Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This file was made from scans of public domain material at Austrian Literature Online. Maria Lazar DIE VERGIFTUNG 1920 LEIPZIG - E. P. TAL & Co., VERLAG - WIEN Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung vorbehalten. Copyright 1920 by E. P. Tal & Co., Verlag Leipzig und Wien. Die Tr Eine braune Holztr, glatt, mit vielen dunklen Flecken. Eine Tr wie sie berall ist, berall ist. Eine Tr -- Nein, eine dunkle Macht, feindlich, glatt, mit vielen dunklen Flecken. Das schlgt ins Gesicht, dem ganzen Krper entgegen. Eine Schicht, eine dnne, harte Wand. Und da verloren sich die schmiegsamen Formen ihres Leibes. Das Immerweitertasten ihrer Hnde blieb stecken. Sie wurde platt zusammengedrckt zu einer Flche, einem Ding, aus dem nur der ungeheure Schrecken herausgestiegen war und drauen stehen blieb, verwundert. Als sie ber die Treppe des Alltagshauses ging, trat sie in die Abdrcke der hundert geschftigen Fe, die tglich hier vorberliefen. Wieso war sie berhaupt dahergekommen? Immer daher gekommen und nur da her, da alles brige drauen liegen blieb? Heute drang das Licht blendend durch Steine und die erstarrte Haut ihres Leibes. Von den Blttern troff es, grell und hei, und duftete nach dem Blut aller, die auf der Strae gingen. Das Blau war zu tief, zusammengedichtet aus trotzigen Krften. Ach, die furchtbare Helle. Und in sie hineingelegt die Tr, mit den dunkelbraunen Flecken. Die sich niemals, aber auch niemals einschlagen lt. Diese Tr war schon damals gewesen, als sie so klein war, da sie den Kopf ganz nach hinten legen mute, um die ersten Stockfenster zu sehen. War es die Tr aus dem Kinderzimmer heraus oder von der Kche in den dunklen Gang, an die sie sich nicht zu hmmern traute, als man sie einmal dort eingesperrt hatte? Die Tr, die sich nie und nie zertrmmern lt. Wievielmal schon hatte sie diese Tre geffnet, mit Hnden, die dem eigenen Sieg nicht glauben wollen. Nur ein leichter Druck auf die Klinke -- und hatte doch immer den Mut gehabt, zu wissen, da diese Tre einmal verschlossen sein mu. Jedesmal hatte sie den einen grlichen Moment erlebt, der heute Wahrheit geworden war -- verschlossen. Heute, es ist ja gar nicht heute. Das war schon immer, das hat sie ja schon hunderttausendmal erlebt. Tritt man nicht aus der Zeit heraus, wenn dann eine Stunde kommt, die sich einbildet, die erste zu sein. Ein Heute, das ewig ist -- ein Schritt aus dem warmen Leben -- vielleicht ist ihr deshalb so entsetzlich kalt. Und sie mu die Augen schlieen, whrend das Sonnenlicht des Tages die Wimpern versengt. Verschlossen -- undurchdringlich. Sie geht durch Straen, wo die Nachmittagsrte die Mauern frit. Und wei: Der breiten Kastanie vor seinem Fenster ist heute ein Ast abgehauen worden. Blendend wei bietet sich die Wunde der gierigen Sommersonne dar. Sie kann nie mehr weiter tasten. Steht fest, undurchdringlich -- verschlossen. Ich mu denken, sagte Ruth. Sie nahm den Brief, der in seine Tr geklemmt war und dachte: Ein zu kleines Kouvert. Und warum macht er dem R bei Ruth so einen Schnrkel? Eine wtende Lust berkam sie, den Brief von sich zu werfen, irgendwohin, vielleicht in den Straengraben. Und dann nie mehr ... Aber sie hielt ihn fest und ging so lange, bis die erste Dmmerung sich mit dem Staub der Grostadt mischte, der in die Hhe stieg, langsam, leise und unerbittlich. Es schlug neun Uhr vom Kirchturm. Sie dachte: Mutter ist bse, wenn ich zu spt zum Abendessen komme. Und Richard macht seine verwunderten Augen. Ich will sie nicht rgern. Aber ich bin nur so elend, wie sie gar nicht wissen, da man sein kann. Sie sprte den Essensgeruch der aus der Kche quoll, als die Kchin ffnete. Und war gespannt was es gbe, whrend ihr die Trnen in die Augen traten, da sie jetzt daran denken knne. Sie sah nicht auf Mutter und Bruder, whrend sie schweigend wrgte. Sie hrte nicht die Nrgeleien der Schwester. Sie schluckte eilig groe, trockene Bissen hinunter und fragte sich nur: Was habe ich? Sie wute es nicht mehr. Aber als sie in ihr Zimmer trat, schrie der Spiegel seinen Namen. Und sie sah ihr Bild darin, wie sie sich den Schleier vorgebunden hatte, bevor sie weggegangen war, heute. Die Bcher auf dem Tisch, die vernachlssigt und zusammengeworfen waren, und die zerrissene Mappe atmeten seinen Duft aus. Und von dem seidengelben Lampenschirm herab trufelten in weichen Farben ihre nchtlichen Gedanken. Sie ffnete den Brief. Und las verchtlich seine groen Lgen. Der Spiegel schrie seinen Namen. Sie sah sich drinnen, wie sie sich den Schleier vorgebunden hatte. Wird sie so nie mehr zu ihm gehen. Aber ja, morgen geht sie zu ihm, ganz so wie sonst. Was hat sie nur heute. Der Brief ist ja so einfach zu verstehen. Warum soll er denn nicht einmal verhindert sein, geschftlich. Ruth las den Brief noch einmal. Die lcherliche Schlinge des R und die kriecherische Windung des L in Liebe. Er lgt. Aber das macht ja nichts, das wute sie schon immer. Und doch -- sie kann nicht mehr. O Gott, was ist nur geschehen? Was ist mit ihr? Durch das Fenster strahlt die warme Sommernacht, wie eine Flle leuchtender Versprechungen. Die Welt ist hell. Sie war bis jetzt nur in einer dunklen Stube. Dunkle Sthle, dunkle Flecken an der dunklen Tr. Die Welt ist hell. Ihre Glieder, ihr armer vergessener Krper schreien nach Licht. Sie kniet am Boden. Ihre Zhne beien in die Tischkante, oh, da sie nicht aufschluchzt. Sie will denken. Sie wei, da seine Augen durch alle Mauern auf sie sehen. Aber ihre Hand sagt nein, ihr Knie schlgt in trotzigen Sten auf die Diele. Ihr Hirn schmerzt vor Sehnsucht nach ihm, ihre Zhne beien in die Tischkante. So lange sie denkt, gehrt sie ihm. Aber da ist noch etwas an ihr, das nicht denkt. Das treibt, das schlgt, das stt, das treibt sie zu ... Er stand vor dem Spiegel mit dem zu dicken Rahmen, der alles verdsterte und doch so hervorstach, als wolle er es nicht zugeben, da eine eigentmliche Frechheit von dem bespritzten Glas ausging. * * * * * Er stand vor dem Spiegel und sah aufmerksam auf seine schlecht rasierten hageren Backen. Auf die etwas zigeunerhafte Locke, die ber die Stirn hing. Sie war nur zu licht, um wild zu sein. Er stand vor dem Spiegel und versuchte die Regelmigkeit seiner schmalen Zge zu genieen, durch die die zu weit nach hinten liegende Stirn durchfuhr, wie ein querer Strich in einer regelmigen Zeichnung. Seine Schultern standen zu weit nach hinten, knstlich steif. Sie wollten offen und frei erscheinen. Aber die Augen lagen tief versteckt. Die Pupillen waren nicht in sich abgeschlossen, sie liefen ber, ausstrahlend und doch wie verirrt in das Weie des Auges. Er stand vor dem Spiegel und der zusammengeprete Mund, mit den dunklen, schmalen Zhnen erkannte alle Schwchen der kraftlos weichen Hnde, die sich auf den Rcken legten, whrend die Schultern sich nach hinten streckten, gewaltsam, knstlich. Als Ruth zur Tr hereinkam, sa er vor dem Pianino und spielte eine Beethoven-Sonate. Er trat ihr entgegen mit beiden ausgestreckten Hnden. -- Du kommst spt, sagte er liebenswrdig spttisch. Aber seine Augen blickten bse in eine Ecke des Zimmers. Ruth erschrak. Wie immer legte sich der slichherbe Geruch der Rume, den sie nie wo anders getroffen hatte, betubend um ihre Stirn. Sie lachte dann: Ja, denk nur, wieso, ich bin einen verkehrten Weg gegangen. -- Du hast nicht kommen wollen, sagte er langsam und schwer. Alles stand still. Das Zimmer stand still, jeder Stuhl, selbst die Uhr, die sonst immer zu laut schnarrte. Etwas lebte nicht mehr, es war etwas gestorben, jetzt, in dieser Minute, etwas Furchtbares war ausgesprochen worden. Ruth dachte: Weinen knnen. Sie sah die hochmtigen Globen auf dem Wandregal, die alle staubig waren. Und die sattgelben Minerale auf dem unordentlichen Schreibtisch. Er rckte ihr den Stuhl zurecht, wie immer. Immer denselben Stuhl. -- Aber was sagst du denn da? lachte Ruth. Es war ihr schlankes frohes Kinderlachen, das so seltsam hinaufkletterte ber die grau verschossenen Wnde, die zu hoch waren. -- Mein Kind, sagte er, mit berschlagenen Beinen und fremden Augen, ich habe dich seit drei Wochen nicht gesehen und heute kommst du zu spt. -- Du mut mir erzhlen, sthnte Ruth, alles was da war, alles was du erlebt hast, was du gearbeitet hast. -- Ruth, sagte er. Und sie hate ihn. Sprte den Schnrkel in der Schlinge des R. Sie sah seine weien, kraftlosen Hnde. Wute, da sie diese Hnde niemals vermissen knne. Seine Krawatte war zerschlissen. Eine heie Welle stieg in ihr empor, wrgte die Kehle. Aber sie war so mde. Hilf mir, sagte sie. Vor ihr war eine groe, schwere Wage. Eine Schale war voll eiserner Gewichte, schwer und kalt. Die andere leer, ganz leer und hoch oben, mutterseelenallein. Die ganze Welt war aus dem Gleichgewicht durch diese Wage. Und durch die Disharmonie seiner Bewegungen. So wie er jetzt die Zigarre zum Munde fhrte. -- Du kannst mich eben nicht mehr aushalten, sagte er langsam. Nein, er wute nichts, er konnte ihr nicht helfen. Er erzhlte ihr von seinem neuesten chemischen Experiment. Und sah sie an, als wre sie eine schillernde Phiole. Ihr Gehirn wollte mitarbeiten, aber wieder wehrten sich ihre Hnde, ihre Knie, ihr Blut dagegen. Die Nacht war hereingebrochen. Du, sagte Ruth pltzlich, als er ihr seine letzten Tage schilderte, wie er sich elend in Gasthusern herumgetrieben. Hr' auf. Ihre Stimme klang hart und hell. Sie sprang auf und nahm seine Hand. Und ein grenzenloses Mitleid, ein Schmerz, der sich selber zerbrach, lhmten ihren Atem. -- Jetzt geh ich und komme nicht mehr. Deine Tr war verschlossen, letztesmal. Sie war immer verschlossen. Lg nicht! Vielleicht weit du es nicht. Ach, diese Klte herinnen. Und ich liebe dich. Hrst du mich nicht. Das ganze Zimmer hrt mich ja. Die Bume drauen hren mich. So hr mich. -- Ich hre, mein Kind, sagte er und sie stampfte mit dem Fu, weil er mein Kind sagte. -- Du weit, da ich seit zwei Jahren fr dich gelebt habe, fuhr sie fort und ihre Stimme berschlug sich. Aber ich sage dir, ich spre eine Erschpfung, eine Gefahr, ich bin zu voll von dir, ich kann dich nicht mehr ertragen. O, was tust du mit mir. -- Wohin willst du, sagte er und nahm einen Zug aus seiner Zigarre. -- Fort, schrie Ruth. Was bin ich dir? Eine Phiole mehr fr deine Experimente. -- Trichtes Kind, sprach er und seine Stimme war schwarz in der lauen Nacht. Fort -- du kannst nicht mehr fort. Du warst die Phiole fr mein kostbarstes Experiment. In dir habe ich mich selber experimentiert. In diesem Augenblick sah Ruth vor sich auf dem Schreibtisch ein schmales, scharf geschliffenes Messer liegen. -- Wohin willst du, fragte er und vertrat ihr den Weg zur Tre. Du Kleine, die du die ganze Last eines verbrauchten Lebens in dir trgst. Ruth roch Blut. Oder waren das seine Chemikalien. -- Nein, sagte sie. Und ging hinaus ohne ihm die Hand zu geben. Im Stiegenhaus brannte grellrot elektrisches Licht. Und die Strae lrmte. Der Kleiderkasten Ruth erwachte. Durch das Fenster stie peinigend laut Licht. Es kam von drben, von der fahlgelben Hofmauer, zerbrochen und unverschmt schrill. Es saugte die Menschen aus ihren Betten, aus ihren Husern, ihren Gewohnheiten. Und weil heute Sonntag war, liefen sie alle hinaus. In eine Freiheit, die zu hell war. Da die groen grnen Bltter schon verdeckt lagen von Staub und zu viel erlebt haben. Wie das schmerzt. Und alle schreien. Irgendwo wird Bier ausgeschenkt. Dasselbe Licht kroch ber die Gegenstnde ihres Zimmers, die sonst dunkel waren. Sie traten heraus aus sich selbst, aus ihrem farblosen Dasein und jede Kontur wurde scharf und kam weit hervor. Es war nicht zum Aushalten. Ruth sprang auf. Sie lie die Jalousie herunter und war erleichtert, als die Eisenstangen auf dem Fensterbrett aufschlugen. Dann legte sie sich wieder in das zerwhlte Bett, obendrauf, den Kopf weit nach hinten. Vor ihr stand der Kirschholzkasten. Der liebe, lichte, gerade Kirschholzkasten. Tisch und Sthle und vor allem das dunkle Bcherbrett trugen noch sein Geprge. Sie waren immer nur dagewesen, um zu warten, da sie zu ihm gehe. Und wenn sie wieder kam, waren sie voll Warten fr das nchstemal. Und nur voll Warten. Aber der lichte Kirschholzkasten war schon frher dagewesen. Sie sah starr auf ihn mit halbgeschlossenen Lidern. Um die anderen nicht zu sehen. Der Kasten hatte etwas vom lieben Gott. Ganz bestimmt. Von dem lieben Gott, vor dem man die Hnde faltet, um zu ihm zu beten. Der einen weien Bart hat. Und man braucht nur brav zu sein und es kann einem gar nichts geschehen. Er schmeckt nach Zuckerlmmchen, die zu Ostern verkauft werden. Und auch ein bichen verstaubt. Dieser liebe, breitlinige Kasten war einmal gro, so gro, da man nicht bis zum Schlssel reichen konnte. Und alles war darin, was man nur brauchte. Ruth bumte sich auf. Der liebe Gott war tot. In dem lichten Kirschholzkasten hing eine Menge dunkler Stoffe. Die rochen alle ein wenig nach fremden Chemikalien, slich herb. Stundenlang war sie gesessen, den Kopf in diesen Kleidern vergraben, um den geheimnisvollen Duft einzusaugen. Nein, sie wird den Kasten nie mehr aufsperren knnen. Sie betrachtete mitrauisch ihre braunen Kinderhnde. Mit den kurzen Fingern, die noch niemals etwas sein wollten und noch niemals etwas festgehalten hatten, immer nur alles fragend betastet. Rochen sie nicht in ihrem Innern, ganz drinnen in der Handflche, aus den Poren heraus nach ihm? Sie dachte an das Versinken in seinen groen, zu weien Hnden und ihr wurde bel. Ihre widerspenstig flockigen Haare rochen ja auch nach dort -- ist sie denn ganz von ihm durchzogen, vergiftet -- Sie wird ein Bad nehmen. Und sich die Haare waschen mit sehr viel Seife. Das wird ntzen. Und die Mbel heute gut abstauben, mit einem neuen Staubtuch. O Gott, wenn sie nicht auf den Kasten sieht, sieht sie berall ihn, nein, nicht ihn und auch nicht seine Augen, nur seinen Blick. Der dunkel ist und wie ein Band sich um ihre Glieder legt. Den sie nicht versteht und nie verstanden hat, weil er aus einem Land kommt, das sie nicht kennt. Dessen Unkrperlichkeit sie verzweifeln lie und dem sie nun entflieht, von heute an. Es ist merkwrdig, dachte Ruth, da ich die ganze Nacht geschlafen habe. Es ist berhaupt merkwrdig, da man bei einem groen Unglck doch ganz bleibt, wie sonst. Nur alles andere wird anders. Und wieder sieht sie auf den hellen freundlichen Kasten. Und vergleicht ihn mit dem lieben Gott. Sie mchte die Hnde falten, ganz wie damals. Und kann es nicht mehr. Und frchtet sich, ganz wie damals. Denn da ist sie wieder, die alte Kinderangst, ber die sie schon hinweggegangen zu sein glaubte mit hochmtig erwachsenem Schritt. Die Angst, die die Nacht frchtet und die blasse Frhlingsdmmerung. Die sich krmmt unter der Eintnigkeit des Mittags. Die Angst, die auf der Schulbank hockt neben dem patzenschwarzen Tintenfa, den strengen Scheitel der Lehrerin streift, die nach zerkauten Federstielen schmeckt und liniertem Papier, die Angst, die aufschreit in einsamen Nchten und keinen Ausweg findet durch den fest verschlossenen Mund. Die von Leichenzgen trumt und alle Pest und Hungersnot der Jugendbchereien durchlebt hat. Wer ist sie heute? Was war sie seit der Zeit, als sie in kurzen Rcken ber die Gassen lief und das Zopfband verlor? Ist sie bestohlen, beraubt? Nein, Ruth wute es, sie war mihandelt worden. Eine zarte Hlle blieb brig, die leben wollte. Und was war in ihr? Was roch wie die lebendig gewordene Wissenschaft? Was klebte an ihren Hnden, in ihren Haaren, in ihren Kleidern? Was fllte den lieben, alten Kasten? Da wird sie sich einer furchtbaren Gefahr bewut: Leer werden. Leer -- was heit das, was ist das? Leer -- das sind die Augen in Totenschdeln. Sie will nach der goldenen Flle greifen. Und das Licht kann nicht herein und dahinter steht das Nichts, das Leere. Leer -- das heit ihn verlieren, ihn verloren haben. Und die Wucht seiner Schmerzen, die Qualen seiner Einsamkeit. Hoch aufgerichtet steht sie vor dem Bett. Sie sieht an sich herunter. Bis zu den schlanken, braunen Kncheln. Und hat sich. Leer -- das ist das Stck vom Fenster hinab bis zu dem harten Pflaster. Worauf die Menschen ihren grnen Schleim spucken und das die Hunde beschmutzen. Frei sein und leer sein und weniger als elend sein -- -- Frulein Ruth sollen zum Frhstck kommen. -- Ruth sah das groe berkrftige Stubenmdchen mit der hohen vergngten Stimme. Und wute: heute abends geht sie aus, da wartet einer unten auf sie, vielleicht der vom letztenmal oder auch ein anderer. -- Ruth, rief die Mutter aus dem Nebenzimmer. -- Ich komme, antwortete sie mit einer Stimme, die voll Musik und Jubel war. Mutter stand in der Sonne. Und Mutter war lebendigstes Gewesensein. * * * * * Mutter ging alle Morgen nachsehen, ob das Mdchen gut aufgerumt habe. Sie lie keinen Stuhl so stehen, wie diese ihn gestellt hatte. Mutter wollte ein eigenes Haus haben, wie sie sagte. Ob dieses Haus besser war, als alle anderen, ist nicht bestimmt. Aber da es anders war als alle anderen, da es ihr eigen war und nur durchtrnkt von der kindhaften Unruhe ihrer zu langen Finger, die niemals jung gewesen sein konnten, da ihr Haus fremd und versperrt war allen, die nicht ihres Blutes waren, das hatte sie erreicht. Und Ruth empfand es mit einem Stolz, der sich selbst nicht anerkennen will. Mutter kte Ruth, wie man ein Stck Eigentum kt oder ein Stck von sich selbst. Und Ruth fhlte die Schmerzen der vergangenen Nacht ganz klein werden und wollte weinen. Mutter frhstckte nicht mit. Sie war nie imstande eine Mahlzeit durch sitzen zu bleiben. Sie mute immer rasch noch etwas anderes tun. Mutter war gro. Aber nicht gro genug fr das, was sie der Welt zeigen wollte. Deshalb schien sie fast klein. Und auch ihre Wohnung war gro. Aber zu klein, um sich vor allen zurckziehen zu knnen. Denn das wollte sie. Deshalb waren die hohen Rume eng und drckend. Als Ruth mit dem schmalen, silbernen Brotmesser das Brot schnitt, empfand sie einen seltsamen Besitzerstolz und dachte: zuhause sein. Sie hatte keinen anderen Wunsch, als Mutters Kleid zwischen beide Hnde fassen zu knnen, ganz, ganz fest. Wie gut war es, da Mutter immer so alte Kleider trug. Und schon wollte sie aufspringen und Mutter alles sagen -- Da kam Richard herein. Nein, sie konnte nicht. Richard war zu klug. Und Richard war Mutters Sohn. Von so etwas konnte sie nie zu Mutter sprechen. Und Martha war Mutters Tochter. Martha war hlich und verbittert. Wenn sie die Tr aufmachte, war das Zimmer voll Lrm. Da konnte Ruth von so etwas doch nie zu Mutter sprechen. Ruth wute nicht, da Mutters Leben nur Enttuschung war, die nicht eingestanden werden durfte. Und da Mutter so grenzenlos arm war, weil sie nie den Mut gehabt hatte, das zu erkennen. Mutter war so klug, da sie die Dinge nicht wirklich sah, sondern in Karikatur auf dem Hintergrund ihrer Wnsche und Vorurteile. Aber sie sah sie alle bis auf eines: Das war sie selbst. Sie wute so wenig von ihrer eigenen Existenz wie ein ganz kleines Kind. Und ahnte nicht, da sie selber auch etwas beigetragen habe in der Symphonie der Ereignisse, die ihr enges, tiefes Dasein bildeten. In ihrer Jugend hatte sie nur eines gekannt: Die Pose. Die Verwandten und Freunde, ja selbst der Kutscher ihres vterlichen Hauses sprachen mit Handbewegungen, wie Schauspieler in ihren Rollen. Das hatten sie von ihrem Vater gelernt. Dessen ganzes Leben ein groer Faltenwurf war. Hinter dem steckte nichts als Jagd und Rausch und etwas Verwesung. Aber ihre Mutter war trge. Sie hatte nie den Mann gefunden, den sie lieben konnte. Das wre auch nicht so ntig gewesen, nur htte sie sich Zeit nehmen sollen, ihn zu suchen. Denn nur dann htte sie sich entwickeln knnen. Aber sie zerschnitt sich alle Mglichkeit weiterzukommen, indem sie in frher Jugend einen Mann heiratete, der vielleicht ein Heiliger geworden wre, wenn sie ihn unter Menschen gelassen htte. Denn er liebte die Welt mit der zarten, naiven Freude junger Knaben, die an einem Frhlingstag ein blhendes Tal durchstreifen. Aber sie hielt ihn als Eigentum, wie ihr Vater Pferde und Bediente gehalten hatte. Sie sperrte ihn ein in Rume, die von ihren Atemzgen bersttigt waren. Da seine weiche Menschlichkeit zur Seite treten mute und sein surenscharfer Verstand allein ihn beherrschte. Er rechnete Tage und Monate und Jahre. Als seine groe Erfindung fast fertig war, starb er. Aber noch eine Stunde vor seinem Tod erzhlte er das Mrchen vom Schneewittchen. Denn er hatte immer Knigstchter geliebt, die eigentlich kleine Mdchen waren und in rote pfel bissen. Die ein bichen Puppentheater an sich hatten. Ruth hatte Vater gegenber ein schlechtes Gewissen. Weil Mutter alles war, weil Mutters groe, vielgliedrige Hnde auf ihren Augen gelegen waren, wenn sie zu Vaters Schreibtisch sehen wollte. Als sie noch ganz klein war, hatte er sie einmal in eine Konditorei gefhrt. Es war ein schneidend kalter Wintertag und ein elendes Geschftchen in der Vorstadt. Dort kaufte er Bonbons, einen groen Sack voll groer, dicker, gelber, malziger Bonbons. Und gab sie ihr mit dem vergessen gtigen Lcheln, mit dem Christus das Brot an die Zehntausenden verteilt. Da wurde sie traurig. Am Abend sa er an seinem Schreibtisch und Mutter schalt mit der Kchin. Ruth ging in das dunkle Vorzimmer, steckte den Kopf in seinen Winterrock und kte, kte das weiche, kalte Tuch. Spter sagte Richard: -- Gib mir davon. -- Sie hielt den Sack fest zu. -- Du bist geizig, sagte Richard. -- Gib! -- Sie prete den Sack an sich. Da schlug er sie. Sie weinte. Er zerri das Papier. Aber sie kmpfte um jedes einzelne Bonbon. Und legte alle unter ihren Kopfpolster. So war Vater. Aber Richard konnte das nie verstehen. Und sie hatte viel Respekt vor Richard. Fast noch mehr als vor Mutter. Am Abend sagte Mutter: -- Warum bist du noch nicht angezogen. In einer Stunde mssen wir im Theater sein. Ruth dachte an den Kleiderkasten. An den dunklen Duft, der aus ihm herausstrmen soll. Und sie empfindet das dunkle Band, das von weither kommt und sich um alle ihre Glieder legt, schmiegt, sich einschneidet in die furchtsame Haut. Und sie wei, wenn sie das blaue Seidenkleid anzieht, ist sie morgen wieder bei ihm. -- Ich gehe nicht ins Theater, antwortete sie. Und blieb allein in der Wohnung. Da geht sie aus, sich zu suchen. Sie schleicht, sie kriecht fast durch die Zimmer. Sie betastet die Sthle mit den verbogenen Fen, die berflssigen Vasen, den Samt der Vorhnge. berall war Mutter. Und noch Richards Bcher. Und ein paar gestopfte Handschuhe von Martha. Aber Ruth war nirgends. Da berfiel sie eine Qual, die sie zu Boden schlug, sich wie ein Strick um ihren Hals legte und wrgte ... Mutter kam von Lohengrin und war entzckt, wie immer. Sie liebte derbe Romantik und laute Musik. Dann sang sie den Hochzeitsmarsch mit ihrer krftigen Stimme. Ruth sah sie an wie eine Fremde. Richard war zufrieden, wie nach einer gut berstandenen Prfung. Und Martha jammerte, da ihr Schal ein Loch bekommen hatte. Ruth war nur ganz verwundert. Aber dann setzte sie sich auf Mutters Bett, tief hinein. Sie starrte in das schlferige Wei des Linnens und wnschte sich klein zu sein und Fieber zu haben. Mutter sagte: -- Aber jetzt geh schlafen. Und warum bist du heute so bla? Was hast du denn? Geh nur schlafen und gib mir noch vorher meinen Roman. Richard meinte ghnend: -- Mchte nur wissen, warum du deinen Sitz hast verfallen lassen. So was Dummes. Ruth wute nur: -- Wenn ich den Kasten aufmachen mu, werde ich wahnsinnig. Da ist ein Abgrund drinnen, der strzt ber mich, der erdrckt mich durch seine Leere. Und dann wissen sie alles. Oh, die Schande. Dann bin ich ausgezogen. Nackt vor allen. Auf der Strae. Mein Krper ist voll eiternder Wunden, oh, die Schande. Der liebe, lichte Kirschholzkasten stand glatt in ihrem dunklen Zimmer. Nach zwei Tagen sagte das Stubenmdchen: -- Wenn Frulein Ruth nicht den Kasten aufmachen, kann ich den grauen Mantel nicht zum Putzen tragen. Die Schande. Und Mutter sagte: -- Wenn du den Schlssel verloren hast, lasse ich den Schlosser holen. Die Schande. Sie weinte heraus: -- Ich will nicht. -- Ich glaube wirklich, du bist krank, meinte Mutter. Aber Richard rief aus dem Nebenzimmer: -- Geh, mach dich nur nicht interessant. Oh, die entsetzliche Schande. Und sie wird sich zwingen lassen. Was tut sie nur den ganzen Tag. Sie geht herum und erklrt es ihm, ihm, zu dem sie nie mehr kommen wird. Sie macht ihm alles begreiflich, er versteht es, er wei es, er wei ja alles. Wie kommt es nur, da er ihr so hnlich ist. Oder sie ihm -- Sie nimmt zum zehntenmal ein neues Staubtuch und wischt alle Mbel ihres Zimmers ab. Damit sein Duft doch endlich weggehe. Und wscht sich dann die Hnde mit kochend heiem Wasser. Am nchsten Abend sagte die Mutter: -- Wenn du dir morgen nicht ein anderes Kleid anziehst und den Kasten aufsperrst, so hol ich den Schlosser. Also berleg es dir. Ruth stand an ihrem Fenster und sah in die schmutziglaue Sommernacht hinunter und fhlte: Warum kann Mutter, die den Lohengrin so gern hat, die so nobel ist, wenn Gste kommen, so zu mir sein? Warum stehe ich hier und schau auf eine staubige Strae, wo doch drauen die vielen Felder sind mit den endlosen Schienen -- in die Ferne gleiten -- und warum -- -- Ich mu jetzt Bett machen, sagte das Stubenmdchen und zndete das grelle elektrische Licht an. Ruth sah auf sie. Auf ihre krftigen Arme, die fast aus der Bluse quollen, ihre bermtig starken Hften, ihre brennend heien Wangen. -- Hren sie, Agnes, sagte sie heiser und ging ganz nahe zu ihr ... Sie waren jetzt unten, da beim Haustor und er war dabei, o bitte, sagen Sie nicht nein, ich habe Sie ja gesehen ... Nein, Sie mssen nicht schreien, aber sagen Sie mir doch bitte, war es der selbe, mit dem ich Ihnen begegnet bin, damals, Sie wissen schon, wie ich im Konzert war, aber so sagen Sie doch. -- Nein, sagte Agnes, mehr verblfft als verlegen. -- Aber eines, Agnes, mssen Sie mir noch sagen. War es schn, unten jetzt, meine ich, war das schn -- Oh Gott, sagte Agnes, nein, das ist nichts fr Sie, Frulein. -- Hren Sie, Agnes, und Ruth kmpfte mit ihrem Atem, Sie haben so starke Arme. Agnes, liebe Agnes, ich habe meinen Kastenschlssel verloren. Mama ist sehr bse. Nehmen Sie das Kchenmesser, das groe, und machen Sie mir den Kasten auf, nicht wahr, Sie tun es. Aber leise, ich geh einstweilen in das Speisezimmer. Und kein Wort davon, Agnes, Sie verstehen. Die Kleider hngen Sie ber Nacht ins Vorzimmer, aber es darf niemand davon wissen, und zeitlich frh wieder herein, o ja, Agnes, Sie verstehen, sie tun es gleich -- -- Ich verstehe schon, Frulein Ruth, sagte Agnes mit bldem Lachen. Die Mutter Ich liebe Mutter, dachte Ruth. Kein Mensch wei, wie gro sie ist und stolz. Es ist schade, da das niemand wei. Aber ich kann es ja auch nicht vertragen, da sie die Tren zuwirft und durch die Zimmer luft. Da sie mit dem Mdchen schreit. Sie flchtete in Grten. In kleine, engbrstige Vorstadtgrten mit zerrauften Bschen und wackligen Bnken. Mit groen Sandhaufen voll schmutziger Kinder. Sie ging hin, weil sie dort noch niemals, niemals gewesen war. Und sa brutheie Sommernachmittage durch und versuchte nur an Mutter zu denken und ihn zu vergessen. Denn noch immer verfolgte sie sein Blick wie ein dunkles Band, das so weich war, wie das Innere seiner Hand, so da man nichts wnscht, als sich hineinlegen zu knnen und nichts mehr wei von Steinen und Bergen. Wie im Sand vor dem Meer. Als sie einmal so sa, den Kopf in den Hnden, mitten unter Proletarierfrauen und Ladenmdchen, setzte sich jemand ganz nahe neben sie. Sie fhlte nur immer den Blick, das Band, wie es sich um ihre Stirne legte und alle Nerven, den Rcken hinunter strich. Jemand sagte zu ihr: -- Frulein, gestatten, da ich mich zu Ihnen setze. Neben ihr war ein Commis voyageur mit aufgewirbelten Schnurrbartspitzchen und rot geblmter Krawatte. Noch empfand sie den weichen Abgrund, der zu tief war, um zu duften und sah sich doch hier unter kleinen Leuten, im kleinen tglichen Leben, rundherum der graue Spielsand. Sie lachte ihrem Nachbarn ins Gesicht, laut und pltzlich, da er zurckfuhr. Dann ging sie. Hinter ihr schimpften die Proletarierfrauen. Sie mute immer von zuhause weggehen. Denn, wenn sie zuhause war, liebte sie Mutter nicht und das war doch schon ganz unmglich. Mutter sagte zu Richard: -- Man sollte doch sehen, wo das Kind sich herumtreibt. Sonst dachte sie nicht weiter an Ruth. Nur in der Nacht wachte sie manchmal auf und wurde unruhig. Sie meinte, das kme von ihren angegriffenen Nerven und nahm Schlafpulver. Da etwas ihr Fremdes in Ruth vorging, wute sie. Soweit sie berhaupt wissen konnte, was sie nicht wissen wollte. Und sie wollte nichts wissen, was sie nicht seit ihrem zwlften Jahr kannte und besa. Das beleidigte sie schon durch seine bloe Existenz. Fr sie war Ruth das Kind. Das etwas vertrumte Kind, das sie unbedingt liebte, weil es ihr Kind war, das sie bemitleidete, weil es das Kind ihres Mannes war. Und das sie deshalb schtzen zu mssen glaubte. Solange Ruth klein war, sagte sie mit Stolz zu allen Verwandten: -- Das Kind wird ganz wie ich. Und Ruth war fast ebenso angesehen im Hause wie Richard. Aber mit zehn Jahren enttuschte sie ihre Mutter zum erstenmal. Von da an immer wieder. Sie ging mit Mutter an einem nakalten Novembertag durch die Stadt, Einkufe machen. Sie war traurig, weil alle Leute in den Geschften unfreundlich waren, die Herren dicke Trpfchen im Bart hatten und die Damen in zu kleinen Schuhen gingen, die sicher weh taten. Weil sie eine erfrorene Nase hatte und einen hlichen Hut. Deshalb dachte sie an ein Schlo im Hochsommer und zerbrach sich den Kopf, wie sie dort Rosenstrucher und Marmorbrunnen verteilen sollte. Da kam ein Bettler. Er war so wie alle anderen Bettler auf der Welt. Die selbe verkrppelte Demut, die Geschfte macht und ihre Krcken schwingt. Schamloses Elend. Mutter sagte: -- Gib ihm zwei Kreuzer. -- Nein, erwiderte das Kind, ich mag nicht. -- Was, rief die Mutter entsetzt, warum? Oh, du bist schlecht. -- Ja, sagte sie, ich bin nicht gut, ich kann alle Bettler nicht leiden. Damals war Mutter sehr bse. Und Ruth sagte zuhause: -- Wenn ich alle Bettler wirklich gern htte, mten sie zu mir kommen, aber ganz. Und ich mchte ihnen nie Kreuzer schenken, aber ich mag sie gar nicht. -- Da schlug Mutter sie und Richard und Martha waren voll Verachtung. Denn man mute gut sein zuhause. Das war wie ein Dogma. Richard schenkte jedem Bettler etwas und Martha nhte Puppenkleider fr Armeleutekinder. Als Ruth zwlf Jahre alt war, sagte sie lchelnd zu ihren Freundinnen: -- Natrlich sind wir Juden, aber schon lang getauft, doch das macht nichts aus. Als sie vierzehn Jahre alt war, erklrte sie: -- Unsere Mbel sind hlich. -- Ich lge oft, nicht gern aber doch oft. -- Wenn ich ganz arm wre, wrde ich sicher einbrechen. Da wute man in der Familie: das Kind ist dumm. Man mu sie zum Schweigen bringen, sonst macht es nichts. Und Ruth glaubte, da sie dumm sei. Nur krnkte es sie gar nicht. Sie konnte einfach nie auf die Idee kommen, anders sein zu wollen, als sie war. Hchstens, da sie sich wnschte, strhnenglatte blonde Haare zu haben und eine griechische Nase. Hier aber war die erste groe Spaltung zwischen ihr und Mutter. Denn Mutter fhlte zu genau, wie sehr Ruth ihr Kind war, um diese Aufrichtigkeit zu gestatten. Sie empfand es als eine Verletzung. Ruth sagte einmal auf jemanden: Den liebe ich, den mchte ich auf der Stelle heiraten. Ich glaube wirklich, ich knnte mich wahnsinnig in ihn verlieben. -- Aber schmst du dich nicht, rief die Mutter. Mutter schmte sich immer. Weil sie einen so unmigen Stolz in sich trug. Was dieser Stolz wollte, wute sie eigentlich selbst nicht, er hatte etwas sinn- und zweckloses. Er erinnerte an die hohen Zimmer, die man in den Achtzigerjahren baute, deren Gre etwas Leeres und Zugiges an sich hat. Und die nie auszufllen sind, weil die Kostbarkeiten, nach denen sie verlangen, gar nicht aufgetrieben werden knnen. Das, was Mutter wollte, existierte nicht. Und deshalb war sie arm geblieben in der Flle ihrer zgellos reichen Empfindungen. Wenn Ruth in der Nacht sich im Bett aufrichtete und sie war pltzlich ganz wer anderer als am Tage, so da sie ihre eigenen Bewegungen mit sem Mitleid und verborgener Zrtlichkeit beobachtete, dann war es genau so, wie wenn sie Mutter beim Schreibtisch sitzen sah, mit einer Unzahl Rechnungen, bei denen sie sich fortwhrend irrte und die sie doch so genau nahm. Oder wie wenn sie einem nackten Sugling zuschaute, wie er sinnlos mit den winzigen Fen in die Luft strampelt. Mutters Reserve der Menschheit gegenber war nur etwas rein gedankliches, uerlich war sie allen vollkommen ausgeliefert. Ihre Haare steckten immer schief. Der Mund war zu voll. Die Unterlippe hing herunter. Das war aber nicht notwendig. Es war nur, weil Mutter eben so gar nicht verstand, in den Spiegel zu schauen. Ihre dunkelsehnigen Arme htten Erdarbeit leisten sollen. Ihr krftiger Krper brauchte Bergluft. So da er fast hinfllig scheinen konnte in den Zimmern der Grostadt. Mutter hatte sich nicht erziehen knnen und deshalb ihre eigenen Kinder nicht, weil die ihr zu hnlich waren. Aber sie hatte einen jngeren Bruder, der weich und bildsamer war als Lehm. Er war Musiker, er war Dichter, er war Maler. Und endigte als Zeichenlehrer in einer Mittelschule. Sie hatte ihm zu viel geholfen. Ihre eigenen Talente hatte Mutter verschleudert. In ihrer Jugend war sie die wildeste Tnzerin der Stadt. Und trug doch immer abgetretene Schuhe. Onkel Gustav wuchsen die Haare zu lang in den Nacken. Nur ein ganz klein wenig, so da man es bei anderen Menschen gar nicht bemerkt htte. Aber bei ihm schien es viel zu viel zu sein. Er wurde in der Familie verlacht und als Narr behandelt. Und lchelte dann demtig. Ruth ging an ihm vorbei. Sie konnte Bettler nicht leiden. Mutters Kommode war das interessanteste Stck im ganzen Haus. Zweimal im Jahr wurde sie groß« aufgerumt. Kein Mensch durfte ins Zimmer kommen, nur Gustav und Ruth waren zur Hilfe kommandiert. Weil Gustav so schn die einzelnen Pckchen einwickeln und mit Spagat zusammenbinden konnte. Und weil Ruth es lieber tat, als ins Theater gehen. Der dumpfe Lawendelgeruch erweckte in ihr eine mde Erinnerung an Geheimnisse, die sie einmal gekannt hatte, aber nun nie und nimmermehr erfahren durfte. An einem langweiligen Sonntagnachmittag mit Regentropfen rief die Mutter Gustav und Ruth zum groen Aufrumen. Ruth kam widerwillig, sie hatte sich stumpf geschlafen und eine fade Sattheit klebte in ihren Haaren, die heute gar nicht unternehmungslustig um die Stirne herumstanden, sondern schlfrig nach hinten lagen. Als Mutter die groen Schubladen aufzog, mit ihren zu hastigen, etwas blinden Bewegungen, bekam Ruth einen dumpfen Druck in den Kopf von starkem Lawendelgeruch und wie im Zorn sagte sie: -- Alt. Gustav sah verwundert auf. Er hatte die Hemdrmeln aufgestreift und seine kleine, gedrungene Gestalt, die gerne dick sein wollte, aber nie dazu kam, weil er ja immer hungerte, war auf dem Sprung, Mutters Wnsche zu erfllen. Er knpfte alle die braunen, grauen, gelben, weien Pckchen auf und schichtete ihren Inhalt sorgfltig auf dem Boden hin. Ruth rhrte sich nicht und sagte pltzlich zu Mutter: -- Ich mchte Seidenpapier kaufen, weies und einfrbige Bnder. Nicht so in irgend ein Papier und Spagat. -- Was fllt dir ein, das wre viel zu teuer. -- Ruth verstand das nicht. Sie legte sich auf einen Teppich und whlte wie sonst in alten Photographien hochschpfiger Damen und befrackter Herren mit Zylindern. In Wickelkindbildern, wo alle immer in der gleichen Weise auf dem Bauche liegen. Es langweilte sie. Gustav pfiff. Er pfiff wunderschn. Ruth durchstberte Briefe, die wie gestochen aussahen auf vergilbtem Papier. Sie suchte etwas. Sie suchte etwas, um aus der grlichen Leere des Sonntagnachmittags herauszukommen. Und weil es doch ganz und gar unmglich war, da die geliebte, geheimnisvolle Kommode nichts anderes barg als dieses de Zeug. Nein, bestimmt nicht. Nicht einmal die Schferinnenspieluhr kam ihr sehenswert vor oder das Stammbuch der Urgromutter. Mutter zeigte ihnen einen Liebesbrief, den sie bekommen hatte, als sie sechzehn Jahre alt war. Es war der Brief eines berspannten Gymnasiasten und schlo mit Selbstmordgedanken. Mutter war sehr stolz darauf. Aber Ruth fand ihn so berflssig aufzuheben, wie Grovaters Brautbriefe an Gromutter. Sie wurde zornig. Und sie bekam Angst. Denn da war noch mehr in dieser Kommode. Mutter log. Sie, Ruth, wute es. Da drinnen lag ein zerbrochenes Schicksal, ein Ruin, ein Kampf gegen den Irrsinn. Mit dunklen Blicken sah Ruth auf den grauen Scheitel der Mutter, wie sie eben vor ihr kniete. Sie fhlte ein kaltes, entsetzliches Alter in ihren jungen Hnden, das alles wute, das man nicht mehr tuschen konnte. Und ihr Mund war greisenhaft erbittert. Mutter staubte soeben eine graue Pappschachtel ab, die mit einem goldenen Bndchen zusammengebunden war, als das Dienstmdchen sie rief. -- Das la stehen, sagte sie zu Ruth und ging hinaus. Ruth warf sich auf die Schachtel. Gustav kehrte ihr den Rcken zu. Sie streifte das Band los, schob den Deckel weg, seine Schrift -- und der groe Schnrkel bei Liebe. Eine dunkle Tr tat sich auf. Sie bekam einen brennenden Schlag auf die Hand. Und da wurde es licht, schreiend licht, grell, schmerzhaft ... Mutter schrie etwas, das sie nicht verstehen konnte. Und nahm die Briefe und ging hinaus, wutentstellt. -- Onkel Gustav, sagte Ruth ruhig und ernst und totenbla. Von wem waren diese Briefe? Gustav zitterte am ganzen Leib: -- Warum machst du solche Sachen, wenn Mutter es verbietet. Von wem die Briefe sind. Ich wei es wirklich nicht, wirklich nicht. -- Onkel Gustav, wiederholte Ruth und trat ganz nahe zu ihm hin. Du weit das alles. Aber wenn du es nicht sagen willst, wenn du dich nicht traust, so werde ich es sagen: in diesen Menschen war Mutter verliebt. Ihre Stimme klang wie hhnende Beleidigung in dem dmmernden Zimmer. Die Worte fielen abgehackt in das Dunkle und Mutters Rechenbcher lagen auf dem Schreibtisch im hintersten Winkel. -- Danach habe ich dich nicht fragen wollen. Aber eines mut du mir sagen, wann war es, du? -- und sie kniete neben ihm und krallte die Finger ein in seinen willenlosen Arm -- wann? war ich damals schon gro, wie alt, ein kleines Kind? sag, du mut! -- Du warst ganz klein, eben zur Welt gekommen. Ruth sah vor sich einen Horizont, der in gerader Richtung in die Hhe steigt. Wo es nicht rechts gibt, nicht links, nur das Oben. Und das Oben, der Blick, das Band, das glatte, weiche Band. -- Weiter, sagte sie hart -- und frher? -- Er sagte dein Schicksal voraus aus den Sternen, erzhlte Gustav, der ins Schwtzen kam, -- als Mutter dich erwartete. Deshalb ist er auch so viel zu euch gekommen. Ruth empfand in sich eine graue, steinschwere Halle, die sich selbst erdrcken wollte und nur getragen wurde durch ihre entsetzliche, hohe Leere. Wo verschnrkelte Sthle an den Wnden standen, ganz vereinzelt und wo etwas von ihr war, ein Hauch, ehe sie selbst noch war, und wo er war, voll und ganz, nur da man ihn nicht sehen konnte. Diese Halle, die sie aus den frhen, angstvollen Dmmerstunden kannte. -- Wann ging er weg, fragte sie kurz. -- Bald darauf. Er nahm ein Teil von der Erfindung deines Vaters und verwendete sie fr seine Zwecke. Er hat viel damit erreicht. Aber natrlich wollte ihn dein Vater nicht mehr sehen. Er ist brigens von selbst nicht gekommen und -- -- Schweig, unterbrach sie ihn. Sie fhlte sich umgeben von lauter schwarzen, weichen Bndern und Spagatschnren, die alle ineinander bergingen. Fesseln, Fesseln. Und aus ungeheurer Tiefe heraus quillt dunkel empor eine formlose Masse. Die sie nicht modeln darf. Sie ist machtlos. -- Ruth, bat Gustav erschrocken, wenn Mutter davon erfhrt. Nein, das tust du mir nicht an. Nicht wahr, gewi nicht. berdies, das was du von verliebt sagst, ist natrlich dummes Zeug. Mutter war sehr gekrnkt. Er war doch ein Freund von ihr. Auch von deinem Vater. Und er war jnger als sie. Und berhaupt, deine Mutter war nie verliebt, berhaupt nicht. Wie du nur so etwas sagen kannst. Du bist wirklich ein Fratz -- -- Und du ein Esel. -- Glhende Zornestrnen standen in ihren Augen. Sie trat an das Fenster. Unten wurden die ersten Gaslaternen angezndet. Sie sthnte: was kann ich Mutter geben, was kann ich ihr schenken, alles schenken, meiner lieben, armen Mutter, Mutter, Mutter -- Zum Abendessen kam Mutter mit verweinten Augen. Ruths Hnde wurden eiskalt. Und eine harte Wut berkam sie. Sie hate alle Weinenden. Nie konnte Mutter ihr das zeigen. Nein, pfui, das war eine Schande, nein. -- Was hast du Mutter wieder gergert, zankte Richard ber den Tisch hinber. -- O nichts, erwiderte sie achselzuckend. Wenn Mama so empfindlich ist -- ich kann nichts dafr. Sie ging in den nchsten Tagen, in den nchsten Monaten an ihrer Mutter vorbei, ohne sie zu sehen. Aber in den Nchten erlebte sie alle ihre Schmerzen hundertfach wieder. Sie verga die eigene Sehnsucht vor der Sehnsucht, an der Mutter litt, die eigenen Qualen vor Mutters Qualen und ihren groen Zorn vor Mutters unsglichem Schmerz, der ja so nicht zum Ausdenken furchtbar sein mute, weil er nicht wagte sich zu erkennen, sich einzugestehen, weil Mutter tglich ber den Rechenbchern sa und die Liebe zu ihren Kindern fr ihren einzig wrdigen Lebenstrieb erklrte. Und der doch so an der Oberflche war, da Mutter es sie sehen lie, als sie weinte. Nein, deshalb mute sie Mutter bei Tag ausweichen. Und wieder in die kleinen Vorstadtgrten fliehen. Zuhause aber wurde sie unertrglich. Als Mutter einmal einem Gast bei Tisch eine glnzende Schilderung Grovaters gab, der ein Kavalier war vom Scheitel bis zur Sohle, nur von Geld habe er freilich wenig verstanden, warf Ruth ein: -- er mu ein roher, betrunkener Mensch gewesen sein. Da er seine Bedienten geprgelt hat, finde ich ekelhaft und ich rgere mich noch heute darber, da er das ganze Vermgen verspielt hat. Es ist doch grlich unintelligent, wenn einem fremde Pferde mehr wert sind als die eigenen Kinder. Und Ruth sagte, wenn Mutter Hexenglauben und Wahrsagerwesen als Schwindel und Unsinn verdammte: -- Ich glaube bestimmt an alles bernatrliche -- obwohl sie berhaupt nichts glaubte und ihr Leben nahm, wie der Tag es hinstreute, mit einem Grauen, das zu tief war, um ber sich selber nachzudenken. Und Ruth sagte: -- Ich gehe in die Kirche, nicht weil ich mu, sondern damit die Leute sehen, da wir auch Christen sind. -- Dabei ging sie berhaupt nie zur Kirche. In diesen Tagen konnte sie nichts essen als altes Brot und harte, unzerbeibare Dinge, an denen sie sich die Kiefer wund ri. Ein fortwhrendes belsein drckte ihr den Magen leer. Und die groe Bosheit, die in ihr war, wrgte die Kehle, zerfra die Haut und zehrte an den braunen Kinderhnden. Sie wute nicht, ob diese Bosheit etwas ihr eigenes war. Oder ob sie sie mitgebracht hatte aus dem Zimmer mit der braunen Holztr. Oder ob es die Bosheit des Schicksals war, das sie zwang, Sprachrohr zu sein fr ein unterdrcktes Leben, unterdrckte Sehnsucht und unterdrckte Kraft. Nur Sprachrohr oder war noch etwas in ihr, das ihr die Augen offen hielt mit groen, weichen, weien Hnden. Da sie nicht einmal blinzeln konnte und nur die heien Trnen brennen fhlte. Sie lie von dem mden Druck der Sptsommernchte den Kopf in ihr kleines Kissen pressen. Und sie bohrte das Gesicht hinein, um nicht denken zu mssen. Sie sehnte sich malos nach einer Bonne, die sie als dreijhriges Kind gepflegt hatte und tglich vor dem Einschlafen an ihrem Bett gesessen war. Wenn die wieder hier sein knnte, wre alles besser. Sie wute nicht mehr, wie das Mdchen ausgesehen hatte, aber sie erinnerte sich an eine khle, behutsame Hand und weie Mullgardinen vor dem Fenster. Wenn sie aber Mutters Stimme aus dem Nebenzimmer hrte, sagte sie halblaut in das heigehauchte Kissen hinein: er ist ein Schuft -- ich liebe ihn -- er hat Vater bestohlen -- ich liebe ihn -- er hat uns gemordet -- ich liebe ihn -- er hat unsere Zimmer trb und drckend gemacht und unser Leben mitrauisch und eng -- ich liebe ihn -- er sucht das Bse, weil das Licht ihn verlassen hat -- ich liebe ihn -- ich habe ihn immer geliebt -- ich liebe -- So das Sprachrohr. Und unter dem Bett lag, staubdick geschichtet, wehrlose Wut. Onkel Gustav Onkel Gustav war klein. Er war nur ein ganz wenig kleiner als die andern und doch glaubte er, an ihnen hinaufsehen zu mssen. Er spielte Geige. Um ein klein wenig schlechter, als man spielen mu, um ein helles Leben zu haben. Er malte. Und es htte nur eines Funkens Kraft, eines Futritts Persnlichkeit bedurft und er wre ein groer Knstler geworden. So war er klein, sogar sehr klein. Ein Sprung und er htte den Gipfel erreicht. Zu diesem Sprung kam er nie. Und so blieb er hoch oben hngen, ber dem Abgrund. Und die von unten lachten ihn aus. Als Onkel Gustav drei Jahre alt war, waren es seine Zartheit, seine rhrend fragende Stimme, seine samtenen, etwas zu groen Augen, die seine trge Mutter das erstemal in ihrem Leben lebendig machten. Sein Vater behandelte ihn wie einen berempfindlichen Rassehund. Die Mutter liebte seine glnzenden Locken. Und die groe Schwester strzte sich auf ihn in zgelloser Leidenschaft. Die vielleicht nicht ganz ihm galt, sondern auch der Freude zu herrschen, herrschen zu drfen ber einen andern, whrend ihre fordernden Finger sich krmmten unter der Zuchtrute des vterlichen Hauses. Onkel Gustavs zarte, etwas brunliche Haut hatte einen leicht verwelkten Geruch an sich. Der angenehm war, wie der Duft ermdeter Rosen. Und lhmte. Vor dem Hause seiner Kindheit war ein tropisch ppiger Garten gewesen. Und alles wurde verspielt. Gustav wute nie, was wirklich um ihn vorging. Das teilte er mit der Schwester. Sein Zuhause war ein Knigschlo, Vater der Knig, Mutter die Knigin, ganz wie im Kindermrchen. Und die groe Schwester erklrte ihm die Welt. Die richtig gezeichnet war, nur mit zu langen Strichen. So da berall spitze Ecken waren und Anhngsel. Doch das konnte er nicht wissen. Er hatte eine runde Kopfform. Eine runde, etwas kindische Nase, runde Augen. Er geigte in weichen, abgerundeten Tnen, die nicht zu Ende kommen wollten. Mischte auf seinen Bildern mollige, runde Wolken ineinander und seine griechischen Vokabeln bissen eine in die andere, immer im Kreis. Im Gymnasium war er durchgefallen. Vater verachtete ihn. Mutter weinte. Die Schwester erklrte, er sei ein Knstler und die Prfer gehren gehenkt. Die Dienstboten verspotteten ihn. Seine Kameraden gingen mit ihm um wie mit einem verwachsenen Kind. Aber er hatte einen Freund, der gro und stark war, etwas zu klug und ganz gemein blond. Der studierte ihn genau. Bis er mit derselben nachlssigen Gebrde die Schulbcher ber den Tisch warf, die Haare, genau wie er, etwas zu lang in den Nacken trug und eine ebenso tolle Zusammensetzung franzsischer Gassenhauer pfeifen konnte. Dann verlie er ihn. Er galt fr sehr interessant. Und kam bei allen Prfungen durch. Alte Damen hatten ein unverschmtes Bedrfnis, sich Gustavs anzunehmen. Der Kondukteur der Straenbahn behandelte ihn mitleidig lchelnd, weil er ihm zu viel Trinkgeld gab. Aber alle Hunde hatten ihn gern. Weil er nicht besser sein wollte als sie. Er liebkoste sie wie eine fremde, seltsame Sache, der man nicht zu nahe gehen drfe, er respektierte sie. Als er sehr klein war, sagte er den groen Jagdhunden seines Vaters Sie. Spter sprach er nicht mehr mit den Hunden. Er wute, da sie ihn nicht verstanden. Aber er lebte mit ihnen und sie durften ihr eigenes Leben fhren. Was ihm versagt war. Das wute er nicht. Sie saen neben ihm beim Schreibtisch, wenn er schrieb, neben ihm, wenn er a, sie lagen neben seinem Bett. Sie hatten alle keine Namen. Aber seine Schwester gab ihnen englische Sportsnamen. Er konnte nichts dagegen machen. Junge Frauen liebten ihn pltzlich und strmisch. Ja, sie verehrten ihn sogar. Er sah in jeder eine Mutter Gottes. Und sie waren sein Stolz. Er hatte eine Schreibtischlade voll Liebesbriefen. Davon wute die Schwester nichts. Er hob das nicht auf aus Eitelkeit. Aber wenn er hungrig war und erfroren, nahm er sie vor und wurde warm und glcklich. Er lebte von dem Glauben der Frauen an ihn, der immer gar zu rasch verflogen war. Das wute er nicht. Als er achtzehn Jahre war, verliebte sich eine blonde, junge Wilde in ihn. Sein Vater wollte ihn gerade durch die Schule zwingen. Sie kam ins Haus und erklrte wutsprhend, er brauche keine Prfungen, er kme in die Fabrik ihres Vaters, er sei geboren, Massen zu lenken, so wie er unlngst mit dem Werkfhrer gesprochen ... Es gab Augenblicke in Gustavs Dasein, die wie rote Raketen emporstiegen, leuchtend, hoch. Und dieses falsche Feuer durfte sein Leben erwrmen. Denn er hatte ein glubiges Herz. So ein Augenblick war es, als sie, die blonde, junge Wilde vor seinem Vater stand. Sie war berflutet von einer weigelben Mrzsonne. Und drauen schmolz der Schnee. Sie schlug mit ihrer etwas zu groen Faust auf den Tisch, da die Glser klirrten und die dunklen Eichenmbel ganz verwundert schienen. Vater war auch ganz verwundert. Und er selbst war so glcklich, da er verga, um was es sich handelte. Dann war er drei Wochen verlobt. Lnger lie es die Schwester nicht zu. Denn sie wute ja, da er ein groer Knstler werden wrde. Und da glaubte er es auch. Die blonde, junge Wilde heiratete spter einen Ofenrhrenfabrikanten. Gustav konnte nicht ber die Strae gehen, ohne da sich ein blondes Mdel an seine Rocktaschen hing. Und er liebte sie alle. Nur wute er nicht, sollte er sich so benehmen, wie seine Freunde es taten oder sich der strengen Moral der Schwester fgen. Whrend er sich das berlegte, verschwand das blonde Mdel. Eine grobknochige Malerin hatte ihn in einer Ausstellung untergebracht, sechs Wochen lag er in ihrem Atelier herum, als ihr erklrter Liebling. Ihre Freundinnen stutzten seine zu langen Locken. Und ihre wilden Umarmungen standen wie riesige Raketen auf seinem Lebenshimmel. Dann holte ihn die Schwester. Die Malerin reiste nach Paris. Sein Zimmer wurde immer enger. Vater und Mutter waren tot. Das viele Geld fort. Er wute nie genau, wie es gekommen war. Er bastelte eine eigene Liegestatt fr seinen groen Terrier. Schrieb eine rechtsphilosophische Abhandlung, lernte indisch. Des Abends ging er zu seiner Schwester. Sie setzte ihm auseinander, er sei ein verfolgter Mrtyrer seiner Kunst. Sie schmiedete die schwierigsten Intriguen gegen seine Feinde, schickte ihn zu groen Herren betteln. Schrieb Gesuche fr ihn. Er empfand ihre Geschftigkeit angenehm um sich herumsplen, wie lauwarmes Wasser. Und steckte die Finger hinein und spielte drinnen mit den Zehen. Trank Limonade und hielt die Kinder auf seinem Scho. Nach jedem neuen Schicksalsentwurf, den sie machte, ging er lchelnd nachhause. Seine dunkle, schmutzige Strae beleuchteten grellrote, kalte Lichtfetzen. Und in seinem Zimmer waren Wanzen. -- Du mut nicht so ungeduldig sein, sagte er zu der Schwester, wenn sie klagte und in verzweifelt groen Schritten durch das Zimmer jagte, -- nein, schau, eigentlich sind wir -- er sagte immer wir -- stark im Hinaufsteigen begriffen. Die Exzellenz hat mir versprochen, ich bekomme die Violinstunden bei dem jungen Prinzen. Also, bin ich dort, dann ist alles fertig. Ich spiele im Salon vor. Lauter Frsten und solche Leute. Man arrangiert ein Wohlttigkeitskonzert. Ich bin dabei. Dann kann berhaupt niemand anderer fr die Dirigentenstelle in Betracht kommen. Setze ich dann erst meine Kompositionen durch -- du wirst schon sehen. berdies habe ich die grten Aussichten, da meine Feuilletons gedruckt werden. Ich habe zwar erst eines, aber die andern sind fertig im Kopf. Wart' nur, nchstens bring ich dir die Zeitung. Eines Abends kam er bleich vor Erregung: -- Ich bin an einem technischen Unternehmen beteiligt. Eine Riesensache. Ich darf es nicht nher sagen. Ich glaube, ich habe auch schon eine Erfindung gemacht. Aeroplan. Drei Monate spter hatte er sein letztes Geld verloren. Ein Zufall verschaffte ihm eine Stelle als Zeichenlehrer in einer Provinzstadt. Die Schwester war bse. Warum hatte er ihren Rat nicht befolgt, nicht das Gymnasium gemacht? Gustav kam in eine Welt, die aus Fabrikschloten bestand und holprigen Gassen. Grauem Nebel, einem grauen Haus, feucht riechenden Kleidern, kaltem Rauch. Er mute tglich eine halbe Stunde in der Frh in die Schule gehen. Mit zerrissenen Sohlen und fadem Kaffeegeschmack. Er ging durch eine gerade, lange Strae voll Schwerfuhrwerken mit fluchenden Kutschern, schrillen Schulkinderschreien, Papierfetzen. Er frchtete sich vor seinen Vorgesetzten, wie als Kind vor den Lehrern. Er konnte die Vorschriften so wenig erlernen, wie als Kind die Aufgaben. Er frchtete sich vor seinen Schlern, die ihn verachteten, weil er mit ihnen hflich war. In der Stadt hie es allgemein, er schreibe ein Drama. Ein ganz modernes, verrcktes. Er bekam vier Liebesbriefe von hheren Tchtern. Die er sorgfltig aufhob in der bewuten Lade. Die Tochter seiner Hausfrau liebte ihn. Sie war stark geschnrt und hatte Blumen auf dem Hut, die aussahen wie von Papier. Und sie brachte ihm tglich das Frhstck. Auch bat sie ihn, ihr Zeichnungen zu machen, nach Photographien gewesener Liebhaber. Was er geschickt und sorgfltig ausfhrte. Aber sie war nie ganz zufrieden. Er merkte es nicht. Aus der Bluse heraus guckte frbige Unterwsche. Eines Abends war er bei seinem Direktor eingeladen. Das Zimmer war zum Ersticken rauchig. Die Frau des Direktors hatte eine hart abgerundete Stimme. Sie sprach sehr laut. Und am meisten mit einem breitschultrigen Mathematikprofessor. Von Gustavs Anwesenheit schien sie berhaupt nichts zu bemerken. Gustav dachte: unangenehm, da sie so eine weie Haut hat. Wie ein frisch enthlltes Denkmal. Oder Stiegen, die einen schwindeln machen. Auch schaut sie nach allen Seiten auf einmal, als ob sie vierfach schielte. Wie sie wohl aussieht wenn sie schlft ... Und dann sehnte er sich nach seinem Terrier und dachte nach, ob der Ofen in seinem Zimmer schon ausgegangen sein wird, bis er nach Hause kommt. Als er fort ging und schlaftrunken ber die dunklen Stiegen taumelte, rief ihm die Direktorsfrau nach: -- Hallo, Sie, Herr Zeichenlehrer, oder wie Sie heien, vergessen Sie Ihren Hut nicht, da, gute Nacht! -- Er fhlte einen heftigen Schlag auf das Hinterhaupt und am nchsten Morgen eilte er sich, in die Schule zu kommen, vielleicht steht die Frau des Direktors beim Fenster, vielleicht geht sie gerade Einkufe machen ... vielleicht ... Er erzhlte den Jungen von der griechischen Kunst, da selbst die Dmmsten und Klotzigsten Augen und Ohren aufrissen. Er sprang ber das Reck im Turnsaal und kaufte seinem Hund eine Extrafleischportion. Er merkte nicht, da der Nebel ihm ins Zimmer kroch und der Ofen rauchte. Zu Weihnachten bat ihn der Direktor, seine Frau zu zeichnen. Er sa in einem warmen Zimmer, mit glatten, dunklen Mbeln und loderndem Kamin. Brand, raketenroter Brand. Vor dem Fenster der geradwegige Schulgarten, abgerundet im Schnee. Sie sa vor ihm mit einer Handarbeit, wei und berreif, wie eine se, tropische, wie eine ungekannte, ungeahnte Frucht. Das Zimmer roch nach Mandelblten. Und ihr Haar war schwarz und zu glatt nach hinten gelegt. -- Sehen Sie, sagte er, hier kann man zeichnen. Das ist doch was anderes als zuhause, immer kalt, und wenn ich meinen Hund nicht htte, -- es kam ihm vor, als ob er etwas Unpassendes gesagt htte, er wurde dunkelrot und machte einen Strich quer durch die ersten Umrisse ihres grozgigen Gesichtes. Sie sah ihn an, beobachtend, wie ein neues Mbelstck, ob es brauchbar wre. Und er dachte: nein, die hlt mich nicht fr gro, nein, die hebt mich nicht in den Himmel, sie traut mir gar nichts zu, rein gar nichts. Und sie hat recht. Einen Augenblick dachte er in glhendem Ha an seine Schwester. Und dann: Es ist alles eins. Aber ich zeichne sie jetzt nur einmal und dann nie mehr. Ich zeichne sie, wie sie ist, o so ganz, wie sie ist. Und aus dem grauweien Papier heraus wuchsen, Zug um Zug, unterdrckte Entbehrung und uneingestandene Wnsche. Der bleiche Widerschein ihres Krpers und Mandelduft. Das Gefngnisgitter ihres Kinderbettes und der Brief, mit dem sie die Werbung ihres Mannes beantwortet hatte. Gustav wute alles und er, der nur sein eigenes unechtes Bild gekannt hatte und die blonden Madonnen mit den Liebesbriefen, er sah ein Leben vor sich und wieder aufwachen und bluten unter seinen Hnden. -- Bring dem Herrn Professor eine Schale Tee, sagte sie zu ihrem kleinen Sohn, der etwas hervorstehende Augen hatte, wie sein Vater. Ihre Stimme war wie Schlge gegen das Hinterhaupt. Da war die Zeichnung fertig. Sie wurde rot, als sie sie sah. Und sagte nur Danke. Gustav ging. Er traf sie das nchstemal Anfang Mai in der Dmmerung auf dem Friedhof. Er ging gerne auf dem Friedhof spazieren mit seinem Hund. Er liebte Zypressen und fhlte sich so seltsam unbehelligt. Die Bltter dufteten nach dem Sich-schon-geffnet-haben. Die Erde auf den offenen Grbern war tiefschwarz. Sie kam ihm entgegen, schimmernd und licht, wie ein ganz weites und reiches hrenfeld in der Julisonne. Ein Schlag auf den Hinterkopf. Er kte ihre Hand, langsam und vorsichtig. Sie sah auf dem Weg vor sich dicke, runde Kieselsteine. Die hervorstehenden Augen ihres Mannes. Aber ringsum die Bltter waren grn und zart und jung und die Erde schwarz. Sie nahm seinen weichen, knabenhaft lockigen Kopf und kte ihn. Groe leuchtende Rakete. Und jeder ging seines Weges. Am andern Tag warf ihn seine Hausfrau hinaus. Er hatte nicht beachtet, da ihre Tochter ihm durch nunmehr schon zwei Wochen das Frhstck nicht brachte. Er war ein unanstndiger Mensch. Und der Hund machte alles schmutzig. Auch wollte ein anderer einziehen. In der Schule hatte er staatsfeindliche Reden gefhrt. Sein verrcktes Drama kam ewig nicht zum Vorschein. Er ging herum wie in berauschtem Schlaf, in einer andern Welt. Was ihm diese Welt nicht verzeihen konnte. Er war gar nicht so dumm, wie er aussah, zum mindesten machte er keine gengenden Dummheiten. Er zog ohne Recht die Aufmerksamkeit auf sich. Das war unverschmt. Er beantwortete einen Backfischbrief hflich und herzlich. Die Eltern fingen ihn auf. Die Emprung stieg. Er wurde hinausgeworfen. Als er seine kleine Stube rumte mit dem zu kleinen Eisenofen, der immer rauchte, weinte er. Er weinte, wie ein kleines Kind, hilflos und lange mit groen Trnen, bis sein Gesicht verschwollen war und sein Denken verdumpft. Und er schaute aus dem papierverklebten Fensterchen ber gleichgltige Dcher und Schornsteine in den grauen Nebel. Der das erste war, was er in seinem Leben frei und allein gesehen hatte. Denn hier war die Schwester nicht dabei gewesen. Und der fade Ru deckte nur eine weie ppige Blsse, ein unendliches hrenfeld weit, weit dahinter im Winde. Er konnte nicht atmen in den letzten Tagen. In seiner Kehle sa das Hierbleibenwollen. Er verteidigte sich gegen niemanden, er sprach mit niemandem, er hate niemanden, er sorgte nur fr das Essen seines Hundes. Er liebte jedes Schild den weiten Schulweg entlang. Die Buchstaben standen schwarz und steif auf dem nicht mehr weien Hintergrund. Es war unmglich abzureisen. Es war unmglich zu bleiben. Und er sah sie nicht mehr. Da traf er einen erwachsenen Schler auf der Strae, der ihn grte. Einen groen, etwas dummen Menschen mit treuen Bewegungen. Er sprach mit ihm. Und bat ihn, ihn zum Bahnhof zu begleiten. Er kaufte ein Billet. So mute er reisen. Und er sah sie nicht mehr. Er sa in der Bahn an einem nachtschwarzen Nachmittag, in dem stickigen Dritter-Klasse-Kupee, zusammengepfercht mit Fabriksarbeitern und wichtigen Kleinbrgern. Unten fror man entsetzlich in den Fen und oben fra sich schmieriger Zigarrenrauch ins Gesicht, der noch den Speichel aller der ungepflegten Mnder in sich hatte. Gustav fhlte sich hier wieder gro. Er wute, da alle die Leute um ihn herum nicht einmal ahnen konnten, welche Schmerzen er litt. Er fhlte sein Schicksal unbndig schwer und mchtig vorne auf den Schienen liegen. Die Lokomotive stapfte mit ihrem eisenharten Leib darber hin. Eine se Wollust betubte ihn. Sein Vater mute einmal eine sehr schne Frau geliebt haben. Und er schlief ein. Dann war er wieder ein kleiner, verschreckter Bettler, der zu seiner Schwester ging und sich von ihr auszanken lie mit harten Worten. Deren Ungerechtigkeit er wohl kannte. Und die er nicht beantwortete. Er verstand nicht, sich zu ernhren. Und auch nicht, zu verhungern. So lie er sich in die Mittelschule der Stadt hineinprotegieren und ging Mittwoch und Samstag zu seiner Schwester essen. Dort war er nicht mehr, als Mutters Bruder, ein hheres Wesen, sondern trotzdem er Mutters Bruder war, ein trauriger Narr. Man war gut mit ihm. Und Richard und Martha wurden sehr herablassend. Eines Tages, als er einige Heller mehr hatte als nichts, ging er an einer kleinen Ansichtskartenhandlung vorbei. Das ganze Fenster war voll grellfarbiger Gebirgslandschaften, schmachtender Mdchenkpfe, Blumenstcke, Liebesszenen. Er liebte Ansichtskarten. In seinem Zimmer hingen immer abwechselnd sechs Stck an der nackten Wand. Nicht mehr und nicht weniger. Mit Reingeln befestigt. Er ging in das Geschft und unterhandelte lang mit der kleinen, blonden Verkuferin. Dann kaufte er ein weies Kaninchen auf grasgrnem Hintergrund. Obwohl er selbst es hlich fand. Er kam wieder jede Woche, jeden Tag. Gisa, die kleine Verkuferin, hatte zu wenige und zu lichte Haare und dumme kleine Zhne, die bereinander lagen. Sie war nicht mehr ganz jung und doch kindlich zart. Sie liebte ihn und er fror alle Abende allein in seinem dunklen Zimmer. Er zeichnete Ansichtskarten fr das Geschft. Eines Abends, als sie ihm zusah, kte er sie auf die Stirne. Sie lehnte sich an ihn und sagte, sie seien verlobt und ihr huslicher Herd werde ein Paradies sein, wie keines in der Welt. Er war erstaunt und sehr glcklich. Sie waren lange verlobt. Sie verehrte seinen Geist und seine Kunst und plapperte ihm alles nach. Es kam drollig heraus, in ihrem Deutsch, das vom Dialekt nicht ganz zu reinigen war. Er war glcklich. Nur konnte er zornig werden, wenn ihr Bruder, ein Soldat, nach Wirtshaus roch und ihre Mutter wollene Strmpfe auf den Tisch legte, auf dem eine goldene Vase mit verwelkten Grsern stand. Dann schlug er auf den Tisch mit der Faust. Sie weinte hysterisch und zu laut. Sie htten sicher geheiratet, wenn er das Geheimnis ihrer Verlobung nicht doch zu zeitlich Mutter verraten htte. Sie zog ihn vor das Grab seines Vaters und beschwor ihn, seinen toten Eltern diese Schmach nicht anzutun. An sein vterliches Haus zu denken. An seine Erziehung. Er floh vor ihr. Sie lie nicht locker. Sie holte ihn von der Schule ab, sie lauerte des Abends auf ihn vor der Haustr. Es kam zu hlichen Szenen zwischen ihr und Gisa, wo er kaum die einzelnen Worte verstand und sich fragte, ob man denn so schreien knne, ohne betrunken zu sein. Und Mutter siegte. Mutter war die Strkere. Mutter war sehr stark. Er aber schrieb, als alles endgltig vorber war, seinen ersten und einzigen Brief an die Frau des Direktors. Er wollte ja nur wissen, ob sie lebe, ob sie gesund sei, ganz gewi gesund. Es war vielleicht ein wunderbarer Brief. Der nie beantwortet wurde. Das war vor einigen Jahren. Seither fhrte man Gustav nicht in das Zimmer, wenn Gste da waren. * * * * * Ruth ging an einem staubigen Sptsommerabend durch den groen, ffentlichen Park. Die Bltter hingen welk an den Bumen, zu kraftlos, um sich abzubrckeln. Und zogen alle Sfte nach unten. Whrend graue Dmmerung die Wipfel drckte. Auf den braungelben, eisernen Klappsesseln saen in langen Alleen Liebespaare. Die Sesselfrau humpelte zwischen ihnen herum und kontrollierte sie. Und jedes hatte ein Gegenber. Das sa schon dort seit Mai und nichts hatte sich gendert. Vom Kaffeehaus herber spielte die Kapelle Ouvertren und Operettenlieder. Eintnig und zu rasch. Alles war hier so langsam und mde. Runde, dunkle Holzreifen trennten den Rasen vom Weg. Aber der Kies lag verstreut noch weit im grauen Gras. Ruth dachte daran, da sie mglichst spt nach Hause kommen wollte. Da sie vergessen hatte, die Schuhe vom Schuster abzuholen. Da sie ihren neuen Koh-i-noor verloren hatte. Ihre Sohlen sprten, da sie bei jedem Schritt in dem zerwhlten Sand etwas hinter sich lieen, das dunkel war und weich und wenn man ganz hinsah, tief hinunterging. Abgrund. Und ein chemischer Geruch aus trbgelben Phiolen. Eine Beethovensonate, die gerade verklang und doch lebte, obwohl sie ohne Verstndnis gespielt worden war. -- Guten Abend, Onkel Gustav, sagte Ruth, tottraurig. -- Guten Abend, Ruth, bist du auch hier. -- Der groe Terrier prete sich dicht an seinen rechten Fu. Sie setzten sich in eine Allee, in die das gelbe Licht der Gaskandelaber nicht mehr dringen konnte. Ruth zeichnete mit der Fuspitze in dem bleichen Sand runde, dunkle Furchen. Sie sagte: -- Wei Gott, wer da heute schon ausgespuckt hat! Der Terrier bekam auch einen Stuhl und legte den Kopf auf Onkel Gustavs Schulter. Sie dachte, es sei doch langweilig hier zu sitzen mit Onkel Gustav und was wohl Richard dazu sagen mchte. Da sagte Onkel Gustav leise: -- Sie werden bse sein, wenn du zu spt zum Abendessen kommst. -- Ach was, jetzt bleib ich hier. Was mir schon daran liegt. -- Das solltest du nicht tun, Ruth, sagte Onkel Gustav mit sanfter, fast demtiger Stimme. -- Warum krnkst du Mutter in letzter Zeit so viel? Ruth rgerte sich rasend ber diese, seine Stimme. -- Was soll ich tun, sagte sie hart, mir alles gefallen lassen, so wie du? Onkel Gustav schwieg. Dann murmelte er: -- Du hast recht. Und dann wieder, nach einer Pause. -- Nimm dich in acht! Sie schmte sich fr ihre Worte. Und flsterte nur: -- Aber du. -- Ich, Ruth, -- und sie sprte sein Lcheln durch die Dunkelheit, da ihr war, als knne sie nie wieder froh werden. -- Nein, mit mir ist nichts mehr zu machen. Du mut jetzt nichts andres sagen, Ruth, nein wirklich nicht. Nicht heute. Vielleicht bei Tage, wenn wir uns auf der Strae treffen oder wenn ich bei euch bin und Richard ist unverschmt mit mir. Dann wei ich auch nicht, was ich jetzt wei, denn ich bin sehr schwach. -- Aber so rei dich doch los, schrie Ruth, da der Terrier erschrocken auffuhr. Die Gebsche hinter ihnen waren nher gekrochen. Legten sich ihnen fast auf den Rcken mit all der toten Hitze, die sie den Sommer durch verschluckt hatten. Ganz nahe. Und schwer. -- Du mut acht geben! wiederholte Onkel Gustav dumpf. Und ihr war, als she sie dicht neben sich, in einem alten verblichenen Spiegel, ihr eigenes Bild. Kaltes Grauen machte die Finger steif. -- Von mir darfst du nicht sprechen, fuhr er fort. Stell dir einen Wurzelbund vor, den die Erde ganz fest in sich hineingefressen hat. Nie mehr herausziehen. Manchmal glaub' ich, es gibt irgendwo um mich herum ein Fenster, wenn ich da durchsehen knnte, ich she alles richtig. Aber Mutter hat das nicht zugelassen. Ich mute alles durch ihr Fenster sehen. Das ist nicht aus reinem Glas. Deshalb haben meine Bilder auch etwas Verzeichnetes. Du mut achtgeben, Ruth! Wie du mir da entgegengekommen bist, ich bin erschrocken; du hast mir so hnlich geschaut, es war derselbe Rhythmus im Schritt, eigentlich kein Rhythmus. -- Onkel Gustav, ich habe dich sehr lieb. Es war ganz dunkel geworden. Und die nchsten Bume in der Allee standen wie wachende Ungeheuer, riesengro, verworren, unankmpfbar. -- Ich frchte mich, sagte Ruth in der entsetzlichen, toten Beklommenheit. Hier, vor allem. Aber noch mehr, wenn wir weggehen. Die Menschen drben im Kaffeehaus bei der Musik, sie sind nur dort so glatt und unschdlich. Wenn sie jetzt hieherkmen, sie wren wie die Ruber im Wald, Verbrecher -- Sie konnte ihn nicht mehr sehen. Und er sagte keuchend, kaum hrbar: -- Die Bltter faulen im Erdboden, damit die Wurzeln Nahrung bekommen. Die Tiere fressen einander auf. Und die Menschen, Ruth, sind alle Mrder. Aber unsere Nchsten -- hrst du, Ruth, hrst du, -- unsere Nchsten, das sind unsere nchsten Mrder. Doch das darfst du Mutter niemals sagen! Mittagessen Bevor man zu Tische ging, rckte Mutter alle Teller noch einmal zurecht und die Sthle mit den ledergepreten Lehnen. Dann stand alles schief. Ruth hate unaufgerumte Zimmer. Wie schmutziges Wasser, Ungeziefer, weggeworfene Zahnstocher. Ihr war jeden Morgen bel. Sie konnte nie das Frhstck essen. Immer empfand sie eine dumpfe Verantwortung in sich: mach' es gut, mach' es rein, mach' es hell. Aber der Widerwille ihrer braunen Kinderfinger, die sich weiche le wnschten, hinderte sie an jedem Handgriff. Wenn das Mdchen dann aufgerumt hatte, fand sie alles kalt, leer und fremd. Mutter sagte: -- Warum hilfst du nie mit? -- Sie gab mit ihren ungemessenen Bewegungen der Wohnung den letzten Anstrich, wie sie es nannte. Und dann -- nun dann stand eben alles schief. Aus den Dingen heraus kroch eine seltsame verborgene Unruhe. Alle Ecken wurden zu lang, Ruths Gestalt zu schmal, zu knochig in den hohen Rumen -- tastend und auch schon verzeichnet. Wie hatte Onkel Gustav gesagt: -- nimm dich in acht! Vor wem, vor Mutter -- vor Onkel Gustav -- dunklen Zimmern -- dmmernden Sptsommergrten -- vor ihrem eigenen flchtenden Spiegelbild -- vor wem? Was war geschehen? Mutter rckte heute die Teller zurecht. Die groe Speisezimmeruhr, mit ihrem lichtmetallisch harten Klang streckte den langen Zeiger auf fnf bis vier Minuten vor Eins. Also genau wie immer. Sie, Ruth, stand beim Fenster, die Zeitung in der Hand, die sie doch nie las -- genau wie immer. Kann man denn da gar nichts machen? Die breite, brgerlich grne Hngelampe zerschlagen, etwas in sie hineinwerfen. Am liebsten die eigene lebendige Faust. Oder die dummen Suppenlffel neben den geduldigen Suppentellern. Etwas machen, das hineinfhrt, wie ein Blitz, wie ein Schrecken, wie eine Erlsung in dieses Wie-immer. Und sie hatte es ja nie gewut. Sie sa dort an dem groen Familientisch, immer an demselben Platz. Viele Jahre hindurch. Und war klein und zart und viel zu jung -- ganz wie immer. Sie hatte es nie gewut. Als Kind hatte sie geweint in der Frhlingsdmmerung. Und sich geekelt, wenn Mutter beim Essen ber die schlechte Kchin gejammert hatte. Aber dann kam das groe, das einzige Gefhl. Noch lag der Druck der grauen Alltglichkeit tief in ihr eingegraben in weichem Grund. Aber hoch darber hinaus jauchzte eine selige Hingabe. Was sonst um sie vorging, lie sie ruhig, kostbar verantwortungslos ruhig. Ihr Leben war ein Rahmen geworden, der sich fest und unwillkrlich krampfhaft um das seine schlo, zrtlich, ohne nachdenken zu mssen, kostbar verantwortungslos. Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt? Die arbeitet und whlt, denkt, denkt, denkt. Aus mdem Halbdunkel herausgerissen, sieht sie alles mit lichtgepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. Hhnend scharfe, wilde Konturen, zu lange Ecken, zu runde Bogen -- Es ist ein Verbrechen begangen worden. Etwas Schlimmeres. Etwas noch nie Geschehenes. Ein Mensch hat sich verloren und sucht sich. Und wei es und denkt das durch, ganz durch ... Noch einmal ging Mutter um den Tisch und rckte die Teller zurecht und die ledergepreten Sthle. Und alles stand schief. Sie, Ruth, lehnte am Fenster. Sie wute es. Und wute, warum Onkel Gustav nichts weiter geworden war, als ein trauriger Narr. Wute, da sie selbst, wenn sie jetzt mithelfen wollte bei den Tellern, es genau so machen mte wie Mutter, so ungeschickt und doch selbstzufrieden. Da sie Mutters ungeduldige Nasenflgel hatte, Mutters dunkle Brauen. Sie frchtet Mutter malos. Sie frchtet sich. Sie mchte sich schlagen, weil sie Mutters Kind ist. Onkel Gustav war da. Wie jeden Samstag. Er hatte einen Freund mitgebracht. Der war so unscheinbar, da Ruth ihn erst nach der Suppe bemerkte und auch da nur, weil Mutter gar so hflich war. Man nannte ihn von und dann etwas mit -berg. Gustav sagte Norbert und du. Er hatte tadellos gepflegte Ngel und einen festgeklebten hellbraunen Scheitel. Richard erzhlte vom Geschft. Die geringste Kleinigkeit war wichtig und wurde mit Aufmerksamkeit angehrt. Drauen fllt ein grauer, dnner Regen. So sitzen jetzt an jedem Mittagstisch die Mnner und erzhlen ihre Wichtigkeiten. Am Abend gehen sie in das Kaffeehaus und erzhlen sie ihren Freunden. Das ist alles. Onkel Gustav sollte den Kopf nicht so vorsichtig zur Seite legen. Das ist eine Gemeinheit. Wie sagte er vorgestern: Nimm dich in acht. Das hat er gewagt. Er hat es gewagt, sie zu durchschauen. Dumm wie er ist. Und jetzt schielt er nur so mitleidig auf sie her. Sie senkt den Kopf tief ber den Teller. Sinkt ganz in sich zusammen. Und it irgend was, das schmeckt wie graugrner Kohl. Ist aber etwas anderes. Sie hrt das Klappern der Bestecke und das sinnlose, etwas faule Durcheinander der anderen ber sich. So da sie wieder fhlt, sie ist ganz klein und krank und liegt im Nebenzimmer in Mutters riesigem Bett. Die Tr ist offen, damit man sie schreien hrt, wenn sie etwas braucht. Sie wundert sich ber das Aufschlagen der Gabeln in dem Porzellan, das die kaum verstndlichen Redebrocken drinnen begleitet. Sie mchte schreien und etwas verlangen und traut sich doch nicht. Sie fragte Onkel Gustav, ob er letztesmal gut nach Hause gekommen sei. Es war doch zu gemtlich im Park. berdies htte sie einen Haufen Knochen fr seinen Terrier gesammelt. Er solle sie nur vor dem Fortgehen daran erinnern. Sie wird ihm auch ein Buch zeigen -- Sie fragte Martha, was die Schneiderin von ihrem neuen Kleid gesagt habe. Ob es bald fertig sei. Und wie es aussehe so auf dem Kleiderhaken. Ob es ihr schon ein bichen hnlich sehe -- Sie erzhlte Richard, da sein Buch, das er gestern gesucht habe, in ihrem Zimmer liege, sie wisse selbst nicht wieso -- Sie bat Mutter, nicht zu vergessen, die Konzertkarten holen zu lassen -- Sie fragte den neuen Gast, ob er gern Kartoffelsuppe esse. Und ob er noch Gemse haben wolle -- Sie wute: Wenn ich jetzt schweige, hrt man mein Besteck allein auf dem Teller. In was fr einem hlichen Rhythmus es darauf klopft. Gefrig. Deshalb mu ich reden. Alle reden. Wre es nicht besser, man wrde mit den Fen strampeln? Der neue Gast spricht von seiner Braut. Das heit, Onkel Gustav spricht von ihr. Aber es ist klar, da er eine Braut hat. So jemand hat immer eine Braut. Und dann kommt die Hochzeit mit Myrte und Schleier. Was ist dort oben, nahe der Decke und doch tief unten -- Ist es der Rauch aus Onkel Gustavs ewig ausgehender Zigarre. Aber nein, der raucht ja doch nicht. Man ist erst bei der Mehlspeise. Groe, gelbe Patzen, glitschig in einer lichten Eiersauce. Nein, es ist nicht Rauch, aber grau und massig, ineinander berlaufend, ohne Grenzen. Schwergewichtig und doch oben schwebend. Zu bleich, um es wirklich sehen zu knnen. Und doch da. Verbunden mit allen Adern, allen Sehnen, durch die Fingerspitzen hindurch -- Es steigt auf aus Richards khlen, vorsichtigen Gelenken, wie er langsam die Mehlspeise zerlegt. Aus den hundetreu furchtsamen Augen des Fremden. Aus Marthas abgetragener Samtbluse. Aus Onkel Gustavs rundem Rcken, aus Mutters lauten Reden. Es steigt auf aus ihr selbst, aus Ruth, aus ihrem farblos schlafsuchenden Vormittag. Und dort oben ist es eng hineingefgt, schlangenartig umwickelt von all dem anderen, festgebissen. Hier um den Tisch herum glaubt jeder, da er etwas fr sich ist. Richard vor allem, der so klug ist, da Mutter immer sagt, er mu Bankdirektor werden oder Finanzminister. Aber das ist gar nicht wahr. Richard gehrt dazu, genau so wie alle anderen, die hier um den runden Tisch schwatzen. Die sich hnlicher sind als die eintnigen Ledersessel, auf denen sie sitzen. Da oben ballt es sich zusammen. Viele Kleinschicksale -- ein Kleinschicksal. Da oben schwingt es in einem kraftlosen Rhythmus. Selbstbewut. In dem selben Rhythmus, in dem man in das Geschft geht oder in das Amt oder in die Schule, wenn man brav gelernt hat. In dem man zum Traualtar geht, wo man eine anstndige Partie macht, in dem man Sonntags am Korso seinen neuen Hut zeigt, in dem man sich zum Geburtstag gratuliert, in dem man hinter dem Sarg seiner Lieben geht, in dem man ins Himmelreich hinein trottet, in dem man -- Agnes zerbrach ein Glas. Ein flchtiger Sonnenstrahl stahl sich durch den feinen sprhenden Regen ber das verschobene Tischtuch. Gott sei Dank. Es schadet auch nichts, da Mutter und Martha bse Gesichter machten. Auch nichts, da sie drei Tage darber unglcklich sein werden. Gott sei Dank. Ruth nickte dem Herrn Norbert von -- und dann kommt etwas mit berg, strahlend zu. Der brauchte doch nicht auch betrbt sein ber das zerbrochene Glas. Er sah sehr unglcklich drein. Wahrscheinlich mehr aus Hflichkeit. Oder vielleicht wegen irgend etwas anderem. Diese Agnes war doch wirklich nicht salonfhig. Zu krftig. Wenn sie bei der Tr hereinkam, mute eigentlich etwas umfallen in den hohen, schmchtigen Rumen. Durch die bloe Anwesenheit ihrer saftvollen Arme. Sicher hatte sie an den Kerl gedacht mit den aufgewirbelten, schwarzen Schnurrbartspitzen. Der immer in der Kche steckte und den Hut nie herunternahm. Einen riesengroen, hellgrauen Deckel, der schief ber dem linken Ohr sa, immer ganz gleichmig schief ber dem linken Ohr. Toll einfach. Morgen ist Sonntag, sie geht mit ihm zum Karussel, mit knallblauem Seidenhut und das Werkel spielt -- Ruth pfiff, wie man von Tisch aufstand, einen Gassenhauer und konnte trotz Mutters Entsetzen so nicht aufhren, da sie in ihr Zimmer lief, um weiter zu pfeifen. Dort ri sie das Fenster auf. Die Sonne schien hell. Norbert sagte mit seiner zu leisen, fast nselnden Stimme zu Gustav: -- Deine Nichte Ruth scheint etwas -- nun -- etwas aus der Art zu schlagen. -- Ruth? ... Gustav war ungeheuer erstaunt -- Ruth, die ist doch wie wir alle. Er betonte das wir mit einer gewissen gesttigten Befriedigung. Allerdings, sie ist sehr kindisch und ganz unreif, eigentlich viel zu unreif fr ihr Alter, denk nur, schon zwanzig Jahre. Man wei gar nicht, was mit ihr anfangen. brigens, findest du, da sie mir hnlich ist? -- Nein. Geld Mutter war nicht zum Glck geboren. Aber sie htte eine entthronte Knigin werden mssen. Und in Schmerz und Gre schwelgen. So war sie kleinlich und mitrauisch, zankte mit der Kchin um jeden Heller. Und wurde dann bestohlen, wie berhaupt von allen Leuten des unteren Standes. Weil ihre Stimme so befehlend schroff war, da sie sie fr mchtig, Ehrerbietung fordernd und hassenswert hielten. Auch Ruth hielt Mutter fr mchtig, fr allmchtig. Sie stand himmelhoch ber den Dienstboten und Bonnen. Sie besa die Schlssel zum Wschekasten, zu jener blendenden Flle weichen, weien Leinens, die zu sehen allein schon schlfrig macht wie ein zu heies Bad. Sie besa jeden Silberlffel, jede Schssel, jedes Glas Milch so intensiv und eigentumsdurchsttigt wie fanatische Sammler ihre Kunstschtze. Und war daher reich in einer Drftigkeit, die sie selber am schmerzlichsten empfand. Ruth fuhr einmal als kleines Kind mit ihrer Schwester und einer Bonne in einem Eisenbahnkupee. Es war eine Sommerfrischenreise. Da sagte Martha mit ihrer berlegenen Stimme: -- Nein, wissen Sie, in dieses Hotel knnen wir nicht gehen, da sind lauter reiche Leute. -- Ein ungeheures Erstaunen hinderte Ruth damals am Fragen. So waren sie nicht reich? Aber wieso, sie hungerten doch nicht? Und Mutter trug schwarze Seidenkleider; was das nur heien sollte? Sie glaubte, miverstanden zu haben. Auch als sie schon erwachsen war, liebte sie einen Radiergummi mehr als ihre goldene Uhr, konnte sie Festtagskleider nicht leiden und verlor immer ihr Taschengeld. Geld war und blieb ihr etwas unbedingt Schmutziges. Etwas, das schon durch tausend hliche Hnde gegangen war, ber Wirtshausfuboden rollte. Mutter besa es in ungezhlten Mengen. Es war nur ein Prinzip, da sie damit knauserte. Aber Martha war geizig und das war viel schlimmer. Nur Richard war nobel. Er lchelte immer verchtlich, wenn man von Geld sprach. Ruth hatte kein Gefhl fr Zahlenverhltnisse. Den Unterschied zwischen hundert, tausend, hunderttausend begriff sie so wenig, wie ein Unmusikalischer die Differenzen in der Tonreihe. Das war ein Erbe von Mutter. Nur da diese es sich niemals zugeben wollte und um wenige Heller trauerte, whrend sie Tausende verschleuderte. Aber Ruth schenkte mit Leidenschaft. Nicht aus Gte oder um anderen eine Freude zu machen. Einen Gegenstand verschenken, heit, ihn ganz von sich losreien, sich auf ewig von ihm trennen, ihn ins Ungewisse schicken. Und das war herrlich, war Abenteuer, Tat und Befreiung. Sie gab ihre liebste Bluse pltzlich dem Stubenmdchen und wenn eine Freundin auf Besuch kam, war nichts im Zimmer, auch das am liebsten gehegte, sicher vor pltzlichem Ausgestoenwerden. -- Es ist schade, da man in unserer Religion keine richtigen Opfer mehr bringt, sagte sie einmal. Jedes Kleid, jedes Buch, jeder Sessel ihres Zimmers waren ihr persnlich eigen. Aber nicht im selben Sinn wie der Mutter, die alles an sich ri. Sie gab sich den Dingen hin und fllte sie so voll mit ihren dmmernden Gedanken, da ihre Umgebung manchmal vernebelt wurde, bersttigt vom eigenen Selbst. Und sie mute pltzlich auf die Strae laufen, sthnend vor Sehnsucht nach dem ganz Fremden. Dieses Selbst in allen Dingen verschleuderte sie mit wollstiger Freude und Grauen. Sie war immer unbeschreiblich reich dabei. Wenn etwas sie in Grenzen hielt, war es die Dankbarkeit der Beschenkten. Sie schmte sich darber. Danken war sich erniedrigen. Und ein heier Zorn whlte in ihr, wenn alle anderen nicht grer waren als sie. Sie wollte das Kleinste sein, denn sie suchte das Oben. Wie sagte doch Onkel Gustav zu seinem Freunde: -- sehr kindisch -- und sehr unreif -- eigentlich viel zu unreif fr ihr Alter. Ruth bewunderte alle Menschen, die stehlen konnten. Jemandem eine Mnze aus der Geldbrse zu nehmen, war fr sie ein Wagnis, ein Heldenstck, das ihr immer unmglich sein wrde. Ein Eingriff in fremdes Reich, ein Festnehmen von feindlichen Objekten -- schwieriger, als einen nassen Salamander in der Hand zu halten. Ruth verbrachte den ganzen Sommer in den engbrstigen Vorstadtgrten, zwischen Ladenschwengeln, Proletarierfrauen und klebrigen Kindern. Man konnte dieses Jahr keine Sommerfrische aufsuchen. Mutter war im Winter krank gewesen und mute im Frhling eine Reise machen. So war nicht genug Geld da, noch einmal fortzufahren. Als Ruth zum ersten Mal davon reden hrte, da sie heuer nicht wegfahren msse, hatte sie laut aufgejubelt. Aber Mutter weinte eine halbe Woche. Von Ruth war ein Alpdruck weggefallen. Wie eine drohende Gefahr, unaufhaltsam nher rckend, empfand sie den ganzen Winter durch: Es kommt ein Tag, da mu ich fort. Man zwingt mich dazu. Fort. Man reit mich aus meinem Zimmer. Meine Gedanken stecken noch in den Stuhlbeinen, auf der Hauptstrae liegt etwas ganz Besonderes von mir, ich mu alle Tage vorbergehen, meine Adern sind verwoben mit dem Himmel ber unserem Dach und dann soll ich fort. Und sie haben die Macht, mich zu zwingen. Nein, ich liebe mein Zimmer nicht, es ist mir zu eng, zu sehr mit mir verwachsen. Aber fortmssen und drei Monate in einem ganz fremden Raum sein, wo vielleicht ein pensionierter General gewohnt hat oder eine schmutzige Frau. Und sie haben die Macht, mich zu zwingen. Sie wute nicht, da jeder Mensch mit seiner tglichen Umgebung organisch verbunden ist. Da ein Weiterrcken im Raum auch ein Weiterrcken im Leben sein mu. Und doch sthnte sie unter dem Zwang. Von dem Fenster seines Zimmers hatte sie einen weiten, hohen Himmel gesehen. Mit verschwommenen Kirchtrmen. Das war ihr Horizont, ihre Ferne, ihr Land gewesen. * * * * * Und nun sa sie in den staubgeschwngerten Vorstadtgrten. Ihre mden Blicke wuschen den Ru von den welkenden Blttern. Sie dachte an einen Wald, eine grnsatte, schwelgende Flle. Die schlank hinansteigt in abendhelles Blau. Und sie mute hier sein. Ihre Strmpfe waren grau vom Staub, ihre Schuhe alt und faltig. Neben ihr auf der Bank erzhlte ein Dienstmdchen einem anderen, sie habe fnfzig Kronen Lohn monatlich. Wenn sie aber mehr bekme -- sie roch nach Schwei. Im Sand lag ein vertretener Kupferkreuzer. Zwischen Kinderschaufeln und Blechkbeln. Und es rollte ein ferner Donner. Ruth ekelte der Kreuzer. Sie dachte an eine durchlcherte Hosentasche. Aber sie konnte nicht wegsehen. Sie starrte auf den Kreuzer, bis sie ihn doppelt sah und dann dreifach und dann vierfach und dann immer mehr, immer mehr ... Eine einzige ineinander rollende Masse. Schmutzig kupfergelb. Schmeckt wie geschmolzenes Metall. Ruths Schuh hatte einen Ri, quer mitten durch. Er sah wohl aus wie eine Falte. Aber es war ein Ri. Quer mitten durch. Sie stand auf und ging durch die Straen, wo die grten, ppigsten Geschfte waren. Schon wurden die Lichter angezndet. Gierig aufflackernde, rote kleine Scheinwerfer. Ruth dachte: ber meinen Schuh geht ein Ri -- keine Falte -- ber meine Hand geht ein Ri -- ist das Schmutz -- und ber mein Gesicht -- vielleicht ist das Blut. Sie ging hinter einer ppigen, blonden Kokotte. Nachgezogen von ihren wunderbaren, geraden, feinen Abstzen, die nicht einen Millimeter zu hoch oder zu niedrig waren. Eine keuchende Lust berkam sie, das weiche, eng anliegende Leder zu fhlen, zu streicheln, an sich zu locken. Das Parfm roch betubend nach unaufrichtigen Blumen. Ruth dachte: -- Es ist abscheulich, aber teuer. Furchtbar teuer. Ungezhlte schmierige Kupferkreuzer. Und die lichte Flasche, auf hellrosa Seide gelegt mit der durchsichtigen Flssigkeit. Ich mchte sie nicht berhren. Aber teuer. Nicht auszudenken teuer. Und ihre Schminke -- ich knnte sie niemals darauf kssen -- ist auch so teuer, oder noch mehr. Wie ich sie verachte. Aber die gelben Schuhe mchte ich besitzen -- Ein paar groe, schwere Regentropfen klatschten auf das schleimige Pflaster. In den Husern flammten protzig die Lichter auf. Schmiegsame Vorhnge wurden zugezogen. Die groe Blonde ging in ein groes Haus. ber breite Stiegen mit dicken Teppichen. Vornehme Damen kamen ihnen entgegen mit gronetzigen Schleiern vor den Gesichtern. Sie gingen durch eine groe Glastr. Es roch betubend nach Seife, dickem Parfm, warmen Haaren. Ein Friseur. Ein schlankes junges Mdchen in vergilbter Seidenbluse, mit zu hellem, grogewellten Schopf fragte Ruth, was sie wnsche. Ruth antwortete automatisch was ihre Vorgngerin sagte. Und wie diese wurde sie in eine Zelle gefhrt, wo ein gelbmarmorner Waschtisch in die Wand eingelassen war. Eine Welle mattweien Schaums ging ber ihr Gesicht, ber ihren Kopf, ber die Wurzeln der Haare. Sie empfand den Duft durch die Scheitelknochen dringen, sich in das Hirn einfressen. Ihre Nerven dehnten sich weich und ringfrmig. Das junge Mdchen hatte schlanke Hnde mit spitzen Fingern, die nicht mehr ganz ihr eigen waren. So sehr schmeckten sie nach tausenderlei weichen Wassern. Ruth dachte: -- Sie ist sicher arm. Aber sie darf den ganzen Tag hier sein und ihre Hnde sind schn und unnahbar. Am Abend geht sie nicht nachhause. Wo sie da hingeht -- Die schmutzige Kupfermasse aus dem Sand war gelb geworden und lockte wie verwischtes Gold in der marmornen Waschschssel. Sie spricht nicht mit mir, -- wute Ruth, -- weil ich ein verwaschenes altes Kleid trage. Es ist auch zu eng, das merkt sie sicher. Wenn sie erst den Ri ber meinem Schuh she, oder ist es nur eine Falte? -- Ruth schmte sich malos. In der Zelle daneben aber plauderte die groe Blonde lustig darauf los mit einem von den anderen jungen Mdchen. Sie schwatzten wie zwei Schulfreundinnen, von denen die eine ein besseres Zeugnis bekommen hat als die andere und sich daher etwas herausnehmen darf -- aber sie tut es nicht viel. Die Blonde sprach immer von einem Er -- Ruth sprte, da er ein Monokel trug und manikrte Ngel hatte -- und die Blonde kicherte fortwhrend. Die kleine Friseurin daneben sagte immer strahlend und bewundernd: -- Aber gndige Frau und dann sprach man von einem Armband. Ruth sah wieder in der marmorgelben Waschschssel eine Flle von Kristallen, in denen sich das Licht brach, so da die Farbenmenge schwindeln machte. Sie wute, das gibt es alles, zwei Huser weit weg, bei dem groen Juwelier. Ich brauche nur hinzugehen. Aber nein, ich habe ja kein Geld -- und ein entsetzlicher Schrecken durchfuhr sie, ob sie dem Friseur auch werde zahlen knnen. Sie dachte sich Unsummen aus, die es kosten msse, ja msse, und getraute sich nicht, ihr abgegriffenes Portemonnaie aus der Tasche zu ziehen. Wie der Mrder auf das Todesurteil, wartete sie auf den Augenblick, in dem sie vor dem glattrasierten Herrn bei der Kassa stehen mute. Die Blonde daneben plapperte noch rascher und glckseliger. Ruth dachte in ihrer Herzensangst: Herrgott, ist sie dumm. Wenn ich nur einmal in meinem Leben so hirnverbrannt dumm sein drfte. Ich knnte mich dann gar nicht so frchten vor dem geschniegelten Kerl dorten. So dumm sein -- das hiee ausruhen. Sie zahlte den Preis fast weinend vor Aufregung. Drckte in die khlen Hnde des jungen Mdchens ein frstliches Trinkgeld. Und strzte davon wie ein ertappter Bettler. Auf der Treppe griff sie sich unter den Hut. Da war etwas Fremdes. Waren es die khlen, langen Nadeln, die ihr das Mdchen in den Knoten gesteckt hatte. Waren es ihre eigenen, weichen Haare, die noch warm dufteten. Und sie sehnte sich das Haar lsen zu knnen und den Kopf hineinzuwhlen. Nur nicht nach Hause gehen. Dort lagen Mutters Rechenbcher. Die Lampe ber dem Speisezimmertisch hatte einen fahlgrnen Schirm. Nur um Gottes Willen nicht nach Hause. Die Gassen waren alle rot, die Schaufenster waren rot und die Frauen in den groen Straen hatten rote Wangen. Hier grten sich alle, hier kannten sich alle und die Luft war rot und weich. Zwischen den Pflastersteinen lockte es schmutzig kupfergelb. Aber in den ledernen Handtschchen der Damen blinkte es silberhell. In den Geschften lag dick geschichtet lichte Seide, wunderbares, braunrotes Holz, fremde Bltenkelche, zarte Porzellanteller, flaumig weiche Hte, Diamantarmbnder ... Heute bemerkte Ruth, da sie langsamer ging als alle andern Leute. Sie fhlte einen Taumel fremder Geschftigkeit um sich, dem sie nicht gewachsen war. Sie suchte mitzukommen. Sie hatte doch ein Recht darauf. Sie empfand ihre duftenden Haare in einer wilden Glckseligkeit. Sie wollte mitkommen. Ihre Schultern schmerzten vor Mdigkeit. Quer ber den einen Schuh lief ein Ri. Blendend helle Buchstaben zogen sie an: Kino. Sie ging hinein, rasch, sehr rasch, flchtend vor den zu roten Straen und verbarg ihre Schuhe unter dem dunklen Sitz. Neben ihr dampften verschwitzte Kleider, gewrztes Essen, unreine Haare. Das Orchester spielte Richards Lieblingswalzer. Der Graf kam. Er fuhr in einem Auto, fast erstickt von der Bltenflle, die er im Arm trug. Er hatte fabelhaft gerade, lange Beine. Und ein glattes Gesicht, zu sehr rasiert. Der Rauch aus seiner Zigarette mute kostbar sein. Die Tochter des amerikanischen Milliardrs trug lange Korkzieherlocken und strahlte mit blendend weien Zhnen. Ihr Krper war schlank und frei wie nach einem lauen, spielenden Bad. Sie kochte den Tee fr sich und den Grafen in einem bauchigen Samowar. Dieser Tee war sicher bernsteinklar und duftete durch das Zimmer, das dumpf gemacht war mit weien Fellen und samtenen Vorhngen. Ruth liebte die Milliardrstochter. Liebte den Grafen. Schielte mit dumpfer Wut auf das verkrmmte Ladenfrulein neben sich, das an den Ngeln kaute und schnalzte. Der Freund des Grafen, ebenso glatt, ebenso wohlgebaut. Nur trug er einen Schlapphut. War also ein Knstler. Das Atelier. Kstliche, grogeblmte Teppiche. Glatter weier Marmor. Hinter den Riesenfenstern Aussicht bis an das Meer. Sonnenaufgang. Der Park des Milliardrs in Rom. Eine zitternde, flimmernde, prickelnde Bltterflle. Kleine, schlanke Zypressen. Sonnenflecken auf der Erde, verstreut wie flache Goldgulden. Puccini. Die Milliardrstochter reitet auf einem Schimmel. Lange Korkzieherlocken, rechts der Graf, links sein Freund. Hinten ein Diener. Der riecht auch nach Parfm, wie die Blonde heute auf der Gasse. In der Pause sagte Ruths Nachbarin zu jemand in der hinteren Reihe: -- Ja, jetzt hat er halt eine Lungenentzndung. Ich komme gerade aus dem Spital. Was soll man machen? Aber schn ist es, das Stck. Und Ruth dachte: -- Der Mann im Spital hat sicher sein ganzes Leben in einer Kellerwohnung gelebt. Moder und Schwei. Vielleicht hat er Schuhriemen gemacht fr den Grafen. Oder Zaumzeug fr seine Pferde. Aber die Milliardrstochter geht nicht in das Kino, wenn der Graf krank ist. Obwohl sie ihn mit seinem Freund betrgt. Ihr schwindelte. Sie empfand einen Abgrund zwischen sich und der Nachbarin. Zwischen sich und dem Boy, der grinsend Perolin versprengte. Zwischen sich und dem Grafen, der eigentlich genau so aussah, wie der Friseur an der Kasse, nur da er so gut angezogen war. Und einen Abgrund vor der Milliardrstochter, die genau so strahlende Zhne hatte, wie die groe Blonde. Nichts als Abgrnde, Lcher, Klfte, Leersein und Alleinsein. Es gibt irgendwo ein dunkles Zimmer. Schillernde Phiolen. Die Musik setzte wieder ein mit jenem Auftakt, der so lange und proletarisch vielversprechend auf den zweiten warten lt. Nein, nicht mehr. Sie ging langsam nachhause. Die Gassen waren dunkler geworden, das Licht bleicher. Und zwischen den Pflastersteinen war nicht ein Kupferkreuzer. Nur Schmutz. ber Ruths linken Schuh lief ein Ri. Es war bestimmt keine Falte, es war ein Ri. Sie wnschte sich den ganzen Abend: ich mchte Seidenstrmpfe haben, wie die Milliardrstochter und die Blonde. Und weiche, lederne Schuhe. Aber ein anderes Gesicht. Vielleicht mein Gesicht. Oder noch ein anderes. Zuhause behandelte man sie mit stummer Verachtung. Sie kam nie mehr zurecht zu den Mahlzeiten. Sie ergab sich einem strflichen Miggang, den Richard nicht verga, wenigstens einmal des Tages um die Ecke herum zu erwhnen. Mutter schttelte trostlos den Kopf und sagte zu Martha: -- Es ntzt alles nichts. Sie wird ganz wie Gustav, er ist nicht umsonst ihr Onkel. Und Vater war auch so. Wie das alles zu mir kommt? Ruth wusch sich von nun an zehnmal des Tages die Hnde mit fast zu heiem Wasser. Sie trug es heimlich in ihr Zimmer, kannenweise. Niemand durfte davon wissen, o Gott nein, es war etwas Unrechtes, das sie damit tat, etwas wie stehlen. Denn wenn sie die Hnde ganz tief in die Waschschssel steckte und das heie Wasser durch alle Poren in sich hineinstrmen lie, schlossen sich ihre Augen und sie fhlte sich ber Marmorstufen in ein tiefes, warmes Bad hinuntersteigen. Sie mihandelte ihr Zimmer. Es war hlich. Alte, verschnrkelte Mbel. Ein Teppich, der nicht mehr rein zu bekommen war. Der Lampenschirm aus zerschlissener Seide. Sie stlpte ihn verkehrt auf den Boden, rckte den Tisch schief in eine Ecke. -- Schmst du dich nicht, wie dein Zimmer aussieht, sagte Mutter. Sie stand vom Tisch auf, weil Agnes mit einem verbundenen Finger servierte. Sie wollte nicht mit Mutter auf die Strae gehen, weil Mutters Mantel schon sechs Jahre alt war. Sie warf Marthas mit farbiger Seide gestopfte Handschuhe in den Herd. Und sie schenkte Agnes ihre neuesten Schuhe. Es war alles gleichgltig, alles eins. Je mehr zugrunde ging, desto besser. Wozu die Heller sparen, wenn man Tausende braucht. Dann war man armselig und fast lcherlich, wie Mutter. Aber sie, Ruth, wollte lieber ganz elend sein, betteln gehen. Die Welt lag hinter der harteckigen Wohnung. Auf den langen, gierigen Schienen rollten die Lokomotiven. Schleppten hinten in den Waggons glckliche Menschen in dunklen, einfachen Kleidern, deren Schnitt allein ein Vermgen kostete. Die legten ihre wunderbaren Schuhe auf samtene Kissen. Und dann saen sie in hochwandigen Speiseslen und sahen hinaus ber ungemessene Entfernungen. Geld haben heit weiterkommen. Weiterrcken im Raum. Und das heit, weiterrcken im Leben. Und sie steckte in ihrer Wohnung, eingekeilt zwischen Mutter, Martha, Richard und jetzt auch Norbert. Denn Norbert war sehr viel da. Mutter liebte ihn. Einmal ging sie Martha ein Geburtstagsgeschenk kaufen. Norbert erbot sich, sie zu begleiten. Sie war unordentlich angezogen, in alten Kleidern, die ihr schlecht saen. Sie ging durch die elegantesten Straen. Vielleicht eben deshalb. Und weil Norbert dabei war. Sie traten in eine der ersten Parfmerien. -- Hier wollen sie etwas kaufen? fragte Norbert ganz erschrocken. -- Ja, warum nicht? Sie whlte ein halbes Dutzend der kostbarsten Seifen. Es berstieg weit den schmchtigen Inhalt ihres Portemonnaies. -- Ich habe mein Geld vergessen, knnen Sie fr mich zahlen? Norbert zahlte aus seiner biederen Geldbrse. Auf der Strae sagte sie, totenbleich vor Erregung, heiser: -- Wissen Sie, was ich da in meiner Tasche habe? Noch eine Seife, hellviolett, ich habe sie aus dem Korb gestohlen. -- Um Gottes Willen, aber das ist doch nicht ihr Ernst. -- Doch, sehen Sie, hier. Ist sie nicht wunderbar. Und so weich. Die behalte ich mir, die gehrt mir, mir ganz allein. -- Frulein Ruth, nein, das ist nicht mglich, nein, kommen Sie, gehen wir zurck, gehen wir. -- Gewi nicht, ich glaube gar, Sie frchten sich, mit mir zu gehen? Bitte. -- Nein, aber Ruth, so etwas drfen Sie doch nicht tun, Herrgott, das ist ja furchtbar. -- Ach, lachte Ruth, das mache ich immer -- und fast schmte sie sich, so zu lgen. Sie hielt die Seife krampfhaft fest mit der Hand umschlossen, da die Schulter schmerzte. Und war stolz darauf. Ein gieriges Habenmssen prete ihr die Zhne zusammen. Sie gingen durch trbe, nachmittagsstille Gassen, die sonnenlos waren und arbeitsgewohnt. Norbert sah die ganze Zeit zu Boden und war dunkelrot. Dann stotterte er: -- Wenn Sie die Seife haben wollen und haben mssen, Ruth, und Sie haben vielleicht kein Geld mehr -- Sie lachte grell und hhnisch: -- Nein, wie Sie um meine Seele besorgt sind. Und dachte: Du kleinseliger Krmer du, du ahnungsloser. -- Lassen Sie das, Norbert, -- fuhr sie fort, -- es steht nicht dafr. Es ntzt doch nichts. Ich habe es vom Grovater. Der hat auch alle seine Pferde verspielt. Mutter sagt immer, mit mir nimmt es ein schlechtes Ende. Wenn ich dann ganz heruntergekommen bin und so bettelarm, da ich einen grauen Lappen um den Kopf binden mu, wenn es schneit, wenn ich dann so ganz richtig elend bin, komm ich zu Ihnen. Sie geben mir dann etwas aus ihrer Brse, nicht wahr? -- Ich werde Ihnen immer alles geben, Frulein Ruth, aber Sie sollen nicht so sprechen. -- Vielleicht komme ich auch ins Kriminal, wer kann es wissen. Aber Norbert, eines, knnen Sie sich vorstellen, da man etwas haben mu, so unbedingt haben mu, da man einem andern auch Bses tut, ihn umbringt, fr Geld umbringt? Knnen Sie sich das vorstellen, o, so sagen Sie doch. -- Ruth, Sie sind krank. -- Warum denn? sowas steht doch alle Tage in der Zeitung und die Leute sind gar nicht alle krank. Nach einer Weile sagte er noch einmal bestimmt und ohne sie anzusehen: -- Wir tragen die Seife jetzt zurck. Wenn Sie das Geld nicht nehmen wollen. Es war ein Irrtum. Ruth warf die Seife einem verkrppelten Bettler, der an der Mauer lehnte, in den Hut und sprach im Vorbergehen: -- Er soll sich auch einmal mit etwas Gutem waschen knnen. Und sie sah Norbert nicht mehr an und gab ihm nicht die Hand zum Abschied. In den nchsten Tagen aber trauerte sie um das Stck Seife, wie um ein Stck verlorene Seligkeit. Sie hate Norbert. Einmal hatte sie es gewagt und er hatte alles verdorben. Und warum -- weil er dumm war, grenzenlos dumm. Sie holte lauter Detektivromane aus der Leihbibliothek und verschlang sie. Sie versuchte Geld zu nehmen aus der Lade der Kchin. Aber es war wieder ganz unmglich. Sie fhlte sich umgeben von einer erstickenden Masse schmutzig gelben Metalls. Das nach Schwei stank und den Duft exotischer Blten in sich trug und ein Rauschen von seidenen Rcken. Marthas Kasten war immer doppelt versperrt. Sie trug die Schlssel mit sich in einem uralten Handtschchen. Ruth verachtete sie deshalb. Denn was war schon in dem Kasten, wenn man ihn aufbrechen wollte? Wsche mit gehkelten Spitzen und ein paar ziemlich abgelegene Liebesbriefe. Eine Nagelschere und ein Nhkstchen und vielleicht noch eine Photographie. Nein, davon htte Ruth nichts haben wollen. Und von Richards Sachen erst recht nicht. Die waren alle abgebrstet und ordnungsgem aufgestellt. Numeriert. Vom ersten Schulzeugnis an bis zur letzten Tagebuchseite. Denn Richard fhrte ein Tagebuch. Das war sehr genau. Es standen alle Einnahmen und Ausgaben darinnen. Mutters Besitztmer aber steckten in vierfach verbundenen Papiersckchen und rochen nach Lawendel. Ruth wollte und mute etwas haben. Etwas Auergewhnliches, etwas unsagbar Schnes, etwas Wunderbares, etwas noch nie Dagewesenes, wenigstens noch nicht in ihren dsteren Zimmern. Als sie ihr nchstes Taschengeld bekam, ging sie durch die ganze Stadt es zu suchen. Als es schon Abend war, fand sie in einer Auslage einen Korb voll tiefroter Rosen. Festgeschlossen hingen sie schwer in den schlanken, wiegenden Stengeln. Und die wenigen Bltter, die schon offen waren, waren weich und dunkel in ihrem Innern, da sie Ruths Kopf zur Seite senken lieen und die Augen schlieen. Sie kaufte sechs von den schnsten, strich mit den Hnden ber die heien, groen Stacheln und ging mit federnden Schritten nach Hause. Im Speisezimmer stand Richard unter der fahlgrnen Lampe und hielt eine Rechnung in den Hnden. Mutter lief erregt um den Tisch und Martha stellte verdrossen die Glser auf. -- Was ist das Ruth, fragte Richard -- eine Rechnung fr vier paar Lederhandschuhe? Er war ganz ruhig, zog nur die Augenbrauen ungeheuer verwundert in die Hhe. Aber seine Stimme war hlich vor Zorn. Mutter rang die Hnde. -- Ich wei nicht, sagte Ruth atemlos. -- Du weit nicht und was hast Du da? Was sind das fr Rosen, Ruth? Du bist wohl verrckt. Du weit nicht, was du tust. Wie treibst du dich denn herum? -- La die Rosen, sie gehren mir. -- Dir, dir gehren sie? Ja, was gehrt denn berhaupt Dir? Du stiehlst. Du stiehlst Mutter das Geld aus der Tasche. Sollen die Handschuhe vielleicht Dir gehren? Und diese Rosen? -- Ruth dachte: Er nimmt mir alles. Alles. Aber er hat eine wohlgefllte Geldbrse in der Tasche. Kupfergelb, silberwei, blaue Scheine. Nur die Rosen soll er nicht nehmen, die Rosen nicht. Wenn er wirklich danach greift -- Sie war umgeben von einer schwarzen, kochenden Masse. Und erstickt griff sie nach dem Brotmesser auf dem Tisch und schleuderte es -- Ein Kreischen, ein Stoen -- Sie war allein in ihren Zimmer. Von der Straenlaterne strmte weigelbes Licht herein. Aber der Zorn tanzte noch in kochend schwarzen Klumpen um sie herum, wrgte die Kehle, machte ihre Hnde gierig. Sie fuhr hinein in die blassen Fensterscheiben. Mitten durch. Aus ihrer Handflche quoll es langsam heraus, dunkelrot. Sie war ganz ruhig. Aus immer mehr Stellen heraus, immer mehr. Das Blut fiel zu Boden, langsam, in dicken Tropfen. Und ihre Augen wurden satt. Da waren irgendwo heie, durstende Glieder, die sich zur Ruhe strecken konnten. Und ausgekhlte Marmorbder. Und verlschte, grellrote Lichter. Zu ihren Fen lagen viele Mnzen. Kupferne, silberne, goldene. Die rollten nicht mehr durcheinander. Die lagen ganz kalt, eine ber der anderen. Und das Blut fiel zu Boden, langsam, in dicken Tropfen. Und das Geld fra das Blut. Gott Als Ruth so klein war, da das Kindermdchen sie sitzend auf dem Arm trug und ihr der eigene Matrosenkragen wie eine riesige, abenteuerliche Flche erschien, sah sie an einem Abend ein Kreuz im Wald. In den Tannen hing verstecktes Gewitter. Und das Kreuz wuchs aus der felsigen Erde. Ruth frchtete sich. In der Nacht nahm Mutter sie zu sich in das Bett. Am Morgen hatte sie Fieber. Man zog ihr ein frisches, khles Hemd an, legte sie in Mutters riesige Polster hinein und Mutter kte und streichelte sie. Wenn Ruth krank war, den ganzen Tag in Mutters Zimmer liegen durfte und von unten herauf jede von Mutters ungeduldigen, viel zu vielen Bewegungen beobachten konnte, war sie ganz zufrieden. Dann verga ihr kleines Hirn mit den Schwierigkeiten des Tages zu kmpfen, den grell bemalten Tapetenblumen, den Vorsprngen auf Mutters kompliziertem Luster, der widerhaarigen Zahnbrste. Dann legte sie ihr kleines Haupt tief nach hinten und alle ihre kleinen Gedanken in Mutters zu groe, harte Hnde. Mutter war gro. Mutter war allmchtig. Mutter war unfehlbar. Mutter war gtig. Mutter war edel und -- Mutter war gekrnkt, mihandelt von aller Welt. Deshalb wollte Ruth nicht mit den andren Kindern im Park spielen, keinem fremden Menschen die Hand reichen, deshalb frchtete sie sich vor den Hunden. Weil ihre Mutter unter diesen allen leiden mute. Ruth kte im Geheimen Mutters Hausschuhe. Schluchzte die ganze Nacht durch, wenn Mutter vergessen hatte, zuletzt an ihr Bett zu kommen. Und starb vor wrgender Sehnsucht, wenn Mutter auf acht Tage verreist war. Aber das durfte niemand wissen. Richard durfte das nicht wissen, ach nein, er war ja so klug. Gewi, er liebte Mutter. Aber er trug alle seine Empfindungen sorgsam eingeordnet in seiner schwarzledernen Brieftasche und zusammengepret wie die Banknoten. Martha liebte Mutter nicht. Obwohl sie an Mutters Geburtstag am eifrigsten den Tisch deckte. Aber alle Morgen stritt sie mit Mutter mit einer schrillen Stimme. Zu ihren Freundinnen nannte sie Mutter nur sie. Zu Mutter flchtete Ruth sich, als sie die groe Angst bekam vor dem groen Gott im Himmel oben. Der gar nicht half, wenn man zu ihm betete. Der seinen lieben, wunderbaren Sohn am Kreuz hatte verbluten lassen, der es duldete, da es eine Hlle gibt, whrend es ihm dort oben am besten geht. Der die Menschen in den Spitlern sterben lt und noch will, da man dankbar dafr ist. Ruth bekam eine Bonne, deren winziger Koffer voll war mit Marienbildern und Rosenkrnzen. Die fhrte Ruth in alle Kirchen. Sie fror stundenlang in den kalten, zu hohen Rumen mit den dunkel nassen Mauern. Weihrauch versperrte ihr die Kehle und der Kirchendiener hatte schmutzige Pantoffel. Vorne am Altar war Christus gekreuzigt. Rostige Ngel durchbohrten die Knochen. Das Blut war geronnen. Und er konnte nie und nie herunterfallen. So hing er in allen Kirchen und die Menschen beteten um schnes Wetter und Glck bei ihren Geschften. Ach, wie arm war er. Fr alle hatte er sterben mssen, und keiner liebte ihn. Eines abends stritt Mutter mit Vater. Es war so ein kleiner hlicher Grund, da Ruth ihn vergessen wollte, nein, nie mehr daran denken. Vater schwieg. Mutter warf Vaters Zeichnungen auf den Boden. Vater schwieg. Ruth schlich aus dem Zimmer. In dem kleinen Gang neben der Kche drckte sie die Stirne an das Fenster und betete: Lieber Christus, ich habe dich lieb. Ich bete nicht, ich will nichts von dir, ich habe dich nur lieb ... An diesem Abend kam Mutter nicht zum Gutenachtku. Ruth rief nicht nach ihr. Aber sie hatte ein rotgoldenes Christusbild unter dem Kopfkissen. Sie wollte Nonne werden. In der Abenddmmerung in niederen Kreuzgngen wandeln und ber das Meer schauen und Christus lieben. In die Messe mochte sie doch nie gehen. Wie entsetzlich war es, zu denken, da der fettige Geistliche da vorne das reinste Blut trank. Wenn es auch fr die ganze Welt gut war, es war eine ungeheure Grausamkeit -- ein Verbrechen -- und da das alle Morgen geschah ... Ruth besa ein Kinderbuch, in dem opferten die Chinesen grell gemalten, glotzugigen Buddhas. Vor diesem Buch graute ihr. Und vor den fetten Altren der katholischen Kirchen. Zu Hause aber steckte sie ihren liebsten Bleistift in den Ofen -- Opfer fr Christus. Dem lieben Gott versprach sie alle Tage ein Gebet mehr. Was anderes konnte sie ihm nicht geben. Als es zu viel wurde, gab sie es berhaupt auf. Und von dieser Stunde an stand sie nicht mehr gut mit ihm. Aber sie kte den schmutzigen Steinboden im Stiegenhaus. Christus zu liebe. Dann bekam sie eine andere Bonne. Mit sehr roten Wangen und gekruselten Haaren, die alle Nacht zwei Stunden lang mit der Brennschere bearbeitet wurden. Diese Bonne liebte Ruth sehr. Sie erzhlte ihr ungeheuer viel von einer Baronin, die schon zweimal verheiratet war und Ruths Schuhnummer hatte und alle Monate vier Paar Schuhe brauchte. Eines Nachmittags fhrte sie Ruth zu der Baronin. Das Zimmer war voll mit parfmiertem Rauch und schweren Teppichen. In einem Erker sa die Baronin neben einer riesigen Palme. Sie trug einen grauseidenen Schlafrock. Seine Falten krochen ber ihre mde, duftende Haut. Sie sprach lange mit der Bonne und liebkoste Ruths Zpfchen. Sie schenkte Ruth ein Bonbon. Ruth schlief diesen Abend ein, das Bonbon in der Hand, das am nchsten Morgen als zhe Masse die kleine Faust verklebte. Sie schrieb den Anfangsbuchstaben des Namens der Baronin auf die Lschbltter in allen Heften. Als die Bonne pltzlich fortgehen mute, weinte sie die Nacht durch. In einem groen Hotel liebte sie einen gazellenschnen, argentinischen Knaben. Sie sprach nie ein Wort mit ihm, dachte gar nicht an diese Mglichkeit. Aber sie zhlte die Stunden, bis sie ihn wieder in den Speisesaal kommen sehen knnte, neben seiner berppigen Mutter. An einem lichtgoldenen Frhlingstag sah sie auf dem Markt einen Korb weier Hyazinthen. Kaum erblhter, strahlend weier, schlanker Hyazinthen. Sie hatte kein Geld. Was sollte sie tun? Sagen, da sie diese Hyazinthen haben mute, sehen mute, einatmen mute. Nein, niemals, so etwas spricht man nicht aus. Das ist etwas so ungehriges, wie die Dinge, die in den verbotenen Bchern stehen. ber so etwas schweigt man. Und wenn es nur wre, um nicht ausgelacht zu werden. Das aber ist Schande und Schndung. Das ist so wie der gepeinigte Christus an jeder Wegkreuzung. Im Sommer darauf bemerkte sie zum erstenmal, wie sich das saftige Grn der Buchenbltter in die Sonnenblue des Himmels schmiegt. Und sie berhrte schchtern das Waldgras, das hoch und gebogen war, whrend auf den Felsen die Erde duftete. -- Geh nicht in den Wald, sagte die Mutter, dort sind Holzhauer und Schlangen. In diesem Sommer wuchs Ruth berraschend schnell und bekam krftige, braune Arme. Im nchsten Winter entbrannte sie in wilder Leidenschaft fr Napoleon. Der mit gekreuzten Armen ber die Menschen gegangen war und sie zertreten hatte. Damals war es, da Ruth eine Macht ber sich fhlte, die sie fausthart in die Knie zwang. Und von der ihre weichen, unentwickelten Gelenke sich in sehnschtiger Wollust kneten lieen. Sie wollte nicht lieben, nicht Liebe empfangen, aber unterworfen werden. Im hintersten Winkel des Kleiderkastens war ein wunderliches Gemisch von Kostbarkeiten: Eine falsche Rose, die Mutter getragen hatte als sie einmal in das Theater ging und so besonders schn war. Geprete Zyklamen aus dem Buchenwald. Das rotgoldene Christusbild. Eine Unterschrift der Baronin aus einem Brief an die Bonne. Ein Ausschnitt aus einem franzsischen Werk ber Napoleon. Und das Wort Beethoven mit roter Tinte auf die verkehrte Seite einer Visitkarte geschrieben. Wenn Ruth ihren Kasten zusammenrumte, wischte sie diese Dinge mit einem Batisttaschentuch ab. Jedes war einzeln in weies Seidenpapier gewickelt und mit Christbaumschnren zugebunden. Ruth rhrte aber keines gerne an. Sie frchtete den Tag, wo ein qulendes Gewissen sie dazu trieb, alles frisch zu ordnen und neu einzuwickeln. Sie wusch sich vorher dreimal die Hnde und frchtete, da ein unreiner Atemzug diese Heiligtmer beleidigen knnte. Denn das alles waren Heiligtmer, nicht Erinnerungsstcke. Kleine, nichtige Gegenstnde, vollgetrnkt mit dem Empfinden einer berstrmenden Liebe. Und als Christus, als die Baronin, als Napoleon Ruth fremd geworden waren, behielten die einzelnen Dinge doch ihre seltsame Macht. Ja, diese Macht war sogar gewachsen, wenn das Ideal tot war. Und noch unbegreiflicher, furchteinflender geworden. Es war besser, man berhrte diese Gegenstnde nicht, ging ihnen aus dem Weg und sperrte den Kasten zu. Wodurch allerdings auch der Schlssel lebendig wurde und schwer zu behandeln. Es kam noch vielerlei dazu. Schmchtige Seidenfransen, die sie einem Freund Richards, einem langlockig, grobbeinigen Menschen von seinem Kragenschoner weggeschnitten hatte. Ein weiblondes Haar der Englischlehrerin. Und noch vieles andere. Es gibt keine Kirche, die so viele Reliquien hat wie Ruths Kleiderkasten. Einmal sa Ruth bei dem Speisezimmertisch und sollte eine Schulaufgabe machen. Mutter sa mit ihren Rechenbchern daneben. Da kam ein Dienstmdchen herein, die Mutter einst wegen Diebstahls hinausgeworfen hatte. Die brachte ihr Kind. Mutter schob alle Rechenbcher beiseite und nahm den Sugling auf den Arm und kte und htschelte ihn. Ruth sah sich wieder ganz klein und der Mutter so nackt und hilflos berlassen, wie dem lieben Gott selbst. Sie zeichnete Mutters Kopf in ihr Schulheft. Onkel Gustav erklrte, sie sei ein Genie. Mutter war stolz. Sie hatte in ihrer Jugend selbst viel gemalt, groe, bunte, talentierte Bilder. Man schickte sie in eine Zeichenschule. Und dort war Hilde. Wenn die Sonne aufgeht, brechen alle Pflanzen aus der Erde und die Steine werden licht. Denn das ist die groe Kraft. Wenn Hilde in das Zimmer kam, wurde der Raum weiter und hher. Und durch alle Muskeln zuckte Ungeduld und Sprungkraft. Denn sie besa groe Kraft. Sie sehen, hie einen Trunk frischen Wassers tun. Und vor Ruth sanken die schwerbltigen Vorhnge der elterlichen Wohnung in einen fetzigen Haufen zusammen. Und sie verstand, da es wichtiger war Fensterscheiben zu zerschlagen als einem Bettler ein paar Kreuzer zu schenken. Denn die Sonne mu hereingelassen werden. Sie ist die groe Kraft. Mit Hilde konnte man nicht sprechen. Ihre Nhe war grell und fast schmerzhaft laut. Ruth flchtete vor ihr. Alle Reliquien durften verstauben. Hilde reiste nach Italien. Sie sah Hilde nicht mehr. Ein greller Funken hatte ihr Leben grell gemacht, ganz kurz, momentan. Sie war feige und blieb in der Dmmerung. Aber sie kannte das Licht. Und wartete. Whrend aus dem Graugelb leerer Nachmittage er herauswuchs, riesengro und dunkel. Und sie sa bei ihm alle Wochen, alle Tage. Und trank die Worte abgelebter Erinnerungen, die noch leben mchten. Dumpfer Mnnernchte, die ihre Kinderhnde weinen machten. Er war ein Gott. Die Maske fiel. Er war ein armer Mensch. Die Maske fiel. Er war ein Schuft. Wird noch eine Maske fallen. * * * * * Ruth sa am Sonntag in dem groen Dom. Die Orgel spielte und vor den brennenden Kerzen lag die Menge. Ruth hrte auf das ewig gleiche Thema der Orgel und wute, da drauen ein eintniger Regen fiel. Die nassen Kleider der Leute stanken in den Weihrauch hinein. Sie sa ganz hinten, in einer dunklen Bank. Vor ihr war eine alte Dame in schwarzem Schleier. Die betete halblaut. Ruth dachte: mit wem spricht sie da. Gott -- das ist eine Maske mit gerader strenger Nase und weiem Bart. In jeder Spielwarenhandlung zu kaufen, wenn erst Fasching ist. Christus ist tot. Gekreuzigt. Sie soll sich nicht zum Narren halten lassen von den Reliquien hinter dem Gitter. Das sind Masken fr nichts. Ich mchte meinen Schrank verbrennen. Mutter macht uns alle unglcklich, weil sie nicht glcklich sein kann. Das Muttersein ist Maske. Dahinter steckt ein furchtbarer Mensch. Und die Liebe bei der Baronin mit dem parfmierten Rauch macht bligkeiten. Sie soll nicht lcheln. Es ist eine Krankheit in ihr. Maske. Napoleon hat die Welt unterworfen weil er die grte Maske trug. Alle Buchenbltter sind faul und die weien Hyazinthen verwelkt, verkrmmt. Sie zog einen Taschenspiegel aus ihrem Handtschchen. -- Da sitze ich in der Kirche bei der Komdie. Warum schrei ich denn nicht. O ich bin gesittet. Und mein Gesicht ist nicht verzerrt. Ich trage ja auch meine Maske. Aber die Augen sind furchtbar. Ich habe Angst vor mir. Ob Hilde auch eine Maske hat -- Aber er trgt viele tausend Masken. Nein, er wei gar nicht, welches sein wahres Gesicht sein knnte. Lauter weiche, schmiegsame Masken, innen etwas faul. Grnbleich und mde. Ach, und sich hineinlegen knnen und ausruhen ... Als sie aus dem Tor herausging, traf sie Onkel Gustav und Richard. Beide zogen den Hut vor der Kirche. -- Warum tut ihr das, sagte Ruth rgerlich, ihr glaubt ja doch nichts. -- Das macht man so, sagte Onkel Gustav verlegen. -- Ruth, du bist wieder einmal dumm, erklrte Richard. -- Aber ein Tier tut das nicht, sagte Ruth und streichelte Onkel Gustavs namenlosen Hund. Gute Familie Martha unterrichtete in der Schule, die Norberts jngste Schwester besuchte. In der sie selbst ihre erste und letzte Bildung empfangen hatte und wo Ruth einmal fast hinausgeworfen worden war, weil sie ffentlich zu erklren wagte, vor der franzsischen Grammatik brauche man den lieben Gott nicht im Gebet anzurufen. Mutter hatte darauf gehalten, da ihre Tchter diese Schule besuchten und keine andere. Es war die vornehmste Schule der Stadt, die Bureaukratenschule. Es galt als Zeichen von Ruths Dummheit, da sie nicht einmal in dieser Schule gute Noten bekommen konnte. Ruth dachte niemals an ihre Schuljahre zurck. Sie mied den Weg, der an der Anstalt vorbeifhrte. Sie empfand schon in der Nhe des Hauses den dumpfen Tintengeruch aller der Rehlederfleckchen, die zu besitzen dort so streng verlangt wurde und die sie immer verlor. Franzsische Verben, verwischte Diktate, alte Butterbrote, schwarze Clothschrzen mit knallblauem Rand und das unbedingte Bedrfnis, sich auf den Tisch zu setzen, jetzt, gerade jetzt, weil das so entsetzlich unpassend ist. Vor allem aber hielt sie ein wurmendes Schamgefhl zurck, wenn sie sich an diese Zeit erinnerte. Sie wollte nicht eines sein mit dem faulen, boshaften Fratzen, der der Mademoiselle alles nachwies, was sie in Geschichte falsch unterrichtete, ihre gefrbten Haare bewunderte und stundenlang darber grbelte, was sie ihr Verletzendes sagen knne. Denn die Mademoiselle war dumm. Es war eine Unverschmtheit, andere belehren zu wollen, ohne klger zu sein. Das einzige, was Ruth aus der Schule brachte, war ein glhender Ha auf den Kardinal Richelieu. Der bestimmt der Mademoiselle hnlich gesehen haben mute, ihre kaltadrige, rote Gesichtsfarbe gehabt hatte und ihre steifglnzenden Halskragen. Damals hatte Ruth den Ha gelernt. Nicht den hochlodernden, kmpfenden. Aber den sich ekelnden, nagenden, den man gegen Fleischfliegen hat und Maden. Den allerunbarmherzigsten. Und damals hatte Ruth die Roheit kennen gelernt, die nicht zgert, sich selbst zu beschmutzen. Als ein Kind der Schule gestorben war, kam der Literaturprofessor wankend in die Klasse. Er war ein kleiner, lcherlicher Mensch mit strohgelb in die Hhe stehenden Haaren. An die Tafel gelehnt, schluchzte er berlaut, wischte sich die Trnen ab mit einem blauen Taschentuch, schneuzte sich -- und dazu mute ein Mdchen ein ganz bldsinniges Lesestck vorlesen. Da begannen alle Kinder zu lachen. Und Ruth mit ihnen, sie zerbi ihr Taschentuch -- er weinte ja auch immer, wenn er von Theodor Krner sprach. O die viele, viele Schande, die sie dort erdulden mute. Alle Morgen eine Krankheit erfinden, um nicht hinzugehen. In einer Zeit, wo der unbeugsame Kindersinn nach unbedingter Reinheit verlangt und der geringste Schmutzfleck ratlos macht und ausliefert. Konnte man je wieder rein werden, wenn man in diese Schule gegangen war? Wo alle unterdrckte Sinnlichkeit der vertrockneten Lehrerinnen unter den Bnken wieder erwuchs, aufgezogen von der schmierigen Neugier halbwchsiger Kinder, die von Liebe nichts wissen drfen. Ruth wurde spter rot, wenn sie an die Gesprche dachte, die sie mit zwlf Jahren hren und fhren mute. Und dann wurde alles verraten. Und ein Kind wurde ausgeschult, weil es die Tochter einer Schauspielerin war. Nein, an diese Schule durfte man niemals zurckdenken. Ruth wich Martha aus, wenn sie des Morgens dorthin ging. Sie htte sie bedauert, wenn sie sie nicht so malos verachtet htte. Es war ganz selbstverstndlich, da Norberts Schwester diese Schule besuchte. Norbert kam nicht mehr blo Samstag. Er kam auch Mittwoch. Jeden Mittwoch und Samstag zum Mittagessen. Vorher spielte er noch mit Gustav zwei Sonaten, eine neu und eine, die sie schon das letztemal gespielt hatten. Ruth kam an diesen Tagen immer zu spt nachhause. Ruth verachtete Norbert. Diese Verachtung war mit einem ihr sonst fremden Ekel untermischt. Der sich bis zur Wut steigern konnte, wenn er sie ber den Tisch herber ansah, hundetreu und Vertraulichkeit vortuschend. Mutters Vorliebe fr Norbert stieg immer mehr. Martha konnte gar nicht aufhren, mit Norbert zu sprechen. Er gab als Mitglied seiner Kaste etwas verchtlich Auskunft ber die Familienchronik der Stadt -- aber immer als Mitglied seiner Kaste. Martha bekam hektisch rote Wangen. Ruth dachte: Mein Gott, wie wenn ich den Uilenspiegel von de Coster lese. Aber da ist es nicht ein Mensch, ein Volk, eine Welt, nur eine ehemalige Tanzstunde. Deshalb hatte sie Martha in den letzten Jahren beiseite liegen lassen. Neben ihr starb eine Seele in der Sehnsucht nach dem gelobten Land. Eines Mittags kam ihr auf der Strae ein ltliches Frulein entgegen, trotz der lichten Sonne in einem langen, grauen Regenmantel. Scharfe Nase, weltfremde Augen, unter dem Arm eine Aktentasche. Ruth dachte: Lehrerin, die hat heute sicher ein ungezogenes Kind geqult. Vielleicht so eines wie ich war. Sie ging weiter. Um die Ecke herum begegnete ihr Martha, die eben aus der Schule kam. Sie hing sich hastig an Marthas Arm und fragte einige ganz berflssige Fragen. Martha antwortete mrrisch. Ruth dachte: Um Gottes Willen, vielleicht sieht sie in ein paar Jahren so aus wie die andere, die Lehrerin von vorher. Nein, das ist unmglich, das darf nicht sein. Derselbe glhendheie Druck legte sich ihr zwischen die Brust, den sie als Kind empfunden hatte, als der Arzt sagte, da Vater sterben msse. Sie hatte sich in einem Kasten versteckt und schrie in sich hinein: unmglich. So ging sie heute neben Martha. Bei einem Blumenweib blieb sie stehen und kaufte ein winziges Bschelchen Veilchen. -- Ruth, um diese Jahreszeit. Du fngst also schon wieder so an mit dem Geld. -- Nimm sie. -- Unsinn. -- Bitte. -- Nein, knnte mir einfallen. Ruth hielt die Veilchen ganz tief unten. Nur nicht weinen vor Zorn. Pfui Teufel. Und Marthas Schleier hatte ein Loch quer ber die Wange hin. Ach, was ging diese langweilige Person sie eigentlich an. Sie lie die Veilchen in den Rinnstein fallen, knapp bevor sie in das Haustor traten und sprang voraus ber die Stiegen. Dann aber schalt Mutter mit Martha kreischend laut und ungerecht. Ruth stand im Nebenzimmer mit geballten Fusten. Mutter schrie. Martha schwieg. Ach, da war wieder der entsetzliche Druck, der brennende Druck -- Angst -- Ruth warf eine alte Porzellanvase zu Boden, da die Splitter sprangen. Mutter strzte wtend herein. Sie schttelte Ruth und stampfte mit dem Fu auf die Scherben. Aber sie war wieder gut mit Martha. Denn Martha jammerte mit. Ruth weinte so lange, da sie am Abend krank war und in das Bett gesteckt wurde. Mutter brachte ihr besonders aufgegossenen Tee und setzte sich an den Bettrand wie in alten Zeiten. Aber Ruth drehte den Kopf weg. Das Licht schmerze sie. Pltzlich sagte sie: -- du hast Martha nicht gern. -- Was soll das heien? -- Du hast Martha gar nicht gerne. Weil sie hlich und unglcklich ist. Hliche und unglckliche Menschen mag man nicht. Ich liebe Martha auch nicht, o nein. Aber ich will nicht mehr mit ihr streiten. Und nach einer Weile: -- Weit du Mutter, eigentlich wnsche ich, da Martha auch aus dem Fenster gesprungen wre, wie ihre verrckte Freundin voriges Jahr. Wenn sie es heute noch tun wollte, ich glaube, ich wrde ihr helfen und -- Ruth, Mutter stand vor dem Bett, dunkelrot -- du willst also, da ich hinausgehe ... Nein Mutter, ich habe nur manchmal so Angst. Aber wenn du gehen willst, gib mir etwas zu lesen, irgendein Buch, nur etwas, was gerade auf dem Tisch liegt. -- Schillers Dramen? -- Nein, nicht das. Wozu. Ich sage dir, heute Mittag habe ich auf der Strae im Sonnenschein eine Frau gesehen, viel, viel schlimmer als die Maria Stuart, bevor sie auf das Schafott geht. -- Du trumst. -- Nein, ich habe die Augen offen, sehr weit offen -- gute Nacht Mutter. Ruth versuchte nicht mehr, mit Martha zu sprechen. Aber in den nchsten Tagen verga Martha, als sie in das Theater ging, den Schlssel ihres Kastens abzuziehen. Ruth schlich in ihr Zimmer. Ihr Herz klopfte in die Kehle hinauf. Sie verschlo die Tre. Sie dachte: jetzt mache ich etwas Niedertrchtiges, Schmutziges. Aber ich kann ihm nicht entgehen, es geschieht von selbst, notwendig -- Sie fand nichts, nein, sie fand gar nichts in dem Kasten, nicht einmal die Photographie, die sie erwartet hatte. Wozu sperrte denn Martha den Kasten immer auch dreifach zu. Nur ein Buch lag da, in Leder eingebunden, mit vorgedrucktem Datum, darinnen standen alle Theater, Vergngungen, Blle und Tnzer. Ruth empfand wieder den Geruch von Gaze, Spitzen, gebranntem Haar, Straufedern und frischen Blumen, die alle nach Parfm und Puder schmeckten. Jene festliche Erregung, die die ganze Familie bis zur Hausmeisterin hinunter beherrschte, wenn Martha mit Mutter auf einen Ball ging. Die ihr Kinderherz nicht schlafen lie und an rauschende Seidenrcke denken und blonde Prinzessinnenlocken. Heute abends war sie mit Mutter allein beim Abendessen. Mutter sollte erzhlen. Mutter tat das gerne, leichthin, ohne Ruths brennendes Interesse zu spren. Ruth zerkrmmelte das Brot ber das Tischtuch. Mutter sagte: -- Du brauchst nicht glauben, da Martha immer so war, wie sie jetzt ist. Sie ist ein armes Mdchen, aber gut. Und du bist manchmal sehr abscheulich zu ihr, Ruth. Da ist Richard ganz anders. Er ist doch immer so rcksichtsvoll, das hat er bei Martha am besten gezeigt. Gott, das ist schon lange her und von so etwas spricht man lieber nicht mehr. berhaupt zu dir, du knntest eine Bemerkung machen -- -- Natrlich. Ich verstehe nicht, warum du dann davon redest? Was es schon sein wird, sie wird eben ein Kind bekommen haben. -- Ruth, so etwas sagst du zu mir? Wie du jetzt immer sprichst. Mit wem gehst du eigentlich um? Schon in der Schule hast du dir immer die Minderwertigsten ausgesucht. Bei Martha war das ganz anders. Wenn du wtest mit wem Martha verkehrt hat -- -- Das hat ja auch herrliche Folgen gehabt. -- Martha war immer nur in den besten Familien eingeladen. Die Leute haben sich um sie gerissen. Sie war hbsch und liebenswrdig. Alle haben ihr den Hof gemacht, wie toll. Menschen wie Norbert -- -- O weh ... -- Ja, das ist dir natrlich zu gut. Aber ich sage dir, Martha hat ein schnes Leben gehabt und war glcklich. Das verdankt sie mir. Ruth bckte sich, um die Serviette vom Boden aufzuheben. -- Du weit eben gar nichts. Wenn du eine Ahnung httest, wer Martha heiraten wollte -- -- Und warum hat er es nicht getan? Mutter erzhlte von dem jungen Baron, der Martha so sehr geliebt hatte. Ruth dachte: Sicher hat er ihr Blumen geschenkt beim Kotillon. Der Baron reiste ihnen nach, einen Sommer lang. Man wohnte in den feinsten Hotels, o, es kostete ein Vermgen. An der Ostsee. Martha trug nur Pariser Toiletten. Am Abend sa der Baron mit ihr und Mutter bei Champagner auf bis zwlf Uhr, jede Nacht bis zwlf -- Ruth dachte: Warum ist sie nicht lieber am Strand mit ihm spazieren gegangen und hat ihn gekt. Alle morgen standen Blumen auf dem Frhstckstisch. Und Martha wute ihre Haltung zu bewahren -- Ruth fragte: -- Warum? Aber Mutter erzhlte weiter, stolz, glckselig. Sie waren allein in dem Bad. Ruth und Richard waren zu Hause. Der Baron hielt Vater fr einen groen Unternehmer -- Ruth dachte: Vaters arme Zeichnungen. Und dann im Herbst waren sie verlobt. -- Mutters Stimme brach fast ab. -- Ganz richtig verlobt. Natrlich geheim. Aber er kam alle Tage zum Abendessen und war mit Richard eng befreundet. Richard htte damals in ein Ministerium kommen knnen. Ach, es war herrlich ... Mutter schwieg. Ruth fragte: -- Nun, und? ... Und nichts. -- Was heit das? -- Die Verhltnisse. -- Die Verhltnisse also, das heit, da Vater kein Unternehmer war, da ihr geschwindelt habt. -- Ruth, was sagst du mir da? Mir, die ich immer dem Glck meiner Kinder gelebt habe. Richard sollte dich hren. Ja Richard berhaupt ... Wir fuhren zu Weihnachten in das Gebirge. Du hattest Keuchhusten. Erinnerst du dich -- -- Ja, da war der Tierarzt. -- Richtig. Nun und wenn Richard nicht so energisch aufgetreten wre. Martha war zu jeder Dummheit bereit. Der Landtlpel -- Ruth sah vor sich den brenhaft trotzigen Menschen, mit den zarten Hnden und der Bauernsprache, auf dessen Rcken sie oft genug geritten war. -- Mutter, das ist eine Gemeinheit. Richard und Martha kamen aus dem Theater nachhause. Norbert war auch dort gewesen. Ruth hatte Norbert am Abend vorher beleidigt. Richard sagte: -- Natrlich, du kannst immer nur rpelhaft sein. Es ist wirklich schade, wenn ein Mensch aus guter Familie zu uns kommt. Ruth sprang auf: -- Ich glaube, ihr wit alle nicht, wer Vater war. Und sie drehte Vaters Photographie an der Wand um. Am nchsten Tag suchte Ruth ein junges Mdchen auf, dessen Verkehr ihr von Mutter streng verboten war. Sie hatte sie in einer Nhschule kennen gelernt. Das junge Mdchen hatte grellrote Haare, die sie zu hoch hinaufgesteckt trug. Sie lebte mit ihrer Mutter in einem schbigen Vorstadthaus, aber in der Wohnung waren viele Teppiche und Erker mit heimlichen Palmen. Sie verkehrten nur mit Offizieren. Ruth traf Mutter und Tochter, wie sie sich eben manikrten. Sie wurde mit berstrmender Liebenswrdigkeit empfangen. Aber sie hate manikrte Ngel, die rund und glatt sind, wie Klauen von Tieren. So war sie khl, obwohl sie sich vorgenommen hatte, herzlich zu sein. Als Bella sich an den Toilettetisch setzte, wo die vielen silberglnzenden Schchtelchen waren und die rote Lampe darberhing, bekam sie eine tolle Lust, mitzutun. Sie schmierte sich rotes, weies, gelbes Puder vermischt ber das Gesicht, bis Bellas Mutter in einen Lachkrampf ausbrach und sie in die Arbeit nahm. Als sie sich dann in dem Spiegel betrachtete, von der Seite her und verlegen vor sich selber, war das genau so, wie wenn sie sich vor Jahren mit Marthas Garderobe zur Jungfrau von Orleans drapiert hatte. Das war ja herrlich, so ganz jemand anderer zu sein, als man wirklich ist. Verlockend und spielerisch. Maske. Ein bichen wie der liebe Gott mit dem weien Bart. Nur da die Schminke rot war. Und alle Lampen in diesem Haus waren rot. Sie fiel Bella um den Hals und beide tanzten durch das Zimmer. Dann kamen drei Herren. Zwei Offiziere und ein Theaterdirektor. Sie saen in einem halbdunklen Raum und tranken Tee aus winzigen Tassen. Der Zigarettenrauch war klebrig schwer. Man konnte nicht mehr sehen, da die Wnde berfllt waren mit Photographien, Bilderchen nackter Engel und trockenen Maiskolben. Aber es war sehr lustig. Direkt gemtlich. Ruth fhlte sich wunderbar wohl. Sie spielte ihre Rolle, als ob sie ihr von dem liebenswrdigen Theaterdirektor eigens einstudiert worden wre. Eigentlich wute sie nicht genau, ob nicht daneben ein Orchester spiele mit kreischenden Fiedeln und ein Boy unter ihr Perolin aufsprenge. Ein Leutnant mit etwas herunterhngender Unterlippe setzte sich an das Klavier und spielte eine abscheuliche Melodie. Bella sang dazu ein schmieriges Lied. Dann setzte sie sich auf seinen Scho und er kte sie. Er hatte groe, schwarzgerauchte Zhne. Ruth dachte an Norbert. Ekelhaft. -- Ich mu nach Hause gehen. O man war sehr betrbt darber. -- Aber ich komme bald wieder. Und Ruth setzte sich den Hut schief in die Stirne hinein und quer ber ihr gertetes Gesicht. Auf der Strae verfolgte sie ein Mann bis in ihr Haus. Bei Mutter war Besuch. Eine Freundin Mutters mit drei unverheirateten Tchtern. Die alte Frau machte eine verwunderte Bemerkung, da Ruth so spt abends allein nachhause kme. Die drei Schwestern schielten eigentmlich auf den schiefsitzenden Hut. Und die lteste ffnete den Mund, um etwas Boshaftes zu sagen. -- Da ging Ruth aus dem Zimmer. Ihr war ja so bel. Bella war glcklich. Die drei Mdchen da drinnen zankten sich alle Morgen. Gingen dann eintrchtig den ganzen Vormittag Einkufe machen fr ihre unbedeutende Wirtschaft. Trafen bei dieser Gelegenheit Bekannte, die sie grten, mit denen sie sprachen. Nie ging eine allein auf der Gasse. Immer waren sie zu zweit oder zu dritt und gewhnlich war die Mutter zwischen ihnen. Sie warteten ihr ganzes Leben, da einer kme. Aber einer, der vornehm war. Eigentlich war es dasselbe wie bei der Prinzessin im Mrchen. Und sie, Ruth, wartete auch. Nur da sie so gar nicht wute auf was. Bella war glcklich. Die hatte alle Tage ihren Leutnant. Aber der hatte schwarze Zhne. Martha war arm. Doch sie hatte einen Gott. Der sa an erster Stelle in einem hohen Amt. Vielleicht hatte er auch einen weien Bart. Sie, Ruth, hatte keinen Gott mehr. Sie war wie Gustavs namenloser Hund. Aber sie konnte selbst eine Maske anziehen. Gott werden fr Bella, fr den Leutnant, fr den Theaterdirektor. Vielleicht auch fr Mutter. Es war eine Bosheit, wenn sie es nicht tat. Ach, wozu so viel denken, berhaupt, lieber Masken tragen und ganz anders sein -- und schlafen -- sie streckte sich lang aus in ihrem zu kleinen Bett ... In der Nacht trumte sie von einem breitstigen Baum voll dichter, gelbwelkender Bltter und rosa Riesendolden. Sie stand auf der Brcke und der Baum war weit drauen in einem dunkelglatten See. Aber hinter ihm stieg ein Berg auf mit beschneiten Tannen und die Luft war bleich, wie im Winter. Der Baum hing voll schwerer rosa Bltendolden. ber die Brcke kam Mutter mit ihren gierig fordernden Bewegungen, die immer alles haben wollten und deshalb so ungeheuer armselig waren. Hinter ihr ging Martha in einem rosa Ballkleid. Aber die Augen waren geschlossen und die Wangen gelb. Ruth stand auf der Brcke und sie war ganz klein, hatte kurze weie Socken an, ein weies Matrosenkleid mit hellrosa Kragen. Oben auf dem Berg begann es sicher zu schneien. Und Mutters Haare waren wei. Am nchsten Tag brachte Norbert eine Einladung seiner Mutter fr die ganze Familie. Zu einer kleinen Gesellschaft, wie er leichthin sagte. Dabei sah er Ruth an. Ruth sagte: -- Ich gehe nicht in Gesellschaft. Aber nachher mute sie gehen. Sie war die Jngste und mute Martha begleiten. Das sah so am besten aus. Mutter lie ihr Abendkleid herrichten und kaufte Lederhandschuhe und Seidenstrmpfe. Da fand Ruth, da die Sache eigentlich doch dafr stehe. Sie setzte sich vergngt auf den Tisch und probierte die Seidenstrmpfe an. Richard kam in das Zimmer. Mutter rief: -- Ruth, schmst du dich nicht. -- Nein du hast sie mir ja gekauft, damit man sie sehen soll. Sie machte einen langen Spaziergang durch Kot und Regen und erklrte dann, die Strmpfe seien zerrissen und schmutzig, einfach unbrauchbar. Und sie ging ohne Seidenstrmpfe zu Norberts Eltern. Norberts Schwester war ein halberwachsenes Ding mit zu kurzer Oberlippe und vornehm tiefer Stimme. Sie grinste allen Gsten zu und war bertrieben freundlich mit einer unscheinbaren, dicklichen Freundin. Der Salon war verschnrkelt, Gold in braunem Holz, mindestens drei berflssige Tische standen da und in der Ecke hing ein groer Makart. Sonst unzhlige Photographien in kostbaren Rahmen und konventionelle Geschenksvasen. Ruth dachte: Ich mchte wissen, wer in diesem Raum zuhause ist. Norbert nicht, er tut nur so, wenn er die Zigaretten anbietet. Sonst aber pat er noch besser an unser Klavier. Und seine Mutter auch nicht. Was fr eine proletarisch dicke Nase sie doch hat und der lose, ungebndigte Mund -- nein, die habe ich mir ganz anders vorgestellt. Aber sein Vater hat einen eleganten, schneeweien Scheitel. Und das ist auch alles. Norberts Braut kam zu ihr und war besonders freundlich. Sie war ein hbsches, liebes Mdchen mit gerader Nase und langen, hellgrauen Augen. Ruth fand, da Norbert einen sehr vernnftigen Geschmack habe. Ihr gelblicher Spitzeneinsatz pate wunderbar zu seiner grauen Weste. Ruth merkte wohl, da man sie wie ein kleines Tier aus der Menagerie betrachtete. Weil ihr Kleid keinen Kragen hatte und die Haare eigenwillig um die Stirne herumstanden. Norberts Freunde schauten ihm eigentlich alle hnlich. Lauter Menschen, die man erst monatelang sehen mu, um zu wissen, wie sie aussehen. Wenn man denen allen die Hnde abschneiden wollte, man knnte die einzelnen Paare durcheinander werfen und sie wren nicht zu unterscheiden. Wie alle ihre Krawatten und Handschuhe. Ruth lachte bei dem Gedanken und wollte ghnen. Da kam ein Leutnant zur Tr herein mit herabhngender Unterlippe und dunklen Zhnen. Um Gotteswillen, was wollte der hier. Den hatte sie ja bei Bella getroffen. Nur da er heute im Waffenrock war und ganz frisch rasiert. Er wurde mit Jubel begrt. Norberts Vater schttelte ihm beide Hnde. Er lchelte nach allen Seiten auf einmal. Aber vor Ruth verbeugte er sich dunkelrot vor Bestrzung. Sie sagte strahlend: -- Uns brauchen sie einander nicht vorzustellen, Norbert, wir kennen uns schon. Ruth war nicht mehr schlfrig. Ein Interesse, da sie erwachen gefhlt hatte, als sie mit Bella und deren Freunden Tee trank, trieb sie unter die Leute. Sie schwatzte. Aber dabei verfolgte sie fortwhrend den Leutnant. Er wich ihr aus. Man bat den Leutnant strmisch, etwas auf dem Klavier zu begleiten. Neueste Chansons. Norberts Braut sollte singen. Sie hatte doch so eine entzckende, kleine Stimme. Aber er wollte heute nicht. Ruth trat vor und sagte, liebenswrdigst lchelnd, whrend ihre grnen Augen forderten: -- Du mut -- Spielen Sie doch das von dem kleinen Hotel, Sie wissen schon. Und er trat vor und spielte es. Ja, spielte, was er bei Bella gespielt hatte, was Bella gesungen hatte. Und -- war denn das mglich? War das mglich, da Norberts Braut dazu sang mit ihrer zarten Mdchenstimme, diese Worte? War es mglich, da man rasend Beifall klatschte und Norberts Mutter duldsam lchelte, whrend sein eleganter Vater sich kstlich unterhielt? Nein, da war etwas, worber man nachdenken mute. Ruth setzte sich in eine Ecke. Gleich darauf kam der Leutnant. Er redete schlpfrige Dinge und nahm ihre Hand. Sie lie ihn gewhren, sie war interessiert, brennend interessiert. -- Sagen Sie Herr Leutnant, singt man dieses Lied jetzt berall? -- Ja, es ist sehr beliebt. -- Ach, ich dachte, das singt nur Bella. Es ist abscheulich. -- Gndiges Frulein scheinen sehr streng zu sein. -- O nein, ich hasse nur schlechte Musik. Der Leutnant redete weiter. Dinge, s wie zerlaufener Tortenbergu und prickelnder Champagner. Eigentlich hatte er eine hbsche Nase und schne Augen mit klugen Wimpern. Wenn nur der Mund nicht so schmierig gewesen wre. Sie sprachen von dem Makartbild. Der Leutnant behauptete, in Norberts Zimmer hnge ein noch viel schneres. Sie mge ihm doch folgen. Nein, dachte sie, ich bin doch zu neugierig. Und sie ging mit ihm. Aber sie ballte die Fuste. Die Gesellschaft hatte sich zerstreut. Der Leutnant fhrte sie durch ein dunkles Zimmer in Norberts Zimmer. Er zndete kein Licht an. Und kte sie. Ruth dachte in der Sekunde: Norbert -- wie er mich liebt -- sein Zimmer -- die Braut -- das Lied -- also so ist das -- aber die schwarzen Zhne -- so ist das -- Dabei schlug sie dem Leutnant mit der Faust ins Gesicht. Er schrie auf, halblaut. Dann flsterte er: -- Gehen Sie, gehen Sie rasch. -- Sie sagte: -- Gr Gott, Herr Leutnant und ging wieder in den Salon. Auf ihrer Hand war ein Blutfleck. Den wischte sie sorgsam ab in einem hellblauen Seidenvorhang. Dann mischte sie sich unter die jungen Mdchen. Norbert kam und legte den Arm um seine Braut. Man sprach von Musik. Ruth sagte: -- Onkel Gustav lt Sie gren. Er hat eine ganze Menge Noten fr Sie bei uns liegen lassen. Norberts Braut fragte interessiert: -- Wer ist das? Ist das der sagenhafte Knstler, der so wunderbar Mozart spielt und den man niemals zu sehen bekommen kann. Norbert war dunkelrot. Ruth sah ihn aufmerksam an und sagte: -- Er hat heute nicht kommen knnen, weil er keinen reinen Kragen gehabt hat. brigens ist er kein Knstler, nur Zeichenlehrer an einer Mittelschule. Aber er ist mein Onkel. Norbert ging den Leutnant suchen. Er kam bestrzt wieder. Der Leutnant habe heftiges Nasenbluten und liege auf dem Sopha in seinem Zimmer. Ruth schlich sich an Norbert heran: -- Norbert, Sie drfen niemanden etwas sagen, aber ich mu mir die Hnde waschen. -- Jetzt gleich? -- Ja, aber schweigen Sie. Norbert fhrte Ruth in das Badezimmer. Sie standen sich gegenber in dem weigekachelten, grellen Raum, der voll heiem Dunst war. Ihre Haare verdeckten die grnen Augen, so dicht hingen sie in die Stirne. Sie sah ihn an. -- Wo ist heies Wasser, ich mchte sehr heies Wasser. -- Hier, aber was ist Ihnen, was haben Sie? -- Sehen Sie den Fleck da auf meiner Hand. Ich habe mich zuvor schon in einen Vorhang gewischt: Blut ist es. Vom Nasenbluten von ihrem Freund da. -- Ruth, nein. -- Doch, soll ich Ihnen den Vorhang zeigen? Im Salon rechts. Er hat mich gekt in ihrem Zimmer und dann hat er auf einmal Nasenbluten bekommen. -- Nein. Er hatte sich abgewendet und seine hohe, zu gerade Gestalt wurde klein und verschwand im feuchtschweren Dunst. Aber irgend etwas sthnte in dem Badezimmer. Ruth wusch sich die Hnde mit einer Brste, da das Wasser sprhte. -- Sie sollten Ihre Braut nicht solche Lieder singen lassen. Er schwieg. Und nach einer Weile: -- berhaupt, was Sie fr Freunde haben. Schmen Sie sich. Norbert wandte sich nicht um. Sie fhlte eine warme Welle um ihre Fe spielen, weich und kosend, die sich doch nicht traute, hher zu steigen. Er hielt den Kopf gesenkt. Sicher war er ganz rot. Warum schlug er sie denn nicht? -- Norbert, schauen Sie mich doch an, ob ich auch ganz rein bin. Er richtete seine hundetreue dunklen Augen auf sie, langsam, verzweifelnd, ergeben. -- Auf Ihrem Schuh ist auch ein Fleck, Ruth. -- Ach, was soll ich jetzt tun? Mich wieder beklexen? Er kniete nieder und putzte ihr mit einem nassen Handtuch den Schuh, sehr sorgsam. Sie sah auf ihn herab und fhlte: immer habe ich gewnscht, es soll mir jemand Liebesgedichte machen. Aber das ist ja viel mehr. Und doch ist es furchtbar. Soll ich ihm sagen, da ich den Leutnant geschlagen habe, oder soll ich ihn kssen, auf den braven Scheitel da -- ach, Christus, hilf mir -- Da war Norbert fertig und sie gingen rasch wieder in den Salon. Am nchsten Tag kaufte sie ein paar japanische Nelken und erwartete Norbert vor seinem Amt. -- Ich mu Sie sprechen. -- Ruth, ich werde Sie nach Hause begleiten. -- Dort nicht, gehen wir in ein Kaffeehaus, ich will allein sein. -- Nein aber -- was wrde Ihre Mutter sagen. -- Dann auf Wiedersehen ... -- Halt, Ruth, so bleiben Sie doch. Sie gingen zusammen in ein Kaffeehaus. Er schielte ngstlich auf alle Tische. -- Da, nehmen Sie die Nelken, sie gehren Ihnen. -- Mir, nein ich verstehe Sie nicht, wie knnen Sie nur ... -- Wahrscheinlich ist das auch nicht schicklich, aber nehmen Sie. Ruth sah ber das nchtern glatte Kaffeehaus, wo eben die ersten elektrischen Flammen angezndet wurden. Und wtend dachte sie: Herrgott, wenn ich nur eine Ahnung htte, was ich dem Kerl habe sagen wollen. Nein, so was Dummes. Sie a drei Portionen Eis nacheinander und er sah sie schweigend an. Dann sagte er: -- Sie mssen nicht kleinlich von mir denken, weil ich nicht in ein Kaffeehaus gehen wollte. Aber Ihre Mutter -- und ich bin doch auch verlobt. Aber Ruth, vielleicht wird das jetzt ganz anders werden -- -- Norbert, sprechen Sie nicht weiter, o bitte, gewi nicht, Sie wollen eine riesige Dummheit sagen -- -- Ruth, Sie wissen doch alles -- -- Nein, ich wei nichts, gar nichts. Nichts, Norbert. Ich bin Ihnen dankbar, da Sie mir gestern den Schuh geputzt haben. Deshalb die Nelken. Und im brigen -- ja, im brigen, ich wollte Sie dringend bitten, sich Onkel Gustavs etwas mehr anzunehmen. Er hat eine schwere Bronchitis und liegt mutterseelenallein in seiner Dachkammer. Auerdem: er liebt Sie, weil Sie so elegant sind. Nicht wahr, Norbert, Ihr Grovater war doch Minister -- eigentlich knnten wir jetzt die Sitzung aufheben. Ruth besuchte Onkel Gustav noch an diesem Abend. Er lag in seinem ungegltteten Bett. Neben seinem Kopf ein llmpchen und auf dem Boden davor der Hund. Der Hund war auch krank und hatte das Zimmer beschmutzt. -- Onkel Gustav, wie kannst du das aushalten? Sie ri das Fenster auf. Er hustete furchtbar. -- Gib doch den Hund weg, wenn er krank ist. -- Nein Ruth, da du so etwas sagen kannst. -- Ich verstehe berhaupt nicht, wie man sich einen Hund halten kann. Es ist doch immer etwas Schmieriges im Zimmer. Ein Tier, mir graut vor allen Tieren. Schau nur die Schnauze, lang, spitz, mit den langen, spitzen Zhnen. Die ist doch zum Beien da. -- Ruth, weit du, da du mir weh tust? ... Onkel Gustav richtete sich im Bett auf und seine groen, runden Kinderaugen glnzten noch mehr als sonst ... Natrlich ist es nur ein Tier. Aber er hat mich lieb. Weit du, was das ist? O, vielleicht hast du es noch nie gebraucht. Ich will ja auch nicht seine Schnauze haben. Aber da ist eine groe Treue neben mir, wenn ich so im Bett liege. Ein groes Gefhl. Du glaubst ja nicht an Gott, Ruth. Ich auch nicht. Aber an ein so groes Gefhl. Deshalb ziehe ich auch ruhig den Hut vor einer Kirche. Ruth sah auf die Schmutzpftze des Hundes mitten im Zimmer und dachte: Nein, da Norbert sich dazu hergegeben hat mir das Blut von dem Schuh zu wischen, mit einem Handtuch -- wie ekelhaft. Martha unterrichtete jeden Tag von acht bis ein Uhr die Kinder der guten Familien. Verstimmt kam sie zum Mittagessen nach Hause. Ruth versuchte nie mehr, mit ihr gut zu sein. Auch nicht, Mutter das Streiten mit Martha abzugewhnen, da htte sie viele Vasen zerbrechen mssen. Und sie erkannte mit schauderndem Entsetzen, da alles Mitleid zu Verachtung wird, wenn es der Alltag abntzt. Da hilft kein Verstehen. Bella suchte sie nie mehr auf. Wozu noch -- Norbert kam Mittwoch und Samstag zum Mittagessen. Eines Tages traf sie ihn auf der Strae, eingehngt in seinen Freund, den Leutnant. Brand Als Ruth das nchstemal Onkel Gustav besuchte, stand ein Mensch beim Fenster. Dessen grobe, breitstige Knochen preten das Zimmer zusammen, lieen die Frhdmmerung nicht herein. Und von seinem Hinterkopf hingen die Haare kurz und strhnenglatt herunter. Onkel Gustav hustete so furchtbar, da Ruth Schleim und Blut vor sich tanzen sah. Als der Fremde seine ungelenk hohe Gestalt rasch umwendete, war ihr, als fiele ein ungeheurer Knochenhaufen in sich zusammen und zersplittere auf dem Boden, steinhart. Onkel Gustav hustete. Blut und Schleim. Er konnte nicht sprechen. Der Mensch verbeugte sich linkisch hochmtig vor Ruth, murmelte etwas und ging fort. -- Wer war das? fragt Ruth, als Onkel Gustav wieder still und erschpft da lag. -- Ein Freund von mir, du kennst ihn nicht. -- Wie heit er? -- Thomas. -- Und noch? -- Wozu willst du das wissen? -- Ich bin eben neugierig, warum Mutter nicht wissen darf, da er zu dir kommt. -- Das ist abscheulich von dir. Das sagst du nur um mich zu krnken. Jeder Mensch darf zu mir kommen, ich bin doch kein kleines Kind ... Er begann wieder zu husten. -- Sei ruhig, Onkel Gustav, ich war wirklich nur neugierig. Weil er mir gefllt, dieser dein Freund oder was er ist. -- Er ist mein Freund. Ruth, wenn du den kennen wrdest, wirklich kennen. -- Wie verhlt sich Norbert zu ihm? -- Er hat ihn noch nicht gesehen. -- Ach so ... Gustav hustete wieder und Ruth stand auf, um fortzugehen. -- Was ist das fr ein Ungeheuer? Sie nahm eine in graue Sackleinwand gebundene Riesenmappe, die auf dem Tisch lag. -- O weh, die hat Thomas vergessen. -- Dann wird er sie wohl holen. Ruth wollte sich wieder setzen. -- Nein, er vergit bestimmt ganz daran, und wenn er morgen in die Schule geht, hat er keine Hefte. Und wieder Unannehmlichkeiten. -- Weit du was, ich mchte sie ihm bringen. Ich will sowieso noch spazieren gehen. -- Nein, Ruth, das geht nicht -- Onkel Gustav richtete sich ganz entsetzt auf -- das kannst du nicht, nein wirklich nicht, auch ist es viel zu weit, er wohnt ganz drauen in der Vorstadt. -- Das macht mir gar nichts. Ruth hatte die Mappe schon unter dem Arm: -- rasch, die Adresse. Onkel Gustav hustete und sagte dann den Namen von Mutters ehemaliger Friseurin. Ruth lachte schrill: -- nein, mit was fr Leuten du verkehrst ... und sie sprang ber die Stiegen. Die Luft war weich und frhlingshaft schwer. Wie um Mitternacht im Mai. Aber die kahlen Bume waren herbstmatt und ergeben. Ruth lief durch die dunklen Gassen und fhlte, wie sie mit jedem Schritt in das Ungewisse hineintrat. Das weich und nachgiebig war wie ein verprgelter Hund. Und doch lockte und zog. Sie wollte den nacktstrhnigen, groben Kopf nicht berhren, nein, niemals, o um Gotteswillen nicht. Onkel Gustavs Husten schrie ihr nach. Ganz arme bermdete Pferde hatten solche schwer hervorspringende Knochen. Deren Kraft um Mitleid schreit. Whrend die Muskeln zu schlaff sind, das Gerst zu tragen. Nein, sie konnte nicht weiter. Eine wtende Angst hielt sie zurck, sie knne einem Kutscher begegnen, der seine Pferde prgelt, erbarmungslos ber die steinige Strae, brllend, schimpfend, fluchend und mit der Peitsche. Nein, sie wollte nicht weiter. Wie kam sie auch dazu, einem fremden Menschen seine Sachen in das Haus nachzutragen. Sie wird das Mappenungeheuer in einen Straengraben werfen. Oder doch vielleicht zuerst hineinsehen -- ja, zuerst hineinsehen. Ruth ging in ein kleines Kaffeehaus, wo ein paar Dienstmnner und Kutscher Karten spielten. Sie setzte sich in eine halbdunkle Ecke und schmte sich. Bei einer unanstndig dicken Kellnerin bestellte sie Tee. Und war verzweifelt ber die schmierig braune Marmorplatte. Aber die Mappe. Ein armseliger zerbissener Bleistift rollt heraus. Und dann Schulhefte der dritten Volksschulklasse. Immer mehr Schulhefte. In jedem beginnt die Aufgabe: Alle Haustiere ... Ruth schliet die Mappe. Den Bleistift steckt sie zu sich. Sie mu Thomas seine Hefte bringen. Sie trat in das Ungewisse. Es wich und lockte. Und die Nacht war ganz dunkel. Das einstckig verkrochene Haus lag weit drauen, am Rand der ersten fahlen Fabrikswiesen. Gelbrtliches Licht trufelte aus seinen niedrigen Fenstern. Das Ungewisse war nah und furchtbar. Eine fremde Wohnung suchen ist entsetzlich. Wie leicht lutet man bei fremden Menschen an und die sind dann bse. Und eigentlich war Thomas sogar auch ein fremder Mensch. Ein grnblasser Proletarierbub mit abstehenden Ohren ffnete Ruth die Tre. Es roch nach aufgewrmtem Essen. Im Zimmer war eine Nhmaschine. Darauf eine Petroleumlampe. Ein Mensch bei der Nhmaschine, in der Nhmaschine, ein Stck der Nhmaschine, in sie hineinverwachsen, bucklig verkrmmt, eng. Ruth dachte: Wieder weg, gleich -- Da kam Thomas herein in blaugestreiften Hemdrmeln. Sie stotterte etwas, dunkelrot, besinnungslos verlegen. Der blasse Bub glotzte sie an. Thomas Schwester steckte den Kopf aus ihrem Buckel heraus. Er selbst war gar nicht erstaunt. Sagte fast grob: danke. Sie bemerkte, da ihm ein groer Augenzahn fehle, da eine schmutzige Unterhose auf dem Sessel neben ihr lag. Ihr ekelte wild. Eine Stimme, die weich war, wie die laue Nacht drauen, sagte: -- Bleiben sie doch noch ein wenig und ruhen Sie sich aus. Sie sind ja ganz erhitzt. Das bucklige Ungeheuer. Ruth htte ihr die zu langen, kranken Hnde kssen wollen. Thomas und sein Bruder waren hinausgegangen. Die Nhmaschine ruhte. Und die Petroleumlampe war noch heruntergeschraubt. Thomas Schwester hatte stechend graue Augen mit mden Lidern. Sie sprach von Onkel Gustav wie von einem Halbgott und fragte sehr viel. Ruth dachte: Der groe, schwarze Kasten in der Ecke dort schaut Thomas hnlich. Er ist schn und mchtig, aber was da nur drinnen hngt. Ich mchte meine Kleider nicht hineingeben. Wie es hier riecht -- nach Baumwollstrmpfen, die nicht gewaschen werden. Thomas Mutter schlrfte herein. Sie hatte rote Wangen, als ob sie frher einmal geschminkt gewesen wre und war furchtbar hlich. Sie begrte Ruth als alte Bekannte und stellte graue Teller auf den ungedeckten Tisch. Thomas kam wieder in das Zimmer und schien sehr unzufrieden, da Ruth noch da war. Sie sprang auf. Er begleitete sie vor die Haustre, hinten im Hof bellte der Hund. Sie gab ihm die Hand und ihr war, als ergreife sie einen toten Knochen. -- Ich danke Ihnen, sagte Thomas mit seiner zerbrochenen Stimme. -- Aber wir mssen jetzt zu Abend essen. Unser Petroleum reicht nur bis halb zehn. Sie hielt seine Hand noch fest und sah nur, wie er mit der anderen Hand an den Hals griff, der Daumen stand eigentmlich scharf weg wie die Klinge eines Messers. Ruth wute, als sie nach Hause ging: Thomas kann als kleines Kind keine Milch bekommen haben. Nur zhes Fleisch von wilden, geschlachteten Tieren. Und sie sah whrend des Abendessens fortwhrend auf Richards Hnde, die wohl noch nie ein Tier geschlachtet hatten. Die kleine Weinherin Gertrud lie sich den ganzen Abend durch von ihrer Mutter Ruths erste Kindheit schildern. Damals war die Friseurin oft in das Haus gekommen, o ja und die gndige Frau hatte Perlen, eine endlose Kette hinunter. Ruth lag immer schon in ihrem weilackierten Gitterbettchen und steckte die frischgebadeten Fingerchen durch das Netz. Und die gndige Frau erzhlte von Paris, immer von Paris, sie hatte auch Pariser Parfm. Die Wangen der alten Friseurin glnzten wie frisch geschminkt. Gertrud fuhr mit feuchten Hnden ber die Tischplatte, da groe nasse Flecken auf dem Holz zurckblieben. Thomas starrte in seinen Teller und hielt mit aufgesttzten Armen Gabel und Messer, kampfbereit. -- Was habt ihr mit den fremden Leuten, grollte er. Gertrud sagte: -- Das Leben. Ihre ermdeten Augen starrten an ihnen vorbei. Sie empfand in diesem Augenblick: Nach Paris reisen -- in der Bahn liegen, einen zrtlichen Atem neben sich -- genieen -- oder: ganz klein sein und in einem weien Gitterbett liegen mit geraden Gliedern, die wachsen drfen. Gertruds Buckel war das Nest eines Vampyrs. Brut und Beutestatt. Alle unerlebten Trume, alle schbigen Wirklichkeiten der Mutter steckten darin. Thomas' Schulstunden. Und die Reibretter des kleinen Bruders, der in die Realschule gehen durfte und ein zufriedener Techniker werden sollte, werden mute. Aber es war noch viel mehr in Gertruds Buckel. Ihre spinnenlangen, blauadrigen Finger nhten und trennten eigentlich gar nicht den ganzen Tag. Sie tasteten zum Fenster hinaus ber die Rcken der Vorbergehenden nach neuem Leben. Und die schwangere Nachbarsfrau, die alle Tage sich erbrach und heulte, da man es genau hren konnte, trug ein Kind, dessen Schicksale sie schon im Voraus empfand, wie ein hohes Glck. Gertrud schtzte den Wert ihres erwrgten Lebens wie ein Sterbender den letzten Atem. Seligkeit war die erste Morgensonne, die ihr in den dnnen Kaffee schien. Seligkeit der graue Tag voll wuchernder Gedanken. Sie nhte schne Hemden, schmeichelnd glatte, aus Leinenbatist, aus Seide. Seligkeit, die anziehen zu drfen. Seligkeit, alle Tage in die Schule gehen zu drfen und hundert schmutzige Kinder zu unterrichten, wie Thomas. Welche Bettigung der eigenen Kraft. Wie herrlich fr ihn, da er sie alle erhalten durfte und es dem kleinen Bruder ermglichen, etwas besseres zu werden -- das war Menschenglck. Thomas' Schulkinder saen Nachmittage lang an Gertruds Nhmaschine. Sie erzhlte ihnen vom lieben Gott und ratterte und nhte. Die Kinder waren zufrieden. Hier war jemand, der nichts von ihnen wollte. So streuten sie ihr das kleine, schmutzige Leben willig in den Scho. Das sie nicht verstand und doch aufsaugte. Thomas merkte nichts davon. Er hielt Gertrud fr eine Heilige. Denn sie liebte und sttzte die verkommene Mutter, den tuberkulosen Bruder. Er wute, da, wenn sie eines abends nicht da wre, die fettige Petroleumlampe nicht mehr brennen knnte, auch nicht bis halb zehn. Und dann wre alles aus. Sie war die Liebe, und er beugte sich vor ihr. Aber er glaubte nicht an die Liebe. Er glaubte an das Wort. Das Wort war in ihm und in ihm war die Welt. Sprechen knnen -- dann mte sein ungebadeter Krper rein werden. Er verbesserte alle Abende bis halb zehn Uhr die Schreibbungen der Kinder. Und dann mute das Licht gelscht werden. Zwei bis drei Hefte blieben noch zurck fr den blassen Morgen. Aber daran war nichts zu ndern. Ruth empfand es in den nchsten Tagen zum erstenmal in ihrem Leben als peinlich mit entbltem Hals herumzugehen. Sie legte sich einen alten Pelz von Martha um, der nach Kampfer roch und kitzelte. Und sie dachte: es mte gut sein, zu wissen, da man nie mehr im Leben einem Mann die Hand gibt. Was das nur ist, fremde Knochen -- ach nein, entsetzlich. Sie wollte nie mehr zu Thomas gehen. Wegen seiner Mutter. Was fr struppige graugelbe Haare die hatte, diese Friseurin. Und dann, sie hatte das kleine, bucklige Ungeheuer in die Welt gesetzt. Wie konnte man so etwas verbrechen. Wenn ich Christus wre, ich mte zum Fenster hinausspringen nur weil Gertrud lebt, dachte Ruth. Und ekelte sich vor Thomas riesengroer Zahnlcke. Eine Woche spter war Ruth wieder bei Thomas. An dem ersten, kalten Wintertag, der ohne Schnee war, aber ganz voll Dmmerung. Die Nhmaschine ratterte. Thomas stand in der hintersten Ecke, bei dem winzigen Eisenofen. Er hatte den Deckel zurckgeschlagen und die roten Flammen verzerrten seine knochigen Zge. -- Ich komme Ihnen erzhlen, da es Onkel Gustav sehr schlecht geht. -- So. -- Ja ich komme Ihnen das erzhlen, Sie sind doch sein Freund, oder nicht? -- Thomas ging in das Nebenzimmer. Ruth dachte wtend: Eigentlich knnte ich ja zu Norbert gehen. Gertrud blickte sich interessiert um. Da ging Ruth ihm nach. In seinem Zimmer standen zwei graue Eisenbetten. Und zwei eiserne Bcherregale. Und ein eiserner Ofen. Der Tisch war mit verschmierten Schulbchern verdeckt und geometrischen Zeichnungen von dem Bruder. Nichts in diesem Raum gehrte Thomas. Nur seine eigenen massigen Knochen. Er starrte an ihr vorbei mit stumpfen toten Augen. Er sieht mich nicht, klagte Ruth, er sieht mich nicht, jubelte Ruth, er sieht mich nicht, er sieht berhaupt nicht heraus, er sieht hinein. Und sie bemerkte, da sein proletarisch hoher Kopf aristokratisch lange, leidende Schlfen hatte. -- Was machen Sie eigentlich da, fragte Ruth und sie setzte sich auf den Tisch, mitten in die Zeichnungen des Bruders und baumelte mit den Beinen. Den kahlen Wintermantel knpfte sie auf. Und sie nahm sich vor, den stickigen Dunst ganz in sich einzusaugen und aus allen Poren wiederzugeben, dann mte er sie spren. Thomas ging hin und her, ohne sie noch einmal anzusehen. -- Hflich sind Sie nicht, lachte Ruth. -- Er blieb vor ihr stehen. -- Wozu auch. Glauben Sie, ich kann nicht, wenn ich will. Aber warum. Ruth dachte: Ich kann die Luft herinnen doch nicht so leicht einatmen. Sie zerdrckt mir die Lunge. Sie ist zu schwer. Schwer wie Thomas' Knochen, oder noch schwerer, ich kann nicht und um Gotteswillen, wer keucht, wer sthnt da, wer erbricht sich, bin ich es selbst -- o wie schlecht ist mir -- -- Sie brauchen nicht zu erschrecken, sagte Thomas und setzte seine rastlosen Wanderungen um den Tisch fort. Die Frau von unserem Nachbar daneben erwartet ein Kind und das hren wir immer so genau. -- Was ist noch in ihrem Zimmer, Thomas. -- Sie stand vor ihm, ihre grnen Augen waren ganz gro geworden. -- Was noch -- O Thomas, Sie mssen furchtbare Nchte haben. Da kte er ihr die Hand mit den groben, aufgesprungenen Lippen. Ihr graute. Sie wurde zornig. Und sie lief davon. Sie wollte nicht mehr zu Thomas gehen. Da sah sie ihn zwei Tage spter auf der Strae. In den frhen, toten Nachmittagsstunden. Sie dachte: wenn ich ihm jetzt nicht entgegenspringe, er rennt dort in die Mauer hinein, zerschellt sich seine groen Knochen. Nein, wie er friert. Sie packte ihn beim Arm. -- Thomas, gr Gott, aber warum haben Sie keinen Mantel, Teufel noch einmal! Er war ganz blau und sie wute, ohne da er antwortete, da den einzigen Mantel der Familie der kleine Bruder trug. Sie begleitete ihn und kombinierte: Wenn Onkel Gustav stirbt, kann Thomas vielleicht den Wintermantel bekommen, oder ich stehle den von Richard. Der ist so gut wattiert. Ach, wenn ich nur nicht so feig wre, ich mte Onkel Gustav auch tten knnen, aber ich traue mich ja nicht. Thomas sagte: -- Mir ist gar nicht kalt, was fllt Ihnen ein. Aber man sollte mir nicht um halb zehn Uhr das Licht wegnehmen, nein, das sollte Mutter nicht. Und wir haben gar kein Geld mehr fr nchste Woche. Ruth gab Gertrud ihr letztes bichen Taschengeld. Gertrud nahm das bichen mit Trnen in den Augen und verklrt. Als Weihnachten kam, wute Ruth nicht, was sie Thomas schenken sollte. Sie verkaufte zwei goldene Ringe, die sie nie getragen hatte, und kaufte ihm dafr einen wunderschnen Band Schopenhauer. Sie half heuer nicht den Weihnachtsbaum putzen. Sie empfand zum erstenmal nicht die gespannte Erregung vor dem wunderbaren Abend, der doch alle Jahre der gleiche blieb. Sie empfand auch nicht, da die Straen anders waren als sonst, weil so viele frohe Menschen mit Paketen durcheinanderliefen. Sie wute nur, da Thomas bei der furchtbaren Klte keinen Wintermantel besa, da der Band Schopenhauer in weiches, mattbraunes Leder eingebunden war. Sie nahm aus ihrem Schreibtisch noch rasch eine Schachtel Briefpapier fr Gertrud und eine Rolle herrlichstes, weies Kanzleipapier, auf das sie einst ihre Lebensgeschichte hatte schreiben wollen, aber das war schon lange her. Jetzt sollte es Thomas' Bruder bekommen, der immer klagte, er habe zu wenig Papier fr seine deutschen Aufstze und die langen mathematischen Formeln. Etwas Besseres hatte sie nicht. Gertrud schmckte den winzigen Weihnachtsbaum mit Silberketten vom vorigen Jahr. Sie humpelte vergngt in der kalten Stube herum und sang ein Weihnachtslied. Auf dem Tisch standen noch von dem Mittagessen Teller mit brig gebliebenem, gelbem Brei. Ruth ging rasch in Thomas' Zimmer. Er lag mit toten Augen ber den Tisch hinber, gierig, lauernd. Ruth legte das sattbleiche Kanzleipapier neben ihn hin. Ein Schrei, wie ein Tier, das nach Wasser sucht: -- Ruth, das bringst Du mir, Du weit also, weit alles, doch und Du glaubst daran, und noch kein Wort, noch immer kein Wort, aber du glaubst daran -- Er lag vor ihr und umfate ihre Schenkel mit tastenden, greifenden, packenden, schaffenden Bewegungen. Er keuchte. Seine Hnde waren feucht, er gurgelte mit halberstickter Kehle. Ruth graute und sie sagte weinend: -- nicht wahr, jetzt schreiben Sie das Buch -- und sie streichelte seinen Kopf wie einem ganz kleinen Kind und kte die aristokratisch hohen Schlfen. Jetzt ganz gewi, ganz gewi. Ihr ekelte vor seinen strhnig fetten Proletarierhaaren und sie streichelte seinen Kopf. Zuhause konnte sie das Licht der Weihnachtskerzen nicht vertragen. Die Stimmen der Verwandten machten sie rasend. Bei Tisch sagte Richard zu einem alten Onkel: -- gewi ist ein rechter Knstler noch nie den widrigen Verhltnissen unterlegen. Im Gegenteil ... Ruth sagte: -- wo liegt die Statistik der Untergegangenen. Ich glaube bei der Mordstatistik im Strafgericht, nicht wahr, dort liegt das auf. Dann wurde ihr schlecht und sie mute die ganze Nacht lang erbrechen. Das Zimmer war berheizt und sie empfand nur, wie sehr Thomas diese Nacht frieren msse, denn sicher waren alle Kohlen fr das Weihnachtszimmer aufgegangen. Vielleicht verbrannte er das weie Kanzleipapier. Den Schopenhauer bekam ja Onkel Gustav, der war noch gar nicht tot. Nur wollte sie nie mehr zu Thomas gehen, ganz gewi nie mehr. O, wie sie seine gierig schaffenden Hnde frchtete, grauenhaft war es und unverschmt gegen die Natur, gegen ihren eigenen Krper. Und die Frau daneben erbrach ja auch fortwhrend, weil sie ein Kind erwartete. Sie bekam einen Brief von Gertrud: warum kommst Du nicht mehr? Thomas ist krank. Sie war zornig und ging nicht hin. Sie bekam einen Brief von Gertrud: warum kommst Du nicht mehr? Da kaufte sie ein Dutzend verschiedener Federn und tiefschwarze Tinte und ging wieder zu Thomas. Gertrud sa in der Nhmaschine und sah sie vorwurfsvoll an: Du httest frher achtgeben sollen, Ruth. -- Worauf? -- Thomas liebt Dich. -- Mach Dich nicht lcherlich. -- Doch Ruth, seit Du fortgeblieben bist, kann er nicht mehr unterrichten. Gestern hat er den Kleinen geschlagen. Denk Dir, Thomas und schlagen, wegen irgend eines kostbaren Papiers. -- Er htte ihn erschlagen sollen, Ihr wit alle nicht, was Thomas braucht. -- Ruth, ich verstehe Dich nicht -- Gertruds Stimme war so weich, da Ruth mit dem Fu darauf stampfen mute. -- Und denke Dir, er will pltzlich um zwei Uhr nachts Licht brennen. Aber die Mutter hat doch kein Petroleum. Er streitet mit den Leuten in der Schule. Seit acht Tagen war er berhaupt nicht mehr dort ... Gertrud weinte. Ruth war ganz kalt: Gertrud, wer ist Dir lieber, Thomas oder die Mutter, oder der Kleine? -- Das wei ich nicht, mir sind alle drei ganz gleich lieb. -- Dann kann ich Euch nicht helfen. -- Aber Thomas liebt Dich. -- Du bist dumm, nh deine Hemden weiter. Thomas kam aus seinem Zimmer und zog Ruth an beiden Handgelenken zu sich herein. -- Wo bist Du solange geblieben? Du httest kommen sollen. Nichts als Farben -- Tne, mit der Hand zu greifen -- Worte noch nicht -- Worte -- Sie gab ihm Tinte und Federn. Er nahm eine Feder und kratzte sich einen tiefen Strich in die zerklftete Hand: aus der Spitze mu es kommen, flieen, strmen -- Gesetz -- Ruth bleib da. Er hielt sie fest mit beiden Armen. -- Kannst Du beten? -- Nein. -- Das macht nichts. Bete, es darf nicht finster werden. Mutter darf das Petroleum nicht versperren. Der Bengel darf nicht nachhause kommen. Die Nhmaschine darf nicht rattern. So bet doch. Als es dunkel wurde, begleitete er sie nachhause. -- Man mu Licht sparen ... Und wieder die Bewegung an den Hals, der Daumen steht eigentmlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers. -- Siehst Du den Eckstein hinter der Straenlaterne, die Biegung, die rund sein soll und doch eigentlich voll Ecken ist. Sprst Du. Wie meine Finger. Der Stein ist grau, so grau, da unsere Augen daran sterben mten. Aber das gelbe Licht aus der Laterne schleicht darauf -- mein Licht ist eigentlich grer. Und lauter Ecken, die aussehen wie Biegungen, Rundungen. Wie wir uns tuschen. Nur die Lgen sprechen sich leicht. Aber die Wahrheit ist furchtbar, sie ist das Wort, das war im Anfang. Hrst Du die eisigen Pftzen, wer hat je so sprechen knnen. Und unlngst in der Nacht war ich flieendes Wasser. Ich wei, wie es tnt, bereinander fllt, ich wei, wie es sich berhrt ... Meine Stimme ist hlich, vorne fehlt mir ein Zahn, ich wei wie Dir das widersteht, Ruth, la, aber weit Du, was meine Hnde knnen, ber die weien Flchen gleiten, nein, das ist nicht Schnee, es schneit ja heuer gar nicht. Aber erst sollen meine Fuste den Reichen die Fenster einschlagen. Was machen sie bei dem elektrischen Licht. Bei dem vielen Licht. Meine Hnde knnen doch Mutter das Petroleum nicht stehlen, da ist kein Mark in den Knochen. Der Hund heult die ganze Nacht im Hof und die Frau daneben erbricht sich noch immer die ganze Nacht ... -- Thomas, wart doch, aber wart, ich werde Dich heiraten. Was Du da von dem Zahn gesagt hast, ist Unsinn. Ich habe nicht viel Geld, aber ein bichen etwas mu mir Mutter schon geben. So viel, da wir ein halbes Jahr, ja ein halbes Jahr schon in einem ruhigen, schnen Zimmer wohnen knnen. Nur ein Badezimmer noch daneben. Und du kannst schreiben, den ganzen Tag, auch in der Nacht. Ich werde eben im Badezimmer schlafen. Aber warten mut Du, wart doch, Thomas, wart nur noch ein ganz klein wenig. Thomas sthnte wie ein Pferd nach dem letzten Peitschenhieb. -- In der Schule haben sie mich hinausgeworfen. Ich kann dem Buben das Geld fr seine Studien nicht mehr geben. Und Mutter mu leben und Gertrud, die Arme. Und in der Nacht mssen sie alle schlafen. Da heult der Hund. Er fuhr Ruth mit einer wilden Bewegung an den Hals. Der Daumen stand eigentmlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers. Sie schrie. -- Schweig, sagte er heiser, es ist ja nicht auf Deinem Hals. Auf meinem ist es. Die fremde Hand. Sie wrgt noch nicht, aber sie wird es tun, sofort, gleich, jeden Moment und dann ganz. Sie wrgt noch nicht. Und doch habe ich schon einen flammend roten Streifen da vorn auf meinem Hals. Ruth sah, da alle Fenster der Wohnung dunkel waren. Und nahm Thomas mit sich in ihr Zimmer. Der Ofen glhte. Thomas warf sich auf dem Teppich der Lnge nach nieder und starrte mit toten Augen in die Glut. Ruth blieb stehen und dachte: wie schn die wilden Knochen geordnet sind, wie schlank sie liegen. Thomas sagte: -- meine Farbe ist mehr gelb, aber nicht so gelb, wie auf dem Eckstein. Ruth warf sich neben ihn vor das Feuer. Er prete sie an sich, da sie die Rippen brechen fhlte. Seine groben Lippen waren blutig aufgesprungen. Schon fast zerfetzt. Der eine Vorderzahn fehlte. Zurck um Gotteswillen. Sie ri sich los. Er stand vor ihr, seine Hnde hingen herab. Eine groe Knochenmasse, bereit, zusammenzufallen. -- Ruth, sagte er langsam, ich danke Dir. Es ist so viel Wrme in Deinem Zimmer. Mich friert nicht mehr. Aus dem Mark der Knochen stt sich die Kraft heraus -- heute abend wird -- Er war schon lange fortgegangen. Ruth lag vor der erloschenen Glut auf genau demselben Fleck, wo er gelegen war. Und sthnte: aus dem Mark der Knochen heraus. Thomas. Ein Kind. Von ihm ... Thomas ging aufrecht nachhause. Beim Abendessen teilte die Mutter vor: Kraut und jedem sein Stck Brot. Die Petroleumlampe brannte sehr schwach, tief heruntergeschraubt. Thomas sprach in sich hinein: heute abend wag ich es, heute endlich. Ich habe ihnen ja noch nie etwas weggenommen. Aber heute, das bichen Petroleum, das werden sie mir schon geben, knnen sie gar nicht verweigern. Und der Bub schiebt sein Bett einfach herein. Aus der Straensteinrundung heraus bricht das Wort. Schon ist es nahe, nahe -- -- Heute knnen wir zeitlich schlafen gehen, sagte die Mutter weinerlich, berhaupt jetzt, wo der Thomas so keine Hefte mehr zu korrigieren hat. -- Mu ich wirklich aus der Schule heraus, fragte der blasse Bub. -- Wird schon so sein, sagte die Mutter mrrisch. -- Warten wir es ab, sang Gertruds milde Stimme dazwischen und ihre Augen suchten Thomas, flehend, verzweifelnd und doch gleich wieder voll Vertrauen. -- Was geht Ihr mich alle an, dachte Thomas, das Wort, aber ich mu erst um Petroleum bitten. Wieder lag die Hand auf seinem Hals. Aber nicht mehr ein Messer mit stumpfer Klinge. Lange Finger mit verschiebbaren Gelenken drckten sich in die Kehle hinein. -- Gertrud, sagte er und zog sie in eine Ecke, gib mir alles Petroleum, was wir haben, heute Nacht, nur heute Nacht. -- Die Mutter hat den Schlssel. Aber ich mu mit Dir reden, ob Du uns wirklich alle zugrunde richten willst, lieber, einziger Thomas, wenn Deine Schule -- La das jetzt, ich brauche Licht. -- Die Mutter hat das Petroleum. -- Mutter gib mir alles Petroleum. -- Geh schlafen. -- Mutter, nur heute. -- Die alte Friseurin grinste hhnisch: -- hab keines mehr. Thomas wute, es ist nicht wahr. Und war machtlos. -- So geh ich zu den Nachbarn. -- Die schlafen. Die Frau hat Nachmittag ein Kind bekommen. -- Gott ... Thomas brach auf seinem Bett zusammen. Gott war das Wort. Und das Wort durfte nicht gesprochen werden. Dunkel. Der Bub schnarcht und hustet abwechselnd. Die Hand -- Nachtklte kriecht durch das Fenster und Tagwrme schleicht in sie hinein. Die Hand legt sich an die Kehle, den Daumen eigentmlich scharf weg. Gertrud und die Mutter im Nebenzimmer atmen schwer. Sthnen. Die Hand wrgt. Schwarz. Aber aus den Knochen heraus, aus dem zarten Mark bricht es dunkel glhend, chzend. Gestalt, Klang, tasten, berhren, drngen, steigen, sich heben. Die Poren saugt es hinaus in die kalte Luft. Und ist doch drinnen, noch im Mark, flammend rot, brennend -- Ach wozu liegen, tot sein. Wer kann sterben, wenn das Innerste leben will. In schwarzen Ballen fllt es aus sich heraus, in blutigen Brocken. Gedrckt von fremden, arbeitsamen Fingern. Eine brhende Masse schwelt in den Gliedern. Kocht, brodelt und schmeit sich nach oben -- da die Haut sich dehnt der steinharten Knochen. Gewalt. Und alle schlafen -- dunkel -- Nein -- licht soll es werden -- licht -- hell -- grell. Er schleicht hinaus vor das Haus mit Katzentritten. Der Hund bellt -- heult -- Alle schlafen -- aber das Wort kann nicht schlafen -- das Wort mu leben -- lodern -- zerstren -- Er klettert auf die Straenlaterne, zerschlgt sie vorsichtig, entzndet die Fackel aus dem Schuppen, schlgt das Fenster ein -- Licht fllt in das Haus -- das Wort fllt in das Haus und der Dichter rast durch die dunklen Gassen. * * * * * Ruth fhrt auf aus dem Schlaf. Sie trgt ein Kind im Leib. Ach nein. Die Feuerwehr ... * * * * * Der Sugling der Nachbarin ist verbrannt. Sonst wurde alles gerettet. Und die Teilnahme der ganzen Stadt wendet sich der Familie des geisteskranken Volksschullehrers zu. Ruth besuchte Thomas mit Onkel Gustav in seiner Zelle. Er sa zusammengekrmmt ber einem leeren Papier. Seine Augen blickten nicht mehr in sich hinein, aber hinaus und in das Leere. Und seine Knochen waren ohne Mark. Leer. -- Ruth, sagte er, denk blo, alles ist verbrannt. Sie gingen. Onkel Gustav weinte. Ruth schwieg. Aber sie trug eine kleine Leiche in sich, fhlte die winzigen, angstverkrmmten Knochen. Drei Tage spter kam der blasse Bub, rot geheult. Thomas war zum Fenster hinausgesprungen. Ruth nickte nur. Auf dem Steinpflaster liegt ein schwerer Knochenhaufen. Zerschmettert. -- Sei ruhig, sagte sie zu dem aufgeregten Buben, was weinst du. Schm dich. Eine Mutter Ruth sah einmal im dunklen Zimmer Mutter vor einer zerbrochenen Tasse stehen. Die Scherben zerschnitten die Luft, wei, mit scharfen Kanten. Mutter starrte dumpf darauf hin. Ihre zerstckelten Bewegungen hingen herunter. Und in das trbe Grau der Augen wollte das Weie hereinbrechen, mit scharfen Kanten. Das war lange her. Jetzt hate Ruth Mutter, weil die alte Friseurin ihren Sohn zum Brandstifter hatte werden lassen. Mutter steckte sie als kleines Kind punkt acht Uhr in das Bett. Dann kaufte sie ihr Schulhefte, die viel zu breit liniert waren. Mutter glaubte einem boshaften Dienstmdchen mehr als ihr. Mutter zwang sie groe Glser mit gekochter Milch zu trinken, wo noch die Haut herumschwamm. Mutter lie sie nchtelang bei geschlossenen Fensterladen schlafen, so da sie glauben mute, sie sei blind. Mutter durchbltterte ihre Bcher, die doch ihr allein gehrten. Mutter rckte den Tisch ihres Zimmers in die Mitte, obwohl er unbedingt an der Seite stehen mute. Mutter lschte das Licht, wenn es zu spt wurde. Es war ja nur ein Zufall, da sie nicht auch schon zum Fenster hinausgesprungen war -- Mutter war schuld an dem entsetzlichen Brandunglck. War auch schuld, da der arme Sugling elend umgekommen war. Mutter, die alle kleinen Kinder so sehr liebte. Ruth sah auf Mutters langfingerige Hnde. Wieso hatten die keine roten Brandwunden. Nein, sie waren wei und schlank, nur durch viele Falten und Sprnge zerklftet. Von welcher Arbeit ... Mutter suchte die alte Friseurin selbst auf und trstete sie, wie sie wortlos dasa neben der Nhmaschine der Tochter. Ruth ging nicht mit. Man sprach von Thomas immer wie von einem Geisteskranken. Das war eine Unverschmtheit. Als Mutter nach Hause kam, hatte sie rotgeweinte Lider. Ruth stand in einer Fensternische, tief hineingepret in den dunkel samtenen Vorhang. Sie wollte schreien: -- ihr habt alle kein Recht um ihn zu trauern. Da sagte Mutter: ich wei schon Ruth, da du immer mit Thomas warst. Er war ein armer Narr. Aber du solltest dich schmen. Eine zorndurchschttelte, blutende Faust -- oder ist das die Flamme -- Thomas' Flamme -- Mutter brllt auf. Onkel Gustav trug Ruth aus dem Zimmer. Riesenkraft war in seinen willenlosen Armen, wie er sie durch den langen Gang schleppte. Er zog sie in den Vorratsraum, wo ein Fa mit altem Kraut stand. Hier warf er sie auf den Boden. Er stand vor ihr weibla und sehr gro. -- Ruth, weit du, was du getan hast. Du kannst es nicht wissen. Du hast Mutter schlagen wollen. Er ging hinaus und zog den Schlssel ab. Ruth dachte nur: jetzt mu ich zum Fenster hinausspringen. Das ist selbstverstndlich, natrlich. Ich brauche blo auf den Stuhl dort zu steigen, es macht nichts, da das eine Bein wackelt. Er trgt mich so weit. O, und dann strze ich. Eine breiige Masse. Aber es tut sicher weh, furchtbar weh, furchtbar, nein, ich frchte mich, um Gotteswillen, ich habe ja so grliche Angst -- Sie kroch in den hintersten Winkel der Kammer. Sie bohrte den Kopf in die Steinfliesen. Verbrecher sein. So also war es. Das heit vor allen Dingen ganz allein sein. Ganz allein. Aber das darf man doch nicht zu Ende denken. Jetzt gehen die Menschen aus den Geschften nachhause. Man schliet die Laden so wie alle Tage. Und in den Straen die gleichgltige Menge. Aber sie ist allein. Was war nur mit dem Mann, der seine Mutter geschlagen hatte. Als Kind hielt sie sich die Ohren zu, wenn man die Geschichte erzhlte. Aber sie wei es doch: die Hand war aus dem Grab herausgewachsen. Man hieb sie ab. Und sie wuchs immer wieder. Ruth sieht vor sich eine gelbe Steppe. Und aus ihr steht graugrn heraus die Leichenhand mit entsetzten Fingern. Oder ist das ihre Hand -- Sie hat nicht den Mut zu sterben. Sie wird nie den Mut haben. Aber sie kann auch nicht leben. Denn sie kann nicht denken. So etwas kann man doch nicht denken, immer denken, immer denken. Mutter kam am spten Abend mit einer flackernden Kerze und wirren Haaren. -- Mutter, sagte Ruth mit toter Stimme, habe ich dich wirklich geschlagen? -- Nein Ruth, dazu ist es nicht -- Mutter wenn ich dich berhrt habe, ich mte sterben. Aber ich frchte mich vor dem Tod. Und ich mte sterben. Und du mtest mir helfen. Mutter kniete zu ihr nieder und kte sie. Am Abend setzte sich Mutter an Ruths Bett. Aber Ruth prete die Lider zu in erstarrtem Entsetzen. Das Weie in Mutters Augen war zerbrochen. So wie einmal vor langer Zeit eine Tasse. Und wie Thomas' Stimme, wenn er sagte: ich habe kein Licht. Ja, wie Thomas. Mutters suchender Mittelfingerknochen war wie bei Thomas, zu krftig. berhaupt, wie kommt sie dazu, Thomas gegen die Mutter zu verteidigen. Thomas ist gestorben, weil die Kraft in ihm nicht leben durfte. Er war stark. Und es ist gut, da er tot ist. Aber Mutter ist schwach und ihre Kraft kann die Knochen nicht sprengen. Zerfrit nur das Mark und macht die Gelenke schwippend nachgiebig. Mutters Leben -- Ruth legte den Kopf in Mutters Hand und weinte. Aus den zerklfteten Handrinnen stieg ihr ein wohlbekannter, warmer, ein nie beachteter Atem entgegen. Irgendwo liegt im Gras eine duftende Frucht. Und ber das Mark des Baumstammes pret sich eisenhart die drre Rinde ... Mutter war auch einmal ganz klein gewesen. Man hatte ihr unmig groe Schrpen ber die weien Kleidchen gebunden. Und sie sa in einem groen Kinderwagen, ganz allein. Sie trug ihr kleines Schicksal in krampfhaft zusammengeballten Fusten. Und erreichte nie etwas, weil diese Fuste immer zu schwer von dem kleinen Krper herunterhingen. Sie gewhnte sich an den Mierfolg und deshalb war ihr kein Ideal zu gro. Sie wollte Knigin werden, dann Sngerin, und dann -- o, was sie alles werden sollte. Sie trug ihr ganzes Leben die Last von unzhligen untergegangenen Existenzen in sich. Und ihr Vater hatte alle Pferde verspielt. Sie hatte einmal einen Tag, vielleicht nur eine Stunde, oder nur eine Sekunde lang mit Ruths saugendem Blick aus sich herausgeschaut. Oder vielleicht nur einmal den Kopf hart und eckig zur Seite geworfen, wie Ruth es immer tat. Und sie hatte ihr eigenes, einziges Dasein gesucht. Dann heiratete sie. Dann gebar sie drei Kinder. Und dann war ihr nichts mehr von sich geblieben, als eine suchende Vergangenheit und drei neue, fremde Menschen. Die alte Friseurin trumte einst davon, die erste Tnzerin der Welt zu werden. Ihr hlicher Sohn sprang aus dem Fenster und zerschmetterte sich in einem Gefngnishof, ohne da sie je verstehen konnte, warum. Ihre migebildete Tochter nhte Hemden fr vornehme Damen. Und nichts war von ihr briggeblieben als das bichen Schminke auf den eingefallenen Wangen, das sich nicht wegwaschen lie. Das bichen Schminke. Und die Kinder laufen wie Diebe in die Welt hinaus. Man kann ihnen das Eigentum nie mehr abnehmen. Denn es ist untrennbar, unkennbar verbunden mit fremden Sften, denen man sich einmal geschenkt hat. Ruth wurde sehr krank. Sie lag ein paar Wochen durch mit hohem Fieber und keuchendem Atem. Die graue Tapete ihres Zimmers wurde zu einer einzigen, ungeheuren Ebene, in die alles hineinversank wie in einen Moorboden. Mde und wohlig. Mutter sa Tag und Nacht an ihrem Bett mit berwachen Augen und Teelffeln in der Hand. Ruth dachte: wenn ich wieder gesund bin, schenke ich Mutter das Schnste und Beste, das ich habe. Aber sie wute nie, was das sei und wnschte sich auch gar nicht, bald gesund zu werden. Besser immer so liegen knnen. Und niemand kann einem Vorwrfe machen. Sogar Richard brachte ihr Veilchen. Als sie den ersten Tag wieder fieberfrei im Bett lag und Mutter ihr die Kissen gerade frisch gerichtet hatte, fragte sie: -- was mchtest du, da aus mir werden soll? Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann doch nicht weiter so in den Tag hinein leben. -- Ich mchte, da du glcklich wirst, Ruth. -- Wie ist das? -- Du mut froh sein und gesund und auch heiraten. -- Weit du Mutter, von Thomas htte ich gerne ein Kind bekommen. -- Aber Ruth -- Nein, nicht bse sein, Mutter, bitte, bitte nicht. Ich mchte dir nur von Thomas erzhlen, weil das so wunderschn war. Ruth erzhlte von Thomas' Buch, als ob sie es schon hundertmal gelesen htte. Mutter sagte: -- armes Kind. Und kte sie. -- Aber du mut jetzt schlafen. Sie lschte das Licht aus. Ruth fragte in das Dunkel hinein: warum arm ... Sie erwachte am nchsten Morgen sehr zeitlich. Mutter sagte im Nebenzimmer zu Martha: -- wir htten eben besser auf sie acht geben mssen. Da sah Ruth hinter dem Fenster in der Frhdmmerung wieder die Hand des Mannes aus dem Grab wachsen, der seine Mutter geschlagen hatte. Nein, es waren viele, es waren unzhlige solcher Hnde. Sie sah diese Hnde drauen vor dem Fenster und wute: im Nebenzimmer wird jetzt eine ungeheure Schndlichkeit geflstert. Ein Heiligtum wird besudelt. Dann geht Mutter in die Kche zu der Kchin und Martha in die Schule. Nein, das hatte Thomas nicht verdient. Sie wollte aufstehn und fliehen, weit, weit weg ber sumpfige Wiesen und Felder. In das Graue hinein. Nur Mutter nicht mehr sehen. Und in der Kommode daneben liegen ja sorglich eingeordnet seine Briefe an Mutter. Mutters Seele steckt auch drinnen in den gelben Phiolen. Und richtig, in Mutters Bewegungen zerbricht sich dieselbe Disharmonie wie in seinen, wenn er die Zigarre zum Mund fhrte. Wie kann Mutter es wagen, ihr Leben bewachen zu wollen. Drauen wachsen die Hnde aus den Grbern. Aber das Weie in Mutters Augen ist zerbrochen. Sie kann Mutter nicht helfen. Sie ist allein. Wei Mutter das nicht? Die Nabelschnur, an der sie hing, ist lngst zerrissen. Arme Mutter! -- Aus allen Grbern wachsen die mrderischen Hnde. Mutter sagte am Nachmittag zu Onkel Gustav: ich werde Ruths Leben von nun an zu lenken wissen. Ich mu ihr weiter helfen. Sie ist -- La das, antwortete Gustav mde. -- Das lassen? -- ja wozu bin ich denn sonst da ...? Und sie sa bis in die Nacht hinein und berechnete ein neues Kleid fr Ruth. Als es nach ihrer Angabe genht war, hing Ruth es in die hinterste Kastenecke und zog es niemals an. Der Tod Mein Thomas hat auch nicht auf mich hren wollen, sagte die alte Friseurin weinerlich zu Mutter, whrend sie ihr das widerspenstige Haar zu bndigen versuchte. Wie hatte Onkel Gustav einmal gesagt, in traumhafter Sommerdmmerung: Unsere Nchsten -- das sind unsere nchsten Mrder. Und nun war die Wirklichkeit gekommen, winterkalt und hart. Und Ruth mochte sich die Augen mit den Fusten zudrcken. Thomas hatte diese Wirklichkeit nie gesehen. Deshalb hatte er an ihr zugrunde gehen drfen. Wie gut mu es sein, wenn alles ganz vorbei ist. Nichts mehr sehen, hren, tasten. Ihn schliet eine Wand ab von der Welt. Und er erstickt doch nicht mehr. Ruth sa an einem nebligen Schneeabend allein zu Hause bei dem groen Speisezimmertisch. Mit aufgesttzten Armen. Ihre immer noch fiebermden Glieder wollten nicht recht gehorchen, wollten sich legen, sich strecken, ganz ausdehnen. Durch die Fenster flimmerte gelb das Licht der Straenlaterne. Drauen mu viel Schnee fallen. Und die lebendige Uhr hinter ihr zerschneidet die Zeit, metallhart. Aber der Kasten dort und die Sthle ringsherum rcken weit weg, fort in das Graue, da sich die hohen Fensterkreuze dehnen mssen. Und nichts um sie als luftloser Abgrund. Weite. Leere. Da drinnen mu einmal eine Fliege ertrunken sein. ber Ruths Haupt hebt sich die Decke. Ihre Fe treten das oben. Noch saugt ihr Blick das Zimmer in sich. Noch kann ihr Blick die Weite berwinden. Noch. Aber das Lid wird ihn verdecken. Dann ist sie ganz allein. Wie Vater. Wie Thomas. Sie ist auch allein, wenn Mutter im Nebenzimmer mit Martha spricht. Wenn sie Richard und Gustav auf der Strae trifft oder mit Norbert zusammenkommt. Wenn sie einen Schutzmann nach einer Hausnummer fragt oder nicht wei, wieviel Trinkgeld der Kellner bekommen soll. Ach, so allein, mit offenen Augen. Die alles sehen. Eine Woche spter brachte man Ruth in ein Sanatorium wegen einer Operation. Sie war sehr mde. Aber auch sehr neugierig. Sie dachte: es ist doch unglaublich, da man so einfach in mich hineinschneiden kann. Und man spritzt mir etwas unter die Nase und dann bin ich nicht mehr da. Wo ich nur sein werde. Ich mu sehr gut acht geben. Der Chirurg hatte ein schmales, feines Gesicht mit zu groem Kinn. Seine Hnde waren grobknochig, wie von einem Fleischhauergehilfen. Aber er zog sich dann Gummihandschuhe an. Und seine Hnde wurden zum Werkzeug, das ineinander beit. Sechs junge rzte standen herum wie Schachfiguren. Und Schwestern leidend und demtig. Der Operationsraum war gro, zu licht, blitzend, spiegelnd. Ruth sah in den schneetoten Park hinunter, auf die uralten, schneebeladenen Bume. Die Wintersonne stie gegen die dicken Wolken. Ruth empfand die khle Verzweiflung eines Sterbenden, der einmal, im ersten jungen Frhling dort unten gelegen sein mute, mit zerfleischtem Krper eingepackt in weie Tcher. So wie man sie jetzt einpackte. Sie wollte schreien: Was tut ihr mit mir? Da lag sie schon auf dem blanken Tisch: Sie sprte einen niedertrchtigen Geruch sich in die Kehle hineinfressen, dachte: Ihr zwingt mich doch nicht -- Da war sie aus sich heraus gestiegen und stand neben ihrem starren Krper. Sah sich selbst nackt und preisgegeben daliegen, sah jeden Zug ihres Gesichtes, das sie ja gar nicht gekannt hatte. Mit geschlossenen Lidern. Sah die strengen, furchtbar fremden Augen der rzte, die bloen sehnigen Arme des Chirurgen, die Schwestern ber die Instrumente gebeugt ... Die weie, glattgetnchte Wand riecht so sonderbar. Sie mu sehr hoch sein. Man kann gar nicht an ihr hinaufsehen. Und die Gelenke sind gefesselt, sthnen unter eisernem Druck. Der auch von oben kommen mu. In den tiefblauen Himmel stt sich ein weier, steifer Ast. Neben Ruth steht eine Schwester mit bleichem Gesicht. Eine Schwester, die sie nie gesehen hat. Ein Ast, den sie nie gesehen hat. Eine Wand, die sie nie gesehen hat. Sie kann ihr Bett kaum berblicken. Dort am Fuende sitzt ja Mutter. Ihre Bluse ist zerdrckt. Wie unangenehm. Und sie lchelt so, als ob sie alles wte, genau wte, was sie ja gar nicht wissen kann. Sie ist in einer Welt, in der sie noch nie war. Sie mu einmal Ungeheures erlebt haben. Aber hier kann man davon nichts wissen. Darum liegt sie gefesselt an allen Gliedern, Sehnen und Gelenken, an allen Muskeln, allen Nerven. Vielleicht hat man ihr beide Fe weggeschnitten. Sie mu tasten. Sie kommt nicht bis dorthin. Mutter und die Schwester lcheln. Das ruchlose Lcheln der Nichtverstehenden. Sie will weinen vor Zorn. Und erbricht. Sie liegt stumm und verzweifelt, bis sie fragt: Ist mein neues Kleid schon gekommen? Dann gehrt sie wieder der Welt, die von Mutters Rechenbchern beherrscht wird und Richards verwunderten Augenbrauen. Aber irgendwo sind doch auch gelbe Phiolen und der Duft fremdartiger Chemikalien, tzend, zersetzend. Ruth sa mit Mutter an dem gedeckten Tisch mit dem rotgestickten Milieu und den glotzugigen Teetassen. Die Lampe brannte fetzig grn. Aber sie war ihr dankbar. Und den Teetassen und den fetten Butterbroten, die an Agnes krftige Arme erinnerten. Wie das nach Alltag schmeckte. Und wie wunderbar sicher das war, wohlig geborgen. Sie mchte sich in die saftgrnen Vorhnge hinein verstecken und ein ganz dummes Backfischbuch lesen, wo es nur Schulsorgen gibt und wunderbare Brutigame. In der Nacht kann sie nicht schlafen. Sie liest die Zeitung bis zur letzten Annonce. Das Zeitungsblatt schlgt eine Ecke nach oben, leckend. Sie lscht das Licht. So mde. Das Zeitungsblatt war leckend, saugend. Das Blatt ist eine rote, fleischige Tierzunge. Die Zunge saugt, leckt. Da ist nur noch die weie, glattgetnchte Wand. Und der lange, grlich arme Tierkopf, der aus ihr herauskommt. Schmal. Die Augen arm, in sich geknechtet. Er schleckt mit schiefer, gieriger Zunge eine salzige Flssigkeit von der blendenden Wandflche. Er schleckt, leckt, saugt sich an -- Sonst ist nichts mehr da. Der Kopf steht in die Luft hinaus, brllt -- Rechts steht ein Mann und links steht eine Frau. Ein Mann, eine Frau. Sie hlt den groen Spitalslffel in der Hand, sieht den Mann fragend an. Und er sagt mit unendlicher Geringschtzung: Gib. Was ist das ganze Leben denn mehr wert als ein Schluck Wasser fr ein durstiges Maul. Der Tierkopf schleckt -- Ruth sa schreiend im Bett. Mutter kam hereingestrzt. Ruth konnte nicht sagen was ihr fehle. Da das lange, armselige Tiermaul alles war, die ganze Welt und immer weiter an der Wand saugen mute. Nein, das konnte man nicht sagen und sie lie sich fortwhrend von den anderen die wichtigsten Zeitungsereignisse erzhlen. Damals sehnte sie sich malos nach allen Menschen, die sie je gesehen hatte, am meisten nach einem kleinen, verwachsenen Stubenmdchen, das ihr vor Jahren Geschichten aus einem bhmischen Dorf erzhlt hatte, wo die Kinder im Hemd im Dorfteich schwammen. Sie bettelte sich hinter der grauesten Alltglichkeit durch. Sie verdurstete vor Sehnsucht, wieder in sie aufgenommen werden zu drfen. In eine Sphre von Geschftsbesen, Kaffeetassen und Nachtwchtern. Ihr war jeder Schuhriemen wichtig. Norbert kam am nchsten Mittwoch. Aber ohne Onkel Gustav. Der lag wieder elend in seiner Dachkammer. Norbert war avanciert in seinem Amt. Er unterstand dem Vater seiner Braut. Alle gratulierten ihm. Ruth schttelte ihm beide Hnde. Er sah sie an, hundetreu, traurig. Nach dem Essen setzte er sich in ihr Zimmer auf das kleine, wacklige Kindersofa. Sie sa neben ihm und dachte: Warum bin ich jetzt nicht in Australien oder auf einem groen Schiff. -- Nicht wahr, Ruth, Sie verachten mich? ... -- Ruth sah auf. -- Nein, warum denn? -- Weil ich avanciert bin. -- Was meinen Sie damit? -- Ach Ruth, Sie wissen ganz gut was ich meine. Ruth sah in den winterblauen Nachmittag hinaus und wute auf einmal, was er meinte. Sie dachte: Und dann nach Australien mit einem groen Schiff. Sonnenuntergang weit hinten im Meer und weie, wehende Schleier. Das wre freilich etwas. Dann sah sie seine graue Weste und dachte an den Spitzeneinsatz der Braut und mute fast lachen. -- Nein, Norbert, sagte sie hochmtig, ich verstehe Sie nicht. Aber sie sah ihn in der flimmernden Sonne eingezunt in einer streng gekrmmten Linie. Seine Grenze. ber die durften seine treuen Hnde nicht hinaus. Wenn er stirbt, dann wird die Linie zum Viereck und macht Wnde und ist der Sarg. Ruth schauderte und einen Augenblick dachte sie: Ich mu ihm helfen, vielleicht ihn lieben. Aber sie verstand seinen beamtenbrav geschniegelten Kopf und ekelte sich vor der schnurgeraden Scheitellinie. Unmglich. Da war die Grenze. -- Wissen Sie schon, da mein Freund, der Leutnant fast gestorben ist, sagte Norbert. -- Nein, wieso? -- In einem Duell wegen einer Ballettnzerin. Zwei Schsse durch die Lunge. Ruth sah vor sich dicke rosa Schminke, rosa Ballettrckchen und rosa glatte Fe. Dazwischen blutend aufgedunsen die Lunge des Leutnants. Seine schwarzen Zhne. Das war der Tod. Am nchsten Tag kam die alte Friseurin heulend. Der Arzt habe gesagt, wenn ihr Bub nicht bald in eine Anstalt kme, sei seine Tuberkulose nicht mehr heilbar. Ruth schnitt sich mit den Ngeln in die Hnde. Was schreit sie so, Thomas ist doch schon lange tot und das kleine Ungeheuer, die Nhmaschine ist ein Leichnam, der sich aufblht mit den Erlebnissen anderer. Und was will der grne Bub vom Leben. In einer Schreibstube geometrische Zeichnungen machen. Keiner kommt bis Australien. Mutter versprach, ihr Mglichstes zu tun. Am Abend sagte Ruth verzweifelt: -- Mutter, mssen wir denn alle sterben? Richard hatte sich verlobt. Mit Norberts Schwester. Ruth erinnerte sich: aufgestlpte Nase, aristokratisch tiefe Stimme, dicke kleine Freundin. Auch gut. Im brigen war es ihr ziemlich gleichgltig. Einmal, whrend des Mittagessens, kam ein Mdchen, bleich, trostlos, das Richard sprechen wollte. Ruth hatte ihr die Tre geffnet. Richard war bei seiner Verlobten. Das Mdchen sthnte auf. Sie packte Ruth beim Arm: Helfen Sie mir. Ruth sah ihr in die hbschen Kinderaugen, die voll Trnen standen und fhrte sie in den Salon. Mutter kam dazu. Die alte Geschichte. Das Kanzleimdchen. Mutter weinte auf und versprach fast flehend zu helfen. Aber sie msse schweigen, um Gottes willen. Als das Mdchen gegangen war, fragte Ruth: Wie willst du ihr helfen? Mutter sagte: Geld. Und Ruth hate sie. Sie dachte an das winzige Geschpf, das schon im Mutterleib erwrgt wurde von fremden Hnden. Wirklich fremden Hnden -- Mutter weinte den ganzen Nachmittag durch: Da sie keine Ahnung haben konnte. -- Mir htte er es doch sagen knnen, mir, immer habe ich alles von ihm gewut, seit er ein ganz kleiner Bub war. Da ist auch nur dieses Frauenzimmer schuld. Aber er hat mir ja geschworen -- Ruth kam es lcherlich vor, da Mutter jemals glauben konnte, Richards Vertraute zu sein. Aber Mutters Augen waren wieder so zerbrochen. Mit zornbebender Stimme sagte sie: -- Dazu bin ich doch da, um von euch alles zu wissen. Ruth ging aus dem Zimmer, etwas in ihr rief: Und dann bist du eben tot. Wo war Mutters Leben -- bei ihren drei Kindern, in Vaters Grab -- bei den gelben Phiolen -- Ruth sagte zu Martha: -- Da bekommt Richard ein Kind und Mutter wei es nicht einmal. Das ist wirklich eine Schmach, aber sie wird ja alles mit Geld gutmachen. -- Woher weit du, da das Kind zur Welt kommt? sagte Martha, lehrerinnenhaft berlegen. -- Martha, du gehrst auf den Scheiterhaufen. In der Nacht sah Ruth Martha auf der Strae, im Sonnenlicht, mit einem langen grauen Regenmantel. Ernst, streng und emsig, mit toten Augen und blauen Ngeln. So war sie denn von lauter Toten umgeben. Richard war ja auch tot. Er tat nur so berlegen. Aber sein Leben lag im Leib jenes jungen Mdchens und seine eigenen Finger erdrosselten es. Er steckte auch in einer Grenze, wie Norbert. Die lief weiter weg von ihm als bei diesem, aber sie war tief eingegraben. Er verstand sieben Sprachen. Er kannte alle Wagner-Opern. Er heiratete Norberts Schwester. Er eroberte sich einen guten Platz in der Welt. Er hatte einen groen Sarg. Ruth sehnte sich wieder unsglich danach, tot zu sein wie Thomas. Nicht mehr scheinlebendig. Aber nur nicht sterben. Sterben tat ja sicher entsetzlich weh. Schon lange tot sein. Ohne denken, ohne Verantwortung fr den nchsten Tag -- An Onkel Gustav hatte man ber Richards Verlobung ganz vergessen. Eines Tages kam seine Hausmeisterin mit sensationslsternen Augen. Es gehe ihm sehr schlecht, er rchle furchtbar. Mutter weinte zuerst, ehe sie sich ankleidete, um hinzugehen. Ruth ging emprt in ihr Zimmer. Sie wollte Onkel Gustav nicht mehr sehen. Was liegt ihr berhaupt an Onkel Gustav. Sie hat ihn immer verachtet. Sie wird sich heute nichts vormachen, so wie Mutter. Gewi nicht. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und versuchte eine italienische bersetzung zu schreiben. Ihr Geist war dabei. Aber in ihren Hnden kochte ein fremder, fieberhafter Puls. Durch die Fasern des Fleisches grbt sich, stt sich blhende Lebenskraft. Aber ganz innen in ihrem Leib fllt etwas ab, brckelt etwas ab, mrb und mde. Wer pret ihr die Brust zusammen und wrgt sie, da sie husten mu -- Ist das Schleim und Blut -- Ist das ihre eigene Kehle -- ber Ruths italienisches bersetzungsbuch steigt wie Frhlingsatem empor die freche Liebe der jungen Wilden, die Gustav einmal an sich reien wollte. Von der sie nie etwas gehrt hat. Und es riecht nach faden, blonden Madonnenhaaren, Ansichtskarten mit weien Kaninchen. In weiter Ferne leuchtet ein lichtes hrenfeld im Juliwind, eine marmorbleiche Haut. Und die alte Geige lehnt an dem ruigen Eisenofen. In Ruths Knochen bricht etwas. Das Mark wird zerrissen. Ein Leben stirbt, das sie nie gekannt hat. Ein Leben, das sie mitgetragen hat in ahnungslosen Hnden. Onkel Gustav stirbt. Ruth steht auf in erstarrtem Entsetzen. -- Agnes, ruft sie in die Kche hinein, singen sie nicht so laut, wir sterben heute. Sie geht durch die weierstarrten Gassen. Deren grelles Gefunkel in der Sonne schmerzt. Der Himmel ist tief dunkelblau. Onkel Gustavs hchster Wunsch war immer, einmal nach Italien zu kommen. Der Schnee zerbricht unter ihren Schritten. Vor Gustavs Haustor will sie noch umkehren. Mutter wird sicher weinen. Richard und Martha machen traurige Gesichter. Norbert ist gewi auch da. Nein, es ist unmglich hinaufzugehen. Aber da ist noch Onkel Gustavs Hund. Sie kriecht ber die Treppen. Onkel Gustav hat das Gesicht zur Wand gekehrt. Der Hund liegt auf seinen Fen. Den lt er nicht von sich. Aber sonst kennt er niemanden. Ruth will die weinenden, die gefaten, die wichtigen Gesichter nicht sehen. Sie geht an das Fenster. Sie mchte es aufmachen. Aber sie ist gelhmt. Auf dem Fensterbrett steht eine halbgefllte Teetasse mit schief abgebrckeltem Rand. Und ein rostiger Lffel. Es ist doch gut, da Onkel Gustav stirbt. Der Arzt unterhandelte mit Richard und Martha, wie man Mutter am besten aus dem Zimmer bringen knne. Er hatte seine geschftsmig traurige Miene. Ruth wollte sich nicht umwenden. Die Sonne war untergegangen, drauen in ferner Ebene. Onkel Gustav rchelte. Norbert trat zu ihr: Ruth -- Lassen Sie mich. -- Aber Ruth -- So lassen Sie mich doch, was wollen Sie von mir. Gehen Sie hin zu ihm. Legen Sie sich auf seine Fe. Wrmen Sie ihn. Onkel Gustav rchelte. Blut und Schleim. Es wurde ganz dunkel. Mutter war von Martha weggebracht worden. Der Arzt war fort. Norbert auch. Richard sa in einem Sessel, den Kopf in die Hnde gesttzt. Die schmierige Hausmeisterin machte sich an Gustavs Bett zu schaffen. Ruth stand unbewegbar erstarrt an dem Fenster. Da schrie der Hund. Ruth war bei Gustav. Aus seinem herabgefallenen Kiefer quoll das Blut auf die sterbende Brust. Ruth legte die Hand darauf. In Liebe. Dann brach sie zusammen. In Ekel ... Alles roch nach dem Leichenbitter, der vor Gustavs Tre stand. Auch die Blumen in der Blumenhandlung. Mutters schwarzgerndertes Taschentuch. Und das italienische bersetzungsheft. Die dumpfen Kreppschleier. Alle sprachen lieb von Onkel Gustav. Ruth hate alle. Nicht weil sie ihn gemordet hatten. Aber weil sie mit ihrem bichen klglichen Gernehaben protzten. Keiner kannte das groe Erbarmen. Auch sie nicht mehr. Eine Sekunde lang hatte sie es empfunden. Seither war ihr, als trgen ihre Hnde vernarbt Kreuzeswunden, mit rostigen Ngeln durchschlagen. Aber vernarbt. Sie trauerte nicht. Kam nicht einmal mit zum Leichenbegngnis. Ging zur selben Stunde mit dem namenlosen Hund spazieren. In einer blauen Bluse, durch taubelebte, klatschende Gassen. Sie brstete den Hund und ftterte ihn. Aber sie hatte eine furchtbare Angst vor seiner langen, spitzigen Schnauze. Die dem schmalen Tiermaul an der weigetnchten Wand immer hnlicher wurde. Ach Gott, wie so hnlich -- In den verstndnislosen, angstvollen Augen des Hundes lag der Schmerz einer geprgelten Welt. Und unendliche Sehnsucht. Wonach -- Nach dem Schluck Wasser -- Wie einsam mute Onkel Gustav gewesen sein. Ruth frchtete sich vor den langen, spitzen Zhnen des Hundes. Er lief ihr nach auf Schritt und Tritt. Und sie konnte ihn nicht zu den andern zwingen. Die riefen ihn bei dem englischen Namen, den Mutter ihm gegeben hatte. In der Nacht lief er winselnd vor ihrer Tre hin und her, bis sie ihn in das Zimmer lie. Dann schlief er in einer Ecke. Sie aber hielt die Augen weit offen vor Grauen. Dort lag das Tier. Fell, gierige Zhne, saugende Zunge. Das Tier atmete lauter und rascher als sie. Zerstrte den Rhythmus ihres Zimmers. Das war zum Stall geworden. Alle riefen den Hund bei dem englischen Namen. Er gehorchte keinem. Einmal ri sie ihn an dem Halsband zurck, als er aus dem Kbel trinken wollte. Da schnappte er nach ihr. Das Blut tropfte aus drei groen, tiefen Lchern in ihrer Hand. Ihrer schmalen, braunen, suchenden Hand. Wie sie diese Hand liebte. Ihre Hand. Ihre glatte Menschenhand. Sie bekmmerte sich nicht mehr um den Hund. Er folgte niemandem und Mutter lie ihn vertilgen. An diesem Abend saen sie alle unter der Speisezimmerlampe. Und Mutters Rechenbcher beherrschten die Mitte. Richard sagte: -- Der arme Kerl. Eigentlich bist du schuld an seinem Tod, Ruth. -- An Onkel Gustavs Tod? -- Nein doch, ich meine den Hund. -- Ach so. -- Hilf mir, Richard, sagte Mutter ber den Tisch herber. Ich kenne mich da nicht aus. -- Richard beugte sich ber ihre Schulter. Dann sagte er mit traurigem Gesicht: -- Diese Rubrik knnen wir jetzt streichen. Und zog mit rotem Bleistift einen dicken Strich ber eine halbe Seite. Ruth sah oben den Namen Gustav. Nein, das war unmglich, nein, das konnte man doch nicht tun, mit rotem Bleistift, rotem Bleistift -- Ruth sagt noch immer: Roter Bleistift, vor sich hin. Sie geht durch dunkle, frostdumpfe Gassen. Sie luft. Sie fliegt. Jemand ist geschndet worden. Wer ist geschndet worden. Der Tod ist geschndet worden. Christus ist am Kreuz gestorben und man betet zu ihm um gutes Wetter. Gustav ist gestorben und man streicht die Ausgaben fr ihn mit rotem Bleistift aus dem Einschreibebuch. Sie will nie mehr nachhause zurck. Lieber in ein Freudenhaus. Wer will nicht zurck -- Ihre Glieder tragen Mutters Ungeduld und Vaters Leiden. Richards Hochmut und Marthas Resignation geben ihr ihre Kopfhaltung, ihre kindische Wrde. Als Onkel Gustav sterben mute, war etwas in ihrem innersten Mark zerrissen. Jedes einzelne Blutgef spinnt einen langen Faden aus sich heraus in Mutters Hnde hinein, die ja so fremd sind, so in sich zerbrochen. Aber eine Stimme schreit aus Ruths Kehle, die ist ganz neu. Vielleicht kommt sie von den Obstbumen auf den wilden Feldern, die alle in ein paar Monaten blhen werden. Noch prete die Klte die Huser zusammen. Und alle Menschen steckten in wollenen Jacken, deren Farbe nicht schn war. Ruth kauerte tagelang vor ihrem kleinen Ofen. Ihr Krper war steif geworden und ihr selber unbekannt. Vor diesem Ofen war Thomas an seinem letzten Abend gelegen. Und sie selbst. Und vielleicht noch ein dritter. Nun ist sie mde, nicht zum Sagen mde. Sie mchte sich die Haut von den Armen streifen. Sie mchte sich in sich hinein verkriechen und in einer dunklen Ecke verstecken. Allein sein. Sie kennt niemanden mehr. Was wollen alle diese von ihr, diese Lgner, die nur zum Schein ganz leben und an hundert Stellen gettet sind. Diese heimlichen Mrder untereinander. Wo ist ihre Grenze. Sie kann sie nicht erblicken. Sie spht um sich mit leeren Augen. Wer sieht aus ihr heraus? Wer whlt mit bleichen, schweren, kraftlos vollen Hnden in ihrem Hirn? Das alles kann sie doch allein so ganz unmglich verstehen. Sie ist ja jung, in ihren Zehen federt die Sprungkraft ihrer Jahre. Sie mchte schon lange tot sein. Aber sie wird jetzt nicht sterben. Sie geniet nur die se Mdigkeit und darf sie doch nicht bis an das Ende kosten. In ihr lebt ein Fremder, Mchtiger. Und denkt. So kauert sie vor dem verglhenden Ofen. Der immer weiter brennt. Vision Unter den hochkreuzigen Fenstern luft die Strae. Die Strae, die alle gehen mssen. Die eine Strae. Der eine Weg. Pferdehufe schlagen das bucklige Pflaster. Wagenrder, die in sich zerbrechen, kratzen darber hin. Und so viel Schuhe. Hochmtig spitze aus weichem Leder, behbig breite, lcherige und Holzsandalen. Vielleicht sind alle die Eilenden lautlos. Und nur der rohe Stein lrmt. Poltert, rattert, zerschmettert -- in nichts. Die Luft war weich geworden und der Schnee schmolz in groen, brandigen Klumpen. Strhnig schleckte er sich ber die Dcher. Schwamm in den braunen Pftzen. Die Schaufenster waren frisch gewaschen. Straenlichter stritten mit langer Dmmerung. Das war schon immer gewesen. Ruth lag vor ihrem Fenster und getraute sich nicht, es zu ffnen. So war sie einen ganzen, langen Scharlach hindurch einmal an den Fenstern gelegen. Als sie so klein war, da sie ein Fragezeichen von einem groen S nicht unterscheiden konnte. Und beide ineinander an das trbe Fensterglas zeichnete. Als sie zu Mutter betete und ihre Furcht vor der nahen Nacht unter erdachten Abenteuern vergrub. Nun lag sie an dem Fenster und wute: Dieses junge Mdchen wird bald ein neues, lustig blaues Sommerkostm bekommen. Der Mann dort schleppt die eine Achsel schwer. Er mu viele Lasten darauf getragen haben. Warum lebt die alte Frau noch, mit den traurigen weien Haaren? Ob das kleine Mdchen mit der Springschnur auch so parkmde ist, wie sie es immer war, nach den stundenmig eingeteilten Spaziergngen -- Sie gingen alle in einem Rhythmus. Ruth sprte das gleichmige Aufschlagen der Sohlen -- jetzt -- und jetzt -- wieder -- und jetzt -- wieder -- und jetzt. Ein Betrunkener johlte unten in dem Wirtshaus, da man den sauren Weingeruch heraufwirbeln fhlte. Dann das Schweigen der Schritte -- jetzt -- und jetzt -- wieder und jetzt -- Bis ein Lastwagen dieses Schweigen zerbricht, so da tausend lebendige Splitter ber den Rinnstein springen. Richard kommt die Strae herunter. Er trgt noch den steifen, schwarzen Hut, wie im Winter. Er wei nicht, da heute Sommer ist. Da sich alle ungefesselten Glieder ausziehen mssen und dem durstenden Fhn anbieten. Mutter schlgt im Nebenzimmer eine Tr zu -- Ruth suchte sich pfeifend ihren alten Strohhut aus einem eingekampferten Kasten. Schlug ihn platt auf den Tisch, da das Geflecht knirschte. Und lief davon. Ohne Handschuhe. Lief durch die eine Strae. Den einen Weg. Wann war es das erste Mal, da sie so gelaufen war? Da ihre selig glubigen Fe sie ber Tiefen springen lieen, die zwischen den Pflastersteinen lauerten. Wann war es -- gestern -- heute -- morgen wird es sein -- Die Erde ist schwanger von blhendem Leben. Und das Geborene ist tot. Und die Luft ist schwer zu atmen vor erstickten Keimen. Braungrn schwimmen die Pftzen im letzten Tageslicht. Die Laternen flimmern blo. Ruth luft den einen Weg. Die eine Strae. Es ist ja immer dieselbe eine. Mit jedem Schritt fllt ein Stck Last von ihren schmalen Schultern. In die tauende Erde. Aber sie kehrt nicht um, damit sie dieses Stck in den Boden hinein zertritt. Recht fest. Nein, sie luft ja immer weiter. Ein Kutscher knallt mit der Peitsche. Ein altes Weib keift -- oder vielleicht erzhlt sie nur. Aber immer weiter, immer weiter, den einen Weg. Die Strae ist ja furchtbar schrill, die Huser haben so emprend scharfe Kanten, die die Luft zerschneiden, wie aufgestellte Messer. Aus den offenen Fenstern fllt eine grauweie Masse heraus. Sind das schmutzige Leintcher -- Die wollen sie hindern am Weiterkommen auf dem einen Weg. Nein, diese vielen, emprend fremden, gleichgltigen Menschen. Da schmeien sie die ganze Winterausdnstung auf die Strae herunter. Ihr entgegen. Diese vielen. Und sie sucht nur den einen. Wer sind die alle, die sie nicht lieben darf -- Diese Holzpuppen, die es wagen ihr Schuhe zu machen und Gesetze zu geben. Die nach Schwei stinken und Bier. Sie sucht den einen. Sie will die alle ja gar nicht kennen, die da gierig an ihr vorbeilaufen. Sie wei so schmerzhaft gut, was sie suchen, was sie niemals finden. Warum wei sie es so gut. Sie will es gar nicht wissen. Will zu dem einen. Unverstndige Kinder dulden stumm die Schmerzen der Eltern mit. Und heben, aufgewachsen, die Hand gegen ihre Erzeuger. Spitze Tiermuler saugen die Menschenliebe von den Mittagstischen. Und Krieg liegt in den nahen Grenzen. Warum wei sie das. Sie geht nur zu dem einen. Der wei es auch. Die grauen Leintcher werden immer dichter. Man sollte die kantigen Huser untergraben, sprengen, da alles Geschirr aus den Fenstern stubt, die blumigen Suppenschsseln, die blauen Kochtpfe. O, wie sie lachen wird. Mutter schlgt die Hnde ber dem Kopf zusammen. Aber Thomas htte auch gelacht. Die Grundmauern der Husermassen sind lange nicht so fest wie die beschmutzten Ecksteine. Aber was braucht sie das zu wissen. Sie geht zu dem einen. Er soll es wissen. Man darf nicht warten bis die Huser einfallen. Die groe Fackel mu man nehmen, Thomas' Fackel. Die liegt bereit, nicht weit weg. Lichtzngelnde Flammen sollen die grauen Leintcher zerfetzen. Hoch hinauf, das mu geschehen. Sie wei es. Nein, sie wird es nicht lange mehr wissen. Sie luft hin zu dem einen. Er soll es wissen. Da steht sie vor seinem Haus. Seine Fenster sind dunkel. Viel dunkler als die verschwommene Strae. Und ganz leer. Er ist also auch herauen. Vielleicht geht er sogar hinter ihr, neben ihr. Sie kann nur den Kopf nicht wenden. Weil sie immer weiter gehen mu, geradeaus. Ihre Hnde sind heute schwer und voll und weich und wei. Die Schultern legen sich nach rckwrts, knstlich steif. Eine lichtbraune Locke, die gerne zigeunerhaft sein mchte, hngt in die Stirne. Wie jung der Winterfrhling ist. Und wie alt die Einsamkeit. Wohin gehen, wenn das Zimmer nur voll ist von einem selber. In den gelben Phiolen brodelt man selbst, verdickt, kondensiert. Es gibt Kaffeehuser mit rauchigen Tischen und zahllosen Zeitungen. Dort sich niedersetzen. Die Kellnerinnen sind liebenswrdig, bedienen gerne. Eine dicke Brille schtzt den scharfen Blick gut. Sie ist aus solidem Fensterglas. Besser in das hohe Weinglas schauen als um sich herum. Die Luft ist dick von grauen Leintchern. In denen die kampfunfhigen Glieder schon oft sich vergraben haben. Zwei Commis spielen Billard. Die Glcklichen. Und jeder wei, wohin er dann gehen wird. Die Glcklichen. Die Indianerhuptlinge in den Knabenbchern wuten auch immer wohin sie gingen, nach den furchtbaren Schlachten. Diese Leute langweilten sich nie. Dachten auch nie. Das hatten sie nicht notwendig. Sie lebten auf wilden Pferden in unabsehbaren Prrien. Wehendes Gras unter licht schwimmendem Himmel. Wo sind diese Fe -- Sechs Huser weit weg von der Gasse. Aber die Fe sind steif. Und der Kopf arbeitet an einem mathematischen Problem. In den schmierigen Marmor des Kaffeehaustisches zeichnen schwere, bleiche Hnde tote Formeln. Die weiche Luft, die zugig durch den Rauch schlgt, rgert diese Formeln. Diese Formeln bekommen blhende Rundungen. Leberblmchen, Primeln -- o, nein, grinsend verzerrte Buchstaben. Die Knochen sind sehr schwer. Aber sie sind einander wohlerzogen angegliedert. Und bleich. Nicht roh durcheinander gebeutelt wie bei Thomas. Zum Glck -- oder Unglck. Sie gehren einem Menschen an, der im Parkett des Theaters sitzt und den Vorgngen auf der Bhne zusieht, sehr interessiert und sehr fremd. Aber zuhause wartet kein verschlossenes Zimmer auf ihn, vor dem er Angst hat, weil er nicht alle seine Geheimnisse kennt. Deshalb sehen die erlebnislosen Zuschauerblicke alles so genau, viel zu genau und verstehen alles genau, viel zu genau, wissen alles. An einem Sommerabend kniete einmal ein kleines Mdchen vor dem Tisch und bi in die Kante, da das Holz zersplitterte. Ihre Seele lag nackt und zitternd einsam auf einem dunklen Seziertisch vor fremden, prfenden Augen. Zerschnitten. Aber die Zhne zerbissen den alten Tisch. Krftige Zhne. Ein fremdes kleines Mdchen. Durch die Kaffeehaustr geht eine ppige Frauensperson. Selbstgeschlossen in ihrer Reife. Rotblondes Haar und Lippen, die Geld fressen wollen. Der Hut wippt zu hoch, ber einer hlichen Stirne. Ihr nach. Ihr nach durch schlpfrige Gassen und winkelige Hfe. Wie stolz sie geht, sie ist eine Knigin der Erde. Karminrot geschminkt. Alle Kniginnen sind karminrot geschminkt. Nicht die volle Hand berhren. Aber hinter ihr her gehen. Langsam, kostend. Sie geht auf ein Haus zu mit verschlossenen Laden. Im Parterre sind weie Spitzenvorhnge und ber dem Tor glht brnstig die rote Laterne -- -- Wohin will das Frulein -- ein junger Kellner mit schwarzen Zhnen im grnbleichen Gesicht tritt ihr entgegen. Die Zhne des Leutnants. In der kleinen Halle stehen rote Korbsessel. -- Entschuldigen Sie, sagte Ruth aufmerksam und langsam, ich glaube, ich bin in ein falsches Haus geraten. Lief dort nicht jemand ber die Treppen mit zurckgelegten Schultern? -- Ruth fuhr mit der Straenbahn nachhause. Im roten, lrmenden Tabaksdunst. Ihre schmalen, braunen Hnde spielten auf den Knien. Da waren noch die Narben von dem Hundebi. Ihre Hnde. Braun. Vielleicht auch etwas gelb von den Phiolen. Auf seinem Schreibtisch war einmal ein scharf geschliffenes Messer gelegen. Das schneidet gut. Es riecht nach Blut und Chemikalien. Soll sie sich das Messer holen? Die zarten Adern aufschneiden? Was kann das ntzen. Von den feinsten Poren des Hirns aus durch den ganzen Krper strmen die mden Sfte eines verbrauchten Lebens. Gift. Das findet kein Messer. Er hat gut experimentiert. Die Phiole brodelt. Ruth sieht um sich. Aber in ihren entkleidenden Blicken leuchtet eine junge Kraft. Abrechnung Ich komme zu dir, sagte Ruth. Und seine Augen zitterten. Triumph. Das ganze Zimmer warf sich ihr entgegen in einer Staubwolke. Verweste Gedanken. Sie lchelte. -- Wie ich mich freue, da du wieder da bist. Er drckte liebenswrdig ihre Hnde. Sie fhlte, da sie mdbraune Handschuhe hatte. In den Schaufenstern der Juweliere liegen Diamantarmbnder. Auf dem unordentlichen Schreibtisch kollern sattgelb Minerale. Wo sind die Phiolen -- und das scharfgeschliffene Messer -- ist das Thomas' Messer -- -- Warum hast du die Fenster nicht offen? In den Grten liegt Flieder. Doch nein, la es. Ruth lchelte, whrend sie dachte: wozu die wirren Locken -- Er knnte genau so gut einen braven Scheitel haben wie Norbert. Und als er mit den groen, zerbrochenen Bewegungen die Zigarre anzndete -- wie immer -- strzte das Gleichgewicht der Frhlingsstraen drauen in sich zusammen und zwischen den zersplitterten Pflastersteinen tanzte Bella mit Thomas. Aus Mutters Kommode taumelten Briefe -- -- Du sprichst gar nichts, sagte er. -- Du weit alles, sagte sie. Dann schwiegen beide. Aber wie die Dmmerung so weit hereingekrochen war, da das steifbeinige Zifferblatt der Uhr verschwimmen mute, sagte Ruths Stimme, fremd und hell: -- Du wartest, da ich dir erzhle. Was soll ich dir erzhlen? Es ist nichts geschehen. Es ist etwas Ungeheures geschehen. Ich trage bis heute die ganze Last deines verbrauchten Lebens in mir. Ich sehe deine weien, mrderischen Hnde. Wenn es auch dunkel ist. Warum hast du niemals Leberblmchen mit ihnen gepflckt oder Primeln. Stiefmtterchen, die zwischen den Bahnschwellen liegen. Warum bist du denn immer hinter den langweiligen Bahnschranken stehen geblieben und niemals mitgefahren in federnden Kissen. Deine Hnde sind auf den wei gestrichenen Schranken gelegen. Noch als du ein kleiner Junge warst und hinauf greifen mutest. Sie haben sich nicht getraut, eure Kaninchen zu erwrgen. Obwohl sie es so gerne getan htten. O, du httest es tun sollen -- Aber das Weie in Mutters Augen ist zerbrochen. Ich wei es. Ich wei jetzt alles. Und ich fhle den Zorn, der deshalb in dir tobt. Und die blutlechzende Freude, mit der du mich wiederkommen siehst. Denn ich bin wiedergekommen. Weil ich deine feigen Nchte kenne. Deine Phiolen -- Er war aufgesprungen und stand vor ihr, so gro und dunkel, da die Dmmerung bleich werden mute und verdrngt. Da sank sie in sich zusammen: -- Ich liebe deine Hnde. Ich liebe deine Minerale. Ich liebe dein Gift -- dich -- Er beugte sich ber sie, tief, erdrckend. Sie bumte sich auf. Und fhlte seine kampfbereiten Muskeln. Er keuchte: -- und -- Sie neigte den Kopf: -- Ich habe mich ergeben ... Als sie wieder aufschaute stand er in einer Fensternische, bleicher als die Dmmerung. Und das Zimmer war weich geworden und willenlos ausdehnbar. Ohne Kampfkraft. Ruth stand auf und lchelte: -- Ich glaube, jetzt haben wir einander nichts mehr zu sagen. Und sie ging durch die nachtschweren Gassen, sich badend in dem bltenschwangeren Regen des Mai. Anmerkungen zur Transkription Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere nderungen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 62]: ... Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt. ... ... Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt? ... [S. 62]: ... mit licht gepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. ... ... mit lichtgepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. ... [S. 86]: ... hat eine wohlgefhlte Geldbrse in der Tasche. Kupfergelb, ... ... hat eine wohlgefllte Geldbrse in der Tasche. Kupfergelb, ... [S. 145]: ... soll. Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann doch nicht ... ... soll? Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann doch nicht ... End of the Project Gutenberg EBook of Die Vergiftung, by Maria Lazar License: Share Alike