Produced by Jens Sadowski LEO MATTHIAS DER JNGSTE TAG EIN GROTESKES SPIEL 1914 KURT WOLFF VERLAG LEIPZIG Dies Buch wurde gedruckt im Januar 1914 als fnfzehnter Band der Bcherei Der jngste Tag bei Poeschel & Trepte in Leipzig COPYRIGHT 1914 BY KURT WOLFF VERLAG IN LEIPZIG FR FRANZ BLEI PERSONEN: RAINER JEANNE GONN YGES Das Zimmer der Schauspielerin Jeanne. Es unterscheidet sich von dem bekannten Boudoir einer Frau durch den Versuch, das Blinkende und Verwirrende der vielen kleinen Toilettengegenstnde durch die breite Ruhe einfarbiger Flchen zu mildern. Jeanne sitzt in einem grauseidenen Nglig, das orange gefttert ist, vor dem Spiegel und beendet ihre Toilette. -- Sie ist 25 Jahre alt. Das Telefon klingelt. Nachdem sie noch schnell etwas Rot aufgelegt hat, nimmt sie den Hrer ab. JEANNE: Hallo -- Tag, Zaza! Schon zurck? -- Was hast du fr Kritiken bekommen? -- Gratuliere -- Aber das ist ganz unmglich -- bermorgen fhrt mein Schiff -- Ja, schon einen Monat frher -- Nein! Das Gastspiel dauert trotzdem nur sechs Monate. -- Ich wei nicht -- Einsam? (Sie lacht.) Aber meine liebe Zaza! In Amerika wird es doch auch Frauen geben! -- Yges bleibt hier. O, er hat soviel Photographien von mir gemacht. -- Gott nein! Aber er findet mich sehr schn -- (Sie lacht. Es klopft. Das Mdchen tritt herein.) Warte mal einen Moment. (Zum Mdchen) Was ist? DAS MDCHEN: Ein Herr wnscht gndige Frau zu sprechen, weil der Herr Yges nicht da ist. JEANNE: Die Karte? DAS MDCHEN: Der Herr hat mir keine gegeben. JEANNE: Hat er seinen Namen nicht genannt? DAS MDCHEN: Nein, der Herr ist sehr aufgeregt und hrte gar nicht. JEANNE: Sieht er sehr brgerlich aus? DAS MDCHEN: Nein -- das eigentlich nicht . . . JEANNE (lacht): Also auf Ihre Verantwortung. Lassen Sie ihn hier eintreten. (Das Mdchen ab.) (Ins Telephon) Zaza! Ich bekomme Besuch. Ja -- ich wei nicht. Aber es ist doch immerhin sympathisch, da er so aufgeregt ist. (Es klopft.) Er kommt -- Auf Wiedersehen! -- Danke -- Addio! (Sie legt den Hrer in die Gabel und ordnet vor dem Toilettenspiegel ihr Haar.) Herein! JEANNE (springt auf): Rainer! (Sie streckt ihm die Hand entgegen.) Wie geht's denn? Nun? RAINER (erregt): Lebt Ihr Mann? JEANNE: Das braucht uns gar nicht zu stren. Er ist nicht eiferschtig. -- Setz' dich. RAINER: Wissen Sie bestimmt, da er nicht tot ist? JEANNE (ngstlich): Du fragst ja, als ob du es erwartest. RAINER: Antworten Sie! JEANNE: Oho! (Rainer sucht die Glocke und klingelt. Das Mdchen kommt sofort) RAINER: _Wo_ ist der Herr? DAS MDCHEN: Der Herr ist vor 10 Minuten fortgegangen. Er wollte in einer Stunde wieder zurck sein. RAINER (schreit): Ich habe gefragt, _wo_ er ist. DAS MDCHEN: Das wei ich doch nicht. RAINER: Danke. (Das Mdchen ab.) RAINER (mit erzwungener Ruhe): Gestatten Sie mir bitte, Ihren Mann hier zu erwarten. Ich mu ihn sprechen. -- Ich werde in den Salon gehn. -- (Jeanne geht zur Tr.) Bitte, bleiben Sie nur hier. Ich mchte Sie nicht stren. JEANNE: Ich glaube eher, da ich dich stre . . . RAINER (zeigt Jeanne seine Unwilligkeit, setzt sich aber auf die Chaiselongue). JEANNE (setzt sich an den Spiegel, um sich zu pudern): Nun -- was hast du erlebt? RAINER: Nichts. (Kleine Pause.) JEANNE: Ich freue mich, da du mich mal besuchen kommst. RAINER: Seien Sie doch vernnftig. Sie knnen sich doch denken, da ich hier nur herkomme, wenn ich es unbedingt mu. JEANNE: Sso?! RAINER: Das ist doch selbstverstndlich. JEANNE: Ein Besuch bei einer alten Freundin ist allerdings nicht selbstverstndlich. RAINER: Er ist nicht notwendig. JEANNE: _Die_ Antwort ist offen und hlich. RAINER: Ich sage auch Frauen die Wahrheit. JEANNE: Unhflichkeit bleibt aber trotzdem ungerechtfertigte Bereicherung. RAINER: Dann entschuldigen Sie. JEANNE: Das ist leicht gesagt: Entschuldigen Sie! Nach deiner Stimmung zu schlieen, darf ich nicht hoffen, da du mich unterhltst, und ich kann's jetzt nicht mehr, oder wollen wir vom Wetter sprechen? -- Du kommst also her, um meinem Manne etwas zu sagen. Da mu ich schon fragen: Was? (Rainer schweigt.) Ja, du empfindest das als eine Indiskretion, aber ich hatte dir ja die Gelegenheit gegeben, mir zu erzhlen, warum du mich besuchst. (Rainer schweigt.) Ich bin grausam, nicht wahr? Aber das ist deine Schuld. Warum machst du dich zu meinem Opfer? Wenn du nicht mein Freund sein kannst, warum bist du nicht mein Feind? RAINER: Aus demselben Grunde, aus dem ich Ihnen weder das eine noch das andere vor drei Jahren sein konnte. JEANNE: Du _warst_ mein Freund -- bis ich Yges heiratete, und wenn du es leugnest, kannst du hchstens einen Grund haben, es zu verheimlichen. Stimmt's? RAINER: Ich kann ber diese Grnde jetzt nicht sprechen. JEANNE: Deine Weigerung ist sehr ungeschickt, denn sie macht mich neugierig. RAINER (rgerlich): Damit htte sie vielleicht ihren Zweck erreicht. JEANNE: Und noch mehr! RAINER: Ich habe kein Interesse daran, mehr zu sagen. JEANNE: Schmst du dich nicht, so zu sprechen? (Rainer schweigt.) Du hast mir verraten, da du gewohnt bist, mit uns zu verkehren. RAINER: Ich verkehre mit Frauen nicht hufiger als es notwendig ist! JEANNE: Dein Blick spricht besser. (Pltzlich) Wie gefllt dir mein Nglig? Sag' mal, ganz ehrlich, Rainer, -- bin ich hlicher geworden? Yges kann das nicht so gut beurteilen. Er sieht mich tglich. Aber du! Weit du, wenn du mir -- aber ganz ehrlich -- sagen knntest, da ich nicht lter geworden bin, wre ich damit ausgeshnt, da wir uns 3 Jahre nicht gesehen haben. RAINER: Wenigstens sind Sie aufrichtig. JEANNE: Nicht mehr als ich es auch von anderen verlange. RAINER: Ist denn mein Urteil von einer solchen Bedeutung fr Sie? JEANNE: O, ich wollte dir nicht schmeicheln. RAINER: Auch ich mchte es gern vermeiden. JEANNE: (nimmt den Spiegel und lacht). RAINER: Drei Jahre sind ja auch keine lange Zeit fr den, der keine Sorgen hat. JEANNE: Meinst du? Du httest mich einmal sehen sollen, wie ich mich mit meinem Fifi tglich abgeplagt habe. RAINER: Warum behalten Sie denn das Tier, wenn es soviel Umstnde macht? JEANNE (lacht): Fifi ist doch mein Liebhaber! Mit dem probe ich alle Rollen. Weit du, ich liebe ihn nmlich sehr, und wenn ich dann so zu ihm spreche und er so vor mir sitzt und mich nicht anguckt, dann ist das gerad so, als wenn mich ein Mann verschmht, den ich sehr lieb habe. Da gibt's gar keinen Unterschied! Ich kann sogar dann weinen. Das kann ich noch nicht mal auf der Bhne. RAINER: Er ist aber ein bichen zu klein, um ihn zu umarmen. JEANNE: Das ist eben das Tieftragische, was mir soviel Sorgen macht. Jetzt zum Beispiel mu ich in einer Szene einen Liebhaber kssen, der halb ohnmchtig ist und mit dem Kopf ber eine Stuhllehne hngt. Wie soll ich das nun machen? Wenn ich von vorn komme, mu ich mich auf ihn legen. Und wenn ich von hinten komme, dann ksse ich doch nur seinen Kopf, und ich mu ihn mit dem ganzen Krper kssen, sagt der Dichter. Ich hab's mit Fifi probiert (sie lacht), aber er ist eben zu klein, und wenn ich ihn da auf den Stuhl setze, springt er auch immer herunter. RAINER: Versuchen Sie es doch mit Ihrem Mann! JEANNE: So befreundet sind wir nicht! -- Das httest du brigens gleich sehen knnen, als du hereinkamst. RAINER: _Sehen_ knnen? JEANNE: Ja, das Bett gehrt doch gar nicht hier herein, -- wenn ich nur wte, wo ich's hinstellen knnte. RAINER: Das ist also die zweite Sorge. JEANNE (ernst): Rainer -- ich glaub' nicht an deine Ironie. Du verstehst mich sehr gut. (Es klopft.) DAS MDCHEN (tritt ein): Herr Gonn mchte die gndige Frau sprechen. JEANNE: Ach, Gonn! -- Ich lasse bitten. RAINER: -- Es wre mir unangenehm -- ich werde in das Nebenzimmer gehen. Ich bitte Sie, nicht zu sagen, da ich hier bin oder war . . . JEANNE: Aber warum denn? GONN (tritt ein): (Zu Rainer) Da bist du ja! -- N' Tag, Jeanne! JEANNE: 'n Tag, Lstling! GONN: Schon wieder ein neues Etikett? JEANNE (lacht): Ja. Ich hab' nmlich dein Buch gelesen. Weit du, wie? Ich hab' mich ausgezogen und dann da auf das Fell gelegt. Am besten hat mir das gefallen, wo der Held von seinem Feind einen Golem macht und ihn zu Tode qult. Lecker ist das! GONN (zu Rainer): Findest du das auch? RAINER: Noch nicht einmal das Mittelalter wrde solche Handlungen entschuldigen. Einem Menschen, der so etwas im Wahne getan htte und wieder gesundete, bliebe nichts anderes brig, als sich eine Kugel in den Kopf zu jagen. JEANNE (lacht): Aber die Geschichte _spielt_ doch im Mittelalter; gut, da das Pulver damals noch nicht erfunden war. GONN (lacht): Da kann man sehen, wie es heute mibraucht wird. RAINER: Diese Dinge scheinen zu ernst zu sein, um von euch verstanden zu werden. JEANNE: Weit du, Rainer, ich nehme an, deine Grobheit ist nur ein Mangel an Geschmack -- sonst wrde ich sie dir nicht verzeihen. GONN: Du mut ihn entschuldigen. Er ist etwas (lchelnd) -- nervs. RAINER: Ich verbitte mir dein Mitleid. JEANNE (zu Gonn): Woher wutest du, da Rainer hier ist? Oder wolltest du wirklich mich besuchen? (Es klopft; das Mdchen tritt ein.) DAS MDCHEN: Ein Herr wnscht die gndige Frau zu sprechen -- JEANNE: Was ist denn das heute? Ich bin nicht zu sprechen. DAS MDCHEN: Der Herr ist ein Polizist. JEANNE: Warum sagen Sie mir das nicht gleich? DAS MDCHEN: Ja, ich wute nicht . . . JEANNE: Entschuldigt mich bitte, ich bin gleich wieder zurck. (Jeanne und das Mdchen ab.) GONN: Was wolltest du hier? RAINER: Nicht dich sprechen! GONN: Nicht so laut! -- Da Yges lebt, daran zweifle ich nicht und du solltest es auch nicht tun. RAINER: Vor zwei Stunden versprachst du mir seinen Tod, wenn ich das tun wrde, wozu du mich hypnotisiert hast. Du hast mich hypnotisiert, sonst htte ich es nicht getan. GONN: Es gibt noch andere Mglichkeiten, diesen Fall zu erklren. RAINER: Nein! Oder glaubst du, da ich wahnsinnig bin? Aber ich sehe sehr gut, da du einen Browning in der Tasche trgst und da du grinst, weil ich leide. Du stehst so tief, da du andere erniedrigen mut, um Gesellschaft zu haben. GONN: Ich liebe eben Geselligkeit. Wre ich eine Frau, wrde dir brigens der Abstieg leichter fallen. RAINER: Wenn ich eben mit Jeanne kokettiert habe, so erklrt sich das daraus, da ich mich in meiner Erregung nur mit den leichtesten Worten balancieren konnte. GONN: Aber davon habe ich ja gar nichts gemerkt . . . RAINER: Was willst du mir sagen? Warum hast du mich verfolgt? Bis hierher? GONN: Ich will nicht, da Yges von deiner Tat erfhrt. RAINER: Tat! GONN: Ja, Tat! Zum wenigsten _war_ sie es. Deine Reue kann nie so tief werden, als da dieser Gipfel nicht noch aus dem Trnensee herausragte. Und wenn du dich in den Tod weinst! -- Das ist meine einzige Genugtuung! RAINER: Da ich den Versuch gemacht habe, ihn zu tten, dafr bin ich unverantwortlich. Ich stand unter deiner Suggestion. Aber da ich berhaupt die Absicht hatte . . . Du weit nicht, da Yges wie ein Schwert fr die Zeit kam, in der ich kmpfte. Er hat mir die Hand gereicht, um mir zu helfen, und ich -- ich wollte sie ihm abschlagen. GONN: Du scheinst immer noch den Zweck mit dem Mittel, den Apparat mit seinen Funktionen zu verwechseln. Ich habe den Golem fr dich nach dem Ebenbilde Yges' geformt, nicht um Yges zu tten, sondern _du_ solltest frei werden von der Fiktion, ihm verpflichtet zu sein. RAINER: Aber ich bin ihm verpflichtet. Ich _bin_ es! GONN: Wart' nur, bis er deine Unterwerfung mibraucht und dich schlgt. RAINER: Das wird er nie tun! GONN: Aber da du beabsichtigst, ihm zu dienen, gibst du ihm ein Recht dazu. RAINER: Das hat hiermit nichts zu tun. Wenn du doch verstehen knntest, Gonn, wie wenig ich bin, wenn Yges nicht wre. -- Ohne Yges bin ich ein Weg ohne Ende. GONN: Und ich sage dir, da dieses Ende nur ein Hindernis ist, das berwunden werden mu. Er hat natrlich ein Interesse daran, dich zum Vollstrecker seines Willens zu erziehen. Du hast das Geld, und ihm drfte es nach seinem literarpolitischen Bruch mit der gesamten Presse schwer fallen, etwas zu verdienen. Soviel ich wei, wird er sogar von Jeanne unterhalten. -- Die infame Kritik deiner Utopie ist aus diesen Motiven zu verstehen. Er will dich nur zwingen, den Prolog wieder herauszugeben. Das ist es. RAINER: Nein. Er fand mein Buch schlecht. Htte er lgen sollen? GONN: Angenommen selbst, er ist aus letzten Grnden dein Gegner. Dann htte er noch immer nicht aus der Minderwertigkeit des Buches auf eine Minderwertigkeit deines Charakters schlieen drfen. Da er deinen Fu bei diesem Fehltritt festgenagelt hat, das ist eine solche Roheit! -- das zeigt, da er an deine Verlogenheit stets geglaubt und nur auf den Erweis gewartet hat. RAINER: Erwiesen ist nichts; die Wette schwebt noch. GONN: Glaubst du wirklich, da Menschen in solche Lebenslagen kommen knnen, da ihr Stand wie ein Aerometer unfehlbar ihr spezifisches Gewicht, ihr letztes und besonderes Sein aufzeigt? RAINER: Aber diese theoretischen Fragen -- jetzt -- hier! GONN: Man bleibt ja nicht nur bei der Sache, wenn man von ihr spricht. Vergi nicht, zu _mir_ kamst du, als Yges dich bedrngte. Willst du den Roten Pfad wieder aufgeben und statt dessen an _deinem Wege_, den andere gehen, den Prolog verkaufen? RAINER: Aha! -- Der Prolog wird aber nicht wieder und der Rote Pfad nicht mehr von mir herausgegeben werden. GONN: So -- RAINER: Dies ist und kann ja schlielich auch nur dein Interesse an dieser ganzen Angelegenheit sein. Mehr wolltest du doch nicht erfahren?! -- Ich ziehe mich vom ffentlichen Leben zurck. (In der Stellung eines Redners.) Die Begeisterung fr meine Utopie wird dir die Kraft geben, das Volk allein jenen Hochzielen zuzufhren, die wir gemeinsam allen guten Europern gesteckt haben. GONN (nach kurzer Pause): Und warum das alles? RAINER: Ich fhle mich nicht mehr berechtigt, als Pfeil auf einem Bogen zu liegen, den andere spannen -- Bist du nun zufrieden? GONN: Du glaubst, da ich an deinem Verhltnis zu Yges und Jeanne nur beteiligt bin, weil ich Interessengemeinschaft mit dir habe -- _auch das_, aber nicht nur! Ich bin das Risiko, mich mit dir zu entzweien, nur eingegangen, weil die Chancen, dich zu gewinnen, gnstiger waren. -- Wenn du dich doch entschlieen knntest, politisch zu leben und nicht nur Politik zu treiben. Die Formen des Lebens sind andere als die der Literatur. Abrechnungen, wie du sie mit Yges planst, sind gut, aber nicht erlaubt. Ihr Wert ist hchstens eine Wollust im Sieg -- und ber wen? ber eine Nebenperson des Alltagsdramas. (Rainer schweigt.) Wenn dir der Mut fehlt, solltest du wenigstens soviel Ehrlichkeit besitzen und zugeben, da du ihn verachtest. RAINER: Wre ich dann hier? GONN: Da du hier bist, ist nur eine Reaktion auf den berhitzten Ha, mit dem du ihn vor einer Stunde verfolgtest. Manche bereuen leichter ihre Reue als die grten Schlechtigkeiten. Du gehrst zu denen. Ich bin nur hergekommen, um dir das zu sagen. Solange du ihn nicht hat, lgst du. RAINER: Ich habe nur Grnde, ihn zu lieben. GONN: Und du hat ihn nicht -- nur weil du keine findest, die dir die Berechtigung geben knnten, es zu tun. (Er luft mit den Hnden in der Tasche im Zimmer herum.) -- Wer glaubt mir das, wenn ich es ihm erzhle!? RAINER: Aber was willst du denn? Ich kann Yges doch nicht sinnlos hassen. Du bist ja haselig! -- Da er meine Utopie schlecht findet, ist doch kein Grund, ihn zu verachten. GONN: Was anders tat er denn? RAINER: Er hat es nicht getan. Ob er es in Zukunft _darf_, das wird die Wette entscheiden. Er hat behauptet, da die Utopie eine Posse ist, deren Ideen ich nur aus Herrschsucht und Betrug im Roten Pfad verbreitet habe. Ich werde ihm aber beweisen, da die Politik, die ich treibe, von mir ethisch verantwortet werden kann. GONN: Das ist wertlos. Er glaubt dir doch nicht. Friedrich der Groe bleibt absoluter Herrscher, auch wenn er der erste Diener des Staates zu sein beansprucht. Selbst sein Beweis knnte dich nicht vom Gegenteil berzeugen. RAINER: _Ich_ wrde mich von einem solchen Beweis berzeugen lassen. Nur die Mglichkeit dazu ist so schwer und selten, und deshalb mu ich Yges danken, da er alle Schwierigkeiten durch die Wette berwunden hat -- danken selbst noch, wenn ich verliere. GONN: Vor einer Stunde warst du trotz alledem gescheiter. -- Ich htte fast Lust, euch zu beweisen, da ihr euch hat, und alle Liebesphrasen nur Brcken sind, von denen allein die Konstruktion real ist. Verwechsele doch nicht Ursache und Anla. Wenn du mir doch glauben wolltest, da die Leidenschaft sich des Anlasses bedient wie das Schicksal des Zufalls. Mut du denn wie ein unglubiger Thomas die Grnde berhren, um an sie zu glauben? Woher wei du, da der Meeresgrund des Ozeans kein Loch hat? Wrde dein Ha da sein wie das Meer, wenn nicht ein festgefgter Grund ihn tragen wrde? RAINER (schweigt ). GONN: Wenn _du_ dich nicht mehr verantwortest, dann kannst du es nicht. -- Es ist eine Stunde her, da hatest du ihn, so sehr, da du seinen Rcken mit Nadeln bestecktest wie ein Klppelmuster. Eine Stunde ist das her, und jetzt willst du womglich die Lcher, die du in seine Handflachen gebrannt hast, als Stigmata des Gekreuzigten proklamieren. RAINER: Ich mchte es! GONN: Du Christ! Stammle dein pater peccavi, aber du kannst mich nicht vergessen machen, da du vor einer Stunde ber eine Kiste stolpertest und hineinfielst und mir zuschriest: Mach' einen Deckel drauf und expedier' mich in den Himmel! -- Ich wei, wie glcklich du warst! RAINER: Ich war wahnsinnig. Du scheinst zu denen zu gehren, die den Wahnsinn fr heilig halten. Aber wenn ich nur _so_ glcklich werden kann, pfeif' ich drauf. Trances, Nirwana, Opium und Haschisch -- ich danke! (Kleine Pause.) GONN: Was erhoffst du nun von der Wette? Der Vertrag, den ihr da geschlossen habt, verrt doch eine viel tiefere Verlogenheit Yges', als es ihm je gelingen wird, sie dir nachzuweisen. RAINER: Warum? GONN: Weil es bermenschlich und schlecht und prtentis ist, in eigenen Sachen objektiv urteilen zu wollen. RAINER: Das will _ich_ auch -- und werde es knnen. Ich werde ihm beweisen, da ich den Roten Pfad statt des Prologs herausgegeben habe, nicht um einen zureichenden Grund zu haben, ihm seine Stellung als Redakteur zu nehmen, sondern nur, um die Forderungen meiner neuen Erkenntnis zu erfllen. Ich _mute_ meine Kapitalien in den Dienst politischer Aufgaben stellen. Da die politische Zeitschrift sich besser rentiert als die literarische, ist ein ungewollter Vorteil. GONN: Konntest du denn eigentlich damals den Prolog nicht verkaufen? RAINER: Nein. -- Ja, wenn ich ihn htte verkaufen knnen, dann htte ich es zur Bedingung gemacht, da Yges seinen Posten behlt. Am Roten Pfad kann ich ihn doch nicht mitarbeiten lassen. Ich kann es doch nicht dulden, da man mich in meiner eigenen Zeitschrift angreift. GONN: Hast du das alles Yges mit hnlichen Worten gesagt wie mir? RAINER: Ja. GONN: Dann bleibt es mir unbegreiflich, wie er deine Handlungen noch verdchtigen kann, -- vor allem die Wette. Wie ist es mglich . . . RAINER: Verstehst du denn noch nicht, welche Bedeutung sie fr mich hat? Mein soziales System fut auf der Behauptung, da der Freiheitswille nur die Wirkung einer Massensuggestion ist, da 30 Prozent der Menschheit den Sklaven freiwillig zu ihrem Beruf whlen wrden, wenn man ihnen gerechte Richter, Frieden und Sorgenfreiheit garantierte. Ich habe vorgeschlagen, da der Staat als Eigentmer Menschenmaterial beschafft und kostenlos verteilt, whrend der Kapitalist die Versorgung bernimmt. GONN: Das wei ich alles. Ich kenne das Buch auswendig. RAINER: Bitte, la mich ausreden. _Miverstndnisse_ kann ich vermeiden. -- Ich habe nachgewiesen, da bei absoluter Handelsfreiheit der Kapitalist so viel gewinnen kann, da es ihm mglich wird, den Sklaven einen eigenen kommunistischen Staat zu bezahlen. Der eine ersehnt diese Wirtschaftsform, der andere ihr Gegenteil. Ich habe gezeigt, wie man den Wnschen beider gerecht werden kann, wenn man den psychologischen Dualismus des Volkskrpers zur Basis seines Aufbaus macht. Mit dem Ethos habe ich mich dafr eingesetzt, da ich es verantworten kann, all den Menschen die Fiktion der Freiheit zu zerstren, die sie sich zerstren lassen . . . warum lchelst du? GONN: Ich dachte an etwas anderes. RAINER: -- jetzt hast du mich gestrt. GONN: Du willst darauf hinaus, da -- RAINER: Ich wei schon. Der letzte Satz meines Buches lautet, da ich selbst -- ich kann ihn wrtlich zitieren: Schon die Mglichkeit einer Erkenntnis aber, da ich als Kapitalist und Herr diese Lsung des sozialen Problems fr meine _Interessen_ ersehne, wrde mir den Mut nehmen, einem gereiften Volke das Gegenteil zu versichern. Ich wrde der Sklave dessen werden, der mir einen Betrug beweist. GONN (zndet sich eine Zigarette an): Das ist der dmmste Satz aus dem ganzen Buch. Das geht niemanden etwas an. RAINER: Doch -- jeden, der in der Ehrlichkeit des Menschen eine Garantie fr die Ehrlichkeit seiner Politik sucht. (Gonn lacht.) Der Zweifel ist aufrichtiger als der Glaube, und deshalb freue ich mich, da Yges mir einen Betrug beweisen will. Tausende von Menschen fhre ich. Yges hat nicht nur das persnliche Recht, sondern auch die soziale Pflicht, die Partei zu retten, wenn ich sie verfhre. GONN: Warum gehst du immer auf Kothurnen? Der Anblick ist unschn, und der Erfolg ist nur, da du deinen Gegner bersiehst. Yges kennt gar kein soziales Gewissen. Das weit du. Aber sonderbar, du findest immer bessere Grnde, ihn zu rechtfertigen als dich. Das war schon damals so, als du auf Jeanne verzichtetest und die Stellung eines Trauzeugen vorzogst. Die Reue ber diese Dummheit sollte dich eigentlich klger gemacht haben. RAINER: Es ist nicht wahr, da ich es bereut habe. GONN: Nun -- was ich sage, behauptet auch Yges. Du wirst mir zugestehen, da es einen schlechten Eindruck macht, wenn du ihm jetzt unrecht gibst, weil _ich_ zufllig einmal seiner Ansicht bin. RAINER (erregt): Du verdrehst bswillig meine Worte. Ich habe ihm nie in der Sache recht gegeben. Sonst mte ich ihm ja auch zugestehen, da ich die Absicht habe, ihn mit Jeanne zu betrgen. GONN: So -- das hat er behauptet? Das wute ich gar nicht. Warum hast du mir das nicht frher gesagt? JEANNE (strmt herein): Kann mir einer von euch schnell zwanzig Mark borgen? Da ist nmlich der Koffermensch -- ich fahre doch bermorgen -- und der Polizist -- RAINER (gibt ihr zwanzig Mark). JEANNE: Danke. Weit du, ich hab' doch ein Unglck gehabt mit dem Taxi -- hab' ich dir davon noch nicht erzhlt? -- also ich bin gleich wieder da. (Ab.) GONN: Ich schulde dir brigens auch noch Geld. Gebrauchst du es sehr ntig? RAINER: Nein. (Pause.) Ich glaube, du befrchtest, da ich sie liebe. GONN: Ich befrchte, da du sie zu sehr liebst. RAINER: Was wre denn das Kriterium einer solchen Leidenschaft? GONN (lacht): Kriterium! -- Du verwechselst mich mit Yges. Oder wolltest du mich beleidigen? RAINER (geht auf ihn zu): Glaubst du mir oder ihm? GONN: Ich mchte dir glauben. Aber soweit ich den pathologischen Verlauf dieser Affekte kenne, ist es ausgeschlossen, da die Liebe zu einer Frau vor dem Ehebette wacht, wenn der Gatte mit ihr schlft. RAINER: Aber wenn ich dir nur sage, da ich mit ihm erst dadurch befreundet wurde, da ich mich ihr verweigerte und sie so zwang, ihm treu zu bleiben. GONN (lacht): Darin besteht sein Ehrgeiz? -- brigens wird sie sich entschdigt haben. RAINER: Nein -- aus anderen Grnden. GONN: Aber die Kardinalfrage -- warum ist er _jetzt_ eiferschtig? RAINER: Weil er behauptet, da ich zum Schaden auch noch den Spott fgen wrde. GONN (begeistert): Aber das solltest du tun! Das solltest du tun! Gerade das! Die Dummheit allein, dir seine Achillesferse zu zeigen, berechtigt dich schon, ihn an dieser Stelle zu kitzeln. Warum hast du mir das alles nicht frher gesagt? RAINER (angewidert): Gonn, das bist _du_, ganz _du!_ GONN: Nun -- dann hab' ich dir meinen besten Rat gegeben. RAINER: Nein! -- Ich werde das nie tun, wenn er auch mein Gegner ist. -- Ich schtze jede ehrliche berzeugung und . . . GONN: Lge! Da seine berzeugung ehrlich ist, ist Voraussetzung. Auf den Wert kommt es an. Aber du willst seine Minderwertigkeit wieder einmal entschuldigen. Ich verstehe. RAINER: Ich will nichts anderes als die Taktik beibehalten und ihm zeigen, da meine Achtung vor ihm -- GONN: Lge! RAINER: -- so stark bleibt, da sie mich hemmt, eine Politik der Nadelstiche gegen ihn zu treiben. Ich liebe Jeanne, aber ich betrge ihn nicht -- wie ich es auch nicht zur Zeit unserer Freundschaft getan habe. Wrde ich es jetzt tun, so wre das nur ein Beweis der unanstndigsten Gesinnung, denn damals habe ich sie auch geliebt und mich trotzdem bezwungen. Ich habe ihm gestattet, mich zu verachten und an meinem Willen und Wort zu zweifeln, wenn ich jemals Jeanne gegenber seine persnlichen Rechte weniger respektieren sollte, als zu der Zeit, wo es noch in meinem Interesse lag, es zu tun. GONN: Die Rede ist besser als ihr Zweck. RAINER: Ich habe nicht die Absicht, dich zu berzeugen. Ich wei, da es dich langweilt, mir zuzuhren. Ich soll etwas unternehmen, aber ich unternehme nichts mehr. Ich will wieder der werden, der ich war. Eine Stunde stand ich unter deiner Suggestion. Es wird nur wenige dauern, mich von ihr zu befreien. -- Das ist alles, was ich dir zu sagen habe. GONN: Noch eine Frage, Rainer! -- Hat Yges etwa mit dir _gewettet_, da du ihn mit Jeanne betrgen wirst? RAINER (widerwillig): Ja. GONN (lacht laut auf). RAINER: Ich habe dir keinen Witz erzhlt. GONN: Gttlich! RAINER (versucht, seine Erregung zu bezwingen). GONN: Was ist dein Einsatz? (Rainer schweigt.) (Befrchtend) Fllt etwa diese Wette im Einsatz mit der anderen zusammen? (Rainer schweigt.) Ja? (Rainer schweigt.) Aber ich finde nicht den Knoten, in den sich beide verschlingen. Was hat die Politik mit der Liebe zu tun? RAINER: Es handelt sich nicht um die Politik, und nicht um die Liebe, sondern darum, ob ich der bin, fr den ich mich halte. (Schreiend) Ich will mir meine Selbstachtung nicht stehlen!! GONN: Wenn du verlierst, bist du also entschlossen, ihm als Knecht zu dienen? RAINER: Ja! GONN: Und die Utopie? Der Rote Pfad? -- Die Partei?! RAINER: Ich gehre ihr, bis es sich entscheidet, ob ich das Recht habe, der erste Diener meiner Ideen zu bleiben. GONN: Das Recht hast du. RAINER: Yges behauptet, da ich nur der Diener meiner Launen bin, da mein soziales Gewissen fr mich nur den seltenen Reiz der Neuheit hat -- da . . . ich euch belge. Wenn es so ist, mu ich mich meinen eigenen Gesetzen unterwerfen. Ich stehe zu meinem Wort. GONN: Aber du lebst nicht mehr allein, du bist Volksmann . . . -- (Jeanne tritt ein.) JEANNE: Also das ist eine Geschichte! GONN: Jeanne, kann Yges vor einer halben Stunde zurck sein? JEANNE (sieht nach der Uhr): Das ist nicht wahrscheinlich. Warum? GONN: Du mut mich entschuldigen. Ich komme noch einmal her. Es ist schon 3/4 7, ich wollte nur wissen . . . JEANNE: Bleib' doch. Ich mu dir noch was erzhlen. Du hast doch von meinem Unglck gehrt, nicht? GONN: Nein. JEANNE: Aber es stand doch in der Zeitung? GONN: Ach so, diese Geschichte! JEANNE: Ja. Der Polizist war eben hier. Dumm ist der Mensch! Dabei habe ich es selbst gesehen! Mein Kutscher hat gar keine Schuld! (Zu Rainer) Was glaubst du denn eigentlich? RAINER: Ich wei gar nicht, um was es sich handelt. JEANNE: Hast du denn das nicht gelesen? -- Also denk' dir, am Donnerstag -- nein, Freitag abend, als ich vom Theater nach Hause fahren will, sag' ich dem Kutscher, er soll noch so einen kleinen Umweg machen, weit du, es war gerad' der Tag, an dem so himmelblaues Wetter war -- ja, am Freitag war's, den Tag kann ich gar nicht vergessen -- -- und da fhrt er ber die Wiese, und als er in die Hauptstrae einbiegen will, da kommt ein Taxi und wirft meinen Wagen um -- RAINER: Und nun handelt es sich darum, wer den Schaden bezahlt? JEANNE: Und die Kosten fr die Operation. Meinem armen Kutscher ist ein Bein zerquetscht worden. GONN (sehr ungeduldig): Ich habe keine Zeit, Jeanne. Ich wei das ja alles. Es ist sehr traurig, aber -- JEANNE: So. Woher weit du, da mein Kutscher seit gestern behauptet, da _er_ der Schuldige ist? (Zu Rainer) Ich wei nmlich ganz bestimmt, da er es nicht ist. (Zu Gonn) Er sagt, an allem Unglck auf der Welt ist er schuld. -- Ist das nicht interessant? GONN: Der Mann leidet wahrscheinlich an einer fixen Idee. JEANNE: Aber das _ist_ doch interessant. GONN: Das ist etwas ganz Alltgliches -- auf Wiedersehen, Jeanne! (Er geht hinaus, ohne Rainer zu gren.) JEANNE: Hat er dir eben nicht Adieu gesagt? RAINER: Nein. JEANNE (ruft zur Tr hinaus): Gonn! GONN (hinter der Szene): Ja? JEANNE: Du hast etwas vergessen! GONN (kommt zurck): Was denn? JEANNE: Rainer zu gren. GONN (zeigt Jeanne seine Verachtung. Zu Rainer): Wenn ich dich nicht mehr sprechen sollte, erwarte mich im Caf! (Ab.) JEANNE: Was wollte er denn eigentlich hier? -- Was ist denn schon wieder geschehen -- du?! RAINER (schweigt). JEANNE: Soll ich dir einen Tee machen? Wir mssen uns doch die Zeit vertreiben, bis Yges kommt? RAINER (setzt sich): Bitte. JEANNE (bereitet den Tee zu): Wie du das sagst! So mde! -- Weit du, Rainer, ich glaub' gar nicht mehr, da du mich noch einmal berraschen wirst -- mit irgend etwas. RAINER: Mte ich das -- als Kavalier? JEANNE: Ach -- ich meine das anders. RAINER: So wie Sie es meinten, empfand ich es als Beleidigung. JEANNE: Warum? Bist du selbst nie stolz auf dich gewesen, wenn du etwas getan hattest, was so gro war, da es dich selbst berraschte? RAINER: Nein. JEANNE: Aber man tut doch manchmal etwas, was man nicht gewollt hat. RAINER: Ja, aber man bereut es. JEANNE: Pfui! RAINER: Ich bin nicht hergekommen, um zu philosophieren. Auerdem ist der sthetische Tee unmodern geworden. Das mten Sie doch wissen! JEANNE: Um diese Zeit spricht es sich nur so gut! RAINER: Nur keine Sentimentalitten! JEANNE (hat den Tee zubereitet): Aber -- das Gegenteil? RAINER: Noch weniger. JEANNE: (stellt die Kanne mit einem hrbaren Ruck auf den Tisch): O du dummer Mensch! (Sie setzt sich und schenkt ein.) Nimmst du etwas Rum? RAINER: Danke, nein. JEANNE: Aber eine Zigarette rauchst du mit mir. RAINER: Es ist eigentlich mein Prinzip, in Gesellschaft einer Frau nicht zu rauchen. JEANNE: Sonderbar bist du doch. Warum denn nicht? RAINER: Weil die Zigarette ein Hilfsmittel ist, das Ihr entbehren knnt. JEANNE: Und deshalb soll eine Frau nicht rauchen? RAINER: Sie soll es deshalb nicht tun, weil sie es aus Instinkt bis jetzt nicht getan hat. JEANNE (lacht): Wie ernst du alles nimmst! RAINER (rgerlich): Weil ich euch verachten mu, wenn der Mann euer Ideal ist. Seid Ihr es fr uns? Fr Schwachkpfige vielleicht! Knnt Ihr euch langweilen? Wit Ihr manchmal nicht, wo Ihr eure Hnde lassen sollt? -- Also warum raucht Ihr? JEANNE (lchelnd): Du bist wohl auf die neuen Ideen nicht gut zu sprechen? RAINER: Wie du siehst. Fr mich ist die Frauenemanzipation der umgekehrte Sndenfall. Damals a Adam vom Apfel der Eva, heute it Eva vom Apfel des Adam. -- Ich stehe vom Tisch auf, wenn ein Blaustrumpf sich zu mir setzt. JEANNE: Bourgeois! RAINER: Denk' daran: Die Geusen schrieben das Schimpfwort auf ihre Fahnen! (Dozierend) brigens ist es auffallend, da dieser Proze sich immer wiederholt. Ich habe in meiner Utopie gesagt, da Bourgeoisie, Judentum und Sozialdemokratie -- JEANNE: Aber Rainer! Ich habe deine Utopie angefangen zu lesen und das Buch zuklappen mssen, weil mir sonst die Lust vergangen wre, je wieder mit dir zu plaudern. RAINER (wtend): Ich bin nicht interessanter als mein Buch! JEANNE: Unsinn! Du und dein Buch, das sind zweierlei. RAINER: Wenn du mein Buch verachtest, verachtest du mich. JEANNE: Ich glaub' nur, du bist zu was ganz anderem berufen, als Bcher zu schreiben. RAINER: Zu was? JEANNE: Tja, du mtest so einen Beruf haben -- wie mein Prinz. RAINER: Wer ist denn das? JEANNE: Tja -- das ist ein ganz geheimnisvoller Prinz. RAINER (trinkt Tee): Wohl eine Bhnenbekanntschaft? JEANNE: O nein. Der lebt ganz einsam, ganz weit drauen und kommt gar nicht in die Stadt. RAINER: Und was tut er? JEANNE: Er liebt mich. RAINER: Weiter nichts? JEANNE (schweigt). RAINER: Versteh' mich nicht falsch. Ich schliee von mir auf andere. Ich wrde mich verachten, wenn ich nur das Bestreben htte, einer Frau zu gefallen. Aber vielleicht haben schon seine Ahnen die brigen Lebensprobleme gelst und ihm die erworbene Seelenruhe vererbt; auerdem -- pflegen Prinzen ja keinen Beruf zu haben. Von welchem Geblt ist er denn? JEANNE: Das darf ich nicht verraten, sonst ist er mir bse. RAINER: Aber ich werde ihn nicht besuchen. JEANNE: Du wrdest ihn auch gar nicht finden. Er lebt unter einem andern Namen. RAINER: Nun? JEANNE: Nein. Wenn ich es sage, dann meldet sich nmlich mein Gewissen, und mit dem will ich gar nichts zu tun haben. RAINER: Aber es erlaubt dir, deinen Mann zu betrgen? JEANNE: Frag' doch nicht so dumm. RAINER: Ich habe Yges nie gefragt, aber ich dachte, Ihr lebtet glcklicher. RAINER: Er ist ein bichen roh, weit du. RAINER: Schlgt er dich? JEANNE (lacht belustigt): Aber wie kommst du denn darauf? Weit du denn gar nicht mehr, da du _das da_ von mir hast? (Sie zeigt auf eine Narbe an seiner Stirn.) Erinnerst du dich? Ich hatte dich mal besucht, noch damals, als ich frei war, und da hatte ich beim Spiel gemogelt, und du versuchtest mich zu schlagen -- RAINER: Ich _habe_ es sogar getan, und es war auch berechtigt. JEANNE: Nein, das war es nicht -- fr so eine Kleinigkeit, und deshalb habe ich es dir auch wiedergegeben; aber da eine Schere auf dem Tisch lag, dafr konnte ich doch nicht -- (sie streichelt die Narbe) Tut's noch weh? -- Gott, was hast du fr eine weiche Haut! (pltzlich) Nein, da du mich nicht verstanden hast, wo du mich so gut kennst! RAINER (erschrickt): Was? JEANNE: Wenn ich roh sage, meine ich das doch nicht so krperlich. Im Gegenteil, Yges berhrt mich sogar sehr zart; er sieht mich nmlich nur an oder macht photographische Aufnahmen, und zwar wirklich sehr schne, das mu ich ihm lassen. RAINER (trume): So so -- warum tut er denn das? JEANNE: Gott, es gibt Menschen, die nicht lieben knnen. RAINER (spricht vor sich hin): Und andere, die jeden Hund lieben und von ihm geliebt sein wollen. JEANNE: Wie kommst du denn darauf? RAINER: Ach, nur so -- JEANNE: Mit dem Prinzen lebe ich aber desto glcklicher! Und denk' dir, er hat mich noch nie berhrt! -- Ja ja, so ist's, und trotzdem -- weit du, ich nenne das . . . unbefleckte Empfngnis. RAINER: Diese Kunst mchte ich gern von dem Prinzen lernen. JEANNE: Du unterschtzt dich. RAINER: Ich kenne doch aber sonst meine Fhigkeiten -- JEANNE: Man zieht nur seinen Fhigkeiten Grenzen, um sich wundern zu knnen, da man sie berschreitet -- das hat mir mal der Prinz gesagt. RAINER: Liebt es Seine Hoheit, solche Aphorismen zu fabrizieren? JEANNE: Ja, das ist seine Leidenschaft. RAINER: Die kann aber nicht sehr tief sein. -- Ich glaube doch, da Yges wrdiger ist, um von dir geliebt zu werden. JEANNE: Ach, dieser -- Geistesbeamte. RAINER (erregt): Wie kannst du eine scherzhafte Bemerkung ernst nehmen! JEANNE: Woher weit du denn, da der Prinz das gesagt hat? RAINER: _Ich_ habe es gesagt, sogar in Yges' Gegenwart. Das Wort ist mir entschlpft, weil es so -- glatt war. JEANNE: Ach, du warst es? Weit du, ich bring' die Mnner immer alle durcheinander. Ihr verwechselt uns, wenn zwei Freundinnen einmal den Hut tauschen, und wir verwechseln euch, wenn einer mal sagt, was der andere gesagt haben knnte. Ich glaube, dadurch ist schon manche unglckliche Liebe geheilt worden . . . RAINER: Und manche unerwartete zustande gekommen. JEANNE: So ist es mir mit Yges und dir ergangen. -- Wir verstehen uns eigentlich recht gut. Findest du nicht? RAINER (versteht jetzt erst, was er gesagt hat, und sucht seine Verlegenheit zu verbergen): Wir waren doch auch sehr befreundet. JEANNE: Warum sind wir es nicht _mehr?_ RAINER: Wie soll ich das verstehen? JEANNE: Beichte mir mal -- soll ich da hinter den Schirm gehen? RAINER: Warum qulst du mich? -- Willst du dich von Yges scheiden lassen? JEANNE: Vielleicht . . . RAINER: Aber wenn ich dir nun sage, da das nichts an unseren Beziehungen ndern wrde? JEANNE: Es wrde sie ndern. RAINER: Du bist so zuversichtlich . . . JEANNE: Warum schmst du dich schner zu sein als Yges? Warum nimmst du dir nicht die Rechte, auf die dir die Natur einen Anspruch gab? -- Du bist ja unwrdig, so schn zu sein. RAINER: Ich bin dem Zufall nicht verpflichtet. JEANNE: Wenn du als Mann so leicht denken darfst, dann habe ich es als Frau schwerer. RAINER: Wenn du in der Koketterie eine Pflicht siehst -- vielleicht wre damals alles anders geworden, wenn du diese Pflicht weniger gut erfllt httest. JEANNE: Ich wei, da ich dir gefallen habe. RAINER: Das wre nur mglich, wenn ich ein Laffe oder du eine Kokotte wrst. JEANNE: Da ich _auch_ eine Kokotte bin, bist du vielleicht _auch_ ein Laffe. (Pltzlich) Mu man dich denn an smtlichen Zipfeln deiner Seele packen, um dich ber einen Abgrund zu schleppen, der gar nicht da ist? RAINER: Fr dich nicht da ist. JEANNE: Wenn du nun all das moralische Gepck abwirfst, und ich dir helfe . . . was hat dich denn damals gehindert? Du weit, ich mute heiraten. Das sahst du selbst ein. Also warum? Leben die Grnde denn immer noch? RAINER: Ja . . . JEANNE (lchelnd): Kann ich sie nicht beseitigen? RAINER (schweigt). JEANNE: Du httest mich aber doch zum wenigsten besuchen knnen, wenn du Grnde hattest, mich nicht zu heiraten. Oder hattest du Furcht -- hattest du Furcht? Sag' einmal die Wahrheit -- RAINER: Nein. JEANNE: Du lgst! RAINER (apathisch): Ich lge nicht. JEANNE: Schau mich einmal an. (Rainer sieht auf.) In die Augen! (Er tut es.) So -- fest -- ganz fest -- (sie steht langsam auf) ganz fest -- ganz -- ganz fest. (Sie ist auf ihn zugegangen. Als sie ihn kssen will, lt die Spannung in seinem Krper pltzlich nach und sein Kopf fllt ber die Stuhllehne.) Du -- du, Rainer! (Sie kt ihn. Rainer lt es geschehen.) Lieber! Solange habe ich gewartet -- solange! (Sie kt ihn oft hintereinander, pltzlich) Gott, das ist ja -- Rainer, wie glcklich du mich machst!! RAINER (richtet sich auf): Was, -- was denn? JEANNE: Ich hab' die Stellung fr den 4. Akt! Bleib' doch so liegen -- so nach hinten mit dem Kopf ber die Lehne. (Sie nimmt seinen Kopf in ihre Hnde.) Mein Rainer! RAINER (springt pltzlich auf und wrgt sie): Du -- du probst mit mir?! -- Jeanne! Eigne ich mich besser dazu als dein Hund? Du?! JEANNE: Hilfe! Hilfe! (Das Mdchen strzt herein.) RAINER (lt Jeanne frei): Sie knnen wieder gehen. DAS MDCHEN (sieht fragend auf Jeanne). JEANNE: Es ist nichts. DAS MDCHEN (ab). RAINER (will gehen). JEANNE (umarmt ihn von hinten und wirft ihn auf die Chaiselongue): JEANNE: Rainer! Rainer! Glaub' mir. Ich habe nicht gespielt! RAINER: Doch! JEANNE: Ich rei dich auseinander! Ich k dich tot! Du mut mich lieben! Bleib' bei mir! Du mut! Du mut! RAINER (kann nicht antworten, da sie sich an seinem Munde festgesaugt hat). JEANNE: Sag', da du mich liebst! (Man hrt eine Tr klappen und eine mnnliche Stimme. Jeanne springt auf, rennt zum Toilettentisch, ordnet ihre Haare und luft zur Tr.) Yges, bist du es? YGES (hinter der Szene): 'n Tag, Jeanne! JEANNE: Komm hier herein, es erwartet dich jemand! YGES (tritt ein). (Als er Rainer bemerkt, fragt er hastig): Habe ich die Wette gewonnen? RAINER: Nein. YGES: Fr andere Mitteilungen bin ich nicht zu sprechen. RAINER: Mein Gewissen gestattet es mir nicht, in diesem Tone zu antworten, trotzdem wir -- bis jetzt -- gleiche Rechte haben. YGES (zu Jeanne): Es ist wohl besser, Jeanne, wenn du uns allein lt. RAINER: Mich strt die Gegenwart Ihrer Gemahlin nicht. Vielleicht berlassen wir Frau Jeanne die Entscheidung. JEANNE: Ich bleibe. Ich setz' mich in die Ecke. YGES: Ich hoffe, da Ihnen die unparteiliche Ehrlichkeit jedes Kontrahenten als Richter gengt. RAINER: Davon werden Sie sich gleich selbst berzeugen knnen. YGES: Bitte, nehmen Sie Platz. -- Es ist auffallend, da Sie _mich_ in meiner _Wohnung_ besuchen? RAINER: Im Caf htte ich Sie vielleicht nicht getroffen, und ich _mute_ Sie sprechen. Ihre Gemahlin hat mich unterhalten, whrend ich auf Sie wartete. Ich finde keinen Grund zum Verdacht. Ich sagte Ihnen schon einmal: Sie haben nicht gewonnen. JEANNE: Aber wenn Ihr in diesem Tone fortfahrt, gehe ich hinaus. YGES: Das war mein Wunsch. RAINER: Frau Jeanne hat recht; ich htte die Pflicht, bescheidener zu reden. YGES: Das verlange ich nur, wenn Sie die Wette verlieren. RAINER: Sie brauchten es nicht zu verlangen, ich wre gedemtigt schon dadurch, da ich sie verliere. YGES: Ich glaube, da unser Vertrag eines psychologischen Kommentars nicht mehr bedarf. Um was handelt es sich? RAINER: Nicht um die Wette. Wenigstens nicht unmittelbar. YGES: Sondern . . . RAINER (nach kleiner Pause): Um meinen Tod. JEANNE (unfreiwillig): Rainer! RAINER: Ich komme zu Ihnen, Yges, um Sie zu bitten, den Vertrag zu lsen, den wir geschlossen haben. Trotzdem ich mein Recht auf den eigenen Tod nicht verkauft habe . . . ich fhle mich unfrei. Verstehen Sie mich, ich will Sie nicht betrgen, da ich Ihnen einen Anspruch auf mein Leben gegeben habe. YGES: Ich habe kein greres Interesse an Ihrem Leben, als Sie es selbst haben mten. RAINER: Yges -- ich habe Ihnen whrend der vielen Jahre unserer Freundschaft den Einblick in meine Seele wie ein Kaufmann in seine Geschftsbcher gestattet. Ich hatte den Ehrgeiz Ihnen ber meine Einnahmen und Ausgaben Rechenschaft ablegen zu knnen. Sie sollten das Recht haben zu urteilen, ob ich mit meinem menschlichen Vermgen gut gewirtschaftet habe oder nicht. Ich wollte nicht an meine Ehrlichkeit glauben, wenn Sie sie nicht besttigen konnten. Sie konnten es nicht. Ich habe mich erboten Ihnen Ihren Irrtum nachzuweisen. Aber ich erkannte vor einer Stunde, da es zwecklos ist. Was ich nur verwickelt glaubte, ist -- ist wirr. YGES: Das wrde also meine Vermutung besttigen. RAINER: Ja und nein. Richtungslos habe ich nicht gelebt. Ich kenne mein Ziel, aber ich kenne mich selbst nicht mehr. YGES: Hm -- also Sie kennen Ihren Beruf, aber Sie wissen, da Sie sich dazu nicht eignen. (Er lacht.) RAINER: Das habe ich nicht gesagt. Sie knnen mich verstehen, Yges! YGES: Nein. Sie sind lebensberdrssig. Weiter nichts. Sie haben kein Recht auf den Tod. Sichtbare Grnde, die Ihr Verlangen rechtfertigen, kann ich nicht finden. Ich habe nichts anderes behauptet, als da Sie Ihren Beruf nicht kennen. Wrde ich die Wette rckgngig machen, so wrde der Verzicht zugleich mein Gewinn sein. (Lchelnd) Ich will Sie nicht betrgen. RAINER (leise): Dann verachten Sie mich. YGES: Ich habe kein Recht dazu. RAINER: Wenn -- ich Ihnen aber nun -- das Recht gebe? YGES: Dann habe ich die Wette gewonnen. RAINER: Nein. Ich habe nicht aus unsauberen Motiven Anarchie gepredigt. Ich kann die Verantwortung fr meine Politik tragen. Ich habe keine Gelegenheit gesucht . . . (er sieht auf Jeanne und schweigt) Yges, warum gnnen Sie mir nicht meinen Tod? Verstehen Sie doch! Es ist niemand auf der Welt, der meine Leiche waschen knnte. Ich mu es selbst tun, bevor ich sterbe. Verstehen Sie doch, ich kann nicht dulden, da Sie mir Feigheit nachrufen. YGES: Verwischen Sie die Klarheit der Situation nicht durch Sentimentalitt! Warum wollen Sie sich und die Politik an den Nagel hngen, -- etwas tun, was ich nur verlangt haben wrde, wenn Sie die Wette verlieren? RAINER (schweigt). YGES: Ich wollte niemals etwas anderes als Ihren Hochmut niederreien und Ihre Armseligkeit Ihnen und Ihrer Glaubensgemeinde dokumentieren! -- Wollen Sie mir zuvorkommen? RAINER: Ich habe noch nicht erkannt, da meine Ideale falsch sind. YGES: Der Rote Pfad wird also auch nach Ihrem Tode erscheinen? RAINER (nach kurzer berlegung): Ja. YGES: Und warum wollen Sie nicht mehr als Herausgeber verantwortlich zeichnen? RAINER: Ich fhle mich nicht mehr berechtigt, als Pfeil auf einem Bogen zu liegen, den andere spannen. YGES: Und warum unterschtzen Sie sich? Der Glaube an Ihr Unrecht berechtigt Sie ebensowenig wie mich, diese Vermutung als Tatsache zu behandeln. Wenn ich das getan htte, wre die Wette unntig gewesen. RAINER (schweigt). YGES: Ich schtze Ihre berzeugung, -- doch ich suche die Wahrheit! Geben Sie mir Tatsachen! Ich mu Sie gegen Sie selbst in Schutz nehmen, denn ich wei nicht, warum Sie sich verachten mten. RAINER (sieht ihn dankbar an). YGES: Ich kenne keine Sympathien oder Antipathien, mein Urteil ber Sie mache ich allein abhngig von einer wissenschaftlich begrndeten Erkenntnis -- wenn sie mir mglich ist. RAINER: Ich danke Ihnen, Yges. YGES: Da die Wette noch unentschieden ist, ist es nur notwendig, da ich auf Ihre Selbstanklagen weder mit Achtung noch mit Verachtung reagiere. -- Geben Sie mir Tatsachen! RAINER (stockend): Ich habe Sie verachtet und gehat . . . YGES: Auch meine Selbsterziehung hat es noch nicht vermocht, da meine rechtlosen Gefhle ihre Ansprche aufgegeben haben. Sie mgen mich hassen, wenn Sie nur nicht handeln. Was Sie tun, untersteht Ihrer Verantwortung, nicht, was Sie fhlen. Erinnern Sie sich an den zweiten Teil unserer Wette, Sie werden vielleicht jetzt die Bedeutung verstehen, die _ich_ ihm gebe. RAINER: Ich _habe_ gehandelt. YGES (triumphierend): Jetzt verstehe ich, warum Sie die Anwesenheit meiner Frau wnschten. RAINER: Sie verdchtigen mich zum dritten Male. Mein Verhltnis zu Frau Jeanne ist dasselbe geblieben wie zur Zeit unserer Freundschaft. Ich wiederhole es. YGES: Dann haben Sie wohl noch eine feinere Rache gefunden. RAINER (leise und bestimmt): Ich hatte die Absicht, Sie zu tten. YGES (erregt): Mich? RAINER: Ich hatte einen Golem nach Ihrem Bilde geknetet. JEANNE: Rainer! Du?! YGES (sieht flchtig, aber scharf auf Jeanne): (Zu Rainer) Was ist das? RAINER (zgernd): Eine Wachsfigur . . . YGES: Was macht man mit einem solchen Menschen aus Wachs? RAINER: Man setzt ihn auf einen glhenden Ofen . . . YGES: Und? RAINER: Und blickt ihn starr an und denkt nur an seinen Ha . . . YGES: Und? RAINER: Und qult ihn mit Nadeln und schneidet ihm die Glieder vom Rumpf. YGES: Und dann? RAINER (erregt): Dann -- dann stirbt er! (Pause.) YGES (steht auf und lehnt sich mit dem Rcken gegen die Tr). RAINER (bittend): Yges! YGES: Das Glck klebt ja noch in Ihren Augen. Sie bereuen nicht! RAINER: Wrde ich Sie sonst darum gebeten haben, unsern Vertrag zu lsen, damit ich tun kann, was ich jetzt tun mu? (Yges schweigt.) Gonn hat mir einmal erzhlt, da der Wahnsinn bei vielen Menschen nur in besonderen Augenblicken durchbricht. Zu anderen Zeiten ist es unmglich, den Kranken von einem gesunden Menschen zu unterscheiden -- YGES (unterbricht ihn): Plaidieren Sie fr mildernde Umstnde? RAINER (verzweifelt): Wie soll ich es mir erklren, da ich Sie foltern konnte?! YGES: Ich habe also doch recht gehabt! Ihr _Ha_ auf _mich_ ist die Feder Ihrer Unternehmungen. Keine neue Erkenntnis hat Sie gezwungen, die Tendenzen des Prologs fallen zu lassen. Nur einer Laune -- Ihrem ganz unbegrndeten Ha auf mich -- haben Sie alles geopfert. Oder hatten Sie Grnde? Mir _danken_ mten Sie, _Ihre_ Sehnsucht war es, den jngsten Tag zu erleben, an dem gerichtet wird. _Ich_ habe ihn verwirklicht. Grnde, mich zu hassen, gibt es nicht, und nur, wer unrein ist, hat Grund, mich zu frchten. Das haben Sie mir bewiesen. RAINER: Ich habe nicht aus persnlichen Motiven Sie und Ihre Richtung geschdigt. Ich bin nur nicht Literat geblieben und mute die Forderungen erfllen, zu denen mich mein neuer Beruf als Volksmann verpflichtet. Ich gebrauche mein Vermgen fr meine Zwecke -- man hat mich als Kandidaten fr das Parlament aufgestellt -- und ich knnte es auch sonst nicht verantworten, Ihre Literatur -- nicht zu bekmpfen. YGES: Was hat die Literatur mit der Politik zu tun? RAINER: Die Sache mit der Sache -- nichts. Aber sehr wohl dadurch, da _ich_ bin. Sie feiern im Literaten die Wiederkunft des Heiligen, der allein mit den Problemen der Ewigkeit lebt -- unbekmmert um die sozialen Probleme der Zeit. Fr mich aber ist die Zeit das Bergwerk, in dem ich Kohlen schlage, um fr den Tag zu sorgen. YGES: Sind Sie davon berzeugt? RAINER: Ja, deshalb mute ich mich von Ihnen trennen. YGES (martert Rainer mit jedem Wort): Tatsache ist aber, da Sie durch die Annahme meiner Wette schon bewiesen haben, da es fr Sie wie fr einen Heiligen nichts Wichtigeres gibt als das Wunder seines zeitlosen Ichs. RAINER (sieht mit einem unbegreiflichen Entsetzen auf Yges). YGES: Ihr soziales Gewissen mu sehr schwach sein, wenn es Ihnen gestattet, Ihre Pflichten der Zeit gegenber zu vernachlssigen. Die Zeit hat nur ein Interesse an Ihrem Arbeitswert, und den Anspruch darauf gestehen Sie ihr zu. Wie wollen Sie es begrnden, da Sie ihn ihr nehmen? (Rainer schweigt.) Sie wollen nicht mein Schler sein. Aber zu meinem Gegner sind Sie noch nicht geworden. Sie haben mich um den Genu einer Laune verkauft. Ein Abtrnniger sind Sie, der seinen Verrat legitimieren will. Aber eine Genugtuung habe ich, da Sie jetzt zerplatzen an Mglichkeiten! -- Wollen Sie den Tag von heute durchstreichen und sich selbst belgen, da nichts geschehen sei? Es wird Ihnen nicht schwer fallen. Oder wollen Sie unwahr ehrlich sein und sich erschieen? Aber ihre Freunde werden Sie verachten, da Sie ber Ihren Arbeitswert den ethischen setzen. Oder wollen Sie den Prolog wieder herausgeben? Aber Sie werden keine Mitarbeiter finden. Oder wollen Sie mein Sklave werden? -- Wollen Sie das? -- Sie haben die Wette nicht verloren -- wenigstens nicht juristisch, wenn auch dem Sinn nach. Meine Behauptung, da Sie unsere Ehe brechen wrden, sollte ja nur ein Beispiel dafr sein, da Sie es nicht unterlassen werden, mich, wo es nur dankbar ist, zu rgern, zu schdigen, zu verleumden und zu bespotten. Ich habe vergessen, da Sie mich auch tten knnten. Um Ihrer Verpflichtung zu entschlpfen, haben Sie eine Hintertr gefunden. Ich berlasse es Ihnen, sie zu benutzen. JEANNE (steht auf): Komm, Rainer, wir gehen! YGES (beherrscht sich durch ein Lcheln): Wie gut, da Sie es sich erst dreimal verbeten haben, da ich Sie verdchtige! Beim vierten Male behalte ich desto sicherer recht! RAINER (tonlos): Ihre Frau hat mich gekt, und dann sprach sie von einem Prinzen . . . JEANNE (zeigt Rainer ihre Verachtung). YGES (sehr ruhig): Nicht nur verlogen sind Sie, sondern auch dumm. Jetzt haben Sie sich sogar Jeannes Hilfe verscherzt. (Boshaft) Was werden Sie nun tun? RAINER: Das -- zu dem ich mich verpflichtet habe -- wenn ich die Wette verliere. YGES (luft mit groer Schnelligkeit zum Schrank und entnimmt ihm ein Livree): Hier ist die Livree, die du als mein Sklave tragen wirst. Du erhltst ein eigenes Zimmer und it mit dem Mdchen. Sonstige Ansprche zu stellen, hast du nach unserer Vereinbarung nicht das Recht. -- Kleide dich um, sofort und schnell! RAINER (nimmt die Kleider, die Yges auf die Chaiselongue geworfen hat, und geht in das Nebenzimmer). JEANNE: Wrdest du auch ihm gedient haben, wenn du verloren httest? YGES: So lautete nicht die Abmachung. JEANNE: Wie lautete sie denn? YGES (schweigt). JEANNE: Ich verstehe ja noch nicht ganz, um was es sich handelt. Aber so viel wei ich, da bei einer solchen Wette vorher bestimmt wird, was jeder zu leisten hat, wenn er verliert. YGES: Ich habe mich verpflichtet, ihm 2000 Stimmen fr seine Kandidatur zu gewinnen. JEANNE (lacht). RAINER (tritt ein). YGES (setzt sich in einen Fauteuil im Erker): Gewhn' dich daran zu klopfen, wenn du eintrittst. -- Jeanne, mach bitte Licht! Ich mchte sehen, ob es wahr ist, da Kleider Leute machen. (Jeanne geht zum Erkerfenster, um die Rouleaux: herunter zu lassen.) Ach so, die Leute! Wenn du doch auch solch Mitleid mit mir haben wolltest, Jeanne, wie mit deinem -- Diener! JEANNE (hat, whrend Yges dies sagt, die Gardienenschnur zu einer Schlinge gelegt und wirft sie ihm schnell um den Hals. Yges will aufspringen, fllt aber zurck und stirbt. Rainer will hinzuspringen, wendet sich aber dann pltzlich ab). JEANNE (umarmt ihn): Rainer! Mein armer Rainer! (Sie kt ihn.) K mich wieder! RAINER (hastig): Mach doch Licht! JEANNE: K mich! RAINER: Warum hast du das getan? JEANNE (kt ihn). RAINER: Er bewegt sich noch! JEANNE: Ach, das ist die Gardine. -- Siehst du? RAINER: Mach doch Licht, es ist hier so dunkel. JEANNE: Ich kenne mein Zimmer, ich werde dich fhren. Komm! RAINER: Warum hast du das getan? (Jeanne kt ihn.) JEANNE: K mich! (Rainer tut es) -- -- noch einmal! -- auch dahin -- und dahin -- RAINER: Da steht jemand, da! JEANNE: Das ist doch der Ofen! RAINER: Der Ofen . . .? JEANNE: Fa ihn doch an! RAINER: JEANNE: Bleib' mal so stehen -- so -- wie bla und krank du aussiehst! RAINER (schreit): Ich habe zugesehen -- _ich_ habe ihn gettet! JEANNE (kt ihn): Ganz ruhig -- so -- ganz, ganz ruhig bleiben -- sei lieb -- komm! RAINER: Warum hast du denn das getan? JEANNE: Komm! komm! (sie zieht ihn hinter den Bettschirm; man hrt die Betten) Lieber! Lieber! RAINER: Nein!! JEANNE: Komm, komm -- mein Prinz! RAINER (befreit): Jeanne! Jeanne! Jeanne! JEANNE: Du! Warum hast du mich nicht geheiratet? RAINER: Frag' nicht mehr nach der Vergangenheit! (Es klopft.) JEANNE (schreit auf): Mein Mann! (Sie lacht nervs ber ihren Irrtum.) RAINER (leise): Ist der Riegel vor? JEANNE: Nein, wo ist denn das Mdchen? RAINER (springt auf und luft zur Tr): Wer ist da? STIMME: Ich! Gonn! Ich mu dich sprechen! RAINER: Warte! (Zu Jeanne) Es ist besser, wenn wir ihn herein lassen. JEANNE: Aber mach schnell. (Sie springt auf und luft aus dem Zimmer. Rainer zndet Licht an und versteckt die Livree.) (Gonn tritt ein und drckt Rainer ein Paket in die Hand.) GONN: Ich konnte es nicht lassen, dir noch einmal zu helfen. Aber diesmal garantiere ich fr den Erfolg. RAINER: Wem gehrt das Geld? GONN: Dir. RAINER: Ich habe dir nur 1000 Mark geborgt. RAINER: Die habe ich fr dich gesetzt. Um 7 Uhr habe ich die Renndepeschen gelesen, um 1/2 8 war ich beim Buchmacher. -- Ich schenke dir natrlich nicht das Geld. RAINER: Ich gehe keine Verpflichtungen mehr ein. GONN: Wenn nun aber dadurch der Wette die Voraussetzung genommen wird? RAINER: Ich verstehe dich nicht. -- GONN: Die Wette ist eine geschickte Spekulation Yges'. Nicht wahr? Er hat sie nicht aus denselben Grnden vorgeschlagen, aus denen du sie angenommen hast. Er wollte sich dafr rchen, da du ihn zwangst, als Phonograph ohne Trichter, als Ausrufer ohne Klingel zu leben. Wenn ich dir nun dieses Geld zur Verfgung stelle, damit er eine neue Zeitschrift grndet, vielleicht unter dem alten Namen? RAINER: Aber damit wre doch nichts gebessert. GONN: Glaubst du wirklich, da er deine Verlogenheit entdeckt htte, wenn er seinen Scharfsinn weiter dazu htte verwenden drfen, Literaturpolitik zu treiben? Damals fehlte dir Geld, um ihm den Prolog zu schenken. Das hast du mir selbst gesagt. Heute habe ich es dir verschafft, und smtliche Konflikte und Wetten sind nun, hoffe ich, ebenso nichtig und wertlos wie das Mittel, durch das ich sie beseitigt habe. (Er streckt ihm die Hand entgegen.) Aber -- wie siehst du denn aus? RAINER: Ich habe im Dunkeln gesessen -- Jeanne mute sich anziehen -- zum Theater. Das Licht blendet mich noch. GONN: Wo hast du denn deinen Rock? RAINER (lchelnd): Ach, -- Jeanne rgerte es, da mir ein Knopf am Jackett fehlte. Sie wird gleich kommen. Yges wird auch bald kommen. Jaa -- was ich dir sagen wollte -- GONN: Was verwirrt dich? Mein Vorschlag ist gut und diesmal ohne Gefahr fr dich. RAINER: Er nimmt kein Geld. Der Gewinn wre auch nicht selten genug. GONN: Er nimmt es. RAINER (schweigt). GONN: Rainer, es gibt nur zwei Mchte auf dieser Erde: die Seele und das Geld. Wer beide verachtet, ist verloren. RAINER (zgernd): Ich mchte mich -- chemischer von ihm scheiden. GONN: Das wolltest du schon vor zwei Stunden, und ich half dir es zu tun; aber da du ihm scheinbar trotz alledem diese Absicht beichten willst, mu ich annehmen, da deine Wahlverwandtschaft zu ihm strker ist als dein Wille. RAINER (entschlossen): Nein! -- Wrdest du mir noch einmal helfen, wenn ich es -- endgltiger tue? GONN (nach kurzer berlegung): Wenn du mich nicht noch einmal im Stich lt -- RAINER (schiebt den Sessel beiseite, hinter dem Yges liegt). (Gonn schweigt lange.) GONN: War das die einzige Mglichkeit? RAINER: Ja. Ich hatte die Wette verloren. GONN: Dann allerdings. . . (Er drckt Rainer die Hand.) JEANNE (tritt ein. Sie trgt ein Straenkostm). GONN (erschrickt, als er Jeanne bemerkt). JEANNE (ruhig): Du wirst uns behilflich sein? GONN: Nur dir! Rainer wird nicht fliehen! RAINER: Soll Jeanne steckbrieflich verfolgt werden und ich mich zum Abgeordneten whlen lassen? GONN: Ja. JEANNE: Komm, Rainer. GONN (erregt): Ich denunziere dich lieber, als da ich dulde, da du uns Bettgenssen opferst! RAINER: Ich habe der Bewegung die Richtung gegeben. Ich bin berflssig. GONN (geschftlich): Ich werde der Partei davon Mitteilung machen. (Er will gehen.) RAINER (zu Jeanne): Ich bitte dich, -- auf wenige Minuten! (Jeanne geht hinaus.) GONN: Wenn du fliehst, kann mich nichts mehr davon berzeugen, da die Utopie fr dich mehr als eine Laune war. -- Tust du es, ja oder nein? Alles brige interessiert mich nicht. RAINER: Ich liebe diese Frau. GONN: Ja oder nein? RAINER: Ich liebe Jeanne . . . GONN: Warum? RAINER (berrascht): Grnde gibt es dafr nicht. GONN: Du kannst Jeanne doch nicht -- sinnlos lieben. RAINER (lchelnd): Woher weit du, da der Meeresgrund des Ozeans kein Loch hat? Wrde die Liebe da sein wie das Meer, wenn nicht ein festgefgter Grund sie tragen wrde? GONN (berrascht): Das ist -- falsch. RAINER: Damals, wie heute, finde ich keine tieferen Grnde, sie nicht zu heiraten. Damals habe ich es nicht getan. Heute tue ich es. Und beide Male bin ich mit mir zufrieden. GONN (gehssig): Nur mit dem Unterschied, da es dich damals befriedigte, stolz zu sein, und heute nicht. RAINER: Das wei ich nicht. Ich wei nur, -- da ich Jeanne liebe . . . GONN: Du glaubst wohl, da dieses Wrtchen gengt, um der Sache eine Bedeutung zu geben. Liebe! Etwas, was seine Bedeutung seiner Popularitt verdankt! RAINER: Vielleicht. Aber die Popularitt mindert nicht ihren Wert. GONN: Wert! RAINER: Ja, Wert! Das versteht deine Armut nicht! GONN (verchtlich): Vielleicht lernst _du_ mich ihn schtzen. RAINER: Gern. Hr' gut zu, Gonn! Ich brauchte nicht zu fliehen und auch nicht zu dulden, da Jeanne den Verdacht auf sich lenkt! _Sie_ hat es getan! Ich bin unschuldig! Und _trotzdem_ -- (Jeanne strmt herein). JEANNE: Das ist nicht wahr -- das ist nicht wahr -- _er_ hat es getan! Glaub' ihm nicht, Gonn! Er _mute_ es ja tun! Yges hat ihn gemartert und in seine Seele geschlagen, da es klatschte! Und dann mute er eine Livree anziehen, die Yges fr ihn schon gekauft hatte! Denk' dir, die hatte er schon gekauft . . . GONN (zu Rainer): Und diese Erniedrigung war noch nicht tief genug, um dich hochzuschnellen? Du bist ja noch weniger, als ein Gummi! JEANNE: Aber Rainer hat es getan! Ich schwre, da er es getan hat! GONN (blickt auf Rainer, whrend er zu Jeanne sagt): Ich glaube dir nicht, du hast schon mal einen Meineid geleistet! JEANNE (zu Rainer, mit einem verchtlichen Blick auf Gonn): Er will dich moralisch erpressen! Du sollst mich verachten lernen! GONN (versucht sich zu beherrschen). JEANNE: Komm, Rainer! RAINER (zu Gonn): Willst du mir deinen Pa geben -- fr den Notfall? (Gonn gibt ihm das Schriftstck.) Danke. (Jeanne geht zur Tr.) GONN: Sage mir nur noch das: Verachtest du dich nicht selbst? (Rainer sieht flchtig zu Gonn auf, dann verlt er mit Jeanne das Zimmer.) End of the Project Gutenberg EBook of Der jngste Tag, by Leo Matthias License: Share Alike