Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow, Juliet Sutherland and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. Selma Lagerlf LILJECRONAS HEIMAT Roman bersetzung aus dem Schwedischen von Pauline Klaiber [Illustration: DBG-Verlags-Logo] Deutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H. Berlin Copyright 1921 by Albert Langen, Munich. Der Sturm Am zweiten Weihnachtsfeiertag im Jahre 1800 brauste ein Sturm ber den Lvseer Bezirk in Vrmland hin, da es zum Erbarmen war. Man konnte nichts anderes mehr denken, als da alles, was auf der Erde war, mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden sollte. Kommt nun nicht und sagt, es htten gewi frher schon und auch spter ebenso heftige Strme gewtet, und jedenfalls sagt das nicht zu einem alten Bewohner des Lvseer Bezirks, denn die haben von ihrer Kindheit an immer gehrt, da man einen hnlichen Sturm berhaupt nicht mehr erleben knnte. Heute noch knnen sie alle die Zune aufzhlen, die umgeweht, und alle die Strohdcher, die weggefegt wurden, sowie alle die eingestrzten Viehstlle, unter deren Dachsthlen dann das Vieh mehrere Tage lang begraben lag. Auch knnen sie dir alle die Orte zeigen, wo Feuer ausbrach, dessen man in dem Sturm nicht Herr werden konnte, bis das ganze Dorf abgebrannt war. Und sie sind auch auf allen den Hhen und Berggipfeln gewesen, wo Baum an Baum herausgerissen am Boden lag, da es dort seither gerade wie abrasiert aussieht. Nun wei man ja wohl, da die Leute zu sagen pflegen: Das sei ein bser Wind, der nicht wenigstens irgend jemand etwas Gutes bringe. Aber da dieses auch von dem Sturm am zweiten Weihnachtsfeiertag gelten knnte, das htte doch wirklich kein Mensch gedacht, denn er richtete ja nur ein Unglck ums andere an. Wer aber von allen Menschenkindern am wenigsten glauben wollte, da dieser Sturm vielleicht auch etwas Gutes bringen knnte, war doch wohl die Kleine vom Koltorpet. Nein, sie htte es nun und nimmer geglaubt, als sie am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertags dort am Waldrand stand und sah, wie Schnee, Asche, Kehricht und alles, was der Wind mit fortri, ber das Tal zu ihren Fen wie ein Rauch hinwogte. Niemals, in ihrem ganzen Leben nicht, und sie war doch schon dreizehn Jahre alt und ging ins vierzehnte, war ein solches Migeschick ber die Kleine hereingebrochen. Sonst gelang es ihr eigentlich immer, bei allem, was ihr widerfuhr, mochte es noch so schwer sein, ihre gute Laune aufrechtzuerhalten; dies aber war fast mehr, als sie ertragen konnte. Ja, wahrhaftig, beinahe wren ihr die Trnen in die groen glnzenden Augen getreten und ihr ber das blasse, magere Gesichtchen herabgelaufen! Das kleine Mdchen war ein wenig vor den Waldessaum herausgetreten, wie um zu probieren, wie stark der Sturm sei; und sofort zerrte er an ihrem Kopftuch, trommelte auf ihrer kurzen, weien Schafpelzjacke und wirbelte ihr das eigengewobene Rckchen so fest um die Beine, da sie beinahe umgefallen wre. Sie war nicht allein; die Mutter und Bubi waren auch dabei. Alle beide waren genau so gekleidet wie die Kleine, in kurzen Jacken aus weiem Schaffell und in Rcken aus schwarzem steifen Fries. Und anders htten sie auch gar nicht gekleidet sein knnen, denn die Kleine erbte alle ihre Kleider von Mutter, und Bubi erbte sie von der Kleinen. Der einzige Unterschied zwischen den dreien war, da die beiden andern, obgleich sie ebenso warm angezogen waren wie die Kleine, nicht aus dem Wald herausgetreten, sondern im Schutz der Bume stehengeblieben waren. Die Mutter und Bubi hatten ebenso magere, abgezehrte Gesichter wie die Kleine und auch ebenso klare, kluge Augen, und beide dachten auch dasselbe wie sie: da dieser Sturm doch ein rechtes Migeschick sei. Auch waren sie ebenso betrbt und htten am liebsten gleich zu weinen angefangen. Aber die beiden drinnen im Walde sahen lange nicht so verzweifelt aus wie das kleine Mdchen. Dieses stand gerade auf dem Berggipfel, ihr wit, dort ber dem Bckhof im Broer Kirchspiel, und sie konnte mit den Augen den Weg verfolgen, der sich in groen Windungen bis zur Broer Kirche hinunterschlngelt. Aber was sah sie da? Die Bauersleute, die schon im Schlitten auf dem Wege nach der Kirche waren, drehten um und fuhren wieder heimwrts. Mehr brauchte die Kleine nicht zu sehen, um zu verstehen, da Mutter und Bubi die zwei Meilen bis nach dem Nyhof im Svartsjer Bezirk, wohin sie zum Weihnachtsschmaus eingeladen waren, ganz unmglich zu Fu zurcklegen knnten. Als die Kleine sich das klargemacht hatte, ballte sich ihre Hand in dem Handschuh ganz unwillkrlich zu einer Faust. Ach, wenn es nur drinnen im Walde, wo sie wohnten, nicht so ruhig und still gewesen wre! Wenn sie nur htten ahnen knnen, was das fr ein Wetter war, ehe sie bis hier an den Waldessaum gekommen waren! Dann wren sie berhaupt nicht von Hause fortgegangen, und das wre ihr viel lieber gewesen! Denn ihr mt wissen, der Kleinen kam nichts erbrmlicher vor, als wenn sie wieder umdrehen mute und nicht dahin kommen konnte, wohin sie wollte. Wenn sie nur wenigstens nicht das ganze Jahr hindurch immerfort an diesen zweiten Weihnachtsfeiertag, wo sie nach Nyhof gehen durfte, gedacht htte! Wenn nur nicht gerade in diesem Augenblick die groen dampfenden Kessel, die langen Tische mit den weien, bis auf den Boden herabhngenden Tischtchern und den groen Butterbrotbergen darauf vor ihr aufgetaucht wren! Wenn nur nicht sie und Bubi jedesmal, sooft die Mutter ihnen nichts zu essen geben konnte, zueinander gesagt htten: Wenn wir beim Oheim auf dem Nyhof zum Weihnachtsschmaus sind, dann wollen wir uns aber satt essen! Ach, ach! Wenn sie daran dachte, da dort drunten jetzt se Suppe mit Rosinen gekocht wurde, da es da Reisbrei und Kuchen gab und Eingemachtes und Kaffee mit mrbem Backwerk, und da sie nichts davon bekommen sollte! Sie war ber die Maen zornig und wnschte geradezu, es mchte jemand in der Nhe sein, an dem sie ihren Zorn auslassen knnte. Und sie dachte in ihrem Herzen, der Sturm htte auch mehr Verstand haben knnen, als gerade an diesem Tage zu kommen. Festtag war es, da brauchten sie nicht die Mhle zu drehen, und Winter war es, da brauchten sie nicht auf dem See zu helfen, sondern waren frei von aller Arbeit. Aber was konnte es ntzen, wenn sie es auch dem Sturm zurief. Die Strecke, die sie jetzt vor sich hatten, war die schwierigste vom ganzen Wege. Von hier ging es abwrts an Helgester vorbei, dann ber die Brobyer Hgel nach dem Lvsee und der Kirche und ber die groen Felder des Pfarrhofs, weil dort offenes, unbewaldetes Land war, ber das der Weg hinfhrte. Wenn sie nur erst dort vorbei waren und sich dann die Hedebyhgel hinaufarbeiten konnten, dann hatte es keine Gefahr mehr, denn von da an fhrte der Weg immer durch Wald. Die Kleine meinte, es sehe doch gar nicht so furchtbar schlimm aus, und sie mten wenigstens noch einen Versuch machen. Schlimmer als schlimm knnte es jedenfalls nicht ausfallen. Sie war sogar ganz befriedigt, solange Mutter dort drben stand und berlegte. Da war es doch immerhin noch mglich, da sie sich zum Weitergehen entschlo. Aber o weh! jetzt eben machte Mutter eine Bewegung, wie um in den Wald zurckzugehen, und Bubi tat selbstverstndlich ganz wie die Mutter. Da ging die Kleine in der entgegengesetzten Richtung den Hgel hinunter. Zuerst ganz langsam, dann aber immer schneller, denn der Wind kam von hinten her und trieb sie eiligst vorwrts, sie mute geradezu laufen. Sie htete sich wohl, zurckzusehen; denn sie frchtete, Mutter und Bubi wrden ihr dann Zeichen machen, sie solle wieder umdrehen. Ja, sie war fast sicher, da sie ihr jetzt eben riefen, um sie aufzuhalten. Aber darum brauchte sie sich nicht zu kmmern, denn jetzt, wo sie so recht in den Sturm hineingeraten war, lrmte und donnerte es um sie her, da sie gar nichts hren konnte. Es war nicht wahrscheinlich, da Mutter ihr nachlaufen und sie festhalten wrde, denn Mutter mute ja Bubi an der Hand fhren, damit er nicht umgeweht wurde, und so kam sie nicht rasch vorwrts. Deshalb bekam indes das kleine Mdchen durchaus keine Lust, umzudrehen, nein, durchaus nicht; aber sie mute sich jetzt doch gestehen, da das Wetter viel schlimmer war, als sie geglaubt hatte. ber ihrem Kopfe kamen groe schwarze Vgel mit flatternden Schwingen dahergesaust, die der Wind vor sich her jagte und ganz zerfetzte; schlielich hatten sie weder Federn noch Krper mehr. Die Kleine dachte, so etwas Unheimliches habe sie noch nie gesehen, bis sie schlielich zu ihrer Verwunderung erkannte, da es groe Strohbschel waren, die von irgendeinem Dach losgerissen worden waren. Sooft sie einen Schritt dem Winde entgegen machte, erhob sich dieser vor ihr wie ein sich bumendes Pferd und wollte sie umwerfen; machte sie aber einen Schritt mit dem Wind, so stie er sie vorwrts, und sie mute mit krummen Knien und vorgebeugtem Rcken gehen, um ihm einigermaen Widerstand leisten zu knnen. Dieses bestndige Ankmpfen machte sie schrecklich mde, und schlielich hatte sie das Gefhl, als msse sie einen vollbepackten Karren ziehen. Und von Norden her kam der Wind und brachte eine Klte mit, als htte er mit Leichen getanzt. Er war beraus scharf und heftig und drang durch ihre Pelzjacke und den Friesrock mit Eisesklte in ihren Krper hinein. Daraus machte sie sich zwar nicht viel; aber sie fhlte wohl, wie ihr die Zehen in den mit Pechdraht genhten Stiefeln erstarrten, wie ihr die Finger in den wollenen Fausthandschuhen klamm wurden, und wie ihr die Ohren unter dem Kopftuch brannten; aber trotzdem ging sie weiter, bis sie den ganzen langen Hgel hinuntergekommen war. Erst als sie in der Talsenkung stand, hielt sie an und wartete auf die beiden andern. Und als diese endlich auftauchten, ging sie ihnen entgegen. Es wre wohl am besten, wenn wir wieder heimgingen, sagte sie. Denn den Nyhof knnen wir ja doch nicht erreichen. Aber nun war Mutter bse und Bubi auch, und sie sagten sich, dieses kleine Mdchen solle sie nicht nur so regieren und sagen drfen, wenn sie vorwrts gehen und wenn sie umdrehen sollten. O nein, sagte die Mutter, wir drehen nicht um; nun sollst du jedenfalls zum Weihnachtsschmaus kommen, da du sosehr erpicht darauf bist. Ja, du sollst so viel Wind zu schlucken bekommen, da du fr viele Wochen genug hast, fgte Bubi hinzu. Damit ging Mutter mit Bubi weiter, und die Kleine mute ihnen folgen, so gut sie konnte. Als sie den Uvhof erreicht hatten, begegnete ihnen die Wanderlotte und der Betteljon. Und diese beiden, die sich Sonntags und Werktags in der Gegend herumzutreiben pflegten und an jegliches Wetter gewhnt waren, hielten die Hnde wie eine Trompete vor den Mund und riefen den drei Daherkommenden zu, sie sollten eiligst nach Hause zurckkehren, denn weiter drunten nach dem See zu sei es eisig kalt, sie wrden da erfrieren. Trotzdem gingen Mutter und Bubi weiter. Sie waren noch immer bse auf die Kleine und wollten, sie solle so recht zu schmecken bekommen, was fr ein schreckliches Wetter es war. Jetzt kam ihnen das Pferd von Erik auf Falla entgegen. Es zog einen leeren Schlitten hinter sich her, denn der Sturm hatte Erik auf Falla den Hut vom Kopf gerissen; und whrend er um die Zune herumlief, ber Hofmuerchen kletterte und in den Grben herumkroch, um seines Hutes wieder habhaft zu werden, war das Pferd des Stillestehens berdrssig geworden und hatte sich auf den Heimweg gemacht. Aber Mutti und Bubi sahen aus, als komme ihnen das gar nicht merkwrdig vor; sie gingen einfach weiter. Sie hielten auch nicht an, bis sie oben auf den Brobyer Hgeln angekommen waren. Aber da gerieten sie in einen groen Haufen von Menschen, Pferden und Schlitten hinein, die hier hielten und nicht weiter konnten. Denn siehe! die groe Brobyer Tanne, die so hoch gewesen war, da man sie gerade wie den Gurlittagipfel aus weiter Ferne hatte sehen knnen, war vom Sturm gefllt worden und lag quer ber den Weg. In der naheliegenden Brobyer Kirche aber sollten Jan von Gullsa und Britta von Kringsa getraut werden. Und der alte Jan Jansa von Gullsa und die alte Mutter von Kringsa sowie die Nachbarn und Verwandten und der Spielmann Jns und die schne Gunnar von Hgsj und viele andere, die mit im Hochzeitszug gehen sollten, standen nun da und konnten nicht weiter. Sie redeten eifrig durcheinander und erklrten, sie seien schon zweimal von umgewehten Bumen aufgehalten worden; bisher htte man sie wegschaffen knnen, bei dieser Tanne hier aber wten sie sich nicht zu helfen. Der alte Vater von Gullsa ging umher und bot den Leuten Branntwein an; aber weiter konnten sie deshalb doch nicht. Die Braut war aus dem Schlitten gestiegen und weinte, weil der ganze Weg zur Kirche so voller Hindernisse war; und der Wind ri rote Tllrosen und grnseidene Bltter aus den Borten ihres Kleides, da die Leute, die spter am Tage dieses Weges durchs Kirchspiel gezogen kamen, nichts anderes glaubten, als der Sturm habe einen wilden Rosenbusch in einem Zauberwald ausfindig gemacht, dort die Blumen und Bltter mit fortgerissen und sie ber die Hecken und Raine gestreut. Aber Mutter und Bubi hielten nicht an, weil die Tanne quer ber dem Weg lag; sie krochen unten durch und wanderten weiter, denn sie dachten, die Kleine werde noch eine ganze Weile nicht genug vom Sturm haben. Und sie kamen auch wirklich bis zum Kreuzweg und bis zum Brobyer Gasthaus! Da erblickten sie die Majorin Samzelius, die mit zwei Pferden in einem bedeckten Schlitten dahergefahren kam. Und erst als sie sahen, da die Majorin unter Dach sa, begriffen die beiden wohl ganz, wie schrecklich das Wetter tatschlich war; denn die Majorin gehrte sonst nicht zu denen, die sich vor etwas frchteten. Als die Majorin aber der beiden ansichtig wurde, streckte sie die geballte Faust unter dem Schutzdach hervor, drohte ihnen und rief ihnen mit einer Stimme, die man noch durch das Brausen des Sturmes hindurch verstehen konnte, zu: Mach', da du heimkommst, Marit von Koltorp! Bei so einem Wetter, wo ich sogar im verdeckten Schlitten fahren mu, darfst du nicht mit deinen Kindern drauen sein! Aber Mutter und Bubi dachten, fr die Kleine werde es ganz gut sein, wenn sie noch eine Weile mit dem Wind kmpfen msse. Als sie jetzt die Brcke erreichten, die ber den schmalen Sund zwischen dem oberen und dem mittleren Lvsee fhrte, muten sie ganz am Brckengelnder hinkriechen. Hier brauste der Sturm schrecklicher denn je zuvor, und sie wren gewi ins offene Wasser hineingetrieben worden, wenn sie aufrecht zu gehen versucht htten. Als sie die Brcke glcklich hinter sich hatten, waren sie halbwegs nach dem Nyhof, und nun begann die Kleine zu glauben, da sie wirklich noch zum Weihnachtsschmause recht kommen wrden. Aber kaum hatte sie das gedacht, als sich auch schon ein neues Hindernis einstellte. Wahrscheinlich war die heftige Klte auf der Brcke fr Bubi zuviel gewesen; der arme Kerl war kalt wie ein Eiszapfen. Er warf sich platt auf den Boden und wollte keinen Schritt mehr weiter. Die Mutter hob ihn auf, schttele ihn und lief mit ihm ins nchste beste Haus hinein. Die Kleine erschrak sehr und lief eiligst hinter der Mutter her. Sie wute nicht mehr, was sie tun sollte; denn wenn Bubi jetzt erfroren war, dann war sie schuld daran. Wenn sie nicht gewesen wre, wrden Mutter und Bubi sicher umgekehrt und nach Hause zurckgegangen sein. Sie waren indes in ein Haus gekommen, wo unglaublich gute Leute wohnten, die sogleich sagten, ehe der Sturm sich gelegt habe, drften die Gste nicht vors Haus hinaus, da knne gar keine Rede davon sein. Ja, und sie sagten auch, es sei ein wahres Glck, da sie bei ihnen eingekehrt seien; wenn sie ihren Weg noch bis zur Propstei fortgesetzt htten, wren sie sicher alle miteinander erfroren. Es sah aus, als sei Mutter recht froh, da sie nun unter Dach und Fach waren. Sie sa so befriedigt da, als wisse sie ganz und gar nichts davon, da drunten auf dem Nyhof jetzt die Bratspiee gedreht und das Fett von den groen Fleischkesseln abgeschpft wurde. Nachdem die Hausbewohner ihnen so recht nach Herzenslust gesagt hatten, wie gut es sei, da die Wanderer bei ihnen eingekehrt waren, fiel es ihnen ein, zu fragen, warum sie sich denn eigentlich in dem Sturm hinausgewagt htten, und ob sie vielleicht auf dem Weg zur Kirche gewesen seien. Da erzhlte ihnen die Mutter, warum sie unterwegs waren. Sie sagte, sie htten zu Per Jansa auf Nyhof gewollt; der sei ihr Schwager, obgleich er ebenso reich sei, wie ihr Mann arm gewesen sei. Am zweiten Weihnachtsfeiertag halte er immer einen groen Weihnachtsschmaus, und zu diesem sei sie als Schwgerin selbstverstndlich eingeladen. Sie habe allerdings von Anfang an das Wetter fr recht schlecht gehalten, aber es sei ja das einzige Festmahl im Jahre, bei dem sie dabeisein drften. Als die guten Hausbewohner das hrten, fingen sie wieder zu jammern an und sagten, die Mutter tue ihnen schrecklich leid, weil sie nun nicht zum Festmahl bei Per Jansa kommen knnte, denn dort gehe es sicher recht hoch her; aber in diesem Sturm noch einmal einen Versuch zu machen, das sei unmglich, sie wrde geradezu ihr Leben aufs Spiel setzen. Die Mutter stimmte mit ihnen berein, und sie sah aus, als sei es gar keine Kunst fr sie, hier bei diesen armen Leuten ganz ruhig sitzenzubleiben, whrend es doch soviel Gutes gab, das auf sie wartete. Wenn Ihr die Kinder nicht bei Euch httet, knntet Ihr Euch vielleicht schon bis zum Nyhof durcharbeiten, setzten die Hausbewohner hinzu. Auch darin stimmte die Mutter mit den Leuten berein. Ja, sie knnte schon noch zum Festmahl kommen, sagte sie, wenn sie die Kinder nicht bei sich htte; diese aber wage sie bei diesem Wetter nicht mehr mit hinauszunehmen. Nein, nein, es war nichts zu machen; darin waren alle ganz einig, aber die Mutter tat den Leuten eben doch schrecklich leid. Man sah ihnen ordentlich an, wie bekmmert sie darber waren. Da kam der Frau pltzlich ein guter Gedanke, ber den sie sehr froh wurde. Ei der Tausend! sagte sie. Wenn Ihr selbst Lust zum Gehen httet, knntet Ihr ja die Kinder hier bei uns lassen. Alle beide, die Frau und der Mann, waren ganz beglckt ber diesen Einfall, und sie konnten gar nicht begreifen, warum sie nicht frher darauf gekommen waren. Die Mutter machte zuerst etwas Umstnde, gab aber bald nach. Und dann wurde ausgemacht, die Kinder sollten den Tag ber und auch die Nacht dableiben, wo sie waren, und die Mutter wrde dann am nchsten Tage wiederkommen und sie abholen. Darauf ging die Mutter, und da sa nun das kleine Mdchen. Jetzt war also alle Hoffnung zu Ende, sie kam nicht zum Weihnachtsschmaus, das sah sie wohl ein. Aber was htte es helfen knnen, wenn sie auch gesagt htte, sie wollte mit der Mutter gehen? Diese herzensguten Leute, bei denen sie Unterkunft gefunden hatten, htten sie doch nicht fortgelassen, auch htte man ja Bubi nicht ganz allein zurcklassen knnen. Die Hausbewohner versuchten, die Kleine zu unterhalten und sie ein bichen aufzumuntern; aber sie brachte kein Wort heraus, ja, sie drehte ihnen den Rcken, stellte sich ans Fenster und richtete ihren Blick auf zwei groe Birken, die da drauen im Sturme hin und her schwankten. Gar viele Wnsche stiegen in ihrem Herzen auf, whrend sie da am Fenster stand. Unter anderem wnschte sie, der Sturm sollte mit aller Gewalt auf das Haus losfahren, damit es einfiele und sie herauskommen knnte. Aber, aber -- das sah doch merkwrdig aus! Whrend sie so dastand und die Birken betrachtete, schienen diese mit jedem Augenblick weniger heftig hin und her zu schwanken, und zugleich war es auch, als nehme der Lrm und das Getse ab, das mit dem Sturm daherkam, und als fliege jetzt nichts mehr, weder Stecken noch Stroh, in der Luft umher. Die Kleine wute kaum, ob sie ihren Augen trauen drfte; aber jetzt war es wahrhaftig drauen so ruhig, da die langherabhngenden Birkenzweige nur gerade noch ein wenig bebten. Die Hausbewohner schkerten mit Bubi und merkten nichts, bis die Kleine zu ihnen sagte, jetzt sei der Sturm vorber. Sie waren ber die Maen erstaunt und sagten sogleich, es sei schade, da er sich nicht ein wenig frher gelegt htte, dann htten die Kinder ja auch noch zum Weihnachtsschmause kommen knnen. Wenn sie den ganzen Tag hier bei ihnen sitzen mten, so sei das kein Vergngen, das wten sie wohl. Da sagte die Kleine, wenn man es ihr erlaubte, knnte sie sich jetzt gut mit Bubi auf den Weg nach Nyhof machen. Es gehe ja immer auf der Landstrae geradeaus, da knne sie durchaus nicht fehlgehen, und so mitten am Tag werde ihnen ja sicher auch nichts Bses zustoen. Diese Leute waren doch wirklich von Herzen gut. Sie wollten keinem Menschen die Freude verderben, und so lieen sie die beiden Kinder miteinander abziehen. Jetzt war alles gut. Das Wetter war still und schn; es ging sich gar leicht, und es war niemand da, der der Kleinen befohlen htte, im Zimmer zu sitzen oder umzukehren, wenn sie weiter wollte. Aber etwas beunruhigte die Kleine doch. Es kam ihr vor, als sinke die Sonne gar so schnell dort auf der Sdseite gegen den Himmelsrand herunter. Sie wute nicht, wieviel Uhr es war; aber wie, wenn es nun schon so spt wre, da man auf dem Nyhof schon bei Tische sa! Und sie hatten noch eine ganze Meile zu gehen. Wie, wenn sie nun nicht frher hinkam, als bis es nur noch leere Schsseln und abgenagte Knochen gab? Bubi war erst sieben Jahre alt und konnte nicht sehr schnell marschieren. Auch war er nach allem, was er an diesem Tag schon durchgemacht hatte, mutlos und verzagt. Als die Kinder in der Talmulde am Fue des Hedebyhgels standen, hielt die Kleine an und sah nach dem Lvsee hin, der, frisch gefroren, mit hellem blanken Eis bedeckt vor ihr lag. Sie fragte Bubi, an welchem Abend es doch gewesen sei, wo Mutter heimgekommen war und gesagt hatte, der Lvsee sei zugefroren. Mutter sei sehr berrascht gewesen, da der See schon vor Weihnachten zugefroren war, und sie habe den ganzen Abend davon gesprochen. Ja, das ist am Tag vor dem heiligen Abend gewesen, sagte Bubi. Ich wei es ganz gewi. Dann ist der See ja schon seit vier Tagen gefroren, entgegnete die Kleine, da ist das Eis gewi stark genug, uns zu tragen. Ha, nun kam neues Leben in den Jungen, sobald er begriffen hatte, da die Schwester den Weg ber den See nehmen wollte! Ja, ja, komm, wir schlittern bis zum Nyhof ber den See! rief er vergngt. Ja, es ist am einfachsten, wenn wir diesen Weg nehmen, da der Nyhof am See liegt, sagte die Kleine. Sie war indes doch etwas bedenklich; aber jetzt war Bubi der, der darauf drang. Vom Weitergehen auf der Landstrae wollte er gar nichts mehr wissen. Nein, nein, die Schwester sollte sofort mit an den See hinunter! Dann mut du zu Mutter sagen, du habest es gewollt, denn ber dich wird sie nicht bse, sagte die Kleine. Es war nicht weit zum See, und die beiden Kinder standen bald drauen auf dem Eis, das glatt wie ein Aal und spiegelblank war, es htte gar nicht blanker sein knnen. Die Kinder faten einander bei der Hand und schlitterten nun quer ber den See. Ei, das war besser als das Gehen auf der Landstrae! Auf diese Weise kamen sie sicher nach Nyhof, ehe das Festmahl zu Ende war. Aber dann hrte die Kleine pltzlich ein Brausen und ein Donnern hinter sich, das sie nur zu leicht wiedererkannte. Sie brauchte sich gar nicht erst umzudrehen, um zu sehen, was es war, sie fhlte es schon im Nacken. Der Sturm war es, der sich wieder aufgemacht hatte. Es war gerade, als htte er sich ruhig verhalten, nur um die Kinder aufs Eis hinauszulocken; jetzt aber brauste er daher, fuhr auf sie los und warf sie um. Nein, es war unmglich, sie konnten auf dem Eise nicht weiter; seit der Sturm wieder losgebrochen war, konnten sie sich nicht mehr aufrecht auf den Fen halten, und so blieb ihnen nichts anderes brig, als ans Ufer zurckzukriechen. Jetzt htte man eigentlich glauben sollen, der Kleinen wre aller Mut vergangen; sie war ja mit dem Brderchen in einer verzweifelten Lage. Wie sollten sie nur wieder zu Menschen gelangen? Auf dem See konnten sie nicht weiter, und da, wo sie jetzt an Land kamen, fand sich nur ein steiler Berg und dichter Wald, aber kein Weg. Ach! und Bubi war so mde und verdrielich ber alles, er weinte nur noch. Die Kleine blieb eine Weile am Ufer stehen und sah ganz ratlos aus. Aber pltzlich fiel ihr ein, wie sie und Bubi daheim oben von ihrem Berge herunterzufahren pflegten, wenn er ganz mit Eis bedeckt war, und sofort begann sie Tannenzweige abzubrechen und sie auf zwei Haufen zu schichten. Dann setzte sie Bubi auf den einen, lie sich selbst auf die Knie nieder und schob nun Bubi mitsamt den beiden Haufen aufs Eis hinaus. Als sie da drauen so recht im strksten Blasewind drinnen waren, setzte sie sich auf den anderen Tannenzweighaufen, jedes von den Kindern nahm einen groen Tannenzweig in die Hand und hielt ihn gegen den Wind. Und hui! sagte der Sturm, und hei! sagte der Sturm. Er schttelte sie und stie sie auf die Seite, wie wenn er probieren wollte, was er mit ihnen anfangen knnte. Dann fate er hart zu, und sie fuhren davon. Und es ging, es ging! Ja, hurtig wie der Wind ging es, und nun fhlten die Kinder den Sturm gar nicht mehr. Wenn nicht die Ufer an ihnen vorbeigeflogen wren, htten sie fast glauben knnen, sie sen ganz stille. Bubi schrie aus vollem Halse vor lauter Vergngen; aber die Kleine sa auf ihrem Haufen mit fest zusammengepreten Lippen und sphte eifrig umher, ob nicht ein neues Hindernis daherkomme, das sich zwischen sie und den Weihnachtsschmaus stellen wollte. Das war die schnellste Fahrt, die die Kinder je in ihrem Leben gemacht hatten. Es dauerte nicht viele Minuten, da hatten sie die Landspitze vor sich, wo die groen Gebude des Nyhofs aufragten. Auf dem Hofe wollte man sich eben zu Tische setzen, als die Kinder auf dem Eise drauen auftauchten. Da liefen alle eiligst hinaus, um zu sehen, was denn da Merkwrdiges ber den gefrorenen See dahergefahren kam. Und man kann sich wohl denken, wie sehr sich alle verwunderten, als sie die Kinder erkannten. Ja, alle miteinander, Per Jansa und Per Jansas Frau und der Pfarrer und alle anderen Gste verwunderten sich ber die Maen. Die einzige, die nicht gar sosehr berrascht aussah, war die Mutter. Dieses Mdchen gibt nicht nach, bis es so geht, wie sie es haben will, sagte sie. Ich hatte eigentlich schon die ganze Zeit erwartet, sie auf einem Besenstiel durch die Luft daherreiten zu sehen. Aber von wem die Leute den ganzen Abend sprachen, und wen sie lobten, und zu wem sie sagten, es werde einmal eine tchtige Hausfrau aus ihr werden, das war die Kleine. Die Mutter mute sich eine ganze Weile neben die Pfarrfrau aufs Sofa setzen und ihr von der Kleinen erzhlen. Und die Mutter berichtete, so klein sie auch noch sei, so knne sie doch schon ganz nett spinnen, und Wolle karden knne sie auch, und den ganzen letzten Sommer hindurch habe sie Beeren gesammelt und nach Helgester verkauft. Und der Kapitn habe ihr ein Abc-Buch geschenkt, eines von den Frulein auf Helgester habe ihr dann etwas nachgeholfen, und nun knne sie lesen und auch schreiben. Der Pfarrer von Svartsj war viele Jahre lang Witwer gewesen, aber im vergangenen Sommer hatte er wieder geheiratet. Die neue Pfarrfrau war klein von Gestalt und hatte schlohweies Haar; aber ihr Gesicht war von zarter Farbe und ganz ohne Runzeln, niemand htte ihr Alter festzustellen gewagt. Sie stand in dem Ruf, eine unglaublich tchtige Hausfrau zu sein; die Leute sagten auch von ihr, wenn sie einen Menschen nur einmal sehe, wisse sie gleich, was er wert sei. Diese neue Pfarrfrau sagte zu der Mutter, sie habe schon lnger die Absicht, ein junges Mdchen ins Haus zu nehmen, die ihre Stieftochter bedienen sollte, damit das Zimmermdchen mehr ans Weben komme, und dann fragte sie, ob die Mutter etwas dagegen htte, wenn die Kleine im nchsten Herbst ins Pfarrhaus kme. Ob die Mutter etwas dagegen htte? War das eine Frage! Sie konnte sich kein greres Glck fr ihre Kleine wnschen, als auf Lvdala in Dienst zu kommen. Den ganzen Abend hindurch folgte die Pfarrfrau der Kleinen mit den Augen; es war, als knne sie an niemand anders mehr denken. Und nach einer Weile rief sie die Mutter wieder zu sich. Ist es wahr, da das Mdchen schreiben und lesen kann? fragte sie. Und die Mutter versicherte hoch und teuer, ja, es sei ganz wahr. Nun, dann machen wir aus, da sie gleich mit nach Lvdala kommt, sagte die Pfarrfrau. Ihr knnt ja den Weg ber Lvdala nehmen, wenn ihr von hier wieder heimgeht, und dann kann sie gleich dableiben. Und so wurde es auch beschlossen. Aber auch nachher beobachtete die Pfarrfrau die Kleine noch immer gerade wie zuvor, wie wenn sie sich nicht satt an ihr sehen knnte. Und wieder nach einer Weile wollte sie abermals mit Marit von Koltorp sprechen. Wie heit denn deine Kleine? fragte sie. Sie heit Eleonora, aber wir nennen sie nur Nora. Und es ist wirklich wahr und nicht nur Grotuerei, da sie lesen und schreiben kann? fragte die Pfarrfrau wieder. Nein, nein, versicherte die Mutter, es ist die reine Wahrheit. Ich habe mir berlegt, da sie gleich heute abend in unserem Schlitten mit uns nach Lvdala fahren knnte, sagte nun die Pfarrfrau. Es fehlt uns jetzt eben an einem kleinen Mgdlein, deshalb knnte sie ihren Dienst ebensogut gleich antreten. Und wie die Pfarrfrau es wnschte, so geschah's natrlich. Sie gehrte zu den Menschen, denen man nicht gerne widerspricht. Die Spinnrocken Die groe Kastenuhr aus Dalarna, die in der Stube neben der Kche, der sogenannten Kchenkammer, stand, schlug sechs Uhr mit einem Gerassel, als wollten die schweren Gewichte bis in die Unterwelt hinunterstrzen. Daran erwachte die Kleine, die da auf drei zusammengestellten Sthlen schlief, einem sehr unsicheren Bett, das nach der Ankunft in spter Nacht eiligst fr sie hergerichtet worden war. Die Kleine sprang mit einem Schrei von ihrem Lager auf und hielt nicht an, bis sie mitten im Zimmer stand. Es hatte ihr getrumt, sie liege in einem Sarg und sollte begraben werden, und die Kirchenglocken luteten ihr zu Grabe. Aber als sie mit den Fen auf dem kalten Boden stand, wurde sie sofort hell wach. Hoffentlich hatte sie doch niemand schreien hren! Wenn nun jemand hier im Zimmer mit ihr schliefe! Das wre schrecklich! Wie wrden die Pfarrmgde sie auslachen, wenn sie erfhren, da sie sich vor der Wanduhr gefrchtet hatte! Sie begriff gar nicht, warum sie eigentlich so erschrocken war. Daheim in Koltorp hatten sie allerdings keine Uhr, aber auf dem Nyhof waren groe Schlaguhren im Saal und auch in der kleinen Wohnstube; die Kleine wute also wohl, wie es war, wenn eine Uhr schlug. Es war nicht ganz dunkel in der Kchenkammer. Auf der Feuerstelle in der Ecke brannten ein paar Holzscheite, bei deren Schein die Kleine sich umschauen konnte. Nein, auer ihr war niemand im Zimmer. Das schmale hlzerne Kanapee, wo die Pfarrerstochter, Mamsell Maja Lisa, gelegen hatte, als die Kleine in der Nacht angekommen war, stand leer und war berdies auch schon fr den Tag zurechtgemacht. Aber wenn Mamsell Maja Lisa aufgestanden war, dann war es auch wohl fr die Kleine Zeit, sich anzuziehen. Sie wollte noch ein Scheit Holz aufs Feuer legen. Wenn sie bei dessen Schein nur ihre Strmpfe und Schuhe und die andern Kleidungsstcke finden konnte, wrde sie bald fertig sein. Aber sonderbar war es doch! Hier war sie in der Kchenkammer des Pfarrhauses und zog sich an, und zwar gerade in demselben Lvdaler Pfarrhaus, wo ihre Mutter einst Kindermdchen gewesen war, ehe sie sich mit Vater verheiratet hatte. Wrde sie, die Tochter, wohl ebenso gerne hier sein wie einst die Mutter? Auf der ganzen weiten Welt gab es nichts, Bubi ausgenommen natrlich, was die Mutter so liebgehabt htte wie die Pfarrerstochter. Wenn sie von dieser sprach, war es immer, als redete sie von einer Prinzessin. Was hatte Mutter alles erzhlt! Die Pfarrerstochter war wunderschn; wenn sie auf der Strae dahergefahren kam, liefen die Leute von ihrer Arbeit weg und stellten sich an die Zune, nur um sie zu sehen. Der Pfarrer hatte groe Macht im Kirchspiel; aber er pflegte zu sagen, im Vergleich zu seiner Tochter fragten die Leute recht wenig nach ihm. Er sei nur ein Dahergelaufener, sie aber stamme aus dem alten Pfarrergeschlecht, das seit hundert Jahren im Kirchspiel ansssig sei, und sie werde ja auch Lvdala und das ganze Kirchspiel erben. Die Kleine war manchmal fast ein wenig rgerlich gewesen, weil sie immer und immer von der Pfarrerstochter hatte reden hren, gerade wie wenn andere Leute ganz und gar nicht mitzhlten, wenn von ihr die Rede war; aber nun freute sie sich doch sehr darauf, diese Pfarrerstochter zu sehen. Wenn sie nur begreifen knnte, dachte sie, was das fr ein Getse war, das, solange sie sich ankleidete, immerfort an ihr Ohr drang. Es konnte doch wahrhaftig nicht der Sturm von gestern sein, der ihr noch in den Ohren brauste! Oder vielleicht hatte es von neuem zu strmen angefangen? Aber eigentlich klang das, was sie hrte, gar nicht so recht wie Sturm, viel eher wie das gleichmige Tosen einer Mhle. Endlich war sie angezogen, und nun machte sie die Kchentr auf. Ja, da war es ihr nicht mehr verwunderlich, woher der Lrm kam. Die ganze Kche war voller Spinnrocken und Spinnerinnen; ein Spinnrdchen hinter dem andern, eine Spinnerin hinter der andern -- die Kleine konnte das Ende der Reihe gar nicht absehen. Sie mute auf der Schwelle stehenbleiben, denn es wurde ihr pltzlich ganz schwindelig zumute. Drei Spinnrdchen in ein und demselben Raum im Gang, das war das hchste, was sie bisher gesehen hatte. Aber wie viele waren hier? Sie fragte sich unwillkrlich, ob sie wohl berhaupt so weit zhlen knnte. Es war ziemlich dunkel in der Kche, deshalb war es gar nicht leicht fr die Kleine, sich zurechtzufinden. Auf einem Rost, der auf einer langen eisernen Stange am Herd angebracht war, brannten ein paar harzreiche Knorren von einem Wacholderstumpf; das war die ganze Beleuchtung. Aber abgesehen von dieser drftigen Helle konnte man auch deshalb schlecht sehen, weil die Spinnrdchen und Spinnerinnen in eine wahre Staubwolke eingehllt waren, die vom Spinnen aufgewirbelt wurde. Doch wie es auch sein mochte, so etwas hatte die Kleine jedenfalls noch nie gesehen. Whrend sie da auf der Schwelle stand und nach den Spinnrdchen, den Trittbrettern und Spindeln sowie auf die flinken Hnde und Finger der Spinnerinnen sah, wurde ihr immer schwindeliger zumute. Um nun ber den Schwindel Herr zu werden, fing sie an, sich selbst Fragen vorzulegen; denn das solle man tun, hatte die Mutter gesagt. Wie viele Strnge werden hier in der Kche nur an einem einzigen Morgen gesponnen? Und wie viele Bndel Strnge mgen sie schon droben in der Vorratskammer unter dem Dach hngen haben? Und wie viele Websthle mssen sie im Frhjahr in Gang setzen, um all dieses Garn zu verweben? Und wie viele Ballen Tuch mssen sie dann auf die Bleiche hinauslegen? Und wie viele---- So, jetzt war der Schwindel vorber, und sie konnte sich zwischen die Spinnrdchen hineinwagen. Es waren gar nicht so unbegreiflich viele, wie sie zuerst gemeint hatte, aber doch auch nicht nur ein paar. In einer langen gebogenen Reihe standen sie vom Herd an ganz bis zur Ausgangstr hin. Dicht beim Herd und beim Feuerschein sa die Pfarrfrau vor einem gelbgebeizten Spinnrdchen und spann feine weie Baumwolle. Hinter der Pfarrfrau kam, soweit die Kleine erraten konnte, die alte Haushlterin, von der Mutter gesprochen hatte, und die spann Wolle an einem grn und rot angestrichenen Rad. Hinter dieser saen fnf junge Mgde, die Kchin und das Zimmermdchen, die Kleinmagd, die Wscherin und die Stallmagd, und diese alle spannen feinen Flachs an gewhnlichen unangestrichenen Rdchen. Noch weiter hinten sa eine alte bucklige Einliegerin[1] und spann Werg an einem alten schlechten Rad. Und ganz zuletzt, dicht neben der Kchentr, in dem kalten Zug vom Flur her und fast vollstndig im Dunkeln, sa noch eine Person und spann. Sie hatte ein Spinnrad vor sich, an dem drei Speichen ausgebrochen, die Treibschnur oft zusammengeknpft und das Trittbrett ganz ausgeleiert waren, und spann das ganz grobe Werg, das so klumpig und so voller Spelzen war, da man sich anderswo nicht die Mhe gegeben htte, es noch auf einen Wocken zu binden. Aber die Spinnerin, die an diesem Rad sa, schien das grobe Werg ebenso leicht und gewandt zu spinnen, wie die andern den feinen Flachs spannen. [Funote 1: Gemeindearme. In frheren Zeiten, ehe man in Schweden die groen Armenhuser hatte, die jetzt auf dem Lande ganz allgemein sind, wurden die Armen einer Gemeinde den Hfen zugeteilt. Sie wohnten eine bestimmte Anzahl von Wochen auf einem Hofe, dann auf einem zweiten und so fort, bis sie wieder auf dem ersten ankamen. Wenn der Einlieger oder die Einliegerin noch krftig genug waren, halfen sie bei der Arbeit auf dem Hofe. Bisweilen wurden sie krank oder bettlgerig, wurden aber trotzdem, wenn ihre Zeit um war, nach dem nchsten Hofe gefahren.] Wer dies sein mochte, konnte sich die Kleine durchaus nicht denken, schlielich meinte sie, es sei wohl ein Mdchen, das zum Spinnenlernen im Pfarrhaus sei. Du Arme, dachte sie. Dir geht es nicht gut. Du stehst offenbar bei der Pfarrfrau nicht hoch in Gunst. Auer diesen eben Aufgezhlten war niemand in der Kche, und jetzt wute die Kleine gar nicht mehr, wie sie sich zuerst hatte einbilden knnen, es seien so unendlich viele. Alle miteinander spannen und spannen. Wenn Mutter spann, dann sang sie dazu, oder sie erzhlte Geschichten, hier aber waren alle muschenstill. Jetzt winkte die Pfarrfrau die Kleine zu sich heran. Sie sollte ihr aus einem Korbe, der auf dem Boden stand, gekardete Baumwolle reichen, damit sie sich nicht mehr zu bcken brauchte. Damit mute die Kleine unendlich lang fortmachen; die Rder schnurrten um sie her, die Trittbretter gingen auf und nieder, und die Spindeln schwirrten im Kreise herum; es wurde der Kleinen allmhlich wieder schwindelig, und um sich des Schwindelgefhls zu entschlagen, mute sie sich wieder ntzliche Fragen stellen. Wie viele Strnge Garn knnen hier an einem einzigen Morgen gesponnen werden? Und wie viele Bndel Garnstrnge mgen sie schon droben hngen haben-- Aber wie, sie hatte ja die Pfarrerstochter gar nicht gesehen! Diese htte doch eigentlich ebensogut wie die Pfarrfrau hier sitzen und spinnen sollen! Aber es war vielleicht dumm, wenn sie glaubte, Mamsell Maja Lisa sitze hier und spinne mitten unter den Mgden; dazu war sie natrlich zu vornehm. So ein kleines Prinzechen wie diese Pfarrerstochter! Sie sollte ja Lvdala und das ganze Kirchspiel erben. Ja, die sa wohl auf dem Sofa in der guten Stube und stickte seidene Blumen auf Seidenbrokat. Aber was war denn das? Jetzt hatte sicher eine von den Spinnerinnen etwas Ungeschicktes gemacht. Die Pfarrfrau drehte ein Mal ums andere den Kopf nach der Tr. Indessen war ziemlich viel Zeit vergangen, und der Tag begann zu grauen. Ein blasses Morgenlicht drang durch die kleinen Fensterscheiben herein. Sogar ganz drinnen in der Kche, da, wo die Kleine stand, konnte man jetzt sehen, da die Spinnerin, die ganz auen an der Tr sa, zu arbeiten aufgehrt hatte. Sie schlief nicht, sondern sa mit der Hand auf dem Rad und starrte geradeaus; aber dabei war es doch, als she sie von dem, was in der Kche war, gar nichts. Und soviel war sicher, sie wute nicht, da die Pfarrfrau aufmerksam darauf geworden war, da sie ihr Rdchen stillstehen lie. Diese Spinnerin hatte ein besonders sanftes, liebes Gesicht und ein paar groe ernste blaue Augen. Sie sah nicht aus, als htte sie aus Nachlssigkeit in ihrer Arbeit innegehalten, sondern weil sie eine Weile stillsitzen und nachdenken mute. Aber mit jeder Minute, die so verging, kniff die Pfarrfrau die Lippen fester zusammen. Sie sah allmhlich ganz hart aus, man konnte sich ordentlich vor ihr frchten. Jetzt hielt sie ihr Spinnrad an und stand auf. Die andere aber, die noch immer still dasa, merkte gar nicht, da die Pfarrfrau zwischen den Spinnrdern hindurch auf die Tr zukam. Sie rhrte sich nicht, bis die Pfarrfrau vor ihr stand und ihr die Hand auf den Nacken gelegt hatte. Da stie sie einen kleinen Schrei aus und versuchte sich mit der Hand frei zu machen. Aber die Pfarrfrau hielt den schlanken Hals fest umfat; mit der einen Hand hob sie der Spinnerin den Kopf auf, mit der andern ri sie eine Handvoll Werg aus dem Wocken, drckte dieses auf das Gesicht der Spinnerin und fuhr ihr damit rund im Gesicht herum, wieder und wieder. Arbeiten wir nicht etwa alle miteinander nur fr dich? sagte sie mit rauher, harter Stimme. Und dann sitzest du hier und schlfst! Beinahe htte die Kleine einen Schrei ausgestoen. Nein, nein, das war unmglich! War das die Pfarrerstochter? Aber es konnte ja nicht anders sein, fr jemand anders konnte hier doch nicht gearbeitet werden! Schlielich schttelte sie die Pfarrfrau noch einmal heftig, warf dann das Wergbndel auf den Boden und kehrte wieder an ihren Platz zurck. Aber in diesem Augenblick stand die Haushlterin und mit ihr die fnf Mgde und die Einliegerin von ihren Sthlen auf und schoben die Spinnrder zurck. Da wendete sich die Pfarrfrau an die alte Haushlterin und sah sie verdutzt an. Ich denke, die Frau Pfarrer wei, da das Gesinde whrend der Weihnachtsfeiertage nicht zu spinnen pflegt, sagte die Haushlterin. Da pflegen wir frei zu haben und drfen fr uns selbst arbeiten. Und die Frau Pfarrer wei auch, wenn wir zum Herrn Pfarrer gehen und ihn fragen, so sagt er, wir sollen es so haben, wie es frher gewesen ist. Jetzt haben wir den ganzen Morgen gesponnen, weil Mamsell Maja Lisa uns gebeten hatte, der Frau Pfarrer zu Willen zu sein; aber nun hren wir auf, weil wir sehen, da die Frau Pfarrer trotzdem gerade wie sonst gegen sie ist. Als dies gesagt war, hoben die Haushlterin und alle fnf Mgde und die Einliegerin ihre Spinnrocken auf, um sie aus der Kche hinauszutragen. Aber die Pfarrfrau sprang auf und stellte sich vor die Kchentr. Mit meinem Willen kommt kein einziges Spinnrad zur Kche hinaus, sagte sie. Doch die alte Haushlterin fhlte, da sie das Recht auf ihrer Seite hatte; ohne Zgern trat sie auf die Pfarrfrau zu, und es sah aus, als sollte sich im nchsten Augenblick etwas Schreckliches ereignen. Aber siehe! statt dessen geschah etwas ganz Unerwartetes. Die Pfarrfrau lie ihre Augen umherlaufen, wie um zu entdecken, ob ihr jemand zu helfen gewillt sei, und da fiel ihr Blick auf die Kleine. Aber als sie sah, da das Mdchen sie ganz entsetzt anstarrte, wie wenn sie eine Hexe she, war sie pltzlich wie umgewandelt. Sie trat von der Tr zurck, gerade in dem Augenblick, wo die Haushlterin nur noch einen Schritt von ihr entfernt war. Recht soll Recht bleiben, sagte sie. Wenn es so ist, wie Kajsa sagt, und ihr an Weihnachten frei habt, dann soll es jetzt auch so sein. Aber ihr httet wohl hbsch ordentlich mit mir reden knnen, anstatt so auf euer Recht zu pochen. Wir werden das nchste Mal daran denken, versetzte die Haushlterin grimmig. Aber es kam zu keinem Wortwechsel, denn in diesem Augenblick erklang eine kleine Glocke aus den Zimmern heraus. Da klingelt der Herr Pfarrer zum Morgensegen, sagte die Haushlterin; wir mssen die Spinnrder bis nachher stehenlassen. Das Gesinde ging auf den Flur hinaus; aber die Kleine blieb wie angewurzelt stehen und rhrte sich nicht. Ja, war es denn mglich? Die Spinnerin, die ganz dort hinten an der Tr sa und das grbste Werg spann, die sollte die Pfarrerstochter sein! Das war ja ewig Snde und Schande. Wenn das Mutter wte! In einer langen Reihe verlie das Gesinde die Kche, und es ward leer in dem groen Raum. Da streckte die Pfarrerstochter, die ganz zuletzt hinausging, der Kleinen pltzlich die Hand hin und sagte: Du kommst doch auch mit zum Morgensegen, nicht wahr? Ach, wie freundlich war diese Stimme und wie fein und weich die Hand! Die Kleine legte die ihrige zuerst ganz schchtern hinein; aber whrend die beiden dann so durch den Flur gingen, schlangen sich die Finger des kleinen Mdchens fester und fester um die Hand der Pfarrerstochter, und als sie unter der Tr von des Pfarrers Studierzimmer standen, beugte sich die Pfarrerstochter zu der Kleinen herunter und sagte: Wie ich hre, bist du die Tochter von meinem alten Kindermdchen, der Marit von Koltorp. Ja, antwortete die Kleine, und ich bin gekommen, Euch zu helfen. Da lchelte die Pfarrerstochter. O ja, ich brauche allerdings jemand, der mir hilft, sagte sie. Der Svartsj Alle fnf Mgde saen, mit dem Nhring am Finger sowie Wachs und Nhgarn neben sich, in der Kche und flickten ihre alten Kleider. Es ging ihnen gewi wie den Schneidern, die gerne hoch sitzen, wenn sie nhen, denn sie waren alle auf die hohe Tischbank hinaufgekrochen, nur die alte Haushlterin sa auf einem Stuhl. Die Kleine stand am Fenster und sah hinaus. Vor ihr lag ein weiter Hofplatz mit gebahnten Wegen zwischen hohen Schneewllen. Ringsum standen groe Gebude, und die Kleine versuchte sie nach der Beschreibung, die ihre Mutter davon gemacht hatte, zu erkennen. Das lange niedere Haus, dem Hauptgebude gerade gegenber, war wohl das Wirtschaftsgebude, auf der Ostseite lagen die Stlle und das Waschhaus mit der Braukammer auf der Westseite. Die Huser standen nicht alle dicht beieinander; aber es lief ein Zaun dazwischen hin, so da man nicht anders in den Hof hineinkommen konnte als durch enge Gattertren, die jetzt im Winter offen standen. stlich von den Stllen konnte die Kleine die Dcher und Giebel von einer ganzen Anzahl von Gebuden sehen, die um einen noch greren Hofplatz her standen. Dort waren die Schweine- und Schafstlle, das Vorratshaus und das Magazin; die Kornspeicher, Scheunen und Tennen und Holzschuppen sowie das Gesindehaus fr die Knechte und die Geschirrkammer. Mehrere von den Gebuden standen auf Pfosten, andre hatten Treppen, die sich auen an der Giebelwand hinaufschlngelten und zu niedrigen Bodenrumen fhrten. Wohin das Mdchen sah, waren Anbaue und Verbindungsgnge, Bodenkammern mit kleinen dunklen Fenstern und langen ringsherumlaufenden Altanen. Die meisten dieser Gebude hatten dicke Stroh- oder Rasendcher, die aber jetzt hoch mit Schnee bedeckt waren. ber dem Ganzen lag ein stiller Friede, als lgen die alten Huser im Winterschlafe. Eine der Mgde war erst vor kurzem eingetreten, und sie war berdies aus einem andern Kirchspiel. Diese htte nun wohl gerne die ruhige Stunde bentzt, um etwas ber die Herrschaft zu erfahren. Sie hatte eine Frage um die andere ber die Pfarrerstochter und die Pfarrfrau und ber den Pfarrer laut werden lassen, aber immer keine Antwort erhalten. Alle andern nhten mit fest geschlossenen Lippen und taten, als wten sie gar nichts. Schlielich mute die neue Magd doch gemerkt haben, da sie nichts aus ihnen herausbringen konnte, und so begann sie nach anderem zu fragen. Warum denn das Kirchspiel Svartsj heie. Sie knne gar nicht begreifen, wonach es so genannt worden sei. Svartsj komme doch von einem See her, und sie habe gehrt, es gebe auer dem Lvsee noch drei Seen in diesem Sprengel, aber keiner von ihnen heie Svartsee, soviel wisse sie. Na, diese Frage wre nicht gefhrlich zu beantworten gewesen, aber zum Unstern hatte keine von den Mgden je gehrt, woher das Dorf seinen Namen hatte, und es sah aus, als sollte die neue Magd auch hier nicht mehr erfahren als bei ihren andern Fragen. Doch nun legte die alte Haushlterin ihre Arbeit nieder und nahm die Brille von der Nase. Es ist gar nicht so sonderbar, wenn das Kirchspiel Svartsj heie, sagte sie, denn es hat seinen Namen wirklich von einem See, der in frheren Zeiten hier gewesen, jetzt aber ausgetrocknet ist. Die neue Magd war gewi auerordentlich froh, da sie endlich eine Antwort erhalten hatte. Und so fragte sie rasch, wo in dem Sprengel denn der See gelegen habe. Nun, gerade dort in der Talmulde vor Lvdala, antwortete die Haushlterin, und dabei wendete sie sich gegen das nach Sden gehende Fenster und deutete hinaus. Sie meinte auch, das Wasser sei bis zu dem Hgel unterhalb des Waschhauses gegangen. Dort sei wenigstens so feiner Sandboden, wie man ihn sonst nur an Seeufern finde. Die neue Magd wendete den Kopf nun auch dem Fenster zu. Das Wohnhaus lag auf einem so hohen Hgel, da die andern Gebude nicht alle Aussicht verdeckten. ber das Scheunendach weg konnte man ein Tal sehen, das sich meilenweit eben und flach hinzog. Aber sie wollte nicht glauben, was die Haushlterin gesagt hatte. Dieser ebene Boden sollte ein ausgetrockneter Seegrund sein? Wie sonderbar! Sie habe doch immer gedacht, wo einmal ein See gewesen sei, da msse es steil und tief hinuntergehen. Die Haushlterin widersprach ihr nicht. Es war ihr einerlei, was das Waschmdchen glaubte, und sie hatte ja nur gesagt, was sie wute. Darauf setzte sich die Haushlterin die Brille wieder auf die Nase und machte sich aufs neue an ihre Arbeit. Die neue Magd lchelte verchtlich. Es war doch merkwrdig, da alte Leute keinen Widerspruch vertragen konnten. Was ihnen gerade zu sagen einfiel, das sollte man ihnen aufs Wort glauben. Keines von den andern Mdchen sagte ein Wort, um der Haushlterin beizustehen, und es war jetzt ganz still in der Kche. Die Kleine jedoch hatte die grte Lust zu erzhlen, was sie von diesem Svartsee wute; aber sie war nicht sicher, ob es passend wre, wenn sie sich in das Gesprch mischte. Da ging die Tre der Kchenkammer auf, und Mamsell Maja Lisa trat in die Kche. Zuerst sagte sie nichts, sondern betrachtete still die fleiigen Mgde. Dann ging sie zu der Kleinen hin, die die ganze Zeit am Fenster stehengeblieben war. Du, Nora, begann sie, indem sie sich zugleich auf den hlzernen Stuhl am Fenster niederlie und die Hand der Kleinen zwischen ihre beiden nahm, sag' einmal, bist du weit herumgekommen, und hast du auer dem Lvsee auch noch andere Seen gesehen? Die Kleine wurde blutrot, weil die Pfarrerstochter sie anredete, und sie vermochte nur gerade so laut zu sprechen, da man es in der Kche vernehmen konnte, als sie antwortete: O ja, sie habe schon sehr viele Seen gesehen, mehr als sie berhaupt zhlen knne. Dann knntest du mir den Gefallen tun und an einen von ihnen denken, sagte die Pfarrerstochter. Du darfst denken, an welchen du willst, nur mu er lang und schmal sein und zwischen zwei langen bewaldeten Bergrcken liegen. Die Kleine drckte das Kinn auf die Brust und starrte auf den Boden. Aber bald sah sie wieder auf; jetzt hatte sie sich einen gedacht. Die Pfarrerstochter warf ihr einen schelmischen Blick zu, aber ihre Stimme klang noch immer ungeheuer ernst. Siehst du ihn auch richtig vor dir? fragte sie. Siehst du, wie ein kleiner glnzender Bach von Norden herkommt und sich in den See hineinstrzt, und wie sich dieser weit drunten nach Sden verengert, bis schlielich nicht mehr davon brigbleibt als ein anderer kleiner Flu? Ja, ja, die Kleine sah es. Nun, wenn du so viel siehst, dann siehst du wohl auch, wie sich die Ufer mit groen Buchten und Einschnitten hinziehen, fuhr die Pfarrerstochter fort. Da und dort springen schmale, schne Landzungen vor, wo Hngebirken stehen, die sich ber das Wasser neigen. Und drauen im Wasser liegen kleine steinige Holme, die ganz mit Faulkirschenbumen und Ebereschen bewachsen sind, die im Frhjahr immer ber und ber im herrlichsten Bltenschmuck stehen, da sie aussehen wie junge Brute im Festgewand. Ja, ja, die Kleine sah alles, was die Pfarrerstochter von ihr verlangte. Mamsell Maja Lisa warf einen Blick zum Fenster hinaus und ber das lange Tal hin. Dann wendete sie sich wieder dem kleinen Mdchen zu und lchelte; aber ihre Stimme hatte einen besonderen Nachdruck, als sie wieder sprach, wie wenn die Kleine auf das, was sie jetzt sagte, ganz besonders aufpassen sollte. Wenn du das alles siehst, dann siehst du wohl auch, da auf der einen Seite ein sandiges Ufer ist, wo sich viele Kinder tummeln, die den ganzen Sommer lang dort baden, und da an einer andern Stelle eine hohe Felsenwand aufragt, auf der groe dunkle Tannen wachsen mit mchtigen dicken Wurzeln, die wie Schlangen umeinander geschlungen sind. Und wieder an einer andern Stelle siehst du wohl auch ein Sumpfland, wo dichtes Erlengebsch steht, durch das man kaum hindurchkommen kann, und wieder hinter diesem liegen die schnen ebenen Wiesen, wo das Vieh weidet. Und die Kleine war nicht ungeschickt, sie sah alles miteinander. Wenn du so viel siehst, fuhr die Pfarrerstochter weiter fort, dann siehst du wohl auch die groen Klippen am Uferrand, wo die Leute sich an den Sonntagen aufstellen und ihre Angeln auswerfen, um Barsche zu fangen. Und ebenso wirst du die kleinen Einbume sehen, die am Ufer angebunden liegen, und die kleinen Fischerhuschen, die alt und grau und windschief drauen auf den Landspitzen stehen. Ja, ja, sagte die Kleine eifrig; sie sah alles und noch mehr dazu. Nun, wenn du so viel siehst, dann siehst du wohl auch, da rings um den See her gleichsam ein ganzer Ring von Bauernhfen mit ckern und Wiesen liegt; aber sie liegen nicht so nahe am See wie die Fischerhtten, sondern ein gutes Stck weiter im Land drinnen. Und oberhalb der Bauernhfe liegen Birkengehlze und abgeschwendetes Land; aber dann setzen Tannenwlder ein, und diese klettern an den Bergen hinauf bis zu den hchsten Gipfeln. Jawohl, auch das sah die Kleine. Jetzt wurde die Pfarrerstochter auf einmal nachdenklich; dann aber fuhr sie fort: Nun kommt das Schwierigste. Siehst du, wenn nun eines Tages dieser See, an den du gedacht hast, austrocknen wrde, da sich auch nicht ein Tropfen klares Wasser mehr darin fnde, wie wrde es dann da aussehen, wo der See vorher war? Sag', wie denkst du dir das? Darauf aber konnte die Kleine keine Antwort geben; sie sah nur die Pfarrerstochter starr an. Ja, ich wei es selbst auch nicht so genau, sagte diese. Aber ich denke mir's so: Nachdem ein paar Jahre vergangen waren, wuchs allmhlich Gras auf dem Seegrund, und dann nahmen die Menschen sich seiner an; sie bebauten und verteilten ihn, und er wurde von Zunen und Wegen durchkreuzt wie anderes Land auch. Im brigen aber blieb das meiste so ziemlich, wie es war. Die Kleine starrte gerade vor sich hin; sie sah gewi ganz abwesend aus. Du bist gewi schon in der guten Stube auf Helgester gewesen und hast dort den groen goldenen Spiegel gesehen, der zwischen den Fenstern hngt? Das Glas ist vor einigen Jahren in Stcke gegangen, und da der Hauptmann kein Geld hatte, ein neues Spiegelglas einsetzen zu lassen, hat er den Holzboden mit grnem Tuch berzogen, der goldene Rahmen aber blieb wie vorher. Der einzige Unterschied ist, da jetzt kein Spiegel mehr darin ist. Die Kleine warf einen hastigen Blick auf die Pfarrerstochter; sie fing an zu verstehen. So war es wohl auch mit dem See, von dem wir gesprochen haben, fuhr die Pfarrerstochter fort. Alles, was am Strand war, blieb ja da, obgleich der Wasserspiegel, der in der Mitte lag, verschwunden war. Die Hngebirken blieben auf den Landzungen, obgleich nichts mehr da war, worin sie sich htten spiegeln knnen, das sandige Ufer blieb liegen, wo es lag, obgleich niemand mehr hinkam, um in den Sommertagen da zu baden; und die Steinblcke, auf denen die Angler ihre Pltze hatten, sind wohl auch noch da, obgleich niemand mehr darauf steht und Fische herauszieht. Die kleinen Ebereschenholme blieben auch, wo sie sind, obgleich umgepflgte cker um sie her liegen, und alle Hfe rings um den See herum stehen auch noch auf dem alten Platz, obgleich die Jugend, die darin wohnt, an den schnen Sommerabenden nicht mehr aufs Wasser hinausrudern kann. Ja, auch darin konnte ihr die Kleine folgen. Aber jetzt wendete sich die Pfarrerstochter rasch dem Fenster zu. Sieh nun hinaus, Nora, und ihr andern auch, sagte sie, indem sie auf das Tal hinaus deutete. Was meint ihr wohl, da das sei, was ihr da unten seht? Und siehe! als die Kleine jetzt hinausschaute, sah sie mit einem Blick alles, was die Pfarrerstochter beschrieben hatte. Da lag der ebene Seegrund und rings um ihn herum der alte Uferrand, der sich in langen Buchten und Einschnitten hinein- und herauszog. Da waren die Landzungen mit ihren Birken sowie die kleinen Gehlze, die in frheren Jahren Holme gewesen waren, mitten zwischen den ckern, und da ragte auf der einen Seite der steile Berg mit dem Tannenwalde auf und auf der andern die dichten Erlengebsche. Auf halber Hhe des Berges sah die Kleine den ganzen Kreis der Bauernhuser und den bewaldeten Bergrcken und die abgeschwendeten Pltze -- kurz alles war da, nichts fehlte. Die Mgde standen hinter der Kleinen und schauten auch hinaus, und auch sie sahen alles genau ebenso. Wie sonderbar, da sie vorher gar nicht acht darauf gegeben hatten! Es war doch wohl wahr, da der Svartsee da gelegen hatte. Das war der alte Seegrund, es war ganz deutlich. Jawohl, das ist in der Tat der alte Seegrund, schlo die Pfarrerstochter. Dies ist der Spiegel, der einstens hier unterhalb Lvdala lag, und der sein Glas verloren hat. Viele, viele denken, es sei sehr schade, da das Glas nicht mehr da ist, und da der Spiegel kein Spiegel mehr ist. Aber jetzt brannte die Kleine vor Begierde, erzhlen zu drfen, was sie von dem See wute; sie konnte es nicht lnger zurckhalten. Mutter sprach auch oft von dem See, der hier unterhalb Lvdala gelegen haben soll, sagte sie. Ach so, sagte die Pfarrerstochter. Ja, du hast wohl von deiner Mutter viel von Lvdala gehrt. Mutter sagte, fuhr die Kleine fort, und sie sprach sehr schnell, drei Dinge habe der See damals, als er eintrocknete, zurckgelassen. Das eine sei der kalte Zugwind, der da immer im Tal spiele, das zweite sei der kalte Nebel, der im Herbst aufsteige, und das dritte sei-- Aber was das dritte war, durfte die Kleine nicht sagen, denn die Pfarrerstochter unterbrach sie rasch. Ach, wenn es weiter nichts ist, sagte sie, das wissen wir schon vorher. Schneewittchen I In der Kchenkammer zu Lvdala wurde so gekichert und geplaudert, da die Kleine kein Auge schlieen und unmglich einschlafen konnte, obgleich sie in dieser Nacht in einem richtigen kleinen Bett schlief, das ihretwegen hereingestellt worden war. Anna Brogren, Mamsell Maja Lisas Pflegeschwester, die den Propst Lvstedt in Ranster geheiratet hatte, war auf Besuch gekommen und wollte ber Nacht dableiben. Sie sollte eigentlich droben im Giebelzimmer schlafen; aber kaum waren der Pfarrer und die Pfarrfrau zur Ruhe gegangen, als sie auch schon in die Kchenkammer heruntergeschlichen kam. Sie hatte wohl allein mit Mamsell Maja Lisa plaudern wollen und war hchst bestrzt, als sie die Kleine in der Kchenkammer in ihrem Bett liegen sah. Einmal ums andere kam sie herbei, um zu sehen, ob sie schlafe. Schlielich schlo die Kleine die Augen und lag muschenstill, denn es war ihr sehr zuwider, da sie den andern ein Hindernis sein sollte. Jetzt schlft sie ganz bestimmt, sagte die Prpstin, indem sie wieder das Licht ergriff und damit abermals an Noras Bett trat. Nein, das tut sie nicht, versetzte die Pfarrerstochter. Wie kannst du dir einbilden, sie habe einschlafen knnen, whrend wir immerfort geschwatzt haben? Es wre vielleicht am besten, wir verhielten uns eine Weile ganz still, schlug Anna Brogren vor. Nachdem sie dann kaum ein paar Minuten geschwiegen hatten, war Anna Brogren ihrer Sache sicher. Sie behauptete, das Mdchen jetzt ganz deutlich schlafen zu hren. Und das ist gut, fuhr sie fort, denn ich reise nicht eher von Lvdala weg, bis ich erfahren habe, wie hier alles steht und geht, und sollte ich auch die ganze Nacht wach bleiben mssen. Sie schlft nicht, dessen bin ich ganz sicher, sagte Mamsell Maja Lisa. Aber wir knnen es auf andere Weise machen. Whrend wir warten, erzhle ich dir ein Mrchen. Du wirst dich wohl noch an viele von den Mrchen erinnern, die ich dir in frheren Zeiten erzhlt habe. Ich frchte nur, da sie dann erst recht wach wird, erwiderte Anna Brogren; aber mach' es nur, wie du willst. Was fr ein Mrchen soll es denn sein? Ich glaube, ich will dir das Mrchen vom Schneewittchen erzhlen. Ach ja, erzhle mir das! rief die Prpstin, und sie sah durchaus nicht unbefriedigt aus. Es ist lange, lange her, seit ich es zum letztenmal gehrt habe. Du weit, es war einmal eine Pfarrfrau, begann die Pfarrerstochter, die war tiefbetrbt, weil sie keine Kinder hatte. Nein, da tuschst du dich sicher, warf die Prpstin ein. Es war ja eine Knigin. Ich habe immer gehrt, es sei eine Pfarrfrau gewesen, und ich kann das Mrchen nicht anders erzhlen, als es lautet, beteuerte Mamsell Maja Lisa. Und dann erzhlte sie weiter von der Pfarrfrau, die sich sosehr ein Tchterchen gewnscht hatte, das rot wie Blut und wei wie Schnee sein sollte, die aber dann starb, sobald ihr groer Herzenswunsch in Erfllung gegangen war. Ich meine aber doch, wir knnten von etwas Frhlicherem sprechen, sagte die Pflegeschwester. Ich nehme an, da dir das Mrchen wohl noch im Gedchtnis ist, deshalb spreche ich nicht weiter davon, wie es Schneewittchen in ihrer Kindheit gegangen ist. Du weit ja, da es ihr an nichts gebrach und sie keine Not litt, obgleich ihre Mutter tot war, denn sie hatte eine gute Muhme, die das Haus versorgte, und eine liebe Pflegeschwester und einen guten Bruder, obgleich dieser zu der Zeit meist auswrts war und studierte, und berdies auch eine liebe alte Gromutter. Wer aber am allergtigsten gegen sie war, war ihr Herr Vater. Er war Schneewittchens zrtlichster Spielkamerad, und ihm vertraute sie alle ihre Sorgen an. Er erlaubte nicht, da sie wie andere Kinder unter strenger Aufsicht stand, sondern sie durfte tun, was ihr beliebte. Die Leute meinten natrlich, er verwhne das Kind, aber davon wollte er nichts hren. Schneewittchen war vielleicht ein besonders artiges Kind, das gar nicht verwhnt werden konnte, sagte die Prpstin, und ihre Stimme klang jetzt auf einmal auerordentlich ernst. Auf der ganzen Welt war niemand glcklicher als Schneewittchen, fuhr die Pfarrerstochter fort. Ganz besonders befriedigt fhlte sie sich, als sie, nachdem die Muhme weggezogen war, ganz allein die Wirtschaft fhren und fr ihren geliebten Vater sorgen durfte. Ich glaube, sie hatte mehrere Jahre lang keinen anderen Kummer als die Trennung von ihrer Pflegeschwester, die sich verheiratete und in ein anderes Kirchspiel zog. Und wenn ihr damals jemand gesagt htte, ihr Vater wrde einmal sein Herz von ihr wenden, htte sie hell hinausgelacht. Wie htten sie sich entzweien sollen, sie und der geliebte Vater? Nicht einmal im Schlaf wre ihr ein so unsinniger Gedanke gekommen. Und berdies htte auch niemand anders geglaubt, da es je so ginge, versicherte Anna Brogren mit derselben ernsten Stimme wie zuvor. Und niemals dachte Schneewittchen weniger daran, da ihr ein so groes Unglck widerfahren knnte, als an einem schnen Sommermorgen im vorigen Jahre, wo sie mit ihrem Herrn Vater zu den Mhern hinausging. War das im vorigen Sommer? fiel Anna Brogren rasch ein. Ich glaubte, Schneewittchen habe vor tausend Jahren gelebt. Ich aber habe nie anders gehrt, als da Schneewittchen heute noch lebt, erwiderte die Pfarrerstochter, und an jenem Tag, wo sie mit ihrem Vater zur Heuernte hinausging, war sie eben neunzehn geworden; ihr Vater aber war fnfzig Jahre alt, obgleich man ihm das kaum ansehen konnte. Er trug eine Percke, ging aber ohne Hut, hatte eine weie Hemdenbrust mit einer Busenkrause und groe Schnallen auf den Schuhen. Schneewittchen dachte in ihrem Herzen, er sehe auerordentlich vornehm aus. Sie selbst trug ein altes Kattunkleid und einen groen Schutenhut. Neben ihrem Vater sah sie gar nichts gleich. Ich habe jedoch immer gehrt, Schneewittchen sei schner gewesen als alle andern im ganzen Land, warf die Prpstin ein. Aber die Pfarrerstochter erzhlte weiter, ohne sich um die Unterbrechung zu kmmern. Der Schutenhut war jedenfalls recht am Platz, denn er verdeckte das Gesicht. Sonst htte der Vater gesehen, da sie mivergngt aussah. Ach, ach! Schneewittchen hatte wohl Grund, mivergngt zu sein, weil sie um diese Zeit mit ihrem Vater spazierengehen sollte; wo sie doch viel lieber an ihrem Webstuhl sitzengeblieben wre, um ihre Leinwand fertig zu weben. Aber da ihr Vater selbst von auen ans Kchenkammerfenster getreten war, geklopft und ihr gerufen hatte, war es ihr nicht mglich gewesen, nein zu sagen. Ich glaube, sie konnte ihrem Vater niemals etwas abschlagen, sagte die Pflegeschwester. Sie gingen an den Stllen und an der Viehweide vorber, denn sie wollten nach dem sdlichen Anger, wo der lange Bengt und die beiden Vettersbuben beim Mhen waren. Es war gerade kein weiter Weg, aber es kostete doch immer viel Zeit, wenn Schneewittchen mit ihrem Vater ausging. Er blieb stehen und sah sich das Getreide an, und er blieb stehen und unterhielt sich mit der Stallmagd. Als sie den Hgel mit dem Birkengehlz erreicht hatten, hielt er wieder an, schaute zurck, um das neue Wohnhaus zu betrachten, das er selbst hatte bauen lassen. Und noch weiterhin gab es wieder einen neuen Aufenthalt, weil er eine junge Tanne aufrichten mute, die umgestrzt am Wege lag. Aber jetzt mu ich etwas einfgen; Schneewittchen konnte in Gesellschaft ihres Vaters nie lange verdrielich sein, denn wenn sich ihr so seine ganze Art und Weise offenbarte, wurde ihr Herz immer von Bewunderung fr ihn erfllt. Und ich meine auch, Schneewittchen habe ganz und gar nicht unrecht gehabt, es schn und rhrend zu finden, da ihr guter Vater sein Leben lang als Hilfsgeistlicher in einer kleinen armen Gemeinde weit droben im Vrmland geblieben war. Er, der so hochgelehrt und von unwiderstehlicher Beredsamkeit war und berdies so stattlich und liebenswrdig, wre gewi Dompropst oder Bischof geworden, wenn er nur gewollt htte. Glaubst du das nicht auch? Fr mich ist es nicht leicht, etwas ber Schneewittchens Vater zu sagen, antwortete die Prpstin; aber ich bin berzeugt, er htte alles erreichen knnen, was er nur gewollt htte. Ich kann es nicht so genau ausdrcken, wie Schneewittchen es fhlte. Aber ich glaube, sie sagte in ihrem Herzen: 'Du, Schneewittchen, du bist nichts und kannst nichts und hast nichts erlebt, schmst du dich nicht, schlechter Laune zu sein? Denk an deinen guten Vater, der nie klagt und sich nie etwas wnscht, und der der Welt immer ein freundliches Gesicht zeigt!' -- Vor sich selbst entschuldigte sich Schneewittchen indes damit, da sie eben gar zu gern die Leinwand am Webstuhl fertiggebracht htte, ehe sie von Hause wegreiste; denn sie sollte mit der Gromutter diesen Sommer nach Loko ins Bad gehen, das war fest ausgemacht. Gromutter hatte im letzten Winter schrecklich an Gicht gelitten, diese hatte ihr die Hnde zum Erbarmen zugerichtet. Nun hatte sie das ganze Frhjahr hindurch versprochen, diese Reise zu machen; aber Schneewittchen wute wohl, da die Gromutter nicht fort kam, wenn sie nicht mitging. Jetzt dachte sie daran, den Vater zu bitten, den Tag der Abreise zu bestimmen. Aber wie merkwrdig, sie hatte gar nicht das Herz dazu! Fhlte sie, wie schwer es ihrem Vater wrde, sein Kind sechs Wochen lang entbehren zu mssen, und wollte er es deshalb soweit wie mglich hinausschieben? Whrend sie nun so dahinwanderte, beschlo sie in ihrem Herzen: Wenn das Gras auf dem sdlichen Anger so prchtig stand, da Vater recht befriedigt war, dann wollte sie sich ein Herz fassen und von der Reise anfangen. Und wirklich, es sah nicht danach aus, als sollte sie nicht bald auf die Reise drfen, denn als sie den sdlichen Anger erreichten, gab es da eine ganz auerordentlich gute Heuernte. Schneewittchen merkte bald, wie hochbefriedigt ihr Vater war, denn er neckte den langen Bengt, der der grte Mann im ganzen Kirchspiel war, und sagte, er msse noch ein wenig wachsen, er sei gar nicht gro, das Gras schlage ihm ja ber dem Kopf zusammen. Der lange Bengt war nicht faul zu antworten. Er sagte, wenn der Herr Pfarrer seine Lnder noch weiter so gut bebaue, so werde er bald niemand mehr bekommen, der ihm sein Heu mhe. Es sei eine wahre Not, bis man sich durch solch einen Wall hindurchgeschafft habe. Und die beiden Vettersbuben hielten es natrlich mit Bengt und versicherten auch, lieber wollten sie es auf dem Brobyer Markt mit allen Westgten aufnehmen als in einem andern Jahr wieder solches Gras mhen. Darauf mute Vater natrlich eine ebenso hfliche Antwort geben; alle standen schweigend um ihn her und warteten darauf. Ach! ich glaube, Schneewittchen wird immer an ihren Vater denken, gerade wie er jetzt so vergngt und freundlich mitten unter seinen Leuten stand und tat, als sinniere er ber die Antwort nach, damit sie, wenn sie erfolgte, einen um so greren Eindruck mache. Aber wie es gehen kann! Diese Antwort bekamen sie niemals zu hren, denn jetzt geschah etwas Unerwartetes, das aller Gedanken nach einer andern Seite hinlenkte. Wer war denn das, der da durch das hohe Gras auf sie zukam? Wer konnte es sein, der nicht ging, sondern taumelte, und der nicht einen Augenblick schwieg, sondern die ganze Zeit schrie und laut vor sich hin redete? Ich mu gestehen, Schneewittchen war nie Zeuge von etwas so Aufregendem gewesen. Wie schrecklich, ein Frauenzimmer so furchtbar zugerichtet zu sehen! Die Kleider hingen ihr na und lehmig um den Krper. Das Haar hatte sich vom Kamm gelst und fiel ihr in Strhnen den Rcken hinab. Aber am schrecklichsten war doch, da ihr Gesicht und ihre Hnde ganz blutrnstig waren. Der lange Bengt und die Knechte wendeten sich ab und spuckten dreimal aus, als shen sie eine Hexe, und es fehlte wohl nicht viel, so htte der Herr Vater dasselbe getan. Aber pltzlich glaubte Schneewittchen zu erkennen, wer es war; sie eilte zum Vater hin und flsterte ihm ins Ohr, es msse die Jungfer sein, die der Grfin auf Borg die Wirtschaft fhrte. Der Vater gab ihr recht in dieser Annahme. Er trat zu der Jungfer und fragte sie, was ihr denn geschehen sei, da sie sich so frh am Morgen nach seinem Haus auf den Weg gemacht habe. Aber sie war ganz verwirrt und erkannte den Pfarrer gar nicht. Sie rief nur, sie knne es bei der Grfin nicht mehr aushalten und sei auf dem Wege nach der Pfarrei, damit man ihr helfe. Da nahmen sie der Pfarrer und Schneewittchen mit nach Hause, und nach einiger Zeit war sie wieder so weit vernnftig, da sie erzhlen konnte, was ihr geschehen war. Sie war von der Grfin gehetzt und geplagt worden, bis sie es nicht mehr aushalten konnte, und so war sie nachts um zwei Uhr von Borg auf und davon gegangen. Sie war ganz verwirrt gewesen und hatte noch gar nicht berlegen knnen, wohin sie sich wenden wollte, als sie auch schon auf der Landstrae stand. Da hatte sie gedacht, sie wolle nach der Pfarrei gehen, weil sie gehrt hatte, wie barmherzig die Familie dort sei. Aber die rmste hatte den Feldweg durch die Wiesen eingeschlagen und konnte nicht ber den Steg wegkommen, sondern strzte in den Bach, stie mit dem Kopf an einen Stein und zerri und beschmutzte sich ihre Kleider. Danach war sie wie nicht recht bei sich gewesen, hatte den Weg nicht mehr finden knnen und war dann den ganzen Morgen auf den Getreideckern und auf den Wiesen umhergeirrt. Nun bat sie flehentlich, man solle sie doch im Pfarrhaus behalten, bis das Blut gestillt und ihre Kleider trocken seien und sie ein wenig berlegt habe, wohin sie sich wenden wollte. Natrlich hie es, sie solle nur dableiben. Ach, wer htte wohl das Herz gehabt, eine so notleidende Person hinauszuweisen! Aber wie emprt waren auch Schneewittchen und ihr Vater ber die Grfin! Sie war so schn und heiter, und nun sollte sie so grausam gegen ihre Untergebenen sein! Nicht zum ersten Male hrten sie so etwas ber sie. Was soll ich sagen? Ja, es war gut fr die Grfin, da sie an diesem Tage nicht mit Schneewittchen zusammenkam. Diese htte sie gestellt und kein Blatt vor den Mund genommen. Diese Jungfer -- ja, wie soll ich sie nun nennen? Du kannst sie ja Vabitz nennen, schlug die Prpstin vor. Gut, also diese Jungfer Vabitz war eine beraus wohlbeleumdete, ausgezeichnete Person, und die Grfin htte wohl etwas Besseres tun knnen, als sie zu plagen, bis sie den Verstand verlor. Aber siehe! Noch am selben Tage kam Schneewittchen auf einen Gedanken, der sie ganz beglckte. Sie wollte Jungfer Vabitz bitten, im Pfarrhaus zu bleiben und fr den Vater zu sorgen, whrend sie selbst mit der Gromutter im Bad war. Wenn sich das einrichten lie, konnte sie ruhig fort sein, dann ging alles in schnster Ordnung und ebensogut, wie wenn sie selbst zu Hause wre. Ach du lieber Gott! rief die Pflegeschwester. Bist du es gewesen, die -- -- das heit, ich meine, ob es Schneewittchen selbst gewesen? Ja, ja, die selbst war's, niemand anders; und sie war beraus glcklich ber diesen Einfall. Sie fragte gleich die Jungfer, ob sie bei ihnen bleiben wolle. Die Jungfer zierte sich auch keinen Augenblick, sondern sagte, jawohl, sie tue ihr gerne den Gefallen. Aber das wolle sie gleich feststellen, wenn sie indessen eine Stelle bei einer Herrschaft finde, dann reise sie sofort ab. Sie sei eine arme Person, die in erster Linie an sich selbst denken msse. Wer aber nur schwer zu berreden war, das war Schneewittchens Vater. Sollte er die Jungfer volle sechs Wochen lang da haben und berdies gezwungen sein, die Mahlzeiten mit ihr einzunehmen? Du kannst dir nicht denken, wie schwer es war, bis Schneewittchen und die Gromutter endlich fort kamen. Mit dem Vater und Jungfer Vabitz wollte es absolut nicht gehen. Der Vater scherzte und neckte sich mit allen Menschen; die Jungfer aber war streng und ernst und nur immer darauf bedacht, ihre Wrde aufrechtzuerhalten. Meistens gelang es Schneewittchen auch, es so einzurichten, da sie nur bei den Mahlzeiten zusammentrafen; aber kaum hatte sich der Vater zu Tische gesetzt, als er auch schon von etwas zu reden anfing, womit er, wie er wute, bei der Jungfer Ansto erregte. Und am komischsten deuchte es ihn, mit ihr von Liebe und Heirat zu sprechen. Er sei sehr froh, da er die Jungfer ins Haus bekommen habe, denn jetzt knne sie ihm einen guten Rat geben. Er habe schon lange daran gedacht, sich wieder zu verheiraten. Was wrde sie wohl zur Grfin auf Borg sagen? Aber kaum hatte der Vater das gesagt, als die Jungfer ganz starr vor Schrecken wurde. Sie legte Messer und Gabel nieder und sah ihn sprachlos an. Die Pflegeschwester lachte hell hinaus. Denk dir, wie lustig er es da gehabt htte! sagte sie. Ja, das ist klar, der Herr Vater fuhr ordentlich ins Zeug. Es passierte ihm nicht alle Tage, da er mit jemand zusammen kam, der es nicht verstand, wenn er scherzte. Jetzt erklrte er, er knne absolut nicht begreifen, warum Jungfer Vabitz so erstaunt aussehe. Ob sie meine, die Grfin werde ihn nicht haben wollen? Aber er wisse ganz bestimmt, da ihn die Grfin fr einen schnen Mann halte. Solange sie auf Borg sei, besuche sie die Kirche jeden Sonntag, und sie habe selbst einmal gesagt, einen hlichen Pfarrer knnte sie nicht predigen hren. Das war doch zu komisch! Als Schneewittchens Vater dieses sagte, zeigten sich auf Jungfer Vabitz' Wangen zwei brennend rote Flecke. Sie hatte gewi, solange als es ihr mglich war, geschwiegen, aber jetzt mute sie ihrem Zorn Luft machen. 'Und das will ein Pfarrer und ein Diener Gottes sein!' brach sie los. Aber die Jungfer hatte eine sehr scharfe, rauhe Stimme. Sie war klein von Gestalt und hatte ein kleines feines Gesicht und ganz kreideweie Haare, obgleich sie kaum in den Vierzigern war. Auch sah sie sanft wie eine Taube aus. Aber gerade deshalb erschrak man, wenn sie zu sprechen anfing. Nachdem die Jungfer mit dieser tiefen Grabesstimme ihr Urteil ber den Vater gefllt hatte, brach er in helles Lachen aus; da sprach die Jungfer whrend des ganzen Essens kein einziges Wort mehr. Die Pflegeschwester lachte auch; aber die Pfarrerstochter seufzte nur, ehe sie fortfuhr. Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie sehr Schneewittchen ihren Vater anflehte, das Necken zu lassen, und wie betrbt sie war, als alles nichts half. Sie lebte in bestndiger Angst, die Jungfer werde aus dem Pfarrhaus auf und davon gehen, wie sie von Borg auf und davon gegangen war. Oh, sie wird schon geblieben sein, sagte die Pflegeschwester. Allerdings, sie blieb, und darber war Schneewittchen unbeschreiblich froh. berdies machte sich die Jungfer nun auch im Haushalt ntzlich. Sie wolle nicht da sein, ohne etwas zu arbeiten, erklrte sie. Hast du je so was gehrt? Ganz natrlicherweise begngte sich auch so eine wie diese Jungfer nicht damit, die gewohnte einfache Hausmannskost zu kochen, sondern sie richtete nach franzsischer Art an, wie es in einem Grafenhaus verlangt wurde. Und der Vater, der mehrere Jahre Hauslehrer in vornehmen Familien gewesen war, lebte wieder in seiner Jugendzeit, wo er Fleischfarcen und Pasteten und gewrzte Soen zu essen bekommen hatte. Soviel war gewi, whrend Schneewittchens Abwesenheit wrde er sicherlich keine Not leiden. Auch war es der Tochter eine Beruhigung, als sie merkte, da ihr Vater die Jungfer mit seinen Neckereien nicht so scharf aufs Korn nahm, wenn sie ihm ein besonders gutes Gericht vorgesetzt hatte. Und etwas anderes war noch befriedigender: der Vater und die Jungfer hatten nmlich alle beide besonders groe Freude am Gartenbau. Der Vater konnte, solange er wollte, ber die Archiater Linn und Hummarby und den Botanischen Garten in Upsala reden, nie wurde es die Jungfer mde, ihn anzuhren. Der Gartenbau war es auch sicherlich, der den Vater mit dem Dableiben der Jungfer ausshnte. Sonst wre es niemals gegangen. Diesem Umstand hatte es Schneewittchen zu verdanken, da sie ohne Sorge abreisen konnte. Nun hoffte sie fast sicher, Jungfer Vabitz und ihr Herr Vater wrden es miteinander aushalten, bis sie wieder zurck kam. Und doch! Obgleich sie jetzt wirklich beruhigt war, weilten ihre Gedanken whrend der ganzen Zeit ihrer Abwesenheit doch alle Tage daheim bei dem geliebten Vater, und sie fragte sich oftmals, ob er die arme Vabitz nicht doch ab und zu mit seinen Neckereien plagte. Als Schneewittchen vierzehn Tage abwesend war, erhielt sie von ihrem Vater einen unbeschreiblich komischen Brief, der von Anfang bis zu Ende davon handelte, wie es ihm und Jungfer Vabitz miteinander ging. Eines Abends seien Leutnant Bergh und Patron Julius zu Besuch gekommen, da htten sie Karten gespielt und Bellmansche Lieder gesungen. Und siehe! am nchsten Tag habe die Jungfer gar nicht mit ihm sprechen wollen, und die ganze Woche hindurch habe er nur Blutkle mit Speck oder Meerrettich mit Hering zu Mittag bekommen. Gestern jedoch seien Krustaden und gebratener Lachs aufspaziert, nun sei er also wieder zu Gnaden angenommen. Schneewittchen mute hell auflachen; das gute Vterchen war ganz nrrisch. Doch beruhigte sie dieser Brief nicht vollstndig. Der nchste dagegen klang besser. Da berichtete der Vater, der lange Bengt habe erklrt, er wolle seine alte Liebste, die lustige Maja, heiraten. Und wer habe ihn dazu gebracht? Niemand anders als Jungfer Vabitz; die htte ihm vorgepredigt, wie unrecht es sei, da er ein Frauenzimmer vierzehn Jahre lang auf sich warten lasse; und schlielich habe das gewirkt. Schneewittchen konnte wohl merken, wie vergngt der Vater war. In diesem Brief schrieb er auch nicht von der 'Vabitza', sondern von Jungfer Vabitz. Das war ein sicheres Zeichen, da der gute Vater jetzt herausgebracht hatte, welch vorzgliches Frauenzimmer sie war. Danach bekam Schneewittchen keinen Brief mehr von ihrem Vater, sondern nur noch kurze Billette, in denen er sagte, er habe sehr viel zu tun und deshalb keine Zeit zum Briefschreiben. Von der Jungfer stand kein Wort mehr darin. Er hatte sich also jetzt wohl an sie gewhnt und beschftigte sich in seinen Gedanken mit ihr nicht mehr als mit den andern Dienstboten. Aber ein Rest von Besorgnis war doch immer noch vorhanden; und ich will gar nicht erst versuchen, dir zu beschreiben, wie froh Schneewittchen war, als sie sich endlich in den Wagen setzen und nach Hause reisen durfte. Sie hatte rechtzeitig geschrieben, wann der Vater sie zu Hause erwarten knnte, und in demselben Briefe hatte sie ihn auch gelobt, da er es mit der Jungfer Vabitz solange ausgehalten habe. Von nun an werde er sich indes nie wieder mit Fremden behelfen mssen, nun wrde ihn seine Tochter nie mehr verlassen. Ach so, das schrieb sie auch? fragte die Pflegeschwester. Es mu ihr eine Befriedigung sein, wenn sie jetzt daran denkt. O ja, vieles ist uerst komisch in dieser Geschichte, sagte die Pfarrerstochter. Wenn man bedenkt, wie froh Schneewittchen war, als sie endlich auf der Strae dahinfuhr, so ist das eigentlich auch zum Lachen. Ja, sie war glckselig; alle Menschen, die ihr begegneten, leuchteten bei ihrem Anblick ordentlich auf. So war es wenigstens im Anfang der Reise. Als sie dann ihrem Heimatdorfe nher kam, wo die Leute schon von weitem den Wagen und die darin sa erkannten, meinte sie freilich, es sei fast, als falle allen, denen sie begegnete, pltzlich etwas Trauriges ein, denn ihre Gesichter wurden auf einmal ganz lang und ernst. Ich mu sagen, Schneewittchen wurde es allmhlich ganz unbehaglich zumute. Als sie an das letzte Gasthaus kam, wo sie mit den Wirtsleuten bekannt war, fragte sie nach ihrem Vater. Sie antworteten, er sei gesund und frisch wie bei ihrer Abreise. Schneewittchen hrte aber doch ihrer Stimme an, da sie aus irgendeinem Grund doch nicht so recht mit der Sprache heraus wollten. Fragen wollte sie indes nicht; es war wohl irgend etwas Unangenehmes passiert, ja am Ende war die Jungfer doch auf und davon gegangen. Jedenfalls aber wollte sich Schneewittchen die Freude an ihrer Heimkehr nicht mit dem Gedanken an die Jungfer Vabitz verderben. Es wre rasend komisch, wenn es nur nicht so schrecklich betrbend wre, warf die Pflegeschwester mit einem kurzen Auflachen ein. Am letzten Halteplatz kam ihr der lange Bengt mit den Pferden des Pfarrhauses entgegen. Und da konnte sie sich nicht tuschen, auch er war sonderbar. Sonst mute man jedes Wort aus ihm herauspressen, jetzt aber schwatzte er in einem fort. Und Schneewittchen merkte wohl, da er von allem mglichen sprach, aber kein Wort von ihrem Vater und Jungfer Vabitz. Und jetzt wagte sie nicht mehr zu fragen. Wenn irgend etwas schief gegangen war, wrde sie es von ihrem Vater selbst hren. Und so wute sie gar nichts, bis sie daheim ankam? rief die Pflegeschwester. Nein, sie wute nichts, gar nichts. Und nun will ich dir sagen, was ihr am schwersten dabei war. Ach, das schwerste war, da ihr guter Vater meinte, er habe unbeschreiblich verstndig gehandelt, und erwartete, sie solle sich auch noch darber freuen. Und er mute es ja auch glauben. Denn wer anders als Schneewittchen hatte die Jungfer ber die Maen gelobt und zu ihm gesagt, er mte sich glcklich preisen, eine so ausgezeichnete Person im Hause zu haben. Ach, sie selbst war es vielleicht gewesen, die ihm den ersten Gedanken eingegeben hatte, die Jungfer---- Du wirst vielleicht gar nicht verstehen, wie vergngt der Vater aussah, als er auf der Freitreppe stand, um sie zu bewillkommnen, und wie vergngt auch Jungfer Vabitz aussah, die da neben ihm stand. Der gute Vater konnte es fast nicht mehr erwarten, die groe Neuigkeit mitzuteilen. Aber ihr Vater brauchte gar nichts zu sagen, denn Schneewittchen sah es selbst. Sie wute es schon, ehe sie aus dem Wagen gestiegen war. Und nun mu ich erzhlen, wie schlimm es ihr ging. Sie wurde so zornig, da sie sich nicht beherrschen konnte. Noch nie in ihrem Leben war sie so aufgeregt gewesen; sie fuhr zwar nicht auf die beiden los und schlug und kratzte, aber in Wirklichkeit hatte sie die grte Lust dazu. Ihre Zunge konnte sie indes doch nicht ganz beherrschen, und so sagte sie das Schlimmste, was sie finden konnte. Nie, nie wrde sie die Vabitz Mutter nennen, das war das erste; und das zweite war, da dies eine hchst unpassende Heirat fr ihren Vater sei. Die Vabitz sei die Tochter eines armen deutschen Trompeters, das wisse sie wohl, aber Schneewittchens Vater htte die vornehmste Dame haben knnen, wenn er nur gewollt htte. Und schlielich sagte sie auch noch, die beiden fhlten wohl, da sie unrecht gehandelt htten, sonst htten sie nicht so im geheimen geheiratet. Aber jetzt trat die Gromutter dazwischen. Sie ergriff Schneewittchen bei der Hand und befahl ihr in strengem Ton, mit ihr auf ihr Zimmer zu kommen. Schneewittchen weigerte sich auch nicht, wendete sich aber vorher noch einmal an die Vabitz und sagte, diese habe sich bei ihrem Vater nur durch das gute Essen eingeschmeichelt, und er habe sie nur um dieser feinen Gerichte willen geheiratet. Dann erst ging sie mit der Gromutter. Das war schade, sagte die Pflegeschwester. Man htte sie ruhig weiter machen lassen sollen. Nein, Gromutter fhrte sie fort, und sobald Schneewittchen in deren Zimmer angekommen war, brach sie in Trnen aus. Das war wieder etwas Neues. Noch nie hatte sie so bitterlich geweint. Sie weinte stundenlang ununterbrochen fort, und die ganze Zeit hatte sie das Gefhl, als sei etwas Fremdes, das sie in all den Jahren, die sie bisher gelebt hatte, im tiefsten Herzen verborgen getragen, nun erwacht und habe Gewalt ber sie bekommen. Ja, sie fhlte es ganz deutlich: tief in ihrem Herzen wohnte ein alter Drache oder ein unheimliches Raubtier. Ach, ach! Sie frchtete sich vor diesem Ungeheuer so sehr, da sie das andere Unglck fast darber verga. Die Erkenntnis, da etwas so Ungezhmtes und Gefhrliches in ihrem Herzen wohnte, jagte ihr einen furchtbaren Schrecken ein; das heit, eigentlich konnte sie ja nichts dafr, da es da war; sie durfte es nur nie, nie wieder zum Vorschein kommen lassen. O du grundgtiger Himmel! rief die Pflegeschwester mit zrtlicher Stimme. War denn das Schneewittchen noch nie zornig gewesen? Schlielich sank sie in einen tiefen Schlaf, fuhr die Pfarrerstochter fort, der ihr Vergessen brachte, und aus dem sie erst am nchsten Morgen erwachte, als die Sonne hinter dem Berg aufging und ihr ins Gesicht schien. Da fiel ihr das ganze Unglck wieder ein, und sie wute nicht, was sie tun sollte. Aber sie brauchte sich nicht lange zu besinnen, denn ein paar Minuten spter trat das Zimmermdchen herein und richtete von der Frau Pfarrer aus, das Frulein solle aufstehen und sich an den Webstuhl setzen. Es war noch nicht einmal ganz vier Uhr, so frh war Schneewittchen sonst nie aufgestanden. Sie hatte freilich frher auch gearbeitet, aber nur nach ihrem eigenen Gutdnken, und wie es ihr selbst beliebte. Schon wollte sie wieder zornig werden; aber dann mute sie an die Wildheit in ihrem Herzen denken, und sie bekam Angst, diese knnte wieder losbrechen. Nachdem sie ein paar Stunden am Webstuhl gesessen hatte, verstand sie besser, wie alles gekommen war. Nicht eingeschmeichelt hatte sich Jungfer Vabitz bei ihrem Vater, sondern sie hatte ihm so lange die Wahrheit gesagt, bis ihm die Augen dafr aufgegangen waren, welch eine unschtzbare Sttze sie ihm und seiner Tochter sein wrde. Und da ihr guter Vater nun hatte sehen mssen, wie wenig die Tochter sein kluges Vorgehen zu schtzen gewut hatte, war er gewi jetzt sehr emprt ber sie. Als es sieben Uhr war, wurde Schneewittchen zu ihrem Herrn Vater hineingerufen, um verwarnt und ermahnt zu werden; und etwas anderes hatte sie ja auch nicht erwartet. Der gute Vater war indes schrecklich unbehilflich, als er sie ermahnte, und so wre Schneewittchen fast aufs neue zornig geworden. Sie lie es aber nicht soweit kommen, sondern bat die beiden herzlich um Verzeihung und kte beiden, der Vabitz und dem Vater, die Hand. Ach, sie sah wohl, wie leicht es dem Vater ums Herz wurde, als dieses geordnet war und er wieder Frieden im Hause hatte! Und so etwas kann geschehen, whrend andere Leute nur ein paar Meilen entfernt sind und nichts davon wissen! rief die Pflegeschwester mit trnenerstickter Stimme. Da htte ich dabei sein sollen! Oh, es war recht gut, da niemand da war, der Schneewittchen aufstachelte, versetzte die Pfarrerstochter. Sie war recht froh, sich so vershnlich gezeigt zu haben, denn als sie die beiden beisammen sah, wurde ihr bald klar, wer am meisten zu bedauern war. Nein, nicht sie war am unglcklichsten dran, denn sie war jung, sie konnte sich verheiraten und eine eigene Heimat bekommen; aber bei dem Vater war das ganz anders, er konnte Jungfer Vabitz jetzt nie wieder loswerden, sondern mute sie bis ans Ende seines Lebens behalten. Das bedeutete so viel, als immerfort in grauem Winter ohne Sommersonnenschein leben zu mssen. Ja, ihr Vater war zu bedauern, nicht sie! Aber so vershnlich sie auch sein wollte, so konnte sie doch wieder nicht anders als sich ber ihren Vater rgern, als dieser nach einer Weile ans Kchenkammerfenster kam und sie fragte, ob sie mit ihm spazierengehen wolle. Sie antwortete, es sei ihr unmglich, weil die Mutter befohlen habe, es mten vor dem Frhstck so und so viele Ellen Tuch fertig gewoben sein. Im ersten Augenblick wollte der Vater sagen, sie solle trotzdem nur mitkommen. Aber dann berlegte er sich wohl, da es nicht anging, schon am ersten Morgen die Befehle der Mutter umzustoen. Und so ging er vom Fenster weg und lie Schneewittchen am Webstuhl sitzen. Das aber hatte sie nie und nimmer erwartet! Ach, es war ihr, als mte ihr das Herz aufhren zu schlagen! Nun hatte sie ihren Vater verloren, das fhlte sie deutlich. Hier wurde die Stimme der Pfarrerstochter von Trnen erstickt, und sie verstummte. Auch Anna Brogren sagte nichts mehr, aber sie weinte ganz vernehmlich. Und die Kleine htte auch geweint, wenn sie nicht so groe Angst gehabt htte, die andern wrden es hren. II In der nchsten Nacht erging es der Kleinen kein bichen anders als in der vorigen. Anna Brogren war nicht abgereist, wie es ihre Absicht gewesen war, sondern hatte ihre Heimreise verschoben. Und kaum hatten der Pfarrer und die Pfarrfrau am Abend gute Nacht gesagt, als Anna Brogren auch schon aus dem Gastzimmer in die Kchenkammer heruntergeschlichen kam, um mit ihrer Pflegeschwester zu plaudern. Diesmal gaben sie sich gar nicht erst Mhe zu warten, bis die Kleine eingeschlafen war. Die Prpstin sagte sofort, sie sei nur dageblieben, um die Fortsetzung des schnen Mrchens vom Schneewittchen zu hren, das Maja Lisa ihr in der vergangenen Nacht erzhlt habe. Und zugleich sagte sie auch, Maja Lisa solle nur ohne Verzug anfangen, damit sie heute nacht gewi fertig wrden, denn lnger als bis morgen knne sie durchaus nicht dableiben. Dann erzhlte die Pfarrerstochter weiter. Wenn ich mich recht erinnere, sagte sie, so war Schneewittchen noch nicht lnger als acht Tage wieder daheim, als der Kster Moreus und seine Frau Ulla zu Besuch kamen. Ich kann gar nicht sagen, wie vergngt Schneewittchen war, als sie ankamen. Es stand allerdings jetzt alles wohl und gut zwischen ihr und der Stiefmutter, aber sie mute immerfort arbeiten. Den ganzen Tag hindurch trat sie den Webstuhl und lie das Schifflein an einem groben Drillgewebe hin und her fliegen, und wenn sie sich am Abend zu Bett legte, tat ihr der Rcken bitter weh. Da war es gut, wenn jemand zu Besuch kam, weil sie dann einige Stunden von der Arbeit befreit war. Ach, ach! Schneewittchen dachte im stillen, sie werde sicherlich niemals solche Lust zum Arbeiten bekommen wie die Stiefmutter. Auch wrde sie wohl nie so fingerfertig und geschickt werden wie diese. Die Stiefmutter konnte wundervollen Damast weben mit einer Bordre, auf der die ganze Arche Noah abgebildet war. Schneewittchen merkte wohl, da die Stiefmutter sie fr eine rechte Stmperin hielt; aber sie hoffte trotzdem, die Mutter werde verstehen, wie sehr sie sich Mhe gab, es ihr recht zu machen. Ulla Moreus kannte die Stiefmutter schon von der Zeit her, wo diese noch Haushlterin auf Borg gewesen war, und die beiden verstanden sich gut miteinander. Auerdem war Ulla mit ihrer Schwiegermutter vor ganz kurzem zur Herbstbckerei auf Borg gewesen, da hatte sie viel von der gndigen Frau Grfin zu berichten! Schneewittchen merkte auch wohl, wie sehr sich die Stiefmutter freute, von allen den tollen Streichen zu hren, die die Grfin wieder ausgeheckt hatte. Wenn ich aber die Wahrheit sagen soll, so glaube ich: Wer am vergngtesten ber den Besuch war, war doch ihr Herr Vater. Schneewittchen sah mit Freude, wie er das wrdevolle Benehmen, das er seit seiner Verheiratung angenommen hatte, abwarf und wieder ganz wie frher wurde. Und sie sagte sich: 'Ich wei nicht, wo sich mein Vterchen in der letzten Zeit aufgehalten hat, denn ich bin nicht mehr mit ihm zusammen gewesen, seit wir miteinander nach dem sdlichen Anger gingen, um nach den Mhern zu sehen.' Ach, Schneewittchen wute es nur zu gut! Um ihretwillen wagte der Vater nicht mehr zu lachen oder zu scherzen. Sein Gewissen machte ihm Vorwrfe, weil er ihre Erziehung bisher so schlecht geleitet hatte. Siehst du, er dachte, Schneewittchen wre bei ihrer Rckkehr niemals so auf ihn und die Mutter losgefahren, wenn er sie nicht verwhnt gehabt htte; darum sollte sie von jetzt an streng gehalten werden, das hatte er sich fest vorgenommen, und es war ihm so bitter Ernst damit, da er, wenn sich die Tochter jetzt im Zimmer befand, nie anders als streng und ernsthaft zu sein wagte. Noch vor wenigen Monaten dachte der Vater nicht anders, als seine Tochter sei gerade so, wie sie sein sollte, jetzt aber taugte sie ganz und gar nichts mehr, und der Vater wurde gewi nicht wieder wie frher, bis sie ein ganz neues Wesen bekommen hatte. Als nun Kster Moreus kam, verga der Vater seine schwere Last und war ganz wie frher. Da stieg in Schneewittchen unwillkrlich der Gedanke auf, der Vater msse sie doch recht liebhaben. Denn welchen Zwang legte er sich ihretwegen alle Tage auf! Nein, sie war ihm gar nicht so dankbar, wie sie es eigentlich htte sein sollen. Die Stiefmutter wollte das Abendessen selbst kochen, denn sie wollte Ulla Moreus zeigen, da man frher auf Lvdala nie so gut gespeist hatte wie jetzt. Ulla war die geschickteste Kochfrau im ganzen Kirchspiel, das wute die Pfarrfrau wohl. Und da Ulla berdies bestndig unterwegs war, um bei Hochzeiten und Begrbnissen zu kochen, dachte die Mutter, es lohne sich wohl, aufmerksam gegen Ulla zu sein. Whrend nun die Pfarrfrau am Herd stand, schlug Ulla vor, sie und Schneewittchen knnten indessen eine Weile zur Gromutter gehen. Drben bei der Gromutter machte Ulla ein Paket auf, das sie mitgebracht hatte, um den andern ein Vergngen zu bereiten. Es sei ein prachtvolles Geschenk, das sie von der gndigen Frau Grfin erhalten habe, sagte sie. Ach, nie mute man so herzlich lachen, als wenn Ulla erzhlte, wie wohl angeschrieben sie bei der Grfin sei, und welche schnen Geschenke sie von ihr erhalte. Einmal hatte sie ihr einen Schohund verehrt, der nur mit Sahne ernhrt werden durfte. Ja, ja, das knnte man gutherzig nennen, wenn man ein solches Tier einer Kstersfrau schenkte, die gewilich nicht immer eine Kuh zum Melken hatte! Ich wei nicht, ob es Ulla nicht geradezu leid getan htte, wenn ihr von der Grfin einmal etwas Ntzliches geschenkt worden wre. Ach, wie bermtig war sie, als sie das neue Geschenk auspackte! 'Da seht einmal her!' rief sie. 'So ausstaffiert werde ich knftig auf die Bauernhfe kommen, wenn ich zur Hochzeit koche.' Die Grfin dachte wohl, sie habe etwas ganz Besonderes getan, als sie Ulla diesen Reitanzug schenkte. Es war der englische, den sie in den letzten Jahren immer getragen hatte, ein langer schwarzer Rock, eine enganliegende, mit Zobel verbrmte Jacke nebst einem kleinen Zylinderhut. Der Anzug war aus ausgezeichnetem Stoff gearbeitet und sicher noch nicht vertragen, aber es war doch ein ganz verrcktes Geschenk. Der Rock war bermig lang, Ulla konnte keinen Schritt darin machen, und in der roten Jacke sah sie rasend komisch aus. Doch nun verlangte Ulla, Schneewittchen solle das Kleid jetzt auch anprobieren. Und als sie es angezogen hatte, waren Gromutter und Ulla ganz entzckt. 'Ach, wie schade,' rief Ulla, 'da nicht du dieses groartige Geschenk bekommen hast! Das Kleid sitzt dir ja wie angegossen, gerade als sei es fr dich gemacht.' Schneewittchen mute sich vor den Spiegel setzen, Ulla lockerte ihr das Haar ein wenig und drckte ihr den Hut darauf. 'Seht sie nur an', sagte sie zur Gromutter. 'Sieht sie nicht ganz aus wie eine kleine gndige Grfin? Habt Ihr sie je so niedlich gesehen?' Aber nun sagte Ulla, Schneewittchen drfe das Reitkleid ja nicht wieder ausziehen, bis sie ihr Vater und Moreus darin gesehen htten. Und nun mu ich eins sagen: Schneewittchen htte sich nicht verkleiden sollen; sie wurde jetzt gleich sehr ausgelassen und meinte, sie sei nun jemand ganz anderes. Gromutter und Ulla lachten sich fast krank ber sie, als sie vollends anfing, die gndige Grfin im Sprechen und im Gehen nachzuahmen. Ulla sagte noch einmal, sie wrde es ihr nie verzeihen, wenn ihr Mann das Frulein nicht als Grfin sehen drfte, und sie bestand darauf, Schneewittchen msse jetzt gleich ins Wohnhaus mit ihr hinbergehen. Schneewittchen dachte wohl im stillen: 'Vielleicht hat Vater jetzt, wo er so ernst geworden ist, keinen Gefallen daran, da ich mich verkleide. Frher durfte ich es tun, sooft ich Lust dazu hatte, aber jetzt ist alles anders geworden.' Jedoch sie war mutig, weil Ulla dabei war, und so redete sie sich selbst zu und sagte: 'Es geht doch wirklich nicht an, da du dich so ganz unterdrcken lt. Heute ist ja der Herr Vater wieder ganz wie frher, und er kann doch nichts Unpassendes darin finden, wenn du das Kleid der Grfin angezogen hast.' Auerdem hatte Schneewittchen noch einen weiteren Trost. Sie glaubte, der Stiefmutter werde es nicht mifallen, wenn sie sich auf Kosten der Grfin ein wenig ergtzten. Als sie die Treppe hinuntergingen, kam Ulla ein neuer Gedanke. Sie nahm Schneewittchen mit nach dem Stall und berredete da den langen Bengt, den Rappen zu satteln. Der Rappe war ein dickes kleines Pferd, das den groen Reitpferden auf Borg ganz und gar nicht glich; auch sahen die Sttel des Pfarrhauses mit ihren gepolsterten Sitzen und Lehnen denen der Grfin Mrta durchaus nicht hnlich. Als der Rappe gesattelt und Schneewittchen aufgestiegen war, lief Ulla voraus. Mit lauter Stimme rief sie zur Saal- und zur Kchentre hinein, die Grfin Mrta komme durch die Allee dahergeritten. Ei, ei, ei! Welcher Aufruhr entstand im Pfarrhaus! Die Pfarrfrau ri sich die Kchenschrze so hastig vom Leib, da der Bund abri, und eilte auf die Freitreppe hinaus. Der Pfarrer lief mit solcher Geschwindigkeit herbei, da ihm die Percke ganz schief auf dem Kopf sa, und stellte sich neben seine Frau. Ulla und der Kster Moreus pflanzten sich hinter dem Pfarrpaar auf, und auf der untersten Stufe stand das Zimmermdchen und knickste. Nun hatte Schneewittchen allerdings eine Reitgerte in der Hand, und sie gebrauchte sie auch tchtig; aber deshalb lie sich der Rappe doch nicht aus seinem gemchlichen Schritt bringen, und Schneewittchen dachte, das sei recht gut, denn dadurch wrden ja Vater und Mutter sofort erkennen, wer dahergeritten kam. Aber war es nicht zu komisch! Die Stiefmutter war wohl von dem roten Leibrock, in dem die Grfin nun seit mehreren Jahren immer ausgeritten war, ganz geblendet und merkte nichts. Kaum aber hatte Frulein Schneewittchen mit der Reitgerte gegrt und gerufen: '#Bon jour, monsieur le pasteur!#' wie die Grfin es zu tun pflegte, als die frhere Jungfer Vabitz auch schon alle Stufen heruntereilte und eine Verbeugung machte, als wollte sie in den Boden sinken. Ach, wie soll ich alles beschreiben? Die Mutter war etwas kurzsichtig, das wute Schneewittchen wohl; berdies war es auch Abend und ein wenig dmmerig, aber das konnte sie sich doch unmglich denken, da sie nicht erkannt worden sein sollte. Da dachte sie: 'Der Stiefmutter gefllt es, da ich mich ber die Grfin lustig mache', denn sie wute ja, wie erbost sie auf ihre frhere Herrin war. Nie, nie, nicht mit einem Gedanken fiel es Schneewittchen ein, da die Mutter sich vor ihr verneigen knnte. Und sie stand ja da und strahlte mit dem ganzen Gesicht. So glcklich hatte sie noch niemals ausgesehen. Schneewittchen sprang ohne Hilfe aus dem Sattel, ganz wie die gndige Grfin, und warf die Zgel dem langen Bengt zu. Dann wandte sie sich an die Pfarrfrau, reichte ihr die Hand und sagte: '#Eh bien#, Raclitz, wie geht es Ihr in der neuen Stellung?' Aber denk' dir, kaum hatte Schneewittchen das gesagt, als sich die Mutter auch schon niedergebeugt und ihr die Hand gekt hatte! Da endlich begriff Schneewittchen! Die Mutter hatte sich tuschen lassen und glaubte, die Grfin selbst sei gekommen, sie zu besuchen. Durch diese Erkenntnis wurde Schneewittchen so bestrzt, da sie ausrief: 'Aber Frau Mutter, ich bin es ja nur!' Da richtete sich die Mutter blitzschnell auf und schleuderte Schneewittchens Hand weg. Noch einen einzigen Blick warf sie der Stieftochter zu, dann wendete sie sich jh um, strmte die Treppe hinauf und eilte in die Kche hinein. Nun versammelten sich die andern, der Vater, der Kster Moreus und Ulla um Schneewittchen, und alle lachten herzlich ber die Verkleidung. Ach, ach! Ein kleines Weilchen noch mute sie ihre Rolle weiterspielen, weil ihr guter Vater so erfreut aussah. Aber eigentlich war sie wie versteinert; der Blick der Stiefmutter hatte ihr eine furchtbare Angst eingejagt, und sie dachte: 'Nun habe ich mir die Mutter zum Feind gemacht. Sie macht sich zwar nichts daraus, wenn man sie ein bichen neckt, wenn sie aber jemand geradezu fr Narren hlt, wird sie es ihm nie verzeihen.' Hier machte die Pfarrerstochter eine Pause, wie um zu hren, was die Pflegeschwester ber die Geschichte denke. Eigentlich sollte man nur herzlich darber lachen, sagte Anna Brogren, aber ich kann es doch nicht, es wird mir im Gegenteil angst und bang dabei. Erzhle nur rasch weiter, damit ich erfahre, wie schlimm es dir -- nein, ich meine, wie es Schneewittchen ergangen ist. Und die Pfarrerstochter erzhlte weiter: Ja, ich mu dir wirklich erzhlen, was sich Ende September Sonderbares ereignete. Es ist zwar gar nichts Wichtiges, das wirst du gleich merken; aber ich glaube, es hat Schneewittchen doch den Mut etwas gestrkt. Sooft ihr nmlich dieses Erlebnis wieder in den Sinn kam, sagte sie sich: 'Es ist doch gut, da noch jemand auf dem Hofe ist, der keine Angst vor der Stiefmutter hat.' Denn alle andern, ihr Herr Vater nicht ausgenommen, hatten ja Angst vor ihr, das sah sie nur zu deutlich, und eins mute sie auch zugeben: Die Stiefmutter war wirklich uerst besorgt um den Vater und bewachte ihn so sehr, da er sich kaum noch zu rhren wagte. Aber ach, wie ngstlich htete sich der gute Vater auch, nein zu sagen, wenn die Stiefmutter etwas wollte. Ja, das war alle Tage deutlich zu erkennen, aber nie deutlicher als damals, wo er ihr die Erlaubnis zum Branntweinbrennen gab. Jedermann auf dem Hofe sagte, wenn jemand anders als die Stiefmutter ihn darum angegangen htte, wrde er niemals eingewilligt haben, denn er sei von jeher dagegen gewesen. Wenn ihm in frherer Zeit jemand mit diesem Vorschlag gekommen sei, habe er immer ganz verdrielich gesagt: 'In einem Pfarrhaus solle man die Feldfrchte zum Brotbacken und Grtzekochen verwenden, aber nicht zu diesem unglckseligen Getrnke, das nur allen Menschen zum Verderben erfunden worden ist.' Der gute Vater hatte sicher dasselbe auch zu der Pfarrfrau gesagt, sie aber hatte sich nicht abschrecken lassen. Sie sagte, wenn der Pfarrer den Branntweingenu in seinem Hause ein fr allemal abschaffen wollte, dann wrde sie ihm gewi beistimmen, da er nun aber doch Branntwein im Hause habe, sowohl fr die Gste als auch frs Gesinde, knnte man ihn doch ebensowohl selbst herstellen, denn wenn man ihn zu Hause brenne, koste er nur die Hlfte. So sprach sie, und sie quengelte so lange darum, bis der Vater nachgab. Als nun zum erstenmal Branntwein gebrannt werden sollte, entlehnte die Pfarrfrau von einem Nachbarhof einen Kessel mitsamt Hut und Rohr, und sobald er da war, machte sie sich an die Arbeit. Whrend das Maischen und Gren im Gang war, lie sie der Braumagd keinen Augenblick Ruhe, und als destilliert wurde, stand sie die ganze Zeit selbst im Brauhaus drben. Nein, sicher htte ihr niemand vorwerfen knnen, sie schone sich in irgendeiner Weise! Der Vater dagegen sa die ganze Zeit, solange die Branntweinbrennerei dauerte, in seinem Zimmer und tat seiner Frau nicht ein einziges Mal die Ehre an, den Kopf zur Brauhaustr hineinzustecken und um eine Probe von dem Getrnke zu bitten. Daran merkte die Pfarrfrau wohl, da er noch immer gegen die Sache war. Und ber etwas anderes war sie auch nicht im Zweifel: Sobald nur ein einziger Mensch auf dem Hofe nur im geringsten beduselt wre, wrde er sofort kommen und das ganze Verfahren einstellen und verbieten. Deshalb wachte die Mutter mit Argusaugen darber, da keines von denen, die ihr halfen, zu oft eine Kostprobe bekam; und da alle Leute einen Riesenrespekt vor ihr hatten, gelang es ihr auch, die Ordnung die ganze Zeit ber aufrechtzuerhalten. Nur ein einziges kleines Migeschick ereignete sich. Die Mutter war mit der Klrung schon ganz fertig und hatte nichts mehr zu tun als den Branntwein in groe Flaschen und Krge zu fllen. Auerdem wollte sie auch noch den 'Nachtropfen' versorgen; da er aber noch warm war, fllte sie ihn in einen Eimer und stellte diesen zum Abkhlen vor die Brauhaustre. Gleich darauf kam der lange Bengt am Brauhaus vorber. Es zog ihn mit aller Macht zu dem Eimer hin; aber sofort stand die Mutter unter der Tr. 'Lieber Bengt', sagte sie. 'Ihr werdet doch davon nicht trinken wollen? Das ist nicht fr Menschen, es ist nur das Splicht.' Der lange Bengt machte ein einfltiges Gesicht und ging weiter, indem er sagte, er sei eben auf dem Wege nach dem Stall, und es sei doch wohl nichts Strafbares, wenn er am Brauhaus vorbeigehe. Danach ging er auch richtig in den Stall und holte eine Heugabel, die die Stallmagd von ihm entlehnt hatte. Diese Heugabel wollte er in die Scheune zurcktragen. Als nun aber der lange Bengt das Gittertor zum Wirtschaftshofe ffnete, traf er mit dem groen Bock zusammen, der, die Nase zwischen den Gitterstben, nach dem Brauhaus hinber schnupperte. Es war ein schner Tag, alle Ziegen waren im Freien, und die ganze Schar hielt sich in der Nhe eines Reisighaufens auf, nur der groe Bock stand an dem Gatter. Aber es ist ein wahres Rtsel, wie der lange Bengt so ungeschickt sein konnte! Er machte das Gittertor gerade so weit auf, da der groe Bock sich neben ihm durchdrngen konnte, und danach gab er sich gar keine Mhe, ihn wieder zurckzutreiben, was er doch eigentlich htte tun mssen, sondern er sah nur nach, ob die andern Tren alle geschlossen waren, damit der groe Bock nicht in Vaters Obstgarten und nicht auf der Mutter Kohlbeete kommen knnte. Wahrscheinlich dachte er, es knnte nichts schaden, wenn der Bock ein bichen auf dem Rasen im Hof weidete. Und nun sollst du hren! Der groe Bock wrdigte das Gras nicht eines einzigen Blickes, sondern sprang in kurzem Trab geradeswegs auf das Brauhaus zu. Und er kam so leicht und elegant dahergetrippelt, da die Mutter ihn gar nicht hrte, obgleich die Brauhaustr angelehnt war. Dieser Bock war von jeher ein richtiger Schlauberger gewesen. Beim Saufen schlapperte er weder wie ein Hund, noch schlrfte er wie ein Pferd, sondern er trank so leise, da niemand merkte, was er tat. Auf diese Weise hatte er manche Kanne Milch hinter dem Rcken der Viehmagd ausgetrunken, und jetzt gelang es ihm, den ganzen 'Nachtropfen' in aller Ruhe auszutrinken, ohne da die Pfarrfrau auch nur eine Ahnung davon hatte, was geschah. Als er jedoch den ganzen Eimer ausgetrunken hatte, fing er nach seiner Gewohnheit zu meckern an; denn wenn er einen losen Streich ausgefhrt hatte, dann wollte er auch sehen, wie rgerlich und aufgebracht die andern ber das, was er angestellt hatte, waren, sonst machte es ihm keine Freude. So meckerte er also lustig drauflos, und im nchsten Augenblick stand die Mutter auf der Schwelle und sah, da der Eimer leer war. Da ergriff sie eine lange schwarze Backschaufel, die immer in der Ecke hinter der Brauhaustr stand, und wollte den groen Bock damit zchtigen. Aber nach der groartigen Bewirtung, die diesem zuteil geworden war, meinte er gewi, die Mutter knnte nicht im Ernst bse sein, und so stellte er sich auf die Hinterbeine vor ihr auf und begann zu tanzen. Nun war ja der groe Bock ein altes groes Tier, und es war nicht immer so angenehm, wenn man mit ihm zusammentraf. Die Mutter schlug mit der Backschaufel nach ihm, und wer den groen Bock kannte, mute nun glauben, die Sache wrde kein gutes Ende nehmen. Auch eilten nun alle, der Vater und Schneewittchen mitsamt den Mgden, eiligst aus dem Wohnhaus herbei, um der Pfarrfrau beizustehen. Der groe Bock tat ihr indes nichts zuleide, sondern tanzte nur vor ihr auf und ab, und da machte der Vater den andern ein Zeichen, sie sollten zurckbleiben und sich nicht in das Spiel mischen. Zugleich rief er der Mutter zu, sie solle sich rasch ins Brauhaus zurckziehen, solange der Bock noch in seiner guten Laune sei. Aber die Pfarrfrau kmmerte sich nicht um diese Warnung, und schlielich gelang es ihr, dem Bock einen recht harten, empfindlichen Schlag zu versetzen. Da lie er sich auf alle viere nieder; aber damit war nicht viel gewonnen, denn im nchsten Augenblick sprang er mit einem Satz ins Brauhaus hinein und bentzte da seine Hrner dazu, so viele von den mit Branntwein gefllten Flaschen und Krgen umzustoen, als er nur erreichen konnte. Und kaum war die Mutter hinter ihm hereingekommen, als er auch schon wieder hinauswitschte. Und der groe Bock war schlau! Er wute recht wohl, nun hatte die Mutter mit dem Aufrichten aller der umgestoenen Gefe sehr viel zu tun, da war er eine Weile sicher vor ihr und konnte in aller Ruhe seiner guten Laune die Zgel schieen lassen. Zuerst blieb er vor der Brauhaustr ein paar Sekunden lang ruhig stehen und schaute sich um, dann schritt er langsam und ernst die Anhhe zum Wohnhaus hinauf. Der groe Bock hatte meistens ein wrdiges und feierliches Benehmen, und das kam ihm wohl zustatten, denn man htte von einem so stattlichen Tier ja nie geglaubt, da es je daran dchte, einen losen Streich auszuhecken. Aber noch nie hatte man ihn so groartig gesehen wie jetzt. Er hob einen Fu um den andern langsam hoch auf, trug den Kopf stolz zurckgelegt, streckte die Nase in die Luft und protzte gleichsam mit seinem langen Bart und seinen groen Hrnern. Es blinkte allerdings etwas unruhig in seinen Augen, und der hintere Teil seines Krpers schlenkerte hin und her. Der Vater glaubte, der Bock sei auf dem Wege zu seinen Ziegen im Wirtschaftshof; deshalb rief er Schneewittchen und den andern Frauenzimmern zu, sie sollten dem Bock aus dem Wege gehen und ihn nicht scheuchen. Wenn aber der groe Bock diese Absicht gehabt hatte, dann nderte er sie jedenfalls, denn als er an der Freitreppe des Wohnhauses vorberkam, sah er, da der, der zuletzt herausgeeilt war, um ihn fortzujagen, die Haustr offen stehen gelassen hatte. Und war er eben noch ganz ernsthaft dahingeschritten, so machte er jetzt pltzlich einen Satz und sprang die Stufen hinauf geradeswegs ins Haus hinein. Sofort strzte die ganze Schar der Mgde hinter ihm drein, um ihn hinauszujagen. Da floh der Bock die Bodentreppe hinauf; als sie ihn aber auch auf den Bodenraum verfolgten, sprang er zum Bodenfenster hinaus. Und als er diesen Sprung machte, gab er sich gar nicht erst Mhe, zu sehen, wie weit es von da auf die Erde hinunterging. Aber dieses Tier hatte immer Glck, und so war es auch gerade an das Fenster gekommen, das direkt ber dem Dach des Hauseingangs war. Es war ein kleines, steil abfallendes Dach mit einem ganz schmalen Giebelspie in der Mitte, und auf diesen kam der Bock in seinem Sprung zu stehen. Er konnte von da keinen Schritt machen, ohne herunterzufallen, weder nach rechts noch nach links, und ebenso unmglich schien es auch, da er wieder auf den Bodenraum zurckgelangen knnte. 'Rasch hinein mit dir!' rief der Pfarrer und drohte ihm mit dem Stock. Aber der Bock blieb da stehen, wo er stand. Die Mgde waren voller Schrecken darber, wie es nun gehen wrde, wieder aus dem Haus herausgelaufen. Aber der groe Bock sah ganz vergngt aus; er drehte nur den Kopf und zwinkerte ihnen zu, und man konnte wohl sehen, wie sehr er sich ber ihr Entsetzen freute. Indessen hatte die Pfarrfrau ihre Flaschen wieder aufgerichtet und trat nun, mit der Backschaufel in der Hand, heraus, um den Bock zu vertreiben. Aber als dieser sie sah, zwinkerte er nur noch lustiger als zuvor; in diesem Augenblick hatte er nicht den geringsten Respekt vor ihr. Sie aber schwang die Backschaufel noch einmal gegen den Bock; in demselben Augenblick zog dieser die Beine an, flog wie ein Pfeil durch die Luft und landete dicht vor der Pfarrfrau auf dem Boden. Kaum war er unten angelangt, als er sich auch schon auf die Hinterbeine aufrichtete und der Mutter einen Sto versetzte, da sie umfiel. Darauf sprang er nach dem Wirtschaftshof davon, war mit einem Satz bers Gatter weg und tanzte dann seinen Ziegen noch mehrere Minuten lang etwas vor. Aber im ersten Augenblick dachte niemand mehr an den Bock. Alle rannten herbei, der Mutter aufzuhelfen. Und wer von allen zuerst zur Stelle war, das war Schneewittchen. Aber die Mutter stie sie heftig zurck und rief: 'Verstelle dich nur nicht! Ich wei wohl, wie du gegen mich gesinnt bist, denn ich sehe, da du dich ber meinen Unfall freust! Ja, lache nur, solange du kannst, ich wei jemand, der dich zum Weinen bringen wird!' Und es ist allerdings wahr, Schneewittchen sah nicht so schrecklich ngstlich aus. Sie hatte ja ber den Bock lachen mssen, und da war ihr Gesicht noch nicht wieder ganz ernsthaft geworden. Aber die Worte ihrer Stiefmutter gengten, sie fr den ganzen brigen Tag betrbt zu machen. Und du, meine liebe Pflegeschwester, wirst wohl verstehen, da dieses dem Schneewittchen nicht gerade neuen Mut einflte. Nein, das tat ein Traum, den sie in der folgenden Nacht hatte. Da sah Schneewittchen wieder den Bock vor sich, wie er da droben auf dem Dachfirst des Hauseingangs stand; aber jetzt war es kein wirklicher Bock mehr, sondern alle Freudigkeit und aller Humor, die von jeher in diesem Hause gewohnt hatten, waren da auf das Dach hinausgestiegen und machten sich ber die Stiefmutter lustig. Und der Bock in Schneewittchens Traum konnte sprechen, und er sagte zu der Stiefmutter, es werde ihr nicht gelingen, dieses Haus zu einem kalten, harten Gefngnis zu machen, wie sie es gerne mchte, denn es sei zuviel von dem alten Geiste da, der leiste ihr Widerstand. Und als Schneewittchen dann erwachte, dachte sie, das sei ganz wahr, und nun war es ihr, als sei sie nicht mehr so ganz allein in ihrem Kampf gegen die Stiefmutter. Und du kannst dich darauf verlassen, sobald ich Schneewittchen wieder besuche, werde ich dem groen Bock ein paar Brotlaibe mitbringen! sagte Anna Brogren, als die Pfarrerstochter eine Pause machte. Ach, ich frchte, dieser Schmaus kommt zu spt, versetzte die Pfarrerstochter; denn im letzten Brief, den ich von Schneewittchen bekam, berichtete sie gerade, die Stiefmutter habe den groen Bock schlachten lassen. Ei, sieh, ei, sieh! sagte die Prpstin nachdenklich. Aber tat denn Schneewittchens Vater gar nichts dagegen und lie den Bock einfach schlachten? Ich sage dir, jetzt bekomme ich wirklich Angst, diese Stiefmutter werde Schneewittchen noch einmal etwas Bses antun. Aber da entgegnete die Pfarrerstochter rasch: Ach nein, dem Schneewittchen tut sie wohl nichts zuleid; sie meint im Gegenteil, Schneewittchen denke an nichts anderes, als wie sie die Stiefmutter recht rgern knnte. Das mte sie doch besser wissen. Ach, es trifft sich auch immer so schlimm fr Schneewittchen; und ich will dir gleich noch eine Geschichte erzhlen, damit du siehst, wie unglcklich es Schneewittchen immer geht. Ja, ich will die Geschichte bis zu Ende hren, versetzte die Prpstin; aber ich sehe eben doch, da Schneewittchen in Gefahr ist und nicht ihre Stiefmutter. Du weit doch, fuhr die Pfarrerstochter fort, da Schneewittchens Vater selbst den ganzen Garten des Pfarrhofs angelegt hat. Ihm allein hatte man die Stachelbeeren und Johannisbeeren und die herrlichen Erdbeerlnder und die Gewrzbeete sowie auch den Rosengarten auf der Westseite des Hauses zu verdanken. Aber das prchtigste von allem waren doch die Apfelbume. Der Vater hatte alle selbst gepflanzt und gepfropft, und weit und breit gab es gewi keine so herrlichen pfel wie die des Pfarrgartens. Wenn Schneewittchen von diesen pfeln a, meinte sie immer, sie seien aus lauter Sonnenschein und Sommerwrme bereitet. So schne pfel wie in diesem Sommer hatte Schneewittchen noch nie in ihres Vaters Garten gesehen. Ach, die herrlichen Paradiespfel, die Astrachaner und Goldparmnen, die Renetten und Winterpfel! Die Bume hingen zwar vielleicht nicht ganz so voll wie sonst, aber die Frchte waren darum um so schner. Nicht ein einziger Apfel war wurmig; alle waren gleich gro und schn geformt. Alle Astrachaner leuchteten durchsichtig hell, alle Goldparmnen glnzten goldgelb, alle Paradiespfel schimmerten dunkel grnlichrot, und alle Winterpfel hatten glhend rote Bckchen. Ja, wirklich, die pfel waren so wundervoll, da man in der ganzen Gegend davon sprach. Gro und schn glnzten sie bis auf die Strae hinaus, und die Vorbergehenden kamen oft in den Hof herein und baten, ob sie nicht in den Garten hineingehen und die pfel ansehen drften. Aber nun mu ich etwas sagen. So schn und gut die pfel auch waren, so hatten die Pfarrleute doch auch ihren rger damit, und in den andern Jahren war immer eine groe Menge von den pfeln des Pfarrgartens gestohlen worden. In diesem Jahr jedoch kam kaum ein einziger Apfel weg, denn die Pfarrfrau hielt unermdlich Wache darber. Von Ende August an, wo die pfel allmhlich reif wurden, war sie immer drauen im Obstgarten, und sie wachte auch jede Nacht dort. Ja, sie tat sogar noch mehr als das. Sie htete die pfel auch vor den Hausbewohnern. Die Gattertren wurden mit Vorlegschlssern versehen, und die Schlssel dazu verwahrte die Pfarrfrau in ihrer eigenen Tasche. Wenn sie dann einen recht sen schimmernden Astrachaner fand, brach sie ihn wohl fr den Vater; aber weder Gromutter Beata noch Schneewittchen bekamen je auch nur einen einzigen Apfel zu kosten. Ach, in den andern Jahren hatte man zwar keine so schnen pfel, aber mehr Freude davon gehabt! Da war niemand auf den Hof gekommen, der seine Lust nach einem Apfel nicht htte stillen drfen. Und man gab nicht nur den eigenen Hausbewohnern, sondern wer nur zu Besuch kam, durfte die pfel versuchen, und die meisten erhielten auch ein Bndelchen mit auf den Weg. Aber nicht einmal dann bekam irgend jemand einen davon zu essen, als die pfel von den Bumen gebrochen wurden, denn diese Arbeit besorgte die Pfarrfrau ganz allein. Sie zog Handschuhe an und brach jeden einzelnen Apfel sehr frsorglich von seinem Ast, damit keiner angestoen oder verletzt wurde. Schneewittchen kam es freilich ein wenig bitter vor, da sie gar keine von den pfeln bekam, whrend sie noch die erste Sommerse hatten; aber sie trstete sich mit dem Gedanken, wie schn es dann sein wrde, wenn sie im Sptjahr und den ganzen Winter hindurch pfel zu essen htten. Die Stiefmutter verstand sie auch sicher so gut aufzubewahren, da sie nicht faulten. Aber die Mutter hatte andere Plne mit den pfeln, das mute Schneewittchen bald merken. Nein, nicht im Pfarrhaus sollte all das schne Obst gegessen werden, daran dachte die Pfarrfrau keinen Augenblick. Der Pfarrer htte gewi auch seine pfel gerne daheim behalten wie in den andern Jahren. Aber die Pfarrfrau hatte ausgerechnet, da man Geld damit verdienen knnte, und so wollte sie die ganze schne Obsternte auf dem Brobyer Markt verkaufen. Und es geschah, wie die Mutter es wollte. Mit zwei schwerbeladenen Wagen voll pfel nebst einem Knecht und einer Magd, die ihr beim Verkauf helfen sollten, fuhr sie zu Markte. Als sie auf dem Marktplatz angekommen war, stellte sie einen Tisch auf, ffnete die Kisten und Fsser und legte die pfel zum Verkauf aus. Nein, sie frchtete sich wirklich vor keiner Arbeit! Grobe Handschuhe an den Hnden und einen groen Schal umgebunden, stand sie hinter dem Tisch und bot die pfel feil. Sie konnte sich einfach nicht dazu entschlieen, jemand anders mit dieser Sache zu betrauen. Und ich mu sagen, die Ware konnte sich sehen lassen, und die Pfarrfrau konnte stolz darauf sein. Wundervoll im herrlichsten Rot und Grn und Gelb und Wei leuchtete es von ihrem Stand, und die Leute strmten schon der Augenweide wegen herbei. Auf den groen Brobyer Markt kamen immer die Grtner von den srmlndischen Schlssern und von den groen Herrenhfen von Nsset; aber keiner von allen konnte so schnes Obst auslegen wie die Pfarrfrau. Sobald sie alles zum Verkauf bereit hatte, eilte auch gleich eine Menge Leute herbei und fragte nach dem Preise der pfel. Aber da verlangte sie einen so hohen Preis, da die Leute ganz bestrzt wurden und nicht kaufen wollten. Und siehe, schlielich mute die Pfarrfrau wirklich trotz ihrer wundervollen Auslage sehen, wie die Marktbesucher ihre Einkufe bei ihren Nachbarn machten! Aber sie gab nicht nach und setzte ihren Preis nicht um einen einzigen Heller herunter, ja, sie verlangte gerade doppelt soviel wie alle andern. Sie dachte wohl, spter am Tage, wenn die Fremden ihr Obst verkauft htten, wrden ihre pfel schon an die Reihe kommen. Vielleicht rechnete sie auch noch mit etwas anderem. Sie wute wohl, wieviel Branntwein immer auf dem Brobyer Markt getrunken wurde, und da mittags um zwlf Uhr kaum noch ein nchterner Mann da zu finden war, und so meinte sie, die Bauersleute wrden es am Nachmittag nicht mehr so genau mit dem Gelde nehmen. Und es sah auch aus, als sollte Schneewittchens Stiefmutter recht behalten. Je spter es wurde, desto mehr Leute versammelten sich um ihren Stand. In erster Linie alle Kinder, Jungen und Mdchen, die auf dem Markt waren. Diese standen um den Tisch herum, mit einem Finger im Mund, und schauten gar sehnschtig nach den pfeln hinber, es htte einem wirklich das Herz rhren knnen. Die Kinder hatten natrlich nichts, um zu kaufen, aber es standen auch Erwachsene herum, die ihre Augen nicht von dem schnen Obst abwenden konnten. Immer wieder trat der eine oder der andere nher und fragte nach dem Preis. Aber die Pfarrfrau blieb dabei und verlangte ebensoviel wie am Morgen. Jetzt, wo alle andern pfel verkauft waren, wollte sie nicht abschlagen, denn sie war fest berzeugt, da sie nun doch noch an die Reihe kme. Schneewittchens Stiefmutter sah wohl, wie aller Gesichter um sie her vor Verlangen nach den pfeln glhten, und jeden Augenblick dachte sie: 'Jetzt knnen sie nicht mehr widerstehen, es mu nur erst einer anfangen.' Aber es whrte lnger und immer lnger, und schlielich glaubte sie selbst, sie msse am Ende mit ihren schnen pfeln wieder heimfahren. Doch nun wollte sie einen letzten Versuch machen, und so trug sie der Magd auf, Frulein Schneewittchen zu holen, die zwischen den Marktbuden umherging, um fr alle daheim, die nicht mit auf den Jahrmarkt gedurft hatten, kleine Geschenke einzukaufen. Als Schneewittchen zu ihrer Stiefmutter hinkam, sagte diese, Schneewittchen solle jetzt eine Weile ihre Stelle einnehmen und die pfel verkaufen; sie habe nun solange auf einem Fleck gestanden und ganz kalte Fe bekommen, sie msse sich deshalb ein wenig Bewegung machen. Ach, Schneewittchen war es auerordentlich zuwider, da auf dem Brobyer Markt verkaufen zu sollen! Aber sie wagte sich der Mutter nicht zu widersetzen. So zog sie denn deren Handschuhe an, band sich den Schal um und nahm den Platz hinter dem Tisch ein. Und nach vielen Ermahnungen, sich streng an den festgesetzten Preis zu halten, durchaus nicht mit sich handeln zu lassen und selbst keine pfel zu essen, ging die Stiefmutter ihres Wegs. Aber wenn die Mutter gedacht hatte, die Leute wrden von ihrer Stieftochter eher kaufen als von ihr, dann hatte sie sich verrechnet. Das Frulein mute hinter ihrem Tisch stehen und ihre pfel bewachen, konnte jedoch nicht einen einzigen davon verkaufen. Es ging ihr genau wie der Mutter; der dichte Kreis von groen und kleinen Leuten verringerte sich zwar nicht, aber niemand kaufte. Doch nun kamen zwei halbbetrunkene Bauernburschen mit ihren Mdchen am Arm daher und drngten sich durch den Haufen der Herumstehenden vor. Es war eine laute, ausgelassene Gesellschaft, die Burschen hatten Geld in der Tasche, mit dem sie klimperten, und sie waren in der richtigen Laune, etwas draufgehen zu lassen. Schneewittchen bekam zwar Angst vor ihnen und wre am liebsten davongelaufen, blieb dann aber doch stehen, in der Hoffnung, nun endlich etwas zu verkaufen. Die jungen Leute drngten sich auch ganz bis zum Tisch hin, und der vorderste fragte gar nicht nach dem Preis, sondern legte sofort seine groe Faust auf einen Haufen der schnsten pfel. Zugleich sah er die Pfarrerstochter an und versuchte so nchtern und bieder wie nur mglich auszusehen. 'Woher sind denn diese pfel?' fragte er. Und die Pfarrerstochter antwortete, sie seien aus ihres Vaters Garten. 'Ja, da bin ich schon oft gewesen, ich kenne Euren Vater und auch Euch recht wohl. Das ist ein guter Mann, Euer Vater.' Schneewittchen erwiderte einige freundliche Worte, denn es gefiel ihr, da der Bursche so gut von ihrem Vater sprach. 'Ja, Ihr und Euer Vater seid alle beide gute Leute', fuhr der Bursche fort. 'Ja, Ihr seid so gut, da Ihr es einem armen Burschen wohl gnnet, Eure pfel zu versuchen, ohne dafr zu bezahlen.' Und ehe Schneewittchen recht begriff, was er im Schilde fhrte, hatte er eine Handvoll der schnen pfel ergriffen und war auf und davon gelaufen. Und das Mdchen, das er am Arm gehabt hatte, packte auch rasch ein paar pfel und lief hinter ihm drein. Ganz ebenso machte es dann auch das nchste Paar. Aber Schneewittchen war auf so etwas natrlich gar nicht gefat gewesen. Wie htte sie sich das denken knnen! Sie war ganz auer sich, als diese Burschen und Mdel sich mit so vielen pfeln, fr die sie kein Geld bekommen hatte, aus dem Staube machten. Im ersten Augenblick wollte sie ihnen nachlaufen, um ihnen die pfel wieder abzujagen; sie wagte es aber doch nicht, sondern schickte den Knecht und die Magd nach, die hinter ihr standen. Zugleich aber sah sie, da der ganze Volkshaufen sich noch nher an den Tisch herandrngte. 'Jetzt kaufen sie doch noch', dachte sie, und ihr gesunkener Mut hob sich wieder. Aber die und kaufen! Oh, kein Gedanke, sondern sie sprangen vor, packten so viele pfel, als sie konnten, und riefen zugleich, sie und ihr Vater seien ja so gut, da verlangten sie sicher nicht, da arme Leute so ein paar pfel bezahlten. Und alle die kleinen Jungen, die sich den ganzen Tag lang an den pfeln fast blind gesehen hatten, rissen ihre Mtzen herunter und fllten sie sich; und alle die kleinen Mdchen, denen vor lauter Begierde das Wasser im Munde zusammengelaufen war, strzten auch vor und strichen sich die pfel ungezhlt in ihre Schrzen. Schneewittchen legte sich weit ber die pfel vor, um sie mit ihrem Krper zu beschtzen. Aber was half das? Sie weinte und bat und rief, sie machten sie unglcklich. Aber wer fragte danach? Es waren nicht nur kleine Buben und Mdel, die die pfel an sich rissen, sondern auch Erwachsene, und alle lachten vergngt und hielten die ganze Sache nur fr einen kleinen Jahrmarktsscherz. Und sooft wieder jemand einen Apfel packte, rief er ihr zu, sie und ihr Vater seien ja so gute Leute, da sie ihnen wohl ein paar pfel gnnten. Schneewittchen schlug um sich, und Schneewittchen rief nach Hilfe, aber die pfel waren verloren. Die Marktleute stlpten den Tisch um, wlzten die Kisten und Fsser herbei und rissen die pfel an sich. Es waren auch viele Raufbolde auf dem Markt, die sich nun mit in den Tumult mischten. Da gab es Streit und eine wilde Schlgerei, und Schneewittchen mute sich zurckziehen und ihre pfel im Stich lassen, sonst wre sie zertreten worden. Gerade da kam die Mutter zurck und fand die Stieftochter ausgeplndert, verlassen und vor Zorn und Entsetzen laut weinend. Die Stiefmutter fate sie am Arm und schttelte sie. 'Warte nur, bis wir heute abend nach Hause kommen,' sagte sie, 'da werde ich dich lehren, meine pfel zu verschenken!' Und man konnte sich ja ber den rger der Stiefmutter nicht wundern; aber Schneewittchen war es recht schwer, da die Mutter glaubte, sie habe es mit Absicht getan. Ach, war das eine schwere Heimfahrt vom Markte! Sie saen miteinander im Wagen, der Vater, die Mutter und Schneewittchen. Im Anfang versuchte der Vater, die andern wie sonst freundlich zu unterhalten. Aber die Mutter sa stocksteif mit fest zusammengekniffenen Lippen in der Wagenecke und erwiderte kein Wort. Schneewittchen aber weinte nur immerfort. Der gute Vater konnte sich gar nicht einmal sosehr grmen; auch ergtzte er sich wohl ein wenig darber, da die Leute gerufen hatten, er sei gar so gut und gnne ihnen die pfel gewi auch ohne Bezahlung. Auerdem versuchte er wohl auch, sich den Mut aufrechtzuerhalten, indem er alle Marktleute, an denen sie vorberfuhren, anredete und sie fragte, ob sie ihre Khe gut verkauft, was sie fr ihre Schafe bekommen und ob sie nicht auch einige von seinen pfeln gesehen htten. Aber nach einiger Zeit wurde Vater sonderbar still; er wendete sich nach der Mutter um und sah sie lange unverwandt an. Dann starrte er wieder lange vor sich hin, und da sah er pltzlich alt und mde aus. Wieder nach einer Weile merkte ich, da Vater jetzt auch mich lange und betrbt ansah. Es war, als wolle er mir ganz bis auf den Grund meines Herzens sehen. Dann sagte er pltzlich: 'Du wirst deiner Mutter sehr hnlich', und er nahm meine Hand zwischen seine beiden und streichelte sie ganz sachte. Es war, als wollte mich der gute Vater beruhigen und mich frhlich machen. Und ich dachte: 'Der Herr Vater versteht, da ich es nicht mit Absicht getan habe; er wei, da ich nicht so bin.' Er behielt meine Hand in der seinigen, bis wir zu Hause ankamen. Aber er beugte sich immer weiter vor, und als wir daheim waren, sank er ganz zusammen und machte keinen Versuch, auszusteigen, als Mutter und ich aufstanden. Ich glaubte, er sei tot. Aber so schlimm war es doch nicht, obgleich es wohl nahe genug daran gewesen war. Hier machte die Pfarrerstochter eine Pause. Ihre Stimme bebte, und sie brauchte Zeit, sich zu beruhigen, ehe sie weitersprechen konnte. So, nun weit du, wie es mir hier geht, sagte sie dann. Die Stiefmutter mag mit mir machen, was sie will, ich kann bei Vater nicht klagen, denn ich frchte, der Schlag knnte ihn dann wieder treffen wie damals, als er vom Brobyer Markt nach Hause fuhr und an unseren Unfrieden dachte. Aber sieht er es denn nicht selbst? Das ist wohl mglich, aber er kann nichts mehr tun. Es sieht jetzt aus, als sei er wieder gesund, aber ich wei wohl, wie schwach er ist. Niemals kann Vater wieder so werden, wie er an jenem Morgen war, als wir miteinander zu den Mhern auf den sdlichen Anger hinausgingen. Der Pfarrer von Svartsj Der Silvesterabend war herangekommen, und am Vormittag steckte der Pfarrer den Kopf durch die Kchentre herein und fragte: Was ist denn aus dem kleinen Sausewind geworden? Ich habe sie nicht auf der Schlittenbahn gesehen. Sie wird doch nicht mit euch andern Frauenzimmern vom Morgen bis Abend daheim sitzen sollen? Nach der Kleinen fragte er. Gleich am ersten Tage nach ihrer Ankunft auf Lvdala hatte er sie mit sich genommen und ihr in der Geschirrkammer einen Schlitten hervorgesucht, und seither kam er jeden Vormittag und ermahnte sie, doch hinauszugehen und Schlitten zu fahren. Jetzt nahm er gleich auch die Gelegenheit wahr, die Haushlterin und die Mgde ein wenig zu necken, indem er sagte, sie wollten offenbar am liebsten den ganzen Tag in der Kche schmoren. Da erhielt er zur Antwort, die Kleine wre sicherlich wie gewhnlich mit dem Schlitten drauen, wenn nicht heute ihre Mutter gekommen wre, um zu sehen, wie es ihr gehe. Marit sei hinber in den Stall zu den Khen gegangen, und die Kleine habe sie begleitet. Darauf zog sich der Pfarrer zurck und machte die Tre hinter sich zu. Er berlegte ein paar Augenblicke, dann schlug er den Weg nach dem Stalle ein. Die in der Kche versammelten Mgde folgten ihm mit den Augen: seit seiner Krankheit im Herbst sah er alt und schwach aus; aber so viel war sicher, er mute mit jedem Menschen, der auf den Hof kam, ein bichen plaudern. Es dauerte indes eine gute Weile, bis der Pfarrer Marit von Koltorp aufsuchen konnte. Denn zuerst kam der lange Bengt daher und rief ihm zu, es sei ein Mann mit einem kranken Pferd da, der den Herrn Pfarrer fragen wolle, ob er nicht helfen knne. Und nachdem er sich mit dem kranken Pferd beschftigt hatte, kamen zwei Bauern, die in Erbstreitigkeiten miteinander lagen und verlangten, der Herr Pfarrer solle ihnen sagen, wieviel jeder von ihnen von Rechts wegen bekomme, damit sie die Sache nicht vors Gericht bringen mten. Es verging dann wenigstens eine Stunde, bis er die beiden endlich so weit gebracht hatte, da er sie zum Friedensbecher einladen konnte. Indessen sa die Kleine drben im Stalle in einem dunklen Winkel und schwatzte mit ihrer Mutter. Jedes hatte sich auf einen Melkschemel gesetzt, und Bubi sa auf dem Scho seiner Schwester. Er war glckselig ber das Wiedersehen und wollte sie keinen Augenblick loslassen. Mutter und Bubi waren bis heute bei dem Oheim auf dem Nyhof gewesen. Jetzt gingen sie wieder heim, hatten aber den lngeren Weg ber Lvdala genommen, um zu sehen, wie es der Kleinen ginge. Die Kleine war gewi noch nie so froh gewesen, als da sie ihre Mutter in die Kche hereinkommen sah. Sie kam gerade recht, um ihr in ihrem groen Kummer beizustehen. Als sie im Stall angekommen waren, hatte die Mutter ihr zuerst erklren mssen, wie es sich denn mit dem neuen Mrchen vom Schneewittchen verhalte, das die Kleine in zwei Nchten hintereinander mit angehrt hatte, und sie fragte, ob es denn mglich sei, da die Pfarrerstochter von sich selbst gesprochen habe. Nachdem sie dann alles, so gut sie konnte, erzhlt hatte, schwieg die Mutter zuerst eine gute Weile, schlielich sagte sie: Sie trauten dir wohl nicht so viel Verstand zu, da du verstehen wrdest, was sie sagten. Wenn du es nun aber doch begriffen hast, mut du deinen Verstand auch dadurch beweisen, da du darber schweigst. Aber dies war nicht alles, was die Kleine auf dem Herzen hatte. Gestern vormittag war die Pfarrfrau zu ihr hergekommen. Sie hatte gar sanft und freundlich ausgesehen und sie gefragt, wie es ihr hier gefalle, und ob sie kein Heimweh habe. Jawohl, es gefalle ihr hier, und es gehe ihr gut, und die Hhner habe sie besonders gern. Ach so, hatte die Pfarrfrau erwidert und ein wenig gelacht; und ist sonst niemand auf dem Hofe, den du gern hast? Doch, hatte sie gesagt, Mamsell Maja Lisa auch. Da hatte die Pfarrfrau wieder ein wenig gelacht und gefragt, warum sie denn gerade Mamsell Maja Lisa so gern habe. Weil sie ihr soviel Schnes erzhle. Ei, sieh, hatte die Pfarrfrau gesagt, und kannst du begreifen, woher sie das alles wei, was sie dir erzhlt? Es wird wohl in den Bchern stehen, die sie bei Nacht liest, hatte die Kleine geantwortet. Ach so, sitzt sie bei Nacht auf und liest? hatte die Pfarrfrau entgegnen Dann zndet sie sich wohl einen Kienspan an? Nein, nein, sie liest bei einer Kerze, das wei ich, lautete die Antwort der Kleinen. Als es nun Nacht wurde und die Pfarrerstochter und die Kleine wie gewhnlich schlafen gegangen waren, war die Pfarrfrau, sobald sie in ihren Betten lagen, wie gewhnlich hereingekommen und hatte das Licht mitsamt dem Leuchter weggenommen. Aber als es still im Hause geworden war, stand die Pfarrerstochter wieder auf, holte ein Talglicht herbei, das sie unten in der groen Kastenuhr verborgen hatte, schlich damit in die Kche hinaus, blies eine Kohle auf dem Herd an, um ihr Licht anzuznden, und begann zu lesen. Die Pfarrerstochter hatte einen Bruder in Upsala, der ihr fters Gedichte machte und sie ihr schickte, weil er wute, da sie so etwas ber alle Maen liebte. Und diese Gedichte lernte sie bei Nacht auswendig. Es war wohl etwas sehr Schnes, was sie eben las, denn sie hrte nicht, da die Saaltre aufgemacht wurde, und schaute nicht auf, bis die Pfarrfrau vor ihr stand, eine Hand ausstreckte und das Licht aus dem Leuchter nahm. Du willst uns wohl alle miteinander an den Bettelstab bringen, grollte die Pfarrfrau, da du hier aufbleibst und die ganze Nacht Licht brennst. Woher hast du das Licht? Es sind nicht deine Lichte, antwortete die Pfarrerstochter. Ob sie mein sind oder nicht, so werde ich doch achtgeben, da du nicht hier sitzst und uns alle an den Bettelstab bringst, entgegnete die Stiefmutter. Ich werde dich lehren, die Kerzen zu verschwenden, ja, das werde ich. Darauf ging die Pfarrfrau hinaus, kam aber gleich wieder mit einem Stck Leinwand zurck. Da du nun doch einmal bei Nacht aufsitzen willst, so sollst du wenigstens etwas Ntzliches tun, sagte sie. So, hier der Hohlsaum an diesem Leintuch mu bis morgen frh fertig sein. Dann ging sie, und Mamsell Maja Lisa mute die ganze Nacht an ihrer Arbeit sitzen. Wer aber kein Auge zutat, das war die Kleine. Ach, sie war tief unglcklich, weil sie es gewesen war, die verraten hatte, da die Pfarrerstochter bei Nacht zu lesen pflegte. Und deshalb war sie so froh, als ihre Mutter kam. Ach, wenn nun die Pfarrerstochter erfhre, was sie getan hatte! Etwas Schrecklicheres konnte sie sich gar nicht denken, und so flehte sie die Mutter an, sie doch mit nach Hause zu nehmen, sie wolle nicht im Pfarrhaus bleiben. Die Mutter redete ihr zu, so gut sie konnte; aber die Kleine nahm keine Vernunft an und sagte nur immer wieder, es sei ihr einerlei, ob sie auch hungern und frieren msse, wenn sie nur fortkomme, ehe die Pfarrerstochter bse auf sie geworden sei. Aber die Mutter blieb fest dabei, sie msse bleiben, wo sie sei. Und ich sage dir, die Raclitza wird es auch nicht mehr lange so weitertreiben. Ich selbst werde mit dem Pfarrer reden, denn mich kennt er ja aus alter Zeit, und mir wird er wohl glauben. In diesem Augenblick deutete Bubi nach der Stalltre. Dort drben steht jemand, sagte er. Mutter und die Kleine drehten sich zugleich um. Ja, dort im tiefen Schatten stand der Pfarrer, nur ein paar Schritte von ihnen entfernt. Er lehnte sich an die Wand und rhrte sich nicht. Beide erschraken ber die Maen, und keines wagte aufzustehen, ihn zu begren. Wann mochte er gekommen sein, und wieviel mochte er gehrt haben? Marit, bring mir deinen Melkschemel her, sagte er mit schwacher Stimme. Rasch eilte Marit mit dem niederen Sthlchen zu ihm hin, und er sank schwer darauf nieder. Ruf niemand herbei, sagte er. Es ist nur ein Schwindel. Du weit, ich habe von jeher daran gelitten. Marit und die Kleine standen ratlos vor ihm, und Marit verwunderte sich sehr, wie alt er geworden war. Bei dem Weihnachtsessen auf dem Nyhof hatte sie es nicht so gemerkt; aber jetzt fiel es ihr auf, wie mager und zusammengefallen er war. Nein, es ist nichts Gefhrliches, aber es berfllt mich jetzt recht oft, sagte er. Es ist aus mit mir, Marit, verstehst du? Doch schon nach einem ganz kleinen Weilchen stand er wieder auf. Sag' drben nichts davon, gebot er; und dann ging er langsam und gebckt zum Stalle hinaus. Der Traumpfannenkuchen Am Silvesterabend ging die Pfarrerstochter ganz spt die Anhhe hinunter, die zum Brauhaus fhrte, wo die Gromutter, Frau Beata Spaak, seit vielen Jahren wohnte. Maja Lisa fhrte die Kleine an der Hand, und man konnte schon von weitem hren, da sie unterwegs waren, denn sooft sie den Weg verfehlten und in den Schneewall einsanken, schrien sie laut auf. Es war neblig und stockdunkel, und am Himmel leuchtete weder Mond noch Stern. Htte es nicht hinter der Gromutter Fensterlden hell hervorgeschimmert, dann htten sich die beiden wohl kaum bis zum Brauhaus zurechtfinden knnen. In dieser Weihnachtszeit wurden unbeschreiblich viele Gesellschaften gegeben, sowohl bei den Bauern als bei den Herrschaften, so viele, da die Tage fast nicht ausreichten, und so war den Pfarrleuten schlielich nichts anderes briggeblieben, als auch am Silvesterabend fortzufahren. Aber Mamsell Maja Lisa war wie gewhnlich zu Hause gelassen worden. Es hie, sie msse daheim bleiben und dafr sorgen, da das Gesinde eine ordentliche Mahlzeit mit Fisch und Grtze ganz wie am heiligen Abend bekomme. Als ob die alte Haushlterin das nicht ebensogut htte besorgen knnen! Aber die Pfarrerstochter war deshalb doch in ausgezeichneter Laune. Am Vormittag hatte sie der Kleinen Mrchen erzhlt und Lieder vorgesungen, und die Kleine war sicherlich noch niemals so vergngt gewesen. Nach dem Abendbrot hatte Mamsell Maja Lisa erklrt, sie habe noch ganz und gar keine Lust, schlafen zu gehen; heute am Silvesterabend wolle sie wenigstens, ehe sie zu Bett gehe, einen Versuch machen, etwas von der Zukunft zu erfahren. Und dann hatte sie die Kleine gefragt, ob sie einen Traumpfannenkuchen mit ihr backen wolle. Die Kleine wute absolut nicht, was ein Traumpfannenkuchen war, hatte aber sofort ja gesagt; und sie wrde selbstverstndlich auch ja gesagt haben, wenn Mamsell Maja Lisa gefragt htte, ob sie eine Suppe aus Kreuzottern mit ihr kochen wolle. Aber du darfst die ganze Zeit ber, whrend wir den Traumpfannenkuchen machen, weder lachen noch sprechen, sagte die Pfarrerstochter. Und du darfst auch nicht das kleinste bichen davon auf den Boden fallen lassen, weder vom Wasser, noch vom Mehl, noch vom Salz. Ach, wenn das alles sei, meinte die Kleine, sie knne schweigen und ernsthaft sein, solange man es verlange. Dann aber waren sie in groer Not gewesen. Denn der Traumpfannenkuchen mute von drei Personen gemacht werden, sonst war es nichts, und die Pfarrerstochter wute nicht, wo sie eine dritte Person dazu herbekommen sollte. Sie gingen in die Kche und fragten, ob eine von den Mgden einen Traumpfannenkuchen mit ihnen backen wolle. Aber die Mgde schlugen nur die Hnde ber dem Kopf zusammen und sagten rundweg nein, sobald sie hrten, um was es sich handelte. Dieses Zeug htten sie frher schon probiert; aber wenn man diesen Pfannenkuchen gegessen habe, knne man weder schlafen noch trumen; niemand solle sie verfhren, ein solches Gericht je wieder zu versuchen. Die Pfarrerstochter berlegte erst eine Weile, dann sagte sie: Wir mssen zur Gromutter hinber und sie bitten, uns zu helfen. Und aus diesem Anla waren die beiden in der finstern Neujahrsnacht drauen und suchten den durch die Schneewehen geschaufelten Weg zu finden. Die Pfarrerstochter meinte, diese Nacht sei gerade so, wie sie sein solle; eine Neujahrsnacht msse dunkel und unergrndlich sein, sie sei wie die Zukunft, in die man auch nicht hineinsehen knne. Gromutter wohnte in einer Giebelstube oben im Brauhaus. Das schwierigste fr die beiden war, sich die Treppe hinaufzutasten, die mit schmalen, ausgetretenen, dichtbeschneiten Stufen in Abstzen auen an der Mauer hinauffhrte; es war fast lebensgefhrlich. Aber auf Lvdala mute man sich an das Gehen in der Dunkelheit gewhnen; ausgenommen fr Stall und Scheune durften fr Laternen keine Kerzen von der Pfarrfrau gefordert werden. Gromutter mute indes die Gste gehrt haben; denn als diese die Treppe halb droben waren, kam sie heraus und machte die Tre auf. Und drinnen brannte der dreiarmige Leuchter auf dem Tisch vor dem Sofa, und im Ofen flackerte ein lustiges Feuer. Die Gromutter war gro und mager und sah gebrechlich aus. Die Pfarrerstochter sah ihr gar nicht hnlich, und das war auch nicht mglich, denn Gromutter war nur die Stiefmutter von Maja Lisas verstorbener Mutter; aber sie htte die Pfarrerstochter nicht lieber haben knnen, wenn sie ihr eigenes Fleisch und Blut gewesen wre. Es war, als verstehe sich Frau Beata auf ganz besondere Knste, denn wie es auch anderswo sein mochte, hier in ihrem Zimmer war es immer warm und behaglich und immer wie ausgeblasen. Sie hatte nur ein Zimmer, in dem sie schlief und auch kochte; aber ihr Bett mit dem weien Vorhang, der von einer vergoldeten Stange herunterhing, war nur ein weiterer Schmuck fr das Zimmer, und dasselbe konnte man auch von ihren glnzenden Kupferkasserollen und Porzellantellern auf dem Geschirrbord sagen. Und sie selbst sah auch zierlich und vornehm aus; aber ihre Hnde hatte die Gicht arg mitgenommen, die Finger waren gekrmmt, und sie konnte sie nicht biegen. Wenn man ihr die Hand reichte, war das eine schwierige Sache, und man wute nicht recht, wie man es angreifen sollte. Als die Pfarrerstochter ihr Anliegen vorbrachte, lachte die Gromutter sie ein wenig aus, sagte aber doch gleich, ja, sie wolle mittun, sie warte allerdings immer auf jemand und mchte wohl wissen, ob er in diesem neuen Jahre komme. Da war es natrlich am besten, sie blieben gleich bei der Gromutter und backten da den Traumpfannenkuchen. Zuerst nahmen sie von dem kleinen Bord hinter dem Herd eine Schssel herunter; alle drei hielten die Schssel am Rand fest und stellten sie so auf den kleinen Kchentisch. Dann muten sie einen hlzernen Lffel haben; und alle drei gingen miteinander an das Eckschrnkchen, das Gromutter als Speisekammer diente, um den Lffel zu holen. Und alle drei hielten den Lffelstiel fest, als sie ihn zum Tisch hintrugen und auf die Schssel legten. Dann gossen sie drei Lffel Wasser in die Schssel; und alle drei holten das Wasser aus Gromutters Kupfergelte, und keines sprach ein Wort, keines lachte, whrend sie das taten. Als dies getan war, schtteten sie drei Lffel voll Mehl in das Wasser; dabei hielten alle drei den Lffel und steckten ihn miteinander in die Mehltonne, alle drei hoben das Mehl heraus und schtteten es auch in das Wasser. Keines lie den Lffel los, keines sprach, keines lachte, und keines lie auch nur das kleinste Stubchen Mehl auf den Boden fallen. Dann schpften sie drei Lffel voll Salz hinein. Und auch jetzt sprach keines ein Wort, keines lachte, und keines verstreute auch nur das kleinste Krnchen Salz. Aber ist es zu glauben? Als sie soweit gekommen waren, fragte Gromutter, ob man Schmalz in die Pfanne tun solle. Im selben Augenblick jedoch, wo sie das sagte, schleuderte die Pfarrerstochter den Lffel weg, warf sich auf einen Stuhl und brach in lautes Lachen aus. Die Kleine hielt zwar den Lffel fest, bekam aber einen so frchterlichen Lachkrampf, da sie nicht mehr stehen konnte, sondern auf dem Boden kugelte und gar nicht wieder zu lachen aufhren konnte. Gromutter verzog nur den Mund ein wenig. Sie htte sich vielleicht nicht zu versprechen brauchen; aber sie dachte an alte Zeiten und wute, wenn beim Backen des Traumpfannenkuchen nicht irgendein kleines Migeschick passierte, dann war kein Spa dabei. Ach, und es war ihr so lieb, wenn die Pfarrerstochter ihren Kummer verga und ein wenig lachte. Als die beiden sich endlich gefat hatten, beschlossen sie, wieder von vorne anzufangen; denn jetzt taugte das, was bisher geschehen war, nichts mehr, und sie muten alles ganz von vorne an noch einmal machen. Aber jetzt war es nicht mehr so leicht, denn nun waren sie schon in lcherlicher Laune. Zuerst gossen sie drei Lffel Wasser in die Schssel. Weiter kamen sie nicht, schon muten sie wieder lachen. Und die Pfarrerstochter war am schlimmsten; bei der Kleinen war es lange nicht so gefhrlich wie bei Maja Lisa. Gute fnf Minuten lang konnte sie sich gar nicht wieder fassen. Doch dann sagte die Pfarrerstochter, jetzt mten sie aber ordentlich sein, sonst wrden sie mit dem Pfannenkuchen vor Mitternacht nicht fertig. Oh, es wrde ganz gut gehen, wenn nur du ernsthaft sein knntest, sagte die Gromutter. Zuerst gossen sie das Wasser hinein, dann das Mehl, dann das Salz, und dann rhrten sie alles gut durcheinander. Und alle drei hielten den Lffel, als sie alles umrhrten, und keines lachte, keines sprach ein Wort, keines verschttete das kleinste bichen auf den Boden. Als nun der Teig gut verschafft war, legten sie ihn in die Bratpfanne. Aber der Pfannenkuchen sah nicht appetitlicher aus als der Mischmasch, den man den Hhnern und Schweinen zusammenrhrt. berdies war er ganz steif und hart und glitzerte von dem vielen Salz, das darinnen war. Nun stellten sie die Pfanne aufs Feuer und lieen den Pfannenkuchen auf der einen Seite backen, dann wurde er umgedreht. Und immer hielten alle miteinander den Lffel, alle drei halfen den Kuchen umwenden, und keines lie den Lffel fallen. Dann war der Traumpfannenkuchen fertig und sollte gegessen werden. Jetzt waren die Pfarrerstochter und die Kleine im hchsten Eifer, und es war keine Gefahr mehr, da sie losplatzen wrden. Sie dachten nur noch daran, da sie vielleicht in die Zukunft sehen durften, und diese groe Gelegenheit wollten sie gewi nicht verscherzen. Der Traumpfannenkuchen glnzte vor lauter Salz, und es gehrte ordentlich Mut dazu, hineinzubeien. Aber sie teilten ihn in drei Teile, und dann aen sie, so gut es eben ging. Die Kleine a ihren Teil auf, weil sie begriff, da es sein mute, und sie alle Vorschriften genau befolgen wollte. Gromutter nahm nur ein ganz kleines Stckchen, und es ist nicht sicher, ob sie selbst dieses hinunterwrgte. Die Pfarrerstochter a einen Mund voll. Aber so gerne sie auch die Zukunft sehen wollte, sie war nicht imstande, noch einen einzigen weiteren Bissen hinunterzubringen. Die beiden jungen Menschenkinder waren wie ein wenig enttuscht von dem Traumpfannenkuchen, aber jedenfalls sprach keines ein Wort. Sie winkten der Gromutter nur gute Nacht zu, und diese stand schweigend oben an der Tr und leuchtete ihnen die Treppe hinunter. Die paar Schritte ber den Hof liefen sie, so rasch sie konnten, denn jetzt war es, als sei die Nacht gar nicht mehr so dunkel und unergrndlich. Sie war bereit, ihren Vorhang wegzuziehen und ihnen ihre Geheimnisse zu zeigen; aber sie wagten nicht, stehenzubleiben, um zu sehen. Als die beiden sich durch die Kche schlichen, waren die Mgde schon zu Bett; aber selbstverstndlich riefen ihnen alle miteinander zu, wie es gegangen sei: ob sie schon getrumt htten, und wer ihnen im Traum erschienen sei. Aber sie brachten kein Wort aus ihnen heraus, weder aus Mamsell Maja Lisa noch aus der Kleinen. Die Kleine schlief ein, sobald sie den Kopf aufs Kissen legte, und schlief bis zum nchsten Morgen. Als sie erwachte, hatte sie einen scharfen Geschmack im Munde; aber so groe Mhe sie sich auch gab, sie konnte sich doch nicht erinnern, ob sie etwas getrumt hatte. Gromutter hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, war aber dann das ganze Neujahrsfest hindurch still und schweigsam und wie in einem Traum befangen; es war, als habe jedenfalls sie etwas erfahren. Die Pfarrerstochter konnte lange nicht einschlafen, weil sie brennenden Durst litt; aber etwas trinken, ehe man geschlafen hatte, das durfte man doch beileibe nicht, sonst war alles umsonst gewesen. Als sie am Morgen erwachte, konnte sie sich zuerst nicht klar darber werden, ob ihr etwas getrumt hatte. Aber spter am Tage ging sie zufllig einmal durch den Flur und trat auf die Freitreppe hinaus. Und da hielt sie pltzlich an; denn nun fiel ihr ein, da sie in der Nacht im Traume ganz auf demselben Platz gestanden hatte. Und da waren in ihrem Traume zwei Fremde, ein junger und ein alter, auf dem Sandweg dahergekommen. Und der Alte hatte gesagt, er sei der Propst Liljecrona und komme mit seinem Sohne, um sie zu fragen, ob sie durstig sei und gerne einen Trunk Wasser wolle. Und sofort war der junge Mann mit einem Glas hellem frischen Wasser in der Hand vorgetreten und hatte es ihr angeboten. Als aber die Pfarrerstochter sich daran erinnerte, erschrak sie, und sie zitterte am ganzen Leibe. Denn das ist sicher und gewi: Wer einem, nachdem man einen Traumpfannenkuchen gebacken hat, im Traum ein Glas Wasser anbietet, den heiratet man. Der Brauttanz Am Erscheinungsfest waren der Pfarrer und die Pfarrfrau in die Kirche gefahren; jetzt nach Schlu des Gottesdienstes befanden sie sich auf dem Heimweg. Die Pfarrfrau fror im Schlitten, nachdem sie zwei Stunden lang ruhig in der kalten Kirche gesessen hatte, und mit Befriedigung dachte sie daran, da sie nicht gleich bis Lvdala fahren muten, sondern die Fahrt schon in Loby unterbrechen durften; denn dort sollten sie an einer groen Bauernhochzeit teilnehmen, und sie hatten dadurch mindestens eine Viertelmeile weniger vor sich. Die Pfarrfrau mute immerfort daran denken, wie ungeschickt es doch war, da das Pfarrhaus eine volle Meile von der Kirche entfernt ganz an der Grenze des Kirchspiels lag. Die Kirche dagegen hatte eine sehr gute Lage mitten im Dorfe, sie war von allen Seiten leicht zu erreichen. Beim Pfarrhaus dagegen war es ganz anders; von den sdlichst gelegenen Hfen hatte man wohl ein paar Meilen bis zum Pfarrhaus zu fahren. Und wie schwer war es fr die Pfarrfrau, jeden Sonntag in die Kirche zu kommen, wie es doch die gute Sitte verlangte. Vier Stunden gingen drauf, bis man wieder daheim war, ja an dem Abendmahlsonntag zog sich die Fahrt oft fnf bis sechs Stunden hinaus. Wenn sie dann heimkam, hatte gewi die alte Haushlterin das Essen zu frh gekocht, das dann schon mehrere Stunden gestanden hatte und ganz trocken und verbrannt war. Sooft die Pfarrfrau so frierend und hungrig von der Kirche heimfuhr, kam sie immer wieder auf dieselben Gedanken: Wenn man doch irgendeine Mglichkeit ausfindig machen knnte, den Weg nach der Kirche zu verkrzen. Auch wenn es sich nur darum gehandelt htte, die Dorfbewohner zu berreden, den alten Pfarrhof zu verkaufen und einen neuen zu erwerben, der etwas nher bei der Kirche lag, so wre das schon an und fr sich recht schwierig gewesen; aber die Sache war noch viel verwickelter. Liebster Himmel, wie verdrielich war es doch! Frs erste war Svartsj nur ein Annex des groen Broer Pastorats. Schon von alten Zeiten her war der Propst in Bro der erste Geistliche von Svartsj, und die halbe Besoldung fiel von vornherein an ihn. Daran konnte natrlich nichts gendert werden. Sonst htte man es ja nur recht und billig finden knnen, da ihr Mann, der die ganze Arbeit versah, auch das ganze Gehalt bekomme. Aber er war nur ein Hilfsgeistlicher und mute sich mit der Besoldung begngen, die die Hilfsgeistlichen im allgemeinen bekamen. berdies war es auch eine kleine und arme Gemeinde, und wenn der Pfarrer nur von dem htte leben sollen, was er von der Gemeinde erhielt, wre er lngst ein richtiger Herr von Habenichts geworden. Nein, wenn der Pfarrer von Svartsj es ein wenig besser hatte als andere Hilfsgeistliche, kam dies daher, da er auer seiner Amtswohnung noch einen eigenen Hof besa, von dem er seinen Unterhalt bezog. Wenn er den nicht gehabt htte, wre es lngst schief bei ihm gegangen. Sie, die Pfarrfrau, mute natrlich sehr froh ber den Besitz von Lvdala sein. Und sie war auch die letzte, die sich darber beklagte. Es war ein prchtiger Hof mit einem schnen Haus und gutem Ackerboden. Das einzige, was sie daran auszusetzen hatte, war eben der weite Weg zur Kirche. Aber einen anderen Fehler hatte Lvdala auerdem auch noch. Wer immer da wohnte, hielt sich stets fr besser als andere Leute. Sie konnte allerdings nur darber lachen, sie, die wirklich vornehme Huser gesehen hatte! Aber hier im Kirchspiel hielt man es tatschlich fr vornehm, wenn man auf Lvdala wohnte. Ja, sogar die Grflichen auf Borg standen nicht in so hohem Ansehen wie die Pfarrleute. Was sie, die Pfarrfrau selbst, betraf, so hatte sie nie begreifen knnen, woher das kam. Noch vor hundert Jahren war ganz Lvdala nichts anderes als ein Bauernhof gewesen, allerdings vielleicht ein recht groer und reicher, denn die prchtigen Felder auf dem alten Seegrund gehrten ja dazu; aber es war eben doch nur ein echter und gerechter Bauernhof gewesen, und sie konnte ihn auch heutigestags kaum fr etwas anderes erklren. Aber hier oben in Vrmland fand sich natrlich niemand, der gewut htte, wie ein richtiger Herrenhof aussah. Besonders merkwrdig war es auch nicht, da ein Bauernsohn aus diesem reichen Hofe studiert hatte, da er dann ein rmliches Pfarrerexamen machte und Hilfsgeistlicher in Svartsj wurde. Und wenn er schlielich die Tochter eines Propstes geheiratet hatte, so war das wirklich noch nichts so Unerhrtes, mit dem man sich so schrecklich zu haben brauchte. Weiter als bis zum Hilfsgeistlichen in Svartsj hatte er es trotzdem nicht gebracht, sondern er war seiner Lebtage dageblieben. Es hie zwar, er sei ein tchtiger Mann gewesen, aber das konnte man nur schwer begreifen. Er hatte es allerdings gut gehabt, weil er Lvdala von seinen Eltern geerbt hatte und da wohnen konnte. Da hatte er nicht den Bauern schntun mssen, um seine Abgaben oder die opferwilligen Beitrge zu bekommen; er sa auf seinem eigenen Hof, tat, was er wollte, und war so gut wie einer von ihnen -- und gerade das hatte ihnen wohlgefallen, den Bauern und ihm! Zur Zeit des ersten Lvdaler Pfarrers hatte die Gemeinde wahrscheinlich noch kein eigenes Pfarrhaus fr den Hilfsgeistlichen besessen; jetzt aber war eines da, ein kleiner Hof, der dicht neben Lvdala lag. Sie, die Pfarrfrau, dachte, die Bauern hatten so recht ihre bekannte Bauernschlauheit bewiesen, als sie das Pfarrhaus da hingestellt hatten, denn sie hatten ganz und gar nichts danach gefragt, wie weit der Pfarrer da von der Kirche entfernt war. O nein, etwas ganz anderes hatten sie dabei im Auge gehabt, und das war ihnen ja auch geglckt! Der zweite Lvdaler Pfarrer hatte nmlich eine Tochter des ersten geheiratet, dadurch Lvdala geerbt und dann da gewohnt. Auf diese Weise wurde auch er ein Grobauer, der sein eigner Herr war und nicht nur ein rmlicher Hilfsgeistlicher. Und auch dieser war sein Leben lang in Svartsj geblieben. Er sollte indes ein auerordentlich guter Prediger gewesen sein; aber auch das konnte sie, die Pfarrfrau, nicht glauben. Sie dachte, nur weil er eine von ihren Pfarrerstchtern geheiratet und auf Lvdala gewohnt hatte, behaupteten die Svartsjer, er habe ein groes Talent zum Predigen gehabt. Die Pfarrfrau hob den Muff in die Hhe und drckte ihn vors Gesicht. Der Weg fhrte mitten durch den Seegrund, und der kalte Blasewind, der da immer wehte, fegte ihr um die Ohren. Aber dadurch kreisten ihre Gedanken nur noch schneller. Ja, gerade das, da die Pfarrer in diesem Dorfe notwendigerweise auf Lvdala wohnen muten, war der Grund, warum man unmglich einen krzeren Weg zur Kirche bekommen konnte. Der jetzige Pfarrer war nun in dieser Reihe der dritte, der da wohnte. Er hatte es genau so gemacht wie seine Vorgnger, nmlich die Pfarrerstochter geheiratet und dadurch den Hof geerbt. Auch dieser lie sich auf Lvdala nieder; die Amtswohnung lag ja ganz in der Nhe, da konnte er allen seinen Pflichten leicht nachkommen, und mit seinen beiden Hfen war er ein reicher Mann. Dies war eine ausgezeichnete Einrichtung, und im ganzen Dorfe gab es niemand, der nicht wnschte, da es immer so bleibe, solange es einen Svartsjer Pfarrer und eine Svartsjer Gemeinde gab. Sie, die Pfarrfrau, wollte ja nicht leugnen, da es fr die andern Pfarrer ganz gut so gewesen sein mochte, denn diese waren wohl nicht mehr wert gewesen, als ihr Leben lang dazubleiben. Aber ewig schade war es, da sich ihr eigener Mann in den Hof und die Gemeinde verliebt hatte und dageblieben war. Denn darauf wollte sie ihren Kopf zum Pfande setzen, ihrem Manne wre das grte Pastorat in der ganzen Dizese sicher gewesen, sobald er nur gewollt htte. Oh, sie wute wohl, warum es ihm hier gefiel! Nachdem ein und dasselbe Pfarrersgeschlecht seit so vielen Jahren in demselben Dorfe war und die Pfarrer sowie auch deren Frauen uerst beliebt gewesen waren, hatten sie da groe Macht erlangt. Auch nicht das geringste wurde von den Leuten allein getan oder beschlossen, immer muten sie vorher ins Pfarrhaus laufen und fragen, was man dort darber dachte. Sie, die Pfarrfrau, hatte schon einmal bei ihrem Manne darauf angespielt und gesagt, er htte doch wohl auch eine grere Pfarrei bekommen knnen, und da hatte er geantwortet, ja, das glaube er auch, aber dort htte er dann vielleicht nicht soviel zu sagen gehabt, whrend er hier eigentlich das ganze Dorf regiere. Ja, das war sicher und gewi, leicht war es nicht, hier eine nderung eintreten zu lassen. Fr einen jungen Pfarrer war es ja beraus vorteilhaft, wenn er eine Pfarrerstochter von Lvdala heiratete. Da bekam er gleich sein gutes Auskommen und eine leichte Pfarrei dazu, und in Beziehung auf die Frau sagten ja alle wie aus einem Munde, die Pfarrerstchter von Lvdala seien wunderschn und wrden ausgezeichnete Hausfrauen, und wer eine von ihnen heirate, ziehe das groe Los. Ja, von denen, die vor ihrer Zeit dagewesen waren, wollte es die Pfarrfrau gerne glauben. Aber diese Maja Lisa, an der konnte sie gar nichts Besonderes finden. Sie hielt sie nicht einmal fr schn mit ihrem lnglichen Gesicht und konnte auch durchaus nicht von ihr sagen, da sie irgend etwas leistete. Jetzt war sie, die Pfarrfrau, wohl hinter ihr her und pate ihr auf; aber niemand half ihr dabei, kaum der Vater, der doch wohl in erster Linie den Wunsch haben sollte, da aus seiner Tochter ein gesetztes Frauenzimmer wrde, die an anderes dachte, als allerlei Unsinn und Kurzweil zu treiben. Aber sie wollte ihrer Pflicht trotzdem nachkommen; es gab nicht viele, die es wagten, derjenigen, die Lvdala und das ganze Dorf erben sollte, ordentlich Bescheid zu sagen.---- Heute tnte lautes Schellengeklingel durch die Luft. Von vier Seiten kamen die Wagen dahergefahren und von allen Seiten auch Schlitten, dichtbesetzt mit Gsten, die alle zu der Hochzeit geladen waren. Ja, es wrde sicherlich eine groartige Hochzeit, das war nicht anders zu erwarten. Welch ein Glck, da sie ihren Willen durchgesetzt hatte und die Pfarrerstochter daheim hatte bleiben mssen! Gerade auf diesen alten Bauernhfen machte man am meisten Wesens aus ihr. Da war es gar kein Wunder, wenn das Mdchen faul und hoffrtig wurde und meinte, sie drfe tun und lassen, was ihr beliebte. Oh, sie wute wohl, was fr die Stieftochter am zutrglichsten wre, aber vorderhand wollte sie es nicht einmal in Gedanken aussprechen! Vielleicht konnte sie auch zwei Fliegen mit einem Schlag treffen. Vielleicht konnte sie einen krzeren Kirchenweg herausschlagen und zugleich der Stieftochter zeigen, da sie nicht eine Prinzessin war, sondern nur eine simple Pfarrmamsell------ Na ja, das htte sie sich denken knnen, da sie das durchmachen mte! Sie war noch nicht zur Tre hereingetreten, als auch schon alle Leute anfingen zu fragen, ob denn die Pfarrerstochter nicht mitgekommen sei. Ehe sie den Pelzmantel aufknpfen konnte, hatte sie schon zehnmal erklren mssen, wie bedauerlich es sei, da Maja Lisa die alte Gromutter nicht habe allein lassen wollen. Die meisten gaben sich ja mit diesem Bescheid zufrieden. Aber die Familie der Braut beruhigte sich nicht damit und wollte genauere Auskunft haben. Der alte Bjrn Hindriksson und seine Frau hatten mehrere Jahre gebraucht, bis sie endlich ihre jngste Enkelin, die den Hof erben sollte, berreden konnten, den Mann zu heiraten, den sie fr sie ausgewhlt hatten. Und zur Belohnung fr ihre Nachgiebigkeit wollten sie ihr nun eine so prchtige Hochzeit ausrichten, wie es ihnen berhaupt mglich war. Bjrn Hindriksson war ein sehr alter Mann, der sich noch an Herrn Olavus, den ersten Lvdaler Pfarrer, sowie an dessen Gattin Frau Katrina Hesselgren erinnern konnte; und die groe Verehrung, die er fr sie empfunden hatte, war nie aus seinem Herzen verschwunden. Solange ein Nachkomme von Herrn Olavus im Dorfe war, mute er mit bei der Hochzeit sein, sonst ging es nicht nach Bjrn Hindrikssons Wunsch und Willen. Deshalb wollte er auch gar nicht als Grund gelten lassen, da die Pfarrerstochter der Gromutter wegen daheimbleiben msse, und er fragte sogleich, ob denn nicht an diesem Tag eine von den Mgden nach der Gromutter htte sehen knnen. Man konnte seiner Stimme anhren, da er wirklich betrbt war und seine Worte nicht nur hfliche Redensarten waren. Er freute sich ja wohl, die neue Pfarrfrau zu sehen, aber sie war eben nicht aus dem alten Pfarrersgeschlecht, das lie sich nicht leugnen. Die Pfarrfrau antwortete ihm, sie habe ganz dasselbe gedacht und es auch ausgesprochen; aber Maja Lisa sei sosehr besorgt um die Gromutter, man bringe sie nicht von ihr weg, sobald der alten Frau nur das allergeringste fehle. Jetzt hatte die Pfarrfrau ihren Pelz abgelegt, und sie war sich wohl bewut, da sie nicht allein stattlich aussah, sondern auch vornehm gekleidet war, und da man landauf und landab keine tchtigere Pfarrfrau finden knnte, ob man noch solange suchte; aber es war, als shen die Bauersleute einfach ber sie weg. Bjrn Hindrikssons Frau fragte berdies, ob denn Frau Beate nicht selbst gewollt htte, da die Enkelin zur Hochzeit komme. Die Gromutter wisse doch wohl, wie es zu ihrer Zeit gewesen sei. Da sei keine Hochzeit auf diesem Hofe gefeiert worden, ohne da jemand aus dem alten Pfarrergeschlecht mit der Braut getanzt htte. Da richtete sich die Pfarrfrau gerade auf, und ihre Stimme war rauh und hart, als sie erwiderte, sie habe nicht gewut, da dies gar so wichtig sei, sonst wre sie selbst zu Hause geblieben. Aber sie knne ja wieder zurckfahren, jetzt gleich in der Minute, damit Maja Lisa noch zu rechter Zeit da sein knne. Mit diesen Worten gewann die Pfarrfrau die Oberhand. Die Bauersleute gerieten in groe Verlegenheit, und schlielich baten sie die Pfarrfrau instndig, doch ja dazubleiben. Darauf ging die Pfarrfrau hinauf in den Festsaal. Aber auch da mute sie immer wieder dieselben Fragen hren und dieselbe Antwort geben, whrend sie herumging und die Gste begrte, die sich die Wnde entlang aufgestellt hatten und auf die Trauung warteten. Da wurde es ihr pltzlich sehr hei, nachdem sie den ganzen Tag gefroren hatte. Erst als sie auf dem Sofa sa, bekam sie Ruhe vor allen den Fragen nach Maja Lisa. Zu ihrer Rechten und Linken saen die beiden vornehmsten Bauernfrauen des Kirchspiels; aber beide verhielten sich muschenstill. Wenn man auf etwas so Feierliches wie eine Trauung wartet, ist es nicht passend, sich zu unterhalten, das wuten sie wohl. Die Pfarrfrau fhlte, da ihr zwei rote Flecke auf den Wangen brannten. War es nicht sonderbar? Alle hatten sich an sie gewendet, der Pfarrer aber war mit allen diesen Fragen verschont geblieben. Meinten denn diese Leute, er habe gar nichts mehr zu sagen? Jetzt zeigte sich Ulla Moreus, die Frau des Ksters in der Tr. Sie trat nher, um die Pfarrfrau zu begren. Na, nun kamen natrlich wieder dieselben Fragen aufs Tapet, Ulla gehrte ja zu Maja Lisas besten Freunden. Aber sie schien gar nicht an Maja Lisa zu denken, sondern sagte, sie und ihre Schwiegermutter htten die Braut angekleidet. Jetzt seien sie fertig, und sie mchten wissen -- -- ja, es wre ihnen eine Beruhigung, wenn Frau Raclitz ins Giebelzimmer kommen wollte, um zu sehen, ob der Brautstaat ganz in Ordnung sei. Nun war der Pfarrfrau recht wohl bekannt, da in ganz Vrmland niemand besser wute, wie eine Braut aus einem Bauernhofe gekleidet sein sollte, als Ulla Moreus und ihre Schwiegermutter. Aber die Aufforderung, auch noch ein Urteil abzugeben, war eine Artigkeit, die der Pfarrfrau erzeigt wurde. Sie ging also mit in das Zimmer, wo die Braut fertig angekleidet stand und nur noch auf den Hochzeitszug wartete, der sie abholen sollte. Hier dachte man nur an Schmucksachen und Blumen, und es war eine wahre Erleichterung fr die Pfarrfrau, die Fragen, die hier an sie gestellt wurden, zu beantworten. Ob die goldene Kette richtig sitze? Ob sie der Braut noch mehr Perlenschnre umhngen sollten? Und ob die hohe Brautkrone aus Pappe, derentwegen Ulla Moreus die ganze Nacht aufgeblieben war, um sie mit rotem und grnem Seidenzeug und Goldpapier zu berkleben, eine schne Form habe? Sie habe bis zuletzt geglaubt, sie knnten die alte Krone noch bentzen; aber dann sei ihr gestern ganz spt noch eingefallen, da dies doch die grte Hochzeit sei, die in diesem Winter gefeiert werde, und so habe sie ein neues Gestell ausgeschnitten und berzogen. Die Pfarrfrau lobte sowohl die Krone als auch alles brige. Aber die alte Mutter Moreus hatte einen bekmmerten Ausdruck, und nach einer Weile vertraute sie der Pfarrfrau an, was sie bedrckte. Sie sagte, es sei ja sehr schn, da sich die liebe Frau Raclitz mit der Braut zufrieden zeige, sie selbst aber habe das Gefhl, es werde alles miglcken, wenn man die Braut nicht dazu bringen knne, ein anderes Gesicht aufzusetzen. Wenn die Braut aussehe, als msse sie zum Schaffot schreiten, dann sei es wirklich keine Freude, sie zu putzen. Da wandte sich die Braut heftig ab und sagte ein paar Worte, die man kaum verstehen konnte. Aber sie lauteten: Wenn Mamsell Maja Lisa nicht auch bei der Hochzeit sei, mache sie sich gar nichts aus all dem Putz, den man ihr anziehe. Tausendmal habe Maja Lisa ihr versprochen, zur Hochzeit zu kommen, um sie in ihrem Brautstaat zu sehen. Jetzt mischte sich Ulla Moreus darein; sie hatte eine frohe, frische Stimme, wie die Leute sie zu haben pflegen, die gerne eingreifen und alles gutmachen wollen. Sie sagte, Maja Lisa werde die Gromutter wohl eine Weile allein lassen knnen, man knnte ja leicht einen Wagen nach ihr schicken, es sei gar nicht so weit. Ja, auch die alte Mutter Moreus legte ein bittendes Wort ein. Maja Lisa und Britta sind miteinander in den Konfirmationsunterricht gegangen und seither immer innig befreundet gewesen, sagte sie. Die Antwort der Pfarrfrau fiel nicht allzu freundlich aus. Na ja, meine Liebe, versetzte sie. Es gibt gewi im ganzen Kirchspiel nicht ein einziges Mdchen, mit dem Maja Lisa nicht innig befreundet wre. Damit warf sie den Kopf in den Nacken und verlie die Giebelstube, und die andern wagten nichts mehr zu sagen. Der Pfarrfrau war das Blut wieder in den Kopf gestiegen. Diese Leute sollten doch nicht glauben, sie habe nicht gemerkt, warum man sie in die Giebelstube gelockt hatte! Aus keinem andern Grund, als um von Maja Lisa anfangen zu knnen.---- Die Trauung war vorber, und es war alles gut gegangen. Die Braut aber wute wohl, da jetzt alle Leute miteinander darber flsterten, wie sie whrend der Trauung ausgesehen hatte, und jetzt htte sie sowohl ihrer Eltern als auch der Groeltern wegen gewnscht, ihr Gesicht wre weniger verweint gewesen. Wenn Mamsell Maja Lisa zur Hochzeit gekommen wre, dann htte sie alles mit einem frohen Gesicht durchgemacht. Die Pfarrerstochter hatte gar sooft gesagt, wie sehr sie sich freue, sie als Braut sehen zu drfen. Ach, vielleicht hatte sie es nur gesagt, um ihr ein wenig Mut zu machen! Aber jetzt hatte sie das Gefhl, als sei ihr der einzige Grund zur Freude, den sie gehabt hatte, entrissen worden. Whrend der Trauung hatte sie mehrere Male den Kopf gewendet und nach der Tr hingesehen. Sie hatte ja noch immer gehofft, Mamsell Maja Lisa wrde sicher im letzten Augenblick noch erscheinen, und so hatte sie es nicht lassen knnen, sich immer wieder nach ihr umzusehen. Ach, da die Menschen so hart sein und ihr an einem solchen Tage das einzige, was ihr Herz begehrte, verweigern konnten! Die Trnen traten ihr in die Augen, sooft sie daran dachte. Als der groe in Hufeisenform aufgestellte Tisch gedeckt war, nahmen die Leute Platz und fingen an zu essen. Da entwickelte sich pltzlich eine frohe, lustige Stimmung ringsumher. Alle tranken und scherzten miteinander: nur die junge Braut fhlte immerfort dieselbe Beklemmung, und es war ihr unmglich, auch nur einen Bissen hinunterzubringen. Langsam zerschnitt sie ein paar Brotscheiben, um sich doch den Schein zu geben, als esse sie. Wenn Mamsell Maja Lisa nur heute gekommen wre, dachte sie, dann wre alles ganz anders! Sie htte mir diesen Tag leicht gemacht. Pltzlich warf sie einen verwirrten Blick auf ihren Brutigam an ihrer Seite, und sie fragte sich, ob er am Ende etwas gehrt habe. Es war ihr, wie wenn sie laut gedacht htte. Und nach einer Weile ging es wieder geradeso. Sie merkte, da sie vor sich hinmurmelte: Ach, ach, ach! Da Maja Lisa nicht zu meiner Hochzeit kommen durfte! Was sagst du denn vor dich hin? fragte jetzt der Brutigam. Da wiederholte sie fast gegen ihren Willen. Ach, ach, ach! Da Mamsell Maja Lisa nicht zu meiner Hochzeit kommen durfte! Der Brutigam wute wohl, wie sehr er hatte bitten und betteln mssen, ehe die reiche Bauerntochter sich hatte entschlieen knnen, ihm ihr Jawort zu geben. Es war auch da und dort getuschelt worden, die Gromutter htte sie schlielich gezwungen; und wenn sie jetzt mit diesem Gesicht an der Hochzeitstafel sa, mute ja das Gercht wie ein Lauffeuer um sich greifen. So begann er denn, sie zu ermahnen, und sagte, es gehe doch wirklich nicht an, da sie so verdrielich dasitze, sie knne ja an einem andern Tag mit der Pfarrerstochter zusammen sein. Aber die Braut hrte nicht auf ihn. Sie schnitt wieder an ihrem Stck Brot herum, und nach einer Weile seufzte sie abermals: Ach, ach, ach! Da mich Maja Lisa nicht als Braut sieht! Noch einmal versuchte der Brutigam, sie zur Vernunft zu bringen. Da du dich deswegen zum Gesptt der Leute machen willst! sagte er. Meinst du denn, Mamsell Maja Lisa mache sich soviel aus dir? Man wei doch, wie wenig die Herrschaften nach uns Bauern fragen. Doch diesmal wendete sich die Braut hastig an ihren Brutigam. So wrdest du nicht sprechen, wenn du etwas wtest. Du wrdest nicht da sitzen, wo du jetzt sitzest, wenn die Pfarrerstochter nicht fr dich eingetreten wre und gesagt htte, sie glaube, du werdest gut gegen mich sein. Jetzt schwieg der Brutigam, und zwar ganz beharrlich. Wenn die ihm Gegenbersitzenden mit ihm reden wollten, muten sie laut rufen, bis er sie hrte. Das konnte von den Hochzeitsgsten nicht unbemerkt bleiben. Auch sie wurden still und verschchtert und sahen nur noch verstohlen nach dem Brautpaar hinber. Aber gerade als alles am betrbtesten aussah, wendete sich der Brutigam an die Braut. Wenn du nur darber unglcklich bist, so kann abgeholfen werden, sagte er. Mamsell Maja Lisa soll dich als Braut sehen, ich bin Manns genug, das einzurichten. Die Braut richtete ihre Augen erstaunt auf sein Gesicht, und da sah sie, da es ihm Ernst war. Das werde ich dir nie vergessen, sagte sie, du mut mich wirklich liebhaben, wenn du mir in dieser Sache helfen willst. In demselben Augenblick klrte sich auch ihr Gesicht auf, und sie war ganz wie ausgetauscht. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Die Pfarrerstochter sa daheim auf Lvdala in der Kchenkammer und weinte. Die Trnen liefen ihr in Strmen die Wangen herab, und sie konnte sie nicht zurckhalten. Sie gab sich zwar alle Mhe, denn es war ihr hchst widerwrtig, zu denken, da die Dienstboten glauben knnten, sie weine nur, weil sie allein daheim bleiben mute, whrend die Eltern auswrts waren und sich vergngten. Aber das war es nicht, was sie so unglcklich machte. Nein, was sie sosehr bekmmerte, war, da sie Britta ihr Wort nicht halten konnte. Wenn sie bedachte, wie oft sie miteinander von dieser groen Hochzeit gesprochen hatten! Es war ihr ja nicht mglich gewesen, die Braut ganz mit dem ihr vorgeschlagenen Brutigam auszushnen; aber es hatte sie doch immer aufgemuntert, wenn Maja Lisa gesagt hatte, sie freue sich, Britta im Hochzeitsstaat zu sehen. Ja, Maja Lisa hatte Grund zu weinen, sie hatte Britta ihr Wort brechen mssen; das war ihr zu schwer. Pltzlich horchte sie auf! Wie sonderbar, es war ihr gewesen, als hre sie Schellengeklingel! Ja und auch Geigenspiel! Sie konnte sich nicht tuschen. Deutlicher und deutlicher hrte sie es. So viel war sicher, irgend etwas hrte sie. Aber woher in aller Welt mochte es kommen? Sie stand auf und trat an das nach Osten gehende Fenster, wo sie auf die zum Pfarrhaus fhrende Allee hinaussehen konnte. Als sie vor etwa einer Stunde Feuer im Ofen angezndet hatte, war es drauen schon dunkler Abend gewesen; jetzt war das Feuer niedergebrannt, und es war dunkel in der Kammer, whrend es drauen heller geworden war. Nun leuchtete eine klare, sternhelle Nacht drauen, der Schnee auf dem Boden und der Rauhreif auf den Bumen hatten von selbst zu leuchten angefangen, und als die Pfarrerstochter ans Fenster trat, war es gerade, als schaue sie in einen hellerleuchteten Raum hinein. Jetzt sah sie ganz deutlich, da ein Hochzeitszug durch die Allee und zwischen den alten Wirtschaftsgebuden des Hinterhofs dahergefahren kam. Im ersten Schlitten saen die Musikanten mit den Geigen unter dem Kinn und fiedelten aus Leibeskrften auf den Saiten herum. Im nchsten saen Braut und Brutigam; und die Braut hatte sich nicht einmal einen Schal ber den Kopf geworfen, sondern lie die Krone im weien Schneelicht schimmern. Darauf kam Schlitten um Schlitten mit Hochzeitsgsten. Maja Lisa erkannte den Schimmel des Ksters Moreus, den roten Schlitten des Kirchenvorstehers und---- Es schwindelte ihr vor den Augen, und sie mute sich auf einen Stuhl neben dem Fenster niederlassen. Sie konnte nicht begreifen, was das bedeuten sollte. Warum fuhr die Hochzeitsgesellschaft von Loby hierher ins leere Pfarrhaus? Aber vielleicht war es nur ein Wahngebilde, das vor ihr auftauchte, weil sie den ganzen Tag hindurch mit allen ihren Gedanken bei der Hochzeit gewesen war. Jetzt hielt der Zug vor der Freitreppe; sie hrte es deutlich. Die Haustre ging auf, und die ganze Gesellschaft drngte in den Flur herein. Sie aber blieb unbeweglich sitzen. Nicht etwa, weil sie sich gefrchtet htte! O nein, aber wie jammerwrdig wre es, wenn sie nun hinausginge, die Gste zu begren, und dann niemand drauen vorfnde! Jetzt waren sie im Saal, und jetzt rissen sie die Kchenkammertre weit auf. Die Spielleute voran. Dann Kster Moreus mit seiner Ulla am Arm. Dann Braut und Brutigam, von zwei Brautfhrern mit dreiarmigen Leuchtern hell beleuchtet, und hinter diesen eine ganze Schar Jugend, Burschen und Mdel. Als alle hereingekommen waren, hrten Jan ster und sein Kamerad auf zu geigen. Der Kster Moreus trat vor die Pfarrerstochter und hielt eine kleine Rede. Er sagte, Britta von Loby habe ausdrcklich verlangt, da die Pfarrerstochter sehe, wie schn sie als Braut sei; sie und ihr Mann htten allein hierherfahren wollen, aber dann htte er und die andern gedacht, die Freude sei nicht so gro fr Mamsell Maja Lisa, wenn sie nur die Braut und nicht auch den brigen Hochzeitszug zu sehen bekme, deshalb htten sich jetzt alle angeschlossen, die nach dem Hochzeitsschmaus nicht zu schlfrig dazu gewesen wren. Die Pfarrerstochter war, seit sie eine Stiefmutter hatte, immer rmlich angezogen. Aber daran zu denken, vergaen sie und die Hochzeitsgste vollstndig, denn die Freude ber dieses unerwartete Kommen hatte ihr Gesicht so verklrt, da sie ganz unwiderstehlich liebreizend aussah. Ja, es war ganz wahr, was man von den Pfarrerstchtern von Lvdala sagte: sie seien imstande, alle Menschen zu bezaubern. Es war unbegreiflich, wie sie es machte; aber als sie die Braut umarmte und dann dem Brutigam und den andern die Hand drckte, da war es allen, als sei jetzt erst die rechte Hochzeitsfreude angebrochen. Ja, die Pfarrerstochter konnte ihre Sorgen ganz abwerfen und so froh werden, da alle andern Menschen auch dachten: Es gibt doch nichts Schneres als zu leben! Es ist nicht wahr, wenn es heit, das Leben sei schwer und traurig. Nur schn ist es. Die Pfarrerstochter brauchte die Braut nur anzusehen, ihre Brautkrone und ihr Hochzeitskleid zu loben, da wurden aller Augen aufgetan. Vorher hatten sie gar nicht gemerkt, wie schn sie in ihrem Staat war. Als Maja Lisa sich dann auch an den Brutigam wendete und ihm dankte, da er mit Britta gekommen sei, und ihm zugleich zu seiner Frau beglckwnschte, da ging auch ihm gleichsam ein Licht auf, und nun verstand er, da er nicht allein den grten Hof in Loby, sondern auch die beste Bauerntochter geheiratet hatte. Was sie zu Britta sagte, konnte niemand verstehen; aber man sah Britta nachher an, da es gerade das gewesen war, was sie gebraucht hatte, um den ganzen Tag froh und glcklich zu sein. Sie hatten Hochzeitsversucher mitgebracht, die jetzt aufgedeckt wurden, denn Maja Lisa mute auch das Hochzeitsessen versuchen. Und man sah ihr wohl an, wie sehr ihr alles gefiel; aber sie durfte nicht essen, ehe die andern wieder fortgefahren waren. Lange knnten sie nicht wegbleiben, das werde sie verstehen, es sei merkwrdig, da sie berhaupt fortgekommen wren. Nun erzhlte Ulla Moreus, wie sie sich gleich nach dem Essen davongeschlichen htten. Die Alten htten ein bichen ermattet dagesessen und sich nach einem Mittagsschlfchen gesehnt. Sie htten auch gar nichts von der ganzen Sache gemerkt, bis die Jugend auf und davon gegangen war; aber sie mten natrlich gleich wieder zurckfahren, sobald die Braut mit Maja Lisa getanzt htte. Darauf gingen sie in den Saal hinaus, und die Leute stellten sich den Wnden entlang auf, um dem Tanz zuzusehen. Der Spielmann Jan ster stimmte eine Polka an, und die Braut tanzte mit der Pfarrerstochter im Saal herum. Aber whrend die beiden noch zum ersten Male im Saal herumtanzten, wurde die Pfarrerstochter ngstlich. Sie hatte vor lauter Freude noch gar nicht an das bliche Tanzgeld gedacht. Am Hochzeitstag muten alle Menschen, groe und kleine, mit der Braut tanzen, und wer immer mit ihr tanzte, war verpflichtet, ihr das Tanzgeld zu geben. Aber sie armes Mdchen besa nicht einmal eine einzige Scheidemnze! Die Braut dagegen hatte nichts vergessen. Drben auf dem Tisch in der Ecke des Saals stand die Flasche mit Riechwasser und der Brautschrein mit Pastillen und Rosinen, die Brautgewrze, die die Braut nach dem Tanze anbieten mute. Ach, das war das schwerste, was Maja Lisa durchmachen mute! Die alten Bruche durften nicht gebrochen werden. Die Leute htten geglaubt, das bringe Unglck. Britta mute indes ihre Angst geahnt haben, denn sie flsterte ihr whrend des Tanzes zu, Mamsell Maja Lisa solle nur so tun, als lege sie ihr etwas in die Hand. Wenn man sie so unerwartet berfalle, knne sie selbstverstndlich kein Tanzgeld bereit haben. Die Pfarrerstochter besa ein Paar goldene Ohrringe und eine goldene Brosche, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Sie htte Britta gern eines von diesen beiden Schmuckstcken gegeben, wute aber nicht, ob sie durfte. Wie sollte es gehen, wenn es der Stiefmutter nachher zu Ohren kam! Es war nicht Sitte, mehr als einmal mit der Braut im Saal herumzutanzen, aber die Pfarrerstochter machte, whrend sie so berlegte, zweimal, ja dreimal die Runde durch den Saal. Eigentlich ist es indes unrichtig, wenn man sagte, sie habe berlegt; sie war in zu groer Not, die Gedanken wirbelten ihr nur so durch den Kopf. Sie tanzte so langsam, als sie konnte, und jetzt dachte sie an einen silbernen Lffel, den sie als Patengeschenk erhalten hatte. Aber wenn sie so etwas Kostbares verschenkte, war Raclitza am Ende imstande, am nchsten Tag ins Hochzeitshaus zu gehen und es zurckzufordern. Es bleibt mir nichts anderes brig, als Britta zu sagen, sie werde ihr Tanzgeld ein anderes Mal bekommen, dachte sie. Aber pltzlich fuhr sie zusammen, und darauf tanzte sie das letzte Stck rasch und vergngt. Irgend jemand hatte die Gelegenheit wahrgenommen, als sie an ihm vorbergetanzt war und ihr ein Geldstck in die Hand gedrckt. Und siehe! Als sie zu tanzen aufhrte, konnte sie einen ganzen blanken Speziestaler in Brittas Hand legen. Die Braut war darber so verdutzt, da sie ganz und gar verga, ihr die Brautgewrze anzubieten, und die Pfarrerstochter mute sie erst fragen, ob sie nichts bekommen solle. Whrend sie dann von dem Riechwasser nahm, lie sie rasch ihren Blick im Saal umherschweifen, um herauszubringen, wer ihr den Speziestaler zugesteckt hatte. Sie wute, sie hatte ihn erhalten, als sie eben am Ofen vorbeigekommen war; dann war es wohl der groe dunkle Mann, der dort drben zwischen dem Ofen und dem Schrank stand, gewesen, der ihr geholfen hatte. Jetzt beugte sie sich vor und nahm einige Pastillen aus der Lade. Zugleich flsterte sie der Braut zu, sie habe geglaubt, sie kenne jeden Menschen im Dorfe, aber an den Mann, der dort drben am Schranke stehe, knne sie sich absolut nicht erinnern. Die Braut antwortete halblaut, das sei nicht merkwrdig, denn dieser Mann sei gar nicht aus dem Dorfe; es sei ein Schmied vom Henriksberger Httenwerk in Vstmarken, der gerade heute nach Loby gekommen sei, um von ihrem Grovater Heu zu kaufen. Sie wisse nicht, warum er mit hierhergekommen sei, er gehre nicht zur Hochzeitsgesellschaft und sei ja auch nicht im Hochzeitsstaat. Und wirklich -- trug dieser Fremde nicht einen Rock aus schwarzem Schaffell mit einem Ledergrtel um den Leib! Die Pfarrerstochter wute nicht recht, ob sie zu ihm hingehen und sich bedanken sollte; aber jedenfalls fand sie keine Gelegenheit mehr dazu, denn jetzt brach die Gesellschaft auf und verabschiedete sich. Maja Lisa dankte allen fr ihr Kommen, half ihnen in die Mntel hinein, ging mit ihnen hinaus und winkte ihnen dann noch von der Freitreppe aus zu. Als sie darauf wieder eintrat, erschrak sie doch ein wenig, als sie den groen fremden Mann noch mitten im Saal stehen sah. Aber sie fand bald eine Erklrung, warum er zurckgeblieben war. Er wollte wohl wissen, wann er den Speziestaler, den er ihr geliehen hatte, wiederbekommen knnte. Wer wei, vielleicht hatte er ihn von dem Gelde genommen, das der Verwalter ihm zum Bezahlen des Heus mitgegeben hatte! Offenbar htte er indes am liebsten ganz abgeleugnet, was er getan hatte. Und als die Pfarrerstochter darauf bestand, uerte er, es sei nicht der Mhe wert, davon zu reden. Aber sie konnte doch wirklich nicht einen ganzen Speziestaler von einem Fremden annehmen. Deshalb sagte sie, gleich morgen werde sie ihren Vater um das Geld bitten und es nach dem Hochzeitshaus schicken, damit er das Heu bezahlen knne. Da flog ein gtiges Lcheln wie heller Sonnenschein ber sein Gesicht. Er sagte, sie solle es nur ganz so einrichten, wie es ihr am besten passe, er habe Geld genug und knne auch ohne den Speziestaler auskommen. Die Pfarrerstochter sah ihn fragend an. Ach so, fuhr er fort, sie meine wohl, er sei wegen des Geldes zurckgeblieben? Ja, warum denn sonst? Da strich er sich eine lange Haarlocke aus der Stirn und sah an ihr vorbei nach der gegenberliegenden Wand. Ach, ich wei es selbst nicht, sagte er. Vielleicht hab' ich noch etwas sagen wollen. Die Pfarrerstochter schwieg und machte einen Schritt nach der Tre; sie wurde ungeduldig. Jetzt sah sie der Fremde wieder mit seinem gtigen Lcheln an. Ich kann die andern nicht begreifen, da sie von hier fortgekommen sind, sagte er. Bei diesem Wort errtete die Pfarrerstochter; sie machte noch einen Schritt auf die Tre zu. Sie htten Euch nicht hier allein lassen, sondern zum Tanze mitnehmen sollen. Seine Stimme hatte dabei einen so wohlwollenden Klang, da Maja Lisa nicht rgerlich werden konnte, und so wendete sie sich ihm wieder zu und lachte. Ach, nun macht mir das Alleinsein nichts mehr aus, denn jetzt bin ich glcklich. Gehet jetzt nur auch; ich bin so froh, da sich meinetwegen niemand zu beunruhigen braucht. Die Fuchsgrube Am nchsten Morgen stand der lange Bengt schon in aller Frhe mit einer Laterne vor der Fuchsgrube und leuchtete hinein. Das war doch merkwrdig! In seinem ganzen Leben hatte er noch niemals eine Fuchsgrube so zugerichtet gesehen. Der lange Bengt wute, wenn er etwas auf der Welt konnte, so konnte er eine Fuchsgrube herrichten. Und am gestrigen Abend hatte er diese nicht weniger pnktlich angelegt als sonst auch. Er hatte die obere ffnung der tiefen Grube mit einem so hinterlistigen Dach aus Birkenruten, Stroh und Schnee versehen, da es nicht einmal die verschlagenste Fchsin vom gewhnlichen Erdboden htte unterscheiden knnen; und die Ente, die auf dem groen hohen Pfahl in der Mitte der Grube sitzen mute, um den Fuchs herbeizulocken, war, mit einem Strick um die Flgel, so fest auf den Pfahl gebunden gewesen, da sie sich nicht rhren konnte. Es war die beste Ente auf dem Hof gewesen, die die strkste Stimme von allen hatte. Der lange Bengt hatte sie in der Nacht schreien hren, nachdem sie schon auf den Pfahl festgebunden war. Ihre Jammerrufe hatten gellend und ohrenzerreiend durch die Winternacht getnt. Fr den, der die Fuchsgrube gerichtet hatte, war es eine groe Schande, wenn die Ente so schlecht angebunden war, da sie der Fuchs mit fortreien konnte; aber das war dem langen Bengt noch nie passiert. Ja, und was auch der Fuchs tat: ob er mit der Ente in den Wald entfloh oder sie mit in die Grube hinabri, die Schande war in beiden Fllen gleich gro. Die Stallmagd brachte die Ente immer nur sehr ungern herbei. Und das wute Bengt genau: sollte je einmal eine verlorengehen, dann verspottete sie ihn in alle Ewigkeit jeden Tag, weil er gemeint htte, er knne eine Fuchsgrube herrichten. Und nun war ihm dieses Migeschick passiert! Als er mit der Laterne vor sich hinleuchtete, sah er, da keine Ente mehr auf dem Pfahl war und nur noch die Strickenden daranhingen. Vor lauter rger wollte Bengt schon kehrtmachen und seiner Wege gehen. Aber wie, mglicherweise war der Fuchs doch gefangen worden! Wieder leuchtete er mit der Laterne umher. An mehreren Stellen war das Dach eingebrochen. Wenn er doch nur begreifen knnte, wie dieser Fuchs es gemacht hatte, um soviel Stroh mit sich in die Tiefe zu reien! Es gelang Bengt nicht, bis auf den Grund der Grube hinabzuleuchten, soviel er auch die Laterne drehte und wendete. Da lie er den Laternenschein auf den Schnee fallen, um nach Spuren zu sehen. Wenn zwei Fchse in der Grube wren, dann knnte er besser verstehen, warum das Dach so zerrissen war, und dann wre es auch keine so groe Schande, da die Ente mitgerissen worden war. Er fand auch wirklich Spuren im Schnee und hielt die Laterne dicht darber. Dann bckte er sich, tiefer und tiefer. Schlielich nahm er die Kerze aus der Laterne, lie sich auf die Knie nieder und leuchtete auf dem Boden umher. Als er sich wieder aufrichtete, fhlte er, da seine Knie zitterten. Glcklicherweise sah ihn niemand in diesem Augenblick! Nicht rasch genug konnte er in den Stall kommen, um ein Seil zu holen. Als er damit zurckkam, band er die Laterne daran und senkte sie in die Grube hinunter. Jetzt konnte er bis auf den Grund sehen, und pltzlich ging ein Grinsen ber sein Gesicht. Seine Augen wurden ganz klein und funkelten, und seine Zhne schimmerten zwischen den geffneten Lippen hervor. Jetzt hatte er es nicht mehr eilig, er blieb im Gegenteil mit hchst befriedigtem Gesicht ber die Grube gebeugt stehen. Nach einer Weile richtete der lange Bengt seine Schritte nach dem Wohnhaus. Aber er nahm den Weg nicht durch die Kche, sondern stieg mit wuchtigen Schritten die Freitreppe hinauf und ging in den Flur hinein. Es war kaum fnf Uhr, und auer der alten Haushlterin war noch niemand auf. Sie hrte jemand nach der Trklinke tasten und trat ngstlich nher, um zu ffnen. Was in aller Welt, der lange Bengt! Was ist denn mit dir los, da du durch den Haupteingang hereinkommst? Aber der lange Bengt schob sie auf die Seite, ohne sie eines Wortes zu wrdigen, und steuerte geradeswegs auf die Schlafstube zu, wo der Pfarrer und die Pfarrerin noch im besten Schlafe lagen, und machte die Tre auf. Was gibt's? Was gibt's? fragte der Pfarrer, indem er sich im Bette aufrichtete. Ich bin's, der lange Bengt. Herr Pfarrer, ich wollte nur sagen, da die Ente heute Nacht von der Fuchsgrube verschwunden ist. Das ist allerdings schlimm, Bengt. Aber deshalb httest du mich doch nicht mitten in der Nacht-- Alle beide, der Fuchs und die Ente, sind in der Grube drunten. Ich glaube, du bist verrckt, Bengt! Du weit doch, da ich erst vor ganz kurzem von der Hochzeit zurckgekommen bin, und ich war eben erst eingeschlafen. Aber nachdem der lange Bengt eine passende Pause gemacht hatte, begann er wieder: Ein Wolf ging der Spur des Fuchses nach, und er ist auch in der Grube drunten. Jetzt erwiderte der Pfarrer rasch: Sag' in der Kche drauen, man solle hier Licht machen, damit ich aufstehen kann. Aber der lange Bengt blieb stehen, wie wenn er taub wre. Ein zweiter Wolf ist der Spur des ersten Wolfs gefolgt, und der ist auch in der Grube. Sprach's, machte kehrt und ging geradeswegs zur Tr hinaus. Als es ordentlich Tag geworden war, versammelten sich alle Bewohner des Hofes um die Fuchsgrube. Alle waren da: der Pfarrer und die Pfarrfrau und die Pfarrerstochter, die Haushlterin, die fnf Mgde, die Einliegerin und die Kleine. Dann auch der lange Bengt und seine Mutter, die alte Bengta, sowie Bengts Frau, die muntre Maja, ferner die beiden Vettersbuben, der Spielmann Jns und der alte Backmann, ein Soldat, der im Pfarrhaus auf Arbeit war. Alle umstanden schweigend die Fuchsgrube, alle beugten sich vor, sahen ein paar Augenblicke hinunter und traten dann wieder zurck. Die Kleine war etwas auf die Seite gedrngt worden und hatte nicht bis zum Grubenrand hingelangen knnen. Der Pfarrer bemerkte es und winkte sie herbei. Sie sollte auch herankommen und hinuntersehen. Vorher htte sie sich gerne durchgedrngt; aber jetzt konnte sie keinen Schritt machen; ein kalter Schauder rieselte ihr durch den Krper, sie wagte es nicht, die Wlfe anzusehen. Das Kind hatte noch nie einen Wolf gesehen, aber es hatte sie im Walde um Koltorp heulen hren, und sie wute, die Wlfe waren die schrecklichsten Ungeheuer, sie waren viel schlimmer als Basilisken. Der Pfarrer war an diesem Morgen frischer, als die Kleine ihn je vorher gesehen hatte. Er packte sie am Kragen ihrer Pelzjacke und sagte: So, nun halte ich dich fest, Nora Sausewind, damit du nicht hineinfllst. Du mut in die Grube hinuntersehen, obgleich du nur ein Kind bist, damit du, wenn du einmal alt bist, der Jugend erzhlen kannst, da wir hier auf Lvdala in einer einzigen Nacht zwei Wlfe und einen Fuchs in unserer Grube gefangen haben. Jetzt stand sie am Rand der Grube und sah schlielich hinunter. Die Grube war ein viereckiges, mit Brettern verkleidetes Loch, wie ein Brunnen, nur viel weiter. Die Kleine sah hinein nach den groen Ungeheuern mit dem frchterlichen Rachen, in dem so ein kleines Mdchen wie sie auf einen Happ verschwinden konnte. Aber sie konnte sie nicht entdecken; da wandte sie den Kopf zurck und sah den Pfarrer an. Sieh in die Ecken! sagte er. Noch einmal beugte sie sich vor. Es war ziemlich dster in der Grube, aber jetzt konnte sie etwas unterscheiden. Vier Tiere waren da drunten, in jeder Ecke eines; alle saen regungslos da, nur ihre Augen, mit denen sie zum Tageslicht und den Menschen hinaufschauten, funkelten. In der Ecke gerade vor ihr lag der Fuchs; der war nicht grer als ein Sofakissen. In der nchsten Ecke lag ein Tier so gro wie ein groer struppiger Hund. In der dritten Ecke stand die Ente fest und gerade auf ihren beiden breiten Fen, und in der vierten Ecke lag noch einer von den groen struppigen Hunden. Die vollkommene Stille da drunten war ganz sonderbar und unheimlich; und die Kleine verhielt sich ebenso still wie alle andern, als sie vom Grubenrand zurcktrat. Als alle zur Genge hinuntergeschaut hatten, traten die Mnner zusammen, um zu beraten. Die Wlfe muten ja gettet werden, aber sie wuten nicht, wie sie es bewerkstelligen sollten. Natrlich wre es ein leichtes gewesen, sie zu erschieen; aber wenn Blut in die Grube flo, wurde diese unbrauchbar, dann konnte man nie wieder ein Tier darin fangen. Wenn es sich sonst nur um einen Fuchs handelte, sprang ein Mann in die Grube hinein, versetzte dem Fuchs einen Schlag auf den Kopf, da er die Besinnung verlor, legte ihm dann eine Schlinge um den Leib und lie ihn hinaufziehen. Wenn man zu einem Fuchs hineinsprang, war keine Gefahr dabei; wenn sich aber zwei lebende Wlfe in der Grube befanden, war das eine ganz andere Sache. Der lange Bengt nahm den Knppel, dessen er sich bediente, wenn er dem Fuchs den Schlag versetzte, mit dem er ihn bewutlos machte. Damit trat er an den Grubenrand, sah hinunter, schttelte den Kopf und trat dann wieder zu den andern. Nun holte einer der Knechte ein Seil und knpfte eine Renntierschlinge. Mit dieser stellte er sich an die Grube und lie die Schlinge dicht vor dem einen Wolf hinunter. Wenn es ihm gelang, die Schlinge ber den Kopf des Wolfes zu streifen, konnte dieser leicht heraufgezogen werden. Die Schlinge senkte sich tiefer und tiefer hinab, ja sie kam bis auf die Nase des Wolfs, ohne da sich dieser rhrte. Aber pltzlich fuhr er mit dem Kopf vor, heulte einmal laut auf, zwei Zahnreihen schimmerten, und die Schlinge fiel abgebissen auf den Boden der Grube. Aller Herzen begannen ngstlich zu klopfen, als sie dies sahen. Nein, es war kein Vergngen, sich mit einem Tier einzulassen, das ein Seil mit einem Schnapper durchbeien konnte. Es wird uns nichts anderes brigbleiben, als in die Grube hineinzuschieen, sagte der Pfarrer. Wir mssen uns eben im nchsten Winter eine neue graben. Jetzt trat ein Mann an den Rand, der bis dahin etwas hinter den andern gestanden hatte. Es war niemand anders als der Schmied von Henriksberg, der am vorhergehenden Abend nach Loby gekommen war, um Heu zu kaufen. Aber im Hochzeitshaus hatte man so viele Gste zu beherbergen gehabt, da man ihm keine Lagerstatt mehr anbieten konnte, und da hatte Bjrn Hindriksson Pfarrers gebeten, ihn aufzunehmen. Nun, im Pfarrhaus stand ja die Gaststube auf dem Bodenraum immer bereit, und da hatte er in der Nacht geschlafen. Aber jetzt am Morgen waren aller Gedanken nur mit den Wlfen beschftigt gewesen, und so hatte kein Mensch mehr an ihn gedacht. Er sah in die Grube hinunter, nahm dann Bengts Knppel und wog ihn in der Hand; aber niemand dachte, er tue es aus einem andern Grunde als zum Zeitvertreib. Der Mann war sehr gro, aber auch sehr schlank und sah nicht gerade riesenstark aus. Seine Hnde waren schmal und wei, ganz und gar keine Schmiedsfuste. Nein, er sah nicht aus, als habe er ordentlich Schneid. Wenn man ihn ansah, dachte man unwillkrlich, alles Leid, das dieser Mensch je erfahren habe, sei ihm in die Augen gestiegen, aber nie fortgeweint worden, und wenn er sich bewegte, hatte man auch das Gefhl, als trge er eine Last, die ihn schwer bedrckte; denn seine Bewegungen waren langsam und mde wie die eines erschpften Menschen. Eine Weile noch hrte er den Beratungen der andern zu; als er aber sah, wie unschlssig und ratlos sie waren, trat er rasch wieder dicht an die Grube und sprang geradeswegs zu den wilden Tieren hinunter. Und ehe noch irgendeiner auch nur einen Gedanken fassen konnte, sauste der Knppel -- ein dumpfer Schlag ertnte. Da hatte der eine Wolf seinen betubenden Schlag auf die Hirnschale bekommen -- dann wieder ein Schlag -- und dann noch einer. Indessen hatte sich der andere Wolf aufgerichtet, und dieser bekam den ersten Schlag aufs Rckgrat, da er zusammenbrach. Dann kam auch fr ihn der tdliche Schlag auf die Hirnschale. Jetzt das Seil! rief der Fremde den andern zu. Der lange Bengt warf ihm das Seil mit der Schlinge zu. Der Fremde streifte es zuerst dem einen Wolf ber den Kopf, dann dem andern, und dann lie er beide miteinander hinaufziehen. Der Fuchs war indessen lebendig geworden. Mit groen Stzen warf er sich gegen die Grubenwand, aber der Fremde kmmerte sich nicht um ihn. Lat jetzt die Leiter herunter! Der Knecht soll die beiden andern versorgen. Als der Fremde aus der Grube herausstieg, sah er wohl, wie bestrzt alle miteinander waren, sowohl Mnner als Frauen. Niemand brachte ein Wort heraus. Die Frauen besonders waren so erschrocken, als sie ihn in die Grube hineinspringen sahen, da sie noch immer zitterten, und die Mnner schmten sich ein wenig, weil sie sich nicht selbst hineingewagt hatten. Die Pfarrerstochter aber trat mit strahlenden Augen auf den Fremden zu: Jetzt hab' ich doch einmal einen Mann gesehen, sagte sie. Danach hab' ich mich mein ganzes Leben lang gesehnt. Er sah sie mit seinen schwermtigen Augen an. Alles auf der Welt ist gering und wertlos, schienen sie zu sagen, und ich bin am geringsten von allem. Zugleich aber flog das gtige Lcheln wieder ber sein Gesicht. Ich dachte, es wre schade, wenn man in die Grube hineinschieen mte und sie dadurch unbrauchbar machte, sagte er. Der Speziestaler Man kann wohl sagen, das sei doch nicht der Mhe wert, sich so darber zu grmen; aber da ging nun die Pfarrerstochter tatschlich vierzehn Tage lang verzweifelt umher, weil sie nicht wute, wie sie sich einen Speziestaler verschaffen sollte. Wenn sie doch nur ihren Vater, wie es ihre Absicht gewesen war, gleich am Morgen nach der Hochzeit darum gebeten htte! Aber da war sie von der Stiefmutter fr das, was sie zu dem Schmied gesagt hatte, als er aus der Fuchsgrube herausgestiegen war, hart gescholten worden. Und nicht allein fr das, was sie gesagt hatte, sondern auch weil sie in so auffallender Weise auf ihn zugeeilt war. Es habe ausgesehen, als wolle sie ihm an den Hals fliegen. Wann wrde sie es endlich lernen, sich wie ein anstndiger Mensch zu betragen und nicht wie ein zwlfjhriges Schulmdel? Danach war ihr der Mut, um das Geld zu bitten, vollstndig vergangen. Sie hatte auch ihren Vater durchaus nicht allein sprechen knnen, und wenn sie es der Stiefmutter gesagt htte, so wre damit nur ein neues Unwetter ber sie losgebrochen. Jedenfalls war es hchst unangenehm, da sie ihr Vorhaben aufgeschoben hatte, denn am nchsten Tag konnte keine Rede mehr davon sein, mit dem Gestndnis herauszurcken. Da erst hatte nmlich die Stiefmutter erfahren, da die Braut und der Brutigam mit der Hochzeitsgesellschaft von Loby im Pfarrhaus gewesen waren. Das hatte die Stiefmutter aufs hchste erregt, und sie wre sicher noch aufgebrachter geworden, wenn sie erfahren htte, wie verschwenderisch Maja Lisa gewesen war. Einen ganzen Speziestaler zu verschenken, unerhrt! Aber je lnger die Pfarrerstochter die Aussprache ber den entlehnten Taler hinausschob, desto schwerer wurde es ihr, Vater und Mutter zu bekennen, wieviel Geld sie schuldig war. Und schlielich mute sie sich selbst sagen, sie werde wohl niemals den Mut haben, um das Geld zu bitten. Nein, es blieb ihr nichts brig, als sich den Taler woanders her zu verschaffen. Sie sann und sann, dachte darber nach, wenn sie an ihrer Nharbeit sa, und grbelte darber, wenn sie bei Nacht in ihrem Bette lag. Denn soviel war sicher und gewi, der Schmied mute bezahlt werden. Diese Schmach htte sie nicht ertragen knnen, da sie dem Mann, der ihr so gutherzig zu Hilfe gekommen war, das Seine nicht wiedergegeben htte. Wenn sie doch nur zu Anna Brogren htte reisen knnen! Aber daran war ja gar nicht zu denken. Nie und nimmer wrde die Stiefmutter sie zu jemand reisen lassen, der sie liebhatte. Aber an wen sonst konnte sie sich denn wenden? Gromutter war ebenso arm wie sie selbst und hatte nichts, als was sie von Vater erhielt. Und Ulla Moreus hatte wohl berhaupt noch niemals einen Speziestaler in ihrer Hand gehabt. Ach, sie war wahrhaftig in groer Verlegenheit! Sie konnte doch wirklich auch nicht zum nchsten besten hingehen und zu ihm sagen, sie habe den Mut nicht, Vater und Mutter um einen Speziestaler zu bitten. Als sie nun am allerratlosesten war, fiel ihr ein, da noch eine Schwester ihrer Mutter lebte, und da diese ihr wohl helfen knnte. Aber ach, sie konnte fast das Lachen nicht unterdrcken, als sie sich ausmalte, welche Miene die Tante aufsetzen wrde, wenn sie ankme und um Geld bitten wollte! Und die Tante htte auch allen Grund, stutzig zu werden, denn die Nichte war der Tante fremder als irgendein anderer Mensch auf der Welt. Ein groer, weiter, unbersteiglicher Abgrund ghnte zwischen ihr und Maja Lisa. Nicht etwa, da sie in Feindschaft miteinander gelebt htten! Nein, nein! Aber die Tante war in ihren jungen Jahren hingegangen und hatte einen reichen Bauernsohn geheiratet, der es gewagt hatte, um sie zu freien. Nach dem, was Maja Lisa darber gehrt hatte, waren die beiden indes keineswegs aus Liebe ein Paar geworden. Er war ein hochmtiger Mensch gewesen und hatte gedacht, es wre groartig, wenn er eine Pfarrerstochter zur Frau bekme, und sie hatte gerade herausgesagt, sie wolle lieber in einem reichen Bauernhof herrschen, als daheim sitzen und auf einen armen Hilfspfarrer warten. Seit die Tante auf den Bauernhof gezogen war, hatte sie sich freiwillig von ihrer ganzen Verwandtschaft entfernt gehalten. Sie wollte ganz und gar nichts mehr von ihrem frheren Leben wissen, und ganz besonders pate sie auf, da ihr niemand von Lvdala nahe kam. Sie wohnte nicht so sehr weit entfernt, sondern noch im Broer Kirchspiel, kam aber niemals ins Pfarrhaus. Dafr fuhr entweder der Pfarrer oder die Gromutter oder Maja Lisa jedes Jahr einmal nach Svansskog und stattete ihr einen Besuch ab. Ach, ach, Maja Lisa mute gestehen, da sie ber diese Besuche auf dem Bauernhofe nie besonders erfreut gewesen war! Die Tante war im Lauf der Jahre eine echte und rechte Bauernfrau geworden; aber das war es nicht, was Maja Lisa die Besuche bei ihr verleidete, sondern eher das eigentmliche Benehmen der Tante, wenn sie von Lvdala Besuch bekam. Sie ging ihnen nicht auf die Freitreppe hinaus entgegen, um sie zu begren; und wenn die Gste ins Haus traten, konnte sie die Bemerkung, sie machten sich wirklich zuviel Mhe, indem sie auf einem Bauernhof zu Besuch kmen, nie unterdrcken. Aber gleich nachher konnte sie ihnen vorrechnen, wie lange es her war, seit sie zum letztenmal dagewesen waren; doch sie sagte dies alles durchaus nicht in freundlicher Weise, sondern so, da die Gste sich ganz unglcklich fhlten und nicht wuten, ob sie recht getan hatten, zu kommen, oder ob sie besser zu Hause geblieben wren. Aber war es nicht zu dumm von Maja Lisa! Eines Morgens, als sie mit Vater und Mutter am Frhstckstisch sa, lie sie ganz zufllig ein paar Worte ber die Tante auf Svansskog fallen und sagte, man drfe sie doch wohl nicht ganz vergessen. Der Vater sah sofort von seinem Teller Grtze auf. Die Pfarrerstochter, die eine Bauernfrau geworden war, hatte ihm von jeher leid getan, und er war sehr darauf aus, sie immer wieder wissen zu lassen, da sie in ihrer alten Heimat nicht vergessen war. Jetzt berlegte er, wann zum letztenmal jemand auf Svansskog gewesen war. Ja, es sei wohl schon eine gute Weile her, meinte er, und sie mten eigentlich wieder hinfahren und einen Besuch dort machen. Die Stiefmutter schwieg, weil sie von der Bauernfamilie nicht viel wute, und so mute Maja Lisa antworten, da seit letzte Weihnachten niemand mehr auf Svansskog gewesen sei. Und sie wagte sogar hinzuzufgen, Tante wrde sich gewi am meisten freuen, wenn Vater und Mutter selbst hinkmen. Aber so leichten Kaufs kam Maja Lisa nicht weg, das merkte sie bald: Vater lehnte sich in seinen Stuhl zurck und sah nicht sehr erfreut aus, und er dachte wohl, auch die Verwandtenliebe habe ihre Grenzen. Schlielich erklrte er, ihn habe die Tante oft genug gesehen, er brauche nicht nach Svansskog zu fahren, um sich zu zeigen. Aber die Mutter und Maja Lisa knnten noch am heutigen Tag hinfahren; es passe auch ganz ausgezeichnet, da sowohl der lange Bengt als der Rappe frei seien. Da wurde der Besuch nun beim Kaffeetisch ausgemacht. Ach, Maja Lisa htte sich am liebsten die Zunge ausgebissen! Warum hatte sie von Svansskog angefangen? Wie schrecklich, mit der Mutter zwei Stunden lang in ein und demselben Schlitten fahren zu mssen! Aber nach dem Frhstck ging Mutter mit Vater ins Studierzimmer, und als sie wieder herauskam, war alles umgestoen. Mutter sagte, es genge vollstndig, wenn Maja Lisa allein nach Svansskog gehe. Man knne ihr zwar wohl anmerken, da sie keine groe Lust dazu habe, aber es sei ntzlich fr die Jugend, wenn sie das tun msse, was ihr zuwider sei. Auch knne sie nicht fahren, sondern msse zu Fu gehen, weil sie selbst heute den langen Bengt in der Kche beim Talghacken nicht entbehren knne; er werde aber am nchsten Tage kommen und Maja Lisa abholen. Nicht mit einer Miene wagte die Pfarrerstochter zu zeigen, ob ihr diese Nachricht angenehm oder widerwrtig war. Aber in ihrem Herzen mute sie sich sagen, wenn der Besuch auf Svansskog nun doch einmal nicht zu umgehen sei, sei es ihr immerhin noch lieber, wenn sie allein hingehen drfe, anstatt mit der Mutter fahren zu mssen. Da sie nun aber solange fortbleiben sollte, fragte sie, ob die Kleine dann nicht ab und zu bei Gromutter einsehen drfe, um zu fragen, ob sie etwas brauche. Aber die Stiefmutter konnte wohl nichts beistimmen, was Maja Lisa auch immer vorschlagen mochte. Sie befahl nun sofort, die Kleine solle mit nach Svansskog gehen; Maja Lisa werde doch wohl nicht denken, sie wisse so wenig, was sich schicke, da sie Maja Lisa den weiten Weg allein gehen lassen wrde. Und sie brauche sich auch wegen der Gromutter durchaus nicht zu beunruhigen, es seien wirklich Frauenzimmer genug auf dem Hofe, die nach ihr sehen knnten. Jawohl, die Stiefmutter setzte ihren Willen durch, und schon nach einer Stunde waren die beiden, die Pfarrerstochter und die Kleine, unterwegs. In der Allee, und solange man ihnen von Lvdala aus nachsehen konnte, gingen sie sehr ruhig und sittsam; aber bald kamen sie in ein Tannengehlz, wo vom Pfarrhaus niemand mehr einen Schein von ihnen entdecken konnte. Ja, so viel ist sicher, die Pfarrerstochter hatte diesen Ausflug nach Svansskog fr etwas recht Langweiliges und Unntiges gehalten; aber nun war das herrlichste Winterwetter, das man sich nur denken konnte. Und vor ihr ging es den Hgel hinab, einen langen steilen Weg. Und sie war frei und vergngt wie seit Monaten nicht mehr, es war ihr, als sei sie einem engen Kfig entflohen. Und die junge Siebzehnjhrige ergriff die Hand der kleinen Dreizehnjhrigen, und dann liefen beide mit langen Sprngen davon, bis sie in die groe Schneewehe am Fue des Hgels hineingerieten, und da lagen sie und lachten aus vollem Halse. Als sie in Svansskog ankamen, war es erst ein Uhr mittags. Sie hatten auch recht Glck gehabt und nur die Hlfte des Weges zu Fu gehen mssen; denn schon von Broby an lie sie ein Knecht von Svansskog aufsitzen, der einen Fremden gefahren hatte und mit dem leeren Schlitten heimkehrte. Svansskog war zugleich Nachtherberge, obgleich sie lange nicht so besucht war wie die auf Broby, wo die Leute bestndig kamen und gingen. Nach Svansskog, das ganz im Norden des Kirchspiels lag, kam hchstens ein Reisender am Tag, und oft konnte gewi eine ganze Woche vergehen, ohne da jemand einen Wagen verlangte. Hier auf Svansskog war alles unverndert. Weder die Tante noch eine ihrer Mgde erschien, um der Pfarrerstochter und der Kleinen aus dem Schlitten herauszuhelfen. Ach, ach! es wurde Maja Lisa so bang zumute, die Angst schnrte ihr die Brust so zusammen, da das Herz fast keinen Raum mehr zum Klopfen hatte. Unterwegs war sie hoffnungsvoller gewesen; aber als sie jetzt aus dem Schlitten stieg, hatte sie das bestimmte Gefhl, da die Tante ihr nicht helfen werde. Svansskog war ein groes Gebude mit dem Eingang mitten auf der Langseite und nicht in der einen Ecke, wie das sonst bei den Bauernhusern der Fall war. Vor der Haustr war auch eine kleine berdeckte Freitreppe mit einer Veranda, die zwar nicht ganz so gro war wie die auf Lvdala, aber ihr sonst durchaus hnlich sah und auch ganz dasselbe Dach und ganz dieselbe Art von Pfeilern hatte. Ja, es war wirklich sonderbar! Nun war die Pfarrerstochter schon sooft hier gewesen, aber noch nie war ihr diese Veranda mit der Freitreppe davor aufgefallen. Sie mute erst ein Weilchen stehenbleiben, um sie zu betrachten. Ja, und auch noch anderes fiel ihr auf. Das Wohnhaus war alt, aber es war zu der Tante Zeiten renoviert und verndert worden, und da hatte sicher die Kinderheimat als Muster gedient. Es waren hier ebenso viele und ebenso groe Glasscheiben in den Fenstern wie dort, und die halbrunden Bodenfensterchen htte man ganz gut von dem einen Dach aufs andere hinbersetzen knnen, ohne da jemand einen Unterschied gemerkt htte. Da war es Maja Lisa gleich ein wenig leichter ums Herz. Vielleicht war es schlielich doch keine so groe Dummheit, da sie hierhergekommen war! Vielleicht war die ursprngliche Pfarrerstochter doch nicht so ganz verschwunden, wie sie sich selbst und anderen weismachen wollte! Der Flur war hier kleiner als auf Lvdala. Wie dort fanden sich auch hier halbrunde Eckschrnke, die Wnde waren auch grau angestrichen und mit schwarzen und weien lfarbenpunkten berst. Das Treppenhaus hatte grobe Balkenwnde gerade wie daheim, und die Bodentreppe fhrte gefhrlich steil aufwrts mit kleinen schmalen Stufen. Hier konnte man sicher ebensogut wie auf Lvdala das Gelnder hinabrutschen, ohne mit den Fen nachhelfen zu mssen. Dem Eingang gegenber, in der Mitte des Flurs, war eine Tr, die in ein groes Zimmer fhrte, das stets fr die Reisenden bereitstand. Dort traf man niemals jemand von der Familie; aber die Pfarrerstochter drehte doch den Schlssel um und warf einen Blick hinein. Ja, es war ganz so, wie sie erwartet hatte. Sthle aus gelbem Birkenholz und ein weier Klapptisch, genau wie in dem Saal auf Lvdala, nicht einmal die groe Kalla fehlte an dem einen Fenster. Eines jedoch war verschieden. Wohl waren auch hier blaue Bodenlufer, aber die hatten nicht dasselbe Muster wie daheim. Als Maja Lisa jedoch darber nachdachte, fiel ihr ein, da das nicht der Fehler der Tante war; sie hatte nach den alten Bodenlufern gewoben, die in ihrer Jugend auf Lvdala gewesen waren; dort aber hatte man das karierte Muster verndert. Die Pfarrerstochter schlo die Tre wieder zu und blieb dann noch einen Augenblick im Flur stehen. Die Trnen waren ihr in die Augen getreten; aber sie dachte, die Tante werde sicher keine Freude an irgendeiner Art von Empfindsamkeit haben, und so wollte sie mit einem ruhigen, frhlichen Gesicht bei ihr eintreten. Ach, auch hier verfolgte sie ihr gewhnliches Glck! Als sie die Wohnstubentre ffnete, sah sie, da die Tante mitten in einer groen Wsche war. Auf dem Feuer brodelte ein mchtiger Waschkessel, und der ganz mit Wsche gefllte Waschzuber, aus dem die Brhe langsam auf den Boden heraussickerte, stand mitten in der Stube. Ach, nun war die Tante gewi noch bellauniger als sonst, wenn Gste kamen! Es war viel Wasser auf dem Boden verschttet, und auf einer langen Bank lagen frisch gewaschene, grobe Wschestcke. Ja, Maja Lisa mute zugeben, niemand wrde erfreut sein, wenn er in einem Zimmer, das in solcher Unordnung war, Gste empfangen mte. In diesem Zimmer erinnerte nichts an Lvdala, es war eine ganz gewhnliche Bauernstube. Maja Lisa hatte aber doch immer gedacht, es sei ein schnes, ehrwrdiges Gemach, mit seinen groen deckenhohen Schrnken, dem gewaltigen Himmelbett und den langen, an den Wnden festgemachten Bnken. Aber jetzt hatte die Wsche alles Behagliche verscheucht. Die Tante stand mit dem Rcken gegen die Tre und rieb und knetete aus Leibeskrften. Maja Lisa war oft erzhlt worden, ihre Mutter und deren Schwestern seien ebenso gro und schlank gewesen wie sie selbst, aber die Tante war jetzt breit und untersetzt und sah durchaus nicht zart aus. Sie trug einen schwarzen Friesrock und ein rotes Leibchen mit dem dazugehrigen weien Hemd. Die kurze weie Schafpelzjacke, die auch zu der Tracht gehrte, hatte sie whrend der Arbeit ausgezogen. Die Tante wendete sich nicht der Tre zu, als Maja Lisa diese ffnete, und sie sagte auch kein Wort. Ach, soviel war sicher, Maja Lisa wnschte sich hundert Meilen weg! Aber es half alles nichts, sie mute zu der Tante hingehen und ihr die Hand geben, um sie zu begren. Die Tante hatte beide Hnde im Wasser drinnen. Sie zog die eine heraus, und ohne sich erst die Mhe zu nehmen, sie abzutrocknen, legte sie den Rcken ihrer Hand in die der Nichte. Also diesmal hat man dich schlielich geschickt, sagte sie. Die neue Pfarrfrau ist wohl zu vornehm, um uns Bauersleuten einen Besuch zu machen? Sie sagte wirklich nichts weiter als das und sprach auch nicht unfreundlicher als sonst, aber Maja Lisa konnte diesmal wohl nicht so geduldig sein, sondern brach in Trnen aus. Vielleicht nahm sie es sich auch nur deshalb sosehr zu Herzen, weil sie doch auf einem Bittgang war, und nun war es ihr, als knnte sie ihre Bitte niemals vorbringen. Aber als sie die Trnen nicht mehr zurckhalten konnte, war sie erst recht unglcklich. Ach, ach, da sie sich selbst auf diese Weise vor dieser Tante, die doch kein Herz fr sie hatte, preisgab! Ach, und nicht ein paar Trnen drngten sich aus ihren Augen, die leicht weggewischt werden konnten! O nein, in richtigen kleinen Bchlein liefen sie ihr die Wangen herunter, und der Hals war ihr wie zugeschnrt, sie konnte kein Wort herausbringen. Ach, sie hatte bitterlich Mitleid mit sich selbst! Jetzt weinte sie darber, da sie berhaupt weinte; und das wei man ja, wenn es erst so weit ist, dann kann man nicht mehr aufhren. Am liebsten wre sie auf und davon gegangen und geradeswegs wieder nach Hause gelaufen. Sie ging auch bis an die Tre; aber als sie diese erreicht hatte, versagten ihr die Knie. Dicht bei der Tre stand ein niederes Bnkchen, auf dieses sank sie nieder, und da blieb sie sitzen. Und dabei konnte sie sich so gut vorstellen, was die Tante ber diese Nichte dachte, die nur hereinkam, um gleich zu weinen, und sie mitten in der Wsche strte. Das heit, die Tante sah gar nicht aus, als sei sie sosehr aufgeregt. Sie hrte auf zu waschen, nahm sich aber ruhig Zeit, noch eine Schpfkelle heies Wasser in den Zuber zu gieen, und sie legte auch noch ein Scheit Holz aufs Feuer, ehe sie zu der weinenden Nichte an der Tre trat. Du wirst doch keine Angst vor mir haben, sagte sie; ich bin vielleicht gar nicht so schlimm, wie ich aussehe. Aber wenn die Tante gemeint hatte, sie werde die Pfarrerstochter mit diesen Worten trsten und den Trnenstrom zum Versiegen bringen, dann hatte sie sich verrechnet. Diese Trnen kamen aus einer so tiefen, reichen Kummerquelle, die, nachdem sie nun einmal bergeflossen war, stundenlang fortflieen mute. Auch jetzt noch konnte Maja Lisa kein Wort herausbringen, obgleich sie sich sagte, der Tante werde die Geduld ausgehen, und sie drfe ihre Wsche nicht zu lange im Stich lassen. Aber die Tante wute sich zu helfen, sie wendete sich einfach an die Kleine, die sich die ganze Zeit dicht neben der Pfarrerstochter gehalten hatte und nun ganz erschrocken sachte deren Hand streichelte. Vielleicht weit du, warum Maja Lisa weint? fragte sie. Sie kann sich's doch wohl nicht so zu Herzen genommen haben, da ich nicht gleich Zeit hatte, sie ordentlich zu begren. Man konnte ihrer Stimme anhren, da sie am liebsten darber gelacht htte, und das mute die Kleine verstanden haben, denn diese wurde pltzlich ganz wtend. Soll sie nicht weinen, wenn Ihr Euch so gegen sie benehmt? rief sie. Da kommt sie zur leiblichen Schwester ihrer Mutter, um sie um Hilfe zu bitten, und dann sagt diese nicht ein einziges freundliches Wort zu ihr. Maja Lisa legte der Kleinen eiligst die Hand auf den Mund; aber das half nichts, denn die Kleine konnte es nicht ertragen, Mamsell Maja Lisa weinen zu sehen, und nun war sie in der richtigen desperaten Laune, gerade wie damals in dem Sturm. Die Tante lie sich nichts anmerken, ob sie ber die Kleine rgerlich wurde, aber sie sprach jetzt in breiterem Bauerndialekt als vorher, und was sie sagte, kam ngstlich und langsam heraus. Womit sie wohl Maja Lisa helfen knnte? Maja Lisa gehe es doch wohl ausgezeichnet auf Lvdala, und sie brauche sicherlich keine Hilfe von einer armen Bauernfrau? Etwas Besseres htte sie nicht sagen knnen, um die Zunge der Kleinen recht in Gang zu bringen. Ihr seid gewi aus demselben Holz geschnitten wie Mamsell Maja Lisas Stiefmutter, sagte sie. Im brigen aber kann ich Euch etwas sagen; sie ist hierhergekommen, Euch zu bitten, ihr einen... Aber da packte die Pfarrerstochter die Kleine so fest beim Arm, da diese verstummte. Die Tante schien indes die Unterbrechung gar nicht zu bemerken, sondern fuhr fort: Ist es denn wirklich so schwer fr Maja Lisa, da sie eine Stiefmutter bekommen hat? Es heit zwar, wer eine Stiefmutter bekommt, bekommt auch einen Stiefvater, aber so ist es ihr doch sicher nicht gegangen. Sollte es irgend etwas geben, das sie sich wnschte und nicht bekme? Das ist doch wohl unmglich? Die Pfarrerstochter machte der Kleinen alle mglichen Zeichen; aber was half das, wenn die Tante sie auf diese Weise reizte? Oh, Ihr knntet recht wohl selbst sehen, wie es ihr geht, fuhr die Kleine fort, wenn Ihr nur die Augen aufmachen wolltet. Sie ist ja nicht besser angezogen als ich und ist nur noch Haut und Knochen. Es heit freilich, Blut sei dicker als Wasser, aber das ist bei Euch wohl nicht so? Euch ist es einerlei, ob die Stiefmutter sie zu Tode plagt. All dies war sehr peinlich fr die Pfarrerstochter. Es war schon schlimm genug, da sie ihrer Trnen nicht Herr werden konnte; aber da die Tante alles mgliche aus der Kleinen herauslockte, war noch viel schlimmer. Wer konnte wissen, wie die Tante es aufnahm! Vielleicht nhrte sie einen geheimen Groll gegen die Tochter ihrer Schwester in ihrem Herzen und freute sich nur, wenn sie das alles zu wissen bekam. Nein, Maja Lisa konnte es nicht lnger aushalten! Deshalb stand sie auf und tastete nach der Tre. Aber als sie die Klinke aufmachen wollte, war irgend etwas daran nicht in Ordnung, Maja Lisa konnte sie nicht gleich aufbringen, sondern zog und rttelte -- und sank pltzlich zusammen -- und fiel zu Boden---- Als sie wieder zu sich kam, lag sie in dem Zimmer mit den blau karierten Bodenlufern im Bett. Sie ruhte auf so weichen Kissen und so feinen Laken, wie sich auf Lvdala kaum welche fanden. Neben dem Bett stand ein Tisch und auf dem Tisch ein Kaffeebrett und auf dem Brett eine Schale, die mit einem Tuch zugedeckt war. Ja, Maja Lisa versprte ein wenig Hunger, und rasch nahm sie das Tuch von der Schale. Aber nichts Ebares lag darunter, nichts als ein groer, glnzender, prchtiger Speziestaler! Zuerst konnte sie nicht begreifen, wie alles zusammenhing. Aber dann ging ihr ein Licht auf. Die Tante hatte natrlich die Wahrheit aus der Kleinen herausgelockt! Ach, Maja Lisa fhlte sich so gerhrt und beglckt, da sie wieder weinen mute, und nachdem sie eine Weile geweint hatte, schlief sie ein. Sie schlief ununterbrochen, bis die Wanduhr in der Wohnstube drei Uhr schlug. Als sie jetzt aufschaute, war der Speziestaler verschwunden; aber dafr stand eine Menge guter Sachen zum Essen neben ihrem Bett. Zuerst erschrak sie ein wenig, weil das Geldstck verschwunden war; aber dann dachte sie, sie sei jetzt sicher in guten Hnden. Damit beruhigte sie sich, und dann a sie. Als sie sich satt gegessen hatte, wurde sie ber diese Beweise von Gte wieder so gerhrt, da sie abermals weinen mute, und whrend sie noch weinte, schlief sie aufs neue ein. Als sie das nchste Mal erwachte, war es dunkler Abend. Im Ofen flackerte ein lustiges Feuer; die Tante aber stand vor ihrem Bett und betrachtete sie. Das erste, was sie sagte, war, Maja Lisa solle entschuldigen, aber sie habe sich die Freiheit genommen, den Speziestaler dem Manne zu schicken, von dem er entlehnt worden sei. Es sei jetzt am Abend ein Wagen nach Henriksberg geschickt worden, und da habe sie dem Knecht den Taler gegeben mit dem Auftrag, sich zu erkundigen, welcher von den Schmieden um Weihnachten das Heu in Loby gekauft habe. Diesem solle er das Geldstck mit einem Gru von der Pfarrerstochter bergeben. Sie habe es so frs beste gehalten; denn Maja Lisa htte wahrscheinlich von Svartsj aus nicht so leicht einen Boten nach Henriksberg schicken knnen. Abermals war die Pfarrerstochter tiefgerhrt, sie konnte kaum antworten. Aber die Tante lie es nicht wieder zum Weinen bei ihr kommen, sondern fing nun an, sie ber Lvdala auszufragen. Sie erwhnte die Stiefmutter oder irgend etwas anderes Unangenehmes gar nicht, sondern fragte nur nach Sachen, die Maja Lisa keinen Kummer machten. Wie es der Gromutter gehe? Ob ihre Stube im Brauhaus noch immer so blitzblank sei? Wie es bei der alten Bengta im Gesindehaus aussehe. Wohl noch ebenso schmutzig wie frher? Ob das Kuzchen noch auf dem Boden hause? Ob die Drossel noch in dem Tannenwipfel ber dem Ruhestein sitze und an den Frhlingsabenden so herrlich zwitschere? Ob es auch in den letzten Jahren noch Maiblumen in dem Birkengehlz hinter dem Obstgarten gegeben habe? Ob das alte, auf Pfosten errichtete Vorratshaus noch stehe? Und ob das neue Pfarrhaus, das Maja Lisas Vater hatte bauen lassen, ganz so wie das alte sei? Und ob in dem alten dsteren Schafstall auch jetzt noch Schafe seien? Voller Verwunderung hrte die Pfarrerstochter zu. Nach allem fragte die Tante, nichts, nichts verga sie. Zum Schlu sprach sie auch noch ein wenig von sich selbst. Siehst du, Maja Lisa, in der ersten Zeit nach meiner Verheiratung ging ich heim nach Lvdala, sooft ich nur konnte. Ich sah wohl, da das den Leuten hier auf Svansskog nicht angenehm war; aber ich ging trotzdem, denn ich hatte Heimweh, und im Anfang war ich gar nicht glcklich hier. Es war nicht so leicht fr mich, das kann ich dir sagen. Ich hatte hier eine Schwiegermutter, die gerade so gegen mich war, wie deine Stiefmutter gegen dich ist. Und noch ein anderer war auch sehr streng und hart. Wir waren damals keine so guten Freunde, wie wir spter geworden sind, und das, das war das Schlimmste fr mich. Aber dann wurde mir eines klar: Sooft ich wieder nach Lvdala ging, wurde mir die Rckkehr immer schwerer. Und schlielich konnte ich nicht mehr anders, ich mute mit mir selbst ins Gericht gehen und mich fragen, wie ich es eigentlich haben wollte. Diesen Ort hier hatte ich mir zur Heimat erwhlt, und hier mute ich leben, und da war es doch wohl dumm, wenn ich mein Leben mit dem Heimweh nach dem, was ich verlassen hatte, vertrdelte. Da fate ich meinen Entschlu: Nie wieder wollte ich nach Lvdala gehen, und nichts mehr wollte ich mit den Leuten auf Lvdala zu tun haben, ganz und gar wollte ich vom Alten wegkommen. Und das war das Richtige fr mich. Von da an wurde ich selbst ruhiger; und als die anderen begriffen, da ich ihnen im Ernst angehren wollte, nderten sie ihr Benehmen gegen mich; sie beobachteten mich scharf, wenn ihr mich besuchtet, aber sie sahen und verstanden, da ich mir alle Mhe gab, mich auch gegen euch fremd zu stellen. Ja, ich hatte eine dicke, feste Mauer zwischen mir und euch aufgerichtet und meinte, nichts auf der Welt knnte sie je wieder einreien. Aber das hatte ich allerdings nicht mit in Rechnung genommen, da jemals eine Pfarrerstochter von Lvdala, ebenso klein und zart wie ich in ihrem Alter auch gewesen war, zu mir kommen und mich um Hilfe bitten wrde. Siehst du, da war es zu Ende mit aller meiner Kraft. Aber glaube ja nicht, ich werde deshalb irgendwelche Unannehmlichkeiten hier haben. Weit du, was ich vorhin, als du schliefst, getan habe? Oh, da zog ich meinen Mann am rmel, nahm ihn mit hierher an die Tre und lie ihn durch einen Spalt einen Blick auf dich hineinwerfen. Und dann erzhlte ich ihm, wie alles zusammenhing, und fragte ihn, ob er etwas dagegen htte, wenn ich dir helfe. Aber nun sollst du hren, was er darauf sagte. Das sagte er: 'Die, die da drinnen liegt, sieht ganz genau so aus, wie du selbst ausgesehen hast, als du zuerst zu mir kamst; und das sage ich dir, wer der da drinnen nicht hilft und beisteht, der bekommt es mit mir zu tun.' Der Finnenpfarrer Es war wie verhext, Maja Lisa mute immerfort an die Stiefmutter denken. Den ganzen Morgen war diese ihr nicht aus den Gedanken gekommen, und obgleich sie wute, da auf Lvdala das Lichterziehen in vollem Gange war, fuhr sie doch jedesmal unwillkrlich zusammen, wenn jemand die Tre ffnete, in heller Angst, die Stiefmutter knnte eintreten und sehen, wie schlecht sie sich benahm. Denn ach, wenn Mutter wte, da sie bis acht Uhr morgens geschlafen hatte! Ja, und noch mehr; die Tante war so gut gegen sie gewesen und hatte ihr selbst Kaffee ans Bett gebracht, obgleich alles Kaffeetrinken von Seiner Majestt dem Knig verboten war. O weh, die Stiefmutter, die so streng darauf hielt, da allen Verordnungen aufs genaueste nachgekommen wurde, die wre sicher ber die Maen emprt gewesen, und die beiden roten Flecke htten auf ihren Wangen gebrannt! Oder gar, wenn Mutter gesehen htte, wie die Tante an diesem Tag alle Arbeit liegen und stehen lie, nur um mit Maja Lisa auf der Bank zwischen dem Fenster und dem breiten Wohnzimmertisch plaudern zu knnen! Ja, oder wenn sie die Tante lachen gehrt htte, als die Nichte von der Stiefmutter und allen ihren Taten erzhlte! Denn jetzt, wo Maja Lisa ausgeruht hatte, war sie gar keine Trnenliese mehr, sondern lachte nur ber alle ihre Widerwrtigkeiten. Die Stiefmutter hatte wohl gedacht, die Tante werde gegen Maja Lisa geradeso sein wie sie, und sie wre sicherlich sehr rgerlich gewesen, wenn sie dahintergekommen wre, wie sehr sie sich getuscht hatte. Aber wenn sie nun gekommen wre und dann Maja Lisa allein mit der Tante angetroffen htte, wre das erst nicht so gefhrlich gewesen. O nein, wre sie spter am Tag gekommen, dann htte es schlimmer ausfallen knnen! Im Lauf des Vormittags fuhr pltzlich ein Reisender an der Herberge vor. Rasch wendete sich Maja Lisa dem Fenster zu, und da sah sie einen groen schnen Mann aus einem kleinen grn angestrichenen Schlitten steigen. Er trug einen Anzug aus eigengewobenem Fries, der ganz hell, ja fast wei war; er hatte keinen Pelzrock an, aber an der freimtigen Art, mit der er dem Hausherrn die Hand schttelte, konnte man gleich sehen, da er ein Herr von Stand war. Die Tante war so an die Ankunft von Reisenden gewhnt, da sie sich nicht einmal die Mhe nahm, zum Fenster hinauszusehen. Maja Lisa mute sie erst auffordern, sich doch umzudrehen und ihr zu sagen, wer der schne Herr sei. Und die Tante konnte auch wirklich Auskunft geben. Der da drauen stand, das sei ja wahrhaftig der Pfarrer von Finnerud, Pastor Liljecrona! Ja, nun htte die Stiefmutter dasein sollen, um zu sehen, wie Maja Lisa bei Nennung dieses Namens zusammenfuhr! Die Tante merkte es auch gleich und wurde neugierig. Aber das tat nichts, denn ihr konnte Maja Lisa ohne Scheu die Geschichte von dem Traumpfannenkuchen und dem Traum erzhlen, whrend sie sie der Stiefmutter niemals htte anvertrauen knnen; diese htte ja doch nur ber alles miteinander verchtlich den Kopf in den Nacken geworfen. Die Tante dagegen nahm die Sache vollstndig ernst. Das wre nicht das schlimmste, wenn du ihn bekommen knntest, sagte sie. Er ist nicht allein ein schner Mann, sondern auch ein wirklich prchtiger Mensch. Maja Lisa verwunderte sich hchlich. Die Tante konnte doch wohl nicht meinen, sie solle den Pfarrer von Finnerud heiraten. Dieser Ort lag ja weit droben im Norden, noch viel weiter entfernt als Vstmarken. Und es wohnten auch nur Finnen dort, die vor zweihundert Jahren hingezogen waren, aber seither noch nicht einmal Schwedisch gelernt hatten. Fr Maja Lisa war Finnerud ein so unbekannter Ort, wie wenn er ganz droben in Lappland gelegen htte. Aber die Tante beruhigte sie. Sie solle keine Angst haben, in Finnerud brauchte sie nicht zu wohnen. Pastor Liljecrona sei schon seit elf Jahren Pfarrer dort und werde nun wahrscheinlich wegziehen, um Propst in Sjskoga zu werden. Da begann Maja Lisa zu verstehen, warum die Tante so eifrig geworden war. Sie, die ursprngliche Pfarrerstochter, wute wohl, da Sjskoga das beste Pastorat im ganzen Sprengel war. Aber Maja Lisa sagte, sie kmmere sich eigentlich weder um Finnerud noch um Sjskoga; ihr Mann msse Pfarrer in Svartsj sein und auf Lvdala wohnen. Ja, so sagst du jetzt, meinte die Tante, aber warte nur, bis der Rechte kommt, dann fragst du weder nach Hof noch Kirchspiel. Die Tante sprach mit so groem Ernst, da sich Maja Lisa noch einmal dem Fenster zuwenden und hinaussehen mute. Der Pfarrer war wirklich ein schner Mann mit seiner stattlichen Figur und seinen leuchtenden blauen Augen, und er hatte eine laute, frhliche Stimme, die bis ins Zimmer hereindrang. Der Hausherr hrte ihm mit erfreuter Miene zu, und aus Stall und Scheune eilten die Knechte herbei, das Pferd auszuspannen. Sieh, wie sie von allen Seiten dahergelaufen kommen, man merkt, da der Pfarrer von Finnerud angekommen ist, alle haben ihn gern. Ich denke, er wird nicht gleich wieder wegfahren, sondern eine Weile hierbleiben, da kannst du gleich ein paar Worte mit ihm wechseln. Kaum hatte die Tante diese Worte gesagt, als auch schon die Tr aufging und der Pfarrer eintrat. Schon von der Schwelle aus rief er der Tante zu, ihr Mann habe ihn in den schnen Saal hineinfhren wollen, aber er wolle dort nicht ganz allein sitzen, Mutter Margreta werde wohl nichts dagegen haben, wenn er zu ihr in die Wohnstube komme, denn er msse vielleicht eine gute Weile hier warten. Sein Bruder, der Verwalter von Henriksberg, habe ihn hierherbestellt, sei aber bis jetzt noch nicht gekommen. Er wisse nicht, was eigentlich los sei; ein Skilufer habe ihm sehr spt in der Nacht die Nachricht gebracht, und er sei in aller Frhe aufgebrochen, der Httenwerkverwalter htte eigentlich vor ihm hier sein sollen. Gleich einem Wasserschwall strmten ihm die Worte vom Munde. Tante Margreta ging ihm entgegen, ihn zu begren, und Maja Lisa dachte, sie sei mindestens ebenso erfreut wie die Knechte drauen. Schlielich bekam doch auch die Tante das Wort, und sie sagte, er drfe im Wohnzimmer bleiben, solange er wolle. Er werde ohnedies nicht mehr oft dieses Weges kommen. Sie mte ihm ja zu dem groen Amte, das er erhalten habe, Glck wnschen, obgleich sie ihn sehr vermissen werde, wenn er nicht mehr hier einkehre. Der Pfarrer machte eine ungeduldige Bewegung. Ach, ich wei nicht, was ich tun soll, Mutter Margreta, sagte er. Am liebsten wrde ich ganz und gar zurcktreten. -- Aber zum Kuckuck... nein, ich will nicht fluchen, bin ja ein Pfarrer! Der Ausruf war ihm wegen nichts anderem entschlpft, als weil sein Blick auf die Pfarrerstochter gefallen war. Sie war bis jetzt ganz ruhig auf der Fensterbank sitzengeblieben, und er hatte sie vorher nicht bemerkt gehabt. Maja Lisa geriet ordentlich in Verlegenheit, als er nun mit lauter Stimme fragte: Was ist denn das fr ein Schtzchen, das ihr hier im Hause habt, Mutter Margreta? Die Tante sagte ihm, wer Maja Lisa war; aber deshalb fhrte er sich nicht ein bichen passender auf als vorher. Ei ja, das wolle er gleich glauben, da sie eine von den schnen Pfarrerstchtern von Lvdala sei. Es sei nur gut, da er sie endlich zu Gesicht bekomme. Wie oft habe er Mutter Margreta schon gebeten, ihn mit der Nichte zusammen einzuladen, damit er selbst sehen knne, ob das, was die Leute von ihr sagten, wahr sei. Maja Lisa wurde nicht allein verlegen, sondern sie erschrak auch bis ins Herz hinein. So etwas durfte sie gar nicht anhren, das schickte sich nicht. Die Stiefmutter -- ach richtig, Mutter, war ja beim Lichterziehen auf Lvdala! Die Tante sah wohl, da sie ngstlich wurde, und so versuchte sie, den Pfarrer davon abzubringen, Maja Lisa immerfort anzustarren. Das sei doch wohl unmglich, da er die Absicht habe, von der Bewerbung um Sjskoga zurckzutreten? begann sie. Er mte ja hochbeglckt sein, wenn er ein so schnes Pastorat in so jungen Jahren bekomme! Soviel sie gehrt habe, seien bis jetzt immer nur ltere, gesetzte Mnner zu diesem fetten Bissen gekommen. Liljecrona zuckte die Achseln. Er habe ja nie die Absicht gehabt, dahin zu streben. Das Glck sei ihm gar zu hold gewesen. Er selbst sei mit seiner bisherigen Lage ganz zufrieden gewesen. Aber er habe sich doch gemeldet, warf die Tante ein. O ja, weil ihm die Verwandten gar keine Ruhe gelassen htten. Jetzt hatte er Maja Lisa so vollstndig vergessen, als sei sie berhaupt nicht da. Er dachte nur noch an seine eigenen Angelegenheiten, whrend er mit gefurchter Stirne und heftigen Bewegungen im Zimmer hin und her wanderte. Eine lange Locke hing ihm ber die Stirne herein; er ergriff sie, drehte sie nach oben, stellte sie auf und lie sie dann wieder herunterfallen. Offenbar war es ihm ganz gleichgltig, wie er aussah; aber Maja Lisa dachte unwillkrlich, er sei ein so schner Mann, da sich bei ihm alles gut ausnehme. Endlich blieb er dicht vor der Tante stehen und fragte, ob er sie um einen guten Rat bitten drfte, er habe jetzt schon soviel hin und her berlegt und wisse nicht mehr aus noch ein. Bei diesen Worten stand Maja Lisa auf. Sie meinte, sie drfe nun nicht lnger hier sitzenbleiben und seine Geheimnisse mit anhren. Aber er gehrte zu denen, die auch hinten Augen zu haben scheinen. Sobald er merkte, da sie sich bewegte, sagte er, sie solle nur sitzenbleiben, es sei ihm eine wahre Freude, etwas Hbsches zum Ansehen zu haben. Wie sonderbar, nun hatte sie sich schon so an ihn gewhnt, da sie nicht einmal errtete! Aber sie brauchte auch wirklich gar nicht verlegen darber zu werden, denn das merkte sie nur zu gut, er betrachtete sie ganz so wie eine schne Puppe. Es fiel ihm gewi nicht einen Augenblick ein, da diese Puppe sehen und auch hren konnte. Als er jetzt mit der Tante redete, setzte er sich mit dem Rcken gegen die Pfarrerstochter auf den breiten Tisch. Maja Lisa glaubte, er habe sie ganz vergessen. Aber mittendrin setzte er sich rittlings auf einen Stuhl und starrte ihr wieder gerade ins Gesicht. Nun also, zum ersten wolle er fragen, ob Mutter Margreta gehrt habe, wieviel Kummer er den Leuten in Finnerud von der ersten Zeit seines Aufenthaltes an gemacht habe? Ob sie wisse, da schon bei seiner ersten Predigt in der Finneruder Kapelle die Finnenmnner und die Finnenweiber sich hchst verwundert gefragt hatten, was er wohl Bses getan habe, dessentwegen er zu ihnen heraufgeschickt worden sei? Die Tante wollte antworten, aber er lie ihr keine Zeit dazu. Ja, wahr und wahrhaftig, gerade darber htten sie sich gewundert, und sie htten vielleicht auch Grund dazu gehabt! Sie wuten ja wohl, welche Art Wohnung sie ihrem Pfarrer zu bieten hatten, und welche Besoldung er bei ihnen bekam, und da sie deshalb nur Pfarrer bekamen, die keine andere Gemeinde haben wollte. Wenn sie nun also ihn bekommen hatten, so... Der stattliche Mann hielt inne und wute nicht, wie er weitermachen sollte, aber die Tante vollendete den Satz: Sie dachten wohl, der Herr Pfarrer sei zu jung und zu schn, um zu ihnen dahinauf zu kommen. Nun redete der Pfarrer rasch weiter. Na ja, sie sahen ja, da er noch nicht uralt war, und obgleich sie nicht verstanden, was er in seiner Predigt sagte, weil er schwedisch predigte, hrten sie doch, da er vortragen und auch singen konnte. Und so kamen sie, Mnner und Frauen, miteinander berein, er sei ein Mann, der in einem Pfarrhaus mit hohen Zimmern und groen Glasfenstern wohnen sollte, und er wre nie und nimmer zu ihnen heraufgezogen, wenn es nicht irgendeinen Haken mit ihm htte. Es wre ihnen auch wohl nicht leicht gefallen, irgend etwas anderes zu denken, warf die Tante ein. Ja, ja, es mute einen Haken haben. Und sobald einer von ihnen in den schwedischen Bezirk hinunterfuhr, um seine Brenhute und Schafpelze zu verkaufen, gaben sie ihm den Auftrag, sich zu erkundigen, was es mit dem Pfarrer fr eine Bewandtnis habe. Bei diesen Worten sprang der Pfarrer von seinem Stuhl auf und wanderte wieder im Zimmer hin und her. Er war gewi bis auf den heutigen Tag noch emprt darber. Tante Margreta aber lachte nur und fragte, ob die Abgesandten irgend etwas erfahren htten. Ach, was htten sie denn erfahren sollen? Sicherlich konnten sie bei ihrer Rckkehr nichts weiter berichten, als da ihr Pfarrer auf seinen eigenen Wunsch nach Finnerud geschickt worden war. Die Finnenmnner und die Finnenweiber waren also nachher so klug wie vorher! Natrlich konnte sich nun und nimmer auch nur einer denken, der Pfarrer sei zu ihnen gekommen, weil sie ein verlassenes, verwahrlostes und von ihrem eigenen Volk geschiedenes Huflein waren. Nein, nein, es mute sich anders verhalten. Ach, die sind eben gar so klug da droben, Herr Pfarrer. Da darf man nicht so genau mit ihnen ins Gericht gehen. Nachdem sie nun aus ganz sicherer Quelle erfahren hatten, da er nichts Bses getan hatte, muten sie es ja glauben; aber sie gaben sich nicht zufrieden, bis sie sich eine Erklrung nach ihrem eigenen Kopfe zurechtgemacht hatten. Er sei wohl nur deshalb zu ihnen heraufgekommen, um sich an das Amt zu gewhnen und sich darin zu ben; und sobald er sich auf einer Kanzel daheim fhle, werde er sicher auf und davon gehen. Und auch darin bekamen sie nicht recht? Nein, auch darin bekamen sie nicht recht. Jetzt bin ich seit elf Jahren dort, rief der Pfarrer mit einem unwilligen Auflachen, aber heutigestags noch knnen sie es nicht lassen, ber mich nachzugrbeln. Im ganzen Dorfe gibt es nicht einen einzigen Mann von Stande, und wenn ich mich nun ber meine Einsamkeit beklagt htte, dann htten sie mich verstanden. Und wenn ich mich mit meinen Bchern als einzige Gesellschaft in mein Pfarrhaus eingeschlossen htte, so wrden sie auch das verstanden haben. Aber ein Pfarrer, der spt und frh drauen war, und der sich an dem Umgang mit Finnenbauern gengen lie! Einer, der wissen wollte, wie das Moorheu gemht und versorgt und wie das Land abgeschwendet wurde, und der mit ihnen auf die Jagd ging, nein, aus einem solchen Pfarrer konnten sie nicht klug werden! Liljecrona setzte sich jetzt wieder rittlings auf den Stuhl und drehte sich mit ihm herum, da er Maja Lisa Auge in Auge gegenbersa. Aber er sprach fortgesetzt mit der Tante. Nachdem ich ein paar Jahre in Finnerud gewesen war, erzhlte er weiter, habe ich eines Sonntags auf Finnisch zu predigen versucht. Da haben sie in der Kirche geweint, alle miteinander ohne Ausnahme, so berwltigt waren sie. Und solange der Gottesdienst dauerte, ist es auch gewi nicht einem einzigen eingefallen, ber mich nachzugrbeln. Nein, aber kaum waren sie aus der Kirche heraus, als sie auch schon in der alten Weise fortmachten. Was konnte doch der Pfarrer fr eine Absicht dabei haben, ihnen jetzt finnisch zu predigen? Sie gingen dann zu Pekka, dem Knecht im Pfarrhaus, und fragten ihn, wie es denn sei, ob sich der Herr Pfarrer ein neues Pfarrhaus wnsche? Aber Pekka sagte, er habe nichts anderes gemerkt, als da der Pfarrer mit der einfachen Finnenhtte, die nur eine Stube und keinen Schornstein hatte, so da man eine Luke ffnen mute, um den Rauch abziehen zu lassen, ganz zufrieden sei. Und so muten sie wieder fortgehen und waren abermals nicht klger als vorher. Ach, Herr Pfarrer, bedenken Sie, wir Ansssigen hier sind nicht immer gut gegen die Fremden gewesen, warf die Tante ein. Keiner von allen konnte etwas so Einfaches wie das, da man ihnen wohlwollte, begreifen. Sie wren wirklich erfreut gewesen, wenn ich eine betrbte Miene aufgesetzt und wenn ich mich darber gegrmt htte, meine Jugend unter armen Finnenbauern vertrdeln zu mssen. Aber weil ich froh und zufrieden aussah, das regte sie auf. In einem der Jahre hatte ich einigen Finnenkindern zugeredet, zu mir zu kommen; ich sagte, ich wolle sie Schwedisch lehren, damit sie beim Thing und bei den Jahrmrkten im schwedischen Bezirk drunten nicht so hilflos seien wie ihre Eltern. Aber als die Finnenmnner und Finnenweiber die Kinder schwedisch sprechen hrten, erwachte die alte Unruhe in ihren Herzen. Und sofort gingen sie zu Pekka. Der Herr Pfarrer mchte vielleicht eine grere Besoldung haben? Aber Pekka lie sie wissen, er habe nie anderes gehrt, als da der Pfarrer mit seiner Besoldung, die nicht grer war, als was ein Knecht bei einem schwedischen Bauern bekommt, zufrieden sei. Pekka war der einzige da droben, der ein bichen Verstand hatte. Ganz das gleiche wiederholte sich, als ich die Finnenweiber Flachsbauen lehrte. Ich war mit ihnen aufs Feld hinausgegangen, hatte ihnen alles gezeigt, hatte selbst gest, gehechelt und gebrochen. Aber als sie nun schlielich in den Finnenhtten eigenen Flachs zu spinnen hatten, da erwachte auch das alte Mitrauen in ihren Herzen. Warum hatte der Pfarrer sie gelehrt, Flachs zu bauen? Das war absolut nicht zu verstehen. Und wieder muten sie ihre Zuflucht zu Pekka nehmen. Der Herr Pfarrer werde doch wohl keinen neuen Weg nach dem Pfarrhaus angelegt haben wollen? Pekka antwortete, sein Herr sei zufrieden mit dem Weg, den er habe, obgleich er so uneben und ausgefahren sei, da man auer zur Winterszeit mit einem Pferd fast nicht durchkommen knne.-- Ja, so etwas war sehr rgerlich, das begriff Mutter Margreta recht wohl, und sie sagte, vielleicht habe er sich deshalb von dort weggemeldet? Ja, das hat auch dazu beigetragen. Ich habe es sehr bitter empfunden, da ich mir ihr Vertrauen niemals erwerben konnte. Aber hauptschlich habe ich es doch getan, weil mir meine Mutter, ja, und auch die ganze Verwandtschaft, immer mit Bitten in den Ohren gelegen haben. Sie sind ebenso unverstndig gewesen wie meine Finnenbauern. Unaufhrlich haben sie mir geschrieben, ich verspiele mein Leben da droben. Immer hatten sie mich verlocken wollen, mich zu melden, sobald nur ein einigermaen anstndiges, sdlicher gelegenes Pastorat aufging. Es ist mir zwar immer widerwrtig gewesen; aber frher habe ich nichts danach gefragt, denn ich wollte meinen Beruf nach Krften erfllen. Als dann aber Sjskoga-- Hier brach der Pfarrer ab, er stellte sich gerade vor die Pfarrerstochter hin und sah sie an. So eine, wie diese da, sagte er nachdenklich knnte ich natrlich nie bekommen, wenn ich in Finnerud bliebe. Es war ganz deutlich, er fand sie schn. Aber weiter auch nichts. Er sah sie nur an wie ein lebloses Bild. Nicht einmal die Stiefmutter htte die geringste Spur von Zrtlichkeit in seinem Blick, der solange auf ihr ruhte, entdecken knnen. Gleich darauf sprach er auch schon wieder von seinen Sorgen und Kmmernissen. Als der alte verwitwete Propst Cameen in Sjskoga im letzten Sommer starb und das Pastorat frei wurde, fiel mir ein, ich knnte mich ja darum bewerben. Ich dachte, ich knnte meiner Mutter die Freude machen, mich zu melden, denn es war absolut keine Gefahr da, da ich die Stelle bekommen wrde. Sjskoga ist von jeher immer einem alten Professor oder einem alten Schulrat, der sich direkt an den Knig wendete, gegeben worden, und auerdem htte ich auch gerne gewut, was meine Bauern in Finnerud fr Gesichter machen wrden. Aber jedenfalls reiste ich hauptschlich aus Mutwillen mit meinen Papieren hinunter nach Karlstadt. Whrend der Fahrt wurde ich immer unschlssiger. Ach, die Leute wrden mich vielleicht auslachen und sagen, es sei doch zu unverschmt von einem Finnenkaplan, sich fr diese groe Pfarrei zu melden! Aber dann dachte ich, da ich nun doch schon unterwegs sei, knne ich ebenso gut vollends nach Karlstadt reisen. Ich wollte auch meine Papiere gar nicht herausholen, bis ich erfahren htte, wer sich sonst noch gemeldet hatte. Die Reise dauerte lnger, als ich angenommen hatte, und ich erreichte die Stadt gerade nur eine Stunde vor dem Ablaufen des Meldungstermins. Ich hatte eben noch Zeit, das Pferd unterzubringen, dann mute ich eiligst aufs Konsistorium. Auf der Treppe, die zur Kanzlei hinauffhrte, bereute ich die ganze Sache abermals und wollte lieber noch warten. Aber der Konsistorialsekretr war ja mein guter Freund, und da ich nun doch einmal da war, wollte ich ihn auch begren. Sjskoga aber wollte ich gar nicht erwhnen. Ich konnte ja sagen, ich sei nach Karlstadt gekommen, um mit meiner Mutter zusammenzutreffen. Doch kaum hatte ich den Kopf zur Tr hereingesteckt, als der Konsistorialsekretr mir auch schon entgegenrief: 'Da kommt doch endlich einer, der sich um Sjskoga bewerben will! Whrend der ganzen Meldungszeit habe ich auf dich gewartet.' Zuerst war ich der Meinung, der andere mache sich einen Scherz mit mir, und ich sagte, ich sei nur meiner Mutter wegen in die Stadt gekommen. Wie er denn darauf komme, ich wolle mich um Sjskoga bewerben? So auf den Kopf gefallen sei ich doch nicht, und ich wisse recht wohl, da Seine Majestt Sjskoga nur einer alten Leuchte der Wissenschaft von Upsala oder Lund geben werde. 'Das mgt ihr euch alle miteinander einbilden', versetzte der Konsistorialsekretr. 'Ihr seid so mutlos, da sich keiner zu melden wagt. Aber jetzt ist eine andere Zeit als zu Lebzeiten des vorigen Knigs. Ich war so froh, als ich dich sah, denn ich habe bis jetzt nur zwei Meldungen bekommen, und drei mssen wir doch mindestens haben. Rck' jetzt nur mit deinen Papieren heraus.' Seht, auf diese Weise bin ich zu meiner Meldung verfhrt worden. Als ich dann wieder daheim war, fragte ich mich in den ersten Tagen fters, ob ich wohl Aussicht htte. Aber schon nach kurzer Zeit war ich wieder bei meinen gewohnten Beschftigungen und hatte alles andere vergessen. Da, eines schnen Tages erhalte ich ein Schreiben vom Konsistorium. Ich war der dritte im Vorschlag, und in einigen Wochen sollte ich nach Sjskoga fahren, meine Probepredigt zu halten. Ich habe mich nicht darber gefreut, nein, keinen Augenblick. Am liebsten htte ich meine Meldung zurckgezogen, tat es dann aber doch nicht, weil ich mir nicht nachsagen lassen wollte, ich frchte mich vor der Probepredigt in einer Gemeinde, wo so viele Grobauern und Herrschaften wohnten. Mutter Margreta, Ihr wit ja, da ich aus einem alten Pfarrergeschlecht stamme, und da wollte ich nicht fr geringer gelten als mein Vater und mein Grovater. Ich fuhr also hin und predigte, und die Zuhrer saen auch recht andchtig in der Kirche; aber niemand konnte wissen, was sie dachten, und als ich wieder heimwrts fuhr, war ich sehr vergngt. Jetzt war diese Geschichte doch zu Ende. Aber siehe da, gerade vor Weihnachten erhielt ich die Nachricht, da die Wahl stattgefunden habe und alle Stimmen auf mich gefallen seien. Dies sagte der Pfarrer mit so betrbter Miene, da Mutter Margreta hell auflachen mute. Nun, wenn er durchaus nicht wolle, knne er ja noch zurcktreten, sagte sie. Ja, das habe ich auch getan; aber dann kam ein Brief vom Bischof selbst, in dem er mich aufforderte, bei meiner Meldung zu bleiben. Ich htte alle Hoffnung, gewhlt zu werden. Und meine Mutter hatte auch Wind von der Sache bekommen, und sie flehte und bat, ich solle doch mein Glck nicht von mir werfen. Ach, und nicht allein meine Mutter, nein, auch die Brder und Schwestern und Vettern und Basen! Ich habe wahrhaftig frher gar nicht gewut, da ich eine so groe Verwandtschaft habe. Die haben ja auch ganz recht, sagte Mutter Margreta. Sie knnten doch auch nicht ewig... Aber Liljecrona unterbrach sie schnell. Er lief nun beinahe im Zimmer hin und her und drckte sich die geballten Fuste mit einer Art tragikomischer Verzweiflung auf die Stirne. Aber meine lieben Finnenbauern, Mutter Margreta! Wit Ihr, was sie taten, als sie erfuhren, da ich fortziehen wrde? Bume haben sie im Walde gefllt und mir vor die Haustr gefahren zu einem neuen Pfarrhaus! Meine Besoldung haben sie nicht erhht, aber sie haben sie auf die eine oder andere Art zu bessern gesucht. Eines Tages lag eine neue Elchhaut in meinem Schlitten, und an einem andern Tag fand ich einen Kbel Butter vor meiner Tr. Sie sagten nicht viel, wenn ich mit ihnen zusammentraf; aber wenn ich auf der Kanzel stand, waren aller Blicke, die der Groen und die der Kleinen, unverwandt auf mich gerichtet, und da verstand ich, was sie dachten. So dachten sie: 'Du kannst uns nicht verlassen wollen. Dann wre es besser gewesen, du wrest gar nicht gekommen.' Nun wute ich also endlich, da sie mich gerne behalten wollten. Er trat zu Mutter Margreta, setzte sich neben sie und nahm eine ihrer harten verarbeiteten Hnde in die seinige. Denkt Euch einmal, Mutter Margreta, sagte er so schn und innig, da der Tante und Maja Lisa die Trnen in die Augen traten, es wrde jemand daherkommen und sagen, Ihr drftet auf einen Herrenhof ziehen, aber Ihr mtet den Hof hier und alles, womit Ihr Euch Euer ganzes Leben lang beschftigt habt, dahinten lassen. Was wrdet Ihr tun? Aber was die Tante hatte antworten wollen, bekam niemand zu wissen, denn jetzt konnte sich Maja Lisa unmglich mehr still verhalten. Mit glhenden Wangen und einer vor Eifer zitternden Stimme rief sie, er solle doch ganz gewi in Finnerud bleiben. Warum er denn nach Sjskoga ziehen wolle? Dort knnte man gut ohne ihn zurechtkommen. Nun habe er soviel fr seine Finnenbauern getan, wie er da nur daran denken knnte, von ihnen fortzugehen? Sie htte noch lange weitergeredet, wenn nicht in diesem Augenblick jemand nach der Trklinke gegriffen htte. Da verlor sie den Faden, und obgleich es nicht die Stiefmutter war, sondern nur eine der Mgde, blieb sie doch ganz verwirrt stehen und konnte nicht weiterreden. Aber der junge Pfarrer hatte sie verstanden. Er sprang auf, trat auf sie zu und streckte ihr die Arme entgegen. Es sah aus, als wolle er sie an sein Herz drcken, er fate dann aber doch nur ihre beiden Hnde und drckte sie zwischen den seinigen. Mamsell Maja Lisa, liebste Mamsell Maja Lisa! sagte er mit groer Wrme. Ihr seid die erste von meinem eigenen Stand, die glaubt, ich sei denen dort droben von Nutzen, und ich danke Euch von ganzem Herzen. Gewi, gewi, ich werde---- Doch in dem Augenblick, wo er das Versprechen geben wollte, brach er jh ab. Die Stimme blieb ihm im Halse stecken, seine Hnde zuckten, und als die Pfarrerstochter verwundert ihre Augen auf sein Gesicht richtete, sah sie, da alle seine Zge in heftiger Leidenschaft bebten. Er wandte sich ab, ging einmal durchs Zimmer, trat wieder zu ihr, beugte sich zu ihr nieder und sagte mit einer Stimme, die durch die groe Erregung undeutlich war: Ich werde zurcktreten, wenn ich es vermag. Und wenn ich es nicht vermag, dann ist Frulein Maja Lisa daran schuld. Der Schmied von Henriksberg Ein einziges kleines Weilchen lang an diesem Tag dachte Maja Lisa nicht an die Stiefmutter, nmlich am Abend, als sie mit Pastor Liljecrona und allen den andern Hausbewohnern vor einem hellen Holzfeuer in der Wohnstube saen und dem groen dunklen Schmied von Henriksberg zuhrten, der an einem der hohen Schrnke lehnte und auf der Geige des Hausherrn spielte. Es war sehr gemtlich hier, und Maja Lisa fing an zu verstehen, da die Tante sich als Bauernfrau glcklich fhlen konnte. Wie auerordentlich behaglich war es, abends mit Mann und Gesinde ums Feuer zu sitzen, jedes mit seiner Arbeit beschftigt und alle vergngt und zum Plaudern aufgelegt! Hier redeten Knecht und Hausherr und Hausfrau und Magd miteinander, als gbe es keinen Unterschied zwischen ihnen. Ach, es war vielleicht gar kein Glck, wenn man sich als Herrschaft hochmtig ber die Untergebenen zu erheben suchte! Erntete man jemals etwas anderes als Einsamkeit und Widerwrtigkeiten? Wo fand sich sonst eine solche Sicherheit und Geborgenheit als in einem alten Bauernhof? Maja Lisa htte gern gesagt, man sei da der Erde nher als anderswo, man wohne da auf einem sicheren Grund und sei nicht so vielen Umwlzungen ausgesetzt. Ach, wie viele Vernderungen, wie viele Gefahren gab es drauen in der Welt! Jetzt, whrend der dunkle Schmied spielte, fiel ihr wieder ein, was sie eben heute ber den Verwalter auf Henriksberg gehrt hatte, diesen Verwalter, der frher ein so groer Geigenknstler gewesen war. Pastor Liljecrona hatte ihr alles von seinem Bruder erzhlt. Er hatte ja den ganzen Tag in Svansskog auf ihn gewartet, und deshalb hatten sie wohl soviel von ihm gesprochen. Maja Lisa hatte die Genugtuung gehabt, da der schne Pfarrer, der sie zuerst nur wie eine Puppe betrachtete, von dem Augenblick an, wo sie ihn sozusagen berfallen und zu ihm gesagt hatte, er msse in Finnerud bleiben und drfe gar nicht an Sjskoga denken, mit den andern kaum noch ein Wort gesprochen hatte. Er mute doch wohl gemerkt haben, da sie auch ein Mensch war. Von da an hatte er sich nicht mehr die Mhe genommen, sie starr anzusehen; statt dessen hatte er den ganzen Nachmittag mit ihr gesprochen, und das war ein groer Genu fr sie gewesen. Der Pfarrer von Finnerud war ein liebenswrdiger, natrlicher und offenherziger Mensch. Sie hatte sich ebenso leicht mit ihm unterhalten knnen wie mit ihrem Vater daheim. Am Nachmittag war er mit ihr ins Freie gegangen, denn er konnte nicht stundenlang ununterbrochen im Zimmer sitzen. Sie waren dann auf der Landstrae hin und her gewandert und hatten von seinem Bruder gesprochen, bis die Dmmerung hereinbrach. Die Liljecronas stammten gerade wie Maja Lisa aus einem alten Pfarrergeschlecht. Gerade wie Maja Lisa sich rhmen konnte, da ihre Mutter, Gromutter und Urgromutter in derselben Gemeinde Pfarrfrauen gewesen waren, so konnte er sich rhmen, da sein Vater, Grovater und Urgrovater in ein und derselben Gemeinde als Prpste einander gefolgt waren. Wenn der Vater dieser Brder lnger am Leben geblieben wre, htte wohl Sven, der jngste von ihnen, auch wie die andern studieren drfen. Aber als die Mutter Witwe geworden war und eine Menge Kinder zu versorgen hatte, konnte sie die Studienkosten nicht aufbringen. Dagegen hatte ein alter Freund des Propstes Liljecrona, der Httenbesitzer Altringer auf Ekeby, angeboten, sich des Jungen anzunehmen unter der Bedingung, da er ihn fr das Httenwerk erziehen drfe. Fr dieses Anerbieten war die Mutter auerordentlich dankbar gewesen, und als Sven vierzehn Jahre alt war, wurde er nach Henriksberg geschickt, dem Httenwerk, das Altringer damals eben gekauft hatte. Auf Altringers Wunsch sollte der Junge den Httenbetrieb ganz von unten auf lernen, und der Anfang davon war, da er das Kontor auskehren, Kohlen herbeischleppen und den Pudel fr alle Leute machen mute. Dies ging ununterbrochen so fort, bis er siebzehn Jahre alt war. Aber da geschah es eines Tages, da einer der Hammerschmiede erkrankte. Man schickte nach dem Httenverwalter. Dieser begab sich ins Httenwerk hinber, stellte sich an die Tr des kranken Schmieds, sah ihn eine Weile an und ging dann geradeswegs ins Kontor, wo der Inspektor an seinem Pult sa und schrieb. Sie mssen die Verwaltung ein paar Tage bernehmen, Herr Inspektor, sagte der Verwalter. Ich mu hinauf in den Finnenbezirk und Kohlen einkaufen. Er machte sich gleich auf den Weg; der Inspektor aber dehnte sich behaglich auf dem Kontorsofa und dachte, es sei doch recht schn, fr eine Weile der Herr im Haus zu sein. Aber es whrte nicht lange, da wurde auch er ins Httenwerk gerufen. Jetzt war einer der Kleinschmiede in derselben Weise wie der Hammerschmied erkrankt. Der Inspektor begab sich sofort ins Hammerwerk, um nach dem Kranken zu sehen. Er stellte sich an dessen Tr, sah ihn eine Weile an und ging dann schnurstracks nach dem Wasserfall, wo der Lehrling meistens sa und Unkelejen fischte. Er traf richtig Sven und sagte, er solle gleich mit ihm aufs Kontor kommen. Hr, Liljecrona, sagte er da, der Verwalter ist fort, und ich bin nach Bjrnidet eingeladen. Du mut das Httenwerk ein paar Tage versehen. Hier hast du die Schlssel, und hier ist die Kasse. Du hast nichts weiter zu tun als aufzupassen, da die Leute wie gewhnlich arbeiten. Damit stand er auf; der Lehrling aber setzte sich auf den Kontorstuhl, und es kam ihm groartig vor, da er jetzt Herr auf Henriksberg sei. Aber er hatte noch nicht lange so dagesessen, als ein Bote vom Httenwerk kam und meldete, den Kranken gehe es schlechter. Sven eilte ins Httenwerk hinunter und ging gleich in die Wohnung des Hammerschmieds; aber er blieb nicht an der Tr stehen wie die beiden andern, sondern trat zu dem Kranken, der ganz rot und aufgeschwollen dalag und schrecklich anzusehen war. Wit Ihr, was Ihr fr eine Krankheit habt? fragte er den Schmied. Die Pocken sind's, antwortete dieser. Geh nur gleich an den Schrank im Kontor, wo der Verwalter die Arzneimittel aufhebt, und gib uns Kampfer und saure Tropfen, wenn du berhaupt dazubleiben wagst und nicht eiligst auf und davon gehen willst wie die andern. Aber Sven war geblieben, obgleich schlielich fast alle Leute im Httenwerk erkrankten. Verwalter und Inspektor lieen nichts von sich hren, im Umkreis von zehn Meilen war kein Arzt aufzutreiben. Sven und eine alte Haushlterin gingen umher und gossen den Kranken alle die Arzneien ein, die sie zur Hand hatten. Einige starben und einige genasen; aber die Seuche konnte ja nicht ewig andauern, schlielich hrte sie von selbst auf. Und dann kam alles wieder ins alte Geleise. Der Inspektor blieb fnf Monate fort und lie sich's wohl sein. Der Verwalter kaufte ein halbes Jahr lang Kohlen auf, dann hielt er seinen Einzug im Httenwerk. Und nun durfte der Lehrling wieder das Kontor auskehren und Unkelejen in der Stromschnelle fischen, gerade wie vorher. Aber wenn auch das Henriksberger Httenwerk noch so weltverlassen in der Wildnis lag, so wurde die Geschichte doch ruchbar und weitum bekannt. Und eines Tages kam Httenbesitzer Altringer angefahren. Er sagte kein Wort ber die Sache, weder zum Verwalter noch zum Inspektor, sondern fragte nur, wie sich der junge Liljecrona anlasse. Der Httenverwalter stellte ihm ein ziemlich gutes Zeugnis aus und meinte, der Junge knnte mit der Zeit recht tchtig im Httenberuf werden, wenn er nur mehr Interesse dafr zeigte. Er sei durchaus nicht unbrauchbar, aber ein Trumer, und er gehe oft umher, als ginge ihn der ganze Httenbetrieb gar nichts an. Altringer verlangte nun Liljecrona selbst zu sprechen und sagte, er solle ins Kontor gerufen werden. Als Sven kam, stellte Altringer ihn vor sich hin, sah ihm fest in die Augen und fragte ihn, warum er nicht wie die andern davongegangen sei, solange die Pockenseuche wtete. Sven gab keine Antwort, wurde aber dunkelrot, wie wenn dies die schlimmste Frage wre, die an ihn gestellt werden knnte. Hatte Er denn keine Angst? Doch. Meinte Er, Er habe die Verantwortung fr das Httenwerk? Ach nein! Aber schlielich brachte Altringer die Wahrheit doch aus ihm heraus. Sven war dageblieben, weil des Verwalters Geige im Kontor an der Wand hing. Da hatte er, solange er allein war, jeden Tag darauf spielen knnen. Ach so, Er geigt also gern? fragte Altringer. Komm Er, wir wollen den Verwalter bitten, Ihm seine Geige noch einmal zu leihen, dann spielt Er mir etwas vor. Oh, davor hatte Sven keine Angst! Er stimmte die Saiten und geigte ein altes Liedchen, das er von den Schmieden gelernt hatte. Altringer lachte zuerst, aber bald wurde er ernsthaft. Er fhlte, der Junge legte etwas in die Musik hinein, davon der alte Gassenhauer in einer ganz neuen Weise erklang. Hr' Er, sagte Altringer, Er soll morgen mit mir kommen. Er soll nach Stockholm und Geigenspielen lernen. Maja Lisa fand die Geschichte wunderschn. Aber eines konnte sie nicht verstehen; und so fragte sie, ob es ihm denn in Stockholm nicht gefallen habe? Warum er denn jetzt wieder auf Henriksberg sei? Doch, es sei ihm sehr gut dort gegangen, erwiderte Pastor Liljecrona. Fnf Jahre lang habe er in Stockholm studieren drfen, dann sei er aber auch ein ganzer Knstler gewesen, wenigstens insofern, als ihn im Vaterlande niemand mehr etwas lehren konnte. Altringer sei zufrieden mit ihm gewesen und habe schon gedacht, er wolle ihn ins Ausland schicken, damit er spter vor keinem andern zurckzustehen brauchte. Aber vor drei Jahren sei Sven eines Tages ganz unerwartet nach Ekeby gekommen und habe Altringer gefragt, ob nicht auf einem seiner Httenwerke eine Inspektorstelle frei sei. Doch, das ist nicht unmglich, sagte Altringer. Hat Er einen guten Freund, fr den Er sie gern haben mchte? Nein, Sven wollte fr sich selbst darum bitten. Er sei ja jahrelang im Httenbetrieb gewesen und meine eine Inspektorstelle ausfllen zu knnen. Na, und die Musik? fragte Altringer. Mit der Musik sei es aus und vorbei. Er glaube nicht, da er je wieder einen Bogen fhren knne. Nun sah sich Altringer den jungen Mann genauer an. Sven hatte immer etwas Trauriges in seinem Blick gehabt, aber jetzt war der ganze Mensch die verkrperte Melancholie. Ich sehe, da Ihm etwas Trauriges widerfahren ist, sagte Altringer. Sag' Er mir, was es ist. Ich mu Ihm nmlich sagen, eben vorhin, als Er bei mir eintrat, hatte ich ausgerechnet, ob ich Ihn zu seiner weiteren Ausbildung ins Ausland schicken knnte. Sven konnte kaum mit der Sprache heraus. Er bi sich auf die Lippe, whrend er sich alle Mhe gab, seine Stimme fest zu machen. Hat der Herr Altringer nicht gehrt, wie es mir gegangen ist? Nein, antwortete Altringer, er habe nichts gehrt, und Sven solle ihm erzhlen, was geschehen sei. Da erzhlte Sven seine Geschichte: Auf einem groen Hof in Nset drunten war Tanzgesellschaft gewesen, und Sven war auch dabei. Aber es wurde nur auf einem sehr alten, verstimmten Klavier aufgespielt, und so kam kein rechtes Leben in den Tanz. Da nahm Sven seine Geige zur Hand, und dann wurde es bald anders. Die Jungen und die Alten tanzten nach Herzenslust, und so oft Sven aufhren wollte, klatschten sie in die Hnde, stampften auf den Boden und riefen ihm zu, er msse wieder anfangen. Aber es nahm ein schreckliches Ende. Eine von den Tchtern des Hauses hatte zu eifrig getanzt. Mitten im wildesten Tanz wurde sie pltzlich ganz schwer im Arm ihres Tnzers, und dann sank sie zu Boden und war tot. Altringer sagte, er begreife wohl, da dies schwer fr Sven war, meinte aber doch, darum brauchte die Laufbahn eines jungen Mannes nicht zu Ende sein. Er mu darber wegkommen, Sven, sagte er. Meiner Ansicht nach hat der, der mit ihr tanzte, die meiste Schuld. Ach nein, entgegnete Sven, ich, ich hab' sie zum Tanzen gezwungen. Den ganzen Abend hab' ich nur fr sie gespielt. Es war gar so schn, wenn sie tanzte. Sie war lebhaft und leicht wie eine Feuerflamme. Und sie tanzte nur fr mich, wie ich auch nur fr sie spielte. Altringer zuckte die Achseln. Das sind nur Grillen, versteht Er. Es ist vielleicht nicht verwunderlich, da Er jetzt, gleich nachher, so denkt, aber in der nchsten Woche schicke ich Ihn ins Ausland, dann wird es schon vorbergehen. Nein, Herr Altringer, es geht nicht vorber. Wohin mich der Herr Httenbesitzer auch schicken mag, nie werde ich vergessen knnen, da ich mit meinem Spiel einen Menschen in den Tod geschickt habe. Altringer sah Sven noch einmal fest an und fragte: Hat Er sie liebgehabt? Ja, antwortete Sven; ich hatte an demselben Abend um sie gefreit. Nun sagte Altringer kein Wort mehr davon, da Sven ins Ausland reisen solle. Er soll jetzt so lange Verwalter auf Henriksberg bleiben, bis dies vergessen ist, entschied er. Zwar glaube ich nicht, da Er alles kann, was ntig ist, um die Stelle auszufllen, aber Er wird es wohl lernen knnen, und berdies wei ich ja, da ich mich auf Ihn verlassen kann. Auf diese Weise war es also zugegangen, da Sven Liljecrona sein Geigenspiel aufgegeben und dafr Httenverwalter geworden war. Maja Lisa hatte schweigend zugehrt, ohne den Pfarrer ein einziges Mal zu unterbrechen. Ach, es kam ihr ganz merkwrdig vor, da sie nun den bald sehen sollte, der so Trauriges erlebt hatte und der eine so tiefe Liebe dauernd bewahren konnte! Eine ganze Weile brachte sie kein Wort heraus; dann aber wendete sie sich pltzlich an Pastor Liljecrona und fragte, ob sein Bruder dunkel sei. Ja, gewi, schwarz wie die Nacht. Gleich nachher fiel ihr ein, da dies eine recht dumme Frage gewesen war. Aber whrend Pastor Liljecrona von seinem Bruder sprach, hatte sie sich immerfort gefragt, ob er nicht vielleicht wie der groe dunkle Schmied von Henriksberg aussehe? Hatte nicht dieser ebenso tieftraurige Augen gehabt? Sie konnte nicht sagen, warum, aber die beiden waren in ihren Gedanken zu einer Person zusammengeschmolzen. Und auch jetzt, whrend der Schmied dort drben am Schrank stand und eine lustige Polka spielte, wurde es ihr schwer, sich von dem Gedanken frei zu machen, da er nicht der sei, der alles, was ihr vorhin mitgeteilt worden war, durchgemacht hatte. Er war an ihnen vorbeigefahren, als sie mit Pastor Liljecrona auf der Strae drauen spazierenging, gerade als die Dmmerung richtig hereinbrach und sie vom Hineingehen gesprochen hatten. Der Schlitten war so rasch an ihnen vorbergeeilt, da sie nicht erkennen konnten, wer darin sa. Pastor Liljecrona hatte geglaubt, es sei sein Bruder von Henriksberg, der sich endlich einstellte. Maja Lisa aber hatte gemeint, der schwarze Schmied sitze im Schlitten; sie hatte aber nichts gesagt. Und ganz richtig! Als sie auf den Hof zurckkamen, stand der Hausherr auf der Treppe und berichtete, es sei ein Mann von Henriksberg gekommen mit dem Bescheid, der Verwalter knne seinen Bruder heute nicht mehr in Svansskog treffen. Statt dessen bringe er einen Brief. Ja, der Mann sei eben mit dem Pferd im Stall drben, falls der Herr Pfarrer mit ihm sprechen wolle. Pastor Liljecrona begab sich gleich nach dem Stall, und Maja Lisa ging zur Tante in die Wohnstube. Diese sa schon mit ihren Mgden vor einem groen Holzfeuer an ihrem Spinnrdchen. Maja Lisa setzte sich neben die Tante und reichte ihr die Wollkmme. Gleich darauf kamen der Hausherr und die Knechte mit ihren Arbeiten, und der Kreis ums Feuer erweiterte sich. Ganz zuletzt trat Pastor Liljecrona herein und mit ihm der Schmied. Sie wollten noch an diesem Abend miteinander nach Henriksberg fahren, aber das Pferd mute erst ausruhen. Der schne Pfarrer setzte sich so dicht neben Maja Lisa, als es anging, der Schmied aber lie sich im dunkelsten Winkel, mglichst weit entfernt von den andern, nieder. Und nun ging die Unterhaltung lebhaft im Kreise; das Lachen und Schwatzen und Geschichtenerzhlen nahm kein Ende, bis Tante Margreta sich an den Schmied wendete und ihn fragte, ob er ihnen nicht ein paar von seinen Liedern spielen wolle. Sie habe gehrt, er knne gut geigen. Er hatte sich nicht sehr lange gestrubt. Der Hausherr hatte ihm seine schrille Geige gegeben, und nun stand er dort drben und spielte Polkas und alte Reigen, weder besser noch schlechter als ein gewhnlicher Spielmann vom Lande. Maja Lisa konnte sich nicht helfen, sie fhlte sich etwas enttuscht. Das kam daher, da sie von einem Traum befangen war und Einbildung von der Wirklichkeit nicht recht unterscheiden konnte. Den ganzen Abend mute sie immerfort an den denken, der seine Braut vom Leben zum Tod gespielt hatte, und immer tauchte er in der Gestalt des Schmieds vor ihr auf. Und so hatte sie ganz sicher erwartet, auch dieser werde eine so groe gefhrliche Macht in seinem Bogen haben, da er die Menschen aus dem Leben in den Tod geigen knnte. Nein, sie konnte sich nicht von dem Traum frei machen; wieder und wieder ertappte sie sich darauf, da sie nach dem Schmied hinberschaute und sich fragte, ob er nie und nimmer an jemand anders denke, als nur an sie allein, die er verloren hatte. Der Schmied hatte den steifen, dicht anliegenden Fuhrmannspelz abgeworfen, um die Arme besser bewegen zu knnen, und jetzt, bei einem von diesen kurzen Blicken, die Maja Lisa auf ihn warf, sah sie, da an seiner Uhrkette, die ihm aus der Tasche heraushing, eine groe glnzende Silbermnze befestigt war. Maja Lisa fuhr leicht zusammen. War dies der Speziestaler, den sie ihm geschickt hatte? Ein Schmied war doch meistens arm. Wie kam es denn, da dieser eine Uhr besa? Hatte vielleicht der Verwalter sie ihm geschenkt? Und selbst wenn es so war, wie konnte er einen Speziestaler ganz nutzlos an seiner Uhrkette baumeln lassen? Er war doch wohl kein---- Maja Lisa erstaunte ber sich selbst, ja sie wunderte sich, da sie ruhig sitzenblieb und nicht aufsprang und laut verkndigte, nun verstehe sie pltzlich, wie alles zusammenhnge. Er war es selbst! Sven Liljecrona war's! Er, der seiner Liebsten jenen Todestanz gespielt hatte, er stand dort drben! In einem einzigen Augenblick ward sie ihrer Sache so ganz und gar gewi, da sie gleich zu ihm htte treten und sagen knnen, er solle sich nicht lnger verstellen, sie wisse, wer er sei. Aber warum war er vor ein paar Wochen in der einfachen Tracht eines Vorarbeiters vom Httenwerk nach Loby gekommen? Darber konnte sie sich nicht recht klar werden. Vielleicht weil ihn diese Kleidung am bequemsten dnkte, wenn er auf einen Bauernhof fuhr! Und da ihn niemand erkannte, sondern alle ihn fr einen Schmied hielten, hatte er sie eben auf dem Glauben gelassen; vielleicht hatte er sich auch gescheut, ihnen zu sagen, wer er sei, als er da mitten in die Hochzeitsfeier hineingeraten war. Maja Lisa hrte auf, der Tante die Wollkmme zu reichen, und bedeckte die Augen mit der Hand. Warum hatte er sich auch heute so verkleidet? Sie brauchte nicht lange zu grbeln. Gleich stand alles deutlich vor ihr. Jetzt wollte er etwas. Diesmal hatte er eine bestimmte Absicht. Er wnschte, da sie und sein Bruder---- Ach, das war gar so schn, und es war hchst wundersam! Nun begriff sie: er hatte gewollt, sie und Pastor Liljecrona sollten sich sehen und sprechen. Ja, so mute es sein! Als ihm gestern abend der Speziestaler von ihr gegeben worden war, hatte er den Skilufer zu seinem Bruder geschickt, um ihn nach Svansskog zu locken. Hier hatte er ihn dann den ganzen Tag auf sich warten lassen, und als er am spten Abend eintraf, kam er in dieser Tracht. Er wollte nichts vorstellen. Nein, sie sollte an niemand denken als an den Bruder. Und jetzt stand er dort drben und spielte Bauerntnze auf Bauernweise, um die Bauersleute zu erfreuen. Er hatte ja einst gesagt, er knne nie wieder einen Bogen fhren, aber dies betrachtete er natrlich gar nicht als Geigenspiel. Es war nicht der Verstand, der Maja Lisa dies alles sagte. Nein, das Gefhl war's, mit diesem konnte sie alle seine Gedanken erraten. Und sie wute nicht, ob sie ber ihn lachen oder weinen sollte. Eines war sicher, sie mute ihm gefallen haben, wenn er diese Zusammenkunft mit seinem Bruder ins Werk gesetzt hatte. Oder hatte sie ihm nur leid getan, weil es ihr daheim so schlecht ging? Hatte er ihr einen guten, klugen Freund verschaffen wollen, der sie von aller Bedrngnis fortfhren knnte? Ja, ja, er selbst hatte seinen groen Kummer. Den konnte er nie berwinden. Seine Liebste war tot, und er wrde sie nie vergessen. Maja Lisa war fr ihn nur ein armes Mdchen, die, als er mit ihr zusammengetroffen war, im Ofenwinkel gesessen und geweint hatte, und der er nun zu Ehre und Glck verhelfen wollte. Maja Lisa mute den Kopf aufrichten und die andern ansehen. Denn wirklich, war sie nicht auf dem Punkt, in Trnen auszubrechen, als sie bedachte, da er fr sich selbst gar nichts mehr vom Leben verlangte! Aber gerade da, als sie die Augen aufschlug, als ihre Gedanken am eifrigsten arbeiteten und ihr Herz von Schmerz und Freude zugleich erfllt war, als sie weit, weit weg war von allem, was ihr an andern Tagen Not bereitete, wurde wieder nach der Klinke gefat, und jemand steckte den Kopf zur Tr herein. Maja Lisa starrte der Eintretenden entgegen, als sei es eine ganz unbekannte Person, und sie ging auch nicht auf sie zu. Tante Margreta schob den Spinnrocken zurck und stand auf, aber Maja Lisa blieb unbeweglich sitzen und konnte nicht aus ihren Trumen erwachen. Sie begriff auch kaum, wer eigentlich gekommen war, als sie den Gast mit rauher Stimme sagen hrte, sie habe den langen Bengt begleitet, Maja Lisa abzuholen, und als die Tante antwortete, die Frau Pfarrer werde es doch nicht so eilig haben, da sie nicht ablegen und zu Abend mit ihnen essen knnte, ehe sie wieder heimfahre. Der Fhnrich Die neue Pfarrfrau auf Lvdala hatte die Gewohnheit, durch alle Leute Botensendungen und kleine Auftrge besorgen zu lassen. Wenn irgend jemand am Pfarrhaus vorberkam, einerlei ob Bauer oder Herr, stets stand die Pfarrfrau auf der Kchentreppe und winkte und rief, bis er anhielt. Dann mute Maja Lisa oder die Kleine eiligst auf die Strae hinauslaufen und die Vorberfahrenden bitten, doch so freundlich zu sein, ein Pfund Butter mitzunehmen, das Frau Raclitz dem Hauptmann auf Berga verkaufen wollte, oder einen Weberkamm, den sie von der alten Frau Moreus entlehnt hatte. Bisweilen gab sie ihnen sogar Sachen mit, die schwer und gro und umstndlich zu besorgen waren, und bald waren die Leute in steter Angst, wenn ihr Weg sie an Lvdala vorbeifhrte. Es war ihnen unangenehm, der Pfarrfrau ihre Bitte abzuschlagen, aber ganz unmglich war es, vorbeizukommen, ohne da sie einen sah. Nun, jedenfalls hatte sie ein ganz besonderes Talent, die Leute dazu zu bringen, Besorgungen fr sie zu machen. Ja selbst ein solcher Tunichtgut wie der schne rneclou mute ihr notgedrungen einmal einen Gefallen tun. Es sah indes zuerst nicht danach aus, als sollte zwischen dem Fhnrich und der Pfarrfrau groe Freundschaft entstehen, als er in der letzten Januarwoche auf Lvdala eintraf. Er pflegte immer um diese Zeit zu kommen und dann acht bis vierzehn Tage zu bleiben. Aber gleich bei seiner Ankunft sagte die Pfarrfrau, sie werde es schon so einrichten, da dieser Tagedieb nicht alt auf dem Hofe werde. Er war gerade in die strengen Arbeitstage nach den vielen Weihnachtsfestlichkeiten hineingekommen, und jetzt wollte sie keinen Gast im Hause haben, den man bedienen mute. Und dann mute man ja nicht rneclou allein aufnehmen, sondern auch noch sein Pferd; denn so arm er auch war, mit einem eigenen Pferd kam er doch angefahren. Und das Pferd mute sein Futter und seine Wartung haben, gerade wie sein Herr. Die Pfarrfrau tat alles, was sie konnte, um es rneclou recht ungemtlich zu machen. Zum ersten lie sie das Zimmermdchen den schweren Reisesack, worin er seine Brennscheren und Percken verwahrte, in das geringere Gastzimmer tragen. rneclou war gewhnt, in dem guten Gastzimmer zu wohnen, wo es eine Feuerstelle und ein Himmelbett mit feinen Daunenkissen und Federpolstern gab; aber er hatte niemals so befriedigt ausgesehen, wenn er dort eingetreten war, als jetzt, wo er nur in das geringere gefhrt wurde. Ei, hier habe er von jeher schlafen wollen! sagte er. Dies sei ja das Zimmer, das man im Pfarrhaus das Nachtquartier nenne, weil jeder beliebige Mensch, der daherkomme und um ein Nachtlager bitte, darin aufgenommen werde. Hier knne er fast sicher sein, in spter Nacht noch Gesellschaft zu bekommen, er schlafe ohnedies schlecht, da brauche er jemand, mit dem er sich unterhalten knne. Und in dem groen Himmelbett im Gastzimmer sei es immer gleich so dumpfig, da liege er viel lieber hier in der schmalen Bettstelle auf Stroh. Das allerbeste sei aber doch, da weder Feuerstelle noch Ofen vorhanden sei, sondern da das Zimmer seine Wrme von dem groen Kamin bekomme, der von der Kche herauffhre und beinahe die halbe Stube einnehme. Wie schn: kein Rauch und kein Ru, nur eine gleichmige, behagliche Wrme den ganzen Tag hindurch! Und eine solide, prchtige Einrichtung habe er hier auch mit dem unangestrichenen Tisch und den ungepolsterten Sthlen. Da knne er durchaus nichts verderben, wenn er seine Percke brenne oder sich den Schnurrbart frbe. In dieser Weise fuhr er fort, solange sich das Zimmermdchen in der Stube befand. Welches Gesicht er aber machte, als sie gegangen war, das kann niemand wissen. Es war ein kalter Tag, und es war gewi nicht sehr warm in dem ungeheizten Zimmer, whrend er sich umzog und sich fein machte. Aber seine Wangen schimmerten im schnsten Rosenrot, und seine Augenbrauen waren prchtig gemalt, als er zum Mittagessen herunterkam; kein Mensch konnte sehen, da er das Kunstwerk mit vor Klte steifen Fingern hatte ausfhren mssen. Die Pfarrfrau wute eines recht gut: es gab keinen greren Feinschmecker als rneclou. Nicht genug damit, da er immer etwas Gutes essen wollte, nein, er legte auch groen Wert darauf, das Essen in einem schnen Zimmer einzunehmen und es auf feinem Damast und blankem Silber zu bekommen. In frheren Zeiten, darber hegte die Pfarrfrau durchaus keinen Zweifel, war whrend seiner Anwesenheit im Saal gegessen worden, und man hatte ihm aufgetischt, was das Haus vermochte; aber jetzt, wo sie seinem Besuch so bald ein Ende machen wollte, deckte sie in der Kchenkammer auf richtige Werktagsweise und bot ihm nichts als Blutkle und Kohlsuppe an. rneclou war in seiner allerliebenswrdigsten Laune und sagte dem Pfarrer eine Schmeichelei um die andere darber, da er so klug gewesen sei, sich wieder zu verheiraten. Wenn man bedenke, wie gut es der alte Propst in Sjskoga, der so viele Jahre lang Witwer gewesen war, htte haben knnen! Als er, der Fhnrich, ihn zum letztenmal besuchte, sei im Ezimmer der Boden nicht gefegt gewesen, und sie hatten in einem der Schlafzimmer essen mssen. Kein einziges reines Tischtuch habe es gegeben, sondern alle voller Flecken, und die Mgde seien zu faul gewesen, jeden Tag zu kochen; die Kohlsuppe vom Sonntag sei jeden Tag wieder aufmarschiert, und sie htten noch froh sein mssen, wenn sie recht lange reichte. Da habe es sich sein alter Freund und Bruder auf Lvdala ganz anders gut eingerichtet. Eine so tchtige Hausfrau, wie seine Gattin, knnte man weit suchen. berall habe man ihm ihr Lob gesungen, und er sei mit groen Erwartungen aller der Leckerbissen, die er diesmal zu schmecken bekommen werde, hergereist. Und auerdem, wie gut sei es doch fr Maja Lisa, da sie nun lernen knne, wie ein Tisch gedeckt und wie die Speisen angerichtet und aufgetragen werden sollten, und zwar von jemand, der so gut wisse, wie es in feinen Husern zugehe. Der schne rneclou hatte ein besonderes Talent, Bosheiten zu sagen, und sie trafen meist auch ins Schwarze; aber Anna Maria Raclitz gehrte nicht zu denen, die sich ein paar Stichelreden zu Herzen nahmen, sondern sie sagte mit ihrer rauhen Stimme: Wenn es dem Herrn Fhnrich bei diesem Witwer nicht gefallen habe, dann htte er ja leicht abreisen knnen. Da merkte rneclou, da er, wenn er nicht eine andere Taktik einschlug, weder im Saal speisen noch in dem guten Gastzimmer schlafen durfte. Am liebsten wre er gleich wieder abgereist; aber da war noch etwas anderes im Spiel! Ein Frauenzimmer wollte ihn verjagen, das war doch merkwrdig! In seinem ganzen Leben war ihm das noch nicht vorgekommen, und darein konnte er sich nun und nimmer finden! Er war allerdings bald mitten in den Vierzigern, aber doch immer noch ein schner Mann, dem bis jetzt kein weibliches Wesen hatte widerstehen knnen. Und der Fhnrich blieb da. Ein paar Stunden sa er mit dem Pfarrer am Brettspiel, und als dieser in der Dmmerung hinausging, um mit dem langen Bengt etwas Landwirtschaftliches zu besprechen, ging der Fhnrich in den Saal und unterhielt sich mit der Pfarrfrau. Frau Raclitz sa kerzengerade auf einem Stuhl am Fenster und bentzte das letzte Restchen Tageslicht, ein paar Strmpfe fertig zu stopfen. rneclou machte nun einen Versuch, die Festung zu strmen. Er sagte, er fhle, da er alt werde, aber mit den Jahren sei er doch allmhlich klger geworden. Die jungen Mdchen seien alle miteinander unbestndig und flatterhaft. Er wolle nun mit diesem Schmetterlingsgegaukel aufhren, und deshalb mchte er die Frau Base fragen -- er hoffe doch, er drfe als alter Freund Base zu ihr sagen --, ob sie wohl eine etwas ltere Dame kenne, ja natrlich zu alt sollte sie auch nicht sein, aber doch einige zwanzig, die gesetzt und huslich wre und sich um so einen armen Kerl, wie er einer sei, annehmen wrde? Die Pfarrfrau sa unbeweglich da. In dem trben Dmmerlicht war nicht zu erkennen, was fr ein Gesicht sie machte. Aber rneclou glaubte doch zu bemerken, da sich ihre schmalen Lippen ein wenig verzogen. Sollte sie sich am Ende ber ihn lustig machen? Ei, das war ja eine ganz gefhrliche Person, die Lyselius da geheiratet hatte! rneclou wute doch bestimmt, wenn man eine ltere Dame fr sich einnehmen wollte, gab es kein sichereres Mittel, als da man sie fr seine Heiratsplne zu interessieren suchte. Noch nie in seinem Leben hatte rneclou mit einem Frauenzimmer von anderem gesprochen als von Liebe und Heirat. Es fiel ihm absolut nichts anderes ein, wovon er mit ihnen reden knnte. Deshalb fing er nun noch einmal von derselben Sache an, nur da er jetzt gerade das Gegenteil von dem sagte, was er vorher vorgebracht hatte. Ich sehe schon, fuhr er fort, Ihr, liebe Frau Base, habt so viel von mir gehrt, da Ihr nicht glaubt, ich werde mit einer Gattin zufrieden sein, die nicht schn und auch nicht mehr ganz jung wre. Aber das drft Ihr mir doch zutrauen, da ich mchte, sie solle neben diesen anderen guten Qualitten auch klug und verstndig sein. Und ich denke, Maja Lisa Lyselius wre jetzt, seit sie unter der Leitung der Frau Base steht... Hier hielt rneclou vorsichtigerweise inne, um herauszubringen, ob er weitergehen drfe, oder ob er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Die Dmmerung senkte sich immer tiefer herab, und es fiel ihm immer schwerer, die Gesichtszge der ungeselligen Person, die da vor ihm sa, zu unterscheiden. Aber eigentlich sah es aus, als ob die Pfarrfrau verstohlen lchelte. Ich wei wohl, Maja Lisa soll natrlich einen Pfarrer heiraten und hier auf Lvdala wohnen und regieren, fuhr rneclou fort. Und dafr spricht ja auch vieles. Lyselius wird ihr schon einen frischen, prchtigen Mann aussuchen, der mehr versteht, als auf einer Kanzel zu stehen, und der die Landwirtschaft ebensogut betreiben kann wie er selbst. So einer wie ich wrde alle Augenblicke seine Schwiegermutter um Hilfe bitten mssen, und das wrde ihr wohl beschwerlich sein. Ihr, Frau Base, mchtet wohl am liebsten, wenn Ihr Witwe werdet -- und es ist ja betrblich, in Parenthese gesagt, wie Lyselius im letzten Jahr abgenommen hat --, wie Frau Beata Spaak ruhig in Eurem Stbchen sitzen und Euch um nichts mehr kmmern. Die Pfarrfrau sa noch wie vorher bolzgerade da und zog die Nadel heraus und hinein. Aber jetzt wendete sie sich dem Fenster zu, um besser zu sehen, und da sah rneclou, da sie tatschlich lachte. Nun fing er an zu glauben, sie sei gegen jeden Angriff gefeit. Er stand auf, um in sein Zimmer hinaufzugehen und seine Percken zu locken oder seine Busenkrause zu tollen, was er meistens tat, wenn er schlechter Laune war. Doch jetzt wendete sich die Pfarrfrau an ihn und stellte ihm auch eine Frage. Da Ihr, Herr Fhnrich, berall herumkommt, kennt Ihr wohl auch diesen Liljecrona, der Pfarrer in Finnerud ist? Der Fhnrich erschrak. Was er vorhin vom Heiraten gesagt hatte, schien doch Eindruck auf sie gemacht zu haben. Vielleicht war Liljecrona als Schwiegersohn ausersehen, und jetzt hatten am Ende seine Worte den Gedanken in ihr erweckt, er sei nicht so ganz geeignet dazu. Olle Liljecrona! sagte er. Gewi kenne ich ihn. Ich bin sogar wiederholt bei ihm in Finnmarken gewesen. Das ist wirklich ein prchtiger Mensch, der alles versteht. Er hat ja sogar die Mnner und Weiber da droben in allen mglichen ntzlichen Beschftigungen unterrichtet. Ich mchte sehr gerne wissen, ob er nicht ein Auge auf unsere Maja Lisa geworfen hat, fuhr die Pfarrfrau ganz offenherzig fort, und man hrt ja auch nichts als Gutes ber ihn. Sie tat nur mtterlich interessiert; aber rneclou meinte doch aus ihrem Tone etwas herauszuhren, das darauf deutete, da sie nichts dagegen htte, wenn sie irgendeine Klatscherei ber den Freier erfahren knnte. Ach, Ihr, Frau Base, seid doch wohl verstndig genug, Nachsicht mit der Jugend zu haben, sagte rneclou. Man mu bedenken, wie einsam er es da droben unter den Finnen hat. Ich selbst bin immer der letzte, der in solchen Fllen einen Stein aufhebt. Aber leugnen lt es sich allerdings nicht, da Liljecrona seit Jahren ein Verhltnis in Finnerud hat. Doch kann das sehr leicht in Ordnung gebracht werden, ohne da Maja Lisa auch nur das geringste davon erfhrt. Die Dunkelheit hatte die Pfarrfrau endlich gezwungen, das Stopfen aufzugeben. Aber sie zndete deshalb kein Licht an, sondern griff nach einem Strickzeug, an dem sie, auch ohne die Augen zu gebrauchen, weiterarbeiten konnte. Die Nadeln bewegten sich still und gleichmig, aber als der junge rneclou sagte, der Pfarrer habe ein Verhltnis, da klirrten sie in ihren Hnden. Und die Stimme der Pfarrfrau klang auch ganz verndert, als sie entgegnete: Was sagt Ihr da, Fhnrich? Es ist doch wohl nicht mglich, da ein Pfarrer... Wie kann der Bischof... Ach, Frau Base, Ihr wit nicht, wie entlegen Finnerud ist. Und ich glaube sicher, da auer mir niemand irgend etwas von der Sache wei, nicht einmal seine nchsten Verwandten. Ich selbst bin auch nur durch einen reinen Zufall der Sache auf die Spur gekommen. Auch habe ich selbstverstndlich gegen jedermann darber geschwiegen und htte auch jetzt nichts gesagt, wenn ich es nicht fr meine Pflicht hielte, einer zrtlichen, frsorglichen Mutter meine Bedenken mitzuteilen. Wieder klirrten die Stricknadeln heftig gegeneinander, und die Pfarrfrau sagte: Es ist vielleicht gar nicht wahr. Heutigestags werden alle Menschen verleumdet. rneclou rusperte sich, und dann begann er: Ihr zwingt mich, Euch mehr zu verraten, als ich mchte. Aber wie gesagt, ich halte es fr meine Pflicht, der Frau Base einen klaren Einblick in die Sache zu geben. Ich versichere Euch, bis zu meinem letzten Besuch vor Weihnachten hatte ich keine Ahnung, wie es bei Liljecrona bestellt war. Er war nicht daheim, als ich ankam, aber seine Haushlterin empfing mich aufs beste und bat mich, die Heimkehr des Hausherrn abzuwarten. Na, es dauerte recht lange, bis er kam, und unterdessen lie ich mich mit der Frau in ein Gesprch ein. Wit Ihr, sie ist in ihrer Art eine vortreffliche Person. Nicht von finnischer Herkunft, sondern aus dem Schwedengau, wie sie da droben sagen, und wirklich berraschend tchtig. Voller Bewunderung habe ich den unermdlichen Eifer gesehen, mit dem sie dem armen Liljecrona das Leben in dem Finnendorf ertrglich gemacht hat. Nun, wir sitzen also beisammen und reden von dem und jenem. Nicht wahr, Ihr versteht, sie kommt nicht von besseren Leuten, ist eigentlich nur ein Bauernmdchen, aber doch recht verstndig in allem, was sie sagt. Wir haben indes noch nicht viele Worte gewechselt, als ich merke, da sie etwas bedrckt. Ich spreche ihr freundlich zu -- Ihr wit, ich verstehe mich ein wenig auf Frauenzimmer --, sie fat Vertrauen zu mir. Da fragt sie mich geradeheraus, ob ich meine, da Liljecrona das groe Pastorat bekommen werde. Er htte ihr versprochen, ja schon vor acht Jahren, als er zuerst da hinaufkam, sie zu heiraten, sobald er eine bessere Stelle erhalte. Nun aber habe sie groe Angst, weil dieses Sjskoga gar so groartig sei. Wenn jetzt nur Liljecrona nicht denke, sie sei zur Prpstin nicht fein genug. Ihr versteht, sie war ganz verzweifelt. Ich gab mir alle Mhe, sie zu beruhigen, so gut ich konnte, und versprach ihr auch, Liljecrona betreffs seiner Plne auf den Zahn zu fhlen. Am nchsten Tag sagte ich Liljecrona geradeheraus, da ich das Verhltnis durchschaut htte, und fragte ihn, warum er denn eigentlich die Verbindung nicht rechtskrftig mache. Da sagte er ganz offen, dazu sei er zu arm. Wenn er seine Magd, wie er sich ausdrckte, heirate, dann werde sie ja die Frau, und dann msse er sich zu ihrer Bedienung eine andere Magd halten. 'Denn dessen kannst du versichert sein,' sagte er, 'dann melkt sie keine Khe mehr und hilft auch Pekka nicht mehr auf dem Acker. Selbstverstndlich werde ich sie heiraten, sobald ich die Mittel dazu habe.' Ich erwiderte: wenn er nun nach Sjskoga komme... 'Ach, Sjskoga,' versetzte er, 'das will ich gar nicht haben. Ich habe im Sinn, zurckzutreten.' rneclou schwieg. Er konnte die Pfarrfrau in der Dunkelheit kaum noch unterscheiden und hrte auch die Stricknadeln nicht mehr klirren. Es wurde ihm beinahe unheimlich zumut. Vielleicht hatte er sich hier, wenn auch nicht ein Verbrechen, doch immerhin eine sehr groe Unvorsichtigkeit zuschulden kommen lassen. Jetzt habe ich der Frau Base alles gesagt, was ich weiß«, begann er wieder. Und ich mchte Euch bitten, Euch nicht allzu viele Gedanken darber zu machen. Es gibt jedenfalls im ganzen Sprengel keinen ausgezeichneteren jungen Geistlichen als Liljecrona. Bedenket, was das heien will, sich in dem Mae fr arme Finnenbauern aufzuopfern! Mit seinen Gaben volle elf Jahre in einer Armut zu leben, wie er es getan hat! Ich mchte sagen, er ist ein Held, gerade wie der Korsikaner, von dem man in jetziger Zeit so viel Wesens macht. Das Schweigen dauerte weiter, und dem Fhnrich wurde es immer unbehaglicher zumut. Schon fing er wieder an, Liljecronas Lob zu singen, als die Pfarrfrau von ihrem Platz aufstand und mit einer Stimme, die einen ganz anderen Klang hatte, als whrend des vorausgegangenen Gesprchs, sagte: Ich hre Lyselius kommen. Geht nun zu ihm hinein, rneclou, und unterhaltet Euch mit ihm, anstatt hier bei mir in der Dunkelheit zu sitzen. Er freut sich sicher auf ein Plauderstndchen unter vier Augen mit einem so guten alten Freund, wie Ihr seid. Und von da an war die Pfarrfrau wie ein umgewendeter Handschuh. rneclou durfte im Saal essen, er durfte im besten Gastzimmer schlafen, und es wurden ihm so gute Gerichte aufgetischt, wie bisher nicht einmal der Pfarrer bekommen hatte. rneclou war indes gar nicht sosehr berrascht. Er wute ja von alters her, da ihm kein Frauenzimmer widerstehen konnte, wenn er sich so viele Mhe gab, wie er bei der alten Raclitz aufgewendet hatte. Aber so ganz verstndlich war ihm die Sache doch nicht, und es war immer noch etwas Sonderbares daran, bis er sich schlielich herausgeklgelt hatte, da sie sich sicherlich seinen Antrag berlegt und nun die Absicht hatte, ihn zum Schwiegersohn zu erwhlen. Na ja, rneclou hatte sich nicht soviel bei dieser Freierei gedacht. Aber warum nicht? Es wre gar nicht so bel, wenn er Maja Lisa bekme. Und da er sie bekommen konnte, war klar wie der Tag. Die Schwiegermutter war auerordentlich freundlich gegen ihn und wute gar nicht, was sie ihm alles zulieb tun sollte. Aber ehe er sich ernstlich band, wollte er doch noch eine Reise durch Vrmland machen und alle die guten alten Pltze aufsuchen, wo er seither Gastfreundschaft genossen hatte. Wenn er einmal verheiratet war und Frau und Hof hatte, mute er natrlich daheim bleiben. Er konnte sich deshalb auch diesmal gar nicht so lange in Lvdala aufhalten, wie er sonst zu tun pflegte, sondern mute abreisen, je frher desto besser. Natrlich nur, um desto schneller wieder zurckzukehren. Als er darum an einem der nchsten Morgen erklrte, er msse abreisen, sah er der Pfarrfrau und auch der Pfarrerstochter wohl an, wie leid es ihnen tat. Sie wollten ihn zum Bleiben berreden, aber er war unerschtterlich. Vor Abend msse er ganz notwendig in Karlstadt sein. Natrlich sagte er nicht geradeheraus, da er nur abreise, um bald wiederzukommen und der Herr auf dem Hofe zu werden; aber dies lag alles unter der Decke. Die Pfarrfrau, die offenbar ein ganz ungewhnliches Frauenzimmer war, verstand sicher, was es bedeutete. Und schon ehe er abgefahren war, fhlte er das Heimweh in sein Herz hineinschleichen. Ja, hier wrde er gewi glcklich sein! Als er eben dabei war, seinen Pelzmantel anzuziehen, trat die Pfarrfrau zu ihm und fragte, ob er ihr wohl einen Gefallen tun wrde. Die gndige Frau auf Lkene htte einen Hahn bei ihr bestellt, und nun mchte sie fragen, ob es ihm nicht zuviel sei, wenn sie ihm das Tier mitgebe? Wenn er doch nach Karlstadt fahre, komme er ja direkt an Lkene vorbei. Der Fhnrich willigte gleich mit Freuden ein. Zum ersten konnte er der knftigen Schwiegermutter einen Gefallen tun. Und zum zweiten bekam er dadurch Gelegenheit, sich in Lkene zu zeigen und sich dort an einer Mahlzeit gtlich zu tun. Aber als der Fhnrich einwilligte, wute er natrlich nicht, da der Hahn, den er mitnehmen sollte, lebend war. Und da der Fhnrich in einem erbrmlichen kleinen Schlitten fuhr, so konnte er es nicht anders einrichten, als die Kiste mit dem Hahn auf den Sitz zu stellen und sich selbst hinten auf den kleinen Bock zu setzen. Aber er behielt bis zuletzt seine gute Miene bei. Es galt ja, der alten Raclitz zu zeigen, da sie keinen artigeren und nachgiebigeren Schwiegersohn bekommen knnte. Als der Fhnrich abfuhr, herrschte wunderschnes helles Januarwetter. Die Sonne schien so warm wie sonst Ende Mrz, und von Klte war gar keine Rede. rneclou hatte das Gefhl, als sei er seit seiner Ankunft am gestrigen Tage ein ganz anderer Mensch geworden. Lvdala und Maja Lisa! Besitzen und regieren! Ein eigenes Heim haben und seine Freunde bei sich sehen, sooft er nur wollte! Das war etwas anderes, als das ganze Jahr hindurch von Hof zu Hof zu reisen und nie sicher zu sein, wie man aufgenommen wurde, wenn man an der Freitreppe eines Herrenhofs vorfuhr! Der Weg war gut; es ging rasch vorwrts, und rneclou war bald in Loby. Hier kam ihm ein alter Bauer mit einem Heuwagen entgegen. Das war gewi Bjrn Hindriksson selbst. Dieser Bjrn Hindriksson ist sicher ein prchtiger Mensch, sagte rneclou vor sich hin, indem er das Pferd anhielt, um ein paar Worte mit ihm zu reden. Bjrn Hindriksson war ja der Nachbar von Lvdala, und wenn rneclou nun doch bald der Herr dort wurde, lohnte es sich, ihn zum Freund zu haben. Aber zum Kuckuck! Was krhte ihm denn da in die Ohren, gerade als er anhielt? Beinahe wre er vor Schrecken von dem schmalen Kutschersitz heruntergefallen. Den Hahn hatte er ja ganz und gar vergessen gehabt! rneclous Fingal machte keine Bewegung. Der war bei so vielem dabeigewesen, da ihn nichts mehr erschrecken konnte. Aber Bjrn Hindrikssons Brauner war gegen berraschungen nicht so abgehrtet. Er ging durch, der Wagen fiel um, und die ganze Heulast lag in dem Straengraben. Das war wahrlich nicht die richtige Art, eine freundliche Nachbarschaft einzuweihen. In seinem rger knallte rneclou seinem Fingal die Peitsche um die Ohren, und sobald der Schlitten wieder in Gang kam, verstummte der Hahn. Wieder ging es rasch den Weg entlang, und wieder beschftigten sich rneclous Gedanken mit Maja Lisa. Sie war schn, sie war erst siebzehn Jahre alt, und halb Lvdala war ihr Eigentum! Ja, so einer wie er, rneclou, gehrte her, um noch ein so groes Glck zu gewinnen, jetzt, wo er nicht mehr in seiner ersten Jugend stand! Nun tauchte in der Ferne wieder etwas vor ihm auf. Diesmal ein Herr und eine Dame zu Pferd. Das konnte wohl kaum jemand anders sein als die Grfin Dohna, die einen Ausritt machte. Eine groartige Dame, diese Wittib auf Borg! Es war immer ein Vergngen, einer Reiterin zu begegnen, die so gut zu Pferd sa. Nur schade, da sie bestndig diesen kleinen schwarzbraunen Emigranten mit sich fhrte, den sie jetzt unter ihren Schutz genommen hatte. rneclou hielt an, stieg vom Bock herunter und nahm, die Mtze in der Hand, eine bewundernde Stellung ein. Da krhte der Hahn. Die Grfin zog die Zgel an und sah sich verwundert um. Woher kam denn der Hahnenschrei? Wie war es nur mglich, da sich ein Hahn so weit von jeglichem Hof entfernt hier auf der Landstrae befand? Sie htte vielleicht nichts gemerkt, wenn der Hahn nicht gleich noch einmal gekrht htte. Aber da begriff sie. Und da sie eine etwas schadenfrohe Dame war, lie sie sich mit rneclou in ein Gesprch ein und zwang ihn so, volle drei Minuten lang mitten auf der Landstrae zu halten. Und der Hahn krhte in einem fort, krhte zwischen jedem Wort, das sie sagten. Das mute der schne rneclou aushalten! Der eleganteste Kavalier in Vrmland mute es ertragen, da sie ihn auf diese Weise zum Gesptt machte! Die Grfin sa ruhig auf ihrem Pferd, unterhielt sich mit ihm und tat, als merkte sie gar nichts von dem Hahn. Sie schien absolut nicht zu hren, da jedes zweite Wort durch einen Hahnenschrei unverstndlich wurde. Aber rneclou stand wie auf Kohlen, und der Angstschwei brach ihm auf der Stirne aus. Schlielich konnte er es nicht lnger aushalten. Er warf sich auf den Bock und fuhr eiligst davon. Da verstummte der Hahn, dafr aber hrte rneclou sogleich der Grfin helles, perlendes Lachen hinter sich. Es verfolgte ihn bis an die Dorfgrenze, es verfolgte ihn auf der ganzen Reise, ja es verfolgte ihn sein ganzes Leben lang. Am liebsten htte er den Kistendeckel aufgemacht und den Hahn fliegen lassen. Aber rneclou dachte an Maja Lisa und an Lvdala, und so beschlo er, der Versuchung zu widerstehen und auszuhalten. Bei der Schwiegermutter durfte er beileibe nicht in Ungnade fallen! Und wenn er jetzt nur erst an der Svartssjer Kirche vorbei war, dann fhrte der Weg durch eine einsame Waldgegend, da wrde ihm sicher niemand mehr begegnen. Aber unglcklicherweise war das Wetter gar zu schn. Gerade an diesem Tage wollten offenbar alle Menschen Ausflge machen. Es dauerte gar nicht lange, da kam dem Fhnrich sein Regimentschef entgegen. rneclou war ja lngst nicht mehr im Dienst; aber trotzdem er seinen Abschied hatte, setzte er seine Ehre darein, immer mit der Noblesse und der Wrde aufzutreten, die dem ansteht, der einstmals ber das Feld der Ehre geschritten ist. Aber in demselben Augenblick, wo rneclou sich zu einem strammen Gru aufrichtete, krhte der Hahn. Nein, das konnte einen Menschen doch wirklich in Verzweiflung bringen! Die eine unglckliche Begegnung folgte der andern auf dem Fu nach. Nichts als Unglck auf dem ganzen Wege! Schlielich, weit drauen auf den Sundgrdsbergen, begegnete er dem neuen Gutsbesitzer von Bjrne, Melchior Sinclaire. Das war das einzige, was noch gefehlt hatte! Das war das schlimmste von allem! Die Leute hatten Sinclaire den Spitznamen der Gockelhahn gegeben, weil er so hochmtig und laut und immer zum Streiten und Raufen bereit war. Sinclaire kannte seinen Spitznamen und war durchaus nicht entzckt davon. In seiner Gegenwart wagte man kaum noch Worte wie Hhner und Eier in den Mund zu nehmen. In dieser seiner Not beschlo nun rneclou, bei Sinclaire nicht anzuhalten, um ihn zu begren, sondern so schnell, wie Fingal zu laufen vermochte, an ihm vorberzufahren. Aber es fiel schlimm aus, wie er es auch machte. Der Gutsherr kam eben aus Karlstadt zurck, wo er sich ein neues Schlittengelute gekauft hatte, und dieses klingelte nun so prachtvoll, da der Hahn doppelt ausgelassen wurde und im Vorbeifahren gerade recht laut krhte. rneclou richtete sich auf, um Fingal mit der Peitsche zu erreichen, und versetzte ihm einen scharfen Schlag ber die Lenden. Jetzt galt es, so rasch wie mglich weiterzukommen. Aber es sollte ihm nicht so leicht fallen, sich aus der Schlinge zu ziehen. Melchior Sinclaire wurde wtend. Bis jetzt hatte er die vor rneclou stehende Kiste mit dem Hahn noch gar nicht zu Gesicht bekommen, aber rneclou hatte er sofort erkannt, und er glaubte, der Fhnrich habe im Vorbeifahren wie ein Hahn gekrht, um ihn zu rgern. Rasch drehte er sein Pferd um und jagte nun hinter rneclou drein, um ihm eine Lektion zuteil werden zu lassen. Der Fhnrich hrte ihn hinter sich und dachte, es wre wohl am besten, wenn er ihm die Sache erklrte. Da krhte der Hahn abermals so laut, da es im Walde widerhallte. Und der groe Gutsherr, der meinte, es sei der Fhnrich, wurde so rasend, da er wie ein wildes Tier brllte. Da wagte es rneclou nicht mehr, auf ihn zu warten, sondern er fuhr eiligst davon. Nun ging es ein paar Minuten lang in wilder Jagd ber die Sundgrdsberge hin. Aber der Gutsherr hatte einen flotten Traber, rneclous Fingal dagegen war alt und verbraucht, und so war es selbstverstndlich, da er bald eingeholt wurde. Als rneclou sich umschaute, sah er den Gutsherrn mit hocherhobenem Peitschenstiel, der nun bald auf ihn, den armen rneclou, niedersausen wrde. Da sagte rneclou seinen Hoffnungen auf Maja Lisa und Lvdala Lebewohl. Er beugte sich vor, ergriff die Kiste mit dem Hahn und schleuderte sie Melchior Sinclaire mitten in den Weg. Auf diese Weise entkam er. Sonst htte ihn der groe Gutsherr sicherlich totgeschlagen; denn wenn er zornig war, gehrte er nicht zu denen, die sich auf Erklrungen einlassen und Grnde anhren. Als der Fhnrich das Ilberger Gasthaus erreichte, war er vollstndig erschpft, und er dachte, von dieser Fahrt werde er sich wohl nie wieder ganz erholen. Er lebte danach noch viele Jahre; aber so alt er auch wurde, fluchte er immer wie ein Wachtmeister, wenn er auf dieses Ereignis zu sprechen kam. Auf Lvdala lie er sich nie wieder sehen. Denn dies war das widerwrtigste Abenteuer, das er je in seinem Leben zu bestehen gehabt hatte, und er konnte es nicht ertragen, daran erinnert zu werden. Am Werktage Ja, nun war die Arbeit auf Lvdala in vollem Gang, und morgens und abends ertnte das Schnurren der neuen Spinnrdchen so laut wie das Klappern einer Mhle. Und whrend der Stunden, wo heller Tag war, durfte man auch dem lieben Gott die Zeit nicht stehlen, sondern mute jede Minute aufs Nhen und Weben verwenden. Eine Zeitlang hatte es ausgesehen, als htte die Pfarrfrau die Anwesenheit der Kleinen ganz vergessen. Sie hatte ihr keine Arbeit aufgetragen und ihr nichts weiter befohlen, als in der Kchenkammer rein zu machen und das Feuer zu unterhalten. Aber an demselben Tag, an dem der Fhnrich abreiste, erschien sie an der Kchenkammertr, winkte der Kleinen und sagte, sie solle eine Weile mit ihr in den Saal kommen. Die Kleine stand sogleich auf, aber sie frchtete sich unbeschreiblich vor einem Alleinsein mit der Pfarrfrau. Sie mochte sie nicht nur so im allgemeinen nicht, wie man eben einmal jemand nicht gut leiden kann; nein, wenn die Kleine sie nur sah, lief ihr ein kalter Schauer um den andern ber den Rcken. Noch nie in ihrem Leben hatte sich die Kleine vor irgendeinem Menschen so gefrchtet, und sie hatte auch ihre eigenen Gedanken darber, womit das wohl zusammenhngen konnte. Denn so viel war sicher, etwas war mit der Pfarrfrau nicht recht geheuer. Kein anderer Mensch hatte so weies Haar und ein so junges Gesicht dazu, und es war doch auch gar nicht natrlich, da eine Frauensperson mit einer Stimme sprach, die wie ein Wasserfall donnerte. Und ebensowenig htte ein einziges gewhnliches Menschenkind so viel Widerwrtiges und Unangenehmes anrichten knnen. Immerfort mute sie an etwas denken, was Mutter ihr einmal von dem Svartsj und den Dreien gesagt hatte, die zurckgeblieben seien, als der See ausgetrocknet war. Mamsell Maja Lisa wollte nichts davon hren; aber die Kleine wute wohl, wer diese Dritte war, und da man auf Lvdala mehr als einmal ein Abenteuer mit ihr zu bestehen gehabt hatte. Und wenn die Pfarrerstochter von so etwas nicht reden wollte, dann gab es andere Leute auf dem Hof, die es gerne wollten und es auch konnten. Die Kleine brauchte sich nur am Abend einmal ins Gesindehaus hinberzuschleichen, wo der lange Bengt und seine Mutter, die alte Bengta, sowie seine Frau, die muntere Maja, um den Herd saen und miteinander schwatzten. Da pflegte dann der lange Bengt zu erzhlen, da die alte Wasserfrau, die im Svartsj gewohnt hatte, sich heimatlos fhle, seit dieser ausgetrocknet sei -- denn das knne doch kein Mensch verlangen, da so eine vornehme Frau in dem rmlichen Svartsjbache, der jetzt noch durch den frheren Seegrund ziehe, befriedigt sein knne --, und da sie immer wieder versuche, sich in einen Hof einzuschleichen. Sie habe sich schon da und dort eingenistet; aber an den anderen Orten habe man beizeiten herausgebracht, wer sie war, und so habe man sie fortgejagt, ehe sie etwas Bses anstellen konnte. Die muntere Maja wute auch eine Geschichte von dem Sohn des Herrn Olavus, dem frheren Svartsjer Pfarrer, der in einer Frhlingsnacht an den Svartsjbach hinuntergegangen und dort ertrunken war. Daraus gehe doch etwas deutlich hervor: die Wasserfrau, die hatte ihn bezaubert gehabt, sonst wre es ihm ja gar nicht mglich gewesen, in so einem Bach zu ertrinken. Der lange Bengt sprach von jenem Morgen, wo er und die Vettersbuben auf dem sdlichen Anger das Heu gemht hatten. Die beiden Buben und er htten auch sofort gesehen, wer da durchs Gras daherkam. Sie sei ja so na gewesen, da ihre Kleider trieften. Das sei doch wohl ein gengend deutliches Zeichen dafr, was fr eine sie war. Und wie irr und wirr ihre Augen ausgesehen htten, wahrhaftig nicht wie bei einem Christenmenschen! Keines von den dreien hegte den geringsten Zweifel, wer die jetzige Pfarrfrau in Svartsj war, und darber waren auch alle einig, da sie nicht wieder fortgehe, ehe sie den ganzen Hof ins Verderben gebracht habe. Die Kleine glaubte ganz dasselbe, besonders abends und in der Dunkelheit. Bei Tag fiel es ihr schwer zu glauben, da die heimatlose Wasserfrau aus dem Svartsj auf Lvdala umhergehe und spinne und webe. Aber auch da war das Mitrauen in der Kleinen noch so lebendig, da sie zusammenfuhr, wenn sie die Pfarrfrau nur sah. Als aber die Pfarrfrau nun an der Kchentr erschien und ihr winkte, blieb ihr jedenfalls nichts anderes brig, als mit ihr durch die Kchenkammer zu gehen, wo Mamsell Maja Lisa einen Hohlsaum an einem Laken nhte, und in den Saal hinein, einem schnen groen Zimmer mit Mbeln aus gelbgebeiztem Birkenholz und blaugewrfelten Bodenlufern. Das Zimmer hatte zwei Fenster. An dem einen stand eine hohe grne Kallapflanze, vor dem andern ein kleiner Nhtisch. Die Platte war zurckgeschlagen, und man konnte die vielen kleinen Fcher sehen, die mit Zwirnstrngen und Seidenknueln, Wachs und Nadelbchern, Namentchern und Bandrollen, Haken und sen und vielem andern, was sinnreich und bequem war, gefllt waren. Die Pfarrfrau zeigte der Kleinen alles, was in den Fchern war, und lie sie erraten, wozu die einzelnen Gegenstnde gebraucht wurden. Sie war so freundlich gegen das Kind, da sie sogar zu lachen versuchte, wenn die Kleine falsch riet, obgleich ihr das so ungewohnt war, da sich ihre Mundwinkel frmlich dagegen strubten. Je freundlicher sie wurde, desto fester prete die Kleine den Mund zusammen, und desto aufmerksamer wurde der Blick ihrer glnzenden Augen. Wenn nur die Pfarrfrau sie nicht verfhren wollte, etwas zu sagen, was der Pfarrerstochter Schaden bringen konnte! Aber diesmal schien von einem Hinterhalt nicht die Rede zu sein. Die Pfarrfrau setzte sich an den Nhtisch, die Kleine mute neben ihr Platz nehmen; nun sollte sie nhen lernen, denn die Pfarrfrau htte ihrer Mutter versprochen, ihr eine gute Erziehung zuteil werden zu lassen. Zuerst zeigte ihr die Pfarrfrau, wie man eine Nadel einfdelte. Dies pflegt ja eine schwere Aufgabe fr kleine Leute zu sein; aber die Kleine zog den Faden gleich beim ersten Versuch durchs Nadelhr. Die Pfarrfrau verwunderte sich hchlich. Sie sagte, das habe sie sehr gut gemacht. Wenn ihr alles ebenso leicht von der Hand gehe, knne eine Meisterin im Nhen aus ihr werden. Dann gab ihr die Pfarrfrau ein kleines Stck Leinwand, an dem sie sich ben knnte. Sie zeigte ihr, wie man einen Knoten macht, wie man die Nadel in den Stoff hineinsteckt und wieder herauszieht. Schweigend lie sich die Kleine belehren. Dann nahm sie den Leinwandfleck in die Hand, legte ihn ber den linken Zeigefinger und machte Stich um Stich, als sei das absolut nichts Schwieriges. Ei du lieber Himmel! Wie sehr verwunderte sich doch die Pfarrfrau. Das sei das Merkwrdigste, das ihr je vorgekommen war! Da konnte die Kleine nicht lnger ernsthaft bleiben, sie fing an zu lachen. Nun glaubte die Pfarrfrau endlich zu merken, wie die Sache zusammenhing, und sie fragte, ob die Kleine denn schon, ehe sie nach Lvdala gekommen sei, das Nhen versucht habe. Nein, antwortete diese. Ich habe noch nie einen Stich gemacht, ehe ich hierhergekommen bin. Ei so! Nun dann habe sie vielleicht hier jemand das Nhen gelehrt? Vielleicht Mamsell Maja Lisa? Die Kleine erschrak, sobald die Pfarrfrau die Stieftochter nur erwhnte, und sie antwortete rasch, nein, aber die alte Frau Beata im Waschhaus drben habe ihr Unterricht gegeben. Das zu hren freut mich sehr, sagte da die Pfarrfrau. Wie merkwrdig, da Frau Beata mit ihren gichtischen Hnden nhen kann! Und ob sie nhen kann! rief die Kleine. Auf dem ganzen Hofe kann gewi niemand so schn nhen wie Frau Beata. Dann will ich dir sagen, was wir jetzt tun wollen, sagte die Pfarrfrau. Gleich jetzt gehen wir hinber zu Frau Beata und bedanken uns bei ihr, da sie dir einen so guten Unterricht gegeben hat. Damit nahm sie die Kleine mit sich; aber sie ging nicht den geraden Weg nach dem Waschhausflgel, sondern machte einen weiten Bogen um den Stall und die Scheunen herum. Frau Beata pflegte den ganzen Tag an einem Fenster zu sitzen, von wo sie alle Leute, die vom Wohnhaus zu ihr herber kamen, sehen konnte, aber sie hatte keine Aussicht nach der Seite, wo die Wirtschaftsgebude lagen. Als die Pfarrfrau und die Kleine vor der schwierigen Treppe standen, die im Zickzack zum Giebel hinauffhrte, sagte die Pfarrfrau, die Kleine solle vorausgehen. Wer jung sei, laufe rasch und leicht hinauf, sie wrde dann nachkommen, so gut es eben gehe. Nun, die Kleine lief laut polternd die Treppe hinauf, und da konnte niemand merken, da jemand hinter ihr herschlich. Frau Beata sa immer mit den gefalteten Hnden im Scho da, wenn die Pfarrfrau zu ihr kam. Und immer sprach sie davon, wie schwer es ihr werde, da sie nichts mehr nutz sei. Auch sie sei frher ein sehr ttiger Mensch gewesen, obgleich nicht ganz so tchtig wie Anna Maria Raclitz. Die Pfarrfrau hatte die rmste wirklich bedauert. Wie schrecklich, wenn man den ganzen Tag hindurch immer stillsitzen mute und kein bichen etwas tun konnte! Aber als die Pfarrfrau an diesem Tag bei ihr eintrat, hatte Gromutter ein Laken in der Hand und stickte an einem Hohlsaum, und ihr Arm ging dabei so schnell auf und ab wie die Flgel einer Lerche. Als aber Frau Beata die Pfarrfrau erblickte, machte sie eine Bewegung, wie wenn sie die Arbeit verstecken wollte. Aber als sie merkte, da die andere sie schon gesehen hatte, nhte sie ruhig weiter. Die Pfarrfrau trat zu ihr und sprach ihre groe Freude darber aus, Frau Beata am Nhtisch zu finden. Das sei doch sehr schn, da die Gicht sich so gebessert habe und sie nun etwas arbeiten knne. Sie solle ihr doch zeigen, woran sie eben sei, denn sie habe gehrt, Frau Beata Spaak knne wunderschn nhen, und ihre Stiche lgen wie Perlen einer neben dem andern. Aber das ist sonderbar, fuhr die Pfarrfrau fort, indem sie sich immer tiefer ber Frau Beatas Arbeit beugte, dieses Laken meine ich doch zu kennen. Es ist eines von dem Paar, das ich Maja Lisa fr diesen Morgen zum Nhen gegeben habe. Vielleicht helft Ihr ihr bei dem einen. Ja, ich habe nichts dagegen, nein, nicht das geringste; aber ich meine, Ihr httet es mir sagen sollen, damit ich Maja Lisa gengend mit Arbeit versehe. Denn wenn sie nur ein Laken vom Paar nht, so ist es ja die reine Faulenzerei. Frau Beata hielt die Arbeit noch in der Hand. Sie konnte nichts erwidern, denn ihr Unterkiefer und ihr ganzer Kopf zitterte, wie wenn jemand hinter ihr stnde und sie schttelte. Nun wendete sich die Pfarrfrau wieder der Tr zu, um zu gehen. Sie sehe ja, wie eilig es die Gromutter habe, deshalb wolle sie nicht lnger stren. Frau Beata brauche jetzt gewi auch nicht mehr so viel Gesellschaft, da sie wieder arbeiten knne. Frau Beata stotterte etwas hervor, das wie bermenschliche Arbeit fr die Jugend klang, und es knne Leben und Gesundheit kosten. Aber die Pfarrfrau erwiderte: Oh, Ihr wit wohl, da es Maja Lisa nicht schlimm geht, da sie noch imstand ist, die halbe Nacht aufzusitzen und zu lesen. Ich glaube auch nicht, da Arbeit einem jungen Menschen schadet. Nein, aber lgen und heucheln und krumme Wege gehen, das ist schdlich. Damit ging sie, und Frau Beata hatte noch nicht ein verstndliches Wort zu ihrer Verteidigung herausbringen knnen, als die Tr auch schon hinter ihr ins Schlo fiel. Aber die Treppe, die die Pfarrfrau nun hinuntergehen mute, war schmal und steil, und so kam sie nur langsam vorwrts. Indessen konnte sich Frau Beata aufraffen, und gerade, als die Pfarrfrau die unterste Stufe erreicht hatte, ri die alte Frau oben ihre Tr auf. Stiefmutter! rief sie ihr nach, und zwar so laut, da man es auf dem ganzen Hofe hrte. Eine Antwort wartete sie nicht ab, sondern ging rasch wieder hinein und schob den Riegel vor, damit sie nicht aufs neue berrascht wrde. Man konnte der Pfarrfrau nicht anmerken, ob sie sich etwas aus Frau Beatas Rede machte. Sie war noch immer in ausgezeichneter Laune, und whrend sie mit der Kleinen ins Wohnhaus zurckging, sagte sie ganz ruhig zu ihr, sie solle jetzt in den Saal gehen und ein wenig nhen, sie werde gleich selbst nachkommen, sie wolle nur vorher noch ein paar Worte mit Mamsell Maja Lisa sprechen. Die Kleine kniff die Lippen zusammen und erwiderte nichts; aber ihr Gesicht hatte ungefhr denselben Ausdruck wie an dem Weihnachtsfeiertag, wo sie mit dem Sturm kmpfte. Als sie in dem Flur angekommen waren, ging sie nicht in den Saal, wie ihr befohlen war, sondern wendete sich der Kchentr zu. Die Pfarrfrau fragte sofort, wohin sie wolle. Ob sie nicht gehrt habe, da sie in den Saal gehen und nhen solle? Da antwortete die Kleine mit leiser Stimme, sie meine, das sei jetzt unntig. Warum denn unntig? Meinst du, du kannst jetzt schon ausgezeichnet nhen und brauchst nichts mehr zu lernen? Nein, das meine sie durchaus nicht. Aber sie brauche nicht mehr zu lernen, als sie schon knne, weil sie jetzt wieder heim nach Koltorp gehe. Zugleich trat sie auf die Pfarrfrau zu, reichte ihr die Hand und sagte, sie knne sich auch ebensogut gleich verabschieden. Aber liebes Kind! rief die Pfarrfrau. Ich verstehe dich absolut nicht. Warum willst du denn auf und davon gehen? Die Kleine trat ein paar Schritte zurck, wie um auerhalb greifbarer Nhe zu sein, ehe sie ihre Erklrung gab. Mutter ist Kindermdchen hier auf Lvdala gewesen, und Mutter hat die Pfarrerstochter lieb. Und als Mutter an Weihnachten hier war, hat sie zu mir gesagt, wenn Mamsell Maja Lisa meinetwegen noch weitere Unannehmlichkeiten bekomme, solle ich nicht hierbleiben, sondern heimkommen. Als die Kleine das gesagt hatte, schob sie sich an der Wand weiter, bis sie die Ecke neben der Kchentr erreicht hatte. Da blieb sie stehen und wartete auf das, was kommen wrde. Die roten Flecke brannten auf Frau Raclitzas Wangen, und sie ging mit erhobener Hand auf die Kleine zu. Diese aber duckte sich nicht, und ihre Augen sahen die Pfarrfrau kalt an. Sie wute, da sie jetzt Schlge bekommen wrde; aber sie war so von Ha erfllt, da sie keine Angst fhlte, sondern eher froh darber war, da es jetzt zum offenen Streit kam. Aber nun geschah etwas, was sich die Kleine nie und nimmer htte trumen lassen. Die Pfarrfrau gab ihr nicht einmal eine Ohrfeige, sie bezwang sich vielmehr im letzten Augenblick und versuchte zu lcheln. Liebes Kind, du siehst ja aus wie eine Katze, die auf einen Hund losfauchen will. Aber sei ganz ruhig, ich werde dich gewi nicht schlagen, weil du gegen die, der du dienst, treu bist. Gerade das gefllt mir, und deshalb verspreche ich dir, Maja Lisa soll nicht ein einziges Wort von mir ber das hren, was ich heute entdeckt habe. Und jetzt gehen wir miteinander in den Saal und denken nie wieder an diese Sache. Die Kleine fhlte sich ganz verwirrt. Hinter diesem allem lag etwas, was sie nicht verstand. Aber sie war nur zu froh, da sie im Pfarrhaus bleiben durfte, und so gab sie sich keine weitere Mhe, das Rtsel zu lsen. Als sie nun wieder an dem Nhtisch saen, war indes vom Nhen keine Rede mehr, sondern die Pfarrfrau ffnete ein Fach, das unter den andern verborgen war. Diesem entnahm sie zuerst ein Abc-Buch, dann Papier und einen Gnsekiel sowie ein Flschchen Tinte. Die Kleine glaubte, die Pfarrfrau wolle sie nun im Lesen und Schreiben prfen; aber das war nicht deren Absicht, sondern sie sagte, sie habe als Kind ihrer Mutter immer bei der Pflege der kleinen Geschwister helfen mssen, und so habe sie nie lesen und schreiben gelernt. Aber seit sie Pfarrfrau geworden sei, sei es ihr uerst unangenehm, da sie es nicht knne. Nun solle die Kleine ihr Lehrmeister werden. Sie habe gleich daran gedacht, als sie sie an Weihnachten nach Lvdala kommen lie, aber bis jetzt nur keine Zeit dazu gehabt. Die Kleine war hchlich erfreut und sagte sofort, sie wolle der Pfarrfrau gerne helfen, so gut sie es vermge. Nun, das sei also ausgemacht, sagte die Pfarrfrau. Aber, fuhr sie fort, die Kleine solle niemand sagen, da sie sie lesen lehre. Sie habe Angst, die Leute wrden sie auslachen. Es solle so aussehen, als lehre die Pfarrfrau sie nhen und verbringe deshalb jeden Vormittag eine Stunde mit ihr im Saal. Ja, da knne ja nichts Bses dabei sein, meinte die Kleine. Die Pfarrfrau sagte, sie freue sich aufrichtig ber dieses bereinkommen. Die Kleine werde wohl begreifen, wie schwer es fr eine Pfarrfrau sei, wenn sie nicht schreiben knne. Heute zum Beispiel htte sie so gerne einen Brief abgeschickt, wenn sie ihn nur zustande brchte. Sie habe sich schon wiederholt gefragt... ob die Kleine wohl so gewandt im Schreiben sei, da sie die Worte aufs Papier setzen knne, wenn sie ihr diktiere? O ja, das getraue sie sich gut, rief die Kleine. Sie schlug auch gleich eine Klappe an einem der Tische auf, legte das Papier zurecht, zog den Stpsel aus dem Tintenflschchen und begann zu schreiben, was ihr die Pfarrfrau diktierte. Ein Frhlingsabend An einem schnen Frhlingsabend war die Pfarrerstochter mit der Kleinen im Freien. Sie war es von jeher gewohnt gewesen, sich am Abend eine Weile drauen zu ergehen, und die Stiefmutter hatte sich dem nicht widersetzt, sondern ihr nur befohlen, die Kleine mitzunehmen, weil es sich fr ein siebzehnjhriges Mdchen nicht schicke, allein auf der Landstrae zu sein. Wie immer ging sie auch jetzt in sdlicher Richtung, denn da war der beste Weg. Sie wanderte langsam dahin, und die Kleine konnte sich diesem langsamen Tempo nur schwer anpassen. Bald lief sie voraus, bald blieb sie eine groe Strecke zurck, nur um sich wieder auer Atem laufen zu knnen, bis sie die Pfarrerstochter einholte. Der Weg fhrte den Waldhgel entlang, der die Grenze von Lvdala bildete, und whrend nun die Pfarrerstochter so dahinwanderte, kam es ihr ganz sonderbar vor, da die Kleine auf der kurzen Wegstrecke, die sie Abend um Abend hin und her wanderten, so viel Vergngliches finden konnte. Da war zuerst das Echo. Die Kleine lief eiligst durch die Allee voraus, um es hervorzulocken. Sie wute, wo es sich fand. Ein kleines Stck auf dem Weg drauen, gerade vor der Lvdaler Roggenscheune. Da blieb sie stehen, drehte sich der Scheunenwand zu und begann zu rufen. Echo, Echo, sag' mir wahr! Sag' mir wahr! das Echo klang. Heirat ich in diesem Jahr? Diesem Jahr! das Echo klang. Ist mein Schatz ein schner Mann? Schner Mann! das Echo klang. Kommt mit vielen Gold er an? Gold er an! das Echo klang. Sprichst du Wahrheit? Lg' nicht an! Lg' nicht an! das Echo klang. Die Pfarrerstochter selbst hatte vor ein paar Monaten die Kleine diese Reime gelehrt; aber damals war eben alles ganz anders gewesen als heute. Jetzt hatte sie keine Kraft, mit dem Echo zu scherzen. Die Kleine blieb ihr nun an der Seite, bis sie eine Kiesgrube erreichten, die links vom Wege dicht unter dem Bergabhang lag. Aber hier verlie die Kleine die Pfarrerstochter und sprang in die Grube hinunter, wo sie dann zwischen den heruntergefallenen Steinen eifrig nach Katzengold suchte. Erst als sie die Pfarrerstochter an der Wegbiegung aus den Augen verlor, jagte sie wieder hinter ihr her. Dann gingen sie miteinander bis an den Bach. Der Kleinen war es ganz und gar unbegreiflich, da Mamsell Maja Lisa an dem Bach vorbergehen konnte, ohne stehenzubleiben, ja ohne auch nur einen Blick auf ihn zu werfen. Wildschumend brauste er von der bewaldeten Hhe herab und bildete einen Wasserfall um den andern, den einen immer groartiger als den andern, bis er unten beim Wege angelangt war. Wenn er sich dann aber brausend und schumend unter der Brcke durchgezwngt hatte, wollte er nicht mehr in dem alten Bett bleiben, sondern ri sich los und trat ber seine Ufer. Aber das konnte die Kleine nicht leiden. Sie eilte an den Wegrand hin und begann zu graben und einzudmmen, um das Wasser in sein altes Bett zurckzuzwingen. Sie wre sehr dankbar gewesen, wenn die Pfarrerstochter angehalten htte, um ihr zu helfen. Aber ach, die Pfarrerstochter konnte mit knapper Not auf dem ebenen Weg weiterkommen! Sie hatte das Gefhl, als schleppe sie sich nur noch dahin. In andern Jahren hatte sie auch beim Eindmmen des Baches mitgeholfen, aber da war sie ja noch ein Kind gewesen. Pltzlich blieb sie stehen, denn auf einmal begriff sie, was ihr widerfahren war: Ach, alt war sie geworden, die Jugend und die Jugendlust waren von ihr genommen! Die Pfarrerstochter wanderte langsam immer weiter, und schlielich mute die Kleine den Bach im Stich lassen und ihr folgen. Aber sie hielt sich nicht lange auf dem geraden Wege. Jetzt kamen sie an ein Gatter, das auf einen eingefriedigten Weideplatz fhrte, wo man immer die ersten Anemonen fand. Sie waren noch nicht aufgeblht, aber jetzt war der Frhling so weit vorgeschritten, da man sie jeden Tag erwarten konnte. Die Kleine machte das Gatter auf, um ein bichen hineinzulugen. Sie hatte sich fest vorgenommen, die zu sein, die in diesem Jahre die erste Anemone nach Hause brachte. Aber die Pfarrerstochter ging weiter wie eine alte, alte Frau und zeigte nicht die geringste Lust, Frhlingsblumen zu suchen. Etwas weiterhin hatte die Kleine einen alten Freund, den sie nie zu begren verga. Das war ein Kuzchen, das in der groen hohlen Birke, dem grten Baum auf ganz Lvdala, wohnte. Die Kleine nahm ein Hlzchen und steckte es in die Behausung des Kuzchens hinein; sogleich streckte der Vogel einen Fu heraus und versuchte das Hlzchen hinauszuschieben. Noch nie hatte die Kleine mehr von dem Kuzchen zu sehen bekommen als diese groen Klauen. Das wute die Pfarrerstochter wohl, denn sie war frher auch bei dem Kuzchen stehengeblieben, um es zu necken. Jetzt konnte sie nicht begreifen, da ihr das je Vergngen hatte machen knnen. Sobald sie an der Birke mit dem Kuzchen vorbei waren, kam die Kleine eilig dahergelaufen, und nun, das wute die Pfarrerstochter recht gut, wrde ihr das Mdchen eine Weile nicht von der Seite weichen. Denn nun muten sie an dem alten moosbewachsenen Feldmuerchen vorber, in dessen Nhe es nicht ganz geheuer war. Ach, die Pfarrerstochter sehnte sich in die Zeit zurck, wo auch sie sich vor dem schauerlichen Pfarrer ohne Kopf gefrchtet hatte, der einem gerade hier bei dem Feldmuerchen begegnen konnte. Es ging jetzt bergauf; und die Pfarrerstochter merkte, da sie nicht nur wie eine Schnecke dahinschlich, nein, es war ihr, als knne sie den Gipfel des Hgels nie und nimmer erreichen. Weiter als bis auf den Gipfel dieses Hgels pflegte sie nie zu gehen. Da droben lag dicht am Wegrand ein groer Felsblock, und auf diesen setzte sie sich dann eine Weile. Auf der Vorderseite des Felsens war ein kleiner Sitzplatz ausgehauen, gerade gro genug, da sie und die Kleine zur Not darauf Platz hatten. Maja Lisa schlo die Augen und fhlte sich so mde, da sie nichts sagen konnte, und die Kleine verhielt sich auch ganz still. Einmal ffnete die Pfarrerstochter die Augen und schaute sich um, weil sie geglaubt hatte, die Kleine sei aufs neue ausgeschwrmt. Aber sie sa noch neben ihr und strich sachte mit der Hand ber einen Zipfel von Mamsell Maja Lisas Kleid, der zufllig auf ihrem Knie liegengeblieben war. Ach, alles war so betrbt fr die Pfarrerstochter, fr sie, die Lvdala und das ganze Kirchspiel htte erben sollen! Es kam ihr vor, als sei dieses Kind hier jetzt der einzige Mensch, der sie nicht verlassen hatte. Ja, gerade deshalb fhlte sie sich alt und schwach, weil sie von allen verlassen worden war. Sie war ebenso einsam wie jemand, dem alle seine Freunde gestorben und ins Grab gesenkt worden sind. Seit jenem Tage in Svansskog war sie mit niemand mehr zusammengetroffen, der ihr wohlwollte und sich ihrer annahm. Nachdem sie wieder daheim war, hatte sie zuerst jeden Tag erwartet, es werde jemand kommen, der sie von aller ihrer Not und Drangsal befreite. Sie wute nicht, wer kommen sollte, und wute auch nicht, wie er es anstellen sollte, ihr zu helfen; aber sie meinte, in jenen beiden Tagen habe sich soviel Merkwrdiges zugetragen, und wenn es so gut angefangen hatte, mte es auch so weitergehen. Aber seither war ein Tag um den andern vergangen, ohne da sich irgend etwas ereignet hatte. Woche folgte auf Woche, und eine war der andern so hnlich gewesen, da Maja Lisa sie in ihrer Erinnerung nicht auseinanderhalten konnte. Ja, unbegreiflich und sonderbar war es, da alles so ruhig um sie her verblieb. Manchmal bildete sie sich ein, es mten weit drauen in der Welt Dinge geschehen, die sie angingen. Bisweilen fhlte sie sich von Stimmen umgeben, die mit ihr sprachen, bisweilen auch berkam sie Angst, weil sich niemand nach ihr sehnte und ihr zu Hilfe kam. Aber der ganze Februar, der ganze Mrz und fast der ganze April waren jetzt vergangen, und bis zum heutigen Tag war weder Botschaft noch Brief zu ihr gedrungen von denen, die frei waren, die sich bewegen konnten, wie sie wollten, und die nicht in einem eisernen Kfig eingesperrt waren. Nun wurde ihr allmhlich klar: -- niemand wrde kommen. Sie mute ihren Kampf allein auskmpfen, ohne irgendwelche Hilfe. Aber ach, es war so schwer, alle Hoffnung aufzugeben! Nun hatte sie gemeint, recht starke und gute Freunde gefunden zu haben, und sie konnte es noch nicht fassen, da sie sich gar nicht um sie kmmerten. Der alte Felsblock, auf dem sie sa, sollte schon zu der Zeit hier am Wegrand gelegen haben, als Lvdala nur eine Sennerei mitten im wilden Walde gewesen war, zu der die Sennerinnen jeden Sommer mit ihren Khen und Geien zogen. Da habe einmal ein junger Bursche einen Sitzplatz in den Felsen gehauen, damit sein Schatz ein Pltzchen zum Ausruhen htte. Hier vom Gipfel des Berges, auf dem der Felsblock lag, konnte man bis zum Lvsee und zur Kirche hinsehen, und sicher hatte von denen, die die Herde hier weideten, gar oft ein Mdchen hier gesessen und nach jemand ausgeschaut, der sie abholen und aus der Einde zu den Menschen zurckfhren wrde. Ja, Maja Lisa fhlte, wenn sie hier sa, ganz deutlich, da an diesem Platz oft mit bitterem Heimweh gekmpft worden war. Die Pfarrerstochter sttzte den Kopf in die Hand und seufzte. Wer ihr helfen wollte, mute bald kommen, denn lange konnte sie es jetzt nicht mehr aushalten. Sie litt zwar an keiner eigentlichen Krankheit, aber sie siechte vor Kummer und Verlassenheit dahin. Und nicht ihr allein tat Hilfe und Rettung not, nein, ganz Lvdala war in Gefahr. Diese ihre Heimat, wo sie jeden Stein liebte, war dem Verderben geweiht. Es war jetzt erst Ende April, und man fror beim Stillsitzen auf dem kalten Stein. Sie machte sich langsam auf den Heimweg. Dabei dachte sie aber nicht mehr an sich selbst, sondern nur noch an Lvdala. Eines Sonntags, es war Ende Mrz gewesen, war der Vater mit der Nachricht von der Kirche heimgekommen, Pastor Liljecrona habe bei dem Knig um die Erlaubnis nachgesucht, seine Bewerbung um die Propstei in Sjskoga zurckziehen zu drfen. Der Vater hatte beim Mittagessen davon gesprochen, und Maja Lisa war sehr rot und erregt geworden. Sie hatte den Vater sofort gefragt, warum Pastor Liljecrona denn die groe Pfarrei nicht angenommen habe. Aber darauf hatte der Vater keine Antwort geben knnen. Er wute nur, da Pastor Liljecrona auerordentlich viel fr seine Gemeindeglieder tue, und sagte dann, Liljecrona msse ein besonders edler Mann sein, wenn er auf Wohlstand und eine hohe Stellung verzichten knne, um bei denen zu bleiben, die ihn brauchten. Auch die Stiefmutter hatte sich ganz auffallend fr Vaters Neuigkeit interessiert. Sie fragte, ob es denn auch wirklich wahr sei, da Liljecrona Sjskoga ganz aufgegeben habe? Und als Vater ihr dies bestimmt versicherte, war die Mutter in ihrer rcksichtslosen Weise vorgegangen und hatte gesagt, sie meine, nun sollte sich Vater darum melden. Der gute Vater war gewi nicht oft in seinem Leben sprachlos gewesen, aber jetzt blieb er stumm und still sitzen und starrte die Mutter nur an. Er sah fast entsetzt aus, wie wenn er es geradezu fr ein Unglck hielte, da Mutter diesen Gedanken gefat hatte. Ach, er war wohl nicht mehr recht sicher, ob er die Kraft htte, ihr eine abschlgige Antwort zu geben. Auch Maja Lisa war ganz bestrzt. Fast htte sie geglaubt, die Stiefmutter scherze; aber dazu war diese nicht angetan. Es war auch gar nicht so tricht gedacht -- Maja Lisa hatte selbst oft gemeint, ihr Vater sollte von Rechts wegen mindestens Bischof werden --, aber seit er den Schlaganfall gehabt hatte, wre es ja das grte Unrecht, wenn man ihn anspornen wollte, sich um ein groes, geschftsvolles Amt zu bewerben. Der Vater war allerdings in der letzten Zeit viel frischer und jetzt wieder fast ganz wie frher, aber Mutter wute doch recht gut, da er nicht mehr bei seiner vollen Kraft war. Maja Lisa hatte sich gezwungen, zu schweigen. Wenn sie sich mit ihren Einwendungen hervorgewagt htte, wre die Stiefmutter erst recht in Eifer geraten. Als die Mutter dann weder von dem einen noch von dem andern eine Antwort erhielt, hatte sie weiter ber die Sache geredet. Wenn man zu lange auf einer Stelle sitzenbleibt, sagte sie, wird man vor der Zeit alt. Nichts trgt sosehr dazu bei, die Bequemlichkeit abzuschtteln, als in eine neue Arbeit hineinzukommen. Maja Lisa hatte gedacht, Vater sei schon zu weit in den Jahren fortgeschritten, als da er durch vermehrte Arbeit wieder frisch gemacht werden knnte; aber immer noch gelang es ihr, zu schweigen. Darauf hatte die Stiefmutter weitergesprochen, als ob es schon beschlossene Sache sei, da Vater auf ihren Vorschlag eingehe: Natrlich werde ja die ganze Wahl noch einmal vorgenommen, und jedenfalls msse Vater morgen nach Karlstadt fahren, um sich danach zu erkundigen; ja, das beste wre, er fhre gleich nach Stockholm und meldete sich persnlich bei Seiner Majestt. Sie wisse, wie gelehrt Vater sei und wie leicht er gute Empfehlungen bekommen knne, weil er ja mehrere Jahre bei den hohen Herren, die jetzt an der Spitze standen, Hauslehrer gewesen sei. Bis jetzt hatte sich Maja Lisa nur fr den Vater gengstigt; aber nun fiel ihr noch etwas anderes ein, und da konnte sie sich nicht lnger beherrschen, sondern sie unterbrach die Mutter und sagte: Wenn Vater nach Sjskoga zieht, kann er ja Lvdala nicht behalten. Darauf hatte sich die Stiefmutter an Maja Lisa gewandt, und zugleich hatten sich ihre Finger so gekrmmt, da sie wie Krallen aussahen, und mit ihrer rauhen Stimme, die durch den Ha und Widerwillen, den sie gegen Maja Lisa hegte, fast undeutlich klang, erwiderte sie: Dein Vater ist doch nicht verpflichtet, sein Leben lang hier zu sitzen und Lvdala fr dich zu hten. Lvdala knnte er leicht loswerden, dann wre er ein freier Mann und knnte eine Stellung einnehmen, die passend fr ihn ist. Der Vater war nun fertig mit essen, und so stand er rasch vom Tische auf. Er war nur zu froh, diese Unterhaltung abbrechen zu knnen. Aber jetzt wute Maja Lisa, was die Stiefmutter damals gemeint hatte, als sie sagte, sie wolle Maja Lisa schon noch weinen lehren. Der Vater mute sich um Sjskoga bewerben, nur weil die Mutter wute, da Maja Lisa ihre Heimat ber alle Maen liebte und da ihr nichts ein so unheilbares Herzeleid zufgen wrde als der Verlust ihrer Kinderheimat. Eine ganze Woche ungefhr mute die Mutter den guten Vater bearbeiten, ehe sie ihn einigermaen gefgig gemacht hatte. Dann hatte aber auch die Stiefmutter jeden Tag bitten und drohen und ihren ganzen Willen einsetzen mssen, da Vater wenigstens nach Karlstadt fahren sollte, um sich nach der Lage der Dinge zu erkundigen. Aber bis zuletzt hatte es ausgesehen, als sollte es ihr nicht gelingen, und sie htte den Versuch schlielich doch noch aufgeben mssen, wenn ihr nicht etwas zu Hilfe gekommen wre. Der gute Vater war jetzt schon zwanzig Jahre Pfarrer in Svartsj, und in dieser ganzen Zeit hatte er viele Sorgen und vielen schweren Kummer gehabt. Zuerst hatte die Kirche neugebaut werden mssen. Die alte war nmlich abgebrannt, und da mute er ja fr die Wiederaufrichtung sorgen. Der Vater hatte nicht allein beim Knig um Untersttzung bitten, sondern auch die Hilfe vieler hoher Herren in Anspruch nehmen mssen, und er war berdies von Kirchspiel zu Kirchspiel gereist, um Beitrge zu sammeln. Als die Kirche endlich fertig dastand, war sie auch in erster Linie Vaters Werk, und seine Gemeinde hatte ihm viel Dank und Ehre dafr zuteil werden lassen. Aber in der letzten Zeit war es Vater sicher aufgefallen, da sich seine Gemeindeglieder allmhlich von ihm zurckzogen. Sie kamen nicht mehr wie frher, ihn in allen Angelegenheiten zu Rate zu ziehen. Oh, Maja Lisa wute wohl, woher es kam! Die Leute glaubten, die Stiefmutter diktiere jetzt Vaters Ratschlge; aber das wute der gute Vater nicht, er fhlte sich nur zurckgesetzt. Und gerade wie mit der Gemeinde ging es mit dem eigenen Gesinde. Das Lvdaler Wohnhaus war ja zu Vaters Zeiten damals mit der Kirche abgebrannt, und er hatte schwere Sorgen und groe Ausgaben gehabt, bis es wieder aufgebaut war. Alle Leute auf dem Hofe, die schon lange vor Vaters Zeiten da dienten, hatten sich von Herzen ber alles gefreut, was Vater als Baumeister und Landwirt zustande gebracht hatte, und wohin er kam, begegnete er immer freundlichen Gesichtern. In der letzten Zeit jedoch war das anders geworden. Vater sah mrrische Gesichter, sowohl im Gesindehaus als in der Kche, und er wollte es durchaus nicht der zur Last legen, die allein schuld daran war, sondern fragte sich nur immer, warum sich denn die alten guten Dienstboten so undankbar und unfreundlich zeigten? Dies alles half der Stiefmutter in hohem Grad, als sie Vater wegen der Meldung um Sjskoga bearbeitete. Aber es wre ihr sicher trotz allem nicht geglckt, wenn nicht auch noch die rgerliche Geschichte mit dem Ktner Vetter dazugekommen wre. Die Pfarrerstochter fhlte sich so mde und matt, da sie sich nicht recht erinnern konnte, wann das eigentlich gewesen war. Aber sie meinte, es sei wohl Mitte Mrz gewesen, als die Stiefmutter sich vor Angst fast nicht mehr lassen konnte -- weil Vetter aus dem Gefngnis entlassen wieder heimkam. Vetter wohnte in einer kleinen Kate, eine Strecke nrdlich von Lvdala, und eigentlich htten alle erschrecken mssen, als es ruchbar wurde, da er wieder da sei, denn Vetter war ein Erzdieb. Aber nun war er schon seit vielen Jahren der Nachbar von Lvdala, und so dachte man nicht weiter darber nach, ob er daheim war oder nicht, insbesondere nicht, weil man wute, da er klug genug war, bei seinen nchsten Nachbarn keinen Einbruch zu verben. Sooft Vetter aus dem Gefngnis entlassen wurde, gelobte er sich, nun ordentlich daheim zu bleiben; aber er vermochte eben sein Gelbde doch nicht zu halten. Er hatte Freude an seinem Handwerk und war ebenso stolz auf seine Geschicklichkeit im Stehlen wie die Stiefmutter auf ihre Kochkunst. Die Folge davon aber war, da Vetter den grten Teil seines Lebens im Gefngnis sa. Als Vater und Mutter heirateten, sa er eben auch wieder hinter Schlo und Riegel, und die Stiefmutter hatte deshalb keine Ahnung davon gehabt, da ihr nchster Nachbar ein berchtigter Dieb war. Jetzt aber wurde die Stiefmutter von einer bermigen Angst befallen, die ihr fast den Verstand raubte. Sie glaubte ohnedies, alle Menschen, Vater kaum ausgenommen, seien Diebe, und lebte in bestndiger Angst um ihr Eigentum. Whrend der vielen Jahre, die sie als Haushlterin in vornehmen Husern verbracht hatte, waren ihr eine Menge Silbersachen geschenkt worden, und sie verwahrte diese in einem Schrein, den sie jede Nacht unter ihr Bett stellte. Dieses Silber war ihr das Liebste, was sie besa, und jetzt, wo sich ein so berchtigter Dieb in der Nhe aufhielt, war sie der festen berzeugung, es zu verlieren. Die Stiefmutter hatte zwar ihre Schrnke und Truhen schon vorher so gut verschlossen und verriegelt wie nur immer mglich; aber seit Vetter zurck war, hatte sie kaum noch fr etwas anderes Zeit, als die Schlssel an ihrem Schlsselbund zu zhlen. Abends holte sie eine groe Axt aus der Geschirrkammer und lehnte sie an ihr Bett, auch lie sie Vater keine Ruhe, bis er eine geladene Flinte ber seinem Bett aufhngte. Vater versuchte sie zu beruhigen und sie zu berzeugen, da Vetter bei seinen Nachbarn niemals etwas stehle; aber auch er konnte ihr die unvernnftige Angst nicht austreiben. Nachdem Vetter indes ein paar Tage daheim war, machte er wie gewhnlich einen Besuch auf Lvdala. Mutter stand eben in der Kche, sah ihn am Fenster vorbeigehen und fragte gleich, wer das sei. Das ist ja der Vetter, sagte die Haushlterin, ohne eine Spur von Verwunderung. Er kommt natrlich, um dem Herrn Pfarrer seine Rckkehr zu melden. Das hatte die Stiefmutter nicht erwartet, denn der Mann, der da in die Studierstube hineingegangen war, hatte ja ganz wie ein ehrbarer, biederer Bauersmann ausgesehen. Ihre Beine versagten ihr den Dienst, und sie sank entsetzt auf einen Stuhl nieder. So rasch sie es vermochte, raffte sie sich wieder auf, eilte ins Zimmer hinein, ergriff ihren Silberkasten, setzte sich damit auf das Kanapee im Saal und hielt ihn, solange Vetter beim Pfarrer drinnen war, fest umschlungen. Aber Mutter durfte recht lange mit ihrem Silberkasten im Arm da sitzenbleiben, denn Vater hatte von jeher eine gewisse Schwche fr Vetter gehabt und lie ihn nicht gehen, bis er ihm alle seine Streiche berichtet hatte. Und dann mute ihn ja Vater auch noch ein wenig ermahnen, damit es nicht aussah, als habe er Vetter nur zu seinem Vergngen schwatzen lassen. Danach hatte sich Mutter wegen der Sachen, die sich im Wohnhaus befanden, doch etwas beruhigt. Um so grere Angst hatte sie aber um ihre Kisten in den Nebengebuden und noch am allermeisten um das Vorratshaus. Dieses hatte nur ein altes, schlechtes Schlo; wer nur immer wollte, konnte es aufmachen. Wenn man den Schlssel nicht bei sich hatte, lie es sich ganz leicht mit einem Hlzchen ffnen. In derselben Woche nun, wo so viel ber Sjskoga verhandelt wurde, lie Mutter den Schmied Olaus kommen, der besonders geschickt in seinem Handwerk war, und bestellte ein neues Schlo bei ihm, das so kunstreich sein sollte, da es jedem Dieb Widerstand leisten wrde. Und vier volle Tage hindurch stand Olaus in seiner Schmiede; aber dann hatte er auch ein so groes und hartes Schlo hergestellt, da selbst Mutter den Schlssel kaum umzudrehen vermochte. Als dieses Schlo dann glcklich in der Tr des Vorratshauses sa, war die Mutter ganz glcklich. Sie schlo es am Abend selbst zu, nahm den Schlssel mit in ihr Schlafzimmer und sagte, in dieser Nacht werde sie ruhiger schlafen als seit vielen Tagen. Am nchsten Morgen, als Mutter erwachte, lag der groe Schlssel unberhrt unter ihrem Kopfkissen; aber das hatte nicht verhindert, da im Vorratshaus etwas hchst Absonderliches vorgefallen war. Dort war zwar die Tr ebenso fest verschlossen wie am vorhergehenden Abend, aber nichtsdestoweniger waren alle beweglichen Gegenstnde, die darin gewesen waren -- Fleischbottiche und Bretter voll gebackenem Brot, Schinken und Wrste, Mae und Gewichte, Kbel und Scke --, hinausgetragen und auf den Stufen des Vorratshauses in Reih' und Glied aufgestellt. Wie gesagt, alles miteinander war herausgetragen, aber nichts gestohlen; und als man alles da vor der wohlverschlossenen Tr stehen sah, mute man sich wohl verwundert fragen, wie denn das zugegangen war. Die Mutter dachte natrlich sofort -- und das dachten alle andern auch --, Vetter sei da am Werk gewesen. Aber als sie nachsah und nachzhlte und fand, da auch nicht ein einziges Stckchen Brot fehlte, konnte sie diesen Dieb einfach nicht begreifen. Als Vater spter seinen Morgenspaziergang machte, begegnete er indes dem Vetter, und da erhielt er die Erklrung. Vetter, Vetter! sagte Vater. Was hat Er da gemacht? Ist Er heute nacht in meinem Vorratshaus gewesen? Vetter sah ganz gekrnkt aus, und er antwortete: Der Herr Pfarrer kann die Frau Pfarrer von mir gren und sagen, ich stehle nie bei Herrschaften. Aber sie solle doch ja nicht meinen, weil sie so gute Schlsser habe, knnte ich mir das nicht holen, was ich haben mchte. Ach, ach! Wenn der gute Vater noch wie frher gewesen wre, htte er sich lange Zeit an diesem Ausspruch ergtzt; jetzt aber nahm er rgernis daran. Der Vater wute wohl, da diese Geschichte im ganzen Kirchspiel bekannt wurde, und da seine Frau, ja vielleicht auch er selbst, von jedermann darber ausgelacht wrde. Vater hatte Vetter offenbar kein Wort erwidert. Ach, in seinem Herzen stieg wohl das Gefhl auf, er werde von allen hintergangen und habe keinen Freund mehr in seiner Gemeinde. Und da dachte er, es wre gewi am besten, wenn er von Svartsj wegginge. Als er auf den Hof zurckkam, sagte er zu Mutter, er wolle am nchsten Tag nach Karlstadt fahren, um sich wegen Sjskoga zu erkundigen. Er war dann auch dort gewesen und wieder zurckgekommen, und es hatte wirklich ausgesehen, als sollte die Stiefmutter recht behalten, denn bei seiner Rckkehr war er ganz aufgerumt. Er war nicht allein in Karlstadt, sondern auch in Stockholm gewesen, wo man ihm alle Hoffnung gemacht hatte, und nun zweifelte er gar nicht daran, da er von Svartsj fortkommen werde. Eine sonderbare Neuigkeit hatte Vater indes auf dieser Reise auch gehrt; Pastor Liljecrona in Finnerud hatte sich im Frhling verheiratet. Es sollte eine ganz geringe Person sein, durchaus keine gute Partie. Vater hatte auch gehrt, dies sei die Veranlassung gewesen, warum er in Finnerud geblieben war. Maja Lisa hatte den Vater nicht genauer darber auszufragen gewagt, weil der Mutter Augen die ganze Zeit durchdringend auf sie gerichtet waren. Aber nun hatte sie jedenfalls erfahren, warum ihre erhofften Nothelfer nichts von sich hren lieen. Und diese Nachricht war der hauptschliche Grund, warum sie so mutlos geworden und alle Hoffnung verloren hatte. Pastor Liljecrona war ihr damals kampftchtig und entschlossen vorgekommen; sie hatte sich auf ihn verlassen wie auf einen Bruder, und bis dahin hatte sie auch immer erwartet gehabt, er werde in seiner ganzen strmischen Jugendkraft eines Tages angefahren kommen und alles fr sie recht und gut machen. Die Anklage Alle Leute auf Lvdala waren so neugierig, da sie es kaum aushalten konnten. Konnte man sich aber auch so etwas denken! Der Verwalter von Henriksberg war in Gesellschaft einer Frau angekommen, die kein Mensch kannte; und die beiden waren nicht in den Saal hineingegangen, wie die Leute, die zu Besuch kamen, doch sonst immer taten, sondern hatten den Herrn Pfarrer in seinem Zimmer aufgesucht und verhandelten nun da schon mehrere Stunden lang mit ihm. Weder die Pfarrfrau noch die Pfarrerstochter, noch die Haushlterin, noch irgendeine von den Mgden konnte sich denken, welche Angelegenheit die beiden hergefhrt haben mochte. Das Zimmermdchen, das ihnen beim Aussteigen behilflich gewesen war, sagte, sie htten ernst und traurig ausgesehen; aber das war auch alles, was sie berichten konnte. Die Pfarrfrau machte den Versuch, sich mit ihrer Arbeit in die gute Stube zu setzen, die Wand an Wand mit dem Studierzimmer war, und wenn sie da htte bleiben drfen, wre sie wohl auch dahintergekommen, welches Anliegen die Fremden hergefhrt hatte. Aber sie war noch keine zwei Minuten da drinnen gewesen, als der Pfarrer zur Tr hereinschaute und sie bat, sich in ein anderes Zimmer zu begeben. Sie werde das, was hier in seiner Stube verhandelt werde, spter von ihm selbst erfahren. Die beiden Gste waren frh am Nachmittag angekommen, und so war die Pfarrfrau in Sorge, sie htten am Ende noch nicht zu Mittag gegessen. Sie schickte also das Zimmermdchen hinein und lie den Pfarrer fragen, ob sie die Gste zu Tisch erwarten drfe; aber das Zimmermdchen brachte den Bescheid, sie dankten, nein, sie wollten nichts haben. Solange das Mdchen im Zimmer war, hatte keines von den dreien ein Wort gesprochen. Das einzige, was sie, als sie wieder herauskam, berichten konnte, war, da die fremde Frau sich die Augen abgewischt habe, wie wenn sie geweint htte. Der Knecht, der sie hergefahren hatte, wurde in die Kche geladen, um da etwas zu essen. Er erzhlte auch gerne alles, was er wute, aber es war nicht viel. Die Frau habe er noch nie gesehen. Sie sei gestern zu Fu nach Henriksberg gekommen und habe den Verwalter zu sprechen verlangt. Heute in aller Frhe sei der Verwalter selbst im Stall erschienen und habe einen Wagen nach Lvdala bestellt. Der Verwalter gehe auch sonst wochenlang schweigend umher, und heute habe er auf der ganzen Fahrt nicht ein einziges Wort gesprochen. Die Pfarrfrau hatte seit der Ankunft dieser Gste keine Ruhe mehr; sie konnte bei keiner Arbeit sitzenbleiben, sondern wanderte nur immer von Zimmer zu Zimmer. Einmal nahm sie die Kleine mit in den Saal und fragte sie, ob sie irgend jemand gesagt habe, da sie ihr im Lesen und Schreiben Unterricht gebe. Es wre ja gar nicht schlimm, wenn sie davon gesprochen htte, fuhr die Pfarrfrau fort. Aber sie habe eben gedacht, es wre so schn, wenn sie selbst eines Tages zum Herrn Pfarrer sagen knnte, sie sei jetzt imstand, in seinen Bchern zu lesen, und deshalb solle die Kleine noch eine Weile darber schweigen. Die Kleine konnte sie beruhigen, nein, sie hatte mit niemand darber gesprochen. Im stillen dachte sie, sie habe ohnedies niemals die geringste Lust versprt, etwas von diesen Schreibbungen zu sagen, weder zum Herrn Pfarrer noch zu sonst jemand. Es gab anderes genug, ber das zu schweigen ihr weit schwerer fiel. Sie konnte absolut nicht verstehen, warum Mamsell Maja Lisa ihr aufs strengste befohlen hatte, ihrem Vater nichts davon zu sagen, wie die Stiefmutter gegen sie war. Was htte es denn geschadet, wenn der Herr Pfarrer erfahren htte, was er fr eine bse Hexe zur Frau hatte? Maja Lisa zeigte sich am wenigsten neugierig von allen. In der letzten Zeit war ihre Seele wie gelhmt. Sie konnte sich jetzt weder freuen noch traurig sein und kmmerte sich nicht mehr darum, wie es ihr ging. Sie war berzeugt, die Stiefmutter wrde sie so lange qulen, bis sie schlielich schwer krank wrde. Aber auch das tat jetzt nicht mehr viel. Vor dem Tode frchtete sie sich am allerwenigsten. Es dnkte sie nur schn und gut, erlst zu sein und ruhen zu drfen. Sie hatte am Webstuhl gesessen, als die Kleine zu ihr gekommen war und ihr mitteilte, der Verwalter von Henriksberg sei nach Lvdala gekommen; aber sie hatte nur einen Augenblick im Weben innegehalten. Der Verwalter von Henriksberg -- das klang ihr ganz fremd in den Ohren. Warum sollte sein Kommen etwas fr sie zu bedeuten haben? Ja, wenn es im Winter gewesen wre, da htte sie alles mgliche von seiner Ankunft erwartet, aber jetzt... Um fnf Uhr klingelte der Pfarrer und befahl, ein Brett mit Butter und Brot und drei Glser Milch in die gute Stube zu stellen. Da er ausdrcklich drei Glser gesagt hatte, merkte die Pfarrfrau, da sie ihnen nicht dabei Gesellschaft leisten sollte; sie blieb also an ihrer Nharbeit im Saal sitzen und wartete, bis sie die Gste in der guten Stube wute. Da legte sie ihre Arbeit zusammen und ging in die Kche. Komm mit mir, sagte sie zu der Kleinen. Ich mu des Herrn Pfarrers Sonntagsanzug haben, da er ausgebrstet wird, denn morgen ist ja Sonntag; bis jetzt habe ich nicht in sein Zimmer hineingehen knnen, aber nun sind sie im Wohnzimmer, und solange sie zu Abend essen, wollen wir einen Versuch machen. Sie gingen miteinander auf den Zehen durch den Flur, und die Pfarrfrau ffnete die Tr zum Studierzimmer so leise, da es die drei in der guten Stube unmglich hren konnten. Und ebenso vorsichtig ffnete sie auch die Tr des Kleiderschranks. Steig einmal hinein! flsterte sie der Kleinen zu. Aber leise, ganz leise! Die Kleine stieg in den Schrank, und sofort machte die Pfarrfrau die Tre zu. Sie kommen, du mut jetzt einstweilen drinbleiben! flsterte sie noch durch den Trspalt. Dann hrte die Kleine, wie sie davonschlich. Die Kleine blieb natrlich unbeweglich stehen, obgleich es noch eine gute Weile dauerte, bis sie die andern wieder hereinkommen hrte. Wenn aber die Pfarrfrau die Kleine in den Schrank sperrte, um zu erfahren, welches Anliegen die Fremden hergefhrt hatte, dann hatte sie sich unntige Mhe gegeben. Denn jetzt lie der Pfarrer sie und Mamsell Maja Lisa ins Zimmer hereinrufen und berdies auch noch die alte Frau Beata aus dem Brauhausflgel herberbitten. Als sie eintraten, stand der Verwalter von Henriksberg mit ber der Brust gekreuzten Armen da und lehnte sich gegen das Bcherregal, die Frau aber, die mit ihm gekommen war, sa auf dem kleinen Ecksofa. Sie war nicht wie ein Dienstbote gekleidet, hatte aber zu groe und zu grobe Hnde, um dem besseren Stand anzugehren. Doch war sie noch jung und wre auch hbsch gewesen, wenn sie nicht so furchtbar verweint ausgesehen htte. Sooft eines von den Herbeigerufenen eintrat, stand der Pfarrer auf und stellte die Gste vor. Dies hier, sagte er, ist die Frau Pfarrer Liljecrona, die Frau des Pfarrers von Finnerud. Und dies hier ist ihr Schwager, Httenverwalter Liljecrona von Henriksberg. Mehr wurde nicht gesagt, bis die Pfarrfrau und Frau Beata sich in den beiden groen Lehnsthlen niedergelassen hatten und die Pfarrerstochter sich auf eine Fubank gesetzt, wo sie frher, solange sie noch bestndig bei ihrem geliebten Herrn Vater drinnen war, immer gesessen hatte. Alle fhlten, da ein Gewitter im Anzug war; aber keines wute, ber wen es losbrechen wrde, bis der Pfarrer sich jetzt direkt an Maja Lisa wendete. Du weit wohl schon alles von der Frau Pastor Liljecrona, die hier sitzt? sagte er. Maja Lisa sa mit niedergeschlagenen Augen da. Sie wagte nicht ihren Vater anzusehen. Gleich als sie ins Zimmer trat, sah sie, da ihm etwas Furchtbares widerfahren sein mute. Jetzt ist das eingetroffen, was Vater den Todessto versetzt, dachte sie; denn sein Gesicht war aschgrau, und er atmete schwer zwischen jedem Wort, das er sagte. Da erschrak Maja Lisa bis ins tiefste Herz hinein, und die Erschlaffung und Gleichgltigkeit waren mit einem Schlag verschwunden. Ihre Hnde begannen zu zittern, und sie mute sie fest zusammenpressen, da sie nicht hrbar gegeneinander schlugen. Sie erwartete jeden Augenblick, Vater werde, vom Schlag getroffen, vor ihren Augen tot niederfallen. Aber der Pfarrer verlangte eine Antwort, und endlich wurde sie so weit Herr ihrer selbst, da sie mit ziemlich ruhiger Stimme sagen konnte: Lieber Herr Vater, ich habe Frau Pastor Liljecrona noch nie gesehen und verstehe nicht, was Ihr meinet. Der Vater zuckte die Achseln und sagte, sie verstehe ihn vielleicht besser, wenn er ihr sage, da dies die Frau Pfarrer sei, die vorher viele Jahre lang Haushlterin bei Pastor Liljecrona gewesen war. Vaters Stimme hatte dabei einen sonderbaren, ja verchtlichen, zornigen Klang. Maja Lisa zwang sich aufzusehen. Vaters Stirne war finster zusammengezogen, und er wurde abwechslungsweise bla und rot. Da sah Maja Lisa, da ihr Vater ber irgend etwas nicht allein tief unglcklich, sondern auch ber die Maen emprt war. Und obgleich sie durchaus nicht begreifen konnte, wie das mglich war, mute sie sich sagen, da er ber sie selbst bse sei. Da stand sie unwillkrlich von dem Fubnkchen auf und stellte sich schlank und aufrecht vor ihren Vater hin, wie um sich besser verteidigen zu knnen. Der Herr Vater sieht doch wohl, da ich jetzt nicht klger bin als vorher, sagte sie. Der Vater sah aus, als htte er eine solche Widerspenstigkeit nicht erwartet, und erwiderte: Er wisse zwar, da sie die Geschichte kenne, aber da sie sie noch einmal hren wolle, knne er sie ihr ja ebensogut auch auf seine Weise erzhlen. Tante Margareta in Svansskog habe ihr vielleicht keine ganz richtige Schilderung gegeben. Hier erkhnte sich Maja Lisa, den Vater zu unterbrechen, indem sie sagte, die Tante in Svansskog habe ihr zwar viel von Pastor Liljecrona erzhlt, die Haushlterin aber mit keinem Wort erwhnt. Der Vater machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Es sei auch einerlei, ob ihr die Tante oder jemand anders den Klatsch zugetragen habe. Jedenfalls sei es ein Frauenzimmer gewesen, denn die Frauen seien allemal am schlimmsten gegeneinander. Wenn ein Mann von der Sache gesprochen htte, wrde er zugleich auch darauf hingewiesen haben, da man sich in die Lage eines andern versetzen msse, ehe man ihn verurteile. Wie viele von denen, die froh gewesen waren, da es Pastor Liljecrona so lange unter den Finnen ausgehalten und dort an ihrer Aufklrung gearbeitet hatte, htten sich wohl Gedanken darber gemacht, wie es ihm da droben ging? Er selbst habe erst heute erfahren, da jener in einer Finnenhtte wohnte, die nur eine einzige Stube hatte, und sich mit einer Besoldung begngte, die nicht ber hundert Taler im Jahre betrug. Welche ungeheure Arbeit also fr die Person, die seinem Haus vorstehen und die rgste Not abwehren sollte! Sie habe nicht allein die Kleider gewoben, sondern sie berdies auch genht. Sie habe die Khe und die Schafe in den Wald auf die Weide gefhrt und da gehtet; und whrend all der Jahre, die sie in seinem Dienst gestanden, sei sie ihm von viel grerem Nutzen gewesen, als die verwhnte Tochter eines Herrenhofs sich vorstellen knnte. Und der Frau Pfarrer sei es gewissermaen zu verdanken, da Pastor Liljecrona sein gutes Werk da droben habe vollbringen knnen. Jetzt fhlte sich die Pfarrerstochter auch etwas gereizt. Warum war der Vater so aufgebracht? Meinte er, sie habe Pastor Liljecrona damals in Svansskog an sich zu locken gesucht? Mit ihm zu sprechen, war doch wohl nicht verboten gewesen? Aber sie berwand sich und bat den Vater, ihr doch zu glauben, da sie von alledem nie ein Wort gehrt habe. Des Vaters Finger spielten ungeduldig mit einem zusammengerollten Briefchen, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Ja, es sei ihm auch hchst merkwrdig, gab er zu, wie sie das Verhltnis, in dem Pastor Liljecrona zu seiner Haushlterin stand, erfahren hatte, da er es doch bis jetzt nach der Hochzeit sogar vor seinem Bruder habe geheimhalten knnen. Aber auf irgendeine Weise msse sie es eben doch erfahren haben, und wie sie es dann bers Herz gebracht habe, so rasch abzuurteilen, das sei ihm unerklrlich; ob sie denn gar nicht begriffen habe, da die andere die heiligsten Rechte hatte? Selbst wenn sie nicht die rechtmige Gattin gewesen, ja selbst wenn sie von niederer Herkunft war, htte eine so lange Treue, eine so groe Aufopferung auch bei dem Hartherzigsten auf Erbarmen rechnen knnen. Noch einmal mute die Pfarrerstochter ihren Vater bitten, zu entschuldigen, aber sie wisse immer noch nicht, was sie Bses getan habe. Dem Vater war es auerordentlich widerwrtig, so viele Erklrungen geben zu mssen, das war nur zu deutlich; groe Schweitropfen perlten ihm auf der Stirn. Nun, wenn es eine Neuigkeit fr sie sei, so wolle er ihr sagen, da Pastor Liljecrona vor vielen Jahren versprochen habe, die Frau, die jetzt seine Gattin sei, zu heiraten. Es sei beschlossen gewesen, da die Hochzeit stattfinde, sobald er eine Stelle habe, auf der er eine Frau versorgen knne, damit diese nicht mehr die Magd machen msse. Sie habe auch bis letzte Weihnachten nicht die allergeringste Angst gehabt, er werde sein Wort nicht halten. Aber da hatte Pastor Liljecrona eine kleine Reise gemacht -- vorgeblich, um mit seinem Bruder zusammenzutreffen. Er war aber nur bis zur Svansskoger Herberge gefahren, und nach seiner Rckkehr war er vollstndig verndert, trbsinnig und aufgeregt und von der Hochzeit war nie mehr die Rede gewesen. Da hatte sich die Haushlterin erkundigt, mit wem er denn in Svansskog zusammengetroffen sei. Jetzt wendete sich der Pfarrer direkt an Maja Lisa. Du weit am Ende nicht einmal, wen er da getroffen hat? Doch, Herr Vater, das wei ich, mich hat er dort getroffen. Und Pastor Liljecrona hat den ganzen Tag sehr einfach und natrlich ganz wie ein guter Bruder mit mir gesprochen. Wieder machte der Vater eine Bewegung, als sei er ber ihre Halsstarrigkeit ganz verzweifelt. Es kann ja sein, da Pastor Liljecrona an jenem Tag nicht um dich anhielt; aber du scheinst ber seine Gefhle nicht im Zweifel gewesen zu sein. Sonst httest du doch keinen solchen Brief schreiben... Aber hier unterbrach Maja Lisa ihren Vater ohne alle Umstnde. Herr Vater, sagte sie, ich habe nicht an Pastor Liljecrona geschrieben. Wenn die Frau Pastor das sagt... Von einem Brief an Pastor Liljecrona ist durchaus nicht die Rede, sondern von dem Billett an seine Haushlterin. Ach so, an die Haushlterin! entgegnete Maja Lisa, und ihre Stimme klang jetzt ebenso zornig und verchtlich wie die ihres Vaters. Ach so, der Herr Vater hat erfahren, da ich an sie geschrieben habe! Dann habe ich sie wohl gebeten, mir Pastor Liljecrona abzutreten? Der Vater sah sie kalt an. Du weit also doch, was du geschrieben hast, sagte er. Aber jetzt war die Pfarrerstochter ernstlich bse. Sie dachte nicht mehr daran, den Vater zu schonen, sondern nur noch, wie sie sich selbst rechtfertigen knnte, und nun mute sie wissen, wie alles zusammenhing. Saget, Herr Vater, steht mein Name unter dem Brief? fragte sie. Nein, es steht kein Name unter dem Brief, aber er ist von deiner Tante in Svansskog nach Finnerud geschickt worden, mit dem Bescheid, er sei von Lvdala gekommen und solle Pastor Liljecronas Haushlterin zugestellt werden. Der Vater war gewi berrascht, da Maja Lisa nach diesem schlagenden Beweis nicht nachgab, sondern nur weiter fragte: Bitte, Herr Vater, erzhlet mir noch weiter, was ich getan habe. Es ist so lustig anzuhren. Ich kann nicht alles erraten. Was du weiter getan hast? Der Vater schlug mit der Faust auf den Tisch. Ist es nicht genug, da du den Brief geschrieben hast? Da du dir einen Mann aneignen wolltest, der einer andern gehrt? Da du ein Weib beleidigt hast, das nur aus Liebe gesndigt hat? Was du getan hast? Du hast dieses andere Weib so zur Verzweiflung gebracht, da sie in ihrer Desperation die wahnsinnigste Torheit begeht. Sie wandert nmlich nach Karlstadt, sucht den Bischof auf, erzhlt ihm alles und bittet um Hilfe. Darauf nimmt sich der Bischof ihrer Sache an und schreibt an Liljecrona, da er jetzt im Begriff stehe, eine groe Pfarrei anzutreten, msse er grere Anforderungen an sich selbst stellen. Er gibt ihm zu verstehen, da er nicht zum Propst ernannt werden knne, ehe er seine eigenen Angelegenheiten in zufriedenstellender Weise geordnet habe. Der Bischof hat gewi so freundlich und klug wie mglich geschrieben, aber Pastor Liljecrona ist ein stolzer, heftiger Mann. Er hat sich auerordentlich beschmt gefhlt und ist aufs tiefste verletzt gewesen. Es ist anzunehmen, da sein gutes Herz schlielich gesiegt htte, wenn nichts in der Sache geschehen wre. Er wrde die zufllige Leidenschaft, die ihn ergriffen hatte, berwunden und freiwillig dem Gebot der Pflicht gehorcht haben. Jetzt aber fhlt er sich gezwungen, er gert in Verzweiflung, und es bemchtigt sich seiner ein unauslschlicher Ha gerade gegen die, die so groes Recht auf seine zrtliche Frsorge hat. Im Anfang lt er indes nichts von diesem seinem Hasse merken, und ebensowenig erwhnt er das Schreiben des Bischofs. Aber eines Tages, ungefhr einen Monat, nachdem er das Schreiben empfangen hat, geht er in den Stall, spannt sein Pferd ein, fhrt an seiner Tr vor und fragt, ob die Haushlterin ein Stck mitfahren wolle. Dies wird von ihr als eine groe Freundlichkeit aufgefat, an die sie nicht mehr gewhnt ist. Sie springt auf, nimmt rasch ein Kopftuch und setzt sich in der kurzen Werktagspelzjacke und in den derben Stiefeln, gerade wie sie geht und steht, in den Schlitten, der sogleich abfhrt. Sie kommen an ein paar greren Hfen vorbei. Es sind allerdings nur Finnenhtten; aber sie gert doch wegen des Werktagskleides in Verlegenheit und will aussteigen und heimgehen. Doch nein, der Pfarrer will nicht halten. So gibt sie sich zufrieden; es geht in einen den Wald hinein, die Fahrt wird immer toller. Sie beginnt sich zu frchten und bittet aufs neue, aussteigen zu drfen. Da wird ihr mit harter Stimme und zornigen Blicken erklrt, da sie sich auf der Hochzeitsfahrt befinde; sie sei auf dem Weg nach dem Pfarrhof in Westmarken, um da getraut zu werden. Sie glaubt, es sei ein Scherz, und bleibt eine Zeitlang sitzen, dann bittet sie noch einmal, den Schlitten verlassen und heimgehen zu drfen. Da wird das Pferd mit einem Ruck angehalten, und sie erfhrt, da es ihr freistehe, den Schlitten zu verlassen, wenn sie es durchaus wolle; tue sie es aber, so verliere sie damit alle Aussicht, jemals getraut zu werden. Er habe jetzt die Absicht, nach Westmarken zu reisen und sich mit ihr trauen zu lassen, wenn sie aber diese Gelegenheit nicht bentze, werde sich eine solche nicht zum zweitenmal bieten. Sie wendet ein, die Trauung sei ja unmglich, da noch kein Aufgebot stattgefunden habe. Da teilt er ihr mit, da dies ohne ihr Wissen in ihrer Heimatgemeinde geschehen sei, und sein Gesicht hat dabei einen so erschreckenden Ausdruck, da sie nahe daran ist, auszusteigen. Aber da fllt ihr ein, da sie damit ihrem ganzen Lebensglck entsagen mte, und so bleibt sie sitzen. Whrend der ganzen weiteren Fahrt ist sie voller Zweifel; sie begreift, wie verhat sie ihm sein mu, wenn sie auf diese Weise gezwungen wird, sich ohne ein anstndiges Hochzeitskleid trauen zu lassen. Noch vor dem Altar ist sie auf dem Punkt, nein zu sagen; aber sie tut es doch nicht. Sie will den Geliebten nicht der andern berlassen, ihr, die den Brief, jene abscheulichen Zeilen, die das ganze Unglck verursacht haben, geschrieben hat. Sie hofft wohl auch, den Ha mit der Zeit mildern, hofft, zurckerobern und vershnen zu knnen. Aber in dieser Beziehung verrechnet sie sich; sie ist ihm wirklich so verhat, da sie sich entsetzt. Es wird ihr mitgeteilt, da der Mann die groe Pfarrei ganz entschieden abgelehnt hat, und sie fhlt, da er es getan hat, damit sie sich weiter in der Armut wie ein Sklave abschinden soll. Geordnete Verhltnisse und eine angesehene Stellung werden ihr nicht gegnnt. Doch nicht genug damit. Sie entdeckt bald etwas noch viel Schlimmeres, nmlich, da er sich auf jede Weise zu schaden sucht; sie entdeckt, da er ohne Ma, ohne Beherrschung zu trinken anfngt. Sie bittet und bettelt, aber es hilft nichts. Sie kann es sich nicht verhehlen, da er keine Freude mehr am Leben hat. Er fragt nicht einmal mehr nach seiner armen Gemeinde; er will sich zugrunde richten, will untergehen. -- So also ist eine prchtige Laufbahn abgebrochen, ein vortrefflicher Mann ist in ein Ungeheuer verwandelt worden. Und alles infolge der Unbedachtsamkeit eines unvernnftigen jungen Mdchens! Ob du jetzt wohl begreifst, was du getan hast? Ob du vor allen Dingen verstehst, da du am besten daran ttest, zu gestehen, da du das Briefchen in einer flchtigen Leidenschaft geschrieben hast? Denn wenn es nicht so wre, wrdest du deinen Vater zwingen, zu glauben, da du den Brief aus teuflischer Berechnung geschrieben hast, um Liljecrona zu beseitigen, damit sein Platz in Sjskoga von einem andern, der dir etwa noch nher steht, eingenommen werden knnte. Doch dann knnte dir nicht verziehen werden -- da knnte ich dich nicht mehr meine Tochter nennen. Whrend dieser ganzen Rede hatte Maja Lisa immerfort berlegt, wie sie den Vater berzeugen knnte, da sie das Briefchen nicht geschrieben habe. Ach, wenn ihr bei einer andern Gelegenheit diese Geschichte mit so groer Beredsamkeit vorgetragen worden wre, wie gerhrt wre sie da gewesen! Jetzt aber drehten sich alle ihre Gedanken nur um die Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr, und zwar nicht nur von ihrem Vater. Sie dachte dabei nicht an die arme Frau, sondern an den Mann, der sie hierher begleitet hatte, um sie anzuklagen. Er glaubte also die Beschuldigung auch, glaubte, da sie geschrieben habe, um sich einen Mann zu erbetteln, der einer andern gehrte! Da wendete sie sich pltzlich von dem Vater ab und sah Liljecrona an. Seine Augen waren nicht auf sie gerichtet; trotzdem zuckte er zusammen, als habe er ihren Blick gesprt. Er sah tief bekmmert aus; aber jetzt flog mit einemmal das gtige Lcheln ber sein Gesicht. Er warf ihr einen beruhigenden Blick zu, gerade wie einem Kinde, das eine Torheit begangen hat, und schien sie bitten zu wollen, gefat zu sein, es sei keine groe Gefahr vorhanden. Darauf sah er gleich wieder weg. Ungeduldig wendete sich Maja Lisa von ihm ab; und whrend ihr Vater noch weitersprach, richteten sich ihre Augen auf die Gromutter. Gromutters Blick begegnete den ihrigen mit tiefem Ernst und hatte beinahe denselben Ausdruck wie Liljecronas. Offenbar dachte Gromutter ganz wie er: Hab' keine Angst, sondern fasse dich! Und auch Gromutter sah gleich darauf nach einer andern Seite, nach derselben wie Liljecrona. Da schaute auch Maja Lisa dorthin, und da sah sie, wen die beiden anderen betrachteten -- die Stiefmutter. Diese schien merkwrdig erregt zu sein. Sie war totenbla, und ihre Augen schauten ganz irr und wirr, ungefhr wie an jenem Morgen, wo Maja Lisa ihr zum erstenmal begegnet war. Man sah deutlich, Mutter war von einem groen Schrecken erfllt. Einen Augenblick berlegte Maja Lisa, ob am Ende die Stiefmutter das Briefchen geschrieben habe; aber sie verwarf den Gedanken wieder, da die Mutter ja in der Schreibkunst nicht bewandert war. berdies war es kein Wunder, wenn Mutter Angst hatte, denn der Vater war jetzt unnatrlich aufgeregt. Sie hatte alle Ursache, unruhig zu sein, wie das enden werde. Was fr ein Glck, da Maja Lisa Mutter angesehen hatte! Dadurch war ihr wieder eingefallen, da sie sich hten mute, ihren Vater zu erzrnen. Sie hrte ihm also ganz still bis zum Schlusse zu, und als er ausrief, da er sie nicht mehr seine Tochter nennen wolle, sagte sie ganz demtig: So tue der Herr Vater mit mir, wie er will. Wenn ich nicht mehr unter seinem Dach leben darf, mu ich wohl... Hier wurde sie von Pfarrer Liljecronas Frau unterbrochen, die jetzt rasch auf sie zutrat. Jetzt msse es aber genug sein, rief sie, indem sie angstvoll nach Maja Lisas Hand griff. Es habe weder in ihrer, noch in des Verwalters Absicht gelegen, da von diesem Briefe weiter die Rede sein solle. Sie htten ihn dem Pfarrer nur vorgelegt, um ihn zu berzeugen, da seine Tochter Liljecrona gern habe. Sie selbst habe sich gestern nach Henriksberg begeben, weil sie ganz auer sich gewesen sei. Denn sie wolle nicht, da Pastor Liljecrona ihretwegen zugrunde gehe. Sie habe auch den Verwalter nur fragen wollen, ob es denn keine Mglichkeit gebe, ihren Mann von ihr zu befreien? Sie wolle ihm die Scheidung anbieten, wolle ihm nie mehr unter die Augen treten, wenn sie nur die Gewiheit erhielte, da er dann die bekme, die er liebte. Und nur um darber zu sprechen, seien sie und der Verwalter hierhergekommen. Sie htten Maja Lisa nichts Bses antun wollen, nein, sie wollten nur, sie solle ihnen helfen, den zu retten, der im Begriffe stehe, sich zu verderben. Die Pfarrerstochter sah diese einfache Frau an. Und mit einem Male wurde ihr klar, was fr ein prchtiger junger Mann Pfarrer Liljecrona gewesen war, und sie begriff, wie entsetzlich unglcklich sich seine Frau fhlen mute. Da gewannen bei Maja Lisa die gewohnte Freundlichkeit und Teilnahme wieder die Oberhand, und sie erwiderte mit bebender Stimme: Ach, ich kann es nicht! Gewi wrde ich ihm helfen, wenn ich es vermchte; aber heiraten kann ich ihn niemals, denn er ist nicht der, den ich liebe. Sie fhlte, wie ihr bei diesem Gestndnis eine heie Rte Hals und Gesicht berflutete. Fast htte sie geradezu den Namen dessen genannt, den sie liebhatte. Doch der Vater machte wieder eine ungeduldige Bewegung, als wolle er all dies beiseiteschieben. Du hast noch nicht... Aber jetzt wurde der Pfarrer unterbrochen, und zwar von Gromutter Beata, die von ihrem Lehnstuhl aus das Wort ergriff. Lieber Sohn! sagte sie. Mein lieber Sohn verfhrt heute abend recht hart mit Maja Lisa. Er wei doch, da eine Siebzehnjhrige gewi nie zugeben wird, jemand liebzuhaben, am allerwenigsten im Beisein von so vielen Leuten. Htte mein lieber Sohn allein mit Maja Lisa gesprochen, so wrde sie sich wohl kaum geweigert haben zu sagen, wie alles zusammenhngt! Maja Lisa richtete unwillkrlich ihren Blick auf Gromutter. Es klang eine bestimmte Absicht aus ihrer Stimme, und es war ihr auch, als blinzle ihr Gromutter ganz verstohlen zu. Mein lieber Sohn nimmt diese Sache so heftig, fuhr Gromutter fort, weil er glaubt, er knne mit in sie hineingezogen werden; aber er soll sich nicht einbilden, da irgend jemand den Verdacht hege, er knne seine Hand mit im Spiele haben. Jedermann wei, da mein lieber Sohn nichts getan hat, um Pfarrer Liljecrona anzuschwrzen und ihn dadurch zum Rcktritt zu zwingen, damit er selbst die groe Pfarrei bekommen knnte. Ringsumher blieb es still; keines wute, was es antworten sollte. Ich denke, fuhr die Gromutter fort, Maja Lisa kann es ruhig auf sich nehmen, den Brief geschrieben zu haben, und mein lieber Sohn kann ihr ruhig verzeihen. Jedermann wird verstehen, da sie aus jugendlichem Unverstand so gehandelt hat. Da es so schlimm ausfallen wrde, konnte sie sich doch nicht denken. Maja Lisa sah, da ihr die Gromutter zublinzelte, sie solle die Schuld auf sich nehmen; aber sie begriff nicht, warum Gromutter das wnschte. Da machte die Alte endlich eine schwache Handbewegung und deutete auf die Stiefmutter. Diese sa noch ebenso von Schrecken erfllt da wie vorher, und nun verstand Maja Lisa Gromutters Gedanken. Gromutter glaubte, Mutter habe das Briefchen abgeschickt, und da hielt sie es in Anbetracht des Vaters fr besser, wenn sich Maja Lisa, die es ja aus Liebe und Unvernunft getan haben konnte, schuldig bekannte, als da er erfhre, da die Gattin, die doch nur die grte Bosheit dazu getrieben haben konnte, die Schuldige war. Ach, Maja Lisa kam dieses Verlangen zu schwer vor! In ihrer Unentschlossenheit wendete sie sich um und warf einen verstohlenen Blick auf den, der auch jetzt noch ganz still an dem Bcherregal stand. Ihr war, als erwidere er ihren Blick liebevoll und teilnehmend; aber das war wohl ein Irrtum, er mute sie ja hassen. Lieber Herr Vater! sagte dann Maja Lisa. Verzeiht mir, da ich geleugnet habe. Aber der Herr Vater hat mir so groe Angst... Doch als sie fortfahren wollte, kam es ihr zum Bewutsein, da das, was sie auf sich zu nehmen im Begriff stand, so gemein und erniedrigend, ja ein zu groes Unrecht gegen sich selbst war. Sie brach in Trnen aus, warf sich in die Arme der Gromutter und schluchzte: Es ist zu schwer! Ich kann nicht! Gewi ist es schwer, ich begreife es gut, sagte Gromutter. Aber nun ist es ja gesagt. Jetzt kommst du hinber zu mir, damit du dich ausweinen kannst. Zugleich legte die Gromutter den Arm um sie, und whrend sie noch immer schluchzte und versicherte, sie knne es nicht tun, fhrte Gromutter sie nach der Tr. Du brauchst nichts mehr zu sagen, trstete sie. Der Herr Vater versteht alles. Du bist ja noch ein Kind. Da, als sie schon auf der Trschwelle standen, kam endlich Leben in Liljecrona. Er trat vor und machte Gromutter die Tr auf, und als er sah, da die Haustr auch eingeklinkt war, ging er mit hinaus und machte auch diese auf. Als er dann sah, da die Stufen vor dem Hause steil und fr einen alten Menschen beschwerlich waren, und da es berdies auch nach dem Brauhaus ziemlich steil abwrts fhrte, ging er noch weiter mit und sttzte die Gromutter auf dem ganzen Wege. Dann kam noch die schwierige Treppe zu Gromutters Zimmer hinauf. Da konnte er nicht umkehren, sondern geleitete sie auch noch da hinauf. Aber als sie dann in Gromutters Zimmer angelangt waren, schlang er pltzlich, ohne ein Wort zu sagen, beide Arme um Gromutters Hals und kte sie auf die Wange. Und dann machte er es bei Maja Lisa geradeso. Er zog sie in seine Arme und kte sie. Und ohne ein einziges Wort zu sagen, war er dann verschwunden. Aber alles, was dieser Mensch tat, kam pltzlich und berraschend, gerade wenn man es am wenigsten erwartete, so da man nicht sich dagegen wehren konnte---- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Schlielich war es dann die Kleine und niemand anders, die die Sache zu Ende fhrte. Gleich nachdem Mamsell Maja Lisa die Gromutter in die Brauhauskammer hinunterbegleitet hatte, verabschiedeten sich auch die Fremden und fuhren sofort ab. Dem Pfarrer aber mute es nicht ganz wohl sein, denn er blieb in seinem Stuhl sitzen und begleitete sie nicht einmal auf die Treppe hinaus. Sobald die Fremden fort waren, kam die Pfarrfrau zu ihm herein und sagte, sie habe im Saal ein kleines Abendbrot hergerichtet. Nach alledem, was er heute durchgemacht habe, msse er sich ein wenig strken. Aber er sagte nur, man solle ihn jetzt in Frieden lassen. Es sei Samstagabend, und er msse seine Predigt noch fertigmachen. Er nahm auch seine Papiere aus der Schreibtischschublade heraus und kritzelte ein paar Zeilen nieder. Aber mehr wurde nicht daraus, und er warf die Feder wieder weg. Dann schob er den Stuhl zurck, ging eine Zeitlang im Zimmer hin und her, und schlielich legte er sich auf das Ecksofa. Nun war es ganz still geworden, so still, da die Kleine sich fragte, ob er am Ende eingeschlafen sei. Durch einen Spalt in der Schranktr konnte sie sehen, da er auf dem Sofa lag; aber es gelang ihr nicht, herauszubringen, ob er die Augen geschlossen hatte. Wenn sie ganz sicher sein drfte, da er schliefe, wollte sie jetzt den Versuch machen, sich davonzuschleichen. Sie war unbeschreiblich mde von dem langen Stehen in dem engen Schrank. Und dabei war es doch so notwendig, da sie herauskam, damit sie mit der Pfarrerstochter und Frau Beata sprechen konnte! Sie, sie konnte ihnen ja etwas mitteilen, ber das sie sich sehr freuen wrden. Jetzt hatte der Pfarrer so lange stillgelegen, da es gar nicht anders mglich war, er mute eingeschlafen sein. Sie meinte, sie drfe die Schranktr wohl ein klein wenig zurckschieben, um zu erfahren, wie es stehe. Ganz leise ging die Tr auf; aber der Pfarrer schlief nicht, sondern starrte regungslos auf die gegenberliegende Wand. Gerade als die Kleine die Tr wieder zuziehen wollte, sah er auf und erblickte sie. Er richtete sich auf und ging auf den Schrank zu. Da blieb der Kleinen nichts anderes brig, als die Tr aufzustoen und herauszusteigen. Was soll das heien? sagte der Pfarrer. Was hast du in meinem Schrank zu tun? Er sah so streng aus, da das arme Ding Angst bekam. Aber der Pfarrer und sie waren immer gute Freunde gewesen; sie hatte ihn am liebsten von allen auf dem Hofe, nach seiner Tochter natrlich. Und da sie nicht wollte, da er etwas Schlechtes von ihr denken solle, beeilte sie sich, zu erzhlen, da die Pfarrfrau sie hier in dem Schrank zurckgelassen habe, whrend er und die Fremden im Wohnzimmer gewesen seien. Sie seien nur hereingekommen, des Herrn Pfarrers Sonntagsanzug zu holen. Der Pfarrer blieb nachdenklich stehen. Dann sagte er: Du kannst ruhig die Wahrheit sagen, denn schlimmer als es ist, kann es nicht mehr werden. Nicht meine Frau, sondern Maja Lisa ist es wohl gewesen, die dich hier in den Schrank gesperrt hat? Die Kleine war so auer sich, da sie kaum die Worte herausbringen konnte. Die Pfarrerstochter! rief sie. Sie sollte mich in einen Schrank einsperren, um da zu horchen? Da ist sie sich wirklich zu gut dazu. Der Pfarrer seufzte. Es gibt wohl nicht viel, fr das sie sich zu gut ist, sagte er. Glaube ja nicht, ich werde noch rgerlicher ber dich werden, wenn du gestehst, da dich Maja Lisa hier hineingestellt hat. Du sollst weder wegen des einen noch wegen des andern gescholten werden, wenn du nur die Wahrheit sagst. Die Kleine wute ganz bestimmt, da sie, seitdem sie nach Lvdala gekommen war, auch nicht ein unwahres Wort gesprochen hatte, und das sagte sie dem Herrn Pfarrer auch. Aber das war dem Pfarrer jetzt hchst gleichgltig. Ich begreife ja, da Maja Lisa allen Grund hatte, Angst zu haben, sagte er. Und deshalb begreife ich auch, da sie dich gebeten hat, hier hereinzugehen, um zu erlauschen, was wir hier sprachen. Die Frau Pfarrer aber hat ja mit der Sache gar nichts zu tun. Die Kleine stand still da und erwiderte kein Wort. Sie wute nicht, was sie sagen durfte. Von der Pfarrerstochter war ihr streng verboten, dem Pfarrer irgendeine Klatscherei ber die Pfarrfrau zu hinterbringen, und ihre eigene Mutter hatte dasselbe gesagt. Es war hier nicht wie in Svansskog; dort hatte sie alles, was es auch sein mochte, erzhlen drfen. Als sie schwieg, schien der Pfarrer bestimmt anzunehmen, da alles sei, wie er glaubte, und er gebot ihr, sich zu entfernen. Sie kam auch bis zur Tr; aber da rief er sie zurck. Es war ihm noch etwas in den Sinn gekommen, worber er sie befragen wollte. Hr' einmal! begann er. Da du solche Auftrge fr Maja Lisa besorgt hast, bist du vielleicht auch die, die ihr beim Schreiben dieses Briefes geholfen hat? Denn er ist mit einer Kinderschrift geschrieben, und du kannst ja lesen und schreiben. Fr Mamsell Maja Lisa habe ich nie einen Brief geschrieben, sagte die Kleine. Aber fr die Frau Pfarrer habe ich einmal einen geschrieben. Ach so, du hast nur fr die Frau Pfarrer geschrieben, sagte der Pfarrer, aber fr Maja Lisa nicht? Man konnte es seinem Ton wohl anmerken, da er auch jetzt nicht glaubte, sie sage die Wahrheit. Vielleicht kannst du dich noch darauf besinnen, wovon der Brief handelte, den du fr die Frau Pfarrer geschrieben hast? Die Kleine erwiderte, sie knne ihn, wenn es der Herr Pfarrer wnsche, Wort fr Wort hersagen; und da befahl er ihr, es zu versuchen. Eigentlich bin ich des Schreibens nicht recht fhig, fing nun die Kleine an aufzusagen, und so bitte ich, da die geschtzte Jungfer selbst nachdenken mge. Pfarrer Liljecrona hat jetzt eine gefunden, die ihn glcklich machen wrde, wenn Ihr nicht im Wege stndet. Wenn die Jungfer gutwillig fortginge, so drfte sie einer nie aufhrenden Dankbarkeit gewi sein, und fr die Zukunft wrde gesorgt werden. Auerdem mge die Jungfer auch bedenken, da man in der neuen Gemeinde eine Pfarrfrau von unbescholtenem Lebenswandel verlangen wrde... Der Pfarrer winkte mit der Hand ab. Das gengt, sagte er, und dann sah er die Kleine lange und prfend an. Und das soll in dem Brief gestanden haben, den du fr die Frau Pfarrer geschrieben hast? Ohne zu zgern, bejahte es die Kleine. Die Pfarrfrau habe ihr zwar verboten, davon zu sprechen, da sie lesen und schreiben bei ihr lernte, aber von diesem Brief habe sie nie etwas gesagt. Der Pfarrer zuckte nur die Achseln. Jetzt siehst du selbst, wie du lgst, sagte er mden Tones. Denn da du die ganze Zeit ber in dem Schrank dort gestanden hast, mut du auch gehrt haben, da Maja Lisa eingestanden hat, den Brief geschrieben zu haben. Die Kleine fhlte, da sie rot wurde. Das konnte sie doch wirklich nicht auf sich sitzenlassen. Es war zu schrecklich, da der Herr Pfarrer glaubte, sie lge. Du kannst jetzt gehen, sagte der Pfarrer. Zuerst konnte ich nicht begreifen, wie es gekommen sein knnte, da der Brief nicht von Maja Lisas Hand geschrieben war. Aber jetzt ist mir auch das klar. Du kannst zu ihr gehen und ihr das sagen. Aber die Kleine ging nicht. Es ist die Frau Pfarrer gewesen, die mich den Brief hat schreiben lassen, sagte sie. Und sie ist es auch gewesen, die mich in den Schrank eingesperrt hat. Ihr beide, du und Maja Lisa, habt wohl miteinander ausgemacht, da ihr so sagen wollt? Der Pfarrer sah allmhlich ernstlich bse aus, und die Kleine begriff, da sie fortgeschickt wurde, wenn sie ihn jetzt nicht durch irgend etwas berzeugen konnte. Ratlos blickte sie sich nach allen Seiten um. Da fiel ihr Blick auf die alte Einliegerin, die gerade am Fenster vorberging. Sehet, Herr Pfarrer, da geht die vorbei, die mit dem Brief nach Svansskog geschickt worden ist, sagte sie, und die knnte man gut fragen, ob es die Pfarrerstochter oder die Pfarrfrau war, die sie damit hingeschickt hat. Schon wollte der Pfarrer antworten, er wolle jetzt nichts mehr von der Sache hren; aber in der Hartnckigkeit der Kleinen lag etwas, was ihn bezwang. Er stand auf und schritt auf die Tr zu. Als er diese dann aber rasch ffnete, stie er gegen jemand, der dicht, ganz dicht davorgestanden hatte. Es war die Pfarrfrau. Er warf einen Blick auf sie, blieb stehen und sah sie noch einmal an, wie um sich zu vergewissern, da sie es auch wirklich sei; darauf trat er auf die Treppe hinaus und richtete ein paar Fragen an die Alte. Als er zurckkehrte, war die Pfarrfrau verschwunden. Nachdem er sich wieder auf seinen Stuhl am Schreibtisch niedergelassen hatte, rief er die Kleine zu sich her. Nun sollst du mir noch erzhlen, wie es zuging als du den Brief schriebst, sagte er. Und das Kind gab ihm so genaue Auskunft, da ihm auch nicht der leiseste Zweifel mehr blieb. Ich sehe, ich habe dir unrecht getan, Nora Sausewind, sagte er dann. Zur Belohnung dafr darfst du jetzt zu Maja Lisa hinuntergehen und ihr alles erzhlen. Das brauchte er der Kleinen nicht zweimal zu sagen. Im nchsten Augenblick schon war sie drben in der Stube des Brauhauses, wo noch groer Jammer herrschte, und erzhlte alles, was vorgefallen war. Die Pfarrerstochter hrte im Anfang kaum auf das, was sie sagte; aber schlielich begriff sie doch, da der geliebte Vater jetzt die Wahrheit wute, und da sprang sie auf und rief: Gromutter, Gromutter! Ich mu jetzt gleich zum Herrn Vater hinber und sehen, wie es ihm geht! Aber im selben Augenblick ging die Tr auf, und der geliebte Vater stand selbst auf der Schwelle. Und es war nicht der Vater von gestern und heute, sondern vor ihr stand der Vater der vergangenen Jahre, ein guter, liebevoller, treuer Vater, der die Arme nach ihr ausbreitete! Der Ruhestein Ein paar Tage nach der groen Entdeckung war Maja Lisa zur gewohnten Zeit drauen und ging mit der Kleinen auf der Landstrae spazieren. Aber an diesem Abend wandelte sie nicht mutlos und schwach mit mden Schritten dahin, sondern jetzt waren es zwei, die das Echo hervorriefen, zwei, die in der Sandgrube nach Katzengold suchten, zwei, die den Bach eindmmten, und zwei, die auf der Weide Anemonen pflckten! Zu einer Neckerei mit dem Kuzchen aber hatte Maja Lisa doch keine Lust, und so lie sie die Kleine bei der groen Birke und ging allein den Hgel zum Ruhestein hinauf. brigens mute das Kuzchen heute geselliger als gewhnlich sein, denn die Kleine gesellte sich weder bei dem Gespenstermuerchen noch spter zu ihr. Als Maja Lisa so weit gekommen war, da sie den Ruhestein sehen konnte, blieb sie pltzlich stehen. Dort oben, nicht auf dem schmalen ausgehauenen Sitz, sondern auf dem Felsblock selbst, wurde sie eines Menschen gewahr. Er kauerte auf dem Stein und sttzte das Kinn in die Hnde. Sein Blick aber haftete nicht am Boden, sondern war auf die Baumwipfel gerichtet, und er war eifrig beschftigt, einer Drossel zu pfeifen, die auf einer groen Tanne jenseits des Weges sa; er ahmte den Drosselschlag nach und brachte den Vogel so in Eifer, da diesem fast die Kehle zersprang. Beide, die Drossel und der Mann, waren so in ihr Spiel vertieft, da sie Maja Lisas Kommen nicht bemerkten. Sie blieb eine Weile regungslos stehen und hrte zu, whrend sie den Mann hchst verwundert betrachtete. Sooft sie ihn vorher getroffen hatte, mute er immer von einem schweren Kummer bedrckt gewesen sein. Und deshalb htte sie bis zum heutigen Abend nie geglaubt, da er erst fnfundzwanzig Jahre sein knnte. Jetzt sah er wie ein richtiger Junge aus, und sie war ber diese Entdeckung so verdutzt, da sie unwillkrlich hell auflachte. Er wandte den Kopf ein wenig, um zu lauschen, whrend sich sein Blick gleichzeitig auf einen andern Baumwipfel richtete, als meinte er, der Ton sei von dorther gekommen. Da brach Maja Lisa aufs neue in helles Lachen aus. Und jetzt hrte er, was es war. Rasch sprang er von dem Felsblock herunter und eilte auf sie zu. Gerade auf sie habe er hier gewartet, sagte er. Er sei bei ihrer Freundin Britta in Loby gewesen, um sich zu erkundigen, wie er es anstellen msse, Mamsell Maja Lisa allein zu treffen. Und Britta habe ihm gesagt, sie pflege jeden Abend bis zum Ruhestein spazierenzugehen. Maja Lisas Herz begann heftig zu schlagen, als habe es eine groe Freude erwartet. Ach, ach, wie konnte es nur so unvernnftig sein! Es mute doch nachgerade wissen, da er mit keiner angenehmen Botschaft kommen wrde. Wahrscheinlich wollte er wegen seines Bruders mit ihr sprechen, wollte sicher den Vorschlag der Schwgerin unter ruhigeren Verhltnissen noch einmal vorbringen. Und es war so, wie sie gedacht hatte. Er geleitete sie beraus hflich, fast etwas umstndlich, zu dem Ruhestein hin, half ihr auf den Felsblock hinauf, wo er eben gesessen hatte, blieb aber selbst auf dem Wege stehen. Dann begann er sie ganz feierlich zu fragen, ob es sich wirklich so verhalte, da sie eine Neigung zu seinem Bruder habe. Und dann war er gerade wieder so wie in Svansskog. Sie wute nicht, warum sie auf einmal rgerlich und gerhrt zugleich war, auch nicht, warum der rger die Oberhand bekam, und ziemlich gereizt erwiderte sie, sie begreife nicht, warum er sich berhaupt die Mhe mache, zu fragen. Er meine wohl, sie knne mit seinem Bruder nicht ein paar Stunden zusammengewesen sein, ohne sich gleich in ihn verliebt zu haben. Aber er lie sich nicht anmerken, ob ihn ihr unfreundlicher Ton gekrnkt hatte. Sie konnte berhaupt fast nicht glauben, da dies derselbe Mensch sein sollte, der vorhin hier gesessen und der Drossel gepfiffen hatte. Er war jetzt so abgemessen, als handle es sich um eine Geschftssache, und als habe er sich jedes Wort, das dabei gesprochen wurde, vorher genau berlegt. Ganz so sah er gewi aus, wenn er Eisen verkaufte oder einen Kontrakt mit den Kohlenfuhrleuten abschlo. Er bat, Maja Lisa solle ihn doch nicht fr aufdringlich halten; er habe nur gefragt, weil er sich, ehe er fortfahre, vergewissern msse, ob ihr Herz noch frei sei. Aber in Maja Lisa erwachte eine unwiderstehliche Lust, ihn zu reizen und ihn aus seiner groen Sicherheit etwas aufzurtteln. Das ist noch nicht so ganz selbstverstndlich, da mein Herz frei ist, weil ich Pastor Liljecrona nicht liebe, warf sie ein. Vielleicht gibt es andere... Er verneigte sich ein wenig verchtlich. Das ist durchaus richtig, sagte er. Und wenn Ihr nur die geringste Aussicht habt, da der, an den Ihr denkt, um Eure Hand anhalten wird, dann werde ich nichts mehr sagen. Das Blut scho ihr in die Wangen; aber sie sah ihm fest in die traurigen Augen, als sie antwortete: Nein, ich habe ganz und gar keine Aussicht dazu. Nun, dann mchte ich Euch um einen Rat bitten, sagte er, indem er sein Taschentuch herauszog und ihm einen fest zusammengefalteten, versiegelten Brief entnahm, den er aber in der Hand behielt, ohne sie die Adresse sehen zu lassen. Vielleicht seid Ihr so freundlich, mir zu sagen, ob ich dieses Schreiben abschicken oder zerreien soll? Maja Lisa erwiderte nichts. Sie mute unwillkrlich an jenen Morgen denken, wo er in die Fuchsgrube hinabgesprungen war. Damals ging es: hier ein Schlag und da ein Schlag, und in einem Nu war alles geschehen. Warum kann er jetzt nicht einen raschen Sprung machen und zuschlagen, da ich erfahre, was er eigentlich meint? dachte sie. Woher kommt es, da er jetzt so umstndlich vorgeht? Diesen Brief hier, Mamsell Maja Lisa, fuhr er fort, und seine Stimme klang, wenn mglich, noch khler und geschftsmiger als vorher, diesen Brief hat ein junger Mann geschrieben, der vor ein paar Jahren an dem Grab seiner Braut stand und dort das Gelbde ablegte, sein ganzes Leben einsam zu bleiben, um nur immer an sie denken zu knnen. Seither hat der junge Mann nie einen Augenblick daran gedacht, sein Gelbde zu brechen, ja, er hat sich nicht einmal je dazu versucht gefhlt. Er hat sein Herz mit der Geliebten ins Grab hinabgesenkt, und es kann nicht wieder lebendig werden. Aber, Mamsell Maja Lisa, dieser junge Mann traf vor ein paar Monaten mit einem armen, einsamen und verlassenen Kind zusammen. Er las in dessen Augen die holdeste Vereinigung von Freundlichkeit und Demut, noch mehr aber berraschte ihn eine wunderbare hnlichkeit mit der Geliebten. Sofort empfand er die grte Sympathie fr sie. Es war ihm, als flstere ihm die Verstorbene zu, er msse dieser jungen Einsamen, die ihr Ebenbild sei, zu helfen suchen. Da machte der junge Mann einen Versuch, sie mit dem edelsten Mann, den er kannte, mit seinem eigenen Bruder, zusammenzubringen. Er sah sie beieinander, sah sie vor dem Herde Seite an Seite sitzen und trumte schon von einem groen Glck fr beide; aber dann schoben die widerlichsten Umstnde sich dazwischen. Dieses Vorgehen des jungen Mannes brachte Unglck ber die beiden, deren Glck er hatte begrnden wollen. Der geliebte Bruder geriet zuerst in das grlichste Elend, und bei dem Versuch, der zu seiner Rettung unternommen wurde, wurde auch das junge Mdchen vllig unverdient in die schwierigste Lage versetzt. Nun aber glaubte der junge Mann Tag um Tag die Stimme seiner Verlobten zu hren, die ihm aus dem Grabe zurief, dem jungen Mdchen wenigstens bei sich ein Heim anzubieten, wo er dann mit der zrtlichsten Frsorge versuchen knnte, sie glcklich zu machen, und wo sie in sicherem Schutz vor der harten Hand wre, die jetzt ber sie herrsche. So lagen die Dinge, liebste Mamsell Maja Lisa, als der junge Mann diesen Brief schrieb. Er hatte die Absicht, ihn diesen Morgen abzuschicken; aber dann wurde er wieder unschlssig, und er hielt es fr notwendig, erst Euch, Mamsell Maja Lisa, zu Rate zu ziehen. Er schwieg, und ohne noch etwas hinzuzufgen, lie er den Brief in ihren Scho niedergleiten. Sie las die Adresse. Der Brief war an den hochgelehrten Herrn Hilfsprediger Erik Lyselius gerichtet, also an ihren Vater. Nie, niemals in ihrem ganzen Leben, hatte sich Maja Lisa so gekrnkt gefhlt. Wenn er jetzt das tat, was sie nie erwartet hatte, wenn er jetzt um sie freite, warum mute es auf diese Weise sein? Nur weil sie ihm leid tat! Ihr erster Gedanke war, aufzuspringen, den Brief zu zerreien und ihm die einzelnen Stcke ins Gesicht zu werfen. Sie war jetzt aufgebrachter ber ihn als ber ihren Vater, da dieser die Raclitz geheiratet hatte. Und sie dachte: Ach, lieber Gott, es kommt mir vor, als knnte ich nur auf die Leute richtig bse sein, die ich liebhabe! Aber Maja Lisa hatte seit jenem Tage, wo sie sich dem Vater und der Raclitz gegenber nicht hatte beherrschen knnen, viel erlebt, und sie hatte sich jetzt ganz anders in der Gewalt. Sie glitt nur von dem Stein herab, lie den Brief auf den Weg fallen und begann, ohne ein Wort zu sagen, den Hgel hinunterzugehen. Und sie durfte eine tchtige Strecke, ganz bis zum Steinmuerchen, hingehen, ohne da ihr jemand nachkam. Whrend sie so bergab schritt, merkte sie erst, wie schn der Abend war. In den Bumen zwitscherten die Vgel, in der Luft tanzten die Mcken, auf dem jungen Grn der Bltter spielte die Frhlingssonne, das Bchlein pltscherte lustig im Graben, berall keimten und sprossen Pflanzen und junge Triebe hervor, ja es war fast, als knne man das Gras wachsen hren. Aber wie merkwrdig! Gerade das vergrerte ihren Zorn. Er htte doch begreifen mssen, da man an einem solchen Abend, wenn man berhaupt kommen wollte, nur in der richtigen Weise kommen durfte. Ach, wenn er doch so klug gewesen wre, es bleibenzulassen! Sie wre nicht so unglcklich gewesen, wenn sie nur ganz im stillen von ihm getrumt htte. Auerdem htte er sich klugerweise auch erst darber Gewiheit verschaffen mssen, wie es ihr ging, ehe er sich aufmachte und ihr diese groe Demtigung zufgte. Htte er gewut, da sie mit ihrem Vater vershnt war, und da die Stiefmutter am selben Abend noch, wo er mit seiner Schwgerin auf Lvdala gewesen war, fortgelaufen, ja auf und davon gegangen war, ohne irgendeinem Menschen auch nur ein Wort davon zu sagen, und da sie auch bis jetzt noch nicht zurckgekommen war, dann htte er sie mit diesem Beweis seines Erbarmens verschonen knnen. An der Sache selbst htte es freilich nichts gendert. Und wenn sie sich in der allergrten Not befunden htte, sie wre ebenso bse auf ihn geworden, weil er nur aus Mitleid um sie warb. Auf einen andern wre sie nicht so aufgebracht geworden, auch nicht auf seinen Bruder, wenn es dieser ebenso gemacht htte. Pltzlich blieb sie stehen. Warum war sie denn gerade ber ihn so erregt? Die Antwort brach wie eine Offenbarung ber sie herein. Weil -- weil sie ihn liebte! Ja, ach ja! Dies war die Liebe! Die Liebe! Sie hatte in den Bchern von ihr gelesen, hatte in Liedern von ihr gesungen, aber im eigenen Herzen hatte sie sie bisher noch nie versprt gehabt. Nun aber hatte es den ganzen Frhling hindurch wie ein schwaches Feuer in ihr geglimmt, sie aber hatte das Gefhl nicht mit Namen nennen knnen. Doch jetzt schlug die Liebe in ihr empor wie ein loderndes Feuer, und sie verwunderte sich fast, da die Flammen nicht aus ihr herausschlugen. Da wandte sich Maja Lisa um. Alles war auf einmal ganz anders geworden. In ihrem Herzen brannte die Liebe. Seit dieses groe Wunder geschehen war, war sie nicht mehr dieselbe. Sie konnte dem, der schuld daran war, da sie die Liebe kennengelernt hatte, nicht mehr bse sein. Er war ihr nachgegangen und hatte sie beinahe eingeholt. Als sie sich nun so pltzlich umdrehte, standen sie einander Auge in Auge gegenber. Wahrhaftig, mute nicht eine solche Flammenglut wie die, die jetzt in ihr brannte, auf den andern berspringen? In seinen Augen flammte ein Widerschein auf, oder war es vielleicht nicht nur ein Widerschein? Sie schienen ihr zu stark zu glnzen, diese Augen! Maja Lisa wute ja noch so wenig von der Liebe, die Leidenschaft aber, mit der er sie jetzt an sein Herz drckte, schien dieselbe heie Sehnsucht auszudrcken, die sie zu ihm hinzog. Ihr Erstaunen war unbeschreiblich. Sie wute nicht, ob sie ihren Sinnen trauen drfte. Aber die Worte, die er jetzt in kurzen Ausrufen hervorstie, diese beglckenden Fragen, ob sie ihn liebe, dieses feurige Bekenntnis, da er sie vom ersten Augenblick an geliebt, sich aber seiner Schwachheit geschmt habe, diese schmerzliche Reue darber, da er sich selbst etwas vorzulgen gesucht und sich vor seiner Liebe versteckt hatte, diese trotzige Rede, da er jetzt weder nach Lebenden noch nach Toten frage, wenn nur sie ihn liebe -- konnte es anders sein, als da sein Herz in derselben verzehrenden Liebe fr sie glhte wie das ihre fr ihn? Die Erdgeister auf Lvdala Phylax stand auf der Freitreppe und bellte und heulte die ganze Nacht. Die Kleine hatte ihn noch nie so frchterlich heulen hren, sie konnte unmglich einschlafen. Mamsell Maja Lisa wachte sicher auch und konnte kein Auge schlieen, und sie htte doch den Schlaf in ihrem angegriffenen Zustand so ntig gehabt. Nein, es ging nicht anders, die Kleine mute einen Versuch machen, den Hund zum Schweigen zu bringen. Sie warf sich Rock und Jacke ber und schlich durch die Kche in den Flur hinaus. Ehe sie indes die vielen Schlsser und Riegel an der Haustr aufgebracht hatte, war der Hund still geworden; aber sie ging doch fr alle Flle auf die Veranda hinaus, um ihn hereinzulocken. Aber wie merkwrdig! Sie konnte ihn nirgends sehen. Sie wute bestimmt, da er die ganze Nacht auf der Veranda gestanden hatte; jetzt aber, wo sie sich die Mhe gemacht hatte aufzustehen, war er natrlich verschwunden. Sie ging sogar bis auf die Freitreppe vor und rief und lockte ihn; aber der Hund war nirgends zu sehen. Es war eine herrliche Nacht. Der Himmel war mit kleinen weien Wolken bedeckt, die sich zu Krnzen und Ringen ineinandergeschoben hatten, als wollten sie nun, wo sie niemand sah, allerlei knstliche Spiele vornehmen. Die Sonne war noch nicht hinter dem Berge aufgegangen, aber trotzdem war es taghell. Dabei war es nicht im geringsten kalt, sondern so lau und mild, da die Kleine kein bichen fror, obwohl sie mit bloen Fen herausgetrippelt war. Die sechs groen Ebereschen, die in einer Reihe vor der Scheune standen und mit ihren breiten Wipfeln wie eine grne Mauer aussahen, entfalteten schon ihre Blten. Die groen weien Bltendolden leuchteten hell aus dem dunklen Grn hervor. Das war ebenso schn wie die glnzenden Sternenlichter an einem dunklen Nachthimmel. Ob es nun der Gegensatz zwischen dem frischen Grn war, das jetzt im Frhling berall hervorleuchtete -- der Kleinen kamen alle die Gebude, die rings um den Hof standen, pltzlich so alt und so baufllig vor. Sie betrachtete den Altan ber dem Stall und die halbrunden Scheunenfenster, die unter dem schwarz gewordenen Strohdach hervorschauten, sowie die schiefe Tr des Brauhauses -- alles sah in dieser Frhlingsnacht gar so betrbt aus und seufzte ber sein Alter. Sie betrachtete auch das Gesindehaus, das ein steinernes Erdgescho hatte, sowie das Vorratshaus, das auf Pfosten stand. Dann schweifte ihr Blick ber die vielen Gattertren hin, die jetzt im Frhjahr wieder in die Zune eingesetzt waren, sowie ber die langen Reihen von Pfhlen, die die Zune bildeten. Alles war so alt, da es krumm, schief und verfallen aussah. Die Dachfirste waren eingesunken, die Wnde waren grau geworden, und zwischen dem Geblk wucherte grnes Moos hervor. Dies war das erstemal, da der Kleinen der Gedanke kam, der ganze Hof sei allmhlich zu alt geworden und bedrfe berall der Erneuerung. Aber so etwas denkt man auch nur im Frhling, wenn man sieht, wie sich die Bume, die Strucher und die Felder schmcken und in ihren schnsten Staat kleiden. Vielleicht, dachte die Kleine, gibt es auch fr die Hfe etwas hnliches wie Sommer und Winter, obgleich fr sie wohl lngere Zeiten dazwischenliegen als fr Bume und Strucher. Frhling war es auf einem Hofe, wenn ein junges Paar hinkam, das Neues aufbaute und das, was zu alt war, wegri. Und Winter war es, wenn diese jungen Leute alt geworden waren, wenn das, was sie aufgebaut hatten, dem Einsturz nahe war und sich nach frischen Krften sehnte, die wiederum neu bauen und Ordnung schaffen sollten. Die Kleine dnkte es ganz sonderbar, da sie auf solche Gedanken gekommen war. Aber das war auch eine ganz merkwrdige Nacht, so warm und schwl und geheimnisvoll! Das Kind wurde ngstlich und wollte rasch ins Haus zurck; aber da fiel ihr der Hund wieder ein. Als sie sich jetzt nach allen Seiten umsah, um herauszufinden, wohin der Hund wohl gegangen war, schien es ihr, als rhre sich etwas auf dem Rasen unter den Ebereschen. Die Kleine hatte weit drinnen im dunklen Wald gewohnt, und sie hatte frh und spt fr die Mutter Botengnge machen mssen; aber niemals hatte sie etwas bernatrliches gesehen, und sie hatte auch niemals geglaubt, da sie so etwas sehen werde. Mutter hatte immer gesagt, sie brauche sich nicht zu frchten; sie habe keine Anlage dazu, Wichtelmnnchen oder Hexen zu begegnen. Aber dort drben sah sie jetzt wirklich etwas hchst Merkwrdiges, darber bestand kein Zweifel. Sie war ein wenig bestrzt; aber eigentliche Angst bekam sie nicht so leicht. Und es war auch nicht zum Erschrecken -- dort drben tanzten nur ein paar Wichtelchen. Ja, zwei waren es, ein Herr und eine Dame, die so gro waren wie sechsjhrige Kinder, aber viel schlanker und feiner gebaut. Beide waren wie die vornehmsten Edelleute gekleidet, in schwarzen Samt mit Spitzen und Tressen. Der Herr hatte einen Dreispitz auf dem Kopf, einen Degen an der Seite, einen mit seidenen Blumen gestickten Leibrock und Schnallen auf den Schuhen. Die Dame trug kurze, sehr weite Rcke, rote Strmpfe, einen groen Federhut und in der Hand einen Fcher. Sie tanzten ununterbrochen. Er fate sie bei der Hand, und mit erhobenen Armen trippelten sie eine Strecke vorwrts, dann wechselten sie und trippelten wieder zurck. Sie trennten sich, gingen aufeinander zu, verbeugten sich, schlielich umschlangen sie einander um die Mitte und schwangen sich im Kreise. Nein, in ihrem ganzen Leben hatte die Kleine noch nie etwas so Schnes gesehen, das war sicher und gewi! Die Bewegungen der beiden waren leicht und anmutig, sie flogen nur so bers Gras hin. So konnten keine Menschen tanzen, diese beiden dort waren wie aus Luft gemacht. Sie hatten Gesichter wie das allerfeinste Porzellan und sehr kleine Hnde und Fe. Ach du lieber Gott, wer doch auch so klein und niedlich wre! Die Kleine konnte sich nicht losreien, solange die dort drben tanzten. Sie stand unbeweglich und fragte sich, warum die beiden wohl so froh und vergngt waren und gerade in dieser Nacht tanzten? Na, das war nicht schwer zu verstehen. Die beiden dort waren gewi die echten Hausgeister von Lvdala, und sie waren wohl glcklich, da jetzt, wo die Raclitza verschwunden war, wieder alles ins rechte Geleise kam. Whrend die Kleine so dem Tanze zusah, fhlte sie sich noch geneigter als bisher, das zu glauben, was der lange Bengt behauptete. Er war der letzte, der die Raclitza gesehen hatte, und er war ihr am Samstagabend ganz spt drunten auf den Svartsjer Wiesen begegnet. Sie habe ganz irr und wirr ausgesehen, genau wie an jenem Tage, wo sie sich zum erstenmal gezeigt hatte, und er behauptete aufs bestimmteste, ja, er wollte gleich darauf schwren, er habe sie in den Svartsjbach hineinsteigen sehen. Vielleicht, dachte die Kleine, waren nun die richtigen Hausgeister froh, da die kalte, falsche Wasserfrau keine Macht mehr ber Lvdala hatte. Nein, wie wundervoll sie tanzten! Warum lag man nur drinnen in den Stuben und verschlief die hellen Nchte? Warum tanzte man nicht auch auf dem grnen Rasen? Warum war man nicht selbst so leicht und lustig, warum hatte man so viel Kummer, den man nie abwerfen konnte? Da pltzlich hrte die Kleine im Hause drinnen ein dumpfes Gerusch wie von einem schweren Fall, und eilig lief sie in den Flur zurck. Sie lauschte, vernahm aber nichts mehr. Doch war sie ganz sicher, da das Gerusch aus dem westlichen Zimmer, dem Zimmer des Pfarrers, gekommen war. So rasch sie konnte, lief sie zu Mamsell Maja Lisa hinein und sagte, sie solle doch aufstehen, dem Herrn Pfarrer msse etwas geschehen sein. Die Pfarrerstochter warf hastig ein paar Kleidungsstcke ber und fragte whrenddessen, was denn geschehen sei. Die Kleine berichtete mit fliegendem Atem, sie habe von der Freitreppe aus zwei kleine Gestalten tanzen sehen, und dann habe sie pltzlich droben im Zimmer des Herrn Pfarrers einen dumpfen Fall gehrt. Da wurde die Pfarrerstochter todesbla. Diese beiden zeigen sich nur, wenn Lvdala einen neuen Herrn bekommen soll, sagte sie; aber ich glaube, bis jetzt hat sie noch kein Mensch jemals tanzen sehen. Sie hatte erst einen Schuh angezogen; aber sie dachte jetzt nicht an ihre Kleidung, sondern eilte hinauf in die westliche Stube. Hier lag der Pfarrer auf dem Boden ausgestreckt und rhrte sich nicht. Was ist Euch, Herr Vater, was ist Euch? rief Maja Lisa, indem sie sich ber ihn beugte. Gleich darauf hob sie den Kopf wieder und sah die Kleine an, die ihr gefolgt war. Der Herr Vater ist tot, sagte sie. Komm, wir wollen ihm noch fr alles danken; er ist uns vielleicht noch so nahe, da er uns noch hren kann. Sie nahm seine Hand, kte sie innig und zrtlich und flsterte ihm ein paar Worte ins Ohr. Dann durfte ihm auch die Kleine noch die Hand kssen. Alsdann stand die Pfarrerstochter auf und sah sich im Zimmer um, wie um zu erfahren, wie es zuletzt gewesen war. Der Vater hatte am Schreibtisch gesessen und geschrieben, in seinem Federkiel war die Tinte noch na. Whrend er schrieb, hatte er sich wohl pltzlich unwohl gefhlt; da war er aufgestanden, um mit seiner Glocke zu luten und Hilfe herbeizurufen, und da war er zu Boden gesunken. Auf dem Tisch lag die halbfertige Predigt. Die letzten Zeilen liefen mit kritzeligen ungleichen Buchstaben schrg ber die Seite herab. Der Arbeiter, der sein Werk vollendet hat, sehnt sich nach Ruhe und freut sich, da ein besserer an seine Stelle tritt. Da strzten Maja Lisa die Trnen aus den Augen. Jetzt verstehe ich, warum die beiden gerade fr Vater tanzten. Sie wuten, da er fort wollte. Sie wuten, da er frei werden wrde. Die Heimat Die Pfarrerstochter sa in der Kchenkammer, hatte Bibel und Gesangbuch vor sich und las Gottes Wort zum Trost in ihrem groen Leid. Es war noch frh am Morgen, und gerade vierundzwanzig Stunden waren vergangen, seit sie den geliebten Vater tot auf dem Boden gefunden hatte. Den ganzen Tag hindurch hatte sie so viel zu besorgen gehabt, da sie gar nicht an ihren groen Verlust hatte denken knnen. Aber in der Nacht war der Schmerz in seiner ganzen Gre ber sie hereingebrochen, und sie hatte nicht schlafen knnen. So war sie aufgestanden, ehe noch irgend jemand im Hause wach war, hatte die beiden Bcher vorgenommen und las nun darin. Aber schon nach ganz kurzer Zeit machte sie die Bcher zu, faltete die Hnde und dankte nun Gott von Herzensgrund, da sie jetzt nicht allein und verlassen war, sondern einen treuen, zuverlssigen Freund zu eigen hatte, der ihr helfen und sie beschtzen konnte. Denn jetzt wrde wohl die Stiefmutter zurckkommen, um die Herrschaft ber den Hof an sich zu reien, und wenn Maja Lisa dann den Freund nicht gehabt htte, wre sie ganz in der Stiefmutter Gewalt gewesen. Und dann htte sie nicht allein ber den Verlust ihres guten Vaters, sondern auch ber ihr eigenes Schicksal weinen mssen. Kaum hatte Maja Lisa dies gedacht, als drauen vor dem Fenster, das nach dem Garten hinausging, herrliche, gedmpfte Geigentne erklangen. Maja Lisa wute wohl, wer spielte; sie selbst hatte gestern nach ihm geschickt. Einen Augenblick stieg der Gedanke in ihr auf, es schicke sich wohl nicht, da er vor einem Trauerhaus spiele; aber sie verwarf ihn sofort wieder. Ihrem Freund fiel es schwer, in Worten auszudrcken, was er ihr sagen wollte, deshalb hatte er die Geige mitgebracht. Es war durchaus nicht unpassender, wenn er ihr auf diese Weise sagte, wie sehr er teil an ihrem Schmerz nahm, als wenn er es ihr mit Worten ausgedrckt htte. Sie sa mit dem Rcken gegen das Fenster und konnte ihn nicht sehen; aber sie wagte sich nicht umzudrehen. Sie hrte ihn zum ersten Male spielen, denn jenes Aufspielen auf Svansskog konnte nicht gerechnet werden. Und sie konnte nichts dafr, aber mitten in ihrem tiefen Leid bereitete es ihr eine innige Freude, da er wieder nach dem Bogen gegriffen hatte. Ja, ja, seine groe Liebe zu ihr, sie war es, die ihn instand gesetzt hatte, ihn wieder zu fhren. Ach, da man einer Geige solche Tne zu entlocken vermochte! Da der Bogen und die Saiten so hinschmelzend hold erklingen konnten! Was er spielte, klang so traurig, so traurig! Maja Lisa liefen groe Trnen die Wangen herab. Aber allmhlich vernderte sich sein Spiel. Jetzt war es nicht mehr ruhig und trstend. Sie wute zwar nicht, ob sie es richtig deuten konnte, aber es kam ihr auf einmal wild und erschreckend dster vor. Sie verwunderte sich mehr und mehr. Das war kein Spiel, das fr den Vater pate! Der gute Vater war immer glcklich gewesen und hatte auch andere glcklich zu machen gesucht. Nie hatte er etwas von Kummer und Angst wissen wollen. Als er gefunden hatte, da das Leben schwer und verworren wurde, war er dahingegangen. Ja gewi wrde sie um den geliebten Vater trauern und sich von ganzem Herzen nach ihm sehnen. Aber doch war die Erinnerung an ihn hell und licht. Nein, jetzt konnte sie nicht mehr glauben, da er da drauen sie mit seinem Spiel trsten wollte. Aus einem anderen Grunde fhrte er den Bogen. Eines andern Menschen Not und Verzweiflung klang aus den Saiten, die er rhrte. Ja, sie hatten recht, sie, die ihn einen Meister nannten! Sowenig ausgebildet Maja Lisa auch in der Musik war, sie verstand ihn, wie wenn er mit ihr redete. Er klagte so jammervoll! Jemand war in den schwrzesten Abgrund versunken, jemand war in Ketten geschlagen, jemand brannte im verzehrendsten Feuer! Und niemand, niemand konnte ihn ans Licht heraufbringen, niemand konnte ihm die Freiheit schenken, niemand die Glut lschen, die ihn marterte! Maja Lisa wurde das Herz so schwer, so schwer! Es war wie zusammengepret, wie wenn es zermalmt werden sollte. Wenn ein groer Snder, der in der tiefsten Hlle schmachtet, eine Geige in die Hnde bekme, dann knnte er vielleicht in solchem Spiel seiner ganzen Qual Ausdruck verleihen. Aber er da drauen, wessen Unglck drckte er in seinem Spiel aus? War es seine eigene Qual, oder war es die eines andern? Maja Lisa erwartete, da das Spiel sich wieder verndern, da er auf etwas anderes bergehen werde. Aber das war eine eitle Hoffnung. Nichts anderes konnte er spielen als zunehmende Angst. Jetzt war es nicht mehr schn anzuhren, es klang schrill und gellend. Sie konnte nicht lnger ruhig zuhren. Ein furchtbares Unglck mute ihn betroffen haben, es war nicht anders mglich. Sie mute ein Fenster aufmachen und ihn fragen. Als er sie sah, brach er mitten drin mit einem Ton ab, der ihr wilder in den Ohren gellte als irgendeiner vorher. Der Hut war ihm whrend des aufgeregten Spiels vom Kopf gefallen, und das Haar lag wirr auf seiner Stirn. Er war bla wie ein Kranker, und alle seine Gesichtszge waren von Schmerz verzerrt. Du hast gesagt, du mchtest mich spielen hren, prete er hervor. Jetzt hast du deinen Willen, nun weit du, wie es klingt. Ach, seine Stimme war so scharf und seine Worte so heftig, da Maja Lisa glauben mute, er sei ber sie aufgebracht! Sie erschrak und wagte nicht, den Mund aufzumachen, um zu fragen, was ihm geschehen sei. Da sagte er mit derselben Leidenschaft: Du hast mich noch nie spielen hren. Du hast vielleicht nicht einmal gewut, da ich es war, der hier spielte. Da fiel ihr ein zu sagen: Ich glaubte, es sei der Nck. Hast du ihn denn gehrt? Er soll ja spielen wie einer, der sich nach der Seligkeit sehnt und doch wei, da er sie niemals gewinnen kann. Bei diesen Worten trat er weiter vor. Er stand ihr jetzt so nahe, da sie ihm gut die Haarlocke aus der Stirne htte streichen knnen; sie wagte es aber nicht. Ja, ganz recht, so ist es, sagte er. Ich bin auch einer, dem der Himmel verschlossen ist. Zugleich schlug er die Hnde vors Gesicht und schluchzte laut. Es war herzzerreiend; und Maja Lisa htte gern ihr Leben hingegeben, um die Qual, die ihn marterte, zu lindern. Was ist dir? Was ist dir? fragte sie. Hast du etwas Bses getan? Hast du ohne deine Absicht jemand umgebracht? Sie verstummte jh. Dies war ja das Schlimmste, was sie htte sagen knnen! Er nahm die Hnde vom Gesicht und streckte die geballten Fuste aus. Ich bin ein Mrder, ich wei es. Eine Zeitlang hab' ich es jede Nacht aufs neue durchgemacht. Ich spielte ihr den Todestanz, und sie tanzte, bis sie tot umfiel. Man sieht es mir wohl an, was ich fr einer bin. Maja Lisa konnte nichts entgegnen; es war gewi am besten, sie lie ihn ausreden, nachdem er nun im Zug war. Im letzten Winter hab' ich ihr nicht mehr vorgespielt. Deshalb hab' ich es gewagt, um dich zu freien, Maja Lisa. Ich glaubte, _sie_ wolle es. Aber sie war es nicht, die es wollte, nein, nur _ich_ selbst hab' es gewollt. Zu sprechen wagte Maja Lisa nicht; aber sie streckte die Hand aus, um sie ihm auf die Stirne zu legen und ihn zu beruhigen. Er aber fuhr zurck, bis er auer dem Bereich ihrer Hand war. Du httest mich nicht bitten sollen, zu spielen, nie, nie! Die Saiten an meiner Geige httest du zerschneiden sollen, sobald du mich spielen hrtest. Das Geigenspiel hat alles wieder ins Leben zurckgerufen. Er lachte unbeschreiblich wild und unheimlich auf. Ich bin hierhergeeilt, sobald ich deine Botschaft bekommen hatte, und ich nahm meine Geige mit, weil ich dachte, sie knne dich besser trsten als ich. Aber als die Saiten einmal gerhrt waren, da wachte alles, alles wieder auf. Ich sah das groe Zimmer vor mir, wo sich die stampfenden, erhitzten Paare hurtig im Kreise drehten, und zwischen ihnen sah ich eine, die so leicht und fein dahinschwebte, als gehrte sie gar nicht zu den andern. Und da spielte ich nur noch fr sie, ganz allein fr sie. Und da jagte ich sie in den Tod. Er rang die Hnde, da sie knackten. Und ich glaubte, ich knnte das vergessen! Knnte den Gewissensqualen entgehen und glcklich werden! Knnte von dem Gelbde frei werden, das ich an ihrem Grabe abgelegt habe! Ich war wie verzaubert, hatte alles vergessen, bis mich die Geige wieder zu mir selbst brachte. Maja Lisa war es, als sei sie gar nicht mehr fr ihn vorhanden; aber sie wollte trotzdem noch einen Versuch machen, sich und ihr Recht zu behaupten. Denkst du gar nicht mehr an mich? fragte sie. Auch mir hast du dein Wort gegeben. Ja, ich hab' es dir gegeben, weil ich glaubte, _sie_ wolle es. Aber jetzt wei ich es besser. Sie will mich ganz allein haben, verstehst du? Du mut mich freigeben. Ach, Liebster, wie knnte ich dich freigeben? Ich habe ja niemand als dich. Wenn es sich um eine Lebende handelte, die ein Recht auf dich htte, dann mte es wohl sein. Aber ich sehe nicht ein, warum ich dich einer Toten abtreten soll. In Maja Lisas Stimme mute etwas gelegen haben, das ihn rhrte. Er sah zu ihr auf, und dabei verschwand der dstere, erschreckende Ausdruck aus seinem Gesicht. Er hielt noch immer die Geige und den Bogen in der Hand, und pltzlich kam es ihm beschwerlich vor, sie noch lnger halten zu mssen; aber er wollte sie nicht auf die Erde legen, und so reichte er sie Maja Lisa zum Fenster hinein. Maja Lisa nahm sie schweigend in Empfang und legte sie auf einen Tisch im Zimmer. Als sie darauf wieder ans Fenster trat, griff er nach ihren beiden Hnden. Er drckte sie gegen seine Stirne und hielt sie so eine Weile ganz still fest, wohl damit sie fhlen sollte, wie hei und verwirrt seine Gedanken da drinnen durcheinanderwogten. Darauf begann er mit unsglich trauriger Stimme und mit vielen Unterbrechungen, aber doch so, da sie ihn wiedererkennen konnte, zu reden. Nein, Maja Lisa, du darfst nicht glauben, da ich es so meine, wie ich vorhin gesagt habe. Nicht meinetwegen bitte ich dich, mich freizugeben, nein, durchaus nicht. Aber ich kann nicht so gewissenlos sein, dich mit in mein Unglck hineinziehen zu wollen. Jetzt hast du gesehen, wie ich bin, wenn die Schwermut mich berkommt. Nun kannst du nicht mehr wnschen, mit mir vereinigt zu werden. Er schwieg, wie um eine Antwort abzuwarten; aber Maja Lisa war so betrbt und erschrocken, da sie nichts zu sagen wute, und so fuhr er fort: Ich wei ja recht wohl, wie es dir geht; und jetzt, wo du deinen Vater verloren hast, mchte ich nichts lieber tun, als dir zur Seite stehen und dir helfen. Aber bedenke: was du auch Schweres von deiner Stiefmutter erleiden magst, kann in keiner Weise mit dem Elend verglichen werden, das dich erwartet, wenn du mit mir vereinigt wirst. Ich mu dir bekennen, ich kann nicht anders. Es kann mich zuzeiten eine so tiefe Schwermut berkommen, da ich es nicht mehr daheim aushalte, sondern in die Wildnis hinauswandere und dort, ohne mit einem Menschen zu verkehren, oft wochenlang umherstreife, ja und bisweilen strze ich mich auch in das wildeste Leben hinein, nur um Vergessen zu finden. Ach, aber das verstehst du doch wohl, Maja Lisa, da ich dich zu liebhabe, um dich in dieses hineinziehen zu wollen. Ich htte mich dir nie nhern sollen, und ich wrde es auch nicht getan haben, wenn ich nicht geglaubt htte, ich sei geheilt. Wieder hielt er inne; da Maja Lisa aber ihre Antwort noch nicht fertig hatte, fuhr er fort: Vorhin fhlte ich fast Zorn gegen dich in meinem Herzen aufsteigen, weil ich deinetwegen wieder gespielt hatte; denn gerade das Spiel hat mir gezeigt, da das Schwere und Dstere noch immer in meinem Herzen wohnt. Und da hab' ich gewnscht, diese Gefahr wre mir gar nicht zum Bewutsein gekommen, und wir htten geheiratet, whrend ich noch glaubte, alles stehe gut. Aber das wirst du doch verstehen, da ich nur einen einzigen Augenblick so dachte. Ich habe dich zu lieb, Maja Lisa, ja, ja, zu lieb, um zu wnschen, da du meine Frau werden sollst. Whrend er all dies sagte, sah ihn Maja Lisa unverwandt an. Sie begriff, er sprach die Wahrheit, wenn er sagte, er leide an tiefer Schwermut, und es war wohl mglich, da sie, wenn sie ihn heiratete, noch unglcklicher wurde, als wenn sie wieder unter die Herrschaft der Stiefmutter kam. Aber sie konnte an nichts anderes denken, als da sie ihm zur Seite stehen und ihm helfen wollte. Ach, sagte sie, das weit du doch wohl, da ich lieber Sorgen und Unglck mit dir teile, als mit einem andern lauter frohe Tage verleben mchte. Wenn es wahr ist, da du mich lieb hast, dann sollst du nicht von mir gehen. Wie knnte ich---- Sie verstummte pltzlich, denn sie sah ja, da das, was sie sagte, keine Macht ber ihn hatte. Ach, dachte sie, wie kann ich ihn doch zu der Einsicht bringen, da es das grte Unglck fr mich ist, wenn ich nicht bei ihm sein und ihm nicht in seiner Not beistehen darf! Das ganze Jahr hindurch, dachte sie weiter, habe ich immerfort in Sorge und Angst gelebt. Nun sollte ich doch etwas gelernt haben. Ich bin jetzt kein solches Kind mehr wie damals, wo ich meinen guten Vater verloren habe, und ich will ber das alles, was ich zu erdulden hatte, nicht klagen, wenn ich nur dadurch an Verstand so zugenommen habe, da ich jetzt den, den ich liebe, festzuhalten vermag. Sie schlug die Augen auf und sah ber den Garten hin, wie wenn sie jemand suchte, der ihr helfen knnte. Und da war sie ganz berrascht. Wohl mglich, da sie gestern kein Auge fr so etwas gehabt hatte, mglich auch, da es erst ber Nacht so geworden war. Jedenfalls hatte sie vor diesem Augenblick nicht bemerkt gehabt, da in Vaters Obstgarten alle Apfelbume in voller Blte standen. Es war, als dehne sich ein groes wei und rosa schimmerndes Dach vom Wohnhaus bis hinber zu dem Birkengehlz, das den Garten gegen den Nordwind beschtzte. Alle Zweige waren mit Blten bedeckt, ja, Maja Lisa war es, als entfalteten sie sich, whrend ihr Blick auf ihnen ruhte. Eine groe Menge Bienen und Hummeln schwirrten und summten um die duftenden, schimmernden Blten. Die Sonne war ber den Berggipfel emporgestiegen, ihre Strahlen lagen auf den Baumwipfeln des Gehlzes, sie glitten und tanzten ber die Ackerfelder hin, als htten sie groe Eile, zu den glnzenden Apfelblten hinzugelangen, um ihnen noch mehr Glanz und Schimmer zu verleihen, als sie schon vorher hatten. Als Maja Lisa dies sah, war es ihr, als mte ihr das Herz vor Mitleid brechen. Der rmste, der rmste! dachte sie. Ist es verwunderlich, da er schwermtig ist? Seit seinem vierzehnten Jahre hat er keine Heimat mehr gehabt. Das wrde anders werden, wenn ich ihn hier auf Lvdala htte. Welch eine gute Heimat knnte ich ihm bereiten! Ich wei, wie schn ich es bis zum letzten Jahre immer gehabt habe. Schlielich wrde er hier unter den Apfelbumen ebenso glcklich umherwandeln wie einst mein guter Vater. Ach, wenn ich doch nur fr ihn sorgen drfte! Sie wurde ganz rot vor Eifer, und ihre Augen glnzten. Wenn es ihr doch nur gelnge, so von Lvdala mit ihm zu reden, da er verstand, wie herrlich es hier war und da ihm eine solche gute Heimat gerade fehlte! Sie erwachte aus ihren Gedanken, als Liljecrona ihre Hnde, die er noch immer festgehalten hatte, loslie. Gib mir meine Geige wieder, damit ich gehen kann, sagte er. Ich sehe, du begreifst, da mir keine andere Wahl bleibt. Sie konnte sich nicht darber verwundern, da er glaubte, sie wolle ihn gehen lassen. Da stand sie ja noch immer und suchte nach den richtigen Worten, die ihn zurckhalten sollten, fand sie aber nicht. Liebster, sagte sie nun hastig, du brauchst doch wohl nicht so rasch zu gehen. Willst du dich nicht wenigstens erst auf Lvdala etwas umsehen? Ist es nicht wunderschn hier mit all den herrlichen Blten? Siehst du den Sonnenschein, der wie Gold auf dem Grase liegt? Mchtest du denn nicht---- Sie kam nicht weiter, wieder fehlten ihr die Worte. Ach, sie htte so gerne von der guten Heimat mit ihm gesprochen, die sie und er hier auf Lvdala miteinander bauen wrden; aber es war ihr, als sei das nichts, was einen Wert in seinen Augen htte. Eine gute Heimat bedeutete fr ihn durchaus nicht dasselbe wie fr sie. Wieder bat er sie um die Geige. Danach, sagte er, werde er ihren Weg nie mehr kreuzen. Sie legte die Hand aufs Herz und atmete schwer. Nun wrde er gehen und nie wiederkommen. Und sie konnte und konnte die Worte nicht finden, die Macht ber ihn haben wrden; sie konnte ihn nicht zurckhalten. Nein, sie wute keinen Ausweg, sie mute ihm nachgeben. So trat sie vom Fenster zurck, um die Geige zu holen und sie ihm auszuhndigen. Aber als sie die Geige in der Hand hielt, blieb sie unbeweglich stehen; hchst wunderliche Gedanken stiegen in ihrem Herzen auf. Jetzt hielt sie das in der Hand, was die grte Macht ber ihn gehabt hatte. Diese Geige war in frheren Tagen seine Strke und sein Trost gewesen. Sie begriff, sie begriff! Diese Geige war es, die Musik, die er auf ihr spielte, sie war fr ihn das, was fr sie selbst Lvdala war. Die Musik, sie war seine Heimat. Sie, sie konnte ihm Ruhe, Sicherheit und Erquickung bringen. Wenn er spielte, spannten die Tne ein Dach ber seinem Haupte aus, das strahlender war als Apfelblten und Sonnenschein. Dann trat er ein in seine wahre Heimat, sie, die whrend seiner ganzen einsamen Jugendzeit seine Zuflucht gewesen war. In frheren Zeiten hatte er schwere Tage aushalten knnen, ohne zu erliegen, nur weil er seine Geige gehabt hatte. Da hatte er nur den Bogen in die Hand zu nehmen brauchen, um sich eine Welt zu erschlieen, in der er sich glcklich fhlte. Jetzt aber hatte die Schwermut die Oberhand bekommen, weil er whrend der letzten Jahre nicht mehr hatte spielen knnen. Ach, wie unglcklich wrde sie sich fhlen, wenn sie nicht auf Lvdala bleiben drfte! Wie verloren, wie einsam wrde sie in der Fremde sein! Und so war es wohl auch bei ihm; er konnte sich da nicht zurechtfinden, wute nicht mehr, wo er sich Ruhe und Erquickung holen sollte. Und pltzlich fhlte sich Maja Lisa ihrer selbst ganz sicher. Nun kannte sie ja seine Krankheit, nun wute sie auch, wie das Heilmittel hie. Wenn sie nur diese, seine richtige Heimat wieder fr ihn ffnen konnte, dann wurde er wieder wie frher und konnte das berwinden, was ihn jetzt qulte. Sie trat wieder ans Fenster, behielt aber die Geige in der Hand. Liebster, sagte sie, darf ich dich um eins bitten, ehe du gehst? Hier, nimm die Geige und spiele noch einmal. Es wre ja mglich, da es dir vorhin so schwer wurde, weil es das erstemal war, seit das Unglck geschehen ist. Aber ich kann nicht glauben, da es immer so bleiben wird. Willst du nicht noch einen Versuch machen, damit ich dich doch schlielich einmal richtig geigen hre? Du wirst dich doch wohl berwinden und mir zuliebe spielen knnen? Vorhin hast du ja gesagt, du habest den ganzen Winter hindurch nicht an dieser Schwermut gelitten, weil du glaubtest, du seiest geheilt. Vielleicht ist es auch so; das Bse ist gewi nicht tatschlich zurckgekehrt, ich kann es nicht glauben. Du wirst sehen, wenn du es jetzt noch einmal wagst... Er zuckte die Schultern. Es ist unmglich, sagte er; es wird nur siebenmal schlimmer. Aber sie bestand darauf, und sie bat: Du brauchst nie mehr etwas fr mich zu tun, da wirst du mir doch diese eine Bitte nicht abschlagen, jetzt wo wir voneinander scheiden? Wenn du von mir gehst, ohne gespielt zu haben, wird es dich nachher reuen, da du mir das letzte, um das ich dich gebeten hatte, versagt hast. Er sah noch immer gleich bedrckt aus, aber er gab doch nach. Ich wei, wie es gehen wird, sagte er, und du weit es auch. Aber ich will dir trotzdem deinen Wunsch erfllen. Maja Lisa strich mit der Hand leicht ber die Geige hin. Liebe, liebe Geige, flsterte sie, hilf mir, ach, hilf mir! Als Liljecrona die Geige in die Hand nahm, lag schon eine dstere unheilverkndende Wolke auf seiner Stirne. Und als er die ersten Bogenstriche machte, klangen die Tne ebenso verwirrt und unharmonisch wie am Schlusse des ersten Mals. Er warf Maja Lisa einen Blick zu, wie um ihr Vorwrfe zu machen, da sie ihn in dieses neue Elend hinein gelockt hatte. Maja Lisas Herz klopfte zum Zerspringen; aber sie wollte keine Angst zeigen. Sie blieb am Fenster stehen, ja sie zwang sogar ein hoffnungsvolles Lcheln auf ihre Lippen. Und siehe! jetzt klang das Spiel schon etwas weniger angstvoll und verzweifelt. Jetzt drang Licht durch die Wolken -- jetzt strzte die Mauer des Gefngnisses ein -- jetzt zersprangen die Fesseln, die die Seele gefangenhielten. Jetzt ging es aufwrts mit Blitzesschnelle -- aber es sank wieder zurck. Ein harter Kampf entspann sich. Jetzt war das Spiel in der tiefsten Tiefe, es schien fast unglaublich, da es je wieder in die Hhe kommen knnte. Aber dann rang es sich doch wieder empor. Es stieg und sank, stieg und sank. Aber dann pltzlich schwang es sich hinauf, hinauf wie auf Engelsflgeln! Es flog zum Himmel empor, voller Jubel und Freude, hher, hher als irdische Stimmen und irdische Gedanken reichen -- jetzt war es droben im klarsten therraum! Der Himmel ffnete sich, und es versuchte, dessen Seligkeit auszudrcken... Pltzlich senkte Liljecrona den Bogen. Es war, als sei er auf dem hchsten Punkt seines Vermgens angekommen, noch mehr konnte er nicht vollbringen. Sein Spiel war so hoch hinaufgestiegen, da es ihm vor lauter Licht und Pracht und Herrlichkeit schwindelte. Er sah Maja Lisa an. Groe, schwere Trnen standen in ihren Augen, und sie hatte die Hnde gefaltet. Ihr ganzes Gesicht leuchtete verklrt. Sie war nicht mehr auf der Erde; sie war mit ihm zum Himmel aufgefahren. Ihr Atem ging schwer. Nein, sie hatte ihn nicht nur begleitet, sie war ihm vorausgeschwebt! Niemals hatte ihn sein Spiel so hoch hinaufgefhrt. Ihre Liebe war es, die ihn aus der Finsternis emporgetragen hatte. Nun war es ihr, als knnte sie ihn ber alle Dunkelheit des Lebens hinaufheben. Sie fhlte, ihre Liebe konnte alle Angst, alle Verzweiflung berwinden. Er zog ihre Hnde an sich und kte sie. Bist du nun in deiner rechten Heimat gewesen? flsterte sie. Maja Lisa, Liebste, Geliebte, so hab' ich noch nie gespielt! Du warst es, deine Liebe war es, die gespielt hat -- ich, ich war es nicht. Mag es nun zu deinem Unglck oder zu deinem Glck sein -- ich mu hier bleiben. Du, du sollst mir helfen, und du mut mich hier festhalten. * * * * * Es war ganz still im Garten, wo sich die blhenden Apfelbume wie eine Kirche ber dem jungen Menschenpaar wlbten. * * * * * [Illustration: DBG-Verlags-Logo] Dieses Werk ist eine Verffentlichung der Deutschen Buch-Gemeinschaft Berlin SW 68 Alte Jakobstrae 156 Guten und doch billigen Bchern in vorbildlicher Formgebung und bester Ausstattung zu wohlfeilen Preisen den Weg in alle Schichten unseres Volkes zu schaffen, ist die Aufgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft. Sie erreicht dieses durch die Herstellung und Vertrieb in eigenem Wirkungsbereich. * * * * * Jedermann wird durch Beitritt zur Deutschen Buch-Gemeinschaft die vorteilhafteste Gelegenheit gegeben, sich unter neuen Bezugsformen eine eigene und wertvolle Hausbibliothek anzuschaffen. * * * * * Bcherverzeichnis und ausfhrliche Werbeschrift wird auf Wunsch kostenlos zugesandt Anmerkungen zur Transkription: Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise ansonsten aber wie im Original belassen. Auflistung aller gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen: Seite 36: Ja, antwortete die Kleine, und ich bin gekommen, Euch zu helfen. --> Anfhrungszeichen vor 'und' ergnzt. Seite 59: 'Und das will ein Pfarrer und ein Diener Gottes sein!' --> einfaches Anfhrungszeichen vor 'Und' ergnzt. Seite 78: 'Ja, ich mu dir wirklich --> Ja, ich mu dir wirklich einfaches Anfhrungszeichen durch doppeltes Anfhrungszeichen ersetzt. Seite 87: wie unglcklich es Schneewitt-wittchen --> Schneewittchen ('witt' entfernt) Seite 95: und ihr gesun-sunkener --> gesunkener ('sun' entfernt) Seite 214: Und die Stimme der Pfarrfrau klang auch ganz verndert, als sie entgegnete. --> entgegnete: (Punkt durch Doppelpunkt ersetzt) Seite 240: Wie immer ging sie auch setzt --> 'jetzt' in sdlicher Richtung ('setzt' durch 'jetzt' ersetzt) Seite 285: Zur Belohnung dafr darfst du jetzt zu Maja Lisa hinuntergehen und ihr alles erzhlen. --> erzhlen. (schlieendes Anfhrungszeichen ergnzt.) Auflistung mglicher Druckfehler, die wie im Original belassen wurden: Seite 135: dann htte ( --> 'htten'?) er und die andern gedacht. Seite 136: Als Maja Lisa sich dann auch an den Brutigam wendete und ihm dankte, da er mit Britta gekommen sei, und ihm (--> 'ihn'?) zugleich zu seiner Frau beglckwnschte Seite 241: Kommt mit vielen (--> 'vielem'?) Gold er an? Das Originalbuch ist in Frakturschrift gesetzt. Textauszeichnungen wurden folgendermaen ersetzt: Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: #Antiqua# End of the Project Gutenberg EBook of Liljecronas Heimat, by Selma Lagerlf License: Share Alike