Produced by Jens Sadowski Transcriber's Note: This text was published in _Der neue Roman_, Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1917. An almost identical version was published under the title _Der Sohn_ in _Die Silbergule_ Nr. 3, Paul Steegemann Verlag, Hannover, 1919. Heinrich Mann Der Vater Als Frber heiraten konnte, hatte er hinter sich schon achtzehn Jahre der Arbeit, des Suchens, des wechselvollen Kampfes mit der Menschenmasse, durch die man hindurch mu, den Zufllen, die man entwaffnen mu, mit dem Leben. Luise hatte kein Geld, aber mit vierzig Jahren wirst du doch endlich dir und ihr gengen, oder du bist kein Mann. Er gengte, wie jeder, auch noch der kleinen, die kamen. Wie jeder, stand er nach seiner Arbeit ber eine Wiege gebeugt, suchte in dem Gesichtchen des Suglings nach sich selbst, nach seinen Ursprngen und der von ihm mitgeschaffenen Zukunft, die er nicht mehr sehen sollte; entsann sich bei einem Aufseufzen des kleinen Schlafenden der schweren Stunden, die hinter ihm und vor diesem lagen; sah es den Blick ffnen, der den Vater noch nicht kannte und einsam schien, als wisse er schon alles. Nun aber lchelte es, und alles war gut. Es wuchs, und der Vater mit ihm. Die Freude, das Brot und einen Anteil am Genu der Welt beschaffen zu knnen fr zwei Wesen, die nur ihn hatten, machte ihn strker, als er sich kannte. Er gelangte in der Gesellschaft, die er vertrat, zu einer leitenden Stellung. Schne Zeit! Drauen scharf wachen, den Gegnern auf die Schliche kommen, seine Haut ihnen nicht lassen und lieber Riemen schneiden aus der ihren. Zu Hause dann gesicherter Friede, anstndiges Menschentum, lauteres Wohlwollen von allen zu allen. Man wechselte den Rock, wusch sich und sah, ein heiteres Zimmer betretend, in Gesichter voll Gte und Zutrauen, voll Erwartung, Wunsch und Dank. Sein eigenes Gesicht -- diese beiden sahen es nie anders. Er hielt darauf, es ihnen niemals so zu zeigen, wie es drauen im Leben wohl aussehen konnte. Sein Luxus und seine Art von innerer Erhebung war es, das Gesicht des Lebens vor diesen beruhigt und verklrt zu bewahren. Beide waren so schn in ihrer Unwissenheit, so liebenswert in ihrem Glauben, alles verlaufe rein und klar, erhalten nur wir so unsere Seele. Und hatten sie nicht recht? Die Mutter, als gerade ihre letzte Verwandte gestorben war, blutjung und arm geheiratet vom Fleck weg, gehegt und gepflegt, mit allem beschenkt, was ein Frauenherz reich macht, -- und von ihr wie von Rosa, die seit ihrem ersten Atemzug nur Liebe kannte, ward zum Entgelt fr alles Glck nicht mehr verlangt, als eben, da sie glcklich seien. Frber, dessen Werk sie doch waren, nherte sich ihnen oftmals nur mit Ehrfurcht. Welche tiefe Gefahr ein so lieblicher Betrug barg, hatte er nicht vergessen. Dies alles stand einzig auf seinen Nerven, seinem Kampfwert. Zuweilen qulte es ihn, er habe mehr Verantwortung bernommen, als einem mittleren Manne zukomme. Der Kluge und Mchtige, der die Gte war, dies hie es bleiben, oder ihr Vertrauen tuschen. Je fester ihr Vertrauen, um so schrfer sah er um sich die Drohungen, berreizt und nur darum nicht mehr sicher. Er beging geschftliche Fehler, von denen gesagt ward, sie entsprngen einer berschtzung seiner Kraft und Geltung. Dem Aufsichtsrat, der bereit gewesen wre, ihm seine frheren Verdienste anzurechnen, begegnete er unverhltnismig schroff. Er ward entlassen. Und eben jetzt nahte die Geburt eines zweiten Kindes. Konnte er der Frau sich offenbaren? Trotz vorhandenen Mitteln zum Weiterleben schien es hchst geboten, stillschweigend und ohne alle Beunruhigung eine andere Stellung anzunehmen, eine der Stellungen, die ihm gelegentlich angeboten waren und zweifellos zur Verfgung standen. Indessen zeigte es sich, da sie dem, der die seine verloren hatte, keineswegs mehr zur Verfgung standen: nicht die, die grer waren als seine bisherige, hchstens die kleineren. Er lehnte kurzweg ab. Frher oder spter fand sich doch alles, die richtige Sache, und die Menschen, die seiner gedachten. Erworbene Kraft ging nie verloren . . . Aber sie lag brach. Jeden Morgen verlie er wie sonst das Haus, und whrend Frau und Kind ihn geborgen im Amt glaubten, ging er, wie mit zwanzig Jahren, auf der Fhrte des Zufalls. Nur da er sehr litt. Nicht allein die Enttuschungen setzten ihm zu; er sprte, auch die Unregelmigkeit und das Umherirren entsprachen seinem Alter nicht. Der Augenblick kam, da sein Wille pltzlich nachlie. Es war in der Stadtbahn; um ihn her schien jeder gespannt und zielbewut; nur er, eine sich mit hinstehlende Existenz, fuhr zu den Seinen heim, um sie nochmals zu belgen. Warum eigentlich? Man konnte gestehen, konnte nachgeben und es zulassen, da auch die Frau ihren Teil der Last trug. War man denn allein? . . . Aus seinen Augen drangen langsame, schwere Trnen, er sah kein Getriebe mehr, er dachte: ja, man sei allein. Man habe die Pflicht bernommen, diesen zwei Wesen zu beweisen, das Leben sei gerecht und man selbst unangreifbar. Zu ihnen kam bald nun ein drittes. Auf dem Spiel stand, gab er es auf, sie zu schonen, nicht weniger als ihr Leben. Darauf begann er zu zweifeln an dem Wert seines eigenen. Das noch brige Geld konnte ihnen irgendein Dasein begrnden, wenn er fort war. Blieb er, ward es von dem uneingeschrnkten Haushalt nutzlos verbraucht. Er konnte eine weite Reise vorgeben. Aber auf den Ausflgen, mit denen er jetzt die Tage verbrachte, sah er doch einst in ein Gewsser hinab, durchdrungen, er sei bestimmt, noch grndlicher zu verschwinden. Ein Dampfer legte an. Er stieg ein und war unter Menschen, die des schnen Tages wegen ber den See fuhren. Hatten sie etwa keine Sorgen? Wohl auch sie. Aber selbst die schlimmsten waren bedingt und fielen weg, entzogst du ihnen den Boden. Dort sieht eine Frau her, ganz so, als bemerkte sie, da du noch stattlich bist, scharfe elegante Zge und den besten Schneider hast. Sie selbst war hbsch, sehr gepflegt, und schien erfahren: eine Anziehung, unter diesen Umstnden. Er folgte der unbefangenen Aufforderung ihres Blickes. Alles ging taktvoll und schnell vonstatten. Sie kehrten in einem verschwiegenen Landhotel ein. Frber machte die Entdeckung, da es andere Ansichten vom Leben gab als die ihm gewohnten. Es war eine Wiederentdeckung; er fhlte sich auf einmal befreit von einem ungeahnten Gewicht und befhigt, alles hinter sich zu lassen. Er telegraphierte, da er verreist sei, unbestimmt, wie lange. Erst nach mehreren Tagen veranlate seine neue Gefhrtin ihn zu greren Ausgaben -- stand aber sofort davon ab, als sie bemerkte, seine Mittel stockten. Eben an dieser Feststellung schien es ihr gelegen zu haben. Sie bewog ihn, sich auszusprechen, und sie selbst ward deutlicher. Er hatte sie halb geahnt, wie sie ihn; jetzt fanden sie einen gedmpfteren Ton, lieen von dem korrekten Idealbild, das sie einander vorgehalten hatten, einiges nach; -- und Frber erfuhr, in dem Ma wie er selbst seine Lage preisgab, das Wesen der ihren. Sie lebte von Gelegenheiten auf Reisen, als anerkannte Begleiterin reicher Leute, wenn es sein konnte, sonst aber dennoch auf ihre Kosten. Als sie bis zu dem Gestndnis eines Diebstahles ging, vollzog er ungewollt eine jhe innere Rckkehr in sein voriges Leben. So war alles verknpft, hatte so werden sollen, und hierher fhrte es. Er sah in sich den natrlichen Gefhrten der Hochstaplerin. Sie sah ihn dafr an, nie war es ihr eingefallen, ihn zu schdigen, sie wollte ihn haben und mit sich fhren, sie liebte ihn. In einer Wolke von Leidenschaft, war es ihre oder seine, besprachen sie die Flucht. Was er noch besa, sollte zurckbleiben fr seine ehemalige Familie. Er hatte sich nur das Notwendigste beschafft und ging auf den Bahnhof, sie wartete schon: Da sprach einer ihn an, den er zuletzt vor seiner Entlassung gesehen hatte. Denken Sie noch an unsere Sache? Nein, eben an diese hatte Frber nie wieder gedacht. Auch gab sich der andere so unschlssig noch wie damals, das Geschft war wieder von der Wurzel ab zu erwgen. Als aber Frber, gehoben und angespannt wie der Augenblick ihn traf, nur eben angriff, war auch schon die Wirkung da. Er sah es vor Augen: Dies war zu machen. Nur festhalten, und alle Kraft unerbittlich in diese Viertelstunde! Nach ihrem Verlauf hatte er den andern vor einem Tisch mit Berechnungen, und nach zwei Stunden beim Notar. Indes jener den Vertrag unterschrieb, entsann Frber sich, den Blick entspannt, des abgegangenen Zuges, der Frau, die ihn suchte, und einer schon aufgegebenen Vergangenheit, in die er nun wieder Zutritt hatte, ehrbar und erfolgreich. Er erkannte, da die letzte Zeit, mit der Hochstaplerin, seine Nervenkraft erneuert und ihn zu diesem hier ausgerstet hatte. Er mute ihr dankbar sein. Etwas fehlte ihm, htte er sie versumt. Aber gut war es, da er, in einem letzten Gefhl von Zweifel, seinen richtigen Namen fr sich behalten hatte. Fahr hin, dachte er, und ging heim. Dort schlug ihm eine schwere Stille entgegen -- und dann ein Aufschrei. Seine Frau lag in den Wehen. Der Arzt, neben dem Bett, lie ihn herankommen, schien es ihm, wie einen Eindringling. Er wich sogar noch ein Stck zurck vor ihm und sagte erst dann, was hier zu sagen war. Frber neigte sich und nahm die Hand seiner Frau. Ihre Lippen zitterten, aber es sprach nur ihr Blick. Du allein, wenn es noch mglich wre, wrdest mich retten, sagte der Blick. Du warst meine Kraft, mein Leben und mein Glck. Stumm antwortete er ihr, sie drfe vertrauen; und durch Hand und Auge schickte er, ohne nachzulassen, seinen Willen in sie hinber, indes sie verging oder sich bumte, indes sie irr redete und wie sie Abschied nahm, whrend sie das Kind hervorbrachte, und noch als sie starb. Da er nun sah, sein Wille hatte umsonst gekmpft, griff er pltzlich um sich, als wiche der Boden. In Kopf und Herz ein wildes Drunter und Drber: Das ist mein Werk, sie bt fr mich. Verraten von mir, ihrem einzigen Glauben, so sterben! Fast war ich schon Verbrecher -- mein Gott! Entsetzen, zusammenschlagend ber ihm. Gerade sah er noch, da der Arzt einen Schritt tat, um ihn aufzufangen, -- da ri er sich zusammen. Nein. Genug an dem. Mann bleiben, was immer geschehen ist. Wohl wahr, er hatte gedacht, es fhrte dahin, da er auf und davon gehen solle mit einer Abenteurerin. Jetzt aber war es so gekommen, da er hier helfen, retten und seine Pflicht tun sollte. Dies hatte nun die volle Macht des Schicksals, -- und an wie wenig war es doch gehangen. Der Zufall regiert uns. Willst du leben, bereue ihn nicht, verantworte ihn! An dir, ihn zu wenden, bis er gut ist. Aus deinem rechtschaffenen Dasein, du weit nicht wie, wird das Schlimmste. Und gerade dein uerster Fehltritt macht dich fhig zum neuen Aufschwung. Hiernach nahm er einen sanfteren Abschied von der Toten. Er versprach ihr zu handeln, als sei sie noch da. Jetzt konnte er weinen, linde Schmerzen des Selbstbedauerns. Sie war dahin, die letzte, die ihn noch jung gesehen hatte, die einzige, die ihn bei seinem Vornamen nannte. Das kam nicht wieder. Sie allein war ihm wahrhaft ergeben gewesen, war sein Geschpf, weit mehr als die Kinder. Fr die Kinder, wuchsen sie heran, war er ein alter Mann, ein Mensch mit Schwchen, die auszuntzen, und einem Willen, der vielleicht zu bekmpfen war. Der Kritik seiner Kinder gewachsen bleiben, dies war knftig die Aufgabe. Sich halten. Seine Versprechungen halten. Damit er nie wieder in die Gefahr komme, die Seinen im Stich zu lassen, schrnkte er zuerst seine Lebenshaltung ein. Klein und umsichtig, mit einer inneren Bescheidenheit, die ihm lngst nicht mehr bekannt war, ging er in eine Unternehmung hinein, verlor, und ward doch nur entschlossener und in seinem Gewissen fester. Er zwang den Erfolg dorthin, wo es kein Ausweichen mehr gab; -- und vergingen auch die Jahre, eines Tages war er bezwungen. Gleichwohl durfte man ihm niemals ganz trauen. Des Erfolges war niemand sicher; sicher, so sagte er seinen Tchtern, mssen wir unser selbst und einander sein. Er lag vor dem Einschlafen, ein Mann von fnfzig, und dachte an die beiden Kinder, an ihre Namen etwa, Rosa, den der lteren, und den letzten armen Schnheitstraum der verstorbenen Mutter, den Namen der kleinen Liliane. Er dachte, Laut fr Laut, ihre Namen durch und fand darin vorherbestimmt, was sie sein sollten, das besonnte, schn sich entfaltende Dasein der einen, und dann dies schwache, weie Kind einer Sterbenden, s und schmerzlich, wie Blumenduft von einem Grabhgel. Er besann ihre Haltung heute, als er eintrat, ihre klugen oder zrtlichen Worte, -- und die letzte, angstvolle Vorstellung seines Wachens war es oft, er wre damals am Scheideweg falsch gegangen, und sie htten ihn nicht, die beiden, die nur ihn hatten. Waren sie denn jetzt gesichert? Noch immer nicht, falls er an einem Morgen nicht aufwachte. Doch schien es nicht vorgesehen, da er ihnen verloren gehe. Er hatte nie gefhlt, da ein Gott ihn ansehe; -- vielleicht aber sah er auf einen Vater? Man rechnet, sorgt, und schliet mit Genugtuung ein Jahr ab, das doch dahin ist; aber es hat die Aussteuer der lteren abgerundet. Das dir entgleitet, ihr gibt dein Jahr noch Kraft. So fort, wir sind gewhnt des sicheren Weges. Jedes Vertrauen, das unschuldigste der Kinder, diesmal haben wir es gerechtfertigt. Auf Zwischenflle war man lange Zeit wohl gefat; nachgerade aber hat man so gut wie vergessen, wie sie aussehen knnten. Frber war in seinem Geschftszweig fhrend geworden und seine Ttigkeit ausgebreitet; er bemerkte erst allmhlich, wie dies und jenes ihm aus der Hand fiel. Oder ward es genommen? Ein Mitbewerber, von einiger Grozgigkeit gleich anfangs, trat vollends hervor. Ja, immer dieser, und nie anders als gegen mich. War das noch Zufall? Frber kam dahinter, da seine Kundenlisten durch Verrat an jenen Lanz gelangt waren, -- und der nutzte sie aus, als seien sie das, worauf er sein Dasein grnde. Es kam dahin, da Frber sich fragte, bin ich verfolgungswahnsinnig, oder --. Das Oder, vom Schrecken starr, flsterte in ihm: Werde ich alt? Und eines Tages, er hatte ein eigenes Unterlassen erkannt, das vor ihm der Gegner erkannt hatte, sank er an seinem Tisch hin, und den Kopf tief auf der Brust erblickte er es zum erstenmal, da er in Wahrheit alt sei und darum ausersehen von einem jungen Feind, nur Feind weil jung, -- aufgesprt von ihm, angeschossen wohl schon, und gehetzt, von nun an immer gehetzt, bis in den Ruin, bis in den Tod. Eine kurze Spanne hielt sein Atem an, ihm war es, auch sein Herz; und kalt in der Stirn, nahm er ganz still hin, was kam. Er sah in diesen Sekunden das Bild des Feindes, schwarz und bleich, gewandt, gut angezogen, wie es lchelnd vorberging, -- und von drben nahte Rosa, achtzehnjhrig, sanft, gtig und unwissend. Eine Jugend so im Recht wie die andere; aber die eine schlechter beschtzt. Waltendes Erdengesetz. Dann ermannte er sich wohl und gedachte des Kmpfenmssens. Aber zum erstenmal war er, wo es einen Schlag galt, seiner nicht sicher. Was ihn unsicher machte, war dies. In jener Erscheinung, vorhin am stillen Tisch, hatte nicht nur der Feind gelchelt, auch Rosa. Sie kannten sich, er wute nicht, ob im Leben, aber ihrer beider Jugend kannte sich -- ber ihn hinweg, trotz aller Unschuld seiner Tochter. Er sah fort, als dieser Lanz auf der Strae gren wollte, und er sagte zu Rosa: Das ist ein unvornehmer Kaufmann. -- Sie erwiderte: Ach! Wir hatten Tanzstunden zusammen. Das war es, was ihn zum Besiegten machte von vornherein! Der, der ihn zur Strecke bringen wollte, mit seinem Kind war er in die Tanzstunde gegangen. Im Gesicht Jugendreinheit, und war doch ein bedenkenloser Mchler. Lebte lustig, lie Geld springen, geno sozusagen schon Geltung in einem Alter, wo unsereiner nichts hatte als einen Arbeitskittel -- und machte nebenbei se Augen fr die Tochter seines Feindes. Denn Feindschaft wog ihm so leicht wie das brige. Er war hassenswert, vom Vorteil zu schweigen, durch sein Wesen selbst. Er war aus dem neuen leichten Geschlecht der Erben: Erben auch ohne Geld. Rasch und unsolid kamen die daher, schufen nichts, nutzten nur aus; -- aber ihr Kampf, der ein leichtfertiges Spiel war, brachte sie dennoch an die Stelle derer, die gearbeitet hatten, ohne rechts oder links zu sehen . . . Denn der bald Sechzigjhrige verga vieles beim Anblick des Fnfundzwanzigjhrigen. Was tun? Wenn Rosa den Gru dennoch erwiderte -- heimlich, und wohl mit etwas Selbstberwindung, aber sie erwiderte ihn, was tun? Sollte der Vater ihr dann eingestehen, wie es stand und da das Seine und Ihre tglich dahinschwand zu dem da? Ihr eingestehen, da er schwach war? O doppelte Ohnmacht, nicht aufhalten knnen das Verderben, und auch nicht sprechen drfen! Vielleicht war sein Kind schon nicht mehr wrdig, da er sprach; wute alles und hielt es mit dem Feind. Umsonst wrde er es bei ihr aufgenommen haben mit dem Jungen. Er fing an, mitrauisch Rosa nachzusehen, wenn sie ging, und ihrem Gesicht nicht zu glauben. Ward es davon etwa traurig? Mochte denn auch sie fhlen, wie es tat, verlassen zu werden! Kaum verbarg er ihr noch, wie viel nher ihm seine Jngste war, Liliane, das leise Kind der Sterbenden. Als sie starb, war sie seine, des Alten, wahre Gefhrtin gewesen, und sein wahres Kind war Liliane. Die eine behten, die ihm noch blieb! Er sorgte sich um ihr Leben, -- und ihre Zukunft sicher zu stellen, war alles was er noch verlangte und unternahm, bevor es denn mit ihm zum uersten kam. Kein Zweifel mehr, da es dahin kam. Noch einmal und in einem Alter, wo es kein Wiederaufstehen gab, sollte er zu Fall kommen. Die Schlge, die ihn trafen, wurden heftiger, wurden unentrinnbar. Keine Gewandtheit und Spannkraft mehr, auf die er pochen durfte. Nur noch stillhalten und vor dem Entsetzen die Augen schlieen. So stand er eines Tages in dem halb dunkeln Vorraum seines Ezimmers, hatte die Augen geschlossen und nach einem Tisch gegriffen. Das Geschirr darauf klapperte, sie hrten es wohl drinnen. Dennoch verging eine Weile, bis jemand die Tr ffnete. Rosa war es. Er hatte sie nicht erwartet, sein Arm zuckte, als sie ihn nahm. Du weit wohl nicht, da wir schon essen? sagte sie, und fhrte ihn hinein. Obwohl sie munter sein wollte, verbarg sie ihren Blick. Schmte sie sich fr ihn? Fr sich? Fr dies Leben, das nun das ihre war? Pltzlich erinnerte er sich, als sei es gestern gewesen, seines Eintretens in das Ezimmer, als Rosa klein war und ihre Mutter noch mit am Tisch sa. Er kam durch die groe Tr, schnell und freudig, mit einer Miene voll guter Gaben, und sie streckten vertrauend die Hnde hin, baten lchelnd und lachten dankbar. Wohin habe ich es kommen lassen! dachte er, tief erschrocken. In so kurzer Zeit! Er strich der kleinen Liliane ber die Haare, und zu Rosa sagte er vertraulich und leichthin: Du darfst dich nicht wundern. Im Leben eines Mannes, der viel arbeitet, kommen matte Zeiten vor. Ihr werdet mich wieder anders sehen. Er fhlte: Ah! Nein! -- und als er nachher allein war, immer wieder: Ah! Nein! So sollte dies nicht verlaufen. Die neue Jugend dachte sich die Dinge denn doch zu glatt, ihre Opfer zu widerstandslos. Ihr kennt mich nicht, ihr sollt mich kennenlernen! Auf einmal sah er alles unerwartet leicht und klar: denn die Hoffnung war aufgewacht, er knnte sein Kind wieder fr sich gewinnen. Er fand: So war es zu machen. Ein Plan wie dieser rechnete mit allen Eigenschaften des Gegners. Keine Falle, in die er, wie er war, nicht tappen mute. Frber, am stillen Tisch, lchelte in sich hinein. Er empfand sich als den klugen alten Kriegselephanten, der den Rssel aufstellt, bevor er die Dschungel betritt. Der junge Tiger prscht sich heran. Aussehen, als merke man nichts. Springt er? Er springt; -- und der Rssel fllt und zerbricht ihm den Schdel. Auch wir Alten haben unsere Strke. Es ist nicht der Ansturm mehr und nicht mehr der leichte Griff. Aber es ist die erfahrene Einsicht und die List. Das Geschft, das ein Schicksal sein sollte, ward langsam angelegt, mit Geduld und Weitblick -- scheinbar in groer Furcht vor Mitwissern, aber fr Spalten war gesorgt, an denen der Feind horchen und sich aufregen konnte. Was war er denn? Ein Nachtreter, immer auf der Suche nach eintrglichen Plagiaten, immer bereit, mit Methoden, die ohne Selbstachtung waren, der ehrlichen Leistung eines andern seinen schnellfertigen Pofel unterzuschieben. Darum nur zgern, zurckschrecken, schwerfllig tun: den Horcher reizen, bis er dich berrennt und als Halsbrecher in eine Sache hineingeht, die deiner grten Vorsicht wert war. Jetzt noch Ertapptsein heucheln, greisenhafte Wut und kopfloses Nachdrngen, -- bis er im Radwerk hngt und nie mehr entrinnt. Wie verhlt sich hier so einer? Er denkt sich ablsen zu lassen von dem andern, er hlt ihn fr dumm, ihn, der ihn restlos ausgerechnet und Schritt fr Schritt gelenkt hat. Diese Art hlt alle fr dumm; daher ihr frher Sieg wie ihr vorzeitiges Ende . . . Er ist fllig nun, sogleich mu er da sein. Frber sah aus dem Fenster: Da kam er. Munter und seiner Sache getrost fhrte er sich ein und legte los. Reden lassen! Die Stichworte geben, vermittelst kleiner harmloser Fragen, die in dem andern ein Loch aufrissen, eine Lcke in seiner trichten Selbstsicherheit; -- und jetzt, seine Samtaugen verrieten es, tat er den ersten Blick in die ganze Tiefe seiner Trostlosigkeit. Dies war der Zeitpunkt. Frber stand auf. Der erwartete Zeitpunkt der Abrechnung. Zurcktretend sah er zu, wie der dort vollends begriff und erstarrte. Erst als er ihn hilflos bat, doch zu sprechen, sprach er, um ihm zu sagen, da er verloren sei, und er selbst habe es gewut und gewollt. Sie tuschen sich ber das Leben, sagte er mit einer Stimme, hart vom Richten. Wie Sie es sich denken, wre es zu leicht fr Menschenverchter ohne Gewissen und fr geistlose Gewaltverber. Ich habe vieles gesehen, vieles erkannt. Die Schamlosigkeit Ihrer Verfolgung hat mich zuletzt noch das Beste erkennen lassen. Eine Sache, die, wie Ihre, auf Enteignung und Vernichtung gestellt ist, bricht endlich zusammen, das ist vorgesehen. Aber anstatt jener dort fhlte Frber selbst sich niedergebeugt, wie von groer Vergeblichkeit, und sttzte sich auf den Tisch. Nur weil er sie sich vorgenommen hatte, sagte er noch einige Stze, aber seine Stimme, schien es ihm, verlor die Tragkraft. Um die Jugend wird man sonst beneidet, Sie aber sind, Gott sei Dank, nicht zu beneiden. Sie lernen mit fnfundzwanzig Jahren schon eine Lage kennen, da Sie mit sechzig sich nicht einmal mehr wundern knnen, wenn Sie dastehen wie jetzt und flehen. Und um dann, mit sechzig, noch wieder loszukommen, sagte er und verhielt mhsam ein Aufschluchzen, mu Einer strker sein als Sie. Der bleiche junge Mensch dort lchelte, betreten und spttisch, -- was Frber pltzlich auer sich brachte. Er wisse noch einen Grund, sagte Lanz, noch einen Grund fr Frber zur Nachsicht. Es sei ein auergeschftlicher . . . Da wies Frber ihm die Tr. Der prfte ihn leichthin von unten, ob wirklich nichts zu machen sei, und dann wand er sich wohl, einigermaen auf den Mund geschlagen, durch die Mbel nach der Tr; aber kaum darunter, klapste er sich auf den Cylinder, und seine Hften schaukelten schon wieder, wie er abging, -- indes Frber mit arbeitender Brust es fhlte, da nichts in der Welt ihn rchen knne an dem da. Denn der war kein Vater, und war kein wirklicher Mann, weil er von Recht und Unrecht nichts wute. Er ging nur ab, wenn die letzte Frechheit gesagt war -- und was fr eine! Und auf irgend einer anderen Seite fand er wohl wieder Zutritt in das rohe Vergngungslokal, das fr seinesgleichen das Leben war. Frber gewann dort, wo jener gescheitert war, eroberte alle Stellungen zurck, die der Geschlagene, Verschwundene hinterlie, und zu Rosa sagte er: Dein Vater hat gehalten, was er Dir versprochen hatte. Dabei aber suchte er angstvoll in ihrer Miene. War sie nicht im Einverstndnis mit dem Verschwundenen und mit seinem letzten, nicht beendeten Versuch, sich anzuklammern? Er sah nichts. Was lie sich auch sehen, das er nicht hineinspiegelte, erfllt wie er war mit der Erinnerung an etwas Unheilvolles, an furchtbare Zusammenhnge und einen ganz vergeblichen Sieg. Sogar die kleine Liliane blieb unfroh, als er ihnen ankndigte, es sei Zeit, die Koffer zu packen fr die Sommerreise. An der Bahn, gereizt und unbeherrscht, wie man leider nun war, hatte man sogleich einen Streit um die belegten Pltze. Hier lag das Gepck widerrechtlich entfernt von der Bank, und dort standen die Tchter und warteten, da man ihnen gegen die Mitreisenden ihr Recht verschaffe. Behaupte dich, du darfst nicht mde sein! Und lachen, wo die Welt nicht mitlacht? Das will viel Kraft. Als sie aber saen und die Rder sich schon drehten, sagte Liliane: Herr Lanz kommt; -- und in der Stimme des Kindes dieser Schrecken und dies Geheimnis! Rosa sah aus dem Fenster. Dann wirklich drang er ein, fuhr, den Hut im Nacken, mit den Augen ber den Raum und die vier Bnke hin, mute doch bemerken, da auch dahinten ein Platz freistand, -- aber gerade neben Rosa setzte er sich. Sie sah weiter aus dem Fenster. Der junge Mann seinerseits hatte keinen Gru fr Frber. Nach einer Weile stand sie auf und trat in den Seitengang. Lanz rckte sofort auf ihren Platz und ri das Fenster herab. Gegenber der kleinen Liliane warf der Wind den Hut vom Kopf. Frber zog schweigend das Fenster wieder hinauf. Nach einer Minute wiederholte der andere seine Bewegung, und dann Frber die seine, beide schweigend. Als Lanz zum drittenmal den Arm ausstreckte, sagte Frber stark, aber mit Beben: Ich ersuche Sie, das Kind nicht lnger dem Zug auszusetzen. Es ist nicht zu warm hier. Das sei Ansichtssache, sagte Lanz hell, -- und da die Hand Frbers ihm in den Arm fiel, schlug er nach der Hand. Frber stand auf, umklammerte den Zugriemen des Fensters und zeigte den Mitreisenden sein vergrmtes Gesicht, das verbissenen Zorn preisgab, sein altes Gesicht. Sie murrten. Lanz wendete ihnen sein junges zu und rief hell: Der Herr glaubt, alles geht nach ihm. Das hat er schon vorhin geglaubt, riefen die, die mit ihrem Gepck hatten abziehen mssen. Ein Unbeteiligter sagte krftig: Nervse Bureaukraten sollen allein reisen! Die kleine Liliane zog sich zusammen auf ihrem Sitz und weinte still. Rosa im Seitengang wandte sich nicht her. Und der Vater stand da, ganz Spannung und Beben: Dein Kind verteidigen und nicht sinken in seiner Achtung! Stand, als gehe, weil er endlich schwach genug sei, das Letzte dahin, stand am Pranger mit seinem Herzen. Der junge Lanz zuckte die Achseln und setzte sich wieder. Ringsumher besprach man den Zwischenfall, ohne Rcksicht darauf, da Frber und die Seinen zuhrten. Er sah sich wehrlos und empfand, wie noch nie, unter dieser albernen Niederlage die letzte Nutzlosigkeit der Dinge. Der Mund fllte sich mit Bitterkeit, die Hand am Fensterriemen ward schlaff. Kaum da sie herabglitt, griff Lanz schon zu und ffnete. Frber nahm Liliane bei der Hand, rief sanft nach Rosa und fhrte beide in den Speisewagen. Hinter ihnen ward gelacht. Das Lachen des Lanz drang durch, es klang nach einem Automaten, trotz allem Ha. Die Mittagsstunde kam, im Speisewagen war schon alles besetzt, nur am Tisch Frbers wartete der vierte Platz -- auf wen? Lanz fehlte. Frber sah es im Spiegel, wie er eintrat. Er sah auch die gequlten Gesichter seiner Tchter und dachte auffahrend: Wenn er sich hersetzt --! Aber dem Menschen stand es zu deutlich in der Miene, was er sich wnschte. Frber bezwang sich. Ich habe kein Recht, die Kinder auch dies noch sehen zu lassen. Es gab eine Zeit, da stand ich zwischen ihnen und allen Feinden. Und aufsthnend im Lrmen der Rder: Nimmt die Verfolgung denn nie ein Ende? Lanz inzwischen hatte Champagner bestellt, trank hastig und schnitt Gesichter, als unterhielte er sich lebhaft mit sich selbst. Einmal, Frber sah es im Spiegel, lie er einen Blick zu Rosa gleiten und bewegte merklich das Glas gegen sie. Sie sah aus dem Fenster, und Lanz gleich wieder sorglos in die Luft. Nach dem Essen ging er hinber zu den Rauchern. Frber blieb sitzen und sagte den Mdchen, welche schnen Wochen sie haben wrden im Wald und an den Hgeln. Und fter dann, sagte er. Denn jetzt, jetzt sehe er freien Weg vor sich und die Aussicht sich zurckzuziehen und ganz mit ihnen zu sein. Er sagte ihnen mehr, als er je gesagt hatte. Erst als der Zug ihr Ziel erreichte, standen sie auf. Frber lie sich Zeit mit Trgern und Koffern, schon gefat darauf, auch der Verfolger werde aussteigen. Dort sprang er grade hinab, ganz ohne Gepck, verwunderlicherweise. Wir gehen durch den Wald, das wird uns erfrischen, sagte Frber, besorgt wegen eines neuen Zusammentreffens im Omnibus. So betraten sie, indes vom Himmel Tropfen fielen, das niedrige Gewlbe der Buchen. Moderig roch es in der feuchten Luft, denn der Grund weithin war berhuft mit altem Laub. Sie gingen auf ihrem Weg, oben zwischen den Hngen, in einer drckenden Stille. Die kleine Liliane, voran, versuchte ein Lied zu singen, brach aber gleich ab und tat eine flchtende Bewegung zur Schwester. Frber ging hinter ihnen und sann darauf, sie heiter zu machen. Da fiel ein Schu. Es war dahinten, dort unten! Auf jener Seite! Nein hier, du siehst doch den Rauch . . . Und noch immer standen sie. Ein Jger, sagte Frber und reckte jh den Arm aus. Dort luft ein Reh! Rosa stieg, ohne zu antworten, vom Weg hinab. Darauf stieg auch Frber und berholte sie. Watend durch Vertiefungen voll fauliger Laubmassen, heraushastend und endlich doch nur als Schleichende kamen sie hin. Frber rumte Laub fort von der Brust des Gefallenen, von seinem Gesicht, so tief war er versunken. Mute dies sein! dachte er. Wie ein Tier im Dickicht! Hinter ihm Rosa weinte auf: Htte ich das gewut! Da beugte Frber sein Gesicht bis in seine Hnde. Ich selbst knnte so daliegen, murmelte er flehend. Die kleine Liliane war nachgekommen. Sobald sie sah, blieb sie stehen und schrie, schrie. Rosa nahm sie beim Arm, dann holte sie Frber. Noch nicht, bat er und sank auf einen Baumstumpf. Da war er, jenseits eines letzten Schleiers, der gndig noch beschnigt hatte was ist, allein mit seiner Wirklichkeit: da wir vergeblich Unrecht ben, zur eigenen Qual einander Feinde sein und unbekannt jeder jedem, uns tten mssen. Was htte ich tun sollen, fragte er hilflos. Rosa umarmte seinen Kopf. Armer Vater! Und seine Hand, die sich trostlos ffnete, ward unversehens liebkost von der ahnungsvollen der kleinen Liliane. Er stand auf. Er sah noch einmal zu dem jungen Gesicht des Toten hin, -- und ihm ins Gesicht, als wren nicht zwischen ihnen das Leben und der Tod, beide mit ihren Verboten, ins Gesicht ihm sagte er: Mein Sohn! End of the Project Gutenberg EBook of Der Vater, by Heinrich Mann License: Share Alike