Produced by Jens Sadowski Heinrich Mann Mnais und Ginevra Mnchen und Leipzig R. Piper & Co., Verlag Von diesem Buche wurden fnfzig Exemplare auf echtem hollndischem Btten abgezogen, in Ganzpergament gebunden und vom Verfasser eigenhndig signiert und numeriert. Preis des Exemplars zehn Mark. Mnais Soll ich herabsteigen? Wrdest du sehr erschrecken, wenn ich's tte? Ja, horch, ich bin's, zu der du im geheimen betest, wenn wie jetzt der Mond um mein Gebsch herflimmert. Du meinst, ich wte nicht um dich, armer Knabe, und nennst mich deine tote Nymphe. Ich bin keine Gttin und nicht tot, Mnais bin ich, eine Sikulerin, seit langer, schlimmlanger Zeit in Marmor gefesselt, einst aber meiner sen Glieder froh und der Sonne, die Goldreifen um sie bog, und des Quells, der sie khl und hart machte, und des Schattens, der die ausgestreckten mit den Abbildern kleiner Bltter sprenkelte. Hirtin war ich; und am Grunde des Tales, unter Farnen sa ich, und meine Hand drckte die Euter des geduldigen Mutterschafes in den irdenen Krug aus. Nun ward es Abend; klagend riefen die Hirten von den Kuppen der Berge einander zu; und ich trieb, den Milchkrug hoch auf meinen blonden Flechten, die Herde heim. Sie umdrngten meine Fe; die Leiber der alten schaukelten wollig; die jungen erhoben blkend ihre hellen Muler zu mir; und ich war mitten in einem Getrippel wie von vielen Regentropfen, und in einem warmen, befreundeten Duft. Den Wanderern bot ich einen Trunk aus meinem Kruge. Der gab mir eine Mnze dafr und jener ein Stck Maiskuchen. Ein Hirte aber, Krupas, der nach Bcken riecht und dem ihr Fell um die Knchel zottelt, griff in mein Gewand. Ich ri mich los, wie schon oft, und sprang ber den Steg. Warum aber schttelte diesmal mich Zorn? Ich reckte ber meine Herde hinweg, denn sie versperrte ihm den Weg, die Hnde nach dem Begehrlichen und rief ihm Schmhungen zu. Er lachte, und gekrnkt drehte ich ihm den Rcken. Am Rande des Olivenfeldes aber hielt ich den Fu an und bedachte, da der Krug, mein schner, rotgebrannter, mit der fliegenden Nike, mir vom Kopf gestrzt und zerbrochen war. Hin fiel ich da und schrie Wehe und verwnschte, die Arme zum Himmel erhoben, den Verderber. Ach! nicht hat ihn, wie ich's erflehte, der Blitz hingestreckt, und sicher war er von einer neidischen Gottheit abgesandt -- denn mit dem Zerbrechen des Kruges begann die Strafe meines harten Geschickes. Zwischen den sanften lbumen strzte ich die Erdstufen hinan und klagte es den guten Gottheiten der Bume, wieviel ich verloren habe. Auch meinen Schafen jammerte ich's vor. Der Krug, den der Vater aus Syrakus mitbrachte! Die Mutter wird mich schlagen, sie wird mich verfluchen! Da trat aus ihrer Htte, unter dem weien, unbekannten Baum hervor, Rhus, die Hexe, und rief: Ei, hole dir einen neuen beim Timander! Schreiend floh ich; naht ihr doch niemand ohne Bangen; kein Bursche der Gegend, mag sie immerhin eine schne Frau sein, tritt in ihren Dienst, aus Furcht, da sie ihn verzaubere; und niemals auch bleibt ein fremder Knecht ihr lange im Hause. Eines Tages fehlt er, und statt seiner ist ein Esel da oder ein Bock, den vorher niemand gesehen hatte. Sie aber rief mir nach: Zum Timander geh', dem Knstler, droben in der Villa des Faustus! Warum mute ich gehen? Gro war die Furcht vor der Mutter. Die Herde schickte ich heim und am Bergabhang durchschritt ich die Obelisken des Rmers. Zwischen den steilen Cypressen eilte ber die steinernen Treppen das Wasser, schwemmte Nymphen mit, von Tritonen verfolgt, und bespritzte die grnen Faune, die im Schatten lachten. Wo ist Timander? rief ich, und Timander! antwortete hinter den dster glnzenden Laubmauern eine Dryade. Ich suchte, und ich verlor mich in den langen dunklen Lauben, wo berall Bilder der Gartengtter mich erschreckten und verspotteten. Der Ausgang endlich brannte, ja, ihn umstanden rote Flammen, und in wilder Angst wendete ich den Fu. Wie aber auch das Ende des nchsten Bltterganges rot beleckt war, wollte ich laufend hindurch, und laufend und in meinem Herzen betend, gelangte ich auf eine Wiese, die ganz voll rosigen Himmels hing. Steinbilder lagen umgestrzt im Grase, und tnerne Krge und -- ihr Gtter! -- der da glich ganz dem meinen! Nimmst du ihn, Mnais? Nimmst ihn und schleichst zurck? Ich sphte umher: Da entdeckte ich zwischen den Bschen ein niedriges Haus und im Dunkel der Tr einen Jngling, der mich ansah. Meine Arme sanken herab, die lieben Knie zitterten mir. Er trat auf die Schwelle; Timander war's; und er sagte lchelnd: Nimm dir den Krug, da du ihn dir ja wnschest, und geh nur! Ich bckte mich nach dem Kruge; aber anstatt zu gehen, fragte ich: Was tust du? Du bist Timander? Und dies ist dein Haus? Er lchelte noch; oder war's der rosige Himmel auf seinem Gesicht? ja, vielleicht war sein Lcheln der Himmel selbst. Und er antwortete: Ich suche in dieser Tonerde den Gott. Rasch beugte ich mich darber. Drcke deine Hand hinein, sagte er, und dann: Nun wird eine Gttin deine Hand bekommen, und vielleicht werden groe Herren sie mit den Lippen berhren. Da ich ihn nur ansah: Freut dich's? Was du fr Augen hast! Wild und wirr von Freiheit, wie die Augen einer Waldfrau, die hier eingebrochen wre. Gewi bist du eine? So neugierig stehst du da und so scheu! Rasch mu ich dich festhalten und dir deinen warmen Abdruck rauben! Dabei sphte er in mein Kleid, und ich merkte mit Schrecken, da sich's vom Laufen verschoben hatte. O la! sagte er, und bewegte gleichmtig die Hand, wandte sich, ging pfeifend hinein und holte ein Brett und Lehm. Beim Kneten sah er her und weg, her und weg, aber sein Auge war so streng und allein, als she es gar nicht mich, als wre mein Gesicht, das er doch abbildete, nicht Mnais' Gesicht. Mir ward es seltsam kalt. La dein Kleid fallen! sagte er zwischen den Zhnen, und als ich erschreckt zauderte, stampfte er mit dem Fu. Da warf ich, bevor ich's bedacht hatte, alles von mir. Ich fhlte, wie mir das Blut zu den Augen stieg, wagte nicht, die Hnde davor zu heben und mute lassen, da Trnen kamen. Was wird er denken! Aber er sah es gar nicht. Pltzlich seufzte er tief auf, seine Hnde beruhigten sich; lchelnd strich er sich die Locken aus der Stirn. Hte dich, Mnais, sagte er, da nicht das Auge eines Gottes auf dich fllt, wenn du nach dem Bade ruhest und schlfst. Und da ich erstaunte: Denn die Nymphe, die ihn liebt, wrde neidisch werden und sich an dir rchen. So schn findest du mich? fragte ich und meinte, er msse mein Herz pochen sehen. Er betrachtete aber das, was er gemacht hatte. Auf einmal ward mir der Atem schwer. Dich selbst, sagte ich, werden gewi Gttinnen besuchen? Und ich sphte in sein Haus, nach dem Herd und der Bank. Er warf irgend etwas mit der Schulter weg. Ich verschmhe sie. Nur Athene: sie, vielleicht, habe ich schon auf meiner Schwelle erblickt. Aber sie war -- beruhige dich! -- hart und schwer bekleidet, und die geraden Falten um sie her schaukelten nicht einmal. Liebst du denn ein sterbliches Mdchen? fragte ich und lachte. Ich liebe nur meinen Herrn. Wie? Ein Sklave wrest du? Du meinst wohl, ich wnschte mir's anders? Ein Knstler bin ich, geehrt und gut bezahlt. Was habt ihr Freien? Ihr frohndet dennoch meinem Herrn, -- der mich nhrt und liebt. . . . Da bist du, Crassus! rief er. Freund! Und er und der Jngling, der aus der Laube trat, breiteten beide die Arme aus. Der andere war ein Brauner, Hagerer, mit einem Lorbeerkranz ber der Stirn. Er zeigte auf mich. Sie hat, erklrte ihm Timander, einen Krug von mir gekauft und mir ihr Bild dafr gelassen. Dann gingen sie beide begierig um das Bild herum, eine lange Weile; und ich stand und dachte beklommen, wie ich entkomme. Wie in einen Brand war ich einst auf diese Wiese gestrzt; und nun war der Himmel erloschen und die Luft so matt. Drstet dich nicht, Freund? sagte Timander. Mir hat die Arbeit Durst gemacht. Nimm, Mnais, deinen Krug, geh' hinein und mische uns Wein! Ich brachte ihnen den Trunk; mir war's, wie wenn die Mutter mich hart gescholten htte. Demtig blieb ich stehen. Sieh doch, sagte sein Freund, sie hat eine Flte am Halse hngen: eine Hirtenflte. Befiehl ihr doch, da sie uns ein Lied spielt. Spiele, sagte gleichgiltig Timander und streckte sich aus. Ich spielte, inde sie plauderten und sich khlten, bis sie im Eifer ihres Lachens einander die Arme um die Schultern legten: da schlich ich mich, immer noch spielend, in die Laube und, kaum ihren Blicken entrckt, rannte ich, von Angst brennend, durch den Garten, aus dem die Gtter fort waren, und hinaus, hinweg, wo irgend ein Versteck wre. In einem Felsspalt nchtigte ich, denn nicht wollte ich der Mutter meine Augen zeigen, und vor Tag stieg ich in den Quell Argenos und bat ihn, er solle mich schn machen, schner als Bilder, schner als Timanders Freunde. Er lachte, Argenos, hell, wie er immer lacht. Mit seinem Spiegel trstete er mich. Und wie ich in die Villa des Faustus zurckkehrte, standen die lieben Gtter alle wieder da. In den hohen Hecken schwebte die Morgenrte; tausend zwitschernde Stimmen regten sich darin, und ein seliger Tau fiel. Das Gras kte mir die Fe. Ich will ihm die Fe kssen, dachte ich, und ihn so aus dem Schlafe wecken. Nun fand ich die Wiese, nun lugte ich ins Haus. Wie? Leer war's. Bangend betrat ich's, zauderte, strich mit dem Finger ber ein Stck Ton, das von seiner Hand die Rundung hatte, legte die Wange auf seine Bank. Da schreckte lautes Ghnen mich auf. Timander kam ber die Wiese. Er schwankte, blickte fahl, und die Rosen zerbltterten in seinem zerzausten Gelock. Was willst du? fragte er mit schwerer Zunge. Und da ich erschreckt verharrte: Es gibt keinen Krug mehr. Hast du ihn wieder zerbrochen? Aber ich brauche dich nicht: das da ist fertig. Er zeigte nach meinem Bild. Geh! Und er warf sich auf die Bank. Schon hrte ich ihn im Schlaf atmen, kehrte zurck und neigte mich ber ihn. Welch se Brust! Wie Eros' Finger die kleinen Schatten weich eingesenkt hatte in die Wange das schnen Jnglings, unter seine Augen! Aber sein Mund erschreckte mich: er war wie von einem satten Tier. Feucht war er in den Winkeln, feucht von Kssen! Ich tastete ber seine Haut, und die Spuren von Kssen traten heraus, auf der Stirn, auf der Schulter: berall. Ich schluchzte, schttelte mich und sah: sah all mein Migeschick. Du Verlorener! klagte ich. Mgest du sterben! Dein Grab werden sie Mnais lassen. Du aber gehrst ihnen! Wieder floh ich; und im Tal, wo sonst meine Schafe weideten und nun die harte Sonne mit sich allein war, rang ich die Hnde. Was ist aus dir geworden, Mnais? Verloren bist du! Er hat dich krank gemacht und will dich nicht heilen. Ohne ihn aber stirbst du. Nicht lange mehr soll dein Leib duften und blhn. Deine Haut wird welken, deine Glieder abmagern, und unfruchtbar und Gttern und Menschen zur Unlust, schleichst du dahin. Dem Unglck gebar dich die Mutter! Und da ein Adler nach Beute kreiste: O, nimm diese! Sie sind unntz! rief ich, reckte mich auf einem Stein und bot ihm, in die Luft hinauf, meine beiden Brste. Hirten ersphten mich, stiegen herab und umkreisten mich, spotteten und boten sich mir zur Liebe an. Krupas war unter ihnen der Dreisteste. Nackt ber seinen Fellen und meckernd beugte er sich herber und wollte mir das Kleid fortziehen. Heute aber erschreckte mich nicht sein Bocksgeruch: ich nahm nur meine Flte an die Lippen und ging, ohne ihrer aller zu achten, spielend aus dem Tal. Ich wei nicht, was ich spielte; mir selbst war's unbekannt; und doch flog ich darin fort, als entfhrte ein Gott mich in seinem Mantel: mich, die nicht mehr Mnais war, und die Huser und Wege und Geschpfe, die ich kannte, lgen klein dort unten -- und auch das Herz, das mein gewesen war, dort unten . . . Als ich mich umsah, stand ich im Dorf, und um mich her waren alle Nachbarn. Auch die Mutter erblickte ich und wunderte mich, da sie mich nicht schmhe, sondern lchle, als machte ich ihr Scheu. Es murmelten aber Stimmen: Mnais ist wohl einem Gotte begegnet. Lat sie allein. Sie wichen zurck. Als Krupas vorbeikam, sah ich seine Stirn so voller Falten, wie wenn sich im Tempel der innerste Vorhang bewegt. Da stieg ich, immer spielend, zum Vorgebirge hinauf, wo der Himmelsrand lang und hell ist zwischen zwei singenden Pinien und Pan auf das Meer hinab lacht. Du lachst, Pan, sagte ich, Mit dir lacht das Meer und die Erde; und ihr habt wohl recht, denn zu vielem Guten taugt alles Geschaffene. Nur Mnais ist glcklos und schlecht. Lache ihrer und nimm ihre Flte. Ich hngte sie ihm um, bekrnzte ihn frisch und ging. ber den blauen Wldern begann, als es Abend ward, das weie Haus des Faustus zu glnzen. Immer mute ich hinaufsehen, und alle Wege fhrten ihm entgegen. Nun unterschied ich Sulen und nun Rosengewinde. Wie ich aber am Gartentor ankam, war auch die letzte der hohen Marmortreppen von Laub verschlungen. Umsonst suchte ich sie wieder, am Ende aller Lauben, von den Schultern der Brunnenreiher, aus den Kronen der Bume, die ich bestieg. Entrckt ist er, liegt den Freunden im Arm und wei nichts von Mnais. In einem Dickicht schlief ich ein, obwohl aus dem Finstern mich Augen anfunkelten; erwachte beim Grauen und horchte: aber nur Ratten pfiffen zwischen nassem Gestein. Er kam nicht! Er kam nicht in der Nacht, nicht am Morgen und bis zum Abend nicht. Sie haben ihn mir geraubt fr immer! Aber im Dunkeln fand ich ihn neben einer Steinbank hingestreckt; Fchse berochen ihn; -- und ich kniete nieder, legte seinen Kopf mir in den Scho und behtete, den Fledermusen wehrend seinen Schlaf. So trieb ich's; im Dmmern erst kam ich; und nur dem Schlafenden, nur dem trunken Heimtastenden nherte ich mich. Einst sah ich ihn, der unter dem Handrcken hervorblinzelte, und um ihn her auf der mondblauen Wiese war ein Ring tanzender Nymphen, deren harte kleine Vogelstimmen ihn neckten und lockten. Das Herz entsank mir. Aber ungestm brachte Zorn es mir zurck und ich strzte vor. Da entflohen die Nackten mit Gekreisch, und bewutlos sank Timander an diese Brust. Eines Abends dann: nichts ahnend trete ich auf die Lichtung vor sein Haus, da steht er mit vielen Freunden, alle stumm, und hoch auf dem Gerst, hell und schn, ich selbst: ja wirklich, die Form der Mnais, halb aus dem Marmor getreten. Schon hatte ein Ach mich verraten und sie holten mich Erschrockene herbei. Willst du einen Krug? fragte Timander mich, du hast mir Glck gebracht. Die Freunde loben dein Bild und verlangen es von mir in Stein. Ich gehorche. Gehorche auch du und lege dein Kleid ab. Vor uns allen? sagte Crassus. Man sieht, Timander, da dir die Frauen mit nichts gefllig sein knnen als mit ihrem Umri. Was sie sonst etwa noch zu verschenken haben, gnnst du jedem. Ich aber, meiner Schande mir bewut, streifte mit einer Begeisterung, die mir schwindlich machte, das Leinen von meinen Gliedern . . . So stand ich und bot mich preis. So will ich stehen bleiben, dachte ich; will mich nie mehr rhren. Mnais lebt nur noch in der Hand des Timander, die an ihrem Nacken feilt und dabei ihre Brust umspannt. Ja, ich fhlte in meinem Fleisch den Druck, die Wrme, den Schlag seiner Hand, die den Marmor bearbeitete. Noch oft geschah mir's so, und jedesmal war ich nachher an allen Gliedern wund durch seinen Hammer und glcklich: von einem aufzehrenden, bsen Glck, nach dessen Heilung ich weinte, Tage und Nchte mit Trnen vollweinte, deren er nicht achtete. Eine andere ward ihrer inne: Rhus, die Zauberin. Sie rief mich an, wie ich vorberkam. Ich wollte laufen, aber ich hrte: Du liebst den Timander! Und da mute ich stehen bleiben. Ich wute es, sagte Rhus. Als ich dich zu ihm schickte, war mir bekannt, welches Geschick dir die Gtter bestimmten. Willst du nun, da er dich liebt? Ich drehte mich nach ihr um; aber sehen konnte ich sie nicht, wegen der hervorbrechenden Trnen. Dann geh' und bring' mir ein trchtiges Schaf. Ich holte es eilends. Als ich zurck war, lagen die Erdstufen mit den lbumen im Abendschatten. Die Pforte zu Rhus' Grtchen war aus einem einzigen Brett, das chzte wie in einem bsen Traum; und ungewi, wie weie, tote Augen, blickten die Beeren des unbekannten Baumes herber: ja, wie Augen von Erdrosselten. Das Haus, hoch und schmal, hatte als Rckwand den Felsen, war grau wie er, und steingrau umarmte es der tckische Baum. Ganz in Fels und Baum stak das Haus; aus dem Fenster sah der Ast, der zur Tr hineinwuchs; und deutlich gewahrte ich, da aus seinem bleichen, schlaffen Laub ein Gesicht sich neigte, das alte Gesicht der steingrauen Dryade. Rhus! rief ich in Angst, aber sie kam nicht. Rhus! Da sprach ihre Stimme von oben aus dem Ast: Erhebe deine Hand! Ich tat es; meiner Hand schauderte, denn klebrig und kalt waren die weien Frchte, kalt auch und biegsam wie Schlangen die Bltter, und ber meinem Scheitel, im Laub, umspannte meine Hand ein Gef. Verschtte nichts! sagte Rhus' Stimme. Behutsam hob ich's herab; es war voll fast bis zum Rand, glnzte dunkel und duftete herb. Gib es ihm zu trinken, sagte Rhus' Stimme. Er wird sterben, aber vorher wird er dich lieben . . . Zittere nicht! Denn was du verschttest, ist Liebe, die du nie schmecken wirst . . . Sein Tod macht dir Angst? Du strbest lieber selbst? So stirb! Und dein Lohn soll sein, da er dich liebt, sein Leben lang nur dich, ob auch lngst Mnais' Adern erstarrten und in ihren lieben Augen kein Licht mehr wohnt. Was wird geschehen? fragte ich, und Klte berzog mich. Mu ich denn wirklich den Tod erleiden? Rhus' Stimme erwiderte: Schweig' und folge! Wo nicht, verschtte immerhin den Saft! Die Erde trinkt ihn und Timanders Liebe ist begraben. Was soll ich tun, Rhus? Steige hinab ins Haus, sttze den Kopf an die Wurzeln des Baumes und dann trinke! Da setzte ich den Fu an und ging Schritt vor Schritt dem Hause zu. Meine beiden Hnde waren um die Schale und meine Augen fest auf ihr, da kein Tropfen herausfalle; aber in meinen Ohren waren auf einmal lauter Stimmen, von Tieren, von sanften Frauen, die aus den lbumen herausgetreten waren. Mnais, sagten ein Nachtvogel, der meine Wange streifte, und ein Zweig, der mich an der Schulter berhrte, Mnais, verschtte den Saft und behalte dein ses Leben! Und mir zu Fen flsterte es: Ich bin nur ein kleines Gras und dein Fu kann mich tten. Ist er aber an mir vorbeigegangen, dann lebt noch immer Pans Atem in mir und glcklicher bin ich dann als Mnais, die starb und von Timander geliebt wird. Ich aber verschlo meine Ohren und stieg, den purpurnen Himmel und die warme Erde meidend, von der Schwelle ins Haus hinab, Stufe nach Stufe, in mein Grab; und am Ende meiner erhobenen Arme, bedchtig, da ich nicht ausgleite, und sorgsam, da kein Tropfen zu Boden falle, trug ich meinen Tod vor mir her. Die Wurzeln des unbekannten Baumes waren schlpfrig wie Eis; und als ich ihnen rckwrts meinen Hals zubog, schlossen sie sich darum wie Zangen. Ich erschrak, hatte Furcht, meine Hnde mchten zittern, und trank; trank und starb. Und ich erwachte und sah zu meinen Fen Timander. ber sein Gesicht, zu mir erhoben, flo der Mond. Er flo auch auf Wiesen und Hecken und von der Schwelle seines Hauses: lautlos und bleich. Timander dachte, lautlos: Nur dich lieb ich auf Erden! Was sind mir die Freunde! Ich mchte frei sein, um mit dir mich zu verbergen. Und ich antwortete ihm mit meinen Gedanken: Ich habe dich lieb, Timander! Er dachte wieder und ich verstand ihn: Mnais ist verschwunden, Niemand hat sie gesehen. Ein Gott, sagt man, hat sie entrckt. Ich kenne den Gott: er bewegt meinen Meiel. Ihre se Seele ist nun in meinem Werk: drum kann sie nicht mehr unter den Menschen umhergehen. Da bemerkte ich, da seine Hnde meine Knie umfaten und da ich's gar nicht fhlte; sah seinen Mund auf mich zukommen und empfand nicht seinen Druck; und erkannte, da ich steinern sei. In mir entstand ein Quell von Trnen, deren keine einzige hinausdurfte, und unter den Trnen antworteten ihm meine Gedanken: Es war gut, Timander, da ich fr dich starb. * * * * * Soll ich herabsteigen? Zu dir, Knabe, der in jeder Nacht, trotz den Wchtern, trotz den eisernen Stacheln sich ber die Gartenmauer wagt, um im Geheimem whrend der Mond um mein Gebsch her flimmert, zu mir zu beten? Du liebst mich, und mich liebte Timander. Glaube nicht, du seist der erste. Wohl seufzte Mnais, solange sie ihrer sen Glieder sich freute, umsonst nach des Timander Herzen; seit sie aber als Stein verwittert, fiel ihr seins zu und das anderer Mnner und deins. Willst du davon hren? Du, dessen im Monde schmachtendes Gesicht ein wenig dem des Timander gleicht? Vielleicht kennen sich eure Seelen. Ich will dir erzhlen, und es wird mir, qule ich dich ein wenig, scheinen, als qulte ich den Timander. Kein treuerer Liebhaber hat einer Sterblichen gelebt. Er wachte zu meinen Fen und schlief im Grase, in das er mich bettete, auf meiner Brust. Nicht ermdete ihn die Klte meiner harten Glieder; sondern tief in den unbeweglichen erriet und fhlte er die Schauer von Mnais' wandelbarer Seele: und doch war sie ihm einstmals nichts als eine scheu und neugierig vorgeneigte Fremde gewesen, eben nur vom Wert der Tonerde, in die sie ihre Hand drckte. Begreifst du's? Ich nicht. Nur eine mitleidige Lust machte mir der Fall des Stolzen; und glcklicher liebte ich ihn, da ich seiner in meinem Herzen ein wenig spotten, ihn ein wenig verachten durfte. Du starbst fr mich? fragte er und suchte in meinen erblichenen Augen. Sag' es mir, meine tote Nymphe! Aber ich verschlo mein Herz, damit es nicht denke: Es ist gut, Timander, da ich fr dich starb. Seine Freunde kamen, seine Herren, und wollten ihn zurckholen. Einst berraschte Crassus ihn, wie er sein Gesicht an Mnais' Herzen geborgen hatte, trat unhrbar im Grase herbei und schlug ihn. Timander fuhr herum. Vor dieser! rief er schrill und fuchtelte. Sie sieht nicht; und Crassus verhhnte ihn fr seine Liebe zum fhllosen Stein. Dann umschlang er meinen Geliebten und bat. Timander setzte sich auf meinen Sockel und schlo die Augen. Er widerstand wie eine Frau. Crassus ward zornig, ging fort und drohte ihm mit Faustus dem Herrn. Der kam: ein fetter Alter, auf zwei Sklaven gesttzt, der laut atmete und bel roch. Er zwinkerte dem Crassus zu und sagte, ich gefalle ihm, er wolle mich hinauf nach dem Hause tragen lasen. Vergeblich warf Timander sich ihm zu Fen. Ich will dich freilassen, sagte Faustus. Aber dein Werk gehrt mir. Als er fort war, fragte Timander mich: Soll ich dich zerschlagen? Tu's, Lieber, sagte ich. Er aber: Faustus wrde befehlen, mich mit Ruten zu peitschen. Und er lie es. Ihr Zrtlichen duldet wohl nicht gern Schmerz? Ei sieh! Ihr mchtet, da man fr euch strbe, zum zweitenmal strbe; aber die Rutenstreiche, die es euch kosten wrde, reuen euch! So stand ich nun, auf der Seite, wo das ruhelose Meer sie besplt, am Gipfel der weien Treppen, umschwankt von Rosenketten, umwirbelt von Weihrauch und umdunstet von Wein, von Gewrzen und gesalbten Knabenleibern. Agla, eine Fltenspielerin, die ich Lebende gekannt und wegen ihrer Feilheit beschimpft hatte, lehnte sich an mich, an diesen jungfrulichen Leib, und lie sich von Trunkenen kssen. Nur wenn am fahlen Morgen alle im Schlafe rchelten, konnte Timander, ein Freigelassener, der die Freiheit frchtete, ber sie fort bis vor meine Knie kriechen. Eine Dirne ri ihn um, dem die Lider sanken; -- und ber dem blen Atem jeder sterbenden Orgie verharrte Mnais, den windigen Morgen auf ihren spiegelnden Hften, hoch und allein. Noch immer sah ich meine Glieder rein und glatt; und jene welkten, verschwanden, wechselten. Timander war nicht wie sie und nicht wie ich. Alt war er und jung zugleich. Ihm hingen nun graue Strhnen im blonden Haar, und sein mdes Gesicht war das eines Knaben, der zu lange gewacht hat. Er konnte noch schmollen, lispeln, schelmische Streiche ausdenken; und die Fremden, Neuen verachteten ihn dafr. Nur Mnais verstand ihn. Einst kam ein Mchtiger, dem Bewaffnete voranschritten; und Timander strzte aufgeregt herbei. Crassus, du bist's? -- atemlos vor Glck. Auch du noch da? sagte kalt der Mchtige. Keinen Lorbeerkranz mehr trug er; aber in seinen verwitternden Falten, im Winken seines Fingers selbst war der Ruhm. Timander lie die Arme sinken. Du bist gewichtig geworden, Crassus, sagte er, schchtern spottend, und nicht jnger. Altern wir denn wirklich? Diese hier -- und er zeigte auf mich -- bleibt doch dieselbe! Noch immer der Narr, erwiderte Crassus, der Spieler! Timander aber: Spielt nicht auch ihr? Ich habe nie verstanden, wie ihr euch ernst nehmen konntet! Weit du wohl noch, als ich einmal zu euch gesprochen habe wie ein Tribun, weil ihr einen unschuldigen Sklaven gekreuzigt hattet? Ihr wolltet mir zrnen. Ich hoffe, du zrnst mir nicht mehr. Ist nicht alles nur Ton, worin wir spielend nach Gttern suchen?' Crassus blickte auf mich. Dann nickte er dem Timander zu. Eins gelang dir. Treibe es in deiner Art und lebe wohl! Er sprach zu ihm gndig und mit Ungeduld, wie zu einer Frau, die man nicht mehr begehrt; und er wandte sich weg. Ich aber, die den Timander alt und verlasen sah, gedachte in meinem Herzen meiner verlorenen, warmen und sen Glieder, die von der Sonne in Gold gebogen, vom Quell khl und hart gemacht, vom Schatten mit den Abbildern kleiner Bltter gesprenkelt wurden; und erschauerte in neuer Angst, weil sie so lange schon vermodert waren im Hause der Rhus, und bald nun auch Timander in Staub fallen sollte. Armer! dachte ich. Besser in Stein gekerkert fortdauern, als mit dem Fleisch das se Leben lassen mssen! Timander aber nahm das Kinn aus der Hand, steckte sie in die Brustfalten seines Kleides und trat vor mich hin. Dennoch, sagte er, aufgerichtet, bin ich's, der dich machte! Auf seltene Art aber starb er und schner als die meisten. Denn als Barbaren uns berfielen, die anderen alle in verzweifelter Gier, die Neigen des letzten Festes noch im Hals, durch Schwerter dahinsanken wie sonst durch Kelche, und um mich her Blut dampfte statt Wollust: da lehnte sich mit ausgebreiteten Armen an Mnais, die ein Wilder bedrohte, Timander -- und lie sich durchbohren und vergo sein Blut ber Mnais Timander. Bist du zurckgekehrt, Timander? Stehst vor meinem Gebsch, um das der Mond flimmert? Lange erwarte ich dich. Timander, ich habe dich lieb, und es war gut, da ich fr dich starb! Nicht lieblich waren, seit du mir entschwandest, meine Tage. Ich ward bers Meer gefahren und trauerte in einer Ebene unter den Resten von meines Herrn Reichtmern, versank, indes ich meinen Bauch verwittern und meine Hften rauh und grn werden sah, Zoll um Zoll in Gras und Sand. Ein Mensch in einer braunen Toga, mit einem Strick um den Leib, zog mich hervor, und als er viele seinesgleichen herbeigeholt hatte, betrachteten sie mich mit gierigem Ha, schmhten und steinigten mich. Dann berieten sie, zerrten mich in eine Stadt unter viel Volk, hngten mich in Ketten auf und lasen mir mein Urteil von Pergamenten. Die Zauberin Diana nannten sie mich. Der mich hervorgezogen hatte, ein abgezehrter Junger, war der Vergiftetste, in seiner Bosheit Hlichste. Er zerbrach meinen Arm. Des Nachts aber, in die einsame Grube, wohinein sie mich geworfen hatten, brachte er mir meinen Arm zurck, kte mich und legte sich, mit den Zhnen klappernd, zu mir . . . Aber jenes Volk behauptete, ich sei sein Unglck, und es trug mich auf das Gebiet seiner Nachbarn und scharrte mich darin ein. Wie lange wohl meine lieben Augen begraben geblieben sind? Als wieder die Erde von ihnen abfiel, erblickte ich sehr bunte, laute Menschen, und ihr Herr, Einer im goldenen Brustpanzer mit einer schreienden Medusa darauf, umarmte mich und rief lrmend, er wolle sich mir vermhlen. Wo wir vorbeikamen, waren Altre erbaut, kniete Volk und schwangen erzene Klnge durch die Luft. In einem Saal, beim Mahl, wo es nach ganzen Schweinen stank, die vergoldet waren, dachte ich der weien Sulen des Faustus, zwischen denen einst Weihrauchkreise zu mir aufstiegen, und des gemessenen Crassus und des anmutigen Timander -- und Verachtung entrckte mich diesen, die mich lieben wollten. Sie starben; und andere fhrten die Nymphe, die Diana, die Waldfrau oder Aphrodite in ihre Galerien, ihre Grten, maen sie durch Glser, zeichneten sie, verkauften sie und schwrmten sie an; -- und immer war's doch nur Mnais, eine Hirtin, die scheu und demtig sich ber die Hand des Timander beugt, des Jnglings, den sie lieben wird. * * * * * Soll ich herabsteigen? Wrdest du sehr erschrecken, wenn ich's tte? Ach, der Mond verrinnt; schon besplt er nur noch den Rand der runden Steinbank um mich her, und meiner Nische und des Gebsches, das von Morgenluft zu rascheln beginnt. Ghnend wrde der Wchter nahen, wrde uns berraschen und dich fangen, Knabe. Drum flieh, eh' es Tag ist, damit du zur Nacht wiederkommen kannst. Mnais erwartet dich. O, sie frchtet nicht, da du ausbleibst. Von der Art des Timander bist du, und nicht wird ein Mdchen, das noch seiner warmen Glieder sich freut, dich mir wegnehmen. Deiner toten Nymphe gehrst du. La immerhin deinen liebenden Atem meine kalten Glieder bestreichen. . . . Aber du hrst mich wohl nicht mehr? Erstirbt schon, da die Vgel erwachen, meine Stimme? Schon zweifelst du wohl, da ich's war, die so lange zu dir sprach? Aber ich war's, Mnais, eine sizilische Hirtin, die den Timander liebte, die er liebte, und die von vielen geliebt ward. Hrst du? Agla, die Fltenspielerin, spottete einst, als wir, noch unerwachsen, unserer Vter Schafe hteten, meiner zu schmalen Glieder, meines langen Halse. Lngst ist sie bei den Schatten; Mnais aber liebst du, Knabe. Soll ich herabsteigen? Nein, flieh, lebe wohl, setze behutsam die Sohlen auf den Kies; -- und eilst du an der schrgen Wiese vorbei, auf der in den gerteten Himmel Pegasus die Flgel breitet, dann hte dich, ihm zu nahe zu kommen, damit er dich nicht ergreift und mit sich reit. Denn dies ist die Stunde, da er auffliegt. Ginevra degli Amieri I. Ich bin erwacht und frchte mich fast, die Augen zu ffnen, und fhle ein fremdes, weites Dunkel um mich her. Messer Faustos Atem? Nichts -- nur eine betubende Stille, wie der lange Nachhall langsamer, unhrbarer Schritte . . . Warum sind meine Hnde gefaltet? Ich schlafe nie auf dem Rcken und mit gefalteten Hnden. Leise die Lider gelst: das Fenster bei meinem Bett, es ist fort. Wo bin ich! Das, worauf ich gelegen habe, ist umgefallen, wie ich so hastig aufsprang. Was ist es? Kein Bett: eine Bahre! . . . Die Ungeheuer! Sie erheben sich grau aus der Nacht und blicken von Turmhhe aus weien Augen. Ach, es sind Pfeiler, und aus langen Fenstern kommen eckige, weie Stcke Mondes darauf. Hilf Himmel, ich bin im Dom! Und bin, nun wei ich's wieder, gestorben! . . . Es klirrte etwas, deucht mich, als ich vor Schrecken nochmals auf die Bahre sank. Meine Spangen! Aber es sind nur die mit den Amethysten. Er hat sich gehtet, mir die anderen mitzugeben, die mit den Karfunkeln. Habe ich etwa mein Kreuz am Hals? Nein! Das groe Edelsteinkreuz! Das ist zu stark! Ich will . . . Jesus, ich bin im Zorn ausgeschritten und wage mich nun nicht mehr zurck. Wie ich mich frchte! Ich htte nie gedacht, ich wrde zu diesen Toten gehren -- die wiederkehren, Einen Schritt noch, Ginevra? Hilfe! . . . Eine Gestalt, ich sah sie deutlich, flog durch die Luft auf mich zu . . . Nein, es ist der Kruzifixus an der Kanzel; und er hlt ganz still. Nur die Dunkelheit bewegt alles. Aber die Kniee sind mir unsicher geworden; ich will mich setzen, unter seine gekreuzten Fe, auf das Ende der Bank. Ich habe, was mir geschieht, verdient, o Herr. Das ist wohl wahr; denn ich lsterte dich! Aber gib auch du zu, die Liebe ist hart! Warum mute ich Raniero lieben, da es doch Snde und ganz unntz war? Du weit, auch wenn du mich am Leben gelassen httest, ich wrde mich doch ihm nie gewhrt haben. Obwohl andere dergleichen tun: und du strafst sie weniger schwer als mich, die so tugendhaft war . . . Willst du mir wohl sagen, was dies alles sollte? Ich warte. Im irdischen Leben heit's immer: Das werden wir jenseits erfahren; und: Darber reden wir droben. Nun sprich! . . . Ich wute wohl, du wrdest nichts vorbringen knnen zu deiner Rechtfertigung. Du hast mir zu viel auferlegt, du darfst dich nicht wundern, da ich versagte. Hatte ich doch genug an Messer Fausto, meinem Mann, und seinen Schlgen, und da er mir meine Tugend nicht glaubte! Immer: Du liebst ihn! Ich sagte: Nein! Schlage mich, aber ich liebe ihn nicht! Wre das Nein wenigstens die Wahrheit gewesen! Leider war es Ja . . . Er darauf: Mich liebst du auch nicht! Was liebst du denn? Und ich: Ich liebe dich, wie ich es dir schulde, -- und liebe auch die Stirnkettchen, die Messer Ugos hbscher Sohn verfertigt. Ihn, den Sohn liebst du! Nein! Ich habe ihn niemals gesehen! Und so war es. Aber ich hatte mit Absicht von Messer Ugos Sohn gesprochen, verfhrt durch einen seltsamen Kitzel, weil ich wute, nun werde Messer Fausto mich nochmals schlagen. Denn er schlug mich, sobald ich nur den Namen irgendeines Mannes aussprach. Warum aber tat ich es, mute es tun, und drngte mich heran zum Schmerz? Das erklre, Herr, warum du so viel Leiden bestimmtest fr eine Unschuldige! Ich will dir die Ketten fr die Stirn kaufen, sagte Messer Fausto, als er vom Schlagen mde war. Damit du mir keine Hrner daransetzest. Du mut gerecht sein: ich tue, was ich kann. Ich antwortete: Gewi. Ich werde es niemals tun. Und ich wollte es auch nicht. Damit in der Frhe, wenn ich zur Heiligsten Annunziata ging, die Madonna Eletta den Finger ausstreckte und sagte: Seht die Heuchlerin! Sie hat mich mit dem Gino ins Gerede gebracht, und sie selbst schlft mit dem Raniero! -- Es ist schon wahr, da ich es von ihr gar nicht wute. Aber was wute denn sie von mir? Und redete doch, hinter meinem Rcken. Wre es wahr gewesen, was sie sagte, ich htte mich so schwarz gefhlt wie die Mohrin hinter mir, Herr, die meinen Gobbo, den Papagei, trug. So aber hing mein Brokat (und um den beneidete sie mich doch nur) ber den Malen, die mein Mann mir geschlagen hatte, und ich war eine Gerechte. Und Don Vinante, mein Beichtvater, wute es wohl, und auer Messer Fausto, meinem Mann, den die Eifersucht irr machte, zweifelte keiner an meiner Tugend, und allen, die sndigten, durfte ich mitten ins Gesicht sehen. Und wenn Raniero im Hof der Kirche stand und falsche Seufzer ausstie, ging ich hoch vorbei, den Blick gradaus, und hatte einen groen, starren Genu: Du wirst dennoch nie erfahren, da ich dich liebe! Die Liebe ist hart; aber ich bleibe standhaft, du gewinnst nichts. Du bist bse, bist dazu eingesetzt, mich zu verderben. Ich hasse dich! . . . Ja, das dachte ich, o Herr. War das nicht recht und lblich? Zu Hause mute ich mich dann wieder sehr qulen. Warum? Heit das gerecht? Fr so viel guten Willen? Ich nahm meine groe Puppe aus der Truhe und drckte sie ans Herz. Verzeih, sagte ich zu ihr, da ich dich schon zwei Jahre nicht mehr ansah! Du weit, Herr, ich hatte sie noch nicht zwei Jahre weggelegt; und sie war vom Fest in Venedig und war mitten auf der Piazza ausgestellt gewesen in der Tracht, wonach alle Frauen das ganze Jahr sich richten sollten. Mein Vater besuchte gerade die Filiale seiner Bank, und er kaufte die groe Puppe fr eine Menge Geld. Ich machte alle Mdchen neidisch mit ihr und liebte sie darum sehr . . . Nun aber war alles anders, an die neidischen Mdchen dachte ich nicht mehr; wie ich die Puppe an mich zog, fhlte ich's, als wrfe sie mir beide Arme um den Hals; mir ward ganz hei, ich herzte sie immer und sagte: Du kommst nicht aus Venedig vom Markt, du sollst von Raniero kommen! Ich habe dich von ihm, du bist sein Kind, hrst du, das will ich, das soll sein! Und dann sprang die Angst vor der Snde in mir auf, und ich warf die Puppe mit dem Gesicht auf die Erde, und mich mit dem Gesicht aufs Bett, da wir einander nicht mehr shen, und jammerte in das Kissen hinein: Nein, ich will nicht, ich will kein Kind von ihm! Und klagte bis in die Nacht. Und Messer Fausto, mein Mann, kam und schlug mich wieder -- und hatte auch recht. Ich schrie wohl, damit er aufhrte: Warum haben wir keine Kinder! Aber ich wute doch, das sei Gottes Sache. Was sollte ich tun? Mu man denn einen Menschen lieben, wie diesen Raniero? Einen gewhnlichen Angestellten in der Bank meines Vaters. Einen, der die Geschfte versumt, auf den Wiesen am Mugnone im Grase steht, stundenlang, wie ein Storch, und dann, ganz bla, bis vor mein Haus schleicht? Einen, der schon lngst fortgeschickt wre, wenn ich nicht fr ihn gebeten htte, oder vielmehr fr die alte Mutter, die von ihm lebt. Denn das tat ich, Herr, und war es nicht fromm und barmherzig von mir, fr meinen Feind zu bitten? Nun erklre mir aber: wenn mein Bruder sich so anstellen wrde in unserem Bankhaus, ich wrde ihn verachten! Und diesen mu ich lieben! Soll er doch verdienen und eine Frau nehmen, wie es sich geziemt. Aber auf mich hat er es abgesehen! Und fordert meinen Mann zum Zweikampf heraus. Denn das hat er getan, Herr, und es ist eine solche Albernheit, da sogar du gelacht haben mut: wenn du Art und Figur Messer Faustos bedenkst. Und dann hat er ihn auch noch verschont! Herr, du magst sagen, was du willst, aber es ist natrlich, da ich wnschte, nun mchte es einmal um sein. Messer Fausto hatte mich blau geschlagen; ich wnschte, mgen sie sich gegenseitig umbringen. Dann aber: Nein, nur Raniero! Denn ich kann es dir schwren, Herr, bei deinen eigenen Wunden: nicht Messer Fausto wollte ich tot sehen! Er kam auch zurck; es war nichts geschehen; und ich kriegte Ohrgehnge und eine Strauenfeder mit lauter Edelsteinen geziert, die konnte ich zur Kirche tragen. Aber alle wuten schon, wenn sie meine Geschenke erblickten, dann war ich geschlagen worden . . . Und da dachte ich, das ist wahr: Warum hat Raniero nicht lieber zwei Kerle geschickt, die ihn anfallen? Und ich habe sogar den Don Vinante beredet, da er in seiner Unschuld etwas angerichtet hat, da Messer Fausto vor San Frediano hinaus mute. Und das lie ich dem Raniero berichten durch einen Bettler, der nicht sagen durfte, wer ihn schickte, und lie ihn in verdeckten Worten zu einem Streich auffordern. Da sieh nun, Herr, wie weit du es mit mir getrieben hast! Eine Gattenmrderin und auf dem Rade, so htte ich enden knnen! Wenn ich nicht deine Mutter angefleht htte, als Messer Fausto vor der Stadt und in Leibesgefahr war: die hat das Schlimmste verhtet. Ich aber schwur damals in der Not, es mge daraus werden, was immer, Schande und Tod: -- ich wolle doch, so lange ich lebe, dem Raniero nicht angehren. Die Liebe hat mich so elend gemacht; ich will mich an ihr rchen! Ich war von Sinnen, und die beiden Tauben, die vor meinem Fenster einander liebkosten, die ergriff und erwrgte ich! Und als ich's tat fhlte ich meine eigene Kehle unsichtbar umklammert und schlo die Augen und mute mich an die Fensterbank sttzen, ich wre sonst umgefallen. Wie nun Messer Fausto zurckkehrte und es der heilige Samstag vor Ostern war und aus dem Tor des Domes der Festhall kam wie eine Wolke mit Engeln darauf, da sprach es hinter meinen gesenkten Lidern, und, Herr, ich konnte nichts dafr: Sie feiern ihn, der die Liebe ist und sich hat kreuzigen lassen. Er will, da auch ich lieben und dafr sterben soll. Und ich strube mich nicht. Aber ruchlos und abscheulich ist's, da er aufersteht und auch das von mir erheischt. Wer glcklich tot ist, der sollte es bleiben drfen und endlich in Sicherheit sein vor der Liebe und dem, der die Liebe ist! Mit diesen Gedanken war ich dicht vor das Tor gelangt, und pltzlich erweiterte es sich wie ein Mund, ich fhlte seinen Atem auf meiner Stirn brennen, und eine ungeheure Stimme, eine Orgelstimme, schrie: Du sollst sterben und wiederkehren vor allen anderen und zugleich mit mir. Schon morgen sollst du wiederkehren, sollst sehen, wie alle meinem Auferstehen zujauchzen, das du gelstert hast. Bei deinem aber soll dich frieren, und du sollst groe Reue haben! Alle mssen es gehrt haben, so laut ward es geschrien! Warst du das, Herr? Wohl; denn du hast's wahrgemacht. Dann erklre mir aber, was eine Frau zu bereuen hat, die ihren Mann nicht betrgen und seine Geschenke nicht verlieren und von den Leuten nicht mit Fingern gezeigt werden wollte. Sollte ich etwa Schande und Armut auf mich laden, weil es irgendeinem Menschen einfiel, mich zu lieben? Zwar liebte auch ich ihn. Warum aber bestimmtest du dies so? Und vergingst dich dadurch gegen die brgerlichen Regeln? . . . Heute ist Ostern, und wir sind beide auferstanden; nun erklre diese Dinge! Aber du schweigst. Du hltst nur den Kopf auf die Schulter geneigt und siehst mich kaum, so tief sind deine Lider herabgelassen Hrst du's wenigstens, wenn ich gegen deine Fe klopfe? Ach nein; du seufzest nur und legst den Kopf auf die andere Schulter. Mich hast du hierher bestellt, und du selbst schlfst lieber noch etwas! Wie ich verlassen bin und abgeschieden von allem, allem. Mich friert; ich habe keinen Mantel und nichts, wohinein ich mich hllen kann; nur das groe, weie Leinentuch von meiner Bahre. II. Nun bin ich drauen, und wei nicht, wie ich herkam. Ich strich so lange an den Wnden entlang im Dom, bis ich auf einmal herausschlpfte. Die Stelle knnte ich nicht wiederfinden. Ich begreife nicht, was mit mir geschieht, und mir ist sehr bange. Habe ich nicht eben noch unserem Herrn getrotzt? Jetzt sehe ich wohl, wie alles unsicher ist und voll von Geheimnissen. Ist denn dies der Domplatz, auf dem am Mittag die Weien und die Schwarzen einander Hohnreden zurufen und die Hndler die Bnder und Kuchen feilbieten? ber den mit stolz gesenkten Augen die anstndigen Frauen wandeln? Jetzt ist Ginevra bange, wenn sie auf diese Quadern hinabstiege, sie mchten unter ihren Fen weggleiten, wie Wasser. Wagen mut du's, du willst dich doch nicht auf die Stufen legen, wie eine Bettlerin. Trgt es mich? O! Es regt sich um San Giovanni her, auf den alten Grbern! . . . War's nicht's? Ich habe Furcht, ich, die selbst eine Tote bin! Aber die in jenen Srgen sind Heiden . . . So also ist denen zumute, die wiederkehren. Alles erschreckt sie, und sie wissen nicht, wozu sie kamen. Ich fhle in mir ein helles, kaltes Licht, das wacht in der Welt allein. Vom Turm schlgt es ein Uhr. Allein, ohne Zweck, und wer wei, wie lange. Erlsche ich nicht, zergehe ich nicht? Bin ich nicht blo am Mondlicht entzndet? Ich will in eine dunkle Gasse huschen, vielleicht ist's dann aus. Du bist noch da, Ginevra. Immer an der Mauer hin; -- dort geht eine Tr auf. Wenn sie mich sehen! Da schau, es ist das Haus Messer Tibaldos, und wer schleicht heraus? Messer Gino, -- und durch den Trspalt lugt Madonna Eletta. Ist nicht Messer Tibaldo nach Pisa? Also hatte ich recht mit Messer Gino und Madonna Eletta? Ich dachte es gar nicht. Und er, er luft vor mir davon! Ach ja, ein Geist. Was ein Geist alles sieht! . . . Da bin ich vor Messer Faustos Haus. Es ist doch mein Haus, soll ich nicht klopfen drfen? Wie lange es whrt! Mich friert. Mach auf! O! seine Nachtmtze. Wer klopft? Ginevra, Euer Weib. Wer? Ginevra degli Amieri. Um Gottes willen, entweiche! Verschone mich! Ich schlug dich, ja; aber es war mein Recht, denn ich war dein Mann. Du darfst mich dafr nicht heimsuchen! Ich will Messen lesen lassen, damit du Ruhe bekommst. Er hat das Fenster zugeworfen. Wie seine Stimme vor Angst sich brach! Htte er mich nicht einlassen sollen? Ich mag ein Geist sein, aber hat er nicht auch meine Seele geheiratet? Wohl nicht. Wozu aber mu eine Tote umhergehen? . . . Ich will's bei meinen Eltern versuchen; es ist nicht weit. Schon rhren sie sich. Ein Licht wandert durchs Haus. Die Mutter schlft wieder einmal nicht und wirtschaftet umher. Ihr ist's wohl leid, da ich tot bin. Nun ist der Vater am Fenster, Vater! Du schlechte Tochter! Warum erschrickst du deine arme Mutter. Du mut wohl sehr sndig sein und hast darum keine Ruhe gefunden. Morgen sollen die Teufel gebannt werden aus dir. Aber tu deinen Eltern nichts an! Geh doch zu deinem Mann! Wir haben dich ihm gegeben und Geld genug dazu, so da wir dir nichts mehr schulden! Er hat den Laden angezogen und den Riegel vorgelegt. Die Mutter stand hinter ihm und rang die Hnde. Wie ihr das schrecklich sein mu, da ihr Kind, ihr so gehegtes, nun zu den Bsewichtern und irrenden Seelen in die Nacht hinausgescheucht ist! Aber auch der Vater hat recht; er hat fr mich bezahlt, und ich habe keine Forderung an ihn. So allein ist man: ich wute das nicht. Ich dachte, sie knnten mich schlagen, aber ich wrde immer ein Bett haben. Sonst sperrten sie mich ein. Jetzt ffnet mir niemand . . . O, wo bin ich? Dort schleichen sie schon, die Bsewichter, dort unter dem Schwebebogen. Sie schleichen hinter einem, den eine Frau umschlingt. Sie kt ihn: da greifen sie ihn. Die Frau hlt ihn fest, damit sie ihn tten knnen. O, auch das war Liebe? Ich will schreien: Hilfe! Nun werden Sie mich -- tten? Sie knnen's ja nicht mehr. Sie sehen mich: alle laufen davon. Ich habe einen Menschen gerettet. War ich dazu gesandt? Guter Mensch, hre! O, auch er luft. Ich war ihm so dankbar, ich wei nicht wofr. Aber er luft vor mir weg. Und nun? Was ist dies fr ein Haus? Kennst du es, Ginevra? Du gingst mit Messer Fausto, deinem Manne vorbei, und er behauptete, du habest hinaufgesehen, und versprach dir Schlimmes. Du hattest es nicht; aber seither wutest du, wo Messer Raniero wohnt, brigens, jetzt wtest du es ohnedies; die Toten kennen alle Pltze . . . Dahin also sollte ich. Sonst habe ich keine Zuflucht und keine Bestimmung. Ich will klopfen. III. Wer ist es? Mich friert, ffnet mir! Wer seid Ihr? Ginevra. Ginevra ist tot. Geht in Frieden. Sie ist tot, drum kommt sie zu Euch. Lebte sie, sie kme nicht . . . Ihr schweigt? Ich ffne Euch. Tretet ein und folgt mir ber die Treppe. Ich hebe das Licht ganz hoch, und Ihr seht, Madonna Ginevra, dies Haus ist Euer. Meine alte Mutter ist taub und sie schlft. Wir sind allein. Aber Ihr geht immer rckwrts vor mir her, Messer Raniero, und lat mich nicht aus dem Auge. Nun stellt Ihr die Kerze so hin, da sie mir ins Gesicht leuchtet, begebt Euch bis ans Ende das Zimmers und verschrnkt die Arme. Ihr habt Furcht vor mir, auch Ihr! O, ich bin mde, und so kalt. Ich frchte Euch nicht so sehr, als da Ihr lebtet. Arme Ginevra. Was sagt Ihr? Warum bleibt Ihr also dort hinten? Alles flieht mich, weil ich gestorben bin. Kann ich dafr, da ich wiederkehre? Ich habe es nicht gewollt. Wer das gedacht htte, frher in den wimmelnden Gassen, im lauen Gedrnge der Kirchen, da Menschennhe so kostbar werden wrde! Wollt Ihr mir die Hand reichen, Madonna Ginevra? Eure Hand ist warm, Verzeiht: Ihr seid gut, da Ihr mich zu Euch einliet. Drauen war es schlimm. Wie geht es zu, da Eltern und Gatte mich fortschicken, Ihr aber, Messer Raniero, ffnet der Toten, die Euch doch nichts erwidern kann. Ich habe nie gehrt, da jemand umsonst gibt. Was wollt Ihr? Ich will, Madonna Ginevra, da Ihr Euch in meinen Stuhl setzt, so, und da Eure Blicke alle diese Dinge neu und wohlttig machen. Vielleicht wird sich leichter leben lassen zwischen den Wnden, die Eure Stimme vernommen haben? Und dann . . . Warum sprecht Ihr zitternd und werdet so bla? Und dann lat es Euch wohl sein im Frieden und kehrt nicht mehr wieder. Denn lieber will ich Euch missen, als da Ihr um meinetwillen dieselbe Strafe erdulden solltet, wie im Pinienwald bei Ravenna jener nackte und immer gehetzte Geist, der einst eine gegen Liebe grausame Frau war. Das sind Lgen von Messer Giovanni Boccaccio, Ihr mt ihm nicht glauben. Was wit Ihr, ob denen, die wiederkehren, hier nicht doch wohler ist als drunten, Ihr habt mich ein wenig erwrmt. Dort ist's nicht gut sein. Mich schaudert; ich will nicht wieder hinab. Ihr wolltet lieber bei mir bleiben? Madonna Ginevra? Wer hat das gesagt, Messer Raniero? Nur da Ihr den Dichtern nicht alles glauben mt, sagte ich. Aber Ihr seid selbst einer, und Ihr stecktet mir im Hof der heiligsten Annunziata, whrend Messer Fausto einen unverschmten Bettler schalt, Verse in die Hand. Warum seid Ihr nicht eifriger im Geschft? Ihr habt recht, denn die Verse waren schlecht. Sie waren lgenhaft. Ihr schriebt darin von einer Sklavin, die Euch sehr teuer sei, und die Ihr dennoch um meinetwillen verstoet, und die darum zugrunde gehe. Was fr Lgen, Messer Raniero! Erstens, woher solltet Ihr eine Sklavin haben? Ihr seid der Sohn Messers Guido, der zum Handwerk der Wolle gehrte. Httet Ihr noch eine Geliebte gehabt, die Frau eines Nobile, und sie, mir zu gefallen, verlassen! Was wit Ihr, Madonna Ginevra, frage nun ich. Was knnt Ihr wissen. Hrt mich an: ich habe Euretwegen so Groes verlassen und verloren, da niemand Grers ertrumen kann. Bevor ich Euch erblickte, waren mir Taten sicher, die von Harnischen glnzten, und bemerkte ich in mir, wenn ich lauschte, das Quellen wundervoller Worte. Keine Frau hatte sich mir verweigert, kein Reich mir widerstanden; ich war ein nie besiegter Snger und ein Held, dem nichts verboten dnkte . . . Das alles endete, als Ihr mir erschient, in Kleinmut. Ihr waret endlich die, die meine Trume bertraf, vor der ich sie, wie meine arme Magd, verstecken und vertreiben mute. Ihr schicktet mir das Fieber einer Begierde, so bermchtig, da ich mich davor frchtete, sie zu stillen. Ich fhlte mich von einem Fluch geschlagen, lag keuchend da und verwnschte Gott, weil Ihr am Leben waret! Das, Madonna Ginevra, ist Liebe! In mir war's bervoll von vielem, das Euch entgegenschlug, wie ein Herz, das von einer Armbrust flge, wie ein Bltenzweig, den eine Hand niedergebeugt htte und pltzlich schnellen liee; -- aber ich war stumm. Und die heiesten Taten, die in mir geschahen, regten drauen, jenseits meiner Brust, nicht einmal so viel Staub auf, wie ein Hund, der ber die Strae luft. Manchmal trieb ich ein verzweifeltes Spiel, mir selbst zum Hohn, und stellte mich tchtig. So forderte ich Euren Mann zum Kampf -- und lie ihn unversehrt. Denn als ich ihm gegenberstand, vernichteten mich Zweifel: wer bin ich, und wie darf es mir einfallen, an Dinge Eures Lebens zu rhren. Wie kann ich gegen Euren Willen Euren Mann tten. Wie Euch meinen eigenen Tod zumuten, diese lcherliche Beleidigung! Mu nur einer Eurer Atemzge langsamer oder schneller gehn, weil ich Euch liebe? Ich kam mir tot vor, hrt Ihr's? ich, und wie ein kraftloser Schatten. In Schattenspielen raubte ich Euch, durchjagte mit Euch die Welt, ttete, wessen Atem Euch nur anwehte. Seht Ihr den Boden dieses Zimmers etwa voll Blut? Und doch habe ich hier in mancher Nacht gewtet, bis ich selbst, voll Wunden und rchelnd, dahinsank! Und so, Messer Raniero, habe auch ich ganz in irren Trnen abendelang die groe Puppe geherzt, die ein von Euch empfangenes Lebendiges sein sollte, habe mich gestrubt und Euch in Sehnsucht gehat, bis Messer Fausto mir das Gesicht aus einem Kissen ri und mich schlug. So haben wir dasselbe Leben gefhrt, Messer Raniero. Ich hre Euch zu mit einer Freude, die mich zerreit. Ihr seid gewi noch schlimmer daran gewesen als ich selbst? Ich whnte, Euch fechte nichts an, und ihr seiet nur dazu eingesetzt, mich zu verderben. Und ich habe unsern Herrn gelstert, weil er mir, nur mir die Liebe auferlegt hatte, fr jetzt und ewig; und habe zu meiner Strafe Euch nochmals wiedersehen mssen, als arme Tote. Aber, nicht wahr, auch im Leben habt Ihr es recht schlecht, und nicht ich, die schon starb, bin die Unglcklichere? Sagt mir das! Da Ihr sehr leidet! Mehr als ich! Dann will ich Barmherzigkeit an Euch ben und Euch lieb haben! Es ist schn, mit Euch zu leiden, o Ginevra! Ist mir das Leiden noch erlaubt? Einer Toten? Dann gebt es mir! O, Ihr gebt es mir! Oder ist es Lust? Ich wei nicht mehr; ich bin eine irrende Seele. Ihr lebt, Ginevra! Nun die Sonne sich nhert, kann ich es erkennen. Ihr waret ein Schatten, jetzt aber seid Ihr dabei, erweckt zu werden. Ich wei nicht, wer Euch erweckt. Die Liebe, Raniero, erweckt mich. Ihr tragt, Ginevra, auf Euren Wangen, die sich rten, den Abglanz des Ortes, woher Ihr zurckkehrt. Wie Ihr strahlt! Erzhlt doch, was Euch dort geschah! Seine Stimme kam von jenseits eines Feuers, das irgendwie so kstlich schien, da das Herz darin zu baden wnschte; und er befahl mir, zurckzukehren und sie auf mich zu nehmen, die Liebe. Und sein Urteil klang wie Verheiung, und sang und harfte. Ich sehe das, Raniero! Gleichzeitig sehe ich den Himmel und meinen Geliebten! Nun fhle ich euer Herz schlagen, Ginevra, und Euren warmen Atem und . . . auch das Fleisch Eurer Lippen haben meine gefhlt. Ginevra! So ist es Leben und grenzenlose Erfllung und soll nicht mehr schwinden? Ihr werdet immer in diesem Hause bleiben, kein Mensch wird wissen, da Ihr auf Erden seid. Nein, alle sollen mich sehen, und wenn wir zur Kirche gehen, mich lstern und verdammen! Ich trage alles, so will es die Liebe. Ich werde Euch dienen, und Ihr knnt mich vertreiben, wenn Ihr meiner satt seid, wie Eure Sklavin. Hrt doch, Ginevra, den klingenden Osterhimmel! Mich tten, wie Eure Sklavin. Vernehmt Ihr meine Stimme, Ginevra? O, lehnt nicht Euren Nacken in Eure verschrnkten Hnde und haltet nicht Euer goldig berflossenes Gesicht den berirdischen hin! Seid nicht mit Ihnen, seid mit mir! Ich ngstige mich! Ich wei jetzt, warum er wiederkehrte, und ich folge ihm nach. Es ist schwer und doch selig. Wir kommen wieder, um uns noch einmal kreuzigen zu lassen; und kmen immer wieder, so oft die schwere und se Liebe es will. Ihr sinkt um! Ginevra, was ist Euch! Barmherzigkeit! Ihr verspracht sie mir! Euer Herz steht still. Waren denn, die ich fhlte, seine ersten und letzten Schlge? Seid Ihr nur gekommen, damit Ihr mich durch Fortgehen noch elender machen knntet? Htet Euch, Madonna Ginevra! . . . Wie denn? Ich war von Sinnen, als ich soeben an ihr zweifelte. Ich wute wohl, da sie in Tod zurckfallen werde. Sie ist mein, weil sie tot ist. Im Leben war sie meine groe Qual, aber ich bin der, dem ihr Schatten hold ist. Sie wird wiederkehren, sich mir jede Nacht aufs neue beleben. Ich will sie nun zurcktragen, bis zur Nacht; und will ganz frohen Mutes sein. Auf der Strae sind Kirchgnger, im leuchtenden, jauchzenden Ostermorgen. Ihr Mdchen, die ihr zum Dom geht! Ihr habt den gleichen Weg wie eine Frau, die in diesem Hause wartet. Sie ist geschmckt, wie ihr; und wie glcklich immer ihr sein mgt, ihr habt euch ihrer nicht zu schmen. Kommt herein und nehmt sie mit! Doppelte Heimat von Heinrich Mann. Man kann in einem Lande geboren werden, sich dieser Luft verbunden fhlen wie der Baum im Garten, zwischen sich und den Menschen umher keinen Unterschied machen: und allmhlich steigen dennoch Zeichen herauf, da man anders ist als die meisten; da die Sprache, mit der man aufwuchs, noch nicht die ist, in der man sein Leben lang sich ausdrcken soll; da hinter diesem Land eine zweite Heimat wartet. Die Knaben Carlos und Nicols[1] sind Argentinier, ihr junges Leben hat argentinischen Inhalt und argentinisches Tempo. Mit ihren Eltern und einem Gesinde von Gauchos, Neapolitanern, Deutschen und Mulatten bewohnen sie ein Landgut in der Pampa. Die unabsehbare Ebene gehrt ihnen und ihren Ponys. Sechsjhrig, klettern sie aufs Pferd, galoppieren, fallen, werden geschleift und fangen von vorn an, ohne von Gefahr zu wissen. Sie setzen ihr Vertrauen in Erde und Getier. Sie fangen Beutelratten, junge Straue, Kropfeidechsen, Rehe, und erfllen die Salons mit Stallgeruch. In den Smpfen hat ein Tiger gebrllt, und sie ruhen nicht, bis sie mit in das lecke Boot drfen, worin ein Tartarin sich auf die Jagd macht. Immer in Bewegung, trumen sie selten, sehnen sich selten. Ihre Phantasie greift gerade so rasch zu wie ihre Hnde. Sie sehen auf dem Flu ein Dampfschiff vorbeifahren, und der ltere nimmt es sich, um es fr ein Fangseil dem jngeren zu schenken. Einmal im Zuge, schenkt er Land und Herden dazu, soviel der Bruder mag. Alles, fllt ihm ein, hat er erobert. Stolz auf seine Taten, besteigt er sein Pferd und reitet, hoch aufgerichtet, die eingetauschten Riemen ber seinem Haupte schwingend, davon. Nur da ihm, mit der Besinnung, ein Gefhl kommt, das seine kleinen Landsleute kaum berhrt htte: Reue. Eine der frhesten Regungen ist's des anderen, das die Knaben in sich tragen, des unter diesem Himmel fremden Keimes. Und eines Tages stellt, nach unheimlicher Erwartung, der sich ein, der diesen Keim in ihnen pflegen soll: der deutsche Hauslehrer. Seine Mittel sind Musik und Milde, Pedanterie und Wohlanstndigkeit. Er verlangsamt ihr Tempo: nicht nur, wenn er zu Fu zwischen ihren Ponys geht, auch indem er ihre Phantasie am Zgel hlt. Ihr unbefangenes Verhltnis zur Welt umgarnt er mit Bedenken. Erfinden, Lgen, das ganz natrlich war, ist auf einmal zum schlimmsten Laster geworden und betrbt den Lehrer tdlich. Er hat Furcht, und sie mssen sich hten; er hat einen schlechten Magen, und sie mssen Dit halten. Er ist der Schwchere; und eigentlich aus Generositt willigen sie ein, gute Deutsche zu werden. Selbstberwindung ist ntig; denn die Fremden werden herzlich verachtet, und man macht sich lcherlich, wenn man mit Botanisiertrommel, Apotheke und Feldflaschen auf Mrsche auszieht. Manchmal lassen sie den Lehrer fhlen, wie viel sie vor ihm voraus haben, und da sie auf ihrem Grund und Boden sind. In eine der elegantesten Straen von Buenos Aires mndet eine sehr kotige, und ein totes Pferd mit gedunsenem Bauch liegt darin. Dem Lehrer, der sich die Nase zuhlt, versetzt Carlos Schrecken dadurch, da er sich nach einem Ziegelstein bckt. Den Gestank des Pferdes, wenn es durch einen Wurf zum Platzen gebracht sein wird, kann sich dieser Fremde gewi nicht vorstellen! Aber es kommen ihnen, spielt er Klavier, so weiche Gedanken. Und als ein alter General, eine gutromantische Mischung aus Eleganz, Burleske und Grausamkeit, sie zu einem Streich gegen den Lehrer aufstacheln mchte, da knnen sie ihn nicht tun; und sie schmen sich vor dem General und schmen sich, da sie niemals gute Argentinier werden knnen. Der unter diesem Himmel fremde Keim geht mchtig in ihnen auf. Ein verwundetes Pferd, das nicht sterben kann, strzt sie in Aufregungen des Mitleids, des Dranges, seine Qual zu enden, und der Unfhigkeit, das erlsende Beil fallen zu lassen. Wie Carlos einst von einem Pfirsichbaum mehr Frchte it, als der Lehrer erlaubt hat, entsteht eine Tragdie des schlechten Gewissens. Die Starknervigkeit und die Unbefangenheit ist gebrochen. Carlos und Nicols sind reif, bers Meer nach ihrer anderen Heimat zu fahren. Sie werden immer behutsamer empfinden; moderne Ideen werden sie gefangen nehmen. So sehr sie anfangs sich in Freiheit zurckgesehnt haben, bald wrden sie die kleinen, wilden Pferde dort drben nicht mehr besteigen, mit den Menschen wohl noch sprachlich, aber kaum mehr seelisch sich verstndigen knnen. Mit Mhe werden sie die Brcke suchen zu so fremden und erstaunlichen Erinnerungen wie das Erdbeben in jener sonderbaren kleinen Gebirgsstadt mit ihren trgen, verkommenen Bewohnern, oder die Revolution in der Hauptstadt, als sie des Nachts einem in ihr Haus geflchteten Polizisten die Knpfe abschnitten, damit er nicht erkannt und von den Dchern herab erschossen werde. Anders als die hier Landlufigen erhlt einen solche Vergangenheit immer. Carlos und Nicols werden schlagfertiger und mit fremdem Akzent sprechen, bildlicher denken, bunter leben -- und schreibt einer von ihnen ein Buch, wird er seine deutschen Gedanken und Stimmungen in romanische Knappheit fassen. Er wird dem Ahnungsvollen der einen Rasse das klar Sinnliche der anderen verbinden, Groteske und Humor, Phantasie und Seele haben, und wird ein kleines, sehr unterhaltendes, sehr reizvolles, durch ein ungewhnliches Schicksal und seinen eigentmlichen Ausdruck bemerkenswertes Buch hervorbringen. [Footnote 1: Rudolf Schmied: Carlos & Nicols. Kinderjahre in Argentinien. Mnchen 1906. R. Piper & Co. Inhalt: Die Boleadoras. Der Chinese. Das Brderchen. Die Tigerjagd. Herr Dr. Brstenfeger. Ein Tag mit Herrn Dr. Brstenfeger. Die Reise nach Mendoza. Die Stadt Mendoza. In den Cordilleren. Nach Paraguay. Die Revolution. 3. Tausend. Geh. 2 Mark, geb. 3 Mark.] Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. End of the Project Gutenberg EBook of Mnais und Ginevra, by Heinrich Mann License: Share Alike