Produced by Martin Agren, Brett Koonce and the PG Online Distributed Proofreading Team. Tristan von Thomas Mann 1 Hier ist >Einfried<, das Sanatorium! Wei und geradlinig liegt es mit seinem langgestreckten Hauptgebude und seinem Seitenflgel inmitten des weiten Gartens, der mit Grotten, Laubengngen und kleinen Pavillons aus Baumrinde ergtzlich ausgestattet ist, und hinter seinen Schieferdchern ragen tannengrn, massig und weich zerklftet die Berge himmelan. Nach wie vor leitet Doktor Leander die Anstalt. Mit seinem zweispitzigen schwarzen Bart, der hart und kraus ist wie das Rohaar, mit dem man die Mbel stopft, seinen dicken, funkelnden Brillenglsern und diesem Aspekt eines Mannes, den die Wissenschaft gekltet, gehrtet und mit stillem, nachsichtigem Pessimismus erfllt hat, hlt er auf kurz angebundene und verschlossene Art die Leidenden in seinem Bann, -- alle diese Individuen, die, zu schwach, sich selbst Gesetze zu geben und sie zu halten, ihm ihr Vermgen ausliefern, um sich von seiner Strenge sttzen lassen zu drfen. Was Frulein von Osterloh betrifft, so steht sie mit unermdlicher Hingabe dem Haushalte vor. Mein Gott, wie ttig sie, treppauf und treppab, von einem Ende der Anstalt zum anderen eilt! Sie herrscht in Kche und Vorratskammer, sie klettert in den Wscheschrnken umher, sie kommandiert die Dienerschaft und bestellt unter den Gesichtspunkten der Sparsamkeit, der Hygiene, des Wohlgeschmacks und der ueren Anmut den Tisch des Hauses, sie wirtschaftet mit einer rasenden Umsicht, und in ihrer extremen Tchtigkeit liegt ein bestndiger Vorwurf fr die gesamte Mnnerwelt verborgen, von der noch niemand darauf verfallen ist, sie heimzufhren. Auf ihren Wangen aber glht in zwei runden, karmoisinroten Flecken die unauslschliche Hoffnung, dereinst Frau Doktor Leander zu werden... Ozon und stille, stille Luft ... fr Lungenkranke ist >Einfried<, was Doktor Leanders Neider und Rivalen auch sagen mgen, aufs wrmste zu empfehlen. Aber es halten sich nicht nur Phthisiker, es halten sich Patienten aller Art, Herren, Damen und sogar Kinder hier auf: Doktor Leander hat auf den verschiedensten Gebieten Erfolge aufzuweisen. Es gibt hier gastrisch Leidende, wie die Magistratsrtin Spatz, die berdies an den Ohren krankt, Herrschaften mit Herzfehlern, Paralytiker, Rheumatiker und Nervse in allen Zustnden. Ein diabetischer General verzehrt hier unter immerwhrendem Murren seine Pension. Mehrere Herren mit entfleischten Gesichtern werfen auf jene unbeherrschte Art ihre Beine, die nichts Gutes bedeutet. Eine fnfzigjhrige Dame, die Pastorin Hhlenrauch, die neunzehn Kinder zur Welt gebracht hat und absolut keines Gedankens mehr fhig ist, gelangt dennoch nicht zum Frieden, sondern irrt, von einer blden Unrast getrieben, seit einem Jahre bereits am Arm ihrer Privatpflegerin starr und stumm, ziellos und unheimlich durch das ganze Haus. Dann und wann stirbt jemand von den >Schweren<, die in ihren Zimmern liegen und nicht zu den Mahlzeiten noch im Konversationszimmer erscheinen, und niemand, selbst der Zimmernachbar nicht, erfhrt etwas davon. In stiller Nacht wird der wchserne Gast beiseite geschafft, und ungestrt nimmt das Treiben in >Einfried< seinen Fortgang, das Massieren, Elektrisieren und Injizieren, das Duschen, Baden, Turnen, Schwitzen und Inhalieren in den verschiedenen mit allen Errungenschaften der Neuzeit ausgestatteten Rumlichkeiten... Ja, es geht lebhaft zu hierselbst. Das Institut steht in Flor. Der Portier, am Eingange des Seitenflgels, rhrt die groe Glocke, wenn neue Gste eintreffen, und in aller Form geleitet Doktor Leander, zusammen mit Frulein von Osterloh, die Abreisenden zum Wagen. Was fr Existenzen hat >Einfried< nicht schon beherbergt! Sogar ein Schriftsteller ist da, ein exzentrischer Mensch, der den Namen irgendeines Minerals oder Edelsteines fhrt und hier dem Herrgott die Tage stiehlt... brigens ist, neben Herrn Doktor Leander, noch ein zweiter Arzt vorhanden, fr die leichten Flle und die Hoffnungslosen. Aber er heit Mller und ist berhaupt nicht der Rede wert. 2 Anfang Januar brachte Grokaufmann Klterjahn -- in Firma A. C. Klterjahn & Comp. -- seine Gattin nach >Einfried<; der Portier rhrte die Glocke, und Frulein von Osterloh begrte die weither gereisten Herrschaften im Empfangszimmer zu ebener Erde, das, wie beinahe das ganze vornehme alte Haus, in wunderbar reinem Empirestil eingerichtet war. Gleich darauf erschien auch Doktor Leander; er verbeugte sich, und es entspann sich eine erste, fr beide Teile orientierende Konversation. Drauen lag der winterliche Garten mit Matten ber den Beeten, verschneiten Grotten und vereinsamten Tempelchen, und zwei Hausknechte schleppten vom Wagen her, der auf der Chaussee vor der Gatterpforte hielt -- denn es fhrte keine Anfahrt zum Hause-, die Koffer der neuen Gste herbei. Langsam, Gabriele, take care, mein Engel, und halte den Mund zu, hatte Herr Klterjahn gesagt, als er seine Frau durch den Garten fhrte; und in dieses take care mute zrtlichen und zitternden Herzens jedermann innerlich einstimmen, der sie erblickte, -- wenn auch nicht zu leugnen ist, da Herr Klterjahn es anstandslos auf deutsch htte sagen knnen. Der Kutscher, welcher die Herrschaften von der Station zum Sanatorium gefahren hatte, ein roher, unbewuter Mann ohne Feingefhl, hatte geradezu die Zunge zwischen die Zhne genommen vor ohnmchtiger Behutsamkeit, whrend der Grokaufmann seiner Gattin beim Aussteigen behilflich war; ja, es hatte ausgesehen, als ob die beiden Braunen, in der stillen Frostluft qualmend, mit rckwrts gerollten Augen angestrengt diesen ngstlichen Vorgang verfolgten, voll Besorgnis fr soviel schwache Grazie und zarten Liebreiz. Die junge Frau litt an der Luftrhre, wie ausdrcklich in dem anmeldenden Schreiben zu lesen stand, das Herr Klterjahn vom Strande der Ostsee aus an den dirigierenden Arzt von >Einfried< gerichtet hatte, und Gott sei Dank, da es nicht die Lunge war! Wenn es aber dennoch die Lunge gewesen wre, -- diese neue Patientin htte keinen holderen und veredelteren, keinen entrckteren und unstofflicheren Anblick gewhren knnen als jetzt, da sie an der Seite ihres stmmigen Gatten, weich und ermdet in den weilackierten, gradlinigen Armsessel zurckgelehnt, dem Gesprche folgte. Ihre schnen, blassen Hnde, ohne Schmuck bis auf den schlichten Ehering, ruhten in den Schofalten eines schweren und dunklen Tuchrockes, und sie trug eine silbergraue, anschlieende Taille mit festem Stehkragen, die mit hochaufliegenden Sammetarabesken ber und ber besetzt war. Aber diese gewichtigen und warmen Stoffe lieen die unsgliche Zartheit, Sigkeit und Mattigkeit des Kpfchens nur noch rhrender, unirdischer und lieblicher erscheinen. Ihr lichtbraunes Haar, tief im Nacken zu einem Knoten zusammengefat, war glatt zurckgestrichen, und nur in der Nhe der rechten Schlfe fiel eine krause, lose Locke in die Stirn, unfern der Stelle, wo ber der markant gezeichneten Braue ein kleines, seltsames derchen sich blablau und krnklich in der Klarheit und Makellosigkeit dieser wie durchsichtigen Stirn verzweigte. Dies blaue derchen ber dem Auge beherrschte auf eine beunruhigende Art das ganze feine Oval des Gesichts. Es trat sichtbarer hervor, sobald die Frau zu sprechen begann, ja sobald sie auch nur lchelte, und es gab alsdann dem Gesichtsausdruck etwas Angestrengtes, ja selbst Bedrngtes, was unbestimmte Befrchtungen erweckte. Dennoch sprach sie und lchelte. Sie sprach freimtig und freundlich mit ihrer leicht verschleierten Stimme, und sie lchelte mit ihren Augen, die ein wenig mhsam blickten, ja hie und da eine kleine Neigung zum _Verschieen_ zeigten, und deren Winkel, zu beiden Seiten der schmalen Nasenwurzel, in tiefem Schatten lagen, sowie mit ihrem schnen, breiten Munde, der bla war und dennoch zu leuchten schien, vielleicht, weil seine Lippen so beraus scharf und deutlich umrissen wa-ren. Manchmal hstelte sie. Hierbei fhrte sie ihr Taschentuch zum Munde und betrachtete es alsdann. Hstle nicht, Gabriele, sagte Herr Klterjahn. Du weit, da Doktor Hinzpeter zu Hause es dir extra verboten hat, darling, und es ist blo, da man sich zusammennimmt, mein Engel. Es ist, wie gesagt, die Luftrhre, wiederholte er. Ich glaubte wahrhaftig, es wre die Lunge, als es losging, und kriegte, wei Gott, einen Schreck. Aber es ist nicht die Lunge, nee, Deubel noch mal, auf so was lassen wir uns nicht ein, was, Gabriele? h, h! Zweifelsohne, sagte Doktor Leander und funkelte sie mit seinen Brillenglsern an. Hierauf verlangte Herr Klterjahn Kaffee -- Kaffee und Buttersemmeln, und er hatte eine anschauliche Art, den K-Laut ganz hinten im Schlunde zu bilden und Bottersemmeln zu sagen, da jedermann Appetit bekommen mute. Er bekam, was er wnschte, bekam auch Zimmer fr sich und seine Gattin, und man richtete sich ein. brigens bernahm Doktor Leander selbst die Behandlung, ohne Doktor Mller fr den Fall in Anspruch zu nehmen. 3 Die Persnlichkeit der neuen Patientin erregte ungewhnliches Aufsehen in >Einfried<, und Herr Klterjahn, gewhnt an solche Erfolge, nahm jede Huldigung, die man ihr darbrachte, mit Genugtuung entgegen. Der diabetische General hrte einen Augenblick zu murren auf, als er ihrer zum ersten Male ansichtig wurde, die Herren mit den entfleischten Gesichtern lchelten und versuchten angestrengt, ihre Beine zu beherrschen, wenn sie in ihre Nhe kamen, und die Magistratsrtin Spatz schlo sich ihr sofort als ltere Freundin an. Ja, sie machte Eindruck, die Frau, die Herrn Klterjahns Namen trug! Ein Schriftsteller, der seit ein paar Wochen in >Einfried< seine Zeit verbrachte, ein befremdender Kauz, dessen Name wie der eines Edelgesteines lautete, verfrbte sich geradezu, als sie auf dem Korridor an ihm vorberging, blieb stehen und stand noch immer wie angewurzelt, als sie schon lngst entschwunden war. Zwei Tage waren noch nicht vergangen, als die ganze Kurgesellschaft mit ihrer Geschichte vertraut war. Sie war aus Bremen gebrtig, was brigens, wenn sie sprach, an gewissen liebenswrdigen Lautverzerrungen zu erkennen war, und hatte dortselbst vor zwiefacher Jahresfrist dem Grohndler Klterjahn ihr Ja-Wort frs Leben erteilt. Sie war ihm in seine Vaterstadt, dort oben am Ostseestrande, gefolgt und hatte ihm vor nun etwa zehn Monaten unter ganz auergewhnlich schweren und gefhrlichen Umstnden ein Kind, einen bewundernswert lebhaften und wohlgeratenen Sohn und Erben beschert. Seit diesen furchtbaren Tagen aber war sie nicht wieder zu Krften gekommen, gesetzt, da sie jemals bei Krften gewesen war. Sie war kaum vom Wochenbette erstanden, uerst erschpft, uerst verarmt an Lebenskrften, als sie beim Husten ein wenig Blut aufgebracht hatte, -- oh, nicht viel, ein unbedeutendes bichen Blut; aber es wre doch besser berhaupt nicht zum Vorschein gekommen, und das Bedenkliche war, da derselbe kleine unheimliche Vorfall sich nach kurzer Zeit wiederholte. Nun, es gab Mittel hiergegen, und Doktor Hinzpeter, der Hausarzt, bediente sich ihrer. Vollstndige Ruhe wurde geboten, Eisstckchen wurden geschluckt, Morphium ward gegen den Hustenreiz verabfolgt und das Herz nach Mglichkeit beruhigt. Die Genesung aber wollte sich nicht einstellen, und whrend das Kind, Anton Klterjahn der Jngere, ein Prachtstck von einem Baby, mit ungeheurer Energie und Rcksichtslosigkeit seinen Platz im Leben eroberte und behauptete, schien die junge Mutter in einer sanften und stillen Glut dahinzuschwinden ... Es war, wie gesagt, die Luftrhre, ein Wort, das in Doktor Hinzpeters Munde eine berraschend trstliche, beruhigende, fast erheiternde Wirkung auf alle Gemter ausbte. Aber obgleich es nicht die Lunge war, hatte der Doktor schlielich den Einflu eines milderen Klimas und des Aufenthaltes in einer Kuranstalt zur Beschleunigung der Heilung als dringend wnschenswert erachtet, und der Ruf des Sanatoriums >Einfried< und seines Leiters hatte das brige getan. So verhielt es sich; und Herr Klterjahn selbst erzhlte es jedem, der Interesse dafr an den Tag legte. Er redete laut, salopp und gutgelaunt, wie ein Mann, dessen Verdauung sich in so guter Ordnung befindet wie seine Brse, mit weit ausladenden Lippenbewegungen, in der breiten und dennoch rapiden Art der Kstenbewohner vom Norden. Manche Worte schleuderte er hervor, da jeder Laut einer kleinen Entladung glich, und lachte darber wie ber einen gelungenen Spa. Er war mittelgro, breit, stark und kurzbeinig und besa ein volles, rotes Gesicht mit wasserblauen Augen, die von ganz hellblonden Wimpern beschattet waren, gerumigen Nstern und feuchten Lippen. Er trug einen englischen Backenbart, war ganz englisch gekleidet und zeigte sich entzckt, eine englische Familie, Vater, Mutter und drei hbsche Kinder mit ihrer nurse, in >Einfried< anzutreffen, die sich hier aufhielt, einzig und allein, weil sie nicht wute, wo sie sich sonst aufhalten sollte, und mit der er morgens englisch frhstckte. brigens liebte er es, viel und gut zu speisen und zu trinken, zeigte sich als ein wirklicher Kenner von Kche und Keller und unterhielt die Kurgesellschaft aufs anregendste von den Diners, die daheim in seinem Bekanntenkreise gegeben wurden, sowie mit der Schilderung gewisser auserlesener, hier unbekannter Platten. Hierbei zogen seine Augen sich mit freundlichem Ausdruck zusammen und seine Sprache erhielt etwas Gaumiges und Nasales, indes leicht schmatzende Gerusche im Schlunde sie begleiteten. Da er auch anderen irdischen Freuden nicht grundstzlich abhold war, bewies er an jenem Abend, als ein Kurgast von >Einfried<, ein Schriftsteller von Beruf, ihn auf dem Korridor in ziemlich unerlaubter Weise mit einem Stubenmdchen scherzen sah, -- ein kleiner, humoristischer Vorgang, zu dem der betreffende Schriftsteller eine lcherlich angeekelte Miene machte. Was Herrn Klterjahns Gattin anging, so war klar und deutlich zu beobachten, da sie ihm von Herzen zugetan war. Sie folgte lchelnd seinen Worten und Bewegungen: nicht mit der berheblichen Nachsicht, die manche Leidenden den Gesunden entgegenbringen, sondern mit der liebenswrdigen Freude und Teilnahme gutgearteter Kranker an den zuversichtlichen Lebensuerungen von Leuten, die in ihrer Haut sich wohlfhlen. Herr Klterjahn verweilte nicht lange in >Einfried<. Er hatte seine Gattin hierher geleitet; nach Verlauf einer Woche aber, als er sie wohl aufgehoben und in guten Hnden wute, war seines Bleibens nicht lnger. Pflichten von gleicher Wichtigkeit, sein blhendes Kind, sein ebenfalls blhendes Geschft, riefen ihn in die Heimat zurck; sie zwangen ihn, abzureisen und seine Frau im Genusse der besten Pflege zurckzulassen. 4 _Spinell_ hie der Schriftsteller, der seit mehreren Wochen in >Einfried< lebte, Detlev Spinell war sein Name, und sein ueres war wunderlich. Man vergegenwrtige sich einen Brnetten am Anfang der Dreiiger und von stattlicher Statur, dessen Haar an den Schlfen schon merklich zu ergrauen beginnt, dessen rundes, weies, ein wenig gedunsenes Gesicht aber nicht die Spur irgendeines Bartwuchses zeigt. Es war nicht rasiert, -- man htte es gesehen; weich, verwischt und knabenhaft, war es nur hier und da mit einzelnen Flaumhrchen besetzt. Und das sah ganz merkwrdig aus. Der Blick seiner rehbraunen, blanken Augen war von sanftem Ausdruck, die Nase gedrungen und ein wenig zu fleischig. Ferner besa Herr Spinell eine gewlbte, porse Oberlippe rmischen Charakters, groe, karise Zhne und Fe von seltenem Umfange. Einer der Herren mit den unbeherrschten Beinen, der ein Zyniker und Witzbold war, hatte ihn hinter seinem Rcken der verweste Sugling getauft; aber das war hmisch und wenig zutreffend. -- Er ging gut und modisch gekleidet, in langem schwarzen Rock und farbig punktierter Weste. Er war ungesellig und hielt mit keiner Seele Gemeinschaft. Nur zuweilen konnte eine leutselige, liebevolle und berquellende Stimmung ihn befallen, und das geschah jedesmal, wenn Herr Spinell in sthetischen Zustand verfiel, wenn der Anblick von irgend etwas Schnem, der Zusammenklang zweier Farben, eine Vase von edler Form, das vom Sonnenuntergang bestrahlte Gebirge ihn zu lauter Bewunderung hinri. Wie schn! sagte er dann, indem er den Kopf auf die Seite legte, die Schultern emporzog, die Hnde spreizte und Nase und Lippen krauste. Gott, sehen Sie, wie schn! Und er war imstande, blindlings die distinguiertesten Herrschaften, ob Mann oder Weib, zu umhalsen in der Bewegung solcher Augenblicke... Bestndig lag auf seinem Tische, fr jeden sichtbar, der sein Zimmer betrat, das Buch, das er geschrieben hatte. Es war ein Roman von migem Umfange, mit einer vollkommen verwirrenden Umschlagzeichnung versehen und gedruckt auf einer Art von Kaffee-Sieb-Papier mit Buchstaben, von denen ein jeder aussah wie eine gotische Kathedrale. Frulein von Osterloh hatte es in einer migen Viertelstunde gelesen und fand es raffiniert, was ihre Form war, das Urteil unmenschlich langweilig zu umschreiben. Es spielte in mondnen Salons, in ppigen Frauengemchern, die voller erlesener Gegenstnde waren, voll von Gobelins, uralten Meubles, kstlichem Porzellan, unbezahlbaren Stoffen und knstlerischen Kleinodien aller Art. Auf die Schilderung dieser Dinge war der liebevollste Wert gelegt, und bestndig sah man dabei Herrn Spinell, wie er die Nase kraus zog und sagte: Wie schn! Gott, sehen Sie, wie schn! ... brigens mute es wundernehmen, da er noch nicht mehr Bcher verfat hatte als dieses eine, denn augenscheinlich schrieb er mit Leidenschaft. Er verbrachte den greren Teil des Tages schreibend auf seinem Zimmer und lie auerordentlich viele Briefe zur Post befrdern, fast tglich einen oder zwei, -- wobei es nur als befremdend und belustigend auffiel, da er seinerseits hchst selten welche empfing... 5 Herr Spinell sa der Gattin Herrn Klterjahns bei Tische gegenber. Zur ersten Mahlzeit, an der die Herrschaften teilnahmen, erschien er ein wenig zu spt in dem groen Speisesaal im Erdgescho des Seitenflgels, sprach mit weicher Stimme einen an alle gerichteten Gru und begab sich an seinen Platz, worauf Doktor Leander ihn ohne viel Zeremonie den neu Angekommenen vorstellte. Er verbeugte sich und begann dann, offenbar ein wenig verlegen, zu essen, indem er Messer und Gabel mit seinen groen, weien und schn geformten Hnden, die aus sehr engen rmeln hervorsahen, in ziemlich affektierter Weise bewegte. Spter ward er frei und betrachtete in Gelassenheit abwechselnd Herrn Klterjahn und seine Gattin. Auch richtete Herr Klterjahn im Verlaufe der Mahlzeit einige Fragen und Bemerkungen betreffend die Anlage und das Klima von >Einfried< an ihn, in die seine Frau in ihrer lieblichen Art zwei oder drei Worte einflieen lie, und die Herr Spinell hflich beantwortete. Seine Stimme war mild und recht angenehm; aber er hatte eine etwas behinderte und schlrfende Art zu sprechen, als seien seine Zhne der Zunge im Wege. Nach Tische, als man ins Konversationszimmer hinbergegangen war und Doktor Leander den neuen Gsten im besonderen eine gesegnete Mahlzeit wnschte, erkundigte sich Herrn Klterjahns Gattin nach ihrem Gegenber. Wie heit der Herr? fragte sie ... Spinelli? Ich habe den Namen nicht verstanden. Spinell ... nicht Spinelli, gndige Frau. Nein, er ist kein Italiener, sondern blo aus Lemberg gebrtig, soviel ich wei ... Was sagten Sie? Er ist Schriftsteller? Oder was? fragte Herr Klterjahn; er hielt die Hnde in den Taschen seiner bequemen englischen Hose, neigte sein Ohr dem Doktor zu und ffnete, wie manche Leute pflegen, den Mund beim Horchen. Ja, ich wei nicht, -- er schreibt ... antwortete Doktor Leander. Er hat, glaube ich, ein Buch verffentlicht, eine Art Roman, ich wei wirklich nicht ... Dieses wiederholte Ich wei nicht deutete an, da Doktor Leander keine groen Stke auf den Schriftsteller hielt und jede Verantwortung fr ihn ablehnte. Aber das ist ja sehr interessant! sagte Herrn Klterjahns Gattin. Sie hatte noch nie einen Schriftsteller von Angesicht zu Angesicht gesehen. O ja, erwiderte Doktor Leander entgegenkommend. Er soll sich eines gewissen Rufes erfreuen ... Dann wurde nicht mehr von dem Schriftsteller gesprochen. Aber ein wenig spter, als die neuen Gste sich zurckgezogen hatten und Doktor Leander ebenfalls das Konversationszimmer verlassen wollte, hielt Herr Spinell ihn zurk und erkundigte sich auch seinerseits. Wie ist der Name des Paares? fragte er ... Ich habe natrlich nichts verstanden. Klterjahn, antwortete Doktor Leander und ging schon wieder. _Wie_ heit der Mann? fragte Herr Spinell ... _Klterjahn_ heien sie! sagte Doktor Leander und ging seiner Wege. -- Er hielt gar keine groen Stke auf den Schriftsteller. 6 Waren wir schon soweit, da Herr Klterjahn in die Heimat zurkgekehrt war? Ja, er weilte wieder am Ostseestrande, bei seinen Geschften und seinem Kinde, diesem rksichtslosen und lebensvollen kleinen Geschpf, das seiner Mutter sehr viele Leiden und einen kleinen Defekt an der Luftrhre gekostet hatte. Sie selbst aber, die junge Frau, blieb in >Einfried< zurck, und die Magistratsrtin Spatz schlo sich ihr als ltere Freundin an. Das aber hinderte nicht, da Herrn Klterjahns Gattin auch mit den brigen Kurgsten gute Kameradschaft pflegte, zum Beispiel mit Herrn Spinell, der ihr zum Erstaunen aller (denn er hatte bislang mit keiner Seele Gemeinschaft gehalten) von Anbeginn eine auerordentliche Ergebenheit und Dienstfertigkeit entgegenbrachte, und mit dem sie in den Freistunden, die eine strenge Tagesordnung ihr lie, nicht ungern plauderte. Er nherte sich ihr mit einer ungeheuren Behutsamkeit und Ehrerbietung und sprach zu ihr nicht anders als mit sorgfltig gedmpfter Stimme, so da die Rtin Spatz, die an den Ohren krankte, meistens berhaupt nichts von dem verstand, was er sagte. Er trat auf den Spitzen seiner groen Fe zu dem Sessel, in dem Herrn Klterjahns Gattin zart und lchelnd lehnte, blieb in einer Entfernung von zwei Schritten stehen, hielt das eine Bein zurckgestellt und den Oberkrper vorgebeugt und sprach in seiner etwas behinderten und schlrfenden Art leise, eindringlich und jeden Augenblick bereit, eilends zurckzutreten und zu verschwinden, sobald ein Zeichen von Ermdung und berdru sich auf ihrem Gesicht bemerkbar machen wrde. Aber er verdro sie nicht; sie forderte ihn auf, sich zu ihr und der Rtin zu setzen, richtete irgendeine Frage an ihn und hrte ihm dann lchelnd und neugierig zu, denn manchmal lie er sich so amsant und seltsam vernehmen, wie es ihr noch niemals begegnet war. Warum sind Sie eigentlich in >EinfriedEinfried< ist ganz empire, es ist ehedem ein Schlo, eine Sommer-Residenz gewesen, wie man mir sagt. Dieser Seitenflgel ist ja ein Anbau aus spterer Zeit, aber das Hauptgebude ist alt und echt. Es gibt Zeiten, in denen ich das empire einfach nicht entbehren kann, in denen es mir, um einen bescheidenen Grad des Wohlbefindens zu erreichen, unbedingt ntig ist. Es ist klar, da man sich anders befindet zwischen Mbeln weich und bequem bis zur Laszivitt, und anders zwischen diesen gereadlinigen Tischen, Sesseln und Draperieen ... Diese Helligkeit und Hrte, diese kalte, herbe Einfachheit und reservierte Strenge verleiht mir Haltung und Wrde, gndige Frau, sie hat auf die Dauer eine innere Reinigung und Restaurierung zur Folge, sie hebt mich sittlich, ohne Frage.... Ja, das ist merkwrdig, sagte sie. brigens verstehe ich es, wenn ich mir Mhe gebe. Hierauf erwiderte er, da es irgendwelcher Mhe nicht lohne, und dann lachten sie miteinander. Auch die Rtin Spatz lachte und fand es merkwrdig; aber sie sagte nicht, da sie es verstnde. Das Konversationszimmer war gerumig und schn. Die hohe, weie Flgeltr zu dem anstoenden Billard-Raume stand weit geffnet, wo die Herren mit den unbeherrschten Beinen und andere sich vergngten. Andererseits gewhrte eine Glastr den Ausblick auf die breite Terrasse und den Garten. Seitwrts davon stand ein Piano. Ein grnausgeschlagener Spieltisch war vorhanden, an dem der diabetische General mit ein paar anderen Herren Whist spielte. Damen lasen und waren mit Handarbeiten beschftigt. Ein eiserner Ofen besorgte die Heizung, aber vor dem stilvollen Kamin, in dem nachgeahmte, mit glhroten Papierstreifen beklebte Kohlen lagen, waren behagliche Plauderpltze. Sie sind ein Frhaufsteher, Herr Spinell, sagte Herrn Klterjahns Gattin. Zufllig habe ich Sie nun schon zwei- oder dreimal um halb acht Uhr am Morgen das Haus verlassen sehen. Ein Frhaufsteher? Ach, sehr mit Unterschied, gndige Frau. Die Sache ist die, da ich frh aufstehe, weil ich eigentlich ein Langschlfer bin. Das mssen Sie nun erklren, Herr Spinell! -- Auch die Rtin Spatz wollte es erklrt haben. Nun ... ist man ein Frhaufsteher, so hat man es, dnkt mich, nicht ntig, gar so frh aufzustehen. Das Gewissen, gndige Frau ... es ist eine schlimme Sache mit dem Gewissen! Ich und meinesgleichen, wir schlagen uns zeit unseres Lebens damit herum und haben alle Hnde voll zu tun, es hier und da zu betrgen und ihm kleine, schlaue Genugtuungen zuteil werden zu lassen. Wir sind unntze Geschpfe, ich und meinesgleichen, und abgesehen von wenigen guten Stunden schleppen wir uns an dem Bewutsein unserer Unntzlichkeit wund und krank. Wir hassen das Ntzliche, wir wissen, da es gemein und unschn ist, und wir verteidigen diese Wahrheit, wie man nur Wahrheiten verteidigt, die man unbedingt ntig hat. Und dennoch sind wir so ganz vom bsen Gewissen zernagt, da kein heiler Fleck mehr an uns ist. Hinzu kommt, da die ganze Art unserer inneren Existenz, unsere Weltanschauung, unsere Arbeitsweise ... von schrecklich ungesunder, unterminierender, aufreibender Wirkung ist, und auch dies verschlimmert die Sache. Da gibt es nun kleine Linderungsmittel, ohne die man es einfach nicht aushielte. Eine gewisse Artigkeit und hygienische Strenge der Lebensfhrung zum Beispiel ist manchen von uns Bedrfnis. Frh aufstehen, grausam frh, ein kaltes Bad und ein Spaziergang hinaus in den Schnee ... Das macht, da wir vielleicht eine Stunde lang ein wenig zufrieden mit uns sind. Gbe ich mich, wie ich bin, so wrde ich bis in den Nachmittag hinein im Bette liegen, glauben Sie mir. Wenn ich frh aufstehe, so ist das eigentlich Heuchelei. Nein, weshalb, Herr Spinell! Ich nenne das Selbstberwindung ... Nicht wahr, Frau Rtin? -- Auch die Rtin Spatz nannte es Selbstberwindung. Heuchelei oder Selbstberwindung, gndige Frau! Welches Wort man nun vorzieht. Ich bin so gramvoll ehrlich veranlagt, da ich ... Das ist es. Sicher grmen Sie sich zuviel. Ja, gndige Frau, ich grme mich viel. -- Das gute Wetter hielt an. Wei, hart und sauber, in Windstille und lichtem Frost, in blendender Helle und blulichem Schatten lag die Gegend, lagen Berge, Haus und Garten, und ein zartblauer Himmel, in dem Myriaden von flimmernden Leuchtkrperchen, von glitzernden Kristallen zu tanzen schienen, wlbte sich makellos ber dem Ganzen. Der Gattin Herrn Klterjahns ging es leidlich in dieser Zeit; sie war fieberfrei, hustete fast gar nicht und a ohne allzuviel Widerwillen. Oftmals sa sie, wie das ihre Vorschrift war, stundenlang im sonnigen Frost auf der Terrasse. Sie sa im Schnee, ganz in Decken und Pelzwerk verpackt, und atmete hoffnungsvoll die reine, eisige Luft, um ihrer Luftrhre zu dienen. Dann bemerkte sie zuweilen Herrn Spinell, wie er, ebenfalls warm gekleidet und in Pelzschuhen, die seinen Fen einen phantastischen Umfang verliehen, sich im Garten erging. Er ging mit tastenden Schritten und einer gewissen behutsamen und steif-grazisen Armhaltung durch den Schnee, grte sie ehrerbietig, wenn er zur Terrasse kam, und stieg die unteren Stufen hinan, um ein kleines Gesprch zu beginnen. Heute, auf meinem Morgenspaziergang, habe ich eine schne Frau gesehen ... Gott, sie war schn! sagte er, legte den Kopf auf die Seite und spreizte die Hnde. Wirklich, Herr Spinell? Beschreiben Sie sie mir doch! Nein, das kann ich nicht. Oder ich wrde Ihnen doch ein unrichtiges Bild von ihr geben. Ich habe die Dame im Vorbergehen nur mit einem halben Blicke gestreift, ich habe sie in Wirklichkeit nicht gesehen. Aber der verwischte Schatten von ihr, den ich empfing, hat gengt, meine Phantasie anzuregen und mich ein Bild mit fortnehmen lassen, das schn ist ... Gott, es ist schn! Sie lachte. Ist das Ihre Art, sich schne Frauen zu betrachten, Herr Spinell? Ja, gndige Frau; und es ist eine bessere Art, als wenn ich ihnen plump und wirklichkeitsgierig ins Gesicht starrte und den Eindruck einer fehlerhaften Tatschlichkeit davontrge ... Wirklichkeitsgierig ... Das ist ein sonderbares Wort! Ein richtiges Schriftstellerwort, Herr Spinell! Aber es macht Eindruck auf mich, will ich Ihnen sagen. Es liegt so manches darin, wovon ich wenig verstehe, etwas Unabhngiges und Freies, das sogar der Wirklichkeit die Achtung kndigt, obgleich sie doch das Respektabelste ist, was es gibt, ja das Respektable selbst ... Und dann begreife ich, da es etwas gibt auer dem Handgreiflichen, etwas Zarteres ... Ich wei nur ein Gesicht, sagte er pltzlich mit einer seltsam freudigen Bewegung in der Stimme, erhob seine geballten Hnde zu den Schultern und lie in einem exaltierten Lcheln seine karisen Zhne sehen ... Ich wei nur ein Gesicht, dessen veredelte Wirklichkeit durch meine Einbildung korrigieren zu wollen sndhaft wre, das ich betrachten, auf dem ich verweilen mchte, nicht Minuten, nicht Stunden, sondern mein ganzes Leben lang, mich ganz darin verlieren und alles Irdische darber vergessen ... Ja, ja, Herr Spinell! Nur da Frulein von Osterloh doch ziemlich abstehende Ohren hat. Er schwieg und verbeugte sich tief. Als er wieder aufrecht stand, ruhten seine Augen mit einem Ausdruck von Verlegenheit und Schmerz auf dem kleinen, seltsamen derchen, das sich blablau und krnklich in der Klarheit ihrer wie durchsichtigen Stirn verzweigte. 7 Ein Kauz, ein ganz wunderlicher Kauz! Herrn Klterjahns Gattin dachte zuweilen nach ber ihn, denn sie hatte sehr viel Zeit zum Nachdenken. Sei es, da der Luftwechsel anfing, die Wirkung zu versagen, oder da irgendein positiv schdlicher Einflu sie berhrt hatte: ihr Befinden war schlechter geworden, der Zustand ihrer Luftrhre schien zu wnschen brigzulassen, sie fhlte sich schwach, mde, appetitlos, fieberte nicht selten; und Doktor Leander hatte ihr aufs entschiedenste Ruhe, Stillverhalten und Vorsicht empfohlen. So sa sie, wenn sie nicht liegen mute, in Gesellschaft der Rtin Spatz, verhielt sich still und hing, eine Handarbeit im Sche, an der sie nicht arbeitete, diesem oder jenem Gedanken nach. Ja, er machte ihr Gedanken, dieser absonderliche Herr Spinell, und, was das Merkwrdige war, nicht sowohl ber seine als ber ihre eigene Person; auf irgendeine Weise rief er in ihr eine seltsame Neugier, ein nie gekanntes Interesse fr ihr eigenes Sein hervor. Eines Tages hatte er gesprchsweise geuert: Nein, es sind rtselvolle Tatsachen, die Frauen ... sowenig neu es ist, sowenig kann man ablassen, davor zu stehen und zu staunen. Da ist ein wunderbares Geschpf, eine Sylphe, ein Duftgebild, ein Mrchentraum von einem Wesen. Was tut sie? Sie geht hin und ergibt sich einem Jahrmarktsherkules oder Schlchterburschen. Sie kommt an seinem Arme daher, lehnt vielleicht sogar ihren Kopf an seine Schulter und blickt dabei verschlagen lchelnd um sich her, als wollte sie sagen: Ja, nun zerbrecht euch die Kpfe ber diese Erscheinung! -- Und wir zerbrechen sie uns. -- Hiermit hatte Herrn Klterjahns Gattin sich wiederholt beschftigt. Eines anderen Tages fand zum Erstaunen der Rtin Spatz folgendes Zwiegesprch zwischen ihnen statt. Darf ich einmal fragen, gndige Frau (aber es ist wohl naseweis), wie Sie heien, wie eigentlich Ihr Name ist? Ich heie doch Klterjahn, Herr Spinell! Hm.-- Das wei ich. Oder vielmehr: ich leugne es. Ich meine natrlich Ihren eigenen Namen, Ihren Mdchennamen. Sie werden gerecht sein und einrumen, gndige Frau, da, wer Sie >Frau Klterjahn< nennen wollte, die Peitsche verdient. Sie lachte so herzlich, da das blaue derchen ber ihrer Braue bengstigend deutlich hervortrat und ihrem zarten, sen Gesicht einen Ausdruck von Anstrengung und Bedrngnis verlieh, der tief beunruhigte. Nein! Bewahre, Herr Spinell! Die Peitsche? Ist >Klterjahn< Ihnen so frchterlich? Ja, gndige Frau, ich hasse diesen Namen aus Herzensgrund, seit ich ihn zum erstenmal vernahm. Er ist komisch und zum Verzweifeln unschn, und es ist Barbarei und Niedertracht, wenn man die Sitte so weit treibt, auf Sie den Namen Ihres Herrn Gemahls zu bertragen. Nun, und >EckhofEckhof< ist etwas ganz anderes! Eckhof hie sogar ein groer Schauspieler. Eckhof passiert. -- Sie erwhnten nur Ihres Vaters. Ist Ihre Frau Mutter ... Ja; meine Mutter starb, als ich noch klein war. Ah. -- Sprechen Sie mir doch ein wenig mehr von Ihnen, darf ich Sie bitten? Wenn es Sie ermdet, dann nicht. Dann ruhen Sie, und ich fahre fort, Ihnen von Paris zu erzhlen, wie neulich. Aber Sie knnten ja ganz leise reden, ja, wenn Sie flstern, so wird das alles nur schner machen ... Sie wurden in Bremen geboren? Und diese Frage tat er beinahe tonlos, mit einem ehrfurchtsvollen und inhaltsschweren Ausdruck, als sei Bremen eine Stadt ohnegleichen, eine Stadt voller unnennbarer Abenteuer und verschwiegener Schnheiten, in der geboren zu sein eine geheimnisvolle Hoheit verleihe. Ja, denken Sie! sagte sie unwillkrlich. Ich bin aus Bremen. Ich war einmal dort, bemerkte er nachdenklich. -- Mein Gott, Sie waren auch _dort_? Nein, hren Sie, Herr Spinell, zwischen Tunis und Spitzbergen haben Sie, glaube ich, alles gesehen! Ja, ich war einmal dort, wiederholte er. Ein paar kurze Abendstunden. Ich entsinne mich einer alten, schmalen Strae, ber deren Giebeln schief und seltsam der Mond stand. Dann war ich in einem Keller, in dem es nach Wein und Moder roch. Das ist eine durchdringende Erinnerung ... Wirklich? Wo mag das gewesen sein?-Ja, in solchem grauen Giebelhause, einem alten Kaufmannshause mit hallender Diele und weilackierter Galerie, bin ich geboren. Ihr Herr Vater ist also Kaufmann? fragte er ein wenig zgernd. Ja. Aber auerdem und eigentlich wohl in erster Linie ist er ein Knstler. Ah! Ah!. Inwiefern? Er spielt die Geige ... Aber das sagt nicht viel. _Wie_ er sie spielt, Herr Spinell, das ist die Sache! Einige Tne habe ich niemals hren knnen, ohne da mir die Trnen so merkwrdig brennend in die Augen stiegen, wie sonst bei keinem Erlebnis. Sie glauben es nicht ... Ich glaube es! Ach, ob ich es glaube! ... Sagen Sie mir, gndige Frau: Ihre Familie ist wohl alt? Es haben wohl schon viele Generationen in dem grauen Giebelhaus gelebt, gearbeitet und das Zeitliche gesegnet? Ja. -- Warum fragen Sie brigens? Weil es nicht selten geschieht, da ein Geschlecht mit praktischen, brgerlichen und trockenen Traditionen sich gegen das Ende seiner Tage noch einmal durch die Kunst verklrt. Ist dem so? -- Ja, was meinen Vater betrifft, so ist er sicherlich mehr ein Knstler als mancher, der sich so nennt und vom Ruhme lebt. Ich spiele nur ein bichen Klavier. Jetzt haben sie es mir ja verboten; aber damals, zu Hause, spielte ich noch. Mein Vater und ich, wir spielten zusammen ... Ja, ich habe all die Jahre in lieber Erinnerung; besonders den Garten, unseren Garten, hinterm Hause. Er war jmmerlich verwildert und verwuchert und von zerbrckelten, bemoosten Mauern eingeschlossen; aber gerade das gab ihm viel Reiz. In der Mitte war ein Springbrunnen, mit einem dichten Kranz von Schwertlilien umgeben. Im Sommer verbrachte ich dort lange Stunden mit meinen Freundinnen. Wir saen alle auf kleinen Feldsesseln rund um den Springbrunnen herum ... Wie schn! sagte Herr Spinell und zog die Schultern empor. Saen Sie und sangen? Nein, wir hkelten meistens. Immerhin ... Immerhin ... Ja, wir hkelten und schwatzten, meine sechs Freundinnen und ich ... Wie schn! Gott, hren Sie, wie schn! rief Herr Spinell, und sein Gesicht war gnzlich verzerrt. Was finden Sie nun _hieran_ so besonders schn, Herr Spinell! Oh, dies, da es sechs auer Ihnen waren, da Sie nicht in diese Zahl eingeschlossen waren, sondern da Sie gleichsam als Knigin daraus hervortraten ... Sie waren ausgezeichnet vor Ihren sechs Freundinnen. Eine kleine goldene Krone, ganz unscheinbar, aber bedeutungsvoll, sa in Ihrem Haar und blinkte ... Nein, Unsinn, nichts von einer Krone ... Doch, sie blinkte heimlich. Ich htte sie gesehen, htte sie deutlich in Ihrem Haar gesehen, wenn ich in einer dieser Stunden unvermerkt im Gestrpp gestanden htte ... Gott wei, was Sie gesehen htten. Sie standen aber nicht dort, sondern eines Tages war es mein jetziger Mann, der zusammen mit meinem Vater aus dem Gebsch hervortrat. Ich frchte, sie hatten sogar allerhand von unserem Geschwtz belauscht ... Dort war es also, wo Sie Ihren Herrn Gemahl kennenlernten, gndige Frau? Ja, dort lernte ich ihn kennen! sagte sie laut und frhlich, und indem sie lchelte, trat das zartblaue derchen angestrengt und seltsam ber ihrer Braue hervor. Er besuchte meinen Vater in Geschften, wissen Sie. Am nchsten Tage war er zum Diner geladen, und noch drei Tage spter hielt er um meine Hand an. Wirklich! Ging das alles so auerordentlich schnell? Ja ... Das heit, von nun an ging es ein wenig langsamer. Denn mein Vater war der Sache eigentlich gar nicht geneigt, mssen Sie wissen, und machte eine lngere Bedenkzeit zur Bedingung. Erstens wollte er mich lieber bei sich behalten, und dann hatte er noch andere Skrupeln. Aber... Aber? Aber ich _wollte_ es eben, sagte sie lchelnd, und wieder beherrschte das blablaue derchen mit einem bedrngten und krnklichen Ausdruck ihr ganzes liebliches Gesicht. Ah, Sie wollten es. Ja, und ich habe einen ganz festen und respektablen Willen gezeigt, wie Sie sehen ... Wie ich es sehe. Ja. ... so da mein Vater sich schlielich darein ergeben mute. Und so verlieen Sie ihn denn und seine Geige, verlieen das alte Haus, den verwucherten Garten, den Springbrunnen und Ihre sechs Freundinnen und zogen mit Herrn Klterjahn. Und zog mit ... Sie haben eine Ausdrucksweise, Herr Spinell! Beinahe biblisch! -- Ja, ich verlie das alles, denn so will es ja die Natur. Ja, so will sie es wohl. Und dann handelte es sich ja um mein Glck. Gewi. Und es kam, das Glck ... Das kam in der Stunde, Herr Spinell, als man mir zuerst den kleinen Anton brachte, unseren kleinen Anton, und als er so krftig mit seinen kleinen gesunden Lungen schrie, stark und gesund wie er ist ... Es ist nicht das erstemal, da ich Sie von der Gesundheit Ihres kleinen Anton sprechen hre, gndige Frau. Er mu ganz ungewhnlich gesund sein? Das ist er. Und er sieht meinem Mann so lcherlich hnlich! Ah! -- Ja, so begab es sich also. Und nun heien Sie nicht mehr Eckhof, sondern anders, und haben den kleinen gesunden Anton und leiden ein wenig an der Luftrhre. Ja. -- Und _Sie_ sind ein durch und durch rtselhafter Mensch, Herr Spinell, dessen versichere ich Sie ... Ja, straf mich Gott, das sind Sie! sagte die Rtin Spatz, die brigens auch noch vorhanden war. Aber auch mit diesem Gesprch beschftigte Herrn Klterjahns Gattin sich mehrere Male in ihrem Innern. So nichtssagend es war, barg es doch einiges auf seinem Grunde, was ihren Gedanken ber sich selbst Nahrung gab. War _dies_ der schdliche Einflu, der sie berhrte? Ihre Schwche nahm zu, und oft stellte Fieber sich ein, eine stille Glut, in der sie mit einem Gefhle sanfter Gehobenheit ruhte, der sie sich in einer nachdenklichen, prezisen, selbstgeflligen und ein wenig beleidigten Stimmung berlie. Wenn sie nicht das Bett htete und Herr Spinell auf den Spitzen seiner groen Fe mit ungeheurer Behutsamkeit zu ihr trat, in einer Entfernung von zwei Schritten stehenblieb und, das eine Bein zurckgestellt und den Oberkrper vorgebeugt, mit ehrfrchtig gedmpfter Stimme zu ihr sprach, wie als hbe er sie in scheuer Andacht sanft und hoch empor und bettete sie auf Wolkenpfhle, woselbst kein schriller Laut und keine irdische Berhrung sie erreichen solle..., so erinnerte sie sich der Art, in der Herr Klterjahn zu sagen pflegte: Vorsichtig, Gabriele, take care, mein Engel, und halte den Mund zu!, eine Art, die wirkte, als schlge er einem hart und wohlmeinend auf die Schulter. Dann aber wandte sie sich rasch von dieser Erinnerung ab, um in Schwche und Gehobenheit auf den Wolkenpfhlen zu ruhen, die Herr Spinell ihr dienend bereitete. Eines Tages kam sie unvermittelt auf das kleine Gesprch zurck, das sie mit ihm ber ihre Herkunft und Jugend gefhrt hatte. Es ist also wahr, fragte sie, Herr Spinell, da Sie die Krone gesehen htten? Und obgleich jene Plauderei schon vierzehn Tage zurcklag, wute er sofort, um was es sich handelte, und versicherte ihr mit bewegten Worten, da er damals am Springbrunnen, als sie unter ihren sechs Freundinnen sa, die kleine Krone htte blinken, -- sie heimlich in ihrem Haar htte blinken sehen. Einige Tage spter erkundigte sich ein Kurgast aus Artigkeit bei ihr nach dem Wohlergehen ihres kleinen Anton daheim. Sie lie zu Herrn Spinell, der sich in der Nhe befand, einen hurtigen Blick hinbergleiten und antwortete ein wenig gelangweilt: Danke; wie soll es dem wohl gehen? -- Ihm und meinem Mann geht es gut. 8 Ende Februar, an einem Frosttage, reiner und leuchtender als alle, die vorhergegangen waren, herrschte in >Einfried< nichts als bermut. Die Herrschaften mit den Herzfehlern besprachen sich untereinander mit gerteten Wangen, der diabetische General trllerte wie ein Jngling, und die Herren mit den unbeherrschten Beinen waren ganz auer Rand und Band. Was ging vor? Nichts Geringeres, als da eine gemeinsame Ausfahrt unternommen werden sollte, eine Schlittenpartie in mehreren Fuhrwerken mit Schellenklang und Peitschenknall ins Gebirge hinein: Doktor Leander hatte zur Zerstreuung seiner Patienten diesen Beschlu gefat. Natrlich muten die >Schweren< zu Hause bleiben. Die armen >SchwerenEinfried<. Da aber auch Herrn Klterjahns Gattin erklrte, daheim bleiben zu wollen, verstimmte allseitig. Vergebens redete Doktor Leander ihr zu, die frische Fahrt auf sich wirken zu lassen; sie behauptete, nicht aufgelegt zu sein, Migrne zu haben, sich matt zu fhlen, und so mute man sich fgen. Der Zyniker und Witzbold aber nahm Anla zu der Bemerkung: Geben Sie acht, nun fhrt auch der verweste Sugling nicht mit. Und er bekam recht, denn Herr Spinell lie wissen, da er heute nachmittag arbeiten wolle -- er gebrauchte sehr gern das Wort >arbeiten< fr seine zweifelhafte Ttigkeit. brigens beklagte sich keine Seele ber sein Fortbleiben, und ebenso leicht verschmerzte man es, da die Rtin Spatz sich entschlo, ihrer jngeren Freundin Gesellschaft zu leisten, da das Fahren sie seekrank mache. Gleich nach dem Mittagessen, das heute schon gegen zwlf Uhr stattgefunden hatte, hielten die Schlitten vor >Einfried<, und in lebhaften Gruppen, warm vermummt, neugierig und angeregt, bewegten sich die Gste durch den Garten. Herrn Klterjahns Gattin stand mit der Rtin Spatz an der Glastr, die zur Terrasse fhrte, und Herr Spinell am Fenster seines Zimmers, um der Abfahrt zuzusehen. Sie beobachteten, wie unter Scherzen und Gelchter kleine Kmpfe um die besten Pltze entstanden, wie Frulein von Osterloh, eine Pelzboa um den Hals, von einem Gespann zum anderen lief, um Krbe mit Ewaren unter die Sitze zu schieben, wie Doktor Leander, die Pelzmtze in der Stirn, mit seinen funkelnden Brillenglsern noch einmal das Ganze berschaute, dann ebenfalls Platz nahm und das Zeichen zum Aufbruch gab ... Die Pferde zogen an, ein paar Damen kreischten und fielen hintber, die Schellen klapperten, die kurzstieligen Peitschen knallten und lieen ihre langen Schnre im Schnee hinter den Kufen dreinschleppen, und Frulein von Osterloh stand an der Gatterpforte und winkte mit ihrem Schnupftuch, bis an einer Biegung der Landstrae die gleitenden Gefhrte verschwanden, das frohe Gerusch sich verlor. Dann kehrte sie durch den Garten zurck, um ihren Pflichten nachzueilen, die beiden Damen verlieen die Glastr, und fast gleichzeitig trat auch Herr Spinell von seinem Aussichtspunkte ab. Ruhe herrschte in >Einfried<. Die Expedition war vor Abend nicht zurckzuerwarten. Die >Schweren< lagen in ihren Zimmern und litten. Herrn Klterjahns Gattin und ihre ltere Freundin unternahmen einen kurzen Spaziergang, worauf sie in ihre Gemcher zurckkehrten. Auch Herr Spinell befand sich in dem seinen und beschftigte sich auf seine Art. Gegen vier Uhr brachte man den Damen je einen halben Liter Milch, whrend Herr Spinell seinen leichten Tee erhielt. Kurze Zeit darauf pochte Herrn Klterjahns Gattin an die Wand, die ihr Zimmer von dem der Magistratsrtin Spatz trennte, und sagte: Wollen wir nicht ins Konversationszimmer hinuntergehen, Frau Rtin? Ich wei nicht mehr, was ich hier anfangen soll. Sogleich, meine Liebe! antwortete die Rtin. Ich ziehe nur meine Stiefel an, wenn Sie erlauben. Ich habe nmlich auf dem Bette gelegen, mssen Sie wissen. Wie zu erwarten stand, war das Konversationszimmer leer. Die Damen nahmen am Kamine Platz. Die Rtin Spatz stickte Blumen auf ein Stck Stramin, und auch Herrn Klterjahns Gattin tat ein paar Stiche, worauf sie die Handarbeit in den Scho sinken lie und ber die Armlehne ihres Sessels hinweg ins Leere trumte. Schlielich machte sie eine Bemerkung, die nicht lohnte, da man ihretwegen die Zhne voneinander tat; da aber die Rtin Spatz trotzdem Wie? fragte, so mute sie zu ihrer Demtigung den ganzen Satz wiederholen. Die Rtin Spatz fragte nochmals Wie? In diesem Augenblicke aber wurden auf dem Vorplatze Schritte laut, die Tr ffnete sich, und Herr Spinell trat ein. Stre ich? fragte er noch an der Schwelle mit sanfter Stimme, whrend er ausschlielich Herrn Klterjahns Gattin anblickte und den Oberkrper auf eine gewisse zarte und schwebende Art nach vorne beugte ... Die junge Frau antwortete: Ei, warum nicht gar? Erstens ist dieses Zimmer doch als Freihafen gedacht, Herr Spinell, und dann: worin sollten Sie uns stren. Ich habe das entschiedene Gefhl, die Rtin zu langweilen ... Hierauf wute er nichts mehr zu erwidern, sondern lie nur lchelnd seine karisen Zhne sehen und ging unter den Augen der Damen mit ziemlich unfreien Schritten bis zur Glastr, woselbst er stehen blieb und hinausschaute, indem er in etwas unerzogener Weise den Damen den Rcken zuwandte. Dann machte er eine halbe Wendung rckwrts, fuhr aber fort, in den Garten hinauszublicken, indes er sagte: Die Sonne ist fort. Unvermerkt hat der Himmel sich bezogen. Es fngt schon an, dunkel zu werden. Wahrhaftig, ja, alles liegt im Schatten, antwortete Herrn Klterjahns Gattin. Unsere Ausflgler werden doch noch Schnee bekommen, wie es scheint. Gestern war es um diese Zeit noch voller Tag; nun dmmert es schon. Ach, sagte er, nach allen diesen berhellen Wochen tut das Dunkel den Augen wohl. Ich bin dieser Sonne, die Schnes und Gemeines mit gleich aufdringlicher Deutlichkeit bestrahlt, geradezu dankbar, da sie sich endlich ein wenig verhllt. Lieben Sie die Sonne nicht, Herr Spinell? Da ich kein Maler bin ... Man wird innerlicher ohne Sonne. -- Es ist eine dicke, weigraue Wolkenschicht. Vielleicht bedeutet es Tauwetter fr morgen. brigens wrde ich Ihnen nicht raten, dort hinten noch auf die Handarbeit zu blicken, gndige Frau. Ach, seien Sie unbesorgt, das tue ich ohnehin nicht. Aber was soll man beginnen? Er hatte sich auf den Drehsessel vorm Piano niedergelassen, indem er einen Arm auf den Deckel des Instrumentes sttzte. Musik ... sagte er. Wer jetzt ein bichen Musik zu hren bekme! Manchmal singen die englischen Kinder kleine nigger-songs, das ist alles. Und gestern nachmittag hat Frulein von Osterloh in aller Eile die 'Klosterglocken' gespielt, bemerkte Herrn Klterjahns Gattin. Aber Sie spielen ja, gndige Frau, sagte er bittend und stand auf ... Sie haben ehemals tglich mit Ihrem Herrn Vater musiziert. Ja, Herr Spinell, das war damals! Zur Zeit des Springbrunnens, wissen Sie ... Tun Sie es heute! bat er. Lassen Sie dies eine Mal ein paar Takte hren! Wenn Sie wten, wie ich drste ... Unser Hausarzt sowohl wie Doktor Leander haben es mir ausdrcklich verboten, Herr Spinell. Sie sind nicht da, weder der eine noch der andere! Wir sind frei ... Sie sind frei, gndige Frau! Ein paar armselige Akkorde ... Nein, Herr Spinell, daraus wird nichts. Wer wei, was fr Wunderdinge Sie von mir erwarten! Und ich habe alles verlernt, glauben Sie mir. Auswendig kann ich beinahe nichts. Oh, dann spielen Sie dieses Beinahe-nichts! Und zum berflu sind hier Noten, hier liegen sie, oben auf dem Klavier. Nein, dies hier ist nichts. Aber hier ist Chopin ... Chopin? Ja, die Nocturnes. Und nun fehlt nur, da ich die Kerzen anznde ... Glauben Sie nicht, da ich spiele, Herr Spinell! Ich darf nicht. Wenn es mir nun schadet?! -- Er verstummte. Er stand, mit seinen groen Fen, seinem langen, schwarzen Rock und seinem grauhaarigen, verwischten, bartlosen Kopf, im Lichte der beiden Klavierkerzen und lie die Hnde hinunterhngen. Nun bitte ich nicht mehr, sagte er endlich leise. Wenn Sie frchten, sich zu schaden, gndige Frau, so lassen Sie die Schnheit tot und stumm, die unter ihren Fingern laut werden mchte. Sie waren nicht immer so sehr verstndig; wenigstens nicht, als es im Gegenteile galt, sich der Schnheit zu begeben. Sie waren nicht besorgt um Ihren Krper und zeigten einen unbedenklicheren und festeren Willen, als Sie den Springbrunnen verlieen und die kleine goldene Krone ablegten ... Hren Sie, sagte er nach einer Pause, und seine Stimme senkte sich noch mehr, wenn Sie jetzt hier niedersitzen und spielen wie einst, als noch Ihr Vater neben Ihnen stand und seine Geige jene Tne singen lie, die Sie weinen machten ... dann kann es geschehen, da man sie wieder heimlich in Ihrem Haare blinken sieht, die kleine, goldene Krone ... Wirklich? fragte sie und lchelte ... Zufllig versagte ihr die Stimme bei diesem Wort, so da es zur Hlfte heiser und zur Hlfte tonlos herauskam. Sie hstelte und sagte dann: Sind es wirklich die Nocturnes von Chopin, die Sie da haben? Gewi. Sie sind aufgeschlagen, und alles ist bereit. Nun, so will ich denn in Gottes Namen eins davon spielen, sagte sie. Aber nur eines, hren Sie? Dann werden Sie ohnehin fr immer genug haben. Damit erhob sie sich, legte ihre Handarbeit beiseite und ging zum Klavier. Sie nahm auf dem Drehsessel Platz, auf dem ein paar gebundene Notenbcher lagen, richtete die Leuchter und bltterte in den Noten. Herr Spinell hatte einen Stuhl an ihre Seite gerckt und sa neben ihr wie ein Musiklehrer. Sie spielte das Nocturne in Es-Dur, opus 9, Nummer 2. Wenn sie wirklich einiges verlernt hatte, so mute ihr Vortrag ehedem vollkommen knstlerisch gewesen sein. Das Piano war nur mittelmig, aber schon nach den ersten Griffen wute sie es mit sicherem Geschmack zu behandeln. Sie zeigte einen nervsen Sinn fr differenzierte Klangfarbe und eine Freude an rhythmischer Beweglichkeit, die bis zum Phantastischen ging. Ihr Anschlag war sowohl fest als weich. Unter ihren Hnden sang die Melodie ihre letzte Sigkeit aus, und mit einer zgernden Grazie schmiegten sich die Verzierungen um ihre Glieder. Sie trug das Kleid vom Tage ihrer Ankunft: die dunkle, gewichtige Taille mit den plastischen Sammetarabesken, die Haupt und Hnde so unirdisch zart erscheinen lie. Ihr Gesichtsausdruck vernderte sich nicht beim Spiele, aber es schien, als ob die Umrisse ihrer Lippen noch klarer wrden, die Schatten in den Winkeln ihrer Augen sich vertieften. Als sie geendigt hatte, legte sie die Hnde in den Scho und fuhr fort, auf die Noten zu blicken. Herr Spinell blieb ohne Laut und Bewegung sitzen. Sie spielte noch ein Nocturne, spielte ein zweites und drittes. Dann erhob sie sich; aber nur, um auf dem oberen Klavierdeckel nach neuen Noten zu suchen. Herr Spinell hatte den Einfall, die Bnde in schwarzen Pappdeckeln zu untersuchen, die auf dem Drehsessel lagen. Pltzlich stie er einen unverstndlichen Laut aus, und seine groen, weien Hnde fingerten leidenschaftlich an einem dieser vernachlssigten Bcher. Nicht mglich! ... Es ist nicht wahr! ... sagte er ... Und dennoch tusche ich mich nicht! ... Wissen Sie, was es ist? ... Was hier lag? ... Was ich hier halte? ... Was ist es? fragte sie. Da wies er ihr stumm das Titelblatt. Er war ganz bleich, lie das Buch sinken und sah sie mit zitternden Lippen an. Wahrhaftig? Wie kommt das hierher? Also geben Sie, sagte sie einfach, stellte die Noten aufs Pult, setzte sich und begann nach einem Augenblick der Stille mit der ersten Seite. Er sa neben ihr, vornbergebeugt, die Hnde zwischen den Knieen gefaltet, mit gesenktem Kopfe. Sie spielte den Anfang mit einer ausschweifenden und qulenden Langsamkeit, mit beunruhigend gedehnten Pausen zwischen den einzelnen Figuren. Das Sehnsuchtsmotiv, eine einsame und irrende Stimme in der Nacht, lie leise seine bange Frage vernehmen. Eine Stille und ein Warten. Und siehe, es antwortet: derselbe zage und einsame Klang, nur heller, nur zarter. Ein neues Schweigen. Da setzte mit jenem gedmpften und wundervollen Sforzato, das ist wie ein Sich-Aufraffen und seliges Aufbegehren der Leiden schaft, das Liebesmotiv ein, stieg aufwrts, rang sich entzckt empor bis zur sen Verschlingung, sank, sich lsend, zurck, und mit ihrem tiefen Gesnge von schwerer, schmerzlicher Wonne traten die Celli hervor und fhrten die Weise fort ... Nicht ohne Erfolg versuchte die Spielende, auf dem armseligen Instrument die Wirkungen des Orchesters anzudeuten. Die Violinlufe der groen Steigerung erklangen mit leuchtender Przision. Sie spielte mit preziser Andacht, verharrte glubig bei jedem Gebilde und hob demtig und demonstrativ das Einzelne hervor, wie der Priester das Allerheiligste ber sein Haupt erhebt. Was geschah? Zwei Krfte, zwei entrckte Wesen strebten in Leiden und Seligkeit nacheinander und umarmten sich in dem verzckten und wahnsinnigen Begehren nach dem Ewigen und Absoluten ... Das Vorspiel flammte auf und neigte sich. Sie endigte da, wo der Vorhang sich teilt, und fuhr dann fort, schweigend auf die Noten zu blicken. Unterdessen hatte bei der Rtin Spatz die Langeweile jenen Grad erreicht, wo sie des Menschen Antlitz entstellt, ihm die Augen aus dem Kopfe treibt und ihm einen leichenhaften und furchteinflenden Ausdruck verleiht. Auerdem wirkte diese Art von Musik auf ihre Magennerven, sie versetzte diesen dyspeptischen Organismus in Angstzustnde und machte, da die Rtin einen Krampfanfall befrchtete. Ich bin gentigt, auf mein Zimmer zu gehen, sagte sie schwach. Leben Sie wohl, ich kehre zurck ... Damit ging sie. Die Dmmerung war weit vorgeschritten. Drauen sah man dicht und lautlos den Schnee auf die Terrasse herniedergehen. Die beiden Kerzen gaben ein wankendes und begrenztes Licht. Den zweiten Aufzug, flsterte er; und sie wandte die Seiten und begann mit dem zweiten Aufzug. Hrnerschall verlor sich in der Ferne. Wie? oder war es das Suseln des Laubes? Das sanfte Rieseln des Quells? Schon hatte die Nacht ihr Schweigen durch Hain und Haus gegossen, und kein flehendes Mahnen vermochte dem Walten der Sehnsucht mehr Einhalt zu tun. Das heilige Geheimnis vollendete sich. Die Leuchte erlosch, mit einer seltsamen, pltzlich gedeckten Klangfarbe senkte das Todesmotiv sich herab, und in jagender Ungeduld lie die Sehnsucht ihren weien Schleier dem Geliebten entgegenflattern, der ihr mit ausgebreiteten Armen durchs Dunkel nahte. O berschwenglicher und unersttlicher Jubel der Vereinigung im ewigen Jenseits der Dinge! Des qulenden Irrtums entledigt, den Fesseln des Raumes und der Zeit entronnen, verschmolzen das Du und das Ich, das Dein und Mein sich zu erhabener Wonne. Trennen konnte sie des Tages tckisches Blendwerk, doch seine prahlende Lge vermochte die Nachtsichtigen nicht mehr zu tuschen, seit die Kraft des Zaubertrankes ihnen den Blick geweiht. Wer liebend des Todes Nacht und ihr ses Geheimnis erschaute, dem blieb im Wahn des Lichtes ein einzig Sehnen, die Sehnsucht hin zur heiligen Nacht, der ewigen,-wahren, der einsmachenden ... O sink hernieder, Nacht der Liebe, gib ihnen jenes Vergessen, das sie ersehnen, umschliee sie ganz mit deiner Wonne und lse sie los von der Welt des Truges und der Trennung. Siehe, die letzte Leuchte verlosch! Denken und Dnken versank in heiliger Dmmerung, die sich welterlsend ber des Wahnes Qualen breitet. Dann, wenn das Blendwerk erbleicht, wenn in Entzcken sich mein Auge bricht: Das, wovon die Lge des Tages mich ausschlo, was sie zu unstillbarer Qual meiner Sehnsucht tuschend entgegenstellte, -- _selbst_ dann, o Wunder der Erfllung! selbst dann bin ich die Welt. -- Und es erfolgte zu Brangnens dunklem Habet-Acht-Gesange jener Aufstieg der Violinen, welcher hher ist als alle Vernunft. Ich verstehe nicht alles, Herr Spinell; sehr vieles ahne ich nur. Was bedeutet doch dieses -- 'Selbst -- dann bin ich die Welt'? Er erklrte es ihr, leise und kurz. Ja, so ist es. -- Wie kommt es nur, da Sie, der Sie es so gut verstehen, es nicht auch spielen knnen? Seltsamerweise vermochte er dieser harmlosen Frage nicht standzuhalten. Er errtete, rang die Hnde und versank gleichsam mit seinem Stuhle. Das trifft selten zusammen, sagte er endlich geqult. Nein, spielen kann ich nicht. -- Aber fahren Sie fort. Und sie fuhren fort in den trunkenen Gesngen des Mysterienspieles. Starb je die Liebe? Tristans Liebe? Die Liebe deiner und meiner Isolde? Oh, des Todes Streiche erreichen die Ewige nicht! Was strbe wohl ihm, als was uns strt, was die Einigen tuschend entzweit? Durch ein ses Und verknpfte sie beide die Liebe ... zerri es der Tod, wie anders, als mit des einen eigenem Leben, wre dem anderen der Tod gegeben? Und ein geheimnisvoller Zwiegesang vereinigte sie in der namenlosen Hoffnung des Liebestodes, des endlos ungetrennten Umfangenseins im Wunderreiche der Nacht. Se Nacht! Ewige Liebesnacht! Alles umspannendes Land der Seligkeit! Wer dich ahnend erschaut, wie knnte er ohne Bangen je zum den Tage zurckerwachen? Banne du das Bangen, holder Tod! Lse du nun die Sehnenden ganz von der Not des Erwachens! O fassungsloser Sturm der Rhythmen! O chromatisch empordrngendes Entzcken der metaphysischen Erkenntnis! Wie sie fassen, wie sie lassen, diese Wonne fern den Trennungsqualen des Lichts? Sanftes Sehnen ohne Trug und Bangen, hehres, leidloses Verlschen, berseliges Dmmern im Unermelichen! Du Isolde, Tristan ich, nicht mehr Tristan, nicht mehr Isolde---- Pltzlich geschah etwas Erschreckendes. Die Spielende brach ab und fhrte ihre Hand ber die Augen, um ins Dunkel zu sphen, und Herr Spinell wandte sich rasch auf seinem Sitze herum. Die Tr dort hinten, die zum Korridor fhrte, hatte sich geffnet, und herein kam eine finstere Gestalt, gesttzt auf den Arm einer zweiten. Es war ein Gast von >Einfried<, der gleichfalls nicht in der Lage gewesen war, an der Schlittenpartie teilzunehmen, sondern diese Abendstunde zu einem seiner instinktiven und traurigen Rundgnge durch die Anstalt benutzte, es war jene Kranke, die neunzehn Kinder zur Welt gebracht hatte und keines Gedankens mehr fhig war, es war die Pastorin Hhlenrauch am Arme ihrer Pflegerin. Ohne aufzublicken, durchma sie mit tappenden, wandernden Schritten den Hintergrund des Gemaches und entschwand durch die entgegengesetzte Tr, -- stumm und stier, irrwandelnd und unbewut. -- Es herrschte Stille. Das war die Pastorin Hhlenrauch, sagte er. Ja, das war die arme Hhlenrauch, sagte sie. Dann wandte sie die Bltter und spielte den Schlu des Ganzen, spielte Isoldens Liebestod. Wie farblos und klar ihre Lippen waren, und wie die Schatten in den Winkeln ihrer Augen sich vertieften! Oberhalb der Braue, in ihrer durchsichtigen Stirn, trat angestrengt und beunruhigend das blablaue derchen deutlicher und deutlicher hervor. Unter ihren arbeitenden Hnden vollzog sich die unerhrte Steigerung, zerteilt von jenem beinahe ruchlosen, pltzlichen Pianissimo, das wie ein Entgleiten des Bodens unter den Fen und wie ein Versinken in sublimer Begierde ist. Der berschwang einer ungeheuren Lsung und Erfllung brach herein, wiederholte sich, ein betubendes Brausen maloser Befriedigung, unersttlich wieder und wieder, formte sich zurckflutend um, schien verhauchen zu wollen, wob noch einmal das Sehnsuchtsmotiv in seine Harmonie, atmete aus, erstarb, verklang, entschwebte. Tiefe Stille. Sie horchten beide, legten die Kpfe auf die Seite und horchten. Das sind Schellen, sagte sie. Es sind die Schlitten, sagte er. Ich gehe. Er stand auf und ging durch das Zimmer. An der Tr dort hinten machte er halt, wandte sich um und trat einen Augenblick unruhig von einem Fu auf den anderen. Und dann begab es sich, da er, fnfzehn oder zwanzig Schritte von ihr entfernt, auf seine Kniee sank, lautlos auf beide Kniee. Sein langer, schwarzer Gehrock breitete sich auf dem Boden aus. Er hielt die Hnde ber seinem Munde gefaltet, und seine Schultern zuckten. Sie sa, die Hnde im Sche, vornbergelehnt, vom Klavier abgewandt, und blickte auf ihn. Ein Ungewisses und bedrngtes Lcheln lag auf ihrem Gesicht, und ihre Augen sphten sinnend und so mhsam ins Halbdunkel, da sie eine kleine Neigung zum Verschieen zeigten. Aus weiter Ferne her nherten sich Schellenklappern, Peitschenknall und das Ineinanderklingen menschlicher Stimmen. 9 Die Schlittenpartie, von der lange noch alle sprachen, hatte am 26. Februar stattgefunden. Am 27., einem Tauwettertage, an dem alles sich erweichte, tropfte, plantschte, flo, ging es der Gattin Herrn Klterjahns vortrefflich. Am 28. gab sie ein wenig Blut von sich ... oh, unbedeutend; aber es war Blut. Zu gleicher Zeit wurde sie von einer Schwche befallen, so gro wie noch niemals, und legte sich nieder. Doktor Leander untersuchte sie, und sein Gesicht war steinkalt dabei. Dann verordnete er, was die Wissenschaft vorschreibt: Eisstckchen, Morphium, unbedingte Ruhe. brigens legte er am folgenden Tage wegen berbrdung die Behandlung nieder und bertrug sie an Doktor Mller, der sie pflicht- und kontraktgem in aller Sanftmut bernahm: ein stiller, blasser, unbedeutender und wehmtiger Mann, dessen bescheidene und ruhmlose Ttigkeit den beinahe Gesunden und den Hoffnungslosen gewidmet war. Die Ansicht, der er vor allem Ausdruck gab, war die, da die Trennung zwischen dem Klterjahn'schen Ehepaare nun schon recht lange whre. Es sei dringend wnschenswert, da Herr Klterjahn, wenn anders sein blhendes Geschft es irgend gestatte, wieder einmal zu Besuch nach >Einfried< kme. Man knne ihm schreiben, ihm vielleicht ein kleines Telegramm zukommen lassen ... Und sicherlich werde es die junge Mutter beglcken und strken, wenn er den kleinen Anton mitbrchte: abgesehen davon, da es fr die rzte geradezu interessant sein werde, die Bekanntschaft dieses gesunden kleinen Anton zu machen. Und siehe, Herr Klterjahn erschien. Er hatte Doktor Mllers kleines Telegramm erhalten und kam vom Strande der Ostsee. Er stieg aus dem Wagen, lie sich Kaffee und Buttersemmeln geben und sah sehr verdutzt aus. Herr, sagte er, was ist? Warum ruft man mich zu ihr? Weil es wnschenswert ist, antwortete Doktor Mller, da Sie jetzt in der Nhe Ihrer Frau Gemahlin weilen. Wnschenswert ... Wnschenswert ... Aber auch notwendig? Ich sehe auf mein Geld, mein Herr, die Zeiten sind schlecht und die Eisenbahnen sind teuer. War diese Tagesreise nicht zu umgehen? Ich wollte nichts sagen, wenn es beispielsweise die Lunge wre; aber da es Gott sei Dank die Luftrhre ist ... Herr Klterjahn, sagte Doktor Mller sanft, erstens ist die Luftrhre ein wichtiges Organ ... Er sagte unkorrekterweise erstens, obgleich er gar kein zweitens darauf folgen lie. Gleichzeitig aber mit Herrn Klterjahn war eine ppige, ganz in Rot, Schottisch und Gold gehllte Person in 'Einfried' eingetroffen, und sie war es, die auf ihrem Arme Anton Klterjahn den Jngeren, den kleinen gesunden Anton trug. Ja, er war da, und niemand konnte leugnen, da er in der Tat von einer exzessiven Gesundheit war. Rosig und wei, sauber und frisch gekleidet, dick und duftig lastete er auf dem nackten, roten Arm seiner betreten Dienerin, verschlang gewaltige Mengen von Milch und gehacktem Fleisch, schrie und berlie sich in jeder Beziehung seinen Instinkten. Vom Fenster seines Zimmers aus hatte der Schriftsteller Spinell die Ankunft des jungen Klterjahn beobachtet. Mit einem seltsamen, verschleierten und dennoch scharfen Blick hatte er ihn ins Auge gefat, whrend er vom Wagen ins Haus getragen wurde, und war dann noch lngere Zeit mit demselben Gesichtsausdruck an seinem Platze verharrt. Von da an mied er das Zusammentreffen mit Anton Klterjahn dem Jngeren so weit als tunlich. 10 Herr Spinell sa in seinem Zimmer und >arbeitete<. Es war ein Zimmer wie alle in >Einfried<: altmodisch, einfach und distinguiert. Die massige Kommode war mit metallenen Lwenkpfen beschlagen, der hohe Wandspiegel war keine glatte Flche, sondern aus vielen kleinen quadratischen, in Blei gefaten Scherben zusammengesetzt, kein Teppich bedeckte den blulich lackierten Estrich, in dem die steifen Beine der Meubles als klare Schatten sich fortsetzten. Ein gerumiger Schreibtisch stand in der Nhe des Fensters, vor welches der Romancier einen gelben Vorhang gezogen hatte, wahrscheinlich, um sich innerlicher zu machen. In gelblicher Dmmerung sa er ber die Platte des Sekretrs gebeugt und schrieb, -- schrieb an einem jener zahlreichen Briefe, die er all-wchentlich zur Post befrdern lie, und auf die er belustigenderweise meistens gar keine Antwort erhielt. Ein groer, starker Bogen lag vor ihm, in dessen linkem oberen Winkel unter einer verzwickt gezeichneten Landschaft der Name Detlev Spinell in vllig neuartigen Lettern zu lesen war, und den er mit einer kleinen, sorgfltig gemalten und beraus reinlichen Handschrift bedeckte. Mein Herr! stand dort. Ich richte die folgenden Zeilen an Sie, weil ich nicht anders kann, weil das, was ich Ihnen zu sagen habe, mich erfllt, mich qult und zittern macht, weil mir die Worte mit einer solchen Heftigkeit zustrmen, da ich an ihnen ersticken wrde, drfte ich mich ihrer nicht in diesem Briefe entlasten ... Der Wahrheit die Ehre zu geben, so war dies mit dem Zustrmen ganz einfach nicht der Fall, und Gott wute, aus was fr eitlen Grnden Herr Spinell es behauptete. Die Worte schienen ihm durchaus nicht zuzustrmen, fr einen, dessen brgerlicher Beruf das Schreiben ist, kam er jmmerlich langsam von der Stelle, und wer ihn sah, mute zu der Anschauung gelangen, da ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fllt als allen anderen Leuten. Mit zwei Fingerspitzen hielt er eins der sonderbaren Flaumhrchen an seiner Wange erfat und drehte Viertelstunden lang daran, indem er ins Leere starrte und nicht um eine Zeile vorwrtsrckte, schrieb dann ein paar zierliche Wrter und stockte aufs neue. Andererseits mu man zugeben, da das, was schlielich zustande kam, den Eindruck der Gltte und Lebhaftigkeit erweckte, wenn es auch inhaltlich einen wunderlichen, fragwrdigen und oft sogar unverstndlichen Charakter trug. Es ist, so setzte der Brief sich fort, das unabweisliche Bedrfnis, das, was ich sehe, was seit Wochen als eine unauslschliche Vision vor meinen Augen steht, auch Sie sehen zu machen, es Sie mit meinen Augen, in derjenigen sprachlichen Beleuchtung schauen zu lassen, in der es vor meinem inneren Blicke steht. Ich bin gewohnt, diesem Drange zu weichen, der mich zwingt, in unvergelich und flammend richtig an ihrem Platze stehenden Worten meine Erlebnisse zu denen der Welt zu machen. Und darum hren Sie mich an. Ich will nichts als sagen, was war und ist, ich erzhle lediglich eine Geschichte, eine ganz kurze, unsglich emprende Geschichte, erzhle sie ohne Kommentar, ohne Anklage und Urteil, nur mit meinen Worten. Es ist die Geschichte Gabriele Eckhofs, mein Herr, der Frau, die Sie die Ihrige nennen ... und merken Sie wohl! Sie waren es, der sie erlebte; und dennoch bin ich es, dessen Worte sie Ihnen erst in Wahrheit zur Bedeutung eines Erlebnisses erheben wird. Erinnern Sie sich des Gartens, mein Herr, des alten, verwucherten Gartens hinter dem grauen Patrizierhause? Das grne Moos spro in den Fugen der verwitterten Mauern, die seine vertrumte Wildnis umschlossen. Erinnern Sie sich auch des Springbrunnens in seiner Mitte? Lilafarbene Lilien neigten sich ber sein morsches Rund, und sein weier Strahl plauderte geheimnisvoll auf das zerklftete Gestein hinab. Der Sommertag neigte sich. Sieben Jungfrauen saen im Kreis um den Brunnen; in das Haar der Siebenten aber, der Ersten, der Einen, schien die sinkende Sonne heimlich ein schimmerndes Abzeichen der Ober hoheit zu weben. Ihre Augen waren wie ngstliche Trume, und dennoch lchelten ihre klaren Lippen .... Sie sangen. Sie hielten ihre schmalen Gesichter zur Hhe des Springstrahles emporgewandt, dorthin, wo er in mder und edler Rundung sich zum Falle neigte, und ihre leisen, hellen Stimmen umschwebten seinen schlanken Tanz. Vielleicht hielten sie ihre zarten Hnde um ihre Kniee gefaltet, indes sie sangen .... Entsinnen Sie sich des Bildes, mein Herr? Sahen Sie es? Sie sahen es nicht. Ihre Augen waren nicht geschaffen dafr, und Ihre Ohren nicht, die keusche Sigkeit seiner Melodie zu vernehmen. Sahen Sie es -- Sie durften nicht wagen, zu atmen, Sie muten Ihrem Herzen zu schlagen verwehren. Sie muten gehen, zurck ins Leben, in Ihr Leben, und fr den Rest Ihres Erdendaseins das Geschaute als ein unantastbares und unverletzliches Heiligtum in Ihrer Seele bewahren. Was aber taten Sie? Dies Bild war ein Ende, mein Herr; muten Sie kommen und es zerstren, um ihm eine Fortsetzung der Gemeinheit und des hlichen Leidens zu geben? Es war eine rhrende und friedevolle Apotheose, getaucht in die abendliche Verklrung des Verfalles, der Auflsung und des Verlschens. Ein altes Geschlecht, zu mde bereits und zu edel zur Tat und zum Leben, steht am Ende seiner Tage, und seine letzten uerungen sind Laute der Kunst, ein paar Geigentne, voll von der wissenden Wehmut der Sterbensreife .... Sahen Sie die Augen, denen diese Tne Trnen entlockten? Vielleicht, da die Seelen der sechs Gespielinnen dem Leben gehrten; diejenige aber ihrer schwesterlichen Herrin gehrte der Schnheit und dem Tode. Sie sahen sie, diese Todesschnheit: sahen sie an, um ihrer zu begehren. Nichts von Ehrfurcht, nichts von Scheu berhrte Ihr Herz gegenber ihrer rhrenden Heiligkeit. Es gengte Ihnen nicht, zu schauen; Sie muten besitzen, ausntzen, entweihen... Wie fein Sie Ihre Wahl trafen! Sie sind ein Gourmand, mein Herr, ein plebejischer Gourmand, ein Bauer mit Geschmack. Ich bitte Sie, zu bemerken, da ich keineswegs den Wunsch hege, Sie zu krnken. Was ich sage, ist kein Schimpf, sondern die Formel, die einfache psychologische Formel fr Ihre einfache, literarisch gnzlich uninteressante Persnlichkeit, und ich spreche sie aus, nur weil es mich treibt, Ihnen Ihr eigenes Tun und Wesen ein wenig zu erhellen, weil es auf Erden mein unausweichlicher Beruf ist, die Dinge bei Namen zu nennen, sie reden zu machen, und das Unbewute zu durchleuchten. Die Welt ist voll von dem, was ich den 'unbewuten Typus' nenne: und ich ertrage sie nicht, alle diese unbewuten Typen! Ich ertrage es nicht, all dies dumpfe, unwissende und erkenntnislose Leben und Handeln, diese Welt von aufreizender Naivitt um mich her! Es treibt mich mit qualvoller Unwiderstehlichkeit, alles Sein in der Runde -- so weit meine Krfte reichen -- zu erlutern, auszusprechen und zum Bewutsein zu bringen, -- unbekmmert darum, ob dies eine frdernde oder hemmende Wirkung nach sich zieht, ob es Trost und Linderung bringt oder Schmerz zufgt. Sie sind, mein Herr, wie ich sagte, ein plebejischer Gourmand, ein Bauer mit Geschmack. Eigentlich von plumper Konstitution und auf einer uerst niedrigen Entwicklungsstufe befindlich, sind Sie durch Reichtum und sitzende Lebensweise zu einer pltzlichen, unhistorischen und barbarischen Korruption des Nervensystems gelangt, die eine gewisse lsterne Verfeinerung des Genubedrfnisses nach sich zieht. Wohl mglich, da die Muskeln Ihres Schlundes in eine schmatzende Bewegung gerieten, wie angesichts einer kstlichen Suppe oder seltenen Platte, als Sie beschlossen, Gabriele Eckhof zu eigen zu nehmen ... In der Tat, Sie lenken ihren vertrumten Willen in die Irre, Sie fhren sie aus dem verwucherten Garten in das Leben und in die Hlichkeit, Sie geben ihr Ihren ordinren Namen und machen sie zum Eheweibe, zur Hausfrau, machen sie zur Mutter. Sie erniedrigen die mde, scheue und in erhabener Unbrauchbarkeit blhende Schnheit des Todes in den Dienst des gemeinen Alltags und jenes blden, ungefgen und verchtlichen Gtzen, den man die Natur nennt, und nicht eine Ahnung von der tiefen Niedertracht dieses Beginnens regt sich in Ihrem buerischen Gewissen. Nochmals: Was geschieht? Sie, mit den Augen, die wie ngstliche Trume sind, schenkt Ihnen ein Kind; sie gibt diesem Wesen, das eine Fortsetzung der niedrigen Existenz seines Erzeugers ist, alles mit, was sie an Blut und Lebensmglichkeit besitzt, und stirbt. Sie stirbt, mein Herr! Und wenn sie nicht in Gemeinheit dahinfhrt, wenn sie dennoch zuletzt sich aus den Tiefen ihrer Erniedrigung erhob und stolz und selig unter dem tdlichen Kusse der Schnheit vergeht, so ist das _meine_ Sorge gewesen. Die Ihrige war es wohl unterdessen, sich auf verschwiegenen Korridoren mit Stubenmdchen die Zeit zu verkrzen. Ihr Kind aber, Gabriele Eckhofs Sohn, gedeiht, lebt und triumphiert. Vielleicht wird er das Leben seines Vaters fortfhren, ein handeltreibender, Steuern zahlender und gut speisender Brger werden; vielleicht ein Soldat oder Beamter, eine unwissende und tchtige Sttze des Staates; in jedem Falle ein amusisches, normal funktionierendes Geschpf, skrupellos und zuversichtlich, stark und dumm. Nehmen Sie das Gestndnis, mein Herr, da ich Sie hasse, Sie und Ihr Kind, wie ich das Leben selbst hasse, das gemeine, das lcherliche und dennoch triumphierende Leben, das Sie darstellen, den ewigen Gegensatz und Todfeind der Schnheit. Ich darf nicht sagen, da ich Sie verachte. Ich kann es nicht. Ich bin ehrlich. Sie sind der Strkere. Ich habe Ihnen im Kampfe nur eines entgegenzustellen, das erhabene Gewaffen und Rachewerkzeug der Schwachen: Geist und Wort. Heute habe ich mich seiner bedient. Denn dieser Brief -- auch darin bin ich ehrlich, mein Herr -- ist nichts als ein Racheakt, und ist nur ein einziges Wort darin scharf, glnzend und schn genug, Sie betroffen zu machen, Sie eine fremde Macht spren zu lassen, Ihren robusten Gleichmut einen Augenblick ins Wanken zu bringen, so will ich frohlocken. Detlev Spinell. Und dieses Schriftstck couvertierte und frankierte Herr Spinell, versah es mit einer zierlichen Adresse und berlieferte es der Post. 11 Herr Klterjahn pochte an Herrn Spinells Stubentr; er hielt einen groen, reinlich beschriebenen Bogen in der Hand und sah aus wie ein Mann, der entschlossen ist, energisch vorzugehen. Die Post hatte ihre Pflicht getan, der Brief war seinen Weg gegangen, er hatte die wunderliche Reise von 'Einfried' nach 'Einfried' gemacht und war richtig in die Hnde des Adressaten gelangt. Es war vier Uhr am Nachmittage. Als Herr Klterjahn eintrat, sa Herr Spinell auf dem Sofa und las in seinem eigenen Roman mit der verwirrenden Umschlagzeichnung. Er stand auf und sah den Besucher berrascht und fragend an, obgleich er deutlich errtete. Guten Tag, sagte Herr Klterjahn. Entschuldigen Sie, da ich Sie in Ihren Beschftigungen stre. Aber darf ich fragen, ob Sie dies geschrieben haben? Damit hielt er den groen, reinlich beschriebenen Bogen mit der linken Hand empor und schlug mit dem Rcken der Rechten darauf, so da es heftig knisterte. Hierauf schob er die Rechte in die Tasche seines weiten, bequemen Beinkleides, legte den Kopf auf die Seite und ffnete, wie manche Leute pflegen, den Mund zum Horchen. Sonderbarerweise lchelte Herr Spinell; er lchelte zuvorkommend, ein wenig verwirrt und halb entschuldigend, fhrte die Hand zum Kopfe, als besnne er sich, und sagte: Ah, richtig ... ja ... ich erlaubte mir ... Die Sache war die, da er sich heute gegeben hatte, wie er war, und bis gegen Mittag geschlafen hatte. Infolge hiervon litt er an schlimmem Gewissen und bldem Kopfe, fhlte er sich nervs und wenig widerstandsfhig. Hinzu kam, da die Frhlingsluft, die eingetreten war, ihn matt und zur Verzweiflung geneigt machte. Dies alles mu erwhnt werden als Erklrung dafr, da er sich whrend dieser Szene so uerst albern benahm. So! Aha! Schn! sagte Herr Klterjahn, indem er das Kinn auf die Brust drckte, die Brauen emporzog, die Arme reckte und eine Menge hnlicher Anstalten traf, nach Erledigung dieser Formfrage ohne Erbarmen zur Sache zu kommen. Aus Freude an seiner Person ging er ein wenig zu weit in diesen Anstalten; was schlielich erfolgte, entsprach nicht vllig der drohenden Umstndlichkeit dieser mimischen Vorbereitungen. Aber Herr Spinell war ziemlich bleich. Sehr schn! wiederholte Herr Klterjahn. Dann lassen Sie sich die Antwort mndlich geben, mein Lieber, und zwar in Anbetracht des Umstandes, da ich es fr bldsinnig halte, jemandem, den man stndlich sprechen kann, seitenlange Briefe zu schreiben ... Nun ... bldsinnig ... sagte Herr Spinell lchelnd, entschuldigend und beinahe demtig .... Bldsinnig! wiederholte Herr Klterjahn und schttelte heftig den Kopf, um zu zeigen, wie unangreifbar sicher er seiner Sache sei. Und ich wrde dies Geschreibsel nicht eines Wortes wrdigen, es wre mir, offen gestanden, ganz einfach als Butterbrotpapier zu schlecht, wenn es mich nicht ber gewisse Dinge aufklrte, die ich bis dahin nicht begriff, gewisse Vernderungen ... brigens geht Sie das nichts an und gehrt nicht zur Sache. Ich bin ein ttiger Mann, ich habe Besseres zu bedenken als Ihre unaussprechlichen Visionen ... Ich habe 'unauslschliche Vision' geschrieben, sagte Herr Spinell und richtete sich auf. Es war der einzige Moment dieses Auftrittes, in dem er ein wenig Wrde an den Tag legte. Unauslschlich... unaussprechlich...! entgegnete Herr Klterjahn und blickte ins Manuskript. Sie schreiben eine Hand, die miserabel ist, mein Lieber; ich mchte Sie nicht in meinem Kontor beschftigen. Auf den ersten Blick scheint es ganz sauber, aber bei Licht besehen ist es voller Lcken und Zittrigkeiten. Aber das ist Ihre Sache und geht mich nichts an. Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, da Sie erstens ein Hanswurst sind -- , nun, das ist Ihnen hoffentlich bekannt. Auerdem aber sind Sie ein groer Feigling, und auch das brauche ich Ihnen wohl nicht ausfhrlich zu beweisen. Meine Frau hat mir einmal geschrieben, Sie shen den Weibspersonen, denen Sie begegnen, nicht ins Gesicht, sondern schielten nur so hin, um eine schne Ahnung davonzutragen, aus Angst vor der Wirklichkeit. Leider hat sie spter aufgehrt, in ihren Briefen von Ihnen zu erzhlen; sonst wte ich noch mehr Geschichten von Ihnen. Aber so sind Sie. 'Schnheit' ist Ihr drittes Wort, aber im Grunde ist es nichts als Bangebchsigkeit und Duckmuserei und Neid, und daher wohl auch Ihre unverschmte Bemerkung von den 'verschwiegenen Korridoren', die mich wahrscheinlich so recht durchbohren sollte und mir doch blo Spa gemacht hat. Spa hat sie mir gemacht! Aber wissen Sie nun Bescheid? Habe ich Ihnen Ihr ... Ihr 'Tun und Wesen' nun 'ein wenig erhellt', Sie Jammermensch? Obgleich es nicht mein 'unausbleiblicher Beruf' ist, h, h! ... Ich habe 'unausweichlicher Beruf' geschrieben, sagte Herr Spinell; aber er gab es gleich wieder auf. Er stand da, hilflos und abgekanzelt, wie ein groer, klglicher, grauhaariger Schuljunge. Unausweichlich ... unausbleiblich ... Ein niedertrchtiger Feigling sind Sie, sage ich Ihnen. Tglich sehen Sie mich bei Tische. Sie gren mich und lcheln, Sie reichen mir Schsseln und lcheln, Sie wnschen mir gesegnete Mahlzeit und lcheln. Und eines Tages schicken Sie mir solch einen Wisch voll bldsinniger Injurien auf den Hals. H, ja, schriftlich haben Sie Mut! Und wenn es blo dieser lachhafte Brief wre. Aber Sie haben gegen mich intrigiert, hinter meinem Rcken gegen mich intrigiert, ich begreife es jetzt sehr wohl ... obgleich Sie sich nicht einzubilden brauchen, da es Ihnen etwas gentzt hat! Wenn Sie sich etwa der Hoffnung hingeben, meiner Frau Grillen in den Kopf gesetzt zu haben, so befinden Sie sich auf dem Holzwege, mein wertgeschtzter Herr, dazu ist sie ein zu vernnftiger Mensch! Oder wenn Sie am Ende gar glauben, da sie mich irgendwie anders als sonst empfangen hat, mich und das Kind, als wir kamen, so setzten Sie Ihrer Abgeschmacktheit die Krone auf! Wenn sie dem Kleinen keinen Ku gegeben hat, so geschah es aus Vorsicht, weil neuerdings die Hypothese aufgetaucht ist, da es nicht die Luftrhre, sondern die Lunge ist, und man in diesem Falle nicht wissen kann ... obgleich es brigens noch sehr zu beweisen ist, das mit der Lunge, und Sie mit Ihrem -- 'sie stirbt, mein Herr!' Sie sind ein Esel! Hier suchte Herr Klterjahn seine Atmung ein wenig zu regeln. Er war nun sehr in Zorn geraten, stach bestndig mit dem rechten Zeigefinger in die Luft und richtete das Manuskript in seiner Linken aufs belste zu. Sein Gesicht, zwischen dem blonden englischen Backenbart, war furchtbar rot, und seine umwlkte Stirn war von geschwollenen Adern zerrissen wie von Zornesblitzen. Sie hassen mich, fuhr er fort, und Sie wrden mich verachten, wenn ich nicht der Strkere wre ... Ja, das bin ich, zum Teufel, ich habe das Herz auf dem rechten Fleck, whrend Sie das Ihre wohl meistens in den Hosen haben, und ich wrde Sie in die Pfanne hauen mitsamt Ihrem 'Geist und Wort', Sie hinterlistiger Idiot, wenn das nicht verboten wre. Aber damit ist nicht gesagt, mein Lieber, da ich mir Ihre Invektiven so ohne weiteres gefallen lasse, und wenn ich das mit dem 'ordinren Namen' zu Haus meinem Anwalt zeige, so wollen wir sehen, ob Sie nicht Ihr blaues Wunder erleben. Mein Name ist gut, mein Herr, und zwar durch mein Verdienst. Ob Ihnen jemand auf den Ihren auch nur einen Silbergroschen borgt, diese Frage mgen Sie mit sich selbst errtern, Sie hergelaufener Bummler! Gegen Sie mu man gesetzlich vorgehen! Sie sind gemeingefhrlich! Sie machen die Leute verrckt! ... Obgleich Sie sich nicht einzubilden brauchen, da es Ihnen diesmal gelungen ist, Sie heimtckischer Patron! Von Individuen, wie Sie eins sind, lasse ich mich denn doch nicht aus dem Felde schlagen. Ich habe das Herz auf dem rechten Fleck .... Herr Klterjahn war nun wirklich uerst erregt. Er schrie und sagte wiederholt, da er das Herz auf dem rechten Fleck habe. 'Sie sangen.' Punkt. Sie sangen gar nicht! Sie strickten. Auerdem sprachen sie, soviel ich verstanden habe, von einem Rezept fr Kartoffelpuffer, und wenn ich das mit dem 'Verfall' und der 'Auflsung' meinem Schwiegervater sage, so belangt er Sie gleichfalls von Rechts wegen, da knnen Sie sicher sein! ...'Sahen Sie das Bild, sahen Sie es?' Natrlich sah ich es, aber ich begreife nicht, warum ich deshalb den Atem anhalten und davonlaufen sollte. Ich schiele den Weibern nicht am Gesicht vorbei, ich sehe sie mir an, und wenn sie mir gefallen, und wenn sie mich wollen, so nehme ich sie mir. Ich habe das Herz auf dem rechten Fl ... Es pochte. -- Es pochte gleich neun -- oder zehnmal ganz rasch hintereinander an die Stubentr, ein kleiner, heftiger, ngstlicher Wirbel, der Herrn Klterjahn verstummen machte, und eine Stimme, die gar keinen Halt hatte, sondern vor Bedrngnis fortwhrend aus den Fugen ging, sagte in grter Hast: Herr Klterjahn, Herr Klterjahn, ach, ist Herr Klterjahn da? Drauen bleiben, sagte Herr Klterjahn unwirsch ... Was ist? Ich habe hier zu reden. Herr Klterjahn, sagte die schwankende und sich brechende Stimme, Sie mssen kommen ... auch die rzte sind da ... oh, es ist so entsetzlich traurig ... Da war er mit einem Schritt an der Tr und ri sie auf. Die Rtin Spatz stand drauen. Sie hielt ihr Schnupftuch vor den Mund, und groe, lngliche Trnen rollten paarweise in dieses Tuch hinein. Herr Klterjahn, brachte sie hervor ..., es ist so entsetzlich traurig ... Sie hat so viel Blut aufgebracht, so frchterlich viel ... Sie sa ganz ruhig im Bette und summte ein Stckchen Musik vor sich hin, und da kam es, lieber Gott, so bermig viel ... Ist sie tot?! schrie Herr Klterjahn ... Dabei packte er die Rtin am Oberarm und zog sie auf der Schwelle hin und her. Nein, nicht ganz, wie? Noch nicht ganz, sie kann mich noch sehen ... Hat sie wieder ein bichen Blut aufgebracht? Aus der Lunge, wie? Ich gebe zu, da es vielleicht aus der Lunge kommt ... Gabriele! sagte er pltzlich, indem die Augen ihm bergingen, und man sah, wie ein warmes, gutes, menschliches und redliches Gefhl aus ihm hervorbrach. Ja, ich komme! sagte er, und mit langen Schritten schleppte er die Rtin aus dem Zimmer hinaus und ber den Korridor davon. Von einem entlegenen Teile des Wandelganges her vernahm man noch immer sein rasch sich entfernendes Nicht ganz, wie? ... Aus der Lunge, was? ... 12 Herr Spinell stand auf dem Fleck, wo er whrend Herrn Klterjahns so jh unterbrochener Visite gestanden hatte, und blickte auf die offene Tr. Endlich tat er ein paar Schritte vorwrts und horchte ins Weite. Aber alles war still, und so schlo er die Tr und kehrte ins Zimmer zurck. Eine Weile betrachtete er sich im Spiegel. Hierauf ging er zum Schreibtisch, holte ein kleines Flacon und ein Glschen aus einem Fache hervor und nahm einen Cognac zu sich, was kein Mensch ihm verdenken konnte. Dann streckte er sich auf dem Sofa aus und schlo die Augen. Die obere Klappe des Fensters stand offen. Drauen im Garten von 'Einfried' zwitscherten die Vgel, und in diesen kleinen, zarten und kecken Lauten lag fein und durchdringend der ganze Frhling ausgedrckt. Einmal sagte Herr Spinell leise vor sich hin: Unausbleiblicher Beruf... Dann bewegte er den Kopf hin und her und zog die Luft durch die Zhne ein, wie bei einem heftigen Nervenschmerz. Es war unmglich, zur Ruhe und Sammlung zu gelangen. Man ist nicht geschaffen fr so plumpe Erlebnisse wie dieses da! -- Durch einen seelischen Vorgang, dessen Analyse zu weit fhren wrde, gelangte Herr Spinell zu dem Entschlusse, sich zu erheben und sich ein wenig Bewegung zu machen, sich ein wenig im Freien zu ergehen. So nahm er den Hut und verlie das Zimmer. Als er aus dem Hause trat und die milde, wrzige Luft ihn umfing, wandte er das Haupt und lie seine Augen langsam an dem Gebude empor bis zu einem der Fenster gleiten, einem verhngten Fenster, an dem sein Blick eine Weile ernst, fest und dunkel haftete. Dann legte er die Hnde auf den Rcken und schritt ber die Kieswege dahin. Er schritt in tiefem Sinnen. Noch waren die Beete mit Matten bedeckt, und Bume und Strucher waren noch nackt; aber der Schnee war fort, und die Wege zeigten nur hier und da noch feuchte Spuren. Der weite Garten mit seinen Grotten, Laubengngen und kleinen Pavillons lag in prchtig farbiger Nachmittagsbeleuchtung, mit krftigen Schatten und sattem, goldigem Licht, und das dunkle Gest der Bume stand scharf und zart gegliedert gegen den hellen Himmel. Es war um die Stunde, da die Sonne Gestalt annimmt, da die formlose Lichtmasse zur sichtbar sinkenden Scheibe wird, deren sattere, mildere Glut das Auge duldet. Herr Spinell sah die Sonne nicht; sein Weg fhrte ihn so, da sie ihm verdeckt und verborgen war. Er ging gesenkten Hauptes und summte ein Stckchen Musik vor sich hin, ein kurzes Gebild, eine bang und klagend aufwrtssteigende Figur, das Sehnsuchtsmotiv ... Pltzlich aber, mit einem Ruck, einem kurzen, krampfhaften Aufatmen, blieb er gefesselt stehen, und unter heftig zusammengezogenen Brauen starrten seine erweiterten Augen mit dem Ausdruck entsetzter Abwehr geradeaus... Der Weg wandte sich; er fhrte der sinkenden Sonne entgegen. Durchzogen von zwei schmalen, erleuchteten Wolkenstreifen mit vergoldeten Rndern stand sie gro und schrge am Himmel, setzte die Wipfel der Bume in Glut und go ihren gelbrtlichen Glanz ber den Garten hin. Und inmitten dieser goldigen Verklrung, die gewaltige Gloriole der Sonnenscheibe zu Hupten, stand hochaufgerichtet im Wege eine ppige, ganz in Rot, Gold und Schottisch gekleidete Person, die ihre Rechte in die schwellende Hfte stemmte und mit der Linken ein grazil geformtes Wgelchen leicht vor sich hin und her bewegte. In diesem Wgelchen aber sa das Kind, sa Anton Klterjahn der Jngere, sa Gabriele Eckhofs dicker Sohn! Er sa, bekleidet mit einer weien Flausjacke und einem groen weien Hut, pausbckig, prchtig und wohlgeraten in den Kissen, und sein Blick begegnete lustig und unbeirrbar demjenigen Herrn Spinells. Der Romancier war im Begriffe, sich aufzuraffen, er war ein Mann, er htte die Kraft besessen, an dieser unerwarteten, in Glanz getauchten Erscheinung vorberzuschreiten und seinen Spaziergang fortzusetzen. Da aber geschah das Grliche, da Anton Klterjahn zu lachen und jubeln begann, er kreischte vor unerklrlicher Lust, es konnte einem unheimlich zu Sinne werden. Gott wei, was ihn anfocht, ob die schwarze Gestalt ihm gegenber ihn in diese wilde Heiterkeit versetzte oder was fr ein Anfall von animalischem Wohlbefinden ihn packte. Er hielt in der einen Hand einen knchernen Beiring und in der anderen eine blecherne Klapperbchse. Diese beiden Gegenstnde reckte er jauchzend in den Sonnenschein empor, schttelte sie und schlug sie zusammen, als wollte er jemanden spottend verscheuchen. Seine Augen waren beinahe geschlossen vor Vergngen, und sein Mund war so klaffend aufgerissen, da man seinen ganzen rosigen Gaumen sah. Er warf sogar seinen Kopf hin und her, indes er jauchzte. Da machte Herr Spinell kehrt und ging von dannen. Er ging, gefolgt von dem Jubilieren des kleinen Klterjahn, mit einer gewissen behutsamen und steif-grazisen Armhaltung ber den Kies, mit den gewaltsam zgernden Schritten jemandes, der verbergen will, da er innerlich davonluft. End of the Project Gutenberg EBook of Tristan, by Thomas Mann License: Share Alike