Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net [ Anmerkungen zur Transkription: Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes. Inkonsistente oder falsche Schreibweisen von Eigennamen (Wolf/Wolff, Hoffmannsthal) wurden beibehalten. ] ROSA LUXEMBURG BRIEFE AUS DEM GEFNGNIS INTERNATIONALE JUGENDBIBLIOTHEK Nr.10 ROSA LUXEMBURG Briefe aus dem Gefngnis Mit einem Bild und einem Faksimile 1922 VERLAG DER JUGENDINTERNATIONALE BERLIN-SCHNEBERG Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der bersetzung Copyright by Verlag der _Jugendinternationale_, Berlin-Schneberg 21. BIS 40. TAUSEND Herausgegeben vom Exekutivkomitee der Kommunistischen Jugendinternationale Druck von Walter Grtzmacher, Berlin SW61, Blcherstr.22 [Illustration: Rosa Luxemburg] Zur Einfhrung Drei Jahre und vier Monate hat Rosa Luxemburg whrend des Krieges im Gefngnis verbracht, ein Jahr (vom Februar 1915 bis Februar 1916) im Berliner Weibergefngnis (Barnimstrae) fr eine in Frankfurt a.M. gehaltene Rede ber die Soldatenmihandlungen, dann zwei Jahre und vier Monate (vom 10. Juli 1916 bis zum 10. November 1918) in Schutzhaft in Berlin, Wronke und Breslau. Sie war ganz von der Auenwelt abgeschnitten, nur Bcher und Briefe, die strenge Zensur passiert hatten, durften sie erreichen. Einmal im Monat war Besuch unter strenger Aufsicht gestattet. Die Kraft der mutigsten Vorkmpferin des Proletariats sollte gebrochen und ihre weckende, die Lge geielnde, die Wahrheit wissende Stimme sollte zum Schweigen gebracht werden. Beides milang. Dieser sthlerne Wille erschlaffte nicht. Rosa Luxemburg hat in diesen Gefngnisjahren unermdlich gearbeitet. -- Die unsagbare Einsamkeit endloser Tage und Nchte sammelte alle Krfte ihres Geistes und ihrer Seele. Die Leidenschaft der Erkenntnis lie ihre Stimme zu Fanfarentnen anschwellen: die berhmte Junius-Broschre, die hinter Gittern entstand, war nicht der einzige Weckruf, der den Weg aus dem Gefngnis fand. Flugbltter, Aufrufe und wesentliche Beitrge zu den Spartakus-Briefen wute Rosa Luxemburg ihren politischen Freunden zu bermitteln. Durch aufreibende illegale Korrespondenz und Arbeit suchte sie von ihrer Zelle aus die revolutionre Entwicklung der deutschen Arbeiter zu lenken. Doch weder ihre wissenschaftliche noch ihre agitatorische Arbeit aus diesen furchtbaren Jahren soll hier gewrdigt werden. Hier gilt es, der Jugend, den Arbeitern, all denen, fr deren Wohl und Freiheit sie kmpfte, litt und starb -- durch feige Verbrecherhnde starb -- die ganze Seele der Vielverleumdeten zu zeigen. Hier schwindet die Scheu vor Preisgabe persnlichen Lebens. Diese privaten Briefe sind keine Privatbriefe mehr. Wer die Wissenschaftlerin und Kmpferin Rosa Luxemburg kennt, kennt noch nicht alle Seiten ihres Wesens. Die Briefe aus dem Gefngnis runden das Bild. Die Anhnger und Mitkmpfer Rosa Luxemburgs haben ein Recht darauf, den Reichtum ihres unermdlich quellenden Herzens zu kennen. Sie sollen sehen, wie diese Frau, ber ihren eigenen Leiden stehend, alle Wesen der Schpfung mit verstehender Liebe und dichterischer Kraft umfngt, wie ihr Herz in Vogelrufen erzittert, wie Verse beschwingter Sprache in ihr widerklingen, wie Schicksal und tgliches Tun der Freunde in ihr geborgen sind. So stellen wir das Denkmal auf, das die Tote sich selbst errichtet hat. Berlin, August 1920 Die Herausgeber Die in dieser Sammlung enthaltenen Briefe sind an Frau Sophie Liebknecht gerichtet [Illustration: Aus dem Briefe vom 20. Juli 1917] AUS LEIPZIG _Postkarte._[1] Leipzig, 7. 7. 16. Meine liebe kleine Sonja! Es ist heute eine drckende feuchte Hitze, wie meist in Leipzig -- ich vertrage so schlecht die Luft hier. Ich sa vormittag 2 Stunden in den Anlagen am Teich und las im Reichen Mann.[2] Die Sache ist brillant. Ein altes Mtterchen setzte sich neben mich, tat einen Blick auf das Titelblatt und lchelte: Das mu ein feines Buch sein. Ich lese auch gern Bcher. Bevor ich mich zum Lesen hinsetzte, prfte ich natrlich die Anlagen auf Bume und Strucher hin -- alles bekannte Gestalten, was ich mit Befriedigung feststellte. Die Berhrung mit Menschen befriedigt mich dagegen immer weniger; ich glaube, ich werde mich doch bald ins Anachoretentum zurckziehen, wie der hl. Antonius, aber -- sans tentations mehr. Seien Sie heiter und ruhig. Herzliche Gre Rosa. Den Kindern viele Gre. AUS BERLIN _Postkarte._ Berlin, den 5. 8. 1916. (Gefngnis in der Barnimstrae.) Meine liebe kleine Sonja! Heute, am 5. August, erhalte ich soeben Ihre beiden Briefe zusammen: den vom 11. Juli (!!) und den vom 23. Juli. Sie sehen, die Post zu mir geht lnger als nach New York. Inzwischen habe ich auch die Bcher gekriegt, die Sie mir geschickt hatten und ich danke Ihnen fr alles aufs herzlichste. Es tut mir sehr weh, da ich Sie in Ihrer Lage verlassen mute; wie gern mchte ich mit Ihnen im Feld wieder ein wenig schlendern oder im Erker in der Kche auf den Sonnenuntergang blicken .... Von Helmi hatte ich eine ausfhrliche Karte mit der Reisebeschreibung. Vielen, vielen Dank auch fr Hoelderlin. Aber Sie mssen nicht so mit dem Geld fr mich schmeien, das ist mir eine Pein. Auch fr alle guten Sachen und die Wicken herzlichen Dank. Schreiben Sie bald, dann kriege ich es vielleicht noch in diesem Monat. Ich drcke Ihnen fest und warm die Hand. Bleiben Sie tapfer und lassen Sie sich nicht niederdrcken. Ich bin in Gedanken bei Ihnen. Gren Sie vielmals Karl und die Kinder. Ihre Rosa. Pierre Loti ist wunderbar, die andern habe ich noch nicht gelesen. AUS WRONKE _Postkarte._[3] Wronke, 24. 8. 1916. Liebe Sonitschka, da ich jetzt nicht bei Ihnen sein kann! Die Sache trifft mich schwer. Aber, bitte, behalten Sie den Kopf oben, manches wird schon anders, als es jetzt aussieht. _Jetzt mssen Sie aber fort_ -- irgendwo aufs Land, ins Grne, wo es schn ist und wo Sie Pflege finden. Es hat keinen Sinn und Zweck, da Sie jetzt weiter hier sitzen und immer mehr herunterkommen. Bis zur letzten Instanz knnen wieder Wochen vergehen. Bitte, gehen Sie sobald wie irgend mglich.... Fr Karl wird es sicher auch eine Erleichterung sein, wenn er Sie auf Erholung wei. Tausend Dank fr Ihre lieben Zeilen vom 10. und fr die guten Gaben. Sicher werden wir nchstes Frhjahr zusammen im Feld und im Botanischen herumstreifen, ich freue mich jetzt schon darauf. Aber jetzt gehen Sie fort von hier, Sonitschka! Knnen Sie nicht zum Bodensee, damit Sie ein bichen den Sden spren!? Bevor Sie gehen, mchte ich Sie unbedingt sehen, machen Sie eine Eingabe in der Kommandantur. Schreiben Sie bald wieder eine Zeile. Bleiben Sie ruhig und heiter trotz alledem! Ich umarme Sie. R. Fr Karl tausend herzliche Gre. Die beiden Karten von Helmi und Bobbi habe ich erhalten und mich sehr gefreut. Wronke, 21. 11. 16. Meine geliebte kleine Sonitschka, ich erfuhr von Mathilde, da Ihr Bruder gefallen ist, und bin ganz erschttert von diesem Schlag, der Sie wieder traf. Was mssen Sie alles in der letzten Zeit ertragen! Und ich kann nicht einmal bei Ihnen sein, um Sie ein wenig zu erwrmen und aufzuheitern!... Auch bin ich unruhig um Ihre Mutter, wie sie dieses neue Leid ertragen wird. Das sind bse Zeiten, und wir haben alle eine lange Verlustliste im Leben zu verzeichnen. Jeder Monat kann jetzt wahrhaftig wie bei Sebastopol fr ein Jahr zhlen. Hoffentlich kann ich Sie recht bald sehen, ich sehne mich danach von ganzem Herzen. Wie haben Sie die Nachricht von Ihrem Bruder erhalten, durch die Mutter oder direkt? Und was hren Sie von dem anderen Bruder? Ich wollte Ihnen so gern durch die Mathilde etwas schicken, habe aber hier leider gar nichts, als das kleine bunte Tchlein; lachen Sie's nicht aus; es sollte Ihnen nur sagen, da ich Sie sehr liebe. Schreiben Sie bald eine Zeile, damit ich sehe, in welcher Verfassung Sie sind. Gren Sie tausendmal Karl. Ich umarme Sie herzlichst Ihre Rosa. Den Kindern viele Gre! Wronke, 15. 1. 17. .... Ach, heute gab es einen Augenblick, da ich's bitter sprte. Der Pfiff der Lokomotive um 3,19 sagte mir, da Mathilde abdampft, und ich lief gerade wie ein Tier im Kfig den gewohnten Spaziergang an meiner Mauer entlang, hin und zurck, und mein Herz krampfte sich zusammen vor Schmerz, da ich nicht auch fort von hier kann, o, nur fort von hier! Aber das macht nichts, mein Herz kriegte gleich darauf einen Klaps und mute kuschen; es ist schon gewhnt, zu parieren wie ein gut dressierter Hund. Reden wir nicht von mir. Sonitschka, wissen Sie noch, was wir uns vorgenommen haben, wenn der Krieg vorbei ist? Eine Reise zusammen nach dem Sden. Und wir tun das! Ich wei, Sie trumen davon, mit mir nach Italien zu gehen, das Ihnen das Hchste ist. Ich plane hingegen, Sie nach Korsika zu schleppen. Das ist noch mehr als Italien. Dort vergit man Europa, wenigstens das moderne Europa. Denken Sie sich eine breite heroische Landschaft mit strengen Konturen der Berge und Tler, oben nichts als kahle Felsklumpen von edlem Grau, unten ppige Oliven, Lorbeerkirschen und uralte Kastanienbume. Und ber allem eine vorweltliche Stille -- keine Menschenstimme, kein Vogelruf, nur ein Flchen schlickert irgendwo zwischen Steinen, oder in der Hhe raunt zwischen Felsklippen der Wind -- noch derselbe, der Odysseus' Segel schwellte. Und was Sie an Menschen treffen, stimmt genau zur Landschaft. Pltzlich erscheint z.B. hinter einer Biegung des Bergpfades eine Karawane -- die Korsen gehen immer hintereinander in gestreckter Karawane, nicht im Haufen wie unsere Bauern. Vorne luft gewhnlich ein Hund, dann schreitet langsam etwa eine Ziege oder ein mit Scken voller Kastanien beladenes Eselchen, dann folgt ein groes Maultier, auf dem eine Frau im Profil zum Tiere mit gerade herabhngenden Beinen sitzt, ein Kind in den Armen. Sie sitzt hoch aufgerichtet, schlank wie eine Zypresse, unbeweglich; daneben schreitet ein brtiger Mann in ruhiger fester Haltung, beide schweigen. Sie wrden schwren: es ist die heilige Familie. Und solche Szenen treffen Sie dort auf jeden Schritt. Ich war jedesmal so ergriffen, da ich unwillkrlich in die Knie sinken wollte, wie ich's immer vor vollendeter Schnheit mu. Dort ist noch die Bibel lebendig und die Antike. Wir mssen hin, und so wie ich's getan: zu Fu die ganze Insel durchqueren, jede Nacht an einem anderen Ort ruhen, jeden Sonnenaufgang schon im Wandern begren. Lockt Sie das? Ich wre glcklich, Ihnen diese Welt vorzufhren... Lesen Sie viel, Sie mssen auch geistig vorwrts kommen, und Sie knnen das -- Sie sind noch frisch und biegsam. Und nun mu ich schlieen. Seien Sie heiter und ruhig an diesem Tage. Ihre Rosa. Wronke, 18. 2. 17. .... Seit langem hat mich nichts so erschttert, wie der kurze Bericht Marthas ber Ihren Besuch bei Karl, wie Sie ihn hinter dem Gitter fanden und wie das auf Sie wirkte. Weshalb haben Sie mir das verschwiegen? Ich habe ein Anrecht, an allem, was Ihnen weh tut, teilzunehmen, und lasse meine Besitzrechte nicht krzen! Die Sache hat mich brigens lebhaft an mein erstes Wiedersehen mit den Geschwistern vor 10Jahren in der Warschauer Zitadelle erinnert. Dort wird man in einem frmlichen Doppelkfig aus Drahtgeflecht vorgefhrt, d.h. ein kleinerer Kfig steht frei in einem greren, und durch das flimmernde Geflecht der beiden mu man sich unterhalten. Da es dazu just nach einem 6tgigen Hungerstreik war, war ich so schwach, da mich der Rittmeister (unser Festungskommandant) ins Sprechzimmer fast tragen mute und ich mich im Kfig mit beiden Hnden am Draht festhielt, was wohl den Eindruck eines wilden Tieres im Zoo verstrkte. Der Kfig stand in einem ziemlich dunklen Winkel des Zimmers und mein Bruder drckte sein Gesicht ziemlich dicht an den Draht. Wo bist Du? frug er immer und wischte sich vom Zwicker die Trnen, die ihn am Sehen hinderten. -- Wie gern und freudig wrde ich jetzt dort im Luckauer Kfig sitzen, um es Karl abzunehmen! Richten Sie an Pfemfert meinen herzl. Dank fr den Galsworthy aus. Ich habe ihn gestern zu Ende gelesen und freue mich sehr darber. Dieser Roman hat mir freilich viel weniger gefallen als Der reiche Mann, nicht trotzdem, sondern weil die soziale Tendenz dort mehr berwiegt. Im Roman schaue ich nicht nach der Tendenz, sondern nach knstlerischem Wert. Und in dieser Beziehung strt mich in den Weltbrdern, da Galsworthy zu _geistreich_ ist. Das wird Sie wundern. Aber es ist derselbe Typ wie Bernard Shaw und auch wie Oskar Wilde, ein jetzt in der englischen Intelligenz wohl stark verbreiteter Typus: eines sehr gescheiten, verfeinerten, aber blasierten Menschen, der alles in der Welt mit lchelnder Skepsis betrachtet. Die feinen ironischen Bemerkungen, die Galsworthy ber seine eigenen personae dramatis mit dem ernstesten Gesicht macht, lassen mich oft laut auflachen. Aber wie wirklich wohlerzogene und vornehme Menschen nie oder selten ber ihre Umgebung sptteln, wenn sie auch alles Lcherliche bemerken, so ironisiert ein wirklicher Knstler nie ber seine eigenen Geschpfe. Wohlverstanden, Sonitschka, das schliet die Satyre groen Stils nicht aus! Zum Beispiel Emanuel Quint von Gerhart Hauptmann ist die blutigste Satyre auf die moderne Gesellschaft, die seit hundert Jahren geschrieben worden ist. Aber Hauptmann selbst grinst dabei nicht; er steht zum Schlu mit bebenden Lippen und weit offenen Augen, in denen Trnen schimmern. Galsworthy dagegen wirkt auf mich mit seinen geistreichen Zwischenbemerkungen wie ein Tischnachbar, der mir auf einer Soiree beim Eintreten jedes neuen Gastes in den Salon eine Malice ber ihn ins Ohr flstert..... ... Heute ist wieder Sonntag, der ttlichste Tag fr Gefangene und Einsame. Ich bin traurig, wnsche aber sehnlichst, da Sie es nicht sind und Karl auch nicht. Schreiben Sie bald, wann und wohin Sie endlich zur Erholung gehen. Ich umarme Sie herzlichst und gre die Kinder Ihre Rosa. Kann Pf. mir nicht noch etwas Gutes schicken? Vielleicht etwas von Th. Mann? Ich kenne noch nichts von ihm. Noch eine Bitte: die Sonne fngt an, mich im Freien zu blenden; vielleicht schicken Sie mir im Briefcouvert 1 Meter dnnen schwarzen Schleier mit zerstreuten schwarzen Pnktchen! Vielen Dank im voraus. Wronke, 19. 4. 17. Ich habe mich gestern ber Ihren Kartengru herzlich gefreut, obwohl er so traurig klang. Wie mchte ich jetzt bei Ihnen sein, um Sie wieder zum Lachen zu bringen, wie damals nach Karls Verhaftung, als wir Beide -- wissen Sie noch? -- im Caf Frstenhof durch unsere bermtigen Lachsalven einiges Aufsehen erregten. Wie war das damals schn -- trotz alledem! Unsere tgliche Jagd am frhen Morgen auf ein Automobil auf dem Potsdamer Platz, dann die Fahrt zum Gefngnis durch den blhenden Tiergarten in die stille Lehrter Strae mit den hohen Rstern, dann auf dem Rckweg das obligate Absteigen im Frstenhof, dann Ihr obligater Besuch bei mir in Sdende, wo alles in der Maipracht stand, die gemtlichen Stunden in meiner Kche, wo Sie und Mimi am weigedeckten Tischchen geduldig auf die Erzeugnisse meiner Kochkunst warten (wissen Sie noch die feinen haricots verts la Parisienne?...). Zu alledem habe ich die lebhafte Erinnerung eines unvernderlich strahlenden heien Wetters, und nur bei einem solchen hat man ja das richtige freudige Frhlingsgefhl. Dann abends meine obligaten Besuche bei Ihnen, in Ihrem lieben Zimmerchen -- ich habe Sie so gern als Hausfrau, das steht Ihnen so besonders lieb, wenn Sie mit Ihrem Backfischfigrchen am Tisch stehend, Tee einschenken -- und schlielich um Mitternacht unsere gegenseitige Begleiterei nach Hause durch die duftenden dunklen Straen! Erinnern Sie sich noch der fabelhaften Mondnacht in Sdende, in der ich Sie heimbegleitete und uns die Husergiebel mit ihren schroffen schwarzen Konturen auf dem Hintergrund der sen Himmelsblue wie alte Ritterburgen vorkamen? Sonjuscha, so mchte ich stndig um Sie sein, Sie zerstreuen, mit Ihnen plaudern oder schweigen, damit Sie nicht in Ihr dsteres verzweifeltes Brten verfallen. Sie fragen in Ihrer Karte: warum ist alles so? Sie Kind, so ist eben das Leben seit jeher, alles gehrt dazu: Leid und Trennung und Sehnsucht. Man mu es immer mit allem nehmen und _alles_ schn und gut finden. Ich tue es wenigstens so. Nicht durch ausgeklgelte Weisheit, sondern einfach so aus meiner Natur. Ich fhle instinktiv, da das die einzige richtige Art ist, das Leben zu nehmen und fhle mich deshalb wirklich glcklich in jeder Lage. Ich mchte auch _nichts_ aus meinem Leben missen und nichts anders haben, als es war und ist. Wenn ich Sie doch zu dieser Lebensauffassung bringen knnte!... Ich habe Ihnen noch nicht fr das Bild Karls gedankt. Wie haben Sie mich damit erfreut! Es war wirklich das schnste Geburtstagsgeschenk, das Sie mir geben konnten. Es steht im guten Rahmen auf dem Tisch vor mir und verfolgt mich berall mit seinen Blicken (Sie wissen, es gibt Bilder, die einen anzuschauen scheinen, wo man sie auch hinstellt). Das Bild ist ausgezeichnet getroffen. Wie mu Karl sich jetzt ber die Nachrichten aus Ruland freuen! Aber auch Sie persnlich haben Grund, frhlich zu sein: nun wird ja der Reise Ihrer Mutter zu Ihnen wohl nichts im Wege stehen! Haben Sie das schon ins Auge gefat? Ihretwegen wnsche ich dringend Sonne und Wrme herbei. Hier steht noch alles erst in Knospen und gestern hatten wir Schneegraupen. Wie mag es wohl in meiner sdlichen Landschaft in Sdende aussehen? Voriges Jahr standen wir beide dort vor dem Gitter und Sie bewunderten die Flle des Flors.... Sie sollen sich nicht mit Briefen abqulen. Ich will Ihnen hufig schreiben, mir gengt aber vollkommen, wenn Sie einen kurzen Gru auf einer Postkarte schicken! Seien Sie viel im Freien, botanisieren Sie viel. Haben Sie den kleinen Blumenatlas von mir mit? Seien Sie ruhig und heiter, Liebste, alles wird gut gehen! Sie werden sehen! Ich umarme Sie vielmals und herzlich stets Ihre Rosa. Wronke, 2. 5. 17. ....... Vorigen April rief ich Euch einmal Beide, wenn Sie sich erinnern, telephonisch dringend um 10Uhr frh in den Botanischen, um mit mir die Nachtigall zu hren, die ein ganzes Konzert gab. Wir saen dann still versteckt im dichten Gebsch auf Steinen an einem kleinen sickernden Wasser; nach der Nachtigall hrten wir aber pltzlich so einen eintnigen klagenden Ruf, der etwa so lautete: Gligligligligliglick! Ich sagte, das klinge wie irgend ein Sumpf- oder Wasservogel, und Karl stimmte dem bei, aber wir konnten absolut nicht herausfinden, wer's war. Denken Sie, denselben Klageruf hrte ich pltzlich _hier_ in der Nhe vor einigen Tagen in der Frhe, so da mir das Herz vor Ungeduld pochte, endlich zu erfahren, wer das sei. Ich hatte keine Ruhe, bis ich's heute herausfand: es ist kein Wasservogel, sondern der _Wendehals_, eine graue Spechtart. Er ist nur ein wenig grer als der Sperling und hat seinen Namen daher, weil er in Gefahr die Feinde durch komische Gebrden und Kopfverrenkungen zu schrecken sucht. Er lebt nur von Ameisen, die er an seiner klebrigen Zunge ansammelt, wie der Ameisenbr. Die Spanier nennen ihn deshalb Hormiguero -- der Ameisenvogel. Mrike hat brigens auf diesen Vogel ein sehr hbsches Scherzgedicht gemacht, das Hugo Wolf auch vertont hat. Mir ist, als htte ich ein Geschenk gekriegt, seit ich wei, wer der Vogel mit der klagenden Stimme ist. Vielleicht schreiben Sie es auch Karl, es wrde ihn freuen. Was ich lese? Hauptschlich Naturwissenschaftliches: Pflanzengeographie und Tiergeographie. Gestern las ich gerade ber die Ursache des Schwindens der Singvgel in Deutschland: es ist die zunehmende rationelle Forstkultur, Gartenkultur und der Ackerbau, die ihnen alle natrlichen Nist- und Nahrungsbedingungen: hohle Bume, dland, Gestrpp, welkes Laub auf dem Gartenboden -- Schritt fr Schritt vernichten. Mir war es so sehr weh, als ich das las. Nicht um den Gesang fr die Menschen ist es mir, sondern das Bild des stillen unaufhaltsamen Untergangs dieser wehrlosen kleinen Geschpfe schmerzt mich so, da ich weinen mute. Es erinnerte mich an ein russisches Buch von Prof. Sieber ber den Untergang der Rothute in Nordamerika, das ich noch in Zrich gelesen habe: sie werden genau so Schritt fr Schritt durch die Kulturmenschen von ihrem Boden verdrngt und einem stillen grausamen Untergang preisgegeben. Aber ich bin ja natrlich krank, da mich jetzt alles so tief erschttert. Oder wissen Sie? ich habe manchmal das Gefhl, ich bin kein richtiger Mensch, sondern auch irgend ein Vogel oder ein anderes Tier in Menschengestalt; innerlich fhle ich mich in so einem Stckchen Garten wie hier oder im Feld unter Hummeln und Gras viel mehr in meiner Heimat als -- auf einem Parteitag. Ihnen kann ich ja wohl das alles sagen: Sie werden nicht gleich Verrat am Sozialismus wittern. Sie wissen, ich werde trotzdem hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Straenschlacht oder im Zuchthaus. Aber mein innerstes Ich gehrt mehr meinen Kohlmeisen als den Genossen. Und nicht etwa, weil ich in der Natur, wie so viele, innerlich bankerotte Politiker ein Refugium, ein Ausruhen finde. Im Gegenteil, ich finde auch in der Natur auf Schritt und Tritt so viel Grausames, da ich sehr leide. Denken Sie z.B., da mir das folgende kleine Erlebnis nicht aus dem Sinn kommt. Vorigen Frhling ging ich in meiner stillen leeren Strae von einem Feldspaziergang heim, als mir auf dem Boden ein dunkler kleiner Fleck auffiel. Ich bckte mich und sah ein lautloses Trauerspiel: ein groer Mistkfer lag auf dem Rcken und wehrte sich hilflos mit den Beinen, whrend ein ganzer Haufen winziger Ameisen auf ihm herumwimmelten und ihn -- bei lebendigem Leibe verzehrten! Mich schauerte es, ich nahm mein Taschentuch heraus und fing an, die brutalen Bestien wegzujagen. Sie waren aber so frech und hartnckig, da ich einen langen Kampf mit ihnen ausfechten mute, und als ich endlich den armen Dulder befreit und weit aufs Gras gelegt hatte, waren ihm schon zwei Beine abgefressen.... Ich lief fort mit dem peinigenden Gefhl, da ich ihm schlielich eine sehr zweifelhafte Wohltat erwiesen habe. Jetzt gibt es schon so lange Dmmerung abends. Wie liebe ich sonst diese Stunde! In Sdende hatte ich viele Amseln, hier sehe und hre ich jetzt keine. Den ganzen Winter ftterte ich ein Paar und nun ist es verschwunden. In Sdende pflegte ich um diese Zeit abends in der Strae herumzuschlendern; es ist so schn, wenn noch im letzten violetten Tageslicht pltzlich die rosigen Gasflammen an den Laternen aufzucken und noch so fremd in der Dmmerung aussehen, als schmten sie sich selbst ein wenig. Durch die Strae huscht dann geschftig die undeutliche Gestalt irgend einer verspteten Portierfrau oder eines Dienstmdchens, die noch schnell zum Bcker oder Krmer laufen, um etwas zu holen. Die Schusterkinder, mit denen ich befreundet bin, pflegten noch in der Strae im Dunkeln zu spielen, bis sie von der Ecke aus energisch nach Hause gerufen wurden. Um diese Stunde gab es immer noch irgend eine Amsel, die keine Ruhe finden konnte und pltzlich wie ein ungezogenes Kind kreischte oder plapperte aus dem Schlaf und geruschvoll von einem Baum zum andern flog. Und ich stand da mitten in der Strae, zhlte die ersten Sterne und mochte gar nicht heim aus der linden Luft und der Dmmerung, in der sich der Tag und die Nacht so weich aneinanderschmiegten. Sonjuscha, ich schreibe Ihnen bald wieder. Seien Sie ruhig und heiter, alles wird gut werden, auch mit Karl. Auf Wiedersehen bis zum nchsten Brief. Ich umarme Sie. Ihre Rosa. Wronke, 19. 5. 17. ....... Wie schn ist es jetzt hier! Alles grnt und blht. Die Kastanienbume sind in frischem herrlichen Laubschmuck, die Zierjohannisbeeren haben gelbe Sternchen, die Zierkirsche mit dem rtlichen Laub blht auch schon und der Faulbaum wird nchstens blhen. Ich habe heute von Luise Kautsky, die mich besucht hat, zum Abschied einen Haufen Vergimeinnicht und Stiefmtterchen gekriegt und sie selbst eingepflanzt! Zwei runde Klmbchen und eine gerade Linie dazwischen, immer abwechselnd Vergimeinnicht und Stiefmtterchen, -- alles steht so fest; ich traue kaum meinen Augen, denn ich habe zum ersten Mal im Leben gepflanzt und alles ist gleich so gelungen. Gerade zu Pfingsten werde ich so viel Blumen vor dem Fenster haben! Vgel gibt es jetzt hier eine Menge neue, jeden Tag lerne ich wieder einen kennen, den ich nie gesehen hatte. Ach, wissen Sie noch, damals im Botanischen mit Karl in der Frhe, als wir die Nachtigall hrten, da sahen wir auch einen so groen Baum, der noch ganz ohne Laub, aber massenhaft mit kleinen leuchtend weien Blten bedeckt war; wir zerbrachen uns den Kopf, was denn das sei, denn es war klar, da es kein Obstbaum war und die Blten waren auch etwas seltsam. Jetzt wei ich! Das ist eine Silberpappel und diese Blten sind keine Blten, sondern junge Blttchen. Das erwachsene Blatt der Silberpappel ist nmlich nur unten wei, oben dunkelgrn, die jungen aber sind noch beiderseits mit weiem Flaum bedeckt und leuchten in der Sonne wie weie Blten. Solch eine groe Pappel steht hier in meinem Grtlein und auf ihr sitzen mit Vorliebe alle Singvgel. Damals, am gleichen Tage, wart Ihr Beide bei mir abends, erinnern Sie sich noch? Es war so schn; wir lasen uns etwas vor, und um Mitternacht, als wir stehend Abschied nahmen -- durch die offene Balkontr flo himmlische Luft mit Jasminduft herein --, trug ich Euch noch jenes spanische Lied vor, das ich so gern habe: Gepriesen sei, durch wen die Welt entstund, Wie trefflich schuf er sie nach allen Seiten, Er schuf das Meer mit endlos tiefem Grund, Er schuf die Schiffe, die hinbergleiten. Er schuf das Paradies mit ewigem Licht, Er schuf die Erde -- und Dein Angesicht!.... Ach Sonitschka, wenn Sie das nicht in Wolfscher Musik gehrt haben, dann wissen Sie nicht, wieviel glhende Leidenschaft in diesen schlichten zwei Schluworten liegt. Jetzt, whrend ich das schreibe, ist eine groe Hummel ins Zimmer geflogen und fllt es mit tiefem Brummen. Wie schn das ist, welche tiefe Lebensfreude liegt in diesem satten Ton, der von Flei und Sommerhitze und Blumenduft vibriert. Sonitschka, seien Sie heiter und schreiben Sie bald, bald, ich habe Sehnsucht. Ihre Rosa. Wronke, den 23. 5. 17. ... Ihr letzter Brief vom 14. war schon hier, als ich den meinigen abschickte. Ich bin sehr froh, wieder in Fhlung mit Ihnen zu sein und mchte Ihnen heute einen warmen Pfingstgru senden! Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen, so beginnt der Goethesche Reineke Fuchs. Hoffentlich werden Sie es einigermaen heiter verleben. Voriges Jahr haben wir ja zu Pfingsten mit Mathilde den schnen Ausflug nach Lichtenrade gemacht, wo ich die hren fr Karl pflckte und den wundervollen Zweig mit Birkenktzchen. Am Abend gingen wir dann noch als die drei edlen Frauen aus Ravenna mit Rosen in der Hand auf dem Sdender Feld spazieren.... Hier blht jetzt auch schon der Flieder, heute ist er aufgegangen; es ist so warm, da ich mein leichtestes Mousselinkleid anziehen mute. Trotz Sonne und Wrme sind aber meine Vglein nach und nach fast ganz verstummt. Sie sind offenbar alle vom Brutgeschft sehr in Anspruch genommen; die Weibchen sitzen im Nest, und die Mnnchen haben alle Schnabel voll zu tun, um fr sich und die Gattinnen Nahrung zu suchen. Auch nisten sie wohl mehr drauen im Feld oder auf greren Bumen, wenigstens ist es jetzt in meinem Grtlein still; nur hie und da schlgt kurz die Nachtigall, oder der Grnling macht seine klopfenden Tritte, oder spt abends schmettert noch einmal der Buchfink, meine Meisen lassen sich gar nicht mehr blicken. Nur einen kurzen Gru bekam ich pltzlich gestern von weitem von einer Blaumeise, und das hat mich ganz erschttert. Die Blaumeise ist nmlich nicht wie die Kohlmeise Standvogel, sondern sie kommt erst Ende Mrz wieder zu uns. Sie hielt sich auch zuerst immer in der Nhe meiner Fenster, kam mit den anderen zum Fenster und sang fleiig ihr drolliges Zizi b, aber so ganz gedehnt, da es wie ungezogenes Kindernecken klang. Ich mute jedesmal lachen und ihr ebenso antworten. Dann verschwand sie anfangs Mai mit den anderen, um irgendwo drauen zu brten. Ich sah und hrte sie wochenlang nicht mehr. Gestern hre ich pltzlich von drben ber die Mauer, die unseren Hof von einem anderen Gefngnisterrain trennt, den bekannten Gru, aber so ganz verndert, nur ganz kurz und eilig dreimal hintereinander Zizi b -- Zizi b -- Zizi b, dann wurde es still. Mir zuckte das Herz zusammen, so viel lag in diesem eiligen, fernen Ruf, eine ganze kleine Vogelgeschichte. Das war nmlich eine Erinnerung der Blaumeise an die schne Zeit des Liebeswerbens im Vorfrhling, wo man den ganzen Tag sang und lockte; jetzt aber heit es den ganzen Tag fliegen und Mcken sammeln fr sich und die Familie, also nur kurz eine Reminiszenz: Ich habe keine Zeit -- ach ja, es war schn -- Frhling ist bald zu Ende -- Zizi b -- Zizi b -- Zizi b--! ------ Glauben Sie mir, Sonjuscha, da mich ein solcher kleiner Vogelruf, in dem so viel Ausdruck liegt, tief ergreifen kann. Meine Mutter, die nebst Schiller die Bibel fr der hchsten Weisheit Quell hielt, glaubte steif und fest, da Knig Salomo die Sprache der Vgel verstand. Ich lchelte damals mit der ganzen berlegenheit meiner 14Jahre und einer modernen naturwissenschaftlichen Bildung ber diese mtterliche Naivitt. Jetzt bin ich selbst wie Knig Salomo: ich verstehe auch die Sprache der Vgel und der Tiere. Natrlich nicht, als ob sie menschliche Worte gebrauchten, sondern ich verstehe die verschiedensten Nuancen und Empfindungen, die sie in ihre Laute legen. Nur dem rohen Ohr eines gleichgltigen Menschen ist ein Vogelgesang immer ein und dasselbe. Wenn man die Tiere liebt und fr sie Verstndnis hat, findet man groe Mannigfaltigkeit des Ausdrucks, eine ganze Sprache. Auch das allgemeine Verstummen jetzt nach dem Lrm des Vorfrhlings, und ich wei, wenn ich noch im Herbst hier bin, was aller Wahrscheinlichkeit nach der Fall sein wird, dann werden alle meine Freunde wieder zurckkehren und an meinem Fenster Futter suchen; ich freue mich schon jetzt auf die eine Kohlmeise, mit der ich besonders befreundet bin. Sonjuscha, Sie sind erbittert ber meine lange Haft und fragen: Wie kommt es, da Menschen ber andere Menschen entscheiden drfen. Wozu ist das alles? Verzeihen Sie, aber ich mute beim Lesen laut herauslachen. Bei Dostojewski, in den Brdern Karamasoff, gibt es eine Madame Chochlakowa, die genau solche Fragen zu stellen pflegte, wobei sie ratlos von einem zum andern in der Gesellschaft herumblickte, ehe aber auch nur einer zu antworten versuchte, schon auf etwas anderes herbersprang. Mein Vglein, die ganze Kulturgeschichte der Menschheit, die nach bescheidenen Schtzungen einige zwanzig Jahrtausende dauert, basiert auf der Entscheidung von Menschen ber andere Menschen, was in den materiellen Lebensbedingungen tiefe Wurzeln hat. Erst eine weitere qualvolle Entwicklung vermag dies zu ndern, wir sind ja gerade jetzt Zeugen einer dieser qualvollen Kapitel, und Sie fragen, wozu das Alles? Wozu ---- ist berhaupt kein Begriff fr die Gesamtheit des Lebens und seine Formen. Wozu gibt es Blaumeisen auf der Welt? Ich wei es wirklich nicht, aber ich freue mich, da es welche gibt und empfinde als sen Trost, wenn mir pltzlich ber die Mauer ein eiliges Zizi b aus der Ferne herbertnt. Sie berschtzen brigens meine Abgeklrtheit. Mein inneres Gleichgewicht und meine Glckseligkeit knnen leider schon beim leisesten Schatten, der auf mich fllt, aus den Fugen gehen, und ich leide dann unaussprechlich, nur da ich die Eigentmlichkeit besitze, dann zu verstummen. Buchstblich, Sonitschka, ich kann dann kein Wort ber die Lippen bringen. Zum Beispiel in diesen letzten Tagen, ich war schon so heiter und selig, freute mich der Sonne, da erfate mich pltzlich am Montag ein eisiger Sturmwind, und auf einmal wandelte sich meine strahlende Heiterkeit in tiefsten Jammer. Und wenn meiner Seele Glck in Person pltzlich vor mir stnde, ich brchte keinen Ton ber die Lippen und knnte hchstens mit stummem Blick meine Verzweiflung klagen. Freilich komme ich selten genug in die Versuchung zu reden, ich hre ja wochenlang meine eigene Stimme nicht, dies ist brigens der Grund, weshalb ich den heroischen Entschlu gefat habe, meine Mimi doch nicht herkommen zu lassen. Das Tierchen ist gewhnt an Munterkeit und Leben, sie hat es gern, wenn ich singe, lache und mit ihr durch alle Zimmer Haschen spiele, sie wrde mir ja hier trbsinnig werden. Ich lasse sie also bei Mathilde. Mathilde kommt zu mir in den nchsten Tagen und ich hoffe mich dann wieder aufzurappeln. Vielleicht wird Pfingsten auch fr mich das liebliche Fest sein. Sonitschka, seien Sie mir heiter und ruhig, alles wird doch noch gut werden, glauben Sie mir, gren Sie herzlichst Karl, ich umarme Sie vielmals Ihre Rosa. Vielen Dank fr das schne Bildchen. Wronke, Ende Mai 1917. Sonjuscha, wissen Sie, wo ich bin, wo ich Ihnen diesen Brief schreibe? Im Garten! Ich habe mir ein kleines Tischchen herausgeschleppt und sitze nun versteckt zwischen grnen Struchern. Rechts von mir die gelbe Zierjohannisbeere, die nach Gewrznelken duftet, links ein Ligusterstrauch, ber mir reichen ein Spitzahorn und ein junger, schlanker Kastanienbaum einander ihre breiten, grnen Hnde, und vor mir rauscht langsam mit ihren weien Blttern die groe, ernste und milde Silberpappel. Auf dem Papier, auf dem ich schreibe, tanzen leichte Schatten der Bltter mit hellen Lichtkringeln der Sonne, und von dem regenfeuchten Laub fllt mir auf Gesicht und Hnde ab und zu ein Tropfen. In der Gefngniskirche ist Gottesdienst; dumpfes Orgelspiel dringt undeutlich heraus, gedeckt vom Rauschen der Bume und dem hellen Chor der Vgel, die heute alle munter sind; aus der Ferne ruft der Kuckuck. Wie ist es schn, wie bin ich glcklich, man sprt schon beinahe die Johannisstimmung -- die volle, ppige Reife des Sommers und den Lebensrausch; kennen Sie die Szene in den Wagnerschen Meistersingern, die Volksszene, wo eine bunte Menge in die Hnde klatscht: Johannistag! Johannistag! und alles pltzlich anfngt, einen Biedermeierwalzer zu tanzen? In diese Stimmung knnte man in diesen Tagen kommen. -- Was habe ich alles gestern erlebt!! Das mu ich Ihnen erzhlen. Vormittag fand ich im Baderaum am Fenster ein groes Pfauenauge. Es war wohl schon ein paar Tage drin und hatte sich an der harten Scheibe zu Tode mattgeflattert; es gab nur noch schwache Lebenszeichen mit den Flgeln. Als ich es bemerkte, zog ich mich zitternd vor Ungeduld wieder an, kletterte aufs Fenster und nahm es behutsam in die Hnde, -- es wehrte sich nicht mehr, und ich dachte, es sei wohl schon tot. Ich setzte es bei mir auf das Gesims vor dem Fenster, damit es zu sich kme, und da regte sich noch schwach das Lebensflmmchen, aber es blieb still sitzen; dann legte ich ihm vor die Fhler ein paar offene Blten, damit es was zu essen habe; gerade sang vor dem Fenster hell und bermtig der Gartensptter, da es hallte; ich sagte unwillkrlich laut: hr zu, wie das Vglein lustig singt, da mu dir doch auch das bichen Leben zurckkehren! Ich mute selbst lachen ber diese Ansprache an das halbtote Pfauenauge und dachte mir: verlorene Worte! Aber nein -- nach einer halben Stunde erholte sich das Tierchen, rutschte erst ein bichen hin und her und flog endlich langsam fort! Wie freute ich mich ber diese Rettung! Das war ein Erlebnis. Nachmittags ging ich natrlich wieder in den Garten, in dem ich von 8Uhr frh bis 12 bin (wo man mich zum Essen ruft) und wieder von 3 bis 6. Ich wartete auf die Sonne, ich hatte das Empfinden, sie msse, sie _msse_ sich noch gestern zeigen. Aber sie zeigte sich nicht, und ich wurde traurig. Ich ging im Garten umher und sah bei dem leichten Winde etwas Merkwrdiges: an der Silberpappel zerflatterten die berreifen Ktzchen und ihr Samenflaum flog rings umher, fllte die ganze Luft wie mit Schneeflocken, bedeckte die Erde und den ganzen Hof; das sah so geisterhaft aus, wie der Silberflaum herumflatterte! Die Silberpappel blht spter als alle anderen Ktzchentrger, und dank dieser ppigen Samenausstreuung verbreitet sie sich sehr weit, ihre kleinen Schlinge sprieen wie Unkraut aus allen Ritzen an der Mauer und zwischen Steinen. Dann wurde ich um 6, wie immer, wieder eingesperrt, sa traurig mit einem dumpfen Druck im Kopf am Fenster, denn es war schwl, und blickte hinauf, wo unter weien, flockigen Wolken auf pastellblauem Grund in schwindelnder Hhe die Schwalben munter herumschossen und mit ihren spitzen Flgeln die Luft wie mit Scherchen zu zerschneiden schienen. Bald verdunkelte sich aber der Himmel, alles verstummte, und es gab ein Gewitter mit heftigem Platzregen und zwei krachenden Donnerschlgen, bei denen alles erbebte. Daraus folgte ein Bild, das mir unvergelich bleibt. Das Gewitter hatte sich bald weiter verzogen, der Himmel wurde dick einfarbig grau, eine stumpfe, fahle, gespenstische Dmmerung senkte sich pltzlich auf die Erde, es war, wie wenn dichte graue Schleier herabhingen; der Regen rieselte ganz leise und gleichmig auf die Bltter, das Wetterleuchten flammte einmal ber das andere purpurrot in das bleierne Grau auf, und ein fernes Grollen des Donners rollte immer wieder wie letzte schwache Wellen einer Brandung heran. Und mitten in all dieser gespenstischen Stimmung schlug pltzlich vor meinem Fenster auf dem Ahorn die Nachtigall! Mitten in all dem Regen, im Wetterleuchten, im Donner schmetterte sie wie eine helle Glocke, sie sang wie berauscht, wie besessen, wollte den Donner bertnen, die Dmmerung erhellen -- ich habe nie so Schnes gehrt. Ihr Gesang wirkte auf dem Hintergrund des abwechselnd bleiernen und purpurnen Himmels wie leuchtendes Silbergeflimmer. Das war so geheimnisvoll, so unbegreiflich schn, und ich wiederholte unwillkrlich den letzten Vers jenes Goetheschen Gedichts: O wrst Du da!... Stets Ihre Rosa. Wronke, den 1. 6. 1917. ... die Orchideen berhaupt kenne ich gut; in dem wundervollen Gewchshaus in Frankfurt a.M., wo eine ganze Abteilung mit ihnen angefllt ist, habe ich sie damals nach meinem Proze, wo ich das Jahr gekriegt habe, mehrere Tage fleiig studiert. Ich finde, sie haben in ihrer leichten Grazie und den phantastischen, unnatrlichen Formen etwas so Raffiniertes, Dekadentes. Sie wirken auf mich, wie die zierlichen gepuderten Marquisen des Rokoko. Ich bewundere sie mit einem inneren Widerstreben und einer gewissen Unruhe, wie meiner Natur berhaupt alles Dekadente und Perverse zuwider ist. Viel mehr Freude habe ich z.B. an dem einfachen Lwenzahn, der so viel Sonne in seiner Farbe hat und so ganz wie ich dem Sonnenschein sich voll und dankbar ffnet, beim geringsten Schatten aber wieder scheu verschliet. Was fr Abende jetzt und was fr Nchte! Gestern lag ein unbeschreiblicher Zauber auf allem. Der Himmel war spt nach Sonnenuntergang von leuchtender Opalfarbe mit Streifen von unbestimmter Farbe verschmiert, ganz wie eine groe Palette, auf der der Maler nach fleiiger Tagesarbeit seine Pinsel mit breiter Geste abgewischt hat, um zur Ruhe zu gehen. In der Luft lag ein bichen Gewitterschwle, eine leichte herzbeklemmende Spannung; die Strucher standen vllig regungslos, die Nachtigall lie sich nicht hren, aber der unermdliche Gartensptter mit dem schwarzen Kpfchen hupfte noch in den sten herum und rief schrill. Alles schien auf etwas zu warten. Ich stand am Fenster und wartete gleichfalls -- wei Gott auf was. Nach Einschluß« um sechs habe ich ja zwischen Himmel und Erde auf nichts mehr zu warten.... Wronke, den 20. Juli 1917. Sonitschka, mein Liebling, da mein Ableben hier sich doch lnger hinzieht, als ich ursprnglich annahm, sollen Sie noch einen letzten Gru aus Wronke kriegen. Wie konnten Sie denken, ich wrde Ihnen keine Briefe mehr schreiben! In meiner Gesinnung Ihnen gegenber hat sich nichts gendert, konnte sich nichts ndern. Ich schrieb nicht, weil ich Sie seit der Abreise von Ebenhausen im Trubel von tausenderlei Dingen wute, zum Teil wohl auch, weil ich vorbergehend nicht in Stimmung war. Da es mit mir nach Breslau geht, wissen Sie wohl schon. Hier habe ich heute frh von meinem Grtlein Abschied genommen. Das Wetter ist grau, strmisch und regnerisch, am Himmel jagen zerfetzte Wolken, und doch habe ich meinen blichen Frhspaziergang heute in vollen Zgen genossen. Ich nahm Abschied von dem gepflasterten, schmalen Weg an der Mauer entlang, auf dem ich nun fast neun Monate hin- und hergelaufen bin, in dem ich nun schon jeden Stein und jedes Unkrutlein, das zwischen den Steinen wchst, genau kenne. An den Pflastersteinen interessieren mich die bunten Farben: rtlich, blulich, grn, grau. Namentlich in dem langen Winter, der so sehr auf ein bichen lebendiges Grn warten lie, haben meine farbenhungrigen Augen sich an den Steinen ein wenig Buntheit und Anregung zu schafften gesucht. Und jetzt im Sommer erst, da gab es zwischen den Steinen so viel Eigenartiges und Interessantes zu sehen! Hier hausen nmlich massenhaft wilde Bienen und Wespen. Sie bohren zwischen den Steinen nugroe, runde Lcher und weiter tiefe Gnge hinein, schaffen dabei die Erde von innen an die Oberflche und schichten sie zu ganz hbschen Huflein auf. Drinnen legen sie ihre Eier und arbeiten Wachs und wilden Honig; es ist ein bestndiges Hineinschlpfen und Herausfliegen und ich mute beim Spazierengehen sehr aufpassen, um die unterirdischen Wohnungen nicht zu verschtten. Dann ziehen an mehreren Stellen die Ameisen quer ber den Weg gerade ihre Pfade, auf denen sie bestndig hin- und herlaufen, so auffallend gradlinig, wie wenn sie den mathematischen Satz im Leibe htten, da die gerade Linie die krzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist (was zum Beispiel primitiven Vlkern vllig unbekannt ist). Dann wuchert das ppigste Unkraut an der Mauer; die einen Pflnzlein schon verblht und in Flocken zerflatternd, die anderen unermdlich weiter knospend. Dann gibt es eine ganze Generation junger Bumchen, die in diesem Frhjahr, unter meinen Augen, auf der Erde mitten am Weg oder an der Mauer emporgesprossen sind; eine kleine Akazie, offenbar von einer heruntergefallenen Schote des alten Baumes heuer aufgekeimt. Mehrere kleine Silberpappeln, gleichfalls erst seit Mai auf der Welt, aber schon im ppigen Schmuck weigrner Bltter, die sie im Sturme zierlich wiegen, ganz wie die alten. Wievielmal habe ich ihren Weg durchmessen, wie Verschiedenes dabei innerlich erlebt und gedacht! Im strengen Winter, nach frischem Schneefall, habe ich oft erst mit meinen Fen mir einen Pfad gebahnt, dabei begleitet von meiner geliebten, kleinen Kohlmeise, die ich im Herbst wiederzusehen hoffte und die mich nicht mehr finden wird, wenn sie an den bekannten Futterplatz am Fenster kommt. Im Mrz, als wir mitten unter hartem Frost ein paar Tage Tauwetter kriegten, verwandelte sich mein Weg in ein Flchen. Ich wei noch, wie unter dem lauen Wind sich auf der Wasserflche kleine Wellchen kruselten, und die Backsteine der Mauer sich darauf lebhaft und blank spiegelten, Dann kam endlich der Mai und das erste Veilchen an der Mauer, das ich Ihnen schickte. Wie ich so heute hinber wanderte, betrachtete und sann, summte mir im Kopf immerzu der Vers von Goethe: Merlin der Alte im leuchtenden Grabe wo ich als Jngling gesprochen ihn habe... Sie kennen das ja weiter. Das Gedicht stand natrlich in gar keinem Zusammenhang mit meiner Stimmung und dem, was mich innerlich beschftigte. Es war nur die Musik der Worte und der seltsame Zauber des Gedichtes, was mich in Ruhe wiegte. Ich wei selbst nicht, woher es kommt, da ein schnes Gedicht, besonders Goethe, bei jeder starken Erregung oder Erschtterung auf mich so tief einwirkt. Es ist schon fast eine physiologische Wirkung, als wenn ich ein kstliches Getrnk mit durstenden Lippen schlrfte, das mich innerlich khlt und Leib und Seele gesund macht. Das Gedicht aus dem weststlichen Divan, das Sie in Ihrem letzten Brief erwhnen, kenne ich nicht; schreiben Sie es mir bitte ab. Und noch eins mchte ich seit langem haben, das in meinem hiesigen Goethebndchen fehlt, Blumengruß«. Das ist ein kleines Gedichtlein von vier bis sechs Zeilen, ich kenne es aus einem Wolffschen Lied, das unbeschreiblich schn ist. Namentlich der Schluvers, etwa so: Ich habe sie gepflcket In heier Sehnsuchtsqual, Ich habe sie ans Herz gedrcket, Ach, wohl eintausendmal! Das klingt in der Musik so heilig, zart und keusch, wie ein Niederknien in stummer Anbetung. Aber ich wei den Text nicht mehr und mchte ihn haben. Gestern abend, so um neun, habe ich noch ein herrliches Schauspiel gehabt. Ich bemerkte von meinem Sofa aus in der Fensterscheibe den leuchtenden Reflex einer Rosafarbe, die mich berraschte, da der Himmel ganz grau war. Ich lief zum Fenster und blieb wie gebannt stehen. Auf dem vllig grauen Einerlei des Himmels trmte sich im Osten eine groe Wolke von so berirdisch schner rosa Farbe, so allein fr sich losgelst von allem, da sie wie ein Lcheln aussah, wie ein Gru aus unbekannter Ferne. Ich atmete wie befreit auf und streckte unwillkrlich beide Hnde dem zauberhaften Bild entgegen. Wenn es solche Farben, solche Formen gibt, dann ist das Leben schn und lebenswert, nicht wahr? Ich sog mich mit den Blicken fest an das leuchtende Bild und verschlang jeden rosigen Strahl aus ihm, bis ich pltzlich selbst ber mich auflachen mute. Herr Gott, der Himmel und die Wolken und die ganze Schnheit des Lebens bleiben doch nicht in Wronke, da ich von ihnen Abschied zu nehmen brauchte; nein, sie gehen mit mir fort und bleiben mit mir, wo ich auch bin und so lange ich lebe. Bald berichte ich Ihnen von Breslau, besuchen Sie mich dort, sobald Sie knnen. Gren Sie herzlich Karl. Ich umarme Sie vielmals. Auf Wiedersehen in meinem neunten Gefngnis. Ihre treue Rosa. AUS BRESLAU Breslau, den 2. 8. 1917. Meine liebe Sonitschka, Ihr Brief, den ich am 28. erhielt, war die erste Nachricht, die mich hier von der Auenwelt erreichte, und Sie knnen sich leicht denken, wie sehr ich mich darber freute. Meine bersiedlung nehmen Sie, in Ihrer liebevollen Sorge um mich, entschieden zu tragisch ... Ich nehme, wie Sie wissen, alle Wendungen des Schicksals mit dem ntigen, heiteren Gleichmut hin. Ich habe mich schon hier gut eingelebt, heute sind meine Kisten mit Bchern aus Wronke angekommen, bald werden also meine zwei Zellen hier mit den Bchern und Bildchen und dem bescheidenen Zierrat, den ich sonst mit herumschleppe, wieder so anheimelnd und behaglich aussehen, wie in Wronke, und ich werde mit doppelter Lust an die Arbeit gehen. Was mir hier fehlt, ist natrlich die relative Bewegungsfreiheit, die ich dort hatte, wo die Festung den ganzen Tag offen stand, whrend ich hier einfach eingesperrt bin, dann die herrliche Luft, der Garten und vor allem die Vgel! Sie haben keine Ahnung, wie ich an dieser kleinen Gesellschaft hnge. Aber das alles kann man natrlich entbehren, und bald werde ich vergessen, da ich es je besser hatte als hier. Die ganze Situation hier ist so ziemlich genau wie in der Barnimstrae, nur der hbsche, grne Lazaretthof fehlt, in dem ich doch jeden Tag irgendeine kleine botanische oder zoologische Entdeckung machen konnte. Hier gibt es auf dem groen, gepflasterten Wirtschaftshof, der mir zum Spaziergang dient, nichts zu entdecken. Und ich hefte krampfhaft meine Blicke beim Wandeln auf die grauen Pflastersteine, um dem Anblick der im Hofe beschftigten Gefangenen zu entgehen, die mir stets in ihrer diffamierenden Tracht eine Pein sind und unter denen sich immer ein paar finden, bei denen Alter, Geschlecht, individuelle Zge unter dem Stempel der tiefsten menschlichen Degradation verwischt sind, ja aber gerade durch einen schmerzlichen Magnetismus immer wieder meine Blicke anziehen. Freilich gibt es auch berall einzelne Gestalten, denen sogar die Gefngnistracht nichts anhaben kann und die ein Malerauge erfreuen wrden. So entdeckte ich schon hier eine junge Arbeiterin im Hofe, deren schlanke, knappe Formen, sowie der tuchumwundene Kopf mit dem strengen Profil, direkt eine Millet-Gestalt abgbe; es ist ein Genu zu sehen, mit welchem Adel der Bewegungen sie Lasten schleppt, und das magere Gesicht mit der straff anliegenden Haut und dem gleichmig kreideweien Teint erinnert an eine tragische Pierrotmaske. Aber gewitzigt durch traurige Erfahrungen suche ich solchen vielversprechenden Erscheinungen weit aus dem Wege zu gehen. In der Barnimstrae hatte ich nmlich auch eine Gefangene entdeckt von wahrhaft kniglicher Gestalt und Haltung und dachte mir ein entsprechendes Interieur dazu. Dann kam sie als Kalfaktrice auf meine Station, und es zeigte sich nach zwei Tagen, da unter dieser schnen Maske ein solches Ma von Dummheit und niedriger Gesinnung steckte, da ich fortan die Blicke immer abwendete, wenn sie mir in den Weg lief. Ich dachte mir damals, da die Venus von Milo am Ende nur deshalb ihre Reputation als schnste der Frauen durch Jahrhunderte hat bewahren knnen, weil sie schweigt. Wrde sie den Mund auftun, wre vielleicht der ganze Charme zum Teufel. Mein vis--vis ist das Mnnergefngnis, der bliche dstere rote Backsteinbau. Aber quer ber die Mauer sehe ich die grnen Baumwipfel irgendeiner Anlage; eine groe Schwarzpappel, die bei strkerem Luftzug vernehmlich rauscht und eine Reihe viel hellerer Edeleschen, die mit gelben Schotenbndeln behngt sind. Die Fenster geben auf Nordwest Aussicht, so da ich manchmal schne Abendwolken sehe, und Sie wissen, da mich eine solche rosige Wolke allein entzcken und fr alles entschdigen kann. In diesem Augenblicke, 8Uhr abends (in Wirklichkeit also 7), ist die Sonne kaum hinter den Giebeln des Mnnergefngnisses gesunken, sie scheint noch grell durch die Glasbodenluke im Dache und der ganze Himmel leuchtet goldig. Ich fhle mich sehr wohl und mu -- ich wei selbst nicht warum -- das Ave Maria von Gounod leise vor mich hinsingen (Sie kennen es wohl). Vielen Dank fr die abgeschriebenen Goethesachen. Die berechtigten Mnner sind in der Tat schn, obschon sie mir von selbst nicht aufgefallen wren; man lt sich ja auch manchmal die Schnheit eines Dinges suggerieren. Ich mchte Sie noch bitten, mir gelegentlich Anakreons Grab abzuschreiben. Kennen Sie es gut? Ich habe es natrlich erst durch Hugo Wolffsche Musik richtig verstanden; im Lied macht es geradezu einen architektonischen Eindruck; man meint einen griechischen Tempel vor sich zu sehen. Jetzt eben -- ich habe eine kleine Pause gemacht, um den Himmel zu beobachten -- ist die Sonne schon viel tiefer hinter dem Gebude versunken und hoch oben schweben -- wei Gott woher -- lautlos zusammengelaufene Myriaden kleiner Wlkchen, die am Rande silbrig leuchten, in der Mitte zart grau sind und alle ihre zerfetzten Umrisse nach dem Norden steuern. Es liegt so viel Unbekmmertheit und khles Lcheln in diesem Wolkenflug, da ich mitlcheln mu, wie ich immer den Rhythmus des umgebenden Lebens mitmachen mu. Wie knnte man bei solchem Himmel bs oder kleinlich sein? Vergessen Sie blo nie, um sich zu blicken, dann werden Sie immer wieder gut sein. Da Karl ein Buch speziell ber den Vogelgesang will, wundert mich ein wenig. Fr mich ist die Stimme der Vgel untrennbar von ihrem ganzen Habitus und ihrem Leben, nur das Ganze interessiert mich, nicht irgendein losgerissenes Detail. Geben Sie ihm ein gutes Buch ber Tiergeographie, das wird ihm sicher viel Anregung geben. Hoffentlich kommen Sie bald zu Besuch zu mir. Sobald Sie Erlaubnis haben, telegraphieren Sie mir. Ich umarme Sie vielmals Ihre Rosa. Gott, Gnade mir. 8Seiten sinds geworden, nun, fr diesmal mags hingehen. Dank fr die Bcher. Mitte November 1917. Meine geliebte Sonitschka, ich hoffe, bald Gelegenheit zu haben, Ihnen endlich wieder diesen Brief zu schicken, und greife mit Sehnsucht zur Feder. Wie lange mute ich jetzt die liebe Gewohnheit entbehren, mit Ihnen wenigstens auf dem Papier zu plaudern! Aber es ging nicht, die wenigen Briefe, die ich schreiben durfte, mute ich fr Hans D. aufsparen, der ja darauf wartete. Nun ist es damit vorbei, meine zwei letzten Briefe waren schon an einen Toten geschrieben, einen habe ich schon zurckgekriegt. Unfabar bleibt mir die Tatsache immer noch. Doch reden wir lieber nicht darber, ich mache solche Sachen am liebsten mit mir allein ab, und wenn man mich schonend auf die schlimme Nachricht vorzubereiten und durch eigenes Wehklagen trsten will, wie N. es tat, so irritiert mich das unsagbar. Da mich meine nchsten Freunde immer noch so wenig kennen und so unterschtzen, da sie nicht begreifen: das beste und feinste in solchen Fllen ist, mir schleunigst aber kurz und einfach die zwei Worte zu sagen: er ist tot ------ das krnkt mich, doch Schlu damit. .... Wie schade um die Monate und Jahre, die jetzt vergehen und in denen wir zusammen so viel schne Stunden verleben knnten, trotz all dem Schrecklichen, was in der Welt vorgeht. Wissen Sie, Sonitschka, je lnger das dauert und je mehr das Niedertrchtige und Ungeheuerliche, das jeden Tag passiert, alle Grenzen und Mae bersteigt, um so ruhiger und fester werde ich, wie man gegenber einem Element, einem Buran, einer Wasserflut, einer Sonnenfinsternis, nicht sittliche Mastbe anwenden kann, sondern sie nur als etwas Gegebenes, als Gegenstand der Forschung und Erkenntnis betrachten mu. Dies sind offenbar die objektiv einzig mglichen Wege der Geschichte und man mu ihr folgen, ohne sich an der Hauptrichtung beirren zu lassen. Ich habe das Gefhl, da dieser ganze moralische Schlamm, durch den wir waten, dieses groe Irrenhaus, in dem wir leben, auf ein Mal, so von heute auf morgen wie durch einen Zauberstab ins Gegenteil umschlagen, in ungeheuer Groes und Heldenhaftes umschlagen kann, und ---- wenn der Krieg noch ein paar Jahre dauern wird ---- umschlagen _mu_.... Lesen Sie mal Les dieux ont soif von An. France. Ich halte das Werk fr so gro hauptschlich deshalb, weil es mit genialem Blick fr das Allmenschliche zeigt: Seht, aus solchen Jammergestalten und solcher alltglichen Kleinlichkeit werden in entsprechenden Momenten der Geschichte die riesenhaftesten Ereignisse und die monumentalsten Gesten gemacht. Man mu alles im gesellschaftlichen Geschehen wie im Privatleben nehmen: ruhig, grozgig und mit einem milden Lcheln. Ich glaube fest daran, da sich schlielich alles nach dem Kriege oder zum Schlu des Krieges zum Richtigen wendet, aber wir mssen offenbar erst durch eine Periode der schlimmsten menschlichen Leiden waten. .................. ... . ............. Apropos, meine letzten Worte wecken in mir eine andere Vorstellung, eine Tatsache, die ich Ihnen mitteilen mchte, weil sie mir so poetisch und so rhrend vorkam. Ich las neulich in einem wissenschaftlichen Werk ber den Vogelzug, der ja bis jetzt ein ziemlich rtselhaftes Phnomen darstellt, da dabei beobachtet worden ist, wie verschiedene Arten, die sich sonst als Todfeinde befehden und auffressen, friedlich nebeneinander die groe Reise sdwrts bers Meer machen: nach gypten kommen zum Winter gewaltige Scharen von Vgeln, die wie Wolken in der Hhe schwirren und den Himmel verdunkeln, und in diesen Scharen fliegen mitten unter Raubvgeln, Habichten, Adlern, Falken, Eulen, tausende von kleinen Singvgeln, wie Lerchen, Goldhhnchen, Nachtigallen, ohne jede Angst mitten unter Raubvgeln, die ihnen sonst nachstellen. Auf der Reise scheint also stillschweigend eine trve de dieu zu herrschen, alle streben dem gemeinsamen Ziel zu, und fallen halbtot vor Erschpfung am Nil auf die Erde, um sich nach Arten und Landsmannschaften zu sondern. Ja, noch mehr, man hat beobachtet, da auf dieser Reise ber den groen Teich groe Vgel viele kleine auf ihrem Rcken transportieren, so hat man Scharen von Kranichen vorberziehen sehen, auf deren Rcken winzige Zugvgelchen lustig zwitscherten! Ist das nicht reizend? ..... Ich habe neulich in einer sonst geschmacklosen und kunterbunten Sammlung von Gedichten eins von Hugo v.Hoffmannsthal entdeckt.[4] Ich mag ihn sonst gar nicht, finde ihn gesucht, raffiniert, unklar, ich verstehe ihn einfach gar nicht. Dieses Gedicht aber gefiel mir sehr und hat auf mich einen starken poetischen Eindruck gemacht. Ich lege es Ihnen anbei, vielleicht macht es Ihnen auch Vergngen. Ich bin jetzt tief in der Geologie. Sie wird Ihnen wohl als eine sehr trockene Wissenschaft vorkommen, das ist aber ein Irrtum. Ich lese sie mit fieberhaftem Interesse und leidenschaftlicher Befriedigung, sie erweitert kolossal den geistigen Horizont und verschafft eine so einheitliche allumfassende Vorstellung von der Natur, wie keine Wissenschaft es vermag. Ich mchte Ihnen eine Menge davon erzhlen, aber dazu mten wir uns _sprechen_ knnen, zusammen an einem Vormittag am Sdender Feld schlendern oder einander an einer stillen Mondnacht ein paarmal gegenseitig nach Hause hinber begleiten. Was lesen Sie? Wie stehts mit der Lessing-Legende? Ich will von Ihnen alles wissen! Schreiben Sie -- wenn es geht -- _sofort_ auf demselben Wege, oder wenigstens auf dem offiziellen Wege, ohne diesen Brief zu erwhnen. Ich zhle auch schon im stillen die Wochen, bis ich Sie wieder hier sehen werde. Das wird doch wohl bald nach Neujahr sein, nicht wahr? Was schreibt Karl? Wann werden Sie ihn wieder sehen? Gren Sie ihn tausendmal von mir. Ich umarme Sie und drcke Ihnen fest die Hand, meine liebe, liebe Sonitschka! Schreiben Sie bald und viel. Ihre Rosa. Breslau, 24. 11. 17. ... Sie irren sich, da ich von vornherein gegen die modernen Dichter bin. Vor etwa 15Jahren habe ich Dehmel mit Begeisterung gelesen -- irgendeine Prosasache von ihm -- am Sterbelager einer geliebten Frau -- ich habe eine dunkle Erinnerung -- hat mich entzckt. Arno Holz' Phantasus kann ich jetzt noch auswendig. Johann Schlaf's Frhling hat mich damals hingerissen. Dann bin ich abgekommen und zu Goethe und Mrike zurckgekehrt, Hoffmannsthal verstehe ich nicht, George kenn ich nicht. Es ist wahr: ich frchte bei ihnen allen ein wenig die meisterhafte vollendete Beherrschung der Form, des poetischen Ausdrucksmittels und das Fehlen einer groen, edlen Weltanschauung dabei. Dieser Zwiespalt klingt mir so hohl in der Seele, da mir dadurch die schne Form zur Fratze wird. Sie geben gewhnlich wunderbare Stimmungen wieder. Aber Stimmungen machen noch keinen Menschen. Sonitschka, es sind so zauberhafte Abende jetzt, wie im Frhling. Ich gehe um 4Uhr herunter in den Hof, es dmmert schon, dann sehe ich die scheuliche Umgebung in geheimnisvolle Schleier der Dunkelheit gehllt, dafr leuchtet in heller Blue der Himmel und ein silberner, klarer Mond schwimmt darauf. Um diese Stunde ziehen jeden Tag quer ber dem Hof hoch oben Hunderte von Krhen im lockeren, weiten Band nach den Feldern hinaus, zu ihrem Schlafbaum, wo sie zur Nacht rasten. Sie ziehen mit gemchlichem Flgelschlag und tauschen merkwrdige Rufe aus -- ganz anders als das scharfe krah, mit dem sie bei Tag raubgierig nach Beute jagen. Jetzt klingt das gedmpft und weich, ein tiefer Kehllaut, der auf mich wirkt wie eine kleine Metallkugel. Und wenn mehrere abwechselnd dieses kau--kau gurgelnd ausstoen, ist mir, als ob sie spielend einander Metallkgelchen zuwerfen, die in der Luft im Bogen schweben. Es ist ein richtiges Geplauder von dem Erleben vom Tage, vom heute gewesenen Tage ... Sie kommen mir so ernst und wichtig vor, wie sie so jeden Abend ihrer Sitte und vorgezeichneten Bahn folgen, ich empfinde wie Ehrfurcht fr diese groen Vgel, denen ich mit gehobenem Kopf nachschaue, bis zum letzten. Dann wandle ich in der Dunkelheit hin und her und sehe die Gefangenen, die eilig ihre Arbeiten noch im Hofe verrichten, wie undeutliche Schatten herumhuschen und freue mich, da ich selbst unsichtbar bin -- so allein, so frei mit meinen Trumereien und den verstohlenen Gren zwischen mir und dem Krhenzug droben -- mir ist so wohl bei dem linden, frhlingsmigen Luftzug. Dann gehen die Gefangenen mit den schweren Kesseln (Abendsuppe!) durch den Hof ins Haus, zwei und zwei, marschmig, zehn Paar hintereinander; ich folge als letzte; im Hof, in den Wirtschaftsgebuden verlschen allmhlich die Lichter, ich trete ins Haus und die Tren werden zweimal verschlossen und zugeriegelt -- der Tag ist aus. Ich fhle mich so wohl, trotz des Schmerzes um Hans (Dr. Hans Dieffenbach, einer der besten Freunde R.L., ist im Kriege gefallen. Die Herausgeber). Ich lebe nmlich in einer Traumwelt, in der er gar nicht gestorben ist. Fr mich lebt er weiter und ich lchle ihm oft zu, wenn ich an ihn denke. Sonitschka, leben Sie wohl. Ich freue mich so auf Ihr Kommen. Schreiben Sie bald wieder -- vorlufig offiziell -- das geht ja auch -- und dann durch Gelegenheit. Ich umarme Sie. Ihre Rosa. Breslau, Mitte Dezember 1917. ... Jetzt ist es ein Jahr, da Karl in Luckau sitzt. Ich habe in diesem Monat oft daran gedacht und genau vor einem Jahr waren Sie bei mir in Wronke, haben mir den schnen Weihnachtsbaum beschert ... Heuer habe ich mir hier einen besorgen lassen, aber man brachte mir einen ganz schbigen, mit fehlenden sten -- kein Vergleich mit dem vorjhrigen. Ich wei nicht, wie ich darauf die acht Lichtlein anbringe, die ich erstanden habe. Es ist mein drittes Weihnachten im Kittchen, aber nehmen Sie es ja nicht tragisch. Ich bin so ruhig und heiter wie immer. Gestern lag ich lange wach -- ich kann jetzt nie vor ein Uhr einschlafen, mu aber schon um zehn ins Bett -- dann trume ich verschiedenes im Dunkeln. Gestern dachte ich also: Wie merkwrdig das ist, da ich stndig in einem freudigen Rausch lebe -- ohne jeden besonderen Grund. So liege ich zum Beispiel hier in der dunklen Zelle auf einer steinharten Matratze, um mich im Hause herrscht die bliche Kirchhofsstille, man kommt sich vor wie im Grabe; vom Fenster her zeichnet sich auf der Decke der Reflex der Laterne, die vor dem Gefngnis die ganze Nacht brennt. Von Zeit zu Zeit hrt man nur ganz dumpf das ferne Rattern eines vorbeigehenden Eisenbahnzuges oder ganz in der Nhe unter den Fenstern das Ruspern der Schildwache, die in ihren schweren Stiefeln ein paar Schritte langsam macht, um die steifen Beine zu bewegen. Der Sand knirscht so hoffnungslos unter diesen Schritten, da die ganze de und Ausweglosigkeit des Daseins daraus klingt in die feuchte dunkle Nacht. Da liege ich still allein, gewickelt in diese vielfachen schwarzen Tcher der Finsternis, Langeweile, Unfreiheit, des Winters -- und dabei klopft mein Herz von einer unbegreiflichen, unbekannten inneren Freude, wie wenn ich im strahlenden Sonnenschein ber eine blhende Wiese gehen wrde. Und ich lchle im Dunkeln dem Leben, wie wenn ich irgendein zauberhaftes Geheimnis wte, das alles Bse und Traurige Lgen straft und in lauter Helligkeit und Glck wandelt. Und dabei suche ich selbst nach einem Grund zu dieser Freude, finde nichts und mu wieder lcheln ber mich selbst. Ich glaube, das Geheimnis ist nichts anderes, als das Leben selbst; die tiefe nchtliche Finsternis ist so schn und weich wie Sammet, wenn man nur richtig schaut. Und in dem Knirschen des feuchten Sandes unter den langsamen schweren Schritten der Schildwache singt auch ein kleines schnes Lied vom Leben -- wenn man nur richtig zu hren wei. In solchen Augenblicken denke ich an Sie und mchte Ihnen so gern diesen Zauberschlssel mitteilen, damit Sie immer, und in allen Lagen das Schne und Freudige des Lebens wahrnehmen, damit Sie auch im Rausch leben und wie ber eine bunte Wiese gehen. Ich denke ja nicht daran, Sie mit Asketentum, mit eingebildeten Freuden abzuspeisen. Ich gnne Ihnen alle reellen Sinnesfreuden. Ich mchte Ihnen nur noch dazu meine unerschpfliche innere Heiterkeit geben, damit ich um Sie ruhig bin, da Sie in einem sternbestickten Mantel durchs Leben gehen, der Sie vor allem Kleinen, Trivialen und Bengstigenden schtzt. Sie haben im Steglitzer Park einen schnen Strau aus schwarzen und rosavioletten Beeren gepflckt. Fr die schwarzen Beeren kommen in Betracht entweder Hollunder -- seine Beeren hngen in schweren dichten Trauben zwischen groen gefiederten Blattwedeln, sicher kennen Sie sie, oder, wahrscheinlicher, Liguster; schlanke zierliche aufrechte Rispen von Beeren und schmale, lngliche grne Blttchen. Die rosigvioletten unter kleinen Blttchen versteckten Beeren knnen die der Zwergmispel sein; sie sind zwar eigentlich rot, aber in dieser spten Jahreszeit ein bichen schon berreif und angefault, erscheinen sie oft violettrtlich; die Blttchen sehen der Myrthe hnlich, klein, spitz am Ende, dunkelgrn und lederig oben, unten rauh. Sonjuscha, kennen Sie Platens: Verhngnisvolle Gabel? Knnten Sie es mir schicken oder bringen? Karl hat einmal erwhnt, da er sie zu Hause gelesen hat. Die Gedichte Georges sind schn; jetzt wei ich, woher der Vers: Und unterm Rauschen rtlichen Getreides! ... stammt, den Sie gewhnlich hersagten, wenn wir im Felde spazieren gingen. Knnen Sie mir gelegentlich den neuen Amadis abschreiben, ich liebe das Gedicht so sehr -- natrlich dank Hugo Wolffs Lied -- habe es aber nicht hier. Lesen Sie weiter die Lessing-Legende? Ich habe wieder zu Langes Geschichte des Materialismus gegriffen, die mich stets anregt und erfrischt. Ich mchte so sehr, da Sie sie mal lesen. Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt; auf dem Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wagen vom Militr, voll bepackt mit Scken oder alten Soldatenrcken und Hemden, oft mit Blutflecken..., die werden hier abgeladen, in die Zellen verteilt, geflickt, dann wieder aufgeladen und ans Militr abgeliefert. Neulich kam so ein Wagen, bespannt, statt mit Pferden, mit Bffeln. Ich sah die Tiere zum ersten Mal in der Nhe. Sie sind krftiger und breiter gebaut als unsere Rinder, mit flachen Kpfen und flach abgebogenen Hrnern, die Schdel also unseren Schafen hnlicher, ganz schwarz mit groen sanften Augen. Sie stammen aus Rumnien, sind Kriegstrophen ... die Soldaten, die den Wagen fhren, erzhlen, da es sehr mhsam war, diese wilden Tiere zu fangen und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gewhnt waren, zum Lastdienst zu benutzen. Sie wurden furchtbar geprgelt, bis da fr sie das Wort gilt vae victis ... An hundert Stck der Tiere sollen in Breslau allein sein; dazu bekommen sie, die an die ppige rumnische Weide gewhnt waren, elendes und karges Futter. Sie werden schonungslos ausgenutzt, um alle mglichen Lastwagen zu schleppen und gehen dabei rasch zugrunde. -- Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Scken hereingefahren, die Last war so hoch aufgetrmt, da die Bffel nicht ber die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstieles loszuschlagen, da die Aufseherin ihn emprt zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren htte! Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid, antwortete er mit bsem Lcheln und hieb noch krftiger ein ... Die Tiere zogen schlielich an und kamen ber den Berg, aber eins blutete ... Sonitschka, die Bffelhaut ist sprichwrtlich an Dicke und Zhigkeit, und die war zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still erschpft und eins, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen, wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht wei, wofr, weshalb, nicht wei, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll ... ich stand davor und das Tier blickte mich an, mir rannen die Trnen herunter -- es waren _seine_ Trnen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die freien, saftigen, grnen Weiden Rumniens! Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schnen Laute der Vgel oder das melodische Rufen der Hirten. Und hier -- diese fremde schaurige Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende, muffige Heu mit faulem Stroh gemischt, die fremden furchtbaren Menschen, und -- die Schlge, das Blut, das aus der frischen Wunde rinnt ... O, mein armer Bffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmchtig und stumpf und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. -- Derweil tummelten sich die Gefangenen geschftig um den Wagen, luden die schweren Scke ab und schleppten sie ins Haus; der Soldat aber steckte beide Hnde in die Hosentaschen, spazierte mit groen Schritten ber den Hof, lchelte und pfiff leise einen Gassenhauer. Und der ganze herrliche Krieg zog an mir vorbei... Schreiben Sie schnell, ich umarme Sie, Sonitschka. Ihre Rosa. Sonjuscha, Liebste, seien Sie trotz alledem ruhig und heiter. So ist das Leben und so mu man es nehmen, tapfer, unverzagt und lchelnd -- trotz alledem. Breslau, den 14. 1. 1918. Meine liebste Sonitschka, wie lange habe ich Ihnen nicht geschrieben! Ich glaube, es sind Monate her. Und auch heute wei ich nicht einmal, ob Sie schon in Berlin sind, will aber hoffen, da diese Zeilen Sie noch rechtzeitig zu Ihrem Geburtstag erreichen. Ich bat Mathilde, Ihnen von mir einen Orchideenstrau zu schicken, nun liegt die rmste im Krankenhaus und wird wohl kaum meinen Auftrag ausfhren knnen. Doch Sie wissen, da ich in Gedanken und mit ganzem Herzen bei Ihnen bin und Sie an Ihrem Geburtstage ganz mit Blumen umgeben mchte: mit lila Orchideen, mit weien Iris, mit stark duftenden Hyazinthen, mit allem, was zu haben ist. Vielleicht wird es mir wenigstens im nchsten Jahr[5] vergnnt sein, Ihnen an diesem Tage selbst Blumen zu bringen und mit Ihnen zusammen einen Spaziergang im Botanischen Garten und im Feld zu machen. Wie herrlich wre das! Heute haben wir hier 0Grad. Zugleich aber liegt in der Luft ein so linder erfrischender Frhlingshauch und oben schimmert zwischen dicken milchweien Wolken ein so tiefer blauer Himmel, dazu schilpen die Spatzen ganz frhlich, man knnte denken, es sei Ende Mrz. Ich freue mich schon so auf den Frhling, das Einzige, was man nie satt kriegt, so lange man lebt, was man im Gegenteil mit jedem Jahr mehr zu wrdigen und zu lieben versteht. Wissen Sie, Sonitschka, da der Anfang des Frhlings in der organischen Welt, d.h. das Erwachen zum Leben _jetzt_ beginnt, Anfang Januar, ohne auf den Kalenderfrhling zu warten. Whrend nmlich nach dem Kalender erst der Winter beginnt, befinden wir uns in der grten, astronomischen Sonnennhe, und dies hat eine so geheimnisvolle Wirkung auf alles Leben, da auch auf unserer nrdlichen Halbkugel, die in Winterschnee eingehllt ist, zu Beginn des Januar wie mit einem Zauberstab die Pflanzen- und Tierwelt erweckt wird. Die Knospen fangen jetzt an zu treiben, viele Tiere fangen die Fortpflanzung schon an. Neulich las ich bei Franc die Beobachtung, da die hervorragendsten, wissenschaftlichen und literarischen Produktionen berhmter Mnner in die Monate Januar-Februar fallen. Auch im Menschenleben soll also die Sonnenwende nach Weihnachten ein kritischer Moment sein und einen neuen Zustrom aller Lebenskrfte verursachen. Auch Sie, Sonitschka, sind so ein frhes Blmchen, das noch mitten im Schnee und Eis aufgesprossen ist und deshalb sein Lebenlang ein bichen frstelt, sich im Leben nicht heimisch fhlt und zarte Treibhauspflege braucht. ber Ihren Rodin zu Weihnachten habe ich mich mchtig gefreut und htte Ihnen gleich gedankt, wenn mir Mathilde nicht gesagt htte, da Sie in Frankfurt sind. Was mich besonders angenehm berhrt hat, ist der Natursinn Rodins, seine Ehrfurcht vor jedem Grslein im Felde. Das mu ein Prachtmensch gewesen sein: offen, natrlich, berstrmend von innerer Wrme und Intelligenz; er erinnert mich entschieden an Jaurs. Mgen Sie meinen Broodcoorens? Oder kannten Sie ihn schon? Mich hatte dieser Roman sehr ergriffen; namentlich die landschaftlichen Schilderungen sind von hchster poetischer Kraft. Dem Broodcoorens scheint offenbar, genau wie dem De Coster, da ber dem Lande Flandern die Sonne viel herrlicher auf- und untergeht als ber der sonstigen Erde. Ich finde, da die Flamen alle in ihr Lndchen frmlich verliebt sind, sie beschreiben es nicht wie ein Stck schne Erde, sondern wie eine strahlende junge Braut. Und auch in dem dster-tragischen Ende finde ich eine Verwandtschaft der Farben mit den grandiosen Bildern im Till Eulenspiegel, z.B. mit der Demolierung des ffentlichen Hauses. Finden Sie nicht auch, da diese Bcher im Kolorit ganz an Rembrandt erinnern: das Dunkle der ganzen Bilder, gemischt mit einem funkelnden Altgoldton; der verblffendste Realismus aller Details und doch das Ganze in eine mrchenhafte Phantasieregion entrckt. Im Berl. Tageblatt las ich, da im Friedrich-Museum ein neuer groer Tizian hngt. Haben Sie ihn schon besucht? Ich gestehe, da Tizian eigentlich nicht mein Freund ist, er ist mir zu geleckt und kalt, zu virtuos -- verzeihen Sie, wenn das vielleicht eine Majesttsbeleidigung ist, aber ich kann nicht anders als meiner unmittelbaren Empfindung folgen. Trotzdem wre ich glcklich, wenn ich jetzt ins Friedrich-Museum knnte, um den neuen Gast zu besichtigen. Haben Sie auch den Kaufmannschen Nachla gesehen, von dem man so viel Wesens gemacht hat? Meine Lektre sind jetzt verschiedene ltere Studien ber Shakespeare aus den 60er und 70er Jahren, als man noch in Deutschland lebhaft ber das Problem Shakespeare debattierte. Knnten Sie mir nicht aus der Kgl. Bibliothek oder aus der Reichstagsbibliothek beschaffen: Klein, Geschichte des italienischen Dramas; Schack, Geschichte der dramatischen Literatur in Spanien; Gervinus und Ulrici ber Shakespeare? Wie stehen Sie selbst zu Shakespeare? Schreiben Sie bald! Ich umarme Sie und drcke Ihnen warm die Hand. Seien Sie ruhig und heiter, trotz alledem. Liebste Sonitschka, auf Wiedersehen! Wann wollen Sie kommen?! Sonjuscha, wollen Sie mir die Liebe tun: schicken Sie der Mathilde J. Hyazinthen von mir. Ich erstatte es Ihnen, wenn Sie hier sind. Ihre Rosa. Breslau, den 24. 3. 1918. Meine geliebte Sonitschka, wie lange habe ich Ihnen nicht mehr geschrieben und wie oft habe ich in dieser Zeit an Sie gedacht! Die Zeitlufte benehmen sogar mir zeitweilig die Lust zum Schreiben.... Wenn man jetzt zusammensein und, im Feld schlendernd, de omnibus rebus plaudern knnte, wre es eine Wohltat, aber darauf ist gar keine Aussicht zur Zeit. Meine Beschwerde ist mit grndlicher Schilderung meiner Schlechtigkeit und Unverbesserlichkeit abgewiesen und ein Antrag, wenigstens auf kurzen Urlaub, desgleichen. Ich mu also wohl warten, bis wir die ganze Welt besiegen. Sonjuscha, wenn ich lngere Zeit von Ihnen keine Nachricht habe, lebe ich in dem Gefhl, da Sie dort einsam, unruhig, verdrossen und verzweifelt herumflattern, wie ein vom Baume losgelstes Blatt im Winde, und das tut mir sehr weh. Schauen Sie, jetzt beginnt wieder der Frhling, die Tage werden schon so hell und lang, und im Feld gibt es sicherlich schon viel zu sehen und zu hren! Gehen Sie doch viel hinaus, der Himmel ist jetzt so interessant und mannigfaltig mit den jagenden unruhigen Wolken, die noch nackte Kalkerde mu in dieser wechselnden Beleuchtung schn sein. Sehen Sie sich fr mich an alledem satt.... Es ist das Einzige, was man nie im Leben berkriegt, was stets denselben Reiz der Neuheit hat und einem immer treu bleibt. Sie mssen auch unbedingt fr mich in den Botanischen Garten gehen, um mir genau ber etwas zu berichten. Es geht nmlich in diesem Frhjahr etwas Merkwrdiges vor. Die Vgel sind alle um 1-1Monate zu frh angekommen. Die Nachtigall war schon am 10. Mrz hier, der Wendehals, der erst Ende April kommt, lachte schon am 15. und sogar der Pirol, den man den Pfingstvogel nennt und der nie vor Mai kommt, fltet hier schon seit einer Woche vor Sonnenaufgang im Morgengrauen! Ich hre sie alle von weitem aus der Anlage des Irrenhauses. Ich wei mir diesen verfrhten Heimgang gar nicht zu deuten und mchte wissen, ob dasselbe anderswo zu beobachten ist oder nur auf die Wirkung des hiesigen Irrenhauses zurckzufhren ist. Gehen Sie also in den Botanischen, Sonitschka, aber so in den Mittagsstunden bei sonnigem Tag, und belauschen Sie alles, um mir zu berichten. Das ist mir ja, neben dem Ausgang der Schlacht bei Cambrai, das Wichtigste auf Erden, eine wahre Herzensangelegenheit. Wie schn sind die Bilder, die Sie mir schickten! Von Rembrandt braucht man ja kein Wort zu sagen. Bei Tizian war ich von dem Pferd noch mehr berwltigt als von dem Reiter; so viel wahrhaft knigliche Macht und Vornehmheit in einem Tier ausgedrckt, htte ich nicht fr mglich gehalten, Aber das aller-, allerschnste ist das Frauenbildnis von Bartolomeo da Venezia (den ich brigens gar nicht kannte). Welcher Rausch in den Farben, welche Feinheit der Zeichnung, welcher geheimnisvolle Zauber des Ausdrucks! Sie erinnert mich darin in irgendeiner unbestimmten Weise an die Mona Lisa. Sie haben mir mit diesen Bildern eine Flle der Freude und des Lichts in die Zelle gebracht. Das Buch von Hnschen (Hans Dieffenbach. Die Herausgeber) mssen Sie natrlich behalten; es schmerzt mich, da alle seine Bcher nicht in _unsere_ Hnde kommen. Ich htte sie Ihnen lieber als sonst wem gegeben. Haben Sie den Shakespeare einigermaen zur Zeit erhalten? Was schreibt Karl, wann sehen Sie ihn wieder? Gren Sie ihn tausendmal von mir und sagen Sie ihm von mir: a ira -- trotz alledem. Und seien Sie frisch und munter, freuen Sie sich ber den Frhling: den nchsten werden wir schon zusammen verleben. Ich umarme Sie, Liebste. Frhliche Ostern! Auch den Kindern viele Gre! Ihre Rosa. Breslau, 2. 5. 18. ... Ich habe den Candide und die Grfin Ulfeldt gelesen und mich ber beides gefreut. Candide ist eine so kstliche Ausgabe, da ich es nicht bers Herz bringen konnte, das Buch aufzuschneiden und es so gelesen habe; da es in halben Bogen gefat ist, ging das sehr gut. Diese boshafte Zusammenstellung aller menschlichen Erbrmlichkeiten htte auf mich vor dem Kriege wahrscheinlich den Eindruck eines Zerrbildes gemacht, jetzt wirkt sie durchaus realistisch ... Zum Schlu erfuhr ich endlich, woher die Redensart stammt: mais il faut cultiver notre jardin, die ich selbst schon gelegentlich gebrauchte. Die Grfin Ulfeldt ist ein interessantes Kulturdokument, eine Ergnzung Grimmelshausens.... Was machen Sie? Genieen Sie nicht den herrlichen Frhling? Stets Ihre Rosa. Breslau, den 12. 5. 1918. Sonitschka, Ihr Brieflein hat mich so erfreut, da ich es gleich beantworten will. Sehen Sie, wieviel Genu und Begeisterung Ihnen ein Besuch im Botanischen Garten verschafft! Warum gnnen Sie sich das nicht fters?! Und auch ich habe etwas davon, wenn Sie mir Ihre Eindrcke gleich so warm und farbenreich schildern, ich versichere Sie! Ja, ich kenne die wunderbaren, rubinroten Ktzchen der blhenden Fichte. Sie sind so unwahrscheinlich schn, wie brigens das meiste andere, wenn es in voller Blte steht, da man jedesmal den eigenen Augen nicht traut. Diese roten Ktzchen sind weibliche Blten, aus denen dann die groen, schweren Zapfen werden, die sich umdrehen und nach unten hngen; daneben gibt es unscheinbare, fahlgelbe, mnnliche Ktzchen der Fichte, die den goldigen Staub verbreiten, -- Pettoria kenne ich nicht, Sie schreiben eine Akazienart. Meinen Sie, da sie hnlich gefiederte Blttchen und Schmetterlingsblten hat, wie die sogenannte Akazie? Sie wissen wahrscheinlich, da der Baum, den man so landlufig nennt, gar keine Akazie sondern _Robinia_ ist; eine wirkliche Akazie ist z.B. die Mimose; diese blht allerdings schwefelgelb und duftet berauschend, aber ich kann mir nicht denken, da sie im Freien in Berlin wchst, da es eine tropische Pflanze ist. In Ajaccio auf Korsika sah ich im Dezember auf dem Platz in der Stadt herrlich blhende Mimosen, riesige Bume ... Hier kann ich leider nur von weitem aus meinem Fenster das Grnen der Bume beobachten, deren Spitzen ich ber der Mauer sehe; ich suche meist nach dem Habitus und dem Farbenton die Baumarten zu erraten und, wie es scheint, meist richtig. Neulich wurde hier ein gefundener, abgebrochener Ast ins Haus gebracht, und hat durch sein bizarres Aussehen allgemeine Aufregung hervorgerufen; jedermann frug, was das sei. Es war eine Rster (Ulme); erinnern Sie sich noch, wie ich sie Ihnen zeigte in der Strae in meinem Sdende, vollbeladen mit duftigen Paketen der fahl-rosig-grnlichen Frchtchen; es war auch im Mai, und Sie waren ganz hingerissen von dem phantastischen Anblick. Hier wohnen die Leute jahrzehntelang in der Strae, die mit Rstern bepflanzt ist, und haben noch nicht bemerkt, wie eine blhende Rster aussieht.... Und derselbe Stumpfsinn ist ja allgemein Tieren gegenber. Die meisten Stdter sind doch wirklich rohe Barbaren, im Grunde genommen.... Bei mir nimmt, umgekehrt, das innere Verwachsen mit der organischen Natur -- en defrit de l'humanit -- beinahe krankhafte Formen an, was wohl mit meinem Nervenzustand zusammenhngt. Da unten hat ein Paar Haubenlerchen ein Junges ausgebrtet -- die brigen drei sind wohl kaputt gegangen. Und dieses eine kann schon sehr gut laufen -- Sie haben vielleicht bemerkt, wie drollig die Haubenlerchen laufen, mit kleinen behenden Schrittchen, trippelnd, wie der Spatz mit beiden Beinchen hpfend, es kann auch schon gut fliegen, findet wohl aber noch nicht selbst genug Nahrung: Insekten, Rupchen usw. -- zumal bei diesen kalten Tagen. So erscheint es jeden Abend unten im Hof vor meinem Fenster und piept ganz laut, schrill und klglich, worauf auch gleich die beiden Alten erscheinen und mit ngstlichem, bekmmerten Huid--huid halblaut Antwort geben, dann schnell herumlaufen, verzweifelt suchend, um noch in der Dmmerung und Klte etwas Ebares zu finden, und dann kommen sie an den klagenden Balg heran und stecken ihm das Gefundene in den Schnabel. Das wiederholt sich jetzt jeden Abend um 9Uhr, und wenn dies schrille, klagende Piepen unter meinem Fenster beginnt, und ich die Unruhe und Sorge der beiden kleinen Eltern sehe, bekomme ich buchstblich einen Herzkrampf. Dabei kann ich nichts helfen, denn die Haubenlerchen sind sehr scheu, und wenn man ihnen Brot hinwirft, fliegen sie weg, nicht so wie die Tauben und Spatzen, die mir schon wie Hunde nachlaufen. Ich sage mir vergeblich, da es lcherlich ist, da ich ja nicht fr alle hungrigen Haubenlerchen der Welt verantwortlich bin und nicht um alle geschlagenen Bffel -- wie die, die hier tglich mit Scken in den Hof kommen -- weinen kann. Das hilft mir nichts und ich bin frmlich krank, wenn ich solches hre und sehe. Und wenn der Star, der bis zum berdru den ganzen, lieben Tag, irgendwo in der Nhe sein aufgeregtes Geschwtz wiederholt, wenn er fr einige Tage verstummt, habe ich wieder keine Ruhe, da ihm was Bses zugestoen sein mag und warte geqult, da er seinen Unsinn nur weiter pfeift, damit ich wei, da es ihm wohlergeht. So bin ich aus meiner Zelle nach allen Seiten durch unmittelbare, feine Fden an tausend kleine und groe Kreaturen geknpft, und reagiere auf alles mit Unruhe, Schmerz, Selbstvorwrfen.... _Sie_ gehren auch zu all diesen Vgeln und Kreaturen, um die ich von weitem innerlich vibriere. Ich fhle, wie Sie darunter leiden, da Jahre unwiederbringlich vergehen, ohne da man lebt. Aber Geduld und Mut! Wir werden noch leben und Groes erleben. Jetzt sehen wir vorerst, wie eine ganze alte Welt versinkt, jeden Tag ein Stck, ein neuer Abrutsch, ein neuer Riesensturz.... Und das Komischste ist, da die meisten es gar nicht merken und glauben, noch auf festem Boden zu wandeln.... Sonitschka, haben Sie vielleicht oder knnten Sie beschaffen den Gil Blas und den hinkenden Teufel? Ich kenne Lesage gar nicht und wollte ihn schon lngst lesen. Kennen Sie ihn? Schlimmstenfalls kaufe ich mir ihn in der Reclam-Ausgabe. Ich umarme Sie herzlich Ihre Rosa. Schreiben Sie bald, wie es Karl geht. Vielleicht hat Pfemfert den Flachsacker von Stijn Streuvels, das ist wieder ein Flame; erschienen im Inselverlag, soll sehr gut sein. Breslau, den 18. 10. 1918. Liebste Sonitschka, ich schrieb Ihnen vorgestern. Bis heute habe ich noch keinen Bescheid auf mein Telegramm an den Reichskanzler, es kann vielleicht noch einige Tage dauern. Jedenfalls steht aber eins fest: meine Stimmung ist schon derart, da mir ein Besuch meiner Freunde unter Aufsicht zur Unmglichkeit geworden ist. Ich ertrug alles ganz geduldig die Jahre hindurch und wre unter anderen Umstnden noch weitere Jahre ebenso geduldig geblieben. Nachdem aber der allgemeine Umschwung in der Lage kam, gab es auch in meiner Psychologie einen Knick. Die Unterredungen unter Aufsicht, die Unmglichkeit, darber zu reden, was mich wirklich interessiert, sind mir schon so lstig, da ich lieber auf jeden Besuch verzichte, bis wir uns als freie Menschen sehn. Lange kann es ja nicht mehr dauern. Wenn Dittmann und Kurt Eisner frei gelassen sind, knnen sie mich nicht lnger im Gefngnis halten und auch Karl wird bald frei sein. Warten wir also lieber auf das Wiedersehen in Berlin. Bis dahin tausend Gre. Stets Ihre Rosa. Anmerkungen [1] Diese Karte ist die einzige Karte aus der Freiheit. Am 10. 7. 16 erfolgte Rosa Luxemburgs Verhaftung. [2] Der reiche Mann, von Galsworthy. [3] Diese Karte wurde geschrieben an dem Tag, an dem Karl Liebknecht in zweiter Instanz zu 4JahrenZuchthaus verurteilt wurde. [4] Vor Tag von Hugo v.Hoffmannsthal. [5] Im nchsten Jahre, am 15. Januar 1919, war Rosa Luxemburg in Gemeinschaft mit Karl Liebknecht, von der unter dem Protektorate der Ebert-Noske, Stampfer und Konsorten an der Wiederaufrichtung des alten Regimes arbeitenden Mrderzentrale gemordet. [ Die folgende Textzeile wurde gendert; es ist zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile angefhrt. Ich fhle, wie Sie darunter leiden, da Jahre unwiderbringlich Ich fhle, wie Sie darunter leiden, da Jahre unwiederbringlich ] End of Project Gutenberg's Briefe aus dem Gefngnis, by Rosa Luxemburg License: Share Alike