Produced by Delphine Lettau and Gutenberg Projekt-DE This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de. Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg2000.de erreichbar. Laokoon oder ber die Grenzen der Malerei und Poesie Gotthold Ephraim Lessing Mit beilufigen Erluterungen verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte Vorrede Der erste, welcher die Malerei und Poesie miteinander verglich, war ein Mann von feinem Gefhle, der von beiden Knsten eine hnliche Wirkung auf sich versprte. Beide, empfand er, stellen uns abwesende Dinge als gegenwrtig, den Schein als Wirklichkeit vor; beide tuschen, und beider Tuschung gefllt. Ein zweiter suchte in das Innere dieses Gefallens einzudringen, und entdeckte, da es bei beiden aus einerlei Quelle fliee. Die Schnheit, deren Begriff wir zuerst von krperlichen Gegenstnden abziehen, hat allgemeine Regeln, die sich auf mehrere Dinge anwenden lassen; auf Handlungen, auf Gedanken, sowohl als auf Formen. Ein dritter, welcher ber den Wert und ber die Verteilung dieser allgemeinen Regeln nachdachte, bemerkte, da einige mehr in der Malerei, andere mehr in der Poesie herrschten; da also bei diesen die Poesie der Malerei, bei jenen die Malerei der Poesie mit Erluterungen und Beispielen aushelfen knne. Das erste war der Liebhaber; das zweite der Philosoph; das dritte der Kunstrichter. Jene beiden konnten nicht leicht, weder von ihrem Gefhl, noch von ihren Schlssen, einen unrechten Gebrauch machen. Hingegen bei den Bemerkungen des Kunstrichters beruhet das meiste in der Richtigkeit der Anwendung auf den einzeln Fall; und es wre ein Wunder, da es gegen einen scharfsinnigen Kunstrichter funfzig witzige gegeben hat, wenn diese Anwendung jederzeit mit aller der Vorsicht wre gemacht worden, welche die Wage zwischen beiden Knsten gleich erhalten mu. Falls Apelles und Protogenes, in ihren verlornen Schriften von der Malerei, die Regeln derselben durch die bereits festgesetzten Regeln der Poesie besttiget und erlutert haben, so darf man sicherlich glauben, da es mit der Migung und Genauigkeit wird geschehen sein, mit welcher wir noch itzt den Aristoteles, Cicero, Horaz, Quintilian, in ihren Werken die Grundstze und Erfahrungen der Malerei auf die Beredsamkeit und Dichtkunst anwenden sehen. Es ist das Vorrecht der Alten, keiner Sache weder zu viel noch zu wenig zu tun. Aber wir Neuern haben in mehrern Stcken geglaubt, uns weit ber sie wegzusetzen, wenn wir ihre kleinen Lustwege in Landstraen verwandelten; sollten auch die krzern und sichrern Landstraen darber zu Pfaden eingehen, wie sie durch Wildnisse fhren. Die blendende Antithese des griechischen Voltaire, da die Malerei eine stumme Poesie, und die Poesie eine redende Malerei sei, stand wohl in keinem Lehrbuche. Es war ein Einfall, wie Simonides mehrere hatte; dessen wahrer Teil so einleuchtend ist, da man das Unbestimmte und Falsche, welches er mit sich fhret, bersehen zu mssen glaubet. Gleichwohl bersahen es die Alten nicht. Sondern indem sie den Ausspruch des Simonides auf die Wirkung der beiden Knste einschrnkten, vergaen sie nicht einzuschrfen, da, ohngeachtet der vollkommenen hnlichkeit dieser Wirkung, sie dennoch, sowohl in den Gegenstnden als in der Art ihrer Nachahmung (ulh kai tropoiV mimhsewV) verschieden wren. Vllig aber, als ob sich gar keine solche Verschiedenheit fnde, haben viele der neuesten Kunstrichter aus jener bereinstimmung der Malerei und Poesie die krudesten Dinge von der Welt geschlossen. Bald zwingen sie die Poesie in die engern Schranken der Malerei; bald lassen sie die Malerei die ganze weite Sphre der Poesie fllen. Alles was der einen recht ist, soll auch der andern vergnnt sein; alles was in der einen gefllt oder mifllt, soll notwendig auch in der andern gefallen oder mifallen; und voll von dieser Idee, sprechen sie in dem zuversichtlichsten Tone die seichtesten Urteile, wenn sie, in den Werken des Dichters und Malers ber einerlei Vorwurf, die darin bemerkten Abweichungen voneinander zu Fehlern machen, die sie dem einen oder dem andern, nach dem sie entweder mehr Geschmack an der Dichtkunst oder an der Malerei haben, zur Last legen. Ja diese Afterkritik hat zum Teil die Virtuosen selbst verfhret. Sie hat in der Poesie die Schilderungssucht, und in der Malerei die Allegoristerei erzeuget; indem man jene zu einem redenden Gemlde machen wollen, ohne eigentlich zu wissen, was sie malen knne und solle, und diese zu einem stummen Gedichte, ohne berlegt zu haben, in welchem Mae sie allgemeine Begriffe ausdrcken knne, ohne sich von ihrer Bestimmung zu entfernen, und zu einer willkrlichen Schriftart zu werden. Diesem falschen Geschmacke, und jenen ungegrndeten Urteilen entgegenzuarbeiten, ist die vornehmste Absicht folgender Aufstze. Sie sind zuflliger Weise entstanden, und mehr nach der Folge meiner Lektre, als durch die methodische Entwickelung allgemeiner Grundstze angewachsen. Es sind also mehr unordentliche Kollektanea zu einem Buche, als ein Buch. Doch schmeichle ich mir, da sie auch als solche nicht ganz zu verachten sein werden. An systematischen Bchern haben wir Deutschen berhaupt keinen Mangel. Aus ein paar angenommenen Worterklrungen in der schnsten Ordnung alles, was wir nur wollen, herzuleiten, darauf verstehen wir uns, trotz einer Nation in der Welt. Baumgarten bekannte, einen groen Teil der Beispiele in seiner sthetik Gesners Wrterbuche schuldig zu sein. Wenn mein Raisonnement nicht so bndig ist als das Baumgartensche, so werden doch meine Beispiele mehr nach der Quelle schmecken. Da ich von dem Laokoon gleichsam aussetzte, und mehrmals auf ihn zurckkomme, so habe ich ihm auch einen Anteil an der Aufschrift lassen wollen. Andere kleine Ausschweifungen ber verschiedene Punkte der alten Kunstgeschichte tragen weniger zu meiner Absicht bei, und sie stehen nur da, weil ich ihnen niemals einen bessern Platz zu geben hoffen kann. Noch erinnere ich, da ich unter dem Namen der Malerei die bildenden Knste berhaupt begreife; so wie ich nicht dafr stehe, da ich nicht unter dem Namen der Poesie auch auf die brigen Knste, deren Nachahmung fortschreitend ist, einige Rcksicht nehmen drfte. I. Das allgemeine vorzgliche Kennzeichen der griechischen Meisterstcke in der Malerei und Bildhauerkunst setzet Herr Winckelmann in eine edele Einfalt und stille Gre, sowohl in der Stellung als im Ausdrucke. "So wie die Tiefe des Meeres", sagt er 1), "allezeit ruhig bleibt, die Oberflche mag auch noch so wten, ebenso zeiget der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine groe und gesetzte Seele. {1. Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst, S. 21. 22.} Diese Seele schildert sich in dem Gesichte des Laokoons, und nicht in dem Gesichte allein, bei dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, welcher sich in allen Muskeln und Sehnen des Krpers entdecket, und den man ganz allein, ohne das Gesicht und andere Teile zu betrachten, an dem schmerzlich eingezogenen Unterleibe beinahe selbst zu empfinden glaubt; dieser Schmerz, sage ich, uert sich dennoch mit keiner Wut in dem Gesichte und in der ganzen Stellung. Er erhebt kein schreckliches Geschrei, wie Virgil von seinem Laokoon singet; die ffnung des Mundes gestattet es nicht: es ist vielmehr ein ngstliches und beklemmtes Seufzen, wie es Sadolet beschreibet. Der Schmerz des Krpers und die Gre der Seele sind durch den ganzen Bau der Figur mit gleicher Strke ausgeteilet, und gleichsam abgewogen. Laokoon leidet, aber er leidet wie des Sophokles Philoktet: sein Elend gehet uns bis an die Seele; aber wir wnschten, wie dieser groe Mann das Elend ertragen zu knnen. Der Ausdruck einer so groen Seele geht weit ber die Bildung der schnen Natur. Der Knstler mute die Strke des Geistes in sich selbst fhlen, welche er seinem Marmor einprgte. Griechenland hatte Knstler und Weltweise in einer Person, und mehr als einen Metrodor. Die Weisheit reichte der Kunst die Hand, und blies den Figuren derselben mehr als gemeine Seelen ein, usw." Die Bemerkung, welche hier zum Grunde liegt, da der Schmerz sich in dem Gesichte des Laokoon mit derjenigen Wut nicht zeige, welche man bei der Heftigkeit desselben vermuten sollte, ist vollkommen richtig. Auch das ist unstreitig, da eben hierin, wo ein Halbkenner den Knstler unter der Natur geblieben zu sein, das wahre Pathetische des Schmerzes nicht erreicht zu haben, urteilen drfte; da, sage ich, eben hierin die Weisheit desselben ganz besonders hervorleuchtet. Nur in dem Grunde, welchen Herr Winckelmann dieser Weisheit gibt, in der Allgemeinheit der Regel, die er aus diesem Grunde herleitet, wage ich es, anderer Meinung zu sein. Ich bekenne, da der mibilligende Seitenblick, welchen er auf den Virgil wirft, mich zuerst stutzig gemacht hat; und nchstdem die Vergleichung mit dem Philoktet. Von hier will ich ausgehen, und meine Gedanken in eben der Ordnung niederschreiben, in welcher sie sich bei mir entwickelt. "Laokoon leidet, wie des Sophokles Philoktet." Wie leidet dieser? Es ist sonderbar, da sein Leiden so verschiedene Eindrcke bei uns zurckgelassen.--Die Klagen, das Geschrei, die wilden Verwnschungen, mit welchen sein Schmerz das Lager erfllte, und alle Opfer, alle heilige Handlungen strte, erschollen nicht minder schrecklich durch das de Eiland, und sie waren es, die ihn dahin verbannten. Welche Tne des Unmuts, des Jammers, der Verzweiflung, von welchen auch der Dichter in der Nachahmung das Theater durchhallen lie.--Man hat den dritten Aufzug dieses Stcks ungleich krzer, als die brigen gefunden. Hieraus sieht man, sagen die Kunstrichter 2), da es den Alten um die gleiche Lnge der Aufzge wenig zu tun gewesen. Das glaube ich auch; aber ich wollte mich desfalls lieber auf ein ander Exempel grnden, als auf dieses. Die jammervollen Ausrufungen, das Winseln, die abgebrochenen a, a, jeu, attatai, w moi, moi! die ganzen Zeilen voller papai, papai, aus welchen dieser Aufzug bestehet, und die mit ganz andern Dehnungen und Absetzungen deklamieret werden muten, als bei einer zusammenhangenden Rede ntig sind, haben in der Vorstellung diesen Aufzug ohne Zweifel ziemlich ebensolange dauren lassen, als die andern. Er scheinet dem Leser weit krzer auf dem Papiere, als er den Zuhrern wird vorgekommen sein. {2. Brumoy, Tht. des Grecs T. II. p. 89.} Schreien ist der natrliche Ausdruck des krperlichen Schmerzes. Homers verwundete Krieger fallen nicht selten mit Geschrei zu Boden. Die geritzte Venus schreiet laut 3); nicht um sie durch dieses Geschrei als die weichliche Gttin der Wollust zu schildern, vielmehr um der leidenden Natur ihr Recht zu geben. Denn selbst der eherne Mars, als er die Lanze des Diomedes fhlet, schreiet so grlich, als schrien zehntausend wtende Krieger zugleich, da beide Heere sich entsetzen 4). {3. Iliad. E. v. 343. h de mega iacousa--} {4. Iliad. E. v. 859.} Soweit auch Homer sonst seine Helden ber die menschliche Natur erhebt, so treu bleiben sie ihr doch stets, wenn es auf das Gefhl der Schmerzen und Beleidigungen, wenn es auf die uerung dieses Gefhls durch Schreien, oder durch Trnen, oder durch Scheltworte ankmmt. Nach ihren Taten sind es Geschpfe hherer Art; nach ihren Empfindungen wahre Menschen. Ich wei es, wir feinern Europer einer klgern Nachwelt wissen ber unsern Mund und ber unsere Augen besser zu herrschen. Hflichkeit und Anstand verbieten Geschrei und Trnen. Die ttige Tapferkeit des ersten rauhen Weltalters hat sich bei uns in eine leidende verwandelt. Doch selbst unsere Ureltern waren in dieser grer, als in jener. Aber unsere Ureltern waren Barbaren. Alle Schmerzen verbeien, dem Streiche des Todes mit unverwandtem Auge entgegensehen, unter den Bissen der Nattern lachend sterben, weder seine Snde noch den Verlust seines liebsten Freundes beweinen, sind Zge des alten nordischen Heldenmuts 5). Palnatoko gab seinen Jomsburgern das Gesetz, nichts zu frchten, und das Wort Furcht auch nicht einmal zu nennen. {5. Th. Bartholinus de causis contemptae a Danis adhuc gentilibus mortis, cap. I.} Nicht so der Grieche! Er fhlte und furchte sich; er uerte seine Schmerzen und seinen Kummer; er schmte sich keiner der menschlichen Schwachheiten; keine mute ihn aber auf dem Wege nach Ehre, und von Erfllung seiner Pflicht zurckhalten. Was bei dem Barbaren aus Wildheit und Verhrtung entsprang, das wirkten bei ihm Grundstze. Bei ihm war der Heroismus wie die verborgenen Funken im Kiesel, die ruhig schlafen, solange keine uere Gewalt sie wecket, und dem Steine weder seine Klarheit noch seine Klte nehmen. Bei dem Barbaren war der Heroismus eine helle fressende Flamme, die immer tobte, und jede andere gute Eigenschaft in ihm verzehrte, wenigstens schwrzte.--Wenn Homer die Trojaner mit wildem Geschrei, die Griechen hingegen in entschloner Stille zur Schlacht fhret, so merken die Ausleger sehr wohl an, da der Dichter hierdurch jene als Barbaren, diese als gesittete Vlker schildern wollen. Mich wundert, da sie an einer andern Stelle eine hnliche charakteristische Entgegensetzung nicht bemerket haben 6). Die feindlichen Heere haben einen Waffenstillestand getroffen; sie sind mit Verbrennung ihrer Toten beschftigst, welches auf beiden Teilen nicht ohne heie Trnen abgehet; dakrua Jerma ceonteV. Aber Priamus verbietet seinen Trojanern zu weinen; oud' eia klaiein PriamoV megaV. Er verbietet ihnen zu weinen, sagt die Dacier, weil er besorgt, sie mchten sich zu sehr erweichen, und morgen mit weniger Mut an den Streit gehen. Wohl; doch frage ich: warum mu nur Priamus dieses besorgen? Warum erteilet nicht auch Agamemnon seinen Griechen das nmliche Verbot? Der Sinn des Dichters geht tiefer. Er will uns lehren, da nur der gesittete Grieche zugleich weinen und tapfer sein knne; indem der ungesittete Trojaner, um es zu sein, alle Menschlichkeit vorher ersticken msse. Nemessvmai ge men ouden klaiein, lt er an einem andern Orte 7) den verstndigen Sohn des weisen Nestors sagen. {6. Iliad. H. v. 421.} {7. Odyss. D. 195.} Es ist merkwrdig, da unter den wenigen Trauerspielen, die aus dem Altertume auf uns gekommen sind, sich zwei Stcke finden, in welchen der krperliche Schmerz nicht der kleinste Teil des Unglcks ist, das den leidenden Helden trifft. Auer dem Philoktet, der sterbende Herkules. Und auch diesen lt Sophokles klagen, winseln, weinen und schreien. Dank sei unsern artigen Nachbarn, diesen Meistern des Anstndigen, da nunmehr ein winselnder Philoktet, ein schreiender Herkules, die lcherlichsten unertrglichsten Personen auf der Bhne sein wrden. Zwar hat sich einer ihrer neuesten Dichter 8) an den Philoktet gewagt. Aber durfte er es wagen, ihnen den wahren Philoktet zu zeigen? {8. Chateaubrun.} Selbst ein Laokoon findet sich unter den verlornen Stcken des Sophokles. Wenn uns das Schicksal doch auch diesen Laokoon gegnnet htte! Aus den leichten Erwhnungen, die seiner einige alte Grammatiker tun, lt sich nicht schlieen, wie der Dichter diesen Stoff behandelt habe. So viel bin ich versichert, da er den Laokoon nicht stoischer als den Philoktet und Herkules, wird geschildert haben. Alles Stoische ist untheatralisch; und unser Mitleiden ist allezeit dem Leiden gleichmig, welches der interessierende Gegenstand uert. Sieht man ihn sein Elend mit groer Seele ertragen, so wird diese groe Seele zwar unsere Bewunderung erwecken, aber die Bewunderung ist ein kalter Affekt, dessen unttiges Staunen jede andere wrmere Leidenschaft, sowie jede andere deutliche Vorstellung ausschlieet. Und nunmehr komme ich zu meiner Folgerung. Wenn es wahr ist, da das Schreien bei Empfindung krperlichen Schmerzes, besonders nach der alten griechischen Denkungsart, gar wohl mit einer groen Seele bestehen kann: so kann der Ausdruck einer solchen Seele die Ursache nicht sein, warum demohngeachtet der Knstler in seinem Marmor dieses Schreien nicht nachahmen wollen; sondern es mu einen andern Grund haben, warum er hier von seinem Nebenbuhler, dem Dichter, abgehet, der dieses Geschrei mit bestem Vorsatze ausdrcket. II. Es sei Fabel oder Geschichte, da die Liebe den ersten Versuch in den bildenden Knsten gemacht habe: so viel ist gewi, da sie den groen alten Meistern die Hand zu fhren nicht mde geworden. Denn wird itzt die Malerei berhaupt als die Kunst, welche Krper auf Flchen nachahmet, in ihrem ganzen Umfange betrieben: so hatte der weise Grieche ihr weit engere Grenzen gesetzet, und sie blo auf die Nachahmung schner Krper eingeschrnket. Sein Knstler schilderte nichts als das Schne; selbst das gemeine Schne, das Schne niedrer Gattungen, war nur sein zuflliger Vorwurf, seine bung, seine Erholung. Die Vollkommenheit des Gegenstandes selbst mute in seinem Werke entzcken; er war zu gro, von seinen Betrachtern zu verlangen, da sie sich mit dem bloen kalten Vergngen, welches aus der getroffenen hnlichkeit, aus der Erwgung seiner Geschicklichkeit entspringet, begngen sollten; an seiner Kunst war ihm nichts lieber, dnkte ihm nichts edler, als der Endzweck der Kunst. "Wer wird dich malen wollen, da dich niemand sehen will", sagt ein alter Epigrammatist 1) ber einen hchst ungestaltenen Menschen. Mancher neuere Knstler wrde sagen: "Sei so ungestalten, wie mglich; ich will dich doch malen. Mag dich schon niemand gern sehen: so soll man doch mein Gemlde gern sehen; nicht insofern es dich vorstellt, sondern insofern es ein Beweis meiner Kunst ist, die ein solches Scheusal so hnlich nachzubilden wei." {1. Antiochus. (Antholog. lib. II. cap. 43). Harduin ber den Plinius (lib. 35. sect. 36 p. m. 698) legt dieses Epigramm einem Piso bei. Es findet sich aber unter allen griechischen Epigrammatisten keiner dieses Namens.} Freilich ist der Hang zu dieser ppigen Prahlerei mit leidigen Geschicklichkeiten, die durch den Wert ihrer Gegenstnde nicht geadelt werden, zu natrlich, als da nicht auch die Griechen ihren Pauson, ihren Pirikus sollten gehabt haben. Sie hatten sie; aber sie lieen ihnen strenge Gerechtigkeit widerfahren. Pauson, der sich noch unter dem Schnen der gemeinen Natur hielt, dessen niedriger Geschmack das Fehlerhafte und Hliche an der menschlichen Bildung am liebsten ausdrckte 2), lebte in der verchtlichsten Armut 3). Und Pirikus, der Barbierstuben, schmutzige Werksttte, Esel und Kchenkruter, mit allem dem Fleie eines niederlndischen Knstlers malte, als ob dergleichen Dinge in der Natur so viel Reiz htten, und so selten zu erblicken wren, bekam den Zunamen des Rhyparographen 4), des Kotmalers; obgleich der wollstige Reiche seine Werke mit Gold aufwog, um ihrer Nichtigkeit auch durch diesen eingebildeten Wert zu Hilfe zu kommen. {2. Jungen Leuten, befiehlt daher Aristoteles, mu man seine Gemlde nicht zeigen, um ihre Einbildungskraft, so viel mglich, von allen Bildern des Hlichen rein zu halten. (Polit. lib. VIII. cap. 5. p. 526. Edit. Conring.) Herr Boden will zwar in dieser Stelle anstatt Pauson, Pausanias gelesen wissen, weil von diesem bekannt sei, da er unzchtige Figuren gemalt habe (de umbra poetica, comment. I. p. XIII.). Als ob man es erst von einem philosophischen Gesetzgeber lernen mte, die Jugend von dergleichen Reizungen der Wollust zu entfernen. Er htte die bekannte Stelle in der Dichtkunst (cap. II. ) nur in Vergleichung ziehen drfen, um seine Vermutung zurckzubehalten. Es gibt Ausleger (z. E. Khn, ber den lian Var. Hist. lib. IV. cap. 3), welche den Unterschied, den Aristoteles daselbst zwischen dem Polygnotus, Dionysius und Pauson angibt, darin setzen, da Polygnotus Gtter und Helden, Dionysius Menschen, und Pauson Tiere gemalt habe. Sie malten allesamt menschliche Figuren; und da Pauson einmal ein Pferd malte, beweiset noch nicht, da er ein Tiermaler gewesen, wofr ihn Herr Boden hlt. Ihren Rang bestimmten die Grade des Schnen, die sie ihren menschlichen Figuren gaben, und Dionysius konnte nur deswegen nichts als Menschen malen, und hie nur darum vor allen andern der Anthropograph, weil er der Natur zu sklavisch folgte, und sich nicht bis zum Ideal erheben konnte, unter welchem Gtter und Helden zu malen, ein Religionsverbrechen gewesen wre.} {3. Aristophanes Plut. v. 602. et Acharnens. v. 854.} {4. Plinius lib. XXXV. sect. 37. Edit. Hard.} Die Obrigkeit selbst hielt es ihrer Aufmerksamkeit nicht fr unwrdig, den Knstler mit Gewalt in seiner wahren Sphre zu erhalten. Das Gesetz der Thebaner, welches ihm die Nachahmung ins Schnere befahl und die Nachahmung ins Hlichere bei Strafe verbot, ist bekannt. Es war kein Gesetz wider den Stmper, wofr es gemeiniglich, und selbst vom Junius 5), gehalten wird. Es verdammte die griechischen Ghezzi; den unwrdigen Kunstgriff, die hnlichkeit durch bertreibung der hlichem Teile des Urbildes zu erreichen; mit einem Worte, die Karikatur. {5. De pictura vet. lib. II. cap. IV. 1.} Aus eben dem Geist des Schnen war auch das Gesetz der Hellanodiken geflossen. Jeder olympische Sieger erhielt eine Statue; aber nur dem dreimaligen Sieger, ward eine ikonische gesetzet 6). Der mittelmigen Portrts sollten unter den Kunstwerken nicht zu viel werden. Denn obschon auch das Portrt ein Ideal zult, so mu doch die hnlichkeit darber herrschen; es ist das Ideal eines gewissen Menschen, nicht das Ideal eines Menschen berhaupt. {6. Plinius lib. XXXIV. sect. 9.} Wir lachen, wenn wir hren, da bei den Alten auch die Knste brgerlichen Gesetzen unterworfen gewesen. Aber wir haben nicht immer recht, wenn wir lachen. Unstreitig mssen sich die Gesetze ber die Wissenschaften keine Gewalt anmaen; denn der Endzweck der Wissenschaften ist Wahrheit. Wahrheit ist der Seele notwendig; und es wird Tyrannei, ihr in Befriedigung dieses wesentlichen Bedrfnisses den geringsten Zwang anzutun. Der Endzweck der Knste hingegen ist Vergngen; und das Vergngen ist entbehrlich. Also darf es allerdings von dem Gesetzgeber abhangen, welche Art von Vergngen, und in welchem Mae er jede Art desselben verstatten will. Die bildenden Knste insbesondere, auer dem unfehlbaren Einflusse, den sie auf den Charakter der Nation haben, sind einer Wirkung fhig, welche die nhere Aufsicht des Gesetzes heischet. Erzeugten schne Menschen schne Bildsulen, so wirkten diese hinwiederum auf jene zurck, und der Staat hatte schnen Bildsulen schne Menschen mit zu verdanken. Bei uns scheinet sich die zarte Einbildungskraft der Mtter nur in Ungeheuern zu uern. Aus diesem Gesichtspunkte glaube ich in gewissen alten Erzhlungen, die man geradezu als Lgen verwirft, etwas Wahres zu erblicken. Den Mttern des Aristomenes, des Aristodamas, Alexanders des Groen, des Scipio, des Augustus, des Galerius, trumte in ihrer Schwangerschaft allen, als ob sie mit einer Schlange zu tun htten. Die Schlange war ein Zeichen der Gottheit 7); und die schnen Bildsulen und Gemlde eines Bacchus, eines Apollo, eines Merkurius, eines Herkules, waren selten ohne eine Schlange. Die ehrlichen Weiber hatten des Tages ihre Augen an dem Gotte geweidet, und der verwirrende Traum erweckte das Bild des Tieres. So rette ich den Traum, und gebe die Auslegung preis, welche der Stolz ihrer Shne und die Unverschmtheit des Schmeichlers davon machten. Denn eine Ursache mute es wohl haben, warum die ehebrecherische Phantasie nur immer eine Schlange war. {7. Man irret sich, wenn man die Schlange nur fr das Kennzeichen einer medizinischen Gottheit hlt, wie Spence, Polymetis p. 132. Justinus Martyr (Apolog. II. pag. 55. Edit. Sylburg.) sagt ausdrcklich: para panti tvn nomizomenwn par' umin Jevn, ojiV sumbolon mega kai musthrion anagrajetai; und es wre leicht eine Reihe von Monumenten anzufhren, wo die Schlange Gottheiten begleitet, welche nicht die geringste Beziehung auf die Gesundheit haben.} Doch ich gerate aus meinem Wege. Ich wollte blo festsetzen, da bei den Alten die Schnheit das hchste Gesetz der bildenden Knste gewesen sei. Und dieses festgesetzt, folget notwendig, da alles andere, worauf sich die bildenden Knste zugleich mit erstrecken knnen, wenn es sich mit der Schnheit nicht vertrgt, ihr gnzlich weichen, und wenn es sich mit ihr vertrgt, ihr wenigstens untergeordnet sein mssen. Ich will bei dem Ausdrucke stehen bleiben. Es gibt Leidenschaften und Grade von Leidenschaften, die sich in dem Gesichte durch die hlichsten Verzerrungen uern, und den ganzen Krper in so gewaltsame Stellungen setzen, da alle die schnen Linien, die ihn in einem ruhigern Stande umschreiben, verloren gehen. Dieser enthielten sich also die alten Knstler entweder ganz und gar, oder setzten sie auf geringere Grade herunter, in welchen sie eines Maes von Schnheit fhig sind. Wut und Verzweiflung schndete keines von ihren Werken. Ich darf behaupten, da sie nie eine Furie gebildet haben 8). {8. Man gehe alle die Kunstwerke durch, deren Plinius und Pausanias und andere gedenken; man bersehe die noch itzt vorhandenen alten Statuen, Basreliefs, Gemlde: und man wird nirgends eine Furie finden. Ich nehme diejenigen Figuren aus; die mehr zur Bildersprache, als zur Kunst gehren, dergleichen die auf den Mnzen vornehmlich sind. Indes htte Spence, da er Furien haben mute, sie doch lieber von den Mnzen erborgen sollen, (Seguini Numis. p. 178. Spanhem. de Praest. Numism. Dissert. XIII. p. 639. Les Cesars de Julien, par Spanheim p. 48.), als da er sie durch einen witzigen Einfall in ein Werk bringen will, in welchem sie ganz gewi nicht sind. Er sagt in seinem "Polymetis" (Dial. XVI. p. 272.): "Obschon die Furien in den Werken der alten Knstler etwas sehr Seltenes sind, so findet sich doch eine Geschichte, in der sie durchgngig von ihnen angebracht werden. Ich meine den Tod des Meleager, als in dessen Vorstellung auf Basreliefs sie fters die Altha aufmuntern und antreiben, den unglcklichen Brand, von welchem das Leben ihres einzigen Sohnes abhing, dem Feuer zu bergeben. Denn auch ein Weib wrde in ihrer Rache so weit nicht gegangen sein, htte der Teufel nicht ein wenig zugeschret. In einem von diesen Basreliefs, bei dem Bellori (in den Admirandis), sieht man zwei Weiber, die mit der Altha am Altare stehen, und allem Ansehen nach Furien sein sollen. Denn wer sonst als Furien, htte einer solchen Handlung beiwohnen wollen? Da sie fr diesen Charakter nicht schrecklich genug sind, liegt ohne Zweifel an der Abzeichnung. Das Merkwrdigste aber auf diesem Werke ist die runde Scheibe, unten gegen die Mitte, auf welcher sich offenbar der Kopf einer Furie zeiget. Vielleicht war es die Furie, an die Altha, so oft sie eine ble Tat vornahm, ihr Gebet richtete, und vornehmlich itzt zu richten alle Ursache hatte usw."--Durch solche Wendungen kann man aus allem alles machen. "Wer sonst", fragt Spence, "als Furien, htte einer solchen Handlung beiwohnen wollen?" Ich antworte: Die Mgde der Altha, welche das Feuer anznden und unterhalten muten. Ovid sagt: (Metamorph. VIII. v. 460. 461.) Protulit hunc (stipitem) genitrix, taedasque in fragmina poni Imperat, et positis inimicos admovet ignes. Dergleichen taedas, lange Stcke von Kien, welche die Alten zu Fackeln brauchten, haben auch wirklich beide Personen in den Hnden, und die eine hat eben ein solches Stck zerbrochen, wie ihre Stellung anzeigt. Auf der Scheibe, gegen die Mitte des Werkes, erkenne ich die Furie ebensowenig. Es ist ein Gesicht, welches einen heftigen Schmerz ausdrckt. Ohne Zweifel soll es der Kopf des Meleagers selbst sein. (Metamorph. I. c. v. 515.) Inscius atque absens flamma Meleagros in illa Uritur: et caecis torreri viscera sentit Ignibus: et magnos superat virtute dolores. Der Knstler brauchte ihn gleichsam zum bergange in den folgenden Zeitpunkt der nmlichen Geschichte, welcher den sterbenden Meleager gleich daneben zeigt. Was Spence zu Furien macht, hlt Montfaucon fr Parzen, (Antiqu. expl. T. I. p. 162) den Kopf auf der Scheibe ausgenommen, den er gleichfalls fr eine Furie ausgibt. Bellori selbst (Admirand. Tab. 77) lt es unentschieden, ob es Parzen oder Furien sind. Ein Oder, welches genugsam zeiget, da sie weder das eine noch das andere sind. Auch Montfaucons brige Auslegung sollte genauer sein. Die Weibsperson, welche neben dem Bette sich auf den Ellebogen sttzet, htte er Kassandra und nicht Atalanta nennen sollen. Atalanta ist die, welche, mit dem Rcken gegen das Bette gekehret, in einer traurigen Stellung sitzet. Der Knstler hat sie mit vielem Verstande von der Familie abgewendet, weil sie nur die Geliebte, nicht die Gemahlin des Meleagers war, und ihre Betrbnis ber ein Unglck, das sie selbst unschuldigerweise veranlasset hatte, die Anverwandten erbittern mute.} Zorn setzten sie auf Ernst herab. Bei dem Dichter war es der zornige Jupiter, welcher den Blitz schleuderte; bei dem Knstler nur der ernste. Jammer ward in Betrbnis gemildert. Und wo diese Milderung nicht stattfinden konnte, wo der Jammer ebenso verkleinernd als entstellend gewesen wre,--was tat da Timanthes? Sein Gemlde von der Opferung der Iphigenia, in welchem er allen Umstehenden den ihnen eigentmlich zukommenden Grad der Traurigkeit erteilte, das Gesicht des Vaters aber, welches den allerhchsten htte zeigen sollen, verhllete, ist bekannt, und es sind viel artige Dinge darber gesagt worden. Er hatte sich, sagt dieser 9), in den traurigen Physiognomien so erschpft, da er dem Vater eine noch traurigere geben zu knnen verzweifelte. Er bekannte dadurch, sagt jener 10), da der Schmerz eines Vaters bei dergleichen Vorfllen ber allen Ausdruck sei. Ich fr mein Teil sehe hier weder die Unvermgenheit des Knstlers, noch die Unvermgenheit der Kunst. Mit dem Grade des Affekts verstrken sich auch die ihm entsprechenden Zge des Gesichts; der hchste Grad hat die allerentschiedensten Zge, und nichts ist der Kunst leichter, als diese auszudrcken. Aber Timanthes kannte die Grenzen, welche die Grazien seiner Kunst setzen. Er wute, da sich der Jammer, welcher dem Agamemnon als Vater zukam, durch Verzerrungen uert, die allezeit hlich sind. Soweit sich Schnheit und Wrde mit dem Ausdrucke verbinden lie, so weit trieb er ihn. Das Hliche wre er gern bergangen, htte er gern gelindert; aber da ihm seine Komposition beides nicht erlaubte, was blieb ihm anders brig, als es zu verhllen?--Was er nicht malen durfte, lie er erraten. Kurz, diese Verhllung ist ein Opfer, das der Knstler der Schnheit brachte. Sie ist ein Beispiel, nicht wie man den Ausdruck ber die Schranken der Kunst treiben, sondern wie man ihn dem ersten Gesetze der Kunst, dem Gesetze der Schnheit, unterwerfen soll. {9. Plinius lib. XXXV. sect. 36. Cum moestos pinxisset omnes, praecipue patruum, et tristitiae omnem imaginem consumpsisset, patris ipsius vultum velavit, quem digne non poterat ostendere.} {10. Summi moeroris acerbitatem arte exprimi non posse confessus est. Valerius Maximus lib. VIII. cap. 11.} Und dieses nun auf den Laokoon angewendet, so ist die Ursache klar, die ich suche. Der Meister arbeitete auf die hchste Schnheit, unter den angenommenen Umstnden des krperlichen Schmerzes. Dieser, in aller seiner entstellenden Heftigkeit, war mit jener nicht zu verbinden. Er mute ihn also herabsetzen; er mute Schreien in Seufzen mildern; nicht weil das Schreien eine unedle Seele verrt, sondern weil es das Gesicht auf eine ekelhafte Weise verstellet. Denn man reie dem Laokoon in Gedanken nur den Mund auf, und urteile. Man lasse ihn schreien, und sehe. Es war eine Bildung, die Mitleid einflte, weil sie Schnheit und Schmerz zugleich zeigte; nun ist es eine hliche, eine abscheuliche Bildung geworden, von der man gern sein Gesicht verwendet, weil der Anblick des Schmerzes Unlust erregt, ohne da die Schnheit des leidenden Gegenstandes diese Unlust in das se Gefhl des Mitleids verwandeln kann. Die bloe weite ffnung des Mundes,--beiseitegesetzt, wie gewaltsam und ekel auch die brigen Teile des Gesichts dadurch verzerret und verschoben werden,--ist in der Malerei ein Fleck und in der Bildhauerei eine Vertiefung, welche die widrigste Wirkung von der Welt tut. Montfaucon bewies wenig Geschmack, als er einen alten brtigen Kopf, mit aufgerissenem Munde, fr einen Orakel erteilenden Jupiter ausgab 11). Mu ein Gott schreien, wenn er die Zukunft erffnet? Wrde ein geflliger Umri des Mundes seine Rede verdchtig machen? Auch glaube ich es dem Valerius nicht, da Ajax in dem nur gedachten Gemlde des Timanthes sollte geschrien haben 12). Weit schlechtere Meister aus den Zeiten der schon verfallenen Kunst lassen auch nicht einmal die wildesten Barbaren, wenn sie unter dem Schwerte des Siegers Schrecken und Todesangst ergreift, den Mund bis zum Schreien ffnen 13). {11. Antiquit. expl. T. I. p. 50.} {12. Er gibt nmlich die von dem Timanthes wirklich ausgedrckten Grade der Traurigkeit so an: Calchantem tristem, moestum Ulyssem, clamantem Ajacem, lamentantem Menelaum.--Der Schreier Ajax mte eine hliche Figur gewesen sein; und da weder Cicero noch Quintilian in ihren Beschreibungen dieses Gemldes seiner gedenken, so werde ich ihn um so viel eher fr einen Zusatz halten drfen, mit dem es Valerius aus seinem Kopfe bereichern wollen.} {13. Bellorii Admiranda. Tab. 11. 12.} Es ist gewi, da diese Herabsetzung des uersten krperlichen Schmerzes auf einen niedrigern Grad von Gefhl, an mehrern alten Kunstwerken sichtbar gewesen. Der leidende Herkules in dem vergifteten Gewande, von der Hand eines alten unbekannten Meisters, war nicht der Sophokleische, der so grlich schrie, da die lokrischen Felsen, und die eubischen Vorgebirge davon ertnten. Er war mehr finster, als wild 14). Der Philoktet des Pythagoras Leontinus schien dem Betrachter seinen Schmerz mitzuteilen, welche Wirkung der geringste grliche Zug verhindert htte. Man drfte fragen, woher ich wisse, da dieser Meister eine Bildsule des Philoktet gemacht habe. Aus einer Stelle des Plinius, die meine Verbesserung nicht erwartet haben sollte, so offenbar verflscht oder verstmmelt ist sie 15). {14. Plinius libr. XXXIV, sect. 19.} {15. Eundem, nmlich den Myro, lieset man bei dem Plinius (libr. XXXIV. sect. 19) vicit et Pythagoras Leontinus, qui fecit stadiodromon Astylon, qui Olympiae ostenditur: et Libyn puerum tenentem tabulam, eodem loco, et mala ferentem nudum. Syracusis autem claudicantem: cujus hulceris dolorem sentire etiam spectantes videntur. Man erwge die letzten Worte etwas genauer. Wird nicht darin offenbar von einer Person gesprochen, die wegen eines schmerzhaften Geschwres berall bekannt ist? Cujus hulceris usw. Und dieses cujus sollte auf das bloe claudicantem, und das claudicantem vielleicht auf das noch entferntere puerum gehen? Niemand hatte mehr recht, wegen eines solchen Geschwres bekannter zu sein, als Philoktet. Ich lese also anstatt claudicantem, Philoctetem, oder halte wenigstens dafr, da das letztere durch das erstere gleichlautende Wort verdrungen worden, und man beides zusammen Philoctetem claudicantem lesen msse. Sophokles lt ihn stibon kai anagkan erpein, und es mute ein Hinken verursachen, da er auf den kranken Fu weniger herzhaft auftreten konnte.} III. Aber, wie schon gedacht, die Kunst hat in den neuern Zeiten ungleich weitere Grenzen erhalten. Ihre Nachahmung, sagt man, erstrecke sich auf die ganze sichtbare Natur, von welcher das Schne nur ein kleiner Teil ist. Wahrheit und Ausdruck sei ihr erstes Gesetz; und wie die Natur selbst die Schnheit hhern Absichten jederzeit aufopfere, so msse sie auch der Knstler seiner allgemeinen Bestimmung unterordnen, und ihr nicht weiter nachgehen, als es Wahrheit und Ausdruck erlauben. Genug, da durch Wahrheit und Ausdruck das Hlichste der Natur in ein Schnes der Kunst verwandelt werde. Gesetzt, man wollte diese Begriffe vors erste unbestritten in ihrem Werte oder Unwerte lassen: sollten nicht andere von ihnen unabhngige Betrachtungen zu machen sein, warum demohngeachtet der Knstler in dem Ausdrucke Ma halten, und ihn nie aus dem hchsten Punkte der Handlung nehmen msse. Ich glaube, der einzige Augenblick, an den die materiellen Schranken der Kunst alle ihre Nachahmungen binden, wird auf dergleichen Betrachtungen leiten. Kann der Knstler von der immer vernderlichen Natur nie mehr als einen einzigen Augenblick, und der Maler insbesondere diesen einzigen Augenblick auch nur aus einem einzigen Gesichtspunkte, brauchen; sind aber ihre Werke gemacht, nicht blo erblickt, sondern betrachtet zu werden, lange und wiederholtermaen betrachtet zu werden: so ist es gewi, da jener einzige Augenblick und einzige Gesichtspunkt dieses einzigen Augenblickes, nicht fruchtbar genug gewhlet werden kann. Dasjenige aber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungskraft freies Spiel lt. Je mehr wir sehen, desto mehr mssen wir hinzu denken knnen. Je mehr wir darzu denken, desto mehr mssen wir zu sehen glauben. In dem ganzen Verfolge eines Affekts ist aber kein Augenblick, der diesen Vorteil weniger hat, als die hchste Staffel desselben. ber ihr ist weiter nichts, und dem Auge das uerste zeigen, heit der Phantasie die Flgel binden, und sie ntigen, da sie ber den sinnlichen Eindruck nicht hinaus kann, sich unter ihm mit schwchern Bildern zu beschftigen, ber die sie die sichtbare Flle des Ausdrucks als ihre Grenze scheuet. Wenn Laokoon also seufzet, so kann ihn die Einbildungskraft schreien hren; wenn er aber schreiet, so kann sie von dieser Vorstellung weder eine Stufe hher, noch eine Stufe tiefer steigen, ohne ihn in einem leidlichern, folglich uninteressantern Zustande zu erblicken. Sie hrt ihn erst chzen, oder sie sieht ihn schon tot. Ferner. Erhlt dieser einzige Augenblick durch die Kunst eine unvernderliche Dauer: so mu er nichts ausdrcken, was sich nicht anders als transitorisch denken lt. Alle Erscheinungen, zu deren Wesen wir es nach unsern Begriffen rechnen, da sie pltzlich ausbrechen und pltzlich verschwinden, da sie das, was sie sind, nur einen Augenblick sein knnen; alle solche Erscheinungen, sie mgen angenehm oder schrecklich sein, erhalten durch die Verlngerung der Kunst ein so widernatrliches Ansehen, da mit jeder wiederholten Erblickung der Eindruck schwcher wird, und uns endlich vor dem ganzen Gegenstande ekelt oder grauet. La Mettrie, der sich als einen zweiten Demokrit malen und stechen lassen, lacht nur die ersten Male, die man ihn sieht. Betrachtet ihn ftrer, und er wird aus einem Philosophen ein Geck; aus seinem Lachen wird ein Grinsen. So auch mit dem Schreien. Der heftige Schmerz, welcher das Schreien auspresset, lt entweder bald nach, oder zerstrst das leidende Subjekt. Wann also auch der geduldigste standhafteste Mann schreiet, so schreiet er doch nicht unabllich. Und nur dieses scheinbare Unablliche in der materiellen Nachahmung der Kunst ist es, was sein Schreien zu weibischem Unvermgen, zu kindischer Unleidlichkeit machen wrde. Dieses wenigstens mute der Knstler des Laokoons vermeiden, htte schon das Schreien der Schnheit nicht geschadet, wre es auch seiner Kunst schon erlaubt gewesen, Leiden ohne Schnheit auszudrcken. Unter den alten Malern scheinet Timomachus Vorwrfe des uersten Affekts am liebsten gewhlet zu haben. Sein rasender Ajax, seine Kindermrderin Medea waren berhmte Gemlde. Aber aus den Beschreibungen, die wir von ihnen haben, erhellet, da er jenen Punkt, in welchem der Betrachter das uerste nicht sowohl erblickt, als hinzudenkt, jene Erscheinung, mit der wir den Begriff des Transitorischen nicht so notwendig verbinden, da uns die Verlngerung derselben in der Kunst mifallen sollte, vortrefflich verstanden und miteinander zu verbinden gewut hat. Die Medea hatte er nicht in dem Augenblicke genommen, in welchem sie ihre Kinder wirklich ermordet; sondern einige Augenblicke zuvor, da die mtterliche Liebe noch mit der Eifersucht kmpfet. Wir sehen das Ende dieses Kampfes voraus. Wir zittern voraus, nun bald blo die grausame Medea zu erblicken, und unsere Einbildungskraft gehet weit ber alles hinweg, was uns der Maler in diesem schrecklichen Augenblicke zeigen knnte. Aber eben darum beleidiget uns die in der Kunst fortdauernde Unentschlossenheit der Medea so wenig, da wir vielmehr wnschen, es wre in der Natur selbst dabei geblieben, der Streit der Leidenschaften htte sich nie entschieden, oder htte wenigstens so lange angehalten, bis Zeit und berlegung die Wut entkrften und den mtterlichen Empfindungen den Sieg versichern knnen. Auch hat dem Timomachus diese seine Weisheit groe und hufige Lobsprche zugezogen, und ihn weit ber einen andern unbekannten Maler erhoben, der unverstndig genug gewesen war, die Medea in ihrer hchsten Raserei zu zeigen, und so diesem flchtig berhingehenden Grade der uersten Raserei eine Dauer zu geben, die alle Natur empret. Der Dichter 1), der ihn desfalls tadelt, sagt daher sehr sinnreich, indem er das Bild selbst anredet: "Durstest du denn bestndig nach dem Blute deiner Kinder? Ist denn immer ein neuer Jason, immer eine neue Kreusa da, die dich unaufhrlich erbittern?--Zum Henker mit dir auch im Gemlde!" setzt er voller Verdru hinzu. {1. Philippus (Anthol. lib. IV. cap. 9. ep. 10). Aiei gar diyaV brejewn jonon; h tiV Ihswn DeuteroV, h Glaukh tiV pali soi projasiV; Erre kai en khrv paidoktone--} Von dem rasenden Ajax des Timomachus lt sich aus der Nachricht des Philostrats urteilen 2). Ajax erschien nicht, wie er unter den Herden wtet, und Rinder und Bcke fr Menschen fesselt und mordet. Sondern der Meister zeigte ihn, wie er nach diesen wahnwitzigen Heldentaten ermattet dasitzt, und den Anschlag fasset, sich selbst umzubringen. Und das ist wirklich der rasende Ajax; nicht weil er eben itzt raset, sondern weil man siehet, da er geraset hat; weil man die Gre seiner Raserei am lebhaftesten aus der verzweiflungsvollen Scham abnimmt, die er nun selbst darber empfindet. Man siehet den Sturm in den Trmmern und Leichen, die er an das Land geworfen. {2. Vita Apoll. lib. II. cap. 22.} IV. Ich bersehe die angefhrten Ursachen, warum der Meister des Laokoon in dem Ausdrucke des krperlichen Schmerzes Ma halten mssen, und finde, da sie allesamt von der eigenen Beschaffenheit der Kunst, und von derselben notwendigen Schranken und Bedrfnissen hergenommen sind. Schwerlich drfte sich also wohl irgendeine derselben auf die Poesie anwenden lassen. Ohne hier zu untersuchen, wie weit es dem Dichter gelingen kann, krperliche Schnheit zu schildern: so ist so viel unstreitig, da, da das ganze unermeliche Reich der Vollkommenheit seiner Nachahmung offen stehet, diese sichtbare Hlle, unter welcher Vollkommenheit zu Schnheit wird, nur eines von den geringsten Mitteln sein kann, durch die er uns fr seine Personen zu interessieren wei. Oft vernachlssiget er dieses Mittel gnzlich; versichert, da wenn sein Held einmal unsere Gewogenheit gewonnen, uns dessen edlere Eigenschaften entweder so beschftigen, da wir an die krperliche Gestalt gar nicht denken, oder, wenn wir daran denken, uns so bestechen, da wir ihm von selbst wo nicht eine schne, doch eine gleichgltige erteilen. Am wenigsten wird er bei jedem einzeln Zuge, der nicht ausdrcklich fr das Gesicht bestimmt ist, seine Rcksicht dennoch auf diesen Sinn nehmen drfen. Wenn Virgils Laokoon schreiet, wem fllt es dabei ein, da ein groes Maul zum Schreien ntig ist, und da dieses groe Maul hlich lt? Genug, da clamores horrendos ad sidera tollit ein erhabner Zug fr das Gehr ist, mag er doch fr das Gesicht sein, was er will. Wer hier ein schnes Bild verlangt, auf den hat der Dichter seinen ganzen Eindruck verfehlt. Nichts ntiget hiernchst den Dichter sein Gemlde in einen einzigen Augenblick zu konzentrieren. Er nimmt jede seiner Handlungen, wenn er will, bei ihrem Ursprunge auf, und fhret sie durch alle mgliche Abnderungen bis zu ihrer Endschaft. Jede dieser Abnderungen, die dem Knstler ein ganzes besonderes Stck kosten wrde, kostet ihm einen einzigen Zug; und wrde dieser Zug, fr sich betrachtet, die Einbildung des Zuhrers beleidigen, so war er entweder durch das Vorhergehende so vorbereitet, oder wird durch das Folgende so gemildert und vergtet, da er seinen einzeln Eindruck verlieret, und in der Verbindung die trefflichste Wirkung von der Welt tut. Wre es also auch wirklich einem Manne unanstndig, in der Heftigkeit des Schmerzes zu schreien; was kann diese kleine berhingehende Unanstndigkeit demjenigen bei uns fr Nachteil bringen, dessen andere Tugenden uns schon fr ihn eingenommen haben? Virgils Laokoon schreiet, aber dieser schreiende Laokoon ist eben derjenige, den wir bereits als den vorsichtigsten Patrioten, als den wrmsten Vater kennen und lieben. Wir beziehen sein Schreien nicht auf seinen Charakter, sondern lediglich auf sein unertrgliches Leiden. Dieses allein hren wir in seinem Schreien; und der Dichter konnte es uns durch dieses Schreien allein sinnlich machen. Wer tadelt ihn also noch? Wer mu nicht vielmehr bekennen: wenn der Knstler wohl tat, da er den Laokoon nicht schreien lie, so tat der Dichter ebenso wohl, da er ihn schreien lie? Aber Virgil ist hier blo ein erzhlender Dichter. Wird in seiner Rechtfertigung auch der dramatische Dichter mitbegriffen sein? Einen andern Eindruck macht die Erzhlung von jemands Geschrei; einen andern dieses Geschrei selbst. Das Drama, welches fr die lebendige Malerei des Schauspielers bestimmt ist, drfte vielleicht eben deswegen sich an die Gesetze der materiellen Malerei strenger halten mssen. In ihm glauben wir nicht blo einen schreienden Philoktet zu sehen und zu hren; wir hren und sehen wirklich schreien. Je nher der Schauspieler der Natur kmmt, desto empfindlicher mssen unsere Augen und Ohren beleidiget werden; denn es ist unwidersprechlich, da sie es in der Natur werden, wenn wir so laute und heftige uerungen des Schmerzes vernehmen. Zudem ist der krperliche Schmerz berhaupt des Mitleidens nicht fhig, welches andere bel erwecken. Unsere Einbildung kann zu wenig in ihm unterscheiden, als da die bloe Erblickung desselben etwas von einem gleichmigen Gefhl in uns hervorzubringen vermochte. Sophokles knnte daher leicht nicht einen blo willkrlichen, sondern in dem Wesen unserer Empfindungen selbst gegrndeten Anstand bertreten haben, wenn er den Philoktet und Herkules so winseln und weinen, so schreien und brllen lt. Die Umstehenden knnen unmglich so viel Anteil an ihrem Leiden nehmen, als diese ungemigten Ausbrche zu erfordern scheinen. Sie werden uns Zuschauern vergleichungsweise kalt vorkommen, und dennoch knnen wir ihr Mitleiden nicht wohl anders, als wie das Ma des unsrigen betrachten. Hierzu fge man, da der Schauspieler die Vorstellung des krperlichen Schmerzes schwerlich oder gar nicht bis zur Illusion treiben kann: und wer wei, ob die neuern dramatischen Dichter nicht eher zu loben, als zu tadeln sind, da sie diese Klippe entweder ganz und gar vermieden, oder doch nur mit einem leichten Kahne umfahren haben. Wie manches wrde in der Theorie unwidersprechlich scheinen, wenn es dem Genie nicht gelungen wre, das Widerspiel durch die Tat zu erweisen. Alle diese Betrachtungen sind nicht ungegrndet, und doch bleibet Philoktet eines von den Meisterstcken der Bhne. Denn ein Teil derselben trifft den Sophokles nicht eigentlich, und nur indem er sich ber den andern Teil hinwegsetzet, hat er Schnheiten erreicht, von welchen dem furchtsamen Kunstrichter, ohne dieses Beispiel, nie trumen wrde. Folgende Anmerkungen werden es nher zeigen. 1. Wie wunderbar hat der Dichter die Idee des krperlichen Schmerzes zu verstrken und zu erweitern gewut! Er whlte eine Wunde--(denn auch die Umstnde der Geschichte kann man betrachten, als ob sie von seiner Wahl abgehangen htten, insofern er nmlich die ganze Geschichte, eben dieser ihm vorteilhaften Umstnde wegen, whlte)--er whlte, sage ich, eine Wunde und nicht eine innerliche Krankheit; weil sich von jener eine lebhaftere Vorstellung machen lt, als von dieser, wenn sie auch noch so schmerzlich ist. Die innere sympathetische Glut, welche den Meleager verzehrte, als ihn seine Mutter in dem fatalen Brande ihrer schwesterlichen Wut aufopferte, wrde daher weniger theatralisch sein, als eine Wunde. Und diese Wunde war ein gttliches Strafgericht. Ein mehr als natrliches Gift tobte unaufhrlich darin, und nur ein strkerer Anfall von Schmerzen hatte seine gesetzte Zeit, nach welchem jedesmal der Unglckliche in einen betubenden Schlaf verfiel, in welchem sich seine erschpfte Natur erholen mute, den nmlichen Weg des Leidens wieder antreten zu knnen. Chateaubrun lt ihn blo von dem vergifteten Pfeile eines Trojaners verwundet sein. Was kann man sich von einem so gewhnlichen Zufalle Auerordentliches versprechen? Ihm war in den alten Kriegen ein jeder ausgesetzt; wie kam es, da er nur bei dem Philoktet so schreckliche Folgen hatte? Ein natrliches Gift, das neun ganzer Jahre wirket, ohne zu tten, ist noch dazu weit unwahrscheinlicher, als alle das fabelhafte Wunderbare, womit es der Grieche ausgerstet hat. 2. So gro und schrecklich er aber auch die krperlichen Schmerzen seines Helden machte, so fhlte er es doch sehr wohl, da sie allein nicht hinreichend wren, einen merklichen Grad des Mitleids zu erregen. Er verband sie daher mit andern beln, die gleichfalls fr sich betrachtet nicht besonders rhren konnten, die aber durch diese Verbindung einen ebenso melancholischen Anstrich erhielten, als sie den krperlichen Schmerzen hinwiederum mitteilten. Diese bel waren, vllige Beraubung der menschlichen Gesellschaft, Hunger und alle Unbequemlichkeiten des Lebens, welchem man unter einem rauhen Himmel in jener Beraubung ausgesetzet ist 1). Man denke sich einen Menschen in diesen Umstnden, man gebe ihm aber Gesundheit, und Krfte, und Industrie, und es ist ein Robinson Crusoe, der auf unser Mitleid wenig Anspruch macht, ob uns gleich sein Schicksal sonst gar nicht gleichgltig ist. Denn wir sind selten mit der menschlichen Gesellschaft so zufrieden, da uns die Ruhe, die wir auer derselben genieen, nicht sehr reizend dnken sollte, besonders unter der Vorstellung, welche jedes Individuum schmeichelt, da es fremden Beistandes nach und nach kann entbehren lernen. Auf der andern Seite gebe man einem Menschen die schmerzlichste unheilbarste Krankheit, aber man denke ihn zugleich von geflligen Freunden umgeben, die ihn an nichts Mangel leiden lassen, die sein bel, soviel in ihren Krften stehet, erleichtern, gegen die er unverhohlen klagen und jammern darf: unstreitig werden wir Mitleid mit ihm haben, aber dieses Mitleid dauert nicht in die Lnge, endlich zucken wir die Achsel und verweisen ihn zur Geduld. Nur wenn beide Flle zusammenkommen, wenn der Einsame auch seines Krpers nicht mchtig ist, wenn dem Kranken ebensowenig jemand anders hilft, als er sich selbst helfen kann, und seine Klagen in der den Luft verfliegen: alsdann sehen wir alles Elend, was die menschliche Natur treffen kann, ber den Unglcklichen zusammenschlagen, und jeder flchtige Gedanke, mit dem wir uns an seiner Stelle denken, erreget Schaudern und Entsetzen. Wir erblicken nichts als die Verzweiflung in ihrer schrecklichsten Gestalt vor uns, und kein Mitleid ist strker, keines zerschmelzet mehr die ganze Seele, als das, welches sich mit Vorstellungen der Verzweiflung mischet. Von dieser Art ist das Mitleid, welches wir fr den Philoktet empfinden, und in dem Augenblicke am strksten empfinden, wenn wir ihn auch seines Bogens beraubt sehen, des einzigen, was ihm sein kmmerliches Leben erhalten mute.--O des Franzosen, der keinen Verstand, dieses zu berlegen, kein Herz, dieses zu fhlen, gehabt hat! Oder wann er es gehabt hat, der klein genug war, dem armseligen Geschmacke seiner Nation alles dieses aufzuopfern. Chateaubrun gibt dem Philoktet Gesellschaft. Er lt eine Prinzessin Tochter zu ihm in die wste Insel kommen. Und auch diese ist nicht allein, sondern hat ihre Hofmeisterin bei sich; ein Ding, von dem ich nicht wei, ob es die Prinzessin oder der Dichter ntiger gebraucht hat. Das ganze vortreffliche Spiel mit dem Bogen hat er weggelassen. Dafr lt er schne Augen spielen. Freilich wrden Pfeil und Bogen der franzsischen Heldenjugend sehr lustig vorgekommen sein. Nichts hingegen ist ernsthafter als der Zorn schner Augen. Der Grieche martert uns mit der greulichen Besorgung, der arme Philoktet werde ohne seinen Bogen auf der wsten Insel bleiben und elendiglich umkommen mssen. Der Franzose wei einen gewissern Weg zu unserm Herzen: er lt uns frchten, der Sohn des Achilles werde ohne seine Prinzessin abziehen mssen. Dieses hieen denn auch die Pariser Kunstrichter, ber die Alten triumphieren, und einer schlug vor, das Chateaubrunsche Stck la difficult vaincue zu benennen 2). {1. Wenn der Chor das Elend des Philoktet in dieser Verbindung betrachtet, so scheinet ihn die hilflose Einsamkeit desselben ganz besonders zu rhren. In jedem Worte hren wir den geselligen Griechen. ber eine von den hierher gehrigen Stellen habe ich indes meinen Zweifel. Sie ist die (v. 201-205): In' autoV hn prosouroV, ouk ecwn basin, Oude tin' egcwrwn, Kakogeitona par' v stonon antitupon Barubrvt' apoklau- seien aimathron. Die gemeine Winshemsche bersetzung gibt dieses so: Ventis expositus et pedibus captus Nullum cohabitatorem Nec vicinum ullum saltem malum habens, apud quem gemitum mutuum Gravemque ac cruentum Ederet. Hiervon weicht die interpolierte bersetzung des Th. Johnson nur in den Worten ab: Ubi ipse ventis erat expositus, firmum gradum non habens, Nec quenquam indigenarum, Nec malum vicinum, apud quem ploraret Vehementer edacem Sanguineum morbum, mutuo gemitu. Man sollte glauben, er habe diese vernderten Worte aus der gebundenen bersetzung des Thomas Naogeorgus entlehnet. Denn dieser (sein Werk ist sehr selten, und Fabricius selbst hat es nur aus dem Oporinschen Bcherverzeichnisse gekannt) drckt sich so aus: --ubi expositus fuit Ventis ipse, gradum firmum haud habens, Nec quenquam indigenam, nec vel malum Vicinum, ploraret apud quem Vehementer edacem atque cruentum Morbum mutuo. Wenn diese bersetzungen ihre Richtigkeit haben, so sagt der Chor das Strkste, was man nur immer zum Lobe der menschlichen Gesellschaft sagen kann: Der Elende hat keinen Menschen um sich; er wei von keinem freundlichen Nachbar; zu glcklich, wenn er auch nur einen bsen Nachbar htte! Thomson wrde sodann diese Stelle vielleicht vor Augen gehabt haben, wenn er den gleichfalls in eine wste Insel von Bsewichtern ausgesetzten Melisander sagen lt: Cast on the wildest of the Cyclad isles, Where never human foot had marked the shore, These ruffians left me--yet beliefe me, Arcas, Such is the rooted love we bear mankind, All ruffians as they were, I never heard A sound so dismal as their parting oars. Auch ihm wre die Gesellschaft von Bsewichtern lieber gewesen, als gar keine. Ein groer vortrefflicher Sinn! Wenn es nur gewi wre, da Sophokles auch wirklich so etwas gesagt htte. Aber ich mu ungern bekennen, da ich nichts dergleichen bei ihm finde; es wre denn, da ich lieber mit den Augen des alten Scholiasten, als mit meinen eigenen sehen wollte, welcher die Worte des Dichters so umschreibt: Ou monon opou kalon ouk eice tina tvn egcwriwn geitona, alla oude kakon, par' ou amoibaion logon stenazwn akouseie. Wie dieser Auslegung die angefhrten bersetzer gefolgt sind, so hat sich auch ebensowohl Brumoy, als unser neuer deutscher bersetzer daran gehalten. Jener sagt, sans socit, mme importune: und dieser "jeder Gesellschaft, auch der beschwerlichsten beraubet". Meine Grnde, warum ich von ihnen allen abgehen mu, sind diese. Erstlich ist es offenbar, da wenn kakogeitona von tin' egcwrwn getrennt werden, und ein besonders Glied ausmachen sollte, die Partikel oude vor kakogeitona notwendig wiederholt sein mte. Da sie es aber nicht ist, so ist es ebenso offenbar, da kakogeitona zu tina gehret, und das Komma nach egcwrwn wegfallen mu. Dieses Komma hat sich aus der bersetzung eingeschlichen, wie ich denn wirklich finde, da es einige ganz griechische Ausgaben (z. E. die wittenbergische von 1585 in Oktav, welche dem Fabricius vllig unbekannt geblieben) auch gar nicht haben, und es erst, wie gehrig, nach kakogeitona setzen. Zweitens ist das wohl ein bser Nachbar, von dem wir uns stonon antitupon, amoibaion, wie es der Scholiast erklrt, versprechen knnen? Wechselsweise mit uns seufzen, ist die Eigenschaft eines Freundes, nicht aber eines Feindes. Kurz also: man hat das Wort kakogeitona unrecht verstanden; man hat angenommen, da es aus dem Adjectivo kakoV zusammengesetzt sei, und es ist aus dem Substantivo to kakon zusammengesetzt; man hat es durch einen bsen Nachbar erklrt, und htte es durch einen Nachbar des Bsen erklren sollen. So wie kakomantiV nicht einen bsen, das ist falschen, unwahren Propheten, sondern einen Propheten des Bsen, kakotecnoV nicht einen bsen, ungeschickten Knstler, sondern einen Knstler im Bsen bedeuten. Unter einem Nachbar des Bsen versteht der Dichter aber denjenigen, welcher entweder mit gleichen Unfllen, als wir, behaftet ist, oder aus Freundschaft an unsern Unfllen Anteil nimmt; so da die ganzen Worte oud' ecwn tin' egcwrwn kakogeitona blo durch neque quenquam indigenarum mali socium habens zu bersetzen sind. Der neue englische bersetzer des Sophokles, Thomas Franklin, kann nicht anders als meiner Meinung gewesen sein, indem er den bsen Nachbar in kakogeitwn auch nicht findet, sondern es blo durch fellow-mourner bersetzt: Expos'd to the inclement skies, Deserted and forlorn he lyes, No friend nor fellow-mourner there, To sooth his sorrow, and divide his care.} {2. Mercure de France, Avril 1755. p. 177.} 3. Nach der Wirkung des Ganzen betrachte man die einzelnen Szenen, in welchen Philoktet nicht mehr der verlassene Kranke ist; wo er Hoffnung hat, nun bald die trostlose Einde zu verlassen und wieder in sein Reich zu gelangen; wo sich also sein ganzes Unglck auf die schmerzliche Wunde einschrnkt. Er wimmert, er schreiet, er bekommt die grlichsten Zuckungen. Hierwider gehet eigentlich der Einwurf des beleidigten Anstandes. Es ist ein Englnder, welcher diesen Einwurf macht; ein Mann also, bei welchem man nicht leicht eine falsche Delikatesse argwhnen darf. Wie schon berhrt, so gibt er ihm auch einen sehr guten Grund. Alle Empfindungen und Leidenschaften, sagt er, mit welchen andere nur sehr wenig sympathisieren knnen, werden anstig, wenn man sie zu heftig ausdrckt 1). "Aus diesem Grunde ist nichts unanstndiger, und einem Manne unwrdiger, als wenn er den Schmerz, auch den allerheftigsten, nicht mit Geduld ertragen kann, sondern weinet und schreiet. Zwar gibt es eine Sympathie mit dem krperlichen Schmerze. Wenn wir sehen, da jemand einen Schlag auf den Arm oder das Schienbein bekommen soll, so fahren wir natrlicherweise zusammen, und ziehen unsern eigenen Arm, oder Schienbein, zurck; und wenn der Schlag wirklich geschieht, so empfinden wir ihn gewissermaen ebensowohl, als der, den er getroffen. Gleichwohl aber ist es gewi, da das bel, welches wir fhlen, gar nicht betrchtlich ist; wenn der Geschlagene daher ein heftiges Geschrei erregt, so ermangeln wir nicht ihn zu verachten, weil wir in der Verfassung nicht sind, ebenso heftig schreien zu knnen, als er."--Nichts ist betrglicher, als allgemeine Gesetze fr unsere Empfindungen. Ihr Gewebe ist so fein und verwickelt, da es auch der behutsamsten Spekulation kaum mglich ist, einen einzeln Faden rein aufzufassen und durch alle Kreuzfden zu verfolgen. Gelingt es ihr aber auch schon, was fr Nutzen hat es? Es gibt in der Natur keine einzelne reine Empfindung; mit einer jeden entstehen tausend andere zugleich, deren geringste die Grundempfindung gnzlich verndert, so da Ausnahmen ber Ausnahmen erwachsen, die das vermeintlich allgemeine Gesetz endlich selbst auf eine bloe Erfahrung in wenig einzeln Fllen einschrnken.--Wir verachten denjenigen, sagt der Englnder, den wir unter krperlichen Schmerzen heftig schreien hren. Aber nicht immer: nicht zum ersten Male; nicht, wenn wir sehen, da der Leidende alles mgliche anwendet, seinen Schmerz zu verbeien; nicht, wenn wir ihn sonst als einen Mann von Standhaftigkeit kennen; noch weniger, wenn wir ihn selbst unter dem Leiden Proben von seiner Standhaftigkeit ablegen sehen, wenn wir sehen, da ihn der Schmerz zwar zum Schreien, aber auch zu weiter nichts zwingen kann, da er sich lieber der lngern Fortdauer dieses Schmerzes unterwirft, als das geringste in seiner Denkungsart, in seinen Entschlssen ndert, ob er schon in dieser Vernderung die gnzliche Endschaft seines Schmerzes hoffen darf. Das alles findet sich bei dem Philoktet. Die moralische Gre bestand bei den alten Griechen in einer ebenso unvernderlichen Liebe gegen seine Freunde, als unwandelbarem Hasse gegen seine Feinde. Diese Gre behlt Philoktet bei allen seinen Martern. Sein Schmerz hat seine Augen nicht so vertrocknet, da sie ihm keine Trnen ber das Schicksal seiner alten Freunde gewhren knnten. Sein Schmerz hat ihn so mrbe nicht gemacht, da er, um ihn los zu werden, seinen Feinden vergeben, und sich gern zu allen ihren eigenntzigen Absichten brauchen lassen mchte. Und diesen Felsen von einem Manne htten die Athenienser verachten sollen, weil die Wellen, die ihn nicht erschttern knnen, ihn wenigstens ertnen machen?--Ich bekenne, da ich an der Philosophie des Cicero berhaupt wenig Geschmack finde; am allerwenigsten aber an der, die er in dem zweiten Buche seiner tuskulanischen Fragen ber die Erduldung des krperlichen Schmerzes auskramet. Man sollte glauben, er wolle einen Gladiator abrichten, so sehr eifert er wider den uerlichen Ausdruck des Schmerzes. In diesem scheinet er allein die Ungeduld zu finden, ohne zu berlegen, da er oft nichts weniger als freiwillig ist, die wahre Tapferkeit aber sich nur in freiwilligen Handlungen zeigen kann. Er hrt bei dem Sophokles den Philoktet nur klagen und schreien, und bersieht sein briges standhaftes Betragen gnzlich. Wo htte er auch sonst die Gelegenheit zu seinem rhetorischen Ausfalle wider die Dichter hergenommen? "Sie sollen uns weichlich machen, weil sie die tapfersten Mnner klagend einfhren." Sie mssen sie klagen lassen; denn ein Theater ist keine Arena. Dem verdammten oder feilen Fechter kam es zu, alles mit Anstand zu tun und zu leiden. Von ihm mute kein klglicher Laut gehret, keine schmerzliche Zuckung erblickt werden. Denn da seine Wunden, sein Tod die Zuschauer ergtzen sollten: so mute die Kunst alles Gefhl verbergen lehren. Die geringste uerung desselben htte Mitleiden erweckt, und fters erregtes Mitleiden wrde diesen frostig grausamen Schauspielen bald ein Ende gemacht haben. Was aber hier nicht erregt werden sollte, ist die einzige Absicht der tragischen Bhne, und fodert daher ein gerade entgegengesetztes Betragen. Ihre Helden mssen Gefhl zeigen, mssen ihre Schmerzen uern, und die bloe Natur in sich wirken lassen. Verraten sie Abrichtung und Zwang, so lassen sie unser Herz kalt, und Klopffechter im Kothurne knnen hchstens nur bewundert werden. Diese Benennung verdienen alle Personen der sogenannten Senecaschen Tragdien, und ich bin der festen Meinung, da die gladiatorischen Spiele die vornehmste Ursache gewesen, warum die Rmer in dem Tragischen noch so weit unter dem Mittelmigen geblieben sind. Die Zuschauer lernten in dem blutigen Amphitheater alle Natur verkennen, wo allenfalls ein Ktesias seine Kunst studieren konnte, aber nimmermehr ein Sophokles. Das tragischste Genie, an diese knstliche Todesszenen gewhnet, mute auf Bombast und Rodomontaden verfallen. Aber so wenig als solche Rodomontaden wahren Heldenmut einflen knnen, ebensowenig knnen Philoktetische Klagen weichlich machen. Die Klagen sind eines Menschen, aber die Handlungen eines Helden. Beide machen den menschlichen Helden, der weder weichlich noch verhrtet ist, sondern bald dieses bald jenes scheinet, so wie ihn itzt Natur, itzt Grundstze und Pflicht verlangen. Er ist das Hchste, was die Weisheit hervorbringen, und die Kunst nachahmen kann. {1. The theory of moral sentiments, by Adam Smith. Part. I. sect. 2. chap. 1. p. 41. (London 1761.)} 4. Nicht genug, da Sophokles seinen empfindlichen Philoktet vor der Verachtung gesichert hat; er hat auch allem andern weislich vorgebauet, was man sonst aus der Anmerkung des Englnders wider ihn erinnern knnte. Denn verachten wir schon denjenigen nicht immer, der bei krperlichen Schmerzen schreiet, so ist doch dieses unwidersprechlich, da wir nicht so viel Mitleiden fr ihn empfinden, als dieses Geschrei zu erfordern scheinet. Wie sollen sich also diejenigen verhalten, die mit dem schreienden Philoktet zu tun haben? Sollen sie sich in einem hohen Grade gerhrt stellen? Es ist wider die Natur. Sollen sie sich so kalt und verlegen bezeigen, als man wirklich bei dergleichen Flle zu sein pflegt? Das wrde die widrigste Dissonanz fr den Zuschauer hervorbringen. Aber, wie gesagt, auch diesem hat Sophokles vorgebauet. Dadurch nmlich, da die Nebenpersonen ihr eigenes Interesse haben; da der Eindruck, welchen das Schreien des Philoktet auf sie macht, nicht das einzige ist, was sie beschftiget, und der Zuschauer daher nicht sowohl auf die Disproportion ihres Mitleids mit diesem Geschrei, als vielmehr auf die Vernderung achtgibt, die in ihren eigenen Gesinnungen und Anschlgen durch das Mitleid, sei es so schwach oder so stark es will, entstehet, oder entstehen sollte. Neoptolem und der Chor haben den unglcklichen Philoktet hintergangen; sie erkennen, in welche Verzweiflung ihn ihr Betrug strzen werde; nun bekommt er seinen schrecklichen Zufall vor ihren Augen; kann dieser Zufall keine merkliche sympathetische Empfindung in ihnen erregen, so kann er sie doch antreiben, in sich zu gehen, gegen so viel Elend Achtung zu haben, und es durch Verrterei nicht hufen zu wollen. Dieses erwartet der Zuschauer, und seine Erwartung findet sich von dem edelmtigen Neoptolem nicht getuscht. Philoktet, seiner Schmerzen Meister, wrde den Neoptolem bei seiner Verstellung erhalten haben. Philoktet, den sein Schmerz aller Verstellung unfhig macht, so hchst ntig sie ihm auch scheinet, damit seinen knftigen Reisegefhrten das Versprechen, ihn mit sich zu nehmen, nicht zu bald gereue; Philoktet, der ganz Natur ist, bringt auch den Neoptolem zu seiner Natur wieder zurck. Diese Umkehr ist vortrefflich, und um so viel rhrender, da sie von der bloen Menschlichkeit bewirket wird. Bei dem Franzosen haben wiederum die schnen Augen ihren Teil daran 2). Doch ich will an diese Parodie nicht mehr denken.--Des nmlichen Kunstgriffs, mit dem Mitleiden, welches das Geschrei ber krperliche Schmerzen hervorbringen sollte, in den Umstehenden einen andern Affekt zu verbinden, hat sich Sophokles auch in den "Trachinerinnen" bedient. Der Schmerz des Herkules ist kein ermattender Schmerz; er treibt ihn bis zur Raserei, in der er nach nichts als nach Rache schnaubet. Schon hatte er in dieser Wut den Lichas ergriffen, und an dem Felsen zerschmettert. Der Chor ist weiblich; um so viel natrlicher mu sich Furcht und Entsetzen seiner bemeistern. Dieses, und die Erwartung, ob noch ein Gott dem Herkules zu Hilfe eilen, oder Herkules unter diesem bel erliegen werde, macht hier das eigentliche allgemeine Interesse, welches von dem Mitleiden nur eine geringe Schattierung erhlt. Sobald der Ausgang durch die Zusammenhaltung der Orakel entschieden ist, wird Herkules ruhig, und die Bewunderung ber seinen letzten Entschlu tritt an die Stelle aller andern Empfindungen. berhaupt aber mu man bei der Vergleichung des leidenden Herkules mit dem leidenden Philoktet nicht vergessen, da jener ein Halbgott, und dieser nur ein Mensch ist. Der Mensch schmt sich seiner Klagen nie; aber der Halbgott schmt sich, da sein sterblicher Teil ber den unsterblichen so viel vermocht habe, da er wie ein Mdchen weinen und winseln mssen 3). Wir Neuern glauben keine Halbgtter, aber der geringste Held soll bei uns wie ein Halbgott empfinden, und handeln. {2. Act. Il. Sc. III. De mes dguisements que penserait Sophie? sagt der Sohn des Achilles.} {3. Trach. v. 1088. 1089. --ostiV wste parJenoV Bebruca kleiwn--} Ob der Schauspieler das Geschrei und die Verzuckungen des Schmerzes bis zur Illusion bringen knne, will ich weder zu verneinen noch zu bejahen wagen. Wenn ich fnde, da es unsere Schauspieler nicht knnten, so mte ich erst wissen, ob es auch ein Garrick nicht vermgend wre: und wenn es auch diesem nicht gelnge, so wrde ich mir noch immer die Skvopie und Deklamation der Alten in einer Vollkommenheit denken drfen, von der wir heutzutage gar keinen Begriff haben. V. Es gibt Kenner des Altertums, welche die Gruppe Laokoon zwar fr ein Werk griechischer Meister, aber aus der Zeit der Kaiser halten, weil sie glauben, da der Virgilische Laokoon dabei zum Vorbilde gedienet habe. Ich will von den ltern Gelehrten, die dieser Meinung gewesen sind, nur den Bartholomus Marliani 1), und von den neuern den Montfaucon 2) nennen. Sie fanden ohne Zweifel zwischen dem Kunstwerke und der Beschreibung des Dichters eine so besondere bereinstimmung, da es ihnen unmglich dnkte, da beide von ohngefhr auf einerlei Umstnde sollten gefallen sein, die sich nichts weniger, als von selbst darbieten. Dabei setzten sie voraus, da wenn es auf die Ehre der Erfindung und des ersten Gedankens ankomme, die Wahrscheinlichkeit fr den Dichter ungleich grer sei, als fr den Knstler. {1. Topographiae Urbis Romae libr. IV. cap. 14. Et quanquam hi (Agesander et Polydorus et Athenodorus Rhodii) ex Virgilii descriptione statuam hanc formavisse videntur etc.} {2. Suppl. aux Ant. Expliq. T. I. p. 242. Il semble qu'Agsandre, Polydore et Athnodore, qui en furent les ouvriers, aient travaill comme l'envie, pour laisser un monument, qui rpondait l'incomparable description qu'a fait Virgile de Laocoon etc.} Nur scheinen sie vergessen zu haben, da ein dritter Fall mglich sei. Denn vielleicht hat der Dichter ebensowenig den Knstler, als der Knstler den Dichter nachgeahmt, sondern beide haben aus einerlei lteren Quelle geschpft. Nach dem Macrobius wrde Pisander diese ltere Quelle sein knnen 3). Denn als die Werke dieses griechischen Dichters noch vorhanden waren, war es schulkundig, pueris decantatum, da der Rmer die ganze Eroberung und Zerstrung Iliums, sein ganzes zweites Buch, aus ihm nicht sowohl nachgeahmt, als treulich bersetzt habe. Wre nun also Pisander auch in der Geschichte des Laokoon Virgils Vorgnger gewesen, so brauchten die griechischen Knstler ihre Anleitung nicht aus einem lateinischen Dichter zu holen, und die Mutmaung von ihrem Zeitalter grndet sich auf nichts. {3. Saturnal. lib. V. cap. 2. Quae Virgilius traxit a Graecis, dicturumne me putetis quae vulgo nota sunt? quod Theocritum sibi fecerit pastoralis operis autorem, ruralis Hesiodum? et quod in ipsis Georgicis tempestatis serenitatisque signa de Arati Phaenomenis traxerit? vel quod eversionem Trojae, cum Sinone suo, et equo ligneo, ceterisque omnibus, quae librum secundum faciunt, a Pisandro paene ad verbum transcripserit? qui inter Graecos poetas eminet opere, quod a nuptiis Jovis et Junonis incipiens universas historias, quae mediis omnibus sacculis usque ad aetatem ipsius Pisandri contigerunt, in unam seriem coactas redegerit, et unum ex diversis hiatibus temporum corpus effecerit? in quo opere inter historias ceteras interitus quoque Trojae in hunc modum relatus est. Quae fideliter Maro interpretando, fabricatus est sibi Iliacae urbis ruinam. Sed et haec et talia ut pueris decantata praetereo.} Indes wenn ich notwendig die Meinung des Marliani und Montfaucon behaupten mte, so wrde ich ihnen folgende Ausflucht leihen. Pisanders Gedichte sind verloren; wie die Geschichte des Laokoon von ihm erzhlet worden, lt sich mit Gewiheit nicht sagen; es ist aber wahrscheinlich, da es mit eben den Umstnden geschehen sei, von welchen wir noch itzt bei griechischen Schriftstellern Spuren finden. Nun kommen aber diese mit der Erzhlung des Virgils im geringsten nicht berein, sondern der rmische Dichter mu die griechische Tradition vllig nach seinem Gutdnken umgeschmolzen haben. Wie er das Unglck des Laokoon erzhlet, so ist es seine eigene Erfindung; folglich, wenn die Knstler in ihrer Vorstellung mit ihm harmonieren, so knnen sie nicht wohl anders als nach seiner Zeit gelebt, und nach seinem Vorbilde gearbeitet haben. Quintus Calaber lt zwar den Laokoon einen gleichen Verdacht, wie Virgil, wider das hlzerne Pferd bezeigen; allein der Zorn der Minerva, welchen sich dieser dadurch zuziehet, uert sich bei ihm ganz anders. Die Erde erbebt unter dem warnenden Trojaner; Schrecken und Angst berfallen ihn; ein brennender Schmerz tobet in seinen Augen; sein Gehirn leidet; er raset; er verblindet. Erst, da er blind noch nicht aufhrt, die Verbrennung des hlzernen Pferdes anzuraten, sendet Minerva zwei schreckliche Drachen, die aber blo die Kinder des Laokoon ergreifen. Umsonst strecken diese die Hnde nach ihrem Vater aus; der arme blinde Mann kann ihnen nicht helfen; sie werden zerfleischt, und die Schlangen schlupfen in die Erde. Dem Laokoon selbst geschieht von ihnen nichts; und da dieser Umstand dem Quintus 4) nicht eigen, sondern vielmehr allgemein angenommen msse gewesen sein, bezeiget eine Stelle des Lykophron, wo diese Schlangen 5) das Beiwort der Kinderfresser fhren. {4. Paralip. lib. XII. v. 398-408 et v. 439-474.} {5. Oder vielmehr Schlange: denn Lykophron scheinet nur eine angenommen zu haben: Kai paidobrvtoV porkewV nhsouV diplaV.} War er aber, dieser Umstand, bei den Griechen allgemein angenommen, so wrden sich griechische Knstler schwerlich erkhnt haben, von ihm abzuweichen, und schwerlich wrde es sich getroffen haben, da sie auf eben die Art wie ein rmischer Dichter abgewichen wren, wenn sie diesen Dichter nicht gekannt htten, wenn sie vielleicht nicht den ausdrcklichen Auftrag gehabt htten, nach ihm zu arbeiten. Auf diesem Punkte, meine ich, mte man bestehen, wenn man den Marliani und Montfaucon verteidigen wollte. Virgil ist der erste und einzige 6), welcher sowohl Vater als Kinder von den Schlangen umbringen lt; die Bildhauer tun dieses gleichfalls, da sie es doch als Griechen nicht htten tun sollen: also ist es wahrscheinlich, da sie es auf Veranlassung des Virgils getan haben. {6. Ich erinnere mich, da man das Gemlde hierwider anfhren knnte, welches Eumolp bei dem Petron auslegt. Es stellte die Zerstrung von Troja, und besonders die Geschichte des Laokoon, vollkommen so vor, als sie Virgil erzhlet; und da in der nmlichen Galerie zu Neapel, in der es stand, andere alte Gemlde vom Zeuxis, Protogenes, Apelles waren, so liee sich vermuten, da es gleichfalls ein altes griechisches Gemlde gewesen sei. Allein man erlaube mir, einen Romandichter fr keinen Historikus halten zu drfen. Diese Galerie, und dieses Gemlde, und dieser Eumolp haben, allem Ansehen nach, nirgends als in der Phantasie des Petrons existieret. Nichts verrt ihre gnzliche Erdichtung deutlicher, als die offenbaren Spuren einer beinahe schlermigen Nachahmung der Virgilischen Beschreibung. Es wird sich der Mhe verlohnen, die Vergleichung anzustellen. So Virgil: (Aeneid. lib. II. 199-224.) Hic aliud majus miseris multoque tremendum Objicitur magis, atque improvida pectora turbat. Laocoon, ductus Neptuno sorte sacerdos, Solemnis taurum ingentem mactabat ad aras. Ecce autem gemini a Tenedo tranquilla per alta (Horresco referens) immensis orbibus angues Incumbunt pelago, pariterque ad litora tendunt: Pectora quorum inter fluctus arrecta, jubaeque Sanguineae exsuperant undas: pars cetera pontum Pone legit, sinuatque immensa volumine terga. Fit sonitus spumante salo: jamque arva tenebant, Ardentesque oculos suffecti sanguine et igni Sibila lambebant linguis vibrantibus ora. Diffugimus visu exsangues. Illi agmine certo Laocoonta petunt, et primum parva duorum Corpora natorum serpens amplexus uterque Implicat, et miseros morsu depascitur artus. Post ipsum, auxilio subeuntem ac tela ferentem, Corripiunt, spirisque ligant ingentibus: et jam Bis medium amplexi, bis collo squamea circum Terga dati, superant capite et cervicibus altis. Ille simul manibus tendit divellere nodos, Perfusus sanie vittas atroque veneno: Clamores simul horrendos ad sidera tollit. Quales mugitus, fugit cum saucius aram Taurus et incertam excussit cervice securim. Und so Eumolp, (von dem man sagen knnte, da es ihm wie allen Poeten aus dem Stegreife ergangen sei: ihr Gedchtnis hat immer an ihren Versen ebensoviel Anteil, als ihre Einbildung): Ecce alia monstra. Celsa qua Tenedos mare Dorso repellit, tumida consurgunt freta, Undaque resultat scissa tranquillo minor. Qualis silenti nocte remorum sonus. Longe refertur, cum premunt classes mare, Pulsumque marmor abiete imposita gemit. Respicimus, angues orbibus geminis ferunt Ad saxa fluctus: tumida quorum pectora Rates ut altae, lateribus spumas agunt: Dant caudae sonitum; liberae ponto jubae Coruscant luminibus, fulmineum jubar Incendit aequor, sibilisque undae tremunt. Stupuere mentes. Infulis stabant sacri Phrygioque cultu gemina nati pignora Laocoonte, quos repente tergoribus ligant Angues corusci: parvulas illi manus Ad ora referunt: neuter auxilio sibi Uterque fratri transtulit pias vices, Morsque ipsa miseros mutuo perdit metu. Accumulat ecce liberm funus parens, Infirmus auxiliator; invadunt virum Jam morte pasti, membraque ad terram trahunt. Jacet sacerdos inter aras victima. Die Hauptzge sind in beiden Stellen eben dieselben, und verschiedenes ist mit den nmlichen Worten ausgedrckt. Doch das sind Kleinigkeiten, die von selbst in die Augen fallen. Es gibt andere Kennzeichen der Nachahmung, die feiner, aber nicht weniger sicher sind. Ist der Nachahmer ein Mann, der sich etwas zutrauet, so ahmet er selten nach, ohne verschnern zu wollen; und wenn ihm dieses Verschnern, nach seiner Meinung, geglckt ist, so ist er Fuchs genug, seine Futapfen, die den Weg, welchen er hergekommen, verraten wrden, mit dem Schwanze zuzukehren. Aber eben diese eitle Begierde zu verschnern, und diese Behutsamkeit Original zu scheinen, entdeckt ihn. Denn sein Verschnern ist nichts als bertreibung und unnatrliches Raffinieren. Virgil sagt, sanguineae jubae: Petron, liberae jubae luminibus coruscant. Virgil, ardentes oculos suffecti sanguine er igni: Petron, fulmineum jubar incendit aequor. Virgil, fit sonitus spumante salo: Petron, sibilis undae tremunt. So geht der Nachahmer immer aus dem Groen ins Ungeheuere; aus dem Wunderbaren ins Unmgliche. Die von den Schlangen umwundenen Knaben sind dem Virgil ein Parergon, das er mit wenigen bedeutenden Strichen hinsetzt, in welchen man nichts als ihr Unvermgen und ihren Jammer erkennet. Petron malt dieses Nebenwerk aus, und macht aus den Knaben ein Paar heldenmtige Seelen, --neuter auxilio sibi, Uterque fratri transtulit pias vices, Morsque ipsa miseros mutuo perdit metu. Wer erwartet von Menschen, von Kindern, diese Selbstverleugnung? Wie viel besser kannte der Grieche die Natur, (Quintus Calaber lib. XII. v. 459-461.) welcher, bei Erscheinung der schrecklichen Schlangen, sogar die Mtter ihrer Kinder vergessen lt, so sehr war jedes nur auf seine eigene Erhaltung bedacht. --enJa gunaikeV Oimwzon, kai pou tiV ewn epelhsato teknwn, Auth aleuomenh stugeron moron-- Zu verbergen sucht sich der Nachahmer gemeiniglich dadurch, da er den Gegenstnden eine andere Beleuchtung gibt, die Schatten des Originals heraus-, und die Lichter zurcktreibt. Virgil gibt sich Mhe, die Gre der Schlangen recht sichtbar zu machen, weil von dieser Gre die Wahrscheinlichkeit der folgenden Erscheinung abhngt; das Gerusche, welches sie verursachen, ist nur eine Nebenidee, und bestimmt, den Begriff der Gre auch dadurch lebhafter zu machen. Petron hingegen macht diese Nebenidee zur Hauptsache, beschreibt das Gerusch mit aller mglichen ppigkeit, und vergit die Schilderung der Gre so sehr, da wir sie nur fast aus dem Gerusche schlieen mssen. Es ist schwerlich zu glauben, da er in diese Ungeschicklichkeit verfallen wre, wenn er blo aus seiner Einbildung geschildert, und kein Muster vor sich gehabt htte, dem er nachzeichnen, dem er aber nachgezeichnet zu haben, nicht verraten wollen. So kann man zuverlssig jedes poetische Gemlde, das in kleinen Zgen berladen, und in den groen fehlerhaft ist, fr eine verunglckte Nachahmung halten, es mag sonst so viele kleine Schnheiten haben als es will, und das Original mag sich lassen angeben knnen oder nicht.} Ich empfinde sehr wohl, wieviel dieser Wahrscheinlichkeit zur historischen Gewiheit mangelt. Aber da ich auch nichts Historisches weiter daraus schlieen will, so glaube ich wenigstens, da man sie als eine Hypothesis kann gelten lassen, nach welcher der Kritikus seine Betrachtungen anstellen darf. Bewiesen oder nicht bewiesen, da die Bildhauer dem Virgil nachgearbeitet haben, ich will es blo annehmen, um zu sehen, wie sie ihm sodann nachgearbeitet htten. ber das Geschrei habe ich mich schon erklrt. Vielleicht, da mich die weitere Vergleichung auf nicht weniger unterrichtende Bemerkungen leitet. Der Einfall, den Vater mit seinen beiden Shnen durch die mrdrischen Schlangen in einen Knoten zu schrzen, ist ohnstreitig ein sehr glcklicher Einfall, der von einer ungemein malerischen Phantasie zeuget. Wem gehrt er? Dem Dichter, oder den Knstlern? Montfaucon will ihn bei dem Dichter nicht finden 1). Aber ich meine, Montfaucon hat den Dichter nicht aufmerksam genug gelesen. {1. Suppl. aux Antiq. Expl. T. I. p. 243. Il y a quelque petite diffrence entre ce que dit Virgile, et ce que le marbre reprsente. Il semble, selon ce que dit le pote, que les serpents quittrent les deux enfants pour venir entortiller le pre, au lieu que dans ce marbre ils lient en mme temps les enfants et leur pre.} --illi agmine certo Laocoonta petunt, et primum parva duorum Corpora natorum serpens amplexus uterque Implicat et miseros morsu depascitur artus. Post ipsum, auxilio subeuntem et tela ferentem Corripiunt, spirisque ligant ingentibus-- Der Dichter hat die Schlangen von einer wunderbaren Lnge geschildert. Sie haben die Knaben umstrickt, und da der Vater ihnen zu Hilfe kmmt, ergreifen sie auch ihn (corripiunt). Nach ihrer Gre konnten sie sich nicht auf einmal von den Knaben loswinden; es mute also einen Augenblick geben, da sie den Vater mit ihren Kpfen und Vorderteilen schon angefallen hatten, und mit ihren Hinterteilen die Knaben noch verschlungen hielten. Dieser Augenblick ist in der Fortschreitung des poetischen Gemldes notwendig; der Dichter lt ihn sattsam empfinden; nur ihn auszumalen, dazu war itzt die Zeit nicht. Da ihn die alten Ausleger auch wirklich empfunden haben, scheinet eine Stelle des Donatus 2) zu bezeigen. Wieviel weniger wird er den Knstlern entwischt sein, in deren verstndiges Auge alles, was ihnen vorteilhaft werden kann, so schnell und deutlich einleuchtet? {2. Donatus ad v. 227. lib. II. Aeneid. Mirandum non est, clipeo et simulacri vestigiis tegi potuisse, quos supra et longos et validos dixit, et multiplici ambitu circumdedisse Laocoontis corpus ac liberorum, et fuisse superfluam partem. Mich dnkt brigens, da in dieser Stelle aus den Worten mirandum non est entweder das non wegfallen mu oder am Ende der ganze Nachsatz mangelt. Denn da die Schlangen so auerordentlich gro waren, so ist es allerdings zu verwundern, da sie sich unter dem Schilde der Gttin verbergen knnen, wenn dieses Schild nicht selbst sehr gro war und zu einer kolossalischen Figur gehrte. Und die Versicherung hievon mute der mangelnde Nachsatz sein; oder das non hat keinen Sinn.} In den Windungen selbst, mit welchen der Dichter die Schlangen um den Laokoon fhret, vermeidet er sehr sorgfltig die Arme, um den Hnden alle ihre Wirksamkeit zu lassen. Ille simul manibus tendit divellere nodos. Hierin muten ihm die Knstler notwendig folgen. Nichts gibt mehr Ausdruck und Leben, als die Bewegung der Hnde; im Affekte besonders, ist das sprechendste Gesicht ohne sie unbedeutend. Arme, durch die Ringe der Schlangen fest an den Krper geschlossen, wrden Frost und Tod ber die ganze Gruppe verbreitet haben. Also sehen wir sie, an der Hauptfigur sowohl als an den Nebenfiguren, in vlliger Ttigkeit, und da am meisten beschftiget, wo gegenwrtig der heftigste Schmerz ist. Weiter aber auch nichts, als diese Freiheit der Arme, fanden die Knstler zutrglich, in Ansehung der Verstrickung der Schlangen, von dem Dichter zu entlehnen. Virgil lt die Schlangen doppelt um den Leib, und doppelt um den Hals des Laokoon sich winden, und hoch mit ihren Kpfen ber ihn herausragen. Bis medium amplexi, bis collo squamea circum Terga dati, superant capite er cervicibus altis. Dieses Bild fllet unsere Einbildungskraft vortrefflich; die edelsten Teile sind bis zum Ersticken gepret, und das Gift gehet gerade nach dem Gesichte. Demohngeachtet war es kein Bild fr Knstler, welche die Wirkungen des Giftes und des Schmerzes in dem Krper zeigen wollten. Denn um diese bemerken zu knnen, muten die Hauptteile so frei sein als mglich, und durchaus mute kein urer Druck auf sie wirken, welcher das Spiel der leidenden Nerven und arbeitenden Muskeln verndern und schwchen knnte. Die doppelten Windungen der Schlangen wrden den ganzen Leib verdeckt haben, und jene schmerzliche Einziehung des Unterleibes, welche so sehr ausdrckend ist, wrde unsichtbar geblieben sein. Was man ber, oder unter, oder zwischen den Windungen, von dem Leibe noch erblickt htte, wrde unter Pressungen und Aufschwellungen erschienen sein, die nicht von dem innern Schmerze, sondern von der uern Last gewirket worden. Der ebenso oft umschlungene Hals wrde die pyramidalische Zuspitzung der Gruppe, welche dem Auge so angenehm ist, gnzlich verdorben haben; und die aus dieser Wulst ins Freie hinausragende spitze Schlangenkpfe htten einen so pltzlichen Abfall von Mensur gehabt, da die Form des Ganzen uerst anstig geworden wre. Es gibt Zeichner, welche unverstndig genug gewesen sind, sich demohngeachtet an den Dichter zu binden. Was denn aber auch daraus geworden, lt sich unter andern aus einem Blatte des Franz Cleyn 3) mit Abscheu erkennen. Die alten Bildhauer bersahen es mit einem Blicke, da ihre Kunst hier eine gnzliche Abnderung erfordere. Sie verlegten alle Windungen von dem Leibe und Halse, um die Schenkel und Fe. Hier konnten diese Windungen, dem Ausdrucke unbeschadet, so viel decken und pressen, als ntig war. Hier erregten sie zugleich die Idee der gehemmten Flucht und einer Art von Unbeweglichkeit, die der knstlichen Fortdauer des nmlichen Zustandes sehr vorteilhaft ist. {3. In der prchtigen Ausgabe von Drydens englischem Virgil. (London 1697 in gro Folio.) Und doch hat auch dieser die Windungen der Schlangen um den Leib nur einfach, und um den Hals fast gar nicht gefhrt. Wenn ein so mittelmiger Knstler anders eine Entschuldigung verdient, so knnte ihm nur die zustatten kommen, da Kupfer zu einem Buche als bloe Erluterungen, nicht aber als fr sich bestehende Kunstwerke zu betrachten sind.} Ich wei nicht, wie es gekommen, da die Kunstrichter diese Verschiedenheit, welche sich in den Windungen der Schlangen zwischen dem Kunstwerke und der Beschreibung des Dichters so deutlich zeiget, gnzlich mit Stillschweigen bergangen haben. Sie erhebet die Weisheit der Knstler ebensosehr als die andre, auf die sie alle fallen, die sie aber nicht sowohl anzupreisen wagen, als vielmehr nur zu entschuldigen suchen. Ich meine die Verschiedenheit in der Bekleidung. Virgils Laokoon ist in seinem priesterlichen Ornate, und in der Gruppe erscheinet er, mit beiden seinen Shnen, vllig nackend. Man sagt, es gebe Leute, welche eine groe Ungereimtheit darin fnden, da ein Knigssohn, ein Priester, bei einem Opfer, nackend vorgestellet werde. Und diesen Leuten antworten Kenner der Kunst in allem Ernste, da es allerdings ein Fehler wider das bliche sei, da aber die Knstler dazu gezwungen worden, weil sie ihren Figuren keine anstndige Kleidung geben knnen. Die Bildhauerei, sagen sie, knne keine Stoffe nachahmen; dicke Falten machten ein ble Wirkung; aus zwei Unbequemlichkeiten habe man also die geringste whlen, und lieber gegen die Wahrheit selbst verstoen, als in den Gewndern tadelhaft werden mssen 4). Wenn die alten Artisten bei dem Einwurfe lachen wrden, so wei ich nicht, was sie zu der Beantwortung sagen drften. Man kann die Kunst nicht tiefer herabsetzen, als es dadurch geschiehet. Denn gesetzt, die Skulptur knnte die verschiednen Stoffe ebensogut nachahmen, als die Malerei: wrde sodann Laokoon notwendig bekleidet sein mssen? Wrden wir unter dieser Bekleidung nichts verlieren? Hat ein Gewand, das Werk sklavischer Hnde, ebensoviel Schnheit als das Werk der ewigen Weisheit, ein organisierter Krper? Erfordert es einerlei Fhigkeiten, ist es einerlei Verdienst, bringt es einerlei Ehre, jenes oder diesen nachzuahmen? Wollen unsere Augen nur getuscht sein, und ist es ihnen gleich viel, womit sie getuscht werden? {4. So urteilet selbst De Piles in seinen Anmerkungen ber den Du Fresnoy v. 210. Remarquez, s'il vous plat, que les draperies tendres et lgres n'tant donnes qu'au sexe fminin, les anciens sculpteurs ont vit autant qu'ils ont pu, d'habiller les figures d'hommes; parce qu'ils ont pens, comme nous l'avons dj dit, qu'en sculpture on ne pouvait imiter les toffes et que les gros plis faisaient un mauvais effet. Il y a presque autant d'exemples de cette vrit, qu'il y a parmi les antiques de figures d'hommes nus. Je rapporterai seulement celui du Laocoon, lequel selon la vraisemblance devrait tre vtu. En effet, quelle apparence y-a-t-il qu'un fils de roi, qu'un prtre d'Apollon se trouvt tout nu dans la crmonie actuelle d'un sacrifice; car les serpents passrent de l'le de Tndos au rivage de Troie, et surprirent Laocoon et ses fils dans le temps mme qu'il sacrifiait Neptune sur le bord de la mer, comme le marque Virgile dans le second livre de son Enide. Cependant les artistes, qui sont les auteurs de ce bel ouvrage, ont bien vu, qu'ils ne pouvaient pas leur donner de vtements convenables leur qualit, sans faire comme un amas de pierres, dont la masse ressemblerait un rocher, au lieu des trois admirables figures, qui ont t et qui sont toujours l'admiration des sicles. C'est pour cela que de deux inconvnients, ils ont jug celui des draperies beaucoup plus fcheux, que celui d'aller contre la vrit mme.} Bei dem Dichter ist ein Gewand kein Gewand; es verdeckt nichts; unsere Einbildungskraft sieht berall hindurch. Laokoon habe es bei dem Virgil, oder habe es nicht, sein Leiden ist ihr an jedem Teile seines Krpers einmal so sichtbar, wie das andere. Die Stirne ist mit der priesterlichen Binde fr sie umbunden, aber nicht umhllet. Ja sie hindert nicht allein nicht, diese Binde; sie verstrkt auch noch den Begriff, den wir uns von dem Unglcke des Leidenden machen. Perfusus sanie vittas atroque veneno. Nichts hilft ihm seine priesterliche Wrde; selbst das Zeichen derselben, das ihm berall Ansehen und Verehrung verschafft, wird von dem giftigen Geifer durchnetzt und entheiliget. Aber diesen Nebenbegriff mute der Artist aufgeben, wenn das Hauptwerk nicht leiden sollte. Htte er dem Laokoon auch nur diese Binde gelassen, so wrde er den Ausdruck um ein Groes geschwcht haben. Die Stirne wre zum Teil verdeckt worden, und die Stirne ist der Sitz des Ausdruckes. Wie er also dort, bei dem Schreien, den Ausdruck der Schnheit aufopferte, so opferte er hier das bliche dem Ausdrucke auf. berhaupt war das bliche bei den Alten eine sehr geringschtzige Sache. Sie fhlten, da die hchste Bestimmung ihrer Kunst sie auf die vllige Entbehrung desselben fhrte. Schnheit ist diese hchste Bestimmung; Not erfand die Kleider, und was hat die Kunst mit der Not zu tun? Ich gebe es zu, da es auch eine Schnheit der Bekleidung gibt; aber was ist sie, gegen die Schnheit der menschlichen Form? Und wird der, der das Grere erreichen kann, sich mit dem Kleinern begngen? Ich frchte sehr, der vollkommenste Meister in Gewndern zeigt durch diese Geschicklichkeit selbst, woran es ihm fehlt. VI. Meine Voraussetzung, da die Knstler dem Dichter nachgeahmt haben, gereicht ihnen nicht zur Verkleinerung. Ihre Weisheit erscheinet vielmehr durch diese Nachahmung in dem schnsten Lichte. Sie folgten dem Dichter, ohne sich in der geringsten Kleinigkeit von ihm verfhren zu lassen. Sie hatten ein Vorbild, aber da sie dieses Vorbild aus einer Kunst in die andere hinbertragen muten, so fanden sie genug Gelegenheit selbst zu denken. Und diese ihre eigene Gedanken, welche sich in den Abweichungen von ihrem Vorbilde zeigen, beweisen, da sie in ihrer Kunst ebenso gro gewesen sind, als er in der seinigen. Nun will ich die Voraussetzung umkehren: der Dichter soll den Knstlern nachgeahmt haben. Es gibt Gelehrte, die diese Voraussetzung als eine Wahrheit behaupten 1). Da sie historische Grnde dazu haben knnten, wte ich nicht. Aber, da sie das Kunstwerk so berschwenglich schn fanden, so konnten sie sich nicht bereden, da es aus so spter Zeit sein sollte. Es mute aus der Zeit sein, da die Kunst in ihrer vollkommensten Blte war, weil es daraus zu sein verdiente. {1. Maffei, Richardson und noch neuerlich der Herr von Hagedorn. ("Betrachtungen ber die Malerei" S. 37. Richardson, Trait de la peinture. Tome III. p. 513.) De Fontaines verdient es wohl nicht, da ich ihn diesen Mnnern beifge. Er hlt zwar, in den Anmerkungen zu seiner bersetzung des Virgils, gleichfalls dafr, da der Dichter die Gruppe in Augen gehabt habe; er ist aber so unwissend, da er sie fr ein Werk des Phidias ausgibt.} Es hat sich gezeigt, da, so vortrefflich das Gemlde des Virgils ist, die Knstler dennoch verschiedene Zge desselben nicht brauchen knnen. Der Satz leidet also seine Einschrnkung, da eine gute poetische Schilderung auch ein gutes wirkliches Gemlde geben msse, und da der Dichter nur insoweit gut geschildert habe, als ihm der Artist in allen Zgen folgen knne. Man ist geneigt, diese Einschrnkung zu vermuten, noch ehe man sie durch Beispiele erhrtet sieht; blo aus Erwgung der weitern Sphre der Poesie, aus dem unendlichen Felde unserer Einbildungskraft, aus der Geistigkeit ihrer Bilder, die in grter Menge und Mannigfaltigkeit nebeneinander stehen knnen, ohne da eines das andere deckt oder schndet, wie es wohl die Dinge selbst, oder die natrlichen Zeichen derselben in den engen Schranken des Raumes oder der Zeit tun wrden. Wenn aber das Kleinere das Grere nicht fassen kann, so kann das Kleinere in dem Grern enthalten sein. Ich will sagen; wenn nicht jeder Zug, den der malende Dichter braucht, eben die gute Wirkung auf der Flche oder in dem Marmor haben kann: so mchte vielleicht jeder Zug, dessen sich der Artist bedienet, in dem Werke des Dichters von ebenso guter Wirkung sein knnen? Ohnstreitig; denn was wir in einem Kunstwerke schn finden, das findet nicht unser Auge, sondern unsere Einbildungskraft, durch das Auge, schn. Das nmliche Bild mag also in unserer Einbildungskraft durch willkrliche oder natrliche Zeichen wieder erregt werden, so mu auch jederzeit das nmliche Wohlgefallen, obschon nicht in dem nmlichen Grade, wieder entstehen. Dieses aber eingestanden, mu ich bekennen, da mir die Voraussetzung, Virgil habe die Knstler nachgeahmet, weit unbegreiflicher wird, als mir das Widerspiel derselben geworden ist. Wenn die Knstler dem Dichter gefolgt sind, so kann ich mir von allen ihren Abweichungen Rede und Antwort geben. Sie muten abweichen, weil die nmlichen Zge des Dichters in ihrem Werke Unbequemlichkeiten verursacht haben wrden, die sich bei ihm nicht uern. Aber warum mute der Dichter abweichen? Wann er der Gruppe in allen und jeden Stcken treulich nachgegangen wre, wrde er uns nicht immer noch ein vortreffliches Gemlde geliefert haben 2)? Ich begreife wohl, wie seine vor sich selbst arbeitende Phantasie ihn auf diesen und jenen Zug bringen knnen; aber die Ursachen, warum seine Beurteilungskraft schne Zge, die er vor Augen gehabt, in diese andere Zge verwandeln zu mssen glaubte, diese wollen mir nirgends einleuchten. {2. Ich kann mich desfalls auf nichts Entscheidenderes berufen, als auf das Gedichte des Sadolet. Es ist eines alten Dichters wrdig, und da es sehr wohl die Stelle eines Kupfers vertreten kann, so glaube ich es hier ganz einrcken zu drfen. DE LAOCOONTIS STATUA JACOBI SADOLETI CARMEN. Ecce alto terrae e cumulo, ingentisque ruinae Visceribus, iterum reducem longinqua reduxit Laocoonta dies; aulis regalibus olim Qui stetit, atque tuos ornabat, Tite, penates. Divinae simulacrum artis, nec docta vetustas Nobilius spectabat opus, nunc celsa revisit Exemptum tenebris redivivae moenia Romae. Quid primum summumve loquar? miserumne parentem Et prolem geminam? an sinuatos flexibus angues Terribili aspectu? caudasque irasque draconum Vulneraque et veros, saxo moriente, dolores? Horret ad haec animus, mutaque ab imagine pulsat Pectora non parvo pietas commixta tremori. Prolixum bini spiris glomerantur in orbem Ardentes colubri, et sinuosis orbibus errant Ternaque multiplici constringunt corpora nexu. Vix oculi sufferre valent, crudele tuendo Exitium, casusque feros: micat alter, et ipsum Laocoonta petit, totumque infraque supraque Implicat er rabido tandem ferit ilia morsu. Connexum refugit corpus, torquentia sese Membra, latusque retro sinuatum a vulnere cernas Ille dolore acri, et laniatu impulsus acerbo, Dat gemitum ingentem, crudosque evellere dentes Connixus, laevam impatiens ad terga Chelydri Objicit: intendunt nervi, collectaque ab omni Corpore vis frustra summis conatibus instat. Ferre nequit rabiem, et de vulnere murmur anhelum est. At serpens lapsu crebro redeunte subintrat Lubricus, intortoque ligat genua infima nodo. Absistunt surae, spirisque prementibus arctum Crus tumet, obsepto turgent vitalia pulsu, Liventesque atro distendunt sanguine venas. Nec minus in natos eadem vis effera saevit Implexuque angit rapido, miserandaque membra Dilacerat: jamque alterius depasta cruentum Pectus, suprema genitorem voce cientis, Circumjectu orbis, validoque volumine fulcit. Alter adhuc nullo violatus corpora morsu, Dum parat adducta caudam divellere planta, Horret ad adspectum miseri patris, haeret in illo, Er jam jam ingentes fletus, lacrimasque cadentes Anceps in dubio retinet timor. Ergo perenni Qui tantum statuistis opus jam laude nitentes, Artifices magni (quanquam et melioribus actis Quaeritur aeternum nomen, multoque licebat Clarius ingenium venturae tradere famae) Attamen ad laudem quaecunque oblata facultas Egregium hanc rapere, et summa ad fastigia niti. Vos rigidum lapidem vivis animare figuris Eximii, et vivos spiranti in marmore sensus Inserere, aspicimus motumque iramque doloremque, Et paene audimus gemitus: vos extulit olim Clara Rhodos, vestrac jacuerunt artis honores Tempore ab immenso, quos rursum in luce secunda Roma videt, celebratque frequens: operisque vetusti Gratia parta recens. Quanto praestantius ergo est Ingenio, aut quovis extendere fata labore, Quam fastus et opes et inanem extendere luxum. (v. Leodegarii a Quercu Farrago poematum T. II. p. 63.) Auch Gruter hat dieses Gedicht, nebst andern des Sadolets, seiner bekannten Sammlung (Delic. Poet. Italorum Parte alt. p. 582) mit einverleibet; allein sehr fehlerhaft. Fr bini (v. 14) lieset er vivi; fr errant (v. 15) oram usw.} Mich dnket sogar, wenn Virgil die Gruppe zu seinem Vorbilde gehabt htte, da er sich schwerlich wrde haben migen knnen, die Verstrickung aller drei Krper in einen Knoten gleichsam nur erraten zu lassen. Sie wrde sein Auge zu lebhaft gerhrt haben, er wrde eine zu treffliche Wirkung von ihr empfunden haben, als da sie nicht auch in seiner Beschreibung mehr vorstechen sollte. Ich habe gesagt: es war itzt die Zeit nicht, diese Verstrickung auszumalen. Nein; aber ein einziges Wort mehr wrde ihr in dem Schatten, worin sie der Dichter lassen mute, einen sehr entscheidenden Druck vielleicht gegeben haben. Was der Artist, ohne dieses Wort, entdecken konnte, wrde der Dichter, wenn er es bei dem Artisten gesehen htte, nicht ohne dasselbe gelassen haben. Der Artist hatte die dringendsten Ursachen, das Leiden des Laokoon nicht in Geschrei ausbrechen zu lassen. Wenn aber der Dichter die so rhrende Verbindung von Schmerz und Schnheit in dem Kunstwerke vor sich gehabt htte, was htte ihn ebenso unvermeidlich ntigen knnen, die Idee von mnnlichem Anstande und gromtiger Geduld, welche aus dieser Verbindung des Schmerzes und der Schnheit entspringt, so vllig unangedeutet zu lassen, und uns auf einmal mit dem grlichen Geschrei seines Laokoons zu schrecken? Richardson sagt: Virgils Laokoon mu schreien, weil der Dichter nicht sowohl Mitleid fr ihn, als Schrecken und Entsetzen bei den Trojanern, erregen will. Ich will es zugeben, obgleich Richardson nicht erwogen zu haben scheinet, da der Dichter die Beschreibung nicht in seiner eignen Person macht, sondern sie den Aeneas machen lt, und gegen die Dido machen lt, deren Mitleid Aeneas nicht genug bestrmen konnte. Allein mich befremdet nicht das Geschrei, sondern der Mangel aller Gradation bis zu diesem Geschrei, auf welche das Kunstwerk den Dichter natrlicherweise htte bringen mssen, wann er es, wie wir voraussetzen, zu seinem Vorbilde gehabt htte. Richardson fget hinzu 3): die Geschichte des Laokoon solle blo zu der pathetischen Beschreibung der endlichen Zerstrung leiten; der Dichter habe sie also nicht interessanter machen drfen, um unsere Aufmerksamkeit, welche diese letzte schreckliche Nacht ganz fordere, durch das Unglck eines einzeln Brgers nicht zu zerstreuen. Allein das heit die Sache aus einem malerischen Augenpunkte betrachten wollen, aus welchem sie gar nicht betrachtet werden kann. Das Unglck des Laokoon und die Zerstrung sind bei dem Dichter keine Gemlde nebeneinander; sie machen beide kein Ganzes aus, das unser Auge auf einmal bersehen knnte oder sollte; und nur in diesem Falle wre es zu besorgen, da unsere Blicke mehr auf den Laokoon, als auf die brennende Stadt fallen drften. Beider Beschreibungen folgen aufeinander, und ich sehe nicht, welchen Nachteil es der folgenden bringen knnte, wenn uns die vorhergehende auch noch so sehr gerhrt htte. Es sei denn, da die folgende an sich selbst nicht rhrend genug wre. {3. De la peinture, Tome III. p. 516. C'est l'horreur que les Troiens ont conue contre Laocoon, qui tait ncessaire Virgile pour la conduite de son pome; et cela le mne cette description pathtique de la destruction de la patrie de son hros. Aussi Virgile n'avait garde de diviser l'attention sur la dernire nuit, pour une grande ville entire, par la peinture d'un petit malheur d'un particulier.} Noch weniger Ursache wrde der Dichter gehabt haben, die Windungen der Schlangen zu verndern. Sie beschftigen in dem Kunstwerke die Hnde, und verstricken die Fe. So sehr dem Auge diese Verteilung gefllt, so lebhaft ist das Bild, welches in der Einbildung davon zurckbleibt. Es ist so deutlich und rein, da es sich durch Worte nicht viel schwcher darstellen lt, als durch natrliche Zeichen. --micat alter, et ipsum Laocoonta petit, totumque infraque supraque Implicat et rabido tandem ferit ilia morsu ------ At serpens lapsu crebro redeunte subintrat Lubricus, intortoque ligat genua infima nodo. Das sind Zeilen des Sadolet, die von dem Virgil ohne Zweifel noch malerischer gekommen wren, wenn ein sichtbares Vorbild seine Phantasie befeuert htte, und die alsdann gewi besser gewesen wren, als was er uns itzt dafr gibt: Bis medium amplexi, bis collo squamea circum Terga dati, superant capite et cervicibus altis. Diese Zge fllen unsere Einbildungskraft allerdings; aber sie mu nicht dabei verweilen, sie mu sie nicht aufs reine zu bringen suchen, sie mu itzt nur die Schlangen, itzt nur den Laokoon sehen, sie mu sich nicht vorstellen wollen, welche Figur beide zusammen machen. Sobald sie hierauf verfllt, fngt ihr das Virgilische Bild an zu mifallen, und sie findet es hchst unmalerisch. Wren aber auch schon die Vernderungen, welche Virgil mit dem ihm geliehenen Vorbilde gemacht htte, nicht unglcklich, so wren sie doch blo willkrlich. Man ahmet nach, um hnlich zu werden; kann man aber hnlich werden, wenn man ber die Not verndert? Vielmehr wenn man dieses tut, ist der Vorsatz klar, da man nicht hnlich werden wollen, da man also nicht nachgeahmt habe. Nicht das Ganze, knnte man einwenden, aber wohl diesen und jenen Teil. Gut; doch welches sind denn diese einzeln Teile, die in der Beschreibung und in dem Kunstwerke so genau bereinstimmen, da sie der Dichter aus diesem entlehnet zu haben scheinen knnte? Den Vater, die Kinder, die Schlangen, das alles gab dem Dichter sowohl als dem Artisten, die Geschichte. Auer dem Historischen kommen sie in nichts berein, als darin, da sie Kinder und Vater in einen einzigen Schlangenknoten verstricken. Allein der Einfall hierzu entsprang aus dem vernderten Umstande, da den Vater eben dasselbe Unglck betroffen habe, als die Kinder. Diese Vernderung aber, wie oben erwhnt worden, scheinet Virgil gemacht zu haben; denn die griechische Tradition sagt ganz etwas anders. Folglich, wenn in Ansehung jener gemeinschaftlichen Verstrickung, auf einer oder der andern Seite Nachahmung sein soll, so ist sie wahrscheinlicher auf der Seite der Knstler, als des Dichters zu vermuten. In allem brigen weicht einer von dem andern ab; nur mit dem Unterschiede, da wenn es der Knstler ist, der die Abweichungen gemacht hat, der Vorsatz den Dichter nachzuahmen noch dabei bestehen kann, indem ihn die Bestimmung und die Schranken seiner Kunst dazu ntigten; ist es hingegen der Dichter, welcher dem Knstler nachgeahmt haben soll, so sind alle die berhrten Abweichungen ein Beweis wider diese vermeintliche Nachahmung, und diejenigen, welche sie demohngeachtet behaupten, knnen weiter nichts damit wollen, als da das Kunstwerk lter sei, als die poetische Beschreibung. VII. Wenn man sagt, der Knstler ahme dem Dichter, oder der Dichter ahme dem Knstler nach, so kann dieses zweierlei bedeuten. Entweder der eine macht das Werk des andern zu dem wirklichen Gegenstande seiner Nachahmung, oder sie haben beide einerlei Gegenstnde der Nachahmung, und der eine entlehnet von dem andern die Art und Weise es nachzuahmen. Wenn Virgil das Schild des Aeneas beschreibst, so ahmet er dem Knstler, welcher dieses Schild gemacht hat, in der ersten Bedeutung nach. Das Kunstwerk, nicht das was auf dem Kunstwerke vorgestellet worden, ist der Gegenstand seiner Nachahmung, und wenn er auch schon das mitbeschreibt, was man darauf vorgestellet sieht, so beschreibt er es doch nur als ein Teil des Schildes, und nicht als die Sache selbst. Wenn Virgil hingegen die Gruppe Laokoon nachgeahmet htte, so wrde dieses eine Nachahmung von der zweiten Gattung sein. Denn er wrde nicht diese Gruppe, sondern das, was diese Gruppe vorstellet, nachgeahmt, und nur die Zge seiner Nachahmung von ihr entlehnt haben. Bei der ersten Nachahmung ist der Dichter Original, bei der andern ist er Kopist. Jene ist ein Teil der allgemeinen Nachahmung, welche das Wesen seiner Kunst ausmacht, und er arbeitet als Genie, sein Vorwurf mag ein Werk anderer Knste, oder der Natur sein. Diese hingegen setzt ihn gnzlich von seiner Wrde herab; anstatt der Dinge selbst ahmet er ihre Nachahmungen nach, und gibt uns kalte Erinnerungen von Zgen eines fremden Genies, fr ursprngliche Zge seines eigenen. Wenn indes Dichter und Knstler diejenigen Gegenstnde, die sie miteinander gemein haben, nicht selten aus dem nmlichen Gesichtspunkte betrachten mssen: so kann es nicht fehlen, da ihre Nachahmungen nicht in vielen Stcken bereinstimmen sollten, ohne da zwischen ihnen selbst die geringste Nachahmung oder Beeiferung gewesen. Diese bereinstimmungen knnen bei zeitverwandten Knstlern und Dichtern, ber Dinge, welche nicht mehr vorhanden sind, zu wechselsweisen Erluterungen fhren; allein dergleichen Erluterungen dadurch aufzustutzen suchen, da man aus dem Zufalle Vorsatz macht, und besonders dem Poeten bei jeder Kleinigkeit ein Augenmerk auf diese Statue, oder auf jenes Gemlde andichtet, heit ihm einen sehr zweideutigen Dienst erweisen. Und nicht allein ihm, sondern auch dem Leser, dem man die schnste Stelle dadurch, wenn Gott will, sehr deutlich, aber auch trefflich frostig macht. Dieses ist die Absicht und der Fehler eines berhmten englischen Werks. Spence schrieb seinen "Polymetis" 1) mit vieler klassischen Gelehrsamkeit, und in einer sehr vertrauten Bekanntschaft mit den bergebliebenen Werken der alten Kunst. Seinen Vorsatz, aus diesen die rmischen Dichter zu erklren, und aus den Dichtern hinwiederum Aufschlsse fr noch unerklrte alte Kunstwerke herzuholen, hat er fters glcklich erreicht. Aber demohngeachtet behaupte ich, da sein Buch fr jeden Leser von Geschmack ein ganz unertrgliches Buch sein mu. {1. Die erste Ausgabe ist von 1747; die zweite von 1755 und fhret den Titel: Polymetis, or an enquiry concerning the agreement between the works of the Roman poets, and the remains of the ancient artists, being an attempt to illustrate them mutually from one another. In ten books, by the Revd. Mr. Spence. London, printed for Dodsley. fol. Auch ein Auszug, welchen N. Tindal aus diesem Werke gemacht hat, ist bereits mehr als einmal gedruckt worden.} Es ist natrlich, da wenn Valerius Flaccus den geflgelten Blitz auf den rmischen Schilden beschreibt, (Nec primus radios, miles Romane, corusci Fulminis et rutilas scutis diffuderis alas) mir diese Beschreibung weit deutlicher wird, wenn ich die Abbildung eines solchen Schildes auf einem alten Denkmale erblicke 2). Es kann sein, da Mars in eben der schwebenden Stellung, in welcher ihn Addison ber der Rhea auf einer Mnze zu sehen glaubte 3), auch von den alten Waffenschmieden auf den Helmen und Schilden vorgestellet wurde, und da Juvenal einen solchen Helm oder Schild in Gedanken hatte, als er mit einem Worte darauf anspielte, welches bis auf den Addison ein Rtsel fr alle Ausleger gewesen. Mich dnkt selbst, da ich die Stelle des Ovids, wo der ermattete Cephalus den khlenden Lften ruft: {2. Val. Flaccus lib. VI. v. 55. 56. Polymetis Dial. VI. p. 50.} {3. Ich sage, es kann sein. Doch wollte ich zehne gegen eins wetten, da es nicht ist.--Juvenal redet von den ersten Zeiten der Republik, als man noch von keiner Pracht und ppigkeit wute und der Soldat das erbeutete Gold und Silber nur auf das Geschirr seines Pferdes und auf seine Waffen verwandte. (Sat. XI. v. 100 bis 107.) Tunc rudis et Grajas mirari nescius artes Urbibus eversis praedarum in parte reperta Magnorum artificum frangebat pocula miles, Ut phaleris gauderet equus, caelataque cassis Romuleae simulacra ferae mansuescere jussae Imperii fato, geminos sub rupe Quirinos, Ac nudam effigiem clipeo fulgentis et hasta Pendentisque dei perituro ostenderet hosti. Der Soldat zerbrach die kostbarsten Becher, die Meisterstcke groer Knstler, um eine Wlfin, einen kleinen Romulus und Remus daraus arbeiten zu lassen, womit er seinen Helm ausschmckte. Alles ist verstndlich, bis auf die letzten zwei Zeilen, in welchen der Dichter fortfhrt, noch ein solches getriebenes Bild auf den Helmen der alten Soldaten zu beschreiben. So viel sieht man wohl, da dieses Bild der Gott Mars sein soll; aber was soll das Beiwort pendentis, welches er ihm gibt, bedeuten? Rigaltius fand eine alte Glosse, die es durch quasi ad ictum se inclinantis erklrt. Lubinus meinet, das Bild sei auf dem Schilde gewesen, und da das Schild an dem Arme hnge, so habe der Dichter auch das Bild hngend nennen knnen. Allein dieses ist wider die Konstruktion; denn das zu ostenderet gehrige Subjektum ist nicht miles, sondern cassis. Britannicus will, alles was hoch in der Luft stehe, knne hangend heien, und also auch dieses Bild ber oder auf dem Helme. Einige wollen gar perdentis dafr lesen, um einen Gegensatz mit dem folgenden perituro zu machen, den aber nur sie allein schn finden drften. Was sagt nun Addison bei dieser Ungewiheit? Die Ausleger, sagt er, irren sich alle, und die wahre Meinung ist ganz gewi diese. (S. dessen Reisen deut. bers. S. 249.) "Da die rmischen Soldaten sich nicht wenig auf den Stifter und kriegerischen Geist ihrer Republik einbildeten, so waren sie gewohnt auf ihren Helmen die erste Geschichte des Romulus zu tragen, wie er von einem Gotte erzeugt, und von einer Wlfin gesuget worden. Die Figur des Gottes war vorgestellt, wie er sich auf die Priesterin Ilia, oder wie sie andere nennen, Rhea Sylvia, herablt, und in diesem Herablassen schien sie ber der Jungfrau in der Luft zu schweben, welches denn durch das Wort pendentis sehr eigentlich und poetisch ausgedruckt wird. Auer dem alten Basrelief beim Bellori, welches mich zuerst auf diese Auslegung brachte, habe ich seitdem die nmliche Figur auf einer Mnze gefunden, die unter der Zeit des Antoninus Pius geschlagen worden."--Da Spence diese Entdeckung des Addison so auerordentlich glcklich findet, da er sie als ein Muster in ihrer Art, und als das strkste Beispiel anfhret, wie ntzlich die Werke der alten Artisten zur Erklrung der klassischen rmischen Dichter gebraucht werden knnen: so kann ich mich nicht enthalten, sie ein wenig genauer zu betrachten. (Polymetis Dial. VII. p. 77.)--Vors erste mu ich anmerken, da blo das Basrelief und die Mnze dem Addison wohl schwerlich die Stelle des Juvenals in die Gedanken gebracht haben wrde, wenn er sich nicht zugleich erinnert htte, bei dem alten Scholiasten, der in der letzten ohn' einen Zeile anstatt fulgentis, venientis gefunden, die Glosse gelesen zu haben: Martis ad Iliam venientis ut concumberet. Nun nehme man aber diese Lesart des Scholiasten nicht an, sondern man nehme die an, welche Addison selbst annimmt, und sage, ob man sodann die geringste Spur findet, da der Dichter die Rhea in Gedanken gehabt habe? Man sage, ob es nicht ein wahres Hysteronproteron von ihm sein wrde, da er von der Wlfin und den jungen Knaben rede, und sodann erst von dem Abenteuer, dem sie ihr Dasein zu danken haben? Die Rhea ist noch nicht Mutter, und die Kinder liegen schon unter dem Felsen. Man sage, ob eine Schferstunde wohl ein schickliches Emblema auf dem Helme eines rmischen Soldaten gewesen wre? Der Soldat war auf den gttlichen Ursprung seines Stifters stolz; das zeigten die Wlfin und die Kinder genugsam; mute er auch noch den Mars im Begriffe einer Handlung zeigen, in der er nichts weniger als der frchterliche Mars war? Seine berraschung der Rhea mag auf noch so viel alten Marmorn und Mnzen zu finden sein, pat sie darum auf das Stck einer Rstung? Und welches sind denn die Marmor und Mnzen auf welchen sie Addison fand, und wo er den Mars in dieser schwebenden Stellung sahe? Das alte Basrelief, worauf er sich beruft, soll Bellori haben. Aber die Admiranda, welches seine Sammlung der schnsten alten Basreliefs ist, wird man vergebens darnach durchblttern. Ich habe es nicht gefunden, und auch Spence mu es weder da, noch sonst wo gefunden haben, weil er es gnzlich mit Stillschweigen bergeht. Alles kmmt also auf die Mnze an. Nun betrachte man diese bei dem Addison selbst. Ich erblicke eine liegende Rhea; und da dem Stempelschneider der Raum nicht erlaubte, die Figur des Mars mit ihr auf gleichem Boden zu stellen, so stehet er ein wenig hher. Das ist es alles; Schwebendes hat sie auer diesem nicht das geringste. Es ist wahr, in der Abbildung, die Spence davon gibt, ist das Schweben sehr stark ausgedruckt; die Figur fllt mit dem Oberteile weit vor; und man sieht deutlich, da es kein stehender Krper ist, sondern da, wenn es kein fallender Krper sein soll, es notwendig ein schwebender sein mu. Spence sagt, er besitze diese Mnze selbst. Es wre hart, obschon in einer Kleinigkeit, die Aufrichtigkeit eines Mannes in Zweifel zu ziehen. Allein ein gefates Vorurteil kann auch auf unsere Augen Einflu haben; zudem konnte er es zum Besten seiner Leser fr erlaubt halten, den Ausdruck, welchen er zu sehen glaubte, durch seinen Knstler so verstrken zu lassen, da uns ebensowenig Zweifel desfalls brigbliebe, als ihm selbst. So viel ist gewi, da Spence und Addison eben dieselbe Mnze meinen, und da sie sonach entweder bei diesem sehr verstellt, oder bei jenem sehr verschnert sein mu. Doch ich habe noch eine andere Anmerkung wider dieses vermeintliche Schweben des Mars. Diese nmlich: da ein schwebender Krper, ohne eine scheinbare Ursache, durch welche die Wirkung seiner Schwere verhindert wird, eine Ungereimtheit ist, von der man in den alten Kunstwerken kein Exempel findet. Auch die neue Malerei erlaubet sich dieselbe nie, sondern wenn ein Krper in der Luft hangen soll, so mssen ihn entweder Flgel halten, oder er mu auf etwas zu ruhen scheinen, und sollte es auch nur eine bloe Wolke sein. Wenn Homer die Thetis von dem Gestade sich zu Fue in den Olymp erheben lt, Thn men ar Oulumponde podes jeron (Iliad. S. v. 148), so verstehet der Graf Caylus die Bedrfnisse der Kunst zu wohl, als da er dem Maler raten sollte, die Gttin so frei die Luft durchschreiten zu lassen. Sie mu ihren Weg auf einer Wolke nehmen (Tableaux tirs de l'Iliade p. 91), so wie er sie ein andermal auf einen Wagen setzt (p. 131), obgleich der Dichter das Gegenteil von ihr sagt. Wie kann es auch wohl anders sein? Ob uns schon der Dichter die Gttin ebenfalls unter einer menschlichen Figur denken lt, so hat er doch alle Begriffe eines groben und schweren Stoffes davon entfernet, und ihren menschenhnlichen Krper mit einer Kraft belebt, die ihn von den Gesetzen unserer Bewegung ausnimmt. Wodurch aber knnte die Malerei die krperliche Figur einer Gottheit von der krperlichen Figur eines Menschen so vorzglich unterscheiden, da unser Auge nicht beleidiget wrde, wenn es bei der einen ganz andere Regeln der Bewegung, der Schwere, des Gleichgewichts beobachtet fnde, als bei der andern? Wodurch anders als durch verabredete Zeichen? In der Tat sind ein Paar Flgel, eine Wolke auch nichts andres, als dergleichen Zeichen. Doch von diesem ein mehreres an einem andren Orte. Hier ist es genug, von den Verteidigern der Addisonschen Meinung zu verlangen, mir eine andere hnliche Figur auf alten Denkmlern zu zeigen, die so frei und blo in der Luft hange. Sollte dieser Mars die einzige in ihrer Art sein? Und warum? Hatte vielleicht die Tradition einen Umstand berliefert, der ein dergleichen Schweben in diesem Falle notwendig macht? Beim Ovid (Fast. lib. 3.) lt sich nicht die geringste Spur davon entdecken. Vielmehr kann man zeigen, da es keinen solchen Umstand knne gegeben haben. Denn es finden sich andere alte Kunstwerke, welche die nmliche Geschichte vorstellen, und wo Mars offenbar nicht schwebet, sondern gehet. Man betrachte das Basrelief beim Montfaucon (Suppl. T. I. p. 183), das sich, wenn ich nicht irre, zu Rom in dem Palast der Mellini befindet. Die schlafende Rhea liegt unter einem Baume, und Mars nhert sich ihr mit leisen Schritten, und mit der bedeutenden Zurckstreckung der rechten Hand, mit der wir denen hinter uns, entweder zurckzubleiben, oder sachte zu folgen, befehlen. Es ist vollkommen die nmliche Stellung in der er auf der Mnze erscheinet, nur da er hier die Lanze in der rechten und dort in der linken Hand fhret. Man findet ftrer berhmte Statuen und Basreliefe auf alten Mnzen kopieret, als da es auch nicht hier knnte geschehen sein, wo der Stempelschneider den Ausdruck der zurckgewandten rechten Hand vielleicht nicht fhlte und sie daher besser mit der Lanze fllen zu knnen glaubte.--Alles dieses nun zusammengenommen, wie viel Wahrscheinlichkeit bleibet dem Addison noch brig? Schwerlich mehr, als soviel deren die bloe Mglichkeit hat. Doch woher eine bessere Erklrung, wenn diese nichts taugt? Es kann sein, da sich schon eine bessere unter den vom Addison verworfenen Erklrungen findet. Findet sich aber auch keine, was mehr? Die Stelle des Dichters ist verdorben; sie mag es bleiben. Und sie wird es bleiben, wenn man auch noch zwanzig neue Vermutungen darber auskramen wollte. Dergleichen knnte z. E. diese sein, da pendentis in seiner figrlichen Bedeutung genommen werden msse, nach welcher es soviel als ungewi, unentschlossen, unentschieden, heiet. Mars pendens wre alsdenn soviel als Mars incertus oder Mars communis. Dii communes sunt, sagt Servius, (ad v. 118. lib. XII. Aeneid.), Mars, Bellona, Victoria, quia hi in bello utrique parti favere possunt. Und die ganze Zeile, Pendentisque dei (effigiem) perituro ostenderet hosti, wrde diesen Sinn haben, da der alte rmische Soldat das Bildnis des gemeinschaftlichen Gottes seinem demohngeachtet bald unterliegenden Feinde unter die Augen zu tragen gewohnt gewesen sei. Ein sehr feiner Zug, der die Siege der alten Rmer mehr zur Wirkung ihrer eignen Tapferkeit, als zur Frucht des parteiischen Beistandes ihres Stammvaters macht. Demohngeachtet: non liquet.} Aura--venias--Meque juves, intresque sinus, gratissima, nostros und seine Prokris diese Aura fr den Namen einer Nebenbuhlerin hlt, da ich, sage ich, diese Stelle natrlicher finde, wenn ich aus den Kunstwerken der Alten ersehe, da sie wirklich die sanften Lfte personifieret, und eine Art weiblicher Sylphen, unter dem Namen Aurae, verehret haben 4). Ich gebe es zu, da wenn Juvenal einen vornehmen Taugenichts mit einer Hermessule vergleicht, man das hnliche in dieser Vergleichung schwerlich finden drfte, ohne eine solche Sule zu sehen, ohne zu wissen, da es ein schlechter Pfeiler ist, der blo das Haupt, hchstens mit dem Rumpfe, des Gottes trgt, und weil wir weder Hnde noch Fe daran erblicken, den Begriff der Unttigkeit erwecket 5).--Erluterungen von dieser Art sind nicht zu verachten, wenn sie auch schon weder allezeit notwendig noch allezeit hinlnglich sein sollten. Der Dichter hatte das Kunstwerk als ein fr sich bestehendes Ding, und nicht als Nachahmung, vor Augen; oder Knstler und Dichter hatten einerlei angenommene Begriffe, demzufolge sich auch bereinstimmung in ihren Vorstellungen zeigen mute, aus welcher sich auf die Allgemeinheit jener Begriffe zurckschlieen lt. {4. "Ehe ich", sagt Spence (Polymetis Dialogue XIII. p. 208) "mit diesen Aurae, Luftnymphen, bekannt ward, wute ich mich in die Geschichte vom Cephalus und Prokris, beim Ovid, gar nicht zu finden. Ich konnte auf keine Weise begreifen, wie Cephalus durch seine Ausrufung, Aura venias, sie mochte auch in einem noch so zrtlichen schmachtenden Tone erschollen sein, jemanden auf den Argwohn bringen knnen, da er seiner Prokris untreu sei. Da ich gewohnt war, unter dem Worte Aura, nichts als die Luft berhaupt, oder einen sanften Wind insbesondere, zu verstehen, so kam mir die Eifersucht der Prokris noch weit ungegrndeter vor, als auch die allerausschweifendste gemeiniglich zu sein pflegt. Als ich aber einmal gefunden hatte, da Aura ebensowohl ein schnes junges Mdchen, als die Luft bedeuten knnte, so bekam die Sache ein ganz anderes Ansehen, und die Geschichte dnkte mich eine ziemlich vernnftige Wendung zu bekommen." Ich will den Beifall, den ich dieser Entdeckung, mit der sich Spence so sehr schmeichelt, in dem Texte erteile, in der Note nicht wieder zurcknehmen. Ich kann aber doch nicht unangemerkt lassen, da auch ohne sie die Stelle des Dichters ganz natrlich und begreiflich ist. Man darf nmlich nur wissen, da Aura bei den Alten ein ganz gewhnlicher Name fr Frauenzimmer war. So heit z. E. beim Nonnus (Dionys. lib. XLVIII.) die Nymphe aus dem Gefolge der Diana, die, weil sie sich einer mnnlichem Schnheit rhmte, als selbst der Gttin ihre war, zur Strafe fr ihre Vermessenheit, schlafend den Umarmungen des Bacchus preisgegeben ward.} {5. Juvenalis Satir. VIII. v. 52-55. --At tu Nil nisi Cecropides; truncoque simillimus Hermae: Nullo quippe alio vincis discrimine, quam quod Illi marmoreum caput est, tua vivit imago. Wenn Spence die griechischen Schriftsteller mit in seinen Plan gezogen gehabt htte, so wrde ihm vielleicht, vielleicht aber auch nicht, eine alte Aesopische Fabel beigefallen sein, die aus der Bildung einer solchen Hermessule ein noch weit schneres, und zu ihrem Verstndnisse weit unentbehrlicheres Licht erhlt, als diese Stelle des Juvenals. "Merkur", erzhlet Aesopus, "wollte gern erfahren, in welchem Ansehen er bei den Menschen stnde. Er verbarg seine Gottheit, und kam zu einem Bildhauer. Hier erblickte er die Statue des Jupiters, und fragte den Knstler, wie teuer er sie halte?, Eine Drachme, war die Antwort. Merkur lchelte;,Und diese Juno? fragte er weiter.,Ohngefhr--ebensoviel. Indem ward er sein eigenes Bild gewahr, und dachte bei sich selbst: ich bin der Bote der Gtter; von mir kmmt aller Gewinn; mich mssen die Menschen notwendig weit hher schtzen.,Aber hier dieser Gott? (Er wies auf sein Bild.),Wie teuer mchte wohl der sein?,Dieser? antwortete der Knstler.,O, wenn Ihr mir jene beide abkauft, so sollt Ihr diesen obendrein haben. " Merkur war abgefhrt. Allein der Bildhauer kannte ihn nicht, und konnte also auch nicht die Absicht haben, seine Eigenliebe zu krnken, sondern es mute in der Beschaffenheit der Statuen selbst gegrndet sein, warum er die letztere so geringschtzig hielt, da er sie zur Zugabe bestimmte. Die geringere Wrde des Gottes, welchen sie vorstellte, konnte dabei nichts tun, denn der Knstler schtzet seine Werke nach der Geschicklichkeit, dem Fleie und der Arbeit, welche sie erfordern, und nicht nach dem Range und dem Werte der Wesen, welche sie ausdrcken. Die Statue des Merkurs mute weniger Geschicklichkeit, weniger Flei und Arbeit verlangen, wenn sie weniger kosten sollte, als eine Statue des Jupiters oder der Juno. Und so war es hier wirklich. Die Statuen des Jupiters und der Juno zeigten die vllige Person dieser Gtter; die Statue des Merkurs hingegen war ein schlechter viereckichter Pfeiler, mit dem bloen Brustbilde desselben. Was Wunder also, da sie obendrein gehen konnte? Merkur bersahe diesen Umstand, weil er sein vermeintliches berwiegendes Verdienst nur allein vor Augen hatte, und so war seine Demtigung ebenso natrlich, als verdient. Man wird sich vergebens bei den Auslegern und bersetzern und Nachahmern der Fabeln des Aesopus nach der geringsten Spur von dieser Erklrung umsehen; wohl aber knnte ich ihrer eine ganze Reihe anfhren, wenn es sich der Mhe lohnte, die das Mrchen geradezu verstanden, das ist, ganz und gar nicht verstanden haben. Sie haben die Ungereimtheit, welche darin liegt, wenn man die Statuen alle fr Werke von einerlei Ausfhrung annimmt, entweder nicht gefhlt, oder wohl noch gar bertrieben. Was sonst in dieser Fabel anstig sein knnte, wre vielleicht der Preis, welchen der Knstler seinem Jupiter setzet. Fr eine Drachma kann ja wohl auch kein Tpfer eine Puppe machen. Eine Drachma mu also hier berhaupt fr etwas sehr Geringes stehen. (Fab. Aesop. 90. Edit. Haupt. p. 70.)} Allein wenn Tibull die Gestalt des Apollo malet, wie er ihm im Traume erschienen:--der schnste Jngling, die Schlfe mit dem keuschen Lorbeer umwunden; syrische Gerche duften aus dem gldenen Haare, das um den langen Nacken schwimmet; glnzendes Wei und Purpurrte mischen sich auf dem ganzen Krper, wie auf der zarten Wange der Braut, die itzt ihrem Geliebten zugefhret wird:--warum mssen diese Zge von alten berhmten Gemlden erborgt sein? Echions nova nupta verecundia notabilis mag in Rom gewesen sein, mag tausend- und tausendmal sein kopieret worden, war darum die brutliche Scham selbst aus der Welt verschwunden? Seit sie der Maler gesehen hatte, war sie fr keinen Dichter mehr zu sehen, als in der Nachahmung des Malers 6)? Oder wenn ein anderer Dichter den Vulkan ermdet, und sein vor der Esse erhitztes Gesicht rot, brennend nennet: mute er es erst aus dem Werke eines Malers lernen, da Arbeit ermattet und Hitze rtet 7)? Oder wenn Lucrez den Wechsel der Jahreszeiten beschreibet, und sie, mit dem ganzen Gefolge ihrer Wirkungen in der Luft und auf der Erde, in ihrer natrlichen Ordnung vorberfhret: war Lucrez ein Ephemeron, hatte er kein ganzes Jahr durchlebet, um alle die Vernderungen selbst erfahren zu haben, da er sie nach einer Prozession schildern mute, in welcher ihre Statuen herumgetragen wurden? Mute er erst von diesen Statuen den alten poetischen Kunstgriff lernen, dergleichen Abstrakta zu wirklichen Wesen zu machen 8)? Oder Virgils pontem indignatus Araxes, dieses vortreffliche poetische Bild eines ber seine Ufer sich ergieenden Flusses, wie er die ber ihn geschlagene Brcke zerreit, verliert es nicht seine ganze Schnheit, wenn der Dichter auf ein Kunstwerk damit angespielet hat, in welchem dieser Flugott als wirklich eine Brcke zerbrechend vorgestellet wird 9)?--Was sollen wir mit dergleichen Erluterungen, die aus der klarsten Stelle den Dichter verdrngen, um den Einfall eines Knstlers durchschimmern zu lassen? {6. Tibullus Eleg. 4. lib. III. Polymetis Dial. VIII. p. 84.} {7. Statius lib. I. Silv. 5. v. 8. Polymetis Dial. VIII. p. 81.} {8. Lucretius de R. N. lib. V. v. 736-747 It Ver, et Venus, et Veneris praenuntius ante Pinnatus graditur Zephyrus; vestigia propter Flora quibus mater praespargens ante viai Cuncta coloribus egregiis et odoribus opplet. Inde loci sequitur Calor aridus, et comes una Pulverulenta Ceres; et Etesia flabra Aquilonum. Inde Autumnus adit; graditur simul Evius Evan: Inde aliae tempestates ventique sequuntur, Altitonans Volturnus et Auster fulmine pollens. Tandem Bruma nives adfert, pigrumque rigorem Reddit, Hiems sequitur, crepitans ac dentibus Algus. {9. Aeneid. lib. VIII. v. 728. Polymetis Dial. XIV. p. 230.} Spence erkennet diese Stelle fr eine von den schnsten in dem ganzen Gedichte des Lucrez. Wenigstens ist sie eine von denen, auf welche sich die Ehre des Lucrez als Dichter grndet. Aber wahrlich, es heit ihm diese Ehre schmlern, ihn vllig darum bringen wollen, wenn man sagt: Diese ganze Beschreibung scheinet nach einer alten Prozession der vergtterten Jahreszeiten, nebst ihrem Gefolge, gemacht zu sein. Und warum das? "Darum," sagt der Engelnder, "weil bei den Rmern ehedem dergleichen Prozessionen mit ihren Gttern berhaupt, ebenso gewhnlich waren, als noch itzt in gewissen Lndern die Prozessionen sind, die man den Heiligen zu Ehren anstellet; und weil hiernchst alle Ausdrcke, welche der Dichter hier braucht, auf eine Prozession recht sehr wohl passen" (come in very aptly, if applied to a procession). Treffliche Grnde! Und wie vieles wre gegen den letzteren noch einzuwenden. Schon die Beiwrter, welche der Dichter den personifierten Abstrakten gibt, Calor aridus, Ceres pulverulenta, Volturnus altitonans, fulmine pollens Auster, Algus dentibus crepitans, zeigen, da sie das Wesen von ihm, und nicht von dem Knstler haben, der sie ganz anders htte charakterisieren mssen. Spence scheinet brigens auf diesen Einfall von einer Prozession durch Abraham Preigern gekommen zu sein, welcher in seinen Anmerkungen ber die Stelle des Dichters sagt: Ordo est quasi pompae cujusdam, Ver et Venus, Zephyrus et Flora etc. Allein dabei htte es auch Spence nur sollen bewenden lassen. Der Dichter fhret die Jahreszeiten gleichsam in einer Prozession auf; das ist gut. Aber er hat es von einer Prozession gelernt, sie so aufzufhren; das ist sehr abgeschmackt.} Ich bedaure, da ein so ntzliches Buch, als "Polymetis" sonst sein knnte, durch diese geschmacklose Grille, den alten Dichter statt eigentmlicher Phantasie, Bekanntschaft mit fremder unterzuschieben, so ekel, und den klassischen Schriftstellern weit nachteiliger geworden ist, als ihnen die wrigen Auslegungen der schalsten Wortforscher nimmermehr sein knnen. Noch mehr bedauere ich, da Spencen selbst Addison hierin vorgegangen, der aus lblicher Begierde, die Kenntnis der alten Kunstwerke zu einem Auslegungsmittel zu erheben, die Flle ebensowenig unterschieden hat, in welchen die Nachahmung des Knstlers dem Dichter anstndig, in welchen sie ihm verkleinerlich ist 10). {10. In verschiedenen Stellen seiner Reisen und seines Gesprches ber die alten Mnzen.} VIII. Von der hnlichkeit, welche die Poesie und Malerei miteinander haben, macht sich Spence die allerseltsamsten Begriffe. Er glaubet, da beide Knste bei den Alten so genau verbunden gewesen, da sie bestndig Hand in Hand gegangen, und der Dichter nie den Maler, der Maler nie den Dichter aus den Augen verloren habe. Da die Poesie die weitere Kunst ist, da ihr Schnheiten zu Gebote stehen, welche die Malerei nicht zu erreichen vermag; da sie fters Ursachen haben kann, die unmalerischen Schnheiten den malerischen vorzuziehen: daran scheinet er gar nicht gedacht zu haben, und ist daher bei dem geringsten Unterschiede, den er unter den alten Dichtern und Artisten bemerkt, in einer Verlegenheit, die ihn auf die wunderlichsten Ausflchte von der Welt bringt. Die alten Dichter geben dem Bacchus meistenteils Hrner. Es ist also doch wunderbar, sagt Spence, da man diese Hrner an seinen Statuen so selten erblickt 1). Er fllt auf diese, er fllt auf eine andere Ursache; auf die Unwissenheit der Antiquare, auf die Kleinheit der Hrner selbst, die sich unter den Trauben und Efeublttern, dem bestndigen Kopfputze des Gottes, mchten verkrochen haben. Er windet sich um die wahre Ursache herum, ohne sie zu argwhnen. Die Hrner des Bacchus waren keine natrliche Hrner, wie sie es an den Faunen und Satyren waren. Sie waren ein Stirnschmuck, den er aufsetzen und ablegen konnte. {1. Polymetis Dial. IX. p. 129.} --Tibi, cum sine cornibus adstas Virgineum caput est:-- heit es in der feierlichen Anrufung des Bacchus beim Ovid 2). Er konnte sich also auch ohne Hrner zeigen; und zeigte sich ohne Hrner, wenn er in seiner jungfrulichen Schnheit erscheinen wollte. In dieser wollten ihn nun auch die Knstler darstellen, und muten daher alle Zustze von bler Wirkung an ihm vermeiden. Ein solcher Zusatz wren die Hrner gewesen, die an dem Diadem befestiget waren, wie man an einem Kopfe in dem kniglichen Kabinett zu Berlin sehen kann 3). Ein solcher Zusatz war das Diadem selbst, welches die schne Stirne verdeckte, und daher an den Statuen des Bacchus ebenso selten vorkmmt, als die Hrner, ob es ihm schon, als seinem Erfinder, von den Dichtern ebenso oft beigeleget wird. Dem Dichter gaben die Hrner und das Diadem feine Anspielungen auf die Taten und den Charakter des Gottes: dem Knstler hingegen wurden sie Hinderungen grere Schnheiten zu zeigen, und wenn Bacchus, wie ich glaube eben darum den Beinamen Biformis, DimorjoV, hatte, weil er sich sowohl schn als schrecklich zeigen konnte, so war es wohl natrlich, da der Knstler diejenige von seiner Gestalt am liebsten whlte, die der Bestimmung seiner Kunst am meisten entsprach. {2. Metamorph. lib. IV. v. 19. 20.} {3. Begeri Thes. Brandenb. Vol. III. p. 240.} Minerva und Juno schleudern bei den rmischen Dichtern fters den Blitz. Aber warum nicht auch in ihren Abbildungen? fragt Spence 4). Er antwortet: es war ein besonderes Vorrecht dieser zwei Gttinnen, wovon man den Grund vielleicht erst in den samothracischen Geheimnissen erfuhr; weil aber die Artisten bei den alten Rmern als gemeine Leute betrachtet, und daher zu diesen Geheimnissen selten zugelassen wurden, so wuten sie ohne Zweifel nichts davon, und was sie nicht wuten, konnten sie nicht vorstellen. Ich mchte Spencen dagegen fragen: arbeiteten diese gemeinen Leute vor ihren Kopf, oder auf Befehl Vornehmerer, die von den Geheimnissen unterrichtet sein konnten? Stunden die Artisten auch bei den Griechen in dieser Verachtung? Waren die rmischen Artisten nicht mehrenteils geborne Griechen? Und so weiter. {4. Polymetis Dial. VI. p. 63.} Statius und Valerius Flaccus schildern eine erzrnte Venus, und mit so schrecklichen Zgen, da man sie in diesem Augenblicke eher fr eine Furie, als fr die Gttin der Liebe halten sollte. Spence siehet sich in den alten Kunstwerken vergebens nach einer solchen Venus um. Was schliet er daraus? Da dem Dichter mehr erlaubt ist als dem Bildhauer und Maler? Das htte er daraus schlieen sollen; aber er hat es einmal fr allemal als einen Grundsatz angenommen, da in einer poetischen Beschreibung nichts gut sei, was unschicklich sein wrde, wenn man es in einem Gemlde, oder an einer Statue vorstellt 5). Folglich mssen die Dichter gefehlt haben. "Statius und Valerius sind aus einer Zeit, da die rmische Poesie schon in ihrem Verfalle war. Sie zeigen auch hierin ihren verderbten Geschmack, und ihre schlechte Beurteilungskraft. Bei den Dichtern aus einer bessern Zeit wird man dergleichen Verstoungen wider den malerischen Ausdruck nicht finden 6)." {5. Polymetis Dialogue XX. p. 31 1. Scarce any thing can be good in a poetical description, which would appear absurd, if represented in a statue or picture.} {6. Polymetis Dial. VII. p. 74.} So etwas zu sagen, braucht es wahrlich wenig Unterscheidungskraft. Ich will indes mich weder des Statius noch des Valerius in diesem Fall annehmen, sondern nur eine allgemeine Anmerkung machen. Die Gtter und geistigen Wesen, wie sie der Knstler vorstellet, sind nicht vllig ebendieselben, welche der Dichter braucht. Bei dem Knstler sind sie personifierte Abstrakta, die bestndig die nmliche Charakterisierung behalten mssen, wenn sie erkenntlich sein sollen. Bei dem Dichter hingegen sind sie wirkliche handelnde Wesen, die ber ihren allgemeinen Charakter noch andere Eigenschaften und Affekten haben, welche nach Gelegenheit der Umstnde vor jenen vorstechen knnen. Venus ist dem Bildhauer nichts als die Liebe; er mu ihr also alle die sittsame verschmte Schnheit, alle die holden Reize geben, die uns an geliebten Gegenstnden entzcken, und die wir daher mit in den abgesonderten Begriff der Liebe bringen. Die geringste Abweichung von diesem Ideal lt uns sein Bild verkennen. Schnheit, aber mit mehr Majestt als Scham, ist schon keine Venus, sondern eine Juno. Reize, aber mehr gebieterische, mnnliche, als holde Reize, geben eine Minerva statt einer Venus. Vollends eine zrnende Venus, eine Venus von Rache und Wut getrieben, ist dem Bildhauer ein wahrer Widerspruch; denn die Liebe, als Liebe, zrnet nie, rchet sich nie. Bei dem Dichter hingegen ist Venus zwar auch die Liebe, aber die Gttin der Liebe, die auer diesem Charakter, ihre eigne Individualitt hat, und folglich der Triebe des Abscheues ebenso fhig sein mu, als der Zuneigung. Was Wunder also, da sie bei ihm in Zorn und Wut entbrennet, besonders wenn es die beleidigte Liebe selbst ist, die sie darein versetzet? Es ist zwar wahr, da auch der Knstler in zusammengesetzten Werken, die Venus, oder jede andere Gottheit, auer ihrem Charakter, als ein wirklich handelndes Wesen, so gut wie der Dichter, einfhren kann. Aber alsdenn mssen wenigstens ihre Handlungen ihrem Charakter nicht widersprechen, wenn sie schon keine unmittelbare Folgen desselben sind. Venus bergibt ihrem Sohne die gttlichen Waffen: diese Handlung kann der Knstler, sowohl als der Dichter, vorstellen. Hier hindert ihn nichts, der Venus alle die Anmut und Schnheit zu geben, die ihr als Gttin der Liebe zukommen; vielmehr wird sie eben dadurch in seinem Werke um so viel kenntlicher. Allein wenn sieh Venus an ihren Verchtern, den Mnnern zu Lemnos, rchen will, in vergrerter wilder Gestalt, mit fleckigten Wangen, in verwirrtem Haare, die Pechfackel ergreift, ein schwarzes Gewand um sich wirft, und auf einer finstern Wolke strmisch herabfhrt: so ist das kein Augenblick fr den Knstler, weil er sie durch nichts in diesem Augenblicke kenntlich machen kann. Es ist nur ein Augenblick fr den Dichter, weil dieser das Vorrecht hat, einen andern, in welchem die Gttin ganz Venus ist, so nahe, so genau damit zu verbinden, da wir die Venus auch in der Furie nicht aus den Augen verlieren. Dieses tut Flaccus: --Neque enim alma videri Jam tumet; aut tereti crinem subnectitur auro, Sidereos diffusa sinus. Eadem effera et ingens Et maculis suffecta genas; pinumque sonantem Virginibus Stygiis, nigramque simillima pallam 7). {7. Argonaut. lib. II. v. 102-106.} Eben dieses tut Statius: Illa Paphon veterem centumque altaria linquens, Nec vultu nec crine prior, solvisse jugalem Ceston, et Idalias procul ablegasse volucres Fertur. Erant certe, media qui noctis in umbra Divam, alios ignes majoraque tela gerentem, Tartarias inter thalamis volitasse sorores Vulgarent: utque implicitis arcana domorum Anguibus et saeva formidine cuncta replerit Limina 8).-- {8. Thebaid. lib. V. v. 61-69.} Oder man kann sagen: der Dichter allein besitzet das Kunststck, mit negativen Zgen zu schildern, und durch Vermischung dieser negativen mit positiven Zgen, zwei Erscheinungen in eine zu bringen. Nicht mehr die holde Venus; nicht mehr das Haar mit goldenen Spangen geheftet; von keinem azurnen Gewande umflattert; ohne ihren Grtel; mit andern Flammen, mit grern Pfeilen bewaffnet; in Gesellschaft ihr hnlicher Furien. Aber weil der Artist dieses Kunststckes entbehren mu, soll sich seiner darum auch der Dichter enthalten? Wenn die Malerei die Schwester der Dichtkunst sein will: so sei sie wenigstens keine eiferschtige Schwester; und die jngere untersage der lteren nicht alle den Putz, der sie selbst nicht kleidet. IX. Wenn man in einzeln Fllen den Maler und Dichter miteinander vergleichen will, so mu man vor allen Dingen wohl zusehen, ob sie beide ihre vllige Freiheit gehabt haben, ob sie ohne allen uerlichen Zwang auf die hchste Wirkung ihrer Kunst haben arbeiten knnen. Ein solcher uerlicher Zwang war dem alten Knstler fters die Religion. Sein Werk, zur Verehrung und Anbetung bestimmt, konnte nicht allezeit so vollkommen sein, als wenn er einzig das Vergngen des Betrachters dabei zur Absicht gehabt htte. Der Aberglaube berladete die Gtter mit Sinnbildern, und die schnsten von ihnen wurden nicht berall als die schnsten verehret. Bacchus stand in seinem Tempel zu Lemnos, aus welchem die fromme Hypsipyle ihren Vater unter der Gestalt des Gottes rettete 1), mit Hrnern, und so erschien er ohne Zweifel in allen seinen Tempeln, denn die Hrner waren ein Sinnbild, welches sein Wesen mit bezeichnete. Nur der freie Knstler, der seinen Bacchus fr keinen Tempel arbeitete, lie dieses Sinnbild weg; und wenn wir, unter den noch brigen Statuen von ihm, keine mit Hrnern finden 2), so ist dieses vielleicht ein Beweis, da es keine von den geheiligten sind, in welchen er wirklich verehret worden. Es ist ohnedem hchst wahrscheinlich, da auf diese letzteren die Wut der frommen Zerstrer in den ersten Jahrhunderten des Christentums vornehmlich gefallen ist, die nur hier und da ein Kunstwerk schonte, welches durch keine Anbetung verunreiniget war. {1. Valerius Flaccus lib. II. Argonaut. v. 265-273. Serta patri, juvenisque comam vestesque Lyaei Induit, et medium curru locat; aeraque circum Tympanaque et plenas tacita formidine cistas. Ipsa sinus hederisque ligat famularibus artus: Pampineamque quatit ventosis ictibus hastam, Respiciens; teneat virides velatus habenas Ut pater, et nivea tumeant ut cornua mitra, Et sacer ut Bacchum referat scyphus. {2. Der sogenannte Bacchus in dem Mediceischen Garten zu Rom (beim Montfaucon Suppl. aux Ant. Expl. T. I. p. 154) hat kleine aus der Stirne hervorsprossende Hrner; aber es gibt Kenner, die ihn eben darum lieber zu einem Faune machen wollen. In der Tat sind solche natrliche Hrner eine Schndung der menschlichen Gestalt, und knnen nur Wesen geziemen, denen man eine Art von Mittelgestalt zwischen Menschen und Tier erteilte. Auch ist die Stellung, der lsterne Blick nach der ber sich gehaltenen Traube, einem Begleiter des Weingottes anstndiger als dem Gotte selbst. Ich erinnere mich hier, was Clemens Alexandrinus von Alexander dem Groen sagt (Protrept. p. 48. Edit. Pott.) Ebouleto de kai AlexandroV AmmwnoV uioV einai dokein, kai kerasjoroV anaplattesJai proV tvn agalmatopoivn, to kalon anJrwpou ubrisai speudwn kerati. Es war Alexanders ausdrcklicher Wille, da ihn der Bildhauer mit Hrnern vorstellen sollte: er war es gern zufrieden, da die menschliche Schnheit in ihm mit Hrnern beschimpft ward, wenn man ihn nur eines gttlichen Ursprunges zu sein glaubte.} Das Wort tumeant, in der letzten ohn' einen Zeile, scheinet brigens anzuzeigen, da man die Hrner des Bacchus nicht so klein gemacht, als sich Spence einbildet.} Da indes unter den aufgegrabenen Antiken sich Stcke sowohl von der einen als von der andern Art finden, so wnschte ich, da man den Namen der Kunstwerke nur denjenigen beilegen mchte, in welchen sich der Knstler wirklich als Knstler zeigen knnen, bei welchen die Schnheit seine erste und letzte Absicht gewesen. Alles andere, woran sich zu merkliche Spuren gottesdienstlicher Verabredungen zeigen, verdienet diesen Namen nicht, weil die Kunst hier nicht um ihrer selbst willen gearbeitet, sondern ein bloes Hilfsmittel der Religion war, die bei den sinnlichen Vorstellungen, die sie ihr aufgab, mehr auf das Bedeutende als auf das Schne sahe; ob ich schon dadurch nicht sagen will, da sie nicht auch fters alles Bedeutende in das Schne gesetzt, oder aus Nachsicht fr die Kunst und den feinern Geschmack des Jahrhunderts, von jenem so viel nachgelassen habe, da dieses allein zu herrschen scheinen knnen. Macht man keinen solchen Unterschied, so werden der Kenner und der Antiquar bestndig miteinander im Streite liegen, weil sie einander nicht verstehen. Wenn jener, nach seiner Einsicht in die Bestimmung der Kunst, behauptet, da dieses oder jenes der alte Knstler nie gemacht habe, nmlich als Knstler nicht, freiwillig nicht: so wird dieser es dahin ausdehnen, da es auch weder die Religion, noch sonst eine auer dem Gebiete der Kunst liegende Ursache, von dem Knstler habe machen lassen, von dem Knstler nmlich als Handarbeiter. Er wird also mit der ersten mit der besten Figur den Kenner widerlegen zu knnen glauben, die dieser ohne Bedenken, aber zu groem rgernisse der gelehrten Welt, wieder zu dem Schutte verdammt, woraus sie gezogen worden 3). {3. Als ich oben behauptete, da die alten Knstler keine Furien gebildet htten, war es mir nicht entfallen, da die Furien mehr als einen Tempel gehabt, die ohne ihre Statuen gewi nicht gewesen sind. In dem zu Cerynea fand Pausanias dergleichen von Holz; sie waren weder gro, noch sonst besonders merkwrdig; es schien, da die Kunst, die sich nicht an ihnen zeigen knnen, es an den Bildsulen ihrer Priesterinnen, die in der Halle des Tempels standen, einbringen wollen, als welche von Stein, und von sehr schner Arbeit waren. (Pausanias Achaic. cap. XXV. p. 589. Edit. Kuhn.) Ich hatte ebensowenig vergessen, da man Kpfe von ihnen auf einem Abraxas, den Chiffletius bekannt gemacht, und auf einer Lampe beim Licetus zu sehen glaube. (Dissertat. sur les Furies par Banier, Mmoires de l'Acadmie des Inscript. T. V. p. 48.) Auch sogar die Urne von hetrurischer Arbeit beim Gorius (Tabl. 151 Musei Etrusci), auf welcher Orestes und Pylades erscheinen, wie ihnen zwei Furien mit Fackeln zusetzen, war mir nicht unbekannt. Allein ich redete von Kunstwerken, von welchen ich alle diese Stcke ausschlieen zu knnen glaubte. Und wre auch das letztere nicht sowohl als die brigen davon auszuschlieen, so dienet es von einer andern Seite, mehr meine Meinung zu bestrken, als zu widerlegen. Denn so wenig auch die hetrurischen Knstler berhaupt auf das Schne gearbeitet, so scheinen sie doch auch die Furien nicht sowohl durch schreckliche Gesichtszge, als vielmehr durch ihre Tracht und Attributa ausgedrckt zu haben. Diese stoen mit so ruhigem Gesichte dem Orestes und Pylades ihre Fackeln unter die Augen, da sie fast scheinen, sie nur im Scherze erschrecken zu wollen. Wie frchterlich sie dem Orestes und Pylades vorgekommen, lt sich nur aus ihrer Furcht, keineswegs aber aus der Bildung der Furien selbst abnehmen. Es sind also Furien, und sind auch keine; sie verrichten das Amt der Furien, aber nicht in der Verstellung von Grimm und Wut, welche wir mit ihrem Namen zu verbinden gewohnt sind; nicht mit der Stirne, die, wie Catull sagt, expirantis praeportat pectoris iras.--Noch krzlich glaubte Herr Winckelmann, auf einem Karniole in dem Stoschischen Kabinette, eine Furie im Laufe mit fliegendem Rocke und Haaren, und einem Dolche in der Hand, gefunden zu haben. (Bibliothek der sch. Wiss. V Band S. 30.) Der Herr von Hagedorn riet hierauf auch den Knstlern schon an, sich diese Anzeige zunutze zu machen und die Furien in ihren Gemlden so vorzustellen. (Betrachtungen ber die Malerei S. 222.) Allein Herr Winckelmann hat hernach diese seine Entdeckung selbst wiederum ungewi gemacht, weil er nicht gefunden, da die Furien, anstatt mit Fackeln, auch mit Dolchen von den Alten bewaffnet worden. (Descript. des pierres graves p. 84.) Ohne Zweifel erkennt er also die Figuren, auf Mnzen der Stdte Lyrba und Mastaura, die Spanheim fr Furien ausgibt (Les Csars de Julien p. 44) nicht dafr, sondern fr eine Hekate triformis; denn sonst fnde sich allerdings hier eine Furie, die in jeder Hand einen Dolch fhret, und es ist sonderbar, da eben diese auch in bloen ungebundenen Haaren erscheint, die an den andern mit einem Schleier bedeckt sind. Doch gesetzt auch, es wre wirklich so, wie es dem Herrn Winckelmann zuerst vorgekommen: so wrde es auch mit diesem geschnittenen Steine eben die Bewandtnis haben, die es mit der hetrurischen Urne hat, es wre denn, da sich wegen Kleinheit der Arbeit gar keine Gesichtszge erkennen lieen. berdem gehren auch die geschnittenen Steine berhaupt, wegen ihres Gebrauchs als Siegel, schon mit zur Bildersprache, und ihre Figuren mgen fterer eigensinnige Symbola der Besitzer, als freiwillige Werke der Knstler sein.} Gegenteils kann man sich aber auch den Einflu der Religion auf die Kunst zu gro vorstellen. Spence gibt hiervon ein sonderbares Beispiel. Er fand beim Ovid, da Vesta in ihrem Tempel unter keinem persnlichen Bilde verehret worden; und dieses dnkte ihm genug, daraus zu schlieen, da es berhaupt keine Bildsulen von dieser Gttin gegeben habe, und da alles, was man bisher dafr gehalten, nicht die Vesta, sondern eine Vestalin vorstelle 4). Eine seltsame Folge! Verlor der Knstler darum sein Recht, ein Wesen, dem die Dichter eine bestimmte Persnlichkeit geben, das sie zur Tochter des Saturnus und der Ops machen, das sie in Gefahr kommen lassen, unter die Mihandlungen des Priapus zu fallen, und was sie sonst von ihr erzhlen, verlor er, sage ich, darum sein Recht, dieses Wesen auch nach seiner Art zu personifieren, weil es in einem Tempel nur unter dem Sinnbilde des Feuers verehret ward? Denn Spence begehet dabei noch diesen Fehler, da er das, was Ovid nur von einem gewissen Tempel der Vesta, nmlich von dem zu Rom sagt5), auf alle Tempel dieser Gttin ohne Unterschied, und auf ihre Verehrung berhaupt, ausdehnet. Wie sie in diesem Tempel zu Rom verehret ward, so ward sie nicht berall verehret, so war sie selbst nicht in Italien verehret worden, ehe ihn Numa erbaute. Numa wollte keine Gottheit in menschlicher oder tierischer Gestalt vorgestellet wissen; und darin bestand ohne Zweifel die Verbesserung, die er in dem Dienste der Vesta machte, da er alle persnliche Vorstellung von ihr daraus verbannte. Ovid selbst lehret uns, da es vor den Zeiten des Numa Bildsulen der Vesta in ihrem Tempel gegeben habe, die, als ihre Priesterin Sylvia Mutter ward, vor Scham die jungfrulichen Hnde vor die Augen hoben6). Da sogar in den Tempeln, welche die Gttin auer der Stadt in den rmischen Provinzen hatte, ihre Verehrung nicht vllig von der Art gewesen, als die Numa verordnet, scheinen verschiedene alte Inschriften zu beweisen, in welchen eines Pontificis Vestae gedacht wird7). Auch zu Korinth war ein Tempel der Vesta ohne alle Bildsule, mit einem bloen Altare, worauf der Gttin geopfert ward8). Aber hatten die Griechen darum gar keine Statuen der Vesta? Zu Athen war eine im Prytaneo, neben der Statue des Friedens9). Die Jasseer rhmten von einer, die bei ihnen unter freiem Himmel stand, da weder Schnee noch Regen jemals auf sie falle10). Plinius gedenkt einer sitzenden, von der Hand des Skopas, die sich zu seiner Zeit in den Servilianischen Grten zu Rom befand11). Zugegeben, da es uns itzt schwer wird, eine bloe Vestalin von einer Vesta selbst zu unterscheiden, beweiset dieses, da sie auch die Alten nicht unterscheiden knnen, oder wohl gar nicht unterscheiden wollen? Gewisse Kennzeichen sprechen offenbar mehr fr die eine, als fr die andere. Das Zepter, die Fackel, das Palladium, lassen sich nur in der Hand der Gttin vermuten. Das Tympanum, welches ihr Codinus beileget, kmmt ihr vielleicht nur als der Erde zu; oder Codinus wute selbst nicht recht, was er sahe12). {4. Polymetis Dial. VII. p. 81.} {5. Fast. lib. VI. v. 295-98. Esse diu stultus Vestae simulacra putavi: Mox didici curvo nulla subesse tholo. Ignis inexstinctus templo celatur in illo. Effigiem nullam Vesta, nec ignis habet. Ovid redet nur von dem Gottesdienste der Vesta in Rom, nur von dem Tempel, den ihr Numa daselbst erbauet hatte, von dem er kurz zuvor (v. 259. 260) sagt: Regis opus placidi, quo non metuentius ullum Numinis ingenium terra Sabina tulit.} {6. Fast. lib. III. v. 45. 46. Sylvia fit mater: Vestae simulacra feruntur Virgineas oculis opposuisse manus. Auf diese Weise htte Spence den Ovid mit sich selbst vergleichen sollen. Der Dichter redet von verschiedenen Zeiten. Hier von den Zeiten vor dem Numa, dort von den Zeiten nach ihm. In jenen ward sie in Italien unter persnlichen Vorstellungen verehret, so wie sie in Troja war verehret worden, von wannen Aeneas ihren Gottesdienst mit herbergebracht hatte. --Manibus vittas, Vestamque potentem, Aeternumque adytis effert penetralibus ignem: sagt Virgil von dem Geiste des Hektors, nachdem er dem Aeneas zur Flucht geraten. Hier wird das ewige Feuer von der Vesta selbst, oder ihrer Bildsule, ausdrcklich unterschieden. Spence mu die rmischen Dichter zu seinem Behufe doch noch nicht aufmerksam genug durchgelesen haben, weil ihm diese Stelle entwischt ist.} {7. Lipsius de Vesta et Vestalibus cap. 13.} {8. Pausanias Corinth. cap. XXXV. p. 198. Edit. Kuh.} {9. Idem Attic. cap. XVIII. p. 41.} {10. Polyb. Hist. lib. XVI. . 11. Op. T. II. p. 443. Edit. Ernest.} {11. Plinius lib. XXXVI sec. 4. p. 727. Edit. Hard. Scopas fecit--Vestam sedentem laudatam in Servilianis hortis. Diese Stelle mu Lipsius in Gedanken gehabt haben als er (de Vesta cap. 3.) schrieb: Plinius Vestam sedentem effingi solitam ostendit, a stabilitate. Allein was Plinius von einem einzeln Stcke des Skopas sagt, htte er nicht fr einen allgemein angenommenen Charakter ausgeben sollen. Er merkt selbst an, da auf den Mnzen die Vesta ebensooft stehend als sitzend erscheine. Allein er verbessert dadurch nicht den Plinius, sondern seine eigne falsche Einbildung.} {12. Georg. Codinus de Originib. Constant. Edit. Venet. p. 12. Thn ghn legousin Estian, kai plattousi authn gunaika, tumpanon bastazousan, epeidh touV anemouV h gh uj' eathn sugkleiei. Suidas, aus ihm, oder beide aus einem ltern, sagt unter dem Worte Estia eben dieses. "Die Erde wird unter dem Namen Vesta als eine Frau gebildet, welche ein Tympanon trgt, weil sie die Winde in sich verschlossen hlt." Die Ursache ist ein wenig abgeschmackt. Es wrde sich eher haben hren lassen, wenn er gesagt htte, da ihr deswegen ein Tympanon beigegeben werde, weil die Alten zum Teil geglaubt, da ihre Figur damit bereinkomme; schma authV tumpanoeideV einai. (Plutarchus de placitis philos. cap. 10. id. de facie in orbe Lunae.) Wo sich aber Codinus nur nicht entweder in der Figur, oder in dem Namen, oder gar in beiden geirret hat. Er wute vielleicht, was er die Vesta tragen sahe, nicht besser zu nennen, als ein Tympanum; oder hrte es ein Tympanum nennen, und konnte sich nichts anders dabei gedenken, als das Instrument, welches wir eine Heerpauke nennen. Tympana waren aber auch eine Art von Rdern: Hinc radios trivere rotis, hinc tympana plaustris Agricolae-- (Virgilius Georgic. lib. II. v. 444.) Und einem solchen Rade scheinet mir das, was sich an der Vesta des Fabretti zeiget (Ad tabulam Iliadis p. 339.) und dieser Gelehrte fr eine Handmhle hlt, sehr hnlich zu sein.} X. Ich merke noch eine Befremdung des Spence an, welche deutlich zeiget, wie wenig er ber die Grenzen der Poesie und Malerei mu nachgedacht haben. "Was die Musen berhaupt betrifft", sagt er, "so ist es doch sonderbar, da die Dichter in Beschreibung derselben so sparsam sind, weit sparsamer, als man es bei Gttinnen, denen sie so groe Verbindlichkeit haben, erwarten sollte 1). {1. Polymetis Dial. VIII. p. 91.} Was heit das anders, als sich wundern, da wenn die Dichter von ihnen reden, sie es nicht in der stummen Sprache der Maler tun? Urania ist den Dichtern die Muse der Sternkunst; aus ihrem Namen, aus ihren Verrichtungen erkennen wir ihr Amt. Der Knstler, um es kenntlich zu machen, mu sie mit einem Stabe auf eine Himmelskugel weisen lassen; dieser Stab, diese Himmelskugel, diese ihre Stellung sind seine Buchstaben, aus welchen er uns den Namen Urania zusammensetzen lt. Aber wenn der Dichter sagen will: Urania hatte seinen Tod lngst aus den Sternen vorhergesehn; Ipsa diu positis lethum praedixerat astris. Uranie--2) {2. Statius Theb. VIII. v. 551.} warum soll er, in Rcksicht auf den Maler, darzusetzen: Urania, den Radius in der Hand, die Himmelskugel vor sich? Wre es nicht, als ob ein Mensch, der laut reden kann und darf, sich noch zugleich der Zeichen bedienen sollte, welche die Stummen im Serraglio des Trken, aus Mangel der Stimme, unter sich erfunden haben? Eben dieselbe Befremdung uert Spence nochmals bei den moralischen Wesen, oder denjenigen Gottheiten, welche die Alten den Tugenden und der Fhrung des menschlichen Lebens vorsetzten 3). "Es verdient angemerkt zu werden", sagt er, "da die rmischen Dichter von den besten dieser moralischen Wesen weit weniger sagen, als man erwarten sollte. Die Artisten sind in diesem Stcke viel reicher, und wer wissen will, was jedes derselben fr einen Aufzug gemacht, darf nur die Mnzen der rmischen Kaiser zu Rate ziehen 4).--Die Dichter sprechen von diesen Wesen zwar fters, als von Personen; berhaupt aber sagen sie von ihren Attributen, ihrer Kleidung und brigem Ansehen sehr wenig."-{3. Polym. Dial. X. p. 137.} {4. Ibid. p. 139.} Wenn der Dichter Abstrakta personifieret, so sind sie durch den Namen, und durch das, was er sie tun lt, genugsam charakterisierst. Dem Knstler fehlen diese Mittel. Er mu also seinen personifierten Abstraktis Sinnbilder zugeben, durch welche sie kenntlich werden. Diese Sinnbilder weil sie etwas anders sind, und etwas anders bedeuten, machen sie zu allegorischen Figuren. Eine Frauensperson mit einem Zaum in der Hand; eine andere an eine Sule gelehnet, sind in der Kunst allegorische Wesen. Allein die Migung, die Standhaftigkeit bei dem Dichter, sind keine allegorische Wesen, sondern blo personifierte Abstrakta. Die Sinnbilder dieser Wesen bei dem Knstler hat die Not erfunden. Denn er kann sich durch nichts anders verstndlich machen, was diese oder jene Figur bedeuten soll. Wozu aber den Knstler die Not treibet, warum soll sich das der Dichter aufdringen lassen, der von dieser Not nichts wei? Was Spencen so sehr befremdet, verdienet den Dichtern als eine Regel vorgeschrieben zu werden. Sie mssen die Bedrfnisse der Malerei nicht zu ihrem Reichtume machen. Sie mssen die Mittel, welche die Kunst erfunden hat, um der Poesie nachzukommen, nicht als Vollkommenheiten betrachten, auf die sie neidisch zu sein Ursache htten. Wenn der Knstler eine Figur mit Sinnbildern auszieret, so erhebt er eine bloe Figur zu einem hhern Wesen. Bedienet sich aber der Dichter dieser malerischen Ausstaffierungen, so macht er aus einem hhern Wesen eine Puppe. So wie diese Regel durch die Befolgung der Alten bewhret ist, so ist die geflissentliche bertretung derselben ein Lieblingsfehler der neuern Dichter. Alle ihre Wesen der Einbildung gehen in Maske, und die sich auf diese Maskeraden am besten verstehen, verstehen sich meistenteils auf das Hauptwerk am wenigsten: nmlich, ihre Wesen handeln zu lassen, und sie durch die Handlungen derselben zu charakterisieren. Doch gibt es unter den Attributen, mit welchen die Knstler ihre Abstrakta bezeichnen, eine Art, die des poetischen Gebrauchs fhiger und wrdiger ist. Ich meine diejenigen, welche eigentlich nichts Allegorisches haben, sondern als Werkzeuge zu betrachten sind, deren sich die Wesen, welchen sie beigeleget werden, falls sie als wirkliche Personen handeln sollten, bedienen wrden oder knnten. Der Zaum in der Hand der Migung, die Sule, an welche sich die Standhaftigkeit lehnet, sind lediglich allegorisch, fr den Dichter also von keinem Nutzen. Die Wage in der Hand der Gerechtigkeit, ist es schon weniger, weil der rechte Gebrauch der Wage wirklich ein Stck der Gerechtigkeit ist. Die Leier oder Flte aber in der Hand einer Muse, die Lanze in der Hand des Mars, Hammer und Zange in den Hnden des Vulkans, sind ganz und gar keine Sinnbilder, sind bloe Instrumente, ohne welche diese Wesen die Wirkungen, die wir ihnen zuschreiben, nicht hervorbringen knnen. Von dieser Art sind die Attribute, welche die alten Dichter in ihre Beschreibungen etwa noch einflechten, und die ich deswegen, zum Unterschiede jener allegorischen, die poetischen nennen mchte. Diese bedeuten die Sache selbst, jene nur etwas hnliches 5). {5. Man mag in dem Gemlde, welches Horaz von der Notwendigkeit macht, und welches vielleicht das an Attributen reichste Gemlde bei allen alten Dichtern ist: (lib. I. Od. 35.) Te semper anteit saeva Necessitas: Clavos trabales et cuneos manu Gestans ahenea; nec severus Uncus abest liquidumque plumbum-- man mag, sage ich, in diesem Gemlde die Ngel, die Klammern, das flieende Blei, fr Mittel der Befestigung oder fr Werkzeuge der Bestrafung annehmen, so gehren sie doch immer mehr zu den poetischen, als allegorischen Attributen. Aber auch als solche sind sie zu sehr gehuft, und die Stelle ist eine von den frostigsten des Horaz. Sanadon sagt: J'ose dire que ce tableau pris dans le dtail serait plus beau sur la toile que dans une ode hroque. Je ne puis souffrir cet attirail patibulaire de clous, de coins, de crocs, et de plomp fondu. J'ai cru en devoir dcharger la traduction, en substituant les ides gnrales aux ides singulires. C'est dommage que le pote ait eu besoin de ce correctif. Sanadon hatte ein feines und richtiges Gefhl, nur der Grund, womit er es bewhren will, ist nicht der rechte. Nicht weil die gebrauchten Attributa ein attirail patibulaire sind; denn es stand nur bei ihm, die andere Auslegung anzunehmen, und das Galgengerte in die festesten Bindemittel der Baukunst zu verwandeln: sondern, weil alle Attributa eigentlich fr das Auge, und nicht fr das Gehr gemacht sind, und alle Begriffe, die wir durch das Auge erhalten sollten, wenn man sie uns durch das Gehr beibringen will, eine grere Anstrengung erfordern, und einer geringern Klarheit fhig sind.--Der Verfolg von der angefhrten Strophe des Horaz erinnert mich brigens an ein paar Versehen des Spence, die von der Genauigkeit, mit welcher er die angezogenen Stellen der alten Dichter will erwogen haben, nicht den vorteilhaftesten Begriff erwecken. Er redet von dem Bilde, unter welchem die Rmer die Treue oder Ehrlichkeit vorstellten. (Dial. X. p. 145.) "Die Rmer", sagt er, "nannten sie Fides; und wenn sie sie Sola Fides nannten, so scheinen sie den hohen Grad dieser Eigenschaft, den wir durch grundehrlich (im Englischen downright honesty) ausdrcken, darunter verstanden zu haben. Sie wird mit einer freien offenen Gesichtsbildung und in nichts als einem dnnen Kleide vorgestellet, welches so fein ist, da es fr durchsichtig gelten kann. Horaz nennet sie daher, in einer von seinen Oden, dnnbekleidet; und in einer anderen, durchsichtig." In dieser kleinen Stelle sind nicht mehr als drei ziemlich grobe Fehler. Erstlich ist es falsch, da sola ein besonderes Beiwort sei, welches die Rmer der Gttin Fides gegeben. In den beiden Stellen des Livius, die er desfalls zum Beweise anfhrt (lib. I. c. 21. lib. II. c. 3.), bedeutet es weiter nichts, als was es berall bedeutet, die Ausschlieung alles brigen. In der einen Stelle scheinet den Criticis das soli sogar verdchtig und durch einen Schreibefehler, der durch das gleich danebenstehende solenne veranlasset worden, in den Text gekommen zu sein. In der andern aber ist nicht von der Treue, sondern von der Unschuld, der Unstrflichkeit, Innocentia, die Rede. Zweitens: Horaz soll, in einer seiner Oden, der Treue das Beiwort dnnbekleidet geben, nmlich in der oben angezogenen fnfunddreiigsten des ersten Buchs: Te spes, et albo rara fides colit Velata panno. Es ist wahr, rarus heit auch dnne; aber hier heit es blo selten, was wenig vorkmmt, und ist das Beiwort der Treue selbst, und nicht ihrer Bekleidung. Spence wrde recht haben, wenn der Dichter gesagt htte: Fides raro velata panno. Drittens, an einem andern Orte soll Horaz die Treue oder Redlichkeit durchsichtig nennen; um eben das damit anzudeuten, was wir in unsern gewhnlichen Freundschaftsversicherungen zu sagen pflegen: ich wnschte, Sie knnten mein Herz sehen. Und dieser Ort soll die Zeile der achtzehnten Ode des ersten Buchs sein: Arcanique Fides prodiga, pellucidior vitro. Wie kann man sich aber von einem bloen Worte so verfhren lassen? Heit denn Fides arcani prodiga die Treue? Oder heit es nicht vielmehr, die Treulosigkeit? Von dieser sagt Horaz, und nicht von der Treue, da sie durchsichtig wie Glas sei, weil sie die ihr anvertrauten Geheimnisse eines jeden Blicke blostellet.} XI. Auch der Graf Caylus scheinet zu verlangen, da der Dichter seine Wesen der Einbildung mit allegorischen Attributen ausschmcken solle 1). Der Graf verstand sich besser auf die Malerei, als auf die Poesie. {1. Apollo bergibt den gereinigten und balsamierten Leichnam des Sarpedon dem Tode und dem Schlafe, ihn nach seinem Vaterlande zu bringen. (Il. p. v. 681. 82.) Pempe de min pompoisin ama kraipnoisi jeresJai Upnw kai QanaJw didumaosin. Caylus empfiehlt diese Erdichtung dem Maler, fgt aber hinzu: Il est fcheux, qu'Homre ne nous ait rien laiss sur les attributs qu'on donnait de son temps au Sommeil; nous ne connaissons, pour caractriser ce dieu, que son action mme, et nous le couronnons de pavots. Ces ides sont modernes; la premire est d'un mdiocre service, mais elle ne peut tre employe dans le cas prsent, o mme les fleurs me paraissent dplaces, surtout pour une figure qui groupe avec la mort. (S. Tableaux tirs de l'Iliade, de l'Odysse d'Homre et de l'Enide de Virgile, avec des observations gnrales sur le costume, Paris 1757. 8.) Das heit von dem Homer eine von den kleinen Zieraten verlangen, die am meisten mit seiner groen Manier streiten. Die sinnreichsten Attributa, die er dem Schlafe htte geben knnen, wrden ihn bei weitem nicht so vollkommen charakterisierst, bei weitem kein so lebhaftes Bild bei uns erregt haben, als der einzige Zug, durch den er ihn zum Zwillingsbruder des Todes macht. Diesen Zug suche der Knstler auszudrcken, und er wird alle Attributa entbehren knnen. Die alten Knstler haben auch wirklich den Tod und den Schlaf mit der hnlichkeit unter sich vorgestellet, die wir an Zwillingen so natrlich erwarten. Auf einer Kiste von Zedernholz, in dem Tempel der Juno zu Elis, ruhten sie beide als Knaben in den Armen der Nacht. Nur war der eine wei, der andere schwarz; jener schlief, dieser schien zu schlafen; beide mit bereinander geschlagenen Fen. Denn so wollte ich die Worte des Pausanias (Eliac. cap. XVIII. p. 422. Edit. Kuh.) amjoterouV diestrammenouV touV podaV lieber bersetzen, als mit krummen Fen, oder wie es Gedoyn in seiner Sprache gegeben hat: les pieds contrefaits. Was sollten die krummen Fe hier ausdrcken? bereinander geschlagene Fe hingegen sind die gewhnliche Lage der Schlafenden, und der Schlaf beim Maffei (Raccol. Pl. 151) liegt nicht anders. Die neuen Artisten sind von dieser hnlichkeit, welche Schlaf und Tod bei den Alten miteinander haben, gnzlich abgegangen, und der Gebrauch ist allgemein geworden, den Tod als ein Skelett, hchstens als ein mit Haut bekleidetes Skelett vorzustellen. Vor allen Dingen htte Caylus dem Knstler also hier raten mssen, ob er in Vorstellung des Todes dem alten oder dem neuen Gebrauche folgen solle. Doch er scheinet sich fr den neuern zu erklren, da er den Tod als eine Figur betrachtet, gegen die eine andere mit Blumen gekrnet, nicht wohl gruppieren mchte. Hat er aber hierbei auch bedacht, wie unschicklich diese moderne Idee in einem Homerischen Gemlde sein drfte? Und wie hat ihm das Ekelhafte derselben nicht anstig sein knnen? Ich kann mich nicht bereden, da das kleine metallene Bild in der herzoglichen Galerie zu Florenz, welches ein liegendes Skelett vorstellet, das mit dem einen Arme auf einem Aschenkruge ruhet (Spence's Polymetis Tab. XLI.), eine wirkliche Antike sei. Den Tod berhaupt kann es wenigstens nicht vorstellen sollen, weil ihn die Alten anders vorstellten. Selbst ihre Dichter haben ihn unter diesem widerlichen Bilde nie gedacht.} Doch ich habe in seinem Werke, in welchem er dieses Verlangen uert, Anla zu erheblichern Betrachtungen gefunden, wovon ich das Wesentlichste, zu besserer Erwgung, hier anmerke. Der Knstler, ist des Grafen Absicht, soll sich mit dem grten malerischen Dichter, mit dem Homer, mit dieser zweiten Natur, nher bekannt machen. Er zeigt ihm, welchen reichen noch nie genutzten Stoff zu den trefflichsten Schildereien die von dem Griechen behandelte Geschichte darbiete, und wie so viel vollkommner ihm die Ausfhrung gelingen msse, je genauer er sich an die kleinsten von dem Dichter bemerkten Umstnde halten knne. In diesem Vorschlage vermischt sich also die oben genannte doppelte Nachahmung. Der Maler soll nicht allein das nachahmen, was der Dichter nachgeahmt hat, sondern er soll es auch mit den nmlichen Zgen nachahmen; er soll den Dichter nicht blo als Erzhler, er soll ihn als Dichter nutzen. Diese zweite Art der Nachahmung aber, die fr den Dichter so verkleinerlich ist, warum ist sie es nicht auch fr den Knstler? Wenn vor dem Homer eine solche Folge von Gemlden, als der Graf Caylus aus ihm angibt, vorhanden gewesen wre, und wir wten, da der Dichter aus diesen Gemlden sein Werk genommen htte: wrde er nicht von unserer Bewunderung unendlich verlieren? Wie kmmt es, da wir dem Knstler nichts von unserer Hochachtung entziehen, wenn er schon weiter nichts tut, als da er die Worte des Dichters mit Figuren und Farben ausdrcket? Die Ursach' scheinet diese zu sein. Bei dem Artisten dnket uns die Ausfhrung schwerer, als die Erfindung; bei dem Dichter hingegen ist es umgekehrt, und seine Ausfhrung dnket uns gegen die Erfindung das Leichtere. Htte Virgil die Verstrickung des Laokoon und seiner Kinder von der Gruppe genommen, so wrde ihm das Verdienst, welches wir bei diesem seinem Bilde fr das schwerere und grere halten, fehlen, und nur das geringere brigbleiben. Denn diese Verstrickung in der Einbildungskraft erst schaffen, ist weit wichtiger, als sie in Worten ausdrcken. Htte hingegen der Knstler diese Verstrickung von dem Dichter entlehnet, so wrde er in unsern Gedanken doch noch immer Verdienst genug behalten, ob ihm schon das Verdienst der Erfindung abgehet. Denn der Ausdruck in Marmor ist unendlich schwerer als der Ausdruck in Worten; und wenn wir Erfindung und Darstellung gegeneinander abwgen, so sind wir jederzeit geneigt, dem Meister an der einen so viel wiederum zu erlassen, als wir an der andern zu viel erhalten zu haben meinen. Es gibt sogar Flle, wo es fr den Knstler ein greres Verdienst ist, die Natur durch das Medium der Nachahmung des Dichters nachgeahmt zu haben, als ohne dasselbe. Der Maler, der nach der Beschreibung eines Thomsons eine schne Landschaft darstellet, hat mehr getan, als der sie gerade von der Natur kopieret. Dieser siehet sein Urbild vor sich; jener mu erst seine Einbildungskraft so anstrengen, bis er es vor sich zu sehen glaubst. Dieser macht aus lebhaften sinnlichen Eindrcken etwas Schnes; jener aus schwanken und schwachen Vorstellungen willkrlicher Zeichen. So natrlich aber die Bereitwilligkeit ist, dem Knstler das Verdienst der Erfindung zu erlassen, ebenso natrlich hat daraus die Lauigkeit gegen dasselbe bei ihm entspringen mssen. Denn da er sahe, da die Erfindung seine glnzende Seite nie werden knne, da sein grtes Lob von der Ausfhrung abhange, so ward es ihm gleich viel, ob jene alt oder neu, einmal oder unzhligmal gebraucht sei, ob sie ihm oder einem anderen zugehre. Er blieb in dem engen Bezirke weniger, ihm und dem Publico gelufig gewordener Vorwrfe, und lie seine ganze Erfindsamkeit auf die bloe Vernderung in dem Bekannten gehen, auf neue Zusammensetzungen alter Gegenstnde. Das ist auch wirklich die Idee, welche die Lehrbcher der Malerei mit dem Worte Erfindung verbinden. Denn ob sie dieselbe schon sogar in malerische und dichterische einteilen, so gehet doch auch die dichterische nicht auf die Hervorbringung des Vorwurfs selbst, sondern lediglich auf die Anordnung oder den Ausdruck 2). Es ist Erfindung, aber nicht Erfindung des Ganzen, sondern einzelner Teile, und ihrer Lage untereinander. Es ist Erfindung, aber von jener geringern Gattung, die Horaz seinem tragischen Dichter anriet: {2. v. Hagedorn, "Betrachtungen ber die Malerei" S. 159 u. f.} --Tuque Rectius Iliacum carmen deducis in actus, Quam si proferres ignota indictaque primus 3). {3. Ad. Pisones v. 128-130.} Anriet, sage ich, aber nicht befahl. Anriet, als fr ihn leichter, bequemer, zutrglicher; aber nicht befahl, als besser und edler an sich selbst. In der Tat hat der Dichter einen groen Schritt voraus, welcher eine bekannte Geschichte, bekannte Charaktere behandelt. Hundert frostige Kleinigkeiten, die sonst zum Verstndnisse des Ganzen unentbehrlich sein wrden, kann er bergehen; und je geschwinder er seinen Zuhrern verstndlich wird, desto geschwinder kann er sie intressieren. Diesen Vorteil hat auch der Maler, wenn uns sein Vorwurf nicht fremd ist, wenn wir mit dem ersten Blicke die Absicht und Meinung seiner ganzen Komposition erkennen, wenn wir auf eins seine Personen nicht blo sprechen sehen, sondern auch hren, was sie sprechen. Von dem ersten Blicke hangt die grte Wirkung ab, und wenn uns dieser zu mhsamen Nachsinnen und Raten ntiget, so erkaltet unsere Begierde gerhret zu werden; um uns an dem unverstndlichen Knstler zu rchen, verhrten wir uns gegen den Ausdruck, und weh ihm, wann er die Schnheit dem Ausdrucke aufgeopfert hat! Wir finden sodann gar nichts, was uns reizen knnte, vor seinem Werke zu verweilen; was wir sehen, gefllt uns nicht, und was wir dabei denken sollen, wissen wir nicht. Nun nehme man beides zusammen; einmal, da die Erfindung und Neuheit des Vorwurfs das Vornehmste bei weitem nicht ist, was wir von dem Maler verlangen; zweitens, da ein bekannter Vorwurf die Wirkung seiner Kunst befrdert und erleichtert: und ich meine, man wird die Ursache, warum er sich so selten zu neuen Vorwrfen entschliet, nicht mit dem Grafen Caylus, in seiner Bequemlichkeit, in seiner Unwissenheit, in der Schwierigkeit des mechanischen Teiles der Kunst, welche allen seinen Flei, alle seine Zeit erfordert, suchen drfen; sondern man wird sie tiefer gegrndet finden, und vielleicht gar, was anfangs Einschrnkung der Kunst, Verkmmerung unsers Vergngens, zu sein scheinet, als eine weise und uns selbst ntzliche Enthaltsamkeit an dem Artisten zu loben geneigt sein. Ich frchte auch nicht, da mich die Erfahrung widerlegen werde. Die Maler werden dem Grafen fr seinen guten Willen danken, aber ihn schwerlich so allgemein nutzen, als er es erwartet. Geschhe es jedoch: so wrde ber hundert Jahr' ein neuer Caylus ntig sein, der die alten Vorwrfe wieder ins Gedchtnis brchte, und den Knstler in das Feld zurckfhrte, wo andere vor ihm so unsterbliche Lorbeeren gebrochen haben. Oder verlangt man, da das Publikum so gelehrt sein soll, als der Kenner aus seinen Bchern ist? Da ihm alle Szenen der Geschichte und der Fabel, die ein schnes Gemlde geben knnen, bekannt und gelufig sein sollen? Ich gebe es zu, da die Knstler besser getan htten, wenn sie seit Raffaels Zeiten, anstatt des Ovids, den Homer zu ihrem Handbuche gemacht htten. Aber da es nun einmal nicht geschehen ist, so lasse man das Publikum in seinem Gleise, und mache ihm sein Vergngen nicht saurer, als ein Vergngen zu stehen kommen mu, um das zu sein, was es sein soll. Protogenes hatte die Mutter des Aristoteles gemalt. Ich wei nicht wie viel ihm der Philosoph dafr bezahlte. Aber entweder anstatt der Bezahlung, oder noch ber die Bezahlung, erteilte er ihm einen Rat, der mehr als die Bezahlung wert war. Denn ich kann mir nicht einbilden, da sein Rat eine bloe Schmeichelei gewesen sei. Sondern vornehmlich weil er das Bedrfnis der Kunst erwog, allen verstndlich zu sein, riet er ihm, die Taten des Alexanders zu malen; Taten, von welchen damals alle Welt sprach, und von welchen er voraussehen konnte, da sie auch der Nachwelt unvergelich sein wrden. Doch Protogenes war nicht gesetzt genug, diesem Rate zu folgen; impetus animi, sagt Plinius, et quaedam artis libido 4), ein gewisser bermut der Kunst, eine gewisse Lsternheit nach dem Sonderbaren und Unbekannten, trieben ihn zu ganz andern Vorwrfen. Er malte lieber die Geschichte eines Jalysus 5), einer Cydippe und dergleichen, von welchen man itzt auch nicht einmal mehr erraten kann, was sie vorgestellet haben. {4. lib. XXXV. sect. 36. p. 700. Edit. Hard.} {5. Richardson nennet dieses Werk, wenn er die Regel erlutern will, da in einem Gemlde die Aufmerksamkeit des Betrachters durch nichts, es mge auch noch so vortrefflich sein, von der Hauptfigur abgezogen werden msse. "Protogenes", sagt er, "hatte in seinem berhmten Gemlde Jalysus ein Rebhuhn mit angebracht, und es mit so vieler Kunst ausgemalet, da es zu leben schien, und von ganz Griechenland bewundert ward; weil es aber aller Augen, zum Nachteil des Hauptwerks, zu sehr an sich zog, so lschte er es gnzlich wieder aus." (Trait de la peinture T. I. p. 46.) Richardson hat sich geirret. Dieses Rebhuhn war nicht in dem Jalysus, sondern in einem andern Gemlde des Protogenes gewesen, welches der ruhende oder mige Satyr, SaturoV anapauomenoV, hie. Ich wrde diesen Fehler, welcher aus einer miverstandenen Stelle des Plinius entsprungen ist, kaum anmerken, wenn ich ihn nicht auch beim Meursius fnde: (Rhodi lib. I. cap. 14. p. 38.) In eadem, tabula sc. in qua Ialysus, Satyrus erat, quem dicebant Anapauomenon, tibias tenens. Desgleichen bei dem Herrn Winckelmann selbst. (Von der Nachahm. der Gr. W. in der Mal. und Bildh. S. 56.) Strabo ist der eigentliche Whrmann dieses Histrchens mit dem Rebhuhne, und dieser unterscheidet den Jalysus, und den an eine Sule sich lehnenden Satyr, auf welcher das Rebhuhn sa, ausdrcklich. (lib. XIV. p. 750. Edit. Xyl.) Die Stelle des Plinius (lib. XXXV. sect. 36. p. 699) haben Meursius und Richardson und Winckelmann deswegen falsch verstanden, weil sie nicht achtgegeben, da von zwei verschiedenen Gemlden daselbst die Rede ist: dem einen, dessenwegen Demetrius die Stadt nicht berkam, weil er den Ort nicht angreifen wollte, wo es stand; und dem andern, welches Protogenes whrend dieser Belagerung malte. Jenes war der Jalysus, und dieses der Satyr.} XII. Homer bearbeitet eine doppelte Gattung von Wesen und Handlungen; sichtbare und unsichtbare. Diesen Unterschied kann die Malerei nicht angeben: bei ihr ist alles sichtbar; und auf einerlei Art sichtbar. Wenn also der Graf Caylus die Gemlde der unsichtbaren Handlungen in unzertrennter Folge mit den sichtbaren fortlaufen lt; wenn er in den Gemlden der vermischten Handlungen, an welchen sichtbare und unsichtbare Wesen teilnehmen, nicht angibt, und vielleicht nicht angeben kann, wie die letztern, welche nur wir, die wir das Gemlde betrachten, darin entdecken sollten, so anzubringen sind, da die Personen des Gemldes sie nicht sehen, wenigstens sie nicht notwendig sehen zu mssen scheinen knnen: so mu notwendig sowohl die ganze Folge, als auch manches einzelne Stck dadurch uerst verwirrt, unbegreiflich und widersprechend werden. Doch diesem Fehler wre, mit dem Buche in der Hand, noch endlich abzuhelfen. Das Schlimmste dabei ist nur dieses, da durch die malerische Aufhebung des Unterschiedes der sichtbaren und unsichtbaren Wesen, zugleich alle die charakteristischen Zge verloren gehen, durch welche sich diese hhere Gattung ber jene geringere erhebet. Z. E. Wenn endlich die ber das Schicksal der Trojaner geteilten Gtter unter sich selbst handgemein werden: so gehet bei dem Dichter 1) dieser ganze Kampf unsichtbar vor, und diese Unsichtbarkeit erlaubet der Einbildungskraft die Szene zu erweitern, und lt ihr freies Spiel, sich die Personen der Gtter und ihre Handlungen so gro, und ber das gemeine Menschliche so weit erhaben zu denken, als sie nur immer will. Die Malerei aber mu eine sichtbare Szene annehmen, deren verschiedene notwendige Teile der Mastab fr die darauf handelnden Personen werden; ein Mastab, den das Auge gleich darneben hat, und dessen Unproportion gegen die hhern Wesen, diese hhern Wesen, die bei dem Dichter gro waren, auf der Flche des Knstlers ungeheuer macht. {1. Iliad. F. v. 385 et s.} Minerva, auf welche Mars in diesem Kampfe den ersten Angriff waget, tritt zurck, und fasset mit mchtiger Hand von dem Boden einen schwarzen, rauhen, groen Stein auf, den vor alten Zeiten vereinigte Mnnerhnde zum Grenzsteine hingewlzet hatten: H d' anacassamenh liJon eileto ceiri paceih, Keimenon en pediw, melana, trhcun te, megan te, Ton r' andres proteroi Jesan emmenai ouron arourhV. Um die Gre dieses Steins gehrig zu schtzen, erinnere man sich, da Homer seine Helden noch einmal so stark macht, als die strksten Mnner seiner Zeit, jene aber von den Mnnern, wie sie Nestor in seiner Jugend gekannt hatte, noch weit an Strke bertreffen lt. Nun frage ich, wenn Minerva einen Stein, den nicht ein Mann, den Mnner aus Nestors Jugendjahren zum Grenzsteine aufgerichtet hatten, wenn Minerva einen solchen Stein gegen den Mars schleudert, von welcher Statur soll die Gttin sein? Soll ihre Statur der Gre des Steins proportioniert sein, so fllt das Wunderbare weg. Ein Mensch, der dreimal grer ist als ich, mu natrlicherweise auch einen dreimal grern Stein schleudern knnen. Soll aber die Statur der Gttin der Gre des Steins nicht angemessen sein, so entstehet eine anschauliche Unwahrscheinlichkeit in dem Gemlde, deren Anstigkeit durch die kalte berlegung, da eine Gttin bermenschliche Strke haben msse, nicht gehoben wird. Wo ich eine grere Wirkung sehe, will ich auch grere Werkzeuge wahrnehmen. Und Mars, von diesem gewaltigen Steine niedergeworfen, Epta d' epesce peleJra-bedeckte sieben Hufen. Unmglich kann der Maler dem Gotte diese auerordentliche Gre geben. Gibt er sie ihm aber nicht, so liegt nicht Mars zu Boden, nicht der Homerische Mars, sondern ein gemeiner Krieger 2). {2. Diesen unsichtbaren Kampf der Gtter hat Quintus Calaber in seinem zwlften Buche (v. 158-185) nachgeahmt, mit der nicht undeutlichen Absicht, sein Vorbild zu verbessern. Es scheinet nmlich, der Grammatiker habe es unanstndig gefunden, da ein Gott mit einem Steine zu Boden geworfen werde. Er lt also zwar auch die Gtter groe Felsenstcke, die sie von dem Ida abreien, gegeneinander schleudern; aber diese Felsen zerschellen an den unsterblichen Gliedern der Gtter und stieben wie Sand um sie her: --Oi de kolwnaV Cersin aporrhxanteV ap' oudeoV Idaioio Ballon ep' allhlouV ai de yamaJoisi omoiai Reia dieskidnanto Jevn peri d' asceta guia Rhgnumenai dia tutJa-- Eine Knstelei, welche die Hauptsache verdirbt. Sie erhhet unsern Begriff von den Krpern der Gtter und macht die Waffen, welche sie gegeneinander brauchen, lcherlich. Wenn Gtter einander mit Steinen werfen, so mssen diese Steine auch die Gtter beschdigen knnen, oder wir glauben mutwillige Buben zu sehen, die sich mit Erdklen werfen. So bleibt der alte Homer immer der Weisere, und aller Tadel, mit dem ihn der alte Kunstrichter belegt, aller Wettstreit, in welchen sich geringere Genies mit ihm einlassen, dienen zu weiter nichts, als seine Weisheit in ihr bestes Licht zu setzen. Indes will ich nicht leugnen, da in der Nachahmung des Quintus nicht auch sehr treffliche Zge vorkommen, und die ihm eigen sind. Doch sind es Zge, die nicht sowohl der bescheidenen Gre des Homers geziemen, als dem strmischen Feuer eines neuern Dichters Ehre machen wrden. Da das Geschrei der Gtter, welches hoch bis in den Himmel und tief bis in den Abgrund ertnet, welches den Berg und die Stadt und die Flotte erschttert, von den Menschen nicht gehret wird, dnket mich eine sehr vielbedeutende Wendung zu sein. Das Geschrei war grer, als da es die kleinen Werkzeuge des menschlichen Gehrs fassen konnten.} Longin sagt, es komme ihm fters vor, als habe Homer seine Menschen zu Gttern erheben, und seine Gtter zu Menschen herabsetzen wollen. Die Malerei vollfhret diese Herabsetzung. In ihr verschwindet vollends alles, was bei dem Dichter die Gtter noch ber die gttlichen Menschen setzet. Gre, Strke, Schnelligkeit, wovon Homer noch immer einen hhern, wunderbarern Grad fr seine Gtter in Vorrat hat, als er seinen vorzglichsten Helden beileget 3), mssen in dem Gemlde auf das gemeine Ma der Menschheit herabsinken, und Jupiter und Agamemnon, Apollo und Achilles, Ajax und Mars, werden vollkommen einerlei Wesen, die weiter an nichts als an uerlichen verabredeten Merkmalen zu kennen sind. {3. In Ansehung der Strke und Schnelligkeit wird niemand, der den Homer auch nur ein einziges Mal flchtig durchlaufen hat, diese Assertion in Abrede sein. Nur drfte er sich vielleicht der Exempel nicht gleich erinnern, aus welchen es erhellet, da der Dichter seinen Gttern auch eine krperliche Gre gegeben, die alle natrliche Mae weit bersteiget. Ich verweise ihn also, auer der angezogenen Stelle von dem zu Boden geworfnen Mars, der sieben Hufen bedecket, auf den Helm der Minerva (Kunehn ekaton polewn pruleess' araruian. Iliad. E. v. 744), unter welchem sich so viel Streiter, als hundert Stdte in das Feld zu stellen vermgen, verbergen knnen; auf die Schritte des Neptunus (Iliad. N. v. 20), vornehmlich aber auf die Zeilen aus der Beschreibung des Schildes, wo Mars und Minerva die Truppen der belagerten Stadt anfhren: (Iliad. S. v. 516-519.) --Hrce d' ara sjin ArhV kai PallaV AJhnh Amjw cruseiw, cruseia de eimata esJhn, Kalw kai megalw sun teucesin, wV te Jew per, AmjiV arizhlw laoi d' upolizoneV hsan. Selbst Ausleger des Homers, alte sowohl als neue, scheinen sich nicht allezeit dieser wunderbaren Statur seiner Gtter genugsam erinnert zu haben; welches aus den lindernden Erklrungen abzunehmen, die sie ber den groen Helm der Minerva geben zu mssen glauben. (S. die Clarkisch-Ernestische Ausgabe des Homers an der angezogenen Stelle.) Man verliert aber von der Seite des Erhabenen unendlich viel, wenn man sich die Homerischen Gtter nur immer in der gewhnlichen Gre denkt, in welcher man sie, in Gesellschaft der Sterblichen, auf der Leinewand zu sehen verwhnet wird. Ist es indes schon nicht der Malerei vergnnet, sie in diesen bersteigenden Dimensionen darzustellen, so darf es doch die Bildhauerei gewissermaen tun; und ich bin berzeugt, da die alten Meister, so wie die Bildung der Gtter berhaupt, also auch das Kolossalische, das sie fters ihren Statuen erteilten, aus dem Homer entlehnet haben. (Herodot. lib. II. p. 130. Edit. Wessel.) Verschiedene Anmerkungen ber dieses Kolossalische insbesondere, und warum es in der Bildhauerei von so groer, in der Malerei aber von gar keiner Wirkung ist, verspare ich auf einen andern Ort.} Das Mittel, dessen sich die Malerei bedienet, uns zu verstehen zu geben, da in ihren Kompositionen dieses oder jenes als unsichtbar betrachtet werden msse, ist eine dnne Wolke, in welche sie es von der Seite der mithandelnden Personen einhllet. Diese Wolke scheinet aus dem Homer selbst entlehnet zu sein. Denn wenn im Getmmel der Schlacht einer von den wichtigern Helden in Gefahr kmmt, aus der ihn keine andere, als gttliche Macht retten kann: so lt der Dichter ihn von der schtzenden Gottheit in einen dicken Nebel, oder in Nacht verhllen, und so davon fhren; als den Paris von der Venus 4), den Idus vom Neptuns 5), den Hektor vom Apollo 6). Und diesen Nebel, diese Wolke, wird Caylus nie vergessen, dem Knstler bestens zu empfehlen, wenn er ihm die Gemlde von dergleichen Begebenheiten vorzeichnet. Wer sieht aber nicht, da bei dem Dichter das Einhllen in Nebel und Nacht weiter nichts, als eine poetische Redensart fr unsichtbar machen, sein soll? Es hat mich daher jederzeit befremdet, diesen poetischen Ausdruck realisieret, und eine wirkliche Wolke in dem Gemlde angebracht zu finden, hinter welcher der Held, wie hinter einer spanischen Wand, vor seinem Feinde verborgen stehet. Das war nicht die Meinung des Dichters. Das heit aus den Grenzen der Malerei herausgehen; denn diese Wolke ist hier eine wahre Hieroglyphe, ein bloes symbolisches Zeichen, das den befreiten Held nicht unsichtbar macht, sondern den Betrachtern zuruft: ihr mt ihn euch als unsichtbar vorstellen. Sie ist hier nichts besser, als die beschriebenen Zettelchen, die auf alten gotischen Gemlden den Personen aus dem Munde gehen. {4. Iliad. G. v. 381.} {5. Iliad. E. v. 23.} {6. Iliad. Y. v. 444.} Es ist wahr, Homer lt den Achilles, indem ihm Apollo den Hektor entrcket, noch dreimal nach dem dicken Nebel mit der Lanze stoen: triV d' hera tuye baJeian 7). Allein auch das heit in der Sprache des Dichters weiter nichts, als da Achilles so wtend gewesen, da er noch dreimal gestoen, ehe er es gemerkt, da er seinen Feind nicht mehr vor sich habe. Keinen wirklichen Nebel sahe Achilles nicht, und das ganze Kunststck, womit die Gtter unsichtbar machten, bestand auch nicht in dem Nebel, sondern in der schnellen Entrckung. Nur um zugleich mit anzuzeigen, da die Entrckung so schnell geschehen, da kein menschliches Auge dem entrckten Krper nachfolgen knnen, hllet ihn der Dichter vorher in Nebel ein; nicht weil man anstatt des entrckten Krpers einen Nebel gesehen, sondern weil wir das, was in einem Nebel ist, als nicht sichtbar denken. Daher kehrt er es auch bisweilen um, und lt, anstatt das Objekt unsichtbar zu machen, das Subjekt mit Blindheit geschlagen werden. So verfinstert Neptun die Augen des Achilles, wenn er den Aeneas aus seinen mrderischen Hnden errettet, den er mit einem Rucke mitten aus dem Gewhle auf einmal in das Hintertreffen versetzt 8). In der Tat aber sind des Achilles Augen hier ebensowenig verfinstert, als dort die entrckten Helden in Nebel gehllet; sondern der Dichter setzt das eine und das andere nur blo hinzu, um die uerste Schnelligkeit der Entrckung, welche wir das Verschwinden nennen, dadurch sinnlicher zu machen. {7. Ibid. v. 446.} {8. Iliad. Y. v. 321.} Den homerischen Nebel aber haben sich die Maler nicht blo in den Fllen zu eigen gemacht, wo ihn Homer selbst gebraucht hat, oder gebraucht haben wrde: bei Unsichtbarwerdungen, bei Verschwindungen, sondern berall, wo der Betrachter etwas in dem Gemlde erkennen soll, was die Personen des Gemldes entweder alle, oder zum Teil, nicht erkennen. Minerva war dem Achilles nur allein sichtbar, als sie ihn zurckhielt, sich mit Ttigkeiten gegen den Agamemnon zu vergehen. Dieses auszudrcken, sagt Caylus, wei ich keinen andern Rat, als da man sie von der Seite der brigen Ratsversammlung in eine Wolke verhlle. Ganz wider den Geist des Dichters. Unsichtbar sein, ist der natrliche Zustand seiner Gtter; es bedarf keiner Blendung, keiner Abschneidung der Lichtstrahlen, da sie nicht gesehen werden 9); sondern es bedarf einer Erleuchtung, einer Erhhung des sterblichen Gesichts, wenn sie gesehen werden sollen. Nicht genug also, da die Wolke ein willkrliches, und kein natrliches Zeichen bei den Malern ist; dieses willkrliche Zeichen hat auch nicht einmal die bestimmte Deutlichkeit, die es als ein solches haben knnte; denn sie brauchen es ebensowohl, um das Sichtbare unsichtbar, als um das Unsichtbare sichtbar zu machen. {9. Zwar lt Homer auch Gottheiten sich dann und wann in eine Wolke hllen, aber nur alsdenn, wenn sie von andern Gottheiten nicht wollen gesehen werden. Z. E. Iliad. X. v. 282, wo Juno und der Schlaf hera essamenw sich nach dem Ida verfgen, war es der schlauen Gttin hchste Sorge, von der Venus nicht entdeckt zu werden, die ihr, nur unter dem Vorwande einer ganz andern Reise, ihren Grtel geliehen hatte. In eben dem Buche (v. 344.) mu eine gldene Wolke den wollusttrunkenen Jupiter mit seiner Gemahlin umgeben, um ihren zchtigen Weigerungen abzuhelfen: PvV k' eoi, ei tiV nvi Jevn aieigenetawn Eudont' aJrhseie;-- Sie frchte sich nicht von den Menschen gesehen zu werden; sondern von den Gttern. Und wenn schon Homer den Jupiter einige Zeilen darauf sagen lt: Hrh, mhte Jevn toge deidiJi, mhte tin' andrvn OyesJai toion toi egw nejoV amjikaluyw Cruseon so folgt doch daraus nicht, da sie erst diese Wolke vor den Augen der Menschen wrde verborgen haben; sondern es will nur so viel, da sie in dieser Wolke ebenso unsichtbar den Gttern werden solle, als sie es nur immer den Menschen sei. So auch, wenn Minerva sich den Helm des Pluto aufsetzet (Iliad. E. v. 845.), welches mit dem Verhllen in eine Wolke einerlei Wirkung hatte, geschieht es nicht, um von den Trojanern nicht gesehen zu werden, die sie entweder gar nicht, oder unter der Gestalt des Sthenelus erblicken, sondern lediglich, damit sie Mars nicht erkennen mge.} XIII. Wenn Homers Werke gnzlich verloren wren, wenn wir von seiner Ilias und Odyssee nichts brig htten, als eine hnliche Folge von Gemlden, dergleichen Caylus daraus vorgeschlagen: wrden wir wohl aus diesen Gemlden,--sie sollen von der Hand des vollkommensten Meisters sein--ich will nicht sagen, von dem ganzen Dichter, sondern blo von seinem malerischen Talente, uns den Begriff bilden knnen, den wir itzt von ihm haben? Man mache einen Versuch mit dem ersten dem besten Stcke. Es sei das Gemlde der Pest 1). Was erblicken wir auf der Flche des Knstlers? Tote Leichname, brennende Scheiterhaufen, Sterbende mit Gestorbenen beschftiget, den erzrnten Gott auf einer Wolke, seine Pfeile abdrckend. Der grte Reichtum dieses Gemldes ist Armut des Dichters. Denn sollte man den Homer aus diesem Gemlde wiederherstellen: was knnte man ihn sagen lassen? "Hierauf ergrimmte Apollo, und scho seine Pfeile unter das Heere der Griechen. Viele Griechen sturben und ihre Leichname wurden verbrannt." Nun lese man den Homer selbst: {1. Iliad. A. v. 44-53. Tableaux tirs de l'Iliade p. 7.} Bh de kat' Oulumpoio karhnwn cwomenoV khr, Tox' wmoisin ecwn, amjhrejea te jaretrhn. Eklagxan d' ar' oistoi ep' wmwn cwomenoio, Autou kinhJentoV o d' hie nukti eoikwV Ezet' epeit' apaneuJe nevn, meta d' ion ehken Deinh de klaggh genet' argureoio bioio. OurhaV men prvton epwceto, kai kunaV argouV Autar epeit' autoisi beloV ecepeukeV ejieiV Ball' aiei de purai nekuwn kaionto Jameiai. So weit das Leben ber das Gemlde ist, so weit ist der Dichter hier ber den Maler. Ergrimmt, mit Bogen und Kcher, steiget Apollo von den Zinnen des Olympus. Ich sehe ihn nicht allein herabsteigen, ich hre ihn. Mit jedem Tritte erklingen die Pfeile um die Schultern des Zornigen. Er gehet einher, gleich der Nacht. Nun sitzt er gegen den Schiffen ber, und schnellet--frchterlich erklingt der silberne Bogen--den ersten Pfeil auf die Maultiere und Hunde. Sodann fat er mit dem giftigern Pfeile die Menschen selbst; und berall lodern unaufhrlich Holzste mit Leichnamen.--Es ist unmglich, die musikalische Malerei, welche die Worte des Dichters mit hren lassen, in eine andere Sprache berzutragen. Es ist ebenso unmglich, sie aus dem materiellen Gemlde zu vermuten, ob sie schon nur der allerkleineste Vorzug ist, den das poetische Gemlde vor selbigem hat. Der Hauptvorzug ist dieser, da uns der Dichter zu dem, was das materielle Gemlde aus ihm zeiget, durch eine ganze Galerie von Gemlden fhret. Aber vielleicht ist die Pest kein vorteilhafter Vorwurf fr die Malerei. Hier ist ein anderer, der mehr Reize fr das Auge hat. Die ratpflegenden trinkenden Gtter 2). Ein goldner offener Palast, willkrliche Gruppen der schnsten und verehrungswrdigsten Gestalten, den Pokal in der Hand, von Heben, der ewigen Jugend, bedienet. Welche Architektur, welche Massen von Licht und Schatten, welche Kontraste, welche Mannigfaltigkeit des Ausdruckes! Wo fange ich an, wo hre ich auf, mein Auge zu weiden? Wann mich der Maler so bezaubert, wieviel mehr wird es der Dichter tun! Ich schlage ihn auf, und ich finde--mich betrogen. Ich finde vier gute plane Zeilen, die zur Unterschrift eines Gemldes dienen knnen, in welchen der Stoff zu einem Gemlde liegt, aber die selbst kein Gemlde sind. {2. Iliad. D. v. 1-4. Tableaux tirs de l'Iliade p. 30.} Oi de Jeoi par Zhni kaJhmenoi hgorownto Crusew en dapedw, meta de sjisi potnia Hbh Nektar ewnocoei toi de cruseoiV depaessi Deidecat' allhlouV, Trwwn polin eisorownteV. Das wrde ein Apollonius, oder ein noch mittelmigerer Dichter, nicht schlechter gesagt haben; und Homer bleibt hier ebensoweit unter dem Maler, als der Maler dort unter ihm blieb. Noch dazu findet Caylus in dem ganzen vierten Buche der Ilias sonst kein einziges Gemlde, als nur eben in diesen vier Zeilen. So sehr sich, sagt er, das vierte Buch durch die mannigfaltigen Ermunterungen zum Angriffe, durch die Fruchtbarkeit glnzender und abstechender Charaktere, und durch die Kunst ausnimmt, mit welcher uns der Dichter die Menge, die er in Bewegung setzen will, zeiget: so ist es doch fr die Malerei gnzlich unbrauchbar. Er htte dazu setzen knnen: so reich es auch sonst an dem ist, was man poetische Gemlde nennet. Denn wahrlich, es kommen derer in dem vierten Buche so hufige und so vollkommene vor, als nur in irgend einem andern. Wo ist ein ausgefhrteres, tuschenderes Gemlde als das vom Pandarus, wie er auf Anreizen der Minerva den Waffenstillestand bricht, und seinen Pfeil auf den Menelaus losdrckt? Als das, von dem Anrcken des griechischen Heeres? Als das, von dem beiderseitigen Angriffe? Als das, von der Tat des Ulysses, durch die er den Tod seines Leukus rchet? Was folgt aber hieraus, da nicht wenige der schnsten Gemlde des Homers kein Gemlde fr den Artisten geben? da der Artist Gemlde aus ihm ziehen kann, wo er selbst keine hat? da die, welche er hat, und der Artist gebrauchen kann, nur sehr armselige Gemlde sein wrden, wenn sie nicht mehr zeigten, als der Artist zeiget? Was sonst, als die Verneinung meiner obigen Frage? Da aus den materiellen Gemlden, zu welchen die Gedichte des Homers Stoff geben, wann ihrer auch noch so viele, wann sie auch noch so vortrefflich wren, sich dennoch auf das malerische Talent des Dichters nichts schlieen lt. XIV. Ist dem aber so, und kann ein Gedicht sehr ergiebig fr den Maler, dennoch aber selbst nicht malerisch, hinwiederum ein anderes sehr malerisch, und dennoch nicht ergiebig fr den Maler sein: so ist es auch um den Einfall des Grafen Caylus getan, welcher die Brauchbarkeit fr den Maler zum Probiersteine der Dichter machen, und ihre Rangordnung nach der Anzahl der Gemlde, die sie dem Artisten darbieten, bestimmen wollen 1). {1. Tableaux tirs de l'Iliade, Avert. p. V. On est toujours convenu, que plus un pome fournissait d'images et d'actions, plus il avait de supriorit en posie. Cette rflexion m'avait conduit penser que le calcul des diffrents tableaux, qu'offrent les pomes, pouvait servir comparer le mrite respectif des pomes et des potes. Le nombre et le genre des tableaux que prsentent ces grands ouvrages, auraient t une espce de pierre de touche, en plutt une balance certaine du mrite de ces pomes et du gnie de leurs auteurs.} Fern sei es, diesem Einfalle, auch nur durch unser Stillschweigen, das Ansehen einer Regel gewinnen zu lassen. Milton wrde als das erste unschuldige Opfer derselben fallen. Denn es scheinet wirklich, da das verchtliche Urteil, welches Caylus ber ihn spricht, nicht sowohl Nationalgeschmack, als eine Folge seiner vermeinten Regel gewesen. Der Verlust des Gesichts, sagt er, mag wohl die grte hnlichkeit sein, die Milton mit dem Homer gehabt hat. Freilich kann Milton keine Galerien fllen. Aber mte, solange ich das leibliche Auge htte, die Sphre desselben auch die Sphre meines innern Auges sein, so wrde ich, um von dieser Einschrnkung frei zu werden, einen groen Wert auf den Verlust des erstern legen. Das Verlorne Paradies ist darum nicht weniger die erste Epope nach dem Homer, weil es wenig Gemlde liefert, als die Leidensgeschichte Christi deswegen ein Poem ist, weil man kaum den Kopf einer Nadel in sie setzen kann, ohne auf eine Stelle zu treffen, die nicht eine Menge der grten Artisten beschftiget htte. Die Evangelisten erzhlen das Faktum mit aller mglichen trockenen Einfalt, und der Artist nutzet die mannigfaltigen Teile desselben, ohne da sie ihrerseits den geringsten Funken von malerischem Genie dabei gezeigt haben. Es gibt malbare und unmalbare Fakta, und der Geschichtschreiber kann die malbarsten ebenso unmalerisch erzhlen, als der Dichter die unmalbarsten malerisch darzustellen vermgend ist. Man lt sich blo von der Zweideutigkeit des Wortes verfhren, wenn man die Sache anders nimmt. Ein poetisches Gemlde ist nicht notwendig das, was in ein materielles Gemlde zu verwandeln ist; sondern jeder Zug, jede Verbindung mehrerer Zge, durch die uns der Dichter seinen Gegenstand so sinnlich macht, da wir uns dieses Gegenstandes deutlicher bewut werden, als seiner Worte, heit malerisch, heit ein Gemlde, weil es uns dem Grade der Illusion nher bringt, dessen das materielle Gemlde besonders fhig ist, der sich von dem materiellen Gemlde am ersten und leichtesten abstrahieren lassen 2). {2. Was wir poetische Gemlde nennen, nannten die Alten Phantasien, wie man sich aus dem Longin erinnern wird. Und was wir die Illusion, das Tuschende dieser Gemlde heien, hie bei ihnen die Enargie. Daher hatte einer, wie Plutarchus meldet, (Erot. T. II. Edit. Henr. Steph. p. 1351.) gesagt: die poetischen Phantasien wren, wegen ihrer Enargie, Trume der Wachenden; Ai poihtikai jantasiai dia thn enargeian egrhgorotwn enupnia eisin. Ich wnschte sehr, die neuern Lehrbcher der Dichtkunst htten sich dieser Benennung bedienen, und des Worts Gemlde gnzlich enthalten wollen. Sie wrden uns eine Menge halbwahrer Regeln erspart haben, deren vornehmster Grund die bereinstimmung eines willkrlichen Namens ist. Poetische Phantasien wrde kein Mensch so leicht den Schranken eines materiellen Gemldes unterworfen haben; aber sobald man die Phantasien poetische Gemlde nannte, so war der Grund zur Verfhrung gelegt.} XV. Nun kann der Dichter zu diesem Grade der Illusion, wie die Erfahrung zeiget, auch die Vorstellungen anderer, als sichtbarer Gegenstnde erheben. Folglich mssen notwendig dem Artisten ganze Klassen von Gemlden abgehen, die der Dichter vor ihm voraus hat. Drydens Ode auf den Ccilienstag ist voller musikalischen Gemlde, die den Pinsel mig lassen. Doch ich will mich in dergleichen Exempel nicht verlieren, aus welchen man am Ende doch wohl nicht viel mehr lernet, als da die Farben keine Tne, und die Ohren keine Augen sind. Ich will bei den Gemlden blo sichtbarer Gegenstnde stehen bleiben, die dem Dichter und Maler gemein sind. Woran liegt es, da manche poetische Gemlde von dieser Art, fr den Maler unbrauchbar sind, und hinwiederum manche eigentliche Gemlde unter der Behandlung des Dichters den grten Teil ihrer Wirkung verlieren? Exempel mgen mich leiten. Ich wiederhole es: das Gemlde des Pandarus im vierten Buche der Ilias ist eines von den ausgefhrtesten, tuschendsten im ganzen Homer. Von dem Ergreifen des Bogens bis zu dem Fluge des Pfeiles, ist jeder Augenblick gemalt, und alle diese Augenblicke sind so nahe und doch so unterschieden angenommen, da, wenn man nicht wte, wie mit dem Bogen umzugehen wre, man es aus diesem Gemlde allein lernen knnte 1). Pandarus zieht seinen Bogen hervor, legt die Sehne an, ffnet den Kcher, whlet einen noch ungebrauchten wohlbefiederten Pfeil, setzt den Pfeil an die Sehne, zieht die Sehne mitsamt dem Pfeile unten an dem Einschnitte zurck, die Sehne nahet sich der Brust, die eiserne Spitze des Pfeiles dem Bogen, der groe gerundete Bogen schlgt tnend auseinander, die Sehne schwirret, ab sprang der Pfeil, und gierig fliegt er nach seinem Ziele. {1. Iliad. D. v. 105. Autik' esula toxon euxoon-- Kai to men eu kateJhke tanussamenoV, poti gaih AgklinaV-- Autar o sula pvma jaretrhV ek d' elet' ion Ablhta, pteroenta, melainvn erm' odunawn, Aiya d' epi neurh katekosmei pikron oiston,-- Elke d' omou glujidaV te labwn kai neura boeia. Neurhn men mazv pelasen, toxw de sidhron.-- Autar epei dh kuklotereV mega toxon eteine, Ligxe bioV, neurh de meg' iacen, alto d' oistoV OxubelhV, kaJ' omilon epiptesJai meneainwn.} bersehen kann Caylus dieses vortreffliche Gemlde nicht haben. Was fand er also darin, warum er es fr unfhig achtete, seinen Artisten zu beschftigen? Und was war es, warum ihm die Versammlung der ratpflegenden zechenden Gtter zu dieser Absicht tauglicher dnkte? Hier sowohl als dort sind sichtbare Vorwrfe, und was braucht der Maler mehr, als sichtbare Vorwrfe, um seine Flche zu fllen? Der Knoten mu dieser sein. Obschon beide Vorwrfe, als sichtbar, der eigentlichen Malerei gleich fhig sind: so findet sich doch dieser wesentliche Unterschied unter ihnen, da jener eine sichtbare fortschreitende Handlung ist, deren verschiedene Teile sich nach und nach, in der Folge der Zeit, ereignen, dieser hingegen eine sichtbare stehende Handlung, deren verschiedene Teile sich nebeneinander im Raume entwickeln. Wenn nun aber die Malerei, vermge ihrer Zeichen oder der Mittel ihrer Nachahmung, die sie nur im Raume verbinden kann, der Zeit gnzlich entsagen mu: so knnen fortschreitende Handlungen, als fortschreitend, unter ihre Gegenstnde nicht gehren, sondern sie mu sich mit Handlungen nebeneinander, oder mit bloen Krpern, die durch ihre Stellungen eine Handlung vermuten lassen, begngen. Die Poesie hingegen- XVI. Doch ich will versuchen, die Sache aus ihren ersten Grnden herzuleiten. Ich schliee so. Wenn es wahr ist, da die Malerei zu ihren Nachahmungen ganz andere Mittel, oder Zeichen gebrauchet, als die Poesie; jene nmlich Figuren und Farben in dem Raume, diese aber artikulierte Tne in der Zeit; wenn unstreitig die Zeichen ein bequemes Verhltnis zu dem Bezeichneten haben mssen: so knnen nebeneinander geordnete Zeichen auch nur Gegenstnde, die nebeneinander, oder deren Teile nebeneinander existieren, aufeinanderfolgende Zeichen aber auch nur Gegenstnde ausdrcken, die aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen. Gegenstnde, die nebeneinander oder deren Teile nebeneinander existieren, heien Krper. Folglich sind Krper mit ihren sichtbaren Eigenschaften die eigentlichen Gegenstnde der Malerei. Gegenstnde, die aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen, heien berhaupt Handlungen. Folglich sind Handlungen der eigentliche Gegenstand der Poesie. Doch alle Krper existieren nicht allein in dem Raume, sondern auch in der Zeit. Sie dauern fort, und knnen in jedem Augenblicke ihrer Dauer anders erscheinen, und in anderer Verbindung stehen. Jede dieser augenblicklichen Erscheinungen und Verbindungen ist die Wirkung einer vorhergehenden, und kann die Ursache einer folgenden, und sonach gleichsam das Zentrum einer Handlung sein. Folglich kann die Malerei auch Handlungen nachahmen, aber nur andeutungsweise durch Krper. Auf der andern Seite knnen Handlungen nicht fr sich selbst bestehen, sondern mssen gewissen Wesen anhngen. Insofern nun diese Wesen Krper sind, oder als Krper betrachtet werden, schildert die Poesie auch Krper, aber nur andeutungsweise durch Handlungen. Die Malerei kann in ihren koexistierenden Kompositionen nur einen einzigen Augenblick der Handlung nutzen, und mu daher den prgnantesten whlen, aus welchem das Vorhergehende und Folgende am begreiflichsten wird. Ebenso kann auch die Poesie in ihren fortschreitenden Nachahmungen nur eine einzige Eigenschaft der Krper nutzen, und mu daher diejenige whlen, welche das sinnlichste Bild des Krpers von der Seite erwecket, von welcher sie ihn braucht. Hieraus fliet die Regel von der Einheit der malerischen Beiwrter, und der Sparsamkeit in den Schilderungen krperlicher Gegenstnde. Ich wrde in diese trockene Schlukette weniger Vertrauen setzen, wenn ich sie nicht durch die Praxis des Homers vollkommen besttiget fnde, oder wenn es nicht vielmehr die Praxis des Homers selbst wre, die mich darauf gebracht htte. Nur aus diesen Grundstzen lt sich die groe Manier des Griechen bestimmen und erklren, sowie der entgegengesetzten Manier so vieler neuern Dichter ihr Recht erteilen, die in einem Stcke mit dem Maler wetteifern wollen, in welchem sie notwendig von ihm berwunden werden mssen. Ich finde, Homer malet nichts als fortschreitende Handlungen, und alle Krper, alle einzelne Dinge malet er nur durch ihren Anteil an diesen Handlungen, gemeiniglich nur mit einem Zuge. Was Wunder also, da der Maler, da wo Homer malet, wenig oder nichts fr sich zu tun siehet, und da seine Ernte nur da ist, wo die Geschichte eine Menge schner Krper, in schnen Stellungen, in einem der Kunst vorteilhaften Raume zusammenbringt, der Dichter selbst mag diese Krper, diese Stellungen, diesen Raum so wenig malen, als er will? Man gehe die ganze Folge der Gemlde, wie sie Caylus aus ihm vorschlgt, Stck vor Stck durch, und man wird in jedem den Beweis von dieser Anmerkung finden. Ich lasse also hier den Grafen, der den Farbenstein des Malers zum Probiersteine des Dichters machen will, um die Manier des Homers nher zu erklren. Fr ein Ding, sage ich, hat Homer gemeiniglich nur einen Zug. Ein Schiff ist ihm bald das schwarze Schiff, bald das hohle Schiff, bald das schnelle Schiff, hchstens das wohlberuderte schwarze Schiff. Weiter lt er sich in die Malerei des Schiffes nicht ein. Aber wohl das Schiffen, das Abfahren, das Anlanden des Schiffes, macht er zu einem ausfhrlichen Gemlde, zu einem Gemlde, aus welchem der Maler fnf, sechs besondere Gemlde machen mte, wenn er es ganz auf seine Leinwand bringen wollte. Zwingen den Homer ja besondere Umstnde, unsern Blick auf einen einzeln krperlichen Gegenstand lnger zu heften: so wird demohngeachtet kein Gemlde daraus, dem der Maler mit dem Pinsel folgen knnte; sondern er wei durch unzhlige Kunstgriffe diesen einzeln Gegenstand in eine Folge von Augenblicken zu setzen, in deren jedem er anders erscheinet, und in deren letztem ihn der Maler erwarten mu, um uns entstanden zu zeigen, was wir bei dem Dichter entstehen sehn. Z. E. Will Homer uns den Wagen der Juno sehen lassen, so mu ihn Hebe vor unsern Augen Stck vor Stck zusammensetzen. Wir sehen die Rder, die Achsen, den Sitz, die Deichsel und Riemen und Strnge, nicht sowohl wie es beisammen ist, als wie es unter den Hnden der Hebe zusammenkommt. Auf die Rder allein verwendet der Dichter mehr als einen Zug, und weiset uns die ehernen acht Speichen, die goldenen Felgen, die Schienen von Erzt, die silberne Nabe, alles insbesondere. Man sollte sagen: da der Rder mehr als eines war, so mute in der Beschreibung ebensoviel Zeit mehr auf sie gehen, als ihre besondere Anlegung deren in der Natur selbst mehr erforderte 1). {1. Iliad. E. v. 722-731.} Hbh d' amj' oceessi JovV bale kampula kukla Calkea, oktaknhma, sidhrew axoni amjiV Tvn h toi cruseh ituV ajJitoV, autar uperJen Calke episswtra, prosarhrota, Jauma idesJai Plhmnai d' argurou eisi peridromoi amjoterwJen DijroV de cruseoisi kai argureoisin imasin Entetatai doiai de peridromoi antugeV eisin Tou d' ex argureoV rumoV pelen autar ep' akrw Dhse cruseion kalon zugon, en de lepadna Kal' ebale, cruseia-- Will uns Homer zeigen, wie Agamemnon bekleidet gewesen, so mu sich der Knig vor unsern Augen seine vllige Kleidung Stck vor Stck umtun; das weiche Unterkleid, den groen Mantel, die schnen Halbstiefeln, den Degen; und so ist er fertig, und ergreift das Zepter. Wir sehen die Kleider, indem der Dichter die Handlung des Bekleidens malet; ein anderer wrde die Kleider bis auf die geringste Franze gemalet haben, und von der Handlung htten wir nichts zu sehen bekommen 2). {2. Iliad. B. v. 43-47.} --malakon d' endune citvna, Kalon, nhgateon, peri d' au mega balleto jaroV Possi d' upai liparoisin edhsato kala pedila Amji d' ar' wmoisin baleto xijoV argurohlon, Eileto de skhptron patrwion, ajJiton aiei. Und wenn wir von diesem Zepter, welches hier blo das vterliche, unvergngliche Zepter heit, so wie ein hnliches ihm an einem andern Orte blo crouseioiV hloisi peparmenon, das mit goldenen Stiften beschlagene Zepter ist, wenn wir, sage ich, von diesem wichtigen Zepter ein vollstndigeres, genaueres Bild haben sollen: was tut sodann Homer? Malt er uns, auer den goldenen Ngeln, nun auch das Holz, den geschnitzten Knopf? Ja, wenn die Beschreibung in eine Heraldik sollte, damit einmal in den folgenden Zeiten ein anderes genau darnach gemacht werden knne. Und doch bin ich gewi, da mancher neuere Dichter eine solche Wappenknigsbeschreibung daraus wrde gemacht haben, in der treuherzigen Meinung, da er wirklich selber gemalt habe, weil der Maler ihm nachmalen kann. Was bekmmert sich aber Homer, wie weit er den Maler hinter sich lt? Statt einer Abbildung gibt er uns die Geschichte des Zepters: erst ist es unter der Arbeit des Vulkans; nun glnzt es in den Hnden des Jupiters; nun bemerkt es die Wrde Merkurs; nun ist es der Kommandostab des kriegerischen Pelops; nun der Hirtenstab des friedlichen Atreus usw. --Skhptron ecwn to men HjaistoV kame teucwn HjaistoV men dvke Dii Kroniwni anakti Autar ara ZeuV dvke diaktorw Argeijonth ErmeiaV de anax dvken Pelopi plhxippw Autar o aute Peloy dvk' Atrei, poimeni lavn AtreuV de Jnhskwn elipe poluarni Questh Autar o aute Quest' Agamemnoni leipe jorhnai, Pollhsi nhsoisi kai Argei panti anassein 3) {3. Iliad. B. v. 101-108.} So kenne ich endlich dieses Zepter besser, als mir es der Maler vor Augen legen, oder ein zweiter Vulkan in die Hnde liefern knnte.--Es wrde mich nicht befremden, wenn ich fnde, da einer von den alten Auslegern des Homers diese Stelle als die vollkommenste Allegorie von dem Ursprunge, dem Fortgange, der Befestigung und endlichen Beerbfolgung der kniglichen Gewalt unter den Menschen bewundert htte. Ich wrde zwar lcheln, wenn ich lse, da Vulkan, welcher das Zepter gearbeitet, als das Feuer, als das, was dem Menschen zu seiner Erhaltung das Unentbehrlichste ist, die Abstellung der Bedrfnisse berhaupt anzeige, welche die ersten Menschen, sich einem einzigen zu unterwerfen, bewogen; da der erste Knig ein Sohn der Zeit, (ZeuV Kroniwn) ein ehrwrdiger Alte gewesen sei, welcher seine Macht mit einem beredten klugen Manne, mit einem Merkur, (Diaktorw Argeijonth) teilen, oder gnzlich auf ihn bertragen wollen; da der kluge Redner zur Zeit, als der junge Staat von auswrtigen Feinden bedrohet worden, seine oberste Gewalt dem tapfersten Krieger (Pelopi plhxippw) berlassen habe; da der tapfere Krieger, nachdem er die Feinde gedmpfet und das Reich gesichert, es seinem Sohne in die Hnde spielen knnen, welcher als ein friedliebender Regent, als ein wohlttiger Hirte seiner Vlker (poimhn lavn), sie mit Wohlleben und berflu bekannt gemacht habe, wodurch nach seinem Tode dem reichsten seiner Anverwandten (poluarni Questh) der Weg gebahnet worden, das was bisher das Vertrauen erteilet, und das Verdienst mehr fr eine Brde als Wrde gehalten hatte, durch Geschenke und Bestechungen an sich zu bringen, und es hernach als ein gleichsam erkauftes Gut seiner Familie auf immer zu versichern. Ich wrde lcheln, ich wrde aber demohngeachtet in meiner Achtung fr den Dichter bestrket werden, dem man so vieles leihen kann. Doch dieses liegt auer meinem Wege, und ich betrachte itzt die Geschichte des Zepters blo als einen Kunstgriff, uns bei einem einzeln Dinge verweilen zu machen, ohne sich in die frostige Beschreibung seiner Teile einzulassen. Auch wenn Achilles bei seinem Zepter schwret, die Geringschtzung, mit welcher ihm Agamemnon begegnet, zu rchen, gibt uns Homer die Geschichte dieses Zepters. Wir sehen ihn auf den Bergen grnen, das Eisen trennet ihn von dem Stamme, entblttert und entrindet ihn, und macht ihn bequem, den Richtern des Volkes zum Zeichen ihrer gttlichen Wrde zu dienen 4). {4. Iliad. A. v. 234-239.} Nai ma tode skhptron, to men oupote julla kai ozouV Fusei, epei dh prvta tomhn en oressi leloipen, Oud' anaJhlhsei peri gar ra e calkoV eleye, Fulla te kai jloion nun aute min uieV Acaivn En palamhV joreousi dikaspoloi, oi te JemistaV ProV DioV eiruatai-- Dem Homer war nicht sowohl daran gelegen, zwei Stbe von verschiedener Materie und Figur zu schildern, als uns von der Verschiedenheit der Macht, deren Zeichen diese Stbe waren, ein sinnliches Bild zu machen. Jener, ein Werk des Vulkans; dieser, von einer unbekannten Hand auf den Bergen geschnitten: jener der alte Besitz eines edeln Hauses; dieser bestimmt, die erste die beste Faust zu fllen: jener, von einem Monarchen ber viele Inseln und ber ganz Argos erstrecket; dieser, von einem aus dem Mittel der Griechen gefhret, dem man nebst andern die Bewahrung der Gesetze anvertrauet hatte. Dieses war wirklich der Abstand, in welchem sich Agamemnon und Achill voneinander befanden; ein Abstand, den Achill selbst, bei allem seinem blinden Zorne, einzugestehen, nicht umhin konnte. Doch nicht blo da, wo Homer mit seinen Beschreibungen dergleichen weitere Absichten verbindet, sondern auch da, wo es ihm um das bloe Bild zu tun ist, wird er dieses Bild in eine Art von Geschichte des Gegenstandes verstreuen, um die Teile desselben, die wir in der Natur nebeneinander sehen, in seinem Gemlde ebenso natrlich aufeinander folgen, und mit dem Flusse der Rede gleichsam Schritt halten zu lassen. Z. E. Er will uns den Bogen des Pandarus malen; einen Bogen von Horn, von der und der Lnge, wohl polieret, und an beiden Spitzen mit Goldblech beschlagen. Was tut er? Zhlt er uns alle diese Eigenschaften so trocken eine nach der andern vor? Mit nichten; das wrde einen solchen Bogen angeben, vorschreiben, aber nicht malen heien. Er fngt mit der Jagd des Steinbockes an, aus dessen Hrnern der Bogen gemacht worden; Pandarus hatte ihm in den Felsen aufgepat, und ihn erlegt; die Hrner waren von auerordentlicher Gre, deswegen bestimmte er sie zu einem Bogen; sie kommen in die Arbeit, der Knstler verbindet sie, polieret sie, beschlgt sie. Und so, wie gesagt, sehen wir bei dem Dichter entstehen, was wir bei dem Maler nicht anders als entstanden sehen knnen 5). {5. Iliad. D. v. 105-111.} --toxon, euxoon, ixalou aigoV Agriou, on ra pot' autoV, upo sternoio tuchsaV, PetrhV ekbainonta dedegmenoV en prodokhsin, Beblhkei proV sthJoV o d' uptioV empese petrh Tou kera ek kejalhV ekkaidekadwra pejukai. Kai ta men askhsaV keraoxooV hrare tektwn, Pan d' eu leihnaV, krusehn epeJhke korwnhn. Ich wrde nicht fertig werden, wenn ich alle Exempel dieser Art ausschreiben wollte. Sie werden jedem, der seinen Homer innehat, in Menge beifallen. XVII. Aber, wird man einwenden, diese Zeichen der Poesie sind nicht blo aufeinanderfolgend, sie sind auch willkrlich; und als willkrliche Zeichen sind sie allerdings fhig, Krper, so wie sie im Raume existieren, auszudrcken. In dem Homer selbst fnden sich hiervon Exempel, an dessen Schild des Achilles man sich nur erinnern drfe, um das entscheidendste Beispiel zu haben, wie weitluftig und doch poetisch man ein einzelnes Ding nach seinen Teilen nebeneinander schildern knne. Ich will auf diesen doppelten Einwurf antworten. Ich nenne ihn doppelt, weil ein richtiger Schlu auch ohne Exempel gelten mu, und Gegenteils das Exempel des Homers bei mir von Wichtigkeit ist, auch wenn ich es noch durch keinen Schlu zu rechtfertigen wei. Es ist wahr; da die Zeichen der Rede willkrlich sind, so ist es gar wohl mglich, da man durch sie die Teile eines Krpers ebensowohl aufeinanderfolgen lassen kann, als sie in der Natur nebeneinander befindlich sind. Allein dieses ist eine Eigenschaft der Rede und ihrer Zeichen berhaupt, nicht aber insoferne sie der Absicht der Poesie am bequemsten sind. Der Poet will nicht blo verstndlich werden, seine Vorstellungen sollen nicht blo klar und deutlich sein; hiermit begngt sich der Prosaist. Sondern er will die Ideen, die er in uns erwecket, so lebhaft machen, da wir in der Geschwindigkeit die wahren sinnlichen Eindrcke ihrer Gegenstnde zu empfinden glauben, und in diesem Augenblicke der Tuschung uns der Mittel, die er dazu anwendet, seiner Worte, bewut zu sein aufhren. Hierauf lief oben die Erklrung des poetischen Gemldes hinaus. Aber der Dichter soll immer malen; und nun wollen wir sehen, inwieferne Krper nach ihren Teilen nebeneinander sich zu dieser Malerei schicken. Wie gelangen wir zu der deutlichen Vorstellung eines Dinges im Raume? Erst betrachten wir die Teile desselben einzeln, hierauf die Verbindung dieser Teile, und endlich das Ganze. Unsere Sinne verrichten diese verschiedene Operationen mit einer so erstaunlichen Schnelligkeit, da sie uns nur eine einzige zu sein bednken, und diese Schnelligkeit ist unumgnglich notwendig, wann wir einen Begriff von dem Ganzen, welcher nichts mehr als das Resultat von den Begriffen der Teile und ihrer Verbindung ist, bekommen sollen. Gesetzt nun also auch, der Dichter fhre uns in der schnsten Ordnung von einem Teile des Gegenstandes zu dem andern; gesetzt, er wisse uns die Verbindung dieser Teile auch noch so klar zu machen: wie viel Zeit gebraucht er dazu? Was das Auge mit einmal bersiehet, zhlt er uns merklich langsam nach und nach zu, und oft geschieht es, da wir bei dem letzten Zuge den ersten schon wiederum vergessen haben. Jedennoch sollen wir uns aus diesen Zgen ein Ganzes bilden; dem Auge bleiben die betrachteten Teile bestndig gegenwrtig; es kann sie abermals und abermals berlaufen: fr das Ohr hingegen sind die vernommenen Teile verloren, wann sie nicht in dem Gedchtnisse zurckbleiben. Und bleiben sie schon da zurck: welche Mhe, welche Anstrengung kostet es, ihre Eindrcke alle in eben der Ordnung so lebhaft zu erneuern, sie nur mit einer migen Geschwindigkeit auf einmal zu berdecken, um zu einem etwanigen Begriffe des Ganzen zu gelangen! Man versuche es an einem Beispiele, welches ein Meisterstck in seiner Art heien kann 1). {1. S. des Herrn v. Hallers Alpen.} Dort ragt das hohe Haupt vom edeln Enziane Weit bern niedern Chor der Pbelkruter hin, Ein ganzes Blumenvolk dient unter seiner Fahne, Sein blauer Bruder selbst bckt sich und ehret ihn. Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen, Trmt sich am Stengel auf und krnt sein grau Gewand, Der Bltter glattes Wei, mit tiefem Grn durchzogen, Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant. Gerechtestes Gesetz! da Kraft sich Zier vermhle, In einem schnen Leib wohnt eine schnre Seele. Hier kriecht ein niedrig Kraut, gleich einem grauen Nebel, Dem die Natur sein Blatt im Kreuze hingelegt; Die holde Blume zeigt die zwei vergldten Schnbel, Die ein von Amethyst gebildter Vogel trgt. Dort wirft ein glnzend Blatt, in Finger ausgekerbet, Auf einen hellen Bach den grnen Widerschein; Der Blumen zarten Schnee, den matter Purpur frbet, Schliet ein gestreifter Stern in weie Strahlen ein. Smaragd und Rosen blhn auch auf zertretner Heide, Und Felsen decken sich mit einem Purpurkleide. Es sind Kruter und Blumen, welche der gelehrte Dichter mit groer Kunst und nach der Natur malet. Malt, aber ohne alle Tuschung malet. Ich will nicht sagen, da wer diese Kruter und Blumen nie gesehen, sich auch aus seinem Gemlde so gut als gar keine Vorstellung davon machen knne. Es mag sein, da alle poetische Gemlde eine vorlufige Bekanntschaft mit ihren Gegenstnden erfordern. Ich will auch nicht leugnen, da demjenigen, dem eine solche Bekanntschaft hier zustatten kmmt, der Dichter nicht von einigen Teilen eine lebhaftere Idee erwecken knnte. Ich frage ihn nur, wie steht es um den Begriff des Ganzen? Wenn auch dieser lebhafter sein soll, so mssen keine einzelne Teile darin vorstechen, sondern das hhere Licht mu auf alle gleich verteilet scheinen; unsere Einbildungskraft mu alle gleich schnell berlaufen knnen, um sich das aus ihnen mit eins zusammenzusetzen, was in der Natur mit eins gesehen wird. Ist dieses hier der Fall? Und ist er es nicht, wie hat man sagen knnen, "da die hnlichste Zeichnung eines Malers gegen diese poetische Schilderung ganz matt und dster sein wrde" 2)? Sie bleibet unendlich unter dem, was Linien und Farben auf der Flche ausdrcken knnen, und der Kunstrichter, der ihr dieses bertriebene Lob erteilet, mu sie aus einem ganz falschen Gesichtspunkte betrachtet haben; er mu mehr auf die fremden Zieraten, die der Dichter darein verwebet hat, auf die Erhhung ber das vegetative Leben, auf die Entwickelung der innern Vollkommenheiten, welchen die uere Schnheit nur zur Schale dienet, als auf diese Schnheit selbst, und auf den Grad der Lebhaftigkeit und hnlichkeit des Bildes, welches uns der Maler, und welches uns der Dichter davon gewhren kann, gesehen haben. Gleichwohl kmmt es hier lediglich nur auf das letztere an, und wer da sagt, da die bloen Zeilen: {2. Breitingers Kritische Dichtkunst T. II. S. 807.} Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen, Trmt sich am Stengel auf und krnt sein grau Gewand, Der Bltter glattes Wei, mit tiefem Grn durchzogen, Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant-- da diese Zeilen, in Ansehung ihres Eindrucks, mit der Nachahmung eines Huysum wetteifern knnen, mu seine Empfindung nie befragt haben, oder sie vorsetzlich verleugnen wollen. Sie mgen sich, wenn man die Blume selbst in der Hand hat, sehr schn dagegen rezitieren lassen; nur vor sich allein sagen sie wenig oder nichts. Ich hre in jedem Worte den arbeitenden Dichter, aber das Ding selbst bin ich weit entfernet zu sehen. Nochmals also: ich spreche nicht der Rede berhaupt das Vermgen ab, ein krperliches Ganze nach seinen Teilen zu schildern; sie kann es, weil ihre Zeichen, ob sie schon aufeinander folgen, dennoch willkrliche Zeichen sind: sondern ich spreche es der Rede als dem Mittel der Poesie ab, weil dergleichen wrtlichen Schilderungen der Krper das Tuschende gebracht, worauf die Poesie vornehmlich gehet; und dieses Tuschende, sage ich, mu ihnen darum gebrechen, weil das Koexistierende des Krpers mit dem Konsekutiven der Rede dabei in Kollision kmmt, und indem jenes in dieses aufgelset wird, uns die Zergliederung des Ganzen in seine Teile zwar erleichtert, aber die endliche Wiederzusammensetzung dieser Teile in das Ganze ungemein schwer, und nicht selten unmglich gemacht wird. berall, wo es daher auf das Tuschende nicht ankmmt, wo man nur mit dem Verstande seiner Leser zu tun hat, und nur auf deutliche und soviel mglich vollstndige Begriffe gehet: knnen diese aus der Poesie ausgeschlossene Schilderungen der Krper gar wohl Platz haben, und nicht allein der Prosaist, sondern auch der dogmatische Dichter (denn da wo er dogmatisieret, ist er kein Dichter), knnen sich ihrer mit vielem Nutzen bedienen. So schildert z. E. Virgil in seinem Gedichte vom Landbaue eine zur Zucht tchtige Kuh: --Optima torvae Forma bovis, cui turpe caput, cui plurima cervix, Et crurum tenus a mento palearia pendent. Tum longo nullus lateri modus: omnia magna: Pes etiam, et camuris hirtae sub cornibus aures. Nec mihi displiceat maculis insignis et albo, Aut juga detractans interdumque aspera cornu, Et faciem tauro propior; quaeque ardua tota, Et gradiens ima verrit vestigia cauda. Oder ein schnes Fllen: --Illi ardua cervix Argutumque caput, brevis alvus, obesaque terga Luxuriatque toris animosum pectus etc. 3) {3. Georg. lib. III. v. 51 et 79.} Denn wer sieht nicht, da dem Dichter hier mehr an der Auseinandersetzung der Teile, als an dem Ganzen gelegen gewesen? Er will uns die Kennzeichen eines schnen Fllens, einer tchtigen Kuh zuzhlen, um uns in den Stand zu setzen, nachdem wir deren mehrere oder wenigere antreffen, von der Gte der einen oder des andern urteilen zu knnen; ob sich aber alle diese Kennzeichen in ein lebhaftes Bild leicht zusammenfassen lassen, oder nicht, das konnte ihm sehr gleichgltig sein. Auer diesem Gebrauche sind die ausfhrlichen Gemlde krperlicher Gegenstnde, ohne den oben erwhnten Homerischen Kunstgriff, das Koexistierende derselben in ein wirkliches Sukzessives zu verwandeln, jederzeit von den feinsten Richtern fr ein frostiges Spielwerk erkannt worden, zu welchem wenig oder gar kein Genie gehret. Wenn der poetische Stmper, sagt Horaz, nicht weiter kann, so fngt er an, einen Hain, einen Altar, einen durch anmutige Fluren sich schlngelnden Bach, einen rauschenden Strom, einen Regenbogen zu malen: --Lucus et ara Dianae, Et properantis aquae per amoenos ambitus agros, Aut flumen Rhenum, aut pluvius describitur arcus 4) {4. De A. P. v. 16.} Der mnnliche Pope sahe auf die malerischen Versuche seiner poetischen Kindheit mit groer Geringschtzung zurck. Er verlangte ausdrcklich, da wer den Namen eines Dichters nicht unwrdig fhren wolle, der Schilderungssucht so frh wie mglich entsagen msse, und erklrte ein blo malendes Gedichte fr ein Gastgebot auf lauter Brhen 5). Von dem Herrn von Kleist kann ich versichern, da er sich auf seinen Frhling das wenigste einbildete. Htte er lnger gelebt, so wrde er ihm eine ganz andere Gestalt gegeben haben. Er dachte darauf, einen Plan hinein zu legen, und sann auf Mittel, wie er die Menge von Bildern, die er aus dem unendlichen Raume der verjngten Schpfung, auf Geratewohl, bald hier bald da, gerissen zu haben schien, in einer natrlichen Ordnung vor seinen Augen entstehen und aufeinanderfolgen lassen wolle. Er wrde zugleich das getan haben, was Marmontel, ohne Zweifel mit auf Veranlassung seiner Eklogen, mehrern deutschen Dichtern geraten hat; er wrde aus einer mit Empfindungen nur sparsam durchwebten Reihe von Bildern, eine mit Bildern nur sparsam durchflochtene Folge von Empfindungen gemacht haben 6). {5. Prologue to the satires. v. 340. That not in Fancy's maze he wander'd long, But stoop'd to truth, and moraliz'd his song. Ibid. v. 148. --who could take offence, While pure description held the place of sense? Die Anmerkung, welche Warburton ber die letzte Stelle macht, kann fr eine authentische Erklrung des Dichters selbst gelten. He uses PURE equivocally, to signify either chaste or empty; and has given in this line what he esteemed the true character of descriptive poetry, as it is called. A composition, in his opinion, as absurd as a feast made up of sauces. The use of a pictoresque imagination is to brighten and adorn good sense; so that to employ it only in description, is like children's delighting in a prism for the sake of its gaudy colours; which when frugally managed, and artifully disposed, rnight be made to represent and illustrate the noblest objects in nature. Sowohl der Dichter als Kommentator scheinen zwar die Sache mehr auf der moralischen als kunstmigen Seite betrachtet zu haben. Doch desto besser, da sie von der einen ebenso nichtig als von der andern erscheinet.} {6. Potique franaise. T. II. p. 501. J'crivais ces rflexions avant que les essais des Allemands dans ce genre (l'eglogue) fussent connus parmi nous. Ils ont excut ce que j'avais conu; et s'ils parviennent donner plus au moral et moins au dtail des peintures physiques, ils excelleront dans ce genre, plus riche, plus vaste, plus fcond, et infiniment plus naturel et plus moral que celui de la galanterie champtre.} XVIII. Und dennoch sollte selbst Homer in diese frostigen Ausmalungen krperlicher Gegenstnde verfallen sein?-Ich will hoffen, da es nur sehr wenige Stellen sind, auf die man sich desfalls berufen kann; und ich bin versichert, da auch diese wenige Stellen von der Art sind, da sie die Regel, von der sie eine Ausnahme zu sein scheinen, vielmehr besttigen. Es bleibt dabei: die Zeitfolge ist das Gebiete des Dichters, so wie der Raum das Gebiete des Malers. Zwei notwendig entfernte Zeitpunkte in ein und ebendasselbe Gemlde bringen, so wie Fr. Mazzuoli den Raub der sabinischen Jungfrauen, und derselben Ausshnung ihrer Ehemnner mit ihren Anverwandten; oder wie Tizian die ganze Geschichte des verlornen Sohnes, sein liederliches Leben und sein Elend und seine Reue: heit ein Eingriff des Malers in das Gebiete des Dichters, den der gute Geschmack nie billigen wird. Mehrere Teile oder Dinge, die ich notwendig in der Natur auf einmal bersehen mu, wenn sie ein Ganzes hervorbringen sollen, dem Leser nach und nach zuzhlen, um ihm dadurch ein Bild von dem Ganzen machen zu wollen: heit ein Eingriff des Dichters in das Gebiete des Malers, wobei der Dichter viel Imagination ohne allen Nutzen verschwendet. Doch, so wie zwei billige freundschaftliche Nachbarn zwar nicht verstatten, da sich einer in des andern innerstem Reiche ungeziemende Freiheiten herausnehme, wohl aber auf den uersten Grenzen eine wechselseitige Nachsicht herrschen lassen, welche die kleinen Eingriffe, die der eine in des andern Gerechtsame in der Geschwindigkeit sich durch seine Umstnde zu tun gentiget siehet, friedlich von beiden Teilen kompensieret: so auch die Malerei und Poesie. Ich will in dieser Absicht nicht anfhren, da in groen historischen Gemlden der einzige Augenblick fast immer um etwas erweitert ist, und da sich vielleicht kein einziges an Figuren sehr reiches Stck findet, in welchem jede Figur vollkommen die Bewegung und Stellung hat, die sie in dem Augenblicke der Haupthandlung haben sollte; die eine hat eine etwas frhere, die andere eine etwas sptere. Es ist dieses eine Freiheit, die der Meister durch gewisse Feinheiten in der Anordnung rechtfertigen mu, durch die Verwendung oder Entfernung seiner Personen, die ihnen an dem, was vorgehet, einen mehr oder weniger augenblicklichen Anteil zu nehmen erlaubet. Ich will mich blo einer Anmerkung bedienen, welche Herr Mengs ber die Draperie des Raffaels macht 1). "Alle Falten", sagt er, "haben bei ihm ihre Ursachen, es sei durch ihr eigen Gewichte, oder durch die Ziehung der Glieder. Manchmal siehet man in ihnen, wie sie vorher gewesen; Raffael hat auch sogar in diesem Bedeutung gesucht. Man siehet an den Falten, ob ein Bein oder Arm vor dieser Regung vor oder hinten gestanden, ob das Glied von Krmme zur Ausstreckung gegangen, oder gehet, oder ob es ausgestreckt gewesen, und sich krmmet." Es ist unstreitig, da der Knstler in diesem Falle zwei verschiedene Augenblicke in einen einzigen zusammenbringt. Denn da dem Fue, welcher hinten gestanden und sich vorbewegt, der Teil des Gewands, welcher auf ihm liegt, unmittelbar folget, das Gewand wre denn von sehr steifem Zeuge, der aber eben darum zur Malerei ganz unbequem ist: so gibt es keinen Augenblick, in welchem das Gewand im geringsten eine andere Falte machte, als es der itzige Stand des Gliedes erfodert; sondern lt man es eine andere Falte machen, so ist es der vorige Augenblick des Gewandes und der itzige des Gliedes. Demohngeachtet, wer wird es mit dem Artisten so genau nehmen, der seinen Vorteil dabei findet, uns diese beiden Augenblicke zugleich zu zeigen? Wer wird ihn nicht vielmehr rhmen, da er den Verstand und das Herz gehabt hat, einen solchen geringen Fehler zu begehen, um eine grere Vollkommenheit des Ausdruckes zu erreichen? {1. Gedanken ber die Schnheit und ber den Geschmack in der Malerei. S. 69.} Gleiche Nachsicht verdienet der Dichter. Seine fortschreitende Nachahmung erlaubet ihm eigentlich, auf einmal nur eine einzige Seite, eine einzige Eigenschaft seiner krperlichen Gegenstnde zu berhren. Aber wenn die glckliche Einrichtung seiner Sprache ihm dieses mit einem einzigen Worte zu tun verstattet; warum sollte er nicht auch dann und wann ein zweites solches Wort hinzufgen drfen? Warum nicht auch, wann es die Mhe verlohnet, ein drittes? Oder wohl gar ein viertes? Ich habe gesagt, dem Homer sei zum Exempel ein Schiff, entweder nur das schwarze Schiff, oder das hohle Schiff, oder das schnelle Schiff, hchstens das wohlberuderte schwarze Schiff. Zu verstehen von seiner Manier berhaupt. Hier und da findet sich eine Stelle, wo er das dritte malende Epitheton hinzusetzet: Kampula kukla, calkea, oktaknhma 2), "runde, eherne, achtspeichigte Rder". Auch das vierte: aspida pantose ishn, kalhn, calkeihn, exhlaton 3) "ein berall glattes, schnes, ehernes, getriebenes Schild". Wer wird ihn darum tadeln? Wer wird ihm diese kleine ppigkeit nicht vielmehr Dank wissen, wenn er empfindet, welche gute Wirkung sie an wenigen schicklichen Stellen haben kann? {2. Iliad. E. v. 722.} {3. Iliad. M. v. 294.} Des Dichters sowohl als des Malers eigentliche Rechtfertigung hierber will ich aber nicht aus dem vorangeschickten Gleichnisse von zwei freundschaftlichen Nachbarn hergeleitet wissen. Ein bloes Gleichnis beweiset und rechtfertiget nichts. Sondern dieses mu sie rechtfertigen: so wie dort bei dem Maler die zwei verschiednen Augenblicke so nahe und unmittelbar aneinander grenzen, da sie ohne Ansto fr einen einzigen gelten knnen; so folgen auch hier bei dem Dichter die mehrern Zge fr die verschiednen Teile und Eigenschaften im Raume in einer solchen gedrngten Krze so schnell aufeinander, da wir sie alle auf einmal zu hren glauben. Und hierin, sage ich, kmmt dem Homer seine vortreffliche Sprache ungemein zustatten. Sie lt ihm nicht allein alle mgliche Freiheit in Hufung und Zusammensetzung der Beiwrter, sondern sie hat auch fr diese gehufte Beiwrter eine so glckliche Ordnung, da der nachteiligen Suspension ihrer Beziehung dadurch abgeholfen wird. An einer oder mehreren dieser Bequemlichkeiten fehlt es den neuern Sprachen durchgngig. Diejenigen, als die franzsische, welche z. E. jenes Kampula kukla, calkea, oktaknhma umschreiben mssen: "die runden Rder, welche von Erzt waren und acht Speichen hatten", drcken den Sinn aus, aber vernichten das Gemlde. Gleichwohl ist der Sinn hier nichts, und das Gemlde alles; und jener ohne dieses macht den lebhaftesten Dichter zum langweiligsten Schwtzer. Ein Schicksal, das den guten Homer unter der Feder der gewissenhaften Frau Dacier oft betroffen hat. Unsere deutsche Sprache hingegen kann zwar die Homerischen Beiwrter meistens in ebenso kurze gleichgeltende Beiwrter verwandeln, aber die vorteilhafte Ordnung derselben kann sie der griechischen nicht nachmachen. Wir sagen zwar "die runden, ehernen, achtspeichigten"--aber Rder' schleppt hinten nach. Wer empfindet nicht, da drei verschiedne Prdikate, ehe wir das Subjekt erfahren, nur ein sehr schwankes verwirrtes Bild machen knnen? Der Grieche verbindet das Subjekt gleich mit dem ersten Prdikate, und lt die andern nachfolgen; er sagt: "runde Rder, eherne, achtspeichigte". So wissen wir mit eins wovon er redet, und werden, der natrlichen Ordnung des Denkens gem, erst mit dem Dinge, und dann mit seinen Zuflligkeiten bekannt. Diesen Vorteil hat unsere Sprache nicht. Oder soll ich sagen, sie hat ihn, und kann ihn nur selten ohne Zweideutigkeit nutzen? Beides ist eins. Denn wenn wir Beiwrter hintennach setzen wollen, so mssen sie im statu absoluto stehen; wir mssen sagen: runde Rder, ehern und achtspeichigt. Allein in diesem statu kommen unsere Adjektiva vllig mit den Adverbiis berein, und mssen, wenn man sie als solche zu dem nchsten Zeitworte, das von dem Dinge prdizieret wird, ziehet, nicht selten einen ganz falschen, allezeit aber einen sehr schielenden Sinn verursachen. Doch ich halte mich bei Kleinigkeiten auf, und scheine das Schild vergessen zu wollen, das Schild des Achilles; dieses berhmte Gemlde, in dessen Rcksicht vornehmlich Homer vor alters als ein Lehrer der Malerei 4) betrachtet wurde. Ein Schild, wird man sagen, ist doch wohl ein einzelner krperlicher Gegenstand, dessen Beschreibung nach seinen Teilen nebeneinander dem Dichter nicht vergnnet sein soll? Und dieses Schild hat Homer, in mehr als hundert prchtigen Versen, nach seiner Materie, nach seiner Form, nach allen Figuren, welche die ungeheure Flche desselben fllten, so umstndlich, so genau beschrieben, da es neuern Knstlern nicht schwer gefallen, eine in allen Stcken bereinstimmende Zeichnung darnach zu machen. {4. Dionysius Halicarnass. in vita Homeri apud Th. Gale in Opusc. Mythol. p. 401.} Ich antworte auf diesen besondern Einwurf,--da ich bereits darauf geantwortet habe. Homer malet nmlich das Schild nicht als ein fertiges vollendetes, sondern als ein werdendes Schild. Er hat also auch hier sich des gepriesenen Kunstgriffes bedienet, das Koexistierende seines Vorwurfs in ein Konsekutives zu verwandeln, und dadurch aus der langweiligen Malerei eines Krpers das lebendige Gemlde einer Handlung zu machen. Wir sehen nicht das Schild, sondern den gttlichen Meister, wie er das Schild verfertiget. Er tritt mit Hammer und Zange vor seinen Ambo, und nachdem er die Platten aus dem Grbsten geschmiedet, schwellen die Bilder, die er zu dessen Auszierung bestimmt, vor unsern Augen, eines nach dem andern, unter seinen feinern Schlgen aus dem Erzte hervor. Eher verlieren wir ihn nicht wieder aus dem Gesichte, bis alles fertig ist. Nun ist es fertig, und wir erstaunen ber das Werk, aber mit dem glubigen Erstaunen eines Augenzeugens, der es machen sehen. Dieses lt sich von dem Schilde des Aeneas beim Virgil nicht sagen. Der rmische Dichter empfand entweder die Feinheit seines Musters hier nicht, oder die Dinge, die er auf sein Schild bringen wollte, schienen ihm von der Art zu sein, da sie die Ausfhrung vor unsern Augen nicht wohl verstatteten. Es waren Prophezeiungen, von welchen es freilich unschicklich gewesen wre, wenn sie der Gott in unserer Gegenwart ebenso deutlich geuert htte, als sie der Dichter hernach ausleget. Prophezeiungen, als Prophezeiungen, verlangen eine dunkelere Sprache, in welche die eigentlichen Namen der Personen aus der Zukunft, die sie betreffen, nicht passen. Gleichwohl lag an diesen wahrhaften Namen, allem Ansehen nach, dem Dichter und Hofmanne hier das meiste 5). Wenn ihn aber dieses entschuldiget, so hebt es darum nicht auch die ble Wirkung auf, welche seine Abweichung von dem Homerischen Wege hat. Leser von einem feinern Geschmacke werden mir recht geben. Die Anstalten, welche Vulkan zu seiner Arbeit macht, sind bei dem Virgil ungefhr eben die, welche ihn Homer machen lt. Aber anstatt da wir bei dem Homer nicht blo die Anstalten zur Arbeit, sondern auch die Arbeit selbst zu sehen bekommen, lt Virgil, nachdem er uns nur den geschftigen Gott mit seinem Cyklopen berhaupt gezeiget, {5. Ich finde, da Servius dem Virgil eine andere Entschuldigung leihet. Denn auch Servius hat den Unterschied, der zwischen beiden Schilden ist, bemerkt: Sane interest inter hunc er Homeri clipeum: illic enim singula dum fiunt narrantur; hic vero perfecto opere noscuntur: nam et hic arma prius accipit Aeneas, quam spectaret; ibi postquam omnia narrata sunt, sic a Thetide deferuntur ad Achillem (ad v. 625 lib. VIII. Aeneid.). Und warum dieses? Darum, meinet Servius, weil auf dem Schilde des Aeneas nicht blo die wenigen Begebenheiten, die der Dichter anfhret, sondern --genus omne futurae Stirpis ab Ascanio, pugnataque in ordine bella abgebildet waren. Wie wre es also mglich gewesen, da mit eben der Geschwindigkeit, in welcher Vulkan das Schild arbeiten mute, der Dichter die ganze lange Reihe von Nachkommen htte namhaft machen, und alle von ihnen nach der Ordnung gefhrte Kriege htte erwhnen knnen? Dieses ist der Verstand der etwas dunkeln Worte des Servius: Opportune ergo Virgilius, quia non videtur simul et narrationis celeritas potuisse connecti, et opus tam velociter expediri, ut ad verbum posset occurrere. Da Virgil nur etwas weniges von dem non enarrabili texto Clipei beibringen konnte, so konnte er es nicht whrend der Arbeit des Vulkanus selbst tun; sondern er mute es versparen, bis alles fertig war. Ich wnschte fr den Virgil sehr, dieses Raisonnement des Servius wre ganz ohne Grund; meine Entschuldigung wrde ihm weit rhmlicher sein. Denn wer hie ihm, die ganze rmische Geschichte auf ein Schild bringen? Mit wenig Gemlden machte Homer sein Schild zu einem Inbegriffe von allem, was in der Welt vorgehet. Scheinet es nicht, als ob Virgil, da er den Griechen nicht in den Vorwrfen und in der Ausfhrung der Gemlde bertreffen knnen, ihn wenigstens in der Anzahl derselben bertreffen wollen? Und was wre kindischer gewesen?} Ingentem clipeum informant-- --Alii ventosis follibus auras Accipiunt, redduntque: alii stridentia tingunt Aera lacu. Gemit impositis incudibus antrum. Illi inter sese multa vi brachia tollunt In numerum, versantque tenaci forcipe massam 6). den Vorhang auf einmal niederfallen, und versetzt uns in eine ganz andere Szene, von da er uns allmhlich in das Tal bringt, in welchem die Venus mit den indes fertig gewordenen Waffen bei dem Aeneas anlangt. Sie lehnet sie an den Stamm einer Eiche, und nachdem sie der Held genug begaffet, und bestaunet, und betastet, und versuchet, hebt sich die Beschreibung, oder das Gemlde des Schildes an, welches durch das ewige: Hier ist, und Da ist, Nahe dabei stehet, und Nicht weit davon siehet man--so kalt und langweilig wird, da alle der poetische Schmuck, den ihm ein Virgil geben konnte, ntig war, um es uns nicht unertrglich finden zu lassen. Da dieses Gemlde hiernchst nicht Aeneas macht, als welcher sich an den bloen Figuren ergtzet, und von der Bedeutung derselben nichts wei, --rerumque ignarus imagine gaudet; auch nicht Venus, ob sie schon von den knftigen Schicksalen ihrer lieben Enkel vermutlich ebensoviel wissen mute, als der gutwillige Ehemann; sondern da es aus dem eigenen Munde des Dichters kmmt: so bleibet die Handlung offenbar whrend demselben stehen. Keine einzige von seinen Personen nimmt daran teil; es hat auch auf das Folgende nicht den geringsten Einflu, ob auf dem Schilde dieses, oder etwas anders, vorgestellet ist; der witzige Hofmann leuchtet berall durch, der mit allerlei schmeichelhaften Anspielungen seine Materie aufstutzet, aber nicht das groe Genie, das sich auf die eigene innere Strke seines Werks verlt, und alle uere Mittel, interessant zu werden, verachtet. Das Schild des Aeneas ist folglich ein wahres Einschiebsel, einzig und allein bestimmt, dem Nationalstolze der Rmer zu schmeicheln; ein fremdes Bchlein, das der Dichter in seinen Strom leitet, um ihn etwas reger zu machen. Das Schild des Achilles hingegen ist Zuwachs des eigenen fruchtbaren Bodens; denn ein Schild mute gemacht werden, und da das Notwendige aus der Hand der Gottheit nie ohne Anmut kmmt, so mute das Schild auch Verzierungen haben. Aber die Kunst war, diese Verzierungen als bloe Verzierungen zu behandeln, sie in den Stoff einzuweben, um sie uns nur bei Gelegenheit des Stoffes zu zeigen; und dieses lie sich allein in der Manier des Homers tun. Homer lt den Vulkan Zieraten knsteln, weil und indem er ein Schild machen soll, das seiner wrdig ist. Virgil hingegen scheinet ihn das Schild wegen der Zieraten machen zu lassen, da er die Zieraten fr wichtig genug hlt, um sie besonders zu beschreiben, nachdem das Schild lange fertig ist. {6. Aeneid. lib. VIII. 447-454.} XIX. Die Einwrfe, welche der ltere Scaliger, Perrault, Terrasson und andere gegen das Schild des Homers machen, sind bekannt. Ebenso bekannt ist das, was Dacier, Boivin und Pope darauf antworten. Mich dnkt aber, da diese letztern sich manchmal zu weit einlassen, und in Zuversicht auf ihre gute Sache, Dinge behaupten, die ebenso unrichtig sind, als wenig sie zur Rechtfertigung des Dichters beitragen. Um dem Haupteinwurfe zu begegnen, da Homer das Schild mit einer Menge Figuren anflle, die auf dem Umfange desselben unmglich Raum haben knnten, unternahm Boivin, es mit Bemerkung der erforderlichen Mae, zeichnen zu lassen. Sein Einfall mit den verschiedenen konzentrischen Zirkeln ist sehr sinnreich, obschon die Worte des Dichters nicht den geringsten Anla dazu geben, auch sich sonst keine Spur findet, da die Alten auf diese Art abgeteilte Schilder gehabt haben. Da es Homer selbst sakoV pantose dedaidalmenon, ein auf allen Seiten knstlich ausgearbeitetes Schild nennet, so wrde ich lieber, um mehr Raum auszusparen, die konkave Flche mit zu Hilfe genommen haben; denn es ist bekannt, da die alten Knstler diese nicht leer lieen, wie das Schild der Minerva vom Phidias beweiset 1). Doch nicht genug, da sich Boivin dieses Vorteils nicht bedienen wollte; er vermehrte auch ohne Not die Vorstellungen selbst, denen er auf dem sonach um die Hlfte verringerten Raume Platz verschaffen mute, indem er das, was bei dem Dichter offenbar nur ein einziges Bild ist, in zwei bis drei besondere Bilder zerteilte. Ich wei wohl, was ihn dazu bewog; aber es htte ihn nicht bewegen sollen: sondern, anstatt da er sich bemhte, den Forderungen seiner Gegner ein Gnge zu leisten, htte er ihnen zeigen sollen, da ihre Forderungen unrechtmig wren. {1.--scuto ejus, in quo Amazonum proelium caelavit intumescente ambitu parmae; ejusdem concava parte Deorum et Gigantum dimicationem. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 726. Edit. Hard.} Ich werde mich an einem Beispiele falicher erklren knnen. Wenn Homer von der einen Stadt sagt 2): {2. Iliad. S. v. 497-508.} Laoi d' ein agorh esan aJrooi enJa de neikoV Wrwrei duo d' andreV eneikeon eineka poinhV AndroV apojJimenou o men euceto, pant' apodounai, Dhmw pijauskwn o d' anaineto, mhden elesJai Amjw d' iesJhn, epi istori peirar elesJai. Laoi d' amjoteroisin ephpuon, amjiV arwgoi KhrukeV d' ara laon erhtuon oi de geronteV Eiat' epi xestoisi liJoiV, ierw eni kuklw Skhptra de khrukwn en cers' econ herojwnwn. Toisin epeit' hisson, amoibhdiV d' edikazon. Keito d' ar' en messoisi duo crusoio talanta-- so, glaube ich, hat er nicht mehr als ein einziges Gemlde angeben wollen: das Gemlde eines ffentlichen Rechtshandels ber die streitige Erlegung einer ansehnlichen Geldbue fr einen verbten Todschlag. Der Knstler, der diesen Vorwurf ausfhren soll, kann sich auf einmal nicht mehr als einen einzigen Augenblick desselben zunutze machen; entweder den Augenblick der Anklage, oder der Abhrung der Zeugen, oder des Urtelspruches, oder welchen er sonst, vor oder nach, oder zwischen diesen Augenblicken fr den bequemsten hlt. Diesen einzigen Augenblick macht er so prgnant wie mglich, und fhrt ihn mit allen den Tuschungen aus, welche die Kunst in Darstellung sichtbarer Gegenstnde vor der Poesie voraus hat. Von dieser Seite aber unendlich zurckgelassen, was kann der Dichter, der eben diesen Vorwurf mit Worten malen soll, und nicht gnzlich verunglcken will, anders tun, als da er sich gleichfalls seiner eigentmlichen Vorteile bedienet? Und welches sind diese? Die Freiheit sich sowohl ber das Vergangene als ber das Folgende des einzigen Augenblickes in dem Kunstwerke auszubreiten, und das Vermgen, sonach uns nicht allein das zu zeigen, was uns der Knstler zeiget, sondern auch das, was uns dieser nur kann erraten lassen. Durch diese Freiheit, durch dieses Vermgen allein, kmmt der Dichter dem Knstler wieder bei, und ihre Werke werden einander alsdenn am hnlichsten, wenn die Wirkung derselben gleich lebhaft ist; nicht aber, wenn das eine der Seele durch das Ohr nicht mehr oder weniger beibringet, als das andere dem Auge darstellen kann. Nach diesem Grundsatze htte Boivin die Stelle des Homers beurteilen sollen, und er wrde nicht so viel besondere Gemlde daraus gemacht haben, als verschiedene Zeitpunkte er darin zu bemerken glaubte. Es ist wahr, es konnte nicht wohl alles, was Homer sagt, in einem einzigen Gemlde verbunden sein; die Beschuldigung und Ableugnung, die Darstellung der Zeugen und der Zuruf des geteilten Volkes, das Bestreben der Herolde den Tumult zu stillen, und die uerungen der Schiedesrichter, sind Dinge, die auf einanderfolgen, und nicht nebeneinander bestehen knnen. Doch was, um mich mit der Schule auszudrcken, nicht actu in dem Gemlde enthalten war, das lag virtute darin, und die einzige wahre Art, ein materielles Gemlde mit Worten nachzuschildern, ist die, da man das letztere mit dem wirklich Sichtbaren verbindet, und sich nicht in den Schranken der Kunst hlt, innerhalb welchen der Dichter zwar die Data zu einem Gemlde herzhlen, aber nimmermehr ein Gemlde selbst hervorbringen kann. Gleicherweise zerteilt Boivin das Gemlde der belagerten Stadt 3) in drei verschiedene Gemlde. Er htte es ebensowohl in zwlfe teilen knnen, als in drei. Denn da er den Geist des Dichters einmal nicht fate und von ihm verlangte, da er den Einheiten des materiellen Gemldes sich unterwerfen msse: so htte er weit mehr bertretungen dieser Einheiten finden knnen, da es fast ntig gewesen wre, jedem besondern Zuge des Dichters ein besonderes Feld auf dem Schilde zu bestimmen. Meines Erachtens aber hat Homer berhaupt nicht mehr als zehn verschiedene Gemlde auf dem ganzen Schilde; deren jedes er mit einem en men eteuxe, oder en de poihse, oder en d' etiJei, oder en de poikille AmjigueiV anfngt 4). Wo diese Eingangsworte nicht stehen, hat man kein Recht, ein besonderes Gemlde anzunehmen; im Gegenteil mu alles, was sie verbinden, als ein einziges betrachtet werden, dem nur blo die willkrliche Konzentration in einen einzigen Zeitpunkt mangelt, als welchen der Dichter mit anzugeben, keinesweges gehalten war. Vielmehr, htte er ihn angegeben, htte er sich genau daran gehalten, htte er nicht den geringsten Zug einflieen lassen, der in der wirklichen Ausfhrung nicht damit zu verbinden wre; mit einem Worte, htte er so verfahren, wie seine Tadler es verlangen: es ist wahr, so wrden diese Herren hier an ihm nichts auszusetzen, aber in der Tat auch kein Mensch von Geschmack etwas zu bewundern gefunden haben. {3. v. 509-540.} {4. Das erste fngt an mit der 483. Zeile, und gehet bis zur 489.; das zweite von 490-509; das dritte von 510-540; das vierte von 541-549; das fnfte von 550-560; das sechste von 561-572; das siebente von 573-586; das achte von 587-589; das neunte von 590 bis 605; und das zehnte von 606-608. Blo das dritte Gemlde hat die angegebenen Eingangsworte nicht: es ist aber aus den bei dem zweiten, en de duw poihse poleiV, und aus der Beschaffenheit der Sache selbst, deutlich genug, da es ein besonders Gemlde sein mu.} Pope lie sich die Einteilung und Zeichnung des Boivin nicht allein gefallen, sondern glaubte noch etwas ganz Besonders zu tun, wenn er nunmehr auch zeigte, da ein jedes dieser so zerstckten Gemlde nach den strengsten Regeln der heutiges Tages blichen Malerei angegeben sei. Kontrast, Perspektiv, die drei Einheiten; alles fand er darin auf das beste beobachtet. Und ob er schon gar wohl wute, da zufolge guter glaubwrdiger Zeugnisse, die Malerei zu den Zeiten des Trojanischen Krieges noch in der Wiege gewesen, so mute doch entweder Homer, vermge seines gttlichen Genies, sich nicht sowohl an das, was die Malerei damals oder zu seiner Zeit leisten konnte, gehalten, als vielmehr das erraten haben, was sie berhaupt zu leisten imstande sei; oder auch jene Zeugnisse selbst muten so glaubwrdig nicht sein, da ihnen die augenscheinliche Aussage des knstlichen Schildes nicht vorgezogen zu werden verdiene. Jenes mag annehmen, wer da will; dieses wenigstens wird sich niemand berreden lassen, der aus der Geschichte der Kunst etwas mehr, als die bloen Data der Historienschreiber wei. Denn da die Malerei zu Homers Zeiten noch in ihrer Kindheit gewesen, glaubt er nicht blo deswegen, weil es ein Plinius oder so einer sagt, sondern vornehmlich weil er aus den Kunstwerken, deren die Alten gedenken, urteilet, da sie viele Jahrhunderte nachher noch nicht viel weiter gekommen, und z. E. die Gemlde eines Polygnotus noch lange die Probe nicht aushalten, welche Pope die Gemlde des Homerischen Schildes bestehen zu knnen glaubt. Die zwei groen Stcke dieses Meisters zu Delphi, von welchen uns Pausanias eine so umstndliche Beschreibung hinterlassen 5), waren offenbar ohne alle Perspektiv. Dieser Teil der Kunst ist den Alten gnzlich abzusprechen, und was Pope beibringt, um zu beweisen, da Homer schon einen Begriff davon gehabt habe, beweiset weiter nichts, als da ihm selbst nur ein sehr unvollstndiger Begriff davon beigewohnet 6). "Homer", sagt er, "kann kein Fremdling in der Perspektiv gewesen sein, weil er die Entfernung eines Gegenstandes von dem andern ausdrcklich angibt. Er bemerkt, z. E. da die Kundschafter ein wenig weiter als die andern Figuren gelegen, und da die Eiche, unter welcher den Schnittern das Mahl zubereitet worden, beiseite gestanden. Was er von dem mit Herden und Htten und Stllen berseten Tale sagt, ist augenscheinlich die Beschreibung einer groen perspektivischen Gegend. Ein allgemeiner Beweisgrund dafr kann auch schon aus der Menge der Figuren auf dem Schilde gezogen werden, die nicht alle in ihrer vollen Gre ausgedruckt werden konnten; woraus es denn gewissermaen unstreitig, da die Kunst, sie nach der Perspektiv zu verkleinern, damaliger Zeit schon bekannt gewesen." Die bloe Beobachtung der optischen Erfahrung, da ein Ding in der Ferne kleiner erscheinet, als in der Nhe, macht ein Gemlde noch lange nicht perspektivisch. Die Perspektiv erfordert einen einzigen Augenpunkt, einen bestimmten natrlichen Gesichtskreis, und dieses war es, was den alten Gemlden fehlte. Die Grundflche in den Gemlden des Polygnotus war nicht horizontal, sondern nach hinten zu so gewaltig in die Hhe gezogen, da die Figuren, welche hintereinander zu stehen scheinen sollten, bereinander zu stehen schienen. Und wenn diese Stellung der verschiednen Figuren und ihrer Gruppen allgemein gewesen, wie aus den alten Basreliefs, wo die hintersten allezeit hher stehen als die vodersten, und ber sie wegsehen, sich schlieen lt: so ist es natrlich, da man sie auch in der Beschreibung des Homers annimmt, und diejenigen von seinen Bildern, die sich nach selbiger in ein Gemlde verbinden lassen, nicht unntigerweise trennet. Die doppelte Szene der friedfertigen Stadt, durch deren Straen der frhliche Aufzug einer Hochzeitfeier ging, indem auf dem Markte ein wichtiger Proze entschieden ward, erfordert diesem zufolge kein doppeltes Gemlde, und Homer hat es gar wohl als ein einziges denken knnen, indem er sich die ganze Stadt aus einem so hohen Augenpunkte vorstellte, da er die freie Aussicht zugleich in die Straen und auf den Markt dadurch erhielt. {5. Phocic. cap. XXV-XXXI.} {6. Um zu zeigen, da dieses nicht zu viel von Popen gesagt ist, will ich den Anfang der folgenden aus ihm angefhrten Stelle (Iliad. Vol. V. Obs. p. 61) in der Grundsprache anfhren: That he was no stranger to aerial perspective, appears in his expressly marking the distance of object from object: he tells us etc. Ich sage, hier hat Pope den Ausdruck aerial perspective, die Luftperspektiv (perspective arienne), ganz unrichtig gebraucht, als welche mit den nach Magebung der Entfernung verminderten Gren gar nichts zu tun hat, sondern unter der man lediglich die Schwchung und Abnderung der Farben nach Beschaffenheit der Luft oder des Medii, durch welches wir sie sehen, verstehet. Wer diesen Fehler machen konnte, dem war es erlaubt, von der ganzen Sache nichts zu wissen.} Ich bin der Meinung, da man auf das eigentliche Perspektivische in den Gemlden nur gelegentlich durch die Szenenmalerei gekommen ist; und auch als diese schon in ihrer Vollkommenheit war, mu es noch nicht so leicht gewesen sein, die Regeln derselben auf eine einzige Flche anzuwenden, indem sich noch in den sptern Gemlden unter den Altertmern des Herkulanums so hufige und mannigfaltige Fehler gegen die Perspektiv finden, als man itzo kaum einem Lehrlinge vergeben wrde 7). {7. Betracht. ber die Malerei S. 185.} Doch ich entlasse mich der Mhe, meine zerstreuten Anmerkungen ber einen Punkt zu sammeln, ber welchen ich in des Herrn Winckelmanns versprochener Geschichte der Kunst die vlligste Befriedigung zu erhalten hoffen darf 8). {8. Geschrieben im Jahr 1763.} XX. Ich lenke mich vielmehr wieder in meinen Weg, wenn ein Spaziergnger anders einen Weg hat. Was ich von krperlichen Gegenstnden berhaupt gesagt habe, das gilt von krperlichen schnen Gegenstnden um so viel mehr. Krperliche Schnheit entspringt aus der bereinstimmenden Wirkung mannigfaltiger Teile, die sich auf einmal bersehen lassen. Sie erfodert also, da diese Teile nebeneinander liegen mssen; und da Dinge, deren Teile nebeneinander liegen, der eigentliche Gegenstand der Malerei sind; so kann sie, und nur sie allein, krperliche Schnheit nachahmen. Der Dichter, der die Elemente der Schnheit nur nacheinander zeigen knnte, enthlt sich daher der Schilderung krperlicher Schnheit, als Schnheit, gnzlich. Er fhlt es, da diese Elemente, nacheinander geordnet, unmglich die Wirkung haben knnen, die sie, nebeneinander geordnet, haben; da der konzentrierende Blick, den wir nach ihrer Enumeration auf sie zugleich zurcksenden wollen, uns doch kein bereinstimmendes Bild gewhret; da es ber die menschliche Einbildung gehet, sich vorzustellen, was dieser Mund, und diese Nase, und diese Augen zusammen fr einen Effekt haben, wenn man sich nicht aus der Natur oder Kunst einer hnlichen Komposition solcher Teile erinnern kann. Und auch hier ist Homer das Muster aller Muster. Er sagt: Nireus war schn; Achilles war noch schner; Helena besa eine gttliche Schnheit. Aber nirgends lt er sich in die umstndlichere Schilderung dieser Schnheiten ein. Gleichwohl ist das ganze Gedicht auf die Schnheit der Helena gebauet. Wie sehr wrde ein neuerer Dichter darber luxuriert haben! Schon ein Constantinus Manasses wollte seine kahle Chronik mit einem Gemlde der Helena auszieren. Ich mu ihn fr seinen Versuch danken. Denn ich wte wirklich nicht, wo ich sonst ein Exempel auftreiben sollte, aus welchem augenscheinlicher erhelle, wie tricht es sei, etwas zu wagen, das Homer so weislich unterlassen hat. Wenn ich bei ihm lese 1): {1. Constantinus Manasses Compend. Chron. p. 20. Edit. Venet. Die Frau Dacier war mit diesem Portrt des Manasses, bis auf die Tautologien, sehr wohl zufrieden: De Helenae pulchritudine omnium optime Constantinus Manasses, nisi in eo tautologiam reprehendas. (Ad Dictyn Cretensem lib. I. cap. 3. p. 5.) Sie fhret nach dem Mezeriac (Comment sur les ptres d'Ovide T. II. p. 361) auch die Beschreibungen an, welche Dares Phrygius und Cedrenus von der Schnheit der Helena geben. In der erstern kmmt ein Zug vor, der ein wenig seltsam klingt. Dares sagt nmlich von der Helena, sie habe ein Mal zwischen den Augenbraunen gehabt: notam inter duo supercilia habentem. Das war doch wohl nichts Schnes? Ich wollte, da die Franzsin ihre Meinung darber gesagt htte. Meinesteiles halte ich das Wort nota hier fr verflscht, und glaube, da Dares von dem reden wollen, was bei den Griechen mesojruon und bei den Lateinern glabella hie. Die Augenbraunen der Helena, will er sagen, liefen nicht zusammen, sondern waren durch einen kleinen Zwischenraum abgesondert. Der Geschmack der Alten war in diesem Punkte verschieden. Einigen gefiel ein solcher Zwischenraum, andern nicht. (Junius de pictura vet. lib. III. cap. 9. p. 245.) Anakreon hielt die Mittelstrae; die Augenbraunen seines geliebten Mdchens waren weder merklich getrennt, noch vllig ineinander verwachsen, sie verliefen sich sanft in einem einzigen Punkte. Er sagt zu dem Knstler, welcher sie malen sollte: (Od. 28.) To mesojruon de mh moi Diakopte, mhte misge, Ecetw d' opwV ekeinh To lelhJotwV sunojrun Blejarwn itun kelainhn. Nach der Lesart des Pauw, obschon auch ohne sie der Verstand der nmliche ist, und von Henr. Stephano nicht verfehlet worden: Supercilii nigrantes Discrimina nec arcus, Confundito nec illos: Sed junge sic ut anceps Divortium relinquas, Quale esse cernis ipsi. Wenn ich aber den Sinn des Dares getroffen htte, was mte man wohl sodann, anstatt des Wortes notam, lesen? Vielleicht moram? Denn so viel ist gewi, da mora nicht allein den Verlauf der Zeit, ehe etwas geschieht, sondern auch die Hinderung, den Zwischenraum von einem zum andern, bedeutet. Ego inquieta montium jaceam mora, wnschet sich der rasende Herkules beim Seneca, (v. 1215) welche Stelle Gronovius sehr wohl erklrt: Optat se medium jacere inter duas Symplegades, illarum velut moram, impedimentum, obicem; qui eas moretur, vetet aut satis arcte conjungi, aut rursus distrahi. So heien auch bei eben demselben Dichter lacertorum morae soviel als juncturae. (Schroederus ad v. 762 Thyest.)} Hn h gunh perikallhV, euojruV, eucroustath, EupareioV, euproswpoV, bovpiV, cionocrouV, ElikoblejaroV, abra, caritwn gemon alsoV, Leukobraciwn, trujera, kalloV antikruV, empnoun, To proswpon kataleukon, h pareia rodocrouV, To proswpon epicari, to blejaron wraion, KalloV anepithdeuton, abaptiston, autocroun, Ebapte thn leukothta rodocria purinh WV ei tiV ton elejanta bayei lampra porjura. Deirh makra, kataleukoV, oJen emuJourghJh Kuknogenh thn euopton Elenhn crhmatizein-- so dnkt mich, ich sehe Steine auf einen Berg wlzen, aus welchen auf der Spitze desselben ein prchtiges Gebude aufgefhret werden soll, die aber alle auf der andern Seite von selbst wieder herabrollen. Was fr ein Bild hinterlt er, dieser Schwall von Worten? Wie sahe Helena nun aus? Werden nicht, wenn tausend Menschen dieses lesen, sich alle tausend eine eigene Vorstellung von ihr machen? Doch es ist wahr, politische Verse eines Mnches sind keine Poesie. Man hre also den Ariost, wenn er seine bezaubernde Alcina schildert 2): {2. Orlando Furioso, Canto VII. St. 11-15. "Die Bildung ihrer Gestalt war so reizend, als nur knstliche Maler sie dichten knnen. Gegen ihr blondes, langes, aufgeknpftes Haar ist kein Gold, das nicht seinen Glanz verliere. ber ihre zarten Wangen verbreitete sich die vermischte Farbe der Rosen und der Lilien. Ihre frhliche Stirn, in die gehrigen Schranken geschlossen, war von glattem Helfenbein. Unter zween schwarzen, uerst feinen Bgen glnzen zwei schwarze Augen, oder vielmehr zwo leuchtende Sonnen, die mit Holdseligkeit um sich blickten und sich langsam drehten. Rings um sie her schien Amor zu spielen und zu fliegen; von da schien er seinen ganzen Kcher abzuschieen, und die Herzen sichtbar zu rauben. Weiter hinab steigt die Nase mitten durch das Gesicht, an welcher selbst der Neid nichts zu bessern findet. Unter ihr zeigt sich der Mund, wie zwischen zwei kleinen Tlern, mit seinem eigentmlichen Zinnober bedeckt; hier stehen zwo Reihen auserlesener Perlen, die eine schne sanfte Lippe verschliet und ffnet. Hieraus kommen die holdseligen Worte, die jedes rauhe, schndliche Herz erweichen; hier wird jenes liebliche Lcheln gebildet, welches fr sich schon ein Paradies auf Erden erffnet. Weier Schnee ist der schne Hals, und Milch die Brust, der Hals rund, die Brust voll und breit. Zwo zarte, von Helfenbein gerundete Kugeln wallen sanft auf und nieder, wie die Wellen am uersten Rande des Ufers, wenn ein spielender Zephir die See bestreitet. (Die brigen Teile wrde Argus selbst nicht haben sehen knnen. Doch war leicht zu urteilen, da das, was versteckt lag, mit dem, was dem Auge blo stand, bereinstimme.) Die Arme zeigen sich in ihrer gehrigen Lnge, die weie Hand etwas lnglich, und schmal in ihrer Breite, durchaus eben, keine Ader tritt ber ihre glatte Flche. Am Ende dieser herrlichen Gestalt sieht man den kleinen, trocknen, gerundeten Fu. Die englischen Mienen, die aus dem Himmel stammen, kann kein Schleier verbergen."--(Nach der bersetzung des Herrn Meinhard in dem Versuche ber den Charakter und die Werke der besten ital. Dicht. B. II. S. 228.)} Di persona era tanto ben formata, Quanto mai finger san pittori industri: Con bionda chioma, lunga e annodata, Oro non , che pi risplenda, e lustri, Spargeasi per la guancia delicata Misto color di rose e di ligustri. Di terso avorio era la fronte lieta, Che lo spazio finia con giusta meta. Sotto due negri, e sottilissimi archi Son due negri occhi, anzi due chiari soli, Pietosi a riguardar, a mover parchi, Intorno a cui par ch' Amor scherzi, e voli, E ch' indi tutta la faretra scarchi, E che visibilmente i cori involi. Quindi il naso per mezzo il viso scende Che non trova l'invidia ove l'emende. Sotto quel sta, quasi fra due vallette, La bocca sparsa di natio cinabro, Quivi due filze son di perle elette, Che chiude, ed apre un bello e dolce labro; Quindi escon le cortesi parolette, Da render molle ogni cor rozzo e scabro; Quivi si forma quel soave riso, Ch' apre a sua posta in terra il paradiso. Bianca neve il bel collo, e'l petto latte, Il collo tondo, il petto colmo e largo; Due pome acerbe, e pur d'avorio fatte, Vengono e van, come onda al primo margo, Quando piacevole aura il mar combatte. Non potria l'altre parti veder Argo, Ben si pu giudicar, che corrisponde, A quel ch' appar di fuor, quel che s'ascondo. Mostran le braccia sua misura giusta, Et la candida man spesso si vede, Lunghetta alquanto, e di larghezza angusta, Dove n nodo appar, n vena eccede. Si vede al fin de la persona augusta Il breve, asciutto, e ritondetto piede. Gli angelici sembianti nati in cielo Non si ponno celar sotto alcun velo. Milton sagt bei Gelegenheit des Pandmoniums: einige lobten das Werk, andere den Meister des Werks. Das Lob des einen ist also nicht allezeit auch das Lob des andern. Ein Kunstwerk kann allen Beifall verdienen, ohne da sich zum Ruhme des Knstlers viel Besonders sagen lt. Wiederum kann ein Knstler mit Recht unsere Bewunderung verlangen, auch wenn sein Werk uns die vllige Gnge nicht tut. Dieses vergesse man nie, und es werden sich fters ganz widersprechende Urteile vergleichen lassen. Eben wie hier. Dolce, in seinem Gesprche von der Malerei, lt den Aretino von den angefhrten Stanzen des Ariost ein auerordentliches Aufheben machen 3); ich hingegen, whle sie als ein Exempel eines Gemldes ohne Gemlde. Wir haben beide recht. Dolce bewundert darin die Kenntnisse, welche der Dichter von der krperlichen Schnheit zu haben zeiget; ich aber sehe blo auf die Wirkung, welche diese Kenntnisse, in Worte ausgedrckt, auf meine Einbildungskraft haben knnen. Dolce schliet aus jenen Kenntnissen, da gute Dichter nicht minder gute Maler sind; und ich aus dieser Wirkung, da sich das, was die Maler durch Linien und Farben am besten ausdrcken knnen, durch Worte gerade am schlechtesten ausdrcken lt. Dolce empfiehlet die Schilderung des Ariost allen Malern als das vollkommenste Vorbild einer schnen Frau; und ich empfehle es allen Dichtern als die lehrreichste Warnung, was einem Ariost milingen mssen, nicht noch unglcklicher zu versuchen. Es mag sein, da wenn Ariost sagt: {3. (Dialogo della pittura, intitolato l'Aretino, Firenze 1735. p. 178.) Se vogliono i pittori senza fatica trovare un perfetto esempio di bella donna, leggano quelle stanze dell' Ariosto, nelle quali egli discrive mirabilmente le bellezze della fata Alcina: e vedranno parimente, quanto i buoni poeti siano ancora essi pittori.--} Di persona era tanto ben formata Quanto mai finger san pittori industri, er die Lehre von den Proportionen, so wie sie nur immer der fleiigste Knstler in der Natur und aus den Antiken studieret, vollkommen verstanden zu haben, dadurch beweiset 4). Er mag sich immerhin, in den bloen Worten: {4. (Ibid.) Ecco, che, quanto alla proportione, l'ingeniosissimo Ariosto assegna la migliore, che sappiano formar le mani de' pi eccellenti pittori, usando questa voce industri, per dinotar la diligenza, die conviene al buono artefice.} Spargeasi per la guancia delicata Misto color di rose e di ligustri, als den vollkommensten Koloristen, als einen Tizian, zeigen 5). Man mag daraus, da er das Haar der Alcina nur mit dem Golde vergleicht, nicht aber gldenes Haar nennet, noch so deutlich schlieen, da er den Gebrauch des wirklichen Goldes in der Farbengebung gemibilliget 6). Man mag sogar in seiner herabsteigenden Nase, {5. (Ibid. p. 182.) Qui l'Ariosto colorisce, e in questo suo colorire dimostra essere un Tiziano.} {6. (Ibid. p. 180.) Poteva l'Ariosto nella guisa, che ha detto chioma bionda, dir chioma d'oro: ma gli parve forse, che avrebbe avuto troppo del poetico. Da che si puo ritrar, che'l pittore dee imitar l'oro, e non metterlo (come fanno i miniatori) nelle sue pitture, in modo, che si possa dire, que' capelli non sono d'oro, ma par che risplendano, come l'oro. Was Dolce, in dem Nachfolgenden, aus dem Athenus anfhret, ist merkwrdig, nur da es sich nicht vllig so daselbst findet. Ich rede an einem andern Orte davon.} Quindi il naso per mezzo il viso scende, das Profil jener alten griechischen, und von griechischen Knstlern auch Rmern geliehenen Nasen finden 7). Was nutzt alle diese Gelehrsamkeit und Einsicht uns Lesern, die wir eine schne Frau zu sehen glauben wollen, die wir etwas von der sanften Wallung des Geblts dabei empfinden wollen, die den wirklichen Anblick der Schnheit begleitet? Wenn der Dichter wei, aus welchen Verhltnissen eine schne Gestalt entspringet, wissen wir es darum auch? Und wenn wir es auch wten, lt er uns hier diese Verhltnisse sehen? Oder erleichtert er uns auch nur im geringsten die Mhe, uns ihrer auf eine lebhafte anschauende Art zu erinnern? Eine Stirn, in die gehrigen Schranken geschlossen, la fronte, {7. (Ibid. p. 182.) Il naso, che discende gi, avendo peraventura la considerazione a quelle forme de' nasi, che si veggono ne' ritratti delle belle Romane antiche.} Che lo spazio finia con giusta meta; eine Nase, an welcher selbst der Neid nichts zu bessern findet, Che non trova l'invidia, ove l'emende; eine Hand, etwas lnglich und schmal in ihrer Breite, Lunghetta alquanto, e di larghezza angusta: was fr ein Bild geben diese allgemeine Formeln? In dem Munde eines Zeichenmeisters, der seine Schler auf die Schnheiten des akademischen Modells aufmerksam machen will, mchten sie noch etwas sagen; denn ein Blick auf dieses Modell, und sie sehen die gehrigen Schranken der frhlichen Stirne, sie sehen den schnsten Schnitt der Nase, die schmale Breite der niedlichen Hand. Aber bei dem Dichter sehe ich nichts, und empfinde mit Verdru die Vergeblichkeit meiner besten Anstrengung, etwas sehen zu wollen. In diesem Punkte, in welchem Virgil dem Homer durch Nichtstun nachahmen knnen, ist auch Virgil ziemlich glcklich gewesen. Auch seine Dido ist ihm weiter nichts als pulcherrima Dido. Wenn er ja umstndlicher etwas an ihr beschreibet, so ist es ihr reicher Putz, ihr prchtiger Aufzug: Tandem progreditur-- Sidoniam picto chlamydem circumdata limbo: Cui pharetra ex auro, crines nodantur in aurum, Aurea purpuream subnectit fibula vestem 8). {8. Aeneid. IV. v. 136.} Wollte man darum auf ihn anwenden, was jener alte Knstler zu einem Lehrlinge sagte, der eine sehr geschmckte Helena gemalt hatte, "da du sie nicht schn malen knnen, hast du sie reich gemalt": so wrde Virgil antworten, "es liegt nicht an mir, da ich sie nicht schn malen knnen; der Tadel trifft die Schranken meiner Kunst; mein Lob sei, mich innerhalb diesen Schranken gehalten zu haben." Ich darf hier die beiden Lieder des Anakreons nicht vergessen, in welchen er uns die Schnheit seines Mdchens und seines Bathylls zergliedert 9). Die Wendung, die er dabei nimmt, macht alles gut. Er glaubt einen Maler vor sich zu haben, und lt ihn unter seinen Augen arbeiten. So, sagt er, mache mir das Haar, so die Stirne, so die Augen, so den Mund, so Hals und Busen, so Hft' und Hnde! Was der Knstler nur teilweise zusammensetzen kann, konnte ihm der Dichter auch nur teilweise vorschreiben. Seine Absicht ist nicht, da wir in dieser mndlichen Direktion des Malers die ganze Schnheit der geliebten Gegenstnde erkennen und fhlen sollen; er selbst empfindet die Unfhigkeit des wrtlichen Ausdrucks, und nimmt eben daher den Ausdruck der Kunst zu Hilfe, deren Tuschung er so sehr erhebet, da das ganze Lied mehr ein Lobgedicht auf die Kunst, als auf sein Mdchen zu sein scheinet. Er sieht nicht das Bild, er sieht sie selbst, und glaubt, da es nun eben den Mund zum Reden erffnen werde: {9. Od. XXVIII. XXIX.} Apecei blepw gar authn. Taca, khre, kai lalhseiV. Auch in der Angabe des Bathylls, ist die Anpreisung des schnen Knabens mit der Anpreisung der Kunst und des Knstlers so ineinander geflochten, da es zweifelhaft wird, wem zu Ehren Anakreon das Lied eigentlich bestimmt habe. Er sammelt die schnsten Teile aus verschiednen Gemlden, an welchen eben die vorzgliche Schnheit dieser Teile das Charakteristische war; den Hals nimmt er von einem Adonis, Brust und Hnde von einem Merkur, die Hfte von einem Pollux, den Bauch von einem Bacchus; bis er den ganzen Bathyll in einem vollendeten Apollo des Knstlers erblickt. Meta de proswpon estw, Ton AdwnidoV parelJwn, ElejantinoV trachloV Metamazion de poiei DidumaV te ceiraV Ermou, PoludeukeoV de mhrouV, Dionusihn de nhdun-- Ton Apollwna de touton KaJelwn, poiei BaJullon. So wei auch Lucian von der Schnheit der Panthea anders keinen Begriff zu machen, als durch Verweisung auf die schnsten weiblichen Bildsulen alter Knstler 10). Was heit aber dieses sonst, als bekennen, da die Sprache vor sich selbst hier ohne Kraft ist; da die Poesie stammelt und die Beredsamkeit verstummet, wenn ihnen nicht die Kunst noch einigermaen zur Dolmetscherin dienet? {10. EikoneV 3. T. II. p. 461. Edit. Reitz.} XXI. Aber verliert die Poesie nicht zu viel, wenn man ihr alle Bilder krperlicher Schnheit nehmen will?--Wer will ihr die nehmen? Wenn man ihr einen einzigen Weg zu verleiden sucht, auf welchem sie zu solchen Bildern zu gelangen gedenket, indem sie die Futapfen einer verschwisterten Kunst aufsucht, in denen sie ngstlich herumirret, ohne jemals mit ihr das gleiche Ziel zu erreichen: verschliet man ihr darum auch jeden andern Weg, wo die Kunst hinwiederum ihr nachsehen mu? Eben der Homer, welcher sich aller stckweisen Schilderung krperlicher Schnheiten so geflissentlich enthlt, von dem wir kaum einmal im Vorbeigehen erfahren, da Helena weie Arme 1) und schnes Haar 2) gehabt; eben der Dichter wei demohngeachtet uns von ihrer Schnheit einen Begriff zu machen, der alles weit bersteiget, was die Kunst in dieser Absicht zu leisten imstande ist. Man erinnere sich der Stelle, wo Helena in die Versammlung der ltesten des trojanischen Volkes tritt. Die ehrwrdigen Greise sehen sie, und einer sprach zu den andern 3): {1. Iliad. G. v. 121.} {2. Ibid. v. 329.} {3. Ibid. v. 156-158.} Ou nemesiV, TrvaV kai euknhmidaV AcaiouV, Toihd' amji gunaiki polun cronon algea pascein AinvV aJanathsi JehV eiV vpa eoiken. Was kann eine lebhaftere Idee von Schnheit gewhren, als das kalte Alter sie des Krieges wohl wert erkennen lassen, der so viel Blut und so viele Trnen kostet? Was Homer nicht nach seinen Bestandteilen beschreiben konnte, lt er uns in seiner Wirkung erkennen. Malet uns, Dichter, das Wohlgefallen, die Zuneigung, die Liebe, das Entzcken, welches die Schnheit verursachet, und ihr habt die Schnheit selbst gemalet. Wer kann sich den geliebten Gegenstand der Sappho, bei dessen Erblickung sie Sinne und Gedanken zu verlieren bekennet, als hlich denken? Wer glaubt nicht die schnste vollkommenste Gestalt zu sehen, sobald er mit dem Gefhle sympathisieret, welches nur eine solche Gestalt erregen kann? Nicht weil uns Ovid den schnen Krper seiner Lesbia Teil vor Teil zeiget: Quos humeros, quales vidi tetigique lacertos! Forma papillarum quam fuit apta premi! Quam castigato planus sub pectore venter! Quantum et quale latus! quam juvenile femur! sondern weil er es mit der wollstigen Trunkenheit tut, nach der unsere Sehnsucht so leicht zu erwecken ist, glauben wir eben des Anblickes zu genieen, den er geno. Ein andrer Weg, auf welchem die Poesie die Kunst in Schilderung krperlicher Schnheit wiederum einholet, ist dieser, da sie Schnheit in Reiz verwandelt. Reiz ist Schnheit in Bewegung, und eben darum dem Maler weniger bequem als dem Dichter. Der Maler kann die Bewegung nur erraten lassen, in der Tat aber sind seine Figuren ohne Bewegung. Folglich wird der Reiz bei ihm zur Grimasse. Aber in der Poesie bleibt er was er ist; ein transitorisches Schnes, das wir wiederholt zu sehen wnschen. Es kmmt und geht; und da wir uns berhaupt einer Bewegung leichter und lebhafter erinnern knnen, als bloer Formen oder Farben: so mu der Reiz in dem nmlichen Verhltnisse strker auf uns wirken, als die Schnheit. Alles, was noch in dem Gemlde der Alcina gefllt und rhret, ist Reiz. Der Eindruck, den ihre Augen machen, kmmt nicht daher, da sie schwarz und feurig sind, sondern daher, da sie, Pietosi a riguardar, a mover parchi, mit Holdseligkeit um sich blicken, und sich langsam drehen; da Amor sie umflattert und seinen ganzen Kcher aus ihnen abschiet. Ihr Mund entzcket, nicht weil von eigentmlichem Zinnober bedeckte Lippen zwei Reihen auserlesener Perlen verschlieen; sondern weil hier das liebliche Lcheln gebildet wird, welches, fr sich schon, ein Paradies auf Erden erffnet; weil er es ist, aus dem die freundlichen Worte tnen, die jedes rauhe Herz erweichen. Ihr Busen bezaubert, weniger weil Milch und Helfenbein und Apfel uns seine Weie und niedliche Figur vorbilden, als vielmehr weil wir ihn sanft auf und nieder wallen sehen, wie die Wellen am uersten Rande des Ufers, wenn ein spielender Zephir die See bestreitet: Due pome acerbe, e pur d'avorio fatte, Vengono e van, come onda al primo margo, Quando piacevole aura il mar combatte. Ich bin versichert, da lauter solche Zge des Reizes, in eine oder zwei Stanzen zusammengedrnget, weit mehr tun wrden, als die fnfe alle, in welche sie Ariost zerstreuet und mit kalten Zgen der schnen Form, viel zu gelehrt fr unsere Empfindungen, durchflochten hat. Selbst Anakreon wollte lieber in die anscheinende Unschicklichkeit verfallen, eine Untunlichkeit von dem Maler zu verlangen, als das Bild seines Mdchens nicht mit Reiz beleben. Trujerou d' esw geneiou, Peri lugdinw trachlw CariteV petointo pasai. Ihr sanftes Kinn, befiehlt er dem Knstler, ihren marmornen Nacken la alle Grazien umflattern! Wie das? Nach dem genauesten Wortverstande? Der ist keiner malerischen Ausfhrung fhig. Der Maler konnte dem Kinne die schnste Rndung, das schnste Grbchen, Amoris digitulo impressum, (denn das esw scheinet mir ein Grbchen andeuten zu wollen)--er konnte dem Halse die schnste Karnation geben; aber weiter konnte er nichts. Die Wendungen dieses schnen Halses, das Spiel der Muskeln, durch das jenes Grbchen bald mehr bald weniger sichtbar wird, der eigentliche Reiz, war ber seine Krfte. Der Dichter sagte das Hchste, wodurch uns seine Kunst die Schnheit sinnlich zu machen vermag, damit auch der Maler den hchsten Ausdruck in seiner Kunst suchen mge. Ein neues Beispiel zu der obigen Anmerkung, da der Dichter, auch wenn er von Kunstwerken redet, dennoch nicht verbunden ist, sich mit seiner Beschreibung in den Schranken der Kunst zu halten. XXII. Zeuxis malte eine Helena, und hatte das Herz, jene berhmte Zeilen des Homers, in welchen die entzckten Greise ihre Empfindung bekennen, darunter zu setzen. Nie sind Malerei und Poesie in einen gleichern Wettstreit gezogen worden. Der Sieg blieb unentschieden, und beide verdienten gekrnt zu werden. Denn so wie der weise Dichter uns die Schnheit, die er nach ihren Bestandteilen nicht schildern zu knnen fhlte, blo in ihrer Wirkung zeigte: so zeigte der nicht minder weise Maler uns die Schnheit nach nichts als ihren Bestandteilen, und hielt es seiner Kunst fr unanstndig, zu irgendeinem andern Hilfsmittel Zuflucht zu nehmen. Sein Gemlde bestand aus der einzigen Figur der Helena, die nackend dastand. Denn es ist wahrscheinlich, da es eben die Helena war, welche er fr die zu Krotona malte 1). {1. Val. Maximus lib. III. cap. 7. Dionysius Halicarnass. Art. Rhet. cap. 12 peri logwn exetasewV.} Man vergleiche hiermit, wundershalber, das Gemlde, welches Caylus dem neuern Knstler aus jenen Zeilen des Homers vorzeichnet: "Helena, mit einem weien Schleier bedeckt, erscheinet mitten unter verschiedenen alten Mnnern, in deren Zahl sich auch Priamus befindet, der an den Zeichen seiner kniglichen Wrde zu erkennen ist. Der Artist mu sich besonders angelegen sein lassen, uns den Triumph der Schnheit in den gierigen Blicken und in allen den uerungen einer staunenden Bewunderung auf den Gesichtern dieser kalten Greise empfinden zu lassen. Die Szene ist ber einem von den Toren der Stadt. Die Vertiefung des Gemldes kann sich in den freien Himmel, oder gegen hhere Gebude der Stadt verlieren; jenes wrde khner lassen, eines aber ist so schicklich wie das andere." Man denke sich dieses Gemlde von dem grten Meister unserer Zeit ausgefhret, und stelle es gegen das Werk des Zeuxis. Welches wird den wahren Triumph der Schnheit zeigen? Dieses, wo ich ihn selbst fhle, oder jenes, wo ich ihn aus den Grimassen gerhrter Graubrte schlieen soll? Turpe senilis amor; ein gieriger Blick macht das ehrwrdigste Gesicht lcherlich, und ein Greis, der jugendliche Begierden verrt, ist sogar ein ekler Gegenstand. Den Homerischen Greisen ist dieser Vorwurf nicht zu machen; denn der Affekt, den sie empfinden, ist ein augenblicklicher Funke, den ihre Weisheit sogleich erstickt; nur bestimmt, der Helena Ehre zu machen, aber nicht, sie selbst zu schnden. Sie bekennen ihr Gefhl, und fgen sogleich hinzu: Alla kai vV, toih per eous', en nhusi neesJw, Mhd' hmin tekeessi t' opissw phma lipoito Ohne diesen Entschlu wren es alte Gecke; wren sie das, was sie in dem Gemlde des Caylus erscheinen. Und worauf richten sie denn da ihre gierigen Blicke? Auf eine vermummte, verschleierte Figur. Das ist Helena? Es ist mir unbegreiflich, wie ihr Caylus hier den Schleier lassen knnen. Zwar Homer gibt ihr denselben ausdrcklich: Autika d' argennhsi kaluyamenh oJonhsin Wrmat' ek Jalamoio-- aber, um ber die Straen damit zu gehen; und wenn auch schon bei ihm die Alten ihre Bewunderung zeigen, noch ehe sie den Schleier wieder abgenommen oder zurckgeworfen zu haben scheinet, so war es nicht das erstemal, da sie die Alten sahen; ihr Bekenntnis durfte also nicht aus dem itzigen augenblicklichen Anschauen entstehen, sondern sie konnten schon oft empfunden haben, was sie zu empfinden, bei dieser Gelegenheit nur zum erstenmal bekannten. In dem Gemlde findet so etwas nicht statt. Wenn ich hier entzckte Alte sehe, so will ich auch zugleich sehen, was sie in Entzckung setzt; und ich werde uerst betroffen, wenn ich weiter nichts, als, wie gesagt, eine vermummte, verschleierte Figur wahrnehme, die sie brnstig angaffen. Was hat dieses Ding von der Helena? Ihren weien Schleier, und etwas von ihrem proportionierten Umrisse, soweit Umri unter Gewndern sichtbar werden kann. Doch vielleicht war es auch des Grafen Meinung nicht, da ihr Gesicht verdeckt sein sollte, und er nennet den Schleier blo als ein Stck ihres Anzuges. Ist dieses (seine Worte sind einer solchen Auslegung zwar nicht wohl fhig: Hlne couverte d'un voile blanc), so entstehet eine andere Verwunderung bei mir: er empfiehlt dem Artisten so sorgfltig den Ausdruck auf den Gesichtern der Alten; nur ber die Schnheit in dem Gesichte der Helena verliert er kein Wort. Diese sittsame Schnheit, im Auge den feuchten Schimmer einer reuenden Trne, furchtsam sich nhernd--Wie? Ist die hchste Schnheit unsern Knstlern so etwas Gelufiges, da sie auch nicht daran erinnert zu werden brauchen? Oder ist Ausdruck mehr als Schnheit? Und sind wir auch in Gemlden schon gewohnt, so wie auf der Bhne, die hlichste Schauspielerin fr eine entzckende Prinzessin gelten zu lassen, wenn ihr Prinz nur recht warme Liebe gegen sie zu empfinden uert? In Wahrheit: das Gemlde des Caylus wrde sich gegen das Gemlde des Zeuxis wie Pantomime zur erhabensten Poesie verhalten. Homer ward vor alters ohnstreitig fleiiger gelesen, als itzt. Dennoch findet man so gar vieler Gemlde nicht erwhnet, welche die alten Knstler aus ihm gezogen htten 2). Nur den Fingerzeig des Dichters auf besondere krperliche Schnheiten scheinen sie fleiig genutzt zu haben; diese malten sie; und in diesen Gegenstnden, fhlten sie wohl, war es ihnen allein vergnnet, mit dem Dichter wetteifern zu wollen. Auer der Helena, hatte Zeuxis auch die Penelope gemalt; und des Apelles Diana war die Homerische in Begleitung ihrer Nymphen. Bei dieser Gelegenheit will ich erinnern, da die Stelle des Plinius, in welcher von der letztern die Rede ist, einer Verbesserung bedarf 3). Handlungen aber aus dem Homer zu malen, blo weil sie eine reiche Komposition, vorzgliche Kontraste, knstliche Beleuchtungen darbieten, schien der alten Artisten ihr Geschmack nicht zu sein; und konnte es nicht sein, solange sich noch die Kunst in den engern Grenzen ihrer hchsten Bestimmung hielt. Sie nhrten sich dafr mit dem Geiste des Dichters; sie fllten ihre Einbildungskraft mit seinen erhabensten Zgen; das Feuer seines Enthusiasmus entflammte den ihrigen; sie sahen und empfanden wie er: und so wurden ihre Werke Abdrcke der Homerischen, nicht in dem Verhltnisse eines Portrts zu seinem Originale, sondern in dem Verhltnisse eines Sohnes zu seinem Vater; hnlich, aber verschieden. Die hnlichkeit liegt fters nur in einem einzigen Zuge; die brigen alle haben unter sich nichts Gleiches, als da sie mit dem hnlichen Zuge, in dem einen sowohl als in dem andern harmonieren. {2. Fabricii Biblioth. Graec. lib. II. cap. 6. p. 345.} {3. Plinius sagt von dem Apelles (Libr. XXXV. sect. 36. p. 698. Edit. Hard.): Fecit et Dianam sacrificantium virginum choro mixtam: quibus vicisse Homeri versus videtur id ipsum describentis. Nichts kann wahrer, als dieser Lobspruch gewesen sein. Schne Nymphen um eine schne Gttin her, die mit der ganzen majesttischen Stirne ber sie hervorragt, sind freilich ein Vorwurf, der der Malerei angemessener ist, als der Poesie. Das sacrificantium nur ist mir hchst verdchtig. Was macht die Gttin unter opfernden Jungfrauen? Und ist dieses die Beschftigung, die Homer den Gespielinnen der Diana gibt? Mit nichten; sie durchstreifen mit ihr Berge und Wlder, sie jagen, sie spielen, sie tanzen (Odyss. Z. v. 102-106): Oih d' ArtemiV eisi kat' oureoV ioceaira H kata Thugeton perimhketon, h ErumanJon Terpomenh kaproisi kai wkeihV elajoisi Th de J' ama Numjai, kourai DioV Aigiocoio, Agronomoi paizousi-- Plinius wird also nicht sacrificantium, er wird venantium, oder etwas hnliches geschrieben haben; vielleicht silvis vagantium, welche Verbesserung die Anzahl der vernderten Buchstaben ohngefhr htte. Dem paizousi beim Homer wrde saltantium am nchsten kommen, und auch Virgil lt, in seiner Nachahmung dieser Stelle, die Diana mit ihren Nymphen tanzen (Aeneid. I. v. 497. 498): Qualis in Eurotae ripis, aut per juga Cynthi Exercet Diana choros-- Spence hat hierbei einen seltsamen Einfall (Polymetis Dial. VIII. p. 102.): This Diana, sagt er, both in the picture and in the descriptions, was the Diana Venatrix, tho' she was not represented either by Virgil, or Apelles, or Homer, as hunting with her nymphs; bot as employed with them in that sort of dances, which of old were regarded as very solemn acts of devotion. In seiner Anmerkung fgt er hinzu: The expression of paizein, used by Homer on this occasion, is scarce proper for hunting; as that of, choros exercere in Virgil, should be understood of the religious dances of old, because dancing, in the old Roman idea of it, was indecent even for men, in public; unless it were the sort of dances used in honour of Mars, or Bacchus, or some other of their gods. Spence will nmlich jene feierliche Tnze verstanden wissen, welche bei den Alten mit unter die gottesdienstlichen Handlungen gerechnet wurden. Und daher, meinet er, brauche denn auch Plinius das Wort sacrificare: It is in consequence of this that Pliny, in speaking of Diana's nymphs on this very occasion, uses the word, sacrificare, of them; which quite determines these dances of theirs to have been of the religious kind. Er vergit, da bei dem Virgil die Diana selbst mittanzet: exercet Diana choros. Sollte nun dieser Tanz ein gottesdienstlicher Tanz sein: zu wessen Verehrung tanzte ihn die Diana? Zu ihrer eignen? Oder zur Verehrung einer andern Gottheit? Beides ist widersinnig. Und wenn die alten Rmer das Tanzen berhaupt einer ernsthaften Person nicht fr sehr anstndig hielten, muten darum ihre Dichter die Gravitt ihres Volkes auch in die Sitten der Gtter bertragen, die von den ltern griechischen Dichtern ganz anders festgesetzet waren? Wenn Horaz von der Venus sagt (Od. IV. lib. 1): Jam Cytherea choros ducit Venus, imminente luna: Junctaeque Nymphis Gratiae decentes. Alterno terram quatiunt pede-- waren dieses auch heilige gottesdienstliche Tnze? Ich verliere zu viele Worte ber eine solche Grille.} Da brigens die Homerischen Meisterstcke der Poesie lter waren als irgendein Meisterstck der Kunst; da Homer die Natur eher mit einem malerischen Auge betrachtet hatte, als ein Phidias und Apelles: so ist es nicht zu verwundern, da die Artisten verschiedene ihnen besonders ntzliche Bemerkungen, ehe sie Zeit hatten, sie in der Natur selbst zu machen, schon bei dem Homer gemacht fanden, wo sie dieselben begierig ergriffen, um durch den Homer die Natur nachzuahmen. Phidias bekannte, da die Zeilen 4): {4. Iliad. A. v. 528. Valerius Maximus lib. III. cap. 7.} H, kai kuanehsin ep' ojrusi neuse Kroniwn Ambrosiai d' ara caitai eperrwsanto anaktoV, KratoV ap' aJanatoio megan d' elelixen Olumpon ihm bei seinem olympischen Jupiter zum Vorbilde gedienet, und da ihm nur durch ihre Hilfe ein gttliches Antlitz, propemodum ex ipso coelo petitum, gelungen sei. Wem dieses nichts mehr gesagt heit, als da die Phantasie des Knstlers durch das erhabene Bild des Dichters befeuert, und ebenso erhabener Vorstellungen fhig gemacht worden, der, dnkt mich, bersieht das Wesentlichste, und begngt sich mit etwas ganz Allgemeinem, wo sich, zu einer weit grndlichern Befriedigung, etwas sehr Spezielles angeben lt. Soviel ich urteile, bekannte Phidias zugleich, da er in dieser Stelle zuerst bemerkt habe, wie viel Ausdruck in den Augenbraunen liege, quanta pars animi 5) sich in ihnen zeige. Vielleicht, da sie ihn auch auf das Haar mehr Flei zu wenden bewegte, um das einigermaen auszudrcken, was Homer ambrosisches Haar nennet. Denn es ist gewi, da die alten Knstler vor dem Phidias das Sprechende und Bedeutende der Mienen wenig verstanden, und besonders das Haar sehr vernachlssiget hatten. Noch Myron war in beiden Stcken tadelhaft, wie Plinius anmerkt 6), und nach ebendemselben war Pythagoras Leontinus der erste, der sich durch ein zierliches Haar hervortat 7). Was Phidias aus dem Homer lernte, lernten die andern Knstler aus den Werken des Phidias. {5. Plinius lib. XI. sect. 51. p. 616. Edit. Hard.} {6. Idem lib. XXXIV. sect. 19. p. 651. Ipse tamen corporum tenus curiosus, animi sensus non expressisse videtur, capillum quoque et pubem non emendatius fecisse, quam rudis antiquitas instituisset.} {7. Ibid. Hic primus nervos et venas expressit, capillumque diligentius.} Ich will noch ein Beispiel dieser Art anfhren, welches mich allezeit sehr vergngt hat. Man erinnere sich, was Hogarth ber den Apollo zu Belvedere anmerkt 8). "Dieser Apollo", sagt er, "und der Antinous sind beide in ebendemselben Palaste zu Rom zu sehen. Wenn aber Antinous den Zuschauer mit Verwunderung erfllet, so setzet ihn der Apollo in Erstaunen; und zwar, wie sich die Reisenden ausdrcken, durch einen Anblick, welcher etwas mehr als Menschliches zeiget, welches sie gemeiniglich gar nicht zu beschreiben imstande sind. Und diese Wirkung ist, sagen sie, um desto bewundernswrdiger, da, wenn man es untersucht, das Unproportionierliche daran auch einem gemeinen Auge klar ist. Einer der besten Bildhauer, welche wir in England haben, der neulich dahin reisete, diese Bildsule zu sehen, bekrftigte mir das, was itzo gesagt worden, besonders, da die Fe und Schenkel, in Ansehung der obern Teile, zu lang und zu breit sind. Und Andreas Sacchi, einer der grten italienischen Maler, scheinet eben dieser Meinung gewesen zu sein, sonst wrde er schwerlich (in einem berhmten Gemlde, welches itzo in England ist) seinem Apollo, wie er den Tonknstler Pasquilini krnet, das vllige Verhltnis des Antinous gegeben haben, da er brigens wirklich eine Kopie von dem Apollo zu sein scheinet. Ob wir gleich an sehr groen Werken oft sehen, da ein geringerer Teil aus der Acht gelassen worden, so kann dieses doch hier der Fall nicht sein; denn an einer schnen Bildsule ist ein richtiges Verhltnis eine von ihren wesentlichen Schnheiten. Daher ist zu schlieen, da diese Glieder mit Flei mssen sein verlngert worden, sonst wrde es leicht haben knnen vermieden werden. Wenn wir also die Schnheiten dieser Figur durch und durch untersuchen, so werden wir mit Grunde urteilen, da das, was man bisher fr unbeschreiblich vortrefflich an ihrem allgemeinen Anblicke gehalten, von dem hergerhret hat, was ein Fehler in einem Teile derselben zu sein geschienen."--Alles dieses ist sehr einleuchtend; und schon Homer, fge ich hinzu, hat es empfunden und angedeutet, da es ein erhabenes Ansehen gibt, welches blo aus diesem Zusatze von Gre in den Abmessungen der Fe und Schenkel entspringet. Denn wenn Antenor die Gestalt des Ulysses mit der Gestalt des Menelaus vergleichen will, so lt er ihn sagen 9): {8. "Zergliederung der Schnheit". S. 47. Berl. Ausg.} {9. Iliad. G. 210. 211.} Stantwn men MenelaoV upeirecen eureaV wmouV, Amjw d' ezomenw, gerarwteroV hen OdusseuV. "Wann beide standen, ragte Menelaus mit den breiten Schultern hoch hervor; wann aber beide saen, war Ulysses der Ansehnlichere." Da Ulysses also das Ansehen im Sitzen gewann, welches Menelaus im Sitzen verlor, so ist das Verhltnis leicht zu bestimmen, welches beider Oberleib zu den Fen und Schenkeln gehabt. Ulysses hatte einen Zusatz von Gre in den Proportionen des erstern, Menelaus in den Proportionen der letztern. XXIII. Ein einziger unschicklicher Teil kann die bereinstimmende Wirkung vieler zur Schnheit stren. Doch wird der Gegenstand darum noch nicht hlich. Auch die Hlichkeit erfodert mehrere unschickliche Teile, die wir ebenfalls auf einmal mssen bersehen knnen, wenn wir dabei das Gegenteil von dem empfinden sollen, was uns die Schnheit empfinden lt. Sonach wrde auch die Hlichkeit, ihrem Wesen nach, kein Vorwurf der Poesie sein knnen; und dennoch hat Homer die uerste Hlichkeit in dem Thersites geschildert, und sie nach ihren Teilen nebeneinander geschildert. Warum war ihm bei der Hlichkeit vergnnet, was er bei der Schnheit so einsichtsvoll sich selbst untersagte? Wird die Wirkung der Hlichkeit, durch die aufeinanderfolgende Enumeration ihrer Elemente, nicht ebensowohl gehindert, als die Wirkung der Schnheit durch die hnliche Enumeration ihrer Elemente vereitelt wird? Allerdings wird sie das; aber hierin liegt auch die Rechtfertigung des Homers. Eben weil die Hlichkeit in der Schilderung des Dichters zu einer minder widerwrtigen Erscheinung krperlicher Unvollkommenheiten wird, und gleichsam, von der Seite ihrer Wirkung, Hlichkeit zu sein aufhret, wird sie dem Dichter brauchbar; und was er vor sich selbst nicht nutzen kann, nutzt er als ein Ingrediens, um gewisse vermischte Empfindungen hervorzubringen und zu verstrken, mit welchen er uns, in Ermangelung rein angenehmer Empfindungen, unterhalten mu. Diese vermischte Empfindungen sind das Lcherliche, und das Schreckliche. Homer macht den Thersites hlich, um ihn lcherlich zu machen. Er wird aber nicht durch seine bloe Hlichkeit lcherlich; denn Hlichkeit ist Unvollkommenheit, und zu dem Lcherlichen wird ein Kontrast von Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten erfodert 1). Dieses ist die Erklrung meines Freundes, zu der ich hinzusetzen mchte, da dieser Kontrast nicht zu krall und zu schneidend sein mu, da die Opposita, um in der Sprache der Maler fortzufahren, von der Art sein mssen, da sie sich ineinander verschmelzen lassen. Der weise und rechtschaffene Aesop wird dadurch, da man ihm die Hlichkeit des Thersites gegeben, nicht lcherlich. Es war eine alberne Mnchsfratze, das Geloion seiner lehrreichen Mrchen, vermittelst der Ungestaltheit auch in seine Person verlegen zu wollen. Denn ein migebildeter Krper und eine schne Seele sind wie l und Essig, die, wenn man sie schon ineinander schlgt, fr den Geschmack doch immer getrennet bleiben. Sie gewhren kein Drittes; der Krper erweckt Verdru, die Seele Wohlgefallen; jedes das seine fr sich. Nur wenn der migebildete Krper zugleich gebrechlich und krnklich ist, wenn er die Seele in ihren Wirkungen hindert, wenn er die Quelle nachteiliger Vorurteile gegen sie wird: alsdenn flieen Verdru und Wohlgefallen ineinander; aber die neue daraus entspringende Erscheinung ist nicht Lachen, sondern Mitleid, und der Gegenstand, den wir ohne dieses nur hochgeachtet htten, wird interessant. Der migebildete gebrechliche Pope mute seinen Freunden weit interessanter sein, als der schne und gesunde Wycherley den seinigen. --So wenig aber Thersites durch die bloe Hlichkeit lcherlich wird, ebensowenig wrde er es ohne dieselbe sein. Die Hlichkeit; die bereinstimmung dieser Hlichkeit mit seinem Charakter; der Widerspruch, den beide mit der Idee machen, die er von seiner eigenen Wichtigkeit heget; die unschdliche, ihn allein demtigende Wirkung seines boshaften Geschwtzes: alles mu zusammen zu diesem Zwecke wirken. Der letztere Umstand ist das Ou jJartikon, welches Aristoteles 2) unumgnglich zu dem Lcherlichen verlanget; so wie es auch mein Freund zu einer notwendigen Bedingung macht, da jener Kontrast von keiner Wichtigkeit sein, und uns nicht sehr interessieren msse. Denn man nehme auch nur an, da dem Thersites selbst seine hmische Verkleinerung des Agamemnons teurer zu stehen gekommen wre, da er sie, anstatt mit ein paar blutigen Schwielen, mit dem Leben bezahlen mssen: und wir wrden aufhren, ber ihn zu lachen. Denn dieses Scheusal von einem Menschen ist doch ein Mensch, dessen Vernichtung uns stets ein greres bel scheinet, als alle seine Gebrechen und Laster. Um die Erfahrung hiervon zu machen, lese man sein Ende bei dem Quintus Calaber 3). Achilles bedauert, die Penthesilea gettet zu haben: die Schnheit in ihrem Blute, so tapfer vergossen, fodert die Hochachtung und das Mitleid des Helden; und Hochachtung und Mitleid werden Liebe. Aber der schmhschtige Thersites macht ihm diese Liebe zu einem Verbrechen. Er eifert wider die Wollust, die auch den wackersten Mann zu Unsinnigkeiten verleite; {1. Philos. Schriften des Hrn. Moses Mendelssohn T. II. S. 23.} {2. De poetica cap. V.} {3. Paralipom. lib. I. v. 720-775.} --ht' ajrona jvta tiJhsi Kai pinuton per eonta.-- Achilles ergrimmt, und ohne ein Wort zu versetzen, schlgt er ihn so unsanft zwischen Back' und Ohr, da ihm Zhne, und Blut und Seele mit eins aus dem Halse strzen. Zu grausam! Der jachzornige mrderische Achilles wird mir verhater, als der tckische knurrende Thersites; das Freudengeschrei, welches die Griechen ber diese Tat erheben, beleidiget mich; ich trete auf die Seite des Diomedes, der schon das Schwert zucket, seinen Anverwandten an dem Mrder zu rchen: denn ich empfinde es, da Thersites auch mein Anverwandter ist, ein Mensch. Gesetzt aber gar, die Verhetzungen des Thersites wren in Meuterei ausgebrochen, das aufrhrerische Volk wre wirklich zu Schiffe gegangen und htte seine Heerfhrer verrterisch zurckgelassen, die Heerfhrer wren hier einem rachschtigen Feinde in die Hnde gefallen, und dort htte ein gttliches Strafgerichte ber Flotte und Volk ein gnzliches Verderben verhangen: wie wrde uns alsdenn die Hlichkeit des Thersites erscheinen? Wenn unschdliche Hlichkeit lcherlich werden kann, so ist schdliche Hlichkeit allezeit schrecklich. Ich wei dieses nicht besser zu erlutern, als mit ein paar vortrefflichen Stellen des Shakespeare: Edmund, der Bastard des Grafen von Gloster, im "Knig Lear", ist kein geringerer Bsewicht, als Richard, Herzog von Gloucester, der sich durch die abscheulichsten Verbrechen den Weg zum Throne bahnte, den er unter dem Namen Richard der Dritte bestieg. Aber wie kommt es, da jener bei weitem nicht so viel Schaudern und Entsetzen erwecket als dieser? Wenn ich den Bastard sagen hre 4): {4. King Lear. Act. I. Sc. II.} Thou, nature, art my goddess, to thy law My services are bound; wherefore should I Stand in the plague of custom, and permit The courtesy of nations to deprive me, For that I am some twelve, or fourteen moonshines Lag of a brother? Why bastard? wherefore base? When my dimensions are as well compact, My mind as gen'rous, and my shape as true As honest madam's issue? Why brand they thus With base? with baseness? bastardy, base? base? Who, in the lusty stealth of nature, take More composition and fierce quality, Than doth, within a dull, stale, tired bed, Go to creating, a whole tribe of fops, Got' 'tween a-sleep and wake? so hre ich einen Teufel, aber ich sehe ihn in der Gestalt eines Engels des Lichts. Hre ich hingegen den Grafen von Gloucester sagen 5): {5. The life and death of Richard III. Act. I. Sc. 1.} But I, that am not shap'd for sportive tricks Nor made to court an am'rous looking-glass, I, that am rudely stampt, and want love's majesty To strut before a wanton, ambling nymph; I, that am curtail'd of this fair proportion, Cheated of feature by dissembling nature, Deform'd, unfinish'd, sent before my time Into this breathing world, scarce half made up, And that so lamely and unfashionably, That dogs bark at me, as I halt by them: Why I (in this weak piping time of peace) Have no delight to pass away the time; Unless to spy my shadow in the sun, And descant on mine own deformity. And therefore, since I cannot prove a lover, To entertain these fair well-spoken days, I am determined, to prove a villain! so hre ich einen Teufel, und sehe einen Teufel; in einer Gestalt, die der Teufel allein haben sollte. XXIV. So nutzt der Dichter die Hlichkeit der Formen: welchen Gebrauch ist dem Maler davon zu machen vergnnet? Die Malerei, als nachahmende Fertigkeit, kann die Hlichkeit ausdrcken; die Malerei, als schne Kunst, will sie nicht ausdrcken. Als jener, gehren ihr alle sichtbare Gegenstnde zu; als diese, schliet sie sich nur auf diejenigen sichtbaren Gegenstnde ein, welche angenehme Empfindungen erwecken. Aber gefallen nicht auch die unangenehmen Empfindungen in der Nachahmung? Nicht alle. Ein scharfsinniger Kunstrichter 1) hat dieses bereits von dem Ekel bemerkt. "Die Vorstellungen der Furcht," sagt er, "der Traurigkeit, des Schreckens, des Mitleids usw. knnen nur Unlust erregen, insoweit wir das bel fr wirklich halten. Diese knnen also durch die Erinnerung, da es ein knstlicher Betrug sei, in angenehme Empfindungen aufgelset werden. Die widrige Empfindung des Ekels aber erfolgt, vermge des Gesetzes der Einbildungskraft auf die bloe Vorstellung in der Seele, der Gegenstand mag fr wirklich gehalten werden, oder nicht. Was hilft's dem beleidigten Gemte also, wenn sich die Kunst der Nachahmung noch so sehr verrt? Ihre Unlust entsprang nicht aus der Voraussetzung, da das bel wirklich sei, sondern aus der bloen Vorstellung desselben, und diese ist wirklich da. Die Empfindungen des Ekels sind also allezeit Natur, niemals Nachahmung." {1. Briefe die neueste Literatur betreffend, T. V. S. 102.} Eben dieses gilt von der Hlichkeit der Formen. Diese Hlichkeit beleidiget unser Gesicht, widerstehet unserm Geschmacke an Ordnung und bereinstimmung, und erwecket Abscheu, ohne Rcksicht auf die wirkliche Existenz des Gegenstandes, an welchem wir sie wahrnehmen. Wir mgen den Thersites weder in der Natur noch im Bilde sehen; und wenn schon sein Bild weniger mifllt, so geschieht dieses doch nicht deswegen, weil die Hlichkeit seiner Form in der Nachahmung Hlichkeit zu sein aufhret, sondern weil wir das Vermgen besitzen, von dieser Hlichkeit zu abstrahieren, und uns blo an der Kunst des Malers zu vergngen. Aber auch dieses Vergngen wird alle Augenblicke durch die berlegung unterbrochen, wie bel die Kunst angewendet worden, und diese berlegung wird selten fehlen, die Geringschtzung des Knstlers nach sich zu ziehen. Aristoteles gibt eine andere Ursache an 2), warum Dinge, die wir in der Natur mit Widerwillen erblicken, auch in der getreuesten Abbildung Vergngen gewhren; die allgemeine Wibegierde des Menschen. Wir freuen uns, wenn wir entweder aus der Abbildung lernen knnen, ti ekaston, was ein jedes Ding ist, oder wenn wir daraus schlieen knnen, oti outoV ekeinoV, da es dieses oder jenes ist. Allein auch hieraus folget, zum Besten der Hlichkeit in der Nachahmung, nichts. Das Vergngen, welches aus der Befriedigung unserer Wibegierde entspringt, ist momentan, und dem Gegenstande, ber welchen sie befriediget wird, nur zufllig; das Mivergngen hingegen, welches den Anblick der Hlichkeit begleitet, permanent, und dem Gegenstande, der es erweckt, wesentlich. Wie kann also jenes diesem das Gleichgewicht halten? Noch weniger kann die kleine angenehme Beschftigung, welche uns die Bemerkung der hnlichkeit macht, die unangenehme Wirkung der Hlichkeit besiegen. Je genauer ich das hliche Nachbild mit dem hlichen Urbilde vergleiche, desto mehr stelle ich mich dieser Wirkung blo, so da das Vergngen der Vergleichung gar bald verschwindet, und mir nichts als der widrige Eindruck der verdoppelten Hlichkeit brig bleibet. Nach den Beispielen, welche Aristoteles gibt, zu urteilen, scheinet es, als habe er auch selbst die Hlichkeit der Formen nicht mit zu den miflligen Gegenstnden rechnen wollen, die in der Nachahmung gefallen knnen. Diese Beispiele sind: reiende Tiere und Leichname. Reiende Tiere erregen Schrecken, wenn sie auch nicht hlich sind; und dieses Schrecken, nicht ihre Hlichkeit, ist es, was durch die Nachahmung in angenehme Empfindung aufgelset wird. So auch mit den Leichnamen; das schrfere Gefhl des Mitleids, die schreckliche Erinnerung an unsere eigene Vernichtung ist es, welche uns einen Leichnam in der Natur zu einem widrigen Gegenstande macht; in der Nachahmung aber verlieret jenes Mitleid, durch die berzeugung des Betrugs, das Schneidende, und von dieser fatalen Erinnerung kann uns ein Zusatz von schmeichelhaften Umstnden entweder gnzlich abziehen, oder sich so unzertrennlich mit ihr vereinen, da wir mehr Wnschenswrdiges als Schreckliches darin zu bemerken glauben. {2. De poetica cap. IV.} Da also die Hlichkeit der Formen, weil die Empfindung, welche sie erregt, unangenehm, und doch nicht von derjenigen Art unangenehmer Empfindungen ist, welche sich durch die Nachahmung in angenehme verwandeln, an und vor sich selbst kein Vorwurf der Malerei, als schner Kunst, sein kann: so kme es noch darauf an, ob sie ihr, nicht ebensowohl wie der Poesie, als Ingrediens, um andere Empfindungen zu verstrken, ntzlich sein knne. Darf die Malerei, zu Erreichung des Lcherlichen und Schrecklichen, sich hlicher Formen bedienen? Ich will es nicht wagen, so gradezu mit Nein hierauf zu antworten. Es ist unleugbar, da unschdliche Hlichkeit auch in der Malerei lcherlich werden kann; besonders wenn eine Affektation nach Reiz und Ansehen damit verbunden wird. Es ist ebenso unstreitig, da schdliche Hlichkeit, so wie in der Natur, also auch im Gemlde Schrecken erwecket; und da jenes Lcherliche und dieses Schreckliche, welches schon vor sich vermischte Empfindungen sind, durch die Nachahmung einen neuen Grad von Anzglichkeit und Vergngung erlangen. Ich mu aber zu bedenken geben, da demohngeachtet sich die Malerei hier nicht vllig mit der Poesie in gleichem Falle befindet. In der Poesie, wie ich angemerket, verlieret die Hlichkeit der Form, durch die Vernderung ihrer koexistierenden Teile in sukzessive, ihre widrige Wirkung fast gnzlich; sie hret von dieser Seite gleichsam auf, Hlichkeit zu sein, und kann sich daher mit andern Erscheinungen desto inniger verbinden, um eine neue besondere Wirkung hervorzubringen. In der Malerei hingegen hat die Hlichkeit alle ihre Krfte beisammen, und wirket nicht viel schwcher, als in der Natur selbst. Unschdliche Hlichkeit kann folglich nicht wohl lange lcherlich bleiben; die unangenehme Empfindung gewinnet die Oberhand, und was in den ersten Augenblicken possierlich war, wird in der Folge blo abscheulich. Nicht anders gehet es mit der schdlichen Hlichkeit; das Schreckliche verliert sich nach und nach, und das Unfrmliche bleibt allein und unvernderlich zurck. Dieses berlegt, hatte der Graf Caylus vollkommen recht, die Episode des Thersites aus der Reihe seiner Homerischen Gemlde wegzulassen. Aber hat man darum auch recht, sie aus dem Homer selbst wegzuwnschen? Ich finde ungern, da ein Gelehrter, von sonst sehr richtigem und feinem Geschmacke, dieser Meinung ist 3). Ich verspare es auf einen andern Ort, mich weitlufiger darber zu erklren. {3. Klotzii epistolae Homericae, p. 32. et seq.} XXV. Auch der zweite Unterschied, welchen der angefhrte Kunstrichter zwischen dem Ekel und andern unangenehmen Leidenschaften der Seele findet, uert sich bei der Unlust, welche die Hlichkeit der Formen in uns erwecket. "Andere unangenehme Leidenschaften", sagte er 1), "knnen auch auer der Nachahmung, in der Natur selbst, dem Gemte fters schmeicheln, indem sie niemals reine Unlust erregen, sondern ihre Bitterkeit allezeit mit Wollust vermischen. Unsere Furcht ist selten von aller Hoffnung entblt; der Schrecken belebt alle unsere Krfte, der Gefahr auszuweichen; der Zorn ist mit der Begierde sich zu rchen, die Traurigkeit mit der angenehmen Vorstellung der vorigen Glckseligkeit verknpft, und das Mitleiden ist von den zrtlichen Empfindungen der Liebe und Zuneigung unzertrennlich. Die Seele hat die Freiheit, sich bald bei dem vergnglichen, bald bei dem widrigen Teile einer Leidenschaft zu verweilen, und sich eine Vermischung von Lust und Unlust selbst zu schaffen, die reizender ist, als das lauterste Vergngen. Es braucht nur sehr wenig Achtsamkeit auf sich selber, um dieses vielfltig beobachtet zu haben; und woher kme es denn sonst, da dem Zornigen sein Zorn, dem Traurigen seine Unmut lieber ist, als alle freudige Vorstellungen, dadurch man ihn zu beruhigen gedenket? Ganz anders aber verhlt es sich mit dem Ekel und den ihm verwandten Empfindungen. Die Seele erkennet in demselben keine merkliche Vermischung von Lust. Das Mivergngen gewinnet die Oberhand, und daher ist kein Zustand, weder in der Natur noch in der Nachahmung, zu erdenken, in welchem das Gemt nicht von diesen Vorstellungen mit Widerwillen zurckweichen sollte." {1. Klotzii epistolae Homericae, p. 103.} Vollkommen richtig; aber da der Kunstrichter selbst, noch andere mit dem Ekel verwandten Empfindungen erkennet, die gleichfalls nichts als Unlust gewhren, welche kann ihm nher verwandt sein, als die Empfindung des Hlichen in den Formen? Auch diese ist in der Natur ohne die geringste Mischung von Lust; und da sie deren ebensowenig durch die Nachahmung fhig wird, so ist auch von ihr kein Zustand zu erdenken, in welchem das Gemt von ihrer Vorstellung nicht mit Widerwillen zurckweichen sollte. Ja dieser Widerwille, wenn ich anders mein Gefhl sorgfltig genug untersucht habe, ist gnzlich von der Natur des Ekels. Die Empfindung, welche die Hlichkeit der Form begleitet, ist Ekel, nur in einem geringern Grade. Dieses streitet zwar mit einer andern Anmerkung des Kunstrichters, nach welcher er nur die allerdunkelsten Sinne, den Geschmack, den Geruch und das Gefhl, dem Ekel ausgesetzet zu sein glaubet. "Jene beide" sagt er, "durch eine bermige Sigkeit, und dieses durch eine allzugroe Weichheit der Krper, die den berhrenden Fibern nicht genugsam widerstehen. Diese Gegenstnde werden sodann auch dem Gesichte unertrglich, aber blo durch die Assoziation der Begriffe, indem wir uns des Widerwillens erinnern, den sie dem Geschmacke, dem Geruche oder dem Gefhle verursachen. Denn eigentlich zu reden, gibt es keine Gegenstnde des Ekels fr das Gesicht." Doch mich dnkt, es lassen sich dergleichen allerdings nennen. Ein Feuermal in dem Gesichte, eine Hasenscharte, eine gepletschte Nase mit vorragenden Lchern, ein gnzlicher Mangel der Augenbraunen, sind Hlichkeiten, die weder dem Geruche, noch dem Geschmacke, noch dem Gefhle zuwider sein knnen. Gleichwohl ist es gewi, da wir etwas dabei empfinden, welches dem Ekel schon viel nher kmmt, als das, was uns andere Unfrmlichkeiten des Krpers, ein krummer Fu, ein hoher Rcken, empfinden lassen; je zrtlicher das Temperament ist, desto mehr werden wir von den Bewegungen in dem Krper dabei fhlen, welche vor dem Erbrechen vorhergehen. Nur da diese Bewegungen sich sehr bald wieder verlieren, und schwerlich ein wirkliches Erbrechen erfolgen kann; wovon man allerdings die Ursache darin zu suchen hat, da es Gegenstnde des Gesichts sind, welches in ihnen, und mit ihnen zugleich, eine Menge Realitten wahrnimmt, durch deren angenehme Vorstellungen jene unangenehme so geschwcht und verdunkelt wird, da sie keinen merklichen Einflu auf den Krper haben kann. Die dunkeln Sinne hingegen, der Geschmack, der Geruch, das Gefhl, knnen dergleichen Realitten, indem sie von etwas Widerwrtigem gerhret werden, nicht mitbemerken; das Widerwrtige wirkt folglich allein und in seiner ganzen Strke, und kann nicht anders als auch in dem Krper von einer weit heftigern Erschtterung begleitet sein. brigens verhlt sich auch zur Nachahmung das Ekelhafte vollkommen so, wie das Hliche. Ja, da seine unangenehme Wirkung die heftigere ist, so kann es noch weniger als das Hliche an und vor sich selbst ein Gegenstand weder der Poesie, noch der Malerei werden. Nur weil es ebenfalls durch den wrtlichen Ausdruck sehr gemildert wird, getrauete ich mich doch wohl zu behaupten, da der Dichter, wenigstens einige ekelhafte Zge als ein Ingrediens zu den nmlichen vermischten Empfindungen brauchen knne, die er durch das Hliche mit so gutem Erfolge verstrket. Das Ekelhafte kann das Lcherliche vermehren; oder Vorstellungen der Wrde, des Anstandes, mit dem Ekelhaften in Kontrast gesetzet, werden lcherlich. Exempel hiervon lassen sich bei dem Aristophanes in Menge finden. Das Wiesel fllt mir ein, welches den guten Sokrates in seinen astronomischen Beschauungen unterbrach 2). {2. Nubes v. 169-174.} MAQ. Prwhn de ge gnwmhn megalhn ajhreJh Up' askalabwtou. STR. Tina tropon; kateipe moi. MAQ. ZhtountoV autou thV selhnhV tas odouV Kai taV perijoraV, eit' anw kechnotoV Apo thV orojhV nuktwr galewthV katecesen. STR. HsJhn galewth katacesanti SwkratouV. Man lasse es nicht ekelhaft sein, was ihm in den offenen Mund fllt, und das Lcherliche ist verschwunden. Die drolligsten Zge von dieser Art hat die hottentottische Erzhlung: Tquassouw und Knonmquaiha, in dem "Kenner", einer englischen Wochenschrift voller Laune, die man dem Lord Chesterfield zuschreibet. Man wei, wie schmutzig die Hottentotten sind; und wie vieles sie fr schn und zierlich und heilig halten, was uns Ekel und Abscheu erwecket. Ein gequetschter Knorpel von Nase, schlappe bis auf den Nabel herabhngende Brste, den ganzen Krper mit einer Schminke aus Ziegenfett und Ru an der Sonne durchbeizet, die Haarlocken von Schmer triefend, Fe und Arme mit frischem Gedrme umwunden: dies denke man sich an dem Gegenstande einer feurigen, ehrfurchtsvollen, zrtlichen Liebe; dies hre man in der edeln Sprache des Ernstes und der Bewunderung ausgedrckt, und enthalte sich des Lachens 3)! {3. The Connoisseur, Vol. I. No. 21. Von der Schnheit der Knonmquaiha heit es: He was struck with the glossy hue of her complexion, which shone like the jetty down on the black hogs of Hessaqua; he was ravished with the prest gristle of her nose; and his eys dwelt with admiration on the flaccid beauties of her breasts, which descended to her navel. Und was trug die Kunst bei, so viel Reize in ihr vorteilhaftes Licht zu setzen? She made a varnish of the fat of goats mixed with soot, with which she anointed her whole body, as she stood beneath the rays of the sun; her locks were clotted with melted grease, and powdered with the yellow dust of Buchu; her face, which shone like the polished ebony, was beautifully varied with spots of red earth, and appeared like the sable curtain of the night bespangled with stars: she sprinkled her limbs with woodashes, and perfumed them with the dung of Stinkbingsem. Her arms and legs were entwined with the shining entrails of an heifer: from her neck there hung a pouch composed of the stomach of a kid: the wings of an ostrich overshadowed the fleshy promontories behind; and before she wore an apron formed of the shaggy ears of a lion. Ich fge noch die Zeremonie der Zusammengebung des verliebten Paares hinzu: The Surri or chief priest approached them, and in a deep voice chanted the nuptial rites to the melodious grumbling of the Gom-Gom; and at the same time (according to the manner of Caffraria) bedewed them plentifully with the urinary benediction. The bride and bridegroom rubbed in the precious stream with extasy, while the briny drops trikled from their bodies; like the oozy surge from the rocks of Chirigriqua.} Mit dem Schrecklichen scheinet sich das Ekelhafte noch inniger vermischen zu knnen. Was wir das Grliche nennen, ist nichts als ein ekelhaftes Schreckliche. Dem Longin 4) mifllt zwar in dem Bilde der Traurigkeit beim Hesiodus 5) das ThV ek men rinvn muxai reon; doch mich dnkt, nicht sowohl weil es ein ekler Zug ist, als weil es ein blo ekler Zug ist, der zum Schrecklichen nichts beitrgt. Denn die langen ber die Finger hervorragenden Ngel (makroi d' onuceV ceiressin uphsan) scheinet er nicht tadeln zu wollen. Gleichwohl sind lange Ngel nicht viel weniger ekel, als eine flieende Nase. Aber die langen Ngel sind zugleich schrecklich; denn sie sind es, welche die Wangen zerfleischen, da das Blut davon auf die Erde rinnet: {4. Peri uyouV, tmhma h, p. 18. edit. T. Fabri.} {5. Scut. Hercul. v. 266.} --ek de pareivn Aim' apeleibet' eraze-- Hingegen eine flieende Nase, ist weiter nichts als eine flieende Nase; und ich rate der Traurigkeit nur, das Maul zuzumachen. Man lese bei dem Sophokles die Beschreibung der den Hhle des unglcklichen Philoktet. Da ist nichts von Lebensmitteln, nichts von Bequemlichkeiten zu sehen; auer eine zertretene Streu von drren Blttern, ein unfrmlicher hlzerner Becher, ein Feuergert. Der ganze Reichtum des kranken verlassenen Mannes! Womit vollendet der Dichter dieses traurige frchterliche Gemlde. Mit einem Zusatze von Ekel. "Ha!" fhrt Neoptolem auf einmal zusammen, "hier trockenen zerrissene Lappen voll Blut und Eiter 6)!" {6. Philoct. v. 31-39.} NE. Orv kenhn oikhsin anJrwpwn dica. OD. Oud' endon oikopoioV esti tiV trojh; NE. Steipth ge jullaV wV enaulizonti tw. OD. Ta d' all' erhma, kouden esJ' upostegon; NE. Autoxulon g' ekpwma, jaulourgou tinoV Tecnhmat' androV, kai purei' omou tade. OD. Keinou to Jhsaurisma shmaineiV tode. NE. Iou, iou kai tauta g' alla Jalpetai Rakh, bareiaV tou noshleiaV plea. So wird auch beim Homer der geschleifte Hektor, durch das von Blut und Staub entstellte Gesicht, und zusammenverklebte Haar, Squallentem barbam et concretos sanguine crines, (wie es Virgil ausdrckt 7)) ein ekler Gegenstand, aber eben dadurch um so viel schrecklicher, um so viel rhrender. Wer kann die Strafe des Marsyas, beim Ovid, sich ohne Empfindung des Ekels denken 8)? {7. Aeneid. lib. II. v. 277.} {8. Metamorph. VI. v. 387.} Clamanti cutis est summos derepta per artus: Nec quidquam, nisi vulnus erat: cruor undique manat: Detectique patent nervi: trepidaeque sine ulla Pelle micant venae: salientia viscera possis, Et perlucentes numerare in pectore fibras. Aber wer empfindet auch nicht, da das Ekelhafte hier an seiner Stelle ist? Es macht das Schreckliche grlich; und das Grliche ist selbst in der Natur, wenn unser Mitleid dabei interessieret wird, nicht ganz unangenehm; wie viel weniger in der Nachahmung? Ich will die Exempel nicht hufen. Doch dieses mu ich noch anmerken, da es eine Art von Schrecklichem gibt, zu dem der Weg dem Dichter fast einzig und allein durch das Ekelhafte offen stehet. Es ist das Schreckliche des Hungers. Selbst im gemeinen Leben drcken wir die uerste Hungersnot nicht anders als durch die Erzhlungen aller der unnahrhaften, ungesunden und besonders ekeln Dinge aus, mit welchen der Magen befriediget werden mssen. Da die Nachahmung nichts von dem Gefhle des Hungers selbst in uns erregen kann, so nimmt sie zu einem andern unangenehmen Gefhle ihre Zuflucht, welches wir im Falle des empfindlichsten Hungers fr das kleinere bel erkennen. Dieses sucht sie zu erregen, um uns aus der Unlust desselben schlieen zu lassen, wie stark jene Unlust sein msse, bei der wir die gegenwrtige gern aus der Acht schlagen wrden. Ovid sagt von der Oreade, welche Ceres an den Hunger abschickte 9): {9. Ibid. lib. VIII. v. 809.} Hanc (famem) procul ut vidit-- --refert mandata deae; paulumque morata, Quanquam aberat longe, quanquam modo venerat illuc, Visa tamen sensisse famem-- Eine unnatrliche bertreibung! Der Anblick eines Hungrigen, und wenn es auch der Hunger selbst wre, hat diese ansteckende Kraft nicht; Erbarmen, und Greul, und Ekel, kann er empfinden lassen, aber keinen Hunger. Diesen Greul hat Ovid in dem Gemlde der Fames nicht gesparet, und in dem Hunger des Eresichthons sind, sowohl bei ihm, als bei dem Kallimachus 10), die ekelhaften Zge die strksten. Nachdem Eresichthon alles aufgezehret, und auch der Opferkuh nicht verschonet hatte, die seine Mutter der Vesta aufftterte, lt ihn Kallimachus ber Pferde und Katzen herfallen, und auf den Straen die Brocken und schmutzigen berbleibsel von fremden Tischen betteln: {10. Hym. in Cererem. v. 109-116.} Kai tan bvn ejagen, tan Estia etreje mathr, Kai ton aeJlojoron kai ton polemhion ippon, Kai tan ailouron, tan etreme Jeria mikka-- Kai toJ' o tv basilhoV eni triodoisi kaJhsto Aitizwn akolwV te kai ekbola lumata daitoV-- Und Ovid lt ihn zuletzt die Zhne in seine eigene Glieder setzen, um seinen Leib mit seinem Leibe zu nhren. Vis tamen illa mali postquam consumserat omnem Materiam-- Ipse suos artus lacero divellere morsu Coepit; et infelix minuendo corpus alebat. Nur darum waren die hlichen Harpyen so stinkend, so unfltig, da der Hunger, welchen ihre Entfhrung der Speisen bewirken sollte, desto schrecklicher wrde. Man hre die Klage des Phineus, beim Apollonius 11): {11. Argonaut. lib. II. v. 228-233.} TutJon d' hn ara dh pot' edhtuoV ammi lipwsi, Pnei tode mudaleon te kai ou tlhton menoV odmhV. Ou ke tiV oude minunJa brotvn anscoito pelassaV, Oud' ei oi adamantoV elhlamenon kear eih. Alla me pikrh dhta ke daitoV episcei anagkh Mimnein, kai mimnonta kakh en gasteri JesJai. Ich mchte gern aus diesem Gesichtspunkte die ekele Einfhrung der Harpyen beim Virgil entschuldigen; aber es ist kein wirklicher gegenwrtiger Hunger, den sie verursachen, sondern nur ein instehender, den sie prophezeien; und noch dazu lset sich die ganze Prophezeiung endlich in ein Wortspiel auf. Auch Dante bereitet uns nicht nur auf die Geschichte von der Verhungerung des Ugolino, durch die ekelhafteste, grlichste Stellung, in die er ihn mit seinem ehemaligen Verfolger in der Hlle setzet; sondern auch die Verhungerung selbst ist nicht ohne Zge des Ekels, der uns besonders da sehr merklich berfllt, wo sich die Shne dem Vater zur Speise anbieten. In der Note will ich noch eine Stelle aus einem Schauspiele von Beaumont und Fletcher anfhren, die statt aller andern Beispiele htte sein knnen, wenn ich sie nicht fr ein wenig zu bertrieben erkennen mte 12). {12. The Sea-Voyage Act. III. Sc. 1. Ein franzsischer Seeruber wird mit seinem Schiffe an eine wste Insel verschlagen. Habsucht und Neid entzweien seine Leute und schaffen ein paar Elenden, welche auf dieser Insel geraume Zeit der uersten Not ausgesetzt gewesen, Gelegenheit, mit dem Schiffe in die See zu stechen. Alles Vorrates an Lebensmitteln sonach auf einmal beraubet, sehen jene Nichtswrdige gar bald den schmhlichsten Tod vor Augen, und einer drckt gegen den andern seinen Hunger und seine Verzweiflung folgendergestalt aus: Lamure. Oh, what a tempest have I in my stomach! How my empty guts cry out! My wounds ake, Would they would bleed again, that I might get Something to quench my thirst. Franville. O Lamure, the happiness my dogs had When I kept house at home! They had a storehouse, A storehouse of most blessed bones and crusts, Happy crusts. Oh, how sharp hunger pinches me!-- Franville. How now, what news? Morillat. Hast any meat yet? Franville. Not a bit that I can see; Here be goodly quarries, but they be cruel hard To gnaw: I ha' got some mud, we'll eat it with spoons, Very good thick mud; bot it stinks damnably, There's old rotten trunks of trees too, Bot not a leaf nor blossom in all the island. Lamure. How it looks! Morillat. It stinks too. Lamure. It may be poison. Franville. Let it be any thing; So I can get it down. Why man, Poison's a princely dish. Morillat. Hast thou no bisket? No crumbs left in thy pocket? Here is my doublet, Give me but three small crumbs. Franville. Not for three kingdoms, If I were master of 'em. Oh, Lamure, But one poor joint of mutton, we ha' scorn'd, man. Lamure. Thou speak'st of paradise; Or but the snuffs of those healths, We have lewdly at midnight flang away. Morillat. Ah! but to lick the glasses. Doch alles dieses ist noch nichts gegen den folgenden Auftritt, wo der Schiffschirurgus dazu kommt. Franville. Here comes the surgeon. What Hast thou discover'd? Smile, smile and comfort us. Surgeon. I am expiring, Smile they that can. I can find nothing, gentlemen, Here 's nothing can be meat, without a miracle Oh that I had my boxes and my lints now, My stupes, my tents, and those sweet helps of nature, What dainty dishes could I make of 'em. Morillat. Hast ne'er an old suppository? Surgeon. Oh would I had, sir. Lamure. Or but the paper where such a cordial Potion, or pills hath been entomb'd? Franville. Or the best bladder where a cooling-glister. Morillat. Hast thou no searcloths left? Nor any old pultesses? Franville. We care not to what it hath been ministred. Surgeon. Sure I have none of these dainties, gentlemen. Franville. Where's the great wen Thou cut'st from Hugh the sailor's shoulder? That would serve now for a most princely banquet. Surgeon. Ay if we had it, gentlemen. I flung it over-bord, slave that I was. Lamure. A most improvident villain.} Ich komme auf die ekelhaften Gegenstnde in der Malerei. Wenn es auch schon ganz unstreitig wre, da es eigentlich gar keine ekelhafte Gegenstnde fr das Gesicht gbe, von welchen es sich von sich selbst verstnde, da die Malerei, als schne Kunst, ihrer entsagen wrde: so mte sie dennoch die ekelhaften Gegenstnde berhaupt vermeiden, weil die Verbindung der Begriffe sie auch dem Gesichte ekel macht. Pordenone lt, in einem Gemlde von dem Begrbnisse Christi, einen von den Anwesenden die Nase sich zuhalten. Richardson mibilliget dieses deswegen 13), weil Christus noch nicht so lange tot gewesen, da sein Leichnam in Fulung bergehen knnen. Bei der Auferweckung des Lazarus hingegen, glaubt er, sei es dem Maler erlaubt, von den Umstehenden einige so zu zeigen, weil es die Geschichte ausdrcklich sage, da sein Krper schon gerochen habe. Mich dnkt diese Vorstellung auch hier unertrglich; denn nicht blo der wirkliche Gestank, auch schon die Idee des Gestankes erwecket Ekel. Wir fliehen stinkende Orte, wenn wir schon den Schnupfen haben. Doch die Malerei will das Ekelhafte, nicht des Ekelhaften wegen; sie will es, so wie die Poesie, um das Lcherliche und Schreckliche dadurch zu verstrken. Auf ihre Gefahr! Was ich aber von dem Hlichen in diesem Falle angemerkt habe, gilt von dem Ekelhaften um so viel mehr. Es verlieret in einer sichtbaren Nachahmung von seiner Wirkung ungleich weniger, als in einer hrbaren; es kann sich also auch dort mit den Bestandteilen des Lcherlichen und Schrecklichen weniger innig vermischen, als hier; sobald die berraschung vorbei, sobald der erste gierige Blick gesttiget, trennet es sich wiederum gnzlich, und liegt in seiner eigenen kruden Gestalt da. {13. Richardson de la peinture T. I. p. 74.} XXVI. Des Herrn Winckelmanns "Geschichte der Kunst des Altertums" ist erschienen. Ich wage keinen Schritt weiter, ohne dieses Werk gelesen zu haben. Blo aus allgemeinen Begriffen ber die Kunst vernnfteln, kann zu Grillen verfhren, die man ber lang oder kurz, zu seiner Beschmung, in den Werken der Kunst widerlegt findet. Auch die Alten kannten die Bande, welche die Malerei und Poesie miteinander verknpfen, und sie werden sie nicht enger zugezogen haben, als es beiden zutrglich ist. Was ihre Knstler getan, wird mich lehren, was die Knstler berhaupt tun sollen; und wo so ein Mann die Fackel der Geschichte vortrgt, kann die Spekulation khnlich nachtreten. Man pfleget in einem wichtigen Werke zu blttern, ehe man es ernstlich zu lesen anfngt. Meine Neugierde war, vor allen Dingen des Verfassers Meinung von dem Laokoon zu wissen; nicht zwar von der Kunst des Werkes, ber welche er sich schon anderwrts erklret hat, als nur von dem Alter desselben. Wem tritt er darber bei? Denen, welchen Virgil die Gruppe vor Augen gehabt zu haben scheinet? Oder denen, welche die Knstler dem Dichter nacharbeiten lassen? Es ist sehr nach meinem Geschmacke, da er von einer gegenseitigem Nachahmung gnzlich schweiget. Wo ist die absolute Notwendigkeit derselben? Es ist gar nicht unmglich, da die hnlichkeiten, die ich oben zwischen dem poetischen Gemlde und dem Kunstwerke in Erwgung gezogen habe, zufllige und nicht vorstzliche hnlichkeiten sind; und da das eine so wenig das Vorbild des andern gewesen, da sie auch nicht einmal beide einerlei Vorbild gehabt zu haben brauchen. Htte indes auch ihn ein Schein dieser Nachahmung geblendet, so wrde er sich fr die erstern haben erklren mssen. Denn er nimmt an, da der Laokoon aus den Zeiten sei, da sich die Kunst unter den Griechen auf dem hchsten Gipfel ihrer Vollkommenheit befunden habe, aus den Zeiten Alexanders des Groen. "Das gtige Schicksal", sagt er 1), "welches auch ber die Knste bei ihrer Vertilgung noch gewachet, hat aller Welt zum Wunder ein Werk aus dieser Zeit der Kunst erhalten, zum Beweise von der Wahrheit der Geschichte von der Herrlichkeit so vieler vernichteten Meisterstcke. Laokoon, nebst seinen beiden Shnen, vom Agesander, Apollodorus 2) und Athenodorus aus Rhodus gearbeitet, ist nach aller Wahrscheinlichkeit aus dieser Zeit, ob man gleich dieselbe nicht bestimmen, und wie einige getan haben, die Olympias, in welcher diese Knstler geblhet haben, angeben kann." {1. Geschichte der Kunst, S. 347.} {2. Nicht Apollodorus, sondern Polydorus. Plinius ist der einzige, der diese Knstler nennet, und ich wte nicht, da die Handschriften in diesem Namen voneinander abgingen. Harduin wrde es gewi sonst angemerkt haben. Auch die ltern Ausgaben lesen alle Polydorus. Herr Winckelmann mu sich in dieser Kleinigkeit blo verschrieben haben.} In einer Anmerkung setzet er hinzu: "Plinius meldet kein Wort von der Zeit, in welcher Agesander und die Gehilfen an seinem Werke gelebet haben; Maffei aber, in der Erklrung alter Statuen, hat wissen wollen, da diese Knstler in der achtundachtzigsten Olympias geblhet haben, und auf dessen Wort haben andere, als Richardson, nachgeschrieben. Jener hat, wie ich glaube, einen Athenodorus unter des Polykletus Schlern fr einen von unsern Knstlern genommen, und da Polykletus in der siebenundachtzigsten Olympias geblhet, so hat man seinen vermeinten Schler eine Olympias spter gesetzet: andere Grnde kann Maffei nicht haben." Er konnte ganz gewi keine andere haben. Aber warum lt es Herr Winckelmann dabei bewenden, diesen vermeinten Grund des Maffei blo anzufhren? Widerlegt er sich von sich selbst? Nicht so ganz. Denn wenn er auch schon von keinen andern Grnden untersttzt ist, so macht er doch schon fr sich selbst eine kleine Wahrscheinlichkeit, wo man nicht sonst zeigen kann, da Athenodorus, des Polyklets Schler, und Athenodorus, der Gehilfe des Agesander und Polydorus, unmglich eine und ebendieselbe Person knnen gewesen sein. Zum Glcke lt sich dieses zeigen, und zwar aus ihrem verschiedenen Vaterlande. Der erste Athenodorus war, nach dem ausdrcklichen Zeugnisse des Pausanias 3), aus Klitor in Arkadien; der andere hingegen, nach dem Zeugnisse des Plinius, aus Rhodus gebrtig. {3. AJhnoJvroV de kai DamiaV--outoi de ArkadeV eisin ek KleitoroV. Phoc. cap. 9. p. 819. Edit. Kuh.} Herr Winckelmann kann keine Absicht dabei gehabt haben, da er das Vorgeben des Maffei, durch Beifgung dieses Umstandes, nicht unwidersprechlich widerlegen wollen. Vielmehr mssen ihm die Grnde, die er aus der Kunst des Werks, nach seiner unstreitigen Kenntnis, ziehet, von solcher Wichtigkeit geschienen haben, da er sich unbekmmert gelassen, ob die Meinung des Maffei noch einige Wahrscheinlichkeit behalte oder nicht. Er erkennet, ohne Zweifel, in dem Laokoon zu viele von den argutiis 4), die dem Lysippus so eigen waren, mit welchen dieser Meister die Kunst zuerst bereicherte, als da er ihn fr ein Werk vor desselben Zeit halten sollte. {4. Plinius lib. XXXIV. sect. 19. p. 653. Edit. Hard.} Allein, wenn es erwiesen ist, da der Laokoon nicht lter sein kann, als Lysippus, ist dadurch auch zugleich erwiesen, da er ungefhr aus seiner Zeit sein msse? da er unmglich ein weit spteres Werk sein knne? Damit ich die Zeiten, in welchen die Kunst in Griechenland, bis zum Anfange der rmischen Monarchie, ihr Haupt bald wiederum emporhob, bald wiederum sinken lie, bergehe: warum htte nicht Laokoon die glckliche Frucht des Wetteifers sein knnen, welchen die verschwenderische Pracht der ersten Kaiser unter den Knstlern entznden mute? Warum knnten nicht Agesander und seine Gehilfen die Zeitverwandten eines Strongylion, eines Arcesilaus, eines Pasiteles, eines Posidonius, eines Diogenes sein? Wurden nicht die Werke auch dieser Meister zum Teil dem Besten, was die Kunst jemals hervorgebracht hatte, gleich geschtzet? Und wann noch ungezweifelte Stcke von selbigen vorhanden wren, das Alter ihrer Urheber aber wre unbekannt, und liee sich aus nichts schlieen, als aus ihrer Kunst, welche gttliche Eingebung mte den Kenner verwahren, da er sie nicht ebensowohl in jene Zeiten setzen zu mssen glaubte, die Herr Winckelmann allein des Laokoons wrdig zu sein achtet? Es ist wahr, Plinius bemerkt die Zeit, in welcher die Knstler des Laokoons gelebt haben, ausdrcklich nicht. Doch wenn ich aus dem Zusammenhange der ganzen Stelle schlieen sollte, ob er sie mehr unter die alten oder unter die neuern Artisten gerechnet wissen wollen: so bekenne ich, da ich fr das letztere eine grere Wahrscheinlichkeit darin zu bemerken glaube. Man urteile. Nachdem Plinius von den ltesten und grten Meistern in der Bildhauerkunst, dem Phidias, dem Praxiteles, dem Skopas, etwas ausfhrlicher gesprochen, und hierauf die brigen, besonders solche, von deren Werken in Rom etwas vorhanden war, ohne alle chronologische Ordnung namhaft gemacht: so fhrt er folgendergestalt fort 5): Nec multo plurium fama est, quorundam claritati in operibus eximiis obstante numero artificum, quoniam nec unus occupat gloriam, nec plures pariter nuncupari possunt, sicut in Laocoonte, qui est in Titi Imperatoris domo, opus omnibus et picturae et statuariae artis praeponendum. Ex uno lapide eum et liberos draconumque mirabiles nexus de consilii sententia fecere summi artifices, Agesander et Polydorus et Athenodorus Rhodii. Similiter Palatinas domus Caesarum replevere probatissimis signis Craterus cum Pythodoro, Polydectes cum Hermolao, Pythodorus alius cum Artemone, et singularis Aphrodisius Trallianus. Agrippae Pantheum decoravit Diogenes Atheniensis, et Caryatides in columnis templi ejus probantur inter pauca operum: sicut in fastigio posita signa, sed propter altitudinem loci minus celebrata. {5. Libr. XXXVI. sect. 4. p. 730.} Von allen den Knstlern, welche in dieser Stelle genennet werden, ist Diogenes von Athen derjenige, dessen Zeitalter am unwidersprechlichsten bestimmt ist. Er hat das Pantheum des Agrippa ausgezieret; er hat also unter dem Augustus gelebt. Doch man erwge die Worte des Plinius etwas genauer, und ich denke, man wird auch das Zeitalter des Kraterus und Pythodorus, des Polydektes und Hermolaus, des zweiten Pythodorus und Artemons, sowie des Aphrodisius Trallianus, ebenso unwidersprechlich bestimmt finden. Er sagt von ihnen: Palatinas domus Caesarum replevere probatissimis signis. Ich frage: kann dieses wohl nur so viel heien, da von ihren vortrefflichen Werken die Palste der Kaiser angefllet gewesen? In dem Verstande nmlich, da die Kaiser sie berall zusammensuchen und nach Rom in ihre Wohnungen versetzen lassen? Gewi nicht. Sondern sie mssen ihre Werke ausdrcklich fr diese Palste der Kaiser gearbeitet, sie mssen zu den Zeiten dieser Kaiser gelebt haben. Da es spte Knstler gewesen, die nur in Italien gearbeitet, lt sich auch schon daher schlieen, weil man ihrer sonst nirgends gedacht findet. Htten sie in Griechenland in frhern Zeiten gearbeitet, so wrde Pausanias ein oder das andere Werk von ihnen gesehen, und ihr Andenken uns aufbehalten haben. Ein Pythodorus kmmt zwar bei ihm vor 6), allein Harduin hat sehr unrecht, ihn fr den Pythodorus in der Stelle des Plinius zu halten. Denn Pausanias nennet die Bildsule der Juno, die er von der Arbeit des erstern zu Koronea in Botien sahe, agalma arcaion, welche Benennung er nur den Werken derjenigen Meister gibet, die in den allerersten und raschesten Zeiten der Kunst, lange vor einem Phidias und Praxiteles, gelebt hatten. Und mit Werken solcher Art werden die Kaiser gewi nicht ihre Palste ausgezieret haben. Noch weniger ist auf die andere Vermutung des Harduins zu achten, da Artemon vielleicht der Maler gleiches Namens sei, dessen Plinius an einer andern Stelle gedenket. Name und Name geben nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit, derenwegen man noch lange nicht befugt ist, der natrlichen Auslegung einer unverflschten Stelle Gewalt anzutun. {6. Boeotic. cap. XXXIV. p. 778. Edit. Kuhn.} Ist es aber sonach auer allem Zweifel, da Kraterus und Pythodorus, da Polydektes und Hermolaus, mit den brigen, unter den Kaisern gelebet, deren Palste sie mit ihren trefflichen Werken angefllet: so dnkt mich, kann man auch denjenigen Knstlern kein ander Zeitalter geben, von welchen Plinius auf jene durch ein Similiter bergehet. Und dieses sind die Meister des Laokoon. Man berlege es nur: wren Agesander, Polydorus und Athenodorus so alte Meister, als wofr sie Herr Winckelmann hlt; wie unschicklich wrde ein Schriftsteller, dem die Przision des Ausdruckes keine Kleinigkeit ist, wenn er von ihnen auf einmal auf die allerneuesten Meister springen mte, diesen Sprung mit einem Gleichergestalt tun? Doch man wird einwenden, da sich dieses Similiter nicht auf die Verwandtschaft in Ansehung des Zeitalters, sondern auf einen andern Umstand beziehe, welchen diese, in Betrachtung der Zeit so unhnliche Meister, miteinander gemein gehabt htten. Plinius rede nmlich von solchen Knstlern, die in Gemeinschaft gearbeitet, und wegen dieser Gemeinschaft unbekannter geblieben wren, als sie verdienten. Denn da keiner sich die Ehre des gemeinschaftlichen Werks allein anmaen knnen, alle aber, die daran teilgehabt, jederzeit zu nennen, zu weitluftig gewesen wre (quoniam nec unus occupat gloriam, nec plures pariter nuncupari possunt): so wren ihre smtliche Namen darber vernachlssiget worden. Dieses sei den Meistern des Laokoons, dieses sei so manchen andern Meistern widerfahren, welche die Kaiser fr ihre Palste beschftiget htten. Ich gebe dieses zu. Aber auch so noch ist es hchst wahrscheinlich, da Plinius nur von neuern Knstlern sprechen wollen, die in Gemeinschaft gearbeitet. Denn htte er auch von lteren reden wollen, warum htte er nur allein der Meister des Laokoons erwhnet? Warum nicht auch anderer? Eines Onatas und Kalliteles; eines Timokles und Timarchides, oder der Shne dieses Timarchides, von welchen ein gemeinschaftlich gearbeiteter Jupiter in Rom war 7). Herr Winckelmann sagt selbst, da man von dergleichen lteren Werken, die mehr als einen Vater gehabt, ein langes Verzeichnis machen knne 8). Und Plinius sollte sich nur auf die einzigen Agesander, Polydorus und Athenodorus besonnen haben, wenn er sich nicht ausdrcklich nur auf die neuesten Zeiten htte einschrnken wollen? {7. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 730.} {8. Geschichte der Kunst, T. II. S. 332.} Wird brigens eine Vermutung um so viel wahrscheinlicher, je mehrere und grere Unbegreiflichkeiten sich daraus erklren lassen, so ist es die, da die Meister des Laokoons unter den ersten Kaisern geblhet haben, gewi in einem sehr hohen Grade. Denn htten sie in Griechenland zu den Zeiten, in welche sie Herr Winckelmann setzet, gearbeitet; htte der Laokoon selbst in Griechenland ehedem gestanden: so mte das tiefe Stillschweigen, welches die Griechen von einem solchen Werke (opere omnibus et picturae et statuariae artis praeponendo) beobachtet htten, uerst befremden. Es mte uerst befremden, wenn so groe Meister weiter gar nichts gearbeitet htten, oder wenn Pausanias von ihren brigen Werken in ganz Griechenland ebensowenig wie von dem Laokoon zu sehen bekommen htte. In Rom hingegen konnte das grte Meisterstck lange im Verborgenen bleiben, und wenn Laokoon auch bereits unter dem Augustus wre verfertiget worden, so drfte es doch gar nicht sonderbar scheinen, da erst Plinius seiner gedacht, seiner zuerst und zuletzt gedacht. Denn man erinnere sich nur, was er von einer Venus des Skopas sagt 9), die zu Rom in einem Tempel des Mars stand, quemcunque alium locum nobilitatura. Romae quidem magnitudo operum eam obliterat, ac magni officiorum negotiorumque acervi omnes a contemplatione talium abducunt: quoniam otiosorum et in magno loci silentio apta admiratio talis est. {9. Plinius 1. c. p. 727.} Diejenigen, welche in der Gruppe Laokoon so gern eine Nachahmung des Virgilischen Laokoons sehen wollen, werden, was ich bisher gesagt, mit Vergngen ergreifen. Noch fiele mir eine Mutmaung bei, die sie gleichfalls nicht sehr mibilligen drften. Vielleicht, knnten sie denken, war es Asinius Pollio, der den Laokoon des Virgils durch griechische Knstler ausfhren lie. Pollio war ein besonderer Freund des Dichters, berlebte den Dichter, und scheinet sogar ein eigenes Werk ber die Aeneis geschrieben zu haben. Denn wo sonst, als in einem eigenen Werke ber dieses Gedicht, knnen so leicht die einzeln Anmerkungen gestanden haben, die Servius aus ihm anfhrt 10)? Zugleich war Pollio ein Liebhaber und Kenner der Kunst, besa eine reiche Sammlung der trefflichsten alten Kunstwerke, lie von Knstlern seiner Zeit neue fertigen, und dem Geschmacke, den er in seiner Wahl zeigte, war ein so khnes Stck, als Laokoon, vollkommen angemessen 11): ut fuit acris vehementiae, sic quoque spectari monumenta sua voluit. Doch da das Kabinett des Pollio, zu den Zeiten des Plinius, als Laokoon in dem Palaste des Titus stand, noch ganz unzertrennet an einem besondern Orte beisammen gewesen zu sein scheinet: so mchte diese Mutmaung von ihrer Wahrscheinlichkeit wiederum etwas verlieren. Und warum knnte es nicht Titus selbst getan haben, was wir dem Pollio zuschreiben wollen? {10. Ad ver. 7. lib. II. Aeneid. und besonders ad ver. 183 lib. XI. Man drfte also wohl nicht unrecht tun, wenn man das Verzeichnis der verlornen Schriften dieses Mannes mit einem solchen Werke vermehrte.} {11. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 729.} XXVII. Ich werde in meiner Meinung, da die Meister des Laokoons unter den ersten Kaisern gearbeitet haben, wenigstens so alt gewi nicht sein knnen, als sie Herr Winckelmann ausgibt, durch eine kleine Nachricht bestrket, die er selbst zuerst bekannt macht. Sie ist diese 1): {1. Geschichte der Kunst, T. II. S. 347.} "Zu Nettuno, ehemals Antium, hat der Herr Kardinal Alexander Albani, im Jahre 1717, in einem groen Gewlbe, welches im Meere versunken lag, eine Vase entdecket, welche von schwarz greulichem Marmor ist, den man itzo Bigio nennet, in welche die Figur eingefget war; auf derselben befindet sich folgende Inschrift: AQANODWROS AGHSANDROU RODIOS EPOIHSE "Athanodorus, des Agesanders Sohn, aus Rhodus, hat es gemacht." Wir lernen aus dieser Inschrift, da Vater und Sohn am Laokoon gearbeitet haben, und vermutlich war auch Apollodorus (Polydorus) des Agesanders Sohn; denn dieser Athanodorus kann kein anderer gewesen sein, als der, welchen Plinius nennet. Es beweiset ferner diese Inschrift, da sich mehr Werke der Kunst, als nur allein drei, wie Plinius will, gefunden haben, auf welche die Knstler das Wort,gemacht in vollendeter und bestimmter Zeit gesetzet, nmlich epoihse, fecit: er berichtet, da die brigen Knstler aus Bescheidenheit sich in unbestimmter Zeit ausgedrcket, epoiei, faciebat." Darin wird Herr Winckelmann wenig Widerspruch finden, da der Athanodorus in dieser Inschrift kein anderer, als der Athenodorus sein knne, dessen Plinius unter den Meistern des Laokoons gedenket. Athenodorus und Athanodorus ist auch vllig ein Name; denn die Rhodier bedienten sich des dorischen Dialekts. Allein ber das, was er sonst daraus folgern will, mu ich einige Anmerkungen machen. Das erste, da Athenodorus ein Sohn des Agesanders gewesen sei, mag hingehen. Es ist sehr wahrscheinlich, nur nicht unwidersprechlich. Denn es ist bekannt, da es alte Knstler gegeben, die, anstatt sich nach ihrem Vater zu nennen, sich lieber nach ihrem Lehrmeister nennen wollen. Was Plinius von den Gebrdern Apollonius und Tauriskus saget, leidet nicht wohl eine andere Auslegung 2). {2. Libr. XXXVI. sect. 4. p. 730.} Aber wie? Diese Inschrift soll zugleich das Vorgeben des Plinius widerlegen, da sich nicht mehr als drei Kunstwerke gefunden, zu welchen sich ihre Meister in der vollendeten Zeit (anstatt des epoiei, durch epoihse) bekannt htten? Diese Inschrift? Warum sollen wir erst aus dieser Inschrift lernen, was wir lngst aus vielen andern htten lernen knnen? Hat man nicht schon auf der Statue des Germanicus KleomenhV--epoihse gefunden? Auf der sogenannten Vergtterung des Homers ArcelaoV epoihse? Auf der bekannten Vase zu Gaeta Salpiwn epoihse 3)? usw. {3. Man sehe das Verzeichnis der Aufschriften alter Kunstwerke beim Mar. Gudius (ad Phaedri fab. V. lib. I.) und ziehe zugleich die Berichtigung desselben vom Gronov (Praef. ad tom. IX. Thesauri antiqu. Graec.) zu Rate.} Herr Winckelmann kann sagen: "Wer wei dieses besser als ich? Aber", wird er hinzusetzen, "desto schlimmer fr den Plinius. Seinem Vorgeben ist also um so fterer widersprochen; es ist um so gewisser widerlegt." Noch nicht. Denn wie, wenn Herr Winckelmann den Plinius mehr sagen liee, als er wirklich sagen wollen? Wenn also die angefhrten Beispiele nicht das Vorgeben des Plinius, sondern blo das Mehrere, welches Herr Winckelmann in dieses Vorgeben hineingetragen, widerlegten? Und so ist es wirklich. Ich mu die ganze Stelle anfhren. Plinius will in seiner Zueignungsschrift an den Titus, von seinem Werke mit der Bescheidenheit eines Mannes sprechen, der es selbst am besten wei, wie viel demselben zur Vollkommenheit noch fehle. Er findet ein merkwrdiges Exempel einer solchen Bescheidenheit bei den Griechen, ber deren prahlende, vielversprechende Bchertitel (inscriptiones, propter quas vadimonium deseri possit) er sich vorher ein wenig aufgehalten, und sagt 4): Et ne in totum videar Graecos insectari, ex illis mox velim intelligi pingendi fingendique conditoribus, quos in libellis his invenies, absoluta opera, et illa quoque quae mirando non satiamur, pendenti titulo inscripsisse: ut APELLES FACIEBAT, aut POLYCLETUS: tanquam inchoata semper arte et imperfecta: ut contra judiciorum varietates superesset artifici regressus ad veniam, velut emendaturo quidquid desideraretur, si non esset interceptus. Quare plenum verecundiae illud est, quod omnia opera tamquam novissima inscripsere, et tamquam singulis fato adempti. Tria non amplius, ut opinor, absolute traduntur inscripta ILLE FECIT, quae suis locis reddam: quo apparuit, summam artis securitatem auctori placuisse, et ob id magna invidia fuere omnia ea. Ich bitte auf die Worte des Plinius, pingendi fingendique conditoribus, aufmerksam zu sein. Plinius sagt nicht, da die Gewohnheit, in der unvollendeten Zeit sich zu seinem Werke zu bekennen, allgemein gewesen; da sie von allen Knstlern, zu allen Zeiten beobachtet worden: er sagt ausdrcklich, da nur die ersten alten Meister, jene Schpfer der bildenden Knste, pingendi fingendique conditores, ein Apelles, ein Polyklet, und ihre Zeitverwandte, diese kluge Bescheidenheit gehabt htten; und da er diese nur allein nennet, so gibt er stillschweigend, aber deutlich genug, zu verstehen, da ihre Nachfolger, besonders in den sptern Zeiten, mehr Zuversicht auf sich selber geuert. {4. Libr. I. p. 5. Edit. Hard.} Dieses aber angenommen, wie man es annehmen mu, so kann die entdeckte Aufschrift von dem einen der drei Knstler des Laokoons ihre vllige Richtigkeit haben, und es kann demohngeachtet wahr sein, da, wie Plinius sagt, nur etwa drei Werke vorhanden gewesen, in deren Aufschriften sich ihre Urheber der vollendeten Zeit bedienet; nmlich unter den ltern Werken, aus den Zeiten des Apelles, des Polyklets, des Nicias, des Lysippus. Aber das kann sodann seine Richtigkeit nicht haben, da Athenodorus und seine Gehilfen, Zeitverwandte des Apelles und Lysippus gewesen sind, zu welchen sie Herr Winckelmann machen will. Man mu vielmehr so schlieen: Wenn es wahr ist, da unter den Werken der ltern Knstler, eines Apelles, eines Polyklets und der brigen aus dieser Klasse, nur etwa drei gewesen sind, in deren Aufschriften die vollendete Zeit von ihnen gebraucht worden; wenn es wahr ist, da Plinius diese drei Werke selbst namhaft gemacht hat 5): so kann Athenodorus, von dem keines dieser drei Werke ist, und der sich demohngeachtet auf seinen Werken der vollendeten Zeit bedienet, zu jenen alten Knstlern nicht gehren; er kann kein Zeitverwandter des Apelles, des Lysippus sein, sondern er mu in sptere Zeiten gesetzt werden. {5. Er verspricht wenigstens ausdrcklich, es zu tun: quae suis locis reddam. Wenn er es aber nicht gnzlich vergessen, so hat er es doch sehr im Vorbeigehen und gar nicht auf eine Art getan, als man nach einem solchen Versprechen erwartet. Wenn er z. E. schreibet (Lib. XXXV. sect. 39.): Lysippus quoque Aeginae picturae suae inscripsit, enekausen: quod profecto non fecisset, nisi encaustica inventa: so ist es offenbar, da er dieses enekausen zum Beweise einer ganz andern Sache braucht. Hat er aber, wie Harduin glaubt, auch zugleich das eine von den Werken dadurch angeben wollen, deren Aufschrift in dem Aoristo abgefat gewesen: so htte es sich wohl der Mhe verlohnet, ein Wort davon mit einflieen zu lassen. Die andern zwei Werke dieser Art, findet Harduin in folgender Stelle: Idem (Divus Augustus) in curia quoque, quam in comitio consecrabat, duas tabulas impressit parieti: Nemeam sedentem supra leonem, palmigeram ipsam, adstante cum baculo sene, cujus supra caput tabula bigae dependet. Nicias scripsit se inussisse: tali enim usus est verbo. Alterius tabulae admiratio est, puberem filium seni patri similem esse, salva aetatis differentia, supervolante aquila draconem complexa. Philochares hoc suum opus esse testatus est. (lib. XXXV. sect. 10.) Hier werden zwei verschiedene Gemlde beschrieben, welche Augustus in dem neuerbauten Rathause aufstellen lassen. Das zweite ist vom Philochares, das erste vom Nicias. Was von jenem gesagt wird, ist klar und deutlich. Aber bei diesem finden sich Schwierigkeiten. Es stellte die Nemea vor, auf einem Lwen sitzend, einen Palmenzweig in der Hand, neben ihr ein alter Mann mit einem Stabe; cujus supra caput tabula bigae dependet. Was heit das? ber dessen Haupte eine Tafel hing, worauf ein zweispnniger Wagen gemalt war? Das ist noch der einzige Sinn, den man diesen Worten geben kann. Also war auf das Hauptgemlde noch ein anderes kleineres Gemlde gehangen? Und beide waren von dem Nicias? So mu es Harduin genommen haben. Denn wo wren hier sonst zwei Gemlde des Nicias, da das andere ausdrcklich dem Philochares zugeschrieben wird? Inscripsit Nicias igitur geminae huic tabulae suum nomen in hunc modum: O NIKIAS ENEKAUSEN; atque adeo e tribus operibus, quae absolute fuisse inscripta, ILLE FECIT, indicavit praefatio ad Titum, duo haec sunt Niciae. Ich mchte den Harduin fragen: wenn Nicias nicht den Aoristum, sondern wirklich das Imperfektum gebraucht htte, Plinius htte aber blo bemerken wollen, da der Meister, anstatt des grajein, egkaiein gebraucht htte; wrde er in seiner Sprache auch nicht noch alsdenn haben sagen mssen, Nicias scripsit se inussisse? Doch ich will hierauf nicht bestehen; es mag wirklich des Plinius Wille gewesen sein, eines von den Werken, wovon die Rede ist, dadurch anzudeuten. Wer aber wird sich das doppelte Gemlde einreden lassen, deren eines ber dem andern gehangen? Ich mir nimmermehr. Die Worte cujus supra caput tabula bigae dependet, knnen also nicht anders als verflscht sein. Tabula bigae, ein Gemlde, worauf ein zweispnniger Wagen gemalet, klingt nicht sehr Plinianisch, wenn auch Plinius schon sonst den Singularem von bigae braucht. Und was fr ein zweispnniger Wagen? Etwan, dergleichen zu den Wettrennen in den Nemeischen Spielen gebraucht wurden; so da dieses kleinere Gemlde in Ansehung dessen, was es vorstellte, zu dem Hauptgemlde gehrt htte? Das kann nicht sein; denn in den Nemeischen Spielen waren nicht zweispnnige, sondern vierspnnige Wagen gewhnlich. (Schmidius in prol. ad Nemeonicas, p. 2.) Einsmals kam ich auf die Gedanken, da Plinius anstatt des bigae vielleicht ein griechisches Wort geschrieben, welches die Abschreiber nicht verstanden, ich meine ptucion. Wir wissen nmlich aus einer Stelle des Antigonus Karystius, beim Zenobius (conf. Gronovius T. IX. Antiquit. Graec. Praef. p. 8), da die alten Knstler nicht immer ihre Namen auf ihre Werke selbst, sondern auch wohl auf besondere Tfelchen gesetzet, welche dem Gemlde, oder der Statue angehangen wurden. Und ein solches Tfelchen hie ptucion. Dieses griechische Wort fand sich vielleicht in einer Handschrift durch die Glosse, tabula, tabella erklret; und das tabula kam endlich mit in den Text. Aus ptucion ward bigae; und so entstand das tabula bigae. Nichts kann zu dem Folgenden besser passen, als dieses ptucion; denn das Folgende eben ist es, was darauf stand. Die ganze Stelle wre also so zu lesen: cujus supra caput ptucion dependet, quo Nicias scripsit se inussisse. Doch diese Korrektur, ich bekenne es, ist ein wenig khn. Mu man denn auch alles verbessern knnen, was man verflscht zu sein beweisen kann? Ich begnge mich, das letztere hier geleistet zu haben, und berlasse das erstere einer geschicktern Hand. Doch nunmehr wiederum zur Sache zurckzukommen; wenn Plinius also nur von einem Gemlde des Nicias redet, dessen Aufschrift im Aoristo abgefat gewesen, und das zweite Gemlde dieser Art das obige des Lysippus ist: welches ist denn nun das dritte? Das wei ich nicht. Wenn ich es bei einem andern alten Schriftsteller finden drfte, als bei dem Plinius, so wrde ich nicht sehr verlegen sein. Aber es soll bei dem Plinius gefunden werden; und noch einmal: bei diesem wei ich es nicht zu finden.} Kurz; ich glaube, es liee sich als ein sehr zuverlssiges Kriterium angeben, da alle Knstler, die das epoihse gebraucht, lange nach den Zeiten Alexanders des Groen, kurz vor oder unter den Kaisern, geblhet haben. Von dem Kleomenes ist es unstreitig; von dem Archelaus ist es hchst wahrscheinlich; und von dem Salpion kann wenigstens das Gegenteil auf keine Weise erwiesen werden. Und so von den brigen; den Athenodorus nicht ausgeschlossen. Herr Winckelmann selbst mag hierber Richter sein! Doch protestiere ich gleich im voraus wider den umgekehrten Satz. Wenn alle Knstler, welche epoihse gebraucht, unter die spten gehren: so gehren darum nicht alle, die sich des epoiei bedienet, unter die ltern. Auch unter den sptern Knstlern knnen einige diese einem groen Manne so wohl anstehende Bescheidenheit wirklich besessen, und andere sie zu besitzen sich gestellet haben. XXVIII. Nach dem Laokoon war ich auf nichts neugieriger, als auf das, was Herr Winckelmann von dem sogenannten Borghesischen Fechter sagen mchte. Ich glaube eine Entdeckung ber diese Statue gemacht zu haben, auf die ich mir alles einbilde, was man sich auf dergleichen Entdeckungen einbilden kann. Ich besorgte schon, Herr Winckelmann wrde mir damit zuvorgekommen sein. Aber ich finde nichts dergleichen bei ihm; und wenn nunmehr mich etwas mitrauisch in ihre Richtigkeit machen knnte, so wrde es eben das sein, da meine Besorgnis nicht eingetroffen. "Einige", sagt Herr Winckelmann 1), "machen aus dieser Statue einen Discobolus, das ist, der mit dem Disco, oder mit einer Scheibe von Metall, wirft, und dieses war die Meinung des berhmten Herrn von Stosch in einem Schreiben an mich, aber ohne genugsame Betrachtung des Standes, worin dergleichen Figur will gesetzt sein. Denn derjenige, welcher etwas werfen will, mu sich mit dem Leibe hinterwrts zurckziehen, und indem der Wurf geschehen soll, liegt die Kraft auf dem nchsten Schenkel, und das linke Bein ist mig: hier aber ist das Gegenteil. Die ganze Figur ist vorwrts geworfen, und ruhet auf dem linken Schenkel, und das rechte Bein ist hinterwrts auf das uerste ausgestrecket. Der rechte Arm ist neu, und man hat ihm in die Hand ein Stck von einer Lanze gegeben, auf dem linken Arme sieht man den Riem von dem Schilde, welchen er gehalten hat. Betrachtet man, da der Kopf und die Augen aufwrts gerichtet sind, und da die Figur sich mit dem Schilde vor etwas, das von oben her kommt, zu verwahren scheint, so knnte man diese Statue mit mehrerem Rechte fr eine Vorstellung eines Soldaten halten, welcher sich in einem gefhrlichen Stande besonders verdient gemacht hat: denn Fechtern in Schauspielen ist die Ehre einer Statue unter den Griechen vermutlich niemals widerfahren: und dieses Werk scheinet lter als die Einfhrung der Fechter unter den Griechen zu sein." {1. Geschichte der Kunst, T. II. S. 394.} Man kann nicht richtiger urteilen. Diese Statue ist ebensowenig ein Fechter, als ein Discobolus; es ist wirklich die Vorstellung eines Kriegers, der sich in einer solchen Stellung bei einer gefhrlichen Gelegenheit hervortat. Da Herr Winckelmann aber dieses so glcklich erriet: wie konnte er hier stehen bleiben? Wie konnte ihm der Krieger nicht beifallen, der vollkommen in dieser nmlichen Stellung die vllige Niederlage eines Heeres abwandte, und dem sein erkenntliches Vaterland eine Statue vollkommen in der nmlichen Stellung setzen lie? Mit einem Worte: die Statue ist Chabrias. Der Beweis ist folgende Stelle des Nepos in dem Leben dieses Feldherrn 2). Hic quoque in summis habitus est ducibus: resque multas memoria dignas gessit. Sed ex his elucet maxime inventum ejus in proelio, quod apud Thebas fecit, quum Boeotiis subsidio venisset. Namque in eo victoriae fidente summo duce Agesilao, fugatis jam ab eo conductitiis catervis, reliquam phalangem loco vetuit cedere, obnixoque genu scuto, projectaque hasta impetum excipere hostium docuit. Id novum Agesilaus contuens, progredi non est ausus, suosque jam incurrentes tuba revocavit. Hoc usque eo tota Graecia fama celebratum est, ut illo statu Chabrias sibi statuam fieri voluerit, quae publice ei ab Atheniensibus in foro constituta est. Ex quo factum est, ut postea athletae, ceterique artifices his statibus in statuis ponendis uterentur, in quibus victoriam essent adepti. {2. cap. I.} Ich wei es, man wird noch einen Augenblick anstehen, mir Beifall zu geben; aber ich hoffe, auch wirklich nur einen Augenblick. Die Stellung des Chabrias scheinet nicht vollkommen die nmliche zu sein, in welcher wir die Borghesische Statue erblicken. Die vorgeworfene Lanze, projecta hasta, ist beiden gemein, aber das obnixo genu scuto erklren die Ausleger durch obnixo in scutum, obfirmato genu ad scutum: Chabrias wies seinen Soldaten, wie sie sich mit dem Knie gegen das Schild stemmen, und hinter demselben den Feind abwarten sollten; die Statue hingegen hlt das Schild hoch. Aber wie, wenn die Ausleger sich irrten? Wie, wenn die Worte obnixo genu scuto nicht zusammen gehrten, und man obnixo genu besonders, und scuto besonders, oder mit dem darauf folgenden projectaque hasta zusammen lesen mte? Man mache ein einziges Komma, und die Gleichheit ist nunmehr so vollkommen als mglich. Die Statue ist ein Soldat, qui obnixo genu 3), scuto projectaque hasta impetum hostis excipit; sie zeigt, was Chabrias tat, und ist die Statue des Chabrias. Da das Komma wirklich fehle, beweiset das dem projecta angehngte que, welches, wenn obnixo genu scuto zusammengehrten, berflssig sein wrde, wie es denn auch wirklich einige Ausgaben daher weglassen. {3. So sagt Statius obnixa pectora (Thebaid. lib. VI. v. 863). --rumpunt obnixa furentes Pectora. welches der alte Glossator des Barths durch summa vi contra nitentia erklrt. So sagt Ovid (Halieut. v. 11) obnixa fronte, wenn er von der Meerbramse (Scaro) spricht, die sich nicht mit dem Kopfe, sondern mit dem Schwanze durch die Reusen zu arbeiten sucht: Non audet radiis obnixa occurrere fronte.} Mit dem hohen Alter, welches dieser Statue sonach zukme, stimmt die Form der Buchstaben in der darauf befindlichen Aufschrift des Meisters vollkommen berein; und Herr Winckelmann selbst hat aus derselben geschlossen, da es die lteste von den gegenwrtigen Statuen in Rom sei, auf welchen sich der Meister angegeben hat. Seinem scharfsichtigen Blicke berlasse ich es, ob er sonst in Ansehung der Kunst etwas daran bemerket, welches mit meiner Meinung streiten knnte. Sollte er sie seines Beifalles wrdigen, so drfte ich mich schmeicheln, ein besseres Exempel gegeben zu haben, wie glcklich sich die klassischen Schriftsteller durch die alten Kunstwerke, und diese hinwiederum aus jenen aufklren lassen, als in dem ganzen Folianten des Spence zu finden ist. XXIX. Bei der unermelichen Belesenheit, bei den ausgebreitetsten feinsten Kenntnissen der Kunst, mit welchen sich Herr Winckelmann an sein Werk machte, hat er mit der edeln Zuversicht der alten Artisten gearbeitet, die allen ihren Flei auf die Hauptsache verwandten, und was Nebendinge waren, entweder mit einer gleichsam vorstzlichen Nachlssigkeit behandelten, oder gnzlich der ersten der besten fremden Hand berlieen. Es ist kein geringes Lob, nur solche Fehler begangen zu haben, die ein jeder htte vermeiden knnen. Sie stoen bei der ersten flchtigen Lektre auf, und wenn man sie anmerken darf, so mu es nur in der Absicht geschehen, um gewisse Leute, welche allein Augen zu haben glauben, zu erinnern, da sie nicht angemerkt zu werden verdienen. Schon in seinen Schriften ber die Nachahmung der griechischen Kunstwerke ist Herr Winckelmann einige Male durch den Junius verfhrt worden. Junius ist ein sehr verfnglicher Autor; sein ganzes Werk ist ein Cento, und da er immer mit den Worten der Alten reden will, so wendet er nicht selten Stellen aus ihnen auf die Malerei an, die an ihrem Orte von nichts weniger als von der Malerei handeln. Wenn zum Exempel Herr Winckelmann lehren will, da sich durch die bloe Nachahmung der Natur das Hchste in der Kunst, ebensowenig wie in der Poesie erreichen lasse, da sowohl Dichter als Maler lieber das Unmgliche, welches wahrscheinlich ist, als das blo Mgliche whlen msse: so setzt er hinzu: "Die Mglichkeit und Wahrheit, welche Longin von einem Maler im Gegensatze des Unglaublichen bei dem Dichter fodert, kann hiermit sehr wohl bestehen." Allein dieser Zusatz wre besser weggeblieben; denn er zeiget die zwei grten Kunstrichter in einem Widerspruche, der ganz ohne Grund ist. Es ist falsch, da Longin so etwas jemals gesagt hat. Er sagt etwas hnliches von der Beredsamkeit und Dichtkunst, aber keinesweges von der Dichtkunst und Malerei. WV d' eteron ti h rhtorikh jantasia bouletai, kai eteron h para poihtaiV, ouk an laJoi se, schreibt er an seinen Terentian 1); oud' oti thV men en poihsei teloV estin ekplhxiV, thV d' en logoiV enargeia. Und wiederum: Ou mhn alla ta men para toiV poihtaiV muJikwteran ecei thn uperekptwsin, kai panth to piston uperairousan thV de rhtorikhV jantasiaV, kalliston aei to emprakton kai enalhJeV. Nur Junius schiebt, anstatt der Beredsamkeit, die Malerei hier unter; und bei ihm war es, nicht bei dem Longin, wo Herr Winckelmann gelesen hatte 2): Praesertim cum poeticae phantasiae finis sit ekplhxiV, pictoriae vero, enargeia. Kai ta men para toiV poihtaiV, ut loquitur idem Longinus, usw. Sehr wohl; Longins Worte, aber nicht Longins Sinn! {1. Peri uyouV. tmhma id'. Edit. T. Fabri. p. 36. 39.} {2. De pictura vet. lib. I. cap. 4. p. 33.} Mit folgender Anmerkung mu es ihm ebenso gegangen sein: "Alle Handlungen", sagt er 3), "und Stellungen der griechischen Figuren, die mit dem Charakter der Weisheit nicht bezeichnet, sondern gar zu feurig und zu wild waren, verfielen in einen Fehler, den die alten Knstler Parenthyrsus nannten." Die alten Knstler? Das drfte nur aus dem Junius zu erweisen sein. Denn Parenthyrsus war ein rhetorisches Kunstwort, und vielleicht, wie die Stelle des Longins zu verstehen zu geben scheinet, auch nur dem einzigen Theodor eigen 4). Toutw parakeitai triton ti kakiaV eidoV en toiV paJhtikoiV, oper o QeodwroV parenJurson ekalei esti de paJoV akairon kai kenon, enJa mh dei paJouV h ametron, enJa metriou dei. Ja ich zweifle sogar, ob sich berhaupt dieses Wort in die Malerei bertragen lt. Denn in der Beredsamkeit und Poesie gibt es ein Pathos, das so hoch getrieben werden kann als mglich, ohne Parenthyrsus zu werden; und nur das hchste Pathos an der unrechten Stelle, ist Parenthyrsus. In der Malerei aber wrde das hchste Pathos allezeit Parenthyrsus sein, wenn es auch durch die Umstnde der Person, die es uert, noch so wohl entschuldigt werden knnte. {3. Von der Nachahmung der griech. Werke usw. S. 23.} {4. Tmhma b'.} Dem Ansehen nach werden also auch verschiedene Unrichtigkeiten in der "Geschichte der Kunst" blo daher entstanden sein, weil Herr Winckelmann in der Geschwindigkeit nur den Junius und nicht die Quellen selbst zu Rate ziehen wollen. Z. E.: Wenn er durch Beispiele zeigen will, da bei den Griechen alles Vorzgliche in allerlei Kunst und Arbeit besonders geschtzet worden, und der beste Arbeiter in der geringsten Sache zur Verewigung seines Namens gelangen knnen: so fhret er unter andern auch dieses an 5): "Wir wissen den Namen eines Arbeiters von sehr richtigen Wagen, oder Wageschalen; er hie Parthenius." Herr Winckelmann mu die Worte des Juvenals, auf die er sich desfalls beruft, lances Parthenio factas, nur in dem Katalogo des Junius gelesen haben. Denn htte er den Juvenal selbst nachgesehen, so wrde er sich nicht von der Zweideutigkeit des Wortes lanx haben verfhren lassen, sondern sogleich aus dem Zusammenhange erkannt haben, da der Dichter nicht Wagen oder Wageschalen, sondern Teller und Schsseln meine. Juvenal rhmt nmlich den Catullus, da er es bei einem gefhrlichen Sturme zur See wie der Biber gemacht, welcher sich die Geilen abbeit, um das Leben davon zu bringen; da er seine kostbarsten Sachen ins Meer werfen lassen, um nicht mitsamt dem Schiffe unterzugehen. Diese kostbaren Sachen beschreibt er, und sagt unter anderm: {5. Geschichte der Kunst, T. I. S. 136.} Ille nec argentum dubitabat mittere, lances Parthenio factas, urnae cratera capacem Et dignum sitiente Pholo, vel conjuge Fusci. Adde et bascaudas et mille escaria, multum Caelati, biberat quo callidus emtor Olynthi. Lances, die hier mitten unter Bechern und Schwenkkesseln stehen, was knnen es anders sein, als Teller und Schsseln? Und was will Juvenal anders sagen, als da Catull sein ganzes silbernes Egeschirr, unter welchem sich auch Teller von getriebener Arbeit des Parthenius befanden, ins Meer werfen lassen. Parthenius, sagt der alte Scholiast, caelatoris nomen. Wenn aber Grangus, in seinen Anmerkungen, zu diesem Namen hinzusetzt: sculptor, de quo Plinius, so mu er dieses wohl nur auf gutes Glck hingeschrieben haben: denn Plinius gedenkt keines Knstlers dieses Namens. "Ja," fhrt Herr Winckelmann fort, "es hat sich der Name des Sattlers, wie wir ihn nennen wrden, erhalten, der den Schild des Ajax von Leder machte." Aber auch dieses kann er nicht daher genommen haben, wohin er seine Leser verweiset; aus dem Leben des Homers, vom Herodotus. Denn hier werden zwar die Zeilen aus der Iliade angefhret, in welchen der Dichter diesem Lederarbeiter den Namen Tychius beilegt; es wird aber auch zugleich ausdrcklich gesagt, da eigentlich ein Lederarbeiter von des Homers Bekanntschaft so geheien, dem er durch Einschaltung seines Namens seine Freundschaft und Erkenntlichkeit bezeigen wollen 6): Apedwke de carin kai Tuciw tv skutei, oV edexato auton en tv New teicei, proselJonta proV to skuteion, en toiV epesi katazeuxaV en th Iliadi toisde. {6. Herodotus de vita Homeri, p. 756. Edit. Wessel.} AiaV d' egguJen hlJe, jerwn sakoV hute purgon, Calkeon, eptaboeion o oi TucioV kame teucwn Skutotomwn oc' aristoV, Ulh eni oikia naiwn. Es ist also grade das Gegenteil von dem, was uns Herr Winckelmann versichern will; der Name des Sattlers, welcher das Schild des Ajax gemacht hatte, war schon zu des Homers Zeiten so vergessen, da der Dichter die Freiheit hatte, einen ganz fremden Namen dafr unterzuschieben. Verschiedene andere kleine Fehler sind bloe Fehler des Gedchtnisses, oder betreffen Dinge, die er nur als beilufige Erluterungen anbringst. Z. E. Es war Herkules, und nicht Bacchus, von welchem sich Parrhasius rhmte, da er ihm in der Gestalt erschienen sei, in welcher er ihn gemalt 7). {7. Gesch. der Kunst, T. I. S. 167. Plinius lib. XXXV. sect. 36. Athenaeus lib. XII. p. 543.} Tauriskus war nicht aus Rhodus, sondern aus Tralles in Lydien 8). {8. Gesch. der Kunst, T. II. S. 353. Plinius lib. XXXVI. sect. 4. p. 729.1. 17.} Die Antigone ist nicht die erste Tragdie des Sophokles 9). {9. Gesch. der Kunst, T. II. S. 328. "Er fhrte die Antigone, sein erstes Trauerspiel, im dritten Jahre der siebenundsiebenzigsten Olympias auf." Die Zeit ist ungefhr richtig, aber da dieses erste Trauerspiel die "Antigone" gewesen sei, das ist ganz unrichtig. Samuel Petit, den Herr Winckelmann in der Note anfhrt, hat dieses auch gar nicht gesagt; sondern die "Antigone" ausdrcklich in das dritte Jahr der vierundachtzigsten Olympias gesetzt. Sophokles ging das Jahr darauf mit dem Perikles nach Samos, und das Jahr dieser Expedition kann zuverlssig bestimmt werden. Ich zeige in meinem "Leben des Sophokles", aus der Vergleichung mit einer Stelle des lteren Plinius, da das erste Trauerspiel dieses Dichters, wahrscheinlicherweise, "Triptolemus" gewesen. Plinius redet nmlich (libr. XVIII. sect. 12. p. 107. Edit. Hard.) von der verschiedenen Gte des Getreides in verschiednen Lndern und schliet: Hae fuere sententiae, Alexandro magno regnante, cum clarissima fuit Graecia, atque in toto terrarum orbe potentissima; ita tamen ut ante mortem ejus annis fere CXLV Sophocles poeta in fabula "Triptolemo" frumentum Italicum ante cuncta laudaverit, ad verbum translata sententia: Et fortunatam Italiam frumento canere candido. Nun ist zwar hier nicht ausdrcklich von dem ersten Trauerspiele des Sophokles die Rede; allein es stimmt die Epoche desselben, welche Plutarch und der Scholiast und die Arundelschen Denkmler einstimmig in die siebenundsiebzigste Olympias setzen, mit der Zeit, in welche Plinius den "Triptolemus" setzet, so genau berein, da man nicht wohl anders als diesen "Triptolemus" selbst fr das erste Trauerspiel des Sophokles erkennen kann. Die Berechnung ist gleich geschehen. Alexander starb in der hundertundvierzehnten Olympias; hundertundfnfundvierzig Jahr betragen sechsunddreiig Olympiaden und ein Jahr, und diese Summe von jener abgerechnet, gibt siebenundsiebzig. In die siebenundsiebzigste Olympias fllt also der Triptolemus des Sophokles, und da in eben diese Olympias, und zwar, wie ich beweise, in das letzte Jahr derselben, auch das erste Trauerspiel desselben fllt: so ist der Schlu ganz natrlich, da beide Trauerspiele eines sind. Ich zeige zugleich ebendaselbst, da Petit die ganze Hlfte des Kapitels seiner Miscellaneorum (XVIII. lib. III. eben dasselbe, welches Herr Winckelmann anfhrt) sich htte ersparen knnen. Es ist unntig, in der Stelle des Plutarchs, die er daselbst verbessern will, den Archon Aphepsion, in Demotion, oder aneyioV zu verwandeln. Er htte aus dem dritten Jahr der 77ten Olympias nur in das vierte derselben gehen drfen, und er wrde gefunden haben, da der Archon dieses Jahres von den Schriftstellern ebenso oft, wo nicht noch ftrer, Aphepsion, als Phdon genennet wird. Phdon nennet ihn Diodorus Siculus, Dionysius Halicarnasseus und der Ungenannte in seinem Verzeichnisse der Olympiaden. Aphepsion hingegen nennen ihn die Arundelschen Marmor, Apollodorus, und der diesen anfhrt, Diogenes Lartius. Plutarchus aber nennet ihn auf beide Weise; im Leben des Theseus Phdon, und in dem Leben des Cimons, Aphepsion. Es ist also wahrscheinlich, wie Palmerius vermutet, Aphepsionem et Phaedonem archontas fuisse eponymos: scilicet uno in magistratu mortuo, suffectus fuit alter. (Exercit. p. 452.)--Vom Sophokles, erinnere ich noch gelegentlich, hatte Herr Winckelmann auch schon in seiner ersten Schrift von der Nachahmung der griechischen Kunstwerke (S. 8) eine Unrichtigkeit einflieen lassen. "Die schnsten jungen Leute tanzten unbekleidet auf dem Theater und Sophokles, der groe Sophokles, war der erste, der in seiner Jugend dieses Schauspiel seinen Brgern gab." Auf dem Theater hat Sophokles nie nackend getanzt; sondern um die Tropen nach dem salaminischen Siege, und auch nur nach einigen nackend, nach andern aber bekleidet (Athen. lib. I. p. m. 20.). Sophokles war nmlich unter den Knaben, die man nach Salamis in Sicherheit gebracht hatte; und hier auf dieser Insul war es, wo es damals der tragischen Muse alle ihre drei Lieblinge, in einer vorbildenden Gradation, zu versammeln beliebte. Der khne Aeschylus half siegen; der blhende Sophokles tanzte um die Tropen, und Euripides ward an eben dem Tage des Sieges, auf eben der glcklichen Insel geboren.} Doch ich enthalte mich, dergleichen Kleinigkeiten auf einen Haufen zu tragen. Tadelsucht knnte es zwar nicht scheinen; aber wer meine Hochachtung fr den Herrn Winckelmann kennet, drfte es fr Krokylegmus halten. Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Laokoon, von Gotthold Ephraim Lessing. End of the Project Gutenberg EBook of Laokoon, by Gotthold Ephraim Lessing License: Share Alike