Produced by Karl Eichwalder, Constanze Hofmann, Jens Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned images of public domain material from the Google Books project. Heinrich von Kleist's Politische Schriften und andere Nachtrge zu seinen Werken. Mit einer Einleitung zum ersten Mal herausgegeben von Rudolf Kpke. Berlin, 1862. Verlag von A. Charisius. Lderitz'sche Buchhandlung. Friedrich von Raumer zur Feier seines sechszigjhrigen Amtsjubilums am 8. December 1861 in aufrichtiger Verehrung gewidmet von dem Herausgeber. Nur Wenigen ist es beschieden, den Lebenstag zu sehen, der Ihnen, hochverehrter Herr, heute festlich anbricht. Den Zeitraum eines halben Jahrhunderts in demselben Kreise durchschritten zu haben, ist kein alltglicher Ruhm unter Menschen, dasselbe Zeitma in verschiedenen Kreisen des Wirkens zu erfllen, ist dem Einzelnen noch seltener vergnnt; doch wo fnf reichen Jahrzehnten ein sechstes hinzugelegt wird, ist es unter den seltenen Festen das seltenste. Ihnen hat das gegenwrtige Jahr nicht einen, sondern eine Reihe von Festtagen gebracht, die ein halbes Jahrhundert Ihres Wirkens in Wissenschaft und Lehramt abschlieen, und vor wenigen Wochen noch mit dem goldenen Kranze des huslichen Glcks gekrnt worden sind. Der heutige Tag vollendet Ihr sechszigstes Jahr im Dienste des Vaterlandes. Wer das in ungeschwchter Kraft des Geistes und Krpers erlebt, den mchte man versucht sein jenen Mnnern des Alterthums beizuzhlen, die der hellenische Weise vor allen glcklich pries. Denn Glck ist die reine Entfaltung der eigenen Natur nach ihrem Gesetze, im Einklange zugleich mit dem groen Ganzen, dessen dienendes Glied zu sein der Einzelne bestimmt ist. Eine solche harmonische Verbindung ist das freie Geschenk hherer Macht, darum ist ein Tag wie der heutige ein Tag des Glckwunsches, das heit der dankbaren Anerkennung menschlicher Lebens- und Entwicklungsflle. Sechszig Jahre, mehr als ein Drittheil unserer Preuischen Geschichte, berschauen Sie als Staatsmann, als Lehrer und Geschichtschreiber. Von sieben Knigen haben Sie fnf erlebt und dreien treu gedient. Das Preuen Friedrichs des Groen, den tiefen Fall der alten Staatsformen haben Sie gesehen, und dem reformatorischen Gesetzgeber thatkrftig zur Seite gestanden, als er die Grundlagen des neuen Staates vorbereitete; Sie sind Zeuge gewesen der groen volksthmlichen Erhebung, haben Ihren Theil gehabt an den Zeiten innerer Ruhe und wissenschaftlichen Ruhms, und eine zweite tiefe Erschtterung berwinden helfen, um nochmals in eine neue Umgestaltung des ffentlichen Lebens einzutreten. Zu allen Zeiten haben Sie fr Gesetz und volksthmliche Freiheit, fr den Knig wie fr das Vaterland, fr Preuen wie fr Deutschland als untrennbare Mchte, mit den Besten im Bunde, unermdet und mavoll gestritten, und die Unabhngigkeit des Urtheils und Charakters frei bewahrt. Als Forscher und Geschichtschreiber haben Sie die Vergangenheit des deutschen Vaterlandes in umfassender Weise zuerst erschlossen, und die verschiedenen Zeitalter des menschlichen Geschlechts durchmessen. So mchte ich Ihnen nachrhmen, was ein alter Schriftsteller von einem Geschichtschreiber seiner Zeit sagt, das schnste Loos sei es Schreibenswrdiges gethan, Lesenswrdiges geschrieben zu haben. Mgen Sie mir verstatten das auszusprechen, da Sie, obgleich nicht selten verkannt, dennoch stets ein Verkleinerer Ihrer selbst gewesen sind. Als einen ffentlichen Ausdruck dieser Gesinnung, die ich Ihnen lngst im Herzen bewahre, bitte ich Sie die folgenden Bltter betrachten und annehmen zu wollen. Ein Zeichen sollen sie sein wissenschaftlicher Anerkennung, das ein jngerer Fachgenosse Ihnen darzubringen wnscht, rein menschlicher Hochachtung und aufrichtiger Uebereinstimmung in den groen Fragen des Lebens, und endlich des Dankes fr die freundschaftliche Theilnahme, die Sie mir stets bewiesen haben. Fr diesen Zweck schienen mir diese Bltter vornehmlich geeignet. Denn sie sind ein Erbstck aus dem Nachlasse des groen Dichters, in dessen Verehrung und Liebe, wir, wie verschieden an Lebensalter und Stellung, einander zuerst freundschaftlich begegnet sind; ein bisher unbekannter Beitrag zu unserer nationalen Litteratur, der Sie, wie der Kunst, auch unter historischen Studien und politischen Kmpfen eine jugendfrische Neigung gewahrt haben; der Gesinnungsausdruck eines ebenso hochbegabten als unglcklichen Dichters, der wie Sie fr die Wiedergeburt des Vaterlandes gestritten, den Sie selbst noch von Angesicht gekannt haben. Es irrt mich nicht, da die Berhrungen zwischen Ihnen, dem Staatsmanne, und dem Dichter nicht freundlicher Art gewesen sind. Persnlich unangenehme Erfahrungen haben Sie niemals gehindert gerecht zu sein, und Sie haben darum weder dem Menschen Ihre Theilnahme noch dem Dichter Ihre Anerkennung versagt. Die damals ausgesprochene Vershnung wird heute zur historischen Shne. Der Dichter ist nach schwerer Verirrung eingegangen in die Ehrenhalle unserer Litteratur; Sie haben seitdem fnfzig Jahre des reichsten Wirkens durchlebt, und stehen heute als gefeierter Greis voll seltener Jugendfrische und Theilnahme fr Alles was die menschliche Brust bewegt, am Grabe des Dichters, der am Widerstreit des Lebens zu Grunde ging. Und so wte ich Ihnen nur Eines noch zu wnschen, da Ihnen die Flle der Lebensgter, die Sie besitzen, noch lange erhalten, und mir Ihre Freundschaft bewahrt bleiben mge. _Berlin_, den 8. December 1861. Rudolf Kpke. Inhalt. Seite Einleitung 1 I. Prosa. 1. Politische Satiren. 1. Brief eines rheinbndischen Officiers an seinen Freund 63 2. Brief eines jungen mrkischen Landfruleins an ihren 64 Onkel 3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen 68 Unterbeamten 4. Brief eines politischen Pescher ber einen Nrnberger 70 Zeitungsartikel 5. Die Bedingung des Grtners. Eine Fabel 73 6. Lehrbuch der franzsischen Journalistik 74 7. Katechismus der Deutschen, abgefat nach dem Spanischen, 82 zum Gebrauch fr Kinder und Alte 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen. 1. Einleitung zur Zeitschrift Germania 94 2. Aufruf 96 3. Was gilt es in diesem Kriege? 97 4. Einleitung zu den Berliner Abendblttern. Gebet des 100 Zoroaster 5. Von der Ueberlegung. Eine Paradoxe 101 6. Betrachtungen ber den Weltlauf 103 3. Erzhlungen und Anekdoten. 1. Warnung gegen weibliche Jgerei 104 2. Die Heilung 107 3. Das Grab der Vter 110 4. Der Griffel Gottes 112 5. Muthwille des Himmels. Eine Anekdote 113 6. Anekdote aus dem letzten Kriege 114 7. Der Branntweinsufer und die Berliner Glocken 115 8. Tages-Ereigni 116 9. Der verlegene Magistrat. Eine Anekdote 117 10. Charit-Vorfall 118 11. Anekdote 119 12. Rthsel 120 13. Anekdote 120 14. Anekdote 121 4. Kunst und Theater. 1. Empfindungen vor Friedrich's Seelandschaft 123 2. Brief eines Mahlers an seinen Sohn 125 3. Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler 126 4. Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Vo 128 5. Unmagebliche Bemerkung 129 6. Schreiben aus Berlin, den 28. October 131 7. Die sieben kleinen Kinder 132 8. Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind 133 umbringt 5. Gemeinntziges. 1. Allerneuester Erziehungsplan 136 2. Entwurf einer Bombenpost 145 3. Schreiben aus Berlin. 15. October 147 4. Aronautik 149 II. In Versen. 1. Eine Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich 153 2. Eine Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf 156 3. Epigramme: 1. Auf einen Denuncianten. Rthsel 160 2. Wer ist der Aermste? 160 3. Der witzige Tischgesellschafter 160 4. An die Verfasser schlechter Epigramme 160 5. Nothwehr 160 Anmerkungen 161 Einleitung. I. Wehe, mein Vaterland, dir! Die Leier zum Ruhm dir zu schlagen, Ist, getreu dir im Schoo, mir, deinem Dichter, verwehrt, schrieb Heinrich von Kleist auf das Titelblatt seines vaterlndischen Dramas die Hermannsschlacht, als er es im Jahre 1808 vollendet hatte. Es war eine Grabschrift, die er dem Vaterlande, seiner Dichtung, sich selbst setzte, und in finsterm Ha sich in das Schweigen der Hoffnungslosigkeit zu vergraben, schien der letzte Trost, den das Leben ihm noch nicht geraubt hatte. Voll Liebe zum Vaterlande will er ihm zum Ruhme singen, aber in der Gegenwart sieht er es schmachbedeckt in den Staub getreten; er wendet den Blick rckwrts, der ruhmvollen Vergangenheit entlehnt er den Stoff seiner Dichtung, im Sturme will er sein Volk mit sich fortreien, aber die Hrer verschlieen ihm das Ohr. Fr die Enkel ist es gefhrlich geworden, dem Heldenliede von den Thaten der Ahnen zu horchen, der Snger schliet sein letztes Lied, er wnscht mit ihm zu enden, und legt die Leier thrnend aus den Hnden![1] Keine Bhne will sich seinem vaterlndischen Schauspiel ffnen. Zurckgewiesen von den Seinen verschliet er einsam den Schmerz und das Elend des eigenen Lebens, die Schmach und den Gram Deutschlands in jene Worte, die zur schwer lastenden Anklage eines selbstvergessenen Volks werden. Dennoch nennt sich Kleist den Dichter seines Vaterlandes; getreu bleibt er ihm im Schoo, whrend viele andere, denen es Macht, Ehre, Ruhm gegeben hatte, untreu geworden waren, es durch That, Wort oder verzagtes Schweigen verrathen hatten. Nicht Frsten und Volksstmme, Generale und Staatsmnner allein, auch Mnner der Wissenschaft und Dichter hatten das gethan. In das Unendliche hatte sich die Wissenschaft versenkt und die Welt durchmessen, das Vaterland, in dem sie aufgewachsen war, blieb ihr fast fremd; in Griechenland und Rom lebte die Dichtung, in Deutschland nicht. Weder die eine noch die andere ahnte das Verderben, das sich heranwlzte, bestrzt hatten sie geschwiegen, als es hereinbrach, oder den fremden Gewalthaber als den Vollzieher des Weltgeschicks wohl gar bewundert und gepriesen. Kleist wollte nichts als sein Deutschland, sein oft geschmhtes Brandenburg, ob auch hier die Knstlerin Natur bei der Arbeit eingeschlummert, ob es auch gerade jetzt doppelt arm und de sein mochte; er wollte es, weil es das Vaterland war.[2] Aus ihm sprach die Stimme des lang eingeschlferten Gewissens, das laut mahnte, dem Zwiespalt zwischen Weltbrgerthum und Volkssinn, Staat und Vaterland, Wissenschaft und Leben ein Ende zu machen, und die tiefsten Krfte zum Kampfe aufzurufen. Jene Verse, wie sein Drama, waren ein erster erschtternder Ausdruck der Wiedervereinigung der Dichtung mit dem Vaterlande, und darum lassen sie selbst in der Hoffnungslosigkeit die Rettung ahnen; es liegt in ihnen der Wendepunkt des deutschen Lebens. Denn anders mute es werden, sobald diese Ueberzeugung allgemein ward; selbst die hchsten Gter der Menschheit, denen man so lange nachgetrachtet hatte, verloren ihre bildende und heiligende Kraft, wenn sie durch den volksthmlichen Muth nicht mehr geschirmt wurden. Es brach die Zeit an, wo Schleiermacher und Fichte Volksredner waren, Arndt durch Lied und That wirkte und ein jngeres Dichtergeschlecht heraufwuchs, das nicht mehr classisch, sondern vaterlndisch sein wollte, selbst zum Schwerte griff und kmpfend fiel, wie Krner, oder das Glck der Sieger beneidend, den Sieg feierte, wie Schenkendorf und Rckert. Nicht so glcklich war Kleist; in die Mitte gestellt, zwischen die schonungslose Uebermacht der Gegenwart und die zweifelhafte Zukunft, hat er weder den Kampf noch den Sieg erlebt, und gleichgltig haben sich seine Zeitgenossen von ihm abgewandt. Den Weltklugen zu mystisch, den Frommen zu ruchlos, den Politikern zu unpraktisch, den Zahmen zu wild, dem Meister der Kunst zu roh und formlos, fand er bei seinem Leben nur wenige Freunde, und als der widerwrtige Streit ber seinem Grabe verstummt war, ward er im Toben des Volkskampfes, den er erwecken wollte, fast vergessen, und die Krnze, nach denen er gegeizt hatte, wurden andern zu Theil. Gewi war er als Mensch weder im Leben noch im Tode frei von schwerer Schuld, aber so oft dies auch gesagt worden ist, dem Dichter ist die folgende Zeit langer Ruhe kaum gerecht, geschweige denn gnstig, geworden. Zehn Jahr spter hat ihn Tieck in das Gedchtni des genieenden Geschlechtes, dem die starke, mnnliche Dichtweise unbequem geworden war, zurckgerufen. Ihm, seiner reinen Anerkennung verdankt man es, wenn Kleist's Stelle in der Litteraturgeschichte gesichert ist. Auch das ist langsam und zgernd geschehen. In fnfzig Jahren sind nur zwei Gesammtausgaben erschienen, und zwischen beiden liegt ein Menschenalter. Nicht ohne Mhe haben sich drei seiner Dramen auf der Bhne eingebrgert, gerade das vollendetste, das vorzugsweise heimische, mute, der Gefahr des Unterganges kaum entzogen, am lngsten gegen das Vorurtheil kmpfen, und die Hermannsschlacht, die schon vor einem halben Jahrhundert znden sollte, hat ihre Hrer bis heute nicht gefunden. Auch die Nachlese, so ergiebig bei andern Dichtern, und die Kunde von seinem Leben ist demselben Migeschick verfallen. Einen groen Theil seiner Schriften hat er in selbstqulerischer Verachtung zerstrt; was sonst zu hoffen, war verschollen oder in unbekannten Zeitschriften begraben, und erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phbus einen Theil des Vergessenen wieder ans Licht gebracht. Vereinzelt und zufllig sind manche Briefe von ihm zum Vorschein gekommen und unbeachtet geblieben; die spter von E. v. Blow und Koberstein herausgegebenen greren Sammlungen sind, wenn auch die erste, fast einzige Quelle, doch nicht umfassend genug, um auf sein dunkles Leben ein berall gengendes Licht zu werfen. Blow's freilich nicht erschpfende doch verdienstliche Lebensbeschreibung blieb in der politischen Sturmzeit von 1848, wie vierzig Jahre frher der lebende Dichter, fast unbeachtet. Erst in den letzten Jahren hat man sich ihm aus dem Gesichtspunkte der allgemeinen Zeitgeschichte, in der er in so fragwrdiger Gestalt hervortritt, wieder mehr zugewendet.[3] Dennoch scheint eine Seite seines zerrissenen Lebens der nheren Besprechung wrdig und bedrftig, von allen die erhebendste und reinste, in der sich die jhen Widersprche vielleicht am ersten ausgleichen, die vaterlndische. Ich wrde es nicht unternehmen, allein auf Grund des schon benutzten Stoffes darber zu reden, aber ich bin glcklich genug Neues, bisher Unbekanntes oder Vergessenes, hinzufgen zu knnen, und halte es fr eine That der Gerechtigkeit, die folgende nicht geringfgige Nachlese zu Kleist's Schriften der Oeffentlichkeit zu bergeben. Eben hier erscheint er vorzugsweise als politischer Schriftsteller, von dieser Thtigkeit mindestens gewinnt man ein bedeutend vollstndigeres Bild. Zuerst habe ich Rechenschaft von den Quellen, aus welchen diese Nachtrge geschpft sind, abzulegen. Theils sind sie handschriftlicher Art, theils gehren sie vergessenen Drucken an; von jenen spreche ich zuerst. Nicht alles, was Tieck aus dem Nachlasse Kleist's besa, hat er in seine Ausgabe aufgenommen. Auch finden sich, schreibt er, in seinem Nachlasse Fragmente aus jener Zeit (1809), die alle das Bestreben aussprechen, die Deutschen zu begeistern und zu vereinigen, sowie die Machinationen und Lgenknste des Feindes in ihrer Ble hinzustellen: Versuche in vielerlei Formen, die aber damals vom raschen Drang der Begebenheiten berlaufen, nicht im Druck erscheinen konnten, und auch jetzt, nach so manchem Jahre und nach der Vernderung aller Verhltnisse, sich nicht dazu eignen.[4] Also Schriftstcke politischen, vaterlndischen Inhalts, die ein Aufruf an das Volk sein sollten, jedoch nie zur Verwendung gekommen sind, waren es, die Tieck im Jahre 1821 vor sich hatte. Zunchst scheint ihn die Rcksicht auf die Erregung des eben durchgekmpften Vlkerkrieges, die jetzt friedlichern Stimmungen Platz machen sollte, von der Verffentlichung abgehalten zu haben, und noch 1826 glaubte er dabei stehen bleiben zu mssen. Auch mochten ihm diese Fragmente im Vergleiche mit den groen Dichtungen minder bedeutend scheinen. Er sah in Kleist einen befreundeten gleichzeitigen Dichter, dem er aus den vollendetsten Werken ein Denkmal errichten wollte, von welchem er das Geringfgigere meinte ausschlieen zu knnen. Ueberhaupt war seine Kritik ein Ausdruck der Begeisterung fr den Gegenstand, mehr sthetisch, allgemein anschauend und nachdichtend als historisch philologisch; er konnte zufrieden sein, den Dichter und dessen Werke der Vergessenheit entrissen und in genialen Zgen ein gro gehaltenes Bild beider entworfen zu haben. Ganz anders stand es, als zweiundzwanzig Jahre spter Blow in der Vorrede zum Leben Kleist's schrieb:[5] Die schon von Tieck besprochenen zerstreuten politischen Bltter aus dem Jahre 1809 habe ich ebenfalls durchgesehen und des Druckes meist unwerth befunden. Diese Reliquien, die er damals noch unverkrzt in Hnden hatte, legte er also in demselben Augenblicke als unwichtig bei Seite, wo er den Untergang oder die absichtliche Zurckhaltung anderer beklagte. Der Umstand allein htte den Biographen bestimmen sollen, nicht seinem persnlichen Geschmacksurtheil ber den Werth dieser Bltter, sondern dem historischen Gesetze zu folgen, das zu retten gebietet, was noch zu retten ist, damit das Bild des Dichters so getreu als mglich hergestellt werden knne. Das verlangte die inzwischen zur Wissenschaft herangereifte Litteraturgeschichte, die auch fr die Schriftsteller der nchsten Vergangenheit eine willkrliche Kritik dieser Art nicht mehr duldete. Nicht ohne ironisches Lcheln ber Kleist's naive Absicht begngte er sich, einen dieser Aufstze, berschrieben: Was gilt es in diesem Kriege? sorglos abdrucken zu lassen. Von Tieck hatte Blow diese Papiere erhalten; im Nachlasse des einen oder des andern muten sie aufbewahrt sein. Unter den zahlreich angesammelten Handschriften Tieck's fand sich in der That eine, die aus dem Nachlasse Kleist's herstammte, eine Abschrift der Penthesilea, vom Dichter durchgesehen und nicht ohne bedeutende Vernderungen einzelner Verse und Worte von seiner Hand. Aus der Vergleichung mit der Tieckschen Ausgabe, welcher der Druck von 1808 zu Grunde liegt, und den nicht unerheblich abweichenden Bruchstcken im Phbus, ergab sich diese Handschrift als eine dritte noch frhere Bearbeitung selbstndigen Charakters, die auf's neue beweist, wie sorgfltig Kleist seine Dichtungen im einzelnen durcharbeitete. Dagegen schien sich die nah liegende Vermuthung, der Herausgeber der Kleist'schen Schriften werde von seinen Sammlungen mehr als dieses eine Erinnerungszeichen bewahrt haben, nicht zu besttigen, als sich spter, bei der Durchsicht eines Restes ungeordneter Papiere, noch eine Anzahl Bltter nach und nach unerwartet zusammenfanden. Es war ein Theil des groartigen Bruchstcks Robert Guiskard, das Kriegslied der Deutschen, das Sonett an die Knigin von Preuen und das an den Erzherzog Karl im Mrz 1809, denen sich einiges Prosaische anschlo; im Ganzen 28 Halbbogen und 6 Bltter in Quart blulich grauen Streifenpapiers, dessen hheres Alter nicht bezweifelt werden konnte. Nur freilich waren es nicht Kleist's Schriftzge, sondern die altmodisch steife Hand eines schsischen Schreibers, von der alles, nach der Tinte zu urtheilen, fast in einem Zuge geschrieben worden war. Zwar beginnt die Zhlung der Seiten mehr als einmal von vorn und manche Bltter sind gar nicht bezeichnet, aber offenbar liegt hier ein Bruchstck einer Handschrift vor, die wenngleich sehr verschiedenartigen Inhalts, doch uerlich ein Ganzes bilden sollte. Bei nherer Untersuchung des prosaischen Theils fanden sich mehrere bisher unbekannte Aufstze: fnf Halbbogen, unter der Ueberschrift Satyrische Briefe, deren drei numerirt aufeinander folgen: 1. Brief eines rheinbndischen Officiers an seinen Freund; 2. Brief eines jungen mrkischen Landfruleins an ihren Onkel; 3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen Unterbeamten; welchen sich ohne Zahlenbezeichnung ein vierter anschliet Brief eines politischen Pescher (so) ber einen Nrnberger Zeitungsartikel. Auf einem Quartblatt folgte die Bedingung des Grtners, eine Fabel; dann vier Halbbogen Lehrbuch der franzsischen Journalistik, sechs Halbbogen und ein Blatt Katechismus der Deutschen, abgefat nach dem Spanischen zum Gebrauch fr Kinder und Alte, jedes Stck mit besonderer Seitenzhlung; endlich noch vier nicht paginirte Halbbogen, drei Stcke enthaltend, eines mit der Aufschrift Einleitung, ein anderes ohne Titel beginnend mit der Anrede Zeitgenossen, das dritte mit der Ueberschrift Was gilt es in diesem Kriege? Eben dieses Blatt hatte Blow herausgegriffen; es war also kein Zweifel mehr, die politischen Bltter Kleist's, die er nach Tieck's Vorgang bei Seite gelegt hatte, waren noch erhalten. Gewi ein glcklicher Fund, der durchaus Neues ans Licht brachte und fr manchen andern Verlust entschdigen konnte. Die nchste Frage, ob er vollstndig sei, beantwortete sich leider verneinend. Die Seitenzahlen des Katechismus ergeben, da der dritte und sechste Halbbogen fehle; das Lehrbuch der franzsischen Journalistik bricht mit Paragraph 25, die Einleitung mitten im Satze ab; ursprnglich muten diese Bltter vollzhlig gewesen sein. Ohne besondere Veranlassung zur Herausgabe und andern Arbeiten hingegeben, hatte ich mich lngere Zeit bei diesem Ergebni beruhigt, als die Briefe Kleist's an seine Schwester mich zu jenen politischen Bruchstcken zurckfhrten; denn was etwa noch gefehlt htte, ein bestimmtes Zeugni des Verfassers selbst, fand sich hier. Am 17. Juni 1809 nach der Schlacht von Wagram und dem Waffenstillstand von Znaym schrieb er von Prag aus, wohin ihn seine Hoffnungen auf Oesterreich gefhrt hatten, an seine Schwester: Gleichwohl schien sich hier durch B. (Brentano?) und die Bekanntschaften, die er mir verschaffte, ein Wirkungskreis fr mich erffnen zu wollen. Es war die schne Zeit nach dem 21. und 22. Mai, und ich fand Gelegenheit meine Aufstze, die ich fr ein patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, im Hause des Grafen v. Kollowrat vorzulesen. Man fate die Idee, dieses Wochenblatt zu Stande zu bringen, lebhaft auf, Andere bernahmen es, statt meiner den Verleger herbeizuschaffen, und nichts fehlte als eine hhere Bewilligung, wegen welcher man geglaubt hatte, einkommen zu mssen. So lange ich lebe, vereinigte sich noch nicht so viel, um mich eine frohe Zukunft hoffen zu lassen, und nun vernichten die letzten Vorflle nicht nur diese Unternehmung, -- sie vernichten meine ganze Thtigkeit berhaupt. Also ein Theil der Aufstze, die Kleist im Frhjahr 1809 fr ein patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, ist in diesen Blttern enthalten, nach allen ueren Zeugnissen kann seine Autorschaft keinem Zweifel unterliegen. Heutiges Tages inde, wo es darauf ankommt den Stoff der abgeschlossenen Litteraturperiode zu sammeln und zu sichten, wird man bisher unbekannte Schriften eines bedeutendern Dichters nicht leicht aus der Hand geben, ohne sie einer allseitigen Durchforschung unterworfen zu haben, auch wenn ihre Aechtheit feststeht. Es ist daher gerathen, auch diese Briefe und Aufrufe nach Form und Inhalt nher zu prfen; auch schon aus dem Grunde, weil dies zugleich fr einige andere Stcke, deren Kleistischer Ursprung uerlich weniger verbrgt ist, den erforderlichen Mastab gewhren wird. Um die stilistische Gestaltung dieser politischen Aufstze zu beurtheilen, wird man zunchst auf eine etwas allgemeinere Betrachtung der Prosa Kleist's hingewiesen. Seine prosaischen Schriften, uerlich weniger umfassend als die versificirten Dichtungen, bestehen aus Erzhlungen und Briefen. Nur in jenen erscheint er in voller bewuter Kraft, in ihnen wird man daher den Schriftsteller studieren knnen, whrend diese vom Augenblicke eingegeben, ungleich und schwankend, bald lehrhaft, bald fieberisch erregt und abspringend den Menschen und den jhen Wechsel seiner Stimmungen auch in der Form zeigen. In der darstellenden Prosa ist er Meister, so da Tieck der Ansicht war, hier entfalte sich sein Talent vielleicht noch glnzender als im Drama. Knnte man einige Auswchse beseitigen, die in seiner Natur wurzeln und von der vollendetern Handhabung der Form unabhngig sind, man wrde von seinen acht Erzhlungen die vier ersten greren und sorgfltig durchgearbeiteten mustergltig nennen knnen. In der Haupttugend aller Erzhlung beruhen ihre Vorzge, in der durchsichtigsten Gegenstndlichkeit. Ueberall treten Personen und Verhltnisse in festen und krftigen Umrissen, bis zur sinnlichen Greifbarkeit deutlich hervor. Alles ist Bewegung, Leben, That, nirgend eine Stockung, eine todte Beschreibung, die sich abmht viele einzelne Zge zusammen zu lesen, und es eben darum nie zu einem ganzen Bilde bringt, whrend hier die glckliche Einflechtung _eines_ unscheinbaren Zuges auf einzelne Personen und ganze Gruppen einen hellen Rckstrahl wirft, der das Ganze in neuem berraschendem Lichte erscheinen lt. Weil der Dichter diese Gestalten als ob sie lebten mit seinem Auge sah und darstellte, erweckt er in der Seele des Lesers, diesem unbewut, die Kraft des dichterischen Nachschaffens. Mit der Selbstentuerung eines Geschichtschreibers oder Dramatikers verschwindet er hinter seiner Darstellung, nirgend sieht man ihn mit zufahrender Hand in das Spiel hineingreifen und die Tuschung ungeschickt selbst zerstren, nirgend sich mit seinen Empfindungen und Betrachtungen aufdrngen; auch nicht in den Reden und Handlungen der Personen findet man ihn, weil sie berall ganz eigenthmlich, aus ihrer Stimmung, unter diesen gegebenen Umstnden fhlen und handeln. Nur aus der Gesammtwirkung aller Krfte, die er spielen lt, ist sein letzter Gedanke zu erkennen. Und weil er seinen Menschen so wenig als sich selbst Abschweifungen philosophierender Betrachtung oder berschwellenden Gefhls verstattet, haben sie nichts von der idealistischen Weise anderer Dichtergestalten; sie sind vielmehr von einer realistischen Derbheit, die in Hrte und Schroffheit bergehen kann, aber eben darum scheinen sie aus Phantasiegeschpfen zur Hhe historischer Charaktere, in denen sich ganze Menschengattungen und Zeiten darstellen, emporzuwachsen. Er selbst nhert sich dadurch, so weit sich das von dem Dichter sagen lt, der Grenze des Geschichtschreibers. Ohne es sein zu wollen, oder auch nur den Anspruch des historischen Romanstils zu erheben, hat ihn sein historischer Realismus auf den geschichtlichen Boden gefhrt. Unmittelbar aus dem Leben, aus Gegenwart oder Vergangenheit schpft er den Stoff, wie schon seine Vorliebe fr die Anekdote beweist, die er da und dort aufgegriffen hat, und von denen er manche bis zur Erzhlung ausspinnt. Auf diese lebendige Quelle deutet er bei der Marquise von O. mit dem wichtigen Zusatze, der sich nur im Phbus, nicht aber in den Ausgaben findet, selbst hin: Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem Sden verlegt worden.[6] Wieder aber hat er diese Episode, in der er die ganze Flle seines Talents entfaltet, in den Hintergrund des groen gleichzeitigen Revolutionskrieges eingefgt. Ebenso hat er im Kohlhaas, dem Erdbeben in Chili, der Verlobung in St. Domingo sich groen historischen Verhltnissen entweder angeschlossen, oder deren Natur an einem einzelnen Falle meisterhaft dargestellt; wie denn die erste Erzhlung, sicherlich ohne da er es beabsichtigte, zugleich eine ergreifende Darstellung des Stndekampfes geworden ist, der unter der Nachwirkung der Reformation in ganz Deutschland entbrannte. Selbst die Verirrungen, in denen er unerwartet eine andere Seite seines Innern herauskehrt, und sich mit vollstndiger Verleugnung des historischen Charakters auf das Gebiet des dunkeln Wahns verlocken lt, dienen nur dazu, die Kraft seiner Darstellung in hellerem Lichte erscheinen zu lassen; denn auch die Traumgebilde seiner Phantasie hat er so mit Fleisch und Blut zu bekleiden gewut, da man sie sieht, ohne an ihre Wahrheit zu glauben. Sein Kohlhaas bleibt trotz des unhistorischen Vornamens Michael und trotz des mythischen Kurfrsten von Sachsen, bei dem der Historiker von Fach nur mit Haarstruben an den standhaften Johann Friedrich denken kann, nach Auffassung und Darstellung eine fast vollendete historische Erzhlung, deren Grundzge dem Thatschlichen entsprechen. Denn die Zurckhaltung der Pferde, die Rechtsverweigerung und Verschleppung schsischer Seits, die Niederbrennung der Vorstadt von Wittenberg, das Gesprch mit Luther sind historisch.[7] Nach ihrer Kunstform knnte sie ohne Uebertreibung ein in Prosa ausgelstes Epos genannt werden. Auch sind seine Erzhlungen von der modernen Novelle, dem historischen Roman und dem, was heute dafr gelten will, sehr verschieden. Die Novellenhelden sind berwiegend Trger der Reflexion, sie kmpfen die Gegenstze nicht nach auen wirkend, durch die That aus, sondern in dialectischem Ringen mit sich selbst, sie ziehen die ganze Welt in den Strom ihrer Betrachtungen hinein, und dessen ungeachtet verblassen sie zu Schatten, die nach dem Lehrbuche sprechen. Andererseits in den neueren sogenannten historischen Romanen, die mit der Macht der Geschichte den Zauber der Dichtung zu verbinden whnen, werden die historischen Riesen auf das zwerghafte Ma einer schwchlichen Phantasie herabgedrckt, die eigentlich nur deshalb ihre Zuflucht zur Geschichte nimmt, weil diese mit der unbersehbaren Flle eigenthmlicher Gestalten der drftigen Erfindung zu Hlfe kommt. Der falsche Schein historischer Kenntni soll die Mngel der Dichtung verdecken, und schlielich verliert jede von beiden den reinen und ursprnglichen Charakter durch die Verbindung mit der anderen. So sehr Kleist Dramatiker ist, so vermeidet er doch in der Erzhlung in der Regel den unmittelbaren Dialog, der in neueren Novellen so die Oberhand gewonnen hat, da der verkehrte Versuch einer wrtlichen Uebertragung in das Drama hat gewagt werden knnen. Dagegen hat er im vollsten Verstndnisse dieser Darstellungsweise die indirecte Rede berwiegend gebraucht. Auch da, wo seine Personen direct reden mten, ist er epischer Berichterstatter, er lt sie nicht aus dem Rahmen des Ganzen selbstndig heraustreten, sondern verwandelt ihre Rede in ein Handeln, von dem er zu erzhlen hat. Es ist bemerkt worden, sein dramatischer Dialog verrathe in den unruhigen Sprngen, in dem hastigen Hin- und Wiederfliegen von Frage und Antwort, wodurch die Lebhaftigkeit zwar gesteigert wird, die innere Erregtheit des Dichters; seiner erzhlenden Rede ist diese Zerrissenheit durchaus fremd. Mit gleichem Wellenschlage fliet sie wie ein breiter Strom dahin, auf dem der Hrer sich mit stets gleicher Theilnahme von einer Windung zur andern tragen lt. Mit Vorliebe baut Kleist lange Perioden, architectonisch erheben und schlieen sie sich, ohne je zu erstarren; der Belege im einzelnen bedarf es kaum, jede Seite bietet sie dar. Aus vielen herausgegriffen mge folgende Periode hier eine Stelle finden:[8] Der Rohndler, _dessen_ Wille durch den Vorfall, _der_ sich auf dem Markt zugetragen, in der That gebrochen war, wartete auch nur, _dem_ Rath des Grokanzlers gem, auf eine Erffnung von Seiten des Junkers oder seiner Angehrigen, _um_ ihnen mit vlliger Bereitwilligkeit und Vergebung alles Geschehenen entgegenzukommen: _doch_ eben diese Erffnung zu thun, war den stolzen Rittern zu empfindlich, _und_ schwer erbittert ber die Antwort, _die_ sie von dem Grokanzler empfangen hatten, zeigten sie dieselbe dem Kurfrsten, _der_ am Morgen des nchstfolgenden Tages den Kanzler, krank _wie_ er an seinen Wunden darniederlag, in seinen Zimmern besucht hatte. Der Wendepunkt dieser Periode liegt in dem _doch_, durch das sie in zwei gleich wiegende Hlften getheilt wird; jede hat zwei obere Nebenstze, die einen untern in sich umfassen, in dem eine nhere Begrndung gegeben wird; beide schlieen mit der Andeutung des Zieles ab, das erreicht werden soll. Der thatschliche wie stilistische Nachdruck liegt auf den letzten Worten, sie leiten die Bewegung weiter. Umsonst versucht der Rohndler seinen Zweck zu erreichen, um so besser erreichen die Ritter, die keine Vershnung wollen, den ihren, die Rache. Man gewinnt den vollsten Ueberblick der Parteien, ihrer Stimmung, ihres Verhltnisses zu einander, ihrer Erfolge. Kleist's Perioden sind kunstvoll ohne verwickelt, reich ohne berladen zu sein, vielgliederig ohne Leben und Bewegung zu verlieren. Es ist ein Beweis bedeutender Meisterschaft, wenn man sich dem Zuge der deutschen Sprache zu weitlufigen Satzgefgen berlassen darf, weil die strenge Fassung, die nichts Ueberflssiges hinzufgt, die Mglichkeit eines Vorwurfs der Weitlufigkeit nicht einmal aufkommen lt. Noch verschlungener werden sie, wenn sich die mittelbare Rede zu entfalten beginnt, sei es, da sie den Dialog einfhre, oder ber Seelenvorgnge berichte. Selten nur wird durch steigende Lebendigkeit die mittelbare Rede in die unmittelbare fortgerissen, wie in folgender Periode, die ebenfalls charakteristisch ist:[9] Luther, der unter Schriften und Bchern an seinem Pulte sa, und den fremden besonderen Mann die Thr ffnen und hinter sich verriegeln sah, fragte ihn: _wer_ er sei und was er wolle? _und_ der Mann, _der_ seinen Hut ehrerbietig in der Hand hielt, hatte nicht sobald mit dem schchternen Vorgefhl des Schreckens, _den_ er verursachen wrde, erwiedert: _da_ er Michael Kohlhaas der Rohndler sei; als Luther schon: weiche fern hinweg! ausrief, _und indem_ er vom Pult erstehend nach einer Klingel eilte, hinzusetzte: dein Odem ist Pest und deine Nhe Verderben! Hufig dagegen zieht sich die indirecte Rede leicht und geschickt durch die lngsten Wendungen hin, bisweilen freilich, auch ber die Grenze des Erlaubten hinaus. So wird z. B. in der Marquise von O. der Inhalt einer Rede in einer Reihe von Stzen, die durch ein fnfzehnmal wiederholtes da -- da -- verbunden sind, wiedergegeben.[10] Ich wei nicht, ob Kleist die Novellen des Cervantes studiert oder auch nur gekannt hat; aber lebhaft wird man an die hohe Gegenstndlichkeit der Darstellung, an den vollen klaren Flu der getragenen Perioden des Spaniers erinnert. Doch auch bei dem Meister ist das wahrhaft Vollendete immer noch nicht das Gewhnliche. Jeder Schriftsteller hat Angewohnheiten des Stils, geringfgig scheinende Eigenthmlichkeiten, die um so hufiger sein knnen, je leichter sie sich dem Blick, der auf das Ganze gerichtet ist, entziehen. Aber er kommt dadurch in Gefahr, aus dem Stil in die Manier zu gerathen, und er wird ihr verfallen, wenn der freie Ausdruck des Inhalts von der bequemen Gewohnheit geleitet wird, statt sie zu leiten. Wie Goethe hat auch Kleist dergleichen Angewohnheiten. Es ist die Vorliebe fr gewisse Bindewrter, die er gebraucht, um die Spannung des Lesers zu steigern oder herabzustimmen. Am auffallendsten ist das unzhlige Mal wiederkehrende dergestalt da߫, das er als anschaulichere Redeweise dem nchtern so da߫ vorzieht. Durch alle Erzhlungen lt sie sich verfolgen, im Kohlhaas allein sind ohne groe Mhe ein Paar Dutzend Beispiele dafr aufzufinden. Nicht minder hufig ist der Gebrauch von gleichwohl, wo es eine Bedingung, einen unerwarteten Gegensatz ankndigen soll, den man mit dennoch, dessen ungeachtet einleiten wrde. Ferner die gleichzeitige Ereignisse oder Erwgungen vorfhrende Redensart nicht sobald -- als, fr kaum, in dem Augenblick als; ebenso inzwischen, dann das gleichgltige oder ungeduldig abweisende gleichviel, das bedingende falls fr wenn. Alle diese Lieblingswendungen sind auch den Dramen, namentlich dem prosaischen Dialog, nicht fremd.[11] Dagegen hat sich Kleist von einem andern Fehler, dem auch die Grten verfallen sind, um so reiner erhalten, von widerlich strender Wortmengerei. Fremdwrter braucht er in der Regel nur da, wo etwa Kunstausdrcke unvermeidlich sind, berall bietet sich ihm an der rechten Stelle das rechte deutsche Wort ungesucht dar. Hier bertrifft er Schiller und den alternden Goethe bei weitem. Es ist der Ausdruck seiner deutschen Natur; eben darum greift er auch bisweilen selbst im Verse zu Provinzialismen, die nichts weniger als edel, aber sehr bezeichnend sind. Fat man dies Alles zusammen, den knstlerischen Bau der Perioden, seine Vorliebe fr die mittelbare Rede, die Reinheit seines Ausdruckes, die unbewuten stilistischen Gewohnheiten, so gewinnt man eine Anzahl von Merkmalen, nach denen sich mit ziemlicher Gewiheit feststellen lt, ob man es mit Kleist's Wort und Schrift zu thun habe oder nicht. II. Die vier satirischen Briefe bilden gewissermaen ein dramatisches Ganzes, sehr verschiedene Personen sprechen sich ber dieselben Ereignisse, jede in ihrer Weise aus. Der rheinbndische Officier, das Landfrulein, der Burgemeister; diesen ironischen Charakteren steht der politische Pescher mit seinen einfachen Betrachtungen als Chor gegenber. Der erste Brief ist in kurz abschneidender franzsirender Standessprache geschrieben. Das Landfrulein schreibt, wie schon der Eingangssatz beweist, in der verschlungenen Weise Kleist's; architectonisch durchgefhrt sind Perioden wie die Allein, wenn die Ansicht u. s. w. oder: Aber die Beweise, die er mir, als ich zurckkam u. s. w., denen die beiden letzten des Briefes, mit ihrem inzwischen und gleichwohl an die Seite gestellt werden knnen. In dem Schreiben des Burgemeisters (I, 1, 3) gilt es, die pedantische Langstiligkeit amtlicher Erlasse darzustellen; der Wortschwall ironisirt sich selbst, er soll betuben und ber die Schmhlichkeit des Inhalts tuschen. Bezeichnend ist die unbersehbare Periode: Indem wir euch nun diesem Auftrage gem u. s. w. Der Brief des politischen Pescher (I, 1, 4) stellt neun genau abgefate Fragen auf; in der fnften heit es: Ist er es, der den _Knig_ von Preuen -- zu Boden geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem _grimmigen Fu auf dem Nacken_ desselben _verweilte_? Diese Bezeichnung vollstndigster Vernichtung ist ein Lieblingsbild Kleist's. Im fnften Auftritt der Penthesilea sagt Asteria: Den _Futritt_ will er, und erklrt es laut, _Auf deinen kniglichen Nacken setzen_; im neunten Auftritt wiederholt Penthesilea: Lat ihn den _Fu gesthlt_, es ist mir recht, _Auf diesen Nacken setzen_! Und die Hermannsschlacht beginnt mit den Worten: Rom, dieser Riese, der -- _Den Fu auf_ Ost und Westen _setzet_, Des Parthers muthgen _Nacken_ hier, Und dort den tapfern Gallier _niedertretend_. Unter 7 heit es im Briefe: Ist er es, der -- Preuen, _den letzten Pfeiler Deutschlands sinken_ sah --? Und in den ersten Versen der Hermannsschlacht: Und Hermann der Cherusker endlich, Zu dem wir, als _dem letzten Pfeiler_ uns Im allgemeinen _Sturz Germanias_ geflchtet -- Endlich in der neunten Frage wird auf den Kaiser Franz folgendes Gleichni angewendet: der wie Antus, _der Sohn der Erde, von seinem Fall erstanden ist, um_ das Vaterland _zu retten_. In dem Gedichte vom 1. Mrz 1809 an denselben singt Kleist: O Herr, du trittst, der Welt _ein Retter_, Dem Mordgeist in die Bahn, Und wie _der Sohn der_ duftgen _Erde_ _Nur sank, damit_ er strker werde, _Fllst du_ von Neu'm ihn an.[12] Die Fabel die Bedingung des Grtners entspricht in ihrer Fassung den beiden Fabeln, die 1808 im Phbus erschienen. In ganz anderem Ton ist das Lehrbuch der franzsischen Journalistik gehalten. Obgleich die knappe Form dieser geschlossenen Reihe von Erklrungen, Lehrstzen, Aufgaben und Beweisen der entfalteten Rede keinen Raum gestattet, so haben sich doch auch hier die Lieblingswendungen eingeschlichen. Es ist bekannt, welche Neigung Kleist fr diese Darstellungsweise und den strengen Beweis hatte. Wie er zuerst meinte, seine Lebensaufgabe auf dem Gebiete der Mathematik gefunden zu haben, so ist er auch spter, namentlich in den Briefen, geneigt, wo die Leidenschaft nicht durchbricht, seine Gedanken in streng logische Formeln zu bringen. Leider ist das Lehrbuch der Journalistik in 25 Paragraphen unvollstndig. Wahrscheinlich hatte er es zu Ende gefhrt, doch sind die letzten Bltter verloren gegangen. Den obersten Grundstzen und Definitionen folgt im Paragraph 10 die Eintheilung der Journalistik mit dem ersten Capitel: Von der Verbreitung der wahrhaftigen Nachrichten in zwei Artikeln von den guten und den schlechten Nachrichten; ein zweites Capitel von der Verbreitung falscher Nachrichten mute folgen, und dieses fehlt. In dem Katechismus der Deutschen hat Kleist die Einfrmigkeit des katechisirenden Tons, in dem die Antwort das Echo der Frage ist, so zu beleben gewut, da er durchaus charakteristisch wird, und einzelne Redewendungen von Vater und Sohn an den dramatischen Dialog, etwa die einfachen Gegenreden Kthchens in der ergreifenden Scene mit ihrem Vater erinnern.[13] Auch andere Anklnge fehlen nicht. Die Schilderung des Erzfeindes findet an mehr als einer Stelle ihr Seitenstck. Sie lautet 7: Als _einen der Hlle entstiegenen Vatermrder_, der herumschleicht _in dem Tempel der Natur und an allen Sulen rttelt_, auf welchen er gebaut ist. Im Kthchen von Heilbronn schleudert der alte Theobald dem Grafen Strahl folgende Worte zu: Ein glanzumflossener _Vatermrdergeist_, _An jeder der_ granitnen _Sulen rttelnd_, _In dem_ urewigen _Tempel der Natur_, Ein Sohn _der Hlle_, den u. s. w. In der Hermannsschlacht sind Raub, Brand und Mord ein _hllenentstiegener_ Geschwisterreigen und in dem Gedichte Germania an ihre Kinder ist es eines _Hllensohnes_ Rechte, die das eiserne Joch der Knechtschaft auferlegt. Im Katechismus 9 soll, wer weder liebt noch hat, wenn es sich um die Freiheit des Vaterlandes handelt, in die tiefste, siebente Hlle, in der Hermannsschlacht der Verrther in die neunte Hlle strzen. Dort wird die Frage verneint, ob nicht das Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die _Stdte verwstet_ und _das Land verheert_ worden sei, wenn man im Kampf unterliege. In dichterischer Sprache wird derselbe Einwand abgewiesen Germania und ihre Kinder: Nicht die Flur ist's, die zertreten Unter ihren Rossen sinkt, Nicht der Mond, der in den Stdten Aus den den Fenstern blinkt, Nicht das Weib, das mit Gewimmer Ihrem Todesku erliegt.[14] Die drei folgenden Stcke (I, 2, 1-3) sind nicht blos ein persnlicher Gefhlsergu, sondern Aufrufe an das Volk, die Kampf und Rache erwecken sollen. Das erste kndet sich als Einleitung einer Zeitschrift an, und ist im Tone der glhendsten vom Hasse eingegebenen Beredsamkeit geschrieben; der Erzherzog Karl ist der volksthmliche Held, _der Bezwinger des Unbezwungenen_, oder, wie er in dem Siegesliede nach der Schlacht von Aspern genannt wird, der _Ueberwinder des Unberwindlichen_. Germania soll der Name dieser Zeitschrift sein; _Hoch auf den Gipfel der Felsen_ soll sie sich stellen, und den _Schlachtgesang herabdonnern ins Thal_, wie in dem Gedichte Germania ihren Kindern zuruft: Mit dem Spiee, mit dem Stab Strmt _ins Thal der Schlacht hinab_! -- -- _Das Gebirg hallt donnernd_ wieder -- -- -- Und vom _Fels herab_ der Ritter, Der sein Cherub, _auf ihm steht_. Die Germania der Zeitschrift will singen: Vaterland, -- welch _ein Verderben seine Wogen_ auf dich _heranwlzt_. In dem letzten Lied Kommt _das Verderben_ mit entbundenen _Wogen_ Auf Alles, was besteht, _herangezogen_. Jene will _die Jungfrauen des Landes herbeirufen_, wenn der Sieg erfochten ist, da _sie sich_ niederbeugen ber die, so gesunken sind; und das Lied an den Erzherzog Karl nach der Schlacht bei Aspern singt: Siehe, die _Jungfraun rief ich herbei des Landes_, Da sie zum Kranz den Lorbeer flchten.[15] Der Grundton der Einleitung ist in dem Gedicht Germania zum gewaltigen Schlachtgesang geworden, und kaum wird man sich der Ueberzeugung verschlieen knnen, gerade fr die Erffnung dieser Zeitschrift sei es geschrieben worden. Der Schlu der Einleitung fehlt; dagegen scheint das folgende Stck, das ohne Ueberschrift mit dem aus einer andern Schrift entlehnten Aufrufe Zeitgenossen! beginnt, von Kleist selbst nicht abgeschlossen zu sein, wenigstens die Abschrift ist nicht vollstndig, denn mit dem Ausrufe Was? bricht der Text mitten auf der Seite ab. Es sollen diejenigen, die sich auf den Trmmern des Vaterlandes in die bequeme Ruhe der Unglubigkeit einwiegen, aufgeschreckt und ihnen die Augen ber den Abgrund, an dem sie stehen, geffnet werden. Das Ziel des Kampfes wird bezeichnet in dem Aufruf Was gilt es in diesem Kriege? Wenn es heit: Deren (der deutschen Nation) Unschuld selbst in dem Augenblick noch, da der Fremdling sie belchelt oder wohl gar verspottet, sein Gefhl geheimnivoll erweckt, dergestalt da߫ -- so giebt dazu die Hermannsschlacht ein treffendes Beispiel, wo der Rmer von dem Deutschen sagt: In einem Hmmling ist, der an der Tiber graset, Mehr Lug und Trug, mu ich Dir sagen, Als in dem ganzen Volk, dem er gehrt.[16] Erst im Zusammenhange mit den frheren Stcken erscheint dieser Aufruf, der weder abgeschlossen noch auch das bedeutendste Stck ist, im rechten Lichte; um so weniger ist zu begreifen, wie Blow gerade dies zur Probe mittheilen konnte, um dadurch seine Verurtheilung der anderen gehaltreicheren Bltter zu rechtfertigen. Mit den bekannten politischen Gedichten Kleist's stehen diese Aufstze in nchster Verbindung; sie sind der Ausdruck derselben Zeit und Stimmung, wie die Hermannsschlacht von 1808, die Gedichte an den Kaiser Franz und den Erzherzog Karl aus dem Frhjahr 1809, und Germania an ihre Kinder. Der erste satirische Brief ist unter der Einwirkung des beginnenden Krieges von 1809 geschrieben, wie die Hindeutung auf die unglcklichen Kmpfe um und in Regensburg vom 19. bis 23. April beweist; Napoleons siegverkndendes Blletin, dessen erwhnt wird, ist vom 24. April datirt. Der vierte Brief schliet sich an einen Artikel des Nrnberger Korrespondenten aus denselben Tagen an. Die sterreichischen Landwehren, welche die Fabel anredet, waren durch Erla vom 9. Juni 1808 ins Leben gerufen; die Erhebung der Spanier, auf welche die Ueberschrift des Katechismus anspielt, hatte im Mai 1808, der Tiroler, deren im Text gedacht wird, am 9. April 1809 begonnen. Dagegen findet sich nichts, was auf den Sieg von Aspern am 21. und 22. April 1809 hinwiese. Also diese fnf Stcke werden Ende April oder Anfang Mai entstanden sein. Ganz anders lautet der Ton nach der Schlacht von Aspern in der Einleitung zur Germania; der erste Athemzug der deutschen Freiheit sollte diese Zeitschrift sein. Derselben Zeit gehren auch die beiden andern Nummern an. Da folgte die Schlacht von Wagram, und Sieg und Hoffnung, Muth und Zuversicht, Kraft und Begeisterung sind wiederum mit einem Schlage vernichtet. Den Versuch, den Kleist in Prag 1809 machen wollte, durch eine Zeitschrift auf die Volksstimmung zu wirken, hat er einmal vorher 1808 in Dresden, ein anderes Mal nachher 1810 in Berlin wirklich gemacht. Dort sollte es eine knstlerisch wissenschaftliche, hier eine vaterlndische sein. Jenes ist der Phbus, ein Journal fr die Kunst, zu dessen Herausgabe er sich mit Adam Mller und dem Maler Ferdinand Hartmann verbunden hatte, dieses die Berliner Abendbltter. Prchtig ausgestattet, auf weiem Papier in Quart, gro gedruckt, mit kupfergestochenen Umrissen erschien der Phbus in monatlichen Heften, auf deren Umschlag der emporsteigende Sonnengott mit seinem Viergespann zu sehen war. Kleist erblickte wirklich eine neue Hoffnungssonne in diesem Unternehmen. Aus der Zeitschrift sollte eine Buch-, Karten- und Kunsthandlung erwachsen, in die er und seine Freunde nach dem Vorbilde der Fugger und Medici alles hineinwerfen sollten, was man auftreiben knne. Dichter und Buchhndler zugleich zu sein, darin lag die Hoffnung des groen Looses; auerdem war Novalis Nachla, Beitrge von Goethe und Wieland zugesagt. Ruhmredig pries Adam Mller seinem Freunde Gentz, da es wohl noch keine hnliche Verbindung der Poesie und Philosophie und der bildenden Kunst gegeben, und meinte jede Vergleichung mit den Horen, als einer Art von sonntglicher Retraite oder Ressource, und selbst mit dem Athenum abweisen zu knnen. Dennoch war es kein Treffer; die gehofften Mittel und Beitrge blieben aus, mit der Migunst der Buchhndler waren die noch mignstigeren Zeitumstnde im Bunde, und schon im August 1808 ward es Kleist deutlich, das Journal werde sich auf die Dauer nicht halten. Am Ende war man zufrieden, es der Waltherschen Buchhandlung in Dresden berlassen zu knnen, und mit dem zwlften Monatshefte des Jahres 1808 hrte es auf. Fr uns liegt der berwiegende Werth desselben darin, da Kleist es zur ersten Niederlage seiner bedeutendsten Dichtungen gemacht hat.[17] In dem unscheinbarsten Gewande, der Zeit angemessen, wo man alle Veranlassung hatte, geruschlos zu wirken, traten die Berliner Abendbltter seit dem 1. October 1810 auf. Klein Octav, graues Lschpapier, stumpfe Lettern, die von mittlerer Gre, unter Anwendung aller Hlfen der Raumersparni, bis zu den kleinsten Augentdtern hinabstiegen, durch zahllose Druckfehler entstellt, bieten sie einen ungemein kmmerlichen Anblick dar; uerlich stehen sie auf einer Stufe mit dem bekannten Berliner Localblatte, der Beobachter an der Spree. Kein Programm war vorangeschickt, das ber den Zweck des Blatts Andeutungen gegeben htte, selbst in der ersten Nummer nannten sich weder Redacteur noch Buchdrucker, und erst unter dem 22. October trat Kleist in einer von ihm unterzeichneten Erklrung aus dem Dunkel hervor, whrend die buchhndlerische Spedition von J. E. Hitzig bernommen wurde. Diese drftigen Bltter haben einige bekannte Dichtungen Kleist's in die Welt zuerst eingefhrt; sie enthalten aber noch weit mehr, theils unter seinem Namen, theils unter verschiedenen Zeichen, was nachher im Sturm eines halben Jahrhunderts verweht und vergessen worden ist. Damals wenig beachtet, sind sie jetzt ein wichtiges Hlfsmittel zur Litteratur und Wrdigung des Dichters. Doch gehrt ein vollstndiges Exemplar zu den grten Seltenheiten des Bchermarkts. Tieck mu sie bei der Herausgabe des Nachlasses noch gehabt haben; in der Vorrede sagt er, da sie ungleich und oft flchtig von verschiedenen Verfassern geschrieben, doch manches Erfreuliche von ihm (Kleist) enthalten, doch geht er auf eine Ausscheidung desselben nicht ein.[18] Blow erhielt beim Abschlusse seines Buchs, wie er in der Vorrede sagt, noch ein Exemplar; doch ist es entweder nicht vollstndig gewesen oder von ihm nicht vollstndig benutzt worden, denn in dem Anhange giebt er nur zwei Stcke ber das Marionettentheater und eine Anekdote aus dem letzten preuischen Kriege; das Uebrige bezeichnet er als unbedeutende gelegentliche Aufstze und Bemerkungen.[19] Auch der neueste Herausgeber Julian Schmidt hat der Abendbltter nicht habhaft werden knnen. Ich wrde mich in gleicher Lage befinden, wenn mich nicht Herr Freiherr W. v. Maltzahn durch die freundschaftliche Mittheilung derselben aus seinem reichen Bcherschatze in den Stand gesetzt htte, diese verschttete Quelle durch eigene Untersuchung wieder zu ffnen. Vor mir liegen 75 Bltter vom 1. October bis 28. December 1810, ein volles Quartal. Aber wie sich aus dem Briefe Kleist's an F. v. Raumer vom 21. Februar 1811 in dessen krzlich erschienenen Lebenserinnerungen und Briefwechsel ergiebt, sind die Abendbltter erst gegen Ende dieses Monats eingegangen; die letzten Nummern scheinen ganz verschollen zu sein. Mitarbeiter waren Adam Mller, A. v. Arnim, Brentano, Friedrich Schulz, Fouqu und einige andere. Doch litt das Unternehmen an innerer Planlosigkeit, es brachte bunt zusammengewrfelte Artikel ber Fragen der innern Politik und das Theater, dichterische Beitrge und Polizeiberichte, und scheiterte zuletzt an dem Zerwrfni mit den obersten Staatsbehrden, auf deren Untersttzung Kleist nicht ohne Selbsttuschung gerechnet hatte, wie seine leidenschaftliche Anklage F. v. Raumers beweist. Er selbst hat zahlreiche und sehr verschiedenartige Beitrge geliefert. Aus der Ermittelung und Zusammenstellung derselben wird sich eine nicht ganz geringe und kaum noch gehoffte Nachernte ergeben, die ich mit den vorher besprochenen handschriftlichen Bruchstcken zu einem Ganzen verbinde. Einiges steht durch die Unterzeichnung, anderes durch den Inhalt fest. Durch sein offenkundiges H. v. K. bekennt er sich am 5. October zu der Ode auf den Wiedereinzug des Knigs im Winter 1809; am 17. October zu dem Artikel Theater. Unmagebliche Bemerkung; am 12. December zu dem Aufsatze ber das Marionettentheater. Anerkannt hat er durch Aufnahme in den zweiten Band der Erzhlungen 1811 das Bettelweib von Locarno vom 11. October, und die heilige Ccilie oder die Gewalt der Musik, eine Legende hier mit dem Zusatze Zum Taufangebinde fr Ccilie M.... vom 15. November, die erste mit ^mz^, die andere ^yz^ unterzeichnet. Er wandte also verschiedene Schriftstellerzeichen an, je nachdem er erkannt, errathen oder verborgen bleiben wollte. Die Wahl solcher Chiffern ist freilich durchaus willkrlich, und der Versuch ohne anderweitige Brgschaft aus ihnen einen Schlu auf den Verfasser zu ziehen, wre sehr milich. Doch sollte der Schriftsteller in diesen Dingen auch kein entschiedenes System gehabt haben, dennoch wird man irgend eine Art von Folgerichtigkeit annehmen drfen; wahrscheinlich werden die einmal gebrauchten Zeichen, sei es in etwas abweichender oder derselben Verbindung wiederkehren. Auch Kleist wird die Buchstaben ^m^, ^x^, ^y^, ^z^ wiederholt angewendet haben, und wenn ihnen Auffassung und Darstellung zustimmen, wird man mit annhernder Gewiheit aussprechen knnen, ob ein Stck von ihm sei oder nicht. Zunchst nach diesen ueren Zeichen stelle ich die Aufstze zusammen: ^xy^ ist unterzeichnet der Artikel Theater vom 4. October (I, 4, 4 dieser Nachlese). ^x^: die Einleitung, Gebet des Zoroaster vom 1. October (I, 2, 4); Anekdote aus dem letzten Kriege vom 20. October (I, 3, 6); von der Ueberlegung, eine Paradoxe vom 7. Decbr. (I, 2, 5). ^y^: Brief eines Mahlers an seinen Sohn vom 22. October (I, 4, 2); Schreiben aus Berlin vom 28. October unter dem 30. Oct. (I, 4, 6); Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler 6. November (I, 4, 3). ^z^: Betrachtungen ber den Weltlauf 9. October (I, 2, 6). ^xyz^: Der Branntweinsufer und die Berliner Glocken, eine Anekdote 19. October (I, 3, 7). Das Zeichen ^mz^ erscheint in Verbindung mit ^r^. ^rmz^ ist gezeichnet Ntzliche Erfindungen, Entwurf einer Bombenpost 12. Octbr. (I, 5, 2); ^rm^ Aronautik 29., 30. October (I, 5, 4). ^rz^: Der verlegene Magistrat, eine Anekdote 4. October (I, 3, 9). ^r^: Muthwille des Himmels, eine Anekdote 10. October (I, 3, 5). Ein anderes Mal gesellt sich zu ^x^ noch ^p^. ^xp^ erscheint unter drei Epigrammen, 24., 31. October (II, 3, 3). Hier verlassen uns diese Spuren; doch nehme ich fr Kleist noch eine Anzahl Stcke, die entweder vllig abweichende oder gar keine Zeichen haben, aus inneren Grnden in Anspruch. Zwei gereimte Epigramme, 12., 30. Octbr. (II, 3, 3) unter ^st^. Zu dem Aufsatz Empfindungen vor Friedrich's Seelandschaft (I, 4, 1) ^cb^ unterzeichnet, hat er sich in der folgenden Erklrung vom 22. October selbst bekannt: Der Aufsatz der Hrn. L. A. v. A. und C. B. ber Hrn. Friedrich's Seelandschaft (S. 12te Blatt) war ursprnglich dramatisch abgefat; der Raum dieser Bltter erforderte aber eine Abkrzung, zu welcher Freiheit ich von Hrn. A. v. A. freundschaftlich berechtigt war. Gleichwohl hat dieser Aufsatz dadurch, da er nunmehr ein bestimmtes Urtheil ausspricht, seinen Charakter dergestalt verndert, da ich zur Steuer der Wahrheit, falls sich dessen jemand noch erinnern sollte, erklren mu: nur der Buchstabe desselben gehrt den genannten beiden Hrn.; der Geist aber und die Verantwortlichkeit dafr, so wie er jetzt abgefat ist, mir. H. v. K. In dieser Erklrung liegt ein Widerspruch. Hatte er Arnim's und Brentano's Dialog (denn das allein kann mit der dramatischen Form gemeint sein) in diese Betrachtung umgesetzt, so gehrte ihm sicherlich auch der Buchstabe an; sein Stil ist es unverkennbar. Durch das Zeichen ^cb^ wollte er, wie es scheint, Clemens Brentano's Autorschaft wahren. Kleist gehren ferner an: ^vaa^ bezeichnet die Erzhlung Warnung gegen weibliche Jgerei 5., 6. November (I, 3, 1); ^ava^, eine Umstellung des vorigen, die sieben kleinen Kinder 8. Nov. (I, 4, 7); M. F. die beiden Erzhlungen die Heilung vom 29. November und das Grab der Vter 5. December (I, 3, 2. 3); und Allerneuester Erziehungsplan unterzeichnet Levanus 29. October (I, 5, 1). Ohne jedes Zeichen sind folgende Stcke: Der Griffel Gottes, eine Anekdote 5. October (I, 3, 4); Anekdote aus dem letzten preuischen Kriege 6. October in Blow's Nachtrag; Charit-Vorfall 13. October (I, 3, 10); Schreiben aus Berlin 15. October (I, 5, 3); Anekdote 24. October (I, 3, 11); Rthsel eine Anekdote, 1. Novbr. (I, 3, 12); Tages-Ereigni߫ 7. Novbr. (I, 3, 8); von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt 13. November (I, 4, 8); Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich 3. November; und Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf. 8. December (II, 1, 2); endlich zwei Anekdoten, 22. November und 27. November (I, 3, 13. 14). Diese Aufstze, nach Werth und Inhalt sehr ungleich, gehen von der hchsten Betrachtung bis zur niedrigen Tagesanekdote hinab. Mit manchem Beitrag ist es ihm durchaus Ernst, andere sind nichts als Raumfller und Lckenber. Um den Beweis anzutreten, sie alle seien von einem Verfasser, und zwar von Kleist, war es nthig, das Gleichartige in eine Klasse zu bringen; schon daraus mute sich manches ergeben, was fr die innere Zusammengehrigkeit spricht. Ich habe sie nach der prosaischen und dichterischen Form in zwei Abtheilungen geschieden, deren erste enthlt: 1. Politische Satiren, 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen, 3. Erzhlungen und Anekdoten, 4. Kunst und Theater, 5. Gemeinntziges; worauf die wenigen versificirten Stcke unter dem zweiten Haupttitel folgen. Zu dem Politisch Historischen gehren drei Beitrge: die Einleitung, Gebet des Zoroaster, von der Ueberlegung, eine Paradoxe und Betrachtungen ber den Weltlauf (I, 2, 4-6). Da der Fhrer des Blattes die Einleitung geschrieben habe, lt sich ohne Weiteres annehmen; sie athmet ganz seinen Geist in dem Ingrimm ber das Elend des Zeitalters, die Erbrmlichkeit, Halbheit, Unwahrhaftigkeit und Gleinerei, zu deren Bekmpfung er um Kraft betet. Denselben praktischen Zweck hat die Paradoxe; sie gilt den Deutschen, und findet im Gegensatze zu den Franzosen den Quell ihres Elends in dem unverhltnimigen Uebergewicht der gepriesenen Ueberlegung, die den lhmenden Zwiespalt zwischen Denken und Handeln hervorruft. Wie im Katechismus richtet ein Vater diese Rede an seinen Sohn. Die Ueberlegung, sagt er scheint nur die _zum Handeln_ nthige _Kraft, die aus dem herrlichen Gefhle quillt_, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrcken. Aehnlich im Katechismus 9: Sie (die Deutschen) reflectirten, wo sie empfinden, oder handeln sollten, meinten alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu knnen, und gben nichts mehr auf _die_ alte _geheimnivolle Kraft der Herzen_. Dort wie hier spielt das Gleichni vom Ringer durch. In der Paradoxe heit es: Der _Athlet_ kann _in dem Augenblick_, da er seinen Gegner umfat hlt, schlechterdings nach keiner andern Rcksicht -- verfahren -- aber nachher, wenn er gesiegt hat oder _am Boden_ liegt, mag es zweckmig sein -- zu berlegen, durch welchen Druck er seinen Gegner _niederwarf_. Und im Katechismus 7: Das wre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, die einem Menschen im _Ringen_ beiwohnt, _in dem Augenblick_ bewundern wollte, da er mich _in den Koth wirft_ und mein Antlitz mit Fen tritt. Derselbe Gedanke endlich, Kraft und That seien frher als Erkenntni und Betrachtung, das politische Handeln lter als dessen Darstellung durch die Kunst, die Reflexion das Zeichen des Verfalls und der Ohnmacht, erhebt sich in den Betrachtungen ber den Weltlauf zur geschichtsphilosophischen Hhe. Stilistisch sprechen die langen Perioden, in dem letzten Stck der indirecte Satz mit seinem fnfmaligen -- da߫ -- fr Kleist. Unter I, 3, 1-3 folgen drei etwas ausgefhrtere Erzhlungen Warnung gegen weibliche Jgerei ^vaa^, die Heilung und das Grab der Vter, beide M. F. gezeichnet. Das knnte etwa auf Fouqu zu deuten scheinen, doch hat dieser nur wenige unbedeutende Zeilen unter d. l. M. F. beigesteuert; auch hat der Stil durchaus nichts von seiner Manier. Diese drei Erzhlungen gehren zusammen, sie sind von einem Verfasser; in allen dieselbe Anschaulichkeit, dieselbe Lebendigkeit der Darstellung, verschlungene Perioden und indirect wiederholte Reden und Betrachtungen. Mit ungemeiner Kraft, hchst ergreifend ist in der Heilung die Spitze der ganzen Begebenheit in eine einzige Periode zusammengedrngt: Wie mute nun dem Leichtsinnigen zu Muthe werden, u. s. w. die in wenigen Strichen ein Grauen erregendes Bild vorfhrt. Auch dergestalt da߫ fehlt hier nicht. In gleicher Weise wird in dem Grab der Vter die Summe des Ganzen in einem Bilde, in einer Periode ausgesprochen. Da standen sie aber pltzlich u. s. w. Die erste Erzhlung ist mehr humoristischer Natur. Alle drei stehen auf der Grenze der Erzhlung und Anekdote und schlieen sich insofern dem Bettelweib von Locarno an, einer Anekdote spukhaften Inhalts, welche die Reihe dieser kleinen Skizzen, die den Rahmen des Blattes fllen, erffnet. Es folgt eine Gallerie von elf Anekdoten verschiedenen Inhalts, zum Theil als solche bezeichnet; einige sehr charakteristisch und unmittelbar dem Leben entlehnt, der Form nach Papierschnitzel, die nebenher vom Schreibtisch abgefallen waren. Manche mochten Zge sein, die zu knftiger Verwendung in irgend einem greren Bilde vorlufig hingeworfen waren. Der Griffel Gottes (I, 3, 4), ohne Unterzeichnung, trgt das Geprge einer solchen Notiz zu einer spter auszufhrenden Erzhlung. Ins Lcherliche wird das Grausige verkehrt in der Anekdote Muthwille des Himmels ^r.^, in der man Kleist's Feder wieder erkennen wird. Auch spricht der Schauplatz dafr, seine Vaterstadt Frankfurt an der Oder, wo er dies Geschichtchen gehrt haben mochte. Es ist wie die folgenden 6 bis 9 eine der beliebten Militairanekdoten. Kleist war diesen Kreisen, seiner abweichenden Denk- und Lebensweise ungeachtet, nicht entfremdet; noch 1810 war von seinem Rcktritt in den Dienst in allem Ernst die Rede.[20] Bei der lebhaften Theilnahme, die man nach altpreuischer Ueberlieferung an militairischen Dingen nahm, und der Beschrnkung, der die Tagesbltter damals doppelt unterlagen, war es nicht zu verwundern, wenn kleine Soldatengeschichten, Witze und Disciplinarflle einen willkommenen Stoff darboten. War doch der Soldat neben dem Schauspieler der einzige ffentliche Charakter! Eine eigenthmliche Art dieser Anekdoten bilden die Zge der Tapferkeit Einzelner, die man aus den Nachrichten des letzten Krieges zu sammeln begann. Zum Troste ber die Vergangenheit, da der alte Geist wieder erwachen werde, suchte man sie auf. In dem Sinne nahm Kleist diese kleinen Geschichten; den unter der Asche glimmenden Funken dachte er wohl mit solchen Erinnerungen, soweit er vermochte, zu unterhalten. Von den beiden Anekdoten aus dem letzten preuischen Kriege ist die erste, die Blow bereits mitgetheilt hat, gar nicht, die zweite ^x^ unterzeichnet. Mit dieser dramatischen Lebendigkeit konnte nur Kleist den preuischen Husaren vorfhren, der in der Nhe des siegreichen Feindes seinen Danziger mit grter Seelenruhe trinkt, sich schnuzt, die Pfeife anzndet, ber die Feinde herfllt, da sie die Schwerenoth kriegen sollen, und auf drei franzsische Chasseurs dergestalt einhaut, da߫ sie aus dem Sattel strzen. Die Umstndlichkeit des dramatisch gehaltenen Gesprchs, das regelmig wiederkehrende spricht er fr sagte er erinnert lebhaft an den Dialog zwischen Eva und dem Dorfrichter in der zweiten Bearbeitung des zerbrochenen Krugs. Wenn er sagt, auf der Reise nach Frankfurt habe er diese Geschichte in einem Dorfe bei Jena gehrt, so konnte das damals geschehen sein, als er im Frhjahr 1807 nach Joux als Gefangener gefhrt wurde. Verwandt (und wieder nicht ohne dergestalt da߫) aber cynisch und hoch humoristisch ist die Anekdote 6. Gleichgltiger sind die drei folgenden Geschichten, militairische Disciplinarflle; 7 ^xyz^, 8 ohne Zeichen, 9 ^rz^. Komischen Inhalts sind die fnf letzten Anekdoten; 10, eine Tagesneuigkeit, zugleich eine Satire auf die Aerzte; 11 bis 14 smmtlich ohne Zeichen, doch durch gleichwohl und dergestalt da߫ hinreichend kenntlich gemacht. Der vierten Abtheilung Kunst und Theater gehren acht Nummern an. Die beiden Briefe eines Mahlers an seinen Sohn, und eines jungen Dichters an einen jungen Mahler, mit ^y^ bezeichnet, gehren zu einander. Der erste, der ironisirend in dem einfachen Stil des kunstliebenden Klosterbruders beginnt, um cynisch zu enden, ist ein Ausfall gegen die junge Malerschule, der Gemth und Andacht, Beruf und Studium ersetzen soll. Im zweiten fordert der Dichter den Maler auf, von dem verhimmelnden Nachbilden alter Meister abzustehen, weil der Knstler sein eigenes Innerste zur Anschauung bringen solle, da das wesentlichste Stck der Kunst die Erfindung nach eigenthmlichen Gesetzen sei. Die Dichtung soll mit der Malerei auseinandergesetzt werden. Schon im Phbus hatte Kleist in einer Anmerkung zu dem Gedichte nach Hartmanns Gemlde der Engel am Grabe des Herrn etwas Aehnliches angekndet; er wollte in dieser fortgesetzten Verbindung zweier so verschiedener Kunstleistungen eine Sammlung von Beispielen geben, an denen vielleicht die alte wichtige Frage von den Grenzen der Malerei und Poesie errtert werden knne.[21] Die folgenden Nummern dieses Abschnitts sind, mit Ausnahme der letzten Abhandlung ber das Marionettentheater, gelegentliche Bemerkungen, die durch das Berliner Theater veranlat wurden. Die erste Theater ^xy^ (I, 4, 4) ist eine feine Kritik Iffland's, der sehr vorsichtig als Manierist bezeichnet wird. Die Hinweisung auf Kant's Kritik der Urtheilskraft an dieser Stelle lt den Kantianer Kleist sogleich errathen. In der unmageblichen Bemerkung (I, 4, 5) tritt er in seinem H. v. K. mit einem Angriffe auf die Theaterleitung offen hervor. Die Direction soll wahre Kritik ben; ist sie geneigt, der Menge zu schmeicheln, mu sie unter die Aufsicht des Staats gestellt werden. Nicht ohne Gereiztheit spricht er gegen Iffland, dem er in Folge der Zurckweisung des Kthchen von Heilbronn schon am 12. August 1810 einen sarkastisch bittern Brief geschrieben hatte. Das Schreiben aus Berlin 28. Oktober ^y^ (dergestalt, gleichwohl) bei Gelegenheit der Oper Aschenbrdel; die sieben kleinen Kinder ^ava^, worin vom Theater grere Bercksichtigung des Volksthmlichen, besonders norddeutscher Dialecte gefordert wird; der Artikel ohne Zeichen Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt, der an eine Anekdote geknpft eine anerkennende Erwhnung des Vierundzwanzigsten Februar von Z. Werner enthlt; das Alles sind mehr oder weniger Anklagen der Direction des Berliner Theaters, in denen sich das feindliche Verhltni Kleist's und Iffland's abspiegelt. Endlich gemeinntzigen Inhalts sind die vier Nummern der fnften Abtheilung: Allerneuester Erziehungsplan, Entwurf einer Bombenpost ^rmz^ (dergestalt da߫), Schreiben aus Berlin 15. Oktober ohne Zeichen (gleichwohl), Aronautik ^rm^ (dergestalt da߫). Der erste Aufsatz trgt freilich nur die Maske der Gemeinntzigkeit, denn er ist eine Satire gegen die neuesten Erziehungsreformatoren; gegen Ende werden Pestalozzi und Zeller namentlich genannt. Schon in seinem Epigramme hatte Kleist den Pdagogen das bittere Wort gesagt: Setzet, ihr trft's mit eurer Kunst und erzgt uns die Jugend Nun zu Mnnern wie ihr: lieben Freunde, was wr's? Hier stellt er allen Plnen, die zum Heil der Menschheit gemacht werden, den originellen und humoristischen Gedanken entgegen, statt der Tugendschulen zur Abwechselung einmal Lasterschulen zu grnden und durch die Macht des Gegensatzes zu wirken. Da Kleist der Verfasser sei, obgleich er in den einleitenden Worten und in den Anmerkungen als Kritiker dieser abentheuerlichen Unternehmung spttisch und vorsichtig auftritt, beweist unzweifelhaft der periodisch ausgefhrte Stil, namentlich in den erzhlenden Episoden, wo er einmal sogar auf sein zeitweiliges Zusammenleben mit seiner Schwester anspielt. Die Unterschrift Levanus ist eine ironische Hinweisung auf Jean Paul's Levana, das Ganze kein geringer Beweis fr seine satirische Ader. In den drei folgenden Aufstzen werden Telegraphie und Post, die Frage, ob der Luftballon gelenkt werden knne, besprochen. Es sind Actenstcke zu Kleist's Leben, der als Techniker und erfindungslustiger Planmacher seine frheren Studien auf dem Gebiete der Naturwissenschaften praktisch zu verwenden sucht. Eine viel geringere Ausbeute bieten die Abendbltter fr die zweite Hauptabtheilung; Beitrge in Versen sind die Ausnahme. Unter den drei Stcken, als deren Verfasser ich Kleist erkenne, sind die beiden Legenden nach Hans Sachs Gleich und Ungleich und der Welt Lauf, ohne Zeichen, Holzschnitte in der Art des alten Meisters, dem nur die Grundzge angehren, und deren freie Behandlung nicht minder meisterhaft ist.[22] Diese Verse erinnern an das Gedicht der Engel am Grabe des Herrn; nur sind sie, dem Stoffe gem, in den humoristischen Ton umgebogen. Der Dialog mit dem regelmig eingeschalteten spricht er, die dramatisch lebendigen Gestalten des tlpelhaften Knechts und der flinken Magd lassen Kleist's Hand nicht verkennen. In den fnf Epigrammen ^xp^ und ^st^ wechseln, wie in seinen anerkannten, Frage und Antwort; die Distichen sind metrisch hier wie dort gleich unbeholfen. III. Ueberblickt man diese Nachtrge, so gehren sie, mit Ausnahme der dramatischen, allen Stilgattungen Kleist's an; es sind Erzhlungen in Prosa und Versen, Dialoge, Briefe, Betrachtungen. Von einer neuen Seite als Kritiker, bedeutender als Satiriker zeigt er sich; die Grundlage seiner Satire ist der Patriotismus. Fr Auffassung komischer Contraste war er kaum minder befhigt als fr die Behandlung des tragischen Conflicts, nur ist seine Darstellung des Komischen schroff und gewaltsam wie seine Tragik, es fehlt ihr die Ruhe und Behaglichkeit, die er auf dem Gebiet der Erzhlung so trefflich zu bewahren wei, sie wird fr die Charaktere vernichtend, wie im zerbrochenen Kruge, wo man zweifeln kann, ob der Haupttrger des Lustspiels noch komisch sei. Auch hier zeigt sich eine Leidenschaftlichkeit, die zum Ingrimm steigt, sobald persnliche Beweggrnde hinzukommen. Wenn ihn die sittlichen Anforderungen, denen gegenber die Welt so klein und elend erschien, auf die Satire hinleiteten, so drngte ihn seine Leidenschaft darber hinaus zum Pasquill. Seine Epigramme sind meist rein persnlicher Natur, zu Schutz und Angriff fr seine Dichtungen gegen die Kritiker gerichtet; sie sind bitter und heftig. Nach der ungnstigen Aufnahme der Penthesilea und des zerbrochenen Kruges schonte er weder Weimar noch Goethe. Ein Pasquill sondergleichen war sein Brief an Iffland, ein ungeheurer Witz von der Art, wie er ihn in der Anekdote aus dem letzten Kriege erzhlt hat. Um wie viel tdtlicher muten seine Pfeile sein, wenn der Zorn fr das Vaterland sie entsandte, wenn er die ganze Wucht des Hasses auf den Feind seines Volkes schleuderte. Wenn man sagen darf, der Mensch trage sein Schicksal in der eigenen Brust, in seinen Anlagen sei es ihm beschieden, so gilt das von ihm. Sehr verschiedene Elemente lagen in seiner Seele neben einander, er bestand gewissermaen aus mehreren Menschen; bald trat dieser bald jener hervor, oder sie fhrten unter einander einen dmonischen Krieg, dem er mit einer eisigen Selbstentuerung zusehen konnte, als sei es ein Spiel fremdartiger Gewalten. Und doch war die Gesammtheit dieser ringenden Krfte nichts anderes als er selbst. In doppeltem und dreifachem Gegensatze fhlte er sich gegen Welt und Menschen, die er abwechselnd mied, verachtete, hate und bekmpfte. Eine rastlose Unruhe trieb ihn zum Wirken in welcher Gestalt auch immer; aber ebenso zog es ihn in die abgeschiedenen Rume rein geistiger Arbeit, die ihre Welt aus sich auferbaut. Da lagen wieder zwei Wege vor ihm, beide gleich einladend; fr den einen drngte sich ihm der Verstand als Fhrer auf, whrend Herz, Gefhl und Phantasie ihn auf den andern locken wollten. Er hatte eine entschiedene Lust am Abstracten, die Dinge sich durch den Schematismus des Verstandes zu unterwerfen, schien ihm der einzig wrdige Beruf, und whrend seine scharfe berall ins einzelne dringende Beobachtung ihm die Welt als eine Masse zusammenhangsloser und doch unfreier Atome zeigte, setzte er ihr den Stolz des unabhngigen Denkers entgegen, der, auf die Allmacht des Gedankens trotzend, sich seine Stelle erobern will. Er ist berzeugt, es sei mglich, das Schicksal zu leiten, aus sich heraus will er seinen Lebensplan bilden; das Kennzeichen eines freien Menschen, der nach sichern Principien handelt, ist Consequenz, Zusammenhang und Einheit des Betragens. Wer keinen Lebensplan hat, schwankt zwischen unsichern Wnschen und ist eine Puppe am Drahte des Schicksals. Dieser Zustand scheint ihm verchtlich, bei weitem wnschenswerther wre ihm der Tod. Er whlt die Wissenschaft als Fhrerin, und welche eher als die Philosophie, die dem bildungsgierigen Jnger Sicherheit des Erkennens und Handelns zugleich verheit? Aber _die_ Wissenschaft erscheint doch nicht als Philosophie allein, sie spaltet sich in viele Wissenschaften, und seines ersten Entschlusses ungeachtet verfllt er bald dem Zweifel. Am Ende ziehen alle ihn in gleicher Weise an. Soll er nur einer folgen? Aber er kann sich nicht vergraben wie der Maulwurf im Loch, wie die Raupe einspinnen im Blatt. Soll er ruhelos von einer zur andern gehen? Aber ebenso wenig vermag er stets auf der Oberflche zu schwimmen. Er leidet Tantalusqualen, weil er in seinem Heihunger nicht alles zugleich verschlingen kann, und voll Widerwillen stt er die ganze Mahlzeit von sich. Er sucht die Wahrheit, weil sie Wahrheit ist. Aber ist sie auf diesem Wege zu finden? Was hat ihm die abstracte Wissenschaft nicht verheien, und was hat sie gehalten? Er wird ein Opfer der Zweifel, die sie erweckt, es scheint ihm unmglich irgend etwas zu wissen, irgend ein Eigenthum zu erwerben, das uns ber das Grab folgt, alles Mhen und Ringen ist vergeblich; ihn ekelt vor Bchern und allem was Wissenschaft heit, mge man aufgeklrt oder unwissend sein, man hat dabei ebensoviel verloren als gewonnen. Er beklagt die traurige Klarheit, die ihm geworden, die ihm alles, was ihn umgiebt, und ihn selbst in seiner armseligen Ble zeigt. Der Verstand, die nagende Skeptik haben sich selbst vernichtet: Jede erste Bewegung, alles Unwillkrliche, ruft er aus, ist schn, und schief und verschroben alles, sobald es sich selbst begreift. O, der Verstand, der unglckliche Verstand! Studiere nicht zu viel, folge dem Gefhl! Hatte er doch schon frher bei seinen logischen Studien geseufzt: nur im Herzen, nur im Gefhle, nicht im Kopfe, nicht im Verstande wohnt das Glck, es kann nicht wie ein mathematischer Lehrsatz bewiesen werden.[23] Aber noch ein Mittel giebt es, welches den Mann gro macht und ber alle Zweifel hinweghebt, es ist Handeln, das besser ist als Wissen; denn es liegt eine Schuld auf dem Menschen, die wie eine Ehrenschuld jeden, der Ehrgefhl hat, unaufhrlich mahnt. Auch ihn treibt der Ehrgeiz, dieses gefhrliche Ding, dessen Folgen fr ein empfindliches Gemth nicht zu berechnen sind. Er durstet nach Thaten und Erfolgen auf irgend einem Felde. Aber wie soll man handeln, wenn man nicht wei, was recht ist? Wird sich fr ihn eine Stelle finden, wo Pflicht und Neigung, That und Einsicht zusammengehen? Umsonst sieht er sich danach um; umsonst klagt er sich des allgemeinen Fehlers der Deutschen an, deren Verstand durch einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen habe, der sie die alte geheimnivolle Kraft der Herzen verachten lt. Umsonst sagt er sich und seinen Lebensplnen zum Trotz: die Ueberlegung findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher nach als vor der That; die Menschen machen einen falschen Gebrauch von ihr; whrend sie das Gefhl fr knftige Flle reguliren soll, hemmt sie jetzt nur die That, die sich aus der augenblicklichen Eingebung, nicht aus der Berechnung ergiebt. Er hat Recht, denn die That ist unmittelbar eins, wie Blitz und Schlag; wer wirklich handelt, hat keine Zeit zu rechnen, und wer berechnet, handelt nicht. Doch zum stoweisen ja gewaltsamen Handeln gebricht es ihm weder an Entschlu noch Kraft; mit dem rasenden Muthe eines verzweifelnden Spielers will er dann alles auf eine Nummer setzen, er greift ber sein Ziel hinaus, und was anfangs sorgliche Ueberlegung war, endet als klgliche Uebereilung. Denn was kommt bei allen Erfahrungen heraus? Eines ganzen Lebens bedarf man, um leben zu lernen, Niemand ahnt den Zweck seines Daseins, und die Vernunft reicht nicht hin, die Seele und die Dinge zu begreifen. Und an dieses rthselhafte Ding, das wir besitzen, wir wissen nicht von wem, das uns fortfhrt, wir wissen nicht wohin, ob wir darber schalten drfen, eine Habe, die nichts werth ist, wenn sie uns etwas werth ist, ein Ding, wie ein Widerspruch, flach und tief, de und reich, wrdig und verchtlich, vieldeutig und unergrndlich, an dieses Ding ist der Mensch gefesselt durch Naturnothwendigkeit! Da giebt es keine Verantwortlichkeit, wir mgen thun, was wir wollen, wir thun recht! Frwahr jene orakelhaften Verse, die in Thun ber der Hausthre zu lesen waren, und die Kleist so liebte: Ich komme, ich wei nicht von wo, Ich bin, ich wei nicht was, Ich fahre, ich wei nicht wohin; waren sein Lebenszeichen, nur der vierte Vers: Mich wundert, da ich so frhlich bin! pate auf ihn nicht.[24] In der Knechtschaft der Schulmeinungen, die er sich auferlegt hat, vermag sich seine reiche Natur nicht zu entfalten; nun er sie abgeworfen hat, und die Skeptik ihm auch das Handeln verleidet, durchbrechen Gefhl und Phantasie, so lange gewaltsam zurckgehalten, jeden Damm um so mchtiger. Nur seinem Herzen will er folgen, er ist berzeugt, wenn ein Werk nur recht frei aus dem Schooe des menschlichen Gemths hervorgehe, dann msse es auch der ganzen Menschheit angehren. Vergessene oder ungeahnte Krfte regen sich, aus der Flle lebendiger Anschauungen beginnt die Phantasie ihre schaffende Thtigkeit, er fhlt sich als Schpfer ideeller Gestalten. Als Knstler winkt ihm jetzt ein hchstes Ziel, der Lorbeer des Dichters, und seinem Namen soll ein Platz unter den Sternen nicht fehlen. Es gehrt zu den Dunkelheiten in Kleist's Leben, da die Zeit, wo er sich der Dichtung entschieden zuwandte, nicht mit Sicherheit festzustellen ist. Im Sommer 1801 in Paris, wohin er vor seinen abstracten Studien geflohen war, angeblich um praktische Zwecke zu verfolgen, einsam im endlosen Menschengewhle, versenkt er sich in seine Phantasien; wie ein stiller Tag nach dem Sturme steigt die Ruhe in seiner Seele wieder auf, und zum ersten Mal verrth er, da er ein dichterisches Geheimni habe. Aber der Friede ist nur von kurzer Dauer. Rastlos arbeitet er. Whrend ihm angstvoll das Hchste zu erreichen, der Schwei von der Stirne rinnt, und er jeden Blutstropfen seines Herzens fr den Buchstaben geben mchte, entflieht die Begeisterung, der Verstand schleicht herbei, und indem er einzelne Mngel aufdeckt, flstert er ihm hmisch und selbstqulerisch ins Ohr, Vollendung sei ihm doch nicht gegeben. Was soll er lnger die Kraft an ein Werk setzen, das ihm zu schwer ist? Am Einzelnen geht das Ganze zu Grunde, verzweifelnd zerstrt er mit eigener Hand ein Dichterwerk, das auf den hchsten Ruhm Anspruch hat, kaum in irgend einem Augenblicke seines Lebens stolzer als jetzt, wo er vor keinem lebenden Dichter aus den Schranken weicht, sondern sich vor der Gre eines kommenden, ein Jahrtausend im Voraus beugt. Demjenigen, der das ausspricht, was er gewollt hat, ist ein Denkmal gewi![25] Doch irgendwo mu es auch fr ihn einen Balsam geben; schon der bloe Glaube daran strkt ihn. Aber wo? Mit dem Waffenhandwerk und der Kantischen Philosophie hat er es versucht, mit Hebeln und Schrauben will er die Natur bezwingen, er ist Dichter und will Bauer werden, er will sich frei selbst bestimmen, das Schicksal leiten, und fhlt sich bald als eine jener Drahtpuppen, die er so tief verachtet; berall tritt seinen Plnen ein dunkles Etwas entgegen, das sie mit furchtbarer Dialektik in ihr Gegentheil umwendet und ihn selbst hin- und widerwirft. Mit dem Forschen, Dichten, Handeln hat er es versucht, berall Stck- und Flickwerk gefunden, whrend seiner Seele das Ganze vorschwebt; abhngig, bedingt in allem fhlt er sich, und nach dem Letzten, Unbedingten geht sein Streben. Da er es nicht findet, strzt er, der strenge Realist, sich in den Abgrund des mystischen Geheimnisses, wo er das Ganze in seinem Urzusammenhange zu erfassen meint. Auch das ist ein Rthsel in Kleist's Leben, wann er sich dieser dunkeln Richtung, die ein Ergebni seiner wachsenden Hoffnungslosigkeit war, zuerst berlassen habe. In den vertraulichen Briefen findet sich kaum eine Spur davon, sie sind nach wie vor im Tone bitterer Verachtung oder rationell scharf gehalten. Auch seine ersten Dichtungen sind weit davon entfernt, die Schroffensteiner in ihrer grausigen Hrte durchaus realistisch, ebenso Penthesilea, Robert Guiskard. Nach dem Unglck von 1806 schrieb er noch seine beiden Lustspiele und gleichzeitig die Marquise von O. Dagegen zeigt sich dieser dunkle Schatten zuerst im Kohlhaas, milder im Kthchen von Heilbronn, dessen erste Bruchstcke im Mai 1808 erschienen, und in voller Strke in den Beitrgen zu den Abendblttern. Der Wendepunkt mag die Gefangenschaft in Frankreich im Frhjahr 1807 gewesen sein; auch hier, in der Einsamkeit seiner Zelle, beschftigt er sich dichterisch. Aber immer dsterer scheinen sich die Wolken um ihn zusammengezogen zu haben. So zerrten ihn abstracter Verstand und verzehrendes Gefhl, trockner Schematismus und glhende Phantasie, gemeine Deutlichkeit und dunkle Mystik, himmelstrmender Muth und ermattende Verzagtheit einer willenlosen Beute gleich hin und her. Die Phantasie verdunkelte den Verstand, der Verstand hemmte die Phantasie, beide lhmten die Kraft des Handelns, gegenseitig verdarben sie ihr Spiel. Jede allein htte einen tchtigen Menschen ausstatten knnen, sie alle in diesem Mae vereinigt, vernichteten den Besitzer, der fr sein Glck zu viel oder zu wenig hatte. Das fhlte er nur allzuwohl; in schmerzlicher Verzweiflung ruft er aus: Die Hlle gab mir meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder gar keins! So ward er immer bitterer gegen die Menschen, die ihn nicht verstehen, nicht verstehen knnen, denn er versteht sich selber nicht![26] Htte Kleist, wenn man dieser Betrachtung nachgehen darf, eine groe sittliche Kraft in sich getragen, er htte den Streit seines Innern durch Unterwerfung unter ein oberstes Gesetz zur Ruhe gebracht; htte er die Selbstbescheidung besessen, ein Talent still anzubauen, sei es, der wissenschaftlichen Forschung, oder, wozu er gewi viel hhern Beruf hatte, allein der Poesie zu leben, vielleicht da er gerettet worden wre! Diesen Zwiespalt, den er berall wiederfand, hat er in seinen Dichtungen unter verschiedenen Formen dargestellt, jene geheimnivolle Wandelung, wie Menschen und Verhltnisse in rthselhafter Verkettung ihre ursprngliche Natur und Freiheit verlieren, um zu werden, was sie nicht werden wollen; Tugenden verkehren sich in Laster, aus der besten Absicht wchst das Verderben empor, und wie zum Hohne menschlicher Weisheit, fhrt der Frevel zur Vershnung. Durch den abgeschmackten Aberglauben eines einfltigen Mdchens gehen blutsverwandte Familien in den Schroffensteinern zu Grunde; Penthesilea's heie Liebe verzerrt sich zum todbringenden Vampyrismus; Kohlhaas wird durch sein Rechtsgefhl zum Verbrecher und Landschdiger, und fr zwei Pferde fallen Menschen und Stdte als Shnopfer; die Selbstverleugnung der jungen Creolin bringt ihr den Tod von der Hand des Geliebten; der ritterliche Kmpfer fr Tugend und Recht erliegt im feierlichen Gottesgericht; und im Findling wird der vterliche Wohlthter von der Schlange, die er im Busen erwrmt hat, zu Tode gestochen. Umgekehrt wird der thierische Frevel in der Marquise v. O. wider aller Menschen Erwarten zur shnenden Liebe; im Erdbeben von Chili werden durch den Untergang Tausender in einem pltzlichen Naturereigni im Augenblicke des Todes der Inquisition ihre Opfer entrissen, freilich um ihn gleich darauf whrend des Dankgebetes fr die wunderbare Rettung desto furchtbarer zu erleiden; und in der heiligen Ccilie werden die Snder zu Boden geschmettert, als sie die Hnde zum Tempelraube erheben. In der Heilung (I, 3, 2) wird der Wahnsinn durch den Wahnsinn geheilt; und im Grabe der Vter (I, 3, 3) eine Ehe im Grabe geschlossen. Satirisch gewendet erscheint dieselbe Ansicht in dem allerneuesten Erziehungsplan (I, 5, 1), der eine Schule der Tugend durch das Laster zu errichten vorschlgt. Milder sind Kthchen von Heilbronn und der Prinz von Homburg. Dort wird der ritterliche Starrsinn durch die reine Natur des einfachen Mdchens unterworfen, hier wird der Prinz trumend ein rettender Schlachtenheld, um wachend in eisiger Todesfurcht zu verzagen. Eine groartige Wendung erhlt dieser Gedanke in der Hermannsschlacht; aus der tiefsten Knechtschaft erwchst die Freiheit, darin liegt hier zugleich die Vershnung. Aber berwiegend sind es Nachtstcke, fern von allem Idealismus der classischen Periode. Ueberhaupt steht Kleist in entschiedenem Gegensatze zu Goethe und Schiller. Ihrer ausgleichenden Classicitt setzte er mit khner Hand den schreienden Zwiespalt, das Grausige in seiner Nacktheit entgegen, den allgemeinen idealen Gestalten derb realistische, dem Antiken das volksthmlich Deutsche, Provinzielle, unbekmmert ob seine Dissonanzen das verwhnte Ohr zerschnitten, und seine lebenswahre Grobheit dem classisch gebildeten Sinne brutal schien. Goethe's und Schiller's Dichtung war in ihrer Wurzel deutsch, aber doch kosmopolitisch vielseitig; Kleist hat seine Rthsel in deutsche Stoffe und Charaktere hineingelegt, er war volksthmlich und einseitig. So griff er als vaterlndischer Dichter in den groen Kampf der Befreiung ein. Tiefer Schmerz erfate ihn, als er den ungeheuern Sturz aller Verhltnisse berschaute. Schon im Herbst 1806 rief er seiner Schwester zu: Es wre schrecklich, wenn dieser Wthrich sein Reich grndete! Nur ein sehr kleiner Theil der Menschen begreift, was fr ein Verderben es ist, unter seine Herrschaft zu kommen. Wir sind die unterjochten Vlker der Rmer. In diesen Worten liegt der Keim seiner Hermannsschlacht. Er selbst fllt in die Hand des Feindes, mit jedem Siege wchst das Verderben, er zweifelt, ob in hundert Jahren noch Jemand im deutschen Norden deutsch sprechen werde.[27] In dem einen Leiden des Vaterlandes geht jetzt alles Leid, auch das seine auf. Der Ingrimm, der an seinem Herzen wie ein Geier nagt, wendet sich von den kleinen Menschen und Verhltnissen auf die groen und grten, auf den Dmon der Zeit, auf Napoleon den Korsenkaiser. In der erstarkenden Liebe zum alten Vaterlande sammelten sich seine Krfte noch einmal. Sie war nicht blos ein verneinender Ha gegen das Fremde, fr ihn ward sie eine Luterung, aus der seine Dichtung reiner hervorging, und seine drei groen vaterlndischen Dramen erwuchsen. Er hatte wieder ein Ziel gefunden; es war kein willkrliches, durch die groen Ereignisse ward es ihm gegeben, es war die Wiedererweckung des erstorbenen Gefhls fr Freiheit und Volksehre. So dichtete er die Hermannsschlacht, ein gewaltiges politisch historisches Doppelbild, das in der Vergangenheit das Unheil der Gegenwart und das Heil der Zukunft im Spiegel der Poesie erscheinen lie. Seine Rmer und Germanen bedeuten Franzosen und Deutsche, und doch sind sie nichts weniger als Typen; es sind Menschen aus dem Volke der Welteroberer und der Urgermanen; gerade hier hat sich die Dichterkraft glnzend bewhrt. Rom und sein Augustus will in Deutschland nur einen Frsten dulden, der seinem Thron auf immer sich verbinde. Es kennt diese kleinen Herren, die um ein Wort, einen leeren Vorzug, eine scheinbare Selbstndigkeit, die nur durch Demthigung vor dem fremden Herrscher erkauft werden kann, streiten, und lieber diesem als einem aus ihrer Mitte sich unterwerfen. Sie fallen sich wie zwei Spinnen an, und -- Es bricht der Wolf, o Deutschland, In deine Hrde ein, und deine Hirten streiten Um eine Hand voll Wolle sich! Aber das rmische Bndni wird Unterdrckung, die verheiene Freiheit Knechtschaft, das Gebiet der Neutralen wird schonungslos verletzt, es wird jedwedem Gruel des Krieges Preis gegeben, und die Abtrnnigen um den Lohn der fluchwrdigen Feigherzigkeit betrogen. Ausgepret wird das deutsche Land bis auf den letzten Blutstropfen, denn fr wen erschaffen ward die Welt, wenn nicht fr Rom? Wie Elephant und Seidenwurm zu Roms Schmuck hergeben mssen, was die Natur ihnen verlieh, so der Deutsche; er ist eine Bestie, die auf vier Fen in den Wldern luft, und ausgeweidet und dann gepelzt wird. Wer erkennte nicht in dem Latier, der keine andere Volksnatur verstehen konnte und ehren als nur seine den Franzosen? Napoleon's hhnende Politik, die mit zweizngiger List die Schwachen umgarnt, Krieg fhrt mitten im Frieden, das Markten deutscher Frsten in Paris um Fetzen deutschen Gebiets, das Anfachen der Eifersucht Oesterreichs und Preuens, die Kriecherei der Rheinbndler, das Hinzerren der Schwche Preuens, die blutige Verwstung Hessens, Thringens, der preuischen Lande? Varus mit seinem schneidenden Wort: Was bekmmerts mich? Es ist nicht meines Amtes Den Willen meines Kaisers zu ersphn. Er sagt ihn, wenn er ihn vollfhrt will wissen; ist das lebendige Ebenbild jener eisernen Marschlle, Mortier, Ney, Davoust; und Ventidius, der galante Friseurknste treibt, einer der jngeren franzsischen Officiere, die im Boudoir der Damen die gefhrlichste Politik geheimer Verfhrung trieben.[28] In derselben Stimmung sind die satirischen Briefe entstanden. Nicht entschieden genug knnen die offnen oder geheimen Bundesgenossen der Feinde im Vaterlande selbst der Verachtung preisgegeben werden. Der rheinbndische Officier, der sich mit dem elenden Troste entschuldigt, ein Deutscher knne seinen Landsleuten im Hauptquartier Napoleon's durch Milderung der Einquartirung die besten Dienste leisten; das Landfrulein, wie Kleist von seiner Thusnelda sagte, eins von den Weiberchen, die einfltig genug sind, sich von franzsischen Manieren fangen zu lassen, das den Verfhrer heirathen will, an dessen Rock das Blut ihrer Brder und Verwandten klebt; der Festungscommandant, der die Huser der Brger verbrennt und die Vertheidigungsmittel aus der Stadt schafft; sie alle waren nur zu getreue Abbilder ganzer Classen von Verrthern. Man wute ja, welche schmachvollen Eroberungen die Franzosen in den Familien gemacht hatten, und mochten auch manche Schilderungen bswillig bertrieben sein, so war es doch z. B. eine amtlich festgestellte Thatsache, da eine sechszigjhrige Wittwe einen zwanzigjhrigen franzsischen Soldaten heirathete, und zu dessen Gunsten ihren eigenen Sohn enterbte. Was will des Dichters Satire bedeuten gegen diese furchtbarste Satire der Thatsachen? Die Commandanten von Cstrin und Magdeburg hatten ja kurz vor der Capitulation die Vorstdte niederzubrennen gedroht oder wirklich niedergebrannt; und in dem Kniglichen Publicandum vom 6. December 1806 waren sie, und diese ganze Gattung, bezeichnet worden als Knechte, die ihre Pferde abstrngen, um davonzujagen.[29] War diese Satire zermalmend, so war der Gedanke, die Trugpolitik des Feindes als System darzustellen und die Lgenknste der franzsischen Journale nach Lehrstzen zu entwickeln, vielleicht der geistvollste, den Kleist in dieser Ideenverbindung hatte. Er war im Sinne Swift's gefat. Was ein politischer Weiser, der dies Treiben an der Quelle studiert hatte, der Graf Schlabrendorf davon sagte, stellte Kleist systematisch dar: Es ist gar keine Kunst, eine Unwahrheit zu erfinden. Jeder Flachkopf kann das. Die eigentliche Kunst besteht darin, aus zweien Stzen, die, jeder einzeln, wahr sind, durch arglistige Zusammenstellung einen dritten herauszubringen, der eine Lge ist. Das ist die vornehmste Art der Rabulisterei, aber auch zugleich die gemeinste. Oder wie Kleist die Aufgabe stellt: Alles was in der Welt vorfllt, zu entstellen, und gleichwohl ziemliches Vertrauen zu haben. Mit sarkastischer Folgerichtigkeit entwickelt er den ganzen Vorrath von Trug- und Gewaltmitteln, und der letzte Zweck ist: die Regierung ber allen Wechsel der Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemther, allen Lockungen des Augenblickes zum Trotz, in schweigender Unterwrfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten.[30] Diesen geheimen Knsten des Feindes gegenber konnte dem Volke nicht eindringlich genug wiederholt werden, was es zu thun habe, um sich aus dem Elende zu retten. Keine Form war dem furchtbaren Humor geeigneter als der Katechismus, der die christlichen Grundwahrheiten als Gebote Gottes lehrt, und in dem Alte und Kinder Trost und Heil suchen. Einige Jahre frher hatten die Grnder der romantischen Schule gar manches zur Religion machen wollen; hier sollte mit der Vaterlandsliebe als Religion Ernst gemacht werden. Hatte der Kosmopolitismus sich der religisen Weihe gerhmt, so war auch das Volk, das deutsche Volk, die lebendige Darstellung eines Gedankens aus dem gttlichen Geiste, und die Heils- und Rettungslehre vom Vaterlande sollte Alten und Jungen eingeprgt werden. Ein Mann wie Kleist konnte nur der Partei angehren, die Preuen je eher je besser in den Kampf fhren, alles an alles setzen und lieber ruhmvoll untergehen, als schmhlich leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst, Gneisenau konnte er stehen, zu den sogenannten Exaltirten, wie damals die deutsche Partei genannt wurde. Volksbewaffnung, Volkskrieg war ihr Gedanke; der Norddeutsche konnte so gut, wie Spanier und Tiroler, sein Joch zertrmmern, Katt, Drnberg, Schill erhoben sich, das Ma war bervoll, das Volk genug geknechtet, geschmht, getreten, um endlich in voller Wuth hervorzubrechen. Was Staatsmnner beriethen und Generale vorbereiteten, sprach er 1808 in der Hermannsschlacht als letztes Rettungsmittel aus; wie Gneisenau wollte sein Hermann, die Germanen sollten Weib und Kind zusammenraffen, ihre Gter verkaufen, die Fluren verwsten, die Heerden erschlagen, die Pltze niederbrennen, denn der That bedarf es, nicht der Verschwrung, Schwtzer mgen Deutschland zu befreien mit Chiffern schreiben und einander Boten senden, die die Rmer hngen, er will einen Krieg Entflammen, der in Deutschland rasselnd Gleich einem drren Walde um sich greifen Und auf zum Himmel lodernd schlagen soll! -- -- Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens Sich eingefilzt, wie ein Insectenschwarm, Mu durch das Schwerdt der Rache jetzo sterben. -- -- Die Guten mit den Schlechten. Was! Die Guten! Das sind die Schlechtesten! Der Rache Keil Soll sie zuerst vor allen Andern treffen! Und das sollte von der Bhne herab verkndet werden; am 1. Januar 1809 sandte Kleist die Hermannsschlacht dem Wiener Burgtheater; sein Schauspiel schien ihm des Erfolges sicher zu sein. Das ist auch der Grundton seines Katechismus.[31] In sechszehn Capiteln spricht er von Deutschland berhaupt, von der Liebe zum Vaterlande, von der Zertrmmerung des Vaterlandes, vom Erzfeind, von der Erziehung der Deutschen, der Verfassung der Deutschen, den freiwilligen Beitrgen, den obersten Staatsbeamten, vom Hochverrathe. Die fehlenden Capitel handelten augenscheinlich von den Mitteln, den Erzfeind zu bekmpfen, von der Organisation des Kampfes, vom Aufstande des Volks. Auch hier geht er von der Gegenwart aus. Auf der Karte giebt es seit 1805 kein Deutschland mehr. Wo find ich dies Deutschland? wo liegt es? lautet die bittere Frage. Dennoch hat es ein unverlierbares Dasein in der Liebe derer, die ihm anhangen, weil es das Vaterland ist. Aber es ist zertrmmert worden von dem Korsenkaiser, den die Deutschen nie beleidigt haben, und der sie mitten im Frieden unterjocht. Und warum that er es? Weil er ein bser Geist ist, der Erzfeind, der Anfang alles Bsen, das Ende alles Guten! So braust der Strom eines vernichtenden Zornes hin, der umsonst nach Ausdrcken und Bildern sucht, durch die seine ganze Flle sich ergieen knne. Der Deutsche soll sich vergegenwrtigen, was er gelitten habe, des Morgens, wenn er sich vom Lager erhebt, des Abends, wenn er zur Ruhe geht; die hchsten Gter, die Gott dem Menschen verliehen, Gott, Vaterland, Kaiser, Freiheit, Liebe und Treue, Schnheit, Wissenschaft und Kunst soll er wieder erringen, den Erzfeind hassen, aus allen Krften bekmpfen, alles entbehren, alles opfern, und wenn auch kein Mensch am Leben bliebe, dennoch mte gekmpft werden, weil es Gott lieb ist, wenn Menschen ihrer Freiheit wegen sterben, weil es ihm ein Gruel ist, wenn Sclaven leben! So predigte er die Religion der volksthmlichen Selbstndigkeit, des nationalen Hasses, so dachten und sprachen Stein, Blcher, Fichte. Man mu der Nation das Gefhl der Selbstndigkeit einflen, schrieb Scharnhorst an Clausewitz, man mu ihr Gelegenheit geben, da sie mit sich selbst bekannt wird, da sie sich ihrer selbst annimmt; nur erst dann wird sie sich selbst achten, und von Andern Achtung zu erzwingen wissen! Und Stein an Wittgenstein: Die Erbitterung nimmt in Deutschland tglich zu, und es ist rathsam, sie zu nhren und auf die Menschen zu wirken. -- Die spanischen Angelegenheiten machen einen sehr lebhaften Eindruck und beweisen handgreiflich, was wir lngst htten glauben sollen. Es wird sehr ntzlich sein, sie mglichst auf eine vorsichtige Art zu verbreiten. Endlich Blcher: Mein Rath ist zu den Waffen unsere und die gantze deutsche Nation aufzuruffen, den vaterlndischen boden zu verteidigen, die waffen im allgemeinen nicht ehender nieder zu legen, bis ein Volck, da uns unterjochen wollte, vom dieseitigen Reinufer vertrieben sei; jeder deutsche der mit den waffen wider uns getroffen werde, habe den Tod verwrkt; ich wei nicht, warum wihr uns nicht den Tihrollern und Spaniern gleich achten wollen! So der Held, der Staatsmann, der Dichter. Doch dazu waren in Preuen die Dinge noch nicht reif; aber um so mchtiger erhob sich Oesterreich, das, seiner alten Natur entsagend, sich an die Kraft des Volkes wandte. Wie zndende Funken schlugen die Aufrufe des Kaisers und des Erzherzogs Karl ein, als deren Verfasser man Friedrich Schlegel und Gentz nannte. Wir kmpfen, sagte der Erzherzog in seinem Aufruf an die deutsche Nation, um die Selbstndigkeit der sterreichischen Monarchie zu behaupten, um Deutschland die Unabhngigkeit und National-Ehre wieder zu verschaffen, die ihm gebhren. Dieselben Anmaungen, die uns jetzt bedrohen, haben Deutschland bereits gebeugt. Unser Widerstand ist seine letzte Sttze zur Rettung. Unsere Sache ist die Sache Deutschlands! Und in einem andern: Die Masse der Nation selbst hat sich in ihrem gerechten Unwillen erhoben und die Waffen ergriffen! -- Der jetzige Augenblick kehrt nicht zurck in Jahrhunderten! Ergreift ihn, damit er nicht fr Euch auf immer entfliehe! Ahmet Spaniens groes Beispiel nach! -- Zeiget, da auch Euch Euer Vaterland und eine selbstndige deutsche Regierung und Gesetzgebung theuer sei, da Ihr Entschlu und Kraft habt, es aus der entehrenden Sclaverei zu reien, es frei, nicht unter fremdem Joche erniedrigt, Euren Kindern zu hinterlassen.[32] Noch einmal erhoben die Habsburger das Banner des deutschen Volkes, sie gaben das Zeichen zum Kampf, und noch einmal leuchteten das alte Kaiserthum, das alte Reich in einem zauberischen Glanze volksthmlicher Gre, den sie seit dem Untergange der Hohenstaufen in Wirklichkeit nie gehabt hatten. Die Vergangenheit enthielt was die Zukunft versprach, was der Gegenwart fehlte. Daher, wie bei vielen Andern, die zum sterreichischen Heere eilten, auch bei Kleist, dem Brandenburger, die Begeisterung fr Oesterreich, fr Franz den Zweiten, den alten Kaiser, den Vormund, Vater und Wiederhersteller der Deutschen, der den gromthigen Kampf fr das Heil des unterdrckten und bisher noch wenig dankbaren Deutschland unternommen hat; fr den Erzherzog Karl, der die gttliche Kraft das Werk an sein Ziel hinaus zu fhren dargethan hat. Wohin dieser Kampf fr Gottes heilige Ordnung endlich fhren mute, ahnte er; wie der Deutsche zum Deutschen zurckkehren, alle sich gemeinsam umwenden wrden gegen den Feind, den Rhein ereilen, um dann nach Rom selbst aufzubrechen, wir oder unsere Enkel, damit der Weltkreis endlich Ruhe gewinne. Ueber diese Erfllung hinaus sah er _einen_ Herrscher an der Spitze des Vaterlands, von dem er im Prinzen von Homburg sagte: Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft, Erweitern unter Enkels Hand, verschnern, Mit Zinnen, ppig, feenhaft, zur Wonne Der Freunde und zum Schrecken aller Feinde.[33] So eilte sein Seherblick ber fnf verhngnivolle Jahre fort; in seinem Prinzen von Homburg ahnte er den knftigen York und nahm die Siege von 1813 und 1815 voraus. Doch nicht so gut wie seinem Helden ward es ihm selbst. Den Glauben an den Sieg der ewigen Mchte, der den Dichter begeisterte, vermochte der Mensch nicht festzuhalten, und sein Zweifel fhrte ihn in den Tod. Weil sein Dichterglaube der Zeit voraneilte, verlieen ihn die Zeitgenossen; und kraftlos schien sein Wort zu verhallen. Die Hermannsschlacht, der Prinz von Homburg kamen nicht zur Darstellung, nicht einmal zum Druck; seine Aufrufe, die ganz Deutschland galten, mute er bei verschlossenen Thren vorlesen, dann wurden sie vergessen. Er hatte gehofft, jetzt werde Deutschland sich erheben, es erhob sich nicht; er hatte gehofft, jetzt werde Oesterreich siegen, es ward geschlagen. Auch die Hoffnung auf die Rettung des Vaterlandes, an der er sich noch einmal aufgerichtet hatte, scheiterte, und er mit ihr. Htte er sterben knnen auf dem Schlachtfelde, mit dem Degen in der Faust, wie sein Vorfahr Ewald von Kleist, wie Theodor Krner, er wre glcklich gewesen. Er ist gefallen wie Schill, weil es noch nicht an der Zeit war; aber nicht wie der Held, dessen Untergang noch ein Sieg ist, sondern im Streite mit sich selbst. Zu seinem Verderben reichen sich jetzt Phantasie und Verstand die Hnde, die Verzweiflung, die ihm von jener ausgemalt wird, beweist ihm dieser, und mit trgerisch kalter Ueberlegung, die er unaussprechliche Heiterkeit nennt, wird er fremden Blutes schuldig und giebt sich dann den Tod. Voreilig greift er in sein Geschick, beraubt sich des Hchsten, was er ersehnt hat, und in tragischer Ueberstrzung endet der tragische Dichter. Kleist hat sich selbst gerichtet, aber seine Stelle in der Litteratur und Geschichte unseres Volkes bleibt ihm unvergnglich. Jene Zeit hat seinen Mahnruf berhrt; desto eindringlicher tnt er zu uns herber; es ist die Stimme des Propheten, die sich nach mehr als fnfzig Jahren warnend aus dem Grabe erhebt. Oder htten wir etwa Veranlassung, sie heute zu berhren? Wre sie wirklich nur ein geschichtliches Zeugni vergangener Zeiten? Wollte Gott, wir knnten es sagen! Noch ist der Ueberwitz bei uns zu Hause, noch treiben wir Handel und Wandel im Schweie des Angesichts, whrend andere die Frchte deutscher Arbeit genieen; noch hadern die Hirten um eine Hand voll Wolle, noch gilt das Ganze als Verrath am Einzelnen, und jeder Zoll will ein Knig sein. Wieder haben sich die Epigonen der Eroberer erhoben und werfen ihre lsternen Blicke auf die deutsche Erde, wieder spinnt die Trugpolitik die unsichtbaren zhen Fden ihres Netzes, wieder heulen die Wlfe an den deutschen Marken. Sollte das alte Chaos je wiederkehren? Wre das mglich nach so vielen Opfern, schweren Kmpfen und schmerzlichen Erfahrungen? Nimmermehr! Auch Vlker lernen aus der Geschichte, nur langsamer als der Einzelne; schwerer hat keines dafr gezahlt, als das deutsche. Mge es durch die That zeigen, es habe Kleist's groes Wort endlich erkennen gelernt: Vergebt, verget, vershnt, umarmt und liebt euch! Nachtrag zu Heinrich von Kleist's Werken. I. Prosa. 1. Politische Satiren. 1. Brief eines rheinbndischen Officiers an seinen Freund.[34] Auf meine Ehre, mein vortrefflicher Freund, Sie irren sich. Ich will ein Schelm sein, wenn die Schlacht von Jena, wie Sie zu glauben scheinen, meine politischen Grundstze verndert hat. Lassen Sie uns wieder einmal nach dem Beispiel des schnen Sommers von 1806 ein patriotisches Convivium veranstalten (bei Sala schlag ich vor,[35] er hat frische Austern bekommen und sein Burgunder ist vom Beten), so sollen Sie sehen, da ich noch ein ebenso enthousiastischer Anhnger der Deutschen bin wie vormals. Zwar der Schein, ich gestehe es, ist wider mich. Der Knig hat mich nach dem Frieden bei Tilsit auf die Verwendung des Reichsmarschalls Herzogs von Auerstdt,[36] dem ich einige Dienste zu leisten Gelegenheit [hatte],[37] zum Obristen avancirt. Man hat mir das Kreutz der Ehrenlegion zugeschickt, eine Auszeichnung, mit welchem ich, wie Sie selbst einsehen, ffentlich zu erscheinen, nicht unterlassen kann; ich wrde den Knig, dem ich diene, auf eine zwecklose Weise dadurch compromittiren. Aber was folgt daraus? Meinen Sie, da diese Armseeligkeiten mich bestimmen werden, die groe Sache, fr die die Deutschen fechten, aus den Augen zu verlieren? Nimmermehr! Lassen Sie nur den Erzherzog Carl, der jetzt ins Reich vorgerckt ist, siegen, und die Deutschen, sowie er es von ihnen verlangt hat, ^en masse^ aufstehen, so sollen Sie sehen, wie ich mich alsdann entscheiden werde.[38] Mu man denn den Abschied nehmen und zu den Fahnen der Oesterreicher bergehen, um dem Vaterlande diesen Augenblick ntzlich zu sein? Mit nichten! Ein Deutscher, der es redlich meint, kann seinen Landsleuten in dem Lager der Franzosen selbst, ja in dem Hauptquartier des Napoleon, die wichtigsten Dienste thun. Wie mancher kann der Requisition an Fleisch oder Fourage vorbeugen; wie manches Elend der Einquartirung mildern? Ich bin mit wahrer Freundschafft u. s. w. N. S. Hierbei erfolgt feucht, wie es eben der Courier berbringt, das erste Blletin der franzsischen Armee. Was sagen Sie dazu? Die sterreichische Macht total pulverisirt, alle Corps der Armee vernichtet, drei Erzherzge todt auf dem Platz![39] -- Ein verwnschtes Schicksal! Ich wollte schon zur Armee abgehn. Herr von Montesquiou, hat, wie ich hre, das Blletin nunmehr anhero gebracht, und ist dafr von Sr. Majestt mit einer Tabatiere, schlecht gerechnet 2000 Ducaten an Werth beschenkt worden. 2. Brief eines jungen mrkischen Landfruleins an ihren Onkel. Theuerster Herr Onkel, Die Regungen der kindlichen Pflicht, die mein Hertz gegen Sie empfindet, bewegen mich, Ihnen die Meldung zu thun, da ich mich am 8ten d. von Verhltnissen, die ich nicht nennen kann, gedrngt, mit dem jungen Hrn. ^Lefat^, Capitain bei dem 9. franzsischen Dragonerregiment, der in unserm Hause zu P... einquartiert war, verlobt habe.[40] Ich wei, gndigster Onkel, wie Sie ber diesen Schritt denken. Sie haben sich gegen die Verbindungen, die die Tchter des Landes, so lange der Krieg fortwhrt, mit den Individuen des franzsischen Heers vollziehn, oftmals mit Heftigkeit und Bitterkeit erklrt. Ich will Ihnen hierin nicht ganz Unrecht geben. Man braucht keine Rmerinn oder Spartanerinn zu sein, um das Verletzende, das allgemeine betrachtet darin liegen mag, zu empfinden. Diese Mnner sind unsere Feinde; das Blut unserer Brder und Verwandten klebt, um mich so auszudrcken, an ihren Rcken, und es heit sich gewissermaen, wie Sie sehr richtig bemerken, von den Seinigen lossagen, wenn man sich auf die Parthei derjenigen herber stellt, deren Bemhen ist sie zu zertreten, und auf alle ersinnliche Weise zu verderben und zu vernichten. Aber sind diese Mnner, ich beschwre Sie, sind sie die Urheber des unseeligen Kriegs, der in diesem Augenblick zwischen Franzosen und Deutschen entbrannt ist? Folgen sie nicht, der Bestimmung eines Soldaten getreu, einem blinden Gesetz der Nothwendigkeit, ohne selbst oft die Ursach des Streits, fr den sie die Waffen ergreifen, zu kennen? Ja, giebt es nicht Einzelne unter ihnen, die den rasenden Heereszug, mit welchem Napoleon von Neuem das deutsche Reich berschwemmt, verabscheuen, und die das arme Volk, auf dessen Ausplnderung und Unterjochung es angesehen ist, aufs Innigste bedauern und bemitleiden? Vergeben Sie, mein theuerster und beter Oheim! Ich sehe die Rthe des Unwillens auf Ihre Wangen treten! Sie glauben, ich wei, Sie glauben an diese Gefhle nicht; Sie halten sie fr die Erfindung einer satanischen List, um das Wohlwollen der armen Schlachtopfer, die sie zur Bank fhren, gefangen zu nehmen. Ja, diese Regung, selbst wenn sie vorhanden wre, vershnt Sie nicht, Sie halten den Ihrer doppelten Rache fr wrdig, der das Gesetz des gttlichen Willens anerkennt und gleichwol auf eine so lsterliche und hhnische Weise zu verletzen wagt. Allein, wenn die Ansicht, die ich aufstellte, allerdings nicht gemacht ist, die Mnner, die das Vaterland eben[41] vertheidigen, zu entwaffnen, indem sie unmglich, wenn es zum Handgemenge kmmt, sich auf die Frage einlassen knnen, wer von denen, die auf sie anrcken, schuldig ist oder nicht: so verhlt es sich doch, mein gndigster Onkel, mit einem Mdchen anders; mit einem armen schwachen Mdchen, auf dessen leicht bethrte Sinne, in der Ruhe eines monatlangen Umgangs, alle Liebenswrdigkeiten der Geburt und der Erziehung einzuwirken Zeit finden, und das, wie man leider wei, auf die Vernunft nicht mehr hrt, wenn das Herz sich bereits fr einen Gegenstand entschieden hat. Hier lege ich Ihnen ein Zeugni bei, das Hr. ^v. Lefat^ sich auf die Forderung meiner Mutter von seinem Regimentschef zu verschaffen gewut hat. Sie werden daraus ersehen, da das, was uns ein Feldwebel von seinem Regiment von ihm sagte, nmlich da er schon verheiratet sei, eine schndliche und niedertrchtige Verlumdung war. Hr. ^v. Lefat^ ist selbst vor einigen Tagen in B.-- gewesen, um das Attest, das die Declaration vom Gegentheil enthlt, formaliter von seinem Obristen ausfertigen zu lassen. Ueberhaupt mu ich Ihnen sagen, da die niedrige Meinung, die man hier in der ganzen Gegend von diesem jungen Manne hegt, mein Herz auf das Empfindlichste krnkt. Der Leidenschaft, die er fr mich fhlt, und die ich als wahrhaft zu erkennen, die entscheidendsten Grnde habe, wagt man die schndlichsten Absichten unterzulegen. Ja, mein voreiliger Bruder geht soweit mich zu versichern, da der Obrist, sein Regimentschef, gar nicht mehr in B.-- sei --, und ich bitte Sie, der Sie sich in B.-- aufhalten, dem Ersteren darber nach angestellter Untersuchung die Zurechtweisung zu geben. Ich leugne nicht, da der Vorfall, der sich vor einiger Zeit zwischen ihm und der Kammerjungfer meiner Mutter zutrug, einige Unruhe ber seine sittliche Denkungsart zu erwecken geschickt war. Abwesend, wie ich an diesem Tage von P.-- war, bin ich gnzlich auer Stand ber die Berichte dieses albernen und eingebildeten Geschpfs zu urtheilen. Aber die Beweise, die er mir, als ich zurckkam und in Thrnen auf mein Bette sank, von seiner ungetheilten Liebe gab, waren so eindringlich, da ich die ganze Erzhlung als eine elende Vision verwarf, und von der innigsten Reue bewegt, das Band der Ehe, von dem bis dahin noch nicht die Rede gewesen war, jetzt allererst knpfen zu mssen glaubte. -- Wren sie es weniger gewesen, und Ihre Laura noch frei und ruhig wie zuvor! Kurz, mein theuerster und beter Onkel, retten Sie mich! In 8 Tagen soll, wenn es nach meinen Wnschen geht, die Vermhlung sein. Inzwischen wnscht Hr. ^v. Lefat^, da die Anstalten dazu, auf die meine gute Mutter bereits in zrtlichen Augenblicken denkt, nicht eher auf entscheidende Weise gemacht werden, als bis Sie die Gte gehabt haben ihm das ^Legat^ zu berantworten, das mir aus der Erbschaft meines Grovaters bei dem Tode desselben zufiel, und Sie, als mein Vormund bis heute geflligst verwalteten. Da ich grojhrig bin, so wird diesem Wunsch nichts im Wege stehn, und indem ich es mit meiner zrtlichsten Bitte untersttze, und auf die schleunige Erfllung desselben antrage, indem sonst die unangenehmste Verzgerung davon die Folge sein wrde, nenne ich mich mit der innigsten Hochachtung und Liebe u. s. w. 3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen Unterbeamten. Sr. Excellenz der Hr. Generallieutenant von F., ^Commendant^ der hiesigen Garnison, haben sich auf die Nachricht, da der Feind nur noch drey Meilen von der Festung stehe, auf das Rathhaus verfgt, und daselbst, in Begleitung eines starken Detaschements von Dragonern, 3000 Pechkrnze verlangt, um die Vorstdte, die das Glacis embarrassiren, danieder zu brennen. Der Rath der Stadt, der unter solchen Umstnden das Ruhmvolle dieses Entschlusses einsah, hat, nach Abfhrung einiger renitirenden Mitglieder, die Sache ^in pleno^ erwogen, und mit einer Majoritt von 3 gegen 2 Stimmen, wobei meine wie gewhnlich fr 2 galt, und Sr. Excellenz die 3 supplirten, die verlangten Pechkrnze ohne Bedenken bewilligt. Inzwischen ist nun die Frage, und wir geben Euch auf Euch gutachtlich darber auszulassen, 1. Wie viel an Pech und Schwefel, als den dazu gehrigen Materialien, zur Fabrication von 3000 Pechkrnzen erforderlich sind; und 2. ob die genannten Combustibeln in der berechneten Menge zur gehrigen Zeit herbeizuschaffen sind? Unseres Wissens liegt ein groer Vorrath von Pech und Schwefel bei dem Kaufmann M. in der N..schen Vorstadt, P..sche Gasse Num. 139. Inzwischen ist dies ein auf Bestellung der Dnischen Regierung aufgehufter Vorrath, und wir besitzen bereits, in Relation wie wir mit derselben stehen, den Auftrag dem Kaufmann M. den Marktpreis davon mit 3000 fl. zuzufertigen. Indem wir Euch nun, diesem Auftrage gem, die besagte Summe fr den Kaufmann M. in guten Landespapieren, demselben auch sechs Wgen oder mehr und Psse, und was immer zur ungesumten Abfhrung der Ingredienzen an den Hafen-Platz erforderlich sein mag,[42] bewilligen, beschlieen wir zwar von diesem Eigenthum der Dnischen Regierung Behufs einer Niederbrennung der Vorstdte keine Notiz zu nehmen; indessen habt Ihr das gesammte Personale der untern Polizeibeamten zusammenzunehmen, und alle Gewlbe und Lden der Kauf- und Gewerksleute, die mit diesen Combustibeln handeln oder sie verarbeiten, aufs Strengste und Eigensinnigste zu durchsuchen, damit, dem Entschlu Sr. Excellenz gem, unverzglich die Pechkrnze verfertigt und mit Debarrassirung des Glacis verfahren werden mge. Nichts ist nothwendiger, als in diesem Augenblick der herannahenden Gefahr Alles aufzubieten, und kein Opfer zu scheuen, das im Stande ist dem Staat diesen fr den Erfolg des Kriegs hchst wichtigen Platz zu behaupten. Sr. Excellenz haben erklrt, da wenn ihr auf dem Markt befindlicher Pallast vor dem Glacis lge, sie denselben zuerst niederbrennen und unter den Thoren der Vestung bernachten wrden. Da nun unser, sowohl des Burgemeisters, als auch Euer, des Unterbeamten, Haus, in dem angegebenen Fall sind, indem sie von der Q...schen Vorstadt her mit ihren Grten und Nebengebuden das Glacis betrchtlich embarrassiren, so wird es blo von Euren Recherchen und von dem Bericht abhangen, den Ihr darber abstatten werdet, ob wir den Andern ein Beispiel zu geben, und den Pechkranz zuerst auf die Giebel derselben zu werfen haben. Sind in Gewogenheit u. s. w. 4. Brief eines politischen Pescher ber einen Nrnberger Zeitungsartikel. Erlaube mir, Vetter Pescher, da ich Dir in der verwirrten Sprache, die krzlich ein Deutscher mich gelehrt hat, einen Artikel mittheile, der in einer Zeitung dieses Landes, wenn ich nicht irre, im Nrnberger Correspondenten gestanden hat, und den ein Grnlnder, der in Island auf einem Kaffeehause war, hierher gebracht hat. Der Zeitungsartikel ist folgenden sonderbaren Inhalts:[43] Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Freiheitsschlacht, die bei Regensburg gefochten ward, entschieden haben, als vielmehr die Deutschen selbst. Der tapfere Kronprinz von Bayern hat zuerst an der Spitze der rheinbndischen Truppen die Linien der Oesterreicher durchbrochen. Der Kaiser Napoleon hat ihn am Abend der Schlacht auf dem Wahlplatz umarmt, und ihn den Helden der Deutschen genannt.[44] Ich versichere Dich, Vetter Pescher, ich bin hinausgegangen auf den Sandhgel, wo die Sonne brennt, und habe meine Nase angesehen stundenlang, und wieder stundenlang, ohne im Stande gewesen zu sein den Sinn dieses Zeitungsartikels zu erforschen. Er verwischt Alles, was ich ber die Vergangenheit zu wissen meine, dergestalt, da mein Gedchtni wie ein weies Blatt aussieht, und die ganze Geschichte derselben von Neuem darin angefrischt werden mu. Sage mir also, ich bitte Dich: 1. Ist es der Kaiser von Oesterreich, der das deutsche Reich im Jahre 1805 zertrmmert hat?[45] 2. Ist er es, der den Buchhndler Palm erschieen lie, weil er ein dreistes Wort ber diese Gewaltthat in Umlauf brachte?[46] 3. Ist er es, der durch List und Rnke die deutschen Frsten entzweite, um ber die Entzweiten nach der Regel des Csar zu herrschen? 4. Ist er es, der den Kurfrsten von Hessen ohne Kriegserklrung aus seinem Lande vertrieb, und einen Handlungscommis -- wie heit er schon? -- der ihm verwandt war, auf den Thron desselben setzte?[47] 5. Ist er es, der den Knig von Preuen, den ersten Grnder seines Ruhms, in dem undankbarsten und ungerechtesten Kriege zu Boden geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem grimmigen Fu auf dem Nacken desselben verweilte?[48] 6. Ist es dagegen der Kaiser Napoleon, der durch unglckliche Feldzge erschpft, die deutsche Krone auf das Machtwort seines Gegners niederzulegen genthigt war?[49] 7. Ist er es, der mit zerrissenem Herzen Preuen, den letzten Pfeiler Deutschlands, sinken sah, und, so zerstreut seine Heere auch waren, herbei geeilt sein wrde ihn zu retten, wenn der Friede von Tilsit nicht abgeschlossen worden wre?[50] 8. Ist er es, der dem betrogenen Kurfrsten von Hessen auf der Flucht aus seinen Staaten einen Zufluchtsort in den seinigen vergnnt hat?[51] 9. Ist er es endlich, der sich des Elends, unter welchem die Deutschen seufzen, erbarmt hat, und der nun, an der Spitze der ganzen Jugend, wie Anteus, der Sohn der Erde, von seinem Fall erstanden ist, um das Vaterland zu retten? Vetter Pescher, vergieb mir diese Fragen; ein Europer wird ohne Zweifel, wenn er den Artikel liest, wissen was er davon zu halten hat. Einem Pescher aber mssen, wie Du selbst einsiehst, alle die Zweifel kommen, die ich Dir vorgetragen habe. Bekanntlich drcken wir mit dem Wort Pescher Alles aus, was wir empfinden oder denken, drcken es mit einer Deutlichkeit aus, die den andern Sprachen der Welt fremd ist. Wenn wir z. B. sagen wollen: es ist Tag, so sagen wir: Pescher; wollen wir hingegen sagen: es ist Nacht, so sagen wir: Pescher. Wollen wir ausdrcken: dieser Mann ist redlich, so sagen wir: Pescher; wollen wir hingegen versichern: er ist ein Schelm, so sagen wir: Pescher. Kurz, Pescher drckt den Inbegriff aller Erscheinungen aus, und eben darum, weil es Alles ausdrckt, auch jedes Einzelne. Htte doch der Nrnberger Zeitungsschreiber in der Sprache der Peschers geschrieben! Denn setze einmal der Artikel lautete also Pescher, so wrde Dein Vetter[52] nicht einen, nicht einen Augenblick bei seinem Inhalt angestoen sein. Er wrde alsdann mit vlliger Bestimmtheit und Klarheit also gelesen haben: Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Schlacht, die das deutsche Reich dem Napoleon berliefern sollte, gewonnen haben, als vielmehr die bemitleidenswrdigen Deutschen selbst. Der entartete Kronprintz von Bayern hat zuerst an der Spitze der rheinbndischen Truppen die Linien der braven Oesterreicher, ihrer Befreier, durchbrochen. Sie sind der Held der Deutschen! rief ihm der Verschlagenste der Unterdrcker zu; aber sein Hertz sprach heimlich: ein Verrther bist Du, und wenn ich Dich werde gebraucht haben, wirst Du abtreten! 5. Die Bedingung des Grtners. Eine Fabel. Ein Grtner sagte zu seinem Herrn: Deinem Dienst habe ich mich nur innerhalb dieser Hecken und Zune gewidmet. Wenn der Bach kommt und deine Frucht-Beete berschwemmt, so will ich mit Hacken und Spaten aufbrechen, um ihm zu wehren; aber auerhalb dieses Bezirkes zu gehen, und, ehe der Strom noch einbricht, mit seinen Wogen zu kmpfen, das kannst du nicht von deinem Diener verlangen. Der Herr schwieg. Und drei Frhlinge kamen und verheerten mit ihren Gewssern das Land. Der Grtner triefte von Schwei, um dem Geriesel[53], das von allen Seiten eindrang, zu steuern; umsonst; der Seegen des Jahrs, wenn ihm die Arbeit auch gelang, war verderbt und vernichtet. Als der vierte kam, nahm er Hacken und Spaten und gieng auf's Feld. Wohin? fragte ihn sein Herr. Auf das Feld, antwortete er, wo das Uebel entspringt. Hier thrm' ich Wlle von Erde umsonst, um dem Strom, der brausend hereinbricht, zu wehren: an der Quelle kann ich ihn mit einem Futritt verstopfen. Landwehren von Oesterreich! Warum wollt ihr blo innerhalb eures Landes fechten?[54] 6. Lehrbuch der franzsischen Journalistik. Einleitung. 1. Die Journalistik berhaupt ist die treuherzige und unverfngliche Kunst das Volk von dem zu unterrichten, was in der Welt vorfllt. Sie ist eine gnzliche Privatsache, und alle Zwecke der Regierung, sie mgen heien wie man wolle, sind ihr fremd. Wenn man die franzsischen Journale mit Aufmerksamkeit liest, so sieht man, da sie nach ganz eignen Grundstzen abgefat worden, deren System man die _franzsische Journalistik_ nennen kann. Wir wollen uns bemhen den Entwurf dieses Systems, so wie es etwa im geheimen Archiv zu Paris liegen mag, hier zu entfalten. Erklrung. 2. Die _franzsische Journalistik_ ist die Kunst das Volk glauben zu machen, was die Regierung fr gut findet. 3. Sie ist blo Sache der Regierung, und alle Einmischung der Privatleute, bis selbst auf die Stellung vertraulicher Briefe, die die Tages-Geschichte betreffen, verboten. 4. Ihr Zweck ist die Regierung ber allen Wechsel der Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemther, allen Lockungen des Augenblicks zum Trotz, in schweigender Unterwrfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten. Die zwei obersten Grundstze. 5. _Was das Volk nicht wei, macht das Volk nicht hei._ 6. _Was man dem Volke dreimal sagt, hlt das Volk fr wahr._ Anmerkung. 7. Diese Grundstze knnte man auch Grundstze des Talleyrand nennen. Denn ob sie gleich nicht von ihm erfunden sind, so wenig wie die mathematischen von dem Euklid: so ist er doch der Erste, der sie fr ein bestimmtes und schlugerechtes System in Anwendung gebracht hat. Aufgabe. 8. Eine Verbindung von Journalen zu redigiren, welche 1. Alles, was in der Welt vorfllt, entstellen, und gleichwohl 2. ziemliches Vertrauen haben? Lehrsatz zum Behuf der Auflsung. Die Wahrheit sagen heit allererst die Wahrheit _ganz_ und _nichts als_ die Wahrheit sagen. Auflsung. Also redigire man zwei Bltter, deren Eines niemals lgt, das Andere aber die Wahrheit sagt: so wird die Aufgabe gelt sein. Beweis. Denn weil das Eine niemals lgt, das Andere aber die Wahrheit sagt, so wird die _zweite_ Forderung erfllt sein. Weil aber jenes verschweigt was wahr ist, und dieses hinzusetzet was erlogen ist, so wird es auch, wie jedermann zugestehen wird, die _erste_ sein. ^q. e. d.^ Erklrung. 9. Dasjenige Blatt, welches niemals lgt, aber hin und wieder verschweigt was wahr ist, heit der _Moniteur_, und erscheine in officieller Form; das Andere, welches die Wahrheit sagt, aber zuweilen hinzuthut was erstuncken und erlogen ist, heie ^Journal de l'Empire^, oder auch ^Journal de Paris^, und erscheine in Form einer bloen Privat-Unternehmung. Eintheilung der Journalistik. 10. Die franzsische Journalistik zerfllt in die Lehre von der Verbreitung 1. _wahrhaftiger_, 2. _falscher_ Nachrichten. Jede Art der Nachricht erfordert einen eigenen _Modus der Verbreitung_, von welchem hier gehandelt werden soll. ^Cap. I.^ Von den wahrhaftigen Nachrichten. ^Art. 1.^ Von den guten. Lehrsatz. 11. _Das Werk lobt seinen Meister._ Beweis. Der Beweis fr diesen Satz ist klar an sich. Er liegt in der Sonne, besonders wenn sie aufgeht; in den gyptischen Pyramiden; in der Peterskirche; in der Madonna des Raphael, und in vielen andern herrlichen Werken der Gtter und Menschen. Anmerkung. 12. Wirklich und in der That: man mgte meinen, da dieser Satz sich in der franzsischen Journalistik [nicht] findet. Wer die Zeitungen aber mit Aufmerksamkeit gelesen hat, der wird gestehen, er findet sich darin; daher wir ihn auch dem System zu Gefallen hier haben auffhren mssen. Corollarium. 13. Inzwischen gilt dieser Satz doch nur in vlliger Strenge fr den _Moniteur_, und auch fr diesen nur bei guten Nachrichten von auerordentlichem und entscheidendem Werth. Bei guten Nachrichten von untergeordnetem Werth kann der Moniteur schon das Werk ein wenig loben, das ^Journal de l'Empire^ aber und das ^Journal de Paris^ mit vollen Backen in die Posaune stoen. Aufgabe. 14. _Dem Volk eine gute Nachricht vorzutragen?_ Auflsung. Ist es z. B. eine gnzliche Niederlage des Feindes, wobei derselbe Kanonen, Bagage und Munition verloren hat und in die Morste gesprengt worden ist, so sage man dies, und setze das Punctum dahinter. ( 11) Ist es ein bloes Gefecht, wobei nicht viel herausgekommen ist, so setze man im Moniteur eine, im ^Journal de l'Empire^ drei Nullen an jede Zahl, und schicke die Bltter mit ^Courieren^ in alle Welt. ( 13) Anmerkung. 15. Hierbei braucht man nicht nothwendig zu lgen. Man braucht nur z. B. die Blessirten, die man auf dem Schlachtfelde gefunden, auch unter den Gefangenen aufzufhren. Dadurch bekmmt man zwei Rubriken, und das Gewissen ist gerettet. ^Art. 2.^ _Von den schlechten Nachrichten._ Lehrsatz. 16. Zeit gewonnen, Alles gewonnen. Anmerkung. 17. Dieser Satz ist so klar, da er, wie die Grundstze, keines Beweises bedarf, daher ihn der Kaiser der Franzosen auch unter die Grundstze aufgenommen hat. Er fhrt in natrlicher Ordnung auf die Kunst dem Volk [eine] Nachricht zu verbergen, von welcher[55] sogleich gehandelt werden soll. Corollarium. 18. Inzwischen gilt auch dieser Satz nur in vlliger Strenge fr das ^Journal de l'Empire^ und fr das ^Journal de Paris^, und auch fr diese nur bei schlechten Nachrichten von der gefhrlichen und verzweifelten Art. Schlechte Nachrichten von ertrglicher Art kann der Moniteur gleich offenherzig gestehen, das ^Journal de l'Empire^ aber und das ^Journal de Paris^ thun als ob nicht viel daran wre. Aufgabe. 19. _Dem Volk eine schlechte Nachricht zu verbergen?_ Auflsung. Die Auflsung ist leicht. Es gilt fr das Innere des Landes in allen Journalen Stillschweigen, einem Fisch gleich. Unterschlagung der Briefe, die davon handeln, Aufhaltung der Reisenden, Verbote in Tabagien und Gasthusern davon zu reden, und fr das Ausland Confiscation der ^Journale^, welche gleichwohl davon zu handeln wagen; Arretirung, Deportirung, und Fselierung der Redactoren; Ansetzung neuer ^Subjecte^ bei diesem Geschfft: Alles mittelbar entweder durch Requisition, oder unmittelbar durch Detaschements. Anmerkung. 20. Diese Auflsung ist, wie man sieht, nur eine bedingte, und frh oder spt kommt die Wahrheit ans Licht. Will man die Glaubwrdigkeit der Zeitungen nicht aussetzen, so mu es nothwendig eine Kunst geben dem Volk schlechte Nachrichten vorzutragen. Worauf wird diese Kunst sich sttzen? Lehrsatz. 21. Der Teufel lt keinen Schelmen im Stich. Anmerkung. 22. Auch dieser Satz ist so klar, da er nur erst verworren[56] werden wrde, wenn man ihn beweisen wollte, daher wir uns nicht weiter darauf einlassen, sondern sogleich zur Anwendung schreiten wollen. Aufgabe. 23. _Dem Volk eine schlechte Nachricht vorzutragen?_ Auflsung. Man schweige davon ( 5) bis sich die Umstnde gendert haben. ( 15). Inzwischen unterhalte man das Volk mit guten Nachrichten, entweder mit wahrhaftigen aus der Vergangenheit, oder auch mit gegenwrtigen, wenn sie vorhanden sind, als: Schlacht von Marengo, von der Gesandschafft des Persenschachs[57] und von der Ankunft des Levantischen Kaffes, oder, in Ermangelung aller, mit solchen die erstunken und erlogen sind; sobald sich die Umstnde gendert haben, welches niemals ausbleibt, ( 20) und irgend ein Vortheil, er sei gro oder klein, errungen worden ist, gebe man ( 14) eine pomphafte Ankndigung davon, und an ihren Schwanz hnge man die schlechte Nachricht an. ^q. e. des.^ Anmerkung. 24. Hierin ist eigentlich noch der Lehrsatz enthalten: _wenn man dem Kinde ein Licht zeigt, so weint es nicht_; denn darauf sttzt sich zum Theil das angegebene Verfahren. Nur der Krze wegen, und weil er von selbst in die Augen springt, geschah es, da wir denselben ^in abstracto^ nicht haben auffhren wollen. Corollarium. 25. Ganz _still zu schweigen_, wie die Auflsung fordert, ist in vielen Fllen unmglich, denn schon das Datum des Blletins, wenn z. B. eine Schlacht verloren und das Hauptquartier zurckgegangen wre, verrth dies Factum. In diesem Fall _antedatire_ man entweder das Blletin, oder aber _fingire einen Druckfehler_ im Datum, oder endlich lasse das Datum _ganz weg_. Die Schuld kommt auf den Setzer oder Corrector. 7. Katechismus der Deutschen, abgefat nach dem Spanischen, zum Gebrauch fr Kinder und Alte.[58] In sechzehn Kapiteln. Erstes Kapitel. Von Deutschland berhaupt. _Frage._ Sprich, Kind, wer bist Du? _Antwort._ Ich bin ein Deutscher. _Fr._ Ein Deutscher? Du scherzest. Du bist in Meien gebohren, und das Land, dem Meien angehrt, heit Sachsen! _Antw._ Ich bin in Meien gebohren, und das Land, dem Meien angehrt, heit Sachsen; aber mein Vaterland, das Land dem Sachsen angehrt, ist Deutschland, und Dein Sohn, mein Vater, ist ein Deutscher. _Fr._ Du trumest! Ich kenne kein Land, dem Sachsen angehrt, es mte denn das rheinische Bundesland sein.[59] Wo find ich es, dies Deutschland, von dem Du sprichst, und wo liegt es? _Antw._ Hier, mein Vater. -- Verwirre mich nicht. _Fr._ Wo? _Antw._ Auf der Karte. _Fr._ Ja, auf der Karte! -- Diese Karte ist vom Jahr 1805. -- Weit Du nicht, was geschehn ist im Jahr 1805, da der Friede von Preburg abgeschlossen war? _Antw._ Napoleon, der korsische Kaiser, hat es nach dem Frieden durch eine Gewaltthat zertrmmert.[60] _Fr._ Nun? Und gleichwohl wre es noch vorhanden? _Antw._ Gewi! -- Was fragst Du mich doch! _Fr._ Seit wann? _Antw._ Seit Franz der Zweite, der alte Kaiser der Deutschen, wieder aufgestanden ist, um es herzustellen, und der tapfre Feldherr, den er bestellte, das Volk aufgerufen hat, sich an die Heere, die er anfhrt, zur Befreiung des Landes anzuschlieen. Zweites Kapitel. Von der Liebe zum Vaterlande. _Fr._ Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn? _Antw._ Ja, mein Vater, das thu ich. _Fr._ Warum liebst Du es? _Antw._ Weil es mein Vaterland ist. _Fr._ Du meinst, weil Gott es geseegnet hat mit vielen Frchten, weil viele schne Werke der Kunst es schmcken, weil Helden, Staatsmnner und Weise, deren Namen anzufhren kein Ende ist, es verherrlicht haben? _Antw._ Nein, mein Vater; Du verfhrst mich. _Fr._ Ich verfhrte Dich? _Antw._ Denn Rom und das gyptische Delta sind, wie Du mich gelehrt hast, mit Frchten und schnen Werken der Kunst und Allem, was gro und herrlich sein mag, weit mehr geseegnet als Deutschland. Gleichwohl, wenn Deines Sohnes Schicksal wollte, da er darin leben sollte, wrde er sich traurig fhlen, und es nimmermehr so lieb haben, wie jetzt Deutschland. _Fr._ Warum also liebst Du Deutschland? _Antw._ Mein Vater, ich habe es Dir schon gesagt! _Fr._ Du httest es mir schon gesagt? _Antw._ Weil es mein Vaterland ist. Drittes Kapitel. Von der Zertrmmerung des Vaterlandes. _Fr._ Was ist Deinem Vaterlande jngsthin widerfahren? _Antw._ Napoleon, Kaiser der Franzosen, hat es mitten im Frieden zertrmmert, und mehrere Vlker, die es bewohnen, unterjocht. _Fr._ Warum hat er dies gethan? _Antw._ Das wei ich nicht. _Fr._ Das weit Du nicht? _Antw._ Weil er ein bser Geist ist. _Fr._ Ich will Dir sagen, mein Sohn: Napoleon behauptet, er sei von den Deutschen beleidigt worden. _Antw._ Nein, mein Vater, das ist er nicht. _Fr._ Warum nicht? _Antw._ Die Deutschen haben ihn niemals beleidigt. _Fr._ Kennst Du die gantze Streitfrage, die dem Kriege, der entbrannt ist, zum Grunde liegt? _Antw._ Nein, keineswegs. _Fr._ Warum nicht? _Antw._ Weil sie zu weitluftig und umfassend ist. _Fr._ Woraus also schlieest Du, da die Sache, die die Deutschen fhren, gerecht sei? _Antw._ Weil Kaiser Franz von Oesterreich es versichert hat. _Fr._ Wo hat er dies versichert? _Antw._ In dem von seinem Bruder, dem Erzherzog Carl, an die Nation erlassenen Aufruf. _Fr._ Also wenn zwei Angaben vorhanden sind, die Eine von Napoleon, dem Korsenkaiser, die Andere von Franz, Kaiser von Oesterreich, welcher glaubst Du? _Antw._ Der Angabe Franzens, Kaisers von Oesterreich. _Fr._ Warum? _Antw._ Weil er wahrhaftiger ist. Viertes Kapitel. Vom Ertzfeind. _Fr._ Wer sind Deine Feinde, mein Sohn? _Antw._ Napoleon und, so lange er ihr Kaiser ist, die Franzosen. _Fr._ Ist sonst niemand, den Du haest? _Antw._ Niemand auf der ganzen Welt. _Fr._ Gleichwohl, als Du gestern aus der Schule kamst, hast Du Dich mit jemand, wenn ich nicht irre, entzweit? _Antw._ Ich, mein Vater? Mit wem? _Fr._ Mit Deinem Bruder; Du hast es mir selbst erzhlt. _Antw._ Ja, mit meinem Bruder! Er hatte meinen Vogel nicht, wie ich ihm aufgetragen hatte, gefttert. _Fr._ Also ist Dein Bruder, wenn er dies gethan hat, Dein Feind, nicht Napoleon der Korse, noch die Franzosen, die er beherrscht? _Antw._ Nicht doch, mein Vater! -- Was sprichst Du da? _Fr._ Was ich da spreche? _Antw._ Ich wei nicht, was ich darauf antworten soll.[61] -- -- -- -- [Siebentes Kapitel.] _Fr._ Das hab ich Dich schon gefragt. Sage es noch einmahl mit den Worten, die ich Dich gelehrt habe. _Antw._ Fr einen verabscheuungswrdigen Menschen, fr den Anfang alles Bsen und das Ende alles Guten; fr einen Snder, den anzuklagen die Sprache der Menschen nicht hinreicht, und den Engeln einst am jngsten Tage der Odem vergehen wird. _Fr._ Sahst Du ihn je? _Antw._ Niemals, mein Vater. _Fr._ Wie sollst Du ihn Dir vorstellen? _Antw._ Als einen der Hlle entstiegenen Vatermrder, der herumschleicht in dem Tempel der Natur, und an allen Sulen rttelt, auf welchen er gebaut ist. _Fr._ Wann hast Du dies im Stillen fr Dich wiederholt? _Antw._ Gestern Abend, als ich zu Bette gieng, und heute Morgen, als ich aufstand. _Fr._ Und wann wirst Du es wieder wiederholen? _Antw._ Heute Abend, wenn ich zu Bette gehe, und morgen frh, wann ich aufstehe. _Fr._ Gleichwohl, sagt man, soll er viel Tugenden besitzen. Das Geschfft der Unterjochung der Erde soll er mit List, Gewandtheit und Khnheit vollziehn, und besonders an dem Tage der Schlacht ein groer Feldherr sein. _Antw._ Ja, mein Vater, so sagt man. _Fr._ Man sagt es nicht blo; er _ist_ es. _Antw._ Auch gut; er _ist_ es. _Fr._ Meinst Du nicht, da er um dieser Eigenschafften willen Bewunderung und Verehrung verdiene? _Antw._ Du schertzest, mein Vater. _Fr._ Warum nicht? _Antw._ Das wre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, die einem Menschen im Ringen beiwohnt, in dem Augenblick bewundern wollte, da er mich in den Koth wirft und mein Antlitz mit Fen tritt. _Fr._ Wer also unter den Deutschen mag ihn bewundern? _Antw._ Die robusten Feldherrn etwa und die Kenner der Kunst. _Fr._ Und auch diese, wann mgen sie es erst thun? _Antw._ Wenn er vernichtet ist. Achtes Kapitel. Von der Erziehung der Deutschen. _Fr._ Was mag die Vorsehung wohl damit, mein Sohn, da sie die Deutschen so grimmig durch Napoleon, den Korsen, aus ihrer Ruhe aufgeschreckt hat, bezweckt haben? _Antw._ Das wei ich nicht. _Fr._ Das weit Du nicht? _Antw._ Nein, mein Vater. _Fr._ Ich auch nicht. Ich schiee nur mit meinem Urtheil ins Blaue hinein. Treffe ich, so ist es gut; wo nicht, so ist an dem Schu nichts verloren. -- Tadelst Du dies Unternehmen? _Antw._ Keineswegs, mein Vater. _Fr._ Vielleicht meinst Du, die Deutschen befanden sich schon, wie die Sachen stehn, auf dem Gipfel aller Tugend, alles Heils und alles Ruhms? _Antw._ Keineswegs, mein Vater. _Fr._ Oder waren wenigstens auf guten Wegen, ihn zu erreichen? _Antw._ Nein, mein Vater; das auch nicht. _Fr._ Von welcher Unart habe ich Dir zuweilen gesprochen? _Antw._ Von einer Unart? _Fr._ Ja; die dem lebenden Geschlecht anklebt. _Antw._ Der Verstand der Deutschen, hast Du mir gesagt, habe durch einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen; sie reflectirten, wo sie empfinden oder handeln sollten, meinten Alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu knnen, und gben nichts mehr auf die alte geheimnivolle Kraft der Hertzen. _Fr._ Findest Du nicht, da die Unart, die Du mir beschreibst, zum Theil auch auf Deinem Vater ruht, indem er Dich catechisirt? _Antw._ Ja, mein lieber Vater. _Fr._ Woran hiengen sie mit unmiger und unedler Liebe? _Antw._ An Geld und Gut, trieben Handel und Wandel damit, da ihnen der Schwei ordentlich des Mitleidens wrdig von der Stirn triefte, und meinten ein ruhiges, gemchliches und sorgenfreies Leben sei Alles, was sich in der Welt erringen liee. _Fr._ Warum also mag das Elend wohl, das in der Zeit ist, ber sie gekommen, ihre Htten zerstrt und ihre Felder verheeret worden sein? _Antw._ Um ihnen diese Gter vllig verchtlich zu machen, und sie anzuregen nach den hhern und hchsten, die Gott den Menschen beschert hat, hinanzustreben. _Fr._ Und welches sind die hchsten Gter der Menschen? _Antw._ Gott, Vaterland, Kaiser, Freyheit, Liebe und Treue, Schnheit, Wissenschafft und Kunst. Neuntes Kapitel. Eine Nebenfrage. _Fr._ Sage mir, mein Sohn, wohin kommt der, welcher liebt? In den Himmel oder in die Hlle? _Antw._ In den Himmel. _Fr._ Und der, welcher hat? _Antw._ In die Hlle. _Fr._ Aber derjenige, welcher weder liebt noch hat: wohin kommt der? _Antw._ Welcher weder liebt noch hat? _Fr._ Ja! -- Hast Du die schne Fabel vergessen? _Antw._ Nein, mein Vater. _Fr._ Nun? Wohin kommt der? _Antw._ Der kommt in die siebente, tiefste und unterste Hlle. Zehntes Kapitel. Von der Verfassung der Deutschen.[62] -- -- -- -- [Zwlftes Kapitel.] wo sie sie immer treffen mgen, erschlagen. _Fr._ Hat er dies Allen oder den Einzelnen befohlen? _Antw._ Allen und den Einzelnen. _Fr._ Aber der Einzelne, wenn er zu den Waffen griffe, wrde offtmals nur in sein Verderben laufen? _Antw._ Allerdings, mein Vater, das wird er. _Fr._ Er mu also lieber warten, bis ein Haufen zusammengelaufen ist, um sich an diesen anzuschlieen? _Antw._ Nein, mein Vater. _Fr._ Warum nicht? _Antw._ Du scherzest, wenn Du so fragst. _Fr._ So rede! _Antw._ Weil, wenn jedweder so dchte, gar kein Haufen zusammenlaufen wrde, an den man sich anschlieen knnte. _Fr._ Mithin -- was ist die Pflicht jedes Einzelnen? _Antw._ Unmittelbar auf das Gebot des Kaisers zu den Waffen zu greifen, den Anderen, wie die hochherzigen Tyroler,[63] ein Beispiel zu geben, und die Franzosen, wo sie angetroffen werden mgen, zu erschlagen. Dreizehntes Kapitel. Von den freiwilligen Beitrgen. _Fr._ Wen Gott mit Gtern geseegnet hat, was mu der noch auerdem fr den Fortgang des Kriegs, der gefhrt wird, thun? _Antw._ Er mu, was er entbehren kann, zur Bestreitung seiner Kosten hergeben. _Fr._ Was kann der Mensch entbehren? _Antw._ Alles bis auf Wasser und Brod, [das] ihn ernhrt, und ein Gewand, das ihn deckt. _Fr._ Wie viel Grnde kannst Du anfhren, um die Menschen, freiwillige Beitrge einzuliefern, zu bewegen? _Antw._ Zwei. Einen, der nicht viel einbringen wird, und Einen, der die Fhrer des Kriegs reich machen mu, falls die Menschen nicht mit Blindheit geschlagen sind.[64] _Fr._ Welcher ist der, der nicht viel einbringen wird? _Antw._ Weil Geld und Gut gegen das, was damit errungen werden soll, nichtswrdig sind. _Fr._ Und welcher ist der, der die Fhrer des Kriegs reich machen mu, falls die Menschen nicht mit Blindheit geschlagen sind? _Antw._ Weil es die Franzosen doch wegnehmen. Vierzehntes Kapitel. Von den obersten Staatsbeamten. _Fr._ Die Staatsbeamten, die dem Kaiser von Oesterreich und den chten deutschen Frsten treu dienen, findest Du nicht, mein Sohn, da sie einen gefhrlichen Stand haben? _Antw._ Allerdings, mein Vater. _Fr._ Warum? _Antw._ Weil, wenn der korsische Kaiser ins Land kme, er sie um dieser Treue willen bitter bestrafen wrde. _Fr._ Also ist es fr jeden, der auf einer wichtigen Landesstelle steht, der Klugheit gem, sich zurckzuhalten, und sich nicht mit Eifer auf heftige Maasregeln, wenn sie ihm auch von der Regierung anbefohlen sein sollten, einzulassen?[65] _Antw._ Pfui doch, mein Vater; was sprichst Du da! _Fr._ Was? -- Nicht? _Antw._ Das wre schndlich und niedertrchtig. _Fr._ Warum? _Antw._ Weil ein Solcher nicht mehr Staatsdiener seines Frsten, sondern schon, als ob er in seinem Sold stnde, Staatsdiener des Korsenkaisers ist, und fr seine Zwecke arbeitet. Funfzehntes Kapitel. Vom Hochverrathe. _Fr._ Was begeht derjenige, mein Sohn, der dem Aufgebot, das der Erzherzog Carl an die Nation erlassen hat, nicht gehorcht, oder wohl gar durch Wort und That zu widerstreben wagt? _Antw._ Einen Hochverrath mein Vater. _Fr._ Warum? _Antw._ Weil er dem Volk, zu dem er gehrt, verderblich ist. _Fr._ Was hat derjenige zu thun, den das Unglck unter die verrtherischen Fahnen gefhrt hat, die den Franzosen verbunden, der Unterjochung des Vaterlandes wehen? _Antw._ Er mu seine Waffen schaamroth wegwerfen, und zu den Fahnen der Oesterreicher bergehen. _Fr._ Wenn er dies nicht thut, und mit den Waffen in der Hand ergriffen wird, was hat er verdient? _Antw._ Den Tod, mein Vater. _Fr._ Und was kann ihn einzig davor schtzen? _Antw._ Die Gnade Franzens, Kaisers von Oesterreich, des Vormunds, Retters und Wiederherstellers der Deutschen. Sechszehntes Kapitel. Schlu. _Fr._ Aber sage mir, mein Sohn, wenn es dem hochherzigen Kaiser von Oesterreich, der fr die Freiheit Deutschlands die Waffen ergriff, nicht gelnge, das Vaterland zu befreien: wrde er nicht den Fluch der Welt auf sich laden, den Kampf berhaupt unternommen zu haben? _Antw._ Nein, mein Vater. _Fr._ Warum nicht? _Antw._ Weil Gott der oberste Herr der Heer-Schaaren ist, und nicht der Kaiser, und es weder in seiner noch in seines Bruders, des Erzherzog Carls, Macht steht, die Schlachten, so wie sie es wohl wnschen mgen, zu gewinnen. _Fr._ Gleichwohl ist, wenn der Zweck des Kriegs nicht erreicht wird, das Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die Stdte verwstet und das Land verheert worden. _Antw._ Wenngleich, mein Vater! _Fr._ Was? Wenngleich! -- Also auch, wenn Alles untergienge, und kein Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet, am Leben bliebe, wrdest du den Kampf noch billigen? _Antw._ Allerdings, mein Vater. _Fr._ Warum? _Antw._ Weil es Gott lieb ist, wenn Menschen ihrer Freiheit wegen sterben. _Fr._ Was aber ist ihm ein Gruel? _Antw._ Wenn Sclaven leben! 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen. 1. Einleitung [zur Zeitschrift Germania]. Diese Zeitschrift soll der erste Athemzug der deutschen Freiheit sein. Sie soll Alles aussprechen, was whrend der drei letzten, unter dem Druck der Franzosen verseufzten, Jahre in den Brsten wackerer Deutschen hat verschwiegen bleiben mssen: alle Besorgni, alle Hoffnung, alles Elend und alles Glck. Es bedurfte einer Zeit wie die jetzige, um einem Blatt, wie das vorliegende ist, das Dasein zu geben. So lange noch keine Handlung des Staats geschehen war, mute es jedem Deutschen, der seine Worte zu Rathe hielt, ebenso voreilig als nutzlos scheinen zu seinen Mitbrdern zu reden. Eine solche Stimme wrde entweder vllig in der Wste verhallt sein, oder -- welches fast noch schlimmer gewesen wre -- die Gemther nur auf die Hhen der Begeisterung erhoben haben, um sie in dem zunchst darauf folgenden Augenblick in eine desto tiefere Nacht der Gleichgltigkeit und Hoffnungslosigkeit versinken zu lassen. Jetzt aber hat der Kaiser von Oesterreich an der Spitze seines tapfern Heeres den Kampf fr seiner Unterthanen Wohl, und den noch gromthigeren fr das Heil des unterdrckten und bisher noch wenig dankbaren Deutschlands unternommen. Der kaiserliche Bruder, den er zum Herrn des Heers bestellte, hat die gttliche Kraft, das Werk an sein Ziel hinauszufhren, auf eine erhabene und rhrende Art dargethan. Das Misgeschick, das ihn traf, trug er mit der Unbeugsamkeit der Helden, und ward in dem entscheidenden Augenblick, da es zu siegen oder zu sterben galt, der Bezwinger des Unbezwungenen, -- ward es mit einer Bescheidenheit, die dem Zeitalter, in welchem wir leben, fremd ist.[66] Jetzt oder niemals ist es Zeit den Deutschen zu sagen, was sie ihrerseits zu thun haben, um der erhabenen Vormundschafft, die sich ber sie eingesetzt hat, allererst wrdig zu werden; und dieses Geschfft ist es, das wir, von der Lust am Guten mitzuwirken bewegt, in den Blttern der Germania haben bernehmen wollen. Hoch, auf dem Gipfel der Felsen soll sie sich stellen und den Schlachtgesang herabdonnern ins Thal! Dich, o Vaterland, will sie singen und deine Heiligkeit und Herrlichkeit, und welch ein Verderben seine Wogen auf dich heranwlzt! Sie will herabsteigen, wenn die Schlacht braut,[67] und sich mit hochroth glhenden Wangen unter die Streitenden mischen und ihren Muth beleben, und ihnen Unerschrockenheit und Ausdauer und des Todes Verachtung ins Herz gieen; -- -- und die Jungfrauen des Landes herbeirufen, wenn der Sieg erfochten ist, da sie sich niederbeugen ber die so gesunken sind, und ihnen das Blut aus der Wunde saugen. Mge jeder, der sich bestimmt fhlt dem Vaterlande auf _diese_ Weise zu -- -- -- 2. [Aufruf.] Zeitgenossen! Glckliche oder unglckliche Zeitgenossen -- wie soll ich euch nennen? da ihr nicht aufmerken wollet, oder nicht aufmerken knnet. Wunderbare und sorgenlose Blindheit, mit welcher ihr nichts vernehmt! O, wenn in euren Fen Weissagung wre, wie schnell wrden sie zur Flucht sein! Denn unter ihnen ghrt die Flamme, die bald in Vulcanen herausdonnern, und unter ihrer Asche und ihren Lavastrmen Alles begraben wird. Wunderbare Blindheit, die nicht gewahrt, da Ungeheures und Unerhrtes nahe ist, da Dinge reifen, von welchen noch der Urenkel mit Grausen sprechen wird, wie von atridischen Tischen und Pariser und Nanter Bluthochzeiten? Welche Verwandlungen nahen! Ja, in welchen seid ihr mitten inne und merkt sie nicht, und meint, es geschhe etwas Alltgliches in dem alltglichen Nichts, worin ihr befangen seid! -- ^G. v. J.^ S. 13.[68] Diese Prophezeiung -- in der That, mehr als einmal habe ich diese Worte als bertrieben tadeln hren. Sie flen, sagt man, ein gewisses falsches Entsetzen ein, das die Gemther, statt sie zu erregen, vielmehr abspanne und erschlaffe. Man sieht um sich, heit es, ob wirklich die Erde sich schon unter den Futritten der Menschen erffne; und wenn man die Thrme und die Giebel der Huser noch stehen sieht, so holt man, als ob man aus einem schweren Traume erwachte, wieder Athem. Das Wahrhaftige, was darin liegt, verwerfe man mit dem Unwahrhaftigen, und sei geneigt die ganze Weissagung, die das Buch enthlt, fr eine Vision zu halten. O du, der du so sprichst, du kmmst mir vor wie etwa ein Grieche aus dem Zeitalter des Slla, oder aus jenem des Titus ein Israelit. Was? dieser mchtige Staat der Juden soll untergehen? Jerusalem, diese Stadt Gottes, von seinem leibhaftigen Cherubime beschtzt, sie sollte, Zion, zu Asche versinken? Eulen und Adler sollten in den Trmmern dieses salomonischen Tempels wohnen? Der Tod sollte die ganze Bevlkerung hinwegraffen, Weiber und Kinder in Fesseln hinweggefhrt werden, und die Nachkommenschafft in alle Lnder der Welt zerstreut, durch Jahrtausende und wieder Jahrtausende[69] verworfen, wie dieser Ananias prophezeit, das Leben der Sclaven fhren? Was? 3. Was gilt es in diesem Kriege? Gilt es, was es gegolten hat sonst in den Kriegen, die gefhrt worden sind auf dem Gebiete der unermelichen Welt? Gilt es den Ruhm eines jungen und unternehmenden Frsten, der in dem Duft einer lieblichen Sommernacht von Lorbeern getrumt hat? Oder die Genugthuung fr die Empfindlichkeit einer Favorite, deren Reitze, vom Beherrscher des Reichs anerkannt, an fremden Hfen in Zweifel gezogen worden sind? Gilt es einen Feldzug, der, jenem spanischen Erbfolgestreit gleich, wie ein Schachspiel gefhrt wird, bei welchem kein Herz wrmer schlgt, keine Leidenschafft das Gefhl schwellt, kein Muskel, vom Giftpfeil der Beleidigung getroffen, emporzuckt? Gilt es ins Feld zu rcken von beiden Seiten, wenn der Lenz kommt, sich zu treffen mit flatternden Fahnen, und zu schlagen und entweder zu siegen, oder wieder in die Winterquartiere einzurcken? Gilt es eine Provinz abzutreten, einen Anspruch auszufechten, oder eine Schuld-Forderung geltend zu machen, oder gilt es sonst irgend etwas, das nach dem Werth des Geldes auszumessen ist, heut besessen, morgen aufgegeben, und bermorgen wieder erworben werden kann? Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wurzeln tausendstig,[70] einer Eiche gleich, in den Boden der Zeit eingreifen; deren Wipfel, Tugend und Sittlichkeit berschattend, an den silbernen Saum der Wolken rhrt, deren Dasein durch das Drittheil eines Erdalters geheiligt worden ist; eine Gemeinschafft, die, unbekannt mit dem Geist der Herrschsucht und der Eroberung, des Daseins und der Duldung so wrdig ist, wie irgend eine; die ihren Ruhm nicht einmal denken kann, sie mte denn den Ruhm zugleich und das Heil aller Uebrigen denken, die den Erdkreis bewohnen; deren ausgelassenster und ungeheuerster Gedanke noch, von Dichtern und Weisen auf Flgeln der Einbildung erschwungen, Unterwerfung unter eine Weltregierung ist, die in freier Wahl von der Gesammtheit aller Brder-Nationen gesetzt wre. Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wahrhaftigkeit und Offenherzigkeit gegen Freund und Feind gleich unerschtterlich gebt, bei dem Witz der Nachbarn zum Sprichwort geworden ist; die ber jeden Zweifel erhoben, dem Besitzer jenes chten Ringes gleich, diejenige ist, die die Anderen am Meisten lieben; deren Unschuld, selbst in dem Augenblick noch, da der Fremdling sie belchelt, oder wohl gar verspottet, sein Gefhl geheimnivoll erweckt; dergestalt, da derjenige, der zu ihr gehrt, nur seinen Namen zu nennen braucht, um auch in den entferntesten Theilen der Welt noch Glauben zu finden. Eine Gemeinschafft, die weit entfernt in ihrem Busen auch nur eine Regung von Uebermuth zu tragen, vielmehr, einem schnen Gemth gleich, bis auf den heutigen Tag an ihre eigne Herrlichkeit nicht geglaubt hat; die herumgeflattert ist unermdlich, einer Biene gleich, Alles, was sie Vortreffliches fand, in sich aufzunehmen, gleich als ob nichts von Ursprung herein Schnes in ihr[71] selber wre; in deren Schoo gleichwohl (wenn es zu sagen erlaubt ist!) die Gtter das Urbild der Menschheit reiner als in irgend einer andern aufbewahrt hatten. Eine Gemeinschafft, die dem Menschengeschlecht nichts in dem Wechsel der Dienstleistungen[72] schuldig geblieben ist, die den Vlkern, ihren Brdern und Nachbarn, fr jede Kunst des Friedens, welche sie von ihnen erhielt, eine andere zurckgab; eine Gemeinschafft, die an dem Obelisken der Zeiten stets unter den Wackersten und Rstigsten thtig gewesen ist; ja, die den Grundstein desselben gelegt hat, und vielleicht den Schlublock darauf zu setzen bestimmt war. Eine Gemeinschafft gilt es, die den Leibnitz und Guttenberg gebohren hat, in welcher ein Guericke den Luftkreis wog, Tschirnhausen den Glanz der Sonne lenkte, und Keppler der Gestirne Bahn verzeichnete; eine Gemeinschafft, die groe Namen, wie der Lenz Blumen, aufzuweisen hat; die den Hutten und Sickingen, Luther und Melanchthon, Joseph und Friedrich auferzog; in welcher Drer und Cranach, die Verherrlicher der Tempel, gelebt, und Klopstock den Triumph des Erlsers gesungen hat. Eine Gemeinschafft mithin gilt es, die dem ganzen Menschengeschlecht angehrt;[73] die die Wilden der Sdsee noch, wenn sie sie kennten, zu beschtzen herbeistrmen wrden; eine Gemeinschafft, deren Dasein keine deutsche Brust berleben, und die nur mit Blut, vor [dem] die Sonne verdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll! 4. Einleitung [zu den Berliner Abendblttern]. Gebet des Zoroaster. (Aus einer indischen Handschrift, von einem Reisenden in den Ruinen von Palmyra gefunden.) (1. October 1810.) Gott, mein Vater im Himmel! Du hast dem Menschen ein so freies, herrliches und ppiges Leben bestimmt. Krfte unendlicher Art, gttliche und thierische, spielen in seiner Brust zusammen, um ihn zum Knig der Erde zu machen. Gleichwohl, von unsichtbaren Geistern berwltigt, liegt er, auf verwundernswrdige und unbegreifliche Weise, in Ketten und Banden; das Hchste, von Irrthum geblendet, lt er zur Seite liegen, und wandelt, wie mit Blindheit geschlagen, unter Jmmerlichkeiten und Nichtigkeiten umher. Ja, er gefllt sich in seinem Zustand; und wenn die Vorwelt nicht wre und die gttlichen Lieder, die von ihr Kunde geben, so wrden wir gar nicht mehr ahnden, von welchen Gipfeln, o Herr! der Mensch um sich schauen kann. Nun lssest du es, von Zeit zu Zeit, niederfallen, wie Schuppen, von dem Auge Eines deiner Knechte, den du dir erwhlt, da er die Thorheiten und Irrthmer seiner Gattung berschaue; ihn rstest du mit dem Kcher der Rede, da er, furchtlos und liebreich, mitten unter sie trete, und sie mit Pfeilen, bald schrfer, bald leiser, aus der wunderlichen Schlafsucht, in welcher sie befangen liegen, wecke. Auch mich, o Herr, hast du, in deiner Weisheit, mich wenig Wrdigen, zu diesem Geschft erkoren; und ich schicke mich zu meinem Beruf an. Durchdringe mich ganz, vom Scheitel zur Sohle, mit dem Gefhl des Elends, in welchem dies Zeitalter darnieder liegt, und mit der Einsicht in alle Erbrmlichkeiten, Halbheiten, Unwahrhaftigkeiten und Gleisnereien, von denen es die Folge ist. Sthle mich mit Kraft, den Bogen des Urtheils rstig zu spannen, und, in der Wahl der Geschosse, mit Besonnenheit und Klugheit, auf da ich jedem, wie es ihm zukommt, begegne: den Verderblichen und Unheilbaren, dir zum Ruhm, niederwerfe, den Lasterhaften schrecke, den Irrenden warne, den Thoren, mit dem bloen Gerusch der Spitze ber sein Haupt hin, necke. Und einen Kranz auch lehre mich winden, womit ich, auf meine Weise, den, der dir wohlgefllig ist, krne! Ueber Alles aber, o Herr, mge Liebe wachen zu dir, ohne welche nichts, auch das Geringfgigste nicht, gelingt: auf da dein Reich verherrlicht und erweitert werde, durch alle Rume und alle Zeiten, Amen! ^x.^ 5. Von der Ueberlegung. (Eine Paradoxe.) (7. December.) Man rhmt den Nutzen der Ueberlegung in alle Himmel; besonders der kaltbltigen und langwierigen vor der That. Wenn ich ein Spanier, ein Italiener oder ein Franzose wre: so mgte es damit sein Bewenden haben. Da ich aber ein Deutscher bin, so denke ich meinem Sohn einst, besonders wenn er sich zum Soldaten bestimmen sollte, folgende Rede zu halten. Die Ueberlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher _nach_, als _vor_ der That. Wenn sie vorher, oder in dem Augenblick der Entscheidung selbst, ins Spiel tritt: so scheint sie nur die zum Handeln nthige Kraft, die aus dem herrlichen Gefhl quillt, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrcken; dagegen sich nachher, wenn die Handlung abgethan ist, der Gebrauch von ihr machen lt, zu welchem sie dem Menschen eigentlich gegeben ist, nmlich sich dessen, was in dem Verfahren fehlerhaft und gebrechlich war, bewut zu werden, und das Gefhl fr andere knftige Flle zu reguliren. Das Leben selbst ist ein Kampf mit dem Schicksal; und es verhlt sich auch mit dem Handeln wie mit dem Ringen. Der Athlet kann, in dem Augenblick, da er seinen Gegner umfat hlt, schlechthin nach keiner andern Rcksicht, als nach bloen augenblicklichen Eingebungen verfahren; und derjenige, der berechnen wollte, welche Muskeln er anstrengen, und welche Glieder er in Bewegung sezzen soll, um zu berwinden, wrde unfehlbar den Krzern ziehen, und unterliegen. Aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag es zweckmig und an seinem Ort sein, zu berlegen, durch welchen Druck er seinen Gegner niederwarf, oder welch ein Bein er ihm htte stellen sollen, um sich aufrecht zu erhalten. Wer das Leben nicht, wie ein solcher Ringer, umfat hlt, und tausendgliedrig, nach allen Windungen des Kampfes, nach allen Widerstnden, Drcken, Ausweichungen und Reactionen, empfindet und sprt: der wird, was er will, in keinem Gesprch, durchsetzen; vielweniger in einer Schlacht. ^x.^ 6. Betrachtungen ber den Weltlauf. (9. October.) Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welchen die Bildung einer Nation fortschreitet, in einer gar wunderlichen Ordnung vorstellen. Sie bilden sich ein, da ein Volk zuerst in thierischer _Rohheit_ und _Wildheit_ daniederlge; da man nach Verlauf einiger Zeit, das Bedrfni einer Sittenverbesserung empfinden, und somit die _Wissenschaft von der Tugend_ aufstellen msse; da man, um den Lehren derselben Eingang zu verschaffen, daran denken wrde, sie in schnen Beispielen zu versinnlichen, und da somit die _Aesthetik_ erfunden werden wrde: da man nunmehr, nach den Vorschriften derselben, schne Versinnlichungen verfertigen, und somit die _Kunst_ selbst ihren Ursprung nehmen wrde: und da vermittelst der Kunst endlich das Volk auf die hchste Stufe menschlicher _Cultur_ hinaufgefhrt werden wrde. Diesen Leuten dient zur Nachricht, da Alles, wenigstens bei den Griechen und Rmern, in ganz umgekehrter Ordnung erfolgt ist. Diese Vlker machten mit der _heroischen_ Epoche, welche ohne Zweifel die hchste ist, die erschwungen werden kann, den Anfang; als sie in keiner menschlichen und brgerlichen Tugend mehr Helden hatten, _dichteten_ sie welche; als sie keine mehr dichten konnten, erfanden sie dafr die _Regeln_; als sie sich in den Regeln verwirrten, abstrahirten sie die _Weltweisheit_ selbst; und als sie damit fertig waren, wurden sie _schlecht_. ^z.^ 3. Erzhlungen und Anekdoten. 1. Warnung gegen weibliche Jgerei. (5. 6. November.) Die Grfin L... war kurzsichtig, aber sie liebte noch immer die Jagd, ungeachtet sie niemals gut geschossen hatte. Ihre Jger kannten ihre Art und nahmen sich vor ihr in Acht; sie scho dreist auf jeden Fleck, wo sich etwas regte, es war ihr einerlei, was es sein mogte. Abb D......, einer der gelehrtesten Literatoren, mute sie mit ihrem vierzehnjhrigen Sohne, dem Grafen Johann, auf einer dieser Treibjagden begleiten, die Jger suchten ihnen einen sichern Platz zum Anstand, hinter zwei starken Bumen, aus; der Abb nahm aus Langeweile ein Buch aus seiner Tasche, das er vom Jagdschlo mitgenommen; es war von Idstdt's Jagdrecht. Der junge Graf lauerte aufmerksam auf einen Rehbock, der herangetrieben wurde. In dem Augenblicke, als er losdrcken wollte, fiel ein Schu der Grfin, den sie ungeschickt und bereilt auf denselben Rehbock thun wollte, so geschickt durch den schmalen Luftraum, zwischen den beiden Bumen, die den Abb und den Grafen sicherten, da sich beide zu gleicher Zeit verwundet fhlten und aufschrieen. Die Grfin wurde bei diesem Geschrei ohnmchtig, die Jger und die brige Gesellschaft, in der sich auch ein Wundarzt befand, eilten von allen Seiten herbei und theilten ihre Sorge zwischen der Grfin und dem jungen Erbgrafen. Die Gte und Geduld des Abb's ist jedem, der ihn gesehen, aus seinem Gesichte bekannt, seine Bescheidenheit jedem, der mit ihm gesprochen; hier erschien aber alles Dreies auf einer merkwrdigen Probe. Kein Mensch fragte ihn, was ihm fehle, vielmehr drngte man ihn beiseite, und als er einem sagte: Er glaube zu sterben, der eine Rehposten wre ihm in der Gegend der Leber durch die Rippen eingeschlagen; so antwortete ihm jener verstrt: der junge Graf sei durch beide Schulterbltter verletzt. Der Wundarzt sah nur auf den jungen Grafen, und der arme Abb mute sich selbst helfen, so gut er konnte, und suchte sich die Wunde mit seinem Schnupftuche, das er mit dem Rock festknpfte, so gut als mglich zu verschlieen. Mit Mhe wurde eine Kutsche durch den steinigen hgligten Wald, bis nahe an den Unglcksort, gebracht. Die Grfin hatte sich erholt, und empfahl mit vielen Thrnen, dem Wundarzte ihren Sohn; der Abb wollte ihr mit Klagen, ber seinen Schmerz, keinen Kummer machen, und stieg sachte mit der letzten Anstrengung dem jungen Grafen in den Wagen nach. Der Wundarzt hielt den Grafen im Vorsitz, rckwrts sa der Abb. Der Wagen fuhr sehr langsam, aber der Weg war uneben und stie unvermeidlich; der Graf litt dabei und seufzte leise, aber der Abb konnte, bei dem entsetzlichen Druck der Kugel, sich heftiger Seufzer und einzelner Ausrufungen nicht enthalten. Der Wundarzt hatte schon ein paar Mal gesagt: Es htte nichts auf sich mit der Wunde des Grafen, er knnte sich beruhigen; endlich sprach er ganz ernstlich: Ich ehre ihr Mitleid Herr Abb, aber ich traue ihrem Verstande zu, da sie sich der Ausbrche desselben erwehren knnen, wenn es dem Gegenstande desselben gefhrlich werden knnte; ihre Beileidsbezeugungen machen aber den Kranken selbst besorgter, als das Uebel verdient. In dem Augenblicke krachte der Wagen ber eine Wurzel, da der arme Abb kein Wort sagen konnte, sondern um sich verstndlich zu machen, den Rock aufknpfte; das Tuch fiel herunter und das Blut flo in groer Menge herab. -- Mein Gott, rief der Wundarzt, sind sie auch verwundet, wahrhaftig! ja, da mu man sich hier nichts draus machen, ich habe heute auch ein Paar Schroten von der Frau Grfin in das dicke Fleisch bekommen, es macht ihr so viel Vergngen und ich singe lustig dabei: Es ist ein Schu gefallen, Mein, sagt, wer scho da draus? Es war ein junger Jger, Der scho im Hinterhaus. Die Spatzen in dem Garten, Die machen viel Verdru, Zwei Spatzen und ein Schneider, Die fielen von dem Schu, Die Spatzen von den Schroten, Der Schneider von dem Schreck; Die Spatzen in die Schoten, Der Abb in den Dreck. Der gute Abb, der eine gewisse Krnkung empfunden hatte, wie er erst so verbindlich in dem Hause aufgenommen und im Unglck so ganz vergessen sei, mute jetzt selbst lchlen, als er bei dieser Anzeige bemerkte, wie er sich beim Falle auf dem feuchten Boden beschmutzt hatte, dabei bernahm ihn eine Ohnmacht, von der er erst im Schlosse erwachte. Ich sah ihn mehrere Jahre nach diesem Vorfalle, den er glcklich berstanden hatte; ich fhlte die Kugel, sie hatte sich wohl zwei Hnde breit hinter den Rippen niedergesenkt, und war jetzt unter denselben fhlbar. Zuweilen litt er noch an Schmerzen und versicherte, da alle Gefahren, die von den Dichtern einem gewissen Bogengescho aus weiblichen Augen nachgesagt wrden, nicht mit den Gefahren weiblicher Jgerei zu vergleichen wren, denn die Geschicklichkeit Dianens mgte wohl so selten geworden sein, wie ihre anderen Eigenschaften. ^vaa.^ 2. Die Heilung. (29. November.) In den Zeiten des hchsten Glanzes der altfranzsischen Hofhaltung unter Ludwig XIV lebte ein Edelmann, der Marquis de Saint Meran, der die Anmuth, Geistesgewandheit und sittliche Verderbni der damaligen vornehmen Welt im hchsten Grade in sich vereinigte. Unter andern unzhlbaren Liebesabentheuern hatte er auch eines, mit der Frau eines Procuratoren, die es ihm gelang, dem Manne sowohl, als dessen Familie und ihrer eigenen gnzlich abzuwenden, so da sie deren Schmach ward, deren Juweel sie gewesen war, und in blinder Leidenschaft das Hotel ihres Verfhrers bezog. Er hatte zwar nie so viel bei einer Liebesgeschichte empfunden, als bei dieser, ja, es regten sich bisweilen Gefhle in ihm, die man einen Abglanz von Religion und Herzlichkeit htte nennen mgen, aber endlich trieb ihn dennoch, wenn nicht die Lust am Wechsel, doch die Mode des Wechsels von seinem schnen Opfer wieder fort, und er suchte nun dieses durch die ausgesuchtesten und verfeinertsten Grundstze seiner Weltweisheit zu beruhigen. Aber das war nichts fr ein solches Herz. Es schwoll in Leiden, die ihm keine Geisteswendung zu mildern vermochte, so gewaltsam auf, da es den einstmals lichtklaren und lichtschnellen Verstand verwirrte, und der Marquis, nicht bsartig genug, die arme Verrckte ihrem Jammer und dem Hohn der Menschen zu berlassen, sie auf ein entferntes Gut in der Provence schickte, mit dem Befehl, ihrer gut und anstndig zu pflegen. Dort aber stieg, was frher stille Melancholie gewesen war, zu den gewaltsamsten phrenetischen Ausbrchen, mit deren Berichten man jedoch die frohen Stunden des Marquis zu unterbrechen sorgsam vermied. Diesem fllt es endlich einmal ein, die provenzalische Besizzung zu besuchen. Er kommt unvermuthet an, eine flchtige Frage nach dem Befinden der Kranken wird eben so flchtig beantwortet, und nun geht es zu einer Jagdparthie in die nahen Berge hinaus. Man hatte sich aber wohl gehtet, dem Marquis zu sagen, da eben heute die Unglckliche in unbezwinglicher Wuth aus ihrer Verwahrung gebrochen sei, und man sich noch immer vergeblich abmhe, sie wieder einzufangen. Wie mute nun dem Leichtsinnigen zu Muthe werden, als er auf schroffem Fugestade an einer der einsamsten Stellen des Gebirges, weit getrennt von alle seinem Gefolge, im eiligen Umwenden um eine Ecke des Felsens, der furchtbaren Flchtigen grad in die Arme rennt, die ihn fat mit alle der unwiderstehlichen Kraft des Wahnsinns, mit ihrem, aus den Kreisen gewichenen blitzenden Augenstern, gerad' in sein Antlitz hineinstarrt, whrend ihr reiches, nun so grliches, schwarzes Haar, wie ein Mantel von Rabenfittigen, ber ihr hinweht, und die dennoch nicht so entstellt ist, da er nicht auf den ersten Blick die einst so geliebte Gestalt, die von ihm selber zur Furie umgezauberte Gestalt, htte erkennen sollen. -- Da wirrte auch um ihn der Wahnsinn seine grause Schlingen, oder vielmehr der Bldsinn, denn der pltzliche Geistesschlag zerrttete ihn dergestalt, da er besinnungslos in den Abgrund hinunter taumeln wollte. Aber die arme Manon lud ihn, pltzlich still geworden, auf ihren Rcken, und trug ihn sorgsam nach der Gegend des Schlosses zurck. Man kann sich das Entsetzen der Bedienten denken, als sie ihrem Herren auf diese Weise und in der Gewalt der furchtbaren Kranken begegneten. Aber bald erstaunten sie noch mehr, die Rollen hier vollkommen gewechselt zu finden. Manon war die verstndige, sittige Retterin und Pflegerin des bldsinnigen Marquis geworden, und lie frderhin nicht Tag nicht Nacht auch nur auf eine Stunde von ihm. Bald gaben die herbeigerufnen Aerzte jede Hoffnung zu seiner Heilung auf, nicht aber Manon. Diese pflegte mit unerhrter Geduld und mit einer Fhigkeit, welche man fr Inspiration zu halten versucht war, den armen verwilderten Funken in ihres Geliebten Haupt, und lange Jahre nachher, schon als sich beider Locken bleichten, geno sie des unaussprechlichen Glckes, den ihr ber Alles theuren Geist wieder zu seiner ehemaligen Blthe und Kraft herauferzogen zu haben. Da gab der Marquis seiner Helferin am Altare die Hand, und in dieser Entfernung der Hauptstadt wuten alle Theilhaber des Festes von keinen andern Gefhlen, als denen der tiefsten Ehrfurcht und der andchtigsten Freude. M. F. 3. Das Grab der Vter. (5. Dezember.) Einem jungen Bauersmann in Norwegen soll einmal folgende Geschichte begegnet sein. Er liebte ein schnes Mdchen, die einzige Tochter eines reichen Nachbarn, und ward von ihr geliebt, aber die Armuth des Werbers machte alle Hoffnung auf nhere Verbindung zu nichte. Denn der Brautvater wollte seine Tochter nur einem solchen geben, der schuldenfreien Hof und Heerde aufzuweisen habe, und weil der arme junge Mensch weit davon entfernt war, half es ihm zu nichts, da er von einem der uralten Heldenvter des Landes abstammte, ob zwar Niemand einen Zweifel an dieser rhmlichen uralten Geschlechtstafel hegte. Seiner Ahnen Erster und Grter sollte auch in einem Hgel begraben sein, den alle Landleute unfern der Kste zu zeigen wuten. Auf diesen Hgel pflegte sich denn der betrbte Jngling oftmals in seinem Leide zu sezzen, und dem begrabnen Altvordern vorzuklagen, wie schlecht es ihm gehe, ohne da der Bewohner des Hgels auf diesen kleinen Jammer Rcksicht zu nehmen schien. Meist hatten auch die zwei Liebenden ihre verstohlenen Zusammenknfte dort, und so geschah es, da einstmals der Vater des Mdchens den einzig gangbaren steilen Pfad zum Hgel von ohngefhr herauf gegangen kam, inde die beiden oben saen. Eine tdtliche Angst befiel die Jungfrau, ihr Liebhaber fate sie in seine starken Arme, und versuchte, von der andern Seite das Gestein herabzuklimmen. Da standen sie aber pltzlich, auf glattem Rasen am schroffen Hange, fest, sie hrten schon die Tritte des Vaters ber sich, der sie auf diese Weise unfehlbar erblicken mute, schon fhlten sich beide von Angst und Schwindel versucht, die jhe Tiefe und den Standkreis hinab zu strzen, -- da gewahrten sie nahe bei sich einer kleinen Oeffnung, und schlpften hinein, und schlpften immer tiefer in die Dunkelheit, immer noch voll Angst vor dem Bemerktwerden, bis endlich das Mdchen erschrocken aufschrie: mein Gott wir sind ja in einem Grabe! -- Da sahe auch der junge Normann erst um sich, und bemerkte, da sie in einer lnglichen Kammer von gemauerten Steinen standen, wo sich inmitten etwas erhub, wie ein groer Sarg. Jemehr aber die Finsterni vor den sich gewhnenden Augen abnahm, je deutlicher konnte man auch sehn, da die Masse in der Mitte kein Sarg war, sondern ein uralter Nachen, wie man sie mit Seehelden an den nordischen Ksten vor Zeiten einzugraben pflegte. Auf dem Nachen sa, dicht am Steuer, in aufrechter Stellung, eine hohe Gestalt, die sie erst fr ein geschnitztes Bild ansahen. Als aber der junge Mensch, dreist geworden, hinaufstieg, nahm er wahr, da es eine Rstung von riesenmiger Gre sei. Der Helm war geschlossen, in den rechten Panzerhandschuh war ein gewaltiges bloes Schwert mit dem goldenen Griffe hineingeklemmt. Die Braut rief wohl ihrem Liebhaber ngstlich zu, herab zu kommen, aber in einer seltsam wachsenden Zuversicht ri er das Schwert aus der beerzten Hand. Da rasselten die mrben Knochen, auf denen die Waffen sich noch erhielten, zusammen, der Harnisch schlug auf den Boden des Nachens lang hin, der entsetzte Jngling den Bord hinunter zu den Fen seiner Braut. Beide flchteten, uneingedenk jeder andern Gefahr, aus der Hle, den Hgel mit Anstrengung aller Krfte wieder hinauf, und oben wurden sie erst gewahr, da ein ungeheurer Regengu wthete, welcher den Vater von da vertrieben hatte, und zugleich mit solcher Gewalt, Steine und Sand nach der schaurigen Oeffnung hinabzuwlzen begann, da solche vor ihren Augen verschttet ward, und man auch nachher nie wieder hat da hineinfinden knnen. Der junge Mensch aber hatte das Schwerdt seines Ahnen mit heraus gebracht. Er lie mit der Zeit den goldenen Griff einschmelzen, und ward so reich davon, da ihm der Brautvater seine Geliebte ohne Bedenken antrauen lie. Mit der ungeheuren Klinge aber wuten sie nichts bessers anzufangen, als da sie Wirthschafts- und andere Gerthschaften, so viel sich thun lie, daraus schmieden lieen. M. F. 4. Der Griffel Gottes. (5. October.) In Polen war eine Grfinn von P...., eine bejahrte Dame, die ein sehr bsartiges Leben fhrte, und besonders ihre Untergebenen, durch ihren Geiz und ihre Grausamkeit, bis auf das Blut qulte. Diese Dame, als sie starb, vermachte einem Kloster, das ihr die Absolution ertheilt hatte, ihr Vermgen; wofr ihr das Kloster, auf dem Gottesacker, einen kostbaren, aus Erz gegossenen, Leichenstein setzen lie, auf welchem dieses Umstandes, mit vielem Geprnge, Erwhnung geschehen war. Tags darauf schlug der Blitz, das Erz schmelzend, ber dem Leichenstein ein, und lie nichts, als eine Anzahl von Buchstaben stehen, die, zusammen gelesen, also lauteten: _sie ist gerichtet_! -- Der Vorfall (die Schriftgelehrten mgen ihn erklren) ist gegrndet; der Leichenstein existirt noch, und es leben Mnner in dieser Stadt, die ihn sammt der besagten Inschrift gesehen. 5. Muthwille des Himmels. Eine Anekdote. (10. October.) Der in Frankfurt an der Oder, wo er ein Infanterie-Regiment besa, verstorbene General Dieringshofen, ein Mann von strengem und rechtschaffenem Charakter, aber dabei von manchen Eigenthmlichkeiten und Wunderlichkeiten, uerte, als er, in sptem Alter, an einer langwierigen Krankheit, auf den Tod darniederlag, seinen Widerwillen, unter die Hnde der Leichenwscherinnen zu fallen. Er befahl bestimmt, da niemand, ohne Ausnahme, seinen Leib berhren solle; da er ganz und gar in dem Zustand, in welchem er sterben wrde, mit Nachtmtze, Hosen und Schlafrock, wie er sie trage, in den Sarg gelegt und begraben sein wolle; und bat den damaligen Feldprediger seines Regiments, Herrn P..., welcher der Freund seines Hauses war, die Sorge fr die Vollstreckung dieses seines letzten Willens zu bernehmen. Der Feldprediger P... versprach es ihm: er verpflichtete sich, um jedem Zufall vorzubeugen, bis zu seiner Bestattung, von dem Augenblick an, da er verschieden sein wrde, nicht von seiner Seite zu weichen. Darauf nach Verlauf mehrerer Wochen, kmmt, bei der ersten Frhe des Tages, der Kammerdiener in das Haus des Feldpredigers, der noch schlft, und meldet ihm, da der General um die Stunde der Mitternacht schon, sanft und ruhig, wie es vorauszusehen war, gestorben sei. Der Feldprediger P... zieht sich, seinem Versprechen getreu, sogleich an, und begiebt sich in die Wohnung des Generals. Was aber findet er? -- Die Leiche des Generals schon eingeseift auf einem Schemel sitzen: der Kammerdiener, der von dem Befehl nichts gewut, hatte einen Barbier herbeigerufen, um ihm vorlufig zum Behuf einer schicklichen Ausstellung, den Bart abzunehmen. Was sollte der Feldprediger unter so wunderlichen Umstnden machen? Er schalt den Kammerdiener aus, da er ihn nicht frher herbeigerufen hatte; schickte den Barbier, der den Herrn bei der Nase gefat hielt, hinweg, und lie ihn, weil doch nichts anders brig blieb, eingeseift und mit halbem Bart, wie er ihn vorfand, in den Sarg legen und begraben. ^r.^ 6. Anekdote aus dem letzten Kriege. (20. October.) Den ungeheuersten Witz, der vielleicht, so lange die Erde steht, ber Menschenlippen gekommen ist, hat, im Lauf des letztverflossenen Krieges, ein Tambour gemacht; ein Tambour meines Wissens von dem damaligen Regiment von Puttkammer; ein Mensch, zu dem, wie man gleich hren wird, weder die griechische noch rmische Geschichte ein Gegenstck liefert. Dieser hatte, nach Zersprengung der preuischen Armee bei Jena, ein Gewehr aufgetrieben, mit welchem er, auf seine eigne Hand, den Krieg fortsetzte; dergestalt, da da er, auf der Landstrae, Alles, was ihm an Franzosen in den Schu kam, niederstreckte und ausplnderte, er von einem Haufen franzsischer Gensdarmen, die ihn aufsprten, ergriffen, nach der Stadt geschleppt, und, wie es ihm zukam, verurtheilt ward, erschossen zu werden. Als er den Platz, wo die Execution vor sich gehen sollte, betreten hatte, und wohl sah, da Alles, was er zu seiner Rechtfertigung vorbrachte, vergebens war, bat er sich von dem Obristen, der das Detaschement commandirte, eine Gnade aus; und da der Obrist, inzwischen die Officiere, die ihn umringten, in gespannter Erwartung zusammentraten, ihn fragte: was er wolle? zog er sich die Hosen ab, und sprach: sie mgten ihn in den ... schieen, damit das F.. kein L... bekme. -- Wobei man noch die Shakespearsche Eigenschaft bemerken mu, da der Tambour mit seinem Witz, aus seiner Sphre als Trommelschlger nicht herausging. ^x.^ 7. Der Branntweinsufer und die Berliner Glocken. Eine Anekdote. (19. October.) Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lignowski, ein heilloser und unverbesserlicher Sufer, versprach nach unendlichen Schlgen, die er deshalb bekam, da er seine Auffhrung bessern und sich des Brannteweins enthalten wolle. Er hielt auch, in der That, Wort, whrend drei Tage: ward aber am Vierten wieder besoffen in einem Rennstein gefunden, und, von einem Unterofficier, in Arrest gebracht. Im Verhr befragte man ihn, warum er, seines Vorsatzes uneingedenk sich von Neuem dem Laster des Trunks ergeben habe? Herr Hauptmann! antwortete er; es ist nicht meine Schuld. Ich ging in Geschften eines Kaufmanns, mit einer Kiste Frbholz, ber den Lustgarten; da luteten vom Dom herab die Glocken: _Pom_meranzen! _Pom_meranzen! _Pom_meranzen! Lut', Teufel, lut, sprach ich, und gedachte meines Vorsatzes und trank nichts. In der Knigsstrae, wo ich die Kiste abgeben sollte, steh ich einen Augenblick, um mich auszuruhen, vor dem Rathhaus still: da bimmelt es vom Thurm herab: Kmmel! Kmmel! Kmmel! -- Kmmel! Kmmel! Kmmel! Ich sage zum Thurm: bimmle du, da die Wolken reien -- und gedenke, mein Seel, gedenke meines Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und trinke nichts. Drauf fhrt mich der Teufel, auf dem Rckweg, ber den Spittelmarkt; und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr denn dreiig Gste beisammen waren, stehe, geht es, vom Spittelthurm herab: Anisette! Anisette! Anisette! Was kostet das Glas, frag' ich? Der Wirth spricht: Sechs Pfennige. Geb' er her, sag' ich -- und was weiter aus mir geworden ist, das wei ich nicht. ^xyz.^ 8. Tages-Ereigni. (7. November.) Das Verbrechen des Ulahnen Hahn, der heute hingerichtet ward, bestand darin, da er dem Wachtmeister _Pape_, der ihn, eines kleinen Dienstversehens wegen, auf hheren Befehl, arretiren wollte, und deshalb, von der Strae her, zurief, ihm in die Wache zu folgen, indem er das Fenster, an dem er stand, zuwarf, antwortete: von einem solchen Laffen liee er sich nicht in Arrest bringen. Hieraus verfgte der Wachtmeister Pape, um ihn mit Gewalt fortzuschaffen, sich in das Zimmer desselben: strzte aber, von einer Pistolenkugel des Rasenden getroffen, sogleich todt zu Boden nieder. Ja, als auf den Schu, mehrere Soldaten seines Regiments herbeieilten, schien er sie, mit den Waffen in der Hand, in Respect halten zu wollen, und jagte noch eine Kugel durch das Hirn des in seinem Blute schwimmenden Wachtmeisters; ward aber gleichwohl, durch einige beherzte Cameraden, entwaffnet und ins Gefngni gebracht. Se. Maj. der Knig haben, wegen der Unzweideutigkeit des Rechtsfalls befohlen, ungesumt mit der Vollstreckung des, von den Militair-Gerichten gefllten, Rechtsspruchs, der ihm das Rad zuerkannte, vorzugehen. 9. Der verlegene Magistrat. Eine Anekdote. (4. October.) Ein H...r Stadtsoldat hatte vor nicht gar langer Zeit, ohne Erlaubni seines Offiziers, die Stadtwache verlassen. Nach einem uralten Gesetz steht auf ein Verbrechen dieser Art, das sonst der Streifereien des Adels wegen, von groer Wichtigkeit war, eigentlich der Tod. Gleichwohl, ohne das Gesetz mit bestimmten Worten aufzuheben, ist davon seit vielen hundert Jahren kein Gebrauch mehr gemacht worden: dergestalt, da statt auf die Todesstrafe zu erkennen, derjenige, der sich dessen schuldig macht, nach einem feststehenden Gebrauch, zu einer bloen Geldstrafe, die er an die Stadtcasse zu erlegen hat, verurtheilt wird. Der besagte Kerl aber, der keine Lust haben mochte, das Geld zu entrichten, erklrte, zur groen Bestrzung des Magistrats: da er, weil es ihm einmal zukomme, dem Gesetz gem, sterben wolle. Der Magistrat, der ein Miverstndni vermuthete, schickte einen Deputirten an den Kerl ab, und lie ihm bedeuten, um wieviel vorteilhafter es fr ihn wre, einige Gulden Geld zu erlegen, als arquebusirt zu werden. Doch der Kerl blieb dabei, da er seines Lebens mde sei, und da er sterben wolle: dergestalt, da dem Magistrat, der kein Blut vergieen wollte, nichts brig blieb, als dem Schelm die Geldstrafe zu erlassen, und noch froh war, als er erklrte, da er, bei so bewandten Umstnden am Leben bleiben wolle. ^rz.^ 10. Charit-Vorfall. (13. October.) Der von einem Kutscher krzlich bergefahrne Mann, Namens Beyer, hat bereits dreimal in seinem Leben ein hnliches Schicksal gehabt; dergestalt, da bei der Untersuchung, die der Geheimerath Hr. K. in der Charit mit ihm vornahm, die lcherlichsten Miverstndnisse vorfielen. Der Geheimerath, der zuvrderst seine beiden Beine, welche krumm und schief und mit Blut bedeckt waren, bemerkte, fragte ihn: ob er an diesen Gliedern verletzt wre? worauf der Mann jedoch erwiederte: nein! die Beine wren ihm schon vor fnf Jahren, durch einen andern Doktor, abgefahren worden. Hierauf bemerkte ein Arzt, der dem Geheimenrath zur Seite stand, da sein linkes Auge geplatzt war; als man ihn jedoch fragte: ob ihn das Rad hier getroffen htte? antwortete er: nein! das Auge htte ihm ein Doktor bereits vor 14 Jahren ausgefahren. Endlich, zum Erstaunen aller Anwesenden, fand sich, da ihm die linke Rippenhlfte, in jmmerlicher Verstmmelung, ganz auf den Rcken gedreht war; als aber der Geheimerath ihn fragte: ob ihn des Doktors Wagen hier beschdigt htte, antwortete er: nein! die Rippen wren ihm schon vor 7 Jahren durch einen Doktorwagen zusammengefahren worden. -- Bis sich endlich zeigte, da ihm durch die letztere Ueberfahrt der linke Ohrknorpel ins Gehrorgan hineingefahren war. -- Der Berichterstatter hat den Mann selbst ber diesen Vorfall vernommen, und selbst die Todtkranken, die in dem Saale auf den Betten herumlagen, muten, ber die spahafte und indolente Weise, wie er dies vorbrachte, lachen. -- Uebrigens bessert er sich; und falls er sich vor den Doktoren, wenn er auf der Strae geht, in Acht nimmt, kann er noch lange leben. 11. Anekdote. (24. October.) Bach, als seine Frau starb, sollte zum Begrbni Anstalt machen. Der arme Mann war aber gewohnt, Alles durch seine Frau besorgen zu lassen; dergestalt da da ein alter Bedienter kam, und ihm fr Trauerflor, den er einkaufen wollte, Geld abforderte, er unter stillen Thrnen, den Kopf auf einen Tisch gesttzt, antwortete: sagt's meiner Frau. -- 12. Rthsel. (1. November.) Ein junger Doktor der Rechte und eine Stiftsdame, von denen kein Mensch wute, da sie mit einander in Verhltni standen, befanden sich einst bei dem Commendanten der Stadt, in einer zahlreichen und ansehnlichen Gesellschaft. Die Dame, jung und schn, trug, wie es zu derselben Zeit Mode war, ein kleines schwarzes Schnpflsterchen im Gesicht, und zwar dicht ber der Lippe, auf der rechten Seite des Mundes. Irgend ein Zufall veranlate, da die Gesellschaft sich auf einen Augenblick aus dem Zimmer entfernte, dergestalt, da nur der Doktor und die besagte Dame darin zurckblieben. Als die Gesellschaft zurckkehrte, fand sich, zum allgemeinen Befremden derselben, da der Doctor das Schnpflsterchen im Gesichte trug, und zwar gleichfalls ber der Lippe, aber auf der linken Seite des Mundes. -- 13. Anekdote. (22. November.) Zwei berhmte Englische Baxer, der Eine aus Portsmouth gebrtig, der Andere aus Plymouth, die seit vielen Jahren von einander gehrt hatten, ohne sich zu sehen, beschlossen, da sie in London zusammentrafen, zur Entscheidung der Frage, wem von ihnen der Siegerruhm gebhre, einen ffentlichen Wettkampf zu halten. Demnach stellten sich beide, im Angesicht des Volks, mit geballten Fusten, im Garten einer Kneipe, gegeneinander, und als der Plymouther den Portsmouther, in wenig Augenblicken, dergestalt auf die Brust traf, da er Blut spie, rief dieser, indem er sich den Mund abwischte: brav! -- Als aber bald darauf, da sie sich wieder gestellt hatten, der Portsmouther den Plymouther, mit der Faust der geballten Rechten, dergestalt auf den Leib traf, da dieser, indem er die Augen verkehrte, umfiel, rief der Letztere: das ist auch nicht bel --! Worauf das Volk, das im Kreise herumstand, laut aufjauchzte, und, whrend der Plymouther, der an den Gedrmen verletzt worden war, todt weggetragen ward, dem Portsmouther den Siegesruhm zuerkannte. -- Der Portsmouther soll aber auch Tags darauf am Blutsturz gestorben sein. 14. Anekdote. (27. November.) Der Czar Iwan Basilowitz, mit dem Beinamen der Tyrann, lie einem fremden Gesandten, der, nach der damaligen Europischen Etikette, mit bedecktem Haupte vor ihm erschien, den Hut auf den Kopf nageln. Diese Grausamkeit vermogte nicht den Botschafter der Knigin Elisabeth von England, Sir Jeremias Bowes abzuschrecken. Er hatte die Khnheit den Hut auf dem Kopfe, vor dem Czaar zu erscheinen. Dieser fragte ihn, ob er nicht von der Strafe gehrt htte, die einem andern Gesandten widerfahren wre, welcher sich eine solche Freiheit herausgenommen? Ja, Herr, erwiderte Bowes, aber ich bin der Botschafter der Knigin von England, die nie, vor irgend einem Frsten in der Welt, anders, wie mit bedecktem Haupte erschienen ist. Ich bin ihr Reprsentant, und wenn mir die geringste Beleidigung widerfhrt, so wird sie mich zu rchen wissen. Das ist ein braver Mann, sagte der Czaar, indem er sich zu seinen Hofleuten wandte, der fr die Ehre seiner Monarchin zu handeln und zu reden versteht: wer von Euch htte das nmliche fr mich gethan? Hierauf wurde der Bothschafter der Favorit des Czars. Diese Gunst zog ihm den Neid des Adels zu. Einer der Groen, der zuweilen den vertrauten Ton mit dem Monarchen annehmen durfte, beredete ihn, die Geschicklichkeit des Bothschafters auf die Probe zu stellen. Man sagte nmlich, da er ein sehr geschickter Reuter wre. Nun wurde ihm, um den Beweis davon zu fhren, ein ungebndigtes sehr wildes Pferd vor dem Czar zu reiten gegeben, und man hoffte, da Bowes zum wenigsten mit einer derben Lhmung das Kunststck bezahlen wrde. Indessen widerfuhr der neidischen Eifersucht der Verdru, sich betrogen zu sehn. Der brave Englnder bndigte nicht nur das Pferd, sondern er jagte es dermaen zusammen, da es kraftlos wieder heimgefhrt wurde, und wenige Tage nachher crepirte. Dieses Abentheuer vermehrte den Credit des Bothschafters bei dem Czar, der ihm jederzeit nachher die ausgezeichnetsten Beweise seiner Huld widerfahren lie. (Barrow's Sammlung von Reisebeschreibungen nach der franzsischen Uebersetzung von Targe. 1766.) 4. Kunst und Theater. 1. Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft. (13. October.) Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter trbem Himmel, auf eine unbegrnzte Wasserwste, hinauszuschauen. Dazu gehrt gleichwohl, da man dahin gegangen sei, da man zurck mu, da man hinber mgte, da man es nicht kann, da man Alles zum Leben vermit, und die Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Fluth, im Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, dem einsamen Geschrei der Vgel, vernimmt. Dazu gehrt ein Anspruch, den das Herz macht, und ein Abbruch, um mich so auszudrcken, den Einem die Natur thut. Dies aber ist vor dem Bilde unmglich, und das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nehmlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild that; und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Dne, das aber, wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz. Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunct im einsamen Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei geheimnivollen Gegenstnden, wie die Apokalypse da, als ob es Joungs Nachtgedanken htte, und da es, in seiner Einfrmigkeit und Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm, zum Vordergrund hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als ob Einem die Augenlieder weggeschnitten wren. Gleichwohl hat der Mahler Zweifels ohne eine ganz neue Bahn im Felde seiner Kunst gebrochen; und ich bin berzeugt, da sich, mit seinem Geiste, eine Quadratmeile mrkischen Sandes darstellen liee, mit einem Berberitzenstrauch, worauf sich eine Krhe einsam plustert, und da dies Bild eine wahrhafte Ossianische oder Kosegartensche Wirkung thun mte. Ja, wenn man diese Landschaft mit ihrer eignen Kreide und mit ihrem eigenen Wasser mahlte; so, glaube ich, man knnte die Fchse und Wlfe damit zum Heulen bringen: das Strkste, was man, ohne allen Zweifel, zum Lobe fr diese Art von Landschaftsmahlerei beibringen kann. -- Doch meine eigenen Empfindungen, ber dies wunderbare Gemhlde, sind zu verworren; daher habe ich mir, ehe ich sie ganz auszusprechen wage, vorgenommen, mich durch die Aeuerungen derer, die paarweise, von Morgen bis Abend, daran vorbergehen, zu belehren. ^cb.^ 2. Brief eines Mahlers an seinen Sohn. (22. October.) Mein lieber Sohn, Du schreibst mir, da du eine Madonna mahlst, und da dein Gefhl dir, fr die Vollendung dieses Werks, so unrein und krperlich dnkt, da du jedesmal, bevor du zum Pinsel greifst, das Abendmal nehmen mgtest, um es zu heiligen. La dir von deinem alten Vater sagen, da dies eine falsche, dir von der Schule, aus der du herstammst, anklebende Begeisterung ist, und da es, nach Anleitung unserer wrdigen alten Meister, mit einer gemeinen, aber brigens rechtschaffenen Lust an dem Spiel, deine Einbildungen auf die Leinwand zu bringen, vllig abgemacht ist. Die Welt ist eine wunderliche Einrichtung; und die gttlichsten Wirkungen, mein lieber Sohn, gehen aus den niedrigsten und unscheinbarsten Ursachen hervor. Der Mensch, um dir ein Beispiel zu geben, das in die Augen springt, gewi, er ist ein erhabenes Geschpf; und gleichwohl, in dem Augenblick, da man ihn macht, ist es nicht nthig, da man die, mit vieler Heiligkeit, bedenke. Ja, derjenige, der das Abendmahl darauf nhme, und mit dem bloen Vorsatz ans Werk gienge, seinen Begriff davon in der Sinnenwelt zu construiren, wrde ohnfehlbar ein rmliches und gebrechliches Wesen hervorbringen; dagegen derjenige, der, in einer heitern Sommernacht, ein Mdchen, ohne weiteren Gedanken, kt, zweifelsohne einen Jungen zur Welt bringt, der nachher, auf rstige Weise, zwischen Erde und Himmel herumklettert, und den Philosophen zu schaffen giebt. Und hiermit Gott befohlen. ^y.^ 3. Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler. (6. November.) Uns Dichtern ist es unbegreiflich, wie ihr euch entschlieen knnt, ihr lieben Mahler, deren Kunst etwas so Unendliches ist, Jahre lang zuzubringen mit dem Geschft, die Werke eurer groen Meister zu copiren. Die Lehrer, bei denen ihr in die Schule geht, sagt ihr, leiden nicht, da ihr eure Einbildungen, ehe die Zeit gekommen ist, auf die Leinewand bringt; wren wir aber, wir Dichter, in eurem Fall gewesen, so meine ich, wir wrden unsern Rcken lieber unendlichen Schlgen ausgesetzt haben, als diesem grausamen Verbot ein Genge zu thun. Die Einbildungskraft wrde sich, auf ganz unberwindliche Weise, in unseren Brsten geregt haben, und wir, unseren unmenschlichen Lehrern zum Trotz, gleich, sobald wir nur gewut htten, da man mit dem Bschel, und nicht mit dem Stock am Pinsel mahlen msse, heimlich zur Nachtzeit die Thren verschlossen haben, um uns in der Erfindung, diesem Spiel der Seeligen, zu versuchen. Da, wo sich die Phantasie in euren jungen Gemthern vorfindet, scheint uns, msse sie, unerbittlich und unrettbar, durch die endlose Unterthnigkeit, zu welcher ihr euch beim Copiren in Gallerieen und Slen verdammt, zu Grund und Boden gehen. Wir wissen, in unsrer Ansicht schlecht und recht von der Sache nicht, was es mehr bedarf, als das Bild, das euch rhrt, und dessen Vortrefflichkeit ihr euch anzueignen wnscht, mit Innigkeit und Liebe, durch Stunden, Tage, Wochen, Monden, oder meinethalben Jahre, anzuschauen. Wenigstens dnkt uns, lt sich ein doppelter Gebrauch von einem Bilde machen; einmal der, den ihr davon macht, nmlich die Zge desselben nachzuschreiben, um euch die Fertigkeit der mahlerischen Schrift einzulernen; und dann in seinem Geist, gleich vom Anfang herein, nachzuerfinden. Und auch diese Fertigkeit mte, sobald als nur irgend mglich, gegen die Kunst selbst, deren wesentlichstes Stck die Erfindung nach eigenthmlichen Gesetzen ist, an den Nagel gehngt werden. Denn die Aufgabe, Himmel und Erde! ist ja nicht, ein Anderer, sondern ihr selbst zu sein, und euch selbst, euer Eigenstes und Innerstes, durch Umri und Farben, zur Anschauung zu bringen! Wie mgt ihr euch nur in dem Maae verachten, da ihr willigen knnt, ganz und gar auf Erden nicht vorhanden gewesen zu sein; da eben das Dasein so herrlicher Geister, als die sind, welche ihr bewundert, weit entfernt, euch zu vernichten, vielmehr allererst die rechte Lust in euch erwecken und mit der Kraft, heiter und tapfer, ausrsten soll, auf eure eigne Weise gleichfalls zu sein? Aber ihr Leute, ihr bildet euch ein, ihr mtet durch euren Meister, den Raphael oder Corregge, oder wen ihr euch sonst zum Vorbild gesetzt habt, hindurch; da ihr euch doch ganz und gar umkehren, mit dem Rcken gegen ihn stellen, und, in diametral-entgegengesetzter Richtung, den Gipfel der Kunst, den ihr im Auge habt, auffinden und ersteigen knntet. -- So! sagt ihr und seht mich an: was der Herr uns da Neues sagt! und lchelt und zuckt die Achseln. Demnach, ihr Herren, Gott befohlen! Denn da Copernicus schon vor dreihundert Jahren gesagt hat, da die Erde rund sei, so sehe ich nicht ein, was es helfen knnte, wenn ich es hier wiederholte. Lebet wohl! ^y.^ 4. Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Vo. (4. October.) Kant sagt irgendwo, in seiner Kritik der Urtheilskraft, da der menschliche Verstand und die Hand des Menschen, zwei, auf nothwendige Weise, zu einander gehrige und auf einander berechnete, Dinge sind. Der Verstand, meint er, bedrfe, falls er in Wirksamkeit treten solle, ein Werkzeug von so mannichfaltiger und vielseitiger Vollkommenheit, als die Hand; und hinwiederum zeige die Struktur der Hand an, da die Intelligenz, die dieselbe regiere, der menschliche Verstand sein msse. Die Wahrheit dieses, dem Anschein nach paradoxen Satzes, leuchtet uns nie mehr ein, als wenn wir Herrn Iffland auf der Bhne sehen. Er drckt in der That, auf die erstaunenswrdigste Art, fast alle Zustnde und innerliche Bewegungen des Gemths damit aus. Nicht, als ob, bei seinen theatralischen Darstellungen, nicht seine Figur berhaupt, nach den Forderungen seiner Kunst, zweckmig mitwirkte: in diesem Fall wrde das, was wir hier vorgebracht haben, ein Tadel sein. Es wird ihm, in der Pantomimik berhaupt, besonders in den brgerlichen Stcken, nicht leicht ein Schauspieler heutiger Zeit gleichkommen. Aber von allen seinen Gliedern, behaupten wir, wirkt, in der Regel, keins, zum Ausdruck eines Affekts, so geschftig mit, als die Hand; sie zieht die Aufmerksamkeit fast von seinem so ausdrucksvollen Gesicht ab: und so vortrefflich dies Spiel an und fr sich auch sein mag, so glauben wir doch, da ein Gebrauch, miger und minder verschwenderisch, als der, den er davon macht, seinem Spiel (_wenn_ dasselbe noch etwas zu wnschen brig lt) vortheilhaft sein wrde. ^xy.^ 5. Theater. Unmagebliche Bemerkung. (17. October.) Wenn man fragt, warum die Werke Gthe's so selten auf der Bhne gegeben werden, so ist die Antwort gemeinhin, da diese Stcke, so vortrefflich sie auch sein mgen, der Casse nur, nach einer hufig wiederholten Erfahrung, von unbedeutendem Vortheil sind. Nun geht zwar, ich gestehe es, eine Theater-Direction, die, bei der Auswahl ihrer Stcke, auf nichts, als das Mittel sieht, wie sie besteht, auf gar einfachem und natrlichem Wege, zu dem Ziel, der Nation ein gutes Theater zu Stande zu bringen. Denn so wie, nach Adam Smith, der Bcker, ohne weitere chemische Einsicht in die Ursachen, schlieen kann, da seine Semmel gut sei, wenn sie fleiig gekauft wird: so kann die Direktion, ohne sich im Mindesten mit der Kritik zu befassen, auf ganz unfehlbare Weise, schlieen, da sie gute Stcke auf die Bhne bringt, wenn Logen und Bnke immer, bei ihren Darstellungen, von Menschen wacker erfllt sind. Aber dieser Grundsatz ist nur wahr, wo das Gewerbe frei, und eine uneingeschrnkte Concurrenz der Bhnen erffnet ist. In einer Stadt, in welcher mehrere Theater neben einander bestehn, wird allerdings, sobald auf irgend einem derselben, durch das einseitige Bestreben, Geld in die Casse zu locken, das Schauspiel entarten sollte, die Betriebsamkeit eines andern Theaterunternehmers, untersttzt von dem Kunstsinn des besseren Theils der Nation, auf den Einfall gerathen, die Gattung, in ihrer ursprnglichen Reinheit, wieder festzuhalten. Wo aber das Theater ein ausschlieendes Privilegium hat, da knnte uns, durch die Anwendung eines solchen Grundsatzes, das Schauspiel ganz und gar abhanden kommen. Eine Direction, die einer solchen Anstalt vorsteht, hat eine Verpflichtung sich mit der Kritik zu befassen, und bedarf wegen ihres natrlichen Hanges, der Menge zu schmeicheln, schlechthin einer hhern Aufsicht des Staats. Und in der That, wenn auf einem Theater, wie das Berliner, mit Vernachlssigung aller andern Rcksichten, das hchste Gesetz, die Fllung der Casse wre: so wre die Scene unmittelbar, den spanischen Reutern, Taschenspielern und Faxenmachern einzurumen; ein Specktakel bei welchem die Casse, ohne Zweifel, bei weitem erwnschtere Rechnung finden wird, als bei den gtheschen Stkken. Parodieen hat man schon, vor einiger Zeit, auf der Bhne gesehen; und wenn ein hinreichender Aufwand von Witz, an welchem es diesen Producten zum Glck gnzlich gebrach, an ihre Erfindung gesetzt worden wre, so wrde es, bei der Frivolitt der Gemther, ein Leichtes gewesen sein, das Drama vermittelst ihrer, ganz und gar zu verdrngen. Ja, gesetzt, die Direction kme auf den Einfall, die gtheschen Stcke so zu geben, da die Mnner die Weiber- und die Weiber die Mnnerrollen spielten: falls irgend auf Costme und zweckmige Carrikatur einige Sorgfalt verwendet ist, so wette ich, man schlgt sich an der Casse um die Billets, das Stck mu drei Wochen hinter einander wiederholt werden, und die Direction ist mit einemmal wieder solvent. -- Welches Erinnerungen sind, werth, wie uns dnkt, da man sie beherzige. H. v. K. 6. Schreiben aus Berlin. (30. October.) Den 28. October. Die Oper Cendrillon, welche sich Mad. Bethmann zum Benefiz gewhlt hat, und Herr Herclots bereits, zu diesem Zweck, bersetzt, soll, wie man sagt, der zum Grunde liegenden franzsischen Musik wegen, welche ein dreisilbiges Wort erfordert, _Ascherlich_, _Ascherling_ oder _Ascherlein_ u. s. w. nicht _Aschenbrdel_ genannt werden. Brdel, von Brod oder, altdeutsch Brhe (^brode^ im Franzsischen) heit eine mit Fett und Schmutz bedeckte Frau; eine Bedeutung, in der sich das Wort, durch eben das, in Rede stehende, Mhrchen, in welchem es, mit dem Muthwillen freundlicher Ironie, einem zarten und lieben Kinde von beraus schimmernder Reinheit an Leib und Seele, gegeben wird, allgemein beim Volk erhalten hat. Warum, ehe man diesem Mhrchen dergestalt, durch Unterschiebung eines, an sich gut gewhlten, aber gleichwohl willkhrlichen und bedeutungslosen Namens, an das Leben greift, zieht man nicht lieber, der Musik zu Gefallen, das del in d'l zusammen, oder elidirt das d ganz und gar? Ein sterreichischer Dichter wrde ohne Zweifel keinen Anstand nehmen, zu sagen: _Aschenbrd'l_ oder _Aschenbrl_. Ascherlich oder Aschenbrd'l selbst wird Mademois. Maas; Mad. Bethmann, wie es heit, die Rolle einer der eiferschtigen Schwestern bernehmen. Mlle. Maas ist ohne Zweifel durch mehr, als die bloe Jugend, zu dieser Rolle berufen; von Mad. Bethmann aber sollte es uns leid thun, wenn sie glauben sollte, da sie, ihres Alters wegen, davon ausgeschlossen wre. Diese Resignation kme (wir meinen, wenn nicht den gresten, doch den verstndigsten Theil des Publicums, auf unserer Seite zu haben) noch um viele Jahre zu frh. Es ist, mit dem Spiel dieser Knstlerin, wie mit dem Gesang manchen alten Musikmeisters am Fortepiano. Er hat eine, von manchen Seiten mangelhafte, Stimme und kann sich, was den Vortrag betrift, mit keinem jungen, rstigen Snger messen. Gleichwohl, durch den Verstand und die ungemein zarte Empfindung, mit welcher er zu Werke geht, fhrt er, alle Verletzungen vermeidend, die Einbildung, in einzelnen Momenten, auf so richtige Wege, da jeder sich mit Leichtigkeit das Fehlende ergnzt, und ein in der That hheres Vergngen geniet, als ihm eine bessere Stimme, aber von einem geringern Genius regiert, gewhrt haben wrde. -- Mad. Bethmanns grester Ruhm, meinen wir, nimmt allererst, wenn sie sich anders auf ihre Krfte versteht, in einigen Jahren (in dem Alter, wo Andere ihn verlieren) seinen Anfang. ^y.^ 7. Die sieben kleinen Kinder. (8. November.) Was mag aus einer Bande kleiner Snger geworden sein, die im vorigen Jahre sich sehr hufig in vielen Straen Berlins mit wenigen Liedern hren lieen, die aber so wunderbar auf einzelne Tne eingesungen waren, da sie am ersten einen Begriff von der Russischen Hrnermusik geben konnten? Sie wurden, nach dem einen ihrer bekanntesten Lieder, meist die sieben kleinen Kinder genannt. Das Lied erzhlte von Kindern, denen zu spt Brod gereicht worden, nachdem sie lange geschrieen und endlich aus Hunger gestorben waren. -- Ist es diesen armen Schelmen, die wir immer mit besonderem Vergngen gehrt, etwa auch so ergangen? Diese Kinder waren jedermann so bekannt, alle Kinder sangen ihnen nach, da wir es kaum begreifen knnen, da sie nicht in irgend ein lustiges Stck z. B. Rochus Pumpernickel, auf der Strae eingefhrt worden, wo sie gewi die allgemeinste Wirkung hervorgebracht htten. Leider aber begngen sich unsre Theater-Dichter die Spe fremder Stdte, besonders Wiens, zu wiederholen; was aber bey uns lustig und erfreulich, dafr haben sie keine Fassung. So finden sich manche auf unserer Bhne, die den Wiener oder Schwbischen Dialekt recht gut nachsprechen, aber keiner, der z. B. gut pommersch-plattdeutsch redete, was in der Rolle des Rochus Pumpernickel sicher recht eigenthmliche Wirkung bei uns thte. ^ava.^ 8. Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt. (13. November.) In einer Stadt Franecker genannt, gelegen in Westfriesland, da ist es geschehen, da junge Kinder, fnf- sechsjhrige, Mgdlein und Knaben mit einander spielten. Und sie ordneten ein Bblein an, das solle der Metzger sein, ein anderes Bblein, das solle Koch sein, und ein drittes Bblein, das solle eine Sau sein. Ein Mgdlein, ordneten sie, solle Kchin sein, wieder ein anderes, das solle Unterkchin sein; und die Unterkchin solle in einem Geschirrlein das Blut von der Sau empfahen, da man Wrste knne machen. Der Metzger gerieth nun verabredetermaen an das Bblein, das die Sau sollte sein, ri es nieder und schnitt ihm mit einem Messerlein die Gurgel auf; und die Unterkchinn empfing das Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Rathsherr, der von ungefhr vorbergeht, sieht dies Elend; er nimmt von Stund' an den Metzger mit sich, und fhrt ihn in des Obersten Haus, welcher sogleich den ganzen Rath versammeln lie. Sie saen all' ber diesen Handel, und wuten nicht, wie sie ihm thun sollten, denn sie sahen wohl, da es kindlicher Weise geschehen war. Einer unter ihnen, ein alter weiser Mann, gab den Rath, der oberste Richter solle einen schnen rothen Apfel in die eine Hand nehmen, in die andere einen rheinischen Gulden, solle das Kind zu sich rufen, und beide Hnde gleich gegen dasselbe ausstrecken; nehme es den Apfel, so solle es ledig erkannt werden, nehme es aber den Gulden, so solle man es auch tdten. Dem wird gefolgt; das Kind aber ergreift den Apfel lachend, wird also aller Strafe ledig erkannt. Diese rhrende Geschichte aus einem alten Buche gewinnt ein neues Interesse durch das letzte kleine Trauerspiel Werners, der vier und zwanzigste Februar genannt, welches in Weimar und Lauchstdt schon oft, und mit einem so lebhaften Antheil gesehen worden ist, als vielleicht kein Werk eines modernen Dichters. Das unselige Mordmesser, welches in jener Tragdie der unruhige Dolch des Schicksals ist, (vielleicht derselbe, den Mackbeth vor sich her zur Schlafkammer des Knigs gehen sieht) ist dasselbe Messer, womit der eine Knabe den anderen getdtet, und er empfngt in jener That seine erste blutige Weihe. Wir wissen nicht, ob Werner die obige Geschichte ganz gekannt oder erzhlt hat, denn jenes treflichste und darstellbarste Werk Werners, zu dem nur drei Personen, Vater und Mutter und Sohn, nur eine doppelte durchgeschlagene Schweizer Bauerstube, ein Schrank, ein Messer und etwas Schnee, den der Winter gewi bald bringen wird, die nthigen Requisite sind, ist auf unserer Bhne noch nicht aufgefhrt worden. Gleichwohl besitzen wir mehr, als die Weimaraner, um es zu geben, einen Iffland, eine Bethmann und Schauspieler, um den Sohn darzustellen, im Ueberflu. Mge diese kleine Mittheilung den Sinn und den guten Willen dazu anregen. 5. Gemeinntziges. 1. Allerneuester Erziehungsplan. (29-31. October; 9. 10. November.) Zu welchen abentheuerlichen Unternehmungen, sei es nun das Bedrfni, sich auf eine oder die andere Weise zu ernhren, oder auch die bloe Sucht, neu zu sein, die Menschen verfhren, und wie lustig dem zufolge oft die Insinuationen sind, die an die Redaction dieser Bltter einlaufen: davon mge folgender Aufsatz, der uns krzlich zugekommen ist, eine Probe sein. Allerneuester Erziehungsplan. Hochgeehrtes Publicum, Die Experimental-Physik, in dem Capitel von den Eigenschaften elektrischer Krper, lehrt, da wenn man in die Nhe dieser Krper, oder, um kunstgerecht zu reden, in ihre Atmosphre, einen unelektrischen (neutralen) Krper bringt, dieser pltzlich gleichfalls elektrisch wird, und zwar die entgegengesetzte Elektricitt annimmt. Es ist als ob die Natur einen Abscheu htte, gegen Alles, was, durch eine Verbindung von Umstnden, einen berwiegenden und unfrmlichen Werth angenommen hat; und zwischen je zwei Krpern, die sich berhren, scheint ein Bestreben angeordnet zu sein, das ursprngliche Gleichgewicht, das zwischen ihnen aufgehoben ist, wieder herzustellen. Wenn der elektrische Krper positiv ist: so flieht aus dem unelektrischen Alles, was an natrlicher Elektricitt darin vorhanden ist, in den uersten und entferntesten Raum desselben, und bildet, in den, jenem zunchst liegenden Theilen eine Art von Vacuum, das sich geneigt zeigt, den Elektricitts-Ueberschu, woran jener, auf gewisse Weise, krank ist, in sich aufzunehmen; und ist der elektrische Krper negativ, so huft sich, in dem unelektrischen, und zwar in den Theilen, die dem elektrischen zunchst liegen, die natrliche Elektricitt schlagfertig an, nur auf den Augenblick harrend, den Elektricitts-Mangel umgekehrt, woran jener krank ist, damit zu ersetzen. Bringt man den unelektrischen Krper in den Schlagraum des elektrischen, so fllt, es sei nun von diesem zu jenem, oder von jenem zu diesem, der Funken: das Gleichgewicht ist hergestellt, und beide Krper sind einander an Elektricitt vllig gleich. Dieses hchst merkwrdige Gesetz findet sich, auf eine, unseres Wissens, noch wenig beachtete Weise, auch in der moralischen Welt; dergestalt, da ein Mensch, dessen Zustand indifferent ist, nicht nur augenblicklich aufhrt, es zu sein, sobald er mit einem Anderen, dessen Eigenschaften, gleichviel auf welche Weise, bestimmt sind, in Berhrung tritt: sein Wesen wird sogar, um mich so auszudrcken, gnzlich in den entgegengesetzten Pol hinbergespielt; er nimmt die Bedingung + an, wenn jener von der Bedingung -, und die Bedingung -, wenn jener von der Bedingung + ist. Einige Beispiele, hochverehrtes Publicum, werden dies deutlicher machen. Das gemeine Gesetz des Widerspruchs ist jedermann, aus eigner Erfahrung, bekannt; das Gesetz, das uns geneigt macht, uns, mit unserer Meinung, immer auf die entgegengesetzte Seite hinber zu werfen. Jemand sagt mir, ein Mensch, der am Fenster vorbergeht, sei so dick, wie eine Tonne. Die Wahrheit zu sagen, er ist von gewhnlicher Corpulenz. Ich aber, da ich ans Fenster komme, ich berichtige diesen Irrthum nicht blo: ich rufe Gott zum Zeugen an, der Kerl sei so dnn, als ein Stecken. Oder eine Frau hat sich, mit ihrem Liebhaber, ein Rendezvous menagirt. Der Mann, in der Regel, geht des Abends, um Triktrak zu spielen, in die Tabagie; gleichwohl, um sicher zu gehen, schlingt sie den Arm um ihn, und spricht: mein lieber Mann! Ich habe die Hammelkeule, von heute Mittag, aufwrmen lassen. Niemand besucht mich, wir sind ganz allein; la uns den heutigen Abend einmal in recht heiterer und vertraulicher Abgeschlossenheit zubringen. Der Mann, der gestern schweres Geld in der Tabagie verlor, dachte in der That heut, aus Rcksicht auf seine Casse, zu Hause zu bleiben; doch pltzlich wird ihm die entsetzliche Langeweile klar, die ihm, seiner Frau gegenber, im Hause verwartet. Er spricht: liebe Frau! Ich habe einem Freunde versprochen, ihm im Triktrak, worin ich gestern gewann, Revange zu geben. La mich, auf eine Stunde, wenn es sein kann, in die Tabagie gehn; morgen von Herzen gern stehe ich zu deinen Diensten. Aber das Gesetz, von dem wir sprechen, gilt nicht blo von Meinungen und Begehrungen, sondern auf weit allgemeinere Weise, auch von Gefhlen, Affecten, Eigenschaften und Charakteren. Ein Portugiesischer Schiffskapitain, der, auf dem Mittellndischen Meer, von drei Venetianischen Fahrzeugen angegriffen ward, befahl, entschlossen wie er war, in Gegenwart aller seiner Officiere und Soldaten, einem Feuerwerker, da sobald irgend auf dem Verdeck ein Wort von Uebergabe laut werden wrde, er, ohne weiteren Befehl, nach der Pulverkammer gehen, und das Schiff in die Luft sprengen mgte. Da man sich vergebens, bis gegen Abend, gegen die Uebermacht herumgeschlagen hatte, und allen Forderungen, die die Ehre an die Equipage machen konnte, ein Genge geschehen war: traten die Officiere in vollzhliger Versammlung den Capitain an, und forderten ihn auf, das Schiff zu bergeben. Der Capitain, ohne zu antworten, kehrte sich um, und fragte, wo der Feuerwerker sei; seine Absicht, wie er nachher versichert hat, war, ihm aufzugeben, auf der Stelle den Befehl, den er ihm ertheilt, zu vollstrecken. Als er aber den Mann schon, die brennende Lunte in der Hand, unter den Fssern, in Mitten der Pulverkammer fand: ergriff er ihn pltzlich, von Schrecken bleich, bei der Brust, ri ihn, in Vergessenheit aller anderen Gefahr, aus der Kammer heraus, trat die Lunte, unter Flchen und Schimpfwrtern, mit Fen aus und warf sie in's Meer. Den Officieren aber sagte er, da sie die weie Fahne aufstecken mgten, indem er sich bergeben wolle. Ich selbst, um ein Beispiel aus meiner Erfahrung zu geben, lebte, vor einigen Jahren, aus gemeinschaftlicher Kasse, in einer kleinen Stadt am Rhein, mit einer Schwester. Das Mdchen war in der That blo, was man, im gemeinen Leben, eine gute Wirthinn nennt; freigebig sogar in manchen Stcken; ich hatte es selbst erfahren. Doch weil ich locker und lose war, und das Geld auf keine Weise achtete: so fieng sie an zu knickern und zu knausern; ja, ich bin berzeugt, da sie geizig geworden wre, und mir Rben in den Caffe und Lichter in die Suppe gethan htte. Aber das Schicksal wollte zu ihrem Glcke, da wir uns trennten. Wer dies Gesetz recht begreift, dem wird die Erscheinung gar nicht mehr fremd sein, die den Philosophen so viel zu schaffen giebt: die Erscheinung, da groe Mnner, in der Regel, immer von unbedeutenden und obscuren Eltern abstammen, und eben so wieder Kinder gro ziehen, die in jeder Rcksicht untergeordnet und geringartig sind. Und in der That, man kann das Experiment, wie die moralische Atmosphre, in dieser Hinsicht, wirkt, alle Tage anstellen. Man bringe nur einmal Alles, was, in einer Stadt, an Philosophen, Schngeistern, Dichtern und Knstlern, vorhanden ist, in einen Saal zusammen: so werden einige, aus ihrer Mitte, auf der Stelle dumm werden; wobei wir uns, mit vlliger Sicherheit, auf die Erfahrung eines jeden berufen, der solchem Thee oder Punsch einmal beigewohnt hat. Wie vielen Einschrnkungen ist der Satz unterworfen: da schlechte Gesellschaften gute Sitten verderben; da doch schon Mnner wie Basedow und Campe, die doch sonst, in ihrem Erziehungs-Handwerk, wenig gegenstzisch verfuhren, angerathen haben, jungen Leuten zuweilen den Anblick bser Beispiele zu verschaffen, um sie von dem Laster abzuschrecken. Und wahrlich, wenn man die gute Gesellschaft, mit der schlechten, in Hinsicht auf das Vermgen, die Sitte zu entwickeln, vergleicht, so wei man nicht, fr welche man sich entscheiden soll, da, in der guten, die Sitte nur nachgeahmt werden kann, in der schlechten hingegen, durch eine eigenthmliche Kraft des Herzens erfunden werden mu. Ein Taugenichts mag, in tausend Fllen, ein junges Gemth, durch sein Beispiel, verfhren, sich auf Seiten des Lasters hinber zu stellen; tausend andere Flle aber giebt es, wo es, in natrlicher Reaction, das Polar-Verhltni gegen dasselbe annimmt; und dem Laster, zum Kampf gerstet, gegenber tritt. Ja, wenn man, auf irgend einem Platze der Welt, etwa einer wsten Insel, Alles was die Erde an Bsewichtern hat, zusammenbrchte: so wrde sich nur ein Thor darber wundern knnen, wenn er, in kurzer Zeit, alle, auch die erhabensten und gttlichsten, Tugenden unter ihnen antrfe. Wer dies fr paradox halten knnte, der besuche nur einmal ein Zuchthaus oder eine Festung. In den von Frevlern aller Art, oft bis zum Sticken angefllten Kasematten, werden, weil keine Strafe mehr, oder doch nur sehr unvollkommen, bis hierher dringt, Ruchlosigkeiten, die kein Name nennt, verbt. Demnach wrde, in solcher Anarchie, Mord und Todtschlag und zuletzt der Untergang Aller die unvermeidliche Folge sein, wenn nicht auf der Stelle, aus ihrer Mitte, welche auftrten, die auf Recht und Sitte halten. Ja, oft setzt sie der Commendant selbst ein; und Menschen, die vorher aufstzig waren gegen alle gttliche und menschliche Ordnung, werden hier, in erstaunenswrdiger Wendung der Dinge, wieder die ffentlichen geheiligten Handhaber derselben, wahre Staatsdiener der guten Sache, bekleidet mit der Macht, ihr Gesetz aufrecht zu erhalten. Daher kann die Welt mit Recht auf die Entwikkelung der Verbrecher-Kolonie in Botany-Bay aufmerksam sein. Was aus solchem, dem Boden eines Staats abgeschlmmten Gesindel werden kann, liegt bereits in den nordamerikanischen Freistaaten vor Augen; und um uns auf den Gipfel unserer metaphysischen Ansicht zu schwingen, erinnern wir den Leser blo an den Ursprung, die Geschichte, an die Entwikkelung und Gre Roms. In Erwgung nun[1] 1) da alle Sittenschulen bisher nur auf den Nachahmungstrieb gegrndet waren, und statt das gute Princip, auf eigenthmliche Weise im Herzen zu entwickeln, nur durch Aufstellung sogenannter guter Beispiele zu wirken suchten;[2] 2) da diese Schulen, wie die Erfahrung lehrt, nichts eben, fr den Fortschritt der Menschheit Bedeutendes und Erkleckliches hervorgebracht haben;[3] das Gute aber 3) das sie bewirkt haben, allein von dem Umstand herzurhren scheint, da sie schlecht waren, und hin und wieder, gegen die Verabredung, einige schlechten Beispiele mitunter liefen; in Erwgung, sagen wir, aller dieser Umstnde, sind wir gesonnen, eine sogenannte _Lasterschule_, oder vielmehr eine _gegenstzische_ Schule, eine Schule durch Laster, zu errichten.[4] [Funote 1: Jetzt rckt dieser merkwrdige Pdagog mit seinem neuesten Erziehungsplan heraus. (_Die Redaction._)] [Funote 2: So! -- Als ob die pdagogischen Institute nicht, nach ihrer natrlichen Anlage, schwache Seiten genug darbten. (_Die Redaction._)] [Funote 3: In der That! -- Dieser Philosoph knnte das Jahrhundert um seinen ganzen Ruhm bringen. (_Die Redaction._)] [Funote 4: ^Risum teneatis, amici!^ (_Die Redaction._)] Demnach werden fr alle, einander entgegenstehende Laster, Lehrer angestellt werden, die in bestimmten Stunden des Tages, nach der Reihe, auf planmige Art, darin Unterricht ertheilen; in der Religionssptterei sowohl als in der Bigotterie, im Trotz sowohl als in der Wegwerfung und Kriecherei, und im Geiz und in der Furchtsamkeit sowohl, als in der Tollkhnheit und in der Verschwendung. Diese Lehrer werden nicht blo durch Ermahnungen, sondern durch Beispiele, durch lebendige Handlung, durch unmittelbaren praktischen, geselligen Umgang und Verkehr zu wirken suchen. Fr Eigennutz, Plattheit, Geringschtzung alles Groen und Erhabenen und manche anderen Untugenden, die man in Gesellschaften und auf der Strae lernen kann, wird es nicht nthig sein, Lehrer anzustellen. In der Unreinlichkeit und Unordnung, in der Zank- und Streitsucht und Verlumdung wird meine Frau Unterricht ertheilen. Lderlichkeit, Spiel, Trunk, Faulheit und Vllerei, behalte ich mir bevor. Der Preis ist der sehr mige von 300 Rthl. N. S. Eltern, die uns ihre Kinder nicht anvertrauen wollten, aus Furcht, sie in solcher Anstalt, auf unvermeidliche Weise, verderben zu sehen, wrden dadurch an den Tag legen, da sie ganz bertriebene Begriffe von der Macht der Erziehung haben. Die Welt, die ganze Masse von Objecten, die auf die Sinne wirken, hlt und regiert, an tausend und wieder tausend Fden, das junge, die Erde begrende, Kind. Von diesen Fden, ihm um die Seele gelegt, ist allerdings die Erziehung Einer, und sogar der wichtigste und strkste; verglichen aber mit der ganzen Totalitt, mit der ganzen Zusammenfassung der brigen, verhlt er sich wie ein Zwirnsfaden zu einem Ankertau, eher drber als drunter. Und in der That, wie milich wrde es mit der Sittlichkeit aussehen, wenn sie kein tieferes Fundament htte, als das sogenannte gute Beispiel eines Vaters oder einer Mutter, und die platten Ermahnungen eines Hofmeisters oder einer franzsischen Mamsell. -- Aber das Kind ist kein Wachs, das sich in eines Menschen Hnden, zu einer beliebigen Gestalt kneten lt: es lebt, es ist frei, es trgt ein unabhngiges und eigenthmliches Vermgen der Entwickelung, und das Muster aller innerlichen Gestaltung, in sich. Ja, gesetzt, eine Mutter nhme sich vor, ein Kind, das sie an ihrer Brust trgt, von Grund aus zu verderben: so wrde sich ihr auf der Welt dazu kein unfehlbares Mittel darbieten, und, wenn das Kind nur sonst von gewhnlichen, rechtschaffenen Anlagen ist, das Unternehmen, vielleicht auf die sonderbarste und berraschendste Art, daran scheitern. Was sollte auch, in der That, aus der Welt werden, wenn den Eltern ein unfehlbares Vermgen beiwohnte, ihre Kinder nach Grundstzen, zu welchen sie die Muster sind, zu erziehen: da die Menschheit, wie bekannt, fortschreiten soll, und es mithin, selbst dann, wenn an ihnen nichts auszusetzen wre, nicht genug ist, da die Kinder werden, wie sie; sondern besser. Wenn demnach die uralte Erziehung, die uns die Vter, in ihrer Einfalt, berliefert haben, an den Nagel gehngt werden soll: so ist kein Grund, warum unser Institut nicht, mit allen andern, die die pdagogische Erfindung, in unsern Tagen, auf die Bahn gebracht hat, in die Schranken treten soll. In unsrer Schule wird, wie in diesen, gegen je Einen, der darin zu Grunde geht, sich ein andrer finden, in dem sich Tugend und Sittlichkeit auf gar robuste und tchtige Art entwickelt; es wird Alles in der Welt bleiben, wie es ist, und was die Erfahrung von Pestalozzi und Zeller und allen andern Virtuosen der neuesten Erziehungskunst, und ihren Anstalten sagt, das wird sie auch von uns und der unsrigen sagen: Hilft es nichts, so schadet es nichts. Rechtenfleck im Holsteinischen, den 15. Oct. 1810. _C. J. Levanus_, Conrector. 2. Ntzliche Erfindungen. Entwurf einer Bombenpost. (12. October.) Man hat, in diesen Tagen, zur Befrderung des Verkehrs, innerhalb der Grnzen der vier Welttheile, einen elektrischen Telegraphen erfunden; einen Telegraphen, der mit der Schnelligkeit des Gedankens, ich will sagen, in krzerer Zeit, als irgend ein chronometrisches Instrument angeben kann, vermittelst des Elektrophors und des Metalldraths, Nachrichten mittheilt, dergestalt, da wenn jemand, falls nur sonst die Vorrichtung dazu getroffen wre, einen guten Freund, den er unter den Antipoden htte, fragen wollte: wie geht's dir? derselbe, ehe man noch eine Hand umkehrt, ohngefhr so, als ob er in einem und demselben Zimmer stnde, antworten knnte: recht gut. So gern wir dem Erfinder dieser Post, die, auf recht eigentliche Weise, auf Flgeln des Blitzes reitet, die Krone des Verdienstes zugestehn, so hat doch auch diese Fernschreibekunst noch die Unvollkommenheit, da sie nur, dem Interesse des Kaufmanns wenig ersprielich, zur Versendung ganz kurzer und lakonischer Nachrichten, nicht aber zur Uebermachung von Briefen, Berichten, Beilagen und Packeten taugt. Demnach schlagen wir, um auch diese Lcke zu erfllen, zur Beschleunigung und Vervielfachung der Handels-Communikationen, wenigstens innerhalb der Grnzen der cultivirten Welt, eine _Wurf-_ oder _Bombenpost_ vor; ein Institut, das sich auf zweckmig, innerhalb des Raums einer Schuweite, angelegten Artillerie-Stationen, aus Mrsern oder Haubitzen, hohle, statt des Pulvers, mit Briefen und Paketen angefllte Kugeln, die man ohne alle Schwierigkeit, mit den Augen verfolgen, und wo sie hinfallen, falls es ein Morastgrund ist, wieder auffinden kann, zuwrfe; dergestalt, da die Kugel, auf jeder Station zuvrderst erffnet, die respektiven Briefe fr jeden Ort herausgenommen, die neuen hineingelegt, das Ganze wieder verschlossen, in einen neuen Mrser geladen, und zur nchsten Station weiter spedirt werden knnte. Den Prospectus des Ganzen und die Beschreibung und Auseinandersetzung der Anlagen und Kosten behalten wir einer umstndlicheren und weitlufigeren Abhandlung bevor. Da man auf diese Weise, wie eine kurze mathematische Berechnung lehrt, binnen Zeit eines halben Tages, gegen geringe Kosten von Berlin nach Stettin oder Breslau wrde schreiben oder respondiren knnen, und mithin, verglichen mit unseren reitenden Posten, ein zehnfacher Zeitgewinn entsteht, oder es eben soviel ist, als ob ein Zauberstab diese Orte der Stadt Berlin zehnmal nher gerckt htte: so glauben wir fr das brgerliche sowohl als handeltreibende Publicum, eine Erfindung von dem gresten und entscheidendsten Gewicht, geschickt, den Verkehr auf den hchsten Gipfel der Vollkommenheit zu treiben, an den Tag gelegt zu haben. Berlin d. 10. Oct. 1810. ^rmz.^ 3. Schreiben aus Berlin. (15. October.) 10 Uhr Morgens. Der Wachstuchfabrikant Hr. _Claudius_ will, zur Feier des Geburtstages Sr. Knigl. Hoheit, des Kronprinzen, heute um 11 Uhr mit dem Ballon des Prof. J.[74] in die Luft gehen, und denselben, vermittelst einer Maschine, unabhngig vom Wind, nach einer bestimmten Richtung hinbewegen. Dies Unternehmen scheint befremdend, da die Kunst, den Ballon, auf ganz leichte und naturgeme Weise, ohne alle Maschienerie, zu bewegen, schon erfunden ist. Denn da in der Luft alle nur mgliche Strmungen (Winde) bereinander liegen: so braucht der Aronaut nur, vermittelst perpendikularer Bewegungen, den Luftstrom aufzusuchen, der ihn nach seinem Ziele fhrt: ein Versuch, der bereits mit vollkommnem Glck, in Paris, von Hrn. Garnerin, angestellt worden ist. Gleichwohl scheint dieser Mann, der whrend mehrerer Jahre im Stillen dieser Erfindung nachgedacht hat, einer besondern Aufmerksamkeit nicht unwerth zu sein. Einen Gelehrten, mit dem er sich krzlich in Gesellschaft befand, soll er gefragt haben: ob er ihm wohl sagen knne, in wieviel Zeit eine Wolke, die eben an dem Horizont heraufzog, im Zenith der Stadt sein wrde? Auf die Antwort des Gelehrten: da seine Kenntni so weit nicht reiche, soll er eine Uhr auf den Tisch gelegt haben, und die Wolke genau, in der von ihm bestimmten Zeit, im Zenith der Stadt gewesen sein. Auch soll derselbe, bei der letzten Luftfahrt des Professor J. im Voraus nach Werneuchen gefahren, und die Leute daselbst versammelt haben: indem er aus seiner Kenntni der Atmosphre mit Gewiheit folgerte, da der Ballon diese Richtung nehmen, und der Professor J. in der Gegend dieser Stadt niederkommen msse. Wie nun der Versuch, den er heute, gesttzt auf diese Kenntni, unternehmen will, ausfallen wird: das soll in Zeit von einer Stunde entschieden sein. Hr. Claudius will nicht nur bei seiner Abfahrt, den Ort, wo er niederkommen will, in gedruckten Zetteln bekannt machen: es heit sogar, da er schon Briefe an diesem Ort habe abgeben lassen, um daselbst seine Ankunft anzumelden. -- Der Tag ist in der That, gegen alle Erwartung, seiner Vorherbestimmung gem, ausnehmend schn. N. S. 2 Uhr Nachmittags. Hr. Claudius hatte beim Eingang in den Schtzenplatz Zettel austheilen lassen, auf welchen er, lngs der Potsdammer Chaussee, nach dem Luckenwaldschen Kreis zu gehen, und in einer Stunde vier Meilen zurckzulegen versprach. Der Wind war aber gegen 12 Uhr so mchtig geworden, da er noch um 2 Uhr mit der Fllung des Ballons nicht fertig war; und es verbreitete sich das Gercht, da er vor 4 Uhr nicht in die Luft gehen wrde. 4. Aronautik. S. Haude u. Spenersche Zeitung, den 25. Okt. 1810.[75] (29. 30. October.) Der, gegen die Abendbltter gerichtete, Artikel der Haude und Spenerschen Zeitung, ber die angebliche Direction der Luftblle ist mit soviel Einsicht, Ernst und Wrdigkeit abgefat, da wir geneigt sind zu glauben, die Wendung am Schlu, die zu dem Ganzen wenig pat, beruhe auf einem bloen Miverstndni. Demnach dient dem unbekannten Hrn. Verfasser hiemit auf seine, in Anregung gebrachten Einwrfe zur freundschaftlichen Antwort: 1) da wenn das Abendblatt, des beschrnkten Raums wegen, den unverklausulirten Satz aufgestellt hat: die Direction der Luftblle sei erfunden; dasselbe damit keineswegs hat sagen wollen: es sei an dieser Erfindung nichts mehr hinzuzusetzen; sondern blo: das Gesetz einer solchen Kunst sei gefunden, und es sei, nach dem, was in Paris vorgefallen, nicht mehr zweckmig, in dem Bau einer, mit dem Luftball verbundenen, Maschiene eine Kraft zu suchen, die in dem Luftball selbst, und in dem Element, das ihn trgt, vorhanden ist. 2) Da die Behauptung, in der Luft seien Strmungen der vielfachsten und mannigfaltigsten Art enthalten, wenig Befremdendes und Auerordentliches in sich fat, indem unseres Wissens, nach den Aufschlssen der neuesten Naturwissenschaft, eine der Hauptursachen des Windes, chemische Zersetzung oder Entwickelung betrchtlicher Luftmassen ist. Diese Zersetzung oder Entwickelung der Luftmassen aber mu, wie eine ganz geringe Einbildung lehrt, ein concentrisches oder excentrisches, in allen seinen Richtungen diametral entgegengesetztes, Strmen der in der Nhe befindlichen Luftmassen veranlassen; dergestalt, da an Tagen, wo dieser chemische Proze im Luftraum hufig vor sich geht, gewi ber einem gegebenen, nicht allzubetrchtlichen Kreis der Erdoberflche, wenn nicht alle, doch so viele Strmungen, als der Luftfahrer, um die willkhrliche Direction darauf zu grnden, braucht, vorhanden sein mgen. 3) Da der Luftballon des Hrn. Claudius selbst (in sofern ein einzelner Fall hier in Erwgung gezogen zu werden verdient) zu dieser Behauptung gewissermaen den Beleg abgiebt, indem ohne Zweifel als derselbe 5 Uhr durchaus westlich in der Richtung nach Spandau und Stendal aufstieg, niemand geahndet hat, da er, innerhalb zwei Stunden, durchaus sdlich, zu Dben in Sachsen niederkommen wrde. 4) Da die Kunst, den Ballon _vertical_ zu dirigiren, noch einer groen Entwickelung und Ausbildung bedarf, und derselbe auch wohl, ohne eben groe Schwierigkeiten, fhig ist, indem man ohne Zweifel durch Vernderung nicht blo des absoluten, sondern auch specifischen Gewichts (vermittelst der Wrme und der Expansion) wird steigen und fallen und somit den Luftstrom mit grerer Leichtigkeit wird aufsuchen lernen, dessen man, zu einer bestimmten Reise, bedarf. 5) Da Hr. Claudius zwar wenig gethan hat, die Aufmerksamkeit des Publikums, die er auf sich gezogen hat, zu rechtfertigen; da wir aber gleichwohl dahingestellt sein lassen, in wiefern derselbe, nach dem Gesprche der Stadt, in der Kunst, von der Erdoberflche aus die Luftstrmungen in den hheren Regionen zu beurtheilen, erfahren sein mag: indem aus der Richtung, die sein Ballon anfnglich westwrts gegen Spandau und spterhin sdwrts gegen Dben nahm, mit sonderbarer Wahrscheinlichkeit hervor zu gehen scheint, da er, wenn er aufgestiegen wre, sein Versprechen erfllt haben, und vermittelst seiner mechanischen Einwirkung, in der Diagonale zwischen beiden Richtungen, ber der Potsdammer Chaussee, nach dem Luckenwaldischen Kreise, fortgeschwommen sein wrde. 6) Da wenn gleich das Unternehmen vermittelst einer, im Luftball angebrachten Maschiene, den Widerstand ganz contrairer Winde aufzuheben, unbersteiglichen Schwierigkeiten unterworfen ist, es doch vielleicht bei Winden von geringerer Ungnstigkeit mglich sein drfte, den Sinus der Ungnstigkeit, vermittelst mechanischer Krfte, zu berwinden, und somit, dem Seefahrer gleich, auch solche Winde, die nicht genau zu dem vorgeschriebenen Ziel fhren, ins Interesse zu ziehen. Zudem bemerken wir, da wenn 7) der Luftschifffahrer, aller dieser Hlfsmittel ungeachtet, Tage und Wochen lang auf den Wind, der ihm passend ist, warten mte, derselbe sich mit dem Seefahrer zu trsten htte, der auch Wochen, oft Monate lang, auf gnstige Winde im Hafen harren mu: wenn er ihn aber gefunden hat, binnen wenigen Stunden damit weiter kommt, als wenn er sich, von Anfang herein, whrend der ganzen verlornen Zeit, zur Axe oder zu Pferde fortbewegt htte. Endlich selbst zugegeben 8) -- was wir bei der Mglichkeit, auch selbst in der wolkigsten Nacht, den Polarstern, wenigstens auf Augenblicke, aufzufinden, keinesweges thun -- dem Luftschiffer fehle es schlechthin an Mittel, sich in der Nacht im Luftraum zu orientiren: so halten wir den von dem unbekannten Hrn. R. berechneten Irrthum von 6 Meilen, auf einen Radius von 30 Meilen, fr einen sehr migen und ertrglichen. Der Aronaut wrde immer noch, wenn ^x^ die Zeit ist, die er gebraucht haben wrde, um den Radius zur Axe zurckzulegen, in ^x^/5 den Radius und die Sehne zurcklegen knnen. Wenn er dies, gleichviel aus welchen Grnden, ohne seinen Ballon, nicht wollte, so wrde er sich wieder mit dem Seefahrer trsten mssen, der auch oft, widriger Winde wegen, statt in den Hafen einzulaufen, auf der Rhede vor Anker gehen, oder gar in einen andern ganz entlegenen Hafen einlaufen mu, nach dem er gar nicht bei seiner Abreise gewollt hat. * * * * * Was Hr. Garnerin betrift, so werden wir im Stande sein, in Kurzem bestimmtere Facta, als die im 13ten Abendblatt enthalten waren, zur Erwiderung auf die gemachten Einwrfe, beizubringen. ^rm.^ II. In Versen. 1. Eine Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich. (3. November.) Der Herr, als er auf Erden noch einherging, Kam mit Sanct Peter einst an einen Scheideweg, Und fragte, unbekannt des Landes, Das er durchstreifte, einen Bauersknecht, Der faul, da, wo der Rain sich spaltete, gestreckt In eines Birnbaums Schatten lag: Was fr ein Weg nach Jericho ihn fhre? Der Kerl, die Mnner nicht beachtend, Verdrielich, sich zu regen, hob ein Bein, Zeigt auf ein Haus im Feld', und ghnt' und sprach: da unten! Zerrt sich die Mtze ber's Ohr zurecht, Kehrt sich, und schnarcht schon wieder ein. Die Mnner drauf, wohin das Bein gewiesen, Gehn ihre Strae fort; jedoch nicht lange whrt's, Von Menschen leer, wie sie das Haus befinden, Sind sie im Land' schon wieder irr. Da steht, im heien Strahl der Mittagssonne, Bedeckt von Aehren, eine Magd, Die schneidet, frisch und wacker, Korn, Der Schwei rollt ihr vom Angesicht herab. Der Herr, nachdem er sich gefllig drob ergangen, Kehrt also sich mit Freundlichkeit zu ihr: Mein Tchterchen gehn wir auch recht, So wie wir stehn, den Weg nach Jericho? Die Magd antwortet flink: Ei, Herr! Da seid ihr weit vom Wege irr gegangen; Dort hinterm Walde liegt der Thurm von Jericho, Kommt her, ich will den Weg euch zeigen. Und legt die Sichel weg, und fhrt, geschickt und emsig, Durch Aecker, die der Rain durchschneidet, Die Mnner auf die rechte Strae hin, Zeigt noch, wo schon der Thurm von Jericho erglnzet, Grt sie und eilt zurcke wieder, Auf da sie schneid', in Rstigkeit, und raffe, Von Schwei betrieft, im Waizenfelde, So nach wie vor. Sanct Peter spricht: O Meister mein! Ich bitte dich, um deiner Gte willen, Du wollest dieser Maid die That der Liebe lohnen, Und, flink und wacker, wie sie ist, Ihr einen Mann, flink auch und wacker, schenken. Die Maid, versetzt der Herr voll Ernst, Die soll den faulen Schelmen nehmen, Den wir am Scheideweg im Birnbaumsschatten trafen; Also beschlo ich's gleich im Herzen, Als ich im Waizenfeld sie sah. Sanct Peter spricht: Nein Herr, das wolle Gott verhten. Das wr' ja ewig Schad' um sie, Mt' all' ihr Schwei und Mh' verloren gehn. La einen Mann, ihr hnlicher, sie finden, Auf da sich, wie sie wnscht, hoch bis zum Giebel ihr Der Reichthum in der Tenne flle. Der Herr antwortet, mild den Sanctus strafend: O Petre, das verstehst du nicht. Der Schelm, der kann doch nicht zur Hllen fahren. Die Maid auch, frischen Lebens voll, Die knnte leicht zu stolz und ppig werden. Drum, wo die Schwinge sich ihr allzuflchtig regt, Henk' ich ihr ein Gewichtlein an, Auf da sie's beide im Maae treffen, Und frhlich, wenn es ruft, hinkommen, er wie sie, Wo ich sie Alle gern versammeln mchte. 2. Eine Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf. (8. December.) Der Herr und Petrus oft, in ihrer Liebe beide, Begegneten im Streite sich, Wenn von der Menschen Heil die Rede war; Und dieser nannte zwar die Gnade Gottes gro, Doch wr' er Herr der Welt, meint er, Wrd' er sich ihrer mehr erbarmen. Da trat, zu einer Zeit, als lngst, in beider Herzen, Der Streit vergessen schien, und just, Um welcher Ursach wei ich nicht, Der Himmel oben auch voll Wolken hieng, Der Sanctus migestimmt, den Heiland an, und sprach Herr, la, auf eine Handvoll Zeit, Mich, aus dem Himmelreich, auf Erden niederfahren, Da ich des Unmuths, der mich griff, Vergess' und mich einmal, von Sorgen frei, ergtze, Weil es jetzt grad' vor Fastnacht ist. Der Herr, des Streits noch sinnig eingedenk, Spricht: Gut; acht Tag' geb' ich dir Zeit, Der Feier, die mir dort beginnt, dich beizumischen; Jedoch, so bald das Fest vorbei, Kommst du mir zu gesetzter Stunde wieder. Acht volle Tage doch, zwei Wochen schon, und mehr, Ein abgezhlter Mond vergeht, Bevor der Sanct zum Himmel wiederkehrt. Ei, Petre, spricht der Herr, wo weiltest du so lange? Gefiel's auch nieden dir so wohl? Der Sanctus, mit noch schwerem Kopfe, spricht: Ach, Herr! Das war ein Jubel unten --! Der Himmel selbst beseeliget nicht besser. Die Erndte, reich, du weit, wie keine je gewesen, Gab alles was das Herz nur wnscht, Getraide, wei und s, Most, sag' ich dir, wie Honig, Fleisch fett, dem Speck gleich, von der Brust des Rindes; Kurz, von der Erde jeglichem Erzeugni Zum Brechen alle Tafeln voll. Da lie ich's, schier, zu wohl mir sein, Und htte bald des Himmels gar vergessen. Der Herr erwiedert: Gut! Doch Petre sag' mir an, Bei soviel Seegen, den ich ausgeschttet, Hat man auch dankbar mein gedacht? Sahst du die Kirchen auch von Menschen voll? -- Der Sanct, bestrzt hierauf, nachdem er sich besonnen: O Herr, spricht er, bei meiner Liebe, Den ganzen Fastmond durch, wo ich mich hingewendet, Nicht deinen Namen hrt' ich nennen. Ein einz'ger Mann sa murmelnd in der Kirche: Der aber war ein Wucherer, Und hatte Korn, im Herbst erstanden, Fr Mus' und Ratzen hungrig aufgeschttet. -- Wohlan denn, spricht der Herr, und lt die Rede fallen, Petre, so geh; und knft'ges Jahr Kannst du die Fastnacht wiederum besuchen. Doch diesmal war das Fest kaum eingelutet, Da kmmt der Sanctus schleichend schon zurck. Der Herr begegnet ihm am Himmelsthor und ruft: Ei, Petre! Sieh! Warum so traurig? Hat's dir auf Erden denn danieden nicht gefallen? Ach, Herr, versetzt der Sanct, seit ich sie nicht gesehn, Hat sich die Erde ganz verndert. Da ist's kurzweilig nicht mehr, wie vordem, Rings sieht das Auge nichts, als Noth und Jammer. Die Erndte, aschewei versengt auf allen Feldern, Gab fr den Hunger nicht, um Brod zu backen, Viel wen'ger Kuchen, fr die Lust, und Stritzeln. Und weil der Herbstwind frh der Berge Hang durchreift, War auch an Wein und Most nicht zu gedenken. Da dacht ich: was auch sollst du hier? Und kehrt ins Himmelreich nur wieder heim. -- So! spricht der Herr. Frwahr! das thut mir leid! Doch, sag' mir an: gedacht' man mein? Herr, ob man dein gedacht? -- Die Wahrheit dir zu sagen, Als ich durch eine Hauptstadt kam, Fand ich, zur Zeit der Mitternacht, Vom Altarkerzenglanz, durch die Portle strahlend, Dir alle Mrkt' und Straen hell; Die Glckner zogen, da die Strnge rissen; Hoch an den Sulen hiengen Knaben, Und hielten ihre Mtzen in der Hand. Kein Mensch, versichr' ich dich, im Weichbild rings zu sehn, Als Einer nur, der eine Schaar Lasttrger keuchend von dem Hafen fhrte: Der aber war ein Wucherer, Und hufte Korn auf lchelnd, fern erkauft, Um von des Landes Hunger sich zu msten. Nun denn, o Petre, spricht der Herr, Erschaust du jetzo doch den Lauf der Welt! Jetzt siehst du doch was du jngsthin nicht glauben wolltest, Da Gter nicht das Gut des Menschen sind; Da mir ihr Heil am Herzen liegt wie dir: Und da ich, wenn ich sie mit Noth zuweilen plage, Mich, meiner Liebe treu und meiner Sendung, Nur ihrer hh'ren Noth erbarme. 3. Epigramme. 1. Auf einen Denuncianten. (Rthsel.) (12. October.) Als Kalb begann er; ganz gewi Vollendet er als Stier -- des Phalaris. ^st.^ 2. Wer ist der Aermste? (24. October.) Geld! rief, mein edelster Herr! ein Armer. Der Reiche versetzte: Lmmel, was gb' ich darum, wr ich so hungrig als er! 3. Der witzige Tischgesellschafter. Treffend, durchgngig ein Blitz, voll Scharfsinn, sind seine Repliken: Wo? An der Tafel? Vergieb! Wenn er's zu Hause bedenkt. ^xp.^ 4. An die Verfasser schlechter Epigramme. (30. October.) Des Satyrs Geiel schmerzt von Rosenstrauch am meisten; Wer nur den Knieriem fhrt, der bleibe ja beim Leisten. ^st.^ 5. Nothwehr. (31. October.) Wahrheit gegen den Feind? Vergieb mir! Ich lege zuweilen Seine Bind um den Hals, um in sein Lager zu gehn. ^xp.^ Anmerkungen. Einleitung. [Funote 1: Das letzte Lied; H. v. Kleist gesammelte Schriften III, 373, der zweiten Ausgabe von Tieck und J. Schmidt.] [Funote 2: So schrieb Kleist an Zschokke; s. E. v. Blow, H. v. Kleists Leben und Briefe S. 27.] [Funote 3: Die umfassendste Sammlung von Briefen Kleists sind die an seine Schwester Ulrike gerichteten, 57 an der Zahl, aus den Jahren 1795 bis zum Augenblick seines Todes, nebst einem an Pannwitz aus dem Jahre 1802, von Koberstein 1860 herausgegeben; 23 Briefe aus der Zeit von 1799 bis 1811 an seinen Lehrer, seine Braut, deren Schwester, seinen Freund Rhle und Fouqu, gab Blow heraus; 6 Brieffragmente von 1807 bis 1811 Tieck in der Einleitung zu Kleists Schriften; ein Brief von 1809 an H. v. Collin steht in Hoffmanns Findlingen I, 320, ein von Blow nicht gekannter von 1811 an Fouqu, in den Briefen an F. Baron de la Motte Fouqu, herausgegeben von H. Kletke I, 223; 6 aus den Jahren 1810 und 1811 an F. v. Raumer in dessen Lebenserinnerungen und Briefwechsel I, 229. Anekdotenhaft ist was Peguilhen von Kleist erzhlt in der Sammlung Berhmte Schriftsteller der Deutschen Berlin 1854 I, 309; die Denkschrift desselben ber Kleists Tod, die dem Staatskanzler vorlag aber nicht erscheinen durfte, scheint verloren. Umfassende Charakteristiken Kleists sind neuerdings gegeben worden in den Preuischen Jahrbchern II, 599, 1858, und von J. Schmidt in seiner Einleitung zu den gesammelten Schriften Kleists, 1859; Nachtrge dazu von Koberstein in der Einleitung zu Kleists Briefen an seine Schwester.] [Funote 4: Tiecks Ausgabe von 1826 I, S. XX.] [Funote 5: S. X Vorrede.] [Funote 6: In der Inhaltsanzeige des Februarheftes. Dadurch widerlegt sich Blows Angabe S. 44 eine Novelle der Madame de Gomez habe dem Dichter den Stoff in Paris geliefert. Sucht man in einer fremden Litteratur nach einer Parallele zu dieser Geschichte, so knnte man auch an Cervantes' ^de la fuera de la sangre^ erinnern, wo hnliche Verhltnisse freilich mavoller dargestellt werden.] [Funote 7: Eine quellengeme geschichtliche Darstellung der Kohlhasischen Hndel hat Klden gegeben in Gropius' Beitrge zur Geschichte Berlins, Berlin 1840 S. 61 ff. Wenn er im Vorwort sagt, zu Kleists Erzhlung habe die Geschichte nichts als einige Namen beigesteuert, so ist dagegen zu bemerken, da nicht die wesentlichen Thatsachen, sondern gerade die Namen unhistorisch sind; denn der Junker hie Gnther von Zaschwitz auf Melaun bei Dben. Man mchte doch vermuthen, nicht Pfuels Erzhlung, sondern irgend einem lteren Buche habe Kleist den Stoff entlehnt, vielleicht dem von B. Mentz, Kurtze Erzehlung vom Vrsprung vnd Hehrkommen der Chur vnnd Frstlichen Stmmen, Sachsen, Brandenburg, Anhalt vnd Lawenburg, Wittenberg 1597, das Klden auer Hafftiz besonders benutzt hat.] [Funote 8: III, 71.] [Funote 9: III, 48.] [Funote 10: III, 124.] [Funote 11: Ich fhre einige Beweisstellen fr die im Text hervorgehobenen Lieblingsworte Kleists an: dergestalt da߫ Kohlhaas III, 39, 47, 57, 75, 104, 109, 114; das Erdbeben in Chili S. 164; die Verlobung in St. Domingo S. 188; das Bettelweib von Locarno S. 224, 225, 226; die heilige Caecilie S. 249, 250; der Zweikampf S. 272, 273; Kthchen von Heilbronn II, 132. Gleichwohl: Kohlhaas III, 22, 35, 63, 75, 102, 109; Marquise v. O. S. 151; Findling 235; die heilige Caecilie 252; Kthchen von Heilbronn I, 123, 125, 130; die Hermannsschlacht 397; der Prinz v. Homburg 325, 345; Amphitryon I, 374, 375. Nicht sobald -- als: Kohlhaas III, 34, 39, 58. Falls: Kohlhaas III, 27, 64, 77, 94. Gleichviel: Kohlhaas III, 57, 60, 79; Marquise v. O. 153; die heilige Caecilie 251; der Zweikampf 286; Prinz v. Homburg II, 279, 281, 315, 320, 323, 327, 331; die Hermannsschlacht 509; Amphitryon I, 417. Inzwischen: Kohlhaas III, 34, 43, 77, 98, 106, 111; Marquise v. O. 124, 125; der Zweikampf 266, 287.] [Funote 12: Penthesilea I, 201, 224; die Hermannsschlacht II, 383; an Franz den Ersten III, 374.] [Funote 13: Akt III. Sc. 1. II, 188.] [Funote 14: Kthchen v. Heilbronn A. V. S. 1. II, 248; die Hermannsschlacht A. II, S. 1. II, 402; III, 379.] [Funote 15: III, 376, 377, 372.] [Funote 16: A. III, S. 6. II, 443.] [Funote 17: Kleist an seine Schwester 17. Sept. 1807 und die folgenden Briefe S. 129 ff. 144. Adam Mller an Gentz 6. Febr. 1808, Briefwechsel S. 126.] [Funote 18: Kleists ges. Schriften I, S. XX.] [Funote 19: Blow S. XI.] [Funote 20: Brief an seine Schwester o. D. S. 157.] [Funote 21: Phbus I, 39.] [Funote 22: Hans Sachs Worte I, 189 der Kemptener Ausgabe, wo sich inde nur die Legende der Welt Lauf findet. Es scheint Kleist hat seine Originale nicht sowohl in einer Gesammtausgabe der Werke von Hans Sachs als in einem Einzeldruck gelesen; in einem solchen, wovon ein Exemplar im Besitz des Herrn W. v. Maltzahn ist, finden sich neben zwei andern Erzhlungen gerade die beiden von Kleist nachgedichteten; es ist: Das erst Gesprech, Von der Welt lauff; und das dritt Gesprch, von eim | faulen Bawrenknecht, vnd einer | endlichen Bauren Maidt. | Der Haupttitel lautet: Vier schne Gesprech zwischen | Sanct Peter vnd dem Herren, | sehr ntzlich zu lesen, vnd | zu hren -- Han Sachs. Gedruckt zu Nrnberg | durch Valentin Newber kl. 8. 16 Bll.] [Funote 23: S. die Briefe an seine Schwester o. D. und von 1799, 1801 S. 5, 20, 49, 51; an seine Braut 1801, Blow S. 145; 1806 S. 243.] [Funote 24: Briefe von 1801, Blow S. 226, 210, 204, 27; Koberstein S. 46, 50. Katechismus der Deutschen 8. I, 1, 7; von der Ueberlegung I, 2, 5.] [Funote 25: Brieffragment bei Blow S. 66; 1801 S. 207, 227; 1803 Koberstein S. 90.] [Funote 26: 1801, 1803 Koberstein S. 45, 90.] [Funote 27: Briefe an seine Schwester S. 110, 145.] [Funote 28: Hermannsschlacht A. I, S. 3. I, 1; II, 394, 386, 391, 434, 444; III, 3, 6.] [Funote 29: Kleists Wort ber die Thusnelda zu Dahlmann in J. Schmidts Einleitung S. XCV; (v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg whrend der Zeit von 1806 bis 1808 II, 709; v. Hpfner der Krieg von 1806 und 1807 II, 326, 332.] [Funote 30: Lehrbuch der Journalistik 4, 8. Die Worte des Grafen Schlabrendorff hat Jochmann aufbewahrt, Reliquien, herausgegeben von Zschokke, I, 135.] [Funote 31: Hermannsschlacht A. I, 3, 10, 4, 9; II, 397, 399, 456, 467. Hoffmann Findlinge I, 320.] [Funote 32: Husser deutsche Geschichte III, 151, 183, 439. Europas Palingenesie Leipzig 1810 I, 147, 149.] [Funote 33: Hermannsschlacht V, 24, 14. II, 519, 499; Prinz von Homburg IV, 1. S. 340.] I, 1, 1. [Funote 34: Wahrscheinlich dachte sich Kleist unter dem rheinbndischen Officier einen schsischen, denn kaum ein anderer htte im Sommer 1806 mit einem preuischen Officier in Berlin ein patriotisches Convivium halten knnen, in einer Zeit, wo ber ein preuisch-schsisches Bndni, als Grundlage des nordischen Reichsbundes unter Preuens Fhrung, verhandelt wurde. Kurz vor dem Ausbruch des Kriegs kam es bekanntlich zu einer Vereinigung der preuischen und schsischen Armee. Der Knig, der durch Ablehnung des Kreuzes der Ehrenlegion nicht kompromittirt werden soll, ist also der Knig von Sachsen, der diesen Titel seit dem Posener Vertrage 11. Dec. 1806 fhrte.] [Funote 35: Eine in Berlin noch jetzt bestehende bekannte Weinhandlung, in der Kleist viel verkehrt haben soll.] [Funote 36: Davoust, der bei Auerstdt siegte.] [Funote 37: Die eingeklammerten Worte sind in der Abschrift irrthmlich ausgelassen.] [Funote 38: Am 9. April 1809 erffneten die Oesterreicher unter dem Erzherzog Karl den Krieg, indem sie in Baiern einrckten. Zu einem Massenaufstande hatte der Erzherzog in einem undatirten Aufruf an die Vlker Deutschlands aufgefordert; der in demselben Sinn abgefate Armeebefehl ist vom 6. April. S. Europas Palingenesie I, 147, 152.] [Funote 39: Das erste Blletin Napoleons ber die einleitenden Gefechte vom 19. bis 23. April ist vom 24. April. S. Europas Palingenesie II, 39. Der gleich darauf erwhnte Montesquiou war Napoleons Kammerherr und zu hnlichen Sendungen mehrfach gebraucht worden. Kurz vor der Schlacht von Jena war er in preuische Gefangenschaft gerathen.] I, 1, 2. [Funote 40: Diese Scenen spielen also whrend des Krieges von 1806 und 1807, und ihr Schauplatz soll, wie leicht ersichtlich, Potsdam und Berlin sein. In Potsdam war das groe Cavalleriedepot der Franzosen; s. (v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg whrend der Zeit von 1806 bis 1808 I, 266.] [Funote 41: _Aber_ hat die Handschrift.] I, 1, 3. [Funote 42: Dies scheint darauf hinzuweisen, da Kleist hier etwa die Vorgnge in Stettin im Auge hatte, dessen Uebergabe an eine schwache Abtheilung franzsischer Cavallerie am 29. Oct. 1806 die Reihe schmachvoller Capitulationen der Hauptfestungen im stlichen Theile der preuischen Lande erffnete. Dagegen scheint die Niederbrennung der Vorstdte auf Kstrin oder Magdeburg zu deuten. S. v. Hpfner Krieg von 1806 und 1807 II, 326, 332.] I, 1, 4. [Funote 43: Den Nrnberger Correspondenten von 1809 habe ich nicht auftreiben knnen.] [Funote 44: Am 23. April hatte die franzsische Armee nach heftigem Kampfe Regensburg genommen. Die Hauptmasse bestand aus Baiern und Wrtembergern, denen Napoleon am 30. in einer Anrede, die der Kronprinz von Baiern verdollmetschte, diesmal die ausschlieliche Ehre des Kampfs gegen die Oesterreicher zugesprochen hatte; Europas Palingenesie II, 12, 38.] [Funote 45: Durch den Frieden von Preburg am 26. December 1805, der auf Oesterreichs Kosten Baiern, Wrtemberg und Baden vergrerte, den beiden ersten die souveraine Knigswrde zusprach, und ein deutsches Reich nicht mehr, sondern nur noch eine ^confdration Germanique^ kannte.] [Funote 46: Am 26. August 1806.] [Funote 47: Am 1. November 1806 besetzten die Franzosen Kassel. ^Vous avez cess d'exister^, sagte Napoleon in seinem 13. Blletin dem Kurfrsten.] [Funote 48: Hier ist wohl die entgegenkommende Anerkennung gemeint, die Napoleon als Konsul seit Durocs Sendung im November 1799 in Berlin fand, und die Vermittlung, welche Preuen in Folge dessen zwischen ihm und dem Kaiser Paul einzuleiten suchte. -- Erst anderthalb Jahr nach dem Tilsiter Frieden, am 5. Dezember 1808, rumten die Franzosen Berlin.] [Funote 49: Am 6. August 1806.] [Funote 50: Dazu war man sterreichischer Seits doch nicht geneigt, wohl aber wich man einem franzsischen Bndni auf Kosten Preuens aus.] [Funote 51: In Bhmen.] [Funote 52: _Vatter_ hat die Handschrift.] I, 1, 5. [Funote 53: _Gewinsel_, die Handschrift.] [Funote 54: Durch Patent vom 9. Juni 1808 wurde die Errichtung einer Landwehr zur Vertheidigung des vaterlndischen Bodens angeordnet.] I, 1, 6. [Funote 55: _auch_ -- _welchem_, die Handschrift.] [Funote 56: _vernommen_, die Handschrift.] [Funote 57: Am 7. Mai 1807 schlo Napoleon ein Bndnis mit dem Schach von Persien, dessen Gesandter zu diesem Zweck nach Elbing kam.] I, 1, 7. [Funote 58: Die Volkserhebung in Spanien begann im Mai 1808.] [Funote 59: Sachsen war dem Rheinbunde im Posener Vertrage beigetreten.] [Funote 60: Der Rheinbund vom 12. Juli 1806.] [Funote 61: Hier fehlen zwei Bltter, die den Schlu des vierten, das fnfte, sechste und den Anfang des siebenten Capitels enthielten.] [Funote 62: Fehlen abermals zwei Bltter, das zehnte, elfte und den Anfang des zwlften Capitels enthaltend.] [Funote 63: Am 9. April 1809 erhoben sich die Tiroler.] [Funote 64: Wenn man nicht annehmen will, zwischen diesem und dem folgenden Satze sei durch Schuld des Abschreibers eine Frage und eine Antwort ausgefallen, in denen der erste Grund unmittelbar angegeben wurde, und da dann erst die nhere Erluterung folgte, warum er nicht viel einbringen knne, so sind die letzten vier Stze des Capitels von dunkler Spitzfindigkeit nicht frei zu sprechen. Es wrden dann die freiwilligen Beitrge einmal als geringfgig bezeichnet werden, weil sie als Geld und Gut, dem Vaterlande und der Freiheit gegenber, an sich keinen Werth haben, und doch zugleich als ein eintrgliches Mittel, wenn die Menschen es lieber dem gnnen, von dem sie zur Freiheit gefhrt werden, als den Feinden, die ihnen das Eigenthum mit Gewalt entreien.] [Funote 65: Dies scheint ein bitterer Seitenblick auf die zurckhaltende Politik des preuischen Ministeriums, das seit Steins Abgang am 24. Nov. 1808 Dohna, Altenstein und Beyme leiteten. Es ist bekannt, wie sehr Oesterreich schon damals Preuen zum entschiedenen Handeln zu bestimmen suchte, aber auch zugleich, da Preuen schwerlich stark genug dazu war.] I, 2, 1. [Funote 66: In der Schlacht bei Aspern am 21. und 22. Mai 1809.] [Funote 67: _bewut_, die Handschrift. Der Schlu fehlt.] I, 2, 2. [Funote 68: Woher dies Citat sei, vermag ich nicht zu sagen.] [Funote 69: _sind_ fgt die Handschrift berflssig hinzu.] I, 2, 3. [Funote 70: _ist_ fgt die Handschrift hinzu.] [Funote 71: Die letzten drei Worte wiederholt die Handschrift. In Blows Abdruck, Kleists Leben und Briefe S. 254, fehlen die Worte: Alles was sie Vortreffliches fand in sich aufzunehmen gleich --.] [Funote 72: Blow liest fr Dienstleistungen Einflsterungen!] [Funote 73: Die Worte: die dem ganzen Menschengeschlecht angehrt fehlen bei Blow.] I, 5, 3. [Funote 74: Jungius, Professor am Friedrich-Wilhelms Gymnasium.] I, 5, 4. [Funote 75: Dieser Artikel von einem ungenannten Verfasser brachte eine wissenschaftlich gehaltene Widerlegung der in dem Schreiben aus Berlin I, 5, 2 ausgesprochenen Ansichten Kleists, und schlo mit einem Ausfall gegen die trgerischen Terminologien neuer und unverschmter Lehrer, die sich auf erdichtete Facta sttzen.] Berlin, Druck von Gustav Schade. Marienstrae Nr. 10. Anmerkungen zur Transkription Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ markiert. Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend beibehalten, ebenso eigentmliche Schreibweisen, die zum Teil auch noch in spteren Ausgaben zu finden sind wie zum Beispiel Pescher (Pescher), Baxer (Boxer) oder Joung (Young). Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, teilweise unter Verwendung weiterer Ausgaben, wie hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 4]: (mehrfache Flle) ... erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phoebus einen ... ... erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phbus einen ... [S. 18]: ... Ganze, sehr verschiedene Personen sprechen sich ber ... ... Ganzes, sehr verschiedene Personen sprechen sich ber ... [S. 24]: ... fnf Stcke werden Ende April oder Anfangs Mai entstanden ... ... fnf Stcke werden Ende April oder Anfang Mai entstanden ... [S. 48]: ... Wendung erhlt dieser Gedanke in der Hermannschlacht; ... ... Wendung erhlt dieser Gedanke in der Hermannsschlacht; ... [S. 53]: ... leben wollte. Nur zu Stein, Scharnharst, Gneisenau konnte ... ... leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst, Gneisenau konnte ... [S. 66]: ... halten Sie fr die Erfindung einer satanischen List, um das ... ... halten sie fr die Erfindung einer satanischen List, um das ... [S. 103]: ... Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welcher die ... ... Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welchen die ... [S. 103]: ... welches ohne Zweifel die hchste ist, die erschwungen werden ... ... welche ohne Zweifel die hchste ist, die erschwungen werden ... [S. 136]: ... elektrischer Krper, lehrt, da wenn man in der Nhe ... ... elektrischer Krper, lehrt, da wenn man in die Nhe ... [S. 144]: ... da sich in eines Menschen Hnden, zu einer beliebigen Gestalt ... ... das sich in eines Menschen Hnden, zu einer beliebigen Gestalt ... [S. 168]: ... I, 5, 2. ... ... I, 5, 3. ... [S. 168]: ... I, 5, 3. ... ... I, 5, 4. ... End of the Project Gutenberg EBook of Politische Schriften und andere Nachtrge zu seinen Werken, by Heinrich von Kleist License: Share Alike