Produced by The Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned images of public domain material from the Google Print project.) [ Symbole fr Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua= ] Clementine. =Woman's love! how strong is it in its weakness, how beautiful in its guilt.= =BULWER, Pelham.= Leipzig: F. A. Brockhaus. 1843. Erstes Kapitel. Also weil der Herr Geheimrath mich gestern geistreich gefunden, soll und mu ich ihn heirathen? fragte Clementine und sah dabei lachend ihre jngere Schwester, die Professor Reich, an, die ganz erhitzt auf dem Sopha ihres Wohnzimmers sa. Darum allein nicht, entgegnete diese, aber Du darfst diese Verbindung nicht ausschlagen, wie alle andern, die sich Dir boten. Der Geheimrath von Meining ist ein sehr geachteter, fein gebildeter und reicher Mann; er ist freilich 50 Jahre, Du bist aber schon 27, was kann denn passender sein? Du hast mir selbst gesagt, da Du an Dein frheres Verhltni zu Robert Thalberg mit vollkommener Ruhe dchtest; warum also wieder ein Glck, ein wahrhaftes Glck von Dir weisen, das sich Dir vielleicht nie wieder bietet? Mein Mann wnscht diese Verbindung, die Tante, Deine letzte Instanz, dringt darauf, Meining erwartet das Glck seines Lebens davon und Du selbst hltst Meining nicht nur fr einen liebenswrdigen, sondern auch fr einen ehrenwerthen Mann; was willst Du denn eigentlich, Clementine? Ich will nicht lgen, Marie! Ich will, ich kann es nicht, und je achtungswerther mir der Geheimrath erscheint, um so weniger mchte ich ihn tuschen; ich kann nicht heirathen, qule mich nicht. Beide Damen gingen fast erzrnt von einander; die kleine, rosige Professorin in die Arbeitsstube ihres Mannes, um ihm das vermuthliche Mislingen ihres Planes mitzutheilen; die ernste, schlanke Clementine auf ihr Zimmer, um den Sturm, den diese Unterhaltung in ihr erregt hatte, ruhig austoben zu lassen. Clementine und Marie Frei waren die Tchter eines hochgestellten preuischen Beamten. Sie hatten frh ihre Mutter verloren und eine Tante, Frau von Alven, eine kluge, feinfhlende Frau, die Witwe und deren einziges Kind frh gestorben war, hatte die Erziehung der beiden Mdchen im Frei'schen Hause bernommen. Nichts konnte aber verschiedener sein, als der Charakter dieser beiden Schwestern: Clementine, heftig, geistreich und zu tiefem Fhlen geneigt, wurde schnell von pltzlichen Eindrcken gefesselt, die sich dauernd ihrer Seele einprgten; was sie einmal ergriffen hatte, was ihr lieb geworden war, das konnte keine Macht ihr entreien, das hielt sie fest frs Leben. Aus diesem Gefhl entsprang die treue Anhnglichkeit fr Frau von Alven, die innige Liebe fr ihren Vater und die fast mtterliche Zrtlichkeit fr die um sechs Jahre jngere Marie; aber zugleich auch eine leidenschaftliche, unwandelbare Liebe fr Robert Thalberg, einen jungen Mann, mit dem sie in ihrer ersten Jugend in allen befreundeten Familien zusammengetroffen war. Thalberg hatte in tausend Dingen die auffallendste Charakterhnlichkeit mit Clementinen. Auch auf ihn wirkten in seiner Jugend die Eindrcke des Moments, und obgleich mit dem schrfsten Verstande und ungewhnlichem Geiste begabt, hatte sein leidenschaftliches Herz ihn hufig fortgerissen und er sich oft dadurch in eigenthmlich verwickelte Verhltnisse gebracht, die bald strend, bald frdernd auf ihn gewirkt. Ein ungebndigter Freiheitssinn, ein an Tollkhnheit grenzender Muth, eigensinniges Beharren auf seinem Willen und doch eine fast kindliche Weichheit gegen die Personen, die er liebte, machten ihn fr die Frauen unwiderstehlich; besonders da ein imposantes, mnnlich schnes Aeuere gleich anfangs fr ihn einnahm. Thalberg hatte der lebhaften, interessanten Clementine, wie alle jungen Leute ihres Kreises, seine Huldigungen dargebracht, weil sie hbsch und in der Mode war; bei nherer Bekanntschaft entdeckten Beide aber eine solche Aehnlichkeit in ihren Neigungen und Gesinnungen, sie begegneten sich so oft in ihrem Enthusiasmus fr das Schne, da das gewhnliche Wohlgefallen sich in eine wirkliche, ernste Neigung verwandelte und sie sich gegenseitig, ohne durch bestimmtes Versprechen an einander gebunden zu sein, als zu einander gehrend betrachteten. Clementinens Verwandte sahen ein Verhltni, das fr die Zukunft so viel Glck zu versprechen schien, ruhig wachsen, und als Thalberg Berlin verlie, nahm man allgemein an, da das junge Paar lngst einig und verlobt sei. Clementine selbst lebte jetzt nur in der Erinnerung an Robert; Alles, was ihr begegnete, was sie that, wurde im Geiste Robert's Urtheil unterworfen, der, um mehrere Jahre lter als sie, einen wesentlichen Einflu auch auf ihre geistige Richtung ausgebt hatte. Sie liebte Alles, was seinem Willen angemessen schien, verwarf Alles, was gegen seine Ansichten sein konnte, und lebte getrennt von ihm, mitten in der Gesellschaft, doch ganz allein mit dem fernen Geliebten; wie jene Nonnen, die, sich bestndig unter den Augen ihres himmlischen Brutigams whnend, nur seinem Willen leben und kein anderes Gesetz kennen als das seine. Die Liebe zu dem Abwesenden war ein religiser Cultus in ihrer Brust, und selbst der Gedanke, es knne ihr jemals mglich sein, den dringenden Bewerbungen anderer Mnner die geringste Aufmerksamkeit zu gnnen, fiel ihr nie ein. Sie liebte die Ihrigen, half der Tante treulich die schne Marie erziehen und bildete rastlos an sich fort, damit Robert, wenn er einst wiederkme, sie nicht unter seinen Erwartungen fnde. So waren ein paar Jahre vergangen, die kleine Marie war zu einem reizenden Mdchen herangewachsen und das harmloseste, unbefangenste Kind geblieben. Ihre Familie, ihre Toilette, die Blle, ihre kleinen Abenteuer von gestern -- das war die Welt, die sie kannte; man liebte sie allgemein und was konnte sie noch wnschen? Sie war das verzogene Kind des Hauses. Bald nach ihrem 16. Geburtstage hatte Professor Reich um ihre Hand geworben, hatte die Zustimmung des Vaters erhalten und die kleine Braut war mit der Myrthenkrone und dem weien Schleier zum Altare mit demselben Gefhle gegangen, mit dem sie ein Jahr vorher, am Tage ihrer Confirmation, die Kirche betreten hatte. Sie hatte das Bewutsein eines wichtigen Schrittes, ohne sich die Folgen desselben klar zu machen; und nachdem der schwere Abschied von Vater, Schwester und Tante vorber war, folgte sie ihrem Manne, froh und sorglos wie ein Kind, nach Heidelberg, wo er angestellt war. Clementine blieb nun allein zurck. Sie war stiller und ernster geworden, von Robert hatte sie nur selten gehrt, die Zeit seiner Rckkehr wurde von den Seinen immer weiter hinausgeschoben und sie konnte es sich nicht verhehlen, da Robert's Wunsch, sie wiederzusehen, lange nicht mehr so lebhaft sein msse, als in jener Stunde, wo sie unter den heiesten Thrnen mit dem ersten glhenden Kusse von einander Abschied genommen hatten. In dieser Zeit erkrankte der Geheimrath Frei und nach wenig Wochen standen die Tante und Clementine an seinem Sarge; ihr ganzes Leben war nur ein Schrei des Schmerzes, der Robert herbeirief, um alles Leid an seinem Herzen auszuweinen, um alle Liebe, die der theuere Vater besessen hatte, auf den geliebten Freund zu vererben -- aber Robert, obgleich ihm der Todesfall angezeigt worden, kam nicht; und seine Mutter uerte gegen Frau von Alven, da ihr Sohn wol sobald nicht zurckkehren wrde, da Berufsverhltnisse und, wie sie glaube, auch eine kleine Neigung ihn an seinen jetzigen Aufenthalt fesselten. Frau von Alven erschrak, hielt es aber fr ihre Pflicht, endlich einmal mit Clementinen offen ber deren Zukunft zu sprechen. Sie war durch den Tod ihres Vaters unumschrnkte Herrin ihrer Handlungen geworden; die Tante sehnte sich in ihre Vaterstadt zurck, und so trat sie eines Tages ganz pltzlich vor Clementine mit der Frage hin, welche Plane sie nun fr die nchste Zeit gemacht habe? Sie theilte ihrer Nichte ihren Wunsch mit, Berlin zu verlassen, verschwieg ihr nicht, was Madame Thalberg ihr gesagt, und war nicht wenig berrascht, Clementine bei der Nachricht, die fr sie ein Todessto sein mute, anscheinend ganz ruhig zu finden. Ich wei es lngst, gute Tante! sagte sie, da Robert mich nicht liebt, sehr lange schon; und da er jetzt fr mich kein Wort des Trostes, der Theilnahme hat, keinen Gru durch die Seinen, das nimmt mir mit dem letzten Zweifel die letzte Hoffnung; aber es ndert in meinen Gefhlen fr ihn Nichts. Wir waren Beide durch keinen Eid an einander gebunden, Robert liebt mich nicht mehr, hat mich vielleicht nie geliebt, und ich habe sein Wohlwollen fr Liebe gehalten -- so glaubt er sich frei und ist es auch; denn nicht der Eid, sondern die Liebe bindet. Ich aber liebe ihn mehr als je, er ist Alles, Alles, was ich liebe, und darum bin ich sein, auch wenn wir uns nie wieder sehen sollten. Entgegne mir darauf Nichts, fuhr sie fort, als ihre Tante eine Einwendung machen wollte, ich wei, wie gut Du es mit mir meinst; darum la mich mir selbst. Dich aber lnger von den Freunden und der Heimat zu trennen, wohin es Dich zieht, dazu habe ich kein Recht; Marie verlangt nach mir, ich werde nach Heidelberg gehen, werde ihr ntzlich sein und in dem Kreise ihres Hauses meine Zukunft finden. Versprich mir aber, da Du mir nie fehlen wirst, wenn ich Dein bedarf. Frau von Alven weinte still; Clementine kniete vor ihr nieder, kte ihre Hnde und bat: und nun noch Eins! Ich habe seit Jahren mehr gelitten, als ich zu leiden fr mglich hielt; ich frchte jede Berhrung meiner tiefen Wunde mehr als den Tod; versprich mir, da Robert's Name nicht mehr zwischen uns genannt wird und da wir uns trennen ohne Abschied; wir bleiben ja doch ewig beisammen. Die Tante gelobte Alles und wenig Wochen darauf rollte der Postwagen, welcher Frau von Alven in ihre Heimat fhrte, an Clementinens Wohnung vorber, in der sie mit ihrem Schwager am Fenster stand, der gekommen war, sie nach Heidelberg abzuholen. Nach den schmerzlichen Aufregungen der letzten Zeit, dem wehmthigen Gefhl, von den Rumen zu scheiden, die so lange stille Zeugen ihres Lebens waren, that die Ruhe im Hause der Professorin Clementinen anfnglich sehr wohl. Sie hatte die junge Frau fast unverndert gefunden; Marie liebte ihren Reich von Herzen, betete ihre beiden Kinder an, sorgte treulich fr ihr Haus und war eine Frau, wie die Mehrzahl der Mnner sie wnscht. Der Professor hielt regelmig seine Vorlesungen, arbeitete den Rest der Zeit emsig in seiner Studirstube und lie sich whrend der Mahlzeiten mit der grten Theilnahme Alles erzhlen, was in der Zwischenzeit von der Frau, den Kindern und den Dienstboten irgend zu erzhlen war. Beide Eheleute waren durchaus zufrieden mit einander und wnschten nichts Besseres, als da es immer so bliebe: ohne bestimmten Blick in die Zukunft, ohne lebhaftes Gedenken einer Vergangenheit, ging ein Tag nach dem andern hin und alle Abwechselung in Mariens Leben machte der Besuch gleichgestimmter Frauen und ein Spaziergang in der nchsten Umgebung. -- Es dauerte auch nicht lange, bis Clementine sich uerlich in diese Lebensart gefunden hatte, und bald war sie Allen unentbehrlich geworden; ihr ewig beweglicher Geist hatte tausend neue Spiele fr die Kinder, manche Erleichterung fr Marie, manche Bequemlichkeit fr den Professor hervorgerufen; es machte ihr Vergngen, die Ihrigen zu erfreuen -- aber sie selbst fhlte sich einsamer als vorher. Getrennt von ihren gewohnten Umgebungen, von der Tante, der ihr ganzes Herz offen lag, in der gleichfrmigen Lebensart im Reich'schen Hause, fhlte sie eine solche geistige Leere, da nur die wunderbar schne Natur Heidelbergs sie aus ihrer Apathie zu reien vermochte. Um sich zu zerstreuen, suchte sie eifrig lngst vernachlssigte Studien wieder hervor, sie schmckte ihr kleines Stbchen, das nach dem Neckar sah, auf das freundlichste; aber vergebens. Stundenlang sa sie mit dem Buche in der Hand, sah den schnen Strom vorberflieen, blickte ernsthaft die kleinen Huser von Weinheim an und sah doch Nichts, als Robert's Bild, wie er zuletzt vor ihr gestanden; dachte Nichts, als die tiefe Demthigung, verschmht zu sein. In einem kleinen Orte wie Heidelberg konnte eine Erscheinung, wie Clementine, nicht unbemerkt bleiben; ihre ganze Persnlichkeit flte lebhaftes Interesse ein, whrend ihr nach Auen abgeschlossenes Wesen fr Klte und Stolz galt. Man hatte sie bei ihrer Ankunft in alle Zirkel eingefhrt, und berall hatte sie einen neuen Reiz in die Gesellschaft gebracht; besonders waren es die jngeren Mdchen und die lteren Mnner, die sich ihr anschlossen. Die Mdchen, weil sie von ihr keine Beeintrchtigung zu frchten hatten, da sie jede Annherung und eben so fein als bestimmt zurckwies; die lteren Mnner, weil in ihrer Unterhaltung so viel Belebendes und Anregendes lag, da sie sich die glcklichen Bemerkungen, die Clementine sie machen lie, unbedingt als ihr eigenstes Eigenthum zuschrieben. Unter diesen Mnnern war unstreitig der Geheimrath von Meining der Bedeutendste. Er galt fr einen der ersten Aerzte Deutschlands, war ein stattlicher Mann von 50 Jahren und so wohl conservirt, da er den Ansprchen, auch durch sein Aeueres zu gefallen, nicht ganz entsagt hatte. Man sah, da er in der Jugend ein schner Mann gewesen sein mute, und mit einer bei lteren Mnnern nicht seltenen Eitelkeit lie er bisweilen errathen, da ihm das Glck bei den Frauen hold gewesen sei. Auch stand er noch jetzt in groer Gunst bei den Damen und wurde gern gesehen in jeder Gesellschaft. Manche Mutter htte ihn, der ihr selbst frher den Hof gemacht, recht gern zum Schwiegersohne angenommen, und allerdings war er, vermge seiner Stellung, Das, was man gewhnlich eine gute Partie zu nennen pflegt. In seiner Jugend hatte er die Frauen zu sehr geliebt, um sich an Eine dauernd binden zu mgen; dann hatte diese Leidenschaft ernsten Studien Platz gemacht, er hatte Reichthum, Ehre und einen groen Ruf erworben, und der Gedanke, sich zu verheirathen, war allmlig ganz in den Hintergrund getreten, je mehr Reiz die materiellen Gensse des Daseins fr ihn gewannen und je mehr sich der eigenthmliche Egoismus aller Hagestolzen in ihm ausgebildet hatte. Doch war sein Gefhl fr das Schne und Gute niemals erloschen; er war in einzelnen Momenten einer Lebhaftigkeit und Hingebung fhig, die einem jngeren Manne anzugehren schienen, und in dieser Stimmung konnte er die bedeutendsten Opfer bringen; dann fhlte er die Mglichkeit und den Wunsch, Andere an seinem Glcke Theil nehmen zu lassen, und htte vielleicht daran gedacht, eine Frau zu nehmen, wenn es ihm nicht unbequem gewesen wre, danach zu suchen. Doch lie er sich die Neckereien ber diesen Punkt recht gern gefallen und lchelte wohlgefllig, wenn man behauptete, an einem schnen Morgen werde er einst ganz pltzlich mit einer Braut angefahren kommen, die ein Phnix an Schnheit und Liebenswrdigkeit sein und ihm wie ein Ideal erscheinen werde; sowie sein Haus ihr das schnste, sein Rock der beste und berhaupt Alles, was sein eigen, ihr wie das Vollkommenste vorkomme. Als Freund des Professor Reich und als Arzt der Familie hatte er Clementine in ihrer Huslichkeit kennen und schtzen gelernt. Er hatte durch Marien, noch vor Clementinens Ankunft, erfahren, da diese dem Grame ber eine unglckliche Liebe fast erlegen sei, und nun sah er sie selbst; noch schn, obgleich lange ber die erste Jugend hinaus, und liebenswrdiger und geistreicher, als irgend eine Frau, die er kannte. Er sah das Mdchen, das der Mittelpunkt der Gesellschaft geworden, eben so liebenswrdig im Hause; sie hatte Rath fr den Bedrngten und die zrtlichste Sorgfalt fr den Leidenden; unermdlich besorgt fr Andere, schien sie zufrieden, ohne gerade froh zu sein, und ihre Ruhe wurde durch jene kleinen Veranlassungen, welche die meisten Frauen auer Fassung bringen, niemals erschttert. Ihre ueren Vorzge zogen ihn an, und wenn er manchmal auf ihrem ausdrucksvollen Gesicht die Spuren eines tiefen Leidens, oder gar ihre Augen noch trbe von vergossenen Thrnen sah, flte sie ihm das lebhafteste Interesse ein. Er hatte einmal mit Reich ber Clementine gesprochen, und dieser hatte geuert, seine Schwgerin sei allerdings ein vortreffliches Mdchen, nur leider zu berspannt, und er wnsche Nichts sehnlicher, als da sie bald einen vernnftigen Mann bekme, den sie liebe; denn sonst wrde sie sich aufreiben durch ihren selbgenhrten Gram. Ob Reich diese Bemerkung absichtlich gemacht, ob eine Absicht in des Geheimraths Frage gelegen, lassen wir dahingestellt sein; nur das steht fest, da von jenem Tage an in Meining der Gedanke an eine Verbindung mit Clementinen erwachte. Dieses Mdchen in seinem Hause walten zu sehen, von ihrem Geiste seine Muestunden verschnen zu lassen, ihrer milden Pflege in kranken Tagen zu genieen und sie, der er von Herzen zugethan war, ihren Kummer vergessen zu machen, war bald sein Lieblingswunsch geworden; er hielt sich fr den Mann, der sie ber den verlorenen Geliebten zu trsten vermchte, und je mehr und je lnger er seine Bewerbungen um sie fortsetzte, je mehr verliebt wurde er in sie, je gewisser, da er ihr nicht gleichgltig bleiben knne: so trat er denn, nachdem sie einen Abend vorher sich freundlich in Gesellschaft begegnet waren, am nchsten Morgen mit seiner Werbung um Clementinens Hand vor den Professor. Reich war sehr erfreut, Marie entzckt ber das Glck, das sich ihrer Schwester bot; Clementine allein sprach ihr gewhnliches: ich kann und werde nicht heirathen. Man schrieb der Tante, diese bestrmte die Arme mit den dringendsten Vorstellungen, Meining wollte ihr Zeit lassen, sich zu entschlieen, und unterdessen nahmen die Ermahnungen und das Zureden des Professors und Mariens kein Ende; die Unterhaltungen, mochten sie mit Abdel Kadher oder mit den Kindern beginnen, endeten zu Clementinens Qual doch immer wieder mit dem Geheimrath von Meining. Bei einer solchen Scene fanden wir die Damen am Anfang unserer Erzhlung, und es war nthig so weit zurckzugehen, um den Leser mit den handelnden Personen bekannt zu machen, wobei wir uns zugleich das Recht vorbehalten, den Faden der Ereignisse, so oft es uns geeignet scheint, in den eigenhndigen Papieren und Briefen derselben zu verfolgen. Zweites Kapitel. Sinnend stand Clementine am Fenster, als sie in ihr Stbchen getreten war; Gedanken zogen, wie Bilder eines Schattenspieles, schnell an ihrer Seele vorber; sie wollte dem Zureden ein Ende machen und mit der Tante dabei beginnen: so setzte sie sich nieder und schrieb: Clementine an Frau von Alven. Dein Brief hat mir wehe gethan, Tante! Traust Du mir bei meinen Handlungen keine anderen Motive, als Ueberspannung oder Eigensinn zu? Hltst Du mich denn fr ein Kind, das die Verhltnisse des Lebens verkennt? So gut als Ihr Alle wei ich, da nach den Begriffen der Welt die Stellung einer verheiratheten Frau ehrenvoller ist, als die eines Mdchens. Glaubt mir aber, da es eine tiefe Nothwendigkeit ist, die mich abhlt, den Schritt zu thun, zu dem Ihr Alle mich berreden mchtet. Ich hasse die Ehe nicht; im Gegentheil, ich halte sie so hoch, da ich sie und zugleich mich zu erniedrigen frchte, wenn ich dies heilige Band knpfte, ohne da mein Gefhl Theil daran htte. Was kann es Beglckenderes geben, als mit einem geliebten Manne sein Leben zu verbringen? Fr ihn zu sorgen, seine Freuden und Leiden zu theilen, zu wissen: Alles, was mein Herz bewegt, Alles, was mich berhrt, theilt und fhlt mein bester Freund mit mir? Beide leben dann ein doppeltes Leben. O! ich habe mir das oft himmlisch schn gedacht, ich habe es hei gewnscht, und ich halte heute noch die Ehe fr den einzigen Weg, der den Menschen zu der grten Vollkommenheit fhrt, die seiner Individualitt mglich ist. Darum aber kann ich den Gedanken an eine gleichgltige Ehe nicht ertragen, weil sie fr mich eine unglckliche wre; und ich habe es nie begreifen knnen, wie in der Ehe irgend Etwas die Menschen an einander kettet, als ihr Herz. Die Ehe ist in ihrer Reinheit die keuscheste, heiligste Verbindung, die gedacht werden kann; rein, wie ein Engel des Lichts, geht das Weib aus den Armen ihres _geliebten_ Gatten hervor, und wenn man mir, nach dem katholischen Ritus, die Madonna die reine Mutter Gottes nannte, hat fr mich ein rhrend tiefer Sinn darin gelegen, ein ganz anderer Gedanke, als die Kirche ihn will. Ja! die Ehe ist rein! und aus der Umarmung liebender Gatten kann ein gttlicher Mensch, ein Retter der Welt entstehen. Aber was hat man aus der Ehe gemacht? -- ein Ding, bei dessen Nennung wohlerzogene Mdchen die Augen niederschlagen, ber das Mnner witzeln und Frauen sich heimlich lchelnd ansehen. Die Ehen, die ich tglich vor meinen Augen schlieen sehe, sind schlimmer als Prostitution. Erschrick nicht vor dem Worte, da Du mich zu der That berreden mchtest, Tante! Ist es nicht gleich, ob ein leichtfertiges, sittlich verwahrlostes Mdchen sich fr eitlen Putz dem Manne hingibt, oder ob Eltern ihr Kind fr Millionen opfern? Der Kaufpreis ndert die Sache nicht; und ich gestehe Dir, ich wrde das Weib, das augenblickliche Leidenschaft und heier Sinnentaumel hinreit, gro finden, gegen diejenige, die das Bild eines geliebten Mannes im Herzen, sich dem Ungeliebten ergibt, fr den Preis seines Ranges und Namens. -- Knnte ich glauben, der priesterliche Segen htte Kraft zu binden und zu lsen, knnte das Ja, das ich sprche, eine ganze Vergangenheit aus meiner Seele tilgen, wer wei, was ich thte. So aber! -- ich liebe Robert, der mich verschmht, dem meine ganze, ungetheilte, anbetende Liebe kein Glck zu bieten vermochte, als ich jung und blhend war; und ich sollte einen Ehrenmann, der von mir die Freude seines Lebens erwartet, mit einem heiligen Eide betrgen? Ich sollte ihm ein Weib werden, das die Achtung vor sich selbst verloren hat? Das knnt Ihr nicht meinen, das kannst Du nicht wollen. Ich denke mit Ruhe an Robert, so lange ich mir selbst lebe, tritt aber der Gedanke, einem Anderen gehren zu sollen, vor mein Auge, dann sehe ich, da ich nur in Robert lebe und da mir der Traum der Vergangenheit mehr ist, als irgend eine Zukunft mir bieten knnte. La mir die Ruhe meines Bewutseins. _Clementine._ Der Geheimrath v.Meining an Clementine Frei. Mein theures Frulein! Seit lngerer Zeit erwarte ich Ihre Antwort auf eine Frage, die ber meine Zukunft entscheiden soll. Sie wissen, wie werth Sie mir sind, lassen Sie mich offen sagen, wie warm und innig ich Sie liebe, wenn gleich es einem Manne reiferen Alters nicht anstehen mag, eine Leidenschaft zu bekennen, die der Jugend angehrt. Ich habe in meinem Berufe Frauen in allen Verhltnissen kennen lernen, und ich achte das Weib; ich achte und liebe in Ihnen das Weib, das klar ber sich selbst und das Leben, zu dem Gefhl seiner Wrde gekommen ist. Clementine, ich bin nicht jung genug, Ihnen schwrmerische Schwre zu leisten, aber ich biete Ihnen meine Hand mit offenem Herzen. Was ein besorgter Gatte, ein zrtlicher Freund Ihnen sein knnte, das schwre ich, das sollen Sie in mir finden, und dadurch allein will ich Sie gewinnen; nur aus freier Neigung sollen Sie die Meine werden. Ich verlasse Heidelberg auf kurze Zeit: Sie sollen Ruhe haben, einen Entschlu zu fassen. Mge er zu meinen Gunsten sein! Der Ihrige. _v. Meining._ Frau v.Alven an Clementine. Ich ehre Dein Gefhl, mein Kind! wenn gleich ich es nicht unbedingt richtig heien kann, und es liegt mehr Egoismus darin, als Du glaubst. Du gefllst Dir darin, Dich als die Leidende, die Reine zu betrachten, und Du bist Beides. Ich wei, was Du geduldet, kenne ganz Dein reines Herz; Du bist einmal das Opfer Deiner Liebe und Robert's geworden, ein zuflliges Opfer gegen Deinen Willen: das entbindet Dich nicht der Pflicht, Dich mit Bewutsein, aus freier Wahl fr das Wohl Anderer zu opfern. Das Weib ist geschaffen zu leiden und zu beglcken; thust Du das? Du glaubst Dich mit Deiner Pflicht abgefunden, wenn Du Marien Dein Leben widmest, ihr den Haushalt erleichterst, obgleich sie dessen nicht bedarf. Du nimmst Dich der Kinder an, wenn Du Neigung dazu hast, und glaubst sie zu erziehen, und der Menschheit, die an jeden von uns Rechte hat, damit Deine Schuld zu zahlen. Belge Dich nicht selbst, meine liebe Tochter! Du, vor Vielen dazu berufen, einem Manne das Leben zu verschnen, mit dem unerschpflichen Reichthum an Liebe und Nachsicht, Du willst das nicht, weil es Dir zu schwer scheint, ernst gegen eine Neigung zu kmpfen, deren Gegenstand diese Liebe gewi nicht einmal wnscht und Deiner nicht mehr denkt. Und wenn Mariens Kinder, die Du so sehr liebst, heranwachsen; wenn Marie und die Kinder Deiner nicht mehr bedrfen werden, was wird dann die unvermeidliche Leere Deines Herzens ausfllen? -- Ich habe das Glck Mutter zu sein, nur wenige Tage gekannt, und doch wirft das Andenken daran ein verschnendes Licht ber mein ganzes Leben; magst Du noch so scharf und richtig denken, noch so lebhaft fhlen, _das_ Glck kannst Du nicht begreifen, nicht ermessen, bis Du es gekannt. Ich selbst habe Alven ohne alle Neigung geheirathet, komme ich Dir deshalb wie eine Verworfene vor? Das aber schwre ich Dir, so lieb mir Dein Glck ist, ich habe den Vater meines Kindes von Grund der Seele geliebt; wir haben uns in guten und bsen Stunden treu zur Seite gestanden, und ich habe nach seinem Tode mich nie entschlieen knnen, zu einer zweiten Ehe zu schreiten, obgleich ich sehr jung war und es mir, wie Du weit, an Bewerbern nicht fehlte. Ich mag Dir hart scheinen, aber ich bekenne es, ich werde irre an Dir. Du hltst so viel darauf, die Achtung vor Dir selbst nicht zu verlieren, weil Dir das leichter wird, als die unsere zu verdienen. _Du_ achtest Dich, wenn Du Deiner Liebe treu bleibst, das ist bequem und leicht -- wir aber wrden Dich achten, wenn Du dem Glcke eines Anderen, eines braven Mannes, Deine Neigungen zu opfern im Stande wrest. Zwingen kann man Dich nicht, Du bist reich und unabhngig in jeder Beziehung -- aber ich appellire an Dein richtiges Urtheil, an Deine Wahrheitsliebe und an Dein Herz. Tusche Dich nicht selbst; tusche nicht die Erwartungen Deiner mtterlichen Freundin. Clementine an den Geheimrath v.Meining. Der Mann, der mir mit so ehrendem Vertrauen entgegenkommt, der mir seine Zukunft weihen will, mu wissen, an wen er sich gewandt hat; und wahr, wie gegen mich selbst, will ich gegen Sie sein. Eine heie, tiefe Liebe hat seit meiner frhesten Jugend mein Herz erfllt; diese Liebe ist nur flchtig erwidert worden, sie hat mein Herz gebrochen. Einsam, mit meinem Schmerz nach innen gewiesen, sind mir Jahre des Leidens vergangen; ich habe mich gewhnt allein zu stehen, ich habe es versucht, die Erinnerung an meine Liebe zu bekmpfen -- es ist mir nicht gelungen; und so konnte es mir nie einfallen, den Bewerbungen, mit denen man mich ehrte, Folge zu leisten, besonders da die Mehrzahl jener Bewerber mir vollkommen gleichgltig, und ich ihnen fast ganz fremd war. Sie kennen mich lange und gut, und ich gestehe Ihnen gern, da Ihre Freundschaft mir werth, da mir an Ihrer Achtung gelegen war -- aber niemals die Ihre zu werden, war noch vor wenig Tagen mein fester Entschlu; ich wollte mich nicht verheirathen. Nicht das Zureden meiner Schwester macht mich in meiner Gesinnung schwanken, sondern die ernsten Vorstellungen meiner Tante, die mich sehr ergriffen haben. Ich habe schwer mit mir gekmpft, und ich will die Ihre werden, wenn ich Ihnen nach diesen Gestndnissen genge. Ich erkenne vollkommen und freudig Ihren Werth, darum aber zweifle ich, da ein gebrochenes Herz Ihrer wrdig sei. Glauben Sie dennoch, da ich zu Ihrem Glcke beitragen knne, so thue ich es von Herzen, und will streng ber mich wachen, das Glck zu verdienen, das einer Frau an Ihrer Seite werden kann. Mit innigster Achtung. _Clementine._ Der Geheimrath v.Meining an Clementine. Haben Sie Dank! wir werden glcklich sein. Armes, krankes Kind! Ist es denn nicht die Pflicht des Arztes zu heilen und zu lindern? Wie gern will ich Dich schonen, meine Clementine! wie sorgsam werde ich die wunde Seele meines kranken Weibes hten und heilen. Wirf die Vergangenheit von Dir, insofern sie Dich schmerzt, bewahre jedes Andenken, das Dir werth ist; nur Eines versprich mir und nimm es als Beweis meines vollen Vertrauens -- nenne mir _nie_ den Namen des Mannes, der Dich leiden machte, niemals Geliebte! Ich kenne Dich und traue Dir unbedingt. In drei Tagen kehre ich zurck; mge die Hoffnung auf dies Wiedersehen, meine holde, meine theure Braut! Dich so beglcken, als mich. Auf Wiedersehen denn, Geliebte! Der Deine. _Meining._ Drittes Kapitel. Die Tage bis zur Rckkehr des Geheimraths vergingen Clementinen in der heftigsten Aufregung. Der Brief Ihrer Tante, die Bitten und Vorstellungen Reich's und Mariens hatten sie zu einem Entschlusse gebracht, dessen sie sich nie fhig gehalten htte. Meining war ihr mit so edlem Vertrauen entgegengekommen; es hob sie momentan in ihren eigenen Augen, da sie, deren Herz seine Jugend eingebt hatte, noch einen so bedeutenden Mann als Meining, fesseln und beglcken knne; sie wollte ein neues Leben beginnen, weil sie es nun einmal gelobt, ihre Vergangenheit zu opfern; und bei all' diesen Entwrfen zitterte sie vor dem Gedanken an Meining's Ankunft. Whrend der letzten Nacht, die sie schlaflos verbrachte, fiel ihr pltzlich ein, sie msse eigentlich noch einmal an Robert schreiben, ihm ihre Verlobung anzeigen und ihm befehlen, sie ganz wie eine Fremde zu betrachten, wenn sie jemals sich begegnen sollten. Aber Robert schreiben? durfte das Meining's Braut! -- ihm befehlen, sie zu meiden, hiee ja, ihm bekennen, da er ihr theuer und gefhrlich sei, und befehlen! -- ihm befehlen, dessen Auge ihr Leitstern, dessen leisester Wunsch ihr unumstlichstes Gesetz gewesen war? Alle Qualen, alle Gewissensbisse bestrmten sie, sie wollte fr Meining leben und dachte nur an Robert. In wilden Fiebertrumen verging der letzte Theil der Nacht; der Morgen sah hell und klar in ihr Fenster, als sie die schweren, mden Augenlieder aufschlug; sie war vollkommen ermattet, lie sich theilnahmlos ankleiden und sah kalt wie eine Fremde den Anstalten zu, die Marie, mit unruhiger Freude, fr die Ankunft des Geheimraths traf. Endlich erschien er. Clementine, die in entscheidenden Momenten eine groe Gewalt ber sich besa, ging ihm bis zur Thre entgegen und bot ihm ihre Hand zum Willkomm; Meining schlo sie herzlich in seine Arme, kte ihre Stirne und der Bund war geschlossen. Es liegt im Charakter der Frauen, sich in unabwendbare Verhltnisse leichter zu fgen, als man es nach der Unruhe, die sie vor der Entscheidung peinigt, fr mglich halten knnte. Jetzt war die neue Braut pltzlich zu einer Ruhe und Klarheit gekommen, die Meining entzckte, und ihrer Familie die Ueberzeugung gab, da sie Recht gethan htten, auf diese Verbindung zu dringen. Es war im Beginne des Frhjahres, und schon im Juni sollte die Hochzeit gefeiert werden. Clementine traf selbst die nthigen Anstalten fr den neuen Haushalt, hatte eine Menge Meldungsbriefe an entfernte Freunde zu schreiben, Glckwnsche zu beantworten und blieb dadurch in einer fortwhrenden Thtigkeit, die ihr wenig Zeit zum Nachdenken brig lie. Ihr Brutigam brachte jeden Abend und jede Stunde, die sein Beruf ihm frei lie, in ihrer Gesellschaft zu und hatte aufgeregt durch die neuen Verhltnisse, eine Jugendlichkeit wieder gewonnen, die er lngst verloren und deren er sich nicht mehr fhig geglaubt hatte. So war sie ihm von Herzen gut geworden, da sie mit jedem Tage seinen gebildeten, klaren Geist und seinen liebenswrdigen Charakter mehr kennen lernte, der sich freilich grade jetzt in seinem gnstigsten Lichte zeigte, und darum Clementine die Hoffnung auf eine beglckende Zukunft gab. Indessen rckte endlich der Hochzeitstag heran, dessen Vorabend in einer befreundeten Familie, nach alter, deutscher Art, mit Poltern zugebracht werden sollte. Dem Brautpaare selbst war das nichts weniger als angenehm; man konnte sich aber dem wohlgemeinten Anerbieten der Freunde nicht fglich entziehen, und Meining uerte lachend, am Ende sei auch eine ganze glckliche Zukunft mit ein paar lstigen Stunden nicht zu schwer erkauft. Sie fuhren zum Polterabende hin und Clementine fhlte sich auf das Unangenehmste berhrt, von dem widrigen Wechsel possenhafter Scherze und ganz ernsthafter Gedanken; weil sie selbst so ernst, so feierlich gestimmt war, da jeder Scherz sie verletzen mute. Meining hingegen fand das Ganze nur eine langweilige Einrichtung, die man aber leicht aushalten knne, und mute ber manchen Einfall von Herzen lachen, obgleich er eben so froh war als seine Braut, als die Gesellschaft sich endlich gegen Morgen trennte. Nachdem er Clementine vor ihrem Hause aus dem Wagen gehoben und sie einen Augenblick vor der Thr weilend, sich nach dem Schlosse wendete, fielen die letzten matten Strahlen des Mondes zitternd darber hin, und es schien ihr unmglich, sich jetzt, mit dem bervollen Herzen, in die engen Rume eines Zimmers zu sperren. Lieber Meining! bat sie, wenn sie nicht zu mde sind, geben Sie heute noch einem, vielleicht extravaganten Einfalle nach; ich will dafr auch von morgen ab eine grundvernnftige Frau werden. Lassen Sie uns hinauf gehen auf's Schlo, es ist kaum eine Stunde bis Sonnenaufgang; wir wollen heute, an dem Tage, an dem uns Beiden ein neues Leben beginnt, auch den Tag beginnen sehen. Meining war es gern zufrieden; die Nacht war unbeschreiblich mild und schn. Schweigend stiegen sie den Weg hinan, der von der Hirschgasse aufwrts fhrt. Eine Welt von Gedanken zog durch Clementinens Brust, sie sah Meining an, und auch vor seinem geistigen Auge schien sein frheres Leben, ihre Zukunft vorberzugehen. Es war ein feierlicher Gottesdienst in ihrem Herzen. Oben auf der Hhe angelangt, sah man nichts, als einen dichten, weien Nebel, der die ganze Gegend verdeckte; die Luft wehte khl und Meining hllte besorgt die erbleichende Clementine in die wrmende Mantille. Gedankenvoll lieen sie sich auf der Bank vor dem Weingrtchen nieder -- da pltzlich schmettert ein tausendstimmiger Lerchenchor gen Himmel, der Nebel zerreit vor dem ersten Lichtblick der Sonne, und wie von unsichtbaren Geisterhnden fortgezogen, schwindet der dichte, weie Schleier und das Neckarthal liegt vor den trunkenen Augen der Entzckten. Drben das kleine Weinheim mit seinen in Laub versteckten, weien Husern; vor ihnen der lachende, jugendmuthige Strom mit Khnen, die von Neckargemnd daherzogen, um sie her die Wipfel der Bume, die am Fue des Berges wurzeln, mit dem berauschenden Dufte der ganzen reichen Vegetation und zu ihren Fen das kleine schlummernde Heidelberg. Clementine war selig vor Wonne, das reinste, heiligste Gefhl zog ihr Herz zu den Menschen, die Gott einer solchen Welt werth gehalten und mit Thrnen der Begeisterung warf sie sich an Meining's Brust und sprach: Ach! la uns schn sein, wie diese Welt, wahr und rein, wie dies Licht. Jetzt, jetzt, bin ich Dein und mehr als irgend ein Eid morgen am Altare bindet mich diese Stunde an Dich. Ja, wir wollen glcklich, wir wollen dieser Welt werth sein! Sieh, Guter! ich habe jetzt nichts, nichts auf der Welt als Dich; sei Du meine Welt, stehe mir bei, wenn ich wanke, und verlasse mich nie! Sie war whrend des Sonnenaufgangs pltzlich aufgestanden, nun in heftiger Bewegung vor Meining auf die Kniee hingesunken und badete seine Hnde in Thrnen. Er zog sie empor, gerhrt und erschreckt durch ihre Leidenschaftlichkeit; prete sie fest an seine Brust und der innige Druck seiner Hand, der Ton seiner Stimme hatte noch mehr Beruhigendes, als die Worte: Clementine! mein Leben, mein Weib! ich werde Dir nie fehlen, Du bist mein und nichts soll uns jemals trennen. -- Eine Weile hielt er sie noch schweigend in den Armen, dann trieb er zum Aufbruch, denn Clementine schauerte in der leichten Kleidung; und um sie allmlig zu beruhigen, sagte er scherzend, komm, komm, mein Herz! da uns die guten Heidelberger nicht zurckkehren sehen; was wrden die von ihrem Aeskulap denken, wenn sie wten, da er seine zarte Braut dem ungesunden Morgennebel preis gibt. So, unter freundlichen Gesprchen, fhrte er die leidenschaftlich Bewegte nach Hause. Viertes Kapitel. Nach einigen Monaten finden wir Clementinen wieder. Der Hochzeitstag, die Feste nach demselben waren vorber, das eheliche Leben zu einer ruhigen Gewohnheit geworden. Meining war ungemein beschftigt, seine Kranken, seine Collegia, ein greres Werk, das er zu schreiben begonnen und das whrend des Brautstandes liegen geblieben war, nahmen seine ganze Zeit in Anspruch; whrend Clementine eigentlich ohne alle wirkliche Beschftigung war und es ihr selbst an jenen wohlthtigen Zerstreuungen fehlte, die der Umgang mit Freunden bietet. Ihre Haushaltsangelegenheiten lieen sich in einer Stunde abthun; Meining war den ganzen Morgen auer dem Hause in Anspruch genommen; kehrte er Mittags zurck, so hatte ihn die groe, angreifende Praxis so mde gemacht, da er nothwendig eine Stunde der Ruhe haben mute, um sich fr die Geschfte des Nachmittages zu strken, und waren auch diese endlich beendet, dann ging es an ein so eifriges Arbeiten und Studiren, da sogar Clementinens Vorschlge zu kleinen Ausflgen, zu denen die reizende Lage Heidelbergs sehr lockt, fast immer abgelehnt wurden. Fhrte das Abendessen sie wieder zusammen, so war Meining so zerstreut, so geistig beschftigt und abgespannt, da er oft um Entschuldigung bat und seinen Beruf verwnschte, der ihn ganz und gar absorbire, und ihm den ruhigen Genu seiner Huslichkeit unmglich mache. Vor seiner Verheirathung hatte der Geheimrath oft mit Clementinen den Plan besprochen, sich von den greren Gesellschaften, in denen er bisher fast jeden Abend zugebracht, fern zu halten, da er derselben berdrssig geworden und auch Clementine keine besondere Freude daran gehabt hatte. Statt dessen wollten sie einen kleinen Kreis gewhlter Freunde, wenigstens einmal in der Woche, bei sich versammeln, von deren traulichem Umgange sich Meining und Clementine viel Genu versprachen, und den sie am Anfange des Winters wirklich mehrmals eingeladen hatte. Grade an solchen Abenden war dann ihr Mann aber zufllig abgerufen worden, nach einer Stunde zerstreut von dem Bette eines schwer Erkrankten wiedergekehrt, und eine nicht zu beschreibende Mistimmung hatte sich dadurch der kleinen Gesellschaft bemchtigt, die der Wirthin freundlichste Aufmerksamkeit kaum zu bannen vermochte, so da auch dieser Versuch bald aufgegeben werden mute, besonders da Meining selbst auch daran keine Lust zu finden schien, und offen erklrte, er fnde diese Art von Geselligkeit noch viel unbequemer, als die groen Zirkel, in denen man ungestrt plaudern und unbeachtet schweigen knne; ja er fhle entschieden, da er jetzt, wo er seine Clementine bei sich habe, erst die Sphre gefunden, in der ihm nach der Arbeit wohl und behaglich werde. Glaube mir, pflegte er zu seiner Frau zu sagen, fr mich beginnt in Dir ein neues Leben; ich arbeite zehnmal mehr und besser als frher, denn ich arbeite nicht fr mich allein; und finde nach der Arbeit hier bei Dir mehr Freude und Genu, als mir jemals die Salons boten, in denen ich stundenlang im Frack, den Hut in der Hand, Conversation machen und wahre Thorheiten anhren mute. Wenn Du mir beistimmst, leben wir Beide nur fr uns allein. Clementine willigte ein; ihre geselligen Verbindungen lsten sich fast ganz auf; sie sah es ziemlich gleichgltig an, weil Meining's Zufriedenheit ihr letztes Ziel war, und sie selbst in der Ehe mehr gesucht hatte, und Anderes, als ein glnzendes Leben in der Gesellschaft. Ihre ungewhnliche geistige Regsamkeit, die Meining an dem Mdchen so interessant gefunden, war in der Zurckgezogenheit, in der sie lebten, doppelt gro geworden; der Kreis ihrer Gedanken hatte sich erweitert in den neuen Verhltnissen; sie fhlte sich berechtigt und werth, auch das geistige Leben ihres Mannes zu theilen und zu verschnen, und sehnte oft den Abend herbei, um mit Meining ein paar Stunden plaudern zu knnen, weil sie hoffte, er wrde, wie als Brutigam, Lust daran finden; er wrde ihr die Ereignisse des Tages mit jener sicheren Klarheit, die ihm so eigenthmlich war, erzhlen; ihr seine Gedanken darber mittheilen, ihre Ansichten hren und berichtigen -- mit einem Worte, er wrde sie wie einen Freund betrachten, wie den vertrautesten Freund, dem jeder Gedanke enthllt werden mu, weil er ihn versteht; weil er ihn liebt, um des Freundes willen, der ihn gedacht. Davon war aber gar nicht die Rede! Clementine sah nun ein, da Meining ihre geistigen Eigenschaften jetzt am wenigsten schtze, da er diese an seiner Gattin leicht entbehren, vielleicht gar nicht vermissen wrde. Er bedurfte nur einer sorglichen Frau, einer freundlichen Gesellschafterin, mit der er sich ber unbedeutende Dinge heiter unterhielt, wenn er nicht zu mde war, die er wirklich sehr lieb hatte und der er gern viel Freude bereitet htte, wenn er vor bergroer Beschftigung Zeit gefunden, an Das zu denken, was sie erfreuen knnte. Vor Allem aber fhlte er sich sehr froh, ein so komfortables Haus und eine Frau zu besitzen, die jedem seiner Wnsche mit der grten Bereitwilligkeit zuvorkam. Er pries sich glcklich, grade diese Frau gewhlt zu haben, und zweifelte nicht, da sie sich zufrieden fhlte, weil er es war und es noch immer mehr wurde, je lnger sie mit einander lebten. Ganz anders sah es aber nach Jahresfrist in der Seele der jungen Frau aus. Sie konnte nie jenen Sonnenaufgang an ihrem Hochzeitstage vergessen; und es schmerzte sie tief, da trotz der Treue, mit welcher sie das Versprechen jener Stunde gehalten, ihr das Glck durchaus nicht geworden war, das sie damals hoffte; es schmerzte sie, da das Leben, ohne unsre Schuld, so weit zurckbleibt hinter Dem, was es sein knnte; da es uns nicht vergnnt ist, Das zu werden, wozu die Fhigkeit in uns liegt. Darum konnte Clementine niemals den Wunsch aufgeben, mehr von der Seele und dem Herzen ihres Mannes zu besitzen, als jene ruhige Neigung, die er fr sie hatte; er hatte sich zuerst, das wute sie, in ihr Aeueres verliebt; er hatte ihren guten Willen, ihr wohlwollendes Herz und einen sittlichen, zuverlssigen Charakter in ihr erkannt, und diese Eigenschaften schtzte er an ihr. Sie aber wollte geliebt sein um ihres Herzens willen, sie wollte ihn durch den Reichthum ihrer Liebe an ihr innerstes Leben fesseln. Doch jener Schtze von Liebe und Hingebung, deren sie sich bewut war, bedurfte der ruhige, ltere Mann nicht. Er war kein leidenschaftlicher Mensch, wie Robert, der heute die Geliebte auf's Tiefste krnkte und all ihre Nachsicht erforderte, whrend die Gluth seiner Liebe morgen ihre Thrnen trocknet und eine Vershnung herbeifhrt, die durch keinen Schmerz zu theuer erkauft wird. Auch das war ihr, wie schon gesagt, unangenehm, da Meining auf ihren Geist jetzt fast gar keinen Werth mehr zu legen schien; und obgleich sie sich ihm aus Ueberzeugung in dieser Hinsicht eben so freudig unterordnete, als in jeder andern, htte sie es doch gern gesehen, da er mehr Freude an demselben, den er frher so sehr bewunderte, gehabt htte; und sie vermite es oft schmerzlich, da er ihren Enthusiasmus fr das Schne und Groe zwar begreife, doch nicht lebhaft theile; ohne zu bedenken, da sie von dem bejahrten Manne nicht die Leidenschaftlichkeit fordern knne, die ihr angeboren und durch ihre Liebe zu dem enthusiastischen Robert nur gesteigert worden war. Mag immerhin Egoismus in dem Gefhle liegen, Andere auf die Art und Weise beglcken zu wollen, die uns die beglckendste scheint; ohne zu fragen, ob es die Weise ist, die unsere Lieben wnschen -- es ist ein Egoismus, von welchem nur wenige Menschen ganz frei sein mchten und der Clementine doppelt qulte, da sie sich in doppelter Hinsicht beeintrchtigt fand. Einmal weil sie sich nicht ausgefllt fhlte und dann, weil sie nicht so glcklich zu machen glaubte, als sie gewnscht. Sie wollte ihrem Manne einen Himmel bereiten, sie traute es sich zu -- und er begehrte nur ein ganz gewhnliches Erdenglck, soda ihr oft in besonders traurigen Stunden der demthigende Gedanke gekommen war, jede tchtige, gutmthige Haushlterin knne sie ihrem Manne ersetzen, ihm das Glck gewhren, das er in ihr finde, und obgleich sie ihm und sich damit Unrecht that, lag dennoch etwas Wahres darin. Sie machte an sich die Erfahrung, die sich tglich im Leben wiederholt, da Altersverschiedenheit fr das Glck der Ehe gefhrlicher wird, als man gewhnlich glaubt; auch dann, wenn der Mann der bedeutend Aeltere ist. Das Mdchen, wenngleich nicht mehr jung, bekommt durch die Ehe eine zweite Jugend, weil sie erst dadurch ihren wahren Beruf zu erfllen beginnt, und man sieht hufig, selbst in krperlicher Beziehung, ganz passirte Mdchen zu schnen Frauen werden, die den Titel einer jungen Frau, den man ihnen allgemein gibt, vollkommen rechtfertigen. Whrend der ltere Mann, den man bis dahin einen Mann in den besten Jahren, einen galanten Mann nannte, pltzlich vom geselligen Schauplatz abgetreten, durch die Ehe zu einem alten Manne wird, wenn, wie es in der Regel geschieht, die ruhige Huslichkeit ihn von der Mhe, jung und galant zu scheinen, befreit. Der ltere Mann, der sich verheirathet, will gewhnlich ausruhen vom Leben; das ltere Mdchen, deren Gefhl nicht so durch das Leben sirt ist, wie das der Mnner, will nun erst zu leben beginnen, und natrlich kann es dabei an Tuschungen und Enttuschungen nicht fehlen, die auch, wie wir sahen, bei Clementinen nicht ausblieben. In einer Art stummer Resignation gewhnte sie sich wieder an das stille Innenleben, zu dem sie sehr geneigt war und das sie Jahre hindurch als Mdchen gefhrt hatte. Sie erfllte auf's Strengste ihre Pflichten, suchte nach Beschftigung umher, ergriff, der Billigung Meining's gewi, bald dies bald jenes und fhlte sich immer unglcklicher, je lnger dies Leben whrte. Gar oft sehnte sie sich in jene Zeit zurck, wo sie einsam da gestanden und ungestrt das Recht, zu leiden, gehabt hatte, weil Niemand mit ihr und durch sie litt. Jetzt war das vorber -- was sollte Meining denken, wenn er sie traurig, gar weinend fnde? Hiee es nicht mit Undank seine ruhige, immer gleiche Gte lohnen, wenn er sie nicht zufrieden she? -- ach! und Nichts ist so schwer, Nichts reibt den Krper so auf, als zufrieden und glcklich zu scheinen, weil die Vernunft es fordert, whrend das Herz keinen Theil daran hat und Nichts davon wei. Eine krankhafte Abspannung bemchtigte sich Clementinens, die auch dem Auge ihres Gatten sichtbar werden mute. Auf sein ngstliches Befragen erklrte sie, sie sei durchaus gesund, er she ja selbst, da sie keinen Schmerz habe; es msse ein zuflliges Unbehagen sein, das sich gewi bald geben wrde. Seinen Vorschlag, mit Marien und deren Kindern, die sie noch immer sehr liebte, das nahe Baden zu besuchen, schlug sie bestimmt ab, weil sie sich weder Heilung noch gerade Zerstreuung davon versprach und vor Allem Meining, der sich so sehr an sie gewhnt hatte, da er sie ungern vermite, nicht allein lassen wollte. Es war ihr fester Vorsatz, wenigstens Meining glcklich zu machen, da sie selbst es nicht geworden. Darum nahm sie sich mehr als je vor, ber sich zu wachen, schien auch wieder heiterer zu werden und neue Kraft zu gewinnen; Meining beruhigte sich ber ihren Zustand, und es blieb Alles, wie es gewesen war. Wie konnte es auch anders sein! Clementine, aufgewachsen unter dem tropischen Himmel glhender Leidenschaft, hatte sich pltzlich in die gemigte, wenn auch noch milde Zone ruhiger Vernunft verpflanzt gefunden, wo ihr ppiges Seelenleben keine Nahrung fand, wie sie dieselbe bedurfte, und nicht freudig leben und treiben, sondern nur krnkelnd fortvegetiren konnte, ohne Farbe, ohne Blthe, durch die angeborne Kraft ihres innern Markes. Fnftes Kapitel. Es war im Sommer am zweiten Jahrestage ihrer Hochzeit, als Clementine arbeitend in ihrem Zimmer sa, in einer jener Stimmungen, in denen das Leid der ganzen Welt auf uns zu ruhen scheint. Sie hatte am Morgen ihren Mann aufgesucht, ihn aber beschftigt gefunden und ihn nicht sprechen knnen; dann hatte sie, weil ihr das Herz so bervoll war, ihrer Tante schreiben wollen; aber was konnte sie ihr sagen? Der Briefwechsel zwischen ihnen war sehr selten geworden. Unwahr gegen diese treue, mtterliche Freundin zu sein, htte sie nicht vermocht und ein Wort der Klage, des Mismuthes laut werden zu lassen, wre ihr wie ein Unrecht gegen Meining vorgekommen, das dieser nicht um sie verdient hatte. So war es kein bestimmter Schmerz, der sie drckte, aber eine Traurigkeit, eine Mdigkeit, die an Auflsung grenzte. Trbe Ahnungen einer freudlosen Zukunft wechselten mit wehmthigen Erinnerungen an eine lngst entschwundene Zeit. Sie dachte der Zuversicht, mit welcher sie vor zwei Jahren in dies Haus getreten war, und wie wenig sie das Glck gefunden, das sie gehofft; freilich war es nur ihre Schuld, denn ihr Mann war sich gleich geblieben, immer gut und freundlich gegen sie. Es sei eine Schwrmerei, sagte sie sich, da sie nicht glcklich zu sein vermochte mit ihrem Loose, das hundert Frauen ihr beneidet htten. Wie durfte sie auch von dem bejahrten Manne eine Leidenschaft fordern, die sie selbst nicht fr ihn hatte? Ihre auf Achtung gegrndete Neigung erwiederte er herzlich, aber Liebe, wie sie derselben bedurfte, konnte er nicht mehr empfinden, seine Frau konnte nicht sein ausschlielicher Gedanke sein, da er durch seinen Ruf und seine Berhmtheit ebenso und frher der ganzen Menschheit und der Welt gehrt hatte, als ihr. Er hatte eine Frau genommen, um an ihrer Seite Ruhe zu finden nach der Arbeit des Tages. Dafr hatte sie Theil an seiner Ehre, trug seinen berhmten Namen und hatte ja selbst nur ein ruhiges Glck erwarten knnen, als sie die Seine geworden. Wie durfte sie mehr verlangen? Wie sich zurcksehnen nach den lebhaften, strmischen Eindrcken ihrer Jugend? Sie klagte sich an, ungerecht gegen Meining zu sein; sie war unzufrieden mit sich selbst und versank zuletzt in ein dumpfes Hinbrten, aus dem Meining's Tritte, die sie auf der Treppe hrte, sie aufschreckten. In der besten Laune trat er, mit einem groen Briefe in der Hand, in das Zimmer. Rathe, liebe Frau! sagte er, was ich Dir hier bringe? Aber rathe etwas Groes, Gutes, denn es bertrifft meine Erwartungen und wird auch Dich sicher sehr erfreuen! Clementine rieth mehrmals vergebens, bis der Geheimrath ihr den Brief zu lesen gab, der eine Anfrage des preuischen Ministeriums enthielt, ob Meining sich entschlieen knne, seine heidelberger Verhltnisse mit einer Anstellung in Berlin zu vertauschen, die ihm unter den glnzendsten Bedingungen angetragen wurde. Diesen Brief habe ich vor 14 Tagen erhalten, fgte er hinzu, habe mir nun Alles reiflich berlegt und denke, heute an die preuischen Behrden zu schreiben, da ich ihre Bedingungen annehme. Ich werde dort eine freie und glnzendere Stellung haben, als hier, und Du wirst in Deiner Vaterstadt Dich gewi viel behaglicher fhlen, als in dem kleinen Heidelberg. Und das bescheerst Du, Lieber, mir heute zu unserm Hochzeitstage? fragte Clementine, sehr erfreut durch diese Aufmerksamkeit ihres Mannes und durch die Hoffnung einer Vernderung, die ihr augenblicklich erwnscht schien, weil es eben eine Vernderung war. Unser Hochzeitstag ist heute? Sieh, Clementine! das hatte ich bis in den Tod vergessen. Deshalb kamst Du wol auch heute so frh in mein Arbeitszimmer? Aber ich konnte Dich nicht sprechen, weil ich einen Kranken bei mir hatte. Nachher kamen gleich meine Studenten; dann wartete schon mein Wagen, ich mute zu einem Consilium und konnte nicht mehr zu Dir kommen. Ach, armes Kind! und ich glaube gar, heute Morgen bin ich heftig gewesen! Sage mir selbst, war es nicht so? Clementine hatte es allerdings wehe gethan, da ihr Mann sie mit einem recht unfreundlichen stre mich nicht, ich habe keine Zeit fortgeschickt hatte, als sie zu ihm ging, um ihn einen Augenblick zu sprechen; da er auch den ganzen Vormittag nicht zu ihr gekommen war, was freilich fter geschah; aber sie dachte, am Hochzeitstage htte er kommen mssen, den htte er nicht vergessen drfen. Immer geneigt, die Schuld sich beizumessen und das Beste zu glauben, hatte sie Meining, als er ihr den Brief brachte, beschmt bekennen wollen, wie sie geglaubt, er htte ihres Hochzeitstages nicht gedacht, ein Unrecht, das keine Frau so leicht vergibt; aber nun hrte sie es, es war ihm wirklich ganz und gar entfallen, und nur zufllig hatte er ihr heute den Brief gegeben. Seine Freundlichkeit vertrieb inde den innern Verdru gleich, und sie setzten sich Beide so frhlich an die kleine Tafel, wie Clementine es lange nicht gewesen war. Meining war lebhaft, wie in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft; er machte die prchtigsten Plane fr die Zukunft; er klagte sich an, da er seine arme Clementine ber die Gebhr vernachlssigt, da er und sie ihr Leben gar nicht recht genossen htten. Nun soll es anders werden, sagte er; mein Werk liegt gedruckt und hat schon seine erste Frucht, meine Berufung nach Berlin, getragen; aber nicht mir allein, der leidenden Menschheit mu und wird es ntzen. Ich darf mir nun schon Etwas mehr Ruhe gnnen. Die Praxis gebe ich auf und beschftige mich in Berlin nur mit theoretischen Arbeiten und mit der Klinik. Mgen meine Schler den Weg verfolgen, den ich ihnen gebahnt; ich will anfangen auszuruhen. Nur eine praktische Erfahrung will ich machen, da Du, meine liebe Clementine! eben so vortrefflich die Honneurs eines groen Hauses, als das Glck der engsten Huslichkeit zu machen verstehst, da Du berall gleich liebenswrdig, berall dieselbe bist. Bist Du der Einsamkeit denn mde, lieber Meining? Und wird Dir das Leben in der Gesellschaft Berlins behagen, da es Dir hier kein Vergngen machte? fragte sie. Ganz gewi! Darin bin ich sonderbar! Ich bedarf von Zeit zu Zeit gnzlicher Vernderung der Lebensweise; und wie ich vor zwei Jahren mich nach vollkommener Zurckgezogenheit sehnte und groes Glck darin fand, so freue ich mich jetzt der Abwechselung und verspreche mir viel davon, auch fr Dich. Ich habe mir das Alles berdacht, schon meine Verhltnisse zum Hofe werden mich nthigen, ein Haus zu machen, und was sollte uns daran hindern? Denn mir ist es Ernst damit, und da Du Dich gleich jetzt davon berzeugst, lasse ich meine Collegia fr den heutigen Abend absagen und wir bleiben zusammen. Clementine nahm den Vorschlag mit Dank an; sie glaubte nur zu gern an eine frohe Zukunft; nicht erwgend, da unsere Entwrfe und Hoffnungen dem Balle gleichen, den frohe Kinder in die Luft werfen. Mag er noch so prchtig, noch so hoch steigen, das Gesetz der Schwere zieht ihn unwiderstehlich nieder, und man ist froh, wenn man ihn wieder in den Hnden hlt, mit denen man ihn emporwarf. So ist es fast keinem Menschen gegeben, sich lange in jener Stimmung zu erhalten, in die ein Moment der Aufregung uns versetzt; glcklich diejenigen Gemther, denen das Andenken an solche Augenblicke nicht ganz entschwindet, denen es ein Hhenpunkt, ein Ziel bleibt, nach dem das Auge sich gern wendet, zu dem der Wunsch hinstrebt. Nach der ersten, freudigen Spannung, in welche diese Unterhaltung sie versetzt, fiel es Clementinen schwer auf's Herz, sie msse das neue Glck mit der Trennung von Marien und den Kindern erkaufen, die ihr fast unentbehrlich waren, was ihr Mann wohl wute. Aber daran hatte er gar nicht gedacht; er hatte mit keiner Sylbe gefragt, ob seine Frau eben so gern nach Berlin gehe, als er selbst, sondern es bestimmt vorausgesetzt, weil es ihm recht war. Eigen war es doch auch, ihr eine Ueberraschung zu bereiten durch einen Entschlu, der auf ihr ganzes Leben von so wesentlichem Einflusse war, der ihre ganze Zukunft in sich schlo. Meining konnte gewi sein, da sie sich keinem Plane entgegen zeigen wrde, den er werth hielt, aber schon die gewhnlichste Rcksicht htte es verlangt, da er seiner Frau die Berufung gleich mitgetheilt und wenigstens scheinbar um ihre Meinung gefragt htte. Das war es eben, was sie auch oft drckte! Ihr Mann behandelte sie wie ein Kind, das man sehr liebt, dem man jeden Kummer ersparen mchte -- aber sie war kein Kind, sie war seine Frau, die mit ihm seine Sorgen theilen wollte und seine Zurckhaltung fr Geringschtzung auslegte. Meining hatte ihr nie etwas ber seine frheren Verhltnisse gesagt, nie um die ihrigen gefragt; sie hatten Beide ihre sorglich verschwiegenen Geheimnisse und eigentlich Nichts gemeinsam, als die Gegenwart. Sie empfand das strend, es schien ihr eine Art von Gleichgltigkeit zu sein, und darum versuchte sie es auch an jenem Abende, nachdem sie von einer Fahrt in's Freie zurckgekehrt waren und ihr Mann wieder von Berlin, von seinen Entwrfen fr die Zukunft sprach, einmal offen mit ihm ber ihre frhere Neigung fr Robert zu reden, was ihr jetzt, da sie in ihre Vaterstadt zurckkehren sollte, fast wie eine unerlliche Pflicht schien. Kaum aber merkte Meining ihre Absicht, als er sie mit den Worten unterbrach: Ja! Du hast Recht, wir mssen uns einmal darber verstndigen. Ich wei, mein Kind! da Dir vielleicht Manches ber mein frheres Leben erzhlt worden ist, das Deine Besorgni und, warum soll ich nicht die Wahrheit sagen? auch Deine Neugier erregt haben mag; aber.... Lieber Meining! entgegnete Clementine, Neugier ist es wahrhaftig nicht. Ich habe aber oft gedacht, wenn ich Dich pltzlich, mitten in einer heitern Unterhaltung, ernsthaft oder nachdenkend werden sah, es mchten wol Erinnerungen aus vergangener Zeit sein, die Dich beschftigten; und es hat mir dann leid gethan, nicht einmal ahnen zu knnen, was Dich bewegte. Eheleute drfen keine Geheimnisse vor einander haben, und ich gestehe Dir offen, es liegt auch etwas Verletzendes, Trauriges darin, vor dem Leben seines Mannes, wie vor einem unlsbaren Rthsel zu stehen. Nun, ein fr allemal, liebste Clementine! la das Rthsel unerrathen! Es liegt in meiner Vergangenheit Nichts, dessen ich mich zu schmen htte; Nichts, was ich bereue, und Nichts, was Deine oder meine Zukunft beunruhigen knnte -- und was das Vertrauen zwischen Eheleuten betrifft, so halte ich das, ehrlich gesagt, wie Du es ansiehst, fr eine unnthige, kaum delikate Neugier. Mache kein bses Gesicht, liebe Frau, und berlege, ob ich nicht Recht habe? Aber, wandte sie ein, man beurtheilt den Menschen doch ganz anders, wenn man die Elemente kennt, die auf seine Bildung wirkten. Das sind ja Redensarten, mein Kind! Da ich jung war, Leidenschaften hatte, wie jeder Andere, das kannst Du Dir denken, da ich dabei eben so oft glcklich als unglcklich war, das versteht sich von selbst; und ob die Gegenstnde dieser Liebe Malchen oder Rosamunde hieen, ob sie blond oder braun waren, das ist wol ziemlich gleichgltig, da sie jetzt jedenfalls alt und grau sind und Deine Eifersucht nicht mehr erregen knnen. Uebrigens, schlo er scherzend, brigens kennst Du meine letzte, unwandelbare Neigung und Liebe fr ein gewisses Frulein Clementine Frei, das, einige berspannte Ideen abgerechnet, ein ganz vollkommenes Geschpf ist. Von dieser Clementine hngt das Glck meiner Zukunft ab, und ich glaube an sie so unbedingt, da mir ihr liebes, offenes Auge mehr Garantien gibt, als alles Erzhlen aus der Vergangenheit. Clementine mute lachen, schien aber doch nicht ganz zufrieden, so da Meining wohl fhlte, heute msse er sich ganz darber aussprechen. Deshalb fuhr er pltzlich ernsthaft fort: Wenn ein verstndiger Mann eine Frau nimmt, deren Vater er sein knnte, so mu es mit vollem Vertrauen auf den sittlichen Werth dieser Frau geschehen. Nicht um Dir aus meinen frhern Verhltnissen ein Geheimni zu machen, vermeide ich die Berhrung der Vergangenheit, sondern aus Schonung fr uns Beide. Du hast mir, als ich um Dich warb, gesagt, da Dein Herz nicht frei sei; ich habe dennoch gewnscht, Dich die Meine zu nennen, und es ist, bei Gott! nie ein Zweifel an Dir in meine Seele gekommen. Aber ich wiederhole Dir es heute, was ich Dir damals schrieb: ich will von Dir den Namen Deines frhern Geliebten _niemals_ wissen. Vielleicht begegnen wir ihm im Leben; glaubst Du, ich sei so ganz frei von Eifersucht, da ich Dich nicht ngstlich beobachten, da ich nicht ganz gleichgltige Dinge mideuten wrde? Meining, bester Meining! Darum verlangtest Du, ich sollte gegen Dich schweigen? Kannst Du denn glauben, da ich jemals.... Ich glaube, da ein Funke nie besser geborgen ist, als da, wo kein Luftzug ihn trifft. Die Liebe, der man entsagt hat, ruht am sichersten in tiefster Brust, ohne da ein Wort ihr neues Leben gibt. Ich habe stets die Frauen belacht, die gegen eine Leidenschaft zu kmpfen behaupteten und, indem sie dies immerfort sagten, aller Welt von dieser Leidenschaft erzhlten, von der sonst vielleicht Niemand etwas gewut htte. Darum also, um Dir den Sieg ber eine Neigung, die Du selbst unterdrcken wolltest und mutest, zu erleichtern, um mir das Ridikl eines Eiferschtigen mit grauem Haare zu ersparen, darum wollte ich, da nie von Deiner Jugendliebe zwischen uns die Rede sein sollte; darum wnsche ich es noch jetzt so. Ich wei Dir Dank fr das Glck, das ich in Dir gefunden; ich bin durchaus zufrieden, ich segne den heutigen Tag, meine Wahl und Dich -- aber, ich bekenne Dir's offen, die Art von Vertrauen, die Du meinst, liebe ich nicht. Es liegt oft viel mehr Vertrauen zwischen Eheleuten im diskreten Schweigen, als in plauderhaften Mittheilungen. Ich denke, meine kluge Clementine, Du verstehst mich; wo nicht -- nun so verlange ich, als strenger Herr, Gehorsam, wenn es selbst gegen Deine Ansicht wre. Meining schien hchst aufgeregt; er stand auf und ging langsam im Zimmer auf und ab, bis er zuletzt gedankenvoll, die Stirne gegen die Scheiben gelehnt, am Fenster stehen blieb. Clementine war keines Wortes mchtig. Tief durchdrungen von ihres Mannes gtiger und kluger Liebe, that es ihr Leid, ein Gesprch herbeigefhrt zu haben, das ihm unangenehm war und ihm den Abend eines Tages verdarb, der so freundlich begonnen hatte -- und doch that ihr, trotz alle dem, Meining's augenblickliches Leiden unbeschreiblich wohl. Sie sah, da er sie heftig liebe, da er sie nicht entbehren knne, und sie fand eine Jugendlichkeit des Gefhls in seiner Liebe, die sie, ohne es selbst zu wissen, fortwhrend vermit hatte. Vergebens strebte sie den Anfang zu einer Unterhaltung zu finden, die ihren Mann zerstreuen knnte, ihn abzge von den peinlichen Gedanken; sie war selbst so erschttert, da sie ihren Gefhlen Raum lassen mute. Auch vermochte sie es nicht, nach Art mancher Frauen, ber Dinge, die sie beschmen, mit verstellter Ruhe fortzugehen -- darum stand sie auf, schlang ihren Arm durch Meining's Arm und sprach: Sei nicht bse, Lieber, wenn ich Unrecht hatte, und bleibe mir gut! Sage nur, Du bser, strenger Herr, wie Du es willst, ich werde schon gehorchen, und nun komme und stecke als Zeichen der Vershnung die Friedenspfeife an. Inde bereite ich den Thee und -- das ist _mein_ Friedens- und Vershnungspfand. Ein Ku, den ihr Mann mit vielen andern erwiderte, war das Ende dieser Scene, und nachdem Meining den beabsichtigten Brief an das preuische Ministerium geschrieben, verging der Abend den Beiden auf das Angenehmste, wie er begonnen, in traulichem Plaudern ber die knftigen Verhltnisse und langem Ueberlegen, wie es mglich sein wrde, spter auch dem Professor Reich in Berlin eine Anstellung zu verschaffen, damit Clementine und Marie nicht wieder getrennt wrden, was beiden Schwestern gar schwer fiel. Sechstes Kapitel. Indessen kam die Zeit dieser Trennung, die fr den Oktober festgesetzt war, schneller heran, als man es wnschte. Nun es dazu gekommen war, fiel der Abschied von Heidelberg dem Geheimrath und seiner Frau viel schwerer, als sie es geglaubt hatten. Sie waren an das mildere Klima, an den krzern Winter gewhnt. Meining hatte eine lange Reihe von Jahren dort gelebt und in manchem seiner Collegen einen Freund gefunden; Clementine konnte sich von Marien und namentlich von den Kindern nicht losreien, und dadurch begann die Reise zu dem sehr ersehnten Ziele mit heien Thrnen und schwerem Herzen, wie es gar oft im Leben geschieht. Meining und Clementine hatten sich eigentlich auf die Reise selbst unbeschreiblich gefreut. Der Geheimrath hatte es sich zum Feste gemacht, seine junge, liebenswrdige Frau all seinen alten Freunden, die sie auf dem Wege besuchen wollten, zu prsentiren und ihrer Bewunderung zu genieen; whrend Clementine, die sehr reiselustig war, sich doppelten Genu davon in der Gesellschaft ihres Mannes versprach. Es lag ein eigner Zauber fr sie in dem Gedanken, mitten in der fremden Umgebung mit ihrem Manne allein zu sein, nur auf einander angewiesen, ganz auf sich selbst beschrnkt. Sie wute, da ihr Herz weit und froh werde, so oft es ihr vergnnt war, wie ein leichter Zugvogel die Welt zu durchfliegen; sie hoffte dasselbe von Meining und war im Voraus entzckt ber das Glck, das sie Beide in dieser Stimmung empfinden muten. Leider aber verbitterte der Himmel selbst die erwartete Freude. Das Wetter war schon am Tage ihrer Abreise ungewhnlich khl und regnig geworden und blieb fast bestndig schlecht. Man konnte kaum daran denken, den Wagen zu verlassen, fand es auf den Landstraen neblig, trotz der noch frhen Jahreszeit; in den Stdten still, weil der Regen die Leute zu Hause hielt. Meining, der sonst immer gesund war, hatte, darauf trotzend, sich eine Erkltung zugezogen, die, wenn auch unbedeutend, ihn doch mislaunig machte, und das Wiedersehen seiner frhern Bekannten trug noch dazu bei, ihn vollends zu verstimmen. Die Meisten hatten so gewaltig gealtert, da ihr Anblick ihm peinlich war, weil es ihn selbst auf unangenehme Weise an seine vorgerckten Jahre mahnte. Er fand Einige mitten in einer groen Familie, gedrckt von Sorgen und nicht belohnt fr ihr Leben, wie sie es verdienten, Andere untergegangen in Egoismus und Pedanterie, Wenige in zusagenden Verhltnissen, verheirathet mit Frauen ihres Alters und zufrieden mit ihrem Geschicke. Diese konnten es nicht unterlassen, ihn halb im Ernste, halb scherzend darauf aufmerksam zu machen, da er doch eine gar junge Frau gewhlt htte, was, trotz ihrer Liebenswrdigkeit, immer bedenklich sei; Jene rhrten ihn durch eine Masse von Klagen, durch Leiden, denen er nicht abhelfen konnte, und je mehr er Grund hatte glcklich zu sein, um so drckender wurde ihm die Lage seiner frhern Bekannten. Unwohl und niedergeschlagen, wie er es war, drang er auf die grte Beschleunigung der Reise und beschlo Tag und Nacht zu fahren, um schneller an das Ziel und zur Ruhe zu gelangen, womit seine Frau, unter diesen Verhltnissen, ganz einverstanden sein mute. Bei der Eile, mit welcher die Reise zurckgelegt wurde, sah sich Clementine wie mit einem Zauberstabe in ihre geliebte Vaterstadt versetzt. Als sie zuerst die bekannten Pltze erblickte, berfiel sie eine so tiefe Wehmuth, da ihr die Thrnen aus den Augen strzten und sie sich, wie ein banges Kind, an Meining schmiegte, nicht wissend, ob es Freude oder Schmerz, Hoffnung oder Furcht sei, was sie bewegte. Da ging die erste bekannte Person vorber, und ein Gefhl von unbeschreiblichem Vergngen trocknete die Thrnen. Nun war es bald ein Dienstmdchen, das in ihrem elterlichen Hause gedient, ein Offizier, mit dem sie auf den Bllen getanzt, ein Fenster, an dem sie oft mit einer Freundin gestanden, ein Laden, in dem sie als kleines Kind ihr Spielzeug gekauft -- kurz auf jedem Schritte neue Gegenstnde der freudigsten Erinnerung. Sie war wieder zum frohen Kinde geworden, und Meining konnte gar nicht Alles sehen und bewundern, was ihm Clementine, als des Sehens und Bewunderns werth, zeigte. Er wurde selbst heiter, als er den Ort, an dem er zu wirken berufen war, so glnzend und bewegt vor sich sah, und die Freude seiner Frau erhhte diese Stimmung bedeutend. Jetzt bog der Wagen in die Jgerstrae ein; Clementine zitterte -- sie hielten vor ihrem Hause, vor dem Hause ihrer verstorbenen Eltern, in dem sie jetzt wieder wohnen sollte. Sie war immer im Besitze dieses Grundstckes geblieben, das ein Verwandter fr sie verwaltet hatte, als sie Berlin verlie, und hatte sich das Quartier, welches ihre Eltern einst bewohnten, reserviren lassen, sobald sie die Nachricht von Meining's Berufung in ihre Vaterstadt erhalten. Jetzt trat sie in die wohlbekannten Rume. Es war ihr, als htte sie sie eben verlassen, als kehre sie von einem Spaziergange zurck; aber wie war Alles so fremd, so de! Die Zimmer, kaum nothdrftig mblirt, schallten wieder von der Stimme der Sprechenden; nur die Stimme des theuern Vaters, der herzliche Willkomm der Tante tnten nicht an ihr Ohr -- sie waren todt, entfernt! und doch sa da drben am Fenster noch die schne, stattliche Frau mit dem Wachtelhndchen, vor der Thre die alte Blumenverkuferin mit dem ewigen Strickstrumpf; noch gingen die Offiziere und Referendare lorgnirend und grend an den Fenstern der gefeierten Sngerin vorber; die Schauspieler eilten zur Probe in das nahe Theater; die Gourmands zogen zu Thiermann -- es war Alles das Alte geblieben, nur Clementine war eine Andere, eine Fremde in der Heimat geworden. Mit diesen Gefhlen betrat sie ihr ehemaliges Stbchen und versank in tiefe Gedanken, aus denen das Fragen ihrer Jungfer und des Dieners sie rissen, die arrangiren, auspacken und placiren wollten. Dann kam Meining hinzu, die Wohnung wurde durchwandert, Rcksprache ber die nthigsten Erfordernisse genommen und das Treiben des Augenblickes machte sein Recht geltend fr diesen Tag und die ganze nchste Zeit. Auch fanden sich jetzt wirklich eine Menge Geschfte fr sie. Meining wnschte sein Haus glnzend einzurichten, es zu dem Sammelplatz der geistigen Celebritten zu machen, und in diesem Sinne muten die Einrichtungen getroffen werden, wobei Clementinens geluterter Geschmack, ihr angeborner Schnheitssinn ihm vortrefflich zu Statten kamen. In wenigen Wochen waren die den Zimmer in die eleganteste Wohnung verwandelt, die trotz der modernen Pracht einfach und komfortable erschien, weil ihre Besitzerin heimisch darin und fr diese Umgebung geschaffen war. Meining fand eine Freude daran, Clementine in diesen neuen Verhltnissen zu betrachten. Fast tglich wurden ihr Fremde vorgestellt. Ein groer Kreis fing an, sich um sie zu versammeln, und, obgleich das Alles sie augenblicklich zerstreute, vermite sie doch gar sehr ihre frheren Bekannten, deren nur noch uerst wenige in Berlin lebten. Von den Mdchen waren die meisten verheirathet und mit ihren Mnnern nach fernen Orten gezogen. Die alten Freunde ihres Vaters waren theils gestorben, theils, da sie dem Beamtenstande angehrten, ebenfalls versetzt; so, da ihr eigentlich nur die Frau des Banquier Klenke von dem frhern Kreise geblieben war. Diese Marianne Klenke hatte Clementine erst ein Jahr vor ihrer Abreise von Berlin kennen gelernt, und Beide hatten sich, vielleicht grade wegen ihrer vollkommen unhnlichen Charaktere, mehr seitig angezogen. Clementine war damals schon traurig und unglcklich durch den Verlust ihres Robert's gewesen, und es hatte sie gefreut zu sehen, da Jemand so lebensfroh, so vollkommen glcklich sein knne, als Marianne, deren gutmthiges, offenes Wesen sie fr dieselbe eingenommen hatte. Sie hatte Freude daran gefunden, Mariannen, die arm war und bei entfernten Verwandten lebte, Theil nehmen zu lassen an den Zerstreuungen und Genssen, die ihr elterliches Haus fast tglich bot. Dort hatte Klenke, einer der reichsten Banquiers der Stadt, sie kennen gelernt, sich in sie verliebt und sie bald nach Clementinens Abreise geheirathet. Klenke hatte in der ersten Zeit seiner Ehe der jungen Frau in Allem den Willen gelassen, und diese hatte sich in ein Meer von Zerstreuungen gestrzt, die nicht ganz ohne nachtheiligen Einflu auf sie geblieben waren. Eine Anlage zu Affektation und Koketterie, die Clementine oft an ihr getadelt, hatte sich mehr ausgebildet; da sie ihrem Manne aber auf's Innigste ergeben war und sehr glcklich mit ihrem kleinen Tchterchen, lie Clementine die Hoffnung nicht schwinden, Marianne werde von den Thorheiten, die sie in den neuen Verhltnissen angenommen, zurckkommen, je mehr diese ihr zur gleichgltigen Gewohnheit und ihr Kind ihre Freude und Beschftigung werden wrde. So gab sie sich ohne Rckhalt dem Vergngen hin, das ihr das Beisammensein mit Mariannen gewhrte, die auer sich vor Entzcken ber die Rckkehr ihrer Clementine schien, und beide Frauen beschlossen viel beisammen zu sein, weil ihre Mnner durch Geschfte gefesselt und sie dadurch oft allein waren. Meining hatte zwar anfangs seinen Vorsatz, keine Praxis zu bernehmen, durchaus festhalten wollen; konnte es aber nicht durchfhren, da er bald von den ersten Familien in bedenklichen Fllen zu Rath gezogen wurde und die Hlfe, die der Vornehme und Reiche forderte, dem Armen nicht versagen konnte. Dadurch machte es sich ganz anders, als er es beschlossen hatte. Eine ungeheure Praxis absorbirte ihn so sehr, da er kaum Zeit fr die nthigsten Vorbereitungen zu seinen Vorlesungen bei der Universitt behielt, und die Folge davon war, da Clementine ihn noch weniger sah, als in Heidelberg, da er sich in Berlin der Gesellschaft nicht entziehen konnte und wollte und somit auch die wenigen freien Abendstunden besetzt waren, die sie in Heidelberg doch immer mitsammen verlebt hatten. Oft traf es sich, da die Eheleute, die sich Morgens nur flchtig gesehen und gesprochen hatten, erst zur Stunde des Diners wieder zusammentrafen, das sie auer dem Hause oder in Gesellschaft im Hause einnahmen, und da dann Meining seiner Frau dringend zuredete, den Abend, den er bei irgend einem Staatsmanne zubrachte, nicht allein zu verleben, sondern das Theater oder irgend einen Ort zu besuchen, an dem sie sich zu unterhalten hoffe. Das war auch der Fall, als sie einen Mittag in kleinerm Kreise im Klenke'schen Hause dinirt hatten. Die Gesellschaft war zeitig aus einander gegangen, und Madame Klenke beschwor Clementine, den Rest des Abends bei ihr zuzubringen, um, wie in der Mdchenzeit, _ein wenig zu plaudern_, welches der Kunstausdruck der Damen fr ihre vertrautesten Herzensergieungen ist. Spter, zum Thee, sollten die Mnner zurckkehren. Marianne hatte der Geheimrthin nie nahe genug gestanden, als da diese geneigt sein konnte, mit ihr ber die Verhltnisse ihrer Vergangenheit oder ber ihre jetzige Lage zu sprechen, und obgleich sie sich deshalb von dem Abende keinen besondern Genu versprach, willigte sie doch gern ein, ihn mit Marianne zu verleben, der viel daran gelegen zu sein schien. Nachdem die Mnner sich entfernt hatten, zogen sich die beiden Damen in ein kleineres Zimmer zurck, setzten sich behaglich auf ein Sopha und begannen, wie gewhnlich, mit den nahliegendsten Dingen. So tadelte Madame Klenke Clementinens Toilette. Du gehst wirklich wie eine Nonne, Clementine! sagte sie; schon als Mdchen haben Deine ewigen, dunkeln Kleider, Deine einfachen Hte mich tdtlich gelangweilt; nun aber, wenn man Deine prachtvolle Equipage und die Diener in schnster Livree sieht, mte man wirklich meinen, nun werde eine Dame in strahlender Toilette daraus hervorsehen -- =mais non!= eine Herrnhutherin, eine =soeur grise= sieht heraus, mit edlen Zgen, dunkeln Augen, der interessantesten Blsse; und man erfhrt verwundert, die Dame im schwarzen Kleide, =collet mont=, die in graziser Nachlssigkeit in den Wagenkissen lehnt, sei die junge, reiche Geheimrthin von Meining, die Frau eines unserer berhmtesten Mnner, der sie unaufhrlich mit Schmuck und Putz berhuft. Und weit Du, =dearest love=! Man mu in der That glauben, Du wrest nicht glcklich. Die junge, schne Frau eines alten Mannes, die so =languissante= aussieht und jeden Schmuck verschmht, mu durchaus unglcklich sein. Aber =plaisanterie part!= bist Du denn glcklich verheirathet? Ich konnte mir gar nicht denken, da Du jemals einen so alten Mann heirathen wrdest. Wie lebst Du denn eigentlich, mein Herz? Siehst Du das nicht, Marianne? sehr zufrieden. Meining ist nicht mehr jung, aber er ist so gut, so geistreich, so brav und hat mich so lieb, da mir gar Nichts zu wnschen bleiben kann. Und in der That! jung bin ich auch nicht mehr; Meining ist 53, aber ich bin auch schon dreiig Jahre, und damit ist man doch wirklich nicht mehr eine junge Frau. Marianne lachte laut auf. Als ob ich jnger wre! und doch behandelt mich mein 34jhriger Mann ebenso wie unsere kleine Nanny, nur da er gern mchte, die Kleine lernte sprechen und ich schweigen. Mutter und Tochter verrathen aber wenig Anlage zu den Eigenschaften, die man ihnen wnscht. Schade berhaupt, da Du nicht meinen Mann geheirathet; er ist bezaubert von Deinem ruhigen Anstande, von Deinem verstndigen, geistreichen Wesen, und als der Geheimrath neulich erzhlte, da Ihr in Heidelberg ganz wie die Einsiedler gelebt und wie huslich Du eigentlich wrest, schien das meinem Manne =le comble du bonheur=, whrend ich mir fest vornahm, Dich fr die fabelhafte Langeweile zu entschdigen. Was hast Du denn eigentlich dort angefangen? Mein Gott! ich habe ganz angenehm gelebt. Besonders scheint es mir in der Erinnerung so. Freilich war ich viel allein -- aber hier sehe ich Meining fast gar nicht; und so sehr mich auch augenblicklich das Leben in der Gesellschaft unterhlt, so werde ich es sehr bald mde werden und Meining vielleicht noch frher als ich. Dann beginnen wir wol unser stilles Leben wieder, und Du kannst selbst sehen kommen, wie wir es machen. Um Alles nicht! lieber Engel, damit bleibe mir fern. Sage mir nur in aller Welt, was Du den Tag hindurch angefangen hast; =quant moi!= Ich strbe bei dem bloen Gedanken. Ich habe gelesen, liebste Marianne! Habe selbst den Haushalt besorgt, Mariens Kinder unterrichtet, und damit ist mir die Zeit vergangen. Du weit, ich bin auch als Mdchen gern zu Hause gewesen. Madame Klenke sah pltzlich fest in Clementinens Augen und sagte mit schmeichelnder Stimme: Hren Sie, gndige Frau! =je me mfie de votre sincrit= -- mir ist es oft gewesen, als htten Dero Gestrengen, was man so nennt, =une passion malheureuse= gehabt, und als htten Sie sich nachher aus =dpit amoureux= verheirathet. Nein, sei nicht bse, se, einzige Clementine, fuhr sie fort, als sie bemerkte, da Letztere pltzlich glhendroth und sehr ernst wurde -- ich habe es in der That geglaubt, als ich Dich kennen lernte, aber nie gewagt, Dich darum zu fragen; und Madame Thalberg, die ich, ehe sie Berlin verlie, einmal deshalb anging, weil Du mit ihr frher so bekannt warst, sagte mir, sie htte nie davon gehrt. Nun wollte ich Dich selbst heute einmal fragen, und da wirst Du bse! sei gut -- ich wei ja, Du bist ein Tugendspiegel; aber da Du keinen Scherz verstehst, das ist doch schlecht von Dir. Clementine war schnell ihrer Aufwallung Meister geworden und bemhte sich, der peinlichen Unterhaltung ein Ende zu machen. Sie versuchte die Neckerei in derselben Art zu erwiedern, bat endlich, Marianne mge ihr die kleine Nanny holen lassen, und in dem Tndeln mit dem Kinde verging die Zeit bis zur Rckkehr der Mnner. Meining fand seine Frau verstimmt; sie klagte ber Ermdung und trieb frher als gewhnlich zum Aufbruch. Siebentes Kapitel. Das gesellige Leben bewegte sich rasch und bunt; Gesellschaften, Theater, Blle und Concerte wechselten fast tglich mit einander ab. Meining, der in Heidelberg sich ganz in die engste Huslichkeit zurckgezogen hatte, fand nun, wie er es selbst vorausgesehen, eine groe Freude an der Gesellschaft. Die ehrenvolle und hchst schmeichelhafte Art, mit der ihm von allen Seiten gehuldigt ward, freute ihn und regte ihn an; dazu kam, da er sich von seinen nhern Bekannten hatte berreden lassen, Karte spielen zu lernen, und er fand darin eine so angenehme Zerstreuung, ein so geistreiches Ausruhen nach der Arbeit, da ihm schon darum die Gesellschaft lieb wurde, weil er sicher war, dort seine Partie Whist oder =L'hombre= nicht zu entbehren. Dadurch sah sich Clementine aus der abgeschlossensten Einfrmigkeit schnell in eine ganz entgegengesetzte Sphre versetzt. Der Name ihres Mannes, sein Rang und Reichthum und ihre eigne Liebenswrdigkeit zogen die Blicke auf sie. Man bemhte sich, sie in den Zirkeln zu haben, und der Nachsatz: kommen Sie, Frau von Meining ist auch bei uns, wurde mancher Einladung hinzugefgt. Clementine lchelte oft selbst, wenn sie bedachte, wie sie gar Nichts dazu thue, den Ruf unwiderstehlicher Liebenswrdigkeit und des anmuthigsten Geistes zu verdienen; denn sie fhlte, da das ganze Geheimni der Kunst, zu gefallen, bei ihr darin lge, Jeden gewhren zu lassen. Sie sprach im Ganzen wenig und ruhig, hrte mit Verstand zu, konnte aber doch bisweilen, wenn ihr Gefhl angeregt wurde, zu dem lebhaftesten Gesprch hingerissen werden oder einen Streit durch eine geschickte Wendung beenden. Das nahm die Mnner fr sie ein. Und obgleich sie nach jener Unterhaltung mit Marianne mehr Sorgfalt auf die Eleganz ihrer Toilette verwendete, um zu keinen hnlichen Bemerkungen Anla zu geben, machte ihr gnzliches Verzichten auf jene Bewunderung, die durch eigne Schnheit und Pracht der Kleidung hervorgerufen wird, den Neid und die Eifersucht der Frauen schweigen, die sonst sich leicht ihrer bemchtigt und ihre Ruhe gestrt htten. Meining's zrtliche Eitelkeit auf seine Clementine fand hier in dem grern Kreise die reichlichste Nahrung. Mehr als jemals entzckt von seiner Frau, htte er gern alle Pracht und allen Luxus der Welt um sie vereinigt, um den Edelstein, den er in ihr besa, auch in der glnzendsten Fassung zu zeigen. Hatte er sie frher geachtet und werth gehalten, so war er nun recht eigentlich verliebt in sie, wie er es nur jemals in frhster Jugend gewesen. Sie war ihm die treue Gefhrtin von frher und doch eine ganz neue Erscheinung, und er hatte Nichts lieber, als wenn man ihn dieser Frau wegen glcklich pries. Dann unterlie er nie, ihre huslichen Tugenden, von deren Ausbung jetzt gar nicht mehr die Rede war, auf das Eifrigste zu rhmen und hinzuzufgen, wie thricht es sei, zu einer glcklichen Ehe Gleichheit des Alters als wesentliche Bedingung zu betrachten. Er sei fast noch einmal so alt, als seine Frau, und doch vollkommen glcklich. Und in der That, die Ehe des Geheimraths von Meining galt fr ein Muster von Zufriedenheit, Eintracht und Glck. Denn da Clementine unter den Spitzen und Perlen ihr Herz leer und sich mitten in der grten Gesellschaft hufig verlassen fhlte, das konnte die Welt nicht wissen. Sie sehnte sich, da ihre Ehe kinderlos zu bleiben schien, nach Mariens Kindern, mit denen sie sich in Heidelberg viel beschftigt, und htte Alles darum gegeben, wenn Marie ihr eines derselben anvertraut htte, wozu aber weder Marie noch Meining, der das unruhige, kindliche Treiben nicht liebte, die geringste Neigung zeigten, soda sie auch diesen Wunsch bald aufgeben mute und das tiefe Liebebedrfni in ihrer Seele unbefriedigt blieb. Sie fhlte sich alt werden und arm in all' dem Reichthum, der sie umgab, und die Ueberzeugung, in ihrem Leben knne keine Freude mehr erblhen, fate tiefer als je Wurzel in ihr. Dazu kam, da die neue Lebensweise sie aufregte und angriff, und, was sie sich selbst kaum zu gestehen wagte, Robert's Bild trat hier, wo sie die schnste Zeit ihres Lebens mit ihm verlebt hatte, unaufhrlich vor ihr inneres Auge. Wenn sie bisweilen einsam und abgespannt in ihrem Mdchenstbchen sa, das sie sich jetzt zum Boudoir erwhlt hatte, gedachte sie mit inniger Wehmuth an die Stunden, die sie hier in Robert's Andenken vertrumt, und ein Gefhl gnzlicher Trostlosigkeit bemchtigte sich ihrer, ohne da sie selbst sich dessen deutlich bewut war. In dieser Stimmung traf sie in den ersten Tagen des Dezembers folgendes Billet von Frau von Stein, einer Dame, die fr einige Zeit in Berlin lebte und in deren Hause der Geheimrath Arzt war, wodurch sie auch in nhern geselligen Beziehungen standen. Frau v.Stein an die Geheimrthin v.Meining. Liebste Meining! Ihr Mann verlt mich eben, mit dem Versprechen, heute Mittag bei mir ein Diner = l'improviste= anzunehmen, wenn Sie ihn begleiten wollen. Und wollen mssen Sie diesmal; wre es nur, um den interessantesten Mann von der Welt, den =lion= der letzten marienbader =saison=, kennen zu lernen, der mich heute besuchte, und den ich eingeladen habe. Ich, die Fremde, habe ihm, der nur fr wenige Tage hier ist, alles Schne seiner Vaterstadt versprochen und ihm gesagt, er werde auch die geistreichste, liebenswrdigste Frau Berlins bei mir finden. Machen Sie mich nicht zur Lgnerin, Beste! und stellen Sie sich hbsch um vier Uhr ein. Der Geheimrath lt Ihnen durch mich sagen, er werde Sie abholen kommen. Auf Wiedersehen also? _Anna von Stein._ Clementine war um vier Uhr bereits fertig, als der Geheimrath nach Hause kam, um mit ihr zu dem Diner zu fahren. Sie fanden die aus wenig Personen bestehende Gesellschaft schon beisammen. Frau von Stein mit einer Dame im ersten Zimmer, die Herren in der Nebenstube, die eben angekommenen Zeitungen durchbltternd. Auch Meining trat in das Kabinet und kehrte nach einiger Zeit mit einem Herrn zurck, den Clementine, da sie mit dem Rcken gegen die Thre gesessen, erst erblickte, als Meining ihn ihr mit den Worten vorstellte: Liebe Clementine! Herr Thalberg, der, wie ich eben hre, ein Freund Deines vterlichen Hauses war. Clementine war wie gelhmt; ein furchtbarer Schmerz durchzuckte ihre Brust, ihr Herz schlug so heftig, da es sie betubte, sie war keines Wortes mchtig, und ihre Aufregung wre Niemand entgegen, wenn nicht Frau von Stein in komischem Verdrue ausgerufen htte: Also Sie kennen einander? O! das ist himmelschreiendes Unrecht. Liebste Meining! das ist ja der marienbader =lion=, den ich Ihnen gemeldet hatte, und nun ist es ein ganz alter Bekannter Ihrer Familie, den Sie besser kennen, als ich. Clementine erwiederte den Scherz mit einem erzwungenen Lcheln und Robert entgegnete: Fr mich, gndige Frau! ist die Ueberraschung, die Sie mir zugedacht, um so grer, da ich Frau von Meining noch in Heidelberg vermuthete. In Wahrheit, wir Landleute werden so fremd in der groen Welt, da wir auch von den glnzendsten Gestirnen an ihrem Horizonte wenig erfahren. Diese knstliche, kalte Galanterie brachte Clementine wieder zu sich. Es gelang ihr, eine gleichgltig hfliche Antwort zu geben. Sie fragte, ob Thalberg viel auf dem Lande lebe, und erfuhr, da er, nach dem Tode eines Verwandten, dessen groe Gter an der mecklenburger Grenze geerbt und dort seinen Wohnort gewhlt habe, da ihm das Landleben und die damit verbundene Thtigkeit sehr zusage. Nur dann und wann, schlo er, verlasse ich meine kleine Residenz, wie im vorigen Jahre, um das Marienbad, und jetzt, um meine Vaterstadt nach mehrjhriger Abwesenheit zu besuchen. Doch denke ich hchstens ein paar Wochen hier zu verweilen. Ein Diener meldete, da servirt sei, und die Gesellschaft begab sich zur Tafel. Clementine glaubte unter dem Einflu eines schnen Traumes zu sein, dem sie ewige Dauer wnschte. Sie sah Robert wieder! Das war die stolze, hohe Gestalt, das befehlende Auge, die knigliche, bleiche Stirne, das war der Mund, der so kalt und eisig spotten und so s, so unwiderstehlich sein konnte, wenn er sich zu Bitten herablie; das war das schne, dunkle Haar mit der Flle seiner reichen Locken, das bei ihrem Abschiede sich auf ihre Stirne gedrckt hatte. Jeder Laut seiner Stimme war ihr bekannt, aus jedem Worte sprach sie eine beseligende Vergangenheit an. Neues Leben schien fr sie zu beginnen, ihr Gesicht glhte, ihr Herz schlug frei, -- so mag es Dem zu Muthe sein, der nach langem Leiden und hoffnungsloser Krankheit aus winterlicher Nacht pltzlich gesund in den belebenden Strahl der Sonne gefhrt wrde und rings umher Frhling she. Nicht der Vergangenheit, nicht der Zukunft gedachte sie, sie war glcklich im Moment. Whrend Clementine in seligen Empfindungen schwelgte, war die Unterhaltung bei Tisch lebhaft geworden; Meining sprach sich anerkennend ber die ganze Richtung aus, die er in der preuischen Verwaltung gefunden, und die es ihm, auer manchen Andern, sehr lieb mache, seine jetzige Stellung angenommen zu haben. Er wunderte sich, da Thalberg, der von seiner Familie fr den Staatsdienst bestimmt worden und die ersten Schritte dazu mit Neigung gethan hatte, sich pltzlich aus der Carrire zurckgezogen habe, und fragte ihn, was ihn dazu bewogen htte. Vor allen Dingen, entgegnete dieser, der Wunsch nach Unabhngigkeit. Man kann im Grunde den Staatsdienst doch nur von zwei Gesichtspunkten aus betrachten; einmal, als ein Mittel zu ehrenvoller, segensreicher Wirksamkeit, oder als Mittel zum Erwerb. Von beiden Seiten aber bot er mir keine Befriedigung. Und ich htte grade geglaubt, da der Wunsch nach Wirksamkeit in der Administration, der Sie sich gewidmet hatten, volle Genge finden msse, sagte Meining. Nicht im Geringsten, Herr Geheimrath! der Dienst bei der Verwaltung ist ein reines Maschinenwesen, und die niedern Beamten gleichen einer Uhr, die gehen mu, wenn sie aufgezogen wird. Glcklich genug, wenn der Uhrmacher sein Fach versteht und die Rder nicht zum Gehen zwingen will, nachdem er die Feder zerbrochen. Mich dnkt aber, da es in Preuen an einsichtsvollen Dirigenten nicht fehle; dafr brgt das allgemeine Fortschreiten des Staates. Wenigstens knnen Sie nicht leugnen, da berall der beste Wille vorhanden ist! fuhr Meining fort. Das leugne ich auch nicht! entgegnete Thalberg. Die Frage fr den Staatsdiener, der sich nicht zur Maschine hergeben will, ist nur die, ob seine Ansichten von Menschenglck, von Fortschritt mit denen bereinstimmen, die ihm zu verbreiten befohlen werden. Das war nun leider mein Fall nicht. Ich sah und erkannte manches Gute, das gefrdert wurde; aber mir blieb das drckende Gefhl von Unvollstndigkeit, das ich bei der polnischen Revolution empfand, in der die Edelleute um und fr eine Freiheit kmpften, die sie ihren Bauern, die leibeigen blieben, vorenthielten. Diese Halbheit machte mir meinen Beruf unertrglich, weil ich fr Halbheiten nicht mein ganzes Wirken opfern wollte. Und so sind auch Sie, ein geborner Preue, ein Gegner Ihrer Regierung? fragte der Geheimrath. Durchaus nicht! war die Antwort. Ich habe jedesmal, wenn ich nach lngerer Abwesenheit in mein Vaterland zurckkehrte, mich geborgen gefhlt und zufrieden; ich bin stolz auf manche unserer Institutionen, die eine herrliche Basis fr die demokratische und constitutionelle Erziehung des Volkes geben; ich meine unsere Landwehr und die Stdteverwaltung, von denen namentlich die erstere so tief in das Leben des Volkes gedrungen ist, da keine Gewalt sie vernichten knnte. Aber da sie nun auf halbem Wege stehen bleiben, da man sich einbildet, stillstehen zu knnen und zu drfen; das ist es, was ich tadle und wogegen wir kmpfen mssen. Der einzelne Beamte, wenn er nicht auf der ersten Stelle steht, vermag dies nicht, wol aber der unabhngige Mann. Nach einer der ersten Stellen im Staatsdienst zu ringen, fhlte ich keine Neigung, weil man sie, glcklichsten Falls, doch oft erst erreicht, wenn man mde vom Wege und Kampfe ist; -- um den unbedeutenden Gelderwerb war es mir in meinen Verhltnissen nicht zu thun, und ich dachte bereits lange meine Entlassung zu fordern, als mir unerwartet der groe Gterbesitz meines Onkels zufiel. Das entschied meinen Entschlu, der mich keinen Augenblick gereut hat. Wenn aber alle guten Kpfe so dchten wie Sie, Herr Thalberg, und sich im Unmuth zurckziehen wollten, so wrde diese Art von Patriotismus der guten Sache keinen Vortheil bringen, wandte Meining fast tadelnd ein. Es scheint mir, als ob Die, denen es Ernst darum ist, sich selbst und ihre Neigung opfern mten, um die stillstehende Staatsmaschine, wie Sie dieselbe nennen, wieder in Gang zu bringen. Und thun wir das nicht? rief Thalberg. Die schwerfllige Staatsmaschine hat an einem Hgel, der ihr ein gewaltiges Hinderni ist, Halt gemacht und kann nicht vorwrts. Sie mit Gewalt darber fortzuziehen, wre Thorheit -- aber wir tragen den Hgel ab, soda sie leicht darber fortrollen kann. Ich ehre unser Knigshaus und vor Allem den redlichen, durchaus achtungswerthen Willen unsers alten Knigs; ich glaube, er hat die freisinnigsten, ehrlichsten Absichten; -- aber er hlt die Zeit noch nicht geeignet zu ihrer Ausfhrung, das Volk nicht reif dazu. Eine Revolution, die immer demoralisirend wirkt, wrde Viel, wenn nicht Alles verderben; darum mu man nur schnell dazu thun, die Zeit herbeizufhren und dem Volke die reife Gesinnung zu geben, bei der es nicht nur mglich wird, ihm die verheienen Freiheiten zu gewhren, sondern unmglich, sie ihm vorzuenthalten. Von uns, den Gutsbesitzern, den Bauern, den Gewerbtreibenden, mu und wird die neue Zeit beginnen -- nicht von der Aristokratie oder von der Intelligenz. Und ich hoffe, diese Erkenntni und dieser Wille sind vorherrschend unter uns und werden ruhig und sicher zum Ziele fhren, da wir nicht zerstren wollen, um neu zu bauen -- sondern nur schon Vorhandenes, Gegrndetes ausbauen, nach den Bedrfnissen unserer Zeit. So bewegte sich das Gesprch eine Weile fort. Die ganze kleine Gesellschaft nahm allmlig Theil daran; selbst die Damen mischten hin und her eine Bemerkung ein, und es fiel Frau von Stein auf, da Clementine stiller als gewhnlich war. Auf ihr Befragen entgegnete Clementine, da ihr mit dem Wiedersehen von Thalberg das Andenken an ihre Jugend, an Entfernte und Gestorbene erwache und sie bewege, und bat, man mge es ihr zu gut halten. Aber auch Meining, der bisher auf das Eifrigste mit Thalberg gesprochen, sagte, als man sich vom Tische erhob: Aber sage mir in aller Welt, liebste Clementine! was hast Du heute? Herr Thalberg mu glauben, Du habest das Sprechen verschworen -- oder wrest Du unwohl? Deine Hand ist in der That sehr kalt. Keines von Beidem! lieber Meining, antwortete sie, Du weit ja, da ich manchmal meine stillen Tage habe, und auerdem war mir die Unterhaltung so interessant, da ich lieber hren als sprechen mochte und gern noch lnger zugehrt htte. Nun, das soll Dir werden, mein Kind! Ich habe Herrn Thalberg eben gebeten, morgen den Abend bei uns allein zuzubringen, und ich denke, er schlgt es uns nicht ab, sagte Meining. Im Gegentheil, gndige Frau! ich wrde es mit Freuden annehmen, wenn ich nicht frchten darf zu stren.... Sie werden uns sehr willkommen sein, entgegnete endlich Clementine. Wir bewohnen wieder das Haus meiner verstorbenen Eltern, und ich werde mich freuen, Sie dort zu sehen. Nach einer Weile trennte sich die Gesellschaft. Meining fuhr gegen seine Gewohnheit gleich mit nach Hause und drang nochmals in seine Frau, ihm den Grund ihrer auffallenden Zerstreutheit und Theilnahmlosigkeit zu sagen. Sie entschuldigte sich wie gegen Frau von Stein und Meining lie es ebenfalls gelten. Einen Augenblick hatte Clementine geschwankt, ob sie nicht Meining sagen solle: es ist Robert, mein Robert, nimm die Einladung fr morgen zurck -- dann aber fiel ihr die Unterredung ein, die sie einst mit Meining in dieser Beziehung gehabt. Sie bedachte, da Thalberg nur wenige Tage in Berlin bleiben, da sie ihn, auer morgen Abend, wahrscheinlich gar nicht mehr sehen werde; sie beschftigte sich, um sich zu zerstreuen, den Rest des Abends mit tausend Dingen, die Meining angenehm sein konnten, und erhielt sich dadurch in einer Art Heiterkeit, die ihren Mann ganz ruhig ber sie machte. Sie aber entschlief mit dem traurigen Bewutsein, ihren Mann absichtlich getuscht zu haben, und Robert's Bild, seine Anwesenheit waren ihr letzter Gedanke. Achtes Kapitel. Robert Thalberg an den Hauptmann v.Feld. _Berlin_, d. 5. Dezember 1839. Seit vier Tagen bin ich hier, habe meine kleine Angelegenheit mit den Behrden arrangirt und die wenigen alten Bekannten, die ich noch gefunden, wieder einmal begrt. Es ist ein Unrecht von Dir, da Du Deine langweilige Garnison nicht verlt und die 20 Meilen herberfhrst, damit wir in Berlin, dem Schauplatz unsrer raschen Jugend, endlich noch einmal ein paar Tage zusammenleben. Mir ist hier Vieles fremd geworden in den drei Jahren meiner Abwesenheit, und ich knnte ganz ernsthafte Betrachtungen machen ber das Leben und die Vergnglichkeit und Eile desselben, wenn ich sehe, wie eine ganze Generation, die ich frher gekannt, bereits gestorben, und eine neue, junge Welt herangewachsen, die mir fremd ist. Schade nur, da diese Bemerkung, in der so viel Schmerzliches liegt, fr Alle eben so alt, als fr den Einzelnen immer neu ist. Fr mich liegt darin jedesmal die dringende Aufforderung, das Leben intensiv so schnell und viel zu genieen, als ich es vermag, und Andern zu ntzen, so gut es geht. Augenblicklich unterhlt mich das Stadtleben wieder vortrefflich, und doch wei ich, da ich mich nach wenig Tagen zurcksehnen werde nach meinem lieben Hochberg, da mir die =beau monde= fade, die Stadt eng vorkommen wird, und da ich mit doppelter Lust zu meinen wintergrnen Wldern, zu meinen gefrornen Seen zurckeilen werde. Auch habe ich, fr den Fall, da diese Lust mich pltzlich anwandelt, meine Einrichtungen getroffen. Die Bcher, Karten und Kupferstiche, die ich hier zu kaufen dachte, sind, wie die Flinten und die brigen Dinge, besorgt, und ich glaube fast, lnger als acht Tage halte ich es nicht aus, mich zu amsiren. Es sei denn, Du trfest whrenddessen hier ein. Denke Dir, welch sonderbares =rencontre= ich hier gehabt! Du erinnerst Dich wol der schnen Clementine Frei, der ich Dich zuerst auf einem Brhl'schen Balle vorstellte, und der Du bald, wie wir Alle, die Cour machtest, bis Du zufllig bemerktest, da mich ein lebhafteres Interesse an sie fesselte. Damals war ich fest entschlossen, sie zu der Meinen zu machen, denn ich liebte sie oder glaubte es wenigstens, und unsre Verbindung war eine zwischen uns und den beiden Familien stillschweigend abgemachte Sache. Wie das aber manchmal geht, Zeit, Entfernung und neue Eindrcke verdrngten ihr Bild aus meiner Seele und -- doch Du kennst die Vergangenheit mit ihren strmischen Erinnerungen, die zwischen meinem Damals und Jetzt liegt. Genug also! ich habe Clementine unerwartet als Geheimrthin von Meining wieder gesehen und sie sehr verndert gefunden. Es ist, so scheint mir, nur noch die Spur von ihrer Schnheit vorhanden. Sie sieht leidend aus und lter, als sie ist; eine wehmthige Ruhe, ein melancholischer Ausdruck der Augen, der durch die lieblichen Zge um den Mund nicht gemildert wird, lassen mich vermuthen, da sie viel gelitten hat. Ihr Mann ist bedeutend lter, fast ein Greis. Er ist offenbar sehr eitel und stolz auf die Frau, die hier wieder sehr =en vogue= ist; brigens ein angenehmer, geistreicher Mann, der mich fr den heutigen Abend eingeladen hat. Mein Name und ich waren ihm fremd -- wie ich Clementine kannte, wundert mich das eigentlich. Ich schreibe Dir nur so flchtig, weil ich bestimmt voraussetze, Dich hier wiederzusehen. La mich bald von Dir hren, damit ich meinen Aufenthalt danach einrichte. Derselbe an denselben. Den 8. Dezember. Also bleibst Du wirklich Deinem Vorsatze treu, alter Freund! und wir sehen uns erst wieder, wenn die Entenjagd Dich, Du Nimrod, nach Hochberg fhrt? Es ist eine Thorheit, da Du jetzt nicht kommst; aber lange nicht so thricht, als Dein Vorschlag, da ich lnger in Berlin bleiben und mir unter den Tchtern des Landes eine Burgfrau fr Schlo Hochberg suchen solle. Ich denke, ber _den_ Punkt kennst Du meine Gesinnungen. Nach den Tuschungen, die ich erfahren, nach jener rasenden Leidenschaft, mit der ich an Caroline hing, und die verrathen ward fr einen Laffen, bin ich mit der Liebe fr immer fertig, und eine bloe Haushlterin -- dazu bedarf ich keiner Frau, die ich behalten mu, wenn sich der geliebte, sentimentale Engel in eine exigeante, launenhafte Hausfrau verwandelt hat. Mit aller Weisheit lernt man seine Braut erst kennen, wenn sie zur Frau geworden ist; und mgen dann die Charaktere noch so elend zusammenpassen, man ist an einander gefesselt und schleppt die hemmende Last mit sich, wie der Gefangene die Kette. Ich kenne das! -- und berlege Dir selbst, wie viele von unsern frheren Bekannten glcklich oder innerlich gefrdert worden sind durch die Ehe, die ich brigens nicht angreifen will. Sie pat nur nicht fr Jeden, und ich glaube, ich wrde mich jetzt darin ausnehmen, als wenn ich mir die Kleider anzge, die ich zu meinem Confirmationstage trug. Htte ich zu 26 Jahren geheirathet, ich wre nun vielleicht ein solider Hausvater, der seinen Kohl baut, die Frau Gemahlin Sonntags zur Kirche fhrt und die Jungen buchstabiren lehrt. Jetzt mchte das nicht mehr angehen. Nimm selbst den Fall, ich fnde ein Weib, wie ich es wnschen mte, das Wort und Probe hielte -- wo wre die Gewiheit, da ich fr sie pate? In der Ehe wird gar zu oft nur Einer von den Gatten glcklich -- das scheint mir auch bei Meining und der Frau der Fall zu sein, bei denen ich neulich einen Abend zubrachte. Er ist durchaus zufrieden -- ob sie es ist? Ich zweifle. Auch ist sie in Wahrheit zu jung fr den Mann, den Jeder fr ihren Vater halten mu. Sie kann wirklich noch hbsch sein, gradezu hbsch; obgleich sie mir, als ich sie zuerst wiedersah, gewaltig verndert schien, finde ich mich jetzt in den bekannten Zgen zurck, erfreue mich an dem feinen Ausdruck ihres Gesichts und namentlich an ihrer schnen Farbe, wenn sie lebhaft spricht. Es ist nicht jenes plumpe Roth, das heies Blut und die Sinne in die Wangen treiben, sondern der lichte, zarte Wiederschein einer glhenden Seele und ganz etwas Eigenthmliches an ihr. Sie ist berhaupt eine interessante Frau. Heute Abend noch einen Ball bei Klenke, morgen ein paar Besuche, und dann geht's bald nach Hochberg zurck. Der Hauptmann Feld an Robert Thalberg. d. 11. Dezember. Ich kenne Dich zu lange, um nicht zu wissen, da ich diesen Brief in Gottes Namen nach Berlin richten kann, und da er Dich dort finden wird. Fhrst Du nicht wirklich sehr bald ab, liebster Thalberg, so bleibst Du lange dort, und willst Du wissen, was Dich festhalten wird? Die Geheimrthin von Meining. Ich habe immer die Ueberzeugung gehabt, da Dir Clementine Frei mehr war, als Du nachher in Deiner Sturm- und Drangperiode selbst glaubtest; wo Du von Freundschaft, herzlicher Anerkennung und allem Teufelszeug fabeltest, whrend eine ganz gesunde, innige Liebe Dir im Herzen sa -- bis jene unglckselige, aber doch gttlich schne Caroline wie ein zerstrender Komet an Deinem Horizonte erschien und Dich in ihren Weltfahrten und Wirbeln mit fortri. Es war eine tolle Zeit. Du bist brigens mit den Weibern gar nicht so fertig, als Du glaubst, und wenn Du nicht bald eine vernnftige Frau nimmst, stehe ich fr Nichts. Sei gescheut und mache aus Gromuth und Reue, aus herzlicher Anerkennung und Freundschaft, keine dummen Streiche. Das ist ein ehrlich Soldatenwort -- kurz und bndig, wie ich es liebe. Aus Clementinens Papieren. D. 6. Dezember. Gott sei Dank! Der Abend ist vorber. Der Mensch kann doch gewaltig viel ber sich gewinnen. Nach dem Eindruck, nach dem Entzcken und der namenlosen Angst, mit der ich Robert gestern wiedersah, htte ich es nicht fr mglich gehalten, den heutigen Abend so ruhig mit ihm verleben zu knnen. Wie schlug mir das Herz, als er in unser Wohnzimmer trat, als ich ihn hier erblickte, wo ich einst an seinem Herzen die bittersten Thrnen des Abschiedes weinte und doch einen Himmel von Hoffnungen in der Brust hatte. Auch ihn schien es zu bewegen, als er in die alte, bekannte Wohnung trat, die ihm doch fremd geworden sein mu, in den neuen Anordnungen, wie ich selbst es ihm bin. Seine Stimme klang unglaublich weich und mild, es lag die Vershnung einer langen Vergangenheit darin -- oder trog mich mein Wunsch? Er ist noch ganz der Alte, der seltene Mann, der er mir immer war; auch Meining scheint ihn besonders anziehend zu finden und hat ihn dringend zur Wiederkehr geladen, die ich aber nicht wnsche, weil sie mir den grten Zwang auferlegt. Es ist so schwer, gegen Jemand den gleichgltigen Ton der Gesellschaft zu finden, der uns einst so nahe stand, und dessen Stimme des Echo in unsrer Seele erweckt. Aber was man ernstlich will, mu man erreichen knnen; auch fhrt Thalberg ja in den nchsten Tagen fort, und Alles bleibt wie es war. Er mu viel gedacht und erlebt haben, es klingt so Vieles aus seinen Reden hervor, was er nicht ausspricht und was ich dennoch hre und verstehe. Wenn ich nur nicht innerlich so aufgeregt wre; ich fiebre und bebe unaufhrlich: so ein Frauenkrper ist ein gar gebrechlich Ding. Ich wollte doch, Robert wre schon fort. D. 8. Dezember. Es ist fast zwei Uhr in der Nacht; ich komme eben von Mariannens Ball zurck, und ich glaube, ich gerathe wieder in die Kindheit, so munter und frisch bin ich. An Schlaf ist noch gar nicht zu denken. Das macht aber das erste, klare Winterwetter, das auf mich immer einen belebenden Einflu gebt hat -- sogar schreibelustig bin ich; habe ich doch vorgestern und heute meinen alten Vertrauten, das Tagebuch, vorgenommen, das mir seit Jahren fremd geworden ist. Meining sagt aber auch, Mariannens Fest sei ganz reizend gewesen, und ich mchte es mir zum Mastab fr unsern Ball nehmen. Das Leben in diesen Kreisen ist eigentlich doch interessanter, als es mir seit lange schien; und heute, wo ich alle jungen Frauen meiner Bekanntschaft tanzen sah, hat es mir fast leid gethan, da ich es seit meiner Verheirathung aufgegeben habe. Robert Thalberg bat mich dringend, nur einmal zu walzen; er tanze sonst auch nicht mehr, wir mten zusammen eine Ausnahme machen; ich mochte aber nicht. Als ich mich entschlo, Meining's Frau zu werden, habe ich durch die Verbindung mit einem so viel ltern Manne dergleichen Genssen entsagt, inde habe ich das nie bereut. Marianne fragte mich heute, als ich, whrend die Andern tanzten, hinter Meining's Stuhl stehend, dem Whist zusah und Thalberg neben mir war, ob wir nicht sehr glcklich wren, einander wieder zu sehen? Wir mten doch alte Bekannte und Jugendfreunde sein. Robert antwortete: Ich bin es gewi und wnsche nur, da Frau von Meining mich nicht ungern wieder gesehen hat. Darauf kam Klenke und rief lachend: Ach! lieber Thalberg! keine Frau sieht einen alten Anbeter ungern wieder, so lange sie jung und schn ist; und von der Seite ist Frau von Meining sicher ohne Sorgen. Mir war die ganze Unterhaltung hchst zuwider, ich schmte mich und frchtete, mein Mann knne es hren; der war aber so sehr in sein Spiel vertieft, da er nicht auf das Geschwtz merkte. Endlich ging ich zu den alten Damen ins Nebenzimmer, aber auch dahin kam mir Marianne neckend nach; lachte, that geheimnisvoll und sagte: Also den Hof hast Du Dir doch auch machen lassen, =ma belle=! und der galante Thalberg hat das noch nicht vergessen. Denn als ich ihn heute Etwas ins Gebet nahm, gestand er, er halte Dich fr eine hchst interessante und schne Frau. Und darin hat er so unrecht nicht; denn heute, wo Du einmal trotz Deiner Einfachheit =in full dress= bist, siehst Du wirklich so =lady like=, so distinguirt aus, da es jeder Einzelne bemerkt. Du hast immer ein gewisses =je ne sais quoi=, das man fhlt und sieht, aber nicht nachmachen kann -- heute inde bist Du ganz reizend! -- Ah! da kommt wieder der schne Thalberg -- ich will nicht stren, =car l'on revient toujours ses premiers amours=, nicht wahr Herr Thalberg? -- und damit ging sie fort. Ich war in der peinlichsten Verlegenheit, nahm mich aber zusammen, und wir sprachen noch einen Moment ber Marianne und ihre leichtfertige Weise, welche ihre trefflichen Eigenschaften oft ganz ungeniebar macht. Thalberg meinte, sie gliche frappant einem Kupferstiche, den er in diesen Tagen gekauft, und den er mir morgen zur Ansicht schicken wolle. Dann hatte Meining grade seine Partie beendet, und wir fuhren nach Hause, als man zum =souper= ging. Neuntes Kapitel. Am nchsten Morgen hatte Clementine eben ihren Wagen zu einer Fahrt in den Thiergarten vorfahren lassen, als man ihr Herrn Thalberg meldete. Sie empfing ihn, und er entschuldigte sich, da er den Kupferstich selbst bringe; er habe sich aber das Vergngen, sie zu sehen, nicht versagen knnen. Doch wolle er sie von ihrer Promenade nicht abhalten und bte um die Erlaubni, sie zu ihrem Wagen fhren zu drfen. So geschah es. Whrend sie die Treppe hinunterstiegen, berlegte Clementine, was sie nun eigentlich thun solle. Jeden Andern htte sie augenblicklich aufgefordert, den Abend in ihrem Hause zuzubringen, und Thalberg darum zu bitten, konnte sie sich nicht berwinden. Was wrde aber Meining dazu sagen, wenn sie ihm erzhlte, wie flchtig sie Thalberg abgefertigt htte, und was wrde dieser selbst von ihr denken? So entschlo sie sich, ihn fr den Abend einzuladen, und Thalberg sagte freudig zu. Am Mittage erzhlte sie dem Geheimrath von Thalberg's Besuch und ihrer Einladung, der sich derselben freute und hinzufgte, er habe den Obrist B. und den Maler R., die er zufllig gesprochen, zu einer Partie bei sich geladen. Wir machen dann ruhig erst unser Spiel, und Du mut Deinen Gast, da er nicht spielt, selbst unterhalten, bis zum Abendessen. So waren denn, als die drei Herren sich zum Spiele gesetzt hatten, Robert und Clementine allein am Theetische. Die arme Frau fhlte eine mdchenhafte Scheu, als sie nun, nach langjhriger Trennung, zum erstenmal mit dem geliebten Manne, der ihr ein Fremder sein mute, allein war. Allein in jenen Zimmern, in denen sie so oft in glcklicher Unbefangenheit und im Gefhl der wrmsten Liebe sich begegnet waren! Nun war das Alles anders. Ihre Befangenheit entging dem scharfen Auge Thalberg's nicht, dessen Blicke glhend auf ihr ruhten; denn auch er war von lebhaften Erinnerungen bewegt. Dadurch wollte anfangs kein rechtes Gesprch in den Gang kommen, und Thalberg bltterte in halber Zerstreutheit in einem Buche, das zufllig auf dem Sopha lag. Es war das Buch der Lieder von Heine, auf dessen Schriften sich nun die Unterhaltung wandte. Lieben Sie Heine noch so als frher? fragte Robert, ich wei, da Sie von den ersten Heine'schen Gedichten, die Sie kennen lernten, sehr entzckt waren; und wie mir dies Buch beweist, dauert diese Vorliebe fort. Nicht so unbedingt, als Sie glauben, entgegnete sie. Ich bekenne, da mich das wahrhaft Poetische, das tief Gefhlte in den Liedern, die ich damals einzeln kennen lernte, lebhaft ergriff und anzog. Da der Schmerz ber eine verschmhte Liebe, dessen er sich schmt, sich in wilder Ironie verbirgt, das fand ich bei einem Manne eben so wahr als ergreifend -- da er aber spter Nichts mehr schont, selbst nicht diese Liebe, nicht die Sitte, nicht Gott, das hat ihn mir verleidet. Ja freilich, = l'usage de la jeunesse= ist er nicht geschrieben! bemerkte Robert, und ein Zug von eisigem Hohn wurde um seinen Mund sichtbar. Aber wten Sie, meine gndige Frau, wie gewaltsam uns Mnner das Leben enttuscht, wie es oft grausam und unerbittlich die letzten Bande, die uns an unsre Kindheits- und Jugendwelt fesselten, zerreit; wie es uns Alles raubt, Glck, Poesie und Glaube -- Sie wrden Heine vielleicht anders beurtheilen. Vielleicht! antwortete sie, ich mte den Dichter beklagen, der so sehr an sich und der Menschheit irre werden konnte, da er die Leidenschaft nur in ihren Tiefen aufsucht, wo sie der Unschnheit lngst zum Raube geworden ist und dem reinen Gefhl einen Schauder des Entsetzens einflt. Wenn ich von mir auf andre Frauen schliee, mu Heine's Zerrissenheit.... Also auch Sie, auch Sie! sprechen es nach, Heine ist zerrissen! O! das klingt sehr gro, sehr vornehm. Aber wer ist denn ganz? -- etwa die Leute, die in enger, dumpfer Beschrnkung zwischen denselben vier Pfhlen Wiege und Sarg haben? die aus Mangel an Temperament, aus Mangel an Leben keinen Reiz des Lebens, keine Verlockung der Snde empfinden? Die Leute, die den heiesten Wunsch des Herzens, das einzige Glck ihres Daseins feige aufgeben, weil es gegen ein gemachtes, brgerliches Gesetz anstt? Die Leute also sind ganz, die sollen Heine beurtheilen? Glauben Sie mir, gndige Frau! wer ein ganzer Mensch ist, ganz an Krper und Seele, von dieser in den Himmel gehoben, von jenem an die Erde gekettet, doppelt in seinen Wnschen und Bedrfnissen, auf der Erde ohne das ersehnte Glck, fr den Himmel Nichts als eine unbestimmte Hoffnung -- wer sich da von dem zwiefachen Getriebe nicht zerreien lt, wer sich nicht blutig stt an den Barrieren und Hecken brgerlicher und gttlicher Gesetze -- der ist kein Mensch, der mte ein Gott sein. Robert war, whrend er sprach, immer lebhafter geworden, und Clementine sah ihn in einer von jenen leidenschaftlichen Aufregungen, die sie so wohl kannte, und denen nur zu leicht ein Anfall tiefer Schwermuth folgte, wenn sie nicht durch Unterhaltung verbannt wurde. In solchen Augenblicken hatte sich frher oft ihr Einflu auf sein Gemth geltend gemacht, deshalb begann sie nach einer Pause, in der Robert in tiefes Denken versunken war: Nun wohl denn mir, da ich kein Mann bin, da mich das Leben nicht so hart enttuscht hat, und da mir mein bestimmter Weg vorgezeichnet ist. Und haben Sie diesen Weg nie schwer, nie rauh gefunden? O! doch, Herr Thalberg, schon der Weg zur Schule schien mir oft schwer, scherzte Clementine, um ihn von dem Gesprch abzuleiten. Und haben Sie nie die Neigung gehabt, von diesem vorgeschriebenen Wege abzuweichen, wenn er Ihnen unangenehm war? Niemals! -- als Kind htte ich es aus Furcht vor Vater und Tante nicht gethan; spter htte ich mich vor meinen Gefhrten geschmt, und dann ist mir das eigne Gefhl ein guter Compa geworden, dessen Nadel mir immer wieder den rechten Weg zeigte und nach Norden wies. Ja! nach Norden, sagte Thalberg, nach dem Norden der kalten Vernunft, in dem das heie Blut erstarrt. Aber Sie erwhnten Ihrer Tante, sagte er pltzlich abbrechend, wie geht es Frau von Alven und wo lebt sie jetzt? Damit war die Unterhaltung ber Heine beendet und ging zu gleichgltigen Dingen ber, obgleich auch bei diesen ein Wiederhall des Sturmes bemerkbar war, der Robert's Seele bewegte. Endlich hrten die Herren zu spielen auf, man ging zu Tisch und sprach whrend der Mahlzeit unter Anderm auch bald wieder ber die politischen Ereignisse des Tages. Robert hing, wie wir sahen, den freisinnigsten Meinungen an und wunderte sich heute, da Clementine, die in frher Jugend, als seine gelehrige Schlerin, all' seine Ansichten theilte, jetzt bedeutend mehr der konservativen Richtung geneigt schien. Mich dnkt, sagte er, Sie htten einst mit viel grerer Theilnahme den liberalen Ideen unsrer Zeit gehuldigt, und ich htte Sie begeistert gesehen, als die Julitage uns eine neue Aera zu verknden schienen. Was hat Sie denn unsrer Fahne abwendig gemacht? Und wer sagt Ihnen denn, da mich die groe Idee der Freiheit nicht noch eben so erwrmt, da ich den Enthusiasmus der Mnner dafr nicht begreife? antwortete sie. Damals glaubte ich nur, auch fr uns Frauen sei die Freiheit, nach der die Mnner streben, ebenfalls ein unerlliches Gut, und es sei unsre Pflicht, mit ihnen fr Freiheit zu schwrmen und ber Politik zu sprechen -- und nur von _dem_ Glauben bin ich zurckgekommen. Sehr mit Unrecht, gndige Frau! sagte der Maler. Warum sollen die Frauen, die uns im Leben das hchste Glck gewhren, nicht auch mit uns Theil haben an den hchsten Schtzen, nach denen wir streben. Warum sollte ein Geschlecht, dem Eleonore Prohaska und das Mdchen von Saragossa angehrten, nicht eben so lebhaft den Sinn fr Freiheit und Vaterland haben als wir? Fr ein Vaterland, wandte Thalberg ein, haben die Frauen wirklich gar keinen Sinn und knnen ihn nicht haben, weil ihr Beruf sie nur zu oft der Heimat entfremdet und ihnen ein neues Vaterland gibt. Ich wrde es gewi meiner Frau, falls sie eine Franzsin oder Englnderin wre, sehr verargen, wenn sie nicht mit mir von Herz und Seele eine Deutsche wrde; und so sind die Frauen eigentlich geborne Kosmopoliten, die nur fr allgemeine Weltfreiheit Interesse haben knnen, fgte er lchelnd hinzu. Wie sieht es denn nun mit Ihren Weltfreiheitsideen aus, gndige Frau! fragte sie der Obrist. Ich sage Ihnen ja, antwortete sie, da ich die demagogischen und liberalen Gesinnungen der Mnner vollkommen begreife und achte, da ich selbst aber eine gewaltige Aristokratin bin, und ich glaube, im Herzen sind wir Frauen es alle. Wir sind nicht gewhnt, uns in die Menge zu verlieren; wir stehen abgesondert fr uns und lassen uns von den Mnnern, denen wir, sobald wir sie lieben, ein ganz apartes Adelsdiplom zuerkennen, gern als treue Vasallen huldigen. Oder noch lieber beten wir den Knig unsres Herzens mit tiefster Demuth an, der uns viel mehr =un et indivisible= ist, als es den Franzosen jemals ihre Republik war. Alle lachten, und Meining sagte: Das sind auch die besten Grundstze fr Euch, denn Politik und Liberalismus kleiden die Damen nicht. Ich kannte selbst eine geistreiche Frau, die treue Freundin eines Mannes, der Deutschland die Freiheit predigte, bis sie ihn auf dem Montmartre begruben -- und so angenehm ich sie sonst immer fand, so unertrglich schien sie mir, wenn sie jene Ideen von Freiheit aussprach, die im Munde ihres Freundes gro und prophetisch geklungen hatten. Darin stimme ich Ihnen bei, Herr Geheimrath! fuhr Thalberg fort, und ich glaube auch, da die wahre Stellung des Weibes eine abhngige sein mu. Ich wnsche nur, da sie von dem freien Manne abhnge, der in ihr den Menschen achtet. Unsre Liebe ist ihre Freiheit, die ihnen allen Schutz und alle Rechte zuerkennt, deren sie bedrfen. Sie mssen mit uns den Gedanken der Freiheit theilen, ohne sie selbst zu begehren, weil fr sie dieselbe ein Unding ist. Im Ganzen, bemerkte der Maler, als Clementine ihre volle Zustimmung zu Thalberg's Aeuerung gab, werden nicht alle Damen dieser Meinung sein; denn, wenn sie auch die =femme libre= der St. Simonisten emprend finden, so lieen sie sich doch nur zu gern ein bischen emancipiren, und ich fr meinen Theil wollte Nichts dagegen haben, wenn mir einige so recht schne junge Mdchen als Collegen oder Schler in mein Atelier geschickt wrden. Wenn es so weit ist, meinte Meining, lasse ich mir meine Frau zum Assistenten ernennen! Und glaubst Du, Lieber, da ich dazu nicht vortrefflich wre? Glaubst Du, wenn man mich von Jugend auf in all' den Wissenschaften unterrichtet htte, mit denen man die jungen Leute so frh bekannt macht, ich htte das nicht auch erlernen knnen? fragte Clementine. Im Gegentheil; ich bin berzeugt, Du wrest der niedlichste Professor im Mousselinkleide geworden und wrdest die interessantesten Vortrge gehalten haben. In Fllen, in denen psychische Leiden der Krankheit zum Grunde liegen, wrde so ein feiner, weiblicher Medikus mit seiner liebenswrdigen Neugier vielleicht schneller die Quelle des Uebels errathen, als wir Mnner; denn eine gewisse Art von Penetration besitzen die Frauen gewi in hherm Grade als wir, ich meine den Scharfsinn des Herzens, der wirklich sehr gro bei ihnen ist. Nun denn in Gottes Namen losmarschirt auf die Emancipation der Frauen, sagte der alte Obrist, nur in mein Regiment kommen Sie nicht. Ich kann weder die Kanonen abschaffen, deren Donner Ihnen so sehr zuwider ist, noch die Pferde, vor denen Sie sich frchten, und auch mein Adjutant wird bei aller Verehrung fr Sie seine Hunde nicht entbehren wollen, die Ihnen ebenfalls Angst verursachen. Sind Sie denn wirklich so furchtsam, fragte der Maler, ihre Zge und Augen drcken Nichts davon aus. O da kennen Sie meine Frau nicht, rief Meining. Sie nimmt es im Geiste mit Himmel und Erde auf; in der Wirklichkeit aber flt fast jedes Thier ihr eine ganz solide Angst ein, und wenn vollends der liebe Gott uns ein ordentliches Gewitter schickt, fhrt er mir damit jedesmal meine Frau ins Zimmer, die, glaube ich, viel lieber auf Emancipation verzichtet, ehe sie whrend eines Gewitters allein bleibt. Aber um darauf zurckzukommen! ich mchte wohl wissen, was Du, liebe Clementine! Dir z.B. unter der Emancipation der Frauen gedacht hast. Ich habe berhaupt nicht daran gedacht, antwortete sie, weil ich sie, meinem ganzen Wesen nach, fr mich nie begehrenswerth fand. Emancipirt wird das Weib, wie Herr Thalberg sehr wahr bemerkte, durch die Liebe und in der Ehe. Da soll sie gleiche, oft schwerere Pflichten haben, als ihr Mann; aber auch gleiches oder wenigstens hnliches Recht. Man soll sie nicht gewaltsam niederhalten und ihr nicht unnthig Leid aufbrden, das sie nicht tragen kann, ohne zu unterliegen. Unsre Freiheit liegt in uns; wir mssen Herr sein ber uns selbst, sonst ber Niemand -- und so denke ich, Alles, was die sogenannte Emancipation bezwecken knnte, wre, eine Erziehung zu befrdern, die uns fr unsern Beruf tchtiger machte. Also gleiches Recht vor Gericht und dergleichen schne Dinge begehren Sie nicht? fragte der Obrist. Das mag vielleicht in manchen Fllen von Nutzen sein, die ich so augenblicklich nicht durchdenken kann -- es aber als Schutz gegen die Seinen zu benutzen, gegen Brder, Vter oder Mann, das scheint mir ein so schauderhaftes Recht, wie die Trennung einer Ehe, die, obgleich ich eine gute Protestantin bin, in meinen Augen ein Sakrament und unauflslich ist. Und so verdammen Sie Jeden, wandte der Maler ein, der sich scheiden lt, weil er vielleicht das Leben mit dem Gatten oder der Frau nicht ertragen konnte? weil Laster und Verderbtheit des einen Theils oder auch nur ganz verschiedene Gesinnungen ein Leben zur Hlle machten und ein Glck untergruben, das in einer neuen Ehe auf das Schnste fr zwei Menschen erblhen knnte? Verdammen kann ich Niemand, sagte Clementine bewegt, nur das wei ich bestimmt, da ich lieber sterben mchte, als mein Wort brechen, und da ich die Mglichkeit, wie eine Frau zur zweiten Ehe schreiten knne, durchaus nicht begreife. Mit den Worten hob sie die Tafel auf. Meining kte sie, trotz der Anwesenheit der Fremden, herzlich; sie machte sich aber eilig von seinem Arme los und ging mit Thalberg, der zuletzt gar keinen Antheil an der Unterhaltung genommen hatte, voran in den Salon, worauf die Gesellschaft sich bald trennte. Zehntes Kapitel. Thalberg war allmlig ein tglicher Gast im Meining'schen Hause geworden, da der Geheimrath ein lebhaftes Interesse in seinem Umgange fand, und er selbst Alles hervorsuchte, was ihm einen Grund bot, seine Besuche zu wiederholen. Clementine, ganz beherrscht von dem Zauber, den er immer auf sie gebt, kmpfte unaufhrlich gegen eine Liebe, die nie in ihr erloschen und in Thalberg's Brust leidenschaftlicher, als je, erwacht war. So waren etwa 14 Tage vergangen, als Robert seinem Freunde folgenden Brief schrieb. Thalberg an den Hauptmann v.Feld. d. 18. Dezember. Du hast wahr prophezeit, mein Freund, ich bin noch immer in Berlin und bleibe wol auch noch einige Zeit hier. Was soll ich auch am Ende jetzt in Hochberg beginnen? Ich sitze dort an den langen Winterabenden allein, grble ber Gott und Menschen und reformire die Welt in Gedanken, ohne da bis jetzt in der Wirklichkeit das Geringste gebessert wird. Augenblicklich bin ich auf meinen Gtern gar nicht beschftigt; meine Anordnungen fr die Realisirung meiner Zwecke sind getroffen und mssen nun ruhig fortwachsen, ungestrt, um zu gedeihen. Meine Geschfte besorgt mein Verwalter, auf den ich mich verlassen kann, und ich habe ihm heute die nthigen Befehle zukommen lassen, mit der Weisung, da ich die Weihnachtszeit, ja vielleicht den ganzen Winter hier zubringen wrde, und da er mir mein Reitpferd und ein Paar Schlittenpferde hersenden mge. Ich behalte mein Coupee, das ich zur Reise benutzte, hier und habe gestern einen Schlitten gekauft, der Dir sehr gefallen wrde. Ich habe mir nun hier ein Quartier genommen, mich huslich eingerichtet, die alten Verbindungen erneut und finde mich wieder einmal ganz heimisch in Berlin. Die Abende, welche nicht durch bestimmte Einladungen besetzt sind, bringe ich hufig bei Klenke oder bei Geheimrath Meining zu, wo in kleinem Zirkel die Zeit auf das Angenehmste vergeht. Sehr viel trgt dazu die Geheimrthin bei, die eine ganz charmante Frau ist, voller Geist und Gefhl; anregend, wie keine Andre; dabei die angenehmste Tournre und die wohlwollendste Hflichkeit, die bei ihr aus dem Herzen kommt. Alles um sie her ist Grazie und weibliche Eleganz! Mich dnkt oft, wenn ich ihren Hut oder ihren Handschuh liegen sehe, ich mte ihn aus hundert andern als den ihren erkennen. Es ist ein Zauber von Weiblichkeit und Reinheit in Allem, was zu ihr gehrt; und obgleich ihr Haus ganz nach dem jetzigen Geschmack eingerichtet ist, sieht es doch vollkommen anders aus, als bei den Uebrigen. Mir wenigstens wird schon behaglich und heimisch, wenn ich im Vorzimmer den Duft von Reseda bemerke, den sie sehr liebt und der ihre Zimmer erfllt. Wenn ich mir denke, da diese noch junge Frau dem alten Manne gehrt, den sie doch nur wie ihren Vater lieben kann, thut sie mir bitterleid; und ich gestehe Dir, mir ist oft der Gedanke gekommen, ich htte ein Unrecht gegen sie gut zu machen, und sie wre glcklicher gewesen, wenn sie mein geworden wre. Fnde ich eine Frau, die ihr gliche, in deren Seele ich so klar lesen knnte und die mich so vollkommen verstnde, als die Geheimrthin, ich glaube, ich knnte mich noch entschlieen, mich zu verheirathen. Das einsame Leben auf Hochberg hat doch etwas Trauriges, das fange ich erst hier wieder zu fhlen an. Du siehst, Dein guter Rath von neulich trgt vielleicht noch Frchte; willst Du ihn aber wirksam untersttzen, so benutze die treffliche Schlittenbahn, mich hier zu besuchen. Ich habe hinlnglich Platz fr uns Beide. _Thalberg._ Derselbe an denselben. Am zweiten Weihnachtstage. Ich kam gestern Abend zu Clementinen, um sie zu bitten, morgen bei einer Schlittenpartie, die wir am Vormittage bei Frau von Stein verabredet hatten, meine Dame zu sein. Es war etwa sechs Uhr. Der Diener, der mich melden ging, sagte mir gleich, Herr Geheimrath htte auer dem Hause gespeist, die gndige Frau sei allein, und er zweifle, da sie mich annehmen wrde. Dabei that er so geheimnivoll, lchelte so pfiffig, da ich neugierig wurde und ihm bis in den kleinen Salon folgte, der nur noch durch Clementinens Wohnzimmer von ihrem Boudoir getrennt ist, welches ich noch nicht kannte. Im Wohnzimmer brannte nur eine matte Lampe, und da der Diener nicht ahnte, da ich ihm durch die dunkle Zimmerreihe gefolgt war, lie er die Thre offen, soda ich den reizendsten Anblick von der Welt hatte. Ich sah in ein hchst zierliches, kleines Gemach, mit grner Seide tapeziert. Gegen das Fenster hin brannte ein Weihnachtsbaum mit seinen bunten Lichtern, eine Menge Spielzeug lag schon zerstreut umher, und ich hrte das jubelnde Lachen von Kinderstimmen, ehe ich die Kleinen sah. Eine der kleinen Stimmen rief grade: Aber Tante Clementine! Du bist die schnste und grte Puppe, wenn Du nur still halten mchtest. Endlich sah ich Clementine. Sie lag in einer grnen Couchette, die vor dem Kamin stand, und hielt ein engelschnes, zweijhriges Mdchen in den Armen. Zwei ltere Mdchen, etwa fnf- und siebenjhrig, waren um sie beschftigt, das eine ihr das Haar aufzuflechten, das andere ihr eine Masse von Corallen, die auf einem Tische vor ihnen lagen, umzubinden. Es war ein wundervolles Bild! Clementine war schner, als ich sie je im Leben gesehen habe. Das glnzende, rabenschwarze Haar hing in aufgelsten Wellen herab, gemischt mit dicken Corallenschnren, von denen ihr einige wie eine Binde ber der Stirne lagen. Die Kinder hatten ihr die Aermel zurckgeschlagen, das Tuch abgebunden und sie mit mancherlei Schmuck behngt, den sie ihnen zum Spiele gegeben hatte. Hnde, Hals und Arme waren marmorklar in der Beleuchtung und das fein gerthete Gesicht blendend schn in dem Ausdruck von Glck, das aus ihren Augen strahlte. Sie stand, als ich gemeldet wurde, rasch auf und gab dem Diener den Befehl, mich in ihr Wohnzimmer zu fhren; sie wrde gleich bereit sein, mich zu sehen. Die Thren wurden zugemacht, ich ging schnell von meinem Lauscherposten zurck und wurde nach einigen Augenblicken in das Boudoir gefhrt, das nun einen ganz andern Anblick darbot. Die zerstreuten Spielsachen waren einigermaen geordnet, die beiden grern Mdchen spielten seitwrts an dem Weihnachtsbaume, und nur das kleinste sa bei Clementine auf einer Causseuse. Sie selbst hatte in der Eile eine Haube aufgesetzt, sich in eine groe, schwarze Mantille gewickelt und kam mir mit den Worten entgegen: Entschuldigen Sie mich, Herr Thalberg! da ich Sie hier in der Unordnung empfange; ich habe mir aber fr den heutigen Abend diese kleinen Gste geladen und mu nun zusehen, da sie keinen Schaden bei den Lichtern nehmen. Sie hielt das Kind, das sich ngstlich an sie schmiegte, auf dem Arme, whrend sie stand; nthigte mich dann zum Sitzen und fragte nach meinem Begehr. Ich war so entzckt ber die Scene, da ich eigentlich Nichts begehrte, als sie anzusehen; die Schlittenfahrt hatte ich fast vergessen. Ich fragte, wer die Kinder wren, und erfuhr, es wren die Tchter von Madame T..., die hier im Hause wohne und die ihr die Kinder bisweilen berlasse. Es sind meine Gste, fgte sie hinzu, wenn Meining nicht zu Hause ist, dem sie zu viel Gerusch machen, und ich habe sie mir heute geladen, um ihnen mit einem Weihnachtsbaume die Freude zu vergelten, die sie mir oft machen. Jetzt im Winter, wo die Natur uns keine Blume bietet, sind das meine lieben Pflnzchen, deren Wachsen und Gedeihen mich unsglich freut. Sie glauben nicht, wie engelgut und gescheut solch ein unverdorbenes Kind ist. Halb mit mir, halb mit den Kindern beschftigt, sprach sie abwechselnd scherzend mit uns. Ich htte ihr ewig zuhren mgen. Pltzlich merkten wir ein helleres Aufflammen der Weihnachtslichter. Clementine, die sehr ngstlich besorgt fr die Kinder schien, bat mich, die untern Lichter, an welche die Kinder reichen knnten, auszulschen. Ich that es und nahm nun auch die beiden grern Mdchen zu uns hin. Nun ging es an ein Plaudern: Tante! wer ist der Herr? Ist das auch ein Onkel? Ja! Rschen, das ist der Onkel Thalberg. Warum bist Du nicht immer hier, Onkel? Weil ich nicht immer hier sein darf. Hast Du denn die Tante Clementine nicht lieb? O! sehr, sehr lieb! rief ich hingerissen aus. Kannst Du uns denn leiden? fragte die kleine Emma, unsre Wrterin sagt, der Onkel Geheimrath kann uns nicht leiden, weil er schon so alt ist. Tante, unterbrach Rschen, behalte lieber diesen Onkel hier und schicke den alten Onkel Meining fort. Ja! Tante! thue das, dieser Onkel ist so schn und freundlich wie Du, schicke den alten fort. Das Alles schwatzten die kleinen Dinger so schnell durch einander, da man gar nicht Einhalt thun konnte. Clementine wurde glhendroth und gleich darauf sehr bleich; Thrnen traten ihr in die Augen, die sie mir verbergen wollte, indem sie sich rasch zu Emma bckte und sagte: Schme Dich, den guten, lieben Onkel Meining hast Du nicht lieb? Dann kann ich Dir auch nicht gut sein, wenn Du meinen lieben Meining nicht magst, und Du darfst nicht mehr herkommen, Du bses Kind! Ihre Stimme bebte, und ich sah, was sie litt -- o! mein Gott! ich htte ihr dies Leiden mit meinem Leben vergelten wollen; denn, was soll ich es Dir verbergen -- ich liebe Clementine. Feld! wie spielt das Leben uns mit, und wie wenig verstehen wir unser Glck. Diese Frau war mein, und ich konnte sie verschmhen; sie liebt mich noch, und ich kann sie nicht besitzen. Ich habe ihr Leben zerstrt, das fhle ich, und die Rache bleibt nicht aus; denn jetzt erst wei ich, da ich Nichts mehr vom Leben zu erwarten habe. Wie war es mglich, da ich diese Liebe verkannte? Sie ist das einzige, wahre Gefhl meines Herzens gewesen, und ich selbst habe mich um das Glck gebracht; ihr und mein Unglck habe ich selbst bereitet. Um ihr nicht zu sagen, ich bete Dich an, um ihr nicht zu Fen zu fallen, stand ich auf und brachte meine Schlittenfahrt in Vorschlag. Clementine refsirte sie entschieden, da ihr Mann an dergleichen keinen Theil nhme und sie, ohne ihn, solche Partien nicht mitmache. Ich bekam einen Dank und empfahl mich -- ein unvergeliches Bild in der Seele. Es ist mir lieb, da sie nicht mit mir fhrt; sie hat Recht, sie soll Alles vermeiden, was sie dem Schatten eines Vorwurfs aussetzen knnte. Grade weil ich sie anbete, will ich selbst ber sie wachen und fast knnte ich wnschen, sie liebte mich nicht mehr, damit der reine Friede ihres Herzens nicht getrbt werde -- und doch scheint mir das Leben nur mglich in dem Bewutsein ihrer Liebe. Da ich bleibe -- bedarf nun keiner Besttigung. _Thalberg._ Der Hauptmann v.Feld an Robert Thalberg. Den 27. Dezember. Unsinniger, was fngst Du an? Wirst Du denn niemals Ruhe finden? Denkst Du nicht mehr, da Du Caroline eben so hei geliebt, da sie Dir auch das vollkommenste Weib geschienen? Rede mir nicht davon, da Du bleiben willst; wenn Dir Clementinens Ruhe und Ehre werth sind, eile sie zu verlassen, ehe es fr Euch Beide zu spt wird. Grade weil ich berzeugt bin, da Clementine nie einen Andern liebte, als Dich, weil ich auch glaube, da nur Vernunft und Pflicht sie an ihren Mann fesseln -- weil ich ihre und Deine Leidenschaftlichkeit kenne und frchte, grade darum mut Du fort. Und was willst Du? Sie zwingen, noch unglcklicher zu werden, als sie es vielleicht schon ist? Vielleicht war es nur ihr reines Bewutsein, das sie bisher aufrecht erhielt, willst Du ihr das rauben? Willst Du die Ehre ihres Mannes, der Dich gastlich aufgenommen, ihren huslichen Frieden Deinen Wnschen opfern? Du wirst es thun, aber sage mir nie mehr, da Du Clementine geliebt hast. Der Deinige v._Feld_. Robert Thalberg an den Hauptmann v.Feld. Den 29. Dezember. Deinen Brief habe ich erhalten, lieber Feld! Deine Vorwrfe vergebe ich Dir, weil ich sie nicht verdiene. Clementine ist mir heilig wie meine Ehre. Wie kannst Du aber Carolinens erwhnen, im Vergleich zu Clementinen? Jetzt fhle ich es mehr als je, da nur Sinnlichkeit und Verblendung mich an Caroline fesselten. Als ich sie zuerst sah, als der entzckte, strmische Beifall des Publikums sie ber sich selbst erhob und sie alle Leidenschaften, die das Herz der Orsina durchtoben, selbst zu fhlen schien und nun dastand, ruhend in sich, abgeschlossen, fest und gro, mitten in einer untergehenden Welt, erschien sie mir so gewaltig, da es mich trieb, dies Weib kennen zu lernen. Ich fand in ihr, was ich erwartet hatte, einen groen Charakter, ein glhendes Herz, versunken im Strudel des Lebens. Stunden des leidenschaftlichsten Entzckens hat sie mir gegeben. Liebe bedurfte sie nicht, flte sie nicht ein. Ich war eitel darauf, _sie_ zu besitzen, die Alle mir beneideten; ich freute mich ihrer und schwelgte wie sie in ihren Triumphen. Wenn die Blicke der staunenden Menge trunken an ihr hingen und ihr khnes Auge nur mich suchte; dann habe ich ein eigenthmliches Glck empfunden. Es liegt ein groer Reiz in der Hingebung einer Frau, die der Bhne, der Welt angehrt; sie regte meine Phantasie mchtig an, meine Sinne waren in dem hchsten Aufruhr, ich war auer mir. Ich htte sie und den Grafen ermorden knnen, als sie mit ihm entfloh -- ich htte mit ihr die Welt durchziehen, mich mit ihr vernichten mgen; aber nie ist es mir eingefallen, niemals, sie mir als meine Hausfrau zu denken, wie Clementine mir ewig vor Augen steht. Wre Caroline mir treu gewesen, ich htte vielleicht nie an Haus und Weib gedacht, sie htte mich fortgerissen. An ihr unsttes Leben gekettet, htte ich mich ber mich selbst, ber sie, ber Alles noch lange, wer wei, ob nicht fast fr immer getuscht; denn sie war eine Titanennatur, der man schwer widerstand. Nun aber! Httest Du Clementine, die schne Geliebte meiner ersten Jugend, gesehen, wie ich, in der zchtigen Haube, die Kinder um sie her und sie selbst ein frohes Kind mit ihnen: Du wrdest wie ich keinen andern Gedanken haben, als sie. Wenn ich sie mir denke, als mein Weib, mit meinem Kinde, in den Zimmern meines Schlosses -- ich wre der seligste Mensch geworden. Ach! ich wollte unendlich glcklich sein oder unendlich elend -- und jetzo bin ich elend. Sie verlassen kann ich nicht; genug, da sie sich mir entzieht, so viel sie kann, da ich sie fast nur in Gesellschaft sehe. Ich wei es ihr Dank, da sie mich flieht; grade die reine, versagende, milde Frau liebe ich in ihr. Ich bleibe hier; denn ich wei, sie und ich, wir haben Beide keine Hoffnung auf Glck, als das, uns in flchtigen Momenten zu begegnen, die abzukrzen ich nicht den Muth habe. Denke von mir, was Du willst; ich bleibe. _Thalberg._ Elftes Kapitel. Aus Clementinens Tagebuch. Am zweiten Weihnachtsabend. Gott im Himmel! womit habe ich mein Loos verschuldet? Wie wage ich es noch, Meining in das Auge zu sehen, mich auf seinen Arm zu sttzen, whrend mein Herz Nichts mehr kennt, als Robert und diese unglckselige Liebe? Ach, ich htte mich so gern getuscht; ich wollte mich berreden, da ich ihn jetzt mit Ruhe sehen, da er mir ein Freund werden, da er mein armes, einsames Leben verschnen knne -- und ein Kind mit seiner Einfalt mu mir die Falscheit meines Herzens aufdecken. Arme, kleine Emma! was kannst Du dafr? Ich wollte ihn nicht mehr sehen; aber wie soll ich das machen, ohne Meining's Aufmerksamkeit zu erregen? So mu ich ihm tglich begegnen, mich verstellen, lgen und kalt scheinen, whrend die heieste Liebe mich zu ihm zieht, whrend ich fhle, wie er mich liebt. Ach, nun ist es zu spt, Alles vorbei fr mich, und mir bleibt keine Wahl, als fortzuschreiten auf dem Wege des Trugs, damit Meining wenigstens seine Ruhe erhalten werde und Robert nicht wisse, wie ich ihn liebe, wie ich meine Pflicht verletze. Ein Weib, die Frau eines so edlen Mannes, die einen Andern liebt! Wer mir das je als mglich vorgestellt htte! -- und wie soll es enden. Den 28. Dezember. Der Wind tobt durch die Straen und peitscht den Schnee vor sich her. Es ist so todt und kalt in der Luft; auch mir ist es frstelnd und bang. Meining ist nicht zu Hause; ich wollte, er kme zurck und bliebe bei mir -- denn ich frchte mich allein, vor mir selbst. Ich wollte lesen und vermochte es nicht; die Kinder, die ich holen lie, sprachen von Onkel Thalberg, von dem mein Herz laut genug spricht. Dann wollte ich mich zerstreuen und sah auf die Strae hinaus; eine arme Frau ging vorber, starr und weinend vor Klte; ich lie sie hereinholen, wrmen, speisen und kleiden -- wohl ihr, da man ihr helfen kann. Mir kann Niemand helfen! Den 2. Januar. Mir trumte die ganze Nacht von Dir. Ich sa mit Dir und den Kindern, und wir sahen aus den Fenstern auf das Meer, das auf- und niederwogte, und Du wickeltest mein Haar zu Locken um Deine Hand, immer neue bildend und die frhern zerstrend. Darauf erzhltest Du von Deinen Reisen und Deinem Leben und sagtest: wir sind uns schon frher begegnet, da haben wir uns geliebt, und Du liebst mich noch, Clementine. Nun fing ich bitterlich an zu weinen. Du aber ktest mein Haar und fhrtest mich hinab an's Meer. Schweigend und ruhend auf Deinem Arme, wandelte ich auf und ab mit Dir, und Du zogst lange, weie Perlenschnre aus den Wellen und schmcktest mein Haar, da mir die vollen Perlenreihen bis an das Herz niederreichten. Da wurde mir entsetzlich bange, und ich sagte: aber Perlen bedeuten ja Angst und Thrnen? und Du lcheltest trbe und sprachst: erwartest Du es anders, Geliebte? Ich wachte auf, in Thrnen gebadet. Gott selbst wollte mich warnen im Traume. Was soll ich thun? Clementine an Frau v.Alven. _Berlin_, d. 3. Januar 1840. Glck auf zum neuen Jahre, meine gute Tante! und mge es uns nichts Uebles bringen. Hast Du mich denn ganz vergessen, da auch kein Wort von Dir mehr zu hren ist? Ich sprach noch gestern mit Meining davon, der Dich leider noch immer nicht kennt; und wir berlegten, ob es nicht mglich wre, da Du jetzt fr einige Zeit zu uns kmest. Mir geschhe der grte Gefallen, denn ich habe seit Jahren Nichts so sehnlich gewnscht, als wieder mit Dir, Du treue Freundin, zusammenzusein. Auch wei ich eigentlich nicht, was Dich davon abhalten knnte, recht bald zu kommen, damit Du noch einen Theil der Winterfreuden und das beginnende Frhjahr mit uns genieen knntest. Du hast es mir immer abgeschlagen, uns in Heidelberg zu besuchen, unter dem doppelten Vorwande, die Reise sei zu weit, und Eheleute mten erst Jahr und Tag allein mitsammen leben, ehe sie an einen Hausgenossen denken drften. Beide Rcksichten fallen jetzt weg, und ich fange getrost an, Deine Wohnung bei uns einzurichten. Du sollst die Zimmer haben, die Du frher bewohntest; Alles soll an der alten Stelle stehen, und Deine Clementine hat auch die alte Liebe fr Dich. Komm Herzens-Tante! ich bin so viel allein, ich habe Grillen, die ich nicht bannen kann; ich mu Dir Vieles sagen, ich bedarf dringend Deines Rathes, also la Dich nicht vergebens bitten und erwarten. In acht Tagen knntest Du hier sein, wenn Du noch die gute, flinke Tante wrest. Meining, der engelgut gegen mich ist, bittet mit mir um Deinen Besuch und empfiehlt sich Dir bestens; so auch die Generalin und alle Deine brigen Freunde, die sich ein Fest daraus machen, Dich wiederzusehen. Schreibe mir, welchen Tag Du einzutreffen denkst, gute Tante! Wir kommen Dir, wenn es Meining's Geschfte erlauben, bis zur ersten Station entgegen oder schicken Dir mindestens unsern Wagen und Diener. Aber komme bald, denn ich bedarf Deiner. Deine _Clementine v.Meining_. Frau v.Alven an die Geheimrthin v.Meining. St...., d. 12. Januar 1840. Mein liebes Kind! ich wnsche gewi ebenso sehr als Du, da es uns vergnnt wrde, eine Zeit mit einander zu verleben; leider mssen wir aber den Plan noch fr eine Weile hinausschieben, da ich nicht wohl genug bin, jetzt an eine Reise zu denken. Indes will ich mich so rsten, da ich bei der nchsten gelinden Witterung mich auf den Weg mache, und so wollen wir Beide um einen milden Winter bitten. Was Du mir von Grillen und Klagen schreibst, das kann ich nach diesen unbestimmten Ausdrcken nicht verstehen; will es auch nicht, falls irgend etwas Deinen huslichen Frieden gestrt htte. Dergleichen kommt wol in jeder Ehe vor, und man mu sich nur hten, ein Wort davon, auch gegen die beste Freundin, laut werden zu lassen. Der Frieden stellt sich oft gar leicht wieder her; das ausgesprochene Wort kann aber nie zurckgenommen werden und ist nur zu oft eine Saat, die bse Frchte trgt. Meining ist, wie Du mir selbst sagst, gut und brav und liebt Dich -- mut Du Dich also aussprechen, ist es Dir Bedrfni, so sei es gegen ihn. Suche mit ihm und Dir selbst in's Reine zu kommen, und -- wenn Du dulden mut, dulde schweigend. Das ist der einzige Rath, den ich fr verheirathete Frauen habe. Im Frhjahr sehen wir uns, so Gott will, wieder; mgen dann mit dem Winter auch Deine Grillen verschwunden sein. Du warst ein kluges, krftiges Mdchen; halte Dich, wie eine brave Frau soll, und schweige, mein Kind! damit Du in den Himmel kommst. Gott erhalte Dich, mein Tchterchen! und gebe uns ein frohes Wiedersehen, wie es herzlichst wnscht Deine treue Tante _Albertine v.Alven_. Dieser Brief verursachte Clementinen die lebhafteste Betrbni. Sie hatte in der Verwirrung ihrer Seele keinen andern Ausweg gewut, als die Tante zu ihrem Beistande herbeizurufen. Robert gnzlich zu vermeiden, war in ihren Verhltnissen unmglich, ohne da Meining es bemerkte; fast tglich traf sie mit dem Geliebten zusammen und litt unsglich, wenn sie ihren Gatten so freundlich gegen Thalberg sah. Sie htte Meining Alles bekennen mgen, ihn bitten, mit ihr an das Ende der Welt zu fliehen, damit sie dieses Elends ledig wrde. Je mehr ihr Herz an Robert hing, je mehr Liebe sie dadurch ihrem Manne entzog, je mehr fhlte sie das Bedrfni, demselben, wenn man so sagen kann, dienstbar zu sein, sich vor ihm zu demthigen und ihn durch jede mgliche Aufmerksamkeit fr die entzogene Liebe zu entschdigen. Wenn dann Meining erfreut und dankbar fr so viel Zuvorkommenheit und Gte, sie in seine Arme schlo oder sie kte, htte sie vor Scham vergehen mgen; besonders wenn sie bemerkte, wie dann Robert's Auge unaufhrlich auf ihr ruhte, wie er die Farbe wechsele und dster werde und nicht Ruhe finde, bis Meining sich entfernte. Auf die Tante war ihre letzte Hoffnung gerichtet. Dieser ruhigen Frau ihr Leiden zu klagen, schien ihr der einzige Trost, und da Frau von Alven nur wenig ausging, hoffte Clementine darin eine Entschuldigung zu finden, wenn sie selbst sich in ihre Huslichkeit zurckzge. Aber Frau von Alven kam nicht. Clementine blieb mit ihrem Kummer allein und wute Nichts zu thun, als die Zirkel so wenig als mglich zu besuchen, in denen sie Robert zu begegnen glaubte. Anfnglich schien Thalberg das zu billigen, und nur das Entzcken, mit dem er sie jedesmal wiedersah, verrieth ihr, wie schwer er sie vermit hatte. Grade das Entbehren aber reizte und steigerte seine Leidenschaft auf das Hchste, und bald versuchte er ebenso eifrig Clementinen zu begegnen, als sie ihn zu vermeiden strebte. Wo er sie nur irgend vermuthen konnte, fehlte er niemals, und wenn sie sich nur fr einen Augenblick im Theater oder auf der Promenade zeigte, war er sicher an ihrer Seite. Gelang es ihm, trotz alle Dem, ein paar Tage hindurch nicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie seine hufiger werdenden Besuche nicht angenommen, so wute er sich durch den Geheimrath selbst eine Einladung zu verschaffen, und Clementine hatte nicht den Muth, ihm deshalb zu grollen. War er doch so glcklich in ihrer Nhe. Sie htte ihm mit Freuden ihr Leben geopfert und wagte nicht ihm einen Blick oder ein freundliches Wort zu gnnen, weil sie, unaufhrlich gegen ihr Herz kmpfend, den Glauben in sich zu erhalten suchte, sie werde Robert's mit Ruhe gedenken, wenn sie ihn nicht mehr she, und es werde ihr gelingen, sich ihrem Manne zu erhalten. Zwlftes Kapitel. Fast in jedem Winter sind es nur eine kleine Anzahl von Personen, welche zum Mittelpunkte der Gesellschaft werden und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, Frauen sowol als Mnner; und sind diese Letztern jung und liebenswrdig, so kann es nicht fehlen, da sich die Augen der Mtter liebreich auf sie richten und die der Tchter sich schmachtend niederschlagen, wodurch die Stellung eines reichen Heirathskandidaten zu einer der unterhaltendsten von der Welt wird, wenn sein Herz frei und er in der Laune ist, die feinen Intriguen zu beobachten, die gesponnen werden, um ihn zu fesseln. Freundlichere Augen, seres Lcheln sah Rinaldo nicht in Armidens Grten, als sie jeden Abend Thalberg erblickte, wohin er trat. Seine Erscheinung hatte in der Damenwelt Epoche gemacht; und seine glnzende Equipage, seine prchtigen Pferde hatten nicht dazu beigetragen, das Interesse zu vermeiden, welches seine Persnlichkeit eingeflt hatte. Leider schien es aber, als ob seine schnen, schwarzen Augen die junge Damenwelt gar nicht bemerkten. Kalt und hflich bewegte er sich in ihrer Mitte, ohne irgend Jemand auszuzeichnen, soda endlich eine der lteren Damen, welche eine einzige Tochter hatte, sich entschlo, sich hinsichtlich ihrer Wnsche in diesem Punkte gegen Clementine auszusprechen. Die Staatsrthin Ringer war reich, ihre Johanna, eine hbsche, frische Blondine, von der klugen Mutter auf das Sorgfltigste erzogen und mit einem Worte eine vortreffliche Partie. Die Staatsrthin sah, da Thalberg viel im Meining'schen Hause und anscheinend mit Clementinen befreundet war; daher entdeckte sie ihr, nach einer ewig langen Einleitung, da sie lebhaft wnsche, ihre Johanna, die nun siebenzehn Jahre alt sei, zu verheirathen. Sie ist, wenn ich einmal sterbe, sagte sie, ganz verwaist, und ich versichere Sie, beste Geheimrthin, da mich dieser Gedanke oft sehr beunruhigt. Nun gestehe ich Ihnen, mich hat Herr Thalberg in jeder Beziehung so angezogen, sein feines, geistreiches Wesen ist dabei so zutrauenerweckend, da ich Nichts sehnlicher wnschen knnte, als diesem Manne meine Johanna zu geben. Und grade Das, was manchen Frauen an Thalberg mifllt, das kalte Betragen gegen junge Mdchen, ist mir ein Beweis mehr, da er ein sehr guter Ehemann und seiner Frau sehr ergeben sein wrde. Sehen Sie, Liebste! wenn Sie Thalberg gelegentlich meiner Johanna vorstellten, sie vielleicht einmal zusammen einladen mchten -- damit sich die Leutchen nher kennen lernten -- mein Gott! das verpflichtet ja Niemand -- Thalberg selbst braucht es gar nicht zu wissen; und gelingt es, so haben wir zwei Menschen glcklich gemacht, und ich, liebste Freundin! bin Ihre ewige Schuldnerin. Sie htte noch lange fortsprechen knnen, ohne von Clementinen unterbrochen zu werden, so erschrocken war diese anfangs bei dem Gedanken, Robert verheirathet zu wissen. Bald aber siegte ihre edlere Natur; es schien ihr, als zeige ihr der Himmel dadurch eine Mglichkeit, sich und Robert zu retten. Deshalb ging sie bereitwillig auf den Gedanken dieser Verbindung ein und versprach, so weit es in ihrer Macht stnde, die nthigen Schritte zu thun. Als aber die Staatsrthin sich entfernt hatte, warf sich Clementine mit heien Thrnen auf das Sopha; sie selbst sollte Robert eine Frau geben, sie sollte ihn veranlassen, ihrer zu vergessen, eine Andere zu lieben! -- sie sollte ihn dann nicht mehr sehen -- denn sicher wrde er mit der jungen Frau gleich nach der Hochzeit nach Hochberg gehen. Eine entsetzliche Eifersucht bemchtigte sich ihrer; sie sah im Geiste Johanna schon in Hochberg walten; sie sah, wie Robert glcklich war mit der jungen Frau, wie er sie liebte -- und ein Gefhl von Neid und Bitterkeit, wie sie es nie gekannt, machte sie erbeben bei dem Gedanken, da eine Andere nun das einzige Glck besitzen wrde, nach dem sie, Clementine, sich ihr Leben hindurch gesehnt, da eine Fremde ihrem Robert die Wonne bereiten wrde, die er einst in ihr zu finden gehofft -- und wie glcklich msse Robert mit seinem Herzen sein knnen! An dem Gedanken raffte sie sich empor. Des Geliebten Glck! das war ja Alles, was sie wollte. Sie selbst konnte ihm nur Schmerz, keine Freude bereiten; so sollte er glcklich werden, durch ein Mdchen, das sie ihm gewhlt. Dann wrde er freilich fortziehen, sie wrde ihn entbehren und wie schwer entbehren! aber Robert wrde glcklich sein, sie selbst ruhig werden in dem Bewutsein des Unabnderlichen und durch die grte Hingebung wrde sie ihr Unrecht gegen Meining zu shnen versuchen. An dem Gelingen ihres Planes zweifelte sie keinen Augenblick. Ihre Eifersucht lie sie in Johannen pltzlich eine unwiderstehliche Schnheit erblicken; sie fand sich selbst verblht und alt; sie malte es sich aus, wie Robert frappirt sein wrde durch Johannens jugendliche Reize; wie schnell er die arme Clementine wieder vergessen wrde. Das aber sollte ihre gerechte Bue sein. Sie selbst wollte Johanna an sich ziehen und so weit sie es vermchte, zu deren Ausbildung beitragen, damit Thalberg in seiner knftigen Frau all' das Glck fnde, das Clementine ihm wnschte. So war in wenig Minuten aus einem jungen, fremden Mdchen, aus einem halben Kinde, das Nichts davon ahnte, ein Gegenstand des Hasses fr Clementine geworden, dessen sie einen Augenblick spter mit wehmthiger, fast mtterlicher Rhrung gedachte und an deren Zukunft sie mit den edelsten Gefhlen ihrer Seele hing. Eine Freude, wie nach guter That, belohnte sie fr den Kampf dieser Stunde; sie fhlte sich ihrem Manne gegenber durch ihr redliches Streben gerechtfertigt. Sie hatte Muth, ihm frei in das Auge zu sehen, und dachte mit weicher Ruhe an Robert, dessen Besuch sie an dem Abend erwartete, wo ihr Mann eine Partie mit dem Obrist und Klenke machen wollte und auch Marianne und Frau von Stein sich bei ihr angemeldet hatten. Man war schon am Ende des Februar; die Luft war mild, die Tage lnger geworden. In dem Wohnzimmer der Geheimrthin waren die Fenster geffnet, der leichte Abendwind bewegte die Blumen vor demselben auf und nieder und beugte die Blthen einer mchtigen Cala, die in grnem Kbel neben dem Fauteuil stand, auf Clementinens schnes Haar. Ihre Nerven hatten durch die leidenschaftliche, unterdrckte Aufregung der letzten Zeit gelitten; sie fhlte sich angegriffen bis in das tiefste Herz und ruhte auch jetzt in ihrem Lehnsessel, damit ihre Gste spter Nichts von ihrer Schwche gewahr wrden. Sinnend blickte sie in den Kelch der weien Blume und khlte ihr Gesicht mit den groen, trumerischen Blttern. So mag wol die Lotosblume blhen, dachte sie, und sehnte sich hin nach den stillen Thlern einer fernen Welt, fort aus der Gesellschaft und aus Verhltnissen, die ihr zur Pein geworden waren, in eine Welt voll Frieden, Schnheit und Ruhe. Da wurde ihr Robert gemeldet, der, um sie wenigstens einen Augenblick allein zu sprechen, frher gekommen war, als sich die Gesellschaft in ihrem Hause zu versammeln pflegte. Sie hatten sich einige Tage hindurch nicht gesehen, Robert fand sie bleicher als sonst und fragte nach ihrem Befinden. Sie klagte ber Ermdung, drckte aber die Hoffnung aus, der Sommer werde sie herstellen, wenn sie erst ihre Wohnung im Thiergarten bezogen haben wrde. Nur noch wenig Wochen, sagte sie, und wir wandern Alle aus und die Stadt wird leer; auch Sie gehen vermuthlich bald fort, lieber Thalberg? Ich wei es selbst noch nicht, gndige Frau, erwiederte er, Berlin ist mir so werth, so sehr Bedrfni meiner Existenz geworden, da sich meine bisherige Vorliebe fr das Landleben bedeutend verringert hat; und es ist wol mglich, da ich nur fr eine Zeit nach Hochberg gehe, dort eine kleine Inspektion zu halten, und dann zurckkehre. Hochberg ist mir zu todt, zu still.... Das finde ich begreiflich, entgegnete Clementine, der das Herz heftig schlug, in dem Gedanken an ihren Plan, das finde ich begreiflich, weil Sie dort so ganz allein sind. Sie sollten es aber deshalb nicht aufgeben und werden es auch nicht, bei den hohen Begriffen, die sie von dem Beruf des Gutsbesitzers in unsrer Zeit haben. Ihre Besitzungen haben ein Recht an Sie, Sie haben eine Pflicht gegen Ihre Leute und drfen, denke ich, eben so wenig immer in Berlin bleiben, als ein Knig seine Krone zu seinem Vergngen niederlegen drfte. Aber Sie sollten sich das Leben auf Hochberg angenehmer zu machen suchen, Sie sollten.... Gste einladen? Wer kommt zu mir Einsamen? Freunde, welche die Jagd zu mir lockt, und dergleichen Gste mehr. Ja, gndige Frau! wenn ich Sie einmal dort sehen knnte, wenn Sie nur wenige Tage dort verweilen wollten! Sie glauben nicht, wie schn, wie paradiesisch schn mein liebes Hochberg ist! Aber Sie werden nicht kommen. Doch! antwortete Clementine leise und mit einer Eile, die ihr fremd war, so eilig wie Jemand eine schwere Last, die ihn erdrckt, von sich wirft, -- doch! Sie mssen nur vorher eine Frau nehmen; das wollte ich Ihnen lange schon rathen. Sie! rief Thalberg wie auer sich, Sie wollten mir das rathen! O! mein Gott! wie wenig haben wir uns verstanden. Knnen Sie denken.... Ich denke, sagte Clementine, die in tiefer Bewegung nach Fassung rang und sie durchaus gewinnen wollte, ich denke, bester Thalberg, da Sie sich glcklich fhlen und glcklich machen sollen. Sie sind so gut, Sie fhlen den Werth der Huslichkeit; warum wollen Sie einsam Ihr Leben verbringen? Ich selbst habe Ihnen eine Frau ausgesucht, es ist die erste Dame, der ich Sie heute ber acht Tage auf meinem Balle vorstellen werde. Robert wollte sie mehrmals unterbrechen, sie lie ihn aber nicht dazu kommen. Er war aufgestanden und ging heftig im Zimmer auf und ab. Beide schwiegen -- es war eine bange Pause. Ja! sagte er endlich und lchelte hhnisch, Sie haben Recht, ich bin ein leidenschaftlicher Thor, ein unbequemer Gast, den man um jeden Preis von sich entfernen mu; auch wenn es mein einziges, letztes Glck zerstrte. Sie haben Recht, und es soll anders werden. Ich bin neugierig auf Ihre Wahl, meine Gndige! ich sehne mich, die Auserkorene kennen zu lernen -- ich bin grade in der Stimmung, einen liebenswrdigen Gatten zu machen. Aber freilich, eine Frau, die so viel Glck in der Ehe gefunden hat, als die Geheimrthin von Meining, will es Andern auch bereiten. O! ber die gromthigen Frauen! Wie ungerecht sind Sie, Thalberg! -- war Alles, was Clementine den strmischen, unwrdigen Worten entgegnete, aber ein paar groe Thrnen zitterten in ihren Augen. Pltzlich blieb Robert vor ihr stehen, er war todtenbleich, und auch sein Auge war von Thrnen feucht. Er sah sie lange unverwandt an, fate ihre Hnde und sprach: Sei es so! -- ja, gndige Frau! Sie haben Recht, ich reise bald, weil Sie es wnschen. O! Sie sind rein und licht wie der Kelch dieser Blumen; tief wie in ihn, sehe ich in Ihr heiliges Herz. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, ich habe keinen Willen als den Ihren. Damit bog er sich zu ihr nieder, da er fast vor ihr kniete, kte ihre Hnde und ging eilig hinaus. Clementine war erschpft. Sie schlug ihre Hnde, wie betend, zusammen und blieb in schwermthigem Hinbrten, bis Marianne und die brigen Gste kamen. Dann nahm sie sich gewaltsam zusammen und verfiel dadurch in eine berreizte Laune, welche Frau von Stein und Marianne allerliebst und hchst unterhaltend fanden, und bei welcher der armen Frau fast das Herz brach und alle Nerven bebten. Auch war sie in den nchsten Tagen kaum im Stande, die nthigen Einladungen und Besorgungen fr ihren Ball anzuordnen; sie fhlte sich krank und bestand doch, trotz Meining's Abreden, darauf, den Ball am bestimmten Tage zu geben. Robert, der mehrmals hingekommen war, lie sie, wie alle brigen Besuche, abweisen und bat den Geheimrath, er mge ihr, da das gesellige Treiben sie wirklich angreife, ein paar Tage vollkommener Ruhe gnnen, deren sie nur bedrfe, um zu dem Balle frisch und gesund zu sein. Der verhngnivolle Abend des 26. Februar kam heran. Die ganze Wohnung war glnzend geschmckt, alle Zimmer geffnet, Blumen und Kerzen berall -- groe Spiegel und glnzende Vergoldungen strahlten die Gasflammen und Kerzen frhlich wieder. Der Geheimrath war in der besten Laune, als er Alles so festlich und heiter um sich her sah. Die Wohnung glich einem Tempel der Freude und des Lichtes, aber in Clementinens Seele war es tiefe Nacht. Sie trug eine Robe von schwarzem Sammet und eine einzige Schnur groer Perlen. Ihr Haar, einst Robert's Entzcken, war glatt gescheitelt, ohne Blumen, ohne Schmuck, und doch war sie schn, trotz ihrer Blsse. Sie hatte den ganzen Tag gezittert bei dem Gedanken an diesen Abend, sie hatte unaufhrlich mit sich gerungen. Nun war sie ruhig, aber mde; glorreich mde, wie ein Sieger nach der Schlacht. Allmlig versammelte sich die Gesellschaft und die Staatsrthin Ringer mit ihrer Tochter war unter den Ersten, die sich einstellten. Clementine ging ihnen ein paar Schritte entgegen und ein zuckendes Weh fuhr durch ihre Brust, als sie das kleine, junge Mdchen erblickte, das in dem Kleide von rosa Krepp und mit einem vollen Straue von Rosen in den hellblonden Locken wie ein Bild der Jugend und des Lebens aussah. Wie segnend kte sie das blhende Kind auf die Stirne und bat: Bleiben Sie bei mir, mein liebes Frulein! und helfen Sie mir die Wirthin machen; Ihnen bergebe ich die junge, tanzlustige Welt, und Sie sind mir Brge, da diese sich amsirt. Johanna war selig. Sie fiel der Geheimrthin um den Hals, nannte sie die beste, liebenswrdigste Frau der Erde, einen wahren Engel und war noch an ihrer Seite, als Thalberg eintrat. Seit jenem Abende hatte er Clementine nicht gesehen; rasch ging er auf sie zu, um sie womglich gleich zu sprechen, um sie zu vershnen; denn er wute, wie unrecht, wie unendlich wehe er ihr gethan, und mehr noch, als sie selbst, hatte er in dieser Zeit gelitten. Kaum hatte er sie aber begrt, als Clementine, die es zu keiner Unterredung kommen lie, ihm ihren kleinen Schtzling vorstellte. Er sah sie betroffen an, verbeugte sich kalt gegen Johanna und zog sich, da die Geheimrthin als Wirthin in Anspruch genommen war, mit einigen Herren plaudernd zurck. Vergebens versuchte er, sie einen Moment allein zu sprechen, immer fand er fremde Herren und Damen an ihrer Seite, die nicht weichen wollten und bald ihn, bald sie mit sich fortzogen, was ihn unsglich peinigte. Die ganze Gesellschaft stimmte in der Bewunderung ihrer Schnheit berein, und einige Herren fragten ihn, ob er das prchtige Tableau bemerkt habe, das die imposante, ernste Schnheit der Geheimrthin von Meining und die liebliche Johanna Ringer gebildet, als sie am Anfange des Abends einmal neben einander gestanden htten. Allmlig nherte der Ball sich seinem Ende; laut jubelnd tnten die Straus'schen Walzer durch den Saal, Frohsinn und Eleganz herrschten allerwegen. Johanna, die Schnheit des Festes, strahlte vor kindlicher Lust -- nur Clementine und Robert theilten die Freude nicht. Um einen Augenblick zu ruhen, lehnte Clementine in der Brstung eines Fensters und hrte theilnahmlos die faden Galanterien eines lteren Herrn an, whrend ihr Auge Robert und Johanna suchte. Da, als der Fremde sie endlich verlie, trat Robert eilig zu ihr: Sie sind krank gewesen, gndige Frau! Sie haben gelitten, ich sehe es, sagte er, warum haben Sie mich bis heute verbannt? warum mir nicht gegnnt, Sie zu sehen, Ihnen zu sagen, wie tief mich mein Unrecht geschmerzt, das ich gegen Sie begangen? Wenn Sie wten, wie ich verlangte, Sie zu sprechen, Sie zu vershnen, Sie wrden mir lngst vergeben haben. Denken Sie nicht daran, antwortete sie, ich hatte Nichts zu vergeben; sehen Sie lieber auf das frhliche Leben um uns her, und sagen Sie mir auch, lieber Thalberg, wie Ihnen meine kleine Johanna gefllt? Robert schwieg einen Moment, dann sagte er ernst: Johanna Ringer ist ein schnes, glckliches Geschpf; soll sie elend werden, wie ich? -- wie .... Viele? Clementine bebte zusammen, und Thalberg fuhr fort: Ich habe Sie verstanden, gndige Frau! aber soll ein frohes, schuldloses Mdchen das Opfer werden fr mich? Es _mu_ ein Opfer gebracht werden, das fhle ich; so will _ich_ es bringen, indem ich Sie verlasse. Morgen schon gehe ich nach Hochberg zurck; ich habe es gestern bereits den Bekannten gesagt, auch der Geheimrath wei es. Morgen schon werde ich gehen und nur, um Sie noch einmal zu sehen, um Ihnen Lebewohl zu sagen, bin ich heute hier. Mgen Sie glcklich sein! und haben Sie Dank, den innigsten, heiesten Dank, fr das Glck, das ich in ihrer Nhe fand. Leben Sie wohl, gndige Frau! Clementine dachte zu sterben. Noch einmal ruhten Auge in Auge; dann sah sie Thalberg's edle, hohe Gestalt sich durch die Menge bewegen und im Nebenzimmer verschwinden. Ihre Sonne war untergegangen, es war kalt und Nacht um sie her. Gleich nach Thalberg's Entfernung kam die Staatsrthin Ringer herbei, fragte neugierig nach allem Mglichen und erfuhr von Clementine, die den Zweck dieser Fragen wohl kannte, da Thalberg ihre Johanna sehr hbsch finde, da er aber fr jetzt in Geschften nach Hochberg reise. Dankbar entfernte sich die erfreute Mutter. Andre Gste folgten Abschied nehmend, preisend und scherzend -- Clementine vermochte nur mechanisch zu antworten. Es war ihr, als ob in wstem Traume Larven und Masken in entsetzlichem Gewhl an ihr vorberschwebten und mit Allgewalt auf sie einstrmten. Sie athmete erst auf, als die Zimmer leer wurden, als Meining ebenfalls sie verlassen hatte. Kalt sah sie um sich her, auf die matter brennenden Kerzen, auf die von der Wrme welkenden Blumen, die die Kpfchen sinken lieen, und sowie diese, gebrochen an Krper und Geist, zog sie sich zurck, und ein tiefer, lethargischer Schlaf sank auf ihre Augen. Dreizehntes Kapitel. Mit dem Gefhl der vollkommensten Stumpfheit erwachte Clementine am nchsten Morgen. Tag oder Nacht, Leben, Sterben, ihr war Alles gleichgltig. Ein grauer Nebel schien ihr ber die Welt gebreitet, die warme Frhlingssonne schien ihr kalt, der blaue Himmel farblos. Was konnte der Tag ihr noch bringen? wie endlos lang wrde die Zeit ihr werden -- was sollte sie denken berhaupt, was erwarten? wie das Leben ertragen? Frstelnd bog sie sich in die Kissen zurck und wollte nochmals zu schlafen versuchen -- ach! im Schlafe hatte Robert's Bild vor ihrer Seele gestanden und im Wachen an ihn zu denken, war ihr Snde. Da ffnete Meining leise ihre Thre und fragte: Bist Du schon wach, mein Kind? Ich mu um acht Uhr fort, komme erst spt zurck und wollte sehen, wie es Dir nach dem Balle geht? Clementine richtete sich empor; der rothe Schein der seidenen Vorhnge fiel auf ihr Gesicht, und sie sah dadurch so frisch, so rosig aus, da Meining nicht aufhren konnte, ihr zu sagen, wie hbsch sie sei, sie zu herzen und zu kssen, whrend sie kalt und regungslos dasa. Jetzt, das fhlte sie, stand sie so tief, als jene Frauen, die ihr immer den entschiedensten Abscheu eingeflt hatten; sie mute die Liebkosungen eines Mannes dulden, und ihre ganze Seele gehrte einem Andern. Ein eisiger Schauer flog durch ihre Glieder, sie sank ohnmchtig auf ihr Lager zurck. Meining schellte nach dem Mdchen und eilte selbst Essenzen und =Eau de Cologne= aus der Toilette herbeizuholen, um ihr beizustehen. Als seine Frau sich erholt und er sie verlassen hatte, befragte er das Mdchen, das seit Jahren bei ihr war, ob die Frau Geheimrthin vielleicht gestern schon geklagt, ob irgend Etwas vorgefallen wre? erhielt aber nur den Bescheid, die gndige Frau htte gestern Abend sehr angestrengt geschienen, ihr befohlen, sie so schnell als mglich zu entkleiden und gleich das Licht auszulschen, da sie nicht mehr lesen werde. Nur das wre ihr aufgefallen, da der gndige Frau die Stimme beim Sprechen mehrmals versagt und da sie ein immerwhrendes Schauern gehabt htte, als ob es sie kalt berliefe. Ueberhaupt, schlo sie, mu unsre gndige Frau doch wol krank sein, obgleich sie es durchaus nicht wahr haben will; denn whrend sie in Heidelberg fortwhrend las oder schrieb oder die Kinder von Professors bei sich hatte, kann sie jetzt schon seit vielen Wochen, Tage hindurch, wenn sie allein ist, aufgesttzt sitzen und weinen oder mit gefalteten Hnden starr auf einen Fleck sehen. Auch die Kinder drfen nicht mehr zu ihr kommen. Und das dauert, bis der Herr Geheimrath nach Hause kommen; dann ist es pltzlich vorber, die gndige Frau erholt sich und wird wieder ganz munter. Dieser Bericht trug nicht dazu bei, Meining's Besorgni zu beruhigen. Eine krperliche Strung war in der Gesundheit seiner Frau nicht vorhanden; allerdings hatte sie immer reizbare Nerven gehabt, aber ihre Energie hatte diese Reizbarkeit sonst glcklich und schnell berwunden. Auf mehrfach wiederholte Fragen deshalb hatte sie immer eine ausweichende oder ganz verneinende Antwort gegeben, und es blieb ihm daher nur die Vermuthung, da irgend ein Seelenleiden seinen nachtheiligen Einflu auf Clementine uere. Vergebens aber sann er, was es sein knne. Er war es sich bewut, seine Frau mit der herzlichsten Liebe umgeben zu haben, sie besa Alles, was das Leben angenehm machen, es verschnen konnte; sie schien frei von Leidenschaften, die das Glck stren -- er wute keinen Grund fr das pltzliche Schwinden der Gesundheit aufzufinden und beschlo, sich noch heute an Madame Klenke zu wenden, um vielleicht durch diese auf die rechte Spur geleitet zu werden, da der Zustand seiner Frau ihn im hchsten Grade beunruhigte. Aber auch diese konnte ihm keinen Aufschlu geben. Sehen Sie, bester Geheimrath! Ihre Frau war immer anders als wir Andre, stiller, sehr =pose=, vernnftiger und besser als wir. Schon als Mdchen hatte sie an Putz und Gesellschaft keine Freude und nun als Frau ist sie auch wieder nicht wie wir. Sie hat gewi die nobelsten Grundstze, aber sie exagerirt, da sie z.B. nie tanzt, weil sie verheirathet ist -- da sie neulich nicht mit uns fuhr, als wir eine Schlittenpartie machten und wir Alle und Thalberg sie so sehr darum baten, nur darum nicht fuhr, weil Sie nicht daran Theil nahmen; das sind Alles eigenthmliche Ansichten, mit deren Ausbung sie uns Andre tadelt -- und wir, ich an der Spitze, mchten es ihr bel nehmen, =mais comment faire=? Sie ist so gut, so zuvorkommend, da es ganz unmglich ist, nicht fr sie eingenommen zu sein, und das sind wir Alle, Frauen und Mnner und mein gestrenger Herr und Thalberg vor Allen. Denn diese Beiden rhmen sie noch nebenher als das Muster einer Ehefrau, und wirklich Meining wnscht oder Meining mchte nicht gern ist das A und O bei ihr. Machen Sie nur, da sie sich erholt, denn sie sieht jetzt bisweilen bel aus = faire piti=. O! und heute ist sie leidender, als ich sie je gesehen! bemerkte Meining, htte sie nur den verdammten Ball aufgeschoben, wozu ich selbst vor ein paar Tagen rieth. Aber da war kein Halten, kein Abreden, der Ball mute durchaus gegeben werden, weil die Arrangements einmal getroffen waren. Nun haben wir leider die Folgen. =As for the ball=, damit hat es seine eigne Bewandtni, und da hat Clementine Ihnen nicht die Wahrheit gesagt. Die Arrangements lieen sich wol abndern, aber der Ball galt Thalberg und noch Jemand, sonst htte sie ihn gewi aufgeschoben, da sie sich, wie sie mir selbst sagte, sehr unwohl fhlte. Er galt Thalberg? Was soll das heien? Sehen Sie, lieber Geheimrath! das rathe ich so, denn bestimmt wei ich es nicht -- =mais pas si bte qu'on voudrait me croire=! Als ich neulich bei Clementinen vorfuhr, wurde ich abgewiesen; es hie, sie htte ein =tte tte= mit der Staatsrthin Ringer -- was kann sie mit der fremden Frau haben? Nachher des Abends, als zuletzt die Partie bei Ihnen war, kam Thalberg, der erwartet wurde, nicht. Clementine sagte uns, er sei vorher bei ihr gewesen, sie htte eine Weile mit ihm geplaudert und gestand mir, =en secrt=, es sei die Rede von einer Verheirathung Thalberg's gewesen. Dabei war sie in der glcklichsten Laune, also hatte er gewi eingewilligt. Nun kommt ihr Ball. Die kleine Ringer mute die Tochter vom Hause machen, ich sah selbst, wie Thalberg ihr von Clementinen vorgestellt wurde, und =c'est une affaire finie=! Das eben nicht, beste Frau! denn Thalberg sagte mir vor einigen Tagen, da er genthigt sei, rasch nach Hochberg zu gehen, und er ist mglicher Weise schon fort, sagte Meining. =Comment donc!= abgereist? =I do'nt believe!= rief Marianne. Glauben Sie es immer, Sie werden bald seinen Abschiedsbesuch oder seine Karten empfangen; inde wute er selbst nicht, wie lange er fort bleiben wrde. Dabei fllt mir ein, da ich sehr lange hier bin und mich Ihnen empfehlen mu. Gehen Sie immer eine Stunde zu Clementinen, schne Freundin; es wird ihr gut sein, und mir erzeigen Sie einen wahren Dienst damit; denn sie mu Zerstreuung haben. Adieu! und reden Sie ihr recht zu, bald in den Thiergarten zu ziehen; sie mu Ruhe haben, frische Luft und Bewegung, das wird das Beste fr sie sein. Diese Unterhaltung, bei der Marianne auch nicht im Entferntesten den Gedanken zu hegen schien, da die Geheimrthin sich unglcklich oder nur unzufrieden fhle, beruhigte Meining bedeutend; er ging rstig an seine Tagesgeschfte und fand, als er Mittags nach Hause kam, seine Frau in zierlichem Neglige, heiter und freundlich seiner wartend. Sie hatte, weil Meining ihr die grte Stille empfohlen, in ihrer Stube serviren lassen, obgleich sie sich ziemlich wohl fhlte, und sie bemhte sich, den Schreck, den sie ihrem Manne am Morgen verursacht, so viel als mglich in den Hintergrund treten zu lassen; da sie von Mariannen erfahren, welch beunruhigenden Eindruck ihr Anfall auf ihn gemacht htte. Als von dem Plan die Rede war, das Landhaus sehr zeitig zu beziehen, machte Clementine den Vorschlag, gleich heute hinauszufahren, sich dort eine Weile zu ergehen und zu berlegen, wie man sich daselbst am behaglichsten einrichten werde, womit der Geheimrath sehr zufrieden war. Die Bewegung in frischer Luft that ihr sehr wohl und lohnte ihr den Zwang, den sie sich ihrem Manne gegenber auferlegt hatte, als sie die Fahrt, ohne die geringste Neigung dazu, in Anregung brachte. Dann lie sich Meining zu einem Freunde fahren, dem er den Abend zugesagt hatte, rieth seiner Frau sich zeitig zur Ruhe zu begeben, vor der Nacht noch eine Arzenei zu nehmen, die er ihr verordnet hatte, und so trennten sie sich fr den Tag wieder auf die freundlichste Weise. Vierzehntes Kapitel. Aus Clementinens Tagebuch. Den 27. Februar. Gott sei Dank! Der erste Tag ist vorber! und noch ein Tag und noch einer, so geht das Leben hin. Armer Meining! sollst Du es ben, da Du mich geliebt, mir vertraut hast? Soll das der Lohn Deiner Arbeit, die Freude Deines Alters sein, da Dich in Deinem Hause ein krnkelndes, mimthiges Geschpf empfngt? Und wie gut Meining ist, wie er fr mich sorgt, und wie elend ich ihm danke! Nur zur Pein lebe ich noch in der Welt, mir und Allen. Robert, der -- -- O! Gott! fort, fort mit den Gedanken. Ich bin Meining's Weib, sein Glck, sein Wohl allein drfen mein Ziel sein, und Gott im Himmel wird mir Kraft geben, es zu erreichen, wenn er sieht, wie ich danach ringe. Den 3. Mrz. Ich bin wohler, Meining ist ruhig ber mich. Es kann, es wird Alles noch gut werden, und warum sollte es nicht? Konnte ich dafr, wenn ein Gefhl, welches ich nicht absichtlich hervorrief, sich nicht gleich unterdrcken lie, da es mich beherrschte? und habe ich nicht Alles versucht, was mir Pflicht und Recht geboten? Nun ist es vorber, Thalberg ist fort -- auch er wird Frieden finden und glcklich werden. Ich -- mu es sein, weil ich nicht mir gehre. _Im Thiergarten_, d. 2. April. So wre ich denn hier eingerichtet! Krank, traurig und mde bis zum Tode. Es gibt Leiden, die, Gott sei Dank! den meisten Menschen unbekannt bleiben. Nicht alt zu sein, und hoffnungslos in das Leben zu blicken, ohne Aussicht, ohne Wunsch fr die Zukunft, nicht einmal den, da es jemals anders werden mge. Wo ist die erste, frohe Jugendzeit hin, in der ich reich an Muth, an Lust und so berreich an Liebe in das Leben sah? Ich fhlte mich glcklich in der Liebe meines Vaters, kein andres Gefhl in meiner Seele, als ihm Freude zu machen und gut zu sein, um des Guten willen. Damals, es war, ehe ich Robert kannte, war ich frei! Frei? wenn ich es endlich wrde, wenn mein Tod endlich diesem Elend ein Ende machte -- das wre das Einzige, was ich wnschen darf, was ich wnsche. Dann wrden Meining und Robert freundlich mein gedenken, und ich schliefe still, wie mein mdes Herz es bedarf. Den 10. April. Die Welt ist so schn, Alles scheint glcklich, warum kann ich es nicht sein? Dadurch kommt oft ein Gefhl von Bitterkeit in mein Herz, das mich erschreckt. Der Vogel darf glcklich und frhlich von Blatt zu Blatt fliegen, die Blume findet Sonne und Regen, so viel sie bedarf, um schn zu erblhen; nur ich entbehre Das, was mein Dasein zum Leben machen knnte. Wenn ich Abends hinaufsehe, an das Firmament und die Milliarden Sterne in seliger Ruhe ihre ewige Bahn durchleuchten, so begreife ich nicht, wie nicht Ein Sternchen Mitleid fhlt mit mir, warum nicht Eines herunterkommt, mich zu trsten, oder warum es nicht heller hervorleuchtet, um mir ein Zeichen zu geben, da es mich versteht, da es mein Leiden, mein Sehnen, mein Verzagen kennt. Htte ich meine Mutter noch, der ich Alles klagen drfte, die wrde mich nicht so kalt, so streng an meine Pflicht verweisen, als die Tante; sie wrde ihr mdes Kind ausweinen lassen an ihrer Brust, sie wrde mit mir weinen und mich beklagen. Pflicht! -- hat denn irgend ein Geschpf auer dem Menschen eine andre Pflicht, als glcklich zu werden? Freilich kann aber nur der Mensch in seinem wahnsinnigen Dnkel so selbstvermessen sein, sich Pflichten zu _schaffen_, die ihm zu erfllen fast unmglich sind. Den 27. April. Nach mehrtgigem Ueberlegen und Zaudern hat Meining sich entschlossen, mit dem Prinzen zu gehen, und ist heute abgereist. Der Prinz hat dringend seine Begleitung gefordert, und er hat sie nicht ablehnen drfen. Ich habe ihm angeboten, nachzufolgen, damit wir am Ziel der Reise zusammentrfen; ich wre dann mit Marianne und ihrem Manne bis Wien gegangen und htte den brigen Theil der Reise allein mit meinem Mdchen und dem Diener meines Mannes fortgesetzt. Vielleicht htte mir die Zerstreuung wohlgethan, und hauptschlich hoffte ich Meining damit eine Freude zu machen, wenn er mich bald wieder um sich htte und in K.... seine Huslichkeit wieder fnde, wo der Prinz sechs bis acht Wochen die Cur brauchen mu. Meining hat es aber nicht gewnscht, weil er glaubt, ich wrde die Bergluft nicht ertragen knnen. Nun ist er abgereist und hat mit rhrender Innigkeit mich mir selbst empfohlen; ich solle mich schonen, wie ich sein Leben schonen wrde, mich pflegen, mich zerstreuen, damit er mich gesund und froh wiederfnde, denn ich sei sein hchstes Gut! -- Wie es mich demthigte! Ich weinte vor Scham, und Meining glaubte, da meine Thrnen nur dem Abschiede von ihm galten -- ich tusche ihn mit jedem Athemzuge! Elendes Dasein. Wenn er mein Vater wre, wie knnte ich ihn lieben, ihn, der so gut, so gut ist; wie zufrieden wrde er mit dem Gefhl von Verehrung sein, da ich fr ihn hege, wie wrde er sich der Liebe seiner Tochter fr Thalberg, den er so hoch hlt, erfreuen. Jetzt aber! Den 4. Mai. Ich fhle mich freier, besser in Meining's Abwesenheit, weil ich mich nicht, wie ein harter Aufseher den widerspenstigen Sklaven, in jedem Augenblick zu bewachen, zu strafen habe -- weil ich nicht, wie ein feiger Sklave, Herz und Geist verstellen mu. Auch die vollkommene Stille um mich her thut mir wohl. Ich berschreite die Schwelle unsres Gartens kaum, ich ziehe mich ganz in mich selbst zurck, und es scheint mir, als ob dadurch mehr Klarheit und Friede in mein Gemth kme. Nur noch einmal mchte ich Robert sehen, nur noch ein einzigesmal ihn sprechen! aber wozu auch? Knnte ich unter diesen schnen, suselnden Bumen schlafen, immerfort -- bis zu Meining's Rckkehr; tief, tief schlafen und dann erwachen, und die ganze Vergangenheit wre mir entschwunden, wie das Bewutsein eines bsen Traumes, wenn man frh die Augen aufschlgt und der liebe, helle Tag frhlich durch die Fenster grt. Den 5. Mai. Die Tante kommt noch immer nicht, obgleich ich sie nochmals darum bat. Erst im Juni darf ich sie erwarten. Den 8. Mai. Schon seit Tagen kommt wieder kein Gedanke in mir auf, als der an Robert. Ich kann sein Bild nicht aus meinem Herzen bannen, in dessen Pulsschlgen es seit meiner Kindheit lebt. Leben und Robert lieben ist mir Eins -- wie konnte ich jemals whnen, ich wrde aufhren, ihn zu lieben? Wie hat man versuchen drfen, mich zu einer Heirath zu berreden? Ich habe in der Zeit, die meiner Verlobung folgte, selbst geglaubt, ich msse Robert ruhig wieder sehen knnen, weil er mein Gefhl, meinen Stolz so tief verletzt, ich wrde ihn deshalb nicht mehr lieben. Thrichter Wahn! Jedes andre Empfinden ist ohnmchtig gegen Liebe -- sie ist Alles, Demuth, Hingebung, Selbstverleugnung, Geist, Wahrheit und Stolz; aber nur Stolz auf den Besitz des Geliebten, Stolz auf das Glck, von ihm gewhlt zu sein. Das Alles habe ich selbst in mir zerstrt und keine Mglichkeit, es jemals zu ndern. Nun fhle ich die Folgen dieses Schrittes an der innern Zerstrtheit meines Daseins. Mit aller Gluth der Seele zieht es mich zu dem Geliebten, ich mchte ihn nur einmal sehen, nur den Ton seiner Stimme hren -- ach und an seinem Herzen alles Elend vergessen und weinen. Den 12. Mai. Robert ist _hier_; er ist hier, in meiner Nhe, ich habe seine Stimme im Vorzimmer nach mir fragen hren, ich sah ihn durch den Garten zurckkehren und hinaufblicken nach meinen Fenstern. Das ist Glck! Das ist Sonne und Frhling! Er hat mir geschrieben, und ich habe den Brief unerffnet zurckgesandt; ich htte es nicht thun sollen. Und doch wei ich nicht, was er schreibt, was er begehrt, und kann ich es gewhren? Auch seinen Besuch habe ich abgelehnt, wie einen Ueberlstigen habe ich ihn abweisen lassen. Wie wird er lachen ber die Feigheit, die sich nur sicher fhlt hinter gewaltsamem Schutz, wie verchtlich wird es ihm erscheinen. Ich habe verboten, mir irgend einen Besuch zu melden, weil ich Robert allein nicht zurckweisen konnte. Mehr vermag ich nicht. Alle meine Gedanken sind auf ihn gerichtet, mein Herz verlangt ihn, die Sehnsucht ist zum krperlichen Schmerz geworden; ich fhle mich der Verzweiflung, dem Wahnsinn nahe, so verwirren sich meine Gedanken. Ich mchte zu ihm eilen, ich mchte ihm sagen, da ich ihn anbete; ich, die dreiigjhrige Frau, das Weib eines Andern, ich breche mein Wort, die Treue, die Ehe. Gott, Gott! nur der Tod kann mich retten, gib ihn mir bald, und mge Meining nie ahnen, was ich an ihm gesndigt. Seine Zukunft soll und mu ruhig bleiben, und mu ich leben, elend wie ich bin, so will ich allein es tragen -- allein, wie ich es fast immer war; Liebe und Freude entbehrend, allein leben und am liebsten -- bald allein und einsam sterben. Robert Thalberg an den Hauptmann v.Feld. _Berlin_, d. 16. Mai. Ich durfte nicht lnger in Hochberg weilen, ich hielt es nicht aus, ohne sie, und bin wieder hier. Man hatte mir zufllig geschrieben, da Clementine krank sei, da ein Nervenleiden ihr Leben zu bedrohen scheine. Da litt es mich nicht lnger dort, ich mute sie sehen, ich eilte hieher. Begreifst Du es, Feld! Clementine leidet, sie stirbt, und ich bin ihr Mrder, wenn ich sie und mich nicht rette. Nun bin ich acht Tage hier, bin tglich bei ihr gewesen, aber niemals angenommen worden, weil sie sich zu angegriffen fhle, um Besuche anzunehmen. Was ich auch that, sie zu sehen, Alles war vergeblich, und es gibt Stunden, in denen ich mit Gewalt in ihr Zimmer dringen und sie zwingen mchte, mir nach Hochberg zu folgen und dort die Meine zu werden. Ich wei es, an meiner tiefen Begeisterung fr sie, da sie mich liebt, da sie fr Meining nur kindliche Verehrung hat; warum sollen wir es ben, da sie sich unwrdige Fesseln anlegen lie, die sie und mich erdrcken? Was kann der alte Mann an ihr lieben? Ja, der nicht wei, was dieses groe Herz bedarf, wie es geliebt werden mu, wie es zu lieben vermag. Und grade jetzt mu ich sie ungestrt sprechen, mich mit ihr verstndigen, da Meining nicht hier ist. Heute habe ich der Geliebten geschrieben; sie hat selbstqulerisch meinen Brief ungelesen zurckgesandt; ich mchte ihr diese Qualen, die sie sich vergrert, ersparen und kann es nicht. Sie mu sie durchkmpfen, wie ich es that, um spter die Ruhe in sich zu finden, deren sie bedarf. Sie mu es fhlen, wie ich, da unsre Verbindung eine innere Nothwendigkeit ist, der zu widerstehen, auer dem Bereich der Natur und der Mglichkeit liegt. Waren je zwei Wesen fr einander geschaffen, so ist es Clementine fr mich; ich knnte sagen, sie sei der Weib gewordene Robert, sowie ich alle _ihre_ Gefhle, nur mnnlich strker, in mir wiederfinde; und doch drckt es Das nicht aus, was wir einander sind. Plato hat Recht, die Natur schuf den Menschen und trennte ihn in Mann und Weib, damit beide Theile nach Vereinigung streben und ein doppelt glckliches Ganze werden, wenn sie nach schmerzlichem Entbehren sich zusammenfinden und harmonisch vollendet in Eins verschmelzen. Sie ist mein, mein anderes Ich, das ich nicht aufgeben kann, feige, wie der Selbstmrder sein Leben von sich wirft; sie ist die Liebe, der Duft, das Licht meiner Seele, der zarte Wiederhall alles Groen, das ich gedacht -- sie war mein, sie soll es wieder werden. Wende mir nicht ein, da ich selbst sie aufgegeben htte; ich hatte sie vernachlssigt, wir hatten uns vom Wege verirrt, uns verloren; aber frh oder spt muten wir uns wiederfinden, wie es geschah, weil wir Eins sind. Nichts, selbst ihr eigner Wille nicht, soll sie mir jetzt entreien. Ich will mein Glck um jeden Preis! -- nicht selbstschtig wie ein wilder Jngling; ich will es, mit der ruhigen, kalten Ueberzeugung des Mannes, von Meining fordern und von Clementine, weil mein Glck das ihre ist und ihr Leben rettet. Warum weiset sie mich ab? Kann sie mich frchten? So klein ist Clementine nicht, so gering kann sie von mir nicht denken. Glaubt sie mich zu berreden, da es ihr gelingen werde, mich fr Meining zu opfern, der mir mein Eigenthum, mein Leben geraubt hat? Nimmermehr! Htte ich sie nur gesprochen -- aber sie will lieber sterben, als abweichen von Dem, was sie fr Pflicht hlt; freiwillig wird sie mir die Gunst des Wiedersehens nicht gewhren, und Niemand ist hier, bei dem ich sie treffen knnte. Marianne und Frau von Stein sind beide bereits verreist; sie verlt ihr Haus nicht, seit Meining abwesend ist, und ich habe keine Wahl. Denke an mich; in wenig Stunden bin ich der seligste Mensch auf der Welt -- selig in ihrem Anschauen, in ihrer Liebe und in ihrer Nhe. Lebewohl! _Robert Thalberg._ Funfzehntes Kapitel. Es war ein schwler, heier Sonntagabend, ein Gewitter lag in der Luft und eine namenlose Bengstigung drckte Clementinens jetzt doppelt reizbare Nerven nieder. Ein Theil der Dienerschaft hatte die Erlaubni, den Sonntag auswrts zuzubringen, benutzt; die Uebrigen hielten sich in einem der entlegensten Theile des Hauses auf, wo sich das Domestikenzimmer befand, da die Geheimrthin erklrt hatte, ihrer nicht zu bedrfen. Alles um sie her war still und einsam, sie sa lange in Nachdenken versunken allein. Der Himmel wurde trber und trber, wie ihre Stimmung; ihr Herz war unruhig und furchtsam, wie die Schwalben, die ngstlich hin und her flatterten. Eine Spinne hatte ihr Netz in einer Ecke aufgeschlagen und spann und spann den langen, gleichen Faden unermdlich fort, so oft er abri, ihn auf's Neue knpfend -- kein Laut in der Natur, auer dem heimlichen Flstern der Bume, die nicht aufzuathmen und sich zu regen wagten, bei der glhenden Luft. Die Wolken sanken immer tiefer zur Erde nieder, sie muten Clementinen erdrcken, wenn es so fortging -- sie hielt es nicht lnger in den dumpfen Zimmern aus, sie hoffte frei aufzuathmen im Freien, sich selbst zu entfliehen und ging eilig hinab in die breiten Alleen des Gartens. Aber auch hier fand sie weder die Khlung, noch die Beruhigung, deren sie bedurfte; sie wollte Bewegung, Leben, Menschen um sich sehen. Es trieb sie mit ungewohnter Hast, durch die schattigen Partien des Gartens, nach den offneren, freien Pltzen; sie nherte sich dabei der Strae und sah den Brieftrger dem Thore zuschreiten, der ihr einen Brief des Geheimraths brachte. Es war fast zu dunkel geworden, ihn im Freien zu lesen und, da sie sich nicht entschlieen konnte, in das Haus zurckzukehren, ging sie in den Pavillon, wo sie fr den Abend zu bleiben dachte, zndete selbst die Lichter an und setzte sich nieder zum Lesen. Je lnger sie las, je bewegter schien sie zu werden; endlich legte sie den Brief nieder, lehnte sich in den Divan zurck, das Gesicht in den Hnden verbergend. Meining's zrtlicher, sehnschtiger Brief that ihr mehr wehe, als die hrtesten Vorwrfe es vermocht htten. Es ist so schwer, Lob zu ertragen, das man nicht verdient; Liebe zu empfangen, die man nicht erwiedern, und Vertrauen, das man nicht vergelten kann. Es wre ihr nicht mglich gewesen, in dieser Stimmung den Brief zu beenden -- er war nicht an sie gerichtet; er galt _der_ Clementine, die Meining's wrdig war, die Anspruch hatte auf seine Achtung -- das war sie nicht mehr. Hatte sie doch gestern noch Robert aufs Lebhafteste herbeigewnscht; wozu ntzte der Kampf einzelner Stunden, wenn der Geliebte immer als Sieger hervorging? Sie warf sich vor, unredlich gegen sich selbst zu sein und -- auch diesmal hafteten ihre Gedanken wieder an Robert's Namen, bis sie in jenen Zustand versank, der, eben so fern vom Schlummer, als vom Wachen, nerveuse Menschen nach starker, geistiger Aufregung oft befllt; indem alle Gedanken in einander flieen und verschwimmen und die ganze Welt wie ein nebelgraues, unbestimmtes Etwas, das uns fremd und vollkommen gleichgltig ist, vor unsern getrbten Blicken erscheint. Da ffnet sich pltzlich die Thre -- Clementine! ruft Robert's Stimme und mit einem Ausruf des hchsten Entzckens fliegt sie ihm entgegen und sinkt leichenbla und bewutlos in seine Arme. Unter den glhenden Kssen des Geliebten erwacht sie an seiner Brust, und die zrtlichsten Worte der Liebe, die sesten Thrnen sagen ihm, wie warm das Herz ihm schlgt, das an dem seinen klopft. Robert bat nicht um Liebe, er gelobte sie nicht, weil Beide es selig fhlten, da ihr Wesen, ihr Athem -- ihr Blick Liebe sei, und doch flo das Gestndni ihrer Liebe von Clementinens Munde, doch hrte Robert nicht auf, der Geliebten zu sagen, wie glcklich er sei. Ist doch auch in der Liebe Geben seliger denn Nehmen. Ser als die Stimme der sehnsuchtbebenden Nachtigall klangen Clementinens Worte in Robert's Ohr. Er ruhte zu ihren Fen, kte ihre Hnde, beugte ihr Haupt zu sich hernieder, und sie barg wieder ihr Gesicht in seinem dunkeln Haar, das sie spielend durch die feinen Finger gleiten lie. So wechselten Worte, die dem Himmel angehrten, mit kindischem Spiele, wie nur die wahre Liebe es schuldlos kennt. Drauen war es fast Nacht geworden. Ein heftiger Regen fiel in groen, rauschenden Tropfen hernieder; fern leuchtende Blitze zuckten durch die grnen Glasfenster und warfen sonderbares Streiflicht in das kleine Gemach. Die ngstliche Clementine suchte Robert's Hand, wie Schutz erbittend, und er fand die zaghafte Frau lieblicher als je in dieser Schwche. Sieh, meine Clementine! sprach er, so will ich Dich immer behten, immer suche Zuflucht bei mir. Wie liebe ich Dich in dieser Bangigkeit, wie froh macht mich das Gefhl meiner Kraft, Dir, Du Zarte, Schwache! gegenber. Glaube mir, alle Eure Gewalt liegt in Eurer Hlfslosigkeit; werde nie muthig, nie stark, meine Geliebte! niemals knnte ich, wie Meining, Deiner sen Furchtsamkeit lachen; und jedes Gewitter, das ber uns aufzieht, soll mir ein liebes Erinnern an diese Stunde sein, ich will es segnen, wenn es Dich, mein Leben, knftig in den khlen Gemchern unsres Hauses, nach Schutz verlangend, in meine Arme fhrt. Und abermals wollte er Clementine an sein Herz ziehen, aber bebend machte sie sich los aus den Armen des Geliebten. Meining's Name hatte die Welt fr sie verwandelt, das Paradies ihrer Wonne versank, und die Wirklichkeit machte ihr strenges Recht geltend. In dem Taumel des Entzckens, in welches das unverhoffte Wiedersehen des Geliebten sie versetzt, hatte sie Alles vergessen, hatte Nichts gedacht, als das unaussprechliche Glck, das sie ihr Leben hindurch ersehnt, von Robert's Munde diese Worte der Liebe zu hren und ihm zu sagen, wie er ihre Welt, ihr Schicksal, ihre Gottheit gewesen sei, von ihrer Jugend an. Nun kam das niederschmetternde Bewutsein ber sie, da diese erste Stunde des Glckes auch sicher die einzige und letzte fr sie sein werde und msse. Aber das Rthsel ihres Lebens war gelst; der ewig glhende Funke in ihrer Brust war, wenn auch nur fr einen Augenblick, frei und schn zur hellen Flamme emporgelodert; der tief verborgene Keim war zum Lichte durchgedrungen und hatte geblht, zur Freude des Geliebten. Das konnte ihr gengen fr ein langes Leben. Verlasse mich, Robert! bat sie pltzlich und schlang doch ihre Arme fesselnd um seinen Hals, verlasse mich und la uns scheiden fr immer. Du selbst hast mit dem Namen meines Gatten mich an ihn erinnert, den ich so treulos verrathe, der es nicht ahnt, in liebendem Vertrauen, da sein Weib Dich liebt und ihn und sich selbst in Deinen Armen, an Deinem Herzen beweint. Gehe, Robert, gehe, Geliebter, wenn Du mich liebst! -- rief sie und ihre glhenden Thrnen flossen auf seine Brust. Niemals, Clementine, verlasse ich Dich! Bist Du nicht mein? Mut Du nicht mein sein und es ewig bleiben, weil Du es einmal gewesen? Ich will nicht mehr leben ohne Dich, hrst Du, mein Herz! ich will es nicht -- ich verlasse Dich nicht, und Du darfst nicht hinsterben in fruchtlosen Kmpfen. Leben sollst Du fr mich, fr mich allein, Du schne, reine Lilie! Und denkst Du des Abends, als Dein mdes Haupt in den Blttern der Cala sich barg, wie hart ich war, wie ungerecht? Ach! ich war namenlos elend damals -- ich fhlte es, da Meining uns nicht trennen darf, da _wir_ unauflslich gebunden sind, da er Dich nicht tdten darf, indem er Dich mir noch lnger raubt, und doch hatte ich nicht wie jetzt den festen Glauben, da er selbst, wenn er Dich liebt, auf.... Nicht weiter, ich beschwre Dich, flehte Clementine, ach! Meining liebt mich, ich wei es -- dringe nicht in mich, jetzt nicht -- verlasse mich nur jetzt, nur heute, mein einzig Geliebter -- morgen hrst Du von mir -- gewi, nur jetzt gehe -- eile, mein Robert, ich bitte Dich. Ich _hre_ von Dir? und werde ich Dich nicht sehen? Willst Du Dich mir nach so ewigem Entbehren, nach einer kurzen Minute des hchsten Glckes wieder entziehen? Glaubst Du, da ich einwilligen werde, mir auch nur einen Augenblick die Wonne Deiner Gegenwart rauben zu lassen, jetzt da Du endlich mein bist? Nein, mein Herz! morgen in aller Frhe bin ich bei Dir, mu ich in Deinen dunklen Augen die Offenbarung meines Daseins lesen und an Deinem Herzen empfinden, da die Welt die Mhe des Lebens vergelten, berreich vergelten kann, in einem Herzschlag. Nur in _der_ Hoffnung gehe ich von hier und so gute Nacht, mein schnes, holdes Glck. Bleibe mir auch im Traume treu -- ist es mir doch wie ein Traum von Jenseits, da ich Dich wieder gefunden, da Du mir wieder leuchtest, Du lieber Stern meiner Jugend; gehe mir nie, nie wieder unter. Und nun lebe wohl und ruhe sanft, mein holdes, ses Weib! Noch einmal sanken sie sich in die Arme, hob er die Geliebte zu sich empor und ruhte Herz an Herz, Mund an Mund. Noch ein langer, tiefer Ku, den Clementine auf Robert's Stirne drckte, in den sie alle Gluth, alle Liebe ihres Lebens prete, noch ein kurzer Moment voll Wonne, und Clementine war allein -- allein mit der Ueberzeugung, auf dem Gipfel ihres Lebens gestanden zu haben; entschlossen den Weg, der ihr zu machen blieb, unerschtterlich fest fortzuwandeln, das Andenken an ihr Glck in tiefster Seele. Sie wute, da es die letzte Stunde gewesen, die sie mit Robert verlebt, und war doch glcklicher als je, obgleich der Schmerz des Abschiedes ihr Herz zusammenprete. Jetzt begriff sie, was das Leben sei, und dankte Gott aus vollem Herzen dafr; nur der Gedanke an Meining, nicht der an Robert's Scheiden, strte sie in ihrer Wonne und trat bald als allein herrschend hervor. Schlaflos verging ihr die Nacht, sie strebte zu einem Entschlusse zu kommen, ob sie nun nicht endlich ihrem Manne Alles bekennen, seine Vergebung erflehen und ihr Schicksal in seine Hnde legen, oder ob sie nach wie vor schweigen solle und drfe? Sie konnte es sich nicht verbergen, da Robert auf ihre Trennung von Meining rechne, um sie zu seiner Gattin zu machen. Tausend himmlische Trume von Liebes- und Eheglck gingen an ihrem Geiste vorber; sie sah sich in Hochberg neben und mit ihm wirken, sie empfing ihn, wenn er Abends zurckkehrte, sie theilte seine Leiden, seine Freuden, sie sah ihn strahlend von Glck an ihrer Seite und sich selbst selig in seinen Armen, und mute doch immer wieder des verrathenen Meining's mit Thrnen denken, in dessen Leben das ihre so fest gewurzelt hatte, da sie sich seine Trennung von ihm nicht als mglich denken konnte. Er war ihr Gatte, hatte ihr in den Jahren, die sie mit einander verlebt, mit rhrender Liebe angehangen; sie war seine Freude, sein Glck, er hatte sie geehrt mit vollem Vertrauen, sie schauderte vor dem Gedanken, er wrde ein Recht haben, die Treulose zu verachten und zu verstoen, und er wrde doch unglcklich sein ohne sie -- einsam und allein in seinem Alter, weil sie ihn verlassen, unglcklich zu werden, auf den Trmmern seines Glckes. Es war eine furchtbare Nacht fr die Unglckliche -- als aber der Tag und mit ihm die Herrschaft der Vernunft ber die zgellosen Schpfungen der Phantasie und des Herzens begann, war sie mit sich einig geworden. Der frhe Morgen brachte ihr folgenden Brief von Robert: Ich kann die Zeit nicht erwarten, Geliebte, in der ich Dich wiedersehen darf, ich mu Dein denken, mit Dir sprechen, um sie zu verkrzen. Jene Besorgni, die uns berfllt, jene Unruhe, die uns aufregt, wenn wir nach langer Abwesenheit in die Heimat kehren und die bekannten Thrme der Vaterstadt uns sichtbar werden -- dieser Unruhe kann ich jetzt nicht Herr werden, da ich mich endlich dem Ziele meines Lebens, der Erfllung meiner sehnlichsten Hoffnungen, der geliebten Heimat meines Herzens nhere. Ich mchte bei Dir sein, Deine Hand in der meinen halten und in dem warmen Lichte Deiner Blicke die schne Gewiheit Deines Besitzes fhlen. Wenn ich sonst tief in Deine unergrndlichen Augen blickte und mein Bild so klein und beweglich sich darin wiederspiegeln sah, bin ich oft eiferschtig geworden bei dem Gedanken, so klein und flchtig knne mein Andenken in Deinem Herzen sein; nun aber verstehe ich das besser. So gewi, so klar und so deutlich mein Bild, in vollkommner Gleichheit mit mir selbst, mich aus Deinem Auge verschnert anblickt, so wird jeder Gedanke, jedes Gefhl meines Daseins, mir, vollkommen verstanden, gleich gefhlt und doch unendlich schner wiedergegeben, wenn es durch die luternde Atmosphre Deines Herzens, Deines Geistes gegangen ist. Ja! mein theures Herz! unsre beiden Seelen sind nur Eine, nur zusammen knnen wir das hchste Ziel erreichen, das uns zu erreichen mglich ist. Und wie froh, wie frei macht mich das Gefhl, da ich in Dir den schnsten Preis des Lebens, Dich, Dein Herz, Deine Liebe wieder errungen habe, die nun mein sind fr ewig. Wie kann ich Dir danken, wie Dich die Jahre von Schmerz und Kummer vergessen machen, die ich in unglcklicher Verblendung ber Dich verhngt hatte? Nur das beruhigt mich, da eine Liebe, wahr und stark wie meine, Alles ausgleicht, da es kein Opfer gibt, _keines_, meine Clementine! das ich Dir nicht mit Freuden zu bringen im Stande wre, wenn Dein Glck es erheischt. Und nicht wahr? Du hast vergeben, Du denkst nur mit Liebe an mich? Glaube mir, jetzt ist Alles gut. Ich fhlte es gestern, als Du in meinen Armen ruhtest, als Dein mdes Haupt auf meine Schulter sank; die Nacht des Leidens ist vorber, und eine schne Zeit wird uns werden. Nun erst werde ich mein Land lieben, ganz anders lieben, weil es den heimischen Herd enthlt, an dem Du waltest; mit ganz anderm Sinne werde ich fr die Zukunft sen und wirken fr ein Geschlecht, das nach uns lebt -- o! eine schne Zeit wird uns jetzt werden. Mge sie Dir mit dem heutigen Tage beginnen. Wirf Alles von Dir, was Dich ngstigt und qult, Geliebteste! Die Hindernisse irdischer Verhltnisse mssen vor der Gewalt unsrer Liebe schwinden. Noch wenig Tage vielleicht, und wir sind unzertrennlich vereint -- fhlst Du wie ich die Wonne dieses Gedankens? An _die_ Zeit denke, wenn wir uns heute wieder sehen, meine Clementine! und wnsche sie so sehnlich herbei als ich, der nach Dir verlangt mit aller Gluth und Liebe, welcher ein Menschenherz fhig ist. Ich mchte ein Gott sein, wenn Gtter strker zu lieben vermgen, als wir, um Dich so glcklich zu machen durch meine Liebe, als ich es wnsche, um Dir das Geschenk Deines Herzens zu danken. Auf baldiges, seliges Wiedersehen, Geliebte! Adieu! meine Clementine! noch zwei Stunden, ehe ich Dich sehe -- wie lange ist das noch und doch wie kurz gegen die lange Zeit, die ich Dich entbehrte. Ewig Dein _Robert._ Ruhig, wie ein verklrter Geist auf die Erde blicken mag, sah Clementine auf diesen Brief; sie war unwandelbar entschlossen. Sie hatte eine Stunde das hchste Glck des Lebens empfunden, nun fhlte sie die Kraft zu entsagen und beschlo Robert gleich jetzt zu antworten. Clementine an Robert. Die Worte Deiner Liebe, schrieb sie, haben mir unbeschreiblich wohl gethan und den reinsten Wiederhall in meiner Brust gefunden. Fest, wie an das Dasein Gottes, glaube ich an Deine Liebe und in diesem Vertrauen fordre ich von Dir ein Opfer, das mich das schwerste dnkt. Wir drfen uns nicht wieder sehen, mein Freund! weil wir nicht fr einander leben drfen. Hre mich ruhig an, Du Geliebter! Mehr als ich es Dir sagen knnte, mu Dich gestern der Wonnetaumel, den mir Dein Wiedersehen bereitet, von meiner heien Liebe berzeugt haben. Kein trber Gedanke hat mir die Seligkeit gestrt, das Gestndni Deiner Liebe von Deinem Munde zu hren, mein hchstes Glck in Deiner Freude zu genieen. Was der sehnlichste, einzige Wunsch des Mdchenherzens, der Traum meiner Nchte, war, Deine Liebe, Du hast sie der Frau gewhrt, die sie Dir nicht lohnen darf. In den Jahren, die unsrer Trennung folgten, von Zweifeln an Dir geqult, von Dir entfernt und mich selbst aufgebend, habe ich Tage des herbsten Schmerzes verbracht, die nun _alle_ ausgetilgt sind aus meinem Leben durch eine Stunde des Glckes, und diese werde ich Dir ewig danken; wie in dieser Stunde soll mir Dein geliebtes Bild gegenwrtig bleiben. Die Deine aber werde ich nie. Ich darf mein Glck nicht auf Kosten der Ruhe und Ehre eines Mannes erkaufen, der mir sein Glck und seine Ehre anvertraut, mir seinen unbefleckten Namen gegeben hat. Kann ich die Liebe, die er fr mich hegt, gewaltsam seinem Herzen rauben? Darf ich, die Jahre hindurch seine Gefhrtin war, ihn verlassen, da das Alter sich ihm naht? Soll ich ihn dem Gesptte preisgeben, das grausam jeden verrathenen Ehemann verfolgt? Soll die Welt ihn verlachen, weil er gromthig mir vertraute, obgleich er durch mich selbst wute, da mein Herz nicht ihm allein gehren knne? Du weit es nicht, wie zart, wie schonend er mich behandelt, wie vollkommen er meine Achtung, meinen Dank verdient hat. Ob er mir verzeihen wird? ich wei es nicht -- nur das fhle ich, da ich mit mir gerungen habe, Tag und Nacht, mit festem Willen, um Dich aus meinem Herzen zu reien, da ich vor Gott mich schuldlos fhlen darf und selbst den seligen Abend nicht bereue, den ich gestern mit Dir verlebt, und der mich ber eine freudlose Vergangenheit trsten, fr eine schwere Zukunft entschdigen sollte. Ich lege mein Loos in Meining's Hnde; er mag mir vergeben, mich von sich weisen -- Dein werde ich nie, auch dann nicht, wenn es mir beschieden wre, meinen Gatten zu berleben. Sieh darin keine Schwrmerei, keine Ueberspannung: ich halte die Ehe, Du weit es, fr ein unauflsliches, ewig bindendes Band. Das Weib ist kein todter Besitz, der heute aus den Hnden des Einen in die des Andern bergeht; ganz, ungetheilt, frei und frisch an Geist und Leib mu sie dem Manne gehren -- da ich mit getheiltem Herzen Meining's Frau wurde, das ist das Unrecht, welches mein Leben zerstrt und alle meine Leiden und auch Deine hervorgerufen hat. Ich that es, weil man mich berredete, es sei Pflicht; weil ich glaubte, ich knne Dein vergessen und frei werden. Noch einmal einen gleichen Schritt zu thun, die gleiche Snde gegen Dich zu begehen, bewahre mich Gott. Eben so wenig, als ich es vermocht, Dich zu vergessen, so wenig wrde das Andenken an Meining je fr mich aufhren. Knntest Du eine Frau lieben, die ihres Gatten zu vergessen im Stande wre? Willst Du ein Weib, das selbst in Deinen Armen an den Verrath denken wrde, den es begangen? dem die Ruhe an Deinem Herzen durch Gewissensbisse vergllt wre? Tusche Dich nicht, mein Robert! so wrde es sein. Ich, geqult von innern Vorwrfen, Meining einsam und verhhnt; sein Name, fr dessen Ruhm er Jahre lang gearbeitet, den selbst Neid und Bosheit nicht anzutasten wagten, entehrt durch seine Frau -- und Du? Robert, ich fhle, was ich Dir einst htte sein knnen, kann und wird Dir keine Andre werden -- was ich Dir jetzt noch werden knnte? Mein Herz zieht sich zusammen bei dem Gedanken, da ich selbst mich um den Himmel gebracht, Dich so zu beglcken, als ich es gehofft. Jetzt wre ich zweifach elend, denn ich wrde Dich unglcklich sehen durch mich, und auch Deine Ehre wre verloren. Oder ertrgest Du es ruhig, zu hren, das ist Thalberg, wegen dessen sich Meining von der Frau geschieden, die Thalberg jetzt geheirathet hat -- und die lchelnden Blicke, welche solche Worte begleiten -- o! es wre ein Fluch, der ber uns schwebte, gegen den wir keine Macht, auch nicht in unsern Herzen fnden. Traure um mich, Geliebter! wie ich Dich beweinen werde. Heute sterben wir fr einander und nur, wie man der theuren Todten gedenkt, la uns an einander denken. Die Thrnen auf diesem Blatte zeigen Dir, ob ich das Opfer fhle, das ich bringe, das ich verlange. Es sind die letzten Augenblicke, die ich mit Dir verlebe. Ich mchte mein ganzes Herz Dir zeigen, wie es Dein ist und Dein war; Du weit es und fhlst, wie schwer es mir wird, zu scheiden. Ich habe Dich so unaussprechlich lieb. Lebe denn wohl -- Robert, mein Leben, mein Glck! -- ich nehme Dich bei dem Worte, da kein Opfer Dir zu schwer sei fr mich. -- Versuche es nicht, mich zu berreden; es gelingt Dir nicht. Ich rechne darauf, da Du noch heute Berlin verlt, da Du es nicht versuchst, mich wiederzusehen, weil Du mich liebst. Und nun Gottes schnster Segen ber Dich! Mge eine reiche Zukunft Dich fr den Schmerz dieses Scheidens entschdigen. Denke mein oft, wie einer Schwester, der Dein Glck tiefstes Bedrfnis ist; mgest Du das Glck finden, das Du von mir erwartet, mein heigeliebter Robert! Lebe wohl, mein Robert! und denke ohne Sorge an mich -- jetzt werde ich Ruhe haben. Ich habe das schnste Glck empfunden -- ich konnte es besitzen und opfre es meiner Ueberzeugung -- das wird mir Frieden geben. Gott sei mit Dir auf allen Deinen Wegen, mein Geliebter, mein Freund! und nun lebe wohl. _Clementine._ Mit bebenden Hnden wurde das Blatt gesiegelt und dem Diener bergeben. Es war geschehen -- tief athmend ging Clementine auf und nieder, und ein Friede, wie sie ihn nie gekannt, machte sie den Schmerz, das tiefe Leid ihrer Seele leichter tragen. Jetzt wollte sie Alles beenden, Meining sollte jede Verirrung ihres Herzens kennen, darum schrieb sie ihm: Clementine an Meining. Ich habe gestern Deinen Brief aus K.... erhalten, der mich tief gerhrt und gedemthigt hat -- um so tiefer, da ich mich selbst vor Dir anklagen mu. Ich habe es nie vermocht, meine Fehler zu beschnigen, und so will ich auch vor Dir, vor meinem Manne, nicht besser scheinen, als ich es bin. Du weit, als Du mir Deine Hand angetragen, zgerte ich, sie anzunehmen, nicht aus Mitrauen gegen Dich, sondern gegen mich selbst. Ich habe Dir es nicht verborgen, da ich einen Andern geliebt, da sein Andenken mir noch sehr theuer war -- aber ich hatte Dir versprochen, dagegen zu kmpfen, und das habe ich redlich gethan. Trotz Deiner Liebe, trotz meines festen Willens, ist diese Leidenschaft nicht erstorben -- sie ist neu erwacht, als ich den Gegenstand derselben, Robert Thalberg, wieder gesehen. Tausendmal hat das Gestndni auf meinen Lippen geschwebt, ich habe Dich um Schutz gegen mich anflehen wollen; aber Dein ausdrckliches Verbot, Dein Widerwillen gegen solches Vertrauen hat mich zurckgehalten, und mehr noch, da ich Dich, den ich von Grund der Seele ehre und achte, nicht betrben wollte. Deine Zufriedenheit, Dein Glck war der Zweck meines Lebens geworden, und ich mochte Dir nicht Schmerz bereiten, weil ich hoffte, allein den Sieg ber mich zu gewinnen. Seit acht Tagen ist Thalberg zurckgekehrt hat tglich versucht, mich zu sprechen, was ich ihm nur verweigerte, weil ich es mute. Gestern ist er unerwartet zu mir gekommen; ich habe das Gestndni seiner Liebe gehrt, ich habe ihm gesagt, da ich ihn liebe, und ich bekenne Dir das offen, weil ich mich frei vor Gott und vor Dir fhle. Da ich nicht willig dieser Leidenschaft gefrhnt, da ich mit aller Gewalt mich zu befreien gestrebt, dafr brgt Dir Deine Kenntni meines Herzens, meine Achtung vor unsrer Ehe und meine gebrochene Gesundheit. Du hast ein Recht, die Treulose von Dir zu weisen, mir Deine Liebe zu entziehen, aber Du mut mir Deine Achtung erhalten; denn ich selbst habe Robert entsagt und fr immer. Halte das nicht fr leere Worte, welche Dich bestechen sollen; erst jetzt bin ich ganz frei, erst jetzt bin ich mit reinem Bewutsein Dein, whrend am Tage unsrer Hochzeit das Andenken an Thalberg strend zwischen Dir und mir stand. Ich fhle mich unzertrennlich an Dich gebunden und wrde mich noch als zu Dir gehrig betrachten, wenn Dein gekrnkter Stolz mich verstiee. Dein Herz kann es nicht. Du kannst mich Das nicht wie ein Verbrechen ben lassen, was ich gegen meinen Willen empfand; Du kannst mir Dein Vertrauen nicht entziehen, weil ich mich dessen durchaus wrdig fhle. Und nun, mein Freund! mein guter, milder Freund! kennst und weit Du Alles; gewhre mir Mitleid mit meiner Schwche und erhalte mir, wenn Du es vermagst, Deine Liebe. Ich sage Dir nicht Alles, was ich fr Dich fhle -- nur an Dich selbst appellire ich, und ich wnsche und hoffe, Du werdest Deinem Weibe kein strengerer Richter werden, als Du es sonst dem Menschenherzen zu sein pflegtest. Eine schwere Krankheit hat lange in mir gelegen, die Krisis ist vorber, und ich werde genesen, ich fhle es. Du, der mit der Kranken so viel Nachsicht gehabt, Du wirst die Genesende nicht verlassen, die gesund werden will und wird, um fr Dich zu leben. Vergib mir und sage mir bald, da Dir mein Leben noch werth sei, da Du meine Sttze und mein Freund bleiben willst -- schreibe mir bald, ich verlange sehr nach diesem Briefe, und vergib mir Alles, mein guter Mann, was ich, wissentlich oder nicht, Unrecht an Dir that. Vergib es mir, weil ich mir selbst vergeben kann, und la mich Deine Clementine bleiben. Auch diesen Brief wollte Clementine gleich befrdern, doch fand es sich, da die Post nach K.... erst am folgenden Tage abgehe und da er also noch liegen bleiben msse. Dadurch gewann sie Zeit, an den Eindruck zu denken, den er auf Meining hervorbringen wrde, auf ihn, der vollkommen arglos an sie und ihre Liebe glaubte. Wie wrde es ihn betrben, wie unglcklich wrde es ihn machen! Sie hatte den Brief geschrieben, um sich selbst zufrieden zu stellen, sich genugzuthun; und sie empfand, da in dieser Handlung viel mehr Egoismus als Tugend lge. Um sich zu beruhigen, um ihr Gewissen zu besnftigen, raubte sie Meining, von dessen Vergebung sie berzeugt sein konnte, die sie mit Recht zu verdienen glaubte, seine Ruhe. Was konnte die Folge von diesem Briefe sein? Meining wrde traurig zurckkehren, mit der Gewiheit, das Unglck seiner Frau verursacht zu haben, indem er sie geheirathet; er wrde argwhnisch und verstimmt auf sie sehen, die sich ihm wie ein Muster von Entsagung, ein Opfer der Pflicht dargestellt hatte, nachdem sie wirklich Nichts als ihre Pflicht gethan. So beschlo sie, schweigend, wie sie gegen Meining gefehlt, auch zu ihm zurckzukehren. Niemand, auer Robert, sollte ahnen, was in ihrer Seele vorgegangen war. In dem Augenblick brachte man ihr diesen Brief von Robert. Robert Thalberg an die Geheimrthin v.Meining. Engel des Lichtes, groes, edles Herz! ich gehe. Ich scheide von Dir, weil Du es willst. Du hast Recht, jetzt ist's zu spt -- ich habe einst freventlich den Himmel unsres Glckes vernichtet und vermag nicht mehr, ihn uns zu erbauen, obgleich ich Dich mehr liebe, strker, heier als je. Wie _sehr_ liebe ich Dich! -- und mu ich erst nun, da die schwere Stunde ewiger Trennung uns naht, erkennen, da Du noch viel reiner, edler und grer bist, als ich selbst in den begeistertsten Augenblicken es fr mglich hielt? Warum, schner Stern, scheinst Du mir in aller Pracht Deines Glanzes, wenn Du mir untergehen mut fr immer? Doch nein! Du bleibst! Du bleibst der feste Stern, auf den mein Auge blickt, der seine leuchtenden Strahlen in meine Seele wirft, wenn ich im Gewhl der Welt den Glauben an die Menschen zu verlieren frchte. Du bist! -- und wer darf zweifeln an der Gttlichkeit des Menschen. Ich scheide von Dir! Du fhlst, wie ich, was dieses Wort bedeutet; was es heit: zu entsagen. Darum soll kein Wort der Klage die heilige Stunde unsres Abschiedes beflecken. Wie jene selige Insel, die nur einmal in Jahrtausenden aus dem Meere taucht und deren Anblick dem Auserwhlten Paradieses Wonne bereitet, dem sie zu schauen vergnnt ward, so taucht das Andenken an die Stunde dieser Nacht ewig beseligend aus dem Meere meines Lebens empor, und kein Sterblicher kann ermessen, was sie mir gebracht an Glck, an Wonne. Du hast mich berreich gemacht, Geliebte! berreich fr immer -- denn wer vermag zu lieben wie Du! -- weh mir, da ich selbst unsre Welt zerstrt! Lebe denn wohl, Geliebte! la mich Dir danken fr die Gunst Deiner Liebe, fr das Glck an Deinem Herzen. Unvergelich und doch so flchtig, gleicht es jener stolzen Blume, die nur eine Stunde blht, wohl wissend, da diese eine Stunde vollendeter Schnheit mehr ist, als das ganze, matte Leben aller andern Blumen. Lebe wohl, schne, hohe Knigin der Nacht, Geliebte meiner Jugend, Weib meiner Seele! la uns fortgehen auf der Bahn, die Du fr uns gewhlt und die ich gleich Dir betrete. Wir haben die reinste Freude des Lebens gekannt -- la uns in Anderem das Glck suchen, das wir freiwillig opfern. O! nur noch einmal la es mich sagen, nur noch dies eine Mal hre es an, da ich Dich liebe, wie nur je ein Weib geliebt worden, da ich Dich anbete, wie man die Gottheit anbetet, Dich, meine Clementine! ewig -- wenn auch getrennt fr immer. Lebe wohl! _Robert._ Stumm drckte Clementine den Brief gegen ihr Herz und dankte Gott fr die Kraft, die er ihr gegeben, zu siegen, wo sie es kaum gehofft. Sie war wie zu neuem Leben geboren, sie dachte Robert's nicht mehr mit der strmischen Unruhe der Leidenschaft, mit den peinigenden Vorwrfen des Gewissens, mit der Sehnsucht, die ihn herbeiwnschte und sich deshalb verdammte -- sie weilte bei seinem Bilde mit der beglckenden Ueberzeugung, sich und ihn gerettet zu haben vom gemeinsamen Verderben; und selbst auf Meining's Rckkehr sah sie mit Zuversicht, weil sie sich seiner wrdig fhlte. In dieser Stimmung legte sie Robert's Briefe und den, welchen sie fr ihren Mann geschrieben, zusammen in die verborgenste Ecke ihres Schreibtisches -- dort sollten sie unberhrt liegen, wie jene Dokumente, die man in das Fundament groer Denkmale fr die Nachwelt legt; denn auch sie fing an zu bauen fr die Zukunft, mit dem frmmsten Sinne und der Hoffnung, da sie einen Tempel des huslichen Glckes begrnde, zur Freude ihres Gatten. Am andern Tage, als sie, nicht ohne tiefe Wehmuth, den Pavillon wieder betrat, fand sie noch Meining's Brief dort liegen, den sie in der Aufregung jenes Abends nicht beendet und dort vergessen hatte. Mit welch andern Empfindungen las sie ihn jetzt! Ja, selbst die Nachricht, da Meining frher zurckkehren wrde, als er geglaubt, da sie ihn in vierzehn Tagen erwarten knne, war ihr lieb, und sie fing an, Alles fr seine Heimkehr vorzubereiten, obgleich die Ereignisse der letzten Tage noch lebhaft in ihr nachhallten und Robert's Name in dem Verzeichni der Abgereisten sie in der Einsamkeit manche stille Thrne kostete. Die wiedergewonnene Ruhe des Gemthes verfehlte nicht, ihren wohlthtigen Einflu auf Clementine zu uern; sie brachte ihren Nchten Schlaf und ihren Nerven die verlorene Strke, soda, als nach Verlauf der vierzehn Tage der Geheimrath zurckkehrte und seine Frau ihm freundlich, wenn auch mit heftig klopfendem Herzen, entgegenkam und ihm dann weinend um den Hals fiel, er sie viel wohler aussehen fand, als an dem Tage der Trennung. Er war ganz Glck, sie wieder zu sehen, und es verdro ihn nur, wenn sie von Zeit zu Zeit seine Hand, die in der ihren ruhte, mit Innigkeit an ihre Lippen drckte, statt seine Ksse zu erwiedern. Es lag so viel Weiches, Demthiges in ihrem Betragen, da er sie unbeschreiblich liebenswrdig fand und es ihr tausendmal versicherte, wie froh er sei, sie wieder bei sich zu haben, und wie gar schwer ihm das Leben ohne sie geworden. Nun fand Clementine den Lohn fr ihre Entsagung und schlo sich fester und fester an ihren Gatten an, je mehr sie Herr ber sich selbst wurde. Als endlich im Juni Frau von Alven anlangte und das gute Einverstndni der Eheleute sah, konnte sie sich nicht enthalten, ihrer Nichte im engsten Vertrauen zu bemerken, es kme nur darauf an, da Mann und Frau sich verstndigen wollten, und sie htte sehr klug gethan, da sie nicht frher gekommen sei. Du wrst mit keinem Manne so glcklich geworden, als mit Meining, sagte sie, selbst mit Thalberg nicht, der Dir bei Deiner Verheirathung doch noch sehr am Herzen lag. Clementine wurde roth und bat die Tante, Thalberg in dieser Beziehung nicht zu erwhnen, da er im letzten Winter oft in ihrem Hause gewesen sei und Meining Nichts von ihrem frhern Verhltni zu Robert wisse. Meining's Einflu erlangte etwa zwei Jahre spter Reich's Berufung nach Berlin, und als Marie die Schwester wiedersah und das gegenseitige Fragen und Erzhlen begann, war eine der ersten Neuigkeiten, die Marie mitbrachte: ich habe auch in Wiesbaden Thalberg gesehen; was fr ein schner Mann ist der geworden! und seine Braut, ein Frulein Ringer, die Dich tausendmal gren lt, sagt mir, _Du_ httest sie mit Thalberg bekannt gemacht. Sie werden gleich nach der Hochzeit auf Reisen gehen und ein paar Jahre fortbleiben; darauf besteht Thalberg, obgleich die Staatsrthin Ringer es nicht wnscht. Sehen Sie einmal, lieber Meining, wie ernsthaft Clementine wird! Wir Frauen sind doch nrrische Geschpfe; ich glaube, meine Schwester wundert sich heute noch, da Thalberg, der in frhster Jugend eine groe Passion fr sie hatte, die sie theilte, sich schon entschlieen kann, ein schnes, junges Mdchen zu heirathen. Sage einmal selbst, Clementine! ist's nicht so? Clementine schwieg, aber Meining drckte ihre Hand und sagte, als sie spter allein waren, sehr bewegt: Armes Kind! jetzt wei ich, woran Du vor zwei Jahren erkrankt, wie sehr Du gelitten hast -- es ist vorbei, und Gott gebe, da ich Dir fortan jedes Leid ersparen knne. Eine herzliche Umarmung folgte diesen Worten, und Nichts hat fortan den Frieden dieser Ehe bedroht. Druck von F. A. _Brockhaus_ in _Leipzig_. [Hinweise zur Transkription Das Buch ist ursprnglich in Fraktur gesetzt. Fremdsprachige Abschnitte, die abweichend in Antiqua gesetzt wurden, sind in der Transkription markiert. Der Name "Bulwer" auf der Titelseite ist in Kapitlchen. Der Halbtitel "Clementine." wurde entfernt. Gendert wurden Seite 14: "Interresse" gendert in "Interesse" (ihre ganze Persnlichkeit flte lebhaftes Interesse ein) Seite 15: "Berwerbung" gendert in "Bewerbung" (da sie jede Annherung und Bewerbung eben so fein) Seite 21: "war, nthig" gendert in "war nthig" (und es war nthig so weit zurckzugehen, um) Seite 70: "Frey" gendert in "Frei" (Liebe fr ein gewisses Frulein Clementine Frei) Seite 89: "gewhlich" gendert in "gewhnlich" (und begannen, wie gewhnlich, mit den) Seite 99: "zeigten soda" gendert in "zeigten, soda" (die geringste Neigung zeigten, soda sie auch diesen Wunsch) Seite 103: "vermuhtete" gendert in "vermuthete" (da ich Frau von Meining noch in Heidelberg vermuthete) Seite 181: "so, weit" gendert in "so weit" (an sich ziehen und so weit sie es vermchte) Seite 246: "anklangen" gendert in "anklagen" (da ich mich selbst vor Dir anklagen mu) Seite 249: "bssen" gendert in "ben" (nicht wie ein Verbrechen ben lassen) Nicht gendert wurden unterschiedliche Schreibweisen des Verbs: erwidern/erwiedern] End of the Project Gutenberg EBook of Clementine, by Fanny Lewald License: Share Alike