Produced by Jana Srna and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net [ Anmerkungen zur Transkription: Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes. Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. Im Original fett gedruckter Text wurde mit ~ markiert. ] Im gleichen Verlag erschienen: Schriften des Sozialwissenschaftlichen Vereins in Mnchen: Heft 1: ~Die Arbeiterwohnungsfrage~ in den Stdten mit besonderer Bercksichtigung Mnchens von Professor ~Dr. Lujo Brentano~. Preis Mk. --.80. Heft 2: ~Wohlfahrts-Einrichtungen und Betriebs-Einrichtungen~ von ~Dr. Adolf Gnther~ (Mnchen). Preis Mk. 1.20. Heft 3: ~Die soziologische Methode in der Privatrechtswissenschaft~ von ~Dr. H. Sinzheimer~ (Frankfurt a. M.). Preis Mk. --.80. Heft 4: ~Die Raja-Bevlkerung in der Trkei~ von ~Ernst Yper~. Preis Mk. --.60. Heft 5: ~Nationale Kolonialpolitik~ von ~Dr. Moritz Julius Bonn~. Preis Mk. 1.--. Schriften des Sozialwissenschaftlichen Vereins der Universitt 1910 Mnchen Heft 6 Student und Alkohol. Vortrag gehalten am 21. Februar 1910 von ~Dr. L. Loewenfeld~. ~Mnchen 1910~ M. Rieger'sche Universitts-Buchhandlung (G. Himmer) Wenn man die Stellung der deutschen Studentenschaft der Gegenwart zur Alkoholfrage besprechen will, stt man zunchst anscheinend auf eine Schwierigkeit. Es ist, als ob man die Stellung der Deutschen berhaupt zur Alkoholfrage behandeln wollte. Wir wissen aber, da bei unseren lieben deutschen Mitbrgern alle Abstufungen und Variationen der Ansichten vertreten sind, die berhaupt in Bezug auf die Alkoholfrage vorkommen. Von den Anhngern der absoluten Abstinenz, die am liebsten die Alkoholproduktion aus der Welt schaffen wrden, bis zu Jenen, die ihren hchsten Lebensgenu im Trinken erblicken, finden wir bei den Angehrigen der deutschen Nation alle bergnge, und hnlich liegen die Dinge bei der Studentenschaft. Und doch kann man nicht behaupten, da die Studenten in Bezug auf die Alkoholfrage nichts Besonderes bieten und lediglich die verschiedenen Auffassungen der Gesamtbevlkerung vertreten. Bei nherer Betrachtung ergibt sich nmlich, da bei einem groen Teile der deutschen Studenten, vielleicht gegenwrtig noch der Majoritt derselben, eine Ansicht besteht, die in gleicher Weise nicht bei anderen Klassen der Bevlkerung ausgebildet ist, und der man deshalb eine gewisse Eigenart nicht absprechen kann. Diese Ansicht lt sich ungefhr folgendermaen formulieren: Das Biertrinken bildet ein Attribut des Studententums; es gehrt gewissermaen zum Wesen des Studentseins. Der richtige Student trinkt Bier, und wenn er dabei auch gelegentlich ber die Schnur haut, so ist dies von gar keiner Bedeutung. Diese Ansicht, so groe Verbreitung sie auch noch derzeit besitzt, ist fr den nchtern Denkenden keineswegs ohne Weiteres verstndlich. Die Assoziation von Studentsein und Biertrinken ist ja in der Natur der Sache nicht begrndet, so da sie Jedermann einleuchten mte. Wir wissen, da bei uns die schwer arbeitenden Klassen das Biertrinken fr ntig halten, weil sie den irrtmlichen Glauben hegen, da sie hierdurch allein die fr ihre Arbeit ntige Kraft erlangen knnen. Wir wissen auch, da gewisse Berufsarten, z.B. die des Gastwirtes, des Weinhndlers, den Genu geistiger Getrnke sozusagen mit sich bringen. Von etwas derartigem ist bei dem Studenten keine Rede. Es kann niemand behaupten, da die berufliche Ttigkeit des Studenten, das Studium, besonderen Durst oder berhaupt einen Krperzustand hervorruft, der das Biertrinken ntig macht, oder da letzteres die geistige Leistungsfhigkeit erhht und damit das Studieren erleichtert. Man wei zur Genge, da das Gegenteil der Fall ist. Die Assoziation von Studentsein und Biertrinken lt sich auch nicht auf die Ansicht zurckfhren, da der Student als junger Mann Anspruch auf einen gewissen Lebensgenu hat und ein solcher ohne Bierkonsum nicht mglich ist. Die Studenten in anderen Lndern, so insbesonders in England und Amerika, sind dem Lebensgenusse gewi ebensowenig abhold wie die deutschen Studenten und halten hiefr das Biertrinken nicht fr erforderlich. Soweit meine Kenntnis reicht, verzichtet auch die allerdings noch nicht sehr erhebliche Anzahl deutscher Studierender, die der Alkoholabstinenz huldigen, keineswegs auf die der Jugend gebhrenden Freuden. Wenn wir zu einer Erklrung der fraglichen Assoziation gelangen wollen, erbrigt uns daher nur, unseren Blick in die Vergangenheit zu wenden, d.h. wir mssen uns etwas mit der Geschichte des Studententums in Deutschland befassen und zusehen, wie sich die noch gegenwrtig in der Studentenwelt herrschenden Trinksitten und die damit zusammenhngenden Anschauungen entwickelt haben. Da ergibt sich nun folgendes: * * * * * Die Studenten wurden im Mittelalter, namentlich in den ersten Zeiten nach Grndung der deutschen Universitten in strenger, fast klsterlicher Zucht gehalten. Unternehmungslustige Magister mieteten mit Erlaubnis der Universittsbehrden Privathuser, richteten sie entsprechend ein und warben dafr Scholaren als Mieter, denen sie Wohnung und Verkstigung boten. Alsbald wurde den Scholaren das Wohnen in den Bursen -- so wurden die erwhnten Anstalten bezeichnet -- sogar durch Universittsstatut befohlen, und nur ausnahmsweise das Wohnen auerhalb einer Burse gestattet. In den Bursen wurde die Einhaltung einer strengen Hausordnung verlangt; die Studenten muten sehr frh aufstehen, durften ohne Erlaubnis nicht ausgehen und die Nacht nicht auerhalb der Burse zubringen. Der Wirtshausbesuch war verboten. Die Verpflegung war eine sehr einfache; es wurde auch Bier gereicht, doch kaum in Mengen um Exzesse zu gestatten. Auch die Tracht war genau vorgeschrieben; dieselbe hnelte der der Kleriker, und durch eine Reihe von Erlassen suchte man immer wieder diese Vorschriften einzuschrfen. Trotz alledem mangelte es schon im Mittelalter nicht an Klagen ber das Verhalten der Studenten, wobei auch Trinkexzesse eine Rolle spielten. Die Bursenvorsteher leisteten in der berwachung der Scholaren nicht, was ihnen zukam; sie gestatteten aus Gewinnsucht ihren Pensionren, um sich dieselben mglichst zu erhalten, die grten Freiheiten und lieen jede Ungebhr passieren. So kam es, da die Bursen allgemach einen geradezu verderblichen Einflu auf das studentische Leben ausbten, und man beispielsweise das _Collegium illustre_ in Tbingen eine Wohnung des Lasters und Miggangs nannte. Im 16. Jahrhundert verschwanden unter dem Einflusse der Reformation und des aufblhenden Humanismus die Bursen, die sich offenbar berlebt hatten. An den neugegrndeten protestantischen Universitten verzichtete man auf die Schaffung dieser Anstalten, und an den lteren wurden sie mehr und mehr aufgegeben. Die Studierenden nahmen zumeist bei Professoren eine Art Pension und erlangten das, was man die =akademische Freiheit= nannte. Allein der Gebrauch, den sie von dieser Freiheit machten, war in manchen Beziehungen, namentlich auch in bezug auf die Trinkgewohnheiten, kein sehr erfreulicher. Man darf, wenn man das studentische Leben jener Zeit richtig wrdigen will, nicht auer acht lassen, da die Kultur der Gesamtbevlkerung Deutschlands damals noch sehr tief stand. Die Sitten waren roh, die Neigung zum Trinken, das Erbbel der germanischen Rasse, machte sich namentlich in Norddeutschland in ungezgelter Weise geltend, und =Luther= hatte wohl recht, wenn er den Ausspruch tat, da derjenige, der das Bierbrauen erfand, _ille fuit pestis Germaniae_. An einer besseren, gebildeten Gesellschaft, der sich die Studenten htten anschlieen knnen, mangelte es noch gnzlich, und so begreift es sich, da die Studenten, die auf sich angewiesen waren, in ihren Sitten sehr verwilderten und sich dies insbesonders im Konsum geistiger Getrnke uerte. Whrend aber anfnglich jeder im Trinken seiner Neigung folgen konnte, trat schon im 16. und noch mehr im 17. Jahrhundert in den studentischen Trinkgebruchen eine folgenschwere nderung ein, deren berreste noch heutzutage nicht berwunden sind. Es entwickelten sich gewisse Trinkmanieren, die sich zu einer Art Zechgesetz, einem Trink- oder Saufkomment ausbildeten, der in der Folge die geselligen Zusammenknfte der Studenten beherrschte. Hiebei spielte das Zutrinken und Volltrinken eine solche Rolle, da weltliche und geistliche Frsten, sowie die akademischen Obrigkeiten Mandate dagegen erlieen, was jedoch dem Unwesen wenig Einhalt tat. Die lteste der Urkunden, die wir ber die studentischen Trinkkomments besitzen, bildet das _Jus potandi_ des _Blasius Multibibus_ vom Jahre 1616. Darnach trank man schon damals _totales_ und _partiales_, man trank sich zu und mute mit demselben Quantum Bescheid tun. Man trank auf Brderschaft und lie einen ungeheuren Becher das rmische Reich die Runde machen; dazu wurden Kneiplieder gesungen. Diese Gestaltung nahmen die studentischen Trinksitten erst im 17. Jahrhundert an. Bier war der gewhnliche Stoff, der bei den studentischen Gelagen konsumiert wurde, und da es dabei an Ueberma nicht fehlte, hiefr spricht nur zu deutlich eine uerung Abels wohlerfahrener Leibmedikus derer Studenten: Jetztund whret das Saufen bis in die finstere Nacht; da trinket man erstlich aus Durst, darnach aus Wollust, dann zur Trunkenheit, und endlich bis alle Vernunft gebrochen und man ganz toll worden, ja dem unvernnftigen Vieh gleich. Bemerkenswert ist, da, whrend die akademischen Behrden vielfach gegen die Trinkunsitten eiferten, einzelne Professoren dieselben aus Habsucht begnstigten, ja die bei ihnen in Pension sich befindenden Studenten zum Trinken sogar verleiteten. Insbesonders wurde hierber in Jena geklagt. Dort hatten die Professoren das Recht, im Kollegienbrauhause das fr ihre Familie und Hausgenossen ntige Bierquantum tranksteuerfrei herzustellen. Dies bentzten einzelne Professoren dazu, da sie neben ihrer akademischen Lehrttigkeit das Gewerbe eines Schankwirtes ausbten und frmliche Zechstuben fr die Studenten hielten. Selbst in den Hrslen wurden geistige Getrnke verabreicht und ein Wittenberger Visitationsdekret von 1616 lautet dahin, da aller Bier- und Weinschank im Juristenkolleg als einer uns an der Tranksteuer, daneben der Jugend und Brgerschaft schdlicher Steuerung wieder abgeschafft und der Universitt unter den Lektionen im groen Churfrstenkollegium Gste zu setzen, keineswegs nachgelassen werden soll. Es scheint demnach, da man gelegentlich Hrsle auch als Trinkstuben bentzte. Auch das Branntweintrinken nahm allmhlich unter den Studenten berhand. * * * * * Das studentische Kneipleben im 18. Jahrhundert fand im wesentlichen nicht in Wirtshusern, sondern auf den Buden statt. Man nannte diese Kneipen Hospiz, da sie von dem Budenbesitzer, dem Hospes veranstaltet und geleitet wurden. Ursprnglich war der Hospes ein Pennle (angehender Student), der seine Landsleute invitierte. Die Bewirtung begann mit Kaffee und Brtchen und ging dann zur eigentlichen Kneiperei ber. Der Hospes war, falls er nicht das Amt einem erwhlten Vizehospes abtrat, _eo ipso_ Kneipwart und Prses, sein Abzeichen der Hausschlssel, mit dem er _Silentium_ gebot. Er hatte unbeschrnkte Macht, konnte Jeden zu jedem beliebigen Quantum verdonnern und brauchte nur _pro libito_ zu trinken, d.h. zu nippen. So blieb er imstande, seiner Verpflichtung als Wirt nachzukommen und konnte seine Absicht, alle Anwesenden na zuzudecken, bequem erreichen. Man trank dabei auf das Wohl der Geliebten, und wenn zwei Zechgenossen auf dieselbe Dame Anspruch erhoben, so wurde die Sache durch Trinkduelle entschieden. Dem Hospes erstattete man den Dank durch Vortrinken von Ganzen, und so kam die Kneiperei gehrig in Zug. Ein tchtiger Student mute nach der damaligen Auffassung Bedeutendes im Biertrinken und im Tabakrauchen leisten. Ende des 18. Jahrhunderts kamen neben dem Hospiz auch als Kommers oder Kommersch bezeichnete studentische Veranstaltungen auf, die einen etwas feierlicheren Charakter trugen. Dieser Charakter wurde am Anfang des 19. Jahrhunderts nach den Freiheitskriegen durch die Aufnahme des Landesvaters noch ausgeprgter. Man hatte nun zwei Arten geselliger Veranstaltungen, bei denen das Bier eine groe Rolle spielte: die gewhnliche Kneiperei, die anfnglich vorherrschend auf den Buden der Studierenden noch stattfand und erst allmhlich, insbesonders mit der Entwicklung der studentischen Verbindungen in bestimmte Gastlokale (Kneipen genannt) verlegt wurde, und den Kommers mit seinen feierlichen Zutaten, die der Pflege des patriotischen Geistes dienten. Die aus den frheren Jahrhunderten berkommenen Trinksitten erhielten sich hiebei in erheblichem Mae (Vor- und Nachtrinken, Trinken von Ganzen, Trinken in der Runde &c.). Wie sich die Dinge im Verlaufe des letzten Jahrhunderts weiter gestalteten, hierauf weitlufig einzugehen, kann ich mir ersparen, da Ihnen die Hauptsache wohl bekannt ist. Wenn auch die deutsche Studentenschaft im allgemeinen den Trinkgewohnheiten frherer Jahrhunderte mehr oder weniger huldigte, so waren es doch hauptschlich die farbentragenden Korporationen, welche diese Sitten kultivierten und die Beachtung derselben als eine _conditio sine qua non_ von ihren Mitgliedern verlangten. Eine entschiedene nderung in dieser Hinsicht ist erst seit etwa 20 Jahren zu bemerken. Die Antialkoholbewegung und die Ttigkeit der Vereine gegen den Mibrauch geistiger Getrnke sind nicht ohne Einflu auf das studentische Leben geblieben. Der Konsum geistiger Getrnke ist, soweit meine Kenntnis reicht, in den studentischen Kreisen erheblich zurckgegangen. Auch in den Korporationen hat man, wie ich hre, die Trinkanforderungen herabgesetzt, und es soll in einzelnen derselben der Trinkzwang sogar schon beseitigt sein. Man hat offenbar auch in studentischen Kreisen bereits angefangen, die Schdlichkeit der ererbten Trinksitten mehr und mehr einzusehen, und diese Erkenntnis auch praktisch zu bettigen. Allein wie schon Eingangs erwhnt wurde, uern bei der Majoritt der Studentenschaft die von alters her bernommenen Trinksitten noch immer eine gewisse Herrschaft. Man hlt an dem Irrglauben fest, da mit dem Aufgeben dieser Gepflogenheiten die studentische Geselligkeit einen irreparablen Sto erfahren und damit das studentische Leben einer seiner schnsten Seiten beraubt wrde. Da derartige Anschauungen sich noch bei einem so groen Teile der Studentenschaft erhalten konnten, ist m.E. wesentlich darauf zurckzufhren, da die Hygiene keinen Unterrichtsgegenstand an den Gymnasien bildet und deshalb der junge Student zumeist ohne sachgeme Aufklrung ber die eminente hygienische und soziale Bedeutung der Alkoholfrage in das Universittsleben eintritt. Er unterliegt daher dem suggestiven Einflusse der herrschenden Trinksitten und mu vielfach erst durch ungnstige persnliche Erfahrungen darber belehrt werden, da die vulgren, auch in den studentischen Kreisen noch so verbreiteten Anschauungen ber den Alkoholgenu irrtmlich sind. Ich kann nicht unterlassen, hier zu erwhnen, da man bei uns (in Bayern) magebenden Ortes bisher die Aufklrung der Gymnasialschler ber die Alkoholfrage eher zu verhindern als zu frdern geneigt war, und ich bin in der Lage, hiefr zwei prgnante Belege anzufhren. Einer meiner hiesigen Kollegen, Hofrat Dr. Theilhaber, unternahm vor einigen Jahren an einem Mnchener Gymnasium die Grndung eines Alkoholabstinenzvereines, dessen Tendenz war, die Mitglieder nicht nur zur Abstinenz von geistigen Getrnken anzuhalten, sondern auch durch Veranstaltungen von Ausflgen &c. an eine Geselligkeit ohne Biergenu zu gewhnen, gewi ein lbliches, dem Gymnasialstudium nur frderliches Unternehmen. Und das Merkwrdige geschah: nach kurzem Bestehen wurde der Verein, der schon etwa 70 Mitglieder zhlte, vom Rektorate, zweifellos auf hhere Weisung hin, aufgelst. Der zweite Fall ist nicht minder bezeichnend. Der hiesige rztliche Verein richtete vor einigen Jahren an das Kultusministerium eine Zuschrift, in welcher er sich erbot, an den hiesigen Gymnasien Vortrge ber Hygiene zu veranstalten, bei welchen natrlich auch die Alkoholfrage entsprechend behandelt worden wre. Daraufhin erhielt der Verein vom Ministerium den Bescheid, er mge die beabsichtigten Vortrge in einem von ihm gemieteten Lokale abhalten, und die Gymnasialschler knnten dann von ihren Rektoraten die Erlaubnis erwirken, den Vortrgen anzuwohnen. Der rztliche Verein hat selbstverstndlich diese Zumutung lediglich _ad acta_ genommen.[1] [1] Ich mchte nicht unterlassen beizufgen, da nach neuerlichen Nachrichten man sich bei uns hheren Orts gegen einen Hygieneunterricht an den Gymnasien nicht mehr so ablehnend verhalten soll, nachdem ein Hygieniker an die Spitze der bayrischen Sanittsverwaltung getreten ist. Wir ersehen aus dem Angefhrten, da die Trinksitten unserer akademischen Jugend keine Wurzel im modernen Leben und keinen Zusammenhang mit diesem haben. Sie bilden einen Ueberrest aus einer Periode der Sittenverwilderung und Unkultur, einen Ueberrest, der nicht wie so manches andere Altherkmmliche der Pflege wrdig ist, sondern endlich aufgegeben werden sollte angesichts des Umstandes, da dem Studierenden heutzutage, namentlich in den greren Universittsstdten, hhere, der geistigen und krperlichen Gesundheit frderlichere Gensse zu Gebote stehen als die alkoholischen. * * * * * M. D. u. H. Die kurze mir zur Verfgung stehende Zeit, gestattet mir selbstverstndlich nicht, die verschiedenen Seiten der so wichtigen Alkoholfrage auch nur flchtig zu berhren. Ich mu mich darauf beschrnken, auf einige fr Sie besonders wichtige Punkte hinzuweisen. Wenn wir die Wirkungen des Alkohols in Betracht ziehen, so stoen wir auf zwei Reihen von Tatsachen, die wenn auch scheinbar entgegengesetzter Natur, doch innig zusammenhngen. Man knnte, um ein Bild zu gebrauchen, sagen, diese Tatsachen sind auf zwei Seiten eines und desselben Blattes verzeichnet. Auf der einen Seite finden wir Alles Schne und Gute, das man dem Alkohol zuschreibt, auf der anderen Seite alle Mistnde und bel, alles Elend, das auf den Alkohol sich zurckfhren lt. Betrachten wir uns zunchst das Schne und Gute, die Annehmlichkeiten und Vorteile, die der Alkoholgenu bringen soll. Diese sind es ja auch, welche die ungeheuere Verbreitung des Alkoholgenusses von den ltesten Zeiten bis zur Gegenwart bewirkt haben. Man rhmt dem Alkohol nach, da er die geistige Ttigkeit anregt, den Geist sozusagen flssiger macht, da er ein Gefhl des Wohlbehagens und erhhter Kraft erzeugt, da er die Stimmung hebt, Frohsinn hervorruft, die dsteren Seiten des Lebens aus dem Bewutsein verdrngt und dadurch auch die Sorgen verscheucht -- er ist ja der Sorgenbrecher _par excellence_--, da er die sogenannte Gemtlichkeit und die Geselligkeit frdert, und dadurch die Menschen einander nher bringt. Man hat auch behauptet, da er die Fantasie des Dichters und des bildenden Knstlers anregt und dadurch deren Produktivitt in gnstiger Weise beeinflut. Es ist nun keineswegs zu leugnen, da diese Behauptungen wenigstens zum groen Teile der Wahrheit entsprechen. Aber unsere Schtzung der Vorteile und Annehmlichkeiten des Alkoholgenusses mu eine wesentliche Einbue erfahren, wenn wir zusehen, auf welche Weise dieselben zustande kommen. Sind die seelischen Vernderungen, welche der Alkohol herbeifhrt, ein Geschenk, eine Wohltat, fr die keine Kompensation geleistet werden mu, oder haben wir fr dieselben zu bezahlen mit einer Einbue an unserem psychischen Vermgen? Die Erfahrungen des tglichen Lebens wie die experimentellen Forschungen der Neuzeit lassen hierber keinen Zweifel. Um es vorweg kurz und brsk zu sagen, die Annehmlichkeiten, die wir dem Alkohol verdanken, mssen erkauft werden durch eine Herabsetzung unseres intellektuellen Niveaus, die bei den hheren Graden der Alkoholintoxikation bis zur Verbldung sich steigert. Wenn ein Mensch eine Heiterkeit in sich fhlt und nach Auen dokumentiert, fr welche in seinen Verhltnissen kein Grund besteht, wenn er ohne uere Ablenkung seine Sorgen, d.h. die fr ihn wichtigsten Angelegenheiten vergit, wenn er gesprchiger wird, als es seiner Gewohnheit entspricht, und die im geselligen Verkehre beobachtete Reserve aufgibt (gemtlich wird), so weist dies darauf hin, da bei ihm die hchsten psychischen Leistungen eine Verringerung erfahren haben. Manches zu dem Wohlbehagen und der gehobenen Stimmung des Trinkenden mag die durch den Alkohol bewirkte erleichterte Auslsung von Bewegungsimpulsen beitragen. Ungleich bedeutungsvoller fr das psychische Verhalten des Trinkers ist jedoch der Umstand, da unter dem Einflusse des Alkohols, und zwar schon bei recht migen Gaben, das Bewutsein seiner Lebenslage und damit auch der regulierende Einflu desselben auf sein Denken und Handeln -- die hchst stehende psychische Leistung -- abgeschwcht wird. So erklrt es sich, da der Schweigsame redselig, der Trockene scheinbar witzig, der Zaghafte waghalsig, der Skeptische glubig und vertrauensvoll wird. Aber dieses Plus an psychischer Aktivitt bedeutet keine berlegenheit des Trinkers, sondern in Wirklichkeit eine Inferioritt desselben, da sie auf einem Ausfall hemmender Momente beruht. Neben den hchststehenden werden auch die einfacheren psychischen Vorgnge, wie durch eine berflle von Experimenten, insbesondere durch die Untersuchungen Kraepelins und seiner Schler, erwiesen ist, durch den Genu schon sehr miger Alkoholmengen verschlechtert (Schnelligkeit der Reaktion auf einen bestimmten Sinneseindruck, des Lesens, Addierens, des Auswendiglernens &c.). Wichtiger aber als diese an sich gewi beachtenswerte Tatsache ist der Umstand, da die durch den Alkohol bewirkte Herabsetzung der intellektuellen Leistungsfhigkeit sich nicht auf die Zeit des Genusses beschrnkt, sondern, und zwar auch bei Gaben, die man allgemein noch als ganz mig betrachtet (60-80ccm Alkohol = 2l Bier), sich auf einen Zeitraum von 24 und mehr Stunden erstrecken mag. Fr Sie ergibt sich hieraus der gewi sehr zu bercksichtigende Umstand, da ein Studierender, der gewohnheitsmig Tag fr Tag 2l Bier konsumiert, -- dies ist ein Fall, der gewi sehr hufig vorkommt--, seine geistige Arbeitskraft in einem Zustande andauernder Verminderung erhlt. Wie Sie ersehen, ist der habituelle, sogenannte mige Alkoholgenu fr den geistig Arbeitenden keine ganz gleichgiltige Sache. Da die Unmigkeit in _alcoholicis_ viel blere Folgen hat, ist Ihnen wohl zur Genge bekannt. Sie verringert nicht nur die Arbeitsfhigkeit in hherem Mae, sie fhrt auch zu einem Sinken des moralischen Niveaus, einer Abschwchung des Ehr- und Pflichtgefhls, einer Vernachlssigung der Rcksichten, die man seiner Stellung, seiner Familie und seinem Stande schuldet. An der Verbummelung von Semestern mit ihren unliebsamen Folgen, an den Durchfllen und schlechten Resultaten bei den Prfungen, an dem gnzlichen Scheitern so mancher studentischen Existenz hat der Alkohol zweifellos den Hauptanteil, und auch diejenigen Studierenden, welche die ihnen durch den Alkohol zugefgte Schdigung ihrer Arbeitskraft durch groe Willensanspannung allmhlich berwinden, haben in ihrem spteren Leben hufig genug noch unter den Folgen ihres allzu flotten Studentenlebens zu leiden. Was nun die dem Alkohol zugeschriebene anregende Wirkung auf die Produktivitt der Dichter und bildenden Knstler anbelangt, so beruht dieselbe im wesentlichen auf einer Tuschung. Es mag wohl sein, da durch den Alkohol im Einzelfalle die Fantasie zu lebhafterer Ttigkeit angeregt wird, allein damit wird noch nicht die Schaffung eines Kunstwerkes erleichtert. Die unter dem Einflusse des Alkohols entstandenen Geistesprodukte sind minderwertig, da an ihnen die erforderliche Kritik nicht gebt wird. Altmeister Goethe hat ber diesen Sachverhalt keinen Zweifel gelassen. In seinen Gesprchen mit Eckermann bemerkt er bezglich des dramatischen Dichters: Wollte er (der dramatische Dichter) durch geistige Getrnke die mangelnde Produktivitt herbeintigen, die unzulngliche dadurch steigern, so wrde dies allenfalls auch wohl gehen, allein man wrde es allen Szenen, die er auf solche Weise gewissermaen forciert htte, =zu ihrem groen Nachteile= anmerken. Bezglich seines groen Freundes Schiller bemerkt er: Er hat nie viel getrunken, er war sehr mig; aber in solchen Augenblicken krperlicher Schwche suchte er seine Kraft durch Likrs oder hnliches Spirituoses zu steigern. Das aber zehrte an seiner Gesundheit und war auch =der Produktion selbst schdlich, denn was gescheute Kpfe an seinen Sachen aussetzen, leite ich aus dieser Quelle her=. Unter den Dichtern der Gegenwart hat eine ganze Anzahl sich sehr absprechend ber den Einflu des Alkohols auf das poetische Schaffen geuert. Mit der Einwirkung des Alkohols auf die Muskelkraft verhlt es sich hnlich wie mit der auf die intellektuelle Leistungsfhigkeit. Bei uns besteht zwar noch in weiten Volkskreisen, insbesondere in der Arbeiterschaft, der Glaube, da der Alkohol die Muskelkraft steigere und deshalb die Verrichtung krperlicher Arbeit erleichtere. Bei unserer biertrinkenden Bevlkerung kommt noch die Meinung dazu, da das Bier eine Art flssiger Nahrung darstelle und der schwer Arbeitende beim Verzicht auf dessen Genu der Entkrftung ausgesetzt sei. Indes haben auch hier die wissenschaftlichen Untersuchungen wie die praktischen Erfahrungen an den verschiedensten Klassen von Individuen ber allen Zweifel dargetan, da der erwhnte Glaube ein Irrglaube ist. Der Alkohol ist nur vorbergehend imstande, die Muskelkraft zu steigern und das Ermdungsgefhl zu beseitigen. Auf diese vorbergehende Anregung folgt eine dauernde Herabsetzung, die mit Steigerung des Ermdungsgefhls einhergeht. Der Alkohol gleicht in seinen Wirkungen auf den Organismus der Peitsche, die vorbergehend bei dem ermdeten Tiere einen erhhten Kraftaufwand herbeifhrt, aber nicht dem Hafer, der nachhaltig die Kraft steigert. Diese Tatsachen sind auch bereits seit lngerer Zeit, wenigstens in den Kreisen des gebildeten Publikums zur Genge bekannt und verwertet worden. Wer sich fr irgend einen Sport trainiert und seine physische Leistungsfhigkeit mglichst steigern will, enthlt sich alkoholischer Getrnke. Sie alle wissen auch, da man bei greren anstrengenden Radtouren, bei schwierigen Bergbesteigungen, insbesonders Hochtouren, welche andauernde Kraftleistungen erheischen, sich des Alkohols enthalten mu, und unsere Heeresleitung hat bereits seit einigen Jahren in der Manverzeit den Truppen den Genu geistiger Getrnke whrend der Mrsche aus guten Grnden untersagt. Man hat auch die Erfahrung gemacht, da die Strapazen im tropischen wie im arktischen Klima ungleich leichter von Alkoholabstinenten als von Trinkern ertragen werden. Wenn demnach der Glaube, da der Alkohol die krperliche Leistungsfhigkeit erhht, auf Tuschung beruht, so steht es nicht viel besser mit der bei uns so viel verbreiteten Ansicht, da das Bier ein fr den Arbeiter unentbehrliches flssiges Nahrungsmittel sei. Das Bier reprsentiert allerdings, was bei dem Alkohol an sich nicht der Fall ist, ein Nahrungsmittel, soferne es etwa 4%Zucker und 0,7%Eiwei enthlt. Allein der im Bier enthaltene Alkohol vermindert wie der Alkohol berhaupt die Arbeitskraft, und der Nhrwert des Bieres ist im Verhltnisse zu seinem Preise so gering, da man dessen Verwendung als Nahrungsmittel seitens der Arbeiterklasse nur als ungeheuerliche Verschwendung betrachten kann. Das Bier ist bei Zugrundelegung der bayerischen Bierpreise 5mal teurer als Weibrot, 8mal teurer als Schwarzbrot und 18mal teurer als Kartoffel. Wenn die Herabsetzung der geistigen und krperlichen Arbeitskraft durch den Alkohol auch einen nicht zu unterschtzenden Schaden fr das Individuum bedeutet, so ist dieselbe doch noch mit einem Krperzustand vereinbar, der keine auffllige Abweichung von der Gesundheit darbietet. Allein bei einer sehr groen Anzahl von Trinkern kommt es frher oder spter zu Gesundheitsstrungen, die auf den gewohnheitsmigen Alkoholgenu allein oder z.T. zurckzufhren sind. Diese Folge tritt zwar vorwaltend, aber doch keineswegs ausschlielich in den Fllen ein, in welchen es sich um Unmigkeit im landlufigen Sinne, d.h. hufige Berauschung oder habituellen Konsum ungewhnlich groer Alkoholmengen ohne solche Folgen handelt. * * * * * Unter den Krankheitszustnden, die durch alkoholische Exzesse herbeigefhrt werden, hat von jeher die als Suferwahnsinn (_delirium tremens_) bezeichnete Geistesstrung besondere Aufmerksamkeit erregt, und man betrachtet dieselbe vielfach als die hufigste oder gewhnliche Folge der Unmigkeit in _alcoholicis_. Das _Delirium tremens_ spielt jedoch unter den gesundheitlichen Schden, die auf den Alkohol zurckzufhren sind, keineswegs die Hauptrolle, obwohl dasselbe kein seltenes Vorkommnis bildet. Wir begegnen dieser Geistesstrung in den Lndern, in welchen der Schnapskonsum in den unteren Klassen vorherrscht, weit hufiger als bei unserer Bier trinkenden Bevlkerung. Wir haben dafr dem Alkohol eine andere Bescherung zu danken, das Bierherz, eine von Bollinger zuerst nher beschriebene Vergrerung und Entartung des Herzens, die auf den habituellen Genu sehr groer Bierquantitten zurckzufhren ist. ber die Hufigkeit des _Delirium tremens_ und des chronischen Alkoholismus gibt das statistische Jahrbuch fr den preuischen Staat eine gewisse Auskunft. In den allgemeinen Krankenhusern und Irrenanstalten Preuens wurden im Jahre 1902 13994 Mnner und 912 Frauen an Suferwahnsinn und chronischem Alkoholismus behandelt. Hiemit ist jedoch nur ein Teil der durch den Alkohol verursachten oder mitverursachten Geistesstrungen berhrt. Die Irrenrzte schtzen die Zahl der in den Irrenanstalten verpflegten Geistesgestrten, an deren Erkrankung der Alkohol einen Anteil hat, auf 25-40% der Anstaltsinsassen, und man darf daher annehmen, da von 150000 in deutschen Anstalten verpflegten Irren bei etwa 50000 der Alkohol als Krankheitsursache allein oder neben anderen Momenten wirksam war. In der hiesigen psychiatrischen Klinik fanden im Jahre 1905 1373 Personen Aufnahme, darunter 836 Mnner, 537 Frauen; die alkoholischen Psychosen betrugen bei den Mnnern 30,3, bei den Frauen 5,6% der Gesamterkrankungen. Das _Delirium tremens_ war nur in 10% der Alkoholpsychosen vertreten. Wie auf das Gehirn bt der Alkohol auch auf das Rckenmark und die peripheren Nerven seinen schdigenden und zerstrenden Einflu aus, und so begreift es sich, da neben den Geistesstrungen und Neurosen (_Epilepsie_) alkoholischer Provenienz, auch viele andere Nervenkrankheiten gleichen Ursprungs vorkommen. Neben dem Nervensystem unterliegen der Verdauungsapparat, das Cirkulationssystem und die Niere ungemein hufig schweren und schwersten Schdigungen durch den Alkohol, die zum groen Teile zum ttlichen Ausgange fhren. Im Magen und Darm kommt es unter dem Einflusse des Alkoholmibrauches zu tiefgreifenden und beraus hartnckigen katarrhalischen Zustnden, die Leber erkrankt in Form einer chronischen in Schrumpfung ausgehenden Entzndung, die schweres Siechtum und schlielich den Tod herbeifhrt. Das Herz wird von Hypertrophie und Entartung befallen, eine Vernderung, die wie wir schon erwhnten, besonders hufig in unserem lieben Mnchen gefunden wurde (das Bierherz Bollingers), die Gefe unterliegen der als Verkalkung gemeinhin bezeichneten Erkrankung, die durch Schlaganflle oft zu frhem Ende fhrt. Die Nieren werden wie die Leber Sitz einer chronischen unheilbaren Entzndung, die den gleichen Ausgang wie das Leberleiden zur Folge hat. Auch an der Verursachung der Stoffwechselkrankheiten, der Gicht und Fettsucht, insbesondere aber auch der Zuckerkrankheit, hat der Alkohol einen groen Anteil. Damit ist jedoch die krperliche Schdigung, welche der Alkoholmibrauch bedingt, noch nicht umgrenzt. Bei den Trinkern finden wir in der Regel eine verminderte Widerstandsfhigkeit des Gesamtorganismus, die sich bei interkurrenten Erkrankungen verschiedenster Art, insbesondere fieberhaften, bei Wunden und operativen Eingriffen, sowie in erhhter Disposition zu Infektionen, speziell zur Tuberkulose kundgibt. Trinker sind durch ernstere Erkrankungen jeder Art mehr gefhrdet als nchterne Individuen, sie berstehen Narkosen und Operationen schwerer und verfallen der Tuberkulose hufiger. Der Mibrauch des Alkohols hat aber auch noch andere Gefahren fr Gesundheit und Leben im Gefolge. Er spielt unter den Ursachen der Unflle eine ganz hervorragende Rolle. Wie hufig Angetrunkene durch Unvorsichtigkeit schwere Verletzungen sich zuziehen, selbst ums Leben kommen, ist bekannt. Allein auch die Nachwirkungen von Alkoholexzessen fhren oft zu einer Vernachlssigung von Vorsichtsmaregeln und damit zu Unfllen, und darauf ist es zurckzufhren, da in industriellen Etablissements an Montagen die Zahl der Unflle am grten ist. Auch der sogenannte mige Genu geistiger Getrnke ist nicht ohne Einflu auf die Herbeifhrung von Unfllen, und unsere Verkehrsverwaltung hat sicher weise gehandelt, indem sie dem Zugpersonale den Konsum geistiger Getrnke whrend der Fahrzeit untersagte. Knnte man den Schaden, den der Alkohol direkt und indirekt an Gesundheit und Leben herbeifhrt, genauer umgrenzen, es wrde sich ein Tatbestand ergeben, der auch viele Alkoholfreunde erschrecken mte. Und dabei ist noch besonders bedauerlich, da der Alkohol nicht lediglich in den unteren Volksklassen, der Masse der Ungebildeten, seine Opfer findet. Auch in den Kreisen der intellektuell Hherstehenden und Gebildeten, bei denen man mehr Einsicht und Selbstzucht erwarten sollte, fhrt der unglckliche Hang fr Alkoholfreuden, die Liebhaberei fr feucht-frhliche Geselligkeit keineswegs selten zu Siechtum und Tod. Dazu kommt nun noch, da der gesundheitliche Schaden, den der Trinker sich zufgt, sich nicht auf seine Person beschrnkt. Es ist zur Genge bekannt, da die Nachkommenschaft der Trinker zum groen Teile mit krperlichen und geistigen Defekten behaftet, schwchlich, krnklich und einem frhen Untergange geweiht ist. Selbst ein einmaliger Rausch kann fr den in diesem Zustand erzeugten Sprling verhngnisvoll werden. * * * * * Einen anderen Abschnitt in dem Verzeichnisse des Elends, das der Alkohol der Menschheit beschert, bildet der Anteil desselben an der Kriminalitt. Ich kann mich in bezug auf diesen Punkt kurz fassen. Man hat berechnet, da bei etwa 1/3 aller Straftaten, die im Deutschen Reiche alljhrlich zur Verurteilung gelangen, das ist bei etwa 180000 Delikten, der Alkohol eine Rolle spielte. Was diese Verurteilungen an materiellem und moralischem Schaden fr die betreffenden Individuen und ihre Familien bedeuten, bedarf keiner weiteren Ausfhrung. Besonders prgnant zeigt sich der Einflu des Alkohols bei den schweren Krperverletzungen, und man darf getrost behaupten, da diese zum grten Teile mit Alkoholexzessen in Zusammenhang stehen. Der Anteil der Studentenschaft an der Kriminalitt ist erfreulicherweise ein geringer, wenn man von nchtlichen Ruhestrungen, Sachbeschdigungen &c. absieht, die ja auch nicht selten recht unliebsame Folgen haben. Dafr kommt jedoch bei der Studentenschaft ein anderes sehr bedauerliches Moment in Betracht -- das sind die Ehrenhndel mit ihrem Gefolge von Duellen, die sicher weit berwiegend auf Angetrunkenheit des einen oder beider Beteiligten zurckzufhren sind. An die Verbrechen, die dem Einflusse des Alkohols zuzuschreiben sind, reihen sich die von unseren Strafgesetzen nicht erreichbaren unmoralischen Handlungen der Trinker an, unter deren Folgen die Angehrigen derselben zu leiden haben. Der Trinker vernachlssigt seinen Beruf, seine Arbeit, vergeudet seinen Verdienst oder sein Einkommen in Spirituosen, whrend er seine Familie darben lt, mihandelt Frau und Kinder, eignet sich nicht selten sogar den Verdienst der Frau an, um seinem Laster zu frhnen. Unsagbar ist das Elend, das ber viele Arbeiterfamilien durch die Trunksucht des Ehemanns heraufbeschworen wird. Aber auch in den besser situierten Klassen fhrt die Unmigkeit des Familienoberhauptes gewhnlich zu den traurigsten Verhltnissen; das Gleiche gilt natrlich fr die Trunksucht der Frau. * * * * * Sie knnen hier nun einwenden: ber die traurigen Folgen der Unmigkeit in _alcoholicis_ besteht allerdings kein Zweifel, damit ist jedoch bezglich des migen Alkoholgenusses nichts bewiesen. Sie knnen ferner darauf hinweisen, da eine sehr groe Anzahl von Personen beider Geschlechter bei migem Alkoholgenu ein sehr hohes Alter erreicht und Gesundheit und Arbeitsfhigkeit bis in das Alter hinein sich erhalten hat. Sie knnen ferner in bezug auf die geistige Arbeitskraft noch erwhnen, da die hervorragendsten Mnner unserer Nation Luther, Schiller, Goethe, Kant, Schopenhauer, Bismarck keine Anhnger der Alkoholabstinenz waren. Hieraus knnte anscheinend gefolgert werden, da die Abstinenz in _alcoholicis_ gegenber der andauernden Migkeit in bezug auf Gesundheit und Arbeitskraft keinen Vorteil biete. Doch wre diese Folgerung ein Irrtum. Zunchst haben wir zu bercksichtigen, da man eine genaue Definition dessen, was man unter =migem Alkoholgenu= zu verstehen hat, nicht geben kann, weil die individuelle Widerstandsfhigkeit gegen die Einwirkungen des Alkohols zu verschieden ist. Der Eine mag durch den Konsum von 2-3 Glas Bier bereits in einen Zustand von Angeheitertheit geraten, der bei einem Anderen (einem Trinkfesten) nach dem Konsum des vierfachen dieses Quantums noch nicht eintritt. Die vulgre Anschauung geht dahin, da die Unmigkeit erst da beginnt, wo das Zuviel, d.h. das Berauschtsein mehr oder minder deutlich sich geltend macht, oder auch ganz auergewhnlich groe Alkoholmengen gewohnheitsmig konsumiert werden. Soll nun der, von 2-3 Glas Bier Angeheiterte als unmig, der nach Genu von 12 Glas Bier noch nchtern Scheinende als mig gelten? Die unselige Idee, da man dasjenige Quantum, welches noch keine deutlichen Zeichen von Berauschung hervorruft, ob es grer oder kleiner ist, noch als mig und deshalb als hygienisch harmlos betrachtet, hat die Folge, da zahllose Menschen sich durch ihre alkoholischen Gewohnheiten gesundheitlich schdigen, ohne daran zu denken, da bei ihnen etwas derartiges vorliegt. Wenn wir fr die Bestimmung der Migkeit an Stelle des Nchternbleibens einen anderen Gesichtspunkt, die Vermeidung gesundheitlicher Nachteile verwerten wollen, so stoen wir auf hnliche Schwierigkeiten. Der gewohnheitsmige Gebrauch kann lange Jahre hindurch scheinbar ohne nachteiligen Einflu auf den Organismus bleiben, und dann kommt es doch noch zur Entwicklung von Krankheiten, die auf den Alkoholgenu allein oder neben anderen Momenten zurck zu fhren sind. Dies gilt insbesonders fr die Erkrankungen des Herzens und der Gefe, der Nieren, die Gicht und die Fettsucht. Das gleiche Quantum, das in dem einen Falle bis in die 60er und 70er Jahre ohne erkennbaren gesundheitlichen Schaden konsumiert wird, fhrt in einem anderen Falle schon in den 50er Jahren, wenn nicht frher zu einer Erkrankung oder begnstigt die Entwicklung einer solchen. Sie sind nun in der Lage zu beurteilen, was man von dem Erwerb einer gewissen Trinkfestigkeit zu halten hat, die man namentlich in korpsstudentischen Kreisen als ntig erachtet, damit der Student in jeder Gesellschaft seinen Mann stellen kann und auch bei grerem Alkoholkonsum seiner Direktion nicht verlustig geht. Die Trinkfestigkeit bedeutet nicht eine erhhte Widerstandsfhigkeit des ganzen Organismus gegen Alkoholeinwirkung, sondern lediglich eine gewisse Angewhnung des Gehirns an grere Alkoholmengen. Bei der ausgesprochensten Trinkfestigkeit kann aber der Organismus durch den habituellen Alkoholkonsum den schwersten Schaden erleiden. Ein recht bezeichnendes und lehrreiches Beispiel liefern die Arbeiter im Braugewerbe und die ihnen nahestehenden Geschftsleute. Die hiesigen Braugehilfen erhielten in meiner Jugendzeit noch 16 bis 18l Bier tglich, und tranken dieses Quantum jedenfalls zum grten Teile. Sie waren selbstverstndlich sehr trinkfeste Leute, und dabei auch gewhnlich von Haus aus von robuster Konstitution, da man schwchliche Individuen im Braugewerbe kaum verwenden kann. Und doch hat die Erfahrung gelehrt, da ein groer Teil dieser krftigen Menschen bereits in den 40er Jahren zu Grunde ging, und zwar namentlich an Herzleiden, die zweifellos durch den tglichen Bierkonsum der Betreffenden verursacht wurden.[2] [2] Sehr beachtenswert ist auch die groe Sterblichkeit der Braugehilfen an Tuberkulose. Nach Sendtner starben in Mnchen von 1859-1888 28,9% der Brauer an Schwindsucht. Ich selbst hatte Gelegenheit, einen Bierwirt zu behandeln, der whrend eines Zeitraums von 20 Jahren tglich 18-20l Bier ohne irgendwelche Berauschung zu sich genommen hatte. Er starb ebenfalls Ende der 40er Jahre und es fand sich bei ihm das Mnchener Bierherz in ausgeprgtester Form. Diese Herzerkrankung entsteht nicht ber Nacht, sie entwickelt sich in schleichender Form. Die Aufnahme so groer Flssigkeitsmengen, wie sie der frhere tgliche Bierkonsum der hiesigen Braugehilfen mit sich brachte, bedingt eine bedeutende Vermehrung der Herzarbeit. Diese verursacht zunchst eine Hypertrophie der muskulsen Wandungen des Organs, die bei Fortdauer der enormen Flssigkeitszufuhr unter dem toxischen Einflusse des Alkohols allmhlich in Entartung bergeht, einen Zustand, der frher oder spter zur Erlahmung des Herzens fhrt. In schleichender Weise entwickeln sich auch die sogenannte Arterienverkalkung, die Leber- und Nierenleiden der trinkfesten Trinker. In beklagenswerter Verblendung fahren diese mit ihren alkoholischen Gewohnheiten fort, bis ein Stadium der Erkrankung eintritt, das keinen Zweifel mehr ber die schdigende Wirkung ihrer Trinkgewohnheiten lt. Die Einsicht, die damit gewonnen wird, und die Einschrnkung des Alkoholgenusses oder gnzlicher Verzicht auf denselben hlt aber dann oft den schlimmen Ausgang des Leidens nur wenig auf. Wir sind also nicht in der Lage, anzugeben, welches Quantum Alkohol, wenn wir von ganz kleinen Mengen absehen, bei andauerndem tglichem Genusse sicher ohne schdigenden Einflu auf den Organismus bleibt, und dehalb ist die Abstinenz vom hygienischen Standpunkte aus, der Migkeit in _alcoholicis_ entschieden vorzuziehen. Dies ergibt sich auch aus den Tatsachen, welche mehrere englische Lebensversicherungsgesellschaften bezglich der Lebensdauer und der Hufigkeit der Erkrankungen bei Abstinenten und migen Trinkern ermittelt haben. So ergab sich bei der englischen Lebensversicherungsgesellschaft _Sceptre_, da bei den von ihr versicherten Abstinenten in einem Zeitraum von 5 Jahren nahezu 19% weniger Todesflle vorkamen als bei den versicherten Nichtabstinenten, obwohl auch diese sich zum groen Teile aus Personen zusammensetzten, bei denen man entschiedene Migkeit voraussetzen kann. Eine andere englische Lebensversicherungsgesellschaft _Temperance and General Provident Institution_ hatte bei den Abstinenten sogar 29% weniger Todesflle als bei den brigen Versicherten. Ebenso ergab ein Vergleich der Krankheitswochen bei den Mitgliedern verschiedener Krankenkassen, da die Abstinenten bedeutend weniger von Erkrankungen heimgesucht wurden, als die Nichtabstinenten. Die Zahl der Krankheitswochen betrug fr den Zeitraum von fnf Jahren bei den _Sons of Temperance_ (Abstinenten) 7,48 Wochen, bei nicht abstinenten Kassenmitgliedern 24,68 bis 27,66 Wochen. Diese Zahlen sprechen sehr deutlich, und der Hinweis auf die Hochbetagten, die tglich ein gewisses Bier- oder Weinquantum zu sich nehmen, wird dadurch der Beweiskraft bezglich der Unschdlichkeit migen Alkoholgenusses vllig beraubt. Die Betreffenden sind eben Individuen, die entweder eine ungewhnliche Resistenz gegen die Alkoholwirkung oder, was wahrscheinlicher ist, berhaupt eine ungewhnlich robuste Konstitution besitzen, und aus ihrem Verhalten lt sich daher keine Folgerung fr den Durchschnitt ziehen. * * * * * Was nun den Einflu des Alkohols auf die Arbeitskraft der geistig Hchststehenden betrifft, so gibt man sich einer Tuschung hin, wenn man denselben fr vllig irrelevant hlt. Eine gewi in dieser Sache kompetente Persnlichkeit, Altmeister Goethe, hat uns in einer jeden Zweifel ausschlieenden Weise darber belehrt, da auch bei den grten Geistern der nachteilige Einflu des Alkohols auf die Arbeitskraft hnlich wie beim Durchschnittsmenschen sich uert. In seinen Tagebchern vom Jahre 1779 (Goethe war damals 30 Jahre alt), ist bemerkt: Seit drei Tagen keinen Wein. Man knnte noch mehr, ja das Unglaubliche leisten, wenn man miger wre. Und an einer anderen Stelle: Wenn ich den Wein abschaffen knnte, wre ich glcklich. Ich trinke fast keinen Wein mehr und gewinne fast tglich mehr Blick und Geschick zum ttigen Leben. Interessant ist auch, was er 1808 an seinen damals in Heidelberg studierenden Sohn August schrieb: Es ist mir lieb, zu hren, da Du Dich auch vor dem so sehr zur Gewohnheit gewordenen Getrnk (dem Wein) in Acht nimmst, das mehr, als man glaubt, einem besonnenen, heiteren und ttigen Leben entgegen wirkt. Und Bismarck, der groe Kanzler, hat nach Moritz Busch ber das Bier sich dahin geuert, da es dumm, faul und impotent macht. Daneben darf nicht auer acht gelassen werden, da auch manche groe Geister, Dichter, bildende Knstler, Komponisten, durch Alkoholexzesse nicht nur ihre Schaffenskraft geschmlert, sondern sich geradezu geistig und krperlich ruiniert und ihr Leben verkrzt haben. Wir haben in Deutschland in den letzten Jahren wieder einige recht traurige Beispiele dieser Art erlebt, die Mnner betrafen, deren frhzeitiger Heimgang von allen Gebildeten bedauert wurde und unserer Nation sicher erspart geblieben wre, wenn die Betreffenden ihre Neigung fr die feuchtfrhliche Geselligkeit besser gezgelt htten. Nicht minder wichtig als die hygienische ist die finanzielle Seite der Alkoholfrage. Es ergibt sich dies ohne weiteres aus der Tatsache, da im Deutschen Reiche ungefhr 31/2 Milliarden alljhrlich fr geistige Getrnke verausgabt werden.[3] Das ist dreimal so viel als der so sehr beklagte Aufwand fr Heer und Marine, und siebenmal so viel als die Kosten fr die Unterhaltung der ffentlichen Schulen ausmachen. Auf den Kopf der Bevlkerung (63 Millionen) berechnet betrgt die Ausgabe fr geistige Getrnke 55Mk. pro Jahr. Wenn man aber bercksichtigt, da Kinder, Frauen und Greise einen wesentlich geringeren Anteil am Alkoholkonsum haben als die erwachsene mnnliche Bevlkerung im Alter von 20-60 Jahren, wird man fr letztere einen durchschnittlichen Jahresverbrauch fr alkoholische Getrnke von 80-90Mk. annehmen mssen. An einzelnen Orten wie namentlich in Mnchen ist jedoch der durchschnittliche Aufwand fr geistige Getrnke seitens der erwachsenen mnnlichen Bevlkerung bedeutend hher. [3] Nach anderen Angaben betrug in den letzten Jahren der Aufwand fr geistige Getrnke 3300 Millionen Mark. Die ungeheueren Summen, welche der Alkohol verschlingt, werden jedoch nur zum kleinsten Teile von der Klasse der Reichen und Wohlhabenden aufgewendet, sie flieen in der Hauptsache aus den Taschen der groen Menge, der wenig Bemittelten und der Mittellosen, die sich einen solchen Luxus nicht gestatten knnen, ohne die Ausgaben fr die wichtigsten Lebensbedrfnisse fr Wohnung, Nahrung, Kleidung, in einer hchst bedauerlichen Weise herabzusetzen. Und unter dieser Herabsetzung haben die Betreffenden nicht nur selbst, sondern noch mehr deren Familien, Frauen und Kinder, zu leiden. Da die alkoholischen Neigungen der Masse die Erzielung von Ersparnissen hochgradig erschweren, unterliegt ebenfalls keinem Zweifel. Allein der materielle Schaden, den der Alkoholkonsum unserem Volke zufgt, ist mit der oben angegebenen Summe keineswegs vllig dargetan. Dazu kommen die Verluste an Verdienst, die nicht nur durch die Trunksucht, sondern auch durch vorbergehende Alkoholexzesse verursacht werden, die Ausgaben fr Verpflegung von Alkoholikern in Kranken- und Irrenanstalten und fr die Untersttzung ihrer Familien, die materiellen Folgen der Straftaten, die von Alkoholikern begangen werden und der Unflle, die auf den Alkohol zurckzufhren sind. Wir knnen, wenn wir dies alles erwgen, nicht den geringsten Zweifel darber hegen, da der derzeitige Alkoholkonsum in Deutschland den Volkswohlstand wie die Volksgesundheit in gleich schwerer Weise schdigt. Aus dieser Sachlage ergibt sich, wie ich glaube, fr Jeden, der Interesse an dem Gemeinwohl hat, die Verpflichtung, an dem Kampfe gegen die Trinksitten unseres Volkes durch Wort und Tat teilzunehmen. Was bisher durch die Bemhungen der Abstinentenvereine und der Vereine gegen den Mibrauch geistiger Getrnke erreicht wurde, ist zwar nicht ganz zu unterschtzen, aber doch im Verhltnis zu dem Ntigen nur sozusagen ein Tropfen auf eine glhende Platte. Wir drfen nicht verkennen, da die materielle Seite der Alkoholfrage sehr groe Schwierigkeiten in sich schliet. Riesige Summen sind in den Alkoholgewerben angelegt, und die Regierungen gewinnen einen erheblichen Teil ihrer Steuereinnahmen aus dem Konsum alkoholischer Getrnke. Es ist daher begreiflich, da man bei dem Kampfe gegen die Trinksitten unseres Volkes auch mit mchtigen Gegnern zu rechnen hat, mit Gegnern, die zum Teil nicht aus Ueberzeugung, sondern ihres materiellen Vorteils halber der Antialkoholbewegung entgegentreten, sie lcherlich oder verchtlich zu machen suchen. Wenn wir bei der groen Masse eine entschiedene Besserung in bezug auf ihre Trinkgewohnheiten herbeifhren wollen, gengt nicht, wie man bisher zumeist glaubte, die Aufklrung durch Rede und Schrift. Die Kreise der Gebildeten und Bessersituierten mssen ein Beispiel geben, das erzieherlich auf die Masse wirkt. Wenn man heutzutage den Arbeitern Abstinenz oder wenigstens grere Migkeit predigt, so hat man immer zu gewrtigen, da auf die sogenannten besseren Stnde hingewiesen wird, deren Angehrige neben den sonstigen sich ihnen bietenden Lebensgenssen auch im Konsum geistiger Getrnke sich ein reiches Ma gestatten. Da wird auch auf Sie, m.H., und auf Ihre Trinksitten hingewiesen. Sie drfen daher nicht glauben, da Ihr Beispiel fr die Massen ohne Bedeutung ist. Sie reprsentieren die gebildete Jugend des Landes _par excellence_ und haben daher die Aufgabe, als die knftigen Trger der Staatsgewalt und als Angehrige der hheren, der gelehrten Berufe, ein Vorbild fr die Massen zu geben, ein Vorbild, das sie nicht in ihren Trinkgewohnheiten bestrken, sondern von denselben abbringen mag. * * * * * Ich eile zum Schlusse. Es wrde mich zwar sehr freuen, wenn ich Sie Alle zur Alkoholabstinenz bekehren knnte, allein ich bin nicht so phantastisch und sanguinisch, um etwas derartiges zu erwarten. Meine Wnsche und Hoffnungen sind bescheidener. Ich wrde es schon als einen sehr schnen Erfolg betrachten, wenn ich Sie dazu bestimmen knnte, der Alkoholfrage das Interesse zu schenken, das sie verdient, und Ihren Alkoholgenu, wenn Sie schon von diesem nicht ganz lassen wollen, wenigstens so zu beschrnken, da durch denselben weder Ihre Arbeitskraft noch Ihre Gesundheit leidet. Sie mssen dabei, wie ich nicht verhehlen darf, vor allem auf den gewohnheitsmigen tglichen Genu von Bier und Wein verzichten, Ihren Konsum auf einzelne Tage beschrnken und in sehr bescheidenen Grenzen halten. Da dadurch die Freuden der studentischen Geselligkeit geschmlert werden mten, ist eine vllig ungerechtfertigte Annahme. Jugend, sagt Goethe, ist Rausch ohne Wein. Sie bedrfen nicht des verdummenden Einflusses der _Alcoholica_, um sich in eine gesellige Stimmung zu versetzen. Sie besitzen in Ihrer Jugend, Ihrer Bildung und Ihren freundschaftlichen Beziehungen zu gleichgesinnten Kameraden gengende Quellen geistiger Anregung. Sie mssen aber ferner in jenen Zeiten, in welchen besonders hohe Anforderungen an Ihre geistige Arbeitskraft gestellt werden, in der Zeit der Vorbereitung fr ein Examen, sich des Alkoholgenusses dauernd und gnzlich enthalten. Es ist dies keine allzu schwere Aufgabe und eine Aufgabe, der Sie gerecht werden mssen, wenn Sie den Anforderungen Ihrer gegenwrtigen und knftigen Stellung gengen und Ihre Gesundheit ungeschmlert erhalten wollen. Sie drfen eben nicht bersehen, da die gemtlichen Zeiten des Studentenlebens schon lange vorber sind. Auch der Student wird heutzutage von dem Kampf ums Dasein, von dem Drucke einer stetig sich steigernden Konkurrenz sehr bedeutend berhrt. Die Fortschritte in allen Wissenschaften bedingen es, da das wissenschaftliche Material, das der Student sich anzueignen hat, wchst, und damit die Prfungsanforderungen zunehmen. Dazu kommen die milichen Verhltnisse, welche die enorme berfllung der gelehrten Berufe im Laufe der Jahre mit sich gebracht haben. In der gewaltig gesteigerten Konkurrenz hat der weniger Befhigte und weniger Unterrichtete ungleich geringere Chancen als frher, eine befriedigende Stellung zu erlangen. Fr die Juristen hat der den Bedarf weit bersteigende Nachwuchs bereits die Folge gehabt, da Manahmen als notwendig erachtet wurden, die auf eine strkere Auslese der Kandidaten durch die Examina abzielen. Nach verbrgten Nachrichten sollen diejenigen, welche die dritte Note im Staatskonkurs erhalten, knftig als durchgefallen gelten, was eine auerordentliche Verschrfung der Examensanforderungen bedeuten wrde.[4] Sie sehen, da groe und in Zukunft noch steigende Ansprche an Ihre Arbeitskraft gestellt werden und Sie daher allen Grund haben, diese als ein kostbares Gut zu betrachten, das Sie sich ungeschmlert erhalten mssen. Dies kann aber nur dadurch geschehen, da Sie sich nicht mit der landlufigen Migkeit in _alcoholicis_ begngen, sondern sich entweder zur Abstinenz oder wenigstens zu der von mir angedeuteten Beschrnkung des Alkoholkonsums entschlieen. Die Durchfhrung dieses Entschlusses erheischt jedoch etwas, was Viele von Ihnen noch nicht in gengendem Mae besitzen: das Freisein von Vorurteilen, die auch in den studentischen Kreisen noch allzusehr verbreitet sind, und eine gewisse moralische Festigkeit. Sie mssen sich von der Idee vllig losreien, da derjenige, der ungezhlte Seidel hinunterstrzen kann, der richtige Mann ist, da das scheinbare Vertragen eines groen Bierquantums ein Zeichen von Kraft und Mnnlichkeit bildet und die Beschrnkung im Alkoholgenu auf Unmnnlichkeit und Schwche hinweist. Es lastet noch, wie ich nicht verkennen will, wie ein Fluch auf dem deutschen Volke, da man die Unmigkeit im Trinken nicht so ungnstig beurteilt, wie die im Essen, ja, da man sie sogar vielfach noch als eine schtzenswerte Eigenschaft betrachtet, wenn ihr eine gewisse Trinkfestigkeit zur Seite steht. Von Ihnen darf ich nun wohl erwarten, da Sie von diesen Vorurteilen sich gnzlich frei machen, durch den Anschein der Trinkfestigkeit sich nicht lnger tuschen lassen und stets bercksichtigen: Nicht die Trinkfesten sind es, die den hchsten geistigen und krperlichen Anstrengungen gewachsen sind, sondern die Abstinenten und die im Alkoholgenu sich sehr Beschrnkenden. Sie werden, wenn Sie dies erwgen, auch allezeit die Festigkeit besitzen, den Grundstzen, die Sie in der Alkoholfrage als die richtigen erkannt haben, treu zu bleiben, und auf deren Befolgung nicht aus irgendwelchen gesellschaftlichen Rcksichten zu verzichten. Sie werden Ihre Mnnlichkeit dadurch beweisen, da Sie nicht wie der gemeine Haufe einfach mittun, wo getrunken wird, blos um keine Ausnahme zu machen und unliebsame Bemerkungen auf sich zu laden, sondern Ihren Standpunkt in der Alkoholfrage sowohl dem Einzelnen als der Masse gegenber wahren, unbekmmert darum, was die Rckstndigen und Versumpften von Ihnen halten mgen. Sie werden durch dieses selbstbewute Vorgehen sich Achtung verschaffen, Ihre Zahl wird sich, wenn auch nur langsam, mehren, und allmhlich wird es dahin kommen, da Sie, die jetzt nur eine kleine Minoritt in den studentischen Kreisen bilden, die Majoritt erlangen und der Welt zeigen, da die Frhlichkeit des Studentenlebens nicht an den Gambrinusdienst gebunden ist. Sind aber einmal die Trinksitten der akademischen Jugend auf den Aussterbeetat gesetzt, dann kann eine Reform in bezug auf die Trinkgewohnheiten unserer ganzen gebildeten Gesellschaft nicht ausbleiben. Die Studierenden werden das, was sie in den Universittsjahren gebt, in das praktische Leben hinbernehmen, und das Beispiel, das sie als Mnner in den verschiedensten Lebensstellungen geben, wird vorbildlich auf die ganze gebildete Gesellschaft wirken. Dann, aber auch erst dann wird es mglich sein, jene nderungen in den Trinkgewohnheiten der groen Masse, der unteren Volksschichten herbeizufhren, die im Interesse der Volksgesundheit und des Volkswohlstandes schon lngst ntig gewesen wren. [4] Inzwischen ist der Ministerialerla, der die in Frage stehende nderung in der Notenbewertung betrifft, publiziert worden. Literatur betreffs der studentischen Trinksitten. =O. Dolch=: Geschichte des deutschen Studententums, von der Grndung der deutschen Universitten bis zu den deutschen Freiheitskriegen. Leipzig: Brockhaus 1858. =R. Fick=: Auf Deutschlands hohen Schulen. Eine illustrierte kulturgeschichtliche Darstellung deutschen Hochschul- und Studentenwesens. Berlin-Leipzig: H. L. Thilo 1900. =A. Tholuck=: Das akademische Leben des 17. Jahrhunderts. Halle: Anton 1853. =A. Richter=: Bilder aus der deutschen Kulturgeschichte. II. Band 1893. Studentenleben im 16. und 17. Jahrhundert. Druck der =J. P. Himmer='schen Buchdruckerei Augsburg. [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile steht. von ~Dr. H. Sinzheimer~ (Frankfurt a. M.) Preis Mk. --.80. von ~Dr. H. Sinzheimer~ (Frankfurt a. M.). Preis Mk. --.80. studentische Leben eine seiner schnsten Seiten beraubt wrde. Da studentische Leben einer seiner schnsten Seiten beraubt wrde. Da zurckzufhren, da die Hygiene kein Unterrichtsgegenstand an den zurckzufhren, da die Hygiene keinen Unterrichtsgegenstand an den auf einen Ausfall hemmender Momente beruht. Neben den hchststehenden auf einem Ausfall hemmender Momente beruht. Neben den hchststehenden hiesigen psychiatrischen Klinik fanden im Jahre 1905, 1373 Personen hiesigen psychiatrischen Klinik fanden im Jahre 1905 1373 Personen Volksklassen der Masse der Ungebildeten, seine Opfer findet. Auch in Volksklassen, der Masse der Ungebildeten, seine Opfer findet. Auch in seinem Laster zu frhnen. Unsagbar ist das Elend das ber viele seinem Laster zu frhnen. Unsagbar ist das Elend, das ber viele Quantum jedenfalls zumgrten Teile. Sie waren selbstverstndlich sehr Quantum jedenfalls zum grten Teile. Sie waren selbstverstndlich sehr Gewohnheiten fort, bis ein Stadium der Erkrankung eintritt, das kein Gewohnheiten fort, bis ein Stadium der Erkrankung eintritt, das keinen abwohl auch diese sich zum groen Teile aus Personen zusammensetzten, obwohl auch diese sich zum groen Teile aus Personen zusammensetzten, Kassenmitglieder 24,68 bis 27,66 Wochen. Diese Zahlen sprechen sehr Kassenmitgliedern 24,68 bis 27,66 Wochen. Diese Zahlen sprechen sehr Nation sicher erspart geblieben wre, wenn die Betreffenden ihrer Neigung Nation sicher erspart geblieben wre, wenn die Betreffenden ihre Neigung ein Vorbild, das Sie nicht in Ihren Trinkgewohnheiten bestrken, sondern ein Vorbild, das sie nicht in ihren Trinkgewohnheiten bestrken, sondern =A. Tholuck=: Das akademische Leben des 17. Jahrhrhunderts. Halle: Anton, =A. Tholuck=: Das akademische Leben des 17. Jahrhunderts. Halle: Anton ] End of the Project Gutenberg EBook of Student und Alkohol, by L. Loewenfeld License: Share Alike