Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net [ Anmerkungen zur Transkription: Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. Schreibweise und Interpunktion wurden bernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes. ] THOMAS MORUS UTOPIA Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig LIBELLUS VERE AUREUS NEC minus salutaris quam festivus de optimo reip. statu, deque nova Insula Utopia autore clarissimo viro Thoma Moro inclutae civitatis Londinensis cive & vicecomite cura M. Petri Aegidii Antverpiensis, & arte Theodorici Martini Alustensis, Typographi almae Lovaniensium Academiae nunc primum accuratissime editus. Cum gratia & privilegio. Titel der Erstausgabe aus dem Jahre 1516 VORREDE zu dem Werke ber den besten Zustand des Staates Thomas Morus grt seinen Peter gid aufs herzlichste. Fast schme ich mich, mein liebster Peter gid, da ich Dir dies Bchlein ber den Staat von Utopien erst nach beinahe einem Jahre schicke. Hast Du es doch ohne Zweifel innerhalb von anderthalb Monaten erwartet, da mir ja, wie Du wutest, bei diesem Werke die Mhe der Erfindung des Stoffes abgenommen war und ich mir auch in betreff der Gliederung nichts auszudenken brauchte. Denn ich hatte nur das wiederzugeben, was ich mit Dir zusammen Raphael gerade so hatte erzhlen hren. Deshalb lag auch kein Anla vor, mich hinsichtlich des Stiles abzumhen. Raphael konnte sich ja gar nicht gesucht ausdrcken; denn erstens sprach er, ohne da er es vorher wute und sich vorbereiten konnte, sodann ist er, wie Du weit, im Lateinischen nicht so zu Hause wie im Griechischen, und schlielich kommt meine Rede der Wahrheit um so nher, je mehr sie sich seiner nachlssigen und schlichten Ausdrucksweise nhert, und um die Wahrheit allein mu und will ich mich bei dieser Sache kmmern. Ich gebe denn auch zu, mein Peter, das, was ich vorfand, hatte mir so viel Arbeit abgenommen, da fast nichts mehr zu tun brigblieb. Andernfalls htte ja auch Erfindung oder Gliederung des Stoffes nicht wenig Zeit und Studium eines nicht unbedeutenden und recht gelehrten Geistes erfordert. Wrde man nun nicht blo eine der Wahrheit entsprechende, sondern auch geschmackvolle Darstellung verlangen, so htte ich das nicht leisten knnen, auch wenn ich all meine Zeit und all meinen Eifer aufgewendet htte. So aber, da diese Schwierigkeiten wegfielen, die zu bewltigen viel Schwei gekostet htte, blieb einzig und allein die einfache Aufzeichnung dessen brig, was ich gehrt hatte, und das war wirklich keine Arbeit mehr. Aber selbst zur Erledigung dieser so unbedeutenden Arbeit lieen mir meine brigen Geschfte fast noch weniger als keine Zeit. Nehmen mich doch dauernd meine Gerichtssachen in Anspruch. Bald fhre ich einen Proze, bald bin ich Beisitzer, bald schlichte ich einen Handel als Schiedsrichter, bald entscheide ich einen anderen als Richter, bald besuche ich diesen in einer amtlichen, bald jenen in einer geschftlichen Angelegenheit. Whrend ich so fast den ganzen Tag auerhalb meines Hauses fremden Leuten und nur den Rest meinen Angehrigen widme, kann ich fr mich, d.h. fr meine Studien, nichts erbrigen. Denn komme ich nach Hause, so mu ich mit meiner Frau plaudern, mit den Kindern schwatzen und mit dem Gesinde sprechen. Alles das rechne ich zu meinen Pflichten, weil es erledigt werden mu. Es mu aber erledigt werden, wenn man nicht in seinem eigenen Hause ein Fremdling sein will. Man mu sich berhaupt Mhe geben, so liebenswrdig wie mglich zu denen zu sein, die einem die Natur als Begleiter auf dem Lebenswege vorgesehen oder die der Zufall oder eigene Wahl dazu gemacht hat. Nur darf man sie nicht durch Leutseligkeit verderben und die Diener nicht durch Nachsicht zu seinen Herren werden lassen. ber dem, was ich angefhrt habe, geht ein Tag, geht ein Monat, geht ein Jahr hin. Wann also komme ich da zum Schreiben? Und dabei habe ich noch gar nicht vom Schlafen gesprochen und auch noch nicht einmal vom Essen, das bei vielen Leuten nicht weniger Zeit in Anspruch nimmt als der Schlaf, der fast die Hlfte der Lebenszeit fr sich beansprucht. Aber fr mich gewinne ich nur so viel Zeit, wie ich mir vom Schlafen und Essen abstehle. Weil das nur wenig ist, so habe ich die Utopia auch nur langsam fertiggebracht; weil es aber immerhin etwas ist, so ist sie doch nun endlich fertig geworden, und ich schicke sie Dir zu, damit Du sie liest und mich darauf aufmerksam machst, falls mir etwas entgangen sein sollte. Nun habe ich freilich in dieser Beziehung ziemlich viel Zutrauen zu mir -- ich wollte, mit meinem Geiste und mit meinem Wissen stnde es ebenso wie mit meinem Gedchtnis, das mich nur manchmal im Stiche lt--, doch ist mein Zutrauen nicht so gro, da ich annehmen drfte, mir knnte nichts entfallen sein. Denn auch mein Famulus, Johannes Clemens, hat mich sehr bedenklich gestimmt. Wie Du ja wohl weit, war er damals dabei, und ich lasse ihn an jeder Unterhaltung teilnehmen, aus der er etwas lernen kann; denn von diesem Schling, der im Lateinischen wie im Griechischen zu grnen begonnen hat, erhoffe ich dereinst einen guten Ertrag. Soviel ich mich nmlich erinnere, hat Hythlodeus erzhlt, jene Brcke von Amaurotum ber den Flu Anydrus sei 500 Doppelschritte lang. Mein Johannes aber meinte, man msse 200 abziehen; der Flu sei dort nicht breiter als 300 Doppelschritte. Besinne Dich doch bitte noch einmal darauf! Wenn Du nmlich der gleichen Meinung bist wie Johannes, so will auch ich zustimmen und einen Irrtum meinerseits annehmen. Solltest Du aber selbst Dich nicht mehr besinnen knnen, so bleibt stehen, worauf ich mich selbst zu besinnen glaube. Wenn ich mich nmlich auch vor jeder falschen Angabe in dem Buche streng hten will, so ziehe ich doch in Zweifelsfllen die Unwahrheit der Lge vor, weil ich Tugend hher schtze als Klugheit. Freilich wre dieser Schaden leicht zu heilen, wenn Du Raphael selbst mndlich oder schriftlich fragen wolltest. Das mut Du sowieso tun wegen eines anderen Bedenkens, das uns gekommen ist, ich wei nicht, ob mehr durch meine oder Deine oder Raphaels eigene Schuld. Denn weder ist es uns in den Sinn gekommen, danach zu fragen, noch ihm, es uns zu sagen, in welcher Gegend jenes neuen Erdteils Utopia liegt. Wahrhaftig, wie gern wrde ich mit etwas Geld von mir diese Unterlassung ungeschehen machen! Denn erstens schme ich mich ein wenig, nicht zu wissen, in welchem Meere die Insel liegt, von der ich so viel zu berichten wei; sodann aber gibt es bei uns den einen und den anderen, vor allem aber einen frommen Theologen von Beruf, der darauf brennt, Utopia zu besuchen, nicht aus eitlem und neugierigem Verlangen, Neues zu sehen, sondern um die verheiungsvollen Keime unserer Religion dort zu pflegen und noch zu vermehren. Um dabei ordnungsgem zu verfahren, hat er beschlossen, sich vorher einen Missionsauftrag vom Papste zu verschaffen und sich von den Utopiern sogar zum Bischof whlen zu lassen. Dabei strt es ihn durchaus nicht, da er sich um dieses Vorsteheramt erst bewerben mte. Allerdings ist sein Ehrgeiz, wie er meint, deshalb gottgefllig, weil er nicht durch Rcksicht auf Ehre oder Gewinn, sondern durch Rcksicht auf die Religion bedingt ist. Deshalb wende Dich, mein Peter, ich bitte Dich darum, entweder mndlich, wenn es Dir ohne Umstnde mglich ist, oder brieflich an Hythlodeus und sorge dafr, da in diesem meinen Werke nichts Falsches steht oder nichts Wahres vermit wird. Und vielleicht ist es besser, ihm das Buch selbst zu zeigen. Einerseits nmlich ist niemand anders ebenso imstande, einen etwaigen Irrtum zu berichtigen, anderseits kann er das selbst auch nur, wenn er durchliest, was ich geschrieben habe. Auerdem wirst Du auf diese Weise merken, ob er damit einverstanden ist, da ich dieses Buch schreibe, oder ob er rgerlich darber ist. Falls er sich nmlich vorgenommen hat, seine Abenteuer selbst aufzuzeichnen, so mchte er vielleicht nicht -- und ich bestimmt auch nicht--, da ich ihm Duft und Reiz seiner Erzhlung im voraus wegnehme, indem ich den Staat Utopia allgemein bekanntwerden lasse. Allerdings bin ich, wenn ich ganz offen sein soll, auch mir selber noch nicht recht im klaren, ob ich das Buch berhaupt erscheinen lasse. Denn der Geschmack der Menschen ist so verschieden, und manche sind so eigensinnig, so undankbar und so unsinnig in ihrem Urteil, da offenbar die Leute viel glcklicher sind, die in Freude und Frohsinn ihr eigenes Ich befriedigen, als diejenigen, die sich zermrben in dem Bestreben, etwas zu verffentlichen, was fr andere, die whlerisch oder undankbar sind, ein Nutzen oder ein Vergngen sein knnte. Die meisten haben keinen Sinn fr literarische Dinge; viele verachten sie; ein Barbar lehnt alles als schwer ab, was nicht gnzlich barbarisch ist; gelehrte Pedanten verschmhen alles als abgegriffen, was nicht von veralteten Ausdrcken strotzt; manchen gefllt nur das Alte, den meisten nur das eigene Wissen. Dieser ist so mrrisch, da er von Scherzen nichts wissen will, dieser wieder so fade, da er keine Witze vertrgt; manche sind so plattnasig, da sie jedes Nasermpfen scheuen wie ein von einem tollen Hund Gebissener das Wasser, andere wieder sind so wetterwendisch, da sie im Sitzen etwas anderes gelten lassen als im Stehen. Manche sitzen in den Kneipen, urteilen am Biertisch ber die Talente der Schriftsteller und verurteilen sie mit groem Nachdruck, ganz wie es ihnen beliebt, indem sie einen jeden in seinen Schriften gleichsam beim Schopfe nehmen und ihn zausen, wobei sie selbst aber vor der Hand in Sicherheit und, wie man so sagt, weit vom Schu sind. Denn rundum sind sie so glatt und kahlgeschoren, da sie auch nicht ein Hrchen eines guten Mannes an sich haben, an dem man sie fassen knnte. Ferner gibt es Leute, die so undankbar sind, da sie sich zwar ausgiebig an einem Werke ergtzen, dem Verfasser aber trotzdem keine grere Liebe entgegenbringen. Sie hneln den unhflichen Gsten, die sich mit einem ppigen Mahle bewirten lassen und dann gesttigt heimgehen, ohne dem, der sie eingeladen hat, ein Wort des Dankes zu sagen. Nun geh hin und richte fr Leute mit so verwhntem Gaumen, von so verschiedenem Geschmack und noch dazu von so dankbarer und lieber Gesinnung auf Deine eigenen Kosten ein Mahl her! Aber gleichwohl, mein Peter, besprich, was ich Dir gesagt habe, mit Hythlodeus! Spter aber kann man sich ja diese Frage der Verffentlichung noch einmal berlegen. Sollte er indessen nichts dagegen haben, so will ich bei dem, was die Herausgabe noch erfordert, dem Rate meiner Freunde folgen und vor allem Deinem, da ich nun einmal die Mhe des Schreibens hinter mir habe und jetzt erst versptet zur Einsicht komme. Lebe wohl, mein liebster Peter gid, nebst Deiner guten Frau und behalte mich auch weiterhin lieb, da ja auch ich Dich noch lieber habe, als es sonst meine Gewohnheit ist! ERSTES BUCH Rede des trefflichen Raphael Hythlodeus ber den besten Zustand des Staates, verffentlicht von dem erlauchten Thomas Morus, Brger und Vicecomes der rhmlich bekannten britischen Hauptstadt London. Krzlich hatte der siegreiche Knig von England Heinrich, der achte dieses Namens, ein mit allen Tugenden eines hervorragenden Frsten gezierter Herrscher, einige nicht belanglose Meinungsverschiedenheiten mit Karl, dem erhabenen Knig von Kastilien. Zu den Verhandlungen darber und zur Beilegung dieser Streitigkeiten schickte mich Knig Heinrich als Abgesandten nach Flandern, und zwar zusammen mit dem unvergleichlichen Cuthbert Tunstall, den der Knig erst krzlich unter beraus starkem und allgemeinem Beifall mit dem Amte des Archivars betraut hat. ber seine Vorzge will ich nichts sagen, nicht als ob ich frchtete, infolge unserer Freundschaft knnte mein Urteil zu wenig den Tatsachen entsprechen, sondern weil seine Tchtigkeit und Gelehrsamkeit grer ist, als ich sie rhmen knnte, und auerdem berall bekannter und berhmter, als da sie noch gerhmt zu werden brauchte, ich mte denn, wie man sagt, die Sonne mit der Laterne zeigen wollen. In Brgge trafen wir -- so war es verabredet -- die Beauftragten des Knigs Karl, alles treffliche Mnner. Unter ihnen befand sich der Prfekt von Brgge, ein hochangesehener Mann, der Fhrer und das Haupt der Abordnung; ihr Sprecher und ihre Seele jedoch war Georg Temsicius, der Propst von Cassel, ein Redner von einer nicht nur erworbenen, sondern auch angeborenen Beredsamkeit, auerdem ein beraus erfahrener Jurist und im Verhandeln ein vortrefflicher Meister durch seine Begabung und bestndige Praxis. Ein und das andere Mal kamen wir zusammen, ohne in gewissen Fragen eine rechte Einigung zu erzielen. Da verabschiedeten sich die anderen fr einige Tage von uns und reisten nach Brssel, um sich bei ihrem Frsten Bescheid zu holen. Inzwischen begab ich mich -- die Geschfte brachten es so mit sich -- nach Antwerpen. Whrend meines Aufenthaltes dort kam hufig auer anderen, aber immer als liebster Besucher, Peter gid aus Antwerpen zu mir. Er geniet groes Vertrauen bei seinen Landsleuten und nimmt eine angesehene Stellung ein, verdient aber die angesehenste. Man wei nmlich nicht, wodurch sich der junge Mann mehr auszeichnet, ob durch seine Bildung oder seinen Charakter; ist er doch ein sehr guter Mensch und zugleich ein groer Gelehrter, auerdem ein Mann von lauterer Gesinnung gegen alle, seinen Freunden gegenber aber von solcher Herzlichkeit, Liebe, Treue und aufrichtigen Neigung, da man kaum einen oder den anderen irgendwo findet, den man als einen ihm in jeder Beziehung gleichwertigen Freund bezeichnen mchte. Er besitzt eine seltene Bescheidenheit; niemandem liegt Verstellung so fern wie ihm; niemand ist schlichter und zugleich klger. Ferner kann er sich so gefllig und harmlos-witzig unterhalten, da der so angenehme Umgang und die so liebe Plauderei mit ihm zu einem groen Teile mich die Sehnsucht nach der Heimat und dem heimischen Herd, nach meiner Frau und meinen Kindern leichter ertragen lie; denn schon damals war ich ber vier Monate von daheim fort, und in beraus bengstigender Weise qulte mich das Verlangen, sie wiederzusehen. Eines Tages hatte ich in der wunderschnen und vielbesuchten Liebfrauenkirche am Gottesdienst teilgenommen und schickte mich an, nach Beendigung der Feier von dort in meine Herberge zurckzukehren, da sehe ich Peter zufllig sich mit einem Fremden unterhalten, einem lteren Manne mit sonnverbranntem Gesicht und langem Bart. Der Mantel hing ihm nachlssig von der Schulter herab, und seinem Aussehen und seiner Kleidung nach war er ein Seemann. Sobald mich Peter erblickte, kam er auf mich zu und grte. Als ich antworten wollte, nahm er mich ein wenig beiseite und fragte: Siehst du den da? Dabei zeigte er auf den, mit dem ich ihn hatte sprechen sehen. Den wollte ich gerade jetzt zu dir bringen. -- Er wre mir sehr willkommen gewesen, antwortete ich, und zwar deinetwegen. -- Nein, sagte er, vielmehr seinetwegen, wenn du den Mann nur schon kenntest. Denn niemand in der ganzen Welt kann dir heutzutage so viel von unbekannten Menschen und Lndern erzhlen, und, wie ich wei, bist du ja ganz versessen darauf, so etwas zu hren. -- Also war meine Vermutung, sagte ich, gar nicht so falsch. Denn gleich auf den ersten Blick habe ich ihn als Seemann erkannt. -- Und doch hast du dich stark geirrt; er fhrt wenigstens nicht als Palinurus, sondern als Odysseus oder vielmehr als Plato. Denn dieser Raphael -- so heit er nmlich, und sein Familienname ist Hythlodeus -- ist nicht wenig bewandert im Lateinischen und sehr bewandert im Griechischen, und zwar hat er die griechische Sprache deshalb mehr getrieben als die der Rmer, weil er sich ganz der Philosophie gewidmet und erkannt hatte, da auf dem Gebiete der Philosophie im Lateinischen nichts von irgendwelcher Bedeutung vorhanden ist auer einigem von Seneca und Cicero. Dann berlie er sein vom Vater ererbtes Gut, in dem er wohnte, seinen Brdern, schlo sich -- er ist nmlich Portugiese -- dem Amerigo Vespucci an, um sich die Welt anzusehen, und war dessen stndiger Begleiter auf den drei letzten seiner vier Seereisen, die man schon hier und da gedruckt lesen kann. Von der letzten jedoch kehrte er nicht mit ihm zurck. Er bemhte sich vielmehr darum und erprete von Amerigo die Erlaubnis, zu jenen vierundzwanzig zu gehren, die am Ende der letzten Seereise in einem Kastell zurckgelassen wurden. So blieb er denn dort zurck, entsprechend seiner Sinnesart, die mehr nach einem Aufenthalte in fremdem Lande als nach einem Grabmale verlangt. Fhrt er doch dauernd solche Sprche im Munde wie 'Unter dem Himmelsgewlbe ruht, wer keine Urne hat' und 'Zum Himmel ist es von berall her gleich weit'. Dieser Wagemut wre ihm ohne Gottes gndigen Beistand nur allzu teuer zu stehen gekommen. Nach Vespuccis Abreise durchstreifte er dann zusammen mit fnf Kameraden aus dem Kastell zahlreiche Lnder und gelangte schlielich durch einen wunderbaren Zufall nach Taprobane und von dort nach Caliquit. Hier hatte er das Glck, portugiesische Schiffe anzutreffen, auf denen er schlielich wider Erwarten heimkehrte. Als Peter mit seiner Erzhlung fertig war, dankte ich ihm fr seine Geflligkeit und seine Bemhungen, mir die Unterhaltung mit einem Manne zu ermglichen, die mir seiner Meinung nach willkommen war, und wandte mich Raphael zu. Wir begrten einander, wechselten jene bei der ersten Begegnung mit Fremden allgemein blichen Redensarten und gingen dann in meine Wohnung. Hier setzten wir uns im Garten auf eine Rasenbank und fingen an, miteinander zu plaudern. Da erzhlte uns denn Raphael, wie er es zusammen mit seinen im Kastell zurckgebliebenen Kameraden nach Vespuccis Abreise angestellt habe, durch Freundlichkeiten und Schmeicheleien allmhlich die Zuneigung der Eingeborenen zu gewinnen, nicht nur ohne Gefahr, sondern auch in Freundschaft unter ihnen zu leben und damit auch noch die Gunst und Wertschtzung eines Frsten -- sein und seines Landes Name sei ihm entfallen -- zu erlangen. In seiner Freigebigkeit -- so erzhlte er weiter -- versah dieser ihn und fnf seiner Kameraden reichlich mit Lebensmitteln und Geld fr eine Expedition, die sie dann zu Wasser mit Fahrzeugen und zu Lande mit Wagen unternahmen und auf der sie ein hchst zuverlssiger Fhrer zu anderen Frsten geleitete, an die sie warme Empfehlungsschreiben mithatten. Dann gelangten sie nach einer Reise von vielen Tagen zu festen Pltzen, Stdten und gar nicht schlecht eingerichteten volkreichen Staaten. Zwar liegen unter dem quator, wie Raphael erzhlte, und von da aus auf beiden Seiten etwa bis zur Grenze der Sonnenbahn wste und der drrenden Sonnenglut dauernd ausgesetzte Einden: Unwirtlichkeit ringsum und ein trostloser Anblick, abschreckend alles und unkultiviert, Schlupfwinkel von wilden Tieren und Schlangen oder schlielich auch von Menschen, die Bestien weder an Wildheit noch an Gefhrlichkeit nachstehen. Fhrt man aber weiter, so wird alles allmhlich milder: das Klima weniger rauh, die Erde von einladendem Grn schimmernd, zahmer die Natur der Lebewesen. Endlich bekommt man Menschen, Stdte und feste Pltze zu Gesicht, und unter ihnen herrscht ein ununterbrochener Handelsverkehr, nicht nur untereinander und mit den Nachbarn, sondern auch mit fernen Vlkern, und zwar zu Wasser und zu Lande. Dadurch bot sich fr Raphael die Gelegenheit, viele Lnder diesseits und jenseits des Meeres zu besuchen; denn jedes Schiff, das ausgerstet wurde, nahm ihn und seine Begleiter sehr gern mit. Wie er erzhlte, hatten die Schiffe, die sie in den ersten Lndern zu sehen bekamen, flache Kiele und Segel aus zusammengenhten Papyrusblttern oder aus Weidengeflecht, anderswo auch aus Huten. Auf der Weiterfahrt begegneten sie Schiffen mit spitzgeschnbelten Kielen und Segeln aus Hanf; am Ende war alles so wie bei uns. Die Seeleute waren nicht unerfahren in Meeres- und Himmelskunde. Aber einen auerordentlichen Dank erntete Raphael dafr, da er sie im Gebrauch des Kompasses unterwies, den sie bis dahin berhaupt noch nicht kannten. Deshalb hatten sie sich auch nur zaghaft ans Meer gewhnt und vertrauten sich ihm nicht ohne Grund nur im Sommer an. Jetzt aber achten die Seeleute im Vertrauen auf den Magnetstein die Gefahren des Winters gering, allerdings mehr sorglos als gefahrlos. Daher besteht die Gefahr, diese Erfindung, die ihnen, wie man glaubte, groen Vorteil bringen werde, knne infolge ihrer Unvorsichtigkeit groe Schden verursachen. Was Raphael an den einzelnen Orten, wie er erzhlte, gesehen hat, das alles hier mitzuteilen, wrde zu weit fhren und ist auch nicht der Zweck dieses Buches. Vielleicht werde ich es einmal an anderer Stelle erzhlen, besonders alles das, dessen Kenntnis von Nutzen ist, wie z.B. in erster Linie die richtigen und klugen politischen Manahmen, die er bei gesitteten Vlkern wahrgenommen hat. In betreff dieser Dinge befragten wir ihn nmlich am meisten, und ber sie sprach er auch am liebsten, whrend wir es vorlufig unterlieen, uns nach Ungeheuern zu erkundigen, dem Langweiligsten, das es gibt. Denn Scyllen und ruberische Celnonen, menschenfressende Lstrygonen und dergleichen abscheuliche Ungeheuer sind fast berall zu finden, aber Brger, die in einem vernnftig und weise geleiteten Staate leben, wohl nirgends. Wenn er nun aber auch bei jenen unbekannten Vlkern viele verkehrte Einrichtungen wahrgenommen hat, so hat er doch auch nicht weniges aufgezhlt, was als Beispiel dienen kann, die Fehler unserer Stdte, Nationen, Vlker und Herrschaften zu verbessern, und worber ich, wie gesagt, an anderer Stelle einmal sprechen mu. Jetzt will ich nur seinen Bericht ber Sitten und Einrichtungen der Utopier wiedergeben, wobei ich jedoch das Gesprch vorausschicke, in dessen Verlauf ihn eine Wendung dazu veranlate, diesen Staat zu erwhnen. Mit groer Klugheit hatte Raphael aufgezhlt, was hier und dort falsch war -- sicherlich war es sehr viel auf beiden Seiten des Ozeans--, dann aber auch, welche Manahmen bei uns und ebenso bei jenen anderen verstndiger sind. Er hatte nmlich Sitten und Einrichtungen eines jeden Volkes so fest im Gedchtnis, als htte er an jedem von ihm besuchten Orte sein ganzes Leben zugebracht. Da staunte Peter und meinte: Ich mu mich in der Tat wundern, mein Raphael, da du nicht in die Dienste eines Knigs trittst; denn das wei ich zur Genge: es gibt keinen, dem du nicht sehr willkommen wrest, da du es mit diesem deinen Wissen und dieser deiner Kenntnis von Gegenden und Menschen verstehst, ihn nicht blo zu unterhalten, sondern auch durch Beispiele zu belehren und ihm mit deinem Rat zu helfen. Auf diese Weise knntest du fr dich selbst ausgezeichnet sorgen und zugleich allen deinen Angehrigen sehr ntzen. Was meine Angehrigen betrifft, erwiderte Raphael, so kmmern die mich wenig; ihnen gegenber habe ich nmlich, wie ich glaube, meine Pflicht so ziemlich erfllt. Denn was andere erst, wenn sie alt und krank sind, abtreten, ja sogar auch dann nur ungern, wenn sie es nicht lnger behalten knnen, das habe ich unter meine Verwandten und Freunde verteilt, und zwar zu einer Zeit, da ich nicht mehr blo gesund und frisch war, sondern sogar schon in jungen Tagen. Sie mten also, meine ich, mit meiner Freigebigkeit eigentlich zufrieden sein und drften nicht auerdem noch verlangen und erwarten, da ich mich ihretwegen einem Knig als Knecht verdinge. Halt! sagte da Peter. Ich meinte, du solltest nicht ein Knecht, sondern ein Diener von Knigen werden. Das ist nur ein ganz kleiner Unterschied, antwortete Raphael. Wie du die Sache auch nennen magst, sagte da Peter, ich bin jedenfalls der Ansicht, da das der Weg ist, nicht nur anderen in persnlichem und ffentlichem Interesse zu ntzen, sondern auch deine eigene Lage glcklicher zu gestalten. Glcklicher? auf einem Wege, vor dem mir graut? fragte Raphael. Jetzt lebe ich, ganz wie es mir beliebt, und das ist, wie ich sicher vermute, bei den wenigsten Frstendienern der Fall. Es gibt ja auch genug Leute, die sich um die Freundschaft der Mchtigen bemhen. Da sollte man es nicht fr einen groen Verlust halten, wenn diese auf mich und den einen oder den anderen meinesgleichen verzichten mssen. Es ist klar, mein Raphael, erwiderte ich, da du weder nach Reichtum noch nach Macht verlangst. Und frwahr, einen Mann von dieser deiner Gesinnung verehre und achte ich nicht weniger als irgendeinen der Mchtigsten. Indessen wirst du, wie mir scheint, durchaus deiner selbst und deiner edlen Gesinnung, ja eines wahren Philosophen wrdig handeln, wenn du es fertig brchtest, selbst unter Verzicht auf etwas persnliche Bequemlichkeit, deine Begabung und deinen Eifer dem Wohle des Gemeinwesens zu widmen. Das knntest du aber niemals mit so groem Erfolge tun, als wenn du zum Rate eines groen Frsten gehrtest und ihm richtige und gute Ratschlge erteiltest, und das wrdest du ja, wie ich sicher wei, tun. Denn ein Frst ist gleichsam ein nie versiegender Quell, von dem sich ein Sturzbach alles Guten und Bsen auf das ganze Volk ergiet. Dein theoretisches Wissen aber ist so vollkommen, da du gar keine groe praktische Erfahrung ntig hast, und deine Lebenserfahrung anderseits so gro, da du gar kein theoretisches Wissen brauchst, um einen ausgezeichneten Ratgeber jedes beliebigen Knigs abzugeben. Da befindest du dich in einem doppelten Irrtum, mein lieber Morus, erwiderte Raphael, einmal hinsichtlich meiner und sodann hinsichtlich der Sache selbst. Ich besitze nmlich gar nicht die Fhigkeit, die du mir zuschreibst, und auch wenn ich sie im hchsten Grade bese, wrde ich doch selbst durch den Verzicht auf meine Mue den Interessen des Staates in keinerlei Weise dienen. Erstens nmlich beschftigen sich die Frsten selbst alle zumeist lieber mit militrischen Dingen, von denen ich nichts verstehe und auch nichts verstehen mchte, als mit den segensreichen Knsten des Friedens, und weit grer ist ihr Eifer, sich durch Recht oder Unrecht neue Reiche zu erwerben als die schon erworbenen gut zu verwalten. Ferner ist von allen Ratgebern der Knige jeder entweder in Wahrheit so weise, da er den Rat eines anderen nicht braucht, oder er dnkt sich so weise, da er ihn nicht gutheien mag. Dabei pflichten sie unter schmarotzerischen Schmeicheleien den ungereimtesten uerungen derer bei, die bei dem Frsten in hchster Gunst stehen und die sie sich deshalb durch ihre Zustimmung verpflichten wollen. Und gewi ist es ganz natrlich, da einem jeden seine eigenen Einflle zusagen. So findet der Rabe ebenso wie der Affe am eigenen Jungen seinen Gefallen. Wenn aber jemand im Kreise jener Leute, die auf fremde Meinungen eiferschtig sind oder die eigenen vorziehen, etwas vorbringen sollte, das, wie er gelesen hat, zu anderer Zeit vorgekommen ist oder das er anderswo gesehen hat, so benehmen sich die Zuhrer gerade so, als ob der ganze Ruf ihrer Weisheit gefhrdet wre und als ob man sie danach fr Narren halten mte, wenn sie nicht imstande sind, etwas zu finden, was sie an dem von den anderen Gefundenen schlecht machen knnen. Wenn sie keinen anderen Ausweg wissen, so nehmen sie ihre Zuflucht zu Redensarten wie: So hat es unseren Vorfahren gefallen; wren wir doch ebenso klug wie sie! Und nach einem solchen Ausspruch setzen sie sich hin, als htten sie damit die Sache vllig und trefflich erledigt. Gerade als ob es eine groe Gefahr bedeutete, wenn sich jemand dabei ertappen lt, in irgend etwas gescheiter zu sein als seine Vorfahren! Und doch lassen wir alle ihre guten Einrichtungen mit groem Gleichmut gelten; wenn sie aber bei irgend etwas htten klger zu Werke gehen knnen, so ergreifen wir sofort gierig diese Gelegenheit und halten hartnckig daran fest. Das ist auch die Quelle dieser hochmtigen, sinnlosen und eigensinnigen Urteile, auf die ich schon oft gestoen bin, besonders aber auch einmal in England. Hr einmal! rief ich da, du bist auch bei uns gewesen? Allerdings, antwortete er, und zwar habe ich mich dort einige Monate aufgehalten, nicht lange nach jener Niederlage, die den Brgerkrieg Westenglands gegen den Knig durch eine beklagenswerte Niedermetzelung der Aufstndischen gewaltsam beendete. In jener Zeit hatte ich dem ehrwrdigen Vater Johannes Morton, dem Erzbischof von Canterbury, Kardinal und damals auch noch Lordkanzler von England, viel zu danken, einem Manne, lieber Peter -- dem Morus erzhle ich damit nichts Neues--, den man nicht weniger wegen seiner Klugheit und Tchtigkeit als wegen seines Ansehens verehren mu. Er war von mittlerer Statur, sein Rcken war von seinem, wenn auch hohen Alter noch nicht gebeugt; seine Miene flte Ehrfurcht, nicht Scheu ein. Im Verkehr war er nicht unzugnglich, aber doch ernst und wrdevoll. Er fand ein Vergngen daran, Bittsteller bisweilen etwas schroffer anzureden, aber nicht etwa in bser Absicht, sondern um die Sinnesart und Geistesgegenwart eines jeden auf die Probe zu stellen. ber letztere Eigenschaft, die ihm ja selber gleichsam angeboren war, freute er sich stets, wofern keine Unverschmtheit damit verbunden war, und sie schtzte er als geeignet zu der Fhrung der Geschfte. Seine Rede zeugte von feiner Bildung und Energie; seine Rechtserfahrung war gro, seine Begabung unvergleichlich, sein Gedchtnis geradezu fabelhaft stark. Diese ausgezeichneten Naturanlagen vervollkommnete er noch durch Studium und bung. Seinen Ratschlgen schenkte der Knig, wie es schien, whrend meiner Anwesenheit das grte Vertrauen, und sie waren eine starke Sttze fr den Staat. Denn in frhester Jugend und gleich von der Schule weg an den Hof gebracht, war er sein ganzes Leben lang in den wichtigsten Geschften ttig gewesen und von mannigfachen Schicksalsstrmen bestndig hin und her geworfen worden, und dadurch hatte er sich unter vielen groen Gefahren eine Lebensklugheit erworben, die nur schwer wieder verlorengeht, wenn sie auf diese Weise gewonnen wird. Als ich eines Tages an seiner Tafel sa, wollte es der Zufall, da einer von euren Laienjuristen zugegen war. Dieser begann -- ich wei nicht, wie er darauf kam--, eifrig jene strenge Justiz zu loben, die man damals in England Dieben gegenber bte. Wie er erzhlte, wurden allenthalben bisweilen zwanzig an _einem_ Galgen aufgehngt. Da nur sehr wenige der Todesstrafe entgingen, wundere er sich, so meinte er, um so mehr, welch widriges Geschick daran schuld sei, da sich trotzdem noch berall so viele herumtrieben. Da sagte ich -- vor dem Kardinal wagte ich es nmlich, offen meine Meinung zu uern--: Da brauchst du dich gar nicht zu wundern; denn diese Bestrafung der Diebe geht ber das, was gerecht ist, hinaus und liegt nicht im Interesse des Staates. Als Shne fr Diebsthle ist die Todesstrafe nmlich zu grausam, und, um vom Stehlen abzuschrecken, ist sie trotzdem unzureichend. Denn einerseits ist einfacher Diebstahl doch kein so schlimmes Verbrechen, da es mit dem Tode gebt werden mte, anderseits aber gibt es keine so harte Strafe, diejenigen von Rubereien abzuhalten, die kein anderes Gewerbe haben, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Wie mir daher scheint, folgt ihr in dieser Sache -- wie ein guter Teil der Menschheit brigens auch -- dem Beispiel der schlechten Lehrer, die ihre Schler lieber prgeln als belehren. So verhngt man harte und entsetzliche Strafen ber Diebe, whrend man viel eher dafr htte sorgen sollen, da sie ihren Unterhalt haben, damit sich niemand der grausigen Notwendigkeit ausgesetzt sieht, erst zu stehlen und dann zu sterben. Dafr ist ja doch zur Genge gesorgt, erwiderte er. Wir haben ja das Handwerk und den Ackerbau. Beides wrde sie ernhren, wenn sie nicht aus freien Stcken lieber Gauner sein _wollten_. Halt, so entschlpfst du mir nicht! antwortete ich. Zunchst wollen wir nicht von denen reden, die, wie es hufig vorkommt, aus inneren oder auswrtigen Kriegen als Krppel heimkehren wie vor einer Reihe von Jahren aus der Schlacht gegen die Cornwaller und unlngst aus dem Kriege mit Frankreich. Fr den Staat oder fr den Knig opfern sie ihre gesunden Glieder und sind nun zu gebrechlich, um ihren alten Beruf wieder auszuben, und zu alt, um sich fr einen neuen auszubilden. Diese Leute wollen wir also, wie gesagt, beiseite lassen, da es nur von Zeit zu Zeit zu einem Kriege kommt, und betrachten wir nur das, was tagtglich geschieht! Da ist zunchst die so groe Zahl der Edelleute. Selber mig, leben sie wie die Drohnen von der Arbeit anderer, nmlich von der der Bauern auf ihren Gtern, die sie bis aufs Blut aussaugen, um ihre persnlichen Einknfte zu erhhen. Das ist nmlich die einzige Art von Wirtschaftlichkeit, die jene Menschen kennen; im brigen sind sie Verschwender, und sollten sie auch bettelarm dadurch werden. Auerdem aber scharen sie einen gewaltigen Schwarm von Tagedieben um sich, die niemals ein Handwerk gelernt haben, mit dem sie sich ihr Brot verdienen knnten. Diese Leute wirft man sofort auf die Strae, sobald der Hausherr stirbt oder sie selbst krank werden; denn lieber fttert man Faulenzer durch als Kranke, und oft ist auch der Erbe gar nicht in der Lage, die vterliche Dienerschaft weiter zu halten. Inzwischen leiden jene Menschen tapfer Hunger oder treiben tapfer Straenraub. Was sollten sie denn sonst auch tun? Haben nmlich erst einmal ihre Kleider und ihre Gesundheit durch das Herumstrolchen auch nur ein wenig gelitten, so mag sie, die infolge ihrer Krankheit von Schmutz starren und in Lumpen gehllt sind, kein Edelmann mehr in Dienst nehmen. Aber auch die Bauern getrauen es sich nicht; denn sie wissen ganz genau: einer, der in Nichtstun und genieerischem Leben gro geworden und gewohnt ist, mit Schwert und Schild einherzustolzieren, mit von Eitelkeit umnebelter Miene auf seine gesamte Umgebung herabzublicken und jedermann im Vergleich mit sich zu verachten, eignet sich keineswegs dazu, einem armen Manne mit Hacke und Spaten fr geringen Lohn und karge Kost treu zu dienen. Und doch mssen wir gerade diese Menschenklasse ganz besonders hegen und pflegen, erwiderte der Rechtsgelehrte. Denn gerade auf diesen Mnnern, die mehr Mut und Edelsinn besitzen als Handwerker und Landleute, beruht die Kraft und Strke unseres Heeres, wenn es einmal ntig ist, sich im Felde zu schlagen. In der Tat, antwortete ich, ebenso gut knntest du sagen, um des Krieges willen msse man die Diebe hegen und pflegen; denn an ihnen wird es euch ganz gewi nie fehlen, solange ihr diese Menschenklasse noch habt. Und gewi, Ruber sind keine feigen Soldaten und die Soldaten nicht die feigsten unter den Rubern: so gut passen diese Berufe zueinander. Indessen ist diese weitverbreitete Plage keine Eigentmlichkeit eures Volkes; sie ist nmlich fast allen Vlkern gemeinsam. Frankreich z.B. sucht eine noch andere, verderblichere Pest heim: das ganze Land ist auch im Frieden -- wenn jener Zustand berhaupt Frieden ist -- von Sldnern berschwemmt und bedrngt. Sie sind aus demselben Grunde da, der euch bestimmt hat, die faulen Dienstleute hierzulande durchzufttern, weil nmlich nrrische Weise der Ansicht gewesen sind, das Staatswohl erfordere die stndige Bereitschaft einer starken und zuverlssigen Schutztruppe besonders altgedienter Soldaten; denn zu Rekruten hat man kein Vertrauen. Daher mssen sie schon deshalb auf einen Krieg bedacht sein, um gebte Soldaten zur Hand zu haben, und sie mssen sich nach Menschen umsehen, die kostenlos abgeschlachtet werden knnen, damit nicht, wie Sallust so fein sagt, Hand und Herz durch Unttigkeit zu erschlaffen beginnen. Wie verderblich es aber ist, derartige Bestien zu fttern, hat nicht blo Frankreich zu seinem eigenen Schaden erfahren; auch das Beispiel der Rmer, Karthager, Syrer und vieler anderer Vlker beweist es. Bei diesen allen haben die stehenden Heere bald bei dieser und bald bei jener Gelegenheit nicht blo die Regierung gestrzt, sondern auch das flache Land und sogar die festen Stdte zugrunde gerichtet. Aber wie unntig ist solch ein stehendes Heer! Das kann man schon daraus ersehen, da auch die franzsischen Sldner, die doch durch und durch gebte Soldaten sind, sich nicht rhmen knnen, im Kampfe mit euren Aufgeboten sehr oft den Sieg davongetragen zu haben. Ich will jetzt nichts weiter sagen; es knnte sonst den Anschein erwecken, als wollte ich euch, die ihr hier zugegen seid, schmeicheln. Aber man kann gar nicht glauben, da sich eure Handwerker in der Stadt und eure ungeschlachten Bauern auf dem Lande vor dem faulen Tro der Edelleute sehr frchten auer denjenigen, denen es infolge ihrer krperlichen Schwche an Kraft und Khnheit fehlt oder deren Energie durch husliche Not geschwcht wird. So wenig ist also zu befrchten, da diese Leute etwa verweichlicht werden knnten, wenn sie fr einen ntzlichen Lebensberuf ausgebildet und in Mnnerarbeit gebt werden. Vielmehr erschlaffen jetzt ihre gesunden und krftigen Krper -- die Edelleute geruhen nmlich, nur ausgesuchte Leute zugrunde zu richten -- durch Nichtstun, oder sie werden durch fast weibische Beschftigung verweichlicht. Auf keinen Fall liegt es, will mir scheinen, -- wie es sich auch sonst mit dieser Sache verhalten mag -- im Interesse des Staates, nur fr den Kriegsfall, den ihr doch nur habt, wenn ihr ihn haben wollt, eine unermeliche Schar von Menschen dieser Sorte durchzufttern, die den Frieden so gefhrden, auf den man doch um so viel mehr bedacht sein sollte als auf den Krieg. Und doch ist das nicht der einzige Zwang zum Stehlen. Es gibt noch einen anderen, der euch, wie ich meine, in hherem Grade eigentmlich ist. Welcher ist das? fragte der Kardinal. Eure Schafe, sagte ich. Sie, die gewhnlich so zahm und gengsam sind, sollen jetzt so gefrig und wild geworden sein, da sie sogar Menschen verschlingen sowie Felder, Huser und Stdte verwsten und entvlkern. In all den Gegenden eures Reiches nmlich, wo die feinere und deshalb teurere Wolle gewonnen wird, gengen dem Adel und den Edelleuten und sogar bisweilen bten, heiligen Mnnern, die jhrlichen Einknfte und Ertrgnisse nicht mehr, die ihre Vorgnger aus ihren Gtern erzielten. Nicht zufrieden damit, da sie mit ihrem faulen und ppigen Leben der Allgemeinheit nichts ntzen, sondern eher schaden, lassen sie kein Ackerland brig, zunen alles als Viehweiden ein, reien die Huser nieder, zerstren die Stdte, lassen nur die Kirchen als Schafstlle stehen und, gerade als ob bei euch die Wildgehege und Parkanlagen nicht schon genug Grund und Boden der Nutzbarmachung entzgen, verwandeln diese braven Leute alle bewohnten Pltze und alles sonst irgendwo angebaute Land in Einden. Damit also ein einziger Verschwender, unersttlich und eine grausige Pest seines Vaterlandes, einige tausend Morgen zusammenhngenden Ackerlandes mit einem einzigen Zaun umgeben kann, vertreibt man Pchter von Haus und Hof. Entweder umgarnt man sie durch Lug und Trug oder berwltigt sie mit Gewalt; man plndert sie aus oder treibt sie, durch Gewaltttigkeiten bis zur Erschpfung geqult, zum Verkauf ihrer Habe. So oder so wandern die Unglcklichen aus, Mnner und Weiber, Ehemnner und Ehefrauen, Waisen, Witwen, Eltern mit kleinen Kindern oder mit einer Familie, weniger reich an Besitz als an Zahl der Personen, wie ja die Landwirtschaft vieler Hnde bedarf. Sie wandern aus, sage ich, aus ihren vertrauten und gewohnten Heimsttten und finden keinen Zufluchtsort. Ihren gesamten Hausrat, der ohnehin keinen groen Erls bringen wrde, auch wenn er auf einen Kufer warten knnte, verkaufen sie um ein Spottgeld, wenn sie ihn sich vom Halse schaffen mssen. Ist dann der geringe Erls in kurzer Zeit auf der Wanderschaft verbraucht, was bleibt ihnen dann schlielich anderes brig, als zu stehlen und am Galgen zu hngen -- nach Recht und Gesetz natrlich -- oder sich herumzutreiben und zu betteln, obgleich sie auch dann als Vagabunden eingesperrt werden, weil sie herumlaufen, ohne zu arbeiten? Und doch will sie niemand als Arbeiter in Dienst nehmen, so eifrig sie sich auch anbieten. Denn mit der Landarbeit, an die sie gewhnt sind, ist es vorbei, wo nicht gest wird; gengt doch ein einziger Schaf- oder Rinderhirt als Aufsicht, um von seinen Herden ein Stck Land abweiden zu lassen, zu dessen Bestellung als Saatfeld viele Hnde notwendig waren. So kommt es auch, da an vielen Orten die Lebensmittel wesentlich teurer geworden sind. Ja, auch die Wolle ist so im Preis gestiegen, da eure weniger bemittelten Tuchmacher sie berhaupt nicht mehr kaufen knnen und dadurch in der Mehrzahl arbeitslos werden. Nachdem man nmlich die Weideflchen so vergrert hatte, raffte eine Seuche eine unzhlige Menge Schafe hinweg, gleich als ob Gott die Habgier der Besitzer htte bestrafen wollen mit der Seuche, die er unter ihre Schafe sandte und die -- so wre es gerechter gewesen -- die Eigentmer selbst htte treffen mssen. Mag aber auch die Zahl der Schafe noch so sehr zunehmen, der Preis der Wolle fllt nicht, weil der Handel damit, wenn man ihn auch nicht Monopol nennen darf, da ja nicht blo einer verkauft, sicher doch ein Oligopol ist. Die Schafe befinden sich nmlich fast smtlich in den Hnden einiger weniger, und zwar eben der reichen Leute, die keine Notwendigkeit dazu drngt, eher zu verkaufen, als es ihnen beliebt, und es beliebt ihnen nicht eher, als bis sie beliebig teuer verkaufen knnen. Wenn ferner auch die brigen Viehsorten in gleicher Weise im Preise gestiegen sind, so ist dafr derselbe Grund magebend, und zwar hierfr erst recht, weil sich nmlich nach Zerstrung der Bauernhfe und nach Vernichtung der Landwirtschaft niemand mehr mit der Aufzucht von Jungvieh abgibt. Jene Reichen treiben nmlich nur Schafzucht, ziehen aber kein Rindvieh mehr auf. Sie kaufen vielmehr anderswo Magervieh billig auf, msten es auf ihren Weiden und verkaufen es dann fr viel Geld weiter. Und nur deshalb empfindet man, meine ich, den ganzen Schaden dieses Verfahrens noch nicht in vollem Umfange, weil jene bis jetzt die Preise nur dort hochgetrieben haben, wo sie verkaufen. Schaffen sie aber erst einmal eine Zeitlang das Vieh schneller fort, als es nachwachsen kann, so nimmt dann schlielich auch dort, wo es aufgekauft wird, der Bestand allmhlich ab, und es entsteht dann durch starken Mangel notwendigerweise eine Notlage. So hat die ruchlose Habgier einiger weniger das, was das ganz besondere Glck dieser eurer Insel zu sein schien, gerade euer Verderben werden lassen. Denn diese Verteuerung der Lebensmittel ist fr einen jeden der Anla, soviel Dienerschaft wie mglich zu entlassen: wohin, so frage ich, wenn nicht zur Bettelei oder, wozu man ritterliche Gemter leichter berreden kann, zur Ruberei? Was soll man aber dazu sagen, da sich zu dieser elenden Verarmung und Not noch lstige Verschwendungssucht gesellt? Denn sowohl die Dienerschaft des Adels wie die Handwerker und fast ebenso die Bauern selbst, ja, alle Stnde berhaupt, treiben viel bermigen Aufwand in Kleidung und zu groen Luxus im Essen. Denke ferner an die Kneipen, Bordelle und an die andere Art von Bordellen, ich meine die Weinschenken und die Bierhuser, schlielich an die so zahlreichen nichtsnutzigen Spiele, wie Wrfelspiel, Karten, Wrfelbecher, Ball-, Kugel- und Scheibenspiel! Treibt nicht alles dies seine Anbeter geradeswegs zum Raube auf die Strae, sobald sie ihr Geld vertan haben? Bekmpft diese verderblichen Seuchen! Trefft die Bestimmung, da diejenigen, die die Gehfte und lndlichen Siedlungen zerstrt haben, sie wieder aufbauen oder denen abtreten, die zum Wiederaufbau bereit sind und bauen _wollen_! Schrnkt jene blen Aufkufe der Reichen und die Freiheit ihres Handels ein, der einem Monopol gleichkommt! Die Zahl derer, die vom Miggang leben, soll kleiner werden; der Ackerbau soll wieder aufleben; die Wollspinnerei soll wieder in Gang kommen, damit es eine ehrbare Beschftigung gibt, durch die jene Schar von Tagedieben einen nutzbringenden Erwerb findet, sie, die die Not bisher zu Dieben gemacht hat oder die jetzt Landstreicher oder mige Dienstmannen sind und ohne Zweifel dereinst Diebe sein werden! Soviel steht fest: wenn ihr diesen belstnden nicht abhelft, so mgt ihr euch umsonst eurer Gerechtigkeit bei der Bestrafung von Diebsthlen rhmen! Eure Justiz blendet wohl durch den Schein, aber gerecht oder ntzlich ist sie nicht. Wenn ihr den Menschen eine klgliche Erziehung zuteil werden und ihren Charakter von zarter Jugend an allmhlich verderben lat, um sie offenbar erst dann zu bestrafen, wenn sie als Erwachsene die Schandtaten begehen, die man von Kindheit an bei ihnen dauernd erwartet hat, was tut ihr da anderes, ich bitte euch, als da ihr sie erst zu Dieben macht und dann bestraft? Schon whrend ich so sprach, hatte sich jener Rechtsgelehrte zum Reden fertig gemacht und sich entschlossen, jene bliche Methode der Schuldisputanten anzuwenden, die sorgfltiger wiederholen als antworten; in dem Grade macht fr sie ihr Gedchtnis einen guten Teil ihres Ruhmes aus. Was du da sagst, klingt in der Tat recht hbsch, erwiderte er. Freilich darf man nicht vergessen, da du als Fremder ber diese Dinge mehr nur etwas hast hren als genau erforschen knnen, was ich mit wenigen Worten beweisen werde. Und zwar will ich zuerst deine Ausfhrungen der Reihe nach durchgehen; sodann will ich zeigen, worin du dich infolge von Unkenntnis unserer Verhltnisse getuscht hast; zum Schlu will ich alle deine Thesen entkrften und widerlegen. Um also mit dem ersten Teile meines Versprechens zu beginnen, so hast du, wie mir scheint,... Still! rief da der Kardinal. Da du nmlich so anfngst, wirst du, wie mir scheint, nicht mit einigen wenigen Worten nur antworten wollen. Deshalb soll dir fr den Augenblick die Mhe zu antworten erspart bleiben. Wir wollen dir jedoch diese Verpflichtung uneingeschrnkt fr eure nchste Zusammenkunft aufheben, die ich schon morgen stattfinden lassen mchte, falls ihr, du und Raphael, nichts anderes vorhaben solltet. Inzwischen aber htte ich von dir, mein Raphael, sehr gern gehrt, warum du der Ansicht bist, Diebstahl sei nicht mit dem Tode zu bestrafen, und welche andere Strafe du selbst vorschlgst, die mehr dem ffentlichen Interesse entspricht; denn dafr, den Diebstahl einfach zu dulden, bist du doch gewi auch nicht. Wenn man aber jetzt sogar trotz der Lebensgefahr das Stehlen nicht lt, welche Gewalt oder welche Befrchtung knnte dann die Verbrecher abschrecken, nachdem ihnen erst einmal ihr Leben gesichert ist? Wrden sie es nicht so auffassen, als ob die Milderung der Strafe sie gewissermaen durch eine Prmie zum Verbrechen geradezu ermuntere? Ich bin durchaus der Ansicht, gtiger Vater, erwiderte ich, da es ganz ungerecht ist, einem Menschen das Leben zu nehmen, weil er Geld gestohlen hat; denn auch smtliche Glcksgter knnen meiner Meinung nach ein Menschenleben nicht aufwiegen. Wollte man nun aber sagen, diese Strafe solle die Rechtsverletzung oder die bertretung der Gesetze, nicht das gestohlene Geld aufwiegen, mte man dann nicht erst recht jenes strengste Recht als grtes Unrecht bezeichnen? Denn weder darf man Gesetze nach Art eines Manlius billigen, so da bei einer Gehorsamsverweigerung auch in den leichtesten Fllen sofort das Schwert zum Todesstreiche gezckt wird, noch so stoische Grundstze, da man die Vergehen alle als gleich beurteilt und der Ansicht ist, es sei kein Unterschied, ob einer einen Menschen ttet oder ihm nur Geld raubt, Vergehen, zwischen denen berhaupt keine hnlichkeit oder Verwandtschaft besteht, wenn Recht und Billigkeit berhaupt noch etwas gelten. Gott hat es verboten, jemanden zu tten, und wir tten so leichten Herzens um eines gestohlenen Smmchens willen? Sollte es aber jemand so auffassen wollen, als ob jenes gttliche Gebot die Ttung eines Menschen nur insoweit verbiete, als sie nicht ein menschliches Gesetz gebietet, was steht dann dem im Wege, da die Menschen auf dieselbe Weise unter sich festsetzen, inwieweit Unzucht zu dulden sei und Ehebruch und Meineid? Gott hat einem jeden die Verfgung nicht nur ber ein fremdes, sondern sogar ber das eigene Leben genommen; wenn aber menschliches bereinkommen, sich unter gewissen Voraussetzungen gegenseitig tten zu drfen, so viel gelten soll, da es seine dienstbaren Geister von den Bindungen jenes Gebotes befreit und diese dann ohne jede gttliche Strafe Menschen ums Leben bringen drfen, die Menschensatzung zu tten befiehlt, bleibt dann nicht jenes Gottesgebot nur insoweit in Geltung, als Menschenrecht es erlaubt? Und so wird es in der Tat dahin kommen, da auf dieselbe Weise die Menschen festsetzen, inwieweit Gottes Gebote beachtet werden sollen! Und schlielich hat sogar das mosaische Gesetz, obwohl erbarmungslos und hart, da es fr Sklavenseelen, und zwar fr verstockte, erlassen war, den Diebstahl trotzdem nur mit Geld und nicht mit dem Tode bestraft. Wir wollen doch nicht glauben, da Gott mit dem neuen Gesetz der Gnade, durch das er als Vater seinen Kindern gebietet, uns grere Freiheit gewhrt hat, gegeneinander zu wten! Das sind die Grnde, die ich gegen die Todesstrafe vorzubringen habe. In welchem Grade aber widersinnig und sogar verderblich fr den Staat eine gleichmige Bestrafung des Diebes und des Mrders ist, das wei, meine ich, jeder. Wenn nmlich der Ruber sieht, da einem, der wegen bloen Diebstahls verurteilt ist, keine geringere Strafe droht, als wenn der Betreffende auerdem noch des Mordes berfhrt wird, so veranlat ihn schon diese eine berlegung zur Ermordung desjenigen, den er andernfalls nur beraubt htte. Denn abgesehen davon, da fr einen, der ertappt wird, die Gefahr nicht grer ist, gewhrt ihm der Mord sogar noch grere Sicherheit und mehr Aussicht, da die Tat unentdeckt bleibt, da ja der, der sie anzeigen knnte, beseitigt ist. Whrend wir uns also bemhen, den Dieben durch allzu groe Strenge Schrecken einzujagen, spornen wir sie dazu an, gute Menschen umzubringen. Was ferner die bliche Frage nach einer besseren Art der Bestrafung anlangt, so ist diese viel leichter zu finden als eine noch weniger gute. Warum sollten wir denn eigentlich an der Ntzlichkeit jener Methode der Bestrafung von Verbrechen zweifeln, die, wie wir wissen, in alten Zeiten so lange den Rmern zugesagt hat, die doch so groe Erfahrung in der Staatsverwaltung besaen? Diese pflegten nmlich berfhrte Schwerverbrecher zur Arbeit in den Steinbrchen und Bergwerken zu verurteilen, wo sie dauernd Fesseln tragen muten. Jedoch habe ich in dieser Beziehung auf meinen Reisen bei keinem Volke eine bessere Einrichtung gefunden als in Persien bei den sogenannten Polyleriten, einem ansehnlichen Volke mit einer recht verstndigen Verfassung, das dem Perserknig nur einen jhrlichen Tribut zahlt, im brigen aber unabhngig ist und nach eigenen Gesetzen lebt. Sie wohnen weitab vom Meere, sind fast ganz von Bergen eingeschlossen, begngen sich in jeder Beziehung durchaus mit den Ertrgnissen ihres Landes und pflegen mit anderen Vlkern wenig Verkehr. Infolgedessen sind sie auch, einem alten Herkommen ihres Volkes entsprechend, nicht auf Erweiterung ihres Gebietes bedacht. Innerhalb dieses selbst aber bieten ihnen ihre Berge sowie das Geld, das sie dem Eroberer zahlen, mhelos Schutz vor jeder Gewalttat. Vllig frei vom Kriegsdienst, fhren sie ein nicht ebenso glnzendes wie bequemes Leben in mehr Glck als Vornehmheit und Berhmtheit, ja nicht einmal dem Namen nach, meine ich, hinreichend bekannt auer in der Nachbarschaft. Wer nun bei den Polyleriten wegen Diebstahls verurteilt wird, gibt das Gestohlene dem Eigentmer zurck, nicht, wie es anderswo Brauch ist, dem Landesherrn, weil dieser nach ihrer Meinung auf das gestohlene Gut ebenso wenig Anspruch hat wie der Dieb selbst. Ist es aber abhanden gekommen, so ersetzt und bezahlt man seinen Wert aus dem Besitz der Diebe, den Rest behalten ihre Frauen und Kinder unverkrzt, und die Diebe selbst verurteilt man zu Zwangsarbeit. Nur wenn schwerer Diebstahl vorliegt, sperrt man sie ins Arbeitshaus, wo sie Fufesseln tragen mssen; sonst behalten sie ihre Freiheit und verrichten ungefesselt ffentliche Arbeiten. Zeigen sie sich widerspenstig und zu trge, so legt man sie zur Strafe nicht in Fesseln, sondern treibt sie durch Prgel zur Arbeit an; Fleiige dagegen bleiben von Gewaltttigkeiten verschont; nur des Nachts schliet man sie in Schlafrume ein, nachdem man sie durch Namensaufruf kontrolliert hat. Die dauernde Arbeit ist die einzige Unannehmlichkeit in ihrem Leben. Ihre Verpflegung ist nmlich nicht krglich. Fr diejenigen, die ffentliche Arbeiten verrichten, wird sie aus ffentlichen Mitteln bestritten, und zwar in den einzelnen Gegenden auf verschiedene Weise. Hier und da nmlich deckt man den Aufwand fr sie aus Almosen; wenn diese Methode auch unsicher ist, so bringt doch bei der mildttigen Gesinnung jenes Volkes keine andere einen reicheren Ertrag. Anderswo wieder sind gewisse ffentliche Einknfte fr diesen Zweck bestimmt. In manchen Gegenden findet dafr auch eine feste Kopfsteuer Verwendung. Ja, an einigen Orten verrichten die Strflinge keine Arbeit fr die ffentlichkeit, sondern, wenn ein Privatmann Lohnarbeiter braucht, so mietet er die Arbeitskraft eines beliebigen von ihnen auf dem Markte fr den betreffenden Tag und zahlt dafr einen festgesetzten Lohn, nur etwas weniger, als er fr freie Lohnarbeit wrde zahlen mssen. Auerdem steht ihm das Recht zu, faule Sklaven zu peitschen. Auf diese Weise haben sie niemals Mangel an Arbeit, und auer seinem Lebensunterhalt verdient jeder tglich noch etwas, was er an die Staatskasse abfhrt. Sie allein sind alle in eine bestimmte Farbe gekleidet und tragen das Haar nicht vollstndig geschoren, sondern nur ein Stck ber den Ohren verschnitten, und das eine Ohr ist etwas gestutzt. Speise, Trank und Kleidung von seiner Farbe darf sich jeder von seinen Freunden geben lassen; wer dagegen ein Geldgeschenk gibt oder annimmt, wird mit dem Tode bestraft; und nicht weniger gefhrlich ist es auch fr einen Freien, aus irgendeinem Grunde von einem Strfling Geld anzunehmen, und ebenso fr die Sklaven -- so nennt man nmlich die Strflinge--, Waffen anzurhren. Jede Landschaft macht ihre Sklaven durch ein eigenes, unterscheidendes Zeichen kenntlich, das abzulegen bei Todesstrafe verboten ist. Dieselbe Strafe trifft auch den, der sich auerhalb seines Bezirks sehen lt oder mit einem Sklaven eines anderen Bezirks ein Wort spricht. Die Planung einer Flucht ist ebenso gefhrlich wie ihre Ausfhrung; schon von einem solchen Plane gewut zu haben, bedeutet fr den Sklaven den Tod und fr den Freien Knechtschaft. Dagegen sind auf Anzeigen Preise ausgesetzt, und zwar erhlt ein Freier Geld, ein Sklave dagegen die Freiheit; beiden aber gewhrt man Verzeihung und Straflosigkeit, auch wenn sie von der Sache gewut haben. Dadurch will man verhten, da es mehr Sicherheit bietet, auf einem schlimmen Plane zu beharren als ihn zu bereuen. So also ist diese Angelegenheit gesetzlich geregelt, wie ich es beschrieben habe. Wie menschlich und zweckmig dieses Verfahren ist, kann man leicht einsehen. bt es doch nur insoweit Strenge aus, als die Verbrechen beseitigt werden; dabei kostet es kein Menschenleben, und die beltter werden so behandelt, da sie gar nicht anders knnen, als gut zu sein und den Schaden, den sie vorher angerichtet haben, durch ihr weiteres Leben wieder gutzumachen. Da ferner Strflinge in ihre alte Lebensweise verfallen knnten, ist durchaus nicht zu befrchten. Infolgedessen halten sich auch Fremde, die irgendwohin reisen mssen, unter keiner anderen Fhrung fr sicherer als unter der jener Sklaven, die dann von einer Gegend zur anderen unmittelbar wechseln. Denn sie besitzen nichts, was sie zu einem Raubberfall reizen knnte: in der Hand haben sie keine Waffe, Geld wrde ihre verbrecherische Tat nur verraten, und der Ertappte mte mit Bestrafung und vlliger Aussichtslosigkeit, irgendwohin fliehen zu knnen, rechnen. Wie sollte es nmlich jemand auch fertig bringen, vllig unbemerkt zu fliehen, wenn sich seine Kleidung in jedem Stck von der seiner Landsleute unterscheidet? Er mte sich denn gerade nackend entfernen. Ja, auch in dem Falle wrde den Ausreier das Ohr verraten. Aber knnten die Strflinge nicht vielleicht an eine Verschwrung gegen den Staat denken? Wre das nicht doch eine Gefahr? Als ob irgendeine Gruppe solch eine Hoffnung hegen drfte, ehe nicht die Sklaven zahlreicher Landschaften unruhig geworden und aufgewiegelt sind, denen es nicht einmal erlaubt ist zusammenzukommen, miteinander zu sprechen oder sich gegenseitig zu gren, die also noch viel weniger eine Verschwrung anzetteln knnten! Sollte man ferner annehmen drfen, sie wrden diesen Plan inzwischen unbesorgt ihren Anhngern anvertrauen, whrend sie doch wissen, da Verschweigen gefhrlich, Verrat aber hchst vorteilhaft ist? Und dabei hat niemand so gnzlich die Hoffnung aufgegeben, doch irgendwann einmal die Freiheit wieder zu erlangen, wenn er sich gehorsam zeigt und eine Besserung in der Zukunft zuversichtlich erwarten lt. Wird doch in jedem Jahre ein paar Sklaven zum Lohn fr geduldiges Ausharren die Freiheit wieder geschenkt. So sprach ich. Als ich dann noch hinzufgte, es liege meiner Meinung nach gar kein Grund vor, dieses Verfahren nicht auch in England anzuwenden, und zwar mit viel grerem Erfolg als jenen Rechtsbrauch, den der Jurist so sehr gelobt hatte, da erwiderte mir dieser sofort: Niemals liee sich dieser Brauch in England einfhren, ohne da der Staat dadurch in die grte Gefahr geriete! Und bei diesen Worten schttelte er den Kopf, verzog den Mund und schwieg dann, und alle Anwesenden stimmten ihm zu. Da meinte der Kardinal: Man kann nicht so leicht voraussagen, ob die Sache gnstig oder ungnstig ausgeht, solange man sie berhaupt noch nicht erprobt hat. Aber nach Verkndigung eines Todesurteils knnte ja der Landesherr einen Aufschub der Vollstreckung anordnen und unter Einschrnkung der Privilegien der Asylsttten dieses neue Verfahren erproben. Sollte es sich durch den Erfolg als zweckmig bewhren, so wre es wohl richtig, es zur dauernden Einrichtung zu machen. Andernfalls knnte man ja die vorher Verurteilten auch dann noch hinrichten, und das wre von nicht geringem Vorteil fr den Staat und nicht ungerechter, als wenn es gleich geschhe, und auch in der Zeit des Aufschubs knnte keine Gefahr daraus erwachsen. Ja, wie mir sicher scheint, wrde dieselbe Behandlung auch den Landstreichern gegenber sehr angebracht sein; denn gegen sie haben wir zwar bis jetzt eine Menge Gesetze erlassen, aber trotzdem noch nichts erreicht. Sobald der Kardinal das gesagt hatte -- dasselbe, worber sich alle verchtlich geuert hatten, als sie es von mir hrten--, wetteiferte jeder, ihm das hchste Lob zu spenden, besonders jedoch seinem Vorschlag in betreff der Landstreicher, weil er den von sich aus hinzugefgt hatte. Vielleicht wre es besser, das, was jetzt folgte, gar nicht zu erwhnen -- es war nmlich lcherlich--, aber ich will es doch erzhlen; denn es war nicht bel und gehrte in gewissem Sinne zu unserer Sache. Es stand zufllig ein Schmarotzer dabei, der offenbar den Narren spielen wollte, sich aber so schlecht verstellte, da er mehr einem wirklichen Narren glich, indem er mit so faden uerungen nach Gelchter haschte, da man hufiger ber seine Person als ber seine Worte lachte. Zuweilen jedoch uerte der Mensch auch etwas, was nicht ganz so albern war, so da er das Sprichwort besttigte: Wer viel wrfelt, hat auch einmal Glck. Da meinte einer von den Tischgenossen, ich htte mit meiner Rede gut fr die Diebe gesorgt und der Kardinal auch noch fr die Landstreicher; nun bleibe nur noch brig, von Staats wegen auch noch die zu versorgen, die durch Krankheit oder Alter in Not geraten und arbeitsunfhig geworden seien. La mich das machen! rief da der Spavogel. Ich will auch das in Ordnung bringen! Denn es ist mein sehnlicher Wunsch, mich vom Anblick dieser Sorte Menschen irgendwie zu befreien. Mehr als einmal sind sie mir schwer zur Last gefallen, wenn sie mich mit ihrem Klagegeheul um Geld anbettelten. Niemals jedoch konnten sie das schn genug anstimmen, um auch nur einen Pfennig von mir zu erpressen. Es ist bei mir nmlich immer das eine von beiden der Fall: entweder habe ich keine Lust, etwas zu geben, oder ich habe nicht die Mglichkeit dazu, weil ich nichts zu geben habe. Infolgedessen werden die Bettler jetzt allmhlich vernnftig. Um sich nmlich nicht unntig anzustrengen, reden sie mich gar nicht mehr an, wenn sie mich vorbergehen sehen. So wenig erhoffen sie von mir noch etwas, in der Tat nicht mehr, als wenn ich ein Priester wre. Aber jetzt befehle ich, ein Gesetz zu erlassen, dem zufolge alle jene Bettler ohne Ausnahme auf die Benediktinerklster verteilt und zu sogenannten Laienbrdern gemacht werden; die Weiber aber, ordne ich an, sollen Nonnen werden. Da lchelte der Kardinal und stimmte im Scherz zu, die anderen dann auch im Ernst. Indessen heiterte dieser Witz ber die Priester und Mnche einen Theologen, einen Klosterbruder, so auf, da er, sonst ein ernster, ja beinahe finsterer Mann, jetzt gleichfalls anfing, Spa zu machen. Aber auch so, rief er, wirst du die Bettler nicht loswerden, wenn du nicht auch fr uns Klosterbrder sorgst! Aber das ist doch schon geschehen, erwiderte der Parasit. Der Kardinal hat ja vortrefflich fr euch gesorgt, indem er fr die Tagediebe Zwangsarbeit festsetzte; denn ihr seid doch die grten Tagediebe. Da blickten alle auf den Kardinal. Als sie aber sahen, da er auch diese Bemerkung nicht zurckwies, fingen sie alle an, sie mit groem Vergngen aufzunehmen; nur der Klosterbruder machte eine Ausnahme. Der nmlich, mit solchem Essig bergossen, geriet dermaen in Zorn und Hitze -- worber ich mich auch gar nicht wundere--, da er sich nicht mehr beherrschen konnte und zu schimpfen anfing. Er nannte den Menschen einen Taugenichts, einen Verleumder, einen Ohrenblser und ein Kind der Verdammnis und fhrte zwischendurch schreckliche Drohungen aus der Heiligen Schrift an. Jetzt aber begann der Witzbold ernsthaft zu spaen, und da war er ganz in seinem Element. Zrne nicht, lieber Bruder! sagte er. Es steht geschrieben: 'Durch standhaftes Ausharren sollt ihr euch das Leben gewinnen.' Darauf erwiderte der Klosterbruder -- ich will nmlich seine eigenen Worte wiedergeben--: Ich zrne nicht, du Galgenstrick, oder ich sndige wenigstens nicht damit. Denn der Psalmist sagt: 'Zrnt und sndigt nicht!' Darauf ermahnte der Kardinal den Klosterbruder in sanftem Tone, sich zu migen. Doch der antwortete: Herr, ich spreche nur in redlichem Eifer, wie ich es tun mu. Denn auch heilige Mnner haben einen redlichen Eifer bewiesen, weswegen es heit: 'Der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt'. Und in den Kirchen singt man: 'Die Sptter Elisas, Whrend er hinaufsteigt zum Hause Gottes, Bekommen den Eifer des Kahlkopfs zu spren', wie ihn vielleicht auch dieser Sptter da, dieser Possenreier, dieser Bruder Liederlich noch zu spren bekommen wird. Du handelst vielleicht in ehrlicher Erregung, sagte der Kardinal, aber mir will scheinen, es wrde mglicherweise frmmer, bestimmt aber klger von dir sein, wenn du nicht mit einem trichten und lcherlichen Menschen einen lcherlichen Streit beginnen wolltest. Nein, Herr, das wrde nicht klger von mir sein, erwiderte er. Sagt doch selbst der weise Salomo: 'Antworte dem Narren gem seiner Narrheit!', wie ich es jetzt tue und ihm die Grube zeige, in die er fallen wird, wenn er nicht recht auf der Hut ist. Wenn nmlich die vielen Sptter Elisas, der doch nur _ein_ Kahlkopf war, den Eifer des Kahlkopfes zu spren bekommen haben, um wieviel mehr wird ein einziger Sptter den Eifer der vielen Klosterbrder zu spren bekommen, unter denen sich doch viele Kahlkpfe befinden! Und auerdem haben wir ja noch eine ppstliche Bulle, auf Grund deren alle, die sich ber uns lustig machen, der Kirchenbann trifft. Sobald der Kardinal sah, da der Streit kein Ende nehmen wollte, gab er dem Schmarotzer einen Wink, sich zu entfernen, und brachte die Rede auf ein anderes Thema, das auch Anklang fand. Bald darauf stand er von der Tafel auf, entlie uns und widmete sich seinen Lehnsleuten, deren Anliegen er sich anhrte. Sieh da, mein lieber Morus, wie lang ist doch die Geschichte geworden, mit der ich dich belstigt habe! Ich htte mich entschieden geschmt, so ausfhrlich zu werden, wenn du es nicht dringend zu wissen verlangt httest und wenn es mir nicht den Eindruck gemacht htte, als wolltest du auch nicht _ein_ Wort von jenem Gesprch ausgelassen wissen; mit solcher Aufmerksamkeit hrtest du mir zu. Ich mute dies jedoch alles erzhlen -- freilich htte es wesentlich krzer geschehen knnen--, um die Urteilsfhigkeit dieser Leute ins rechte Licht zu rcken: wovon sie nmlich nichts wissen wollten, als sie es aus _meinem_ Munde hrten, eben das billigten sie auf der Stelle, als es der Kardinal billigte, und zwar gingen sie in ihrer Lobhudelei so weit, da sie sich sogar die Einflle seines Schmarotzers, die sein Herr im Scherz nicht zurckwies, in schmeichlerischer Weise gefallen lieen und sie beinahe fr Ernst nahmen. Daraus kannst du ermessen, wie hoch die Hflinge mich mit meinen Ratschlgen einschtzen wrden. In der Tat, mein lieber Raphael, erwiderte ich, deine Erzhlung war ein groer Genu fr mich; so klug und treffend zugleich hast du alles gesagt. Auerdem war es mir whrenddem so, als befnde ich mich wieder in meiner Heimat, und nicht blo dies, sondern als erlebte ich gewissermaen noch einmal meine Kindheit, bei der angenehmen Erinnerung an jenen Kardinal, an dessen Hofe ich als Knabe erzogen worden bin. Lieb und wert warst du mir ja auch sonst schon, mein Raphael, aber um wieviel teurer du mir durch die so hohe Ehrung des Andenkens an jenen Mann geworden bist, kannst du dir kaum vorstellen. Im brigen kann ich bis jetzt meine Ansicht in keinerlei Weise ndern; ich bin vielmehr entschieden der Meinung, wenn du dich entschlieen knntest, deine Abneigung gegen die Frstenhfe aufzugeben, so knntest du mit deinen Ratschlgen der ffentlichkeit den grten Nutzen stiften. Deshalb ist dies deine hchste Pflicht, die Pflicht eines braven Mannes. Und wenn vollends dein Plato der Ansicht ist, die Staaten wrden erst dann glcklich sein, wenn entweder die Philosophen Knige seien oder die Knige sich mit Philosophie befaten, wie fern wird da das Glck noch sein, wenn es die Philosophen sogar fr unter ihrer Wrde halten, den Knigen ihren guten Rat zuteil werden zu lassen. Sie sind nicht so ungefllig, antwortete er, da sie das nicht gern tun wrden -- sie haben es ja auch schon durch die Verffentlichung zahlreicher Bcher getan--, wenn nur die Machthaber bereit wren, die guten Ratschlge auch zu befolgen. Aber ohne Zweifel hat Plato richtig vorausgesehen, da die Knige nur dann die Ratschlge philosophierender Mnner gutheien werden, wenn sie sich selbst mit Philosophie beschftigen. Sind sie doch von Kindheit an mit verkehrten Meinungen getrnkt und von ihnen angesteckt, was Plato in eigener Person am Hofe des Dionysius erfahren mute. Oder meinst du nicht, ich wrde auf der Stelle fortgejagt oder verspottet werden, wenn ich am Hofe irgendeines Knigs gesunde Manahmen vorschlge und verderbliche Saaten schlechter Ratgeber auszureien versuchte? Wohlan, stelle dir vor, ich lebte am Hofe des Knigs von Frankreich und se mit in seinem Rate, whrend man in geheimster Zurckgezogenheit unter dem Vorsitze des Knigs selbst in einem Kreise der klgsten Mnner mit groem Eifer darber verhandelt, mit welchen Rnken und Machenschaften der Knig es fertig bringen kann, Mailand zu behaupten, jenes immer aufs neue abfallende Neapel wiederzugewinnen, ferner Venedig zu vernichten und sich ganz Italien zu unterwerfen, sodann Flandern, Brabant und schlielich ganz Burgund seinem Reiche einzuverleiben und auerdem noch andere Vlker, in deren Land der Knig schon lngst im Geiste eingefallen ist. Hier rt der eine, mit den Venetianern ein Bndnis zu schlieen, aber nur fr so lange, als es den Franzosen Nutzen bringt; mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen, ja auch einen Teil der Beute ihnen anzuvertrauen und dann wieder zurckzuverlangen, wenn alles nach Wunsch gegangen ist; ein anderer wieder schlgt vor, deutsche Landsknechte anzuwerben; ein dritter, Schweizer mit Geld kirre zu machen; ein vierter, sich die Gunst der kaiserlichen Majestt durch Gold wie durch ein Weihgeschenk zu erkaufen. Ein anderer wieder rt dem Frsten, sich mit dem Knig von Aragonien gtlich zu einigen und ihm gleichsam als Unterpfand des Friedens das Knigreich Navarra abzutreten, das ihm aber gar nicht gehrt. Unterdessen will ein anderer den Prinzen von Kastilien durch eine Aussicht auf eine Verschwgerung ins Garn locken und einige Granden seines Hofes durch eine bestimmte Barzahlung auf die Seite Frankreichs ziehen. Nun aber stt man auf die allergrte Schwierigkeit, was man nmlich bei alledem in betreff Englands beschlieen soll: immerhin msse man mit ihm doch wenigstens Friedensverhandlungen anknpfen und das immer unsicher bleibende Bndnis durch recht starke Bande befestigen; die Englnder solle man zwar Freunde nennen, ihnen aber wie Feinden mitrauen und deshalb die Schotten fr jeden Fall schlagfertig, gleichsam auf Posten, in Bereitschaft halten und sie sofort auf die Englnder loslassen, sobald sich diese irgendwie rhrten. Auerdem msse man einen hohen, in der Verbannung lebenden Adligen untersttzen, und zwar im geheimen -- eine offene Protektion lassen nmlich die Vertrge nicht zu--, der den englischen Thron fr sich beanspruche. Das solle fr den Knig von Frankreich eine Handhabe sein, den Knig von England im Zaume zu halten, dem er nicht trauen drfe. Und nun denke dir, hier, bei einem solchen Drange der Geschfte, wenn so viele ausgezeichnete Mnner um die Wette Ratschlge fr den Krieg erteilen, stnde ich armseliges Menschenkind auf und hiee pltzlich den Kurs ndern, schlge vor, Italien aufzugeben, und behauptete, man msse im Lande bleiben; das eine Knigreich Frankreich sei schon fast zu gro, als da es ein einziger gut verwalten knne; der Knig solle doch nicht glauben, er drfe noch an die Einverleibung anderer Reiche denken; und ich riete ihnen dann weiter, dem Beispiele der Achorier zu folgen, eines Volkes, das der Insel Utopia im Sdosten gegenberliegt. In alten Zeiten hatten sie einmal einen Krieg gefhrt, um ihrem Knig den Besitz eines zweiten Reiches zu sichern, das er auf Grund einer alten Verwandtschaft als sein Erbe beanspruchte. Als sie endlich ihr Ziel erreicht hatten, muten sie jedoch einsehen, da die Behauptung des Landes keineswegs leichter war als seine Eroberung, da vielmehr ohne Unterla Auflehnungen im Inneren oder berflle auf die Unterworfenen von auen daraus entstanden, da sie so dauernd entweder fr oder gegen jene kmpfen muten, da sich niemals die Mglichkeit bot, das Heer zu entlassen, da sie selber inzwischen ausgebeutet wurden, da ihr Geld ins Ausland ging, da sie ihr Blut fr ein wenig Ruhm eines Fremden vergossen, da der Friede im Inneren durchaus nicht gesicherter war, da der Krieg die Moral verdarb, da die Raubsucht den Menschen gleichsam in Fleisch und Blut berging, da die Rauflust infolge der Metzeleien zunahm und da man die Gesetze nicht mehr achtete. Und das alles, weil der Knig sein Interesse, das durch die Sorge fr zwei Reiche zersplittert wurde, jedem einzelnen nicht nachdrcklich genug zuwenden konnte. Da nun die Achorier sahen, diese so schlimmen Zustnde wrden auf andere Weise kein Ende nehmen, faten sie endlich einen Entschlu und lieen ihrem Frsten in beraus hflicher Form die Wahl, welches Reich von beiden er behalten wolle; beide knne er nmlich nicht lnger behalten; sie seien ein zu groes Volk, um von einem 'halbierten' Knig regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen seinen Maultiertreiber wrde teilen wollen. So sah sich denn jener brave Frst gezwungen, sein neues Reich einem seiner Freunde zu berlassen -- der brigens bald darauf gleichfalls verjagt wurde -- und sich mit dem alten zu begngen. Ferner wrde ich darauf hinweisen, da alle diese kriegerischen Versuche, die um des Knigs willen so viele Vlker in Unruhe versetzen wrden, durch irgendein Migeschick schlielich doch ohne Erfolg enden knnten, nachdem seine Geldmittel erschpft und sein Volk ruiniert seien. Ich wrde ihm deshalb raten, sein ererbtes Reich nach Mglichkeit zu pflegen und zu frdern und es zu hchster Blte zu bringen, seine Untertanen zu lieben und sich von ihnen lieben zu lassen, mit ihnen zusammen zu leben, sie mit Milde zu regieren und andere Reiche in Frieden zu lassen, da ihm ja schon genug und bergenug zugefallen sei. Mit was fr Ohren, meinst du, mein Morus, mte man da wohl meine Rede aufnehmen? Wahrhaftig, nicht mit sehr geneigten, erwiderte ich. Fahren wir also fort! sagte er. Die Ratgeber irgendeines Knigs debattieren und klgeln mit ihm aus, mit welchen Schelmenstreichen sie Gelder fr ihn aufhufen knnen. Einer rt dazu, den Geldwert zu erhhen, wenn der Knig selber eine Zahlung zu leisten hat, ihn aber anderseits unter das rechte Ma zu senken, wenn ihm eine Zahlung zu leisten ist. Auf diese Weise bezahlt er eine groe Schuld mit wenig Geld und erhlt fr eine kleine ausstehende Forderung viel. Ein anderer wieder schlgt vor, eine Kriegsgefahr vorzutuschen, unter diesem Vorwand Geld aufzubringen und dann zum geeignet erscheinenden Zeitpunkt Frieden zu schlieen, und zwar unter feierlichen Zeremonien; dadurch solle der breiten Masse des dummen Volkes vorgegaukelt werden, der fromme Frst habe offenbar aus Mitleid kein Menschenblut vergieen wollen. Ein dritter ruft ihm gewisse alte, von Motten angefressene und lngst nicht mehr angewendete Gesetze ins Gedchtnis, nach denen sich kein Mensch mehr richte, weil sich niemand besinnen knne, da sie berhaupt jemals erlassen worden seien, und er fordert ihn auf, Strafgelder fr diese Nichtbefolgung einzuziehen: kein Ertrag sei ergiebiger und zugleich ehrenhafter, da er ja die Maske der Gerechtigkeit zur Schau trage. Ein vierter wieder fordert den Knig auf, unter Androhung hoher Geldstrafen eine Menge Verbote zu erlassen, zumeist von Handlungen, die nicht den Interessen des Volkes dienen, gegen Geld aber Leuten Dispens zu erteilen, deren Privatinteressen ein Verbot im Wege steht. Auf diese Weise ernte er den Dank des Volkes und habe doppelten Gewinn, einmal aus der Bestrafung der Leute, die ihre Erwerbsgier ins Netz lockt, und sodann aus dem Verkauf der Vorrechte an andere, fr um so mehr Geld natrlich, je gewissenhafter der Frst ist; denn ein guter Herrscher begnstigt nur ungern einen Privatmann zum Nachteile seines Volkes und deshalb nur fr viel Geld. Wieder ein anderer sucht den Knig zu berreden, Richter anzustellen, die in jeder beliebigen Sache zu seinen Gunsten entscheiden; auerdem solle er sie einladen, in seinem Palaste und in seiner Gegenwart ber seine Angelegenheiten zu verhandeln; dann werde keiner seiner Prozesse so offensichtlich faul sein, da nicht einer der Richter, sei es aus Lust am Widerspruch oder aus Scheu vor Wiederholung von schon Gesagtem oder im Haschen nach der kniglichen Gunst irgendeinen Ritz entdecken wrde, in den man eine Rechtsverdrehung einklemmen knne. Wenn dann erst einmal bei Meinungsverschiedenheit der Richter ber die an sich vllig klare Sache debattiert und die Wahrheit in Frage gestellt werde, so biete sich dem Knig die gnstige Gelegenheit, das Recht zu seinem eigenen Vorteil auszulegen, und die anderen wrden sich aus Hochachtung oder aus Furcht seiner Meinung anschlieen. Und in diesem Sinne fllt dann spter der Gerichtshof unbedenklich das Urteil; denn es kann ja niemandem an einem Vorwand fehlen, sich zugunsten des Frsten zu entscheiden. Gengt es ihm doch, da entweder die Billigkeit fr ihn spricht oder der Wortlaut des Gesetzes oder die gewaltsam verdrehte Auslegung des Sinnes eines Schriftstckes oder, was gewissenhaften Richtern schlielich mehr gilt als alle Gesetze, des Frsten unbestreitbares Recht der obersten Entscheidung. Kurz, alle Ratgeber sind der gleichen Ansicht und wirken zusammen im Sinne jenes Wortes des Crassus, keine Menge Gold sei gro genug fr einen Frsten, der ein Heer unterhalten msse. Auerdem kann nach ihrer Meinung ein Knig gar kein Unrecht tun, mag er es auch noch so sehr wnschen; denn der gesamte Besitz aller seiner Untertanen wie auch diese selbst sind, so glauben sie, sein Eigentum, und jedem einzelnen gehrt nur so viel, wie ihm seines Knigs Gnade noch lt. Der aber mu groen Wert darauf legen, da dieser Rest mglichst gering ist; denn seine Sicherheit beruht darauf, da sein Volk nicht durch Reichtum oder Freiheit bermtig wird, weil beides eine harte und ungerechte Herrschaft weniger geduldig ertragen lt, whrend anderseits Armut und Not abstumpfen, geduldig machen und den Untertanen in ihrer Bedrngnis den grozgigen Geistesschwung der Emprung nehmen. Nun stelle dir wieder vor, ich stnde jetzt noch einmal auf und behauptete, alle diese Plne seien fr den Knig unehrenhaft und verderblich; denn nicht nur seine Ehre, sondern auch seine Sicherheit beruhe weniger auf seinem eigenen Reichtum als auf dem seiner Untertanen. Ich wrde dann weiter ausfhren, da sich diese einen Knig nicht in dessen, sondern in ihrem eigenen Interesse whlen, um nmlich, dank seiner eifrigen Bemhung, selber in Ruhe und Sicherheit vor Gewalttaten zu leben. Deshalb hat der Frst, so wrde ich weiter sagen, die Pflicht, mehr auf seines Volkes Wohlergehen als auf sein eigenes bedacht zu sein, genau so wie es die Pflicht eines Hirten ist, mehr fr die Ernhrung seiner Schafe als fr seine eigene zu sorgen, wenigstens in seiner Eigenschaft als Schafhirt. Denn in der Armut des Volkes einen Schutz zu sehen, ist, wie schon die Erfahrung lehrt, ein gewaltiger Irrtum. Wo knnte man nmlich mehr Zank und Streit finden als unter Bettlern? Und wer ist eifriger auf Umsturz bedacht als der, dem seine augenblickliche Lage so gar nicht gefallen will? Oder wen beseelt schlielich ein khneres Verlangen nach einem allgemeinen Durcheinander, in der Hoffnung auf irgend welchen Gewinn, als den, der nichts mehr zu verlieren hat? Sollte nun aber wirklich ein Knig von seinen Untertanen so sehr verachtet oder gehat werden, da er sie nicht anders im Zaume halten kann, als indem er mit Mihandlungen, Ausplnderung und Gterparzellierung gegen sie vorgeht und sie an den Bettelstab bringt, dann wre es wirklich besser fr ihn, er legte seine Herrschaft nieder, als da er sie mit Hilfe solcher Knste behauptet; sie retten ihm wohl den Namen seiner Herrschaft, aber ihrer Erhabenheit geht er bestimmt verlustig. Denn es ist eines Knigs nicht wrdig, ber Bettler zu herrschen, sondern vielmehr ber reiche und glckliche Menschen. Eben das meint sicherlich der hochgemute und geistig berlegene Fabricius mit der Antwort, er wolle lieber Reichen gebieten als selber reich sein. Und in der Tat! Als einzelner in Vergngen und Genssen schwimmen, whrend ringsherum andere seufzen und jammern, das heit nicht Hter eines Thrones, sondern eines Kerkers sein. Kurzum: wie es demjenigen Arzte an jeder Erfahrung fehlt, der eine Krankheit nur durch eine andere zu heilen versteht, so mag der seine vllige Unfhigkeit zur Herrschaft ber Freie ruhig eingestehen, der das Leben der Staatsbrger nur dadurch zu bessern wei, da er ihnen nimmt, was das Leben lebenswert macht. Ja wahrhaftig, er soll doch lieber seine Trgheit oder seinen Stolz aufgeben; denn diese Laster ziehen ihm in der Regel die Verachtung oder den Ha seines Volkes zu. Er soll rechtschaffen von seinen Mitteln leben und seine Ausgaben den Einnahmen anpassen. Er soll ferner die Missetaten einschrnken und lieber durch richtige Belehrung seiner Untertanen verhten, als sie erst anwachsen zu lassen und dann zu bestrafen. Gesetze, die gewohnheitsmig aus der bung gekommen sind, soll er nicht aufs Geratewohl erneuern, zumal wenn sie schon lange nicht mehr angewendet und niemals vermit worden sind. Er soll auch niemals fr ein derartiges Vergehen eine Geldstrafe einziehen, was der Richter auch einem Privatmanne als unbillig und unlauter untersagen wrde. Ferner wrde ich jenen Ratgebern ein Gesetz der Macarenser mitteilen, die gleichfalls nicht eben weit von Utopia entfernt wohnen. An dem Tage seiner Regierungsbernahme verpflichtet sich nmlich ihr Knig unter Darbringung feierlicher Opfer eidlich, nie auf einmal mehr als tausend Pfund Gold oder den entsprechenden Wert in Silber in seinen Kassen zu haben. Diese Bestimmung soll ein vortrefflicher Knig getroffen haben, dem das Wohl seines Landes mehr als sein persnlicher Reichtum am Herzen lag. Mit dieser Manahme wollte er in seinem Volke einer Geldknappheit infolge Anhufung einer zu groen Geldsumme vorbeugen. Er sah nmlich ein, dieser Betrag werde fr den Monarchen gro genug sein zum Kampfe gegen die Rebellen und gro genug fr die Monarchie zur Abwehr feindlicher Angriffe; dagegen sei er nicht gro genug, um zu Einfllen in fremdes Gebiet Lust zu machen. Das war der hauptschlichste Grund fr den Erla des genannten Gesetzes. Der nchste Grund aber war, da jener Knig glaubte, auf diese Weise einen Mangel an den Zahlungsmitteln verhtet zu haben, die tglich im Handelsverkehr der Brger im Umlauf waren. Auch war er der Ansicht, ein Knig werde bei allen unvermeidlichen Ausgaben, die den Staatsschatz ber das gesetzliche Ma hinaus belasten, keine Mglichkeiten zu einer gewaltsamen Manahme suchen. Einen solchen Knig werden die Bsen frchten und die Guten lieben. Wrde ich also dies und noch mehr dergleichen bei Leuten vorbringen, die leidenschaftlich den entgegengesetzten Grundstzen huldigen, was fr tauben Ohren wrde ich da wohl predigen? Stocktauben, ohne Zweifel, erwiderte ich. Und in der Tat, darber wundere ich mich auch gar nicht. Auch will es mir, um die Wahrheit zu sagen, nicht angebracht erscheinen, derartige Reden zu halten und solche Ratschlge zu erteilen, die, wie man sicher wei, niemals befolgt werden. Was knnte denn auch der Nutzen einer so ungewhnlichen Rede sein, oder wie sollte sie berhaupt eine Wirkung ausben auf Leute, die von einer ganz anderen berzeugung voreingenommen und tief durchdrungen sind? Unter lieben Freunden, im vertraulichen Gesprch, ist solches theoretisches Philosophieren nicht ohne Reiz, aber in einem Rate von Frsten, wo mit gewichtiger Autoritt ber Fragen von Bedeutung verhandelt wird, ist fr so etwas kein Platz. Da haben wir ja, rief er, was ich immer sagte: An Frstenhfen will man eben von Philosophie nichts wissen. Gewiß«, erwiderte ich, es ist wahr: nichts von dieser rein theoretischen Philosophie, die da meint, jeder beliebige Satz sei berall am Platze. Aber es gibt ja noch eine andere Art von Philosophie, die die besonderen Bedingungen ihres Landes und ihrer Zeit besser kennt. Ihr ist die Bhne, auf der sie zu spielen hat, bekannt, sie pat sich ihr an und fhrt ihre Rolle in dem Stck, das gerade gegeben wird, gefllig und mit Anstand durch. Das ist die Philosophie, die fr dich in Betracht kommt. Wie wre es brigens, wenn du bei der Auffhrung einer Komdie des Plautus, gerade whrend die Haussklaven untereinander Possen treiben, in der Tracht eines Philosophen auf der Bhne erschienest und aus der Octavia die Stelle hersagtest, in der Seneca mit Nero disputiert? Wre es da nicht besser, du trtest nur als Statist auf, anstatt Unpassendes zu deklamieren und dadurch eine solche Tragikomdie vorzufhren? Du wrdest ja das Stck, das man gerade spielt, verderben und ber den Haufen werfen, indem du so ganz Verschiedenartiges durcheinandermengst, selbst wenn das, was du bringst, der wertvollere Beitrag wre. Was fr ein Stck gerade aufgefhrt wird, darin mut du so gut wie mglich mitspielen, und du darfst das ganze Stck nicht deshalb in Unordnung bringen, weil dir ein hbscheres von einem anderen Verfasser in den Sinn gekommen ist. So ist es im Staate, so bei den Beratungen der Frsten. Kann man verkehrte Meinungen nicht mit der Wurzel ausrotten und kann man beln, die sich durch lange Gewohnheit eingenistet haben, nicht nach seiner innersten berzeugung abhelfen, so darf man deshalb doch nicht gleich den Staat im Stiche lassen und im Sturme das Schiff nicht deshalb preisgeben, weil man den Winden nicht Einhalt gebieten kann. Man darf auch nicht den Menschen eine ungewhnliche und lstige Rede aufdrngen, die, wie man wei, auf Leute, die entgegengesetzter Meinung sind, gar keinen Eindruck machen wird. Man mu es lieber auf einem Umwege versuchen und sich bemhen, an seinem Teile alles geschickt zu behandeln und, was man nicht zum Guten wenden kann, wenigstens zu einem mglichst kleinen bel werden zu lassen. Denn unmglich knnen alle Verhltnisse gut sein, solange nicht alle Menschen gut sind. Darauf aber werde ich wohl noch manches Jahr warten mssen. Dieses Verhalten, meinte er, htte nichts anderes zur Folge, als da ich, in dem Bestreben, die Raserei anderer zu heilen, selber mit ihnen zu rasen anfinge. Denn wenn ich die Wahrheit sagen will, so mu ich so reden; ob es dagegen eines Philosophen wrdig ist, die Unwahrheit zu sagen, wei ich nicht. Mir wenigstens widerstrebt es. Es mag schon sein, da meine Rede jenen Leuten vielleicht unwillkommen und lstig ist. Trotzdem aber sehe ich nicht ein, warum sie ihnen bis zur Unschicklichkeit ungewhnlich erscheinen sollte. Wenn ich nun entweder das anfhrte, was Plato in seinem Staate fingiert, oder das, was die Utopier in ihrem Staate tun, so knnte das, obgleich es an sich das Bessere wre -- und das ist es auch wirklich--, doch unpassend erscheinen, weil es hier Privatbesitz der einzelnen gibt, dort aber alles gemeinsamer Besitz aller ist. Wie ist es denn nun aber eigentlich mit _meiner_ Rede? Abgesehen davon, da den Leuten, die auf einem anderen Wege kopfber vorwrtsstrzen wollen, ein Mann nicht lieb sein kann, der sie zurckruft und auf Gefahren aufmerksam macht, was enthielt sie denn sonst, das nicht berall gesagt werden drfte oder sogar gesagt werden sollte? Mte man freilich alles als unerhrt und widersinnig beiseite lassen, was verkehrter menschlicher Anschauung zufolge als seltsam erscheint, dann mten wir unter den Christen das meiste von allem geheimhalten, was Christus gelehrt und uns so streng zu verleugnen verboten hat, da er uns sogar geboten hat, auch das, was er seinen Jngern nur ins Ohr geflstert hatte, ffentlich auf den Dchern zu verknden. Steht doch diese Lehre zum grten Teile weit weniger im Einklang mit unseren heutigen Sitten als meine Rede, nur da die Volksredner in ihrer Schlauheit, wie mir scheint, deinen Rat befolgt haben. Als sie nmlich sahen, da die Menschen nur ungern ihr Verhalten der Vorschrift Christi anpaten, paten sie umgekehrt seine Lehre, als wre sie biegsam wie ein Richtma aus Blei, den herrschenden Sitten an, damit beides einigermaen wenigstens in bereinstimmung miteinander gebracht wrde. Ich kann aber nicht einsehen, welchen Nutzen sie damit gestiftet haben, auer da die Bosheit grere Sicherheit geniet, und ich selbst wrde in der Tat in dem Rate eines Frsten ebensowenig Nutzen stiften. Entweder nmlich wrde ich eine abweichende Meinung uern -- das wre dann genau so, als wenn ich gar nichts sagte--, oder eine zustimmende, und damit wrde ich zum Helfershelfer ihres Wahnsinns, wie Micio bei Terenz sagt. Denn was jenen von dir erwhnten Umweg anlangt, so kann ich nicht einsehen, was fr eine Bewandtnis es damit haben soll. Du meinst, man msse auf ihm zu erreichen suchen, da die Verhltnisse, wenn man sie nun einmal nicht grndlich bessern kann, wenigstens geschickt behandelt werden und sich, soweit das geht, mglichst wenig schlecht gestalten. Denn von Vertuschen kann hier keine Rede sein, und die Augen darf man nicht zudrcken. Die schlechtesten Ratschlge sollen offen gebilligt und die verderblichsten Verfgungen unterschrieben werden. Ein Schurke, ja fast ein Hochverrter wrde sein, wer unheilvolle Beschlsse in arglistiger Weise doch guthiee. Ferner bietet sich einem gar keine Gelegenheit, sich irgendwie ntzlich zu machen, wenn man unter solche Amtsgenossen gert, die auch den besten Mann verderben, anstatt sich selbst durch ihn bessern zu lassen. Der Umgang mit diesen verdorbenen Menschen wird dich entweder auch verderben, oder, wenn du auch selbst unbescholten und ohne Schuld bleibst, so wirst du doch fremder Bosheit und Torheit zum Deckmantel dienen. So viel fehlt also daran, da du mit jenem deinen Umwege etwas zum Besseren wenden knntest. Deshalb erklrt auch Plato mit einem wunderschnen Gleichnis, warum sich die Weisen mit Fug und Recht von politischer Bettigung fernhalten sollen. Sie sehen nmlich, wie das Volk auf die Straen strmt und ununterbrochen von Regengssen durchnt wird, knnen es aber nicht dazu bewegen, sich vor dem Regen in Sicherheit zu bringen und in die Huser zu gehen. Weil sie aber wissen, da sie, wenn sie auch auf die Strae gehen, nichts weiter erreichen, als da sie selbst mit einregnen, so bleiben sie im Hause und sind damit zufrieden, wenigstens selber in Sicherheit zu sein, wenn sie schon fremder Torheit nicht steuern knnen. Wenn ich freilich ganz offen meine Meinung kundgeben soll, mein lieber Morus, so mu ich sagen: ich bin in der Tat der Ansicht, berall, wo es noch Privateigentum gibt, wo alle an alles das Geld als Mastab anlegen, wird kaum jemals eine gerechte und glckliche Politik mglich sein, es sei denn, man will dort von Gerechtigkeit sprechen, wo gerade das Beste immer den Schlechtesten zufllt, oder von Glck, wo alles unter ganz wenige verteilt wird und wo es auch diesen nicht in jeder Beziehung gut geht, der Rest aber ein elendes Dasein fhrt. So erwge ich denn oft die so klugen und ehrwrdigen Einrichtungen der Utopier, die so wenig Gesetze und trotzdem eine so ausgezeichnete Verfassung haben, da das Verdienst belohnt wird und trotz gleichmiger Verteilung des Besitzes allen alles reichlich zur Verfgung steht. Und dann vergleiche ich im Gegensatz dazu mit ihren Gebruchen die so vieler anderer Nationen, die nicht aufhren zu ordnen, von denen allen aber auch nicht eine jemals so richtig in Ordnung ist. Bei ihnen bezeichnet jeder, was er erwirbt, als sein Privateigentum; aber ihre so zahlreichen Gesetze, die sie tagtglich erlassen, reichen nicht aus, jemandem den Erwerb dessen, was er sein Privateigentum nennt, oder seine Erhaltung oder seine Unterscheidung von fremdem Besitz zu sichern, was jene zahllosen Prozesse deutlich beweisen, die ebenso ununterbrochen entstehen, wie sie niemals aufhren. Wenn ich mir das so berlege, werde ich Plato doch besser gerecht und wundere mich weniger darber, da er es verschmht hat, fr jene Leute irgendwelche Gesetze zu erlassen, die eine auf Gesetzen beruhende gleichmige Verteilung aller Gter unter alle ablehnen. In seiner groen Klugheit erkannte er offensichtlich ohne weiteres, da es nur einen einzigen Weg zum Wohle des Staates gibt: die Einfhrung der Gleichheit des Besitzes. Diese ist aber wohl niemals dort mglich, wo die einzelnen ihr Hab und Gut noch als Privateigentum besitzen. Denn, wo jeder auf Grund gewisser Rechtsansprche an sich bringt, soviel er nur kann, teilen nur einige wenige die gesamte Menge der Gter unter sich, mag sie auch noch so gro sein, und lassen den anderen nur Mangel und Not brig. Und in der Regel ist es so, da die einen in hchstem Grade das Los der anderen verdienen; denn die Reichen sind habgierige, betrgerische und nichtsnutzige Menschen, die Armen dagegen bescheidene und schlichte Mnner, die durch ihre tgliche Arbeit dem Gemeinwesen mehr als sich selbst ntzen. Ich bin daher der festen berzeugung, das einzige Mittel, auf irgendeine gleichmige und gerechte Weise den Besitz zu verteilen und die Sterblichen glcklich zu machen, ist die gnzliche Aufhebung des Privateigentums. Solange es das noch gibt, wird der weitaus grte und beste Teil der Menschheit die bengstigende und unvermeidliche Last der Armut und der Kmmernisse dauernd weiterzutragen haben. Sie kann wohl ein wenig erleichtert werden, das gebe ich zu; aber sie vllig zu beseitigen, das ist, so behaupte ich, unmglich. Man knnte ja fr den Besitz des einzelnen an Grund und Boden ein bestimmtes Hchstma festsetzen und ebenso eine bestimmte Grenze fr das Barvermgen; man knnte auch durch Gesetze einer zu groen Macht des Frsten und einer zu groen Anmaung des Volkes vorbeugen. Ferner knnte man die Erlangung von mtern durch allerlei Schliche oder durch Bestechung und die Forderung von Aufwand whrend der Amtsttigkeit unterbinden. Andernfalls nmlich bietet sich Gelegenheit, sich das verausgabte Geld durch Betrug und Raub wieder zu verschaffen, und man sieht sich gezwungen, reichen Leuten _die_ mter zu geben, die man lieber Fhigen htte geben sollen. Durch solche Gesetze kann man die erwhnten belstnde wohl mildern und abschwchen, ebenso wie man kranke Krper in hoffnungslosem Zustande durch unablssige warme Umschlge zu strken pflegt. Aber auf eine vollstndige Behebung der belstnde und auf den Eintritt eines erfreulichen Zustandes darf man ganz und gar nicht hoffen, solange jeder noch Privateigentum besitzt. Ja, whrend man an der einen Stelle zu heilen sucht, verschlimmert man die Wunde an anderen Stellen. So entsteht abwechselnd aus der Heilung des einen die Krankheit des anderen; denn niemandem kann man etwas zulegen, was man einem anderen nicht erst weggenommen hat. Aber ich bin gerade der entgegengesetzten Meinung, erwiderte ich, da man sich nmlich niemals dort wohl fhlen kann, wo Gtergemeinschaft herrscht. Denn wie knnte die Menge der Gter ausreichen, wenn jeder sich um die Arbeit drckt, weil ihn ja keine Rcksicht auf Erwerb zur Arbeit anspornt und weil ihn die Mglichkeit, sich auf den Flei anderer zu verlassen, trge werden lt? Aber wenn auch die Not die Menschen zur Arbeit anstacheln sollte, wrde man da nicht dauernd durch Mord und Aufruhr in Gefahr schweben, falls niemand auf Grund irgendeines Gesetzes das, was er erwirbt, als sein Eigentum schtzen knnte? Zumal wenn die Autoritt der Behrden und die Achtung vor ihnen geschwunden ist, wie knnte dann fr beides Platz sein bei Menschen, zwischen denen keinerlei Unterschied besteht? Das kann ich mir nicht einmal vorstellen. ber diese deine Ansichten wundere ich mich gar nicht, erwiderte Raphael; denn von einem solchen Staate hast du entweder gar keine Anschauung oder nur eine falsche. Wrest du jedoch mit mir in Utopien gewesen und httest du dort mit eigenen Augen die Sitten und Einrichtungen kennengelernt, wie ich es getan habe, der ich ber fnf Jahre dort gelebt habe und gar nicht wieder htte fortgehen mgen, auer um die Kenntnis von dieser neuen Welt zu verbreiten, so wrdest du entschieden zugeben, du habest nirgends anderswo ein Volk mit einer guten Verfassung gesehen auer dort. Und doch, sagte Peter gid, wirst du mich in der Tat nur schwer davon berzeugen knnen, da es in jener neuen Welt ein Volk mit besserer Verfassung gibt als in dieser uns bekannten. Haben wir doch hier ebenso kluge Kpfe, und die Staatswesen sind, meine ich, lter als dort; auch verdanken unsere Kulturgter ihre Entstehung zum grten Teile langer Erfahrung, wobei ich nicht unerwhnt lassen will, da bei uns manches durch Zufall entdeckt worden ist, was zu erdenken kein Scharfsinn ausgereicht htte. ber das Alter der Staaten wrdest du richtiger urteilen knnen, erwiderte jener, wenn du die Geschichtswerke ber jene Welt genau gelesen httest. Darf man ihnen glauben, so hat es dort frher Stdte gegeben als bei uns Menschen. Alles aber, was bis heute der Scharfsinn erfunden oder der Zufall entdeckt hat, konnte hier wie dort vorhanden sein. Im brigen ist es meine feste berzeugung: Mgen wir jenen Leuten auch an Gaben des Geistes voraussein, an Eifer und Flei bleiben wir trotzdem weit hinter ihnen zurck. Wie nmlich aus ihren Chroniken hervorgeht, hatten sie vor unserer Landung dort niemals etwas von unserer Welt gehrt -- sie nennen uns Ultraquinoktialen--, auer da in alten Zeiten, vor nunmehr 1200 Jahren, in der Nhe der Insel Utopia ein vom Sturm dorthin verschlagenes Schiff durch Schiffbruch unterging. Dabei warfen die Wellen etliche Rmer und gypter an den Strand, die dann nie wieder fortgingen. Und nun sieh, wie die Utopier in ihrem Fleie diese in ihrer Art einzige Gelegenheit ausnutzten! Es gab im ganzen rmischen Reiche keine irgendwie ntzliche Kunstfertigkeit, die sie nicht von den gestrandeten Fremdlingen erlernt oder die sie nicht, im Besitze der Keime ihrer Kenntnis, weiter ausgebildet htten. Von solchem Vorteil war es fr sie, da auch nur ein einziges Mal ein paar Leute von hier dorthin verschlagen wurden. Sollte aber ein hnlicher glcklicher Zufall frher einmal jemanden von dort hierher gebracht haben, so ist das heute ebenso gnzlich vergessen, wie sich vielleicht sptere Geschlechter auch meines Aufenthaltes dort nicht mehr erinnern werden. Und whrend sich die Utopier schon bei der ersten Berhrung mit uns alle unsere ntzlichen Erfindungen aneigneten, wird es dagegen lange dauern, bis _wir_ irgendeine Einrichtung bernehmen, die bei ihnen besser ist als bei uns. Dies halte ich auch fr den Hauptgrund dafr, da trotz unserer geistigen und materiellen berlegenheit ihr Staat dennoch klger verwaltet wird und glcklicher aufblht. Also, mein lieber Raphael, sagte ich, so bitte ich dich dringend, gib uns eine Beschreibung der Insel und fasse dich nicht zu kurz, sondern erlutere uns der Reihe nach Landschaft, Flsse, Stdte, Menschen, Sitten, Einrichtungen, Gesetze, kurz alles, was wir, wie du meinst, gern kennenlernen wollen! Du kannst aber annehmen, da wir alles wissen mchten, was wir bis jetzt nicht wissen. Nichts werde ich lieber tun, erwiderte er; denn das habe ich noch frisch im Gedchtnis. Aber die Sache erfordert Zeit. So wollen wir denn hineingehen, sagte ich, und frhstcken; dann nehmen wir uns Zeit, ganz wie es uns beliebt! Einverstanden! erwiderte er. Und so gingen wir ins Haus und frhstckten. Danach kehrten wir an den alten Platz zurck und nahmen auf derselben Bank Platz. Den Dienern sagte ich, wir wollten von niemandem gestrt werden. Dann erinnerten Peter gid und ich den Raphael an sein Versprechen. Als er uns nun in solcher Spannung und Erwartung sah, sa er erst eine Weile schweigend und nachdenklich da, dann begann er folgendermaen. (Ende des ersten Buches. Es folgt das zweite.) ZWEITES BUCH Des Raphael Hythlodeus Rede ber den besten Zustand des Staates Von Thomas Morus Die Insel der Utopier hat in der Mitte -- da ist sie nmlich am breitesten -- eine Ausdehnung von 200 Meilen, ist ber eine groe Strecke hin nicht viel schmler und nimmt nach den beiden Enden zu allmhlich ab. Diese runden die ganze Insel zu einem Halbkreise von 500 Meilen Umfang ab und geben ihr die Gestalt des zunehmenden Mondes. Zwischen den beiden Hrnern befindet sich eine Meeresbucht von etwa elf Meilen Breite. Land umgibt diese gewaltige Wasserflche auf allen Seiten und schtzt sie vor Winden. Sie ist weniger strmisch bewegt und gleicht mehr einem ruhigen See von ungeheurer Ausdehnung, macht fast die ganze Ausbuchtung des Landes zu einem Hafen und ermglicht den Schiffsverkehr nach allen Richtungen. Die Einfahrt in den Hafen gefhrden auf der einen Seite Untiefen und auf der anderen Klippen. Etwa in der Mitte ragt ein einzelner Felsen empor, der aber ungefhrlich ist. Auf ihm steht ein Turm, in den die Utopier eine Besatzung gelegt haben. Die brigen Klippen sind unsichtbar und deshalb gefhrlich. Die Fahrstraen kennen nur die Eingeborenen, und so kann ein Auslnder ohne einen Lotsen aus Utopien nur schwer in diese Bucht eindringen; knnten doch die Utopier selber kaum ohne Gefahr dort einlaufen, wenn nicht gewisse Seezeichen vom Strande aus die Richtung angben, und durch ihre Umsetzung wren sie imstande, jeder auch noch so groen feindlichen Flotte den Untergang zu bereiten. Auf der anderen Seite liegen gut besuchte Hfen. Aber berall ist der Zugang zum Lande so stark durch Natur oder Kunst befestigt, da auch nur eine Handvoll Verteidiger selbst gewaltige Truppenmassen abwehren knnte. brigens war dieses Land, wie man berichtet und wie der Augenschein deutlich zeigt, vor Zeiten noch keine Insel. Vielmehr hat erst Utopus, der als Eroberer die Insel nach sich benannt hat -- bis dahin hie sie Abraxa -- und der den rohen und unkultivierten Volksstamm in Kultur und Gesittung auf eine solche Hhe gebracht hat, da er die brigen Vlker bertrifft, das Land zur Insel gemacht. Kaum war er nmlich dort gelandet und Herr des Landes geworden, so lie er eine Strecke von 15 Meilen auf der Seite, wo die Halbinsel mit dem Festlande zusammenhing, ausstechen und fhrte so das Meer ringsherum. Da er zu dieser Arbeit, um sie nicht als Schmach empfinden zu lassen, nicht nur die Eingeborenen zwang, sondern auerdem alle seine Soldaten hinzuzog, verteilte sie sich auf eine gewaltige Menge Menschen, und so wurde das Werk mit unglaublicher Schnelligkeit vollendet. Bei den Nachbarvlkern aber, die es anfangs als ein aussichtsloses Beginnen ins Lcherliche gezogen hatten, erregte der Erfolg Staunen und Schrecken. Die Insel hat 54 Stdte, alle gerumig und prchtig, in Sprache, Sitten, Einrichtungen und Gesetzen einander vllig gleich. Sie sind alle in derselben Weise angelegt und haben, soweit das bei der Verschiedenheit des Gelndes mglich ist, dasselbe Aussehen. Die geringste Entfernung zwischen ihnen betrgt 24 Meilen; anderseits wieder ist keine so abgelegen, da man nicht von ihr aus eine andere an _einem_ Tage zu Fu erreichen knnte. Aus jeder Stadt kommen alljhrlich drei erfahrene Greise in Amaurotum zusammen, um sich ber gemeinsame Angelegenheiten der Insel zu beraten. Diese Stadt wird nmlich als erste und als Hauptstadt betrachtet, weil sie gleichsam im Herzen des Landes und somit fr die Abgeordneten aller Landesteile bequem liegt. Ackerland ist den Stdten planmig zugeteilt, und zwar so, da einer jeden nach jeder Richtung hin mindestens 12 Meilen Anbauflche zur Verfgung stehen, nach manchen Richtungen hin jedoch noch viel mehr, nmlich dort, wo die Stdte weiter auseinanderliegen. Keine Stadt ist auf Erweiterung ihres Gebietes bedacht; denn die Einwohner betrachten sich mehr als seine Bebauer denn als seine Besitzer. Auf dem flachen Lande haben die Utopier Hfe, die zweckmig ber die ganze Anbauflche verteilt und mit landwirtschaftlichen Gerten versehen sind; in ihnen wohnen Brger, die abwechselnd dorthin ziehen. Jeder lndliche Haushalt zhlt an Mnnern und Frauen mindestens 40 Kpfe, wozu noch zwei zur Scholle gehrige Knechte kommen. Einem Haushalte stehen ein Hausvater und eine Hausmutter vor, gesetzte und an Erfahrung reiche Personen, und an der Spitze von je 30 Familien steht ein Phylarch. Aus jeder Familie wandern jhrlich 20 Personen in die Stadt zurck, nachdem sie zwei ganze Jahre auf dem Lande zugebracht haben, und werden durch ebensoviel neue aus der Stadt ersetzt. Diese werden dann von denen, die schon ein Jahr dort gewesen sind und deshalb grere Erfahrung in der Landwirtschaft besitzen, angelernt, um ihrerseits wiederum im folgenden Jahre andere zu unterweisen. Dadurch will man Fehler in der Getreideversorgung verhten, die infolge Mangels an Erfahrung gemacht werden knnten, wenn alle dort zu gleicher Zeit unerfahrene Neulinge wren. Diese Sitte, mit den Bebauern zu wechseln, ist zwar die gewhnliche, weil niemand gegen seinen Willen und nur unter Zwang das mhsamere Leben auf dem Lande lnger ohne Unterbrechung zubringen soll; viele jedoch, denen die Landwirtschaft von Natur Freude macht, erwirken sich einen Aufenthalt von mehr Jahren. Die Ackerbauer bestellen das Land, treiben Viehzucht, beschaffen Holz und fahren es bei Gelegenheit zu Wasser oder zu Lande nach der Stadt. Kcken ziehen sie in gewaltiger Menge auf, und zwar mit Hilfe einer wunderbaren Vorrichtung. Sie lassen nmlich die Hhnereier nicht von den Hennen ausbrten, sondern setzen sie in groer Zahl einer gleichmigen Wrme aus, erwecken sie dadurch zum Leben und ziehen dann die Kcken gro. Kaum sind diese ausgeschlpft, so laufen sie den Menschen wie ihren Mttern nach und erkennen sie immer wieder. Pferde ziehen die Utopier in ganz geringer Zahl auf, und zwar nur sehr feurige Tiere; sie sind einzig und allein fr bungen der Jugend in der Reitkunst bestimmt. Denn alle Arbeit bei der Feldbestellung oder beim Transport verrichten Ochsen. Sie sind zwar, wie die Utopier offen zugeben, nicht so feurig wie die Pferde, besitzen aber dafr ihrer Meinung nach mehr Ausdauer und eine grere Widerstandsfhigkeit gegen Krankheiten. Auerdem erfordert ihr Unterhalt weniger Aufwand an Mhe und Kosten, und zuletzt sind sie, wenn sie ausgedient haben, doch noch fr die Ernhrung zu gebrauchen. Getreide verwenden die Utopier nur zur Brotbereitung; denn als Getrnk dient ihnen Wein von Trauben oder pfeln oder Birnen oder schlielich auch Wasser, das sie bisweilen unvermischt trinken, oft aber auch mit Honig oder Sholz verkocht, das es bei ihnen in nicht geringer Menge gibt. Den Verbrauch von Lebensmitteln durch die Stadt und ihre Umgebung haben sie zwar ermittelt und kennen ihn ganz genau, trotzdem bauen sie viel mehr Getreide an und ziehen auch viel mehr Vieh auf, als fr den Eigenbedarf ntig ist, um dann den berschu an ihre Nachbarn abzugeben. Alles, was sie an Hausrat brauchen, den es auf dem Lande nicht gibt, verlangen sie von der Stadt und erhalten es auch ohne jede Gegenleistung bereitwillig von den Behrden; denn die meisten von ihnen kommen sowieso in jedem Monat an einem Feiertage in der Stadt zusammen. Wenn die Erntezeit naht, melden die Phylarchen der Ackerbauer den stdtischen Behrden, wieviel Brger sie ihnen schicken sollen. Diese Schar Erntearbeiter trifft am festgesetzten Tage rechtzeitig ein, und bei gutem Wetter erledigt man dann so ziemlich an einem einzigen Tage die gesamte Erntearbeit. Die Stdte, namentlich Amaurotum Wer _eine_ Stadt kennt, kennt _alle_: so vllig hnlich sind sie einander, soweit nicht die Beschaffenheit des Gelndes dem entgegensteht. Ich will deshalb irgendeine beschreiben; es kommt nmlich wirklich nicht viel darauf an, welche. Aber welche lieber als Amaurotum? Denn keine verdient es mehr, da dieser Stadt die brigen die Wrde als Sitz des Senats bertragen haben und da ich sie infolge meines ununterbrochenen fnfjhrigen Aufenthaltes dort besser als jede andere kenne. Amaurotum also liegt am flachen Abhange eines Berges und ist fast quadratisch angelegt. Denn in voller Breite beginnt die Stadt ein wenig unterhalb des Gipfels und erstreckt sich etwa zwei Meilen weit bis zum Flusse Anydrus, wobei sie sich lngs des Ufers betrchtlich lnger hinzieht. Der Anydrus entspringt aus einer schwachen Quelle 80 Meilen oberhalb Amaurotums, wird dann durch den Zuflu anderer Wasserlufe, darunter zweier von mittlerer Gre, wasserreicher und breiter und ist vor der Stadt selbst eine halbe Meile breit. Bald darauf nimmt er an Breite noch mehr zu und mndet dann 60 Meilen weiter in den Ozean. Auf dieser ganzen Strecke zwischen der Stadt und dem Meere sowie noch ein paar Meilen oberhalb der Stadt hemmen Ebbe und Flut in ihrem sechsstndigen Wechsel den schnellen Lauf des Flusses. Wenn die Meeresflut 30 Meilen tief eindringt, drngt sie das Wasser des Flusses zurck und fllt sein Bett vollstndig mit ihren Wellen. Das Fluwasser nimmt dann noch ein ganzes Stck weiter stromaufwrts den Salzgeschmack des Meeres an; von da ab wird es allmhlich wieder s, fliet klar durch die Stadt und drngt der bei Ebbe zurckstrmenden Flut fast bis zur Mndung rein und unvermischt nach. Die Brcke, die Amaurotum mit dem gegenberliegenden Ufer verbindet, besteht nicht aus hlzernen Pfeilern und Balken, sondern ist ein Steinbau mit einem wunderschnen Brckenbogen. Sie befindet sich an der Stelle, die vom Meere am weitesten entfernt ist, damit die Schiffe an dieser ganzen Seite der Stadt ungehindert entlangfahren knnen. Es gibt dort noch einen anderen Wasserlauf, der zwar nur klein, aber recht ruhig und erfreulich ist. Er entspringt auf demselben Berge, auf dem die Stadt liegt, fliet mitten durch sie und mndet in den Anydrus. Weil seine Quelle ein Stck auerhalb der Stadt liegt, haben sie die Amaurotaner ringsum mit Befestigungen umgeben, die bis zur Stadt reichen. So gehrt die Quelle zur Stadt, und beim Einbruch einer feindlichen Macht kann das Wasser nicht abgefangen und abgelenkt oder verdorben werden. Von dort aus leitet man es in Rhren aus gebranntem Stein in verschiedenen Richtungen zu den unteren Stadtteilen. Lt das irgendwo die Beschaffenheit des Gelndes nicht zu, so sammelt man in gerumigen Zisternen das Regenwasser, das dann den gleichen Dienst leistet. Eine hohe und breite Mauer mit zahlreichen Trmen und Schutzwehren umgibt die Stadt auf allen Seiten; ein trockener, aber tiefer, breiter und durch Dorngestrpp unwegsamer Graben umzieht die Stadtmauer auf drei Seiten; auf der vierten dient der Flu selbst als Wehrgraben. Die Straen sind ebenso zweckmig fr den Wagenverkehr wie fr den Windschutz angelegt. Die Huser sind keineswegs unansehnlich; man bersieht ihre lange und lngs der ganzen Strae ununterbrochene Reihe von der gegenberliegenden Huserfront aus. Der Weg zwischen diesen beiden Fronten ist 30 Fu breit. An der Rckseite der Huser zieht sich die ganze Strae entlang eine breite Gartenanlage hin, die von der Rckseite anderer Huserreihen eingezunt ist. Jedes Haus hat einen Eingang von der Strae her und eine Hintertr, die in den Garten fhrt. Die Tren haben zwei Flgel, lassen sich durch einen leisen Druck mit der Hand ffnen und schlieen sich dann von selbst wieder, so da ein jeder ins Haus hinein kann: so wenig ist irgendwo etwas Eigentum eines einzelnen; denn sogar die Huser wechselt man alle zehn Jahre, und zwar verlost man sie. Auf die erwhnten Grten halten die Utopier groe Stcke. In ihnen haben sie Wein, Obst, Gemse und Blumen in solcher Pracht und Pflege, da es alles bertrifft, was ich irgendwo an Fruchtbarkeit und gutem Geschmack gesehen habe. Ihren Eifer dabei spornt nicht blo ihr Vergngen an der Gartenarbeit an, sondern auch der Wettstreit der Straenzge in der Pflege der einzelnen Grten. Und sicherlich wird man nicht leicht in der ganzen Stadt etwas finden, was fr die Brger ntzlicher oder unterhaltsamer wre, und, wie es scheint, hat deshalb auch der Grnder des Reiches auf nichts grere Sorgfalt verwendet als auf derartige Grten. Wie es nmlich heit, hat Utopus selber gleich von Anfang an diesen ganzen Plan der Stadt festgelegt. Die Ausschmckung jedoch und den weiteren Ausbau berlie er den Nachkommen in der Erkenntnis, da _ein_ Menschenalter dazu nicht ausreichen werde. Daher steht in den Geschichtsbchern der Utopier, die die Geschichte von 1760 Jahren seit Eroberung der Insel umfassen, fleiig und gewissenhaft geschrieben sind und von ihnen aufbewahrt werden, die Huser seien im Anfang niedrig gewesen, eine Art Baracken und Htten, ohne Sorgfalt aus irgendwelchem Holz errichtet, die Wnde mit Lehm verschmiert, mit spitzen Giebeln und Strohdchern. Aber heutzutage ist jedes Haus ein stattlicher Bau von drei Stockwerken; die Auenseite der Wnde besteht aus Granit oder einer anderen harten oder auch gebrannten Steinmasse, die inwendig mit Schutt ausgefllt wird. Die Dcher sind flach und mit einer gewissen Stuckmasse belegt, die nicht teuer, aber so zusammengesetzt ist, da sie nicht brennt und noch wetterfester als Blei ist. Vor den Winden schtzen sich die Utopier durch Fenster aus Glas, das dort sehr viel verwendet wird; bisweilen benutzen sie auch an dessen Stelle dnne Leinwand, die sie mit durchsichtigem l oder einer Bernsteinmasse bestreichen. Das hat den doppelten Vorteil, da mehr Licht und weniger Wind durchgelassen wird. Die Obrigkeiten Je dreiig Familien whlen sich alljhrlich einen Vorsteher; in der alten Landessprache heit er Syphogrant, in der jngeren Phylarch. Zehn Syphogranten mit ihren Familien unterstehen einem Vorgesetzten, der jetzt Protophylarch genannt wird, in alten Zeiten aber Tranibore hie. Schlielich ernennen die Syphogranten in ihrer Gesamtheit, zweihundert an der Zahl, auch den Brgermeister. Nachdem sie sich eidlich verpflichtet haben, den nach ihrer Ansicht Tchtigsten zu whlen, ernennen sie auf Grund geheimer Abstimmung einen der vier Brger, die ihnen das Volk namhaft macht, zum Brgermeister; jedes Stadtviertel whlt nmlich einen und schlgt ihn dem Senat vor. Das Amt wird auf Lebenszeit verliehen, wenn dem nicht der Verdacht entgegensteht, es gelste den Inhaber nach Alleinherrschaft. Die Traniboren whlt man jhrlich, doch wechselt man mit ihnen nicht ohne triftige Grnde. Die brigen Beamten werden alle auf ein Jahr gewhlt. Alle drei Tage, im Bedarfsfalle bisweilen auch fter, kommen die Traniboren mit dem Brgermeister zu einer Beratung zusammen, besprechen Stadtangelegenheiten und entscheiden rasch etwa vorliegende Privatstreitigkeiten, die brigens ganz selten sind. Zu den Senatssitzungen werden regelmig zwei Syphogranten hinzugezogen, die jeden Tag wechseln; dabei ist vorgesehen, da keine stdtische Angelegenheit entschieden wird, ber die nicht drei Tage vor der Beschlufassung im Senat verhandelt worden ist. Auerhalb des Senats oder der Volksversammlungen ber allgemeine Angelegenheiten zu beraten, ist bei Todesstrafe verboten. Diese Bestimmung soll eine tyrannische Unterdrckung des Volkes und eine nderung der Verfassung durch eine Verschwrung des Brgermeisters und der Traniboren erschweren. Und eben deshalb wird auch jede wichtige Angelegenheit vor die Versammlungen der Syphogranten gebracht; diese besprechen sie mit den Familien, beraten dann unter sich und teilen ihre Entscheidung dem Senat mit. Zuweilen kommt die Sache vor den Rat der ganzen Insel. Auch ist es eine Gewohnheit des Senats, ber einen Antrag nicht gleich an dem Tage zu beraten, an dem er zum ersten Male eingebracht wird, sondern die Verhandlung auf die nchste Sitzung zu verschieben. Es soll nmlich niemand unbedachtsam mit dem herausplatzen, was ihm zuerst auf die Zunge kommt, und dann mehr auf die Verteidigung seiner Ansicht als auf das Interesse der Stadt bedacht sein. Auch soll niemand das Gemeinwohl der Erhaltung der guten Meinung von seiner Person opfern, in einer Art sinnloser und verkehrter Scham, weil er sich nicht merken lassen will, da er es im Anfang an der ntigen Voraussicht hat fehlen lassen, whrend er doch von vornherein darauf htte bedacht sein mssen, lieber berlegt als rasch zu sprechen. Die Handwerke _Ein_ Gewerbe betreiben alle, Mnner und Frauen ohne Unterschied: den Ackerbau, und auf ihn versteht sich jedermann. Von Jugend auf werden sie darin unterwiesen, zum Teil durch Unterricht in den Schulen, zum Teil auch auf den Feldern in der Nhe der Stadt, wohin man sie wie zu einem Spiele fhrt. Hier sehen sie der Arbeit nicht blo zu, sondern ben sie auch aus und strken bei dieser Gelegenheit zugleich ihre Krperkrfte. Neben der Landwirtschaft, die, wie gesagt, alle betreiben, erlernt jeder noch irgendein Handwerk als seinen besonderen Beruf. Das ist in der Regel entweder die Tuchmacherei oder die Leineweberei oder das Maurer- oder das Zimmermanns- oder das Schmiedehandwerk. In keinem anderen Berufe nmlich ist dort eine nennenswerte Anzahl Menschen beschftigt. Denn der Schnitt der Kleidung ist, abgesehen davon, da sich die Geschlechter sowie die Ledigen und die Verheirateten in der Tracht voneinander unterscheiden, auf der ganzen Insel einheitlich und stets der gleiche in jedem Lebensalter, wohlgefllig frs Auge, bequem fr die Krperbewegung und vor allem fr Klte und Hitze berechnet. Diese Kleidung fertigt sich jede Familie selber an. Von den obenerwhnten anderen Gewerben aber erlernt jeder eins, und zwar nicht nur die Mnner, sondern auch die Frauen. Letztere jedoch, als die krperlich Schwcheren, ben nur die leichteren Gewerbe aus; in der Regel verarbeiten sie Wolle und Flachs; den Mnnern weist man die brigen, mhsameren Beschftigungen zu. Meistenteils erlernt jeder das vterliche Handwerk; denn dazu neigen die meisten von Natur. Hat aber jemand zu einem anderen Berufe Neigung, so nimmt ihn durch Adoption eine Familie auf, die dasjenige Gewerbe betreibt, zu dem er Lust hat. Dabei sorgen nicht nur sein Vater, sondern auch die Behrden dafr, da er zu einem wrdigen und ehrbaren Familienvater kommt. Ja, wenn jemand _ein_ Handwerk grndlich erlernt hat und noch ein anderes dazu erlernen will, so ist ihm das auf demselben Wege mglich. Versteht er dann beide, so bt er aus, welches er will, es sei denn, da die Stadt eins von beiden ntiger braucht. Die besondere und beinahe einzige Aufgabe der Syphogranten ist es, sich angelegentlich darum zu kmmern, da niemand unttig herumsitzt, sondern da jeder sein Gewerbe mit Flei betreibt, ohne sich jedoch, gleich einem Lasttiere, in ununterbrochener Arbeit vom frhesten Morgen an bis in die tiefe Nacht abzumhen; denn das wre eine mehr als sklavische Plackerei. Und doch ist das fast berall das Los der Arbeiter, auer bei den Utopiern. Diese teilen nmlich den Tag mitsamt der Nacht in vierundzwanzig gleiche Stunden ein und kennen eine Arbeitszeit von nur sechs Stunden. Drei Stunden arbeiten sie am Vormittag; danach essen sie zu Mittag und halten eine Rast von zwei Stunden. Dann arbeiten sie wieder drei Stunden und beschlieen den Tag mit dem Abendessen. Da sie die erste Stunde von Mittag an rechnen, gehen sie gegen acht Uhr zu Bett; acht Stunden brauchen sie zum Schlafen. ber all die Zeit zwischen den Stunden der Arbeit, des Schlafes und des Essens darf ein jeder nach seinem Belieben verfgen, nicht etwa um sie durch Schwelgerei und Trgheit schlecht auszuntzen, sondern um die arbeitsfreie Zeit nach Herzenslust auf irgendeine andere Beschftigung nutzbringend zu verwenden. Die meisten treiben in diesen Pausen literarische Studien. Es herrscht nmlich der Brauch, tglich in den frhen Morgenstunden ffentliche Vorlesungen zu halten; zu ihrem Besuche sind diejenigen verpflichtet, die zu wissenschaftlicher Arbeit namentlich ausgewhlt sind. Aus jedem Stande aber strmt eine gewaltige Menge Hrer, Mnner wie Frauen, zu den Vorlesungen, die einen zu diesen, die anderen zu jenen, je nach ihren persnlichen Neigungen. Wenn jedoch einer auch diese Zeit lieber auf seine berufliche Ttigkeit verwenden will, was bei vielen der Fall ist, deren Geist sich nicht zur Hhe wissenschaftlicher Betrachtung erhebt, so hindert man ihn nicht daran; er erntet vielmehr sogar noch Lob, weil er sich dem Staate ntzlich macht. Nach dem Abendessen verbringen die Utopier noch eine Stunde mit Spielen, whrend des Sommers in ihren Grten, whrend des Winters aber in jenen Slen, in denen sie gemeinsam essen. Entweder treiben sie dort Musik, oder sie erholen sich in der Unterhaltung. Das Wrfeln und andere solche ungehrige und verderbliche Spiele sind ihnen nicht einmal bekannt; blich jedoch sind bei ihnen zwei dem Schach nicht unhnliche Spiele. Das eine ist der Zahlenkampf, bei dem die Zahlen einander stechen; bei dem anderen kmpfen, in Schlachtreihe aufgestellt, die Tugenden mit den Lastern. In diesem Spiele zeigt sich sehr hbsch der Streit der Laster untereinander und ihre einmtige Verbundenheit gegen die Tugenden, ebenso welche Laster und Tugenden einander entgegengesetzt sind, mit welchen Krften ferner die Laster offen gegen die Tugenden kmpfen und mit welchen Rnken und Listen sie versteckt angreifen, mit welchen Hilfsmitteln anderseits die Tugenden die Krfte des Lasters brechen, mit welchen Knsten sie ihre Versuchungen vereiteln und auf welche Weise endlich die eine oder die andere Partei den Sieg davontrgt. Um aber einer irrtmlichen Auffassung eurerseits vorzubeugen, mssen wir an dieser Stelle einen Punkt genauer betrachten. Wenn die Utopier nmlich nur sechs Stunden arbeiten, knnte man vielleicht meinen, es msse das einen Mangel an den notwendigen Gtern zur Folge haben. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall. Diese Arbeitszeit gengt nicht nur, sondern wird nicht einmal ganz gebraucht zur Produktion eines Vorrats an allem, was zu den Bedrfnissen oder Annehmlichkeiten des Lebens gehrt. Das werdet auch ihr einsehen, wenn ihr euch berlegt, ein wie groer Teil des Volkes in anderen Lndern unttig dahinlebt: erstens fast alle Frauen, also die Hlfte der Gesamtheit, oder wenn irgendwo die Frauen arbeiten, schnarchen dort meistens an ihrer Stelle die Mnner; auerdem dann die Priester und die sogenannten frommen Mnner, was fr eine groe und faule Schar ist das! Nimm noch all die Reichen und besonders die Grundbesitzer dazu, die man allgemein als Standespersonen und Edelleute bezeichnet! Zu ihnen rechne noch ihre Dienerschaft, jenen ganzen zusammengesplten Haufen von Raufbolden und Windbeuteln! Vergi schlielich auch die krftigen und gesunden Bettler nicht, die ihren Miggang mit irgendeinem Gebrechen bemnteln, und die Zahl der Leute, die durch ihre Ttigkeit fr die gesamten Bedrfnisse der Sterblichen sorgen, wirst du dann viel geringer finden, als du angenommen hast. Und nun berlege dir, wie wenige von diesen selbst mit wirklich notwendigen Arbeiten beschftigt sind! Da nmlich bei uns das Geld der Mastab fr alles ist, mssen wir viele vllig unntze und berflssige Gewerbe betreiben, die blo der Verschwendung und der Genusucht dienen. Wrde man nmlich diese ganze Masse, die jetzt im Arbeitsproze steht, nur auf die so wenigen Gewerbe verteilen, die ein angemessener natrlicher Bedarf erfordert, so wrde ein groer berflu an Waren entstehen, und die Preise wrden notwendigerweise zu tief sinken, als da die Handwerker ihren Lebensunterhalt davon bestreiten knnten. Aber wenn alle die, die jetzt ihre Krfte in nutzloser Ttigkeit verzetteln, und wenn noch dazu der ganze Schwarm derer, die jetzt in Nichtstun und Trgheit erschlaffen und von denen jeder einzelne so viel von den Produkten verbraucht, die die Arbeitskraft anderer liefert, wie zwei der Arbeiter, wenn man also alle diese zu Arbeiten, und zwar zu ntzlichen, verwendete, so wrde, wie leicht einzusehen ist, ungemein wenig Zeit mehr als reichlich gengen, um alles zu beschaffen, was zum Leben notwendig oder ntzlich ist; du kannst auch noch hinzusetzen, zum Vergngen, soweit es echt und natrlich ist. Und das besttigen in Utopien die Tatsachen selber. Denn dort sind in einer ganzen Stadt einschlielich ihrer nchsten Umgebung aus der Gesamtzahl der nach Alter und Krften zur Arbeit tauglichen Mnner und Frauen kaum fnfhundert von ihr befreit. Unter ihnen sind die Syphogranten zwar nach dem Gesetz zur Arbeit nicht verpflichtet, sie machen aber von dieser Bestimmung keinen Gebrauch, um die anderen durch ihr Beispiel um so leichter zur Arbeit anzuspornen. Dieselbe Vergnstigung genieen diejenigen, denen das Volk auf Vorschlag der Priester und auf Grund geheimer Abstimmung der Syphogranten dauernde Arbeitsbefreiung zur Durchfhrung ihrer Studien bewilligt. Erfllt einer von ihnen die auf ihn gesetzte Hoffnung nicht, so stt man ihn wieder unter die Handarbeiter zurck. Nicht selten tritt aber auch das Gegenteil ein, da nmlich ein Handwerker jene freien Stunden so eifrig auf das Studium verwendet und durch seinen Flei so groe Fortschritte macht, da man ihn von der Handarbeit befreit und in die Klasse der Gebildeten aufrcken lt. Aus deren Stande nimmt man die Gesandten, Priester, Traniboren und schlielich den Brgermeister selber, den die Utopier in ihrer alten Sprache Barzanes und in ihrer jngeren Ademus nennen. Da nun fast die ganze brige Masse des Volkes weder unttig noch mit unntzen Gewerben beschftigt ist, kann man leicht ermessen, in wie wenigen Stunden viel ntzliche Arbeit geleistet wird. Zu dem von mir Erwhnten kommt fr die Utopier noch die Erleichterung hinzu, da bei ihnen die meisten unentbehrlichen Gewerbe weniger Arbeit als bei anderen Vlkern erfordern. Erstens nmlich ist bei diesen zum Bau oder zur Ausbesserung von Gebuden deshalb so vieler Hnde Arbeit dauernd notwendig, weil der zu wenig wirtschaftliche Erbe das Haus, das sein Vater erbaut bat, allmhlich verfallen lt. Was er mit ganz geringen Kosten htte erhalten knnen, mu sein Nachfolger mit groen Kosten erneuern. Ja, hufig sagt auch ein Haus, das dem einen ungeheuer viel Geld gekostet hat, dem verwhnten Geschmack des anderen nicht zu. Da sich dieser nicht darum kmmert, verfllt es in kurzer Zeit, und sein Besitzer baut sich an anderer Stelle ein neues Haus fr nicht weniger Geld. Aber bei den Utopiern kommt es, dank der allgemeinen Ordnung und dank ihrer Verfassung, nur ganz selten vor, da man einen neuen Platz fr den Bau eines Hauses sucht. Und sie beheben nicht nur rasch die vorhandenen Schden, sondern beugen auch drohenden vor. Infolgedessen bleiben ihre Gebude bei ganz geringem Aufwand an Arbeit beraus lange erhalten, und die Bauhandwerker haben bisweilen kaum etwas zu tun, auer da sie angewiesen werden, daheim Bauholz zu bearbeiten und bisweilen Steine quadratisch zu behauen und fertigzumachen, damit gegebenenfalls ein Haus schneller hochkommt. Beachte ferner, wie wenig Arbeit zur Anfertigung der Kleidung der Utopier erforderlich ist! Zunchst tragen sie bei der Arbeit einfach Leder oder Felle, die bis zu sieben Jahren halten. Beim Ausgehen ziehen sie einen mantelhnlichem Rock ber, der jene grberen Unterkleider verdeckt. Diese Rcke haben auf der ganzen Insel die gleiche Farbe, und zwar die Naturfarbe des Stoffes. Die Utopier verbrauchen also nicht blo viel weniger wollenes Tuch, als das anderswo der Fall ist, sondern der Stoff kostet ihnen auch viel weniger. Aber noch weniger Arbeit macht die Herstellung von Leinwand, und deshalb trgt man sie auch noch mehr. Beim Leinen sieht man nur auf Weie, bei der Wolle nur auf Sauberkeit; feinere Webart wird gar nicht bezahlt. Und whrend sonst nirgends _einer_ Person vier oder fnf wollene Oberkleider von verschiedener Farbe und ebenso viele Untersachen aus Seide gengen -- etwas eleganteren Leuten nicht einmal zehn--, begngt sich hier in Utopien ein jeder mit nur einem Anzug, und zwar zumeist fr zwei Jahre. Warum sollte sich dort jemand auch mehr Kleidung wnschen? Wenn er sie nmlich bekme, wre er weder besser vor der Klte geschtzt, noch wrde er in seiner Kleidung auch nur um ein Haar hbscher aussehen. Da die Utopier also alle in ntzlichen Gewerben beschftigt sind und diese selbst auch eine geringere Arbeitszeit erfordern, braucht man sich nicht zu wundern, da bisweilen alle Erzeugnisse im berflu vorhanden sind. Dann fhrt man eine ungeheure Menge Arbeiter zur Ausbesserung ffentlicher Straen, die schadhaft geworden sind, aus der Stadt hinaus; sehr oft setzt man aber auch, wenn sich keinerlei Arbeit der Art ntig macht, die Arbeitszeit von Staats wegen herab. Die Behrden zwingen nmlich die Brger nicht zu unntiger Arbeit; denn die Einrichtung dieses Staates hat das eine Hauptziel im Auge, soweit es die dringenden Bedrfnisse des Staates erlauben, den Sklavendienst des Krpers nach Mglichkeit einzuschrnken, damit die dadurch gewonnene Zeit auf die freie Ausbildung des Geistes verwendet werden kann. Darin liegt nmlich nach ihrer Ansicht das Glck das Lebens. Der Verkehr der Utopier miteinander Doch glaube ich nunmehr darlegen zu mssen, auf welche Weise die Brger miteinander verkehren, welche inneren wirtschaftlichen Beziehungen bestehen und wie die Verteilung der Gter vor sich geht. Die Brgerschaft besteht also aus Familien, die zumeist aus Verwandten zusammengesetzt sind. Denn sobald die Frauen krperlich reif sind, werden sie verheiratet und ziehen dann in die Wohnungen ihrer Mnner. Dagegen verbleiben die Shne und deren mnnliche Nachkommen in ihren Familien und unterstehen der Gewalt des Familienltesten, soweit dieser nicht infolge seines Alters kindisch geworden ist; dann tritt der Nchstlteste an seine Stelle. Um aber eine zu starke Abnahme oder eine bermig groe Zunahme der Bevlkerung zu verhindern, darf keine Familie, deren es in jeder Stadt -- die in dem zugehrigen Landbezirk nicht mitgerechnet -- 6000 gibt, weniger als zehn und mehr als sechzehn Erwachsene haben; die Zahl der Kinder kann man ja nicht im voraus festsetzen. Diese Bestimmung lt sich mit Leichtigkeit aufrechterhalten, indem man die berzhligen Mitglieder der bergroen Familien in zu kleine versetzt. Sollte aber einmal eine ganze Stadt mehr Einwohner haben, als sie haben darf, so fllt man mit dem berschu die Einwohnerzahl geringer bevlkerter Stdte des Landes auf. Wenn aber etwa die Menschenmasse der ganzen Insel mehr als billig anschwellen sollte, so bestimmt man aus jeder Stadt ohne Ausnahme Brger, die auf dem nchstgelegenen Festlande berall da, wo viel berflssiges Ackerland der Eingeborenen brachliegt, eine Kolonie nach ihren heimischen Gesetzen einrichten unter Hinzuziehung der Einwohner des Landes, falls sie mit ihnen zusammenleben wollen. Mit diesen zu gleicher Lebensweise und zu gleichen Sitten vereint, verwachsen sie dann leicht miteinander, und das ist fr beide Vlker von Vorteil. Sie erreichen es nmlich durch ihre Einrichtungen, da ein Land, das vorher dem einen Volke zu klein und unergiebig erschien, jetzt fr beide Vlker mehr als genug hervorbringt. Diejenigen Eingeborenen aber, die es ablehnen, nach den Gesetzen der Kolonisten zu leben, vertreiben diese aus dem Gebiet, das sie selber fr sich in Anspruch nehmen, und gegen die, die Widerstand leisten, greifen sie zu den Waffen. Denn das ist nach Ansicht der Utopier der gerechteste Kriegsgrund, wenn irgendein Volk die Nutznieung und den Besitz eines Stckes Land, das es selbst nicht nutzt, sondern gleichsam zwecklos und unbebaut in Besitz hat, anderen untersagt, denen es nach dem Willen der Natur ihren Lebensunterhalt liefern soll. Wenn aber einmal infolge eines Unglcksfalles die Einwohnerzahl einiger ihrer Stdte so sehr sinken sollte, da sie aus anderen Teilen der Insel unter Wahrung der Gre einer jeden Stadt nicht wieder ergnzt werden kann -- wie es heit, ist das seit Menschengedenken nur zweimal infolge einer heftig wtenden Seuche der Fall gewesen--, so lt man die Brger aus der Kolonie zurckkommen und fllt mit ihnen die Einwohnerzahl der Stdte wieder auf. Die Utopier sehen es nmlich lieber, da ihre Kolonien eingehen, als da die Einwohnerzahl einer der Stdte ihrer Insel zurckgeht. Doch ich komme auf das Zusammenleben der Brger zurck. Der lteste ist, wie gesagt, das Oberhaupt der Familie. Die Frauen dienen ihren Mnnern, die Kinder ihren Eltern und so berhaupt die Jngeren den lteren. Jede Stadt zerfllt in vier gleiche Teile. In der Mitte eines jeden befindet sich ein Markt fr alle Arten von Waren. Dorthin schafft man die Arbeitserzeugnisse einer jeden Familie in bestimmte Huser, und die einzelnen Warengattungen sind gesondert auf Speicher verteilt. Jeder Familienvater verlangt dort, was er selbst und die Seinen brauchen, und nimmt alles, was er haben will, mit, und zwar ohne Bezahlung und berhaupt ohne jede Gegenleistung. Warum sollte man ihm nmlich auch etwas verweigern? Alles ist ja im berflu vorhanden, und man braucht nicht zu befrchten, da jemand die Absicht hat, mehr zu verlangen, als er braucht. Denn warum sollte man annehmen, es werde jemand ber seinen Bedarf hinaus fordern, wenn er sicher ist, da es ihm niemals an etwas fehlen wird? Werden doch bei jedem Lebewesen Habsucht und Raubgier durch die Furcht vor Mangel hervorgerufen und beim Menschen allein auerdem noch durch Stolz, da er es sich zum Ruhme anrechnet, durch ein Prahlen mit berflssigen Dingen die anderen zu bertreffen; fr diese Art Fehler ist in den Einrichtungen der Utopier berhaupt kein Platz. Mit den erwhnten Mrkten sind andere fr Lebensmittel verbunden; auf diese bringt man auer Gemse, Obst und Brot auch Fische und Fleisch. Die Tiere sind auerhalb der Stadt auf geeigneten Pltzen, wo man Blut und Schmutz in flieendem Wasser abwaschen kann, von Sklaven gettet und gereinigt worden. Die Brger sollen sich nmlich nicht an das Schlachten von Tieren gewhnen, weil man der Ansicht ist, die Gewhnung an diese Ttigkeit ertte allmhlich das Mitleid, den edelsten Zug unseres Wesens. Auch soll nichts Schmutziges und Unreines in die Stadt gebracht werden, dessen Fulnis die Luft verpesten und eine Krankheit einschleppen knnte. Auerdem stehen in jeder Strae, gleichweit voneinander entfernt, einige gerumige Hallen, von denen jede ihren eigenen Namen hat. Hier wohnen die Syphogranten, und jeder dieser Hallen sind dreiig Familien zugeteilt, auf jeder Seite fnfzehn, die dort ihre Mahlzeiten einzunehmen haben. Die Kcheneinkufer einer jeden Halle finden sich zu einer bestimmten Stunde auf dem Markte ein, melden die Zahl der Esser und fordern die Lebensmittel an. In erster Linie bercksichtigt man bei dieser Verteilung die Kranken, die in den ffentlichen Krankenhusern gepflegt werden. Im Stadtbezirk gibt es nmlich vier, ein Stck von der Stadt entfernt; sie sind so gerumig, da man sie fr ebenso viele kleine Stdte halten knnte. Dadurch ist es mglich, eine auch noch so groe Zahl Kranker ohne Mangel an Raum und deshalb bequem unterzubringen sowie die an ansteckenden Krankheiten Leidenden von den anderen recht weit zu entfernen. Diese Krankenhuser sind so eingerichtet und mit allem, was zur Gesundheitspflege gehrt, so reichlich ausgestattet, die Pflege ist so rcksichtsvoll und gewissenhaft, und die erfahrensten rzte sind so unermdlich ttig, da, wenn auch niemand gegen seinen Willen dort Aufnahme findet, doch wohl jeder in der Stadt im Krankheitsfalle lieber im Krankenhaus als daheim liegt. Nachdem der Einkufer fr die Kranken die Lebensmittel nach rztlicher Vorschrift empfangen hat, verteilt man weiterhin das Beste gleichmig auf die Hallen je nach deren Kopfzahl. Nur auf den Brgermeister, den Oberpriester und die Traniboren nimmt man besondere Rcksicht sowie auf Gesandte und alle etwa anwesenden Auslnder. Doch sind letztere nur vereinzelt und selten zu sehen; aber auch fr sie stehen, wenn sie sich im Lande aufhalten, bestimmte Wohnungen eingerichtet bereit. In den erwhnten Hallen findet sich die gesamte Syphograntie, durch den Klang einer ehernen Trompete aufgefordert, zu den festgesetzten Stunden des Mittags- und Abendessens ein, mit Ausnahme der in den Hospitlern oder daheim liegenden Kranken. Indes darf sich jedermann, wenn der Bedarf der Hallen gedeckt ist, Lebensmittel vom Markt mit nach Hause geben lassen; man wei nmlich, da das niemand ohne Grund tun wird. Denn wenn es auch keinem verwehrt ist, zu Hause zu essen, so tut das doch niemand gern, da es fr unanstndig gilt und tricht wre, sich mhsam ein schlechtes Mahl zuzubereiten, whrend in der Halle ganz in der Nhe ein reichliches und ausgezeichnetes Essen zu haben ist. In einer solchen Halle verrichten Sklaven alle schmutzigeren und mhsameren Arbeiten, dagegen besorgen das Kochen und Zubereiten der Speisen sowie die Vorbereitung des ganzen Mahles ausschlielich die Frauen der einzelnen Familien, und zwar abwechselnd. Je nach der Zahl der Esser speist man an drei oder mehr Tischen. Die Mnner haben ihre Pltze an der Wand, die Frauen dagegen an der Auenseite der Tische. So knnen sie, wenn es ihnen pltzlich bel wird, was bei Schwangeren bisweilen vorkommt, ohne Strung der Tischordnung aufstehen und zu den stillenden Mttern gehen. Diese sitzen nmlich mit ihren Suglingen fr sich in einem besonders zu diesem Zweck bestimmten Speiseraum, wo es nie an Feuer und reinem Wasser fehlt; auch sind dort Wiegen vorhanden, so da die Mtter ihre Kleinen niederlegen oder, wenn sie wollen, am Feuer aus den Windeln nehmen, sich frei bewegen lassen und mit ihnen spielen knnen, damit sie wieder frisch und munter werden. Jede Mutter stillt ihr Kind selber, soweit das nicht Tod oder Krankheit unmglich macht. Tritt dieser Fall ein, so besorgen die Frauen der Syphogranten rasch eine Amme; und das ist bald geschehen; denn die Frauen, die dazu imstande sind, bieten sich zu keiner Verrichtung lieber an, da solches Mitleid allgemeines Lob findet und der Sugling spter in der Amme seine Mutter sieht. In der Ammenstube sitzen auch alle Kinder unter fnf Jahren; die brigen Unmndigen -- dazu rechnet man die noch nicht Heiratsfhigen beiderlei Geschlechts -- bedienen entweder bei Tisch oder, soweit sie noch zu jung dazu sind, stehen sie doch dabei, und zwar in tiefstem Schweigen. Sie essen, was ihnen die am Tische Sitzenden reichen, und haben keine besondere Tischzeit. Am ersten Tisch in der Mitte sitzen der Syphogrant und seine Frau. Das ist der oberste Platz, von dem aus man die gesamte Gesellschaft bersieht; denn dieser Tisch steht im obersten Teile des Speisesaales quer. An den Syphogranten und seine Frau schlieen sich zwei der ltesten an; an allen Tischen sitzt man nmlich zu viert. Falls aber ein Tempel in der betreffenden Syphograntie liegt, sitzen der Priester und seine Frau so mit dem Syphogranten zusammen, da sie den Vorsitz fhren. Auf beiden Seiten folgen dann Jngere, danach wieder Greise; auf diese Weise sitzen im ganzen Saale die Gleichaltrigen nebeneinander und doch auch mit anderen Altersstufen zusammen. Wie es heit, hat man diese Einrichtung deshalb getroffen, damit die Wrde der Alten und die Ehrfurcht vor ihnen die Jngeren von ungehriger Ausgelassenheit in Rede und Benehmen abhlt; denn nichts, was bei Tische gesprochen oder getan wird, kann den Nachbarn ringsum entgehen. Die einzelnen Gnge werden nicht vom ersten Platze aus der Reihe nach gereicht, sondern die besten Gerichte werden immer zuerst allen lteren vorgesetzt, deren Pltze besonders kenntlich sind; danach bedient man die brigen ohne Unterschied. Jedoch geben die Greise von ihren Leckerbissen ganz nach Belieben den Umsitzenden ab; um sie nmlich im ganzen Saale in gengender Menge zu verteilen, sind es nicht genug. Auf diese Weise bleibt den lteren die ihnen zukommende Ehre gewahrt, und trotzdem wird der Allgemeinheit die gleiche Bevorzugung zuteil. Zu Beginn einer jeden Mittags- und Abendmahlzeit wird ein Text moralischen Inhalts vorgelesen, der jedoch nur kurz ist, damit man der Sache nicht berdrssig wird. Im Anschlu daran fhren die lteren ehrbare Gesprche, die weder trocken noch ohne Witz sind. Indessen halten sie nicht etwa whrend des ganzen Essens lange Reden; sie hren vielmehr auch den jungen Leuten gern zu. Ja, sie veranlassen sie absichtlich zum Reden, um von dem Charakter und Geist eines jeden einen Begriff zu bekommen, wenn er sich in der bei einem Mahle herrschenden Ungebundenheit offenbart. Die Mittagsmahlzeiten sind ziemlich schlicht, die Abendmahlzeiten dagegen reichlicher; denn auf jene folgt Arbeit, auf diese Schlaf und nchtliche Ruhe, und diese hilft nach Ansicht der Utopier besser verdauen. Bei keinem Abendessen fehlt es an Musik, und bei jedem Nachtisch gibt es allerlei Leckereien. Auch verbrennt man Rucherwerk, verspritzt wohlriechendes Salbl und bietet alles auf, um die Tischgenossen zu erheitern. Die Utopier neigen nmlich viel zu sehr zu solcher Frhlichkeit, um ein Vergngen, das keinen Schaden anrichtet, fr verboten zu halten. Derart also ist das gesellige Leben in der Stadt; auf dem Lande dagegen, wo man weiter auseinander wohnt, it jeder fr sich zu Hause. Dort fehlt es nmlich keiner Familie an irgend etwas zum Leben; denn die Leute auf dem Lande sind es ja, die alles das liefern, wovon die Stdter leben. Die Reisen der Utopier Wer das Verlangen haben sollte, seine Freunde in einer anderen Stadt zu besuchen oder sich auch nur den Ort selbst anzusehen, erhlt von seinem Syphogranten und Traniboren mit Leichtigkeit die Erlaubnis dazu, wenn er irgendwie abkmmlich ist. Man schickt dann eine gewisse Anzahl Urlauber zusammen ab und gibt ihnen ein Schreiben des Brgermeisters mit, in dem die Reisegenehmigung besttigt und der Tag der Rckkehr vorgeschrieben ist. Die Reisenden bekommen einen Wagen mit einem staatlichen Sklaven gestellt, der das Ochsengespann fhren und besorgen mu; wenn sie aber nicht gerade Frauen bei sich haben, weisen sie den Wagen als lstig und hinderlich zurck. Obgleich sie auf der ganzen Reise nichts mit sich fhren, fehlt es ihnen doch an nichts; sie sind ja berall zu Hause. Sollten sie sich irgendwo lnger als einen Tag aufhalten, so bt jeder daselbst sein Gewerbe aus und wird von seinen Handwerksgenossen aufs freundlichste behandelt. Wenn sich aber jemand auerhalb seines Wohnbezirks eigenmchtig herumtreiben und ohne amtlichen Urlaubsschein aufgegriffen werden sollte, so betrachtet man ihn als Ausreier, bringt ihn mit Schimpf und Schande in die Stadt zurck und zchtigt ihn streng; im Wiederholungsfalle bt er mit dem Verlust seiner Freiheit. Wenn aber jemanden die Lust anwandeln sollte, auf seinen heimatlichen Fluren spazierenzugehen, so hindert ihn niemand daran, vorausgesetzt, da er die Erlaubnis seines Hausvaters und die Einwilligung seiner Frau hat. Wohin er aber auch aufs Land kommt, nirgends gibt man ihm etwas zu essen, ehe er nicht das dort vor dem Mittags- oder Abendessen bliche Arbeitspensum erledigt hat; unter dieser Bedingung kann er ganz nach Belieben innerhalb des Gebietes seiner Stadt spazierengehen. Wird er sich doch auf diese Weise der Stadt ebenso ntzlich machen, als wenn er sich in ihr selber aufhielte. Ihr seht schon, in Utopien gibt es nirgends eine Mglichkeit zum Miggang oder einen Vorwand zur Trgheit. Keine Weinschenken, keine Bierhuser, nirgends ein Bordell, keine Gelegenheit zur Verfhrung, keine Schlupfwinkel, keine Sttten der Liederlichkeit; jeder ist vielmehr den Blicken der Allgemeinheit ausgesetzt, die ihn entweder zur gewohnten Arbeit zwingt oder ihm nur ein ehrbares Vergngen gestattet. Diese Lebensfhrung des Volkes hat notwendig einen berflu an jeglichem Lebensbedarf zur Folge, und da alle gleichmig daran teilhaben, ist es ganz natrlich, da es Arme oder gar Bettler berhaupt nicht geben kann. Im Senat von Mentiranum, wo sich, wie erwhnt, alljhrlich drei Abgeordnete aus jeder Stadt einfinden, stellt man zunchst fest, wovon es in den einzelnen Bezirken einen berschu gibt und worin irgendwo der Ertrag zu gering gewesen ist. Dann gleicht man alsbald den Mangel der einen Bezirke durch den berflu der anderen aus, und zwar geschieht das unentgeltlich, ohne da die Geber von den Empfngern eine Entschdigung erhalten. Dafr aber, da eine Stadt irgendeiner anderen aus ihren Bestnden ohne Gegenforderung liefert, erhlt sie auch wieder, was sie braucht, von einer Stadt, der sie nichts gegeben hat. So bildet die ganze Insel gleichsam eine einzige Familie. Nachdem aber die Utopier sich selbst zur Genge mit Vorrten versorgt haben, was nach ihrer Ansicht erst dann der Fall ist, wenn sie wegen der Unsicherheit des Ertrags im darauffolgenden Jahre fr einen Zeitraum von zwei Jahren vorgesorgt haben, fhren sie aus dem berschu eine groe Menge Getreide, Honig, Wolle, Leinen, Holz, Scharlach- und Purpurfarben, Felle, Wachs, Seife, Leder sowie auerdem Vieh in andere Lnder aus. Von dem allen schenken sie ein Siebentel den Armen des betreffenden Landes, den Rest aber verkaufen sie zu migem Preise. Dieser Handel bringt ihnen nicht nur diejenigen Waren ins Land, an denen es ihnen fehlt -- das ist aber fast nichts weiter als Eisen--, sondern auerdem eine groe Menge Silber und Gold. Weil sie das schon lange so halten, haben sie an diesen Metallen berall einen unglaublich groen berflu. Daher legen sie jetzt auch nicht sonderlich viel Gewicht darauf, ob sie gegen bar oder auf Kredit verkaufen und den bei weitem grten Teil ihrer Forderungen als Auenstnde haben. Doch lehnen sie bei der Ausstellung von Schuldscheinen die Brgschaft von Privatpersonen regelmig ab und verlangen immer auf Grund formell ausgestellter Scheine die Brgschaft der Stadt. Diese zieht dann am Zahltage den Betrag von den Privatschuldnern ein, legt ihn in die Stadtkasse und hat bis zu seiner Anforderung durch die Utopier den Zinsgenu. Diese verlangen aber niemals den grten Teil zurck; nach ihrer Ansicht ist es nmlich eine Ungerechtigkeit, anderen etwas wegzunehmen, was fr sie von Nutzen ist, ihnen selbst aber keinen Nutzen bringt. Wenn sie dagegen erforderlichenfalls einen Teil des betreffenden Geldes einem anderen Volke leihen wollen, so verlangen sie es dann erst zurck oder auch, wenn sie selbst Krieg fhren mssen. Fr diesen einen Zweck nmlich heben sie jenen gesamten Schatz, den sie im Lande haben, auf, um an ihm in uerster oder pltzlicher Gefahr einen Rckhalt zu haben, vor allem aber, um damit fr unmig hohen Sold auslndische Soldaten anzuwerben; denn diese setzen sie lieber der Gefahr aus als ihre eigenen Brger. Auerdem wissen sie, da in der Regel die Feinde selber mit viel Geld sich kaufen und gegeneinander hetzen lassen, sei es durch Verrat oder auch durch Entzweiung. Aus diesem Grunde sorgen die Utopier fr einen Staatsschatz von unermelichem Werte. Er ist aber in ihren Augen kein eigentlicher Schatz; sie halten es damit vielmehr so, da ich mich in der Tat schme, es zu erzhlen, weil ich frchten mu, man wird meinen Worten nicht glauben. Und meine Befrchtung ist um so berechtigter, je mehr ich mir bewut bin, wie schwer man mich selbst dazu htte bringen knnen, es einem anderen zu glauben, wenn ich es nicht persnlich erlebt htte. Es kann ja gar nicht anders sein, als da etwas um so weniger Glauben findet, je mehr es von den Bruchen der Zuhrer abweicht. Da freilich auch die brigen Einrichtungen der Utopier so wesentlich anders als die unsrigen sind, wird sich ein kluger Beurteiler der Dinge vielleicht weniger wundern, wenn sie auch Gold und Silber auf eine Weise benutzen, die mehr ihrem eigenen als unserem Brauche entspricht. Da die Utopier nmlich selber kein Geld verwenden, sondern es nur fr einen Fall aufsparen, der ebensogut eintreten wie nicht eintreten kann, so schtzt niemand von ihnen Gold und Silber, woraus das Geld gemacht wird, hher, als es ihrem natrlichen Werte angemessen ist. Wer sieht da nicht, wie weit dort Gold und Silber unter dem Eisen stehen! Und in der Tat ist Eisen fr die Menschheit ebenso lebensnotwendig wie Wasser und Feuer, whrend weder Gold noch Silber von Natur einen Vorzug besitzt, den wir nicht mit Leichtigkeit entbehren knnten; nur halten es die Menschen in ihrer Torheit wegen seines seltenen Vorkommens fr so besonders wertvoll. Und dabei hat doch im Gegenteil die Natur, wie eine beraus gtige Mutter, uns gerade ihre besten Gaben offen und frei vor Augen gestellt, wie die Luft, das Wasser und die Erde selbst, das Nichtige und Unntze dagegen sehr weit entrckt. Wrde nun Gold und Silber bei den Utopiern in irgendeinem Turme versteckt, so knnte der trichte Argwohn der groen Masse den Brgermeister und den Senat verdchtigen, sie wollten das Volk auf hinterlistige Weise betrgen, um selber irgendwelchen Vorteil daraus zu ziehen. Wenn sie ferner Schalen und andere derartige Schmiedearbeiten aus Gold und Silber herstellen lieen, so knnte einmal der Fall eintreten, da man sie wieder einschmelzen und zur Soldzahlung an die Truppen verwenden mte, und natrlich wrden dann die Besitzer der Gegenstnde, das sehen sie ein, sich nur ungern wieder entreien lassen, woran sie allmhlich Freude gefunden haben. Um es zu alledem nicht kommen zu lassen, haben sich die Utopier ein Mittel ausgedacht, das mit ihren brigen Einrichtungen ebenso bereinstimmt, wie es von den unsrigen stark abweicht, da ja bei uns Gold so hoch geschtzt und so sorgfltig aufbewahrt wird, und das deshalb nur denen, die es aus Erfahrung kennen, glaubhaft erscheint. Whrend sie nmlich zum Essen und Trinken nur Gefe aus Ton und Glas benutzen, die zwar sehr hbsch aussehen, aber trotzdem billig sind, fertigen sie aus Gold und Silber nicht blo fr die Gemeinschaftshallen, sondern auch fr die Privathuser allenthalben Nachtgeschirre und sonstige zu ganz gewhnlichem Gebrauch bestimmte Gefe an. Auerdem stellen sie aus denselben Metallen Ketten und starke Fufesseln zur Bestrafung der Sklaven her, und schlielich hngen von den Ohren derer, die durch irgendein Verbrechen ihre Ehre verloren haben, goldene Ringe herab; man steckt ihnen goldene Ringe an die Finger, hngt ihnen eine goldene Halskette um und legt einen goldenen Reif um ihren Kopf. So sorgen die Utopier mit allen Mitteln dafr, da Gold und Silber bei ihnen in Verruf kommt, und so erklrt es sich auch, da in Utopien bei einer sich etwa ntig machenden Ablieferung alles Goldes und Silbers, dessen gewaltsame Wegnahme den anderen Vlkern fast ebensolche Schmerzen bereitet, als wenn man ihnen die Eingeweide auseinanderrisse, niemand glauben wrde, auch nur einen Heller einzuben. Auerdem sammeln die Utopier an den Ksten Perlen, in gewissen Felsen sogar Diamanten und Karfunkel. Doch suchen sie nicht danach, sondern nur, was sie zufllig finden, schleifen sie. Damit putzen sie ihre kleinen Kinder. In ihren ersten Lebensjahren prahlen diese gern mit solchem Schmuck und sind stolz darauf; sobald sie aber ein wenig lter werden und merken, da sich nur Kinder mit derartigem Tand abgeben, legen sie diesen Schmuck ab, und zwar ohne besondere Ermahnung von seiten ihrer Eltern, sondern einfach, weil sie sich seiner schmen, genau so wie bei uns die Kinder, wenn sie erst grer werden, von ihren Nssen, Knpfen und Puppen nichts mehr wissen wollen. Wie stark aber diese Lebensgewohnheiten der Utopier, die von denen der brigen Vlker so sehr abweichen, ihr ganzes Empfinden verndern, ist mir niemals so klar zum Bewutsein gekommen wie bei einer Gesandtschaft der Anemolier. Diese kam nach Amaurotum, als ich gerade dort war, und da wichtige Fragen zur Verhandlung standen, waren schon vor ihr jene frher erwhnten drei Abgeordneten aus jeder Stadt eingetroffen. Nun waren allen Gesandten der Nachbarvlker, die schon frher dorthin gekommen waren, die Sitten der Utopier bekannt. Sie wuten, da prunkvolle Kleidung dort durchaus nicht angesehen war, da man Seide geradezu verachtete und da Goldschmuck sogar in blen Ruf brachte. Deshalb hatten sie sich daran gewhnt, in mglichst bescheidener Kleidung zu erscheinen. Die Anemolier aber wohnten weiter entfernt von den Utopiern und hatten deshalb weniger Verkehr mit ihnen unterhalten. Als sie nun hrten, die Utopier trgen alle die gleiche grobe Tracht, waren sie berzeugt, sie trieben deshalb keinen Aufwand, weil es ihnen an den ntigen Mitteln dazu fehle, und beschlossen daher, mehr eitel als klug, prchtig wie Gtter herausgeputzt aufzutreten und die Augen der armseligen Utopier durch den Glanz ihrer prunkvollen Kleidung zu blenden. So zogen denn die drei Gesandten an der Spitze eines Gefolges von dreihundert Mann in die Stadt ein, alle in bunter, die meisten in seidener Kleidung, die Gesandten selbst -- sie gehrten nmlich daheim zum Adel -- in golddurchwirkten Gewndern, mit groen Halsketten und Ohrringen aus Gold, an den Fingern goldene Ringe, die Filzkappen mit Bndern geschmckt, die von Perlen und Edelsteinen funkelten, kurz, mit all den Dingen geputzt, die bei den Utopiern Strafen fr Sklaven oder Schandmale Ehrloser oder Spielzeug kleiner Kinder sind. Und so lohnte es sich der Mhe zu sehen, wie den Anemoliern der Kamm schwoll, als sie ihren Prunk mit der Kleidung der Utopier verglichen; die Bevlkerung war nmlich in Menge auf die Straen gestrmt. Anderseits aber machte es nicht weniger Spa zu beobachten, wie grndlich sie sich in ihrer Hoffnung und Erwartung getuscht sahen und wie wenig sie den Eindruck machten, mit dem sie gerechnet hatten. Denn in den Augen aller Utopier, nur einige ganz wenige ausgenommen, die bei irgendeiner passenden Gelegenheit ins Ausland gekommen waren, war jener ganze glnzende Aufwand eine Schmach. Sie grten gerade die Niedrigsten an Stelle ihrer Herren mit Ehrerbietung, die Gesandten selbst aber hielten sie wegen ihrer goldenen Ketten fr Sklaven und lieen sie vorbergehen, ohne ihnen berhaupt eine Ehrenbezeigung zu erweisen. Ja, auch die Knaben httest du sehen sollen, die ihre Edelsteine und Perlen schon lngst weggeworfen hatten. Beim Anblick der Edelsteine an den Filzkappen der Gesandten riefen und stieen sie ihre Mtter an und sagten: Sieh doch, Mutter, was fr ein groer Schelm da noch die Perlen und Edelsteinchen trgt, als wenn er ein kleines Kind wre! Und die Mutter erwiderte gleichfalls ganz ernsthaft: Sei still, mein Junge! Das wird einer von den Narren der Gesandten sein. Andere wieder bemngelten die goldenen Ketten: sie seien zu nichts zu brauchen, weil sie so dnn seien, da der Sklave sie mit Leichtigkeit zerbrechen knne; anderseits wieder seien sie so locker, da er sie, wenn er Lust habe, abschtteln und ungehindert und frei ausreien knne, wohin er wolle. Die Gesandten hatten sich erst ein paar Tage in Amaurotum aufgehalten und schon eine Unmenge Gold in niedrigster Verwendung gesehen; auch hatten sie gemerkt, da das Gold hier ebenso gering wie bei ihnen daheim hochgeschtzt wurde; auerdem sahen sie in den Ketten und Fufesseln eines einzigen Sklaven, der flchtig geworden war, mehr Gold und Silber zusammen verarbeitet, als die gesamte Ausstattung der drei Gesandten wert war. Da lieen sie die Flgel hngen und legten beschmt jenen ganzen Aufputz ab, mit dem sie sich in so anmaender Weise gebrstet hatten, vor allem aber, nachdem sie durch vertrautere Unterhaltung mit den Utopiern ihre Sitten und Anschauungen kennengelernt hatten. Sind doch diese ganz verwundert darber, wie einem Menschen das unsichere Gefunkel eines drftigen Juwels oder Edelsteinchens berhaupt Freude machen kann, whrend er irgendeinen Stern und schlielich die Sonne selbst anschauen darf, und wie jemand so albern sein kann, da er sich selber wegen eines Gewebes aus feinerer Wolle vornehmer dnkt, wenn diese Wolle selbst, mag der Faden auch noch so fein sein, frher einmal auf dem Rcken eines Schafes gesessen hat und inzwischen doch auch nichts anderes als Wolle gewesen ist. Ebenso wundern sich die Utopier darber, da das Gold, das seiner Natur nach so unntz ist, jetzt berall in der Welt so hoch geschtzt wird, da der Mensch selbst, durch den und vor allem zu dessen Nutzen es diesen Wert erlangt hat, viel weniger gilt als das Gold selber, und zwar so viel weniger, da irgendein Dmlack, geistlos wie ein Holzklotz und ebenso schlecht wie dumm, trotzdem eine Menge kluger und braver Diener hat, allein deshalb, weil er zufllig einen groen Haufen Goldstcke sein eigen nennt. Wenn nun irgendeine Fgung des Geschicks oder ein Trick der Gesetze, der, ebenso wie das Schicksal, das Unterste zu oberst kehrt, dieses Gold dem Herrn des Hauses nimmt und es dem allerschlimmsten Taugenichts seines Gesindes zukommen lt, so wrde jener ohne Zweifel bald darauf wie ein Anhngsel und eine Zugabe seiner Mnzen unter die Dienerschaft seines ehemaligen Dieners geraten. Und noch mehr ist man erstaunt, ja geradezu emprt ber das unsinnige Gebaren der Leute, die jene Reichen, denen sie nichts schuldig und denen sie nicht verpflichtet sind, aus keinem anderen Grunde, als weil sie reich sind, wie Gtter anbeten, und zwar auch dann, wenn sie ihren schmutzigen Geiz zu genau kennen, um nicht mit tdlicher Sicherheit zu wissen, da sie bei deren Lebzeiten von dem groen Geldhaufen auch nicht einen roten Heller bekommen. Diese und andere derartige Ansichten der Utopier sind das Ergebnis teils ihrer Erziehung in einem Staate, dessen Einrichtungen von den Torheiten der geschilderten Art weit entfernt sind, teils ihrer Beschftigung mit Wissenschaft und Literatur. Allerdings sind in jeder Stadt nur wenige von den anderen Arbeiten befreit, um sich ausschlielich der Ausbildung ihres Geistes zu widmen, nmlich diejenigen, bei denen man von Kind auf hervorragende Anlagen, ausgezeichnete Begabung und Neigung zu wissenschaftlicher Beschftigung beobachtet hat. Trotzdem aber genieen alle Kinder Unterricht, und ein guter Teil des Volkes, Mnner und Frauen, beschftigt sich das ganze Leben hindurch in den erwhnten arbeitsfreien Stunden mit den Wissenschaften. Der Unterricht wird in der Landessprache erteilt; sie verfgt nmlich ber einen reichen Wortschatz, zeichnet sich durch Wohllaut aus und ist wie keine andere zur Wiedergabe von Gedanken geeignet. In annhernd derselben Art, jedoch berall auf verschiedene Weise etwas zu ihrem Nachteil verndert, ist sie ber einen groen Strich jenes Erdteils verbreitet. Von allen unseren Philosophen, deren Namen in dieser uns bekannten Welt berhmt sind, war den Utopiern vor unserer Ankunft auch nicht ein einziger, nicht einmal gerchtweise, bekannt geworden; und doch haben sie in Musik, Dialektik, Arithmetik und Geometrie etwa dieselben Entdeckungen gemacht wie unsere alten Meister. Wenn sie aber auch die Alten beinahe in allem erreicht haben, so sind sie allerdings hinter den Erfindungen der modernen Dialektiker weit zurckgeblieben; sie haben nmlich auch nicht eine einzige der in der Kleinen Logik so scharfsinnig ausgedachten Regeln ber Restriktion, Amplifikation und Supposition erfunden, die hierzulande allenthalben schon die Kinder auswendig lernen. Wie sie ferner keineswegs den zweiten Intentionen nachzuforschen vermochten, so war auch nicht einer von ihnen imstande, den sogenannten Menschen berhaupt zu sehen, der doch, wie ihr wit, ein wahrer Kolo und grer als jeder Riese ist und auf den wir damals auch noch mit den Fingern gezeigt haben. Dagegen kennen sie ganz genau den Lauf der Gestirne und die Bewegung der Himmelskreise. Ja, sie haben sich auch Instrumente von verschiedener Gestalt mit Kunst und Geschick ausgedacht, mit deren Hilfe sie die Bewegungen und Stellungen der Sonne, des Mondes und ebenso der brigen bei ihnen sichtbaren Gestirne aufs genaueste erfat haben. Aber von Gunst und Migunst der Planeten und von jenem ganzen Schwindel der Prophezeiung aus den Sternen lassen sie sich nicht einmal etwas trumen. Regen, Wind und die brigen Wettervernderungen sagen sie aus gewissen Anzeichen voraus, die sie aus langer Erfahrung kennen. ber die Ursachen all dieser Erscheinungen aber, ber Ebbe und Flut sowie ber den Salzgehalt des Meeres und schlielich ber den Ursprung und die Natur des Himmels und der Erde lehren sie zum Teil dasselbe wie unsere alten Philosophen. Wie diese aber schon untereinander verschiedener Meinung sind, so stimmen auch die Utopier mit ihren neuen Erklrungen fr die Naturerscheinungen mit ihnen allen zum Teil nicht berein, sind aber auch untereinander nicht in jeder Beziehung derselben Ansicht. In der Moralphilosophie behandeln die Utopier dieselben Fragen wie wir. Sie stellen Errterungen an ber die Gter des Geistes und des Krpers sowie ber die ueren Gter, ferner ob diese alle oder nur die Gaben des Geistes als Gter bezeichnet werden drfen; auch untersuchen sie das Wesen der Tugend und der Lust. Aber die erste und wichtigste aller Streitfragen ist die, worin wohl die Glckseligkeit des Menschen besteht, ob in _einem_ Dinge oder in mehreren. In diesem Punkte aber neigen sie, wie es scheint, mehr als billig zu der Ansicht derer, die fr das Vergngen eintreten, worin sie entweder das menschliche Glck berhaupt oder doch wenigstens seinen wesentlichsten Bestandteil erblicken. Und worber man sich noch mehr wundern mu, sie sttzen ihre so sinnenfreudige Ansicht auch mit Beweisgrnden, die sie ihrer Religion entnehmen, einer ernsten und strengen, ja fast dsteren und harten Lehre. Wenn sie nmlich ber die Glckseligkeit verhandeln, so verbinden sie stets gewisse Grundstze ihrer Religion mit der Philosophie, die mit Vernunftgrnden arbeitet; denn ohne diese Grundstze ist die Vernunft nach Ansicht der Utopier zu ungengend und zu schwach, um fr sich allein die wahre Glckseligkeit zu erforschen. Diese Grundstze sind folgende: Die Seele ist unsterblich und durch die Gte Gottes zur Glckseligkeit geschaffen; fr unsere Tugenden und guten Werke erwarten uns nach diesem Leben Belohnungen, fr unsere Missetaten aber Strafen. Diese Anschauungen sind zwar religiser Natur, aber nach Ansicht der Utopier fhrt schon die Vernunft dazu, an sie zu glauben und sie zu billigen. Nach Beseitigung dieser Grundstze, so erklren sie ohne jedes Bedenken, wird niemand so tricht sein zu meinen, er drfe dem Vergngen nicht auf jede Weise, auf rechte und unrechte, nachjagen. Nur msse man sich, so erklren sie weiter, davor hten, ein greres Vergngen durch ein kleineres beeintrchtigen zu lassen oder einem Vergngen mit schmerzhaften Rckwirkungen nachzugehen. Denn den dornenvollen und beschwerlichen Pfad der Tugend zu wandeln und dabei nicht blo auf des Lebens Annehmlichkeiten zu verzichten, sondern auch den Schmerz freiwillig zu ertragen, und zwar ohne Aussicht auf irgendwelchen Gewinn -- was knnte nmlich wohl auch der Gewinn sein, wenn man nach dem Tode nichts erreichen soll, nachdem man dieses ganze Leben freudlos, also jmmerlich, zugebracht hat? -- das ist in den Augen der Utopier das Sinnloseste, was es geben kann. Nun liegt aber nach ihrer Meinung das Glck nicht in jeder Art von Vergngen, sondern nur in einem rechtschaffenen und ehrbaren; zu diesem nmlich, als zu dem hchsten Gut, zieht, so sagen sie, die Tugend selbst unsere Natur hin, whrend nach Ansicht der Gegenpartei einzig und allein die Tugend unser Glck bedingt. Die Tugend besteht nmlich, wie die Utopier meinen, in einem naturgemen Leben, sofern uns Gott dazu geschaffen hat; naturgem aber lebt der, der in allem, was er begehrt und meidet, den Geboten der Vernunft gehorcht. Die Vernunft entfacht ferner im Menschen vor allem anderen die ehrfurchtsvolle Liebe zur gttlichen Majestt, und dieser verdanken wir es ja, da wir sind und an der Glckseligkeit teilnehmen drfen. Sodann mahnt uns die Tugend und regt uns dazu an, ein mglichst sorgenfreies und frohes Leben zu fhren und allen unseren Mitmenschen, entsprechend unserer natrlichen Gemeinschaft mit ihnen, zur Erreichung des gleichen Zieles zu verhelfen. Denn noch nie ist jemand ein so finsterer und strenger Anhnger der Tugend und entschiedener Feind des Vergngens gewesen, da er von dir Anstrengungen, Nachtwachen und Kasteiungen verlangte, ohne nicht gleichzeitig dir aufzugeben, die Not und das Ungemach anderer nach Krften zu lindern, und ohne es nicht im Namen der Menschlichkeit fr lobenswert zu halten, da ein Mensch dem anderen Heil und Trost spendet. Wenn nun die hchste Menschlichkeit darin besteht -- und keine Tugend ist dem Menschen eigentmlicher--, den Kummer der Mitmenschen zu lindern, ihre Traurigkeit zu beheben und in ihr Leben wieder die Freude, das heit das Vergngen, zu bringen, wie sollte da nicht die Natur einen jeden anspornen, die gleiche Wohltat auch sich selber zuteil werden zu lassen? Denn entweder ist ein angenehmes, das heit dem Vergngen gewidmetes Leben verwerflich, dann darfst du nicht blo niemandem zu einem Vergngen verhelfen, sondern mut es sogar von allen nach Mglichkeit fernhalten, da es ihnen ja schdlich ist und den Tod bringt. Oder aber, wenn du anderen ein Vergngen als etwas Gutes nicht blo verschaffen darfst, sondern sogar verschaffen sollst, warum dann nicht vor allem dir selbst, dem du doch nicht weniger als anderen gewogen sein solltest? Denn wenn die Natur dich zur Gte gegen andere mahnt, verlangt sie doch nicht gleichzeitig von dir schonungslose Strenge gegen dich selbst. Ein angenehmes Leben also, das heit eben das Vergngen, sagen die Utopier, stellt uns die Natur selbst gleichsam als Ziel aller unserer Handlungen hin, und ein Leben nach ihrer Vorschrift ist in ihren Augen Tugend. Die Natur aber ruft auch die Menschen auf, sich gegenseitig zu einem Leben in grter Frhlichkeit zu verhelfen. Und das tut sie sicherlich mit Fug und Recht; denn keiner ist so erhaben ber das allgemeine Menschenschicksal, da die Natur fr ihn allein sorgen mte, sie, die alle, die sie durch die Gleichheit der Gestalt zu einer Gemeinschaft zusammenfat, in gleicher Weise hegt und pflegt. Und eben darum heit sie dich auch immer wieder darauf achten, auf deinen eigenen Vorteil nicht so bedacht zu sein, da du anderen dabei schadest. Deshalb drfen auch nach Ansicht der Utopier nicht blo die Vertrge zwischen Privatpersonen nicht verletzt werden, sondern auch die ffentlichen Bestimmungen ber die Teilung der Lebensgter, das heit der materiellen Grundlage des Vergngens, Bestimmungen, die entweder ein guter Frst auf gesetzlichem Wege erlassen oder die ein Volk auf Grund einer allgemeinen bereinkunft getroffen hat, ohne durch Tyrannei in seiner Willensuerung beschrnkt oder durch Betrug umgarnt zu sein. Ohne Verletzung dieser Gesetze fr dein persnliches Wohlergehen zu sorgen, erfordert die Klugheit, auerdem das allgemeine Wohl im Auge zu haben, das Pflichtgefhl; aber darauf auszugehen, einem anderen sein Vergngen zu rauben, wofern man nur sein eigenes erjagt, das ist in der Tat Unrecht. Sich selber dagegen etwas zu nehmen, um es anderen zu dem, was sie haben, noch dazuzugeben, das eben ist eine Pflicht der Menschlichkeit und Gte und bringt einem stets mehr Glck wieder ein, als es einem nimmt. Denn die Wohltaten anderer vergelten als Gegenleistung das gute Werk, und das bloe Bewutsein, etwas Gutes getan zu haben, sowie die Erinnerung an die wohlwollende Liebe derer, denen man Gutes getan hat, bereiten dem Herzen eine Freude, die grer ist, als es jenes Vergngen des Krpers gewesen wre, auf das man verzichtet hat. Und endlich vergilt Gott, wovon sich ein glubiges Gemt mit Leichtigkeit aus der Religion berzeugt, ein kurzes und geringes Vergngen dereinst mit unermelicher und ewig whrender Freude. So sind denn die Utopier nach sorgfltiger Untersuchung und genauer Erwgung der Sache zu der Ansicht gekommen, da alle unsere Handlungen, und darunter auch die tugendhaften selbst, letzten Endes auf das Vergngen und damit auf die Glckseligkeit abzielen. Vergngen nennen die Utopier jede Bewegung und jeden Zustand des Krpers und des Geistes, worin wir unter Anleitung der Natur mit Behagen verweilen. Nicht ohne Grund fgen sie hinzu, da die Natur es so haben will. Denn von Natur bereitet alles das Wohlbehagen, was man nicht auf dem Wege des Unrechts begehrt oder wodurch nichts anderes Angenehmeres verlorengeht oder was keine Mhe und Arbeit im Gefolge hat; und danach verlangt nicht blo das sinnliche Begehren, sondern auch die gesunde Vernunft. Anderseits aber gibt es Dinge, die die Menschen gegen die Ordnung der Natur flschlich als angenehm bezeichnen, und zwar auf Grund eines ganz trichten Sprachgebrauchs, gerade als ob wir es in der Hand htten, mit den Worten auch die Dinge zu ndern. Alle diese Dinge sind nach Ansicht der Utopier wertlos fr die Glckseligkeit, ja sogar ihr im hchsten Grade hinderlich, und zwar deshalb, weil sie die ganze Seele des Menschen, in der sie sich einmal festgesetzt haben, mit einer verkehrten Meinung ber das Vergngen im voraus erfllen, um fr wahre und reine Freuden nirgends Platz zu lassen. Es gibt nmlich sehr viele Dinge, die zwar ihrer eigentlichen Natur nach durchaus nicht anziehend, sondern im Gegenteil sogar meist recht unangenehm sind, die aber trotzdem infolge der trichten Lockung ruchloser Begierden nicht blo fr die hchsten Gensse gehalten, sondern auch sogar zu den wichtigsten Angelegenheiten des Lebens gerechnet werden. Zu denen, die den falschen Vergngen dieser Art nachgehen, zhlen die Utopier diejenigen, die sich selber, wie frher erwhnt, um so besser dnken, je besser sie angezogen sind; dabei irren sie sich in diesem einen Punkte zweifach. Denn sie sind nicht weniger im Irrtum, wenn sie ihren Anzug, als wenn sie sich selbst fr etwas Besseres halten. Warum sollte nmlich im Hinblick auf die Brauchbarkeit der Kleidung ein Tuch aus feinerem Gewebe besser sein als eins aus grberem? Und doch ist jenen Leuten der Kamm geschwollen, als ob sie von Natur und nicht durch einen bloen Irrtum etwas Besseres wren, und sie meinen, sie gewnnen auch dadurch etwas an Wert. Deshalb beanspruchen sie auch, gleich als sei das ihr gutes Recht, fr ihren eleganteren Anzug eine Ehrenbezeigung, auf die sie in einfacherer Kleidung gar nicht wagen wrden zu hoffen, und sind unwillig, wenn sie beim Vorbergehen nicht weiter beachtet werden. Aber ist nicht gerade auch dieses Verlangen nach eitlen und nutzlosen Ehrenbezeigungen ebenso unvernnftig? Denn wie kann wohl der entblte Scheitel oder das gebeugte Knie eines anderen ein natrliches und wahres Vergngen bereiten? Wird das vielleicht einen Schmerz in deinen eigenen Knien heilen? Oder wird es das hitzige Fieber in deinem eigenen Kopfe lindern? In der Vorstellung eines solchen Scheinvergngens schmeicheln sie sich und klatschen sie sich Beifall, weil sie zufllig von Vorfahren abstammen, von denen eine lange Reihe fr reich gegolten hat -- einen anderen Adel gibt es ja heutzutage nicht--, fr reich besonders an Landgtern, und sie dnken sich nicht um ein Haar weniger vornehm, wenn ihnen auch ihre Vorfahren von ihrem Reichtum nichts hinterlassen oder wenn sie ihr Erbe selber verprat haben. Zu den Leuten dieser Art rechnen die Utopier auch die schon erwhnten Liebhaber von Gemmen und Edelsteinen, und sie kommen sich gewissermaen wie Gtter vor, wenn sie einmal einen ausnehmend wertvollen Stein erwerben, zumal wenn er von der zu ihrer Zeit und in ihrem Lande besonders geschtzten Art ist; denn nicht berall und nicht zu jeder Zeit behalten die gleichen Arten ihren Wert. Sie kaufen aber einen Edelstein nur ohne Goldfassung und Umhllung, und auch dann nur, wenn der Verkufer einen Eid und Brgschaft dafr leistet, da die Gemme und der Juwel echt sind; solche Angst haben sie, da der Augenschein sie tuschen knnte. Warum aber sollte dir, der du den Edelstein nur betrachten willst, ein knstlicher weniger Vergngen machen, den dein Auge von einem echten nicht zu unterscheiden vermag? Beide mten eigentlich den gleichen Wert haben, fr dich, bei Gott, genau so wie fr einen Blinden. Was soll man ferner von denen sagen, die berflssige Schtze aufbewahren, nicht um sich ber die Verwendung des Haufens Geld, sondern nur ber seinen Anblick zu freuen? Genieen sie etwa eine echte Freude, oder narrt sie nicht vielmehr nur ein Scheinvergngen? Oder wie steht es mit denen, die den entgegengesetzten Fehler begehen und das Gold, das sie niemals verwenden, ja vielleicht auch niemals wieder zu Gesicht bekommen werden, vergraben und aus Angst vor seinem Verlust es wirklich verlieren? Denn verlierst du dein Gold nicht, wenn du es der Verwendung durch dich selbst und vielleicht durch die Menschen berhaupt entziehst und der Erde zurckgibst? Und doch bist du ausgelassen froh darber, da du deinen Schatz versteckt hast, als brauchtest du nun keine Sorge mehr zu haben. Sollte dir aber jemand den Schatz stehlen, ohne da du etwas von diesem Diebstahl merkst, und solltest du zehn Jahre danach sterben, was macht es dir da in dem ganzen Zeitraum von zehn Jahren, um den du den Verlust deines Geldes berlebt hast, aus, ob es gestohlen oder noch vorhanden war? Sicherlich hast du in beiden Fllen den gleichen Nutzen davon gehabt. Zu diesen so unpassenden Freuden rechnen die Utopier auch die der Glcksspieler, deren unsinniges Gebaren ihnen nur vom Hrensagen, nicht aus Erfahrung bekannt ist, und auerdem die der Jger und Vogelsteller. Denn was ist das fr ein Vergngen, so sagen sie, die Wrfel auf das Spielbrett zu werfen? Und dabei tut man das so oft, da schon aus der hufigen Wiederholung ein berdru entstehen knnte, wenn wirklich ein Vergngen damit verbunden wre. Oder wie knnte es angenehm sein und nicht vielmehr Widerwillen erregen, das Gebell und Geheul der Hunde zu hren? Oder inwiefern macht es mehr Vergngen, wenn ein Hund einem Hasen als wenn er einem anderen Hunde nachjagt? Denn in beiden Fllen handelt es sich doch um den gleichen Vorgang: es wird gelaufen -- wenn dir das Laufen Freude machen sollte. Wenn dich aber die Aussicht auf Mord fesselt oder wenn du auf die Zerfleischung wartest, die sich vor deinen Augen abspielen soll, so mte es doch eher dein Mitleid erregen, wenn du mit ansehen mut, wie das arme Hslein von dem Hunde zerrissen wird, der Schwache von dem Strkeren, der Scheue und Furchtsame von dem Wilden, der Harmlose schlielich von dem Grausamen. Die Utopier haben deshalb dieses ganze Geschft des Jagens als eine der Freien unwrdige Beschftigung den Metzgern zugewiesen, deren Handwerk sie, wie oben erwhnt, von Sklaven ausben lassen. Ihrer Anschauung nach ist nmlich die Jagd die niedrigste Verrichtung dieses Handwerks, die brigen sind in ihren Augen ntzlicher und ehrbarer, weil sie die Tiere weit mehr schonen und nur aus Notwendigkeit tten, whrend der Jger einzig und allein im Morden und Zerfleischen des armen Tieres sein Vergngen sucht. Dieses Lustgefhl beim Anblick des Mordens hat nach Ansicht der Utopier sogar beim Morden der Tiere seinen Ursprung in einer grausamen Gemtsstimmung oder artet schlielich infolge stndiger Wiederholung des so rohen Vergngens in Grausamkeit aus. Diese und alle sonstigen Gensse derart -- es gibt nmlich deren unzhlige -- hlt zwar die groe Masse der Menschen fr Vergngen, die Utopier dagegen erklren rund heraus, mit dem wahren Vergngen habe das alles gar nichts zu tun, da ihm von Natur alles Erfreuliche fehle. Denn wenn es auch fr gewhnlich den Sinn mit Wohlbehagen erfllt, was ja die Aufgabe des Vergngens zu sein scheint, so gehen die Utopier doch nicht von ihrer Meinung ab. Der Grund dafr ist nmlich nicht die Natur der Sache selbst, sondern die ble Gewohnheit der Menschen. Sie ist schuld daran, da man Bitteres als s hinnimmt, genau so wie schwangere Frauen, deren Geschmack gestrt ist, Pech und Talg fr ser als Honig halten. Aber das Urteil eines einzelnen, das durch Krankheit oder Gewhnung getrbt ist, kann die Natur nicht ndern, die des Vergngens ebensowenig wie die anderer Dinge. Von den nach ihrer Ansicht echten Vergngen unterscheiden die Utopier verschiedene Arten, und zwar weisen sie die einen der Seele und die anderen dem Leibe zu. Zu den Vergngen der Seele zhlen sie die geistige Bettigung sowie das Wohlbehagen, das die Betrachtung der Wahrheit hervorruft. Dazu kommt das angenehme Bewutsein eines untadeligen Lebenswandels und die sichere Hoffnung auf die Glckseligkeit nach dem Tode. Die krperliche Lust zerfllt in zwei Arten. Die erste ist die, die unsere Sinne mit einem deutlichen Wohlbehagen erfllt. Das geschieht zum Teil durch die Erneuerung derjenigen Bestandteile unseres Krpers, die durch die Wrmeerzeugung in unserem Inneren verbraucht sind -- diese fhrt uns nmlich Essen und Trinken wieder zu--, zum Teil auch durch Ausscheidung der in unserem Krper berflssigen Stoffe. Das wird erreicht durch Reinigung der Eingeweide von den Exkrementen oder durch Zeugung von Kindern oder wenn das Jucken eines Krperteils durch Reiben oder Kratzen gelindert wird. Bisweilen aber entsteht auch ein Vergngen, das unserem Krper weder etwas zufhrt, wonach die Organe verlangen, noch diese von etwas Lstigem befreit. Es ist aber eine Lustempfindung, die unsere Sinne trotzdem mit einer Art geheimer Gewalt, aber in einer deutlich sichtbaren Erregung zu kitzeln, anzuregen und an sich zu ziehen vermag; ein solches Vergngen bereitet die Musik. Die zweite Art des krperlichen Vergngens erblicken die Utopier in einem ruhigen und gleichmigen Zustand des Krpers, das heit also in der durch keinerlei Unbehagen gestrten Gesundheit des einzelnen. Diese ruft ja, falls kein Schmerz sie beeintrchtigt, schon an und fr sich Wohlbehagen hervor, selbst wenn keine von auen kommende Lust auf den Krper einwirken sollte. Zwar tritt sie weniger hervor und reizt die Sinne weniger als jene ungestme Lust an Essen und Trinken; nichtsdestoweniger jedoch gilt sie vielen in Utopien als das grte, fast allen aber als ein groes Vergngen und gleichsam als die Grundlage und der Grundstein aller Vergngen. Denn sie allein macht unser Leben ruhig und lebenswert, und ohne sie ist bei keinem und nirgends noch Raum fr irgendein Vergngen. Denn auch wenn man gar keine Schmerzen hat, dabei aber nicht gesund ist, so ist doch dieser Zustand in den Augen der Utopier kein Vergngen, sondern Stumpfheit. Schon lngst gilt bei ihnen die Lehre der Philosophen nicht mehr, die da meinten, man drfe eine bestndige und ungestrte Gesundheit deshalb nicht fr ein Vergngen halten, weil das Vorhandensein eines solchen nur infolge einer Erregung von auen her zu merken sei; auch diese Frage ist nmlich eifrig bei den Utopiern errtert worden. Vielmehr sind sie jetzt im Gegenteil fast alle darin einig, da die Gesundheit sogar ganz besonders als ein Vergngen anzusehen ist. Da nmlich mit der Krankheit, so sagen sie, der Schmerz verbunden ist, der der unvershnliche Feind des Vergngens ist, ebenso wie die Krankheit der Feind der Gesundheit, warum sollte dann nicht anderseits mit einer ungestrten Gesundheit das Vergngen verbunden sein? Dabei ist es nach ihrer Ansicht ohne Belang, ob man die Krankheit selber als Schmerz oder den Schmerz nur als Begleiterscheinung der Krankheit bezeichnet; die Wirkung sei ja in beiden Fllen gleich stark. Mag nun die Gesundheit entweder ein Vergngen an und fr sich oder nur seine notwendige Ursache sein, wie das Feuer die Ursache der Hitze ist, ohne Zweifel ist die Wirkung in beiden Fllen die, da ein Mensch, der sich einer eisernen Gesundheit erfreut, ein Vergngen empfinden mu. Auerdem, so sagen sie, wenn wir essen, was geschieht da anderes, als da die Gesundheit, die allmhlich erschttert worden war, im Bunde mit der Speise gegen den Hunger ankmpft? Whrend der betreffende Mensch selbst dabei wieder erstarkt und seine gewohnte Kraft wiedererlangt, bereitet ihm die Gesundheit jenes Vergngen, das uns so erquickt. Wird nun aber die Gesundheit, die sich schon whrend des Kampfes freut, nicht erst recht froh sein, wenn sie den Sieg errungen hat? Ist sie endlich wieder glcklich im Besitze ihrer alten Strke, um die allein sie den ganzen Kampf gefhrt hat, wird sie dann etwa gefhllos werden und ihr Glck nicht erkennen und keinen groen Wert darauf legen? Da man nmlich sagt, man knne die Gesundheit nicht empfinden, ist nach Meinung der Utopier ganz falsch. Wer empfindet denn nicht, so sagen sie, wenn er nicht gerade schlft, da er gesund ist, auer dem, der es eben nicht ist? Wer liegt in so festen Banden des Stumpfsinns oder der Lethargie, da er nicht zugeben sollte, die Gesundheit bereite ihm Freude und Genu? Was ist aber Genu anderes als eine andere Bezeichnung fr Vergngen? Nach alledem schtzen die Utopier besonders die geistigen Vergngen; sie halten sie nmlich fr die ersten und wesentlichsten von allen, und in der Hauptsache entstehen sie nach ihrer Meinung aus der bung der Tugend und dem Bewutsein eines rechtschaffenen Lebenswandels. Unter den krperlichen Vergngen stellen sie die Gesundheit an erste Stelle; denn die Annehmlichkeit des Essens und Trinkens und alle anderen Ergtzlichkeiten der Art betrachten sie zwar als erstrebenswert, aber nur um der Gesundheit willen. Solcherlei nmlich sei nicht an und fr sich erfreulich, sondern nur insofern, als es einer sich heimlich einschleichenden Krankheit entgegenwirke. Wie deshalb der Verstndige eher Krankheiten vorbeugen als nach Arznei verlangen und lieber die Schmerzen beseitigen als zu Trostmitteln greifen msse, so sei es besser, man habe diese Art Vergngen gar nicht ntig, als da man darin ein Linderungsmittel erblicke. Sollte wirklich jemand in dieser Art Vergngen sein Glck sehen, so msse er notwendig zugeben, er werde dann erst am glcklichsten sein, wenn ihm ein Leben in bestndigem Hunger, Durst, Jucken, Essen, Trinken, Kratzen und Reiben beschieden sei. Da ein solches Leben aber nicht blo hlich, sondern auch jmmerlich wre, sieht jeder ein. Diese Gensse sind in der Tat die niedrigsten, weil sie keineswegs reiner Natur sind; denn immer sind sie von den entgegengesetzten Schmerzen begleitet. So ist mit dem Genu des Essens der Hunger verbunden, und zwar in einem recht ungleichen Verhltnis. Denn der Schmerz ist nicht nur heftiger, sondern hlt auch lnger an, da er ja eher als das Vergngen entsteht und erst zusammen mit ihm vergeht. Vergngen dieser Art also sind nach Ansicht der Utopier nicht zu schtzen, soweit sie nicht zum Leben notwendig sind. Doch haben sie auch an ihnen ihre Freude und erkennen dankbar die Liebe der Mutter Natur an, die ihre Kinder mit den verlockendsten Lustgefhlen zu den fr sie immer wieder lebensnotwendigen Verrichtungen anspornt. Wie wrde uns nmlich unser Leben anekeln, wenn wir ebenso wie die brigen Krankheiten, die uns seltener befallen, auch diese tglichen Erkrankungen an Hunger und Durst durch Gifte und bittere Arzneien bekmpfen mten! Was dagegen Schnheit, Strke und Gewandtheit anlangt, so hegen und pflegen die Utopier sie mit Vorliebe als eigentliche und willkommene Gaben der Natur. Als eine Art angenehme Wrze des Lebens schtzen sie auch diejenigen Gensse, die uns Auge, Ohr und Nase vermitteln und die die Natur ausschlielich fr den Menschen, und zwar in besonderer Weise, geschaffen hat; denn keine andere Gattung von Lebewesen hat ein Auge fr die Schnheit des Weltgebudes oder wird irgendwie von Wohlgerchen angenehm berhrt, soweit sie nicht ihre Nahrung danach unterscheiden, oder hat ein Gehr fr die verschiedenen Abstnde harmonischer und dissonierender Tne. Bei allen diesen Genssen aber sehen die Utopier darauf, da nicht ein kleinerer einem greren im Wege ist und da niemals ein Vergngen den Schmerz im Gefolge hat, was, wie sie meinen, notwendig bei einem nicht ehrbaren Vergngen der Fall ist. Den Reiz der Schnheit dagegen zu verachten, die Krfte zu schwchen, die Beweglichkeit zu Trgheit werden zu lassen, seinen Krper durch Fasten zu erschpfen, seiner Gesundheit Gewalt anzutun und auch sonst von den Lockungen der Natur nichts wissen zu wollen, es sei denn, da man sein Glck nur deshalb nicht wahrnimmt, um desto eifriger fr das Wohl seiner Mitmenschen oder fr das des Staates besorgt zu sein -- eine Mhe, fr die man als Entschdigung eine grere Freude von Gott erwartet--, aber sich zu kasteien, ohne jemandem zu ntzen, sondern lediglich um eines nichtigen Schattens von Tugend willen oder um Migeschick, das einem aber vielleicht niemals widerfhrt, leichter zu ertragen: das ist, so meinen die Utopier, ganz widersinnig, eine Grausamkeit gegen sich selbst und der bitterste Undank gegen die Natur; denn dadurch verzichtet man auf alle ihre Wohltaten, gleich als ob man es verschmhte, ihr irgendwie zu Dank verpflichtet zu sein. Das ist die Ansicht der Utopier ber die Tugend und das Vergngen, und, wie sie glauben, kann man keine finden, mit der menschliche Vernunft der Wahrheit nher kommt, es mte denn sein, da eine vom Himmel gesandte Religion einem Menschen noch frmmere Gedanken eingibt. Ob sie damit recht oder unrecht haben, knnen wir aus Mangel an Zeit nicht genau untersuchen, auch ist das gar nicht ntig; denn wir haben es ja nur unternommen, von ihren Einrichtungen zu erzhlen, nicht aber diese in Schutz zu nehmen. Wie es sich aber auch mit den angefhrten Grundstzen der Utopier verhalten mag, davon bin ich fest berzeugt: nirgends ist das Volk tchtiger, und nirgends ist der Staat glcklicher als in Utopien. Die Utopier sind krperlich gewandt und rstig; auch besitzen sie mehr Krfte, als ihre Statur erwarten lt; doch ist diese nicht unansehnlich. Der Boden ist zwar nicht berall fruchtbar und das Klima nicht besonders gesund, aber sie hrten sich gegen die Witterung durch eine mige Lebensweise so sehr ab und verbessern die Beschaffenheit des zu bestellenden Landes mit solchem Eifer, da nirgends in der Welt der Ertrag an Feldfrucht und Vieh reicher ist und nirgends die Menschen langlebiger und widerstandsfhiger gegen Krankheiten sind. Deshalb kann man in Utopien die Landleute nicht nur die blichen Arbeiten verrichten sehen, wie sie die von Natur geringere Fruchtbarkeit des Bodens durch Kunst und Flei steigern, sondern man kann auch beobachten, wie irgendwo ein Wald vollstndig ausgerodet und anderswo wieder angepflanzt wird. Dabei gibt nicht die Rcksicht auf den Ertrag, sondern auf den Transport den Ausschlag; das Holz soll sich nmlich in grerer Nhe des Meeres oder der Flsse oder der Stdte selbst befinden, weil sein Transport von weither auf dem Landwege beschwerlicher ist als der des Getreides. Die Utopier sind ein gewandtes, witziges und kunstfertiges Volk. Es geniet gern seine Mue, besitzt aber auch ntigenfalls gengend Ausdauer in krperlicher Arbeit. Sonst ist es in der Tat keineswegs arbeitswtig, doch kennt es keine Ermdung, wenn es sich um geistige Interessen handelt. Als wir den Utopiern von der griechischen Literatur und Wissenschaft erzhlten -- ber die Lateiner sprachen wir nicht, weil von ihnen, wie wir meinten, hchstens die Historiker und Dichter ihren lebhaften Beifall finden wrden--, staunten wir, mit welchem Eifer sie darauf bestanden, unter unserer Anleitung Griechisch grndlich lernen zu drfen. So begannen wir denn mit dem Unterricht, anfangs mehr deshalb, um nicht den Anschein zu erwecken, als wollten wir uns nicht der Mhe unterziehen, als weil wir mit irgendeinem Erfolg gerechnet htten. Sobald wir aber ein kleines Stck vorangekommen waren, lie uns ihr Flei erkennen, da wir unseren Eifer nicht umsonst aufwenden wrden; denn die Utopier begannen, die Buchstaben so mhelos nachzuschreiben, die Worte so gelufig auszusprechen, so schnell sich einzuprgen und so getreu zu wiederholen, da es uns wie ein Wunder vorkam. Allerdings gehrten die Leute, die nicht blo aus freien Stcken und aus Begeisterung, sondern auch auf Grund einer Verfgung des Senats das Studium des Griechischen begannen, zu den erlesensten Geistern der Gebildeten und standen in reifem Alter. Und so hatten sie denn noch vor Ablauf von drei Jahren in ihrer sprachlichen Ausbildung keine Lcken mehr und konnten gute Schriftsteller, abgesehen von Schwierigkeiten infolge einer fehlerhaften Textstelle, ohne Ansto lesen und verstehen. Wie ich wenigstens vermute, eigneten sie sich die Kenntnis der griechischen Sprache auch wegen ihrer teilweisen Verwandtschaft mit der Landessprache leichter an. Ich nehme nmlich an, die Utopier stammen von den Griechen ab; denn in ihrer fast persisch klingenden Sprache haben sich noch in den Orts- und Amtsnamen Spuren des Griechischen erhalten. Im Begriff, meine vierte Seereise nach Utopien anzutreten, nahm ich an Stelle von Waren einen ziemlich groen Packen Bcher mit an Bord, weil ich fest entschlossen war, lieber gar nicht statt nach kurzer Zeit schon heimzukehren. So besitzen denn die Utopier folgendes von mir: die meisten Werke Platos, mehrere Schriften des Aristoteles, sodann Theophrasts Buch ber die Pflanzen, das aber leider an mehreren Stellen lckenhaft ist. Whrend der Seefahrt hatte ich nmlich auf das Buch weniger Obacht gegeben, und so hatte sich eine Meerkatze seiner bemchtigt und, ausgelassen und spielig, hier und da ein paar Bltter herausgerissen und zerfetzt. Von den Grammatikern haben sie nur den Lascaris; den Theodorus habe ich nmlich gar nicht mitgenommen, ebenso kein Wrterbuch, auer Hesych und Dioscorides. Plutarchs kleine Schriften haben sie sehr gern, und auch Lucians Witz und Anmut fesseln sie. Von den Dichtern besitzen sie Aristophanes, Homer und Euripides, ferner Sophocles in den kleinen Typen des Aldus, von den Historikern Thucydides, Herodot sowie Herodian. Sogar aus dem Gebiet der Medizin hatte mein Reisegefhrte Tricius Apinatus etwas mitgebracht, nmlich einige kleine Schriften des Hippocrates und die Mikrotechne Galens. Gerade auf diese beiden Bcher legen die Utopier groen Wert; denn wenn sie die Heilkunde auch wohl weniger als alle anderen Vlker brauchen, so steht sie doch nirgends in grerer Achtung, und zwar schon deshalb, weil man in Utopien ihre Kenntnis zu den schnsten und ntzlichsten Teilen der Philosophie rechnet. Mit ihrer Hilfe erforscht man nmlich die Geheimnisse der Natur, und man glaubt, nicht blo einen wunderbaren Genu davon zu haben, sondern auch die hchste Gunst des Schpfers und Werkmeisters der Natur zu gewinnen. Man ist ja der Meinung, er habe nach Art der brigen Knstler den sehenswerten Mechanismus dieser Welt fr den Menschen zur Betrachtung ausgestellt und ihn allein in seinem Inneren fr eine so gewaltige Schpfung aufnahmefhig gemacht, und deshalb sei ihm ein wibegieriger und achtsamer Betrachter und Bewunderer seines Werkes lieber als einer, der ein so erhabenes und wundervolles Schauspiel stumpf und unerschttert nicht beachtet. So sind denn die Utopier infolge ihrer wissenschaftlichen Ausbildung erstaunlich begabt fr technische Erfindungen, die etwas dazu beitragen, das Leben angenehm und bequem zu machen. Zwei Erfindungen jedoch verdanken sie uns, die Buchdruckerkunst und die Herstellung des Papiers, aber doch nicht uns allein, sondern zu einem guten Teile auch sich selber. Als wir ihnen nmlich die Bcher zeigten, die Aldus auf Papier gedruckt hatte, und ihnen von dem zur Papierfabrikation notwendigen Material und von den Druckverfahren mehr blo etwas erzhlten, statt ihnen die Sache zu erklren -- keiner von uns besa nmlich in einer der beiden Knste praktische Erfahrung--, errieten sie sogleich uerst scharfsinnig das Verfahren, und, whrend sie bis dahin nur auf Huten, Rinde und Papyrusbast schrieben, versuchten sie nunmehr sofort, Papier herzustellen und zu drucken. Im Anfang wollte es ihnen nicht so recht gelingen, aber durch hufigere Versuche kamen sie bald dahinter und brachten es dann in beiden Knsten so weit, da es keinen Mangel an Exemplaren griechischer Autoren geben knnte, wenn anders Handschriften vorhanden wren. Zur Zeit aber steht den Utopiern nichts weiter zur Verfgung, als was ich erwhnt habe; das aber haben sie bereits in vielen tausend Exemplaren durch den Druck vervielfltigt. Wer aus Schaulust nach Utopien kommt, wird mit offenen Armen aufgenommen, wenn er sich durch eine besondere Begabung oder durch Kenntnis vieler Lnder auszeichnet, die er sich auf langen Reisen im Ausland erworben hat, und wenn sich seine Aufnahme dadurch empfiehlt. Aus diesem Grunde war den Utopiern auch unsere Landung willkommen; denn sie hren gern von dem Geschehen berall in der Welt. Zu Handelszwecken dagegen kommen Fremde nicht gerade hufig hin. Was sollte man denn auch dort einfhren auer Eisen oder Gold und Silber, das aber jeder doch lieber mit heimbringen mchte? Was sie aber aus ihrem eigenen Lande auszufhren haben, das verschiffen sie auf Grund reiflicher berlegung lieber selber, als da sie es von anderen holen lassen, einmal, um die Vlker des Auslands ringsum genauer kennenzulernen, und sodann, um nicht ihrer nautischen bung und Erfahrung verlustig zu gehen. Die Sklaven Als Sklaven verwenden die Utopier weder Kriegsgefangene, auer wenn sie selber den Krieg gefhrt haben, noch Shne von Sklaven noch schlielich jemanden, den sie bei anderen Vlkern als Sklaven kaufen knnen. Ihre Sklaven sind vielmehr Mitbrger, die wegen eines Verbrechens zu Sklaven gemacht, oder, was weit hufiger der Fall ist, Leute, die in Stdten des Auslands wegen irgendeiner Missetat zum Tode verurteilt wurden. Von letzteren holen sich die Utopier einen groen Teil ins Land; bisweilen zahlen sie fr sie nur einen geringen Preis, noch fter auch gar nichts. Diese beiden Arten von Sklaven mssen nicht nur dauernd arbeiten, sondern auch Fesseln tragen. Ihre eigenen Landsleute aber behandeln die Utopier noch hrter; denn sie sind in ihren Augen deshalb noch verworfener und verdienen deshalb noch schwerere Strafen, weil sie sich trotz der vortrefflichen Anleitung zur Tugend, die sie durch eine ausgezeichnete Erziehung gehabt haben, dennoch nicht von einem Verbrechen haben abhalten lassen. Eine andere Klasse von Sklaven bilden diejenigen, die es als arbeitsame und arme Tagelhner eines fremden Volkes vorziehen, aus freien Stcken bei den Utopiern Sklavendienste zu leisten. Diese behandeln sie anstndig und nicht viel weniger gut als ihre Mitbrger; nur haben sie ein klein wenig mehr Arbeit zu leisten, da sie ja daran gewhnt sind. Will einer von ihnen wieder fort, was aber nur selten der Fall ist, so hlt man ihn weder wider seinen Willen zurck, noch lt man ihn ohne irgendein Geschenk ziehen. Die Kranken pflegt man, wie erwhnt, mit groer Liebe, und man tut unbedingt alles, um sie durch eine gewissenhafte Behandlung mit Arznei oder Dit wieder gesund zu machen. Sogar die, die an unheilbaren Krankheiten leiden, sucht man zu trsten, indem man sich zu ihnen setzt, sich mit ihnen unterhlt und ihnen schlielich alle mglichen Erleichterungen schafft. Ist jedoch die Krankheit nicht blo unheilbar, sondern qult und martert sie den Patienten auch noch dauernd, dann stellen ihm die Priester und obrigkeitlichen Personen vor, er sei allen Ansprchen, die das Leben an ihn stelle, nicht mehr gewachsen, falle anderen nur zur Last und berlebe, sich selber zur Qual, bereits seinen eigenen Tod. Er solle deshalb nicht darauf bestehen, seiner Krankheit noch lnger Gelegenheit zu geben, ihn zu verzehren; er mge vielmehr ohne Zgern seinem Leben ein Ende machen, da es ja fr ihn nur noch eine Qual sei, und sich in Zuversicht und guten Mutes von diesem traurigen Leben wie von einem Kerker oder einer qulenden Sorge entweder selbst frei machen oder sich mit seinem Einverstndnis von anderen seiner Pein entreien lassen. Das werde klug sein, da er durch seinen Tod nicht das Glck, sondern nur die Qual seines Lebens vorzeitig beende; zugleich aber werde er ein frommes und heiliges Werk vollbringen, da er ja in diesem Falle nur den Rat der Priester, der Deuter des gttlichen Willens, befolge. Wer sich nun dadurch berreden lt, stirbt entweder freiwillig den Hungertod oder lt sich betuben und wird so ohne eine Todesempfindung erlst. Gegen seinen Willen aber bringen die Utopier niemanden ums Leben; auch lassen sie es keinem trotz seiner Weigerung, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, an irgendeinem Liebesdienst fehlen. Sich berreden zu lassen und so zu sterben, gilt als ehrenvoll. Wer sich aber das Leben nimmt aus einem Grunde, den Priester und Senat nicht billigen, den hlt man weder der Beerdigung noch der Verbrennung fr wrdig; zu seiner Schande lt man ihn unbestattet und wirft ihn in irgendeinen Sumpf. Das Weib heiratet nicht vor dem 18., der Mann aber erst nach erflltem 22. Lebensjahre. Wenn ein Mann oder ein Weib vor der Ehe geheimen Geschlechtsverkehrs berfhrt wird, so trifft ihn oder sie strenge Strafe, und beide drfen berhaupt nicht heiraten, es sei denn, da der Brgermeister Gnade fr Recht ergehen lt. Aber auch der Hausvater und die Hausmutter, in deren Hause die Schandtat begangen wurde, sind in hohem Mae bler Nachrede ausgesetzt, da sie, wie man meint, ihre Pflicht nicht gewissenhaft genug erfllt haben. Die Utopier ahnden dieses Vergehen deshalb so streng, weil sich, wie sie voraussehen, nur selten zwei Leute zu ehelicher Gemeinschaft vereinigen wrden, wenn man den zgellosen Geschlechtsverkehr nicht energisch unterbnde; denn in der Ehe mu man sein ganzes Leben mit nur einer Person zusammen verbringen und auerdem so mancherlei Beschwernis geduldig mit in Kauf nehmen. Ferner beobachten sie bei der Auswahl der Ehegatten mit Ernst und Strenge einen Brauch, der uns jedoch hchst unschicklich und beraus lcherlich vorkam. Eine gesetzte, ehrbare Matrone zeigt nmlich dem Freier das Weib, sei es ein Mdchen oder eine Witwe, nackt; und ebenso zeigt anderseits ein sittsamer Mann den Freier nackt dem Mdchen. Diese Sitte fanden wir lcherlich, und wir tadelten sie als anstig; die Utopier dagegen konnten sich nicht genug ber die auffallende Torheit all der anderen Vlker wundern. Wenn dort, so sagten sie, jemand ein Fllen kauft, wobei es sich nur um einige wenige Geldstcke handelt, ist er so vorsichtig, da er sich trotz der fast vlligen Nacktheit des Tieres nicht eher zum Kaufe entschliet, als bis der Sattel und alle Reitdecken abgenommen sind; denn unter diesen Hllen knnte ja irgendeine schadhafte Stelle verborgen sein. Gilt es aber, eine Ehefrau auszuwhlen, eine Angelegenheit, die Genu oder Ekel frs ganze Leben zur Folge hat, so geht man mit solcher Nachlssigkeit zu Werke, da man das ganze Weib kaum nach einer Handbreit seines Krpers beurteilt. Man sieht sich nichts weiter als das Gesicht an -- der brige Krper ist ja von der Kleidung verhllt--, und so bindet man sich an die Frau und setzt sich dabei der groen Gefahr aus, da der Ehebund keinen rechten Halt hat, wenn spter etwas Ansto erregen sollte. Denn einerseits sind nicht alle Mnner so klug, nur auf den Charakter zu sehen, anderseits aber ist auch in den Ehen kluger Mnner Schnheit des Krpers eine nicht unwesentliche Zugabe zu den Vorzgen des Geistes. Auf jeden Fall aber knnen jene Kleiderhllen eine Hlichkeit verbergen, die so abstoend wirkt, da sie imstande ist, Herz und Sinn eines Mannes seiner Frau vllig zu entfremden, da eine krperliche Trennung nicht mehr mglich ist. Wenn nun solch ein hliches Aussehen die Folge irgendeines Unglcksfalles erst nach der Heirat ist, so mu sich jedes in sein Schicksal fgen; dagegen ist durch gesetzliche Bestimmungen zu verhten, da jemand vor der Eheschlieung einer Tuschung zum Opfer fllt. Die Utopier muten das um so angelegentlicher ihre Sorge sein lassen, weil sie allein von den Vlkern jener Himmelstriche sich mit nur einer Gattin begngen und weil eine Ehe dort nur selten anders als durch den Tod gelst wird, wenn nicht gerade Ehebruch oder unertrglich schlechte Auffhrung die Scheidung veranlassen. Wird nmlich einer von beiden Teilen auf diese Weise beleidigt, so erhlt er vom Senat die Erlaubnis zu einer neuen Ehe; der schuldige Teil dagegen lebt ehrlos bis an sein Ende und darf keine neue Ehe eingehen. Da aber jemand seine Frau, die nichts verbrochen hat, wider ihren Willen nur deshalb verstt, weil sie einen krperlichen Unfall erlitten hat, duldet man allerdings auf keinen Fall; denn man hlt es fr eine Grausamkeit, jemanden gerade dann im Stiche zu lassen, wenn er des Trostes am meisten bedarf, und man ist der Meinung, der alternde Gatte werde dann nicht mehr sicher und fest darauf vertrauen knnen, da ihm die eheliche Treue gehalten wird, da das Alter Krankheiten mit sich bringt und schon an und fr sich eine Krankheit ist. Zuweilen jedoch kommt es vor, da die Ehegatten charakterlich nicht recht miteinander harmonieren. Wenn dann beide jemand anders finden, mit dem sie glcklicher zu leben hoffen, so trennen sie sich in gtlicher Vereinbarung und gehen eine neue Ehe ein, allerdings nicht ohne Genehmigung des Senats, der Scheidungen erst nach sorgfltiger Untersuchung der Sache durch seine Mitglieder und deren Ehefrauen zult. Aber auch dann machen die Senatoren die Scheidung nicht leicht, weil sie wissen, da die Aussicht, ohne Schwierigkeit eine neue Ehe eingehen zu knnen, keineswegs dazu dient, die Liebe der Ehegatten zu festigen. Ehebrecher bestraft man mit uerst harter Sklaverei. Waren beide Teile verheiratet, so knnen die Gatten, denen das Unrecht widerfhrt, ihre schuldigen Ehepartner verstoen und, wenn sie Lust haben, sich gegenseitig oder, wen sie sonst wollen, heiraten. Wenn dagegen der eine beleidigte Teil den anderen noch weiter liebt, obgleich er es so wenig verdient, so kann die Ehe gesetzlich fortbestehen, falls der beleidigte Teil gewillt ist, dem zur Zwangsarbeit verurteilten in die Sklaverei zu folgen. Bisweilen erregen auch die Reue des einen und die pflichteifrige Zuneigung des anderen Teiles das Mitleid des Brgermeisters, so da er dem schuldigen Gatten wieder die Freiheit erwirkt. Wer aber dann rckfllig wird, mu mit dem Leben ben. Fr die brigen Verbrechen sieht das Gesetz keine bestimmten Strafen vor, sondern der Senat setzt in jedem Falle, je nachdem ihm das Vergehen schwer erscheint oder nicht, die Strafe fest. Die Mnner zchtigen ihre Frauen und die Eltern ihre Kinder, wenn die Missetat nicht so schlimm ist, da das Interesse der Moral eine ffentliche Bestrafung verlangt. In der Regel ahndet man die schwersten Verbrechen mit Zwangsarbeit; denn man ist der Meinung, das sei fr die Verbrecher nicht weniger hart und zugleich fr den Staat nicht weniger vorteilhaft, als wenn man die Schuldigen schleunigst abschlachte und stracks aus dem Wege schaffe. Einmal nmlich bringt ihre Arbeit mehr Nutzen als ihre Hinrichtung, und sodann schrecken sie durch ihr warnendes Beispiel fr lngere Zeit andere von hnlicher Untat ab. Sollten sie sich aber in solcher Lage widersetzlich und aufsssig benehmen, so schlgt man sie schlielich tot wie wilde Tiere, die weder Kerker noch Ketten bndigen knnen. Denen aber, die sich geduldig fgen, nimmt man nicht gnzlich jede Hoffnung. Wenn nmlich eine lange Leidenszeit ihren Widerstand gebrochen hat und wenn sie eine Reue zur Schau tragen, die bekundet, da sie ihre Schuld mehr drckt als ihre Strafe, so wird ihre Zwangsarbeit bisweilen durch ein Wort des Brgermeisters, bisweilen aber auch durch Volksbeschlu entweder erleichtert oder erlassen. Wer zur Unzucht verleitet, setzt sich ebenso groer Gefahr aus wie der, der sie begeht. Bei jeder Schandtat kommt nmlich in den Augen der Utopier der bestimmte und wohlberlegte Versuch der Tat selbst gleich; denn, so meinen sie, was den Versuch nicht zur Tat werden lie, darf dem nicht zum Vorteil gereichen, an dem es gar nicht gelegen hat, da der Versuch nicht zur Tat wurde. -- Possenreier machen den Utopiern viel Spa. Sie zu beleidigen ist in ihren Augen eine groe Ungehrigkeit. Doch finden sie nichts dabei, wenn man sich mit ihrer Torheit einen Spa macht; denn das ist nach ihrer Meinung fr die Possenreier selber von grtem Vorteil. Ist aber jemand so ernst und finster, da er ber nichts, was ein Narr tut oder spricht, lacht, so darf man ihrer Ansicht nach einen Narren seiner Obhut nicht anvertrauen; sie frchten nmlich, er werde ihn nicht nachsichtig genug behandeln, weil er von ihm nicht nur keinen Nutzen, sondern nicht einmal Erheiterung haben werde, und diese Begabung ist ja seine einzige Strke. Einen Migestalteten und Krppel zu verlachen, ist nach Meinung der Utopier schimpflich und hlich, und zwar nicht fr den, der verspottet wird, sondern fr den Sptter; denn dieser ist so tricht, jemandem etwas als Fehler zum Vorwurf zu machen, was zu vermeiden gar nicht in seiner Macht lag. Wie es nmlich in den Augen der Utopier einerseits eine Nachlssigkeit und Trgheit ist, sich seine krperliche Schnheit nicht zu erhalten, so ist es anderseits eine Schande und Unverschmtheit, die Schminke zu Hilfe zu nehmen. Wissen sie doch aus persnlicher Erfahrung, da eine Frau die Achtung und Liebe ihres Mannes durch keinerlei Aufputz des ueren in gleicher Weise wie durch Sittsamkeit und Ehrerbietung gewinnt. Wenn sich nmlich auch manche Mnner durch bloe Schnheit fangen lassen, so ist doch keiner ohne Tugend und Gehorsam auf die Dauer festzuhalten. Die Utopier schrecken nicht blo durch Strafen von Schandtaten ab, sondern geben auch durch die Aussicht auf Ehrungen einen Anreiz zur Tugendhaftigkeit. Zu diesem Zweck errichten sie berhmten und um den Staat besonders verdienten Mnnern auf dem Markte Standbilder zur Erinnerung an ihre Taten; zugleich aber soll der Ruhm der Vorfahren ihre Nachkommen mit Nachdruck zur Tugend anspornen. Wer sich ein Amt zu erschleichen sucht, geht der Aussicht verlustig, berhaupt ein Amt zu erlangen. Die Utopier verkehren in liebevoller Weise miteinander, und auch die obrigkeitlichen Personen sind weder anmaend noch schroff. Sie heien Vter, und als solche zeigen sie sich auch. Aus freien Stcken erweist man ihnen die gebhrende Ehre, und man lt sich nicht dazu zwingen. Nicht einmal den Brgermeister macht eine besondere Tracht oder ein Diadem kenntlich, sondern nur ein Bschel hren, das er trgt, wie das Kennzeichen des Oberpriesters eine Wachskerze ist, die ihm vorangetragen wird. Gesetze haben die Utopier in ganz geringer Zahl; fr Leute von solcher Disziplin gengen ja auch beraus wenige. Ja, das mibilligen sie vor allem anderen bei fremden Vlkern, da dort nicht einmal eine Flut von Gesetzbchern und Kommentaren ausreicht. Ihnen selbst aber kommt es hchst unbillig vor, wenn sich jemand durch Gesetze verpflichten soll, die entweder zu zahlreich sind, als da er sie durchlesen knnte, oder zu dunkel, als da sie jedermann verstndlich wren. Ferner wollen sie von Advokaten berhaupt nichts wissen, weil diese die Prozesse so gerissen fhren und ber die Gesetze so spitzfindig disputieren. Nach Ansicht der Utopier ist es nmlich von Vorteil, wenn jeder seine Sache selber vertritt und das, was er seinem Anwalt erzhlen wrde, dem Richter mitteilt; auf diese Weise werde es, so sagen sie, weniger Winkelzge geben und die Wahrheit komme eher ans Licht. Wenn nmlich jemand spricht, den kein Anwalt Falschheit gelehrt hat, so wgt der Richter das einzelne, was er vorbringt, geschickt und klug ab und steht Leuten von harmloserem Charakter gegen die Verleumdungen verschlagener Gegner bei. Das lt sich bei anderen Vlkern wegen der Riesenmenge hchst verwickelter Gesetze nur schwer durchfhren, bei den Utopiern dagegen ist jeder einzelne gesetzeskundig. Einmal nmlich ist die Zahl ihrer Gesetze, wie gesagt, sehr gering, und sodann halten sie die am wenigsten geknstelte Auslegung fr die gegebenste. Denn wenn alle Gesetze, so sagen sie, nur dazu erlassen werden, jedermann an seine Pflicht zu erinnern, so wird dieser Zweck durch eine feinere Auslegung, die nur wenige verstehen, auch nur bei sehr wenigen erreicht; dagegen ist eine einfachere und nherliegende Erklrung der Gesetze einem jeden verstndlich. Was aber nun die groe Masse anlangt, die an Zahl strkste Klasse, die der Ermahnung am meisten bedarf, was macht es der aus, ob man berhaupt kein Gesetz gibt oder ob man ein schon bestehendes Gesetz in einem Sinne auslegt, den jemand nur mit viel Geist und in langer Errterung herausfinden kann? Damit kann sich weder der hausbackene Verstand des gemeinen Mannes befassen, noch lt ihm sein Leben, das von der Beschaffung des Unterhaltes ausgefllt ist, die Zeit dazu. Diese Vorzge der Utopier veranlassen ihre Nachbarn, obwohl sie frei und selbstndig sind -- viele von ihnen sind durch die Utopier schon vor alters von der Tyrannei befreit worden--, sich von ihnen ihre obrigkeitlichen Personen, teils auf je ein Jahr, teils auf fnf Jahre, zu erbitten. Nach Ablauf ihrer Amtszeit geleiten die Fremden sie mit Ehre und Lob nach Utopien zurck und nehmen wieder neue Leute in die Heimat mit. Und diese Vlker sorgen in der Tat aufs beste fr das Wohlergehen ihres Staates. Da nmlich dessen Heil und Verderben von der Fhrung der Beamten abhngt, htten sie keine klgere Wahl treffen knnen. Denn einerseits sind diese Fremden durch keinerlei Bestechung vom Wege der Tugend abzubringen, da sie ja bei ihrer bald wieder erfolgenden Heimkehr nicht lange Nutzen von dem Gelde haben wrden; anderseits sind ihnen die fremden Brger unbekannt, und so lassen sie sich nicht von unangebrachter Zuneigung oder Abneigung gegen irgend jemand leiten. Wo aber diese beiden bel, Parteilichkeit und Geldgier, die Urteile beeinflussen, da ertten sie sogleich alle Gerechtigkeit, den Lebensnerv des staatlichen Lebens. Diese Vlker, die sich von den Utopiern ihre Obrigkeiten erbitten, werden von ihnen Genossen genannt, die brigen aber, denen sie Wohltaten erwiesen haben, Freunde. Bndnisse, wie sie die brigen Vlker so oft untereinander abschlieen, brechen und wieder erneuern, gehen die Utopier mit keinem Volke ein. Wozu denn ein Bndnis? sagen sie. Gengen nicht die natrlichen Bande der Menschen untereinander? Wer diese nicht achtet, sollte der sich etwa durch Worte gebunden fhlen? Zu dieser Ansicht kommen die Utopier wohl besonders dadurch, da in jenen Lndern Bndnisse und Vertrge der Frsten in der Regel zu wenig gewissenhaft gehalten werden. Und in der Tat ist in Europa, und zwar vor allem in den Teilen, wo christlicher Glaube und christliche Religion herrschen, die Majestt der Vertrge berall heilig und unverletzlich, teils infolge der Gerechtigkeit und Redlichkeit der Frsten selbst, teils infolge der Ehrerbietung und Scheu der Geistlichkeit gegenber, die selber keine Verpflichtung auf sich nimmt, ohne sie aufs gewissenhafteste einzuhalten, die aber auch smtlichen brigen Frsten befiehlt, ihre Versprechen auf alle Weise zu erfllen, dagegen diejenigen, die sich weigern, mit strenger Kirchenstrafe dazu zwingt. Mit Recht frwahr meinen sie, es mte hchst schimpflich erscheinen, wenn die Bndnisse jener Mnner Treu und Glauben vermissen lieen, die in besonderem Sinne Glubige heien. In jener neuen Welt dagegen, die von der unsrigen fast weniger noch durch den quator als durch Lebensweise und Sitten geschieden ist, kann man sich auf Vertrge berhaupt nicht verlassen. Je zahlreicher und feierlicher die Formalitten sind, mit denen ein Vertrag gleichsam verknotet ist, um so schneller wird er gebrochen, weil es keine Mhe macht, seinen Wortlaut zu verdrehen. Die Leute dort setzen nmlich einen Vertrag bisweilen ganz verzwickt auf. Infolgedessen sind sie auch niemals auf Grund so fester Bindungen zu fassen, da sie nicht durch irgendeine Masche entschlpfen und in gleicher Weise mit der Vertragstreue Spott und Hohn treiben knnten. Wenn sie solch eine hinterlistige Gesinnung, ja solch einen Lug und Trug in einem Vertrag von Privatleuten fnden, so wrden sie unter starkem Stirnrunzeln laut schreien, das sei ein Verbrechen, das den Galgen verdiene, und natrlich gerade die Leute, die sich rhmen, ihren Frsten selber dazu geraten zu haben. Die Folge davon ist, da entweder die gesamte Gerechtigkeit nur als eine niedrige Tugend des gemeinen Mannes erscheint, die sich tief unter den Thron des Knigs duckt, oder da es zum mindesten zwei Arten von Gerechtigkeit gibt. Die eine kommt dem gemeinen Manne zu, geht zu Fu, kriecht am Boden und ist ringsum von zahlreichen Fesseln gehemmt, um nirgends eine Umzunung berspringen zu knnen. Die andere ist die Tugend der Frsten, erhabener als die des Volkes, aber in ebenso weitem Abstand auch freier, die sich alles erlauben darf, was ihr gefllt. Diese Treulosigkeit der Frsten in jenen Lndern, die ihre Vertrge so schlecht halten, ist meiner Meinung nach auch der Grund, da die Utopier grundstzlich keine abschlieen; mglicherweise aber wrden sie ihre Ansicht ndern, wenn sie hier lebten. Freilich erscheint es ihnen berhaupt als ein unheilvoller Brauch, ein Bndnis einzugehen, mag es auch noch so gewissenhaft gehalten werden. Denn es veranlat die Vlker zu der Annahme, da sie zu gegenseitiger Feindschaft im ffentlichen wie im privaten Leben geschaffen seien und da sie mit Fug und Recht gegeneinander wten, falls nicht Bndnisse dem im Wege stehen, gerade als ob keinerlei natrliche Gemeinschaft zwei Vlker miteinander verbnde, die nur ein winziger Zwischenraum, sei es ein Hgel oder ein Bach, trennt. Ja, selbst wenn Vertrge abgeschlossen sind, so erwchst daraus nach ihrer Ansicht noch keine Freundschaft; es bleibt vielmehr immer noch die Mglichkeit, den anderen zu bervorteilen, soweit man es aus Unbedachtsamkeit bei der Festsetzung des Wortlauts unterlassen hat, mit gengender Vorsicht eine Bestimmung mit aufzunehmen, die jene Mglichkeit ausschliet. Die Utopier aber sind im Gegenteil der Meinung, man drfe niemanden als Feind betrachten, der einem kein Unrecht getan hat. In ihren Augen ist die Gemeinschaft der Natur so gut wie ein Bndnis und bindet die Menschen durch gegenseitiges Wohlwollen strker und fester aneinander als durch Vertrge, durch die Gesinnung strker und fester als durch Worte. Das Kriegswesen Den Krieg verabscheuen die Utopier als etwas ganz Bestialisches mehr als alles andere, und doch gibt sich mit ihm keine Art von Bestien so dauernd ab wie der Mensch. Der Anschauung fast aller Vlker zuwider halten die Utopier nichts fr so unrhmlich wie den Ruhm, den man im Kriege gewinnt. Mgen sie sich nun auch bestndig an dafr festgesetzten Tagen in der Kriegskunst ben, und zwar nicht blo die Mnner, sondern auch die Frauen, um im Bedarfsfalle kriegstchtig zu sein, so beginnen sie einen Krieg doch nicht ohne weiteres, sondern nur zum Schutze ihrer eigenen Grenzen oder zur Vertreibung der ins Land ihrer Freunde eingedrungenen Feinde oder aus Mitleid mit irgendeinem Volk, das unter dem Drucke der Tyrannei leidet, um es mit ihrer eigenen Macht vom Sklavenjoch des Tyrannen zu befreien, und das tun sie lediglich aus Menschenliebe. Ihren Freunden indessen leisten sie ihre Hilfe nicht immer nur zur Verteidigung, sondern bisweilen auch, damit diese ein Unrecht, das man ihnen zugefgt hat, vergelten und rchen knnen. Jedoch greifen die Utopier erst dann ein, wenn man sie noch vor Beginn der Feindseligkeiten um Rat fragt, wenn sie den Kriegsgrund billigen, wenn das, worum der Streit geht, zwar zurckgefordert, aber noch nicht zurckgegeben ist, und wenn auf ihre Veranlassung hin der Krieg begonnen wird. Dazu entschlieen sie sich nicht nur dann, wenn ihren Freunden bei einem feindlichen Einfall Beute geraubt wird, sondern auch dann, und zwar mit noch weit grerer Erbitterung, wenn sich deren Kaufleute irgendwo in der Welt unter dem Scheine des Rechts eine Rechtsverdrehung gefallen lassen mssen indem man entweder unbillige Gesetze zum Vorwand nimmt oder gute verkehrt auslegt. Und so kam es auch zu dem Kriege, den die Utopier kurz vor unserer Zeit fr die Nephelogeten gegen die Alaopoliten fhrten, aus keinem anderen Grunde, als weil den Kaufleuten der Nephelogeten im Lande der Alaopoliten unter dem Scheine des Rechts Unrecht getan worden war, wenigstens wie es den Utopiern schien. Mochte es sich nun in diesem Falle um Recht oder Unrecht handeln, jedenfalls kam es zu einem Rachekrieg, in dem sich zu den Streitkrften und dem Ha beider Parteien auch noch die Leidenschaften und Hilfsmittel der Nachbarvlker gesellten und der dadurch so blutig wurde, da die blhendsten Vlker zum Teil stark erschttert, zum Teil schwer heimgesucht wurden und immer ein bel aus dem anderen entstand. Das Unglck endete schlielich mit der Versklavung und Unterwerfung der Alaopoliten, die so unter die Herrschaft der Nephelogeten kamen -- die Utopier kmpften nmlich nicht fr ihre eigenen Interessen--, die Nephelogeten aber waren in der Bltezeit der Alaopoliten keineswegs mit diesen zu vergleichen gewesen. Mit solchem Nachdruck rchen die Utopier ein ihren Freunden zugefgtes Unrecht, auch wenn es sich dabei nur um Geld handelt; in ihren eigenen Angelegenheiten dagegen zeigen sie nicht den gleichen Eifer. Wenn sie nmlich einmal irgendwo betrogen werden und eine Einbue an Geld und Gut dabei erleiden, so gehen sie in ihrem Zorn, vorausgesetzt, da mit dem Verlust kein Schaden an Leib und Seele verbunden ist, nur so weit, da sie bis zur Leistung von Genugtuung mit dem betreffenden Volke keinen Handel mehr treiben. Dabei liegen ihnen die Interessen ihrer Mitbrger nicht etwa weniger am Herzen als die ihrer Genossen; ber deren Geldverlust aber sind sie trotzdem deshalb aufgebrachter, weil die Kaufleute ihrer Freunde unter der Einbue schwer zu leiden haben, da diese etwas von ihrem Privatbesitz verlieren, ihren Mitbrgern dagegen nur etwas auf Rechnung des Staates verlorengeht, berdies nur von daheim reichlich vorhandenem und in gewissem Sinne berflssigem Gut -- sonst knnte man es ja nicht ins Ausland ausfhren--, so da der einzelne den Verlust gar nicht so empfindet. Deshalb ist es in den Augen der Utopier auch eine zu groe Grausamkeit, durch den Tod vieler einen Schaden zu rchen, dessen nachteilige Folgen keiner von ihnen weder am Leben noch am Lebensbedarf deutlich zu spren bekommt. Wird jedoch einer ihrer Landsleute irgendwo auf ungerechte Weise mihandelt oder gar gettet, so lassen die Utopier den Tatbestand durch ihre Gesandten ermitteln, ganz gleich, ob der Anschlag vom Staat oder von einer Privatperson ausgegangen ist, und sind nur durch Auslieferung der Schuldigen von einer sofortigen Kriegserklrung abzuhalten. Die Ausgelieferten bestrafen sie fr ihr Vergehen entweder mit dem Tode oder mit Sklavenarbeit. Ein blutiger Sieg bereitet den Utopiern nicht nur Verdru, sondern sie schmen sich sogar seiner, weil sie sich sagen, es sei eine Torheit, auch noch so kostbare Waren zu teuer zu kaufen. Haben sie aber durch Geschick und List den Sieg errungen und den Feind bezwungen, so prahlen sie laut damit, feiern aus diesem Anla von Staats wegen einen Triumph und errichten ein Siegesdenkmal, als htten sie eine Heldentat vollbracht. Ihrer Mannhaftigkeit und Tapferkeit rhmen sie sich nmlich immer erst dann, wenn sie so gesiegt haben, wie es kein Lebewesen auer dem Menschen vermocht htte, das heit mit den Krften des Geistes. Denn mit den Krften des Krpers, so sagen sie, fhren Bren, Lwen, Eber, Wlfe, Hunde und die brigen wilden Tiere den Kampf; die meisten von ihnen sind uns zwar an Kraft und Wildheit berlegen, aber alle zusammen bertreffen wir an Geist und Vernunft. Nur das eine haben die Utopier bei einem Kriege im Auge: das zu erreichen, was sie schon frher htten erreichen mssen, um sich den Krieg zu ersparen; oder wenn das sachlich unmglich ist, so nehmen sie an denen, die sie fr schuldig halten, eine so grimmige Rache, da der Schrecken Leute, die dasselbe wagen wollten, in Zukunft davon abhlt. Das sind die Ziele, die sie sich fr ihr Vorhaben stecken und die sie rasch zu erreichen suchen, aber so, da sie mehr darauf bedacht sind, die Gefahr zu vermeiden, als Lob und Ruhm zu ernten. Deshalb lassen sie sogleich nach der Kriegserklrung heimlich und zu gleicher Zeit an den Punkten des feindlichen Landes, die am besten zu sehen sind, Proklamationen, die das Siegel ihres Staates tragen, in groer Zahl anschlagen. In ihnen versprechen sie dem, der den gegnerischen Frsten umbringt, riesige Belohnungen; sodann setzen sie geringere, aber gleichwohl noch recht ansehnliche Preise auf die Kpfe einzelner Personen, die sie in denselben Anschlgen namentlich anfhren. Das sind die Mnner, die sie nchst dem Frsten selber fr die Urheber des Planes halten, den man gegen sie geschmiedet hat. Welchen Betrag sie aber auch fr den Mrder aussetzen, sie zahlen ihn in doppelter Hhe dem, der ihnen einen von den Gechteten lebend bringt, und ebenso suchen sie die Gechteten selbst durch die gleichen Belohnungen und auerdem durch die Zusicherung von Straflosigkeiten gegen ihre Genossen aufzuhetzen. So kommt es schnell dahin, da jene auch die anderen Menschen mit Argwohn betrachten, sich einander selbst kein rechtes Vertrauen mehr schenken und auch keine rechte Treue mehr halten und daher in grter Furcht und nicht geringerer Gefahr leben. Denn, wie bekannt, ist es schon mehr als einmal vorgekommen, da die Gechteten zu einem groen Teil und vor allem der Frst selber von denen verraten wurden, auf die sie die grte Hoffnung setzten. So leicht verleiten Belohnungen zu jedem beliebigen Verbrechen. Fr diese Prmien setzen die Utopier auch keine bestimmte Hhe fest. Indem sie vielmehr die Gre der Gefahr bedenken, zu der sie verleiten, bemhen sie sich, sie durch die Hhe der Belohnungen aufzuwiegen, und aus diesem Grunde stellen sie nicht nur eine unermeliche Menge Gold in Aussicht, sondern auch recht ertragreiche Landgter an ganz sicheren Orten in den Lndern ihrer Freunde, und zwar als dauernden Besitz, und halten ihr Versprechen mit gewissenhafter Treue. Dieser Brauch, den Feind gegen Gebot zu kaufen, den andere Vlker als Beweis einer entarteten Gesinnung und als grausame Untat verwerfen, ist in den Augen der Utopier ein hohes Lob. Ja, sie dnken sich auch klug, weil sie auf diese Weise die grten Kriege ohne jeden Kampf vllig zu Ende bringen, und sogar human und mitleidsvoll, weil sie mit dem Tode einiger weniger Schuldiger das Leben zahlreicher Unschuldiger erkaufen, die sonst im Kampfe gefallen wren, teils aus den Reihen der Ihrigen, teils aus denen der Feinde, deren Menge und Masse sie fast ebenso bedauern wie ihre eigenen Landsleute; wissen sie doch recht wohl, da jene einen Krieg nicht aus freien Stcken anfangen, sondern weil die blinde Leidenschaft ihrer Frsten sie dazu treibt. Kommen sie auf diese Weise nicht weiter, so sen und nhren sie Zwietracht, indem sie dem Bruder des Frsten oder sonst einem aus dem Adel Hoffnung auf den Thron machen. Wenn die Parteien im Inneren versagen, so wiegeln die Utopier die Nachbarvlker des Feindes auf und verwickeln sie in einen Krieg mit ihm, indem sie irgendeinen alten Vorwand hervorsuchen, woran es ja Knigen niemals fehlt. Haben sie diesen Vlkern ihren Beistand im Kriege versprochen, so stellen sie ihnen reichlich Geld zur Verfgung, Hilfskrfte aus den Reihen ihrer Brger jedoch nur ganz sprlich; denn diese sind ihnen so auerordentlich lieb und wert, und sie schtzen sich gegenseitig so hoch, da sie einen ihrer Landsleute nur ungern gegen den feindlichen Frsten austauschen wrden. Gold und Silber dagegen, dessen gesamte Menge sie einzig und allein fr diesen Zweck aufbewahren, geben sie von Herzen gern hin; sie knnten ja ebenso bequem leben, auch wenn sie es vollstndig aufbrauchten. Denn auer dem Reichtum im Inland besitzen sie ja noch, wie frher erwhnt, bei den meisten Vlkern des Auslands einen unermelichen Schatz von Guthaben. So werben sie denn berall Sldner an, vornehmlich aus dem Volk der Zapoleten, und lassen sie in den Krieg ziehen. Diese wohnen 500 Meilen stlich von Utopien. Unkultiviert, roh und wild, wie sie sind, lassen sie deutlich merken, da sie inmitten von Wldern und rauhen Bergen aufgewachsen sind. Sie sind ein krftiger Volksstamm, unempfindlich gegen Hitze, Klte und Anstrengung, unbekannt mit allen Annehmlichkeiten des Lebens, nicht begeistert fr den Ackerbau, nachlssig in Wohnung und Kleidung und nur fr die Viehzucht interessiert. Zu einem groen Teile leben sie von Jagd und Raub. Einzig und allein zum Krieg geboren, suchen die Zapoleten eifrig nach einer Gelegenheit zur Teilnahme an einem solchen, und finden sie eine, so ergreifen sie sie mit Leidenschaft, ziehen in groer Zahl auer Landes und bieten sich fr wenig Geld dem ersten besten an, der Soldaten sucht. Dies Handwerk, den Tod zu suchen, ist das einzige ihres Lebens, das sie verstehen. Fr ihren Dienstherrn schlagen sie sich mit Hingebung und unbestechlicher Treue. Doch verpflichten sie sich nicht bis zu einem bestimmten Termin, sondern wenn sie Partei ergreifen, so tun sie das nur unter der Bedingung, da sie am nchsten Tage auf seiten des Feindes stehen drfen, falls dieser ihnen hheren Sold bietet; ebenso kehren sie dann am bernchsten Tage, durch eine Kleinigkeit Geld mehr verlockt, wieder zurck. Nur selten kommt es zu einem Kriege, in dem sie nicht zu einem groen Teile auf beiden Seiten kmpfen. So werden tglich Blutsverwandte, bisher Sldner der gleichen Partei und einander die besten Kameraden, bald darauf auseinandergerissen, geraten in feindliche Heere, treffen als Gegner aufeinander und metzeln sich gegenseitig nieder wie erbitterte Feinde, die ihre Abstammung vergessen haben und nicht mehr an ihre frhere Freundschaft denken. Dabei veranlat sie kein anderer Grund zur gegenseitigen Vernichtung, als da zwei feindliche Frsten sie fr ein paar lumpige Geldstcke gemietet haben. Dieses Geld berechnen sie sich so genau, da sie sich durch die Erhhung des tglichen Soldes um nur einen Heller zu einem Wechsel der Partei verleiten lassen. So hat sich in ihren Herzen rasch die Habgier eingenistet, von der sie jedoch keinen Vorteil haben; was sie nmlich mit ihrem Blute gewinnen, verbrauchen sie alsbald wieder mit einer Verschwendung, die gleichwohl armselig ist. Dieses Volk kmpft fr die Utopier gegen alle Welt, weil niemand anderswo seine Dienstleistung so gut bezahlt wie diese. Wie sich nmlich die Utopier nach guten Menschen umsehen, um sie in ihrem Dienst ntzlich zu verwenden, so werben sie auch diese Schurken an, um sie zu mibrauchen. Ntigenfalls machen sie ihnen lockende Versprechungen und setzen sie an den gefhrlichsten Punkten ein. Meist kommt dann ein groer Teil von ihnen niemals wieder zurck und kann die versprochenen Belohnungen gar nicht anfordern. Den berlebenden aber zahlen die Utopier gewissenhaft aus, was sie versprochen haben, um sie zu hnlichen Wagnissen anzuspornen. Sie fragen nmlich nicht danach, wie viele von ihnen durch ihre Schuld ums Leben kommen, weil sie sich, wie sie meinen, das grte Verdienst um die Menschheit erwerben wrden, wenn sie den Erdkreis von jenem Abschaum eines so greulichen und ruchlosen Volkes grndlich subern knnten. Nchst den Zapoleten verwenden die Utopier auch die Streitkrfte desjenigen Volkes, fr das sie zu den Waffen greifen, und die Hilfsscharen ihrer anderen Freunde; an letzter Stelle erst ziehen sie ihre Mitbrger heran. Aus deren Mitte nehmen sie einen Mann von erprobter Tapferkeit und stellen ihn an die Spitze des gesamten Heeres. Ihm ordnen sie zwei Mann unter in der Art, da beide nur als Privatleute gelten, solange der Oberbefehlshaber dienstfhig ist; wird er jedoch gefangengenommen oder fllt er, so tritt der eine von jenen beiden gleichsam sein Erbe an, und ihn ersetzt gegebenenfalls der andere, damit nicht in den bunten Wechselfllen der Kriege infolge einer Gefhrdung des Fhrers das ganze Heer in Unordnung gert. In jeder Stadt hebt man Freiwillige aus; man pret nmlich niemanden wider seinen Willen zum Kriegsdienst auerhalb der Grenzen seiner Heimat, weil man der berzeugung ist, da einer, der von Natur etwas furchtsam ist, nicht nur selbst sich nicht tapfer zeigen, sondern auch seine Kameraden mit seiner Angst anstecken wird. Bricht aber der Feind ins Land ein, so steckt man die Feiglinge dieser Art im Falle krperlicher Tauglichkeit auf die Schiffe unter bessere Soldaten oder verteilt sie auf die einzelnen Festungen, von wo sie nicht ausreien knnen. Sie mssen sich vor ihren Kameraden schmen, haben den Feind unmittelbar vor sich und sehen keine Mglichkeit zur Flucht: so vergessen sie ihre Furcht und werden oft durch hchste Not zu mutigen Mnnern. So wenig aber einerseits ein Utopier wider seinen Willen zu einem auswrtigen Kriege fortgeschleppt wird, so wenig hindert man anderseits die Frauen, mit ihren Mnnern ins Feld zu ziehen; ja, man fordert sie dazu noch auf und spornt sie dazu an, indem man sie lobt. Die Frauen, die mitausrcken, stellt man an der Front mit ihren Mnnern in eine Reihe; auerdem hat ein jeder Kmpfer seine Kinder, Verwandten und Angehrigen um sich, damit sich diejenigen einander aus nchster Nhe beistehen knnen, die die Natur am strksten zu gegenseitiger Hilfe anspornt. Die hchste Schmach ist es fr einen Gatten, ohne den anderen heimzukommen, oder fr einen Sohn, seinen Vater zu berleben. Infolgedessen kmpft man, wenn es zum Handgemenge kommt und die Feinde standhalten, in einem langen und unheilvollen Ringen bis zur Vernichtung. Zwar suchen die Utopier mit allen Mitteln zu verhten, in eigener Person kmpfen zu mssen, wofern sie nur den Krieg mit Hilfe einer Schar gemieteter Stellvertreter zu Ende bringen knnen; wenn es sich jedoch nicht vermeiden lt, da sie selber mitkmpfen, so nehmen sie den Kampf ebenso unerschrocken auf, wie sie sich vorher klug zurckgehalten haben, solange es mglich war. Und beim ersten Angriff gehen sie nicht mit wildem Ungestm vor; vielmehr wchst ihre Strke langsam und allmhlich und je lnger der Kampf dauert. Dabei sind sie so unbeugsamen Sinnes, da sie sich eher niedermetzeln als in die Flucht schlagen lassen; denn das beruhigende Bewutsein, da ein jeder daheim zu leben hat, sowie die Befreiung von der qulenden Sorge um das Los ihrer Nachkommen -- eine Besorgnis, die sonst berall einen tapferen Sinn lhmt, -- machen die Kmpfer hochgemut, so da sie den Gedanken, sich besiegen zu lassen, als unwrdig von sich weisen. Auerdem flt ihnen ihre militrische Erfahrung Zuversicht ein, und schlielich spornt sie die gute Erziehung, die sie in der Schule und durch die trefflichen Einrichtungen ihres Staates von Kind auf genossen haben, noch mehr zur Tapferkeit an. Infolgedessen ist in ihren Augen das Leben weder so wertlos, da sie es blindlings vergeuden, noch so bertrieben wertvoll, da sie damit geizen und sich in schimpflicher Weise daran klammern, wenn die Ehre dazu rt, es hinzugeben. Wenn der Kampf allerorten am wildesten tobt, nehmen sich die auserlesensten Jnglinge, die sich dazu verschworen und geweiht haben, den feindlichen Fhrer zum Gegner; auf ihn dringen sie offen ein, ihn greifen sie aus dem Hinterhalt an, und aus der Ferne wie aus der Nhe gehen sie auf ihn los, und in einem langen und lckenlosen Keil -- denn die wegen Ermdung ausfallenden Kmpfer werden bestndig durch frische ersetzt -- strmen sie gegen ihn an. Nur selten kommt es vor, da er nicht niedergestochen wird oder da er nicht lebendig in die Gewalt seiner Feinde gert, es sei denn, da er sich durch die Flucht rettet. Ist der Sieg auf seiten der Utopier, so metzeln sie nicht wild darauf los; statt die Geschlagenen umzubringen, nehmen sie sie lieber gefangen. Auch verfolgen sie die Fliehenden niemals so blindlings, da sie bei alledem nicht wenigstens noch eine geordnete und kampfbereite Schar zurckbehielten. Wenn daher ihre brigen Verbnde geschlagen sind und sie erst mit dem letzten den Sieg errungen haben, so lassen sie die Feinde lieber ganz und gar entfliehen, als da sie sich dazu entschlieen, die Fliehenden mit ungeordneten Verbnden ihrer Truppen zu verfolgen. Sie vergessen nmlich nicht, was ihnen selbst mehr als einmal widerfahren ist. Die Masse ihres gesamten Heeres war vllig besiegt; die Feinde jubelten ber ihren Sieg und zerstreuten sich hier und da auf der Verfolgung. Die Utopier dagegen hatten einige wenige ihrer Leute im Hinterhalt aufgestellt, die auf gnstige Gelegenheiten lauerten. Sie griffen die Feinde, die vereinzelt umherschwrmten und es in voreiliger Sorglosigkeit an der ntigen Vorsicht fehlen lieen, pltzlich an und vernderten das Ergebnis der ganzen Schlacht. Sie wanden den Feinden den Sieg, der ihnen schon sicher war und an dem sie nicht mehr gezweifelt hatten, aus den Hnden und besiegten als Besiegte wiederum die Sieger. Es ist schwer zu sagen, ob die Utopier einen Hinterhalt mit grerer Schlauheit zu legen oder mit grerer Vorsicht zu vermeiden wissen. Man knnte meinen, sie trfen Vorbereitungen zur Flucht, wenn sie alles andere eher im Sinne haben, und umgekehrt, wenn sie die Absicht haben zu fliehen, knnte man meinen, sie dchten an nichts weniger. Fhlen sie sich nmlich hinsichtlich ihrer Zahl oder Stellung zu sehr im Nachteil, so ziehen sie bei Nacht in aller Stille ab oder tuschen den Feind durch irgendeine Kriegslist, oder sie gehen bei Tage so allmhlich und in so guter Ordnung zurck, da es ebenso gefhrlich ist, sie whrend des Abrckens anzugreifen wie whrend des Anstrmens. Ihr Lager befestigen sie beraus sorgfltig mit einem sehr tiefen und breiten Graben, wobei sie die ausgehobene Erde nach innen werfen. Dazu verwenden sie keine Tagelhner, sondern die Soldaten selbst besorgen die Arbeit, und das gesamte Heer hilft dabei mit, ausgenommen die Posten, die bewaffnet vor dem Wall Wache halten, um pltzliche berflle abzuwehren. Und so legen die Utopier bei so zahlreicher Mitarbeit starke und weitausgedehnte Befestigungen wider alles Erwarten in kurzer Zeit an. Die Waffen, die die Utopier verwenden, sind stark genug zur Abwehr von Angriffen, ohne jedoch jede Art von Bewegung oder Haltung zu hindern; ja nicht einmal beim Schwimmen empfindet man sie als lstig. Denn in voller Ausrstung schwimmen zu lernen, gehrt zu den Anfangsgrnden der militrischen Ausbildung der Utopier. Im Kampf aus der Ferne benutzen sie Pfeile, die sie mit groer Kraft und zugleich mit bester Treffsicherheit abschieen, und zwar nicht blo zu Fu, sondern sogar vom Pferde aus. Im Nahkampf aber fhren sie keine Schwerter, sondern xte, die durch ihre Schrfe oder Schwere tdlich verwunden, je nachdem man sie zum Hieb oder Stich verwendet. In der Erfindung von Kriegsmaschinen beweisen die Utopier ganz besonderen Scharfsinn; die fertigen Maschinen halten sie mit grter Sorgfalt geheim, damit sie nicht bekannt werden, ehe man sie braucht, und nicht mehr Spott und Hohn erregen als Nutzen stiften. Bei ihrer Herstellung achtet man besonders darauf, da sie leicht zu fahren und bequem zu lenken sind. Einen Waffenstillstand, den die Utopier mit dem Feind abschlieen, halten sie so gewissenhaft, da sie ihn nicht einmal dann verletzen, wenn sie gereizt werden. Im Feindesland richten sie keine Verwstungen an; auch brennen sie die Saaten nicht nieder. Ja, sie sorgen sogar dafr, da nach Mglichkeit weder Menschen noch Pferde die Saaten zertreten, weil sie der Ansicht sind, da sie zu ihrem eigenen Vorteil wachsen. Einem Wehrlosen tun sie nichts zuleide, wenn er nicht gerade ein Spion ist. Stdte, die sich ihnen ergeben, schonen sie; aber auch solche, die sie erst erobern mssen, plndern sie nicht; wohl aber lassen sie diejenigen Brger, die die bergabe zu verhindern gesucht haben, erwrgen, whrend sie die anderen Verteidiger zu Sklaven machen. Der gesamten Bevlkerung, die nicht mitgekmpft hat, wird kein Haar gekrmmt. Wenn die Utopier erfahren, da einige Brger zur bergabe geraten haben, so machen sie ihnen einen Teil von dem Hab und Gut der Verurteilten zum Geschenk; den Rest geben sie ihren Hilfstruppen: denn von ihnen selbst begehrt niemand einen Anteil an der Beute. Nach Beendigung des Krieges aber legen sie die Kosten nicht ihren Freunden auf, fr die sie sie aufgewendet haben, sondern den Besiegten und fordern auf Grund dessen zum Teil bares Geld, das sie dann fr hnliche Kriegszwecke aufsparen, zum Teil Grund und Boden, der ihnen im Lande der Besiegten dauernd gehrt und einen nicht geringen Ertrag bringt. Derartige Einknfte haben die Utopier jetzt bei vielen Vlkern; sie sind aus verschiedenen Ursachen im Laufe der Zeit entstanden und bis auf mehr als 700000 Dukaten im Jahr angewachsen. Zu ihrer Erhebung entsenden sie einige von ihren Mitbrgern als sogenannte Qustoren, die in dem fremden Lande prchtig leben und in der Art groer Herren auftreten. Aber trotzdem bleibt noch viel Geld brig, das in die Staatskasse fliet, soweit es die Qustoren nicht lieber dem betreffenden Volke leihen wollen, was sie hufig so lange tun, bis sie es notwendig brauchen. Und kaum jemals kommt es vor, da sie den ganzen Betrag zurckverlangen. Von dem erwhnten Grund und Boden bereignen die Utopier einen Teil denjenigen, die sich auf ihre Veranlassung einer so groen Gefahr aussetzten, wie ich sie weiter oben geschildert habe. Greift irgendein Frst zu den Waffen gegen die Utopier und schickt er sich an, in ihr Gebiet einzufallen, so treten sie ihm sogleich mit starken Krften auerhalb ihres Landes entgegen; denn weder fhren sie ohne Not im eigenen Lande Krieg, noch ist irgendeine Not jemals so schlimm, da sie die Utopier zwingen knnte, fremde Hilfstruppen auf ihre Insel zu lassen. Die Religion der Utopier Die religisen Vorstellungen sind nicht nur in den einzelnen Teilen der Insel, sondern auch in den einzelnen Stdten verschieden, indem die einen die Sonne, die andern den Mond und wieder andere diesen oder jenen Planeten als Gottheit anbeten. Einige verehren auch einen beliebigen Menschen, der vor alters durch Tugend oder Ruhm geglnzt hat, nicht blo als Gott, sondern sogar als hchsten Gott. Aber der weit grte und zugleich weitaus klgere Teil glaubt an nichts von alledem, sondern nur an ein einziges, unerkanntes, ewiges, unendliches und unerforschliches gttliches Wesen, das ber menschliches Begriffsvermgen erhaben ist und dieses ganze Weltall erfllt, und zwar als ttige Kraft, nicht als krperliche Masse; man nennt es Vater. Ihm schreibt man Ursprung, Wachstum, Fortschritt, Wandel und Ende aller Dinge zu, und ihm allein erweist man gttliche Ehren. Mit den Anhngern dieser Lehre stimmen auch alle anderen trotz aller Glaubensunterschiede in diesem einen Punkte berein, da sie an _ein_ hchstes Wesen glauben, dem die Erschaffung der Welt und die Vorsehung zu verdanken ist, und dieses gttliche Wesen nennen sie alle ohne Unterschied in ihrer heimischen Sprache Mythras. Aber insofern sind sie verschiedener Ansicht, da die einzelnen ihn verschieden auffassen. Dabei glaubt aber jeder, was es auch sein mge, das er persnlich fr das Hchste hlt, es sei doch durchaus dasselbe Wesen, dessen gttliche Macht und Majestt allein nach der bereinstimmenden berzeugung aller Vlker der Inbegriff aller Dinge ist. Indessen machen sie sich alle im Laufe der Zeit von der Mannigfaltigkeit aberglubischer Vorstellungen frei und lassen ihre Anschauungen zu jener einen Religion verschmelzen, die, wie es scheint, vernnftiger ist als die anderen. Und ohne Zweifel wren die brigen religisen Vorstellungen schon lngst nicht mehr vorhanden, wenn nicht alles Ungemach, das jemandem bei dem Vorhaben, seine Religion zu wechseln, zufllig widerfhrt, von ihm aus Furcht als eine Schickung des Himmels aufgefat wrde, gleich als ob die Gottheit, deren Verehrung aufgegeben werden sollte, den gottlosen und gegen sie gerichteten Plan ahnden wolle. Nachdem die Utopier jedoch durch uns von Christi Namen, Lehre, Art und Wundern gehrt hatten und ebenso von der staunenerregenden Standhaftigkeit der zahlreichen Mrtyrer, deren freiwillig vergossenes Blut so zahlreiche Vlker weit und breit zu Christus bekehrt hat, da nahmen auch sie mit einem kaum glaublichen Verlangen seine Lehre an, sei es nun, weil es Gott ihnen mehr im geheimen eingab, oder sei es, weil das Christentum, wie es schien, der bei ihnen selbst am weitesten verbreiteten Lehre am nchsten kam. Gleichwohl mchte ich auch dem Umstand nicht wenig Gewicht beimessen, da sie gehrt hatten, Christus habe an der gemeinschaftlichen Lebensweise seiner Jnger Gefallen gefunden und sie sei bei den Zusammenknften der echten Christen noch heutigestags blich. Von welcher Bedeutung das nun auch gewesen sein mag, jedenfalls traten nicht wenige zu unserem Glauben ber und lieen sich mit dem geweihten Wasser taufen. Leider war unter uns vieren -- nur so viele waren wir noch, da zwei gestorben waren -- kein Priester. Infolgedessen mssen die Utopier, wenn sie auch im brigen eingeweiht sind, dennoch bis heute auf den Genu der Sakramente verzichten, da diese bei uns nur die Priester spenden drfen. Doch sind sie sich ber deren Wert und Bedeutung klar und haben keinen sehnlicheren Wunsch; ja, sie errtern bereits lebhaft die Frage, ob nicht auch ohne Auftrag des Papstes der Christenheit einer aus ihren Reihen gewhlt und zum Priester ernannt werden kann. Und es schien so, als htten sie die Absicht, einen zu whlen, aber bei meiner Abreise war das noch nicht geschehen. Auch die, die vom Christentum nichts wissen wollen, machen trotzdem niemanden abspenstig und lassen jeden, der dazu bertritt, unbehelligt. Nur einer aus unserer Gemeinschaft wurde whrend meiner Anwesenheit verhaftet. Als Neugetaufter redete er, obgleich wir ihm davon abrieten, ffentlich ber die Verehrung Christi mit mehr Eifer als Klugheit. Dabei geriet er allmhlich so in Hitze, da er sich bald nicht mehr damit begngte, das, was nur uns heilig ist, ber alles andere zu stellen. Er verurteilte vielmehr ohne weiteres alle anderen Lehren, nannte sie unheilig und bezeichnete ihre Anhnger als ruchlose Gotteslsterer, die es verdienten, in die Hlle zu kommen. Wenn einer lange ffentlich so redet, nehmen ihn die Utopier fest und stellen ihn vor Gericht, aber nicht wegen Religionsverletzung, sondern wegen Volksverhetzung, und, wenn er fr schuldig befunden wird, bestrafen sie ihn mit Verbannung; denn unter ihre ltesten Bestimmungen rechnen sie die, da niemand von seiner Religion Schaden haben darf. Utopus hatte nmlich gleich anfangs erfahren, da die Eingeborenen vor seiner Ankunft bestndig Religionskmpfe miteinander gefhrt hatten; er hatte auch beobachtet, da bei der allgemeinen Uneinigkeit die Sekten einzeln fr das Vaterland kmpften und da ihm dieser Umstand Gelegenheit bot, sie insgesamt zu besiegen. Als er dann den Sieg errungen hatte, setzte er Religionsfreiheit fr jedermann fest und bestimmte auerdem, wenn jemand auch andere zu seinem Glauben bekehren wolle, so drfe er es nur in der Weise betreiben, da er seine Ansicht ruhig und bescheiden auf Vernunftgrnden aufbaue, die anderen aber nicht mit bitteren Worten zerpflcke. Gelinge es ihm nicht, durch Zureden zu berzeugen, so solle er keinerlei Gewalt anwenden und sich nicht zu Schimpfworten hinreien lassen. Geht aber jemand in dieser Sache zu ungestm vor, so bestrafen ihn die Utopier mit Verbannung oder Sklavendienst. Diese Bestimmung traf Utopus nicht blo im Interesse des Friedens, den, wie er sah, bestndiger Kampf und unvershnlicher Ha von Grund aus zerstrten, sondern weil er der Ansicht war, damit sei auch der Religion gedient. Er wagte es auch nicht, ber die Religion so ohne weiteres eine Entscheidung zu treffen, gleichsam in Ungewiheit darber, ob Gott nicht doch einen mannigfaltigen und vielseitigen Kult haben wolle und deshalb die einzelnen auf verschiedene Weise inspiriere. Jedenfalls hielt er es fr eine Anmaung und Torheit, wenn jemand mit Gewalt und Drohungen verlangte, da alle seine persnliche Ansicht ber die Wahrheit teilten. Sollte aber wirklich nur einer Religion die meiste Wahrheit zukommen und sollten alle anderen wertlos sein, so wrde sich dann schlielich einmal, das sah Utopus sicher voraus, die Macht der Wahrheit schon von selbst Bahn brechen und sich deutlich offenbaren, wenn man ihre Sache nur mit Vernunft und Migung betreibe. Kmpfe man aber mit Waffen und Aufruhr um die Religion, so werde die beste und erhabenste zwischen den nichtigsten Wahnvorstellungen der Streitenden erstickt werden wie die Saaten zwischen Dornen und Gestrpp, da gerade die schlechtesten Menschen am hartnckigsten seien. Daher lie Utopus diese ganze Frage unentschieden und stellte es einem jeden anheim, was er glauben wollte. Nur sollte niemand, das gebot er feierlich und streng, die Wrde der menschlichen Natur so weit vergessen, da er annehme, die Seele gehe zugleich mit dem Krper zugrunde oder im Laufe der Welt walte der blinde Zufall und nicht die gttliche Vorsehung. Und deshalb erwarten den Menschen, wie die Utopier glauben, nach diesem Leben Strafen fr seine Missetaten und Belohnungen fr seine Tugenden. Wer das Gegenteil annimmt, ist in ihren Augen nicht einmal ein Mensch, weil er die menschliche Seele in ihrer Erhabenheit in den niedrigen Zustand tierischer Krperlichkeit herunterdrckt; weit weniger noch rechnen sie ihn zu ihren Mitbrgern. Denn um all ihre Einrichtungen und Sitten wrde er sich nicht im geringsten kmmern, wenn ihn nicht die Furcht davon abhielte. Wer sollte nmlich daran zweifeln, da ein solcher Mensch danach trachten wrde, die Staatsgesetze seines Landes entweder im geheimen mit List zu umgehen oder mit Gewalt zu verletzen, sofern er dadurch seine persnlichen Wnsche befriedigen kann, da er ja ber die Gesetze hinaus nichts mehr frchtet und ber den Tod hinaus nichts mehr erhofft? Deshalb erweist man einem, der so gesinnt ist, keine Ehre und bertrgt ihm auch kein ffentliches Amt. So wird er allenthalben als ein unbrauchbarer Mensch von niedrigem Charakter verachtet. Aber eine wirkliche Strafe erleidet er nicht, weil es die berzeugung der Utopier ist, da es nicht im Belieben des Menschen steht zu glauben, was er will. Sie zwingen ihn auch weder mit irgendwelchen Drohungen, seine wahre Gesinnung zu verheimlichen, noch lassen sie Heuchelei und Lgen zu, die in ihren Augen an Betrug grenzen und ihnen deshalb beraus verhat sind. Wohl aber verbieten sie ihm, seine Meinung zu verteidigen, jedoch nur vor der groen Masse. Sonst nmlich, in einem geschlossenen Kreise von Priestern und ernsten Mnnern, lassen sie es nicht blo zu, sondern fordern auch noch dazu auf, weil sie zuversichtlich damit rechnen, sein Wahnsinn werde doch noch endlich einmal der Vernunft weichen. Andere, und zwar gar nicht wenige, begehen den gerade entgegengesetzten Fehler -- man macht ihnen keine Schwierigkeiten, da ihre Ansicht nicht ganz unbegrndet ist und sie selbst nicht bsartig sind -- und meinen, auch die Tierseelen seien unsterblich, jedoch nicht vergleichbar an Wrde mit unseren Menschenseelen und auch nicht zu gleicher Glckseligkeit geschaffen. Die Utopier sind nmlich fast alle fest davon berzeugt, da den Menschen eine unbegrenzte Glckseligkeit bevorsteht. Infolgedessen wehklagen sie stets, wenn jemand krank ist, niemals aber, wenn jemand stirbt; sie mten denn gerade sehen, wie sich der Sterbende nur mit Angst und Widerwillen vom Leben losreit. Das halten sie nmlich fr ein ganz schlimmes Vorzeichen, gleich als ob die Seele ohne Hoffnung und mit schlechtem Gewissen in irgendeiner dunklen Ahnung drohender Strafe vor dem Ende zurckschaudere. Auerdem wird sich nach ihrer Meinung Gott nicht ber die Ankunft eines Menschen freuen, der auf seinen Ruf nicht bereitwillig herbeieilt, sondern sich nur ungern und widerstrebend hinschleppen lt. Vor einem solchen Sterben entsetzen sich denn auch die, die es mit ansehen, und wer so stirbt, wird in Trauer und aller Stille aus der Stadt getragen; dann betet man zu dem den Seelen der Verstorbenen gndigen Gott, er mge dem Heimgegangenen seine Snden aus Gnaden vergeben, und setzt die Leiche bei. Wer dagegen freudig und voll Zuversicht stirbt, wird von niemandem betrauert, sondern unter Gesang gibt man ihm das letzte Geleit und empfiehlt seine Seele liebevoll dem groen Gott. Schlielich verbrennt man den Leichnam mehr in Ehrfurcht als in Trauer und errichtet an Ort und Stelle eine Denksule, in die die Ehrentitel des Toten eingemeielt sind. Nach der Rckkehr von der Beisetzung unterhlt man sich ber Lebenswandel und Taten des Heimgegangenen, und kein Abschnitt seines Lebens wird dabei hufiger oder lieber besprochen als sein seliges Ende. Dieses ehrende Gedenken rechtschaffener Menschen ist in den Augen der Utopier fr die Lebenden ein beraus wirksamer Anreiz zur Tugend und zugleich fr die Verstorbenen eine hchst willkommene Verehrung. Sie denken sich nmlich, da die Heimgegangenen bei den Gesprchen ber sie zugegen sind, wenn auch unsichtbar fr das schwache Auge der Sterblichen. Einerseits nmlich wrde es gar nicht mit ihrer Glckseligkeit vereinbar sein, wenn sie in ihrer Bewegungsfreiheit beschrnkt wren, und anderseits wre es undankbar von ihnen, wenn sie berhaupt keine Sehnsucht mehr empfnden, ihre Lieben wiederzusehen, mit denen sie bei Lebzeiten durch gegenseitige Liebe und Hochschtzung verbunden waren, Neigungen, die bei guten Menschen, so vermutet man, wie die brigen trefflichen Eigenschaften nach dem Tode eher noch zu- als abnehmen. Die Utopier glauben demnach, da die Toten unter den Lebenden weilen als Ohren- und Augenzeugen ihrer Worte und Taten, und infolgedessen gehen sie mit grerer Zuversicht an ihre Geschfte, gleichsam im Vertrauen auf solchen Schutz; auch lassen sie sich durch den Glauben an die Anwesenheit ihrer Vorfahren von geheimer Schandtat abschrecken. Auf Weissagungen und die sonstigen Prophezeiungen eines hohlen Aberglaubens, die andere Vlker gewissenhaft beachten, legen die Utopier gar keinen Wert, ja sie machen sich sogar darber lustig. Wunder dagegen, soweit sie ohne jede natrliche Veranlassung geschehen, verehren sie als Taten und Zeugnisse der anwesenden Gottheit. Solche Wunder kommen in Utopien, wie es heit, hufig vor, und in wichtigen und zweifelhaften Fragen flehen sie bisweilen darum mit groer Zuversicht und unter Veranstaltung eines groen Betfestes und erwirken auch ein Wunder. Fr eine Gott wohlgefllige Verehrung halten die Utopier die Betrachtung der Natur sowie das Lob, das man Gott als ihrem Schpfer spendet. Doch gibt es auch Leute, und zwar keineswegs wenige, die unter Berufung auf ihren Glauben von den Wissenschaften nichts wissen wollen, sich um keinerlei Erkenntnis der Natur bemhen und Mue berhaupt nicht kennen: nur durch Bettigung und gute Dienste, die man den Mitmenschen erweist, erwirbt man sich nach ihrer Meinung Anspruch auf die Glckseligkeit nach dem Tode. Daher widmen sich die einen der Krankenpflege, die anderen bessern Wege aus, reinigen Grben, bringen Brcken in Ordnung, stechen Rasen aus, schaufeln Sand und graben Steine aus, fllen und zersgen Bume, fahren auf Zweigespannen Holz, Feldfrchte und andere Dinge in die Stdte und benehmen sich nicht nur in der Ttigkeit fr die Allgemeinheit, sondern auch in der fr Privatleute wie Diener und sind noch arbeitsamer als Sklaven. Denn jede mhsame, schwierige und schmutzige Arbeit, die es irgendwo gibt und von der Anstrengung, Widerwille und Verzweiflung die meisten zurckschrecken, nehmen sie willig und frhlich ganz auf sich. Den anderen verschaffen sie Mue, sie selber aber arbeiten und plagen sich ohne Unterla, ohne jedoch Dank dafr zu beanspruchen; auch tadeln sie die Lebensweise anderer nicht, um ihre eigene dafr zu rhmen. Je mehr sich die Leute als Sklaven zeigen, desto grere Ehre erweist ihnen jedermann. Unter ihnen gibt es nun zwei Sekten. Die eine ist die der Ledigen. Diese enthalten sich vllig des Geschlechtsverkehrs; auch essen sie kein Fleisch, einige sogar, ohne mit irgendeinem Tier eine Ausnahme zu machen. Alle Freuden dieses Lebens verwerfen sie als schdlich, und in der Hoffnung auf einen baldigen Tod trachten sie leidenschaftlich danach, durch Nachtwachen und mhselige Arbeit nur die Freuden des knftigen Lebens zu erlangen. Die Anhnger der anderen Sekte sind nicht weniger auf Arbeit erpicht, ziehen es aber dabei vor, zu heiraten; denn sie verschmhen die Krfte nicht, die von der Ehe ausgehen, und glauben der Natur ihren Zoll entrichten zu mssen und dem Vaterlande Kinder schuldig zu sein. Jedes Vergngen, das sie in keiner Beziehung von der Arbeit abhlt, ist ihnen willkommen. Das Fleisch vierfiger Tiere schtzen sie schon aus dem Grunde, weil sie von einer solchen Nahrung eine bessere Krftigung zu jeder Arbeit erwarten. Die Anhnger dieser Sekte sind in den Augen der Utopier klger, die der anderen dagegen frmmer. Die letzteren wrde man auslachen, wenn sie sich bei der Bevorzugung der Ehelosigkeit und eines beschwerlichen Lebens auf Grnde der Vernunft sttzen wollten; so aber betrachtet man sie wegen ihrer religisen Beweggrnde mit Ehrfurcht und Hochachtung. Vor nichts scheuen sie sich nmlich ngstlicher als vor irgendeiner unbedachten uerung ber die Religion. Derart also sind die Leute, die die Utopier mit einem besonderen Namen in ihrer Landessprache als Buthresken bezeichnen, was etwa unserem Worte Mnche entspricht. Die Priester der Utopier sind auerordentlich fromm und deshalb sehr gering an Zahl. Es gibt nmlich in jeder Stadt nicht mehr als dreizehn, entsprechend der Zahl der Gotteshuser, auer in Kriegszeiten. Dann aber ziehen sieben von ihnen mit dem Heere ins Feld und werden in der Zwischenzeit durch eine gleiche Anzahl ersetzt. Kommen dann die anderen zurck, so nimmt jeder von ihnen wieder seine alte Stelle ein. Die berzhligen treten der Reihe nach an die Stelle der mit Tod Abgehenden; bis dahin sind sie Gehilfen des Oberpriesters, und einer wird an ihre Spitze gestellt. Die Priester werden vom Volke gewhlt, und zwar wie die brigen Beamten in geheimer Abstimmung, wodurch man Begnstigungen vermeiden will; die Weihe der Gewhlten vollzieht dann ihr eigenes Kollegium. Die Priester leiten den Gottesdienst, besorgen die Angelegenheiten des Kultus und sind eine Art Sittenrichter, und es gilt als eine groe Schande, wenn jemand von ihnen wegen seines schlechten Lebenswandels vorgeladen und zur Rede gestellt wird. Wenn auch die Priester das Recht haben zu ermahnen und zu warnen, so steht doch die Befugnis zu einer Maregelung und Bestrafung von belttern nur dem Brgermeister und den brigen Amtspersonen zu, nur da die Priester ihrerseits diejenigen, die sie als schlimme Snder kennenlernen, vom Gottesdienst ausschlieen. Und es gibt kaum eine Strafe, die man mehr frchtet; denn sie macht vllig ehrlos und erweckt eine geheime religise Furcht, die den Sinn zerrttet, da die so Bestraften auch nicht hinsichtlich ihres Krpers lange ohne Sorge sein knnen. Wenn sie nmlich die Priester nicht schnell von ihrer Reue berzeugen, werden sie festgenommen und vom Senat wegen Gottlosigkeit bestraft. Der Unterricht der Kinder und Jugendlichen liegt in den Hnden der Priester, und diese lassen sich mehr die Erziehung zu Sitte und Tugend als die wissenschaftliche Ausbildung angelegen sein. Sie verwenden nmlich den grten Flei darauf, den noch zarten und empfnglichen Kinderherzen von Anfang an gesunde und der Erhaltung ihres Staates dienliche Anschauungen einzupflanzen. Wenn diese erst einmal im Kinde festsitzen, begleiten sie den Erwachsenen durchs ganze Leben und sind von groem Nutzen fr die Erhaltung des Staates; denn was einen Staat zerfallen lt, sind einzig und allein die Laster, die ihrerseits wieder aus verkehrten Anschauungen entstehen. Die Priester sind mit den erlesensten Frauen ihres Volkes verheiratet, soweit sie nicht selbst Frauen sind; denn auch die Frauen sind vom Priestertum nicht ausgeschlossen; aber eine Frau wird seltener gewhlt und auch dann nur, wenn sie verwitwet und betagt ist. Keine Behrde geniet nmlich bei den Utopiern grere Ehre, und zwar in dem Ausmae, da ein Priester, der sich etwas hat zuschulden kommen lassen, keinem ffentlichen Gericht untersteht: Gott allein und sich selbst ist er berlassen. Die Utopier halten es nmlich fr Snde, den mit Menschenhand zu berhren, und wre er auch ein noch so schlimmer Verbrecher, der Gott auf eine so einzigartige Weise gleichsam als Opfer geweiht ist. Diesen Brauch knnen sie leichter einhalten, weil ihre Priester so gering an Zahl sind und mit so groer Sorgfalt ausgewhlt werden. Kommt es doch nur selten vor, da ein Mann, der, aus der Zahl der Guten als Bester ausgesucht, allein wegen seiner Tchtigkeit zu so hoher Wrde erhoben wird, zu Verderbtheit und Lasterhaftigkeit entartet. Sollte es aber bei der Unbestndigkeit der menschlichen Natur immerhin einmal vorkommen, so braucht man davon fr die Allgemeinheit durchaus keinen Schaden von groer Bedeutung zu befrchten, da die Zahl der Priester nur gering ist und sie auer ihrem Ansehen keinerlei Macht besitzen. Die Utopier beschrnken aber die Zahl ihrer Priester deshalb so stark, weil das Ansehen des Standes, dem sie jetzt so groe Verehrung erweisen, nicht dadurch an Bedeutung verlieren soll, da sie seine Ehre vielen zuteil werden lassen, zumal da sie es fr schwierig halten, viele Leute zu finden, die tugendhaft genug zur Bekleidung eines Amtes sind, fr dessen Wrde eine nur mittelmige Tugendhaftigkeit nicht ausreicht. Die Wertschtzung der Priester ist bei den auswrtigen Vlkern nicht geringer als bei ihren Landsleuten. Das geht deutlich aus einem Brauche hervor, den ich auch fr den Ursprung dieser Wertschtzung halte. Whrend nmlich die Truppen in der Schlacht um die Entscheidung kmpfen, halten sich die Priester abseits, aber nicht weit entfernt, und liegen in ihren geweihten Gewndern auf den Knien. Die Hnde zum Himmel erhoben, beten sie zu allererst um Frieden, sodann um Sieg fr ihr Volk, aber um einen Sieg, der fr beide Teile nicht blutig ist. Im Falle des Sieges ihres Volkes eilen sie in den Kampf und gebieten dem Wten gegen die Geschlagenen Einhalt. Wer sie nur sieht und anruft, wenn sie da sind, sichert sich sein Leben; wer ihre wallenden Gewnder berhrt, schtzt auch, was ihm sonst noch gehrt, vor jeder kriegerischen Gewalttat. Infolgedessen genieen die Priester bei allen Vlkern ringsum eine so groe Verehrung und so viel wirklich majesttisches Ansehen, da die Schonung, die sie vom Feinde fr ihre Mitbrger erwirkten, oft nicht geringer war als die, die sie bei diesen fr den Feind erreicht hatten. So viel steht jedenfalls fest: schon manchmal, wenn die Front ihrer Landsleute ins Wanken geraten war, wenn diese in ihrer verzweifelten Lage zu fliehen begannen und der Feind zu Gemetzel und Plnderung heranstrmte, traten die Priester dazwischen, unterbrachen das Blutvergieen, trennten die Truppen voneinander, brachten unter gerechten Bedingungen einen Frieden zustande und schlossen ihn ab. Denn noch niemals ist ein Volk so wild, so grausam und so barbarisch gewesen, da es ihre Person nicht fr heilig und unverletzlich gehalten htte. Als Festtage begehen die Utopier den ersten und letzten Tag eines jeden Monats und Jahres. Dieses teilen sie in Monate ein, die der Umlauf des Mondes abgrenzt, wie der Kreislauf der Sonne das Jahr rundet. Alle Anfangstage heien auf utopisch Cynemerner und die Schlutage Trapemerner, was etwa soviel wie Anfangs- und Schlufeste bedeutet. Man sieht in Utopien prachtvolle Tempel, die nicht blo mit groer Kunst gebaut sind, sondern auch eine gewaltige Menschenmenge fassen, was ja bei ihrer geringen Anzahl auch unbedingt notwendig ist. Gleichwohl sind sie alle halbdunkel, und zwar soll das nicht auf mangelhafte Kenntnis in der Baukunst zurckgehen, sondern auf einen Rat der Priester. Nach deren Meinung nmlich lenkt zuviel Licht die Gedanken ab, sparsameres und gleichsam unsicheres Licht dagegen trgt zur Sammlung des Geistes und zur Vertiefung der Andacht bei. Zwar ist in Utopien die Religion nicht berall die gleiche, aber all ihre, wenn auch verschiedenen und vielfltigen Formen kommen trotz Verschiedenheit der Wege in einem einheitlichen Ziele zusammen, in der Verehrung eines gttlichen Wesens. Infolgedessen ist in den Tempeln nichts zu sehen oder zu hren, was nicht fr alle Religionsformen ohne Unterschied passend erschiene. Einen seiner Sekte etwa eigentmlichen Brauch vollzieht ein jeder innerhalb seiner vier Wnde; den ffentlichen Kult dagegen fhrt man in einer Form durch, die keiner Religion etwas von ihren Besonderheiten nimmt. Daher ist auch kein Gtterbild im Tempel zu sehen, so da es jedem freisteht, unter welcher Gestalt er sich die Gottheit seinem persnlichen Glauben gem vorstellen will. Sie rufen Gott unter keinem besonderen Namen an, sondern nur als Mythras, ein Wort, mit dem sie alle bereinstimmend das eine Wesen gttlicher Majestt bezeichnen, welcher Art es auch sein mag. Die Gebete, die in Utopien abgefat werden, sind auch alle derart, da sich jeder ihrer bedienen kann, ohne gegen seinen persnlichen Glauben zu verstoen. Im Tempel kommen die Utopier an den Schlufesttagen abends zusammen, ohne noch etwas zu sich genommen zu haben, um Gott fr den Segen zu danken, den er in dem Jahre oder Monat, dessen letzter Tag dieser Festtag ist, gespendet hat. In der Frhe des nchsten Tages -- denn das ist dann ein Anfangsfesttag -- strmt das Volk in den Tempeln zusammen, um fr das folgende Jahr oder den folgenden Monat, den sie mit dieser Feier beginnen wollen, Glck und Segen zu erbitten. Ehe man aber an den Schlufesttagen in den Tempel geht, werfen sich daheim die Frauen ihren Mnnern und die Kinder ihren Eltern zu Fen und bekennen ihnen ihre Verfehlungen, mag es sich nun um eine Missetat oder um eine mangelhafte Pflichterfllung handeln, und bitten um Vergebung ihrer Schuld. So wird jedes Wlkchen huslicher Zwietracht, das etwa aufsteigt, durch solche Abbitte verscheucht, und man nimmt reinen Herzens und unbeschwerten Sinnes am Gottesdienst teil. Man scheut sich nmlich, mit verstrtem Sinn dem Gottesdienst beizuwohnen. Ist man sich deshalb bewut, Ha oder Zorn gegen jemand zu hegen, so geht man erst dann wieder zum Gottesdienst, wenn man sich vershnt und von den Leidenschaften gereinigt hat, weil man sonst eine schnelle und schwere Strafe frchtet. Im Tempel angekommen, gehen die Mnner auf die rechte und die Frauen gesondert auf die linke Seite. Dann nehmen sie in der Weise Platz, da die mnnlichen Mitglieder eines jeden Hauses vor dem Familienvater sitzen, die Familienmutter aber die Reihe der weiblichen Mitglieder schliet. Auf diese Weise knnen smtliche Bewegungen aller Hausgenossen auerhalb des Hauses von denen beobachtet werden, deren Autoritt und Zucht sie auch innerhalb des Hauses unterstehen. Ja, die Utopier sehen auch gewissenhaft darauf, da im Tempel immer ein Jngerer mit einem lteren zusammensitzt, damit nicht die Kinder sich selbst berlassen bleiben und sich nicht whrend des Gottesdienstes kindisch und albern benehmen. Denn gerade in dieser Zeit sollten sie es lernen, fromme Scheu vor den Himmlischen zu hegen, die ja der strkste und beinahe der einzige Ansporn zur Tugend ist. Wenn die Utopier opfern, so schlachten sie kein Tier, und sie knnen nicht glauben, da sich Gott in seiner Gte ber Blutvergieen und Morden freut; hat er doch den Lebewesen das Leben zu dem Zwecke geschenkt, da sie leben. Sie verbrennen Weihrauch und ebenso anderes Rucherwerk; auch stecken sie zahlreiche Wachskerzen auf, nicht als ob sie nicht wten, da das Wesen Gottes dieser Dinge nicht bedarf, ebensowenig wie ja auch der Gebete der Menschen, aber sie finden Gefallen an dieser harmlosen Art Gottesverehrung, und die Menschen fhlen, da diese Dfte, Lichter und sonstigen Feierlichkeiten sie irgendwie innerlich aufrichten und zur Verehrung Gottes freudiger stimmen. Im Tempel trgt das Volk weie Gewnder, der Priester dagegen buntfarbige, die nach Arbeit und Form Bewunderung verdienen; nur ist der Stoff nicht ebenso wertvoll. Die Gewnder sind nmlich nicht mit Gold gestickt oder mit seltenen Steinen besetzt, sondern aus einzelnen Vogelfedern so geschickt und kunstvoll gearbeitet, da auch der kostbarste Stoff dieser Arbeit an Wert nicht gleichkommen wrde. Wie es auerdem heit, sind in jenen Schwung- und Flaumfedern sowie in ihrer bestimmten Anordnung, durch die sie auf dem Priestergewande unterschieden werden, gewisse geheime Mysterien verborgen. Ihre Auslegung ist den Priestern bekannt und wird von ihnen gewissenhaft weiter berliefert; die Menschen sollen dadurch an die Wohltaten erinnert werden, die ihnen Gott erweist, an den Dank, den sie ihm dafr schulden, und an die Pflichten, die sie gegenseitig zu erfllen haben. Sobald sich der Priester in diesem Ornat vor dem Allerheiligsten zeigt, werfen sich alle sofort voll Ehrfurcht zu Boden unter so allgemeinem und tiefen Schweigen, da schon der bloe Anblick dieses Vorgangs eine Art Schauer einflt, als wenn eine Gottheit zugegen wre. Sie bleiben eine Weile liegen und erheben sich erst, wenn ihnen der Priester ein Zeichen gibt. Dann singen sie Gott zu Ehren Hymnen, wozu sie zwischendurch auf Musikinstrumenten spielen. Diese haben zu einem groen Teile eine andere Gestalt als die, die man in unserem Erdteil zu sehen bekommt. Die meisten von ihnen bertreffen zwar die bei uns gebruchlichen wesentlich an Wohlklang, doch sind einige mit den unsrigen nicht einmal zu vergleichen. In einer Beziehung jedoch sind uns die Utopier unzweifelhaft weit voraus, darin nmlich, da all ihre Musik, und zwar die Instrumentalmusik ebenso wie die Vokalmusik, die natrlichen Seelenzustnde deutlich nachahmt und widerspiegelt, da der Klang sich dem Inhalt des Musikstckes treffend anpat, mag es sich um Worte eines Betenden oder um den Ausdruck der Freude, der Sanftmut, der Aufregung, der Trauer oder des Zornes handeln, und da die Art der Melodie den Sinn eines jeden Textes so lebendig veranschaulicht, da sie die Herzen der Zuhrer in wunderbarer Weise ergreift, erschttert und entflammt. Zuletzt sprechen Priester und Volk zusammen feierliche Gebete in bestimmten Fassungen, die so gehalten sind, da jeder einzelne auf sich beziehen kann, was alle zusammen hersagen. In diesen Gebeten ruft sich jeder Gott als den Schpfer und Lenker des Weltalls und als den Geber all der anderen Gter wieder ins Gedchtnis, dankt ihm fr die zahllosen Wohltaten, die er empfangen hat, besonders aber dafr, da ihn Gottes Gte und Gnade im glcklichsten Staat leben und an einer Religion teilnehmen lt, die, wie er hofft, der Wahrheit am nchsten kommt. Sollte er sich darin irren oder sollte es einen besseren Staat oder eine bessere Religion geben, die auch Gott genehmer wre, so bitte er darum, seine Gte mge es ihn erkennen lassen; er wolle ihm bereitwillig folgen, wohin er ihn auch fhre. Sollte aber diese Staatsform die beste und seine Religionsauffassung die richtigste sein, so mge ihm Gott Bestndigkeit verleihen und die anderen Menschen alle zu denselben Lebensgrundstzen und zu derselben Vorstellung von Gott bekehren, falls er nicht in seinem unerforschlichen Willen auch an dieser Mannigfaltigkeit der Bekenntnisse Gefallen finde. Endlich bittet er noch darum, Gott mge ihn nach einem leichten Tode in sein Reich aufnehmen; wie bald oder wie spt, das wage er nicht im voraus zu bestimmen. Immerhin werde es ihm, soweit es ohne Verletzung der gttlichen Majestt mglich sei, viel lieber sein, auch den schwersten Tod zu erleiden, um eher zu Gott zu kommen, als durch das glcklichste Leben lnger von ihm ferngehalten zu werden. Nach diesem Gebet werfen sich alle abermals zu Boden und erheben sich bald darauf wieder, um zum Essen zu gehen; den Rest des Tages verbringen sie mit Spielen und militrischer Ausbildung. * * * * * Ich habe euch so wahrheitsgem wie mglich die Form dieses Staates beschrieben, den ich bestimmt nicht nur fr den besten, sondern auch fr den einzigen halte, der mit vollem Recht die Bezeichnung Gemeinwesen fr sich beanspruchen darf. Wenn man nmlich anderswo von Gemeinwohl spricht, hat man berall nur sein persnliches Wohl im Auge; hier, in Utopien, dagegen, wo es kein Privateigentum gibt, kmmert man sich ernstlich nur um das Interesse der Allgemeinheit, und beide Male geschieht es mit Fug und Recht. Denn wie wenige in anderen Lndern wissen nicht, da sie trotz noch so groer Blte ihres Staates Hungers sterben wrden, wenn sie nicht auf einen Sondernutzen bedacht wren! Und deshalb zwingt sie die Not, eher an sich als an ihr Volk, das heit an andere, zu denken. Dagegen hier, in Utopien, wo alles allen gehrt, ist jeder ohne Zweifel fest davon berzeugt, da niemand etwas fr seinen Privatbedarf vermissen wird, wofern nur dafr gesorgt wird, da die staatlichen Speicher gefllt sind. Denn hier werden die Gter reichlich verteilt, und es gibt keine Armen und keine Bettler, und obgleich niemand etwas besitzt, sind doch alle reich. Knnte es nmlich einen greren Reichtum geben, als vllig frei von jeder Sorge, heiteren Sinnes und ruhigen Herzens zu leben, nicht um seinen eigenen Lebensunterhalt ngstlich besorgt, nicht geqult von der Geldforderung der jammernden Gattin, ohne Furcht, der Sohn knne in Not geraten, ohne Angst und Bange um die Mitgift der Tochter, sondern unbesorgt um den eigenen Lebensunterhalt und um den der Seinen, der Gattin, der Shne, der Enkel, Urenkel und Ururenkel und der ganzen Reihe von Nachkommen, so lang, wie sie ein Ehrenmann erwartet? Ja, diese Frsorge erstreckt sich sogar in demselben Umfange auf die, die frher gearbeitet haben, jetzt aber nicht mehr dazu imstande sind, wie auf die, die jetzt noch arbeiten. Da wnschte ich, es wagte jemand, mit dieser Billigkeit die Gerechtigkeit anderer Vlker zu vergleichen, und ich will des Todes sein, wenn ich bei ihnen auch nur die geringste Spur von Gerechtigkeit und Billigkeit finde! Oder ist das etwa Gerechtigkeit, wenn jeder beliebige Edelmann oder Goldschmied oder Wucherer oder schlielich irgendein anderer von denen, die entweder berhaupt nichts tun oder deren Ttigkeit fr den Staat nicht dringend notwendig ist, ein prchtiges und glnzendes Leben fhren darf auf Grund eines Verdienstes, den ihm sein Nichtstun oder seine berflssige Ttigkeit einbringt, whrend zu gleicher Zeit der Tagelhner, der Fuhrmann, der Schmied und der Bauer mit seiner harten und ununterbrochenen Arbeit, wie sie kaum ein Zugtier aushalten wrde, die aber so unentbehrlich ist, da ohne sie kein Gemeinwesen auch nicht ein Jahr blo auskommen knnte, einen nur so geringen Lebensunterhalt verdient und ein so elendes Leben fhrt, da einem die Lage der Zugochsen weit besser vorkommen knnte, weil sie nicht so dauernd arbeiten mssen, weil ihre Nahrung nicht viel schlechter ist und ihnen sogar besser schmeckt und weil sie bei alledem wegen der Zukunft keine Angst zu haben brauchen? Aber diese Menschen qult eine erfolglose und undankbare Arbeit in der Gegenwart, auch peinigt sie der Gedanke an ein hilfloses Alter. Denn wenn ihr tglicher Verdienst zu krglich ist, um auch nur fr denselben Tag auszureichen, kann auf keinen Fall etwas herausspringen und brigbleiben, um tglich fr die Verwendung im Alter zurckgelegt zu werden. Ist das nicht eine ungerechte und undankbare Gemeinschaft, die den sogenannten Edelleuten, den Goldschmieden und den brigen Leuten dieser Art, die weiter nichts als Miggnger oder Schmarotzer sind und nur unntze Luxusdinge herstellen, in so verschwenderischer Weise ihre Gunst bezeugt, die dagegen fr die Bauern, Khler, Tagelhner, Fuhrleute und Schmiede, ohne die berhaupt kein Staat bestehen knnte, in keinerlei Weise sorgt? Sie nutzt die Arbeitskraft ihrer besten Lebensjahre aus und vergilt ihnen dann, wenn sie schlielich, von Alter und Krankheit beschwert, an allem Mangel leiden, auf hchst undankbare Weise, indem sie sie, uneingedenk so vieler Nchte, die sie durchwacht, und so vieler und wichtiger Dienste, die sie geleistet haben, auf ganz elende Weise sterben lt. Was soll man gar noch dazu sagen, da die Reichen Tag fr Tag von dem tglichen Verdienst der Armen nicht nur durch privaten Betrug, sondern sogar auf Grund staatlicher Gesetze etwas abzwacken? So haben diese Menschen das, was frher als ungerecht galt: die hchsten Verdienste um den Staat mit dem schndesten Undank zu lohnen, in seiner Geltung entstellt und sogar noch in Gerechtigkeit verwandelt, indem sie es durch Gesetze sanktionierten. Wenn ich daher alle unsere Staaten, die heute irgendwo in Blte stehen, im Geiste betrachte und ber sie nachdenke, so stoe ich, so wahr mir Gott helfe, einzig und allein auf eine Art Verschwrung der Reichen, die unter Mibrauch des Namens- und Rechtstitels eines Staates nur auf ihre persnlichen Interessen bedacht sind. Sie ersinnen und denken sich alle mglichen Mittel und Rnke aus, zunchst, um ihren unrechtmig erworbenen Besitz zu behalten, ohne frchten zu mssen, ihn zu verlieren, und sodann, um sich die angestrengte Arbeit aller Armen so billig wie mglich zu erkaufen und zu ihrem Vorteil zu mibrauchen. Sobald nun die Reichen erst einmal im Namen des Staates, also auch im Namen der Armen, beschlossen haben, diese Machenschaften durchzufhren, erhalten sie sofort Gesetzeskraft. Aber selbst wenn diese so schlechten Menschen alle diese Gter, die fr alle gereicht htten, in unersttlicher Habgier untereinander aufteilen, wieviel fehlt ihnen trotzdem noch an dem Glck des utopischen Staates! Hier ist mit dem Gebrauch des Geldes selbst zugleich jede Geldgier aus der Welt geschafft. Welch schwere Last von Verdrielichkeiten ist dadurch abgewlzt, welch reiche Saat von Verbrechen mitsamt der Wurzel ausgerissen! Wer wei nmlich nicht, da Betrug, Diebstahl, Raub, Streit, Unruhe, Zank, Aufstand, Mord, Verrat und Giftmischerei, die jetzt durch tgliche Bestrafungen mehr geahndet als eingeschrnkt werden, mit der Beseitigung des Geldes absterben mssen und da auerdem Furcht, Unruhe, Sorgen, Anstrengungen und durchwachte Nchte in demselben Augenblick wie das Geld verschwinden werden? Ja, die Armut selbst, der einzige Zustand, wie es scheint, in dem Geld gebraucht wird, wrde augenblicklich abnehmen, wenn man das Geld berall vllig abschaffte. Wenn du dir das noch deutlicher machen willst, mut du dir einmal ein drres und unfruchtbares Jahr vorstellen, in dem der Hunger viele Tausende von Menschen dahingerafft hat. Nun behaupte ich ganz bestimmt: htte man am Ende dieser Hungersnot die Speicher der Reichen durchsucht, so wre so viel Getreide zu finden gewesen, da berhaupt niemand jene Ungunst des Wetters und jenen geringen Ertrag des Bodens htte zu spren brauchen, wenn man die Vorrte unter die verteilt htte, die in der Tat Opfer der Abmagerung und Auszehrung geworden sind. So leicht knnte man beschaffen, was man zum Leben braucht, wenn nicht jenes herrliche Geld, ganz offenbar dazu erfunden, den Zugang zum Lebensunterhalt zu erschlieen, allein es wre, das ihn uns verschliet. Das merken ohne Zweifel auch die Reichen, und sie wissen ganz genau, wieviel besser jener Zustand wre, nichts Notwendiges zu entbehren als an vielerlei berflssigem berflu zu haben, und wieviel besser es wre, von so zahlreichen beln befreit als von so groem Reichtum beschwert zu sein. Ich mag auch gar nicht daran zweifeln, da die Sorge fr das persnliche Wohl jedes einzelnen oder die Autoritt Christi, unseres Heilands, der bei seiner so groen Weisheit wissen mute, was das Beste sei, und bei seiner so groen Gte nur zu dem raten konnte, was er als das Beste erkannt hatte, die ganze Welt ohne Mhe schon lngst fr die Gesetze des utopischen Staates gewonnen htte, wenn nicht eine einzige Bestie, das Haupt und der Ursprung alles Unheils, die Hoffart, dagegen ankmpfte. Sie mit ihr Glck nicht am eigenen Nutzen, sondern am fremden Unglck. Sie mchte nicht einmal Gttin werden, wenn dann keine Unglcklichen mehr brigblieben, ber die sie herrschen und die sie verhhnen knnte, im Vergleich zu deren Elend ihr eigenes Glck in besonderem Glanze erstrahlen soll und die sie in ihrer Not durch Entfaltung ihres eigenen Reichtums qulen und aufbringen mchte. Die Hoffart, eine Schlange der Hlle, nistet sich in die Herzen der Menschen ein, hlt sie wie ein Hemmschuh zurck und hindert sie, einen besseren Lebensweg einzuschlagen. Dieses Gewrm hat sich zu tief ins Menschenherz eingefressen, als da es sich ohne Mhe wieder herausreien liee. Und deshalb freue ich mich, da wenigstens den Utopiern diese Staatsform zuteil geworden ist, die ich von Herzen gern berall sehen mchte. Sie haben sich Lebenseinrichtungen geschaffen, mit denen sie das Fundament eines Staates legten, dem nicht nur das hchste Glck, sondern, nach menschlicher Voraussicht wenigstens, auch ewige Dauer beschieden ist. Seitdem sie nmlich im Inneren Ehrgeiz und Parteisucht ebenso wie die anderen Laster mit Stumpf und Stiel ausgerottet haben, droht keine Gefahr mehr, da sie unter innerem Zwist zu leiden haben, der schon vielfach die alleinige Ursache des Unterganges von Stdten gewesen ist, deren Macht und Wohlstand trefflich gesichert war. Solange jedoch die Eintracht im Inneren und die gesunde Verfassung erhalten bleiben, ist der Neid auch aller benachbarten Frsten nicht imstande, das Reich zu zerrtten oder zu erschttern, was er vor langer Zeit zwar schon zu wiederholten Malen, aber immer ohne Erfolg versucht hat. Als Raphael mit seinem Bericht zu Ende war, fiel mir gar mancherlei ein, was mir an den Sitten und Gesetzen jenes Volkes beraus sonderbar vorkam, nicht nur an der Art und Weise seiner Kriegfhrung, an seinem Gottesdienst und seiner Religion und an noch anderen seiner Einrichtungen, sondern auch ganz besonders an dem eigentlichen Fundament seiner ganzen Verfassung, nmlich an seinem gemeinschaftlichen Leben und der gemeinschaftlichen Beschaffung des Lebensunterhalts, und zwar unter Ausschaltung jedes Geldverkehrs. Beseitigt doch schon diese letzte Bestimmung fr sich allein von Grund aus jeden Adel, jede Pracht, jeden Glanz, jede Wrde, also den der ffentlichen Meinung nach wahren Glanz und Schmuck eines Staates. Ich wute jedoch, da Raphael vom Erzhlen mde war, und ich war nicht ganz sicher, ob er einen Widerspruch gegen seine Meinung vertragen wrde, zumal da ich daran dachte, wie er gewisse Leute deshalb getadelt hatte, weil sie nach seiner Ansicht Angst hatten, nicht fr klug genug zu gelten, wenn sie nicht an den Einfllen anderer Leute etwas fnden, woran sie herumzausen knnten. Deshalb lobte ich nur die Verfassung jenes Volkes und die Erzhlung Raphaels, nahm ihn bei der Hand und fhrte ihn ins Haus zum Essen; doch sagte ich vorher noch, wir wrden wohl noch ein anderes Mal Zeit finden, ber die gleichen Dinge tiefer nachzudenken und uns ausfhrlicher mit ihm zu unterhalten. Ich wollte nur, es kme noch einmal dazu! Bis dahin kann ich zwar nicht allem zustimmen, was dieser brigens unbestritten hochgelehrte Mann von reifer Lebenserfahrung gesagt hat, doch gestehe ich ohne weiteres, da ich sehr vieles von der Verfassung der Utopier in unseren Staaten eingefhrt sehen mchte. Allerdings mu ich das wohl mehr wnschen, als da ich es hoffen drfte. Ende. Ende der Nachmittagserzhlung des Raphael Hythlodeus ber die Gesetze und Einrichtungen der bisher nur wenigen bekannten Insel Utopia, durch den hochberhmten und hochgelehrten Herrn Thomas Morus, Brger und Vicecomes von London, bekanntgegeben. [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile steht. unserer Welt gegehrt -- sie nennen uns Ultraquinoktialen--, auer da unserer Welt gehrt -- sie nennen uns Ultraquinoktialen--, auer da regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen in regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen Qual sei, und sich in Zuversicht und gutes Mutes von diesem traurigen Qual sei, und sich in Zuversicht und guten Mutes von diesem traurigen ] End of the Project Gutenberg EBook of Utopia, by Thomas Morus License: Share Alike