Produced by the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned images of public domain material from the Google Books project.) Die Kammerjungfer. Eine Stadtgeschichte von Maria Nathusius, Verfasserin der Dorfgeschichten: _Martha die Stiefmutter, Lorenz der Freigemeindler, Vater, Sohn und Enkel_ u. s. w. Halle, Verlag von Richard Mhlmann. 1851. Es bleibt dabei, ich vermiethe mich! sagte Klrchen zu ihrer Mutter. Eine Schneiderin fhrt ein trauriges Leben, ein Tag geht so grau und einfrmig hin wie der andere, keinen vernnftigen Menschen kriegt man zu sehen, sitzen mu man vom Morgen bis zum Abend, und sitzen bleiben und eine alte Jungfer werden ist das Ende vom Liede. Du weit selbst nicht was Du willst, sagte ihre Mutter. Weit Du noch, was Du sagtest vorigen Martinstag, wie Tante Rieke Dir den Rath gab, Du solltest in einen Dienst gehen? Da hast Du von Sklaverei gesprochen und die Nase germpft, und ich war's auch zufrieden: es wre doch eine Snde und Schande, wenn eine alte Frau allein wohnen mte ohne Hlfe und Pflege. Aber ich sage: Du weit nicht was du willst. Kannst Du's besser haben, wie Du's jetzt hast? Bist Dein eigner Herr, kannst thun was Du willst, und brauchst Dich nicht von fremden Leuten traktiren zu lassen. Ach, wenn ich an _meine_ Jugend denke! Ja, ja, Deine Jugend kenne ich, fiel ihr Klrchen schnippisch in das Wort; so dumm wie Du werde ich nicht sein, Du httest den Rechtsgelehrten nur festhalten sollen. Tante Rieke sagte vorgestern sehr salbungsvoll, wie Deine Schnheit Dein Unglck gewesen; da htte sie nur aufrichtig sagen sollen: Dein Ungeschick. Ich sage Dir aber, _meine_ Schnheit soll glcklicher sein. -- Hierbei lachte sie, hpfte an den Spiegel und ordnete noch einmal zum Ueberflu ihren Sonntagsstaat. So gottvergessen wie Du habe ich nie geredet, entgegnete die Mutter, und das Unglck ist doch ber mich gekommen, ich wei nicht wie. Das ist's eben, fiel ihr Klrchen wieder in die Rede: Du weit nicht wie. Gerade das nicht Wissen das ist der Fehler, ich werde aber wissen! Und nun um alles in der Welt, hre auf zu jammern. Heute ist Sonntag. Ursach dazu hast Du nicht, und ich sehe nicht ein, warum ich zuhren sollte. Mir steht die ganze Welt offen, und die Welt ist schn, wunderschn! Ich vermiethe mich, oder ich vermiethe mich nicht, es mu immer gehen. Fr jetzt ziehe ich zur alten Frau Generalin, da habe ichs gut, und Geld im Ueberflu. Und ich hungere, sagte die Mutter in weinerlichem Ton. Dafr wird Tante Rieke sorgen mssen, die hat das Geld im Kasten liegen. Es ist schndlich genug, da sie mich hat schneidern und sticheln lassen, damit ich ihre einzige Schwester ernhre. Das hrt nun auf. Ich mu fr meine Zukunft sorgen, mein Lohn wird gespart; wenn man das Geld in groen Partieen einnimmt, kann man's besser festhalten, die einzelnen Viergroschenstcke trudeln unter den Hnden fort. Tante Rieke, die die christliche Barmherzigkeit immerfort im Munde fhrt, mag sich auch mal mit den Hnden regen. Und kurz und gut, wenn kein Anderer da ist, ist sie die Nchste. Und Mutterchen (setzte Klrchen schmeichelnd hinzu), Du hast nur den Vortheil davon, wenn die Tante gepret wird; denn ich werde auch fr Dich sorgen, da kommt's von zwei Seiten. Klage nur hbsch, und rhre ihr Herz; aber gegen mich hre auf damit (schlo sie lachend), ich kenne Deine Kniffe und bei mir helfen sie nichts mehr. -- Bei diesen Worten zog sie eine schwarze seidene Mantille aus einer Schublade, und einige Geldstcke klapperten daneben. Sie warf der Mutter ein Zweigroschenstck in den Schoo und rief lachend: Hier, kaufe Dir Kuchen und feiere Sonntag; aber schicke Kleist's Dortchen, dann denkt der Becker, es ist fr die Herrn Studenten. Du verstehst mich doch? Kleiner Tausendsapperloter! sagte die schwache Mutter. Ihr Tchterchen hatte sie vllig beruhigt. Besonders war das Letzte ein wirksames Mittel; und auch die Bemerkung ber die Tante Rieke war ganz richtig, diese mute mehr geben, wenn Klrchen den Haushalt nicht unterhielt. Sie konnte es auch, sie war eine reiche Wittwe und hatte nur eine Pflegetochter; und wenn Klrchen dann im Stillen doch noch mit sorgte, wie es sich fr eine gute Tochter geziemt, so stand die Mutter sich bei weitem besser. Frau Krauter war die Wittwe eines Ginghan-Webers. Sie war in ihrer Jugend schn und leichtsinnig gewesen, und hatte nach vielen Abenteuern den Mann geheirathet, der schon damals innerlich und uerlich ziemlich verkommen war. Es ward aber von Jahr zu Jahr schlechter mit ihm, und er starb, nachdem er beinahe zehn Jahr seine Frau in fortwhrendem Jammer und in Noth erhalten hatte. Zum Glck blieb Klrchen ihr einziges Kind, und zum Glck hatte sie eine reiche Schwester, die ihr in der Noth eine Sttze war. Noth und Jammer aber hatten keinen Einflu auf Frau Krauter gebt; sie war leichtsinnig geblieben, war faul, unordentlich und genuschtig, und wenn sie auch reichlich Thrnen ber sich und ihre Schicksale vergieen konnte, die Thrnen kamen nicht tief aus dem Herzen; bei einer Tasse Kaffee und einem leichtfertigen Geschwtz war bald Alles vergessen. Klrchen war das Ebenbild der Mutter, nur da sie noch schner und zugleich schlauer war, und so der Welt und dem Verderben noch mehr Prei gegeben. Tante Rieke, auch Wittwe, und zwar die sehr wohlhabende Wittwe des seligen Seifensiedermeisters Bendler, war ganz das Gegentheil der Schwester. Sie war eine gottesfrchtige, achtbare, schlichte Brgersfrau. Sie hatte vergeblich ihren Einflu auf Mutter und Tochter zu ben gesucht; sie erlangte nur das eine, da beide sich vor ihr scheuten und sich soviel als mglich von der besten Seite zeigten; und das war freilich schlimmer, als wenn sie sich in ihrer wahren Gestalt gezeigt htten. Nachdem Klrchen mit ihrer Mutter das mitgetheilte Zwiegesprch gehabt, rstete sie sich singend zu ihrem Sonntagsvergngen. Die seidene Mantille ward umgethan, und das Geld, das da herausgepoltert, in die Tasche gesteckt. Darauf suchte sie aus einem Wust anderer Sachen ein gesticktes baumwollenes Taschentuch hervor. Sie warf es wieder fort, denn ein langes Ende abgerissener Spitze hing daran. Sie griff nach einem zweiten, da waren einige Risse in der Mitte. Die infamen baumwollenen Tcher halten fr gar nichts! sagte sie rgerlich. Gieb her, Kind, ich hefte es gleich ein Bichen zu! trstete die Mutter, fdelte eine Nadel ein und zog mit langen Stichen die Risse zu. Whrend dessen suchte Klrchen aus einem Hufchen heller Glaceehandschuh das leidlichste Paar heraus. Wo in aller Welt nur immer die rechten Handschuh bleiben! klagte Klrchen wieder. Linke habe ich wohl sechs, sieben, und rechte nur drei, und dumm genug habe ich vergessen sie waschen zu lassen, sie sehen aus wie die Mohren. Ach was! setzte sie entschlossen hinzu: ich hole ein Paar neue. Sechs Groschen mehr oder weniger! Zu meinem himmelblauen Musselin-Kleide gehren reine Handschuh. Tante Rieke sagte am vergangenen Sonntag: Solltest lieber waschlederne Handschuh tragen wie Gretchen. Denke mal an, die hat ihre Confirmationshandschuh noch. Wahrhaftig? staunte Klrchen; nein, das Mirakel mu ich meinen Freundinnen erzhlen, es sieht aber akkurat aus wie Gretchen Bendler. Zur Kirche und hchstens zu einem ehrbaren Spaziergang in's Feld werden die Handschuh angezogen, aber eine Hand hat Gretchen in den waschledernen wie ein Eisbr. Nun gut, ein jeder sehe wie er's treibe, ein jeder sehe wo er bleibe, sagt Gthe. Auch sind die Gaben der Menschen verschieden. -- Bei diesen Worten hatte sie die himmelblaue Hutschleife zugebunden, das geflickte Taschentuch geschickt ber die schmutzigen Handschuh gelegt, und wollte nun mit einem leichten Adieu zur Thr hinaus. Warte, Klrchen! rief die Mutter, da kmmt Dein Hemd an der Schulter zum Vorschein und gerade ein rechter Ratsch darin. Stopf' es nur tief genug unter, sagte Klrchen gleichgltig, und nachdem das geschehen, ging sie fort. Alle Schneiderinnen, sagt man, sind unordentlich, weil sie immer mit der Nadel fr Andere beschftigt, nie Zeit fr ihre eigne Arbeit finden. Klrchen war es aber nicht allein als Schneiderin, sondern noch dazu als unordentliche Tochter einer unordentlichen Mutter, und als ber ihren Stand hinaus verwhnte und verbildete Jungfrau. Da die Kleider sechs Ellen weit sein muten und wo mglich den Staub auf der Strae kehren, war ihr von hchster Wichtigkeit; auch durften die Manschetten nicht fehlen, Mantillen, Kragen, gestickte Taschentcher und Unterrcke mit Frisuren. Ob ihr Hemd zerrissen, war ihr gleichgltig, ja, auerordentlich gleichgltig! Das sah ja Niemand. Unangenehmer war es schon, fehlte der Hacken im Strumpf, oder die Sohle am Schuh, aber auch das machte ihr nicht groes Bedenken, es wurde geschickt verborgen, die langen Kleider waren auch hier von Nutzen. Mit der Muhme Gretchen hatte sie neulich erst einen derben Strau gehabt; denn war Gretchen auch nicht gebildet, so war sie doch gescheut und derb und kurz angebunden. Sie sah den Unterrock mit den breiten Frisuren, und sagte, das wre ganz verrckt nun, gar an einem Unterrock den berflssigen Staat. Klrchen aber erklrte sachverstndig, da eine ordentliche Toilette -- bei diesem Worte hob Gretchen etwas hhnend Klrchens Arm in die Hhe und zeigte wie der Aermel halb aus den Nhten war; Klrchen fuhr nach einer kurzen Entschuldigung aber rgerlich fort: da zu einer ordentlichen Toilette solch ein Rock nothwendig sei, um die Kleider unten gehrig breit zu erhalten. Besonders, fgte sie schnippisch hinzu, pat das fr schlanke Leute; fr Biertonnen ist's nun mal nicht nthig. Gretchen wute darauf keine verblmte Antwort zu geben, sie sagte aber kurz: Schme Dich was mit Deinen Grobheiten, dafr setz' Dich hin und flicke und stopfe wo's Noth thut, und verthu' Dein Geld nicht unntz; mit den Frisuren am Rock lockst Du keinen Hund aus dem Ofen, und ich sage Dir, Du wirst es noch mal bitterlich bereuen, da Du so eine Thrin warest. Du hltst es so sehr mit der Welt, aber ich sage Dir, sie wird Dir noch mal ein X fr ein U machen; und Du denkst, da ist Dein Himmelreich, aber ich sage Dir, das ist wo anders. -- Ach Gott! jetzt kriegt' es Klrchen mit dem Schreck, gewi wollte Gretchen mit ihrem Herrn und Heilande kommen, denn von dem sprach sie, als ob die Sache ganz ihre Richtigkeit htte. Gretchen war berhaupt so sehr in der Zeit und Bildung zurck, sie kannte keine Romane, wute nichts von Eugen Sue, von der George Sand und von keinem Musen- und Liebes-Almanach, kannte nur nothdrftig die Classiker ihres Vaterlandes dem Namen nach, und auch darber spottete Tante Rieke. Mutter und Tochter lasen nur in der Bibel, in Andachtsbchern, oder in andern Bchern, die ihnen vom Pastor an der Stephans-Kirche zugestellt wurden. Der Pastor an derselben war nmlich ein Erzpietist, der predigte nichts weiter als vom Heiland und machte den Leuten Himmel und Hlle hei. Klrchen aber, als sie merkte, wo hinaus ihre Muhme jetzt wollte, schnitt das Gesprch ab und gab gtlich nach. Sie wollte es doch mit Gretchen ebenso wenig als mit Tante Rieke verderben, und beide hingen aneinander wie die Kletten. Klrchen dachte hochmthig: Ein jeder sehe wie er's treibe, und: Eines schickt sich nicht fr Alle. Gretchen ist nun mal ein hausbackenes Mdchen; sie mag sich drum gern ihre Hemden selber spinnen, dunkelblaue Strmpfe, hohe lederne Schnrschuhe und waschlederne Handschuh tragen, sie macht auch keine Ansprche fr die Zukunft und gehrt so recht in den Handwerkerstand hinein. Dagegen Klrchen? Sie seufzt, -- ihr Herz schlgt gewaltig, -- was wird aus ihr wohl werden? jedenfalls etwas ganz Besonderes. O se Zukunft: lachende Kleider, lachende Gesichter, Liebe, Lust und Wonne! Jetzt zog sie zur Frau Generalin: Da kam sie in feine Kreise, vornehme Personen gehen aus und ein, es ist so manches in der Welt passirt, es kann auch passiren, da sie ihr Glck macht. Es kann? nein, es mu, es wird, sie hat eine selige Ahnung davon in ihrem Herzen. Die nchste Seligkeit, die zu erringen, ist ein seidenes Kleid, eine Brosche, ein unchter Shawl und ein Sammethut -- dann aber kann es ihr ganz gewi nicht fehlen; dann kommen die wunderbaren Begebenheiten! Und sie, die einem solchen Geschicke entgegen geht, sollte sich mit stopfen und flicken abgeben? ein jeder begreift die Richtigkeit, nur das hausbackene Gretchen nicht. Aber Gretchen ist nicht nur hausbacken, sie ist auch ungebildet, denn sie glaubt an einen Herrn und Heiland, und sagt, sie knne keine Stunde ohne ihn leben. Armes Gretchen! Klrchen hat den Heiland nicht nthig, sie wte wahrlich in aller Welt nicht, wozu sie ihn nthig htte. Die Tante Rieke sagt zwar, er mte uns von unserer Snde erlsen, und wir gingen ohne ihn in Nacht, in Wsten, in Unverstand und wie sie weiter sagt; aber das konnte Klrchen nicht fassen, sie wute nichts von Snde, von Nacht und Dunkelheit und gar von Unverstand. Eine Christin wollte sie auch sein; sie hatte, was nthig war, gelernt, aber wozu, das sah sie noch nicht ein, es hatte sich noch keine Gelegenheit gefunden, um Gebrauch davon zu machen. Nur vom Einfachsten und Verstndlichsten zu reden, von den zehn Geboten, wozu war das siebente fr sie da: Du sollst nicht stehlen? Es fiel ihr gar nicht ein. Oder: Du sollst nicht andere Gtter haben neben mir? Sie war doch keine Heidin, die an Jupiter und Mars glaubte. Oder: Du sollst Vater und Mutter ehren? Ei, sie that mehr als ihre Pflicht: Tag und Nacht so zu sagen qulte sie sich, um ihre Mutter zu ernhren. Nein, sie hatte gar Nichts an sich auszusetzen; um sie herum war Alles licht und helle und sie brauchte keinen Erlser. An den lieben Gott glaubte sie wohl, sie verlie sich zwar nicht auf ihn, als ob er ihr Schicksal leiten und lenken knne, -- das verlangte sie gar nicht, sie wollte das allein thun; sie war schn und jung und klug und gebildet, ihr Glck verstand sich von selbst. Nur zuweilen kam es wie Furcht ber sie. Vor nicht langer Zeit waren die schwarzen Pocken in ihrer Strae, ein groer Schreck fuhr in ihre Glieder, sie lie sich aber schnell impfen und meinte nun wieder ruhig sein zu knnen. Als bald darauf die Cholera kam und in ihrer Nhe Jung und Alt dahinraffte, da ging das Bangen wieder an. So gut wie die sterben, kannst Du auch sterben, -- das sah sie ein, und sterben war ein schrecklicher Gedanke. Was wird dann aus ihr? ja was? Tante Rieke unterlie es nicht, in der Zeit vom Sterben zu reden und von der Strafe und vom ewigen Verderben. Klrchen hrte solche Worte nicht gern, sie ward bnger und bnger, und war doch wieder wie gebannt zu lauschen. Sie konnt' es nicht fassen, da die Tante und Gretchen so ruhig waren und vom Tode redeten als von gar nichts Frchterlichem; denn wenn sie des Nachts aufwachte und so allein mit ihren Gedanken war, da befiel sie oft eine Angst, da ihre Glieder bebten. Ob du wohl sterben mut? dachte sie. Und was dann? Aber Gott sei Dank, die Zeit war vorber, das Leben wieder rosenroth, Klrchen dachte nicht mehr an Tod und Gericht, und wenn die Tante jetzt von solchen Dingen redete, da hrte sie mit offenen Ohren nicht, sie senkte den Kopf auf die Arbeit, und ihre Gedanken gingen mit ihren tollsten Fantasien durch. Als sie heut das Stbchen ihrer Mutter verlassen, ging sie einige Huser weiter um eine Freundin abzuholen. Sie klopfte an ein niedriges Fenster parterre. Der Brieftrger Vogler trank eben Kaffee und las die Zeitung dazu. Als er Klrchen sah, machte er das Fenster auf. Nun Ihr Jngferchens -- wieder schwitisiren? sagte er spaend. Ei ja, ist man doch nur einmal jung! entgegnete Klrchen lustig. Ja ihr Schelme! versetzte Vogler, ich wollte auch, ich wre noch jung. Ach, Sie sind ein Mann in Ihren besten Jahren, sagte Klrchen schmeichelnd. Ich denke es auch manchmal; aber wenn ich denn meine Alte ansehe, wird mir schwarz vor den Augen, lachte Vogler und sah nach seiner Frau, die ihm gegenber bla und elend im Lehnstuhl sa. Wenn ich todt bin, heirathest Du wieder, entgegnete diese bitter und holte dann schwerfllig Athem. Und so lange Du lebst, lasse ich Dich keifen, fgte Vogler wieder scherzend hinzu. Wie ungebildet sind diese Leute, dachte Klrchen; wie kann ein Mann die Frau so roh behandeln! So aber hat es der Vater mit der Mutter auch gemacht. Aber ich, ich werde es einst anders haben, ich nehme mir einen vornehmen Mann, -- und nun hinaus in den lachenden Kaffeegarten! Auguste Vogler hatte sich whrend der Zeit fertig gemacht und ging nun etwas schwerfllig neben der leichtfigen Freundin her. Auguste war weder schn, noch klug, noch fein; sie hatte das plumpe rothe Gesicht ihres Vaters, grobe Manieren und sprach dabei unglaublich albern. Aber das war gerade eine Freundin fr Klrchen. Sie war fgsam und folgsam, durchschaute nicht ihre Intriguen, war ganz zufrieden mit der Nebenrolle, und hatte dabei immer als verzogenes Kind ihres Vaters die Brse voll Geld. Beide Mdchen verlieen die Stadt und gingen auf der Chaussee entlang dem Orte ihres Vergngens zu. Klrchen bemerkte, da sie ein Gegenstand der Aufmerksamkeit fr Vorbergehende war: aber die Leute waren ihr noch nicht die rechten, es waren meistens Gesellen, oder Soldaten, oder hchstens ein Handlungsdiener; sie gedachte hher hinaus. Bald kam ihnen eine Reihe Studenten entgegen, mitten darunter eine orangegelbe Mtze. Das war der rechte; sie nahm ihr ganzes Wesen zusammen und erwiederte den Gru mit vieler Holdseligkeit. Auguste machte bald die Entdeckung, da die Studenten umgekehrt waren und ihnen auf dem Fue folgten. Klrchen zweifelte nicht, da es um ihretwillen war, und Auguste gnnte der Freundin den Triumph; sie war zufrieden, an der augenblicklichen Lust theilnehmen zu knnen; feine Plne fr die Zukunft machte sie nicht. Nach einigen Minuten kam ihnen wieder ein junger Mann entgegen, der sie grte, aber sehr bescheidentlich mit nur halb hingewandten Augen. Wer war das nur? fragte Klrchen. Ei das war ja Fritze Buchstein, der ist seit vorgestern aus der Fremde zurck, den mut Du doch kennen, er wohnt ja neben Tante Rieke. Da es ein Geselle war, sah ich an seinen groen rothen Hnden, lachte Klrchen, sonst ist's aber ein hbscher Mensch. Aber in die Stephans-Kirche zu dem Pietisten geht er auch, ich habe ihn selbst heute Morgen herauskommen sehen. Na, Tante Rieke, freue Dich! sagte Klrchen, das pat ja wie die Butter aufs Brod, der nimmt die Grete, das ist klipp und klar. Eine Angst hatten sie immer, er mchte auf der Wanderschaft seinem Glauben untreu werden, und wenn er dann einen salbungsvollen Brief geschrieben, kam der alte Buchstein mit der groen Brille und er wurde gemeinschaftlich mit Thrnen und Seufzen genossen. Nun, ich gnne ihr den Burschen, obgleich er eigentlich zu hbsch fr die Grete ist; die mte so was Kurzes, Handfestes haben, denn Schnheit hlt sie mehr fr ein Uebel als ein Glck, =nota bene= weil sie selber nicht schn ist. Die Mdchen traten jetzt in den Garten. An einem Tisch fanden sie schon eine Bekannte, eine von den bescheidenen Putzmacherinnen, die in die Huser der Damen gehen und Hte und Hauben in Ordnung bringen, -- und sie setzten sich zu ihr. Die Studenten nahmen einen Tisch ganz in ihrer Nhe, wurden beim bairischen Bier bald sehr laut, und begannen Blicke und Spe herber zu senden. Doch der Orangegelbe blieb nicht dabei, er machte es sich bequemer und siedelte ganz und gar zu den Mdchen ber. Klrchen wunderte sich nicht darber, sie hatte schon lngst mit ihm auf der Strae koquettirt, sie wute auch, da er in einem Hause mit der Frau Generalin, ihrer knftigen Herrin, wohnte, und er war eigentlich die heimliche Veranlassung zu ihrem Entschlusse, sich zu vermiethen, gewesen. Er war ein Mediziner und dazu ein Student von Bedeutung. Er hatte gute Wechsel, hielt sich einen groen Neufundlnder Hund, ritt spaziren, oder fuhr auch seine Freunde in einem Zweispnner. Er war Senior seiner Verbindung und berall zu finden, wo es lustig herging, oder wo Spektakel war. Seine Gestalt war gro und klobig, sein gelbes Haar hing schlicht an dem rothen Gesicht herunter, das breit und platt einen gewaltig rohen Ausdruck hatte. So wie seine Gestalt war auch sein Wesen und waren seine Reden. Er sa jetzt den Mdchen gegenber; beide Ellenbogen auf den Tisch gesttzt, die blauen Dampfwolken aus seiner Cigarre blasend, machte er hchst unmanierliche Spe. Klrchen fand das nicht roh, nein, weil er reich und aus angesehener Familie war (sein Vater war Prsident), fand sie es nur pikant, und hielt sich nicht fr zu gut, ihn zu amsiren. Sie ward immer lebendiger und liebenswrdiger, und es war unverkennbar, da ihre Schnheit auf ihn Eindruck machte, und sie in seinen Augen hher stieg, denn er nahm die Ellenbogen von dem Tisch und nahm sich in Wort und Wesen mehr zusammen. Fr Klrchen war das ein neuer Triumph und die beiden Freundinnen bemerkten es mit Verwunderung. Die Putzmacherin kannte den Studenten lngst, sie ging bei der Generalin aus und ein, und das war Gelegenheit genug, um eine Studenten-Bekanntschaft zu machen. Sie htte ihm ihr leichtsinniges Herz gern selbst zu Fen gelegt und beneidete jetzt die Gefhrtin um diese bedeutende Eroberung, und Klrchen ward immer stolzer und glcklicher. Nur eines strte sie. Ihr gerade gegenber in einer einsamen Laube sa Fritz Buchstein. Ja, unbegreiflicher Weise war er auch umgekehrt und ihnen in den Kaffeegarten gefolgt. Ob das wohl um ihretwillen war? Sie erinnerte sich aus ihrer Jugend, da, wenn sie mit Greten in seine Tischlerwerkstatt kam, um Spielsachen zurecht zu leimen, er immer die ihrigen zuerst gemacht hatte und Grete oft darber bse gewesen war. Also: damals hatte er sie bevorzugt, heute war er erstaunt ber ihre Schnheit, -- so kalkulirte sie, -- und war ihr hierher gefolgt. Obgleich ihre Eitelkeit nicht ganz ungerhrt von diesem Gedankengange blieb, so war ihr diesmal die Eroberung doch unangenehm. Erstens war er nicht der Aufmerksamkeit werth, und ihr Herz wrde sich nie zu einem so gewhnlichen Menschen herablassen; und dann frchtete sie, wenn er einmal ihren Schritten folgte, er mchte den Spion spielen und die Tante Rieke davon benachrichtigen. Sie hatte sich so viel als mglich so gesetzt, da er ihr nicht in das Gesicht sehen konnte: aber wenn sie unwillkrlich hinsah, begegnete sie jedesmal demselben bekmmerten und theilnehmenden Blicke, der ihr wie ein Stich durch das Herz ging. Es ist unausstehlich! rief sie endlich und wandte sich heftig nach der anderen Seite. Der Student und die Freundinnen sahen sie verwundert an, und sie erklrte die Ursache ihres Aergers. Der Mediziner lachte. Er fand es von dem Burschen ganz natrlich, einem hbschen Mdchen in das Gesicht sehen zu wollen, pflanzte aber darauf seine breite Gestalt so dazwischen, da Klrchen vor den lstigen Blicken sicher war; und kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, da Fritz fortgegangen war. Jetzt fhlte sich Klrchen freier, und das Vergngen ward immer lebhafter. Die Tanzmusik lockte, Alle gingen in den Saal, um in dem wilden Getmmel sich zu erhitzen und zu betuben. * * * * * Fritz Buchstein hatte auf seinem Spaziergange in dem schnen Mdchen das kleine Klrchen Krauter wieder erkannt, und die schnsten und sesten Jugenderinnerungen gingen an seiner Seele vorber. Jetzt noch dachte er mit inniger Bewegung daran, wie sie damals zu ihm in die Werkstatt kam, um irgend eine Kleinigkeit machen zu lassen, und wie es ihm, dem achtzehnjhrigen Jngling, ganz wunderbar ward, wenn er dem zwlfjhrigen Mdchen in die dunkelblauen Augen sah. Er wollte es sich selbst nicht gestehen, aber es war seine erste Jugendliebe. Ihr Bild begleitete ihn auf der Wanderschaft, er schlo sie in sein Abend- und Morgengebet: der Herr mchte dies Blmlein schn und rein bewahren, es behten vor dem Schmutze der Welt. Ob dies Blmlein einst fr ihn blhen werde? das stand in Gottes Hand. Sein Herz war gesund, er hatte auch nicht Romane gelesen und hing nicht mit krnklicher Sehnsucht an seiner Liebe; frisch und frhlich ging er durch die schne Gottes-Welt, er sah Berge und Thler und Flsse und Fluren, manch groe Stadt, manch lieblich Drflein, schne Kirchen und Schlsser und Burgen, schne Bilder und Kunstwerke, und Alles nahm er mit Aufmerksamkeit in sich auf. Das war eine schne Wanderung, die nicht getrbt wurde durch ungesunde Glieder, durch ein bses Gewissen, durch Armuth und Noth. Er hatte das Gelbde gethan, nie einen Schluck Brantwein zu trinken, hatte es mit Gottes Gnade und der Liebe seines Heilandes gehalten. Das bewahrte ihn vor manchem Elend und manchem Unheil des Wanderlebens. Es fhrte ihn nie dahin, wo wilde Gelage und Raufereien waren, er suchte nie seine Freunde unter dergleichen Gesellen; so blieb er an Leib und Seele rein, hatte auch immer Geld im Beutel, denn weil er ein braver Geselle war, fand er auch immer gute Meister. Und auch Freunde fand er, die mit ihm dieselbe Strae zogen, die mit ihm den Herrn lieb hatten; selten verlie er eine Stadt, da er nicht mit Wehmuth darauf zurck sah, weil er Freunde fr sein Herz und seine Frbitte darin gewonnen. Und kam er zu Leuten, die ihn nicht verstanden, die seiner spotteten, ihn zu verfhren suchten, so waren auch das heilsame Tage fr ihn, Tage des Kummers und der Prfung, in denen er noch mehr die Nhe des Trsters, seine Liebe und Gnade fhlte. So ward seine Seele immer fester, seine Erfahrung immer reicher, seine Hnde immer geschickter. Und wie war es mit seinem Herzen? Das durfte sich auch zuweilen regen. Wenn er an einem schnen Sommerabend auf der Hhe am Rand des Waldes sa, die Sonne legte ihr Gold ber die Gegend hin, Duft zog ber Stdte und Drfer, die Abendluft wehte weich in den Zweigen und in den Blumen rund um, am Grasrain dort zog der Schfer langsam mit der Heerde, und die Schwalben hoch oben am lichtblauen Himmel: -- da ward es ihm so wunderbar sehnsuchtsvoll zu Sinne, und durch Abendgold und Duft und Schnheit und Stille schauten ihn die dunkelblauen Augen des kleinen Mdchens aus der Heimath an. So hatte er noch ganz krzlich vor einer Hhe am Thringer Walde gesessen; jetzt war er ja seiner Heimath so nahe, jetzt war aus dem Jngling ein Mann geworden und er durfte an eine Gestaltung seiner Zukunft denken. Sein Vater war alt, seit vergangenem Winter plagte ihn dazu ein Brustbel, er konnte dem Handwerk nicht mehr vorstehen, es fehlte an allen Enden, und Fritz mute des Vaters dringenden Aufforderungen zur Rckkehr folgen. Er that es auch gern, er war nun 25Jahr alt, nach dem langen Umherwandern und heimathlosen Leben sollte es ihm zu Hause wohl behagen. Er sollte nun Meister werden und dem Haus, dem Acker und der Kundschaft allein vorstehen. Dazu gehrte auch nothwendig eine Hausfrau, und _der_ Gedanke war es, der ihm besonders an das Herz ging. Und als er sich diese Hausfrau dachte, so war sie schlank, mit lichtbraunem Haar und dunkelblauen Augen. Mit so schnen Ahnungen verlie er den Thringer Wald und wanderte einige Tage spter durch die Thore seiner Vaterstadt. Es war spt des Sonnabends Abends; sein Vater sa schwach und krank im Lehnstuhl, aber Dank- und Freudenthrnen glnzten in seinen Augen, als der Sohn nach so langer Abwesenheit wieder in die Thr trat, und Fritz mute ihm am selbigen Abend noch das Buch Hiob und den 136.Psalm vorlesen. Der alte Vater war trotz der Brustschwche sehr gesprchig, und in seiner Gesprchigkeit konnte er es nicht lassen, von seiner und der Frau Bendler liebsten Hoffnung zu reden, nmlich da Gretchen mchte hier im Haus Frau Meisterin werden. Frau Bendler hatte Gretchen ganz und gar adoptirt, und mit Ausnahme einiger Legate sollte sie einst ihre alleinige Erbin sein. Fritz ward es gar eng um das Herz als er das hrte, und hatte er schon vorher wenig Muth gehabt, nach Klrchen Krauter zu fragen, so wagte er es jetzt gar nicht. Am Sonntag nun sollte er hinber zur Frau Nachbarin gehen, aber er bat den Vater, gar nicht von der Sache zu reden, da er nicht wisse, wie er dem Gretchen gefallen mchte. Der Vater schmunzelte. Das sei nicht gefhrlich, meinte er, Gretchen habe bei seinen Briefen die schnsten Thrnen geweint. Fritz schmunzelte nicht, sein Herz ward immer schwerer; denn wenn Gretchen auch ein braves Mdchen war, so hatte sie doch nicht dunkelblaue Augen, war nicht seine Jugendliebe, und hatte ihn nicht auf seiner ganzen Wanderschaft begleitet. Als er am Sonntag Morgen aus der Kirche kam und unter den Kirchgngern Frau Bendler in Begleitung einer jugendlichen Gestalt erkannte, konnte er sie unmglich anreden; er schlich sich von der Seite, er hatte dem Vater auch nur versprochen, gegen Abend seine Bekanntschaft drben zu erneuern. Am Nachmittag aber trieb ihn seine Unruhe und Sehnsucht vor Klrchens Fenster vorber. Er konnte sie nicht entdecken, nur ihre Mutter sa am Fenster, und zum Glck schaute sie nicht auf, sonst htte sie wohl seine Gedanken auf seiner Stirn lesen mssen. Er ging zum Thore hinaus, und kehrte, nachdem er eine Strecke auf der Chaussee entlang gegangen war, wieder um. Da kam ihm die Ersehnte wirklich entgegen. Es war ja noch dasselbe Kindergesicht, nur die Gestalt war aufgeschossen und hatte sich jungfrulich entfaltet. Er grte sie und sein Herz schlug vor Glck, aber nur wenige Augenblicke. Er sah die Schaar Studenten hinter ihr umkehren, er hrte ihre Witze und sah sie den Mdchen nachfolgen. Es wrde ihm nie eingefallen sein, ebenfalls umzukehren; aber Spannung und Zorn trieben ihn. Im Nothfall wollte er die Mdchen schtzen, er ahnete nicht, da sie durch das Nachfolgen der Studenten mehr erfreut als gengstigt wrden. Doch bald sollte er sich von der Wahrheit berzeugen. Er sa ihnen gegenber und beobachtete der Mdchen leichtfertiges Spiel. Klrchen spielte die Hauptrolle dabei, bis sie ihn endlich durch ihre verchtlichen und erzrnten Blicke forttrieb. Mit welchen Gefhlen ging er nun nach Hause! Das Geschehene zerstrte zu hart seines Herzens Plne. Die Freude an der Heimath, an der Meisterschaft, an Haus und Hof war zertrmmert; er htte am liebsten den Wanderstab wieder in die Hand genommen. In dieser Stimmung konnte er unmglich zu Frau Bendler gehen, nicht einmal in die Stube zum Vater; er ging leise an dem Dienstmdchen, die feiernd in der Hausthr sa, vorber nach dem Garten und setzte sich in die Weinlaube an der Scheunenwand. Der Nachbarsgarten, der nur durch ein Stacket getrennt, war leer. Das war ihm gerade recht, und ungestrt konnte er seinen Gedanken nachhngen. Wie war die Welt heut ganz anders als gestern! Die verwilderten Rosen und Goldveiglein hatten ihn gestern so traulich und heimlich angesehen, er hatte dabei gedacht: wenn erst Frauenhnde hier walten, werdet ihr noch schner blhen. Die dstere Weinlaube erschien ihm gar nicht dster, er dachte: bald wirst du nicht mehr allein hier sitzen. Heut war ihm Alles wst und leer, und es lag ihm auch gar nichts daran, da es anders sei. Er schaute durch die Weinranken hindurch zum blauen Himmel hinauf. Lieber himmlischer Vater, es wird ja wieder anders werden; jetzt aber erscheint das Kreuz meinem jungen Herzen schwer, und nun bitte ich Dich doch wieder und immer wieder: erlse sie vom Uebel; wenn ich sie auch fr mich aufgeben mu, la Du sie nicht. Aufgeben? ja das ist wohl schwer, und da es ihm so schwer ward, ward ihm auch zum Trost, denn wenn es seinem schwachen, menschlichen Herzen so schwer ward, mute es ja dem Erlser droben noch schwerer werden, eine geliebte Seele aufzugeben; und je tiefer er in den blauen Himmel schaute, je zuversichtlicher ward es ihm, und sein Schmerz lsete sich in feuchten Augen auf. Da hrte er pltzlich eine Stimme im Nachbarsgarten singen; hell und lieblich, und doch weich und wehmthig drangen die Tne, und ganz deutlich die Worte zu ihm herber: Will ich nicht, so mu ich weinen, Wenn ich mir es recht betracht, Weil verlassen mich die Meinen, G'nommen eine gute Nacht. Ach, wo ist mein Vater und Mutter? Ach, sie liegen schon im Grab. Ach, wo sind mein' Brder und Schwestern? Keinen Freund ich nirgends hab. O, mein allerliebster Jesu, Schau mich armes Waislein an, Du bist ja mein liebster Vater, Sonst mir Niemand helfen kann. Weil mein' Eltern sein gestorben, Leben nicht auf dieser Welt, So hab ich Dich, liebster Jesu, Fr mein'n Vater auserwhlt. Fritz lugte durch die Weinbltter hindurch und sah drben auf dem alten schrgen Birnbaum Gretchen sitzen. Es war ihm, als ob er nur getrumt htte von Wandern und Fortsein; als ob er wieder achtzehn Jahr, und Gretchen ein Kind sei. Damals war der alte Birnbaum den lieben Sommer ber fast ihr alleiniger Wohnsitz. Des Nachmittags ging sie mit dem Strickzeug hinauf, und jedesmal wenn sie eine Tour herum gestrickt, rief sie es dem alten Benjamin zu. Benjamin aber war ein Flickschuster, der schon fast dreiig Jahr bei Buchsteins im Hinterhuschen ber der Werkstatt wohnte. Er war der Kinderfreund der Nachbarschaft, und Gretchen war sein besonderer Liebling. Fr sie war ihm keine Mhe zu gro, und jedesmal, wenn sie ihm die Tour zurief, machte er einen Kreidestrich auf eine schwarze Tafel, und immer zhlte er, wie viel noch fehlten an der Zahl; und wenn es so weit war, rief er: nun Gretchen mach Schicht! Gretchen wand sich dann an einem Bindfaden ein Krbchen mit dem Vesperbrod in die Hhe und meinte, da oben stricke und esse es sich besser. Benjamin legte auch den Pfriemen fr ein Weilchen aus der Hand, schaute zum Fenster hinaus, sein Staarmatz schnarrte Gretchen, so recht, so recht, und sein Dompfaffe sang Lobe den Herrn o meine Seele. Wenn dann Gretchens Kinderstimme einfiel, sagte Benjamin: Gretchen, so recht, und der Staarmatz schnarrte: Gretchen, so recht. Auch jetzt sah Benjamins weier Kopf zum Fenster hinaus; der Staarmatz aber rief: Jungfer Gretchen, und Fritz ward dadurch erinnert, da es doch andere Zeiten seien. Ei Gretchen, sagte Benjamin, Du singst einem heut ordentlich das Herze weich; was ist Dir denn? Wenn ich wute, da Du heim warst, htte ich nicht gesungen, sagte Gretchen; ich glaubte, ich wre ganz allein hier in der Welt. Jetzt komm aber herber und bring die groe Bilderbibel mit, ich wei nicht recht, was ich so mutterseelen allein mit dem Sonntag-Nachmittag beginnen soll. Gretchen war nmlich von ihrer Pflegemutter, die einige Krankenbesuche machen wollte, als sie Nachmittags aus der Kirche kamen, allein nach Hause geschickt; und weil sich Gretchen eigentlich gefreut hatte, zu verwandten Grtnersleuten vor dem Thor zu gehen, so war ihr das zu Hause bleiben gar nicht recht. In der Stube war es ihr einsam, sie nahm mancherlei in die Hand, ein Buch, ein Arbeitszeug, -- nichts behagte ihr. Der Nachmittag wollte nicht krzer werden, und sie begriff nicht, warum sie so unruhig war. Sollte es sein, weil Fritz Buchstein sich zum Abend angemeldet hat? Sie ward feuerroth bei dem Gedanken. Warum aber sollte sie sich freuen ihn wieder zu sehen? sie war wenigstens begierig zu sehen was aus ihm geworden, und ob er so ausshe wie sie sich ihn nach seinen Briefen gedacht. Sie ging in den Garten. Bei Buchsteins war alles still, und ungestrt ging sie in dem geraden Stachelbeerwege auf und ab. Hinter den Bschen hatte sie als Kind mit Luischen Buchstein und anderen Freundinnen Schaf und Wolf gespielt; Luischen Buchstein war todt, die anderen Freundinnen zerstreut, und sie mute zum Sonntag-Nachmittag so allein hier wandeln. Auf der Bank unter dem alten Birnenbaume hatte sie auch oft vergngt gesessen, noch lieber aber oben auf dem Baum: da konnte sie doch ein Bischen weiter in die Welt schauen, in die Nachbarsgrten, einem Bttcher auf den Hof, dem Benjamin in die Stube. Nach der andern Seite hin war der Garten zwar durch eine hohe Mauer begrnzt, aber sie sah doch die blhenden Flieder- und Goldregen-Wipfel, auch zuweilen die weie Spitzenhaube der Frau Stadtrthin und die bebnderten Strohhte der Frulein. Gretchen konnte nicht widerstehen; sie stieg auf den Baum. Heut war aber gar nichts zu sehen, an den Goldregen hing trockner Samen, die Fliederbsche sahen dunkel und glanzlos aus, weder Haube noch Strohhte lieen sich sehen, Stadtraths waren in ein Bad und die Frulein lngst verheirathet. In den anderen Nachbarsgrten war es auch still, nicht einmal Benjamin war am Fenster. Da ward es dem Gretchen immer enger um das Herz, immer sehnschtiger schaute sie zum Himmel hinauf. So ists. Wenn der Herr uns die Welt einsam und de macht, so zieht er uns desto mchtiger zum Himmel hinauf. Und der Himmel war heute so licht, die Wolken daran von der sinkenden Sonne mit Gold umsumt. Gretchen schaute, wie sie ber den dunkelen Dchern am blauen Himmel langsam hinzogen und im Ziehen Gestalt und Farbe wechselten. Da zog ein Schwan, bald eine Rose, ein Schlo, bald Engelsflgel, bald gar eines Engels Angesicht. Sie dachte an ihre Eltern, an ihre Brderlein, deren sie sich noch ganz leise aus frhester Jugend erinnern konnte, und mit sehnsuchtsvollem Herzen sang sie das Lied, das Benjamin an das Fenster lockte. Benjamin kam mit der groen Bilderbibel herunter, schwang sich unten an der Scheuer und am alten Hollunderstamm noch ganz rstig ber das Stacket, und war nun in Bendlers Garten. Da trat Fritz aus der Laube, er wollte nicht schuldiger Weise den Horcher spielen. Gretchen erschrak, denn er hatte sie ja auf dem Baume gesehen und hatte sie singen hren; er aber reichte ihr freundlich die Hand ber das Stacket hinber. Das war nun Gretchen mit dem blonden Haar, den Sommerflecken, den runden braunen Augen und dem runden rothen Mund. Sie war nicht gro nicht klein, nicht schlank nicht stark, und stand mit dem braunen Kattunkleide und weien Kragenstrich gar sittig vor ihm. Er sprach einige verlegene Worte des Willkommens, sie merkte seine Verlegenheit nicht, sie hrte kaum, was er sagte, so gewaltig schlug ihr Herz, aber einsam kam ihr die Welt nicht mehr vor; und als er fragte, ob er auch hinber kommen drfe, nickte sie ein freundliches Ja und machte einen hflichen Knix. Aber nicht den Weg, den ich gekommen bin, scherzte Benjamin; jungen Burschen mu man solche Schliche nicht zeigen. Du gehst in die Hausthr, wie es sich gehrt. Fritz hatte gar nicht daran gedacht; denn wenn er auch ganz stattlich in der schwarzseidenen Weste, dem seidenen Halstuch und dem Sonntagsrock aussah, so hatte er doch die Mtze und die Handschuh im Hause liegen, und berhaupt mute der erste Besuch etwas feierlich gemacht werden. Er kam aber nicht so bald als Gretchen gehofft hatte; sie hatte schon einen groen Theil der Bilderbibel mit Benjamin durchgesehen, als es an der Hausthr klopfte. Sie ging zu ffnen und fand auer Fritz auch noch die Mutter vor der Thr. Diese war beiden jungen Leuten sehr erwnscht. Gretchen htte gar nicht gewut wie sie als Wirthin thun sollte, und Fritz mochte mit seinem schweren Herzen dem Gretchen am wenigsten allein gegenber sein. Frau Bendler bernahm nun das Sprecheramt, aber auch das Frageamt, und Fritz mute wohl oder bel gesprchig werden. Da es ihm schwer ward, merkte Frau Bendler nicht, wohl aber Gretchen. Der tiefe Ausdruck der Trauer, der ihm zuweilen unbewut ber die Zge glitt, ging ihr wie ein Schwert durch das Herz. Was mag er nur haben? ist er traurig, wieder daheim zu sein? zieht es ihn zurck in die Ferne? Wenn er nur nicht unglcklich ist! dachte sie bange, und wie mag es zugehen, da doch sein letzter Brief so frhlich war? Als sie spt am Abend allein in ihrem Kmmerlein war, schaute sie hinauf zu den Sternen mit gefalteten Hnden; hinein in ihr Abendgebet mischte sich Fritzens trauriges Gesicht, und sie empfahl es Dem, der da Freud und Leid auf die Herzen der Menschen legt. * * * * * Die Frau Generalin von Trautstein sa mit einer jngeren Dame in eifrigem Gesprch. Ich versichere Sie, sagte die jngere, das Mdchen passt ganz besonders fr Sie, und ich kann sie Ihnen mit vollem Herzen empfehlen. Seit zwei Jahren nht sie mir alle Kindersachen und sie ist wirklich die Liebe des ganzen Hauses, immer freundlich, gefllig, sehr gewandt und fleiig, und aus einer sehr rechtlichen Familie. Ihre Tante ist die Frau Bendler, die dem Wchnerinnenverein an der Spitze steht, eine auerordentlich geachtete Frau. Von der ist Klrchen eigentlich erzogen, die hat sie auch das Schneidern lehren lassen, denn Klrchens Mutter ist krnklich. Warum will sie sich aber vermiethen? fragte die Generalin. Um einmal unter andern Leuten zu sein, war die Antwort. Ich finde es recht vernnftig. Die Mutter nmlich soll das Mdchen sehr beherrschen und ihr jeden Groschen aus dem Beutel nehmen. Sie deutete es mir neulich mit Thrnen an, da sie sehr schlecht mit der Wsche bestellt sei, weil sie dazu kein Geld habe erbrigen knnen und nur immer froh gewesen sei, der Kundschaft wegen fr das Aeuere zu sorgen. Das sind eben meine Bedenken. Die Mutter soll unordentlich sein und gern jeden Groschen durch den Mund spediren; zweitens ist das Mdchen zu jung und wird mir auch wahrscheinlich zu hbsch sein, -- entgegnete die Generalin. Die Jngere lachte. Gerade darum wnsche ich sie Ihnen, weil sie so liebreizend ist. Bei jedem Unwohlsein wird sie Ihnen die angenehmste Gesellschaft sein; sie kann Ihnen vorlesen, denn sie spricht sehr hbsch; aber vor allen Dingen -- Sie mssen sie sehen, theuerste Frau! Die Sprecherin war die Lieutenant von Reisen, Klrchens besondere Gnnerin. Sie suchte ihr jetzt den Dienst bei der Generalin zu verschaffen und hatte Klrchen dehalb hinbestellt; vorher aber bemhte sie sich sie in das beste Licht zu stellen. Es whrte nicht lange, so wurde Klrchen gemeldet. Sehr nett angezogen, zugleich aber sehr bescheiden und anspruchslos stand sie vor den Damen. Die Generalin war wirklich erstaunt ber die Schnheit des Mdchens, aber die Anmuth in Worten und Wesen machte jedes Bedenken verstummen -- und sie schlo den Miethsvertrag. Vierzig Thaler Gehalt, ein Louisd'or zu Weihnachten, auerdem Geschenke, das war fr Klrchen sehr erfreulich. Aber nicht allein das: der ganze Haushalt der Frau Generalin entzckte sie, ja so sehr, da der Mediziner fast darber vergessen ward. Die groen Zimmer, prchtigen Teppiche und Meubeln, Equipage und Dienerschaft, so etwas fand man nicht oft beisammen. In diesem Haus war sie als Kammerjungfer engagirt, so zu sagen als Kammerjungfer, denn eigentlich -- redete sie sich vor -- sollte sie doch Gesellschafterin der Dame sein, sie sollte ihr des Abends vorlesen und in traulichen Zirkeln den Thee serviren. Sie unterlie auch nicht, ihren Bekanntinnen die Sache so vorzustellen. Als sie zu Tante Rieke kam, machte die ein ernsthaftes Gesicht. Du hast nun meinen Wunsch erfllt und Dich vermiethet, sagte sie, der Herr mag Dir Kraft zu Deinem neuen Berufe geben, den Du Dir nicht zu leicht denken mut. -- Klrchen, die voll der schnsten Hoffnungen und sehr guter Laune war, versprach alles Mgliche, und die Tante war zu gutmthig, um das nicht glauben zu mssen. Auf die Fragen ber den Zustand ihrer Wsche, hatte sie geschickte Antworten; sie htte unmglich die Wahrheit sagen knnen, und ihre Angst war schon lngst gewesen, die Tante mchte sich einmal selbst davon berzeugen wollen. Fr das Nthigste sei gesorgt, sagte sie, und sie freue sich, von dem schnen Lohn ganz besonders Wsche anzuschaffen. Die Mutter mu sich einschrnken lernen, fgte sie hinzu; Du weit, wenn ich Geld hatte, konnte ich es als Tochter nicht abschlagen; wenn ich keines habe, kann ich keines geben; und bekomme ich mein Lohn, gebe ich ihr ein Theil, kann aber vom Uebrigen gleich ordentlich anschaffen. -- Das klang vernnftig, und die Tante war damit einverstanden. Gretchen ging vor die Schublade und holte ein halbes Dutzend leinene Taschentcher und zwei Paar Strmpfe. Das darf ich Dir schenken, sagte sie; zum Stricken hast Du nicht viel Zeit gehabt, und die Taschentcher sind gesumt und fr Dich gezeichnet. Wenn Du zu uns kommst, nimmst Du nun aber auch die leinenen, scherzte Gretchen: Du weit, wir knnen die baumwollenen nicht leiden. Klrchen war gerhrt von dieser Gte. Du meinst es doch wirklich gut! sagte sie herzlich. Das kannst Du glauben, entgegnete Gretchen treuherzig, und beide Cousinen waren jetzt sehr freundlich auf einander gesonnen. Am Michaelis-Tage zog Klrchen an. In ihrer Stube stand eine Kommode und ein Kleiderschrank, dahinein wurden ihre Sachen so weitluftig als mglich geordnet. Einige Sommerkleider und dnne wollene Kleider, Mantillen, Mntelchen, ein Frisuren-Unterrock in den Schrank; in die Kommode, auer der wenigen Wsche, Bnder, Schleifen, Kragen, Handschuh, Taschentcher; die sechs leinenen Taschentcher und zwei Paar ganzen Strmpfe von Gretchen bildeten den guten Grund dieser leichten Gesellschaft. Auerdem aber stellte sie einige Blumentpfe in das Fenster, hing ein Porzelan-Bildchen an die Scheiben, ein anderes Bild unter den Spiegel und eine Blumenvase auf die Kommode. Der Bediente hatte in die Stube gesehen und gegen die Kchin bemerkt: man she dem Geschmacke des Mdchens an, da sie von guter Erziehung und Bildung sei; nur schlimm, da das Stbchen im Nebenhaus, und der Mediziner gerade hineinsehen knne, da mcht' es am Ende eine Liebelei im Hause geben. Die Kchin aber nahm Klrchens Partie. Ihre Kche lag gerade gegenber im anderen Seitenhaus; sie hatte gesehen wie Klrchen das Rouleau niederlie, als der Mediziner mit der langen Pfeife aus dem Fenster sah. Klrchen aber hatte die Kchin gesehen und gedacht: Du mut dich in Respekt setzen, und etwas Sprdigkeit gegen den Mediziner kann nicht schaden. Es kamen nun fr sie unterhaltende Tage. Das Haus der Generalin war vielfach belebt, die verheirathete Tochter mit den Kindern 4Wochen dort, und dies gab Gelegenheit zu mancher Geselligkeit. Auerdem ward Klrchen in die eleganten Lden der Stadt geschickt, um Besorgungen zu machen, und das war ihr besonders unterhaltend. Sie war bald mit allen Commis befreundet und hatte ihre leichte Commodengesellschaft um manches bereichert. Freilich waren ihre wenigen Groschen, die sie in den Dienst mitgebracht, auch ausgegeben, aber die Paar Groschen lohnten kaum der Mhe zum Sparen. Daneben ward das Spiel mit dem Mediziner gar eifrig betrieben. Die Generalin hatte meistens nur Damenverkehr: von _der_ Seite war also fr ihre Zukunft nichts zu hoffen. Bald merkte sie, der Mediziner war in Feuer und Flammen und ein recht demthiger Liebhaber. Wenn sie das Rouleau einen Tag nicht aufzog, sang er die schwermthigsten Lieder; oder wenn sie sonst sprde gegen ihn war, nahmen seine rohen groen Zge einen gar sanften Ausdruck an. Sie that das mit Wohlbedacht, denn ehe er nicht in die rechte Hhe der Leidenschaft kam, wrde er nicht Ernst aus der Sache machen. Sie berechnete freilich nicht, da sie auch mit der Zeit warm wurde, und ein verliebtes Herz ist ein schwaches Herz, und der Mediziner war nicht ohne Erfahrung, das zu wissen und zu merken. So war Weihnachten herangekommen, der Besuch der Generalin war abgereist und den unruhigen Tagen waren ruhige gefolgt; aber immer war Klrchen gleich aufmerksam und liebenswrdig, und die Generalin versicherte ihre Freundinnen, eine ausgezeichnete Kammerjungfer zu haben, was ihr gern geglaubt wurde, da Klrchen ja gegen Jederman sich liebenswrdig zeigte. Nur schien es, als ob sie seit einiger Zeit etwas zerstreuter wre und oft nicht ganz unbefangen aus den Augen she; doch trstete sich die Generalin mit ihrer bertriebenen Angst vor Liebesgeschichten und lie sich nichts merken, und Weihnachten ward Klrchen auerordentlich reich bedacht. Das war aber auch gut, denn Klrchen gebrauchte viel. Sie sah so manches bei den vornehmen Damen, das ihr gefiel und das sie haben mute. So bemerkte sie mit Erstaunen, als sie ihre Schulden berschlug, da vom Lohn und vom Louisd'or kaum etwas fr ihre Mutter brig blieb. Sie trstete sich aber bald. Aller Anfang ist schwer, dachte sie, fr Wsche wird ein andermal gesorgt; hatte sie doch den unchten Shawl, die Brosche und den Sammethut sich wirklich angeschafft! Doch sollte das alte Jahr nicht hingehen um sie nicht ganz und gar von diesen kleinlichen Sorgen zu befreien. Als sie am Sylvesterabend von einer Besorgung in der Dmmerung zurckkam, sah sie eine wartende Gestalt unten im Hausflur. Sie erkannte bald den Mediziner. Sie hatte hier fters mit ihm flchtige Worte gewechselt, seit einiger Zeit hatten sie sich nie allein gefunden, und auch heute waren Schritte auf der Treppe hrbar. Er kam eilig auf sie zu, drckte ihr einen Brief in die Hand und eilte die Treppe voran. Klrchen konnte nicht schnell genug ihr Lmpchen anstecken, um dies Dokument zu lesen, ein Dokument wie Millionen geschrieben werden, um thrichte Mdchen zu tuschen und noch thrichter zu machen. Nichts ist lcherlicher als diese Art Liebesbriefe, einer ist dem andern wie aus den Augen geschnitten. Die Schreiber finden in jedem Mdchen eine Gttin, einen Engel, ein hheres Wesen; die Empfngerin aber meint, das passe nur ganz allein auf sie; ihre Brust hebt sich stolzer, denn sie ist vor vielen Tausenden beglckt. Ferner steht in den Briefen von heier Liebe, von unertrglichen Qualen und ewigen Gefhlen. Das ist Alles sehr glaubwrdig, denn man ist ja wirklich so liebenswerth, man mte aber ein Herz von Stein haben, den Armen so leiden zu sehen, man mu ihn wieder lieben. Schmerz oder Unglck kann sich nie nahen, denn seine Gefhle sind ewig, und ihr Glck wird auch ewig sein. Da diese Ewigkeit der Liebesbriefe selten ber ein Jahr hinaus reicht, glaubt man nicht; man hat zwar schon oft davon reden hren, aber diese Versicherungen, diese Schilderungen mssen Wahrheit sein. So glaubte auch Klrchen, als sie ihren Brief gelesen. Ihr Herz hpfte vor Entzcken, durch ihre Klugheit hatte sie es so weit gebracht, da er Ernst machte; nun wollte sie ihn auch nicht lnger schmachten lassen und ihm ihre Liebe zeigen. Sie htte gern gleich geantwortet, aber sie war heut Abend zu Tante Rieke eingeladen und hatte versprochen um 6Uhr die Mutter abzuholen, und so ein Liebesbrief war keine Kleinigkeit, der mute mit Bedacht geschrieben werden. Sie ging also, wenn auch in hchster Unruhe. Den empfangenen Brief trug sie natrlich auf dem Herzen. Zum Sylvester war sie immer am liebsten zu Tante Rieke gegangen. Da gab es Punsch und Kuchen, und auerdem, da man wohl ernsthaft sprach und sang, ging es doch auch sehr vergnglich her, und fr die jungen Leute gab es mancherlei Spa, denn die Tante war trotz aller Pietisterei doch sehr heiter, konnte selbst recht drollig sein und hinderte die jungen Leute nicht, es ebenso zu machen. Heute war ihr das freilich ganz egal, und als ihre Freundinnen ihre Schweigsamkeit bemerkten, that sie etwas erschrocken, schmunzelte aber doch dabei, da alle behaupteten: dahinter msse etwas stecken. Fritz Buchstein, der auch unter den Gsten war, sah sie scharf an bei diesen Scherzen, und der Blick war ihr wieder sehr fatal. Doch ward man lebhafter bei einem Glschen Punsch und bemerkte Klrchens Schweigsamkeit nicht mehr. Selbst Fritz ward ungewhnlich redselig und erzhlte sehr unterhaltend von seiner Wanderschaft. Gretchen hing an jedem Worte, das er sagte: selbst Klrchen mute gestehen, da er ein ausgezeichneter Tischlergeselle sei: die Worte gingen ihm gewandt von den Lippen, seine Augen waren lebendig, seine Wangen gerthet, sie wute selbst nicht wie, aber es fielen ihr die Helden aus den Ritterromanen ein, wie sie beschrieben werden, so sanft und mild und dabei so edel und mnnlich. Sie begann fast, ihn dem Gretchen nicht zu gnnen, obgleich sie selbst himmelhoch ber ihm stand; denn es war doch nur ein ungebildeter Mann, und solch einen Brief konnte er nicht schreiben, wie sie ihn auf dem Herzen trug. Darin hatte sie Recht, solch einen Brief konnte er nicht schreiben: er war nicht gewissenlos genug und hatte nie gewagt, einem Mdchen den Unverstand zuzutrauen, solchen Unsinn, der in jedem schlechten Romane zu finden ist, fr Wahrheit zu nehmen. Mehrere Stunden waren so schnell vergangen, da erinnerte Vater Buchstein Frau Bendler an ihr Versprechen. Ei freilich! Heute lassen wir Schiffchen schwimmen, sagte diese scherzend; es liegt mir selber daran, zu wissen, wie es mit der Freundschaft meiner guten Freunde steht. Ich mu aber auch die Erste sein, weil ich doch wohl die Neugierigste bin. Die jungen Leute stimmten frhlich in den Vorschlag ein. Gretchen holte einen groen Napf mit Wasser, Wallnsse und einen Wachsstock. Fritz theilte sehr geschickt die Nsse auseinander, machte die Frucht heraus und klebte dafr kleine Wachslichte hinein. Gar niedlich tanzten die brennenden Lichterschiffchen auf dem Wasser, der Tante Schiffchen in der Mitte, die anderen stellten den Vater und Sohn Buchstein, die Frau Organistin und Gretchen und Klrchen vor; so war es von Frau Bendler bestimmt. Der Hauptspa war nun, wie die anderen sich zur Hauptperson verhielten. Blieben sie fern so war es mit der Freundschaft schlecht bestellt. Und wirklich drckten sie sich alle ziemlich fern an den Seiten herum. Frau Bendler scherzte und neckte, bis pltzlich Fritzens Schiffchen, durch eine leise Wasserbewegung angeregt, auf die Tante zu scho und nicht wieder von ihr lie, was auch am Napfe gerttelt und geschttelt ward. Das Schtteln aber hatte zur Folge, da die anderen vier Schiffe sich zu einem Hufchen gesellten, und nun wie zwei feindliche Parteien sich die Flotte gegenber stand. Weil der Fritz es so gut mit mir meint, soll er jetzt der Erste sein der die Herzen seiner Freunde prft, sagte Frau Bendler. Fritz aber war gar nicht begierig danach, er wollte den Andern durchaus den Vorrang lassen; doch half es ihm nichts, die Alten bernahmen es, den Schiffchen Namen zu geben, und die Sache ging los. Gretchens Herz klopfte gewaltig, und sie besann sich schon, was fr ein Gesicht sie machen wolle und was sagen, wenn das Schiffchen die Gedanken ihres Herzens verrathen sollte. Zwei andere junge Mdchen, die ganz unbefangen waren, scherzten mit Fritz und meinten: das passe sich gar nicht, wenn er da groartig in der Mitte stehe, und sie sollten sich um ihn bemhen, diese Prfung sei eigentlich nur fr Mdchen. Klrchen aber war ganz erhoben ber diesen Spa, ihre Gedanken waren lngst nicht mehr hier; je spter es wurde, je grer ward ihre Unruhe und Sehnsucht, den Brief zu beantworten. Doch seltsam genug, ihr Schiffchen nahete sich zuerst der Mitte, Fritz schien ihr auszuweichen, aber sie zog hinter ihm her, vereinigte sich mit ihm und schiffte dann mit ihm zusammen auf dem kleinen Meere umher. Das gab ein Lachen, aber Klrchen warf die Lippen auf und warf einen verchtlichen Seitenblick auf den Tischlergesellen, so da Allen die Gesinnung ihres Herzens kund werden mute. Gretchen ward vor Aerger ganz roth und hatte schon ein derbes Wort auf den Lippen, doch scheute sie sich vor Fritzens Gegenwart und wollte es sich lieber aufsparen. Die beiden andern Mdchen stieen sich an, Klrchen hatte ihnen schon den ganzen Abend zu vornehm gethan, und die Frau Organistin sagte spitz: Ei Klrchen, brauchst den Mund nicht zu verziehen, bist in ganz guter Gesellschaft hier. Doch die Tante wollte keinen Ernst gemacht haben; sie entgegnete leicht: In der Hinsicht mu ein jedes Mdchen stolz und sprde thun, die jungen Burschen sollten sonst eitel werden. Dann wurden die Namen der Schiffchen wieder gendert, und die Sache war abgemacht. Fritz aber behielt den Stachel im Herzen. Wenn er auch lngst Klrchens Besitz aufgegeben, so konnte er ihr doch heut nicht ohne innere Bewegung gegenber sitzen, es war ihm, als ob aus ihrem Wesen bald ein guter bald ein bser Engel schaue; er htte den guten so gern festhalten und in ihre Nhe bannen mgen. Die dunkelblauen Augen hatten ihn zuweilen so kindlich angeschaut, ganz so wie sie auf seiner Wanderschaft vor seiner Seele schwebten. Er wute zwar mehr als alle die Anderen von ihrem Leben und Treiben -- die Augen der Liebe sehen scharf--, auch wute er da der Mediziner im Hause der Generalin wohne, aber immer noch konnte er den guten Engel in ihr nicht aufgeben, und sein theilnehmendes und trauerndes Herz ward von ihrem verchtlichen Wesen schmerzlich berhrt. Die Zeit war mit den Spen vergangen, es schlug zehn Uhr, man wurde ernsthafter. Die Alten erzhlten, die Jungen hrten still zu. Fritzen war das sehr lieb, er war wahrlich nicht zur Freude aufgelegt und er bernahm es auch spter gern, etwas aus der Bibel vorzulesen. Er begann mit dem 90.Psalm. Er las langsam und feierlich, seine Stimme ward immer voller, die Worte quollen immer mehr aus seinem Herzen. Als er die Worte las: Lehre uns bedenken da wir sterben mssen, auf da wir klug werden, -- schaute er auf und sah Klrchen an. Niemandem fiel das auf, nur Klrchen konnte den Blick nicht vertragen und es wurden ihr dadurch die Worte erst bedeutsam. Dem Psalm folgte ein Abendgebet, auf den Jahresschlu passend, und dann das schne Lied: Jahre gehn und fliehen, Blumen, die da blhen, Welken traurig ab! Was da grnend stehet, Wandelt und vergehet In ein dstres Grab! Bleiben _wir_ wohl ewig hier? -- Was genommen ist von Erden, Mu zur Erde werden. Eines unter Allen Kann nicht fliehn und fallen, Wenn auch Alles fllt: Was aus Gott geboren, Gehet nicht verloren In dem Grab der Welt; Seine Zeit heit Ewigkeit -- Selig, wer in guten Stunden Dieses Eine funden. Der fr uns gestorben, Hat es uns erworben Einst mit seinem Blut; Jesus, unser Leben, Kann dem Snder geben Dieses Eine Gut; Seine Kraft bewirkt und schafft, Da geweihet sei die Seele Mit dem Lebensle. Weichet, Lust und Snde! Einem Gotteskinde Habt ihr nichts mehr an. Denn dem Gott der Ehren Mu mein Herz gehren, Ihm dem Schmerzensmann. Ihm erkauft, auf ihn getauft, Steh ich in dem Grund der Gnaden. Was kann da mir schaden? Tage, Jahre, fliehet! Lust und Glanz, verblhet! Grber, ffnet euch! Wenn die Glieder sterben, Werd ich ja ererben Meines Heiland's Reich! Wr sie nah', ach wr sie da, Jene Zeit, da ich erstritten Gottes ew'ge Htten! Klrchen bemhte sich so viel als mglich, nicht hinzuhren und sich mit anderen Gedanken zu zerstreuen; es war ihr aber unmglich. Fritzens Stimme klang wie Glckentne in ihr Herz, so mchtig, so ernst, sie mute hren, und je lnger er las, desto aufmerksamer hren. Von Sterben -- Grab -- und Verblhen war die Rede, es ward ihr bange dabei, und ihr aberglubig Herz nahm die Bangigkeit fr bse Ahnung. Nur nicht sterben! dachte sie. Der Heiland, von dem sie reden, hilft mir nichts, sein Reich reizt mich nicht und nicht die ewigen Htten; nein, ber den Tod hinaus geht keine Hoffnung. O, so hliche Gedanken verbittern einem das schne Leben, und gerade heute das anzuhren ist sehr strend. Die Andern sehen dabei so ruhig und freudig aus, als ob sie Recht htten, und Fritz ist so voll von der Wahrheit, sein Gesicht leuchtet, und wie Gretchen so demthig zu ihm aufschaut -- solche Blicke mssen sein Herz rhren. Es schlug zwlf. Alle falteten die Hnde, beugten sich zum Gebet. Auch Klrchen mute so thun, aber in ihrem Herzen war es dunkle Nacht, der Teufel hielt seine Hand ber sie. Fort, fort von hier! seufzte sie, und der Liebesbrief zog sie gewaltig hinaus aus dem Ernst und dem Frieden in die Lust und Unruhe der Welt. Beim Heimgehen fand es sich, da Frau Krauter mit den Andern einen Weg hatte, und nur Klrchen allein nach einer ganz entgegengesetzten Seite mute; es wurde beschlossen, Fritz sollte sie nach Hause fhren. Sie aber strubte sich, denn nichts wre ihr drckender gewesen, als ein einsamer Weg mit diesem sonderbaren Menschen. Aber es half nichts. In der Sylvester-Nacht, wo der Trunkenbolde nicht wenige auf den Straen zu finden sind, darf kein junges Mdchen allein gehen, hie es, und Klrchen mute sich fgen. Fritz war gar nicht verlegen, er hatte sich eben zu sehr in eine Gottes-Welt vertieft, als da ihn die kleinen Bewegungen der irdischen Welt htten berhren knnen. Er sah Klrchen ruhig und fest in die Augen und sprach zu ihr mit unbefangener Stimme: doch wehten auen Sturm und Regen so sehr, und Klrchen ging so rasch, da er schweigen mute. Jetzt standen sie vor der Hausthr. Klrchen nahm den Schlssel und schlo auf. Der Mond brach eben durch Wolken und warf sein helles Licht auf Fritz und Klrchen, sie sah unwillkrlich auf zu ihm: da ruheten seine dunklen Augen so traurig auf ihrem frischen Gesicht, er reichte ihr die Hand, sie mute ihre hineinlegen. Klrchen, sagte er mit bewegter Stimme, wir stehen jetzt am Anfang eines neuen Jahres. Der Herr wolle uns segnen, da wir am Ende desselben mit reinem Herzen und ruhigem Gewissen und unbefleckter Ehre mgen darauf zurckschauen. Der Herr behte Sie! Er wandte sich schnell von ihr, sie trat in das Haus, aber mute erst einige Augenblicke sich vom Schrecken erholen. Was will er nur? dachte sie. Meine Ehre? da will ich selbst fr sorgen. Und das Gewissen? ich werde doch kein Verbrechen begehen? -- Sie suchte mit Gewalt den Eindruck von Fritzens Worten abzuschtteln, und das sollte ihr leider nicht schwer werden. Als sie die erste Treppe hinauf war und eben den Zugang, der zur Etage bei Generalin fhrte, ffnen wollte, kam Jemand von oben herunter. Sie zgerte, -- ja es war der Mediziner. Er hatte den Sylvester-Abend etwas lauter und wilder gefeiert als Klrchen, sein Gesicht glhte von Wein und Punsch, und seit geraumer Zeit hatte er mit Ungeduld auf Klrchens Rckkehr gewartet. Jetzt flossen ihm die Worte wie Feuer von den Lippen. Diese Liebes- und Treueversicherungen, diese Ausdrcke von erhabenen Gefhlen -- Klrchen konnte nicht widerstehen. Sie erwiederte flsternd se Liebesphrasen, duldete, da er sie kte, und als sie sich endlich losri, mute sie ihm das Versprechen geben, fr eine recht baldige ungestrte Zusammenkunft zu sorgen. Das war gar nicht schwer, bei ihrer Mutter konnten sie das haben; denn die wird dem Glck der Tochter nichts entgegensetzen. Und, fgte Klrchen hinzu, es ist auch nthig da wir besprechen, wie es mit unserer Verlobung werden soll, es ist doch da manches zu thun.-- Nrrchen! unterbrach sie der Mediziner, wer wird denn an so alberne Dinge denken? Wir leben in der Gegenwart, das andere fgen die Gtter. -- Dann fgte er einige zrtliche Worte hinzu und ging die Treppe hinauf. Diese letzten Worte gingen Klrchen eisig ber die grnen Auen ihres Glckes, doch dachte sie nicht weiter darber nach und legte sich in ser Betubung zur Ruhe. Am anderen Morgen wachte sie spter auf als gewhnlich. Ihre gtige Dame hatte sie nicht zur gewhnlichen Zeit wecken lassen, damit sie den versumten Schlaf nachholen mge. Und dennoch konnte sie sich nicht zurecht finden. Es war ihr so wst im Kopfe und so nchtern im Herzen, sie mute sich ordentlich erst klar machen, da sie sehr glcklich sei, und trotz des Vorredens blieb sie unruhig. Wird er Ernst machen? Wird er sich ffentlich verloben? Wird er es seinen Eltern sagen? Solche Fragen war sie thricht genug sich vorzulegen, und es galt von ihrer Seite immer noch groe Vorsicht, das Alles zu erreichen. So dumm wie ihre Mutter, der der Rechtsgelehrte unter den Hnden entwischt ist, wollte sie nicht sein, dachte Klrchen; und so denken alle thrichten Mdchen, die leichsinnige Liebschaften anknpfen. Sie sehen zwar rund um sich, wie die Sachen meistens ablaufen, aber sie wollen es schon anders zu Ende bringen, bis ihnen dann das reine Herz, Ehre, und gutes Gewissen sammt dem Liebhaber unter den Hnden entschlpft sind. Als Klrchen zur Frau Generalin ging, um ihr wie gewhnlich bei der Toilette behlflich zu sein, fand sie dieselbe schon fertig angekleidet beim Frhstck, und neben ihr sa bei demselben ein junger schner schlanker Mann in Gardeuniform. Klrchen entschuldigte sich wegen des spten Kommens; die Generalin aber war sehr freundlich und sagte nebenbei: Ich habe gestern Abend auch eine groe Ueberraschung gehabt, mein Sohn kam unerwartet an. -- Der junge Mann war bei Klrchens Eintreten aufgestanden, ihre Schnheit und ihr feines Wesen bestimmten ihn, hflicher zu gren, als er es gethan haben wrde, htte er gewut da seiner Mutter Kammerjungfer vor ihm stand. Jetzt ward er etwas verlegen, Klrchen merkte Alles, -- ein koquettes Mdchen ist sehr feinfhlend in solchen Dingen -- und ihr ganzes Benehmen wurde augenblicklich dem jungen Manne angepat. Sie ging ordnend im Zimmer hin und her, that, was in der Schlafstube nebenan zu thun war, und ging dann um Sonntagstoilette zu machen. Sie wute selbst nicht recht wie sie dazu kam, aber sie begann Vergleiche zu machen zwischen dem Gardelieutenant und dem Mediziner. Der Mediziner war wirklich hlich dagegen zu nennen, und wie plump war seine Sprache und sein ganzes Wesen! Freilich, trstete sie sich, er ist ein Student, und die meinen, sie mssen burschikos sein; wenn er bei seiner Mutter, der Frau Prsidentin sitzt, wird er auch anders sein. Aber er soll auch gegen mich anders sein, dachte sie weiter, er soll fein und nobel werden wie der Gardelieutenant! Das Haus war durch die Neujahrs-Glckwnschenden so belebt, da es dem Mediziner unmglich ward, Klrchen zu sehen. Auch den Abend war groe Gesellschaft, der Flur hell erleuchtet und fast immerfort Bewegung auf der Treppe. Er war sehr ungeduldig und wute kaum wie er die Zeit hinbringen sollte. Klrchen ging es nicht so, sie war heut so beschftigt und hingenommen, da sie kaum Zeit hatte an ihre Liebe zu denken. Bis jetzt hatte sie fast nur alten Damen den Thee servirt, heute aber waren junge Herren, die Freunde des Lieutenants, in der Gesellschaft. Klrchen, im hellblauen Musselin-Kleide mit freiem Hals und freien Armen, stand vor der singenden Theemaschine und schwebte dann in den hell erleuchteten und wohl durchdufteten Zimmern hin und her. Ein solcher Triumph war ihr noch nie geworden: die Blicke der jungen Leute folgten ihr, wohin sie ging, bis leider die Generalin sehr ernste Blicke auf sie warf und ihr huldreich sagte, sie mchte sich nicht weiter bemhen, der Bediente solle allein aufwarten. Sie ging, und trat erhitzt und aufgeregt in ihre Stube. Kaum hatte der Mediziner Licht darinnen gesehen, als er sein Fenster ffnete und leise mit den Hnden klappte. Klrchen hatte eigentlich nicht groe Lust ihn jetzt zu sprechen, sie sah aber ihr Bild im Spiegel und fand sich gar zu schn, der Mediziner mute sie sehen, mute sich berzeugen, da sie mit ihrer Erscheinung in die Salons einer Prsidentin passe, ja ihr Hochmuth und ihre Eitelkeit waren heut so sehr gewachsen, da sie meinte, er msse sich glcklich schtzen sie zu gewinnen. Man konnte gar nicht wissen ob ihr nicht noch ein greres Glck bestimmt gewesen. Der junge Graf, der heut mit in der Gesellschaft war, hatte sie nicht aus den Augen gelassen, und der Generalin Sohn, der auer seinem Lieutenantsgehalt noch ein Gut in Schlesien hatte, dazu adelig war, hatte sich gewi schon sterblich in sie verliebt. Klrchen hatte viel Romane gelesen, sie wute, da nicht selten arme Mdchen vornehme Partien machen, und sie hatte die bestimmte Ahnung einer groen Zukunft. Mit solchen Gedanken trat sie auf den Flur, der Mediziner stand schon unten an der Treppe. Als er ihr vornehmes, herablassendes Wesen sah, dazu ihre Schnheit, verschluckte er die groben ungeduldigen Liebesvorwrfe, die ihm in der Kehle staken, und beklagte sich nur, da er sie heut den ganzen Tag nicht gesehen. Klrchen entgegnete, dies sei ein unschicklicher Platz sich zu sprechen, und beschied ihn zum nchsten Abend zu ihrer Mutter. Da er sie kte und zrtlich ward, litt sie wohl; Hochmuth und Eitelkeit schtzen nicht vor bsen Herzensgelsten, nein, es sind gerade sehr vertrgliche Schwestern, die sich gegenseitig hegen und pflegen. Am andern Morgen sa Klrchen, wie gewhnlich, nhend im Vorzimmer. Der Lieutenant trat ein und bat sie, einige Maschen an seiner Geldbrse wieder zu befestigen. Whrend sie es mit den feinen geschickten Hnden that, stand er schweigend vor ihr. Auch Klrchen schwieg, aber ihr ganzes Wesen redete. Wie sie den Kopf hielt, wie sie die Finger bewegte, wie sie aufschaute, ihm dann die Brse gab -- es mute das Alles das Herz des Lieutenants bestrmen. Klrchen merkte, da er gern eine Unterhaltung mit ihr angeknpft htte, doch die Schritte der Generalin waren im Nebenzimmer hrbar, und er verlie sie mit einem kurzen verbindlichen Danke. Der Tag verging mit Plnen fr heut Abend; und wenn auch das Bild des Lieutenants sich zuweilen dazwischen drngte, so schob sie es mit Gewalt zurck. Der Mediziner mu sich heut Abend feierlich mit dir verloben, wo mglich mssen wir heut Abend noch Brautvisite bei Tante Rieke machen. Was wird die sagen! Und Grete! Nun, sie werden Respekt bekommen vor der Schwiegertochter einer Frau Prsidentin. Der Mediziner mute morgen frh selbst die Frau Generalin um ihre Entlassung bitten, oder wenigstens ihr eine andere Stellung geben; die Hlfte des Wechsels mute er ihr gleich berlassen, um fr Toilette und Wsche zu sorgen; sie war nun aus aller Noth, konnte sich die Hemden Dutzendweis fertig kaufen und so alle Sachen. In dieser Weise flogen ihre Gedanken, sie konnte kaum den Abend erwarten, und es war ihr recht unangenehm, da sie ihrer Herrin noch von 6bis 7Uhr vorlesen sollte. Die Frau Generalin aber war ganz allein, erwartete den Sohn erst zum Abend zurck, und Klrchen mute wie gewhnlich ihr auf diese Weise die Zeit vertreiben. Sie las heut besonders schlecht, und die Generalin war eben im Begriff, dies zu tadeln, als die Thr sich ffnete und der Sohn eintrat. Er winkte, setzte sich in eine dunkle Ecke, und die Mutter bemerkte: sie wolle nur dies kurze Kapitel auslesen lassen. In Klrchen schien pltzlich eine andere Kraft gefahren, sie las besonders schn und mit ganz anderer, bewegter Stimme. Der Lieutenant wandte keinen Blick von ihr, und die Generalin sah sie bedenklich an. Als sie das Zimmer verlassen, wandte sich diese zu ihrem Sohne. Lieber Alfred, sagte sie lchelnd, ich glaube, so lange Ihr jungen, leichtfertigen Leute hier bei mir ein- und ausgeht, mu ich das Mdchen aus dem Haus thun. Und wenn ich mich auch ein wenig verliebte, entgegnete Alfred, Du frchtest doch nicht-- Nein, ich frchte nicht, da Du leichtfertig genug wrest, ein Mdchen thrichter zu machen, als es schon ist, aber Deinen Freunden traue ich nicht. Alfred lachte. Sie sind alle auer sich ber diese Schnheit, und Graf Brndel, glaube ich, frge allerdings nicht viel danach, ob er ein thricht Mdchen thrichter mache. So bitte ich Dich, vermeide es, da er sie sieht, -- entgegnete die Mutter besorgt. Und Du, lieber Alfred, bist vorsichtig, -- fgte sie zgernd hinzu. Gewi, sagte Alfred treuherzig und reichte der Mutter die Hand; und sollte es wirklich gefhrlich werden, da bitte ich Dich, mich fortzuschicken, -- schlo er scherzend. Diese Unterredung hatte Klrchen durch das Schlsselloch mit angehrt, denn Horchen war in den zehn Geboten nicht verboten. Sie haben sich Alle in dich verliebt, und Alfred ist doch der Schnste und Edelste. Seinen Spa wrde er nie mit dir treiben: zeigt der dir Liebe, so wre es Ernst. Sie seufzte. Ja, htte sie mit dem Mediziner noch nicht angefangen, sie htte es wahrlich jetzt gelassen; aber sie hatte sich kssen lassen, hatte eine Liebschaft an der Treppe gehabt; Frau von Trautstein konnte sie nicht werden. Also nur khn den Mediziner festgehalten, er ist auch ein Mann von Bedeutung und so sehr verliebt, es lt sich Alles mit ihm machen. Mit solchen Gedanken machte sie in ihrer Mutter Stube die Vorbereitungen zur Verlobung. Zwei Lichter brannten auer der kleinen Lampe, Tassen und Kuchen standen auf dem Tisch, die Theekanne in der Rhre, die Mutter sa im Lehnstuhl am Ofen, und Klrchen mit der Guitarre am Arm sa im Sopha. Der Student kam, die Thr ward verschlossen und nun ward geplaudert, gescherzt, gekoset. Die Mutter war ganz glcklich. Der Mediziner hatte schon eine volle Brse deponirt zu Sachen, die fr Klrchen nothwendig angeschafft werden sollten. Sie mute sich gestehen, da Klrchen es weit klger angefangen als sie: Klrchen that sprder und vornehmer und kommandirte mehr. Sie bedachte nur nicht, da das Ende einer klugen Snderin ein gleiches ist, als das einer dummen. Klrchen kam zuletzt mit Vorschlgen zur Verffentlichung ihrer Verlobung heraus, die fr heute darin bestanden, noch zu Tante Rieke zu gehen. Der Mediziner sah sie erst verblfft an und brach dann in ein helles Lachen aus. Er hatte schon viel Liebschaften gehabt, das aber war ihm noch nie passirt. Nrrchen! sagte er, wie kannst Du ein solcher Philister sein! Bei uns ist wohl von Lieben die Rede, aber nicht von Verloben. Wenn die Welt erst zusieht, hrt aller Spa auf. Klrchen stand auf, sie zitterte an allen Gliedern. Wenn es so gemeint ist, sind wir geschiedene Leute, sagte sie in hchster Erregung. Der Student war wieder verblfft, lachte darauf aber nicht. Er merkte, da er mit dem Mdchen anders verfahren msse, als er es bisher gewohnt gewesen, und da er unglaublich in sie verliebt war, begann er zu kapituliren. Das aber half ihm nichts, sie war zu klug und durchschaute seine gleienden Worte. Dazu liebte sie ihn eigentlich gar nicht mehr, sie dachte an den Lieutenant, an den Grafen, sie konnte ja nur zugreifen; ja, mit einemmal war es ihr, als msse sie sich von dem Studenten losreien, um einem hheren Geschicke entgegen zu gehen. Das gab ihr Muth, jetzt die Tugendheldin zu spielen. Sie hielt die schnsten Reden; selbst als er versicherte, Ostern wolle er mit seinen Eltern reden und nur bis dahin msse die Sache geheim bleiben, blieb sie standhaft, -- und als er sie bestrmen wollte mit seiner Liebe und seinem Unglck, verschlo sie sich in die Kammer. Die Mutter spielte eine traurige Rolle dabei, ihr Herz war weicher, als das der Tochter, sie htte den Unglcklichen gern glcklich gemacht, -- dazu die schne volle Brse auf dem Tisch, -- und versuchte ihn zu beruhigen, versprach mit der Tochter zu reden, und entlie ihn so nicht ganz ohne Hoffnung. Klrchen aber that stolz wie eine Knigin. Siehst Du, sagte sie zu ihrer Mutter, so mu man es machen, spaen lasse ich nicht mit mir! Und weil sie doch im Inneren eine groe Demthigung fhlte, da ihr der Mediziner entschlpfte, wie der Mutter Rechtsgelehrter, so that sie mit Worten besonders gro, lie ihr Glck bei den adeligen Herren ahnen, und um die Mutter vollstndig mit dem ersten Abenteuer auszushnen, duldete sie es, da diese die volle Geldbrse des Mediziners in Verwahrung nahm. Auf ihrem Stbchen aber brach sie in Thrnen aus, nicht Thrnen der Reue ber ihren Leichtsinn, nein, sie weinte ber ihre Dummheit, sich mit diesem rohen Menschen so weit eingelassen zu haben. Wenn es die Generalin, wenn es der Lieutenant wte! Aber sie wissen es nicht und werden es nie erfahren, war ihr Trost; du willst vorsichtiger sein, dich nie mit so rohen Menschen einlassen. Um sich vollstndig zu trsten, wiederholte sie sich die Unterredung der Generalin mit ihrem Sohne. Es konnte ihr nicht fehlen, -- sie taumelte sich in einen neuen Himmel der Zukunft und schlief beruhigt ein. Ihr Rouleau kam nun den ganzen Tag nicht mehr in die Hhe, und die Kchin, die schon angefangen, aufmerksame Augen auf sie und den Mediziner zu werfen, ward wieder ganz ruhig. Die Generalin aber war nicht ruhig, sie sah die Augen ihres Sohnes fortwhrend auf Klrchen gerichtet, und diese war ganz besonders sanft und holdselig. Der Graf hatte gesagt: das Mdchen sei ganz verteufelt stolz und sprde, und Alfred hatte das mit Triumph der Mutter erzhlt und dabei fallen lassen, da ihre Bildung eigentlich ber die eines Kammermdchens hinausgehe. Klrchen hatte das glcklicherweise wieder erlauscht, denn wenn Mutter und Sohn allein in der Stube waren, kam sie nicht viel vom Schlsselloch fort. Das waren selige vierzehn Tage, und ihr Kopf war voll der tollsten Plne und Trumereien. Aber die Tage vergingen und die Zeit der Trennung kam; ja, der Lieutenant war eines Morgens abgereist, ohne da Klrchen etwas davon geahnet. Sie war pltzlich eine andere, sie war zerstreut und trge, erst der Generalin ernste Blicke muten sie wieder etwas zu sich bringen. Nach einigen Tagen sa die Generalin einen ganzen Morgen am Schreibtisch mit Schreiben beschftigt; dazwischen ging sie sinnend in der Stube auf und ab. Klrchen kalkulirte richtig: sie schreibt an ihren Sohn. Um Alles in der Welt htte sie den Brief gern gelesen. Wenn er nur heut nicht fortgeschickt wird, so ist's mglich, dachte sie. Und wirklich ward er nicht fortgeschickt; der Nachmittag war unruhig, den Abend war die Generalin in Gesellschaft, sie fand nicht Zeit, ihn zu vollenden. Mit klopfendem Herzen hrte Klrchen ihre Dame fortfahren, der Bediente hatte sie begleiten mssen, so war jetzt die beste Zeit, ihren Plan auszufhren. Was sie an kleinen Schlsseln finden konnte, suchte sie zusammen und versuchte das Schlo zu ffnen. Ihre Hnde zitterten, und zehnmal wohl lief sie nach dem Vorsaal, um zu hren, ob auch Niemand komme. Sie fhlte zum erstenmal eine heftige Gewissensangst, aber zum erstenmal auch ging sie von der Stufe der Thorheit und des Leichtsinns eine weiter hinunter zum Verbrechen. Gleich einem Diebe stand sie zitternd vor dem verschlossenen Tisch, sie war ja wirklich im Begriff zu stehlen. Doch das Schlo wollte nicht weichen, der Wagen der Generalin kam zurck, Klrchen verlie hastig und scheu das Zimmer. In ihrem Stbchen berlegte sie sich die Sache ruhiger, ja sie machte sich Vorwrfe ber ihre Angst, beredete sich, da es gar nichts Groes sei, einen fremden Brief zu lesen, und htte gern gleich ihre Versuche wiederholt. Sie mute aber warten, bis der Bediente fort fuhr, um seine Dame wiederzuholen. Jetzt ging sie schon getroster daran. Uebung macht bei solchen Dingen bald den Meister, darum heit es: Hte dich vor dem ersten Tritte, mit ihm sind bald die anderen Schritte zu einem nahen Fall gethan! Aber auch jetzt bei grerer Ruhe ging das Schlo nicht auf, und Klrchen mute die auf's Hchste angeregte und unbefriedigte Begierde mit zu Bett nehmen. Am andern Morgen ging sie, wie gewhnlich, im Schlafzimmer der Generalin einzuheizen. Wie gewhnlich lag auf dem Tischchen neben der Nachtlampe der Schreibtisch-Schlssel. Ruhig hatte ihn Klrchen immer dort liegen sehen, heute trieb sie der Teufel an, sie nahm den Schlssel, verlie das Schlafzimmer, schlo die Thr hinter sich, auch die nach dem Vorsaal, obgleich der Bediente nie um diese Zeit hier etwas zu thun hatte, und nun schlo sie mit Leichtigkeit das Schlchen auf. Da stand ein volles Geldkstchen, daneben lag der Brief; das Geld reizte sie nicht, wohl aber der Brief. Sie durchflog ihn mit Hast, aber erfuhr genug. Die Mutter warnte den Sohn vor dem eignen Herzen: sie mchte ihn vor einer Liebe bewahren, die ihn, wenn auch nicht fr Jahre, doch fr Tage unglcklich machen knne. Darauf schilderte sie Klrchens Wesen und Gedanken mit solcher Wahrheit, da Klrchen feuerroth beim Lesen dieser Worte wurde. Ja, die kluge Frau hatte sie in ihrem koquetten Treiben und verdrehten, berbildeten Trumereien durchschaut. Sie ist ehrlich und treu, geschickt und fleiig, schlo die Generalin diese Schilderung, darum werde ich sie jetzt nicht gehen lassen, ich werde es mir aber zur Pflicht machen, sie besser zu berwachen, was mir bei meinem jetzigen stilleren Leben nicht schwer werden soll. Klrchen war in groer Aufregung. Sie legte den Brief wieder an dieselbe Stelle, schlo den Kasten und legte den Schlssel zurck an seinen Platz. Die Sache war herrlich geglckt, und wenn sie auch manches Unangenehme aus dem Briefe erfahren, so doch auch das Erfreuliche: der Lieutenant liebte sie, die Mutter frchtete. Ihre grte Begierde war von jetzt an, die Antwort des Sohnes zu lesen; mit hchster Aufmerksamkeit kontrollirte sie die Briefe, die zu ihrer Dame kamen. Acht Tage vergingen, da endlich entdeckte sie das Postzeichen von Berlin und das Familienwappen. Die Generalin nahm den Brief in hchster Spannung aus Klrchens Hand und erbrach ihn schnell. Klrchen aber rumte den Frhstckstisch ab, ordnete hier, wischte dort, und warf dabei manchen forschenden Blick auf die Leserin, deren Zge erst sehr ernst waren, aber immer freundlicher wurden und sich endlich in eine frhliches Lcheln auflsten. Dies Lcheln war ein Dolchsto in Klrchens Herz, und noch nie war ihr ein Tag so lang geworden als dieser, denn vor dem anderen Morgen konnte sie das Kunststck mit der Erffnung des Tisches nicht wiederholen. Doch der Morgen kam, Klrchen heitzte eine halbe Stunde frher als gewhnlich ein, die Generalin lag noch im ruhigen Schlummer. Klrchen nahm den Schlssel, der Brief lag ganz oben in der Mappe, sie ffnete schnell und las: Wenn ich Dir, theuerste Mutter, Sorge machte, so thut es mir herzlich leid, ich kann Dir aber mit festem Herzen versichern, da es unnthig war. Ich leugne nicht, da mich im Anfange das hbsche Mdchen interessirte und ich neugierig war, ob wirklich hinter der schnen Hlle das verborgen sei, was man wnschen und vermuthen mute. Ich stimme aber ganz mit Dir im Urtheil ber ihren Charakter ein; in den letzten Tagen habe ich Blicke in ihr Wesen gethan, die mich von einem gemeinen und koquetten Sinn berzeugten. Ich frchte fast, es wird Dir schwer werden, sie zu berwachen. Graf Brndel ist ernstlich verliebt und wird nicht Geld und Mhe sparen, ein Verhltni anzuknpfen,-- Jetzt regte es sich im Nebenzimmer, Klrchen fuhr erschrocken zusammen. Sie lauschte, es schien ihr wieder still; aber ihre Angst war gro und sie sah nur noch nach dem Ende des Briefes: Ja, liebe Mutter, mein Herz war schon leise beschftigt, ehe ich zu Dir kam. Die edle Reinheit meiner Adelheid hat mich von neuem berwltigt, ich hoffe Dir bald eine wrdige Tochter-- Hier regte es sich abermals im Schlafzimmer der Generalin, Klrchen legte den Brief schnell in die Mappe, schob den Geldkasten wieder zurecht und schlo eiligst den Kasten. Welch eine Entdeckung war das! Schmerz und Zorn bewegten Klrchens Herz. Hier war also nichts zu machen, der Mensch war nicht poetisch, nicht romantisch genug, um etwas Ungewhnliches der Welt gegenber zu thun! Alle Qualen unglcklicher Liebe, die sie je in einem Romane beschrieben gefunden, kamen ber sie. Zum Glck nicht fr sehr lange. * * * * * Es war ein sehr kalter Winter. Selbst Mitte Februar begann er noch einmal mit aller Strenge zu regieren. Der Himmel war klar, die Sonne glitzerte hell auf den weien Dchern, die Leute trippelten an einander vorber, konnten sich der rothen Ohren und Nasen nicht erwehren, und die Blumen an den Fenstern thauten kaum um Mittag ein wenig ab. Gretchen verlebte hinter den Eisblumen stille Tage. Sie sa ihrer Mutter gegenber und spann, und spann und sann, und hauchte sich zuweilen ein Fensterchen in den Eisgrund, schaute, da der Himmel blau, die Sonne golden war, dachte an den Frhling, an Blthen, Bume und Vgelgesang und andere schne Dinge, und das Herz schlug ihr warm hinter den kalten Eisblumen. Zuweilen entdeckte sie auch durch ihr Fensterlein das rothe Gesicht eines Handwerksburschen, der sie bittend anschaute, da reichte sie ihm eine Gabe; oder ein Vogel hpfte auf dem Fenstersims, dem streute sie Krmlein hin. Aber auch die Vgel im Garten wurden gefttert; ein Stckchen Brod war ja immer brig vom Frhstck und auch vom Mittag, und jedesmal wenn sie hinaus kam, rief Benjamin einen guten Tag aus dem Schiebfensterchen, oder sonst ein gutes frhliches Wort. Seit zwei Tagen aber hatte sich das Schiebfensterchen nicht geffnet, und die Eisblumen regten und rhrten sich nicht. Gretchen sagte es der Mutter, es wurde Rath gehalten; Benjamin war jedenfalls krank, man mute sich nach ihm erkundigen. -- Der Verkehr mit dem Nachbarhause war leider diesen Winter sehr eingeschlafen; Frau Bendler empfand es schmerzlich, da Fritz Buchstein sich ihrem Gretchen gar nicht nhern wollte. Ihr Zartgefhl erlaubte es nicht, von ihrer Seite nur die leiseste Andeutung zu geben; aus dieser Aengstlichkeit erfolgte dann fast das Gegentheil. Der alte Buchstein, der sonst so eifrig die Freundschaft betrieben, war jetzt verlegen. Fritz wich seinen Aufforderungen aus, und sehr zureden wollte er dem Jungen nicht, und wute nur nicht, was zur Frau Nachbarin sagen, mit der er frher die Sache in allen Einzelheiten besprochen hatte. -- Heute aber war von all' den Rcksichten nicht die Rede, Benjamin mute gepflegt werden und Gretchen sich auf den Weg zu ihm machen. Sie that es so gern, und doch hatte sie Scheu zu gehen, denn ihr Weg fhrte durch die Werkstatt. Whrend dem sie eine warme Suppe kochte, schaute sie wohl zehnmal auf die Strae, ob sie nicht Jemand vom Nachbarhause she; und wirklich es glckte, die alte Magd kam daher und Gretchen konnte ihre Erkundigungen einziehen. Benjamin sei wirklich krank, berichtete die mrrische Magd, er verlange aber gar nichts, er wolle die Sache ausschwitzen. Das hielt Gretchen nicht ab, sich zu rsten. Das Npfchen mit der warmen Suppe unter dem Mantel ging sie hinber zu dem alten Freunde. Die Sonne schien so hell in die Werkstatt, die Blumen von den Fenstern waren etwas abgethaut, Fritz in weien Hemdsrmeln und schwarzer Tuchweste stand mit Gesellen und Lehrburschen rstig bei der Arbeit. Als die Thr sich ffnete und Gretchen mit dem frischen Gesicht und der schwarzen Sammetmtze hineinschaute, erschrak er fast, aber er trat ihr entgegen und reichte ihr freundlich die Hand. Ich will zum kranken Benjamin, sagte Gretchen etwas scheu. Zum kranken Benjamin? wiederholte Fritz und seufzte: ja er ist krank, und es ist recht schlecht von mir, ich habe ihn ganz vergessen. Soll ich das Npfchen tragen? setzte er mit weicher Stimme hinzu. Gretchen lie es sich gefallen und folgte ihm nun die Treppe hinan. Aus der warmen Werkstatt traten sie in eine eiskalte Stube; Benjamin steckte tief in den Federn, der Staarmatz stand auf dem Tisch vor dem Bett mit trauriger Miene, der Dompfaff pickte eben vergebens am zugefrorenen Trinknpfchen. Armer Schuster! schnarrte der Matz, als die Thr sich ffnete, -- armer Schuster! Benjamin's Nachtmtze bewegte sich jetzt, und sein freundlich Gesicht kam zum Vorschein. Dacht' ich's doch, da Du kommen wrdest, sagte er zu Gretchen, und nun gieb erst den Vgeln Futter. Dorthe ist schlechter Laune und ist seit gestern Abend nicht herauf gekommen. Gretchen sah sich nach ungefrorenem Wasser um, aber vergebens; Fritz merkte, was sie suchte, und verlie das Zimmer. Eilig kam er wieder mit einem Tpfchen voll warmem Wasser und einer Schippe Kohlen. Schweigend reichte er ihr das Wasser, schweigend machte er Feuer in den Ofen und sah dann, wie Gretchen die Trinknpfe der Vgel aufthaute, wie sie ihnen frisches Futter gab, wie sie dem Benjamin die Kissen zurechtlegte, ihm den Tisch vor dem Bette deckte und die Suppe darauf stellte. Fritz sah sinnend und traurig aus, und als Benjamin jetzt das Tischgebet sprach und Gretchen mit gefalteten Hnden dabei stand, faltete auch er die Hnde und betete mit. Nachdem sie geendet, trat er zu Benjamin, reichte ihm die Hand und sagte mit bewegter Stimme: Benjamin, verzeihe mir, da ich Dich so vergessen konnte, ich bin recht traurig darber. Benjamin nahm seine Hand in beide Hnde und drckte sie herzlich. Dann wandte sich Fritz zu Gretchen: Verzeihe auch Du mir, Gretchen, ich schme mich vor Euch und vor Gott, da ich so lieblos sein konnte und nach dem armen Benjamin nicht einmal fragen. Eben fiel ein feiner Sonnenblick durch eine thauende Fensterscheibe und auch ein Lichtblick fiel in Fritzens Herz. -- Herr, dein Wille geschehe! -- Gretchen stand vor ihm so frisch und hold und rein, mit so vershnlichem Blick. Fritz fhlte seine Zukunft entschieden, er fhlte, wohin der Herr ihn haben wollte und wo er seinen Frieden suchen sollte. Die wilden Ranken seines Herzens mute er abschneiden. Schade um die Zeit, die er sie hatte wuchern lassen! Gretchen nahm Abschied von ihrem alten Freunde, mute aber das Versprechen geben, wieder zu kommen. Ja, darum bitte ich Dich auch, sagte Fritz, Du sollst nicht kommen, um Benjamin zu pflegen, nein, Du sollst Dich nur berzeugen, da ich meinen Fehler gut gemacht habe. Benjamin machte Scherz aus der Sache, Gretchen stimmte ein und die jungen Leute verlieen ihn. Unten in der Werkstatt sagte Fritz noch in aller Eile, um doch etwas zu sagen: Ich habe schon lngst einmal zu Euch kommen wollen, -- aber das bse Wetter, -- man ist so eingeschneit. Bei uns wird jeden Tag gekehrt, entgegnete Gretchen. Ja, es ist auch meine Schuld, fuhr Fritz fort; und als nun Gretchen im Vorbeigehen ihre Finger auf einen halb vertrockneten und vernachlssigten Geranientopf legte, ward er noch verlegener. -- Den armen Topf habe ich auch vergessen, aber ich will ihn doch begieen. -- Gretchens Hand fuhr erschrocken zurck, sie hatte ihn ja nicht von neuem beunruhigen wollen. In diesem Gefhle lie sie auch ein Bierglas dicht an der Tischkante stehen, obgleich es ihr in den Fingern zuckte, es sicherer zu stellen. Der geringste Ansto mute es hinunter stoen. Fritz aber, als sie an der Wohnstubenthr vorbei kamen, nthigte Gretchen, den Vater zu begren. Er machte die Thr auf, der Alte lag im Lehnstuhl mit geschlossenen Augen. Heller Sonnenschein lag auf dem friedlichen Gesichte, er schlug die Augen auf, und als er Gretchen und Fritz vor sich stehen sah, meinte er, sein Lieblingstraum sei Wirklichkeit geworden; sein Gesicht verklrte sich. Ach Gretchen! rief er aus und streckte ihr beide Hnde entgegen. Fritz aber wandte sich zum Fenster. Sein Vater htte ja schon so glcklich sein knnen, wer wei denn, wie viele Tage er noch zu zhlen hat! Aber er soll glcklich sein, Gretchens Hand soll seines Lebensabends pflegen. Ja, ja! sprach sein Herz, und sein Auge folgte dem Sonnenstrahle hinan zum blauen Himmel, und alle Qual und Unruhe war aus seinem Herzen verschwunden. Da Fritz in den letzten Tagen besonders unruhig, zerstreut und traurig gewesen war, hatte seinen Grund. Eines Nachmittags hatte er in einer der Hauptstraen neue Meubel abzuliefern. In demselben Hause war unten ein Buchladen, und als Fritz oben sein Geschft beendet, trat er unten in den Laden. Die Herren darin kannten den jungen Tischlermeister wohl, und sahen es gern, wenn er sich hin und wieder hbsche Bcher ansah, denn nicht selten kaufte er auch davon. Heute hatte er sich besonders festgeblttert und festgelesen, und es war schon tiefe Dmmerung, als er den Laden verlie. Sein Weg fhrte ihn vor dem Schauspielhause vorbei. Trotz der Klte war es hier ziemlich belebt, und zu seinem Schrecken erkannte er zwischen den Leuten Klrchen am Arme eines Mannes. Er konnte nicht widerstehen, er mute erfahren, wer das sei. Nach einigem Hin- und Herwenden gelang es ihm, das Gesicht des Mannes zu sehen, er war jung und schn mit dunkelblondem Haar und einem groen Schnurrbart. Plaudernd ging das Paar in das Haus, Fritz folgte ihnen, er schmte sich, aber er konnt' es nicht lassen. Vom Parterre aus entdeckte er bald Beide in einer halbdunkeln Parquetloge. O wie vertraulich sie mit einander waren! Er blieb nicht lange, er hatte bald genug gesehen. Im Hinausgehen fragte er einen Zetteltrger, wer der blonde Herr mit dem Schnurrbart sei. Graf Brndel, war die Antwort. Graf Brndel! wiederholte sich Fritz. Den Namen hatte er wohl gehrt: es war der leichtsinnigste, tollste Offizier der Garnison, -- Klrchen seine Geliebte! -- Diese Gedanken hatten ihn in den Tagen beschftigt, als Benjamin krank war; darber hatte er Alles um sich her vergessen. Aber sein Herz sollte nun geheilt werden, und er sann nur auf Mittel, wie der Armen wohl noch zu helfen sei. Klrchen aber fhlte sich nicht arm, nein, unendlich reich, sie liebte und ward wieder geliebt -- und von einem vornehmen Manne ward sie geliebt. Wie schn, wie fein und galant war ihr Graf; er hing an ihren Blicken, sie hatte nur ber ihn zu bestimmen! -- Als der Sohn der Generalin sie damals so pltzlich aufgegeben, war sie -- wie schon erzhlt -- sehr unglcklich, doch nicht lange. Sie sah sich bald nach Trost um, ihr Herz war einmal des leichtfertigen Spiels gewohnt, es konnte jetzt nicht mehr ohne dasselbe bestehen. In dieser Stimmung traf sie der erste Brief des Grafen Brndel. Mit Entzcken ward die Sache angeknpft, ihr heies Herz war lange nicht so sprde, als mit dem Mediziner, sie meinte es diesmal auf eine andere Weise versuchen zu mssen, und hatte die feste Ueberzeugung, es knne ihr diesmal nicht fehlen. Vier Wochen waren im sen Taumel vergangen. Frau Krauter machte sich kein Gewissen daraus, die Zusammenknfte der jungen Leute zu begnstigen. Der Graf hatte meistens eine volle Brse, und sie fhrte ein herrliches Leben dabei. Er hatte auch versprochen, sich mit Klrchen trauen zu lassen, und Mutter und Tochter glaubten daran; ja, Klrchens Klugheit war dem Sinnenrausche ganz gewichen. Sie dachte nicht an die Zukunft, sie wollte nicht an die Zukunft denken, die Gegenwart war zu s. Im Theater war sie fters gewesen, und in knftiger Woche wollte der Graf sie auf eine Redoute im Theaterlokale fhren. Das war der Hhepunkt alles Vergngens. Seit vierzehn Tagen studirte Klrchen in allen Modeblttern und durchstberte Lden, wo Maskenanzge verliehen wurden. Endlich hatte sie sich fr eine Diana entschieden, aber unbedingt mute dazu ein grner Sammetberwurf angeschafft werden, der eigens ihrer schlanken Gestalt angemessen war. Woher aber das Geld dazu nehmen? Es war gerade Ebbe in allen Kassen, die Mutter hatte schon einige Male nach neuen Zuschssen geseufzt, aber der Graf hatte keine Anspielung verstanden, weil er gerade selbst nichts hatte. Borgen konnte Klrchen nicht mehr, denn in allen Lden fast hatte sie Plemperschulden, auch Auguste Vogler bekam beinahe zwei Thaler. Die Schulden machten ihr weiter keine Sorgen, sie htte es lngst bezahlen knnen und wrde auch bald wieder Geld die Flle haben, es war nur diese augenblickliche Verlegenheit. Den chten Sammetberwurf hatte sie schon aufgegeben, es brauchte auch nur ein unchter zu sein, und dazu gehrten kaum einige Thaler. Bei diesem Grbeln fhrte ihr der Teufel immer den vollen Geldkasten im Schreibtisch der Generalin vor. Stehlen? nein! sie entsetzte sich vor dem Gedanken. Vermissen wrde freilich die Generalin eine so kleine Summe nicht, denn schon fter hatte sie mit Klrchen gesonnen, ob sie nicht einige Posten in ihr Haushaltsbuch einzutragen vergessen htte, und sich bald beruhigt, wenn sie die Summe nicht finden konnte. Der Gedanke kam wieder und immer wieder, je nher die Zeit der Redoute heranrckte. Fr einige Tage wenigstens knntest du das Geld nehmen und legst es wieder hinein, flsterte ihr der Bse zu. Sie widerstand nicht, was htte auch in ihr widerstehen sollen? Die Klugheit, ihre einzige Waffe, mit der sie sich vor Snde und Untergang schtzen wollte, rieth ihr gerade den Schritt. Du entlehnst es nur, du nimmst es nicht, sagte diese Klugheit; dazu erfhrt es Niemand, und das grne Sammetgewand ist nothwendig zu deinem Glcke. Am anderen Morgen machte sie das bekannte Manver mit dem Schlssel. Ihre Hnde zitterten, als sie in den Kasten griff, und angstvoll schlug ihr Herz. Doch als sie den Abend bei der Mutter war und vor dem Spiegel den grnen Sammet probirte, zitterte sie nicht mehr. Ja, als sie einige Tage darauf an des Grafen Arm durch die Reihen flog, als ihre Gestalt laut bewundert, ihre Schnheit gepriesen ward, da schwieg das Gewissen ganz und gar. Der Graf gab ihr den Abend noch einiges Geld, denn sie gestand ihm, da sie Schulden htte, und Gustchen Vogler war schon ungeduldig geworden. Zuerst sollte aber die Summe in den Schreibtisch der Generalin gelegt werden, so war es ihre Absicht. Da sie am andern Morgen spter als gewhnlich aufstand, mute sie es bis zum nchsten verschieben. Den Tag aber berlegte sie sich die Sache noch einmal. Die Generalin hatte nichts gemerkt, sie war gleich freundlich und gtig, von _der_ Seite war Klrchen sicher. Sie nahm sich daher vor: lieber erst die kleinen Schulden in den Kauflden zu bezahlen, um bei nchster Gelegenheit wieder borgen zu knnen. Als sie mit dem Rest ihrer Summe im letzten Laden stand, bemerkte sie mit Schrecken, da diese Summe nicht ausreiche. Noch dazu hatte sie gro gethan, von Bezahlen gesprochen, und der lteste Diener gerade hatte ihr die Summe ausgezogen, mit der hflichen, aber doch ernsten Bemerkung: da es eigentlich nicht erlaubt sei, Damen in ihrer Stellung solche Vorschsse zu machen. Klrchens Hochmuth regte sich gewaltig, die Summe mute um jeden Preis bezahlt sein. Sie, die knftige Gemahlin eines Grafen durfte sich so etwas nicht gefallen lassen. Sie nahm die Rechnung und versicherte, in einigen Minuten wieder da zu sein. Zu Gustchen Vogler ging ihr Weg. Gustchen mute das Geld geben. Sie versprach heilig, es ihr am anderen Morgen um zehn Uhr wieder zu bergeben. Gustchen war gutmthig; sie gab das Geld, versicherte aber, wenn sie am anderen Morgen es nicht wieder bekomme, mache sie Lrm bei der Generalin. Mit Triumph bezahlte Klrchen die Rechnung und bemerkte schnippisch: es gbe Lden, wo Damen ihrer Stellung ganz gern gesehen wrden. Darauf schrieb sie gleich bei der Mutter einen Brief an den Grafen, den diese eiligst besorgen mute. Es war das erste Mal, da Klrchen Geld forderte, aber Noth bricht Eisen, und dieser Aufforderung konnte er gewi nicht widerstehen. Mit klopfendem Herzen wartete sie auf der Mutter Rckkehr; diese aber brachte den traurigen Bescheid: der Graf sei nicht zu Hause. Die Mutter versprach: so oft hinzugehen bis sie ihn spreche, und bis morgen frh um zehn das Geld anzuschaffen. Der Abend verging, der Morgen verging, die Mutter kam nicht. Endlich brachte sie den Bescheid, der Graf sei gestern spt Abends nach Haus gekommen, aber heut frh verreis't. Klrchen war auer sich, Gustchen kam dazu und wurde mit den heiligsten Versprechungen bis morgen vertrstet. Noth bricht Eisen, dachte Klrchen, morgen frh hole ich Geld aus dem Schreibtisch; hat sie es einmal nicht gemerkt, wird sie es das andere Mal auch nicht merken. Den Abend mute die Mutter noch einmal nach dem Grafen aussehen. Er war noch nicht zurck, und Klrchen ging am andern Morgen mit groer Bestimmtheit an ihr Werk. Diesmal war sie khner. Sie nahm nahe an drei Thaler und wollte eben den Kasten wieder schlieen, als sich die Thr hinter ihr ffnete, und die Generalin herein trat. Klrchen schrie laut auf. -- Also doch! sagte die Generalin. Klrchen hielt beide Hnde vor das Gesicht. Ihre Sinne wollten schwinden. Klrchen! sagte die Generalin, ich habe schon vor acht Tagen gemerkt, da Jemand bei meiner Kasse gewesen; ich war aber meiner Sache nicht gewi und besonders wollte ich nicht glauben, da Sie der Dieb seien. Dieb! schluchzte Klrchen, ich wollte nicht stehlen, ich wollte das Geld wieder hineinlegen. Thrichte Reden! entgegnete die Generalin bestimmt. Sie haben gestohlen, haben auf ganz abscheuliche Weise mein Vertrauen gemibraucht; nichts kann Sie jetzt vor einer gerichtlichen Untersuchung retten, als wenn Sie mir ganz der Wahrheit gem Ihren Frevel gestehen und auch die Beweggrnde dazu. Ueberhaupt mu ich jetzt Ihren ganzen Lebenswandel kennen lernen, von dem sich in der letzten Zeit sehr schlimme Gerchte verbreitet haben. Klrchen war in einer entsetzlichen Lage. Aller Hochmuth, aller Stolz war dahin. Die Snde ist feig, Furcht folgt ihr auf den Fersen. Furcht war es, die Klrchens Wesen durchzitterte; sie dachte an ihre Liebe, an den Grafen, freilich ihm zu Liebe war sie ja eine Diebin geworden; sie dachte aber an ihre Freundinnen, an Tante Rieke. Ja sie bekannte, sie schilderte ihre erhabene Liebe zum Grafen. Wenn er nicht verreist war, htte sie das zweite Geld nicht genommen, ja sie wrde das erstgenommene Geld wieder hinzugelegt haben. Seine Liebe war so gromthig gegen sie. Alles, was ihm gehrte, war auch das Ihre; ja er hatte versprochen, sie zu heirathen. Die Generalin erwiederte ihr, da sie ein armes, getuschtes Mdchen sei, da es aber allen Leichtsinnigen so gehe. Wie wrde ein achtbares Offiziercorps es je dulden, da der Graf ein Mdchen heirathe, wie sie! Klrchen sah die Sprecherin gro an bei diesen Worten. Wie ich? fragte sie leise. Ja wie Sie! wiederholte die Generalin. Sie haben sich des Abends auf der Strae umhergetrieben, Sie gelten in der Stadt als eine leichtfertige Koquette, und der Graf ist nicht Ihre erste Liebe. Klrchen ward roth. Sollte die Generalin vom Mediziner wissen? Oder wollte sie nur versuchen, die Wahrheit zu erfahren? Zu jeder andern Zeit wrde sie geleugnet haben, jetzt aber war sie von der Furcht beherrscht: sie schwieg zu dieser Beschuldigung und begann nur, die Generalin wegen ihres Fehlers, wie sie die Entwendung des Geldes nannte, um Verzeihung zu bitten. Die Generalin hielt ihr eine lange Rede, stellte ihr die Folgen eines solchen Lebenswandels vor, die allerdings anders ausschauten, als Klrchens Bilder von der Zukunft. Zugleich aber versprach die nachsichtige Dame, von der Sache nicht zu reden und Klrchen bis Ostern ruhig im Dienst zu behalten. Da Sie aber wahrscheinlich zu schwach sind, schlo sie diese Unterredung, das Verhltni mit dem Grafen aufzulsen, soll das von seiner Seite geschehen; er soll es erfahren, wohin sein Leichtsinn ein armes unglckliches Mdchen gebracht hat, er soll es erfahren, da er Sie zur Diebin machte. Dies Letzte brachte Klrchen fast zur Verzweiflung, sie flehte, sie bat, -- aber vergebens, die Generalin blieb bei ihrem Vorsatz, und Klrchen mute endlich das Zimmer verlassen. Ihr Erstes war nun, selbst an den Grafen zu schreiben; sie schilderte ihr Unglck, ihre Liebe, ihre Verzweiflung, wenn er sie verliee. Sie benetzte den Brief mit Thrnen, da die Schrift kaum zu lesen war, und gerade als sie ihn gesiegelt hatte, trat ihre Mutter ein. Du kommst wie ein Engel des Himmels, sagte Klrchen, Du mut schnell den Brief zum Grafen tragen. Ist nicht nthig, schmunzelte die Mutter, ich habe das Geld schon. O Gott, stammelte Klrchen, so wre es gar nicht nthig gewesen! Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Hnden und weinte heftig. Htte sie doch nur noch eine Stunde gewartet, so wre das Unglck nicht ber sie gekommen! Die Mutter war auer sich ber den Schmerz der Tochter, sie forschte, sie trstete, sie erzhlte, wie sie gestern Abend noch spt zum Grafen gelaufen, wie sie ihn auch da nicht gefunden, wie sie ihn aber heut frh im Bette getroffen, und er das Geld habe herausrcken mssen. Er brummte freilich ein Bichen (setzte die Mutter hinzu), und meinte, das ginge ber seine Krfte. Sagte er das? entgegnete Klrchen heftig. O trage ihm das Geld wieder hin, und meinen Brief dazu; sage ihm: ich wolle nichts weiter, als seine Liebe, und er solle gleich antworten. Aber geh' gleich, Mutter, und komm gleich wieder. Die Mutter verstand von Allem nichts, sie schttelte den Kopf, sie wute nur: Guste Vogler wrde kommen, um das Geld zu holen, und die wrde nicht wenig Lrm machen, wenn sie nichts bekme. Sie redete also der Tochter zu. Ihr Liebesleute, sagte sie, da zankt Ihr Euch nun und macht Euch unnthig Noth. Nimm ruhig das Geld und bezahle Deine Schulden, ich will ihn heut Abend zu uns bestellen, da knnt Ihr Euch vershnen. Klrchen, la Dich die Liebe nicht verblenden! Der Graf entschlpft Dir noch wie mein Rechtsgelehrter. Klrchen wollte eben auffahren, als es an der Thr klopfte. Guste! sagte sie leise und sah dabei unwillkrlich auf das Geld in der Mutter Hand. Soll ich? fragte diese. Ja, entgegnete Klrchen seufzend, bezahle nur, aber geh' vor die Thr, sag', ich sei krank. Die Mutter ging und die Sache war bald abgemacht. Jetzt aber mute sie die Besorgung des Briefes an den Grafen bernehmen; sie versprach, gewi nicht ohne Antwort wieder zu kommen. Aber sie kam doch ohne Antwort. Der Graf war schon im Dienst gewesen, und Frau Krauter zum Nachmittag wieder hinbestellt. Klrchen verlebte qualvolle Stunden, sie hatte sich zu Bett gelegt, um nur nicht Leuten in das Gesicht sehen zu mssen. Hier lauschte sie jedem Futritt auf der Treppe. Sie machte sich wunderliche Phantasien. Wenn er ihren Brief lies't, wird sein Herz zerschmelzen, er wird ihr Unglck nicht ertragen knnen, er wird selbst zu ihr kommen, er wird trotzen der Welt und der Generalin und wird sie selbst trsten, beruhigen und ihr aus dem Wirrwarr helfen. -- Aber wie ward ihr, als die Mutter in der Dmmerung zu ihr eintrat mit dem kalten Bescheid: Der Graf sei sehr verdrielich gewesen, er habe von einem zweiten Briefe gesprochen, von schrecklicher Unvorsichtigkeit, von kaum zu lsenden Unannehmlichkeiten, er msse sich die Sache berlegen und wolle morgen Bescheid schicken. Das war ein Todessto fr Klrchen. Sie fhlte sich in einer solchen Nacht des Unglcks, da sie keinen Gedanken fassen konnte, sie fhlte nur, die Sache mit dem Grafen sei aus. Sie blieb auch den folgenden Morgen im Bett liegen, sie konnte nichts anders thun, als weinen und das sollte Niemand sehen. Zuweilen kam der Hoffnungsschimmer: die Mutter knne doch noch einen trstlichen Brief bringen, sie dachte wenige Tage zurck, wie seine Liebe da so hei, seine Versprechungen so heilig, so fr die Ewigkeit gewesen; aber sie bedachte nicht, da alle solche Betheurungen nur Teufelswerk sind, die wie Seifenblasen verwehen; sie gehrte zu den Tausenden von thrichten Jungfrauen, die solchen Versicherungen trauten. Doch lange blieb sie nicht in Ungewiheit. Die Mutter kam mit dem Briefe, und der war wie sie bei solchen Gelegenheiten auch zu Tausenden geschrieben werden. Noch Versicherungen heiester Liebe, aber man mu der Nothwendigkeit, der Pflicht, der Ehre weichen, wenn auch das Herz darber bricht. -- Klrchen las und weinte, und weinte und las wieder, und blieb den Tag im Bett liegen. So viel Besinnung nur hatte sie, den greren Theil der Goldstcke, die der Graf mitgeschickt, fr sich zu behalten und der Mutter nur den kleineren zu geben. * * * * * Der Mrz war gekommen, der Schnee geschmolzen, und die warme Frhlingssonne schien auf die belebten Straen. Klrchen hatte unter dem Vorgeben, sie sei krank, das Haus 14Tage lang nicht verlassen; eigentlich aber frchtete sie sich ihren Bekannten zu begegnen, und besonders der Tante Rieke. Die Mutter hatte vorlufig der Tante vom Dienstwechsel sagen, und als Grund dazu angeben mssen: Klrchen knne das Sitzen nicht vertragen, sie htte sich darum nach einem Dienst umgesehen, wo sie mehr Bewegung htte. Eines Tages nun ging Klrchen aus, um Besorgungen fr die Frau Generalin zu machen. Die Sonne schien so warm, Kinder spielten lustig auf der Strae, vom nahen Exerzierplatz klang laute Musik zu Klrchens Ohren. Klrchen aber war betrbt und verbittert; gerade das frhliche Treiben berall, das lustige Aussehn der ganzen Welt war ihr unangenehm. Noch unangenehmer aber war es ihr, da Tante Rieke ihr entgegen kam. Ausweichen konnte sie nicht, sie mute sich also auf eine ernste Unterredung gefat machen. Die Tante war aber nicht so schlimm, als sie gefrchtet. Du siehst recht bla aus, sagte sie theilnehmend, mut doch recht krank gewesen sein. Klrchen erzhlte so gut wie mglich und fgte hinzu, da der neue Dienst im Hotel Reinhard gewi passender fr sie sein wrde. Aber ein Gasthof! sagte die Tante. Ich habe mit dem Gasthofsleben gar nichts zu thun, entgegnete Klrchen, ich bin die Mamsell, die allen Kaffee und Zucker unter sich hat, ich habe das Frhstck auf die Zimmer zu schicken, und die Wsche unter mir. Dazu bekomme ich 60Thaler Gehalt und viele Geschenke. Es ward ihr nicht schwer die Tante zu beruhigen. Im Sprechen hatten sie der Tante Haus erreicht. Klrchen mute mit eintreten. Gretchen stand in der Stube und haspelte. Was ist das langweilige Arbeit, wenn die Sonne so warm in das Fenster schaut und einen immer in das Freie ruft! sagte sie; aber es ist nun das Letzte und wir machen Schicht mit dem Spinnen. -- Bei den Worten beugte sie sich ber einen Topf mit blhenden Schneeglckchen, als ob ihr der Anblick neue Kraft zu ihrer Arbeit geben solle. Wo hast Du denn schon die hbschen Blumen her? fragte Klrchen. Von Benjamin, entgegnete Gretchen, und ward roth dabei, denn sie wute, da Fritz Buchstein die Blumen in den Topf gesetzt hatte, und das war ihr das Schnste daran. Benjamin ist wieder gesund, er hat die Blumen in seiner Stube zur Blthe gebracht und sie mir dann geschenkt. Und sieh nur die weien Blmchen, wie sie so rein und zart dastehen und ihre Kpfchen so still niederbeugen. Ich mag keine Blumen lieber, als die Schneeglckchen, und Benjamin htte mich durch nichts mehr erfreuen knnen. Klrchen stimmte mit Worten ein, aber ihr Herz war matt, sie konnte sich nicht ber Blumen freuen. Jetzt bin ich fertig! sagte Gretchen frhlich, nun hilf mir, Klrchen, Erbsen legen und Salat sen. Ein Hauptspa ist es, die Sachen alle recht frh zu haben. -- Sie setzte einen Nankinghut auf, nahm den bereit stehenden Samen und ging der Tante und Klrchen voran. Der Himmel war lichtblau, weie Frhlingswlkchen zogen daran, der Erdboden war braun und frisch, die Veilchen legten ihre seidenen Blttchen auseinander, die Stachelbeerbsche hatten einen grnen Schimmer, der Buchfink schlug, Spatzen lrmten, Tauben girrten auf den Dchern, und in den Nachbarsgrten ward gearbeitet, geplaudert und gesungen. Auch Benjamin schaute zum Fenster hinaus, der Matz sa ihm auf der Schulter und rief: Jungfer Gretchen, so recht. Gretchen rief: er solle schweigen, seine hliche Stimme passe nicht zum Frhling. Benjamin aber flsterte dem Vogel etwas zu, und der schnarrte sein Racker, Spitzbub mit so vielem Eifer, da selbst Fritz Buchstein das Fenster seiner Werkstatt aufmachte und Ruhe gebot. Doch er trat auch in den Garten und sah ber das Staket hinber, Gretchen bei der Arbeit zu. Da Klrchen dabei war, zog ihn wohl auch hinaus, aber es machte ihn nicht mehr verlegen, nein, der Herr hatte seine Gebete erhrt und seinem Herzen Ruhe gegeben; nur eine Theilnahme fr das arme unglckliche Mdchen fhlte er noch. Er wute ihr Schicksal mit dem Grafen ziemlich genau. Wenn sie doch jetzt noch umkehrte! dachte er, ihre Blsse und ihr Stillsein waren ihm eine Beruhigung. Doch Gretchen lie ihn nicht lange bei diesen Gedanken, sie war so frisch und frhlich, sein Herz freuete sich ber sie. Als Benjamin sie neckte wegen der schiefen Reihen auf dem Erbsenbeete, schwang sich Fritz am alten Fliederbaume ber das Staket und bernahm selbst das Amt des Reihenziehens. Frau Bendler stand glcklich dabei, und der alte Buchstein, der am Stock gesttzt, sich von der Frhlingssonne wrmen lie, schien sich noch mehr zu erwrmen am Anblick seines glcklichen Sohnes und des braven Gretchens. Klrchen konnte es nicht aushalten zwischen diesen glcklichen Menschen. Fritz Buchstein liebt die Grete, das ist richtig. Gretchen kam ihr heut ordentlich hbsch vor. Und Fritz? den hatte sie lngst zu gut fr die Grete gefunden. In dieser Stimmung wandelte sie fast etwas wie Reue an, den Fritz so schnde behandelt zu haben. Da er sie erst geliebt, fhlte sie zu bestimmt, und jetzt, wo ihr Glck in der vornehmen Welt gescheitert, konnte sie sich das Leben in einem stattlichen Brgerhaus an der Seite eines Fritz schon mglich denken. Freilich mte sie ja dann ein frommes, fleiiges, ordentliches Mdchen wie Gretchen sein, flsterte eine Stimme in ihrem Innern, und ihr Gewissen regte sich, Thrnen liefen ihr ber die blassen Wangen. * * * * * Wieder einige Monate waren vergangen, der Sommer war herrlich. Gretchen freute sich erst an den Blthenbumen, dann an den duftenden Rosen. Fritz hatte auch in seinem Garten Blumen gepflanzt und geset, da Alles lustig durch einander blhte. Benjamin hatte seine Freude an dem Paar, er neckte sie aber auch und war khn in seinen Neckereien, denn nach einem schnen, warmen Sommerregen brach pltzlich ein F. und G. aus der braunen Erde heraus und war bald in krauser grner Kresse sehr deutlich zu lesen. Seinen Staarmatz lehrte er heimlich eine neue Rede, und sein Dompfaff sang lieblicher als je: Lobe den Herrn o meine Seele. Auch Klrchens Thrnen waren wieder getrocknet, ihre Wangen wieder aufgeblht. Das Gasthofsleben gefiel ihr wohl. Sie ward von den Fremden bewundert, man war galant gegen sie, man schmeichelte ihr. Da dies keinen weiteren Einflu auf ihr knftiges Leben haben wrde, wute sie, es waren Fremde, die nach ein oder zwei Tagen abreisten, und sich nur amsiren wollten. Sie war daher sehr zurckhaltend und wollte berhaupt mit vornehmen Leuten nichts zu thun haben. Ihre Phantasien waren aus dem Hochromantischen zur Idylle hinabgestiegen. Nur ein fhlendes Herz und Bildung mute der Mann haben, mit dem sie in einem kleinen Stbchen leben sollte. Und einen solchen Mann hatte sie bald gefunden. Es war der Oberkellner des Hotels; seine Bildung war untadelhaft, er sprach englisch und franzsisch, ging immer in schwarzem Frack und weier Halsbinde, und hatte in seinem Wesen etwas beraus Vornehmes. Da sie gerade mit ihrer Liebe Schiffbruch gelitten, kam Herrn Eduard zu gute, denn bald war er ihrer Liebe gewi. Natrlich hatte er ihr vorher seine Verhltnisse klar auseinander gesetzt. Eigentlich konnten sie jetzt schon heirathen, er hatte 200Thaler Zinsen und stand sich beinahe ebenso viel im Dienste: aber sein Streben ging nach einem eigenen Hotel, seine Kenntnisse, seine Bekanntschaften muten es ihm leicht machen eines zu erhalten, ja, er war schon nach verschiedenen Seiten hin in Unterhandlungen gewesen. Er malte Klrchen die herrlichste Zukunft. Sie, die Dame des Hotels, sollte ein Leben wie eine Prinzessin fhren, und schalten und walten nach Wohlgefallen. Klrchen verga ganz die Vergangenheit und ward wieder khn in ihrem Auftreten, und sehr selbstgefllig und mit sich zufrieden. Zum 10.August, Klrchens Geburtstag, hatten sie sich vorgenommen, die Verlobung zu verffentlichen. Der Brutigam hatte ihr im Voraus einen rosa Taffethut und eine schwarze Atlasmantille geschenkt. Beides lag auf dem Sopha in ihrem Stbchen, ein chtes Batisttuch und gelbe Glaceehandschuh daneben. Es war am Vorabend des Geburtstages, schon ganz spt dmmerig, ihre Stubenthr war nur angelehnt, -- da hrte sie zwei flsternde Stimmen auf dem Korridor. Thee will er haben, so mach doch nur! Er ist besoffen, hat aber noch so viel Verstand, da er wei, was ihm noth thut. Der kann was vertragen! entgegnete die andere Stimme, ein anderer ehrlicher Mensch wre den ganzen Tag besoffen, wenn er so viel trnke wie der. Und ein Spitzbube ist er dazu, sagte wieder die erste Stimme; alle Monat hundert Thaler schlgt er gewi unter, und der alte Esel merkt's nicht und hat den Narren an ihm gefressen. Die Stimmen entfernten sich jetzt, Klrchen war in besonderer Aufregung. Wen meinten sie? Wer war der Spitzbube, der Betrunkene? Eine schreckliche Ahnung ging durch ihre Seele. Sollte es Eduard sein? Schon einigemal hatte er so nach Wein geduftet, da sie ihn darauf angeredet; er aber hatte gelacht und gemeint, er wre ein schlechter Kellner, wenn er den Wein nicht probiren wolle, auch wre es durchaus nothwendig bei seiner anstrengenden Lebensweise, sich zuweilen mit einem guten Schluck zu strken. Da der Wein aber auch nur die geringste Wirkung auf ihn gebt, hatte Klrchen noch nie gemerkt. Sie fing an sich zu beruhigen: er ist es doch wohl nicht. Nun gar der Spitzbube! das konnte ja nicht auf ihn gehen, er sah so nobel aus, er sprach so schn. Freilich leichtfertig konnte er auch zuweilen reden, und nher kannte sie ihn nicht, und wute nicht, wie es mit seiner Moral beschaffen. Dazu schlug ihr eignes Gewissen; ihre eigne Moral war doch eigentlich auch: wenn es nur die Leute nicht wissen. Die, da es die Leute wuten, da gewi zwei Kellner die Redenden gewesen, war das Unangenehmste bei der Sache. Sie mute den Grund dieses Gesprches wissen, sie mute aus ihrer Ungewiheit kommen, und verlie deshalb ihr Zimmer. Im Vorbeigehen fate sie an ihres Brutigams Thr, die war verschlossen. Darauf sah sie in den Salon. Hier war er nicht. Sie ging in die Kche und erkundigte sich, fr wen der Thee bestimmt sei. Fr Herrn Eduard, sagte die Kchin unbefangen. Der Laufbursche, der mit dem Brett und der Tasse dabei stand, grinsete bei diesen Worten die Kchenmagd sehr verstndlich an. Klrchen mute sich sehr zusammen nehmen, um ihre Bewegung nicht merken zu lassen; sie konnte den Abend auf ihrem Lager keine Ruhe finden. Wie entsetzlich, wenn er trinkt! Sie dachte an ihren verstorbenen Vater, wie der die Mutter dadurch so unglcklich gemacht hatte, sie sah um sich noch lebende Beispiele genug. Selbst der alte Vogler, der sonst im Haus Alles gehen lie, wie es wollte, -- wenn er betrunken nach Hause kam, war die kranke Frau und die verzogene Tochter nicht vor seinen Schlgen sicher. Und wie mag es vielleicht mit dem Gasthof stehen? Ob die vorgespiegelten Hoffnungen wohl Wahrheit sind? So allein mit der Nacht und mit ihren Gedanken, ward ihr ganz bange, und -- wunderlich genug, -- Fritz Buchstein und Tante Rieke standen Beide mit ihren ernsten Gesichtern und strafenden Worten vor ihrer Seele. Wenn der Gott, von dem sie so viel reden, dich doch fr dein leichtsinniges Leben strafen knnte? Wenn die Tante Recht htte mit ihrem Sprchwort: Wie man's treibt, so geht's? -- Aber was sollte sie machen? Jetzt wieder zurcktreten -- das war unmglich, ihr Ruf wrde darunter noch mehr leiden und ihre Zukunft ganz verloren sein. Auch wird Eduard sie nicht lassen, er liebt sie zu sehr, und sie liebt ihn auch zu sehr. Ja, das ist ihr Trost. Diese Liebe mu ihn, sollte er wirklich Fehler an sich haben, bessern. O, wie erhebend ist der Gedanke! Er ist so weich, so nachgebend, sie kann ihn um den Finger wickeln, er wird ihr Alles zu Liebe thun, sie wird einen Engel von Ehemann aus ihm machen. Dieser Gedanke hat schon manche Mdchen zu unglcklichen Frauen gemacht. Sie wollen ihn bessern, ihn ndern, sie trauen ihrer schwachen Kraft gar Groes zu. Solche Liebe hat noch keinen Mann gendert; und je weichlicher und schwcher sie dieser Liebe zu Fen liegen, je weichlicher und schwcher geben sie sich wieder den alten Snden hin. Einen Menschen ndern, dazu gehrt eine andere Macht, gehrt die Kraft von oben. Klrchen aber hatte sich mit diesen Gedanken beruhigt, und als am anderen Morgen Eduard mit seiner gewhnlichen Gewandtheit und Liebenswrdigkeit vor ihr stand, war sie wieder frischen Muthes. Aber sagen mute sie ihm von dem Gesprch -- zur heilsamen Warnung, rieth ihre Klugheit. Auch gab es ihr eine Art von Uebergewicht ber ihn, wenn sie um seine Fehler wute. Sie erzhlte es zwar in dem Sinne, als ob sie nicht an die Mglichkeit solcher Dinge glaube; aber er mute jedes von den erlauschten Worten hren. Eduard ward feuerroth und sichtbar verlegen, aber Zornesworte muten die Verlegenheit verbergen; er wollte die Schurken verklagen, er wollte ihnen den gottlosen Mund stopfen, es sei Neid, und so weiter. Im Grunde aber war er recht froh, da ihm Klrchen die Personen nicht nennen konnte. Eine genaue Untersuchung wre ihm doch nicht gelegen gewesen. Die Anschuldigung des Betrinkens erklrte er damit, da er gestern Wein abgezogen habe, und da die kalte Kellerluft, nach der Schwle oben im Haus, ihm nicht wohl gethan, soda er schwindlich und ohnmchtig geworden. O, er that so erzrnt und erbot, da ihm Klrchen die schnsten Worte geben mute, um ihn wieder zu beruhigen. Er lie sich auch beruhigen, und Beide unterdrckten durch se Worte ihre gegenseitigen bengstigenden Gefhle. Gegen Mittag wanderten Beide zu Tante Rieke. Klrchen hatte die Freude, da man ihnen berall nachsah, -- wirklich ein schnes Paar! Er sah wenigstens aus wie ein Baron, und sie nicht minder vornehm. Was wird die hausbackene Grete, was Fritz Buchstein sagen? Grete wird gewi verlegen dem vornehmen Manne gegenber, und Tante Rieke macht einen etwas tieferen Knix. Aber sie irrte sich. Tante Rieke war allerdings verwundert, Klrchen am Arme eines fremden Mannes zu sehen; und als diese den Namen nannte und ihn als ihren Brutigam vorstellte, machte sie ein sehr ernsthaftes Gesicht. Gretchen aber sah dem Brutigam erst forschend und dann ganz erzrnt in die Augen. Dieser ward sichtlich verlegen dadurch und wandte sich ab. Klrchen bemerkte das und wute gar nicht, woran sie war. Die Tante unterbrach zuerst die peinliche Pause. Klrchen, ich htte geglaubt, du httest uns nicht so sehr berrascht mit einer so wichtigen Sache, sagte sie mit einem leisen Vorwurf im Tone. Klrchen entschuldigte sich damit, da es so schnell gekommen, und mit Aehnlichem. Der Brutigam hatte whrend dessen seine Fassung vollstndig wieder gewonnen und spielte den Beleidigten. Ich hoffe, da Sie gegen meine Person nichts einzuwenden haben, -- sagte er gereizt, -- und da ich Ihnen ein willkommener Neffe bin. Meine Verhltnisse sind von der Art, da ich mich Ihnen getrost als solcher nahen darf. Verzeihen Sie, Herr Gnther, entgegnete die Tante sanft, ich wnschte nur, Klrchen htte mehr Zutrauen zu mir gehabt. Gegen Sie bin ich ganz unpartheiisch, denn ich versichere Sie, da Sie uns ganz unbekannt sind; weder ich noch meine Tochter haben je Ihren Namen gehrt. Ich kenne den Herrn wohl, -- sagte Gretchen jetzt leise, aber mit unverkennbarem scharfem Ausdruck. Ich wte nicht, stotterte Eduard; vielleicht so vorbergehend, vielleicht im Theater oder in einem Kaffeegarten. Gretchen schttelte den Kopf und schwieg, und Eduard ging leicht darber hin und knpfte eine lebhafte Unterhaltung an. Tante Rieke aber blieb ziemlich schweigsam, und Gretchen und Klrchen schwiegen auch, bis zu aller Erleichterung der Besuch ein Ende hatte. Auf der Strae konnte Eduard seinen Zorn nicht verhalten. Das mut Du versprechen, sagte er eifrig, mit diesen rohen, ungebildeten Leuten darfst Du keinen Verkehr haben. Sie haben mich unter aller Wrde behandelt, und was dieser Stockfisch, dies Gretchen von mir wollte, begreife ich nicht. Klrchen war auch ganz auer sich. Wo waren die Triumphe, die sie erwartet hatte? Von Gretchen ward sie nicht beneidet, das fhlte sie, -- eher bemitleidet; und dahinter mute etwas stecken. Und da auch die Tante so wenig Freude ber den vornehm aussehenden Brutigam gezeigt, war ihr entsetzlich, ja das Weinen war ihr nahe; und doch mute sie sich vor dem zornigen Brutigam jetzt zusammen nehmen. Es war den Tag sehr unruhig im Hotel, so da Beide wenig Gelegenheit fanden, sich zu sprechen. Klrchen war sehr damit zufrieden. Sie wartete nur auf eine passende Zeit, um zur Tante schlpfen zu knnen und den Grund von Gretchens sonderbarem Wesen zu erforschen. Als Eduard bei der sehr zahlreichen Abendtafel beschftigt war, fhrte sie ihr Vorhaben aus. Sie fand die Tante und Gretchen in der dmmernden Stube. Erst wute sie nicht recht, wie sie beginnen sollte, aber es half ja nichts und sie bat mit etwas stockender Stimme, ihr zu sagen, ob sie etwas Unrechtes von ihrem Brutigam wten. Gretchen sah verlegen vor sich nieder. Klrchen! begann die Tante, vor allen Dingen mchten wir es Dir recht begreiflich machen, da wir es gut mit Dir meinen. -- Bei diesen Worten nahm sie Klrchens Hand und sah sie mit den sanften braunen Augen recht herzlich an. Klrchens Herz war leichtfertig, aber fr die Stimme der Wahrheit hatte sie doch noch Gefhl. Ich glaube es, entgegnete sie und erwiederte der Tante Hndedruck. Diese fuhr fort: Kennst Du Deinen Brutigam genau? Ich kenne ihn seitdem ich im Hotel bin, versetzte Klrchen. Ich wei, da er dem Herrn des Hauses Ein und Alles ist, da er eigentlich das ganze Geschft fhrt und in Kurzem selbst einen Gasthof bernehmen wird. Er hat Konnexionen, Vermgen, dazu ist er gebildet und von Allen, die im Gasthofe aus- und eingehen, geachtet und geliebt. Das ist wohl gut, sagte die Tante; aber es sind nur uere Dinge, und Du knntest bei alle dem kreuzunglcklich werden. Weit Du, ob er ein rechtschaffener Mann ist, ob er ein braver Mann ist, der Gott mehr frchtet, als die Menschen? Freilich hoffe ich, da er ein rechtschaffener Mann ist, und habe keine Ursache, das Gegentheil zu glauben. Und wit Ihr etwas von ihm, so ist's Eure Pflicht und Schuldigkeit, es mir zu sagen. Der Tante gefielen diese Worte wohl, sie meinte, Klrchen liege ihres Brutigams Rechtschaffenheit gar sehr an der Seele; aber von der war es nur die brennende Begierde, etwas zu wissen, zu hren; ihr Stolz war gedemthigt, sie war innerlich erbot, sie htte mit der ganzen Welt hadern mgen. Ich will Dir nun erzhlen, was wir von Deinem Brutigam wissen, begann die Tante, Du kannst dann berlegen, was Du zu thun hast. Im vorletzten Winter, als ich am gastrischen Fieber lag, mute Gretchen fr mich manche Krankenbesuche bernehmen. Unsere schwerste Kranke war damals ein Mdchen, die ein Vierteljahr vorher ein Kind gehabt hatte und jetzt an der Auszehrung elend darnieder lag, so arm und verlassen, da es ihr am Allernothwendigsten fehlte, und unser Verein kaum anschaffen konnte, was sie gebrauchte. Bei ihrer ueren Noth hatte sie aber auch innerlichen Jammer, sie sprach viel von dem Vater ihres Kindes, was der ihr vorgespiegelt und versprochen, und wie er sie jetzt in Hunger und Kummer umkommen lasse. Oft hat Gretchen ihre Klagen ber den Menschen mit anhren mssen, und die Urtheile und Schilderungen von ihm waren nicht fein. Als das Mdchen immer elender ward und ihren Tod vor Augen sah, war ihr grtes Verlangen, ihren Geliebten, wie sie ihn denn doch in manchen Stunden noch nannte, nur einmal noch zu sehen. Eine Frau, die schon frher die Unterhndlerin des Liebespaares gewesen, ward zu wiederholten Malen abgeschickt, aber immer vergebens. Als nun Gretchen eines Tages hinkmmt und die Kranke besonders schwach findet und ihr Trost und Theilnahme zuspricht, ist diese untrstlich und sagt nur immer, sie msse Gnthern noch einmal sehen. Gretchen hatte den Namen des Mannes nie gehrt und auch nie viel von der Geschichte wissen wollen. Als sie ihr nun vorstellt, wie ihr Herz an einem Menschen hngen knnte, der sie so schmhlich verlassen und verstoen habe, wie sie sich lieber dem Himmel zuwenden solle und dem Heilande, der sie nicht verstoen und verschmhen wrde, und so Aehnliches, um ihren Sinn zu bewegen, da kmmt die Frau herein, die immer an Gnther abgeschickt war, und ruft: Er kommt, er kommt! Gretchen will schnell gehen, aber der Mann steht in der Thr, ehe sie sich dessen versieht. Er geht an das Bett, die Kranke hat sich zu ihm gewendet und sagt: Ich sterbe nun, -- und dazu weint sie bitterlich. -- Das ist meine Schuld nicht! entgegnet er barsch, und ich bin heute gekommen, damit die Lauferei endlich ein Ende hat. Was willst Du nun? ich habe nicht viel Zeit hier zu stehen. -- Du hast mich so elend umkommen lassen, schluchzt die Kranke wieder. -- Ich? ruft er da und setzt ihr auseinander, was er alles gegeben; seine Schuld sei es nicht, da sie krank geworden, und sie habe Verwandte, die mehr htten als er, die sollten sich nur um sie bekmmern. -- Die Kranke kann vor Weinen nicht sprechen, sie will seine Hand nehmen, er aber zieht sich zurck. Da kann sich Gretchen nicht mehr halten, tritt zu ihm, nimmt seine Hand und legt sie in die der Kranken und sagt: Das sind Alles unntze Reden, die Arme wird nicht lange mehr leben und wollte nur Trostworte, und nicht so harte Worte von Ihnen hren. -- Er ist ganz erschrocken, denn er hat Gretchen im ersten Eifer nicht gesehen, und fhrt nun eine andere Sprache und lt auch einiges Geld dort. Nach zwei Tagen war das Mdchen todt. Die Tante schwieg. Klrchen war in hchster Aufregung. Sprechen konnte sie nicht; sie reichte der Tante die Hand und strzte zum Zimmer hinaus. Die Tante wollte ihr nachrufen, aber sie hrte nicht, sie lief mit eilenden Schritten ber die Strae und verschlo sich dann in ihrem Zimmer. Hier brach sie in Thrnen aus. Ein abscheulicher Mensch! solch ein Verhltni vorher zu haben! Sie wollte augenblicklich mit ihm brechen, sie wollte einen Mann haben, der geachtet und geehrt ward von der ganzen Welt und der besonders weit ber Tante Rieke und ber Greten stand. -- So gingen ihre Gedanken anfnglich durch einander. -- Als sie aber eine halbe Stunde geweint, und ihre Thrnen versiegten, ward sie ruhiger. Und wenn die ganze Geschichte wahr wre, dachte sie, was hat er eigentlich verbrochen? Da ich seine erste Liebe nicht bin, konnt' ich mir vorher denken. Er ist ja auch deine erste Liebe nicht, entgegnete ihr Gewissen, und du hast ihm auch von allen Abenteuern nichts gesagt. Das ist eben der Fluch der Snde: um die eigene zu beschnigen, mute sie auch die des Andern entschuldigen und so die Last beider tragen. Da das Mdchen so dumm war, sich verfhren zu lassen, fuhr sie fort, ist traurig, und es ist schndlich von ihm, die Arme so im Stich zu lassen; aber gewi war sie ein ganz unbedeutendes Wesen, die ihn nicht fesseln konnte, dir htte so etwas nie passiren knnen. Das einzige Unglck dabei ist nur, da es nicht verborgen blieb, und da gerade ihre Verwandten so tief hinein blicken muten. Ihrem Glcke konnte die Sache nicht mehr hinderlich sein, Mutter und Kind sind todt. Wenn sie einst Herrin eines groen Hotels ist, es bequem wie eine Prinzessin hat, dazu von dem Manne geliebt und angebetet wird, was sie Alles nicht bezweifelte, so fehlte ihrem Glcke nichts. Die Sache mit dem Aufgeben mute doch berlegt werden, und wer konnte denn wissen, ob in Wahrheit die Begebenheit so schwarz war, wie die Tante sie vorgetragen? Die Tante sieht Alles mit so strengen Blicken an; in den Stcken war ihr nicht zu trauen. Aber beichten sollte ihr Brutigam, erfahren, da sie Alles wisse, und um so demthiger werden und ergebener. Als er wie gewhnlich nach den beendigten Geschften zu ihr kam, fand er sie so getrstet, aber die Thrnen flossen von Neuem bei seinem Anblick. Er, mit dem bsen Gewissen, war besonders weichherzig, forschte nach den Thrnen und erfuhr nun die ganze Geschichte. Da schien sein Zorn keine Grenzen zu haben, er nannte Alles die abscheulichste Verleumdung, und Gretchen sammt der Tante malizise Personen, die absichtlich eine Sache so verdreht htten, um ihm Klrchen abspenstig zu machen. Wer wei, in welchen Winkel sie sie stecken mchten; sie rgern sich, sie vornehmer und schner zu sehen, und so mehr. Von der Kranken erzhlte er: sie sei Hausmdchen hier gewesen, und er habe allerdings ein kleines Liebesverhltni mit ihr gehabt, spter sei sie fortgekommen, sei liederlich geworden und so herab gekommen. In ihrer Noth habe sie sich zu ihm gewandt, und er habe sie hin und wieder untersttzt, ja, er habe sich durch seine Gutmthigkeit verleiten lassen, einmal hinzugehen, weil die Person ihm keine Ruhe gelassen. -- Und das ist die Geschichte, die Deine vortreffliche Cousine so verdreht hat! schlo der Erzrnte. Du mut mir jetzt aber heilig versprechen, mit den abscheulichen Menschen ganz und gar zu brechen, denn bei ihrer Schlechtigkeit sind sie auch roh und ungebildet und passen fr uns nicht. Es ist mir eigentlich recht lieb, da sie die Veranlassung zu diesem Bruche gegeben haben. Nun sind wir sie los. Nach dem, wie sie mich behandelt haben, knnen sie nicht verlangen, da ich je wieder einen Fu ber ihre Schwelle setze. -- Hierauf begann er seine Plne fr die nchste Zukunft zu entwickeln. Die malte er so glnzend, so herrlich, da Klrchen sich vllig befriedigt fhlte und in alle seine Vorschlge einging. Um allen ferneren Intriguen zu entgehen, wollten sie noch vor dem Winter heirathen und die Annahme eines eigenen Hotels gar nicht abwarten. Gnther hatte sich eine kleine neue Wohnung gerade gegenber schon angesehen, die sollte mit Mahagoni-Meubeln und allen mglichen Luxussachen ausgestattet werden, und Klrchen sollte da allein ihre Wirthschaft haben. Vierhundert Thaler sollte sie jhrlich bekommen, auer den Sachen, die hin und wieder aus der Gastwirthschaft abfielen. Als Klrchen erwhnte, da die Tante ihr, im Falle sie sich mit deren Genehmigung verheirathe, eine Ausstattung versprochen, brausete Gnther von Neuem auf. Wir brauchen Deiner Tante Ausstattung nicht, ich werde ihr schreiben: ich bedankte mich sowohl fr ihre Verleumdungen, als fr ihre Hochzeitsgeschenke, ich knnte ganz und gar ohne sie bestehen, ich wrde sie nie wieder belstigen, wrde aber auch meiner Frau nicht erlauben ein Haus zu betreten, das so hinterlistig meine Ehre angegriffen. -- Klrchen machte einige Einwendungen dagegen. Wenn sie die Tante auch immer mehr gefrchtet, als geliebt hatte, auf diese Weise wollte sie sie doch nicht beleidigen, weil die Tante es immer gut mit ihr gemeint. Gnther versprach den Brief nicht ganz so arg zu machen, aber, setzte er hinzu, wenn wir sie bei dieser Gelegenheit nicht los werden, wird sie uns das ganze Leben plagen. In dem Sinn sprach er noch Mancherlei. Klrchen lie sich bereden, und die Sache schien abgemacht. Am anderen Abend aber kam Frau Krauter mit sehr bedenklichem Gesichte. Tante Rieke hatte sie zu sich kommen lassen, ihr das Vorgefallene erzhlt und ihr den Brief mitgegeben, den Gnther heut Morgen an die Tante geschickt. Klrchen ward hei und kalt beim Lesen dieses Briefes; der war wenigstens so grob, als Gnther gestern Abend sich vorgenommen hatte zu schreiben. Frau Krauter trug den Mantel auf beiden Schultern; bei Tante Rieke hatte sie geklagt ber das Unglck und ber den Leichtsinn der Welt; hier redete sie anders, weil ihr im Grunde diese Verheirathung der Tochter sehr erwnscht kam. Schon jetzt kam mancher Bissen aus dem Hotel zu ihr hin, schon jetzt hatte sie zeitweise ein herrliches Leben gefhrt, sie erwartete nun den Himmel von Klrchens eigenem Hotel. Als sie die Tochter bse auf den Brutigam sah, redete sie gtlich zu. Jeder Mann hat seine schwache Seite, und die Tante wird nicht ohne Schuld sein. Wenn Du auch einen Andern genommen httest, sie wre doch nicht zufrieden gewesen; denn ihr Geschmack ist nicht Dein Geschmack, und Du mut es mit Deinem Manne halten. Klrchen seufzte, und mute der Mutter doch theilweise Recht geben. Entweder! oder! hie es jetzt, und da sie den Brutigam nicht fallen lassen wollte, mute sie von der Tante lassen. Die Mutter mute ihr aber versprechen, zur Tante zu gehen und ihr zu sagen, wie unglcklich sie ber ihres Brutigams Brief gewesen; aber da sie ihn zu sehr liebe und auch das Beste von der Zukunft hoffe, msse sie sich in seinen Willen fgen und den Umgang mit der Tante fr jetzt abbrechen, -- doch nicht fr lange, denn er werde gewi bald seinen Fehler einsehen und die Tante um Verzeihung bitten. * * * * * Es war der 25.September. Klrchen stand vor dem Spiegel und legte die rosa Schrze um den weien Mullrock, setzte ein rosa Hubchen auf und war nun bereit, die Gste zum Chokoladenfrhstck zu empfangen. Gestern hatte sie Hochzeit gehabt, war stolz im weien Atlaskleide zur Kirche gefahren und war als schnste Braut bewundert. Herr Reinhard hatte darauf seinem Oberkellner ein Diner gegeben, und die Nachfeier dieses Diners war eine Abendgesellschaft in der Wohnung der Neuvermhlten. Ein Privatsekretair mit seiner Frau, ein Detailhndler mit seiner Frau, ein Rendant, Gustchen Vogler, einige Handlungsdiener und Mutter Krauter waren die Mitglieder der Gesellschaft. Klrchen mute sich gestehen, da diese Leute nicht zu ihren eleganten Zimmern paten, aber auch Gnther war in dieser Gesellschaft ein Anderer, als gegen die vornehmen Leute im Hotel. Er lachte anders, er sprach anders und lie sich in seinem ganzen Wesen auf eine unangenehme Weise gehen. Freilich hatte er den Tag ungewhnlich viel getrunken, und das ist bei so seltenen festlichen Gelegenheiten nicht zu umgehen, trstete sie sich. Dieselbe Gesellschaft sollte heut Morgen ein Chokoladenfrhstck nehmen. Klrchen hatte Alles auf's Schnste vorbereitet, die feinen Tassen standen bereit, auf gemalten Tellern war Kuchen und Torte servirt, und sie selbst ruhte jetzt wie eine vornehme Dame im Sopha und erwartete ihre Gste. Die Mutter war die erste, die kam; sie sah schmunzelnd auf Kuchen und Chokolade, setzte sich wohlgefllig in die andere Sophaecke und sagte: Htt' ich doch im Leben nicht geglaubt, da es Dir noch so glcken wrde, Du kleiner Brausekopf. Immer wenn ich dachte, es war so weit, dann ging Dein heies Blut wieder durch. Gott sei Dank, da wir nun eingelaufen sind in den Hafen! Klrchen lchelte. So hatte sie doch wenigstens die Mutter, die ihrem Schicksal Weihrauch streute, da selbst das eigne Herz sich nicht recht dazu bequemen wollte. Gnther trat etwas bleicher als gewhnlich, aber guter Laune ein. Die Gste folgten bald, es ward Chokolade getrunken, Frau Krauter lie es sich von Allen am besten schmecken; dagegen verschmhte der Schwiegersohn ganz und gar dies se Getrnk. Mir ist heut mehr wie Weintrinken, sagte er scherzend, verlie das Zimmer und kam bald mit einem Arm voll Flaschen wieder. Die Herren schmunzelten, die Frauen neckten auf nicht sehr feine Weise, und Klrchen sah ngstlich auf ihren Mann. Jedenfalls war er schon im angeregten Zustande herber gekommen, denn sie sah, da beim Einschenken der Chokolade ihm die Hnde zitterten. Sie htte gern Einspruch gethan gegen das neue Trinkgelage, aber erstens scheute sie sich, als Wirthin etwas zu sagen, und dann wute sie, da Gnther in solchen Dingen sich nichts sagen lie. Die Herrengesellschaft ward immer lauter, die Frauen sahen sich bedenklich an. Klrchen klagte, da ihr Mann schon seit einigen Tagen unwohl sei und da ihm der Wein sehr schlecht bekommen wrde. Er ward auch immer bleicher, seine Hnde zitterten auffallend, seine Zunge lallte. Doch war er nicht der Schlimmste. In der Ecke des Mahagonisopha's schlummerte der Rendant, und einer von den jungen Kaufmannsdienern hatte sich schon entfernt. Die Frauen drangen jetzt auf die Auflsung der Gesellschaft. Das war mit den angetrunkenen Mnnern nicht leicht zu bewerkstelligen, aber es gelang ihnen endlich, und Klrchen war mit dem Mann und der Mutter allein. Gnther hatte sich nicht besinnungslos getrunken, weil er viel vertragen konnte; er wute, da ihm Schlafen jetzt das Beste sei und legte sich zu Bett. Die Mutter ging nach Haus, weil sie nicht Lust hatte, Tassen und Glser zu waschen und aufzurumen, und Klrchen sa nun in der eleganten Stube allein. Sie hatte aber auch nicht Lust zum Aufrumen, sie mute sich erst besinnen von der vielen Unruhe, setzte sich auf den Sitz im Fenster und schaute hinaus auf die Strae. Der blaue Himmel und helle Sonnenschein lockte Spatziergnger in das Freie, auch vor dem Hotel war es sehr lebendig, Wagen fuhren, Wagen kamen, und es war ganz unterhaltend, das anzusehen. Ja unterhaltend, aber nicht fr Klrchen. Ihr Herz war schwer, ohne da sie recht wute, was sie wollte. Sie war nun am Ziel ihrer Wnsche, sie konnte herrlich leben und die vornehme Dame spielen. Die Mahagoni-Meubel, der Sopha-Teppich, die gewirkte Tischdecke, die Blumenvasen, die goldgerahmten Bilder, sie htte sich nie eine schnere Wohnung trumen knnen, -- und doch war sie nicht befriedigt und das war ihr so unertrglich, sie htte weinen knnen. In dieser Unlust an der ganzen Welt griff sie zu einem Roman, der auf dem Arbeitstisch lag und aus ihrer Stube im Hotel mit herber gewandert war, und suchte sich wenigstens zu zerstreuen. Als Gnther nach einigen Stunden wieder zum Vorschein kam, murrete er etwas, noch Alles so in Unordnung zu finden. In seinem Kellner-Eifer rumte er selbst gleich Flaschen und Glser bei Seite. Klrchen versicherte, im hchsten Grade angegriffen zu sein, und sein bses Gewissen hie ihn schweigen, aber der eheliche Himmel hing nicht ganz voller Geigen. * * * * * Fritz Buchstein ging im Garten auf und ab. Die Sonne warf ihre letzten Strahlen nur noch an das blaue Schieferdach des Kirchthurmes, aber herrliches Abendroth, wie es den Herbstabenden eigen, flammete ber der Scheuer hinauf. Zwischen gelbem Laub und verkommenen Zweigen blhten noch allerhand liebliche Blumen, die Pflaumen hingen blau an den Bumen, Aepfel- und Birnenbume senkten die schweren Zweige und sahen der Ernte entgegen, auf dem Nachbarshofe ward ein Fuder Kartoffeln in den Keller geladen, und Kinder hockten im Garten um ein Hufchen Kartoffelstroh, dessen blauer Rauch ber die Nachbarsgrten hinzog. Fritz schaute das Alles mit den Augen seiner Seele an, und Freude und Friede durchzitterten sein Herz. Hier war seine traute Heimath und hier sollt' es ihm vergnnt sein, seinen Heerd zu bauen und dem Herrn zu Ehr' und Liebe Brger und Hausvater sein. Gestern hatte er Klrchen trauen sehen. Klrchen im weien Kleide, grnen Kranze, mit den schnen, blauen, kindlichen Augen hatte sein Herz noch einmal in Erinnerung und Theilnahme bewegt. Der schwarze, bleiche Mann neben ihr schien ihm der Bse zu sein, dem sie sich bergab, und sein Herz konnte es nicht lassen, wiederum zu bitten: Herr, verlasse sie dennoch nicht, fhre sie, halte sie; Weg hast du aller Wege, an Mitteln fehlt's Dir nicht. Auf dem Heimwege war er mit Frau Bendler und Gretchen zusammen getroffen, und als er Gretchen sah, war Glck und Friede in seine Brust gezogen. Gretchen hatte ihn angeschaut mit den treuherzigen Augen und der vielen Liebe darin, und auch seine Augen sprachen seine Gedanken aus. Ehen werden im Himmel geschlossen. Gretchen, das fhlte er, war ihm vom Himmel bestimmt, mit ihr wollte er wallen den Weg hinan, seine Liebe sollte sie fhren, trsten, ihr dienen auf dem beschwerlichen Weg, und ihr treues, starkes Herz sollte ihn tragen mit allen seinen Fehlern. Ja, ihr wollte er auch die Schmerzen seiner Jugend sagen, jetzt wo er sie berwunden, wo Liebe und Freudigkeit zu Gretchen sein Herz beseelte. In Sehnsucht schaute er hinber in den Nachbarsgarten, da trat Gretchen singend drben aus der Thr. Sie grte hinber und schttelte dann an einem Pflaumenbaum, da die blauen Frchte ber sie herfielen. Fritz schwang sich ber das Stacket. Soll ich Dir helfen? fragte er. Gretchen nickte, und er suchte die Pflaumen mit in ihre Schrze. Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren, nahm Fritz Gretchens Hand, sah ihr bewegt in die Augen und sagte: Gretchen, Du weit schon lngst die Gedanken meines Herzens. -- Gretchen nickte. Ich liebe Dich von ganzem Herzen, fuhr er fort, und der Herr wird mir Kraft geben, Dich so glcklich zu machen, wie Du es verdienst und wie ich es so gern mchte. Gretchen neigte den Kopf und dachte: ich bin ja nicht werth solches Glckes. Jetzt wollen wir zur Tante gehen, sprach er weiter, legte Gretchens Arm in den seinen, nahm ihre Hand mit beiden Hnden; so gingen sie durch den Garten. Da ffnete sich oben ein Fensterlein, der Staarmatz hupfte auf das Brett und schnarrte: Jungfer Braut! -- Ja, Du alter Benjamin steckst Deine Nase immer zuerst in alle Dinge. Diesmal zankte sich Gretchen nicht mit dem Matz; sie lchelte hinauf und Beide blieben stehen, denn die weie Mtze mit dem frhlichen Angesicht schaute auch zum Fenster hinaus. Der Herr segne Euch! rief er herunter, dann neigte er den Kopf hin und her vor dem Dompfaffen, und der begann sogleich: Lobe den Herrn, o meine Seele -- ja da konnten es Fritz und Gretchen nicht lassen, mit heller Stimme stimmten sie ein und Benjamin ebenfalls: Ich will ihn loben bis in Tod! Weil ich noch Stunden auf Erden zhle, Will ich lobsingen meinem Gott; Der Leib und Seel' gegeben hat, Werde gepriesen frh und spat. Halleluja, Halleluja. Selig, ja selig ist der zu nennen, De Hlfe der Gott Jacob ist, Der sich vom Glauben lt gar nichts trennen Und hofft getrost auf Jesum Christ. Wer diesen Herrn zum Beistand hat, Am besten findet Rath und That. Halleluja, Halleluja. Die Tante kam gerade zur rechten Zeit heraus, um die letzten Strophen mit zu singen, dann aber mute ihr weiches Herz erst einige Freudenthrnen weinen. Und als nun Vater Buchstein drben in seiner Hausthr erschien, ward beschlossen, augenblicklich einige Latten vom Stacket zu nehmen und eine Oeffnung zur Thr zwischen beiden Grten zu machen. Benjamin kam flugs herunter und brachte dem Fritz das Handwerkszeug entgegen, und mit frhlichen Worten und Mienen half die ganze Gesellschaft bei der Arbeit. Whrend der alte Buchstein am Krckstock langsam herangeschlichen kam, um den sonderbaren Lrm zu untersuchen, war die Oeffnung schon fertig, und Fritz fhrte Braut und Schwiegermutter dem Vater entgegen. * * * * * Klrchen verlebte ihre Flitterwochen in ungetrbtem Vergngen. Gnther suchte ihr den ersten Tag vergessen zu machen. Er fhrte sie in Kaffeegrten, in Conzerte, in das Theater. Im Hause hatte sie fast gar nichts zu thun, nur Kaffee und Thee mute sie kochen, und dies, so wie die brige wenige Hausarbeit, that die Mutter gern, weil sie dafr mittrinken und mitessen konnte. Das Mittagsessen bekam Klrchen aus dem Hotel mit Erlaubni des Herrn Reinhard, dem es auf eine Person mehr oder weniger nicht ankam, und Gnther schien dafr nur um so dienstfertiger und seinem Herrn um so mehr zugethan. Klrchen htte jetzt schne Zeit zum Flicken und Nhen gehabt, aber es fehlte ihr an Lust dazu. An ihren alten Sachen, meinte sie, wre nichts mehr zu flicken, und die wenigen neuen, die sie zum kleinen Haushalt angeschafft, waren neu in einem Laden gekauft. Spter, sagte Gnther, wrde er doch das ganze Inventar eines Hotels annehmen, jetzt knnten sie sich behelfen. Da er gegen Weihnachten hin fter als gewhnlich nicht nach Hause kam, wunderte sie nicht, da jetzt mehr Besuch als gewhnlich drben, und Gnther sehr beschftigt war. Auch da er zuweilen sehr hohlugig aussah und ihm die Hnde leise zitterten, schob Klrchen auf die groen Anstrengungen. Ueberdem hatte ihr Mann sich so sehr in seiner Gewalt, da, so wie er sich beobachtet glaubte, eine Lebendigkeit und Festigkeit in sein ganzes Wesen fuhr, die Klrchen wieder beruhigte. Eines Abends kam sie gegen zehn Uhr von der Mutter zurck, die seit einigen Tagen krank war. Im Vorbeigehen wollte sie sich etwas Geld vom Manne holen, den sie schwerlich heut zu Hause erwarten konnte. Im Hotel war es noch ziemlich lebendig, auf dem Flur traf sie den kleinen Laufburschen, der im Sommer ihrem Manne den Thee besorgen mute, und der auch jedenfalls damals das Zwiegesprch mit einem Kameraden gehalten. Wo ist mein Mann? fragte Klrchen. In seiner Stube, ich mu ihm wieder Thee kochen, sagte der Junge spttisch. Erschrocken lief Klrchen dahin und fand ihren Mann in einem Zustande, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Er sa vor dem Tisch, schlug mit beiden Fusten darauf und lallte: Zehn tausend Thaler, -- fnf tausend Thaler, -- das soll gehen, -- das mu gehen. -- Klrchen schlo schnell die Thr hinter sich. Um Gottes Willen, Gnther! rief sie: Du bist betrunken! Betrunken? wiederholte Gnther erschrocken und wollte sich in gewohnter Weise zusammennehmen, aber es ging nicht, er fiel zusammen und lallte wieder unverstndliche Worte. Jetzt klopfte es an der Thr. Klrchen fragte, wer da sei. Ich bringe den Thee, rief der Laufbursche, und Herr Reinhard will den Herrn Eduard sprechen. Klrchen verlie die Stube, nahm dem Burschen den Thee ab und wechselte mit Herrn Reinhard einige Worte. Der schien die Fabel von dem Unwohlsein zu glauben und entfernte sich. Klrchen aber warf ihrem Mann einen Paletot um, setzte ihm den Hut auf und fhrte ihn, nachdem sie gelauscht, ob Niemand auf der Treppe und auf dem Flur sei, zum Hause hinaus. In ihrer Wohnung aber brachen ihre Angst und ihr Zorn in heftige Worte aus. Er glotzte sie mit starren Augen an und sagte kein Wort. Sie ward immer heftiger und verlangte, er solle sich zu Bett legen. Sie fate ihn an, um ihn dahin zu fhren, da machte er sich mit einem mal los, gab ihr einen tchtigen Sto und sagte grimmig: Sei ruhig und mach nicht solchen Lrm! Wer heit Dich raisonniren? Hier, zieh meine Stiefeln aus! -- Klrchen stand erschrocken, aber unmglich htte sie sich zu solchem erniedrigenden Dienst hergeben knnen. -- Willst Du bald! rief er noch grimmiger, oder soll ich Dich gehorchen lehren? Dabei trat er dicht vor sie, starrte sie an und schttelte mit seiner schweren Hand ihr Kinn gar unsanft. Klrchen schrie laut auf. -- Allons! sagte er, warf sich auf einen Stuhl nieder und streckte ihr die Fe entgegen. Klrchen sah, da mit dem betrunkenen Menschen nicht zu spaen sei, da sie Mihandlungen erwarten knne, und entschlo sich zu der Arbeit, aber mit lautem Weinen. Er gab ihr noch einen Tritt mit dem Fu, und schlug dann wieder mit beiden Fusten auf den Tisch. Zehntausend Thaler! lallte seine Zunge, -- zehntausend Thaler -- und dann links um kehrt! -- Klrchen hatte sich in eine dunkle Ecke gesetzt; er hielt noch ein langes Selbstgesprch, aber seine Worte wurden immer unverstndlicher, bis er sein Haupt senkte und laut schnarchte. Klrchen legte sich mit den Kleidern auf das Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken, sie frchtete sich vor ihrem Mann, es war ihr grausig mit ihm allein zu sein, in ihrer Hlfslosigkeit waren Thrnen ihr einziger Trost. Sie weinte und weinte, bis sie vor Ermdung einschlief. Gegen Morgen wachte sie auf. Als sie die Thr nach der Wohnstube ffnete, regte es sich auch, ihr Mann tappte in der dunkeln, eiskalten Stube umher. Sie machte Licht; Gnther sah sie scheu an, zugleich aber flogen seine Glieder vor Schwche und Frost, er sah wirklich jmmerlich aus, und Klrchen htte fast Mitleiden mit ihm gehabt; aber Zorn und Kummer berwogen jedes andere Gefhl. Auch war sie selbst von der entsetzlichen Nacht matt und elend. Gewi wird er sich entschuldigen und wieder se Worte machen, dachte Klrchen; aber das vergebe und vergesse ich nicht; ich werde es ihm sagen, wenn noch einmal Aehnliches passirt, gehe ich von ihm. Als sie schweigend nach dem Ofen ging, um Feuer zu machen, begann er zu reden. Warum hast Du mich gestern hier in der Stube sitzen lassen? Klrchen sah ihn verwundert an. Weit Du, was gestern Abend passirt ist? fragte sie mit zitternder Stimme. Freilich wei ich das, und es ist schlecht genug von einer Frau, wenn der Mann krank und aufgeregt nach Hause kommt, ihn wie eine Xantippe zu behandeln. Du hast gelrmt und getobt, anstatt mich sanft zu beruhigen, wie es einer ordentlichen Frau zukommt. Weit Du denn, da ich Dich herber geholt habe? fragte Klrchen mit von Thrnen erstickter Stimme, da Herr Reinhard Dich sprechen wollte, da die Kellner Dich hhnten wegen Deiner Betrunkenheit, und da ich Dich nur heimlich fortgebracht habe? Das wei ich Alles! entgegnete Gnther kalt. Das war sehr weise von Dir, Du httest nur hier so fortfahren sollen. Klrchen konnte nicht weiter reden, der Kummer schnrte ihr die Kehle zu. Er bereute also nicht einmal seine Unthaten, er klagte _sie_ an. Das war das erste Mal, da er im nchternen Zustande unfreundlich war; jetzt mute sie jede Hoffnung, ihn je anders zu sehen, aufgeben. Er legte sich zu Bett, sie mute ihn bedienen, sie mute die abgesandten Boten des Hotels abfertigen, und als spter die Mutter kam, dieser ihre Stimmung verbergen. Sie htte sich geschmt, ihr Unglck merken zu lassen; trotz ihrer Klugheit, trotz ihres Hochmuthes war sie jetzt eben so weit als die Mutter. Nachdem das Ehepaar acht Tage nicht mit einander gesprochen, Gnther sich fast gar nicht oder nur mrrisch gezeigt hatte, und Klrchens Augen fast nicht trocken geworden waren, schien er endlich wieder besserer Laune zu werden. Er brachte mehr Geld, denn auch das hatte sie in den letzten acht Tagen fast gar nicht gehabt. Er fing an zu schmeicheln, ja, sein Unrecht einzusehen, und Klrchen hielt es fr das Beste, nicht zu unvershnlich zu sein. So war uerlich das Verhltni wieder hergestellt, aber der Stachel sa in Klrchens Herzen, unmglich konnte sie sich ber ihr Schicksal noch leichtfertige Phantasien machen, die Wirklichkeit war zu sprechend. Weihnachten kam, und Gnther schien es darauf abgesehen zu haben, Klrchens leicht bewegliches Herz wieder ganz zu gewinnen. Der Weihnachtstisch prangte von schnen Sachen. Ein seidener Mantel, ein Sammethut, wie ihn nur die vornehmste Dame wnschen konnte, lagen darauf, und auer andern Kleinigkeiten auch ein Zwanzig-Thaler-Schein, um Kinderwsche zu kaufen. Klrchen war guter Hoffnung. Auch Frau Krauter hatte Gnther mit manchen hbschen Sachen bedacht, -- so gab es nur frhliche Gesichter. Am Weihnachtsmorgen mute Klrchen in die Kirche gehen, um ihren Staat zu zeigen. Dieser Triumph sollte nach den vielen trben Tagen eine Erquickung sein. Aber hauptschlich lag ihr daran, sich der Tante und Gretchen zu zeigen. Die hatten gegen die Mutter so manche bedenkliche Worte, auch wegen ihrer ueren Lage, fallen lassen; darber sollten sie beruhigt werden. Sie mute freilich zu dem Pietisten in die Stephani-Kirche gehen, aber das war ihr gleich; des Wortes Gottes wegen ging sie doch nicht hin. Ja, in der letzten Zeit hatte sie sich noch mehr als je gescheut, an den Herrn zu denken; es berfiel sie zuweilen eine Ahnung, als ob die Worte der Tante Wahrheit werden und der Himmel ihren Leichtsinn strafen knnte. Heute war sie aber zu vergngt, um so ernste Gedanken haben zu knnen. Sie hatte eigentlich die Absicht gehabt, sich so in der Kirche zu setzen, da sie von allen Seiten gesehen ward, aber im Hineintreten gewann ihr besseres Gefhl die Oberhand, sie schmte sich und setzte sich in eine entfernte Ecke. Als nun die Orgel in vollen Tnen die Kirche erfllte, als viele hundert Stimmen sich damit vereinten, und Vom Himmel hoch da komm' ich her laut daher schallte, da ward es ihr wunderbar zu Muthe. Sie verga Mantel und Hut, und konnte es nicht lassen, die Worte aufmerksam mit zu lesen und zu singen: Es ist der Herre Christ unser Gott, Der will euch fhr'n aus aller Noth, Er will eu'r Heiland selber sein, Von allen Snden machen rein. Er bringt euch alle Seligkeit, Die Gott der Vater hat bereit't, Da ihr mit uns im Himmelreich Sollt mit uns leben ewiglich. Einen Fhrer aus aller Noth! ob du den auch noch nthig haben wirst? dachte Klrchen. -- O wie glcklich war ich unverheirathet! ein Tag immer heller und lustiger als der andere, die Welt so lachend, -- warum bin ich nur in mein Unglck gelaufen? wer wei, wie es mir noch gehen wird? und ich habe keinen Helfer aus der Noth. Der Heiland, den Tante Rieke und Gretchen haben, ist nicht dein Heiland, du kennst ihn nicht und magst ihn auch nicht kennen, setzte sie muthlos hinzu. Die Stimme des Predigers zog sie wieder von ihren Gedanken ab. Dies ist der Tag, den der Herr machet, lasset uns freuen und frhlich darinnen sein, so begann er die Rede. Das Evangelium folgte, dann redete er so warm und eindringlich vom Christkindlein, warum es herab gekommen von seinem hohen Himmel, was es uns gebracht, was es wieder von uns verlange, da Klrchen unwiderstehlich seinen Worten folgen mute. -- Wie gro und unaussprechlich ist die Gnade fr uns arme Snder, die wir so elend und so blo, die wir im Dunkel des Todes sitzen und bangen vor dem ewigen Gericht, -- unser Gewissen sagt es uns, da das Gesetz den Stab ber uns gebrochen, da wir dem Zorne der Verdammung zugehren. Da erscheint ein Licht in der Finsterni, ein Trost in der Angst, der liebe Heiland kommt, verkndigt uns Freiheit von allen Snden, Erlsung von Tod und Hlle, giebt uns die Hoffnung der ewigen Seligkeit. O wie ist doch die Liebe so gro, o wie mssen wir ihr entgegen jauchzen! O du liebliches Kind in der Krippe, du kmmst in unsere armselige Welt, nimmst auf Dich alle unsere Schmerzen, stirbst fr uns den bittern Tod, den Tod am Kreuze. Du kommst, Du suchst mich, Du kannst es nicht lassen, mich armen elenden Snder an Dein Herz zu nehmen. O so nimm mich denn hin, umfasse mich, halte mich, ich will Dein sein auf ewig!-- Klrchen war ergriffen, so etwas hatte sie noch nie gehrt. Oder hatte sie nicht hren wollen? war ihr Herz hart gewesen, und hatte der Herr es jetzt weich gemacht? Ja, der Herr kann Gnade geben, wie es ihm beliebt, und aus Gnaden sollen wir selig werden. -- Doch bestrmten heut auch heie Frbitten seinen Thron. Fritz Buchstein hatte oben vom Chor Klrchen erkannt, und hatte Segen fr sie, fr diesen Gang vom Himmel herab gefleht. Gretchen und ihre Mutter saen auch nicht fern und mit brnstigem Gebet flehten sie des Herrn Geist auf das verlassene Klrchen. Als diese zur Kirche hinaus ging, kam sie mit der Tante zusammen. Sie schmte sich fast ihres Weihnachtsstaates, und mit einem sanften und demthigen Ausdruck, wie ihn Niemand an ihr gewohnt war, bot sie den Verwandten einen guten Morgen und ein frhliches Fest. Die Tante und Gretchen reichten ihr Beide freundlich die Hand. Klrchen ging im Gesprche, aber sehr verlegen, neben ihnen her, bis vor Bendlers Haus. Beim Abschied sagte sie: Ich habe Euch lngst besuchen wollen, und wenn Ihr es erlaubt, komme ich bald. -- Bei den letzten Worten traten ihr die Thrnen in die Augen und sie eilte hinweg. * * * * * Am Sylvester-Abend lie man bei Frau Bendler wieder Schiffchen schwimmen, Gretchen aber war ohne Angst, da sich ihr Schiffchen mit Fritzens vereinigen mchte; sie war frhlich und guter Dinge, es ward erzhlt und gescherzt und auch ernsthaft gesprochen und gelesen und gesungen und gebetet, bis der Wchter das neue Jahr verkndete. Bei Gnthers sah es anders aus. Seit Weihnachten schon war er in ganz besonders frhlicher Aufregung, und am Sylvestermorgen sagte er zu Klrchen: Heut mu es hoch bei uns hergehen, es wird der letzte Sylvester sein, den wir hier verleben, wer wei, wo wir im knftigen Jahre sind! Wohl in weitluftigeren Rumen, und Du hast Kuchen und Zucker nicht selbst zu holen. Aber heut hole ihn nur! -- Dabei legte er einen Fnfthalerschein auf den Tisch. -- Hole nur Alles, was zu einem feinen kalten Abendbrod nthig ist, und dann sei eine vernnftige Frau. Ich sehe nicht ein, -- wenn ich mich alle Tage vom Morgen bis Abend qulen mu, will ich auch mein Vergngen haben. -- Ist denn das was so Schlimmes, wenn es mal ein Paar Stunden drunter und drber geht? Sieh die Frau Rendantin an, die lacht, wenn ihr Mann ein Bichen angetrunken ist, lt ihn den Rausch ausschlafen und dann geht das Leben wieder seinen gewhnlichen Gang. Man ist darum kein Trinker, aber bei besonderen Gelegenheiten sich an einem Glschen Wein erfreuen, ist wohl erlaubt. Klrchen sah ein, wenn sie allen Zank und Streit vermeiden wollte, mte sie sich in diese Theorien fgen, und wollte es einmal in Gte versuchen. Auch hatte die Mutter das Gesprch mit angehrt, und war ganz auf des Schwiegersohnes Seite. Klrchen hat zu viel Romane gelesen, sagte sie weise, sie hat sich vom Leben sonderbare Bilder gemacht, denkt alle Menschen sollen Engel sein, und sie ist doch selbst kein Engel. -- Gnther stimmte lachend ein, und es war sehr gute Stimmung im Haus. Die Gste kamen; erst ging es scheinbar sehr fein und anstndig her, doch Frauen und Mnner wurden gemthlicher, dann lebhafter und lebhafter und das neue Jahr ward mit tollem Lrmen begrt. Nur Klrchen war schweigsam, so viel sie auch von den Andern geneckt und gereizt ward. Sie gab Unwohlsein vor, was in ihrem Zustande sehr glaublich schien. Im Grunde aber ekelte sie dies rohe Wesen an, ihre Natur war zu edel, um sich in solcher Gemeinheit wohl zu fhlen. Ihr leichtfertiger Sinn hatte wohl nach Lust und Vergngen, nach vornehmen und hohen Dingen gestrebt, hatte sich auch schlechter Mittel dazu bedient; aber die Gesellschaft, in der sie sich jetzt befand, diese Art und Weise zu leben, konnte ihr durch kein Schlaraffenleben angenehm gemacht werden. Auch war sie in der letzten Woche sehr nachdenklich gewesen. Der Kirchgang am Weihnachtsmorgen, die Gefhle, die er angeregt, hatten seine Weihe ausgegossen auch noch ber die nchsten Tage; eine Unruhe hatte sie erfat, da sie selbst nicht wute, wie ihr war; aber das fhlte sie, in Essen und Trinken, in schnen Kleidern fand sie die Befriedigung dieser Unruhe nicht. Als der Rendant sein Maa getrunken hatte, und die anderen Mnner auf dem Hhepunkte der Ausgelassenheit waren, da verfgte die Frau Rendantin die Auflsung des Gelages und Niemand hatte etwas dagegen. Gnther legte sich ohne Weiteres zu Bette, schlief seinen Rausch aus, und als er am anderen Morgen bleich und mit zitternden Hnden kaum die Kaffeetasse halten konnte, demonstrirte er seiner Frau, wie unschuldig ein solches Vergngen sei, und wie es nur auf die Frauen ankme, da die Mnner vernnftig blieben, und so mehr. Klrchen schwieg, die Erinnerung an den gestrigen Abend und der zitternde Mann vor ihr waren ihr schrecklich, und immer und immer wieder mute sie an den verlebten Sylvesterabend bei Tante Rieke denken, an Fritz Buchstein -- welch ein Mann er war gegen die Mnner, die jetzt in ihre Nhe kamen, wie getrost und ruhig Gretchen sein konnte, das hausbackene Gretchen, und wie sie selbst trotz des seidenen Mantels und des Sammethutes in Angst und Schrecken lebte. Da die Zukunft ihr nichts Besseres bringen knne, war sie sicher. Ja, ihr bangte vor dieser Zukunft, und das bitterste Gefhl dabei war, da sie ihr Schicksal selbst verschuldet. Wie sie jetzt noch sich retten knne, wute sie nicht; an den Helfer und Retter dort oben sich zu wenden, fehlte ihr Glauben und Muth; ihr Leben war nun einmal so, sie mute sehen, wie es abliefe. Der Januar ging Klrchen mit Nhen von Kindersachen sehr schnell dahin, sie lernte da einen Genu kennen, der ihr ganz neu war, den Genu des Stilllebens und des Fleies. Ihre Gedanken waren bei dem Kindchen, das einst in diesen Kleidern stecken sollte, und se Freude durchstrmte ihr Herz. Diese Freude des Stilllebens aber sollte ihr nicht lange bleiben. Gnther, der in der freudigen Aufregung, in der er sich seit Wochen befand, fter als je eine Flasche guten Weines trank, that das in seiner eigenen Wohnung, um ungestrt und sicher seinen Rausch auskuriren zu knnen. Oft ging das ganz still ab, oft aber tobte er und lrmte und Klrchen hatte Mhe und Noth, ihn zur Ruhe zu bringen. So war es Anfang Februars geworden. Seit acht Tagen war Klrchen unwohl und die Mutter Tag und Nacht bei ihr, um die Hausarbeit zu verrichten, daneben aber auch um den oft angetrunkenen Schwiegersohn zu bedienen. Sie verstand das besser als die Tochter, sie hatte Erfahrung darin von ihrem verstorbenen Manne her, und ihr Gefhl war abgestumpft. Er dagegen war erkenntlich auf jede Weise gegen sie, und darum redete sie immer gegen die Tochter das Wort fr ihn, entschuldigte ihn und beschnigte sein Laster, wo sie nur konnte. Zur Fastnacht bestimmte Gnther, trotzdem Klrchen erst wieder einige Tage aus dem Bett war, eine Gesellschaft, und zwar wollte er fr diesmal nur die Herren haben. Klrchen war es zufrieden, sie konnte mit der Mutter in der Schlafstube bleiben, und der Anblick von den betrunkenen Mnnern wurde ihr erspart. Da es wild hergehen wrde, war vorauszusehen. Und es ging wild her, wilder als da die Frauen dabei gewesen. Klrchen ward angst und bange, wenn sie das Toben und Brausen im Nebenzimmer hrte, und die Mutter hatte genug zu beruhigen. Aber selbst diese machte bald ein bedenkliches Gesicht, denn Teller und Glser klirrten durch einander, und das Geschrei war nicht mehr das des Uebermuthes, sondern das des Zornes. Beide Frauen strzten heraus, zwei Mnner gingen eben zur Thr hinaus, der Rendant lag an der Erde, und Gnther schlug mit beiden Fusten auf ihn los. Klrchen versuchte es seine Arme fest zu halten, denn schon flo Blut ber des Rendanten Stirn, die Mutter war dem Blutenden behlflich sich aufzurichten, und mit Hlfe beider Frauen kam er zur Thr hinaus. Jetzt aber richtete sich die Wuth des Betrunkenen auf Frau und Schwiegermutter; blindlings schlug er zu, und beide konnten sich nicht schnell genug in die Schlafstube flchten. Dem Riegel waren seine Krfte nicht gewachsen und er begngte sich jetzt, seine Tobsucht an Gegenstnden in der Stube auszulassen. Klrchen sa weinend und mit blutender Nase, -- dahin gerade war ein Faustschlag gefallen. Die Mutter hielt ihr schweigend das Waschbecken vor. Diese Mihandlungen wute sie freilich nicht zu entschuldigen. Ja sie mute es jetzt geduldig hren, wie Klrchen sie mit Vorwrfen berschttete, das Laster ihres Mannes so beschnigt zu haben. Klrchen machte in ihrer Heftigkeit viele Plne. Jedenfalls wollte sie von dem Manne, vor dessen Mihandlungen sie keine Minute sicher sei. Sie wollte wieder Schneiderin werden, wollte lieber Salz und Brod essen, und so weiter. Sie lie sich endlich von der Mutter bereden, sich zur Ruhe zu legen, und da Gnther nebenan laut schnarchte, konnten sie fr jetzt ruhig sein. Am andern Morgen selbst konnte Klrchen den Mann nicht sehen, die Mutter aber wollte neutral bleiben und wenigstens fr eine warme Stube und fr Kaffee sorgen. Gnther sah sie mit bsem Gewissen an; er hatte wohl eine Ahnung von dem, was er gestern gethan, aber Worte der Vershnung wollte er nicht sprechen. Er fand es viel bequemer, die Schuld auf beide Frauen zu schieben. Knftig sollten sie ihre Nase nicht in Sachen stecken, die sie nichts angingen, der Rendant htte ihn schndlich beleidigt und seine Prgel verdient. So ungefhr sprach er. Die Mutter konnte es doch nicht lassen, ihn an Klrchens Zustand zu erinnern, und auerdem, da sie solche Behandlung nicht gewohnt sei. Gnther aber lie sich auf nichts ein, er war grob und wegwerfend und wollte sein Betragen als ganz gerecht hinstellen. Klrchen hrte durch die offene Thre jedes Wort, und ihr Herz wollte brechen. Mit _dem_ Mann konnte sie nicht zusammen bleiben. Aber wie von ihm los kommen? Sie hatte ja Niemand in der Welt, der ihr rathen und helfen konnte. An Tante Rieke dachte sie; aber hatte die sie nicht gewarnt und ihr Unglck vorhergesagt? Zu der wagte sie sich nicht. Aus Furcht auch hatte sie den am Weihnachtsmorgen versprochenen Besuch von Woche zu Woche aufgeschoben, und, da sie die Entschuldigung gehabt, da ihr Mann es verboten, sich dabei beruhigt. Jetzt kamen fr Klrchen trbe Tage. Da Gnther sich fast gar nicht bei ihr sehen lie, war ihr ganz recht, aber sie war doch zu verlassen, selbst die Frau Rendantin und die anderen Frauen hatten sich seit dem Fastnachtsabend zurck gezogen. An Gelde fehlte es ihr oft, aber zum Glck war die Mutter immer bereit, Gnthern etwas abzubetteln; so waren sie wenigstens nie in uerer Noth. Dies letzte hob die Mutter immer besonders als Trost hervor. Dein Mann ist wohlhabend und darum hat er seine Eigenheiten, die Du tragen mut. Dein Vater hat mich weit schlechter behandelt, und dabei wut' ich nicht, wovon ich uns satt machen sollte. Du kannst in allen Stcken ohne Sorgen leben und brauchst die Hnde nicht zu rhren. -- Klrchen entgegnete, sie wollte lieber Salz und Brod essen, ja verhungern, als solche Behandlung dulden und berhaupt solch ein Leben fhren. -- Du wohl! sagte dann die Mutter wieder, aber Dein Kind? Ich kenne das, ich habe auch so gesprochen; wie ich Dich aber erst hatte, und wie ich schwach und elend wurde, da kriegt' ich andere Gedanken. -- Ja, das Kind! seufzte Klrchen. -- Und das war es auch, was sie geduldig machte. Wohin sollte sie mit dem Wrmchen? Sie htte kaum sich allein ernhren knnen, wie sollte sie dazu das Kind noch pflegen und ernhren? Sie verschluckte darum manchen Aerger, sie gewhnte sich sogar, freundlich zu scheinen, weil sie merkte, da so mit Gnther noch am besten fertig werden war. Da er oft schimpfte, sie auch wohl in der Betrunkenheit stie, mute sie sich gefallen lassen. In der Kirche war sie einmal wieder gewesen, in der trbsten Zeit, bald nach Fastnacht. Und zwar in die Stephani-Kirche zog es sie. Der wunderbare Eindruck von Weihnachten war ihr wieder vor die Seele getreten. -- Aber der Prediger sprach diesmal sehr ernst. Er schilderte die Leiden unseres Herrn und Heilandes, die er erduldet, um uns arme elende Snder zu erlsen vom ewigen Tode. Dann sprach er vom Zustande eines unbekehrten Snders, von seiner Angst und Unruhe in der Gegenwart, von der Strafe und dem Gerichte der Zukunft. -- Klrchen ward durch diese Predigt so ergriffen, da sie sich mehrere Tage nicht beruhigen konnte und froh war, als die Zeit den Eindruck zu verwischen schien. Sie war seitdem nie wieder in der Kirche gewesen. Der Winter verging, der Frhling kam mit seinen schnen Tagen, wo die Luft lau, wo die Veilchen blhen, die Lerchen singen und die Saaten grnen. Klrchen sah von alle dem nicht viel. Um die Freuden der schnen Natur zu genieen, war sie nie gewohnt spazieren zu gehen, und in Kaffeegrten fhrte sie Gnther nicht mehr; er schmte sich ihrer Schwerflligkeit und ging lieber allein seinem Vergngen nach. Das war freilich auch anders, als sich Klrchen in romantischen Phantasien die Liebe ihres Mannes gedacht hatte; gerade in diesen Zustnden wollte sie mehr als je auf Hnden getragen und vergttert werden. Aber die gewhnliche Flitterliebe ohne den wahren festen Grund im Herzen hlt nicht weiter hinaus. Eines Sonnabends Abends--, es war Anfangs Mai--, da sa Klrchen am offnen Fenster und schaute auf die rein gekehrte Strae und sah dem frhlichen Spiel der Kinder zu. Eine Nachbarin drben kam eben mit zweien von einem Spaziergange zurck. Sie waren ganz mit Blumen beladen. Weidorn, Primeln und Tulpen blhten lieblich in den kleinen Hnden. Klrchen ward bewegt von diesem lieblichen Anblick. Wenn du erst ein Kind hast, dachte sie, gehst du auch mit ihm spazieren, pflckst ihm Blumen, machst ihm Krnze. Ihr Herz schlug froh bei diesen Bildern, und berhaupt hing das Glck ihrer Zukunft jetzt eben so leidenschaftlich an dem Kinde, das sie unter ihrem Herzen trug, als frher an anderen Phantasiegebilden. -- Doch spazieren gehen knntest du zuweilen auch ohne Kind und dir so schne Blumen holen! Ja, heute war es zu schn! sie nahm Hut und Umschlagetuch und wanderte zum Thore hinaus. Ihr Weg fhrte sie zu einem Grtner, einem weitlufigen Verwandten, den sie in ihrer Jugend, ehe sie in Kaffeegrten und Conzerte ging, oft mit der Mutter, mit Tante Rieke und mit Gretchen besucht hatte. Es war ihr wohl, wie lange nicht, zu Sinne, als sie dem Grasrain entlang der blhenden Weidornhecke entgegen ging. O wie die Lerchen dem blauen Himmel entgegen jubelten, und Duft und Lieblichkeit berall und tiefer Frieden! -- Sie trat in den Garten. Lichtblaue Irisstreifen begrenzten die Rabatten, vor dem Haus blhten Tulpen, blaue Mnnertreue, Ranunkeln und Hyazinthen. In den blhenden Bumen, dem jungen Grn der Spiren und Flieder hpften und sangen Vglein, und hoch drber in einem knospenden Kastanienbaume schlug eine Nachtigall in langen, weichen, gehaltenen Tnen. O wie schn ist des lieben Gottes Welt! mute Klrchen sagen und seufzend hinzusetzen: wenn er doch auch _dein_ lieber Gott wre! Sie wollte in einen Seitenweg einbiegen, trat aber erschrocken zurck, -- in einer Fliederlaube saen Fritz und Gretchen traulich neben einander. Fritz hatte seinen Arm um Gretchen geschlungen und schaute ihr warm in die Augen, diese hatte einen wei blhenden Spirenzweig um das Haar geschlungen und sah ganz wie eine Braut aus. Jetzt erst dachte Klrchen daran, da morgen Gretchens Hochzeitstag war. Das bewegte sie sehr. Sie suchte sich in dem Bosquet einen einsamen Platz und lie den Thrnen freien Lauf. Nicht aus Neid weinte sie, nein, aus Reue und Kummer ber das eigene Unglck. Wie glcklich mute Gretchen sein, zur Seite solch' eines rechtschaffenen Mannes! Ja, Rechtschaffenheit geht ber alle Galanterie, dachte sie jetzt. Wenn ich auch rechtschaffen und fromm sein knnte, vielleicht ginge es mir dann besser. Wie fange ich es aber an? Ich wei es nicht. Und ob mir der liebe Gott helfen kann? ich wei es auch nicht. Wer soll mir rathen? Wenn ich an die Fastenpredigt denke, wird mir angst, ich kann sie immer nicht vergessen, und kann mir doch auch nicht helfen. -- Sie schlich sich aus dem Garten, brach sich einige Weidornzweige von der Hecke und ging mit weichem Herzen und feuchten Augen durch den dmmernden Abend. Morgen frh wollte sie in die Stephani-Kirche gehen; und wenn sie auch morgen keine Lust dazu haben sollte--, denn sie kannte den Wechsel ihrer Stimmungen--, sie wollte doch gehen und wenigstens dem lieben Gott dies Versprechen halten. Und sie hielt Wort und nahm ihren alten Platz in der Stephani-Kirche ein. Der Prediger hielt diesmal eine Frhlingspredigt, er schilderte so warm die Liebe und Freundlichkeit des Herrn und die Schnheit des Frhlings, und knpfte daran den Frhling einer Seele, die auch dem Herrn entgegenblht und sprosst und nur von seinem Segen und Gnadenschein Gedeihen erwartet. Klrchen ward durch diese Predigt viel getrstet und gestrkt. Der Herr ist sehr freundlich und gtig gegen die Menschen, vielleicht erbarmt er sich auch deiner und wendet noch das selbstverschuldete Unglck von deinem Leben ab. Er ladet alle Snder ein, er wird auch dich nicht zurckstoen! Aber wie sollst du es anfangen, zu ihm zu kommen? Und wie soll er dir helfen? -- Klrchen meinte, wenn sie an Hlfe dachte, immer nur die uere, sie fhlte, da Gnther einem Abgrund entgegen ging, in den er sie mit hinein ziehen wrde. Angst in der Gegenwart, Furcht vor der Zukunft trieb sie Hlfe zu suchen, und da sie recht gut wute, da ihr Menschen nicht helfen konnten, wollte sie es mit dem Himmel versuchen. Die Predigt heut machte ihr neuen Muth dazu, und der Prediger, der so mild und liebreich geredet, hatte ihr ganzes Herz gewonnen; ihm nher zu kommen und sich ihm anzuvertrauen, war ihr hchster Wunsch. Menschen wute sie auerdem nicht, die ihr htten rathen knnen; der Tante Rieke ernste Reden und Ermahnungen hatte sie stets mit Gleichgltigkeit, Widerspruch und Lachen aufgenommen; _der_ ihr Unglck aufzudecken und ihr Unrecht zu gestehen, fhlte sie eine unberwindliche Scheu. Als der letzte Vers gesungen war, leerte sich die volle Kirche, nur im Chor sammelte sich eine kleinere Anzahl, um das Brautpaar trauen zu sehen. Auch Klrchen trat hinzu, aufrichtige Theilnahme an Gretchens Schicksal veranlate sie dazu. Freilich kamen ihrem Herzen gar sonderbare Gedanken. Wo Gretchen steht, knntest du auch stehen, und was ist das fr ein Mann! Sie hatte ihn immer schon bewundert und zu gut gefunden fr Gretchen, aber in ihrer eignen Thorheit war sie verblendet und hatte seines Herzens Sprache mit Verachtung erwidert. Jetzt stand er da, so schn und mnnlich, mit so mildem, liebevollem Ausdruck. Klrchen traten die Thrnen in die Augen und ihr Herz war so bewegt. Als der Prediger die Versammlung aufforderte, fr das junge Paar mit zu beten, faltete sie die Hnde und brachte zum erstenmal in ihrem Leben etwas wie ein ernstliches Gebet vor den Herrn. Als beim Hinausgehen Fritzens Augen ihrem weichen, theilnehmenden Blicke begegneten, fuhr ein freudiger Schreck in sein Herz, und wenn er dies Herz auch ganz und gar seinem Gretchen geschenkt, so war es doch immer, als ob er Klrchens Seele mit auf seiner Seele tragen msse. Die heien Gebete seiner Jugend konnte er nicht verloren geben. Klrchen dachte darauf, wie sie Bekanntschaft mit dem Prediger machen knne. So geradezu hinzugehen war ihr unmglich, es mute sich eine Gelegenheit darbieten, und diese hoffte sie am leichtesten in der Taufe ihres Kindes zu finden. Zu Gnther sprach sie noch nicht davon, obgleich sie fhlte, ein jeder Prediger wrde ihm gleich sein. Sie frchtete doch seinen Widerspruch und wollte eine gelegenere Zeit abwarten. Aber mit trostvollen Hoffnungen und Plnen beschftigte sie sich in den stillen Wochen bis zur Geburt ihres Kindes. Ende Juni genas sie glcklich eines kleinen Mdchens. Gnther war sehr erfreut und sehr aufmerksam gegen Mutter und Kind. Klrchen hatte zwar schon in den Wochen vorher eine freudige, wenn auch oft unruhige und zerstreute Stimmung an ihm bemerkt, jetzt kam aber unzweifelhaft die Freude an ihr und dem Kinde dazu. Sie war schner erblht als je, und das Kind hatte die groen, blauen Augen und feinen Zge der Mutter. Gnther war aufmerksam wie in den ersten Tagen seiner Liebe, schne Geschenke brachten seine Hnde und schmeichlerische Worte entglitten seinem Munde, ja, in einer einsamen Stunde bat er sie sogar um Verzeihung wegen der Vergangenheit und versprach ihr eine goldene Zukunft. Er deutete dabei an, da sie bald ihren Wohnsitz ndern wrden, und forschte dann, wie alt wohl ihr Kindchen sein msse, um mit ihm eine weitere Reise zu unternehmen. Klrchen htte sich jetzt ganz glcklich trumen knnen, aber die gemachten Erfahrungen lieen sich nicht aus ihrem Gedchtni verwischen; auch waren Gnthers Augen zuweilen so unstet, seine Worte so geheimnivoll, da sie Angst vor seiner Nhe hatte. Als das Kind fnf Wochen alt war, ward es in der Stephani-Kirche getauft, Gnther hatte nichts dagegen, er hrte kaum hin, als ihm Klrchen den Vorschlag machte. Aber da Gretchen Gevatter stehen sollte, schlug er rund ab, er wollte mit den Leuten nichts zu thun haben. Nur das setzte sie durch, da die Kleine Gretchens Namen bekam. Zu Klrchens Geburtstag war das kleine Gretchen sechs Wochen alt, und lag s schlummernd neben der Mutter in der Wiege. Vor dem Sopha stand der Geburtstagstisch, den Gnther am Morgen mit Kuchen und Blumen geschmckt. Auerdem hatte er ihr 30Thaler in Scheinen geschenkt mit dem geheimnivollen Bemerken: sie sorgsam zu bewahren; sie wrde bald Gebrauch davon machen mssen. Klrchen hatte schon zu oft solche Bemerkungen gehrt, und hatte das Geld, ohne weiter darber zu forschen, in ihr Nhkstchen geschlossen. Jetzt war es bald Abend, sie sa am offnen Fenster, die Luft in der Stube war ihr zu eng geworden, aber auch auen war es nicht besser, es war ein schwler Tag gewesen. Klrchen hatte ernsthafte Gedanken, sie war pltzlich so weit glcklicher als frher, Gnther wie umgewandelt, -- sollte der liebe Gott wirklich ihre Gebete erhrt haben? Ihr Herz war dankbar gestimmt, und sie machte sich das Gelbde, fromm und rechtschaffen zu werden, knpfte daran aber unwillkrlich die Bedingung des Glcklichseins, und dies Glcklichsein suchte sie immer noch in ueren Dingen. Verwundert sah sie mit einemmal Herrn Reinhard mit noch zwei Mnnern aus dem Hotel und eilig zu ihr hinber kommen. Erstaunt ging sie ihnen entgegen. Herr Reinhard fragte ernsthaft nach ihrem Manne. Ich meine, er ist drben, sagte Klrchen unbefangen, und erwarte ihn jeden Augenblick. Es ist heut mein Geburtstag, fgte sie, indem sie auf den Festtisch zeigte, hinzu, und er wollte noch mit mir spazieren gehen. Der Schurke! murmelte Reinhard, und Klrchen fuhr erschrocken zusammen. Sie mssen erlauben, da wir den Sekretair ffnen, fuhr Reinhard fort, und sogleich machte er sich mit Hauptschlsseln an das Werk. Klrchen bat den Herrn Reinhard mit Thrnen, ihr zu sagen, was vorgefallen, und Herr Reinhard erzhlte nicht mit den feinsten Worten, wie Gnther ihn wenigstens um zehntausend Thaler betrogen, wie er schndlicher Weise sein Vertrauen gemibraucht, seine Handschrift nachgemacht, sein Siegel benutzt, falsche Wechsel ausgestellt, und jetzt wahrscheinlich nach Amerika gegangen sei. Klrchen, berwltigt von diesen Nachrichten, sa laut jammernd neben der Wiege, Frau Krauter kam dazu, jammerte mit und vermehrte die Verwirrung. -- Im Schranke fand man nichts. Klrchen erzhlte, da Gnther vor kurzer Zeit viele unntze Papiere, wie er sie genannt, verbrannt habe. Whrend sich zu den genannten Personen noch Wirthsleute und Mitbewohner des Hauses eingefunden hatten, und das kleine Gretchen, vom Lrmen aufgeweckt, laut dazwischen schrie, kam der Postbote und brachte einen Brief fr Klrchen. Hastig erbrach sie ihn und las: Liebes Klrchen! Ich schreibe in groer Eile. Wenn Du diese Zeilen liest, bin ich bald in Hamburg und besteige gleich nach meiner Ankunft ein Dampfschiff, das mich nach London und dann weiter nach Amerika bringt. Packe schnell Deine Sachen, Deine Ausstattung kann Dir Niemand streitig machen, und komm nach Hamburg mit unserem kleinen Gretchen. In der Vorstadt St.Pauli Nr.10. wirst Du, wenn Du Deinen Namen sagst, freundlich aufgenommen, wirst alles Uebrige erfahren und eine bequeme Ueberfahrt nach Amerika haben. Ich beschwre Dich, la mich nicht im Stich, ich kann nicht leben ohne Dich und ohne unser liebes Kind, ich werde Dich mit offenen Armen empfangen und in unser Hotel fhren, da sollst Du frstlich leben und die Bettelwirthschaft, die Dich jetzt drckte, bald vergessen. -- Du kommst! ich zweifle nicht und bin ewig Dein Eduard Gnther. Klrchen lie es willenlos geschehen, da auch Herr Reinhard den Brief nahm und las. Er ward noch zorniger, als er erfuhr, da der Betrger ihm entgangen sei, und fragte Klrchen mit beienden Worten, was sie zu dem Vorschlag sage. Diese erklrte, sie wolle lieber mit ihrem Kinde verhungern, als dem Manne folgen. Als Herr Reinhard merkte, da Klrchen ganz unwissend in der Sache sei, als er ihren Schmerz darber sah, ward er etwas milder gegen sie gestimmt, aber die Wohnung mute sie rumen und die ganze Einrichtung ihres Haushaltes zurcklassen, denn sie konnte nicht leugnen, da Gnther Alles angeschafft hatte; nur ihre eigenen Kleidungsstcke und Leibwsche, das Bettchen und Zeug des Kindes nebst einigen Kleinigkeiten wurden ihr mitzunehmen erlaubt. * * * * * Klrchen sa wieder in der kleinen Stube ihrer Mutter. Die zwei Jahre ihrer Abwesenheit waren ihr wie ein Traum, ein Traum, der in Lust und Herrlichkeit begonnen und geendet in Jammer und Noth. Dem schwlen Tage war ein Gewitter gefolgt, das jetzt in einen leisen Landregen endete. Die Mutter war trotz des Regens ausgegangen, um Einkufe zu machen, denn ihr Haus war ganz leer; und seitdem ihr Klrchen die 30Thaler im Nhkstchen gezeigt, war sie guten Muthes. Sie lebte nur in der Gegenwart und sagte, wenn es ihr gut ging: der liebe Gott wird weiter sorgen. Denn sie fhrte den lieben Gott wenigstens im Munde, wenn sie ihn auch nicht im Herzen hatte. Klrchen war nicht guten Muthes, sie sa in der dmmernden Stube am Fenster, sah auf die grauen, nagewaschenen Huser und auf die fallenden Tropfen, und ihre Augen tropften ebenfalls. Was werden die Nachbarn sagen, dachte sie, wenn sie dich hier wieder sehen, und nun in Schande und Noth; was Gustchen Vogler, die sie manchmal in ihrer vornehmen Wohnung besucht und ihr Loos gepriesen und beneidet hatte? Was wird Tante Rieke sagen, die ihr das Alles vorher gesagt? Aber Mitleiden wird sie doch mit dir haben. Hat sie doch neulich ganz freundlich zur Mutter von Klrchen gesprochen, hat sich gefreut, da sie ihr kleines Mdchen Gretchen genannt hat, und da sie Klrchen einigemal in der Stephani-Kirche gesehen. Ja, die Stephani-Kirche! -- dachte Klrchen weiter, es hat dir auch nichts geholfen; der liebe Gott hat deine Gebete nicht erhrt, er hat dir die Strafe fr dein frheres Leben bald geschickt, er ist ein strafender Gott. Klrchen konnte nicht zu ihm aufsehen, aber ihr vergangenes Leben ging jetzt vor ihrer Seele vorber, die zwei letzten Jahre kamen ihr wie ein langes Leben vor. Es war jetzt Jahreszeit, als Fritz Buchstein zurckkam, als sie mit Geringschtzung auf ihn schaute und um den Studenten buhlte. Was htte sie denn gehabt, wenn sie den errungen? O sie wute jetzt, da rohe, gottlose Mnner eben so gegen ihre Frauen sind, wenn sie auch in den Liebesmonaten eine sanfte Sprache fhren. Sie hatte es erfahren, da schne Kleider und ein vornehmes, bequemes Leben keine Freude sind, wenn das Herz an Kummer und Verdru zehren mu. Sie dachte weiter an ihr Leben bei der Generalin, wohin der Leichtsinn sie dort gefhrt, und hielt beide Hnde vor das Gesicht vor innerer Schaam. Wie ganz anders dachte sie jetzt ber den Grafen, diesen leichtfertigen, wortbrchigen Menschen, der sie beinahe in den Abgrund getaumelt. Ja, sie fhlte so etwas wie Fgung Gottes, da sie vor noch tieferem Fall und uerster Schande bewahrt geblieben. Mit welchem Leichtsinn aber hatte sie sich ihrem Manne in die Arme geworfen! Sie hatte gewut, da er leichtfertig, ja sie zweifelte eigentlich nicht an der Tante Aussage, da er schlecht und herzlos sei; aber sie meinte damals, wenn es ihr uerlich wohl ginge, wre sie glcklich. Und wie unglcklich und trostlos hatte sie sich an seiner Seite gefhlt, wie war jetzt ihre ganze Zukunft zerstrt! Ob dir der liebe Gott dennoch helfen knnte? kam ihr ein heller Gedanke in der Nacht ihres Herzens. Die Tante hatte oft gesagt: Aeuere Noth ist kein Unglck, der Herr kann uns dabei doch Frieden und Freude schenken. Sie schaute auf ihr Gretchen, das so sanft in der Wiege schlief, und fhlte eine Ahnung hherer Freude, als alle irdischen Gensse ihr bis jetzt geboten. Fr das Kind leben, arbeiten, das soll mein Trost sein! O wie s es jetzt seine Aermchen streckte und dehnte und seine Aeuglein aufthat! Klrchen nahm das Kind an ihre Brust und verga allen Kummer. Sie nahm sich vor, alle Schaam zu berwinden und morgen gleich neue Kundschaft als Schneiderin zu suchen, die dreiig Thaler wollte sie sparen und fr Nothflle aufheben, damit es ihrem Kinde nie am Nthigsten gebrche. Aber es sollte anders sein. Klrchens noch zarte Gesundheit war von den letzten Strmen so erschttert, da sie am anderen Morgen ihr Bett nicht verlassen konnte; ja, nach einigen Tagen hatte sich ein so heftiges Nervenfieber entwickelt, da sie besinnungslos dalag. So vergingen vierzehn Tage, sie wute nichts davon, wenn man ihr das Kind an die Brust legte, sie wute nicht, da Tante Rieke und Gretchen oft pflegend an ihrem Bette saen, sie hrte nichts von den Todesbefrchtungen, die der Arzt in ihrer Nhe aussprach. Endlich kam die glckliche Krisis, Klrchen erlangte ihr Bewutsein wieder, die Tante und Gretchen nahten sich ihr vorsichtig; Klrchen konnte vor Schwche nicht reden, aber lchelte dankbar. Man mute ihr das Kind zeigen, sie nahm es an ihr Herz, sie war so glcklich und fhlte einen Himmel in diesen Umgebungen. Von Tage zu Tage ward sie krftiger und fhlte sich bald wie neugeboren. Aber auch fr ihre Seele begann ein neues Leben. Eine Genesungszeit ist oft eine segensreiche, da ist der Boden locker und der Same findet eine gute Statt. Frau Bendler wute das, und benutzte es. Sie sprach ihr Trost und Muth zu; Klrchen hrte gern, denn kein Vorwurf, kein hartes Wort traf ihre Vergangenheit, nur der Gegenwart, der Zukunft sollte sie jetzt leben. Auch der Stephani-Prediger kam, sie hatte der Tante von ihrer frheren Sehnsucht nach ihm gesagt. Warm und eindringlich sprach er von der Liebe und Gnade unseres Herrn, und seine Worte machten immer tieferen Eindruck auf Klrchens Herz. Ja, der Herr gab dem Samen, der hier geset wurde, ein gndiges Gedeihen. Klrchen lernte ihren Heiland kennen, sie fhlte, da sie trotz ihrer vielen Snden sich ihm doch nahen drfe, sie fhlte, da alle Lust und Herrlichkeit der Welt nichts ist gegen den Frieden, den er uns beut. Dieser Frieden ward nur gestrt durch die Erinnerung an die Vergangenheit. Ihre Schuld kam ihr oft gar gro vor, aber wenn sie sah, wie die Tante und Gretchen, schwache Menschen wie sie selbst, ihr nur mit Liebe und Theilnahme ihren Leichtsinn, ihre Lieblosigkeit und Verspottung vergalten, wie vielmehr mute sie bei dem Herrn Verzeihung finden. Ja, der Herr nimmt an ihr reuevolles Herz. Aber auch allen Menschen, denen sie Unrecht gethan, mchte sie ihre Reue sagen. Vor allen zogen ihre stillen Gedanken sie zu Fritz Buchstein hin; sie htte wissen mgen, ob er sie nicht gar sehr verachte und gering schtze, ob sie Gretchens Worten trauen und je sein Haus besuchen drfe, sie htte ihm gern ihr demthiges Herz gezeigt und ihn um Verzeihung fr ihr liebloses Betragen gegen ihn gebeten. Doch nach ihm zu fragen wagte sie nicht, und als Gretchen einst erwhnte: Fritz warte nur auf Erlaubni, seinen Krankenbesuch zu machen, konnte sie kaum vor innerer Bewegung diese Erlaubni geben. Bald darauf, -- Klrchen war allein mit ihrem Kinde im Zimmer, -- ffnete sich die Thr und Fritz trat ein. Klrchen hatte eben sinnend in den letzten Abendschein geschaut und gedacht, ob Fritz wirklich kommen wrde, als er pltzlich vor ihr stand. Sie erhob sich erschrocken vom Stuhl, er aber nthigte sie zum Sitzen und bot ihr einen freundlichen guten Abend. Als er ihr so mild und theilnehmend in die Augen sah, ging ihr das Herz ber, sie konnte keine Worte finden, nahm seine Hand mit beiden Hnden und weinte bitterlich. Das war zu viel fr Fritz, er machte sich los und trat schweigend an das Fenster. Die Hand, die sie mit Thrnen benetzt, legte er auf sein klopfendes Herz und flehte um Kraft. Fest und ernst setzte er sich dann zu ihr, sprach trstliche Worte zu ihr, aber berhrte mehr ihr ueres Leben. Klrchen, die da meinte, sie htte zu heftig ihre innere Bewegung kund gethan und ihn dadurch verletzt, nahm sich zusammen und versuchte ruhig und gelassen zu sprechen. Das kleine Gretchen ward der Gegenstand der Unterhaltung. Fritz sagte, wie er und Gretchen auch solcher Freude entgegen shen, wie dann die Kinder zusammen spielen und gro werden knnten. Die Tante und Gretchen kamen jetzt hinzu, und Klrchen athmete leichter, die Unterhaltung ward ganz unbefangen. Die Tante sprach zu Fritz von Klrchens Wunsch, die Scheidung von Gnther so schnell als mglich gerichtlich zu machen, was bei den vorliegenden Umstnden nicht schwer sein konnte. Klrchen sprach dann von ihren Lebensplnen, da sie wieder nhen wolle und mit Gottes Hlfe ihr Kind ernhren und erziehen. Sie drckte bei diesen Worten ihr Gretchen innig und zrtlich an das Herz und bemerkte nicht, wie der Tante Blicke wehmthig auf dem Kinde ruhten, dessen Augen so gro aus dem kleinen weien Gesichtchen herausschauten. Der Mutter schwere Krankheit hatte natrlich auch das Kind halb verkommen lassen; alle Sachverstndige frchteten fr sein Leben, und nur Klrchen ahnete nichts von dem gefhrlichen Zustande. Am nchsten Sonntag ging sie zuerst in die Stephani-Kirche. Ihr Herz war voll seliger Dankbarkeit und voll heien Gebetes. Das war ein segensreicher Morgen. Sie konnte getrost dem Herrn nahen und erwartete ihren Frieden nicht mehr von uerem Wohlergehen, sondern nur in der Gnade und Liebe des treuen Herrn. Nach der Kirche rstete sie sich zu ihrem ersten Gang in die Stadt. Es war ein schwerer Gang. Sie sagte Niemandem wohin, sie ging zur Generalin. Diese Frau, gegen die sie sich am schwersten vergangen, deren Gte und Freundlichkeit sie mit schmhlichem Undank belohnt hatte, mute sie um Verzeihung bitten. Mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe hinauf, zog sie die Klingel. Der alte Bediente, der ihr eigentlich immer gut Freund gewesen, machte ihr jetzt durch seinen freundlichen Gru den besten Muth. Als er ging, sie zu melden, stand sie allein in dem ihr wohlbekannten Vorzimmerchen. Der Nhtisch, vor dem sie so oft gesessen, stand noch an demselben Platz, der wohlbekannte Arbeitskorb darauf. Sie sah sich dort im Geiste sitzen mit all ihrer Eitelkeit, mit ihren tollen Gedanken und wunderlichen Plnen fr die Zukunft. Ein schnelles Roth flog ber ihre Wangen. Wie schmte sie sich der Vergangenheit, wie schnell hatte sich die Zukunft strafend fr sie enthllt, wie bangte ihr vor den ernsten Worten der Generalin, und wie trieb es sie doch wieder, ihr Herz zu erleichtern! Die Generalin war indessen sehr schwankend, ob sie Klrchen annehmen sollte oder nicht. Sie hatte von ihrem Schicksale gehrt, fand es wohl verdient und glaubte, da jetzt nur uere Noth und Bitte um Untersttzung Klrchen hergetrieben. Sie schmte sich aber fast vor dem Bedienten, der hatte so theilnehmend Klrchen genannt, der schien gar nicht zu zweifeln, da sie vorgelassen wrde, und sie gab die Erlaubni. Klrchen konnte vor Bangigkeit erst nicht reden, sie nahm nur der Generalin Hand und kte sie. Diese sagte mit etwas kaltem Tone: Ich habe von Ihrem Unglck gehrt, und bedaure Sie. Ich bin jetzt nicht unglcklich, gndige Frau, unterbrach sie Klrchen schchtern, nicht so unglcklich, als da ich bei Ihnen war. -- Die Generalin machte ein verwundertes Gesicht, und Klrchen fuhr fort: Ich bereue meinen Leichtsinn, und hoffe, ich werde mit Gottes Hlfe anders werden, ich konnte es nur nicht lassen (bei diesen Worten wurde ihre Stimme zitternd und Thrnen traten in ihre Augen), ich konnt' es nur nicht lassen, vor allem erst Ihre Verzeihung zu erbitten; ich wage es kaum, es war zu schlecht, o Gott! ich habe Sie ja bestohlen. ---- Klrchen konnte nicht weiter reden, und die gutmthige Frau Generalin war so bewegt von dieser unerwarteten Scene, da sich ihre Gefhle pltzlich wandten, und sie die bleiche, junge Frau in den herzlichsten Worten ihrer Verzeihung versicherte. Sie unterhielt sich noch weiter mit ihr, fragte nach ihren Plnen fr die Zukunft, und als sie hrte, da Klrchen wieder schneidern wolle, erbot sie sich, ihr selbst Arbeit zu geben und ihr auch Kundschaft zu verschaffen. Klrchen war gerhrt von dieser Gte. Sie pries es als eine Gnade Gottes und als die Erhrung ihres Gebetes von heut Morgen in der Kirche, wo sie zum Herrn so dringend gefleht, ihr doch die Theilnahme und Liebe guter Menschen wieder zuzuwenden, weil sie doch noch ein gar zu schwankendes Rohr sei und leicht muthlos werden knne; aber die Freude, bei der Frau Generalin im Hause arbeiten zu drfen, msse sie erst mit der Zeit verdienen, sie msse sich jetzt noch zu sehr schmen und frchten, ihre Wohlthterin knne ihr noch nicht trauen. Diese aufrichtige Reue machte die Generalin immer gtiger, und Klrchen schied von ihr, das Herz voller Trost und froher Hoffnungen. Aber der Herr wollte sie lehren, gar keinen Trost bei Menschen, sondern bei ihm allein zu suchen, und fhrte sie noch schwere Wege. Als sie nach Hause kam, hatte ihre Mutter das kleine Gretchen auf dem Arm, und Klrchen bemerkte zum erstenmal, da ihr Kindchen nicht so aussah wie andere Kinder dieses Alters. Ein jher Schreck fuhr durch ihre Seele, sie nahm es, sah ihm in die groen, blauen Augen, fate die welken Hnde und sah flehend zum Himmel auf. Nein, das kann der Herr nicht thun, das knntest du auch nicht ertragen! dachte sie. Vielleicht will er nur deinen Glauben prfen, und du willst nicht aufhren zu bitten. Sie forschte bei der Mutter und bei der Tante und anderen Bekannten nach deren Meinungen ber das Kind, und es war ihr Balsam, zu hren, wie schwchliche Kinder oft leichter ber die ersten Jahre hinkmen, als starke und vollsftige. Ach, dachte sie, du willst es sorgsam pflegen und hten, und der liebe Gott wird das segnen. Da sie, als sie wieder zum Nhen ausging, Gretchen der Pflege ihrer Mutter berlassen mute, wurde ihr sehr schwer; doch die dreiig Thaler waren zu Ende, und die Tante und alle vernnftigen Menschen erwarteten, da sie ihre hergestellten Krfte zur Arbeit benutzen wrde. Es wurde ihr nicht schwer, sich einen Wirkungskreis zu verschaffen; ja bald ward er so gro, da sie nicht allen Anforderungen gengen konnte. Frau Krauter war sehr glcklich darber; zwar reichte das Geld gerade nur von der Hand in den Mund, sie war aber gewohnt, nicht weiter zu denken. Klrchens Tage gingen einfrmig hin: in der Woche nhte sie in den Husern, jeden Sonntag ging sie in die Stephani-Kirche, die Feierstunden, die ihr blieben, widmete sie der Pflege ihres Kindes. Von _einer_ Sorge, die auf ihrem Herzen ruhte, der Scheidung von ihrem Manne, hatte sie der Herr selbst befreit. Das Schiff, auf welchem Gnther sich eingeschifft, war im Kanal gescheitert, und er selbst hatte den Tod und das Ende seiner Plne in den Wellen gefunden. So htte sie sich in ihrem Stillleben ungestrt und mit jedem Tage glcklicher fhlen knnen, wenn nur ihr Kind frisch und gesund gewesen; aber die bange Sorge sa ihr wie ein Stachel im Herzen, und ihr Glaube war noch zu jung und schwach, um willig ihr Liebstes zu opfern und wie Abraham zu rufen: Herr, hier bin ich. Es war am ersten Adventssonntag. Klrchen war frh in der Kirche gewesen und noch erfllt von der herrlichen Predigt, erquickte sie sich an der sonntglichen Ruhe. Ihre Mutter war zu Tante Rieke gegangen, sie sa allein in der Stube, ihr schlummerndes Gretchen auf dem Schooe. Schneeflocken fielen leise nieder, Klrchen schaute still hinein, es war ihr, als ob sie durch die weie Decke doch die ganze Herrlichkeit des Himmels she; sie fhlte eine Glckseligkeit von da oben sich in ihr Herz hinabsenken, wie sie nie gefhlt. Sie faltete die Hnde: O Du lieber himmlischer Vater, halte mich so wie Du mich in diesem Augenblicke hltst, ich fhle mich an Deinem Herzen, ich knnte Dir Alles geben, ja auch das Liebste hier. Sie sah auf ihr bleiches Kind, aber fhlte eine selige Verklrung im Herzen. Da schlug das kleine Gretchen die matten Augen auf, die Mutter drckte es hei an ihr Herz und schluchzte: O Herr, aber gieb Du Kraft! ich bin schwach, sehr schwach! Sie fhlte die Verheiung vom Tode ihres Kindes, und ihr Herz konnte sich beugen. Aber dieser seligen Stunde folgten viele bange, sie fing wieder an zu zagen, zu ringen, zu hoffen, auf Mittel zu sinnen, wie dem Kinde zu helfen sei. Besonders glaubte sie, da ihre eigne Pflege nthig sei, und ging deswegen nicht zum Nhen aus, wie auch Frau Krauter darber bse war; denn wenn Klrchen meinte, im Hause eben so viel verdienen zu knnen, merkten sie bald an der Kasse, da dem nicht so war. Stundenlang trug sich Klrchen mit dem Kinde, oder sa von Kummer und Wachen ermattet mit migen Hnden. Bis vierzehn Tage vor Weihnachten ging es leidlich, der Hausstand hatte noch nicht Mangel gelitten, da trat aber statt des bisherigen milden Wetters strenge Klte ein, und Holzmangel machte sich bitter fhlbar. Tante Rieke wagte Klrchen nicht anzusprechen, weil sie ja durch eigne Schuld in diese Verlegenheit gekommen war, und auch die Mutter hatte nicht Muth dazu, weil Tante Rieke ihr Weihnachten schon die Miethe geben mute. So ward denn fr jetzt beschlossen, Klrchens Flitterstaat zu verkaufen, den sie um Alles in der Welt doch nicht wieder getragen haben wrde. Frau Krauter war sehr zufrieden damit. Wir helfen uns noch einige Wochen hin, dachte sie, lnger kann das Wrmchen nicht mehr leben, und dann ist Klrchen doppelt fleiig und die Noth hat ein Ende. Der schwarze seidene Mantel und der Sammethut machten den Anfang, dann folgten allerhand Kleinigkeiten, fr die aber sehr wenig eingenommen wurde, und da Tag und Nacht geheizt werden mute, auch auer Essen und Trinken noch Medizin und allerlei andere Dinge zu beschaffen waren, so war bald die Kasse wieder so leer wie zuvor, und Klrchen stand am dritten Weihnachtstage trostlos vor den leeren Kommodenkasten. Noch fand sich einiges Unbedeutende, das sie sich eigentlich schmte auszubieten, aber die Mutter brachte einen Thaler dafr. Das Schlimme bei diesem Verkaufen war nur, da Klrchen fr den Flitterstaat nichts Derbes und Festes in der Stelle hatte. Ein Deckentuch war ihr einziges warmes Kleidungsstck und hatte auch bei dem milden Wetter ausgereicht; jetzt hatte sie weder einen Mantel, noch ein warmes Kleid, und konnte kaum die warme Stube verlassen. Aber auch diese Stube war nicht mehr warm zu machen; am Sylvester-Morgen blieb Frau Krauter im Bett liegen, um nicht zu frieren, und Klrchen ging in den Holzstall, um noch einmal Nachlese zu halten, obgleich sie gestern Abend schon sehr genau eingesammelt hatte. Sie fand einige Splitterchen, kochte noch einmal Kaffee und fr Gretchen einen Brei. Die Stube ward kaum warm. Klrchen fragte nichts nach der Klte, aber Hlfe mute nun geschafft werden, das Kind durfte nicht frieren. Vor allen Dingen zog sie selbst ihren einzigen wollenen Unterrock aus, machte eine Kappe davon, hllte das Kind da warm hinein und trug es so im Deckentuch in der kalten Stube. Um noch etwas unter dem dnnen wollenen Mousselin-Kleide zu haben, hatte sie den weien Unterrock mit der Frisur angezogen, der aus ihrer Mdchenzeit, jetzt aber dnn und verwaschen, kaum noch zu Futter nutzbar, in einer Ecke lag. Sie kmpfte lange, ob sie zu Tante Rieke gehen sollte, oder vielmehr zu Buchsteins; denn schon seit acht Tagen war die Tante dort, weil Gretchen an einer bsen Grippe niederlag. Sie entschied sich zum Gehen, die Noth war zu gro, ihre Stube ward immer klter, die Mutter jammerte nach Essen, und sie selbst und ihr Kind waren hungrig. O wenn sie nur Kraft zum Beten gehabt htte! Aber sie war matt und schwach, konnte sich nicht erheben und trug all dies Elend als eine wohlverdiente Schuld. Der Nordwind pfiff durch ihre dnnen Kleider, an allen Gliedern bebend trat sie zu Buchsteins in das Haus. Fritz nahm eben dem Lehrjungen einen Korb mit Sphnen und Holzabfllen ab, die er in der Werkstatt aufgerumt. Klrchens Blicke sahen unwillkrlich verlangend darauf. Fritz, der fr Klrchens Augensprache immer noch ein feinfhlendes Verstndni hatte, verstand auch diesen Blick. Ein heies Weh ging durch sein Herz. Sie ist in Noth, dachte er, sie sieht bleich und kmmerlich aus, und ihr habt sie vergessen. Er fhrte sie in die Stube. Gretchen hatte zum erstenmal das Bett verlassen und sa in Betten und Mntel gehllt im Lehnstuhl, Vater Buchstein und die Tante saen neben ihr, freueten sich ihrer Genesung, der sie mit einiger Besorgni entgegen sahen, weil der sehr heftige Husten in Gretchens Zustande was Angstvolles hatte. Die Tante erschrak, als Klrchen als ein so sprechendes Bild des Jammers und des Elendes in die Stube trat. Fritz stellte ihr einen Stuhl an den Ofen, sie setzte sich, aber immer noch flogen ihre Glieder vor Frost. Wie geht's Euch denn? fragte die Tante besorgt. Die Mutter liegt im Bett, und mein Gretchen -- hier stockte Klrchens Stimme. Warum hast Du keinen Mantel um? -- fuhr die Tante fort -- was hast Du denn an? Sie hob unwillkrlich das dnne Kleid und den wohlbekannten Frisurenrock auf. Ach Gott! nichts weiter? sagte die Tante erschrocken, warum denn keinen wollenen Rock? Klrchen legte beide Hnde vor die Augen. Ich habe keinen, schluchzte sie, und habe nichts, nichts! Fritz trat an das Fenster, er konnte seinen Augen nicht gebieten. Gretchen bat die Tante, welche Kleidungsstcke sie fr Klrchen holen sollte; aber Klrchen sagte leise weinend: O nichts fr mich, nur etwas Holz und Essen fr meine Mutter und mein Kind. Fritz eilte hinaus. Der Korb mit dem Holze stand noch dort, alles mgliche aus der Speisekammer packte er hinzu und eilte nun voran in Klrchens Wohnung. Wie fand er es hier! de und kalt, das Kind weinend, die Gromutter klagend. Mit zitternden Hnden machte er selbst Feuer, stellte Wasser dabei, und als Tante Rieke mit dem eingekleideten Klrchen in die Stube trat, hrte diese wenigstens das trstliche Knistern im Ofen. Sie sah ihn so demthig und dankbar an, er konnte den Blick nicht vertragen, sein Gewissen machte ihm Vorwrfe, da er sie darben lie; freilich war sein Gretchen in den Tagen schwer krank gewesen, und seine Zeit durch die Pflege hingenommen, aber daran dachte er jetzt nicht, sondern nur an seine Schuld. Als er darauf den Abend allein sa und dem neuen Jahr entgegen wachte, -- denn sein alter Vater war jetzt sehr krnklich und auch die Tante von den vorhergegangenen Nachtwachen angegriffen, -- da gingen seine Gedanken zurck in die Vergangenheit. Es waren zwei Jahr, da er zu Klrchen die warnenden Worte gesprochen, -- wie hatte sich seitdem alles gendert! Er fhlte dankbar, da der Herr seine Gebete erhrt, an der Seite seines treuen Gretchens war er von aller Unruhe des Herzens geheilt, und wenn auch die Jugenderinnerung zuweilen wunderlich durch seine Seele klang, so hatte das nichts Schmerzliches mehr. Klrchen war der Welt entfremdet und dem Himmel gewonnen; Fritz flehte zum Herrn, da er alle ihre Herzen verklren mge, da er sie _einen_ Weg fhre zum himmlischen Jerusalem und dort oben ewig selig vereinigt halte. Whrend Fritz so mit seinen Gedanken allein war, sa Klrchen ebenso an der Wiege ihres hinwelkenden Kindes. Sie war matt und krank, ihre Glaubenswelt schwach und ohne Halt, das Leben war ihr trb' und der Himmel fern, ihr einziger Trost war das Kind, ihr einziger Gedanke: so grausam kann Gott nicht sein, dir dies zu nehmen. Und doch kann er es, dachte sie angstvoll, und du hast es verdient! -- Das Leben lag wie eine schwere Schuld hinter ihr, und der erlsenden Liebe wagte sie sich nicht zu nahen. In die Kirche war sie nicht gekommen, die Tante und Buchsteins hatte sie lange nicht gesprochen, so fehlte es ihr an jedem strkenden Zuspruch, und innerlich und uerlich welkte sie dahin. Am anderen Morgen stand Frau Krauter trotz der warmen Stube nicht auf, sie fhlte sich wirklich krank, und als es in den nchsten Tagen zunahm, schickte die Tante einen Arzt. Der erklrte es fr eine nervse Grippe. Klrchen hatte nun doppelt zu pflegen, und da die Tante immer wieder an Gretchens Krankenbette gebunden war, stand sie ganz allein. Nur Fritz kam zuweilen; aber ernst und schweigsam war er, Klrchen hielt das fr eine verdiente Nichtachtung, wagte ihn kaum anzusehen und zu danken fr Alles, was er ihr zur Erleichterung that und schickte. So gingen ihr die Tage wie im dumpfen Traume hin. Nach drei Wochen erklrte der Arzt den Zustand der Mutter fr besser, zugleich aber ward sein Gesicht beim Anschauen des Kindes immer bedenklicher. Klrchen empfand groe Qualen; je mehr sie das Kind hegte und pflegte, je furchtbarer ward ihr der Gedanke seines Todes. Eines Abends wollte es die Brust nicht mehr nehmen und hing matt das Kpfchen; wie ein Schwert fuhr der Schmerz durch Klrchens Brust. Sie wute in der Angst nicht was beginnen; der liebe Gott will nicht helfen, vielleicht knnen es Menschen. Sie strzte zur Tante, aber bei Buchsteins war Angst und Verwirrung, der alte Benjamin stand mit gefalteten Hnden im Hause, Gretchen lag in schweren Kindesnthen. Klrchen lief zu Gustchen Vogler, lief zum Arzt; der fand das Kind freilich sehr krank, er hatte es aber nicht anders erwartet. Gustchen blieb die Nacht, machte Thee, wrmte Tcher und hrte Klrchens Klagen an. Die Nacht war so lang, dichte Schneeflocken hielten die Dmmerung am Morgen noch lnger auf. Endlich ward es Tag. Klrchen hielt laut jammernd das sterbende Kind auf dem Schooe, als die Thr sich ffnete und Tante Rieke eintrat. Eben stirbt mein Kind! rief Klrchen verzweiflungsvoll. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, sein Name sei gelobt ewiglich, -- sagte die Tante bewegt. Nein, nein, rief Klrchen und kte den letzten Athemzug von des Kindes Lippen. Ja, ja, sagte die Tante. Klrchen, la uns beten, wir sind jetzt beide kinderlos, -- Thrnen erstickten ihre Stimme, -- auch mein Gretchen ist hinbergegangen. Klrchen starrte sie an. Ja, fuhr die Tante fort, la uns den lieben Herrn im Himmel bitten, da er uns Kraft giebt, da er uns trstet. Der liebe Herr im Himmel? sthnte Klrchen; aber ihre Hnde falteten sich, die seligen Stunden, die sie mit diesem Herrn schon verlebt hatte, nahten sich ihr pltzlich wie ein Trostes-Engel. Am ersten Advent hatte ja ihr Kind eben so bleich auf ihrem Schooe geruht; damals hatte sie Kraft, es dem Herrn willig hinzugeben. O Herr, hilf mir! flehte sie, und der Herr half. Ja wunderbar, schnell, augenblicklich! eine selige Erhebung fhlte sie im Herzen, der dstere Traum, die Angst war vorber. Sie konnte mit der Tante beten, sie konnte mit ergebenem Herzen heie Thrnen weinen. Und diese Thrnen flossen noch oft, aber sie lsten die Last ihres Gewissens und machten sie zum Kinde Gottes. * * * * * Klrchens ueres Leben war bald wieder im alten Geleise. Sie ging aus zum Nhen; weil sie gesund war, und nichts sie mehr an's Haus fesselte, wollte sie auch wieder arbeiten. So still und einfrmig ihre Tage aber auch uerlich hingingen, so warm und lebendig war es ihr im Herzen: ihre Gedanken zogen immer mehr dem Himmel zu, dahin, wo ihr Kindchen mit den Engeln spielt, und der Himmel kam zu ihr hernieder mit seinem Frieden, seiner Seligkeit. Sie verlangte und hoffte von diesem Leben nichts weiter, ja, wenn sie des Abends oder des Sonntags bei der Tante war, diese sie mit Liebe und Vertrauen berhufte, und wenn gar Fritz dazu kam, mit ihnen sprach, ihnen vorlas, und sie einen theilnehmenden Blick von ihm erhaschte, da meinte sie, so glckliche Tage nicht verdient zu haben, und bat Gott, sie ihr bis zum Lebensende so zu erhalten. * * * * * Der Sommer ging vorber, auch der halbe Winter. Am Sylvester-Abend saen Klrchen, Fritz und die Tante beisammen, es wurde nicht gescherzt und frhlich geplaudert, aber alle drei waren im Herrn selig vergngt. Fritz, obgleich er es nicht wagte, die Wnsche seines Herzens in die Wirklichkeit hinaus zu denken, ahnete doch, was der Herr mit ihm vorhtte. Unter schweren Kmpfen hatte er ihm einst sein thrichtes Herz und seine Jugendliebe bergeben, verklrt sollte er diese Liebe aus seiner Hand zurck erhalten. Als er Klrchen gute Nacht wnschte und den Segen des Herrn zum neuen Jahr, da konnte er seiner Stimme nicht gebieten, und Klrchen fhlte den Ton in ihrer Seele. O Gott! sie wagte es ja kaum, in seine reinen, lichten Augen zu schauen, sie hatte ihn nur in ihr Gebet eingeschlossen und ersehnt, er mchte ihr nicht lnger zrnen. Frau Krauter, die seit der schweren Krankheit sich nie wieder ganz erholt und immer gekrnkelt hatte, mute sich nach Neujahr legen, und Klrchen durfte sie nicht verlassen. Doch ward ihr eine lange Krankenpflege diesmal erspart, ein Lungenschlag machte der Mutter Leben schnell ein Ende. Klrchen war nun eine Waise. Und doch nicht, -- die Tante nahm sie nicht allein an ihr Herz, auch in ihr Haus, und ward ihr eine wahrhafte Mutter. Als der Frhling drauen sprote, sa Klrchen in Gretchens Fenster neben blhenden Schneeglckchen. Der alte Benjamin hatte sie ihr gebracht; ja, seine Liebe zu Gretchen war auf Klrchen bergegangen, und Klrchen hatte mit ihm wieder scherzen und plaudern und frhlich singen gelernt. Der Staarmatz rief: Klrchen, so recht, und mit dem Dompfaffen sang sie: Lobe den Herrn, o meine Seele! -- Fritz arbeitete rstig in der Werkstatt, lauschte zum Fenster hinaus, und sein Herz schlug hoch auf, wenn er Klrchens blaue Augen sah, so rein, so kindlich und verklrt, wie sie ihm auf seinen Wanderungen vorgeschwebt. Als aber der Frhling immer schner hervorbrach, Blthen und Blumen sich entfalteten, konnte sich auch Fritz nicht lnger halten, und Klrchen durfte den ganzen Himmel seiner Liebe schauen. Sie ist jetzt Frau Meisterin, sie ist stolz auf ihren Stand und trgt nur dunkle Strmpfe, feste Lederschuh und ein einfaches Kleid. Sie ist neu und schner erblht, ist die Freude ihres Mannes und der Segen ihres Hausstandes. Der alte Buchstein sitzt im Lehnstuhl und wiegt sein jngstes Enkelchen auf den Knieen, Benjamin fhrt ein kleines blondes Gretchen zur Tante hinber, Klrchen sitzt unter dem offenen Fenster der Werkstatt und singt mit schner Stimme: Lobe den Herrn, o meine Seele, Ich will ihn loben bis in Tod! Weil ich noch Stunden auf Erden zhle, Will ich lobsingen meinem Gott; Der Leib und Seel gegeben hat, Werde gepriesen frh und spat. Halleluja, Halleluja. Selig, ja selig ist der zu nennen, De Hlfe der Gott Jacob ist, Welcher vom Glauben sich Nichts lt trennen Und hofft getrost auf Jesum Christ. Wer diesen Herrn zum Beistand hat, Am besten findet Rath und That. Halleluja, Hallelujah. Druck von Ed. _Heynemann_ in Halle. Bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# erschien und ist in allen Buchhandlungen zu erhalten: #Gutzkow# (Karl), #Die Ritter vom Geiste#. Roman in neun Bchern. _Zweite Auflage._ Neun Bnde. 8. 11Thlr. Bei der auerordentlichen Theilnahme und Anerkennung, die Gutzkow's groartiges Zeitgemlde der Gegenwart in allen Theilen und Bildungskreisen Deutschlands gefunden, bedarf es gewi nur der Hinweisung auf die so rasch nthiggewordene _zweite unvernderte Auflage_ desselben, um auch diejenigen zur Lecture der Ritter vom Geiste zu veranlassen, die sich bisher diesen Genu noch nicht verschafften. Levin Schcking's neueste Romane. Bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# erschien und ist in allen Buchhandlungen zu erhalten: #Der Bauernfrst.# Zwei Bnde. 8. 4Thlr. #Die Knigin der Nacht.# Roman. 8. 1Thlr. 24Ngr. Die beiden neuesten Romane _Levin Schcking's_, eines unserer beliebtesten Romanschriftsteller, die seine frheren Romane: Ein Sohn des Volkes (1849), Die Ritterbrtigen (1846), Eine dunkle That (1846), Ein Schlo am Meer (1843) an Originalitt und drastischem Schwung noch bertreffen. Erschienen ist bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: #Italienischer Novellenschatz.# Ausgewhlt und bersetzt von #A.Keller#. Sechs Teile. 12. Jeder Theil 1Thlr. 10Ngr. Den Inhalt dieses Werks bilden 150 italienische Novellen, von dem rhmlichst bekannten Professor #A. Keller# in Tbingen bersetzt, als eine chronologische Reihe von charakteristischen Proben der italienischen Erzhlungskunst, eine Geschichte der italienischen Novellistik in Beispielen. Diese Blten der italienischen Literatur, der anerkannten Meisterin auf dem Gebiet der Novelle, liefern die mannichfachsten Beitrge zur Cultur- und Sittengeschichte Italiens und werden dem deutschen Publicum die anziehendste Unterhaltung gewhren. Des grten italienischen Erzhlers, Boccaccio's, Novellen hat der Uebersetzer von seinem Plane ausgeschlossen, weil dieselben bereits in der ausgezeichneten Uebersetzung Witte's, erschienen seien, welche den Titel fhrt: #Boccaccio# (Giovanni), #Das Dekameron#. Aus dem Italienischen bersetzt von #K. Witte#. _Zweite_ verbesserte Auflage. Drei Theile. 12. 1843. 2Thlr. 15Ngr. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Bei #Richard Mhlmann# in Halle ist erschienen und in allen soliden Buchhandlungen zu haben: #Die Kammerjungfer#, eine Stadtgeschichte, von _Maria Nathusius_, Verfasserin der Dorfgeschichten: Martha die Stiefmutter, Lorenz der Freigemeindler, Vater Sohn und Enkel etc. 9Bogen. 9~Sgr.~ Dieses Buch erzhlt die Geschichte eines jener unglcklichen Mdchen, wie sie zu tausenden in groen und kleinen Stdten, ohne husliche Zucht und Wurzel in dem gttlichen Worte, von schwankenden Eltern er- und verzogen, aufwachsen, von Ansprchen einer weniger als halben Bildung gestachelt, und von Romanlectre und leichter Gesellschaft getragen, in allerlei schne und hohe Gedanken hinauswuchern, hinter deren Gefhl sich doch die bloe Sinnlichkeit und hinter deren Phantasien sich die gewhnlichsten Spekulationen verbergen, da wenn dann die gar losen Blumenbltter im ersten Windstoe abfallen, die innere Armuth und Hlflosigkeit in ihrer Ble dasteht. Die Heldin dieser Erzhlung bleibt vor dem tiefsten Sumpfe der Snde, in welchem schlielich unzhlige ihres gleichen fr ein ganzes Leben versinken, schon durch die Keuschheit der Feder einer weiblichen Verfasserin bewahrt. Sie gelangt mitten in ihren edlen Gefhlen nur bis zum gewhnlichen Hausdiebstahl, und auch der wird ihr verziehen. Sie empfngt aber ihren Lohn dadurch, da sie ihr Glck macht durch eine gar nicht ble Partie, von deren Jammer sie endlich das Durchgehen ihres Mannes befreit. Durch das alles hat die Gnade Gottes ihr leichtfertiges und widerstrebendes Herz aber immer strker und strker an sich gezogen, bis sie zu einer rechtschaffenen Bue und Umkehr gelangt. Als Gegenbild steht daneben die einfache, heitere und anmuthige Gestalt ihrer Jugendfreundin, eines ehrbaren, schlecht und recht in der Furcht Gottes aufgewachsenen Brgermdchens. Durch die psychologische Wahrheit, und die gefllige Weise, womit die Begebenheiten von dem vielfach anerkannten Talente der Verfasserin dargestellt sind, vermag die Erzhlung auch das Interesse von Leserkreisen aller Stnde zu fesseln. Vorzglich aber wre es zu wnschen, da Freunde der inneren Mission Mittel und Wege aufsuchten, um sie recht zahlreich in jenen Kreisen, aus deren Leben sie redet und auf welche sie als eine Warnungs- und Weckstimme insonderheit zu wirken bestimmt ist, zu verbreiten.-- [ Hinweise zur Transkription Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Symbole fr abweichende Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= : ~kursiv~ : #fett#. Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwidert" -- "erwiedert", "heitzte" -- "geheizt", "Spatziergang" -- "Spaziergang", mit folgenden Ausnahmen, Seite 9: "deinen" gendert in "Deinen" (Schme Dich was mit Deinen Grobheiten) Seite 17: "bemerke" gendert in "bemerkte" (kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, da Fritz fortgegangen) Seite 24: "Ihr" gendert in "ihr" (den lieben Sommer ber fast ihr alleiniger Wohnsitz) Seite 34: "Louisdo'r" gendert in "Louisd'or" (vom Louisd'or kaum etwas fr ihre Mutter brig blieb) Seite 39: "." eingefgt (Er begann mit dem 90.Psalm) Seite 49: "ihn" gendert in "ihr" (ihr auf diese Weise die Zeit vertreiben) Seite 68: "ihren" gendert in "Ihren" (der Wahrheit gem Ihren Frevel gestehen) Seite 85: "gedehmthigt" gendert in "gedemthigt" (ihr Stolz war gedemthigt, sie war innerlich erbot) Seite 98: In Zeile 6 "," gendert in "." (Halleluja, Halleluja.) Seite 119: "hinzugegehen" gendert in "hinzugehen" (geradezu hinzugehen war ihr unmglich) Seite 131: "," eingefgt (Klrchen schied von ihr, das Herz voller Trost) ] End of the Project Gutenberg EBook of Die Kammerjungfer, by Marie Nathusius License: Share Alike