Produced by Jens Sadowski ZARASTRO Westliche Tage von Annette Kolb 1921 S. Fischer / Verlag / Berlin 1.--5. Auflage. Alle Rechte, besonders das der bersetzung, vorbehalten. Copyright 1920 by S. Fischer Verlag, Berlin. Zarastro Dieses Buch, das auf Grund tglicher Aufzeichnungen entstand, enthlt Enttuschungen als sein Wesen. Es ist ein Tagebuch der Enttuschungen, ich verhehle es nicht. Gerade sie sind das einzig wertvolle daran. Denn an allen Erlebnissen whrend dieser Jahre, an allen Szenen, allen Ereignissen, allen Episoden hat sich die Beobachtung ergeben, da im wachsenden Umfang die besten Hoffnungen, die reinsten Zugehrigkeiten ihre dramatische Zerstrung nach sich zogen. Zu sehen, wie sie immer sehr buchstblich zuschanden kommen muten, versetzte mich erst in eine dumpfe, herabgestimmte Unruhe, und nur allmhlich entdeckte ich, da sich in allem die kleine wie die groe Hllenmaschine menschlicher Niedrigkeit gleichsam eingebaut hielt, berall, auf dieselbe Weise und mit derselben Wirkung jede edle, jede vernnftige Absicht, jede Harmonie im Keim vernichtete. Diese Gefolgschaft, dies enge Schritthalten der Bsen -- jeder Zuflligkeit bar -- zeigt sich vom Anekdotischen bis zur Entladung so konform, da es die Schicksale des einzelnen zur genauesten Replik der Weltschicksale prgt. Erster Teil. Am 1. Februar 1917 kam ich gegen Abend definitiv nach Bern. Im Zug -- am Fenster -- schlief ich zwischen Zrich und Baden auf einige Sekunden ein. Dabei rckten sich Bilder aus meiner Wohnung, aber um ein Drittel vergrert -- die sich also selbst vergrert hatten --, selbst an einer Wand zurecht. -- Trotz dieser so unvermittelt aufblitzenden Vision wurde die Mutlosigkeit, gegen die ich anzukmpfen hatte, immer drckender, und geradezu trostlos gestaltete sich meine Einfahrt in die Bahnhofhalle. Es go so recht von innen heraus, wie nur der Berner Himmel zu gieen versteht. So begibt man sich wohl ins Gefngnis, wie ich in das Haus, um dessen anheimelnder alten Stiege willen ich im zweiten Stock zwei kleine Zimmer mit einem Alkoven gemietet hatte. brigens waren sie noch nicht frei, und indessen wurde mir ein groes niedriges angewiesen, das sofort meine Abneigung erregte: bis auf einen gewaltigen Tisch von wahrhaft trstlichem Umfang. Er stand mitten in der Stube, ganz auf sich beruhend: Sieh mein gerumiges Rund, und wie gefllig es ist! Sahst du ein weiteres je? Brde nur fglich mir auf, was immer du willst. Ich schaffe noch Platz dir. Na also! So redete er, halb in Hexametern, halb wie eine alte Kindsfrau zu mir, war immer optimistisch und richtete mich auf. Das Mnster aber, das so gut anhebt und so schlecht verluft, beschattet und beherrscht den Platz, und die Aussicht hart vor meinen Fenstern ist durch ihn versperrt. Auch mein Herz schlgt hinter Riegeln. Ich bin nicht mit den Illusionen hergekommen wie das erstemal. * * * * * 4. FEBRUAR. Kalte regnerische Tage, unfroh wie die Stunde meiner Ankunft, welche Telramunds, als sei dies unvermeidlich, zuerst erfuhren. Die Lauben sind, wie es scheint, ihr Jagdrevier, denn kaum trete ich vors Haus, so schieen sie mir schon wie auf Rollschuhen der Neugierde entgegen, jedesmal mit einer Einladung zum Tee. Ich bin entschlossen, ihr nicht zu folgen, denn sie ist natrlich nur verhrsweise gedacht. Fortunio rt von einer so schroffen Haltung ab. Wir diskutieren hin und her, und ich lasse mich leider berreden. 6. FEBRUAR. Tee bei Telramunds. Ich trage meinen teuren Pelz, denn es ist kalt, dazu aber ausgebesserte Schuhe, weil es regnet. Der Empfang ist brigens von so glnzend imitierter Herzlichkeit, da er mich frs erste ganz beschmt. Wie unverkennbar ist doch im Grunde Telramunds Zuneigung fr mich! Er errtert meinen Roman in den hchsten Tnen, und wie freut sich Ortrud, mich zu sehen! Wie ungerechtfertigt ist der Name, den ich ihnen gebe! Wie funkeln Teekanne, Dose und rchaud! Wir sitzen ein wenig merkwrdig zusammen, es ist wahr! unsere sechs Knie eng aneinander gerckt: die meinen in der Mitte, wie die eines Delinquenten, von den beiden andern flankiert. Doch ist das nur zufllig vielleicht. Wenn aber drei Leute sich uerlich in so enger Gemeinschaft befinden, und zwei von ihnen werfen sich Blicke zu, so wird es der Dritte bemerken, auch ohne es zu wollen und ohne hinzusehen. Ortrud guckte wertschtzend von meinem Mantel herab auf mein Schuhwerk. Der Pelz einerseits und die Reparatur anderseits gaben zu denken. Wie aber konnten sich die beiden so vergessen, da sie pltzlich anfingen, wie mit Fliegenklappen nach mir auszuholen und sich hochbefriedigt ansahen, wenn sie glaubten, mich ertappt zu haben? Zwar lag es auf der Hand, da ein so leicht zu berfhrendes Geschpf unmglich zugleich jene raffinierte Person sein konnte, fr welche ich wute, da sie mich hielten. Aber wie resolut Leute von schlechten Instinkten jegliche hemmende Logik von sich weisen, wute ich auch. Von neuem auf der Hut, beantwortete ich jede Frage mit einem Kunstbogen; als jedoch der Name Elisabeth Rotten fiel, hielt ich krampfhaft an diesem Thema fest. Telramund konnte ihren politischen Scharfsinn nicht genug loben (spter stritt er ihn ihr ffentlich ab). So erzhlte ich denn von ihrer schwer angegriffenen Gesundheit und ihrem Wunsch nach einer Erholungsreise. Diese aber sei nur durch List und Tcke zu erreichen. Es mte also, meinte ich, mehr mitteilsam wie raffiniert, unter Vorspiegelung eines Vortrags, welchen sie dann natrlich nicht halten wrde, ein Pa fr sie erschlichen werden. Die Idee wurde stillschweigend zur Kenntnis genommen. Blicke flogen . . . und es war unverkennbar, da etwas nicht stimmte. Bin ich nach Bern gekommen, dachte ich auf dem Rckweg, um mit Leuten zu verkehren, die ich zu Hause nie ertragen htte? Das Wetter hatte sich auf einige Stunden aufgehellt, und ber der Brcke von Kirchenfeld flammten pltzlich die Alpen auf. Bla und verheiungsvoll leuchtete die losgelste Jungfrau ber das Gewlk, das sich in schwarzen Massen zu Tale schob. Wie ganz und gar nicht existierend, dachte ich da, ist doch letzten Endes das Gemeine! Nur unser trges und verwischtes Sehen leiht ihm den Schein von Wesenheit, und Leuten wie Telramunds das Gesicht. Und zwei verschwisterte Seelen hatten da einen Bund geschlossen, wie die Hlle ihn liebt. Dabei war Telramund Berliner und Ortrud, wie zum Schulexempel, eine Franzsin aus der Provinz. Ach! Welch ein Schabernack wird doch ber alle Grenzen hin mit unseren Gesetzen getrieben! Keine Feder wiegen sie auf gegen die Schleuderwaffen, ber welche schlaue Unvernunft gebietet. Wohl haben wir gelernt, Weingrten und cker zu bestellen, veredelt hngen uns die Frchte von den Bumen hernieder, und wie umsichtig, wie bewundernswert ist der Mensch angesichts seiner Felder! Nur vor sich selbst ist er stehengeblieben. Da jtet er nicht. Da steht berall goldener Weizen, von wild um sich greifendem, allgewaltigem Unkraut erstickt. Gegen die Natur, die Elemente, die Erde, ja die Luft selber schritten wir ein, nur vor uns selbst sinken uns die Arme, und wir lassen geschehen. Dies ist die bisherige Logik der Welt, der Nationen. Nicht einmal bis zu unseren Verbrecherstatistiken besannen wir uns -- wie htten wir da bis zu den Tabellen unserer verkleideten und ganz undrastischen belttern gedacht? -- * * * * * Allseitige Verstimmung. Mein Wunsch, Frulein Rottens Wunsch zu erfllen, hat schwrzesten Verdacht erregt. Ich kannte die in Bern geschaffene Atmosphre noch zu wenig, um zu verstehen. Warum in aller Welt, beschwert sich Fortunio bei mir, mischte ich mich da hinein! Welches Interesse hatte ich an dieser Reise? Und diese Idee eines Vortrags! (Sogar er, es war unverkennbar, hat Argwohn geschpft!) Nur ein Vorwand natrlich! ich sagte es ja Telramund. Fortunio zuckte die Achseln: er hat es Ihnen natrlich nicht geglaubt. Die beiden werden uns noch sprengen!, brach ich aus, alle unsere Anstrengungen hintertreiben und uns alle zu Grabe tragen. Mit Martin im Walde hatte ich ja meine Not. Die Verdchtigungen auf ihn regneten ohne Unterla. Schon whrend jenes Diners, welches Aramis bei meiner ersten Berner Ankunft gab, hatte ihn Telramund als einen Agenten mit doppeltem Schubfach bezeichnet, und Ortrud pfiff frmlich vor Hohn wie eine Maus. Da ich widersprach, fiel nur auf mich zurck. Fr einen ehemaligen Kruppdirektor also machte ich Reklame! Sprach dies nicht Bnde? Da er tatschlich seine Stellung seinen berzeugungen geopfert hatte, war ein Beweis mehr fr seine Verschlagenheit. Den Bruder kannte er. Den Bruder kenne ich! war sein Refrain. * * * * * 9. FEBRUAR. Ich miete einen Flgel: ohne Schmelz, ohne Tiefe, es ist wahr, und doch edel, weil immerhin ein Flgel. Gott sei Dank! Flgel sind jetzt sehr schwer zu kriegen! Ich bin einen ganzen halben Tag glcklich. Welches Glck! -- es ist ein Glck, das ich der Protektion eines jungen Berner Pianisten verdanke. Wir hatten ein Zusammentreffen verabredet, um in die Fabrik zu fahren. In den Lauben kam Ortrud auf mich zu und uerte den Wunsch, mich zu besuchen, und da ich ungeheuer eilig tat, begleitete sie mich, um zu sehen, ob es wirklich der junge Pianist war, der mich erwartet. Da er es wirklich war, denke ich mir, sie beruhigt sich jetzt. 10. FEBRUAR. Telramund erzhlt mit vielsagender Miene, da ich einen Flgel gemietet habe. Kein Zweifel mehr: ich bin eine Spionin. 11. FEBRUAR. Aramis gibt mir zu wissen, da er sich wundere, weil ich ihm noch kein Lebenszeichen gebe. Ich unterlie es nur, denn er ist mir sympathisch, weil mir versichert wurde, da er mir nicht mehr traue. Es sei kein Grund, sagt mir Fortunio, ihn zu schneiden. Seufzend (da er mir ja mitraut!) rufe ich ihn ans Telephon, und vor seiner Sprache, ach! wird mein zerrissenes Herz sofort wie eine Geige, in welche diese Sprache (auch die meine, ach!) hineingreift wie ein Bogen. 13. FEBRUAR. Gestern abend war ich bei Fortunio, und Martin im Walde fand sich zum ersten Male bei ihm ein. Vor dem Kriege htte ich sie nicht einander zugefhrt: Fortunio so musisch und sternengebannt, aber auch stemschnuppenhaft, Martin im Walde so schwerbltig, so problematisch und so vorbedacht! Heute aber mu alles zusammenstehen, was aufrecht blieb. Wie errichten wir sonst jene Dmme gegen die blinde Gewalt, den Schutzmauern vergleichbar, die sich so wacker gegen die Bergwnde stemmen, um zur Zeit der Schmelze die Lawinen aufzuhalten? Auch unserem Planeten stand der Frhling nahe bevor, als die Lawine sich entlud, die allen Schutt nach oben warf und eine grnende Welt und alle Glocken der Vernunft mit ihren toten Blcken und ihrem schmutzigen Gerll brllend und drhnend berzog. Jene Mauern, Lawinenschutz genannt, sind natrlich nur roh aufeinander geschichtete, jedoch wetterfeste Steine, die nichts anderes zum Ausdruck bringen, als die Not des Augenblicks, dem sie entstanden sind. So scheint mir heute, wo es den Kampf des menschlichen gegen das unmenschliche gilt, das wichtige nicht, glattes einzufgen, nicht einmal der inneren Gemeinsamkeit den Ausschlag zu lassen, sondern die Widerstandskraft und das Gewicht der Dinge zu bedenken. Doch ach! Der als Schachfigur so schwer festzulegende Fortunio war heute auf meine Opportunismen nicht gestimmt, sondern wie zum Trotz in einer ganz herausfordernden, ganz interpellierenden, ganz kontrren, um ihre eigene Wirkung ganz unbekmmerten Laune. Zu machen war da gar nichts. Im stillen nur nahm ich mir vor, auf dem Heimweg Fortunios Wesensart, welche Martin im Walde nicht gelufig war, so beweglich wie mglich zu schildern. Aber nicht einmal diese nachtrgliche Intervention sollte mir gelingen. Denn als ich auf der Stiege in die Taschen meines Mantels griff, war mein Hausschlssel nicht darin, die Nacht aber viel zu weit vorgeschritten, um meine Pension durch Glockenreien zu alarmieren. Die bermdete Fortunia, ber die Rampe gebeugt, rief mich wieder zurck. Neben dem groen Empfangsraum lag ein schmales Zimmer. Ich bezog es ohne viel Worte und warf mich mit meinen Kleidern auf den breiten Diwan, der dort stand, ganz erledigt fr den Rest der Nacht. Immer verschrfter schwebte mir die Bilanz des miratenen Abends vor und regte mich auf. Wie ungut lie sich doch alles an! Eine tiefe Stille lag jetzt ber dem ganzen Hause, den Wnden, den Fenstern und der Luft, als ob sie ein Signal erwarteten. Denn nebenan war pltzlich ein anderes Leben erwacht, eine andere Unruhe, als die des Tages, ein Rcken, Geknister, ein Gewisper, Disput und Ungeduld. -- -- Zwar ist dem Herzen kein Organ verliehen, das unsichtbare zu sehen, aber so mancher kennt gewi jenes aussetzen seines Schlages, bevor es tiefer zu horchen beginnt . . . Es fiel mir ein, da die ganze Huserreihe dieser alten Gasse fr mehr oder minder spukhaft galt; doch ein so wenig grauenhafter, hchstens malitiser, nicht einmal boshafter Spuk war mir noch nicht begegnet. Neugierde trieb mich endlich hin zur Tre, hinter der er sich begab. Aber jenseits derselben hatte augenblicklich -- als sei nie Lrm gewesen -- Totenstille eingesetzt, und die Klinke, von Tcke besessen, widerstand allem drcken, drehen und schieben. Mit schmerzenden Hnden lie ich sie los und kehrte auf meinen Diwan zurck. Alsbald war Geknister und Getusche, rcken und huschen, Unruhe, Aufregung, heiseres Eifern und Streiterei im verstrkten Grade wieder da. Offenbar wollte die Gesellschaft von mir nichts wissen und boykottierte mich. Wie aber kam es, da ich pltzlich wie unter freiem Himmel lag und den Arm aufsttzte, als schirmten mich die Zweige eines Baumes, und als horchte ich statt zur Seite hin, tief unter die Erde hinab? Was immer mir jetzt in den Sinn kam, bot sich wie eine Zwiesprache dar. Dem Nixenbegriff lag wohl eine tiefe Erkenntnis zugrunde. Wie diesseits des Menschengeschlechtes, so sind aber auch jenseits desselben Geschpfe Gottes denkbar, die an der entgegengesetzten Peripherie des Lebens beschattet stehen und hinausgerckt; und winzige, kaum bemerkbare Dinge knnten es sein, die ihnen ein leises Grauen vor ihrem eigenen Wesen entgegenhauchen: ihr unakkurater Sinn fr Wirklichkeiten, ihr vorwegnehmen des Zieles ber Hindernisse hinweg, ist wie ein gestrter Sehwinkel oder wie ein verkrzter Fu, den solche Menschen durchs Leben ziehen, und sie erschauern, verzagen und vereinsamen bis ins Mark, wenn sie daran erinnert werden. ber die fernest abliegenden Dinge dachte ich hin und her. Aber warum in aller Welt berkam mich ein Heimweh nach dieser verschlossenen Tr, und um was fr Dinge war mir denn leid? Du lieber Gott, wollte ich denn von allem haben! Der ganze tumultarische Betrieb setzte brigens mit einer spurlosen Pltzlichkeit aus, als htte er nie geherrscht. Nur eins war deutlich: durch die Tre verzog er sich nicht. Es kam etwas anderes: aus dem unteren, nachts unbewohnten Stockwerk drangen sanfte Trommelwirbel, oh, so deutlich zu mir, und dann ertnten gedmpft, aber klangvoll, tamponierte Posaunen. Und dann kam das huschen und fegen eines Kleides, das schleifen einer Schleppe, ja! im Takt dieser erstickten Musik. Ich horchte mit allen Fasern. So fein, so spttisch, so leicht! oh! in der Tat geistreich war der Rhythmus dieses pas-de-deux, waren die Fe, die Grazie, die Unkrperlichkeit dieses balancierenden Krpers im Klang der wonnig umhllten Posaunchen. Tod und Leben in lchelnder Umarmung -- Leben noch im Tode? Liebe selbst bei ihm? -- Was verfing sich da eine Uhr, mit vier groben Schlgen in den Zauber hineinzufahren? Nichts rhrte sich mehr. Im Augenblicke alles lngst verflogen und verweht -- welchem Sterne, welcher Nacht entgegen? Nunmehr versank die Dunkelheit in ihrer eigenen Stille, und der Schlaf atmete mir jetzt -- als kme er von auen -- seltsam genug! -- mit weiten Flgeln entgegen. Ich fhlte noch den Wunsch, mich ihm ganz zu berlassen, aber da er mich dahintrug, schon nicht mehr. Gespannten, wachen Sinnes stand ich in der Mitte eines Saales -- nicht wissend, da ich schlief. Die Wnde lagen im Zwielicht, und ein paar Leute saen dort als Zuschauer herum. Ich fragte mich, was es zu sehen gab und merkte dann erst, da ich es war, welche nun tanzte. Die Rhythmen nmlich, nach welchen ich mich drehte, geschahen, ohne zu verlauten, als stnden hier die Gesetze am Anfang aller Musik, noch ehe, oder ohne da sie sich vertonten. Dabei geboten sie mit so wunderbarer und zwingender Macht, da es unmglich war, ihnen nicht zu folgen, und unwiderstehlich kreiste ich dahin. Mit einem Male hrte ich Fortunios Stimme von der Wand herber auf franzsisch sagen: Comme elle danse bien! aber sehen konnte man ihn nicht, denn der Saal war nur in der Mitte hell. Pourquoi dites-vous que je danse bien? rief ich tanzend zurck. Und tanzte dahin, denn es gab nichts anderes mehr. Nur den Tanz. Ganz allein nur ihn; ohne innehalten, ohne Unterla, den Tanz allein in diesem Raume, der aufgehrt hatte, ein Saal zu sein, denn seine Wnde traten ins Endlose zurck. Nur allmhlich merkte ich, da sich jemand zu mir gesellt hatte und mich hielt und mit mir tanzte. Es kmmerte mich nicht. Die Erfllung war zu tief, meine Augendeckel zu schwer, sie aufzuschlagen die Mhe zu gro! In den Rhythmen lag alle Wonne. Und sie gebaren ohne bergang eine neue Phase, denn halb abwesend, halb aufmerksam sah ich nun doch meinem Tnzer gro ins Gesicht: matt von Farbe, mit schwarzem, glattanliegendem Haar war er mir gnzlich unbekannt und zugleich vollkommen vertraut; der sehr edle Umri von Kopf und Schultern so geschlossen, da er fast ausschlo, was er nicht selber war, fast negierte, was er nicht kannte. Was dnkte mir daran so fremd und so verwandt zugleich? Die Melodie einer Rasse, der ich entstammte, und doch nicht mehr die meine? von ihr hinausgerckt? verabschiedet von ihr? wiederum der Boykott? Gleichviel! wir tanzten. Eines Schrittes! Diese Zeitmae kannten keine Zeit. So mgen Sterne kreisen. Aber auch was ich dachte, war nicht mehr aus seiner Bahn zu drngen: aus reinstem Lateinertum setzten sich die Elemente dieses Tnzers zusammen. Nicht das Gesicht eines bestimmten Menschen sah mich da an. Nicht dieses oder jenes -- was dann? Das Sinnbild einer Rasse war zu mir hingetreten und tanzte mit mir. Jetzt wute ich's! -- Aber die Entdeckung sprengte die Fesseln des Traumes: Ich lag auf dem Diwan gerade ausgestreckt, vor mir das Fenster, in dessen Scheiben sich von der Strae herauf der Reflex einer Laterne fing. Aber gleich darauf stand ich auf den Fen. Noch nie so hoch aufgerichtet gewi! Die Trklinke drehte sich lautlos und glatt, wie gelt. Aber die Klte der Frhluft nach der Hitze der Nacht hatte vielleicht die Wandlung besorgt. Ich schlich durch den Gang, die Stiege hinab und lie mich zum Tore hinaus. Ins Freie! Hinter den Scheiben leuchtete hie und da schon ein Licht aus den Lauben hervor. Im Hause, in dem ich wohnte, war eine Bckerei. Unbemerkt kam ich in mein Zimmer. Es tagte noch nicht. Nach oben unkenntlich stand das Mnster vor meinen Fenstern aufgerichtet, viel schner und gewaltiger so, als mit dem bel verlaufenden Turm. Wie schien aber dies alles eine Wirklichkeit zweiten Ranges, sozusagen, wenn ich sie mit jener verglich, die mich in dieser Nacht umgab. Ich wute zur Stunde mit der letzten Sicherheit, da mein Traum sich erfllen wrde. Die beiden Rassen, die heute zu vereinigen solches Elend, solche Zerrissenheit bedeutet, werden eines Tages, allen Hllenhunden zum Trotz, das Glck der Welt durch ihren Bund begrnden. Ach! Danach darf man nicht fragen, ob man selbst lngst ein Schatten sein wird, wenn diese Dinge sich ereignen. Nur Mut, mein Herz! rief ich mir an diesem Morgen fters zu, denn mit seinem fahlen Licht wuchsen die blichen Ernchterungen an. Gegen Mittag kaufte ich Blumen und whlte Kuchen mit Bedacht, denn um vier erwartete ich Monsieur Aramis zum Tee. Nicht ohne Bangigkeit. Seinen ersten gnstigen Eindruck hatte ihm ja Telramund grndlich auszureden verstanden. Als er in meine niedere Stube trat und mir die Hand entgegenstreckte und mich ansah, wurde es mir wieder fhlbar. Das Echo der Worte: Sie lgt! sie lgt!, die er von jener Seite unausgesetzt vernahm, war zu eindringlich, um mir zu entgehen. Da die unteren Zimmer nun endlich frei werden und mein Flgel sogar schon unten steht, interessiert ihn gar nicht; wen ich in Deutschland gesehen habe, um so mehr. Die Grenze hatte ich gerade am Vorabend des Tages berschritten, an welchem der verschrfte Unterseebootkrieg verkndet wurde; als diese Nachricht alle Anschlagmauern verfinsterte, wre ich am liebsten umgekehrt, denn jetzt lag doch alles in Scherben. Une btise capitale, sagte er, et qui fait bien notre affaire. Nichts mehr von Klavier! Ich mchte mich gar nicht mehr mit Politik befassen, sage ich, und lese: Sie lgt! sie lgt! in seinen Augen. Er blieb lange, sprach jedoch nur wenig und hrte zu. Ich dagegen redete die ganze Zeit, hemmungslos und aufs Geratewohl. Es berzeugte ihn auch dieses keineswegs. Sie lgt! sie lgt! blieb das Echo, das zwischen dem Vertrauen, welches er instinktiv zu mir gefat hatte, und den Dingen hallte, die er ber mich hrt. Kaum ist er gegangen, so erscheint Fortunio auf dem Plan, gespannt zu hren, wie der Besuch verlief. Ich komme ihm jedoch zuvor: Wenn Aramis mir mitraut, so mitraue ich seiner Menschenkenntnis. Es ist zu leicht, mich zu durchschauen, als da es erlaubt sein drfte, mich zu verkennen. Ich bin so eindeutig wie ein Pferd. Seine Gangart ist unmiverstndlich genug! Sie sind aber kein Pferd, sagte Fortunio, und gerade Ihre Eindeutigkeit ist mit Ihrer sonstigen Art nicht so ohne weiteres in Einklang zu bringen. Da er dabei eine so bedenkliche Miene beibehielt, ri an meinen ohnedies zerzupften Nerven. Er erinnerte mich allzusehr an einen Schreibtisch, der, mit groen und kleinen, inneren und ueren, ja sogar mit geheimen Schubfchern ausgestattet, fr mich aber nur eine einzige Lade offen hielt. Ich fhlte mich pltzlich tdlich gekrnkt. Und womit hlt er heute zurck? Auch er, auch er! sage ich mir. Ihr Roman kursiert jetzt in Bern, geruhte er mitzuteilen. Um so besser. Zeit wr's, da hier das rechte Licht ber mich aufgeht. Leider nein, sagte Fortunio. Das Buch schadet Ihnen. Schadet mir!? Ich htte es auch nicht gedacht. Aber die groe Zielbewutheit, welche Sie Ihrer Heldin einverleiben . . . Aber gerade die Natur dieser Zielbewutheit . . . unterbrach ich ihn. Gewi, man sollte glauben . . . Hren Sie, das ist nicht mglich! Und in hchster Ungeduld ri ich an allen Schubladen zugleich. Ich selbst, machte nun Fortunio mich vertraut, habe die Leute auf das Buch hingewiesen. Ich glaubte, Ihnen nicht besser dienen zu knnen. Es ist nicht mglich, da Aramis sich verdreht dazu stellt, rief ich wieder. Es kann nicht sein! Fortunio zuckte die Achseln. Aber sogar Telramund, dieser Gruel, lobte es ber den Klee. Er schwieg. Es entstand eine Pause. Das ist furchtbar, sagte ich. Es geht also um ein Duell zwischen mir und diesen Leuten. Sie sind so ungeduldig! Die Dinge wollen ihre Zeit. Letzten Endes ist es immer die gute Gesinnung, welche triumphiert. Oh! letzten Endes, wehrte ich ab. Da meine Grabrede besser ausfallen wird, glaube ich ohne weiteres. Mais d'ici l . . . Fortunio wollte mich berreden, mit ihm auszugehen, doch ich blieb zurck. Was ich ihm dabei nicht verriet, war meine Absicht, im Laufe des Abends nach Martin im Walde zu sehen; denn mir lag das gestrige Zusammensein, dem Fortunio keinen Gedanken mehr schenkte, schwer im Gedchtnis. Frs erste war meine Niedergeschlagenheit zu gro, um nicht allein mit ihr zu bleiben. Die Tatsache, da in Ermangelung anderen Beweismaterials nun gar mein Roman als Belastung herhalten sollte, war insofern der comble, als sich ja dann, auf diesem krzesten Wege, so ziemlich alles auf den Kopf stellen lie. Gegen solche Waffen war jedenfalls nicht aufzukommen. Sie waren zu alt erprobt. Ich hatte zuviel erfahren. Ich wute zu viel. Oh Fortunio! es ist dir nicht bekannt, warum ich lebe. Wie ein nach Sden schauendes Ufer fngst du die Sonne auf; wie eine nach Norden aufgerichtete Mauer stehe ich zu ihr. Von allen Menschen weg, dachte ich da, und zur Sonne hin! Angebetete Sonne! Ohne dich zu sein! Beseelt, doch unbeseligt steht mein Haus. Wo du undeutlich werden und verflimmern lt, wo du begnstigest, ja, wo du lgst, hast du doch immer recht, und nichts bestnde vor deiner Glorie. Es hatte lngst durch alle Stockwerke gegongt, doch ich blieb wie ein Wetterwinkel am Fenster haften, jenen Bergkuppen vergleichbar am Rande des Tals, die alle Wolken an sich ziehen; so schien auch ich alle Dsterkeiten heranzulocken. Und es gab dann nur zwei Mglichkeiten, um dagegen aufzukommen: entweder die Arbeit, die auch wirklich die Atmosphre lutert, oder der Umgang mit Menschen: ein Notbehelf nur, welcher zwar, wie der im Unwetter aufgespannte Schirm die rgsten Gsse von uns abhlt, an der Witterung aber nicht das geringste ndert. Augenblicklich war mir jedoch der Mut so gnzlich ausgepustet, da ich mich pltzlich im Sturmschritt zu Martin im Walde aufmachte, sehr in Sorge sogar, ihn zu verfehlen. Ja, die Sorge steigerte sich zur Angst, so windschief stand es um mich. Aber die Herrschaften lieen, Gott sei's gelobt und gedankt, bitten, und ich jagte die Treppe zu ihnen hinauf. Die Stimmung, welche dort betreffs der gestrigen Fete herrschte, war natrlich schlecht. Mit sehr unerwarteter Schauspielkunst gab Martin im Walde alle Figuranten des Abends in einer Person zum besten, wobei er die ihm zugewiesene Rolle gar grimmig unterstrich. Ich lachte frs erste aus vollem Halse, wenn auch mit recht halbem Herzen, brachte dann alle meine Gltt- und Bgelknste zur Anwendung, zog meine Dschen, Flschchen und Beruhigungstropfen hervor, mute mir aber dabei sagen, da hier wieder einmal ein wnschenswerter Zusammenschlu vorbeigeglckt war. 14. FEBRUAR. Ich kann erst morgen die unteren Zimmer beziehen: ein hbscher alter Sekretr, ein altmodisches Sofa und ein schnes Tischchen kommen mit mir. Auch die Kiste mit meinen Sachen ist eingetroffen. Als ich nachmittags die Lauben hinunterging und an die Zimmer dachte, wie sie mit ein paar indischen Schals, der schier vergessenen blauen Seidendecke und ein paar Bildern am besten auszustaffieren wren, lchelten pltzlich von rechts Telramund, von links Ortrud auf mich ein: Wohin des Wegs? Nach Hause, war meine erschrockene Antwort. Wie sich das trifft! Wir sind gerade auf dem Weg zu Ihnen. Das ist ja reizend, rief ich entsetzt. Leider bin ich mitten im Umzug und darf Sie nicht heraufbemhen. Das macht uns gar nichts! Wenn wir Sie nicht stren. Im Gegenteil. Kommen Sie nur. War es nicht besser, die kamen noch in meine alte Stube, als da sie mit ihren malocchios meine neuen Rume behexten? Nur herauf, Ihr beiden! es ist das letztemal. Und die Treppe voransteigend, fhrte ich sie zu mir. Dort stand der altvterische Tisch, der mich beschtzte und nicht mit mir ziehen wrde. Wir nahmen Platz. Aramis war gestern bei Ihnen, sagte Telramund. Er hat es uns erzhlt. Warum auch? dachte ich. Er wird immer launischer, bemerkte Ortrud. Launisch? Haben Sie das noch nicht herausgefunden? fragte Telramund und heckelte ihn eine Weile durch. Im Grunde, klang es fast drohend von diesen Berliner Lippen, ist er ein ganz germanophiler Bursche. Ich go Tee ein und erwiderte nichts. Aber mir wurde bang und bnger ber das Gesprch. Da die beiden es wagten, vor mir, die selbst obenan und mit so fetten Lettern auf ihrer Proskriptionsliste stand, derart rckhaltlos Leute auszurichten, mit welchen sie scheinbar die besten Beziehungen unterhielten, war das nicht ein Beweis fr die Rckversicherungen, deren sie sich versehen hatten? Und wie weit mochten diese gehen? Und woher wute -- von allen Deckungen abgesehen -- dies im wiedererzhlen so blitzschnelle Paar, da sich unsere usancen voneinander unterschieden? War es die starke Gegenwrtigkeit des wuchtigen Tisches, um den wir saen, und der wohl einst am Waldesrand Jahrhunderte hindurch als mchtiger Baum -- wissend und weise -- in rauschender Verschwiegenheit sein Gezweige ausbreitete -- oder welch berspringender Funke war es nur, der mir da mit der unbewiesenen und doch stahlharten Sicherheit intuitiver Erkenntnis die Tatsache enthllte, da die Niedertrchtigen, aus ihrer, mit Selbsterhaltungstrieb gepaarten Verdorbenheit heraus, die Menschen, welche guten Willens sind, ungleich deutlicher erkennen, als diese sich unter sich durchschauen. Fortunio, von Martin im Walde nicht zu reden, kannte mich nicht entfernt so gut wie diese zwei: welche Waffen ich gegen sie anwenden und welche nicht, ihnen war es nicht zweifelhaft, und fr sie war ich wie durchsichtiges Glas. Indem sie mich haten, wuten sie sogar, da ich nicht ihrer Person, sondern ihrer Schlechtigkeit den Ha vergalt, und wenn meine hiesigen neuen Freunde vielleicht in ihrem Urteil ber mich noch schwankten, diese meine erbittertsten Feinde werteten mich nach Verdienst. Dies war der Grund, warum sie mich verfolgten. Wer in der Tat stand einander im Wege, wenn nicht wir? Soweit ich zurckdenken konnte, und lange ehe er ausbrach, dieser elende Krieg, und dann wieder vom Tage seines Bestehens an, war ich fr einen Frieden um jeden Preis. Mich interessierte, noch freute kein einziger Sieg. Nur dem Frieden gnnte ich den Sieg ber eine so schmhliche Niederlage wie diesen Krieg. Fr dieses Paar jedoch waren Vershnung und Verstndigung zwei Dinge, deren Mglichkeit sie mit allen Mitteln zu hintertreiben entschlossen waren. Dafr lebte es. Wehe dem Franzosen, der kein Jusqu'auboutiste war. Er hatte allen Grund, vor diesem deutschen Telramund zu zittern, und wenn nur der letzte Deutsche verblich, durfte fr diese franzsische Ortrud der vorletzte Franzose unbesehen verbluten. Denn die Saite, auf welche sie beide gestimmt waren, ihr Element war der Ha. In welcher Tropenluft aber lebten wir heute, da die Gemter sich mit solcher Fieberhitze entfalten oder zersetzen durften? Nie hat Gelegenheit rgere Diebe gemacht. Hier war Telramund -- vor dem Kriege ein rnkespinnendes, sonst aber vielleicht ganz traitables Mnnchen -- zum professionellen Verleumder und Verrter entartet, und Ortrud, einstens eine gehssige Klatschbase und weiter nichts, nunmehr zur angriffswtigen Ratte, zur erbarmungslosen Menschenfresserin von Hokusai. Mit solchen Wesen aber paktierte, tergiversierte, lavierte man. Und zu denken (dachte ich), da doch sonst so viele Schutz- und Trutzverbnde bestehen. Der Adel, die Juden, die rzte, Arbeiter, Bcker, Schneider und Hoteliers, alle bilden sie ihre geschlossenen Gilden und Vereine. Und nur ausgerechnet die Menschen, die guten Willens sind, sie allein, die berall verstreuten und ausgelieferten, setzten sich noch nicht zur Wehr, berieten und versammelten sich noch nicht. Ihr Klub ist der einzige, der noch nicht zustande kam, ihre Statuten, ihre Geschlossenheit, ihre Einigung, welche doch gleichbedeutend wre mit ihrer Vorherrschaft, ber alle Grenzen hin. Denn nichts scheut ja das Geschmeie so sehr wie seinen Namen und ihren Boykott. Nicht uerste Vorsicht (die ntzte gar nichts!), sondern schroffste Ablehnung war Telramund gegenber am Platze. Aus jedem Wort, das ich sagte oder zu erwidern unterlie, wurden jetzt handfeste Stricke wider mich gedreht. Solche Leute zu kennen, sie zu sehen, _dies_ war der kapitale Fehler. Ortrud kam immer wieder auf meinen Flgel zu sprechen, und als sie sich zum Gehen anschickte, bezeigte sie eine Neugierde, ihn zu besichtigen, als handelte es sich um einen neuentdeckten Raffael. Der Gedanke aber, da die beiden als die ersten meine unteren Zimmer betreten sollten, bevor ich sie noch bezog, versetzte mich in eine so aberglubische Verwirrung, da ich die Treppe hinablief, um sie daran zu hindern. Allein die Tren standen offen, und ehe ich sie schlieen konnte, hatten Telramunds meine Schwelle berschritten und waren meine ersten Besucher gewesen. Abends bei A. H. Pax. Ich rgere mich ber Bemerkungen, die dort fallen: Brcke von Kirchenfeld; die msse ich doch kennen. Was ist das nun wieder? 18. FEBRUAR. Meine Wohnung ist ursprnglich ein groes Zimmer mit Alkoven gewesen und nun durch eine eingebaute Wand so unwirsch in zwei geschnitten, da sich das Auge an den falschen Massen immerwhrend stt. Aber die Farben bringen einen gewissen Trost, eine Suleikaportiere, indisch mit scharlachrotem Rand, fhrt in ein drittes vorgebliches Gemach, und der Flgel macht sich ausgezeichnet. * * * * * Besuch der Mi Annie A. Wir hatten uns seit dem Kriege nicht mehr gesehen. Sie ist mtterlicherseits deutsch wie ich franzsisch, vterlicherseits englisch wie ich deutsch. Nur ist sie nebenbei auch ein Engel von Gte, und das bin ich nicht. Doch ach! andere werden schon mit mir bemerkt haben, da gerade solche Engel von Gte es so oft nicht ber sich bringen, die Vortrefflichkeit derjenigen anzuzweifeln, deren Instanz sie zunchst unterstehen, ja die es fr eine Perfidie halten wrden, ihren eigenen Zeitungen und eigenen Machthabern nicht zu glauben. Wer kennt sie nicht, diese Engel von Gte, mit ihren they say, ihren man sagt, ihren on dit und ihren si dice. Unbesehen ist fr sie der Teufel berall nur drben. Mein Deutschtum ist tot in mir, sagte sie. Auch Sie sollten sich entscheiden. Dasselbe Ansinnen, nur umgekehrt natrlich, war mir in Deutschland zu oft gemacht worden, und ich war in solchen Dingen sehr abgebrht. Was brauchen mich die Franzosen, seufzte ich, die ganze Welt steht ja auf ihrer Seite. Da sie mich traurig sah, schaute sie mich betrbt mit ihren guten und veilchenblauen Augen an. I thank God on my knees, brach sie dann aus, that I am English. Auch die Variationen _dieser_ Formel waren mir vertraut. Und ich konnte nicht umhin, ihr von den Halbenglnderinnen zu erzhlen, die in Deutschland unter die Patriotinnen gegangen waren, von Marie von B . . ., die mich wie keine andere deutsche Frau in den deutschen Blttern verri, und von jener jungen englischen Gouvernante in Mnchen, die ich in Trnen fand, weil ihre, an einen norddeutschen Offizier verheiratete Schwester soeben, anllich eines Luftangriffes auf London, von den Zeppelinen als von our glorious zeps geschrieben hatte. Aber kaum hatte ich meine Pfeile abgeschossen, so war mir's schon leid. Unser Wiedersehen fand also nur statt, um uns unsere Trennung nur um so fhlbarer zu machen. Nichts ist mehr, wie es war! rufe ich aus, indem ich sie in meine Arme schliee. Denn sie ist ein Engel. * * * * * Bevor Annie A. . . mich gestern verlie, zog sie ein Fnffrankenstck hervor, das sie mir im Auftrage der Frstin Patschouli, einer gemeinsamen rumnischen Bekannten, einhndigte, welche vorgab, es mir zu schulden. Dieser so kurzerhand beim Schopf gefate Annherungsversuch war zum mindesten originell. Ich machte ein sauberes Pckchen aus dem Geldstck, bedankte mich fr die schne Gabe und bat um die Erlaubnis, ihr ein ebensolches Gegengeschenk machen zu drfen. Daraufhin schlug sie per Telephon die Brcke zu mir und lobte einen schwarzen Kaffee, den sie selber braue. Bonjour, je vous attends! und damit hing sie das Hrrohr aus. Ich wute in der Tat nicht, was erfrischender war, ihr Kaffee oder sie selbst in ihrer herzstrkenden und vorgefaten Oberflchlichkeit. Die Frstin, deren Rcke unten zusammengebunden schienen, ging mit kurzen und kleinen, aber heftigen Schritten, war braun wie ein Maikfer, die auffallendste Erscheinung von ganz Bern, brsk, witzig und ohne Stachel. Da sie eine Villa in Tegernsee und Freunde in Mnchen hatte, war sie im Grunde germanophil, jedenfalls bayernfreundlich, und stand auerdem stark unter dem Eindruck der deutschen Siege. Je suis l'amie des bons jours, erklrte sie. * * * * * 25. FEBRUAR. Zwar scheint die Sonne hin und wieder, und die Zauberwand der Berge stellt sich dann strahlend auf, doch das Licht bleibt sprde. Nie trumt dieser kalte Himmel dahin, nie ermatten die Reflexe; stets rufen sie: gedenk! und nie: vergi! und ewige Gegenwart ist die Fanfare. Oder liegt es an mir? -- Mein gutestes Frulein, sagte mir einmal ein dickgebliebener Berliner Aufsichtsrat, wer sagt Ihnen, da nicht am Ende mit dem Frieden so bunte Zeiten kommen, da wir uns nach den Kriegszeiten zurcksehnen werden --, bis auf die Schlachten natrlich, hing er mit einer Handbewegung an, als wren sie ein Detail. * * * * * ENDE FEBRUAR. Die Tage haben soviel widerwrtiges gebracht, da mir das Schreiben verging. Man sollte hier mit seiner Aufenthaltsbewilligung zugleich ein Vorhngeschlo wie Papageno erhalten; statt dessen wird einem ein Nessushemd bergeworfen. Schreckliche Ste mit Fortunio, schwere Havarie mit Martin im Walde. Telramund, dessen Hochfen alle in Betrieb stehen, erstattete ihm einen formellen Besuch und brachte ihm zugleich mit dem Ausdruck seiner Hochachtung sein Bedauern vor, durch mich und meine Darstellungen ein so falsches Bild von seinem Charakter gewonnen zu haben. Halb lachend wird es mir erzhlt. Ich mache ihm Vorwrfe, da er den Mann vorlt. Ihnen danke ich ja die angenehme Bekanntschaft. Das war im Herbst, sage ich, wo man noch glauben durfte, es stecke vielleicht doch etwas Gutes in ihm, an das man sich halten knne. Heute drfen Sie keinen Umgang mehr mit ihm pflegen. Einem Glcksfall, der allen Glanz eines Hintertreppenklatsches trgt, danke ich es im brigen, da von dieser Seite wenigstens Fortunio nicht mehr irre an mir werden kann: er sa mit einem Freunde, als Telramund sich zu ihm gesellte und uerungen wiederholte, die er von mir vernommen haben wollte. Und nun sehen Sie, schlo er, wie sie lgt, zahlte sein Schppchen und ging. Aber in der Eile, mir zu schaden, bersah er, da Fortunios Freund zufllig Zeuge gewesen war, wie ich jene Worte nicht nur nicht gesagt, sondern heftig dagegen protestiert hatte, als sie vor mir fielen. Dies also wre, gottlob, besorgt. * * * * * Es ist gewi nur recht und billig, da auch die berlebenden heute auf der Verlustliste stehen. Wie man dem Kranken, der nicht teilnehmen kann an dem Treiben der Gesunden, gerne darauf hinweist, wenn es drauen strmt und die Fugnger gegen Frost und Wind ankmpfen, whrend er in der geschtzten Stube liegt, so mchte man heute denen, welche fallen, nachrufen: Ihr habt nichts verloren! Ich schreibe der Knigin im Auftrage ihrer Mutter, die seit Monaten ohne Nachricht von ihr ist. Die Idee des Knigtums ist gewi nur deshalb in Diskredit geraten, weil ein verrohter, subalterner Mensch oder auch ein, Idiot hchst widersinnigerweise zum Herrscher avancieren konnte. Wegen meiner Ansichten werde ich hier viel ausgelacht. Aber wie wrden sie erst lachen, wenn sie wten, wie gern ich selbst regieren mchte. Da wrde man doch was Richtiges erleben! Kein mittelmiger Knstler kme bei mir hoch, welche Unsummen aber flssen den andern zu; kein Lmpchen liee ich mir je als ein Lumen aufschwtzen, also auch kein Talent, das sich zum Genie aufblasen mchte. Herr Pfitzner bewrbe sich also vergebens um eine Dirigentenstelle an meinem Theater, und gar Herr Weingartner, welcher die Wiener Philharmonie herunterbrachte, wage es nicht, vor mich zu treten. Ich verarge es heute noch der Pariser Kritik, welche ihn seinerzeit un jeune dieu genannt hat. Denn nie hatten die Gtter das Geringste mit ihm zu tun. Ach, und was fr schne Huser ich erbauen, was fr Grten ich anlegen liee! was fr prachtvolle Katzen wrden meine Marmorbrunnen entlang schweifen! Doch genug ber meine Herrscherzeit. ber Weingartner, dessen berschtzung ich der Pariser Presse verdenke, fllt mir die uerung ein, die krzlich ein Pariser, den ich nicht nennen werde, einem Deutschen gegenber, dessen Namen ich gleichfalls unterschlage, gefllt hat: il y a une chose, monsieur, que nous ne vous pardonnerons jamais, c'est de nous avoir forcs d'aimer les Belges. * * * * * Den Abend bei A. H. Pax verbracht. Bei ihm kann man sagen, was einem gerade einfllt, ohne Gefahr zu laufen, da es entstellt in alle Winde hinauswirbelt. Dieser Vorkmpfer des Friedensgedankens, der mit so feierlichem Ernst seine Stimme zu erheben wei, ist bei strengster Sachlichkeit der gemtlichste Mann der Welt, in dessen Atmosphre man sein bichen Humor und sein verlorenes Lachen auf Augenblicke rettet. Gestern sprach er zwar tief entmutigt ber die vollkommene Unmglichkeit, gegen den so geschickt angerichteten, so eiferschtig gehegten und drinnen und drauen immer neu genhrten Wirrwarr in den Kpfen der allermeisten Deutschen auch nur das geringste auszurichten. Pltzlich tauchte ein Nachmittag in Mnchen aus dem Sommer 1916, ein schattiger Garten, ein gedeckter Tisch, zwei Damen, die davor saen, vor mir auf, und wie eine phonographische Platte spielte sich in hemmungslosem Bayrisch ein halbvergessenes Gesprch so getreulich in mir ab, da ich mit einem Male alle Rollen in einer Person herunterspielte. Wir brachen alle in ein schier trostloses Gelchter aus. Waren nicht ganze Generationen mit allen brauchbaren Argumenten des Scheins in ein Wirrsal gelockt, dessen Dunkel den Tag derer ausmachte, die es unterhielten, so da sie jede anbrechende Helle augenblicklich verscheuchten? Und muten nicht fast alle Gehirne vermodern, ohne zu erfahren, was denn eigentlich los ist? Mit so teuflischem Geschick sind alle Ausgnge der Lgenburg zementiert, in welcher sie sich narren lieen. Unschuldig Betrte. War es nicht berall so? Unter den Tagebchern, welche an den deutschen Gefallenen vorgefunden wurden, erzhlte neulich Abigail von der agence, seien manche sehr schne zum Vorschein gekommen. Warum verffentlicht Ihr diese nicht auch? rief ich. Nous n'avons sagte er, qu' nous occuper des atrocits. * * * * * Dafr, da ich so viele Dinge nicht verstehe, werde ich mit den paar Gedanken, die mir im Kopfe sitzen, viele Jahre nach meinem Tode wahrscheinlich recht behalten, so zum Beispiel mit meiner Skepsis betreffs der Demokratie. Aber natrlich ist es fr andere rgerlich, das, was immer sie mich lehren, und was immer ich lerne, gerade nur eben jene paar berzeugungen weiter ausbaut und nur ihnen zugute kommt. Jede Erkenntnis geht nun einmal bei mir auf Kosten einer ganz exemplarischen Unbegabtheit. Es mte einer blind sein natrlich, um an den Sozialismus und seine Unerllichkeit nicht zu glauben. Aber in Wirklichkeit ist heute keiner sozialistischer geworden, als er es von je gewesen ist. Es scheint nur so. Machen wir uns nichts vor. Wir haben uns den Sozialismus eingebrockt. Dank unserer Verkehrtheit nur ist er die einzig richtige Parole. Er ist kein Ziel, sondern ein Weg. Keine andere Brcke ist stark genug, uns aus unserer bauflligen Welt zu den neuen Ufern hinzutragen, wo die neuen Autokratien auf ganz neuer Basis sich erheben werden. Nur durch den Sozialismus, dieser fausse sortie aus einer Welt der Standesunterschiede, kommen wir zu einer neuen Welt der Standesunterschiede, der Herrenkaste und der Knechteschar. Fr diesen Glauben will ich mich gerne kpfen lassen, denn gekpft, sagen die andern, werde ich ja doch, entweder von rechts oder von links. Mittlerweile bin ich viel zuviel unter Menschen. Es geschieht aus Trgheit und einer Art von Furcht. Denn bin ich nicht zufriedener allein und so viel weniger allein, wenn ich allein bin? Fllt sich dann nicht die Luft mit Geistern guter und hilfreicher Art? Und bin ich dann nicht umgeben? 28. FEBRUAR. Forsell als Don Juan: der Tod als Objekt der Kunst. Forsell ruft ihn und mit sich mit ihm. Gewi ist der Tod nur was wir aus ihm machen: der grte Individualist frwahr! Welche Feigheit jagt mich so oft von mir selber fort zu den Menschen hin, oder hlt mich ab, mich ihnen zu entziehen? Ist es das grauschleichende Verzagen vor jener eisigen Verlassenheit, in die wir eingehen werden? Hinter dem ganzen Geselligkeitstrieb der Menschen steckt ja viel mehr Todesangst, als man glaubt. Die einen frchten sich vor dem Sterben, die andern vor dem Gestorbensein; auf dieses, nicht auf jenes gilt es, sich zu bereiten. 3. MRZ. Ich fahre nach Lausanne und gehe dann nach Ouchy hinab, eine Bekannte aus Mnchen zu besuchen. Beiend kalter Wind. Wir besprechen die letzte Affre. Das Schreckliche ist, da immer alles aufkommt bei uns, uerte sie. So ein Pech! Im brigen sagte mein guter Vater immer: In der Politik gibt es keine Moral; qui la faute, wenn die Deutschen dies fr ein unabnderliches Weltgesetz halten, so feststehend wie Tag und Nacht und die vier Jahreszeiten? gewi an ihrer Gedankenlosigkeit, aber gewi noch mehr an den Vorbildern, welche sie haben. In der Politik gibt es keine Moral. Sie sagen es wie: Ehre Vater und Mutter, oder: Du sollst nicht stehlen. Ihre Fantasie liegt ja nicht auf diesem Gebiet. 8. MRZ. Besuch des sozialistischen Reichstagsabgeordneten W. H. Er ist gegen den Unterseebootkrieg. Ich glaube, da er unter dem Krieg leidet. Aber was mich an diesen Sozialisten so furchtbar erbittert, ist die Preisgabe des deutschen Volkes, auf das sie sich berufen, indem sie vorgeben, diese oder jene Konzession an die Gegner ihm nicht zumuten zu knnen. Vor August 1914 gab es kein friedfertigeres auf der Welt: wie die Posaune des letzten Gerichtes erscholl ihm der Schlachtenruf; es stand auf, und von da ab glaubte es alles. Wre es unglcklicher und beunruhigter gewesen, man htte es weniger leichtglubig gesehen. Aber weil es sich belgen lie, sollte es nicht auch noch verleumdet werden. Im Januar 1917 lauerte ich im Hause einer Bekannten dem damaligen Staatssekretr Zimmermann auf. Er trat ein mit der forschen Bonhomie eines Kegelklubprsidenten, der mir jede Schchternheit benahm, und als ich mit meiner Rede ber die elsssische Frage zu Ende war, nickte er ganz kulant und bemerkte; Wir mssen nur bedenken, was wir dem deutschen Volk zumuten knnen. In vier Tagen haben wir es hineingelogen, vielleicht lgen wir es in acht Tagen wieder heraus, sagte ich. Er schien kein bichen choquiert. In der Politik gibt es ja keine Moral. 10. MRZ. Heute kam Herr v. Sch. mit der erstaunlichen und fatalen Erffnung zu mir, da sein Chef mich zu sehen wnsche. Herr v. Sch., den ich von London her kenne, hatte sich groe Mhe um meinen Pa gegeben, und im ersten Schrecken fiel mir keine Ausflucht ein. Ich wagte nicht, es Fortunio mitzuteilen, der sicher dagegen gewesen wre, sondern spielte wieder einmal mit dem Feuer und bat Aramis zu mir. Sollte ich wirklich ber die Brcke von Kirchenfeld, so wollte ich keine Anspielungen darauf, sondern wnschte um so mehr, da man es wisse, als man es ja doch wissen wrde. Aramis kam sofort zu mir. Wir verabreden ein paar sehr direkte Stze, die ich whrend meines bevorstehenden Besuchs mglichst pointiert anzubringen htte, und da ich nachher zu ihm kommen wrde, ihm die Wirkung jener Worte mitzuteilen. 11. MRZ. Sonntag. Das Wetter ist schn und warm. Die Sonne lacht bis in das Auto hinein, in dem ich neben Herrn v. Sch. Platz genommen habe. Schafwlkchen treiben so zuversichtlich am Himmel, und er hngt so hoch, da ich nicht sogleich die leise Hoffnung unterdrcke, der Besuch wrde am Ende doch nicht ganz resultatlos sein. Aber nichts von Sonne an Herrn von Rittersporn, vielmehr der Widerschein des sterbenden Tags. Ich hatte vor mir einen jener persnlich uranstndigen, autorittsglubigen Deutschen strengster Observanz, die vor lauter Gewissenhaftigkeit und Loyalitt und Treue und Ehrenhaftigkeit zur Vertretung der unehrenhaftesten Methoden unverbrchlich auf dem Posten ausharren, ein Mann, der privatim gewi nie eine Lge sagte und nur offiziell und in Gottes Namen log. Mit seltsamer Distanzierung, als sei ich die Angehrige eines fremden Staates, fing er das ganze Weibuch mit einer so deprimierenden Weitschweifigkeit an aufzusagen, da wirklich nur das fehlte, was es selber weglie. Er war bleich, mde, sichtlich schwer unter dem Kriege leidend. Endlich wurde er fertig mit seinem rcital, und ich hatte das Wort in diesem groen, vielfenstrigen, hellen und doch so unfrohen Salon, in dem keine rechte Zuversicht aufkommen wollte. Zwar schien auch ihm die franzsische Frage vor allen andern am Herzen zu liegen, aber das Feuer, mit dem ich sprach, dnkte mir selber deplaciert. Hier ist ein Stuhl, schlo ich, fate ihn mit beiden Hnden und sprang auf, hier ist ein Tisch: nur eins ist heute wichtig auf der Welt: die Formel zu finden, welche es den Franzosen ermglicht, in diesem Stuhle Platz zu nehmen! Ich bin vollkommen Ihrer Ansicht, sagte er. Und zum ersten Male schwante mir, wie wenig er vermochte. Auf Aramis bergehend, hob ich jetzt seine Beziehungen, sein Geschick, seinen guten Willen hervor, sowie die Chancen, die er als Vermittler bot. Hier jedoch fiel ein Schatten. Ich fand keinen Anklang. Es war die alte Kamarilla, ich merkte es wohl, vielleicht auf indirekte Umtriebe Telramunds zurckzufhren, aber auch Widerstnde, Unsachlichkeiten. Ich hatte Carry mit Aramis zusammengefhrt, ohne Parteinahme, weil es sich von selbst ergab, und man mignnte ihm den Vorsprung. Auch Carry war voll Ehrgeiz, aber er besa Schwung, eine knstlerische Ader, Sinn fr Kameradschaft, Ritterlichkeit. Man wute, wie man mit ihm dran war. Auf seine Fehler wie auf seine Tugenden fiel das Mittagslicht. Il ne ment pas, hie es auf gegnerischer Seite von ihm. Dies besagte so viel in Tagen wie den unsern! In der europischen Literatur ungemein bewandert und von regstem Geiste, besa er zudem eine glckliche und wohltuende Art mit Menschen umzugehen und hatte etwas Jnglinghaftes bewahrt. Selbst ein Mischling, war er rassenmig den andern lange nicht so fremd wie seine znftigeren Kollegen. Es war nahe an zwei Uhr. Vergebens mahnte man zu Tisch. Da die Unterredung sich so in die Lnge zog, unterstrich ihre Nutzlosigkeit nur noch mehr. Auf dem Heimweg, in dem schneidend kalten Alpensonnenlicht wurde es mir mit jedem Schritt bewuter. Die Aare flo so leuchtend blau wie vor zwei Stunden, als ich ber die Brcke fuhr. Mutlosigkeit aber drckte mich in diesem Augenblick zur Greisin nieder. Wie eine Hundertjhrige lehnte ich ber das Gelnder und sah zu den Kindern hinab, die wie besessen schrien. Dann raffte ich mich auf und rannte die kalten Schatten der Kelergasse entlang zu mir hinauf. Pltzlich fhlte ich, wie verausgabt ich war, warf mich auf den Diwan und schlief ein. Aber um vier Uhr erwartete mich Aramis, und dies weckte mich beizeiten. Ich strich jetzt die Lauben auf der Sonnenseite hinauf. Oh wie deutlich ist mir der Schein, in dem sie lagen! Wie ein tobender Schmerz, der auf Sekunden aussetzt, ri er mich auf einen langen Augenblick in seinen Bann, tauchte mich schonungslos unter in sein Gold, lie mich bewutlos werden wie die uralten Huserreihen, die es durchdrang: unempfindlich werden vor Empfindung. Bei Aramis herrschte an diesem Vorfrhlingstage schon sommerliche Khle. Eine leise Spannung lag in seinen Zgen, und die Wrme, mit der er mich begrte, kontrastierte doch recht seltsam mit dem Empfang, der mir vor ein paar Stunden zuteil geworden war. Was ich ihm aber zu sagen hatte, war so verdammt unwesentlich, derart neben hinaus, da ich erschrak, indem ich es formulierte. Es lie keine Spur von Bereitwilligkeit, ihn ernst zu nehmen, verraten. Und da es vollkommen zwecklos gewesen wre, ihm etwas vorzulgen, durchschaute er natrlich die ganze rettungslose Sturigkeit, in die man ihm gegenber sich versteifte. 17. MRZ. Abends bei Dtwyler im kleinen Zimmer mit Carry und Fortunio. Dieser entfaltet mir gegenber eine aggressive, ja feindselige Haltung grten Stiles, die keinen Zweifel lt, da er von den Vorkommnissen der letzten Tage gehrt hat. Heftige, immer heftigere Szenen auf dem Heimweg. Ich bebe vor Zorn und sehe ihn so haerfllt an, da er erschrickt. Eine schlaflose Nacht krnt die Explosion. Wie ungerecht war Fortunio! Wie falsch wurde ich hier gesehen! Im Juni wollte ich nach Mnchen fahren und dachte heute schon an das Schlchen im bayrischen Vorgebirge wie an eine selige Insel. Waltete dann Telramund noch hier -- soviel stand fest --, so kam ich nicht zurck. Und ich suchte Trost, indem ich an das Schlchen dachte, angelehnt an den ernsten Berg: an die lange hlzerne Laube mit dem hlzernen Gartensaal; wie von Adalbert Stifter fr eine seiner Verlobungsszenen erdichtet. Und die Freundin selbst, die immer Werdende mit der weiten Note der Leidenschaft, wer, kam ihr gleich? Ging, blickte, lchelte, lebte sie ihren Tag von Jahr zu Jahr nicht Gttinnen hnlicher? Wer kannte sie? Wie schn und insgeheim war unsere Freundschaft verkapselt! Wie verlor die innere Einsamkeit so manche Schrfe zwischen uns! Weil ich den Spiegel ihres Wesens unausgesprochen mit mir fhrte und sie es wute, war ich, die immer Zusammenbrechende, ihr Halt. Wer vergalt mir dies hier? -- Eine Fratze sah man statt meiner. 18. MRZ. Sonntag. Fortunio in dunkelblau und Strohhut holt mich ab, um nach Worb zu fahren. Es hat sich auf die Feindschaft von gestern wie ein neuer Friede zwischen uns aufgetan. Wieder liegt das Land in jenem schonungslosen Licht des Berner Oberlands, das, ich wei nicht warum, in die Seele schneidet. Aber das Wetter war so warm und strahlend, da man immer wieder innehielt, vor einer ersten Blume, ein paar Schafen, einem Hause. Wir sprechen heute in aller Ruhe ber die Dinge, ber die wir gestern stritten. Ich sagte ihm, da ich manchmal mit der Sicherheit einer Mondschtigen Dachrinnen entlanglaufen msse; wenn sie dann herunterfllt, ist es ganz und gar ihre Sache. -- Ich frchte weniger, da Sie vom Dach als zwischen zwei Sthle fallen. -- Aber das ist ja gerade mein Platz! Jeder von uns ist heute strker sich selbst, handelt unweigerlicher seiner Natur nach als jemals zuvor, und ich habe es halt immer mit dem Vermitteln gehabt. -- Er schttelte den Kopf: Es sieht nichts dabei heraus. Und weil auch ich davon berzeugt bin, beteuerte ich, sind es nur mehr Gelegenheiten, die sich mir aufdrngen, welche ich ergreife. Niemand htte ungerner die Brcke passiert. Ich htte es nicht getan, sagte Fortunio. Es gibt Leute, die nicht dazu da sind, nein zu sagen. Zugegeben, sagte ich, da es die Belangloseren sind. Wir kehrten in ein dunkles, altes Gasthaus ein, und es gab wundervolles Brot, wundervolle Butter und ebensolche Marmelade. Wahrscheinlich war es heute auch in Deutschland schn, und die Menschen suchten das Freie dort wie hier. Es sei denn, da sie es vorzogen, sich nicht hungrig zu laufen, da es ja in keiner Herberge etwas Richtiges fr sie gab. Besonders die Kinder . . . so ist einem heute alles vergllt. 21. MRZ. Der Brief einer Deutsch-Amerikanerin, die sich auf der Rckreise nach New York in Zrich aufhielt, setzte mich in groes Erstaunen. Kinderlos, von Haus aus eine biedere Wrttembergerin mit steinschweren Augen, war sie, in Ermangelung jeglichen Ventils fr ihre natrliche Schwermut, dem Okkultismus verfallen und ein Schreibmedium geworden. Sonst ohne andere Interessen -- selbst whrend des Krieges -- als ihren Mann, ihren Haushalt und allenfalls ihre letzte Hkelarbeit, pate dieser vom Zaun gebrochene Brief -- wir kannten uns kaum -- in keiner Weise zu ihrem Phlegma. Wie kam sie zu meiner Adresse? -- Sie schrieb mir, da sie mich warnen msse. Zrich. 22. MRZ. Der Brief der schwbischen Amerikanerin lie mir keine Ruhe, und ich fuhr hierher. Am Berner Bahnhof kaufte ich Zeitungen fr unterwegs. Sie waren alle von Berichten ber Verwstungen der deutschen Truppen auf ihrem Rckzug aus Nordfrankreich erfllt: eine knstlich gestartete Agitation, dachte ich erst, um dem, in den letzten Wochen abflauenden Ha neue Nahrung zu geben und l in das abnehmende Feuer zu gieen. Denn leise, leise war von der Mglichkeit zu vermitteln die Rede gewesen. Da koppelten sich denn die Interessenten des Krieges zu neuen Prventivminen zusammen. Glich ihnen dieses nicht auf ein Haar? Aber zu meinem Entsetzen fand ich da jene Verwstungen, und zwar mit unleugbarer Genugtuung als militrische Notwendigkeit in den deutschen Blttern besttigt. So war jenem so aufgerissenen und gemarterten Boden eine neue Schmach zugefgt, und ein genarrtes Volk gehorchte als sein eigener Henker den Befehlen, die ein Hut voll toll gewordener Idioten, Oberste Heeresleitung genannt, ihm erteilte. Diese militrischen Notwendigkeiten! Oh, wieviel deutsche Landsmnner wrden ihretwillen klglich verderben! -- Ein Sturm brach in mir los, um so heftiger nur, als er in Ohnmacht sich entfesselte und seinem Rasen nichts im Wege stand, als die Wurzeln meines Seins, an welchen er ri und, wilden Regentropfen gleich, kalte Trnen aus meinen Augen schlug. Stupen htte ich sie lassen mgen, diese Herren Befehlshaber, keine Strafe wre mir jmmerlich genug erschienen fr diese menschenunwrdigen Kpfe, deren Nasen kurz ausliefen wie die Schnauzen der Hunde, oh! ebenso unfhig wie Hunde den geistigen Gang der Dinge zu spren! Und die erbrmlichen Blasen dieser infantilen Gehirne, durch ein Wunder des Teufels fr wirkliche Felsengebirge gehalten, beherrschten und verrammelten heute als militrische Notwendigkeiten alle Straen der Welt! Nein! das war kein Leben! Es war nicht zu ertragen! Es war mir fremd das Geschlecht, das solche Dinge befahl und sich nicht scheute, sie auszufhren. Und ich war betroffen! und ich war mitgefangen. Mitgehangen war ich, ohne mitzugehen! -- Der Zug lief in die Halle ein; die Passagiere verlieen ihn. Hatte der Wahnsinn der Welt mir den Verstand geraubt? -- Ich konnte mich nicht besinnen, weshalb ich da auf dem Zrcher Bahnhof stand. Er war von beiendem Nebel erfllt, und mit hochgestlpten Kragen eilten alle dem Ausgang zu, whrend ich, den Mantel am Arme, im dnnen Kleide dastand, in unertrglicher Hitze und strmisch bereit, aus dieser Welt, wie sie sich drehte, davonzulaufen. Ein Dienstmann fragte, wohin ich wollte, und ich sagte, da ich es nicht wisse. Uralte Instinkte der Rachsucht und der Wildheit tobten in mir wie einst die Peitschen des Xerxes gegen das Meer! Ha! was wollten sie noch in der Weltgeschichte, diese verspteten Hanswurste in dem lcherlichen Aufzug ihrer frisierten Helmbusche, ihrer aus gelbem Blech gedrehten Achselrollen, den zurckgeschlagenen roten Eselsohren ihrer Mntel, ihren albernen Sbeln, gut fr ein Possenstck, gut fr ein Schaukelpferd, ein Ulk, bevor wir uns erniedrigten, davor zu zittern. Wie es zusammenhing, da ein fliegender Zeitungsstand die Erinnerung zurckrief, welche mir doch gerade die Zeitungen geraubt hatten, mgen andere erklren, ich telephonierte an Frau Eleonore Grell: sie war zu Hause. Aber auch ihr Gatte, Onkel Sam aus Mannheim, der flinke Geschftsmann mit dem schnurrigen Schnurr- und Vollbart, befand sich at home. Er hatte sich das okkulte Getaste seiner Frau energisch verbeten und glaubte es infolgedessen lngst unterdrckt. So trafen wir uns denn bei Huguenin, aber sie beteuerte mir, nichts anderes sagen zu knnen, als was sie mir auf ein inneres Drngen hin geschrieben hatte. Ich lie ihr aber keine Ruhe und folgte ihr auf gut Glck in ihr Hotel. Und richtig war ihr Mann inzwischen ins Freie spaziert. Wir setzten uns ans Fenster, welches die Limmat berhing. Der See, die Wolken und das ferne Bergland leuchteten im Abendschein grend und vertrumt in dies hochgelegene Zimmer. * * * * * Hier schalte ich fr den Leser eine Warnung ein: die Unwirklichkeit spielt in diesem Buch so stark in die grbste Wirklichkeit hinein, da ich gerade die besten, an die ich mich doch wenden mchte, abzustoen befrchte. Aber ich mu mich streng an die Begebenheiten und ihre Reihenfolge halten, und wenn ich nicht ebenso chronologisch das groe Spiel der Schatten mit hereinbeziehe, ist dieses Buch nicht wahr. Sobald wird ja der Okkultismus seine besondere Peinlichkeit gewi nicht los. Denn fr Namenloses ziehen da Benennungen mit groem Schwalle herauf, und geistiger Brechreiz ist die unweigerliche Folge. Wer sich heute auf den Weg zum Nichts aufmacht, ist jenen Steinklopfern vergleichbar, die auf ein fragliches Echo hin die Felsenwand behmmern, und mitten im treibenden Gerll Schutt ablagern, wo kein Liebhaber des Schnen seinen Fu noch setzt. Und doch wird fr ihn vielleicht die Strae hier gelegt, die nach dem dornenumwachsenen Reiche schaut, vor welchem Ferne, Wachstum und Allmhlichkeit entstrzt. Denn ob dein Sarg noch auf den Schultern derer lastet, die ihn hinaustragen, oder ob deine Grabesinschrift seit Jahr und Tag verwitterte, ist gleich. * * * * * Ich kehre zurck in das hochgelegene Hotelzimmer, wo wir auf einem roten Repssofa beim Fenster saen, das die Limmat und den See und Ferne und Gebirge bersah. Von Heerscharen erfllte sich die Luft. -- Auf den Ruf welches Jagdhorns -- uns Tauben nur unhrbar -- eilten sie her? -- Wie durchsickertes Gestein so schwoll die Stube an. War der Ansturm der Schatten das Neue, was es unter der Sonne gibt? -- Aber schon war ich des einfachsten Denkens nicht mehr fhig: alle Poren des Gesichtes sanft geblht, ergo sich unaussprechliche Verlorenheit, ein hintrumen, unbeweglich wie ein Leben lang. Das Herz erstickte von all dem Sang und Braus. Kein Miton trbte den unendlichen Chor. Ein Chor sage ich. Kein Ungebetener darin. _Hier war die Sichtung:_ volles Orchester, nicht wie in unserer Mitte unreines dazwischenfahren, grelles bertnen eines unbefugten Soprans. _Ausgekmpft!_ Ganz versunken in den Vielen oder in mich, selbst? -- (ich unterschied es nicht) -- fate ihr wissen und ihr begreifen das, ganze Herz. Des Mediums hatte ich vergessen. Mir zu Liebe, es ist wahr, doch auf sein Gehei nur waren sie hergewallt, so _dicht_! so feierlich gedrngt! Sieh dich vor, du kannst nicht wissen, du bleibst allein, oh! . . . stammelte die Feder. Wozu war ich denn hergereist, wenn nicht sie zu vernehmen? Und nun dnkte mich dies so fremd und kindisch, ein Bilderbuchbegriff. Gab es denn im Scheine dieser wogenden Luft etwas wie eine Zukunft? Fhrte man sie nicht mit sich wie ein Geweih? Wuchs sie nicht an mit uns? War sie denn nicht der eigene Hauch, der eigene emporstrebende oder schwankende, flackernde oder in nichts zerrinnende Schatten? Stand sie nicht als der Wald, der aus seinen Tiefen unsern eigenen Ruf zurckhallt? -- so die Vlker, so der einzelne. Was immer ihnen glckliches oder grausames begegnet, jeden Zufall riefen, beriefen sie herauf. Wir nennen's Zukunft! -- Frau Eleonore Grell hielt mir ein Blatt entgegen, das mit den Schriftzgen eines zehnjhrigen Mdchens berzogen war. Es besagte immer dasselbe: Im Nu war alle Weisheit abgeworfen und die Furcht, die mich hierher getrieben hatte, wieder da. Verwirre sie nicht, schrieb jetzt Eleonore, und als sie diese Worte gelesen hatte, legte sie augenblicklich die Feder weg. Nichts htte sie vermocht, sie wieder aufzunehmen. Die Sitzung war zu Ende. 23. MRZ. Ich fahre nach Bern zurck. Fortunio kommt mir entgegen, und ich frage ihn, was von den Berichten ber die Verwstungen zu halten sei. Die deutschen Communiqus geben sie ja selber zu, seufzte er, sie brsten sich sogar. Wir berschritten den Platz zum Kasino. Das Gebirge strahlte im vollen Ornat. Wir setzten uns ins Freie und starrten, Verbndete der Verzweiflung, ohne zu reden, vor uns hin. * * * * * Fortunio fragte, warum ich in Zrich gewesen sei, und ich verweigerte die Auskunft. 24. MRZ. Auch meine vier Wnde sind mir verleidet. Die Sonne scheint grell, verletzend, und nachts fat mich der Schlaf nur wie eine Kranke, um mich zu erschrecken. Ein Gesicht wendet mir so gemarterte Augen zu, da ich erschttert frage: Hast du Arme denn nicht ausgelitten? und fahre sthnend auf, weil es nur der Reflex von einem Kummer war, den diese Augen spiegelten. Nur ein berschwngliches Mitgefhl. 25. MRZ. Gestern abend bei Fortunio war Abigail von der Agence, der hartnckig am Thema der Verwstungen festhielt. Auf dem Heimweg wurde er immer dringlicher. Logisch, folgerichtig wre es, zu den Ereignissen Stellung zu nehmen; unvereinbar mit meiner bisherigen Haltung, wenn ich schwiege. In der Tat! rufe ich in einem Tone, der bitterer ist als Galle. Sie reden, als wte ich nicht, da Ihr die Dinge glaubt, die Telramund Euch von mir sagt. Doch Abigail nahm alsbald seinen Vorteil wahr: Sie haben es ja in der Hand, Ihre Freiheit des Handelns zu dokumentieren! Je mehr er mich in die Enge trieb, desto schwerer wurde mir zumute, hatte er mir doch meine eigenen Gedanken verraten. Es wird nicht gut. Und ich erzhlte ihm meine Zricher Reise. Er war mchtig interessiert. Ich lie ihn trotz der spten Stunde zu mir herauf und zeigte ihm das Blatt Eleonorens. Es enthielt nichts, was ihm behagte. Die Hand eines Kindes, sagte er wegwerfend. Ich bereute schon, es ihm gezeigt zu haben, und wnschte ihn die Treppe hinab, ri die Fenster auf, als er gegangen war, und warf sie ruhlos, verlassen, gepeinigt wieder zu. 25. MRZ. Wie in aller Welt haftete Pech meinen zehn Fingern an? Aber ich tuschte mich ja! Es war ein Irrtum . . . ah, es war ein Traum, so lebhaft aber, da ich mit beiden Hnden in die Hhe fuhr. Nachmittags bei der Frstin, in der Hoffnung, ihre nchterne Atmosphre wrde mir Ernchterung bringen. Et la Calicie, sagte sie. Ah! ils se valent bien tous, allez! Mir wurde nicht besser, und ich ging. ber der Kornhausbrcke hing sehr niedrig eine Mondsichel, so wunderbar ausgeprgt, so sprechend, so beseelt, so festlich! 27. MRZ. Nicht nur in meinem, nein, ich darf es sagen: mehr noch im Namen der vielen in Deutschland (oder der wenigen, gleichviel!), welche sich nicht uern konnten, wollte ich gegen die neueste Kraftprobe der Herren Militrs protestieren, und es dabei genau so halten wie die oberste Heeresleitung, nur umgekehrt: das heit mit eben derselben Arroganz ber militrische Notwendigkeiten hinwegsehen, wie sie ber menschliche und moralische. Meine Wohnung aber, meine Sachen, meine zurckgelassenen Briefe, ein gewisses Schlchen im bayrischen Vorgebirge, das selbst mitten im Kriege so zauberhafte Kreise zog, dies alles sah ich vielleicht nicht wieder. Und, die Trennung von meinen Freunden, meine Geborgenheit? Hier war ich so fremd! Warum aber verhielt sich dies alles bleich, ohne Licht, unvorhanden, ohne Resonanz, da mir doch wohl bewut war, da es wieder in ganzer Kraft ausziehen wrde? Wie jene rein umrissene und sehnsuchtsvolle Mondsichel, die gestern ber der Brcke so tief am Himmel hing und ihn beherrschte. Was wei er noch von ihr, sobald die Sonne brennt? So waren alle Beweggrnde, die mich zurckhielten, von einer strkeren Forderung entkrftet und verdrngt. 29. MRZ. Kaum war an diesem 29. Mrz mein Protest an das Journal de Genve abgeschickt, als mir eines jener erprobten Warnsignale bler Vorbedeutung, die wie mit Hellebarden mein so ganz auf innere Stimmen angewiesenes Sein umstellt halten, auf einem Rad, als htte es hchste Eile, entgegensauste. 30. MRZ. Schon verschieben sich sachte wie auf einer Wandelbhne die Kulissen: Verstummtes, Unterdrcktes belebt sich aufs neue, findet wieder Farbe und Gestalt. 31. MRZ. Eine Antwort. Schon! -- Die vielen Zuschriften, der Raummangel . . . meinen Brief jedoch gedchte man zu bringen. Es steht nichts von einem Termin. Aber ins Ungewisse ertrage ich diesen Zwiespalt nicht. Morgen fahre ich nach Genf zu Romain Rolland. 1. APRIL. Sonntag. Unter strmendem Regen bin ich nach Champel gefahren. Rolland wute schon, warum ich kam. Er war zufllig auf der Redaktion gewesen, als mein Brief dort eintraf, hatte ihn gelesen und war unbedingt fr dessen Verffentlichung. Ich sprach dann beim Journal de Genve vor und erwirkte, da der Protest am bernchsten Tage erscheinen wrde. Somit war die Sache erledigt, und ich ging. Das Wetter hatte pltzlich umgeschlagen. Es wehte eine schneidende Luft, aber See und Himmel strahlten in frhlinghafter Blue. In mir derselbe jhe Szeneriewechsel. Ein erstickend schwerer Vorhang ri magisch in die Hhe. Nicht der Salve, der sich hier an allen Straenecken trmte, sondern die bayrischen Berge in ihrem seelenvollen Dunst und ihre Waldungen verstellten mir den Weg, und die betrbten und bestrzten Mienen meiner zurckgelassenen Freunde. Es war die Trennung von ihnen, das Exil. Drben im Vorgebirge das Schlchen, das wie eine selige Insel auf dem dunkeln Meer dieser Zeiten trumte, die schne und musenhafte Freundin, die mich dort erwartete, die dort verbrachten Herbst- und Sommerwochen. Tausend Erinnerungen setzten sich wie Trauerglocken in Bewegung. Oh teuer erkaufte Ruh! 4. APRIL. Bern. Abigail besucht mich; sehr gespannt. Ich sage ihm, wie Rolland, den er immer anschwrzt, sich verhielt. 5. APRIL. Der Protest ist heute erschienen. Ich kaufe das Blatt, ohne den Mut zu finden, es zu entfalten. * * * * * Ich bergehe die nchsten Tage. Diese Aufzeichnungen sind ja nicht verfat, um Gemtsbewegungen zu schildern. Ganz andere Zwecke verfolgt dieses Buch. Auch ist die Zeit nicht mehr, und man wird hrter. Nur im Hinblick einer Einsicht, einer Erkenntnis, wo Erfahrungen mit immer verstrkter Deutlichkeit den Charakter des Lebens kennzeichnen und Kommentare stellen zum Schicksal berhaupt, drfen wir dabei verweilen. Kein grerer Wahn als der, zu glauben, man kenne das Leben, um es ausgekostet, sich mit allen seinen Genssen, Schrecknissen und Abenteuern vertraut gemacht, viele Mnner oder Frauen gekannt oder geliebt zu haben. Es starb so mancher ahnungslos dahin, welcher die ganze Welt bereiste. Auch nicht wer Gefahren berstand, nein, sondern wer die Gefhrlichkeit des Daseins, dessen Gefhrdetheit durchschaute, die wie ein giftiger Trank sich unablssig bereitet und immer die Hefe zurcklt, um sich neu zu mischen, nur wessen Auge geschrft wurde fr die Schatten, die im Tageslicht aufpassen, nur der wei ber diese Welt Bescheid, und in ihm lebt das Bewutsein -- bitter wie die Aloe --, da er umsonst gelebt hat, wenn die Schule, durch die er ging, anderen nicht zur Lehre dienen wird. Das erste war brigens, da mich die Frstin ans Telephon rief: C'est dsastreux! quelle folie! sagte sie unverblmt; und als ich sie besuchte: Je dis ce que je pense, mais est-ce que j'cris, moi? -- Pas si bte! empfing sie mich und kochte mir mit heftigen Bewegungen Kaffee. Dann aber kam Besuch: eine offizise Englnderin, deren Mann mit atrocits allemandes einen schwunghaften Handel trieb, und ein russischer Diplomat von professioneller Verlogenheit, die mir Komplimente machten und mich einluden. Wie schwl mir da wurde! Nein, so war es nicht gemeint, und ich gehrte nicht hierher! Nicht hierher und nicht dorthin. Bevor die Frstin mich mit einer ihrer Brskerien zurckhalten konnte, war ich ausgerissen und die Treppe hinabgeeilt. Fortunio, der mir auf der Strae begegnete, nahm dieses typische Palaceerlebnis von der komischen Seite und lachte. Wir saen zusammen, als Telramund im biederen Pelzrock, an seiner Rechten die Menschenfresserin von Hokusai, mit jener so charakteristischen Verleumderwrme, die unbedingt etwas anderes scheinen mchte, auf uns zueilte. Seine Hand weit entgegenstreckend, brachte er mir rckhaltlose Schmeicheleien zu herzhaftestem Ausdruck. Fortunio, welcher fhlte, wie bitter sie mir mundeten, lenkte das Gesprch auf andere Dinge. 13. APRIL. Den Abend mit Fortunio und Abigail verbracht. Wir sprachen von Trumen. Abigails sehr spekulatives Gehirn kann sich in so feinen Windungen verlieren, da es sich beizeiten von seiner hchst stofflichen Person vollkommen losgelst darstellt. Pltzlich, mitten in einem Satz, den er sagte, lebte ein geradezu abscheulicher Traum der vergangenen Nacht in mir auf, und schon begriff ich nicht mehr, da ich mich jetzt erst auf ihn besann, unterbrach aber sofort das Gesprch, um ihn zu erzhlen. -- Achtung! rief ich, so etwas Widerliches habt Ihr noch nicht gehrt: Ein Mann, von dessen schwarzem, fettem, unbeschreiblich schmutzigem Haare dichte graue Schuppen auf seinen Anzug regneten, war dicht an meine Seite getreten. Dabei zog er mit einem Kamm durch diese Strhne von nie dagewesener Schmierigkeit, so da der graue Regen immer dichter fiel. Ich rckte unwillkrlich von ihm weg, da fuhr er weitausholend mit diesem treibenden Kamm in mein eigenes Haar, ich fhlte ihn noch darin stecken und erwachte vor Ekel. Fortunio schwieg. Auch der zu Kommentaren schnell bereite Abigail uerte sich mit keinem Ton. Es steht mir natrlich etwas hchst Widerwrtiges bevor! nahm ich selber auf. Auch diese Bemerkung weckte kein Echo. -- Man ging auf konkrete Dinge ber. Es wurde spt. Fortunio erwhnte das neue Blatt, welches Telramund schon in den nchsten Tagen zu starten gedachte und wie jemand, der sich ungern etwas zu sagen entschliet: Er, beabsichtigt brigens, eine bersetzung Ihres Protestes in seiner ersten Nummer abzudrucken. Was fllt ihm ein! rief ich. Das kann er nicht. Er kann es schon, sagte Fortunio. Die Friedenswarte bringt sie. Er will ihr zuvorkommen. Ungefragt? Ohne sie nur zu zeigen? fuhr ich im lichterlohen Zorne auf. Sie sind Zeuge, da er mir nichts von einer solchen Absicht verriet, als er vorgestern zu uns stie. Ich figuriere nicht in diesem Blatt. Fassen Sie sich doch! sagte Fortunio. Nein, ich fasse mich nicht. Oh Fortunio! rief ich, oh mein Traum! Schreiben Sie ihm halt. Ich lie sofort das Ntige herbeischaffen und schrieb zitternd vor Aufregung, was er mir diktierte. Dann brachen wir auf. Der gnzlich verstummte Abigail blieb an unserer Seite. Die Gefahr ist natrlich, bemerkte Fortunio, da der Brief zu spt eintrifft. Dies sagte genug. Er wute mehr. Meine Emprung, meine Wut steigerte sich mit jeder Sekunde. Je ungezgelter ich mich ber den Charakter des bevorstehenden Blattes auslie, desto reservierter wurde Fortunio. Je mehr ich sah, da er sich rgerte, desto mehr rgerte ich mich ber seinen rger. Der meine richtete sich besonders gegen Abigail, dessen Schweigen mir mifiel. Nicht das Ungestm, mit welchem ich auf den mir zugedachten Schlag reagierte, sondern die ausgemachte Tcke desselben schien mir das wesentliche, was unbedingt eine Parteinahme fr mich verlangte. Auf eine solche lie jedoch nichts in der, all die letzten Tage so berschwnglich gewesenen Haltung Abigails schlieen. Oben in meinen sorgfltig geschmckten, aber von Telramund behexten Rumen, in welchen ich noch nicht eine einzige frohe Stunde verlebt hatte, noch fernerhin erfahren wrde, brach ich in helle Flammen der Verzweiflung aus. Dies also war das Resultat! Zu diesem Ende also hatte ich die Worte, zu welchen ich glaubte, mich entschlieen zu mssen, so bang gewogen, so behorcht. War ich dafr bis an die uerste Kante einer abschssigen Stelle vorgetreten, so weit, als mein Fu noch Boden unter sich fassen konnte, um hinterrcks diesen Sto zu erhalten? Denn was fr eine bersetzung und zu welchem Zwecke sie fabriziert wurde, wute ich genau. Am Arme Telramunds, dieses Verrters, sollte ich an die ffentlichkeit. Ich hatte mich, es ist wahr, vom Anfang des Krieges an zur Opposition geschlagen. Aber sie galt seinen Anstiftern und deren verworfener Gefolgschaft. Das Volk selbst tat mir unabnderlich leid. In meiner, von kalten Wirbelwinden der Abneigung durchsackten und durchkreuzten, aber dabei tiefen Liebe zu Deutschland, lag das Band zwischen Fortunio und mir. Oft sprachen wir davon. Und dnkten uns allein. Gerade unsere gallische Seite setzte uns ja auf Grund unserer Abgercktheit in Besitz des Spiegels, den die unvermischt Deutschen nicht fhren. Ihr Nationalismus ist ja Import, ihr Fremdenha unecht, imitiert, immer bereit, wie Mrtel von ihnen abzufallen. Im brigen ist die Gefahr derjenigen Deutschen, welche Selbstkritik ben, viel eher, da sie erstarren. Wenn es kein franzsisches Wort fr Gemt gibt, so gibt es noch weniger ein deutsches Wort fr affectueux. Die Deutschen -- und das ist es, was einem oft an ihnen erbarmt -- sind nicht imstande, sich im geringsten zu hegen. Weil jede Nation seine so typischen Unholde hat, war Telramund, allen deutschen Germanophoben voran, gerade in dieser Germanophobie ein so typischer Boche. Jedenfalls durfte der Mann von Glck reden, da sein und seiner Gesponsin Leben an diesem Abend nicht in meine Hand gegeben war. Statt dessen war es _ihr_ Trick natrlich, welcher aufs beste gelingen mute, und weit entfernt, da die beiden verdienterweise und auf meine Order hin vor Sonnenaufgang baumelten, haftete meinem Frhstckstablett am Morgen dieses 14. April die erste Nummer der Telramundschen Zeitung an. Sie umfate vier Seiten. Alle Beitrge waren anonym. Nur mein fettgedruckter, im Reporterdeutsch bertragener Protest trug meinen Namen. Ich bergehe den Zorn, mit dem ich diese wste Revolverprosa las, welche hier als meine eigene stand; wie vortrefflich war dabei ihre Wirkung auf mich selber berechnet! Denn die Feindschaft von Leuten wie Telramund ist wie mit tausend Augen auf uns gerichtet, mit tausend Fhlern in uns verbissen. Sie kennen ja die Ablenkung ins Reich der Ideen nicht! Sie spinnen keine eigenen Gedanken! Ich Trin hatte, wie ber einen Witz, lustig darber aufgelacht, da Telramund meinen Protest als eine Manoeuvre allemande bezeichnet hatte, ohne zu erwgen, da er natrlich auf Mittel und Wege sinnen wrde, dies zu bekrftigen. So galt es denn, mich gewaltsam ber die Linie zu ziehen, die ich mir selbst gesteckt hatte. Dies ergab sich ohne weiteres durch den gehssigen Ton der bersetzung. Das andere wrde ich schon selber besorgen; denn da ich reagieren, ja mich hinreien lassen und ihm in die Hnde arbeiten wrde, wute niemand so gut wie dieser ausgezeichnete Kenner meiner Person. Ja, es kam noch besser fr ihn, als er wohl dachte. Fortunio, den ich sofort benachrichtigte, lie mir sagen, er knne mich erst gegen zwlf Uhr sehen. Dies war mir viel zu spt. Gleich, in einer Viertelstunde, bevor noch irgend jemand auf die Gasse trat, mute meines Erachtens etwas geschehen. Wahn! berall Wahn! In der Redaktion des Bundes bestand ich darauf, da meine Verwahrung sofort in der nchsten Nummer stehen msse. Es wurde mir versprochen. Immer noch war es Morgen. Rckte denn heute die Zeit nicht vor? Alle Hauptstraen meidend, kam ich im Sturmtempo zu Fortunio, ihm das fait accompli mitzuteilen. Wenn es wahr ist, da kein Sperling versehentlich vom Dache fllt, nun dann steht gewi auch ein jeder unserer Tage unter einer bestimmten Konstellation, und mein Unstern feierte gerade seinen Mittag. Fortunia, die auf der Treppe stand, empfing mich mit einem unglcklich gewhlten Wort. Schlielich war es ihr Haus, ich konnte sie nicht niederstoen. An ihr vorbei, geradeswegs in Fortunios Arbeitszimmer, der die Mitteilung von meiner zu erscheinenden Notiz mit einer Klte aufnahm, die mich unsagbar erbitterte. Hier bin ich fehl am Ort, dachte ich, und nahm eilends Abschied. Auf der Strae war es kalt. Ich sah mich um: sie war leer. Ich bin verraten, sagte ich laut. Ich hatte nur ein paar Schritte bis zum Haus, in dem ich wohnte. Die Hand vor den Augen haltend, als sei mir etwas hineingeflogen, eilte ich die Treppe hinauf und schlo mich ein. 15. APRIL. Telramund (immer anonym natrlich) verffentlicht eine hmische Erwiderung auf die meinige. Meinen franzsischen Text und seine bertragung wrde die nchste Nummer seiner Zeitung zusammen abdrucken. Der Leser mge sich dann selbst ein Urteil ber mich bilden. Ich sofort wie eine Windsbraut, auf Flgeln des Zorns, in die Redaktion mit einer Schluerklrung. Auch diese wollte ich sofort eingerckt sehen. Daraufhin vertiefte sich das Waldesschweigen um mich her. Fortunio war ohne ein Wort nach Lugano abgereist. Ich begriff es nicht. In meiner Unkenntnis alles dessen, was mit Partei- oder Presseinteressen zusammenhing, wollte mir ein berblick der besonderen Situation nicht gelingen. Ein paar Dinge sah und erkannte ich mit unbeeinflubarer Sicherheit, gleichsam durch ein Brennglas, mute aber jede Einsicht mit einer Unzulnglichkeit berzahlen, jedes berbieten mit einem Versagen. Wer mich fr dumm erklrte, dem hatte ich von jeher meinen Segen gegeben. Es will keine Geographie in meinen Kopf; vergebens starre ich auf einen Globus; ein Morseapparat bleibt mir ein unergrndliches Geheimnis; in scheuer Bewunderung starre ich whrend einer Panne auf die Mechanikerknste des Chauffeurs, und so teilnahmslos ist gewi kein Mensch, da er, ohne mir beizustehen, zusehen knnte, wie ich meine Koffer packe. Durch Vorzge, wie durch Mngel isoliert, mu ich mich selber auf mich nehmen wie ein Kreuz. Es kann geschehen, da ich vom Blatt begleite auf eine Weise, die jeden Musiker empfinden lt, welche Entbehrung es fr mich ist, ohne Musik zu leben, und mir selbst wird zumute gewesen sein wie einem pltzlich freigelassenen Pferd, das ber eine Ebene voll Sonnenlicht und Schatten fliegt. Nichts kommt seinem Rausche gleich. Von solchen Augenblicken wahren Lebens erwache ich zum Tode des Alltags wie ein Gefangener aus seinem Freiheitstraum. Gerade nach solchen seelischen Abenteuern aber wird es am leichtesten vorkommen, da ich mit einer aufgeregten Hilflosigkeit, viel eher eines Dorftrottels, als meiner wrdig, nach meinen vergessenen oder verirrten Habseligkeiten suche, und keiner der Musiker von vorhin wrde mich wiedererkennen. * * * * * 21. APRIL. Besuch Abigails. Oh nichts von Komplimenten mehr! Nichts mehr von femme exquise. Wir prasselten uns Vorwrfe, gro wie Taubeneier, ins Gesicht. Meine Schluerklrung sei eine Abschwchung gewesen. Ob dies der Moment wre, zu sagen, da es Boches in jedem Lande gbe. Es sei die Wahrheit. In der Tat htte ich die richtige Gelegenheit ergriffen, dies zu uern. Ihr habt ja meinen Protest als eine manoeuvre allemande angesehen. Cest donc une vengeance, sagte er, indem er sich zum Gehen anschickte. Ich eilte zur Tr, und, vor ihr aufgepflanzt, gedachte ich das letzte Wort zu haben, als mir pltzlich ein Licht aufging, auch Fortunios wortlose Abreise mir erklrte. Sie haben das Wort >Abschwchung< gebraucht, sagte ich, und werden dieses Zimmer nicht verlassen, bevor Sie mir selbst, geholfen haben, einen Nachsatz aufzusetzen, der jede Mglichkeit einer solchen Auffassung ausschliet. Alles andere ist mir im Augenblick egal. Mein Entschlu einer neuen Bekrftigung konnte ihm nur erwnscht sein. Es setzte ihn in den Stand, zum zweiten Male Heu einzufahren, nachdem das erste verregnet war. Zum dritten Male schlug ich nun den Weg in die Redaktion des Bundes ein. Nicht mit Unrecht wurde ich aber dort darauf hingewiesen, da sich eine Schluerklrung mit keinen neuen Erklrungen vertrge. Ich fhrte mit aller Vehemenz dagegen aus, sie sei fr mich Ehrensache, und setzte endlich ihre Verffentlichung durch. Natrlich mute sie wieder auf der Stelle her. Da hiermit ein Loch an Stelle eines Fleckens trat, war mir zwar klar. Und nach der deutschen Seite hin verschlechterte sich natrlich meine Situation, war eine Herausforderung mehr. Doch auch die formvollendetste Blamage durfte ich in diesem Augenblick riskieren, nur nicht, da behauptet werden durfte, ich liefe vor meinem eigenen Mute davon. Ich war froh, da jetzt um mich her eine solche Leere bestand, und niemand in Sicht, der mir einen Rat erteilen konnte. Denn der Fall lag allzu klar. Hier war es nicht le ridicule qui tuait. 23. APRIL. An der Schnelligkeit jedoch, mit welcher jetzt meine Stimmung umschlug, merkte ich den Sto, den mein Gleichgewicht erfahren hatte: meine Gemtsverfassung war eins mit dem herrschenden Wetter: Regen, Finsternis, zerrissenes Gewlke, Himmelsblau, Sonne und wieder Sturm und Schnee. Kurz entschlossen lste ich eine Karte, um einer Aufforderung A. H. Paxens nach Lugano zu folgen. Abigail, der sich nachmittags bei mir meldete, war sichtlich erfreut ber die inzwischen schon erschienene Notiz. Aber ich hatte jetzt reichlich genug von der leidigen Geschichte, deren dickes Ende ja noch bevorstand, denn bis jetzt hatte noch kein deutsches Blatt auf meinen Vorsto reagiert. 23. APRIL. In Luzern unterbreche ich meine Fahrt und steige im Hotel Tivoli ab, bei Glasenfrosts. Warum aber fallen nachts Felsenblcke ber mich hin? Warum sehe ich einen Baum an einem unsichtbaren und doch so verzehrenden Feuer verbrennen, da er im Nu nur ein Gerippe ist von einem Baum? Ohne Flamme und ohne, da ein Blitz ihn traf, nur ein gespaltener Stamm? Warum strzt von zwei Leuchtern der eine mit herabgebrannter, erloschener und trnender Kerze zu Boden? Eine trbe Bildersprache, die ich in diesem Jahre noch nicht entziffern sollte. Um Mittag fahre ich weiter. Jenseits des Gotthard gert der Himmel ins Lachen. Er findet offenbar die Welt noch schn. Trstlich prangende Bltenhnge und endlich, tief unten, das hingezauberte Blau des Sees, einem verliebten Abendhimmel hingegeben. Und die Bume stehen hier wie sanfte, begtigende Brute. Der Weg nach Paradiso ist holperig genug, auf den Bergen oben leuchten feurige Spieldosen auf. Die Natur ist ein Zwischenakt mit Verwandlungsmusik, und die Nachtluft wird von Amoretten hingetragen. Oh Plansee im bayrischen Gebirg! Du See auf dem Plan, so hoch oben im Wind! Warum schwebst du, Verwunschener, mir vor? Vor mir liegt lchelnde Erfllung. Du aber bist unbegrenzte Sehnsucht und Verweigerung. Ein nachgesandter Brief von ihr, die von jenen Bergen spricht, hatte mich in Luzern ereilt. Bald kommt der Sommer, schreibt sie, rcken wir ihm vor. Der Flgel wird schon in der Halle aufgestellt, die Schwalben fliegen gewi schon ein und aus. Die Droschke rollt jetzt auf glatter Fhre den See entlang. 25. APRIL. Fortunio, welcher von meiner Ankunft bei Paxens erfahren hatte, kommt, verfehlt mich, telephoniert und bittet mich zum Tee. Ha! denke ich, diesen Tee soll er sich merken bis in sein achtzigstes Jahr. Mit vielem Bedacht staffiere ich mich zu diesem Wiedersehen heraus, um die Meinung, die ich mir von seinen Ritterdiensten gemacht habe, mglichst wirkungsvoll zu unterstreichen. Wie dem auch sei, ich trug an diesem Tage ein, wenn auch nicht neues, so doch neu beschlagenes Kleid mit halblangen, weit auslaufenden rmeln. Weie Bestze, federleicht und schwarz besumt, schlossen sie am Ellbogen in zwei Reihen ab. Zwischen ihnen lag wieder eine Spanne Stoffes, den sie ein wenig heruntergezogen, denn so dnn ihr Gewebe war, durch ihre Flle beschwerten sie ihn doch. Beim Gehen glockten sie ganz leise ab und zu und hingen dann still, bevor sie sich von neuem bewegten. Es war in der Tat ein sehr rhythmisches und geglcktes rmelpaar. Vor allen Dingen aber -- andere mgen dies gewi auch schon beobachtet haben -- knnen wir von einer geistigen Schminke angeflogen werden, chimrisch wie jene, welche die Kosmetiker bereiten -- denn auch sie, wenn sie von uns fllt, lt uns fahler, aufgeriebener als zuvor. -- Indes gewhrte ich den ausgestandenen Nten der vergangenen Tage ihr beredtes Schattenspiel, ja ein selbstbewuter Schleier chiffrierte noch ein briges dazu. Also gepanzert, hchst intangibel und durchaus bestechend ging ich, die ihm zugedachte Szene wohl im Kopf, gewandten Schrittes, als htte ich soeben meine besten Erfolge hinter mir, auf ihn zu. Es gehrt jedoch irgendwie mit zum Leben, da im geringfgigen, wie im groen die Dinge anders verlaufen, als man sie erwartete. Zwar in der Tat eilte da Fortunio wie mit neubeschwingter Freundschaft mir entgegen. Seine Sympathie, erklrte er dabei, htte nun wirklich die Feuerprobe bestanden. Wie meinen? Da nicht einmal die desastrse Erklrerei im Bunde vermocht htte, daran zu rtteln. Sie kennen die letzte nicht, erwiderte ich mit der erknstelten und flackernden Wrde einer berrumpelten. Was!? schrie er entsetzt und fuhr mit den Armen in die Luft. Noch eine?! Unglcklicherweise mute ich lachen, und da mir dies seit drei Wochen nicht mehr vorgekommen war, hielt ich nicht sogleich inne, sondern geriet ins lachen, wie einer ins laufen gert, und ehe Fortunios Arme sich wieder gesenkt hatten, war er angesteckt. Es gab kein Aufhalten mehr. Lachraketen stiegen jetzt in die verblaute Luft, in einer vor Wonne irrsinnigen Natur. Wre ich zehnmal bedrckter noch gewesen, ich htte gelacht. Bald fingen denn auch die Berge wieder an, ihre funkelnden Spieldosen aufzuziehen. Nicht einmal nachts wollte diese Landschaft zum Ernste gelangen; des Krieges selber schien sie zu spotten. Wer hatte denn recht, wenn nicht die Bume hier am Strand des Sees, die ihre Dfte einander zuhauchten und vertauschten, und wenn sie welkten, wieder erblhten, und wenn sie verdorrten, andere dafr erwuchsen. Es war mir ein Schlag ins Wasser geglckt. Und was dann? Ich zog Fortunio mit in den Kursaal, sah den Dmchen zu, wie sie tanzten, gewann sechs Franken und verlor deren zwlf. * * * * * Und nunmehr ging ein Tag blitzender als wie der andere auf, und wie in einer leuchtenden Schale der Vergessenheit zerflo der See. Vergi! Vergi! Es hinderte nicht, da ich Fortunio bei Gelegenheit das alte Leitmotiv vernehmen lie, solange Telramunds im Hintergrunde sen, sei jede Aktion, jeder Versuch, dem Ha entgegenzuwirken, im vornherein eine gescheiterte Sache. Er ist fr das abwirtschaftenlassen solcher Elemente, und ich nicht. Denn bis sie abgewirtschaftet haben, ist ja zuviel verdorben, aufgehalten, zugrunde gerichtet. Fortunio, in vielen Dingen weit beschlagener als ich, sieht nicht, wo ich erfahrener bin als er. Gewi sind ihm die Gtter hold. Taucht er unter, so fischt er gleich etwas Schnes, hlt's gegen das Licht, freut sich des Prismas und lt sich von den Wellen schaukeln. Die paar Meinungen dagegen, die mir unverrckbar im Kopfe horsten, mu ich zu Markte tragen, und habe keine Ruhe. Mue bleibt Miggang fr mich, solange ich sie nicht formulierte. Und die Aufgabe ist doch so schwer, da ich vor jedem Anlauf von neuem zgere. Bis mein Tagewerk gelingt, sofern es mir gelingt, wird der Abend fr mich herangebrochen und meine Gastrolle in dieser zweifelhaften Welt ausgespielt sein. Sollten meine Bcher mich berleben und ich selber wiederkommen, so lese ich sie vielleicht, und vielleicht wird mir dabei etwas sonderbar zumute. Ein Dirigent mchte ich dann werden. Regieren mchte ich! Die erste Katze mchte ich sein, die keine Vgel mordet. Ich bin in diese beiden Tiere vernarrt und wnschte, sie schlssen Frieden. Um auf Fortunio zurckzukommen: darber sei man sich vollkommen einig, sagte er, wie Telramunds Verfahren mir gegenber zu qualifizieren sei. Warum ergriff denn keiner meine Partei? Er zuckte die Achseln, wie jemand, der es aufgibt, etwas zu erklren. Gerade dieses Achselzucken aber gab mir endlich voll und ganz zu verstehen, mit welch unsglich trbem Wasser in Politicis gekocht wurde; so zwar, als mte es so sein. Diese Notwendigkeit war es gerade, die ich mich anzuerkennen weigerte. Ich kann gar nicht aussprechen, wie grausam mich der Plan von einem Zusammenschlu der Geistigen anlchert . . . Wie sollte ein Zusammenschlu der Geistigen zustande kommen, da noch ganz und gar kein Zusammenschlu gegen die Ungeistigen besteht? Ach, kennt ihr Geistigen die Welt noch immer nicht? Was redet ihr gro von eurem Zusammenschlu? Sprecht von Aufgebot, von einem Kampfesruf gegen den Zusammenschlu jener, denen alle Waffen zu Gebote stehen, welche die Gemeinheit fhrt, dem einzigen Zusammenschlu, der sich bisher verwirklichte, denn dort gebietet der Verworfene ber den Verworfeneren, und der Verworfenste ist es, der das Zepter schwingt. Sprecht von Ausschlu, sprecht von Sorge. Davon sprecht, da es keine gute Sache geben kann, solange schlechte Elemente sich zu ihr bekennen drfen, um sie zu untergraben, ist doch an ihrer eigenen nichts mehr zu verderben. Zum Zerstren aber sind sie da. Gelnge es mir, auf diese noch immer nicht gengend beachtete Beschaffenheit der Dinge die Aufmerksamkeit zu lenken, ich htte nicht umsonst gelebt. Ich wei ja, wie sehr mein Scharfblick auf Kosten von Kurzsichtigkeiten geht. Welche Pein ist das! Ich strme nicht voran, ohne ber das Nchstliegende zu stolpern. Von ausgemachter Selbstherrlichkeit, wo ich meiner Sache sicher bin, unheilbar blde, unheimlich schlau, so harmlos, da man kichert, so gerissen, da man mir mitraut . . . 27. APRIL. Ein Berliner Kriegsgewinnler, den Paxens von Wien her kennen, meldete sich bei ihnen zu Besuch. Der erste, dem ich mit Bewutsein begegne. Nie habe man bei Hiller so gut gegessen, nie bei Borchard soviel Champagner getrunken. Die Welt habe jetzt die deutsche Faust kennenzulernen. Was Ludendorff befahl, sei _unbesehen_ das Richtige, und keine Kritik gestattet; (das galt mir!) Gott, wie gemtlich man hier beisammen se, whrend die Vlker einander schlachteten. (Dies sagte er, wie man am warmen Kamin vom Schneesturm spricht, der drauen wtet.) Allen knne es nicht gut gehen, bemerkte er auch. Schweigen Sie, rief Frau A. H. Pax. Er guckte etwas verdutzt. Das ist ja schrecklich mit unserer Valuta, lenkte er dann ein. Und mit der geistigen erst! fuhr A. H. Pax dazwischen. Kunstwerk der Zukunft. 28. APRIL. Heute frh bin ich in einer Messe gewesen. Aber welche Messe! In einem sehr alten, dem See gegenberliegenden und kstlichen Bau: Traumhafte Fresken, das brige mit roten, langverjhrten, rosagewordenen Damasten ausgeschlagen. So gut wie leer. Die Schellen, die der Ministrant in Bewegung setzt, erklingen abgetnt und sind gewi aus Silber, Weihrauchwolken steigen vom Altar. Dunkel -- nein nicht dunkel, von einer lichten Penombra wie eine bedeckte Vollmondnacht, ohne Orgel und Gesang, und dennoch brausend, unendlich gro, ja wie zum Firmament -- (wie wurde mir?) weitete sich das stille und verlassene Haus und schwamm im All. Endlich wieder eine schne Kirche. Die in Bern hatte ich aufgeben mssen, denn so war die Messe wirklich nicht gemeint. Als ich aber jetzt durch die schwerbehangene Tre ins Freie trat, auf den noch leeren Platz und den besonnten Strand, wo die Platanen ihre eben erschlossenen Kronen so brutlich dem Licht entgegenhielten, da schien dies alles, diese Natur mit den dekorativ vor und wieder zurcktretenden Wnden ihrer Berge und das gekruselte, wie in sich selbst verliebt hinziehende Gewsser, selbst der Himmel, der darber hing, schien nicht so weit wie der eben verlassene, leicht zu umspannende Bau mit den damastenen Wnden von verblatem Rot. 2. MAI. Die Pforte, die ins Weglose fhrt, wurde bisher nur im Vorbergehen angekreidet. Ziemt es sich doch nicht, es zu beschreiten. -- Diejenigen aber, welche solange ber die Schiffbarmachung der Luft gegrbelt haben, sind nicht dieselben, welche sich auf roplane schwingen, sondern viele Jahrhunderte werfen ihre wilde Brandung zwischen sie. Und doch, und doch . . . Wie in der nunmehr erkrankten Luft die Menschheit eine infizierte oder jedenfalls, auch ohne es zu merken, eine affizierte ist, wie vielleicht ein Pesthauch so allmhlich unseren Planeten umschichtet, da wir es nicht gewahrten, ebenso glaube ich, da bei vielen unter uns der innere Sinn dem lautlos tumultarischen drngen und wogen (wo gbe es Worte?) der so zahllos und so jh entstrmten Leben zugewandter ist, als sie es wissen. Da sind Akzente, da sind Lockrufe, die noch nicht ergingen . . . Da treiben wehe Schwingungen der Wonne von unaussprechlicher Pein, da greifen Klnge ans Herz, zerspringen und ermatten wieder, ohne zu ertnen, und da sind uns Zaubertrnke hingehalten, als htten wir geistige Lippen, sie zu genieen . . . Es war nicht mehr Nacht, aber der Tag dmmerte noch nicht. Ich schlief nicht mehr und war noch nicht wach. Eine Gestalt, hchst eindrcklich in ihrer Schattenhaftigkeit, erfllte die Atmosphre bis an den Rand, als msse diese wie ein zu voller Becher berflieen, das Zimmer sprengen oder sich entflammen. Und schon war das Unnennbare ungegenwrtig, und es wre lcherlich unzureichend, wenn ich sagte, es htte sich entfernt, so ganz auer jeder Beziehung stand es zu Zeit und Raum. Was aber war inzwischen nochmals vor mir aufgeschimmert? Locken? -- von einer Gelocktheit, die es nicht gab, von einer goldenen Blondheit, die nicht vorkommt, ein Licht, das ich nicht kannte, schrfer, und dabei nicht so grell wie das des Tages. Geisterhaft? Aber es war ja von einer schrferen, wrmeren, pulsierenderen Lebendigkeit gewesen, als wir sie kennen. Wir sind nicht lebendig genug, dachte ich bestrzt, und schlug die Augen auf. Drauen hatte sich ein Wind erhoben. Die Fenster sahen auf den Garten; der Himmel ganz bla, aber im vollen Staat. Kleine Wolken als Vorreiter ausgesandt. Die Bahn war frei, die Vgel vollzhlig, Brust heraus, in Positur und einzustimmen bereit. Hchste Spannung in den Bumen: kommt sie schon? Blumengeflster: ist sie schon da? -- Es war alles wie am ersten Tag. * * * * * 3. MAI. Sicher haben die Menschen ihr Hofzeremoniell dem Sonnenaufgang abgelauscht. An sich gewi eine hbsche Idee. Mit acht Jahren war ich im Kloster Page der schnen Gelmini, die an Epiphania mit dem Beinamen die Gerechte zur Knigin ausgerufen wurde. Meine Haare wurden Tage hindurch im Hinblick der zu drehenden Locken mit gezuckertem Wasser gedrillt. Dem Hofnarren fielen sie aus der Schellenkappe tief ins Gesicht. Denn gelockt standen wir alle am Tage unseres Umzugs. Gelmini wurde zweimal gewhlt und starb das Jahr darauf. Wie gro war mein Staunen, als ich spter erfuhr, eine erwiesene Larve knne ihr Lebtag lang unter Zimbeln und Trompeten als Majestt aufziehen. Und welches Gelchter erntete meine Entrstung! Aber wie oft hat der verspottete recht! Jede Epoche hat ihren wahren Frstenkonzern. Wir verkannten dies ganz: darum sind heute unsere goldenen Kutschen remisiert. Groherzogliche Hoflieferanten, Palast- und Schlsseldamen, wo seid ihr? Terror der Wiener Komtessen, wo bist du? Kurz, kurz ist's her. Abends im Kursaal bei Musik geschrieben. A. H. Pax will in der Friedenswarte eine tongetreue bersetzung meines Protestes bringen, und da er zugleich einen Beitrag fr das Maiheft wnscht, setze ich meinen Apparat in Bewegung. Es ist, als trten ungeheure Wasserwerke in Kraft, um einen Fingerhut voll zu kredenzen. Stirnrunzelnd sitze ich inmitten des Hin und Her von Eisschokolade und Tangotnzen, um einige Stze ber die elsssische Frage zu formulieren. Ich begann mit ein paar Anspielungen und zitierte mich aus einem Essay, den ich ber die Markgrfin von Bayreuth geschrieben hatte: der Frau fehle es zwar nicht an literarischer Begabung, wohl aber an literarischer Perspektive, und fr die Realitt des geschriebenen Wortes wohne ihr auch nicht entfernt dasselbe scharfe Gefhl inne wie dem Mann. Heute sei hinzuzufgen, fuhr ich fort, ihr Interesse und ihr Verstndnis fr Presse- und Parteiwesen sei in der Regel gering, und auf jene allerletzten Endes so gedankenlose Parole: right or wrong my country, wre die Frau nicht verfallen. So wird sie denn, erzhlte ich von ihr, und meinte _mich_, nur wenig von bisheriger Politik verstehen, dafr um so mehr von der kommenden. Denn es ist ganz gewi falsch, zu behaupten, man drfe Politik nicht mit dem Gefhl treiben. Wie veraltet die ohne Gefhl betriebene sogenannte Realpolitik im Grunde schon war, htten die zuletzt auf dem Plan erschienenen jugoslawischen Vlker sehr wohl erkannt, als sie einst jenen brderlichen Balkanbund zu grnden beschlossen, welcher dann am Widerstand der europischen Kabinette gescheitert war. Es lge auch ein vollkommen richtiger Instinkt einer Versinnbildlichung der Nationen durch berlebensgroe Menschengestalten zugrunde: Marianne, John Bull, Michel, Onkel Sam . . . Von hieraus zieht sich deutlich ein Weg zur Einsicht, da den Beziehungen zwischen hochstehenden Vlkern genau dieselben Grundstze unterliegen sollten wie zwischen hochstehenden Menschen. Statt sich zu berlisten und brutal zu bervorteilen, suchen sich diese im Gegenteil an Schonung, Gromut und Rcksicht gegenseitig zu berbieten. Der Wetteifer um den Rcksitz hat als Ergebnis, da man sich darin teilt; statt einander zu berauben, hilft man einander aus. Man gesteht sein Unrecht und wird vernommen, statt verdammt. Wre somit eine solche Politik nicht auch die praktischere? Ich htte mir vorstellen knnen, fuhr ich fort, da auf einer solchen Grundlage hin ein Dialog zustande gekommen wre zwischen Michel und der unvershnlich von ihm abgewandten Marianne. Ich knnte mir wahrhaftigen Gottes vorstellen, da er -- nach Art der Liebhaber -- zu ihren Fen hingerissen, die elsssische Frage vor ihr zur Sprache brchte; ich knnte mir vorstellen, da im Laufe dieses Dialogs endlich ein Wendepunkt sich ergbe, von wo ab beteuert wrde, was verneint worden war . . . und in dieser Tonart lange hin und wieder so beharrlich, bis die wunde Frage sich zwischen ihnen isolierte, auf einen hheren Plan gehoben, langsam ber ihren Huptern wie eine Morgengabe schillerte. Aber den Realpolitikern dnkte die andere Alternative, der wir heute zusehen mssen, die gerissenere. Sptere Europer werden sich freilich an den Kopf greifen; dann aber wird vermutlich das andere Schlagwort aufkommen vom Antagonismus der weien und der gelben Rasse; und dann wird sich der Himmel verfinstern von den neuen Schrecknissen; und dann erst werden die berlebenden nicht mehr bestreiten, da die europische Psyche durch Assimilierung der asiatischen die endliche Bereicherung, ja ihre letzte Vollendung erfhre. Nicht allein, da die grauenvollen Erfahrungen, die geopferten Generationen, die vergeudeten Jahrzehnte, Jahrhunderte notwendig sind, um diese Welt zu Anschauungen zu bekehren, welche sich der einfachen Nachdenklichkeit aufdrngen, sondern all diese Kriege, und die gewesenen sind nur Vorstufen zu einem letzten Kampf, dessen Stunde zugleich mit der Stunde der Vergeltung schlagen wird fr jene Elemente, welche von jeher die schlechte Sache in der Welt betrieben oder die gute verdorben haben. Die Leute also, schlo ich meinen Aufsatz, welche auf den ewigen Krieg schwren, mgen zufrieden mit mir sein; denn bevor jene Elemente (und es sind stets berall dieselben) nicht gekennzeichnet und untergeordnet werden, glaube auch ich an keinen dauernden Frieden. * * * * * Um mich von der Anstrengung zu erholen, setzte ich zehn Franken und gewann zwei. Pltzlich taucht der Kriegsgewinnler vor mir auf und fragt, ob er mich nach Hause begleiten drfe. Es war sehr spt, ja, er drfe. Er begleitet mich also, ich aber leuchte ihm heim. Und siehe da, in dieser nchtlichen Weile scheinen ihm sehr andere Bilder vorzuschweben als die, mit welchen er noch gestern renommierte. Es geht uns ja so lausedreckig, jammerte er, warum verfolgt ihr das in den Brunnen gefallene Kind? Also so steht es, rief ich. Mein fertiger Aufsatz stimmte mich frech. So steht es, und ihr blufft weiter mit Schwertfrieden und Grenzverbesserungen in Tod und Ruin hinein. Ich sehe schon, was fr Argumente ihr schmiedet, falls es schief ausgeht mit eurem Verbrechen! Es lt sich gar nicht sagen, wie weinerlich, wie persnlich gutmtig dieser eingepeitschte Alldeutsche sich herausstellte; wahrscheinlich der beste Gatte und Vater dabei, ein gewissenhafter Arbeitgeber vielleicht. * * * * * Melide. Fortunio hat drei Elssser getroffen. Im Schein der Windlichter schlage ich ihm die Karten, er dagegen liest mir aus der Hand. Die Edeljdin hat ein rotes Tuch umgeschlagen, und wir sind vergngt. Doch oh, die Nachtigall, die wir am Heimweg schlagen hren. Mein Herz hing sich an sie und drang in den Busch zu ihr. Ich htte mich so gern nicht mehr von der Stelle gerhrt. Der Himmel blieb die ganze Zeit ber so blau, da sich die Wolken in meinem Gemt angesichts soviel Sonne nicht behaupten konnten. Der erste bedeckte Tag war auch der unserer Abfahrt. Ich nahm den Frhzug mit Paxens und steckte meine Post gerade noch zu mir. Frs erste galten dann meine Blicke nur dem schwindenden See und den schnell sich verstellenden Bergen. In Bellinzona trennten wir uns. A. H. Pax wnschte die Mitarbeit der Grfin Reventlow, und ich sollte sie zu ernsterer Arbeit ermuntern. Es stellte sich aber heraus, da nur 40 Minuten in Locarno blieben, so depeschierte ich ihr auf gut Glck und fuhr dann durch das breite, lange Tal zum Lago Maggiore. Sie stand am Bahnhof. Wir erkannten einander, ohne uns je gesehen zu haben, und gingen mit einer Art von kalter Vertraulichkeit hinab zum See. Ihr Zynismus kannte keine Grenzen, doch immer alles mit Grazie. Vom Schreiben wollte sie nichts mehr wissen und hatte eine bersetzung unternommen. Bei jeder Seite freue ich mich, da ich das nicht selber geschrieben habe, sagte sie. Ich drngte sie zu grerem Flei, ohne Anklang zu finden. Mein Ideal wre die Leitung eines groen Hotels, versicherte sie. Ihre Augen waren wunderschn. Ich sprach von ihren Schriften, und da keine Bcher dieses leichten Kalibers mit hnlicher Qualitt geschrieben worden seien, so bla, so spttisch, so geistreich. Aber sie schttelte den Kopf: es sei zu schwer. Wir gingen in der Mittagsschwle den bergigen Weg zur Station zurck. Einige Wochen spter sollte sie in Konstanz ihrem Sohn zur Desertion verhelfen. Heute amsiert sie die Geisterwelt mit ihrem Witz. Schreiben werden wir beide kein zweites Mal. Ich hatte gerade Zeit, in den Zug zu springen: er bewegte sich schon, wir riefen uns noch einmal auf Wiedersehen zu, bevor wir einander fr immer aus den Augen verloren. -- Zu lesen hatte ich gar nichts mehr, mit Ausnahme einer franzsischen Zeitung, die unter meiner Post gewesen war. Sie enthielt auf der zweiten Seite einen Angriff gegen mich: Erbitterte Zeilen mit dem deutlichen Wunsch, mich zu verletzen. Frwahr, dachte ich, das ist wirklich zu unverdient. Aber der Verfasser tuscht sich: es ist mir egal. Ich legte die Zeitung weg und sah in die Gegend hinaus. Merkwrdig durchdrang mich da ganz und gar die Weite des Tals. Wie ein prchtiger Festsaal der Natur, gemeint, als sei er auch bei Nacht zu erglnzen. Als fehlten nur die Riesenkandelaber an den gleichmigen und feierlichen Wnden der Berge. Die Lokalbahn hatte Anschlu an den zweiten Zug, der von Lugano kam. Er war schon eingelaufen. Fortunio und der Redakteur der Humanit standen auf dem Perron. Ich reichte ihnen das Blatt, das mir unter Kreuzband zugeschickt worden war, und wollte etwas dazu bemerken, es stellte sich jedoch heraus, da meine Stimme zwischen Locarno und Bellinzona hngengeblieben war. Hatte die Luft sich abgekhlt? Wie Fanfaren drang das Blau durch die dunstigen Wolken. Dicht vor dem Platz am Fenster, den Fortunio mir gesichert hatte, zogen jetzt die grauen Riesenwnde des Gotthard vorber, durchstrichen von zahllosen Wildbchen, die aus ihren unversiegbaren Grnden senkrecht im hellen Jubel herabschossen. Es war ein Hals ber Kopf sich berstrzendes Geglitzer. Ich behielt sie im Auge, diese Flsse, einen nach dem andern, und zhlte sie. Wie eine Rettung war's, als die table d'hte ausgerufen wurde und alles in den Speisewagen ging, Fortunio ganz besonders und der Redakteur. Der Wunsch, allein zu bleiben, brannte wie ein Durst. Welchen Auges mag der Hirsch das Laub, das sein Geweih vom Aste schlgt, das Tal, die Tiefe einbegreifen, bevor er sich getroffen wei? Wir wissen nicht, wie seine Welt da vor ihm aufleuchtet. -- Was fr ein selbstherrliches Ding ist doch das Herz! Du rufst ihm zu, und es vernimmt kein Wort, als gehrte es sich selber und nicht dir. Verstrickte und sich selbst widerstreitende Liebesgefhle haben ihre eigentmlichen Reflexbewegungen wie Zerreiungen und Wunden. Ich hatte mich getuscht: der Angriff in der franzsischen Zeitung war mir nicht egal. Und wie aber htte die Erbitterung zwischen den Zeilen mich nicht bewegt? Zwischen den Erbfeinden des Abendlandes stand in Wahrheit reinste und einzigste Erotik am Spiel. Was hier von jeher, was von neuem auf Menschenalter zertreten wurde, war der Keim aller Verjngung und Erneuerung eines Kontinents, die Blume aller Allianzen. Alle andern sind unfruchtbare Bndnisse dagegen, Geschwisterehen. Sagt mir nicht, da es anders sei. Ich wei es besser. Ach! Grund genug, wenn es jetzt den Augen unaufhaltsam entstrmte wie ber die grauen Furchen der Gotthardfelsen. Oh! und nichts von bayrischem Gebirg! Was sich da drben hinter Schleiern spiegelte, das war Paris am lauen Septembertag, der eigenen Erfllung hingegeben, und einem Himmel, der keine andere Stadt so berhing wie sie. War sie nicht meine eigenste Heimat? War sie nicht die unerreichbarste Geliebte? War sie nicht eine Gttin? Oh mein beraubtes Herz! Jedes Bild, jede Erinnerung an sie zerri es neu. * * * * * Abends in Bern, wo inzwischen auch der Frhling gekommen, sozusagen ausgebrochen ist, leidenschaftlich abgetrotzt wie etwas, das sich keineswegs von selbst versteht wie im Sden. Ich liebe im Norden nur den Sommer. 4. MAI. Abigail stattete mir eine richtige Sympathievisite ab. Es fehlte nur der Zylinder. Dieser neue Ziegelstein auf mein Dach dnkt ihm entschieden de trop. Erklren Sie mir nur, sage, ich, liegt denn eine solche Ungerechtigkeit in eurem Interesse? Wir fragen heute nicht nach Gerechtigkeit, erwidert er. Wir verlangen alles oder nichts, Sie bieten uns die Hlfte, das ist zu wenig. Sie vergessen, da ich Deutschland liebe. Es sind Gefhle, die wir zu wenig teilen, als da sie uns interessieren knnten, erwiderte er steif. Wir sprachen dann von anderen Dingen. 6. MAI. Besuch von Frau Karfunkel. Sie fragt mich, ob ich eine Revolutionrin sei, und ich bin im Augenblick zu mde, es zu wissen. Das Wort gekrnte Republik fllt mir ein, das krzlich vor mir gefallen war. Mochte es herhalten. Eine gekrnte Republik, sage ich und ghne. Da Frau Karfunkel mich kaum kannte, hinderte sie nicht, mir jetzt eine jener Szenen zu machen, die man wie ein Unwetter ber sich ergehen lt. Die Worte wie krasse Ignoranz gehrten zu den mildesten, die sie mir vorsetzte. Sollte ich ihr sagen, warum? ihr bekennen, in welchen Gedanken sie mich unterbrochen hatte? ihr den Grund jener mangelhaften Kenntnis eingestehen, die sie so richtig erraten hatte? Welchen Kriegsbericht hatte ich zu Ende gelesen? Von welcher Phase des Krieges mir auch nur einigermaen ein Bild gemacht? ber die erdrckende Tatsache, da er herrschte und kein Friede kommen konnte, sah ich nicht hinaus. Fr seinen Verlauf, seine Geschichte blieb mein Interesse ungefhr. Was wollte die Frau bei mir? Sie hatte mich aus der Arbeit gerissen, und ich war froh um die Unterbrechung gewesen; so mhselig war die Pein, da ihr Stigma sich den Schlfen aufdrckt, und da sie einsinken wie zermrbt. Oder gleicht eine geistige Not der immerwhrenden Welle vielleicht und die Schlfen dem Stein, der von ihr zernagt und bearbeitet wird? Von den Dingen selbst ist mein Verstndnis so karg! Der Kommentar zu ihnen ist meine Sparte: ihn stets von neuem, zergliederter, ausgreifender zu formulieren, ist der Stachel, der mir keine Ruhe lt, meine Einzelhaft mitten im Leben. Denn ber die Vielfltigkeit unserer Wege hin, sehe ich die Einfltigkeit der Gefahr; die ewig selbe Fratze, die jeder edlen Bestrebung wie eine verruchte Karikatur noch immer auf dem Fue folgte. So schmal, schwankend und immerzu gefhrdet zieht unser Weg empor! Aber naiver als ein Soldat, der mitten im Treffen nicht wei, wo er steht, fhrte der Mensch bisher seinen Kampf. Auch ihn trafen die Geschosse, ohne da er sah, aus welchem Hinterhalt sie stammten, und von der unheimlichen Geschftigkeit, mit welcher in den Niederungen sein Verderben betrieben wurde, merkte er nur das Resultat. Unermdlich und nahezu ungestrt drfen die Untermenschen, von Herrschsucht besessen, in der Familie, dem Staat, der Gemeinde, der Partei ihre zersetzende Arbeit verrichten. Aus Tausenden von Schlagwrtern sind ihre Netze gewoben, der ganze ungeheure Nationalittenschwindel hlt seit Jahrhunderten den Zusammenschlu der Vollwertigen auf. Notsignale zu geben, bin ich hier. Unvernommen? Gleichviel! Ohnmchtig wie im Traum hinauszurufen: Richtet Wlle auf! Seht euch vor! Achtet der Stufen! Schtzt eure Huser! Mit unschuldiger Miene, ja mit dem Antlitz eines Engels vielleicht, kauert das Unheil an euerm Herd. Oh Brder, Freunde, nehmt es nicht in eure Arme, wie ihr den Fu nicht auf die sanft beschneite Stelle setzt, ihr httet sie zuvor geprft. Ich glaube, schreibt Ren Schickele, da der Sozialismus kommen mu mit einer groen, tiefen Flut von Licht, die alle Menschen durchdringt. Und ich sehe, wie emsig die Schatten sich sammeln, welche danach drsten, dies Licht zu verschlingen. 8. MAI. Abigail klopft wieder an meine Tre. Er trgt sein breitestes Lcheln, reicht mir die Mnchner Zeitungen und lacht noch strker. Sie enthalten meinen Protest in der Telramundschen bertragung, wahrscheinlich von ihm selbst eingesandt. Und das sind die Leute, mit welchen Ihr Euch einlat, brach ich aus. Ihr seid mir schne Richter! Doch Abigail war in einer nicht zu verderbenden Laune. Einigen wir uns, sagte er, mag er denn Telramund heien, unter einer Bedingung, verlangen Sie nicht, da wir Sie Elsa nennen. Die Pressestimmen lie er mir zum Geschenk. Ich las u. a., da ich ein hysterisches Weib von abgrundtiefer Gemeinheit sei. 9. MAI. Beim bayrischen Gesandten; er kannte mich von Kind auf. Er empfing mich. Aber der Verwirrtere, der Trostbedrftigere schien durchaus er. Es war bei ihm wie bei den Hhnen der modernen Waschtische, die gleichzeitig heies und kaltes Wasser ausstrmen: zwei Sprachen wie zwei Denkungsarten entflossen da immer zugleich: seine eigene und die anbefohlene. Vous tes dshonore! jammerte er. So schlimm ist es nicht, redete ich ihm zu. Kommen Sie, lassen Sie Gras wachsen ber die Geschichte. Gras? Da wchst kein Gras. Je vous supplie ne rentrez pas en Allemagne; on vous jettera dans les fers; je ne pourrai rien faire pour vous. Bleiben Sie um Gottes willen da. Ich bleibe schon da. Ja, bleiben Sie da. Was wollen Sie in Mnchen? Es ist ja alles verpreut. Diese entsetzlichen Preuen haben uns ja alle aufgefressen. Ich bin der letzte Bayer. Ich auch. Sie sind gar nichts. Vous tes une criminelle. Ce n'est pas moi, qui vous condamnerai, je suis votre ami. Vous tes une criminelle, unterbrach er sich laut. Oh, so viel Phantasie zu haben und so wenig Verstand! Sie sind erledigt. Wir sind gefressen. Damit entlie er mich. Da dem alten Herrn der Krieg so ber den Kopf wuchs, machte ihn mir nur sympathisch. Es wre jedoch hartherzig gewesen, ihn praktisch in Anspruch zu nehmen. Ich hatte es gar nicht versucht. MITTE MAI. Gerade in diesen Tagen lud mich Frau v. Schreckenburg, ohne mich zu kennen, zu sich ein. Englnderin von Geburt, trug sie dabei den gefrchtetsten deutschen Namen. Ihr Mann, von dem die Franzosen sagten: Heureusement qu'il n'en a pas l'air, und die Englnder: He is worth a better name, stand an der Spitze der Gefangenenfrsorge. Durch seinen unzeitgemen Mangel jeglichen Strebertums fiel er gnzlich aus dem Rahmen. Still, unermdlich und geschickt verrichtete er sein humanitres Werk. Es nahte Felix Mottls Todestag. Ich wollte die Mnchner erinnern, da ich es nicht von ihnen verdiente, unvernommen und mit Knppeln vor das Stadttor gewiesen zu werden, denn ich habe sie einmal vor einer groen Weltblamage bewahrt. Einige Redakteure waren damals meinetwegen geflogen, und ich hatte gesiegt. Waren solche Reminiszenzen angetan, den Herrn Chefredakteur zu rhren? Er sandte mir meine Eingabe, obwohl durch Schreckenburg bermittelt, mit dem Vermerk zurck, da er sich fr die Beitrge einer Hochverrterin heute wie fernerhin bedanke. An jenem Abend ging ich lange die beiden Brcken auf und nieder. Die Jungfrau hatte eine Schrpe bergeworfen. Ein kalter Wind trieb von den Gletschern herber. Ich ging und ging. Es war wieder bei Fortunio viel von einem Zusammenschlu der Geistigen gesprochen worden, und wieder lie keiner das Ausschlieen seine Sorge sein. Was aber ging aus dem ungeheuren Trugwerk dieses Krieges hervor, wenn nicht der vollendete und riesenhafte Triumph des Sklaven ber den Freien, wenn nicht die immer drohendere Forderung, uns selbst jenes letzte Gericht erstehen zu lassen, von dem geschrieben steht, da es auf immer die Scheidung zwischen den Menschen, die guten Willens sind und den anderen bestimmen soll? Ja, nicht die groe Einigung, den groen Bruch gilt es zuerst zustande zu bringen: die herrische und heilige Offensive der menschenwrdigen Menschen, gegen jene Untermenschen, welche Villiers de l'lle Adam als erster mit so groem Nachdruck kennzeichnete. Erst gilt es, jenen allzulange geduldeten Elementen das Stimmrecht zu entreien. Sahen wir nicht alle groen und bahnbrechenden Ideen in Verwirrung ausarten, das Christentum selbst unter die Rder geraten und eine Sache um so sicherer verderben, je edler sie war, weil Unzulnglichkeit und Niedertracht das groe Wort zu fhren in der Lage sind; Solange diese Gattung ihre Gleichberechtigung behlt, hat die Menschheit nichts zu hoffen. Sie wird wie ein Kranker sein, der sein bel zu betuben sucht, indem er sich auf seinem Schmerzenslager dreht und wendet, oder hochaufgerichtet nach Atem ringt, um doch nur eine illusorische Erleichterung zu finden. Sie wird alle Regierungsformen, eine nach der andern, erproben, und ob sie auch ihre Knige gegen Republiken eintauscht -- es werden doch nur falsche Republiken sein, und auch die Anarchie wird sich als nichts anderes herausstellen als einen Mibrauch der Macht. Und wie knnte die einzig wirkliche Freiheit entstehen, wenn nicht durch die Knechtung desjenigen Pbels, der allerorts alle Klassen, von den hchsten bis zu den sogenannten niedrigsten verheert. Hierarchien aber sind es ja gerade -- weniger rudimentr und kindisch nur als diejenigen, welche man sich aufoktroyieren lie -- Hierarchien aber sind es, die auf neuer und gerechtfertigter Basis zu errichten sind: geben wir uns keinen Tuschungen hin: die Klasse der Knige, der Frsten und Herren, ja der ganze Tro der kleinen Gentry sogar, er ist vorhanden (nur so anders!), und alle wahren Adelsbriefe, die sich in unendlichen Fluktuationen aus der menschlichen Wrde ergeben, existieren auch. In allen Kreisen aber und durch alle Zeiten hindurch wurde die wahre Elite gepeinigt, geopfert oder zur Ohnmacht verdammt, weil urteilslose oder niedriggesinnte Elemente, die sich weder in Gleichheit, noch in Brderlichkeit zu ihr verhalten, dasselbe Stimmrecht genieen. Man rede mir also nicht von Zusammenschlssen, sondern vorerst von neuen Gesetzbchern und neuen Statuten. Auf einen treibenden Sumpf, einer Welt wie sie ist, Ringmauern aufzurichten, daran glaube ich nicht. Wozu fhrte der vielgehegte voto pietoso Deutschland und Frankreich zu einigen? Statt der stolzesten aller Galleonen ein Wrack, beiden nahezu unnennbar geworden. Dieses Wrack ist mein eigenster Boden, ich verlasse ihn nicht. Die paar Einsichten aber, die mich sehr bestimmte Erfahrungen lehrten mit der Persistenz des Marktschreiers zu verknden, ist mein Beruf. Ich lehnte ber der Brcke von Kirchenfeld. Hat die Nacht ihre eigene Helle, da sie uns die Dinge mit grerer Schrfe zeigt? Sie deckte jetzt den Flu, der unten den Bergen zurauschte. Von den Husern in der Tiefe, so eng geschart, fast ein Germpel, auf zartesten Sulenarkaden gehoben, und wie edel! leuchteten jetzt munter die tagsber so verschlossenen Fenster. Wie wenig lste schlielich und endlich unsere zufllige Existenz von unserem wirklichen Wesen aus! Vielleicht war sie nur eine Jahreszeit unseres weitversteten Seins. Wozu sich alterieren, redete ich mir zu, wozu die Hast, wozu die Ungeduld? -- Es wurde zuletzt ein Spazieren mit der Nacht, statt in die Nacht hinein, und ich war um eine grere Fassung, etwas mehr Gleichgltigkeit fr meine persnlichen Geschicke aus allen Krften bemht. Zweiter Teil. Sie sah bezaubernd aus; ihre Achseln schienen der Ansatz zu Flgeln, und da sie sozusagen zwischen zwei Fingern hochzuheben war, nannten wir sie mit Fortunio das Zirkuspferdchen oder der Seidenaff. Wenn sie ernst zu sein wnschte, waren wir grausam genug, sie auszulachen, doch nicht, um sie zu verspotten, sondern weil ihr alles so gut stand. Ihr Gatte war San Cividale, der Longobarde, wir hatten uns angefreundet, und es wurde ein richtiger Anschlu. Von den rzten ins Bad geschickt, depeschierte mir der Seidenaff aus Rheinfelden, und nie kam eine Einladung gerufener. Ich suchte einen Mieter fr meine Zimmer und hatte ihn schnell. Bern war mir verleidet, ich hatte dort vieles zu vergessen, Geldsorgen besa ich auch. Nur die Mozartauffhrungen, welche unter Richard Strauens Leitung bevorstanden, wartete ich noch ab. Sein schpferisches Erschpfen eines Werkes ist sicherlich ein neues und interessantes Moment in der Kunst des Dirigierens. Einem Don Juan, der ein groer Erfolg war, folgte jedoch eine Zauberflte, welche einige Kritik hervorrief; mich entzckte letztere weit mehr, so zwar, da sie einem ersten Eindruck gleichkam. Strau hatte eine Pamina mitgebracht, welche gesanglich und darstellerisch und durch eine merkwrdig schne Erscheinung der Partie so wohl entsprach, da Symbolik wie Illusion des Fabelreiches durchweg bestanden, bis der Vorhang vor dieser besseren und geordneteren Welt endgltig fiel. Was bedeuteten Regiestrungen (tags darauf hie es, sie sei einem Englnder zu danken, der sich zu diesem Zweck als Maschinist fr den Abend verdingte) vor dem unvergleichlich hohen Niveau dieser Vorstellung? Am lautesten wurde am Schlu von jener Sorte Deutscher Beifall gespendet, welche ihren schimpflichen Spitznamen so recht aus dem vollen verdienten. Diese wandelnden Erreger des Deutschenhasses gingen mit dem deutlichen Geprge von Leuten einher, welche zwar rechneten und berechneten, aber nicht mehr dachten, dafr seit einer Generation zuviel gegessen hatten. Sie waren die Regisseure und Leugner des groen Kindersterbens, das jetzt in ihrem Lande hinter den Kulissen um sich griff, und Scharen Deutscher, wrdig dieses Namens und liebenswert, gingen um jener Boches willen zugrunde. Doppelt verrucht erschienen sie im Lichte der eben erfolgten herrlichen Darbietung. Ich ersticke! sagte ich zu Fortunio, denn ein Knuel dieser wohlbestallten Patrioten schlenkerte vor uns ber den Platz. Auch im Dunkeln sah man ihnen an, da sie jetzt schmausen gingen. * * * * * Rheinfelden. 21. JUNI. Mute da dicht vor meinem Fenster hochgewlbt der Rhein vorberrauschen? Eine Brcke mit Schilderhuschen in der Mitte legt schon im Badischen an; freudlos, wie mit erblindeten Scheiben, sehen von dort die Huser herber. Heiterer war der Park. Wir lagen in Korbsthlen und schwatzten. Doch Erinnerungen kamen nicht zur Ruhe. Aufgescheuchten Vgeln gleich schwirrten sie hierher und dorthin und kehrten zurck . . . Der Sommer war im Land. Das Schlchen der schnen Marguerite, das selbst mitten im Kriege Zauberkreise zog, wartete unser, und die Schwalben nisteten lngst im flachen Strohhut, der in der Halle von der Decke hing. Jetzt standen auch ihre Koffer gepackt; . . . es trmten sich wohlgefaltet ihre schnen Kleider . . . Die Unrast der Verbannten trieb mich aus dem Park ins Stdtchen hinunter, wo von der viereckigen Plattform des Turmes aus die Strche ins Blaue steuerten. Was gab es schneres wie ihren Flug? Klein erschien mir die Schweiz. Wie ein herrlicher, aber fr mich nach allen Seiten hin verbarrikadierter Garten. Ich ging den Weg zurck, der ganz umwachsen unter Bumen fhrt. Wer nicht wollte, brauchte weder Flu noch Land zu sehen. Im Hotel aber lag eine Depesche fr mich. Ich floh entsetzt auf mein Zimmer. Die Freundin war tot. Mochte das Schlchen am Berg Tr und Tor sperrangelweit offen halten und warten, solange es stand, ins Leere starrte fortan sein breitschrtiges Trmchen. Sie zog die Strae nie mehr herauf, kutschierte nie mehr aufmerksamen Auges ihr Wgelchen in den Wald. Fort von Rheinfelden, dachte ich, nur fort! Es traf sich, da die Kur nahezu beendet war. Wir fuhren nach Wengen. Der Seidenaff durfte nicht steigen, ich kletterte drauflos. Hier waren alle Hhen zur Hand. Hinter der kleinen Scheidegg setzten sie von neuem ein. In weiten Senkungen kreiste ein Tal. Ich sa in einer Nische aus Fels und Gras, die Fe hingen ins Leere. Pltzlich, wie auf einen geheimnisvollen Anruf, ein lauter Sto, ein Gegenruf des Herzens. Denn es hat ja Arme, ich sagte es schon, und Flgel, schwerausgebreitete und leichte, es hat sein geheimnisvolles Dasein fr sich allein. Vom Tode wei es so wenig wie wir, nur dies hat es erkundet: da, wenn er uns nicht austilgt, der Lebende dem Toten zu Anfang mehr sein kann, als dieser ihm. Dann wre unser Eingedenken der Halt vielleicht, an dem er seine ersten Schritte geht, und unsere Trauer sein Gewand. Es war fr die Verstorbene ein Gedenkbuch geplant, und ich hatte versprochen, mich daran zu beteiligen. Mag es noch so mannigfache Welten geben, sicherlich gebietet ber alle eine einzige Natur, ein allmhliches Sprieen, eine Reife, von trben Himmeln die sie aufzuhalten scheinen nur gezeitigt. Vor allen Dingen aber jenes letzte und sehr tragische Zurckbleiben des Erreichten hinter dem Gewollten. Wie ein letzter Same, der sich wieder in die Erde senkt, um einer nchsten Ernte zu gedeihen. Ich schrieb auf meinem hohen Sitz angesichts des kelchartigen Tales mit den sanftanschwellenden Rndern. Die Sonne war gestiegen. Wie ein zieres Band umschlang ein Pfad den ganzen Berg und lockte mich unwiderstehlich in die Hhe. So kam ich zu einem kleinen Gasthaus und stapfte dann auf die Spitze des Mnnlichen hinauf. Dort fing sich der Wind und wehte kreuz und quer; dann aber strzte ein Steig, schmal wie ein Strich, so pfeilartig hinab, da man, von einem Taumel erfat, zu rennen anfing und zu fliegen verlangte. Von dem Tempo erfat, das von hier oben gesehen, die Jungfrau entfaltete, die mit mchtiger Schulter die ganze Kette der Alpen mit sich ri. Unglaublich schnell griffen jetzt die Schatten in dem verstrmenden Gold dieses Tages um sich; schon profilierte sich diese oder jene Bergeskante zu einem grotesken, dort zu einem erhabenen Riesenhaupt, schlafend, offenen Mundes zurckgeworfen, oder wie entseelt mit beschneiten, eingesunkenen Schlfen zur Seite gekehrt, die Luft darber wie ein unendliches Gewlbe. Auch manche Felsenburg tat jetzt entbrannte Zacken auf; kurz, eine andere Welt als die des Tages stand schon gerstet. Pltzlich hielten mich zwischen zwei scharf vorspringenden Felsen zahllose Schafe auf, die mchtig wie ein Volk auf halber Hhe den Berg belagerten. Mit ihnen zog eine Anzahl Widder, die innehielten, als sie mich kommen sahen, und mich aufmerksam, wenn auch stolz, betrachteten. Nirgends ein Hirt zu sehen, als wren sie die Fhrer. Ihre geschneckten Hrner abwartend mir zugekehrt, versperrten sie den Weg. Um weiterzukommen, mute ich halb quer hindurch, halb mit der Herde laufen. Eine berwltigende Ruhe, ja ein Glck ging von ihr aus, da man, am liebsten auf vieren gestellt, eins mit ihr geworden wre. Der Weg nahm gar kein Ende. Meine Schuhe gingen in Stcke. Meine Fe waren zerschunden. Schwer hinkend erreichte ich endlich das schon a giorno beleuchtete Wengen. Aus der Halle des Hotels trat der Seidenaff im Tuchbrokat von silberigem Wei, hoch mit Zobel verbrmt. Doch der Jugend kommt alles zugute; kostbare Gewnder unterstreichen sie nur. Die leichte Gestalt wird durch den schweren Staat gehoben, nicht gedrckt. Lang und gewichtig hing die Perlenschnur herab. Das Haar war braun. Gerade seinem weichen Schimmer schmeichelte die Hrte des diamantenen Reifs. In Treibhusern wird heute die gefllte, immer geflltere Nelke gezogen. Mit solchen gefllten Nelkenaugen, gut und klug, doch fern dem Ziele, blickte der Seidenaff. Tags darauf fuhren wir zu Tale, San Cividale, dem Longobarden entgegen. Fortunios schrieben aus Beatenberg, wo ich mich denn herumtriebe, und frs erste blieb ich jetzt in Interlaken, um meinen Nachruf zu beenden. Da mir keine Seele des Ortes bekannt war, verbrachte ich meine Tage ohne zu sprechen, und schon lebte ich eingesponnen und wie unter Glas, als die Lektre eines Zeitungsartikels mich ganz aus der Stimmung ri. Es war ein Aufruf von Andreas Latzko, der wesentlich aus Vorwrfen, und zwar sehr berechtigten Vorwrfen an die Frauen bestand. Nun haben diese ja im Kriege versagt und die hrtesten Dinge zu hren verdient, doch nur ihnen selbst kann es zustehen, sie zu uern, dem Manne heute mit keinem Wort. Ihre Unzulnglichkeiten sind sein Werk, von ihm gezchtet und beabsichtigt, selbst sein berdru an ihr war als Triumphgasse fr seine Eitelkeit gedacht, was er vollends ihre Ungleichheit nannte, war seine Politik. Wie stark seine Krone zerzaust ist, ahnen beide noch nicht. Die Penalty of the war, von der soviel die Rede ist, wird noch eine ganz andere sein, als man im allgemeinen glaubt. Die Frau wird ihre Chance haben. Mag der Mann noch auf Jahrhunderte das berragende leisten, ihr Aufstieg wird sich unaufhaltsam als eine Folgeerscheinung seines Bankrotts vollziehen. Bilder schwebten mir vor . . . . war sie nicht schon im Begriff, mit jedem Jahrgang schner, individueller zu werden? Erhob sich ihre Gestalt nicht freier, knabenhafter, mehr auf sich selbst gestellt, von Jahr zu Jahr? Schlimmstenfalls konnte ihr Regime zu keinem rgeren Chaos fhren, als das, welches wir unter der ausschlielichen Fhrerschaft der Mnner und ihrer Gesetzbcher erleben. Oh diese Gesetzbcher! Sie forderten, da man vom Tag eines Krieges an nurmehr mit seinem Vater verwandt sei. In meiner Aufregung, meiner Bedrcktheit, lief ich in der Mittagshitze den Brienzer See entlang, bis zur Erschpfung. Und mit einem Male wurde mir das Karthuserschweigen viel zu viel; da zudem schwere Regentage einsetzten, brach ich auf und fuhr nach Beatenberg. Beatenberg. AUGUST. Ich wohnte eine halbe Stunde von Fortunios entfernt, und mein Hotel stand zu Anfang der breiten Strae, die ber tausend Meter hoch ganz eben dahinluft, den groen Rat der Gletscher stets im Angesicht. Wie zu einer Riesenpolonse aufgestellt, schienen sie, je nach der Beleuchtung, zurckzutreten oder loszuschreiten bereit. Nur der Regen sprengte den Bund. Dann verschwand jeder einzeln in seinem Zelt und wute nichts mehr vom andern. Wusch sich aber nachts der Himmel wieder rein, so hielt beim Morgengrauen die Jungfrau entgeistert Cercle, als harre sie nur des Zauberrufes, um der Sonne bei ihrem ersten Strahl ekstatisch entgegenzutanzen. Leider kam auch hier die Arbeit nicht in Flu; das sehr geruschvolle Haus bot keine Mglichkeit, sich abzusondern. Unmittelbar daran grenzte der Wald und fhrte sogleich sehr steil ins Weglose hinab. Und hier nun entdeckte ich eines Morgens, ganz hinter Tannen versteckt und der Tiefe zugewandt, ein kleines, verlassenes Blockhaus. Ich rannte ins Hotel zurck, forschte nach dem Schlssel und erlangte ihn. So gehrte das Chalet mir, da ich es beziehen durfte. Den Schlssel ans Herz gedrckt, eilte ich zurck. Im Raum des Erdgeschosses verbrachte ich nun meine Tage. Die Lden blieben herabgelassen. Nur durch die Tre, die ins Freie fhrte, drang das Licht; auch die Bume hielten es auf. Nur Tannen, Wald und Moos und keine Aussicht auer sie. Hier hatte man vor den ewigen Gletschern Ruh. Und keinen Laut als den der Vgel. Oh Sommersmitte! Oh gttlicher Augenblick des Innehaltens, du ohne Zeitma, ohne Intervall, mitten ins Jahr gesetzter Orgelpunkt! Gro aber blieb die Not der unterbrochenen Arbeit. Zwischen Tr und Fenster lief eine Ruhebank mit daraufgeschtteten Kissen die Bretterwand entlang. Ich warf mich hin; chzend. Es roch nach Tannen, Blumen, des Morgens im Walde gepflckt, hingen schon ermattet im Glase. In diese holde Schwle tanzte ein geflammter Schmetterling herein. Mein rechter Arm hing herab, ich war zu lssig, ihn zu heben. Vor Wonne fielen mir die Augen zu. Hlt die Einsamkeit der Gemeinschaft Letztes, die wir Lebende ersehen? Was war geschehen? Verloren blickte ich auf. Der Falter? War er als Bote hereingeflogen? -- Wer war gegangen? -- Flchtig ist kein Wort. Und doch . . Von welcher Gegenwart und welch durchdringendem Ton vibrierte nunmehr auf immer die Luft dieser Htte? War sie, deren Bild ich festzuhalten suchte, ein Elf? Denn der Griff einer Hand von elfenhafter Feinheit hatte deutlich die meinige erfat. In unbeschreiblicher Rhrung hob ich den Arm, sprang auf, sa wieder vor dem Tisch, das Gesicht in den Hnden vergraben, und fuhr nun endlich wie in einen Schacht tief in meine Arbeit ein. Da fiel ein Schatten -- jemand trat unter die Tre. Es war Fortunio. Ich stie einen Schrei aus, als sei er ein Gespenst, und fhlte Nervenstrnge, deren Vorhandensein mir jetzt erst zum Bewutsein kamen, zerreien. Wissen Sie, wie spt es ist? lachte er. Seltsam. Sogar seine Stimme erfllte den Raum mit Schrecken. Das Ganze war zu arg, es zu errtern. So machte ich mich denn bereit, das Chalet zu verlassen, warf aber, die Tre abschlieend, noch einen Blick zur Ruhebank zurck, zum Tisch mit den Blumen im Glase, zu diesen Wnden, in welchen ich eins geworden war mit der Luft und der Seele dieses Tages. Was war noch immer kurzatmiger als wie mein Flug? Nicht von Schwingen durfte da die Rede sein, die ausgebreitet und aus eigener Kraft die Hhen beherrschen und sie behalten. Eher einer Rakete vergleichbar, die, wenn das Glck es will, emporschnellt und hher! hher! ruft, weil sie doch gleich verstiebt. Da ist es Pech natrlich, wenn man sie herunterholt. Wir gingen nun zum Hotel hinauf und setzten uns auf die Veranda. In der Tat, der Abend war sehr vorgeschritten. Beschaulich hing Fortunio an der Gegend. Die eben noch umglhten Gletscher traten jetzt, als sei die Sonne auf immer von ihnen geschieden, von Blsse wie erschpft, zurck. Welch ein Tag! -- Und schon fate mich Grauen bei dem Gedanken, ihn einsam beschlieen zu mssen oder ins Chalet zurckzugehen. Stand es noch? War's nicht versunken? Oder nur ertrumt? So zog ich denn mit Fortunio die lange Bergstrae zurck. Endlos dehnte sich hier der Ort. Ganze Strecken zeigte sich kein Haus. Und siehe, schon herrschte der Mond. In seiner ganzen Flle und unerschpflich berflieend, umschlang er streitschtig jeden Schatten und brachte seine Schwrze ans Licht, kroch unter jeden Baum, durchquillte alle Wlder und stieg und stieg in immer geharnischterem Glanz, bis eine trunkene Erde, von ihm umsponnen und ganz mit ihm vermhlt, mit allen Pulsen zum Himmel schlug. Voll Entzcken hatte sich die Jungfrau aufgerichtet -- Mnch und Eiger an der Hand, loszutanzen bereit. * * * * * Tags darauf fuhren San Cividale, der Longobarde und der Seidenaff die steile Hhe herauf. Von weitem schwang sie als Erkennungszeichen ihren Schirm rundum. Jungfer und Kofferbestnde hatte sie unten gelassen und trug eine uerst gerissene Sportjacke, in der ihre Figur zu zergehen schien, und eine zwischen mausgrau und mauve spielende Hemdbluse aus japanischer Seide, deren perfide kleine Mnnerkrawatte das ultrafeminine ihres Gesichtes zu letzter Wirkung erhob. Die gefllten Nelkenaugen, die das alles sehr wohl wuten, blickten unbeteiligt flchtig und beschattet. Es war nur ein kurzer Besuch. Das Bhnchen trug sie bald wieder davon. Und mit einem Male waren mir diese ewig hingerissenen Gletscher, die nie marschierten, verleidet. Herrlich in der Tat war auch der Mantel der Vorberge, der in so tiefen Falten ber sie hinschlug, und herrlich war's, wie er -- von oben gesehen -- den See nachschleifte, gleich einem kstlichen Saum. Beseelter aber blickte dennoch das Gebirge am Sntis, Jura oder Engadin, als in dem gewaltigen und dekorativen, aber fast berall stark abgekehrten Oberland. Ich sehnte mich nach mehr brderlichen Weiten, und sehr pltzlich, ohne das Chalet wieder betreten zu haben, fuhr ich hinab. In Spiez schrieb ich meinen Nachruf ins reine. Marguerite Khlmann. An den Kreis ihrer engsten Freunde wende ich mich, sie, die zu ihr standen wie die Strahlen der Sternblume, deren Name sie trug; denn so hingen sie ihr an, und so fat sie nunmehr die gemeinsame Klage zusammen. Wie beneidenswert sind sie gewesen! -- Nicht, als seien sie sich dessen zu spt bewut. Hier trifft sie kein Vorwurf. Vielmehr hegten sie ihr Wissen um das Werden dieser bedeutsamen und seltenen Gestalt, die von ihrem schnen und guten Wesen so viel weniger genieen durfte, als der gleichsam von ihr ausgestrahlte Kreis, dem sie es zuwandte. Denn wieviel Sonne war in ihr verwoben, und wie beschattet ging sie doch! Unter der rhythmischen und unzerstrbaren Ruhe ihrer Bewegungen welch unaufhaltsames Vorwrtsschreiten! Wer hat sie je hastig gesehen? Und doch welch ahnungsvolle Eile, sich zu erfllen! Geistigen Dingen zugewandte Menschen finden sich gewi nicht selten; der Maler und Musiker, auch der Liebhaber der Knste sind viele. Aber wie wenige gibt es, die auf das Schne selbst Anziehungskraft besitzen, so da es wie auf mystischen Ruderschlgen ihrer Atmosphre zugefhrt, immer mehr Natur und Element bei ihnen wird, und tatschlich eine Art von Wechselwirkung sich ergibt. So aber war das Schne -- wie ein Meister an seinem Marmor -- bei ihr am Werk. So umhing es ihre Erscheinung, so meielte es an ihren Zgen und hob sie zu letzter Vollkommenheit der Linien und des Ausdrucks. Unsere Herzen sind wund von der Erinnerung ihrer Hnde, so schwebend, einsam und gesammelt, verklungen, auch sie mit der weiten Melodie ihres Seins. Den wahren Hintergrund zu ihrem Bilde aber stellt einzig jene offene und merkwrdige Gegend, in der sie sich so heimisch fhlte, weil sie ihr glich. Dort, wo ihr kleiner Landsitz hart an der dunkeln Bergwand lehnte, von Mauern lang umfriedet, vor dem Tor die hohe Linde schon den Bergflu berhing, und sein Gestein, und schon wie vor den Almen leere Bergwiesen ansteigen, auf welchen die Khe bis hin zu den nahen Wldern weiden; und diese sind wenig begangen, schwer vertrumt und dster fast, weil hier sogleich das Hochgebirge seinen feierlichen Zug beginnt. Doch ffnete man das Tor zum Hause, ach! Wie rauschte es da von den kunstvollen Brunnen und den Fontnen, in welcher Flle zogen sich die Blumenreihen hochaufgerichtet durch den Garten hin! Und die Ebene ist's, nach welcher dieser steile Garten niederfllt, und schaut: auf halber Hhe, wie zur Freude hingemalt, der Kirchturm von Murnau, links die ersten Berge, ansehnlich, aber noch vereinzelt, sanft umrissene Prludien des Gebirges. Nach Osten aber, wo sich anstatt der Mauer die lange Wandelbahn und hlzerne Gartenzimmer nachsommerlich hindehnen, wlbt sich als Abschlu der finstere Berg. Hier waltete sie im lichten Kleide inmitten ihrer Blumen, wenn in der Ferne ein goldener Sonnenstaub den Tag begrub, oder sie sah wartend nach dem Mond, der so pltzlich hinter dem schwarzen Grat aufging und dann sogleich alle Grotten und Beete bergo, und nur die finstere Bergwand noch finsterer belie. Und auf erhhtem Stande der Apfelbaum, wie sie ihn zeichnete, mit den Windlaternen bunt ber dem Tische wehend! Hier fhlte sie sich heimisch, hier drang das Lachen ihrer Kinder immer bis zu ihr, und die Schwalben zogen durch die Fenster unermdlich ein und aus. Und drinnen der Tisch vor den breiten Scheiben, ach Freunde: vor dem sie sa -- niemals mig --, lesend oder malend, oder eine jener kunstvollen Arbeiten zur Hand, mit welchen dieses Haus geschmckt ist, dessen Bau, dessen edle Rume wie fr sie erdacht, durch ihre eigene Anmut etwas so Zauberhaftes wurden, da sie durch ihren Tod fr uns verschttet liegen. Die Tren, ach, durch die sie trat. Doch jenseits der Vorberge, in einer versteinerten Welt, ganz klein und auf unwahrscheinlicher Hhe steht die Jagdhtte, an deren winzigen Fenstern sie die rot- und weigewrfelten Gardinchen hing; sie liebte das Frohe. Ganz dem Schauen hingegeben, lief sie dort die Kanten der Berge entlang, denn das einzig Verweilende an ihr, von allem Persnlichen unmittelbar Losgelste war ihr Auge. Bald lockten sie die Hhen, bald die Weite und das Moor, oder sie stellte dort ihren Malstuhl auf, wo der kleine, von der Abendsonne warm getnte Flu so rasch den gemiedenen und immer trauernden Hgel umfliet. Diese reichhaltige Landschaft, die sich wie ein Fcher dem Auge entfaltet und verschliet, glich ihr so ganz, da fr uns, die sie dort sahen, ihr Bild wie eingetragen bleibt in diese Gegend. Nicht auf Festen schwebt es uns vor, deren Glanz das sanfte Feuer ihrer Schnheit so sehr erhhte, und nicht in groen Stdten, weder in Paris, dessen geistiges und knstlerisches Leben ihr so nahe ging, noch in London, wo sie gefeiert und bewundert wurde. Denn in ihr hatte Deutschland eine so liebenswrdige und seltene Vertreterin gefunden, da die Sympathien, welche sie sich erwarb, durch die Ereignisse nur verstummten, aber nicht verloren gingen. Denn weit ber die Grben hin, welche die Nationen voneinander trennten, klang ein Echo der Trauer ber die Kunde ihres Todes herber. Es mag ja sein, da ihre groen Erfolge im Ausland ihr um so neidloser zugestanden wurden, als man sah, welch flchtigen Gast sie krnten. Denn ehe man sich's versah, lagen ihre viel bewunderten Kleider in Kisten wohlverpackt, und sie selbst stand am Perron, Sehnsucht im Auge, um nach ihrem geliebten Ohlstadt zurckzufahren. Sie erzhlte noch im letzten Sommer ihres Lebens, sie habe mit Freudentrnen um sich her geschaut, als sie den Raunerhof zum ersten Male und zugleich als ihr Eigentum besichtigte. So nah berhrte sie der Ort. Es waren pantheistische Anklnge in ihr, die man nicht berhren durfte, um sie zu kennen. Denn so edler Natur war die zu weite Spannung ihres Wesens, die eine Lcke lie zwischen dem Leben und ihr. Ein suchendes, verlorenes Etwas fand hier seine Brandung, und was Wunder, da sich ihr Blick, allen Sicherungen zum Trotz, so hufig aus dem Alltag, wie aus einem zu engen Hause stahl. Und kannte ihn doch kaum. Seine immer neu sich bereitende Unsicherheit, bse und gefhrlich wie die Grungen der Gletscher, seine Verweigerungen, seine de erfuhr sie nicht. Ja, sie blieb von einer zu deutlichen Kenntnis dieser Welt bewahrt; ob sie es merkte oder nicht, ihr Kontakt mit ihr war immer umgeschaltet, ja sie war geschtzt. Aber wir wissen heute, warum die so innig Umringte dennoch einsam und beschattet ging, als sei alles vergebens; was dies heimliche, innere Versagen und ihre unrobuste Art bedeutete. Denn wir wissen nicht, was sich in denjenigen bereitet, die inmitten ihrer Jugend von den Hhen des Lebens weg, einzeln und jh zu den Toren des Todes hintreten und in seine Verlassenheit gehen. Keine letzte Verklrung, kein noch so sanftes Verlschen nimmt einem solchen Los etwas von seiner Schwere. Ach die besten Freundesherzen sind noch zu trge! Allzu leichten Sinnes nahmen wir das schne Geschenk ihrer Gegenwart hin und bedachten die deutlichen Merkmale eines frhen Scheidens an ihr nicht. -- Wer hat nicht jene Flugzeuge gesehen, die als dnner Korb, nur durch Taue einem Riesenball verbunden, ganz ohne Geknatter vorberschweben? Ein Windhauch streift die von ihm Getragenen. Je hher sie sich steigen sehen, desto langsamer dnkt ihnen sein Flug. Da zieht vielleicht eine Wolke vorber, von einer schwarzen Kugel pfeilschnell durchzuckt und alsbald berflogen, die nichts anderes war, als der Schatten des Balles, der unbewegt und still wie eine Ampel in der Luft zu hngen schien. Dies aber war bei stillem und oft schwer vertrumtem Wesen das Tempo ihres inneren Werdens; mit so verzehrender Eile durchma sie ihre Bahn, und nur wer ganz zuletzt in ihrem Umkreis lebte, vermchte auch das Letzte ber sie zu sagen. Denn immer merkwrdiger und geschlossener wurde die Harmonie dieser, vom Dianenhaften so getragenen Gestalt. Nur tragischen Naturen aber ist es gegeben, sich zu erfllen. Die Norm ringt sich vom Fragmentarischen nicht los. Oh Marguerite! Da meine Worte sich aufrichten drften wie Sulen, und da sie sich zusammenschlssen dir eine Sttte zu bilden des Innehaltens und der Rast, wo du -- staunend vielleicht, doch ohne Gram -- zurckblicktest auf dein Leben; oh da es zwischen seinen Ufern an dir vorberzge und dein sinnendes Auge so darauf verweilte, wie einst in deinem Garten auf das Getrme der Wolken im verglhenden Tag. * * * * * SEPTEMBER. Meine Zimmer waren zum Glck bis in den Oktober hinein vermietet, und ich trieb mich bald hier, bald dort herum, bald in Zrich, bald in Luzern, in Montreux oder Genf, nur nicht in Bern. Die ra Khlmann war ein Grund mehr, es zu meiden. Man erinnerte sich prompt, da ich in London in seinem Hause verkehrt hatte, und meine Stellung gestaltete sich noch um ein Stckchen schiefer. Ich hatte jetzt zu schreiben wie ein Minister, und es regnete Briefe. Sie betrafen zumeist Todesurteile, Deportationen, versprengte franzsische oder belgische Kinder. Dabei hielten jetzt die Zensuren meine Korrespondenz scharf im Auge; die harmloseste Post aus Deutschland erreichte mich erst in vier, Exprebriefe erst in sechs Wochen. Um an Khlmann zu schreiben, mute ich schon seinetwegen den Umweg ber die Gesandtschaft whlen. Meist wandte ich mich an Schreckenburg oder an den Grafen Carry. Zu Anfang ging's. Zwei junge Belgierinnen hatten ihren eigenen Landsleuten Warnungen zukommen lassen; dafr sollte die eine erschossen werden. Khlmann erreichte ziemlich rasch eine Rckgngigmachung des Urteils. Auch eine kranke Dame aus Cambrai brachte er noch ber die Grenze. Als ich aber wegen der Familie des Professors von L.-P. bestrmt wurde, die Frau und fnf Kinder, (der lteste Sohn im deportationsfhigen Alter[1]), in die Schweiz zu retten, schickte mir Khlmann ohne Kommentar den Zettel, auf welchem die hohe Militrbehrde eine Bewilligung seines Gesuches kurz und bndig verweigerte. Auch ohne dies -- acht Tage nach seiner Ernennung -- wute ich ihn verloren. [Funote 1: Als ich das erstemal in der Schweiz war, gab mir Aramis ein Dossier ber die Deportationen, von deren Einzelheiten ich noch keine Ahnung hatte. Wer die franzsische Familie kennt, und wei, wie sehr sie ihre Tchter hegt und htet, der sah hier wahre Abgrnde des Hasses und der Rachgier bereiten. Ich fuhr damals von Bern direkt nach Berlin, kannte aber von den Ministern jener Tage nur Solf, und auch diesen nur ganz flchtig. Ihn bat ich in einem aufgeregten Brief um eine sofortige Unterredung. Er war gerade an einer Angina erkrankt und empfing mich zu Bett mit einem hochroten Gesicht, Eisbeutel auf dem Kopf. Am Fenster, mit dem Rcken gegen das Licht, stand ein Oberst. Ich kramte nun die Notizen hervor, die ich vor der Grenzberschreitung in den Bodensee geworfen, und zwischen Lindau und Kempten wieder ins reine geschrieben hatte; der Oberst sprach die Befrchtung aus, da sie der Wahrheit nur allzusehr entsprachen. Mit Hilfe dieses militrischen Freundes setzte Solf, obwohl gerade damals grimmig von den Alldeutschen angefeindet eine enquete durch. Und schon glaubte ich die Partie gewonnen und das Handwerk der Herren Ludendorff und Konsorten gelegt. Denn wirklich konnten Tausende von Frauen damals nach Hause zurck, und in ihrer rgsten Form wurde die Methode eingedmmt. Aber das Hauptquartier war noch Trumpf. Meine Darstellungen, so hie es, seien nicht nur die hellste bertreibung gewesen, oh nein! sondern die deportierten Tchter wren sehr erfreut, sich dem den Einerlei ihres unttigen Lebens entzogen zu sehen; man gewann richtig den Eindruck, als mte es fr ein junges Mdchen von guter Familie geradezu eine Lust sein, deportiert zu werden, und nur eine Bagatelle fr die Eltern, ihre Kinder -- manches Mal auf Nimmerwiedersehen -- aus ihrem Hause gerissen zu sehen, ohne die Mglichkeit von ihnen zu hren und ohne zu wissen, wohin man sie fhrte. Soll die Axt nie begraben werden? -- Eine Vershnung der beiden Nationen ist eine so groe Notwendigkeit, da schon aus praktischen Grnden nicht immer einseitig nur ber das erlittene Unrecht Buch gefhrt werden sollte. Und es ist fr die Deutschen die groe Gelegenheit gekommen! Heute, wo der franzsische Militarismus seine Stunde begeht, haben sie nur ein Mittel, Frankreich von seiner Rachepolitik abzubringen, indem sie -- statt wiederum von Rache zu reden -- es zu fhlen geben, da sie beklagen, es zu dieser Rachepolitik so schwer gereizt zu haben.] Ich mu hier bis in den Londoner Sommer 1913 zurckgreifen, und zwar bis zu dem Abend meiner Abreise nach Irland. Khlmann war damals jener Plne stolz und froh, welche ein Jahr spter in der von ihm inspirierten Broschre Weltpolitik ohne Krieg ihren Ausdruck fanden. Ich erinnere mich jenes Besuches noch sehr genau; die Teemaschine sang, wir besahen einige Bilder, und dann fuhr mein Zug, der um Mitternacht die Kste erreichte. Alle Kabinen des Schiffes jedoch waren besetzt, und ich hatte vergessen, eine zu reservieren. So blieb nur der groe Schiffsalon, wo ein freundlicher Steward mir in den tiefen Ecken des die Wnde entlanglaufenden Sofas ein herrliches Lager bereitete. Der Lnge nach ausgestreckt, hatte ich auf diese Weise eine Riesenkabine fr mich allein und konnte mich vor Freude gar nicht beruhigen. In meine lange Lederschaukel tief hineingebettet wie in eine Muschel, hoch hinauf und hinunter schwingend mit dem nchtlichen, heftig bewegten irischen Meer als Wiege. Wie sang, wie rauschte es mich zur Ruh! Wie segnete ich den Steward und meine eigene Vergelichkeit. Hin und wieder waren mir die Gtter doch hold. Doch weh, ach wie schlug ihre Gunst in die grausamste Ungnade um! Oh des zerrissenen Schiffes, das schon aufgehrt hatte zu sein! In ein Rettungsboot gestoen, auf eine Planke geworfen und nichts anderes als den Tod von den eben so gepriesenen Wellen zu gewrtigen, whlten sie sich zu Felsen auf, hart und unbarmherzig mich zu begraben. Vor mir ruderte Khlmann wie besinnungslos, und seine Anstrengungen angesichts eines solchen Orkanes dnkten mir lcherlich. Aber ich ruderte ja selbst mechanisch aufs Geratewohl, und dann strzten die schwarzen Berge ber das Boot. Wieder rauschte das Meer im eintnigen Sang, ber mir war schon erkennbar in der ergrauten Nacht die Decke des Schiffes, und ich lag wie zuvor in der ledernen Muschel gewiegt. Aber fr kein anderes Lied als fr das finstere Echo meines Traums hatte ich ein Ohr. Alle Freude war tot. Ich warf die Decken fort und sa zusammengekauert, schlaflos, verwstet, uralt. Durch den Krieg glaubte ich meinen Traum erfllt. Die Ernennung Khlmanns hatte mich zuerst gefreut. Er hatte von Jugend auf mit allen Krften dem Krieg entgegengearbeitet, und ich hoffte, es wrde ihm gelingen, sein Ende herbeizufhren. Aber er waltete noch keine acht Tage seines Amtes -- ich war in Wengen und lag in der Sonne -- als im Halbschlaf das Bild eines hohen Gerstes sich aufdrngte, hnlich dem Eiffelturm, und auf der Spitze Khlmann, aber schon im Begriffe kopfber abzustrzen, so zwar, da er sich in der Luft zu drei Malen berschlug. * * * * * Am Tage nach seinem Niemals kam Abigail mit einer stobereiten Miene, wie ein Widder zu mir. Zur Annahme einer schroffen Haltung Khlmanns war ich jedoch um so weniger berechtigt, als mein frhestes Buch Aufstze, welche auf seinen Rat den franzsischen Titel L'me aux deux patries fhrten, die Behauptung aufrechthielt (denn mit der Feder war ich von jeher sehr dreist), die Annektion Elsa-Lothringens sei ein Fehler, den Bismarck, wenn er noch lebte, kein zweites Mal begehen wrde: er htte ein anderes quivalent dafr ersonnen. Dies Bchlein, das im brigen ganz unter den Tisch fiel, fand nur durch ihn eine so krftige Verbreitung, da sich der Verdacht regte, er sei dessen Verfasser. Auch zu jener Unterredung mit Zimmermann im Januar 1917, die einzig der Notwendigkeit einer Diskussion des elsa-lothringischen Problems galt, hatte er mir verholfen, und im Nebenzimmer eine Unterhaltung gefhrt, damit wir ungestrt blieben. Auch waren mir die Worte erinnerlich, welche er im Jahre 1915 diesbezglich fallen lie, zu einer Zeit, wo die Aussichten fr Deutschland noch gnstig erschienen. Sein Niemals, konnte ich daher nur als einen Brocken ansehen, den man Klffern vorwirft, um sie von sich abzuhalten und weitergehen zu knnen: ein nach innen und in die Kulissen, nicht nach auen gerichtetes Wort. OKTOBER. Statt der drei kleinen hatte ich jetzt ein einziges groes, fast saalartiges Zimmer nach Norden, auf die Lauben hinaus. Schmuck, ja zierlich stand hier der Flgel im Raum. Die Wnde hatten lichte Tfelungen, und der indische Schal mit dem weien Feld fiel von der Decke bis zum Boden und schien eine Tre. Der Toilettentisch blitzte im Schatten auf: sein Hauptschmuck waren jetzt zwei silberne Renaissanceleuchter, vom Seidenaffen beschert. ber das Zimmer selbst ist weiter nichts zu bemerken, als da eine Reihe von Unterredungen dort stattfanden, die alle zu nichts fhrten. Ein Wort ber meine politische Wirksamkeit. Wir wollen sie so nennen. Eine ganze Weile brachte ich gewi alle Spionagen und Gegenspionagen zur Verzweiflung. Scheinbar fr eine jede ein kinderleichter Fang, war das Verwirrende gewi, da ich gleichzeitig in Diensten _smtlicher_ Regierungen zu stehen den Anschein haben mute. Wenn jemand keine Parteien kannte, so war ich es. Auer Japan, China, Ruland und Marokko durften nur noch Schweden, Norwegen und Dnemark sich rhmen, da keiner ihrer Staatsangehrigen bei mir gewesen sei. Mein Zimmer war so recht die Halle der vergeblichen Zusammenknfte, und wenn ich auch keine einzige vom Zaune brach, schob ich doch auch keiner einzigen den Riegel vor, selbst als mir kein Zweifel ber ihre Vergeblichkeiten blieb. Der Friede, ein Wort, das mich im Schlaf elektrisierte, war wie das groe Los oder wie das Leben eines aufgegebenen Kranken immer eine Mglichkeit. Und ob ich auch anfing, dem Kopfschtteln Fortunios beizustimmen, strzte ich doch, wie Kundry im ersten Akt, bei jeder Veranlassung nach dem Heilkraut davon, das keine Linderung mehr bringen konnte. So setzte ich mich in Bewegung, so braute ich mit Todesverachtung meine Tees, ob mich auch schon ein wahres Grauen vor all den Nieten fate, die sich zu Bergen vor meinem Tische huften . . . Den dmmsten und ungeschicktesten Leuten schenkte ich dennoch Gehr. Vielleicht war gerade dieser Narr der reine Tor, vielleicht hatte ich doch recht. Meine Verstndnislosigkeit fr Natur und Beschaffenheit dieses Krieges ging ja so weit, da ich vom ersten Tage seines Bestehens an von Monat zu Monat berzeugt war, lnger als sechs Wochen knne er nicht mehr dauern. Immer schien mir alles sein nahes Ende zu knden. Als zum ersten Male von zahlreichen Gefangenen die Rede war, dachte ich: jetzt ist bald Schlu. Als Ruhleben entstand, dachte ich: jetzt wird man verhandeln. Wer liee seine eigenen Leute so im Stich? Obwohl ich, was die Schlechtigkeit des einzelnen anging, einen so radikalen Standpunkt vertrat und immer darauf aufmerksam machte, da die Larven triumphierten und der Edle geopfert wrde, ja, da es stets ein besonderer Glcksfall sei, wenn er nicht unterliege, so hatte ich den so naheliegenden Schlu von der Familie zum Staat (und was ist sie anders, wenn nicht die Welt und Geschichte im kleinen?) merkwrdigerweise noch immer nicht gemacht. Immer noch whnend, es ginge um den Frieden, da es ja gar nicht ihn, sondern Sieg und Niederlage galt, glaubte ich, durch meine Absicht und durch meine Gesinnung alle endlich zu berzeugen und fr mich zu gewinnen, bis ich mit Entsetzen merkte, da gerade meine Naivitt Bedenken erweckte. Wie htte auch Aramis, da es mir keineswegs an Menschenkenntnis gebrach, eine so groe Weltunkenntnis bei mir vermutet? Und da ich unter Kapitalismus immer noch einige Bankiers verstand? Vielmehr war es natrlich, da eine Gesellschaft, welche den Krieg als eine Institution begriff, an meiner Friedensmanie rgernis nahm. Ich hielt mich fr besser als sie, whrend ich vor allen Dingen unwissender war. Und diese Unwissenheit stellte zu meiner Soloarie den verdrielichen Ba. Dennoch war, als mir endlich ein Licht ber die Welt und zugleich ber mich selbst aufging, die erste Folge die Furcht. Ging ich spt die Lauben entlang, so fate mich Schrecken, wenn nur die Umrisse eines Mannes oder nur sein Schatten hinter einer Sule sichtbar wurde. Da war ja eines jener unerklrlichen und gefhrlichen Wesen, die es so eingerichtet hatten, da ihresgleichen heute vielfach auf einem Beine durch die Lande hopsten. Meine Ttigkeit, die sich vor jeder Offensive verdoppelt hatte, war nur mehr mechanisch. Die letzte Zusammenkunft, die sich in meinem Zimmer begab, fand mit Professor H. statt. Er berief sich auf wichtige Erffnungen auf Grund amerikanischer Auftrge, die er zu machen habe. Es erfolgte noch einmal ein Depeschenwechsel mit den Restbestnden dessen, was man noch deutsche Regierung nannte, und was lngst unter den Hufen der Militrkavalla zertreten lag. * * * * * In diesem ber alle Maen traurigen Winter strich ich eines Abends mde durch die Lauben, als Abigail an mir vorberscho. Busoni spielt heute Abend! rief er mir zu. Nun lief auch ich und kam noch gerade recht, bevor er eine Orchesterfantasie von Weber zu spielen anfing. Und siehe da, man lebte, war seiner Ketten ledig und richtete sich auf. Von nun an befate ich mich stark mit seinen Kompositionen und fuhr nach Zrich, wenn dort ein neues Werk von ihm zur Auffhrung gelangte. Eine bequeme Gabe ist es ja nicht, den Wert eines berragenden Typs zu erkennen; sie legt Verpflichtungen auf; es ist nicht, als ginge sein Wohl und Wehe uns nichts an. Verdrielich genug ist es ja vielfach mit seiner Anhngerschaft bestellt. Wie an den Reichen die Profiteure, so drngen sich an den Schaffenden die Parasiten des Geistes heran. Und vielleicht, wer wei, ist ihm in mancher Feierstunde, die ohne Anregung verlief, der Chor seiner Widersacher minder fatal wie der seiner Anbeter. Von dem Unmut des alten und stark zensurierten Wagner, von einem verzweifelten Versuch sogar, den, den Sockel auszureien, auf dem er sich wie ein Gtze gestellt sah, drang nur durch Zufall etwas in die Auenwelt. Whrend seine Umgebung den ungeheuren berdru der nachwagnerischen ra bereiten half, lie er selbst seine Werke weit und ungeduldig hinter sich zurck. Lange ehe seinem Lohengrin die grausige Popularitt beschieden war, hatte er mit Ekel in die Partitur gestarrt[2]. Spter eilte er schnell mit dem Nachtzug davon, wenn eine Stadt, die er bereiste, ihm zu Ehren eine seiner Opern ansetzte. Er hatte den schnen und naiven, wenn auch natrlich vergeblichen Wunsch geuert, seinen Ring ein einziges Mal auf einer eigens errichteten Bhne in hchster Vollendung zur Auffhrung zu bringen, um sodann Bretter und Partitur auf immer zusammenzuschlagen[3]. Wer ein einziges Mal Friedrichs, den unvergleichlichen Darsteller des Alberich, whrend seiner kurzen Laufbahn vernommen hat, der vergit nie die unheimliche Wirkung seines pltzlichen Vortretens, als er, hart vor der Rampe, mit seinem dunklen und prachtvollen Organ den Fluchgesang erhob. Sich selbst, die ganze Welt fhlte man da bedroht, und wer die Alberiche, wer die Nibelungen sind, und welche Bewandtnis es hienieden mit ihnen hat, wurde einem in unmiverstndlichster Weise gelehrt. [Funote 2: Briefwechsel zwischen Wagner und Liszt.] [Funote 3: Briefwechsel zwischen Wagner und Liszt.] Was aber kann so nichtssagend gemacht werden wie das Bedeutsame? Gerade von gro angelegter Musik gilt das Wort: La musique doit toujours nous surprendre. Lat Dezennien des Schweigens und der Vergessenheit den Ring begraben, damit sich von neuem offenbaren knne, welcher Vorhang da zurckschlug vor einer bis auf den Grund durchschauten Welt . . . Erst die Zge des spten, weltberhmten und gefeierten Wagner zeigen den trben, resignierten und abgewandten Schein, als dnke ihm jetzt erst, da alles erreicht war, alles vergebens. Mime und Cie. rchten sich, indem sie ihn ableierten. Als Kassenstcke ausgebeutet, wurde das Wagnersche Werk zum Unding, zur Sge, zur Obstruktion . . . Schafft neues! war sein immerwhrender Ruf; dafr wurde la Wagner weiter komponiert. Sehr wagnerisch bewegt und sehr unwagnerianisch (denn was knnte es unwagnerischeres geben als den Wagnerianer?) ging ich eines Abends, von Busonis Hause kommend, durch die nchtlichen Straen Zrichs, wo einst Wagner gerungen hat und heute Busoni ringt, und wo beide ein Asyl gefunden hatten. Mit letzter Gewiheit wute ich da, da der viel mibrauchte Meister, der sich gerade ber den so weit von ihm abliegenden Mozart so begeistert uerte, heute gerade an dem selbstherrlichen Busoni und dessen von ihm sich entfernenden Wegen sein tiefstes Gefallen fnde. Weit ber das Leben hin tragen sich ja die wichtigsten Gegenstze aus. Denn sachte nur beliebt es den Gttern. Einen nach dem andern nur lassen sie zu Worte kommen. Ihr Neid duldet nicht das gleichzeitige Auftreten zweier allzu interessanter Fechter. Eher hielten sie ihnen eine Binde vor die Augen, als zu gestatten, da sie ihre Klingen kreuzten. Hchst merkwrdig aber ist es, da die Persnlichkeit nie wichtiger gewesen ist, als jetzt in dieser Zeit der Massenschicksale der Hungers und der Kohlennte. Nicht nur alle Spreu sehen wir heute inmitten der quinoktien aufwirbeln, auch manche Gesetztafel zerschlgt aufs neue. Der Heilige des Tages sucht nicht mehr die Wste, sondern tritt mitten unter die Menschen und fllt unter ihren Streichen, nicht weil er die Abkehr predigt von der Welt, sondern um seiner Beglckungstheorien willen. Aber nicht lange mehr wird der Auserwhlte als ein Dulder gehen. Entweder sehen wir ihn bald als eine verlorengegangene Spezies ganz um die Ecke gebracht, oder sein Reich wird kommen. Es ist eine Tuschung, zu glauben, da eine Welt, deren Schlechtigkeit und Gewaltttigkeit sich derart nach oben kehrte, so bleiben knnte, wie sie ist. Hier mag stehen, was ich zwei Jahre spter schrieb: Busoni. Ich hrte Busoni zum ersten Male vor zwei Jahren in Bern. Er sah mit einem Blick weit hinausgerckter Vereinsamung, den man an diesem Gesicht sofort begriff, gleichsam zu sich selber auf und fing an zu spielen. Das gibt es also noch, dachte ich nach einer Weile. Da geht man mhselig seinen Weg, und pltzlich dies -- dies pltzliche Angelangtsein, diesen Schauer der Ruh, diese unvermutete Herberge. Bei Busonis Spiel, so herrlich es ist, will ich jedoch nur kurz verweilen. Er ist wohl deshalb der grte Pianist, weil er implizite einer ist, weil unter der Zauberformel, welche seine Finger darber sprechen, die Metamorphose eines an sich zweifelhaften Instrumentes sich ergibt. Wir kennen so manche vorzgliche Pianisten. Aber wie wenige machten uns das Klavier vergessen! Da ist Holz, sage ich, da sind Pedale, ein schner Anschlag vielleicht und ein groes Knnen dazu. Aber fr den Hrer nicht eben sehr nachhaltig: _Klavier_. Besinnt euch. Ist es anders? Eher lie noch das orchestrale Klavier Illusionen zu; ich habe groe Dirigenten gehrt, die es zu einem prachtvollen Notbehelf gestalteten. Von solchen Vorspiegelungen jedoch kann bei Busoni nicht die Rede sein. Dazu ist er zu sehr Kenner des Instrumentes, belauschte er es in allen Fibern zu genau. Etwas ganz anderes ist hier am Werk: Mozart hatte sich eine verzauberte Flte ausgedacht: hier nun wurde tatschlich das Piano enchant zur Wirklichkeit. Wir brauchen dabei nur an seinen Vortrag, der an sich kaum noch ertrglichen Pianofortekompositionen Liszts zu erinnern, dieses riesenhaften und vermoderten Rosenbuketts mit verschossener Bandschleife . . . statt dessen wird eine ganze Epoche, die des zweiten Kaiserreichs, vor uns lebendig: Pracht, Tand und Duft, Fcherspiel, lchelnde Augen, Krinoline, Vergessenheit; alles retrospektiv gesehen, mit magischer Schrfe aufgerufen. Daher auch die ernste Maske im Hintergrund. Schlielich, wenn alles gesagt ist, bleibt von einem Menschen immer nur das Neue. Die Geschichte unseres Geistes sind weitergegebene Signale. Aber nicht immer das zuletzt Gegebene wird von dem Kommenden aufgegriffen. Die Schrift ist kraus. Und die, welche an ihr schreiben, haben vor allem ihr _geistiges_ Elternpaar, ihre geistige Familie und ihre geistige Sippe. Falls wir eine neue Zeit zusammenbringen, wird auch eine neue Heraldik mit ihr aufkommen. Gar merkwrdige Erzhuser, Dynastien und ihre Nebenlinien werden sich da herausstellen. Und kaum einen Stammbaum drfte es heute geben, der weiter verzweigt und interessanter zu erforschen wre, wie der des so universalen Busoni. Keine Vaterschaft, die ihm an der Wiege gesungen wurde, sondern die sich vielmehr vor ihm verbarg, ihm vielmehr auferlegte, sie zu entdecken. Viele Jahre hindurch ist es in seinen Werken wie ein umsichblicken, ein pltzliches horchen, sichunterbrechen und stillestehen. Konzessionen kennt er nicht. Was das unvorbereitete Ohr noch grau, abstrus, bizarr anmutet, sind die Schatten des Weges, auf dem er sich entfernt. Seine Zeitgenossen verlieren ihn aus dem Gesicht. Mit dem embarras de richesse, welchen Berlioz, Liszt und Wagner in das Orchester hineingetragen haben, lie sich ja noch lange wirtschaften. Richard Strau buchtete das von den Vtern Erworbene noch weiter aus, erstand noch die oder jene Pagode hinzu, und zum Beweis, da er ein Allerweltsknner sei, schuf er in seiner Ariadne eine antike Seite -- ich brauche sie nicht zu nennen -- von ewigem Wert. Auch bei dem feinen, wenn auch kurzatmigen Debussy horchten wir auf. Einige noch unvernommene Tne schlugen da an, wie in Farbe getaucht, morbid, verzckt, nur scheinbar dekadent, nicht dekadenter, sagte ich schon, als ein Mondreflex auf einem verrosteten Gitter. Jedoch viel zu sagen hatte er nicht; auch er fragte sich nicht, wie es weitergehen sollte, und er verstummte schnell. Genie ist nicht nur Flei (neben vielem anderen), sondern auch ein heroischer Ernst. Vielleicht ist Busoni nicht der einzige, welcher erkannte, da die Musik in die wild berwuchernde Flora der Neuromantik nicht mehr tiefer hineinfhrte. Aber man kutschierte fatalistisch in derselben Richtung, demselben Kreise weiter, denn das Problem schien unlslich. Nur nicht fr Busoni. Es reizte gerade den Schpfer in ihm. Anfangs waren es nur Anregungen, welche er bot. Turandot; immer strkere Anregungen, wie das Licht eines wachsenden Tages, in seiner Schrift Zur sthetik der Musik, in Arlechino; in seinen immer erstaunlichen Klavierkompositionen, welche dem Klavier -- dem einstigen Spinett -- so neue Dinge entlocken: Klangeinlagen, Klangunterlagen, eingebaute, eingetnte Perspektiven (wenn ich so sagen darf!) gren da aus unvermuteten Tiefen, wie grnleuchtende Seen. Auch rein uerlich genommen, verfhrt Busoni als Schpfer mit ihm; auch auf den rein ueren Ausbau dieses Instruments (immer ist ja der Entdecker in ihm rege!) drngen seine Kompositionen hin. Scheint dies vielleicht von migem Belang? Welche Stunden uerster Betrbnis mu das Genie durchleben! Wie mssen ihn da die Zweifel berwltigen, ob die ewig geschftige und ewig unachtsame Welt das Geschenk denn auch entgegennehmen wird, welches ihr zu bereiten er sein Leben widmet! Whrend sie von nichts anderem widerhallte, als ihrem sinnlosen Waffengedrhn, hielt Busoni sein schweres Ziel im Auge, drang er immer weiter vor, nahm er die Kurve, legte er die Schraube an. In seiner Isolation fand er die schpferische Kraft, das Tor zu sprengen, und die in ihrem Riesenapparat festgefahrene, ja welkende Musik fr eine neue Jugend flgge zu machen. Es wurden uns bis jetzt nur Bruchstcke seines Faust bekanntgegeben, aber sie knden ihn ganz. Die reine Linienfhrung, die tempelhaften Umrisse einer neuen Klassizitt, sanft gerundet, erheben sich wieder! Ein Faust um so faustischer nur durch die neuen Streiflichter, die auf ihn fallen: die holde Blsse in der Feierlichkeit, ein in der Welt noch nicht dagewesener Adel des Klanges das Sfumato in der Trauer, Leonardisches, Latinismen . . . Wenn ich sage, da mit diesem seinem und zugleich so sehr unserem Faust das Erbe Mozarts angetreten wurde, befrchte ich kein Dementi von der Zukunft. Darf ich (so nebenbei) in Erinnerung bringen, da Bettina Brentano ber Beethoven, da Julie de Lespinasse ber Gluck zu beider Lebzeiten das Entscheidendste sagten? Und wenn ich mich heute so gedrngt fhle, auf die Wichtigkeit Busonis immer wieder aufmerksam zu machen, so mchte ich hinzufgen, da es in der Kunst sowohl wie in der Politik so etwas gibt wie ein zu spt. Auch hier sind die Gelegenheiten dahin, die man verpate -- auch den Herren Klavierbauern rufe ich dies heute zu. Busoni hat ja seinen Lohn sicher nicht dahin. Auf der von ihm freigelegten Bahn geht es weiter, und der Dank der Kommenden erwartet ihn. Aber sollen wir heute, wo die Kronen zu Dutzenden auf das Pflaster rollten, sie im Staube verkommen lassen und wie im alten Regime die wahren Knige nicht ausrufen und nicht unterscheiden? Dritter Teil. Das traurigste aller Jahre gehrte der Vergangenheit. Auch der Januar hatte ein Ende genommen. Ich war die Sklavin meines Flgels. Ihm zuliebe behielt ich das Zimmer der vergeblichen Zusammenknfte. Mit England und den Vereinigten Staaten war der Briefwechsel besonders schwierig geworden. Zuletzt wrde es Mhe geben, sich die Gesichter seiner Freunde zu vergegenwrtigen, deren Bild nie eine Nachricht nher brachte. Eines Nachmittags -- es fing schon an zu dmmern -- und meine Gedanken zogen ber unerreichbar gewordene Ksten den gewohnten Weg, als statt vertrauter Zge, die ich wachrief, ein blankes, behendes Pferd aufblitzte von intensivstem Braun. Voll Ungestm, beredten Blickes, als htte es etwas zu verknden, weckte es ein Echo groer Bangigkeit und verschwand. Dafr blieb der ganze folgende Tag unter dem Eindruck eines so beseligenden Traumes, da es ein Frevel wre, ihn zu schildern. Wiederum dmmerte es, und diesmal sa Fortunio in meiner Sofaecke, und wir unterhielten uns. Das zwiefache an den Menschen, darber waren wir uns ja einig, betraf ihren Ursprung. Insofern hatten die Extremisten recht, als sie nicht glaubten, mit dem alten Karren ins gelobte neue Land einzufahren. Leider aber brachten sie dabei ihre eigene Anhngerschaft ganz nach der alten Manier, nicht etwa der Artung, sondern der oft so rein zuflligen Meinung nach als wildes Durcheinander unter ein und dieselbe Flagge. Wie wunderbar ist der Mensch! sagte ich pltzlich, was fr Eingebungen er hat! Auf was fr Dinge er gert! Zum Beispiel in allen Sprachen Vergleiche wie die folgenden zu ziehen: marchez comme sur des nuages; to walk on clouds; wie auf Wolken gehen. Warum? fragte er. Weil es das gibt. Nicht etwa nur in euren Dichterphantasien, sondern einer hheren, hchsten Physik zufolge. Wer ist der verwirrte Tropf gewesen, der als erster Wort und Begriff des Wunders startete? Ich wurde jetzt der Schneereflexe immer bewuter, welche in die Mollakkorde eines unvergleichlichen Zwielichtes fuhren. Nur wenig Wintertagen eignet dieser Schein, trauter als das von Sommerlften durchwrmte, hlzerne Gartenhuschen. Lange schmeichelte er sich an den Fenstern hin. Eine gesteigerte Natur, fuhr ich fort, Kontakte, es sind Fe denkbar, zu welchen die Tragfhigkeit der Wolke sich verhielte wie Steg und Brcke zu den unseren: Gewnder, die zu solchen Fen niederflssen, wrde durch die Schrfe der Emulsion der ther zum natrlichsten Geleise: weite Geleise solchen Fen, und so sehr ein Teil von ihnen, whrend sie auf ihren Wolkensohlen reisten, da von einer zifferlosen Arithmetik beherrscht, der ganze Himmel, und nicht etwa nur ein Stck von ihm, mit in den Raum sich drngen wrde, ber dessen Schwelle sie zgen. Hier verstummte ich, und so gebieterisch schwoll die Dmmerung an, da meine Hnde, wie Orgelpunkte in der Schwebe gehalten, pltzlich niederfielen, ihrer Unzulnglichkeit und Armut zurckgegeben. Wollen Sie Licht machen? fragte ich. Whrend er sich anschickte, das Zimmer der ganzen Lnge nach zu durchschreiten, war ich innerlich erstaunt ber die Ausfhrlichkeit, mit der sich das Detail eines Bildes, welches doch als Ganzes, ber alle Zeitbegriffe schnell zu Hupten meines Bettes aufgeblitzt war, festhalten liee. Doch warum fate mich da wieder das unerklrliche Grauen, das nicht mehr einzufangende Echo des Grams des gestrigen Nachmittags, als mir im halbwachen Zustand das Pferd beredten Auges entgegenscho? Welche Bewandtnis -- -- -- -- -- Aber da hatte Fortunio schon geknipst, die Lampe erstrahlte, und ich atmete auf. 5. FEBRUAR. Am Morgen dieses Tages stand ich angekleidet zu Hupten des Bettes und hielt meine Post. Sie war umfangreicher als sonst. Ein Brief mit auslndischer Marke und fremder Handschrift, den ich zuerst ffnete, umfate nur wenig Zeilen und meldete einen Tod, der schon vier Monate zurcklag. Der Zahnarzt erwartete mich schon sehr frh. Ganz undeutlich, wie von einem andern Ufer herber, so da ich nicht daran dachte, mich zu entschuldigen, schien er mir ungeduldig ber mein versptetes Erscheinen. Ich wollte ihn ersuchen, das graue Schmerzenslicht von der gegenberliegenden Mauer zu entfernen. Dann besann ich mich: zeigten doch alle Dinge, das Fenster, die Instrumente auf dem Tablett dieselbe bse und stechende Schrfe. Desgleichen die Luft, als ich nach der Sitzung unter die Lauben trat. Sollte man sich es wirklich antun, sie hinabzugehen? War nicht vielmehr die Erde, dieser schwarze und zertretene Schnee, sich in ihm einzubetten mit zugekehrtem Gesicht, die einzige und unendliche Lockung? Die wehe Fackel des Gedchtnisses zu lschen, so zu verlschen, als sei man nie gewesen, dieses war der Himmel. Oh wer war das? Wer war die Kreatur, die diesen ganzen Tag hindurch alle Gesten des Lebens so staccato verrichtete, an den Speisen dieselbe entsetzliche und befremdende Miene wahrnahm, wie an den Pinzetten auf dem Tablett des Zahnarztes, und wohin sie sich auch wandte, die Flucht ergriff; als wre sie die aus Hoffmanns Erzhlung entronnene Olympia -- die Lauben hinab, die Treppen hinauf -- in ihr Zimmer zurcklief -- und sich umzog! -- Einen blauen Hut aufsetzte, einen blauen! -- und einen blauen Schleier davorband, und in das betubte Antlitz starrte, dem er so ungewhnlich stand -- und einen Besuch abstattete -- an einem Ofen lehnte, an ein Fenster trat, und durch seine, vom leichten Druck getrbte Scheiben sah, den die Wrme des Zimmers hervorrief. Es sa einer da, der erzhlte, doch nur die Tre nahm sie wahr, durch welche sie wieder entrinnen und ins Freie gelangen konnte . . . Dort fing es an zu dunkeln. Es nahm auch dieser Tag ein Ende. Nur auf dem freien Platz und ber der Brcke war es noch hell. Rauh, grell und de brtete ein durchnter Wintertag. Ungemildert fing ihn der Gurten auf: eine dunkle, ansehnliche Masse, und dennoch niedrig stellte sich ihm oh, so traumlos entgegen! Tropfna alle Dcher, die Bume ein wirres und aufgelstes Haar. Das Uhrwerk war abgelaufen, und sie stand nun endlich still, wie berwachsen von ihrer Not. Ein Martergriffel umri fr sie die ganze Stadt, die sich im Widerscheine eines Sterbetages zur Krypta schlo, das Siegel seiner Qual fr immer aufgebrannt. So fiel ein Tor. Beim ersten Laternenschein prallte sie zurck. Jedes Licht war eine Tcke. Kein Dunkel war tief und ununterbrochen genug. Und riefen ihre Wnde nicht nach ihr? Zu ihnen nahm sie ihre Zuflucht, schlo ihre Tre und berlie sich der Erschpfung. In ihren Kleidern wie auf einem Sarkophag, ohne sich zu rhren, ausgestreckt, lag sie in den Armen und am Herzen dieser Nacht. Siehe -- was tauchte da wieder vor ihr auf? -- Sturmentlassen, mit verhngten Zgeln, wie einem geisterhaften Stalle zugekehrt, das entfrbte, fahlgewordene Ro, dessen Botendienst geschehen war. Zum ersten Male entsann sie sich da auch des andern Bildes, das sich zwischen einer Kunde und ihrer Ankndigung gndig und wie eine Gnade stellte. * * * * * Und nun, oh Leser, fasse meine Hand, da ich von dir selber gehalten, durch Dornen und Gestrpp, Ziel, Sinn und Ende dieses Buches erreiche. Verlasse auf immer mit mir das Zimmer der vergeblichen Zusammenknfte und folge mir nach Genf. Ferne dem traumlosen Berg, ber der malerischen Stadt des nchternen Lichtes, durch die Turmspitze versinnbildlicht, welche den Unterbau des Mnsters niederdrckt, und seine Schnheit immerzu und immerzu verneint. Selbst bei der schrfsten Bise leuchtete die Luft in Genf so abgetnt. Dort hauste ich nun, in einem unheizbaren Studentenstbchen im fnften Stock des hotel de Russie. Ein kleiner Balkon berhing die stets von Schwnen berzogene Insel Rousseau. Meine Taschen waren in diesen Tagen der Brotkarten mit Krumen wohlgefllt, und mit heimlicher Befriedigung warf ich ihnen die rargewordene Speise zu. Nicht vergeblich glitten sie mir da immer sogleich, doch ohne jede unziemliche Eile entgegen. Ich sah ihnen oft lange zu. Sie standen in der Tierwelt so abseits; fast ein wenig abgerckt von der Natur. Bald wrden sie zwischen ihren stolz aufgerichteten Flgeln ihre Jungen wie in einer geschlossenen Krone durchs Blaue tragen. Vielleicht gab ihnen ihre Ungefhrdetheit die Mue, um den Tod zu wissen. Die Zeiten waren derart, da der Ortswechsel selbst einer so unwichtigen Person wie mir nicht unvermerkt blieb. Dinge aber, die mich vor kurzem in Aufruhr versetzt htten, machten mir nicht das geringste. An der Telephonkabine war eines Morgens der Trgriff ausgekurbelt und wurde nicht wieder instand gesetzt. Dicht bei verbrachte ein dicker Herr seine Tage und rauchte Zigarren, indem er unverfroren horchte. Indessen wurde ich von Herrn L -- P. . . . dem Vater der im deportationsfhigen Alter stehenden Kinder aufs neue bestrmt. Seiner Frau blieben die Psse verweigert. Ich schrieb jetzt auf gut Glck dem Grafen Carry, er mge mich ber den Sonntag besuchen. Und richtig stand er da. Es war strahlendes Wetter, wir streunten ber die Kais und aen zusammen. An seine natrliche Gte hatte ich nie vergebens appelliert, und schlielich bildete sein Propagandawerk eine Art von Rettungsstation. An ihm klebte kein Blut. Da mir aber seine Beziehungen zur obersten Heeresleitung bekannt waren, log ich jetzt ber die politische Zweckmigkeit einer Paverleihung an die Familie L . . P . . . einiges Blaue vom Himmel. Wir setzten uns ins Freie. Erstaunliche Magnolien prangten schon in voller Blte; an eine Tanne, grnblau, weiten Hauptes wie eine Pinie, und immerzu umschwirrt, prete sich ein glckliches Vogelhaus. Carrys Augen hingen voll Entzcken daran. Da geht mein schlimmster Feind, sagte er pltzlich. Klein, mit niedertrchtiger Visage, kam hinter den Magnolien ein Landsmann von uns hervor. Von belster Vergangenheit, dabei Trger eines groen Namens, fr den Nachrichtendienst also wie geboren, lauerte er dem Frieden um so emsiger auf, als die Dauer des Krieges mit dem Interim seiner Rehabilitierung zusammenfiel. Natrlich hat er Sie, sagte ich zerstreut. Was erwarten Sie sonst? Abends -- der Graf war schon abgereist -- kreuzte ich mich nochmals, ber die Brcke zu den Schwnen gehend, mit der hochgeborenen Kraple, die mit einem Basiliskenblick an mir vorberging. Tags darauf -- ich dachte gerade an das blauzerflieende Grn der Tanne und an den groen Blumenbaum, der in dieser Sonnenhelle wohl noch heller erblht war, als ich ans Telephon gerufen wurde. Vor der Zelle sa trgen Auges der mir zugeteilte Herr mit der Nachmittagszigarre im Mund. Heute aber sollte er auf seine Kosten kommen. Denn im hchst aufgeregten Ton forderte mich eine Genfer Dame zu sofortiger Aussprache auf. Ihr Haus sei mir offengestanden, sie habe mir ihr Vertrauen geschenkt, und nun msse sie hren, da ich es mibrauchte. Ich machte mich ziemlich gemchlich auf den Weg zu ihrem Hause. Seit jenem Tage, als sich Bern fr mich zur Krypta schlo, war mir erst bewut, da ich mit nichten ein verkannter oder verlassener, sondern einer der wenigen innerlich wirklich beschtzten und durchschauten Menschen gewesen war. Wie oft hatte -- weit vorgreifend, ach! -- mein Ohr das melodische Lachen zu hren geglaubt, wenn ich dereinst alles erzhlen wrde, alle Zwickmhlen und alle Abenteuer, in die ich geraten war. Ein ganzer, ein wirklich unvergelicher Mensch, dachte ich, von Trauer niedergedrckt, ist nirgends zu Ende. Unerschpft und ganz unausgespielt sinkt er zu Grabe. Abgerissen, doch nicht abgesponnen, ist der Faden eines solchen Lebens. Wenn aber Kinder des Lichtes zusammentreffen, ist das schon ein Glck des Himmels. In dem hin und her ihrer Blicke und ihres erkennens liegt das Vorgefhl ihrer Macht. Zu uns komme ihr Reich. Mit der Genfer Dame war ich schnell im reinen. Wir spielten beiderseits mit offenen Karten. Die hochgeborene Kraple hatte verbreiten lassen, die deutsche Propaganda arbeite nunmehr mit so raffinierten Mitteln, da sie kompromittierte Personen, wie mich, zu Werkzeugen mache. Den Beweis hielte er in der Hand. (Es war mein Frhstck mit dem Grafen Carry.) Natrlich war seine Behauptung wohl geeignet, mich in Genf unmglich zu machen. Er hatte sich nur insofern verrechnet, als meine dortigen Freunde sich unverweilt mit mir ins Vertrauen setzten. Dieser Zwischenfall war also beigelegt. Als ich wieder in die Allee einbog, welche von ihrem Hause bis hart an die Strae fhrte, drangen durch ein offengebliebenes Fenster die Worte: Je suis bien contente de le lui avoir dit laut und vernehmlich ins Freie; Mir aber sa jetzt ein des Gefhl im Magen, ein Ekel, das wrgen einer allzu krampfhaft unterdrckten Bitterkeit. Ein Durst zugleich; das lechzen des Trinkers, der nach dem Becher vergeht; es mute etwas, das Palliativ, die Betubung mute her. Es war das alte Laster, hui! Und lag sie nicht dicht bei, die avenue de Florissant? wute ich nicht, zufllig, da sie dort wohnte, sie, die den Schlssel zu den geheimen Toren hielt, die ich begehrte? Heute noch, nein, sogleich mute ich hin. Und schon betrat ich unangemeldet die groen Rume, in welchen die malerische Franzsin zwischen ausgehobenen Tren nach allen Seiten hin den Ausblick ber Grten und Bsche geno. Es war eine ganze Welt von Bumen in ihrem ersten Grn. Mademoiselle S., eine Pariserin der ernsten und wenig bekannten Art, trug einen orangefarbenen Foulard um ihren Kopf gewunden und gestand ihre Kopfschmerzen, aber nicht ihr Befremden ber meinen Besuch. Wir hatten uns ein einziges Mal whrend des Krieges flchtig kennengelernt, und nun lagerte ich, jedem Argwohn zuvorkommend, indem ich ihn einfach niedertrat, auf einem Diwan ihres Salons, den verwirrenden Frhlingszauber ihres Parkes vor Augen. Sie sind im Besitze der Adresse eines Mediums, sagte ich, die ich suche. Und sie erhob sich, an ihnen Schreibtisch zu treten; eine hohe und dunkle Gestalt, weder so schn, noch so jung vielleicht, als sie an diesem Abend schien, den blassen und melancholischen Kopf vom seidenen Turban eng umschlossen, und all die Wipfel, die in den Rosenhimmel ragten, als Hintergrund. Sie reichte mir die Adresse, und wir sprachen von allgemeinen Dingen. Es mu heute doch ein eigener Segen auf allen Schlechtigkeiten ruhen, sagte ich, da, was immer man Gutes und Hilfreiches unternehmen mchte, sofort in Milingen und Gestank aufgeht. Wie knnte es anders sein? gab sie zurck, das Geschwr ist noch lange nicht reif. Vorerst mu alles ihm allein zugute kommen. Es gibt aber Geschwre en permanence, meinte ich. Doch sie schttelte den Kopf, unbeirrbar in ihrem Glauben an eine bessere Zukunft. Es herrschte zwischen uns die kurzbefristete Vertraulichkeit zweier Reisegefhrten eines nchtlichen Zuges. Nichts ist so unverbindlich wie ihr Auseinandergehen. Denn schon war ich wieder unterwegs, einer andern Himmelsrichtung, einem Genf, das ich nicht kannte, zugewandt, nicht wissend, da es auch seine anonymen Viertel hatte, die scheinbar nicht zu ihm gehrten, sondern in ihrer Bedrcktheit ganz allgemein die Straen einer greren Stadt darstellen. Zwischen solchen Huserreihen war ich jetzt auf der Suche, fand die Nummer, stieg vier Treppen hoch und lutete und wartete. Eine im Dunkel undefinierbare Gestalt ffnete endlich langsam die Tre. Wollen Sie mich melden? sagte ich, ohne meinen Namen anzugeben. Sie rhrte sich nicht. Wollen Sie mich melden? wiederholte ich. Sie schwieg. Sie war es selbst. Stumm standen wir einander gegenber. Unsere Blicke belauerten, betasteten sich. So tauschen wohl in einer Hhle des Lasters zwei Eingeweihte zgernd ihre Erkennungszeichen: es waren die verschleppten Schatten unserer Augen und ihr matter und verlschter Schein. Und wie loderte schon die Luft! Oh welch ein Wellengang! Welcher Sturm inmitten der Stille, die zwischen uns entstand. Ich folgte der Gestalt, die vor mir zurckwich. Sie trat, als htte ich sie gestoen, in die Umrahmung einer Tre, die hinter ihr nachgab, und taumelnd trat ich ein. * * * * * Dem glcklich Liebenden gleich streifte ich in jener Nacht, hingerissen, berauscht, von trstlichen Schauern durchrieselt, die Kais entlang. Wie Antus die Erde, hatte so mein Fu die belebende Leere berhrt? -- War's ein geistiger Aderla gewesen? War's der letzten Hingabe entsetzliche Betubung oder die eleusische Flut? Und wird sie einmal einer nennen drfen, die einmaligen Gefilde ohne Wiederkehr und Verbieter des Wortes, die ein Blick zu ihnen ein Wenden des Kopfes nur, zu ewiger Ungewesenheit entstrzen lt . . . . Oh Eurydike! * * * * * Am nchsten Morgen, es war ein Sonntag, nahm ich das Schiff. Als es in Ouchy anlegte, zog mit einem Male Fortunio an Bord. Wir waren beide nicht wenig erstaunt. Ihn aber schien die Blue des Tages und das in Verzckung zurcktretende Ufer von sich selbst fortgerissen zu haben, und es war ersichtlich, da er trumte. Das Leben hielt er dann fr schn, besann sich des Augenblickes und der Weltgeschichte, wie auch seines eigenen Erwachens nicht, sondern, ganz Echo, war er gefangen von ein paar Weisen, welche manchen Tages die Natur anhebt, und den verwandelt, der sie hrt. Lassen Sie sich das Neueste erzhlen, stie ich ihn an und gab mit allen Details die Mine zum besten, von der ich in Genf htte auffliegen sollen. Wie ergiebig Graf Carry dabei mit belegt worden war, kam erst spter ans Tageslicht. Mit der Warnung an meine Schweizer Freunde nmlich, sich vor einer deutschen Agentin wie mir etwas in acht zu nehmen, erging gleichzeitig eine Meldung an deutsche Instanzen in Bern, Graf Carry wisse so wenig die Wrde seines Amtes zu wahren, da er sich nicht scheue, mit einer franzsischen Agentin wie mir ffentlich herumzuziehen. Aus dem Mittagessen wurde der Pikanterie halber ein trautes Souper. Diese Zeit, sagte ich zu Fortunio, hat den Untermenschen doch wirklich den Maibaum ihrer Existenzen gebracht, und es gehrt mit zu den luternden Wirkungen des Krieges, da ihn die Kraplen berleben. Denn wenn eine, statt als sein Helfershelfer reklamiert zu werden, in die fatale Lage gert, selbst an den Heldentod glauben zu mssen, so ist das doch ein ganz seltenes Pech. Fortunio fuhr mit dem Abendzug nach Bern zurck, und ich blieb in Clarens. Um Ostern wollte ich Romain Rolland besuchen und sagte mich in Villeneuve an. Allein es war jener Karfreitagmorgen, an welchem eine oberste Heeresleitung, wie um seiner zu hhnen, die Kanonade von Paris nicht unterbrach, eine Kirche whrend des Kultes einstrzte und die Anwesenden unter sich begrub. Da mein angekndeter Besuch auf das hin unterblieb, verstand sich von selbst. Fr mein Gefhl war dieser Karfreitagsvolltreffer das schwarze A, das sich Deutschland selber ausgeworfen hatte. Eine solche Absage an die tragende Idee des Christentums war zu zynisch, um nicht omins zu sein. Sie war -- man verstehe mich recht -- wstester Protestantismus. Luther galt mir nur deshalb als einer der Ahnherren des Krieges, weil sein auftreten das bergewicht des nrdlichen ber das westliche und sdliche Deutschland anbahnte, und ein kahles, unknstlerisches, unmusisches und humorloses Element in den Pulsen der Deutschen entsprang: Phantasielosigkeit und Unmusik. Wagt es vielleicht einer, Sebastian Bach einen Protestanten zu nennen? Der Protestantismus stak damals in seinen ersten Anfngen, noch belebt von der Wrme des Stammes, von dem er sich losri: protestierender Katholizismus. Der wirklich ausgewachsene konsistorialrtliche Protestantismus gedieh erst in den letzten Dezennien zu der vollen Reife und dem gleichzeitigen Marasmus. Die frchterlichen Lutherschen Kirchen, das toteste an Architektur, was in der Welt zu sehen ist, sind Geist von seinem Geiste. Alle unfrohe Geschmacklosigkeit, den Mangel an Grazie und Liebenswrdigkeit, das Reformkostm, die Jgerwsche danken wir ihm. Undenkbar, da von Mnchen aus die Reichsbriefmarke, als die hlichste der Welt, hinausgeflattert wre. Nein! frwahr, diese Germania stieg so recht als die fille aine der protestantischen Kirche. Sie brachte den unheilbaren Ri, ber den keine uerliche Geeintheit hinweghalf. Denn ihr verdanken wir das verstndnislose abrcken von der lateinischen und abendlndischen Welt, das ein sdliches, frnkisches und westliches Deutschland nie herbeigefhrt htte. Statt des caf du Nord wurde jetzt der Kursaal von Montreux meine Schreibstube. Den Nachmittag beschlo ich mit Vorliebe im kleinen Saal des Konservatoriums, wo ich mit einem russischen Cellisten musizierte. Aber A. H. Pax wollte wieder einen Beitrag. Es gibt heute nur ein Thema, schrieb ich ihm: Und wir htten alles von der Methode jener glcklichen Spekulanten zu lernen, welche sich offenkundig als die weitaus schrfsten Psychologen erwiesen, indem sie irgendein Prparat, eine Zahntinktur oder ein Extrakt dadurch zu allgemeinster Geltung verhelfen, da sie deren Bezeichnungen in grellen Riesenbuchstaben an Mauern, Sulen und Schlten anschlagen, sich gleichsam an die Fersen des Vorbergehenden heften, selbst auf Bergeshhen sich zwischen ihn und die Aussicht schieben, ja von Felswnden herab ihm unerwartet Odol! Haarlin! oder Bovril! entgegenschreien. Wre heute nicht die Beachtung gewisser Zustnde mit einer ebensolchen vorbildlichen Hartnckigkeit zu erzwingen? Durch ein ungeheures Preisausschreiben etwa, das an alle Maler, der ltesten wie der neuesten Schule, erginge, um auf Bildern und Plakaten, mit beliebigem Raumverbrauch, die Wirklichkeit zu illustrieren, allen Brcken und Wegen entlang sie immerzu neu einer Allgemeinheit zu veranschaulichen, deren geistigen Stumpfsinn nur jene Menschenkenner von Spekulanten voll ergrndeten. Da es keine intellektuelle Notwehr gibt, und da wir lieber untergehen als da wir dchten, hielten wir ja nicht fr mglich, bevor wir es erlebten. Wie htte sonst ber unsere Kpfe hinweg jene Phalanx der Niedrigen zustande kommen knnen, die sich heute mit so bewundernswerter Regie ber alle Grenzen hin in die Hnde arbeiten? Auf uns, die sie gewhren lassen, fllt der Fluch dieser Zeit zurck. Nicht auf die schlechten, deren Tun im Einklang steht mit ihrem Wollen; auf uns, nicht auf die Knechte, welche sich zu unseren Herren machten, sondern auf uns, die wir uns von ihnen knechten lieen. Sollte der Tag hereinbrechen, an dem es zu spt sein wird fr unser zusammengehen, so werden wir, die guten Willens sind, als die Schuldigen stehen, weil uns der Mut unseres besseren Wissens gebrach, dem Genius des Krieges die Siegermaske von der gedankenlosen Stirn zu reien. Ah! wir bedachten nicht den tiefen Sinn jener Sage, welche den Drachentter die Sprache der Vgel verstehen lie, als er vom Blut des erlegten Ungeheuers geno! Es waren stille Tage. Der Sommer reifte wie eine Frucht. Schon rissen Gewitter den Himmel auf und schlugen die Wellen bis zu den herabhngenden Blten am Ufer. Und die Nchte verstrmten betubend und lau. Es war ein Wandeln wie im Traum, bedrckend und begeisternd zugleich. Meine Unterredung mit dem Grafen Carry datierte vom 5. Mai. Schon am 17. depeschierte er mir, die Psse fr Frau v. L . . . . und ihre fnf Kinder seien gewhrt. In den Weinbergen surrte das Licht, die goldenen Bienen waren eins mit ihm. Ob man lebte oder gestorben war oder eben geboren wurde, machte keinen Unterschied. Es war zu hei. Den schnen Damen standen die Koffer gerstet. Ihre neuesten Kostme und Kleider, die seidenen Sweater und die Hte und die Schuhe kannte man jetzt. Es war Zeit, in einem neuen Ort neu darin zu erstehen. Fr den 29. waren in Zrich Busonis Opern unter seiner Leitung angesagt. Dort sollte ich mit Fortunio zusammentreffen, und dann an den Thuner See mit ihm fahren. Aber statt seiner kam ein Brief, und meine Stirne umwlkte sich beim Anblick seiner Adresse: Es war ein Migriff und eine Illusion, da er die Villa des gelten Nibelungen bezog. Kurz herausgesagt, wir beiden konnten einander nicht leiden. Ich grollte ihm nicht, weil er meine Haltung verurteilt und mir versichert hatte, wir seien immer noch zu anstndig; sein pltzlicher Radikalismus, vielmehr die Art, wie er sich als unser Leithammel aufwarf, rgerte mich. Denn er war keiner von den Unseren. Mit Lanze und Speer kam ich ins Spiezer Schlohotel, ihn zu bekmpfen. Dort warteten A. H. Pax und seine unschtzbare Gattin seit einer Woche meiner. In der Halle stand ein Bechstein, und von Paxens tiefer Loggia aus hatte man den Blick nach Sden ber die Alpen und den See. Bei ihnen waltete berblick, Wissen und Nchstenliebe, dazu ein Aroma von Wiener Kaffee und Gemtlichkeit, die nicht zu berbieten waren. Die Villa des Gelten lag unter den Tannen in der Tiefe, einen Kilometer entfernt und in wundervoller Lage. Ein kurzer Weg bog vom Gitter bis zum Hause, als wre er unendlich, ein. Die veredelten Kirschbume, die ihn beschatteten, bestahl ich, soviel ich konnte. Es verdro Fortunio, doch ich erklrte, Kirschen nur vom Baume essen zu knnen, und ri im vorbeigehen immer welche herab. Es waren wirklich Kirschen fr Hesperiden. Die unteren Zweige hingen schon leer. Der gelte Nibelung gehrte dem Geschlecht derer an, die nicht nur geschftskundig, sondern auch mit regen Sinnen fr das Schne begabt, zu beraus tchtigen Faktoren berufen, dabei haarscharf an ihre Stelle zu verweisen, ja niederzuhalten sind. Unsachlich, ungedanklich, nur der Witterungen, aber keiner Erkenntnisse fhig, konnte er sich nach innerer Herkunft und Bestimmung hchstens zum Sklavenhalter, niemals zum Herren vermgen. Gtiger Regungen sehr wohl fhig, war der gelte Nibelung infolge seines unbndigen Ehrgeizes der glcklose Knecht, auerstande sich zu bescheiden. ber ihn wlbte sich der freie Himmel nicht unmittelbar, zwischen ihm und dem ther, den Gttern und der Natur lastete eine trennende Kuppel. Fortunio aber, und wenn er tausendmal zerschellte, war ein Sohn des Lichts. An ihn klammerte sich der Gelte, von trben Stacheln getrieben, und eiferte um die gleiche Stufe der Leiter mit ihm; von Eifersucht und Zuneigung gleicherweise geqult, suchte er -- immer unbewut -- ihn an sich zu reien oder ihn zu verderben. Seine Gattin liebte es, vierhndig zu spielen, ihr Anschlag war eine Pein, und ich stand sehr bald mit beiden bers Kreuz. So ging ich nicht mehr den kurzen Weg, der zwischen Gitter und Haus ins Unendliche lief, und sah von dieser Stelle aus nicht mehr den Niessen wie eine Riesenpyramide inmitten des fruchtbaren Tales stehen. Der Himmel freilich kam hier nie zur Ruh, und die Gegend war mehr eine groartige, opernhafte Szenerie, denn eine Landschaft, das Licht ein Beleuchtungsapparat; statt der Spiegelungen hatte man Effekte. Das Schreckhorn leuchtete in der Verkrzung, der See war eine Arie. Komm, komme! schrieb der Seidenaff aus St. Moritz. Wer wei, was mit uns in einem Jahre geschieht. Und eines Morgens reie ich aus, um den Sommer im Engadin zu beschlieen. Mein Weg fhrt ber Bern, und ich mache bei Martin im Walde halt. Er ist schwer niedergedrckt. Das deutsche Verhngnis war fr jeden, der auerhalb des Landes wohnte, unaufhaltsam. Ich schreibe eine Depesche unter seinem Diktat und renne damit zum bayrischen Gesandten. Dieser besteht darauf, Martin im Walde selber zu sprechen: ich also mit Windeseile zu ihm zurck und ihn so lange qulend, bis er mir folgt. Aber welch ein Interview! Alle heien und kalten Wasserhhne sprhten um die Wette, da es nur so pfiff. Die Depesche hat er aber abgeschickt, mache ich auf dem Heimweg geltend. Sie bermittelte jedoch diejenige Brause, die man sich auf Wochen noch verbat. Fluchtartig verlie ich die Stadt der vergeblichen Zusammenknfte. * * * * * Palace Hotel, St. Moritz. AUGUST 1918. Man htte sich auf dem Berge Arrarat glauben knnen, wren unter den Geretteten nicht so viele gewesen, die mit einem Mhlstein am Halse zu tiefst der angerichteten Sintflut zu liegen verdienten. Diese Menschenmetzger, Gewinnler am Elend der Menschheit und gemstet von ihrem Blut, hier machten sie sich breit und schlemmten. Gleich bei meiner Ankunft hatte ich den Seidenaffen besucht und war auf der Treppe gestrzt, so da ich bleiben mute, wo ich war. Doch inmitten des Geschwirres begann da fr mich ein Leben wirklicher Beschaulichkeit. Ich kannte niemanden, mit San Cividales verkehrte ich nur in den oberen Rumen, unten mieden wir uns, denn wir waren ja Feinde. Auf den Stock gesttzt, hinkte ich, wenn Sajani mit seiner kleinen Kapelle spielte, zu einem Schreibtisch in der offenen Galerie, die Berge von Pontresina vor Augen, die ekstatisch nach Sden trumten; unten der tiefgrne Bergsee und der Waldweg seinen Ufern entlang; St. Moritzbad im Rcken, damit ich es nicht zu sehen brauchte. Es war sehr oft etwas los. Alles strmte dann nach derselben Richtung, um sich im Sportkostm zu treffen, bevor man sich im Abendkleide wieder begegnete. Dann spielte die Kapelle ins Leere, ich aber zog unter den Baldachin, die Tangonoten verschwanden, und wir spielten Trios. Es schlichen immer ein paar unbeschftigte Kellner herein, und dies Kellnerpublikum war uns ein Sporn. In der Umwertung der Gesellschaft selbst besteht heute die eigentliche und tiefe Revolution. Ein rein uerlicher Staat hat merkwrdigerweise aufgehrt, elegant zu sein; das Prestige einer Klasse als solcher, mag es noch einmal aufflackern und sich noch eine Weile fortlppern, ist dahin. Diejenige Klasse, die berall am Kriege die unschuldigste war, wird tglich an Interesse gewinnen und ihren Tag erleben. Der Arbeiterstand als Magnet: so schnell reiten die Toten! -- Wie faszinierend war es indes, die Herren von vorgestern zu beobachten, welche whnten, da sie es noch seien, und die hchstens noch der Wirt, bei dem sie abstiegen, in dem Glauben erhielt; diese Herren auf Abbruch, die nicht merkten, da ihre Fe sich schon im Gerlle fingen. Migkeit und Unwissenheit hatten ihre Norm so tief herabgedrckt, da, um ein Beispiel zu geben, edle Musik eine Zumutung fr sie gewesen wre. In der Tat, es lohnte sich, sie zu studieren. Sie machten noch die Gesten der Vter, aber schon war der Pbel bei ihnen eingebrochen und schuf sich in diesem uersten Rechteck der Gesellschaft ein Ventil. Nirgends vielleicht hatte sich die Achtung fr inneren Wert so sehr verringert und kam innerer Adel so wenig in Betracht. Wie viel ritterlich Gesinnte zhlte man unter diesen Kavalieren? Wie viel Strebende? Was die Unbildung, die zunehmende Verrohung dieser Clique betraf, so stand sie den von ihr verhhnten nouveaux riches, welche Wurstkonserven zu Magnaten erhoben hatten, innerlich schon am nchsten, und es war rhrend zu sehen, wie hier die Elite -- denn auch die sogenannte Elite hat natrlich ihre Elite, und ich wei keine liebenswertere -- von ihr abrckte und sich ihrer schmte. Auch den Trost von ein paar wirklich schnen Frauen hatte man hier. Der Seidenaff zwar verzog sich des Abends immer sehr bald. Sah man nach ihr um, war sie wie ein Vogel schon weg. Aber die leidende Sylvia, schn wie eine gestirnte Nacht, tanzte so gern. Und ob man sich auch sagte, die Melancholie ihres Lchelns, ihres Lachens sei nur Zufall, nur der Form ihrer gttlichen Lippen, dem Licht ihrer Zhne entblht, sie entzckte darum nicht minder. Eine andere kam zuweilen von Suvretta herber, ein Pppchen, so zierlich gebildet, als wre sie in einer blitzend ausgeschlagenen Nuschale dahergefahren. Eine vierte war noch da, von der ich noch reden werde. Aber lat mich bei der gestirnten Nacht noch einmal verweilen. Meistens trat sie erst, nachdem der Tag zu Ende war, scheinbar ausgeruht, in ihrer dsteren Pracht hervor, blieb dann bis zum Hahnenschrei, wie die Braut von Korinth, und hielt ihre Tnzer in Atem. * * * * * ANFANG SEPTEMBER. Ich hrte lange nichts von euch, schrieb ich an Fortunio. Was Sie nur treiben? Mein Fu war endlich hergestellt und einer lngeren Futour gewachsen. Eines Morgens verlie ich frh das Palace Hotel in Bluse und Rock, einen Sack umgeschnallt, in dem ich eine ganze Reisetasche leerte, und einen eigens dafr erstandenen Strohhut, der so tief hereinfiel, als man wollte. Also ausgerstet, zog ich nach Maloja, schlug aber bald den Waldweg ein, denn die zahlreich einherrollenden Wagen hllten die Strae in Staub. Frech auf den Polstern ausgebreitet, mit befriedigten Mundwinkeln, fuhr ein Schieber nach dem andern froh zu Tale, oder dem Julier entgegen; ein feister und wohlgemuter Korso: der Krieg durfte noch dauern. Am andern Ufer der Seen jedoch wand sich ein stiller Weg um jede Bucht, nimmermde, sie zu umschreiben, leis umpltschert, geduldig und verliebt. Ich ri den Hut vom Kopfe, steckte ihn in den Sack, und lie die Stirne frei von den Gletscherwinden umwehen. Es war so schn, wieder schnellen und gesunden Fues durch die Wlder zu gehen, die bis in ihren tiefsten Schatten von Licht und Hitze durchhaucht, statt des Staubes einen Geschmack von Harz und Erdbeeren auf die Zunge trieben. Ganz pltzlich wurde es kalt. Hoch am Himmel hielten die Wolken Rat, ob sie sich zusammenballen und den Herbst erffnen sollten. Dann zerstreuten sie sich wieder und lieen die Sonne durch. Aber es war ganz deutlich, da sie sich nur vertagten. Spt am Nachmittag sa ich in der berhmten Konditorei von Sils Maria, als ein Wagen vorfuhr, dem die vierte Schne des Palace Hotels in Begleitung ihres Liebhabers entstieg. Es war die notorische liaison des diesjhrigen Sommers. Er, so stolz auf seine Figur, da er Modell stand, sowie man nur hinsah, aber dabei das Entzcken seines Schneiders mit dem des Malers verwechselte; die Stirn niedrig und leer, wie die eines Stallbediensteten, und einen der Anlage nach gewi nicht groben, aber schon stark vergrberten Kopf. Bald, sehr bald wrde von dem ganzen Zauber nur noch die Hengstallre brigbleiben. Die Schne hatte am nchsten Tische Platz genommen, so da ich ihre khle und strahlende Erscheinung mit Mue betrachten konnte. Der Schmelz, die Zeichnung der Brauen und des Ovals, die Augen, wie groe, kostbare Edelsteine eingesetzt, waren die eines vollendeten Renaissancegesichtes. Man konnte sich kein typischeres denken. Ihr Lcheln beunruhigte. Und doch war sie so jung! Jugend hielt noch, wie die Staubfden einer Blte, Fesseln und Gelenke zusammen. Sie hatte sich erst ihres Schleiers entledigt, nun folgte der Hut. Sie legte ihn neben sich hin. Ihr Haar, mit unerhrt raffinierter Schlichtheit getragen, umschmeichelte nur die Schlfen mit seinem Gold und lie die Stirne frei, jetzt wandte sie den Kopf. Da aber kam ein platter Hinterkopf zum Vorschein, der Kopf der Viper, da woben schon unendlich leise Fden an ihrer knftigen Hlichkeit, und da kndete sich von fern der nach auen gerichtete, erinnerungslose Blick der Vierzigerin, ohne Rckwrtsschauen . . . Lange blieben die beiden nicht, stand doch die lange Fahrt noch aus, und mute sie doch ruhen, bevor sie sich langsam wieder schmckte zum sptesten aller Diners. Nicht nur mit ihren Abendkleidern, auch durch sptes Erscheinen wetteiferten nmlich die Damen im Palace. Konnte auf der Welt etwas ordinreres sein, als schon um neun zu Nacht zu essen? Und war dies nicht der Gipfel? Ihr Geliebter legte ihr jetzt den Umhang ber, mit jener tiefen Ehrerbietung, die ein solcher Mann einer solchen Dame gegenber, die solche Perlen mit in die liaison brachte, empfinden mute. Auf seine Hand gesttzt und von den Kindern des Dorfes umstaunt, schwang sie sich auf das Gefhrt und griff in die Zgel. War es Einbildung? Hatte der Jammer des Krieges meine Augen geschrft? In dieser zarten und kstlichen Gestalt hatte ich deutlich den Brustkasten der Kindsmihandlerin gesehen. Welch ein Scheinleben kutschierte da dahin? Das leichte Getrapp ihrer Pferde, dann das Echo ihres Getrappes hallte noch lange von den Felsen herber. Was war es, das mich so feierlich stimmte? In den Gasthusern und Hotels ging jetzt berall ein Klappern von Tellern und Bestecken los. Es wurde gelutet und gegongt, und wer nicht im Restaurant a, der mute sich bescheiden, vorgekochtes der Reihe nach zu essen; ein Zwang wie ein anderer. Da war es schner, noch etwas zu streunen. Ein ungewhnlich starker Mond stand in seiner ganzen Flle; es wuchsen die Berge unter seinem Hauch, das Dorf erblate wunderbar, eine graue Bank ward ganz sie selbst. Die Funksprche der sich bereitenden Nacht liefen wie toll alle Tler entlang, und schon waren alle Tler berauscht. Auf dem Platze hielt ein Gespann, die Gule hielten die Kpfe gesenkt, als ob sie trumten. Ich lief hinzu. Es war die Post, die nach Maloja fuhr. Es gab noch einen Platz. Ich sprang hinein. Die Pferde zogen an. Bevor wir noch das Ufer erreichten, stieg ein Reisender aus. Auer mir blieb nur ein Liebespaar, das sich an den Hnden hielt. Es war sich Mondschein genug. Den Kopf hinausgestreckt, trank ich diese Nacht, und hatte sie fr mich allein. Nichts war mehr, wie es war. Der See lag im Silberschleier regungslos wie eine Tote, und der Mond go Myrthenstrue ber sie herab. Nur das Gras des Ufers erhob sich in gespenstiger Lebendigkeit. Sicher war es nur ein Spiel der Luft, da die Berge hier zerfielen. Blcke sich lsten, als sei die Welt zu Ende; Felsensle bauten sich in die Klfte ein, Riesengemcher warfen sich dazwischen. Es konnte nicht sein, und so sah die Welt nicht aus. Auch die Liebesleute waren anders wie zuvor. Dieser edle Pensieroso stieg als ein unscheinbarer Tourist in Sils Maria ein, und sie hatte weder dieses Haar, noch diese Lippen gehabt. Morgen wrde hier die Sonne auf des Schilf vielleicht hinbrten und das Paar nicht zu erkennen sein. Als um ein Uhr morgens der Wagen mitten in Maloja hielt, stieg es wortlos aus. Ich hatte kein Quartier bestellt und kam nicht unter. Auerhalb des Ortes lag noch ein Hotel. So marschierte ich jetzt allein die taghelle Strae weiter, geradeswegs auf einen neuen Absturz zu. Dort stand das Haus. Ein junges und verschlafenes Mdchen fhrte mich ber manche Treppe hinauf: zufllig stnde das einzige Zimmer frei, das fr Gste reserviert blieb. Alle andern hielt whrend des Krieges die Militrbehrde in Beschlag. Die nchste Poststation sei italienisch. Sie reichte mir eine Petroleumlampe und verschwand. Die Stube hatte zwei Fenster und war schneewei. Ich warf den Kopf weit auf die mondbeschienenen Kissen zurck. So angelangt! * * * * * Aber nicht lange, und der einsetzende Kampf zwischen dieser Mondnacht und der Dmmerung weckte mich aus dem Schlaf, Nebel mischten sich hinein und wollten alles fr sich. Endlich ragten Tannenspitzen ins Leere; der Absturz war kein olympischer; eine Strae schwang sich, breite Kurven nehmend, in die Tiefe. Gedulde dich, Leser, auch dies Buch geht jh zu Ende. Folge mir noch. Hoch steht schon die Sonne ber das Bergland, ein anderes freilich als der vergangenen Nacht. Von ihrem Spiel erholt, verstrmt der See sein Blau, nach allen Seiten, ganz verbuhlt. Myrthenstrue und Schleier sind vergessen und hngen als weie Fden im Gestruch. Wie seltsam ist die innere Stimme in uns! Welcher Stachel hatte mich zu dem hart an der Schwelle des aufgerissenen Gebirges und kaum, da es tagte, hinauf, hinab und wieder emporgetrieben, wo sich zu hchst der Wlder und noch in ihrer Mitte der See entzieht, verborgener Trnen zerflossener Kristall, ohne Kahn und ohne Erdenstaub; und dann wieder zurck in die Gaststube, um zu zahlen, und dann wieder aufzubrechen, mit der umgehngten Tasche und dem lcherlichen Hut, an der Waldseite des Sees den Weg einzuschlagen, den ich jetzt lief. Es war ein Notbehelf! Ich lief, um nicht zu tanzen. Denn ich war inmitten eines Festes. Umgeben und geborgen, als sollte die Gehobenheit nicht wieder von mir weichen, erreichte ich ein Dorf, das als Landzunge weit in den See hinausstie und jenseits der Zeiten zu liegen schien. Eine alte Frau sa auf einer Bank vor ihrem Hause, und ich bat sie, mich drinnen ausruhen zu drfen. Wir verstanden einander nicht, aber die Mdigkeit spricht ihre eigene Sprache zwischen Frauen. In einer Stube des Erdgeschosses, die durch ihre edle Sauberkeit den Eindruck des Luxus erweckte, stand eine schmale, gepolsterte Bank. Dort schlief ich auf der Stelle ein. Als ich erwachte, war der Tag noch hell, aber schon gebrunt vom Golde des Abends, und ich mute eilen, um vor Anbruch der Dunkelheit in Sils zu sein. Auch fr mein Herz ging jetzt die Sonne unter, und das Fest verklang. Von den Strapazen ausgeruht, war es zugleich, als sei mir durch den krftigenden Schlaf, wie ein Alltagszwilch, ein grberes Ich bergeworfen als das, welches seit gestern das meine gewesen war. Ob wohl mein Koffer eingetroffen sei, wo meine Brotkarte stecken konnte, wo ich absteigen sollte, derartiges beschftigte mich wieder. Aber ich spreche von verloschenen Kronleuchtern, oh Leser, und du weit noch nicht, warum sie brannten? Aber vielleicht hast du erfahren, da es Trume gibt, deren Nachhall, statt zu verklingen, sich bleibend, wie ein Echo zwischen Klften, in unserem Innern fngt. -- Solcher Art war der durchdringende Ton der Mondnacht in Maloja. Es ist nicht gleich und nicht vergnglich, wie sich die Kurve eines Fues, der Umri einer Schulter anlt, wie ein Knie sich rundet, wie eine Hfte fllt. Es ist das Flchtigste nicht gleich. Und ganz und gar nicht gleich, noch zufllig ist es, welchen Ganges wir den Hgel abwrtsgehen. Hochzeitlich knnen solche bald versenkten Dinge unverloren weiterschwingen. * * * * * Die Wolkenversammlung war noch immer nicht anberaumt; vielmehr vertiefte sich am nchsten Tage das wei des Himmels und musizierte mit dem Himmelsblau ber das Fextal, das bewegteste der Erde, auf und nieder schwingend wie eine Schaukel. Ragte, von unten gesehen, ein Kirchlein zu oberster Schneide fr sich allein, so stand es, war man oben, ganz unsensationell in einem Wiesenviereck, und sein rostiges Gitter knarrte im Winde, und nur die Berge rckten verndert und entschlossener zusammen. Wieder in der Tiefe und weit hinausgeschoben, richtete ein Gasthaus seine Glasveranda dem Gletscher entgegen. Auf ihn ging ich jetzt zu. Doch mit dem Lichte wandelte sich mein Gemt. Es brtete milchwei von einem hohen, aber sich berziehenden Himmel. Hinter mir fuhr ein kleiner Wagen her. Darin saen zwei Herren, die angeregt mit einer noch jungen Dame plauderten. Aber der Weg hrte bald auf, fahrbar zu sein, und ich verlor sie aus den Augen, graugrnes Nadelgehlz war um mich her und der entfrbte Flu zu meinen Fen. Stolperte ich jetzt und strzte ich hinab, wer wrde mich vermissen? In welchem Hause entstand eine Lcke, wenn ich nicht wiederkam? Kein Dach, kein Herd, kein Wesen; berall zu Gaste! keinem Menschen ungeteilt und wirklich zugehrig; als immer wiederkehrenden Gefhrten die entsetzliche, gefrchtete Melancholie, die ich so feige, so vergeblich floh. Nun stellte sie mich angesichts dieses Tales der Verlassenheit. Wozu bist du hier? herrschte mich seine Stille an. Der sonnenlose Himmel ber dem Nadelgehlz, mehr noch der Flu, dem Gletscher hier entlassen, und seinen Lauf so bla beginnend, griff ans Herz. Pltzlich stand die noch junge Dame vor mir und sprach mich bei meinem Namen an. Nun war stets meine erste Sorge, da er in keine Hotelliste kam. Woher wissen Sie, wie ich heie? fragte ich und wollte die Sprde spielen; aber da gab sie mir zu wissen, da sie meine Bcher kenne. Sie lebte in Genf und war Amerikanerin. Wir wechselten einige Worte, dann stieg sie wieder hinab. Gleich darauf rollte das Wgelchen mhsam aufwrts, in dem die noch junge Dame mit ihren Freunden plauderte. Gewi -- man sah es ihr an -- standen, wenn sie nach Hause kam, ihre Abendschuhe bereit, und ein freundliches, ihr ergebenes Zfchen half ihr, sie anzulegen. Wie verwahrlost ich war! * * * * * Als ich am Morgen darauf erwachte, lag weithin Schnee. Ich klingelte entsetzt. Der erste Postwagen brachte mich ans andere Ende des Tales, zum Zuge, und schnell in eine vom Winter noch nicht heimgesuchte Welt hinab, wo Zrich einer entbrannten Ebene zulief, die von der Glut des Sommers weitertrumte. Hier reit der See ein weites Fenster nach dem Himmel auf: es ist die hellste Stadt der Welt. Aber von hier aus jagte mich eine dringende Depesche Fortunios fort, der mich bat, sofort nach Spiez zu kommen, mit dem Zusatz: Besitzer auf zwei Tage verreist. So war ich abends unterwegs zur Villa des Gelten, die ich nicht wieder zu betreten glaubte. Da war das Gitter, der Kiesweg, der sich so schnell verlor. Man sah das Haus erst, wenn man davor stand. Fortunio aber war schwer krank. Verfallen, zerfurcht, zerwhlt. Wir aen im Schlohotel zur Nacht und besprachen die Abreise fr den morgigen Tag. Ich fhlte meine Arme erstarken, in dem Wunsch, ihm zu helfen, und unser schier geisterhaft geschwisterlicher Bund war durch die Trennung neu erhellt. Am nchsten Tage aber lag er zerrttet, ohne Energie. Morgen, morgen, sagte er. Ich reiste ab, nach Bern, Fortunia zu alarmieren. Ihr Gesicht erinnerte an ein von schwerem Regen heimgesuchtes Land. Ohne Schonung schilderte ich seinen Zustand und lie dann die Sache bei ihr. Um nicht in Bern zu bleiben, fuhr ich abends nach Montreux. HERBST 1918. Montreux. Nur lachenden Auges werden hier die Zeitungen gekauft. Der Belgier und sein Kind waren ohne Schadenfreude. Die Filme arbeiten schon stark mit elsssischen Hauben. Sie werden lebhaft beklatscht, in der Voraussetzung, da sie nicht mehr lange deutsch bleiben. Schlielich ein begreiflicher Jubel. Entsetzlich ist nur der Applaus, als englische Munitionskammern aufziehen, emsig mit Granatendrehen beschftigte Frauen und Geschosse in unabsehbaren Reihen. Gehen wir! rufe ich, und wir verlassen das Haus. S schlagen die Wellen ans Land. Die Berge des andern Ufers erheben sich unmittelbar, als grndeten sie in den Tiefen des Sees. Sie sind kahl und scheinen dennoch weich, selbst im Dunkel der Nacht; wie Gesnge abgestuft, steigen und fallen und treten zurck und verhallen die Berge Savoyens. 5. OKTOBER. Glasenfrosts in Villeneuve geben mir die Nachricht, da Deutschland um einen Waffenstillstand nachgekommen ist: Mein einziger Wunsch ist, es mge die Welt, die es als Sieger verloren hatte, als Besiegter wieder fr sich gewinnen. Die In-die-Knie-Zwinger Britanniens, die ohne Briey nicht leben konnten, sind mit einem Male still. 6. OKTOBER bis Anfang NOVEMBER. Fortunios sind angekommen, sie wohnen in Vevey, und er erholt sich. Zum ersten Male bildete sich unser Zusammensein als heller Punkt und geordnete Flche heraus. Augenmerk und Sorge sind durch die Ereignisse zu sehr in Anspruch genommen, um uns bewut zu werden, wie sehr es einem bekrnzten Flo inmitten schwarzer und gestoener Fluten glich; Und wie htten wir da anders als in der Erinnerung wahrgenommen, da wir schne Tage verlebten? A. H. Pax ist aus Bern gekommen. Der Belgier und sein Kind finden sich regelmig ein. Dabei wtete die Grippe. Viele Srge harrten der Bestellung. In den Blumenlden huften sich die Krnze, Halbgenesene, in tiefer Trauer, traten leichenbla das erstemal vors Haus. Doch die Zrtlichkeit des Herbstes, seine Zrtlichkeit und sein Verweilen, seine Glorie ward unendlich. Eines Nachmittags strichen wir in den Hhen des Weinberges entlang. Unter einem silbern aufgerollten Himmel dehnte sich der See, schimmernd, unbewegt, ein wenig mde . . . Pltzlich, mit einem Ruck, fuhr der Wind weit und durchdringend auf, als sthne er die ganze Erdkugel entlang das Ende der schnen Jahreszeit hinaus. Im Nu schlugen die Wolken ber die Sonne hin. Fortunio hatte den Kragen aufgesteckt, sein Hut rollte den Berg hinab. Wir lachten. Doch der Weg war weit. Schon wute der See nichts mehr von seinen Ufern. Unter Nebelschauern waren alle Berge, ja wir selbst, unsichtbar. Am nchsten Morgen war fr jedes Kind ersichtlich, da Fortunio die Grippe hatte, aber wir taten nicht dergleichen. Statt im freien, versammelten wir uns an seinem Lager. Man hielt es in jenen Tagen allein nicht aus. Bang und frstelnd rckte man zusammen. Denn auf dem Streitro, dessen Nstern von Hoffart, Ha und Vergeltung sprhten, und wie ein Sturmgott kam ja der Friede heran. Wehe, es war jener Gewaltfriede, jener Macht- und Siegfriede, von dem in Deutschland so viel geredet worden war, und den abwehren zu wollen, den zu frchten, als ein Verbrechen galt. Und indessen lsten sich in unserer kleinen Gruppe hineingetragene Dissonanzen weiter aus, und statt der chronischen Trbungen stimmten sich ganz ohne unser Zutun unsere Gemter wie Instrumente zu tglicher, reinerer Melodie. Fortunias Gesicht glttete sich und erlangte seine Pinturichiotne wieder, und whrend der Aufruhr stieg, bildeten wir eine uns selbst unvergelich gewordene Insel des Friedens. * * * * * Als sich die Sonne nach einer Regenwoche wieder zeigte, war die Welt eine andere. Das Renommierboot mit seinem rostbraunen Segel zog wieder auf, aber es blhte sich ber ein gesteiftes und gepeitschtes Blau; die weigeharnischten Berge waren nher gerckt, und wo das Laub noch grn geblieben war, hatte es ausgetrumt, hing ohne Illusion, des Todes gewrtig, und da es fallen wrde. Im Hotel spielte die Heizung, und ein von sich berzeugtes Ehepaar: le Vicomte Edmond de la Province, einem Roman von Claude de Bernard entlaufen: Madame korrekt bis ins Grab hinter der vorangetragenen Corsage, Monsieur im Bart, Schlobesitzer, zogen schweigend ber Flur und Treppe, und faszinierten durch ihre abgrndige Zurckgebliebenheit. Unsere Gruppe indessen hatte sich verkleinert. Erst war der Belgier und dann sein Kind erkrankt. A. H. Pax sa wieder in der Choisystrae. Das alte Deutschland strzte wie eine Kulisse zusammen, und Trmmer waren frs erste der einzige Ausblick. Fortunio, von Ungeduld verzehrt, erklrte aufstehen und nach Berlin reisen zu wollen. Fortunia fuhr nach Bern, das Haus fr die Abwesenheit zu bestellen, und ich folgte mit ihm den Morgen darauf. Wir saen einander im Zuge gegenber, sein Husten war ein Gebell. Am selben Nachmittage brachten wir Fortunios mit Pax an der Spitze, zur Bahn und lieen sie, wie Flammen ber das Moor, ins Weglose ziehen. Denn schon fluteten die aufgelsten Heere in unbeschreiblicher Verwirrung aus den besetzten Gebieten ins Land zurck. Die Lauben hinabsehend, unschlssig wo ich absteigen sollte, versagten mir pltzlich die Knie, Frste wie graue Blitze durchfuhren mich, und mein Husten war ein Gebell. Diese nicht zu verkennenden Symptome jagten mich wieder an die Station, um mit dem letzten Zuge nach Montreux zurckzufahren. Denn lieber, als angesichts des Gurten wollte ich dort erkranken, wo im Hotel Suisse als chefesse de rception eine so angenehme Erscheinung waltete, und ich den Nachtportier zum Freund besa, ein komischer, alter Schwabe, den ich deutsch ansprach, sowie der Lift ohne Insassen und in der Schwebe war. Nun war es Sonntag. Das heie Wasser also lief. Vielleicht vertrieb mir eine heie Dusche den Frost. Aber das Wasser war schon lau. Dafr gerieten die grauen Zickzackblitze in Brand und drckten mir eine Feuermtze ins Genick. Da lie ich mich denn grippekrank melden und stellte anheim, mich aus dem Hause zu schaffen. Aber die angenehme Erscheinung aus dem Bureau kam herauf, mich zu beruhigen. Dann uerte sie einige unverstndliche Dinge und verschwand. Bald darauf trat ein Mann herein, den ich fr einen Raubmrder hielt, gefolgt von einem frchterlichen und handfesten Weib ohne Kopf, seiner Helfershelferin. Ich wollte rufen, da hatten sie mich schon gepackt. Jetzt, dachte ich, ist doch alles eins. Eine Stunde spter lag ich mit aufgerissenem Rcken, geschrpft wie ein Hengst. Ich erzhle dies nur, weil ich dank dieser so immediaten und buchstblichen Rokur schon nach zehn Tagen, statt vielleicht nach Wochen, die Grippe spurlos berwand. Mittlerweile erdrhnte dem so glcklich gewesenen Deutschland die im Lauf seiner Geschichte noch immer zurckgekehrte Stunde seines Unheils. Es war der eine Gedanke meiner leeren Tage und langen Nchte; ihn auszuschlagen war unmglich. Im ersten Stadium meines Fiebers fiel mir an dem Stubenmdchen, das hin und wieder in mein Zimmer trat, nichts bemerkenswertes auf, als da sie mir sehr einsilbig und nicht freundlich vorkam. Pech! dachte ich. Am dritten Morgen aber, als sie das Zimmer rumte, folgte ich ihr mit den Augen, whrend sie whnte, da ich schlief, und das Herz stand mir still. Hermione! wollte ich rufen. Nein, Andromache im Palast des Priamus, ob ihrer Anmut erstaunt, und der leichteste aller Tanagra zugleich! So stand sie, den Besen fhrend, in der Mitte des Zimmers. War ich im Delirium gelegen, da ich sie nicht gesehen hatte? Sie kam auf mich zu: tes-vous plus mal? Aber ich wehrte ihr mit beiden Hnden ab. Cela m'est gal, sagte sie, de prendre la grippe. Was war melodischer, dieser Mund, diese Lippen oder diese Stimme? -- Und ein solches Geschpf umgab mich mit ihrer Pflege. Welch unerhrter Luxus! Die Sonne ging vor meinem Fenster auf, alles Leben im Geleite, und lachte des Todes bis zum Mittag. Pauline Glasenfrost kam tglich aus Villeneuve, brachte die Zeitungen, beschenkte mich und spottete der Ansteckung. Knirschend las ich alle Noten und Appelle an die Gromut der Sieger. Welche Verkennung der Situation! Aber was bedeutete dieses Versagen angesichts der Wrde, welche ein solches Unglck gab? Und wiederum wrden nur die Unschuldigen leiden. Die Taktik der Sieger wrde es den Schuldigen ermglichen, sich herauszureden. Schon damals sah man es kommen. -- Ich lutete und bat Hermione, mir von sich zu erzhlen. Sie stammte aus dem Wadtlande. Ihre Heimat lag hoch ber den Weinbergen und hatte die Gletscher im Auge. Ich bat sie, einen hellen Mantel von mir anzulegen. Wie er ihr stand! 8. NOVEMBER. Bevor mein Freund, der Nachtportier, zur Ruhe ging, brachte er noch die erste Post. An diesem Morgen trat er ein, reichte mir ein Extrablatt und verkndete lakonisch: In Bayern ist Republik. Mein erstes Gefhl war kein gelinder Schrecken. Es mute kommen, sagte ich dann. Der Portier war Demokrat. 's isch recht. Runter mit dem Zeug, sagte er und ging. -- So war also Bayern Republik. Das Extrablatt war nur ein kurzer Wisch; eins aber wute man sofort: da dieser so wenig sthetische Knig nie wiederkehren wrde. Die Wittelsbacher waren stets Liebhaber des Schnen gewesen, und in ihrer natrlichen Diskretion eines der sympathischsten Frstenhuser der Welt. Da er aber auch nicht eine einzige ihrer typischen Eigenschaften besa, sondern durch eine sture Haltung whrend des Krieges, sowohl in der elsa-lothringischen, wie in allen politischen Fragen statt vermittelnd zu wirken, berall nur Unheil anrichtete, flte die geradezu unwiderstehliche Abneigung fr ihn ein. Pltzlich blieben Briefe und Zeitungen ganz aus, und die Spannung wurde unertrglich. Es wehte eine scharfe Bise, doch ich fuhr nach Villeneuve. Vielleicht hatten Glasenfrosts etwas gehrt. Sie waren von den rhrend beseelten Manifesten Eisners sehr eingenommen, und wirklich hatte man in diesen Tagen die Illusion, am Anfange einer besseren Zeit zu stehen, ob es sich auch nur um eine einzige, schnell aufgehaltene Stunde handeln sollte. Und nicht einmal ihr lie man Zeit. Man verlange von uns nicht, beeilte sich die die Politik Clemenceaus vertretende Freie Zeitung zu schreiben, da wir uns mit dieser Sache da, genannt deutsche Revolution, ernstlich befassen. Und man eiferte um die Wette, sie zu dieser Sache da zu machen. Sie hatte es schwer, alle Konjunkturen dafr um so leichter. Schon war sie wie eine Decke, um deren Enden sich die Schuldigen, die Unlauteren, die Banditen rissen, und alle Karrierejger gerieten wieder ins Laufen. Wer htte gedacht, da alle die dienstbeflissenen jungen Herren, die mit umgeschnallter Seitentasche so flink und so stramm ins Hauptquartier Meldungen berbrachten und entgegennahmen, berglcklich, bis zu Ludendorff in Person vordringen zu drfen, da sie im Grunde ihres Herzens solche Feinde des Systems und so demokratisch waren? Nie sah die Welt ein vom alten Regime so gut besuchtes nouveau rgime! Suchte man im eigenen Garten das scheue Pflnzchen, das mitten im Sturme Morgenluft witterte, von allen Seiten an beliebige Stakete zu biegen, und sah es das Ausland mit begreiflichem Mitrauen keimen, so erfuhr man in der Schweiz infolge des gerade in diesen Tagen einsetzenden Generalstreikes berhaupt nichts davon: er stand allein im Vordergrund und beschftigte alle Gemter. So wurde hier, gerade in ihrer kurzen Glanzzeit, die deutsche Revolution unterschlagen. In jenen aufregenden Wochen kam ich wieder mit Romain Rolland zusammen. Mehr als je zeigte er sich jetzt als der Mann ohne Illusion, was Wilson, ob er auch dessen guten Willen nicht in Frage stellte, und was die Entwicklung der Dinge betraf. Ich fand ihn viel zu skeptisch. Im selben Hotel, wie Glasenfrosts und Rolland, wohnte auch eine Schweizer Familie, die sich sehr fr ihn interessierte, durch seine groe Zurckhaltung aber in Schach gehalten fhlte. Eines Mittags, da ich bei ihr zu Gaste war, bat ich ihn, ein briges zu tun, und sich zu uns zu gesellen. Ich sehe ihn so deutlich vor mir, wie er an jenem Tage, seine alte Mutter am Arme fhrend, in seiner ruhigen und ein wenig geheimnisvollen Art zu uns stie. Das Gesprch drehte sich natrlich um den Generalstreik und dann um den Bolschewismus; fr die Westschweiz htte man zum Glck ein treffendes Agitationsmittel gegen ihn, da er deutscher Import sei. Rolland schwieg. Der hat der Welt gerade noch gefehlt, sagte ich, und sah einladend zu ihm hinber, damit er sich uere. Vergebens. Er erwiderte nur auf direkte Anfragen und ohne eine Meinung abzugeben. So sprachen halt in Gottes Namen nur wir. Ich ging dann zu Glasenfrosts hinber und schilderte das miglckte Beisammensein, bei dem ich zuletzt als verzweifelte Wortfhrerin die Grippe, die Witterung und endlich die Tatsache errtert hatte, da jede Stadt, ja jeder Ort ein anderes Modell fr seine Leichenwagen bese. Aber auch diese originelle Wendung fiel unter den Tisch. Es hatten Regenschauer eingesetzt, und Glasenfrosts hielten mich noch eine Weile zurck. Wir waren uns in diesen Tagen noch sehr einig, und er hielt sich bereit, nach Mnchen zu fahren und Eisner bei Seite zu stehen. Vielleicht hatte doch die Geburtsstunde des tausendjhrigen Reiches geschlagen, und die Gefallenen waren nicht umsonst an seiner Schwelle geblieben. Waren sie nicht schon ein einziges Heer? Aber Rollands rtselhafte Haltung lie mir keine Ruh, und als ich endlich aufbrach und die langen, klosterhnlichen Gnge des Hotels entlangging, machte ich pltzlich kehrt und klopfte, ohne mich zu besinnen, an seine Tre. Es war ein kleines Durchgangszimmer, mit einem bescheidenen Pianino, auf dem sich Musikalien huften. Rolland stand in Hut und Mantel, im Begriffe auszugehen, und sah mich erstaunt an. Es tut mir sehr leid, sagte ich, Sie so zu berfallen. Aber ich mchte wissen, was Sie eigentlich denken. Sie schweigen sich aus, Sie lcheln ein wenig hmisch, und das ist alles. Wer soll da klug daraus werden? -- Ich frage Sie nicht aus Neugier. Rolland legte seinen Hut auf das Klavier. Sie sind so ahnungslos, sagte er, Sie wissen so wenig, was sich bereitet. Aber doch nicht der Bolschewismus, rief ich. Das ist doch nicht Ihr Ernst! Und Sie sind doch kein Bolschewik. Nein, sagte er, aber ich habe nicht Ihre summarische Auffassung des Problems. Das neuerwachte Deutschland, sagte ich, wird die Welt davor retten. Rollands Zge nahmen einen mden Ausdruck an. Ich bin voll guten Mutes, fuhr ich fort. Haben Sie die letzten Aufrufe gelesen? Diese Absage an jegliche Gewalt? Eine neue ra hat ihren Anfang genommen. Wir haben unseren Militarismus zum Teufel gejagt. Endlich schlgt die Stunde, wo man sich angesichts eines wahren, befreiten und sympathischen Deutschlands auch seiner unsglichen Leiden entsinnen wird. Kommen Sie, lchelte Rolland, welches Interesse haben heute die Sieger an einem sympathischen Deutschland? Aber nicht nur die Sieger, versicherte ich. Die ganze Welt hat ein Interesse daran, da die deutsche Revolution aus den Verirrungen der franzsischen wie der russischen lerne und endlich jene vorbildliche und mavolle sei, welche die Menschheit ihrem Glcke nherbringt. Und alle Anzeichen sprechen dafr: Hren Sie doch, mit welch reinen Glockentnen sie sich kndet. Oh sie wird schn! Rolland lchelte nicht mehr. Sie wird furchtbar! sagte er. Morgen schon wird Eisner sich berrannt sehen und seine Gegner zu beiden Seiten haben. Der Bolschewismus ist in Ruland nicht nur durch die Stokraft der Linken, sondern mehr noch durch den Gegendruck der Rechten das geworden, was er heute ist. Man kann die Deutschen nicht genug verwarnen. Wenn auch bei ihnen die Reaktion eine Bewegung zu unterdrcken unternimmt, die wie ein ausgetretener Strom heranbricht, so werden sie ganz hnliche Zustnde herbeifhren. Es ist absurd, seiner elementaren Gewalt morsche Dmme entgegenzustellen, statt sich seinem Lauf anzupassen, und was er lebendiges herantrgt, zu vertreten. Unsere Gesellschaft hat ihre Berechtigung gehabt, aber sie hat versagt, und ihre Zeit ist um. Mgen wir es noch so sehr bedauern, mag viel Schnes mit ihr untergehen, die Reihe ist nicht mehr an uns, sondern an den anderen. Nichts kann diese Tatsache aus der Welt schaffen. Wir mssen uns zu ihr stellen. Sollen wir denn alle Holzhacker werden? fragte ich betreten. Der Typ des Literaten, entgegnete Rolland, dem wir seit einigen Dezennien so vielfach begegnen, wird jedenfalls verschwinden, und ich weine ihm nicht nach. Ein Gesprch mit nach Bildung strebenden Handwerkern ist mir heute schon viel genureicher und interessanter. Was der Literat mir sagen wird, wei ich von vornherein. Mein Gott, seufzte ich, es pflegen nicht einmal die Knige freiwillig abzutreten, viel weniger ganze Kasten. Sie werden den Kampf aufnehmen und uns eine blutige Morgenrte bescheren. Was ist zu hoffen? Nichts fr die Gegenwart, sie ist zu korrupt, sagte er. Aber alles fr die Zukunft. Ich bin kein Pessimist. Rollands Worte, die ich auf dem Heimweg berdachte, waren viel reichhaltiger und prgnanter, als ich sie hier aus dem Gedchtnis wiedergebe. Wenn aber eine neue Klasse zur Herrschaft gelangte, wrde sie weniger versagen, als alle anderen, und war anzunehmen, da ohne furchtbare Erschtterungen die frhere Gewalt sich von der neuen aus dem Sattel heben liee und etwa mit Rolland eingestehen wrde, ihre Zeit sei um? Meine Eindrcke von St. Moritz schwebten mir vor, und ich dachte an Hermione, wie edel sie war. Aber war nicht alles erlesene prozentual? Was also stand von den Massen zu gewrtigen? Die Macht selbst mute abwirtschaften und sich auf neuer Basis konsolidieren. War nicht allem Anschein nach die ra der schlechten Ppste geschlossen, weil sie verhltnismig machtlos geworden waren? Anderseits htte der Papst die Rolle Wilsons mit mehr Glck, mehr Einblick in die europischen Verhltnisse bernehmen knnen, wre er so mchtig gewesen wie er. Macht also war und blieb die Losung. Eine Macht jedoch, die keine Lockung dem Gemeinen bte, ganz auf Erprobung ihrer Trger begrndet, ohne Vorteile fr ihn, ohne Befriedigung des Ehrgeizes, anonym vielmehr, Verzicht und Selbstentuerung bedingend, als Stein des Weisen der Weise selbst. Oh Zarastro, Herr der weltabgewandten, namenlosen Gewalt! Schwer und langwierig, immer wieder aufgehalten und die Anspannung von Generationen erfordernd, aber nicht unmglicher als die endlich geglckte Beherrschung der Luft, wre die gleichsam auf immer luftigeren Pfeilern emporgehobene, in sich selbst beruhende Macht. Ich ging, vom Winde frmlich vorangetragen, den Weg nach Montreux. Die Wellen zogen in finsteren Reihen zum Angriff, und war dort nicht die Weide von Territet, sie, die im Frhling in den Schleiern ihres jungen Grns vor Entzcken ber sich selbst zerflo? Nun aber schlug der See mit groem Getse bis zu ihnen auf, die mde niederhingen bis zu ihm; Und dort hinter seinem Gatter hatte angesichts der Ufer ein Tulpenbeet geblht. Die stillsten aller Blumen standen dort so sanft und so gerade! oh Weide von Territet! Oh stille Tulpen, mit denen ich gewesen war! Was blieb ich am Gitter hngen, die Hnde an die Schlfen gepret, der Knecht mit dem Talent des einzigen Gedankens? Trichte Hoffnungen hatten mich schon wieder hingerissen, denn der Winter unserer Leiden stand noch aus. Der Stein aber, mit dem ich mich schleppe, zermalmt mir das Hirn. Wer legt das Fundament des sich immer schroffer nach innen ziehenden Baues, mit den immer abweisender sich schlieenden immer geheimeren Pforten, durch keine andere Gewalt zu sprengen, als jene, welche der Himmel leidet. Die Theorie einer immer strengeren Auslese -- der Natur selber entnommen --, weit entfernt, eine hochfahrende zu sein, ist ja die demtigste der Welt. Keine fhrt so tief in unser Inneres hinab, um aufs neue dasselbe Schauspiel wie nach auen zu enthllen. Denn hier sieht sich der Berufene noch einmal einem ganz hnlichen Kampfe berwiesen. Wie unbegreiflich sind oft seine Schwchen! ebensovielen untergeordneten Wesen vergleichbar sind sie gegen ihn in Aufruhr und sind bestndig die Schlingen gelegt. Da der Gerechte siebenmal des Tages fllt, konnte nur ein Gerechter uern. Zwar ist sein Merkmal, sich immer wieder aufzurichten und einzuholen. Aber jedes versagen lt an Boden verlieren, die Gelegenheiten sind gezhlt, und eines Tages ist man hinter sich zurckgeblieben. Keiner ist auserwhlt, der sich nicht durch eigene Kraft dazu vermochte. Berufener und Auserwhlter, wie gefhrdet sind beide! Denn so manchen, der seinen behielt, strzte ein Laster von seiner Hhe. * * * * * Und nun kam ein Tag, an dem Montreux, bunt wie ein Jahrmarkt, den tollsten Anblick bot, seitdem es stand. Alle Lnder der Erde -- bis auf die paar niedergerungenen -- beflaggten das Ende des Krieges. Und nicht nur an den Dchern und von den Fenstern, den Mauern und Toren, sogar an den Menschen selbst schlugen Fahnen hin und her; von den Jacken, den Hten, ja den Hnden der Kinder zogen Fhnchen auf. Schon sprangen die internierten Offiziere mit sehr deutlicher Siegermiene (kannte man die nicht von Potsdam her?) von den Autos ab. Es war ein allgemeiner Jubel, von Hohn und Verwnschungen untermischt. Wer diesen Tag hier erleben mute, der erwartete nichts. Dem kndete sich der Geist des Friedens von Versailles und Saint Germain. Das jubelnde Gewoge, die Saturnalien von Fahnen raubte mir die Fassung. Ich lief meinen hervorbrechenden Trnen davon, die Huser entlang, am Bureau des Hotels vorbei, in mein Zimmer hinauf, wo ich mir den Schleier vom Gesicht ri: ein Klageweib! -- Prophetin meines eigenen Schicksals, als ich zu Anfang dieses Krieges schrieb: Leute wie wir, werden am Tage des Sieges sich verkriechen mssen, denn immer wird es Jerusalem und seine Kinder sein, um die wir weinen werden. Die Hungerblockade blieb von den Siegern, die fr Recht und Menschlichkeit gekmpft hatten, ber den erdrckten Gegner, auch nach Einstellung der Feindseligkeiten, verhngt. Und es lag, wie Rolland mir vorhergesagt hatte, nicht im Interesse der Sieger, die edle und gepeinigte Opposition in Deutschland zu sttzen. Eine unsympathische Regierung als Aushngeschild des deutschen Volkes aufrechtzuerhalten, gehrte vielmehr zu den strategischen Notwendigkeiten dieses Winters der Friedensprliminarien von Versailles. Da ich kein Kriegsbuch schreibe, seien die nchsten Monate berschlagen. Whrend dieser Zeit fuhren die Militaristen aller Lnder fort, sich wacker in die Hnde zu arbeiten, und ber jede Hrte und Unmenschlichkeit der Alliierten triumphierten die Anstifter der Verwstungen und Deportationen. Denn so kam doch ihre Mhle wieder ins klappern, und das Wort von der erdolchten Front schnupperte aushorchend in der Luft. Damals wurde ich aufgefordert, so manchen ganz vergeblichen und wrdelosen Appell zu unterzeichnen, mit dem Hinweise, frher htte ich zu protestieren gewut, jetzt, wo die Untaten von der andern Seite geschhen, schwiege ich mich aus. Ich zog es aber vor, auch hier meine Kundgebung solo zu verfassen; sie erschien in der Neuen Zrcher Zeitung. Denn sie hatten ja recht: es galt zu sagen, da diese ganze Welt ununterschiedlich des Teufels war. Traurig stimmte es nur, da all die Mahnrufe und das viele Aufbegehren aus den Reihen derer stammten, die vielfach kein Recht dazu besaen, whrend sie schwiegen, die wirklich Unschuldigen, abscheulich in Stich gelassenen, Betrogenen, die whrend des Krieges auf Gefahr ihres Lebens ungenannt und langen Mutes vor Gottes Angesicht das wahre Deutschtum vertraten. In der Opposition entdeckten sie jetzt alle ihr Herz. Mit welch herrlichem Gefhl und welch aufrichtendem Stolze stand Heinrich Mann der Republik zu Pate! dort ri nicht ein einziger aus; bei dem vielverfolgten Lichnowsky, laut des Friedensvertrages tschechisch gewordenen Magnaten, angefangen, der sich als Deutscher erklrte; was ich wirklich nicht erwhnen wrde, htten nicht so viele Patrioten aus ihren Papieren fremdlndische Patente herausgeklgelt und sich mit einem Male als Schweden, Schweizer, Hollnder, sogar als Englnder prsentiert. Die beste Illustration fr den Nationalismus, die es geben kann. Jenes Wort, welches mir seinerzeit so verbelt wurde, da es Boches in jedem Lande gbe, sollte sich brigens nur zu sehr bewahrheiten. Jeder Militarist, gleichviel welcher Staatsangehrigkeit, ist ein Boche. Und wenn er Schimpanse zu Aufsehern eines Volkes bestellte, das der Welt einen Grnwald geschenkt hat, so wre er eben ein Boche; jener Grnwald aber, ob er sich ihn noch so oft holte, ei, der bleibt deutsch. Als ich um die Bltezeit zum ersten Male wieder das deutsche Ufer des Bodensees sah, war ich von der Pracht seiner Bume bewegt. Diese wenigstens konnten dem armen und geschlagenen Lande nicht genommen werden. -- Und diese eben hatte es dem andern mit groer Genugtuung meilenweit abgehackt. Es ist ja das typische Merkmal des Militaristen, zu glauben, da er den andern trifft, wo er sich selber entehrt. FEBRUAR 1919. Mit dem Berner Internationalen Sozialistenkongre, dem seit August 1914 einzigen Ereignis von wahrhaftem Sein, das mitzuerleben mir vergnnt war, schliet dieses Buch. Hoch ber den Bernina-Alpen und dem Julier trmten sich die Wolken zu goldenen Toren und zu glhenden Rossen. Phaeton, wieder erstanden, lenkte sie wieder, die italische Ebene im Angesicht. Die Spuren der Rder, waren sie nicht der Rauch, der am Himmel verflog, whrend nach Norden hin das Gebirge zu Tod erblate? Auch der nach Sden gerichtete Wald starrte unter der Last des Schnees. Doch die Luft wehte so befiedert leicht ber ihn hin, und es herrschte ein Licht wie ber Palmen. Man hatte Glatteis unter den Fen und war dem Winter entronnen. Aber Fortunios Gesicht war wie zerhhlt von Ungeduld. Haase ist schon in Bern, sagte er, der Kongre ist im Gang. Wir mssen hinab. Da es der erste war, dem ich beiwohnen sollte, verband ich weiter keine Vorstellung mit ihm, als die mehr oder minder langweiliger Reden, und ohne sonderliche Erwartungen betrat ich zum ersten Male den Saal. Kein Delegierter aber drngte von nun an eiliger zu ihm zurck. Oft war er in der Mittagspause noch geschlossen, als ich schon davor wartete. Zu den Morgensitzungen ging Frau v. Schreckenburg mit mir. Nachmittags sa ich am Tische mit Fortunios, vor uns die Franzosen. Da waren Renaudel, Cachin, Longuet, Rappaport, Loriot, Faure, dann kam der englische Tisch mit Henderson, Macdonald, Norman Angel. Von dort leuchtete das leichte Gold von Mrs. Snowdens Haar. Sie trug keinen Hut. Der schne, zarte und energische Kopf war der Lichtpunkt des Hauses. Die Deutschen und sterreicher saen ganz vorn, zu weit entfernt, um sie zu unterscheiden, es sei denn, da sie sich erhoben. Bleich, abgezehrt, den schmalen und ehrwrdigen Kopf ein wenig seitwrts, stahl sich im fahlen Schein des Wintervormittags der, eben von der Bahn gekommene Eduard Bernstein bescheiden herein. Die franzsischen Sozialisten sahen ihn zuerst, eilten auf ihn zu und begrten ihn strmisch. Daraufhin erhob sich der ganze Saal zu einer Ovation. Wie frohlockte da mein undemokratisches Herz! Als Viktor Adler auf das Podium trat, gaben wiederum die Franzosen das Zeichen zu einem lang andauernden Applaus. Adler war der Motor des Kongresses. Unerbittlich die Mitte einhaltend, wies er jede Parteilichkeit schroff zurck, von welcher Seite sie auch stammte; ihm war das gleich. Sein blasser Lwenkopf tauchte dann zum Angriff auf: Un homme politique, mais pas de bonne politique, forderte er Renaudel heraus. Seine Stimme klang wie Erz. Aber allen Differenzen, Vorwrfen, Ausreden, Angriffen zum Trotz fing eine Einigkeit sich herauszuschweien an, und wie unter einem glhenden Hammer stoben Funken zu einer Garbe auf. Ha schmolz zu Mitgefhl. -- Zwar wurde jenen deutschen Delegierten, welche die Politik ihres Landes zu verteidigen suchten, prompt die Unmglichkeit eines solchen Unterfangens zu Gemte gefhrt, stellten aber dann ihre Angreifer den deutschen Militarismus immer wieder allein an den Pranger, so wurden sie regelmig von Zwischenrufen wie: Et le militarisme franais! et le ntre! et tous les militarismes! von der franzsischen Linken unterbrochen. berhaupt war dieser franzsische Block der beste, der wrmste. Von ihm ging das Unbehagen aus, wenn ausschlielich das deutsche Sndenregister stieg. Scheu, Zartgefhl, Respekt (ja Respekt!) vor dem Geschlagenen (weil geschlagen), sie stammten von dort. Und schon grte die Atmosphre wie ein starker Wein. Klug wie ein Erzengel lie der hochaufgerichtete Huysmans mit dem schnen Donatellokopf bei den Reden, die er franzsisch und englisch bersetzte, alles Unwesentliche fallen. Oft waren sie lebendiger als im Original. Behender lst kein Eichktzchen die Haselnu aus ihrer Schale. Ach, so viele gute Menschen waren hier! Unbeweglich, als wre er nur eine Zimmerpalme, hielt sich unser aller A. H. Pax im Hintergrund; und wie Kerzenlicht im Mittagsscheine tauchte bald hier, bald dort Fortunio unauffllig auf. Hin und wieder kam in Frack und weier Binde, pour finir sa soire, ein Attach gegangen und wirkte in dieser so weit vorgreifenden Luft wie eine Varietnummer aus einer veralteten und komisch gewordenen Welt. Der eine oder andere blieb gebannt, und die Geschniegeltheit fiel von ihm ab. Die Frstin Patschouli aber war sehr ungehalten, was sie nicht hinderte, mir zwischen zwei Sitzungen ihren strkenden Kaffee zu brauen. Sie wollte wissen, wer mich denn so interessierte. Ich nannte einige. Quels noms! sagte sie, zum Himmel emporblickend. Als Partei interessierte mich ja der Sozialismus so wenig wie jede andere. Aber das Ergebnis der kapitalistischen ra war ein wirrer Knuel ineinander verbissener Verbrecher, und es war eine Welt, welche der Sozialismus jedenfalls nicht bereiten half. Er hatte keinen Teil an ihr. Deshalb nur gab es keine andere Brcke als ihn, denn er war nur ein Weg, der weiterfhrt, indem er zurckgelegt und berwunden wird, niemals ein Ziel. Woher kam es aber, da er, der angeblich auf rein materialistischer Grundlage beruhte, er allein unter allen Parteien, ohne Ansto zu erregen, christliche Gleichnisse anfhren durfte. Warum, statt Schamrte in die Stirn zu treiben, war es so rhrend, wenn der geistvolle Longuet, der auf dem Podium auf und ab zu gehen pflegte, whrend er sprach, ein Zitat aus den Evangelien gebrauchte, oder wenn Mrs. Snowden eine Rede mit den Worten schlo: denn wir sind Brder? Nach ein paar Tagen kannten wir einander fast alle. Einmal fielen wir an eine Tafel aus im geschlossenen Raum; eine unbndige Heiterkeit bemchtigte sich unser, aber wir blieben sitzen. Ich spielte mich auf die Wirtin auf und machte die Tischordnung, als sei das Essen von mir, A. H. Pax vermite die Schnpse, und wir kamen nicht aus dem Gelchter. Etwas in unserer Befreitheit erinnerte dabei ganz deutlich an jenes Gastmahl im Neuen Testament, von welchem der nicht im Feierkleide erschienene Eindringling in die uerste Finsternis zurckgewiesen wurde. So hatten auch wir keine unsicheren Gestalten hereingelassen. Ich werde mich schwer hten zu sagen, wer meine Tischnachbarn gewesen sind. In streng geschiedenen Gruppen, die einander nicht mehr kannten, fanden wir uns im Saale wieder ein. Denn wie der Chor der Gefangenen in Fidelio wute man sich belauscht mit Aug' und Ohr, und vermied es, von Lager zu Lager sich zu gren. Der Sonntag. Er bildete die groe Orgelpause des Kongresses. Um so lebhafter war in der Stadt das hin und her. Als ich die Treppe des Hotels Bellevue hinabging stie ich mit Kurt Eisner zusammen. Er war schwarz und ganz neu angezogen. Auch der schwarze Schlapphut war neu. Wir wechselten ein paar Worte. Ich kannte ihn zwar noch nicht, aber so hielt man es in jenen Tagen. Leider war mein Zimmer winzig klein. Um Raum fr den Kaffeetisch zu schaffen, mute das Bett zum Sofa werden, und ich schttete Kissen gegen die Wand. Um fnf Uhr erschien Haase. Der niedere Kragen, Kleidung, Struktur waren die eines Mannes aus dem Volk. Dabei lag in der Haltung des Rckens und der Schultern eine ungemeine Wrde. Aber wenn sie Widerstand und Energie ausdrckten, so sprachen sie auch von rcksichtslosem Verbrauch sich verzehrender Krfte. Auf dieser Figur eines Arbeiters sa ein Kopf, ganz beherrscht von stark auseinanderliegenden, majesttisch geweiteten Augen. Psychologisch viel zu neu, um an einen Rembrandt zu erinnern, schien er zugleich durch die Straffheit der bis zum Reien gespannten Zge und ihr tragisches Kolorit nach begeisterten Evokationen seines Pinsels zu rufen. Wie der Ratsherr einer noch nicht errichteten Stadt -- die Leidenswerkzeuge unsichtbar im Wappen eingetragen --, so blickte, so ging, so bewegte sich Haase, so sa er jetzt in unserer Mitte, die Zeit besprechend und die Gefahren des revolutionren Deutschlands. Wir hrten zu. Es wre falsch, von Ahnungen zu reden. Die Bangigkeit um einen Mann von Haases Edelsinn und Gte war ganz instinktiv. Pltzlich klopfte es. Die Stimmung und Geborgenheit unseres Zusammenseins war mit groem Geklirre dahin. Bestrzt sah ich Eisner eintreten, den ich doch gebeten hatte. Aber eine so andere Zone des Geistes brach mit ihm ein. Er trug sich wie am Morgen komplett in Schwarz, kein Stubchen, vom schwarzen Schlapphut bis zu den Stiefeln (wie um die Reporter lgen zu strafen, die seine nachlssige Kleidung verkndet hatten). Halb Wotan, halb Konfirmand -- grau, nur der schttere Bart und die mde Farbe des Gesichtes. -- Fortunios und ich saen jetzt zu dritt auf dem Bett, und alle allgemeineren Themen traten vor dem besonderen der bayrischen Revolution zurck. Eisners romantische Schwche fr Bayern verriet sich sogar in einem hin und wieder freiwillig angeschlagenen Dialekt, dessen Unnatur etwas rhrendes hatte. Und so war es mit der Revolution; sie war das Abenteuer seines Herzens, sein Geniestreich; was aber an dem Bilde fehlte, war die Kenntnis Bayerns: die Bayern, die sich hinreien lassen, sind nicht dieselben, die sich wieder eines anderen besinnen . . . Etwas an Mnchen wird vielleicht noch lange bewirken, da neue Sterne darber aufgehen, etwas bewirkt aber, da sie schnell wieder zu verlschen drohen, gnstige Konstellationen geraten dort sogleich mit entgegengesetzten in Brand. Eisner erzhlte wie ein Rhapsode und besa kein Ohr fr das vielfltige Rauschen der mitten im Sturm entrissenen Meeresmuschel. Dies gab seinem Liede den schrillen und bengstigenden Ton. Haase das Wort abschneidend, erzhlte er von dieser und jener Episode, die alles verderben sollte, und wider erwarten alles gelingen machte. Und Haase lie ihn, wie ein lterer Bruder gewhren. Bei ihm war die Basis viel breiter; er wirkte harmonisch wie eine Orgel, die Macht war die Sache fr ihn, fr Eisner dagegen war sie die Arie, seine Bravourarie, an die sein Ohr sich fing. Nur wer nher zusah, gewahrte inmitten der scheinbar selbstgeflligen Glorie den erloschenen, weltabgewandten Blick und die bereite, heroische Absage an das Leben. Zu Haase gewendet: Das wre der Gipfel meiner Laufbahn, sagte er, mit blauweien Fahnen gegen Preuen zu ziehen. Aber Fahnen hatte er gesagt. Fahnen, Feste, Ansprachen, solcher Art waren die sndenlosen Waffen, zu welchen er griff. Fr so ehrwrdige Ansichten belehrte ihn die rohe Kugel eines besseren, und schlug sich dies musische Haupt gegen das Pflaster zu Tode. Spt verlieen wir an jenem aufregenden Abend meine Zelle: die beiden Delegierten gingen noch zu einer Ausschusitzung; viel zu erschpft und aufgewhlt, um allein zurckzubleiben, a ich mit Fortunio zu Nacht. Lange sprachen wir noch von den beiden. Er meinte, Eisner sei viel zu feinfhlig, als da ihm entgangen wre, wie sehr wir Haase vorgezogen hatten. Nun hatte ich einen neuen Grund, bedrckt zu sein. Leider reiste Haase schon am nchsten Morgen ab, und wir andern saen wie gewhnlich im Volkshause, als, eine groe Stille entstand, weil Eisner das Podium betrat. Es war aber der Morgen jenes Tages, an dem er seine denkwrdige und verhngnisvolle Rede zugunsten der Gefangenen hielt. Sie begann mit einer schonungslosen Preisgabe der deutschen Kriegfhrung, deren Verbrechen er nicht beschnigte, deren Recht, etwas zu fordern, er vielmehr verneinte. Dann eine abrupte Wendung nehmend, stellte er fest, da in keinem Lande die Gegner des Krieges so tief gelitten htten wie die deutschen, und mit jedem Worte wurde sein tonloses und dabei scharfes Organ gebieterischer. Es war unerhrt, wie Eisner jetzt ber sich selbst hinauswuchs. So buchstblich war der Geist ber ihn, da seine Person nur mehr wie ein von ihm verlassener und vergessener Schatten die Tribne behauptete. Was nun verlautete, war ein Pldoyer fr Deutschland, wie es niemals ergreifender formuliert wurde. Seine kalte Stimme beibehaltend, die in die Gemter schnitt, enthllte er die ganze Tragik seines unglckseligen Volkes. Die Stimmen derer, welche im Kampf um die Ideen einer besseren Welt namenlos in den Kerkern verblichen, rief er schneidend den fremden Delegierten zu, drangen nicht bis zu euch! Stumm verbluteten sie. Im Namen jener neuen und besseren Welt verlangte er die Freigabe der zurckgehaltenen Gefangenen. Man hielt den Atem an. Da stand ein Entronnener aus eben jener Schar stummer Blutzeugen fr die Ideen der Gewaltlosigkeit der Wahrheit und der Menschenliebe. Dies war ihr Los wie vor 2000 Jahren! In Eisner hatte der Kongre wohl seine eindrcklichste Figur. Mochte er durch seine Parteilichkeit fr Renaudel bei den Radikalen einigen Widerspruch erregen, so stellte sich bald heraus, da er gerade dadurch seine Vorschlge durchzudrcken verstand, wie berhaupt die Taktik eine groe Rolle bei ihm spielte. Als ich das Haus verlie, standen Fortunios unten an der Treppe und schienen auf jemanden zu warten. Ich wandte mich um; Eisner ging langsam, allein und vollkommen versonnen die Treppe herab. Er hielt eine rote Nelke mit etwas abstehender Geste, wie um sie zu schtzen, da sie nicht zu Schaden komme. Steif, fast geziert, die Schultern mit barocker Wrde tragend, bot er einen wahrhaft phantastischen Anblick. Wir begrten ihn. Er sah uns erloschenen Auges an und erwiderte kein Wort. Htten aber urpltzlich die Tren sich geteilt und Teppiche unter den Fen der mit groem Zeremoniell vorgefhrten Esther entrollt, ich wre nicht erstaunt gewesen. Assuerus! dachte ich. Ein fast gespensterhaft abstrakter, beschmend unverjudeter, rein biblischer Jude stand da vor uns. Und siehe! -- Hier war zum ersten Male wieder dasjenige Israel, aus welchem merkwrdigerweise der Begriff des Christentums mit der Gestalt seines Stifters, der Begriff des unjdischen also, die Welt der Mystik, des erblassens, der Gotik hervorging. So dachte ich, stockenden Herzens . . . Ich sah Eisner noch einmal, als er im Begriffe stand, mit Renaudel nach Basel zu fahren. Wenn ich strze, sagte er, ist in Mnchen der Bolschewismus unvermeidlich. Die geistige Verwirrung der Jugend ist zu gro. berhaupt sprach er sehr oft von seinem Sturz. Ich glaube, die Entfernung lie ihn die allgemeine, wie seine besondere Situation sehr scharf und nchtern bersehen. Gerade die Illusionen, die phantastischen Zge in diesem bedeutenden Menschen, die springenden Schatten machten ihn zu der Shakespeareschen Gestalt, als die wir ihn heute sehen. Wir aber, die in Bern Zeugen der ungeheuren Wirkung seines Auftretens waren, welche Werbekraft fr Deutschland er dort entfaltete, welch strmische Sympathien fr Deutschland er dort erweckte, oh welch bitterlichen Eindruck machte es auf uns, in Mnchen nicht etwa die Zge dieses heldenhaften Vorlufers, nein, das unbesonnene Leutnantsgesicht seines Mrders in den Auslagen vorzufinden, dessen hirnloses und unheilvollstes Verbrechen die Schrecken der Rteregierung und alle Greuel, die von links, und dann von rechts daraus erfolgten, verursachte. Mag ein Herr Studiosus die Frei(spruch)kugel gegen mich drehen, dafr, da in diesem wahrscheinlich vielgelesenen Buche diese Wahrheit steht. Fr den letzten Tag war eine Rede Macdonalds ber den Bolschewismus angesagt; aber der Tag verging, ohne da er hervortrat. Die Lichter brannten schon lange, und es war Abend geworden, als man ihn endlich erblickte. Es sprachen viele, deren Organ im Halse stecken und auf die langweiligste Weise eins mit demselben blieb. Der deutsche Dolmetsch ging deshalb schwer auf die Nerven. Bei jenen Delegierten hingegen, welche die Rednergabe besaen, hob sich nach wenigen Minuten die Stimme von ihnen fort, um wie ein Albatro ganz fr sich allein die gewichtigen Schwingen auszubreiten. Dieser Proze vollzog sich auch bei Macdonald. Sein Organ erfllte den Saal mit Wohllaut, als kme es gar nicht von ihm, sondern hinge nur infolge eines rhythmischen Gesetzes mit seiner Miene und den Bewegungen seiner Arme zusammen. Die Rede war ein Warnungsruf an den hohen Rat in Versailles, die Zeichen der Zeit zu verstehen, und sie verglich den Bolschewismus mit einem Brande, der, hier halb erstickt, dort scheinbar gelscht, immer wieder hervorbrechend und unter der Asche weiterglimmend, an der Verblendung des Imperialismus seine Nahrung fand. Da ich kein Wort verlieren wollte, schlngelte ich mich langsam durch die Zuhrer, hart bis zur Rampe vor, und hatte so zum ersten Male den ganzen Zuschauerraum vor Augen. Der Saal verlor auch bei Lampenschein nichts von seiner Schmucklosigkeit. Unschn war er und kahl. Sein Glanz, seine Erlesenheit waren rein innerlich. Sie gingen von den Menschen aus, welche hier tagten. Nicht die Zartheit freilich, noch der Reiz eines seit Generationen vor rauhen Kontakten geschtzten Lebens, sondern Anstrengung, Leidenschaft und Begeisterung durchleuchtete sie so stark, da jenseits dieses alltglichen Raumes alle Alltglichkeit, jenseits seines nchternen Scheines alle Nchternheit zu liegen schien. Der Winter der Menschheit sank hier zu Grabe. Von Feuerzungen war die Luft durchbebt, und eine Pfingstatmosphre brauste durch die Tren ber die Treppen dahin, bis hinab in die Gassen des nchtlichen Bern. Und sie wrde, ob auch der kommende Morgen diesem Fest das Ende bereitete, nach allen Himmelsrichtungen wehen. Ich zweifelte daran nicht. Ich hoffte schon wieder! Natrlich waren auch geringere zugegen. Aber nicht sie gaben den Ausschlag. Hier herrschte der Wert. Rang und Vortritt waren hier durch das Talent, das Verdienst, die Lauterkeit bestimmt, und ein Wille zur Gte hatte sich durchgerungen. Mit einem Blick des Hohnes war ich vorhin an Telramund vorbeigegangen, alle Krallen gezckt, weil er sich vermessen wollte, mich zu gren, und fast wre ich dabei ber seine Bocksfe gestolpert. Nein! Hier richtete der nichts aus. Hier war er schachmatt. Warum kam er denn her? -- -- Auch er -- zum ersten Male fiel es mir auf -- hatte allen Sitzungen beigewohnt und war einer der regelmigsten Besucher gewesen. Oh, nicht nur er! -- Die ganze Rotte sa ja hier! -- und die Kontrolle war doch so streng! Aber die Rotte war vollzhlig hier! -- Durch die Ritzen der Tre htte sie noch einzudringen gewut. Wo hatte ich die Augen gehabt all die Tage hindurch, ich Verblendete! Im Ernst whnend, hier wrde die Schwelle zu einer neuen Welt gelegt, derweil sie tglich zerfiel. Die Schtzlinge der Militrspionagen, von welchen erst die eine, dann die andere den Verstndigungsfrieden hintertrieben hatte, tagten hier als Delegierte des Teufels, den verschiedensten Nationen entspieen. Wie emsig sie notierten! -- Oh wie fleiig sie die niedrigen Stirnen gesenkt hielten, um alles zu nichte zu schreiben, was hier von Vlkervershnung gesprochen wurde! Und wie gesittet sie dasaen, diese Wlfe im Schafpelz, die sich innerlich eins lachten ber den sabotierten Kongre. Und sie waren geduldet! -- selbst hier! -- Die Spreu durfte auch hier, ungesichtet, den Weizen verderben. Ach, es gehrt zu den Merkmalen dieser Zeit, da die Dinge noch schlimmer zu kommen pflegen, als die Schwarzseher sie knden, und noch heier gegessen werden, als gekocht. So ahnte ich noch nicht, da die verstmmelten Berichte der Eisnerschen Rede, deren erster Teil einfach unterschlagen wurde, schon munter unterwegs waren, und seine anonymen Mordanstifter, wohlgeschtzt unter der Flagge einer Zeitung, sich fr die furchtbaren Wahrheiten und Anschuldigungen, die er in diesem Hause der Presse aller Lnder ins Gesicht zu schleudern wagte, ein fr alle Male gercht hatten. Die Stimme Macdonalds drang nur mehr undeutlich zu mir. Es war doch jedes Wort vergebens. Mochte er den Bolschewismus an die Wand malen! Mit ihm stand es gewi, wie Rolland sagte. Bot nicht jede Partei genau dasselbe Bild von ein paar ehrlichen und ehrenwerten Mnnern, die ein frchterlicher Zulauf berschwemmt? jene paar Vortrefflichen, deren Kampf allein ersprielich und von Interesse wre, tragen ihre Gegenstze abseits voneinander aus. Sie sind nicht so zahlreich, Europa nicht zu gro fr eine einzige Arena. In Wirklichkeit ist der Klassenha (statt des Klassenkampfes) ein ebensolcher Humbug wie der Ha der nur nach Frieden lechzenden Vlker. Wer aber diesen Saal mit den angeblich so scharf bewachten Toren nher ins Auge fate, lie alle Hoffnung fahren. Den Schleier Penelopens woben sie hier! Es gab ja keine gute Sache, solange der Nichtswrdige sich zu ihr bekennen durfte und statt der Gesinnung die Meinung den Ausschlag gab. Freie Bahn den Tchtigen! oh nein! Erst geschlossene Bahn den Unwrdigen! Die andere Parole bleibt so lang die leereste der Phrasen! Hatte nicht Telramund in seinem eigensten Blatt eine Partei der anstndigen Leute beantragt, wie um diesem Gedanken den Fluch der Lcherlichkeit auf immer anzuhaften. Oh Zarastro! Herr des Tempels mit den unauffindbaren Toren, der nur den Geprften mit Macht belieh! Von allen, die heute leben, wird keiner den Bau betreten, zu dessen Grundlegung ich Steine herbeischleppen mchte. -- Das Gerst allein drfte die Arbeit von Generationen sein, sein Ausbau die von Jahrhunderten vielleicht. Vielleicht sind die ewig unvollendet gebliebenen Kathedralen sein Symbol. Aber worauf es, wie gesagt, ankommt: er ist mglich. Die richtige Einsicht, da es (merkwrdigerweise) niedrige und hohe Menschen gibt, fhrte folgerichtig zu Rang- und Standesunterschieden. Bei ihrer Aufrechthaltung aber gerieten jene Ungleichheiten, welche doch erst die Berechtigung solcher Klassifikationen bilden, immer mehr auer acht, und bei dem Schrittmachen, das im Schwunge blieb, mischte sich in immer gemeinerer Weise das Bestreben ber jene Distanzen, welche der Wert zwischen den einzelnen liegt, hinwegzusehen. Das Miverstndnis artete immer wilder aus: der knigliche Mozart speiste mit dem Gesinde, und ein lakaienhafter Kavalier warf ihn mit einem Futritt ohne weiteres vor die Tre. In der Tat, wir wissen alle, was wir der franzsischen Revolution verdanken. Doch, als sie das falsche Spiegelbild in edler Emprung zerschlug, wurde mit diesem drastischen Vorgehen leider erst recht nur eine halbe Manahme getroffen. Kein Mibrauch wurde an der Wurzel gefat, vielmehr entrann der Missetter froh durch die Tre. So brach die franzsische Revolution wie das Christentum, dem sie entsprang, in sich selber zusammen, und wir sind heute wie bankrotte Leute, die von vorn anfangen mssen. Wir stehen wieder am Anfang aller Tage: das heit am Ende. Denn fr das erkennende Auge sind ja die Menschen lngst in jene zwei Lager zerfallen, von welchen geschrieben steht. Freilich ist vorlufig erst der Aufmarsch der Bcke geglckt. Unsere Absicht, ihrem Konsortium entgegenzutreten, drfte ein frommer Wunsch verbleiben, solange wir jene geheimnisvolle Tatsache nicht ergrndeten, da die von schlechten Instinkten Gemeisterten so viel deutlicher die Hochgesinnten herausspren, als diese sich unter sich erkennen. Diese dunkle und rtselhafte Tatsache birgt Perspektiven, die sich wie weite Zimmerflchte nach allen Richtungen, reich an Verborgenheiten, ziehen. Um Machtfragen werden sich nach wie vor die Dinge drehen, und nach wie vor wird sich herausstellen, da es nichts neues unter der Sonne gibt. Macht wird vor Recht gehen, denn Macht geht vor Recht. Es ist Sache des Rechts, die Macht an sich zu reien, eine neue Realpolitik zu ermglichen, nicht ausdrckbar durch Lge, Feuer und Mord; eine Exekutive zu befestigen, welche die aus Lge, Feuer und Mord errungenen Vorteile verachten, und Lge, Feuer und Mord nicht ausspielen wrde gegen Lge, Feuer und Mord. Sache des Rechts ist es, die Bahn solcher Gewalthaber zu bereiten. Ach die Heftigkeit, mit welcher wir unsere Notsignale abgeben, hindert nicht, da sie unter dem Druck grauser Langeweile aufziehen, und unser eigner Pathos lastet mit der ganzen de eines Frondienstes auf uns. Denn es sind zuknftige, fr ein feineres Ohr heute schon monstrse Gemeinpltze, die wir hier uern. _Ende_ Von _Annette Kolb_ erschien im gleichen Verlag: DAS EXEMPLAR Roman. 5. Auflage. Man hat durchaus das Gefhl, da dieses Buch zu jenen gehrt, die unter einem starken inneren Drange, einem unwiderstehlichen, geschrieben werden. Ein Bekenntnis. Aber eins von solcher Keuschheit, solcher Verhlltheit, trotz aller Enthllung subtilster seelischer Vorgnge, wie es uns nur zu selten gemacht wird. Gerade diese Schilderungen erweisen die hohe Vollendung von Annette Kolbs sprachlichem Ausdrucksvermgen, das ihr jedoch nie zum Selbstzweck wird. B. Z. am Mittag. Der erste Eindruck des Buches, schon nach wenigen Seiten, ist Kultur. Es gibt wenig Bcher, die so scharf wie dieses die Zeitseele enthllen. Und im brigen ist das Buch reich an allerlei entzckenden Dingen. Man wird in ihm sehr heimisch in London und auf den Landsitzen der Gesellschaft. Denn das Buch vereint wirklich zwei selten vertrgliche Eigenschaften: geistige Tiefe und Charme. Es ist nicht nur ein bedeutendes, sondern auch ein liebenswrdiges Buch. Die Zeit, Essen. Ein feines, stilles Buch von einer romantischen Dichterin ber eine romantische Frau. Es wird in diesem Buch von den letzten Dingen gesprochen. Berliner Tageblatt. Druck von Frankenstein & Wagner, Leipzig. Anmerkungen zur Transkription Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher): [p. 33]: ... Hocusai. ... ... Hokusai. ... [p. 50]: ... mit Carry und Fortunio. Dieser enfaltet mir gegenber ... ... mit Carry und Fortunio. Dieser entfaltet mir gegenber ... [p. 114]: ... Gebirge am Sntis, Jura oder Engadin, als in den ... ... Gebirge am Sntis, Jura oder Engadin, als in dem ... [p. 117]: ... Arbeiten zur Hand, mit welchem dieses Haus geschmckt ... ... Arbeiten zur Hand, mit welchen dieses Haus geschmckt ... [p. 131]: ... Laufbahn vernommen hat, der vergit die nie unheimliche ... ... Laufbahn vernommen hat, der vergit nie die unheimliche ... [p. 142]: ... auf ihren Wolkensohlen reisten, das von einer zifferlosen ... ... auf ihren Wolkensohlen reisten, da von einer zifferlosen ... End of the Project Gutenberg EBook of Zarastro, by Annette Kolb License: Share Alike