichen, die Wahrheit erkennen. In den eleusinischen Mysterien werde bildlich angedeutet, da, wer uneingeweiht und ungeheiligt in den Hades kommt, im Schlamm liegen, der Gereinigte und Geheiligte aber, wenn er dorthin kommt, mit den Gttern wohnen wird. Nach altem Glauben kommen die Seelen von hier in den Hades, _kehren aber vom Hades wieder hierher zurck_. Da alles aus Gegenstzen entsteht, der Gegensatz des Lebens aber der Tod ist, so mssen die Seelen auch im Tode irgendwo sein, von wo aus sie wieder zum Leben erwachen. Wre dem nicht so, so wrde eben entweder das Lebendigsein oder das Todtsein ausschlielich bestehen. Ferner, da das Lernen nur Rckerinnerung ist, eine Voraussetzung, die Plato mehrfach durch Vorfhrung empirischer Beispiele der sokratischen Dialektik zu beweisen versucht, so mu die Seele, bevor sie in diesen Leib kam, irgendwo bestanden und das, dessen sie sich jetzt im Lernen wieder erinnert, gewut haben. Auf den Einwurf eines Teilnehmers am Gesprch, ob denn die Seele nicht im Tode sich auflsen knne, erwidert Sokrates, die Seele sei nichts Zusammengesetztes, sie sei eine der selbstndigen, sich immer gleichbleibenden Ideeen und sei wegen ihrer angeborenen Herrschaft ber den Krper dem Gttlichen gleich. Auch gehe ja nicht einmal das Krperliche im Tode zu Grunde, lse sich vielmehr nur in seine unteilbaren Bestandteile auf. Warum sollte die an sich unteilbare Seele zu Grunde gehen? brigens gelangt nur die gereinigte Seele wieder ins Gttliche zurck, die nicht gereinigte wird auf's neue in das irdische Gebiet des Sichtbaren herabgezogen und hat zu ihrer Luterung nur Wandlungen zu bestehen; ja sie kann zu diesem Ende in Tierleiber bergehen und zwar wahrscheinlich jedesmal in solche, die ihren im Vorleben ausgebildeten Neigungen am meisten angepat sind, z.B. knnen Schlemmer als Schweine, Ungerechte und Ruber als Wlfe sich metensomatisieren. Heftige Begierden und Leidenschaften lenken auch die Seele auf begehrliche und leidenschaftliche Gedanken, und solche Gedanken nageln die Seele gleichsam an den als Werkzeug dafr geeigneten Krper an. Nur der von allen Sinneseindrcken Losgelste kann in die Gattung der Gtter kommen. Auch das _sittliche_ Gefhl streite fr die Fortdauer der Seele nach dem Tode, deren Vernichtung ja nur fr den Schlechten ein Gewinn sein wrde. In mythischer Einkleidung schildert Sokrates den Hades mit topographischer Genauigkeit: Die vom Krper getrennten Seelen werden, nachdem sie ihr Urteil vom Totenrichter empfangen, von Dmonen, die besseren von Gttern selbst in ihre neuen Wohnsitze geleitet, welche sich je nach ihrem Vorleben verschieden gestalten; die ganz Schlechten werden sogleich in den Tartarus geschleudert, die Reuigen irren lange umher und werden in bestimmten Zeitlufen in die Nhe der von ihnen gekrnkten gefhrt, so da sie dieselben um Verzeihung anflehen knnen; wird ihnen diese jetzt oder nach wiederholtem Irrgang zu teil, so kommen sie an bessere Wohnorte. Solche, die zwar strflich gelebt, aber doch Gutes aufzuweisen haben, wandern, nachdem sie endlich gereinigt worden sind, zu neuem Lebenslauf auf die Erde. Nur, wer philosophisch gedacht und gelebt, kann in die reinen Sphren, abgeklrt von allem Irdischen, gelangen. Zu solchem reinen philosophischen Denken und Leben, zum Verzichten auf alles, was auch nur teilweise davon ablenken knnte, mahnt Sokrates seine Schler und schliet mit den Worten: schn ist der Kampfpreis und gro die Hoffnung. * * * * * In dem Dialog _ber den Staat_ ist der Gedankengang der Unsterblichkeits-Spekulation folgender: Wenn etwas zu Grunde geht, so kann dies nur durch das ihm innewohnende Schlechte geschehen; aber das der Seele innewohnende Schlechte vernichtet ja dieselbe nicht, wie solches beim Leibe der Fall sein kann. Der Zerstrende und Verderbende ist das Schlechte, der Bewahrende und Nutzbringende aber das Gute; eines schliet das andere aus. Finden wir nun etwas, das durch das Schlechte zwar geschdigt, aber nicht vernichtet werden kann, so mssen wir das wohl fr unzerstrbar halten. _Ein solches nun ist offenbar die Seele._ Die Seele wird durch Ungerechtigkeit und andere Schlechtigkeit allerdings gefhrdet, aber zu einer Auflsung derselben, wie dies beim Krper durch ihre betreffenden bel geschehe, kommt es darum bei der Seele nicht.(?) berhaupt giebt es fr jedes Ding nur _ein_ eigentmlich Zerstrendes; so kann das Fieber nur den Krper schdigen und zerstren, nicht aber die Seele. Nun aber (ein Beweis wird nicht einmal versucht), meint Plato, kann die Seele weder durch eigenes noch durch fremdes Schlechte zu Grunde gerichtet werden, ist demnach ein immerwhrendes, ein Unsterbliches. Man sieht, wie auch hier die Beweisfhrung ebenso wie im Phdon nur in einer sich im Kreise drehenden Beteuerung des Dogmas besteht. Das Unsterbliche ist aber nach Plato dem Gttlichen verwandt und kann in seiner Reinheit nur dann betrachtet werden, wenn es von allen Schlacken vollstndig befreit ist, d.h. nach der Loslsung vom Leibe. Doch schon in diesem Leben wird das Streben nach Gerechtigkeit von den Gttern gesehen, denen dasselbe ja nur angenehm sein kann; sie sorgen dafr, da denen, die nach Gerechtigkeit streben, alles, _wenn nicht hier_,-- denn hier triumphiert oft das Ungerechte,-- so doch _nach dem Tode zum Guten ausschlagen wird_. Auch diese Deduktion schliet mit einem vom Darsteller selber als Gesicht eines Scheintoten bezeichneten Bericht ber das Jenseits. Ich werde Dir, sagt Sokrates, keine Erzhlung eines Alkinoos mitteilen, sondern die eines wackeren Mannes, des _Er_, des Sohnes des Armenios, eines Pamphyliers, der einst im Kriege geblieben war und, als am zehnten Tage die Toten, die bereits verwest waren, aufgehoben wurden, wohlerhalten aufgehoben ward, dann nach Hause geschafft, um bestattet zu werden, am zwlften auf dem Scheiterhaufen wieder auflebte und nach seinem Wiederaufleben erzhlte, was er dort gesehen. Er sagte aber, er sei, nachdem seine Seele ihn verlassen, mit vielen gewandelt und sie seien an einen wunderbaren Ort gekommen, wo in der Erde zwei aneinander grenzende ffnungen gewesen und ebenso am Himmel oben zwei andere gegenber; Richter aber htten zwischen diesen gesessen, welche, je nachdem sie ihren Urteilsspruch gethan, den Gerechten befohlen htten, den Weg nach rechts und nach oben durch den Himmel einzuschlagen, wobei sie ihnen vorn Zeichen der beurteilten Thaten angeheftet, den Ungerechten dagegen den nach links und nach unten, ebenfalls mit Zeichen hinten von Allem, was sie gethan. Als er aber herangetreten sei, htten sie gesagt, er msse den Menschen die dortigen Dinge verknden, und sie forderten ihn auf alles an diesem Orte zu hren und zu beschauen. Er habe nun daselbst gesehen, wie durch jede von beiden ffnungen im Himmel und der Erde die Seelen fortgingen, nachdem ihnen das Urteil gesprochen, bei den anderen aber sie aus der einen hervorkamen aus der Erde voll Schmutz und Staub, aus der anderen aber andere rein herabstiegen aus dem Himmel. Und die jedesmal ankommenden htten wie von einer langen Reise herzukommen geschienen, wren vergngt nach der Wiese abgegangen, htten sich da wie bei einer Festversammlung gelagert, die sich gekannt einander begrt, die aus der Erde kommenden sich bei den anderen nach den dortigen Verhltnissen und die aus dem Himmel kommenden nach denen bei jenen erkundigt. Da htten sie sich nun einander erzhlt, die einen unter Jammern und Thrnen, indem sie sich erinnerten, wie Vieles und Welcherlei sie gelitten und gesehen bei ihrer Wanderung unter der Erde -- die Wanderung sei aber eine tausendjhrige -- die aus dem Himmel dagegen htten von herrlichen Genssen erzhlt und von Anblicken von unbeschreiblicher Schnheit. Das Meiste nun davon zu erzhlen, o Glaukon, wrde zuviel Zeit erfordern, die _Hauptsache aber, sagte er, sei dieses, da jeder fr alles Unrecht, was er jemals und gegen wen immer verbt, der Reihe nach Strafe erlitten habe, fr jedes zehnfach_ -- das aber finde statt allemal nach einem Zeitraum von hundert Jahren, weil dieses die Dauer des menschlichen Lebens sei, -- damit sie so zehnfach die Bue fr das Unrecht entrichteten, zum Beispiel, wenn manche am Tode Vieler Schuld waren, indem sie entweder Stdte oder Kriegsheere verrieten und in Knechtschaft gestrzt hatten, oder sonst an einem Elend mitschuldig waren, sie von allen diesen zehnfache Pein fr jedes erduldeten, und wiederum, wenn sie irgend Wohlthaten erwiesen hatten und gerecht und fromm gewesen waren, nach demselben Mastabe den verdienten Lohn erhielten. Von denen aber, die gleich nach ihrer Geburt starben und nur kurze Zeit lebten, erzhlte er anderes, was nicht der Erwhnung wert ist. Fr Ruchlosigkeit dagegen und Ehrfurcht gegen Gtter und Eltern und fr eigenhndigen Mord (Selbstmord?) erwhnte er noch grere Vergeltungen. Er sagte nmlich, er sei zugegen gewesen, wie einer von einem anderen gefragt wurde, wo Ardios der Groe wre. Dieser Ardios aber wre in irgend einer Stadt Pamphyliens Gewaltherrscher gewesen, tausend Jahre vor jener Zeit, und hatte seinen greisen Vater und lteren Bruder gettet und noch vielen anderen Frevel verbt, wie man sagte. Der Gefragte nun, erzhlte er, habe gesagt: Er ist nicht gekommen und wird auch nicht hierher kommen. Wir sahen nmlich unter den schrecklichen Schauspielen ja auch dieses mit an: Als wir nahe an der Mndung und im Begriff waren emporzusteigen und das andere alles berstanden hatten, erblickten wir pltzlich jene und andere, von denen fast die Meisten Gewaltherrscher waren; es gab aber auch einige Privatleute darunter aus der Zahl derer, die groe Frevel begangen hatten; und als diese meinten, da sie eben emporsteigen knnten, nahm sie die Mndung nicht auf, sondern brllte laut auf, so oft einer von den in Bezug auf Schlechtigkeit Unverbesserlichen oder, der nicht hinreichend Strafe erlitten, Anstalt machte emporzusteigen. Da waren nun, fuhr er fort, wilde, feurig aussehende Mnner bei der Hand, welche, als sie den Ton vernahmen, die einen ergriffen und wegfhrten, dem Ardios aber und anderen banden sie Hnde, Fe und Kopf zusammen, warfen sie nieder, schunden sie, schleiften sie seitwrts vom Wege und zerfleischten sie auf Dornen, wobei sie jedesmal Vorbergehenden anzeigten, weswegen sie abgefhrt wrden und wohin sie sollten geworfen werden. Hier nun, erzhlte er weiter, sei unter vielen und mannigfachen ngsten, die sie gehabt, diese berwiegend gewesen, es mchte fr jeden, wenn er hinaufsteigen wollte, jener Ton sich vernehmen lassen, und hchst vergngt sei ein jeder, wenn er nicht vernommen worden, hinaufgestiegen. Und die Strafen und die Zchtigungen seien irgend derartige, und diesen wieder entsprechend die Belohnungen. Nachdem aber denen auf der Wiese jedem sieben Tage verstrichen, mten sie am achten von dort aufbrechen und weiter wandern, und sie kmen am vierten Tage dahin, von wo man von oben ein durch den ganzen Himmel und die Erde gespanntes gerades Licht erblicke, wie eine Sule, am meisten dem Regenbogen vergleichbar, aber glnzender und reiner; und zu diesem seien sie gekommen, nachdem sie eine Tagereise weiter gegangen, und htten dort gesehen, wie nach der Mitte des Lichtes hin vom Himmel her die Enden seiner (des Himmels) Bnder gespannt seien; denn es sei dieses Licht das Band des Himmels, welches ebenso, wie die Gurte der Dreirudrer, den ganzen Umkreis zusammenhalte; an die beiden Enden aber sei die Spindel der Notwendigkeit gespannt, vermittelst welcher alle Umdrehungen geschehen, und an dieser sei die Stange und der Hacken von Stahl, der Wirtel[614] aber gemischt aus dieser und anderen Arten. Die Beschaffenheit aber des Wirtels sei folgende: an Gestalt dieselbe, wie bei uns hier; nach dem aber, was er sagte, mu man sich ihn so vorstellen, als wenn in einem groen, hohlen und durch und durch ausgemeielten Wirtel ein anderer eben solcher kleinerer eingepat wre, geradeso wie die Gefe, welche ineinander passen, und ebenso ein anderer dritter, vierter und noch vier andere. Denn acht Wirtel seien es im ganzen, die ineinander liegen, ihre Rnder von oben als Kreise zeigen uns einen zusammenhngenden Rcken eines einzigen Wirtels um die Stange herumbilden; diese aber sei mitten durch den achten hindurchgetrieben. Der erste und uerste Wirtel nun habe den breitesten Kreis des Randes, der sechste den zweiten, den dritten der vierte, den vierten der achte, den fnften der siebente, den sechsten der fnfte, den siebenten der dritte, den achten der zweite. Und der des grten sei bunt, der des siebenten der glnzendste, der des achten habe seine Farbe von der Beleuchtung des siebenten, der des zweiten und fnften seien einander hnlich, gelblicher als jene, der dritte habe die weieste Farbe, der vierte sei rtlich, der zweite an Weie der sechste. Es bewege sich aber nun bei ihrer Drehung die Spindel ganz in ein und derselben Richtung im Kreise, bei dem Umschwunge des Ganzen aber drehen sich die sieben inneren Kreise in einer dem Ganzen entgegengesetzten Richtung ruhig herum, und von diesen selbst gehe am schnellsten der achte, dann folgten und zugleich miteinander der siebente, sechste und fnfte, als der dritte seinem Schwunge nach kreise, wie ihnen geschienen, der vierte, als vierter der dritte und als fnfter der zweite. _Sie selbst (die Spindel) aber drehe sich in dem Schoe der Notwendigkeit._ _Auf den Kreisen derselben ferner stehe oben auf jedem eine Sirene, welche sich mit herumdrehe, Eine Stimme, Einen Ton von sich gebend, und aus allen, die acht seien, stimme zusammen eine Harmonie._[615] Drei andere aber sen da ringsum in gleicher Entfernung voneinander, jede auf einem Throne, nmlich die Tchter der Notwendigkeit, die Mren, in weien Gewndern und mit Krnzen auf dem Haupte, Lachesis, Klotho und Atropos, und sngen zur Harmonie der Sirenen, Lachesis das Vergangene, Klotho das Gegenwrtige, Atropos das Zuknftige. Klotho nun greife von Zeit zu Zeit mit der rechten Hand zu und drehe den ueren Umschwung der Spindel mit herum, Atropos aber wiederum mit der linken in gleicher Weise die inneren Umlufe, und Lachesis fasse abwechselnd jeden von beiden mit jeder der beiden Hnde. Nachdem sie nun angekommen, htten sie sogleich zur Lachesis gehen mssen. Da habe sie ein Dolmetscher zuerst in Ordnung auseinander gestellt, dann aus der Lachesis Schoe Lose und Muster von Lebensweisen genommen, sei damit auf eine hohe Bhne gestiegen und habe gesagt: 'Dies ist die Rede der Tochter der Notwendigkeit, der Jungfrau Lachesis: Ihr Eintagsseelen, es beginnt ein anderer todtbringender Umlauf des sterblichen Geschlechts. Nicht euch wird ein Dmon sich erlesen, sondern ihr werdet Euch einen Dmon whlen. Wen aber zuerst das Los getroffen hat, der whle sich zuerst eine Lebensweise, mit der er aus Notwendigkeit verbunden sein wird. Die Tugend aber ist herrenlos, und je nachdem sie ein Jeglicher ehrt oder geringschtzt, wird er mehr oder weniger von ihr haben. Die Schuld trifft den Whler, Gott ist schuldlos.' -- Nach diesen Worten habe er nach allen hin die Lose geworfen und jeder habe das neben ihn gefallene aufgehoben, nur er nicht; ihm habe es jener nicht gestattet; wer aber es aufgehoben, dem sei es klar gewesen, die wievielste Stelle er getroffen. Hierauf habe er wiederum die Muster der Lebensweisen vor ihnen auf die Erde hingelegt, die an Zahl die Anwesenden berstiegen, und zwar von allen Arten, nmlich Lebensweisen von allen Tieren, ja auch die menschlichen insgesamt. Denn Gewaltherrschaften seien darunter gewesen, teils lebenslngliche, teils auch mitten inne zu Grunde gehende und in Armut, Verbannung und Bettelhaftigkeit endende; ebenso auch angesehener Mnner Lebensweisen, teils wegen ihres uern in Bezug auf Schnheit und auerdem auf Krperkraft und Kampftchtigkeit, teils wegen ihrer Abstammung und ihrer Vorfahren Tugenden, desgleichen Lebensweisen unangesehener Mnner in derselben Beziehung, und in gleicher Weise auch von Frauen; eine Rangordnung der Seele aber habe dabei nicht stattgefunden, weil notwendig die, welche eine andere Lebensweise whlt, eine andere Beschaffenheit erhlt; das Andere aber teils miteinander sowohl als mit Reichtum und Armut, teils mit Krankheit, teils mit Gesundheit gemischt, noch Anderes aber liege auch in der Mitte zwischen diesen. Hier nun, wie es scheint, lieber Glaukon, liegt die ganze Gefahr fr einen Menschen, und deswegen ist zumeist dafr Sorge zu tragen, da jeder von uns mit Hintansetzung der anderen Kenntnisse diese Kenntnisse sowohl suche als lerne, ob er nmlich irgendwoher zu lernen und ausfindig zu machen imstande ist, wer ihn fhig und kundig machen knne, eine gute und schlechte Lebensweise zu unterscheiden und so nach Mglichkeit stets berall die bessere zu whlen, indem er erwgt, wie sich alles jetzt eben Gesagte sowohl miteinander zusammengestellt als getrennt in Bezug auf Trefflichkeit einer Lebensweise verhlt, und zu wissen, was Schnheit mit Armut oder Reichtum vermischt und bei welcher Seelenbeschaffenheit sie Bses oder Gutes bewirkt, und was edle und unedle Abkunft, Zurckgezogenheit und Staatsmter, krperliche Kraft und Schwche, Gelehrigkeit und Ungelehrigkeit und alles Derartige von dem, was von Natur der Seele anhaftet und dazu erworben ist, durch gegenseitige Vermischung bewirkt, so da er aus diesem Allen einen Schlu ziehend in Hinblick auf die Natur der Seele imstande ist, die schlechtere und die bessere Lebensweise zu whlen, schlechter diejenige nennend, welche sie (die Seele) dahin fhren wird, da sie ungerechter, besser aber diejenige, welche dahin, da sie gerechter wird; alles brige aber wird er unbeachtet lassen. Denn wir haben gesehen, da dieses sowohl fr das Leben als nach dem Tode die beste Wahl ist. Unerschtterlich fest also an dieser Meinung mu er hngen und so in den Hades gehen, damit er sich auch dort nicht von Reichtum und derartigen beln aus der Fassung bringen lasse und nicht in Gewaltherrschaften und andere dergleichen Geschfte geratend viel unheilbares bel anrichte, selbst aber noch greres erdulde, sondern immer die zwischen solchen in der Mitte stehende Lebensweise zu whlen verstehe und das berma nach beiden Seiten hin zu meiden sowohl in diesem Leben hier nach Mglichkeit, als auch in jenem knftigen; denn so wird der Mensch am glcklichsten. Und so berichtete er denn auch damals als Bote von dorther, da der Dolmetscher also gesprochen habe: Auch dem zuletzt Herantretenden, wenn er mit Verstand gewhlt hat, mit Anstrengung sein Leben fhrt, liegt eine annehmbare Lebensweise bereit, keine schlechte. Weder der zuerst Whlende sei sorglos, noch wer zuletzt, mutlos. Als jener dies gesprochen, erzhlte er weiter, sei der, welcher zuerst gelost, herangetreten und habe sich die grte Gewaltherrschaft gewhlt, und zwar habe er aus Unverstand und Gierigkeit nicht alles gehrig erwgend die Wahl getroffen, sondern es sei ihm entgangen, da das Verzehren seiner eigenen Kinder und anderes Unheil als Geschick damit verbunden sei; nachdem er es in Mue betrachtet, habe er sich vor die Brust geschlagen und seine Wahl bejammert, da er dem nicht treu geblieben, was der Dolmetscher vorher verkndet hatte; denn nicht sich habe er die Schuld des Unheils beigelegt, sondern dem Schicksal, den Dmonen und allem eher, als sich selbst. Er sei aber einer von denen gewesen, die aus dem Himmel gekommen, der in einer geordneten Verfassung sein frheres Leben zugebracht und nur durch Gewhnung ohne Weisheitsliebe der Tugend teilhaftig gewesen. Es lieferten aber, knne man sagen, die aus dem Himmel Gekommenen beinahe nicht die geringere Zahl derer, die von solchem befangen wren, da sie keine Erfahrung in Mhseligkeiten htten; die meisten dagegen von den aus der Erde Gekommenen trfen, inwiefern sie sowohl selbst Mhseligkeiten berstanden, als auch andere darin gesehen, ihre Wahlen nicht so auf den ersten Anlauf. Daher erfhren denn auch die meisten Seelen einen Wechsel zwischen Bsem und Gutem, und auch durch den Zufall des Loses; denn wenn jemand stets, so oft er in das Leben hier trte, sich auf vernnftige Weise der Weisheitsliebe befleiigte und ihn das Los zur Wahl nur nicht unter den letzten trfe, so scheint es nach dem, was von dorther berichtet wurde, da er nicht nur hier glcklich sein, sondern auch die Wanderung von hier nach dort und wieder zurck nicht auf unterirdischem und rauhem Pfade, sondern auf glattem und himmlischem stattfinden wrde. Dieses Schauspiel nmlich, erzhlte er, sei sehenswert gewesen, wie die einzelnen Seelen sich ihre Lebensweisen gewhlt htten; denn es sei klglich, lcherlich und wunderlich anzusehen gewesen. Denn sie htten nach der Gewohnheit ihres frheren Lebens meistenteils die Wahl getroffen. So habe er gesehen, wie die Seele, welche einst die des Orpheus gewesen, sich das Leben eines Schwanes whlte, indem sie aus Ha gegen das weibliche Geschlecht[616] wegen des durch diese erlittenen Todes nicht habe von einem Weibe erzeugt geboren werden wollen; ferner habe er die Seele des Thamyras[617] das Leben einer Nachtigall whlen sehen; er habe aber auch gesehen, wie ein Schwan zur Wahl eines menschlichen Lebens berging, und andere musikliebende Tiere ebenso. Eine Seele aber, welcher das Los an zwanzigster Stelle fiel, habe sich das Leben eines Lwen gewhlt, und das sei die des telamonischen Ajas gewesen, welche eingedenk des Urteilspruches ber die Waffen vermied, ein Mensch zu werden. Nchst diesem sei die Seele des Agamemnon gekommen, und auch diese habe aus Feindschaft gegen das menschliche Geschlecht wegen des Erlittenen das Leben eines Adlers gelost. Inmitten aber habe die Seele der Atalante gelost, und da sie groe Ehrenbezeugungen eines Wettkmpfers gesehen, habe sie nicht vorbergehen knnen, sondern zugegriffen. Nach dieser habe er die des Epiros, des Sohnes des Panopeus, in die Natur einer kunstreichen Frau sich begeben, weit unter den letzten aber die des Possenreiers Thersites in einen Affen einkehren sehen. Aus Zufall aber sei die des Odysseus beim Losen unter allen die letzte gewesen und so an die Wahl gegangen, in Erinnerung an die frheren Mhen des Ehrgeizes ledig sei sie lange Zeit herumgegangen, um das Leben eines Privatmannes, der sich von ffentlichen Geschften zurckgezogen, zu suchen, habe es mit Mhe irgendwo liegend und von anderen vernachlssigt gefunden und bei dessen Anblick gesagt, sie wrde ebenso gehandelt haben, auch wenn sie das erste Los bekommen htte, und es vergngt gewhlt. Auerdem seien nun auch aus den Tieren in gleicher Weise welche in Menschen und eine andere Art in die andern bergegangen, die ungerechten in die wilden und die gerechten in die zahmen, und so seien Mischungen aller Art vorgekommen. _Nachdem nun aber alle Seelen ihre Lebensweisen gewhlt, seien sie in der Ordnung, wie sie gelost, zur Lachesis hinzugetreten; diese aber habe einem jeden den Dmon, den er sich gewhlt, zum Hter seines Lebens und zum Vollstrecker des Gewhlten mitgegeben._ Dieser nun habe sie zuerst zur Klotho unter die Hand derselben und unter die Herumdrehung des Wirbels der Spindel gefhrt, um das Geschick, welches sie nach dem Lose sich gewhlt, zu befestigen, und nachdem er diese berhrt, habe er sie wieder zur Spinnerei der Atropos gefhrt, um das Zugesponnene unabnderlich zu machen. Von da aber sei er nun ohne sich umzudrehen unter den Thron der _Notwendigkeit_ gegangen, und als er durch diesen hindurchgegangen und auch die anderen durch gewesen, _seien sie dann smtlich auf das Feld der Vergessenheit_ durch furchtbare Hitze und Stickluft gewandert; denn es sei dasselbe leer von Bumen und Allem, was die Erde erzeugt. Sie htten sich also, da es schon Abend geworden, am Flusse[618] sorgenlos gelagert, dessen Wasser kein Gef halten knne. Ein gewisses Ma nun von diesem Wasser sei fr alle ntig gewesen; die sich aber durch berlegung nicht bewahrt, htten ber das Ma getrunken; _sobald aber einer davon getrunken, habe er alles vergessen_. Nachdem sie sich aber zur Ruhe begeben und es Mitternacht geworden, sei Donner und Erdbeben entstanden, und pltzlich seien sie von dannen flimmernd, wie Sterne, der eine dahin, der andere dorthin, hinaufgefahren zu ihrer Geburt. Er selbst aber sei zwar verhindert worden, von dem Wasser zu trinken; wie und auf welche Weise jedoch er wieder in seinen Krper gekommen, wisse er nicht, sondern pltzlich die Augen aufschlagend habe er sich des morgens auf dem Scheiterhaufen liegen gesehen. * * * * * Ich habe mir nicht versagen knnen, diese ganze, in ihrer poetischen Anschaulichkeit an Dante's gttliche Komdie erinnernde Stelle den Lesern in wrtlicher bersetzung mitzuteilen, einmal weil sie das beste Beispiel der mythischen Darstellungsform ist, in die Plato, der grte Dichter unter den Denkern, seine esoterische Philosophie einzukleiden liebt; sodann weil dieser Mythos gerade die bedeutendsten Probleme der Transcendental- Philosophie beantworten will, so insbesondere das Problem der Freiheit des Willens und seiner Vereinbarkeit mit der empirischen Notwendigkeit alles Geschehens. Wir sehen hier Plato als Vorgnger Kants und Schopenhauers, er will die Antinomie der Notwendigkeit alles empirischen Geschehens einerseits und der Wahlfreiheit und Verantwortlichkeit andererseits dadurch lsen, da er letztere in das transcendente Sein verlegte. Bekanntlich leugnen sowohl Kant wie Schopenhauer auf Grund des Causalittsgesetzes die Freiheit des menschlichen Willens in empirischer Beziehung; jede Handlung ist durch die beiden Faktoren, Charakter und Motiv, schlechthin bestimmt. Das Thun folgt ganz und gar aus dem Sein -- +operari sequitur esse+--, der Charakter aber ist empirisch, -- denn er wird erst an seinen Frchten, den Thaten, langsam im Verlauf des Lebens erkannt--, er ist konstant--, denn es ndert sich wohl mit der Erziehung der Vorrat mglicher Motive, d.h. die Erkenntnis, nicht aber der Charakter selbst, -- er ist endlich _angeboren_; denn die Verschiedenheit des Handelns zweier Menschen von gleicher Erziehung, Bildung u.s.w. ist nur durch einen essentiellen Unterschied ihres Charakters erklrbar. Um nun aber das dennoch vorhandene vllig deutliche und sichere Gefhl der Verantwortlichkeit und Reue zu erklren, meinen sie, das Gefhl der Verantwortlichkeit gehe auf das _Sein_ des Menschen; dasselbe sei fr seinen _angeborenen_ Charakter verantwortlich; und dieser kann natrlich nur wieder unter Voraussetzung einer _vorgeburtlichen_ Wahl des Charakters bejaht werden. Der intelligible Charakter, der Wille als _Ding an sich_, welcher aus der Realitt der Erscheinungswelt hinausgerckt ist, hat sich nach Kant und Schopenhauer absolut frei selbst bestimmt. -- Diese in ihrer abstrakten modernen Fassung sehr schwer verstndliche Lehre unserer beiden berhmtesten deutschen Metaphysiker lt sich nur durch obigen Mythos einigermaen veranschaulichen; man kann darnach wenigstens ahnen, wie sie sich die Sache gedacht haben, wenngleich damit fr die logische Zuverlssigkeit jener transcendentalen Lsung des Problems wenig gewonnen wird. Aber historisch wenigstens wird uns jenes Kantisch-Schopenhauersche Dogma begreiflich, wenn wir uns erinnern, da beide Philosophen, auch Schopenhauer, dessen Leugnung der individuellen Unsterblichkeit nur eine scheinbare, auf die _Erscheinung_ d.h. auf die _empirische_ Individualitt beschrnkte ist, auf Platos Schultern stehen. Plato aber knpft, wie nach den frher mitgeteilten Bruchstcken des Heraclit, Empedocles u.s.w. kaum hervorgehoben zu werden braucht, unmittelbar an die traditionelle, wahrscheinlich aus Egypten stammende Geheimlehre an. Im Gesprche _Phaedrus_ wird die Unsterblichkeit der Seele von Plato in folgender Weise begrndet (+c.24+): Jede Seele ist unsterblich. Denn das immerwhrend Bewegte ist unsterblich; hingegen, was ein anderes bewegt und von einem anderen bewegt wird, hat, weil es einen Ruhepunkt der Bewegung hat, auch einen Ruhepunkt des Lebens; allein das sich selbst Bewegende, insofern es sich selbst nicht verlt, hrt niemals auf, bewegt zu werden, sondern auch fr das brige, was bewegt wird, ist dieses die Quelle und der Anfang der Bewegung; der Anfang aber ist ungeworden; denn aus einem Anfang mu alles Werdende werden, er selbst aber aus nichts; denn wenn der Anfang aus etwas wrde, so wrde er auch nicht von Anfang aus werden; da er aber ein Ungewordenes ist, so ist dies auch ein Unvergngliches; denn wre ja der Anfang einmal zu Grunde gegangen, so wrde weder er selbst aus etwas noch ein anderes aus ihm mehr werden, wofern das Gesamte aus einem Anfang werden soll. So also ist im Anfang der Bewegung das selbst sich Bewegende; von diesem aber ist es weder mglich, da es zu Grunde gehe, noch da es werde, oder es mte das ganze Himmelsgebude und jedes Werden berhaupt zusammenstrzend stillstehen und niemals mehr hernach etwas haben, von wo aus sie wieder in Bewegung gesetzt und werden knnten. Indem sich aber als unsterblich dasjenige gezeigt hat, was von sich selbst bewegt wird, so wird man eben dies als Wesen und Begriff der Seele zu bezeichnen keine Scheu haben; denn jeder Krper, fr welchen das Bewegtwerden von auen kommt, ist unbeseelt, derjenige aber, fr welchen es von innen aus ihm selbst sich ergiebt, ist beseelt, eben als wre dies die Natur der Seele. Wenn aber dies sich so verhlt, da nichts anderes das selbst sich selbst Bewegende ist als Seele, so drfte notwendig etwas Ungewordenes und Unsterbliches die Seele sein. Man sieht, wie derselbe Plato, der uns, sobald er mythisch schreibt, durch seine poetische Begabung ergtzt, so oft er dialektisch zu beweisen versucht, nichts anderes zustande bringt, als ein uerst _unerquickliches_ Drehen im Kreise vorgefater Behauptungen. Die Seele soll nun einmal unsterblich sein. Darum ist sie ein sich selbst Bewegendes. Ein sich selbst Bewegendes ist unsterblich. Darum ist die Seele unsterblich! Im _Timus_ erhebt sich seine Darstellung des Unsterblichkeitsdogmas stellenweise allerdings in unbewutem Widerspruch mit der Beweisfhrung im Phdrus wieder zu einer ergreifenden _poetischen_ Form(55): Als der Vater, welcher das All erzeugt hatte, es ansah, wie es belebt und bewegt und ein Bild der ewigen Gtter geworden war, da empfand er Wohlgefallen daran, und in dieser Freude beschlo er dann, es noch mehr seinem Vorbilde hnlich zu machen. Die Natur der hchsten Lebendigen war aber eine ewige (ohne Anfang), und diese auf das Entstandene vollstndig zu bertragen, war eben nicht mglich. Er schuf die Sterne mit verschiedenen Umlaufszeiten als Werkzeuge der Zeit, ebenso Sonne und Mond; sie alle sind beseelt, sind Gtter. Was die Volksgtter betrifft, so hlt er es fr das Beste, an dem bisherigen Glauben an sie festzuhalten, da die Erzhlungen ber sie von ihren Kindern herrhren. Nachdem nun Gott so alle Untergtter gebildet hat, spricht er zu ihnen (67): Gttliche Gttershne, deren Bildner ich bin und Vater von Werken, welche durch mich entstanden, unauflsbar sind, weil ich es so will, -- ihr seid, weil ihr entstanden seid, zwar nicht schlechterdings unsterblich und unauflsbar, aber ihr sollt nicht aufgelst noch des Todesgeschickes teilhaftig werden! -- Diese Stelle hatte wohl Giordano Bruno im Auge, als er im Dialog +cena de la ceneri I. 191+ schrieb: +Ma a costoro (i.e. mondi) come crede Platone me Timeo, _e crediamo ancor noi_+ (im Dialog von den Welten scheint er es, dem Anaximander S.448 oben folgend, nicht mehr zu glauben) + stato detto del primo principio: voi siete dissolubili, ma non vi dissolverete!+[619] Er trgt ihnen nun auf, zur Vervollstndigung und in Nachahmung seiner Thtigkeit die drei sterblichen Geschlechter zu schaffen, was er ja selbst nicht knne, da sie sonst nach seinem Urbild Gtter wrden, d.h. ohne Anfang, und fhrt fort (68): So viel an ihnen dem Unsterblichen gleichnamig zu sein verdient, nmlich das gttlich zu Nennende und Leitende in ihnen, soweit sie stets dem Rechte und euch zu folgen geneigt sind, von dem will ich die Samen und Keime selber bilden und euch dann bergeben; in ihren brigen Teilen aber sollt ihr, indem ihr mit diesem Unsterblichen Sterbliches verwebt, die lebendigen Geschpfe vollenden. Zur Bildung der Seelensubstanz nimmt Gott dann berreste derselben Bestandteile, aus welchen die Seele des Alls gebildet war, aber von minderer Reinheit. Sobald die Seelen in die Leiber kamen, entstanden Wahrnehmung und Empfindung, Erregung und die aus Lust und Schmerz gemischte Liebe. Wenn die Menschen ihre Erregungen beherrschen, leben sie gerecht, lassen sie sich aber von ihnen beherrschen, ungerecht. Wer die ihm zugemessene Zeit hindurch gerecht gelebt hat, der soll in die Behausung des ihm verwandten Gestirns zurckkehren und ein seliges und seiner Gewohnheit entsprechendes Leben fhren; wer aber in diesem Leben gefehlt, kommt fr einen nchsten Lebenslauf in den nchst niederen Grad des weiblichen Krpers und wenn es ihm dann noch nicht gelingt, sich von dem ihm anklebenden Schlechten zu befreien, so wird er so lange zu neuen Existenzen in die durch seine Laster ihm verwandten Tiere verwandelt werden, bis es ihm endlich gelingt, durch die Vernunft des Schlechten Herr zu werden und zu seiner frheren, edelsten Beschaffenheit zurckzukehren. In einem spteren Teile des Timus wiederholt Plato, da Gott sich vorbehalten habe, das Gttliche im Menschen selbst zu bilden, die Entstehung des Sterblichen aber seinen eigenen Erzeugten aufgetragen habe. 164: Diese nun, in Nachahmung seiner, umwlbten die berkommene unsterbliche Grundlage der Seele ringsherum mit einem sterblichen Krper, und legten im Krper noch eine andere Art von Seele, die sterbliche an, welche gefhrliche und der blinden Notwendigkeit folgende Eindrcke aufnimmt, die Lust, die strkste Lockspeise des Bsen, dann den Schmerz, den Verscheucher des Guten, ferner Mut und Furcht, zwei thrichte Ratgeber, schwer zu besnftigenden Zorn und leicht verlockende Hoffnung, endlich die Triebe. Aus Scheu, das Gttliche, das in den Kopf verpflanzt wurde, durch Berhrung mit dem minder Edlen zu beflecken, wurde zwischen den Kopf und den brigen Krper der Hals eingeschoben; in die Brust wurde der edlere Teil der sterblichen Seele verpflanzt, whrend der Teil der Seele, der Begierde nach Speise und Trank trgt, in die Gegend zwischen Zwergfell und Nabel versetzt und hier angebunden wird, wie ein wildes Tier, das aber wegen der Verbindung, in welcher es mit dem Ganzen steht, notwendig ernhrt werden mute, wenn einmal ein Geschlecht sterblicher Wesen entstehen sollte. In der Knigsburg des Kopfes aber thront die unsterbliche Seele, die lenkt und erforscht, was zum gemeinsamen Besten des irdischen Wesens frommt, wie ein Schutzgeist, der (236) uns ber die Erde zur Verwandtschaft mit den Gestirnen erhebt, als Geschpfe, die nicht irdischen, sondern berirdischen Ursprungs sind. Wer sich den Begierden oder dem Ehrgeize hingiebt, wird nur sterbliche Meinungen in sich erzeugen, und zieht nur das Sterbliche in sich gro; wer dagegen die Kraft des Wissens vor allen anderen Krften seiner Seele gebt hat, wird unsterbliche und gttliche Gedanken in sich tragen, und wird, soweit die menschliche Natur der Unsterblichkeit fhig ist, solche erreichen und glckselig sein. * * * * * Ohne jede Anspielung auf das Dogma von der Seelenwanderung behandelt Plato das Unsterblichkeitsproblem im Gastmahl, hier lt er den Sokrates folgende, diesem durch die weise Diotima aus Mantinea erteilte Offenbarung in einer Lobrede auf den Eros wiedergeben: Eros sei eigentlich, da er das _Verlangen_ nach dem Schnen und Guten personifiziere, also noch nicht im Besitze derselben sei, noch kein Gott, sondern nur ein groer Dmon zu nennen. Dieser Dmon ist es, der den Gttern die Bitten und Auftrge der Menschen, den Menschen aber die Auftrge, Vergeltungen und Belohnungen der Gtter vermittelt. Er ist das Prinzip der Wahrsagung und der priesterlichen Kunst. Denn Gott verkehrt nicht unmittelbar mit Menschen, Eros vermittelt den Verkehr mit ihm, ob nun die Menschen schlafen oder wachen. Eros ist der Sohn der Penia (Armut) und des berflusses Poros. Als der Liebende ist er nicht an sich schn und gut, sondern er sehnt sich nach dem Schnen und Guten, weil er es wenigstens _noch nicht dauernd_ besitzt. Um des Schnen und Guten immerwhrend teilhaft zu werden, mu ein geistiges Gebren eintreten, das aber nur durch eine bereinstimmung des Gttlichen mit dem Schnen mglich wird. _Ein Weltschicksal und ein geburtshelfendes Wesen ist die Schnheit fr alles Entstehen._ Dieser Vorgang ist aber etwas Gttliches, und dieses wohnt dem lebenden Wesen, welches sterblich ist, _als etwas unsterbliches inne_. Wenn aber Eros sich nach dem Guten und Schnen sehnt, so kann er, wie im leiblichen den Wunsch nach Fortdauer der Gattung, auch den Wunsch nach (individueller) Fortdauer im geistigen Sinne nicht aufgeben: er _wnscht_, unsterblich zu sein(!) Nun aber verndert sich der Mensch zwar geistig und krperlich, -- in Neigungen, Streben und Kenntnissen, sowie im leiblichen Wachsen, -- unaufhrlich und bleibt doch fortwhrend derselbe. Alles Sterbliche wird so bewahrt, nicht dadurch, da es ganz und gar identisch bleibt, wie das Gttliche, sondern dadurch, da es bei seinem Entweichen und Veralten ein anderes, neues, gerade wie es selbst, zurcklt. Durch diese Veranstaltung hat das Sterbliche an Unsterblichkeit teil, sowohl in seinem Krper als auch in allem brigen, das Unsterbliche aber durch eine andere. In dieser Weise z.B. streben die Ehrgeizigen mit Hintansetzung alles anderen darnach, ein unsterbliches Andenken zu hinterlassen; so wre nicht Alkeste fr Admetos, Patroklos fr Achilles, so wre nicht Kodros gestorben, wenn sie nicht nach unsterblichen Andenken gestrebt htten. Die geistigen Kinder stehen unendlich hher, als die leiblichen, und wer htte nicht gewnscht, Kinder zu hinterlassen, wie dies Homer und Hesiod, Solon und Lykurg mit ihren Schpfungen gethan! Solchen Vtern habe man wohl auch Tempel errichtet, nicht aber Vtern leiblicher Kinder. Wer geistige Kinder erzeugen wolle, der msse sich frh bemhen, an Schnem Gefallen zu finden, und aufsteigen vom krperlich Schnen zu schnen _Gedanken_, Reden, Kenntnissen, und so werde er endlich bei der Kenntnis des Urschnen anlangen. Wer aber das Urschne lauter, rein und unvermischt geschaut, wird nur Vortrefflichkeit erzeugen. Hat er aber wahre Vortrefflichkeit erzeugt und aufgenhrt, so ist es sein Anteil, da er gottgeliebt, und wenn je irgend ein anderer Mensch, auch er unsterblich wird.-- Wir haben im Gastmahl den ersten Keim jener _sthetischen_ Mystik, die spter hauptschlich von Plotin, endlich von Giordano Bruno in seinen +eroici fuori+ und zuletzt von Schiller (+Ideal und Leben, Briefe ber sthet. Erziehung+) gepflegt worden ist; offenbar knpft Plato an die zum Mythenkreise der eleusinischen Mysterien gehrige Fabel von Eros und Psyche an, deren esoterische Tendenz ich in meinem gleichnamigen Gedichte (Verlag von Rauert& Rocco) neugestaltet und in folgenden Schluversen zum Ausdruck gebracht habe: Dir, die allmcht'ger als der Tod, Dir ew'gen Lebens Morgenrot, Dir, Brgin der Unsterblichkeit, Dir, _Liebe_, ist mein Sang geweiht. Wo Du im Menschenherzen glimmst, Auch nur als schwaches Fnkchen flimmst, Du luterst Dich zur Flammenglut, Die nimmer rastet, nimmer ruht, Bis sie am hohen Himmelszelt Verwandten Sternen sich gesellt. Es kann schon nach den wenigen mitgeteilten Auszgen aus seinen Hauptschriften nicht auffallen, da die Unsterblichkeitsidee Platos zu vielfachen Kontroversen Anla gegeben hat. Besonders dreht sich der Streit darum, ob er Seele und Leib, Geist und Materie einander gegenberstellt habe, also Dualist gewesen oder ob er als Monist zu betrachten sei und die Einheit des Ganzen gelehrt habe, ferner ob er eine individuelle (persnliche) Unsterblichkeit oder nur eine Unsterblichkeit der in den Einzelnen sich offenbarenden Idee, der Gattung niederen oder hheren Grades, habe lehren wollen. Uns scheint, da dieser Streit um deswillen niemals mit streng geschichtlicher Kritik erledigt werden kann, weil nichts wahrscheinlicher ist, als da Plato in verschiedenen Zeiten und bei Abfassung verschiedener Schriften in der That verschieden darber gedacht hat. Auf ein streng gegliedertes Gedankensystem ist es ihm eben niemals angekommen. Am besten charakterisiert ihn wohl Dhring, +krit. Geschichte der Philosophie, S.100,101+: Fr die dichtende Phantasie ist Vieles vereinbar, was fr den weniger losgebundenen Verstand bei nherer Untersuchung als Widerspruch hervortritt. Die knstlerische Darstellung kann daher eine Flle von Ideen dialogisch vorfhren, ohne da sie gentigt wre, in jedem Falle selbst einen markierten Standpunkt einzunehmen. Ihre Strke wird vielmehr in der lebendigen, dem Wesen der dichterischen Vertiefung entsprechenden Reproduktion der mannigfaltigsten Gedanken zu suchen sein. Lst sie diese Aufgabe noch mit jener besonderen Grazie, die dem in Rede stehenden Philosophen einen groen Teil seines Zaubers verliehen hat, so wird man fglich hinreichend befriedigt sein, wenn man anstatt der strengeren Systematik nur einen _leitenden Grundgedanken eigner Konzeption_ antrifft. Ein solcher Gedanke, der an sich gleichsam den Rohstoff zu dem strengsten System abgeben knnte, ist bei Plato die Vorstellung von einer den edelsten Typus der Existenzen enthaltenden, schpferisch wirksamen und fr die Gestaltung der Dinge vorbildlichen Idee. Die Erfassung der ideellen Muster, hinter denen das wirkliche Dasein mit seinen Gestaltungen zurckbleibt, diese metaphysische knstlerische Vertiefung in das, was aus den lebendigen Gestalten der Natur und besonders aus der Erscheinung der Menschen spricht, macht nicht nur Platos Eigentmlichkeit aus, sondern stimmt vollkommen mit dem _dichterisch_ gearteten Wesen seines ganzen Philosophierens, ja sogar mit einem Grundzuge des griechischen Geistes berein. * * * * * Dieser leitende Grundbegriff ist das einzige, was neben dem sthetischen Genusse, den uns die Lektre seiner Schriften bereitet, einen Plato auch fr die moderne wissenschaftliche und im edleren Sinne positivistische Philosophie wertvoll erscheinen lt. Im brigen mag A. Niemann, (+Die Menschenseele, Platons esoterische Lehre+; +Sphinx IV, 22+) geschichtsphilosophisch das Richtige getroffen haben, wenn er die Hauptstze dieses Philosophen kurz dahin resmiert: 1. Ein jeder Mensch will stets das Gute und thut das Bse nur unfreiwillig. 2. Das Gute fr den Menschen ist die Tugend, und die menschliche Tugend ist die vollkommene Beschaffenheit des Menschen. 3. Die Tugend des Menschen ist Tugend durch die Parusie der gttlichen Tugend; vollkommen ist nur diese, die menschliche aber nicht. 4. Der Mensch ist Eins, wie Gott Eins ist, sein Leib ist die Erscheinung seiner Seele, wie die sichtbare Welt die Erscheinung der Gottheit ist. (An diesem Monismus der Seelenlehre Platons, als seine esoterische Theorie hlt Niemann im Gegensatz zu dem seiner Ansicht nach mehr exoterisch geschriebenen Dialog Phdons hauptschlich unter Berufung auf den oben erwhnten Dialog: Parmenides fest.) 5. Die Seele des Menschen ist ohne Anfang und kehrt, je nach ihrer greren oder geringeren Vollkommenheit in bestimmten Zwischenrumen in menschlichen Krpern auf Erden wieder, whrend ihr in den Zwischenrumen der Anblick des Seienden, der idealen Tugend vergnnt wird. 6. Das menschliche Bewutsein ist ein Zustand der Erinnerung an das Seiende und wird geweckt durch den Anblick der Erscheinungen im Himmel (Gestirne) und auf Erden, die ein Spiegelbild des Seienden sind. 7. Die Gottheit vernachlssigt und versumt nichts, sie sorgt fr das Kleine wie fr das Groe und bringt die Seelen der Menschen immer an den fr sie geeigneten Platz. Niemann schliet dieses Resm mit der Bemerkung: Anders, als in solcher Allgemeinheit ber Platos Philosophie zu reden, ist unmglich fr jeden, der nicht mit Sehergabe ausgerstet seine Schriften liest. Denn die wichtigsten und entscheidenden Stellen sind stets nur den 'Bacchen' verstndlich gewesen; sie bilden offenbar eine _Geheimlehre_. Zehntes Kapitel. Aristoteles. Die Fachphilosophie ist immer noch geneigt, in Aristoteles den vollendetsten Vertreter des griechischen Denkertums zu erblicken. Diesem Urteil knnen wir unmglich beipflichten. Aristoteles war lediglich im vollkommensten Sinne das, was man einen Polyhistor oder Vielwisser nennt; wenn man will, ein _Universal-Gelehrter_, auf keinen Fall aber ein Universalgenie. Seine Belesenheit ist eine erstaunliche, und schon Plato soll ihm den Beinamen der Leser gegeben haben. Fr uns liegt aber darin, da wir durch Aristoteles indirekt die Lehren der frheren griechischen Denker kennen lernen knnen, da er nach der Art eines grndlichen Gelehrten die ihm im weitesten Sinne zugnglich gewesene Litteratur verwertet hat, seine beste Seite. Seine eigenen Lehren, obwohl wir ihnen ein gewisses Ma methodischer Schrfe und Grndlichkeit nicht absprechen wollen und knnen, sind in wichtigen Punkten nichts weniger als klar und originell. Andererseits hat aber bekanntlich der in ihnen vorwaltende rein formell logische Charakter nicht wenig zur Begrndung der Scholastik beigetragen, mit deren letzten Resten erst unsere modernste ra aufgerumt hat; beispielsweise kleben dem groen Philosophen Kant die scholastischen Eierschalen noch in einem solchen Grade an, da Schiller bei demselben (in einem Briefe an Krner) nicht mit Unrecht etwas Mnchisches konstatieren konnte. Die Morgenrte der modernen Zeit, die Renaissance, begann daher mit einem heftigen Kampfe gegen die wissenschaftliche Autoritt des Aristoteles. Das Mittelalter kannte eben von den gesamten Denkarbeiten des Altertums kaum etwas Anderes als die Schriften des Aristoteles. Ein Plato wurde erst durch die byzantinischen Gelehrten, welche nach der Eroberung Konstantinopels ihre Zuflucht in Italien suchten und damit den ersten Ansto zur Renaissance d.h. zur Wiedergeburt der Wissenschaft und Kunst gaben, im vollen Umfange bekannt. Besonders war es Georgios Gemistos (Plethon), der den Neuplatonismus und damit eine erste prinzipielle Gegnerschaft gegen den Aristotelismus des Mittelalters wiedererweckte. Der erste bedeutende Platoniker des Abendlandes erstand dann in Marsilius Ficinus. Bei den Scholastikern ging die Vergtterung des Aristoteles in der That ins Unglaubliche; jeder Zweifel an seine Allwissenheit galt geradezu als +crimen laesae majestatis+. Die Werke des Aristoteles und noch dazu in ihrer unkritischen aus dem Arabischen bersetzten Form bildeten die Bibel, den papiernen Pabst, der jeden Fortschritt der Wissenschaft hemmte. Man bedenke, da Ramus, ein Zeitgenosse Brunos, welcher die Autoritt des Aristoteles auf logischem Gebiete anzufechten wagte, wie Bruno auf physischem oder naturphilosophischem, blo deshalb als ein Opfer eines Meuchelmords auf dem Katheder fiel. (1572.) Diese berschtzung bernahm die europische Scholastik von den Arabern. Der arabische Kommentator des Aristoteles, Averros, von den Scholastikern auch schlechthin der Kommentator genannt, schreibt in seiner Vorrede zur Aristotel. Physik: +Complevit, quia nullus eorum, qui secuti sunt eum usque ad hoc tempus, quod est mille et quingentorum annorum, quidquam addidit, nec invenies in ejus verbis errorem alicujus quantitatis, et talem esse virtutem in individuo uno _miraculosum_ et extraneum extitit, et haec dispositio, cum in uno homine reperitur, dignus est esse divinus magis quam humanus. -- Aristotelis doctrina _Summa Veritas_, quoniam ejus intellectus fuit finis humani intellectus. 1. Destruct. disp.3.+ Noch +Malebranche, recherche de la verit II. c. 23+ hlt es fr erforderlich, gegen die allgemeine Anbetung des Aristoteles, deren psychologische Wurzel er in der ansteckenden Wirkung der Phantasie findet, zu polemisieren. Augenscheinlich verwertet er dabei einen Gedanken Giordano Bruno's, wenn er z.B. schreibt: +On ne considre pas qu' Aristote, Platon, Epicure taient hommes comme nous et de mme espce que nous: et de plus qu' au temps, o nous sommes, le monde est plus g de deux mille ans, qu'il a plus d'exprience, qu'il doit tre plus clair et que c'est la vieilleisse du monde et l'exprience, qui font dcouvrir la vrit.+ Dieser geistreiche Gedanke, der hnlich bei Bacon von Verulam, bei Pascal und Descartes wiederholt wird, findet sich zuerst bei +Bruno, cena de ceneri (IV. 1.)+ Vergl. +Brunnhofer, Festschrift zur Feier der am 9. Juni 1889 in Rom stattgehabten Enthllung des Bruno-Denkmals (Rauer& Rocco 1890)+. brigens wird Bruno und vor allem Ramus, Pascal, Malebranche in begreiflicher Weise oft ungerecht gegen Aristoteles, und Lewes (+Aristoteles, ein Abschnitt aus der Geschichte der Wissenschaft S.VII+) drfte den Streit um die richtige Wrdigung dieses immerhin eminenten philosophischen Vielwissers am besten in dem Boileau'schen Verse erledigt haben: +Certes il ne mritait Ni cet excs d'honneur Ni cette indignit.+ Aristoteles war im Jahr 384 zu Stagira, einer Stadt Thraciens geboren. Mit Recht nennt ihn daher Bernays (+Dial. d. Aristot. 2,55+) einen Halbgriechen. Wer wenigstens die groe naturwchsige Bedeutung der Rasse nicht verkennt und zugleich einiges Gefhl fr die entscheidendsten Eigentmlichkeiten des reinhellenischen Typus besitzt, wird in Anbetracht der Thatsache, da die Bevlkerung Thraciens und Makedoniens nur sehr dnn mit hellenischem Blute gemischt war, diese auch schon von W. Humboldt gemachte Bemerkung nicht mibilligen. Auch bei den sog. deutschen Denkern d.h. bei denen, die innerhalb des geographischen Deutschlands gelebt und geschrieben haben, ist es oft von Interesse, ihre unzweifelhaft undeutsche Denkungsart aus dem bedenklichen Mischcharakter groer Teile[620] der deutschen Bevlkerung zu erklren; so z.B. ist der sorbisch-slawische Typus der sog. kurschsischen Bevlkerung (Thringen, Knigreich und Provinz Sachsen) in einem Nietzsche unverkennbar. Der Vater des Aristoteles war Leibarzt des makedonischen Knigs, und es scheint der rztliche Beruf ein altes Erbteil seines Geschlechts gewesen zu sein. Nach dem Tode seiner Eltern soll ein gewisser Proxenos aus Atarneus seine Erziehung bernommen haben. In seinem achtzehnten Lebensjahr kam Aristoteles nach Athen, wo er in den Schlerkreis Platos eintrat, dem er bis zu dessen Tode (347) angehrt hat. Einige Zeit vor Platos Tode soll jedoch bereits ein Zerwrfnis zwischen ihm und dem Meister ausgebrochen sein. Nach einem Berichte +Aelians (V. H. III.19)+ soll Aristoteles, als Plato bereits 80jhrig und deshalb schwachen Gedchtnisses gewesen, whrend Xenokrates und Speusippos, die Lieblingsschler und Vertreter des bejahrten Meisters, abwesend waren, von einer durch ihn gebildeten Clique untersttzt, mit Plato eine Streitunterredung angefangen und den Greis dabei in bswilliger Weise so in die Enge getrieben haben, da sich dieser aus den Hallen der Akademie in seinen Garten zurckgezogen habe. Erst nach drei Monaten, als Xenokrates zurckkam, habe dieser den Aristoteles gentigt, den streitigen Raum Plato wieder zu berlassen. Die Erzhlung kennzeichnet wenigstens den Beginn kleinlicher Gelehrten-Konkurrenz, wie sie seit dem mit Aristoteles gewissermaen beginnenden Zeitalter der Alexandriner den Verfall der Philosophie zu einer bloen Schulweisheit begleitet. Da brigens Plato den Aristoteles nicht gerade zu seinen berufensten Schlern gerechnet hat, ist auch abgesehen von der ziemlich gut verbrgten Bezeichnung desselben als bloer Leser schon aus einem Vergleich der grundstzlich verschiedenen Naturen, die auch auf die philosophische Auffassung zurckwirken muten, mehr als blo wahrscheinlich. Nach dem Tode Platos begab er sich mit dem Platoniker Xenokrates nach Mysien zum Frsten Hermias, wo er drei Jahre verblieb. Als Hermias durch Verrat in die Gewalt der Perser geriet, nahm Aristoteles, der inzwischen die Pythias, nach einigen eine Nichte, nach anderen eine Schwester des befreundeten Frsten geheiratet hatte, seine Zuflucht zunchst nach Mytilene. Von hier aus wurde er 343 oder 342 v.Chr. von Philipp an den makedonischen Hof berufen, um die Erziehung des jungen, damals 13jhrigen Alexander zu leiten, welcher er sich bis zu dessen 16. Lebensjahre widmete. Der Unterricht mute aufhren, weil Alexander schon in diesem Lebensjahre von seinem Vater zum Reichsverweser bestellt wurde. Aristoteles scheint sich jetzt zunchst in seine Vaterstadt zurckgezogen zu haben, von wo er jedoch bald nach dem Ende Philipps, jedenfalls vor Beginn des groen Eroberungsfeldzugs Alexanders nach Athen bersiedelte. Hier grndete er im Lyceum seine eigene Schule, deren Mitglieder infolge der Aristotelischen Gewohnheit, die Unterredungen im Auf- und Abgehen in den Promenadengngen des Lyceum zu fhren, den Namen _Peripatetiker_ erhielten. Die Hilfsmittel, deren er zu seinen weitschichtigen, das ganze damalige Wissensgebiet umfassenden Arbeiten bedurfte, bot ihm Alexanders knigliche Freigebigkeit im grten Mastabe; Plinius berichtet, Alexander habe ihm alle Fischer, Jger und Vogelsteller seines Reiches, alle Aufseher kniglicher Jagden, Fischteiche, Heerden u.s.w., mehrere tausend Menschen allein zu Zwecken naturgeschichtlicher Forschungen zur Verfgung gestellt. Auch war Aristoteles, der brigens selber wohlhabend war, durch jene Hlfsquelle nicht nur in der Lage, sich die kostspieligste Privatbibliothek anzuschaffen, sondern auch ber die Verfassungen und Gesetze auslndischer Staaten mhsame Erkundigungen einzuziehen, wofr auch das erst krzlich wiederentdeckte Buch ber den Staat der Athener einen Beweis liefert. In den letzten Lebensjahren trbte sich das Verhltnis zu seinem edlen Zgling und Begnstiger, hauptschlich wohl, weil Kallisthenes, ein Verwandter des Aristoteles, den dieser selbst dem Knige als Begleiter empfohlen hatte, mit Recht oder Unrecht in den Verdacht geriet, sich an einer Verschwrung gegen das Leben Alexanders beteiligt zu haben, und infolge dieser Anklage das Leben verlor. Nach dem Tode Alexanders, nach zwlfjhriger Wirksamkeit als Lehrer und Schriftsteller in Athen, wurde er durch eine Anklage wegen Atheismus, die von der national-hellenischen Partei (Demosthenes) ausging und die Religion wohl nur zum Vorwand nahm, veranlat, sich nach Chalcis auf Euba zurckzuziehen. Hier erlag er schon im folgenden Jahre, im Sommer 322, einer Krankheit. Die Erzhlung, er habe sich in den Euripus gestrzt, weil es ihm nicht gelungen sei, die Erscheinungen der Ebbe und Flut zu erklren, ist, wie Dhring (+Krit. Gesch. der Phil., S.115+) bemerkt, mindestens gut erfunden. Sie kennzeichnet uns jenen Sinn, der die Theorie als Attribut der Gtter nahm und in ihr den Schwerpunkt des hchsten Lebens voraussetzte. * * * * * Aristoteles hat auerordentlich[621] viele Schriften hinterlassen; etwa der sechste Teil seiner Werke mag uns erhalten sein; allerdings auch dieser nur in einer sehr fragwrdigen Gestalt, die dem Streit ber Echtheit und Authentizitt sowohl ganzer unter seinem Namen kursierender Schriften, wie auch einzelner Abschnitte groen Spielraum lt. Die aufflligen Unordnungen und nicht seltenen Wiederholungen in einer und derselben Schrift scheinen die Vermutung zu untersttzen, da wir _grtenteils_ nur mndliche, von Schlern redigierte Vortrge vor uns haben. Schon das Altertum teilte seine Schriften ihrem Werte nach in zwei Klassen, in exoterische und esoterische ein, welche letztere auch _akroamatische_ genannt wurden. Aristoteles soll nmlich im Lyceum des Morgens vor einer greren Anzahl von Zuhrern in populrer Weise seine Lehren, besonders diejenigen ber Logik, Rhetorik, Politik und Naturgeschichte vorgetragen, abends aber in vertrauterem Kreise seine eigentlichen metaphysischen, wir drfen auch geradezu sagen occultistischen Theorien entwickelt haben. Die letzteren Vortrge nannte man _akroamatische_. Offenbar lag es jedoch dem Aristoteles nicht sehr an ihrer Geheimhaltung; denn da er sie selber noch verffentlicht hat, beweist ein schon von Andronikus mitgeteilter Brief _Alexanders_ an ihn, in dem dieser ihm wegen der Verffentlichung der akroamatischen Schriften (gewissermaen +collegia privatissima+) Vorwrfe macht. Aristoteles erwidert darauf, da er sich in seinen akroamatischen Schriften absichtlich einer Darstellungsform bedient habe, die sie andern, als seinen Schlern unverstndlich mache. (+Gellius XX,5+). Da uns nur diejenigen Schriften des Universalgelehrten des Altertums interessieren, die eine occultistische Beziehung im Sinne der Vorrede haben, so gehen uns wesentlich nur die Bcher ber Metaphysik, Physik, sowie die ber Psychologie und ber Schlaf und ber Trume an, whrend wir gerade die verdienstlichste Seite der aristotelischen Arbeitsleistung, diejenige ber Logik, Ethik, Politik und sthetik links liegen lassen mssen. Um den metaphysischen Standpunkt des Aristoteles zu verstehen, mu man von seiner Kritik der Platonischen Ideeenlehre ausgehen. Die Annahme von Ideeen ist nach Aristoteles nicht begrndet. Denn unter den platonischen Beweisen fr dieselbe ist keiner, der nicht von entscheidenden Einwrfen getroffen wrde, und was durch die Ideeen erreicht werden soll, das ist auch ohne dieselben zu erlangen; ihr Inhalt ist ganz derselbe, wie der der diesseitigen Dinge, im Begriff des Menschen an sich z.B. sind dieselben Merkmale enthalten, wie im Begriff des Menschen berhaupt, er unterscheidet sich von diesem nur durch das Wort an sich. Die Ideeen sind eine unzulssige Hypostasierung, eine berflssige Verdoppelung der Dinge in der Welt. Dies gilt sogar von ethischen, fr die auch Kant die Gltigkeit der Ideeenkonzeption in Anspruch nimmt. Auch die ethischen Begriffe lassen sich nicht schlechthin von ihren Gegenstnden trennen: es kann keine fr sich bestehende Idee des Guten geben; denn der Begriff des Guten kommt in allen mglichen Kategorien vor, und bestimmt sich je nach verschiedenen Fllen verschieden. Auch sind die Bestimmungen der Urbildlichkeit und der Teilnahme, auf die Plato das Verhltnis der Ideeen zum empirischen Sein zurckfhrt, leere Bilder. Vor allem fehlt den platonischen Ideeen das _bewegende_ Prinzip, ohne das doch kein Werden und keine Naturerklrung mglich ist. Die Wissenschaft hat es mit dem Wirklichen zu thun. Die _allgemeinen_ Begriffe aber bezeichnen immer nur gewisse Eigenschaften der Dinge, sind nur Prdikats-, -- nicht Subjektsbegriffe; und auch wenn eine Anzahl solcher Eigenschaftsbegriffe zum Gattungsbegriff zusammengefat wird, so erhalten wir nur ein +nomen+, keine Substanz. Substantiell ist nur das _Einzelwesen_. Dennoch aber kehrt Aristoteles, indem er nun das _Einzelwesen_ und seine Entstehung zu begreifen versucht, wieder zu einem unsinnlichen Trger der Einzelwirklichkeit zurck, der der Platonischen Idee, abgesehen von den Allgemeinbegriffen, so hnlich ist, wie ein Ei dem andern, nur da er sie mit Aktualitt d.h. mit schaffender Thtigkeit ausrstet; und diese neue Aristotelische Idee heit _Form_. So gewi die Wahrnehmung etwas anderes ist, als das Wissen, sagt er mit Plato, so gewi mu auch der Gegenstand des Wissens ein anderer sein, als die sinnlichen Dinge. Alles Sinnliche ist vergnglich und vernderlich, es ist ein Zuflliges, das so oder anders sein kann; das Wissen dagegen bedarf eines Gegenstandes, der ebenso unvernderlich und notwendig ist, wie es selbst. Dieser Gegenstand aber ist die _Form_; und diese ist zugleich die unentbehrliche Bedingung alles Werdens; alles Werden wird aus etwas zu etwas, das Werden besteht darin, da ein Stoff eine bestimmte Form annimmt; diese Form mu daher von jedem Werden als das Ziel desselben gegeben sein, und allem Gewordenen als _ungewordene_ Form vorausgehen.[622] Aus demselben Grunde aber mu der Form der Stoff, als etwas ebenfalls ewig Vorhandenes, Ungewordenes gegenberstehen. Der Stoff oder die Materie ist das Substrat, die _Mglichkeit_ des Werdens passiv, die Form aktiv. Die Materie des Aristoteles ist eine vom modernen, besonders vom materialistischen Materien-Begriff wohl zu unterscheidende metaphysische Abstraktion. Sie ist das vllig Prdikatlose, Unbestimmte, Unterschiedslose, Dasjenige, was allem Werden als Bleibendes zu Grunde liegt und die entgegengesetzten Formen annimmt, das, was alles der Mglichkeit nach und nichts der Wirklichkeit nach ist, das rein potentielle Sein ohne alle und jede Aktualitt. Da das Bestimmungslose nicht erkannt werden kann, so ist die Materie als solche unerkennbar. Alle Eigenschaften der Dinge, alle Bestimmtheit, Begrenzung und Erkennbarkeit fallen auf die Seite der _Form_. Jene _vllige_ Bestimmungslosigkeit und Unerkennbarkeit gilt eben nur von der _ersten_ Materie, dem Stoff _an sich_, welcher _allen_ Dingen zu Grunde liegt. Es hat aber andererseits auch jedes Ding seinen _eigentmlichen_ letzten Stoff, und zwischen beiden liegen alle stofflichen Gestaltungen in der Mitte, welche der Grundstoff durchlaufen mu, um der bestimmte Stoff zu werden, mit dem sich die Form des Dings unmittelbar verbindet. Die Elemente z.B., welche den Stoff aller anderen Krper enthalten, sind _Formen_ des Urstoffs; das Erz, welches der Stoff einer Bildsule ist, hat als dieses Metall seine eigentmliche Form; die Seele ist zwar die Form ihres Krpers, in ihrem hchsten und von der Materie entferntesten Teile sind aber wieder zwei Elemente zu unterscheiden, die sich untereinander wie Form und Stoff verhalten. Die Form stellt sich in der Erscheinung unter der Gestalt einer dreifachen Urschlichkeit dar, im Stoffe liegt der Grund alles Leidens und aller Unvollkommenheit, der Naturnotwendigkeit und des Zufalls. Die _reine_ Form bezeichnet Aristoteles auch mit der unbersetzbaren Formel %to ti n einai%, wrtlich das was war Sein. Gewhnlich legt man dieselbe aus als das _Sein, was dem Gewesensein entspricht und daher das sich gleich Bleibende ist_, der Begriff des Wesens, der reine Begriff. Der Begriff jedes Dings ist von seinem _Zwecke_ nicht verschieden, da alle Zweckthtigkeit der Verwirklichung eines Begriffes gilt; zugleich ist derselbe auch die _bewegende_ Ursache, mag er nun das Ding als seine Seele von innen heraus in Bewegung setzen oder mag ihm seine Bewegung von auen kommen. Die _reine_ Form, welche, da alles gegebene Sein, alle Einzelsubstanz, Alles, was ein Dieses ist, aus Form _und_ Stoff besteht, im gegebenen Reiche des bestimmten Seins nicht existiert, ist also die oberste Ursache oder die _Gottheit_, die den hchsten Zweck der Welt und den Grund ihrer Bewegung vereinigt. Der reine Stoff andrerseits ist das der Form widerstrebende; von ihm rhrt alle Zuflligkeit und Unvollkommenheit in der Natur her. Zufllig ist nmlich das, was einem Dinge gleichsehr zukommen und nicht zukommen kann, %to symbebkos%, was nicht in seinem Wesen enthalten und durch die Notwendigkeit seines Wesens gesetzt ist, was daher weder notwendig noch in der Regel stattfindet. Allem Einzelsein haftet daher eine Unvollkommenheit an. Da aller Stoff Form werde, alles Vermgen Wirklichkeit, alles Sein Wissen, ist zwar eine Forderung der Vernunft und das Ziel alles Werdens, -- aber unvollziehbar, da die Materie als Beraubung der Form (%stersis%) niemals ganz zur Wirklichkeit und somit zur Erkenntnis kommen kann. In dem hier klar werdenden _Dualismus_ zwischen Form und Stoff liegt eine Schwierigkeit, ja ein Widerspruch, der uns auch die Zweideutigkeit vieler einzelner Stze des Systems begreiflich macht. Mit Recht bemerkt schon Locke, da die Gelehrten ber die wahre Meinung des Aristoteles in vielen der wichtigsten Punkten wohl niemals einig werden wrden. Einmal soll nach Aristoteles, -- im Gegensatz zu Plato, -- nur das Einzelwesen fr etwas Substantielles im vollen Sinne gelten. Der Grund des Einzelwesens, des Bestimmten, aber soll in der Form als dem Bestimmenden liegen. Volle und ursprngliche Wirklichkeit soll nur der Form zukommen, der Stoff soll nur die bloe Mglichkeit desjenigen sein, dessen Wirklichkeit die Form ist. Die Form wird also der Substanz gleich gesetzt. Dann wird aber doch wieder der Stoff als die Unterlage alles Seins, als das Beharrliche im Wechsel bezeichnet; und indem die reine Form immer ein Allgemeines bleibt, das Einzelwesen erst durch Verbindung derselben mit der Materie entsteht, wird also der eigenschafts- und bedingungslose Stoff als dasjenige statuiert, was die individuelle Bestimmtheit der Einzelwesen erzeugt. Einerseits polemisiert Aristoteles gegen den platonischen Idealismus, wonach das wahre Wesen der Dinge, die doch erst durch den Stoff _wirklich_ werden, in der Form sucht. Bald erscheint die Form, bald jedoch wieder das aus Form _und Stoff_ zusammengesetzte Einzelwesen als das Wirkliche. Diese Doppeldeutigkeit macht sich zunchst fhlbar, wenn es sich darum handelt, eine klare Vorstellung von dem Gottesbegriff des Aristoteles und dem Verhltnis Gottes zur Welt zu beschaffen. Gott ist die reine Form, der erste Beweger, schlechthin unkrperlich, unteilbar und auer dem Raume, reine Energie. Eine schlechthin unkrperliche Substanz ist eine blo denkende Substanz. Gott ist absolute Denkthtigkeit. Er denkt sich selbst; sein Denken ist Denken des Denkens. Aristoteles gilt insofern als der erste wissenschaftliche Begrnder des Theismus; denn er will die Gottheit als selbstbewuten (reinen) Geist gefat wissen. Wie aber kann dieser blo denkende reine Geist zugleich der erste Beweger sein? Hierauf antwortet er: Gott bewegt die Welt also: was begehrt und gedacht wird, bewegt, ohne sich zu bewegen. Dieses beides aber ist auf der hchsten Stufe dasselbe (der absolute Gegenstand des Denkens ist ebendamit das absolute Begehrenswerte, das Gute schlechthin); denn Gegenstand des Verlangens ist das anscheinend Schne, ursprnglicher Gegenstand des Wollens das wirklich Schne, das Begehren aber hat in der Vorstellung (vom Wert des Gegenstands) seinen Grund, nicht diese in jenem. Das erste mithin ist der Gedanke. Das Denken aber wird vom Denkbaren bewegt, an und fr sich denkbar aber ist nur die eine Reihe, und in dieser ist das erste das Wesen, und zwar das einfache und schlechthin wirkliche. Die Zweckursache bewegt nur das Geliebte, und durch das (von ihr) bewegte bewegt sie das brige. Gott ist also das erste Bewegende nur, sofern er der absolute Zweck der Welt ist, gleichsam der Regent, dessen Willen alles gehorcht, der aber nicht selbst Hand anlegt. Dieses ist er aber deshalb, weil er die absolute Form ist. Wie die Form berhaupt die Materie dadurch bewegt, da sie dieselbe sollicitiert, sich aus der Mglichkeit zur Wirklichkeit zu entwickeln, so kann auch die Wirksamkeit Gottes auf die Welt keine andere sein. Aber die Vorstellung, da der Bewegte ein natrliches Verlangen nach dem Bewegenden habe, ist offenbar hchst unklar. Wie soll ferner, wenn doch nach der eigenen Annahme des Philosophen das Bewegte immer vom Bewegenden _berhrt_ werden mu, der unrumliche erste Beweger die rumliche Welt berhren? Wenn ferner Aristoteles unter der Gottheit die hchsten Formen, insbesondere die Geister, welche die himmlischen Sphren bewegen und beseelen, fr unentstanden erklrt, ebenso wie den unvergnglichen Teil der menschlichen Seelen, wie soll das Verhltnis dieser Formen zur reinen Form einerseits, zu Gott, und zur Materie andrerseits gedacht werden? Mit Recht bemerkt Schwegler, Geschichte der Philosophie S.95: Man sieht nicht, warum der letzte Grund der Bewegung, was der absolute Geist zunchst einzig ist, auch als persnliches Wesen gedacht werden msse, man sieht nicht, wie Etwas bewegende Ursache und doch selbst unbewegt, Ursache alles Werdens, d.h. des Vergehens und Entstehens, und doch sich selbst gleichbleibende Energie, ein Bewegungsprinzip ohne Vermgen (Potenzialitt) sein knne: denn das Bewegende mu doch in einem Verhltnisse des Leidens und Thuns mit dem Bewegten stehen. berhaupt hat Aristoteles, was schon aus diesen widersprechenden Bestimmungen hervorgeht, das Verhltnis zwischen Gott und Welt nicht vollstndig und folgerichtig durchgebildet. Da er den absoluten Geist einseitig nur als beschauende theoretische Vernunft bestimmt, und alles Thun und Handeln, weil dieses einen unvollendeten Zweck voraussetzt, von ihm als dem vollendeten Zwecke ausschliet, so fehlt das rechte Motiv seiner Thtigkeit in Beziehung auf die Welt. Bei seinem nur theoretischen Verhalten ist er nicht wahrhafter erster Beweger; auerweltlich und unbewegt, was er seinem Wesen nach ist, geht er nicht einmal mit seiner Thtigkeit ins Weltleben ein; und da auch die Materie ihrerseits nie ganz zur Form wird, so offenbart sich auch hier der _unvermittelte Dualismus_ zwischen dem gttlichen Geist und dem unerkennbaren Ansich des Stoffs. Noch mehr tritt diese Unklarheit des Aristotelischen _Dualismus_ hervor in seiner, hier wohl am meisten interessierenden _Seelenlehre_. Die uns erhaltene Aristotelische Psychologie gilt zwar mit Recht als das erste wissenschaftliche Werk ber diesen Gegenstand; zweifelsohne gehrt sie zu den esoterischen oder akroamatischen Schriften und ist eine seiner bedeutendsten Leistungen. Sie enthlt auch manche vortreffliche Bemerkung und dauernd anerkannte Stze. Berhmt ist vor allem der erste Satz: Wenn das Wissen zu dem Schnen und Ehrenwerten zu rechnen ist, das eine Wissen aber mehr als das andere dazu gehrt, sei es wegen seiner Genauigkeit oder weil sein Gegenstand besser und bewundernswert ist, so mchte ich wohl aus beiden Grnden der Seelenlehre den ersten Rang mit einrumen; denn die Kenntnis der Seele scheint fr die Wahrheit viel zu ntzen; hauptschlich in Bezug auf die Natur; denn die Seele ist gleichsam der Anfang der lebenden Wesen. In der That steht die Psychologie an einem Punkte, wo die Naturwissenschaft und die Geisteswissenschaften sich schneiden; sie bildet die natrliche Grundlage, auf welcher die idealen Geisteswissenschaften, die Logik und die Ethik, nebst ihren Verzweigungen, auch die Jurisprudenz, aufbauen mssen. Allein die Psychologie des Aristoteles stellt zumeist bloe Begriffsschalen als bequeme Auskunftsmittel hin, wo es gilt, den Mangel eines Gedankeninhalts zu verdecken und dem allgemeinen Gefhl, da ber eine Frage doch irgend etwas aufgestellt werden msse, Rechnung zu tragen. Fr eine solche leere Begriffsschale mssen wir vor allem die weltberhmte Definition erklren: Die Seele ist die erste vollendete Wirklichkeit eines dem Vermgen nach lebenden Naturkrpers und zwar eines solchen, welcher Organe hat. (+de anima II,1-4+). Die Seele ist die Form oder _Entelechie_ des Leibes. Wenn +du Prel, monist. Seelenlehre cap. IV.+, in Aristoteles den Begrnder einer _monistischen_ Seelenlehre sieht, so hat er nur insoweit Recht, als nach Aristoteles auch die Physiologie nur ein Teil der Psychologie ist. Sobald wir aber der Aristotelischen Psychologie nher treten, zeigt sich, da sein dualistischer Standpunkt ihn auch hier in den Hauptfragen zu keiner klaren Stellungnahme gelangen lt, und wird es begreiflich, da von jeher die Aristoteles-Gelehrten z.B. darber nicht einig geworden sind, ob und wieweit die Unsterblichkeit der Menschenseele von ihm behauptet oder verneint werden sollte. Anscheinend geht er zunchst aus von der Einheit, nicht Einerleiheit der Seele nicht etwa mit der Materie, wohl aber mit dem belebten Leibe. Man kann nicht, insofern protestiert er gegen den Pythagorischen Seelenwanderungsglauben, jede beliebige Seele in jeden beliebigen Leib stecken. Die Seele ist die Entelechie ihres Leibes d.h. die _Entfaltung dessen, was in dem lebendigen Leibe als Potenz angelegt ist_. Dieser Satz klingt ganz monistisch, und selbst ein Materialist knnte ihn unterschreiben. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet er die Ernhrung und Fortpflanzung als das Eigentmliche der Pflanzenseele, die Empfindung und die Selbstbewegung als das Hinzukommende der Tierseele. Allein bei der Menschenseele reicht er damit nicht aus. Sie kann nur nach der animalischen Seite hin als Entelechie des Leibes begriffen werden. Sie ist nicht etwa die vollkommenste Tierseele, wie der menschliche Leib der vollkommenste Leib ist. Es ist etwas in ihr, was sich so nicht erklren lt und wodurch sie die Sphre des Sinnlichen berschreitet. Dies bersinnliche ist die Vernunft, der Intellekt. Aristoteles meint, da dem Gedanken nicht, wie jedem animalischen Seelenakt, eine leibliche Funktion entspreche. Die animalische Seele hat zwar einen rein physischen Ursprung. Indem er als Naturforscher den Proze der Zeugung verfolgt, sucht er nachzuweisen, da das Zusammenwirken des mnnlichen und weiblichen Faktors ohne Hinzutritt irgend eines Dritten hinreichend sein msse, um eine neue animalische Seele hervorzubringen. Indem das Mnnliche als thtige Ursache zu dem Weiblichen als der leidenden hinzutritt, entsteht sofort diejenige Wirkung, welche der Natur beider entspricht, es entwickelt sich aus ihnen das, was sie an sich sind, nicht weil die Stoffe, die sie enthalten, rumlich nach dem gleichartigen hinstreben, sondern weil jedes, wenn es einmal in Bewegung gesetzt ist, sich in der Richtung bewegt, zu der es die Anlage trgt, _weil schon im Samen die Seele der Mglichkeit und dem Keime nach gesetzt ist_. Die wirkenden Krfte, deren sich die Natur hierbei bedient, sind die Wrme und Klte; das Ma und die Richtung dieser Krfte ist aber durch die Natur des Zeugungsstoffes und der in ihm angelegten Erzeugnisse bestimmt: aus jedem Keim entwickelt sich ein Wesen derselben Art, wie das, von welchem er herstammt, weil im Blut, als dem unmittelbaren Nahrungsstoff, der Trieb zur Bildung eines Leibes von dieser bestimmten Art liegt, und weil eben dieser Trieb im Samen fortwirkt; und daher kommt es, da nicht blo der Gattungscharakter, sondern auch der der Einzelnen durch die Zeugung sich fortpflanzt. Hat hiebei der mnnliche Samen, von welchem der Ansto zur Entwicklung ausgeht, die Kraft, den ihm gegebenen Stoff vollstndig zu zeitigen, so folgt das Kind dem Geschlecht des Vaters; fehlt es ihm hiezu an der ntigen Wrme, so entsteht ein Wesen von klterer Natur, ein Weib. Dies nmlich ist es, was die beiden Geschlechter in letzter Beziehung unterscheidet, die grere oder geringere Lebenswrme; die wrmere Natur vermag das Blut zu Samen zu verkochen, die kltere ist darauf beschrnkt, in den Katamenien den rohen Stoff zur Fortpflanzung herzugeben; das Weib ist ein unfertiger, auf einer tieferen Entwicklungsstufe stehen gebliebener Mann. Nach dieser Fhigkeit richten sich die Geschlechtsorgane; diese sind mithin nicht die Ursache, sondern nur die Erscheinung des Geschlechtsunterschieds; sein letzter Grund liegt vielmehr in der Beschaffenheit des Lebensprinzips und des Centralorgans, worin dieses seinen Sitz hat, und wenn er auch erst mit dem Hervortreten der Geschlechtsteile zur Vollendung kommt, so ist er doch schon beim ersten Anfang der Entwicklung in der Bildung des Herzens begrndet. Ganz anders als mit der vegetativen Seele aber verhlt es sich nach Ansicht des Aristoteles mit der _Vernunft_. Sie ist es einzig und allein, die als ein _Gttliches_ von _auen_ hereinkommt. (%thyrathen epeisietai%.) Ob er aber jenes von auen hinzutretende Gttliche und allein Unvergngliche in der Menschenseele als _persnliche Substanz_ dachte oder, wie Alexander von Aphrodisias und spter besonders der Kommentator Averros meint, als bloes Hereinspielen und Hereinwirken eines pantheistisch zu denkenden Weltgeistes in das rein sinnliche, mit dem Tode dem gnzlichen Untergange geweihte Individuum, darber wird wohl immer Streit bleiben. _Schlomann_, das Vergngliche und Unvergngliche in der menschlichen Seele nach Aristoteles, Halle 1873, meint, da Aristoteles hnlich wie Kant (und neuerdings du Prel) der mystischen Conception von einem intelligiblen (idealen) und empirischen Ich gehuldigt habe. Er verweist selber zur Untersttzung dieser Duplicittstheorie auf die Spontaneitt des Genies. Woher die Macht jenes geistigen Triebes, welchem die Menschheit so viele bleibende geistige Eroberungen verdankt? Solchen Erscheinungen gegenber (und wer kann sie alle herzhlen?) wird jede blo empirische und insbesondere die materialistische Erklrung, die sie smtlich aus einer mechanischen Bewegung des Stoffes ableiten will, zur puren Ungereimtheit. Wir stehen hier vor den geheimnisvollen Tiefen der intelligiblen Welt. Gerade das Bewutsein davon hat den chten Genius immer, mitten in dem Gefhle seiner Kraft, zugleich demtig gemacht. Gthe, indem er vor der greren dichterischen Schpfermacht Shakespeares sich beugt, Tieck aber bei aller Anerkennung, die er ihm zu teil werden lt, unter sich selber stellt, fgt hinzu: Ich darf das frei sagen, ich habe mich ja nicht selbst gemacht. -- Ebenso sind Vernunft und Gewissen in unser aller geistigem Dasein etwas, das wir nicht gemacht haben, geistige Mchte, welche aus der Tiefe unseres eigenen Bewutseins emporsteigend auf unser freithtiges Ich bestndig und unmerklich treibend eindringen. Daher geraten wir mit jedem Denkakt in den Bereich der Denkgesetze, welche unsre Vernunft, ohne da wir hierber reflektieren, zur Geltung bringt; mit jedem Willensakt in den Bereich der sittlichen Gesetze, welche unser Gewissen, wie wir alle aus Erfahrung wissen, auch im Fall unseres Widerstrebens aufrecht erhlt. Dies fhrt, namentlich auf sittlichem Gebiet, zu dem Begriff eines _idealen_, eines _inwendigen_ Menschen, nach welchem der uere, empirisch gegebene Mensch sich gestalten, bezw. sich umgestalten soll. Eben jener inwendige Mensch ist, wie wir ihn wahrhaft erkennen, nach Gthe schlechthinige Autoritt fr uns. -- Fr dieses ethische Verhltnis wird ein Analogon aus der _sthetischen_ Sphre zur Erluterung dienen knnen. Ein feiner und zartsinniger Beobachter hat mit Recht gesagt, da der chte _lyrische Dichter_ nicht eine bloe Kopie der Eindrcke seines empirischen Ich giebt, sondern da in ihm gleichsam ein ideales Ich dies empirische belauscht, gewisse Elemente desselben mit nicht minder unerbittlicher Strenge zurckweist und nur den Duft, den Wiederhall, die therischen Nachklnge der Wirklichkeit in sein Spiegelbild aufnimmt. Erst _diese zweite Seele_, fgt er hinzu, macht den Dichter.[623] -- Eine solche zweite Seele ist es, die auch den sittlichen Menschen macht. Auch hier belauscht gleichsam ein ideales Ich das empirische, weist gewisse Elemente desselben mit nicht minder unerbittlicher Strenge zurck und entwirft auch seinerseits von ihm ein ideales Spiegelbild, aber nicht um sich an dem sthetischen Wohlgefallen daran gengen zu lassen, sondern um dessen Verwirklichung, wenn es sein mu, im hartnckigen Kampfe, dem empirischen Ich abzuringen. -- Dem _idealen_ Ich entspricht _bei Aristoteles_ der _thtige Intellekt_ (der %nous poitikos%), den er ja auch als eine zweite Art von Seele bezeichnet und im Gehorsam gegen welche er die Sittlichkeit bestehen lt. Dem _empirischen Ich_ entspricht der _leidentliche Intellekt_ (der %nous pathtikos%). Bei Kant ist analog die Unterscheidung zwischen dem intellektuellen oder intelligiblen Ich und dem sinnlichen Ich, von welchen er jenes als das bestimmende, also thtige, dieses als das bestimmte, also leidentliche denkt. Einmal wirft er die Bemerkung hin, da durch solche Unterscheidung eines doppelten Ich zwei Subjekte (also gewissermaen zwei Hypostasen) in einer Persnlichkeit vorausgesetzt zu werden scheinen.[624] Der leidentliche Intellekt des Aristoteles gehrt der vorbergehenden Erscheinung an; er ist keine eigene selbstndig geistige Substanz, sondern nichts als eine Ausstrahlung, die der thtige Intellekt, als die einzige geistige Substanz im Menschen in der Sphre des Sinnlichen dadurch hervorbringt, da er sich mit dem beseelten Krper verbindet. Sobald diese Verbindung sich lst, verschwindet damit zugleich der leidentliche Intellekt und unser empirisches sinnliches Ich. Nicht aber das intelligible Ich, der thtige Intellekt, der gleichsam hinter und ber jenem den unvergnglichen Wesensgrund bildet. Dieser gleicht nach dem Bilde eines griechischen Kommentators alsdann einem Knstler, der seine Werkzeuge weggeworfen hat, dessen Wirksamkeit aber fortdauert, nmlich in rein geistiger, nicht stofflicher und werkzeuglich vermittelter Weise.[625] * * * * * Ob hiernach Aristoteles eine _individuelle_ Unsterblichkeit angenommen oder geleugnet habe, gehrt zu den zahllosen wohl niemals zu Ende kommenden Streitfragen der Aristoteles-Gelehrten. Es wiederholt sich hier der bereits hervorgehobene logische Defekt seines Dualismus zwischen Form und Stoff. Wie es schon in seiner Metaphysik unentschieden bleibt, ob der Grund des Einzelseins in der Form oder im Stoff liege, so bleibt es erst recht in seiner Psychologie im Dunkeln, ob die Persnlichkeit in den hheren oder den niederen Seelenkrften, in dem unsterblichen oder sterblichen Teile unserer Natur liegt. Einerseits scheint es, da der thtige Intellekt, die Vernunft als solche, der reine Geist nicht der Sitz der Persnlichkeit sein kann; denn alle Bestimmtheit, alle Lebendigkeit des persnlichen Daseins, der ganze auf der Wechselwirkung zwischen Welt und Mensch, auf Vernderung und Entwicklung gegrndete _Inhalt_ der Persnlichkeit fllt ja auf die Seite der Sinnlichkeit, ist _empirisches_ Ich. Selbst das Denken ist ja ohne Phantasiebilder nicht mglich, von denen nach Untergang der empfindenden Seele nicht mehr die Rede sein kann. Und selbst wenn man mit Aristoteles an eine Fortdauer der _reinen Denkthtigkeit_ nach dem Tode glauben wollte, wie soll man sich die Identitt des Geisteslebens nach dem Tode mit dem jetzigen vorstellen? +Zeller, Philosophie der Griechen II, S.607+, bemerkt aber mit Recht: Und doch kann die _Persnlichkeit_ eines vernnftigen Wesens und seine freie Selbstbestimmung nicht in seiner sinnlichen Natur liegen. Wo sie aber dann liege, darnach fragen wir (Aristoteles) vergebens: wie die Vernunft von 'auen her' (%thyrathen%) zu der sinnlichen Seele hinzutritt und beim Tode sich wieder von ihr abtrennt, so fehlt es beiden _auch whrend des Lebens an der inneren Einheit_, und was der Philosoph ber die leidende Vernunft und den Willen sagt, ist in seiner unsicheren Haltung nicht geeignet, zwischen den ungleichartigen Teilen des menschlichen Wesens die wissenschaftliche Vermittlung zu bilden. * * * * * Anstatt der erste Begrnder einer _monistischen_ Seelenlehre zu sein, laboriert also Aristoteles, der scheinbar eine Einheit zwischen Leib und Seele vertritt, auf der anderen Seite selber an einem unvershnlichen _Dualismus_ zwischen (animalischer) Seele und Geist. Offenbar liegt dies an einer sein ganzes System kennzeichnenden berschtzung des rein theoretischen, abstrakten Denkvermgens und Verkennung der hohen geistigen und sittlichen Bedeutung, die auch das scheinbar Niedrige, die Sinnlichkeit, im Menschen beansprucht. Eine andere Anschauung hatten Plato und die Mysterien von dem unvergnglichen Teile der Seele, und diesen, nicht dem Aristoteles, der richtiger von Averros vertreten sein drfte, folgten die christlichen Aristoteliker des Mittelalters, wenn sie, im Anschlu unter anderem auch an die bekannten Worte des Paulus, den Geist nach dem Tode als Gef der zu rettenden Persnlichkeit eine _verklrte_ Leiblichkeit nach sich ziehen lassen. Zu ihnen gehrt Dante, wenn er schildert, wie in den durch Zeugung und Geburt entstehenden menschlichen Leib, und zwar in das Gehirn, ein gttlicher Hauch sich einsenkt und sich so ein einheitliches Seelenwesen gleichsam anbildet, und dabei im dichterischen Gleichnis auf die Sonnenglut verweist, die mit dem Saft des Weinstocks verbunden den Wein entstehen lt: +Guarda il calor del Sol, che si fa vino Giunto all' humor, che dalla vite cola.+ Er lt dann jenes Seelenwesen, wenn die Parze den Lebensfaden abschneidet, sich vom Leibe lsend Gttliches _und Menschliches_ mit sich hinwegnehmen: +Seco ne porta e l'umano el il divino+, und hebt hervor, da alsdann _Gedchtnis, Intellekt und Willen sich steigern_, whrend nur die niederen animalischen Krfte ersterben. So kommt er sogar zur Annahme eines _Astralleibes_, Und hnlich, wie die Flamme stets dem Feuer, Wie sehr dies auch den Ort vertausche, nachfolgt, So folgt dem Geiste seine neue Form; Und weil er nur durch sie Erscheinung hat, Wird Schatten sie genannt. (+Purgat. XXV. 97-101.+) Den Alten war zwar diese Vorstellung bis auf den Vergleich mit dem Weine die normale, vor allem, wie wir sehen, in den Mysterien vorausgesetzte, wie denn auch der in die eleusinischen Mysterien eingeweihte Pindar[626] singt: Jedweder Leib verfllt des Todes bermacht; doch lebend brig bleibt _Des Erdenlebens Geistesbild_[627], denn das nur ist von den Gttern. Es schlft, wenn die Glieder sich mhen, _Aber den Schlafenden zeigt's in vielen Trumen Der Freud' und des Leides nahes Verhngnis_. Aristoteles teilte diese Anschauung nicht, wie denn auch seine Schrift ber den Schlaf eine durchaus _rationalistische_ Theorie der Trume entwickelt. Der Schlaf, sagt er, ist Gebundenheit, das Wachen freie Wirksamkeit des Wahrnehmungsvermgens; beide Wechselzustnde kommen daher nur bei den Wesen vor, welche der Sinneswahrnehmung fhig sind, bei ihnen aber auch ganz allgemein; denn das Wahrnehmungsvermgen kann unmglich immer wirksam sein, ohne da sich seine Kraft zeitweise erschpfte. Der Zweck des Schlafes ist die Erhaltung des Lebens, die Erholung, welche ihrerseits wieder dem hheren Zwecke der wachen Thtigkeit dient. Seine natrliche Ursache liegt in dem Ernhrungsproze. Die Lebenswrme treibt die aus der Nahrung sich entwickelnden Dmpfe nach oben; indem sie sich hier ansammeln, beschweren sie den Kopf und erzeugen zunchst die Schlfrigkeit; am Gehirn sich abkhlend, sinken sie dann wieder nach unten und bewirken eine Erkltung des Herzens, in deren Folge die Thtigkeit dieses allgemeinsten Empfindungsorgans ins Stocken gert. Dieser Zustand dauert so lange, bis die Nahrung verdaut, und das reinere fr die oberen Teile des Krpers bestimmte Blut von dem dickeren, nach unten zu fhrenden, ausgeschieden ist. Aus den inneren Bewegungen der Sinneswerkzeuge, welche nach dem Aufhren der ueren Eindrcke fortdauern, entstehen die Trume: im wachen Zustand verschwinden diese Bewegungen hinter den Sinnes- und Denkthtigkeiten, im Schlaf dagegen, und besonders gegen das Ende desselben, nachdem die anfngliche Unruhe im Blut sich gelegt hat, treten sie deutlicher hervor. Es kann daher geschehen, da eine innere Bewegung im Krper, welche man wachend nicht wahrnimmt, sich im Traum ankndigt, oder da der Traum umgekehrt durch die Bilder, welche er der Seele vorfhrt, zu einer spteren Handlung den Ansto giebt; es ist auch mglich, da whrend des Schlafs sinnliche Eindrcke an uns gelangen, die bei Tage, in der bewegteren Luft, unsere Sinne nicht getroffen htten oder von uns nicht bemerkt worden wren; und insofern lassen sich gewisse weissagende Trume auf natrlichem Weg erklren; was aber darber hinausgeht, ist fr ein zuflliges Zusammentreffen zu halten, wie denn auch deshalb viele Trume nicht eintreffen. Allerdings hat Aristoteles nach +Arist. Divin c.2.+ sogar eine Schrift ber weissagende Trume, %peri ts kath' hypnon mantiks%, verfat, der zufolge das Ahnungsvermgen, das sich in weissagenden Trumen und enthusiastischen Zustnden offenbart, nur eine unklare uerung jener Kraft sein sollte, die als thtiger Verstand das Band zwischen dem menschlichen und dem gttlichen Geist bilde (vergl. +Cicero, Divin. I. 38,81.+); auch hat uns Sextus Empiricus (vergl. +Math. IX.20+) ein Fragment aus seinem Dialog +Eudemos+ aufbewahrt, in dem es heit, im Schlafe gelange erst die Seele zum rechten Beisichsein (%kath' heautn ginetai%) und werde ihrer eigenen Natur teilhaftig (%tn idion physin apolambanei%); daher knne sie alsdann weissagen und das Zuknftige vorherverknden. In einen solchen Zustand trete sie noch vollkommener ein, wenn sie im Tode sich ganz vom Krper trenne. Sie kehre alsdann gleichsam in ihre Heimat zurck. Der klaffende Widerspruch dieser letzteren Stze mit den vorstehenden liegt auf der Hand und bildet ein weiteres Rtsel fr die Aristoteliker. +Zeller, Philosophie der Griechen S.552, u.f.+ meint nun, die letzteren uerungen knnten nicht als der Ausdruck der wissenschaftlichen berzeugung des Aristoteles betrachtet werden, vielmehr spreche er in denselben wohl nur eine Meinung aus, die, wie er glaubte, zur Entstehung des Gtterglaubens Veranlassung gegeben habe. Sollte er aber auch dieser Meinung zur Zeit der Abfassung jenes Gesprchs einen ernstlichen Wert beigelegt haben, so wre dies nur einer von den vielen Beweisen fr die Gewalt, welche die platonischen Anschauungen damals auf ihn ausbten. Fr mich und vermutlich fr die meisten Leser kann es wenig Interesse haben, welche Ansicht er ber diesen Gegenstand zuerst oder zuletzt, scheinbar oder wirklich gehegt hat. Mglicherweise war die eine esoterisch, die andere exoterisch gemeint; sein Verhalten erinnert in der That etwas an das berchtigte System der doppelten Buchfhrung in philosophischen Fragen, das auch in unserem Jahrhundert empfohlen worden ist. Mglich ist es ja aber auch, da ihm dasselbe, was auch heutzutage noch vielen _ehrlichen_ Forschern, passiert ist, zu verschiedenen Zeiten verschieden, bald skeptisch, bald glubig ber diese occultistischen Thatsachen zu denken, deren allgemeingltige wissenschaftliche Konstatierung leider immer noch unmglich erscheint. Siebentes Buch. Der Occultismus der alten Rmer. Erstes Kapitel. Einflu der Etrusker auf die rmische Religion. Whrend sich unsere Darstellung der occultistischen Lehren der Griechen geradezu als ein, wenn auch einseitig aufgefater, Abri der Geschichte der alten Philosophie geben konnte und mute, wird die Form der occultistischen Anschauungen wieder eine vllig andere, indem wir den italischen Boden betreten. Wenn man nicht etwa die Jurisprudenz mit den Rmern, die dies beanspruchten, als einen praktischen Zweig der Philosophie gelten lassen will, so haben die Rmer in der Philosophie, wie auf wissenschaftlichem Gebiete berhaupt nichts Ursprngliches aufzuweisen. Smtliche lateinische Philosophen, von Cicero bis auf Bothius, sind entweder als bloe Eklektiker oder bestenfalls als Schler der einen oder anderen griechischen Philosophenschule zu bezeichnen. Anders verhlt es sich mit der _Religion_ der Rmer. Diese zeigt einen entschieden selbstndigen, streng national gefrbten Typus, der allerdings seit der Berhrung mit dem Hellenismus, etwa seit dem zweiten punischen Kriege, durch knstliche Assimilation mit der griechischen Mythologie etwas verwischt wurde. Dennoch ist diese, hauptschlich von den Dichtern durch oft willkrliche Namensvertauschungen und Gleichstellungen ursprnglich verschiedener Gtterbegriffe versuchte Verhnlichung nie dahin gelangt, die ursprngliche Selbstndigkeit der rmischen Religion, die sich durch eine Art juristischer Systematik auszeichnet, verkennen zu lassen. Vor allem blieb stets bis in die letzten Zeiten hinein ein Unterschied des rituellen Kultus im eigentlich rmischen Gottesdienste sichtbar. Andrerseits hat freilich kein Staat in toleranterem Mae fremden Gottesdiensten Aufnahme gewhrt und durch solche seine eigene National-Religion geradezu berwuchern lassen, als der rmische seit dem Beginn seiner Weltherrschaft. In der Urzeit des rmischen Volkes scheint aber der einzige Einflu, den die Rmer in Sachen der Religion und berhaupt der bersinnlichen Angelegenheiten von Auen zugelassen haben, auf das rtselhafte Volk der _Etrusker_ sich zu beschrnken. Doch darf auch dieser Einflu nicht berschtzt werden. Die Nachricht des +Livius IX, 36+, da in der ltesten Zeit rmische Jnglinge in der etruskischen Sprache und Litteratur, sowie spter in der griechischen unterrichtet seien, steht vereinzelt da; jene Unterweisung in der Sprache des Nachbarvolks beschrnkte sich wohl nur auf eine geringe Anzahl der vornehmsten, zum Priesterstande berufenen Jnglinge (vergl. Cicero ber die Weissagung), zu dem einzigen Zwecke, die nachweisbar allerdings von den Etruskern bernommenen Knste der Opferschau, fr deren Ausbung man sich in Rom anfangs mit gedungenen Etruskern behalf, ferner die Theorie der Blitze, worber spter mehr, zu erlernen. Gleichwohl fordert das Volk der Etrusker, oder wie sie selber sich nannten, _Rasen_, schon um der bestimmten Zweige des praktischen Occultismus willen, die von den Rmern bernommen wurden, unsere Aufmerksamkeit heraus. Es ist bislang ebensowenig gelungen, ihre Sprache zu entziffern, als ihre ethnologische Verwandtschaft festzustellen. Die etruskische Inschrift eines in Caere ausgegrabenen Thongefes lautet: +minice dumamimadumaramlisiaedipurenaiedecraisiepanamine dunastavhelefu+. Die verschiedensten Idiome sind auf Stammesverwandtschaft mit den etruskischen vergeblich geprft worden, wenn auch einige Spuren darauf hinzudeuten scheinen, da die Etrusker im allgemeinen den Indogermanen beizuzhlen sind. Vielleicht hngt der Name des etruskischen Zeus +Tina+ oder +Tinia+ mit dem sanskritischen +dina+, Tag zusammen. brigens schreibt schon Dionysios: die Etrusker stehen keinem Volke gleich an Sprache und Sitte. Wahrscheinlich ist es, da die Etrusker ber die rtischen Alpen nach Italien gekommen sind, da die ltesten in Tirol und Graubndten nachweisbaren Ansiedler bis in die historische Zeit etruskisch redeten und auch ihr Name auf den der Rasen anklingt. Nach Herodot sollen sie freilich aus Asien eingewanderte Lyder sein, allein schon Dionysios erklrt diese Erzhlung bei der groen Verschiedenheit zwischen Religion, Gesetz, Sitte und Sprache der Lyder von ihnen fr ein unmgliches Mrchen. Mit Mommsen drfen wir es brigens fr zuverlssig halten, da das letzte Knigsgeschlecht, das ber die Rmer herrschte, das der Tarquinier aus Etrurien entsprossen ist. Die Anschauungen der Etrusker wurzelten mehr als die irgend eines anderen bekannten Volkes des Altertums im eigentlich occultistischen Gedankenkreise. Insofern zeigen sie eine gewisse hnlichkeit mit den Egyptern, von denen sie sonst nach Sprache, Sitte und Verfassung entschieden zu trennen sind. Die Nekromantie und schwarze Magie scheint ihr eigenstes Element gewesen zu sein. Der Totenkultus scheint bei ihnen eine noch grere Rolle gespielt zu haben, als bei den Egyptern. Es gab eine Unzahl von Todesgenien, deren furchtbare Bilder an den Mauern der Totenstdte, auf den Sarkophagen u.s.w. uns entgegenstarren. Sie sind dargestellt, wie sie die armen Menschenseelen verfolgen, peinigen und trotz alles Flehens entfhren, archaistische Hllenbreughel; sehr selten sieht man auch gute Geister die Seelen freundlich einladen, auch gute und bse sich um dieselben streiten. Die Totenstdte der Egypter bertrafen die Stdte der Lebenden an Ausdehnung und wurden mit grerem architektonischen Aufwand, als jene, ausgeschmckt. Aus den Trmmern, die vom etruskischen Sacralwesen auf uns gekommen sind, schreibt +Mommsen, rm. Gesch. I, S.180+, redet eine _dstere_ und dennoch langweilige Mystik, Zahlenspiel und Zeichendeuterei und jene feierliche Inthronisierung des reinen Aberwitzes, die zu allen Zeiten ihr Publikum findet. Wir kennen zwar den etruskischen Kult bei weitem nicht in solcher Vollstndigkeit und Reinheit wie den latinischen; aber mag die sptere Grbelei auch manches erst hineingetragen haben und mgen auch gerade die dstern und phantastischen, von dem latinischen Kult am meisten sich entfernenden Stze uns vorzugsweise berliefert sein, was beides in der That nicht wohl zu bezweifeln ist, so bleibt immer noch genug brig, um die Mystik und Barbarei dieses Kultus als im innersten Wesen des etruskischen Volkes begrndet zu bezeichnen. -- Ein innerlicher Gegensatz des sehr ungengend bekannten etruskischen Gottheitsbegriffes zu dem italischen lt sich nicht erfassen; aber bestimmt treten unter den etruskischen Gttern die bsen und schadenfrohen in den Vordergrund, wie dann auch der Kult grausam ist und namentlich das Opfern der Gefangenen einschliet, -- so schlachtete man in Caere die gefangenen Phokaeer, in Tarquinii die gefangenen Rmer. Statt der stillen in den Rumen der Tiefe friedlich schaltenden Welt der abgeschiedenen guten Geister, wie die Latiner sie sich dachten, erscheint hier eine wahre Hlle, in die die armen Seelen zur Peinigung durch Schlge und Schlangen abgeholt werden von dem Totenfhrer, einer wilden halb tierischen Greisengestalt mit Flgeln und einem groen Hammer; einer Gestalt, die man spter in Rom bei den Kampfspielen verwandte, um den Mann zu kostmieren, der die Leichen der Erschlagenen vom Kampfplatze wegschaffte. So fest ist mit diesem Zustand der Schatten die Pein verbunden, da es sogar eine Erlsung daraus giebt, die nach gewissen geheimnisvollen Opfern die arme Seele versetzt unter die oberen Gtter. Es ist merkwrdig, da um ihre Unterwelt zu bevlkern, die Etrusker frh von den Griechen deren finsterste Vorstellung entlehnten, wie denn die acheruntische Lehre und der Charun eine groe Rolle in der etruskischen Weisheit spielen. -- Aber vor allen Dingen beschftigt den Etrusker die Deutung der Zeichen und Wunder. Die Rmer vernahmen wohl auch in der Natur die Stimme der Gtter; allein ihr Vogelschauer verstand nur die einfachen Zeichen und erkannte nur im allgemeinen, ob die Handlung Glck oder Unglck bringen werde. Strungen im Laufe der Natur galten ihm als unglckbringend und hemmten die Handlung, wie zum Beispiel bei Blitz und Donner die Volksversammlung auseinanderging, und man suchte auch wohl sie zu beseitigen, wie zum Beispiel die Migeburt schleunigst gettet ward. Aber jenseits der Tiber begngte man sich damit nicht. Der tiefsinnige Etrusker las aus den Blitzen und aus den Eingeweiden der Opfertiere dem glubigen Mann seine Zukunft bis ins Einzelne heraus und je seltsamer die Gttersprache, je auffallender das Zeichen und Wunder, desto sicherer gab er an, was es verknde und wie man das Unheil etwa abwenden knne. So entstanden die Blitzlehre, die Haruspicin, die Wunderdeutung, alle ausgesponnen mit der ganzen Haarspalterei des im Absurden lustwandelnden Verstandes, vor allem die _Blitzwissenschaft. Ein Zwerg von Kindergestalt mit grauen Haaren, der von einem Ackersmann bei Tarquinii war ausgepflgt worden, Tages genannt_ -- man sollte meinen, da das zugleich kindische und altersschwache Treiben in ihm sich selber habe verspotten wollen, -- also Tages, _hatte sie zuerst den Etruskern verraten und war dann sogleich gestorben. Seine Schler und Nachfolger lehrten, welche Gtter Blitze zu schleudern pflegten; wie man am Quartier des Himmels und an der Farbe den Blitz eines jeden Gottes erkenne; ob der Blitz einen dauernden Zustand andeute oder ein einzelnes Ereignis und wenn dieses, ob dasselbe ein unabnderlich datiertes sei oder durch Kunst sich verschieben lasse bis zu einer gewissen Grenze; wie man den eingeschlagenen Blitz bestatte oder den drohenden einzuschlagen zwinge_, und dergleichen wundersame Knste mehr, denen man gelegentlich die Sportulierungsgelste anmerkt. Wie tief dies Gaukelspiel dem rmischen Wesen widerstand, zeigt, da, selbst als man spter in Rom es benutzte, doch nie ein Versuch gemacht ward es einzubrgern; in dieser Epoche gengten den Rmern wohl noch die einheimischen und die griechischen Orakel. -- _Hher als die rmische Religion steht die etruskische insofern, als sie von dem_, was den Rmern vllig mangelt, _einer in religise Formen gehllten Spekulation wenigstens einen Anfang entwickelt hat_. ber der Welt mit ihren Gttern walten die verhllten Gtter, die der etruskische Jupiter selber befragt; jene Welt aber ist endlich und wird, wie sie entstanden ist, so auch wieder vergehen nach Ablauf eines bestimmten Zeitraums, dessen Abschnitte die Saecula sind. ber den geistigen Gehalt, den diese etruskische Kosmogonie und Philosophie einmal gehabt haben mag, ist schwer zu urteilen, doch scheint auch ihnen ein geistloser Fatalismus und ein plattes Zahlenspiel von Haus aus eigen gewesen zu sein. Die obersten Gtter des etruskischen Volkes, die Verhllten durften nicht mit Namen genannt werden. Nach ihnen kamen zwlf Gottheiten der Oberwelt, an deren Spitze +Tina+ (Zeus?) stand, dieselben erinnern, ebenso wie die Blitzwissenschaft, auffllig an die obersten Gtter der Akkader und sind augenscheinlich nichts anderes, als die zwlf Monate oder zwlf Zeichen des Tierkreises (Planetengtter), vergl. Teil I dieses Werkes (S.7 und 53), ferner _Mller_, die Etrusker (2 Bnde); dann die Gottheiten der Unterwelt, vor allem Mantus und Mania, denen in ltester Zeit sogar Kinderopfer dargebracht sein sollen, an deren Stelle erst in rmischer Zeit Mohn- und Kohlkpfe substituiert wurden. Zweites Kapitel. Die Religion der Rmer. In seinen Gttern spiegelt sich der Mensch. Diese nicht erst von Feuerbach, sondern wie wir sahen, schon von Xenophanes (S.475 oben) erkannte Wahrheit besttigt sich auch, wenn wir die religisen Vorstellungen der Rmer Revue passieren lassen. Man erwarte daher von den praktischen, fast ganz auf die Beherrschung der diesseitigen Welt gerichteten Rmern keine tiefsinnige Mystik, wie sie uns bei den Orientalen und teilweise auch bei den Griechen, spter auch wieder bei den Germanen entgegentritt. Von den trumerisch-phantastischen, ja unheimlichen Etruskern bernahmen zwar die Rmer einige Praktiken, mit denen sie den aberglubischen Sinn der Menge unmerklicher unter das Joch der Politik bringen konnten; ihre religise Weltanschauung selbst trgt einen durchweg klaren, wesentlich nur die wichtigsten Naturerscheinungen und Interessen ihres, ursprnglich mit Ackerbau und Hirtenleben einerseits und Krieg andererseits verwachsenen Lebens symbolisierenden naturalistischen und fast rationalistischen Charakter. Die Religion steht durchaus im Dienste der irdischen Zwecke, vor allem des Staates, nicht umgekehrt. Allerdings drngt sie sich, um den staatlichen Dingen die ntige Weihe zu geben, berall vor, aber wenn durch diesen Schein verleitet, Hartung, ein Philologe, ber die Religion der Rmer schreibt, man msse den lteren Rmern nachrhmen, da sie eine so allgemeine, so durchreichende und so unerschtterliche Religiositt besessen und gebt haben, wie kein anderes Volk der Erde, so verfehlt ein besserer Kenner des eigentlich rmischen Geistes, der Jurist +R. v.Ihering, Geist des rmischen Rechts, 21+, nicht, die Kehrseite der Medaille aufzuweisen und von frhzeitigem Formalismus und _Jesuitismus_, man knnte auch sagen Machiavellismus der Rmer in Beziehung auf die Religion zu sprechen. Die Religion der Rmer ward schon sehr frh mit ihrem gesamten Apparat von in den Willen der Staatsregierung gegebenen geistlichen Beamten, Zeichen, Nichtigkeitgrnden u.s.w. ein _politisches_ Institut; und +Mommsen, rmische Geschichte I, S.160+, macht auf das Schwanken der rmischen Religionsvorstellungen im Laufe der Geschichte aufmerksam; der Staat und das Geschlecht, das einzelne Naturereignis, wie die einzelne geistige Thtigkeit, jeder Mensch, jeder Ort und Gegenstand, ja jede Handlung innerhalb des rmischen Rechtskreises kehren in der rmischen Gtterwelt wieder; und _wie der Bestand der irdischen Dinge flutet im ewigen Kommen und Gehen, so schwankt auch mit ihm der Gtterkreis_. Den Vorrang unter den mnnlichen Gttern der ltesten Anschauungsform beanspruchen _Jupiter_, _Mars_ und _Quirinus_. Diese drei wurden am heiligsten verehrt; sie waren die eigentlichen Schutzgottheiten Roms gegen auswrtige Feinde. So lautete ein altes Gesetz der Numa, das uns Festus aufbewahrt hat: Unter wessen Anfhrung in der Schlacht die vornehmste Beute gewonnen wird, der soll dem _Jupiter_ Feretrius einen Ochsen schlachten, und dem der sie gewonnen dreihundert Pfund geben; fr die zweite soll er an dem Altar des _Mars_ auf dem Marsfelde Suovetaurilien nach Belieben schlachten, fr die dritte dem _Quirinus_ ein mnnliches Lamm. Jupiter, aus +Djovis pater+ entstanden, bedeutet zunchst Himmelsvater, als Quell des Lichtes; ihm sind alle Luftvernderungen, Regen und Gewitter, Blitz und Donner unterworfen. Darum heit er auch, je nachdem er seine Macht uert, Pluvius, Fulgurator, Tonans, Imbricitor, Serenator. Der heiligste Eid lautete, indem der Schwrende einen Kieselstein in die Hand nahm und auf das Opfertier schleuderte: wenn ich mit Wissen und Willen einen Meineid schwre, so soll mich Jupiter also schlagen (+ferito+), wie ich hier dieses Opfertier schlage, und so will ich aus Staat und Heimat also hinausgeworfen werden, wie dieser Stein da! Bei langdauernder Drre brachte man ihm ein Opfer dar, das +aquilicium+ oder Wasserentlockung hie; da dasselbe mit gewissen magischen Ceremonien verbunden war, lie man es durch einen Etrurier (Tusker) verrichten. ber diese magischen Ceremonien ist uns aus Labeo, der die tuskische Disziplin des +Tages+ und +Bacis+ in 15 Bchern erlutert hat, nur folgendes erhalten: Wenn die Leberfasern eine Sondarach-Farbe zeigen, dann mssen die _rinnenden Steine_ (+manales petrae+) in Bewegung gesetzt werden. Als hchster Gott heit er Optimus Maximus, und sein Tempel ist als hchster auf dem Kapitol gegrndet. Ihm gelten die Triumphzge nach jedem Siege. Zu seinen Ehren wurden auch die berhmten Kapitolinischen Spiele gefeiert, und auf dem Giebel des Kapitolinischen Tempels prangte ein groes Viergespann, wie es die Wettfahrer bei diesen Spielen hatten. Etrurien soll durch ein solches frhzeitig die hohe Bestimmung seines Nachbarstaates erfahren haben. Als einst zu Veji dem Jupiter hnliche Wettspiele, wie man sie zu Rom zu feiern pflegte, gehalten wurden, fingen die Rosse des siegenden Viergespanns pltzlich, wie von einem unsichtbaren Dmon getrieben, zu laufen an, und eilten unaufhaltsam nach Rom zu. Dort warfen sie den Tuskerjngling, welcher den Namen Ratumena fhrte, beim Tarpejischen Thore ab, das sodann nach demselben umgetauft wurde, und rasteten nicht eher, als bis sie dreimal um den Tempel des Jupiter Kapitolinus gefahren waren. Als Herr des Himmels und Lenker der Welt steht er allen irdischen und menschlichen Angelegenheiten vor und pflegt deshalb bei jedem Beginn einer wichtigen Handlung begrt zu werden. Ihm sind alle Vollmondstage heilig (die _Iden_), auerdem die smtlichen Weinfeste. Zu Zeiten der Not gelobte man ihm bisweilen den ganzen Ertrag eines Zweiges der Landwirtschaft oder gar die Erstlingsgeburten eines Frhlings, des sog. +ver sacrum+ als Opfer. Eigentlich gehren dazu auch die in diesem Frhjahr geborenen Menschen. Weil es aber zu grausam gewesen wre, so viele unschuldige Kinder abzuschlachten, so lie man sie gro werden, und trieb sie dann in einem Frhjahr miteinander, verhllten Gesichtes, ber die Grenze; jene gingen dann aufs Geradewohl, wohin ihr Genius sie fhrte, und auf diese Weise soll manche Kolonie entstanden sein. Augenscheinlich war dieser Weihefrhling ein Mittel, der bervlkerung und Nahrungsnot durch geeignete Kolonisation vorzubeugen und durch solche zugleich den Staat zu expandieren. Uhland hat ihn zum Vorwurf einer glnzenden Ballade gemacht, in der der Priester den Ersatz des blutigen Opfers durch die Auswanderung mit folgenden Worten begrndet: Nicht lt der Gott von seinem heil'gen Raub, Doch will er nicht den Tod, er will die Kraft; Nicht will er einen Frhling welk und taub, Nein, einen Frhling, welcher treibt in Saft. Aus der Latiner alten Mauern soll Dem Kriegsgott eine neue Pflanzung gehn; Aus diesem Lenz, urkrft'ger Keime voll, Wird eine groe Zukunft ihm erstehn. Drum whle jeder Jngling sich die Braut! Mit Blumen sind die Locken schon bekrnzt; Die Jungfrau folge dem, dem sie vertraut! So zieht dahin, wo euer Stern erglnzt! Der junge Stier pflg' euer Neubruchland! Auf eure Weiden fhrt das muntre Lamm! Das rasche Fllen spring' an eurer Hand, Fr knft'ge Schlachten ein gesunder Stamm! Denn Schlacht und Sturm ist euch vorausgezeigt; Das ist ja dieses starken Gottes Recht, Der selbst in eure Mitte niedersteigt, Zu zeugen eurer Knige Geschlecht. In eurem Tempel haften wird sein Speer; Da schlagen ihn die Feldherrn schtternd an, Wann sie ausfahren ber Land und Meer Und um den Erdkreis ziehn die Siegesbahn. Ihr habt vernommen, was dem Gott gefllt. Geht hin, bereitet euch, gehorchet still! Ihr seid das Saatkorn einer neuen Welt; Das ist der Weihefrhling, den er will. Jupiter ist ferner Beschtzer des Rechts und der Tugend, als Gott der Treue, +Dius Fidius+ auch besonders des Ehebundes; -- da spter die Schwurformel +me Dius Fidius+ identisch mit dem aus der Fremde eingedrungenen +me Hercle+ wurde, hat man flschlich diesen Gottesbegriff spter auf +Hercules+ bertragen. Nach +Augustin (IV,23)+ htten die Rmer auch einen gewissen rtselhaften (+nescio quem+) Summanus noch hher als Jupiter selbst geehrt. Inde kann dieser Summanus schwerlich ein anderer, als Jupiter gewesen sein, zumal die Rmer, wie Augustin berichtet, ihm die nchtlichen Blitze zuschrieben. Der rmische _Mars_ ist in vieler Hinsicht eher mit der griechischen Pallas Athene als mit Ares, dem Kriegsgott zu vergleichen. Den bloen Krieg personifizierte Bellona, eine weibliche Gottheit. Mars symbolisiert mehr das stetige Gerstetsein zum Krieg, als den blutigen Kampf; darauf deutet schon der Wortstamm +Mavors+, +Marmar+, verwandt mit +arma+ und dem sanskritischen +wrajmi+ d.h. schtzen. Ihm war ein uraltes Heiligtum auf dem Berg Quirinus geweiht, alle vier Jahre wurde auf dem _Mars_felde eine (militrische) Schtzung der ganzen Brgerschaft vorgenommen, wobei ein Stier, ein Widder und ein Bock dreimal um das ganze Heer herumgefhrt und dann geopfert wurde; dies war das erwhnte +suovetaurilium+. Sein Hauptfest fand im Frhling statt, das eingeleitet durch das Pferderennen, +equirria+ am 27. Februar, im Mrz selbst an den Tagen des Schildschmiedens (+mamuralia+), des Waffentanzes (+quinquatrus+) und der Drommetenweihe (+tubilustrium+) seine Haupttage hatte. Hierbei spielten die _Salier_ eine Hauptrolle, wrtlich Tnzer, d.h. eine aus zwlf Mann bestehende geistliche Brderschaft. Dieser anzugehren, rechneten sich die vornehmsten Mnner, wie P.Scipio zur Ehre; ihr Anzug war eine bunte Tunika, ber welche um die Brust ein breiter eherner Gurt gelegt wurde, eine verbrmte Toga, mittelst Hefteln gabinisch aufgeschrzt, eine eherne Spitzhaube (+apex+) und ein Schwert. In der rechten Hand hielten sie ein ehernes Stbchen, in der linken den Schild, der an einem Riemen um den Hals hing. Dieser hatte ungefhr die Gestalt einer arabischen8; daher wohl sein Name +ancile+ (%ankylos%). Einer von diesen Schilden sollte zu einer Zeit, da eine Seuche in Rom wtete, vom Himmel gefallen sein, Numa hatte dann auf Anraten der Nymphe Egeria durch den Waffenschmied Mamurius die elf anderen diesem so tuschend nachmachen lassen, da niemand mehr den echten vom unechten unterscheiden konnte. In der Prozession ging auch ein Mann, rings mit dicken Huten umhangen, der den Mamurius vorstellte und ganz unbekmmert mit Stangen auf seinen Lederpanzer hauen und stoen lie. Das Debt der Priesterschaft bestand in einem Waffentanz und Absingung von uralten Liedern, deren Sprache die Gelehrten zur Zeit Csars bereits nicht mehr vllig entziffern konnten. Von dem Waffentanze selber sagt Plutarch (+Numa c.13+): Das Meiste bei diesem Tanze haben die Fe zu thun und man sieht mit Vergngen den Bewegungen der Tnzer zu, da sie nach einem geschwinden, lebhaften Takte allerhand Krmmungen und Wendungen machen, die eine besondere Strke und Leichtigkeit verraten. Noch heute drften uns die sog. Pyrrhischen Tnze der Arnauten und einiger anderer neugriechischer Stmme ein analoges Bild dieser uralten kulturhistorisch interessanten Tanzart gewhren. Die Salier waren von Dienern begleitet, denen sie in den Pausen die Ancilia bergaben. Dionysios erzhlt, wie sogar ein rmischer Prtor diesen Dienst seinem Vater ohne Widerrede leistete und dessen Schild trug, whrend sechs Lictoren ihm voranzogen. _Quirinus_ war der Genius der gesamten rmischen Brgerschaft (Quiriten). Vor seinem Heiligtum standen zwei Myrten, als Bundessymbole, die eine die patrizische, die andere die plebejische genannt. Sein Fest, die Quirinalia, wurde am 17. Februar gefeiert. Dieses Fest hie auch _das Fest der Dummen_. Die Ursache dieses Namens gibt Ovid (+Fasten II.475+) folgendermaen an: Vernimm auch, warum derselbe Tag das Fest der Dummen heit. Die Ursach ist zwar gering, aber passend doch. Das Land unserer Vorfahren hatte keine geschickten Bebauer: wilde Kriege ermdeten die thtigen Mnner. Grern Ruhm erntete man durch Schwerdt, als durch die gekrmmte Pflugschaar; wenig trug der Acker, von dem Besitzer nicht geachtet. Doch Dinkel sten die Alten, und ernteten Dinkel: abgemht brachte man Dinkel, als Erstlinge der Ceres dar. Durch Erfahrung belehrt legten sie ihn zum Drren ans Feuer: litten aber durch eigne Fehler vielen Schaden. Denn statt des Dinkels kehrten sie bald schwarze Asche zusammen, bald brannten sie wohl gar mit Feuer ihre Htten nieder. Daher schuf man sich die Gttin Fornax. Frhlich aber beten zu ihr die Landbewohner, ihre Frchte nach Ordnung zu bereiten. Jetzt kndigt die Fornacalien mit feyerlichen Worten der Curie Maximus an: denn einen bestimmten festlichen Tag macht er nicht. Auf dem Forum wird jede Curie auf den vielen herumhngenden Tfelchen mit bestimmten Zeichen angedeutet. Aber der unwissende Teil des Volkes kennt seine Curie nicht und hlt daher das zu feiernde Fest am Ende des Tages. Zur Seite Jupiters steht _Juno_, als Lichtgttin auch Lucina genannt, die Himmelsgttin, der Genius des Weibes. Das Hauptfest derselben, die Matronalien, wurde am 1. Mrz, welcher Tag deshalb die Kalenden der Frauen hie, von den _Frauen_ gefeiert, der Sage nach zum Andenken an die Stiftung der Ehe durch Romulus und an das Verdienst der Frauen bei Vermittelung der Feindseligkeiten ihrer Sabinischen Vter und Brder nach dem bekannten Raube. Sein Hauptgegenstand war Feier der Geschlechtsliebe und Gebet um ehelichen Segen. Ja jetzt weicht endlich der Winter, singt Ovid (+Fasten III.167ff.+), und von lauer Sonne erwrmt thauet der Schnee. Laub vom Froste gestreift bekleidet frisch die Bume, und die lebende Knospe blht aus dem zarten Rebenscho hervor. Jetzt auch sucht sich das dichtsprossende Kraut, das lange die Erde barg, eine himmlische Bahn, um sich zur Luft zu erheben. _Fruchttragend_ ist jetzt die Flur; jetzt ist die _Zeit zur Erzeugung_: jetzt werden auf grnem Gespro die Nester und Huschen von Vgeln gebaut. Mit Recht feiern Latiums Mtter diese Zeit, ihre Niederkunft fordert Kampf und Gelbde. -- Gnstig ist meine Mutter den Verlobten; drum ehret mich die Schaar der Mtter. Bringt der Gttin Blumen! An blhenden Krutern ergtzt sich die Gttin: umkrnzt euer Haar mit jungen Blumen! Flehet zu ihr: Du hast uns, Lucina, das Tageslicht gegeben. Sei auch dem Gelbde der Gebrenden hold! Doch welche Mutter schwanger ist, die bete mit aufgelstem Haare: die Gttin mge sanft ihre Geburt erleichtern! Ein anderes Fest zu ihren Ehren wurde an den Nonen des Juli bei dem sog. Ziegenbaume gefeiert. Es war dies der alte Feigenbaum auf dem Comitium, +ficus Ruminalis+, unter dem vor Alters die Zwillinge Romulus und Remus von einer Wlfin gesugt sein sollten. Die Feige (+fica+) hat brigens noch jetzt in Italien eine Nebenbedeutung allerintimster Natur; der italienische Dichter Molza hat sie in einem aus wohlgefgten Terzinen bestehenden Lehrgedicht, der sog. Ficheis, besungen und noch dazu einen sehr deutlichen Kommentar verfat, in dem ebenfalls an den +ficus Ruminalis+ als +principio della Citt di Roma+ erinnert wird. Die Feige bedeutet die weibliche Natur. Neben diesem Feigenbaum stand ein Ziegenbock, als Sinnbild der mnnlichen Zeugungskraft. Verehelichte, was wartest Du? singt bei Gelegenheit dieses Festtages Ovid in den Fasten, Du wirst nicht durch krftige Kruter, nicht durch Gebete, nicht durch Zaubergesnge Mutter werden. Es war eine Zeit, wo nach hartem Verhngnis die Mtter nur selten Pfnder der Geburt erzeugten. Was ntzt mir's, rief Romulus, neun sabinische Mdchen geraubt zu haben. Da sprach die Gttin (Juno) in ihrem Haine wundersame Worte. In italische Mtter, rief sie, dringe ein haariger Bock ein! Es staunte der Haufe erschreckt ber die zweideutigen Worte. Ein Seher war da; sein Name ist vergessen, er war eben als Fremdling aus etruskischem Lande gekommen. Dieser schlachtet einen Bock; auf seine Belehrung reichten die Frauen ihren Rcken zum Schlag mit den ausgeschnittenen Riemen dar. Der Mond nahm bei dem zehnten Umlauf neue Hrner wieder, und es waren Gatten auf einmal Vter und Verehelichte Mtter. Zu diesem Feigenbaum also wallfahrteten die rmischen Matronen, unter ausgelassenen Scherzen, (ich erinnere an die griechischen Thesmophorien S.531), allerlei mnnliche, glckbringende Namen rufend, wie Lucius, Gajus u.s.w. Beim Feigenbaum angelangt verrichtete man ein Opfer, wobei Saft des Feigenbaums anstatt der Milch gebraucht wurde, und schmauste, von seinen sten beschattet und mit seinen Zweigen geschmckt. Weil der Ziegenbock Symbol mnnlicher Zeugungskraft war, so galt die Berhrung alles dessen, was von ihm kam, als ein Mittel, die Fruchtbarkeit zu frdern und den Einflssen dieselbe hindernder Dmonen entgegenzuwirken. Ein hnliches Fest, das zugleich die rmische Religion als eine ursprngliche _Hirten_religion kennzeichnet, waren die Lupercalien. In der Nhe jenes sog. Ziegenfeigenbaums war nmlich auch dem Gotte Lupercus ein Altar errichtet, der im Bildnisse nackt und mit einem Ziegenfell um die Schultern dargestellt war. Dieser Gott war, wie richtig Hartung vermutet, ebenso wie der Seher und Augur Picus nur eine gleichsam zur besonderen Person verdichtete losgetrennte Eigenschaft des Mars. Seine Gattin Luperca war die Wlfin, die dem Romulus und Remus sich als Amme bot. Im Jahre 446 wurde zum Andenken an jene mythische Begebenheit ein Erzbild derselben mit den saugenden Zwillingen bei dem Feigenbaum aufgestellt. Dieses Erzbild ist bis auf den heutigen Tag erhalten, die berhmte Wlfin des Kapitols. Offenbar handelt es sich bei Lupercus und Luperca, also Wortbildungen von +lupus+ und +lupar+, ebenfalls nur um Symbolisierungen des mnnlichen und weiblichen Begattungstriebes; +lupa+ bedeutet sowohl Wlfin als Buhlerin; daher auch die Ableitung +lupanar+, worber jedes Lexikon Auskunft erteilt. Lupercus fhrte auch den Zunamen Innuus (von +inire+=Bespringen). Am 15. Februar fanden sich nun beim Feigenbaum zwei Priesterkollegien ein, die sog. Fabii und Quinctilii, Jnglinge aus patrizischen Geschlechtern, verrichteten ein Opfer von Ziegen und jungen Hunden, Tieren die sich durch starken Begattungstrieb auszeichnen, zerschnitten die Ziegenfelle in Lappen und Riemen, gebrauchten erstere zur oberflchlichen Umhllung ihres sonst nackten Krpers und nahmen letztere als Geieln zur Hand, mit denen sie dann die Stadt durchliefen und alle Frauenzimmer, die ihnen begegneten, schlugen. Besonders solche, die an Unfruchtbarkeit litten, stellten sich ihnen gerne in den Weg. Vgl. Shakespeare's +Julius Csar I. 2+. Csar: Verget, Antonius, nicht in Eurer Eil', Kalpurnia zu berhren; denn es ist Ein alter Glaube, unfruchtbare Weiber, Berhrt bei diesem heil'gen Wettlauf Entladen sich des Fluchs. Von dieser symbolischen Handlung, die man +inire+ oder auch +februare+ nannte, erhielt nicht nur der Monat Februar, in dem sie stattfand, seinen Namen, sondern auch Juno, der die Ehe heilig war, wurde _Februata_ genannt, und wiederum nannte man das Ziegenfell, weil die Bildnisse der Gttin gleichfalls mit demselben bekleidet waren, _Rock der Juno_. Auerdem fhrte Juno, als Ehegattin, den Beinamen Juga, auch Unxia; letztere Bezeichnung hing mit einer Ceremonie zusammen, von der das Wort +uxor+= Ehefrau abgeleitet ist. Wenn nmlich die Jungfrau bei der Hochzeit die Schwelle des Hauses ihres Gatten berschritt, mute sie zuvor die Pfosten mit Wolle umwinden und mit l oder Fett salben (+ungere+). Ein weiterer Zuname war Cinxia, weil der Leib der neuvermhlten Jungfrau mit einem wollenen Grtel gebunden war, dessen Knoten der Brutigam zu lsen hatte. Der Juno untergeordnete Hilfsgenien waren _Subigus_ (+id est deus qui adest, ut nova nupta a viro subigatur+), _Prema_ (+id est dea, quae facit, ut ne virgo se commoveat, quando a sponso premitur+), _Pertunda_ (+id est dea, quae in primo concubitu naturam feminae pertundere dicitur+), und endlich _Perfica_ (welches Wort entweder mit +fica+, siehe oben S.634, oder mit +perficere+= vollenden zusammenhngt). Man sieht also, wie die Rmer den Akt der Begattung bis aufs einzelste analysierten und besondere Genien darfr aufstellten. Nach der Konzeption war es wieder Juno _Fluonia_, die den +menses+ Einhalt that, bis endlich Juno Lucina die Geburt ans Tageslicht frderte. brigens war es nicht blo die Fruchtbarkeit, sondern auch die _Heiligkeit_ der Ehe, die dieser Gttin am Herzen lag. Unkeuschheit und alle ungeordnete Befriedigung des Geschlechtstriebes war ihr ein Gruel. Ein Gesetz des Numa lautet also: Eine Buhlerin soll den Altar der Juno nicht anrhren: thut sie es, so soll sie der Juno mit herabhngenden Haaren ein weibliches Lamm schlachten. Ungeachtet all der unverhllten Natrlichkeit, die aus den mitgeteilten Kultushandlungen hervorleuchtet, galt bekanntlich den alten Rmern die Ehe in demselben Mae als heilig, in dem sie den spteren Rmern der Kaiserzeit profan und frivol war; die gestrte Eintracht zwischen den Ehegatten stellt Juno Conciliatrix oder Viriplaca wieder her, die einen Tempel auf dem Palatin besa; und da sie die Ehen bestndig erhielt, verdiente sie auch den Beinamen Manturna; es ist bekannt, da in Rom fnfhundert und zwanzig Jahre lang keine Ehescheidung vorfiel. * * * * * Eine spezifisch rmische Gottheit war sodann der zweikpfige _Janus_. Ihn charakterisieren wir wohl am besten, mit den Worten Ovids (+Fasten I. 90ff.+): Doch fr welchen Gott soll ich Dich ausgeben, zweigestalteter Janus? Denn kein dir hnliches Wesen besitzt Griechenland. Sage zugleich die Ursache, warum du allein von den Himmlischen das was dir von hinten ist, erblickst, und das, was vorn ist. Ich nahm die Tafeln, und als ich es bei mir im Sinne berdachte, schien mir heller als vorher meine Wohnung zu sein. Darauf erschien pltzlich der heilige Janus, wundersam zu schauen, mit doppeltem Bilde, darstellend meinen Augen sein zwiefaches Antlitz. Ich staunte, fhlte vor Angst erstarrt meine Haare, und eiskalt mein Herz vom berraschenden Schauer. Er, ein Scepter in der Rechten, und in der Linken einen Schlssel, sprach aus dem vorderen Antlitz zu mir diese Worte: Entferne deine Furcht, o Snger, der du bemht um die Tage bist, hre, was du bittest, und fasse meine Worte in deine Seele. Mich nannten die Alten (denn ein uraltes Wesen bin ich) Chaos. Siehe, welche lngst vergangene Begebenheiten ich verkndige! Diese durchsichtbare Luft und die noch dann brigen Krper, Feuer, Wasser und Erde, waren einst nur ein Chaos. Sobald aber diese Masse in einem Streite ihrer Lage sich trennte, und aufgelst in neue Wohnrter ging, so erhob sich das Feuer in die Hhe, der benachbarte Raum nahm die Luft ein, und im mittlern Raume lagerten sich das Meer und die Erde. Damals nahm ich wieder, der ich eine Kugel gewesen war und eine bildlose Masse, Gestalt an, und gttliche Glieder. Auch noch jetzt ist ein kleines Merkmal der einst verwirrten Gestalt brig; denn es wird an mir dieselbe Gestalt vorwrts und rckwrts gesehen. Vernimm nun die andere Ursache der angenommenen Gestalt, damit du diese und meine Geschfte kennest. Alles, was du nur siehst, Himmel, Meer, Wolken und Erde, ist alles von meiner Hand verschlossen oder steht offen durch sie: bei mir allein ist die Bewachung der weiten Welt, und mein ist das Recht, die Angeln zu drehen. Wenn es gefllt, aus ruhiger Wohnung den Frieden zu schicken, so wandelt er frei und ununterbrochen auf der ganzen Erde; aber von mordbringendem Blute wird der weite Erdkreis erfllt werden, wenn nicht starrende Schlsser die erregten Kriege verwahren. Ich bewache die Thore des Himmels mit den gtigen Horen, und selbst Jupiter geht und kehrt zurck durch meinen Dienst. Darum werde ich Janus genannt; und bringt mir der Priester auf den Altar cerealische Kuchen und mit Salz vermischten Dinkel: so wirst du meine Namen belachen, denn bald heie ich dann im Munde des Priesters Patulcius und bald Clusius. Denn wisse, es wollte jenes rohe Altertum durch den abwechselnden Namen meine verschiedenen mter andeuten. Erzhlt hab ich dir meine Gewalt: so vernimm nun den Grund meiner Bildung. Doch auch du erkennst ihn schon zum Teil. Jede Thr hat von innen und auen doppelte Seiten, deren eine nach dem Volke, die andere aber nach dem Hausgotte blickt. Und so wie bei euch der Wchter der Thr, sitzend an der Schwelle des Eingangs des Hauses, allein Aus- und Eingang bemerkt: so erblicke auch ich, der Pfrtner des himmlischen Hofes, die Gegenden von Osten und Westen zugleich. Hekates Antlitz siehst du nach dreien Seiten zu wenden, um die in drei Wege zerschnittenen Straen zu schtzen; drum kann auch ich, um durch des Nackens Beugung nicht Zeit zu verlieren, ohne des Krpers Bewegung nach zwei Seiten blicken. So sprach er, und zeigte durch Miene, da er, wenn ich wnschte noch mehr zu erforschen, sehr bereitwillig gegen mich sein wrde. Mut fate ich, und dankte unerschrocken dem Gotte, und sprach wenige Worte zur Erde hinschauend: Sage mir, wohlauf, warum das neue Jahr mit Klte beginnt, das wohl besser mit dem Frhling begnne; dann blht alles, dann ist das Alter der Zeit verjngt; und aus fruchtschwangerem Rebenscho blht sich der junge Keim: der Baum wird von neu gesproten Reben bekleidet, und ragend erhebt sich ber den Boden der Halm der Saat: Vgel bezaubern dann auch die laue Luft mit Konzerten, und auf den Wiesen spielt und ist frhlich das Vieh. Dann ist lieblich die Sonne und es naht sich die fremde Schwalbe, und erbaut unter erhabenem Geblk ihr Huschen aus Koth. Dann lt der Acker Bestellung zu, und wird durch den Pflugschar verjngt. Dieses mte mit Recht des Jahres Verjngung heien. Wortreich hatt' ich gefragt: er aber, ohne mich lange zu verweilen, schrnkte seine Rede auf diese zwei Verse ein: Neu erhebt sich die Sonne und endet sich alt im Winter; Gleich ist der Anfang, den nimmt Phbus zugleich mit dem Jahr. -- Aber warum bist du im Frieden verborgen, und warum erffnest du deinen Tempel bei erregten Kriegen? Er weilte nicht; vom Gefragten gab er mir den Grund an. -- Damit dem Volke, wenn es zum Krieg geeilt ist, die Rckkehr offen stehe, steht auch meine Thr offen und das Schlo ist hinweg. Im Frieden verschlie' ich die Thore, damit nirgends der Ausgang vergnnt sei; und lange werde ich unter Csars gttlichem Schutze verschlossen bleiben. Sprachs, und erhebend die Augen, die hier und dort hinblickten, sah er alles, was auf dem weiten Erdkreise lebte. Friede wars, und schon hatte der Rhein, die Ursache deines Triumphs, Germanikus! dir seinen Strom zur Knechtschaft bergeben. O Janus, mache ewig den Frieden, und ewig dauernd die Friedensstifter; und gewhre, da der Dichter sein Werk nicht unvollendet lasse! * * * * * Unmittelbar an Janus reiht sich der Gott _Saturn_. Nach der euhemeristischen Auffassung waren bekanntlich smmtliche Gtter in frheren Zeiten als Knige oder Herren auf Erden inkarniert gewesen. So war auch Janus ein italischer Knig; whrend seiner Regierung kam Saturn nach Italien, wurde von ihm gastlich aufgenommen und siedelte sich gegenber dem Kapitolinischen Berge auf dem Janiculum an, der damals der Saturnische Berg hie. (Hier war der Tempel des Saturn.) Saturn war es, der die Bewohner Italiens den _Ackerbau lehrte_, sie von der wilden Lebensweise entwhnte und zur Ordnung und friedlichen Beschftigung anleitete. Er vertritt also bei den Lateinern die Stelle, welche bei den Griechen eine weibliche Gottheit, Demeter, behauptet. Das Regiment des Saturn war das _goldene Zeitalter_. Zur Erinnerung daran feierten die Rmer im Dezember, wo man die Feldarbeiten des verflossenen Jahres smtlich beendet und die des neuen noch nicht begonnen hatte, das heiterste aller Feste, die Saturnalien, an dem das goldene Zeitalter so zu sagen wenigstens fr einen Tag wieder aufleben sollte. An diesem Feste sollte wieder Freiheit und Gleichheit herrschen, wie in jenen Tagen. Darum lie man whrend seiner Feier die Sklaven in Herrenkleidern und Hten gehen, die das Zeichen der Freiheit waren, forderte keine Dienstleistungen von ihnen, bediente sie vielmehr selbst bei Tische. Unter Saturns Regierung hatte es noch kein Eigentum gegeben, alles war gemeinsam. Daher stellte man an den Saturnalien Schmausereien an, zu denen jedermann willkommen war, und beschenkte sich reichlich. Vor allem wurden die Kinder nicht vergessen, denen Puppen und Bilderchen geschenkt wurden. berall ertnte der jedes bse Omen verscheuchende Ruf: +Io Saturnalia! io bona Saturnalia!+ Es herrschte eine Art Narrenfreiheit, wie heutzutage im Karneval. Da das Fest um die Zeit der Wintersonnenwende fiel, ist die Beziehung Saturns auf das Sonnenjahr klar, und Saturn wurde daher spter von den meisten mit dem griechischen Chronos, dem Gott der Zeit identifiziert. Der alte Saturn ist aber wesentlich nur ein Gott des Ackerbaus. Als solcher erffnet er einen ganzen Zug, den Feldbau, Weinbau und die Viehzucht beschtzender Gtter und Gttinnen. Seine Gattin zunchst heit _Ops_, gleichbedeutend mit Flle, Reichtum und Wohlstand. Zu diesen gesellten sich Vertumnus und Pomona, als Obstgttinnen. Endlich wurden frhzeitig aus Griechenland eingefhrt _Ceres_, _Liber_ und _Libera_. Da _Ceres_ sehr frh rezipiert worden, bezeugt Cicero (+p. Balb.24+): Den Dienst der Ceres, sagt er, haben unsere Altvordern mit groer Reinheit und Heiligkeit besorgt wissen wollen. Da er aus Griechenland entlehnt war, so wurde er auch immer durch griechische Priesterinnen ausgebt, und alles mit griechischen Namen benannt. Wenn aber die Person, welche den Ritus angab und verrichtete, immerhin aus Griechenland berufen wurde, so wollten sie dennoch, da dieselbe die Opfer, die zum Heile der Brger gebracht wurden, auch als Brgerin verrichte, um die unsterblichen Gtter zwar mit fremder Kenntnis aber doch mit eigener und einheimischer Frmmigkeit zu verehren. Ich finde, da diese Priesterinnen gewhnlich aus Neapel oder Velia verschrieben wurden, welche Staaten ohne Zweifel damals mit Rom im Bndnis standen. Doch scheint das lateinische Wort Ceres, das an Stelle des griechischen Demeter trat, -- sein etymologischer Zusammenhang ist freilich unklar--, anzudeuten, da die fremde Gttin mit einer schon bekannten einheimischen verschmolzen worden ist. _Liber_ und _Libera_ sind Bacchus und Ariadne. Das Wort Liber frei scheint anzudeuten, da die Sendung des Bacchus im Sinne einer freieren Lebensfhrung aufgefat wurde. An seinem Feste, den Liberalien wechselten die geschlechtsreif gewordenen jungen Rmer ihr kindliches Kleid mit der mnnlichen Toga. Auffllig ist auch, da +liberi+ die Kinder und +liberi+ die Freien ein lateinisches Wort sind, wie +Hartung, Religion der Rmer S.138+, bemerkt, hat um der guten Vorbedeutung willen das Volk, dem die Freiheit fr das hchste Gut des Lebens galt, die Kinder mit diesem Namen bezeichnet. Varro freilich deutet das Wort auf den zgellosen Liebesgenu und die Ausgelassenheit, die bei der Verehrung dieser Gottheiten blich war, in sehr drastischer Ausdrucksform (Liber, +qui marem effuso semine liberat+, Augustin VII.2). Allerdings nahm sein Kultus in Italien, zumal in Sditalien, eine mindestens so zgellose Wendung, wie der Bacchus- und Dionysos-Kult in Griechenland. Auch die Ausomischen Landleute, sagt +Vergil, Georg. II. 380ff.+, feiern nicht minder als die attischen das Fest mit Knittelversen und ausgelassenen Scherzen, machen sich Fratzengesichter von ausgehhlter Rinde, rufen dich Bacchus an in frhlichen Liedern, und hngen dir zu Ehren Schaukelbilderchen auf hohen Fichten auf. Davon gedeihen alle Weinberge zu reichem Ertrage, fllen sich Thler und Grnde und Hgel, zu denen der Gott sein herrliches Antlitz gewendet hat. Darum wollen wir mit Gebhr des Bacchus Lob feiern mit herkmmlichen Liedern, und ihm gefllte Schsseln und Kuchen darbringen, und beim Horne gefhrt stehe der Bock vor dem Altar, und sein fettes Eingeweide brate am Spie. Hierzu mu eine Schilderung gefgt werden, welche Augustin (+VII.21+) von demselben Feste entwirft: Welchen Grad von Schndlichkeit die Verehrung des Liber erstiegen hat, ist schwer zu sagen. Unter Anderem, was zu erzhlen zu umstndlich wre, meldet Varro, da auf den Straen Italiens gewisse Ceremonien mit so groer Schndlichkeit begangen wurden, da man zu Ehren des Liber mnnliche Schamteile verehrte, und die Liederlichkeit nicht wenigstens in der doch noch etwas verschmteren Heimlichkeit, sondern auf offener Strae ihr Wesen trieb. Denn dieses scheuliche Glied wurde in den Festtagen des Liber mit groer Wichtigkeit auf ein Gestell gepflanzt und erst auf dem Lande die Wege und Straen entlang und hernach bis in die Stadt herumgeschleppt. In dem Stdtchen Lavinium aber wurde dem Liber allein ein ganzer Monat gewidmet, wo alle Tage die unzchtigsten Reden zu hren waren, bis das Glied ber den Marktplatz getragen und wieder an Ort und Stelle gebracht war: und diesem unehrbaren Gliede mute die ehrbarste Matrone vor den Augen aller Welt einen Kranz aufsetzen. Freilich, so mute der Gott Liber zum Gedeihen der Aussaaten gnstig gemacht, so der Einflu bser Dmonen von den Feldern getrieben werden, da die Matrone auf offener Strae zu thun gezwungen wurde, was der Lustdirne im Theater nicht zu gestatten war, wenn Matronen zushen! * * * * * Noch gegen Ausgang des Mittelalters herrschte bei der Weinlese in Unteritalien ein an diese alten Bacchusfeiern stark erinnernder Ton; so schreibt z.B. in seiner Geschichte Nolas (+Historia Nolana lib. III. c.14+) Ambrogio Leone: Die Winzer scheinen an dem Tage, wo sie die Traubenlese besorgen und berhaupt whrend der ganzen Weinernte voller Bacchustaumel und geradezu toll zu sein. Dreierlei Dinge ben sie gegen alles gewhnliche Ma aus, Essen, Weinlese und bermtigen Lrm. Ja, auf dem Felde selbst, wo sie Traube schneiden, rufen sie unaufhrlich schamlose Worte und sprechen von unzchtigen Dingen, als wenn ihre Gier nur auf unsittlichste Wollust gerichtet wre. Es ist Landessitte, diese Ungebundenheit zu dulden. Wenn aber einer darber mit ihnen schelten sollte, so lachen sie ihn aus und strecken wohl gar die Zunge vor ihm aus; keine Scham; alle Ehrbarkeit scheint ausgetilgt zu sein, die grte Zgellosigkeit in Reden und allgemeine Ausgelassenheit wird zur Schau getragen. Kurz, sie treten nicht mehr wie Menschen, sondern wie Satyre und Bacchuspriester auf. Man nannte die unzchtigen Lieder und Verse, die bei diesen Festen improvisiert wurden, _fescenninisch_; vermutlich hngt das Wort zusammen mit +fascinum+= Phallus (italienisch +fescina+, zugleich ein phallusartig geformter Korb zum Traubenpflcken[628]). Jedenfalls ist diese Ableitung natrlicher, als die bisher bei den Philologen beliebte von der in Unteritalien belegenen Stadt Fescennium (Georges' Lexikon). Die geistreichsten Verse der Art hat wohl ein Zeitgenosse Bruno's, der neapolitanische Dichter _Tansillo_ in seinem aus formvollendeten Ottave Rime bestehenden Winzer (+vendemmiatore+) gedichtet; er entschuldigt ihren allerdings bedenklich obscnen Inhalt in der Vorrede, wie folgt: In jedem anderen Lande, als dem meinen, wohin diese Reime gebracht wrden, wrden sie ihre Anmut verlieren, wenn sie solche berhaupt besitzen; und dies zumal, wenn sie Leuten in die Hnde fielen, die den _Brauch meiner Heimat_ nicht kennen. Dieser Brauch gestattet nmlich zur Zeit der Weinlese dem niedrigsten Arbeiter, dem vornehmsten Herrn und der vornehmsten Dame die grbsten Anstigkeiten zu sagen, zumal wenn er (der Winzer) auf der Leiter an einem Baum[629] steht und die Trauben pflckt und die nun zufllig Vorberkommenden anredet, und in dieser Situation ist mein Winzer zu denken, der die Trauben schneidet und den unten stehenden Frauen zuwirft. * * * * * Mit der griechischen Afrodite hat eine hnlichkeit die rmische Gttin der _Blten_ und Blumen, _Flora_. Die sptere euhemeristische Mythologie erzhlte, Flora sei ein besonders schnes Freudenmdchen gewesen, das sich durch Preisgebung seiner Reize ein sehr groes Vermgen erworben und dieses dann als Erbschaft dem rmischen Volke hinterlassen habe. brigens gehrte ihr Dienst zu den ltesten in Rom, und wenn jene Erzhlung von dem patriotischen Testament eines Freudenmdchens auch historisch begrndet sein mag, so kann sie doch nicht zur Erklrung des Floralienfestes dienen, das gegen Ende April (vom 28. April bis 1. Mai) gefeiert wurde. Allerdings spielten an diesem Feste, das ebenfalls mit besonderer Freiheit des Scherzes, wie Ovid sagt, begangen wurde, die Freudenmdchen eine hervorragende Rolle in Rom; sie ergtzten das Volk mit obscnen Tnzen, pflegten sich vor aller Augen ganz zu entkleiden und jungen Hasen und Rehen nachzujagen oder Ringkmpfe aufzufhren. Warum aber der Stand der ffentlichen Buhlerinnen die Spiele der Flora besonders ehrt, sagt Ovid, davon ist der Grund leicht zu erkennen. Sie ist nicht Gttin vom ernsten und vielversprechenden Haufen, sie wnscht, ihr Fest stehe dem plebejischen Chore frei. Auch fordert sie auf, die Blte des Alters, so lange sie dauert, zu genieen: die Dornen verachtet man, wenn sie abgefallen sind. -- Auch die anderen Frauen und Mdchen trugen an diesem Feste gegen sonstige Sitte auffallend bunte Kleider und nahmen einen freieren Scherz nicht bel. Ganz wird die Schlfe mit festgenhten Krnzen umwunden, singt Ovid, und der kostbare Tisch wird von darauf gestreuten Rosen verdeckt. Berauscht tanzt der Gast, das Haar umflochten mit Lindenbast und bt die Kunst des Weintrinkens in malosem Grade. Trunken tanzt er an des schnen Liebchen harter Schwelle. Um sein gesalbtes Haupthaar hngen weiche Krnze. Bacchus liebt Blumen; da Krnze dem Bacchus gefielen, kannst Du aus dem Gestirne der Ariadne entnehmen. -- Bis tief in die Nacht hinein wurden die Spiele fortgesetzt, bei Fackelschein, entweder weil von purpurnen Blumen die Fluren leuchten, sagt Flora bei Ovid, scheint sich der Fackelschein fr meine festlichen Tage zu schicken, oder weil weder die Blte noch die Flamme von matter Farbe ist, und beider Glanz die Augen auf sich zieht, oder _weil nchtliche Freiheit meinen Vergngungen gemer ist. Die dritte Ursache ist nher der Wahrheit._ Andrerseits ist aber auch wieder die rmische _Venus_ keineswegs kongruent mit der reizendsten aller antiken Gttergestalten, der griechischen Afrodite. Erst sptere Dichter, wie besonders Lucretius, dessen Widmungsverse an die Venus berhmt sind, und Ovid haben berhaupt die Venus der Rmer zu der Bedeutung erhoben, welche sie jetzt noch in unserem mythologischen Vorstellungskreise beansprucht. Vielleicht nicht ohne Einflu darauf war die Tradition der Julier, die ja bekanntlich ihren Stammbaum auf Aeneas, den Sohn der Afrodite-Venus und des Anchises zurckfhrten. -- Aber whrend Venus Afrodite eine von hellenischer sthetik zur Gttin der Schnheit verklrte Naturgottheit war, symbolisierte oder personifizierte die Venus der alten Rmer, wiewohl auch sie schon den Begriff des Reizes und der Anmut (+venustas+) mit einschlo, doch in erster Linie nur den Sinnengenu und stand insofern nicht viel hher als _Volupia_, die eigentliche Gttin der Wollust. In den Kapellen der letzteren pflegte man merkwrdigerweise Bildsulen eines geradezu entgegengesetzten Wesens mit aufzustellen, nmlich der _Angeronia_ oder Angstgttin, deren Mund verschlossen und versiegelt war; vielleicht glaubte man sich diesen gefrchteten Dmon dadurch gerade geneigt zu machen und fernzuhalten, da man ihn im Tempel der Wonne aufstellte. Das Fest der Venus ward am 1. April begangen, welcher Monat ihr besonders geweiht war und nach Ovids Meinung auch nach ihr benannt ist (+Aprilis+, +Aphrilis+, %aphrilis%, +Aphrodite+). An diesem Tage pflegten die Frauen das Marmorbild der Gttin zu entkleiden und in Myrtenwasser zu baden und dann mit Rosen und goldenen Ketten zu schmcken. Die Myrte ist bekanntlich der Strauch der Venus, weshalb heutzutage noch der Myrtenkranz das Haupt der Brute schmckt. Auch fhrt Venus von der Myrte den Namen Murtea. Auch pflegten sich die Mtter und Schwiegertchter Latiums, und die, von denen Binden und lange Gewande fern sind (die Buhlerinnen) unter grnender Myrte zu baden. Denn, erzhlt Ovid, am Ufer trocknete einst Venus nackt die triefenden Haare; der Satyrn schalkhafter Haufen bemerkt die Gttin. Sie sah es und verhllte ihren Krper mit vorgepflanzten Myrten. Gesichert war sie durch das, was sie that und gebietet nun Euch, es nachzuahmen. Andere Beinamen der Venus waren _Placida_, _Genitrix_, _Verticordia_ (Herzenswenderin), _Calva_ und _Cloacina_. Die beiden letzteren Namen haben zu manchen Deutungen Anla gegeben; wahrscheinlich bedeutet +calva+ nicht die kahle, geschorene, sondern kommt von +calvere+= foppen, und bezieht sich auf die Launen der Verliebten. Cloacina aber kommt nicht, wie boshafter Weise einige Kirchenvter meinen, direkt von Cloake, sondern hngt mit +cloare+= reinigen, zusammen. Wenn nmlich der strenggesetzliche Rmer eine Gttin des fleischlichen Liebesgenusses verehrte, meint Hartung +a.a.O. 250+, so lt sich denken, da er dabei keine ungeregelte Wollust beabsichtigte und die Lustgttin nicht um der Lust selbst, sondern um der dabei zu wnschenden Reinheit willen anrief. Diese Reinhaltung nun wurde dem Charakter der alten Rmer gem zumeist uerlich und krperlich gebt, so da Absplung und Abwaschung, vielleicht auch, wie Plinius andeutet, Berucherung mit Myrtenreis, nach jedesmaligem Genusse die Hauptsache war: und zu diesem Zwecke wurde die Venus Cloacina verehrt. -- Ein Fragezeichen scheint mir hinter diese Gelehrten-Hypothese nicht unangebracht. * * * * * Unter den weiblichen Gottheiten ist noch zu erwhnen _Minerva_, die ganz der griechischen Pallas entspricht, der jungfruliche Typus der berlegenden, erfindenden Geisteskraft; sodann vor allem _Vesta_, die griechische Hestia, die Gttin des Herdfeuers. In ihrem auf dem Forum befindlichen runden Tempel, -- nach Plutarch rund, weil er das Weltall vorstellt, in dessen Mitte die Pythagorer das Feuer setzen, wurde das unauslschliche Feuer von den sechs vestalischen Jungfrauen gehtet. Die Jungfrulichkeit der Vestalinnen soll nach Plutarch, der bemerkt, da der Dienst der Hestia in Griechenland vielmehr Witwen anvertraut wurde, deshalb gefordert sein, weil man das reine und unvergngliche Wesen des Feuers nur reinen und unbefleckten Krpern anvertrauen wollte oder zwischen der Jungfrauschaft und der Unfruchtbarkeit dieses Elements einige hnlichkeit zu finden glaubte. Die Vestalinnen, welche aus den vornehmsten Mdchen im jugendlichen Alter von sechs bis zehn Jahren ausgeloost wurden, wurden fr die ihnen zur strengsten Pflicht gemachte Keuschheit durch zahllose Vorrechte entschdigt. Plutarch zhlt als solche auf, da sie noch bei Lebzeiten des Vaters ein Testament machen durften, und -- eine in Ansehung des Keuschheitsgelbdes sonderbare Fiktion--, +jus trium liberorum+ besaen, d.h. alle erbrechtlichen Vorteile, sowie die Freiheit von Vormundschaft, die fr andere weibliche Personen mit dem Besitz dreier Kinder verbunden waren. Wenn sie ffentlich erschienen, ging ein Liktor vor ihnen her. Begegnete eine Vestalin zufllig einem zum Tode gefhrten Verbrecher, so wurde diesem das Leben geschenkt. Doch mute die Vestalin schwren, da die Begegnung nicht absichtlich veranlat war. Der Bruch des Keuschheitsgelbdes bei den Vestalinnen wurde streng geahndet, der Verfhrer zu Tode gegeielt, die Priesterin lebendig begraben. Gleichzeitig mit dem Dienste der Vesta soll derjenige des eigentlichen Feuergotts _Vulcan_ von Romulus und Tatius gegrndet sein. ber den Kultus dieses Gottes, der keine groe Rolle spielte, ist nur zu bemerken, da ihm seltsamer Weise mit Vorliebe _Fische_ geopfert wurden, um durch die Bewohner des feuchten Elements die Gewalt des Feuergeistes gleichsam auf magische Weise zu besnftigen. Die ursprngliche Hirtenreligion kennzeichnet endlich die Verehrung des _Faunus_, dessen Wesen Dionysius, rm. Gesch. V, 16, mit den Worten bezeichnet: Die Rmer schreiben diesem Dmon alles Panische und alle gespenstischen Erscheinungen zu, die in wechselnden Gestalten den Menschen zu Gesichte kommen, und betrachten alle seltsamen, das Gehr erschreckenden Rufe als sein Werk. Der Name bezeichnete allmhlich nicht mehr ein Individuum, sondern eine ganze Gattung, die Faune oder Silvane, lsterne koboldartige Wesen, von denen es hie, da sie mit Vorliebe die Nymphen, aber auch Frauen im Schlafe zu berfallen liebten. Wegen dieser Eigenschaft fhrten sie die Beinamen _Ficarii_[630] und _Incubi_. Hartung meint, da Alpdrcken und hnliche Traumerscheinungen den psychologischen Ursprung dieser Dmonengattung gebildet haben. Die Tochter des Faunus, _Fauna_, auch _Fatua_ oder Oma genannt, wurde als _gute Gttin_, +bona Dea+, verehrt. Sie bildet einen seltsamen Kontrast zu ihrem Vater durch ihre Keuschheit, die sie bis zu dem Grade wahrte, da nicht einmal der Name einer Mannsperson in ihrer Nhe genannt werden durfte. Der Grund war ihr Prophetentum. Denn bekanntlich ist eine allgemein geglaubte occultistische Voraussetzung der Sehergabe die unbedingte sexuelle Enthaltsamkeit. Ihr Fest wurde nur von Frauen begangen, und zwar im Hause des jedesmaligen +Praetor urbanus+. Das Haus desselben mute dann von allen Personen mnnlichen Geschlechts gerumt werden, nicht einmal Bildnisse derselben wurden geduldet. Die Frauen muten sich durch mehrtgige Enthaltung zum Feste vorbereiten. Die Feier selbst, die von Vestalinnen geleitet wurde, endete damit, da die Frauen durch Musik und bermigen Weingenu sich berauschten, um in einen Zustand ekstatischer Verzckung zu geraten. Das Fest hatte groe hnlichkeit mit den Thesmophorien oder auch mit orphischen Geheimkulten. Hiernach kann man die Gre des Skandals ermessen, den der Demagoge und Wstling Clodius, der bekannte Gegner Ciceros und Freund Csars, dadurch bereitete, da er, als dieses Fest im Hause Csars gefeiert wurde, der gerade Prtor war, begnstigt von der Pompeja, Csars Gemahlin, mit der er im ehebrecherischen Einverstndnis stand, sich als Harfenspielerin verkleidet einschlich. Vergl. +Plutarch, Leben Csars, Kap. 9 u. 10+. +Ciceros Briefe an Attikus I,13+. * * * * * Der eigentliche Hirtengott aber war _Pales,_ den merkwrdigerweise einige Dichter, z.B. Ovid, als weibliche Gottheit bezeichnen, soda sptere ihn sogar fr einen Zwittergott erklrten. Der sptere Gott der Grten, Priapus, ist jedoch, wie schon sein Beiname als Gott von Lampsacus bezeugt, eine griechische Erfindung. Dagegen war der Phalluskult, der sich spter mit dieser Gttergestalt verknpft, schon der ltesten Zeit nicht fremd. Seine altrmische Bezeichnung war _Fascinum_ und der ihn fhrende Gott hie Fascinus, auch Mutinus oder Tutinus. Er galt als krftigstes Mittel gegen jede bse magische Einwirkung und sein Bild wurde aus diesem Grunde im Haus und Hof, auf dem Herde und bei jeder Einfriedigung (+Hortus+), daher Gartengott, aufgepflanzt. Um der Ehe Glck und Segen zu verbrgen, mute sich sogar die Braut vor der Hochzeitsnacht auf den kolossalen Fascinus am Herde setzen. Da die sog. fescenninischen Verse ihre Bezeichnung dem Fascinus verdanken, also nur ein anderes Wort fr Priapejen sind, wurde schon erwhnt. +Praefiscine+, die Anrufung des Fascinus, war der bliche Ausruf der Rmer, wenn sie etwas lobten oder fr gut befanden, und hatte etwa die Bedeutung der deutschen Volksredensart: Unberufen, unbeschrieen, dreimal unter'm Tisch geklopft! * * * * * Wir knnten diese mythologische Gallerie noch durch eine ganze Reihe von Gttern und Genien zweiten Ranges vervollstndigen, z.B. die _Anna Perenna_, welche Gesundheit und unversiegliche Lebensdauer symbolisiert, und die in Mdchengesellschaften mit Rcksicht auf ein verliebtes Abenteuer, das Mars mit ihr hatte, durch zotige Lieder gefeiert wurde, ferner die _Acca Laurentia_, bei der es sich ebenso um die Apotheose eines Freudenmdchens handelt, wie bei der Flora. Vgl. +Plutarch, Romulus Kap.5+: Ein Tempelaufseher des Herkules kam einst, vermutlich aus langer Weile auf den Einfall, mit dem Gotte Wrfel zu spielen und machte dabei aus, wenn er gewnne, sollte der Gott ihm irgend etwas zu gute thun, verlre er aber, so wollte er ihm eine gute Mahlzeit bereiten und berdies ein schnes Mdchen verschaffen, um bei ihr zu schlafen. Auf diese Bedingung warf er zuerst fr Herkules und dann fr sich selbst, und da fand sichs, da er verloren hatte. Der Tempelaufseher, der es fr seine Pflicht hielt, das, was ausgemacht war, genau zu erfllen, veranstaltete fr den Gott ein Abendessen und mietete die Laurentia, ein im besten Rufe stehendes schnes Freudenmdchen. Diese bewirtete er im Tempel, wo er ein Bett bereitet hatte, und nach Tische schlo er sie ein, als wenn nun der Gott zu ihr kommen sollte. Herkules, sagt man, besuchte sie auch wirklich und befahl ihr, des Morgens auf den Markt zu gehen und den ersten, der ihr begegnen wrde, sich durch einen Ku zum Freunde zu machen. Es begegnete ihr ein Brger, namens Tarrutius, der schon ziemlich bei Jahren war, aber ein ansehnliches Vermgen besa und bisher ohne Frau und Kinder gelebt hatte. Dieser Mann machte mit ihr Bekanntschaft und gewann sie so lieb, da er sie bei seinem Tode zur Erbin seiner bedeutenden und schnen Gter einsetzte, wovon sie dann spter den grten Teil durch ein Vermchtnis dem Volke zuwandte. Sie soll, da sie schon in groem Rufe stand und fr eine besondere Freundin der Gttin gehalten wurde, gerade an dem Orte verschwunden sein, wo die ltere Larentia begraben lag.-- Diese _ltere_ Larentia aber war die Wlfin (+lupa+), die den Romulus gesugt hatte. Dabei verfehlt Plutarch nicht zu erinnern, da Lupa bei den Lateinern sowohl eine Wlfin als ein geiles Frauenzimmer bedeute. An diese Larentia, die auch Laurentia genannt wird, knpfte sich die Entstehung einer den bereits erwhnten Luperci hnlichen Priesterbrderschaft, der sog. _Arvalbrder_. Dieselbe soll nmlich vom Romulus (oder Herkules) zwlf Shne gehabt haben, mit denen sie alljhrlich einmal einen Umzug um die Felder hielt und fr die Fruchtbarkeit des Landes betete. Die diesem Vorbilde entsprechend gestiftete, aus 12 Personen bestehende Arvalbrderschaft trug als Abzeichen hrenkrnze mit weien Binden und hielt alljhrlich einen Umzug durch die Felder, worauf sie zur Entsndigung der Felder das +suovetaurilium+ opferte. Da wir auf die unterirdischen Gtter, zu denen brigens die Acca Laurentia in einer hnlichen Beziehung stand, wie die griechische Proserpina, im folgenden Kapitel kommen, drfen wir hiermit unsere Skizze des rmischen Gtterwesens abschlieen. * * * * * Kaum ein anderes Wort ist mit verschiedeneren Ideeen und Gefhlen je nach Zeit, Ort, Rasse, Kulturentwickelung und endlich Individualitt vergesellschaftet, als das kaum noch eine bestimmte Definition zulassende Wort Religion. Ein feinfhliger Christ wird mit vollem Rechte dieses Wort als mibruchlich angewandt bezeichnen auf ein Gttersystem, wie das in diesem Kapitel skizzierte rmische, das sich bis zur Vergttlichung von Freudenmdchen verstiegen habe. Er mag eben durch den Kontrast die geistige Hhe des Christentums um so angemessener schtzen lernen. Allein er darf sich dadurch nicht zu einem ungerechten Urteil ber die sittliche Bedeutung der heidnischen Religionen und der rmischen insbesondere hinreien lassen. Alle heidnischen Religionen und so auch die rmische, sind eben reine Naturreligionen. Die Natur und ihre Krfte werden in anthropomorpher Weise personifiziert, und wie diese Phantasiethtigkeit ausfllt, das hngt eben von dem mehr oder weniger edlen Typus des Menschen ab. Nun lt sich keineswegs behaupten, da die rmische Naturreligion auf einem besonders niedrigen sittlichen Niveau gestanden hat; wenngleich die orientalischen Religionen stellenweise den Anschein grerer spekulativer Tiefe an sich tragen, so sind ihre Gedanken- und Phantasiebildungen darum weder reiner noch inniger. Selbstverstndlich bildet in jeder reinen Naturreligion die Fruchtbarkeit und Zeugungskraft und somit das Natrlich-Geschlechtliche den wichtigsten Gegenstand der Andacht. Der Phallusdienst z.B. erstreckte sich ber ganz Asien und nahm wohl die wstesten orgiastischen Formen bei den von Natur wollstig und zerfahren veranlagten semitischen Stmmen an (Mylitta- und Kybele-Dienst). Bei den Rmern hielt er sich stets in relativ sehr anstndigen Schranken. Die geschlechtliche _Sinnlichkeit des Rmers war stark, aber_, so lange sie nicht durch schlechte internationale Einflsse corrumpiert ward, naturwchsig _gesund_ und forderte gesetzliches Ma und Ordnung. Erwhnt wurde bereits die lange Jahrhunderte hindurch streng gewahrte _Heiligkeit der Ehe_. Nicht die unbefangene Natrlichkeit in sexuellen Angelegenheiten, sondern das naturwidrig Raffinierte, was sich ja oft gerade mit asketischen Enthaltsamkeits-Tendenzen als anderem Extrem vereint, ist das allgemein Unsittliche. Die fescenninischen Verse und krassen Priapejen der Rmer sind nicht so unsittlich, wie manche mit uerlicher Eleganz geschriebene hochmoderne Litteraturerzeugnisse. Oder war etwa das germanische Mittelalter, das an vielen Dingen keinen Ansto nahm, die heute auszusprechen, ein arger Versto ist, darum _sittenloser_, als die Neuzeit, in der ernstliche Schriftsteller die Frage diskutieren knnen, ob nicht z.B. die Ehe vielfach zu einer konventionellen Lge geworden sei? Man kann sogar behaupten, da das gesetzliche und im engeren Sinne moralische Gefhl die Rmer weit lnger vor der Ansteckung mit den wsten Formen des orientalischen, mystisch angehauchten Wollustkultus bewahrt hat, als das mehr blo sthetische Ma die Hellenen. Wenn die Griechen es als die erste und hchste Pflicht betrachteten, da alles, was zur Verehrung der Gtter geschehe, schn sei, glaubten die Rmer mit konservativer Zhigkeit und peinlichster Sorgfalt darauf achten zu mssen, da alles exakt und pnktlich sei. Allerdings wurde die subjektive Religion bei ihnen von der positiven, dem Kultus, vllig absorbiert, wie dies in gewissem Grade ja auch im Gegensatz zu den vielen anderen Abzweigungen des Christenthums sich noch im rmischen Katholizismus wiederholt. Noch in den Zeiten des schon begonnenen Verfalls der rmischen Religion schrieb der Geschichtsschreiber Dionysius (+II.18+), indem er die rmische Religion der griechischen gegenberstellt: Der Stifter des rmischen Staates hat die von den Gttern berlieferten Sagen, welche Verunglimpfungen und Lsterungen derselben enthalten, als nichtswrdig, unntz und ungebhrlich, und nicht einmal rechtschaffener Menschen, geschweige Gtter wrdig, samt und sonders verbannt, und es so eingerichtet, da die Menschen von den Gttern nur das Edelste und Beste erzhlen und sich einbilden, und ihnen keine solchen Eigenschaften andichten, welche seliger Wesen unwrdig sind. Denn man wei bei den Rmern nichts von Entmannung des Uranus durch seine eigenen Shne, nichts von der Kinderverschlingung des Kronos aus Furcht vor deren Nachstellungen, nichts von Entthronung und Einkerkerung im Tartarus, die Zeus an seinem eigenen Vater verbt habe, nichts von der Gtter Kmpfen, Verwundungen, Fesselungen und Knechtsdiensten bei den Menschen, und es wird bei ihnen kein Fest in Trauerkleidern und mit Wehklagen begangen, wo sich die Weiber unter Weinen und Schreien die Brste zerschlagen ber das Verschwinden einer Gottheit, wie die Griechen bei dem Raube der Persephone und den Leiden des Dionysos und anderen dergleichen Gelegenheiten thun; auch erblickt man bei ihnen, trotzdem, da die Sitten bereits verdorben sind, kein Auersichgeraten und Verrcktthun, kein Bettelpriestertum, kein Begeistertsein noch geheime Weihen, kein Durchnachten der Mnner mit den Frauen in Heiligtmern, kurz nichts von allen diesen Gaukeleien und Schwrmereien, sondern statt dessen blo Andacht und Achtsamkeit auf Worte und Handlungen in allen religisen Verrichtungen, wie bei keinem anderen Volke der Griechen oder Barbaren. * * * * * Allerdings ist nicht zu verkennen, da eben diese uerlich gesetzliche Auffassung der Religion ein wirklich religis fhlendes Gemt abstoend berhrt, wenn dabei die Einsicht hervortritt, da die _gebildeten_ Rmer in Ermangelung jeder _spekulativen_ Vertiefung des Religionsinhalts, wie sie den gebildeten Griechen sich in den Mysterien frhzeitig darbot, dieselbe als eine blo _politische_ Staatseinrichtung betrachtet haben. Der Geschichtsschreiber Polybius freilich, der dieses Verhltnis klar durchschaute, findet gerade deshalb die rmische Staatskunst ebenso wie nach ihm Machiavelli besonders bewundernswert: Den grten Vorzug, schreibt er (+VI,56+), scheint mir die rmische Politik hinsichtlich ihrer Religionsmaximen zu haben: und zwar giebt, wie mich dnkt, gerade die Sache, welche man anderwrts tadelnswert findet, dem rmischen Staat seine Festigkeit, ich meine den Aberglauben. Denn dieser Punkt ist mit einer solchen Wichtigkeit behandelt und dergestalt mit dem ffentlichen und Privatleben verwebt, da nichts darber geht. Hierber mgen sich nun manche wundern: mir aber scheint dies um der Menge willen geschehen zu sein. Wenn freilich der Staat ein Zusammentritt lauter Weiser wre, so htte man dergleichen Mittel nicht ntig: nun aber die Menge immer wetterwendisch ist und regellosen Begierden, unvernnftigen Leidenschaften und strmischen Aufregungen gehorcht, so bleibt nichts brig, als sie durch blinde Furcht und solches _Gaukelspiel_ im Zaum zu halten. Darum scheinen mir die Alten den Glauben an die Gtter und die Vorstellungen von der Hlle keineswegs aus Unverstand und Unberlegtheit der Menge eingeprgt zu haben, vielmehr die Jetzigen ihn unverstndig und unbesonnen zu verbannen. * * * * * Diese politische Weisheit drfte erstens fehlgreifen in ihrer geschichtlichen Ansicht, sofern sie eine Religion, die naturwchsig aus dem Volke hervorgegangen, als ein Machwerk politischer Kunst erklrt. Sie drfte aber auch pragmatisch nur fr Staatswesen zutreffen, die von vornherein auf eine unnatrliche demokratische Grundlage gestellt sind und deshalb unsichtbarer, trgerischer, im schlechtesten Sinne politischer Mittel bedrfen, um die Menge zu leiten. Richtig ist zwar, da kein Staat und kein Volk ohne irgend welche Volksmetaphysik auskommen kann, und da daher jeder vernnftige Politiker alle Art rein _negativer_ sog. Volksaufklrung verurteilen wird. Aber andrerseits ist auch eine _rein negative_ Aufklrung der _herrschenden_ Gruppen im Staate auf die Dauer unhaltbar und dem Staate verderblich; denn unmglich lt sich durch _Heuchelei_ der Staat erhalten. Ohne Metaphysik keine Ethik, und ohne irgend welchen Glauben an bersinnliches keine Moral. Der Moral bedrfen auch die regierenden Elemente, ja diese erst recht. Gerechtfertigt ist nur die Forderung, da die gebildeten Elemente eines Volkes nicht dem voreiligen Bedrfnis nachgeben sollen, der nur fr grbere Vorstellungen reifen Masse ihre wissenschaftlich geluterte Weltanschauung einzuflen. Denn Einreien ist leichter als Aufbauen. Das lehrt auch die Gegenwart, in der wesentlich die immermehr zunehmende Religionslosigkeit der Massen eine soziale Gefahr heraufzubeschwren scheint. Drittes Kapitel. Unsterblichkeitsglaube und Jenseitsvorstellung. Dafr, da wenigstens der _Glaube_ an die persnliche Unsterblichkeit aus einer _allgemein menschlichen_ Prdisposition hervorgeht, scheint mir kaum eine kulturhistorische Thatsache eindringlicher zu sprechen, als die hervorragende Rolle, die dieser Glaube in sehr ausgeprgter Form bei den nchternen, so ganz auf das _Diesseits_ gerichteten Rmern gespielt hat, deren fast metaphysikfreie, rein naturalistische, nur die Interessen des natrlichen und brgerlichen Lebens hypostasierende Religion uns das vorstehende Kapitel im Umri zeichnete. Offenbar mu dieser Glaube, wenn ihn sogar ein so sehr vom Zwecktriebe beherrschtes und durch ihn zur Weltherrschaft berufenes Volk in ganz besonderem Grade kultivierte, eine _sozial sehr zweckmige Eigenschaft_ sein, eine Eigenschaft, die sich im Kampf der Vlker ums Dasein bewhrt. -- Hngt nicht aber das Wort Wahrheit sprachgeschichtlich mit _bewhren_ zusammen, und sollte nicht der Schlu gerechtfertigt sein, da ein Glaube, der sich praktisch fr Vlker und Individuen als zweckmig bewhrt, unmglich eitel sein kann? Oder giebt es auch _zweckmige_ Irrtmer und Wahnideeen? Vielleicht ist dieser mein Gedanke nur eine modernere Fassung dessen, was Kant mit seinem Beweise aus den Postulaten der _praktischen_ Vernunft sagen wollte. _Genien_, _Laren_ oder _Manen_ und _Lemuren_ bezeichnen in der lateinischen Sprache drei Klassen oder Zustnde des unsterblichen Teils der menschlichen Individualitt. _Genius_ kommt von +gignere+= zeugen. Genius ist der schon _vor_ der Geburt existierende transcendentale Keim und Kern des Menschenwesens und damit zugleich das Gttliche und Unvergngliche im Individuum. Hren wir darber den nicht aus griechischer Philosophie, sondern aus altrmischer Religionskunde schpfenden _Varro_: Der Mensch, sagt er, besteht aus drei Teilen, erstlich dem vegetabilischen ohne Sinn und Empfindung, zweitens dem animalischen mit Sinn und Empfindung aber ohne Selbstbewutsein, drittens dem geistigen mit Vernunft und Selbstbewutsein. Alle drei zeigen sich in der menschlichen Natur vereinigt, nmlich die erste in den Ngeln, Haaren und Gebeinen, die zweite in den Sinnesorganen, Gesicht, Gehr, Geruch, Geschmack und Gefhl, die dritte im Geiste. Die dritte ist es, die im Menschen +genius+, der das Leben _zeugende_, im Universum +deus+, Gott heit. Denn auch im Universum sind die analogen Teile wiederzufinden, insofern z.B. die Erde mit dem Steinreiche den Gebeinen, Sonne, Mond und Sterne den Sinnesorganen, dem Geist oder Genius aber der alles durchdringende ther, welcher auch den Gestirnen, der Erde und dem Meere emanierte Teile seines Wesens als besondere Gottheiten mitteilt, entsprechen. Da dies nicht pythagorisch-platonische Philosopheme, sondern echtrmische, wahrscheinlich aus uralt arischen Traditionen und von jenen Philosophen selber nur bernommene Stze sind, ist leicht zu beweisen. Der Genius, der sich, wie das transcendentale Ich du Prels nur teilweise in die irdische Erscheinung versenkt, ist der Fhrer des persnlichen Schicksals, das Instinktartige, Unbewute im Menschen, daher +genius fatalis+ oder auch direkt +fatum+ genannt. Vergl. +Horatius, epistol. II. 2, 178. Genius est deus, cujus in tutela ut quisque natus est vivit; hic sive quod ut genamur curat sive quod una gignitur nobiscum sive etiam quod nos genitos suscipit ac tuetur certe a gignendo genius appellatur (Censorinus de die natali c. 3).+ Da er als transcendentaler gttlicher Teil ber die irdische Erscheinung hinausragt, geniet er auch seit urltester Zeit gttliche Verehrung. Bei keiner festlichen Gelegenheit verga man, seinem Genius zu opfern. Beim Erntefest, bezeugt Horaz (+Epist. II. 1,40+) opfert man dem mit den Lebensjahren geizenden Genius und treibt fescenninische Spe; letzteres, da Genius zugleich die Bedeutung zeugungskrftig hat, weshalb auch bei Hochzeiten dieselbe Sitte. Sein alljhrlich wiederkehrendes Fest ist der _Geburtstag_. An diesem brachte man ihm Opferschrot, Kuchen, Honig, Wein, Weihrauch und Krnze, aber kein blutiges Opfer dar. Vor allem gedachte man seiner, wie bemerkt, auch bei Hochzeiten, da als Zweck der Ehe die Erzielung kongenialer Nachkommen galt; daher weihte man ihm das Brautbett, das nach altherkmmlicher Sitte mit Togen im Atrium gebreitet und +lectus _genialis_+ genannt wurde. Einer der heiligsten Schwre war der beim eigenen oder beim Genius einer geliebten Person. Der Jurist Ulpian bezeugt ein kaiserliches Gesetz, das den, der in Geldsachen beim Genius des Kaisers schwrt und eidbrchig wird, mit Stockschlgen bedroht. Das Sinnbild des Genius war die Schlange, die, weil sie sich mit jedem Jahre verjngt, das sich immer erneuernde Leben verdeutlicht. Hierdurch wird uns eine mehrfach verbrgte Erzhlung vom Tode des Vaters der Gracchen, als Muster rmischer Gattenliebe verstndlich. Jener erblickte einst in seinem Ehebette ein Schlangenpaar und befragte die Weissager wegen der Bedeutung des Zeichens. Diese rieten ihm, eine davon zu tten, mit dem Bemerken, wenn er die mnnliche tte, wrde _er_, wenn er die weibliche tte, seine Gattin, die berhmte Cornelia, binnen kurzem sterben. Er ttete die mnnliche und starb bald darnach an einer pltzlichen Krankheit. Cicero, der (+de divinatione+) diese Erzhlung erwhnt, wirft allerdings die nicht unmotivierte Frage auf, warum er nicht _beide_ entgegen dem Rate der Seher am Leben gelassen. brigens wurde der Genius auch als angehender Jngling, geflgelt, nackt oder mit einem gestirnten Gewande, mit Blumen oder einem Wachholderzweige dargestellt. _Manen_, wohl nicht von +manere+= bleiben, sondern von +manis+= milde, sind die frommen _guten Seelen_ der _Abgeschiedenen_, also die wieder mit dem Genius vereinten, um den Inhalt des Erdenlebens bereicherten Geister. Sie sind dasselbe, was die Genien, aber vom postmortalen Standpunkt aus. Darum wird auch ihnen gttliche Verehrung zu teil. Wenn ich einst tot bin, schreibt Cornelia, die Tochter des groen Scipio, des eben erwhnten Vaters der Gracchen Gattin, an ihren Sohn Cajus, so wirst du mir opfern (+parentabis+) und die Gottheit deiner Mutter anrufen. Wird es dich dann nicht beschmen, die Bitten eines Geistes anzuflehen, den du, als er noch lebte und gegenwrtig war, nicht beachtet und verschmht hast? (+Cornelius Nepos fragm.+) Der berhmte Rechtsgelehrte Labeo, der zur Zeit des Augustus lebte, Begrnder der bedeutenden Rechtsschule der sog. Prokulejaner, hat eine besondere, leider nicht erhaltene Schrift ber die Manen und ihre Verehrung verfat (+de diis, quibus origo animalis est+) d.h. ber die in gttliche Geister verwandelten Menschenseelen. Die gttliche Verehrung der Abgeschiedenen begann am achten Tage nach dem Tode, wenigstens erst _nach_ der Bestattungsfeierlichkeit. Denn bis zur Bestattung, die eben den Zweck hatte, den letzten noch vorhandenen magischen oder magnetischen Zusammenhang der Seele mit der unreinen Leiche zu lsen, konnte sich der Geist noch nicht in die himmlischen Hhen begeben. Die Leiche pflegte man sieben Tage lang in einem nur diesem Zwecke bestimmten Nebenraume des Vestibls im rmischen Hause aufgebahrt zu halten. Whrend dieser Zeit galt das Haus als unrein, ein Cypressenbaum vor der Thr warnte diejenigen, die Befleckung zu scheuen hatten, vor dem Eintritt. Am achten Tage wurde die Leiche in feierlichem Zuge zur Brandsttte, -- Feuerbestattung bildete die, jedoch nicht ausnahmslose, Regel, -- getragen, wo der Scheiterhaufen in Form eines Altars errichtet war. Die Verbrennung hatte denselben Sinn, wie diejenige des Herkules auf dem Oeta, damit sich das Ewige zum Himmel erheben mge, Wenn der Gott, des Irdischen entkleidet, Flammend sich vom Menschen scheidet Und des thers leichte Lfte trinkt. Darum sprach man, sobald die Verbrennung beendet war: unser Vater, Bruder, Gatte usw. ist allbereits ein Gott. Die Reste wurden dann unter Thrnen und Klagen und Anrufung der Hingeschiedenen mit Wein gelscht, in den Schoo gesammelt, mit Milch abgesplt, in einem reinen Leinentuche gelftet, in die Urne gelegt und nebst Thrnenflschchen, Weihrauch und Spezereien in der Grabsttte beigesetzt. -- Nunmehr kehrte man nach Haus zurck, welches inzwischen grndlich gefegt und gescheuert war, schritt ber ein Feuer und lie sich durch Lorbeerwedel mit Wasser besprengen und war gereinigt. Der groe Wert, den die Rmer, wie die Griechen, auf eine angemessene Bestattung legten (+justa facere+), wird verstndlich durch den Glauben, da die Seele vorher keine endgltige Ruhe finde; die Erde beherbergte keinen, der ihr nicht durch feierliche Ceremonien von symbolischer Kraft bergeben war. Nach Ablauf einer Woche wurde dann das erste Totenfest der Hinterbliebenen gefeiert, die sog. +feriae denicales+, zu dem selbst einem Soldaten der Urlaub nicht verweigert werden konnte. Man ehrte die Verstorbenen durch einen Leichenschmaus, durch Absingung von Lobliedern, durch Anzndung von Rucherkerzen und Weinspenden auf ihrem Grabe und Bekrnzung desselben mit Blumengewinden. Dieses Fest, sagt Cicero (+de legibus II, 22+) darf nur auf solche Tage verlegt werden, an welchen nicht bereits ein anderes Fest stattfindet, und die ganze priesterliche Einrichtung des Kultus zeugt von seiner groen _Wichtigkeit und Heiligkeit_. Aber neben diesem besonderen Totenfest fand am 19. Februar jeden Jahres ein allgemeines Totenfest statt, die sog. Feralia oder Parentalia, ein Vorbild unserer Aller-Seelenfeier. Allgemein brachte man an diesem Tage den lieben Toten Opfer dar. Doch waren die Manen gengsam. Leicht vershnt sind die Seelen der Vter, sagt Ovid (+Fast. II, 535+), nur kleines begehren die Manen. Hinreichend ist die Platte des Altars bedeckt mit hingestreuten Krnzen, und gestreute Frchte und wenige Krner von Salz, auch in Wein getrnktes Getreide und ungebundene Veilchen. Doch grere Geschenke verbiete ich nicht: aber auch schon hierdurch ist der Schatten vershnbar. Fge, wenn der Altar erbaut ist, noch Gebete und die blichen Formeln hinzu. -- So lange dieses Fest whrt (sechs Tage), so lange weilt, ehelose Mdchen: es erwarte die fichtene Fackel heilige Tage, verbirg, Gott Hymen deine Fackeln und entferne sie von jenen traurigen Flammen: denn andere Fackeln haben die traurigen Grber. Auch verschliee man die Tempel und verberge die Gtter: von Weihrauch sollen deren Altre nicht rauchen und die Herde vom Feuer nicht lodern. Denn jetzt irren umher die luftigen Seelen: jetzt nhren sich die Schatten von dargebrachten Speisen. Man ging eben von der berzeugung aus, _da der Zusammenhang und die Sympathie der Verwandtschaft und Liebe keineswegs durch das Band des Todes zerrissen sei, einerseits bedurfte die Seele, um zu dem hheren Zustande empor zu steigen, der magischen Beihlfe ihrer hinterbliebenen Angehrigen, die durch Opfer, Ceremonien und vor allem durch Gebete ihre Gewissen beruhigten in dem Bewutsein dadurch noch etwas fr die verstorbenen Lieben zu thun; andererseits aber glaubte man, da die Seelen der Hingeschiedenen selber noch den vollsten Anteil am Heile ihrer Hinterbliebenen nhmen, und wenn man sie um Schutz und Beistand anflehe, hilfreich mit ihrer geistigen Kraft in der Nhe weilten_. Aus diesem Grunde und da man zugleich annahm, da die Reliquien und berreste der Toten ein magisches Band seien, um ihre Gegenwart zu sichern, liebte man es, die Toten, wenn nicht gar im eigenen Hause, so doch in mglichster Nhe, auf der eigenen Besitzung zu bestatten. Wo immer ein Toter bestattet war, war der Ort heilig und schied aus dem Rechtsverkehr aus, durfte weder verkauft noch vertauscht werden; er stand im _Eigentum der Toten_. Der Verehrung der Ahnen (+lares domestici+) war im Atrium der Altar und das kleine Oratorium gewidmet, das wir fast in jedem pompejanischen Hause finden. An allen Festtagen, die Kalenden, Nonen und Iden jedes Monats nicht ausgenommen, wurde den Toten geopfert und ein frischer Kranz um ihren Herd gelegt. Nichts liebten die Toten mehr als Blumen. Lieblich schildert ein solches Larenopfer und die davon gehoffte Wirkung fr das Glck des Hauses die Ode von Horaz: Wenn du die Arme flehend zum Himmel hebst Bei jungem Mondlicht, lndliche Phidyle, Und fromm die Laren shnst durch Weihrauch, Heurige Frucht und ein rundes Ferklein, Dann sprt des Sdwinds giftigen Odem nicht Der schwang're Rebstock, noch den verderblichen Mehlthau die Saatflur; nicht das junge Saugende Lamm die Beschwer der Obstzeit. Der Opferstier, der krftige Weide fand Im Eichenforst am schneeigen Algidus, Den Albas Grasflur ppig nhrte, Rthe mit blutig getroff'nem Nacken Das Beil des Priesters. Aber fr _Dich bedarfs Nicht vielen Bluts unschuldiger Lmmer erst; Nur Rosmarin und zarte Myrten Winde den Gttern des Herds zum Kranze_! Denn _deine_ Hand, die fromm den Altar berhrt, Vershnt, auch arm an Gaben, wie kstlicher Brandopfer Duft den Zorn der Gtter, Spendet sie knisterndes Salz und Mehl nur. * * * * * Nichts ist abgeschmackter und unrichtiger, als wenn man hin und wieder einen besser in der Geschichte der Juden, deren Piettlosigkeit gegen Tote so gro war, da die Gelehrten noch nicht eins sind, ob das alte Testament berall die Unsterblichkeit der Seele gelehrt habe, als in der des klassischen Altertums bewanderten christlichen Geistlichen predigen hrt, wie z.B. Luther, von den unseligen Heiden, die keinen Trost fr des Todes Bitterkeit wuten. Umgekehrt ist es eine kulturgeschichtliche Thatsache, da die Piett gegen die Hingeschiedenen zuerst durch die Christen, welche, so uneinig sie auch ber den Zustand der Seelen nach dem Tode augenscheinlich gewesen sind, meistens dem aus persisch-pharisischen Vorstellungskreisen entnommenen Glauben an _fleischliche_ Auferstehung anhingen und bis dahin einen sog. Seelenschlaf (+pannychie+) voraussetzten, aus der Mode kam; den ersten Christen erschien der Manen- und Penatenkult als _Abgtterei_. Der Tote wurde begraben und bald vergessen; vor allem aber gab man den Zusammenhang mit den nicht christlich gewesenen und somit ewiger Verdammnis verfallenen Ahnen auf, soweit nicht etwa stellenweise griechische und rmische Piett, die auch das Dogma der sog. Hllenfahrt Christi motiviert haben wird, den brigens sehr zweifelhaften Ausweg ergriffen haben mag, sich ber, wie Luther schlecht bersetzt, richtiger wohl fr oder im Namen der Toten taufen zu lassen. (+Corinth. I. 15, V.29.+) Erst _spter_ gab die rmische Kirche dem im Volke nachhaltig wurzelnden Glauben an einen unzerreibaren Zusammenhang der Liebe zwischen den Verstorbenen und Hinterbliebenen insoweit nach, als sie das Aller-Seelenfest und die Totenmessen einfhrte. Es blieb aber jetzt die _dstere_ Vorstellung von einem _qualvollen_ Zustande der abgeschiedenen Seelen im Fegefeuer magebend, der durch diese kirchlichen Gnadenmittel gemildert werden knnte. Immerhin hat die katholische Kirche durch diese, kulturgeschichtlich an den alten Rmerglauben anzuknpfende Institution einen das Gemt sehr ansprechenden Vorzug vor dem Protestantismus, der den Glauben an die Unsterblichkeit zu einer kalten Abstraktion verflchtigt und ebenfalls erst lange nach Luther, dessen grobsinnliche und wenig logische Natur niemals zu einer ganz klaren Lehre ber das Jenseits gelangte, wieder in der Feier des sog. Totensonntags ein schwchliches Surrogat fr die Allerseelenfeier gesucht hat. Die jetzt im Katholizismus vorherrschende dstere Auffassung des jenseitigen Seelenzustandes war brigens auch den Rmern nicht fremd. Ihr entspricht die dritte Klasse der Abgeschiedenen, der sog. _Lemuren_, d.h. der friedlosen _Gespenster_, zu deren Beruhigung das Fest der Lemuralien (vom 9. bis 13. Mai) gefeiert ward. Wenn schon Mitternacht ist und dem Schlafe Stille darbeut, sagt Ovid (+Fasten V. 430ff.+), und der Hund und ihr mancherlei Vgel stille schweigt, so erhebt sich, wer eingedenk des alten Brauchs und gottesfrchtig ist: seine beiden Fe fesseln keine Bande. Er giebt Zeichen mit den Fingern dicht angefgt, den Daumen in der Mitte, damit nicht ein leichter Schatten, wenn er ruhig wre, ihm entgegen kme. Dreimal bespritzt er mit dem Wasser eines Gottes die reinen Hnde, dreht sich um, und nimmt in den Mund schwarze Bohnen. Er wirft sie umgedreht; aber whrend er wirft, spricht er: das hier bringe ich: mit diesen Bohnen lse ich mich und die Meinen. Das spricht er neunmal, nicht zurckschauend. Der Schatten, glaubt man, lese sie auf und folge, wenn keiner zurckblickt. Darauf wieder besprengt er sich mit Wasser, und schlgt klirrend temesische Erze zusammen, und fleht, da der Schatten aus seiner Wohnung gehen mchte. Hat er neunmal gesprochen: Geht heraus, ihr Mnner der Vter! so blickt er zurck, und hlt die Opfer fr heilig geendigt. Woher der Tag benannt ist, und woher der Ursprung des Namens, wei ich nicht. Von einem Gotte mssen wir's erfahren. Du der Pleiade Erzeugter, belehre uns, ehrwrdig durch deinen mchtigen Stab! Oft hast du den Knigspalast des stygischen Zeus gesehen. Erfleht erschien der Trger des Stabs: Vernimm die Ursach des Namens! Von ihm selbst, dem Gotte, hab' ich die Ursache erfahren. Wie Romulus die Schatten seines Bruders im Leichenhgel verborgen, und dem unglcklichen Springer Remus das Todtenopfer vollendet, so besprengte der unglckliche Faustulus und Acca mit fliegenden Haaren die verbrannten Gebeine mit ihren Thrnen. Drauf kehrten sie traurig beim Anfang der Dmmerung nach Hause zurck, und legten sich in diesem Zustande nieder aufs harte Lager. Remus blutiger Schatten schien vor dem Lager zu stehen, und mit leisem Gemurmel diese Worte zu reden: Auf dann, sehet, was ich nun sei, ich die Hlfte von euch und der andere Teil des Gelbdes; wie und wer ich soeben war, whrend ich, htte ich nur Vgel gesehen, die mir Herrschaft verhieen, der grte in meinem Volke sein konnte. Jetzt bin ich entflohen den Flammen des Scheiterhaufens, bin ein leeres Schattenbild. Das ist die Gestalt von jenem Remus zurckgelassen. Ach! wo ist Vater Mars? wenn ihr anders die Wahrheit geredet habt, und jener den Ausgesetzten die Euter einer Wlfin vergnnte? Den eine Wlfin erhielt, den hat eine frevelnde Hand eines Mitbrgers gemordet. O wie viel sanfter war _sie_? Wthrich Celer, unter Wunden gieb deinen grausamen Geist auf, und betritt, wie ich, das Unterreich mit Blut befleckt! Das war der Wille meines Bruders nicht: auch er besa, wie ich, gleiche Liebe. Thrnen, nur das vermocht er, vergo er um meinen Tod. Ihn fleht bei seinen Thrnen, ihn bei eurer Erhaltung, da er feierlich mit festlicher Ehre den Tag auszeichne! Wie er den Auftrag gab, wnschten sie ihn zu umfassen, und streckten aus die Arme. Den greifenden Hnden entfloh der flchtige Schatten. Sobald das fliehende Bild den Schlaf mit sich entfhrte, so berichten beide dem Knig den Befehl seines Bruders. Romulus gehorchte und nannte den Tag Remuria, an dem den begrabenen Ahnen Todtenopfer gebracht werden. Der harte Buchstabe, der erste im ganzen Namen, ist in der langen Zeit in einen gelinden verndert worden. Bald auch nannte man der Schweigenden Seelen Lemuren, das ist des Wortes Sinn, das seine Bedeutung. Doch die Tempel verschlossen die Alten an jenen Tagen, so wie man sie noch jetzt zur Leichenzeit verschlossen sieht. Auch war dies nicht die Zeit schicklich zu fackeln einer Verwittweten noch einem Mdchen. Lange lebte die nicht, die hier sich verhllte. Darum sagt auch der groe Haufe: (wenn dir Sprichwrter gefallen): Schlechter Mdchen Ehe fllt in den Monat Mai. * * * * * Whrend Jupiter Herr der Genien ist, ist Saturn Herr der brigen guten Geister. Im brigen steht die gesamte Unterwelt unter dem Szepter des _Orcus_, der auch Dis, Jupiter Stygius heit, identisch mit dem Pluton der Griechen. Dessen Gattin, von den spteren Dichtern mit Proserpina identifiziert und gewhnlich auch so genannt, hie mit ihrem altlateinischen Namen Libitina, Lubentia oder Lubia. Ihr Tempel diente zur Aufbewahrung aller zu Leichenbegngnissen erforderlichen Gertschaften; ihre Priester, die +libitinarii+ fungierten als Leichenfhrer, fhrten auch das Totenregister. Sonderbarerweise wird diese Libitina vielfach mit der Lustgttin Venus identifiziert, so da man von einer _Venus_ Libitina liest, was an die gleichzeitige Beziehung der griechischen Demeter zum Tode und zur Zeugung erinnert. Viertes Kapitel. Der Glaube an Magie und symbolische Handlungen. Noch heutzutage mu dem Nordlnder, der Italien zum ersten Male bereist, die groe Verbreitung des Glaubens an schwarze Magie, insbesondere den bsen Blick (+mal occhio+), ferner an die Bedeutsamkeit gewisser Tage, Stunden, Zahlen u.s.w., und an bedeutsame symbolische Handlungen auffallen. Es ist ein Erbteil der alten Latiner und Etrusker. Nirgends werden, selbst von Angehrigen der sog. gebildeten Stnde, besonders freilich von Frauen mehr Amulette gegen Zauber, Behexung u.s.w. getragen, als in Italien. Man kann sich denken, wie viel verbreiteter dieser, durch das Christentum einigermaen gedmpfte Aberglauben in der heidnischen Zeit gewesen ist. Hatte doch selbst der allgemeine Brauch der _Bulla_ bei den rmischen Jnglingen nur in diesem Glauben seinen Grund. Die Bulla war eine hohle, runde, inwendig mit magischen Prservativmitteln gegen Behexung und Neid gefllte goldene Kugel. Eine solche trugen auch die Triumphatoren, die ja ganz besonders dem Neid und bsen Blick ausgesetzt zu sein besorgen muten. Beim Anfange eines jeden wichtigeren Geschftes achtete man auf alle nur erdenklichen Zeichen (+omina+), die man teils fr gnstig, teils fr ungnstig hielt. Da ein ungnstiges Zeichen, das von dem Handelnden nicht beobachtet wurde, auch keine Bedeutung fr ihn hatte, so pflegte der Rmer beim Opfer sich das Gesicht zu verhllen, um kein Zeichen wahrzunehmen und beim Aussprechen feierlicher Gebete, Eidesformeln u.s.w. einen Fltenblser spielen zu lassen, um auch die Ohren zu sichern. So gingen dem Opferknig und den Priestern Herolde (+praeclamitatores+) vorauf, welche mit dem Rufe: +hoc age!+ Habt Acht! die Leute, bis der Priester vorber wre, von der Arbeit abzulassen mahnten; denn abgesehen davon, da die Arbeit an sich nicht zur Feier pate, war die Einstellung derselben ntig, weil bei vielen Beschftigungen, z.B. beim Schlagen, Hmmern und Sgen Mitne erzeugt werden konnten, die unheilkndend waren und ein Fest entheiligten, ebenso wie Klage und Wehrufe, Hader, Zank, Scheltworte und Flche. Darum ertnte auch vor jedem Opfer der Ruf des Herolds: Habet Acht auf Gedanken und Worte! Doch war glcklicher Weise die Zahl glckverheiender Omina nicht geringer, als die der ungnstigen; und das Beste war, da nach rmischer Auffassung die Geistesgegenwart des Beobachtenden es durchaus in ihrer Gewalt hatte, ein Zeichen anzunehmen (+accipio omen+) oder zurckzuweisen (+ad me non pertinet+). So war z.B. das Niesen ein gttliches Zeichen. Der Rmer pflegte es sofort mit einem +accipio omen+ aufzunehmen. Ich bin berzeugt, da die Rmer, htten sie den Schnupftaback schon gekannt, reichlich von ihm bei wichtigen Angelegenheiten, im Senat oder in der Volksversammlung, selbst bei Opfern und religisen Handlungen Gebrauch gemacht haben wrden. Gewi wrde jeder Senator seine Schnupftabacksdose bei sich gefhrt haben. Auch konnte man der sich zunchst aufdrngenden ungnstigen Bedeutung eine passende gnstige substituieren, die Kraft des bsen Zeichens brechen und seine anscheinende Drohung in eine Verheiung verwandeln. Durch solche Geistesgegenwart haben groe Mnner sich nicht selten zu Herren der Situation gemacht, indem sie es verstanden, den schlechten Eindruck, den irgend ein anscheinend ungnstiges Omen auf ihre Umgebung machte, in sein Gegenteil umzukehren. Bekannt ist z.B., da Csar, als er an der afrikanischen Kste aus dem Schiff springend zu Boden strzte, die Worte sprach: Ich fasse Dich, Afrika! Der Legat Marcellus rief, als beim Beginn einer von ihm geleiteten Attacke gegen Viridomarus sein Pferd, vom Waffenblitz geblendet und vom Getse scheu geworden auf die Seite sprang, frohlockend aus: sein Pferd habe gegen die Sonne zu die Schwenkung des Betens gemacht. Durch Schlauheit und Betrug konnte man sich sogar ein Zeichen aneignen, das einem Anderen zu teil geworden war. Ein Beispiel der Art erzhlt +Livius I, 45+ und Plinius (siehe folgende Seite!). Kein Rmer hat diesen Aberglauben witziger verspottet, als Cicero in seiner Schrift ber die Weissagung. O, unglaublicher Unsinn! ruft er aus, Wie kannst Du, wenn du darauf achtest, freien Mutes sein, um zu einer Unternehmung nicht den Aberglauben, sondern die Vernunft zum Fhrer zu haben? -- Sollen wir bei unseren Handlungen auf das Anstoen des Fues, auf das Zerreien eines Furiemens und auf das Niesen Acht geben? -- Wie tief dieser Aberglaube gleichwohl auch in den gebildeten Rmern der spteren Zeit wurzelte, beweist nichts mehr als die folgende Ausfhrung des Naturforschers Plinius, desselben, der den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele mehrfach verspottet, der aber in seiner Naturgeschichte (+H. N. XXVIII,3+) _ber die Kraft symbolischer Sprche und Handlungen_ folgendes bemerkt: Es ist eine groe und noch immer unentschiedene Frage, ob Worte und Zaubersprche eine Wirkung haben. Zwar die persnliche berzeugung aller Vernnftigen verwirft sie, allein im Allgemeinen beharrt die Praxis jeder Zeit fest auf dem Glauben, ohne sich daran zu kehren. Hlt man doch die Schlachtung der Opfer, sowie auch die Befragung der Gtter ohne Gebet fr ungltig. Man hat obendrein besondere Formeln fr Erforschungsopfer, besondere fr Abwendungsopfer, besondere fr Erflehungsopfer, und wir sahen, wie die hchsten Obrigkeiten bestimmte Gebete sprachen, so da einer die Worte aus dem Buch vorsagte, damit nichts ausgelassen oder verstellt wrde, ein zweiter als Hter aufgestellt war, welcher aufmerkte, ein dritter den Anwesenden gebieten mute, da sie auf ihre Worte Acht geben sollten: zugleich spielte der Pfeifer, damit man ja keinen unrechten Laut vernehmen mchte; und man wei von beiderlei Fllen merkwrdige Beispiele, da nmlich, so oft ein widerwrtiger Laut strend dazwischentnte oder der Betende irr wurde, pltzlich von den Eingeweiden der Kopf (der Leber) oder das Herz verschwand, oder sich verdoppelte in der Zeit, wo das Opfertier dastand. Erhalten ist als ein ungeheures Beispiel, der Spruch der Decier, des Vaters und des Sohnes, mit dem sie sich weihten; vorhanden ist das Gebet der der Unzucht beschuldigten Vestalin Tuccia, mittelst dessen sie im Jahr der Stadt 609 (140 vor Chr.) _Wasser im Sieb trug_; ja selbst unsere Zeit hat es noch erlebt, da auf dem Rindermarkt ein Grieche und eine Griechin, oder Mitglieder anderer Nationen, mit denen man damals zu thun hatte, lebendig eingegraben wurden, und wer die Gebetsformel solcher Opfer liest, welche der Vorsteher des Kollegiums der fnfzehn dabei vorzusprechen pflegt, der wird wahrlich die Wirksamkeit der Sprche, die durch eine achthundertunddreiig-jhrige Erfahrung besttigt ist, nicht leugnen mgen. Wir glauben noch heutzutage, da unsere Vestalinnen entlaufene Sklaven, wenn sie die Stadt noch nicht verlassen haben, durch Gebete zu bannen vermgen: und giebt man nur einmal dem Grundsatze Raum, da die Gtter Gebete erhren und sich durch sie bewegen lassen, so kann man dasselbe nicht mehr in Abrede stellen. Rcksichtlich dieser ganzen Streitfrage haben unsere Vorfahren stets nur diese berzeugung gehegt, und sogar das Schwerste nicht fr unmglich gehalten, nmlich Blitze zu entlocken, wie seines Orts von uns gezeigt worden ist. Lucius Piso meldet im ersten Buch seiner Annalen, der Knig Tullus Hostilius habe nach Numa's Vorschrift den Jupiter durch dieselben Ceremonien, wie dieser vom Himmel herabzuziehen versucht: weil er aber im Ritus etwas versah, so sei er vom Blitze erschlagen worden; viele andere melden, da durch Worte das Schicksal mchtiger Staaten und die Bedeutung der sie betreffenden Anzeichen verndert zu werden vermgen. Als man z.B. den Grund zum Tarpeischen Tempel grabend, einen Menschenkopf gefunden hatte, so versuchte der berhmte Etrurische Seher Olenus Calenus, an den man darum Gesandte geschickt hatte, dieses vortreffliche und glckliche Anzeichen durch die zweideutige Einrichtung seiner Fragen auf sein Volk hinberzuspielen. Er beschrieb nmlich erst den Umri des Tempels vor sich im Sande, und sprach dann: 'Also hier, sagt ihr, Rmer, hier soll der Tempel des besten und hchsten Jupiters stehen? Hier hat man den Kopf gefunden': und die Annalen behaupten einstimmig, da das Anzeichen auf Etrurien bergegangen wre, htten nicht die rmischen Gesandten, durch des Sehers einen Sohn im Voraus gewarnt, geantwortet: 'Nicht eben hier, sondern zu Rom, sagen wir, ist der Kopf gefunden worden.' Dasselbe geschah noch ein anderes Mal, als das thnerne Viergespann, welches fr das Giebelfeld desselben Heiligtums bestimmt war, im Ofen so anschwoll, und auch damals wurde das Anzeichen auf gleiche Weise fr Rom gerettet. Dies mge genug sein, um durch Beispiele darzuthun, da die Bedeutung der Anzeichen erstlich in unserer Gewalt ist, und zweitens nur in der Art stattfindet, als man sie angenommen hat. Denn in der Disciplin der Auguren wenigstens gilt es fr ausgemacht, da weder ein widerwrtiges noch auch irgend ein anderes Anzeichen Wirkung fr den habe, welcher bei dem Beginn irgend eines Geschftes sagt, da er es nicht bemerkt habe: und dies ist eine der grten Wohlthaten der gttlichen Gnade. Stehen nicht ferner schon in den zwlf Tafelgesetzen die Worte: wer Frchte behext, und wieder an einer anderen Stelle: wer einen bsen Zauberspruch spricht? Verrius Flaccus fhrt glaubwrdige Gewhrsmnner dafr an, da man bei der Bestrmung von Stdten vor allem die Schutzgottheiten durch die rmischen Priester herauszubeschwren pflegte, und ihnen einen gleichen oder noch ansehnlicheren Dienst als zu Rom versprach. Und diese Ceremonie ist in der Disciplin der Auguren noch erhalten, auch ist bekannt, da eben darum die Schutzgottheit Roms verheimlicht wurde, damit von den Feinden nicht ein gleiches vorgenommen werden mchte. Der Furcht, durch Verwnschungen behext werden zu knnen, entschlgt sich niemand: Beweis dafr ist, da jedermann die Schalen der Eier und Austern, die er ausgeschlrft hat, sogleich zerbricht oder mit dem Lffel durchstt. Darum haben Theocrit im Griechischen, Catull und zuletzt Vergil im Lateinischen Nachahmungen von Liebeszauberliedern gegeben. Viele glauben, da man auf diese Weise Tpferwaren bersten machen kann, etliche sogar, da die Schlangen ihrerseits einen Gegenzauber anzuwenden verstnden, welches die einzige Verstandesuerung dieser Tiere sei, und da sich dieselben bei dem Liede der Marsen zusammenziehen, selbst whrend der Nachtruhe. Auch Wnde werden _durch Besprechung des Feuers demselben zur Grenze gesetzt_. Dabei ist es schwer zu sagen, ob die schwerauszusprechenden fremden Wrter oder die seltsamen lateinischen dem Glauben mehr Eintrag thun, die der Geschmack nicht umhin kann lcherlich zu finden, whrend man etwas Groartiges erwartet, das da wrdig wre, einen Gott zu rhren, ja zu ntigen. Homer erzhlt, wie Odysseus das rinnende Blut an einer Schenkelwunde durch einen Spruch gestillt habe; Theophrast lehrt, da sich das Hftweh damit heilen lasse; Cato hat einen Spruch hinterlassen, der gegen Verrenkung helfen soll, Marcus Varro einen gegen das Podagra; der Diktator Csar soll, nachdem er einmal mit dem Wagen gefhrlich umgeworfen worden war, jedesmal nach dem Einsteigen durch dreimaliges Hersagen eines Spruches Gefahrlosigkeit seiner Reise eingeleitet haben, was jetzt bekanntlich von den meisten geschieht. Wir wollen diesen Punkt noch durch Berufung auf das persnliche Bewutsein eines jeden zu erweisen suchen. Warum weihen wir nmlich den ersten Tag des Jahres durch gegenseitige Glckwnschungen ein? warum whlen wir bei ffentlichen Shnopfern sogar zu Fhrern der Schlachtopfer nur solche, welche glckbedeutende Namen tragen? warum begegnet man zum Teil den Behexungen durch einen ganz eigentmlichen Gottesdienst, indem man die griechische Nemesis anruft, deren Bildnis zu dem Behuf in Rom auf dem Kapitolium aufgestellt ist, ohngeachtet der Name nicht einmal lateinisch ist? warum beteuert man, wenn man von Verstorbenen spricht, da man ihr Andenken nicht verunglimpfen wolle? warum glaubt man, da die ungeraden Zahlen zu allen Dingen wirksamer seien, und erkennt dies beim Fieber in dem Einhalten der Tage? warum sprechen wir bei den Erstlingen des Obstes: dies sei altes, wir mchten neues? warum wnschen wir beim Niesen Wohlsein? was auch Csar Tiberius, der doch bekanntlich ein sehr unfreundlicher Mann war, im Wagen beobachtet wissen wollte; und manche halten es fr besser, wenn man beim Gren den Namen dazu sage. Es wird angenommen, da sogar die Abwesenden es durch das Klingen der Ohren spren, wenn von ihnen gesprochen wird. Attalus behauptet, wenn man beim Erblicken eines Skorpions die Zahl zwei spreche, so sei er gebannt und knne nicht stechen.---- Es ist ferner offenbar, da auch viele ceremonise Handlungen von Wirksamkeit sind. Einer besnftigt die Herzensangst, indem er Speichel hinter das Ohr streicht: das Sprichwort heit uns, wenn wir jemand wohlwollen, den Daumen drcken: beim Beten legen wir die Rechte an den Mund und drehen uns mit dem ganzen Krper herum: das Wetterleuchten durch den Ton zu verehren, welcher durch das Einziehen der Luft bei zusammengedrckten Lippen entsteht, ist bereinstimmende Sitte der Vlker. Wenn beim Essen eine Feuersbrunst genannt wird, so giet man, um die Vorbedeutung abzuwenden, Wasser unter den Tisch: den Boden zu kehren, whrend ein Gast auf dem Heimwege begriffen ist, den Tisch oder das Gestell wegzutragen, whrend er trinkt, wird fr eine sehr schlimme Vorbedeutung gehalten. Es ist von einem sehr vornehmen Manne, Servius Sulpicius, eine Abhandlung darber vorhanden, warum man den Tisch nicht stehen lassen soll: denn noch zhlte man nicht mehr Tische als Gste. Sodann gilt es fr ein widerwrtiges Anzeichen, ein Gercht oder den Tisch durch Niesen zurckzurufen, im Fall man nachher nicht noch etwas kostet, oder berhaupt gar nichts it. Diese Gebruche schreiben sich aus einer Zeit her, welche die Gtter bei jedem Geschft und zu jeder Stunde gegenwrtig glaubte, und deren Verdienst sie auch unserem verderbten Geschlechte noch gndig erhlt. Wenn die Tafel pltzlich schwieg, so fiel dies nicht auf, auer bei gleicher Zahl der Gste, und der Schaden ging an dem Rufe dessen aus, der daran schuld war: eine aus der Hand gefallene Speise wurde jedenfalls wieder ber die Tafel gereicht, und man durfte nicht, um sie zu reinigen, daran blasen; ja es sind eigens dafr Augurien eingerichtet, bei welchen Worten oder Gedanken einem dies begegnet ist. Zu dem Verwnschtesten gehrt es z.B., wenn es einem Pontifex beim Festmahle des Dis widerfhrt. Etwa das Gefallene wieder auf den Tisch zu legen oder den Lar zu verbrennen, fordert Shne. -- -- Ein lndliches Gesetz verbietet auf den meisten italienischen Landgtern, da die Weiber, wenn sie ber die Strae gehen, die Spindel nicht drehen und berhaupt nicht aufgedeckt tragen sollen, weil dies den allgemeinen Erwartungen, besonders von den Feldfrchten, zuwider ist. Der Konsul M. Servilius Nonianus pflegte vor nicht langer Zeit, wenn er eine Augenkrankheit besorgte, ehe er noch davon sprach oder jemand anderes sie ihm ankndigte, die zwei griechischen Buchstaben %P% und %A% auf ein Papier zu schreiben, und dieses, mit einem Faden umwickelt, um den Hals zu hngen; der dreimalige Konsul Mucianus nahm das nmliche mit einer lebendigen Mcke in einem weien Stckchen Leinwand vor, und sie rhmten beide, da dies sie von der Krankheit bewahre. Man hat Sprche gegen den Hagel, gegen alle Gattungen von Krankheiten und gegen Brandschden, deren manche bewhrt sind: aber sie mitzuteilen hlt uns eine starke Scheu ab wegen der groen Verschiedenheit der Ansichten. _Darum halte es mit diesen Dingen ein jeder nach seinem Gutdnken!_ Fnftes Kapitel. Weissagung und Zeichendeuterei. Orakel. Sibyllinische Bcher. Wie in Griechenland, so sah sich also auch in Rom der Staat selber gentigt, dem allgemeinen Volksglauben an Vorzeichen, Weissagungen und Prophetenknste Rechnung zu tragen. Whrend aber in Griechenland vielfach ein unabhngiges Priestertum durch die Orakel einen oft recht bedenklichen Einflu auf die Politik erlangte, so da gerade die hervorragendsten Staatsmnner, ich erinnere an Themistokles und Demosthenes nur in offener Opposition gegen den religisen Glauben der Menge und durch Verdchtigung des Orakels, dem z.B. Demosthenes Bestechlichkeit vorwirft, ihre Zwecke behaupten konnten, hat es die rmische Staatskunst verstanden, das gesamte Orakel- und Zeichenwesen schlielich zu einem gefgigen Werkzeug ihrer eigenen Zwecke herabzudrcken. Alle mit der berwachung desselben betrauten Personen, die Pontifices, die Auguren, die Fetialen und die Bewahrer der sibyllinischen Bcher standen unter ihrer Aufsicht; alle diese Personen hatten groen Einflu auf das Volk, aber derselbe war bedingt durch eine von der Staatsbehrde an sie gerichtete Aufforderung, in Funktion zu treten; sie antworteten nur, wenn sie gefragt wurden; ihnen selbst fehlte jede Initiative. Der Beamte konnte, wenn er wollte, die Auspicien allein vornehmen oder einen Zeichendeuter zuziehen, der nicht zum Kollegium der Auguren gehrte; eine ohne seine Aufforderung von einem Augur vorgenommene Beobachtung band ihn nicht. Alles in Allem, die rmische Staatskunst hat es verstanden, die Lehre und das Recht der Vorzeichen, -- dem Rmer gestaltet sich alles zum _Recht_, -- so einzurichten, da nicht die Menschen den Zeichen, sondern die Zeichen den Menschen untergeben waren. Diese Bemerkung mu den Occultismus der Rmer in den Augen des modernen, glubigen Occultisten degradieren, in demselben Grade, in dem sie die Staatsklugheit der Rmer in den Augen des Politikers erhht. Allein ich darf ihre Schrfe dadurch abstumpfen, da ich zugebe, in der lteren Zeit, in der das Staats- und Rechtsprinzip, das wesentlichste Charakteristikum des Rmers, das bei ihm schlielich geradezu, wie v.Ihering sagt, an Stelle der Religion trat, noch nicht zum vlligen Durchbruch gelangt war, mu selbstverstndlich die Sache anders gelegen haben. Jene Augurenkunst des Romulus, dies giebt sogar der feine Sptter Cicero zu, war lndlich, nicht politisch und nicht erdichtet fr den Glauben des Pbels, sondern von Kundigen empfangen und den Nachkommen berliefert. Darum bleibt dies ganze Gebiet nicht nur fr den eigentlichen Occultisten, sondern auch fr den Kulturhistoriker und Psychologen interessant. Denn so leicht es auch ist, die Divination berhaupt aus dem naiven Wunsche des Menschen abzuleiten, den Schleier der Zukunft zu lichten und in der Umgebung berall bedeutsame Zeichen der Gtter zu wittern, so rtselhaft bleiben doch die besonderen Formen, die einzelnen, oft so bizarren Wege und Methoden, durch welche dieser allgemeine Trieb sich zu befriedigen versucht. Das eigentliche _Orakelwesen_, meint +Mommsen, rm. Geschichte I, 177+, sei nach Latium erst durch die Griechen eingefhrt. Die Sprache der rmischen Gtter beschrnkte sich im Ganzen auf Ja und Nein und hchstens auf die Darlegung ihres Willens durch das -- wie es scheint, ursprnglich italische -- _Werfen der Loose_[631]; whrend seit sehr alter Zeit, wenngleich dennoch wohl erst infolge der aus dem Osten empfangenen Anregung die redseligeren Griechengtter wirkliche Wahlsprche erteilten. Ein solches uraltes Loosorakel, Orakel der Fortuna, befand sich in Prneste, whrend sich in Antium ein anderes Orakel der Fortuna befand, wo das Bildnis dieser Gttin -- +o diva, gratum quae regis Antium+, singt Horaz, -- auf Fragen nickend antwortete. Doch erscheint es mir zweifelhaft, ob Mommsen mit der Herleitung der brigen italischen Orakel von den Griechen Recht hat, und zwar deshalb, weil nicht der Gott Apoll, wie bei den Griechen, sondern der zweifellos echt latinische Hirtengott Faunus und seine Gemahlin, die aus diesem Grunde die Beinamen +fatuus+ und +fatua+[632] trugen, nach rmischer Auffassung die vorzugsweise weissagenden Gottheiten waren. Darum fanden sich die Standpunkte der altitalischen Orakel in Wldern. Eines der ltesten und berhmtesten dieser Orakel war dasjenige zu _Tibur_, dem heutigen Tivoli. +Vergil, Aeneis VII, 85ff.+ beschreibt die hier bliche Methode der Wahrsagung in folgenden Versen: Aber der Knig erschrak, ob der Schau, _und zu Faunus Orakel_ Geht er und forscht in den Hainen _des schicksalredenden Vaters_, An der Albunea Schlund, die gro vor den Nymphen der Wlder, _Rauscht_ mit _heiligem Quell_ und _dumpf mephitischen Dunst haucht_, Wo der Italer Stmm' und rings die notrischen Lande, Wankend in Not, Antworten ersphn. Wenn Gaben der Priester Dartrug und _in der Stille der Nacht_ auf geopferter Schafe Ausgebreitete Vlie hinsank und pflegte des _Schlummers_, Siehet er schweben umher viel seltsame Wundererscheinung, Und er vernimmt vielfaches Getn und hlt mit den Gttern Hehres Gesprch und redet zum Acheron tief im Avernus. Da es sich hier um _somnambule_ Zustnde handelte, ist unzweifelhaft; der Befragende, wie der Priester, mute sich vorher des Fleischgenusses und des Beischlafs enthalten, die Finger von Ringen befreit haben und in ein schlichtes Gewand kleiden. Der Priester brachte dann ein Schaf und andere Gaben zum Opfer, der Befragende legte sich, nachdem zuvor sein Haupt dreimal mit reinem Quellwasser besprengt war, auf das Vlie des Schafes zur Nachtzeit in der Nhe des rauschenden Wasserfalls und im Bereich der betubenden (mephitischen) Bodenausdnstung nieder, um somnambule Trume zu erlangen. Ein anderes seit der Urzeit berhmtes Orakel war zu _Cumae_, wo der Gott sich durch eine alte aber jungfruliche Frau, die Sibylle, offenbarte, welche brigens ihre Verkndungen der Regel nach nicht, wie die Priesterin in Delfi mndlich, sondern schriftlich berlieferte. Dieses beschreibt ebenfalls Vergil (+Aeneis III, 441ff.+): Wenn hierher du gelangt der kumischen Stadt dich genhert, Und dem begeisternden See und dem waldumrauschten Avernus, Wirst du die Seherin schaun, die rasende, die in der Felskluft Schicksal singt und dem Laube die redenden Zeichen vertrauet. Welche Verkndungen nun in das Laub einritzte die Jungfrau, Ordnet sie alle nach Zahl und lt sie verschlossen im Felsen. Jene ruhn unbewegt an dem Ort und behaupten die Ordnung. Doch wenn heran nur leise bei umgedreheter Angel Hauchte der Wind, und die Pforte die luftigen Bltter verwirrte, Nimmer die flatternden dann im gehhleten Felsen zu haschen, Noch zu erneuern die Lag' und die Sprche zu einigen, sorgt sie. Ratlos fliegen sie weg und hassen das Haus der Sibylle. * * * * * Vorzugsweise auf eine Cumische Sibylle Amalthea fhrte man die Orakel zurck, die der rmische Senat als _sibyllinische Weissagungen_ aufbewahrte und von Zeit zu Zeit zu konsultieren pflegte. Schon einem der Tarquinier soll einst ein geheimnisvolles Weib genaht sein und ihm neun Bcher Weissagungen zum Ankauf angeboten haben, und als er nicht sogleich auf ihre Forderung einging, erst drei und dann wieder drei jener Bcher verbrannt haben, bis schlielich der Knig die drei brig gebliebenen aus ihren Hnden nahm, worauf sie auf unerklrliche Weise vor seinen Augen verschwand. -- Einzelne der in den sibyllinischen Bchern berlieferten Orakel wurden aber auch von Albunea, einer ehemaligen Sibylle zu Tibur hergeleitet, die ihre Aufzeichnungen in das Wasser des gleichnamigen Bergstroms warf, wo sie von Fragenden aufgefischt wurden. Die sog. _sibyllinischen Bcher_ verwahrte man bis zum Jahre 670 im Erdgescho des Jupitertempels in einem steinernen Kasten. Zur Lesung und Ausdeutung derselben wurde in frhester Zeit ein eigenes nur den Augurn und Pontifices im Range nachstehendes Kollegium von zwei Sachverstndigen (+duoviri sacris faciundis+) bestellt. Leider wurden sie in diesem Jahre mit dem Tempel selbst ein Raub der Flammen. Man stellte aber jetzt alsbald aus den allenthalben verbreiteten angeblichen Abschriften eine neue, gesichtete und gereinigte Sammlung zusammen. Um dem Mibrauch, der mit den brigen im Volke kursierenden unechten sibyllinischen Bchern getrieben wurde, zu steuern, befahl noch Kaiser Augustus an einem Tage dieselben smtlich dem stdtischen Prtor auszuliefern, er lie dann 2000 fr unecht erkannte verbrennen, die echten aber in zwei vergoldeten Schrnken im Apollotempel niederlegen, und er setzte statt der frhern +duoviri s.f.+ eine neue Kommission von fnfzehn Mnnern ein, um sie zu beaufsichtigen. Die zwei Priester, die frher, und die Fnfzehner, die seit Augustus die Obhut ber die sibyllinischen Bcher hatten, durften nur auf Befehl des Senats und im Beisein obrigkeitlicher Personen in denselben nachschlagen und dem Volke keine Orakel eigenmchtig mitteilen. Nur in Zeiten der Gefahr und Not, zumal wenn ungewhnliche Zeichen die Gemter aufregten, nahm man zu ihnen die Zuflucht. Vermutlich fand dabei kein Durchlesen und keine Auswahl des passend erscheinenden statt, sondern lie man, indem man nach einiger ceremoniser Vorbereitung die Schriftrolle aufs Geradewohl ffnete, den Zufall walten, wobei es natrlich immer mglich blieb, das zufllig entgegenkommende als ungeeignet abzulehnen. Die Orakel waren ja, wie alle Orakel, unbestimmt genug abgefat, um so ziemlich auf alle Flle zu passen. brigens sollen sie sogar Prophezeiungen von den Weltaltern und einer schlielichen Rckkehr zum Anfangszustande (+apocatastasis+), die sich ebensowohl in den Bewegungen der Weltkrper wie in dem Zustande der Menschheit vollziehen werde, enthalten haben. Nach Tacitus soll in ihnen die Prophezeiung sich gefunden haben, da einem aus Juda Kommenden die Weltherrschaft beschieden sei, was allgemein schon von den Kirchenvtern auf Christus bezogen worden ist. Wahrscheinlich zitiert auch Vergil nur eine sibyllinische Weissagung in den Versen: Siehe von Neuem beginnt der Zeiten gewaltiger Kreislauf, Goldenes Alter kehret zurck, es kehret die Jungfrau, Und schon steiget ein neues Geschlecht vom erhabenen Himmel, Verse, die ja ebenfalls frhzeitig auf Christus und die mit ihm begonnene neue Weltperiode gedeutet worden sind. brigens wandte man sich auch frhzeitig an den _delfischen_ Apollo; italische Stdte wie Spina und Cre hatten im delfischen Heiligtum wie viele andere mit demselben in regelmigem Verkehr stehende Gemeinden ihre eigenen Schatzhuser. Auerdem zeugt dafr die frhe Aufnahme des mit dem delfischen Orakel eng zusammenhngenden griechischen Wortes +thesaurus+ in die lateinische Sprache und die lteste rmische Form des Namens Apollon Aperta, der Erffner, eine etymologisierende Entstellung des dorischen Apollon, deren Barbarei eben ihr hohes Alter verrt. Sechstes Kapitel. Beobachtung der Himmelszeichen, Vgel, Blitze u.s.w., und Opferschau. Da nach der Anschauung der Alten Zeus-Jupiter, der _Himmelsvater_, der Beherrscher der Atmosphre, der hchste Gott und Lenker aller irdischen Geschicke war, so wird es begreiflich, da sie den Erscheinungen des Luftraums die grte Aufmerksamkeit zuwenden zu mssen glaubten, weil sie nun einmal von dem Glauben beseelt waren, da der Gott ihnen seinen Willen durch Zeichen kundgeben wolle. Erklrlich wird es daher auch, da die Segler der Lfte, die Vgel, in ihren Augen als bevorzugte Boten dieses hchsten Gottes erschienen und neben anderen eigentlich meteorologischen Phnomenen zwar nicht immer als die vornehmsten, so doch als die hufigsten Trger der gttlichen Zeichensprache betrachtet wurden. +Denominatio fit a potiori.+ Man nannte jedes Himmelszeichen +auspicium+, wenn es sich ungesucht darbot, +augurium+, wenn es absichtlich eingeholt und erbeten war. Beide Worte aber sind Zusammensetzungen mit +avis+= der Vogel. +Avis+ wurde geradezu mit +omen+ gleichbedeutend gebracht. -- Diesen Brauch, der offenbar in die dunkle arische Vorzeit zurckreicht, in der Italiker und Griechen sich noch nicht auf ihrer Wanderung getrennt hatten, finden wir bereits bei den Homerischen Griechen; und da es schon damals im edelsten Sinne _starke Geister_ gab, die diese Superstition verachteten, beweisen die unsterblichen Worte Hektors (+Ilias XII, 236-243+): Du hingegen ermahnst, den weitgeflgelten Vgeln Mehr zu vertraun. Ich achte sie nicht, noch kmmert mich solches, Ob sie rechts hinfliegen zum Tageslicht und zu der Sonne, Oder auch links dorthin zum nchtlichen Dunkel gewendet. Wir vertrauen auf Zeus, des Hocherhabenen, Ratschlu, Der die Sterblichen all' und die ewigen Gtter beherrschet! _Ein Wahrzeichen nur gilt: das Vaterland zu erretten!_ Wrtlich heit hier der letzte berhmte Vers im Griechischen: %heis oinos aristos machein peri patridos ais%. d.h. ein Vogel (weissagender Vogel) ist der beste, zu kmpfen fr den vaterlndischen Boden! Vo, dessen bersetzung ich citiere, hat eben von der schon im Griechischen blichen Verallgemeinerung der Wortbedeutung Gebrauch gemacht. Bei den Rmern scheint dieser starke Geist Hektors anfnglich nicht geherrscht zu haben und erst allmhlich und zwar, wie wir bereits im vierten Kapitel zu Anfang hervorhoben, auf Umwegen zur Geltung gebracht zu sein. Der rmische Staat hatte im Priesterkollegium der _Auguren_ ffentliche Diener angestellt, die bei jeder wichtigen Staatsangelegenheit, als Ausleger und Verkndiger des hchsten Jupiters alle Arten von Himmelszeichen, insbesondere aber den Flug der Vgel zu beobachten hatten. Auf den ersten Blick mu die Macht dieser Priester sehr gro erscheinen, da weder in inneren noch in ueren Angelegenheiten irgend etwas ohne die Besttigung ihrer Zeichen vollfhrt werden durfte, und sie jedem Beginnen die Weihe gaben, weshalb der Ausdruck unter den _Auspicien_ jemandes fungieren, der ja noch heutzutage nicht ungewhnlich ist, geradezu gleichbedeutend wurde mit in jemandes Diensten stehen. Cicero (+de leg. II, 8 und 12+) sagt von ihnen: Es mssen zwei Arten von Priestern vorhanden sein, die eine fr den Gottesdienst, die andere zur Auslegung der vom Staat anerkannten Weissagungen. Aber die Ausleger des hchsten und besten Jupiters, die ffentlichen _Auguren_, sollen in Zeichen und Vorbedeutungen das Zuknftige sehen, die Disziplin festhalten, Priester, Felder und Wlder und das Heil des Volkes weihen, allen Volksvertretern im Krieg und Frieden die beobachteten Zeichen ankndigen, und diese ihnen gehorchen, vorhersehen, was die Gtter erzrnt, und demselben begegnen, des Himmels Blitze nach abgemessenen Rumen bestimmen, Stadt und Land in Tempel ausgeschieden und geweiht haben, und was ein Augur fr unrecht, sndhaft, fehlerhaft und greuelhaft bezeichnet hat, das soll ungltig und nichtig sein, und wer dawider handelt des Todes schuldig. -- Gro und herrlich ist im Staate das Recht der Auguren, wo es mit Ansehen und Einflu begabt ist. Denn was ist hher, als Versammlungen, die von den hchsten Gewalten im Heere und den hchsten Mchten im Staate angeordnet sind, whrend ihrer Dauer auflsen oder nach ihrer Schlieung verwerfen? Was ist wrdevoller als die Vereitlung eines Unternehmens durch das Wort eines einzigen Augurs 'Ein ander Mal!' Was ist erhabener als die Macht zu bestimmen, da Konsuln ihr Amt niederlegen? Was ist heiliger als das Recht, die Erlaubnis zu Verhandlungen mit dem Volke geben und nehmen, und ein nicht nach Gebhr beantragtes Gesetz ungltig machen zu knnen? * * * * * Der Glaube der _alten_ Rmer an die Unfehlbarkeit der Auspicien war so unerschtterlich, da sie, wenn ein Unternehmen trotz guter Zeichen nicht glcklich von Statten ging, lieber eine fehlerhafte Beobachtung voraussetzten. Oft muten daher die Feldherrn, wenn ihnen ein Unfall begegnet war, um neue Zeichen einzuholen (+nova auspicia captare+), nach Rom zurckkehren. Die Kunst der Auguren galt als Geheimwissenschaft. ber ihr Verfahren ist uns folgendes bekannt: Man unterschied stdtische und lndliche Auspicien. Die ersteren wurden innerhalb des +pomoeriums+ vorgenommen, d.h. innerhalb des Umkreises, den Romulus und Remus in der uralten Form der Stdtegrndung mittelst eines Pfluges gezogen hatten. Die stdtischen Auspicien wurden in der Regel auf einem bestimmten Platze des Kapitols, der ein fr allemal diesem Zwecke geweiht war, dem sog. +auguraculum+, vorgenommen. -- Nur Feldherrn durften auerhalb des Stadtkreises sog. lndliche Auspicien anstellen lassen. Auch dann mute der Augur erst einen bestimmten Platz einweihen, den man +templum+ nannte. Innerhalb dieses Raumes schied er wieder einen kleineren zur Aufschlagung seines Zeltes aus. Auf letzteren bezieht sich die uerung des Servius: Andere verstehen unter +templum+ nicht blo einen verschliebaren, sondern auch einen mit Pfhlen oder Spieen und dergleichen abgesteckten und mit Fellen oder etwas hnlichem verhngten Raum, der durch Spruchformeln geweiht ist (+ecfatus+). Mehr als _einen_ Ausgang darf derselbe nicht haben, weil dort der Auspicierende sich lagern mu. Man whlte dafr am liebsten hohe, selten von Menschen besuchte Berggipfel, die man wegen der weiten Aussicht +tesca+ (von +tueri+) nannte. Sodann wurde der ganze von hieraus sichtbare Himmelsraum mittels des _Krummstabes_ (+lituus+)[633], dem Vorbilde des noch jetzt von den katholischen Bischfen gefhrten Bischofsstabes, in zwei Teile gedanklich zerlegt. Den Krummstab in der Hand, das Haupt verhllt, wendete der Augur zuerst sein Gesicht nach Osten und grenzte unter Gebeten die Gegend von Westen nach Osten ab, indem er von sich aus zu einem am Horizonte hervorragenden Punkte eine Linie gezogen dachte. Was nrdlich dieser Linie lag, nannte er die linke, was sdlich, die rechte Seite. In den meisten Fllen galten die Vgel, die von rechts kamen, fr gnstige (+dextra auspicia prospera+). Doch kam es auch auf die Gattung an; z.B. gewhrte die Krhe, wenn sie von links kam, der Rabe, wenn er von rechts kam, Zustimmung. Der beste Vogel war der Vogel Jupiters, der Adler, wenn er von rechts kam. brigens beobachtete man nicht nur den _Flug_ der Vgel, sondern auch das Fressen der eigens zum Zwecke der Auspicien gehaltenen _heiligen Hhner_. Von letzteren bemerkt daher mit feiner Ironie Plinius (+H. N. X.21+): Sie sind es, welche unsere Beamten alltglich regieren, und ihnen ihre Behausungen verschlieen oder aufriegeln, die die rmischen Fasces antreiben oder zurckhalten, Schlachten gebieten oder verhindern, die Einleiter aller errungenen Siege auf dem ganzen Erdkreise: sie zumal sind es, die den Gebietern dieser Welt gebieten. -- Wir haben freilich schon angedeutet, wie diese Bedeutung des Vogelflugs und der heiligen Hhner wenigstens in der historischen Zeit nur eine sehr scheinbare gewesen ist. Wenn auch das Beispiel jenes Claudiers, der, als ihm vor Beginn einer Schlacht gemeldet wurde, die heiligen Hhner wollten nicht fressen, diese mit der Bemerkung, nun so mgen sie saufen, ins Meer werfen lie, keine Billigung fand, so pflegte man doch kein Auspicium mehr als dieses in seiner Hand zu haben. Dasselbe war gnstig, wenn die Hhner recht hurtig aus dem Kfig sprangen, sich munter geberdeten und so gierig ber das Fressen herfielen, da ihnen ganze Brocken des vorgesetzten zhen Breies (+puls+) aus den Schnbeln fielen. Cicero, _der selber Augur war_, schreibt ber die Auspicien in seinem Buche ber die Weissagung (+de divinatione II,33+): Doch sehen wir zuerst die Auspicien. Ein schwer zu bekmpfender Punkt fr einen Augur. Fr einen Marsischen vielleicht; aber fr einen Rmischen uerst leicht. Denn wir sind nicht Auguren der Art, da wir aus der Beobachtung der Vgel und sonstigen Zeichen die Zukunft verkndigten. Wiewohl ich dennoch glaube, Romulus, der die Stadt mit Auspicien erbaute, habe die Meinung gehabt, da es fr das Vorhersehen der Dinge eine Augurenwissenschaft gebe, -- denn das Altertum hat in vielen Punkten geirrt, -- die wir jetzt teils durch Gebrauch, teils durch die Lehre, teils durch die Zeit verndert sehen. Es wird aber wegen des Volksglaubens und zum groen Vorteil des Staats Brauch, Religion, Wissenschaft, Recht der Auguren und die Wrde des Kollegiums beibehalten. Allerdings sind die Konsuln P. Claudius und L. Junius hchst strafwrdig, indem sie gegen die Auspicien ausschifften. Sie htten der Regierung gehorchen sollen und die vterliche Sitte nicht so hartnckig verschmhen. Mit Recht hat also den einen das Weltgericht verurteilt, und der andere sich selbst entleibt. Flaminius gehorchte den Auspicien nicht; er ging daher mit dem Heer zu Grunde. Aber ein Jahr spter gehorchte Paulus: ist er darum weniger im Treffen bei Cannae samt dem Heere gefallen? Und, gebe es Auspicien, wie es keine giebt: so sind wenigstens die, deren wir uns bedienen, Tripudium oder Wetterzeichen, Schatten von Auspicien, Auspicien auf keine Weise. 'O, Fabius, ich begehre, da du mir auspicieren helfest.' Er antwortet: 'Ich hab's gehrt.' Hierzu wurde bei unsern Vtern ein Sachverstndiger genommen, jetzt ein jeder. Notwendig mu aber der ein Sachverstndiger sein, der wissen will, was +Silentium+ ist. Denn +Silentium+ nennen wir bei den Auspicien dasjenige, was frei von allem Mangel ist. Die zu verstehen ist Eigenschaft eines vollkommenen Augurs. Wenn aber der Auspicierende dem, der zum Auspicium genommen wird, also geboten hat: 'Sage, ob dir +Silentium+ vorhanden zu sein scheint?' so sieht dieser weder rechts noch links, und antwortet sogleich: Es scheine +Silentium+ vorhanden zu sein. Darauf spricht jener: 'Sage, ob die Vgel fressen?' 'Sie fressen?' Welche Vgel? oder wo? Es hat, heit es, in einem Kfig Hhner gebracht der Mann, der davon der Hhnermann (+pullarius+) heit. Diese Vgel sind also die Boten Jupiters. Ob sie fressen oder nicht? was kommt darauf an? Fr die Auspicien nichts. Weil aber, wenn sie fressen, es notwendig ist, da ihnen etwas aus dem Maul fllt und auf die Erde schlgt, +terram pavire+, so hat man dies zuerst +Terripavium+, hierauf +Terripudium+ genannt, und das heit jetzo +Tripudium+. Wenn also der Brocken dem Huhn aus dem Maul fllt, so verkndigen sie dem Auspicierenden das +Tripudium faustissimum+. Kann nun ein solches Auspicium etwas gttliches haben, das so erzwungen und abgepret ist? Da die ltesten Auguren sich dessen nicht bedient, dafr ist Beweis ein alter Spruch des Kollegiums, den wir haben, da jeder Vogel ein Tripudium machen knne. Dann wre es also wohl ein Auspicium, wenn es ihm frei stnde, sich anzuzeichen: dann knnte jener Vogel Dolmetscher und Trabant Jupiters scheinen. Jetzt aber, wenn er in einen Kfig eingeschlossen und vor Hunger ohnmchtig, auf die Mubrocken strzt, und wenn ihm etwas aus dem Schnabel fllt, hltst du das fr ein Auspicium, oder glaubst du, da Romulus auf diese Art zu auspicieren gepflegt habe? Glaubst du nicht, da diejenigen, welche auspicierten, auch die Wetterzeichen zu beobachten pflegten? Nun befehlen sie dem Hhnermann. Der sagt ihnen Antwort. * * * * * Eine andere in Rom minder geachtete, nichtsdestoweniger aber eben so oft in Funktion tretende Gattung von offiziellen Weissagern waren die _Opferschauer_ oder +haruspices+. Es scheint, da das +haruspicium+ nach Rom von den Etruskern eingefhrt worden ist, wenngleich daneben dieselbe Praxis der Eingeweideschau beim Opfern auch bei vielen asiatischen Vlkern und bei den Griechen bestanden hat. Jedenfalls beweist der Umstand, da die Haruspices gedungene Auslnder waren, da es sich um eine nicht ursprnglich nationale bung handelte. Die Rmer wollten eben nichts entbehren, was in Fllen der Not von Bedeutung sein konnte. brigens soll schon der ltere Cato, ein Mann von sonst streng religiser Gesinnung geuert haben, er wundere sich, wie ein Haruspex den andern ohne Lachen ansehen knne. Erwhnung verdient auch ein von Cicero berliefertes Wort Hannibals; als der Knig Prusias, bei dem Hannibal in der Verbannung lebte, sich weigerte, ein nach Hannibals Rat gnstiges Terrain zu einem Treffen zu benutzen, weil die Eingeweide es verbten, sagte er: Willst du einem Stckchen Kalbfleisch lieber als einem ergrauten Feldherrn glauben? -- Ungeachtet aller Aufklrung und alles Gespttes hielt sich der Brauch gleichwohl noch lange im rmischen Heere; Csar zwar gab wenig darauf und setzte, obwohl von dem vornehmsten Haruspex gewarnt, im Brgerkriege gegen Pompejus nach Afrika ber. Whrend desselben stand bekanntlich Cicero auf des Pompejus Seite, und er schreibt seinem Bruder: In diesem Brgerkrieg, o ihr Unsterblichen! wie vieles trog! welche Antworten der Haruspices wurden uns von Rom geschickt! was hat man nicht dem Pompejus gesagt! Denn dieser glaubte stark an Eingeweide und Wunderzeichen. Ich habe nicht Lust zu erzhlen und es ist auch nicht ntig, am wenigsten dir, der du dabei warst. Du siehst inzwischen, da alles den entgegengesetzten Ausgang von den Prophezeiungen genommen. * * * * * Interessant ist es schlielich noch, auf die Beobachtung der _Blitze_ zu kommen. Denn aus einer Stelle in den naturwissenschaftlichen Untersuchungen des Seneca (+quaest. nat. 49+) mssen wir folgern, da bereits die alten _Etrusker_, die Lehrmeister der Rmer in dieser Art von Auspicien, es verstanden haben, _durch gewisse uns genauer nicht bekannte elektrische Experimente Blitze herabzuziehen oder gar zu erzeugen_. Sonderbarerweise taucht hier der Jahrtausende spter in der Geschichte der Elektrizittslehre so berhmt gewordene Name _Volta_ -- die Geschichte macht manchmal derartige Witze, -- zum erstenmale auf. Plinius berichtet nmlich ber diese Sache folgende (+H. N. II,54+): In den Annalen wird berichtet, da man durch gewisse Ceremonien und Sprche den Blitz erzwingen oder entlocken knne. Es ist eine alte Sage Etruriens, da man ihn entlockt habe, als ein Zauberer, namens _Volta_, nach Verheerung des Landes endlich sogar die Stadt Volsinii damit bedrohte: auch sei er vom Knig Porsenna herabgezogen worden und vor diesem fters durch Numa, wie L. Piso im ersten Buche seiner Annalen meldet, und Tullus Hostilius sei, als er dies nachmachen wollte und in der Ceremonie fehlte, vom Blitz erschlagen worden. Wir haben ferner Haine, Altre und Ceremonien, in denen man neben einem Jupiter Stator, Tonans und Feretrius auch einen _Elicius_ genannt hrt. Feretrius ist der _einschlagende_ Jupiter, Elicius der herabgelockte, also etwa der mittels Blitzleiters aufgefangene Blitz. Die Operation des Numa beschreibt uns Ovid (+Fast. III, 325ff.+) in folgender Weise: Dich Jupiter locken sie vom Himmel herab. Daher verehren dich auch die Nachkommen unter dem Namen Elicius (der Herabzulockende). Die Wipfel des aventinischen Waldes, so erzhlt man allgemein, zitterten, und niedersank die Erde von Jupiters Last gebeugt. Des Knigs Herz klopft, blutlos wird seine ganze Brust, und strubend starren die Haare. Sobald sein Mut wiederkehrte, sprach er: '_Knig und Vater der erhabenen Gtter, entdecke sichere Vershnungsmittel deines Blitzes_, wenn wir immer mit heiligen Hnden die dir geweihten Altre berhrt haben, und wenn auch das, was ich wnsche, geheiligt meine Zunge fleht!' Durch Wink versprach er's dem Flehenden, doch mit entferntem Umschweife verbarg er die Wahrheit, und schreckte durch schwankenden Ausspruch den Knig. 'Einen Kopf haue ab', sprach er. Und ihm erwiderte der Knig: 'Ich will gehorchen: Ein Zwiebelkopf aus meinen Grten gegraben, soll abgehauen werden.' Jener setzte hinzu: 'Von einem Menschen!' Und er erwiderte ihm: 'das oberste Haupthaar.' Er forderte eine Seele und ihm antwortete Numa: 'die eines Fisches.' Er lachte und sprach: 'Damit vershne, o Mann, wrdig der Teilnahme an meiner Unterredung, meine Geschosse. Doch, wenn morgen der Gott von Cynthos seine ganze Scheibe dargestellt hat, so will ich dir sichere Pfnder eurer Herrschaft senden.' _Sprachs, und oben der ther wurde, sagt man, von gewaltigem Donner erschttert_; und nun verlie er den betenden Numa. Seelenfroh kehrt dieser wieder und erzhlt den Quiriten den Vorfall. Zaudernd und schwer war ihr Glaube an diese Erzhlung. 'Wahrlich glauben wird man nur, sprach er, wenn meine Rede Erfllung begleitet.' Siehe, hre wer da ist, was morgen geschieht. _Wenn der Gott von Cynthos ganz seine Scheibe dem Erdball dargestellt hat, will uns Jupiter sichere Pfnder unserer Herrschaft senden._ Voller Zweifel gehen sie heim, und zgernd dnkt ihnen die Versprechung: vom kommenden Tage hngt die Gewiheit der Rede ab. Noch weich und vom Frhthau bereift war die Erde, als vor seines Knigs Schwelle das Volk erschien. Er trat hervor und setzte sich mitten im Kreise auf einen ehernen Thron. Unzhlbar standen die Mnner um ihn stillschweigend. Soeben erschien am uersten Rande Phbus, und schon zagten von Hoffnung und Furcht gengstigt ihre Seelen. _Er erhub sich, und das Haupt umhllt mit schneeweier Hlle, reckte er empor seine Hnde, die die Gtter schon kannten_, und rief nun also: '_Es ist gekommen die Zeit des verheienen Geschenkes: gewhre Jupiter deiner Rede die versprochene Wahrheit!_' Inde er so spricht, hatte die Sonne ihre ganze Scheibe aufgetaucht, und es _ertnte von der Axe des thers ein furchtbares Krachen. Dreimal donnerte der Gott vom hohen Gewlbe, dreimal loderten Blitze. Glaubet meiner Erzhlung: Wunder berichte ich, aber doch geschehene Wunder._ * * * * * Wenn man also nicht entweder an thatschliche Wettermagie (Wetterhexen usw.) glauben, oder annehmen kann, da jene Berichte der Annalen auf leeren Fabeln beruhen, so liegt die Vermutung nahe, da den alten Etruskern und den in deren Geheimlehre eingeweihten rmischen Priestern auf Grund zuflliger empirischer Beobachtung einige elektrische Phnomene bekannt gewesen sind, wie sie spter einen Franklin zur Erfindung des Blitzableiters fhrten. Diese geringen Keime wirklicher naturwissenschaftlicher Kenntnis knnen sich sehr wohl mit einem System des rohsten Aberglaubens verquickt haben, so da die Praktiker jener einfachen Manipulationen selber ihre Wirksamkeit fr eine magische ansahen und den dabei gebrauchten Formeln und Ceremonien ebenso groe Bedeutung beilegten, wie den wirklich kausal wirksamen Operationen. Auch heutzutage wiederholt sich ja noch auf dem Gebiete des Hypnotismus dieselbe Erscheinung, und was war die Alchemie und Astrologie des Mittelalters anderes, als ein sonderbares Gemisch wster Vorstellungen und Phantasien aus einigen wenigen zufllig erlangten Kenntnissen von chemischer und astronomischer Bedeutung. Wenn man nun auch aus geschichts-wissenschaftlichem Interesse bedauern mag, da uns nichts Genaueres ber die Methode des Blitzableitens der Alten berliefert ist, so wrde man doch jedenfalls sehr fehlgreifen, wollte man im brigen all zu tiefe Geheimnisse in der etruskischen Lehre von den Blitzen wittern. Nach Plinius sollen die Etrusker _zwlferlei_ verschiedene Blitze unterschieden haben; Seneca dagegen schreibt (+naturales quaestiones II,41+): Die Etrusker legen dem Jupiter _dreierlei_ Blitze bei; die erste Gattung warne und sei gndig, und Jupiter werfe sie auf eigenen Rat; die zweite werfe er gleichfalls, doch nur nach Beschlu seines Staatsrats (+ex consilii sententia+), indem er die zwlf Gtter berufe, und dieselbe fromme zwar, doch nicht ohne Ahndung; die dritte vollends werfe er nur nach Befragung der sog. _hheren_ oder _verhllten_ Mchte, und dieselbe verheere und hemme und verwandle unbarmherzig den jedesmaligen Zustand der Einzelnen wie des Ganzen; denn das Feuer lasse nichts bestehen. * * * * * Es geht brigens aus sonstigen Angaben der alten Schriftsteller (Plinius, Festus, Ammianus) hervor, da die Blitze, welche die Etrusker in ihrer Blitztheorie behandelten, durchaus nicht blos eigentliche Blitze waren, da sie vielmehr auch Sternschnuppen, Irrlichter, pltzliche Lhmungen oder Schlagflsse als verschiedene Gattungen von Blitzen betrachtet haben. Die Rmer hatten von den zwlferlei Blitzen der etruskischen Lehre nur zwei oder drei angenommen, deren Unterschied lediglich durch die Zeiten -- Nacht, Tag und Zwielicht -- bestimmt wurde. Alle Gegenstnde, die vom Blitze berhrt waren, galten als heilig. Vom Blitze getroffenes Erdreich fate der Pontifex zusammen (+ignes colligere+), verbarg es unter Flstern gewisser Gebetsformeln unter dem Boden und grub einen Stein, in den sich der Blitz verwandelt haben sollte, ohne Zweifel einen Kiesel, mit hinein (+fulgur condere+). Man umgab dann den Ort zum Schutze mit einer Mauer und versah ihn mit einem Altar, um zu opfern; der Ort, der +puteal+ genannt wurde, durfte nicht berdacht werden. Man glaubte, wer ein so geheiligtes Erdreich aufwhle, werde von den Gttern mit Wahnsinn gestraft werden. Wenn Bume vom Blitz getroffen waren, ohne zu verbrennen, so trug man Sorge, da sie nicht ausstarben. Ein solcher Baum war der schon erwhnte Feigenbaum, +ficus ruminalis+, auf dem Forum. Wenn dieser Baum verdorrt, sagt Plinius, so tragen die Priester immer wieder Sorge, da er erneuert wird.[634] Ein anderer derartiger Baum, eine Kornelkirsche, stand am Palatinischen Hgel. Wenn jemand bemerkte, da derselbe der Feuchtigkeit entbehre, so brauchte er nur Wasser zu rufen, und auf der Stelle kamen diejenigen, die es vernommen hatten, mit Gefen herbei, um ihn zu begieen.[635] War gar ein Mensch vom Blitze berhrt worden ohne gettet zu werden, so galt er als ganz besonderer Liebling der Gtter; wurde er aber gettet, so durfte seine Leiche weder verbrannt noch anderswo bestattet werden; sie wurde auf der Stelle, wo man sie fand, beerdigt. Achtes Buch. Der Occultismus der Alexandriner, Neupythagorer und Neuplatoniker. Von Karl Kiesewetter. Vorbemerkung. Wie bereits im Vorwort bemerkt, ist das folgende achte Buch das einzige, das der leider so pltzlich aus seiner Arbeit abgerufene Herausgeber des Gesamtwerkes ber die Geschichte des Occultismus fr diesen zweiten Band bereits im Manuskript fertiggestellt hatte. Meine Arbeit an diesem achten Buch beschrnkt sich auf die Ordnung der mir allerdings in sehr ungeordnetem Zustande bersandten Manuskripte in die im folgenden gewahrte Reihenfolge, die der vom Verfasser beabsichtigten Disposition entsprechen drfte; stellenweise habe ich einige Lcken aus frheren Einzelaufstzen Kiesewetters (+Sphinx+) ergnzt. Dagegen ist sonst der ganze Inhalt des achten Buchs geistiger Nachla Kiesewetters; ich mu daher auch die _wissenschaftliche_ Verantwortung fr den Inhalt ablehnen. Wenn hierdurch der einheitliche Charakter dieses Bandes des Occultismus des Altertums unterbrochen wird, da selbstverstndlich die Auffassung Kiesewetters mit der meinigen nicht immer kongruiert, so wird dies der Leser gern in den Kauf nehmen in Anbetracht der unzweifelhaften Grndlichkeit und Belesenheit des verstorbenen Gelehrten, dessen posthume Arbeit hier eingeschaltet wird. Die Wertschtzung, welche Kiesewetter den offenbar von ihm mit besonderer Vorliebe und daher antizipatorisch behandelten Alexandrinern, Neupythagorern und Neuplatonikern angedeihen lie, kann ich persnlich nicht teilen; ich wrde mich daher zu einer so eingehenden Bercksichtigung dieser Mystiker niemals haben entschlieen knnen. Umsomehr freue ich mich, anstatt einer eigenen Bearbeitung derselben die uerst grndliche Berichterstattung Kiesewetters ber diese Periode der Philosophie den Lesern bieten zu knnen. Denn wenn ich auch diese Periode als diejenige des uersten Verfalls des ursprnglich hoffnungsreicheren philosophischen Geistes des griechischen Altertums betrachte, so verdient sie vielleicht doch trotzdem eine gewisse Beachtung. Und je unerquicklicher das Studium der konfusen und geschmacklosen Originalwerke, besonders der wsten Exsudate eines Philo, ist, um so dankbarer drfen wir einer bei aller subjektiven Vorliebe doch so objektiv gehaltenen auszugsweisen Darstellung sein, wie sie der leider so frh dahingeschiedene fleiige Gelehrte uns im folgenden bietet. L. K. Erste Abteilung. Die Alexandriner. I. Philo von Alexandria. Erstes Kapitel. Philos Leben und Lehrweise. Alexandria ist die wissenschaftliche Metropole des klassischen Altertums. Bald nach seiner Grndung durch den groen Makedonier entstanden daselbst eine Anzahl wissenschaftlicher Anstalten, in welchen Gelehrte aller Art durch die Freigebigkeit des Frstengeschlechts der Ptolemer als Staatspensionre sorgenlos und ungestrt ihren Studien lebten. Die wichtigste dieser Anstalten war das Museion mit einer 250 v.Chr. schon 400000 Rollen zhlenden Bibliothek, welche zwar bei der Belagerung Alexandrias durch Julius Csar in Flammen aufging, aber durch Marc Anton, der Kleopatra die 200000 Rollen starke Bibliothek der Knige von Pergamon schenkte, zum Teil wieder ersetzt wurde. In zweiter Linie ist das Serapeion zu nennen, dessen Bibliothek zu oben genannter Zeit etwa 45000 Rollen stark war. An diesen Quellen holten sich 700 Jahre lang die berhmtesten Philosophen, Theologen, Philologen, Astronomen, Mathematiker und rzte ihre Bildung, bis Caracalla das Museion schlo und die Pensionen der Gelehrten einzog, bis im Jahre 389 der fanatische christliche Patriarch Theophilos das Serapeion verbrannte und der arabische Feldherr Amru im Jahre 642 mit den noch brigen 300000 Rollen der ptolemischen Bibliothek viertausend Bder sechs Monate lang heizte. In Alexandria, der den Verkehr des Morgen- und Abendlandes vermittelnden Weltstadt, fand zuerst die Verschmelzung griechischer Philosophie und uralt-orientalischer Weltanschauung statt, welche als alexandrinische Philosophie bezeichnet wird. Im letzten vorchristlichen und ersten christlichen Jahrhundert erscheint uns dieselbe als eine Verbindung altjdischer Glaubensstze, platonischer Ideeen und buddhistischer Elemente. Dieser groe Einflu des Judentums kann uns nicht Wunder nehmen, wenn wir bedenken, da sich zur Zeit des Augustus eine Million Juden in gypten aufhielten und sich namentlich in Alexandria mit griechischer Kultur und Wissenschaft befreundet hatten. In Alexandria entstand die griechische bersetzung des alten Testaments durch die siebenzig Dolmetscher (die Septuaginta), und hier bildete der Jude Philo, die griechische Philosophie mit den heiligen Bchern des Judentums durch allegorische Auslegungen in bereinstimmung bringend, die oben genannte alexandrinische Philosophie oder -- besser gesagt -- Theosophie aus. Von Philos Leben wissen wir sehr wenig. Nach seinen eigenen Angaben und denen des Kirchenvaters Hieronymus stammte Philo aus einer sehr angesehenen und reichen Priesterfamilie und wurde um 20 v.Chr. zu Alexandria geboren. In seiner Jugend lebte er ausschlielich den Wissenschaften und stiller Beschaulichkeit; spter jedoch sah er sich gentigt, im Interesse seiner Glaubensgenossen in den Gang der ffentlichen Geschfte einzugreifen. Die Veranlassung war folgende: Die etwa siebenzigtausend Kpfe starke Judengemeinde zu Alexandria lebte -- _wie berall, wo starke Judengemeinden mit Andersglubigen zusammenlebten_, -- wegen ihres _Wuchers_ und _sonstigen blen Eigenschaften_ -- mit den griechisch-gyptischen Einwohnern in solchem Unfrieden, da im ersten Regierungsjahre Caligulas unter dem Prfekten Flaccus eine blutige Judenverfolgung ausbrach. Sie wurde zwar gedmpft, aber der Ha glomm unter der Asche fort. Als nun spter Caligula gttliche Verehrung verlangte, welche die hellenischen Alexandriner willig leisteten, die Juden aber auf Grund ihrer religisen Vorschriften verweigerten, kam eine noch grimmigere Verfolgung zum Ausbruch. Der Pbel fiel unter dem Schein, des Kaisers Sache zu verfechten, ber die Juden her, und der Prfekt Flaccus that dem Wten desselben keinen Einhalt. In ihrer Not entschlo sich die alexandrinische Judengemeinde, an den Urheber ihrer Leiden, an Caligula selbst, eine Gesandtschaft zu schicken, die dessen Wohlwollen und Schutz erflehen sollte. Philo nebst vier anderen bildete diese Gesandtschaft, welche jedoch nicht nur nichts ausrichtete, sondern sogar lngere Zeit in groer Lebensgefahr schwebte. Ja, sie mute sogar erleben, da Caligula dem Statthalter von Syrien, Petronius, befahl, die kaiserliche Bildsule im Tempel zu Jerusalem aufzustellen. -- Diese Umstnde berichtet Philo selbst in seinem Buch +De legatione ad Cajum+. -- Wie Josephus erzhlt[636], fhrte jedoch Petronius den kaiserlichen Befehl nicht aus und wurde zum Tode verurteilt, sein Leben verdankt er nur der schnellen Ermordung Caligulas. -- Wie Eusebius in seiner Kirchengeschichte berichtet, soll Philo nach Caligulas Tod seine Schrift +De legatione ad Cajum+ im Senat vorgelesen haben; allein es ist im hchsten Grad unwahrscheinlich, da ein Jude der hchsten rmischen Behrde eine von grimmigstem Rmerha strotzende Schmhschrift htte zur Kenntnis bringen drfen. Unwahrscheinlich ist auch die Angabe, da Philo in Rom Petrus kennen gelernt habe und Christ geworden sei. Hingegen ist gewi, da Philo Palstina besuchte, um der Esser willen, deren Kopfzahl er in seinem Buch +Quod omnis probus liber+ auf viertausend angiebt. An dieser Stelle will ich wenigstens der _talmudistischen_ Tradition Erwhnung thun, da der jugendliche Jesus whrend des Aufenthaltes seiner vor den Nachstellungen des Panthera -- nicht des Herodes -- geflohenen Eltern in gypten, Schler Philos gewesen sei.[637] -- Philo starb um 45 n.Chr. Philo hat sehr viel geschrieben, jedoch liegt eine spezielle Anfhrung seiner Schriften um so weniger in unserer Absicht, als die wichtigsten derselben doch im Laufe unserer Darstellung genannt werden mssen. Die philonischen Schriften zerfallen in historische, philosophische, politische und allegorische, und wenn auch seit etwa zweihundert Jahren von alexandrinischen Juden Versuche gemacht worden waren, das alte Testament esoterisch zu deuten, so ist doch Philo als der eigentliche Vater der theosophischen Allegorie zu betrachten. Er sagt ber dieselbe[638]: Damit wir die Zeugung und Geburt der Tugend beschreiben knnen, sollen die Aberglubischen ihre Ohren verschlieen oder sich entfernen, denn wir lehren gttliche Mysterien, aber nur solchen Seelen, welche ihrer wrdig sind. Dies sind diejenigen, welche ungeschminkte Frmmigkeit ohne Prunk ben. Jenen andern aber, welche von einer unheilbaren Krankheit, nmlich dem Pochen auf den _Klang_ der Worte, dem Kleben an Namen, der Gaukelei mit Gebruchen befallen sind und sonst nichts hheres ahnen, wollen wir die heiligen Geheimnisse nicht mittheilen. Alles wird Philo zum Symbol: so ist ihm Adam der niedere sinnliche Mensch berhaupt, Kain die Selbstsucht, Abel die Gottergebenheit, Enoch die Hoffnung, Jenoch die Bue und Noah die Gerechtigkeit. Abraham wird zum Symbol der durch Erziehung weise gewordenen Seele, Isaak der von Natur aus weisen und Jakob der durch mystische bung weise gewordenen. Sarah ist das Sinnbild der eingeborenen Tugend, Joseph das des politischen Treibens und Moses die hchste Darstellung des prophetischen Geistes. -- gypten ist das Symbol des Leibes, Kanaan der Frmmigkeit; die wilde Taube ist Sinnbild der gttlichen Weisheit, die zahme der menschlichen; das Lamm ist das Bild der reinen Seele, weil es unter allen Tieren das reinste ist[639], usw.usw. Die in der Genesis erzhlten Schicksale der Urvter und Patriarchen werden als die verschiedenartigen Vernderungen, Gestaltungen und Entwickelungen der im Menschen vorhandenen seelisch-geistigen Krfte in einer Weise dargestellt, die sowohl an Jakob Bhme als an die lteste indische Geheimlehre erinnert. Folgende Beispiele mgen dies erlutern. ber die Geburt Kains sagt Philo[640]: Man mu sich oft ber das Ungewhnliche in der Darstellung unseres Gesetzgebers wundern, denn wenn er vom ersten Menschen reden will, der von Menschen und nicht von Gott -- wie die zwei Urmenschen -- abstammt, und den er zuvor garnicht genannt hat: so setzt er dessen Namen geradezu her, als wre er lngst bekannt und wrde jetzt nicht zum erstenmal genannt. 'Sie gebar den Kain.' Man mchte fragen, was fr ein Kain ist dies? Hast du vorher das Geringste ber ihn gesagt? Und doch kennst du die richtige Stellung der Namen so gut, denn nur einige Verse weiter unten kann man es dir an einem Beispiel von derselben Person nachweisen: Adam erkannte Eva, sein Weib, und sie gebar ihm einen Sohn, und er nannte seinen Namen Seth! Httest du nicht viel eher bei dem Erstgeborenen der Shne Adams und aller Menschen sein Geschlecht angeben sollen, ob es weiblich oder mnnlich, und dann erst den Namen hinten ansetzen? Da es nun am Tage liegt, da der Gesetzgeber nicht aus Unkenntni von der gewhnlichen Sprechweise abwich, so ist es billig, da wir nach der Ursache dieser Eigenheit fragen. Sie scheint mir folgende zu sein: Die brigen Menschen gebrauchen Namen, die dem nicht entsprechen, was bezeichnet werden soll. Bei Moses hingegen sind die Namen klare Spiegel der Sachen, so da beide eins sind. Unter anderem ist unsere Stelle ein deutlicher Beleg fr diese Behauptung. Wenn nmlich unser Geist, der hier Adam genannt wird, mit der sinnlichen Kraft zusammen trifft, durch welche alles Belebte lebt (die hier Eva heit), und nach Vereinigung strebend, sich ihr naht, so empfngt die Seele die sinnlichen Gegenstnde wie in einem Netze und macht auf sie Jagd, mit den Augen auf die Farben, mit den Ohren auf die Tne, mit der Nase auf die Dfte, mit dem Gaumen auf die Gegenstnde des Geschmacks, mit dem Tastsinn auf die Krper. Von allen dem wird sie schwanger und gebiert alsdann das schwerste der seelischen bel: den Wahn. Denn sie whnt Alles, was sie sinnlich empfindet mit den Augen, den Ohren, dem Geruch, dem Geschmack, dem Gefhl sei ihr Eigentum, und der Geist Erfinder und knstlicher Darsteller aller Dinge. Dies widerfhrt jedoch der Seele nicht ohne Grund, denn es war einst eine Zeit, wo der Geist mit der sinnlichen Kraft noch nicht verkehrte, noch mit ihr vereinigt war, sondern den einsamen Tieren gleich fr sich lebte. Damals nur blos mit sich beschftigt, hatte er keine Berhrung mit dem Krper, noch besa er in ihm ein Werkzeug, durch das er auf die Auenwelt Jagd machen konnte; so war er blind und unvermgend, und zwar nicht etwa blos in der Art, in der man einen Blinden der Sinne beraubt nennt, -- sondern alle und jede sinnliche Kraft war ihm genommen, so da er als wahrhaft unvermgend, als die Hlfte einer vollkommenen Seele, ohne die Fhigkeit, die Auenwelt zu erkennen, als das unselige Bruchstck eines Ganzen ohne Untersttzung der Sinnesorgane dastand. Deswegen befand er sich auch in dichter Unwissenheit ber die Krperwelt, weil ihm nichts uerliches erscheinen konnte. Da ihm nun Gott nicht nur das bersinnliche, sondern auch die sinnliche Welt offenbaren wollte, machte er ihn erst zu einem Ganzen, indem er seine zweite Hlfte, die sinnliche Kraft, ihm zufhrte, welche in der Schrift mit dem Gattungsnamen Weib und mit dem speciellen Namen Eva bezeichnet wird. Diese go gleich bei ihrer Vereinigung mit ihm durch alle ihre Teile -- wie durch Oeffnungen -- Licht in vollem Maae in den Geist, zerstreute die lange Nacht und gab ihrem Herrn auf diese Weise die Mglichkeit, die uere Welt genau und klar anzuschauen. Der Geist seinerseits, wie von hellem Tageslicht erleuchtet, das pltzlich durch die Nacht bricht, oder wie ein Mensch, der urpltzlich vom Schlafe erwacht, oder wie ein Blinder, der mit einem Mal das Gesicht erhlt, eilte schnell auf alle Wunder zu, die sich ihm darboten, beschaute den Himmel, die Erde, die Pflanzen, die Thiere, ihre Gestalt, Eigenschaften, Krfte, Lage, Bewegung, Wirkung, ihr Thun, ihre Vernderungen, ihr Entstehen und Vergehen; das eine sah er, das andere hrte er, wieder anderes noch kostete, betastete er, und was Lust in ihm erregte, suchte er auf, was Schmerz, verabscheute er. Nachdem er auf diese Weise hier und dort hingeschaut und sich und seine Krfte wahrgenommen hatte, gerieth er in denselben Irrthum wie Alexander von Makedonien. Von diesem erzhlt man, er habe sich in dem Wahn, Asien und Europa schon zu besitzen, auf einen erhabenen Ort gestellt, wo er beide Ufer sehen konnte, um sich geschaut und dann ausgerufen: Was da ist und was dort ist, gehrt mein! ein Ausspruch, der kaum eines Knaben wrdig war, aber einem Knig bel anstand. Lange schon vor ihm widerfuhr dasselbe dem Menschengeiste, denn als die sinnliche Kraft mit ihm vereint wurde, und die ganze Krperwelt durch diese Vermhlung offenbar geworden war, meinte er nun, da Alles ihm gehre und nichts einem Anderen. Dies ist eine falsche Geistesrichtung, welche Moses mit dem Namen Kain oder Besitz bezeichnet, und welche voll Thorheit -- oder besser -- voll Gottlosigkeit ist. Denn anstatt Gott die Ehre zu geben und von ihm Alles abhngig zu machen, hlt sie Alles fr eigenen Besitz der Menschenseele, die nicht einmal sich selbst besitzt, ja nicht einmal sich selbst nach ihrem wahren Wesen kennt. Ein weiteres hchst charakteristisches Beispiel seiner allegorischen Methode giebt Philo in seiner Schrift +De vita Abrahami+.[641] Hier erzhlt er die Reisen Abrahams von Chalda nach Haran und von Haran nach Palstina zuerst dem biblischen Text gem und fhrt dann folgendermaen fort: Jene Reisen sind nach den Gesetzen der Allegorie Symbole einer die Tugend liebenden und den wahren Gott suchenden Seele. Die Chalder trieben von jeher Gestirndienst und hielten die Welt -- namentlich die Sterne -- fr Gott und verehrten so das Geschpf anstatt des Schpfers. In diesem Irrtum war jene Seele auch befangen, weil sie Gott nicht kannte. Daher heit es: Abraham wohnte zu Ur in Chalda. Nachdem sie nun lange diesen Wahn gehegt hatte, begann ihr das Licht aufzudmmern, und sie sah -- obschon noch dunkel -- ein, da ein Wagenlenker[642] ber dieser Welt walten msse. Damit diese Ahnung klarer in ihr werde, ruft ihr nun das Wort Gottes also zu: Groes wird oft durch Kleines erkannt. Darum la die chaldische Grbelei, la das ewige Sternschauen; _wende deinen Blick weg von der groen Stadt, nmlich von der Welt, auf eine kleine, dich selbst, dann wirst du den Lenker aller Dinge erkennen_. Deshalb heit es, Abraham sei zuerst von Chalda nach Haran gewandert. Denn Haran bedeutet Hhlen, und diese sind ein Symbol der fnf Sinne. Der Sinn des Aufrufs zur Wanderung ist aber folgender: _Wenn du deine Sinne betrachtest, so wirst du erkennen, da sie nichts wirken und nichts thun, es sei denn, da der Geist -- einem Wunderthter gleich -- ihre Kraft erregt, richtet und befruchtet. An diesem Beispiel kannst du lernen, da ber der Welt und den sichtbaren Gliedern des Ganzen ein Geist walten mu, da ja auch deine Glieder, die fnf Sinne, ohne den Geist im Innern nichts vermgen. Da jener Weltgeist unsichtbar ist, darf dich nicht stren, denn dein eigener Geist ist es ja auch._ Die Richtigkeit dieser Erklrung wird gleich durch folgende Worte des Textes bewiesen, wo es heit: Gott erschien dem Abraham. Vorher, als der Geist noch im chaldischen Irrtum befangen war, konnte ihm Gott nicht erscheinen, wohl aber jetzt, da er die Wahrheit zu erkennen begann. Es heit aber: 'Gott erschien dem Weisen und nicht, der Weise sah Gott', _denn Niemand kann Gott begreifen, als sofern sich dieser selbst zu erkennen giebt_. Fr diese Erklrung spricht auch die nderung des Namens; zwar wird nur ein +A+ dem vorigen hinzugefgt, aber es ist ein groes Geheimni in diesem kleinen Buchstaben verborgen: Vorher heit jene Seele Abram, d.h. der in die Hhe strebende Vater; jetzt aber heit er Abraham, d.h. der auserlesene Vater des Schalls. Mit diesem Namen wird der Weise bezeichnet; denn Schall ist gleich Rede, Vater des Schalls gleich Geist, weil dieser es ist, der die Rede aussendet. Das Beiwort 'auserlesen' bezeichnet die Vortrefflichkeit jenes Geistes. Die zweite Wanderung endlich, nmlich die von Haran nach Palstina, ist von der vollstndigen Erkenntni des hchsten Wesens zu verstehen, die jene Seele zuletzt errang. An einem andern Ort[643] spricht sich Philo ber die mystische Reise nach Haran folgendermaen aus: So lange der Asket in den Sinnen lebt, d.h., wenn er nach Haran kommt, denn dieser Name bedeutet die Hhlung der fnf Sinne, begegnet er dem gttlichen Logos nicht. Es heit aber weiter, er sei dem Logos begegnet, als die Sonne unterging; Sonne bedeutet nmlich in diesem Fall den obersten Gott, und der Sinn ist dieser: Wenn das gttliche Licht, die reine Erkenntni Gottes, untergegangen, so sehen wir den Logos; wenn jenes aber leuchtet, so schauen wir die reine intelligible Welt. Andere fassen diese Stelle so auf: Die Sonne ist der menschliche Verstand mitsammt den Sinnen, der Logos das Ebenbild der hchsten Gottheit, welches erst dann erkannt wird, wenn das menschliche Licht der Sinne untergegangen ist. Halten wir diese Stelle fest und den Umstand, da Philo die Welt die groe, den Menschen aber die kleine Stadt nennt, so sehen wir ganz einwandfrei, da diese Spekulationen indischen Ursprungs sind. So heit es in _Windischmanns_ bekanntem Werk[644] ber die Ekstase der indischen Sonnen- und Mondkinder: Wenn die Sinne in den Manas (Allsinn) zusammengehen, sieht der Seher nichts mit den Augen, hrt nichts mit den Ohren, fhlt nichts, schmeckt nichts; aber innerhalb der _Stadt des Brahma_ sind die fnf Pranas leuchtend und schwach, und der Seher erreicht sich selbst im Licht bei den verschlossenen Pforten des Leibes. Da sieht er dann, was er im Wachen sah und that, er sieht Geschehenes und nicht Geschehenes, Gewutes und nicht Gewutes, und weil Atma (der Geist, Philos Logos,) Urheber aller Handlungen selbst ist, so verrichtet er im Schlafe gleichfalls alle Handlungen und nimmt auch die ursprngliche Gestalt des Lichtes wieder an und er wird wie Brahma selbst leuchtend. In den _Upanischads_ heit es: Manas (der Menschengeist) wandelt in der Zeit des Wachens an Orten, wohin das Auge, das Ohr und die anderen Sinne nicht gelangen, und gewhrt schon so ein groes Licht. Ebenso wandelt er auch im Traume an entlegene Orte und zndet den anderen Sinnen ein groes Licht an. Im tiefen Schlafe ist er eins und ungeteilt und hat nicht seines Gleichen im Leibe; er ist das Prinzip aller Sinne. Der Fhige vollbringt seine Werke mittelst des Manas, und der Erkennende erkennt durch dasselbe. -- Es ist die Leuchte des Leibes und die Mitte desselben und aller Sinne Mittelpunkt. In seinen Banden ist der vergangene, gegenwrtige und zuknftige Zustand der Welt, alles Vergngliche; Manas selbst aber vergeht nicht im Tode. In der Herzhhle wohnt die unsterbliche Person -- in der Mitte des Geistes--, diese Person, das innere Licht ist klar wie eine rauchlose Flamme. In dieser Hhle ist Brahmas Wohnung, eine kleine Lotosblume, ein kleiner Raum, der mit Akasa erfllt ist. Derselbe Akasa, wie er auen ist, ist auch innerhalb jenes kleinen Raumes im Herzen, und in ihm sind der Himmel und die Erde enthalten, und das Feuer und der Wind, und Sonne und Mond, und der Blitz und die Gestirne. -- Er ist wahrhaftig und Brahmas Wohnung, in welcher Alles enthalten ist. -- Wer diesen Atma nicht erkennt, geht aus der Welt und in alle Welten, seiner nicht mchtig, und zieht aus, den Lohn der Werke zu empfangen, der ihm gebhrt. Die aber, den Geist erkennend, von hier hinweggehen, die gehen ihrer und ihrer Wnsche mchtig und empfangen ewigen Lohn. Wenn der Schleier des Irrthums und der Mierkenntni vom Herzen genommen wird, wer die Gestalt des zarten Akasa angenommen hat, dem ist alles Wnschenswerthe gegenwrtig. Ihm wird die Nacht zum Tag, das Dunkel zum Licht, er ist sich offenbar, und diese offenbare Gegenwart ist die Welt des Brahma selbst. Die Praxis der mystischen Reise nach Haran, um des Logos oder Atma teilhaftig zu werden, wird bekanntlich in den Upanischaden am aller ausfhrlichsten geschildert. Soviel ber Philos Allegorie, die zur indischen Mystik hinberfhrt. -- Wir wenden uns nun zu Philos Spekulationen ber die Gottheit, den Logos und die intelligible Welt. Gott ist das absolute Wesen, rein in sich abgeschlossen, und ohne Beziehung auf etwas Endliches. Er ist die Seele des Weltalls, er bleibt uns ein Geheimnis, und man darf sich nicht erkhnen, etwas von ihm oder ber ihn zu sagen, als da er sei.[645] Das einzig wrdige Symbol Gottes unter den endlichen Dingen ist das intellektuelle Licht und die menschliche Seele.[646] Gott und die Materie sind die beiden von Ewigkeit bestehenden Prinzipien; Gott ist die unendliche Intelligenz, welche die Formen -- resp. Ideeen -- von allen mglichen Dingen in sich enthlt, die Materie ist der formlose Stoff, der ungeachtet seiner Subsistenz durch den Mangel an aller Form ein Unding fr den Verstand ist. Form und Leben erhielt die Materie durch Gott.[647] Gott ist das reale Wesen, welches wegen seiner Unendlichkeit von keinem endlichen Wesen erkannt werden kann, er ist nicht im Raum, nicht in der Zeit, auerhalb der Sinnenwelt und durch kein Prdikat eines endlichen Wesens denkbar. Er kann nur gedacht werden als das Reale ohne bestimmte Realitt. Man wei nur, da Gott ist, nicht was er ist.[648] Gott ist die hypostasierte Ewigkeit, denn in ihm ist nichts vergangen, gegenwrtig und knftig, er ist ohne Anfang und Ende, in seinem ganzen Wesen unvernderlich. Er ist das Urlicht, aus dessen Strahlen alle endlichen denkenden Wesen ausgegangen sind.[649] Als unendliche Intelligenz umfat Gott alle Ideeen von allen mglichen Dingen; aber eine Idee Gottes ist nichts anderes als das Ding selbst. Was er denkt, erhlt durch sein bloes Denken Realitt. Gott kann in seinem Verhltnis zur Welt hauptschlich nach vier Begriffen dargestellt werden, nmlich in Hinsicht der Macht, der Weisheit, der Heiligkeit und der Liebe. Philo hebt die Allmacht oft hervor, besonders in Verbindung mit der %sophia%, der Weisheit; die Heiligkeit Gottes berhrt er weniger, weil er sie fr selbstverstndlich hlt. Hingegen setzt er etwas Hheres an ihre Stelle, nmlich die Reinheit. Am meisten aber verbreitet er sich ber die Gte und Liebe Gottes, weshalb man in gewisser Beziehung Philos Theosophie die Morgenrte des Christentums nennen kann.[650] Aus Gte und Liebe hat Gott die Welt geschaffen, er erfllt alles mit seiner liebenden Macht; seine Gte hlt die Welt zusammen und ist selbst die Harmonie der Welt. Alles Gute in dieser Welt, geistiges und leibliches, ist sein Geschenk und seine Gnade. Besonders aber erstreckt sich die Flle der gttlichen Gnade auf die Menschen, und wenn seine Liebe nicht wre, wrden sie alle dem Verderben anheim fallen. Alle Gter, welche die Menschen besitzen, jede Tugend, Frmmigkeit, Wohlwollen, Gerechtigkeit, Glauben usw., sind Gottes Geschenk, weshalb es Philo auch an unzhligen Orten fr die grte Snde erklrt, wenn der Mensch sich selbst etwas Gutes zuschreibt und dasselbe nicht von Gott ableitet. Philo erklrt an einer Menge Stellen seiner Schriften Gott seinem Wesen nach fr vllig unbegreiflich, dennoch aber giebt er zu, da eine gewisse Erkenntnis Gottes jedem Menschen mglich ist und von jedem gefordert werden kann, obschon Viele derselben durch eigene Schuld entbehren, nmlich: die Erkenntnis, da Gott sei und die Gewiheit seiner Existenz. Diese Erkenntnis kann auf zweierlei Weise stattfinden, nmlich durch ein mystisches Schauen, bei welcher hchsten Stufe der Erkenntnis die Selbstthtigkeit des Menschen zwar nicht ausgeschlossen ist, bei der aber Gott dem Menschen entgegengekommen und das Meiste thun mu. -- Die zweite -- niedrigere -- Stufe der Gotteserkenntnis beruht auf Schlssen aus den Werken auf den Urheber. Der Verstand Gottes, der Logos, welcher alle Ideeen in sich begreift, ist die ideale Welt. Diese ist das Ebenbild Gottes, sein erstgeborener Sohn, denn sie geht unmittelbar aus dem Wesen Gottes hervor und mu daher ebenso vollkommen sein wie die hchste Intelligenz selbst. Philo nennt diese personifizierte Verstandeswelt auch noch den Erzengel, (die Engel berhaupt nennt er vielfach %logoi%), weil sie die erste aller ausgeschlossenen Intelligenzen ist, oder den himmlischen Menschen, den Aufgang der Sonne.[651] Der Logos ist das Muster, nach welchem Gott die sichtbare Welt schuf. Die gttliche Kraft, durch welche diese gebildet wurde, ist der nach auen wirkende Logos, welcher mit der Sprache verglichen werden kann. An anderer Stelle[652] sagt Philo vom Logos: Zwischen Gott und dem gttlichen Logos ist kein Zwischenraum, Beide sind unendlich nahe. Der Logos ist der Wagenlenker der gttlichen Krfte, der Herr des Wagens aber ist der Sprechende, der dem Lenker des Wagens seine Bahn vorschreibt. Der Logos ist die Nahrung der Seelen und wird von Philo mit dem Manna der Wste verglichen: Siehst du nun, was die Nahrung der Seele ist, nmlich das allerfllende Wort Gottes, das dem Thaue gleich die ganze Erde bedeckt und Alles erfllt. Aber nicht berall zeigt sich dieser Logos, sondern nur da, wo Leidenschaft und Bosheit ferne sind; er ist so fein zu erfassen und zu ergreifen, klar und rein anzuschauen; er ist wie Coriander. Die Landleute sagen nmlich von dieser Frucht, wenn man sie auch in zahllose Theile zerschneide, so gehe doch ein jeder derselben so gut auf wie ein ganzes Korn. So ist es auch mit dem gttlichen Wort. Es ist im Ganzen fruchtbringend, aber auch jedem einzelnen Theile nach, und wre es auch der kleinste. Darum gleicht es auch dem Augapfel, denn wie dieser als ein so gar kleines Ding alle Zonen der Erde, das unermeliche Meer und den unbegrenzten Luftraum berschaut, so ist auch der gttliche Logos ber alles scharfblickend und im Stande Alles zu schauen; ja er ist es, durch den wir allein Wahrheit sehen knnen. Deshalb lt sich auch das Beiwort 'wei', welches im Texte dem Manna gegeben wird, auf ihn bertragen. Denn was ist lichter und klarer als der gttliche Logos, durch dessen Besitz es jeder Seele, die sich nach dem geistigen Lichte sehnt, erst mglich wird, die innere Finsterni zu zerstreuen. Etwas Eigenes geschieht aber mit diesem Logos; wenn er nmlich eine Seele zu sich ruft, so bewirkt er, da alles Irdische, Sinnliche und Leibliche in ihr zusammenfriert. Deswegen heit es auch im Text, es war wie Eis auf dem Felde. Die Seelen fragen sich, was der Logos sei, nachdem sie seine Wirkung bereits erfahren haben. Oft geht es auch in andern Dingen so, oft wissen wir nicht, woher der Geschmack kommt, der unsere Zunge mit Sigkeit erfllt, oft kennen wir den Geruch nicht, der uns ergtzt. Dasselbe widerfhrt nun auch der Seele; eine hohe Freude wird ihr zu Teil, aber sie wei nicht, woher sie kommt. Diesen Aufschlu giebt ihr der heilige Prophet Moses: 'Dies ist das Brot', sagt er, 'die Nahrung, die Gott der Seele gegeben hat, sein Wort, sein Logos, denn in Wahrheit ist dies das Brot, das er uns gegeben hat; dies ist sein Wort.' Auch im Deuteronomion sagt er: 'Er hat dich geplagt und hungern lassen, aber dann mit Manna gespeiset, das deine Vter nicht kannten, auf da dir offenbar wrde, da der Mensch nicht vom Brode allein lebt, sondern von einem jeglichen Wort, das aus des Herrn Munde geht.' Diese Plage ist ein Werk der Gnade, denn durch die Strafe reinigt er unsere Seelen, wenn er uns nmlich die Sinnenlust entzieht, vermeinen wir geplagt zu werden; aber eben damit erweist er sich uns gndig. Er schickt auch Hunger ber uns, nicht nur einen Hunger nach Tugend, sondern den, welcher die Bosheit und die Leidenschaft zchtigt; denn zum Beweise, da er es gut mit uns meint, heit es ja, er sttigt uns mit Manna, d.h. mit seinem Wort, das Alles in sich fat, und reines Sein ist. Manna heit eigentlich 'Etwas', das ist das reine Sein, das allgemeinste Wesen; denn der gttliche Logos ist ber der ganzen Welt und allgemeiner als alle Kreaturen. Diesen Logos kannten die Vter nicht, d.h. nicht die wahren Vter, sondern nur die Alten an Jahren, nicht an Weisheit; diejenigen, die zu den Propheten sprachen: Gieb uns einen Fhrer, da wir zurckkehren zur Leidenschaft, d.h. nach gypten. So werde es dann der Seele kund, da der Mensch nach dem Ebenbilde nicht vom Brode allein lebt, sondern von jeglichem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt, d.h., da er sowohl durch den ganzen Logos genhrt wird, als auch durch einen Teil von ihm. Denn Mund ist ein Sinnbild der Rede, Wort aber ein Teil derselben. Die Seele der Vollkommenheit wird durch den ganzen Logos genhrt, wir aber wollen zufrieden sein, wenn uns nur ein Teil des gttlichen Wortes zukommt. An anderer Stelle nennt Philo den Logos das Vaterland weiser Seelen und sagt zur Erklrung der Aufforderung Jakobs, Laban zu verlassen (+Genes. XXXI, 3+), da der Befehl, Jakob solle sich von Laban kehren, heie, der Geist des Asketen solle sich nicht mehr mit den sinnlichen Dingen und den Eigenschaften der Krperwelt (Laban) abgeben; sondern sich in das Vaterhaus, d.h. zum heiligen Logos, dem Wohnort weiser Seelen wenden.[653] In einem andern Gleichnis nennt Philo den Logos noch den Regentau und Steuermann der Weisen, ja das Triebrad im innern Wesen der Gottheit und der Geisterwelt, welchem Gott bei der Schpfung der Welt sein allmchtiges Werde anvertraute.[654] Aus Gott emanieren unzhlige Krfte und Geister, welche die intelligible Welt als Urbild und Ideal der sichtbaren Krperwelt hervorbrachten. Unter diesen hheren himmlischen Geistern steht eine unermeliche Menge niederer, welche Engel genannt werden. Diese Geister haben verschiedene Geschfte; sie dienen dem Allmchtigen und haben so tiefe Einsichten, da ihnen nichts verborgen bleibt. Sie sind Verknder der gttlichen Befehle und berbringer der Gebete vor den Thron Gottes. Ihre Existenz ist geboten, denn es ist notwendig, da die ganze Schpfung belebt sei, und da jeder Teil der Welt die ihm angemessenen Bewohner habe. Von den Geistern, welche die Luft bewohnen, sind einige den Menschen gefhrlich durch Einflung sndlicher Begierden und Leidenschaften, andere jedoch dienen dazu, in der Seele des Menschen den Trieb zur Unsterblichkeit und Verachtung alles Irdischen zu erwecken. Und diesem mu man durch ihre unmittelbare Einwirkung auch die menschliche Seele das Geschft der Inspiration zueignen.[655] Die Geister aller Klassen und Ordnungen sind Mittelwesen und Mittelspersonen zwischen Gott und den Menschen, Verkndiger der ber sie ergangenen gttlichen Ratschlsse u.s.w. Mit einem Wort, die Geisterwelt ist nach Philo ein intelligibler Staat, worin die Angelegenheiten des sichtbaren Universums und namentlich des Menschen betrieben werden. Der Mensch ist eines unmittelbaren vertrauten Umganges mit der Geisterwelt und dem Logos durch eigene Kraft fhig, wozu ihm die durch die Askese vermittelte hchste Erkenntnis des Wahren und Guten verhilft. Ist dann die menschliche Seele in Verbindung mit der Geisterwelt -- und namentlich durch den Einflu des Logos -- zur Erkenntnis der eigentlichen Grundideeen gelangt, wovon wir durch die Sinne nur eine oberflchliche Kenntnis erhalten, so erhebt sie sich ber sich selbst, tritt mit dem Logos in Gemeinschaft; sie hat den hchsten Gipfel der reinsten Erkenntnis erstiegen, und ihr Flug ist hinfort himmelwrts gerichtet. Zweites Kapitel. Philos Mystik. Die Art und Weise wie Philo den Menschen in verschiedene Grundteile teilt, hat eine gewisse hnlichkeit mit der sog. esoterischen Lehre. Diese hnlichkeit mag wohl daher rhren, da, wie spter nachzuweisen, Philo der Sekte der Esser angehrte, welche bekanntlich unter den Juden durch buddhistische Missionre gestiftet worden war.[656] Der Mensch besteht nach Philo aus Krper und Seele. Der Krper %sma% (+rupa+ der Inder, +chat+ der gypter, +guf+ der Hebrer, elementarische Leib des Paracelsus) ist aus den vier Elementen zusammengesetzt und darum sterblich.[657] Die Seele (%psych%) des Menschen zerfllt in einen unvernnftigen und einen vernnftigen Teil. Zu den ersteren gehrt der Sitz der Leidenschaft (%to thymikon%) und der Sitz der physischen Begierden (%to epithymtikon%). Dieser Teil der Seele ist sterblich und hat seinen Sitz im Blut[658]; er kann also sehr wohl mit dem +Kama rupa+ der Inder, +Ab+ der gypter, +Ruach+ der Hebrer und dem +Evestrum+ oder siderischen Menschen des Paracelsus verglichen werden. Insofern dieser Teil der Seele und der Krper sterblich sind, nennt Philo den Menschen ein vernnftiges sterbliches Tier. Der niederste Grundteil der vernnftigen Seele ist nach Philo das Sprachvermgen[659], eine Unterscheidung, die sonst nirgends gemacht wird. Da aber die Sprache den Menschen vom Tiere zunchst unterscheidet, so knnte man das Sprachvermgen Philos vielleicht mit der Menschenseele der Inders (+manas+, +ba+, +Neschamah+, +spiritusetc.+) identifizieren. Der zweite Teil der vernnftigen Seele ist das Vermgen der Sinne (%psych aisthtik%), die wir mit +Chaibi+ der gypter, +chaijah+ der Hebrer und der Vernunft (+Intellectus+) der mittelalterlichen Mystiker vergleichen knnen. Der hchste Grundteil des Menschen endlich ist der Verstand, %nous, logos%, +cha+ der gypter, +jeschida+ der Hebrer, der gttliche Gedanke Agrippas und der Mensch des +Olympi novi+ des Paracelsus, welcher ein unzertrennlicher Teil der stetigen Natur der Gottheit ist.[660] Unter den bisher aufgezhlten sechs Grundteilen haben wir den Astralkrper vermit; aber auch von diesem findet sich eine Spur bei Philo, insofern er sagt, die Seele sei in therstoff, d.h. ein fnftes Element, aus dem Himmel und Gestirne geschaffen worden, in ein heiliges, unverlschliches Feuer gehllt.[661] Da Philo auch die Lebenskraft kannte, ergiebt sich aus folgender Stelle[662]: Oft in seinen Schriften erklrt Moses das Blut fr das Wesen der Seele; sagt er doch geradezu: die Seele alles Fleisches ist Blut. Hingegen heit es bei der Schpfung des ersten Menschen: Gott blies ihm den Hauch des Lebens ein, und der Mensch ward zur lebendigen Seele. Diese Worte beweisen, da die Substanz der Seele Geist ist. Da nun Moses immer mit sich bereinstimmt, so mu er einen guten Grund zu diesem scheinbaren Widerspruch gehabt haben. Dieser ist auch vorhanden, denn jeder von uns ist eine Zweiheit, ein Tier und ein Mensch. Jedem von diesen beiden Bestandteilen kommt eine besondere Kraft zu. Dem einen die Lebenskraft, durch welche wir leben, dem andern die Kraft der Vernunft, durch welche wir vernnftig sind. An der Lebenskraft haben auch die unvernnftigen Tiere Anteil. Vorsteher und nicht Teilhaber der anderen ist Gott. Jene Kraft nun, welche wir mit den Tieren teilen, hat das Blut zum Sitz erwhlt. Die andere dagegen ist eins mit dem Geiste. Deshalb sagt Moses (+Deuteron. XII,23+): 'die Seele des Fleisches ist Blut', indem er wohl wei, da die Natur des Fleisches keinen Teil am Geiste, sondern nur am Leben hat. Philo unterscheidet also hier eine %psych logik% und %psych sarkik%, welch' Letztere mit der Lebenskraft identisch ist. Den menschlichen Verstand (%nous%) bildete Gott sich selbst oder seinem Logos vollkommen hnlich und macht ihn somit zu seinem Ebenbild (%eikn%), und insofern kann man sagen, da der Mensch dem Geist nach Gott und dem Logos verwandt sei, ebenso wie sein Krper der ueren Natur gleicht.[663] Wir finden also hier zum erstenmal die spter von Paracelsus ausgefhrte Parallele zwischen dem Mikrokosmus und Makrokosmus aufgestellt. Da dieser unsterbliche Teil des Menschen schon vor der Schpfung des sterblichen Teils in der Gottheit existierte, so bedeutet das Wort Mosis, da Gott dem Menschen einen lebendigen Odem in seine Nase blies, nichts anderes als die Absendung des %nous% von seinem seligen Sitz in der Gottheit in den menschlichen Krper, um diesen wie eine Kolonie zu bewohnen.[664] Das Bse lie Gott entstehen, um das Gute desto mehr hervorzuheben, und verband beide im Menschen, der das Gute nicht erkennen kann, ohne das Bse zu wissen.[665] Der Mensch ist also ein Wesen von gemischter Natur. Sein Verstand ist nmlich vor seiner Verbindung mit dem Krper gut und rein[666]; seine Sinne sind ihrer Natur nach weder gut noch bse, sondern von einer mittleren Art, die bei den Guten gut, bei den Bsen bse ist. Die Begierden und Leidenschaften jedoch, der unvernnftige Teil der Seele, und vorzglich die Wollust sind wie der Krper bse und Gott verhat.[667] Die Seele befindet sich daher gewissermaen in einem Gefngnisse, dessen Wchter die Leidenschaften und Begierden sind, oder in einem Sarge oder Grabe, aus dem sie sich nur durch Entuerung der Sinnlichkeit befreien kann.[668] Der Krper hindert die Tugend, weshalb die Seele diesen, die Lste, Begierden, Sinne und Rede fliehen und verlassen mu, weil bei ihnen das Bse sich aufhlt. Sie mu sich zu der Gottheit erheben, d.h. sie mu ihre Gedanken allein auf bersinnliche Gegenstnde richten und sich nicht mehr mit irdischen Dingen beschftigen, als die uerste Notwendigkeit erfordert.[669] -- Wenn wir den Krper fliehen, so leben wir der Natur gem, wir verhnlichen uns der Gottheit, soweit uns dies mglich ist, und gelangen dadurch zum hchsten Gipfel der Glckseligkeit.[670] In sehr prgnanter Weise spricht sich Philo ber die Punkte an einer Stelle aus[671], wo er die Prophezeiung (+Genes. XV,13+) erklrt: Das sollst du wissen, da dein Same wird fremd sein in einem Lande, das nicht sein ist; und da wird man sie zu dienen zwingen und plagen vierhundert Jahre. Er sagt: Das Erste, was uns in diesen Worten vorgehalten wird, ist die Lehre, da der Fromme im Leibe nicht wie in seiner Heimat wohnen, sondern ihn als ein fremdes Land ansehen soll. Zweitens liegt darin, da die Knechtschaft, Unterdrckung und arge Demtigung der Seele in der irdischen Wohnung des Leibes ihren Grund hat, denn die Leidenschaften sind der Seele vllig fremd, sie erwachsen aus dem Fleische, in welchem sie wurzeln. -- Nun fhrt Philo, die Sklaverei in den Banden des Leibes beschreibend, weiter fort: Vierhundert Jahre dauert die Knechtschaft. Diese Worte sind auf die Zahl der hauptschlichsten Leidenschaften zu deuten, deren es vier giebt. Wenn die Wollust ber uns herrscht, so wird der Geist von leerem Winde aufgeblasen und bermtig; gebietet aber die Begierde in uns, so zieht die Sehnsucht nach abwesenden Genssen in die Seele ein und wrgt und plagt sie durch trgerische Hoffnungen. Denn sie drstet dann immerwhrend und kann doch ihren Durst nicht lschen, so da sie Qualen des Tantalus erdulden mu. Sind wir aber in der Knechtschaft der Traurigkeit, so wird die Seele zusammengeschnrt und eingeengt, und sie ist einem Baume zu vergleichen, von welchem die Blten und die Bltter abfallen. Sind wir endlich im Banne der Furcht, so vermag Niemand zu bleiben, sondern darf nur in schleuniger Flucht Rettung erhoffen. Die Begierde hat nmlich eine anziehende Kraft und zwingt uns, das Ersehnte zu verfolgen, auch wenn es vor uns flieht. Die Furcht dagegen trennt uns von ihrem Gegenstand. Die Herrschaft der genannten Leidenschaften bt schweren Druck auf ihren Sklaven aus, bis Gott, der groe Richter, den Bedrckten von seinem Bedrcker trennt, um jenem seine Freiheit zu geben und ber diesen die wohlverdiente Strafe zu verhngen. Denn es heit ja (+Genes. XV,14+): 'Das Volk, das sie bedrckte, will ich richten, und dann sollen sie ausziehen mit groem Gute.' Es ist notwendig, da der Sterbliche dem Volk der Leidenschaft unterworfen werde und das vom Geborenwerden unzertrennliche Los erdulde. Aber es ist auch der Wille Gottes, die Not unseres Geschlechtes zu erleichtern. Wenn wir daher auch in der Knechtschaft des Leibes das Unvermeidliche erdulden, so thut Gott seinerseits, was ihm zu thun obliegt: er bereitet Freiheit den Seelen, welche sich flehend an ihn wenden; ja, er lst sie nicht allein aus dem Gefngnis, sondern giebt ihnen auch Zehrung auf die Reise mit, was im Texte %aposkeu% (Gut) heit. Was ist dies nun? Wenn der vom Himmel stammende Geist in die Not des Leibes gebannt wird und sich von keiner Lust und -- wie ein Weichling -- unterjochen lt, sondern wie ein Mann nicht zum Leiden, sondern zur That bereit, krftig nach Freiheit strebt und alle Wissenschaften rstig betreibt, so nimmt er beim Abschied und Hingang in sein Vaterland all' jenes Wesen mit, welches hier %aposkeu% genannt wird. Jedem der drei Hauptteile der Seele setzte Gott eine Tugend zur Seite, um ihn zu regieren: dem Verstand die Klugheit, den Leidenschaften die Tapferkeit und den Begierden die Migung, wozu dann, wenn jene die Oberhand haben, noch die Gerechtigkeit kommt, welche insgesamt in der Gte des Charakters ihren gemeinsamen Ursprung haben.[672] Die Seele ist von Gott nicht den Gesetzen der Notwendigkeit unterworfen worden. Als Himmelsgeborener ist der Mensch frei und in nichts zeigt sich sein gttlicher Ursprung so schn, als in der gttlichen Freiheit, die ihm vor allen anderen Kreaturen zu teil wurde. In dieser Hinsicht sagt Philo[673]: Der Mensch besteht aus dem nmlichen Stoff, aus welchem die Naturen des Himmels geschaffen wurden, und er ist deshalb unvergnglich. Denn ihn allein hat Gott der Freiheit gewrdigt und fr ihn die Bande der Notwendigkeit, die alle Geschpfe fesseln, aufgehoben; er hat ihn an dem herrlichsten eigenen Vorzug, soviel der Mensch davon fassen kann, teilnehmen lassen. Deswegen ist er aber auch zurechnungsfhig. Den Tieren und Pflanzen kann man weder Fruchtbarkeit als Verdienst, noch Unfruchtbarkeit als Schuld annehmen, aber er allein verdient Tadel, wenn er Bses thut, und wird auch dafr bestraft. -- hnlich lautet eine andere Stelle[674]: Um seiner Gerechtigkeit willen hat Gott der menschlichen Seele den Geist eingehaucht, denn wre dem Menschen das wahre Leben nicht eingegeben worden, und wre er somit zur Tugend unfhig gewesen, so htte er, wenn er fr seine Snden bestraft wurde, sagen knnen, da er ungerecht bestraft werde, und Gott selbst sei an seinen Vergehungen schuld, weil er ihm die Mglichkeit Gutes zu thun nicht verliehen, denn Fehler ohne Freiheit seien keine Fehler. Wegen ihrer gttlichen Eigenschaften wird die Seele der Tempel Gottes genannt. So heit es[675]: Das wahrhaft Gute hat in nichts uerem seinen Sitz, weder im Krper noch in der Seele, sondern allein in dem kniglichen Geiste. Denn da Gott wegen seiner Milde und Liebe das Gute in die Welt einfhren wollte, so hat er keinen wrdigeren Tempel gefunden als den menschlichen Geist. Philo hlt den Zustand des jetzigen Menschen fr sehr verschieden von dem des idealen, wie er aus der Hand des Schpfers kam. Diese Spekulation ber den Zustand des idealen Menschen vor dem Fall (Adam), ber den Sndenfall, seine Folgen&c. durchziehen die ganze christliche Mystik und finden namentlich auch bei Jakob Bhme ihren Niederschlag. Da sie somit jedermann bekannt sein werden, bedrfen sie hier einer flchtigen Erwhnung.[676] Adam war vollkommen an Leib und Seele: Die Schnheit seines Leibes folgt aus drei Grnden: Erstens waren in der jugendfrischen Schpfung alle Stoffe weit vollkommener und reiner als spter; zweitens whlte Gott aus den besten Teilen des Stoffes das Vorzglichste aus, um das Gef einer unsterblichen Seele zu bilden, drittens war der Schpfer selbst der vorzglichste Werkmeister. Der hohe Adel der Seele Adams folgt daraus, da sie Gott nach nichts Sichtbarem, sondern nach seinem Ebenbilde schuf. Darum mute sie als Abbild des Vollkommensten notwendig selbst vollkommen sein. Die jetzigen Menschen sind nur von Menschen erzeugt und nicht -- wie Adam -- von Gott selbst geschaffen. Soweit aber Gott den Menschen bertrifft, um so hher mu auch ein gttliches Geschpf ber ein menschliches erhaben sein.[677] Adam war fernerhin gleich bei seinem Eintritt in die Welt Knig der sichtbaren Natur, ber die er eine unbeschrnkte Herrschaft ausbte[678], und er bewies diese Herrschaft gleich anfangs dadurch, da er allen Dingen Namen gab.[679] -- Auch lebte er im Umgang mit den Brgern der Geisterwelt und bestrebte sich, alle Befehle der Gottheit zu vollziehen, auf dem Wege der Tugend sich zur Verhnlichung mit ihr emporzuschwingen, da Gottes Geist reichlich auf ihn herabstrmte.[680] Mit dem Sndenfall trat ein vlliger Umschwung ein. Dennoch wird derselbe nicht als eine unermeliche Schuld Adams, sondern als eine Folge seiner schwachen und sterblichen Natur dargestellt.[681] Anla zum Sndenfall gab das Weib. Solange Adam allein lebte, war er schuldlos, als aber das Weib geschaffen wurde, eilte er auf dasselbe zu, voll Freude ber die befreundete Gestalt, und umarmte sie. Aus dieser Umarmung entstand die Liebe, und aus der Liebe die Wollust. Diese ist der Keim aller Laster, und sie bewirkte, da Adam ein unsterbliches und seliges Leben mit einem unglcklichen und sterblichen vertauschen mute.[682] Auer dieser sich an den Bibeltext anschlieenden Darstellung des Sndenfalls hat Philo noch eine allegorische Erklrung: Nach der Genesis ist der Ort des Sndenfalls das Paradies, der Garten Gottes; Verfhrerin ist die Schlange, und der Anla des Falls das Verbot, vom Baume der Erkenntnis zu essen. Dies alles erklrt Philo fr ein Bild: das Paradies ist die Seele, die in demselben wachsenden Pflanzen sind die Tugenden, der Baum des Lebens ist die erste der Tugenden, nmlich die Ehrfurcht gegen Gott, und der Baum der Erkenntnis endlich ist die Klugheit. Die Schlange ist die Wollust, welche den Menschen zur Snde verfhrt. Unter dem Mann versteht Philo den Verstand des Menschen, unter dem Weib die Sinne, bei denen sich die Wollust einschmeichelt, um dadurch den Verstand zu betrgen und zum Bsen zu verfhren.[683] Mit dem Fall begann eine Reihe von beln ber die Menschen hereinzubrechen. Das Weib fand seine Strafe in den Schmerzen der Geburt, in den Beschwerden der Kindererziehung und in der Unterwrfigkeit unter den Willen des Mannes; der Mann in der Arbeit und Sorge um den ntigsten Lebensunterhalt.[684] Selbst die Erde wurde wegen des Sndenfalls bestraft, und sie bringt ihre Frchte nicht mehr so dar, wie sie dieselben ohne die Snden der Menschen getragen htte. Denn die Erde wrde auch ohne Ackerbau alles im berflusse erzeugt haben, wenn nicht die Laster ber die Tugend die Oberhand gewonnen und die Gottheit gentigt htten, der unaufhrlichen Mitteilung ihrer Gter eine Grenze zu setzen, um sie nicht an Unwrdige zu verschwenden und den Menschen durch einen von Miggang und berflu erzeugten Mutwillen in noch greres Sndenelend zu strzen.[685] -- Wrden die Menschen aufhren, den gttlichen Gesetzen entgegen zu handeln, und ein gttliches Leben fhren, so wrde auch die erste Fruchtbarkeit wieder eintreten. Seit Adam artet das Menschengeschlecht von Generation zu Generation immer mehr aus[686], wie das erste Bild, das nach dem Urbild gemacht wurde, noch am meisten demselben hnlich sieht, whrend die spteren, nach Abbildern gemachten Kopien immer schwcher und unkenntlicher werden, oder wie in einer Reihe von Eisenstben, die an einem Magnetstein aufgehngt sind, derjenige die meiste magnetische Kraft bewahrt, welcher den Stein unmittelbar berhrt, die tiefer hngenden aber immer weniger. -- Doch haben die spteren Menschen das Ebenbild Gottes nicht ganz verloren, sondern es ist nur verdunkelt worden. Diese Verwandtschaft besteht in der vernnftigen Seele; dem Krper nach sind wir mit der Welt verwandt; er ist aus allen Elementen zusammengesetzt und fat alle Eigenschaften derselben in sich. Deshalb macht er den Menschen zu einem Proteus, welcher gleich gut auf dem Lande, im Wasser, in der Luft und im Feuer leben kann.[687] -- Auerdem aber haben die spteren Menschen von der Herrschaft, welche Adam in vollem Mae ber die Natur besa, wenigstens die Gewalt ber die Tiere behalten.[688] Unzhlig sind die den Sterblichen angeborenen bel, unter denen Philo die Leidenschaften und Begierden, nicht die spezifische Erbsnde versteht, obschon er einen gewissen Einflu des Sndenfalls auf die Nachkommenschaft zugiebt. Von diesen beln knnen wir uns nie gnzlich losreien; wir knnen sie nicht vertilgen, sondern mssen sie nur zu mildern suchen. Bei Jedem, sei er auch noch so gut, ist durch die Geburt selbst das Sndigen mit seiner Natur verwebt, und Niemand kann daher ohne zu sndigen, sein Leben beenden.[689] In den ersten sieben Lebensjahren freilich[690] haben wir noch eine unverdorbene Natur, weil die Seele noch unausgebildet ist, und weder die Begriffe des Guten noch des Bsen in ihr haften. Im darauf folgenden Knabenalter jedoch fangen wir gleich an, ein sndiges Leben zu fhren, indem wir teils das Bse aus uns selbst heraus erzeugen, teils von andern begierig aufnehmen. Auch ohne Lehrer lernt die Seele das Bse von selbst und richtet sich durch ihre stete Fruchtbarkeit an Lastern zu Grund, denn die Seele des Menschen strebt, wie Moses sagt, von Jugend auf den Bsen nach.[691] Auf diese Weise mten wir von den Leidenschaften hingerissen und notwendig von den uns anhngenden beln besiegt werden. Allein, der Mensch ist nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen und deshalb dazu bestimmt, Gott nachzuahmen oder ihm immer hnlicher zu werden.[692] Damit der Mensch nun, welcher von Natur verdorben ist, zu diesem Ziele gelangen knne, mu Gott sich seiner annehmen.[693] -- Dies thut Gott auf zweierlei Art: Erstens dadurch, da er dem Menschen die Tugenden, die gttlichen Krfte, in die Seele pflanzte, welche ganz besonders noch durch die Beschftigung mit den Wissenschaften angezogen werden. In diesem Sinne sagt Philo[694]: Die Menschenseele ist ein Tempel des unsichtbaren Gottes; wenn sie nmlich durch die vorbereitenden Wissenschaften[695] gehrig vorbereitet ist, so drfen wir frohe Hoffnung schpfen und die Ankunft der gttlichen Krfte erwarten. Diese steigen herab, um uns zu heiligen und zu reinigen nach dem Befehle ihres himmlischen Vaters. Wenn sie dann in die tugendliebende Seele eingezogen sind, sen sie in ihr die Saat der Seligkeit. Zweitens aber thut sich Gott von oben und auen auf verschiedene Weise kund, indem er dem hlfsbedrftigen Menschen entweder seine Engel, den Logos (%logos%), den gttlichen Geist (%pneuma hagion%) oder die gttliche Weisheit (%sophia%) schickt; ja er sagt sogar, da Gott selbst in die Seelen herabsteigt.[696] Da Gott sich Allen durch seinen Geist kundgebe, sagt Philo mit folgenden Worten[697]: Der Herr sprach: mein Geist soll in den Menschen nicht bleiben ewiglich, weil sie Fleisch sind. Wohl kehrt er ein, aber nicht immer bleibt er auf ihnen; denn wer ist so vernnftig oder seelenlos, da er nie, freiwillig oder unfreiwillig, einen Begriff des hchsten Gutes erhalten habe? Auch zu den Verruchtesten schwebt oft pltzlich das Schne in flchtiger Erscheinung herab, aber sie sind nicht imstande, dasselbe festzuhalten, und bald entflieht es wieder. Es wre auch gar nicht zu ihnen gekommen, wenn nicht in der Absicht, jene Menschen, welche das Laster anstatt der Tugend erwhlen, zu berfhren. Nur bei denen allein, die sich vom Krper loszureien streben, bleibt der heilige Geist bestndig. Durch den Logos erleuchtet und belehrt Gott die Menschen ins besondere ber sich selbst; er sendet ihnen in die tugendhaften Seelen wie einen erquickenden Strom, heilt durch ihn die Krankheiten der Seele, flt ihr seine heiligen Gesetze ein, muntert sie auf und strkt sie zur Beobachtung derselben. Er wohnt und lebt in tugendhaften Seelen; er selbst ist vollkommen rein und keiner Snde fhig. _Er ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen._[698] Er ist weder ungeschaffen wie Gott, noch auf dieselbe Art wie die Menschen geschaffen. Sehr charakteristisch fr die Auffassung des Logos im Christentum sind Philos eigene Worte[699]: Gott lt seine Weisheit sanft in tugendhafte Seelen herniederstrmen, sie sichert dieselben vor allen unangenehmen Empfindungen, lt aber in rohe unwissende Seelen die Strafe gleich einem reienden Strom herniederstrzen. Aber dem uralten _Logos, dem vornehmsten Gesandten Gottes, hat der Vater_, welcher Alles zeugte, den ausgezeichneten Auftrag gegeben, da er auf einer Grenze zwischen dem Schpfer und den Geschpfen stehen sollte. _Er fleht den Unsterblichen fr den stets fehlenden Sterblichen um Gnade an und ist der Abgesandte des hchsten Knigs an seine Unterthanen._ Er freut sich seines Auftrags, er rhmt sich desselben und spricht: Ich stehe mitten zwischen euch und dem Herrn (+Numeri 4816+). Er ist weder ungezeugt wie Gott, noch gezeugt wie wir; er steht in der Mitte zwischen zwei Extremen und ist bei beiden _ein Brge_; bei dem Schpfer steht er dafr, da niemals das ganze Geschlecht von ihm abfallen und in Unordnung zurckstrzen werde; dem Geschpf hingegen verbrgt er, _da es die gewisse Hoffnung haben soll, der gndige Gott werde immer fr sein eigenes Werk Sorge tragen_. Philo betrachtet den Ornat des Hohepriesters als Symbol des Weltalls, und den aus zwlf Steinen bestehenden Brustschild (Urim und Thummim), das heilige Orakel, als das Symbol des Logos, welcher das ganze Weltall zusammenhlt und regiert; denn, setzt er hinzu, es war notwendig, da derjenige, welcher vor den Vater der Welt treten wollte, (der Hohepriester im Allerheiligsten) _sich dessen mit vollkommener Tugend begabten Sohnes als Frsprecher bediene zur Vergebung der Snden und zur Mitteilung reichlicher Gter_.[700]------ So viel ber die direkten gttlichen Hlfen. Die Menschen dagegen mssen ihrerseits, falls sie Krfte genug dazu besitzen, im dritten Menschenalter (vgl. oben) durch den Unterricht (%mathsis%) in den Vorbereitungswissenschaften zur Philosophie ihren Verstand zu schrfen und an Betrachtungen zu gewhnen suchen. Darauf msse eine angestrengte bung folgen (%asksis%), die in einem anhaltenden Kampf zwischen Sinnlichkeit und Vernunft besteht, bis die Gottheit, wenn wir eine Zeit lang Stand gehalten haben, dem Guten das bergewicht verleiht.[701] In diesem Sinne sagt Philo[702]: Zur Tugend gelangt man entweder durch Natur, durch Askese oder durch Unterricht. Deswegen schreibt Moses von drei weisen Stammeshuptern unseres Geschlechts, die zwar nicht denselben Weg einschlugen, aber zu demselben Ziele gelangten. Der lteste derselben, Abraham, strebte auf dem Wege des Unterrichts zur Tugend; der zweite, Isaak, erreichte sie durch die angeborene Kraft oder durch die Natur; der dritte, Jakob, durch asketische bungen. Es gibt also drei Arten, um zur Weisheit zu gelangen, und von diesen berhren sich die beiden uersten am nchsten. Die Askese ist nmlich eine Tochter des Unterrichts; die Natur dagegen ist zwar als ihre gemeinschaftliche Wurzel beiden verwandt, aber sie hat den entschiedensten Vorzug vor ihnen. Daher konnte nun Isaak, nachdem er durch die Natur eines Bessern belehrt war, der Vater Jakobs werden, der sich durch die Askese emporarbeitete. _Nur ist weder Abraham noch Jakob als Mensch, sondern beide sind als Seelenkrfte zu nehmen_, jener fr diejenige Kraft des Geistes, die sich zum Unterricht hindrngt, dieser fr die Willigkeit zur Askese. Wenn aber der Asket krftig nach dem Ziele luft und hell zu schauen beginnt, was er vorher nur im Dunkeln und wie im Traume sah, so wird sein Name Jacob, 'der Fersenstoer', in den hhern Israel, 'Beschauer Gottes', umgewandelt, und dann ist nicht mehr der lernende Abraham, sondern Isaak, der selbstgelehrte Natursohn, sein Vater. Das Verhltni zwischen Askese und Unterricht bestimmt Philo folgendermaen genauer[703]: Wer auf dem Wege des Unterrichts reif wird, bleibt, vom Gedchtnis und einer glcklichen Natur untersttzt, fest bei dem Erlernten. Der Asket lt manchmal nach, wenn er sich mit Anstrengung gebt hat, um die erschpften Krfte wieder zu ersetzen, wie es die Athleten zu thun gewohnt sind. Auerdem erreicht der, welcher auf dem Wege des Unterrichts nach Tugend strebt, auch dadurch Unvernderlichkeit, da er einen unsterblichen Lehrer, den Logos, hat und unsterblichen Unterricht von ihm empfngt. Der Asket dagegen hat nur seinen eigenen freien Willen fr sich, welchen er anstrengt, um das den Kreaturen angeborene Verderben auszutreiben. Aber wenn er auch das Ziel bis zur Vollendung erreicht, so fllt er doch zuweilen, von den Anstrengungen ermattet, in das frhere bel zurck. Der Asket ist mehr im Kampf gebt, jener aber glcklicher, denn er hat einen Andern zum Lehrer, whrend der Asket aus sich herausarbeitet und mit Eifer und fortgesetzter Anstrengung in das Wesen der Dingen einzudringen sucht. Das Verhltnis des Unterrichts und der Askese zur Natur (%physis%) bestimmt Philo folgendermaen[704]: Die erlernte und durch bung errungene Tugend ist der Vervollkommnung fhig, denn der, welcher Unterricht nimmt, strebt nach Kenntnissen, die er noch nicht besitzt, der Asket dagegen nach den Krnzen und Preisen des Kampfes; doch das selbstgelehrte Geschlecht der Naturshne ist von vornherein vollendet. Nach diesen Stellen nimmt der Asket die unterste Stufe der nach Vollendung Strebenden ein, und seine Eigentmlichkeit besteht darin, da er sich unaufhrlich bemht, durch eigene Kraft sein Ziel zu erreichen. In diesem Sinne sagt Philo[705]: In der Himmelsleiter, welche Jacob im Traume sah, schaute er ein Bild seines eigenen Lebens: denn die Askese ist ihrer Natur nach ungleich; bald steigt sie in die Hhe, bald sinkt sie wieder herab, bald fhrt sie mit gutem Winde, bald kmpft sie mit schlechtem, bald ist der Asket voll Leben, bald ist er tot und begraben, so da sich die Worte Homers auf ihn anwenden lassen: 'Da die Beid' abwechselnd den einen Tag um den andern leben und wieder sterben.'[706] In der That ist ihr Leben von dieser Art. Die Weisen haben nmlich den Himmel zur Wohnung erhalten, da sie unausgesetzt in die Hhe streben, die Schlechten aber die Hhlen des Hades, weil sie vom Anfang bis zum Ende auf den Tod hinarbeiten und sich an der Verwesung erfreuen. Der in die Mitte zwischen beide gestellte Asket dagegen steigt wie auf einer Leiter auf und ab, bald von seiner besseren Natur emporgehoben, bald wieder durch die schlechtere herabgedrckt, bis der Schiedsrichter und Herr aller Kmpfe dem bessern Teil den Sieg verleiht und den schlechtern auf immer zerstrt. Der Gegenstand der Askese ist also, wie aus den angefhrten Stellen ersichtlich ist, die Wissenschaft und praktische bung der Tugend, welche hauptschlich in der Unterdrckung des Fleisches und seiner Lste besteht. So sagt Philo[707]: Die Worte (+Genesis XXVIII, 11+) 'und er nahm einen Stein des Orts und legte ihn zu seinen Hupten' haben auch nach der wrtlichen Erklrung einen guten Sinn: sie bezeichnen das harte und rauhe Leben des Asketen. Diese betrachten Migung, die Kunst mit wenigem zu leben, als die Grundpfeiler des Lebens, sie verachten Geld und Ruhm, selbst die Speise und Trank, insofern sie der Hunger nicht zwingt, davon zu kosten; sie sind im Dienste der Tugend gleichgltig gegen Klte und Hitze und von kostbaren Kleidern wissen sie nichts. Die drei genannten Wege sind darin gleich, da der Tugendhafte, mag er nun durch Askese oder Unterricht nach oben streben, oder von Natur aus schon das Hchste besitzen, sich dem Leibe, als Quelle alles Bsen, soviel als mglich entzieht. Philo spricht sich folgendermaen sehr prgnant ber dieses Thema aus: Nur die guten und weisen Menschen sind wahrhaft Gottes Geschpfe. Der heilige Chor solcher Mnner giebt aber nicht nur den Besitz uerer Gter auf, sondern auch das Fleisch verachten sie. Die Athleten freilich, welche den Krper gegen die Seele auftrmen, strotzen von Kraft und Gesundheit; aber die Tugendkmpfer sind mager, bleich und abgezehrt; sie suchen die Krpermasse in Seelenkraft umzubilden, um ganz Geist zu werden. Das Irdische wird mit Recht vernichtet, wenn man Gott gefallen will; aber selten, doch nicht unmglich, ist dies Geschlecht auf Erden zu finden.[708] Ein jeder mu den Bruder des Geistes, den Leib, den nchsten des vernnftigen Teils der Seele, den unvernnftigen, tten. Denn nur dann kann der Geist in uns Diener Gottes werden, wenn erstens der Mensch ganz in Seele aufgelst wird, dadurch, da der verbrderte Leib samt seinen Begierden weichen mu; zweitens, wenn die Seele ihr Nchstes, nmlich den unvernnftigen Teil (%to alogo ts psychs meros%), aufgiebt. Dieser teilt sich wie ein Strom in fnf Arme, die Sinne, und rhrt diese durch die Macht der Leidenschaften auf. Endlich mu noch die Vernunft ihren angrenzenden Nachbar, die Rede, entfernen, soda nur das innere -- geistige -- Sprechen brig bleibt, erlst von den Sinnen, erlst vom Leibe, erlst von der Rede des Mundes. Denn nur, wenn der Geist auf diese Weise fr sich allein lebt, kann er das Wesen rein und ungestrt verehren.[709] Damit nun Auenstehende nicht meinen knnten, Philo verlange eine gnzliche Trennung vom Leibe und somit eine Art Selbstmord, sagt derselbe an anderer Stelle[710]: Verla den Leib, die Sinne und die Erde, soll nicht heien: trenne dich wesentlich von ihnen, sondern es heit blo: entferne dich geistig von diesen Dingen, la dich nicht von ihnen beherrschen, denn es sind deine Unterthanen! Es ist aber nicht genug, da sich die Seele vom Leib, den Sinnen und der Rede los sagt, sie mu, wenn es ihr mglich ist, aus sich selbst herausgehen. Philo sagt deshalb in Beziehung auf den Spruch (+Genesis XV,4.+): Und siehe, der Herr sprach zu ihm: Er soll nicht dein Erbe sein, sondern der von deinem Leibe kommen wird, soll dein Erbe sein[711]: Wer wird deine Erbe sein? Nicht der Geist, der freiwillig im Gefngnis des Leibes verharrt, sondern der sich von diesen Banden befreit, der auerhalb der Mauern heraustritt und womglich sich selbst verlt. Denn es heit ja: der aus dir herausgeht, wird dich beerben. Wenn du also die gttlichen Gter zu erben wnschest, o Seele, so verlasse nicht allein die Erde, d.h. den Leib, die Verwandtschaft, d.h. die Sinne, das Vaterhaus oder die Rede, sondern fliehe dich selbst, gehe aus dir heraus wie die Korybanten, die von gttlicher Begeisterung trunken sind. Denn nur da ist die Erbschaft himmlischer Gter, wo die begeisterungsvolle Seele nicht mehr bei sich selbst ist, sondern in gttlicher Liebe schwelgt und, von der Weisheit geleitet, hinauf zum Vater gezogen wird. Anderswo heit es[712]: Der Geist, der nach Freiheit strebt, mu alles Sinnliche, wie die Organe, die Tuschungen eines sophistischen Verstandes verlassen, ja sich selber mu er aufgeben. Deshalb ruft auch die Schrift, das Los eines solchen Geistes preisend, aus: 'Der Herr, der Gott des Himmels, der mich von meines Vaters Hause genommen hat!'[713] Wer noch im Leibe und unter dem sterblichen Geschlecht wohnt, darf Gott nicht nahen, sondern nur derjenige vermag es, den Gott aus diesen Banden befreit. Deshalb geht auch die Seelenfreude, Isaak mit Namen, hinaus, wenn sie allein mit Gott sein will, sich und den eigenen Geist fliehend, denn es heit[714]: 'Isaak ging hinaus aufs Feld gegen Abend um zu beten.' Und auch Moses, die prophetische Rede spricht[715]: 'Wenn ich aus der Stadt, d.h. der Seele hinausgehe, will ich meine Hnde ausbreiten'; d.h. ich will alle meine Handlungen dem Herrn, vor dem keine Bosheit verborgen bleibt, vorlegen und ihn zum Zeugen und Richter derselben machen. Wenn nmlich die Seele sich ihrer selbst ganz entuert und Gott hingegeben hat, so hrt das Getmmel der Sinne auf, welches durch die ueren Gegenstnde angeregt wird, und es herrscht vollkommene Ruhe. Aber dies geschieht nur dann, wenn die Seele aus sich selbst heraustritt und Gott ihre Handlungen und Gedanken weiht. Zur Erklrung dieser Stelle fhre ich einen Ausspruch Philos an, in welchem er sagt[716], der Geist knne in dem nmlichen Augenblick dem Wesen nach im Krper zu Alexandria sein, der Kraft nach aber in Sizilien oder in Italien oder gar im Himmel, sobald er nmlich ber diese Gegenstnde nachdenke. Der Zweck des Heraustretens aus dem eigenen Ich ist das Verlangen, in Gott zu versinken, was Philo in einem schnen Bilde in Bezug auf die Worte Hanna's (+I. Sam. 1,15+) Ich bin ein betrbtes Weib, Wein und starke Getrnke habe ich nicht getrunken, sondern ich habe mein Herz vor dem Herrn ausgeschttet, sagt[717]: Anna behauptet, da sie keinen Wein, noch anderes starkes Getrnke zu sich nehme, und rhmt sich der Nchternheit ihres Lebens. In der That ist es auch viel, einen freien, reinen, von keiner Leidenschaft trunkenen Sinn zu bewahren. Wem dieses gelingt, der mag sich selbst als reines Trankopfer dem Herrn ausgieen. Denn was bedeuten die Worte: ich will meine Seele dem Herrn ausgieen, anders als: ich will mich heiligen; dadurch nmlich, da die Bande, welche die eiteln Sorgen des Lebens um uns schlingen, gesprengt werden, damit der Geist aus sich selbst heraustrete, die Grenzen des Weltalls erreiche und selbst den himmlischen Anblick des Ungezeugten geniee. Diese auerordentliche Hhe der Vollendung kann nur nach langen Kmpfen erreicht werden[718], und Philo unterscheidet daher drei Stufen des Fortschritts: nmlich den Anfnger (%ho archomenos%), den Fortschreitenden (%ho prokoptos%) und den Vollendeten (%ho teleios%). Der Vollendete ist der wahre Gottmensch (%anthrpos theou%), weil er sich Gott zum Eigentum hingegeben. Er ist mehr als ein Mensch und bildet das Mittelglied zwischen Gott und dem sterblichen Geschlecht.[719] Ihm kommen wegen dieser innigen Verbindung mit Gott auch wahrhaft gttliche Eigenschaften zu, so die Unvernderlichkeit und die Freude, deren Wesen Philo sehr schn beschreibt[720]: Demjenigen, der Tugend durch Natur, ohne Anstrengung und Kampf zum Eigentum erhielt, ward als Preis die Freude zu Teil, denn er wurde, wie die Griechen sagen, %gelos%, wie die Chalder, Isaak genannt. Das Lachen ist nmlich das sichtbare Zeichen unsichtbarer innerer Freude. Freude aber ist die beste und edelste der menschlichen Empfindungen, durch welche die Seele ganz und gar mit Wohlgefallen erfllt wird, indem sie sich ihres himmlischen Vaters erfreut, ja selbst ber das, was nicht zu unserer Lust ausfllt, wenn es nur nicht aus Bosheit, sondern zum Wohl des Ganzen geschieht. Denn wie ein Arzt bei groen und gefhrlichen Krankheiten oft Teile des Krpers ablst, um das Ganze zu retten, oder wie ein Steuermann einen Teil seiner Ladung zur Rettung des brigen ins Meer wirft, ohne da Jemand einen solchen Steuermann tadelt, so mu man auf hnliche Weise berall das Urwesen bewundern und alles, was in der Welt geschieht, lobpreisen und sich daran erfreuen, nur das ausgenommen, wobei Bosheit im Spiel ist, ohne daran zu denken, ob etwas uns Vorteil bringe, sondern ob die Welt gleich einem wohlgeordneten Staat zum Heile des Ganzen regiert werde. Auer der Freude wird noch der Friede das Eigentum des Weisen genannt, und neben diesen Gtern des Herzens und Gemts sind noch die hchsten Schtze des Geistes Eigentum des Vollendeten. Vollendung der Weisheit aber besteht im Schauen Gottes, welches nur den Vollkommenen zu Teil wird. ber die Art dieses Schauens drckt Philo sich nicht bestimmt aus, sondern nennt es gewhnlich eine unvollkommene und nur annhernde Erkenntnis.[721] Nur einige wenige Menschen bedrfen der Anstrengung des Unterrichts und der Askese nicht, da sie Gott schon vor Geburt, noch ehe sie etwas Gutes gethan haben konnten, vortrefflich ausbildete und zu einem bessern Schicksal bestimmte.[722] Es sind dies die vollkommenen gttlichen Menschen. ber diese sagt Philo[723]: Die Stelle (+Genesis VI. 4+): 'Es waren auch zu den Zeiten Riesen auf Erden' sei nicht wrtlich zu nehmen, als wren damals wirklich Riesen auf Erden gewesen; sondern die Schrift will uns mit diesen Worten andeuten, da es dreierlei Menschen gibt: irdische, himmlische und gttliche. Die irdischen sind die, welche in das Fleisch versunken sind und nur das treiben, was Lust erregt. Himmlische Menschen sind alle Freunde der Kunst, der Wissenschaft und Weisheit, denn das Himmlische in uns ist der Geist. Der Geist aber beschftigt sich mit himmlischen Dingen, mit den Wissenschaften und Knsten, um sich durch Betrachtung der bersinnlichen Dinge zu ben und zu strken. _Gttliche Menschen endlich sind die Priester und Propheten, welche es verschmhten, Brger der Erde zu werden, sondern, alles Sichtbare und Sinnliche berfliegend, in die geistige Welt einwanderten und sich in den Staat unvergnglicher Ideen einschreiben lieen._ -- Ein solcher Mann Gottes hngt an seinem Gott allein, folgt ihm und richtet nach ihm die Pfade seines Lebens. Die Shne der Erde aber haben seinen Geist aus seinem Besitz, nmlich der Denkkraft, ausgetrieben und graben aus den finstern Schachten des unbeseelten Fleisches. Auf sie lt sich der Ausspruch des Gesetzgebers anwenden: 'Beide werden zu einem Fleische' (vgl. +Genesis, II. 24+); 'sie haben das herrlichste Geprge verflscht, die bessere Stellung verlassen und sind berlufer geworden zum Schlechten und Entgegengesetzten.' Den Shnen der Erde, welche nicht Kraft genug besitzen, sich aus eigener Kraft in die Hhe zu schwingen, knnen fnf Hilfsmittel dienen, nmlich: die schaffende, herrschende, gebietende und verbietende Kraft sowie die der gttlichen Gnade, denn wer einsieht, da Gott die Welt geschaffen hat, wird von Liebe zu ihm hingerissen; wer wei, da Gott der Herr des Geschaffenen ist, wird wie der Unterthan durch die Furcht vor dem Knig und wie ein Kind, wenn nicht durch Liebe, doch durch die Furcht vor den zgelnden Zwangsmitteln des Vaters -- von der Snde zurckgehalten, wer berzeugt ist, da Gott gndig ist, wird aus Hoffnung auf Vergebung sich bessern; und wer endlich glaubt, da Gott Gesetzgeber ist, wird entweder seinen Geboten gehorchen, oder doch wenigstens seine Verbote nicht bertreten.[724] Die in den Snden Verharrenden straft Gott nicht gleich nach seiner Gte, sondern lt ihnen Zeit zur Bekehrung und Verbesserung ihrer Fehler oder schiebt doch die Strafe wegen der unter ihnen wohnenden Rechtschaffenen auf, da diese ein Lsegeld fr die Bsen sind, die sie durch Unterricht auf bessere Wege zu bringen suchen und teils durch ihre guten Erfolge, teils durch ihre Person, um welche herum die Gottheit lauter Wohlthaten verbreitet, die Strafe abwenden. Sobald die Sndigen sich zu bessern beginnen, vergiebt ihnen die gttliche Gnade nach ihrer Gerechtigkeit, ohne sich darum bitten zu lassen.[725] Wer aber an der Snde wie an einer unheilbaren Krankheit darnieder liegt, der mu bestndig sein nie aufhrendes Unglck tragen, verstoen in die Gegend der Gottlosen, um hartes unaufhrliches Unglck zu leiden.[726] Diese Gegend ist jedoch nicht der fabelhafte Hades, sondern der Sitz der Lste, Begierden und alles Bsen.[727] Die Menschen glauben zwar, der Tod sei das Ende aller Strafen, da er doch vor dem Tribunal der Gottheit kaum der Anfang davon ist; denn es giebt eine doppelte Art des Todes: die Trennung der Seele vom Krper, eine, wo nicht gute, so doch gleichgltige Sache, und _das Ersterben in Snden_, welches durchaus bel und je lnger desto bler wird. Dieser ewige Tod besteht in einer bestndigen hoffnungslosen Traurigkeit und Furcht.[728] Die Tugendhaften dagegen, welche ein gutes praktisches Leben fhrten, belohnt Gott im Alter mit einem einsamen der Betrachtung geweihten Leben, wodurch sie zum endlichen Ziele ihres Strebens, zur wahren Weisheit und Erkenntnis Gottes gelangen durch wahre Freude und Glckseligkeit und Heimsuchung ihrer Seelen durch die Gottheit, deren Tempel sie sind.[729] Diejenigen Seelen, welche nach der Vollendung ihrer irdischen Laufbahn noch starke Reize zum Bewohnen der von Natur aus bsen Krper empfinden, kehren nach dem Tode wieder in andere zurck. Die aber des eiteln Lebens vllig berdrssig sind, betrachten den Krper als ein Gefngnis oder Grabmal, in welches sie sich nur aus Wibegierde einschlieen lieen[730]; sie erheben sich schnell zum ther und wohnen dort von Ewigkeit zu Ewigkeit.[731] Drittes Kapitel. Die Elemente der Gnosis bei Philo. Die fr die Geschichte der Gnosis wichtigen Grundprinzipien der Hermeneutik Philos sind die folgenden: Der hchste Zweck der gttlichen Offenbarungen ist der, dem Menschen die ewigen Wahrheiten mitzuteilen, die sich auf den Geist als den wahren Menschen (%nota%) beziehen und diesen dadurch mit Gott und der Geisterwelt (%kosmos notos%) in Verbindung zu setzen. Um nun den Menschen, der doch ohne die Erweckung seines geistigen inneren Sinnes von dem Gttlichen nichts vernehmen kann, nach und nach aus sich selbst zu erwecken und auch zum Nutzen derer, die zu dieser hchsten Stufe des religisen Lebens noch nicht gelangt sind, zu wirken, sind diese hheren Wahrheiten in die Hlle einer zur sittlichen Belehrung und Besserung dienlichen Geschichte und praktischen Religionseinrichtungen eingekleidet worden. Jene hhern Wahrheiten sind die eigentliche Seele des Ganzen, das Reale, welches nichts weiter suchen lt (%to sma%); die Geschichte ist im Verhltnis dazu nur ein Schatten (%skia%). Fr diejenigen, welche nur das in die Augen Fallende betrachten, hat das Ganze auch historischen Sinn; hher aber stehen Diejenigen, welche in die innere Natur, die verborgene Kraft, das wahrhaft Reale einzudringen fhig sind. Das scheinbar Bse oder Unmoralische in den somatischen oder notischen Offenbarungen fgt sich hherer Harmonie als gut oder ist allegorisch zu deuten. In der Theosophie Philos findet sich die allen orientalischen Systemen gemeinsame Unterscheidung zwischen einem verborgenen, in sich verschlossenen, unbegreiflichen, ber jede Bezeichnung und Abbildung erhabenen Wesen der Gottheit und dessen Offenbarungen, als dem ersten bergangspunkt zur Schpfung, dem Grund aller Lebensentwicklung (%ho n, to on%). Jehovah und seine Offenbarung oder der Inbegriff aller im Wesen Gottes verborgenen Krfte (%dynameis tou ontos, logos tou ontos%), wobei Philo immer den Gegensatz vor Augen hat zwischen einem %heinai%, in sich selbst sein, und %legesthai%, ausgesprochen, geoffenbart werden: Die unmittelbare Wirkung des verborgenen und insofern noch nicht schaffenden Gottes, nicht die Welt, sondern der %logos%, durch den er alles hervorgebracht. Alles Dasein und alles Erkennen ist eine Offenbarung desjenigen, der in sich selbst unsichtbar, alles ans Licht frdert. Die Gottheit ist der Urquell alles Lichts, von welchem Strahlen nach allen Seiten hin ausgehen. Vermge dieser Strahlen hat Gott Leben aus sich hervorgebracht, wirkt durch dieselbe immerfort im Weltall und teilt sich dem Empfnglichen mit, diese Strahlen sind %dynameis tou ontos%. Vermge derselben ist Gott berall gegenwrtig, denn kein Platz der Schpfung ist von seinen Krften unerfllt; durch diese verknpft er alles mit unsichtbaren Banden; daher ist er berall und nirgends, berall nmlich durch die Allerfllung seiner Krfte, und doch nirgends, weil das Wesen Gottes als solches nirgends erscheinen kann. Wo also von Theophanien die Rede ist, da ist es nicht das %on% oder der %n%, sondern eine %dynamis%, die in Erscheinung trat. Nicht der %ousids theos%, sondern seine %do xa%, Schechinah, die ihn reprsentierenden Krfte oder hchsten Geister kamen herab. Als %n% ist Gott der %onomastos% oder %akatonomastos%, ber jede Bezeichnung erhaben und nur in seinen einzelnen Krften bezeichnet, diese Krfte sind daher eben so viele Namen des an und fr sich Unnennbaren. Diese Krfte sind teils die verschiedenen Relationen, in denen der unbegreifliche %n%, der endlichen Vernunft aktiv erscheint, teils die einzelnen Vollkommenheiten hchst potenziert als Individualitten. Insofern das %on% an und fr sich ber jede Bezeichnung erhaben ist und nur nach den von denselben ausstrahlenden Krften bezeichnet werden kann, welche alle der %logos% in sich schliet, nennt er ihn vorzugsweise %onoma ton theou% und zugleich %polynymos%, als %archangelos%, weil er nicht blos eine einzelne gttliche Kraft darstellt, sondern alle in sich fat, die %arch%, das erste Glied und das erste Prinzip in der Kette der Lebensentwickelung, in dem das %on% an und fr sich mit derselben in keine Berhrung kommt, wie die Gnostiker sich deutlich ausdrckten, nicht %arch% sondern %proarch% ist der hchste Gottesbetrachter, das Ideal der hchsten Kontemplation. Dasselbe, was er von %ouranios sophia% als %horasis theou% sagt, diese personifizierte himmlische Weisheit als Inbegriff der himmlischen Tugenden, welche Gott aus seinem himmlischen Licht auf ewig unauslschlich hervorgehen lie. Wie der %logos%, die allgemeine Offenbarung des %on% das allgemeine %eikn tou ontos%, so ist im Besondern jeder Engel eine Offenbarung Gottes, jeder Geist eine Offenbarung des verborgenen Gottes. Philo definiert daher einen Engel als %eikn tou ontos%, und so definierten die Valentinianer einen Engel als %logon epangelian echonta tou ontos%. Der %logos% als der allgemeine Gottesoffenbarer heit eben in dieser Beziehung im Verhltnis zu den einzelnen %logois archangelois%. Auch der Geist, der eigentliche Mensch im Menschen, hat dieselbe Bestimmung, Gott zu offenbaren und gttliches Leben in sich aufzunehmen und aus sich zu verbreiten. Die Seelen sind nicht verschieden von den himmlischen Geistern, sondern himmlische Wesen, in die zeitliche ihrer Natur fremdartige Welt herabgesunken. Der menschliche Geist ist also auch ein Bild des %on%, aber nicht unmittelbar, denn der unmittelbare Abdruck des Bildes des verborgenen Gottes ist nur sein %logos%, jede endliche Vernunft nur ein Abbild und Offenbarung jener hchsten Gottesvernunft. Nach dem Bilde des hchsten Allvaters kann nichts Sterbliches geschaffen werden, sondern nur nach dem Bilde des zweiten Gottes, welches der %logos% ist. Der Charakter der Vernunft in den menschlichen Seelen mute von dem hchsten %logos% eingeprgt werden, weil %hoprtos logos theos% hher ist als jede vernnftige Natur, so konnte dem ber den %logos% Erhabenen, der den hchsten und vor allen anderen ausgezeichneten Platz einnimmt, nicht Geschaffenes hnlich gebildet werden. Der Mensch ist also das Bild und der Abdruck eines himmlischen und ewigen Offenbarers der verborgenen Gottheit; das Menschliche soll vergttlicht werden, Offenbarung gttlichen Lebens in menschlicher Form, wie das Leben des verborgenen Gottes dem Menschen nur nahe gebracht werden konnte in menschlicher Form. Der %logos% wurde daher angesehen als das Urbild der Menschen, der Mittelpunkt aller Offenbarung des gttlichen Lebens, das weiter entwickelt und individualisiert erscheint in der Menschheit; der %logos% ist also der Urmensch, der himmlische Mensch, %ho theias adiaphorn eikonos%. Es giebt zweierlei Erkenntnis der Gottheit. 1. Das Erkennen des %on% nicht als solches, nicht in seinem verborgenen Wesen, sondern in seiner Offenbarung, in seinem ewigen Wort, welches Ursache und beseelendes Prinzip der ganzen Schpfung ist, durch die Schpfung selbst, die Offenbarung darstellend, durch einzelne Geister als gttliche Gesandte, durch einzelne von Gott erregte Gedanken und Lehren. 2. Das Erkennen des %on% in sich selbst. Trotzdem das %on% an und fr sich ein Gegenstand wissenschaftlich-logischer Erkenntnis sein kann, trotzdem sich von demselben kein Verstandesbegriff geben und berhaupt nichts prdizieren lt, so giebt es doch eine unmittelbare Offenbarung, erhaben ber alle Verstandeserkenntnis, ber alle mittelbare Offenbarung desselben, ber alle analogische von der Schpfung auf den Schpfer schlieende Erkenntnis, wodurch der Geist eine ber allen %logos% und alles %logikon% erhabene Gewiheit und Klarheit erhlt. Philo drckt diesen Gegenstand aus durch: Erkennen Gottes, des %on%, in sich selbst und in seinem Schatten (+Leg. Alleg. p.79+): Diejenigen, welche so denken, erkennen Gott aus seinem Schatten (der Schpfung); es giebt aber einen vollkommeneren und gereinigteren Geist, der, eingeweiht in die groen Mysterien, nicht aus den Werken die Ursache erkennt, wie aus dem Schatten des Wahrhaften, sondern ber alles Erstandene sich erhebend, die klare Offenbarung des Ewigen erhlt, da er ihn selbst in sich selbst erkenne, und zugleich dessen Schatten, den %logos% und diese Welt. Das %on% wird vielmehr in seiner klaren Selbstoffenbarung erkannt, als durch Argumente bewiesen. In Rcksicht auf die doppelte Erkenntnis des %on% in sich selbst und das durch den %logos% offenbarten, giebt es zwei Standpunkte der religisen Betrachtung: den Standpunkt der %hyioi theou% in eigentlichem Sinn, welchen die unmittelbare Anschauung des %on% zu Teil geworden und der %tou logou hyioi%. Diesen zwei Standpunkten der Religionserkenntnis entsprechen zwei verschiedene Standpunkte der praktischen Gottesverehrung. Die %theou dia%, welche die hchste Gotteserkenntnis erlangt haben, finden allein in der Gemeinschaft mit ihm Beseligung und dienen ihm nur um seiner selbst willen, von der Liebe zu ihm beseelt. Die %logou hyioi%, welche Gott noch nicht nach seinem Wesen, sondern nur nach seinen Werken oder seiner Thtigkeit erkannt haben, sind noch nicht fhig, das Beseligende der Gemeinschaft mit Gott zu erfahren, noch nicht empfnglich fr die hchsten Triebfedern der Religion. Sie mssen noch durch Hoffnung und Furcht angetrieben und erzogen werden, und Gott lt sich zu diesen ihren Bedrfnissen herab. Aber von ihm selbst unmittelbar kann keine Strafe herrhren; er ist nur die Quelle des Segens und der Beseligung fr alle Empfnglichen, und vollzieht die Strafgerichte ber die, welche dadurch erzogen werden knnen, durch dienende Geister. Es giebt also eine Religion der %pneumatika% und eine Religion der %psychikoi%; die %pneumatikoi% erkennen das %on% und die %psychikoi% einen dieses reprsentierenden Geist, welchem deren Erziehung und Regierung bertragen wurde. Dieser die Gottheit reprsentierende Engel, der Erzieher und Zuchtmeister der Welt, ist der Demiurgos. Als Eins erscheint das %on%, wenn die Seele vollkommen gereinigt, nicht nur ber die Vielheit, sondern auch ber die der Einheit am nchsten verwandte Zweiheit sich erhebt, zu der reinen und selbstgenugsamen Idee. Als Drei erscheint der Seele das %on% nicht unmittelbar wie es in sich selbst ist, sondern nur mittelbar als schaffend und herrschend. Die Juden sind das dem %on% geweihte Volk[732], welches dieser selbst regiert, whrend die andern Vlker andere Krfte Gottes zu ihren Vorstehern haben; aber auch Israel zerfllt in einen %isral ais thtos% und einen %isral notos%. Der ersten Klasse offenbart sich Gott durch seine Engel, weil sie der reinen geistigen Gottesverehrung nicht fhig sind. Den rein geistigen und seiner Verehrung geweihten Seelen kann sich Gott offenbaren, wie er in sich selbst ist; er geht mit ihnen um, wie der Freund mit dem Freunde; denen aber, die noch im Krper sind, offenbart sich Gott unter der Gestalt der Engel, nicht als ob er seine Natur verwandle, sondern indem er die Vorstellung bei ihnen erregt, da das Bild das Urbild selbst sei. So wie diejenigen, welche die Sonne nicht selbst betrachten knnen, ihr Bild im Widerschein fr sie selbst halten, so sehen diese Gottes Bild, seinen Engel, fr ihn selbst an. Gott und seine Krfte knnen sich in scheinbar sinnlichen Formen der Menschheit offenbaren, die jedoch kein reales Dasein haben; die hheren Naturen nehmen mannigfach wandelbare Formen an je nach den Bedrfnissen derer, denen sie erscheinen. Es ist notwendig, da die ganze Schpfung belebt sei, denn Gott, die Urquelle alles Lebens und die Summe aller Krfte, ist berall gegenwrtig; darum wird auch jeder Teil der Schpfung ihm angemessene Bewohner haben. Diese Geisterwelt ist ein intelligibler Staat, worin die Angelegenheiten des %kosmos aisthtos% und besonders der Menschheit erledigt werden. Die Mitte dieses intellektuellen Staates hat den %logos% inne, der erhabenste aller Geister der aktive %on%. Er ist das Triebrad im innern Wesen der Gottheit wie der gesamten Geisterwelt. Gott vertraute ihm bei der Schpfung das allmchtige Werde! an, und also entstand die Welt durch ihn. Er schuf die Formen der Dinge durch seine Weisheit, denn er ist der Sohn der Weisheit, vom Vater gezeugt, ehe die Welt erschaffen worden. Er vereinigte Macht und Gte bei der Schpfung und machte dadurch Gott zum hchsten Guten. Er fhrte zur Bezeichnung seiner Eigenschaften und Krfte dem Namen %polynymos%. Der Mensch ist fhig, in eine unmittelbare Gemeinschaft und einen vertrauten Umgang mit den Krften des %n% zu kommen, wozu die moralische Gte und die Askese die Haupterfordernisse sind. Durch diesen Umgang wird die Seele hoher Macht und Kenntnisse teilhaftig. Denn, wenn der Menschengeist auch durch eigene Kraft vieler Knste und Wissenschaften fhig ist, so vermag er doch nur durch bersinnliche Hlfe wahrhaft begeistert zu werden, und nur vermittelst dieses Umgangs gelangt er zur wahren Erkenntnis des Guten und Wahren. Ist die Seele durch ihre Verbindung mit der Geisterwelt und namentlich durch den Einflu des Logos zur Erkenntnis der eigentlichen Grundideeen der Dinge gelangt, dann erhebt sie sich ber sich selbst, tritt mit dem Logos in Gemeinschaft und ersteigt den Gipfel der reinsten Erkenntnis; ihr Flug ist fortan nur himmelwrts gerichtet. II. Die Therapeuten und Esser. Die Sittenlehre der alexandrinischen Propheten ist das Gesamtprodukt des vterlichen Glaubens, der platonischen Philosophie und der Zeitverhltnisse, insofern der politische Druck, welcher auf den Juden lastete, einige ihrer Leute zwang, im eigenen Innern den Trost und die Befriedigung zu suchen, die ihnen die Auenwelt versagt, daher ihre Mystik. Als Anhnger Platos flchteten sich so die Mystiker unter den alexandrinischen Juden in die innere Geisteswelt, und die Entfremdung von der Welt, die Abttung des Leibes wurden zur hchsten Tugend. Doch als Juden, die im unerschtterlichen Glauben an ihr Gesetz aufgewachsen waren, gaben sie nur die irdischen Hoffnungen der _nchsten_ Zeit auf und erwarteten nach den alten Verheiungen eine herrliche Zukunft voll Glck, in welcher ihr Glaube die ganze Welt beherrschen werde. So wurde die Hoffnung, da einst bessere Zeiten kommen wrden, der Glaube, da der Gott der Vter sein Volk nicht verlassen werde, das Merkmal der echten Juden, und wenn ihr in der Fremde von allen irdischen Genssen abgekehrtes Gemt nicht ersterben sollte, mute jene tiefe, in allen Systemen der Mystik wiederkehrende Liebe die Leere des von der Auenwelt unbefriedigten Judengemts ausfllen. Nur aus diesen allgemeinen Verhltnissen lt es sich erklren, warum wir in beinahe allen briggebliebenen Denkmlern der alexandrinischen Theosophie neben den platonischen Tugenden den Glauben, die Liebe, die Hoffnung und die Befreiung von den Fesseln des Fleisches als die hchsten Gter genannt finden. -- So viel ber die jdischen Mystiker in Alexandria. Es ist nun der Nachweis zu fhren, da die alexandrinische Theosophie, die Lehre Philos, nach Palstina verpflanzt wurde. Dieser Beweis ergiebt sich daraus, da die Sekte der Therapeuten der alexandrinischen Mystik zugethan war und da die Esser, wenn sie nicht von ihnen abstammen, doch auf das Engste mit ihnen zusammenhngen. Da die Therapeuten die theosophischen Anschauungen Philos teilten, geht aus dem groen Lob hervor, welches dieser ihnen spendet; denn in einer religis so bewegten Zeit, wie die Philos war, wird nicht leicht ein Mystiker von so ausgeprgten Anschauungen wie Philo eine religise Partei loben, deren Lehren nicht mit den seinen harmonieren. Philo sagt von den Therapeuten[733]: Das an das Schauen gewhnte Geschlecht der Therapeuten mge fortwhrend nach der Erkenntnis des Hchsten streben, es mge die sichtbare Sonne berfliegen und nie seinem Berufe untreu werden, welcher zur vollkommenen Glckseligkeit fhrt. Denn diejenigen, welche sich der Beschauung weihen, -- nicht aus Gewohnheit oder durch uere Anforderungen bewogen, sondern von himmlischer Liebe ergriffen, -- sind wie Korybanten hherer Begeisterung voll, bis sie das Ersehnte erschauen. Und weil sie aus heiliger Sehnsucht nach dem seligen und ewigen Leben schon hier der sterblichen Hlle abgestorben zu sein glauben, berlassen sie freiwillig alle Habe ihren Shnen, Tchtern, sonstigen Verwandten und Freunden. Zeugt nun schon dieser und mancher andere Ausspruch Philos fr die Wahrscheinlichkeit der Gleichheit seiner religisen Anschauungen mit denen der Therapeuten, so lt sich dieselbe auch thatschlich nachweisen. Dazu ist jedoch notwendig, da wir Philos Nachrichten von den Therapeuten vollstndig wiedergeben. Er sagt[734]: Wenn sie ihr Vermgen abgetreten haben, fliehen sie -- von keinem Reize mehr zurckgehalten -- unaufhaltsam weg von Brdern, Kindern, Weibern, Eltern, von ihren Verwandten und Freunden, von dem Orte, wo sie geboren und erzogen wurden. Denn sie kennen den verderblichen Einflu, welchen die Gewohnheit auf bessere Entschlsse ausbt. Sie wandern auch nicht nur in eine andere Stadt wie unglckliche oder schlechte Sklaven, die ihren seitherigen Herrn um Verkauf bitten und damit keine Freiheit, sondern nur einen Wechsel der Knechtschaft erreichen: vielmehr eilen sie hinweg von allen Stdten (denn jede -- auch die besser eingerichtete -- ist voll Lrm, voll Unheil und Unruhen aller Art, welche ein Mann nicht mehr ertragen kann, der einmal die Weisheit gekostet hat), in Grten und entlegene Landhuser, um die Einsamkeit zu genieen, nicht als ob sie die Menschen haten, sondern weil sie wissen, da der Umgang mit Andersgesinnten, der in der Welt nicht vermieden werden kann, Verderben bringt. Das Geschlecht der Therapeuten ist ber die ganze Erde verbreitet, denn Hellas und die Lnder der Barbaren sollten einer so edeln Anstalt nicht entbehren. In grter Anzahl aber finden sie sich in gypten, in jedem der sogenannten %noma% und endlich in der Nhe von Alexandria. Die besten unter allen Therapeuten eilen -- als in die gemeinsame Heimat -- an einen schnen Ort, der ber dem See Mris auf einer sanften Anhhe liegt und hinsichtlich der Sicherheit wie der gesunden Luft alle Vorzge vereinigt. Fr die Sicherheit sorgen nmlich die umherliegenden Hfe und Drfer, und seine gesunde Luft verdankt der Ort den Winden, die sowohl vom See her, welcher ins Meer ausmndet, als auch von dem nahen Ozean wehn. Die Lfte vom See her sind fein, die vom Meer her dichter, die Mischung beider ist der Gesundheit sehr zutrglich. Die Huser dieses Ortes sind sehr einfach und nur auf die notwendigsten Bedrfnisse berechnet, nmlich zum Schutz gegen die Klte, sowie gegen die Glut und Sonne. Sie stehen nicht so nahe aneinander wie in den Stdten, denn Nachbarschaft ist beschwerlich fr die, welche die Einsamkeit suchen; aber sie sind auch nicht sehr weit voneinander entfernt, teils weil ihre Bewohner Gemeinschaft mit einander haben wollen, teils zur Sicherheit und gegenseitigen Untersttzung bei Angriffen von Rubern. In jedem Hause ist ein Heiligtum, das sie Semneion oder Monasterion nennen, in welchem Jeder in tiefer Einsamkeit die Geheimnisse des geweihten Lebens bt. Sie bringen nichts in dieselben, was zur Notdurft des Lebens gehrt, keine Speise, keinen Trank; sie beschftigen sich dort allein mit Gesetzen und Orakeln, von Propheten erteilt, mit Lobgesngen auf Gott und solchen Dingen, durch welche Wissenschaft und Frmmigkeit gefrdert werden. Das Denken an Gott weicht nie aus ihren Seelen, so da sie auch im Traume nichts anderes als die hohe Schnheit der gttlichen Tugenden und Krfte schauen. Viele reden selbst im Schlafe von den herrlichen Lehren heiliger Philosophie.[735] Zweimal beten sie tglich mit der Morgenrte und gegen den Abend. Wenn die Sonne emporsteigt, flehen sie um einen wahrhaft guten Tag, da nmlich das himmlische Licht in ihren Seelen aufgehe. Wenn sie untergeht, bitten sie, da ihre Seelen gnzlich befreit von der Last der Sinnesorgane und der ueren Welt, in ihr innerstes Heiligtum versenkt, die Wahrheit erschauen mgen. Die Zeit zwischen Morgenrte und Abend wird von ihnen religiser bung geweiht. Mit den heiligen Schriften beschftigt, suchen sie Weisheit, indem sie den heiligen Urkunden einen tieferen Sinn unterlegen, denn sie glauben, da die Worte Sinnbilder einer tiefer liegenden Wahrheit seien, die nur angedeutet, nicht ausgesprochen ist. Sie besitzen auch Schriften alter Weisen, der Stifter ihrer Sekte, welche viele allegorische Denkmale hinterlassen haben. Nach Anleitung dieser suchen sie die verborgene Weisheit auf. Auerdem aber dichten sie selbst auch Gesnge, auch Loblieder auf Gott in mannigfachem Metrum, je nach dem es der Gegenstand erfordert. Sechs Tage lang sind sie, jeder fr sich, in der Einsamkeit, in den oben beschriebenen Monasterien beschftigt, ohne je die Schwelle des Hauses zu berschreiten, ja selbst ohne hinauszugehen. Am siebenten kommen sie zusammen und setzen sich nieder nach ihrem Alter in anstndiger Stellung, die Hnde einwrts gekehrt, die Rechte zwischen Brust und Kinn, die Linke an die Hfte geschmiegt. Der lteste und Erfahrenste tritt auf und spricht mit ruhigem Blick und gelassener Stimme, nicht wie die heutigen Rhetoren und Sophisten auf knstliches Gerede bedacht; sondern grndlich den hheren Sinn der heiligen Schriften entwickelnd, in einem Vortrag, der nicht blos am Ohr vorbereilt, sondern in die Seele eindringt und bleibend wirkt. Die Andern hren ruhig zu und geben ihren Beifall nur im Winken der Augenlider und des Hauptes zu erkennen. Das gemeinschaftliche Semneion, in welchem sie sich am siebenten Tage versammeln, besteht aus zwei getrennten Flgeln, deren einer fr die Mnner, der andere fr die Weiber bestimmt ist. Denn auch Weiber, die von demselben Eifer beseelt sind und die gleiche Lebensart erwhlt haben, hren zu. Die Mauer zwischen beiden Betslen erstreckt sich drei oder vier Ellen hoch nach Art einer Schutzwehr. Der obere Raum bis zum Dach ist freigelassen. Diese Einrichtung hat zwei Grnde: Erstlich, da der Anstand, der sich fr Weiber ziemt, gewahrt werde; und zweitens, damit letztere doch die Stimme des Sprechenden leichter vernehmen knnen. Die Enthaltsamkeit erachten sie fr den Grund aller Tugenden, auf welchen die andern gebaut werden mssen. Vor Sonnenuntergang nimmt keiner von ihnen Speise oder Trank zu sich, denn sie betrachten die Beschftigung mit Weisheit als das einzige wrdige Werk des Lichts, die krperliche Notdurft dagegen als eine Sache der Finsternis, weshalb sie jener die Tage, dieser einen kurzen Teil der Nacht widmen. Einige von ihnen, die inbrnstiger nach Weisheit streben, denken erst nach drei Tagen an Nahrung; andere sind so ganz den Tiefen des Wissens hingegeben, welches reichlich ihre Seelen nhrt, da sie doppelt so lange ausharren und kaum am sechsten Tage notdrftige Kost zu sich nehmen. Sie gleichen hierin den Cicaden, die, wie man sagt, sich von Luft nhren, weil -- wie ich glaube -- der Gesang ihre Bedrfnisse stillt. Den siebenten Tag betrachten sie als das heiligste Fest und feiern ihn hoch. Nchst der Seele gnnen sie an demselben auch dem Leibe bessere Pflege, als wollten sie selbst dem tierischen Teile unseres Wesens Ruhe von der anhaltenden Anstrengung gewhren. Ihre Kost ist einfach: Brot und als Zusatz etwas Salz; wer sich recht gtlich thun will, nimmt ein wenig Ysop dazu. Ihr Trank ist Quellwasser. Sie begngen sich, die zwei Gebieter, welche die Natur ber uns verhngt, den Hunger und Durst, zu befriedigen, ohne ihnen zu schmeicheln. Nur das Ntigste, ohne welches man nicht leben knnte, gewhren sie ihnen. Deshalb essen sie, um nicht zu hungern und trinken, um nicht zu drsten. berfllung betrachten sie als gleich schdlich fr Leib und Seele. Zur Bedeckung gehren Kleider und Wohnung; von letzterer haben wir schon gesagt, da sie schmucklos, ohne besondere Zurstung und nur auf das Bedrfnis berechnet sei. Ebenso verhlt es sich auch mit ihrer Kleidung. Sie dient ihnen blos zum Schirm gegen Hitze und Klte; im Winter ein dichtes Oberkleid aus zottigem Fell, im Sommer ein Gewand mit rmeln oder ein Stck Leinwand. Denn auf alle Weise sind sie dem Prunke feind, wohl wissend, da Lge Quell des Prunkes, Wahrheit Quell der Prunklosigkeit ist. Aus der Lge strmen die vielfachen Arten des Bsen, aus der Wahrheit dagegen der Reichtum himmlischer und irdischer Gter. Der ppigkeit der anderen Nationen will ich die gemeinsamen Mahle der Therapeuten entgegenstellen, welche sich und ihr ganzes Leben der Weisheit und Frischung nach den heiligen Vorschriften des Propheten Moses geweiht haben. Am siebenten Sabbath kommen sie zusammen, indem sie nicht nur die einfache Siebenzahl, sondern auch deren Kraft (Quadrat) ehren; denn sie wissen, da sie ewig rein und jungfrulich ist. Dieser Tag wird begangen als Vorfeier des hocherhabenen Festes der Fnfzig (Tage -- Pfingsten), dieser heiligsten und mit der Natur der Dinge innigst verbundenen Zahl, die aus der Kraft des rechtwinkeligen Dreiecks entstanden, Urquell der Schpfung aller Wesen ist. Wenn sie in weien Gewndern, heiter, doch mit Ernst, versammelt sind, so stellen sie sich auf ein Zeichen des Ephemereuten (so heien diejenigen, denen dieses Geschft obliegt) in grter Ordnung lngs der Wand hin auf, heben die Augen und Hnde zum Himmel empor; jene, weil sie gelehrt wurden, das wahrhaft Sehenswerte zu schauen, diese, weil sie rein von Frevel und durch keinen ungerechten Erwerb befleckt sind, und flehen zu Gott, da ihr Mahl ihm angenehm sein mge. Nach dem Gebet legen sie sich nieder in einer Reihenfolge, welche die Zeit des Eintritts in die Gesellschaft bestimmt; denn nicht das natrliche Alter halten sie in Ehren -- vielmehr gilt ihnen der Greis, der erst spt die geweihte Lebensart ergriff, fr ein Kind--, sondern Diejenigen haben den Vorzug, welche sich von Jugend auf der theoretischen Weise, dem schnsten und gttlichsten Leben geweiht haben und darin erstarkt sind. Auch Frauen feiern das Mahl mit, meist alte Jungfrauen, die nicht -- wie gewisse Priesterinnen unter den Griechen -- blos aus uerem Zwang ihre Jungfrulichkeit bewahrten, sondern aus heiligem Eifer die Weisheit sich zur Gefhrtin auserkoren und die Lste des Krpers bei Seite setzten, nicht nach sterblichen Sprlingen begierig, sondern nach unsterblichen, welche nur eine gottliebende Seele gebren kann, wenn der Vater der Welt seine geistigen Strahlen und mit ihnen die Erkenntnis hherer Weisheit ber sie ergiet. Die Teilnehmer des Mahles sind in zwei abgesonderte Reihen geordnet: rechts die Mnner und links die Weiber. Zum Lager dienen ihnen weder prchtige noch weiche Teppiche, sondern ganz gewhnliche Decken mit einer Unterlage von Papyrus, welche auf der Seite, wo die Ellenbogen zu liegen kommen, etwas erhht ist, damit man sich leichter aufsttzen kann. Denn eben so weit von spartanischer Strenge entfernt als von Schwelgerei und Nachgiebigkeit gegen die Lste, bewahren sie die Mittelstrae, wie es sich fr freie Menschen geziemt. Sie werden nicht von Sklaven bedient, denn sie glauben, die Knechtschaft sei der Natur zuwider. Diese hat alle Menschen zur Freiheit bestimmt, und erst die Ungerechtigkeit und Habsucht und der wilde Trieb, mehr zu sein als Andere, aus welchem alles Bse entstanden ist, hat die Herrschaft ber diese Schwachen den Gewaltigen in die Hnde gespielt. Bei diesen heiligen Mahlen dagegen ist keiner Knecht, sondern Freie dienen, nicht aus Zwang, noch auf Befehle harrend, sondern mit bereitwilligem Eifer den Wnschen zuvorkommend. Denn auch nicht der erste beste wird zu diesem Dienst auserkoren, sondern die vorzglichsten Jnglinge aus der Gesellschaft warten den ltern Mitgliedern wie Shne ihren Vtern und Mttern mit der grten Freudigkeit auf. Dieselben treten auch nicht aufgeschrzt, sondern mit hngendem Gewande in den Saal, um jede Spur zu vertilgen, die an Sklavendienste erinnern knnte. Ich wei, da Manche hierber lachen werden, aber freilich nur solche, die selbst der Thrnen wert sind. Wein wird an diesen festlichen Tagen nicht aufgetragen, sondern nur klares Wasser, kalt fr die Mehrzahl, warm fr diejenigen unter den lteren, die sich gtlich thun wollen. Auch keine blutige Speise kommt auf den Tisch, sondern Brot als Hauptgericht, Salz als Zugemse, und bisweilen essen die ppigsten etwas Ysop dazu. Denn wie die Priester nur nchtern opfern drfen, so hat diese die Vernunft gelehrt, nchtern zu leben. Der Wein verleitet zu Unverstand, und ppige Speisen reizen die Begierden, diese unersttlichen Tiere. Im Originaltext befindet sich hier eine Lcke, dann heit es weiter: Die tiefste Stille herrscht; Keiner wagt einen Laut von sich zu geben oder stark zu atmen. Sofort wirft einer die Frage auf ber Stellen aus den heiligen Schriften oder lst eine solche von andern gegebene, ohne sich im geringsten brsten zu wollen. Denn er strebt nicht nach dem Ruhm der Beredtsamkeit, sondern er will tiefe Belehrung von anderen oder, wenn er diese schon besitzt, so beabsichtigt er, dieselbe denjenigen mitzuteilen, die zwar nicht so scharf sehen wie er, aber doch dieselbe Wibegierde haben. Deshalb verweilt der Redende auch lnger bei seinen Stzen, um seine Gedanken den Zuhrern einzuprgen. Denn wenn die Erklrung zu schnell forteilt, so kann der Zuhrer nicht gleichen Schritt halten und mu zurckbleiben, wodurch ihm der Sinn des Vortrags entgeht. Die brigen hngen am Munde des Redners und hren ihm in ruhiger Haltung zu. Wenn sie seine Worte verstehen, so geben sie dies mit einem Blick oder einem Wink zu verstehen; den Beifall drcken sie durch heitere Mienen oder durch eine sanfte Wendung des Gesichts, den Zweifel durch ruhiges Schtteln des Hauptes oder durch ein Zeichen mit den Fingerspitzen der rechten Hand aus. Die zum Dienst herumstehenden Jnglinge geben brigens so gut acht, wie die zum Mahl gelagerten Alten. Bei Erklrung der heiligen Schriften bedienen sie sich immer der allegorischen Weise, denn sie betrachten die ganze Gesetzgebung als ein organisches Wesen, indem sie mit den Worten den Leib, mit der Seele aber den tiefern unter den Worten verhllten Sinn vergleichen; in diesen schaue die vernnftige Seele, durch die Worte, wie durch einen Spiegel hindurchblickend, hohe verborgene Gedanken. Wenn der Wortfhrer genug gesprochen und seinen Zweck erreicht hat, so klatschen alle mit den Hnden zum Zeichen ihrer Zufriedenheit. Sofort steht ein anderer auf und singt einen Lobgesang auf Gott, der entweder von ihm selbst gedichtet oder von alten Dichtern der Gesellschaft verfat wurde. Denn dieselben haben viele Hymnen in allen Versmaen und Weisen hinterlassen. Wenn der erste geendet hat, singt ein anderer der Reihe nach, whrend die brigen in grter Stille zu hren; nur die Endsilben der Verse und den Chor singen sie mit. Wenn alle fertig sind, so bringen die Jnglinge den oben genannten Tisch herein, auf welchem die hochheilige Speise liegt, nmlich gesuertes Brot mit Salz und Ysop, zur Unterscheidung von dem geweihten Tisch im heiligen Vorhof zu Jerusalem. Auf diesem nmlich liegt ungesuertes Brot mit Salz ohne Beimischung von Ysop. Denn es ist billig, da die reinsten und einfachsten Speisen ausschlieliches Eigentum des auserlesenen Priestertums seien zur Belohnung der heiligen Dienste; die anderen dagegen mgen immerhin nach hnlichem streben, aber ohne jenes ungesuerte Brot zu genieen, welches nur den Besten, den Priestern zu Jerusalem, zum Zeichen des Vorrangs gebhrt. Nach dem Mahle begehen sie die heilige Nachfeier und zwar auf folgende Weise: Alle erheben sich gleichzeitig und bilden mitten im Saale zwei Chre, deren einer aus Mnnern, der andere aus Frauen besteht. Zu Fhrern und Vorsngern werden fr beide die Tchtigsten und Melodienreichsten gewhlt. Sofort stimmen sie Hymnen an in allen Versmaen und Weisen, bald zusammensingend, bald im Wechselgesang sich ablsend. Nachdem jeder der beiden Chre fr sich zur Genge gesungen hat, so mischen sich Mnner und Weiber, wie bei den bacchischen Festen, trunken von gttlicher Liebe, durcheinander und werden aus zweien _ein_ Chor, ebenso wie dies einst am roten Meere geschah wegen des dort geschehenen Wunders. Damals nmlich vereinigten sich die israelitischen Mnner und Frauen zu einem Chorus, Danklieder auf Gott den Erretter singend, wobei Moses die Mnner und die Prophetin Mirjam die Frauen anfhrte. Diesen alten Chorus haben die Therapeuten zum Vorbild genommen bei dieser Feier, in deren Wechselgesngen die tiefen Tne der Mnner mit den hohen weiblichen Stimmen zur schnen Harmonie verschmelzen. Schn sind die Gedanken, schn sind die Ausdrcke, ehrwrdig die Teilnehmenden. Denn das gemeinschaftliche Ziel der Worte, der Gedanken und der Snger ist Frmmigkeit. So bringen sie die ganze Nacht hin in heiliger Trunkenheit, auf welche keine Beschwerde des Leibes noch Schlafsucht folgt; sondern lebhafter als sie waren, da sie die heilige Feier begannen, wenden sie sich morgens mit dem Gesicht und dem ganzen Krper gen Aufgang, und sobald die Sonne emporsteigt, heben sie die Hnde gen Himmel empor und flehen um hellen Schein der inneren Sinne, um Wahrheit und Schrfe des geistigen Auges. Nach diesem Gebet zieht sich jeder in seine stille Zelle zurck, um sich wiederum mit der gewohnten Philosophie zu beschftigen. Das ist, was Philo ber die Lebensweise der Therapeuten mitteilt. ber ihre Dogmen erfahren wir sehr wenig. Gott ist ihnen das Urlicht; Ebenbild desselben und intelligibler, die menschlichen Seelen erleuchtender Abglanz ist die Sophia oder der Logos, dessen sichtbares Abbild wiederum die Sonne ist.[736] Wie Gott Licht ist, so ist die Materie der Quell aller Finsternis und alles Bsen. Die Seelen sind prexistierend und kehren nach dem Tode in ihre himmlische Heimat zurck. Die hchste Tugend ist %enkrateia%, die Entfernung vom Fleische. Deshalb enthalten sich die Therapeuten so sehr als mglich der Speisen und genieen nur die einfachsten. Fleisch verabscheuen sie und nur Pflanzenkost ist ihnen erlaubt; darum fliehen sie auch die Ehe und alle Lust. Neben der Enthaltsamkeit preisen sie die gttliche Liebe. Das Ersehnte ist die wahre innere Erkenntnis Gottes und des Himmels.[737] Wie offen am Tage liegt, huldigen die Therapeuten den gleichen Grundstzen wie Philo, nur da sie dieselben auch bis zu ihren uersten Konsequenzen praktisch durchfhren, hnlich wie die mit ihnen eng verwandten oder identischen Esser in Palstina. Die Esser entuern sich des persnlichen Eigentums wie die Therapeuten und leben in Gtergemeinschaft.[738] Josephus uert sich darber u.a.[739]: Sie haben sich nicht nur in _einer_ Stadt gesammelt, sondern in jeder Stadt wohnen viele. Den Ordensmitgliedern, die von auswrts kommen, steht das Haus eines jeden Mitgliedes offen, und er kann darin schalten wie in seinem Eigentum; sie gehen deshalb bei solchen Ordensgenossen, die sie nie sahen, so ein, als wren es ihre nchsten Verwandten. Darum nahmen auch die Esser keine Bedrfnisse irgend welcher Art mit sich, sondern tragen nur Waffen wegen der Ruber. Auerdem ist in jeder Stadt vom Orden ein Verwalter ausdrcklich wegen der Fremden angestellt, welcher ihnen Kleider und Lebensbedrfnisse reicht. Die Esser enthielten sich der Ehe, ebenso wie die Therapeuten und duldeten wie diese keine Sklaven.[740] -- Beide Genossenschaften haben eine Rangordnung ihrer Mitglieder nach der Zeit ihres Eintritts in die Gesellschaft und machen einen Unterschied zwischen Novizen und lteren Mitgliedern. Josephus unterscheidet vier Stufen oder Grade![741] %Ho zln%, der Neuling, der sich zur Aufnahme meldet und zwei Jahre lang ohne Verbindung mit den Ordensmitgliedern leben mu; %ho prosin%, der Novize, der noch zwei Jahre lang Prfungen bestehen mu; endlich %ho symbits%, welcher an den heiligen Mahlen Anteil nimmt. Dieser Grad zerfiel nach Josephus in zwei nicht namhaft gemachte Unterabteilungen. Beide Sekten stehen mit strengen Regeln unter Vorgesetzten, die bei Josephus[742] %epimeltai% und bei Philo -- wie schon gesagt -- %ephmereutai% heien. Beide Sekten tragen dieselbe Kleidung; beide beten zu gleicher Zeit und auf dieselbe Weise, nmlich bei Sonnenaufgang mit gegen die Sonne gewandtem Gesichte. Beide feiern geheimnisvolle heilige Mahle; Josephus beschreibt die Esser folgendermaen[743]: Wenn sie von ihren Geschften zurckkommen, waschen sie den Leib sorgfltig ab; erst nach diesen Weihungen betreten sie den Speisesaal; von welchem alle Nichtesser sorgfltig ausgeschlossen sind. Denn rein mssen sie sein, ehe sie in dieses Heiligtum eingehen drfen. Vor dem Mahle spricht der Priester ein Gebet; vorher darf Niemand eine Speise berhren. Dasselbe geschieht auch nachher; denn am Anfang und am Ende verehren sie Gott als Geber der Speisen. Nach dem Mahle ziehen sie die Kleider, die sie whrend desselben als heilige Gewnder getragen haben, wieder aus. Ebenso halten sie es mit dem Abendessen. Kein Gerusch noch Lrm herrscht bei diesen Mahlen, ein jeglicher tritt dem Andern das Wort ab, soda niemals zwei zu gleicher Zeit reden; darum erscheint den Auenstehenden das im Saale herrschende Schweigen als ein schauerliches Geheimnis. Da die Mahle der Esser im hchsten Ansehen standen, beweist folgende Stelle Philos[744]: Die blutigsten Tyrannen Judas, welche ihre Unterthanen mit unsglicher Grausamkeit wie wilde Tiere zerfleischten, konnten den Essern nichts anhaben. Sie muten ihre Mahle und ihre ber alles Lob erhabene Gemeinschaft ehren. Die auffallende Gleichheit der Gebruche beider Sekten beweist ihre innige Verwandtschaft, die sich auch in ihren Dogmen nachweisen lt: Sie verehren beide Gott als das hchste Licht und nehmen ein Mittelwesen, den Logos, bei den Essern +Memra di Jaweh+ an.[745] Die Esser halten wie die Therapeuten den Leib fr die grte Unreinigkeit und nehmen eine Prexistenz der Seelen an. In diesem Sinne heit es bei Josephus[746]: Der Glaube steht bei ihnen fest, da die Leiber vergnglich seien, die Seelen dagegen ewig und unsterblich fortdauern. Dieselben steigen nmlich, von einem natrlichen Reize herniedergezogen, aus dem reinsten ther herab und werden in die Leiber wie in ein Gefngnis eingeschlossen. Sie (die Esser) lehren, da die Seelen, wenn sie aus den Leibesbanden erlst sind, voll Wonne in die Hhe empor schweben gleich Gefangenen, die aus langer Knechtschaft erlst werden. Dabei denken sie sich das Schicksal der hinbergegangenen Seelen als verschieden: den Guten weisen sie ihren Aufenthalt an einem Ort an, der nicht durch Regen, Klte oder Hitze belstigt wird und fortwhrend von einem vom Meer her suselnden Zephyr Khlung empfngt; den Bsen dagegen eine finstere unfreundliche Behausung unter der Erde, wo sie unablssige Strafe erdulden. (Diese Vorstellung involviert die Annahme eines Astralleibes, weil sonst die Seele keine Ortsempfindung haben knnte.) Es bleibt noch brig, die Identitt der Moral bei den Therapeuten und Essern nachzuweisen. Philo sagt ber erstere[747]: Richtschnur bei allem, was sie lehren und ausben, sind ihnen folgende drei Dinge: Liebe zu Gott, zur Tugend und zu den Menschen. Beweis fr die Liebe zu Gott ist die makellose Heiligkeit ihres ganzen Lebens, ihre Scheu vor Eiden und der Lge, sowie die berzeugung, da Gott nur Urheber des Guten und nicht des Bsen sei. Ihre Liebe zur Tugend bekunden sie durch Gleichgiltigkeit gegen Gewinn, Ruhm, Vergngen, durch Migkeit und Ausdauer, auerdem noch durch Gengsamkeit, Bedrfnislosigkeit, Demut, Biedersinn und Geradheit. Ihre Liebe zu den Nebenmenschen beweisen sie durch Wohlwollen, durch Anspruchslosigkeit und endlich durch ihre Gtergemeinschaft. hnlich sagt Josephus von den Essern[748]: Sie drfen nichts ohne die Einwilligung ihres Vorstehers thun. Nur zwei Dinge sind ihrem eigenen Gutdnken berlassen, nmlich Untersttzung des Nchsten und Erbarmen. Den Gutgesinnten beizuspringen, wenn sie in Not sind und den Hungerigen Brot zu reichen, steht Jedem frei. Dagegen drfen sie ihren Verwandten nichts geben ohne Erlaubnis ihres Vorgesetzten. Sie sind gerechte Verwalter des Hasses; sie bezhmen den Jhzorn, ben Glauben und sind Diener des Friedens. Ihr gegebenes Wort halten sie gewissenhaft. Auch sie feiern die Liebe ber Alles; sie ist der wahre Quell des gottgeflligen Handelns. Das Ziel ihres Strebens aber ist die Heiligkeit, zu welcher sie durch Entfernung vom Fleische, durch Herrschaft der Vernunft und echten Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit gelangen.[749] Aber selbst bis auf den Namen erstreckt sich die bereinstimmung beider Genossenschaften, denn das Wort %essaios% stammt von dem syrochaldischen Verbum $Assa$ heilen, verpflegen, ab und ist also nichts als die wrtliche bersetzung von %therapeuts%. Ohne die innigste Verwandtschaft, ja ohne gleichen Ursprung wre die nachgewiesene bereinstimmung zwischen Therapeuten und Essern nicht mglich, wie schon Philo sich uerte[750], indem er beide Orden als Zweige eines Stammes erklrt, nur mit dem Unterschiede, da die einen mehr Theoretiker und die andern mehr Praktiker seien. Zweite Abteilung. Die Neupythagorer. Apollonius von Tyana. Im ersten Jahrhundert vor Christus suchte die Philosophensekte der Neupythagorer die Lehren des Pythagoras zu erneuern, wobei sie jedoch sich vielfach an Plato, Aristoteles und die Stoiker anlehnten und andererseits bei den orientalischen Religionssystemen Anleihen machten. Diese eklektischen Lehren suchten sie alsdann auf Pythagoras zurckzufhren, wodurch die Nachrichten ber die eigentliche Philosophie des groen Weisen vielfach entstellt wurden. Diese Bestrebungen brachten eine reichhaltige, jedoch meist nur fragmentarisch erhaltene Litteratur hervor, als deren erster Vertreter der rmische Prtor zu Alexandria Publius Nigidius Figulus (gest. 45 v.Chr.) gilt. Der wichtigste Neupythagorer ist Apollonius von Tyana, mit welchem wir uns jetzt eingehend zu beschftigen haben. Wenn berhaupt bei einer historischen Persnlichkeit, so hat bei Apollonius von Tyana das allbekannte Schillersche Wort seine Berechtigung: Von der Parteien Gunst und Ha verwirrt, Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte. Was hat man nicht alles aus der uns berlieferten Biographie dieses neupythagorischen Philosophen machen wollen! Die eine Partei sagt: das Buch ist ein Mrchenbuch, und meint, Apollonius habe gar nicht existiert; die andere Partei ist hingegen der Ansicht, da Apollonius wohl existiert habe, da aber der geringe geschichtliche Kern seiner Biographie zu einem historischen Roman ausgesponnen worden sei. Wieder andere meinen, die Persnlichkeit des Apollonius sei von Philostratus nur benutzt worden, um dem Christenheiland einen Heidenheiland feindlich gegenber zu stellen, whrend ihn eine letzte Partei im Geiste des Synkretismus als eine freundliche Parallele Christi betrachtet. In diesem Parallelismus liegt die Ursache, weshalb die Gestalt des Tyaners bis auf die Neuzeit nicht in der rechten Beleuchtung stand. Allerdings ist zwischen beiden Persnlichkeiten, Jesus von Nazareth und Apollonius von Tyana, auf dem Gebiet des bersinnlichen eine hnlichkeit vorhanden, die mithin jedoch nicht in der Sphre des Religis-Dogmatischen, sondern in der des Anthropologisch-Magischen wurzelt. Bei beiden Personen kamen zahlreiche Wunder vor, zu deren richtiger Auffassung und Erklrung auf lange Zeit der Schlssel fehlte; man sah ihre bersinnlichen Fhigkeiten nicht als etwas Menschliches, durch geeignetes Leben und geistige bung Erworbenes an, sondern betrachtete dieselben nur vom Standpunkte der gttlichen Sendung eines jeden von ihnen. Die Anhnger beider suchten durch diese Erscheinungen ihren gttlichen Ursprung darzuthun; keine Partei zweifelte an den von ihrem Gegner vorgebrachten Berichten, sondern suchte sich dieselben von ihrem dogmatischen Standpunkte aus zurecht zu legen. So stellt schon der unter Diokletian lebende Statthalter von Bithynien _Hierokles_ in seinem Wort der Wahrheitsliebe[751] Apollonius und Christus einander gegenber, weist dazu ferner auf den Prokonnesier Aristeas und Pythagoras hin und sagt: Wir halten einen solchen Wunderthter nicht fr einen Gott, sondern fr einen von den Gttern geliebten Menschen. Gegen diese Auffassung argumentierte _Eusebius von Csarea_, der die erste Kirchengeschichte -- nach _Hases_ Worten -- im Gefhl des groen Umschwungs seines Zeitalters mit allen Vorurteilen, aber auch mit allen Hilfsmitteln desselben verfate, in der unten genannten Schrift von seinem Standpunkt aus in derselben Weise wie Hierokles. Er setzt die Thatschlichkeit der Apollonischen Wunder voraus, welcher er jedoch, weil die heidnischen Gtter zu bsen Dmonen geworden waren, als durch Zauber bewirkt ansieht, und sagt: Ich war bisher der Meinung, da der Tyaner ein in menschlichen Dingen weiser Mann war, und halte diesen Ausspruch auch jetzt noch gern fest; ich lasse es gern geschehen, wenn man ihn jedem Philosophen zur Seite stellt, wofern man nur mit allen mythisch lautenden Erzhlungen fern bleibt. Wenn aber ein Damis aus Assyrien oder ein Philostratus oder irgend ein Geschichtsschreiber oder Logograph es sich herausnimmt, diese Grenzen zu berschreiten und eine Ansicht aufzustellen, welche ber das Gebiet der Philosophie weit hinausgeht, indem er zwar den Worten nach den Vorwurf der Magie abwehrt, der Sache selbst nach aber dem Manne noch mehr zur Last legt, als mit Worten und die pythagorische Lebensweise als Maske ber ihn wirft, so kommt dann kein Philosoph zum Vorschein, wohl aber ein mit der Lwenhaut verhllter Esel, und man sieht nichts anderes, als einen Zauberer anstatt eines Philosophen. Und so blieb es. Seit der Galiler gesiegt hatte, galt der Tyaner als Zauberer, bis die Aufklrungsperiode ihn so gut wie Jesus von Nazareth zum Betrger zu stempeln versuchte und schlielich sogar die geschichtliche Existenz beider bezweifelte. Doch auch heidnische Philosophen huldigten dem Glauben an die Zauberei des Apollonius, wie _Mragenes_, welcher eine (verloren gegangene) Biographie des Tyaners schrieb, in der er nach _Origenes_[752] sagte, da selbst einige nicht unbedeutende Philosophen derselben zum Opfer gefallen wren. Dieser Ansicht stellt Philostratus seine Biographie des Apollonius entgegen, worin er diesen als einen Weisen schildert, welcher seine auerordentliche magische Kraft nur einer ihn auf eine hhere, bermenschliche Stufe erhebenden Philosophie zu verdanken hat. Die Zweifel an der Existenz des Apollonius sind seit _Neander_ und _Baur_ geschwunden, die Auffassung seiner Persnlichkeit und Lehre aber ist bei Philosophen und Theologen noch heute so unklar wie vor siebzehnhundert Jahren, wofr wir den Grund in den von Philostratus geschilderten bersinnlichen Erscheinungen zu suchen haben, welche die Orthodoxie als teuflisch ansieht, whrend die neuere Wissenschaft gar nichts mit derselben anzufangen wei und deshalb an dem Tyaner mit einem abwehrenden Seitenblick vorbergeht. Nur ein Schriftsteller hat einen richtigen Fingerzeig gegeben, nmlich _Eduard Baltzer_[753], welcher sagt: Eine _Gruppe_ nur vermisse ich noch unter allen denen, die in der Apolloniusfrage Stellung genommen haben: das sind die jngsten Kinder unserer Zeit, -- die _Spiritisten_. Gerade ihnen aber kann ich einen groen Genu und Triumph versprechen. Ist doch Apollonius -- wer htte es gedacht, -- ein entschiedener Spiritist, -- ja, knnen sie doch hier die Entdeckung machen, da ihr Spiritismus nichts anderes ist, als die alte Magie in allerneuester Auflage. Abgesehen von der Schlubemerkung hat Baltzer in gewissem Sinne Recht: die bei Apollonius zu Tage tretenden bersinnlichen Erscheinungen sind von hnlicher Natur wie die modernen auch; ob sie aber alle spiritistische oder selbst mediumistische genannt werden drfen, ist eine andere Frage. Bevor wir jedoch auf diese und eine Besprechung der Phnomene berhaupt eingehen, mssen wir noch einige Worte ber Philostratus selbst und die Entstehung seines Buches sagen. Kaiser _Septimius Severus_ (193-211) war ein eifriger Liebhaber der Magie und Mantik, ein erfahrener Augur und Traumdeuter und endlich ein tiefgelehrter Astrolog. Er hatte als Statthalter des lionesischen Galliens seine erste Gemahlin verloren und ging bei der Wahl seiner zweiten von dem astrologischen Grundsatz aus, da deren Nativitt eine glckliche und mit der seinigen harmonierende sein msse. Als er nun erfuhr, da ein junges Mdchen zu Emesa in Syrien eine derartige Nativitt, welche ihr auerdem noch den Thron verheie, besitze, warb er um deren Hand und erhielt sie. Dieses Mdchen, _Julia Domna_, vereinigte in der That alle von den Sternen verheienen Gter in ihrer Person. Sie erfreute sich selbst im vorgerckten Alter noch groer krperlicher Schnheit und verknpfte mit scharfem Verstand und festem Charakter lebhaften Wissensdrang und hinreiende Liebenswrdigkeit. Julia Domna interessierte sich als Beschtzerin der Wissenschaften besonders fr Kunst und Philosophie und war die Freundin eines jeden auftauchenden Genius. Julia Domna umgab sich mit einer aus Philosophen, Gelehrten und Knstlern aller Art bestehenden Tafelrunde, zu welcher auch der neupythagorische, in Athen gebildete Philosoph _Philostratus_ von Lemnos gehrte. Philostratus war einer der vielgelesensten Schriftsteller, was durch seinen klassischen Styl und Geist, seine Belesenheit und Vielseitigkeit, sowie endlich durch sein Bestreben, altrmische Sitte und Charaktertchtigkeit wieder herzustellen, gerechtfertigt wird. Dieser Philosoph erhielt von der Kaiserin den Auftrag, das Leben des Apollonius zu beschreiben, und benutzte bei seiner Arbeit die Memoiren eines Schlers des Apollonius mit Namen Damis. ber dessen Persnlichkeit wie ber die ihm vorliegende Apollonische Litteratur sagt Philostratus selbst[754]: In der alten Stadt Ninive lebte einst ein Mann von ziemlicher Weisheit mit Namen Damis. Er war ein Schler des Apollonius, beschrieb dessen Reisen, an denen er, wie er selbst versichert, teilgenommen, und verzeichnet dessen Reden, Ansichten und Weissagungen. Ein Verwandter dieses Damis brachte die Memoiren, welche bis dahin ganz unbekannt geblieben waren, zur Kenntnis der Kaiserin Julia. Diese Frstin, zu deren Umgebung ich gehrte, denn sie liebte und pflegte litterarische Unterhaltungen sehr, befahl mir, diese Denkschriften umzuarbeiten und zum Vortrag zu bringen, denn der Ninivit sprach wohl sachlich, aber sein Stil war schlecht. Dazu kam noch eine Schrift des Maximus von Aeg, welche alles umfat, was des Apollonius Aufenthalt in Aeg betrifft; auch giebt es noch ein Testament des Apollonius, aus welchem zu ersehen ist, da die Philosophie sein Abgott war. Dagegen darf man dem Mragenes nicht folgen, der zwar auch vier Bcher ber Apollonius schrieb, aber mit groer Unkunde. Somit habe ich gesagt, wie ich den zerstreuten Stoff zusammengefgt und um seine Einordnung bemht war. Mge diese Schrift nun dem Manne, dem sie gilt, zur Ehre gereichen, _den wibegierigen Lesern aber zur Frderung: wenigstens sollen sie lernen knnen, wovon sie noch nie gehrt_. Mit diesen Worten ist die Tendenz der Schrift des Philostratus bezeichnet. Was aber seine Glaubwrdigkeit anlangt, so sind auch hier natrlich die Meinungen sehr geteilt. Das rein Geschichtliche betreffend, sind die Zweifel fast allseitig gehoben, und Baur hat einige vorhandene Anachronismen befriedigend erklrt. Ja dieser berhmte Theologe nimmt sogar fr den Kern des Werkes, die philostratischen Berichte ber Indien, die volle Glaubwrdigkeit in Anspruch und sagt[755]: Wenn uns aber auch die Betrachtung des philostratischen Werkes an und fr sich ber die Beantwortung der Frage in Zweifel lassen mag, wie weit wir in demjenigen, was Philostratus ber Indien meldet, entweder nur romanhafte Dichtung oder historische Wahrheit voraus zu setzen haben, so mu uns doch, wie es scheint, unsere jetzige Kunde Indiens eine ziemlich sichere Antwort auf diese Frage geben. Die bereinstimmung des Werkes mit dem anders woher Beurkundeten kann als die beste Widerlegung des Vorwurfs angesehen werden, welchen selbst noch einer der neuesten Schriftsteller ber Indien (Bohlen: das alte Indien) wiederholt, Philostratus habe alles, was er in seinem Leben des Apollonius ber Indien vorbringt, aus hnlichen Romanen kompiliert, nach Art der Schriften ausgeschmckt und mit Angereimtheiten erstickt. Im hnlichen Sinne uert sich _Baltzer im Nachwort seines Werkes_[756] folgendermaen: Ein Mann wie Philostratus, der an den Musenhof einer edlen Kaiserin berufen wird, der letztere als besonderer Vertrauter auf ihren Reisen begleitet, der als ein vortrefflicher Schriftsteller und gelehrter Kenner seiner Zeit damals wie heute anerkannt ist und der den Auftrag von seiner hohen Herrin erhlt, ber den Apollonius eine kritische Denkschrift zu verfassen -- von einem solchen Mann mu man annehmen, da er in seinem Werke, 'Apollonius von Tyana', _das uns in unbestrittener Echtheit vorliegt, so viel an ihm war, die Wahrheit in geeigneter Form hat sagen wollen_. Demgem verfhrt er. Er legt seine Absicht und Plan vor; er nennt und kritisiert seine Quellen; er berarbeitet das reichlich vorliegende Material; er komponiert und redigiert seinem Auftrag gem; er ist mit Liebe und Flei bei der Sache; unterscheidet seine Absicht von der berlieferten; er lt seine Quellen in verbessertem Style reden und kritisiert Dunkles mit hellem Blick, natrlich im Geiste seiner Zeit, dessen Kind auch er ist, wie wir Kinder des Geistes unserer Zeit sind. Philostratus vollendete seine Biographie etwa um das Jahr 217. Wir wenden uns nun, dem Gange der Lebensgeschichte unseres Helden folgend, zur Besprechung der sehr lehrreichen bersinnlichen Erscheinungen, um dieselben unter die Thatsachen der magischen Thtigkeit des Menschengeistes einzureichen. Geboren wurde Apollonius als der Sohn eines gleichnamigen Vaters aus alter und reicher Familie um die Mitte des ersten Jahrhunderts n.Chr. zu Tyana, einer durch die Intelligenz und den Wohlstand ihrer Brger hervorragenden Stadt Kappadoziens, und seine Geburt umgaukeln Wundermren, wie diejenige Gautama Buddhas und Jesu Christi: Als seine Mutter mit ihm schwanger ging, erschien ihr der gyptische Gott Proteus, den auch Homer besingt. Sie aber frug ihn ohne Furcht, was sie gebren wrde. Er sprach: Mich. Sie frug: Wer bist du denn? Und er sagte: Proteus, der gyptische Gott.[757] -- Wir haben in dieser Erzhlung eine Parallele zur Verkndigung Mari, und eben deshalb wurde dieselbe als eine plumpe Nachahmung angesehen, was sie indessen nicht zu sein braucht. In jener religis erregten Zeit des ersten Jahrhunderts konnten sehrwohl beide schon durch ihren Zustand besonders zu Visionen geneigten Mtter Jesu Christi und des Apollonius starke Vorahnungen von der knftigen Bedeutung ihrer Kinder haben, welche sich ihnen in geschaute Bilder umsetzten. Jeder religise Seher aber erhlt naturgem seine Offenbarung von daher, woher sie nach seinem Glauben kommen mu. Der fernstehende Teil des gespaltenen Ichs tritt dem Visionr als redende Persnlichkeit gegenber und so empfngt die Israelitin Maria die Botschaft des persisch-jdischen Gabriel, die kappadozische Mutter des Apollonius die des gyptisch-griechischen Proteus. Ebenso erhalten die romanischen Spiritisten ihre Offenbarungen von Geistern, welche kardekistische Reincarnationstheorie predigen, wie Proteus die altklassische lehrt. Der hochbegabte Knabe wurde mit 14 Jahren von seinem Vater nach Tarsus zu dem Rhetor Euthydemus gebracht, mit welchem er nach dem durch seinen Aeskulaptempel berhmten Aeg verzog, um sich dort mit mehr Mue der Philosophie widmen zu knnen, als dies in dem lebenslustigen bewegten Tarsus mglich war. Hier hrte er die Vortrge des epikurischen Philosophen Euxenus ber die Lehren des Pythagoras, welche ihn dermaen begeisterten, da er wie Pythagoras zu leben beschlo. Er verschmhte alle tierischen Nahrungsmittel als unrein und geistttend und geno nur Vegetabilien, die er fr rein hielt, weil sie die Erde unmittelbar hervorbringt. Den Wein erklrte er zwar fr ein reines Getrnk, da es von so edlem Gewchse stamme, aber er sei der menschlichen Geistesklarheit feind, da er den Aether der Seele trbe. Nchst dieser Frsorge fr Krperreinheit ging er mit nackten Fen und trug, da er tierische Kleidungsstcke verwarf, nur linnenes Gewand und lebte im Tempel. Die Diener des Tempels aber bewunderten ihn, und als Aeskulap einst zum Priester sagte, er freue sich, da Apollonius Zeuge seiner Heilungen sei, da ging diese Kunde aus, und die Cilicier und andere Umwohner kamen nach Aeg.[758] Apollonius huldigte also einer streng vegetarischen Lebensweise und wurde in die Mysterien des Aeskulapdienstes eingeweiht, bei welchen, wie bei allen Mysterien, die schauenden und heilenden Fhigkeiten des Menschen gepflegt wurden. Auch einige hierauf bezgliche Flle erzhlt Philostratus: Ein wasserschtiger Schlemmer erhielt nach langem vergeblichen Harren im Aeskulaptempel das Traumorakel: Wenn du mit Apollonius sprechen wolltest, so wrde dir wohler werden, und wurde von diesem geheilt, indem er an ein streng vegetarisches Leben gewhnt wurde. -- Einen einugigen cilicischen Ehebrecher wies Apollonius von der Schwelle des Tempels zurck, wo derselbe die Wiedererlangung seiner Sehkraft erhoffte: In der Nacht hatte der Priester einen Traum, worin Aeskulap die Aussage des Apollonius besttigte und hinzufgte, da die Gattin dem ertappten Snder mit einer Spange ein Auge ausgeschlagen habe. -- Diese Erzhlung findet Parallelen in dem Durchschauen anderer von seiten neuerer Seher, wie Zschokke, Duncan, Campbell u.a.m. Als eine weitere Probe des Fernsehens berichtet Philostratus[759], da Apollonius den Statthalter von Cilicien, einem der in Griechenland so zahlreichen widernatrlichen Wstlinge, seine nahe Hinrichtung weissagte, welche auch nach drei Tagen erfolgte, weil sich derselbe mit dem Knig Archelaus von Kappadozien in eine Verschwrung gegen die Rmer eingelassen hatte. Nach dieser Zeit widmete sich Apollonius fnf Jahre lang dem pythagorischen Stillschweigen und gestand von dieser Zeit, da sie der mhevollste Teil seines Lebens gewesen sei; denn er htte viel zu sagen gehabt und habe nicht gesprochen, auch viel hren mssen, was ihn htte in Zorn setzen mgen, und er habe es berhrt; oft gereizt die Leute zu geieln, habe er zu sich selbst gesagt: Dulde nur, Herz und Zunge! und habe die verletzendsten Reden unwiderlegt gelassen. Gleichzeitig entsagte er aller Liebe und dem Geschlechtsgenu.[760] Durch diese asketische Lebensweise gelangte er zu solchem Ansehen, da er selbst in dem leichtlebigen Cilicien und Pamphilien Aufstnde durch sein persnliches Auftreten schlichtete. Nach der Beendigung seiner Schweigezeit ging Apollonius nach Antiochien und nahm seinen Aufenthalt im Tempel des daphnischen Apollo, wo er bei Sonnenaufgang fr sich allein war, und was er da that, erfuhr nur, wer ein vierjhriges Schweigen vollendet hatte. Dabei suchte er auf das Volk veredelnd einzuwirken, aber nicht in der zudringlich berredenden Weise des Sokrates, sondern wie ein Gesetzgeber, welcher das, was seine berzeugung ist, fr die Menge zum Gesetz erhebt. Danach ging er mit sich selbst zu Rate wegen einer greren Reise und sein Sinn stand nach den Brahmanen Indiens; doch auch die Magier Babylons zu besuchen, galt ihm fr einen Gewinn. Er teilte seinen Plan seinen sieben Jngern mit, zu denen er, als sie ihn von der Reise abhalten wollten, sagte: Zu Beratern habe ich mir die Gtter erkoren. Euch wollte ich nur prfen, ob ihr zu dem, was ich vorhabe, auch Mut beset. Da ihr den nun nicht habt, so lebt wohl! Bleibt aber dem Studium ergeben! Ich mu hingehen, wohin mich die Weisheit und mein Genius ziehen![761] Apollonius verlie Antiochien und begab sich mit zwei Sklaven, Schreibern seines Vaters, auf den Weg nach Babylon. In Ninive schlo sich ihm Damis an, welcher sagte: La mich, Apollonius, mit dir ziehen. Folge du deinem Gotte, ich folge dir! und sich ihm wegen seiner Sprachkenntnisse als ntzlicher Reisegefhrte empfahl. Apollonius entgegnete: Ich, Freund, verstehe diese Sprachen alle, ohne sie erlernt zu haben. Als der Ninivit darber erstaunte, fgte er hinzu: Wundere dich nicht, da ich die Sprachen der Menschen kenne, ich verstehe ja auch all ihr Schweigen. Er wollte damit seine Fhigkeit des Gedankenlesens kennzeichnen. ber seine Reise fhrte Apollonius ein Brosamen (%ekphatnismata%) genanntes Tagebuch[762], welches leider verloren gegangen ist. Als Apollonius in der Nhe Babylons in die kissische Gegend kam, offenbarte sich ihm die Gottheit in einem Traum, dessen Auslegung ein interessantes Beispiel griechischer Traumsymbolik ist: Vom Meere ausgeworfene Fische schnellten auf dem Lande umher, lieen ein menschliches Jammern hren und wehklagten, da sie aus ihrer Wohnung gegangen. Einen Delphin aber, der nach dem Ufer schwamm, flehten sie an, dies Elend von ihnen abzuwenden, und weinten dabei wie Menschen, die in der Fremde sind. Nicht im geringsten betroffen ber diesen Traum, berlegte er doch bei sich, was das sei. Um aber Damis zu erschrecken, dessen ngstlichkeit er kannte, erzhlte er ihm den Traum, indem er sich stellte, wie wenn er selbst von dem zu erwartenden Unglck erschrocken sei. Damis schrie auf, als ob er schon alles vor Augen habe, und riet dem Apollonius, nicht weiter zu gehen, da wir, sagte er, nicht etwa auch wie die Fische aus unserm Elemente herausgeraten, umkommen und in der Fremde jammern, in der Not einen Knig oder sonstigen Machthaber anflehen mssen, und dieser uns miachtet, wie der Delphin die Fische. Apollonius aber lachte und sprach: Du bist noch kein Philosoph, wenn du dergleichen frchtest. Ich will dir sagen, was der Traum bedeutet: Eretrier aus Euba sind es, die dies kissische Land hier bewohnen, vor 500 Jahren von Darius aus Euba hinweggefhrt. Diese sollen bei ihrer Wegfhrung, wie der Traum anzeigt, das Schicksal der Fische gehabt haben, indem sie frmlich umgarnt und alle eingefangen wurden. Es scheint also, die Gtter befehlen mir, zu ihnen zu gehen und mich ihrer anzunehmen; vielleicht auch sind es die Seelen der Hellenen, die dieses Los hier traf, welche mich zum Frommen des Landes herbei rufen.[763] Infolge seines Traumes begab sich Apollonius nach Kissia, wo er den Gottesdienst verbesserte und viel zur Erleichterung des Loses der griechischen Kolonisten beitrug. Endlich gelangte er nach Babylon und trat mit den Magiern in Verbindung, von denen er sagt, da sie -- jedoch nicht alle -- Weise seien; er verkehrte mit ihnen insgeheim in den Mittags- und Mitternachtsstunden. Vom Knig Bardanes, der seine Ankunft im Traum vorausgesehen hatte, wurde Apollonius sehr gut aufgenommen und sagte demselben kraft seiner Sehergabe ein Verbrechen voraus, bei welchem einer seiner Eunuchen am nchsten Tage werde in flagranti ergriffen werden. Der Erfolg besttigte diese Wahrsagung. Auf die Frage nach seiner Lehre entgegnete Apollonius dem Knige: Meine Weisheit ist die des Pythagoras, des Mannes von Samos, der mich so die Gtter ehren, sie, die sichtbaren und unsichtbaren, verstehen, mit ihnen reden und mich in diese Pflanzenstoffe zu kleiden lehrte. Denn dies Gewand ist nicht vom Schaf geschoren, sondern rein vom Reinen wuchs dieses Linnen, ein Geschenk des Wassers und der Erde. Dazu auch trage ich dieses lange Haar nach des Pythagoras Art; und der tierischen Speise mich zu enthalten, lehrt mich seine Weisheit. Trinkgeno und Gesellschafter bei Spiel und Festgelage werde ich weder Dir noch irgend jemand sein. Dunkle und schwere Lebensrtsel aber kann ich lsen, denn ich wei nicht nur, was zu thun ist, sondern ich sehe es auch voraus.[764] Von Bardanes mit Kameelen und Reisevorrten ausgerstet, machte sich Apollonius auf den Weg nach Indien. Nachdem Apollonius den Kenln berschritten, stieg er in das Flubett des Indus zurck und gelangte mit seinen Begleitern nach Taxila, wo er von dem durch die Brahmanen gebildeten philosophischen Knig PhraotesII. auf das beste aufgenommen wurde. Mit diesem hielt unser Philosoph whrend seines vom Gesetz gestatteten dreitgigen Aufenthaltes in Taxila lange philosophische Gesprche, die sich im wesentlichen um die Vorzge der naturgemen Lebensweise drehten. Von Interesse fr uns ist nur die uerung des Apollonius ber die Enthaltsamkeit vom Wein, welche das Wahrtrumen der Seele begnstigen solle. Apollonius sagt: Aber auch die Prophetien der Trume, die in der menschlichen Natur das Gttlichste zu sein scheinen, durchschaut die Seele leichter, die nicht vom Wein umnebelt ist und sie rein und in klarer Betrachtung aufnimmt. Die Erklrer solcher Traumgesichte, von den Dichtern Traumdeuter genannt, legen daher kein Traumbild aus, ohne vorher zu fragen, um welche Stunde man es gehabt. War's in der Frhe, im Morgenschlummer, so deuten sie es, weil dann die Seele ganz frei vom Geiste des Weins, gesunde Trume schaut; war's aber im ersten Schlafe oder um Mitternacht, wo die Seele noch vom Wein schwer und dunkel ist, so lehnen sie das Deuten ab und thun wohl daran. Von Phraotes mit Lebensmitteln, frischen Kameelen und einem Empfehlungsschreiben an den Obersten der Brahminen und Lehrer des Phraotes, Jarchas, versehen, machte sich Apollonius mit seinen Begleitern auf, um diese priesterlichen Gelehrten auf dem Berge der Weisen jenseits des Hyphasis aufzusuchen. Der Berg der Weisen wird als mit Wolken umgeben und so hoch wie die Akropolis geschildert; von den Brahmanen sagt Apollonius[765]: Die indischen Brahmanen sah ich, wie sie auf Erden wohnen und doch nicht auf Erden, in der Festung und doch ohne Befestigung, ohne Eigentum und doch alles besitzend. Damis dagegen erzhlt von ihnen, da sie auf einem Lager auserlesener Pflanzen auf der Erde schliefen, um den Kopf eine weie Binde und auf dem Leibe ein der Exomis der Cyniker hnliches Gewand von weier Baumwolle trgen, das Haar lang wachsen lieen und Ringe und Stbe als Abzeichen fhrten; auch habe er, Damis, sie fter zwei Ellen hoch in der Luft wandeln sehen. -- Dieses Schweben erinnert an das bekannte sich in die Luft erheben der Fakire, sowie an die Levitation bei Hexen und Medien und bedarf keiner weiteren Errterung. Ring und Stab ist schon im Gesetz des Manu das Abzeichen der Brahmanen. Dieselben waren eifrige Vegetarier, gestatteten aber ihren Besuchern, wenn dieselben es wnschten, den Fleisch- und Weingenu. Als Apollonius zu den Brahmanen kam, wurde er von dem auf ehernem Throne sitzenden Jarchas, welcher den Brief des Knigs forderte, griechisch angeredet. Als Apollonius ber sein Vorauswissen erstaunte, sagte jener, es fehle in dem Brief ein Buchstabe, ein Delta, das der Briefschreiber ausgelassen habe; und es fand sich, da dem so war.[766] Als weiteres Beispiel seiner Sehergabe soll dann Jarchas dem Apollonius seine Abstammung vterlicher- und mtterlicherseits, ferner wie er Damis gefunden, und alles was sie unterwegs gethan und erfahren, in richtigem Zusammenhang dargestellt haben, als ob er dabei gewesen wre. Als aber Apollonius nun erstaunt frug, woher er das alles wisse, entgegnete jener: Auch du kommst mit solchem Wissen, aber keinem vollkommenen. -- Und wirst du mich dieses vollkommene Wissen lehren? -- Gern und neidlos, erwiderte Jarchas, denn dies ist weiser als Wissenswertes zu verbergen oder darber zu tuschen. brigens bist du Apollonius, von Mnemosyne gesegnet, der Gttin, die wir unter allem am meisten lieben. Als spter die Brahmanen zum Opfer gingen, badeten, salbten und bekrnzten sie sich und zogen begeistert zum Heiligtum, wo sie sich -- Jarchas an der Spitze -- in Chorordnung aufstellten und mit ihren Stben auf den Boden stieen, welcher wie eine Woge zwei Ellen hoch anschwoll. -- Dieses wahrscheinlich auf subjektiven ekstatischen Empfindungen beruhende Phnomen des Anschwellens und Erbebens der Erde kommt in der Magie und Theurgie sehr oft vor, so besonders in den Jamblichus zugeschriebenen Bchern ber die gyptischen Mysterien[767], dann in zahlreichen mittelalterlichen Zauberbchern, welche von der Geisterbeschwrung handeln, wie die +Clavicula Salomonis+, ferner in dem mit ihr in engem Zusammenhange stehenden Buche Arbatel, in dem Paracelsus zugeschriebenen Bchlein von olympischer Geisterbeschwrung, in dem sog. 4. Buch der +Occulta Philosophia+, in der +Pseudomonarchia Dmonum+; auch in einigen Ausgaben des sog. Hllenzwangsu.s.w. In einer folgenden Unterhaltung bezeichnet Jarchas als den Grundpfeiler aller Weisheit die Selbsterkenntnis des Pythagoras und bekennt sich zur Reincarnationstheorie dieser Philosophen und der gypter. Sich selbst soll Jarchas als den reincarnierten Achilles und einen seiner Gefhrten fr Palamedes gehalten haben. Bei einem Gastmahl, dem auch Damis beiwohnte, gab Jarchas eine interessante Zusammenfassung seiner Lebensanschauung und erwhnte dem Apollonius gegenber u.a. den Akasa: Den ther, aus welchem die Gtter geboren sein mssen, denn alles, was Luft atmet, ist sterblich, aber das therische ist unsterblich und gttlich. So soll ich das All als Lebendiges betrachten? frug Apollonius. Allerdings, sagte Jarchas, wenigstens, wenn du gesunde Einsicht hast, denn alles Leben kommt von ihm. -- Sollen wir nun das All weiblicher oder mnnlicher Natur erachten? Beides, erwiderte Jarchas, denn indem es sich selbst befruchtet, ist es Vater und Mutter zugleich und liebt sich selbst heier, als eines das andre jemals. Dies ist aber durchaus nicht widersinnig. Denn wie Hnde und Fe zur Bewegung des Lebendigen mitwirken, und zu der Seele, die es bewegt, so glauben wir, da auch alle Teile des Alls durch die Weltseele zu allem mitwirken, was einen Anfang nimmt und geboren wird. Denn auch die Leiden einer Drre werden durch diese Weltseele bewirkt, wenn die sinkende Tugend der Menschen ehrlos handelt. Aber das lebendige All behandelt nicht mit _einer_ Hand, sondern mit vielen, unsagbar vielen, und -- unbeweglich durch seine Gre -- ist es doch leicht zu zgeln und zu lenken.[768] In folgendem Vorfall haben wir die erste, rein mediumistische Thatsache, welche uns in der Geschichte des Apollonius berichtet wird: Zu den Brahmanen kam eine Frau und bat dieselben, da sie ihrem sechzehnjhrigen Sohne helfen mchten, welcher seit zwei Jahren besessen sei. Der Dmon treibe den Knaben hinaus in die Einde, wo derselbe seine Mutter nicht mehr erkenne, mit rauher Mannesstimme spreche und mit fremden Augen dareinschaue.[769] Alles bekannte charakteristische Erscheinungen. Auf die Frage der Brahmanen, ob die Mutter versucht habe, den Knaben mitzubringen, entgegnete dieselbe, da sie es nicht gewagt habe, weil der Dmon den Knaben diesfalls zu tten drohe. -- Auch hier haben wir einen Zug, welcher sich bei den Besessenen und Somnambulen aller Zeiten wiederholt. Jarchas giebt der Mutter einen Brief mit Drohungen an den Geist mit, durch welchen der Knabe von seiner Besessenheit befreit wird. In den folgenden Zeilen haben wir unzweifelhaft einen der ltesten Flle der Ausbung des Heilmesmerismus, welcher nur selten citiert wird: Auch ein Lahmer kam, dreiig Jahre alt, ein eifriger Lwenjger. Als ihn ein Lwe anfiel, hatte er sich einen Schenkel ausgerenkt, und das Bein war krank; aber durch Streichen mit der Hand wurde er wieder in den Stand gesetzt ordentlich zu gehen.[770] Dem Jarchas werden u.a. auch mancherlei Auslassungen ber die Sehergabe in den Mund gelegt, sie habe fr den Menschen viel Gutes, ihre grte Leistung aber sei die Heilkunde. Die weisen Asklepiaden wrden zu ihrer Kenntnis nie gelangt sein, wre Asklepios nicht ein Sohn Apollos gewesen, nach dessen Offenbarungen er die in Krankheiten dienlichen Mittel bereitet (Heilinstinkt der Somnambulen), seine Kinder belehrt und seinen Genossen gezeigt htte, was bei eiternden Wunden und was bei trockenen angewendet werden mu, durch welche trinkbare Arznei Wassersucht abgewendet, wie Blutflu gestillt, Auszehrung und andere innere Leiden geheilt werden knnen. Auch die Heilungen durch Gifte, und deren bewute Anwendung in Krankheitsfllen sind nur der Sehergabe zu danken. Ohne die Gabe des Voraussehens, meine ich, wrden die Menschen nie gewagt haben, den heilsamen Mitteln die allergiftigsten beizumischen.[771] Nach viermonatlichem Aufenthalt verlie Apollonius die Brahmanen und begab sich lngs des Indus an die Kste des erythrischen Meeres. Er fuhr sodann ber dieses und das persische Meer, sowie den Euphrat hinauf nach Babylon zu Bardanes, begab sich ber Ninive nach Antiochien und Seleucia und segelte von dort nach Cypern und Jonien, vielbewundert und hochgeehrt von denen, welche Weisheit zu schtzen wissen.[772] ber die nchstfolgenden Ereignisse im Leben des Apollonius ist wenig zu sagen, denn die bekannte Erzhlung, laut welcher unser Seher aus der Sprache der Sperlinge ersehen haben soll, da in einer Gasse zu Ephesus ein Sack Weizen aufgegangen war, lt eine so einfache Erklrung zu, da wir nicht ntig haben, zum Hellsehen behufs Aufstellung dieser Begebenheit zu greifen. Ist dieses nun wahrscheinlich ein ganz natrliches Ereignis, so ist offenbar der Bericht von der Vertreibung der Pest zu Ephesus, wo Apollonius den in Gestalt eines Bettlers erscheinenden Pestdmon steinigen lie, worauf unter den Steinhaufen anstatt des Leichnams des Bettlers der eines Molosserhundes zum Vorschein kam, entweder nur ein Mythus oder die Entstellung irgend eines nicht mehr erkennbaren Vorfalls. Ebenso haben wir es wohl im Nachstehenden nur mit einem, vielleicht etwas bertriebenen Traumbild zu thun. Apollonius hatte sich nach Pergamon begeben, wo er die Beter im Aeskulaptempel belehrte, was sie zu thun htten, um gnstige Trume zu erhalten, und wo er auf dem Grabhgel des Achilles nchtigte, um sich mit dessen Geist zu unterreden. Derselbe erschien ihm in berirdischer Schnheit achtunggebietend und von heiterem Angesicht, glnzend, in einer bermenschlichen Gre usw.[773] Wenn die Wesenheit des Achilles in Jarchas reincarniert gewesen sein soll, so knnte sie fglich dem Apollonius nur als eine rein subjektive Vision erscheinen. In Athen traf Apollonius einen besessenen Jngling, zu dem er sagte: Nicht du frevelst hier, sondern der bse Geist, von dem du besessen bist, ohne da du es weit. -- Als nun Apollonius ihn scharf und zornig anblickte, schrie der Dmon auf wie ein Gebrannter oder Gefolterter und schwur, den Jngling loszulassen und nie wieder einen Menschen zu berfallen. Als aber Apollonius zu ihm sprach wie ein zorniger Herr zu einem schamlos bsen Knecht und ihm befahl, sichtbar auszufahren, da rief er aus: Das Standbild will ich umwerfen! und wies auf eine Statue bei der Knigshalle. Wirklich geriet diese in Bewegung und strzte um.[774] Welches Schrecken und welches Staunen! Wer mags beschreiben! Der Jngling aber rieb sich die Augen wie ein Erwachender, sah nach der Sonne und war verlegen, weil aller Augen auf ihn sahen. Von da an aber erschien er nicht mehr so wild und malos wie vorher, sondern seine gesunde Natur kam wieder hervor, wie nach dem Gebrauch eines Heilmittels.[775] Diese Erzhlung gleicht so vollkommen den Mitteilungen aller Zeiten ber vorgenommene Exorcismen, da man kein Wort zu ihrer Erluterung ntig hat. Nur zu dem Umwerfen der Statue wollen wir eine Parallele aus der Autobiographie des Brgermeisters Barth. Sastrow zu Stralsund beibringen, welche Gustav Freitag im 5. Bande seiner Bilder aus der deutschen Vergangenheit mitteilt. Der Vorfall trug sich im Jahre 1529 zu und betrifft eine besessene Magd Sastrows: Mit dem Exorcismo trieb er (der Teufel) sein lautes Gesptt; denn als der Priester ihn beschwor, da er ausfahren sollte, sagte er: ja er wolle weichen, er msse ja wohl das Feld rumen, aber er forderte allerlei, was man ihm mitzunehmen erlauben sollte; wenn ihm das Geforderte abgeschlagen wrde, stnde ihm das Bleiben frei. Es stand einer unter den Anwesenden, welcher den Hut aufbehielt, als diese beteten, da begehrte er von den Predigern, ihm zu erlauben, da er den Hut vom Kopfe nehmen drfte, den Hut wollte er mit sich nehmen und weichen. Ich trage Sorge, wre es ihm von Gott gestattet worden, Haut und Haar htten mit dem Hut gehen mssen. Zuletzt, als er wute, da seine Zeit, die Magd zu plagen, verflossen war, und vermerkte, da unser Herrgott das demtige Gebet der gegenwrtigen Leute gndiglich erhrte, forderte er gar spttlich eine Tafel Glas aus dem Fenster ber der Turmuhr, und als ihm eine Raute aus demselben erlaubt wurde, _hat sich dieselbe zusehends mit einem Klange abgelst und ist davon geflogen_. Nach der Zeit hat man nichts Bses bei der Magd vermerkt. Sie hat auf dem Dorfe einen Mann bekommen und von ihm Kinder erhalten.[776] Auf Kreta gab Apollonius abermals eine Probe seines Fernsehens, denn als ein Erdbeben entstand, rief er den Leuten zu: Frchtet euch nicht, denn das Meer hat ein Land geboren. Nach einigen Tagen kamen Leute aus Kydonia, welche berichteten, da whrend des Erdbebens sich in der Meerenge zwischen Thera und Kreta eine neue Insel gebildet habe.[777] Ein weiterer hierher gehriger Fall ereignete sich in Rom, wohin sich Apollonius von Kreta aus begeben hatte. Als es nmlich bei einer Sonnenfinsternis donnerte, was bei Finsternissen selten zu geschehen scheint, hatte er zum Himmel aufblickend gesagt: 'Etwas Groes wird geschehen.' Niemand verstand das Wort, aber drei Tage spter verstanden es alle. Als nmlich Nero gerade bei Tische sa, fuhr ein Blitz auf die Tafel und schlug ihm den Becher aus der Hand, den er gerade zum Munde fhrte. Da der Kaiser so mit dem Tode bedroht und doch nicht getroffen wurde, hatte Apollonius mit dem 'geschehen und nicht geschehen' gemeint.[778] Durch diese Prophezeiung hatte Apollonius den Verdacht des Tigellinus erweckt, welcher ihn einkerkern lie. Als dieser Prfekt jedoch die Anklageschrift verlesen wollte, fand er zu seinem Erstaunen das von ihm selbst geschriebene Blatt leer. Nach Philostratus hat sich ein gleicher Fall in dem sptern Proze des Apollonius unter Domitian zugetragen.[779] Dieser mythisch erscheinende Zug findet Parallelen in zahlreichen Heiligenlegenden und Sagen. Wir knnen hier Apollonius nicht auf allen seinen Kreuz- und Querzgen begleiten, sondern mssen uns darauf beschrnken, die in das Gebiet des bersinnlichen gehrenden Berichte aus seinem Leben mitzuteilen, soweit wir dazu Parallelen in der Kulturgeschichte oder in der gegenwrtigen Erfahrung nachweisen knnen. Deshalb wenden wir uns zu folgender Voraussage des Philosophen: Als Nero geflohen und Vindex tot war, fragten seine Gefhrten: Wem wird nun die Herrschaft zufallen? Vielen Thebanern, antwortete Apollonius, denn er verglich Vitellius, Galba und Otho, welche die Macht nur kurze Zeit an sich rissen, mit jenen Thebanern, welche auch nur sehr kurze Zeit an der Spitze Griechenlands gestanden hatten.[780] Apollonius sagte dann zu seinen Freunden: Sehet Roms drei Herrscher, die ich neulich Thebaner nannte! Keiner wird Alleinherrscher werden, sondern in und um Rom werden sie herrschen und umkommen und schneller ihre Rollen wechseln als die Tyrannen auf der Bhne. -- Das Wort erfllte sich bald: Galba kam in Rom um, kaum zur Herrschaft gelangt, Vitellius starb nach einem Herrschaftstraume; Otho starb im westlichen Gallien, und nicht einmal ein glnzendes Begrbnis ward ihm zu teil, denn er liegt bestattet wie ein gewhnlicher Mensch; so wandte sich das Geschick dieser drei innerhalb eines einzigen Jahres.[781] Apollonius begab sich ber gypten, wo er durch seine Sehergabe einen wegen Straenraubes unschuldig Verurteilten befreite[782], nach thiopien, um die Weisheit der dortigen Gymnosophisten kennen zu lernen, von welchen er jedoch sehr enttuscht wurde. In dem ganzen Abschnitte ist nur die Rede des Apollonius an seinen Schler Thespesion merkwrdig, in welcher er die geistige Entwickelung an der Hand der Askese lehrt[783], und in deren Verlauf er seinem Schler bezglich der Wundersucht seiner Zeit das auch heute noch geltende Mahnwort zuruft: _Mit dem Glauben an Unglaubliches entsagt man der Vernunft!_[784] Beilufige Erwhnung verdient noch die Erzhlung von dem durch Apollonius gebannten Satyrgespenst, welches in einem Dorf an den oberen Nilkatarakten die Frauen unsichtbarerweise mit seiner Liebe verfolgte und dann ttete. Apollonius befahl, um das Gespenst zu bannen, einen Trog mit Wein zu fllen, den der Satyr trinken und sich darauf entfernen wrde. Als der Satyr zur Stelle beschworen worden war, blieb er zwar unsichtbar, aber der Wein verschwand, als ob er getrunken wrde.[785] Dieser Bericht ist offenbar wieder fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt, erinnert aber auffallend an den slavischen Vampyrglauben und die sogenannten Incubusvorgnge, sowie besonders an die von Horst im ersten Band seiner Zauberbibliothek mitgeteilte Geschichte des Arnod Paole. Das eigentmliche Verschwinden von Flssigkeiten kommt auch im modernen Mediumismus vor. Von gypten nach Griechenland zurckgekehrt, sagte er dem Titus voraus, da ihm der Tod aus dem Meere kommen werde, wie dem Odysseus, was seine Schler so deuteten, als ob der Kaiser wie Odysseus durch den Stachel eines Rochens tdlich verletzt werde.[786] Angeblich aber wurde Titus durch Domitian mit einem Seehasen vergiftet. In Smyrna hatte Apollonius geweissagt, da Nerva der Nachfolger Domitians sein werde, was durch einen Schler des Philosophen, Euphrates, nach Rom verraten worden war, worauf der Kaiser die Verhaftung und Transportation des Apollonius nach Rom befahl. Der Weise aber sah dies auf bersinnliche Weise wie gewhnlich voraus, ging unter Segel und fuhr nach Rom.[787] Von dem Aufenthalt des Apollonius in Rom und seinen Schicksalen im Gefngnis und vor Gericht ist hier nur zu erwhnen, da Philostratus beilufig erzhlt, Apollonius habe sich einmal im Gefngnisse seiner Fesseln auf bersinnliche Weise[788] entledigt. Dies gehrt bekanntlich zu den am hufigsten vorkommenden mediumistischen Erscheinungen. Der Proze endigte damit, da Apollonius vom Kaiser freigesprochen und aufgefordert wurde, an seinem Hofe zu bleiben. Der Philosoph aber bat um seine Unabhngigkeit, forderte vom Kaiser eine bessere Fhrung der Regierung und verschwand aus dem Gerichtssaal.[789] -- Als gegen Abend desselben Tages seine Schler im Nymphum zu Dikarchia um ihren Lehrer wehklagten und verzweifelten, ihn wiederzusehen, erschien er pltzlich unter ihnen und berzeugte sie, die ihn fr einen Geist hielten, von seiner leiblichen Existenz.[790] Man hat in dieser gewi sehr ausgeschmckten Begebenheit eine Parallele zum Wiedererscheinen Christi unter den Jngern sehen wollen, aber offenbar -- weil ja Apollonius nicht gestorben war -- mit Unrecht. Eher drfte sie eine Parallele zur Befreiung des Petrus und der andern Apostel aus dem Gefngnis sein, wie sie die Apostelgeschichte mehrfach erzhlt.[791] -- Mythisch ist ebenfalls der Zug, da Apollonius sieben Tage in der Hhle des Trophonius geweilt und als Kern aller Weisheit ein die Lehren des Pythagoras enthaltendes Buch herausgebracht habe.[792] Auf geschichtlicher Grundlage beruht aber wahrscheinlich die Aufgabe, da Apollonius zu Ephesus die Ermordung des Domitian in dem Augenblick verkndete, als sie zu Rom vor sich ging. Diese Voraussage erregte Zweifel der Ungewiheit, aber bald belehrten Eilboten die Epheser ber die Wahrheit des Gesichtes.[793] Mit dieser Erzhlung schliet Philostratus die Biographie des Philosophen. ber dessen Tod teilt er keine nheren Umstnde mit. Apollonius wird einerseits als Gott und Wundermann berschtzt, andererseits als Betrger oder Narr unterschtzt. Wir aber sehen in ihm nur einen nach pythagorischer Weise lebenden Philosophen. Er entwickelte offenbar in sich die in jedem Menschen vorhandenen bersinnlichen Krfte und Fhigkeiten. Dritte Abteilung. Die Neuplatoniker. Erstes Kapitel. Plotinos. Schon die Schler des Sokrates sprachen gern von einem schneren Leben in der Vergangenheit fremder Vlker und sahen in demselben ihr Ideal, welches sie mit der jnglingsfrischen Kraft des Hellenentums in die Wirklichkeit zu bertragen suchten. Als nun die Griechen unter Alexander einen groen Teil Asiens unterjocht hatten und mit der wunderbaren Kultur des Orients bekannt geworden waren, da begann die Philosophie Indiens allmhlich Einflu auf die Lehren des Abendlandes zu gewinnen, und die bildungsstolzen Griechen sahen mit Staunen, da ihre hochgerhmte Kultur nur der schwache Abglanz einer frheren viel hher entwickelten war, an welche alte halbverklungene Sagen noch erinnerten. Diesen konnte aber auch vor allem Plato eine innere Wahrheit nicht absprechen. So entstand und verbreitete sich die hohe Meinung von dem heiligen Leben und der tiefen Weisheit der Inder; auch dachte man sich diese mit den phnicischen, gyptischen und jdischen Priestern in einem gewissen Zusammenhang stehend, der vielleicht durch eine besondere Geheimlehre vermittelt wrde. Jener uere Ansto, welcher durch die Feldzge Alexanders gegeben wurde, hat wohl am meisten zum Kulturaustausch des Orients und Occidents mitgewirkt, wobei wir freilich nicht bersehen drfen, da auch die Mysterien und sonstige von Osten herberkommende Geheimkulte als wichtige Faktoren zur Vermittelung des religisen und philosophischen Lebens beider Weltteile beitrugen; jedoch wei man noch immer zu wenig ber die Geheimnisse, als da man ihren Einflu auf das geistige Streben jener Zeiten mit Sicherheit bestimmen knnte. Endlich aber wirkt noch ein drittes sehr zu beachtendes Moment mit an dieser so merkwrdigen Verschmelzung entgegengesetzter Anschauungen, nmlich der Zerfall der religisen Vorstellungen und wissenschaftlichen Begriffe, die Trennung der Philosophie und der Religion bei den Griechen. Die griechische Religion hatte durch ihre dem Knstlerischen sich zuneigende Ausbildung das Bedeutsame ihrer alten Formen verloren, und eine willkrliche Deutung der alten Bilder konnte ihren wirklichen Sinn nicht ersetzen. Es war also das Bedrfnis nach religisen Neuerungen, welche dem Herzen wie dem Verstande gengten, das Bedrfnis nach einer Vershnung der Wissenschaft mit der Religion gegeben, und in der Erkenntnis der tiefen orientalischen Weisheit glaubte man die Befriedigung desselben finden zu knnen. Daher rhrt es denn auch, da je lnger, desto hufiger Griechen von gelehrter Bildung Zugang zu den ffentlichen und geheimen Kulten der Orientalen suchten und fanden, wobei sie die alt-orientalischen Lehren mit den eigenen berlieferungen verglichen, sie vertieften und zu verschmelzen suchten. Es war die Zeit der Ausbildung der Kabbala und des Keimes der grundlegenden Anschauungen der spteren neupythagorischen, gnostischen und neuplatonischen Schulen. Kleinasien und Alexandria waren der Hauptschauplatz dieses Ringens und endlichen Verschmelzens der entgegengesetzten Weltanschauungen. Solange jedoch das Rmerreich noch innerlich gesund war und das Griechentum sich einer verhltnismigen Blte erfreute, kamen diese eklektischen Systeme zu keiner greren Bedeutung. Erst als der Kaiserzeit die Kultur der alten Welt verfaulte und einem bertnchten Grabe glich, als eine Sttze der alten Gesellschaft nach der andern brach und alle Welt Rettung aus dem Chaos suchte, erst dann gelangten die genannten in den innersten Bedrfnissen der Menschennatur wurzelnden philosophischen Richtungen durch die gleichen Umstnde zur Geltung, welche auch dem Christentum seine welthistorische Stellung erobern halfen. Unter den bedeutendern Schriftstellern lterer Zeit, die dem Neoplatonismus die Bahn brachen und bei welchen die diesem angehrige und eigentmliche Geistesrichtung offen zu Tage trat, sind in erster Linie _Plutarch_ (ca. 50-120 n.Chr.) und der zur Zeit der Antonine lebende _L. Apulejus_ zu nennen. Von diesem Zeitalter an gelangte die mystische eklektische Philosophie zu immer grerer Bedeutung und verkndete sich besonders in der Sehnsucht nach einer mystischen Vereinigung mit dem Gttlichen, die teils durch Askese, teils durch Theurgie gewonnen werden sollte und gegen welche das uere Leben als ein leeres Schattenbild zurcktrat. Die Aufgabe der mystisch-eklektischen Philosophie war die Erschlieung jener dunkeln Gebiete, an deren Grenzen die Logik der Schulen eben noch heranreicht, welche uns aber verlt, sobald wir die Schwelle des Avernus berschritten haben. ber diese Gebiete fand man bei den Philosophen teils nur Andeutungen in Bildern oder Mythen, teils auch bestimmte geuerte Meinungen, welche, wie jene Andeutungen nicht verkennen lieen, nicht in ihrem buchstblichen Sinne aufgefat sein wollten. Je mehr man nun bei der Betrachtung der letzten Dinge -- um hier vergleichungsweise diesen christlich-dogmatischen Ausdruck zu gebrauchen -- sich gentigt sah, die Aussprche der Philosophen allegorisch aufzufassen, um so mehr kam man zu der berzeugung, da im Grunde alle oder doch die tiefsten Philosophen miteinander einig seien und nur denselben Sinn in verschiedenen Formeln ausgedrckt htten. Und in der That finden wir bei den alten Philosophen an den uersten Grenzen der Forschung mehr Einigkeit als bei Untersuchungen, welche sich der Mannigfaltigkeit weltlicher Erscheinungen zuwenden. In dem Drang, das Geheimnis des Absoluten und seines Verhltnisses zum Relativen, des Gttlichen zum Weltlichen anschaulich zu machen, nherte sich der griechische Philosoph den Quellen orientalischer Mystik, und der orientalische Priester bediente sich zur Verbreitung seines transscendentalen Wissens der Waffen, welche griechische Rhetorik und Dialektik geschliffen hatten. Es bildete sich eine rhetorische Lehre aus, welche den Kern der lteren Systeme eklektisch umfate und ihre Weisheit zum Teil unter symbolischer Hlle offenbarte. Da ferner nun das Abendland und der Orient ganz verschiedene Forschungsmethoden befolgen, indem nmlich der europische Philosoph und besonders der auf alle Knste der Dialektik eingehetzte Altgrieche an der Hand des logischen Beweises Schritt vor Schritt vorwrts geht und das als nicht existierend betrachtet, was nicht logisch bewiesen werden kann, indem er vom Besondern auf das Allgemeine schliet, sucht der Mystiker des Orients durch Autopsie zur Vereinigung mit dem Allgemeinen und zur Erkenntnis und Beherrschung des Besondern zu gelangen; durch das Anschauen des Absoluten ist der Mystiker individuell berzeugt, und der logische Beweis wird fr ihn berflssig. Der Weg und das Mittel zur Autopsie ist die Askese, die mglichste Vermeidung aller Verunreinigung durch die Materie. Die mglichste Steigerung in der Enthaltsamkeit vor sinnlichen Genssen, die gnzliche Abttung der sinnlichen Triebe, die Kasteiung des Fleisches wird zum Mittel, durch Anschauung des Heils wie des Wissens teilhaftig zu werden, denn jemehr der Mensch dem Sinnlichen erstirbt, desto mehr lebt er im Geistigen. Damit ist zugleich die innere Notwendigkeit der fr den Neoplatonismus so charakteristischen Verachtung aller Auendinge, welche wir -- allerdings aus ganz anderen Grnden -- auch bei den Cynikern und Stoikern finden, gegeben, die in ihrer extremen Auffassung die neoplatonische Lehre nicht lebensfhig werden lie. Es erhellt, da bei dem vorwiegend mystisch-kontemplativen Charakter der neuplatonischen Philosophie die Fhigkeiten und Krfte des transscendentalen Bewutseins in hohem Grade ausgebildet und die auf diese Ausbildung hinzielenden Mittel sowie die davon abhngigen Beobachtungen sehr zahlreich werden muten. Auf diese bisher meist als Aberglaube und Schwrmerei verlachten Dinge, welche durch die Thatsachen des Occultismus und Mediumismus erklrt werden, wollen wir hier besonders die Aufmerksamkeit unserer Leser richten, indem wir kurz das schildern, was vom Leben der wichtigsten Neuplatoniker bekannt ist, und dabei ihre Lehre bercksichtigen, soweit sie unserem hier verfolgten Zwecke dient. Der eigentliche Begrnder des Neuplatonismus ist der etwa 190 n.Chr. von christlichen Eltern geborene _Ammonios Sakkas_, welcher nach Eusebius[794] sich dem Heidentume zuwandte, als er selbstndig zu denken begonnen hatte. Von seinem Leben wissen wir sehr wenig, weil er selbst keine schriftlichen Aufzeichnungen machte und er sowohl als seine Schler auf Auendinge nicht den mindesten Wert legte. Wie Hierokles und Porphyrius erzhlen, erwarb Ammonios in Alexandria sich seinen Unterhalt durch Sacktragen, woher er den Namen Sakkas erhielt, und lehrte dabei eine Philosophie, welche die bereinstimmung des Plato und Aristoteles in allen Punkten nachzuweisen suchte. Diese Lehre scheint eine esoterische gewesen zu sein, denn Porphyrius berichtet im Leben des Plotinus, da sich die drei Schler des Ammonios Erennios, Origenes (welcher nicht mit dem bekannten Kirchenvater zu verwechseln ist) und Plotinos verbunden htten, die Lehren ihres Meisters nicht zu verffentlichen. Erennios und Origenes brachen jedoch dieses Versprechen durch die Herausgabe jetzt verloren gegangener Schriften, worauf sich auch Plotinos seines Versprechens fr entbunden hielt und nun die Schriften verfate, welche wir noch jetzt von ihm besitzen. Als ein vierter Schler des Ammonios wird ein Grammatiker Longinos genannt. Der Bedeutendste von allen ist _Plotinos_, welcher im Jahre 205 zu Lykopolis in gypten geboren ward. Er erhielt seine wissenschaftliche Bildung zu Alexandria, wo er im 28. Jahre seines Lebens Philosophie zu studieren begann. In Ammonios Sakkas fand Plotin den gesuchten Mann, der ihm Ehrfurcht vor orientalischer Weisheit und heies Verlangen nach derselben einflte. Deshalb nahm auch Plotin, nachdem er elf Jahre den Unterricht des Ammonios genossen hatte, teil an dem Feldzuge, welchen Kaiser Gordianus (der Enkel) gegen die Perser erffnete, um bei dieser Gelegenheit die persische und indische Philosophie an der Quelle studieren zu knnen. Als jedoch Gordian im Jahre 244 ermordet worden war, ging Plotin nach Antiochia und spter nach Rom, wo er als Lehrer der Philosophie auftrat. Im Anfang scheint die neue Schule nicht besonders prosperiert zu haben, denn Amelios, ein Zgling unseres Philosophen, berichtet, da dieselbe voll Unruhe, Geschwtz und Lrmen, dabei aber schlecht besucht gewesen sei. Im Laufe der Zeit kam jedoch Plotin zu hohem Ansehen, wie die Namen zahlreicher Schler beiderlei Geschlechts bezeugen. Ihm hrten nicht nur rmische Ritter und Senatoren, sondern auch eine groe Menge der vornehmsten Damen zu, von denen eine, namens Gemina, Plotin zeitweilig in ihr Haus aufnahm. Unser Philosoph erfreute sich des allgemeinsten Vertrauens, so da er als ein heiliger, gttlicher Frsorger von den edelsten Mnnern als Testamentsvollstrecker und Vormund ihrer Kinder eingesetzt wurde. Sein Haus war daher mit vornehmen jungen Leuten beiderlei Geschlechts berfllt, deren Erziehung er leitete und deren Gter er auf das gewissenhafteste verwaltete, um -- wie er sagte -- ihnen wenigstens ihre zeitlichen Schtze ungeschmlert bergeben zu knnen, wenn sie keinen Geschmack an der Philosophie und den himmlischen Dingen finden sollten. Sehr hufig wurde Plotin als Schiedsrichter angerufen, welchem Amte er mit so groer Klugheit vorstand, da er sich dabei nach der Versicherung seines Schlers Porphyrius (in +vita Plotini+), whrend seiner sechsundzwanzig in Rom verlebten Jahre auch nicht einen einzigen Menschen zum Feind machte. Selbst Kaiser Gallienus (259-268), eines der nichtswrdigsten Ungeheuer, welche den rmischen Kaiserthron schndeten, und dessen Gemahlin Salonina waren fr die Ideeen Plotins derart begeistert, da sie eine verfallene Stadt in Kampanien wieder aufbauen und Plotin nebst seinen Schlern schenken wollten. Diese Stadt sollte Platonopolis genannt und nach den von Plato entwickelten politischen und ethischen Prinzipien regiert werden. Porphyrius berichtet in seinem Leben Plotins mit nicht geringem Unwillen, da dieser schne Plan durch einige Hofleute vereitelt worden sei, welche den Plotin beneidet und Plato nicht den Ruhm eines Gesetzgebers gegnnt htten. Plotin lebte bis zum Jahre 270 in Rom, zog sich dann, von einer Krankheit befallen, nach Kampanien zurck und starb, indem er dem ihn besuchenden Arzt Eustochius die Worte zurief: Ich fhre jetzt den in mir wohnenden Gott der im Weltall lebenden Gottheit zu! -- In demselben Augenblick kam, so erzhlt die allegorische Legende, unter dem Bett eine drachenartige Schlange, welche fr den Genius Plotins gehalten wurde, hervor und verschwand durch eine in der Wand befindliche ffnung. Nach Porphyrius hatte Plotin sein gttliches Auge bestndig auf den ihn begleitenden Genius gerichtet und lebte recht eigentlich in einer wesentlichen und realen Gemeinschaft mit der Geisterwelt. Von dem hohen Werte und der Wichtigkeit dieses geistigen Lebens und Verkehrs im Gegensatz zu seiner ueren Persnlichkeit war denn auch Plotin so durchdrungen, da er seinen Freunden und Schlern weder den Tag noch den Ort seiner Geburt nannte, weil es schon zu viel sei, ber solche irdische Dinge auch nur ein Wort zu verlieren. Alles phnomenale Sein ist ihm ein Elend, ein Irrtum und ein niedriger Zustand, von welchem sich der Mensch losmachen mu, damit er durch die Tugend zu Gott zurckkehre. Dieser Gipfel der Tugend, auf welchem sich die Seele mit Gott vereinigt, wird nur erreicht durch die Askese. Deshalb enthielt sich auch Plotin aller Fleischspeisen, nicht selten auch des Brotes, und fastete oft so lange, da er sich andauernde Schlaflosigkeit zuzog. Er gnnte sich nicht das regelmige Bad, wie es doch bei seinen Landsleuten Sitte war, und unterlie zuletzt selbst die blichen Abreibungen seinem Krpers, die einzige Pflege, welche er demselben noch hatte zu teil werden lassen. Es schien ihm eine unertrgliche Eitelkeit, von dem Schattenbilde seines Krpers eine Abbildung machen zu lassen, welche eine lngere Dauer als das Original habe. Als nachahmungswrdiges Muster eines Weisen empfahl Plotinus seinen Schlern den rmischen Senator Rogatianus, welcher durch ihn so bekehrt worden war, da er seine Sklaven freilie, sein Vermgen verschenkte, sein Prtorenamt aufgab und nicht einmal in seinem eigenen Hause wohnte, sondern bei seinen Freunden schlief und speiste. -- Alle spteren Neuplatoniker eiferten ihrem Meister in dieser bertriebenen Selbstentsagung, bei welcher indischer Einflu unverkennbar ist, nach und genossen weder Fleisch noch Wein, noch die Freuden der Liebe, welche sie als die grten Hindernisse eines heiligen Lebens und der innigen Vereinigung mit Gott ansahen. Porphyrius berichtet denn auch, da whrend seiner sechsjhrigen Lehrzeit bei Plotin dieser, sein Meister, viermal der Vereinigung mit Gott gewrdigt worden sei, whrend ihm -- Porphyrius -- dieses Glck im ganzen Leben nur einmal zu teil ward. Wie sein Biograph ferner berichtet, war Plotin hellsehend und hatte die Fhigkeit, die Gedanken anderer zu lesen, er wute Diebsthle zu verknden so gut wie die Zukunft und sagte seinen Schlern ihre Gedanken. Bei folgendem von Porphyrius berichteten merkwrdigen Beispiel von der hohen Entwickelung der magischen Seelenkrfte Plotins mssen wir etwas lnger verweilen: Olympius aus Alexandria, ein auf unsern Philosophen neidischer Schler des Ammonios, suchte denselben durch magische Knste an seiner Gesundheit zu schdigen, berzeugte sich jedoch sehr bald, da sein Beginnen vergeblich sei, und sagte zu seinen Bekannten: Welch eine machtvolle Seele besitzt nicht dieser Plotin, denn alle gegen sie gerichteten Knste prallen von ihr ab und auf den Angreifenden zurck! Plotin empfand jedoch die magische Einwirkung durch ein Gefhl, als ob ihm Glied um Glied wie ein lederner Beutel zusammengeschnrt werde. Man hat diese Erzhlung sehr hufig als ein Beispiel des bei den Neuplatonikern herrschenden Aberglaubens angefhrt, damit aber, wie mir scheint, den ehrlichen, wenn auch schwrmerischen, doch immerhin sehr hoch entwickelten Mnnern Unrecht gethan. Gehen wir von der Thatsache der nicht durch uere Sinne vermittelten Gedankenbertragung aus, um jenen Bericht zu erklren, so kommen wir zu folgenden Schlssen: Wenn die Seele auf die Seele wirkt, so kann dieser Eindruck entweder die Bewutseinsschwelle des Beeinfluten berschreiten, dann bildet er sich zum Gedanken aus; oder aber er bleibt an der Schwelle des Bewutseins stehen, dann ruft er nur ein dumpfes, unklares Empfinden hervor.[795] Das eigentmliche Gefhl der Zusammenschnrung, welches Plotin empfand, ist daher sehr wohl zu begreifen und findet berdies seine Analogie in den krampfartigen Erscheinungen, wie sie bei allen magischen Zustnden vom Somnambulismus bis zur Besessenheit vorkommen. Die Schriften des Plotin sind uns ziemlich vollstndig erhalten geblieben, und zwar in der Bearbeitung des Porphyrius, welche dieser im Auftrag seines Lehrers bernahm, weil derselbe durch Augenschwche von der Revision seiner Werke abgehalten wurde. Porphyrius fand einzelne wenig zusammenhngende Bcher vor, welche er in sechs Enneaden zusammenstellte, je nach der Verschiedenheit des Inhalts, wobei er die uere Form verbesserte und noch einiges, jetzt nicht mehr nher Bestimmbare hinzufgte. Dies ist hchst wahrscheinlich die Bearbeitung der Plotinischen Schriften, welche wir noch besitzen. Andere von den schon genannten Schlern des Plotin Amelios und Eustochios veranstaltete Bearbeitungen sind verloren gegangen. Da nun Plotin der eigentliche Philosoph der neuplatonischen Schule ist, whrend alle Spteren mit Ausnahme des Proklos mehr Theurgen oder Magier[796] zu nennen sind, so wird es geeignet sein, hier eine kurze Darstellung des plotinischen Lehrgebudes zu geben, wobei wir uns mglichst an die Worte des Philosophen selbst zu halten vorziehen. Gott ist der Realgrund aller Dinge, und es giebt nur eine Art von Substanzen, nmlich vorstellende; Raum und Materie ist nichts als Schein des Realen, der Schatten der Geister. Die Welt ist ewig wie Gott. Gott ist keinem Menschen und berhaupt keinem Wesen fern. Er ist das reine urwesentliche Licht und macht die Basis alles Seins und Denkens aus; er ist die Einheit, welche jedem Denken vorausgeht und demselben das Objekt giebt.[797] Der Intellekt (%nous%) ist ein Bild des (All)-Einen, denn als Erzeugtes mu es hnlichkeit von dem Erzeugenden empfangen und behalten; der Intellekt ist nur dadurch geworden, da er das Eine schaute. Daher ist auch im Intellekt Einheit, und die Einheit ist die Mglichkeit aller Dinge. Der Intellekt schaut auf das Eine, wodurch ihm ein Objekt des Erkennens gegeben ist; es ist die zum Erkennen erforderliche Doppelheit, Objekt und Subjekt, vorhanden. Ebenso wie der Intellekt das Anschauungsvermgen von dem Einen erhalten hat, so ergiet sich diese Kraft wieder von dem Intellekt aus und erzeugt andere, ihr hnliche, nur minder vollkommene Intellekte.[798] Da indessen der Intellekt das Erkennen nicht von sich, sondern von dem Einen hat, so mu auch in dem Einen als in der Quelle alles Erkennens zwar nicht Erkenntnis, wodurch die Einfachheit aufgehoben wrde, aber doch etwas hnliches sein, gleichsam ein Schauen und Wissen ohne Doppelheit. Das Eine sieht nicht nach auen auf andere Dinge, sondern nur auf sich selbst. Es liebt in sich den reinen Glanz, das reine Licht, welches es selbst ist. Der Intellekt ist das Produkt des Einen, und das Eine ist sein eigenes Produkt.[799] _Das Licht ist die ursprngliche, ruhige, sttige, unvernderliche Thtigkeit des Urwesens_, das aus ihm unmittelbar und unaufhrlich Ausstrmende, ein Lichtkreis, durch welchen alles erleuchtet wird und seine Form erhlt. Dieser das Eine umgebende Lichtkreis ist der Intellekt.[800] Der Intellekt umfat alle mglichen Objekte, d.h. die ganze Verstandeswelt, oder ist vielmehr die Verstandeswelt selbst. Intellekt und Realitt umfassen alles Sein und Leben.[801] Die Verstandeswelt ist das Muster und Vorbild der Sinnenwelt. Alles, was in dieser wirklich ist, mu daher auch in der Verstandeswelt enthalten sein, jedoch nur der Form nach. In der Verstandeswelt ist daher auch ein mit Sternen beseter Himmel, eine Erde mit allen mglichen Pflanzen und Tieren, Wasser und Meer in bleibendem Flusse und Leben mit allen Wassertieren und die Luft mit den ihr lebenden Wesen. Denn was aus dem Intellekt kommt, ist Leben; die Verstandeswelt ist daher auch ein lebendes Wesen, ein Welttier.[802] Alle die Verstandeswelt ausmachenden Verstandeswesen mssen etwas Gemeinschaftliches und etwas Individuelles haben, denn weil sie im Intellekt existieren, ohne durch den Raum getrennt zu sein, so knnen sie allein durch das ihnen Eigentmliche unterschieden sein, wodurch sie zu besondern Dingen werden. Dieses Individuelle ist die Form, die Gestalt. Wo nun Gestalt ist, da giebt es auch etwas Gestaltetes, d.h. durch die Form Bestimmbares und Bestimmtes. Dies ist die Materie, d.h. nicht die sinnliche, sondern die bersinnliche. Denn auch das hat die Verstandeswelt mit der Sinnenwelt berein, da sie aus Form und Materie besteht. Abstrahiert man in Gedanken von den Formen, durch welche die Verstandeswelt ein mannigfaltig gestaltetes Ganze geworden ist, so bleibt nichts brig als das Gestaltlose und Unbestimmte, welches die Gestalt annimmt und gleichsam trgt.[803] Durch die Thtigkeit und schpferische Kraft des Intellekts entsteht die Verstandeswelt, welche nur in ihm existiert. Die Thtigkeit, durch welche die Verstandeswelt wirklich geworden ist, ist eine innere und auf das Innere gerichtete. Soll nun auch eine uere Welt entstehen, welche sich auf die Verstandeswelt als auf ihr Muster bezieht, so mu auer dem Einen und dem Intellekt noch ein drittes vorhanden sein, dessen Thtigkeit nicht nach innen, sondern nach auen gerichtet ist. Dies ist die Seele.[804] Die Seele ist Produkt des Intellekts, sowie der Intellekt Produkt des Einen ist. Nach dem Grundsatz, da alles Reale aus sich selbst ein anderes Reale erzeugt, was dem Grade der Vollkommenheit nach dem Erzeugenden am nchsten, aber doch nicht ganz gleich kommt, bringt auch der Intellekt etwas hervor, was ihm am nchsten kommt. Die Seele ist ein Gedanke, eine Thtigkeit des Intellekt.[805] Die Seele steht im dritten Grad von dem Einen ab und ist daher unvollkommener als der Intellekt. Sie ist auch ein Leben, Denken und Thtigsein wie der Intellekt, aber in einem niedern Grade. Erstens geht die Seele nicht ohne Vernderung hervor. Zweitens ist ihr Denken und Schauen dunkler, denn sie erblickt die Objekte nicht in sich, sondern in dem Intellekte. Drittens ist ihr Wirken nicht eine innere, sondern eine nach auen gerichtete Thtigkeit; sie bringt etwas auer sich hervor, was nun nicht mehr ein reines, sondern ein schon vermischtes und getrbtes Sein hat.[806] _Auch die Seele ist wie die Intellekte eine Art Licht_, aber nicht ein selbstleuchtendes, sondern von einem andern erleuchtetes. Das Eine ist das einfache, reine Licht selbst, welches sich in den Intellekt ergiet. Die Seele empfngt das Licht vom Intellekt.[807] Nach den ewigen Gesetzen der Ordnung und Harmonie des Ganzen lsten sich alle Seelen, eine jede zu der bestimmten Zeit, vermge eines natrlichen Dranges und wie durch den Ruf eines Herolds oder Beschwrers erweckt, von dem Intellekt ab und traten zum erstenmal in das System unserer Welt, in die Gemeinschaft mit den Krpern ein. Indem sie aus ihrer gttlichen Urquelle ausflossen, kamen sie in den Himmel oder den Aufenthaltsort der sichtbaren Gtter, _wo sie ein Gewand aus therischem Stoff gewebt erhielten oder annahmen_. Hier am Saume des unsichtbaren Universum, wo die Seelen gleichsam zwei Welten berhrten und das niedrigste Glied der intelligibeln wie das hchste der materiellen ausmachten, verweilten sie nicht immer, sondern senkten sich nach eben den Gesetzen, nach welchen sie aus der Mutter aller Seelen hervorgegangen waren, auf unsere Erde herab. Auf einer jeden neuen Stufe des Herabsteigens empfingen sie einen neuen Krper und wurden also in dem groen zwischen Himmel und Erde ausgespannten Raume mit einem luftigen, auf dem Wohnplatz sterblichen Geschpfe mit einem _dichten irdischen Gewand_ bekleidet.[808] Durch die Thtigkeit der Seele entstehen andere Seelen als Arten der einen. Die Krfte derselben sind von doppelter Art. Einige sind auf das obere gerichtet wie die Vernunft, andere auf das Niedere wie die verstandesmigen Krfte; die unterste ist die auf die Materie gerichtete und sie bildende Kraft, die Empfindung nmlich und vegetative Kraft.[809] Alles Wirken der Natur hat die Erkenntnis zum Endzweck. Denn was in der Natur hervorgebracht wird, hat eine bersinnliche Form, wodurch die Materie eine Gestalt erhlt, damit sie ein Objekt der Erkenntnis werde.[810] _Die Natur ist also nichts anderes als eine Seele_, welche wiederum das Produkt einer hheren und mchtigeren Seele ist.[811] In der ganzen Natur ist nur _eine der Qualitt nach identische Kraft wirksam: die Seele, die Vorstellungskraft; nur eine und dieselbe Wirkungsart: die Bildung, das Anschauen_. Es herrscht also derselbe Proze im innern Menschen wie in der ueren Natur.[812] Alle Materie wird von der Seele innerlich gestaltet; alle Elemente sind von ihrem Leben erfllt, welches innerlich vorhanden ist, auch wenn es nicht in die Erscheinung tritt. Die Erde gleicht dem Holze eines Baumes, welche eine belebende Natur in sich trgt, die Steine sind wie abgeschnittene Zweige. In den Gestirnen wie in der Erde als Weltkrper findet sich gttliches Leben und Vernunft. Die sinnliche Welt ist sowohl im einzelnen als im ganzen beseelt, und eben diese Seele ist das Wesentliche an ihr.[813] Die Verstandeswelt ist ein unvernderliches, absolutes, lebendes Ganze, in welchem keine Trennung durch den Raum, kein Wechsel in der Zeit stattfindet. Sie enthlt alles, was ist, aber kein Werden noch Vergangensein. Sie ist in keinem Raum und bedarf keines Raumes, denn sie ist in sich vollstndig, sich durchaus gleich und sich selbst erfllend. Wenn man sagt, die Verstandeswelt ist allenthalben, so heit das nichts anderes als, sie ist in dem Sein und daher in sich selbst.[814] _Die Verstandeswelt ist nichts anderes als das Geisterreich._ Es giebt erstens einen hchsten Intellekt, welcher in sich alle mglichen Intellekte und Objekte +in potentia+ enthlt; der Wirklichkeit nach giebt es aber ebenso viele einzelne Intellekte, als im hchsten Intellekt der Mglichkeit nach enthalten sind. So wie es einen hchsten Intellekt giebt, so giebt es auch eine hchste Weltseele und viele einzelne Seelen, und jene verhlt sich zu den vielen wie die Gattung zu den Arten. Die Arten unterscheiden sich untereinander, ob sie gleich alle aus der Gattung entspringen; es mu also zum Gattungsbegriff noch etwas hinzukommen, damit die Arten nher bestimmt werden. Ebenso mu auch zum Intellekt etwas hinzukommen, da daraus die Weltseele entspringe, und die einzelnen Seelen mssen vollkommener oder unvollkommener in Rcksicht auf das Denkvermgen sein, sonst wrden es eben nicht verschiedene Arten von Seelen sein.[815] _Es giebt nichts durchaus Vernunftloses in der Natur._ Auch die Tiere, welche wir fr unvernnftig halten, scheinen nur vernunftlos zu sein. Denn Vernunft ist dasjenige, in welchem und aus welchem alles ist; wie sollte also etwas der Vernunft Entgegengesetztes existieren knnen? Wir stoen uns daran, da die Tiere ihre Vernunft auf eine ganz andere Art uern, als die Menschen, und wollen ihnen daher gar keine Vernunft einrumen, weil sie nicht die unsere ist. Es giebt unzhlige Arten des Lebens, der Thtigkeit und der Vernunft, welche untereinander verschieden sind. Und dann darf man auch nicht vergessen, da auch der sichtbare Mensch nicht so lebt und auf dieselbe Art vernnftig ist als der Mensch in der Verstandeswelt. Wir rechnen zum Wesen der Vernunft das Schlieen und Beurteilen; dort ist aber die Vernunft ein anderer und ber das Schlieen weit erhabener Vorgang, _nmlich ein unmittelbares Anschauen in vollkommenster Deutlichkeit_.[816] Der Endpunkt der Vernunftthtigkeit ist der uere Gegenstand, z.B. ein einzelnes Tier. Denn wenn sich die Krfte entfalten und in ihrer Entfaltung fortschreiten, so verlieren sie immer etwas und werden niedriger; es entstehen unvollkommene Produkte; aber selbst aus dem, was diesen fehlt, wissen sie noch etwas hinzuzusetzen, um das Fehlende zu ergnzen. Weil z.B. das bloe Sein zum Leben nicht hinlnglich ist, so kamen Krallen, Schnbel, Hrner und Zhne zum Vorschein.[817] Auf diese Art hebt sich die im Herabsteigen unvollkommener gewordene Vernunft wieder durch Zulnglichkeit empor.[818] Ist die Verstandeswelt, in welcher alles bestimmt und notwendig ist, ein Ausflu des Urwesens; ist die Sinnenwelt wieder ein Ausflu der Verstandeswelt; ist die Zuflligkeit und Vernderlichkeit der Dinge in derselben eine unvermeidliche Folge ihres Abstandes vom Urwesen und dieser Abstand im Grade der Vollkommenheit ein Naturgesetz; ist das durch die Thtigkeit der drei Prinzipien alles Seins nicht in der Zeit entstandene Weltganze ein groes lebendiges Wesen, in welchem Einheit und Zusammenhang ist, wo auch das Entfernteste einander nahe ist und kein Teil wirken kann, ohne da auch die entfernteren Teile in Mitleidenschaft kommen, weil im Ganzen _eine_ Seele ist, welche ihre Thtigkeit auf alle einzelnen, das groe Ganze ausmachenden Teile erstreckt, so wird es eine natrliche Magie und Mantik geben, weil alles in einem natrlichen Zusammenhang steht und das Ganze eine Mannigfaltigkeit von Krften ist, die einander auf die vielfachste Weise anziehen und abstoen und durch eine Kraft zu einem Leben vereinigt werden.[819] Alle Seelen samt der Weltseele sind Amphibien, welche sich bald dem Sinnlichen zuwenden und mit ihm verflochten an seinen Schicksalen teilnehmen, bald ihrem Ursprunge, der Vernunft, anhngen und mit ihr vereinigt werden. Die Seele spaltet sich, indem ihre niederen Teile immer weiter abwrts steigen, whrend die besseren bis ber den Himmel hinausragen.[820] Die Einkrperung der Seele wird dadurch bewirkt, da sie dem Krper etwas abgiebt, ohne deswegen ihm anzugehren. Deshalb nimmt auch nur der mit dem Krper vermischte Teil der Seele an ihrem Leiden teil. Die bsen Regungen entspringen nur diesem Teil, weshalb auch die Strafen nur dies zusammengesetzte Wesen, das belebte Tier oder das Scheinbild der Seele, nicht aber den eigentlichen Menschen treffen und berhren. Da nun die Seele um so grbere Hllen anzieht, je mehr sie sich dem Niedern zuwendet, und da die Strafen nur die uern Hllen treffen, so mu der eigentliche Mensch durch ein wiederholtes Leben gereinigt werden, in dessen Zwischenrumen die Hllen an besonderen Orten der Qual vernichtet und gereinigt werden, whrenddem die reine Seele zum Vater hinaufsteigt, und wieder zur Erde herabkommt, wenn der geeignete Zeitpunkt einer neuen leiblichen Existenz naht.[821] Unser Verstandesdenken lehnt sich an Begriffe und Begriffserklrungen an, welche durchaus nicht die wahre Grundlage der vollkommenen Einsicht sind, weil sie zu viel Gemeinschaft mit dem verstndigen Denken und dem Sinnlichen haben. Darum mu sich die Seele in das Begrifflose flchten und sich entschlieen, jeden Begriff und jede Erkenntnis aufzugeben, wenn sie zum Urersten gelangen will, denn das Eine ist eine unbegreifliche Kraft. Wir mssen uns frei machen von der Mannigfaltigkeit der Gedanken, welche uns zum Sinnlichen fhren, sowie von jeder Rede; denn das, was ber das All erhaben ist, geht auch ber die Rede und die ehrwrdigste Vernunft hinaus; wir widersprechen uns, wenn wir von ihm etwas aussagen. Nur durch ein unmittelbares Schauen, nur durch Gegenwart kann das Eine gewonnen werden. Das Schauen ist besser als Wissenschaft, denn alle Wissenschaft ist eine Vielheit und nicht die wahre Einheit, welcher allein das Gute zukommt.[822] Es giebt zwei Wege, um die Menschen zum Schauen des Einen, Ersten und Hchsten hinzufhren. Man mu erstens die Ursache zeigen, warum die Seele jetzt solche Dinge schtzt und man mu sie zweitens ber ihren Ursprung und ihre Wrde belehren. Mit dem letzteren mu man anfangen, denn es geht daraus auch die erste Belehrung hervor. Es bringt uns auch dem Ziele aller Nachforschung nahe und fhrt uns auf dieser Laufbahn eine betrchtliche Strecke weiter. Denn das Forschende ist die Seele, welcher das Anschauen nicht gelehrt und gegeben werden kann, was vielmehr durch ihre eigene Anstrengung zu Stande gebracht werden mu. Gelangt der Mensch nicht zu dieser Anschauung, so empfngt er auch nicht das wahre Licht, welches die ganze Welt erleuchtet, er wird nicht davon affiziert und hat gleichsam nicht das Gefhl der Liebe, durch welches der Liebende sich im Anblick seiner Geliebten verliert. Zwar ist das Eine von keinem entfernt, wohl aber jedem gegenwrtig oder nicht. Gegenwrtig ist es nur denen, welche fhig und vorbereitet sind, dasselbe zu empfangen, zu berhren und zu umfassen durch die hnlichkeit und Verwandtschaft des von ihm empfangenen Vermgens. Ist mit einem Wort, die Seele so beschaffen wie damals, als sie von dem Einen entsprossen war, dann kann sie das Eine in der Art anschauen, wie es seiner Natur nach angeschaut zu werden vermag. Ist Einer wegen der ihm anklebenden, die Seele belastenden Hindernisse, oder weil die Vernunft nicht gehrig den Weg zeigt und die berzeugung von jenem Wesen hervorbringt, noch nicht dahin gelangt, der messe sich selbst die Schuld bei und suche sich von allem loszureien und vllig Eins zu sein.[823] Willst du dies Eine aber durch dein Denken finden, so mut du dein Denken von allen andern auer dir abstrahieren, weil es kein Merkmal mit irgend einem Gegenstand gemein hat. Soll die Seele es ganz und rein umfassen, so mu sie sich von allen Eindrcken, Figuren, Gestalten und Formen gereinigt haben; sie mu nichts, auch sich selbst nicht denken. Gott ist allen zugegen, auch denen, die ihn nicht erkennen. Aber sie fliehen ihn, sie treten aus Gott oder vielmehr aus sich selbst heraus. Sie knnen also den nicht erfassen, den sie fliehen, sie suchen nach einem anderen, nachdem sie sich selbst verloren haben.[824] Schreitet die Seele auf dem Wege fort, da sie der Vereinigung mit Gott teilhaftig wird, und erkennet sie, da sie die wahre Urquelle des Lebens hat und keines Dinges mehr bedrfe, sondern vielmehr alles andere von sich legen und nur allein in ihm sein und leben und selbst das sein msse, was das Eine ist; strebt sie, aus diesem irdischen Sein zu entfliehen, um Gott ganz und mit jedem Teil zu umfassen: dann kann sie sich und ihn schauen, so weit nmlich dieses Schauen berhaupt mglich ist. Sie sieht sich nmlich als verklrt, erfllt mit dem bersinnlichen Lichte, oder vielmehr als das reine, schwerelose leichte Licht selbst, als einen gewordenen oder vielmehr seienden Gott, der jetzt hervorstrahle, aber dann verdunkelt werde, wenn das Licht wieder seine Schwere erhlt.[825] Warum bleibt aber die Seele nicht auf dieser hohen Stufe stehen? Weil sie noch nicht ganz aus dem Irdischen heraus gegangen ist. Doch ist auch ihr zuweilen ein ununterbrochenes Anschauen vergnnt, wenn sie gar keine Strungen mehr von dem Krper erhlt. Nicht das Subjekt der Anschauung, sondern das andere ist es, was strt; denn das Anschauende ist bei dem Anschauen ganz unthtig, Denken und Schlieen ruhen. Das Anschauen und das Anschauende sind nicht mehr Vernunft, sondern stehen vor und ber der Vernunft wie das Angeschaute selbst. Schaut sich die Seele so an, so wird sie inne werden, da sie mit dem Angeschauten eins und vllig einfach geworden ist. Denn das Objekt und Subjekt sind jetzt nicht mehr zwei, auch unterscheidet sich die Seele nicht; die Seele ist auch nicht mehr sie selbst, sondern sie wird das, was sie angeschaut; sie geht in das Objekt ber, sowie ein Punkt in Berhrung mit einem Punkte ein Punkt ist und nicht zwei, sondern nur in der Getrenntheit als zweiter existiert. Darum ist auch dieser Zustand etwas Unbegreifliches. Denn wie soll man dem Andern das Angeschaute als etwas Verschiedenes verstndlich machen, da es, als man es anschaute, nicht verschieden, sondern mit dem Subjekt identisch war.[826] -- Insofern nun die Seele in inniger Vereinigung das Eine angeschaut hat, trgt sie selbst das Bild des Einen in sich, wenn sie wieder zu sich selbst kommt. Sie war aber auch selbst das Eine und fand nicht die geringste Differenz in Beziehung auf sich und andere Dinge. Denn in ihr war keine Bewegung, kein Gefhl, keine Begierde nach etwas anderem, indem sie in diesem Zustand der Erhhung war, auch kein Denken und kein Begreifen. Sie war nicht mehr sie selbst, wenn man so sagen darf, sondern aus sich gerissen, entzckt, in einem bewegungslosen Zustande, in ihrem eigenen Wesen ruhend, zu nichts sich hinneigend, sondern vllig ruhend und gleichsam die Ruhe selbst; nicht mehr selbst etwas von dem Schnen, sondern das Schne schon bersteigend, auch schon ber die Flle der Tugenden hinaus, sowie einer, der in das Allerheiligste eingegangen und die Statuen des Tempels hinter sich gelassen hat, welche dann, wenn er wieder herauskommt, die ersten Anschauungen sind, die sich in ihm wiederum darstellen. Dieses sind der Ordnung nach die zweiten Anschauungen nach der ersten innigen Anschauung und Vereinigung, deren Gegenstand kein Bild ist. Doch vielleicht ist dieses nicht einmal Anschauung, sondern eine andere Art des Sehens, ein Heraustreten aus sich selbst, eine Vereinfachung und Erhhung seiner selbst, ein Ringen nach Berhrung und Ruhe. Indem aber die Seele aus sich selbst herausgeht, geht sie nicht etwa in das Nichtreale; aber in der entgegengesetzten Richtung kommt sie nicht in etwas anderes, sondern in sich selbst, und ist nur in sich selbst; sie ist gewissermaen nicht mehr Wesenheit, sondern noch ber die Wesenheit erhaben.[827] Dies sind -- soweit sie sich aus den ziemlich zusammenhanglosen Enneaden zusammenstellen lassen -- die Grundzge von Plotins Philosophie. Im nchsten Kapitel werden wir uns zu den spteren Neuplatonikern wenden, deren Leben sowie deren Lehren und Beobachtungen vom hchsten Interesse sind angesichts der neuerdings wiederum begonnenen Erforschung des bersinnlichen Seelenlebens. Zweites Kapitel. Porphyrius, Jamblichus, Proklus, Sosipatra. Der bedeutendste unter den Schlern des Plotin war der im Jahre 233 n.Chr. zu Batanea in Syrien geborene _Malchus Porphyrius_, welcher bis zu seinem dreiigsten Lebensjahre in der Rhetorik, Grammatik und neuplatonischen Philosophie von Longinus unterrichtet wurde. Als er 263 nach Rom kam, begann er mit Plotin einen Streit ber die Ideeenlehre des Plato, wurde aber von Plotins Schler Amelios widerlegt und zu einem der eifrigsten Anhnger seines frheren Gegners gemacht. Nachdem Porphyrius sechs Jahre als Schler Plotins zu Rom gelebt hatte, ging er, weil ein Anfall tiefer Melancholie einen Ortswechsel fr ihn wnschenswert machte, nach Sizilien, wo er bis zu dem 270 erfolgten Tode des Plotins blieb. Hierauf kehrte er nach Rom zurck und verweilte daselbst bis zu seinem Ende im Jahre 304 n.Chr. Das uere Leben Porphyrius verlief noch ereignisloser als das des Plotin; er rhmt sich auch, nur ein einziges Mal im 68. Lebensjahre der Vereinigung mit Gott gewrdigt worden zu sein, whrend seinem Lehrer diese glckliche Ekstase (welche wir uns hnlich wie die der Yogis und Fakire zu denken haben) viermal widerfahren sei.[828] Schriftstellerisch wirkte Porphyrius durch die Herausgabe der plotinischen Enneaden; durch eine kurze Aufstellung der Hauptlehrstze der neuplatonischen Schule, seine Sentenzen; durch seine bekannte Schrift ber die Enthaltung vom Tierfleisch; endlich durch seine Biographie des Plotin und den berhmten Brief an den Priester Anebo. Das Hauptbestreben des Porphyrius ist der sittlichen bung zugekehrt, welche uns von den leidenden Stimmungen der Seele befreien soll; diese betrachtet er als die schrecklichsten und gottlosesten Tyrannen, von welchen wir uns selbst mit Verlust unseres ganzen Krpers losmachen sollen. Mithin ist auch bei Porphyrius die Askese der Weg zur Vollendung der hchsten menschlichen Aufgabe. Er sagt darber[829]: Die eingekrperte Seele ist einem Reisenden hnlich, der sich lange unter fremden Vlkern aufgehalten und nicht nur seine vaterlndischen Sitten verlernt, sondern auch auslndische angenommen hat. Wenn dieser in seine Heimat zurckkehren und von seinen Freunden und Verwandten gtig aufgenommen werden will, so bemht er sich, alles Fremde, welches sich ihm whrend seiner Entfernung angehngt hat, abzulegen, um seine ehemalige Art zu denken und zu leben wieder zu erhalten. Auf eben diese Weise mu die in den Krper verbannte Seele, wenn sie sich zu ihrem himmlischen Vaterland erheben will, alles ausziehen, was sie von sterblicher Natur an sich genommen hat und was die Ursache ihrer Verweisung oder ihres Herabsinkens in die Materie geworden ist. Sie mu sich bemhen, nicht nur die uere grbere Decke, _sondern auch die innern Hllen, in welche sie gekleidet ist_[830], allmhlich auszutrocknen und abzuwerfen, damit sie leicht und gleichsam nackt in die ewige Wohnung der Seligkeit eingehen kann. Es giebt zwei giftige Zauberquellen, aus welchen der Mensch eine gnzliche Vergessenheit seines ehemaligen und gegenwrtigen Zustandes und seiner wahren Bestimmung trinkt, nmlich sinnlicher Schmerz und sinnliche Lust. Durch beide, vorzglich aber durch letztere und die aus ihnen entspringenden Begierden und Leidenschaften, wird die Seele gleichsam verkrpert und wie durch eben so viele Hefte oder Ngel an den Leib geschmiedet; auch das _aus der Luft gewebte Vehikel der Seele_ wird durch sie gemstet und schwerer gemacht. Man mu daher alles vermeiden, wodurch Sinnlichkeit gereizt wird, weil da, wo Sinnlichkeit herrscht, die lautere Vernunft und der reine Verstand absterben. Man mu also nie zum bloen Vergngen, sondern nur zur uersten Notdurft essen und trinken, weil berflssige und besonders tierische Nahrung die Seele fester an die Materie bindet und von der Gottheit wie den gttlichen Dingen abzieht. -- Als ein Priester der Gottheit suche sich der Weise in ihrem groen Tempel, der Welt, vor aller Befleckung zu bewahren und vergehe sich nie so weit, da er, der sich so oft dem Vater des Lebens naht, selbst ein Grab toter Krper werde. Er friste daher sein leibliches Leben allein durch den Genu der reinen Geschenke, welche ihm die mtterliche Erde darbietet. Noch hnlicher wrden wir Gott werden, wenn wir auch die Pflanzen schonen knnten und ihrer Nahrung nicht bedrften. Ebenso wie vor dem Fleisch scheuten sich die Neuplatoniker vor dem Wein und vor dem Geschlechtsgenu, weshalb auch die meisten unvermhlt blieben. Nur Porphyrius hatte zu Rom eine gewisse Marcella, die Witwe eines seiner Freunde geheiratet, aber wie sein Biograph Eunapius bemerkt, nicht um seines eigenen Vergngens willen, oder um Kinder zu zeugen, sondern um den Kindern seines verstorbenen Freundes eine anstndige Erziehung zu geben. Da derartige, wenn auch ursprnglich edeln Motiven entstammende, so doch alle Lebensverhltnisse auf den Kopf stellende Bestrebungen im lebenslustigen klassischen Altertum nicht viel Freunde fanden, liegt auf der Hand; da aber eine solche Hyperaskese ebenso wie das der gleichen Zeit entstammende christliche Mnchswesen berhaupt Boden fassen konnte, ist psychologisch nur als Reaktion gegen den wsten Taumel der Kaiserzeit zu erklren. In den _Sentenzen_, worin Porphyrius die Lehre seiner Schule zusammenfat, hebt er ganz besonders den Unterschied zwischen dem Unkrperlichen und Krperlichen hervor. Das Unkrperliche beherrscht das Krperliche und ist daher, obgleich nicht im Raum, so doch seiner Kraft nach berall gegenwrtig; das krperliche Sein kann dasselbe nicht hindern, den Krpern gegenwrtig zu sein, welchen es will. Daher hat auch die Seele das Vermgen, berallhin ihre Kraft auszustrecken; sie ist von unendlicher Kraft, und ein jeder Teil derselben, wenn er von Vermischung mit der Materie rein ist, vermag alles und ist berall gegenwrtig. -- Die Dinge wirken nicht nur durch Berhrung in der Nhe, sondern auch in der Entfernung, sofern sie eine Seele haben, welche als Unkrperliches vom Krper nicht eingeschlossen sein kann wie das Wild vom Tiergarten oder eine Flssigkeit von einem Schlauche. -- Wegen der wesentlichen Einheit und Identitt mit dem hchsten kann die Seele durch ihre ins Unendliche gehende Thtigkeit alles bewirken, alles erfinden. Daher vermag selbst eine individuelle Seele alles, wenn sie vom Krper gereinigt wird.[831] Porphyrius blieb wie Plotin noch bei der Entgegensetzung des Krpers und der Seele stehen, und kam daher auch nicht dazu, ber die Mglichkeit eines Astralleibes eingehendere Spekulationen anzustellen. Bercksichtigen wir aber die beiden obigen Stellen und bedenken wir auch, da Porphyrius von einem %pneuma% oder Luftkrper spricht, an welchen die Seele der Dmonen gebunden ist, so wird es wahrscheinlich, da auch ihm schon die Idee eines Astralleibes dunkel vorschwebte, die dann von den sptern Neuplatonikern weiter ausgebildet wurde. Seine Dmonologie entwickelt Porphyrius in seiner Schrift +De Abstinentia+.[832] Er teilt die Dmonen in menschenfreundliche, gute, und menschenfeindliche, bse. Beide sind mit einem feinen geistigen aber vernderlichen und vergnglichen Krper bekleidet und unterscheiden sich noch dadurch, da die guten Dmonen stets Meister ihres Krpers bleiben, whrend die bsen von ihm beherrscht werden. Erstere sind als die Beschtzer von Menschen, Tieren und Gewchsen, als Regierer der Jahreszeiten, die Lehrer ntzlicher Knste und Beschftigungen, als Verknder der Zukunft und Geber aller irdischen Gter zu verehren; die letzteren hingegen sind die Ursache aller Unflle, welche den Menschen und Tieren begegnen. Sie verursachen Erdbeben, berschwemmungen, Seuchen, Hungersnot und suchen die Menschen zu berreden, da alle diese bel von den guten aber erzrnten Gttern herrhren. Sie entznden im Menschen alle unmigen gehssigen Begierden und Leidenschaften, reizen ihn zu Ausschweifungen, Aufruhr und Krieg und verfhren ihn zu Tieropfern, von deren fetten Dmpfen sie sich msten. Darum mu sich auch ein weiser Mann vor dem Schlachten und Opfern empfindender Geschpfe hten, damit er nicht bse Dmonen herbeilocke und an sich ziehe. Bei der Betrachtung dieser in kurzen Zgen dargestellten Dmonologie wrde man versucht sein zu glauben, da Porphyrius ein jedes ins Gebiet des Transscendentalen gehrende Phnomen fr eine uerung der Thtigkeit guter oder bser Dmonen anshe; und doch regt er mit einer schon von Jamblichus gergten Inkonsequenz in seinem Brief an Anebo Spekulationen ganz entgegengesetzter Art an und sucht -- wovon wir schon oben einen Beweis hatten -- die Ursache aller mystischen Erscheinungen in einer fernwirkenden und fernsehenden Kraft der Seele. Der Brief an Anebo kann als erster schchterner Versuch einer Psychophysik gelten.[833] Porphyrius richtet diesen Brief an den Phthapriester Anebo, und verlangt von diesem Auskunft ber eine groe Menge zweifelhafter, die griechische Theologie betreffender Fragen, welche in der Mehrzahl nur noch historisches Interesse besitzen und Teilnahme fr die khne Skepsis des Verfassers erregen. Vor allen Dingen erregt dem Porphyrius die Behauptung Bedenken, da sich die mchtigen Gtter und Dmonen durch Magie zwingen lassen sollten, den Menschen zu manchmal recht nichtigen und sndigen Diensten zu stehen. Er sagt: Mich bringt vorzglich das in Verlegenheit, wie die Gtter und Geister, welche als mchtigere Wesen herbeigerufen werden, sich doch wie schwchere befehlen lassen. -- Sind die Gtter von allen Leiden frei, so sind ihre Anrufungen, Beschwrungen&c. eitel und vergebens; noch mehr aber die theurgischen Mittel, durch die man sie zwingt. Was keinem Leiden (Affiziertwerden) unterworfen ist, kann auch nicht gezwungen werden. Wie vieles geschieht nun nicht in den theurgischen Zeremonien, was die Gtter und Dmonen als leidend darstellt? Am wichtigsten sind die Auslassungen des Porphyrius ber die Divination, welche ihm -- ganz im Gegensatz zu seinem Zeitalter -- durchaus keine Thtigkeitsuerung der Gtter und Dmonen, sondern des Menschengeistes zu sein scheint. Das rumliche und zeitliche Fernsehen, Mantik, kann aus ganz natrlichen Ursachen geschehen, denn weil die ganze Natur in Wechselwirkung steht, so braucht nur der innere Funke geweckt zu werden, um die Teile den Ganzen zu berschauen. Dies ist eine natrliche Eigenschaft des Menschen, welche sich unter gewissen Umstnden entwickelt. Was geschieht in der Mantik? Oft stellen wir uns im Schlafe durch Trume das Knftige vor, ohne da wir in einer Ekstase sind, denn der Krper liegt ruhig; aber gleichwohl begreifen wir das Knftige nicht so wie im wachen Zustande. Viele sehen das Knftige durch Begeisterung und gttliche Eingebung voraus; sie wachen zwar, und ihre Sinne sind thtig, aber sie begreifen sich selbst nicht oder wenigstens nicht so wie in einem wachen Zustande. (Ekstase.) Von denen, welche auer sich sind, werden einige begeistert, wenn sie Zymbeln, Pauken oder gewisse Lieder hren, wie die Korybanten, die in die Mysterien des Bacchus Sabazius und der Gttermutter Eingeweihten; andere, wenn sie ein gewisses Wasser trinken, wie die Priester des Apollo Klarius zu Kolophon; andere, wenn sie ber den ffnungen gewisser Hhlen sitzen, wie die delphischen Priesterinnen; andere durch die Dnste, welche aus dem Wasser aufsteigen, wie die Priesterinnen des Branchidischen Orakels; andere, wenn sie auf Charakteren stehen, wie diejenigen, welche Eingebungen erhalten. Andere sind ihrer selbst im brigen bewut, aber ihre Phantasie ist begeistert, wobei bald die Finsternis, bald gewisse Getrnke, bald gewisse Wortformeln und Umstnde mitwirken. Einige werden an einem verschlossenen, andere an einem freien oder von der Sonne beschienenen Ort begeistert. Einige verschaffen sich durch die Eingeweide der Opfertiere, andere durch Vgel, andere durch die Kenntnis des Himmels den Blick in die Zukunft. Ich frage also: wie und wodurch wird die Mantik bewirkt? Alle Wahrsager[834] behaupten, ein Vorherwissen des Knftigen sei uns durch Gtter oder Dmonen mglich, und es knne kein Wesen das Knftige wissen, wenn es nicht Urheber desselben sei. Dann wundert mich aber, wie sich die gttliche Natur zum Dienst der Menschen herablassen kann, da es auch Wahrsager durch das Mehl giebt? In Rcksicht auf die Ursachen der Mantik ist es ein Problem, ob Gott oder ein Engel[835] oder Dmon oder wer sonst bei den Erscheinungen, Wahrsagungen und allen religisen Handlungen gegenwrtig ist, durch uns selbst, durch die zwingende Kraft der Anrufungen oder des Citierens herbeigezogen wird. Ist es nicht vielleicht die Seele, welche dieses voraussagt und sich vorstellt, wie einige sagen, so da es Vernderungen der Seele sind, welche durch kleine Funken erweckt werden? Vielleicht ist die Wahrsagung ein gemischter Vorgang, welcher zum Teil durch unsere Seele, zum Teil von auen durch Eingebung bestimmt ist. Ob nicht die Seele durch solche Bewegungen und Funken das Vermgen, das Knftige sich vorzustellen, in sich erzeugt? Ob nicht das aus der Materie, vorzglich der Tierwelt, in uns Aufgenommene durch seine inneren Krfte Dmonengebilde darstellt und konstituiert? Da ein gewisser Zustand der Seele Ursache der Mantik ist, erhellt daraus, da die Sinne gebunden und unterdrckt sind, da gewisse Dnste und Dmpfe und die Citationsformeln gebraucht werden, da nicht alle Menschen, sondern nur zartere und jngere zur Mantik am tauglichsten sind. Da eine gewisse Verrckung des Verstandes die Ursache der Mantik ist, beweist der Wahnsinn und die Verrcktheit in Krankheiten, das Fasten, die durch Ergieung gewisser Sfte im Krper oder durch krankhafte Bewegungen des Krpers entstandenen Einbildungen. Der Mittelzustand beweist es, wo man nicht recht bei sich und auch nicht recht auer sich ist, endlich die durch Magie knstlich hervorgebrachten Vorstellungen.[836] Die Natur, die Kunst, die natrliche Verbindung der Teile des Universum, da sie gleichsam ein groes Tier ausmachen, bietet gewisse Vorhersagungen knftiger Begebenheiten und ihrer Folge dar. Es giebt Krper, welche so beschaffen sind, da der eine die Vorstellung einer knftigen auf einen andern Krper sich beziehenden Begebenheit erweckt. Dies ist der Inhalt des Briefes an Anebo, soweit er fr uns von Wichtigkeit ist. Im folgenden verbreitet sich der Verfasser ber jetzt unwesentliche mythologisch-theurgische Spitzfindigkeiten, deren Wiederholung zwecklos wre; jedoch wollen wir nicht unterlassen zu erwhnen, da die Neuplatoniker, wie die Spiritisten von der strikten Observanz, +Esprits menteurs+ kannten, wie folgende Stelle des anebontischen Briefes beweist: Einige behaupten, auer uns sei eine Gattung von Wesen, welche unsere Wnsche erhren und von betrglicher Natur sind, alle Gestalten und Formen annehmen, die Rolle der Gtter, Dmonen und abgeschiedener Seelen spielen und dadurch alle scheinbaren Gter und bel hervorbringen knnen. Diese Lehre griff auch _Jamblichus_ auf und bildete sie in seinem berhmten Werk +De mysteriis Aegyptiorum+ weiter aus. Vom ueren Leben des _Jamblichus_ wissen wir trotz der ziemlich ausfhrlichen Biographie des Eunapius sehr wenig und zwar nur, da er aus Chalkis in Clesyrien gebrtig war, im Orient viele Schler um sich versammelte und im Jahre 333 starb. Er stand bei seinen Zeitgenossen, welche ihn nur den gttlichen nennen, wegen seiner Wunder in hohen Ehren. So soll er beim Beten nach der Erzhlung des Eunapius sich ber zehn Ellen hoch in die Luft erhoben haben, wobei er in einem goldfarbenen Lichte erglnzte. In den heien Bdern zu Gadara soll er vor den Augen seiner Schler aus Wasserdampf die Knabengestalten des Eros und Anteros haben entstehen lassen, welche sich dann an ihn, wie an ihren Vater schmiegten und wieder zerflossen. (Wenn diese Erzhlung einen historischen Hintergrund hat, was sich wegen Mangels genauerer Nachrichten nicht entscheiden lt, so htten wir in ihr vielleicht Materialisation zu sehen.)[837] Endlich aber soll Jamblichus fernsehend gewesen sein und seinen Schlern, als er an einem Sommerabend mit ihnen nach der Stadt zurckkehrte, (nach welcher sagt Eunapius nicht) gesagt haben, da der Weg durch eine auf demselben zu Grabe getragene Leiche verunreinigt worden sei, was sich nachher besttigte. -- Das ist alles, was man vom Leben Jamblichus wei.[838] In seiner Schrift +De mysteriis Aegyptiorum+ sucht derselbe alle von Porphyrius im Briefe an Anebo gestellten Fragen im Namen des Priesters Abammon zu beantworten. Er verteidigt alle Gebruche der Magie im allgemeinen wie der Theurgie im besonderen als Mittel zu der ber allen Verstand gehenden Anschauung des Hchsten, und lt die ganze gyptisch-griechisch-rmisch-hebrische Gtter-, Dmonen- und Engelwelt vor unsern erstaunten Augen Revue passieren. Wenn Porphyrius behauptete, die Gtter wrden durch den Gehorsam gegen die magische Einwirkung des Theurgen in einen leidenden Zustand versetzt, so macht ihm Jamblichus den Vorwurf, da er dabei einen Unterschied zwischen dem Leidenden und dem Leidenlosen mache, welcher auf die hhern Wesen nicht passe. Die Lehre von der mystisch-theurgischen Vereinigung mit dem absolut Guten dehnt er so aus, da daraus auch die Henosis mit allen hhern Wesen folgt, fr deren Dasein kein Beweis erbracht zu werden brauche, weil wir dasselbe eben unmittelbar durch die Vereinigung erfahren.[839] Die Gtter sind nicht nur im Himmel, sondern berall, teilen sich also auch dem Theurgen mit und belehren ihn ber ihr Wesen und ihre Verehrung. Auf diese gttliche Mitteilung, welche Hermes den Priestern machte, werden alle Mysterien mit ihrer geheimen Bedeutung zurckgefhrt.[840] Darauf beruht auch der heilige Enthusiasmus, in welchem der Mensch nicht mehr das tierische, nicht mehr das menschliche, sondern ein hheres Dasein lebt, wie Jamblichus an Beispielen zeigt, welche beweisen, da er die Abnderung der organischen Gesetze sehr gut kennt, welche magisch-mediumistische Zustnde im Gefolge haben. Er spricht[841] von den vom gttlichen Hauch Berhrten, welche vom Feuer weder Brandwunden noch Schmerzempfindung erleiden; welche es nicht fhlen, wenn sie durch Schwerter, Beile, Lanzen und Messer verwundet werden; die ohne Schaden zu nehmen ins Feuer fallen oder -- wie der Priester bei den castabalischen Festen -- auf wunderbare Weise ber Flsse schwimmen. Im (folgenden) 5. Kapitel schildert Jamblichus noch einige fein beobachtete Merkmale der Ekstase: Einige von den Begeisterten werden am ganzen Leibe bewegt, einige an gewissen Gliedern, andere hingegen bleiben vllig in Ruhe, zuweilen vernahmen sie eine wohlgeordnete Musik, einen Tanz oder harmonischen Gesang, zuweilen das Gegenteil; zuweilen scheint ihr Krper in die Hhe zu wachsen, zuweilen in die Breite, zuweilen scheint er in der Luft zu schweben. Zuweilen vernehmen sie eine wohlklingende Stimme und wiederum durch Zwischenrume oder Stillschweigen getrennte Tne und vieles andere.[842] Die Vereinigung mit dem Gttlichen beruht wesentlich darauf, da die vom Krper abgetrennte Seele leidenfrei ist. Selbst wenn sie in den Krper hinabsteigt, leidet sie nicht, noch auch ihre Gedanken, welche Ideeen, d.h. geistige Wesenheiten sind. In ihnen sind wir mit den Gttern vereinigt. Die innige Vereinigung aber zwischen der menschlichen Seele und Gott vermag kein Gedanke auszudrcken. Der, welcher dieses gttliche Werk vollzieht, ist nicht verschieden von dem, auf welchen er es richtet, von der Gottheit, es ist kein Unterschied vorhanden von dem Rufenden und dem Gerufenen, dem Befehlenden und dem Ausfhrer der Befehle, zwischen dem Hheren und Geringeren.[843] In dieser Weise spricht sich Jamblichus ganz bereinstimmend mit den indischen Mystikern aus. Es heben sich auf diese Art alle Zweifel des Porphyrius ber die Macht, welche die Theurgen ber die Gtter ausben wrden. Die Gtter werden nicht zu uns herabgerufen, sondern wir heben uns durch Askese, Gebet, Betrachtung und Anrufung zu ihnen empor. Die alles zusammenhaltende Liebe verbindet uns mit ihnen.[844] Wenn die Seele sich mit den Gttern zu vereinigen strebt, so erhlt sie die Macht und Fhigkeit alles zu erkennen, was war und was sein wird, sie durchschaut alle Zeiten, betrachtet alles in ihnen Geschehende und ordnet es in gebhrender Weise; sie empfngt die Macht zu heilen und zu verbessern. Kranke Krper heilt sie und richtet es zum Guten, wenn die Menschen Unordnungen und Fehler begehen. Sie erfindet Knste, spricht Recht und erfindet Gesetze. So werden im Tempel des Aeskulap durch gttliche Trume Heilmittel offenbart. -- Das ganze Heer Alexanders wre zu Grunde gegangen, wenn nicht nchtlicherweile Dionysius erschienen wre und Heilmittel gegen das schwere bel gezeigt htte.[845] Wie man sieht, kannte Jamblichus den Somnambulismus in seinem ganzen Umfang und legte besonders Wert auf dessen heilend wirkende uerungen, auf den Traum als Arzt, wie sie du Prel kurz und treffend bezeichnet. Alle Mantik ist eine Gabe der Gottheit, und die menschliche Seele besitzt an sich keine intuitiven Fhigkeiten, sondern nur die Gabe, sich mit der Gottheit vereinigen zu knnen und dann in und mit ihr das Geschehende zu erschauen. Es giebt aber auch eine trgerische Pseudomantik, bei welcher die Idole trgerische Bilder in Spiegeln hervorrufen. Diese Idole sind Schattenbilder, welche auf wunderbare Weise (+fabrica prodigiosa+) durch den Lauf des Himmels und nicht durch die menschliche Seele, welche tierische Materie in sich aufgenommen hat, geschaffen werden. Jamblichus bestreitet hierin die obige Annahme des Porphyrius, die menschliche Seele sei gttlicher Natur und knne nur Wahres und Gutes schaffen; auch nhren sich die Idole nicht vom Dampf der Materie, sondern werden durch Rucherungen vertrieben.[846] Jamblichus war der erste Neuplatoniker, bei welchem sich die sichere Spur von der Annahme eines Astralleibes findet. Er schreibt diesem auch die Vermittelung des divinatorischen Vermgens zu, indem er von der knstlich bewirkten Mantik spricht. Er sagt[847]: Diese ganze so vielgestaltige Gattung der Mantik kann man -- wie irgendwo gethan -- mit dem Begriff Erleuchtung bezeichnen, denn sie erfllt mit gttlichem Licht das therische und glnzende Vehikel (%augoeides ochma%), welches die Seele umgiebt. Hier finden wir auch zum erstenmale den Krper der Seele als eine Art Licht bezeichnet, ein Gedanke, welcher, wie wir bald sehen werden, von den spteren Neuplatonikern weiter ausgebildet wurde. Die bis in den modernen Spiritismus hinein spukende Lehre der Truggeister wurde zuerst von Jamblichus (gest.333), aufgenommen, welcher die Einmischung der Truggeister von theurgischen Kunstfehlern abhngig macht, indem er in seiner den Brief an Anebo beantwortenden Schrift +De mysteriis Aegyptiorum+ sagt[848]: Gtter, Engel und gute Dmonen erscheinen nur unter angenommenen wahren Bildern; denn so wesentlich das Licht mit der Sonne vereinigt ist, so wesentlich ist mit ihnen Wahrheit, Gte und Vollkommenheit verbunden. Die bsen Dmonen bedienen sich aber fter falscher Bilder, um in hherem Rang zu erscheinen und die Theurgen zu tuschen. -- Wenn etwas in der theurgischen Kunst versehen worden und anstatt der verlangten wahren Erscheinungen falsche zum Vorschein kommen, so nehmen in diesem Fall die untern und unvollkommenen Geister leicht die Gestalt der hhern an. So entstehen oft eine Menge groer und gefhrlicher Irrtmer beim Citieren der Geister. Wer solchen falschen Erscheinungen traut, wird in Irrtmer und Tuschungen gestrzt und von der wahren Erkenntnis Gottes abgefhrt. Denn warum erscheinen sie? Etwa um denen, die sie citieren, einen Vorteil zu gewhren? Nein, sondern um sie zu hintergehen und ihnen zu schaden, denn aus einer Lge kann kein Nutzen erwartet werden. Die gttliche Natur, als die ewige Quelle des Seins und der Wahrheit, lt in kein anderes Objekt ein tuschendes Bild von sich bergehen.[849] Im brigen ist die Schrift des Jamblichus +De mysteriis Aegyptiorum+ nur eine Beantwortung der von Porphyrius in seinem Brief an Anebo aufgeworfenen Zweifelsfragen, worin die Theurgie nicht als Ausflu philosophischer Spekulation, sondern als Erfahrungswissenschaft, welche die drastische Vereinigung mit Gott und der Geisterwelt hervorbringt und direktes Erkennen im Gefolge hat, dargestellt wird: Es giebt eine reale, innige, wirksame Vereinigung mit Gott und der gesamten ihm unterworfenen oder von ihm ausflieenden Geisterwelt der Untergottheiten, Dmonen, Engel, Heroen und Seelen, welche durch keine Vernunfterkenntnis erlangt werden kann, sondern allein durch gewisse geheimnisvolle theurgische Handlungen, Ceremonien und Worte, die eben deshalb, weil diese Wirkungen auf keiner Vernunfterkenntnis beruhen, Symbole und Synthemata (also magische Charaktere&c.) genannt werden, deren Kenntnis und Anwendung durch die Theurgie den Priestern allein als Vorrecht zukommt, ein gttliches Geschenk und Offenbarung ist und deshalb den Menschen weiter aufwrts fhrt als alle Erkenntnis durch Vernunft und Philosophie.[850] Die Gtter bilden die hchste und die menschlichen Seelen die niedrigste Stufe in der Geisterhierarchie des Jamblichus; die Mittelstufe nehmen die Dmonen ein. Die Dmonen sind von den Gttern abhngig und ihrer Natur nach viel geringer und unvollkommener; sie sind Diener der Gtter und Vollstrecker ihres Willens. Sie haben einen weiten Wirkungskreis und stellen das Unsichtbare und Unaussprechliche der Gtter in Worten und Werken dar, gestalten das Formlose in Formen und offenbaren in Begriffen das alle Begriffe bersteigende. Sie empfangen alles Gute, dessen sie teilhaftig oder ihrer Natur nach fhig sind, von den Gttern und teilen es wieder den unter ihnen stehenden Geschlechtern der Dinge mit. Somit erfllen die Dmonen samt den Heroen den Zwischenraum zwischen den Gttern und Menschen und verbinden sie miteinander.[851] Die verschiedenen Geisterwelten offenbaren sich dem Menschen, welcher im Besitz der wahren Praxis der rechten Theurgie ist, und ihre Erscheinungen sind ihrem Rang nach verschieden.[852] -- Sie entsprechen dem Wesen, den Krften und Wirkungen der verschiedenen Gtter- und Geisterarten, wonach sich die Art und Weise richtet, wie sie durch Beschwrungen sichtbar werden, Wirkungen uern und die ihnen angemessenen Gestalten, sowie die ihnen eigentmlichen Unterscheidungsmerkmale erblicken lassen. Die Mitteilung dieser charakteristischen Kennzeichen der verschiedenen Geisterklassen ist nun das Prachtstck der theurgischen Weisheit des Jamblichus. Die Erscheinungen der Gtter sind in ihrer Art homogen, die der Dmonen mannigfaltig, die der Engel einartiger als die der Dmonen, jedoch unvollkommener als die der Gtter. Die Erscheinungen der Erzengel kommen denen der Gtter am nchsten. Die Erscheinungen der Frsten der Elemente unter dem Mond sind zwar mannigfaltig, aber doch einer gewissen Bestimmtheit und Ordnung nicht entbehrend; die Erscheinungen der Frsten der Materie jedoch sind mannigfaltiger als jene; die der Seelen sind die mannigfaltigsten. Die Erscheinungen der Gtter bestrahlen das Gesicht mit einem wohlthtigen Licht; die der Erzengel sind zugleich kraftvoll und mild, lieblich die der Engel, furchtbar die der Dmonen, milder die der Heroen. Die Erscheinungen der Frsten der Elemente betuben, die der Frsten der Materie sind widrig und fter den sie Schauenden gefhrlich[853]; die Erscheinungen der Seelen sind denen der Heroen hnlich, aber schwcher. Die Gtter zeigen in ihren Erscheinungen eine gewisse Stetigkeit und Ordnung, die Erzengel dabei noch eine gewisse Kraft, die Engel Anmut und Ruhe mit einiger Beweglichkeit vereinigt; die Dmonen zeigen strmische Bewegung und Unordnung, die Weltfrsten (Frsten der Elemente) eine in sich ruhende Sttigkeit, die Frsten der Materie Tumult, die der Heroen Nachgiebigkeit gegen die Bewegung, whrend die der Seelen noch beweglicher sind. Die Erscheinungen der Gtter sind zuweilen so gro, da sie Sonne und Mond verhllen, und bei ihrem Herabsteigen ruht die Erde nicht mehr fest. Wenn die Erzengel erscheinen, so werden einige Teile der Welt bewegt, und ein Licht geht als Vorlufer vor ihnen her. Kleiner und beschrnkter ist die die Engel begleitende Lichterscheinung, noch kleiner stufenweise die der Frsten der Welt und der Materie, der Heroen, der Seelen. Die Bilder der Weltfrsten sind unermelich gro, die der Frsten der Materie prahlerisch und aufgeblasen; die Bilder der Seelen sind ungleich gro, jedoch kleiner als die der Heroen. berhaupt richtet sich die Gre und Beschaffenheit der Erscheinungen stets nach der Gre der Krfte oder Gewalten, welche sie reprsentieren. An den Erscheinungen der Gtter zeigen sich die Bilder der Wahrheit deutlich, glnzend und bestimmt ausgeprgt. Die Bilder der Erzengel sind wahr und erhaben. Die Engel behalten zwar immer die bestimmte Gestalt, welcher jedoch vollstndige Bestimmtheit mangelt. Die Bilder der Dmonen sind undeutlich und noch unbestimmter die der Heroen. Die Bilder der Weltfrsten sind deutlich, die der Frsten der Materie dunkel und verworren, beide aber gebieterisch. Die Bilder der Seelen sind schattenartig.[854] In den Gttererscheinungen liegt die Kraft, die Seele vollkommen zu reinigen. Die Erzengel erheben die Seelen, die Engel lsen sie von den Banden der Materie, die Dmonen ziehen sie in das Naturgetriebe herab, die Heroen verwickeln sie in Sorgen und zeitliche Dinge, die Weltfrsten verhelfen ihr zur Herrschaft ber die weltlichen und die Elementarfrsten zu der ber die materiellen Dinge.[855] Die erscheinenden Seelen streben zur Erzeugung und Fortbildung (also Reincarnation). Die Gtter besitzen die Kraft, die Materie auf einmal zu verzehren; die Erzengel, solche nach und nach aufzuzehren; die Engel, von derselben loszumachen und die Menschen davon abzuziehen; die Dmonen, sie tuschend auszuschmcken; die Heroen, ihr das rechte Ma anzupassen; die Weltfrsten zeigen sie in ihrer Erhabenheit; die Frsten der Materie sind ganz mit Materie erfllt. Die reinen Seelen kommen von aller Materie rein und die unreinen als von Materie erfllt zur Anschauung.[856] Die Gegenwart der Gtter schenkt unserm Krper Gesundheit, der Seele Tugend, der Vernunft Reinheit, hhere Krfte, gttliche Liebe, berschwngliche Freude; sie stellt das, was nicht Krper ist, den Augen der Seele durch die Augen des Krpers dar, als wre es Krper. Die Erscheinungen der Erzengel gewhren dasselbe, jedoch nicht jedesmal und nicht Allen, ebenso nicht Allen in gleichem Grade. Weiter geben sie intellektuelle Betrachtung und ausdauernde Kraft. -- Die Erscheinung der Engel ist von beschrnkter Wirkung, denn die Kraft, womit sie erscheinen, steht noch weiter von dem vollkommenen Licht ab, welches alle Kraft in sich erhlt. Jedoch gewhrt sie uns Weisheit, Forschungstrieb, Tugend, Ordnung und Ebenma. Die Erscheinung der Dmonen beschwert den Krper, plagt ihn mit Krankheiten, zieht die Seele in die Natur herab, reit sie nicht vom Krper und der ihm anhngenden Sinnlichkeit los und befreit nicht von den Banden des Fatum. -- Die Erscheinung der Heroen erweckt zu einzelnen groen und edlen Thaten. Die Weltfrsten geben bei ihrem Erscheinen die Gter der Welt[857] und die glnzenden Auszeichnungen dieses Lebens; die Frsten der Materie dagegen materielle und irdische Gter, Schtze, Geld usw.[858] -- Das Anschauen der reinen und in die Ordnung der Engel aufgenommenen Seelen ist fr den Geist erhebend und heilsam, es erweckt die heilige Hoffnung und schenkt Alles, wonach diese strebt. Die Erscheinung der unreinen Seele dagegen zieht zum Vergnglichen herab, verdirbt die Krfte der Hoffnung und erfllt mit Leidenschaften, welche an den Krper fesseln.[859] Das Gefolge der Geisterhierarchie richtet sich bei den Erscheinungen nach dem Rang und der Wrde der erscheinenden Geister. Die Gtter erscheinen in der Umgebung der Gtter und Erzengel; die Erzengel in der Begleitung von Engeln, welche ihnen als Vorlufer, Diener und Trabanten beigegeben sind. Die guten Dmonen stellen uns die weltlichen Gter dar, mit denen sie uns begaben; die bsen und rchenden Dmonen jedoch die verschiedenen Arten der bel und Strafen. Auerdem werden sie noch von einem Gewimmel wilder, grauenerregender, schdlicher und blutsaugender Tiere umgeben.[860] Das Licht, welches die Gtter bei ihren Erscheinungen umfliet, ist so fein, da die Theurgen bei der Anschauung dieses gttlichen Feuers gewhnlich in Ohnmacht fallen. Auch die Erzengel strahlen ein so feines Licht aus, da es dem dasselbe Einatmenden beschwerlich fllt. Die Engel dagegen teilen der Luft keine beschwerlichen Eigenschaften mehr mit. Bei der Erscheinung der Dmonen wird die Luft nicht verndert, auch begleitet sie nur so viel Licht, als ntig ist, ihr Bild zur Darstellung zu bringen. Bei der Erscheinung der Heroen werden zuweilen einzelne Landstriche erschttert, jedoch wird die Luft nicht dnner und fr den Theurgen nicht atembar. Die Erscheinung der Weltfrsten umschwrmt auf eine dem Theurgen fast unertrgliche Weise ein Gewhl von weltlichen und irdischen Bildern, ohne da jedoch die Luft eine merkliche Vernderung erlitte. Bei der Erscheinung der Seelen ist die sie umflieende sichtbare Luft mit ihnen verwandt und nimmt, indem sie sich an sie schmiegt, gleichsam ihre Umrisse an, weshalb sie denn auch luft- und schattenartig erscheinen.[861] Dies ist der Kern des theurgisch-dmonologischen Systems von Jamblichus, in welchem alle spteren Systeme bis auf Allan Kardecs +Echelle spirite+ vorhanden sind. Ist bei den lteren Theurgen das Streben nach der mystischen Henosis vorherrschend, so tritt bei Jamblichus der eigentliche Geisterverkehr lebhaft hervor, und auch der Verkehr mit den bsen Dmonen wird eingehend besprochen, welcher von jetzt an in aller spteren Theurgie der vorherrschende bleibt. Der bedeutendste Neuplatoniker der sptern Zeit ist der von lykischen Eltern zu Byzanz 412 geborene _Proklus_, welcher zu Alexandria und spter zu Athen durch den jngern _Plutarch_ und _Syrianos_ eine grndliche Erziehung geno. Sein Leben war ganz der neuplatonischen Lehre gewidmet, und nach dem Tode des Syrianos war er dessen Nachfolger und die Hauptsttze seiner Schule. Er zeichnete sich durch groe schriftstellerische Thtigkeit auf dem Gebiete der heidnischen Theologie und durch strenge Askese aus. Er nahm bis zu seinem 485 erfolgten Tode monatlich mehrmals reinigende Bder im Meer, fastete am letzten Tage der Monate und feierte die Zeit des Neumondes aufs prchtigste. Auch beobachtete Proklus genau die heiligen Tage der gypter, sang orphische und chaldische Hymnen und diente den Gttern aller Vlker, denn er pflegte zu sagen, der Philosoph solle nicht allein ein Verehrer der Gtter seiner Stadt oder einiger Vlker, sondern ein Priester der ganzen Welt sein. Infolge seiner Frmmigkeit gelangte Proklus zur Anschauung allerdings nicht des Einen Hchsten, aber doch der Athene, des Apollo, des Asklepios, der Hekate und der platonischen Ideeen. Er hatte zahlreiche vorbedeutende, oft in Gedichten sich kundgebende Trume, in deren einem ihm offenbart wurde, da er zur hermetischen Kette der Philosophen gehre und in frherer Incarnation der Pythagorer Nikomachos gewesen sei. Sein Gebet war heilkrftig und soll sowohl einen wohlthtigen Regen haben herbeiziehen, wie auch schdliche Erdbeben abwenden knnen. Darum geno auch Proklus bei seinen Anhngern hohe Verehrung. Ein hoher Staatsbeamter mit Namen _Rufinus_ wohnte einstmals einer Vorlesung des Philosophen bei und sah dessen Haupt von gttlichem Lichte umstrahlt. Sobald der Meister aufhrte zu reden, fiel Rufinus vor ihm wie vor einem Gotte nieder und beteuerte mit heiligem Eide sein gehabtes Gesicht. Da jedoch die Gesetze der christlichen Kaiser gegen die Ausbung der heidnischen Religionen sehr streng waren, so war Proklus gentigt, seine Lehren in geheimer abendlicher Versammlung vorzutragen und mute sogar einmal eine Zeit lang aus Athen flchten. -- So berichtet sein Schler _Marinos_ in der +Vita Procli+. Von der Philosophie des Proklus knnen uns nur einige psychologische Spekulationen interessieren. Er denkt sich hnlich den indischen Philosophen der Vedantalehre, die Seele mit feinern und grbern Hllen umgeben, welche gttliche, von der ersten unvernderlichen Ursache herrhrende, unvernderliche Krper sind, die immer dieselbe Gestalt und Gre haben, obgleich sie durch Zusatz oder Ausscheidung von anderen Krpern vernderlich erscheinen. -- Er fhrt keinen Grund an, weshalb die Seele mit solchen Hllen umgeben sei, und macht auch weiter keinen praktischen Gebrauch von dieser Annahme auer um gewisse sichtbare Erscheinungen der Seele (die Doppelgnger?) und die Notwendigkeit der Reincarnation zu erklren. Proklus spricht nur an einigen Stellen seines Alcibiades von der Reincarnation auf eine beilufige Weise; wahrscheinlich gehrte die Lehre von der Reincarnation zu den esoterisch vorgetragenen. Er sagt: Wie wrde die Seele fehlen und sndigen und sich wieder zum Gttlichen erheben knnen, wenn nicht sie und ihre Vernunft und die Freiheit ihres Willens an der Vermischung mit den Leiden teil htten, wenn sie nicht im Zeitlichen wre und die materiellen Kleider umnhme und wieder ablegte nach gewissen Perioden der Zeit.[862] Je mehr sich die Seele von den ueren Hllen befreit hat, desto hher steigt sie.[863] Beilufig verdient noch erwhnt zu werden, da Proklus die Dmonen in fnf Klassen teilte, welche der schon genannte Psellus noch um eine vermehrte; auerdem machte Proklus einen Geschlechtsunterschied bei den Dmonen, wobei sich wieder orientalischer Einflu geltend macht. Kurze Erwhnung mssen wir noch der allsehenden _Sosipatra_, der Gattin des sonst unbedeutenden Neuplatonikers _Eustathius_ schenken, welche in der zweiten Hlfte des vierten Jahrhunderts lebte. Eustathius whlte _Sosipatra_ zu seiner Gattin, ward aber, wie Eunap sich ausdrckt, durch deren unbeschreibliche Weisheit so sehr in Schatten gestellt, da er an ihrer Seite nicht als ein Denker und Philosoph, sondern als ein uerst unbedeutender Mann erschien. Ihr Vaterland war Asien, die Gegend um Ephesus, welche den Flu Kayfar bewsserte. Als kleines Kind schon veredelte sie gleichsam alles um sich her durch ihre ausnehmende Schnheit und Schamhaftigkeit, und ihr Vater, der sehr reich war, that alles, was er vermochte, ihr die beste Erziehung zu geben.[864] Da kamen, heit es nun am eben angefhrten Orte wrtlich weiter, in ihrem fnften Jahre zwei in Pelz gekleidete und groe Taschen tragende Greise auf eines der Landgter ihres Vaters, und berredeten den Verwalter desselben, ihnen die Besorgung des Weinbergs allein zu berlassen. Der beraus reichliche Ertrag erweckte den Gedanken bei ihm, es msse ein Wunder und eine Gottheit dabei im Spiele sein. Der Vater der Sosipatra ehrte die beiden Fremden durch eine treffliche Mahlzeit, und bezeigte seine Unzufriedenheit ber die brigen Arbeiter, da sie nicht eben so viel Flei auf die ihnen obliegenden Zweige der Landwirtschaft gewendet htten. Hierauf nahmen die Fremdlinge, welche durch die Gestalt und das liebenswrdige Benehmen der beim Mahle anwesenden _Sosipatra_ bezaubert waren, das Wort. Die brigen Geheimnisse und Schtze verborgener Weisheit, sagten sie, behalten wir fr uns. Das alles, was du soeben von uns als eine empfangene Wohlthat, oder als Probe von unserer Geschicklichkeit so sehr rhmtest, ist nur eine Kleinigkeit und ein geringes Kinderspiel im Vergleich mit dem, was wir sonst noch vermgen. Willst du, da wir dir fr die Ehre, welche du uns erzeigest, und fr die Geschenke, welche wir von dir empfangen haben, ein Gegengeschenk machen, nicht mit vergnglichen Gtern, sondern mit etwas Hherem, das ber dich und dein Leben hinausgeht, und bis an den Himmel und die Sterne reichet, so bergieb uns, als den wahren Eltern und Erziehern, fnf Jahre lang diese Sosipatra. Du sollst und darfst dich aber diese ganze Zeit hindurch nicht um sie bekmmern, noch jenes Landgut auch nur mit einem Fue betreten. Alsdann wird nach Verlauf dieser Zeit deine Tochter nicht allein ein hochgebildetes weibliches und menschliches Wesen sein, sondern du wirst unfehlbar in ihr auch noch etwas Anderes und Hheres ahnen. Hast du nun guten Mut und Vertrauen zu uns, so nimm unseren Vorschlag willig an, bist du aber mitrauisch, so wollen wir -- _nichts gesagt haben_. Stillschweigend und bestrzt bergab ihnen der Vater hierauf seine Tochter. Dann rief er seinen Verwalter und befahl ihm, den Fremdlingen alles zu reichen, was sie nur immer verlangen wrden, und sich um nichts weiter zu bekmmern, machte sich als ein Flchtiger noch vor Anbruch des Tages auf, und verlie die Tochter und das Landgut. Die Mnner, _es mgen nun Heroen oder Dmonen, oder noch hhere Geister gewesen sein_, nahmen das Mdchen und weiheten es ein -- in welche _Mysterien_? und _Wozu_? das vermochte niemand, auch der Allerneugierigste nicht, jemals zu erforschen. Als nun die festgesetzte Zeit herum war, kam der Vater auf das Landgut. Er kannte seine Tochter nicht mehr, so auerordentlich hatte sie sich in Absicht auf Gre, Wuchs und uerliche Schnheit verndert. Auch sie erkannte ihren Vater kaum mehr. Er fiel vor ihr nieder auf seine Kniee, so sehr glaubte er ein anderes Wesen vor sich zu sehen. Jetzt erschienen auch die beiden Lehrer. Du kannst, sagten sie, deine Tochter alles fragen, was du immer willst. Ach! Vater, fiel Sosipatra ihnen in die Rede, frage mich doch etwas, frage mich doch, wie dir's auf dem Wege gegangen ist. Sie erzhlte ihm darauf alle Vorflle, Reden, Besorgnisse, Drohungen u.s.f., kurz alles, was auf der Reise vorgekommen war, so genau, als wenn sie selbst mit in dem Wagen gesessen htte. Der Vater war ganz auer sich vor Erstaunen, und glaubte fest, _seine Tochter sei -- eine Gttin_. Er fiel vor den Mnnern nieder und bat, sie mchten doch sagen, wer sie wren (damit er sie auf gehrige Weise verehren knne). Nach langem Zgern, denn so gefiel es vielleicht der Gottheit, sagten sie endlich, aber nur durch dunkle Andeutungen und mit niedergeschlagenem Gesicht, sie wren nicht ganz uneingeweiht in die chaldische Weisheit. Hierauf fiel er abermals auf seine Kniee und bat, sie mchten doch geruhen, die Herren von dem Gute zu sein, und seine Tochter bei sich zu behalten, um derselben ihre Bildung noch lnger angedeihen zu lassen, und sie noch vollkommener einzuweihen. Sie nickten mit dem Kopfe, sagten es aber nicht mit Worten zu. Der Vater glaubte indessen, ihr Versprechen erhalten zu haben, und war darber so froh und vergngt, als wre ihm ein Orakelspruch zu teil geworden. Was er aber aus der ganzen Sache machen sollte, das wute er durchaus nicht. Mit Begeisterung pries er den Homer, da er ein groes und herrliches Geheimnis ausgesprochen habe in den Worten: _Die Gtter wandern in mancherlei Gestalten, Reisenden aus fremden Lndern hnlich, umher._ Denn auch er glaubte von Gttern in Gestalt von Fremdlingen einen Besuch erhalten zu haben. Voll von diesen Gedanken schlief er vergngt ein. Die Greise aber fhrten nach der Mahlzeit das Mdchen auf ihr Zimmer, bergaben ihr sorgfltig das Gewand, in welchem sie eingeweiht worden war, nebst noch einigen andern Sachen, lieen ihr ein Kstchen versiegeln und thaten noch einige Bcher hinzu. Sosipatra freute sich ungemein darber, und liebte berhaupt die fremden Mnner wie ihren eigenen Vater. Am folgenden Tage morgens frhe, als die Thren geffnet wurden, und jedermann an seine Arbeit ging, gingen auch die zwei Greise, wie gewhnlich aus, das Mdchen aber lief zu dem Vater mit der frhlichen Nachricht, und lie das Kstchen und die Bcher zu ihm tragen. Der Vater erstaunte ber die kostbaren Schtze, welche er fand, und lie die Mnner rufen. Aber sie waren nirgends zu finden. Was ist das? sagte er zur Tochter. Nachsinnend eine Weile, erwiderte diese: Ach, jetzt verstehe ich, was sie mir sagten, als sie mir dies Alles mit Thrnen in den Augen bergaben. Betrachte dieses fters, sagten sie, wir werden bald eine Reise auf das westliche Meer machen, und alsdann sofort wieder zurckkehren. Alles dieses beweist offenbar, da die Fremdlinge Geister oder hhere Wesen waren. Der Vater nahm diese eingeweihte und divinatorische Tochter zu sich, lie sie ganz nach ihrem Willen leben, und bekmmerte sich um ihr Thun und Lassen weiter nicht im Geringsten; nur war er mit ihrem stillen Wesen nicht ganz zufrieden. Als sie das reifere Alter erreicht hatte, wute sie, ohne andere Lehrer gehabt zu haben, die Schriften der Dichter, Philosophen und Redner alle auswendig, und was andere mit groer Anstrengung und vielem Schweie kaum mittelmig erlernen und begreifen, darber wute sie sich so leicht und gewandt auszudrcken, als ob es nur ganz unbedeutende Aufgaben wren. Die Fremdlinge aber kehrten niemals wieder zurckusw.[865] Drittes Kapitel. Hierokles und sein Kommentar zu den goldenen Sprchen des Pythagoras. -- Die letzten Neuplatoniker. Durch die Litteratur des Occultismus zieht sich eine Reihe von Schriften, in welchen die mystische Entwickelung des Menschengeistes esoterisch dargestellt und systematisch gelehrt wird. Da es nun unsere Aufgabe ist, das Feld der Mystik in seinem ganzen Umfang zu durchstreifen, so drfte es vielleicht am Platze sein, diese heute meist vergessenen Schriften aus dem Staube der Jahrhunderte und Jahrtausende hervorzuziehen und der theoretischen wie der praktischen Forschung zugnglich zu machen; vielleicht erregt dieses Unternehmen um so mehr das Interesse der Beteiligten, als die neuere hierher gehrige Litteratur, wie sie z.B. von Kerening vertreten wird, kaum etwas Besseres aufzuweisen hat. In erster Reihe sind die sogenannten goldenen Sprche des Pythagoras hierher zu rechnen, welche, wenn auch vielleicht nicht in ihrer Gesamtheit von Pythagoras selbst herstammend, doch ganz zweifelsohne geistiges Eigentum der alten und neuen pythagorischen Schule waren. Sie lehren die mystische Entwickelung des Geistes und hier treffen alle Kennzeichen zusammen, mit denen Cornelius Agrippa die letztere charakterisiert, indem er sagt[866]: Dieser (hhere) Einflu wird uns aber nur dann zu teil, wenn wir uns von den die Seele niederdrckenden Hindernissen, von den fleischlichen und irdischen Beschftigungen und von jeder von auen kommenden Aufregung frei machen. Wie ein triefendes und unreines Auge die allzustark leuchtenden Gegenstnde nicht anschauen kann, so wird auch der das Gttliche nicht fassen knnen, der die Reinigung der Seele vernachlssigt. Man mu aber schritt- und gleichsam stufenweise zu dieser Reinheit des Herzens gelangen, denn nicht jeder Neueingeweihte wird sogleich den vollen Glanz dieser Mysterien fassen, sondern die Seele ist allmhlich daran zu gewhnen, bis in uns die Kraft des Verstandes sich entfaltet, und dieser, dem gttlichen Lichte zugekehrt, sich mit ihm vereinigt. Wenn nun die menschliche Seele gehrig gereinigt und geheiligt ist, so tritt sie von allen strenden Einflssen ungehindert in freier Bewegung hervor, erhebt sich nach oben, erkennt das Gttliche und unterrichtet sich sogar selbst, wenn sie gleich den Unterricht anderswoher zu erhalten scheint. Sie bedarf alsdann weder einer Erinnerung noch Belehrung, sondern durch ihren Geist, welcher das Haupt und der Lenker der Seele ist, ahmt sie von selbst die Engel nach und erreicht nicht erst allmhlich, nicht in einer bestimmten Zeit, sondern in einem Augenblicke das, was sie wnscht. In den ersten vierundfnfzig Strophen der goldenen Sprche wird nun diese stufenweise Reinigung des Herzens gelehrt, whrend in den letzten zweiunddreiig die durch Selbstzucht erreichte geistige Macht und Freiheit des Adepten geschildert wird. -- Unser moralisch-mystisches Lehrgedicht hat nach den etwas modernisierten bersetzungen von Schulthe[867] folgenden Wortlaut: Die unsterblichen Gtter, wie das Gesetz ihren Rang zeigt, Ehre zuvorderst, und heilig sei dir der Eid. Den erhab'nen Helden des thers zunchst, dann auch der Erde Dmonen Gieb nach Gesetz und heiligem Brauch ihre Ehre. Die Eltern Halte in Ehren zumeist, dann auch Verwandte des Blutes. 5. Unter den andern erwirb durch Tugend jeden Rechtschaff'nen Dir zum Freunde, und sei empfnglich fr gtige Reden, Ntzliche Thaten zumal; um kleiner Vergehungen willen Zrne nicht mit dem Freund; so lange du kannst, be Nachsicht; Ist ja das Knnen so oft Nachbar des Mssens. Behalte 10. Dieses nun wohl und gewhne durch fleiige bung dich dazu, Da du die Lste des Gaumens, Neigung und Trieb zu dem Schlafe, Da du die Wollust und Zorn beherrschen mnniglich knnest. Thu' nichts Schndlich's allein, noch auch im Beisein von andern; Scham vor dir selbst soll dich strenger als alles bewahren. 15. Sei du gerecht gegen alle in Worten sowohl als in Thaten, Und erlaube dir nie der Vernunft dich blde zu entuern, Sondern halte im Aug', da gemeinsam den Menschen der Tod ist. La' nicht nur den Gewinn, la auch Verlust dir gefallen. Was fr Leiden die Menschen nach gttlicher Schickung bedrcken, 20. Trage du sanft deine Last und hadere nicht mit dem Himmel. Hilf dir so gut als du kannst, das fordert die Pflicht; und bedenke, Da das Schicksal dem Guten nicht allzuviel Leiden verhnge, Wirst du Reden verschiedene, gute und schlimme vernehmen, Ha' und bewundere von ihnen keine, und mut du zuweilen 25. Thorheit, Unvernunft hren, so be Geduld. Eine Regel Geb' ich dir jetzt, und die sollst du zu allen Zeiten befolgen: Niemand msse dich weder durch Worte noch Thaten bewegen, Etwas zu reden, zu thun, das deinem Besten zuwider; Handle nicht ohne Bedacht, um thricht nimmer zu handeln, 30. Elend ein Mann, der redet und handelt ohn' berlegung. Setze nur das in das Werk, was nun und nimmer dich reu'n kann. Schreite zu keiner That, wo Kenntnis gnzlich dir mangelt. La dich von deinen Pflichten erst grndlich belehren, dann wirst du Freudig, zufriedengestellt, in Ruhe dein Leben vollbringen. 35. Auch die Gesundheit des Leibes sollst unbesorgt du nicht lassen. Halte nur Ma in Trunk, in Speise und bung des Leibes. Meide, was Schaden gebiert, das wird dir das richtige Ma sein. Reinlich, jedoch ohne Pracht, gewhn' dich zu leben. Vermeide Alles was Neid weckt, mit Flei, und la unntigen Aufwand 40. Denen, die wirkliches Gut nicht kennen, doch fern auch sei von dir Kargheit. Das Beste in allen ist rechtes Ma stets gewesen. Thu' nichts, was Schaden dir bringt, und denke, noch ehe du handelst. Eher darfst du auch nicht dem Auge zu schlafen gestatten, Bis du der Thaten des Tages dreifach dir Rechnung gegeben: 45. Wo bertrat ich das Ma? Was ward gebhrend verrichtet? Was unterlassen, was Pflicht von mir erheischen htt' mssen? La' dieser Musterung nichts vom Ersten bis Letzten entgehen; Straf dich begangenen Fehl's und freu' dich bewiesener Tugend. Siehe, hierin sollst du ben, und dieses sollst du studieren, 50. Das ist, was von Herzen zu lieben dir ist geboten, Diese Dinge, sie fhren zum Pfad' der gttlichen Tugend, Bei dem gttlichen Mann schwr ich's, der unserer Seele In der Tetrade den Quell der ew'gen Natur hat gewiesen! Aber du schreite zum Werk mit flehender Bitt' an die Gtter, 55. Da du vollenden es magst. Bist du jetzt mchtig geworden Jener menschlichen Tugend, so soll dir die Kenntnis dann werden Von der Geister System und auch der unsterblichen Gtter, Sterblichen Menschengeschlechts auch; wie weit sich erstrecken die Krfte Jedes Geschlechtes und was zu Einem sie alle verbinde. 60. Weiter die Kenntnis, wie die Natur nach ewigen Rechten Bleibt stets selber ihr gleich. Dann hoffest du niemals, Was zu hoffen nicht ist; dann bleibt dir nichts mehr verborgen. Kenntnis erlangst du, erkorenes bel plage die Menschen, Plage die Thoren, die wahr es nicht nehmen, die hren nicht wollen, 65. Wie sie das Gut in der Nhe htten. Nur wenige wissen, Sich von den beln zu lsen: Ein trauriges Schicksal, Da sie gedankenlos sind; sie rollen wie wirbelnde Walzen Dahin, dorthin, bedrngt von Kummer und Plagen ohn' Ende. Denn das merken sie nicht, da der Streit, der schlimme Gefhrte, 70. Anvertraut ihnen von Kind an, ihr Schaden ist, da sie Ihn nicht reizen, dagegen durch Nachsicht entgehen ihm sollten. Vater Zeus, o du wrdest vom bel sie alle erlsen, Wenn du allen zeigtest den Dmon, der sie bewohnet. Sei nur getrost, denn die Sterblichen sind auch von Gottes Geschlechte; 75. Alles wird die Natur, die heilige Mutter sie lehren. Bist du nun auch der getreuen Lehrerin fleiiger Schler, Wird es dir meine Gebote zu halten an Krften nicht fehlen, Heilen wirst du alsdann die Seel' und von Elend erretten. Aber enthalte dich auch verbotener Speisen, entscheide 80. Nach den Gesetzen der Lut'rung wie auch der Befreiung der Seele, Was ihr schadet und ntzt, und lasse das nie unerwogen. La der Vernunft als dem besten Fuhrmann die Zgel in Hnden. Scheidest du frh oder spt aus diesem, dem sterblichen Leibe, Dann wirst du froh in den reinen ther dich singend erheben, 85. Vom Tod auf ewig befreit bist du unsterblicher Gott dann! Diese pythagorischen Verse wurden von dem Neuplatoniker _Hierokles_ ausfhrlich kommentiert. Derselbe wurde 410 geboren, war ein Schler des Plutarch von Athen, lehrte zu Alexandria und starb um das Jahr 476. Von seinem Leben ist so gut wie nichts bekannt, und nur Suidas berliefert uns einen einzigen Zug aus seinem Leben, welcher jedoch unsern Philosophen in stoischer Gre erscheinen lt: Auf einer Reise nach Byzanz wurde er in dieser Stadt von der Regierung (vermutlich wegen Streitigkeiten mit christlichen Priestern) zur Geielung verurteilt, welche auf das strengste an ihm vollzogen wurde. Als nun ein Gerichtsbeamter voll Wohlgefallen der Exekution zusah, fing Hierokles eine Hand voll seines den Riemen der Peitschenhiebe entstrmenden Blutes auf und warf es demselben mit homerischen Worten ins Gesicht: Nimm, Cyklop, und trink eins; auf Menschenfleisch ist der Wein gut. Der Erfolg dieser That war, da Hierokles sofort aus Byzanz verbannt wurde und nach Alexandria zurckkehrte, wo er unter dem Beifall seiner Schler ungehindert wie frher Philosophie weiter lehrte. Wenden wir uns zu dem Kommentar des Hierokles. Nach ihm besteht die Philosophie in der Reinigung und der Vervollkommnung des menschlichen Lebens; in der Reinigung von der Sinnlichkeit und dem materiellen Leibe, in der Vervollkommnung des unsterblichen Menschen zur Gottheit, wodurch der Mensch der wahren Glckseligkeit teilhaftig wird. Auf den Weg zur Vergttlichung fhren den Philosophen gewisse kurzgefate Grundstze oder Kunstregeln, unter denen die pythagorischen Verse den ersten Rang einnahmen, weil sie sowohl die Grundbegriffe der thtigen als der beschaulichen Philosophie enthalten und den Menschen -- nach den Worten des Timus -- in seinen ursprnglichen Zustand zurckversetzen. Die Gebote der thtigen Tugend werden zuerst genannt, weil Trgheit und Sinnlichkeit berwunden sein mssen, bevor sich der Mensch mit den hheren gttlichen Tugenden bekannt machen kann; denn ebensowenig als ein unreines Auge den Glanz der Sonne ertrgt, ebensowenig vermag eine Seele ohne Besitz praktischer Tugend ihren Blick auf den Glanz der Wahrheit zu richten. Die thtige (politische) Tugend wird die menschliche genannt, die Befolgung ihrer Gebote fhrt uns auf den Weg der beschaulichen gttlichen Tugend und Philosophie (V.50-54). Man mu also zunchst Mensch werden, um sich zum Gott entwickeln zu knnen; zu dem ersten machen uns die thtigen, und zum letzteren -- vom Leichteren zum Schwereren emporsteigend -- die beschaulichen Tugenden. Die Vorschriften der thtigen Tugend sind so vielfach und reden in so hohem Grade fr sich selbst, da wir den zu ihnen gehrigen langen Kommentar bis zu den Versen 36-38 bergehen knnen, worin Pflege der Gesundheit und Migkeit empfohlen wird, um den Krper zu einem brauchbaren Instrument der Weisheit zu machen. Hierokles sagt: Damit dann sein (des Philosophen) Leib ein Instrument der Weisheit abgeben mge, wird er denselben durchaus also nhren und gewhnen, da dabei vorzglich fr die Seele, zunchst aber und um ihretwillen fr den Leib gesorgt sei. Denn er wird niemals den Leib, die Maschine, in greren Ehren halten als die Seele, welche dieselbe braucht. Er wird aber eben darum die Maschine durchaus nicht vernachlssigen, weil die Seele sie braucht, sondern er wird in der rechten Ordnung fr die Gesundheit des Leibes, mit Rcksicht auf die Seele, deren Werkzeug er ist, Sorge tragen. Er wird sich deshalb nicht aller Speisen ohne Unterschied bedienen, sondern nur solcher, die erlaubt sind zu essen[868]; denn es giebt Speisen, die nicht erlaubt sind zu essen, weil sie den Leib beschweren und _den Geist der Seele, mit dem sie in engerem Bande steht, in grbere Leidenschaften hinschleppen_. Unter diesem Geist der Seele verstehen die Neuplatoniker einen inneren, mit der vernnftigen Seele in engerem Zusammenhang als der uere Zellenleib stehenden geistigen oder therischen Leib, welcher Glanzleib oder der geistige Wagen der Seele genannt wird. Nach neuplatonischer Ansicht verliert der Astralleib seinen Glanz und seine Leichtigkeit, wenn er zu salzige oder zu fette Speisen geniet; durch diesen Genu wird der Glanzleib getrbt, und der Wagen, auf welchem die Seele zur Gottheit emporfahren soll, versagt seinen Dienst. -- Zum Verstndnis der durch gesperrten Druck hervorgehobenen Stelle des Hierokles diene die Anmerkung, da Pythagoras und Plato nach Diogenes Lartius die Seele in zwei Teile teilten, in einen vernnftigen -- %logon% -- und einen unvernnftigen Teil -- %alogon% -- welch letzterer wieder in den zornigen -- %thymikon% -- und begierigen -- %epithymikon% -- zerfiel und sich also mit obigem Geist der Seele deckt. Derartige Speisen wird also der Philosoph meiden und hinsichtlich der erlaubten Jahreszeit, Land, Alter und Gesundheit bercksichtigen, sowie auch bedenken, ob er ein Anfnger im philosophischen Leben sei, oder schon die Hhe desselben erstiegen habe; er wird also durch Mahalten allen Schaden vermeiden und alle Vorteile fr die nach Vollkommenheit strebende Seele zu erringen suchen. Denn wenn sie (auf ihrem glnzenden Wagen) zur Vernunft hinauffhrt, mu es um sie her von Leidenschaften ganz windstille sein, ihre untern Triebe mssen sich in der besten Ordnung und tiefsten Unterthnigkeit befinden, damit die hheren Seelenkrfte in ihren Betrachtungen ungestrt bleiben. Die Verse 50-55 stellen den Jnger auf die Grenze zwischen der praktischen und theoretischen Tugend, zwischen den niedern Zustand eines Menschen und den hheren eines Gottes. Da aber die theoretische Wahrheit zu diesem hohen Ziele fhre, bezeugen die Verse ausdrcklich, mit welchen unser Dichter dieses Lehrgedicht beschliet: Scheidest du frh oder spt aus diesem sterblichen Leibe, Dann wirst du froh in den reinen ther dich singend erheben, Vom Tod auf ewig befreit, bist du unsterblicher Gott dann! Diese Dinge fhren auf den Weg zur gttlichen Tugend, sie werden dich Gott hnlich machen vermittelst der wissenschaftlichen Erkenntnis der Dinge, den die Erforschung der Ursachen der wirklichen Dinge fhrt, weil die ersten Ursachen in der Weisheit und Kraft des Schpfergottes liegen, zum hchsten Gipfel der Gotteserkenntnis, welche die hnlichkeit mit Gott mit sich bringt. Der Verfasser verheit den in praktischer und theoretischer Tugend Gebten nicht nur die Kenntnis aller von der Tetrade geschaffenen Wesen, sondern auch ihrer unterscheidenden und gemeinsamen Merkmale und sagt: Eine wissenschaftliche Kenntnis aber von diesen Wesen gelingt denen, welche die praktische Tugend mit theoretischer Wahrheit ausschmcken und ihre menschliche Rechtschaffenheit zu gttlicher Tugend erhhen; denn dadurch erlangt man hnlichkeit mit Gott, wenn man die Dinge kennt, wie sie ihr Dasein und ihren Rang von Gott selbst erhalten haben. Weil aber die krperliche Natur diese sichtbare Welt ausmacht und der Herrschaft der vernnftigen Wesen untergeordnet ist, so kndigt unser Lehrer in den folgenden Versen (61-64) an, da man in der gehrigen Ordnung nun auch zu dem Gut der physiologischen Wissenschaft gelangen werde. Die hheren Regionen der Welt sind mit Gestirnen geziert und mit reinen Intelligenzen bevlkert, die Erde aber ist mit Leben und Empfindung besitzenden Tieren und Pflanzen besetzt. Zwischen jene Intelligenzen und diese bloen Lebewesen ist der Mensch als Amphibium, als das letzte Wesen der obern und das erste Wesen der untern Klassen gesetzt. Bald pflegt er Umgang mit den Unsterblichen und tritt durch die Rckkehr zur Vernunft (%nous%) wieder in seinen ursprnglichen Stand ein; bald gesellt er sich zu den sterblichen Wesen, lt die gttlichen Gesetze auer acht und sinkt von der ihm zukommenden Wrde herab. Weil er der untersten Klasse der denkenden Wesen angehrt, so besitzt er von Natur aus das Vermgen nicht, zu jeder Zeit und stets gleich vernnftig zu denken, und steht deshalb an Rang unter hheren Intelligenzen, denen er sich jedoch zu assimilieren vermag, obschon er von Natur ist und bleibt ein niedrigeres Wesen als die unsterblichen Gtter und Helden des thers. Gerade infolge seiner Doppelstellung aber vermag der Mensch die Stufenfolge der Klassen der denkenden Wesen zu erkennen und wahrzunehmen, da die Natur berall sich selber gleich bleibt, da dem so sei nach ewigen Rechten, nach dem gttlichen Ideal, weil ihnen (allen Geschpfen) Gott diese und keine andere Wirklichkeit gegeben hat, weil er alles, seien es krperliche oder unkrperliche Wesen, nach den Maregeln seines Planes angeordnet hat. Aus der Kenntnis der krperlichen und unkrperlichen Schpfung erwchst dem Weisen der Gewinn, da er nichts Eitles hofft und da ihm nichts verborgen bleibt. Wer nun aber zur Erkenntnis der Doppelnatur des Menschen, die ihn hinauf und hinab zieht, gelangt ist, der versteht, wie selbst erwhltes bel die Menschen plage, da sie aus eigenem Entschlu elend und mhselig sind; denn sie lassen sich sowohl durch einen jhen Trieb in das krperliche Leben herabziehen, als auch im krperlichen Leben in Leidenschaften verstricken, die sie an die Erde binden, whrend sie sich doch zeitig von ihr loslsen knnten; sie nehmen das Gute nicht wahr und wollen sich auch nicht belehren lassen. Diejenigen aber, denen es ernst ist, Gutes zu lernen oder zu entdecken, die sich von dem bel frei zu machen wissen, diese werden der Plagen des irdischen Lebens los und ledig und wandern hinber in den reinen ther. Die Thoren gleichen Walzen, die bergab rollen und berall auf Hindernisse stoen; sie geraten durch ihre erdwrts treibenden Handlungen in tausend bel und wissen sich weder zu raten noch zu helfen, weil sie stets grundsatzlos handeln. Es giebt keinen Zufall des menschlichen Lebens, der dem Thoren nicht Anla zum Bsen werde, weil das Laster sein selbstgewhltes Teil ist, und er weder auf das gttliche Licht schauen, noch auch von den wahren Gtern hren will. Unsere Erlsung wird aber sicher erfolgen, wenn wir zur Selbsterkenntnis gelangen und einsehen lernen, da ein gttliches Wesen in uns wohne. Diese Befreiung von allen beln ist jedoch denen mglich, welche sich mit der Betrachtung der wahren Gter befassen und von der Philosophie, der heiligen Mutter, in der Befolgung ihrer Pflichten unterweisen lassen. Das vernnftige Geisteswesen ist -- nach neuplatonischer Anschauung -- ursprnglich mit einem (Astral-) Leib vereinigt geschaffen worden und zwar derart, da es weder der Leib selbst, noch ohne Leib ist, sondern an sich zwar etwas Unkrperliches ist, da er aber doch ein Krper mit seinem ganzen Wesen und zu seiner Beschaffenheit gehrt. Hhere Intelligenzen und Menschen, beide sind Wesen, die aus einer vernnftigen Seele und einem anerschaffenen Lichtleibe bestehen. Zur Vervollkommnung der Seele dienen Wahrheit und Tugend, zur Reinigung unseres Glanzleibes hingegen die Fortschaffung jeder Befleckung, welche wir uns durch die Gemeinschaft mit der Materie zugezogen haben; ferner der Gebrauch heiliger Reinigungsmittel und endlich die von Gott uns eingepflanzte Strke, die uns zum Rckflug von hinnen den Schwung giebt. Darber belehren uns die Verse 80-83, welche uns alle berflssige Verunreinigung durch die Materie untersagen und uns den Gebrauch der mystischen Reinigung und der uns eingepflanzten Strke zur Befreiung der Seele empfehlen. Diese Reinigung erstreckt sich auf Speise und Trank, ja auf die ganze Pflege unseres sterblichen Leibes, innerhalb dessen unser Glanzleib wohnt, dem uern seelenlosen Krper Leben einhaucht und ihn zur bereinstimmung mit ihm selbst heranbildet: Der immaterielle Leib ist ein lebendiges Wesen und die wirkende Ursache des Lebens, welches der materielle Leib besitzt und wodurch unser sterbliches Tier seine Vollstndigkeit erreicht, das aus dem sinnlichen Leben und dem materiellen Leib zusammengesetzt ist, ein Schattenbild des Menschen, der aus einem vernnftigen Wesen und einem immateriellen Leibe besteht. Die mystische Reinigung bedient sich krperlicher Mittel, um den sein eigenes Leben besitzenden Glanzleib zu heilen und anzutreiben, da er sich von der Materie scheide und seinen Rckflug in den Himmelsther, dorthin nehme, wo er frher glcklich war. Alle Ceremonien dieser Reinigung, wenn mit Ernst ausgebt wird, sind in den Gesetzen der Tugend und Wahrheit gegrndet. Dabei ist die Hauptsache, da der Mensch sich allmhlich gewhnt, irdische Dinge zu missen und sich mit immateriellen zu beschftigen, wenn er sich von den Befleckungen reinigt, die er sich durch sein Leben im materiellen Krper so zahlreich zuzog. Durch diese Bemhungen lebt er gewissermaen wieder auf und kommt wieder zu sich. Viertes Kapitel. Synesios, der letzte Neuplatoniker, sein Leben und seine Lehren. Von L. Kuhlenbeck. Den Kiesewetterschen Darstellungen der neuplatonischen Philosophie schliee ich hier eine Studie ber den einzigen und letzten Neuplatoniker an, der als Reprsentant des vlligen Verfalls der griechischen Philosophie dennoch seiner _Persnlichkeit_ wegen meine Teilnahme in Anspruch nimmt. Diese Teilnahme gilt freilich in erster Linie einer Frauengestalt, die das tragische Ende des Hellenismus berhaupt, in einer die Poesie und Kunst mehr als die Wissenschaft herausfordernden Weise gewissermaen symbolisch abschlo, der _Hypatia_. Nicht nur die platonische Philosophie, das ganze geistig sinnliche Hellas hatte sich in dieser Frauengestalt von gleich vollendeter Schnheit des Leibes und der Seele individualisiert, wie um sich der Welt noch einmal vor dem Scheiden in sichtbarer Verkrperung zu zeigen. Bewundernd blick' ich auf zu dir und deinem Wort, Wie zu der Jungfrau Sternbild, das am Himmel prangt; Denn all dein Thun und Denken strebet himmelwrts, Hypatia, du edle, ser Rede Born, Gelehrter Bildung unbefleckter Stern! So besingt sie der Epigrammatist Palladas, und dem Grade nach bleibt kaum einer ihrer gelehrten Zeitgenossen hinter solchem Lobe zurck. Dieser Abendstern hellenischer Geisteskultur aber, diese jungfruliche Philosophin, wurde auf Anstiften des christlichen Patriarchen Cyrillus zu Alexandria von christlichen Mnchen im Mrz des Jahres 415 in eine christliche Kirche geschleift und daselbst zerfleischt und zerrissen, wie eine Hindin von einer Meute ausgehungerter Steppenwlfe, -- und selbst von ihrem geistigen Wesen, von ihren Schriften ist kein Jota vor dem Sprsinn kirchlicher Gedankenpolizei auf die Nachwelt gerettet. Wenn man inde die Meisterin nach einem ihrer begeistertsten Schler beurteilen darf, so verdient schon um deswillen das Leben und das in seinen der Nachwelt erhaltenen Schriften sich mitteilende Denken eines Mannes unser wrmstes Interesse, der auch als Bischof derselben Kirche und in demselben Patriarchat, dessen Oberhirt der Anstifter ihrer Ermordung war, nicht mde wurde, sich zu rhmen, ihres Geistes einen Hauch versprt zu haben. Wir drfen uns glcklich schtzen, wenn wenigstens durch einen solchen Planeten einige reflektierte Strahlen ihrer sonst in ewige Nacht versunkenen Geistessonne noch zu uns gelangen. Dieser Schler ist Synesios. * * * * * Zwischen der groen Syrte und der an der Westgrenze gyptens beginnenden lybischen Wste erhebt sich das Plateau von Barka, landschaftlich der schnste Teil des nrdlichen Afrika. Im Altertum hie es Cyrenaica oder Pentapolis, Cyrenaica nach der Hauptstadt Cyrene, Pentapolis, weil einschlielich Cyrene fnf groe Stdte, nmlich auer der genannten Berenice, Ptolemais, Arsinoe, und Apollonia, smtlich Kolonieen dorischer Griechen, hier eine bundesstaatliche Gemeinschaft darstellten. Die hchste Blte geistigen Lebens und materiellen Wohlstandes scheint die Pentapolis um die Mitte des 5. Jahrhunderts v.Chr. erreicht zu haben, als die ursprngliche Knigsherrschaft durch eine demokratische Republik beseitigt ward; doch besingt noch Pindar ihre zahlreichen Sieger bei den olympischen Spielen, und der Geograph Eratosthenes, der Dichter Kallimachus, die Philosophen Aristipp, Karneades und Antipater verbrgten durch ihre Werke eine nicht nur blutsverwandtschaftliche, sondern auch geistige Ebenbrtigkeit ihres lybischen Vaterlandes mit dem brigen Hellas. Seine politische Unabhngigkeit wahrte der Fnf-Stdtebund, wenn auch allmhlich seine konomische Bedeutung von der alles berwuchernden Handelsmacht Karthagos berflgelt und selbst erdrckt wurde, bis zum Tode des groen Alexander, in dessen Universal-Monarchie er aus panhellenistischer Begeisterung freiwillig eintrat. Darnach aber geriet er unter die Gewalt des Ptolemus von gypten, und dieser brachte mit Ansiedlung einer Menge Juden, denen er leider noch dazu volle brgerliche Gleichberechtigung mit den Hellenen verlieh, so zu sagen, den Schwamm ins Holz. Jeder Historiker und _auch die Gegenwart_ wei, was solche Gleichberechtigung der Juden innerhalb eines nationalen Organismus bedeutet; auf dem knstlich geschaffenen Nhrboden vermehrten sich die Juden in kurzer Zeit unglaublich und nutzten die brgerliche Gleichberechtigung zur Aussaugung der Volkskrfte noch weit grndlicher aus, als das rmische Reich, dem Cyrenaica etwa von 66 v.Chr. als Provinz einverleibt war, seine Herrschaft. Dazu kam ihr gerade in jenen Zeiten besonders hochflutender Religionsfanatismus, der in der Pentapolis unter der Regierung Trajans ihren angeborenen Menschenha zu einem Messias-Putsch fortri, welcher in der Scheulichkeit gipfelte, in einer einzigen Verschwrungsnacht mehr als 200000 Griechen meuchlerisch abzuschlachten. Freilich suchte der Kaiser diese Greuelthaten gebhrend zu strafen; die dadurch nur noch mehr geschrten Rassenkmpfe beschleunigten aber wiederum die vllige Verarmung und Entvlkerung des Landes. Bei der Teilung des rmischen Reichs durch Theodosius ward die Cyrenaica der ostrmischen Hlfte, also dem Arcadius, zugewiesen. Fnfzehn Jahre vor diesem Ereignis, etwa um 370, war Synesios in Cyrene als Sohn eines Decurio von hocharistokratisch-dorischer Herkunft, -- sein Stammbaum fhrte bis auf Herakles zurck, -- geboren. Die Geburts- und Bildungs-Aristokratie der Griechen und Rmer widerstand am lngsten dem schlielich gewaltsam aufdringlichen Bekehrungseifer des Christentums, und so bekannte sich auch die Familie des Synesios, den grausamen, aber gerade ihrer Grausamkeit wegen zur Zeit noch undurchfhrbaren Intoleranzerlassen eines Constantin und Theodosius trotzend, noch zum Glauben an die Gtter ihrer Ahnen. Bei der Nhe Alexandrias ist nichts begreiflicher, als da Synesios wie auch sein Bruder Euoptius, sobald sie das Jnglingsalter erreicht hatten, von ihrem Vater nach dem dortigen Musensitz gesandt wurden, um von den schnen Lippen einer Hypatia, zu deren Fen sich die Elite der heidnischen Jugend aus allen Provinzen des Weltreichs versammelte, die letzte und glnzendste Vertheidigung ihrer zum Tode verurteilten hellenischen Weltanschauung zu vernehmen. Vermutlich erst der Tod seines Vaters hat ihn in die Heimat zurckberufen. Den kaum 30jhrigen betrauten nun seine Mitbrger mit der ebenso ehrenvollen wie schwierigen Aufgabe, als Wortfhrer einer Landesabordnung dem Kaiser in Konstantinopel einen goldenen Huldigungskranz zu berreichen und dabei, die Hauptsache, eine Erleichterung der nachgerade dem verarmten Vaterlande unerschwinglich gewordenen Abgaben zu erbitten. Drei Jahre hat Synesios in Konstantinopel geweilt, bevor es ihm gelang, berhaupt erst eine Audienz beim Kaiser zu erwirken und endlich seine Aufgabe zu erfllen. In diesem Zeitraum hatte er allzu reichliche Gelegenheit gehabt, aus unmittelbarer Nhe jene Mumie des Csarismus zu studieren, zu vernehmen, wie der vermorschte Bau des nunmehr halbierten Weltreichs bereits in allen Fugen seinem Ruin entgegen sthnte, und ein naiver Ideologe, glaubt sich der Schler einer Hypatia berufen, den Versuch zu wagen, nochmals einen Funken antiker Heldengesinnung und Staatsweisheit, und wr's auch eine Feuerflocke Wahrheit nur, in des Despoten Seele khn zu werfen, welcher, wie er whnte, den Kaiser bestimmen mchte, den Staat zu reorganisieren und das lngst besiegelte Schicksal abzuwenden. So hielt er dann bei der berreichung des goldenen Kranzes seine denkwrdige Rede ber die Herrscherpflichten, mit Bezug auf welche er sich mit Recht rhmt, da auch in den Zeiten des freien Griechenlands vor einem Knigsthron kaum jemals eine freimtigere Rede gesprochen sei. Die Philosophie verlangt durch ihn Gehr und will ntzen mit ihren ernsten, alle Schmeichelei verschmhenden Worten, die sogar das Recht des Tadels fr sich in Anspruch nehmen. -- Wie weit der Redner das Recht des Tadels zu ben wagt, mag aus seiner Schilderung des byzantinischen Hoflebens entnommen werden: Die Knige ergeben sich einem schlaffen, unwrdigen Genuleben, ihre gewhnliche Umgebung besteht aus Spamachern, Zwergen und Verschnittenen, die allein freien Zutritt haben, deren fades Geschwtz ihren Geist wie in einem Nebel gefangen hlt, ihn der ernsteren Rede entfremdet und gegen die Verstndigen im Volke mit Mitrauen erfllt. Dazu kommt die bertriebene Pracht in der ueren Kleidung der Knige. Sie gehen einher in Purpur und Gold, mit kostbaren Steinen und Perlen ber und ber beset, so da sie einem buntschimmernden Pfau gleichen, ja sie verschmhen es sogar, ihren Fu auf den bloen Boden zu setzen, und lassen ihn mit Goldsand bestreuen, den ganze Schiffsladungen aus fernen Landen herbeifhren mssen. Sie fhren in ihren Gemchern ein Leben wie die Eidechsen, die mit Mhe einmal an die Sonne hervorkommen, um nur nicht von den Menschen als Mensch erkannt zu werden. Und doch sind sie jetzt viel schlechter daran, als damals, wo sie an der Spitze der Heere sich im staubigen Felde bewegten, verbrannt von der Sonne, in schmuckloser Kleidung. Er fordert den Kaiser auf, sowohl sich selbst als auch das Volk wiederum an die Waffen sich zu gewhnen: Ehe man duldet, da die Scythen hier in Waffen gehen, mte man Mnner vom lieben Ackerbau entbieten, um fr denselben zu kmpfen, und so viele ausheben, da man auch den Philosophen aus seiner Studirstube, den Handwerker aus seiner Werkstatt aufstehen heit, den Kaufmann aus seinem Laden; und die Drohnenschar des Volkes, das in allzulanger Mue sein Leben im Theater hinbringt, wollen wir berreden, auch einmal ernst zu werden, bevor sie vom Lachen zum Weinen gelangen; denn weder die Rcksicht auf schlechte noch bessere Leute darf uns ein Hindernis sein, da die Kraft (%rham%) den Rmern (%rhmaiois%) wieder zu eigen werde. Bei all ihrer inhaltlichen und formellen Vortrefflichkeit kann diese Marquis-Posa-Rede des Synesios uns nur komisch berhren; -- wenn schon ein Plato einen Herrscher von Syrakus Jahre lang vergeblich unterrichtete, wie mochte dieser neuplatonische Epigone sich vermessen, durch eine Predigt einen Arcadius zu Grerem aufzufordern, als Julian vermocht hatte, ihn bestimmen zu wollen, diesen Staats-Kadaver in eine platonische Republik umzuschaffen! Es ist in der That schon bewundernswert, da diese Rede dem Kaiser so zu sagen zum einen Ohr hinein und zum andern hinausging, ohne den verwegenen Sprecher zu gefhrden, ja sogar ohne auch nur sein diplomatisches Anliegen zu vereiteln. Der geforderte Steuererla wurde nmlich bewilligt. brigens hat Synesios auch gar bald an seinem Beruf, staatsphilosophische Ideale am byzantinischen Hofe zu verwirklichen, verzweifelt. Als nicht nur der Einflu des Konsul Aurelian, seines Gnners, durch gegnerische Kabalen, bei denen sogar ein leiblicher Bruder eben dieses Aurelian und die Kaiserin Eudoxia die Haupt-Intriguanten waren, und durch die damit in geheimen Einverstndnissen stehende Militr-Revolution des Gothen Gainas erschttert wurde, sondern als auch, gleichsam mitempfindend mit den politischen Ereignissen, in Konstantinopel ein Erdbeben den Boden unter den Fen wanken machte, da schttelte er den Goldsandstaub von seinen Schuhen und verlie zu Schiff das Babylon am goldenen Horne. In sein Vaterland zurckgekehrt, verffentlichte er zunchst eine Schrift, welche nur als geistige Frucht seiner byzantinischen Erlebnisse zu verstehen ist. Sie betitelt sich: Die gypter, oder ber die Vorsehung und vereint die Errterung schwieriger philosophischer Probleme wie Vorsehung und Weltregierung, Dasein und Ursprung des bsen mit einer allegorischen Darstellung der Zeitbegebenheiten. Das Skelett bildet die in euhemeristischer Auffassung dargestellte Mythe von Osiris und Typhon. Beide Brder sind Shne eines gyptischen Knigs. Ihre Seelen aber entstammen entgegengesetzten Quellen. Osiris entstammt dem Lichtreich und hat sich nur incarnirt, um anderen im Erdenthal ringenden Seelen behilflich zu sein, den Aufgang zum Reiche des Lichts zu finden. Aber Typhons Seele entstammt jenen niederen Regionen des Seins, wo Neid und Zorn und die Scharen der anderen Keren auf dem Unheilgefild in Dunkel und Finsternis schweifen. (Verse des Empedocles.) Der Knig erkannte bald die verschiedene Gemtsart seiner Shne und lie deshalb noch vor seinem Tode, um etwaigen Ansprchen des Typhon vorzubeugen, den Osiris durch freie Volkswahl als seinen Nachfolger bettigen. Bei dieser Wahl waren alle Gtter zugegen und von den Gttern selbst und seinem eigenen Vater empfing jetzt Osiris den Rat, seinen verderbliche Anschlge brtenden Bruder unschdlich zu machen, da er sonst eine unzeitige Bruderliebe werde schwer zu bedauern haben. Osiris jedoch wies solchen Ratschlag mit Entrstung von sich und meinte, die Vorsehung der Gtter werde ihm auch gegen etwaige bse Plne seines Bruders in Zukunft zur Seite stehen. Hierin irrst du, entgegnete sein Vater, denn der gttliche Teil der Welt ist mit anderem beschftigt, indem er grtenteils der ersten ihm einwohnenden Kraft gem wirkt und im reinen Anschauen der intelligiblen Schnheit lebt; -- nur zu bestimmten Zeiten senden sie einige der Ihrigen herab, um den Ansto zu einer guten Bewegung im Staatsleben zu geben. -- -- -- Und deshalb knnen gute Seelen nur sprlich hier sichtbar werden, denn ihre Seligkeit besteht in etwas anderem. Das Genieen im Anblick der ersten Welt ist seliger, als das Ordnen der Schlechteren; denn dies ist Abwendung, jenes ist Hinwendung. Du bist ja wohl eingeweiht in das heilige Geheimnis, wonach die Seele ber zwei Augenpaare verfgt, von denen das untere sich schlieen mu, wenn das obere sieht, und wenn dieses sich schliet, die Reihe des Sichffnens an jenes kmmt.[869] Dies, glaube mir, ist eigentlich ein Sinnbild der beschaulichen und praktischen Thtigkeit, indem die mittleren Wesen abwechselnd beides verrichten, die vollkommenen aber mehr dem besseren zugewandt bleiben und mit dem schlechteren nur in Berhrung kommen, soweit es ntig ist. -- -- -- Und du, eine gttliche Seele unter Dmonen, die als erdgeborene natrlich feindlich gesinnt sind, wenn einer fremde Gesetze in ihrem Gebiet beobachtet, du mut bedenken, von wannen du bist und da du hier in der Welt einen Dienst erfllst. Du mut selber kmpfen, nicht nur gegen andere, sondern der schwerste Kampf ist mit dem unvernnftigen Teil der Seele; denn die Dmonen suchen vor allem die Begierden und Regungen des Zorns mit den zugehrigen Lastern zu entflammen, indem sie den Seelen durch die ihnen verwandten Teile sich nahen, welche auf natrliche Weise ihre Anwesenheit empfinden, sich regen und von ihnen Krfte empfangen, durch die sie sich der Vernunft entziehen, bis sie die ganze Seele beherrschen. Dies ist der grte Kampf. -- -- -- Und von oben herab schauen die Gtter diesem schnen Kampfe zu, in welchem du siegen wirst. Mchte es auch in dem zweiten Kampfe der Fall sein. Doch ich frchte, du hast diese besiegt und wirst in jenem berwltigt werden. Denn wenn die Dmonen an dem ersten Kampfe verzweifeln, dann rsten sie sich mit aller Macht zum zweiten Kampf, um das himmlische Reis auf Erden, das die Gtter fremden Zweigen aufgepfropft haben, umzuhauen und als nicht zu ihnen gehrig von der Erde zu vertilgen. Denn sie schmen sich der ersten Niederlage und wenn sie im Innern nicht zum Ziele kommen, versuchen sie nun von auen heranzukommen mit Krieg und Aufruhr und was sonst den Krper beschdigt. -- -- -- Du aber darfst den Gttern nicht weiter lstig werden, da du dich mit deinen eigenen Mitteln erhalten kannst. Fr sie geziemt es sich nicht immer aus ihrer eigentlichen Sphre herauszutreten, und deine Gebote wrden sndhaft sein, wolltest du sie dadurch ntigen, vor der bestimmten Zeit wieder herabzukommen, um fr das irdische zu sorgen. -- Deshalb drfen die Menschen ber ihre selbstgewhlten Leiden nicht unwillig werden, sie drfen den Gttern keinen Vorwurf machen, da sich ihre Vorsehung nicht um sie kmmert. Denn die Vorsehung verlangt, da sie auch ihre eigenen Krfte anwenden. Die Vorsehung gleicht nicht der Mutter eines neugeborenen Kindes, die sich bemhen mu, das abzuwehren, was ihm zustoen und schdlich sein knnte, weil es noch unvollkommen und hilflos ist, sondern sie gleicht einer Mutter, die ihr Kind aufgezogen und ausgerstet hat und es nun auffordert, seine Krfte zu gebrauchen und das bel von sich abzuhalten. Nach solchen Worten verschwand der Vater mit den Gttern. Osiris begann nun seine Regierung, mute aber schlielich einer offenen Emprung Typhons weichen, kaum, da er noch das nackte Leben in die Verbannung rettete. Es wrde mich hier zu weit fhren, wollte ich nun noch die Herrschaft Typhons und den weiteren Verlauf dieses philosophischen Romanes auch nur in gedrngtem Auszuge wiedergeben, zumal dies keinen Sinn haben knnte ohne gleichzeitiges Eingehen auf die mannigfaltigen, fr uns natrlich oft sehr schwer zu deutenden zeitgeschichtlichen Anspielungen. Nur soviel mag hier bemerkt werden, da unter Osiris vermutlich auf den vorhin genannten Aurelian, unter Typhon aber auf dessen leiblichen, ihm feindlich gesinnten Bruder angespielt wird. Durch eine die Schrift abschlieende Betrachtung ber die Wiederkehr derselben oder analoger Ereignisse im Kreislauf der Zeiten wird die allegorische zeitgeschichtliche Tendenz der Erzhlung noch deutlich gekennzeichnet. Nach seiner Rckkehr fand Synesios zunchst fr das von ihm selber ber jede praktische Thtigkeit geschtzte rein beschauliche Leben wenig Zeit und Ruhe; der Steuererla allein konnte einem Lande wenig ntzen, das durch die elende Militr-Verwaltung des verfallenden Reichs den Raubzgen der afrikanischen Nomadenstmme vllig preisgegeben war. Vor allem beunruhigte der kriegerische Stamm der Maceten das von regulren Streitkrften vllig entblte Land. Unser Philosoph widmete sich nun mit allem Heroismus seiner angestammten Heraklidennatur der Verteidigung und selbstndigen Reorganisation seines Vaterlandes, er bildete aus Bauern und selbst Sklaven eine Art Landsturm und bestand, ein wackerer Reiter, manches blutige Treffen mit den streifenden Beduinenscharen. Aus diesen kriegerischen Tagen datiert sein folgender Brief an Hypatia: Wenn der Verstorbenen man auch vergit in des Hades Behausung, so werde ich dagegen auch dort meiner lieben Hypatia gedenken, ich, der ich jetzt von den Leiden meines Vaterlandes umringt seiner berdrssig bin, weil ich tglich feindliche Waffen sehe, Menschen hingeschlachtet wie Opfervieh, und eine von der Verwesung der Leichen verpestete Luft einatme, und selbst erwarten mu, da es mir ebenso geht; denn wer kann noch froher Hoffnung sein, wenn sogar die uns umgebende Luft so schaudervoll ist, verdunkelt vom Schatten der leichenfressenden Vgel; -- und dennoch hnge ich mit Liebe an meiner Heimat. Was soll ich auch machen, als geborener Lybier, wenn ich die nicht unrhmlichen Grber meiner Vorfahren vor Augen habe? doch deinetwegen, glaube ich fest, knnte ich mein Vaterland verlassen, und sobald ich dazu Zeit gewinne, auswandern. -- Allmhlich verzogen sich die Kriegsstrme etwas vor der mannhaften Fhrung der neugebildeten Landwehr, und Synesios kaufte sich sogar ein Landgut in unmittelbarer Nhe der feindlichen Grenze. Er fhrte ein Weib heim und lebte Jahre lang einer zwischen Jagd, Ackerbau und Philosophie geteilten, nur von vereinzelten Fehden mit jenem Wstenvolk gestrten Mue. Jetzt schrieb er auch sein verloren gegangenes Werk ber die _Jagd_. Den in dieser lndlichen Zurckgezogenheit freilich zu entbehrenden persnlichen Verkehr mit gebildeten Freunden ersetzte er durch einen ausgebreiteten regen Briefwechsel. Die 154 uns erhaltenen Briefe des Synesios sind ein wertvoller Schatz der hellenistischen Litteratur und ihr Verfasser mu fr einen der geistvollsten Briefsteller aller Zeiten gelten; jeder seiner Briefe, so natrlich und naiv er der Feder entflossen zu sein scheint, ist doch ein kleines Kunstwerk, dessen Lesen auch heute noch einen inhaltlich und formell begrndeten Reiz gewhrt. Sieben dieser Briefe sind an Hypatia gerichtet, die meisten brigen an seinen Freund Herculian oder seinen Bruder Euoptius, mit welchen beiden ihn das Bewutsein verbindet, den Trank der Weisheit aus der lautersten Quelle geschpft zu haben. Aus einem an Euoptius, der in Phykus, der Hafenstadt von Cyrene, wohnte, gerichteten Briefe, in welchem er denselben einladet zur Erholung nach seinem Landgut zu kommen, entnehme ich folgende idyllische Schilderung dieses Tuskulums: Was ist es auch besonderes, sich im Ufersand auszustrecken, der einzige Zeitvertreib, den Ihr habt! Denn wohin wollt Ihr Euch sonst wenden? Wie schn ist es hier dagegen, sich unter den Schatten eines Baumes zu begeben! Und wenn es einem nicht mehr behagt, dann kann man Baum mit Baum, ja einen ganzen Hain mit einem anderen vertauschen. Wie schn ist es hier, das vorbeiflieende Flchen zu durchschreiten! Wie lieblich, wenn der Zephyr sanft die Zweige bewegt! Welche Mannigfaltigkeit im Gesange der Vgel, in der Frbung der Blumen, in dem Strauch- und Buschwerk der Wiese, alles duftet in Wohlgerchen, es sind die Sfte eines gesunden Bodens. Und die Grotte der Nymphen vermag ich nicht zu preisen, dazu bedarf es eines Theokrit. Weiter schildert er seinen Umgang mit dem naiv biederen Landvolk, das sich von den groen Seeschiffen keine Vorstellung machen kann, das einen Kaiser nur vom Steuerzahlen kennt, von denen einige noch glauben, es herrsche der Atride Agamemnon, der einst nach Troja zog, und das sich am abendlichen Herdfeuer mit Vorliebe vom schlauen Odysseus erzhlt, als habe er den Cyklopen erst krzlich geblendet und sich vom Widder aus der Hhle schleppen lassen. In dieser Mue fand er auch Zeit und Stimmung, eine sophistische Abhandlung _Das Lob der Kahlheit_ zu schreiben, eine von attischem Witz sprhende Trostschrift fr alle, denen eigener Mondschein vom Haupte zu leuchten beginnt. Seine Sophistik gipfelt darin, die Kahlkpfigkeit ein gttliches Prdikat zu nennen: Kahlkpfige knnen als gotthnlich bezeichnet werden, und wenn man von einem Mondchen spricht bei beginnender Glatze, so knnte man einen vollkommenen Kahlkopf ebenso gut eine Sonne nennen, denn er strahlt in vollkommenem Kreise fortwhrend dem Himmel entgegen, und dieser Glanz ist entschieden etwas den Gttern verwandtes. Warum auch sonst trge der katholische Priester seine Rasur? Die wichtigsten seiner damals verfaten Schriften sind der Dion und die Abhandlung ber die _Trume_. Beide Schriften hat er vor der Verffentlichung der Hypatia zur Prfung vorgelegt. Das Begleitschreiben, mit welchem er sie der geliebten Lehrerin einsandte, giebt eine persnliche Begrndung ihrer Abfassung, und da ich dieses zur Einleitung einer besonderen Besprechung der Abhandlung ber die Trume voraussenden werde, darf hier auch bezglich des Dion einstweilen die Bemerkung gengen, da diese Schrift einem Sohne gewidmet ist, dessen Geburt Synesios damals auf Grund eines Traumes erst erwartete. Da wir wissen, da ihm im Jahre 404 bei Belagerung seines Landhauses durch die Maceten ein Sohn geboren wurde, drfen wir ihre Abfassung vielleicht in das Jahr 403 zurckverlegen. Sie enthlt in der Einkleidung eines Essay's ber den Stoiker Dio Chrysostomus, (lebte zur Zeit Trajans,) einem Lieblings-Autor des Synesios, welcher seiner allgemeinen Bildung und schnen Darstellung wegen von vielen nicht unter die Philosophen, sondern unter die Sophisten gerechnet wurde, eine mavolle Polemik gegen das Christentum vom sthetisch-kulturfreundlichen Standpunkt aus und eine Verteidigungsrede fr die Musen gegen ihre Verchter. Doch bald ri den Philosophen wieder der Strom des praktischen Lebens in seine Fluten und Wirbel. Zunchst verstrkten sich aufs neue die kriegerischen Einflle der Maceten, denen sich nun gar der weit gefhrlichere Stamm der Isaurier anschlo, und Synesios ward gentigt, die Feder und den Bogen mit schwereren Waffen zu vertauschen, ja er mute seinen Landsitz an der Grenze dauernd preisgeben, ohne da wir mit Sicherheit wten, ob er jetzt seinen Wohnsitz nach der Stadt Cyrene oder nach Ptolemais verlegt habe. Aber eine vollstndige Wendung seines Lebenslaufes trat alsbald mit einem Ereignis ein, welches, wie wir aus seinen Briefen ersehen, sein Lebensglck dauernd vernichtete. Auf das Jahr 409 hatte ihm sein Traum-Orakel den Tod prophezeit. Dieses Orakel verwirklichte sich in anderer Weise, als er gedacht. Es geschah in diesem Jahre, da man ihn, den kriegstchtigen Herakliden, den Liebhaber der Jagd, den freimtigen Philosophen, den begeisterten Anhnger der Hypatia und Anwalt des klassischen Heidentums, trotz allen Widerstrebens zum katholischen Bischof prete, fast wie der ihm auch sonst nicht ganz unhnliche Ritter Gtz von Berlichingen von aufstndischen Bauern zu ihrem Anfhrer gepret sein soll. Um die Mglichkeit dieser Wendung nur einigermaen verstndlich zu machen, ist daran zu erinnern, da in jenen Zeiten des staatlichen Verfalles, wenn irgendwo, so besonders in einer solchen, vor dem Beginn der rings anflutenden Vlkerwanderung militrisch entblten Provinz des rmischen Reiches, wie Cyrenaica, die Bischofswrde von grerer politischer als kirchlicher Bedeutung war. Jene Prfekten, die der ohnmchtige kaiserliche Absolutismus ber die Provinzen stellte, waren in der Regel eben mchtig genug, das ihnen verliehene Amt zu schamloser Selbstbereicherung und Erpressung zu mibrauchen, und standen nicht selten gar in hochverrterischen Beziehungen zu feindlichen Barbarenhuptlingen. Die berwiegend bereits christliche Bevlkerung suchte und fand ihren einzigen Schutz und Zusammenhang innerhalb der so gewaltig erstarkten kirchlichen Gemeinschaft; die Kirche war ihr +forum+ und +comitium+; noch lag die Wahl des Bischofs, wenn auch oberpriesterlicher Besttigung bedrfend, bei den Gemeinden. Die Pentapolis aber bedurfte in jenen Zeiten dringend eines Mannes, der einerseits einem gewaltthtigen Ungeheuer, dem Prfekten Andronicus, und andererseits den ruberischen Grenznachbarn streitbar entgegentrte; auch fand man ja noch im Mittelalter keinen Ansto daran, da ein Bischof nicht nur den Krummstab und die Monstranz zu halten, sondern auch unter Umstnden Schwert und Schild zu fhren verstehe. Der wackerste Mann, ein wahrer %anr kalos kagathos%, in der ganzen Provinz war Synesios, und Synesios war ein Patriot. So hatten ihn dann seine Mitbrger, welche, sehend, wie viel Unrecht geschieht, indem sie Recht suchen, und wie viel Unheil durch wtende Menschen angerichtet wird, einen Hauptmann suchten, der das Volk in Ordnung halte, aufgefat. Dies und eine diplomatische Connivenz des Patriarchen zu Alexandria mag das Rtsel lsen. Es ist sicher, da Synesios an einem und demselben Tage die Taufe und Ordination erhalten hat. Eine Conjectural-Biographie, wie sie der Theologe Neander und Dr.Volkmann in ihren Schriften ber die allmhliche innerliche Bekehrung des Philosophen auf hundert Druckseiten entwickeln, drfte sich ganz einfach durch einen ausfhrlichen Brief des Neugetauften an seinen Bruder Euoptius erledigen, aus welchem ich nur folgende allgemein interessante Stelle hervorhebe. Nachdem er zuvor seine wesentlichsten Abweichungen von der christlichen Dogmatik, den Glauben an die Ewigkeit der Welt und die Unerschaffenheit, Prexistenz der Seele, betont hat, schreibt er: Die priesterliche Stellung also kann ich nur bernehmen, indem ich zu Hause philosophiere, uerlich aber mich den Mythen anbequeme, so da ich zwar nicht ausdrcklich lehre, aber auch nichts an der Lehre ndere und es bei der vorhandenen Lehre bewenden lasse. Denn was haben Volk und Philosophie mit einander zu schaffen? -- Wie das Auge nur zu seinem Nachteile der vollen Einwirkung des Lichts ausgesetzt wird, und wie fr Leute mit kranken Augen die Dunkelheit ntzlicher ist, so mag auch der Irrtum fr das Volk von Nutzen sein.(?) Verlangen sie aber, da ich mich selbst in diesem Sinne ndern soll, da der Priester die Vorstellungen des Volks teilen msse, so erklre ich, da ich in Betreff der Dogmen keinen falschen Schein auf mich laden mag. Die Wahrheit ist Gott verwandt, dem gegenber ich in allen Stcken ohne Schuld sein will. In diesem einen Punkte will ich keine falsche Rolle spielen. Denn, da ich ein Freund des Sports bin, von Kindheit an hat man mir meine leidenschaftliche Vorliebe fr Waffen und Pferde vorgeworfen, so wird es mich betrben, -- ja, wie wird mir zu Mute sein, wenn ich meine liebsten Hunde ohne Jagd sehe, meinen Bogen von Wrmern zerfressen, -- aber ich werde es ertragen, wenn Gott es mir auferlegt, -- meine berzeugungen aber werde ich nicht verleugnen und zwischen meiner Zunge und meinem Denken soll kein Widerspruch sein. Zum Schlu heit es dann: Sorge dafr, da mein Brief in die Kanzlei kommt und jenem mitgeteilt wird! Mit der Kanzlei kann nur die Kanzlei des Patriarchen gemeint sein. Der Patriarch also scheint diesen esoterischen Vorbehalt zugelassen zu haben: Synesios wurde als Bischof und zwar als Metropolit, der erste von 15 Bischfen in der Pentapolis besttigt. Unmglich konnte jedoch dieser unvermittelte bergang vom heidnischen Philosophen zum christlich-katholischen Bischof ohne schwerere uerliche und innerliche Konflikte und tragischere Folgen bleiben, als den in jenem Briefe so schmerzlich betonten Verzicht auf die Freuden der Jagd. Zwar den rein politischen Erwartungen seiner Mitbrger suchte er in uneigenntzigster Pflichttreue genug zu thun. Jenem Prfekten Andronicus, der, wie das Exkommunikationsdekret sagt, zur hrtesten Plage der Pentapolis geworden war, hrter als Erdbeben, Heuschrecken, Pest, Feuer und Krieg, indem er sich begierig auf das strzte, was sie brig gelassen hatten, und zuerst ganz unerhrte Arten von Marterwerkzeugen in das Land eingefhrt hatte, Werkzeuge zum Zerfleischen der Finger und Fe, ja des ganzen Leibes, mit denen er alle Glieder seiner Schlachtopfer auf das grausamste verrenkte und verstmmelte, diesem Tyrannen konnte er jetzt mit der ganzen Machtflle seines hohen Kirchenamts entgegentreten. Er belegte ihn mit dem Interdict. Als der Bsewicht hierdurch gebrochen und gedemtigt nun seinerseits bei Synesios um Schutz gegen allzu harte Verfolger bat, verga er jedoch nicht, in wahrhaft christlicher Feindesliebe, sein Unglck zu erleichtern, und legte sogar eine Frbitte beim Patriarchen ein. Ward es ihm somit auch leicht, die christliche Moral in vorbildlicher Reinheit zu ben, so fiel es ihm doch um so schwerer, sich in die christlichen Dogmen und priesterlichen Formen zu schicken, vor allem sich in seinen amtlichen uerungen die geforderte priesterliche Salbung zu geben und sich des Kanzeltons zu bedienen. Wenn ich euch nichts von allem zu sagen habe, was ihr sonst zu hren gewohnt seid, so mt ihr es mir zu gute halten und vielmehr euch selbst anklagen, da ihr einem in der heiligen Schrift unbewanderten Manne vor solchen, die derselben kundig sind, den Vorzug gegeben habt, schreibt er an seine Amtsgenossen. Auch trug er, als einst ein Priester durch Errichtung einer Kapelle und Mibrauch der Kirchenweihe einen strategisch zur Landesverteidigung unentbehrlichen Punkt in seinen Besitz gebracht hatte, kein Bedenken, gegen die aberglubische Scheu seiner Amtsbrder, welche glaubten diese Weihe trotz ihrer gemeinschdlichen und rechtswidrigen Entstehung respektieren zu mssen, mit folgenden Worten zu eifern: Man mu den Aberglauben von der Frmmigkeit unterscheiden. Er ist ein Laster, das mit der Maske einer Tugend auftritt, aber von der Philosophie als die dritte Form der Gottlosigkeit lngst erkannt ist. Heilig ist, was gerecht und gut ist. Vor der bloen Einweihung kann ich keine ehrfurchtsvolle Scheu empfinden. Ernstere innere Konflikte mit seiner berzeugung scheinen doch nicht ausgeblieben zu sein; die Taufe hatte, wie denn auch Luther sagt: Wasser thut's freilich nicht, den alten Heiden nicht ertrnkt. Nur so wird der Wunsch erklrlich, den er in einem seiner Briefe ausdrckt, da er doch in jenem Jahre lieber wirklich gestorben wre, wie sein Traum es verheien, als Bischof geworden. Ein begeisterter Verehrer Hypatias blieb er bis zuletzt. Dagegen scheint allerdings das Interesse der letzteren fr ihn seit seinem bertritt zum Christentum erkaltet zu sein, wie er sich dann als Bischof in seinen Briefen berhaupt beklagt, da seine alten Freunde ihn verlassen haben, obgleich er derselbe geblieben sei. Dies und harte Familienschicksale -- er verlor seine Gattin und smtliche Kinder -- brachen ihn geistig und krperlich. Recht deutlich spiegelt sein letzter Brief an Hypatia diesen Zustand. Vom Krankenlager aus datiere ich diesen Brief an dich und wnsche, da du ihn gesund empfangen mgest, du meine Mutter, meine Schwester und Lehrerin, und durch dies alles meine Wohlthterin, der Inbegriff alles dessen, was es fr mich ehrwrdiges giebt. Meine krperliche Schwche rhrt von meinem Seelenleiden her. Die Erinnerung an den Verlust meiner Kinder reibt mich allmhlich auf. Nur so lange htte Synesios am Leben bleiben sollen, wie er frei war von den Leiden des Lebens. Die sind nun auf einmal wie ein aufgehaltener Strom ber mich hereingebrochen, und die Annehmlichkeit meines Lebens ist umgeschlagen. O, da doch mein Leben oder die Erinnerung an das Grab meiner Kinder ein Ende nhme! Bleib du nur gesund und empfiehl mich deinen glcklichen Freunden, vom Vater Theon und dem Bruder Anastasios ab der Reihe nach, und wenn einer dazu getreten ist, der dir lieb ist. Ich mu es ihm Dank wissen, da er dir lieb ist. Gre auch ihn, wie meinen liebsten Freund. Wenn du dir noch etwas aus meinen Angelegenheiten machst, so thust du wohl daran! Wo nicht, -- so mache auch ich mir nichts daraus. Wir kennen nicht das genaue Datum seines Todes und wissen daher auch nicht, ob das grauenvolle Ende seiner geliebten Hypatia noch zu seinen Ohren gekommen. Wenn, -- so wird es nach dem so schmerzlich beklagten Verlust seiner Shne gewi der hrteste Schlag gewesen sein, der sein Herz getroffen. * * * * * Welche Kontraste vereinigt doch diese Periode der Geschichte! Dieselbe Zeit, welche diesen mnnlichen, kriegsgebten Philosophen, der neben dem Schwert von Eisen doch auch das Schwert des Geistes zu fhren verstanden, zum Bischof machte, ja dasselbe Patriarchat, das diese Bischofswahl trotz des offenen esoterischen Vorbehaltes gegen wesentliche Glaubensstze bettigte, lie dessen Lehrerin, Hypatia, ein Weib, in Stcke zerreien! Oder welch' ein Weib mu jene gewesen sein, die nicht nur einen solchen Schler gebildet hat, sondern auch solchen Hasses und solchen Martyriums gewrdigt worden ist! In seiner bischflichen Lebensperiode hat Synesios, wenn wir von den Briefen absehen, prosaische Schriften nicht mehr verfat. Wohl aber stammen aus dieser Zeit seine Hymnen, die ihn zwar keineswegs als bedeutenden Dichter, doch als einen gefhlsinnigen Mystiker kennzeichnen. In den sog. Geschichten der Philosophie wird Synesios meistens nicht mit gezhlt. Auch bieten seine Schriften nach denjenigen eines Plotinos und Jamblichos, deren Werke uns grtenteils erhalten sind, kein erhebliches wissenschaftliches Interesse, da sie der philosophischen Originalitt und Tiefe entbehren. Litterarisch jedoch mssen sie als einige der besten Erzeugnisse des sptesten Hellenismus gelten. Derjenige aber, der nicht nur in den Systemen der Schulen, sondern auch in Thaten und Gesinnungen Philosophie zu wrdigen wei, wird in seiner Geschichte der Philosophie auch einem Synesios einen Platz vergnnen. In ihm lebte eine schne Seele im Sinne platonischer Philosophie, und sein vorwiegendster Charakterzug ist ein durchaus liebenswrdiger Heroismus. * * * * * Insbesondere die Schrift ber die Trume. Denn es sind zwo Pforten der nichtigen Traumgebilde: Diese von Elfenbeine gebaut und jene von Horne. Die nun gehn aus der Pforte geschnittenen Elfenbeines, Solche tuschen den Geist durch wahrheitlose Verkndigung; Aber die aus des Hornes gegltteter Pforte herausgehn, Wirklichkeit deuten sie an, wenn der Sterblichen einer sie schaut. Unter den uns erhaltenen Schriften des Synesios verdient neben dem philosophischen Roman Dion seine Abhandlung ber die Trume am meisten Beachtung. Aus der letzteren ersehen wir, da merkwrdigerweise Synesios, diese entschieden auf praktische Unternehmungen angelegte Natur, der seinem eigenen Gestndnis nach den Harnisch dem Bischofsmantel, das Ro dem Schreibstuhl und die Lanze der Feder vorzog, ein Trumer gewesen ist, der das Trumen systematisch betrieb und darber Buch fhrte. Und es ist nur zu bedauern, da das Traumtagebuch dieses interessanten Mannes sich nicht als Supplement seiner Abhandlung ber die Trume auf die Nachwelt gerettet hat. Synesios widmet seine Schrift ber die Trume zugleich mit dem ungefhr gleichzeitig vollendeten Essay ber Dio seiner geliebten und verehrten Lehrerin Hypatia. Vor der Verffentlichung bersandte er sie derselben zur Begutachtung mit einem ausfhrlichen Briefe, aus dem ich, er ist uns ganz erhalten, -- folgendes hier der Wiedergabe fr wert achten mchte: Ich habe in diesem Jahre zwei Bcher fertig bekommen, zu dem einen durch Gott, zu dem andern durch die Schmhung der Menschen veranlat. Denn sowohl unter den Leuten, die den weien Mantel tragen, als unter denen, welche in der schwarzen Kutte einhergehen, haben mich einige eines Vergehens gegen die Philosophie beschuldigt, weil ich auf Schnheit im Ausdruck und auf Rhythmus achte, auf die rhetorischen Figuren, und etwas ber Homer sagen will. Als ob ein Freund der Weisheit ein Feind der Rede sein mte, und sich nur mit den gttlichen Dingen befassen drfte. Sie selbst befassen sich freilich nur mit der beschaulichen Betrachtung des Intelligiblen. -- Sie erklren, ich sei nur zu litterarischen Spielereien befhigt, und sind zu diesem ungnstigen Urteil veranlat worden, seitdem meine Schrift ber die Jagd, ich wei nicht wie, in die ffentlichkeit gelangt ist und bei einigen jungen Leuten, die auf korrekte, geschmackvolle Darstellung etwas geben, groen Beifall gefunden hat, ebenso wie einige sorgfltig gearbeitete Gedichte. -- Unter diesen Gegnern sind die einen, deren Frechheit in ihrer Unwissenheit ihren Grund hat, sofort bei der Hand, ber Gott zu reden. Kommt man mit ihnen zusammen, so bekommt man von ihnen allerlei verkehrte Syllogismen zu hren, und auch, wenn man kein Verlangen darnach hat, so berschtten sie einen doch mit ihren Reden, wobei sie, wie ich glaube, ihre ganz besonderen Interessen verfolgen; aus ihrer Zahl werden nmlich in den Stdten die Schulmeister und Priester genommen. Du kennst wohl diesen oberflchlichen Menschenschlag, der ein wirkliches wissenschaftliches Streben scheel ansieht. Sie mchten mich gern zu ihrem Schler haben und versichern, sie wrden mich dann in kurzer Zeit zu einem ausgezeichneten Theologen machen, der Tag und Nacht in einem fort zu reden vermchte. Die anderen haben zwar mehr Einsicht, sind aber noch viel erbrmlichere Sophisten, als diese. Du weit, da manche Leute, die sich in den Schulen vllig ausgegeben haben, oder durch irgend sonst einen Einfall dazu veranlat wurden, im Mittag ihres Lebens als Philosophen aufzutreten, -- sich einen gewaltigen Anstrich zu geben wissen. Wie ist doch ihre Augenbraue hoch emporgezogen. Die Hand sttzt das brtige Kinn, und der ehrwrdige Ausdruck ihres Gesichts bertrifft die Bildnisse des Xenocrates. -- Diese Leute betrachten es als einen gegen sie gerichteten Angriff, wenn einer, der fr einen Philosophen gilt, auch zu reden versteht. Denn nur so lange knnen sie ihre angenommene Rolle behaupten, solange man glaubt, da sie innerlich voller Weisheit stecken. Beide Klassen von Leuten haben mir also vorgeworfen, da ich mich mit wertlosen Dingen beschftige, die einen, weil ich nicht dasselbe schwatze, wie sie, die andern, weil ich meinen Mund nicht verschlossen halte und mir keinen Ochsen auf die Zunge gelegt habe, wie es im Sprichwort heit. Gegen sie habe ich den Dion verfat und bin dem Reden der einen und dem Schweigen der andern entgegengetreten. Die andere Schrift (ber die Trume) habe ich auf Gottes Veranlassung geschrieben und Gott hat sie gut geheien. Sie ist ein Denkmal meiner Dankbarkeit gegen das Vermgen der Phantasie? Ich habe in ihr Untersuchungen ber den ganzen vorstellenden Teil der Seele angestellt und einige andere Punkte behandelt, mit denen sich bis jetzt die Philosophie der Hellenen noch nicht befat hat. Doch wozu bedarf es weiterer Worte ber dieselbe? Die ganze Schrift ist in einer Nacht ausgearbeitet oder vielmehr in dem brigen Teile einer Nacht, die mir ein Traumbild gebracht hatte, da ich sie eben schreiben sollte. An einigen Stellen, etwa zwei oder dreimal, bin ich gleichsam ein anderer gewesen, zugleich mit dem Anwesenden mein eigener Zuhrer. Und jetzt, so oft ich an die Schrift herantrete, wird mir ganz wunderbar zu Mute, und es umtnt mich, wie der Dichter sagt, eine Art gttlicher Stimme. Ob dies nun eine Empfindung ist, die ich allein dabei habe, oder ob sie auch bei einem anderen Leser sich einstellt, das sollst du mir gleichfalls mitteilen; denn du sollst sie zuerst unter den Hellenen nach mir lesen. Ich schicke dir also diese beiden bis jetzt unverffentlichten Schriften. * * * * * Da beide Schriften verffentlicht wurden, drfen wir vielleicht annehmen, da Hypatia sie als in ihrem Geiste geschrieben genehmigt und gut geheien hat. Die Abhandlung ber die Trume geht aus von einer Betrachtung des Wesens und der Arten magischer Divination berhaupt (1). Die verschiedensten Mittel lassen sich benutzen, um die Zukunft zu erschlieen. Der Astrologe glaubt sie aus den Sternen, der Opferpriester aus den Eingeweiden der Tiere, der Augur aus dem Fluge der Vgel, der Chiromantiker aus den Linien der Handflche, und mancher andere aus allerlei zuflligen Vorfllen (+omina+) entziffern zu knnen (2). Die Divination oder wenigstens der Wunsch, eine solche Kunst zu ben, ist ein unvertilgbares Merkmal der Menschennatur, gerade dadurch unterscheiden sich die Menschen von den in dumpfem Genu des Augenblicks aufgehenden Tieren, indem sie sich so der reinen, Zeit und Ewigkeit berschauenden Intelligenz der Gtter zu nhern suchen (3). An und fr sich mu die Mglichkeit der Divination und jeder einzelnen ihrer gedachten Arten aus dem Monismus des Weltalls erhellen. Die Welt ist ein Organismus, in dem alles mit allem, rumlich und zeitlich in urschlichem und sympathischen Zusammenhang steht. Nun empfindet ja auch innerhalb des menschlichen Sonder-Organismus, wenn irgend eines seiner Glieder erkrankt, z.B. ein Finger, oftmals ein von diesem sehr entfernter Krperteil, z.B. die Hfte einen sympathischen Schmerz (4). Das berhmte Wort des Archimedes: Gieb mir einen Punkt auerhalb der Welt, wenn ich auf sie wirken soll, gilt nicht fr die Magie und Divination. Die Seele mu passiv mitleiden, mu innerhalb des Ganzen stehen, um magische Einflsse zu wirken oder zu empfinden. Dagegen von den reinen Gttern, den erhabensten Intelligenzen, die sich berhalb dieser Erscheinungswelt befinden, gilt eher das homerische Wort vom Zeus: Fern weilt er, ihn kmmert durchaus nichts, Und er achtet nicht d'rauf-- Ein kaiserliches Gesetz verbietet freilich, die auf uerlichen Mitteln beruhende Magie und Divination auch nur zu besprechen. Doch ist die vollkommenste Art der Divination eine innerliche, subjektive, nmlich die Divination des Traumes (6). Die Fhigkeit dieser Prophetie schlummert in jedermanns Seele. Whrend nmlich der vernnftige Geist (%nous%) die Formen des Seins enthlt, schliet die Seele (%psych%) die Formen des Werdens ein. Der Geist ist ein ewig seiendes, die Seele ein ewig werdendes Wesen. Die Seele nun enthlt zwar smtliche Formen des Werdens, die meisten jedoch in zeitlich latenter Weise; nur die jedesmal zutrglichen lt sie dem Bewutsein erscheinen. Der Spiegel aber, in dem sich die Bilder, welche ihren Sitz in der Seele haben, zeigen, heit Phantasie. Ebenso wie wir von der organisierenden Thtigkeit der unbewuten Vernunft in uns nur soweit ein Bewutsein haben, als letztere uns freiwillig davon mitzuteilen fr gut befindet, erhalten wir auch von den Vorstellungen, Bildern, die in der ersten Seele vorhanden sind, Kenntnis nur, soviel und soweit die Phantasie, welche ihre Bilder von dort empfngt, solche uns widerspiegelt. Die Phantasie ist eine das Gebiet der Natur berhrende, niedere, vermittelnde Form des Seelenwesens. Die Phantasie ist eigentlich die Sinnlichkeit selber. Wir knnen Farben sehen, Tne hren, berhaupt alle sinnlichen Empfindungen haben, auch wenn die dafr geschaffenen krperlichen Organe unthtig sind. Das wenigstens beweist der Traum. Die Phantasie also ist sowohl das Organ, das fr den wachenden Organismus dessen Verkehr mit der Auenwelt vermittelt, als auch das eigentliche Traumorgan, und sofern letzteres der Krperorgane nicht bedarf, knnen wir durch sie in direkten Verkehr mit der krperlosen Geisterwelt treten. So ist denn auch schon manch' einer unwissend eingeschlafen und hat, im Traume von den Musen belehrt, wissenschaftliche Probleme gelst oder poetische Leistungen zu Tage gebracht, deren er vorhin nicht fhig erschien, weshalb auch schon ein sibyllinischer Spruch behauptet: Lehrbares Wissen zu finden im Lichte des Tagesbewutseins Ward dem einen verliehen, doch mancher findet auch schlafend Mhelos kstliche Frchte, beschenkt von der Gnade des Traumgotts. Wie alle einzelnen Sinne, so mu auch die seelische Grundlage der Sinnlichkeit berhaupt, die Phantasie in verschiedenen Graden der Gesundheit und Strke vorhanden sein. Sie kann zu grberer Stofflichkeit und Dunkelheit herabsinken, sie kann aber auch gereinigt und gelutert werden. Im ersteren Fall wird sie nur trbe und ungewisse, im letzteren klare und bestimmte Abbilder zeigen. Die Phantasie ist eigentlich der Seelenleib, der Wagen, welcher die Seele aufwrts oder abwrts fhrt, oder auch das Fittichpaar, welches die Seele trgt. Die tugendhafte Seele wird leicht und schwebt mit den Schwingen ihrer geluterten Phantasie aufwrts, indes die sndhafte, deren Phantasie von unreinen stofflichen Bildern beschwert ist, tiefer sinkt (9). Schlimmer ist es fr sie, wenn sie dieses Sinken gar nicht einmal mehr empfindet. Glcklich sind noch diejenigen Seelen zu schtzen, denen der dumpfe Schmerz der Reue und Gewissensqual einen Stachel zur Umkehr nach oben, eine Erinnerung an die verlassene Heimat und Heimweh schafft. Denn nicht im Sterben, beim Austritt aus diesem Erdenleben, trinkt nach des Synesios Ansicht die Seele aus dem Lethestrom die Vergessenheit ihres Vorlebens, sondern umgekehrt bei der Geburt, bei dem Eintritt in dieses niedere Dasein, trinkt sie das Vergessen ihrer gttlichen Herkunft und ihrer Bestimmung aus dem Becher der Sinnlichkeit. Freigeboren verkauft sie sich auf bestimmte Zeit in die Sklaverei, wehe ihr, wenn sie nun, vielleicht gefesselt von der Schnheit eines Mitsklaven, ihrer angeborenen Freiheit ganz vergit, und um bei jener zu bleiben, auch nach Ablauf der gesetzten Frist es vorzieht, als Sklavin bei dem gemeinschaftlichen Herrn zu bleiben. Dagegen haben die Arbeiten des Herakles und hnliche Heroensagen keine andere esoterische Bedeutung, als das Bemhen der edleren, ihres Ursprungs instinktiv eingedenken Seele, die Knechtschaft durch ehrliche Arbeit abzuverdienen. Die Seele dagegen, welche zum reineren Ursprung zurckkehrt, fhrt auch die Phantasie, die sich Synesios zugleich als Astralleib oder therleib zu denken scheint, mit aufwrts. Da die seelische Leiblichkeit, die Phantasie-Gestalt der Seele selber bestimmt sei, des gttlichen Daseins teilhaftig zu werden, findet seinen Ausdruck auch in den Versen der Sibylle: La nicht den Mchten der Tiefe zur Beute die Blume des Stoffes, Hoch in den Strahlen des Lichts soll die therische blhn! Die Blume des Stoffes ist eben nichts anderes, als die Gestalt der Seele, ihr Phantasie- oder therleib, welcher unsterblich ist, wie die Seele selbst (11). Mit den Schwingen der Phantasie vermag die Seele den ganzen unendlichen Raum zu durchschweben, indem sie mit den rtern die Zustnde und Lebensbedingungen und Lebensgewohnheiten wechselt und umgekehrt. Wenn sie aber ihren ursprnglichen Adel und ihre vllige Unschuld wieder zurckerlangt, wird sie das Gef der reinen Wahrheit, die auch die vollendete Schnheit ist, rein, licht und unvergnglich. Gttlich, wie sie alsdann wieder ist, braucht sie nur zu wollen, um die Zukunft zu erkennen. Sinkt sie dagegen in die tieferen Regionen, so wird sie umhllt mit Finsternis, Unwissenheit, Irrtum und Lge, und wird immer unfhiger, die Dinge zu unterscheiden (12). Das beste Mittel nun, die Phantasie zu lutern und ihre Schwingen zu krftigen, ist ein spekulatives Leben. Wahre Philosophie verfeinert die Seele und nhert sie Gott nach dem Gesetze fortschreitender Entwicklung und zunehmender Anziehungskraft und Wahlverwandtschaft; eine solche Seele tritt in immer unmittelbareren Verkehr mit Gott. Wessen Einbildungskraft rein und gut geregelt ist, der erhlt sowohl wachend wie trumend nur getreue Abbilder der Dinge, und wessen Phantasie nur getreue Abbilder der Dinge zumal im Traume erhlt, der kann zugleich ruhig sein ber den Zustand und das Los seiner Seele, er ist der Gottheit nher (13). Im Vorstehenden ist die philosophische Bedeutung der Trume gegeben. Die Trume sind aber auch fr das praktische Leben vom grten Wert. Denn wer wahre Trume haben will, mu ein nchternes und keusches Leben fhren, wer sein Bett zu einem delphischen Dreifu machen will, mu sich hten, es zum Zeugen nchtlicher Ausschweifungen zu machen, er bereite seinen Schlaf durch Gebete vor (14). Auch macht der Verkehr der Seele mit Gott im Traum die Seele mit nichten ungeschickter fr das irdische praktische Leben, umgekehrt wird die Seele von der Hhe aus weit besser alles berschauen, was darunten ist, als wenn sie selber stets nur am Boden klebt. Darum wnscht Synesios die Kunst der Traumdivination vor allem seinen Kindern zu hinterlassen, sie werden dann niemals ntig haben, die weite und beschwerliche Reise nach Delphi zu machen, sie brauchen nur den Schlaf so aufzusuchen, wie die keusche Penelope, von der Homer (+Odyssee XVII, 48+) sagt: Und nachdem sie die Waschung vollbracht und ein reines Gewand auch Angezogen zur Nacht, rief zuvor im Gebet sie Athena. Whrend Hierophanten und Magier sich unter dem Vorwande uerlicher Mittel, deren sie dazu bedrfen, fr ihre Weissagungen oft schwere Summen bezahlen lassen, bedarf man zur Traum-Divination keines gyptischen Vogels, keines Knochens aus Iberien, keiner Pflanze aus Kreta noch auch irgend einer Raritt vom tiefsten Meeresgrunde, man bedarf berhaupt keines Talismans, man legt sich schlafen, -- das ist alles; im brigen ist man sein eigenes Werkzeug. Auch kennt die Gottheit, die sich im Traum der reinen Seele offenbart, keine Unterschiede des Standes und Reichtums. Und, was das beste ist, kein Tyrann hat je daran gedacht, das Trumen innerhalb seines Staates zu verbieten und mit Strafe zu belegen (15). Der Unglckliche wird durch Trume getrstet und erquickt, und fat neue Hoffnungen, selbst der Gefesselte im Kerker, im Traume fhlt er sich seiner Bande entledigt und geniet eine unbeschrnkte Freiheit (16). Die Trume sind entweder unmittelbare Wahrtrume, -- solche haben schon manchem Denker ein Problem gelst, das er wachend zu denken sich vergeblich bemht hatte. Auch Synesios selbst hat solchen Trumen vieles zu verdanken gehabt; besonders whrend seines dreijhrigen Aufenthalts in Konstantinopel haben sie ihm viel gentzt, indem sie ihm die Rnke und Intriguen der Gegner seiner diplomatischen Mission enthllten; aber selbst in seiner Lieblingsbeschftigung, der Jagd, haben sie sich ihm hufig dienstbar erwiesen, indem sie ihm die Fhrten und Schlupfwinkel des Wildes entdeckten, ihm auch besondere Mittel und Wege zeigten, dasselbe zu finden und zu stellen. Die meisten Trume sind jedoch symbolischer Natur und erfordern eine besondere Kunst, die Kunst der Traumdeutung. Diese Kunst ist nur durch eigene Erfahrung und Beobachtung zu finden (19). Wie wir einen bevorstehenden Wechsel der Witterung aus gewissen Anzeichen folgern knnen, so knnen wir aus bestimmten Symbolen des Traumlebens bevorstehende Ereignisse entnehmen. Wir brauchen einen Feldherrn oder Knig nicht selber zu sehen, um seine Ankunft zu erfahren; Vorreiter eilen ihm voraus und kndigen sie an; ebenso werfen bedeutende Ereignisse ihre Schatten voraus. Auch der Schiffer entnimmt ja aus bestimmten Anzeichen, knstlichen oder natrlichen Merkzeichen des Fahrwassers die Nhe eines Hafens oder einer gefhrlichen Stelle (20,21). Diese Traumsymbolik ist aber durchaus _individueller_ Natur, auf allgemeine Traumregeln ist kein Verla. Es giebt Menschen, die sich kleine Bibliotheken ber Traumdeutung anschaffen. Ich fr mein Teil lache ber alle diese Abhandlungen und halte sie fr vllig wertlos. Die Phantasie der Menschen ist nicht einmal so gleichartig wie der Bau und die Physiognomie ihrer Leiber, welche immerhin noch den Gegenstand einer allgemein wissenschaftlichen Beobachtung bilden kann. Wenn eine Phemonoe oder ein Melampus oder sonst ein Wahrsager allgemeine Regeln der Traumdeutung aufzustellen wagt, mchte ich fragen, ob denn etwa auf konvexe oder konkave Linsen, oder Spiegel aus verschiedenem Stoffe die Gegenstnde auf gleiche Weise widerspiegeln. Da jeder von uns seine ganz besondere Sinnesart hat, ist es unmglich, da dieselbe Traumvision fr alle dieselbe Bedeutung habe. (22,23). Um sich nun eine individuell gltige Traumsymbolik zu verschaffen, soll man ein Tagebuch fhren, in das man alle Erlebnisse verzeichnet, die nach irgend einem Traumbilde sich ereignen. Ein solches Tagebuch wird nicht nur ein unmittelbares und psychologisches Interesse erhalten, es wird auch sonst von praktischem Nutzen sein, uns in der Selbsterkenntnis frdern und selbst zur stilistischen Bildung und zur Untersttzung unseres Gedchtnisses dienlich sein knnen (24). Synesios berichtet nun, da er ein solches Traumtagebuch seit langen Jahren mit grter Genauigkeit und nicht ohne hufigen praktischen Nutzen gefhrt habe. * * * * * Dies der wesentliche Inhalt der Abhandlung des Synesios ber die Trume. Wenn ich dieselben hier fr mitteilungswert halte, so liegt der Grund nicht nur in dem rein geschichtlichen Interesse, da wir in ihr die einzige auf uns gekommene Schrift der neuplatonischen Philosophie besitzen, welche sich +ex professo+ mit diesem Gegenstande, wenigstens mit seiner psychologischen Deduktion befat. Denn das gelehrte Werk des Artemidorus, +Oneirocriticon+, enthlt zwar eine umfassende Sammlung der antiken Ansichten ber die Traumsymbolik, vertieft sich aber nicht in die psychologische Ursache der Traumbildung und vertritt keine besondere philosophische Lehrmeinung. Es ist nicht ohne Interesse zu bemerken, da Synesios in seiner Auffassung der Phantasie als des Traumorgans und als eines zugleich gestaltenden Grundvermgens der Seele dieselbe Ansicht vertritt, welche erst krzlich der jngere Fichte in seiner heutzutage viel zu wenig gewrdigten Anthropologie und Psychologie mit groem Aufwande deutscher Gelehrtengrndlichkeit und empirischer Beobachtung zu begrnden versucht hat. Auch Fichte (vergl. dessen Psychologie, Kap. IIIff., ferner dessen Seelenfrage, +pag.+ 108ff.) kennzeichnet die Phantasie als die eigentliche zugleich vorstellende und gestaltende Triebkraft der Seele, _sie_ ist ihm, ebenso wie dem Synesios, der eigentliche Urleib oder therleib des Menschen. Als solche bethtigt sie sich (1) in der vorbewuten Leibesgestaltung und Mimik. Da sie zugleich in hohem Grade der Sympathie unterliegt, erklrt sich durch die Ansteckung der Phantasiethtigkeit, durch den seelischen Rapport zwischen Mutter und Kind, auch der unleugbare Einflu, den das Phantasieleben der Mutter auf die Leibesgestaltung des Kindes ausbt (Versehen, hnlichkeit und Vererbung). Andererseits aber rechtfertigt sich durch ihren individuellen Charakter auch wiederum die aller Vererbung zum Trotz so oft auffallende besondere Individualitt der Gestaltung. 2) Sodann bethtigt sie sich als unwillkrliche, aber doch die Bewutseinsschwelle hufig berschreitende traumbildende Triebkraft. Ihre Darstellungsform ist, abgesehen von den hellsehenden Wahrtrumen, die der Symbolik; die Leibesform ist nichts als ein Symbol der Seele. 3) Ihre hchste Leistungsfhigkeit erreicht sie in der bewuten sthetischen Bildungskraft des Dichters und Knstlers. Man vergleiche ferner die Symbolik des Traumes von Fr. G. H. v.Schubert. Leipzig (Brockhaus), 1840. Fnftes Kapitel. Die Gnostiker und Manicher. Die Persnlichkeit des Synesios bildete in gewissem Sinne ein Bindeglied zwischen heidnischer Philosophie und dem Christentum. Es wre aber irrig, anzunehmen, da Synesios eine Ausnahme mit seiner eigentmlichen Mischung antik-heidnischer Philosophie und christlicher Theologie gebildet habe. Im Gegenteil ist diese Spezies von Heiden-Christen so alt wie die Geschichte der christlichen Kirche, welche in den ersten Jahrhunderten geradezu eine ihrer bedenklichsten Gefahren in dieser Verwirrung gesehen hat. Allgemein pflegt man die philosophisch-heidnische Verunstaltung christlicher Gedanken als _Gnosticismus_ zu bezeichnen. Man bezeichnete Christen, welche %gnsis%= Erkenntnis, nicht blo %pistis%= Glauben wollten, als Gnostiker. Wahrscheinlich wird schon im neuen Testament davor gewarnt; das Evangelium Johannis wird nur unter diesem Gesichtspunkt ganz verstndlich. In den Pastoralbriefen finden sich zahlreiche Stellen, die darauf hinweisen. Die Hauptquellen des Gnosticismus sind: +Irenaeus+, Widerlegung des flschlich sich so nennenden Gnosticismus; ferner die sog. +philosophumena Originis+. Letztere Schrift ist wahrscheinlich verfat von einem Schler des Irenus, namens Hyppolitus. Die occultistisch-philosophischen Gedanken des Gnosticismus sind folgende: Er nimmt den Begriff vom Menschen, wie ihn das Christentum voraussetzt, an; der Mensch als moralisch-religises Wesen stammt von Gott und ist Gottes Ebenbild. Gott ist Gte und Geist. Wenn aber Gott Gte und Geist ist, woher kommt die Materie und das Bse? Haben sie irgendwelchen Zusammenhang mit Gott? Nein; sie knnen nicht von Gott sein. Denn die Wirkung mu der Ursache hnlich sein. Das Bse und die Materie sind aber Gott entgegengesetzt, das Bse dem Guten, die Materie dem Geist. Woher sind sie denn? Nach der _einen_ Richtung ist die Materie von Ewigkeit her, und die Materie ist zugleich der Grund der Unvollkommenheit. Andere Gnostiker geben eine andere Antwort; sie knpfen an die Emanationsvorstellung an: nach ihr gehen von Gott Geister hervor und aus den Geistern wieder andere u.s.w. Jede folgende Emanation ist aber geringer, als die vorhergehende, wie ja auch das Licht, je mehr es sich vom Mittelpunkte entfernt, desto schwcher wird. Die Grenze der Emanation ist die Materie. Durch diese Lehre vermied man die Schpfung aus Nichts. Diese ist der denkenden Menschheit von jeher ein harter Gedanke gewesen, da er keine Analogie hat. -- Eine andere Frage war: Wie kommt der Geist in die Materie? Denn diese ist ja nicht von Gott oder doch unendlich entfernt von Gott. -- Antwort: Er kommt auf die Erde durch eine sittliche That, er kommt darauf durch einen Abfall, er ist ein Fremdling auf der Erde. Zur Erlsung der gefallenen Geister erscheint dann _Christus_, er, ein reiner Geist, kommt aus Erbarmen hernieder, er bringt die wahre Gotteserkenntnis; diese macht selig, und diese allein. Die Moral der Gnostiker war meist sehr streng, strenger, als die Kirche verlangte. Sie war Askese, unbedingte Entfernung von der Materie und allen sinnlichen Genssen. Denn die Verstrickung in der Materie war es ja, die den edlen Geist des Menschen hemmt und fern hlt von Gott. Nach den Gnostikern ist der Gott der Juden nicht der hchste. Er hat ja die Welt erschaffen, diese Materie. Ferner ist der Gott der Juden ja der Gott des Zornes. Der wahre Gott ist der Gott der Liebe. -- Damit verbunden war der Doketismus, die Lehre, da Christus nur einen Scheinleib gehabt und nur zum Scheine gelitten habe und gekreuzigt sei. Denn als reiner Geist drfte er sich mit der Materie nicht beflecken. Die Darstellung der Gnostiker war mythologischer Art, wst und fr uns ungeniebar, hnlich der des Juden Philo. Aber fr die damalige Geschmacklosigkeit der philosophastrischen Schriftstellerei fiel das nicht auf; auch der Neuplatonismus kleidet sich ja mit Vorliebe in ein mythologisches Gewand. Die Namen der Gnostiker aufzuzhlen, lohnt sich nicht der Mhe. Einer der berhmtesten war Valentin, der um 140 n.Chr. in Rom lehrte. Nchst diesem war der bedeutendste _Mani_, der Stifter der _Manichersekte_. Mani stammte aus Persien, er lebte und lehrte gegen Ende des 3. Jahrhunderts. Sein Dualismus beruht auf demselben Gedanken, wie der Zarathustras, dessen Lehre er mit dem Christentum zu verschmelzen suchte. Der Kirchenvater Augustin ist zehn Jahre lang Manicher gewesen. Neuntes Buch. Der Occultismus der Kelten und Germanen. Erste Abteilung. Die Kelten. Erstes Kapitel. Die Druiden. Wir bringen Kelten und Germanen unter einem Buche zusammen, weil beide Rassen innerhalb der arischen Gesammtrasse sich nicht nur rumlich, sondern auch verwandtschaftlich _besonders nahe_ gestanden haben. Die _Kelten_ werden uns von den alten Schriftstellern als hochgewachsene Menschen mit blauen Augen und blondem oder rtlichem Haar geschildert. Menschen von kampflustiger, ritterlicher Gesinnung, aber deren unbndige Leidenschaftlichkeit und Rivalittssucht, wie besonders Csars Kommentarien beweisen, zum Untergang ihrer staatlichen Bildungen und somit zuletzt zum Untergang der Art und Sprache fhrte, so da das Keltenblut jetzt nur noch als allerdings erheblicher Mischbestandteil im Franzosen und Briten von Bedeutung ist. Abgesehen von einzelnen seltsamen Absplitterungen, z.B. den Galatern in Kleinasien, nahmen die Kelten oder Galler, wie sie selbst sich nannten, -- jetzt hat sich das Stammwort nur noch in den Gler erhalten, -- zur Zeit, wo die erste historische Kunde von ihnen auftritt, etwa das Gebiet des heutigen Frankreich, Nordspanien, Nord-Italien und Britannien und Irland ein. Offenbar standen sie, ebenso wie die vielfach auch gar zu barbarisch aufgefaten Germanen, deren hhere Gesittung schon Justus Mser nachgewiesen hat, auf einer nicht unverchtlichen Zivilisationsstufe. Das beweist schon ihr ueres. Ihre Kleidung bestand aus bunten wollenen Leibrcken, ber die sie einen Grtel von Gold oder Silber trugen, aus langen Hosen und kurzem Flausmantel; goldene Bnder zierten die Handwurzeln und den Arm, goldene Ringe die Finger und Ketten von gleichem Metall den Hals. Mannshohe Lederschilde mit bunten Malereien, eherne Helme mit wappenmigen Zierraten, eiserne Panzer, oft aus Draht geflochten, lange starke Schwerter, an eisernen Ketten an der Seite getragen, und Stolanzen ihre Waffen. Sie waren berhmt wegen ihrer Geschicklichkeit in der Herstellung von Glaswaren, auch als Goldschmiede und Mnzmeister. Das _Religionssystem_ der Kelten wrde gewi, da es eine besonders hochentwickelte _Geheimlehre_ dieser hocharistokratisch angelegten Rasse war, vom occultistischen Gesichtspunkte aus unser Interesse ganz besonders in Anspruch nehmen, wenn wir nur mehr glaubwrdige Berichte ber seine Einzelheiten besen. So aber liegt die Gefahr nahe, den sog. _Neo_-Druidismus, der von einigen modernen wlischen Schriftstellern erfunden ist, kritiklos mit der _alten_ Geheimlehre der Kelten zu verwechseln. Wir werden uns daher zunchst lieber mit einer zwar allgemeinen, aber zuverlssig getreuen Skizzierung ihres Systems begngen. Die echten Kelten zerfielen in die beiden Stnde der Druiden und Krieger. Das gemeine Volk, auch seinem ueren nach teilweise als von anderem Aussehen geschildert, -- schwarzhaarig, kleiner gebaut, -- bestand wohl grtenteils aus der autochthonen unterworfenen Rasse. Whrend der Krieger-Adel sich ausschlielich der Waffenbung und der Jagd widmete, waren die _Druiden_ im Besitz aller religisen und profanen Wissenschaften, Priester, Rechtsgelehrte, Naturforscher und Philosophen in einer Person. Dies erinnert auffllig an das indische Verhltnis der Braminenkaste zur Kriegerkaste der Kschatriyas. Der Name _Druiden_ wird meistens, aber mit Unwahrscheinlichkeit, von dem griechischen %drys%= Eiche hergeleitet, da die keltischen Heiligtmer mit Vorliebe in Eichenhainen angelegt seien; wahrscheinlicher stammt er vom keltischen Dryw, wlisch Derwydd, in Wallis heute noch das Wort fr einen weisen Mann. Die Druiden scheinen zwar meistens verheiratet gewesen zu sein und einzeln unter ihren Mitbrgern gewohnt zu haben, obwohl andererseits auch klsterliche Vereinigungen erwhnt werden[870], jedenfalls aber standen sie in strenger Ordenszucht. Sie trugen eine besondere Ordenstracht; kurzes Haupthaar, den Bart aber lang. Die hheren Grade trugen golddurchwirkte Kleider, goldene Halsketten, Armspangen. Ihre Insignien waren ein weier Stab, +Slatan drui eachd+ oder Zauberstab genannt; ferner die Druidenknpfe, deren Verschiedenheit vielleicht mit der Hhe des Grades zusammenhing, und das in Gold gefate Schlangenei, vermutlich die Auszeichnung des hchsten Grades. In einzelnen uns bewahrten Darstellungen trgt der Druide auch das Bild des gehrnten Mondes, wie er sechs Tage nach dem Neumonde erscheint, in der Hand, oder ein Fllhorn mit darberschwebendem Monde. In allen Abbildungen erblickt man aber auf den Schuhen des Druiden das sog. _Pentalpha_, nmlich zwei sich durchkreuzende Dreiecke: [Illustration: Pentalpha] Jeder freie und edle Jngling konnte in den Druidenorden aufgenommen werden. Der Unterricht wurde durchweg nur mndlich erteilt, weil man den Gebrauch der Schrift, den man selbstverstndlich sehr wohl kannte, bei dem Charakter der _Geheimlehre_, der durch die Schrift bedroht ward, fr unerlaubt und schdlich hielt. Auch meinte man, da nur durch das lebendige Wort, nicht durch den toten Buchstaben sich das Heilige tief und unvertilgbar dem Geiste einprge. Durch den Gebrauch der Schrift wrde auch das Gedchtnis geschwcht und eine oberflchliche Buchgelehrsamkeit gezchtet. Sofern die Druiden sich der Schrift bedienten, benutzten sie die griechischen Schriftzeichen, die ja auch auf dem Pentalpha erscheinen. Auerdem bedienten sie sich der Runen- oder Stabschrift. -- Die Unterrichtspltze waren abgelegene Wlder und Hhlen, und der Unterricht selbst dauert zwanzig Jahre. Ihr Wissen mu in manchen Richtungen von groer Tiefe gewesen sein; so spricht sich z.B. Quintus Cicero, der bekannte Unterfeldherr Csars und Bruder des Redners, indem er sich seines vertrauten Umgangs mit dem Druiden Divitiacus rhmt, voll Bewunderung darber aus. Da inde ihre Wissenschaft Geheimlehre war, ist uns wenig Zuverlssiges darber erhalten. Aus +Macrob. Sat. I, 21+ lt sich schlieen, da sie die Kugelgestalt der Erde gelehrt haben. Astronomie war eine ihrer Hauptwissenschaften; Csar sagt, da sie ber die Gre und Gestalt der Erde Untersuchungen anstellten. Sie zhlten die Zeit nicht nach Tagen, sondern nach Nchten, was sich in der englischen Sprache (+fortnight+) noch erhalten hat. Nach Diodor, der uns mitteilt, da sie in bereinstimmung mit dem Jahre des Meton, den Mondcyklus auf 19 Jahre berechnet haben und sich eingehend mit den Erhhungen der Mondkugel beschftigen, mchte man annehmen, da ihnen schon der Gebrauch vergrernder Linsen zur Fernsicht bekannt gewesen. Richter bei +Ersch und Gruber S.490+ mchte die sog. Druidenknpfe, aus Krystall oder Glas geschliffene Linsen, die man bis zu 11/2 Zoll Durchmesser findet, damit in Zusammenhang bringen. Nach Strabon (+IV, 4+) nahmen sie an, die Welt sei aus Nichts entstanden, sie sei unvergnglich, aber Feuer und Wasser werde dereinst alles berwltigen. Dies sowie das symbolische Schlangenei, ein Sinnbild der Welt, erinnert sowohl an den indischen wie an den gyptischen Occultismus. Besondere Achtung geno ihre rztliche Kenntnis. Unter den mannigfachen Heilkrutern, deren Entdeckung ihnen Plinius (+H.N. VIII, 41. XXV. XXV. XXX. XXXII.+) zuschreibt, nahm die _Mistel_[871] die erste Stelle ein. Unbekannt mit der Natur der Schmarotzerpflanzen, meint Richter a.a.O., mute es ihnen als ein Wunder erscheinen, da dieselbe nicht auf dem Boden, wie alle anderen Pflanzen, sondern auf Bumen wuchs und hier ohne Samen erzeugt zu sein schien. Vorzglich gesucht war die auf _Eichen_ wachsende Mistel. Denn die Eiche war im gallischen Glauben der heiligste Baum, Eichenlaub ward bei jedem Gottesdienste gebraucht; in Eichenwldern wohnten die Druiden, unter Eichen hielten sie ihre Gerichtssttte. Was aus ihr hervorkam, war ein Zeichen gttlicher Gnade, und da berdies die Mistel selten auf Eichen gefunden wird, so galt eine solche umsomehr als gttliches Geschenk. Sie wurde mit groer Feierlichkeit abgenommen und zwar am sechsten Tage nach dem Neumonde; unter dem Baume wurde zuerst ein Opfer und ein Mahl bereitet und nach dem Schmause ein zum ersten Male unter das Joch gekommenes Rinderpaar herbeigefhrt. Dann stieg der Druide im weien Gewande auf den Baum, schnitt die Mistel mit einer goldenen Sichel ab und lie sie in einem weien Manteltuche auffangen. Nun wurden die Rinder geschlachtet und die Gtter angerufen, da sie denen, welchen sie diese Gabe erteilt, dieselbe zum Heile gedeihen lassen mchten. Die Mistel wurde teils allein, teils mit anderen Stoffen gemischt gebraucht, so wohl uerlich als innerlich. Man wandte sie gegen Geschwulst, Verhrtung, Krpfe, Geschwre, und Klauenfule an; sie reinigte das Rindvieh und machte es fett, sie war ein Mittel gegen alle Gifte, und war sie im Neumonde gesammelt und zwar ohne Gebrauch des Messers und ohne da sie die Erde berhrte, so half sie gegen die fallende Sucht. Sie machte sogar alle Tiere und die Weiber fruchtbar, wenn sie dieselbe bei sich trugen. Daher hie sie in der Sprache der Druiden die _Alles Heilende_. * * * * * Die Druiden sollen ihre Lehrstze immer in _Triaden_, d.h. in drei miteinander verbundenen Stzen geordnet haben. Bezglich der _Seele_ soll die druidische Triade in folgenden drei Stzen bestanden haben: 1.die Seele ist unsterblich; 2.sie wandert nach dem Tode in andere Krper; 3.nach einem bestimmten Zeitraum von Jahren wird sie wieder leben und wiedergeboren werden. Richter meint, da dieser bestimmte Zeitraum dem Ortschilong oder Geburtswechsel im Buddhismus entspreche, nach dessen Vollendung die gereinigte Seele wieder in den gttlichen Schoo zurckkehrt. Jedenfalls fiel den Rmern die auerordentliche Festigkeit des Glaubens der Gallier an Fortdauer nach dem Tode auf; die Druiden lehrten vor allem, so berichten sie, da man den Tod nicht zu scheuen habe, da die Seele nicht sterben knne. Daher msse der Mensch im Kampfe mit den Feinden nicht feig sich zurckziehen, sondern mutig und tapfer streiten. Mit den Toten verbrannte oder begrub man alles, was ihm im Leben lieb gewesen war, Tiere, Sklaven, Klienten. Auch Angehrige folgten ihm freiwillig auf den Scheiterhaufen, um in der anderen Welt wieder mit ihm zu leben. Vergl. +Caesar de bello Gallico, VI, 18.+ +Pomp. Mel. III, 2.+ Man gab den Toten sogar Briefe mit an verstorbene Freunde, und wenn geborgtes Geld vom Schuldner bei seinem Leben nicht wieder bezahlt werden konnte, so nahm man gar eine Anweisung auf das Jenseits an, in der berzeugung, da ihr der Schuldner dort wenigstens gerecht werden werde. +Diod. Sic. V, 28.+ +Valer. Maximus II,6.+ Die Druiden im weiteren Sinn zerfielen in drei Abteilungen: 1. die Druiden im engeren Sinn, die eigentlichen Priester, 2.die Barden, heilige Snger, 3.die Vates oder Seher. An der Spitze des ganzen Ordens stand ein _Oberdruide_, Hoherpriester, +Coibhi+ oder +Coibhi Druidh+. Dieser regierte unumschrnkt und lebenslnglich, wurde aber gewhlt, wie es scheint, gewhnlich durch allgemeinen Zuruf, Akklamation, eine Wahlart, die ja auch jetzt noch bei der Papstwahl zulssig ist und hier als besonders heilig erscheint, da man annimmt, da sie auf Veranlassung des heiligen Geistes stattfindet. -- Waren die Stimmen geteilt, so entschied die Mehrzahl oder das Los, oder auch gar der bei den Kelten beliebte Zweikampf. Der Oberdruide whlte zur Besorgung der weltlichen Angelegenheiten den Vergobret. Dieses keltische Wort= +feargobreith+ ist nach Mbius zusammengesetzt aus +fear+= +vir+, +go+= +ad+, +breith, bread, brawd+= +judicium+, so da es nach dieser Ableitung einen Richter bedeutet. Noch bis zur franzsischen Revolution fhrte der Maire von Autun den Titel +Verg+ oder +Vierg+. Um sich ein wrdigeres Aussehen zu geben, sollen die Vergobreten ihren Bart mit Goldstaub gepudert haben. Die gallischen Druiden wurden unter der spteren Zeit der rmischen Herrschaft Professoren, wodurch ein hauptschlicher Teil ihres frheren Amtes, der Unterricht ihnen blieb. Sie bildeten in denselben Stdten, die frher ihre heiligen rter waren, Lehrerkollegien, die an Stelle der frheren Druidenklster traten. Noch zu Ausonius Zeiten hatten manche gallische Professoren ihre Abstammung nicht vergessen; darum nannten sie sich romanisiert nach jenen Gottheiten, deren Tempel ihre Vorfahren zu besorgen gehabt, z.B. +Apollinaris+, +Delphidius+, +Phoebicius+, Namen, die anzeigen, da solche Mnner aus Priestergeschlechtern stammen, die dem gallischen +Apollo-Belen+ ergeben waren. Vergl. +Ausonius, professores IV, v.7.+ Zweites Kapitel. Gottesdienst und Geheimlehre der Druiden. Ein hlicher Makel, der an dem Gottesdienst der sonst anscheinend geistig so hoch stehenden Druiden klebt, ist die Vorliebe fr _Menschenopfer_. Das ganze gallische Volk, schreibt Csar, ist auerordentlich dem Opferdienst ergeben. Darum schlachten oder geloben diejenigen, die in schweren Krankheiten liegen oder in Schlachten und Gefahren sich befinden, Menschen zu Opfern, welche die Druiden verrichten. Denn sie glauben, da der Geist der unsterblichen Gtter nicht anders befriedigt und vershnt werden knne, als wenn fr das Leben des einen Menschen das des andern hingegeben wrde. Sie haben daher auch Staatsopfer dieser Art. Bei einigen gallischen Vlkern giebt es Bilder von ungeheurer Gre, deren Gliedmaen mit Weiden geflochten sind und mit lebendigen Menschen angefllt werden, die dann durch Verbrennung des hlzernen Bildes gettet werden. Sie glauben, da die Todesstrafe der auf der That ergriffenen Diebe, Ruber und Verbrecher berhaupt den Gttern angenehm sei, aber, wenn sie dergleichen Leute nicht haben, so geht es auch an die Unschuldigen. +Caesar, de bello Gallico VI, c.16.+ Die Staatsopfer wurden nach +Diodor Sic. V, 31. 32.+ zum Zweck der Erforschung der Zukunft dargebracht; man hieb dem Opfer mit einem Schwert in die Herzgrube und lie ihn fallen, aus dem Fall, den krampfhaften Zuckungen der Glieder und der Blutung glaubte man die Zukunft erschlieen zu knnen. Die Hauptgottheit, die in der _exoterischen_ Druidenreligion verehrt wurde, nennt Csar _Merkur_. Der gallische Name scheint +Teutates+ gewesen zu sein. Die rmische Bezeichnung desselben als Merkur wird begreiflich, wenn wir erfahren, da +Teutates+ _Seelenfhrer_ war. Die Seelenlehre aber, insbesondere die Lehre von der Seelenwanderung bildete die Hauptsache im keltischen Volksglauben. Nach dem Vordersatz der ber Teutates berichteten druidischen Triade war er der allgemeine oder Weltgeist, nach dem Mittelsatz Seelenfhrer und nach dem Schlusatze das Getriebe der lebendigen Welt. Die zweite Gottheit war +Esus+ oder +Hesus+, romanisiert Mars. Die Triade ber ihn lautet: 1.Vor der Schlacht wird ihm meistens die Kriegsbeute gelobt; 2.nach derselben die gefangenen Tiere geopfert; 3.das brige (Waffen und Gerte) auf Einen Ort zusammengetragen. Die dritte allgemeine Gottheit hie +Taranis+ (vom keltischen +Taran+, der Donner), von den Rmern als Jupiter gedeutet. Nchst dieser Trias, die meistens auf die Ober-, Mittel- und Unterwelt bezogen wird, war der von Csar als Apollo bezeichnete _Belin_, Belen oder _Abelio_ der wichtigste. Orakelwesen und Heilkunst war seine Hauptfunktion. Eine Mondgttin, Belisana, scheint der egyptischen Isis oder der Minerva hnlich gedacht zu sein. Eine groe Rolle im keltischen Volksglauben spielten die Geister und Gespenster, besonders eine Art von Incubi, gallisch +Dusii+ genannt, ein Wort, das noch im englischen +Duce+ oder +Dewce+, Teufel, nachklingt. Die Gallier gaben ihnen eine Gestalt wie den Frauen und glaubten, sie beschliefen die Frauen unter der Gestalt ihrer Liebhaber. Schon zu Csars Zeit war der Hauptsitz des Druidentums England; ganz besonders heilig war ihm die Insel Mona.[872] Hier, und abgesehen von Man, in Wales haben sich auch die meisten Denkmler des keltischen Glaubens erhalten; und zwar nicht nur die berhmten Steindenkmler; auch das _Bardentum_ hat sich wenigstens in Wales unter oberflchlicher christlicher Gewandung bis weit in die christliche ra hinein erhalten und es soll nach den Nachrichten von W. Owen und Williams (vergl. +Mona, S.468+) das Druidentum in dieser Form sogar bis auf unsere Zeit fortgesetzt worden sein (Neo-Druidism). Es soll nmlich gegen Ende des 13. Jahrhunderts von alten Anhngern der druidischen Geheimlehren des sog. bardischen Kollegium in Glamorgan gestiftet sein. Owen freilich bemerkt dazu, es sei zwar Thatsache, da die wlischen Barden nicht ausgerottet worden und insbesondere, da sich neue Gesellschaften, die an das alte Bardentum der Druiden anknpften, im dreizehnten Jahrhundert gebildet haben, da jedoch der Stuhl von Glamorgan sich weit berschtzt und kein alt-druidisches Bardentum mehr bewahrt habe.[873] Doch mag dem sein, wie ihm wolle, so verdanken wir wenigstens dem wlischen Bardentum die Rettung uralter keltischer Litteraturstcke, unter denen eine Art keltischer Edda, +The Myvyrian, archaeology of Wales, collected out _of ancient manuscripts_, London 1801-1807+, an der Spitze steht. Und aus dieser Litteratur lassen sich Rckschlsse auf einige Teile druidischer Geheimlehren machen. Fast alle der uns erhaltenen Bardenlieder sind Triaden, d.h. ihr Inhalt ist in drei Teilen geordnet. Eine der interessantesten mythologischen Triaden ist die von +Hu gadarn+, dem mchtigen Hu. Hu (sprich Hy) war ein Fhrer, der der Tyrannei widerstrebte und daher das Volk von Defrobani, aus dem Lande ewiger Feindschaft, nach Wales brachte. Er lehrte das Volk den Ackerbau und war einer von den drei groen Werkmeistern, weil er sein Volk in gesellschaftliche Ordnung brachte. Er bestimmte als einer von den drei Meistern des Gesanges die Dichtkunst zur Bewahrerin der Wissenschaft. Mit seinen Buckelochsen (+Yehain Banaweg+) verrichtete Hu eine der drei groen Heldenthaten, er lie nmlich den Avanc (Biber) aus dem Llyn Llion (der Wasserflut) herausziehen, wodurch die berschwemmung der Erde aufhrte. Nach Owen heit Defrobani Sommerland und soll darunter, weil die Triaden den Zusatz haben wo nun Konstantinopel steht, die heutige Krim(?) verstanden werden. Andere wollen Hu, da von einer berschwemmung die Rede ist, mit der Sintflut in Verbindung bringen. Mone legt dem Mythus eine tiefere Bedeutung zu Grunde: Nicht eine Flut-, sondern eine _Schpfungssage_ ist im Hu gadarn aufbewahrt. Wasser ist der Anfang aller Dinge, der Biber (Avanc) ein heimatliches Wassertier Bild fr die Ursache des Wassers; so lange er in demselben lebt, nimmt er nicht ab, nur der starke Hu war imstande, ihn mit seinen drei Ochsen herauszuziehen, wodurch die Flut sank und die Welt erschaffen ward. Er hat also die Natur der Schpfungsstoffe geteilt in Festes und Flssiges, wofr der Biber, der mit dem Leibe dem Lande, mit dem Schwanze dem Wasser angehrt, ein zutreffendes Bild bietet. Die Welt erhebt sich auch bei den Kelten, wie bei den Germanen im Frhjahr; denn der Stier (Buckelochse) ist das Sternbild des Frhlings; er trieb den Biber heraus, d.h. er brachte den Kern der Welt zur Krystallisation. Nach Erschaffung der Welt, d.h. nach der Teilung der Weltkrfte ordnet sie der weise Hu; der Stier, der die Welt erschaffen half, wird nun von seinem Herrn zur Jahresordnung bestimmt; er bringt das Jahr, zieht den Pflug wie der Biber und ruft dadurch Heil und Segen aus der Erde, wie einst aus dem Wasser hervor. Die Ordnung der Welt ist die Harmonie der Sphren, das himmlische Saitenspiel, darum Hu auch der Erfinder des Gesanges, und dieser soll ein Sinnbild des Einklangs der Welt sein. Auch Staat und Gesellschaft sind Anstalten des mchtigen Hu; denn sie sind Folgen der Weltordnung, und seine Feindschaft gegen die Tyrannei, d.h. gegen die ber ihre Grenzen getretenen Krfte, hngt damit zusammen. Darum ist er auch der Eroberung feind, denn sie schreitet ber Ma und Ordnung, und sein Volk soll in Gerechtigkeit und Frieden leben. Hu, singt der Barde Jolo Goch, ist der Herr, der bereitwillige Beschtzer, der Knig und Geber des Weines und Ruhmes, Kaiser ber Land und Meere und des Leben alles dessen, was in der Welt ist. Er ist der grte, der Herr ber uns, wie wir redlich glauben, und der Gott des Geheimnisses. Licht ist sein Weg und Rad, ein Teil desselben Sonnenscheins sein Wagen, gro ist er in Land und Meeren, der grte, den ich sehen werde, grer als die Welten. Darnach war Hu die Gotteinheit der britischen Kelten. Im Tode heit er Aeddon; dieser Name erinnert an Adonai und Adonis; sein Tod ist eine bloe Verwandlung, keine Zerstrung. Es gab Mysterien vom Tode des Hu, hnlich den griechisch-thrakischen Mysterien vom Tode des Zagreus-Dionys. In Verbindung mit diesem Mysterium stand die Geschichte des _Taliesin_. Taliesin bezeichnet eine ganze druidische Priesterschaft, deren Orden sich vom Kessel der Ceridwen nannte. _Ceridwen_ war nach dieser Geschichte ein zauberkrftiges Weib, das um seinen Sohn, einen ungestalten Menschen, schner zu machen, einen Zauberkessel bereitete. Aber Gwion, der Sohn der Gevreang, strte sie in diesem Beginnen. Eines Tages, whrend Ceridwen Kruter suchte und mit sich selber murmelte, begab es sich, da drei Tropfen des krftigen Wassers (aus dem Kessel) flogen und auf den Finger Gwions niederfielen, sie brannten ihn und er steckte den Finger in den Mund. Wie diese kstlichen Tropfen seine Lippen berhrten, so waren seinem Blick alle Ereignisse der Zukunft geffnet und er sah klar ein, da seine grte Sorge sein mute, sich vor der List Ceridwens zu bewahren, deren Kenntnis so gro war. Er floh heimwrts mit der grten Furcht. Der Kessel teilte sich in zwei Hlften; denn alles Wasser darin, auer den drei krftigen Tropfen, war giftig, so da es die Rosse des Gwyddno Garanhir vergiftete, die aus der Rinne tranken, worein sich der Kessel von selbst entleert hatte. (Darum hie nachher dieser Ablauf das Gift der Rosse des Gwyddno.) In dem Augenblicke kam Ceridwen herein und sah, da ihre ganze Jahresarbeit verloren sei, sie nahm einen Rhrstock und schlug dem blinden Morda so aufs Haupt, da eines seiner Augen auf seine Wange fiel. Du hast mich ungerecht verunstaltet, rief Morda, du siehst ja, da ich unschuldig bin, dein Verlust ist nicht durch meinen Fehler verursacht. Wahrlich, sprach Ceridwen, Gwion der Kleine war es, der mich beraubte. Sogleich verfolgte sie ihn, aber Gwion sah sie aus der Ferne, verwandelte sich in einen Hasen und verdoppelte seine Schnelligkeit; allein Ceridwen wurde sogleich eine Jagdhndin, zwang ihn umzuwenden und jagte ihn gegen einen Flu. Er lief hinein und wurde ein Fisch, aber seine schlaue Feindin ein Otterweibchen und verfolgte ihn im Wasser, so da er gentigt ward, Vogelgestalt anzunehmen und sich in die Luft zu erheben. Aber dies Element gab ihm keinen Zufluchtsort, denn das Weib ward ein flinker Falk, kam ihm nach und wollte ihn erfassen. Zitternd vor Todesfurcht sah er grad einen Haufen glatten Weizen auf einer Tenne, er lie sich mitten hineinfallen und ward ein Weizenkorn. Ceridwen aber nahm die Gestalt einer schwarzen Henne mit hohem Kamm, flog zum Weizen herab, scharrte ihn auseinander, erkannte das Korn und verschlang es. Und, wie die Geschichte weiter sagt, sie ward schwanger von ihm neun Monate, und als sie von ihm entbunden wurde, so fand sie ein so liebliches Kind an ihm, da sie keinen Gedanken mehr hatte, es umzubringen. Sie setzte ihn daher in ein Boot, bedeckt mit einem Fell, und auf Anstiften ihres Mannes warf sie das Schifflein ins Meer am 29. April. Um diese Zeit stand das Fischwehr des Gwyddno zwischen Dyve und Aberystwyth bei seinem eigenen Schlosse. Es war herkmmlich, in diesem Wehre jedes Jahr am ersten Mai Fische von hundert Pfund Wert zu fangen. Gwyddno hatte einen einzigen Sohn, Elphin, den unglcklichsten und rmsten Jngling. Dies war ein groes Herzeleid fr seinen Vater, welcher nach und nach glaubte, da er zur Unglcksstunde geboren sei. Die Ratgeber berredeten inde den Vater, seinen Sohn diesmal die Reuse ziehen zu lassen, gleichsam zur Probe, ob denn irgend einmal ein gutes Schicksal seiner warte, und er doch etwas bekme, um in der Welt aufzutreten. Am nchsten Tage, es war der erste Mai, untersuchte Elphin die Reuse und fand nichts, doch als er wegging, sah er das Boot bedeckt mit dem Fell auf dem Pfade des Dammes ruhen. Einer der Fischer sagte zu ihm: So ganz und gar unglcklich bist du noch nicht gewesen, als du diese Nacht geworden, aber nun hast du die Kraft der Reuse zerstrt, worin man am ersten Mai jedesmal hundert Pfund Wert fing. Wie so? sprach Elphin, das Boot mag leicht den Wert von hundert Pfund enthalten. Das Fell ward aufgehoben, und der ffner erblickte den Vorderkopf eines Kindes, und sagte zu Elphin: sieh die strahlende Stirne! Strahlenstirne (Taliesin) sei denn sein Namen! erwiderte der Frst, der das Kind in seine Arme nahm und es seines eigenen Unglcks wegen bemitleidete. Er setzte es hinter sich auf sein Ro, als wenn es im bequemsten Stuhl se. Gleich darauf dichtete das Kind ein Lied zum Trost und Lobe des Elphin, und zu gleicher Zeit weissagte es ihm seinen knftigen Ruhm. (Die Trstung war das erste Lied, das Taliesin sang, um den Elphin zu erheitern, der ber sein Migeschick beim Reusenzug sich grmte, noch mehr, weil er dachte, da die Welt das Milingen und Unglck ihm allein zuschieben wrde.) Elphin brachte das Kind in die Burg und zeigte es seinem Vater, der es fragte: ob es ein menschliches Wesen oder ein Geist sei? Hierauf antwortete es in folgendem Liede. Ich bin Elphin's erster Hausbarde und meine Urheimat ist das Land der Cherubim; der himmlische Johannes nannte mich Herddin, zuletzt jeder Knig Taliesin. Ich war neun volle Monate im Leibe der Mutter Ceridwen, vorher war ich der kleine Gwion, jetzt bin ich Taliesin. Mit meinem Herren war ich in der hheren Welt, als Lucifer fiel in die hllische Tiefe. Ich trug vor Alexander ein Banner; ich kenne die Namen der Sterne von Nord nach Sd; ich war im Kreise des Gwdion (Gwydion), im Tetragrammaton; ich begleitete den Hean in die Tiefe des Thales Ebron; ich war in Canaan, als Absalon erschlagen ward; ich war im Hofe von Don, ehe Gwdion geboren wurde, ein Geselle des Heli und Henoch; ich war beim Kreuzverdammungsurteil des gnadenreichen Gottessohnes; ich war Oberaufseher beim Werke vom Nimrods Thurm; ich war die dreifache Umwlzung im Kreise des Arianod; ich war in der Arche mit Noah und Alpha; ich sah die Zerstrung von Sodoma und Gomorra. Ich war in Afrika, ehe Rom erbauet ward, ich kam hierher zu den berresten von Troja (d.h. nach Britannien). Ich war mit meinem Herrn in der Eselskrippe; ich strkte den Moses durch des Jordans Flu; ich war am Firmament mit Maria Magdalena. Ich wurde mit Geist begabt vom Kessel der Ceridwen; ich war ein Harfenbarde zu Teon (oder Lleon) in Lochlyn. Ich litt Hunger fr den Sohn der Jungfrau. Ich war im weien Berge (dem Tower in London) im Hofe des Cynvelyn in Ketten und Banden Jahr und Tag. Ich wohnte im Knigreich der Dreieinigkeit. Es ist unbekannt, ob mein Leib Fleisch oder Fisch. Ich war ein Lehrer der ganzen Welt und bleibe bis zum jngsten Tag im Angesicht der Erde. Ich sa auf dem erschtterten Stuhl zu Caer Sidin, der bestndig sich umdrehte zwischen drei Elementen; ist es nicht ein Weltwunder, da er nicht einen Glanz zurckstrahlt? Gwyddno, erstaunt ber des Knaben Entwickelung, begehrte einen anderen Gesang und bekam zur Antwort: Wasser hat die Eigenschaft, da es Segen bringt; es ist ntzlich, recht an Gott zu denken; es ist gut, inbrnstig zu Gott zu beten, weil die Gnaden, die von ihm ausgehen, nicht gehindert werden knnen. Dreimal bin ich geboren; ich wei, wie man nachzudenken hat; es ist traurig, da die Menschen nicht kommen, all die Wissenschaften der Welt zu suchen, die in meiner Brust gesammelt sind, denn ich kenne alles, das gewesen, und alles, das sein wird. * * * * * Diese Geschichte des Taliesin ist einmal der Stufengang des Lehrlings bis zur hchsten Weihe, sodann die Geschichte des geheimen Ordens vom Kessel der Ceridwen und endlich die Naturgeschichte selbst. Gwyddno ist offenbar der hchste Einweiher in das Mysterium der Ceridwen. Die Wasserfahrt war demnach ein Abbild der Fahrt des Hu und des Taliesin, die dritte Geburt, die jeder Eingeweihte erfahren mute, wie der Meister des Ordens Taliesin. Der zweiten Geburt gingen manche schwere Prfungen voraus, und von der ersten oder natrlichen Geburt bis zur zweiten war der Mensch als ungestaltet und schwarz angesehen, nach seinem Vorbilde, dem Avayddu, bis ihm nach jahrelangem Unterricht die drei Lebenstropfen zu Teil wurden, bis der Durst nach Wissenschaft bei ihm eintrat. Dagegen Ceridwen ist Wrach, oder Hexe, eine Furie, sie ist die Materie, die gewaltsam ihr Teil vom erwachten Geiste zurckfordert, sie ist der Tod, und ihr Kessel oder Schiff die Erde, worin der Mensch begraben wird. Sie ist die Mutter Natur, die das hilflose und ungeistige Kind (Avayddu) zur Schnheit, d.h. zur Geistigkeit entwickelt, dieser Entwickelung Bild ist der jahrelang kochende Kessel, aber der erwachte Geist entflieht der Materie, er kennt ihre Nachstellungen und entkommt ihr. Gwion ist dieser erwachte Geist, und heit nicht mit Unrecht der kleine, nmlich der Jngling, der in die Schule der Druiden geht. Seine Verwandlungen sind eben so viele Luterungen, bis er als reines Weizenkorn von der schwarzen Henne, von der Mutter Erde aufgenommen wird. Nun ist er leiblich tot, bei seiner ersten Wiedergeburt tritt er in einen hheren Grad geistiger Wirksamkeit ein. Die erste Wiedergeburt geschah durch feierliches Hervortreten aus dem Cromlech, der etwa bildlich der Kamm der schwarzen Henne war. Die dritte Geburt des Lehrlings war an das Wiederaufleben der Erde, an den ersten Mai geknpft, also durch die Frhlingsnachtgleiche bedingt. Wie tief diese Mysterien gegrndet und wie viel umfassend ihre Lehren gewesen, zeigt nicht nur die Menge der dabei beteiligten Wesen, sondern auch deren weitgreifende Verwandtschaft durch die ganze Sage, und mu jeden zu dem Gestndnis ntigen, da von dem groen Lehrgebude des Kesselordens uns nur wenig erklrlich und verstndlich geblieben. * * * * * Diese Beispiele aus dem reichhaltigen Inhalt der keltischen Bardendichtungen mgen gengen, um das Urteil Mones zu verstehen, der seine Mitteilungen daraus mit den Stzen schliet: Es ist eine weite Aussicht, die sich uns erffnet, eine vielgestaltige Welt, an deren Thoren wir stehen, ein heiliger Tempelkreis, in den wir treten. Wir mssen mit reinem Herzen, das nicht auf Schlechtigkeit ausgeht, mit gelehrigem Geiste, dem nicht Hochmut und Vorurteil das hhere Licht verschlossen, kommen, wie Arthur und Cri, die in das Heiligtum aufgenommen wurden. Unglauben, wie er auch durch Unverstndigkeit beschnigt wird, zerstrt ebenso die Einsicht in das geistige Leben der Vorwelt, als der Glauben ohne Grndlichkeit, der, wenn er in der Nacht des Altertums einige Lichter erblickt, nun frohlockend meint, es bedrfe nur seiner Ansicht und Einbildung, um aus den zerstreuten und von ferne gesehenen Lichtern der Mitwelt einen Tag hinzuzaubern, wie er im Altertum gewesen. Bewahre sich vor beidem, wem es um die Sache ernst ist! Man braucht in sie weder Liebe noch Ha hineinzutragen, _da Ein Ergebnis, das nicht mehr bestritten und bezweifelt werden kann, mehr als hinreichend ist, uns gerecht im Urteil zu machen, dieses nmlich, da mit dem nordeuropischen Heidentum, vorzglich mit dem deutschen und keltischen, eine groe Menge und Tiefe der Wissenschaften der Vorwelt verloren gegangen ist_. Zweite Abteilung. Der Occultismus der Germanen. Unsere Aufgabe, den Occultismus der Germanen darzustellen, wrde eine sehr komplizierte sein, wenn wir uns dabei genau an die _Entwicklungsgeschichte_ der germanischen Mythologie halten und die Vorstellungen und Bezeichnungen der einzelnen germanischen Stmme getrennt halten wollten. Die kritische Forschung ist in dieser Richtung noch keineswegs zu allgemein anerkannten Ergebnissen gelangt. Unsere Quellen ber die vorchristliche Zeit sind uerst drftig. Erst die _nordische_ Forschung, insbesondere die durch die Edda angeregte, hat uns reichhaltigeren Stoff gebracht. ber diese aber uert sich wohl mit Recht _Golther_, Gtterglaube und Gttersagen der Germanen, S.1, dahin: Gerade diejenige Gtterlehre, welche im Aufbau abgerundet und vollkommen, von erhabenen Gedanken erfllt, von sittlicher Anschauung getragen erscheint, die norwegisch-islndische, die auch den Deutschen und berhaupt einmal allen Germanen angehrt haben sollte, gilt jetzt vielmehr als eine eigentmliche Neuschpfung der Nordleute, als der letzte krnende _Abschlu einer Entwicklung_, an deren Anfang eine irrige Ansicht sie gestellt hatte. Dennoch ziehen wir es vor, unseren Lesern diesen Abschlu der Entwicklung zu bieten, anstatt ihn mit zweifelhaften Hypothesen darber zu behelligen, wie viel von dem hier Gebotenen zur Zeit Csars, oder zur Zeit der Vlkerwanderung bei dem oder jenem Zweige der germanischen Vlkerfamilie schon ausgebildet gewesen sein mag. Denn jedenfalls ist im _Keime_ mehr oder weniger Alles, was uns die Edda in vollendeter poetischer Ausgestaltung bietet, bei den Germanen gemeinsames Stammgut gewesen. Erstes Kapitel. Die Weltschpfung der Edda. Yggdrasil. Die germanische Mythologie verleugnet ihren uralten arischen Ursprung nirgends, es finden sich sogar Anklnge an die altindische Weltanschauung, die grte Verwandtschaft aber bezeugt sie zu den Glaubenslehren der Perser. Denn der Dualismus eines bsen und guten Weltprinzips, ewiger Kampf zwischen Licht und Finsternis kennzeichnet die germanische Weltauffassung nicht minder wie die persische; nur da sich in der Ausprgung derselben im Einzelnen berall ein _besserer_, heroischer und poetischer _Typus_ bewhrt, dem man auch anmerkt, da frhzeitige Auswanderung in die nordischen Breiten Europas ihn vor der unreinen Infektion mit dem schlechten Asiatismus bewahrte, der die Perser als Magismus entnervt hat. Als einheitliches Weltprinzip waltet auch _ber_ dem Dualismus _Allvater_, der fr die Ewigkeit den Sieg des Guten verbrgt, wenngleich er, hnlich dem persischen Urgeist +Zaruana akarana+ sich aus der zeitlichen Schpfung zurckzieht und diese Welt dem Kampf der unteren, selber vergnglichen Gtter berlt. Lassen wir den Skalden (der Edda) die Schpfung schildern: Abgrund (Ginnungagap) war, und war nicht Tag und war nicht Nacht, und der Abgrund war ghnende Kluft, ohne Anfang und ohne Ende. _Allvater_, der Ungeschaffene, Unangeschaute, wohnte in der Tiefe und sann, und was er sann, das ward. Da entstand nordwrts im Unermelichen, wo Finsternis ist und Eisesklte, _Niflheim_ (Nebelheim) und sdwrts _Muspelheim_ (Glutheim), feurig glhend von unendlichen Gluten. In Niflheim that sich auf der Brunnen Hwergelmir, der brausende Kessel, und daraus ergossen zwlf Hllenflsse (Eliwagar) ihre eiskalten Wogen. -- _Das flssige Element ist der Urstoff der Welt._ -- Aber die wilden Wasser erstarrten bald in der grimmigen Klte zu Eis, und die Schollen rollten bereinander und hinunter in die unermeliche Kluft und weiter sdwrts gen Muspelheim. ber ihnen brausten, die Eisberge aufwhlend Sturmwetter von Niflheim her; doch strahlte wohlthtige Wrme von Glutheim herber in Ginnungagap, und wie die wallenden Schollen davon erweicht wurden, da belebte sich, was vorher ohne Leben war, und es entstand ein Ungeheuer, ein roher und ungeschlachter Riese; Ymir nannten ihn die Alten, d.h. den Tosenden; er war zweigeschlechtig, entsetzlich dem Anblick. Er schuf aus eigener Kraft andere Ungetme, die ihm glichen, die Hrimthursen oder Frostriesen (Eisriesen, Reifriesen). Unter des Reifriesen Arm, Rhmt die Sage, Wuchsen Mann und Magd; Des Joten Fu mit dem Fu erzeugte Den sechshuptigen Sohn. _Ungeheure und ungefge Naturgewalten herrschten in der Urzeit der Welt._ Zugleich mit Ymir war aus dem schmelzenden Eise eine groe Kuh entstanden, _Audhumla_ (die Milchreiche). Aus ihren Eutern rannen vier Milchstrme, Nahrung spendend dem schrecklichen Ymir und den Hrimthursen. (Er ist die _allnhrende Natur_.) Sie fand nicht andere Weide als an dem Salze der Eisfelsen, die sie leckte. Darauf erschienen von ihrem Lecken am ersten Tage Haupthaar, am zweiten das Haupt, am dritten das ganze Menschengebild. Es war Buri oder Br (der Geborene), die erste _geschaffene, geistige, vollkommene Gestalt_, welche sich nun mit der rohen Naturkraft vermhlt und den Geist ordnend und regierend hervortreten lt. Er erzeugt nmlich mit der Hrimthursentochter _Bestla_ drei Shne: Odin (Geist, beseelende Lebenskraft), Wile (Verstand und Willen), We (Empfindung und Gefhl). Sofort entbrennt zwischen diesen Shnen des Br und dem Ymir ein Kampf; Ymir wird erschlagen und in seinem Blute ertrinken alle anderen Hrimthursen, bis auf einen, _Bergelmir_, der sich mit seiner Familie (wie Noah) auf einem Boote rettet und Stammvater der Jtunen wird, eines Riesengeschlechts, das im fernen Osten haust. Die neuen Alleinherrscher, Brs Shne, die sich _Asen_ nannten, d.h. Sttzen und Pfeiler der Welt, schufen nun nach _Allvaters Willen_, aus Ymirs Fleische die Erde, aus dem Blute die See, aus den Gebeinen die Berge, aus dem krausen Haare die Bume. Die Hirnschale wlbten sie hoch empor zum Himmelsgewlbe, unter dem als Gehirn das Gewlke schwimmt. Dann bauten die Asen aus des Riesen Brauen Midgard (das Reich der Mitte) zur Wohnung den Menschenkindern, die noch ungeboren im Schoe der Zeit schliefen, wie es im Grimnismal der lteren Edda heit. Denn noch herrschte die Allmutter Nacht, eines Riesen Tochter und dunkel wie das Riesengeschlecht. Flammende Funken von Muspelheim sprhten irr und wirr durcheinander; denn die Sonne wute nicht ihren Sitz, noch der Mond seinen Malweg, noch die Sterne ihre Sttte. Die Asen wandelten die Lichtfunken in Sterne und festigten sie am Himmelsbogen, die dunkle Nacht aber hob Allvater zum Himmel empor und gab ihr das Ro Hrimfaxi (Reifmhne), von dessen Gebi reichlich Tau in die Thler rinnt, damit es ihren dunklen Wagen ziehe, wenn sie ber das Weltall fahrend den duldenden Wesen Schlummer bringt. Ihrem dritten Gatten Dallinger (Dmmerung), der von Asen stammte, gebar sie den glnzenden Tag. Zu dieser Zeit wuchsen auf in der Halle des Vaters, der Mundilfri (Achsenschwinger) zwei liebliche Kinder, Sol (Sonne) und Mani (Mond). Als sie zur Jugendblte heranreiften wunderte sich alle Welt ber ihre Schnheit, und der Vater in seinem Stolze verglich sie mit den seligen Gttern. Aber die Asen, dem bermute zrnend, nahmen die blhenden Geschwister von der Erde weg, damit sie am Himmel in schnerem Glanze leuchten mchten. Also fhrt Sol im Sonnenwagen, den die Asen von Muspels sprhenden Funken erbauten. Zwei edle Hengste, Armaker (Frhwach) und Alswider (Allgeschwind), ziehen ihren feurigen Wagen, dessen Gluten der Schild Swalin (Khlung) dmpft, damit nicht vor der Zeit Himmel und Erde in Flammen vergehen, denn Berge und Brandung verbrannten gewi Vor der glhenden Gottheit der Sonne, Fiel er davor herunter. (Grimnismal der Edda.) So folgt die schne Sol dem lichten Tage, wenn er, Liebesworte mit ihr tauschend, durch die Wogen des Himmels eilt. Skinfaxi (Lichtmhne), das edle Ro, zieht des Gebieters goldenen Wagen in raschem Fluge dahin und seine Mhne erleuchtet Luft und Erde. Der dunklen Nacht folgt Mani mit dem Mondwagen. Als er nun einstmals ber ein des Waldland hinfuhr, sah er zwei Kinder, Bil (die Schwindende, der abnehmende Mond) und Hyuki (der Belebte, der zunehmende Mond). Sie trugen schwere Wassereimer und schienen ganz erschpft. Doch schleppten sie die Last mhsam fort, weil ihr harter Vater sie noch in spter Nacht zur Arbeit zwang. Mitleidig umfing sie Mani mit seinen Strahlen und nahm sie zu sich in seinen himmlischen Wagen, wo man sie noch von der Erde aus sehen kann. Sol und Mani drfen in ihrem Fluge nicht weilen; denn der grimmige Wolf Skll verfolgt sie durch die Himmelsrume, bis sie sich am Abend in die Fluten des Meeres birgt, und der entsetzliche Hati jagt dem Meere nach. Wenn die Wlfe der ersehnten Beute nahe kommen, so erblassen die leuchtenden Himmelsbewohner und verlieren ihren Schein, das nennen unkundige Menschen Sonnen- oder Mondfinsternis. Den schrecklichen Hati gebar und mstet mit andern Wlfen seiner Art ein Riesenweib, das weit stlich in Jarwider sitzt und Gttern und Menschen ein Grauen ist. Von ihrer Brut ist Managarm (Mondhund) der furchtbarste, der einst am Ende der Tage den Mond wrgt und die Sle der Himmlischen mit Blut bespritzt, wie es in der dunklen Orakelsprache der Vlnspa heit: stlich sa die Alte im Eibengebsch Und fttert dort Fenrirs Geschlecht, Von ihnen allen wird eins das schlimmste: Des Mondes Mrder bermenschlicher Gestalt. Ihn mstet das Mark gefllter Mnner, Der Seligen Saal besudelt das Blut. Der Sonne Schein dunkelt im kommenden Sommer, Alle Wetter wten: wit ihr, was das bedeutet? Linde Lfte bringt suselnd Swasuder (Sanft-Sd) holdselig von Angesicht; sein Sohn ist der blumenbekrnzte Sommer. Doch folgt ihm bald der grimmige Riese Windswaler, mit dem Winter, seinem Erzeugten. Die ziehen fort und fort nacheinander durch alle Zeiten, bis die Gtter vergehen. Auch sitzt am Ende des Himmels der ungeheure Riese Hrswelger (Leichenschwelger) im Adlerkleid und schlgt die Schwingen, davon der Sturmwind ber die Vlker der Erde tost. Hrswelg' nennt sich, der an Himmels Ende sitzt Im Adlerkleid ein Jtun. Mit seinen Fittichen facht er den Wind, ber alle Vlker. (Edda, Vasthrudnismal.) Wir sehen, da die Sonne frher auch bei den Germanen als mnnliches Wesen personifiziert wurde; inde erscheint an Stelle Sols schon frhzeitig die weibliche _Sunna_. * * * * * Allvater, fhrt die Sage fort, wohnte in der Tiefe und sann, und was er sann, das ward. Da erstand, unberhrt von der Faust dieser Gewalt, die Esche Yggdrasil, der Baum der Welten, der Zeiten und des Lebens. Ihre Zweige breitet sie aus bis in den Himmel, ihr Wipfel berschattet Walhalla, die Halle der seligen Helden. Drei mchtige Wurzeln nhren und tragen den Stamm; die eine reicht gen Niflheim; unter ihr herrscht ber das Reich der Schatten die bleiche finstere Hel, und da sprudelt der urweltliche Brunnen _Hwergelmir_, in dessen Tiefen die Geheimnisse der vorweltlichen Dinge verborgen ruhen, die weder Menschen noch Gtter noch Riesen zu ergrnden vermgen. Die andere Wurzel zieht gen _Jtenheim_, wo Mimirs Born quillt, in dem die Kunde von der Urwelt, von der Entstehung, dem Werden der Dinge sich birgt. Da sitzt _Mimir_ (Erinnerung), der weise Jote, und trinkt alle Tage von der Flut, die er mit Walhallas Pfande schpft. Denn er selbst, Odin, der sinnende Ase, kam einstmals zu dem Wchter des Brunnens, einen Trunk begehrend, und Mimir verlangte und erhielt dafr ein Auge des nach urweltlicher Weisheit sphenden Gottes zum Pfand. Die dritte Wurzel breitet sich gen _Midgard_ aus, der Sttte der sterblichen Menschen. Daselbst quillt und wallt das Wasser des _Urd-Borns_, der die Geheimnisse des Entstehens und Vergehens der _irdischen_ Dinge umschliet. Wenn die Vlker und ihre Herrscher die Tiefen ergrnden und den plaudernden Fluten lauschen wollten, wrden sie mit verjngter Kraft zu neuen Thaten schreiten. Auch ziehen in dem Brunnen zwei silberne Schwne ihre Kreise; die sind still und stumm, wie die Vergangenheit, die nicht gehrt, wie die Zukunft, die nicht beachtet wird. Dem Urd-Born entstiegen, sitzen am Ufer ernst und schweigend die drei Nornen: _Urd_ (Vergangenheit), _Werdandi_ (Gegenwart) und _Skuld_ (Zukunft). Sie spinnen und weben der Neugeborenen Fden, hrene und seidene und etliche von Gold, einen aber gen Norden, der unzerreibar, unentrinnbar des Lebens Leid bedeutet und den Niedergang zur Hel. * * * * * Der Mythus vom Weltbaum ist unverkennbar uralten arischen Ursprungs. Er erinnert an Platons Weltachse, +Republik X. 619+. Vgl. S.582 oben. Offenbar haben wir hier den indischen Lingam, dessen sinnbildliche Darstellung sich noch in der berhmten Irminsule, dem Heiligtum der Sachsen, das Karl der Groe zerstrte, wiederfindet. Der Todesgttin sind die Schicksalsschwestern verwandt. In grauer Urzeit geboren, wurden sie von Joten aufgepflegt, bis sie ans Licht des Tages traten und nun, am Urd-Born sitzend, den Wechsel der Zeit verkndigen. Sie begieen den Lebensbaum mit dem heiligen Wasser der Quelle, da er nicht der Fulnis erliege; aber sie wissen und verkndigen es auch, wie alles Leben dem Untergang sich zuneigt, dem auch die seligen Gtter nicht entrinnen knnen. -- An den Blttern der Weltesche zehrt der Hirsch Eikthyrner, gleichwie das umrollende Jahr an der Dauer der Welt und der endlosen Zeit; vier andere Hirsche, Dain und Dwalin, Dumaier und Durnthor, nhren sich von den Knospen und Sprossen, wie die Jahreszeiten Stunden und Tage verzehren und sie doch nicht mindern. Von Helheim herab aber bumt sich der Drache _Nidhggr_ und unzhliges Gewrm, die Wurzel benagend. * * * * * Knnen wir nichts thun, um den Lebensbaum zu schtzen? fragten einst Odin die anderen Asen. Gegen den groen Hirsch und die brigen gengt die Arbeit der Nornen, antwortete Jener, denn was die Schwche der Weltlenker und das bestndige Schwinden der erschaffenen Wesen dem Werke des Geistes schadet, das wird durch das Walten der Weltgeschichte ersetzt. Aber das Grundbel ist unheilbar; dem Werke klebt der vergngliche Stoff an. Zwar nur _eine_ Wurzel des Baumes steht in Niflheim, allein, wenn es Nidhggr erst gelungen ist, diese zu untergraben, so werden andere, geistige Feinde den Stamm leicht zum Wanken bringen. Gegen sie, welche bald hereinbrechen werden, habe ich einen treuen Wchter auf die Spitze des Baumes gestellt. Ihr seht dort meinen Adler horsten und zwischen seinen Augen sitzt ein Falke. So schaut er ohne Unterla mit doppelter Sehkraft aus. Damit er nie einschlummere, luft jenes Eichhrnchen bestndig am Stamme auf und ab. Sonderbarer Weise findet man auch im deutschen Aberglauben eine hohe Bedeutung des Tannenwipfels und eine Beziehung des Eichbaumes auf denselben. In dem sympathetischen Mischmasch (1715, S.82) und in den 138 Geheimnissen (Frankfurt und Leipzig 1726) heit es, der hchste Tannenzapfen am Baum mache schufrei und, wenn ein Eichhrnchen davon es esse, knne es auf keine Weise getroffen werden. Daher trage man auch solche Zapfen im Kriege bei sich, um schufest zu werden. (+W. Menzel, vorchristl. Unsterblichkeitslehre S.71.+) Nidhggr, fhrt Odin fort, lt dem Wchter keine Ruhe: denn der Lindwurm ist grimmig, da durch die Wachsamkeit des Adlers seinem dereinstigen Verbndeten und dadurch auch ihm das Werk erschwert wird. Wilde Lsterungen stt er deswegen unaufhrlich gegen die Asen aus; das Eichhrnchen hinterbringt sie dem Adler, der ihm krftige Drohungen zurckschickt. Der _Zorn_ ber die frevle Zerstrungswut hlt das Auge des Geistes wach gegen die nahende Versuchung; dieser Zorn wird aber nur unterhalten, wenn schnelle Gedanken bestndig zwischen Himmel und Erde hin und her eilen und Himmlisches und Irdisches gegen einander halten. Was der Adler nicht erschaut, das werden mir meine beiden Raben knden. Sie heien _Hugin_, d.h. der Gedanke und _Mimir_, d.h. Erinnerung. Tglich sollen sie _um_ die Welt fliegen und mir alles melden, was vorgeht. Gegen unsere zuknftigen Feinde bin ich gerstet; bisher beherrschte Liebe die Welt; von nun an mu Furcht hinzukommen. _Yggr_, d.h. Schrecken, wird bald mein Name sein, und der Baum, der mich getragen, heie Baum des Schreckens: Yggr drasil. Zweites Kapitel. Der Gtterhimmel der Germanen. Die Edda (Wluspa) schildert uns 12 Weltteile oder Himmelsfesten, die vermutlich den 12 Sternbildern des Tierkreises entsprechen. 1) _Midgard_, die Erde, ist schon genannt. Auf und ber der Erde ist 2) _Wanaheim_, der Wohnplatz eines jngeren Gttergeschlechts, in denen sich die Natur der Asen vermischte mit der Natur der Jtunen. Wahn war ihr Wesen, d.h. unbewutes Schauen und Sinnen. Man erklrt sie vielfach fr die Gtter des Gemts, der sinnlichen Triebe, einzelne halten sie auch fr die Gtter der Wasserwelt, unter deren Herrschaft das Meer und die Flsse standen. Unter der Erde ist 3) _Schwarzelfenheim_, der Aufenthalt der von Loki geschaffenen Zwerge. Durch dieses gelangt man zum Totenreich, 4) _Helheim_, welches von 5) _Niflheim_ begrenzt wird. Sdwrts liegt das erwhnte 6) _Muspelheim_, wo Surtur mit dem Flammenschwert herrscht und Muspels Shne wohnen. ber Midgard im sonnenhellen Raum liegt 7) _Lichtelfenheim_, der Aufenthalt der Lichtelfen, Zwerge, die sich von den Erdzwergen durch ihre lichte Hautfarbe unterscheiden und die Gefilde Asgards schmcken und fr die Asen arbeiten, wie die Erdzwerge fr Widar und Hdur. ber diesem aber wlbt sich 8) _Asgard_, die Burg der Asen, von Gold und glnzendem Gestein erglnzend und in ewigem Frhling grnend. Dieses trennt ein breiter Strom von 9) _Jtunheim_, dem Aufenthalt der zauberkundigen Joten. Daneben werden noch genannt 10) _Glidskialf_, der Hochsitz Odins, 11) _Gladsheim_ (Glanzheim), der Hof Odins, der auch Walhall umschliet, und 12) _Himmelsburg_, wo Heimdal wohnt, der Wchter der Gtter. Der hchste der Asen, der Gttervater, der nchst dem ungeschaffenen Allvater die von ihm geschaffene Welt whrend ihrer ganzen Dauer regiert, ist _Odin_, von Wolfgang Menzel treffend als eine Personifikation der Zeit und zugleich des absoluten freien Willens charakterisiert, ein Gott, der an sich weder gut noch bse, doch im Verlaufe der Zeitlichkeit mancherlei Unrecht verbt und schlielich nicht ohne Schuld den Untergang dieser Welt herbeifhren mu. Odin ist der deutsche _Wodan_, der Himmelsgott, gewhnlich _einugig_ gedacht; denn der Himmel hat nur _ein_ Auge, die Sonne; ein breiter Hut beschattet seine Stirn, die Wolke, sein Mantel ist blau mit goldenen Sternen bestickt. Die Rmer (Csar und Tacitus) identifizierten ihn mit Merkur; denn sie berichten, Merkur sei der hchste Gott der Germanen. Dies wird nur erklrlich, wenn man bedenkt, da bei den Rmern Merkur als Totenfhrer gilt. Ein _Fhrer der Seelen_ war aber auch Odin-Wodan; denn die Seele dachte man sich als ein luftartiges Wesen. Nach dem Tode fhrt Odin sie in sein luftiges Reich. -- In dieser Eigenschaft als Luftgeist und Fhrer abgeschiedener Seelen hat Wodan sich am lngsten in der deutschen Volkssage erhalten. Es ist der im Sturm jagende Wode, der wilde Jger, der in lokalen Sagen noch jetzt als Hackelbaraud, Rodensteiner erscheint und das Gespensterheer ber die Wlder dahin fhrt. Whrend aber in den spteren vom Christentum beeinfluten Sagen die Seelenfhrung Odins einen unheimlichen Charakter angenommen hat, war sie im Heidentum vor allem eine Fhrung der heldenhaften Seelen. Odin ist der groe Heerfhrer. Gieb uns den Sieg, Heervater, flehten betend und opfernd die Frsten der Vandalen zu Wodan. In Odins Himmelsburg war ja auch Walhalla, eine ungeheuere groe Totenhalle, in die alle Knige, Helden und zur Waffenehre berechtigten freien Mnner nach ihrem Tode aufgenommen wurden, als die sog. Einherier (Genossen des Heeres, Waffenbrder). Sie werden an der Tafel, an der Odin allein Wein trinkt, sie aber Bier, von den schnen Walkyren (Totenwhlerinnen, Wunschmdchen) bedient, ziehen dann auch abwechselnd hinaus auf die Ebene Ida, um mnnliche Spiele zu treiben und miteinander zu kmpfen, weil ihnen schon im Leben Kampf immer das liebste gewesen. -- Auer der Walhalla gab es nach der Edda noch andere Himmel, einen der Frauen, der Jungfrauen und einen sehr groen fr das gemeine Volk. Nach Walhall gelangten nur Helden und diese auch nur, wenn sie im Kampfe gefallen waren oder sich auf dem Sterbebette wenigstens noch mit einer Lanze verwundet hatten. Derselbe Odin, der Fhrer der Helden, ist nur bezeichnend fr die germanische Schtzung der Dichtkunst -- es soll der Dichter mit dem Knig (Helden) gehen, -- noch der _Gott der Dichtkunst_, und wieder bezeichnend fr das Volk der Dichter und _Denker_, der Gott der Weisheit. Eigentmlich ist die Erzhlung der Edda vom _Dichtertrank_, in dessen Besitz Odin sich mit Unrecht und Arglist zu setzen wute. Die Asen und Vanen, d.h. vielleicht die sittlichen und physischen Mchte, hatten sich zu Anfang bekmpft. Es wurde aber zuletzt Frieden geschlossen, und dies geschah, indem beide Teile in ein Gef spuckten. Dieses Friedenszeichen schufen die Asen nachher in einen Mann um, namens Quasir, der so weise war, da er auf alle Fragen, die man an ihn richtete, Antwort zu geben wute. Quasir fuhr nun weit im Lande umher, die Menschen zu unterrichten und berall rhmte man seine Weisheit und seinen Verstand, so da sein Ruhm sich weithin verbreitete. Einstmals kam er zu zwei Zwergen, namens Fialar und Galar; diese waren neidisch auf seinen Ruhm, und tteten ihn deshalb. Sein Blut lieen sie in zwei Fsser rinnen, die Son und Boden hieen, und in einem Kessel, den sie Odrrer nannten. In dieses Blut mischten sie Honig, und daraus entstand ein herrlicher Met, welcher die Eigenschaft hatte, da er die, welche davon tranken, zu Dichtern und weisen Mnnern machte. Dieser Zaubertrank kam schlielich in den Besitz des Riesen Suttang, der ihn in einem Felsen, namens Huitberg verbarg. Er selbst kostete nicht einmal davon, denn er war zu geizig dazu. Seine Tochter, die schne Gunldi, stellte er als Wchterin bei dem Met und verbot ihr streng, davon etwas zu genieen. Davon hat die Dichtkunst auch die Namen: Quasirs Blut, Zwergtrank, Odreers oder Bodens oder Sons Na, Huitbergs Met oder Na. Odin hatte von diesem wunderbaren Getrnk gehrt, und obschon er selbst die Gabe der Dichtkunst und die Weisheit in einem hohen Grade besa, wollte er doch von diesem Met kosten, um noch weiser zu werden. Er machte sich daher auf den Weg nach dem Riesenlande, und zwar ohne alle Begleitung, und kam an einen Ort, an dem neun Riesen das Heu abmheten. Obgleich der mchtigste Gott, getrauete er sich doch nicht, die neun Riesen zu bekmpfen, und suchte daher durch List ihrer Herr zu werden. Er fragte sie nmlich, ob er ihnen mit seinem kostbaren Wetzsteine die Sensen wetzen solle, und die Riesen willigten ein. Odin nahm darauf einen Wetzstein aus der Tasche, und machte die Sensen darauf so scharf, da die Riesen darber sehr erfreut waren; aber nun wollten sie auch den Wetzstein haben. Odin sagte, wer ihn kaufen wolle, solle geben, was billig sei. Jeder sagte darauf, da er ihn kaufen wolle, und sie gerieten darber in Streit. Da warf Odin den Stein in die Luft, und nun griffen alle darnach, und sie kamen derart ins Handgemenge, da sie sich mit ihrem Eisen tteten. Odin setzte nun seinen Weg fort und kam des Abends zu einem Riesen, namens Bangi, einem Bruder Suttangs; er hatte hier wieder eine andere Gestalt angenommen und nannte sich Blwerk. Bangi, der den Gtterfrsten nicht erkannte, nahm ihn sehr gut auf, und erzhlte ihm, auf welche Weise er neun seiner Knechte verloren habe, und wie er nun nicht wisse, woher er Arbeiter nehmen solle. Da erbot sich Blwerk, bei ihm zu bleiben whrend des ganzen Sommers, und ebensoviel zu arbeiten, als die neun Knechte gearbeitet hatten; doch sollte ihm Bangi zum Lohne dafr am Ende des Sommers einen Trunk aus Suttangs Met verschaffen. Bangi antwortete, da er nicht Herr ber den Met sei, versprach ihm jedoch, mit ihm zu seinem Bruder zu gehen und diesen darum zu bitten, denn einen so tchtigen Arbeiter wollte er nicht so leicht wieder ziehen lassen. Whrend des Sommers arbeitete Blwerk fr neun; als aber der Winter herankam, verlangte er seinen Lohn. Beide begaben sich nun zu Suttang; Bangi erzhlte seinem Bruder, was Blwerk fr ihn gethan und was er ihm versprochen hatte, und bat ihn nun um einen Trunk von dem Dichtermet, aber Suttang schlug die Bitte geradezu ab, und sagte, da niemand von seinem Met kosten solle. Darauf sagte dann Blwerk zu Bangi, da sie es nun durch List versuchen mten, um den Met zu bekommen, und Bangi war damit zufrieden. Beide machten sich nun auf den Weg zu dem Felsen, in welchem der Dichtertrank eingeschlossen war. Als sie dort angekommen waren, zog Blwerk einen Bohrer hervor, der Rati genannt war, und gebot Bangi, mit diesem scharfen Bohrer den Felsen zu durchbohren. Bangi that es, und nach einiger Zeit sagte er, der Fels sei nun durchbohrt. Aber Blwerk blies in das gebohrte Loch, und da ihm die Sphne ins Gesicht flogen, merkte er, da ihn Bangi betrgen wolle. Er verlangte daher, da Bangi den Felsen vollstndig durchbohren solle, und er mute es thun. Als Blwerk nun wieder hineinblies, flogen die Sphne ins Innere des Felsens. Schnell verwandelte sich nun Blwerk in eine Schlange, und kroch durch das Loch. Bangi stie ihm den Bohrer nach, aber ohne ihn zu treffen. Als Blwerk nun in dem Felsen angekommen war, nahm er eine Gestalt an, in welcher er der Gunldi so auerordentlich gefiel, da sie ihm nichts verweigern konnte. Whrend dreier Tage und dreier Nchte blieb er in dem Felsen. Beim ersten Trank leerte er den Kessel Odrrer, beim zweiten das Fa Boden und beim dritten das Fa Son. Hierauf verwandelte er sich in einen Adler, flog eiligst davon, und lie die betrogene Gunldi in Verzweiflung zurck. Unterde hatte Suttang Kunde erhalten von dem, was geschehen war. Schnell verwandelte er sich ebenfalls in einen Adler, und flog ihm nach. Die Asen sahen Odin schon in weiter Ferne; sie bemerkten aber auch, da Suttang ihn verfolgte, und da Odin durch den in reichlichem Mae genossenen Met schwerfllig geworden. Sie setzten deshalb schnell Gefe in den Hof, in welche Odin, als er den Asgard erreichte, den Met ausspie. So gelangte Odin zu dem Dichtermet. Odin gab davon den Asen und allen guten Dichtern. Dies ist der Ursprung von dem, was wir Dichtkunst, Odins Fang oder Fund, oder der Asen Gabe und Trank nennen. So weit die Erzhlung in der jngeren Edda. In der Havamal wird dieselbe Mythe wenn auch nicht so vollstndig erzhlt, aber weit schner ausgeschmckt: Sobald es tagte, Gingen die Riesen In die erhabene Halle hinein, Und jeder fragte Und forschte den Blwerk, Ob die Mher mit ihm Gekommen seien. Lange hielt ich, Was ich versprach, Und vollendet die Arbeit So gut als einer, Da nichts gebrach. Darauf sucht er Suttang Zu berlisten Beim frhlichen Mahl, Allein er mute noch Gunldens Thrnen kosten. Gunlde reichte Im goldenen Keller Mir einen Trunk Des kostbaren Mets dar, Aber mit Schmerzen Vergalt ich ihn Ihrem heiligen Herzen Ihrem zchtigen Sinn. ber Flsse mut' ich schwimmen, ber Felsen mut' ich gehen; Oben und unten Hab' ich der Riesen Wege gefunden, Und setzte da meinen Kopf auf's Spiel. Nun hab' ich zum Dank Den teuren Trank. Ihn werden die Weisen Ein Kleinod heien. Aus ihm entsprang Lied und Gesang Im Himmel und auf Erden. Niemals wrd' ich Den Riesenhhlen Entkommen sein, Htt' ich nicht Gunlde, Das gute Mdchen, Umarmt und geliebkost. * * * * * hnlich raubt nach _indischen_ Mythen der Gott Indra den im Wolkenberge gefesselten Met und bringt ihn in Falkengestalt zu den Sterblichen. Ich weiß«, so spricht in einer der _rtselhaftesten_ und tiefsinnigsten Dichtungen der Edda Odin, da ich hing am Baume der Welt neun lange Nchte, vom Speer verwundet, den Odin geweiht, ich selber mir selbst. Am Baume hing ich, des Wurzel keiner kennt. Man bot mir nicht Brot noch Trank. Da, in die Tiefe sphend, empfing ich Runen und sank vom Baume nieder. Vom Ahn, dem Urriesen, lernt' ich der Lieder neun, und trinkend den Mut aus Odrrers Born, gewann ich Gestalt und Bildung und begann zu denken. Wort aus dem Wort verlieh mir das Wort; Werk aus dem Werk verlieh mir das Werk. -- Runen sollst Du finden, o Menschenkind, Ratstbe, mchtige Stbe, die Gtter schufen, und die der allwaltende Herrscher eingeschnitten hat. Er schnitt sie ein zur Richtschnur den Vlkern, dann entwich er von wannen er wiederkehrt. -- Dieser Mythus wird von Mannhardt folgendermaen gedeutet: Der sinnende Gottesgeist, -- Odin, -- schwebt am Weltbaum auerweltlich ber der zeitlich-materiellen Welt. Er blickt nieder in die Tiefen der Schpfung und sucht Runen, d.h. die Eigenart, die Wesenheit der Dinge zu erforschen. Er leidet Pein: vom Speer verwundet, ohne Brot und Trank neun lange Nchte. Denn jede Geburt bringt Schmerz und bedarf der Zeit, um zu reifen. Wie er die Runen erkennt und erfat, sinkt er herab, er sich selbst zum Opfer bringend. Der Geist taucht in die unbeseelte Materie, wird innerweltlich, wchst und gedeiht im endlosen Leben durch das Leben, Wort aus dem Wort und Werk aus dem Werk. Er durchdringt und beherrscht die Welt, da er aller Dinge eigenste Art erkannt hat. Er beherrscht sie durch Lieder, welche die Runen lebendig, zauberkrftig machen; denn neun Hauptlieder hat er von dem urweltlichen Riesen erlernt und hat von Gunlds Wundermet getrunken. Es ist die Sprache des Gesanges, die, wie in der hellenischen _Orpheussage_ nicht blo das menschliche Gemt, sondern sogar leblose, unbeseelte Dinge belebt. -- Der _runen_kundige Gott ist zugleich der _Zauberkundige_. Eins der ltesten altdeutschen Sprachdenkmale ist jener Zauberspruch: +phol unde uudan+ -- Phol (Balder) und Wodan +uuorum zi holza;+ -- fuhren ins Holz. +d uuart demo balders uolon+ -- da ward des Balders Fohlen +zin uuoz birenkit:+ -- sein Fu verrenket; +thu biguolen sinthgunt+ -- da besprach ihn Sintgunt +Sunn, er suister+ -- und Sonne, ihre Schwester; +thu biguolen uudan+ -- Da besprach ihn Wodan, +s he uuola conda:+ -- Wie er wohl konnte; +sse bnrenki+ -- So die Beinrenkung, +sse bluotrenki+ -- So die Blutrenkung. +sse lidirenki.+ -- So die Gliederrenkung. +bn zi bna+ -- Bein zu Beine, +bluot zi bluoda+ -- Blut zu Blute, +lid zi geliden+ -- Glied zu Gliedern, +sse gelmida sn.+ -- Als ob sie geleimet seien! * * * * * Sogar zu Mimirs Born war Odin hinabgestiegen, um den Grund aller Dinge zu erfahren. Heimlich fuhr er dahin und begehrte einen Trunk aus Mimirs Born. Aber der Riese verlangte dafr ein Auge des Gottes. So gro war dessen Durst nach Erkenntnis, da er das eine Auge dafr gab. Mimir hatte vordem wohl Kunde von den _ltesten_ Zeiten gehabt; allein die Einsicht in das Geschehende hatte ihm gefehlt; von nun ab benutzte er das Auge Odins als Trinkhorn, und aus des _Geistes Auge trank er Einsicht vom Quell des Gedchtnisses_. -- Odin aber kehrte grbelnd und sinnend zurck. Vieles war ihm klar geworden; doch sah er ein, da niemand Allvaters Ratschlsse aus der Natur endlicher Wesen erschlieen kann, und wenn er die Schpfung bis zum ersten Keimpunkt zurckverfolgt. Als die Asen ihn fragten, wodurch er sein Auge verloren, zeigte er auf die groen Lichter, welche Tag und Nacht erhellen, und Wit ihr, fragte er sie, warum nur _eine_ Sonne und _ein_ Mond an meinem Himmel steht? Seht, ihr Ebenbild schaut euch aus dem Gewsser entgegen. _Ein Auge des Himmels wacht ber der Welt; das andere ist versenkt in das Meer der Zeiten, in den Urstoff der Dinge._ Ein tieferer Sinn dieses Mythus vom _einen_ Auge Odins, dessen _anderes_ er bei Mimir zum Pfande lie, scheint mir durch die spekulative Hypothese vom transscendentalen Ich gegeben zu sein, die wir bereits bei Plato und Aristoteles berhrten, die Kant und endlich du Prel in der Lehre vom Doppel-Ich, dessen eine Hlfte im Transscendenten liegt, modernisiert hat. (Vergl. S.832 und 613 oben.) Nchst Odin-Wodan nehmen _Thor_ und _Loki_ die bedeutendste Stelle im germanischen Gtterhimmel ein. Thor, Thunaras, ahd. Donar, ist ebenfalls Himmelsherrscher, aber eine von dem hheren umfassenden Begriffe Odins abgespaltene Rolle, nmlich als Herr des Gewitters. Nach ihm trgt der Donnerstag noch heute seinen Namen. Auf einem von Bcken gezogenen Wagen fuhr er durch die Wolken dahin, der einschlagende Blitz war sein Gescho, gedacht als steinerner Wurfhammer. Sein Charakter vereint Kampflust und Gutmtigkeit; letztere lt ihn oftmals das Opfer von Trug und Lug werden. Ihm galt vor allem das Gebet und der Kriegsgesang der Germanen beim Auszug in die Schlacht. Nach Mone (S.404) ist Thor das bergewicht der allgemeinen organischen Lebenskraft ber die unorganische Materie oder mit anderen Worten der kmpfende Sonnenheld. Letzteres wrde uns begreiflich machen, warum die Rmer in ihm nicht nur ihren +Jupiter tonans+, sondern mehrfach auch ihren Herkules wiederzuerkennen glaubten. Er war ein Sohn Odins und der Erde, was ganz physikalisch durch die aus der Erde aufsteigenden Gewitterwolken gedeutet werden knnte. Er versinnbildlicht auch die Fruchtbarkeit, als zeugendes Prinzip; denn die blonde Sif, die Ernte ist sein Weib, nmlich im Sommer; im Winter heit sein Weib Jarasaxa (Eisenschwert oder Pflugschar). Kraft ist seine hervorstechendste Eigenschaft. Thrudheimr (Kraftwald) ist der Name seines Wohnsitzes, er wandert gern mit einem Tragkorb auf dem Rcken zu Fu einher, it und trinkt unmig, ist leidenschaftlich, und wenn er zrnt, schnaubt er in seinen roten Bart, da es wie Donner durch die Wolken schallt. Er ist der Hauptfeind des Riesengeschlechts. Als er einst schlief, -- im Winter ist seine Kraft abwesend--, stahl ihm der Riese Thrymr, der Starke, seinen Hammer (Mjllnir) und verbarg ihn tief in der Erde. Er wollte durch Vorenthaltung des Hammers sich die Gttin Freyja zur Frau erpressen. Auf Heimdallrs Rat legte nun Thor Freyjas Gewand an und nahm den listigen Loki, der sich als Magd verkleidet hatte, mit ins Thursenland, das Thrymr beherrschte. Von Thrymr sehnsuchtsvoll empfangen, fiel er diesem auf durch unmiges Trinken und Essen, einen ganzen Ochsen a er und acht Lachse und alle Kuchen, die den Weibern bestimmt waren. Da hob Thrymr seinen Schleier und prallte entsetzt zurck, da er Thors furchtbar funkelnde Augen erblickte. Doch gebot er, den Hammer zu bringen um die Braut zu weihen. Da lacht dem verkleideten Thor das Herz, als er seinen Hammer wiedersieht; er ergreift ihn, erschlgt den Riesenfrsten und zerschmettert das ganze Geschlecht. Mone findet in dieser Sage eine Anspielung auf die Idee der Wiedergeburt: da Heimdallr die Seelen zur Wiedergeburt der Frau (Freyja) berliefert, so mu Thor selbst eine Frau werden, wenn er (der Winterschlaf ist der Tod) wiedergeboren sein, d.h. zu seinem Hammer gelangen will. Einfacher und natrlicher scheint es mir, darin nichts anderes als das Erwachen des Frhlings zu finden. Noch schlft die Mutter Erde, Trumend vom Auferstehn; Da ruft ein mchtig Werde Der Gott; es mu gescheh'n. Er spaltet mit dem Hammer Des Eises starres Thor. Da tritt sie aus der Kammer, Brutlich geschmckt hervor. * * * * * _Loki_, der Endiger, von riesischer Abkunft, ist der Anstifter jeglichen Unheils bei Gttern und Menschen, scheinbar zunchst ein treuer Gefhrte der anderen Asen, schn wie Lucifer, hat er im Anfang der Zeiten mit Odin Blutsbrderschaft getrunken. Doch weil er vom Herzen eines bsen Weibes getrunken, ist er schwanger geworden und hat die Ungeheuer, den Fenriswolf, die Midgardschlange und die Totengttin Hel geboren. Er selbst pflegt sich unter den verschiedensten Verwandlungen zu zeigen, ein Geist, der stets dem Widerspruch und der Verneinung dient. Er heit auch Loptr (Luft) und Lodorr (Hitze); Funkenspiel und zitternde Luftbewegung bringt heute noch nordischer Volksglaube mit Lokis Namen in Verbindung. Loki ist das Feuer, das der Sturm aus dem Holze entfacht. Denn seine Eltern heien Farbauti, der gefhrlich Schlagende und Nal, Nadel am Nadelbaum. Loki ist es, der bekanntlich den _Balder_, diese reinste Lichtgestalt unter den Asen, den _guten_ Gott durch den blinden _Hdur_ tten lt, wie es die jngere Edda 49 schildert: Balder, der Gute, hatte schwere Trume, sein Leben sei in Gefahr. Da hielten die Asen Rat, um ihn zu schtzen, und Frigg, seine Mutter, nahm Eide von allen Elementen, Steinen, Pflanzen, Tieren, Krankheiten und Giften, da sie Balder verschonen sollten. Die Asen stellten darauf den Balder in die Mitte, warfen und schlugen nach ihm mit allen mglichen Werkzeugen und konnten ihn nicht verletzen. Loki aber, der die Gestalt eines alten Weibes angenommen hatte, lockte der Frigg das Geheimnis ab, ob ihrem Sohn doch vielleicht etwas schaden knne. Unvorsichtig vertraute ihm Frigg, von einer Mistel allein, die auf einem gewissen Baum wachse, habe sie keinen Eid genommen, da dieselbe ihr zu jung vorgekommen sei. Da pflckte Loki die Mistel ab und gab sie dem Hdur, der ein Bruder des Balder und von groer Strke, aber blind war. Als nun alle Asen schon versucht hatten, den Balder zu verletzen, sollte es auch der blinde Hdur versuchen; kaum aber berhrte er ihn mit der Mistel, so fiel der schne Bruder tot zu Boden. Seine Leiche wurde von den Asen in ein groes Schiff gebracht und verbrannt. -- Die Gtter entsandten Hermordr, einen anderen Bruder Balders, nach Hel, der Totengttin, um den Gestorbenen aus ihrer Macht zurckzulsen. Hel knpfte die Auslsung an die Bedingung, da alle Wesen, lebende und tote, um Balder weinen. Das thaten sie auch mit Ausnahme des Riesenweibes Tk, einer Vermummung Lokis, und somit konnte Balder nicht wieder zur Welt kommen. * * * * * Die Deutung dieses Mythus bietet viele Schwierigkeiten. Im allgemeinen kann Uhlands Erklrung, +Sagenforschungen I, 144ff.+ als die natrlichste gelten, der Balder als das Licht und den Sommer, den blinden Hdur als die Nacht und den Winter, Balders Tod als die Schwchung der Sonne in der Sonnenmitte, Nanna als die Pflanzenwelt, die mit dem Sommer stirbt, deutet. Aber unerklrlich steht die in der Druidenlehre so wichtige Mistel da. -- Nach Professor Kauffmann und Professor Golther haben wir es nur mit einer erst spt zur Gttersage umgewandelten Heldensage zu thun, die ursprnglicher und echter bei Grammaticus berliefert ist, wo Balder, ein Held, mit Kriegsmacht in das Land des Gevarus eindringt, um sich Nanna, seine Geliebte zu erkmpfen. Er fllt hier durch das Schwert Hothers, welches Mistilteinn heit. Dies Wort sei spter als Mistelzweig miverstanden. Inde erscheint mir diese Hypothese schon anticipatorisch bei W. Menzel, vorchristl. Unsterblichkeitslehre widerlegt zu sein. Wahrscheinlich ist doch, da der esoterische Kern der Mythe hnlich wie derjenige des Osiris- und Zagreus-Dionysios-Mysteriums die Wiedergeburt und die Wiederbringung aller Dinge betrifft. -- Die Asen wollten den Loki fr seine Frevel sofort tten. Aber Odin, der schon vorher den Tod Balders bei seinem Ritt nach Niflheim erkundet hatte, hindert die Ermordung Lokis. Er wei, da alles sich nach dem Schicksal erfllen mu, da Loki dereinst diese Welt zerstren wird, da aber in der darnach erstehenden neuen Welt Balder herrschen soll. Loki ward nun, wie sein Sohn, der Fenriswolf, gebunden mit einem Geisterbande. So lange diese Bande nicht reien, so lange besteht die Welt. Nach dem nordischen Glauben sind wir aber schon im sechsten Alter der Welt, eine Idee, die im ganzen Mittelalter Volksglaube war, wonach sieben Weltalter einander folgen sollen. Wenn Loki oder der Teufel wieder los wird, dann kommt das Ende der Welt. Erwhnung verdient unter den mnnlichen Asen neben _Hoenir_, _Uller_, _Bragi, dem Skaldengott_, _Aegir_, der die Ruhe des Meeres personificiert. In Aegirs durch Frieden geheiligter Halle sind die Gtter gern zu Gast und zechen; statt des erleuchtenden Feuers dient hier strahlendes Gold. Im Leuchten des windstillen Meeres mochte man, meint Uhland, den Glanz des versunkenen Goldes spielen sehen. Erwhnung verdient sodann noch _Freyr_, welcher die Sehnsucht des Mannes nach dem Weibe darstellt. Er wirbt lange vergeblich um _Gerdur_, deren Wesen am besten als weibliche Schamhaftigkeit bezeichnet wird, bis er schlielich mit Hilfe magischer Mittel, die sein Diener Skirnir anwendet, sie berwindet. Endlich ist noch _Heimdallr_ zu erwhnen, eine nordische Form des deutschen _Ziu_, der ber die Welt leuchtende. Auf den Himmelsbergen am Regenbogen, der als Brcke Himmel und Erde verbindet, ist sein Wohnsitz. Er htet diese Brcke, da diese bsen Riesen von der Erde nicht hinaufsteigen, um den Himmel zu strmen. Wie Loki das zerstrende, ist Heimdallr das erhaltende Prinzip. Nach W. Menzel vertritt er innerhalb der Zeitlichkeit die Beziehung zur Ewigkeit, die Fortdauer, das Leben der Menschheit berhaupt. Deshalb wird er auch unter dem Namen Rigr als Vater des Menschengeschlechts gedacht. * * * * * Unter den _weiblichen_ Gottheiten steht als Urgttin, als die groe Lebensmutter, an der Spitze _Frigg_, das Weib Odin-Wodans, von der der Freitag (+dies Veneris+) seinen Namen hat. Sie ist die Gttin der _Liebe_ und des _Kindersegens_. Als jngere Schpfung der islndischen Dichtung (nach Golther) steht ihr _Freyja_ zur Seite, die vielfach mit ihr verwechselt wird. Freyja ist das weibliche Seitenstck zu Freyr. Ihr Mann war Odr, ihr Saal heit Sarymnir, sie fhrt aus mit zwei Katzen, nimmt huldvoll die Bitten der Menschen auf und ist eine Freundin der Liebeslieder. Odr ist die strmische und feurige Begierde (dem Wort nach die Wut, der Sache nach die Geilheit), Freyja aber die Wollust, +Venus libitina+. Der gemeinsame Kinder, eine Tochter, heit Hno (Genu). Um den kostbaren Halsschmuck Brisingamen zu erwerben, gab sie sich dem Volk der Zwerge preis (+Venus pandemos+). Dagegen hat sie die Riesen, die eben so sehr nach ihr begehren, aber von Loki durch ein Wolkenbild getuscht werden. Wie Venus (+libitina+) ist sie auch eine Todesgttin, welche die Gestorbenen mit Odin teilt, und weil sehr viele den Tod der Wollust sterben, d.h. die Lust genieen, so heit ihre Wohnung Flkwngar (Volksaufnahme). Freyja selbst dagegen kann gar nicht sterben; es heit vielmehr, sie wird alle Gtter berleben. W. Menzel erklrt sie daher als die _Sonne_, welche nach dem Weltende wieder scheinen soll, also in Ewigkeit fortdauert, wenn Odin mit allen Asen lngst todt sind. Sie heit auch Mardll, Gefen (Hingebung), Hrn (Hure). Durch den durch ihre Buhlerei mit den Zwergen erworbenen Halsschmuck fesselte sie ihren Gatten ganz an sich, bis er einmal erfuhr, um welchen Preis sie denselben erlangt hatte, worauf er sie entrstet verlie. Als sie erwachte, fand sie ihn nicht mehr, aber auch ihr Halsschmuck war verschwunden und im tiefsten Jammer suchte sie nun den entflohenen Gatten alle Lnder durchirrend. Die Thrnen, die sie weinte, wurden Perlen und Gold. Endlich nach langen Jahren fand sie den Gatten wieder, er gab ihr den Schmuck zurck und nahm sie wieder zu sich, weil er in der ganzen Welt keine Schnere gefunden. Als umherirrende Bertha erkennt man sie in den deutschen Sagen wieder. Als Frhlingssonne wird Freyja zur _Ostara_, die wir am besten durch F. Dahns schne Verse charakterisieren: Es kam der Hirt vom Anger und sprach: Der Lenz ist da; Ich sah sie in den Wolken, die Gttin Ostara; Ich sah das Reh, das falbe, der Gttin rasch Gespann, Ich hrte, wie die Schwalbe den Botenruf begann. Es brach das Eis im Strome, es knosp't der Schlehdornstrauch; So grt die hohe Gttin, grt sie nach altem Brauch! Da zieh'n sie mit den Gaben zum Hain und zum Altar, Die Mdchen und die Knaben, der Lenz von diesem Jahr; Das Mdchen, das noch niemals im Reigentanz sich schwang Und doch vom Knabenspiele schon fernt ein scheuer Drang. Der Knabe, der noch niemals den Speer im Kampfe schwang Und dem der Glanz der Schnheit doch schon zum Herzen drang. Sie spenden gold'nen Honig und Milch im Weihegu Und fassen und umfangen sich in dem ersten Ku; Und durch den Wald, den stillen, frohlockt es: Sie ist da! Wir gren Dich mit Freuden, o Gttin Ostara! * * * * * Prof. Kaufmann freilich (deutsche Mythologie S.106) behauptet, da von einer Gttin Ostara in der berlieferung des Altertums eine Spur nicht zu finden sei. Dagegen berichtet uns die Edda von _Iduna_, der vorwissenden Gttin, da sie von der Esche Yggdrasil, die sie mit ihrem heiligen Wasser zu bethauen pflegte, herabgesunken sei. Schwer vertrgt sie Dies Niedersinken, Unter des Laubbaums Stamm gebannt, Nicht behagt es ihr Bei Nrvis Tochter (der Nacht) So lange gewhnt An heitere Wohnung. Auch Iduna ist nichts anderes, als die immer wiederkehrende (+id+= wieder) Sonne. Nachdem die Asen vergebens alle Mhe erschpft haben, Iduna zum Himmel zurckzurufen, sagt die Edda (im Rabenzauber) weiter, will Odin die Asen nicht schlafen lassen, sondern versammelt sie noch in der Nacht zu neuer Beratung. Aber Nrvi, der Vater der Nacht, schlgt mit dorniger Rute (dem Schlafdorn) die Vlker ringsumher, und auch die Asen nicken unwillkrlich ein, selbst der Wchter Heimdallr wird schlaftrunken. Am Morgen aber geht die Sonne prchtig am Himmel auf, die Nacht entflieht und froh und erfrischt steigt Heimdallr wieder zu den Himmelsbergen. Iduna verwahrt wunderbare pfel, von denen die Gtter essen, um sich ewig jung zu erhalten. Einst hatte mit Lokis Hilfe der mchtige Riese Thiassi Iduna nebst ihren pfeln geraubt. Da fingen die Gtter smtlich zu altern an und zwangen Loki, um jeden Preis die Iduna mit ihren pfeln zurckzubringen. Er unternahm es, indem er als Falke in Thiassis Wohnung flog, Iduna in eine Nu verwandelte und sie in seinen Klauen forttrug. Zwar verfolgte ihn der Riese Thiassi, als Adler, die Gtter aber hielten ihn durch ein Feuer auf, worin er verbrannte. Uhland deutet diesen Mythus, indem er unter Thiassi, der alles kleben d.h. gefrieren macht, den Winter, unter Iduna und ihren pfeln die Vegetationskraft, das Naturleben versteht, welches im Winter verschwindet, und unter dem Falken den heiteren Frhlingshimmel, unter der Nu den Keim der wiederverjngten Pflanzenwelt. Darum liebt man es noch heute, den Tannenbaum am Weihnachtsfest, der winterlichen Sonnenwende, mit vergoldeten Nssen zu schmcken. Die pfel erinnern an die von Herakles den Hesperiden geraubten pfel, die Athene wieder in den Garten derselben zurckversetzt. Auch Athene ist das ewige, jungfruliche Licht der Sonne, und W. Menzel (vorchristl. Unsterblichkeitslehre S.99) glaubt sogar auf den Gleichklang der Namen Iduna, Athene aufmerksam machen zu sollen. Drittes Kapitel. Gtterdmmerung und Wiedergeburt. Die eigenartigste Idee der altgermanischen Glaubenslehre ist die Gtterdmmerung oder _Ragnark_ (der letzte Weltbrand). Gemeinsame berzeugung aller deutschen Vlker war, da Welt, Vlker und Menschen dereinst im Feuer untergehen werden, um einer neuen besseren Weltschpfung Platz zu machen. Dieser Glaube an einen Weltuntergang findet sich freilich auch bei andern Rassen, aber der germanische Weltuntergangsglaube hat einen _heroischen_ Charakter. Unsere Vorfahren meinten nmlich nicht, sie wrden wie Schafe im Stalle verbrennen, sondern mitten im Brande wollten sie noch kmpfen. Nun lese mit Bedacht der Nibelungen Not, schreibt Mone, a.a.O. S.447, wenn man schaudert ber einen nicht durch Zufall, sondern durch Freiheit herbeigefhrten Untergang, so mu man erstaunen ber die Unerschtterlichkeit der Heldenseelen, die der Edelmut ihres Feindes bis zu Thrnen rhrt, die aber vor keinem Tode, vor keiner Qual zittern, die durch Not wohl bis zur Grlichkeit getrieben werden, da sie das Blut der gefallenen Feinde trinken; die aber, weit entfernt sich der Feigheit und Verzweiflung zu berlassen, lachend den Tod verhhnen, und bis auf den letzten Hauch ihren Mut bewahren. _Ist je eine Religion geeignet, allem Schicksal Trotz zu bieten, ist je der Satz der Freiheit zu einer durchdringenden und groartigen berzeugung geworden, so ist es im deutschen Glauben geschehen, wo die Welt aus Gottes Freiheit hervorgegangen und darum durch ihre eigene Freiheit zertrmmert wird. Kein europisches Volk, selbst die Griechen und Rmer nicht, haben einen Volksglauben von dieser Gre aufzuweisen._ Der Anfang des Endes wird der Fimbulwinter sein, da fllt Schnee von allen Seiten, groe Klte, scharfe Winde, kein Blick der Sonne, so folgen drei Winter nacheinander. Dann folgen drei Jahre voll Krieg, die Menschen bringen sich untereinander um, der Bruder schont des Bruders, der Vater des Sohnes nicht. Brder werden streiten Und einander morden; Verwandte werden durch Das Blutbad sich trennen. Es wird hart in der Welt! Der Ehebruch waltet Im Zeitalter der Beile, Der Schwerter, Wo Schilde krachen. Es kommt die Windzeit, Die Wolfszeit, Ehe die Welt vergeht. Kein Mann wird sein, Der das andere schaut. Dann verbrennt die Weltesche Yggdrasil, die groe Achse, die Erde und Himmel zusammenhlt. Doch lassen wir die Edda selber reden: Hrymr fhrt von Osten, vor sich hlt er den Schild, Hormungandr wlzet sich mit Riesenzorn, die Wogen schlgt die Schlange, der Adler schreit und zerreit die Leichen, Naglfar wird los. Dies Schiff fhrt von Osten, kommen werden Muspells Leute auf das Meer, und Loki steuert. Der Thorheit Kinder fahren alle mit Fenrir und ihn begleitet auf der Fahrt Bifrosts Bruder. Surtur fhrt von Sden mit schweifender Flamme, die Sonne scheint vom Schwerte der Schlachtgtter; die Erde bebt und alle Gebirge, ausgerissen werden die Bume, die Felsenberge zerklpften, alle Fesseln und Bande brechen und reien, das Meer strmt auf das Land, die Riesenweiber strzen zusammen, Menschen betreten den Hllenweg und der Himmel zerspaltet. Wie dann mit den Asen, wie dann mit den Alfen? Die ganze Riesenwelt erschallt, die Asen sitzen im Gericht, die wegweisen Zwerge sthnen vor den Steinthren. Wisset ihr etwas mehr? Mit gaffendem Rachen kommt Fenrir, der Oberkiefer steht am Himmel an, der untere auf der Erde, Feuer brennen ihm aus Augen und Nase, die Midgardschlange blst so viel Gift aus, da alle Luft und See verpestet wird, sie ist ein grausenhafter Anblick und steht dem Wolfe zur Seite. Muspells Shne reiten ber Bifrst, Surtur voran, um ihn brennendes Feuer, worauf die Brcke zerbricht. Sie kommen auf das Feld Vigride, da erscheinen auch Fenrir, Midgardzormr, Loki mit allem Gesinde der Held und Hrymr mit allen Hrimthursen. Die Asen ziehen ihr Kriegskleid an und alle Einherier und reiten hinaus auf das Schlachtfeld, Odin voran mit dem goldenen Helm, der schnen Brnne und dem Zauberspie Gungmirs. Ihm zur Seite ziehen Thor und Freyr, keiner kann aber dem andern helfen, weil jeder die letzte Kraft gegen seinen eigenen Feind anstrengen mu. Odin kmpft mit Fenrir lang und hart, Thor mit der Erdschlange, die er mit seinem Hammer erschlgt; aber neun Fu davon fllt er selbst todt nieder vom Gifte, das sie gegen ihn ausgeblasen. Freyr steht gegen den Surtur, aber da er sein gutes Schwert weggegeben, so fllt er nach furchtbarem Streite, Tyr gegen den Hund Garmr und der Kampf mit diesem Ungeheuer endet mit dem Tode beider. Fenrir verschlingt den Odin lebendig, aber der gewaltige Sohn Sigfders, Widar tritt mit seinem Schuh dem Ungetm in den Unterkiefer, zerreit ihm den Rachen, stt ihm sein Schwert ins Herz und rchet so seinen Vater Odin. Zuletzt fallen Heimdallr und Loki im Zweikampf, Surtur verbrennt dann die ganze Welt, die Sonne wird schwarz, die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel fallen die heiteren Sterne, Rauch wallt auf vom Feuer, die hohe Flamme fliegt bis zum Himmel. * * * * * Nach diesem Weltuntergang _wird Allvater einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen_. Die tiefe esoterische Idee, welche auch der Mythe vom Weltbrande zu Grunde liegt, ist die der _Wiedergeburt_. Wenn Himmel und Erde, fhrt die Edda fort, und alle Welt verbrannt ist, wenn alle Gtter, alle Einherier und alles Menschengeschlecht tot, so wird jeder Mensch in einer der (neuen) Welten leben alle Zeiten hindurch. Denn es giebt manche guten und manche bsen Sttten; da sind drei Sle, der des Sindri-Geschlechtes steht nordwrts von rotem Golde gemacht, der andere ist ein Biersaal der Riesen, steht auf Okolnir und heit Brimir; in diesen Slen werden die guten und gerechten Menschen wohnen. Fern von der Sonne steht der dritte Saal am Leichenstrand (Nastrnd), die Thre gen Norden gekehrt. Gifttropfen fallen zum Fenster hinein, geflochten ist der Saal von Schlangenrcken, die Kpfe aber stehen einwrts und blasen Gift aus, soda Giftstrme durch den Saal flieen, Mrder und solche, die eines anderen Braut ins Ohr raunen. Da saugt der Nidhggr hingegangene Leichen aus und zerreit der Wolf die Menschen. * * * * * Sindri entspricht dem Urdaborn und ist mit Gold gedeckt zur Anspielung auf das leuchtende Muspelheim; Brimir ist ein Trinksaal der Riesen zur Erinnerung an Ymirs Entstehung und entspricht dem Mimirs Born und Ginnungagap; der Schlangensaal weist auf die Schlangen im Hvergelmir und Niflheim zurck. Zur Erklrung schreibt Mone (a.a.O. S.468): In der Schpfung ist Bewutlosigkeit der erschaffenen Wesen, im Leben entwickelt sich das Bewutsein, darum ist es ein bestndiger Streit zwischen Wahrheit und Wahn, der Weltbrand ist die Vollendung des Bewutseins. Da die Lebenspflicht Kampf, und dieser, wie oben gezeigt, sowohl leiblich als geistig ist, so tritt mit dem Bewutsein die berzeugung von Verdienst und Schuld und die Notwendigkeit von Lohn und Strafe ein, die drei Sle der Wiedergeburt sind also die Orte des Lohnes, des Zwischenzustandes oder der Vorbereitung zum Lohne, und der Strafe (im Christentum Himmel, Fegfeuer, Hlle), Gedanken, die natrlich bei den drei Brunnen des Lebens noch nicht vorkommen konnten. Aus den obigen Worten der Edda erhellt, da die guten Menschen in den Sindri, die gerechten in den Brimir, die sndhaften in den Schlangensaal kommen. Umsonst wird dieser Unterschied nicht sein, in ihm liegen folgende Gedanken. Die Gte ist die wahre Tugend, die allein belohnt wird, die ihr Vorbild am Balder hat, der darum ausdrcklich der Gute genannt ist. Sie besteht in dem durch sittlichen Kampf errungenen thtigen Willen zur Tugend, die Gerechtigkeit aber erwirbt durch den Kampf mit dem Bsen kein greres sittliches Eigentum, sondern bewahret nur ihren Besitz, wer sich aber feig vom Bsen berwinden lt, der ist ein Snder und verspielt sein sittliches Vermgen an den Teufel. Derselbe Gedanke ist im Evangelium durch die Knechte und ihre Talente bezeichnet. Auf drei Snden wird der Nachdruck gelegt, auf Meineid, Mord, Ehebruch, dieser ist zwar ein Zusatz, aber so gltig wie die Quelle. Die drei Snden heben die Grundlagen des Lebens, Wahrheit, Persnlichkeit und Fortpflanzung auf; da die Strafe im Aussaugen und Zerreien der Leichen besteht, so heit dies mit anderen Worten, die Snder verlieren in der anderen Welt ihre Selbstndigkeit oder Persnlichkeit, ihr Krperliches wird aufgelst und in die allgemeine Materie zurckgeworfen, ihre Seele ist dadurch in der Wanderung gehemmt, weil ihr Leib, statt vollkommen zu werden, wieder in seine Urstoffe aufgelst wird. Solche Seelen irren deswegen als Gespenster umher, bis ihre Strafzeit vorber und sie wieder einen Leib finden. Die Gespenster sind also eine mikrokosmische Folgerung aus dem Weltbrande und der Wiedergeburt. Von den Guten heit es nie, da ihr Krper in jener Welt zerstrt wrde, im Gegenteil haben schon die Einherier einen so vollkommenen Leib, da er durch Wunden nicht gettet wird, und die Gerechten trinken in voller Gesundheit Bier im Saale Brimir, whrend Nidhggr Leichen aussaugt, denen die Seele entflohen (+nair framgeingnir+, Vol.45). Man kann hieraus die Stufen der Seelenwanderung erkennen: wer nach seinem Tode Einherier wird, kommt nach dem Weltbrand in den Sindri, wen die Hel verwahrte, der gelangt in den Brimir, wo Bier getrunken wird wie in Walhall. Also kommen die Gerechten erst nach dem Weltbrand auf jene Stufe, auf der die Einherier schon vor demselben standen; die Verbrecher aber, die nach dem Tode an den Leichenstrand gelangen, gehen nach dem Weltbrand in den Schlangensaal und mssen die irdische Laufbahn und Prfung von vorn wieder anfangen. Hieraus folgt, da die Guten nicht mehr auf die Erde zurckkommen, wohl aber die Gerechten und Bsen, da also die Welt notwendig immer schlechter wird und die Vorzeit besser war, was beides noch jetzt vielfach deutscher Volksglauben ist. Es scheint ein altgermanischer Glaubenssatz gewesen zu sein, da jeder Gerechte und Verbrecher wiedergeboren werde, bis die Welt untergehe, welcher Snder sich bis dahin nicht gebessert htte, der wrde in den Schlangensaal kommen. Dies bestrkt auch eine Stelle im Havamal, wo nur zwei Dinge, der gute Ruf (die Tugend) und der Urteilsspruch ber den Toten als unsterblich angefhrt werden: Mige Weisheit wahre der Mann, Er werde nicht allzu weise: Wer, was er wei, auch grndlich wei, Hat's immer leicht im Leben. Mangelt dem Manne Gemt und Verstand, Bespat und verspottet er alles. Wissen soll er und wei es nicht, Da selber nicht frei er von Fehlern. Ein Thor nur whnt, man ward ihm Freund, Wenn ein Mensch nach dem Munde ihm redet. Doch fehlen ihm Frsprecher vor Gericht, Dann merkt er, da Mancher ihn tuschte. Zum Thoren verschwatz sich, wer Schweigen verlernt In lautem losen Gerede. Die Zunge, die ohne Zgel rennt, Redet sich oft ins Unglck. Frh wache, wer wenig Werkleute hat, Um selbst nach dem Rechten zu sehen, Manches versumt, wer den Morgen verschlft; Hurtig ist halb gewonnen. Fettling hatte volle Hrden, Und die Kinder kaun an den Fingern, Reichtum, der falsche Freund verschwand So schnell, wie ein Wink der Wimpern. Gtig Gemt und munterer Geist Hat leichtes, sorgloses Leben. Der ngstliche kommt zu keinem Genu Und kargt auch scheu mit Geschenken. Die Gabe braucht nicht gro zu sein, Oft kauft man Dank mit der kleinsten; Ein Stckchen Brot und Becher der Rest, Gewann mir schon manchen Gesellen. Trau nicht zu viel der Frhsaat im Feld, Trau nicht zu viel dem Frhwitz beim Kind, Die Saat braucht Zeit, Erziehung das Kind, Unsichere Dinge dnken sie sonst. Trau nicht des Mdchens traulichem Wort, Trau nicht des Weibes traulichem Wort, Ihr Herz ward geschaffen auf schwingendem Rad, Wankelmuts Wohnung ist weibliche Brust. Es stirbt das Vieh, es stirbt der Freund, Dann soll man selber sterben. _Doch nimmer stirbt der Nachruhm dem, Der schnen sich geschaffen._ Es stirbt das Vieh, es stirbt der Freund, Dann soll man selber sterben; _Eines nur wei ich, das nimmer stirbt; Das Urteil ber den Toten_. Den ferneren Verlauf der Wiedergeburt erzhlen die Urkunden mit vieler Bedeutsamkeit: Auf steigt die Erde zum zweitenmal, herrlich grn aus dem Meere, Wasserflle strzen, Adler fliegt darber, fngt Fische an Felsen. Sich versammeln die Asen auf dem Idafelde, urteilen ber den mchtigen Staub, erinnern sich an die Machtbeschlsse und an Fimbultyrs alte Runen. Da werden die Asen die wunderbaren goldenen Tafeln im Grase finden, die in den Urtagen die Geschlechter hatten, der Volksheer der Gtter und Fjlnirs Kind. Ungeset werden die Ackerfrchte wachsen, alles bel vergehen, Balder kommen und bewohnen mit Hdur Hropters Siegessaal und das Heiligtum der Seelengtter. Da kann Hnir sein Loos whlen und es bewohnen die Shne zweier Brder das weite Windheim. Schner als die Sonne ist ein Saal mit Gold gedeckt am hohen Gimli, darin werden gute Seelen wohnen und durch die Tage der Zeiten Seligkeit genieen. Da kommt der Reiche zum Gttergerichte, der Starke von oben, der alles regiert, vershnet die Gerichte, schlichtet die Streite, setzet Wehrgelt, wie es sein soll. Fliegend kommt der dunkle Drache, die glnzende Natter der Tiefe von den Nithafelsen, Nidhggr trgt in den Flgeln die Leichen und fliegt ber den Grund. Nach der jngeren Edda treten Vidar und Vali zuerst nach dem Weltbrand auf, unversehrt und unbeschdigt von Surturs Flamme bewohnen sie den Idawall, wo vordem Asgard gewesen. Darauf kommen Thors Shne Mthi und Magni mit dem Mjllnir, sodann Balder und Hdur von der Hel, alle setzen sich zusammen, erzhlen einander, erinnern sich an ihre Runen und reden von den Geschichten, die vorher waren, vom Midgardzorne und Fenriswolf. Da finden sie im Grase die Goldtafeln, welche die Asen gehabt. Zwei Menschen, Lif und Lifthrasir, bleiben verborgen im Hgel des Hoddmimir und nhren sich vom Morgenthau, von ihnen kommt das knftige Menschengeschlecht. Auch die Sonne gebiert eine Tochter vor ihrem Untergang, welche die Laufbahn der Mutter einnimmt. Drei Gesellschaften der Jungfrauen des Mavgthrasir schweifen ber das Land, sie sind allein Schutzgeister derer, die in der Welt sind, obschon sie bei den Joten erzogen werden. Von den alten Gttern bleibt nur Njrdr brig, er kommt aber nicht zu den Gttershnen auf das Idafeld, sondern kehrt nach Wanaheim zurck. Auch der zweite Himmel Andlngr und der dritte Vidblainn, den die Lichtelfen bewohnen, bleibt von Surturs Flamme unversehrt. Da die guten Menschen in den Saal Gimli kommen und dieser am sdlichen Ende des untersten oder ersten Himmels steht, so mu man ihn wohl als das Thor und den Eingang zu den hheren Himmeln ansehen. Bei der ersten Geburt der Planetenwelt waren alle Krfte vereinigt, daher keine Erinnerung, so wird jeder auf diese Welt geboren, er wei nicht, wie und wo er vorher gewesen. Aber die Einheit der Krfte bleibt in jedem Menschen ungetrennt (als das Weltganze Ymir gettet wurde), darum blieb die Selbstndigkeit und Persnlichkeit. Die Stoffe, die zur Wiedergeburt kommen, sind also nicht eine Masse von Krften, sondern Persnlichkeiten. Bei der _Wiedergeburt_ bleibt daher die Erinnerung des vorigen Zustandes, darum heit es, die Asen, die brig bleiben, htten Urteil und Erinnerung ber die Vergangenheit, jenes bezieht sich auf den mchtigen Weltbaum, die Materie, welche verurteilt, d.h. aufs neue einer hheren Schpferkraft in der verjngten Erde gebeugt wird, dieses geht auf die Krafturstoffe, die Schpfung selbst, welche durch die Zauberei, die Runen Fimbultyrs (Odins) hervorgebracht wurde (+moldthinur, megin dmar, rnar+ Vol.60). Die wundersamen Spieltafeln, welche sie finden, sind das Gegenstck zu dem Spiel der Asen am Anfang der Welt, aber jetzt kommen keine Riesenmgde mehr, welche die Asen verderben, denn die Tafeln sind schon selbst von Gold, und die Asen bekommen dadurch keinen Mangel mehr. Darum werden auch nicht mehr Zwerge geschaffen, die der Fruchtbarkeit des Bodens vorstehen und die Saat herauftreiben, sondern es heit sogleich weiter, da die Frchte ungeset wachsen, darum verschwindet auch alles Bse, denn Mh' und Sorge und Kampf haben aufgehrt. Darum kommt auch Balder und Hdur wieder, die den irdischen Tod ausgehalten, der Erde sich zum Opfer gebracht, darum jetzt auch das Heiligtum der Seelengtter bewohnen, wo kein Tod mehr ist. Von den alten Gttern bleibt niemand brig als Odins Shne und Enkel, in ihnen ist er wiedergeboren, darum ist ihr berleben im Grunde auch das seinige. Weil er durch seinen Schpferdrang ganz in die Materie versunken, so ist er auch dem Untergang ausgesetzt und nur seine reinen Emanationen Balder die Gte, Vidar die Ewigkeit, Vali die Seele, Havdr die Besserung berleben ihn. Der Welttod ist ein Zurckgehen in einen dem ersten Chaos hnlichen Zustand, die Wiedergeburt eine hhere Schpfung. Zehntes Buch. Der Occultismus der barbarischen Vlker. Nach der von Kiesewetter zu Grunde gelegten Disposition sollte das X. Buch seines Occultismus des _Altertums_ ber den Occultismus der barbarischen Vlker handeln. Dem Wunsche des Herrn Verlegers, die Disposition des verstorbenen Gelehrten zu respektieren und auch dieses X. Buch mit einem der im Prospekt angekndigten berschrift entsprechenden Inhalt zu versehen, stemmte sich bei mir zunchst das Bedenken entgegen, da ja doch als barbarische Vlker im _Sinne des Altertums_ die Mehrzahl der bereits von Kiesewetter im I. Bande und von mir im II. Bande behandelten Nationen zu gelten haben. Zweifellos galt dem Griechen und Rmer der Babylonier, Chalder, Assyrer, Meder, Perser, Inder, gypter und Hebrer (I. Band) und mehr noch der im II. Bande von mir behandelte Kelte und Germane als Barbar. Ursprnglich bedeutete Barbar ja wohl nichts anderes als Fremdling. Dieser Begriff hat sich dann allmhlich mit dem der Unkultur verknpft. Will man nun den eben genannten Nationen des Altertums einen gewissen Grad von Kultur nicht absprechen und sie als primitive Kulturvlker gelten lassen, so kann man allerdings von ihnen noch eine zweite Klasse von Vlkern selbstverstndlich auch im Altertum unterscheiden, die dann als barbarische im prgnanten Sinne bezeichnet werden knnten; allein es ist dabei zu beachten, da dann dieser Begriff doch ein recht relativer und unsicherer ist. Es scheint noch das Beste, ihn mit demjenigen der Naturvlker zu identifizieren. Will man dies, so hat es aber eigentlich keinen Sinn, die Naturvlker des Altertums, von denen wir fast gar nichts wissen, besonders zu behandeln. Der Occultismus der Naturvlker berhaupt wrde nun eine kulturwissenschaftlich gewi dankbare und interessante Aufgabe darstellen, aber eine solche, die im Rahmen einer Unterabteilung eines Werkes, wie es im Occultismus des Altertums vorliegt, unmglich ihren entsprechenden Raum finden kann. Aus diesem Grunde darf und mu ich mich wohl begngen, hier mit _einigen Notizen_, wie sie uns in der wenig reichhaltigen und unsicheren alten Litteratur ber die den Griechen und Rmern bekannten Naturvlker des Altertums, abgesehen von den schon behandelten, offenbar bereits einen gewissen Kulturgrad aufweisenden, geboten werden, _aufzuwarten_. Auf dem Niveau des Naturvolkes haben wir uns augenscheinlich vor allem die _Skythen_ zu denken, von denen uns Herodot wohl die ltesten fabelhaften Berichte bringt. Nach +Mllenhoff, deutsche Altertumskunde III, S.30ff.+ waren die Skythen Slawen: Da die Slawen erst nach dem Anfang unserer Zeitrechnung als Ostnachbarn der Germanen genannt werden, so scheint es mglich, da die Skythen oder Sarmaten, oder wenn beide Vlker eines Stammes, da beide ihre Ahnen und Vorfahren die West- und Ostslawen waren. Nach Ansicht anderer Forscher waren es Mongolen. Dies erscheint mir wahrscheinlicher, obwohl die Frage wissenschaftlich genau schwer zu entscheiden ist. Sie werden uns nmlich, Mnner wie Weiber, die im ueren kaum zu unterscheiden waren, als dicke, schlaffe, aufgedunsene Gestalten geschildert, von braungelber Farbe. Ihre Kleidung, Winter und Sommer dieselbe, bestand aus weiten Hosen, Grteln oder Wehrgehenken und spitzigen oft bis auf die Schultern herabhngenden Mtzen. Offenbar ist die von Herodot geschilderte Kopfbedeckung dieselbe, die jetzt noch bei den Baschkiren und Kirgisen blich ist. Ihre Nahrung war hchst einfach und bestand aus den Fleisch ihres Herdenviehs, auch der Pferde, das noch jetzt bei Kalmcken und Baschkiren als Leckerbissen gilt, und vor allem aus Stutenmilch, aus der sie auch Butter und Kse bereiteten, wie noch jetzt jene Steppenvlker. Wenn Herodot erzhlt, da sie dem Weingenu sehr ergeben waren, so kann dies nur das aus Stutenmilch bereitete berauschende Getrnk gewesen sein, jener Milchbranntwein, der noch jetzt bei den Kalmcken beliebt ist. -- Sie bauten unter anderem mit Vorliebe Hanf, dessen sie sich zu den bei ihnen blichen Schwitzbdern bedienten. Stdte und Festungen haben die Skythen nicht, ihre wandernden Wohnungen befinden sich vielmehr auf kleinen vier- oder sechsrdrigen mit zwei oder drei Paar Ochsen bespannten und mit Filz bezogenen Wagen (+Herodot IV,46+), also eine treue Schilderung der heutigen Kibitken der nomadischen Steppenvlker, in welchen Weiber und Kinder den ganzen Tag ber hocken, whrend die Mnner zu Pferde umherschweifen. Nach +Herodot I, 215+ lebten sie monogamisch, und nur die Knige hatten noch Nebenweiber; nach +Hippokrates, I, 1, p.560+ aber lebten sie polygamisch, sofern sie sich der Sklavinnen als Nebenweiber bedienten, brigens war nach Hippokrates teils wegen des bestndigen Reitens der Mnner und der sitzenden Lebensweise der Frauen, teils wegen der ganzen Krperkonstitution berhaupt, ihr Fortpflanzungstrieb sowohl als ihre Zeugungskraft sehr gering. Ihre Verfassung war monarchisch; und zwar herrschte ber smtliche Skythen _ein_ Knig; doch scheinen unter demselben auch Unter-Knige ber die einzelnen Stmme geherrscht zu haben. Die _Religion_ der Skythen war ein primitiver Polytheismus. Herodot nennt uns folgende Gtternamen: %Papaios% (Papa= Zeus), %Thamimasadas% (=Poseidon), dem blo die kniglichen Mythen opfern, %Oitosyros% (=Apollo), %Artimpasa% (=Afrodite), %Tabiti% (=Hestia), und %Apia% (=Gla) und bemerkt, da sie auerdem noch den Ares und Herakles, am meisten aber unter allen die Vesta und nchst ihr den Zeus und die Erde verehrt htten, whrend nach anderen Angaben der Kultus des Ares (dessen skythischen Namen er nicht nennt) der verbreitetste war. Diesem brachten sie unter dem Symbol eines auf einem ungeheuer groen Gerste von Reisig aufgestellten eisernen Schwertes feierliche Opfer, und zwar mit Vorliebe _Menschenopfer_. Von besonderen Priestern ist nirgends die Rede. Dagegen spielen _Wahrsager_ eine wichtige Rolle. Diese, die augenscheinlich den heutigen _Schamanen_ entsprechen, beschreibt +Herodot IV, 6. 7. 68+ wie folgt: Wahrsager haben die Skythen viele, die wahrsagen aus einer Menge Weidenruten auf folgende Art: sie bringen groe Bndel Ruten herbei, die legen sie auf die Erde und machen sie auseinander und legen jede Rute besonders und nun weissagen sie. Und indem sie also sprechen, wickeln sie die Ruten wieder zusammen und legen sie wieder auf einen Haufen, eine nach der anderen. Das ist ihre Weissagung von ihren Vtern her; die Enareer aber, die Mannweiber, wollen ihre Wahrsagung von der Aphrodite haben. Sie wahrsagen aber aus Lindenrinde. Die Rinde nmlich schneidet er in drei Stcke und flicht sie sich durch die Finger und wickelt sie wieder ab, und dann sagt er seinen Spruch. Wenn aber der Knig der Skythen krank wird, so lt er drei der angesehensten von allen Wahrsagern zu sich rufen, die ihm auf die beschriebene Art wahrsagen. Und sie sagen gewhnlich immer, der und der, und dabei nennen sie dann einen Brger, der bei des Knigs Hausgttern einen falschen Schwur gethan htte. Es ist aber allgemeiner Brauch bei den Skythen, bei des Knigs Hausgttern zu schwren, wenn sie einen recht hohen Schwur thun wollen. Alsobald wird der, den sie des Meineides geziehen, ergriffen und vorgefhrt, und wenn er ankommt, sagen ihm die Wahrsager auf den Kopf, es wre offenbar aus der Wahrsagung, da er einen falschen Schwur gethan bei des Knigs Hausgttern, und deswegen wre der Knig krank und beklagte sich bitterlich. Der aber leugnet und sagt, er habe nicht falsch geschworen. Und wenn dieser leugnet, so lt der Knig ein Paar andere Weissager holen, und wenn nun auch diese, nachdem sie in die Wahrsagung gesehen, ihn des Meineides verurteilen, so schneiden sie jenem gleich den Kopf ab, und seine Gter teilen die ersten Wahrsager unter sich. Wenn aber die dazu berufenen Wahrsager ihn freisprechen, so mssen andere Wahrsager kommen, und immer wieder andere. Wenn nun die meisten Stimmen den Menschen freisprechen, so trifft jene ersten Wahrsager selber das Todesurteil. Man bringt dieselben nun auf folgende Art zu Tode: Sie packen einen Wagen voll Reisig und spannen Ochsen davor und binden den Wahrsagern die Fe und binden ihnen die Hnde auf den Rcken und knebeln ihnen den Mund zu und stecken sie mitten in das Reisig. Dann znden sie dasselbe an und machen die Ochsen wild und jagen sie von dannen. Viele von den Ochsen nun verbrennen mit den Wahrsagern, viele aber kommen mit einer Versengung davon, wenn die Deichsel verbrannt ist. Auf diese Art verbrennen sie auch aus anderen Grnden die Wahrsager und nennen sie Lgenwahrsager. Die aber der Knig umbringen lt, deren Shne werden auch nicht verschont, sondern das, was mnnlich ist, ttet er; den Weibern aber thut er nichts zu Leide. * * * * * Offenbar haben wir hier dieselbe Rolle, welche noch heute bei den afrikanischen Negern der Fetischpriester spielt. Diejenigen, die neuerdings den Gebrauch sog. Medien, hypnotisierter oder somnambuler angeblicher hellsehender Individuen oder auch nur des Hypnotismus zur Erzwingung von Gestndnissen im Dienste der Polizei und Kriminalrechtspflege vorgeschlagen haben, ahnen schwerlich, zu welchen primitiven Brutalitten des sog. Gottesurteils sie damit die Rechtspflege zurckfhren wrden. Aus dem Volke der Skythen hat die griechische Litteratur zwei Namen die Unsterblichkeit gesichert, weil ihre Trger nach Griechenland kamen und dort durch den Kontrast ihrer Naturwchsigkeit mit der griechischen Kultur Aufsehen erregten, _Toxaris_ und _Anacharsis_. Beide sollen zur Zeit Solons nach Athen gekommen sein. Toxaris ist durch ein Gesprch Lukians, das jedoch wohl mehr den bloen Namen zur Etikette eigener witziger Einflle gebraucht, verewigt. Geschichtlicher erscheint die Persnlichkeit des Anacharsis, der sogar zu der Ehre gelangte, den sog. sieben Weisen beigezhlt zu werden. Anacharsis war der Sohn des Skythenknigs Gaurus und einer griechischen Mutter, von letzterer mit der griechischen Sprache bekannt gemacht, verlie er sein Vaterland, das am schwarzen Meere lag, und begab sich (589 v.Chr.) nach Athen. Hier soll ihn sein Landsmann Toxaris mit Solon bekannt gemacht haben, und die Reinheit seiner Sitten, sein Scharfsinn, seine Wibegierde soll ihn so beliebt gemacht haben, da er das athenische Brgerrecht erlangte. Ja, er soll sogar in die eleusinischen Mysterien eingeweiht worden sein. Nach Herodots Erzhlung kam er nach seiner Rckkehr ins Vaterland durch die Hand seines eigenen Bruders Saulius, der inzwischen Knig geworden war, ums Leben, weil er durch seine Neigung zu den Mysterien Mifallen erregte. Unter den naiven Aussprchen, durch die er in Athen Aufsehen erregte, sind folgende bemerkenswert: Solons Gesetze nannte er Spinnweben, worin die Schwachen sich fingen, die aber die Starken leicht zerrissen. ber die Einrichtung, wichtige Angelegenheiten von den Prytanen untersuchen zu lassen, ehe sie an die Volksversammlung gebracht wrden, bemerkte er, da demnach die Klugen beratschlagten und die Dummen entschieden. Der Weinstock, sagte er, trgt dreierlei Trauben, die Trunkenheit, die Wollust und die Reue. Als ihm jemand seine Herkunft aus Skythien vorwarf, erwiderte er: Du hast Recht, mir gereicht mein Vaterland, Du aber gereichst Deinem Vaterlande zur Schande. Die Abbildungen, die sich von ihm auf alten Kunstdenkmlern finden, tragen die Inschrift: +Linguam, ventrem, veretrum, contine.+[874] * * * * * Bekanntlich bildet seine Figur den Gegenstand der geistvollen +voyage d'Anacharsis+ von J. J. Barthlmy, welche 1788 erschien und zu den beliebtesten Schriften gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zhlte. * * * * * Ausdrcklich unterscheidet Herodot von den Skythen, welche der Perserknig Darius bekriegte, die ebenfalls nomadischen _Massageten_, im Kampf gegen welche Kyros fiel. Wahrscheinlich waren dies die Vorfahren der Turkomannen; ihr Gebiet lag zwischen dem Aralsee und dem Kaspischen Meere. ber die Religion derselben berichtet er nur, da sie die Sonne anbeteten, der sie mit Vorliebe Pferde opferten, weil man dem schnellsten Gott das schnellste Geschpf darbringen msse. Anscheinend lebte dieses Volk noch zur Zeit des Herodot im Zustande des sog. Mutterrechts. Denn es herrschte bei ihnen als Knigin ein Weib, zur Zeit des Kyros die Tomyris, die des gefallenen Kyros Kopf in einen Schlauch mit Menschenblut tauchen lie mit den Worten: Nun sttige dich endlich in Menschenblut. Ein jeglicher, schreibt Herodot, freit ein Weib, aber doch sind die Weiber Gemeingut. Denn was die Hellenen von den Skythen erzhlen, das thun nicht die Skythen, sondern die Massageten. Nmlich, wenn ein Massaget Lust hat zu einer Frau, so hngt er seinen Kcher an den Wagen und beschlft sie ohne alle Scham. Sehr zweifelhaft ist die Rassenqualitt der _Geten_. Man hat diese vielfach mit dem germanischen Volke der _Gothen_ identifiziert; allein Mllenhoff (+a.a.O. S.125ff.+) hat wohl ausreichend nachgewiesen, da die Grnde dafr nicht stichhaltig sind, da vielmehr ihre Verwandtschaft mit den Slawen, wenn auch allenfalls nicht streng erweislich, doch wahrscheinlicher ist. Die Geten waren eine thrakische Vlkerschaft auf der Nordseite des Haemus bis zur Donau und werden zuerst von Herodot (+IV, 93-96+) erwhnt. Herodot kennzeichnet sie als die sich fr unsterblich haltenden -- %tous athanatizontas% -- und dieses Epitheton wurde spter fast zu einem Beinamen fr sie. Sie meinen, sagt Herodot, da sie nicht sterben, sondern mit dem Tode zum Gott (%daimn%) _Zamolxis_ kommen; einige von ihnen halten diesen fr Gebeleizis. Alle fnf Jahre senden sie einen Boten, den sie durch das Los erwhlen, an den Zamolxis ab und tragen ihm ihr jedesmaliges Anliegen auf. Dies machen sie so: Einige stellen sich mit drei Speeren hin, andere fassen den Abzusendenden, nachdem er seinen Auftrag erhalten, an Hnden und Fen und werfen ihn in die Hhe auf die Lanzen; stirbt er, so scheint der Gott gndig zu sein; stirbt er nicht, so schelten sie den Boten einen schlechten Mann und senden einen Andern ab. Dieselben Thraker, setzt Herodot noch hinzu, schieen mit Pfeilen gegen Donner und Blitz, hierauf gegen den Himmel und drohen dem Gott (Zeus), indem sie glauben, es gebe keinen andern, als den ihrigen. -- Die Griechen am Hellespont und Pontus hatten von Zamolxis schon ein halbes Mrchen ausgebildet: er sei in Wahrheit ein Sklave des Pythagoras auf Samos gewesen, habe nach seiner Freilassung viele Schtze erworben und zurckgekehrt in sein Vaterland seine rohen Landsleute mit den Annehmlichkeiten des griechischen Lebens bekannt gemacht. Aber indem er einen Saal gebaut und die vornehmsten des Landes darin bewirtete, habe er sie zugleich belehrt, da sie und ihre Nachkommen nicht strben, sondern dereinst an einen Ort kmen, wo sie in Ewigkeit sein und alles Gute haben wrden. Um sie davon zu berzeugen, htte er sich drei Jahre lang in einem unterirdischen Gemache verborgen gehalten, whrend welcher Zeit die Thraker ihn wie einen Verstorbenen vermit und betrauert, dann aber sei er im vierten Jahre wieder zum Vorschein gekommen. Ich will, sagt Herodot 4, 96, dagegen gerade nicht unglubig sein, aber auch nicht zu sehr daran glauben; ich meine, da Zalmoxis um viele Jahre frher war als Pythagoras. Ich lasse es aber gut sein, ob er ein Mensch war oder ob er ein bei den Geten einheimischer Gott ist. Da diese Erzhlung abgesehen von den Elementen des getischen Volksglaubens, die sie aufnahm, im wesentlichen eine Erfindung der Griechen ist, liegt auf der Hand, es mte denn Zamolxis die Fremden in das Geheimnis eingeweiht haben, das seine Landsleute berfhren und tuschen sollte. War der Kern der getischen Religion ein eigentmlicher Unsterblichkeitsglaube, so lag fr die Griechen der Gedanke an Pythagoras, den Unsterblichkeits- und Metempsychosenlehrer, nahe, und die Vermittelung konnte dann nicht natrlicher als durch einen thrakischen Sklaven geschehen sein. Den Gott aber mochte man um so eher als Menschen auffassen, weil offenbar ihre Glaubensstze bei den Geten selbst fr seine Lehren und Satzungen galten. Platon im +Charmides p.157+ lt den aus dem Heerlager vor Potidaea zu Anfang des peloponnesischen Krieges heimkehrenden Sokrates sagen, er habe dort im Heere von einem der thrakischen rzte des Zamolxis -- so lautet der Name bei allen sptern -- die ja, wie man sage, sogar unsterblich machen knnten, einen Krankheitssegen kennen gelernt. Es sagte dieser Thraker, da die hellenischen rzte Recht htten, wenn sie behaupteten, _ein Glied knne, ohne da man zugleich den ganzen Krper in Behandlung nehme, nicht geheilt werden_. Aber Zamolxis, unser Knig, der ein Gott ist, sprach er, sagt, da wie man die Augen nicht ohne den Kopf und den Kopf nicht ohne den Leib zu heilen anfangen mu, so auch nicht den Leib ohne die Seele; denn alles gehe von der Seele aus, Gutes und Bses; die Segen aber und Lieder, mit denen man die Seele behandeln msse, das seien gute Lehren. Und weiterhin +p.158+ heit es noch wenn Du nchtern und mig bist, so bedarf es weder der Segen des Zamolxis noch der des hyperboreischen Abaris. Mag die Anekdote wahr oder erst von Plato erfunden sein, so setzt sie die Vorstellung von einem Lehrmeister Zamolxis voraus. Bei Diodor 1, 94, dessen Quelle hier aller Wahrscheinlichkeit nach die Aegyptiaca des Hecataeus von Abdera (um 320) waren, stehen daher auch Zamolxis und die %koin Hestia%, die gemeine Herdgttin, bei den sogenannten Geten, die unsterblich machen, neben Zoroaster, Moses und hnlichen Nomotheten. Mnaseas von Patrae (um 200) sagte, da die Geten den Kronos, d.h. den Herrscher im goldenen Zeitalter und ber die Inseln der Seligen (+D.A. 1, 63f.+) verehrten und ihn Zamolxis nannten, +Mller T.H.G. 3, p.153+, vgl. +Diog. Laert. 8, 1+; +Hesych. s. v. Zamolxis+, ferner +Strabo p.297f.+ Endlich finden wir aus einer unbekannten Quelle eine Relation, die zwar in Betreff des Pythagoras mit der Erzhlung der pontischen Griechen bei Herodot bereinstimmt, ja sogar die Reisen des Zamolxis bis gypten ausdehnt, im brigen aber selbstndig und offenbar aus unmittelbarer Kunde den Bericht Herodots ergnzt. Es wird erzhlt, ein Gete namens Zamolxis habe dem Pythagoras als Knecht gedient und von ihm einiges von der Himmelskunde erlernt, anderes von den gyptern, bis zu welchen er streifte. Nach Hause zurckgekehrt, sei er von den Frsten und dem Volke hoch geehrt, da er ihnen die Vorzeichen vorhersagte; zuletzt habe er den Knig beredet, ihn zum Genossen seiner Herrschaft anzunehmen als einen, der den Willen der Gtter zu verkndigen im Stande sei. Anfangs sei er nur zum Priester des am meisten bei ihnen geehrten Gottes bestellt, darnach selbst Gott genannt worden. Er habe sich in einer allen andern unzugnglichen Hhlenfeste angesiedelt und dort gelebt, wenig in Verkehr mit der Auenwelt, nur mit dem Knige und seinen Dienern. Der Knig aber habe mit ihm zusammengehalten, weil er gesehen, da die Leute ihm viel besser als frher gehorchten, seit er seine Befehle nach dem Rate der Gtter erteilte. (Diese Sitte dauerte fort sogar bis auf unsere Zeit, indem sich immer einer fand, der dem Knige als Rat zur Seite stand und bei den Geten Gott hie.) Auch der Berg wurde heilig gehalten und so benannt; er heit aber %kgaionon%, wie der vorbeiflieende Flu. Es ist schon von Mannert (+alte Geogr. 2. 203+) und Uckert (+Skythien S.602+) bemerkt, da diese Stelle -- etwa bis auf den eingeklammerten Satz, der mindestens eine Modifikation von Strabos Hand erfahren hat -- auf die alten Geten am Haemus, nicht aber wie Strabo meint auf Daken zu beziehen ist. Sieht man von der pragmatisierenden, euhemeristischen Auffassung ab, -- denn diese bleibt, auch wenn man mit Herodot die Frage, ob Zamolxis ein Gott oder ein Mensch gewesen, unentschieden lt, was bei dem Stande der berlieferung in der That das Rtlichste scheint, sie sieht so aus als wenn Zamolxis dem hhern Gott Gebeleizis nur substituiert, nicht eine Hypostase in mythologischem Sinne von ihm ist, -- so ergiebt sich die Thatsache, da wie fr die Thraker sdlich von Haemus bei den Bessern oder freien Thrakern ein Heiligtum und Orakel des Dionisos (+Herod. 7, 111+, vgl. +Thuc. 2, 96+, +Plin. 4. 40+, +Strabo p.318, 331 fr.48+, +Sueton Aug. 94+, +Dio 51, 25+), so bei den Geten auf der Nordseite des Gebirges und fr die zu ihnen gehrenden Vlkerschaften ein hnliches des Zamolxis bestand. Antonius Diogenes (bei +Phot. cod. 166 p.110 Bekk.+) erzhlte, da Astraeus, ein Genosse des Zamolxis, zu diesem, als er schon bei den Geten fr einen Gott galt, mit zwei andern gereist sei und da diese Orakel ber ihr Geschick erhalten htten, da Astraeus aber beim Zamolxis zurckgeblieben und von den Geten hochgeehrt sei. Der Name Astraeus soll wohl die Stern- und Himmelskunde des Gottes andeuten, die bei Strabo ihm zugeschrieben wird. hnlich bezieht sich auf eine andere Seite seines Wesens wohl die Hestia, die wie wir sahen bei Diodor neben ihm steht; +Suidas s.v.+ nennt sogar eine Gttin Zamolxis. Da ihm ein vollstndiger Kultus zu teil wurde, erhellt nicht nur aus dem, was Herodot mitteilt, sondern auch aus einer Stelle in der +vit. Pythagor.+ des Porphyrius 14, 15, die sich offenbar noch auf echte alte berlieferungen sttzt, es wird hier nmlich ganz der herrschenden Auffassung des Zamolxis als eines Nomotheten gem die ganze Einrichtung des Kultus auf ihn selbst zurckgefhrt. Pythagoras hatte einen Sklaven, den er aus Thrake gekauft, Zamolxis mit Namen; denn ihm war bei seiner Geburt ein Brenfell bergeworfen, die Thraker aber nennen ein Fell %zalmos%. Pythagoras hatte ihn lieb und unterwies ihn in der Lehre von den himmlischen Dingen -- %tn meteron therian%--, auch in allem was das Opferwesen und sonst den Gtterdienst angeht. Einige aber sagen, da er auch Thales geheien habe. Als Herakles verehren ihn die Barbaren. Dionysiphanes (ein unbekannter Schriftsteller) gibt an, er sei zwar des Pythagoras Knecht gewesen, aber Rubern in die Hnde gefallen und stigmatisiert habe er sein Angesicht verbunden wegen der Male; einige sagen, da der Name Zamolxis bedeute fremder Mann. Wie es sich auch mit diesen Deutungen verhalten mag -- die durch %zalmos% -- (sanskr. +tscharma+, griech. %derma%?) rechtfertigt jedesfalls die herodoteische Namenform %Zalmoxis%--, so giebt Hesychius +s.v.+ noch an, da nicht nur ein Name fr Kronos, sondern auch fr einen Tanz und fr ein Lied oder einen Gesang gewesen, was ebenfalls auf den Kultus hinweist und sich nur aus den Anrufungen des Gottes bei den ihm zu Ehren angestellten Tnzen und Gesngen erklrt. Was sonst noch bei Lucian, Julian, den Kirchenvtern und andern ber Zamolxis vorkommt, ist ohne Wert, da es kaum etwas Neues und Eigentmliches bietet, was nicht auf eine miverstndliche oder ungenaue Auffassung der Angaben Herodots sich zurckfhren liee. Man findet die Stellen sowie die Ansichten und Meinungen der neueren sehr vollstndig nachgewiesen in der Dissertation +de Zamolxide von Athan. Serg. Rhonsopoulus (Gottingae 1852)+. Nchst dem Zamolxisdienste soll den Griechen an den Geten besonders ihre Vielweiberei und Unmigkeit in der Geschlechtsliebe aufgefallen sein. Hecataeus von Milet soll dafr der erste Zeuge sein, indem er (+fr.144+) das homerische Kabesos (+II, 13,363+) auf die gleichnamige Stadt jenseits des thrakischen Haemus deutete, doch S. Meineke zu Steph. Byz. 344. 15. Herodot 5, 5. 6 und Heraklides Ponticus (Polit. 28), beides vollgltige Zeugen (vgl. +Xenoph. Anab. 7, 2,38+), schildern aber die Vielweiberei und was damit zusammenhngt als allgemein thrakische Sitte und der Komiker Menander bei +Strab. p.297+ lt seinen getischen Sklaven auch nur als Thraker sprechen: Die Thraker alle, doch wir Geten zu allermeist, (Denn ich selbst berhme mich von dort entstammt zu sein), Wir sind nicht sehr enthaltsam! Denn unter uns heiratet keiner unter zehn, Elf Frauen, auch zwlf und noch mehr. Wer erst vier Oder fnf genommen hat und stirbt, der heit bei uns Zu Land ein ehelos armer, unbeweibter Mann. * * * * * Noch viel zweifelhafter und dunkler ist alles, was die Alten von noch hher nach Norden belegenen Erdstrichen und den dort wohnhaften Vlkern, den Kimmeriern und vor allem von den _Hyperborern_ zu berichten wissen. Vielleicht kann man als Hyperborer die Bewohner Skandinaviens gelten lassen. Ein Hyperborer soll der mythische _Abaris_ gewesen sein, der angeblich etwa um das Jahr 570 v.Chr. (Lobeck) nach Griechenland kam, wie erzhlt wird, durch eine ihm von Apollo gegebene Offenbarung veranlat. Er soll mit Pythagoras bekannt geworden sein. Als Abaris von den Hyperborern, unerfahren in der hellenischen Bildung und Sprache schon in Jahren vorgerckt ankam, so fhrte ihn Pythagoras nicht durch mannigfache Betrachtungen in seine Geheimwissenschaft ein, sondern statt des Stillschweigens und des so lange Zeit ntigen Zuhrens und der brigen Prfungen machte er ihn schnell durch ein abgekrztes Verfahren zum Anhren seiner Lehrstze geschickt und lehrte ihn die Schrift ber die Natur und die andere ber die Gtter in aller Krze verstehen. (+Jamblichus, de vita Pythagor. 136.+) Abaris erregte nicht nur durch seine fremde Kleidung, sondern mehr noch durch seine occultistischen Gaben groes Aufsehen in Griechenland. Er zog, wie Epimenides, wahrsagend und Orakel sprechend umher, trat als Shner auf, befreite Sparta von einer Pest und heilte viele Krankheiten durch seine Zaubergesnge. Ja, es wird berichtet, da er auf einem von Apollo empfangenen Pfeile die Luft durchflog, berhaupt ein Luftwandler (%aithrobats%) war. Toland vermutet daher, er sei ein Druide gewesen, und die Hyperborer seien auf den Hebriden zu suchen. Dagegen mchte Creuzer (+SymbolikII, Anhang+) ihn zu einer bloen Personifikation der aus den Kaukasuslndern hergekommenen Schrift verflchtigen. Der Pfeil soll die Rune sein, der Pfeilfahrer Abaris= Runa, Seher, Schreiber. Dazu bemerkt mit Recht Guigniaut in seiner franzsischen bersetzung des Creuzerschen Buchs: +Nous ne nous dissimulons pas que cette interpretation du mythe d'Abaris est singulirement hasarde.+ * * * * * Mehr ethnographisch und kulturhistorisch als occultistisch interessant sind die Mitteilungen der Alten, insbesondere Herodots ber andere jenseits des den Griechen bekannten +orbis terrarum+ wohnhaften Naturvlker, so z.B. die _Taurer_, die wegen ihrer Menschenopfer gefrchtet waren, die Agathyrsen, die ppigsten Menschen; mit ihren Weibern begatten sie sich alle gemeinschaftlich, damit sie aller Brder sind und als Blutsverwandte weder Neid noch Feindschaft wider einander hegen. (+Herodot I,104.+) Auch die Neurer werden als gefrchtete Zauberer genannt; denn die Skythen erzhlten von ihnen, da in jedem Jahre ein Neurer ein Wolf wird auf wenige Tage und dann nimmt er wiederum seine alte Gestalt an. Ich glaube dies zwar nicht, aber sie sagen es nichts destoweniger und schwren darauf. (+Herodot I,105.+) FUSSNOTEN: [1] +F. Lenormant: Die Geheimwissenschaften Asiens. Jena 1878. S.23.+ [2] +II. 30.+ [3] +Western Asia Inscriptions. IV. 33. Z. 36-48.+ [4] Speziellen Nachweis gab ich in meinem +Faustbuch, S.153ff.+ [5] Der Hllengttin. [6] Diese Vorstellung kommt bekanntlich auch im Hexenwesen vor. [7] dito. [8] +Vgl. Jesaias 13, 21.+ [9] Die Krankheit wurde von den A. zuweilen als persnliches Wesen gedacht. [10] Punkte bedeuten Verstmmelungen des Urtextes. [11] Eas Gemahlin. [12] Vgl. den die gypter behandelnden Abschnitt. [13] +Western Asia Inscriptions. IV. 16. 2.+ [14] Beiname Eas. [15] +Western Asia Inscriptions. IV. 6. Col. 5.+ [16] +I. 181.+ [17] +Western Asia Inscriptions. IV. 3. Col. 2. Z. 3-26.+ [18] Demnach wurde die magische Heilkunde auch von Frauen ausgebt. [19] D.h. man magnetisierte die Kameelshaut wie heute zu Tage Papier oder Watte. [20] Auch hier begegnen wir einer Transplantation der Krankheit in die Elemente. [21] +Jes. 34. 13, 14.+ [22] Nergal. [23] dito. [24] +um-uruk.+ [25] Tiamat. [26] +Essai de commentaire des fragments cosmogoniques de Brose.+ [27] +II. 30.+ [28] +Western Asia Inscriptions. IV. 56. Col. 1.+ [29] +Western Asia Inscriptions. IV. 56. Col. 2.+ [30] Also die Zauberei mit den ausgeschnittenen Fustapfen wie im Mittelalter. [31] Nestelknpfen. [32] +Slane: Prolegomnes d'Ibn Chaldn. T. I. p.177.+ [33] Vgl. in meinen +Geheimwissenschaften S.636ff.+ die von Paracelsus und Carrichter geschilderten Hexenknste. [34] +Western Asia Inscriptions. IV. 7.+ [35] Vgl. Dantes: +Lasciate ogni speranza voich'entrate+. [36] D.h. die Sonne whrend ihrer nchtlichen Wanderung. [37] Der Feruer entspricht also ungefhr dem transscendentalen Subjekt du Prels. [38] +II. 30.+ [39] +Sanch. 42. Ed. Orelli.+ [40] Saturn entsprach schwarz, Jupiter blau, Mars roth, der Sonne gelb, Venus grn, Mercur grau oder bunt und dem Mond wei. [41] +Origenes contra Celsum. VI. S.646.+ [42] +Western Asia Inscriptions. III. 52. 3.+ [43] +II. 29.+ [44] +De Divinatione. I. 41.+ [45] +Prediger Salomonis. X. 20.+ [46] +Hesekiel. XXI. 26.+ [47] +Deuteron. 18. 11.+ [48] +Cicero: De Divinatione. I. 43. II. 35.+ [49] +Loc. cit. 41.+ [50] +Loc. cit. I. 33.+ [51] +Loc. cit. II. 23.+ [52] +Levit. XIX. 26.+ [53] +Jerem. X. 2.+ [54] +Hist. nat. II. 70. 81. II. 20. 18. 43. 52. 17.+ [55] +Johannes Lydus: De ostentis. 21. S.86. Ed. Kase.+ [56] +Lenormant: Choix de textes cuniformes. Bd. IV.+ [57] +Plinius: Hist. nat. 52. 53.+ [58] +Mller: Die Etrusker. Bd. II. S.162-178.+ [59] +Plinius: Loc. cit.+ [60] +II. 30.+ [61] +De operatione Daemonum.+ [62] Also hnlich wie die spiritistischen Klopflaute. [63] +Psellus: De operatione Daemonum.+ [64] +Richt. IX. 37.+ [65] +II. Sam. V. 25.+ [66] +Richt. IV. 5.+ [67] +Macrob. Saturn. II. 16.+ [68] +Apud. Phot. Bibl. cod. 94. Ed. Becker.+ [69] +De re rustica. III. 17. 4.+ [70] +Cicero: De Divinatione. II. 46.+ [71] +Western Asia Inscriptions. III. 562.+ [72] In meinem +Faustbuch+ und den +Geheimwissenschaften+. [73] +Ant. Jud. IV. 14. 2.+ [74] +Herodot I. 132.+ [75] +Inschrift von Behistan. Taf. I. 10-14.+ [76] +I. 131. III. 16.+ [77] +Damascius: De principiis. 125.+ [78] +De Is. et Osir. Ed. Reiske. S.369.+ [79] +VII. 114.+ [80] +I. 103. 120. VII. 19.+ [81] +De vit. philos. prooem. 6.+ [82] +Plinius: Hist. nat. XXX. 2.+ [83] +Loc. cit. XXX. 5.+ [84] +Nach Kleukers Zendavesta. Th. III.+ [85] Vgl. die biblische Wurzel Jesse, ferner +4Mos. 24. 17+ und zahlreiche Parallelen aus der Geburtsgeschichte Christi. [86] Symbol der Mondsichel. Auch in der jdischen Geheimlehre ist Michael der Erzengel des Mondes. [87] +Vgl. Jes. 7, 14.; Ev. Matth. 1, 20-23.; Luc. 1, 31ff.+ [88] +Vgl. die Offenbarung Johannis.+ [89] Duzakh ist der Aufenthaltsort der Verdammten und Dews. Doch wird am Ende der Welt Ahuramazd den Duzakh vernichten. +Vendid. Farg. XIX. II. No.XVIII.+ [90] Vgl. das oben ber die Wahrsagung aus Neugeborenen Mitgeteilte. [91] +Izeschn, Ha. 42.+ [92] +Vendid. Farg. 19.+ [93] Kurzweg Teufel. [94] Also in Wirklichkeit vielleicht der Oberste der medischen Magier. [95] Man bemerke die Parallele zu Herodes. [96] Jupiter. [97] Venus. [98] Der zweite Amschaspand. [99] Wahrscheinlich Darius Sohn des Hystaspes. [100] +Zerduscht-nameh. Kap. 14.+ [101] Nach der Tradition wurde Zoroaster 77 Jahre alt. Kleuker setzt seine Geburt in das Jahr 589. [102] Ich krze hier Kleukers weitlufige Darstellung der Tradition ab. Beim bergang ber den Araxes verrichtete Zoroaster ein hnliches Wunder wie Moses, indem er nmlich seine Anhnger trockenen Fues durch den Flu fhrte. [103] Dieses Fest wurde whrend der fnf letzten Tage des Jahres gefeiert. [104] Zoroasters Vetter. [105] Der zweite Monat des Jahres. [106] Der fnfzehnte Tag. [107] Das kaspische Meer. [108] +Zerduscht-nameh. Kap. 21.+ [109] +Vendid. Farg. 19.+ [110] +Zerduscht-nameh. Kap. 22.+ Die Amschaspands entsprechen den Planetengttern und Erzengeln. [111] +A.a.O., Kap. 25.+ [112] +A.a.O., Kap. 59.+ [113] Nach Bahman-Jescht bat Zoroaster Ahuramazd zweimal um Unsterblichkeit. [114] +Zerduscht-nameh. Kap. 60 u. 61.+ [115] Nach der Tradition Djemschid, der sich am Schlu seiner Regierung wollte anbeten lassen. [116] +Zerduscht-nameh. Kap. 25.+ Vgl. die Versuchungsgeschichte Christi. [117] +Zerduscht-nameh. Kap. 25.+ [118] Berhmter Destur-Mobed (gelehrter Priester). Gewissermaen eine Reincarnation Zoroasters; eine Art neuer Buddha. [119] +Zerduscht-nameh. Kap. 28.+ [120] Vgl. die spter zu erwhnende kabbalistische Lehre von der Schachi nach. [121] Diese Engelmter gingen in die jdische Geheimlehre ber. Nach der Kabbala herrscht Hariel ber die ntzlichen Tiere. Vgl. +Berith Menucha. Fol.37a.+ [122] Ized des Feuers; bei den Juden Jehuel. +Ber. Men. loc. cit.+ [123] Destur=Gelehrter, Mobed=Priester, Herbed=Initiierter. [124] Feuertempel. [125] Ized der Metalle; bei den Juden Azazel. +Vgl. Buch Henoch.+ [126] Ized der Reinheit; den Juden unbekannt. [127] Ized des Wassers; bei den Juden Michael. +Ber. Men. l.c.+ [128] Ized der Gewchse; bei den Juden Alpiel. +Ber. Men. l.c.+ [129] +Vgl. Ev. Matth. 28, 19.+ [130] Der heilige aus 72 kameelhaarenen Fden bestehende Grtel der Parsen. [131] Oberster der Ized, mit Silik-mulu-khi, dem Demiurgos, Logos usw. usw. vergleichbar. Herr des Lichtes und der Sonne, Geber alles Guten usw. [132] +Contra Celsum. Lib. VI.+ [133] Die betr. Stelle steht: +Vendidad, I. Fargard+, und lautet: Der elfte Ort und die Stadt des berflusses, die ich, der ich Ahuramazd bin, schuf, war Heetomeante, die Stadt der Verstndigen und Glcklichen. Aber der totschwangere Angrmainyus brachte daselbst Magie in Gang, die hliche Kunst. Sie macht allerlei Blendschein und giebt alles. Sie scheint gro, aber wenn sie sich auch mit der hchsten Gewalt aufstellt, so kommt sie doch vom Urgrunde des Bsen, vom Vater alles Unglcks. Weit ist sie von dem Groen, von dem der Gutes thut. [134] Nach Kleuker im Jahre 549 v.Chr. [135] +Zerduscht-nameh. Kap. 37. Vgl. Lucas 2, 46 usw.+ [136] Ahuramazd heit auch der 1., 8., 15. und 23. Tag jeden Monats. [137] Aufenthaltsort der Dews und Verdammten; Hlle. [138] Nach Abu Djafar soll Gustaspes ursprnglich dem Sabismus gehuldigt haben. [139] Fnfzig Pfund. [140] Also die mediumistischen Erscheinungen der Feuerfestigkeit und des forcirten Pflanzenwachstums. [141] Die persischen Zauberer bedienten sich also derselben Stoffe wie die Hexen des Mittelalters. [142] dito. [143] Zoroaster verlangt also wie Christus als Vorbedingung Glauben. [144] Wir begegnen hier also Spuren der Physiognomik. [145] Vermutlich um der Seelenwanderung zu entgehen. [146] Ized der Krieger. [147] Keim der guten Werke. [148] An dieser Stelle ist vermutlich unter den verschiedenen Arten des Feuers auch das Feuer Burzin verstanden, welches im Bun-Dehesch (siehe nchsten Abschnitt) als ganz besonders heilig bezeichnet wird. Es wird vom Blitz entzndet und das Feuer der Feldarbeiter genannt, weil es von diesen ganz besonders verehrt wird. Gustaspes errichtete ihm ein Dadgah (Heiligtum) auf dem Berge Revan in Khorasan. [149] D.h. der Anhnger der protomedischen Religion. [150] Im Zoroastrismus ist das Himmlische das Vorbild des Irdischen. [151] Die ebene Oberflche des Wassers ist Sinnbild des Eben- und Gleichmaes, des Mahaltens. [152] Verschiedene Arten von Feuer, welche durch Sonnenbrand, den Blitz und das Aneinanderreiben von Hlzern entzndet und besonders verehrt wurden. [153] dito. [154] dito. [155] Nicht mit Kaschmir zu verwechseln. [156] Zoroaster stand der Annahme nach in den dreiiger Jahren. [157] Abteilung, Kapitel, des Zendavesta. [158] Vermutlich eine Art Yogis. [159] +Aban Jescht, Kap. 26 u. 27.+ [160] +Kl. Ravaets, Fol.63.+ [161] ber den Ursprung der Lehre von Zrvna-akarana s. oben S.70. [162] Man vergleiche damit du Prels Abhandlung ber den Genius des Sokrates. [163] Der Sirius, welcher als Stier mit goldenen Hrnern gedacht wird. [164] Niedere Hllengeister, Dmonen. [165] %a%-+Orionis+. [166] Wie die sieben Amschaspands mit den Planeten zusammenhngen, so die 28 Izeds vermutlich mit den 28 Mondstationen. S.meine Geheimwissenschaften S.288. [167] Erhabener mythischer Berg. -- Das Gebirge Elburs. [168] Der Adam Kadmon der Kabbalisten. [169] Auch nach der Kabbala ist Adam anfangs Androgyn. [170] Den Wechsel der Jahreszeiten feiernde Feste. [171] Vgl. das oben ber die Maskim Gesagte. [172] Hier ist also das Prinzip des Karma bereits ausgesprochen. [173] Also Scheol, Hades&c. [174] Hier haben wir den Ursprung der Auferstehung des Fleisches. [175] Honover. [176] +Geogr. L. I. 15.+ [177] Die Parsen sagen: Wenn der Mensch geboren wird, so stellt sich Angrmainyus seiner Seele dar wie Meschia, dem Stammvater des Menschengeschlechts und spricht wie zu diesem: Ich bin Herr und Schpfer der Natur! Das glaubt die Seele und wird verunreinigt. [178] Ein Mund und Kinn verhllender Schleier. [179] In seiner Anlage uralt und mutmalich von Zoroaster herrhrend. [180] Dieser Gedanke ging bekanntlich in das Christentum ber. [181] In der Kabbala wohnt Jehovah in der Lichtwelt Aziluth auf dem Funkenthron. [182] Mondstationen. [183] Beiname des Angrmainyus. [184] Tageszeit von Mittag bis drei Uhr Nachmittag. [185] Gebete. [186] Der erste Monat des Jahres. [187] Der ideale Urmensch. Nach dem Bun-Dehesch befand sich bei dessen Schpfung die Sonne im Lamm, Mercur und Venus in den Fischen, der Mond im Stier, Saturn in der Wage, Jupiter im Krebs und Mars im Steinbock. [188] Zwei Dews. [189] Wasser des Lebens. [190] Dew des Todes. [191] Der Widder [192] Es sind die sechs aufsteigenden und sechs absteigenden Zeichen des Tierkreises gemeint. [193] Der Umkreis der Erde wird in sieben Keschwars geteilt. Der Satz heit also, da jeder Stern einen halben Tag ber der Erde ist. [194] Schalttage. [195] Die neunte Mondstation (1251' bis 2543' [Symbol: Krebs]). [196] Es handelt sich vermutlich um das Rcklufigwerden eines Planeten. [197] Der Leben und Segen spendende Ized der Bume. [198] Der Ized des Wassers. [199] Vielleicht Venus zur Zeit des grten Glanzes, wo sie zuweilen bei Tag sichtbar ist. [200] Also die Sintflut. [201] Der Okeanos. [202] Der den Regen hemmende Dew. [203] Dew, Helfer des Apevesch. [204] Ized, Helfer Taschters. [205] Beiname von Apevesch. [206] Entsprechend dem biblischen Baum des Lebens. [207] Ich bergehe die sich hier anschlieende mystische Geographie des Bun-Dehesch. [208] Rhabarber. [209] Ein Flchenraum von etwa 55000 Quadratfu. Das Paradies. [210] Vermutlich Antilope. [211] Auch die Neuplatoniker suchten sich bei ihren theurgischen Operationen durch den mystischen Einflu gewisser Tiere gegen bse Geister zu schtzen. [212] Es sind die Geschlechtsteile gemeint. [213] Der isolierte Ort, wohin sich Frauen und Mdchen whrend der Menstruation begeben. [214] Ein toter Krper, ein Stck davon. [215] Der Glaube, da der Blick menstruierender Frauen Flssigkeiten verunreinige, Wein umschlagen, Spiegel erblinden und Rasiermesser abstumpfen lasse, war noch sehr lange verbreitet. +Vgl. Agrippa von Nettesheim: Occulta Philosophia, Lib.I, cap.42.+ [216] Unreinheiten, Auswurfstoffe. [217] Gebet. [218] Gurzscher, Comet. Ich brauche wohl kaum auf die Merkwrdigkeit dieser Stelle hinzuweisen. [219] Opfer. [220] Niederer Diener des Kultus. [221] dito. [222] Das Band, mit welchem das heilige Barema zusammengebunden ist. [223] Ich bemerke, da man bis in die neueste Zeit Magismus&c. und Mazdeismus ineinander warf. [224] +Proklos: Theologia Platonis II. cap. 29.+ [225] Ich brauche wohl kaum zu sagen, da von diesen Anschauungen der ganze Gebrauch der Formeln, Beschwrungen und Charaktere in der Theurgie abhngt. [226] Man sieht also, da die Karmalehre keineswegs buddhistisch ist. [227] Die Orakel sind bei Psellos meist in gebundener Rede abgefat. [228] Man denke an die zehn Sephiroth der Kabbala. [229] Also der Astralkrper. [230] Diese angeblich spiritistisch-theosophische Lehre ist also in Wahrheit uralt. [231] Gewhnlich in folgender lateinischer Fassung: +Ergo ex finibus terrae prosiliunt canes terrestres, nunquam verum corpus mortali homini monstrantes.+ [232] Die Aphorismen scheinen demnach, wie auch nach dem Kommentar zum vorigen Aphorismus zu schlieen, zum Gebrauch bei den Mysterien bestimmt gewesen zu sein. [233] Zrvna-akarana. [234] Die Feruer. [235] Wir haben also wieder den Gegensatz zwischen Feruer und Seelen. [236] Ahuramazd wurde bei den Gnostikern und Neuplatonikern zum Demiurgos. [237] Die Henosis, die mystische Vereinigung mit Gott. [238] Es ist wohl der Feruer gemeint. [239] Der Satz bezieht sich wohl auf gewisse Gefahren, welche die Ekstase im Gefolge hat. [240] D.h. der zu erkennende Gegenstand ist auerhalb des Geistes. [241] Nmlich Gott selbst. [242] +III. 11.+ [243] +Eusebius: Praep. Ev. 6. 10.+ [244] +Asiatic Researches. VII. 279. VIII. 396. 494.+ [245] +Upanishad, bei Carey Sansc. Gramm. p.903.+ [246] +Colebrooke: As. Res. VIII. 431.+ [247] +A.a.O. S.405.+ [248] +Lacroce: Indisches Christentum. S.613.+ [249] +A.a.O. S.603.+ [250] +Parabodh. Chandrod in Rhodes' Hindus II. S.350.+ [251] +Bhartrihari in Roger Offene Thr S.492.+ [252] +A.a.O.+ [253] +As. Res. VIII. 421.+ [254] +A.a.O. 402.+ [255] +Philosophum. Tom. I. p.904.+ [256] +Pag. 94.+ [257] +As. Res. VIII. p.404. 440.+ [258] +Upnekh. I. 25. 213. II. 172. 251.+ [259] +II. 77. 2.+ [260] +I. 8-13.+ [261] +Markandeya puran, cap. 43.+ [262] +II. 75. 13ff.+ [263] +Manus Gesetz 12, 25.+ [264] +Goldene Sprche des Pythagoras, V. 85 u. 86.+ [265] +2. 22.+ [266] +Diodorus Siculus I. 22.+ [267] +Jahrgang 1891.+ [268] +M. Huc: Souvenir d'un voyage dans la Tartaric, le Thibet et la Chine. Paris 1853, p.321-325.+ [269] Dies mchte ich stark bezweifeln. Carl Kiesewetter. [270] Ausfhrlich steht der Bericht in meinen +Geheimwissenschaften, S.567ff.+ [271] +Voyage en Asie. Paris 1867.+ [272] +Geographische und ethnographische Bilder. Jena 1875. S.406.+ [273] S. spter den Abschnitt ber Apollonius von Tyana. [274] +Vgl. Psychische Studien, Jahrgang 1875, S.300ff.+ [275] +De myster. Aegypt. ed. Gale. pag. 173.+ [276] +Geschichte der Medizin. Bd. I. S.72.+ [277] +De vita Pythagorae.+ [278] +Odyssee, IV. 218-232.+ [279] +Lib. I.+ [280] +XVI. 801.+ [281] +Hist. Lib. IV, cap. 8.+ [282] Nach Sueton war keine Hoffnung, da die Sehkraft wieder hergestellt werden knnte. [283] +Hist. nat. III. 46.+ [284] Nach Herodot (+Lib. III+) war der Apis schwarz, hatte auf der Stirne einen viereckigen weien Flecken, auf dem Rcken das Bild eines Adlers, eine knopfartige Drse am Hals und zweifarbige Haare am Schweif. [285] Man pflegte den Apis auch ber den Ausgang von Krankheiten zu befragen. [286] Nach den Arbeiten des Herrn Franz Lambert in der +Sphinx. Bd. V. u. IV.+ [287] +Sitzungsbericht der Knigl. Bayr. Akademie der Wissenschaften d. d. 6. Februar 1875.+ [288] Payni ist der zehnte Monat des gyptischen Jahres und beginnt mit dem 26. Mai des julianischen Kalenders. Die Jahreszahl bezieht sich auf die Regierung des Pharao. [289] Chonsu, ursprnglich Mondgott, ist ebenfalls ein Heilgott der gypter. [290] Der mit dem 26. April des julianischen Kalenders beginnende neunte Monat des gyptischen Jahres. [291] Vermutlich ein oberer Grad der Chonsupriester. [292] dito. [293] Der Priester wird euphemistisch Gott genannt. [294] Wir haben hier also das bekannte dmonische Sprechen der Besessenen. [295] Der sechste mit dem 26. Januar jul. Kal. beginnende gyptische Monat. [296] +Sphinx, Bd. V. S.6.+ [297] ber Hermes Trismegistos und die hermetische Litteratur s. den betr. Abschnitt. ber die Astrologie der gypter vgl. meine Geheimwissenschaften. [298] +Jamblichus: De mysteriis Aegypt.+ [299] Vgl. dessen +Characterismi plantarum graduum XII signorum Zodiaci Characterismos et membra hominis comparati+. -- Der Leibarzt Kaiser MaximiliansII., B. Carrichter, gab dieses Buch als von ihm verfat unter dem Titel +Botanica astralis+ heraus. [300] Nach unserm Kalender. [301] Man betrachtete diese als pflanzliche Gebilde. Ich erinnere an die Entenmuschel, welche bekanntlich auf Bumen wachsen sollte. [302] Ich zitiere nach +Ath. Kirchers Oedipus Aegyptiacus. Tom. III. Syntagma de Medicina Hieroglyphica+. [303] +Vgl. Sphinx. Bd. IV. Heft 23.+ [304] Nach den in der +Kabbala denudata+ gesammelten Werken, Frank-Jellineks +Kabbala+ usw. [305] +Vgl. Paracelsus: Das Buch von den Nymphen usw. Kap. 1.+ [306] +Etz Chajim. Fol.248.+ [307] +Emek ha Melech. Fol.85.+ [308] Die Schedim wohnen in der Luft, in den oberen, inneren Kreisen der Elemente. Sie wissen das Zuknftige durch die Vorsteher der Gestirne, wissen aber nur um die nahe Zukunft. Weil sie einen feinen geistigen Leib haben, so ist ihre Nahrung ebenso fein. Ihre Speisen und Getrnke bestehen in dem Geruch des Feuers und der Feuchtigkeit des Wassers. Dies ist das Wesen des Rauchwerkes, welches man ihnen ruchert, denn dieses ist ihre Speise. Sie genieen davon, verbinden sich dann mit den Menschen und machen ihnen die Zukunft bekannt. Die Stufe dieser Ruchim ist: Manche bestehen aus Feuer allein, andere aus Feuer und Luft, andere aus Feuer, Luft und Wasser, und andere, welche auer den drei Elementen noch aus feiner Erde zusammengesetzt sind. Nach der Feinheit ihres Leibes richtet sich der Grad ihres Geistigen. (+Nischmath Chajim, Fol.118.+) -- Die Engel oder Seelen der Verstorbenen, wenn sie sich herunterlassen wollen in die Welt, dann nehmen sie an etwas aus den vier Elementen, etwas nach Art des Krpers, so da sie den Anwesenden erscheinen als Mensch oder als ein anderes Geschpf und in solchen Gestalten zeigen sie sich den Propheten sowie anderen Menschen und selbst den Bsen, wie die Mnner von Sodom die Engel gesehen. Dies ist das Geheimnis des Gewandes. -- Daher haben die Zauberer und die Totenbefrager ntig Rauchwerk und Dnste, damit sie die Luft bereiten, da sich in ihr ausfunkeln die Dinge, die sich in der Luft herablassen. Deshalb erscheinen die Toten oft in ihrer Gestalt dem Menschen selbst im Wachen. (+Raibad zum Sepher Jezirah, Fol.7.+) -- So ist die Ordnung der bsen Seite. Man ordnet fr sie einen Tisch mit Speisen und Getrnken und Zauberwerken, und macht Rauch vor dem Tisch. Dann versammeln sich alle unreinen Ruchim und machen bekannt, was die Zauberer wnschen. (+Sohar Balak, Fol.192.+) -- Ein Hauptmaterialisationsmittel war das Blut, weshalb auch der zauberische Gebrauch des Essens beim Blut gebt wurde. [309] Die obersten hngen in der Luft, die untersten sind diejenigen, welche die Menschen verspotten und ihnen Bedrngnisse im Traum machen. Sie sind so frech wie der Hund. (Dieser Ausdruck findet sich bei Paracelsus, +de occulta philosophia+ wrtlich wieder.) Es giebt eine hhere Stufe ber ihnen, welche den Menschen Dinge bekannt machen, die teils wahr, teils unwahr sind; und alles, was wahr ist, geht doch nur auf die nchste Zeit. (+Sohar Waiikra, Fol.25.+) [310] Also Hauskobolde, Heimchen, Wichtel usw. [311] Es sind die S'hirim der Bibel, welche Luther mit Feldteufel bersetzt. +Vgl. 3. Mos. 17, 7 und Jes. 15, 21.+ [312] +Vgl. Sohar Chaja Sarah. Fol.125.+ [313] +Bchai. Fol.95.+ [314] +Von den unsichtbaren Werken. Lib. III.+ und +Scenen aus dem Geisterreiche. II. 1.+ [315] +Sohar Bereschith. Fol.35.+ [316] +Sepher ha Chajim. Fol.230.+ [317] +Sanhedrin. Fol.68.+ [318] +Nischmath Chajim. Fol.122.+ [319] +Maireheth Elahuth. Fol.42.+ [320] +Tractat Aboth. Abschn. 5.+ [321] +Sohar Tithro. Fol.78.+ [322] +Sohar Emor. Fol.76.+ [323] +Sohar Balak. Fol.193.+ [324] +2 Timoth. 3, 8.+ [325] +4 Mos. 22.+ [326] Dieses Affiziertwerden des Menschen ist zwar ein immerwhrendes, das jedoch nicht stets zum Bewutsein kommt. [327] +Vgl. Jes. 46, 10 und Daniel 2, 27-30.+ [328] +Nischmath Chajim. Fol.122 u. 132.+ [329] +Tract. Pesachim. Fol.91.+ [330] +Nischmath Chajim. Fol.132. Etz Chajim. Fol.248.+ [331] +5 Moses 18, 10. More Nebuchim 3. Hosea 4, 12.+ [332] +Hesekiel 21, 26. Nischm. Chaj. Fol.126.+ [333] +Nischmath Chajim a.a.O.+ [334] +Sohar Ci Thise. Fol.191.+ [335] +Tract. Sanhedrin. Fol.66. Hilch. Abodah sarah 6, 14.+ [336] +A.a.O. 6, 10.+ [337] +More Nebuchim. Th. 3, Abschn. 29.+ [338] +P'kudai. Fol.237.+ [339] +Hilch. Abodah sarah 6, 10.+ [340] +Midrasch Tanchumah. Fol.29.+ [341] +Hilch. Abodah sarah 6, 1.+ [342] +Ben Dior. Anm. z. Sepher Jezirah. Fol.5. Nischm. Chaj. Fol.1.+ [343] +K'bod Melech. Fol.230.+ Der Habal de Garmin ist fr die Auferstehung dasselbe organisierende Prinzip, welches der Elementarnephesch fr den lebenden ist. [344] Vgl. Jung-Stillings +Theorie der Geisterkunde 209+ und Eckartshausens bekanntes Rauchwerk. [345] +1. Sam. 28, 15.+ [346] Es sind die Teravhim gemeint. [347] +Hilch. Abodah sarah 6, 1.+ [348] +Nischm. Chaj. Fol.133.+ [349] Vorher wrde eigentlich die Bibel zu behandeln sein. Wegen berflle des Stoffes werde ich dies in einem besonderen Buch: +Der Occultismus in der heiligen Schrift+ thun. [350] +Tractat Hagiga.+ [351] +Tractat Hagiga 12a.+ [352] Dieselben erlauben vor dem vierzigsten Jahr weder die Lektre des Sohar, noch eines anderen kabbalistischen Buches. [353] +Psalm 116, 15.+ [354] +Sprche 25, 16.+ [355] +Tract. Hagiga 14b.+ [356] Das Wort Acher heit wrtlich: ein Anderer, ein anderer Mensch. [357] Frank leitet Metatron von %meta thronon% ab, allein Metatron ist offenbar der parsische Mithra. [358] +Bab. Talmud. Tract. Berachoth.+ [359] S. den Philo behandelnden Abschnitt. [360] +Daniel 12, 3.+ [361] Nmlich Nephesch. [362] Es ist die die Ekliptik im Drachenkopf und Drachenschwanz schneidende Mondbahn gemeint. [363] +Mantuae, 1562. Fol.+ [364] Also ein Buch von ziemlich neuem Ursprung. [365] Es ist Maimonides gemeint. [366] Die beiden ersten Drucke des Sohar erschienen 1559 zu Cremona und Mantua. [367] +Talmud Babyl. tract. sabbat. M. und Fol.34.+ [368] +Mant. Ausgabe. Tl. III. Fol.26 u. 29.+ [369] +A.a.O. Fol.153.+ [370] +Sohar. Tl. I. Fol.113.+ [371] +A.a.O. Tl. III. Fol.10.+ [372] +Morin: Exercitationes biblicae. Lib. II. Ex. 9. cap. 5.+ [373] +Glaube und Meinung. Tl. I. Kap. 4.+ [374] +Sohar. Tl. II. Fol.42 u. 43.+ [375] +Hiob. 28. V. 20 u. 23.+ [376] +Glauben und Wissen. Tl. III. Kap. 2.+ [377] +A.a.O. Kap. 7.+ [378] +Hieron. ad Marcell. Ep. 136. Tom. III. Opp. omn.+ [379] +Tl. II. Fol.99.+ [380] +Commentatio devi, quam graeca philosophia in theologiam tam Muhammedanorum, tam Iudaeorum exercuerit. Part. I. Hamburg 1835. 4.+ [381] +De ortu Cabbalae. Part. II. Hamburg 1837.+ [382] Es ist schwer, bei folgender Stelle des h. Paulus nicht an die Kabbala zu denken: Auch nicht Acht htten auf die Fabeln und der Geschlechte Register, die kein Ende haben, und bringen Fragen auf, mehr denn Besserung zu Gott im Glauben (+1. Thim. 1.4.+) [383] +Mant. Ausg. Tl. III. Fol.296.+ [384] +Tl. III. Fol.153.+ [385] +Kap. 3. V. 19.+ [386] +De coelo. Lib. II. cap. 13.+ [387] +Opp. Lib. III. cap. 24.+ [388] +De civitate Dei. Lib. XVI. cap. 9.+ [389] +Aboda Zarah. cap. 3.+ [390] Eine sehr gewagte Behauptung Franks. +C.K.+ [391] +Talm. Babyl. Tract. Chulin. cap. III.+ [392] +Schalscheleth hakabbalah. Fol.24.+ [393] +Cuzary. Discors. 4. 25.+ [394] +Jezirah, Kap. 1. Prop. 4.+ [395] +Jezirah, Kap. 1. Prop. 3.+ [396] +Propos. 5.+ [397] +Kap. 1, Propos. 6.+ [398] +Kap. III. Propos. 3.+ [399] +Kap. 4. Propos. 1. 2. 3.+ [400] +Kap. 5. Propos. 1 u. 2.+ [401] +Kap. 6. Propos. 3.+ [402] +Kap. 6. Propos. 2.+ [403] +Kap. 6. Propos. 2.+ [404] +Sohar, Tl. III. Fol.152.+ [405] +A.a.O. Fol.149.+ [406] +Homil. 7 in Levit.+ [407] %peri archn%. +Lib. IV.+ [408] +Homil. 5 in Levit.+ [409] +Habak. III. 1.+ [410] +Sohar. Tl. III. Fol.128.+ [411] So heien die Adepten der Kabbala. [412] +Jesaias 40. 25.+ [413] +Deuteron. 4. 15.+ [414] +Hiob 14, 11.+ [415] +Sohar, Tl. II. Fol.42 u. 43.+ [416] +Sohar, Tl. I. Fol.105.+ [417] +Sohar, Tl. III. Fol.288.+ [418] +Idra Rabba. Fol.114.+ [419] +Idra Rabba. Fol.144.+ [420] +Idra Suta. Fol.288.+ [421] +Sohar, Tl. III, Fol.11.+ [422] +Pirke, Aboth. V. 1.+ [423] +Sohar, Tl. I, Fol.2.+ [424] +Sohar, Tl. III, Fol.288.+ [425] +Encyklopdie der philosophischen Wissenschaften. 86 u.87.+ [426] +Sohar, Tl. III, Fol.292.+ [427] +Sohar, Tl. III, Fol.291.+ [428] +A.a.O.+ [429] +A.a.O.+ [430] +Sohar, Tl. III, Fol.291.+ [431] +Sohar, Tl. III, Fol.288.+ [432] +Sohar. A.a.O.+ [433] +Sohar, Tl. I, Fol.246.+ [434] +Sohar, Tl. III, Fol.65.+ [435] +Sohar, Tl. III, Fol.296.+ [436] +A.a.O.+ [437] +Sohar, Tl. I, Fol.51.+ [438] +Idra Suta, am Schlu.+ [439] +Sohar, Tl. III, Fol.10.+ [440] +Sohar, Tl. III, Fol.7.+ [441] +Pardes Rimonim. Fol.60-64.+ [442] +Sohar, Tl. I, Fol.60-70.+ [443] +Vgl. Pardes Rimonim. Fol.34-39.+ [444] +Pardes Rimonim. Fol.42. u. 43.+ [445] +Idra Rabba. Tl. III, Fol.148.+ [446] +Idra Suta. Fol.292.+ [447] +Idra Rabba. Fol.135.+ [448] +Buch des Geheimnisses. Kap. 1.+ [449] +Idra Rabba. Fol.135.+ [450] +Idra Rabba. Fol.142.+ [451] +Sohar, Tl. I, Fol.20.+ [452] +Sohar. Fol.246.+ [453] +Kommentar des Abraham ben Daud zum Sepher Jezirah. Pag.65.+ [454] +Sohar, Tl. II, Fol.100.+ [455] +Sohar. A.a.O.+ [456] +Sohar, Tl. II, Fol.218.+ [457] +Sohar, Tl. I, Fol.21.+ [458] +Sohar, Tl. I, Fol.205.+ [459] Sein mystischer Name ist Samael. Von ihm wird in der Zukunft die erste Hlfte, welche Gift bedeutet, wegfallen; die zweite Hlfte hingegen ist allen Engelnaturen gemein. Dieselbe Idee wird auch noch in einer andern Weise ausgedrckt: Nachdem durch kabbalistische Berechnung dargethan worden ist, da der Name Gottes alle Himmelsgegenden mit Ausnahme des Nordens umfat, welcher den Dmonen als Strafort berwiesen ist, wird gesagt, da man am Ende der Tage auch diese Gegend im gttlichen Namen finden wird. Die Hlle wird verschwinden und es wird weder Strafe, noch Leiden, noch Schuldige mehr geben. Das Leben wird ein endloser Sabbath sein. +Vgl. Pardes Rimonim, Fol.10, Emek Hamelech, Kap.1.+ [460] +Sohar, Tl. III, Fol.61.+ [461] +Sohar, Tl. II, Fol.20.+ [462] +Sohar, Tl. II, Fol.20.+ [463] +Sohar, Tl. II, Fol.74.+ [464] +Sohar, Tl. II, Fol.76.+ [465] +Sohar, Tl. II, Fol.75.+ [466] +A.a.O. Fol.73-75.+ [467] +A.a.O. Fol.73.+ [468] +Sohar, Tl. III, Fol.68.+ [469] +Talmud. babyl. Tract. Sanhedrin. cap. 11.+ [470] +Sohar, Tl. I, Fol.42.+ [471] +Sohar, Tl. I, Fol.42ff.+ [472] +Tikunim-Tikun. 15. Fol.36.+ [473] +Vgl. Sohar, Tl. II, Fol.255-259.+ [474] +Sohar, Tl. I, Fol.35.+ [475] Sie wird im Talmud Lilith genannt. [476] +Ethica.+ [477] +Prediger Sal., Kap. III, V. 19.+ [478] +Talm. Bab. Tract. Berachoth 17.+ [479] +Talm. Bab. Tract. der Vter. Kap. 3.+ [480] +Sohar, Tl. III, Fol.48.+ [481] +Sohar, Tl. II, Fol.70.+ [482] +Sohar, Tl. II, Fol.76a.+ [483] +Sohar, Tl. I, Fol.191.+ [484] +A.a.O.+ [485] +Sohar, Tl. II, Fol.142.+ [486] +Sohar, Tl. III, Fol.107.+ [487] +Sohar, Tl. I, Sect. $LRLR$.+ [488] +Deuteron. 14. 1.+ [489] +Sohar, Tl. I, Fol.245.+ [490] +Sohar, Tl. I, Fol.55.+ [491] +Sohar, Tl. I, Fol.98.+ [492] +Sohar, Tl. II, Fol.96.+ [493] +Sohar, Tl. III, Fol.61.+ [494] +Sohar, Tl. I, Fol.23.+ [495] +Sohar, Tl. III, Fol.61.+ [496] +Sohar, Tl. II, Fol.99.+ [497] +Sohar, Tl. II, Fol.99.+ [498] +Sohar, Tl. II, Fol.208.+ [499] +Sohar, Tl. II, Fol.216.+ [500] +Sohar, Tl. I, Fol.66.+ [501] +Sohar, Tl. II, Fol.94.+ [502] +Sohar, Tl. I, Fol.168.+ [503] +Sohar, Tl. I, Fol.48.+ [504] +Sohar, Tl. I, Fol.145.+ [505] +Sohar, Tl. III, Fol.85.+ [506] +Sohar, Tl. I, Fol.52.+ [507] Ich gebe diese kleine Sammlung von Aphorismen als Wurzel so manches modernen Glaubens. [508] +Zeller, Philosophie der Griechen I. 169.+ [509] +Philosophie der Griechen I. 175.+ [510] +Aristoteles, Metaphys. XII. 2.+ [511] +Geschichte der Philosophie I. 41.+ [512] +Vergl. Curtesius, principi III, cap. 55-89.+ [513] +Dhring, Geschichte der Philosophie S.23.+ [514] +Eudemus bei Theo (bezw. Dercyllides) Astronom. S.324.+ [515] +Dhring, Geschichte der Philosophie S.24.+ [516] +Fr. 18. b. Stob. Floril. 3, 84.+ [517] +Theophrast, De sensu 1.+ [518] +Fr. 22.+ [519] +Diog. IX. I.+ %polymathi noon ou phyei%. +Procl. in Tim. p.31.+ [520] +Fr. 73, 66, 67.+ [521] +Fr. 55. Lucian V. auct. 14.+ Die hnlichkeit einzelner dieser Stze mit oft wiederholten Ausfhrungen Giordano Brunos ist auffallend. Man vergl. meine Lichtstrahlen aus Bruno's Werken. S.1-3, S.77, blo zu leben, ihr Lebenszweck, Des Weges Ziel der Wegu.s.w. [522] +Fr. 12. Clemens Strom. V. 591.+ %apisti gar diaphynganei m gignskesdai%. [523] +Plato Thet. 160.+ Kratylus, ein Lehrer Platos berbot diesen Satz seines Lehrers Heraclit durch die Behauptung, man knne nicht einmal _einmal_ in denselben Flu steigen, ein Extrem, dessen Konsequenz Aristoteles verspottet, wenn er sagt, Kratylus habe zuletzt nichts mehr sagen zu drfen geglaubt, sondern nur den Finger bewegt. [524] +Vgl. Dhring, Geschichte der Philosophie. S.28.+ [525] +Fr. 39.+ [526] +Plato, Thet. 152.+ [527] +Vergl. Zeller, Philosophie der Griechen I. S.536.+ [528] +Fr. 25.+ [529] +Lassalle, Die Philosophie Heracleitos des Dunklen I. 361.+ [530] +Plut. Is. et Os. 48.+ [531] +Plut. Is. et Os. C. 45.+ %palintonos gar harmoni kosmou hoksper lyrs kai toxou kath' Hrakleiton.% [532] +Fr. 41.+ [533] +Diogenes L. IX. 18.+ [534] +Vgl. Zeller, Philos. der Griechen I. 555. Ueberweg, Geschichte der Philosophie I. S.48.+ [535] +Vgl. J. R. Mayer Beitrge zur Dynamik des Himmels. (Mechanik der Wrme 159.)+ Auch +Giordano Bruno, Vom Unendlichen, dem All und zahllosen Welten, bers. von Kuhlenbeck+ und meine Anmerkung dazu S.91. [536] +Stob. Ekl. I. 264.+ [537] +Stob. Florileg. 5, 120.+ [538] +Stob. Ekl. I. 906.+ [539] +Fr. 52b.+ [540] +Plat. facies lunae 1. 28.+ [541] +Diog. IX. 7.+ [542] +Sext. Emp. Pyrrh. Hypotyp. III, 230.+ [543] +Fr. 57. Stob. Floril. 104, 23.+ %thos anthrp daimn%. [544] +Fr. 70. Fr. 9. Zeller, a.a.O. S.592.+ [545] +Cic. Tusc. V. 36, 105.+ [546] +Diog. Laert. IX. 6.+ [547] +Etymolog. m in+ %bios% +u. Eustath. ad Iliad. I. p.31+. Deutsch ist das Wortspiel nicht wiederzugeben. [548] +Augustin de civit. Dei VI, 5.+ [549] +W. Menzel, die vorchristliche Unsterblichkeitslehre II. 40.+ [550] +Diogenes Laert. VIII. 6.+ [551] +Apulejus, Florid. II. 15.+ [552] +Zeller, Philosophie der Griechen I. S.26.+ [553] +W. Menzel, die vorchristliche Unsterblichkeitslehre I. 94.+ [554] +Metaphysik. I. 5.+ [555] +Zeller, Philosophie der Griechen I. 322.+ [556] +Aristoteles, De coelo II. 13. Vgl. auch meine Vorrede zu Giordano Brunos Dialoge vom Unendlichen, dem All und den Welten. S. III. Berlin 1893. (Lstender.)+ [557] +Diogenes Laert. VIII. 36.+ [558] +Aristoteles de anima. I. 2.+ [559] +Bruno, degli eroici furori. I. 16.+ [560] +Simplicius, zur Physik des Aristoteles 173a.+ [561] +Vergl. Creuzer, Symbolik I. 144.+ Wenn angenommen wird, Plato und die lteren Platoniker, Plotinus inbegriffen, htten eine willkrliche Seelenwanderung (Metensomatose) gelehrt, so hat Plotinus jedenfalls in seinen spteren Jahren sich sehr skeptisch und mit groer Zurckhaltung darber geuert, d.h. zu einer Zeit, wo er in den Geist von Platos Werken am tiefsten eingedrungen war. Eben deswegen und wegen der Incongruenz einer solchen Lehre mit einem Geiste, wie Plato war, mchte ich auch bezweifeln, da er wenigstens als gereifter Philosoph im Ernste so etwas behauptet habe. [562] +Diogenes L. VIII. 19 u. 20.+ [563] Die Quellen siehe bei +Zeller, Philosophie der Griechen I. 265 not.3.+ [564] +Krit. Geschichte der Philosophie, S.19.+ [565] +Flleborn, Fragmente aus den Gedichten des Xenophanes und Parmenides, Beitrge zur Geschichte der Philosophie. Jena 1795.+ [566] +Fr. 14.+ [567] +Fr. 1.+ %oulos hora, oulos de noei, oulos de t'akouei.% [568] +Fr. 7.+ %panta theois anethken Homros th' Hsiodiste hossa par anthrpoisin oneidea kai psogos esti.% [569] +Vgl. Fiorentino, Bernardino Telesio ossia studi storici su l'idea della natura.+ [570] +Vgl. Ueberweg, Geschichte der Philosophie I. 20.+ [571] +Sphinx, VI. 33 (1888).+ [572] +Dhring, a.a.O. S.37.+ [573] +Diogenes L. VIII. 63-67.+ [574] +Diog. Laert. VIII. 60.+ [575] +Boethius de music. cap. 1.+ [576] Diese Gotie wurde, wie Kiesewetter bereits im +I. Bande S.73+ bemerkt hatte, zur Zeit der Perserkriege durch die Magie des Persers Osthanes abgelst. [577] +Aristotel. de anima II. 6.+ [578] +Aristotel. de anima II. 6.+ [579] +Geschichte der Philosophie a.a.O.+ [580] +Vgl. Zeller, Philosophie der Griechen I, S.667.+ [581] +Noacks Jahrbcher fr spekulative Philosophie II, 2.+ [582] +Cicero, Tusc. I. 16. 38.+ Diese Annahme grndete sich wohl nur darauf, da man keine ltern Schriften, als die des Pherekydes kannte, die diese Lehre enthielten. +Vergl. Zeller, a.a.O. I. 56.+ [583] +Diogenes Laert. I. 10.+ [584] +Vgl. Ebstein, Einige Bemerkungen ber die sog. Nona. (Berliner Medizinische Wochenschrift 1891, Nr. 41.) Charcot, Leons de mardi la Salpetrire. Paris 1889. p.63ff. Lwenfeld, ber hysterische Schlafzustnde (Archiv fr Psychiatrie XXII.)+ [585] +Plato de Legibus I. 642. Cicero, de Dio. I. 18. Aristoteles, Rhetor. III. 17.+ [586] +Plato de republ. II. p.364.+ [587] +De principiis 383.+ [588] Die hier, nach der Weise der hesiodischen Theogonie eine geschlechtliche Syzygie bilden, die Luft (griechisch %Ho ar%) ist der mnnliche, die Nacht das weibliche Urwesen. [589] +Thucydid. I. c. 4.+ [590] +Die vorchristliche Unsterblichkeitslehre. S.62.+ [591] +Vgl. Plutarch, Pelopidas, cap. 10.+ [592] +Creuzer, Symbolik. S.497.+ [593] +Somnium Scipionis I, 12.+ [594] +Lucretius.+ [595] Von %kykan% d.h. eine Mischung, die durch Schtteln entstanden. Er ist teils Medizin, teils Zaubermittel, %kyphi% bei den egyptischen Mysterien. Bildlich nennen die Philosophen das kosmische Ineinander der Elemente bisweilen Kykeon, so Heraclit b. +Lucian, vit. auct. 15. Vgl. Preller, Demeter und Persephone. S.98.+ [596] Man enthielt sich von Geflgel, Fischen und Bohnen, der Granaten und pfel. +Vgl. du Prel, Mystik der alten Griechen, S.104+, der hier einen Zusammenhang mit Mediumitt vermuten mchte. [597] Nach Preller ist Jambe nichts als eine Personifikation des Jambus in der Bedeutung des Spottgedichts. [598] +Preller, a.a.O. S.138. not. 22.+ Nheres siehe spter! [599] Besonders verstand man es auch, energische Lichteffekte durch Wechsel von Licht und Finsternis zu erzielen. [600] +Fragm. 116.+ [601] +Orphica No. 40.+ [602] Ganz richtig ist diese Worterklrung nicht; Gesetz_geberin_ wrde eigentlich Thesmo_thetes_ heien. %phoros% bezieht sich auf das _Tragen_ der Satzungen im krperlichen Sinne; die Weiber trugen nmlich die Gesetze der Ceres und ihre Symbole in Prozession herum. [603] Nicht Liebe berhaupt erregte und frderte Ceres, gleich der Afrodite nur die treue Turteltaube war ihr angenehm; nur die Liebe des ehelichen Paares erfreute sich ihrer Segnungen. Diese beziehen sich dann auf dieselben Stufen weiblicher Passivitt, welche Demeter selbst, freilich nur gleichsam, doch alljhrlich zu ertragen hat. Denn Sen und Pflgen schien den Griechen ein Schwngern der Erde zu sein; die Gttin Erde selbst schien um die Saatzeit den Keim neuer Pflanzung in brnstiger Liebe aufzunehmen (+ad conceptum impetus terrae Plin. N. H. 18.+) +Preller, Demeter S.354.+ [604] +Preller, a.a.O. S.339.+ [605] Nach Mommsens Heortologie sollen heute noch Badegewohnheiten der Mohammedanerinnen an die Gebruche der Thesmophorien erinnern; unter allerhand Neckereien und Scherzen fahren die Trkinnen ans Meer, nehmen Speisen und Getrnke mit und ergtzen sich nach dem Bade in ausgelassenster Weise. [606] %kteis% bedeutet wrtlich zunchst Kamm, dann eine Muschelart (Kamm-Muschel). Diese letztere Bedeutung fhrt dann weiter: Vgl. Hofmann v. Hofmannswaldau, die Schoo der Geliebten: Man sagt, die Venus sei ihr Wesen zu verstellen Nicht nach gemeiner Art, vielmehr aus Meereswellen In einer _Muschel_ Helm empfangen und gezeugt, Wo sie des Meeres Schaum gewieget und gesugt. Wer glaubet dieses nicht, der Venus' Thun erwget? Weil aber eine Schoo der Muschel Bildni trget, Glaub ich, da Venus zwar, was sie ans Licht gebracht, Hernach zu einer Schoo der ganzen Welt gemacht; Da, als die Herrscherin ihr Muschelschiff verlassen, Sie, aller Menschen Herz in diesen Schrein zu fassen, Die Muschel in den Schoo der Weiber eingeschrnkt Und sich durchgehends selbst zur Wohnung nachgesenkt! [607] +Preller, a.a.O. 346.+ [608] Die Vierfaltigkeit, die Urgottheit. [609] Des Urgeistes. [610] Des unendlichen Raumes. [611] Die Weltkugel. [612] Der Urgottheit. [613] +Aristoteles de coelo IV, 203. 8b. 35.+ [614] Ring oder Rolle, wodurch Spindel oder Spule umschwingen. [615] Die berhmte Harmonie der Sphren. [616] Der Snger Orpheus wurde von Mnaden zerrissen, angeblich weil er nicht stark genug gewesen, den Tod fr Eurydike zu ertragen; Plato, Symp. 7, oder weil er die erotische Liebe bei den Thrakern eingefhrt. In Wahrheit ist dieser Tod eine Nachbildung der Sage von der Zerreiung des Zagreus (siehe S.492ff. 535 oben!), dessen Priester Orpheus ist. [617] Thamyras, wie Orpheus, ein thrakischer (mystischer) Dichter, der nach der Sage sich in einen Wettstreit mit den Musen einlie und besiegt seiner Laute und des Augenlichts beraubt wurde. +Vgl. Ovid. amores III. VII.62.+ [618] Der bekannte _Lethe_-Strom. [619] M. E. zeigt sich hier schlagend, wie der Unsterblichkeitsglaube lediglich aus dem Gefhl der _Wertschtzung_ hervorgeht. Ein zwingender Beweis der Unsterblichkeit lt sich nicht fhren; ebensowenig freilich auch ein Gegenbeweis. Gewhnlich wird letzterer in dem mephistophelischen Satze gefunden: Alles, was entsteht, ist wert, da es zu Grunde geht; und daher das Bestreben so vieler Metaphysiker, die Seele zu den unentstandenen Urelementen des Seins zu rechnen. Jener Satz von der Vergnglichkeit alles Entstandenen kann sich auch nur auf eine empirische Induktion berufen, deren Beweiskraft keineswegs zwingend ist. Vgl. meine Anmerkung zu +Brunos Dialog vom Unendlichen. Nr. 35. S.9 u.97+. [620] Rein germanisch sind nur die Niedersachsen, Westfalen und Friesen im Nordwesten, und die Tyroler bezw. Oberbaiern im Sden. [621] Ptolemus schtzte den Gesamtumfang der aristotelischen Werke auf 1000 Bnde. [622] +Metaph. III. 4.+ [623] +A. Vinet, sur le Jocelyn de M. de Lamartine in Essais de philosophie morale, Paris 1837, p.271,275.+ [624] +Vergl. Schlomann, a.a.O. S.13.+ [625] +Alex. Aphrodis. de anima.+ [626] +Pindar, bei Bergk fragm. 108.+ [627] %ainos eidlon%. [628] +E fescina il canestro, che adopriamo A'raccor queste gemme dolci e fine, Fescinaia la ninfa, ch'io tant 'amo, Et le rime, ch'io canto Fescennine. (Tansillo, vendemmiatore.)+ [629] In Sditalien werden bekanntlich die Reben nicht an kleinen Pfhlen, sondern hoch von Baum zu Baum auf den Feldern gezogen. [630] +Vgl. S.634 oben.+ [631] +Sors+ von +serere+ reihen. Es waren wahrscheinlich an einer Schnur gereihte Holztfelchen, die geworfen verschiedenartige Figuren bildeten; was an die Runen erinnert. [632] von +fatum+ = schicksalredend = +fari+. [633] +lituus+ bedeutete zunchst die gekrmmte Kriegstrompete. [634] +Plinius, H. N. XVI, 20.+ [635] +Plutarch, Romulus c. 20.+ [636] +Antiq. jud. Lib. XVIII. cap. VIII.+ [637] Da daran nichts Wahres ist, bedarf wohl kaum einer Bemerkung, wenngleich der Halbtheologe B. Bauer sich zu dem Versuch verstiegen hat, das Christentum als Ableger des Alexandrinertums erklren zu wollen. Die beste Abfertigung dieser Gelehrtenhypothese findet man bei +Dhring, Ersatz der Religion, S.18+. --L.K. [638] +De Cherubim II. 24.+ [639] Vgl. +De sacrificiis Abelis et Cain. II. 73+. +Vita Abrahami. V. 234-240+. +De nominum mutatione IV. 426etc.+ [640] +De Cherubim II. 30-36.+ [641] +V. 260-270.+ [642] Also das bekannte platonische Bild. [643] +De somniis. V. 34.+ [644] +Die Philosophie im Fortgang der Weltgeschichte.+ [645] +De nominum mutatione. IV. 332.+ [646] +De somniis. Lib. I. V. 34-36.+ [647] +De opificio mundi. 4.+ [648] +De confusione linguarum 340.+ [649] +De somniis 576.+ [650] Nach meiner Ansicht hat das Christentum, als eine wesentlich _praktische_ Geistesrevolution nicht nur gegen eine bestimmte Richtung, sondern gegen das Schriftgelehrtentum berhaupt, _nichts_ mit einer rein theoretischen Aneignung griechischer Philosopheme durch einen jdischen saft- und kraftlosen Gelehrten zu thun; erst die Gnostiker und Manicher traten in Beziehung zu diesen alexandrinischen Exsudaten. --L.K. [651] +Leg. alleg. I. 46. II. 93.+ +De sacrificio Abel et Kain.+ [652] +De profugis. IV. 268.+ [653] +De migratione Abrahami III, 424.+ [654] +Ebendas. III, 440.+ [655] Vergl. +De confus. ling. 271+. +De profugis 359+. +De Abraham 287+. +De somniis 455+. +De Gigant. 222-224+. [656] Hinter dem bekanntlich sowie berhaupt hinter diesem Satze darf nchterne Geschichtsforschung getrost ein Fragezeichen setzen. --L.K. [657] +De opificio mundi 33.+ [658] +De eo quod detur 170.+ +De somniis I, 170.+ [659] +De eo quod detur 170, 172.+ +De somniis 578.+ [660] +De eo quod detur 170, 172.+ +De somniis 578.+ [661] +De confus. ling. 342.+ +De somniis I, 16.+ sagt Philo noch: Von den vier Theilen, (Philo rechnet die von ihm gemachten Unterabtheilungen nicht als selbstndige Theile) aus welchen der Mensch besteht, sind drei, nmlich der Leib, die Sinne und die Rede, begreiflich; der vierte aber, der Geist, ist nicht begreiflich. Was ist er seinem Wesen nach? Geist, Blut oder gar Leib? Leib ist er nicht, sondern unkrperlich, ist er aber Grenze, Gestalt, Zahl, Thtigkeit, Harmonie oder etwas hnliches? Und kommt er bei der Geburt schon ausgebildet in uns hinein, oder wird die Feuernatur in uns, wie Eisen in der Schmiede durch kaltes Wasser -- zur festen Masse? weshalb auch %psych% von %psychos% abgeleitet sein drfte. Und weiter: erlischt er, wenn wir sterben und geht mit dem Leib zu Grunde, oder berlebt er ihn, oder ist er gar unvergnglich? -- So schwankend sich auch Philo in diesen Worten ausspricht, so leuchtet doch die Meinung durch, da der Geist ein Theil des gttlichen thers oder in diesen gekleidet sei. [662] +Quod deterior. potior. incid. soleat II, 196, 198.+ [663] +De opificio mundi 33.+ [664] +Loco cit. 31.+ [665] Vgl. Paracelsus +De natura rerum+: Denn wer kann wissen, was gut ist, ohne zu wissen, was bse ist. [666] +De allegor. III, 80.+ [667] +De allegor. III, 71.+ [668] +De allegor. 68.+ [669] +De allegor. I, 59.+ +De profugis 459.+ [670] +De Decalogo 754.+ [671] +Quis rerum divin. heres sit IV, 118.+ [672] +De allegor. 52-54.+ [673] +Quod Deus sit immutabilis II, 408.+ [674] +Leg. allegor. 142.+ [675] +De nobilitate II, 437.+ Vgl. auch den freimaurerischen Mythus vom salomonischen Tempelbau. [676] +De opificio mundi I, 92.+ [677] +De opificio mundi I, 92.+ [678] +Loco cit. I, 100.+ Vgl. auch folgende Stelle aus Poiret +Gttliche Haushaltung, Frankfurt und Leipzig, 1714. 8. III, 314+: Uranfnglich vermochte der Mensch durch Geberde und Wort in der Kraft seiner Imagination und seines Willens die gesammte Krperwelt zu beherrschen. Sowie wir jetzt unsere Glieder bewegen knnen, wenn wir wollen, indem aus uns verborgene Krfte in sie flieen, welche dieselben in Bewegung setzen, ebenso konnte der Mensch durch verborgene geistige Ausflsse der Krperwelt befehlen, nmlich denjenigen Gegenstnden, welche in seiner Nhe oder ihm gegenwrtig waren. -- Ebenso konnte der Mensch die sichtbare Welt auch durch seine Stimme allein beherrschen. Es war blos eine Erneuerung dieser ursprnglichen Natur des Menschen, wenn die Heiligen der alten Zeiten in bereinstimmung mit ihrer Willens- und Imaginationskraft so groe Dinge durch die Macht der Stimme oder des Wortes verrichteten, wenn z.B. Noah die Thiere zu sich in die Arche rief, Josua der Sonne und Moses dem rothen Meer befahl. Der Mensch hat die Sprache ursprnglich nicht zu dem Zweck allein erhalten, um seines Gleichen durch sie seine Gedanken mitzutheilen, denn das konnte er ursprnglich durch eine verborgene Wirkung oder durch das alleinige Verlangen bewerkstelligen, einem andern seine Gedanken kund zu thun. [679] +Loco cit. I, 100.+ [680] +Loco cit. I, 98.+ [681] +De opificio mundi I, 102.+ [682] +Loco cit. 108.+ [683] +De opificio mundi 104, 108.+ [684] +Loco cit. I, 114.+ [685] +Loco cit. I, 116.+ [686] Dieser Satz ist natrlich nicht im darwinistischen, sondern im ethischen Sinn zu verstehen. [687] +De opificia mundi I, 98.+ %Synkekrita gar ek tn autn, gs, kai datos, kai aeros, kai pyros.% Das Feuer zielt wohl auf den therischen Astralkrper, da im Altertum der ther als Feuer gedacht wurde. [688] +Loco cit. I, 100.+ [689] +De sacrif. Abel 149.+ [690] Philo legt hier die klimatischen Jahre der Astrologie zu Grund, nmlich das 7., 14., 21., 28., 35.,&c. [691] +Quis rerum divin. heres sit 522, 523.+ [692] +De migrat. Abrah. III, 470.+ [693] +Quis rerum divin. heres sit 522, 523.+ [694] +De Cherubim II, 56.+ [695] Philo nennt hier nach Pythagoras nur Grammatik, Rhetorik und Musik. Er htte statt dessen sagen sollen: occulte Schulung. [696] Man vergleiche mit diesen Personifikationen der Gottheit die christliche Dreieinigkeit. Die Sophia ist die weibliche Potenz der Gottheit, Maria vergleichbar. -- ber obige Stelle s. +De somniis 587+. [697] +De gigantibus 364.+ [698] +De profugis 562.+ [699] +Quis rerum divin. heres sit I, 501.+ [700] +De Mose III, 155.+ [701] +Quis rer. divin. heres sit 522.+ +De somniis 588, 590.+ [702] +De somniis I, 74.+ [703] +De nominum mutatione 356.+ [704] +De nominum mutatione 358.+ [705] +De somniis V, 68.+ [706] +Odyssee XI, 303.+ [707] +De somniis V, 56.+ [708] +De nominum mutatione IV, 334.+ [709] +De profugis IV, 264.+ [710] +De migrat. Abrah. III, 410.+ [711] +Quis rerum divin. heres sit IV, 30.+ [712] +Leg. alleg. I, 268.+ [713] +Genes. XXIV, 7.+ [714] +Genes. XXIV, 63.+ [715] +Exod. IX, 29.+ [716] +Leg. allegor. I, 154.+ [717] +De ebrietate III, 238.+ [718] Porphyrius berichtet z.B. von Plotinos, da dieser whrend sechs Jahren nur viermal zur Anschauung gelangte. [719] +De nominum mutatione IV, 332.+ [720] +De praemiis et poenis II, 413.+ [721] +De Dekalogo II. 198.+ [722] +De allegor. III, 76.+ Die Stelle scheint sich auf Prexistenz zu beziehen. [723] +De gigantibus II, 382.+ [724] +De profugis 466.+ [725] +De sacrific. Abel.+ [726] +De Cherubim 108.+ [727] +De congr. pagan. 432.+ [728] +De praemiis et poenis 921.+ [729] +De Cherubim 124.+ [730] +De confusione linguarum 331.+ [731] +De somniis 586.+ [732] Hier kennzeichnet sich Philos Hebrerhochmut. --L.K. [733] +De vita contemplativa II, 473. Ed. Mangey.+ [734] +De vita contemplativa II, 474.+ [735] Also als somnambule Seher. [736] Also ein zoroastrischer Gedanke. [737] +De vita contemplativa II, 475ff.+ %gnsis tn thein kai ouranin%. [738] +Josephus: De bello Jud. II, cap. 8.+ +Philo: Quod omnis probus liber sit II, 458.+ [739] +Loco cit.+ [740] +Josephus: Antiq. Jud. Lib. XVIII, 1.+ +Philo: Loco cit.457.+ [741] +Josephus: Antiq. Jud. Lib. II, cap. 8, 7.+ [742] +Loco cit. 8.+ [743] +Philo: Quod omnis probus liber 459.+ [744] +Philo: Quod omnis probus liber 459.+ [745] +Josephus: Antiq. Jud. Lib. II, cap. 8, 7.+ [746] +Loco cit. 11.+ [747] +Quod omnis probus liber II, 458.+ [748] +Loco cit. 6.+ [749] +De vita contemplativa II, 471.+ [750] +Loco cit.+ [751] %Philalths logos%. Vgl. +Opp. Philostr. ed Gotofr. Olear. Lips. 1709. Vol. I., p.428sq.+ [752] +Contra Celsum VI, 48.+ [753] +Apollonius von Tyana. Nach dem Griechischen des Philostratus. Rudolst. 1885. S.5.+ [754] +Vita Apollonii. Lib. I, 1. 3.+ [755] +Ap. v. T. und Christus. Tb. 1832. S.215.+ [756] +A.a.O. S.386.+ [757] +Vita Apoll. Lib. I, 2, 4-6.+ [758] +Vita Apollon. Lib. I, 3, 8.+ [759] +Lib. I, 3, 9, 10, 12.+ [760] +Lib. I, 3, 14, 15.+ [761] +Lib. I, 4, 16-18.+ [762] +Lib. I, 5, 19.+ [763] +Lib. I, 5, 23+. Vgl. auch +Herodot VI, 13, 119+. [764] +Lib. I, 6, 23-37.+ [765] +Lib. III, 10, 15.+ [766] +Lib. III, 10, 16, 17.+ [767] +De myster. Aeg. II, cap.7.+ [768] +Lib. III, 10, 34.+ [769] +A.a.O. 38.+ [770] +Lib. III, 10, 39.+ [771] +A.a.O. 44.+ [772] +Lib. III, 11, 58.+ [773] +Lib. IV, 12, 16.+ [774] +Lib. IV, 12, 20.+ [775] +A.a.O. 21.+ [776] hnliche Vorflle teilt auch +Frommann: De Fascinatione. Norimb. 1675. 4.+ mit. [777] +Lib. IV, 12, 34.+ [778] +A.a.O. 13, 43.+ [779] A.a.O. 44. [780] +Lib. IV, 15, 11.+ [781] +A.a.O. 13.+ [782] +Lib. V, 16, 24.+ [783] +Lib. VI, 17, 11.+ [784] A.a.O. 13. [785] +A.a.O. 27.+ [786] +Lib. VI, 18, 32.+ [787] +Lib. VII, 19, 9, 10.+ [788] +A.a.O. 20, 38.+ [789] +Lib. VIII, 21, 5.+ [790] +Lib. VIII, 23, 12.+ [791] +Ap. Gesch. 5, 19. 12, 7.+ [792] +Lib. VIII, 23, 19.+ [793] +A.a.O. 23, 26, 27.+ [794] +Hist. eccl. VI, 19.+ [795] Die Gedankenbertragung ist in solchem Falle stets von der Willensthtigkeit des bertragenden abhngig. Ist also der Wille des bertragenden ein bser, bleibt der bertragene Gedanke an der Schwelle des Bewutseins stehen und setzt er sich nur in krperliche Empfindung um, so wird eine derartige psychische Operation stets irgendwelche Krankheitserscheinungen im Gefolge haben, die um so greller sich geltend machen, je schwcher die Seelenkrfte des Objekts und je strker die des Operierenden sind. Dies zugegeben, kann der Fall gedacht werden, da +A+ auf +B+ in dieser Weise nachteilig einwirkt, so lange die Empfindung bei +B+ nicht zum Bewutsein gekommen ist; wenn dies aber geschehen ist und +B+ eine strkere psychische Kraft besitzt als +A+, so wird +B+ auf gleiche Weise reziprok wirken knnen, denn wie Paracelsus schon eben so naiv als richtig sagt: der strkere Geist berwindet den schwcheren, der strkere wehrt sich besser und macht sich den schwchern unterthan. Auf diese einfache Formel lt sich die ganze heilende wie schadende Magie, das Maleficium, der bse Blick, das Beschreien und endlich der Heilmagnetismus zurckfhren. Darin begrndet sich auch die alte Erfahrung, da Frauen, Kinder, Tiere&c., bei denen der Wille und berhaupt die psychischen Krfte wenig oder gar nicht zur Entwickelung gelangten, als der Bezauberung ganz besonders unterworfen gelten. [796] Vielleicht auch nur Experimentalpsychologen. [797] +Enn. V. Lib. V. cap. 7.+ [798] +Enn. V. Lib. I, cap. 7. Lib. II, cap. 1.+ [799] +Enn. IV. Lib. III, cap. 17.+ [800] +Enn. V. Lib. I, cap. 4.+ [801] +Enn. III. Lib. II, cap. 1.+ [802] +Enn. V. Lib. IX, cap. 9. VI. Lib. VII, cap. 12.+ [803] +Enn. II. Lib. IV, cap. 4.+ [804] +Enn. III. Lib. V, cap. 3. V. Lib. I. cap. 6 u. 10. Lib. II, cap.1.+ [805] +Enn. V. Lib. I, cap. 6.+ [806] +Enn. V. Lib. I, cap. 7.+ [807] +Enn. V. Lib. VI, cap. 4.+ [808] +Plotinos opusc. Stob. Eclog. Phys. pag.113.+ [809] +Enn. VI. Lib. II, cap. 22.+ [810] +Loc. cit., cap. 3.+ [811] +Enn. VI. Lib. VII, cap. 14.+ [812] +Enn. III. Lib. VIII, cap. 2.+ [813] +Loc. cit., cap. 2.+ [814] +Enn. VI. Lib. IV, cap. 2.+ [815] +Enn. IV. Lib. VIII, cap. 3.+ [816] +Enn. VI. Lib. VII, cap. 9.+ [817] Sollte man nicht meinen, Plotin habe in seiner mystischen Ausdrucksweise den Kampf ums Dasein und die Vererbungstheorie antizipiert? [818] +Loco cit.+ [819] +Enn. IV. Lib. IV, cap. 60.+ [820] +Enn. IV. Lib. VIII, cap. 8.+ +Lib. VIII. cap. 4.+ [821] +Enn. I. Lib. I, cap. 12.+ [822] +Enn. V. Lib. III, cap. 13 u. 14.+ [823] +Loco cit.+ [824] +Enn. VI. Lib. IX. cap. 7.+ [825] +Loco cit.+ [826] +Enn. VI. Lib. IX, cap. 10.+ [827] +Enn. V. Lib. II, cap. 1.+ [828] +Porphyrius: Vita Plotini 18.+ [829] +De abstinentia I, 30.+ +I, 59.+ +II, 45, 53.+ [830] Diese und die im Folgenden hervorgehobene Stelle sind die einzigen Spuren von der Lehre eines Seelenkrpers bei Porphyrius. [831] +Sentenz 2, 3, 38, 39.+ +Stobaeus: Eclog. phys. Th. II, pag.822.+ [832] +II, cap. 57 bis zum Schlu.+ [833] Dieser Satz Kiesewetters lt auf einen sonderbaren Begriff desselben von Psychophysik schlieen. --L.K. [834] +Vates.+ [835] Die Neuplatoniker haben auch die persisch-jdische Vorstellung guter Dmonen als Engel und Erzengel in ihre Pneumatologie aufgenommen. [836] Offenbar kannte Porphyrius die Erscheinungen des Hypnotismus und Mesmerismus. [837] Wohl eher mit einer _Hallucination_. --L.K. [838] Wie mir scheint mehr als genug. --L.K. [839] +De myst. Aegypt. Sect. I, cap. 5.+ [840] +De myst. Aegypt. Sect. I, cap. 3.+ [841] +Loco cit. S. I, c. I, 21.+ [842] +Sect. III, cap. 4.+ Nichts seltenes in Irrenhusern. --L.K. [843] +De myst. Aegypt. I, 10. III, 3.+ [844] +Loc. cit. I, 12, 13, 15. V, 23.+ [845] +Loco cit. III, 3.+ [846] +Loco cit. III, 22, 28, 29.+ [847] +Sect. III, cap. 14.+ [848] +Sect. II, cap. 10.+ [849] Die Theorie der Truggeister finden wir bereits bei _Paulus_ vor, welcher (+2. Cor. 11, 14+) vom Satan spricht, der sich in einen Engel des Lichts verstellt. _Augustin_ sagt in der +Civitas Dei, B. XIX, cap. 9+: Es ist gewi, da jene Philosophen, welche die Gtter zu ihren Vertrauten zu haben glaubten, unter bse Geister geraten waren, von denen sie betrogen wurden. -- _Psellus_ sagt in seiner Schrift +De operatione Daemonum+: +Ante adventum boni spiritus frequens Daemonum coetus affluet et varii generis variaeque formae spectra daemonica praecurrant et appareant, ab omnibus partibus elementorum excitata, partim ac omnibus lunaris cursus portionibus composita etc. imo cum laetitia et gratia quadam blanditiae saepius occurentia, speciem bonitatis Initiato praebent.+ _Reuchlin_ (+De verbo mirificio. Lib. II, cap. 1.+) frchtet nichts mehr als diesen Betrug der Geister, und _Luther_ sagt in seinen Tischreden, er wisse nicht, ob er dem lieben Gott dafr danken solle, wenn er ihm einen Engel ins Haus schickte, denn er wrde sich kaum des Gedankens enthalten knnen, ob es nicht vielleicht der Teufel sei, und so erzhlte er denn auch bei dieser Gelegenheit einige diesbezgliche erbauliche Anekdoten. [850] +De myst. Aegypt. Sect. I, cap. 21.+ [851] +Loco cit., Sect. I, cap. 21.+ [852] +L. c. Sect. I, cap. 9.+ [853] Die Frsten der Materie bei Jamblichus gleichen vllig den 7 hllischen Grofrsten des Hllenzwangs. [854] Aus vorstehendem Kaff wird es, wenn Leute wie Jamblichus auch mit zu den Philosophen gezhlt werden, wohl verstndlich, wie verchtlich auch dieses Wort werden konnte. Tiefer konnte die griechische Philosophie wohl nicht sinken. --L.K. [855] Ganz wie im Hllenzwang. [856] +De myst. Aegypt. Sect. II, cap. 3-5.+ [857] +De myst. Aegypt. Sect. II, cap. 6 u. 9.+ [858] +Sect. II, cap. 7.+ Ganz wie im Hllenzwang. [859] Die gleiche Idee herrscht noch im modernen Spiritismus. [860] Wie im Hllenzwang. [861] +De myst. Aegypt. Sect. II, cap. 8.+ [862] +In Alcib. p.76.+ [863] +L. cit. 89.+ [864] +Edit. Commel. Paris 1596. P. 56, 59.+ [865] Diese Probe der vollstndigen Paralyse des Neuplatonismus drfte gengen. --L.K. [866] +Occult. Phil. Lib. III, cap. 53.+ [867] +Zrich, 1776. 8.+ [868] Im pythagorischen Sinn. [869] Wir haben hier also wieder einen eigenartigen Vergleich fr die Doppelnatur des Menschen, die Lehre von einem transcendenten und empirischen Ich, wie sie schon den alten Mysterien nicht unbekannt gewesen zu sein scheint, dann bei Plato, Aristoteles und neuerdings bei Kant und du Prel sich vertreten findet. Vergl. S.558ff., S.613ff. oben. [870] +Ammian XV, 9.+ [871] +Viscum L. album+, spielt noch jetzt als +mistle-toe+ bei der Weihnachtsfeier in England eine Rolle. [872] Das heutige +Anglesey+. [873] Wer sich fr den sog. Neo-Druidismus, der zur Zeit wie eine Abart des Freimaurerwesens erscheint, des Nheren interessiert, sei auf den Aufsatz von Paulo _Enthllungen aus den Druiden-Logen_ in der _Kritik_, Wochenschau des ffentlichen Lebens (Berlin) III. Jahrgang Nr. 65. (25. I. 1896) S.153-160 aufmerksam gemacht. [874] be Enthaltsamkeit mit Zunge, Magen und--! Anmerkungen zur Transkription Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten, offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Sofern unterschiedliche Schreibweisen, wie gypten und Egypten, smmtlich und smtlich, mehrfach vorkamen, wurden jeweils beide Schreibweisen beibehalten. In einigen Fllen wurde die gleiche Funotennummer auf einer Buchseite mehrfach verwendet, um auf dieselbe Funote zu verweisen. In diesen Fllen sind die wiederholten Funoten hier mit dito bezeichnet. Fr die Funoten 98, 497 und 595 gab es auf den betreffenden Buchseiten keinen Hinweis; in diesen Fllen habe ich die Hinweise an den Stellen eingefgt, die mir als die wahrscheinlichsten erschienen. Im Buch war der Inhalt der Seiten 917 und 918 vertauscht, dies wurde berichtigt. Auer der Korrektur offensichtlicher Druckfehler wurden folgende nderungen vorgenommen: S. 25: British museum wurde gendert in British Museum S. 27: wird der dem reuevollen Bekenntnis wurde gendert in wird dem reuevollen Bekenntnis S. 30: die bezaubernde Person wurde gendert in die zu bezaubernde Person S. 34: anhrend betrachtet wurde gendert in angehrend betrachtet S. 44: durch seine oberste Emanation der Schpfung der Welt wurde gendert in durch seine oberste Emanation die Schpfung der Welt S. 45: man reichte deshalb wurde gendert in man reihte deshalb S. 48: Rohr des Schicksals, der Offenbarung der Enthllung wurde gendert in Rohr des Schicksals, der Offenbarung, der Enthllung S. 51: Der griechischen Tradition zufolge Delphos wurde gendert in Der griechischen Tradition zufolge soll Delphos S. 58: galt als besonders omins wurde gendert in galten als besonders omins S. 63: sondern auch daraus entnehmen wurde gendert in sondern auch daraus zu entnehmen S. 76: das Lichthorn in seiner einen Hand ist es ein Sinnbild wurde gendert in das Lichthorn in seiner einen Hand ist ein Sinnbild S. 82: um die Dews und Magier durch das Lesen des Zendavesta in die Flucht getrieben wurden wurde gendert in und die Dews und Magier durch das Lesen des Zendavesta in die Flucht getrieben wrden S. 83: davon bereit sein wurde gendert in davon befreit sein S. 84: so frchtet er doch nicht wurde gendert in so frchtet er doch nichts S. 108: die aus dem Quell der Weisheit Orients wurde gendert in die aus dem Quell der Weisheit des Orients S. 110: als unter besondere Ized stehend gedacht wurde gendert in als unter besonderen Izeds stehend gedacht S. 111: von Arduisur kommen alle Wasser unter den Himmel wurde gendert in von Arduisur kommen alle Wasser unter dem Himmel S. 125: jedes Glied der lebendigen wurde gendert in jedes Glied der lebendigen Gemeinde S. 129: das Reich des Angrmainyus zu zerstren wurde gendert in das Reich des Angrmainyus zerstren S. 132: umgnglich notwendig wurde gendert in unumgnglich notwendig S. 133: Tempel zur Feuerverzehrung wurde gendert in Tempel zur Feuerverehrung S. 142: und mochte sie im Augenblick verdorren wurde gendert in und machte sie im Augenblick verdorren S. 143: da er lerne sich vor dem Argen schtzen. wurde gendert in da er lerne sich vor dem Argen zu schtzen? S. 147: aus und ber der Erde mit allem wurde gendert in aus und ber der Erde alle Berge mit allem S. 148: welchen Taschter ber aber wurde gendert in welchen Taschter ber S. 150: wie gesagt, wird in Hinsicht wurde gendert in wie gesagt wird in Hinsicht S. 156: drei andere drei Jahrtausende wurde gendert in drei andere Jahrtausende S. 163: dem Titel herausgab wurde gendert in unter dem Titel herausgab S. 164: woher komme wurde gendert in woher sie komme S. 169: Kleides eingefhrt ist wurde gendert in Kleides eingefhrt sind S. 192: allwissend und einig wurde gendert in allwissend und einzig S. 194: Brahma habe ich wurde gendert in Brahma habe sich S. 211: da anstatt der menschlichen Zwillinge wurde gendert in da sich anstatt der menschlichen Zwillinge S. 220: magnetisiert durch wurde gendert in magnetisiert man durch S. 239: durch dieselbe Prozedur wie am folgenden Tage wurde gendert in durch dieselbe Prozedur wie am vorigen Tage S. 242: an diesen gekrmmten Ufern wurde gendert in an dessen gekrmmten Ufern S. 253: diese Macht der Erhebung verlange wurde gendert in diese Macht der Erhebung erlange S. 254: Als er nach einer halben Stunde wurde gendert in Als nach einer halben Stunde S. 257: von diesem unvergnglichen Krper wurde gendert in von diesem vergnglichen Krper S. 269: sprachen hin und her meinten wurde gendert in sprachen hin und her und meinten S. 273: Ravesu-masotep en Ra wurde gendert in Vesu-ma-Ra sotep-en-Ra S. 297: sorgfltig geheim geheim geheim gehalten wurde gendert in sorgfltig geheim gehalten S. 316: Die schauernde Naturmagie wurde gendert in Die schauende Naturmagie S. 335: in der umfangreichsten wurde gendert in in der umfangreichsten Weise S. 352: da die Schriften des Plotinus wurde gendert in da sie die Schriften des Plotinus S. 370: der jede etwas Unendliches reprsentiert wurde gendert in deren jede etwas Unendliches reprsentiert S. 390: nach denen die Autoritt wurde gendert in auf denen die Autoritt S. 397: sehen wir den letzten dieser Attribute wurde gendert in sehen wir in den letzten dieser Attribute S. 398: ber den Sinn dieser Allegorien wurde gendert in ber den Sinn dieser Allegorie S. 409: Dieser erhabene Glaube wurde gendert in Diesen erhabenen Glauben S. 436: das wiewohl das Krperliche nichts sieht, dennoch die N'schama, so da Massel ist wurde gendert in da wiewohl das Krperliche nichts sieht, dennoch die N'schama, so das Massel ist S. 467: was diese bewege, gesucht? wurde gendert in was diese bewege, gesucht. S. 476: abgeleitet haben wurde gendert in abgeleitet zu haben S. 480: letzteres aber wurde gendert in letztere aber S. 550: Parag. und Paralipomen. wurde gendert in Parerg. und Paralipomen. S. 575: das ewig und vernderlich Seiende wurde gendert in das ewig und unvernderlich Seiende S. 594: da er bei seinem Entweichen wurde gendert in da es bei seinem Entweichen S. 602: nicht nur nicht in der Lage wurde gendert in nicht nur in der Lage S. 660: vor allem durch Gebote wurde gendert in vor allem durch Gebete S. 661: als wenn hin und wieder wurde gendert in als wenn man hin und wieder S. 671: beim Festmahle das Dis wurde gendert in beim Festmahle des Dis S. 697: sein Geschlecht abgeben sollen wurde gendert in sein Geschlecht angeben sollen S. 700: da er die Wahrheit nicht zu erkennen begann wurde gendert in da er die Wahrheit zu erkennen begann S. 737: so mag er doch nur wurde gendert in so vermag er doch nur S. 739: der sterblichen abgestorben zu sein glauben wurde gendert in der sterblichen Hlle abgestorben zu sein glauben S. 741: in ihr innerstes Heiligtum versengt wurde gendert in in ihr innerstes Heiligtum versenkt S. 741: einem tieferen Sinne unterlagen wurde gendert in einen tieferen Sinn unterlegen S. 805: Herren und Seelen wurde gendert in Heroen und Seelen S. 809: Streben nach mystischen Henosis wurde gendert in Streben nach der mystischen Henosis S. 817: Nachtbar des Mssens wurde gendert in Nachbar des Mssens S. 828: gerade ihrer Grausamkeit zur Zeit wurde gendert in gerade ihrer Grausamkeit wegen zur Zeit S. 853: Woher sind denn? wurde gendert in Woher sind sie denn? S. 860: ist uns wenig Zuversichtliches wurde gendert in ist uns wenig Zuverlssiges End of Project Gutenberg's Der Occultismus des Altertums, by Karl Kiesewetter License: Share Alike