This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - DE" (http://www.gutenberg2000.de/nietzsche/tragoedi/tragoedi.htm), prepared by juergen@redestb.es. Friedrich Nietzsche Die Geburt der Tragdie Versuch einer Selbstkritik. 1. Was auch diesem fragwrdigen Buche zu Grunde liegen mag: es muss eine Frage ersten Ranges und Reizes gewesen sein, noch dazu eine tief persnliche Frage, - Zeugniss dafr ist die Zeit, in der es entstand, trotz der es entstand, die aufregende Zeit des deutsch-franzsischen Krieges von 1870/71. Whrend die Donner der Schlacht von Wrth ber Europa weggiengen, sass der Grbler und Rthselfreund, dem die Vaterschaft dieses Buches zu Theil ward, irgendwo in einem Winkel der Alpen, sehr vergrbelt und verrthselt, folglich sehr bekmmert und unbekmmert zugleich, und schrieb seine Gedanken ber die Griechen nieder, - den Kern des wunderlichen und schlecht zugnglichen Buches, dem diese spte Vorrede (oder Nachrede) gewidmet sein soll. Einige Wochen darauf: und er befand sich selbst unter den Mauern von Metz, immer noch nicht losgekommen von den Fragezeichen, die er zur vorgeblichen "Heiterkeit" der Griechen und der griechischen Kunst gesetzt hatte; bis er endlich in jenem Monat tiefster Spannung, als man in Versailles ber den Frieden berieth, auch mit sich zum Frieden kam und, langsam von einer aus dem Felde heimgebrachten Krankheit genesend, die "Geburt der Tragdie aus dem Geiste der Musik" letztgltig bei sich feststellte. - Aus der Musik? Musik und Tragdie? Griechen und Tragdien-Musik? Griechen und das Kunstwerk des Pessimismus? Die wohlgerathenste, schnste, bestbeneidete, zum Leben verfhrendste Art der bisherigen Menschen, die Griechen - wie? gerade sie hatten die Tragdie nthig? Mehr noch - die Kunst? Wozu - griechische Kunst? Man errth, an welche Stelle hiermit das grosse Fragezeichen vom Werth des Daseins gesetzt war. Ist Pessimismus nothwendig das Zeichen des Niedergangs, Verfalls, des Missrathenseins, der ermdeten und geschwchten Instinkte? - wie er es bei den Indern war, wie er es, allem Anschein nach, bei uns, den "modernen" Menschen und Europern ist? Giebt es einen Pessimismus der Strke? Eine intellektuelle Vorneigung fr das Harte, Schauerliche, Bse, Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus berstrmender Gesundheit, aus Flle des Daseins? Giebt es vielleicht ein Leiden an der Ueberflle selbst? Eine versucherische Tapferkeit des schrfsten Blicks, die nach dem Furchtbaren verlangt, als nach dem Feinde, dem wrdigen Feinde, an dem sie ihre Kraft erproben kann? an dem sie lernen will, was "das Frchten" ist? Was bedeutet, gerade bei den Griechen der besten, strksten, tapfersten Zeit, der tragische Mythus? Und das ungeheure Phnomen des Dionysischen? Was, aus ihm geboren, die Tragdie? - Und wiederum: das, woran die Tragdie starb, der Sokratismus der Moral, die Dialektik, Gengsamkeit und Heiterkeit des theoretischen Menschen - wie? knnte nicht gerade dieser Sokratismus ein Zeichen des Niedergangs, der Ermdung, Erkrankung, der anarchisch sich lsenden Instinkte sein? Und die "griechische Heiterkeit" des spteren Griechenthums nur eine Abendrthe? Der epikurische Wille gegen den Pessimismus nur eine Vorsicht des Leidenden? Und die Wissenschaft selbst, unsere Wissenschaft - ja, was bedeutet berhaupt, als Symptom des Lebens angesehn, alle Wissenschaft? Wozu, schlimmer noch, woher - alle Wissenschaft? Wie? Ist Wissenschaftlichkeit vielleicht nur eine Furcht und Ausflucht vor dem Pessimismus? Eine feine Nothwehr gegen - die Wahrheit? Und, moralisch geredet, etwas wie Feig- und Falschheit? Unmoralisch geredet, eine Schlauheit? Oh Sokrates, Sokrates, war das vielleicht dein Geheimniss? Oh geheimnissvoller Ironiker, war dies vielleicht deine - Ironie? - - 2. Was ich damals zu fassen bekam, etwas Furchtbares und Gefhrliches, ein Problem mit Hrnern, nicht nothwendig gerade ein Stier, jedenfalls ein neues Problem: heute wrde ich sagen, dass es das Problem der Wissenschaft selbst war - Wissenschaft zum ersten Male als problematisch, als fragwrdig gefasst. Aber das Buch, in dem mein jugendlicher Muth und Argwohn sich damals ausliess - was fr ein unmgliches Buch musste aus einer so jugendwidrigen Aufgabe erwachsen! Aufgebaut aus lauter vorzeitigen bergrnen Selbsterlebnissen, welche alle hart an der Schwelle des Mittheilbaren lagen, hingestellt auf den Boden der Kunst - denn das Problem der Wissenschaft kann nicht auf dem Boden der Wissenschaft erkannt werden - ein Buch vielleicht fr Knstler mit dem Nebenhange analytischer und retrospektiver Fhigkeiten (das heisst fr eine Ausnahme- Art von Knstlern, nach denen man suchen muss und nicht einmal suchen mchte...), voller psychologischer Neuerungen und Artisten-Heimlichkeiten, mit einer Artisten-Metaphysik im Hintergrunde, ein Jugendwerk voller Jugendmuth und Jugend-Schwermuth, unabhngig, trotzig-selbststndig auch noch, wo es sich einer Autoritt und eignen Verehrung zu beugen scheint, kurz ein Erstlingswerk auch in jedem schlimmen Sinne des Wortes, trotz seines greisenhaften Problems, mit jedem Fehler der Jugend behaftet, vor allem mit ihrem "Viel zu lang", ihrem "Sturm und Drang": andererseits, in Hinsicht auf den Erfolg, den es hatte (in Sonderheit bei dem grossen Knstler, an den es sich wie zu einem Zwiegesprch wendete, bei Richard Wagner) ein bewiesenes Buch, ich meine ein solches, das jedenfalls "den Besten seiner Zeit" genug gethan hat. Darauf hin sollte es schon mit einiger Rcksicht und Schweigsamkeit behandelt werden; trotzdem will ich nicht gnzlich unterdrcken, wie unangenehm es mir jetzt erscheint, wie fremd es jetzt nach sechzehn Jahren vor mir steht, - vor einem lteren, hundert Mal verwhnteren, aber keineswegs klter gewordenen Auge, das auch jener Aufgabe selbst nicht fremder wurde, an welche sich jenes verwegene Buch zum ersten Male herangewagt hat, - die Wissenschaft unter der Optik des Knstlers zu sehn, die Kunst aber unter der des Lebens.... 3. Nochmals gesagt, heute ist es mir ein unmgliches Buch, - ich heisse es schlecht geschrieben, schwerfllig, peinlich, bilderwthig und bilderwirrig, gefhlsam, hier und da verzuckert bis zum Femininischen, ungleich im Tempo, ohne Willen zur logischen Sauberkeit, sehr berzeugt und deshalb des Beweisens sich berhebend, misstrauisch selbst gegen die Schicklichkeit des Beweisens, als Buch fr Eingeweihte, als "Musik" fr Solche, die auf Musik getauft, die auf gemeinsame und seltene Kunst-Erfahrungen hin von Anfang der Dinge an verbunden sind, als Erkennungszeichen fr Blutsverwandte in artibus, - ein hochmthiges und schwrmerisches Buch, das sich gegen das profanum vulgus der "Gebildeten" von vornherein noch mehr als gegen das "Volk" abschliesst, welches aber, wie seine Wirkung bewies und beweist, sich gut genug auch darauf verstehen muss, sich seine Mitschwrmer zu suchen und sie auf neue Schleichwege und Tanzpltze zu locken. Hier redete jedenfalls - das gestand man sich mit Neugierde ebenso als mit Abneigung ein - eine fremde Stimme, der Jnger eines noch "unbekannten Gottes", der sich einstweilen unter die Kapuze des Gelehrten, unter die Schwere und dialektische Unlustigkeit des Deutschen, selbst unter die schlechten Manieren des Wagnerianers versteckt hat; hier war ein Geist mit fremden, noch namenlosen Bedrfnissen, ein Gedchtniss strotzend von Fragen, Erfahrungen, Verborgenheiten, welchen der Name Dionysos wie ein Fragezeichen mehr beigeschrieben war; hier sprach - so sagte man sich mit Argwohn - etwas wie eine mystische und beinahe mnadische Seele, die mit Mhsal und willkrlich, fast unschlssig darber, ob sie sich mittheilen oder verbergen wolle, gleichsam in einer fremden Zunge stammelt. Sie htte singen sollen, diese "neue Seele" - und nicht reden! Wie schade, dass ich, was ich damals zu sagen hatte, es nicht als Dichter zu sagen wagte: ich htte es vielleicht gekonnt! Oder mindestens als Philologe: - bleibt doch auch heute noch fr den Philologen auf diesem Gebiete beinahe Alles zu entdecken und auszugraben! Vor allem das Problem, dass hier ein Problem vorliegt, - und dass die Griechen, so lange wir keine Antwort auf die Frage "was ist dionysisch?" haben, nach wie vor gnzlich unerkannt und unvorstellbar sind... 4. Ja, was ist dionysisch? - In diesem Buche steht eine Antwort darauf, - ein "Wissender" redet da, der Eingeweihte und Jnger seines Gottes. Vielleicht wrde ich jetzt vorsichtiger und weniger beredt von einer so schweren psychologischen Frage reden, wie sie der Ursprung der Tragdie bei den Griechen ist. Eine Grundfrage ist das Verhltniss des Griechen zum Schmerz, sein Grad von Sensibilitt, - blieb dies Verhltniss sich gleich? oder drehte es sich um? - jene Frage, ob wirklich sein immer strkeres Verlangen nach Schnheit, nach Festen, Lustbarkeiten, neuen Culten, aus Mangel, aus Entbehrung, aus Melancholie, aus Schmerz erwachsen ist? Gesetzt nmlich, gerade dies wre wahr - und Perikles (oder Thukydides) giebt es uns in der grossen Leichenrede zu verstehen -: woher msste dann das entgegengesetzte Verlangen, das der Zeit nach frher hervortrat, stammen, das Verlangen nach dem Hsslichen, der gute strenge Wille des lteren Hellenen zum Pessimismus, zum tragischen Mythus, zum Bilde alles Furchtbaren, Bsen, Rthselhaften, Vernichtenden, Verhngnissvollen auf dem Grunde des Daseins, - woher msste dann die Tragdie stammen? Vielleicht aus der Lust, aus der Kraft, aus berstrmender Gesundheit, aus bergrosser Flle? Und welche Bedeutung hat dann, physiologisch gefragt, jener Wahnsinn, aus dem die tragische wie die komische Kunst erwuchs, der dionysische Wahnsinn? Wie? Ist Wahnsinn vielleicht nicht nothwendig das Symptom der Entartung, des Niedergangs, der berspten Cultur? Giebt es vielleicht - eine Frage fr Irrenrzte - Neurosen der Gesundheit? der Volks-Jugend und -Jugendlichkeit? Worauf weist jene Synthesis von Gott und Bock im Satyr? Aus welchem Selbsterlebniss, auf welchen Drang hin musste sich der Grieche den dionysischen Schwrmer und Urmenschen als Satyr denken? Und was den Ursprung des tragischen Chors betrifft: gab es in jenen Jahrhunderten, wo der griechische Leib blhte, die griechische Seele von Leben berschumte, vielleicht endemische Entzckungen? Visionen und Hallucinationen, welche sich ganzen Gemeinden, ganzen Cultversammlungen mittheilten? Wie? wenn die Griechen, gerade im Reichthum ihrer Jugend, den Willen zum Tragischen hatten und Pessimisten waren? wenn es gerade der Wahnsinn war, um ein Wort Plato's zu gebrauchen, der die grssten Segnungen ber Hellas gebracht hat? Und wenn, andererseits und umgekehrt, die Griechen gerade in den Zeiten ihrer Auflsung und Schwche, immer optimistischer, oberflchlicher, schauspielerischer, auch nach Logik und Logisirung der Welt brnstiger, also zugleich "heiterer" und "wissenschaftlicher" wurden? Wie? knnte vielleicht, allen "modernen Ideen" und Vorurtheilen des demokratischen Geschmacks zum Trotz, der Sieg des Optimismus, die vorherrschend gewordene Vernnftigkeit, der praktische und theoretische Utilitarismus, gleich der Demokratie selbst, mit der er gleichzeitig ist, - ein Symptom der absinkenden Kraft, des nahenden Alters, der physiologischen Ermdung sein? Und gerade nicht - der Pessimismus? War Epikur ein Optimist - gerade als Leidender? - - Man sieht, es ist ein ganzes Bndel schwerer Fragen, mit dem sich dieses Buch belastet hat, - fgen wir seine schwerste Frage noch hinzu! Was bedeutet, unter der Optik des Lebens gesehn, - die Moral? . . . 5. Bereits im Vorwort an Richard Wagner wird die Kunst - und nicht die Moral - als die eigentlich metaphysische Thtigkeit des Menschen hingestellt; im Buche selbst kehrt der anzgliche Satz mehrfach wieder, dass nur als sthetisches Phnomen das Dasein der Welt gerechtfertigt ist. In der That, das ganze Buch kennt nur einen Knstler-Sinn und - Hintersinn hinter allem Geschehen, - einen "Gott", wenn man will, aber gewiss nur einen gnzlich unbedenklichen und unmoralischen Knstler-Gott, der im Bauen wie im Zerstren, im Guten wie im Schlimmen, seiner gleichen Lust und Selbstherrlichkeit inne werden will, der sich, Welten schaffend, von der Noth der Flle und Ueberflle, vom Leiden der in ihm gedrngten Gegenstze lst. Die Welt, in jedem Augenblicke die erreichte Erlsung Gottes, als die ewig wechselnde, ewig neue Vision des Leidendsten, Gegenstzlichsten, Widerspruchreichsten, der nur im Scheine sich zu erlsen weiss: diese ganze Artisten-Metaphysik mag man willkrlich, mssig, phantastisch nennen -, das Wesentliche daran ist, dass sie bereits einen Geist verrth, der sich einmal auf jede Gefahr hin gegen die moralische Ausdeutung und Bedeutsamkeit des Daseins zur Wehre setzen wird. Hier kndigt sich, vielleicht zum ersten Male, ein Pessimismus "jenseits von Gut und Bse" an, hier kommt jene "Perversitt der Gesinnung" zu Wort und Formel, gegen welche Schopenhauer nicht mde geworden ist, im Voraus seine zornigsten Flche und Donnerkeile zu schleudern, - eine Philosophie, welche es wagt, die Moral selbst in die Welt der Erscheinung zu setzen, herabzusetzen und nicht nur unter die "Erscheinungen" (im Sinne des idealistischen terminus technicus), sondern unter die "Tuschungen", als Schein, Wahn, Irrthum, Ausdeutung, Zurechtmachung, Kunst. Vielleicht lsst sich die Tiefe dieses widermoralischen Hanges am besten aus dem behutsamen und feindseligen Schweigen ermessen, mit dem in dem ganzen Buche das Christenthum behandelt ist, - das Christenthum als die ausschweifendste Durchfigurirung des moralischen Thema's, welche die Menschheit bisher anzuhren bekommen hat. In Wahrheit, es giebt zu der rein sthetischen Weltauslegung und Welt-Rechtfertigung, wie sie in diesem Buche gelehrt wird, keinen grsseren Gegensatz als die christliche Lehre, welche nur moralisch ist und sein will und mit ihren absoluten Maassen, zum Beispiel schon mit ihrer Wahrhaftigkeit Gottes, die Kunst, jede Kunst in's Reich der Lge verweist, - das heisst verneint, verdammt, verurtheilt. Hinter einer derartigen Denk- und Werthungsweise, welche kunstfeindlich sein muss, so lange sie irgendwie cht ist, empfand ich von jeher auch das Lebensfeindliche, den ingrimmigen rachschtigen Widerwillen gegen das Leben selbst: denn alles Leben ruht auf Schein, Kunst, Tuschung, Optik, Nothwendigkeit des Perspektivischen und des Irrthums. Christenthum war von Anfang an, wesentlich und grndlich, Ekel und Ueberdruss des Lebens am Leben, welcher sich unter dem Glauben an ein "anderes" oder "besseres" Leben nur verkleidete, nur versteckte, nur aufputzte. Der Hass auf die "Welt", der Fluch auf die Affekte, die Furcht vor der Schnheit und Sinnlichkeit, ein Jenseits, erfunden, um das Diesseits besser zu verleumden, im Grunde ein Verlangen in's Nichts, an's Ende, in's Ausruhen, hin zum "Sabbat der Sabbate" - dies Alles dnkte mich, ebenso wie der unbedingte Wille des Christenthums, nur moralische Werthe gelten zu lassen, immer wie die gefhrlichste und unheimlichste Form aller mglichen Formen eines "Willens zum Untergang", zum Mindesten ein Zeichen tiefster Erkrankung, Mdigkeit, Missmuthigkeit, Erschpfung, Verarmung an Leben, - denn vor der Moral (in Sonderheit christlichen, das heisst unbedingten Moral) muss das Leben bestndig und unvermeidlich Unrecht bekommen, weil Leben etwas essentiell Unmoralisches ist, - muss endlich das Leben, erdrckt unter dem Gewichte der Verachtung und des ewigen Nein's, als begehrens-unwrdig, als unwerth an sich empfunden werden. Moral selbst - wie? sollte Moral nicht ein "Wille zur Verneinung des Lebens", ein heimlicher Instinkt der Vernichtung, ein Verfalls-, Verkleinerungs-, Verleumdungsprincip, ein Anfang vom Ende sein? Und, folglich, die Gefahr der Gefahren?... Gegen die Moral also kehrte sich damals, mit diesem fragwrdigen Buche, mein Instinkt, als ein frsprechender Instinkt des Lebens, und erfand sich eine grundstzliche Gegenlehre und Gegenwerthung des Lebens, eine rein artistische, eine antichristliche. Wie sie nennen? Als Philologe und Mensch der Worte taufte ich sie, nicht ohne einige Freiheit - denn wer wsste den rechten Namen des Antichrist? - auf den Namen eines griechischen Gottes: ich hiess sie die dionysische. - 6. Man versteht, an welche Aufgabe ich bereits mit diesem Buche zu rhren wagte?... Wie sehr bedauere ich es jetzt, dass ich damals noch nicht den Muth (oder die Unbescheidenheit?) hatte, um mir in jedem Betrachte fr so eigne Anschauungen und Wagnisse auch eine eigne Sprache zu erlauben, - dass ich mhselig mit Schopenhauerischen und Kantischen Formeln fremde und neue Werthschtzungen auszudrcken suchte, welche dem Geiste Kantens und Schopenhauers, ebenso wie ihrem Geschmacke, von Grund aus entgegen giengen! Wie dachte doch Schopenhauer ber die Tragdie? "Was allem Tragischen den eigenthmlichen Schwung zur Erhebung giebt - sagt er, Welt als Wille und Vorstellung II, 495 - ist das Aufgehen der Erkenntniss, dass die Welt, das Leben kein rechtes Gengen geben knne, mithin unsrer Anhnglichkeit nicht werth sei: darin besteht der tragische Geist -, er leitet demnach zur Resignation hin". Oh wie anders redete Dionysos zu mir! Oh wie ferne war mir damals gerade dieser ganze Resignationismus! - Aber es giebt etwas viel Schlimmeres an dem Buche, das ich jetzt noch mehr bedauere, als mit Schopenhauerischen Formeln dionysische Ahnungen verdunkelt und verdorben zu haben: dass ich mir nmlich berhaupt das grandiose griechische Problem, wie mir es aufgegangen war, durch Einmischung der modernsten Dinge verdarb! Dass ich Hoffnungen anknpfte, wo Nichts zu hoffen war, wo Alles allzudeutlich auf ein Ende hinwies! Dass ich, auf Grund der deutschen letzten Musik, vom "deutschen Wesen" zu fabeln begann, wie als ob es eben im Begriff sei, sich selbst zu entdecken und wiederzufinden - und das zu einer Zeit, wo der deutsche Geist, der nicht vor Langem noch den Willen zur Herrschaft ber Europa, die Kraft zur Fhrung Europa's gehabt hatte, eben letztwillig und endgltig abdankte und, unter dem pomphaften Vorwande einer Reichs- Begrndung, seinen Uebergang zur Vermittelmssigung, zur Demokratie und den "modernen Ideen" machte! In der That, inzwischen lernte ich hoffnungslos und schonungslos genug von diesem "deutschen Wesen" denken, insgleichen von der jetzigen deutschen Musik, als welche Romantik durch und durch ist und die ungriechischeste aller mglichen Kunstformen: berdies aber eine Nervenverderberin ersten Ranges, doppelt gefhrlich, bei einem Volke, das den Trunk liebt und die Unklarheit als Tugend ehrt, nmlich in ihrer doppelten Eigenschaft als berauschendes und zugleich benebelndes Narkotikum. - Abseits freilich von allen bereilten Hoffnungen und fehlerhaften Nutzanwendungen auf Gegenwrtigstes, mit denen ich mir damals mein erstes Buch verdarb, bleibt das grosse dionysische Fragezeichen, wie es darin gesetzt ist, auch in Betreff der Musik, fort und fort bestehen: wie msste eine Musik beschaffen sein, welche nicht mehr romantischen Ursprungs wre, gleich der deutschen, - sondern dionysischen? . . . 7. - Aber, mein Herr, was in aller Welt ist Romantik, wenn nicht Ihr Buch Romantik ist? Lsst sich der tiefe Hass gegen "Jetztzeit", "Wirklichkeit" und "moderne Ideen" weiter treiben, als es in Ihrer Artisten-Metaphysik geschehen ist? - welche lieber noch an das Nichts, lieber noch an den Teufel, als an das "Jetzt" glaubt? Brummt nicht ein Grundbass von Zorn und Vernichtungslust unter aller Ihrer contrapunktischen Stimmen-Kunst und Ohren-Verfhrerei hinweg, eine wthende Entschlossenheit gegen Alles, was "jetzt" ist, ein Wille, welcher nicht gar zu ferne vom praktischen Nihilismus ist und zu sagen scheint "lieber mag Nichts wahr sein, als dass ihr Recht httet, als dass eure Wahrheit Recht behielte!" Hren Sie selbst, mein Herr Pessimist und Kunstvergttlicher, mit aufgeschlossnerem Ohre eine einzige ausgewhlte Stelle Ihres Buches an, jene nicht unberedte Drachentdter-Stelle, welche fr junge Ohren und Herzen verfnglich rattenfngerisch klingen mag: wie? ist das nicht das chte rechte Romantiker-Bekenntniss von 1830, unter der Maske des Pessimismus von 1850 hinter dem auch schon das bliche Romantiker-Finale prludirt, - Bruch, Zusammenbruch, Rckkehr und Niedersturz vor einem alten Glauben, vor dem alten Gotte . . . Wie? ist Ihr Pessimisten-Buch nicht selbst ein Stck Antigriechenthum und Romantik, selbst etwas "ebenso Berauschendes als Benebelndes", ein Narkotikum jedenfalls, ein Stck Musik sogar, deutscher Musik? Aber man hre: "Denken wir uns eine heranwachsende Generation mit dieser Unerschrockenheit des Blicks, mit diesem heroischen Zug in's Ungeheure, denken wir uns den khnen Schritt dieser Drachentdter, die stolze Verwegenheit, mit der sie allen den Schwchlichkeitsdoktrinen des Optimismus den Rcken kehren, um im Ganzen und Vollen, resolut zu leben: sollte es nicht nthig sein, dass der tragische Mensch dieser Cultur, bei seiner Selbsterziehung zum Ernst und zum Schrecken, eine neue Kunst, die Kunst des metaphysischen Trostes, die Tragdie als die ihm zugehrige Helena begehren und mit Faust ausrufen muss: Und sollt' ich nicht, sehnschtigster Gewalt, In's Leben zieh'n die einzigste Gestalt?" "Sollte es nicht nthig sein?" . . . Nein, drei Mal nein! ihr jungen Romantiker: es sollte nicht nthig sein! Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass es so endet, dass ihr so endet, nmlich "getrstet", wie geschrieben steht, trotz aller Selbsterziehung zum Ernst und zum Schrecken, "metaphysisch getrstet", kurz, wie Romantiker enden, christlich Nein! Ihr solltet vorerst die Kunst des diesseitigen Trostes lernen, - ihr solltet lachen lernen, meine jungen Freunde, wenn anders ihr durchaus Pessimisten bleiben wollt; vielleicht dass ihr darauf hin, als Lachende, irgendwann einmal alle metaphysische Trsterei zum Teufel schickt - und die Metaphysik voran! Oder, um es in der Sprache jenes dionysischen Unholds zu sagen, der Zarathustra heisst: "Erhebt eure Herzen, meine Brder, hoch, hher! Und vergesst mir auch die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tnzer, und besser noch: ihr steht auch auf dem Kopf!" "Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelchter. Keinen Anderen fand ich heute stark genug dazu." "Zarathustra der Tnzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flgeln winkt, ein Flugbereiter, allen Vgeln zuwinkend, bereit und fertig, ein Selig-Leichtfertiger:" - "Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein Ungeduldiger, kein Unbedingter, Einer, der Sprnge und Seitensprnge liebt: ich selber setzte mir diese Krone auf!" "Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen Brdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig: ihr hheren Menschen, lernt mir - lachen!" Vorwort an Richard Wagner. Um mir alle die mglichen Bedenklichkeiten, Aufregungen und Missverstndnisse ferne zu halten, zu denen die in dieser Schrift vereinigten Gedanken bei dem eigenthmlichen Character unserer aesthetischen Oeffentlichkeit Anlass geben werden, und um auch die Einleitungsworte zu derselben mit der gleichen beschaulichen Wonne schreiben zu knnen, deren Zeichen sie selbst, als das Petrefact guter und erhebender Stunden, auf jedem Blatte trgt, vergegenwrtige ich mir den Augenblick, in dem Sie, mein hochverehrter Freund, diese Schrift empfangen werden: wie Sie, vielleicht nach einer abendlichen Wanderung im Winterschnee, den entfesselten Prometheus auf dem Titelblatte betrachten, meinen Namen lesen und sofort berzeugt sind, dass, mag in dieser Schrift stehen, was da wolle, der Verfasser etwas Ernstes und Eindringliches zu sagen hat, ebenfalls dass er, bei allem, was er sich erdachte, mit Ihnen wie mit einem Gegenwrtigen verkehrte und nur etwas dieser Gegenwart Entsprechendes niederschreiben durfte. Sie werden dabei sich erinnern, dass ich zu gleicher Zeit, als Ihre herrliche Festschrift ber Beethoven entstand, das heisst in den Schrecken und Erhabenheiten des eben ausgebrochnen Krieges mich zu diesen Gedanken sammelte. Doch wrden diejenigen irren, welche etwa bei dieser Sammlung an den Gegensatz von patriotischer Erregung und aesthetischer Schwelgerei, von tapferem Ernst und heiterem Spiel denken sollten: denen mchte vielmehr, bei einem wirklichen Lesen dieser Schrift, zu ihrem Erstaunen deutlich werden, mit welchem ernsthaft deutschen Problem wir zu thun haben, das von uns recht eigentlich in die Mitte deutscher Hoffnungen, als Wirbel und Wendepunkt hingestellt wird. Vielleicht aber wird es fr eben dieselben berhaupt anstssig sein, ein aesthetisches Problem so ernst genommen zu sehn, falls sie nmlich in der Kunst nicht mehr als ein lustiges Nebenbei, als ein auch wohl zu missendes Schellengeklingel zum "Ernst des Daseins" zu erkennen im Stande sind: als ob Niemand wsste, was es bei dieser Gegenberstellung mit einem solchen "Ernste des Daseins" auf sich habe. Diesen Ernsthaften diene zur Belehrung, dass ich von der Kunst als der hchsten Aufgabe und der eigentlich metaphysischen Thtigkeit dieses Lebens im Sinne des Mannes berzeugt bin, dem ich hier, als meinem erhabenen Vorkmpfer auf dieser Bahn, diese Schrift gewidmet haben will. Basel, Ende des Jahres 187l. 1. Wir werden viel fr die aesthetische Wissenschaft gewonnen haben, wenn wir nicht nur zur logischen Einsicht, sondern zur unmittelbaren Sicherheit der Anschauung gekommen sind, dass die Fortentwickelung der Kunst an die Duplicitt des Apollinischen und des Dionysischen gebunden ist: in hnlicher Weise, wie die Generation von der Zweiheit der Geschlechter, bei fortwhrendem Kampfe und nur periodisch eintretender Vershnung, abhngt. Diese Namen entlehnen wir von den Griechen, welche die tiefsinnigen Geheimlehren ihrer Kunstanschauung zwar nicht in Begriffen, aber in den eindringlich deutlichen Gestalten ihrer Gtterwelt dem Einsichtigen vernehmbar machen. An ihre beiden Kunstgottheiten, Apollo und Dionysus, knpft sich unsere Erkenntniss, dass in der griechischen Welt ein ungeheurer Gegensatz, nach Ursprung und Zielen, zwischen der Kunst des Bildners, der apollinischen, und der unbildlichen Kunst der Musik, als der des Dionysus, besteht: beide so verschiedne Triebe gehen neben einander her, zumeist im offnen Zwiespalt mit einander und sich gegenseitig zu immer neuen krftigeren Geburten reizend, um in ihnen den Kampf jenes Gegensatzes zu perpetuiren, den das gemeinsame Wort "Kunst" nur scheinbar berbrckt; bis sie endlich, durch einen metaphysischen Wunderakt des hellenischen "Willens", mit einander gepaart erscheinen und in dieser Paarung zuletzt das ebenso dionysische als apollinische Kunstwerk der attischen Tragdie erzeugen. Um uns jene beiden Triebe nher zu bringen, denken wir sie uns zunchst als die getrennten Kunstwelten des Traumes und des Rausches; zwischen welchen physiologischen Erscheinungen ein entsprechender Gegensatz, wie zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen zu bemerken ist. Im Traume traten zuerst, nach der Vorstellung des Lucretius, die herrlichen Gttergestalten vor die Seelen der Menschen, im Traume sah der grosse Bildner den entzckenden Gliederbau bermenschlicher Wesen, und der hellenische Dichter, um die Geheimnisse der poetischen Zeugung befragt, wrde ebenfalls an den Traum erinnert und eine hnliche Belehrung gegeben haben, wie sie Hans Sachs in den Meistersingern giebt: Mein Freund, das grad' ist Dichters Werk, dass er sein Trumen deut' und merk'. Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn wird ihm im Traume aufgethan: all' Dichtkunst und Poterei ist nichts als Wahrtraum-Deuterei. Der schne Schein der Traumwelten, in deren Erzeugung jeder Mensch voller Knstler ist, ist die Voraussetzung aller bildenden Kunst, ja auch, wie wir sehen werden, einer wichtigen Hlfte der Poesie. Wir geniessen im unmittelbaren Verstndnisse der Gestalt, alle Formen sprechen zu uns, es giebt nichts Gleichgltiges und Unnthiges. Bei dem hchsten Leben dieser Traumwirklichkeit haben wir doch noch die durchschimmernde Empfindung ihres Scheins: wenigstens ist dies meine Erfahrung, fr deren Hufigkeit, ja Normalitt, ich manches Zeugniss und die Aussprche der Dichter beizubringen htte. Der philosophische Mensch hat sogar das Vorgefhl, dass auch unter dieser Wirklichkeit, in der wir leben und sind, eine zweite ganz andre verborgen liege, dass also auch sie ein Schein sei; und Schopenhauer bezeichnet geradezu die Gabe, dass Einem zu Zeiten die Menschen und alle Dinge als blosse Phantome oder Traumbilder vorkommen, als das Kennzeichen philosophischer Befhigung. Wie nun der Philosoph zur Wirklichkeit des Daseins, so verhlt sich der knstlerisch erregbare Mensch zur Wirklichkeit des Traumes; er sieht genau und gern zu: denn aus diesen Bildern deutet er sich das Leben, an diesen Vorgngen bt er sich fr das Leben. Nicht etwa nur die angenehmen und freundlichen Bilder sind es, die er mit jener Allverstndigkeit an sich erfhrt: auch das Ernste, Trbe, Traurige, Finstere, die pltzlichen Hemmungen, die Neckereien des Zufalls, die bnglichen Erwartungen, kurz die ganze "gttliche Komdie" des Lebens, mit dem Inferno, zieht an ihm vorbei, nicht nur wie ein Schattenspiel - denn er lebt und leidet mit in diesen Scenen - und doch auch nicht ohne jene flchtige Empfindung des Scheins; und vielleicht erinnert sich Mancher, gleich mir, in den Gefhrlichkeiten und Schrecken des Traumes sich mitunter ermuthigend und mit Erfolg zugerufen zu haben: "Es ist ein Traum! Ich will ihn weiter trumen!" Wie man mir auch von Personen erzhlt hat, die die Causalitt eines und desselben Traumes ber drei und mehr aufeinanderfolgende Nchte hin fortzusetzen im Stande waren: Thatsachen, welche deutlich Zeugniss dafr abgeben, dass unser innerstes Wesen, der gemeinsame Untergrund von uns allen, mit tiefer Lust und freudiger Nothwendigkeit den Traum an sich erfhrt. Diese freudige Nothwendigkeit der Traumerfahrung ist gleichfalls von den Griechen in ihrem Apollo ausgedrckt worden: Apollo, als der Gott aller bildnerischen Krfte, ist zugleich der wahrsagende Gott. Er, der seiner Wurzel nach der "Scheinende", die Lichtgottheit ist, beherrscht auch den schnen Schein der inneren Phantasie-Welt. Die hhere Wahrheit, die Vollkommenheit dieser Zustnde im Gegensatz zu der lckenhaft verstndlichen Tageswirklichkeit, sodann das tiefe Bewusstsein von der in Schlaf und Traum heilenden und helfenden Natur ist zugleich das symbolische Analogon der wahrsagenden Fhigkeit und berhaupt der Knste, durch die das Leben mglich und lebenswerth gemacht wird. Aber auch jene zarte Linie, die das Traumbild nicht berschreiten darf, um nicht pathologisch zu wirken, widrigenfalls der Schein als plumpe Wirklichkeit uns betrgen wrde - darf nicht im Bilde des Apollo fehlen: jene maassvolle Begrenzung, jene Freiheit von den wilderen Regungen, jene weisheitsvolle Ruhe des Bildnergottes. Sein Auge muss "sonnenhaft", gemss seinem Ursprunge, sein; auch wenn es zrnt und unmuthig blickt, liegt die Weihe des schnen Scheines auf ihm. Und so mchte von Apollo in einem excentrischen Sinne das gelten, was Schopenhauer von dem im Schleier der Maja befangenen Menschen sagt. Welt als Wille und Vorstellung I, S. 416 "Wie auf dem tobenden Meere, das, nach allen Seiten unbegrnzt, heulend Wellenberge erhebt und senkt, auf einem Kahn ein Schiffer sitzt, dem schwachen Fahrzeug vertrauend; so sitzt, mitten in einer Welt von Qualen, ruhig der einzelne Mensch, gesttzt und vertrauend auf das principium individuationis". Ja es wre von Apollo zu sagen, dass in ihm das unerschtterte Vertrauen auf jenes principium und das ruhige Dasitzen des in ihm Befangenen seinen erhabensten Ausdruck bekommen habe, und man mchte selbst Apollo als das herrliche Gtterbild des principii individuationis bezeichnen, aus dessen Gebrden und Blicken die ganze Lust und Weisheit des "Scheines", sammt seiner Schnheit, zu uns sprche. An derselben Stelle hat uns Schopenhauer das ungeheure Grausen geschildert, welches den Menschen ergreift, wenn er pltzlich an den Erkenntnissformen der Erscheinung irre wird, indem der Satz vom Grunde, in irgend einer seiner Gestaltungen, eine Ausnahme zu erleiden scheint. Wenn wir zu diesem Grausen die wonnevolle Verzckung hinzunehmen, die bei demselben Zerbrechen des principii individuationis aus dem innersten Grunde des Menschen, ja der Natur emporsteigt, so thun wir einen Blick in das Wesen des Dionysischen, das uns am nchsten noch durch die Analogie des Rausches gebracht wird. Entweder durch den Einfluss des narkotischen Getrnkes, von dem alle ursprnglichen Menschen und Vlker in Hymnen sprechen, oder bei dem gewaltigen, die ganze Natur lustvoll durchdringenden Nahen des Frhlings erwachen jene dionysischen Regungen, in deren Steigerung das Subjective zu vlliger Selbstvergessenheit hinschwindet. Auch im deutschen Mittelalter wlzten sich unter der gleichen dionysischen Gewalt immer wachsende Schaaren, singend und tanzend, von Ort zu Ort: in diesen Sanct-Johann- und Sanct-Veittnzern erkennen wir die bacchischen Chre der Griechen wieder, mit ihrer Vorgeschichte in Kleinasien, bis hin zu Babylon und den orgiastischen Saken. Es giebt Menschen, die, aus Mangel an Erfahrung oder aus Stumpfsinn, sich von solchen Erscheinungen wie von "Volkskrankheiten", spttisch oder bedauernd im Gefhl der eigenen Gesundheit abwenden: die Armen ahnen freilich nicht, wie leichenfarbig und gespenstisch eben diese ihre "Gesundheit" sich ausnimmt, wenn an ihnen das glhende Leben dionysischer Schwrmer vorberbraust. Unter dem Zauber des Dionysischen schliesst sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen: auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur feiert wieder ihr Vershnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen. Freiwillig beut die Erde ihre Gaben, und friedfertig nahen die Raubthiere der Felsen und der Wste. Mit Blumen und Krnzen ist der Wagen des Dionysus berschttet: unter seinem Joche schreiten Panther und Tiger. Man verwandele das Beethoven'sche Jubellied der "Freude" in ein Gemlde und bleibe mit seiner Einbildungskraft nicht zurck, wenn die Millionen schauervoll in den Staub sinken: so kann man sich dem Dionysischen nhern. Jetzt ist der Sclave freier Mann, jetzt zerbrechen alle die starren, feindseligen Abgrenzungen, die Noth, Willkr oder "freche Mode" zwischen den Menschen festgesetzt haben. Jetzt, bei dem Evangelium der Weltenharmonie, fhlt sich Jeder mit seinem Nchsten nicht nur vereinigt, vershnt, verschmolzen, sondern eins, als ob der Schleier der Maja zerrissen wre und nur noch in Fetzen vor dem geheimnissvollen Ur-Einen herumflattere. Singend und tanzend ussert sich der Mensch als Mitglied einer hheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lfte emporzufliegen. Aus seinen Gebrden spricht die Verzauberung. Wie jetzt die Thiere reden, und die Erde Milch und Honig giebt, so tnt auch aus ihm etwas Uebernatrliches: als Gott fhlt er sich, er selbst wandelt jetzt so verzckt und erhoben, wie er die Gtter im Traume wandeln sah. Der Mensch ist nicht mehr Knstler, er ist Kunstwerk geworden: die Kunstgewalt der ganzen Natur, zur hchsten Wonnebefriedigung des Ur-Einen, offenbart sich hier unter den Schauern des Rausches. Der edelste Thon, der kostbarste Marmor wird hier geknetet und behauen, der Mensch, und zu den Meisselschlgen des dionysischen Weltenknstlers tnt der eleusinische Mysterienruf: "Ihr strzt nieder, Millionen? Ahnest du den Schpfer, Welt?" - 2. Wir haben bis jetzt das Apollinische und seinen Gegensatz, das Dionysische, als knstlerische Mchte betrachtet, die aus der Natur selbst, ohne Vermittelung des menschlichen Knstlers, hervorbrechen, und in denen sich ihre Kunsttriebe zunchst und auf directem Wege befriedigen: einmal als die Bilderwelt des Traumes, deren Vollkommenheit ohne jeden Zusammenhang mit der intellectuellen Hhe oder knstlerischen Bildung des Einzelnen ist, andererseits als rauschvolle Wirklichkeit, die wiederum des Einzelnen nicht achtet, sondern sogar das Individuum zu vernichten und durch eine mystische Einheitsempfindung zu erlsen sucht. Diesen unmittelbaren Kunstzustnden der Natur gegenber ist jeder Knstler "Nachahmer", und zwar entweder apollinischer Traumknstler oder dionysischer Rauschknstler oder endlich - wie beispielsweise in der griechischen Tragdie - zugleich Rausch- und Traumknstler: als welchen wir uns etwa zu denken haben, wie er, in der dionysischen Trunkenheit und mystischen Selbstentusserung, einsam und abseits von den schwrmenden Chren niedersinkt und wie sich ihm nun, durch apollinische Traumeinwirkung, sein eigener Zustand d.h. seine Einheit mit dem innersten Grunde der Welt in einem gleichnissartigen Traumbilde offenbart. Nach diesen allgemeinen Voraussetzungen und Gegenberstellungen nahen wir uns jetzt den Griechen, um zu erkennen, in welchem Grade und bis zu welcher Hhe jene Kunsttriebe der Natur in ihnen entwickelt gewesen sind: wodurch wir in den Stand gesetzt werden, das Verhltniss des griechischen Knstlers zu seinen Urbildern, oder, nach dem aristotelischen Ausdrucke, "die Nachahmung der Natur" tiefer zu verstehn und zu wrdigen. Von den Trumen der Griechen ist trotz aller Traumlitteratur derselben und zahlreichen Traumanecdoten nur vermuthungsweise, aber doch mit ziemlicher Sicherheit zu sprechen: bei der unglaublich bestimmten und sicheren plastischen Befhigung ihres Auges, sammt ihrer hellen und aufrichtigen Farbenlust, wird man sich nicht entbrechen knnen, zur Beschmung aller Sptergeborenen, auch fr ihre Trume eine logische Causalitt der Linien und Umrisse, Farben und Gruppen, eine ihren besten Reliefs hnelnde Folge der Scenen vorauszusetzen, deren Vollkommenheit uns, wenn eine Vergleichung mglich wre, gewiss berechtigen wrde, die trumenden Griechen als Homere und Homer als einen trumenden Griechen zu bezeichnen: in einem tieferen Sinne als wenn der moderne Mensch sich hinsichtlich seines Traumes mit Shakespeare zu vergleichen wagt. Dagegen brauchen wir nicht nur vermuthungsweise zu sprechen, wenn die ungeheure Kluft aufgedeckt werden soll, welche die dionysischen Griechen von den dionysischen Barbaren trennt. Aus allen Enden der alten Welt - um die neuere hier bei Seite zu lassen - von Rom bis Babylon knnen wir die Existenz dionysischer Feste nachweisen, deren Typus sich, besten Falls, zu dem Typus der griechischen verhlt, wie der brtige Satyr, dem der Bock Namen und Attribute verlieh, zu Dionysus selbst. Fast berall lag das Centrum dieser Feste in einer berschwnglichen geschlechtlichen Zuchtlosigkeit, deren Wellen ber jedes Familienthum und dessen ehrwrdige Satzungen hinweg flutheten; gerade die wildesten Bestien der Natur wurden hier entfesselt, bis zu jener abscheulichen Mischung von Wollust und Grausamkeit, die mir immer als der eigentliche "Hexentrank" erschienen ist. Gegen die fieberhaften Regungen jener Feste, deren Kenntniss auf allen Land- und Seewegen zu den Griechen drang, waren sie, scheint es, eine Zeit lang vllig gesichert und geschtzt durch die hier in seinem ganzen Stolz sich aufrichtende Gestalt des Apollo, der das Medusenhaupt keiner gefhrlicheren Macht entgegenhalten konnte als dieser fratzenhaft ungeschlachten dionysischen. Es ist die dorische Kunst, in der sich jene majesttisch-ablehnende Haltung des Apollo verewigt hat. Bedenklicher und sogar unmglich wurde dieser Widerstand, als endlich aus der tiefsten Wurzel des Hellenischen heraus sich hnliche Triebe Bahnbrachen: jetzt beschrnkte sich das Wirken des delphischen Gottes darauf, dem gewaltigen Gegner durch eine zur rechten Zeit abgeschlossene Vershnung die vernichtenden Waffen aus der Hand zu nehmen. Diese Vershnung ist der wichtigste Moment in der Geschichte des griechischen Cultus: wohin man blickt, sind die Umwlzungen dieses Ereignisses sichtbar. Es war die Vershnung zweier Gegner, mit scharfer Bestimmung ihrer von jetzt ab einzuhaltenden Grenzlinien und mit periodischer Uebersendung von Ehrengeschenken; im Grunde war die Kluft nicht berbrckt. Sehen wir aber, wie sich unter dem Drucke jenes Friedensschlusses die dionysische Macht offenbarte, so erkennen wir jetzt, im Vergleiche mit jenen babylonischen Saken und ihrem Rckschritte des Menschen zum Tiger und Affen, in den dionysischen Orgien der Griechen die Bedeutung von Welterlsungsfesten und Verklrungstagen. Erst bei ihnen erreicht die Natur ihren knstlerischen Jubel, erst bei ihnen wird die Zerreissung des principii individuationis ein knstlerisches Phnomen. Jener scheussliche Hexentrank aus Wollust und Grausamkeit war hier ohne Kraft: nur die wundersame Mischung und Doppelheit in den Affecten der dionysischen Schwrmer erinnert an ihn - wie Heilmittel an tdtliche Gifte erinnern -, jene Erscheinung, dass Schmerzen Lust erwecken, dass der Jubel der Brust qualvolle Tne entreisst. Aus der hchsten Freude tnt der Schrei des Entsetzens oder der sehnende Klagelaut ber einen unersetzlichen Verlust. In jenen griechischen Festen bricht gleichsam ein sentimentalischer Zug der Natur hervor, als ob sie ber ihre Zerstckelung in Individuen zu seufzen habe. Der Gesang und die Gebrdensprache solcher zwiefach gestimmter Schwrmer war fr die homerisch- griechische Welt etwas Neues und Unerhrtes: und insbesondere erregte ihr die dionysische Musik Schrecken und Grausen. Wenn die Musik scheinbar bereits als eine apollinische Kunst bekannt war, so war sie dies doch nur, genau genommen, als Wellenschlag des Rhythmus, dessen bildnerische Kraft zur Darstellung apollinischer Zustnde entwickelt wurde. Die Musik des Apollo war dorische Architektonik in Tnen, aber in nur angedeuteten Tnen, wie sie der Kithara zu eigen sind. Behutsam ist gerade das Element, als unapollinisch, ferngehalten, das den Charakter der dionysischen Musik und damit der Musik berhaupt ausmacht, die erschtternde Gewalt des Tones, der einheitliche Strom des Melos und die durchaus unvergleichliche Welt der Harmonie. Im dionysischen Dithyrambus wird der Mensch zur hchsten Steigerung aller seiner symbolischen Fhigkeiten gereizt; etwas Nieempfundenes drngt sich zur Aeusserung, die Vernichtung des Schleiers der Maja, das Einssein als Genius der Gattung, ja der Natur. Jetzt soll sich das Wesen der Natur symbolisch ausdrcken; eine neue Welt der Symbole ist nthig, einmal die ganze leibliche Symbolik, nicht nur die Symbolik des Mundes, des Gesichts, des Wortes, sondern die volle, alle Glieder rhythmisch bewegende Tanzgebrde. Sodann wachsen die anderen symbolischen Krfte, die der Musik, in Rhythmik, Dynamik und Harmonie, pltzlich ungestm. Um diese Gesammtentfesselung aller symbolischen Krfte zu fassen, muss der Mensch bereits auf jener Hhe der Selbstentusserung angelangt sein, die in jenen Krften sich symbolisch aussprechen will: der dithyrambische Dionysusdiener wird somit nur von Seinesgleichen verstanden! Mit welchem Erstaunen musste der apollinische Grieche auf ihn blicken! Mit einem Erstaunen, das um so grsser war, als sich ihm das Grausen beimischte, dass ihm jenes Alles doch eigentlich so fremd nicht sei, ja dass sein apollinisches Bewusstsein nur wie ein Schleier diese dionysische Welt vor ihm verdecke. 3. Um dies zu begreifen, mssen wir jenes kunstvolle Gebude der apollinischen Cultur gleichsam Stein um Stein abtragen, bis wir die Fundamente erblicken, auf die es begrndet ist. Hier gewahren wir nun zuerst die herrlichen olympischen Gttergestalten, die auf den Giebeln dieses Gebudes stehen, und deren Thaten in weithin leuchtenden Reliefs dargestellt seine Friese zieren. Wenn unter ihnen auch Apollo steht, als eine einzelne Gottheit neben anderen und ohne den Anspruch einer ersten Stellung, so drfen wir uns dadurch nicht beirren lassen. Derselbe Trieb, der sich in Apollo versinnlichte, hat berhaupt jene ganze olympische Welt geboren, und in diesem Sinne darf uns Apollo als Vater derselben gelten. Welches war das ungeheure Bedrfniss, aus dem eine so leuchtende Gesellschaft olympischer Wesen entsprang? Wer, mit einer anderen Religion im Herzen, an diese Olympier herantritt und nun nach sittlicher Hhe, ja Heiligkeit, nach unleiblicher Vergeistigung, nach erbarmungsvollen Liebesblicken bei ihnen sucht, der wird unmuthig und enttuscht ihnen bald den Rcken kehren mssen. Hier erinnert nichts an Askese, Geistigkeit und Pflicht: hier redet nur ein ppiges, ja triumphirendes Dasein zu uns, in dem alles Vorhandene vergttlicht ist, gleichviel ob es gut oder bse ist. Und so mag der Beschauer recht betroffen vor diesem phantastischen Ueberschwang des Lebens stehn, um sich zu fragen, mit welchem Zaubertrank im Leibe diese bermthigen Menschen das Leben genossen haben mgen, dass, wohin sie sehen, Helena, das "in ssser Sinnlichkeit schwebende" Idealbild ihrer eignen Existenz, ihnen entgegenlacht. Diesem bereits rckwrts gewandten Beschauer mssen wir aber zurufen: "Geh' nicht von dannen, sondern hre erst, was die griechische Volksweisheit von diesem selben Leben aussagt, das sich hier mit so unerklrlicher Heiterkeit vor dir ausbreitet. Es geht die alte Sage, dass Knig Midas lange Zeit nach dem weisen Silen, dem Begleiter des Dionysus, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hnde gefallen ist, fragt der Knig, was fr den Menschen das Allerbeste und Allervorzglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dmon; bis er, durch den Knig gezwungen, endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht: `Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mhsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hren fr dich das Erspriesslichste ist? Das Allerbeste ist fr dich gnzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist fr dich - bald zu sterben`." Wie verhlt sich zu dieser Volksweisheit die olympische Gtterwelt? Wie die entzckungsreiche Vision des gefolterten Mrtyrers zu seinen Peinigungen. Jetzt ffnet sich uns gleichsam der olympische Zauberberg und zeigt uns seine Wurzeln. Der Grieche kannte und empfand die Schrecken und Entsetzlichkeiten des Daseins: um berhaupt leben zu knnen, musste er vor sie hin die glnzende Traumgeburt der Olympischen stellen. Jenes ungeheure Misstrauen gegen die titanischen Mchte der Natur, jene ber allen Erkenntnissen erbarmungslos thronende Moira jener Geier des grossen Menschenfreundes Prometheus, jenes Schreckensloos des weisen Oedipus, jener Geschlechtsfluch der Atriden, der Orest zum Muttermorde zwingt, kurz jene ganze Philosophie des Waldgottes, sammt ihren mythischen Exempeln, an der die schwermthigen Etrurier zu Grunde gegangen sind - wurde von den Griechen durch jene knstlerische Mittelwelt der Olympier fortwhrend von Neuem berwunden, jedenfalls verhllt und dem Anblick entzogen. Um leben zu knnen, mussten die Griechen diese Gtter, aus tiefster Nthigung, schaffen: welchen Hergang wir uns wohl so vorzustellen haben, dass aus der ursprnglichen titanischen Gtterordnung des Schreckens durch jenen apollinischen Schnheitstrieb in langsamen Uebergngen die olympische Gtterordnung der Freude entwickelt wurde: wie Rosen aus dornigem Gebsch hervorbrechen. Wie anders htte jenes so reizbar empfindende, so ungestm begehrende, zum Leiden so einzig befhigte Volk das Dasein ertragen knnen, wenn ihm nicht dasselbe, von einer hheren Glorie umflossen, in seinen Gttern gezeigt worden wre. Derselbe Trieb, der die Kunst in's Leben ruft, als die zum Weiterleben verfhrende Ergnzung und Vollendung des Daseins, liess auch die olympische Welt entstehn, in der sich der hellenische "Wille" einen verklrenden Spiegel vorhielt. So rechtfertigen die Gtter das Menschenleben, indem sie es selbst leben - die allein gengende Theodicee! Das Dasein unter dem hellen Sonnenscheine solcher Gtter wird als das an sich Erstrebenswerthe empfunden, und der eigentliche Schmerz der homerischen Menschen bezieht sich auf das Abscheiden aus ihm, vor allem auf das baldige Abscheiden: so dass man jetzt von ihnen, mit Umkehrung der silenischen Weisheit, sagen knnte, "das Allerschlimmste sei fr sie, bald zu sterben, das Zweitschlimmste, berhaupt einmal zu sterben". Wenn die Klage einmal ertnt, so klingt sie wieder vom kurzlebenden Achilles, von dem blttergleichen Wechsel und Wandel des Menschengeschlechts, von dem Untergang der Heroenzeit. Es ist des grssten Helden nicht unwrdig, sich nach dem Weiterleben zu sehnen, sei es selbst als Tagelhner. So ungestm verlangt, auf der apollinischen Stufe, der "Wille" nach diesem Dasein, so eins fhlt sich der homerische Mensch mit ihm, dass selbst die Klage zu seinem Preisliede wird. Hier muss nun ausgesprochen werden, dass diese von den neueren Menschen so sehnschtig angeschaute Harmonie, ja Einheit des Menschen mit der Natur, fr die Schiller das Kunstwort "naiv" in Geltung gebracht hat, keinesfalls ein so einfacher, sich von selbst ergebender, gleichsam unvermeidlicher Zustand ist, dem wir an der Pforte jeder Cultur, als einem Paradies der Menschheit begegnen mssten: dies konnte nur eine Zeit glauben, die den Emil Rousseau's sich auch als Knstler zu denken suchte und in Homer einen solchen am Herzen der Natur erzogenen Knstler Emil gefunden zu haben whnte. Wo uns das "Naive" in der Kunst begegnet, haben wir die hchste Wirkung der apollinischen Cultur zu erkennen: welche immer erst ein Titanenreich zu strzen und Ungethme zu tdten hat und durch krftige Wahnvorspiegelungen und lustvolle Illusionen ber eine schreckliche Tiefe der Weltbetrachtung und reizbarste Leidensfhigkeit Sieger geworden sein muss. Aber wie selten wird das Naive, jenes vllige Verschlungensein in der Schnheit des Scheines, erreicht! Wie unaussprechbar erhaben ist deshalb Homer, der sich, als Einzelner, zu jener apollinischen Volkscultur verhlt, wie der einzelne Traumknstler zur Traumbefhigung des Volks und der Natur berhaupt. Die homerische "Naivett" ist nur als der vollkommene Sieg der apollinischen Illusion zu begreifen: es ist dies eine solche Illusion, wie sie die Natur, zur Erreichung ihrer Absichten, so hufig verwendet. Das wahre Ziel wird durch ein Wahnbild verdeckt: nach diesem strecken wir die Hnde aus, und jenes erreicht die Natur durch unsre Tuschung. In den Griechen wollte der "Wille" sich selbst, in der Verklrung des Genius und der Kunstwelt, anschauen; um sich zu verherrlichen, mussten seine Geschpfe sich selbst als verherrlichenwerth empfinden sie mussten sich in einer hheren Sphre wiedersehn, ohne dass diese vollendete Welt der Anschauung als Imperativ oder als Vorwurf wirkte Dies ist die Sphre der Schnheit, in der sie ihre Spiegelbilder, die Olympischen, sahen. Mit dieser Schnheitsspiegelung kmpfte der hellenische "Wille" gegen das dem knstlerischen correlative Talent zum Leiden und zur Weisheit des Leidens und als Denkmal seines Sieges steht Homer vor uns, der naive Knstler. 4. Ueber diesen naiven Knstler giebt uns die Traumanalogie einige Belehrung Wenn wir uns den Trumenden vergegenwrtigen, wie er, mitten in der Illusion der Traumwelt und ohne sie zu stren, sich zuruft "es ist ein Traum, ich will ihn weiter trumen", wenn wir hieraus auf eine tiefe innere Lust des Traumanschauens zu schliessen haben, wenn wir andererseits, um berhaupt mit dieser inneren Lust am Schauen trumen zu knnen, den Tag und seine schreckliche Zudringlichkeit vllig vergessen haben mssen so drfen wir uns alle diese Erscheinungen etwa in folgender Weise, unter der Leitung des traumdeutenden Apollo, interpretiren. So gewiss von den beiden Hlften des Lebens, der wachen und der trumenden Hlfte, uns die erstere als die ungleich bevorzugtere, wichtigere, wrdigere, lebenswerthere, ja allein gelebte dnkt so mchte ich doch, bei allem Anscheine einer Paradoxie, fr jenen geheimnissvollen Grund unseres Wesens, dessen Erscheinung wir sind, gerade die entgegengesetzte Werthschtzung des Traumes behaupten. Je mehr ich nmlich hin der Natur jene allgewaltigen Kunsttriebe und in ihnen eine inbrnstige Sehnsucht zum Schein, zum Erlstwerden durch den Schein gewahr werde, um so mehr fhle ich mich zu der metaphysischen Annahme gedrngt, dass das Wahrhaft-Seiende und Ur-Eine, als das ewig Leidende und Widerspruchsvolle, zugleich die entzckende Vision, den lustvollen Schein, zu seiner steten Erlsung braucht: welchen Schein wir, vllig in ihm befangen und aus ihm bestehend, als das Wahrhaft-Nichtseiende d.h. als ein fortwhrendes Werden in Zeit, Raum und Causalitt, mit anderen Worten, als empirische Realitt zu empfinden genthigt sind. Sehen wir also einmal von unsrer eignen "Realitt" fr einen Augenblick ab, fassen wir unser empirisches Dasein, wie das der Welt berhaupt, als eine in jedem Moment erzeugte Vorstellung des Ur-Einen, so muss uns jetzt der Traum als der Schein des Scheins, somit als eine noch hhere Befriedigung der Urbegierde nach dem Schein hin gelten. Aus diesem selben Grunde hat der innerste Kern der Natur jene unbeschreibliche Lust an dem naiven Knstler und dem naiven Kunstwerke, das gleichlfalls nur "Schein des Scheins" ist. Rafael, selbst einer jener unsterblichen "Naiven", hat uns in einem gleichnissartigen Gemlde jenes Depotenziren des Scheins zum Schein, den Urprozess des naiven Knstlers und zugleich der apollinischen Cultur, dargestellt. In seiner Transfiguration zeigt uns die untere Hlfte, mit dem besessenen Knaben, den verzweifelnden Trgern, den rathlos gengstigten Jngern, die Wiederspiegelung des ewigen Urschmerzes, des einzigen Grundes der Welt der "Schein" ist hier Widerschein des ewigen Widerspruchs, des Vaters der Dinge. Aus diesem Schein steigt nun, wie ein ambrosischer Duft, eine visionsgleiche neue Scheinwelt empor, von der jene im ersten Schein Befangenen nichts sehen - ein leuchtendes Schweben in reinster Wonne und schmerzlosem, aus weiten Augen strahlenden Anschauen. Hier haben wir, in hchster Kunstsymbolik, jene apollinische Schnheitswelt und ihren Untergrund, die schreckliche Weisheit des Silen, vor unseren Blicken und begreifen, durch Intuition, ihre gegenseitige Nothwendigkeit Apollo aber tritt uns wiederum als die Vergttlichung des principii individuationis entgegen, in dem allein das ewig erreichte Ziel des Ur-Einen, seine Erlsung durch den Schein, sich vollzieht: er zeigt uns, mit erhabenen Gebrden, wie die ganze Welt der Qual nthig ist, damit durch sie der Einzelne zur Erzeugung der erlsenden Vision gedrngt werde und dann, ins Anschauen derselben versunken, ruhig auf seinem schwankenden Kahne, inmitten des Meeres, sitze. Diese Vergttlichung der Individuation kennt, wenn sie berhaupt imperativisch und Vorschriften gebend gedacht wird, nur Ein Gesetz, das Individuum d.h. die Einhaltung der Grenzen des Individuums, das Maass im hellenischen Sinne. Apollo, als ethische Gottheit, fordert von den Seinigen das Maass und, um es einhalten zu knnen, Selbsterkenntniss. Und so luft neben der sthetischen Nothwendigkeit der Schnheit die Forderung des "Erkenne dich selbst" und des "Nicht zu viel!" her, whrend Selbstberhebung und Uebermaass als die eigentlich feindseligen Dmonen der nicht-apollinischen Sphre, daher als Eigenschaften der vor-apollinischen Zeit, des Titanenzeitalters, und der ausser-apollinischen Welt d.h. der Barbarenwelt, erachtet wurden. Wegen seiner titanenhaften Liebe zu den Menschen musste Prometheus von den Geiern zerrissen werden, seiner bermssigen Weisheit halber, die das Rthsel der Sphinx lste, musste Oedipus in einen verwirrenden Strudel von Unthaten strzen: so interpretirte der delphische Gott die griechische Vergangenheit. "Titanenhaft" und "barbarisch" dnkte dem apollinischen Griechen auch die Wirkung, die das Dionysische erregte: ohne dabei sich verhehlen zu knnen, dass er selbst doch zugleich auch innerlich mit jenen gestrzten Titanen und Heroen verwandt sei. Ja er musste noch mehr empfinden: sein ganzes Dasein mit aller Schnheit und Mssigung ruhte auf einem verhllten Untergrunde des Leidens und der Erkenntniss, der ihm wieder durch jenes Dionysische aufgedeckt wurde. Und siehe! Apollo konnte nicht ohne Dionysus leben! Das "Titanische" und das "Barbarische" war zuletzt eine eben solche Nothwendigkeit wie das Apollinische! Und nun denken wir uns, wie in diese auf den Schein und die Mssigung gebaute und knstlich gedmmte Welt der ekstatische Ton der Dionysusfeier in immer lockenderen Zauberweisen hineinklang, wie in diesen das ganze Uebermaass der Natur in Lust, Leid und Erkenntniss, bis zum durchdringenden Schrei, laut wurde: denken wir uns, was diesem dmonischen Volksgesange gegenber der psalmodirende Knstler des Apollo, mit dem gespensterhaften Harfenklange, bedeuten konnte! Die Musen der Knste des "Scheins" verblassten vor einer Kunst, die in ihrem Rausche die Wahrheit sprach, die Weisheit des Silen rief Wehe! Wehe! aus gegen die heiteren Olympier. Das Individuum, mit allen seinen Grenzen und Maassen, ging hier in der Selbstvergessenheit der dionysischen Zustnde unter und vergass die apollinischen Satzungen. Das Uebermaass enthllte sich als Wahrheit, der Widerspruch, die aus Schmerzen geborene Wonne sprach von sich aus dem Herzen der Natur heraus. Und so war, berall dort, wo das Dionysische durchdrang, das Apollinische aufgehoben und vernichtet. Aber eben so gewiss ist, dass dort, wo der erste Ansturm ausgehalten wurde, das Ansehen und die Majestt des delphischen Gottes starrer und drohender als je sich usserte. Ich vermag nmlich den dorischen Staat und die dorische Kunst mir nur als ein fortgesetztes Kriegslager des Apollinischen zu erklren: nur in einem unausgesetzten Widerstreben gegen das titanisch-barbarische Wesen des Dionysischen konnte eine so trotzig-sprde, mit Bollwerken umschlossene Kunst, eine so kriegsgemsse und herbe Erziehung, ein so grausames und rcksichtsloses Staatswesen von lngerer Dauer sein. Bis zu diesem Punkte ist des Weiteren ausgefhrt worden, was ich am Eingange dieser Abhandlung bemerkte: wie das Dionysische und das Apollinische in immer neuen auf einander folgenden Geburten, und sich gegenseitig steigernd das hellenische Wesen beherrscht haben: wie aus dem "erzenen" Zeitalter, mit seinen Titanenkmpfen und seiner herben Volksphilosophie, sich unter dem Walten des apollinischen Schnheitstriebes die homerische Welt entwickelt, wie diese "naive" Herrlichkeit wieder von dem einbrechenden Strome des Dionysischen verschlungen wird, und wie dieser neuen Macht gegenber sich das Apollinische zur starren Majestt der dorischen Kunst und Weltbetrachtung erhebt. Wenn auf diese Weise die ltere hellenische Geschichte, im Kampf jener zwei feindseligen Principien, in vier grosse Kunststufen zerfllt: so sind wir jetzt gedrngt, weiter nach dem letzten Plane dieses Werdens und Treibens zu fragen, falls uns nicht etwa die letzterreichte Periode, die der dorischen Kunst, als die Spitze und Absicht jener Kunsttriebe gelten sollte: und hier bietet sich unseren Blicken das erhabene und hochgepriesene Kunstwerk der attischen Tragdie und des dramatischen Dithyrambus, als das gemeinsame Ziel beider Triebe, deren geheimnissvolles Ehebndniss, nach langem vorhergehenden Kampfe, sich in einem solchen Kinde - das zugleich Antigone und Kassandra ist - verherrlicht hat. 5. Wir nahen uns jetzt dem eigentlichen Ziele unsrer Untersuchung, die auf die Erkenntniss des dionysisch-apollinischen Genius und seines Kunstwerkes, wenigstens auf das ahnungsvolle Verstndniss jenes Einheitsmysteriums gerichtet ist. Hier fragen wir nun zunchst, wo jener neue Keim sich zuerst in der hellenischen Welt bemerkbar macht, der sich nachher bis zur Tragdie und zum dramatischen Dithyrambus entwickelt. Hierber giebt uns das Alterthum selbst bildlich Aufschluss, wenn es als die Urvter und Fackeltrger der griechischen Dichtung Homer und Archilochus auf Bildwerken, Gemmen u.s.w. neben einander stellt, in der sicheren Empfindung, dass nur diese Beiden gleich vllig originalen Naturen, von denen aus ein Feuerstrom auf die gesammte griechische Nachwelt fortfliesse, zu erachten seien. Homer, der in sich versunkene greise Trumer, der Typus des apollinischen, naiven Knstlers, sieht nun staunend den leidenschaftlichen Kopf des wild durch's Dasein getriebenen kriegerischen Musendieners Archilochus: und die neuere Aesthetik wusste nur deutend hinzuzufgen, dass hier dem "objectiven" Knstler der erste "subjective" entgegen gestellt sei. Uns ist mit dieser Deutung wenig gedient, weil wir den subjectiven Knstler nur als schlechten Knstler kennen und in jeder Art und Hhe der Kunst vor allem und zuerst Besiegung des Subjectiven, Erlsung vom "Ich" und Stillschweigen jedes individuellen Willens und Gelstens fordern, ja ohne Objectivitt, ohne reines interesseloses Anschauen nie an die geringste wahrhaft knstlerische Erzeugung glauben knnen. Darum muss unsre Aesthetik erst jenes Problem lsen, wie der "Lyriker" als Knstler mglich ist: er, der, nach der Erfahrung aller Zeiten, immer "ich" sagt und die ganze chromatische Tonleiter seiner Leidenschaften und Begehrungen vor uns absingt. Gerade dieser Archilochus erschreckt uns, neben Homer, durch den Schrei seines Hasses und Hohnes, durch die trunknen Ausbrche seiner Begierde; ist er, der erste subjectiv genannte Knstler, nicht damit der eigentliche Nichtknstler? Woher aber dann die Verehrung, die ihm, dem Dichter, gerade auch das delphische Orakel, der Herd der "objectiven" Kunst, in sehr merkwrdigen Aussprchen erwiesen hat? Ueber den Prozess seines Dichtens hat uns Schiller durch eine ihm selbst unerklrliche, doch nicht bedenklich scheinende psychologische Beobachtung Licht gebracht; er gesteht nmlich als den vorbereitenden Zustand vor dem Actus des Dichtens nicht etwa eine Reihe von Bildern, mit geordneter Causalitt der Gedanken, vor sich und in sich gehabt zu haben, sondern vielmehr eine musikalische Stimmung ("Die Empfindung ist bei mir anfangs ohne bestimmten und klaren Gegenstand; dieser bildet sich erst spter. Eine gewisse musikalische Gemthsstimmung geht vorher, und auf diese folgt bei mir erst die poetische Idee"). Nehmen wir jetzt das wichtigste Phnomen der ganzen antiken Lyrik hinzu, die berall als natrlich geltende Vereinigung, ja Identitt des Lyrikers mit dem Musiker - der gegenber unsre neuere Lyrik wie ein Gtterbild ohne Kopf erscheint - so knnen wir jetzt, auf Grund unsrer frher dargestellten aesthetischen Metaphysik, uns in folgender Weise den Lyriker erklren. Er ist zuerst, als dionysischer Knstler, gnzlich mit dem Ur-Einen, seinem Schmerz und Widerspruch, eins geworden und producirt das Abbild dieses Ur-Einen als Musik, wenn anders diese mit Recht eine Wiederholung der Welt und ein zweiter Abguss derselben genannt worden ist; jetzt aber wird diese Musik ihm wieder wie in einem gleichnissartige Traumbilde, unter der apollinischen Traumeinwirkung sichtbar. Jener bild- und begrifflose Wiederschein des Urschmerzes in der Musik, mit seiner Erlsung im Scheine, erzeugt jetzt eine zweite Spiegelung, als einzelnes Gleichniss oder Exempel. Seine Subjectivitt hat der Knstler bereits in dem dionysischen Prozess aufgegeben: das Bild, das ihm jetzt seine Einheit mit dem Herzen der Welt zeigt, ist eine Traumscene, die jenen Urwiderspruch und Urschmerz, sammt der Urlust des Scheines, versinnlicht. Das "Ich" des Lyrikers tnt also aus dem Abgrunde des Seins: seine "Subjectivitt" im Sinne der neueren Aesthetiker ist eine Einbildung. Wenn Archilochus, der erste Lyriker der Griechen, seine rasende Liebe und zugleich seine Verachtung den Tchtern des Lykambes kundgiebt, so ist es nicht seine Leidenschaft, die vor uns in orgiastischem Taumel tanzt: wir sehen Dionysus und die Mnaden, wir sehen den berauschten Schwrmer Archilochus zum Schlafe niedergesunken - wie ihn uns Euripides in den Bacchen beschreibt, den Schlaf auf hoher Alpentrift, in der Mittagssonne -: und jetzt tritt Apollo an ihn heran und berhrt ihn mit dem Lorbeer. Die dionysisch-musikalische Verzauberung des Schlfers sprht jetzt gleichsam Bilderfunken um sich, lyrische Gedichte, die in ihrer hchsten Entfaltung Tragdien und dramatische Dithyramben heissen. Der Plastiker und zugleich der ihm verwandte Epiker ist in das reine Anschauen der Bilder versunken. Der dionysische Musiker ist ohne jedes Bild vllig nur selbst Urschmerz und Urwiederklang desselben. Der lyrische Genius fhlt aus dem mystischen Selbstentusserungs- und Einheitszustande eine Bilder- und Gleichnisswelt hervorwachsen, die eine ganz andere Frbung, Causalitt und Schnelligkeit hat als jene Welt des Plastikers und Epikers. Whrend der Letztgenannte in diesen Bildern und nur in ihnen mit freudigem Behagen lebt und nicht mde wird, sie bis auf die kleinsten Zge hin liebevoll anzuschauen, whrend selbst das Bild des zrnenden Achilles fr ihn nur ein Bild ist, dessen zrnenden Ausdruck er mit jener Traumlust am Scheine geniesst - so dass er, durch diesen Spiegel des Scheines, gegen das Einswerden und Zusammenschmelzen mit seinen Gestalten geschtzt ist -, so sind dagegen die Bilder des Lyrikers nichts als er selbst und gleichsam nur verschiedene Objectivationen von ihm, weshalb er als bewegender Mittelpunkt jener Welt "ich" sagen darf: nur ist diese Ichheit nicht dieselbe, wie die des wachen, empirisch- realen Menschen, sondern die einzige berhaupt wahrhaft seiende und ewige, im Grunde der Dinge ruhende Ichheit, durch deren Abbilder der lyrische Genius bis auf jenen Grund der Dinge hindurchsieht. Nun denken wir uns einmal, wie er unter diesen Abbildern auch sich selbst als Nichtgenius erblickt d.h. sein "Subject", das ganze Gewhl subjectiver, auf ein bestimmtes, ihm real dnkendes Ding gerichteter Leidenschaften und Willensregungen; wenn es jetzt scheint als ob der lyrische Genius und der mit ihm verbundene Nichtgenius eins wre und als ob der Erstere von sich selbst jenes Wrtchen "ich" sprche, so wird uns jetzt dieser Schein nicht mehr verfhren knnen, wie er allerdings diejenigen verfhrt hat, die den Lyriker als den subjectiven Dichter bezeichnet haben. In Wahrheit ist Archilochus, der leidenschaftlich entbrannte liebende und hassende Mensch nur eine Vision des Genius, der bereits nicht mehr Archilochus, sondern Weltgenius ist und der seinen Urschmerz in jenem Gleichnisse vom Menschen Archilochus symbolisch ausspricht: whrend jener subjectiv wollende und begehrende Mensch Archilochus berhaupt nie und nimmer Dichter sein kann. Es ist aber gar nicht nthig, dass der Lyriker gerade nur das Phnomen des Menschen Archilochus vor sich sieht als Wiederschein des ewigen Seins; und die Tragdie beweist, wie weit sich die Visionswelt des Lyrikers von jenem allerdings zunchst stehenden Phnomen entfernen kann. Schopenhauer, der sich die Schwierigkeit, die der Lyriker fr die philosophische Kunstbetrachtung macht, nicht verhehlt hat, glaubt einen Ausweg gefunden zu haben, den ich nicht mit ihm gehen kann, whrend ihm allein, in seiner tiefsinnigen Metaphysik der Musik, das Mittel in die Hand gegeben war, mit dem jene Schwierigkeit entscheidend beseitigt werden konnte: wie ich dies, in seinem Geiste und zu seiner Ehre, hier gethan zu haben glaube. Dagegen bezeichnet er als das eigenthmliche Wesen des Liedes Folgendes (Welt als Wille und Vorstellung I, S. 295): "Es ist das Subject des Willens, d.h. das eigene Wollen, was das Bewusstsein des Singenden fllt, oft als ein entbundenes, befriedigtes Wollen (Freude), wohl noch fter aber als ein gehemmtes (Trauer), immer als Affect, Leidenschaft, bewegter Gemthszustand. Neben diesem jedoch und zugleich damit wird durch den Anblick der umgebenden Natur der Singende sich seiner bewusst als Subjects des reinen, willenlosen Erkennens, dessen unerschtterliche, selige Ruhe nunmehr in Contrast tritt mit dem Drange des immer beschrnkten, immer noch drftigen Wollens: die Empfindung dieses Contrastes, dieses Wechselspieles ist eigentlich, was sich im Ganzen des Liedes ausspricht und was berhaupt den lyrischen Zustand ausmacht. In diesem tritt gleichsam das reine Erkennen zu uns heran, um uns vom Wollen und seinem Drange zu erlsen: wir folgen; doch nur auf Augenblicke: immer von Neuem entreisst das Wollen, die Erinnerung an unsere persnlichen Zwecke, uns der ruhigen Beschauung; aber auch immer wieder entlockt uns dem Wollen die nchste schne Umgebung, in welcher sich die reine willenlose Erkenntniss uns darbietet. Darum geht im Liede und der lyrischen Stimmung das Wollen (das persnliche Interesse des Zwecks) und das reine Anschauen der sich darbietenden Umgebung wundersam gemischt durch einander: es werden Beziehungen zwischen beiden gesucht und imaginirt; die subjective Stimmung, die Affection des Willens, theilt der angeschauten Umgebung und diese wiederum jener ihre Farbe im Reflex mit: von diesem ganzen so gemischten und getheilten Gemthszustande ist das chte Lied der Abdruck". Wer vermchte in dieser Schilderung zu verkennen, dass hier die Lyrik als eine unvollkommen erreichte, gleichsam im Sprunge und selten zum Ziele kommende Kunst charakterisirt wird, ja als eine Halbkunst, deren Wesen darin bestehen solle, dass das Wollen und das reine Anschauen d.h. der unaesthetische und der aesthetische Zustand wundersam durch einander gemischt seien? Wir behaupten vielmehr, dass der ganze Gegensatz, nach dem wie nach einem Werthmesser auch noch Schopenhauer die Knste eintheilt, der des Subjectiven und des Objectiven, berhaupt in der Aesthetik ungehrig ist, da das Subject, das wollende und seine egoistischen Zwecke frdernde Individuum nur als Gegner, nicht als Ursprung der Kunst gedacht werden kann. Insofern aber das Subject Knstler ist, ist es bereits von seinem individuellen Willen erlst und gleichsam Medium geworden, durch das hindurch das eine wahrhaft seiende Subject seine Erlsung im Scheine feiert. Denn dies muss uns vor allem, zu unserer Erniedrigung und Erhhung, deutlich sein, dass die ganze Kunstkomdie durchaus nicht fr uns, etwa unsrer Besserung und Bildung wegen, aufgefhrt wird, ja dass wir ebensowenig die eigentlichen Schpfer jener Kunstwelt sind: wohl aber drfen wir von uns selbst annehmen, dass wir fr den wahren Schpfer derselben schon Bilder und knstlerische Projectionen sind und in der Bedeutung von Kunstwerken unsre hchste Wrde haben - denn nur als aesthetisches Phnomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt: - whrend freilich unser Bewusstsein ber diese unsre Bedeutung kaum ein andres ist als es die auf Leinwand gemalten Krieger von der auf ihr dargestellten Schlacht haben. Somit ist unser ganzes Kunstwissen im Grunde ein vllig illusorisches, weil wir als Wissende mit jenem Wesen nicht eins und identisch sind, das sich, als einziger Schpfer und Zuschauer jener Kunstkomdie, einen ewigen Genuss bereitet. Nur soweit der Genius im Actus der knstlerischen Zeugung mit jenem Urknstler der Welt verschmilzt, weiss er etwas ber das ewige Wesen der Kunst; denn in jenem Zustande ist er, wunderbarer Weise, dem unheimlichen Bild des Mhrchens gleich, das die Augen drehn und sich selber anschaun kann; jetzt ist er zugleich Subject und Object, zugleich Dichter, Schauspieler und Zuschauer. 6. In Betreff des Archilochus hat die gelehrte Forschung entdeckt, dass er das Volkslied in die Litteratur eingefhrt habe, und dass ihm, dieser That halber, jene einzige Stellung neben Homer, in der allgemeinen Schtzung der Griechen zukomme. Was aber ist das Volkslied im Gegensatz zu dem vllig apollinischen Epos? Was anders als das perpetuum vestigium einer Vereinigung des Apollinischen und des Dionysischen; seine ungeheure, ber alle Vlker sich erstreckende und in immer neuen Geburten sich steigernde Verbreitung ist uns ein Zeugniss dafr, wie stark jener knstlerische Doppeltrieb der Natur ist: der in analoger Weise seine Spuren im Volkslied hinterlsst, wie die orgiastischen Bewegungen eines Volkes sich in seiner Musik verewigen. Ja es msste auch historisch nachweisbar sein, wie jede an Volksliedern reich productive Periode zugleich auf das Strkste durch dionysische Strmungen erregt worden ist, welche wir immer als Untergrund und Voraussetzung des Volksliedes zu betrachten haben. Das Volkslied aber gilt uns zu allernchst als musikalischer Weltspiegel, als ursprngliche Melodie, die sich jetzt eine parallele Traumerscheinung sucht und diese in der Dichtung ausspricht. Die Melodie ist also das Erste und Allgemeine, das deshalb auch mehrere Objectivationen, in mehreren Texten, an sich erleiden kann. Sie ist auch das bei weitem wichtigere und nothwendigere in der naiven Schtzung des Volkes. Die Melodie gebiert die Dichtung aus sich und zwar immer wieder von Neuem; nichts Anderes will uns die Strophenform des Volksliedes sagen: welches Phnomen ich immer mit Erstaunen betrachtet habe, bis ich endlich diese Erklrung fand. Wer eine Sammlung von Volksliedern z.B. des Knaben Wunderhorn auf diese Theorie hin ansieht, der wird unzhlige Beispiele finden, wie die fortwhrend gebrende Melodie Bilderfunken um sich aussprht: die in ihrer Buntheit, ihrem jhen Wechsel, ja ihrem tollen Sichberstrzen eine dem epischen Scheine und seinem ruhigen Fortstrmen wildfremde Kraft offenbaren. Vom Standpunkte des Epos ist diese ungleiche und unregelmssige Bilderwelt der Lyrik einfach zu verurtheilen: und dies haben gewiss die feierlichen epischen Rhapsoden der apollinischen Feste im Zeitalter des Terpander gethan. In der Dichtung des Volksliedes sehen wir also die Sprache auf das Strkste angespannt, die Musik nachzuahmen: deshalb beginnt mit Archilochus eine neue Welt der Poesie, die der homerischen in ihrem tiefsten Grunde widerspricht. Hiermit haben wir das einzig mgliche Verhltniss zwischen Poesie und Musik, Wort und Ton bezeichnet: das Wort, das Bild, der Begriff sucht einen der Musik analogen Ausdruck und erleidet jetzt die Gewalt der Musik an sich. In diesem Sinne drfen wir in der Sprachgeschichte des griechischen Volkes zwei Hauptstrmungen unterscheiden, jenachdem die Sprache die Erscheinungs- und Bilderwelt oder die Musikwelt nachahmte. Man denke nur einmal tiefer ber die sprachliche Differenz der Farbe, des syntaktischen Bau's, des Wortmaterial's bei Homer und Pindar nach, um die Bedeutung dieses Gegensatzes zu begreifen; ja es wird Einem dabei handgreiflich deutlich, dass zwischen Homer und Pindar die orgiastischen Fltenweisen des Olympus erklungen sein mssen, die noch im Zeitalter des Aristoteles, inmitten einer unendlich entwickelteren Musik, zu trunkner Begeisterung hinrissen und gewiss in ihrer ursprnglichen Wirkung alle dichterischen Ausdrucksmittel der gleichzeitigen Menschen zur Nachahmung aufgereizt haben. Ich erinnere hier an ein bekanntes, unserer Aesthetik nur anstssig dnkendes Phnomen unserer Tage. Wir erleben es immer wieder, wie eine Beethoven'sche Symphonie die einzelnen Zuhrer zu einer Bilderrede nthigt, sei es auch dass eine Zusammenstellung der verschiedenen, durch ein Tonstck erzeugten Bilderwelten sich recht phantastisch bunt, ja widersprechend ausnimmt: an solchen Zusammenstellungen ihren armen Witz zu ben und das doch wahrlich erklrenswerthe Phnomen zu bersehen, ist recht in der Art jener Aesthetik. Ja selbst wenn der Tondichter in Bildern ber eine Composition geredet hat, etwa wenn er eine Symphonie als pastorale und einen Satz als "Scene am Bach", einen anderen als "lustiges Zusammensein der Landleute" bezeichnet, so sind das ebenfalls nur gleichnissartige, aus der Musik geborne Vorstellungen - und nicht etwa die nachgeahmten Gegenstnde der Musik - Vorstellungen, die ber den dionysischen Inhalt der Musik uns nach keiner Seite hin belehren knnen, ja die keinen ausschliesslichen Werth neben anderen Bildern haben. Diesen Prozess einer Entladung der Musik in Bildern haben wir uns nun auf eine jugendfrische, sprachlich schpferische Volksmenge zu bertragen, um zur Ahnung zu kommen, wie das strophische Volkslied entsteht, und wie das ganze Sprachvermgen durch das neue Princip der Nachahmung der Musik aufgeregt wird. Drfen wir also die lyrische Dichtung als die nachahmende Effulguration der Musik in Bildern und Begriffen betrachten, so knnen wir jetzt fragen: "als was erscheint die Musik im Spiegel der Bildlichkeit und der Begriffe?" Sie erscheint als Wille, das Wort im Schopenhauerischen Sinne genommen, d.h. als Gegensatz der aesthetischen, rein beschaulichen willenlosen Stimmung. Hier unterscheide man nun so scharf als mglich den Begriff des Wesens von dem der Erscheinung: denn die Musik kann, ihrem Wesen nach, unmglich Wille sein, weil sie als solcher gnzlich aus dem Bereich der Kunst zu bannen wre - denn der Wille ist das an sich Unaesthetische -; aber sie erscheint als Wille. Denn um ihre Erscheinung in Bildern auszudrcken, braucht der Lyriker alle Regungen der Leidenschaft, vom Flstern der Neigung bis zum Grollen des Wahnsinns; unter dem Triebe, in apollinischen Gleichnissen von der Musik zu reden, versteht er die ganze Natur und sich in ihr nur als das ewig Wollende, Begehrende, Sehnende. Insofern er aber die Musik in Bildern deutet, ruht er selbst in der stillen Meeresruhe der apollinischen Betrachtung, so sehr auch alles, was er durch das Medium der Musik anschaut, um ihn herum in drngender und treibender Bewegung ist. Ja wenn er sich selbst durch dasselbe Medium erblickt, so zeigt sich ihm sein eignes Bild im Zustande des unbefriedigten Gefhls: sein eignes Wollen, Sehnen, Sthnen, Jauchzen ist ihm ein Gleichniss, mit dem er die Musik sich deutet. Dies ist das Phnomen des Lyrikers: als apollinischer Genius interpretirt er die Musik durch das Bild des Willens, whrend er selbst, vllig losgelst von der Gier des Willens, reines ungetrbtes Sonnenauge ist. Diese ganze Errterung hlt daran fest, dass die Lyrik eben so abhngig ist vom Geiste der Musik als die Musik selbst, in ihrer vlligen Unumschrnktheit, das Bild und den Begriff nicht braucht, sondern ihn nur neben sich ertrgt. Die Dichtung des Lyrikers kann nichts aussagen, was nicht in der ungeheuersten Allgemeinheit und Allgltigkeit bereits in der Musik lag, die ihn zur Bilderrede nthigte. Der Weltsymbolik der Musik ist eben deshalb mit der Sprache auf keine Weise erschpfend beizukommen, weil sie sich auf den Urwiderspruch und Urschmerz im Herzen des Ur-Einen symbolisch bezieht, somit eine Sphre symbolisirt, die ber alle Erscheinung und vor aller Erscheinung ist. Ihr gegenber ist vielmehr jede Erscheinung nur Gleichniss: daher kann die Sprache, als Organ und Symbol der Erscheinungen, nie und nirgends das tiefste Innere der Musik nach Aussen kehren, sondern bleibt immer, sobald sie sich auf Nachahmung der Musik einlsst, nur in einer usserlichen Berhrung mit der Musik, whrend deren tiefster Sinn, durch alle lyrische Beredsamkeit, uns auch keinen Schritt nher gebracht werden kann. 7. Alle die bisher errterten Kunstprincipien mssen wir jetzt zu Hlfe nehmen, um uns in dem Labyrinth zurecht zu finden, als welches wir den Ursprung der griechischen Tragdie bezeichnen mssen. Ich denke nichts Ungereimtes zu behaupten, wenn ich sage, dass das Problem dieses Ursprungs bis jetzt noch nicht einmal ernsthaft aufgestellt, geschweige denn gelst ist, so oft auch die zerflatternden Fetzen der antiken Ueberlieferung schon combinatorisch an einander genht und wieder aus einander gerissen sind. Diese Ueberlieferung sagt uns mit voller Entschiedenheit, dass die Tragdie aus dem tragischen Chore entstanden ist und ursprnglich nur Chor und nichts als Chor war: woher wir die Verpflichtung nehmen, diesem tragischen Chore als dem eigentlichen Urdrama in's Herz zu sehen, ohne uns an den gelufigen Kunstredensarten - dass er der idealische Zuschauer sei oder das Volk gegenber der frstlichen Region der Scene zu vertreten habe - irgendwie gengen zu lassen. Jener zuletzt erwhnte, fr manchen Politiker erhaben klingende Erluterungsgedanke - als ob das unwandelbare Sittengesetz von den demokratischen Athenern in dem Volkschore dargestellt sei, der ber die leidenschaftlichen Ausschreitungen und Ausschweifungen der Knige hinaus immer Recht behalte - mag noch so sehr durch ein Wort des Aristoteles nahegelegt sein: auf die ursprngliche Formation der Tragdie ist er ohne Einfluss, da von jenen rein religisen Ursprngen der ganze Gegensatz von Volk und Frst, berhaupt jegliche politisch-sociale Sphre ausgeschlossen ist; aber wir mchten es auch in Hinsicht auf die uns bekannte classische Form des Chors bei Aeschylus und Sophokles fr Blasphemie erachten, hier von der Ahnung einer "constitutionellen Volksvertretung" zu reden, vor welcher Blasphemie Andere nicht zurckgeschrocken sind. Eine constitutionelle Volksvertretung kennen die antiken Staatsverfassungen in praxi nicht und haben sie hoffentlich auch in ihrer Tragdie nicht einmal "geahnt". Viel berhmter als diese politische Erklrung des Chors ist der Gedanke A. W. Schlegel's, der uns den Chor gewissermaassen als den Inbegriff und Extract der Zuschauermenge, als den "idealischen Zuschauer" zu betrachten anempfiehlt. Diese Ansicht, zusammengehalten mit jener historischen Ueberlieferung, dass ursprnglich die Tragdie nur Chor war, erweist sich als das was sie ist, als eine rohe, unwissenschaftliche, doch glnzende Behauptung, die ihren Glanz aber nur durch ihre concentrirte Form des Ausdrucks, durch die echt germanische Voreingenommenheit fr Alles, was "idealisch" genannt wird und durch unser momentanes Erstauntsein erhalten hat. Wir sind nmlich erstaunt, sobald wir das uns gut bekannte Theaterpublicum mit jenem Chore vergleichen und uns fragen, ob es wohl mglich sei, aus diesem Publicum je etwas dem tragischen Chore Analoges herauszuidealisiren. Wir leugnen dies im Stillen und wundern uns jetzt eben so ber die Khnheit der Schlegel'schen Behauptung wie ber die total verschiedene Natur des griechischen Publicums. Wir hatten nmlich doch immer gemeint, dass der rechte Zuschauer, er sei wer er wolle, sich immer bewusst bleiben msse, ein Kunstwerk vor sich zu haben, nicht eine empirische Realitt: whrend der tragische Chor der Griechen in den Gestalten der Bhne leibhafte Existenzen zu erkennen genthigt ist. Der Okeanidenchor glaubt wirklich den Titan Prometheus vor sich zu sehen und hlt sich selbst fr eben so real wie den Gott der Scene. Und das sollte die hchste und reinste Art des Zuschauers sein, gleich den Okeaniden den Prometheus fr leiblich vorhanden und real zu halten? Und es wre das Zeichen des idealischen Zuschauers, auf die Bhne zu laufen und den Gott von seinen Martern zu befreien? Wir hatten an ein aesthetisches Publicum geglaubt und den einzelnen Zuschauer fr um so befhigter gehalten, je mehr er im Stande war, das Kunstwerk als Kunst d.h. aesthetisch zu nehmen; und jetzt deutete uns der Schlegel'sche Ausdruck an, dass der vollkommne idealische Zuschauer die Welt der Scene gar nicht aesthetisch, sondern leibhaft empirisch auf sich wirken lasse. O ber diese Griechen! seufzen wir; sie werfen uns unsre Aesthetik um! Daran aber gewhnt, wiederholten wir den Sdllegel'schen Spruch, so oft der Chor zur Sprache kam. Aber jene so ausdrckliche Ueberlieferung redet hier gegen Schlegel: der Chor an sich, ohne Bhne, also die primitive Gestalt der Tragdie und jener Chor idealischer Zuschauer vertragen sich nicht mit einander. Was wre das fr eine Kunstgattung, die aus dem Begriff des Zuschauers herausgezogen wre, als deren eigentliche Form der "Zuschauer an sich" zu gelten htte. Der Zuschauer ohne Schauspiel ist ein widersinniger Begriff. Wir frchten, dass die Geburt der Tragdie weder aus der Hochachtung vor der sittlichen Intelligenz der Masse, noch aus dem Begriff des schauspiellosen Zuschauers zu erklren sei und halten dies Problem fr zu tief, um von so flachen Betrachtungsarten auch nur berhrt zu werden. Eine unendlich werthvollere Einsicht ber die Bedeutung des Chors hatte bereits Schiller in der berhmten Vorrede zur Braut von Messina verrathen, der den Chor als eine lebendige Mauer betrachtete, die die Tragdie um sich herum zieht, um sich von der wirklichen Welt rein abzuschliessen und sich ihren idealen Boden und ihre poetische Freiheit zu bewahren. Schiller kmpft mit dieser seiner Hauptwaffe gegen den gemeinen Begriff des Natrlichen, gegen die bei der dramatischen Poesie gemeinhin geheischte Illusion. Whrend der Tag selbst auf dem Theater nur ein knstlicher, die Architektur nur eine symbolische sei und die metrische Sprache einen idealen Charakter trage, herrsche immer noch der Irrthum im Ganzen: es sei nicht genug, dass man das nur als eine poetische Freiheit dulde, was doch das Wesen aller Poesie sei. Die Einfhrung des Chores sei der entscheidende Schritt, mit dem jedem Naturalismus in der Kunst offen und ehrlich der Krieg erklrt werde. - Eine solche Betrachtungsart ist es, scheint mir, fr die unser sich berlegen whnendes Zeitalter das wegwerfende Schlagwort "Pseudoidealismus" gebraucht. Ich frchte, wir sind dagegen mit unserer jetzigen Verehrung des Natrlichen und Wirklichen am Gegenpol alles Idealismus angelangt, nmlich in der Region der Wachsfigurencabinette. Auch in ihnen giebt es eine Kunst, wie bei gewissen beliebten Romanen der Gegenwart: nur qule man uns nicht mit dem Anspruch, dass mit dieser Kunst der Schiller-Goethesche "Pseudoidealismus" berwunden sei. Freilich ist es ein "idealer" Boden, auf dem, nach der richtigen Einsicht Schillers, der griechische Satyrchor, der Chor der ursprnglichen Tragdie, zu wandeln pflegt, ein Boden hoch emporgehoben ber die wirkliche Wandelbahn der Sterblichen. Der Grieche hat sich fr diesen Chor die Schwebegerste eines fingirten Naturzustandes gezimmert und auf sie hin fingirte Naturwesen gestellt. Die Tragdie ist auf diesem Fundamente emporgewachsen und freilich schon deshalb von Anbeginn an einem peinlichen Abkonterfeien der Wirklichkeit enthoben gewesen. Dabei ist es doch keine willkrlich zwischen Himmel und Erde hineinphantasirte Welt; vielmehr eine Welt von gleicher Realitt und Glaubwrdigkeit wie sie der Olymp sammt seinen Insassen fr den glubigen Hellenen besass. Der Satyr als der dionysische Choreut lebt in einer religis zugestandenen Wirklichkeit unter der Sanction des Mythus und des Cultus. Dass mit ihm die Tragdie beginnt, dass aus ihm die dionysische Weisheit der Tragdie spricht, ist ein hier uns eben so befremdendes Phnomen wie berhaupt die Entstehung der Tragdie aus dem Chore. Vielleicht gewinnen wir einen Ausgangspunkt der Betrachtung, wenn ich die Behauptung hinstelle, dass sich der Satyr, das fingirte Naturwesen, zu dem Culturmenschen in gleicher Weise verhlt, wie die dionysische Musik zur Civilisation. Von letzterer sagt Richard Wagner, dass sie von der Musik aufgehoben werde wie der Lampenschein vom Tageslicht. In gleicher Weise, glaube ich, fhlte sich der griechische Culturmensch im Angesicht des Satyrchors aufgehoben: und dies ist die nchste Wirkung der dionysischen Tragdie, dass der Staat und die Gesellschaft, berhaupt die Klfte zwischen Mensch und Mensch einem bermchtigen Einheitsgefhle weichen, welches an das Herz der Natur zurckfhrt. Der metaphysische Trost, - mit welchem, wie ich schon hier andeute, uns jede wahre Tragdie entlsst - dass das Leben im Grunde der Dinge, trotz allem Wechsel der Erscheinungen unzerstrbar mchtig und lustvoll sei, dieser Trost erscheint in leibhafter Deutlichkeit als Satyrchor, als Chor von Naturwesen, die gleichsam hinter aller Civilisation unvertilgbar leben und trotz allem Wechsel der Generationen und der Vlkergeschichte ewig dieselben bleiben. Mit diesem Chore trstet sich der tiefsinnige und zum zartesten und schwersten Leiden einzig befhigte Hellene, der mit schneidigem Blicke mitten in das furchtbare Vernidhtungstreiben der sogenannten Weltgeschichte, eben so wie in die Grausamkeit der Natur geschaut hat und in Gefahr ist, sich nach einer buddhaistischen Verneinung des Willens zu sehnen. Ihn rettet die Kunst, und durch die Kunst rettet ihn sich - das Leben. Die Verzckung des dionysischen Zustandes mit seiner Vernichtung der gewhnlichen Schranken und Grenzen des Daseins enthlt nmlich whrend seiner Dauer ein lethargisches Element, in das sich alles persnlich in der Vergangenheit Erlebte eintaucht. So scheidet sich durch diese Kluft der Vergessenheit die Welt der alltglichen und der dionysischen Wirklichkeit von einander ab. Sobald aber jene alltgliche Wirklichkeit wieder ins Bewusstsein tritt, wird sie mit Ekel als solche empfunden; eine asketische, willenverneinende Stimmung ist die Frucht jener Zustnde. In diesem Sinne hat der dionysische Mensch Aehnlichkeit mit Hamlet: beide haben einmal einen wahren Blick in das Wesen der Dinge gethan, sie haben erkannt, und es ekelt sie zu handeln; denn ihre Handlung kann nichts am ewigen Wesen der Dinge ndern, sie empfinden es als lcherlich oder schmachvoll, dass ihnen zugemuthet wird, die Welt, die aus den Fugen ist, wieder einzurichten. Die Erkenntniss tdtet das Handeln, zum Handeln gehrt das Umschleiertsein durch die Illusion - das ist die Hamletlehre, nicht jene wohlfeile Weisheit von Hans dem Trumer, der aus zu viel Reflexion, gleichsam aus einem Ueberschuss von Mglichkeiten nicht zum Handeln kommt; nicht das Reflectiren, nein! - die wahre Erkenntniss, der Einblick in die grauenhafte Wahrheit berwiegt jedes zum Handeln antreibende Motiv, bei Hamlet sowohl als bei dem dionysischen Menschen. Jetzt verfngt kein Trost mehr, die Sehnsucht geht ber eine Welt nach dem Tode, ber die Gtter selbst hinaus, das Dasein wird, sammt seiner gleissenden Wiederspiegelung in den Gttern oder in einem unsterblichen Jenseits, verneint. In der Bewusstheit der einmal geschauten Wahrheit sieht jetzt der Mensch berall nur das Entsetzliche oder Absurde des Seins, jetzt versteht er das Symbolische im Schicksal der Ophelia, jetzt erkennt er die Weisheit des Waldgottes Silen: es ekelt ihn. Hier, in dieser hchsten Gefahr des Willens, naht sich, als rettende, heilkundige Zauberin, die Kunst; sie allein vermag jene Ekelgedanken ber das Entsetzliche oder Absurde des Daseins in Vorstellungen umzubiegen, mit denen sich leben lsst: diese sind das Erhabene als die knstlerische Bndigung des Entsetzlichen und das Komische als die knstlerische Entladung vom Ekel des Absurden. Der Satyrchor des Dithyrambus ist die rettende That der griechischen Kunst; an der Mittelwelt dieser dionysischen Begleiter erschpften sich jene vorhin beschriebenen Anwandlungen. 8. Der Satyr wie der idyllische Schfer unserer neueren Zeit sind Beide Ausgeburten einer auf das Ursprngliche und Natrliche gerichteten Sehnsucht; aber mit welchem festen unerschrocknen Griffe fasste der Grieche nach seinem Waldmenschen, wie verschmt und weichlich tndelte der moderne Mensch mit dem Schmeichelbild eines zrtlichen fltenden weichgearteten Hirten! Die Natur, an der noch keine Erkenntniss gearbeitet, in der die Riegel der Cultur noch unerbrochen sind - das sah der Grieche in seinem Satyr, der ihm deshalb noch nicht mit dem Affen zusammenfiel. Im Gegentheil: es war das Urbild des Menschen, der Ausdruck seiner hchsten und strksten Regungen, als begeisterter Schwrmer, den die Nhe des Gottes entzckt, als mitleidender Genosse, in dem sich das Leiden des Gottes wiederholt, als Weisheitsverknder aus der tiefsten Brust der Natur heraus, als Sinnbild der geschlechtlichen Allgewalt der Natur, die der Grieche gewhnt ist mit ehrfrchtigem Staunen zu betrachten. Der Satyr war etwas Erhabenes und Gttliches: so musste er besonders dem schmerzlich gebrochnen Blick des dionysischen Menschen dnken. Ihn htte der geputzte, erlogene Schfer beleidigt: auf den unverhllten und unverkmmert grossartigen Schriftzgen der Natur weilte sein Auge in erhabener Befriedigung; hier war die Illusion der Cultur von dem Urbilde des Menschen weggewischt, hier enthllte sich der wahre Mensch, der brtige Satyr, der zu seinem Gotte aufjubelt. Vor ihm schrumpfte der Culturmensch zur lgenhaften Caricatur zusammen. Auch fr diese Anfnge der tragischen Kunst hat Schiller Recht: der Chor ist eine lebendige Mauer gegen die anstrmende Wirklichkeit, weil er - der Satyrchor - das Dasein wahrhaftiger, wirklicher, vollstndiger abbildet als der gemeinhin sich als einzige Realitt achtende Culturmensch. Die Sphre der Poesie liegt nicht ausserhalb der Welt, als eine phantastische Unmglichkeit eines Dichterhirns: sie will das gerade Gegentheil sein, der ungeschminkte Ausdruck der Wahrheit und muss eben deshalb den lgenhaften Aufputz jener vermeinten Wirklichkeit des Culturmenschen von sich werfen. Der Contrast dieser eigentlichen Naturwahrheit und der sich als einzige Realitt gebrdenden Culturlge ist ein hnlicher wie zwischen dem ewigen Kern der Dinge, dem Ding an sich, und der gesammten Erscheinungswelt: und wie die Tragdie mit ihrem metaphysischen Troste auf das ewige Leben jenes Daseinskernes, bei dem fortwhrenden Untergange der Erscheinungen, hinweist, so spricht bereits die Symbolik des Satyrchors in einem Gleichniss jenes Urverhltniss zwischen Ding an sich und Erscheinung aus. Jener idyllische Schfer des modernen Menschen ist nur ein Konterfei der ihm als Natur geltenden Summe von Bildungsillusionen; der dionysische Grieche will die Wahrheit und die Natur in ihrer hchsten Kraft - er sieht sich zum Satyr verzaubert. Unter solchen Stimmungen und Erkenntnissen jubelt die schwrmende Schaar der Dionysusdiener: deren Macht sie selbst vor ihren eignen Augen verwandelt, so dass sie sich als wiederhergestellte Naturgenien, als Satyrn, zu erblicken whnen. Die sptere Constitution des Tragdienchors ist die knstlerische Nachahmung jenes natrlichen Phnomens; bei der nun allerdings eine Scheidung von dionysischen Zuschauern und dionysischen Verzauberten nthig wurde. Nur muss man sich immer gegenwrtig halten, dass das Publicum der attischen Tragdie sich selbst in dem Chore der Orchestra wiederfand, dass es im Grunde keinen Gegensatz von Publicum und Chor gab: denn alles ist nur ein grosser erhabener Chor von tanzenden und singenden Satyrn oder von solchen, welche sich durch diese Satyrn reprsentiren lassen. Das Schlegel'sche Wort muss sich uns hier in einem tieferen Sinne erschliessen. Der Chor ist der "idealische Zuschauer", insofern er der einzige Schauer ist, der Schauer der Visionswelt der Scene. Ein Publicum von Zuschauern, wie wir es kennen, war den Griechen unbekannt: in ihren Theatern war es Jedem, bei dem in concentrischen Bogen sich erhebenden Terrassenbau des Zuschauerraumes, mglich, die gesammte Culturwelt um sich herum ganz eigentlich zu bersehen und in gesttigtem Hinschauen selbst Choreut sich zu whnen. Nach dieser Einsicht drfen wir den Chor, auf seiner primitiven Stufe in der Urtragdie, eine Selbstspiegelung des dionysischen Menschen nennen: welches Phnomen am deutlichsten durch den Prozess des Schauspielers zu machen ist, der, bei wahrhafter Begabung, sein von ihm darzustellendes Rollenbild zum Greifen wahrnehmbar vor seinen Augen schweben sieht. Der Satyrchor ist zu allererst eine Vision der dionysischen Masse, wie wiederum die Welt der Bhne eine Vision dieses Satyrchors ist: die Kraft dieser Vision ist stark genug, um gegen den Eindruck der "Realitt", gegen die rings auf den Sitzreihen gelagerten Bildungsmenschen den Blick stumpf und unempfindlich zu machen. Die Form des griechischen Theaters erinnert an ein einsames Gebirgsthal: die Architektur der Scene erscheint wie ein leuchtendes Wolkenbild, welches die im Gebirge herumschwrmenden Bacchen von der Hhe aus erblicken, als die herrliche Umrahmung, in deren Mitte ihnen das Bild des Dionysus offenbar wird. Jene knstlerische Urerscheinung, die wir hier zur Erklrung des Tragdienchors zur Sprache bringen, ist, bei unserer gelehrtenhaften Anschauung ber die elementaren knstlerischen Prozesse, fast anstssig; whrend nichts ausgemachter sein kann, als dass der Dichter nur dadurch Dichter ist, dass er von Gestalten sich umringt sieht, die vor ihm leben und handeln und in deren innerstes Wesen er hineinblickt. Durch eine eigenthmliche Schwche der modernen Begabung sind wir geneigt, uns das aesthetische Urphnomen zu complicirt und abstract vorzustellen. Die Metapher ist fr den chten Dichter nicht eine rhetorische Figur, sondern ein stellvertretendes Bild, das ihm wirklich, an Stelle eines Begriffes, vorschwebt. Der Character ist fr ihn nicht etwas aus zusammengesuchten Einzelzgen componirtes Ganzes, sondern eine vor seinen Augen aufdringlich lebendige Person, die von der gleichen Vision des Malers sich nur durch das fortwhrende Weiterleben und Weiterhandeln unterscheidet. Wodurch schildert Homer so viel anschaulicher als alle Dichter? Weil er um so viel mehr anschaut. Wir reden ber Poesie so abstract, weil wir alle schlechte Dichter zu sein pflegen. Im Grunde ist das aesthetische Phnomen einfach; man habe nur die Fhigkeit, fortwhrend ein lebendiges Spiel zu sehen und immerfort von Geisterschaaren umringt zu leben, so ist man Dichter; man fhle nur den Trieb, sich selbst zu verwandeln und aus anderen Leibern und Seelen herauszureden, so ist man Dramatiker. Die dionysische Erregung ist im Stande, einer ganzen Masse diese knstlerische Begabung mitzutheilen, sich von einer solchen Geisterschaar umringt zu sehen, mit der sie sich innerlich eins weiss. Dieser Prozess des Tragdienchors ist das dramatische Urphnomen: sich selbst vor sich verwandelt zu sehen und jetzt zu handeln, als ob man wirklich in einen andern Leib, in einen andern Charakter eingegangen wre. Dieser Prozess steht an dem Anfang der Entwickelung des Dramas. Hier ist etwas Anderes als der Rhapsode, der mit seinen Bildern nicht verschmilzt, sondern sie, dem Maler hnlich, mit betrachtendem Auge ausser sich sieht; hier ist bereits ein Aufgeben des Individuums durch Einkehr in eine fremde Natur. Und zwar tritt dieses Phnomen epidemisch auf: eine ganze Schaar fhlt sich in dieser Weise verzaubert. Der Dithyramb ist deshalb wesentlich von jedem anderen Chorgesange unterschieden. Die Jungfrauen, die, mit Lorbeerzweigen in der Hand, feierlich zum Tempel des Apollo ziehn und dabei ein Prozessionslied singen, bleiben, wer sie sind, und behalten ihren brgerlichen Namen: der dithyrambische Chor ist ein Chor von Verwandelten, bei denen ihre brgerliche Vergangenheit, ihre sociale Stellung vllig vergessen ist: sie sind die zeitlosen, ausserhalb aller Gesellschaftssphren lebenden Diener ihres Gottes geworden. Alle andere Chorlyrik der Hellenen ist nur eine ungeheure Steigerung des apollinischen Einzelsngers; whrend im Dithyramb eine Gemeinde von unbewussten Schauspielern vor uns steht, die sich selbst unter einander als verwandelt ansehen. Die Verzauberung ist die Voraussetzung aller dramatischen Kunst. In dieser Verzauberung sieht sich der dionysische Schwrmer als Satyr, und als Satyr wiederum schaut er den Gott d.h. er sieht in seiner Verwandlung eine neue Vision ausser sich, als apollinische Vollendung seines Zustandes. Mit dieser neuen Vision ist das Drama vollstndig. Nach dieser Erkenntniss haben wir die griechische Tragdie als den dionysischen Chor zu verstehen, der sich immer von neuem wieder in einer apollinischen Bilderwelt entladet. Jene Chorpartien, mit denen die Tragdie durchflochten ist, sind also gewissermaassen der Mutterschooss des ganzen sogenannten Dialogs d.h. der gesammten Bhnenwelt, des eigentlichen Dramas. In mehreren auf einander folgenden Entladungen strahlt dieser Urgrund der Tragdie jene Vision des Dramas aus: die durchaus Traumerscheinung und insofern epischer Natur ist, andrerseits aber, als Objectivation eines dionysischen Zustandes, nicht die apollinische Erlsung im Scheine, sondern im Gegentheil das Zerbrechen des Individuums und sein Einswerden mit dem Ursein darstellt. Somit ist das Drama die apollinische Versinnlichung dionysischer Erkenntnisse und Wirkungen und dadurch wie durch eine ungeheure Kluft vom Epos abgeschieden. Der Chor der griechischen Tragdie, das Symbol der gesammten dionysisch erregten Masse, findet an dieser unserer Auffassung seine volle Erklrung. Whrend wir, mit der Gewhnung an die Stellung eines Chors auf der modernen Bhne, zumal eines Opernchors, gar nicht begreifen konnten, wie jener tragische Chor der Griechen lter, ursprnglicher, ja wichtiger sein sollte, als die eigentliche "Action", - wie dies doch so deutlich berliefert war - whrend wir wiederum mit jener berlieferten hohen Wichtigkeit und Ursprnglichkeit nicht reimen konnten, warum er doch nur aus niedrigen dienenden Wesen, ja zuerst nur aus bocksartigen Satyrn zusammengesetzt worden sei, whrend uns die Orchestra vor der Scene immer ein Rthsel blieb, sind wir jetzt zu der Einsicht gekommen, dass die Scene sammt der Action im Grunde und ursprnglich nur als Vision gedacht wurde, dass die einzige "Realitt" eben der Chor ist, der die Vision aus sich erzeugt und von ihr mit der ganzen Symbolik des Tanzes, des Tones und des Wortes redet. Dieser Chor schaut in seiner Vision seinen Herrn und Meister Dionysus und ist darum ewig der dienende Chor: er sieht, wie dieser, der Gott, leidet und sich verherrlicht, und handelt deshalb selbst nicht. Bei dieser, dem Gotte gegenber durchaus dienenden Stellung ist er doch der hchste, nmlich dionysische Ausdruck der Natur und redet darum, wie diese, in der Begeisterung Orakel- und Weisheitssprche: als der mitleidende ist er zugleich der weise, aus dem Herzen der Welt die Wahrheit verkndende. So entsteht denn jene phantastische und so anstssig scheinende Figur des weisen und begeisterten Satyrs, der zugleich "der tumbe Mensch" im Gegensatz zum Gotte ist: Abbild der Natur und ihrer strksten Triebe, ja Symbol derselben und zugleich Verknder ihrer Weisheit und Kunst: Musiker, Dichter, Tnzer, Geisterseher in einer Person. Dionysus, der eigentliche Bhnenheld und Mittelpunkt der Vision, ist gemss dieser Erkenntniss und gemss der Ueberlieferung, zuerst, in der allerltesten Periode der Tragdie, nicht wahrhaft vorhanden, sondern wird nur als vorhanden vorgestellt: d.h. ursprnglich ist die Tragdie nur "Chor" und nicht "Drama". Spter wird nun der Versuch gemacht, den Gott als einen realen zu zeigen und die Visionsgestalt sammt der verklrenden Umrahmung als jedem Auge sichtbar darzustellen; damit beginnt das "Drama" im engeren Sinne. Jetzt bekommt der dithyrambische Chor die Aufgabe, die Stimmung der Zuhrer bis zu dem Grade dionysisch anzuregen, dass sie, wenn der tragische Held auf der Bhne erscheint, nicht etwa den unfrmlich maskirten Menschen sehen, sondern eine gleichsam aus ihrer eignen Verzckung geborene Visionsgestalt. Denken wir uns Admet mit tiefem Sinnen seiner jngst abgeschiedenen Gattin Alcestis gedenkend und ganz im geistigen Anschauen derselben sich verzehrend - wie ihm nun pltzlich ein hnlich gestaltetes, hnlich schreitendes Frauenbild in Verhllung entgegengefhrt wird: denken wir uns seine pltzliche zitternde Unruhe, sein strmisches Vergleichen, seine instinctive Ueberzeugung - so haben wir ein Analogon zu der Empfindung, mit der der dionysisch erregte Zuschauer den Gott auf der Bhne heranschreiten sah, mit dessen Leiden er bereits eins geworden ist. Unwillkrlich bertrug er das ganze magisch vor seiner Seele zitternde Bild des Gottes auf jene maskirte Gestalt und lste ihre Realitt gleichsam in eine geisterhafte Unwirklichkeit auf. Dies ist der apollinische Traumeszustand, in dem die Welt des Tages sich verschleiert und eine neue Welt, deutlicher, verstndlicher, ergreifender als jene und doch schattengleicher, in fortwhrendem Wechsel sich unserem Auge neu gebiert. Demgemss erkennen wir in der Tragdie einen durchgreifenden Stilgegensatz: Sprache, Farbe, Beweglichkeit, Dynamik der Rede treten in der dionysischen Lyrik des Chors und andrerseits in der apollinischen Traumwelt der Scene als vllig gesonderte Sphren des Ausdrucks aus einander. Die apollinischen Erscheinungen, in denen sich Dionysus objectivirt, sind nicht mehr "ein ewiges Meer, ein wechselnd Weben, ein glhend Leben", wie es die Musik des Chors ist, nicht mehr jene nur empfundenen, nicht zum Bilde verdichteten Krfte, in denen der begeisterte Dionysusdiener die Nhe des Gottes sprt: jetzt spricht, von der Scene aus, die Deutlichkeit und Festigkeit der epischen Gestaltung zu ihm, jetzt redet Dionysus nicht mehr durch Krfte, sondern als epischer Held, fast mit der Sprache Homers. 9. Alles, was im apollinischen Theile der griechischen Tragdie, im Dialoge, auf die Oberflche kommt, sieht einfach, durchsichtig, schn aus. In diesem Sinne ist der Dialog ein Abbild des Hellenen, dessen Natur sich im Tanze offenbart, weil im Tanze die grsste Kraft nur potenziell ist, aber sich in der Geschmeidigkeit und Ueppigkeit der Bewegung verrth. So berrascht uns die Sprache der sophokleischen Helden durch ihre apollinische Bestimmtheit und Helligkeit, so dass wir sofort bis in den innersten Grund ihres Wesens zu blicken whnen, mit einigem Erstaunen, dass der Weg bis zu diesem Grunde so kurz ist. Sehen wir aber einmal von dem auf die Oberflche kommenden und sichtbar werdenden Charakter des Helden ab - der im Grunde nichts mehr ist als das auf eine dunkle Wand geworfene Lichtbild d.h. Erscheinung durch und durch - dringen wir vielmehr in den Mythus ein, der in diesen hellen Spiegelungen sich projicirt, so erleben wir pltzlich ein Phnomen, das ein umgekehrtes Verhltniss zu einem bekannten optischen hat. Wenn wir bei einem krftigen Versuch, die Sonne in's Auge zu fassen, uns geblendet abwenden, so haben wir dunkle farbige Flecken gleichsam als Heilmittel vor den Augen: umgekehrt sind jene Lichtbilderscheinungen des sophokleischen Helden, kurz das Apollinische der Maske, nothwendige Erzeugungen eines Blickes in's Innere und Schreckliche der Natur, gleichsam leuchtende Flecken zur Heilung des von grausiger Nacht versehrten Blickes. Nur in diesem Sinne drfen wir glauben, den ernsthaften und bedeutenden Begriff der "griechischen Heiterkeit" richtig zu fassen; whrend wir allerdings den falsch verstandenen Begriff dieser Heiterkeit im Zustande ungefhrdeten Behagens auf allen Wegen und Stegen der Gegenwart antreffen. Die leidvollste Gestalt der griechischen Bhne, der unglckselige Oedipus, ist von Sophokles als der edle Mensch verstanden worden, der zum Irrthum und zum Elend trotz seiner Weisheit bestimmt ist, der aber am Ende durch sein ungeheures Leiden eine magische segensreiche Kraft um sich ausbt, die noch ber sein Verscheiden hinaus wirksam ist. Der edle Mensch sndigt nicht, will uns der tiefsinnige Dichter sagen: durch sein Handeln mag jedes Gesetz, jede natrliche Ordnung, ja die sittliche Welt zu Grunde gehen, eben durch dieses Handeln wird ein hherer magischer Kreis von Wirkungen gezogen, die eine neue Welt auf den Ruinen der umgestrzten alten grnden. Das will uns der Dichter, insofern er zugleich religiser Denker ist, sagen: als Dichter zeigt er uns zuerst einen wunderbar geschrzten Prozessknoten, den der Richter langsam, Glied fr Glied, zu seinem eigenen Verderben lst; die echt hellenische Freude an dieser dialektischen Lsung ist so gross, dass hierdurch ein Zug von berlegener Heiterkeit ber das ganze Werk kommt, der den schauderhaften Voraussetzungen jenes Prozesses berall die Spitze abbricht. Im "Oedipus auf Kolonos" treffen wir diese selbe Heiterkeit, aber in eine unendliche Verklrung emporgehoben; dem vom Uebermaasse des Elends betroffenen Greise gegenber, der allem, was ihn betrifft, rein als Leidender preisgegeben ist - steht die berirdische Heiterkeit, die aus gttlicher Sphre herniederkommt und uns andeutet, dass der Held in seinem rein passiven Verhalten seine hchste Activitt erlangt, die weit ber sein Leben hinausgreift, whrend sein bewusstes Tichten und Trachten im frheren Leben ihn nur zur Passivitt gefhrt hat. So wird der fr das sterbliche Auge unauflslich verschlungene Prozessknoten der Oedipusfabel langsam entwirrt - und die tiefste menschliche Freude berkommt uns bei diesem gttlichen Gegenstck der Dialektik. Wenn wir mit dieser Erklrung dem Dichter gerecht geworden sind, so kann doch immer noch gefragt werden, ob damit der Inhalt des Mythus erschpft ist: und hier zeigt sich, dass die ganze Auffassung des Dichters nichts ist als eben jenes Lichtbild, welches uns, nach einem Blick in den Abgrund, die heilende Natur vorhlt. Oedipus der Mrder seines Vaters, der Gatte seiner Mutter, Oedipus der Rthsellser der Sphinx! Was sagt uns die geheimnissvolle Dreiheit dieser Schicksalsthaten? Es giebt einen uralten, besonders persischen Volksglauben, dass ein weiser Magier nur aus Incest geboren werden knne: was wir uns, im Hinblick auf den rthsellsenden und seine Mutter freienden Oedipus, sofort so zu interpretiren haben, dass dort, wo durch weissagende und magische Krfte der Bann von Gegenwart und Zukunft, das starre Gesetz der Individuation, und berhaupt der eigentliche Zauber der Natur gebrochen ist, eine ungeheure Naturwidrigkeit - wie dort der Incest - als Ursache vorausgegangen sein muss; denn wie knnte man die Natur zum Preisgeben ihrer Geheimnisse zwingen, wenn nicht dadurch, dass man ihr siegreich widerstrebt, d.h. durch das Unnatrliche? Diese Erkenntniss sehe ich in jener entsetzlichen Dreiheit der Oedipusschicksale ausgeprgt: derselbe, der das Rthsel der Natur - jener doppeltgearteten Sphinx - lst, muss auch als Mrder des Vaters und Gatte der Mutter die heiligsten Naturordnungen zerbrechen. Ja, der Mythus scheint uns zuraunen zu wollen, dass die Weisheit und gerade die dionysische Weisheit ein naturwidriger Greuel sei, dass der, welcher durch sein Wissen die Natur in den Abgrund der Vernichtung strzt, auch an sich selbst die Auflsung der Natur zu erfahren habe. "Die Spitze der Weisheit kehrt sich gegen den Weisen: Weisheit ist ein Verbrechen an der Natur": solche schreckliche Stze ruft uns der Mythus zu: der hellenische Dichter aber berhrt wie ein Sonnenstrahl die erhabene und furchtbare Memnonssule des Mythus, so dass er pltzlich zu tnen beginnt - in sophokleischen Melodieen! Der Glorie der Passivitt stelle ich jetzt die Glorie der Activitt gegenber, welche den Prometheus des Aeschylus umleuchtet. Was uns hier der Denker Aeschylus zu sagen hatte, was er aber als Dichter durch sein gleichnissartiges Bild uns nur ahnen lsst, das hat uns der jugendliche Goethe in den verwegenen Worten seines Prometheus zu enthllen gewusst: "Hier sitz ich, forme Menschen Nach meinem Bilde, Ein Geschlecht, das mir gleich sei, Zu leiden, zu weinen, Zu geniessen und zu freuen sich Und dein nicht zu achten, Wie ich!" Der Mensch, in's Titanische sich steigernd, erkmpft sich selbst seine Cultur und zwingt die Gtter sich mit ihm zu verbinden, weil er in seiner selbsteignen Weisheit die Existenz und die Schranken derselben in seiner Hand hat. Das Wunderbarste an jenem Prometheusgedicht, das seinem Grundgedanken nach der eigentliche Hymnus der Unfrmmigkeit ist, ist aber der tiefe aeschyleische Zug nach Gerechtigkeit: das unermessliche Leid des khnen "Einzelnen" auf der einen Seite, und die gttliche Noth, ja Ahnung einer Gtterdmmerung auf der andern, die zur Vershnung, zum metaphysischen Einssein zwingende Macht jener beiden Leidenswelten - dies alles erinnert auf das Strkste an den Mittelpunkt und Hauptsatz der aeschyleischen Weltbetrachtung, die ber Gttern und Menschen die Moira als ewige Gerechtigkeit thronen sieht. Bei der erstaunlichen Khnheit, mit der Aeschylus die olympische Welt auf seine Gerechtigkeitswagschalen stellt, mssen wir uns vergegenwrtigen, dass der tiefsinnige Grieche einen unverrckbar festen Untergrund des metaphysischen Denkens in seinen Mysterien hatte, und dass sich an den Olympiern alle seine skeptischen Anwandelungen entladen konnten. Der griechische Knstler insbesondere empfand im Hinblick auf diese Gottheiten ein dunkles Gefhl wechselseitiger Abhngigkeit: und gerade im Prometheus des Aeschylus ist dieses Gefhl symbolisirt. Der titanische Knstler fand in sich den trotzigen Glauben, Menschen schaffen und olympische Gtter wenigstens vernichten zu knnen: und dies durch seine hhere Weisheit, die er freilich durch ewiges Leiden zu bssen gezwungen war. Das herrliche "Knnen" des grossen Genius, das selbst mit ewigem Leide zu gering bezahlt ist, der herbe Stolz des Knstlers - das ist Inhalt und Seele der aeschyleischen Dichtung, whrend Sophokles in seinem Oedipus das Siegeslied des Heiligen prludirend anstimmt. Aber auch mit jener Deutung, die Aeschylus dem Mythus gegeben hat, ist dessen erstaunliche Schreckenstiefe nicht ausgemessen: vielmehr ist die Werdelust des Knstlers, die jedem Unheil trotzende Heiterkeit des knstlerischen Schaffens nur ein lichtes Wolken- und Himmelsbild, das sich auf einem schwarzen See der Traurigkeit spiegelt. Die Prometheussage ist ein ursprngliches Eigenthum der gesammten arischen Vlkergemeinde und ein Document fr deren Begabung zum Tiefsinnig-Tragischen, ja es mchte nicht ohne Wahrscheinlichkeit sein, dass diesem Mythus fr das arische Wesen eben dieselbe charakteristische Bedeutung innewohnt, die der Sndenfallmythus fr das semitische hat, und dass zwischen beiden Mythen ein Verwandtschaftsgrad existiert, wie zwischen Bruder und Schwester. Die Voraussetzung jenes Prometheusmythus ist der berschwngliche Werth, den eine naive Menschheit dem Feuer beilegt als dem wahren Palladium jeder aufsteigenden Cultur: dass aber der Mensch frei ber das Feuer waltet und es nicht nur durch ein Geschenk vom Himmel, als zndenden Blitzstrahl oder wrmenden Sonnenbrand empfngt, erschien jenen beschaulichen Ur-Menschen als ein Frevel, als ein Raub an der gttlichen Natur. Und so stellt gleich das erste philosophische Problem einen peinlichen unlsbaren Widerspruch zwischen Mensch und Gott hin und rckt ihn wie einen Felsblock an die Pforte jeder Cultur. Das Beste und Hchste, dessen die Menschheit theilhaftig werden kann, erringt sie durch einen Frevel und muss nun wieder seine Folgen dahinnehmen, nmlich die ganze Fluth von Leiden und von Kmmernissen mit denen die beleidigten Himmlischen das edel emporstrebende Menschengeschlecht heimsuchen - mssen: ein herber Gedanke, der durch die Wrde, die er dem Frevel ertheilt, seltsam gegen den semitischen Sndenfallmythus absticht, in welchem die Neugierde, die lgnerische Vorspiegelung, die Verfhrbarkeit, die Lsternheit, kurz eine Reihe vornehmlich weiblicher Affectionen als der Ursprung des Uebels angesehen wurde. Das, was die arische Vorstellung auszeichnet, ist die erhabene Ansicht von der activen Snde als der eigentlich prometheischen Tugend: womit zugleich der ethische Untergrund der pessimistischen Tragdie gefunden ist, als die Rechtfertigung des menschlichen Uebels, und zwar sowohl der menschlichen Schuld, als des dadurch verwirkten Leidens. Das Unheil im Wesen der Dinge - das der beschauliche Arier nicht geneigt ist wegzudeuteln -, der Widerspruch im Herzen der Welt offenbart sich ihm als ein Durcheinander verschiedener Welten, z.B. einer gttlichen und einer menschlichen, von denen jede als Individuum im Recht ist, aber als einzelne neben einer andern fr ihre Individuation zu leiden hat. Bei dem heroischen Drange des Einzelnen ins Allgemeine, bei dem Versuche ber den Bann der Individuation hinauszuschreiten und das eine Weltwesen selbst sein zu wollen, erleidet er an sich den in den Dingen verborgenen Urwiderspruch d.h. er frevelt und leidet. So wird von den Ariern der Frevel als Mann, von den Semiten die Snde als Weib verstanden, so wie auch der Urfrevel vom Manne, die Ursnde vom Weibe begangen wird. Uebrigens sagt der Hexenchor: "Wir nehmen das nicht so genau: Mit tausend Schritten macht's die Frau; Doch wie sie auch sich eilen kann, Mit einem Sprunge macht's der Mann". Wer jenen innersten Kern der Prometheussage versteht - nmlich die dem titanisch strebenden Individuum gebotene Nothwendigkeit des Frevels - der muss auch zugleich das Unapollinische dieser pessimistischen Vorstellung empfinden; denn Apollo will die Einzelwesen gerade dadurch zur Ruhe bringen, dass er Grenzlinien zwischen ihnen zieht und dass er immer wieder an diese als an die heiligsten Weltgesetze mit seinen Forderungen der Selbsterkenntniss und des Maasses erinnert. Damit aber bei dieser apollinischen Tendenz die Form nicht zu gyptischer Steifigkeit und Klte erstarre, damit nicht unter dem Bemhen, der einzelnen Welle ihre Bahn und ihr Bereich vorzuschreiben, die Bewegung des ganzen See's ersterbe, zerstrte von Zeit zu Zeit wieder die hohe Fluth des Dionysischen alle jene kleinen Zirkel, in die der einseitig apollinische "Wille" das Hellenenthum zu bannen suchte. Jene pltzlich anschwellende Fluth des Dionysischen nimmt dann die einzelnen kleinen Wellenberge der Individuen auf ihren Rcken, wie der Bruder des Prometheus, der Titan Atlas, die Erde. Dieser titanische Drang, gleichsam der Atlas aller Einzelnen zu werden und sie mit breitem Rcken hher und hher, weiter und weiter zu tragen, ist das Gemeinsame zwischen dem Prometheischen und dem Dionysischen. Der aeschyleische Prometheus ist in diesem Betracht eine dionysische Maske, whrend in jenem vorhin erwhnten tiefen Zuge nach Gerechtigkeit Aeschylus seine vterliche Abstammung von Apollo, dem Gotte der Individuation und der Gerechtigkeitsgrenzen, dem Einsichtigen verrth. Und so mchte das Doppelwesen des aeschyleischen Prometheus, seine zugleich dionysische und apollinische Natur in begrifflicher Formel so ausgedrckt werden knnen: "Alles Vorhandene ist gerecht und ungerecht und in beidem gleich berechtigt." Das ist deine Welt! Das heisst eine Welt! - 10. Es ist eine unanfechtbare Ueberlieferung, dass die griechische Tragdie in ihrer ltesten Gestalt nur die Leiden des Dionysus zum Gegenstand hatte und dass der lngere Zeit hindurch einzig vorhandene Bhnenheld eben Dionysus war. Aber mit der gleichen Sicherheit darf behauptet werden, dass niemals bis auf Euripides Dionysus aufgehrt hat, der tragische Held zu sein, sondern dass alle die berhmten Figuren der griechischen Bhne Prometheus, Oedipus u.s.w. nur Masken jenes ursprnglichen Helden Dionysus sind. Dass hinter allen diesen Masken eine Gottheit steckt, das ist der eine wesentliche Grund fr die so oft angestaunte typische "Idealitt" jener berhmten Figuren. Es hat ich weiss nicht wer behauptet, dass alle Individuen als Individuen komisch und damit untragisch seien: woraus zu entnehmen wre, dass die Griechen berhaupt Individuen auf der tragischen Bhne nicht ertragen konnten. In der That scheinen sie so empfunden zu haben: wie berhaupt jene platonische Unterscheidung und Werthabschtzung der "Idee" im Gegensatze zum "Idol", zum Abbild tief im hellenischen Wesen begrndet liegt. Um uns aber der Terminologie Plato's zu bedienen, so wre von den tragischen Gestalten der hellenischen Bhne etwa so zu reden: der eine wahrhaft reale Dionysus erscheint in einer Vielheit der Gestalten, in der Maske eines kmpfenden Helden und gleichsam in das Netz des Einzelwillens verstrickt. So wie jetzt der erscheinende Gott redet und handelt, hnelt er einem irrenden strebenden leidenden Individuum: und dass er berhaupt mit dieser epischen Bestimmtheit und Deutlichkeit erscheint, ist die Wirkung des Traumdeuters Apollo, der dem Chore seinen dionysischen Zustand durch jene gleichnissartige Erscheinung deutet. In Wahrheit aber ist jener Held der leidende Dionysus der Mysterien, jener die Leiden der Individuation an sich erfahrende Gott, von dem wundervolle Mythen erzhlen, wie er als Knabe von den Titanen zerstckelt worden sei und nun in diesem Zustande als Zagreus verehrt werde: wobei angedeutet wird, dass diese Zerstckelung, das eigentlich dionysische Leiden, gleich einer Umwandlung in Luft, Wasser, Erde und Feuer sei, dass wir also den Zustand der Individuation als den Quell und Urgrund alles Leidens, als etwas an sich Verwerfliches, zu betrachten htten. Aus dem Lcheln dieses Dionysus sind die olympischen Gtter, aus seinen Thrnen die Menschen entstanden. In jener Existenz als zerstckelter Gott hat Dionysus die Doppelnatur eines grausamen verwilderten Dmons und eines milden sanftmthigen Herrschers. Die Hoffnung der Epopten ging aber auf eine Wiedergeburt des Dionysus, die wir jetzt als das Ende der Individuation ahnungsvoll zu begreifen haben: diesem kommenden dritten Dionysus erscholl der brausende Jubelgesang der Epopten. Und nur in dieser Hoffnung giebt es einen Strahl von Freude auf dem Antlitze der zerrissenen, in Individuen zertrmmerten Welt: wie es der Mythus durch die in ewige Trauer versenkte Demeter verbildlicht, welche zum ersten Male wieder sich freut, als man ihr sagt, sie knne den Dionysus nocheinmal gebren. In den angefhrten Anschauungen haben wir bereits alle Bestandtheile einer tiefsinnigen und pessimistischen Weltbetrachtung und zugleich damit die Mysterienlehre der Tragdie zusammen: die Grunderkenntniss von der Einheit alles Vorhandenen, die Betrachtung der Individuation als des Urgrundes des Uebels, die Kunst als die freudige Hoffnung, dass der Bann der Individuation zu zerbrechen sei, als die Ahnung einer wiederhergestellten Einheit. - Es ist frher angedeutet worden, dass das homerische Epos die Dichtung der olympischen Cultur ist, mit der sie ihr eignes Siegeslied ber die Schrecken des Titanenkampfes gesungen hat. Jetzt, unter dem bermchtigen Einflusse der tragischen Dichtung, werden die homerischen Mythen von Neuem umgeboren und zeigen in dieser Metempsychose, dass inzwischen auch die olympische Cultur von einer noch tieferen Weltbetrachtung besiegt worden ist. Der trotzige Titan Prometheus hat es seinem olympischen Peiniger angekndigt, dass einst seiner Herrschaft die hchste Gefahr drohe, falls er nicht zur rechten Zeit sich mit ihm verbinden werde. In Aeschylus erkennen wir das Bndniss des erschreckten, vor seinem Ende bangenden Zeus mit dem Titanen. So wird das frhere Titanenzeitalter nachtrglich wieder aus dem Tartarus ans Licht geholt. Die Philosophie der wilden und nackten Natur schaut die vorbertanzenden Mythen der homerischen Welt mit der unverhllten Miene der Wahrheit an: sie erbleichen, sie zittern vor dem blitzartigen Auge dieser Gttin - bis sie die mchtige Faust des dionysischen Knstlers in den Dienst der neuen Gottheit zwingt. Die dionysische Wahrheit bernimmt das gesammte Bereich des Mythus als Symbolik ihrer Erkenntnisse und spricht diese theils in dem ffentlichen Cultus der Tragdie, theils in den geheimen Begehungen dramatischer Mysterienfeste, aber immer unter der alten mythischen Hlle aus. Welche Kraft war dies, die den Prometheus von seinen Geiern befreite und den Mythus zum Vehikel dionysischer Weisheit umwandelte? Dies ist die heraklesmssige Kraft der Musik: als welche, in der Tragdie zu ihrer hchsten Erscheinung gekommen, den Mythus mit neuer tiefsinnigster Bedeutsamkeit zu interpretiren weiss; wie wir dies als das mchtigste Vermgen der Musik frher schon zu charakterisiren hatten. Denn es ist das Loos jedes Mythus, allmhlich in die Enge einer angeblich historischen Wirklichkeit hineinzukriechen und von irgend einer spteren Zeit als einmaliges Factum mit historischen Ansprchen behandelt zu werden: und die Griechen waren bereits vllig auf dem Wege, ihren ganzen mythischen Jugendtraum mit Scharfsinn und Willkr in eine historisch-pragmatische Jugendgeschichte umzustempeln. Denn dies ist die Art, wie Religionen abzusterben pflegen: wenn nmlich die mythischen Voraussetzungen einer Religion unter den strengen, verstandesmssigen Augen eines rechtglubigen Dogmatismus als eine fertige Summe von historischen Ereignissen systematisirt werden und man anfngt, ngstlich die Glaubwrdigkeit der Mythen zu vertheidigen, aber gegen jedes natrliche Weiterleben und Weiterwuchern derselben sich zu struben, wenn also das Gefhl fr den Mythus abstirbt und an seine Stelle der Anspruch der Religion auf historische Grundlagen tritt. Diesen absterbenden Mythus ergriff jetzt der neugeborne Genius der dionysischen Musik: und in seiner Hand blhte er noch einmal, mit Farben, wie er sie noch nie gezeigt, mit einem Duft, der eine sehnschtige Ahnung einer metaphysischen Welt erregte. Nach diesem letzten Aufglnzen fllt er zusammen, seine Bltter werden welk, und bald haschen die spttischen Luciane des Alterthums nach den von allen Winden fortgetragnen, entfrbten und verwsteten Blumen. Durch die Tragdie kommt der Mythus zu seinem tiefsten Inhalt, seiner ausdrucksvollsten Form; noch einmal erhebt er sich, wie ein verwundeter Held, und der ganze Ueberschuss von Kraft, sammt der weisheitsvollen Ruhe des Sterbenden, brennt in seinem Auge mit letztem, mchtigem Leuchten. Was wolltest du, frevelnder Euripides, als du diesen Sterbenden noch einmal zu deinem Frohndienste zu zwingen suchtest? Er starb unter deinen gewaltsamen Hnden: und jetzt brauchtest du einen nachgemachten, maskirten Mythus, der sich wie der Affe des Herakles mit dem alten Prunke nur noch aufzuputzen wusste. Und wie dir der Mythus starb, so starb dir auch der Genius der Musik: mochtest du auch mit gierigem Zugreifen alle Grten der Musik plndern, auch so brachtest du es nur zu einer nachgemachten maskirten Musik. Und weil du Dionysus verlassen, so verliess dich auch Apollo; jage alle Leidenschaften von ihrem Lager auf und banne sie in deinen Kreis, spitze und feile dir fr die Reden deiner Helden eine sophistische Dialektik zurecht - auch deine Helden haben nur nachgeahmte maskirte Leidenschaften und sprechen nur nachgeahmte maskirte Reden. 11. Die griechische Tragdie ist anders zu Grunde gegangen als smmtliche ltere schwesterliche Kunstgattungen: sie starb durch Selbstmord, in Folge eines unlsbaren Conflictes, also tragisch, whrend jene alle in hohem Alter des schnsten und ruhigsten Todes verblichen sind. Wenn es nmlich einem glcklichen Naturzustande gemss ist, mit schner Nachkommenschaft und ohne Krampf vom Leben zu scheiden, so zeigt uns das Ende jener lteren Kunstgattungen einen solchen glcklichen Naturzustand: sie tauchen langsam unter, und vor ihren ersterbenden Blicken steht schon ihr schnerer Nachwuchs und reckt mit muthiger Gebrde ungeduldig das Haupt. Mit dem Tode der griechischen Tragdie dagegen entstand eine ungeheure, berall tief empfundene Leere; wie einmal griechische Schiffer zu Zeiten des Tiberius an einem einsamen Eiland den erschtternden Schrei hrten "der grosse Pan ist todt": so klang es jetzt wie ein schmerzlicher Klageton durch die hellenische Welt: "die Tragdie ist todt! Die Poesie selbst ist mit ihr verloren gegangen! Fort, fort mit euch verkmmerten, abgemagerten Epigonen! Fort in den Hades, damit ihr euch dort an den Brosamen der vormaligen Meister einmal satt essen knnt!" Als aber nun doch noch eine neue Kunstgattung aufblhte, die in der Tragdie ihre Vorgngerin und Meisterin verehrte, da war mit Schrecken wahrzunehmen, dass sie allerdings die Zge ihrer Mutter trage, aber dieselben, die jene in ihrem langen Todeskampfe gezeigt hatte. Diesen Todeskampf der Tragdie kmpfte Euripides; jene sptere Kunstgattung ist als neue reattische Komdie bekannt. In ihr lebte die entartete Gestalt der Tragdie fort, zum Denkmale ihres beraus mhseligen und gewaltsamen Hinscheidens. Bei diesem Zusammenhange ist die leidenschaftliche Zuneigung begreiflich, welche die Dichter der neueren Komdie zu Euripides empfanden; so dass der Wunsch des Philemon nicht weiter befremdet, der sich sogleich aufhngen lassen mochte, nur um den Euripides in der Unterwelt aufsuchen zu knnen: wenn er nur berhaupt berzeugt sein drfte, dass der Verstorbene auch jetzt noch bei Verstande sei. Will man aber in aller Krze und ohne den Anspruch, damit etwas Erschpfendes zu sagen, dasjenige bezeichnen, was Euripides mit Menander und Philemon gemein hat und was fr jene so aufregend vorbildlich wirkte: so gengt es zu sagen, dass der Zuschauer von Euripides auf die Bhne gebracht worden ist. Wer erkannt hat, aus welchem Stoffe die prometheischen Tragiker vor Euripides ihre Helden formten und wie ferne ihnen die Absicht lag, die treue Maske der Wirklichkeit auf die Bhne zu bringen, der wird auch ber die gnzlich abweichende Tendenz des Euripides im Klaren sein. Der Mensch des alltglichen Lebens drang durch ihn aus den Zuschauerrumen auf die Scene, der Spiegel, in dem frher nur die grossen und khnen Zge zum Ausdruck kamen, zeigte jetzt jene peinliche Treue, die auch die misslungenen Linien der Natur gewissenhaft wiedergiebt. Odysseus, der typische Hellene der lteren Kunst, sank jetzt unter den Hnden der neueren Dichter zur Figur des Graeculus herab, der von jetzt ab als gutmthigverschmitzter Haussclave im Mittelpunkte des dramatischen Interesse's steht. Was Euripides sich in den aristophanischen "Frschen" zum Verdienst anrechnet, dass er die tragische Kunst durch seine Hausmittel von ihrer pomphaften Beleibtheit befreit habe, das ist vor allem an seinen tragischen Helden zu spren. Im Wesentlichen sah und hrte jetzt der Zuschauer seinen Doppelgnger auf der euripideischen Bhne und freute sich, dass jener so gut zu reden verstehe. Bei dieser Freude blieb es aber nicht: man lernte selbst bei Euripides sprechen, und dessen rhmt er sich selbst im Wettkampfe mit Aeschylus: wie durch ihn jetzt das Volk kunstmssig und mit den schlausten Sophisticationen zu beobachten, zu verhandeln und Folgerungen zu ziehen gelernt habe. Durch diesen Umschwung der ffentlichen Sprache hat er berhaupt die neuere Komdie mglich gemacht. Denn von jetzt ab war es kein Geheimniss mehr, wie und mit welchen Sentenzen die Alltglichkeit sich auf der Bhne vertreten knne. Die brgerliche Mittelmssigkeit, auf die Euripides alle seine politischen Hoffnungen aufbaute, kam jetzt zu Wort, nachdem bis dahin in der Tragdie der Halbgott, in der Komdie der betrunkene Satyr oder der Halbmensch den Sprachcharakter bestimmt hatten. Und so hebt der aristophanische Euripides zu seinem Preise hervor, wie er das allgemeine, allbekannte, alltgliche Leben und Treiben dargestellt habe, ber das ein Jeder zu urtheilen befhigt sei. Wenn jetzt die ganze Masse philosophiere, mit unerhrter Klugheit Land und Gut verwalte und ihre Prozesse fhre, so sei dies sein Verdienst und der Erfolg der von ihm dem Volke eingeimpften Weisheit. An eine derartig zubereitete und aufgeklrte Masse durfte sich jetzt die neuere Komdie wenden, fr die Euripides gewissermaassen der Chorlehrer geworden ist; nur dass diesmal der Chor der Zuschauer eingebt werden musste. Sobald dieser in der euripideischen Tonart zu singen gebt war, erhob sich jene schachspielartige Gattung des Schauspiels, die neuere Komdie mit ihrem fortwhrenden Triumphe der Schlauheit und Verschlagenheit. Euripides aber - der Chorlehrer - wurde unaufhrlich gepriesen: ja man wrde sich getdtet haben, um noch mehr von ihm zu lernen, wenn man nicht gewusst htte, dass die tragischen Dichter eben so todt seien wie die Tragdie. Mit ihr aber hatte der Hellene den Glauben an seine Unsterblichkeit aufgegeben, nicht nur den Glauben an eine ideale Vergangenheit, sondern auch den Glauben an eine ideale Zukunft. Das Wort aus der bekannten Grabschrift "als Greis leichtsinnig und grillig" gilt auch vom greisen Hellenenthume. Der Augenblick, der Witz, der Leichtsinn, die Laune sind seine hchsten Gottheiten; der fnfte Stand, der des Sclaven, kommt, wenigstens der Gesinnung nach, jetzt zur Herrschaft: und wenn jetzt berhaupt noch von "griechischer Heiterkeit" die Rede sein darf, so ist es die Heiterkeit des Sclaven, der nichts Schweres zu verantworten, nichts Grosses zu erstreben, nichts Vergangenes oder Zuknftiges hher zu schtzen weiss als das Gegenwrtige. Dieser Schein der "griechischen Heiterkeit" war es, der die tiefsinnigen und furchtbaren Naturen der vier ersten Jahrhunderte des Christenthums so emprte: ihnen erschien diese weibische Flucht vor dem Ernst und dem Schrecken, dieses feige Sichgengenlassen am bequemen Genuss nicht nur verchtlich, sondern als die eigentlich antichristliche Gesinnung. Und ihrem Einfluss ist es zuzuschreiben, dass die durch Jahrhunderte fortlebende Anschauung des griechischen Alterthums mit fast unberwindlicher Zhigkeit jene blassrothe Heiterkeitsfarbe festhielt - als ob es nie ein sechstes Jahrhundert mit seiner Geburt der Tragdie, seinen Mysterien, seinen Pythagoras und Heraklit gegeben htte, ja als ob die Kunstwerke der grossen Zeit gar nicht vorhanden wren, die doch - jedes fr sich - aus dem Boden einer solchen greisenhaften und sclavenmssigen Daseinslust und Heiterkeit gar nicht zu erklren sind und auf eine vllig andere Weltbetrachtung als ihren Existenzgrund hinweisen. Wenn zuletzt behauptet wurde, dass Euripides den Zuschauer auf die Bhne gebracht habe, um zugleich damit den Zuschauer zum Urtheil ber das Drama erst wahrhaft zu befhigen, so entsteht der Schein, als ob die ltere tragische Kunst aus einem Missverhltniss zum Zuschauer nicht herausgekommen sei und man mchte versucht sein, die radicale Tendenz des Euripides, ein entsprechendes Verhltniss zwischen Kunstwerk und Publicum zu erzielen, als einen Fortschritt ber Sophokles hinaus zu preisen. Nun aber ist "Publicum" nur ein Wort und durchaus keine gleichartige und in sich verharrende Grsse. Woher soll dem Knstler die Verpflichtung kommen, sich einer Kraft zu accomodieren, die ihre Strke nur in der Zahl hat? Und wenn er sich, seiner Begabung und seinen Absichten nach, ber jeden einzelnen dieser Zuschauer erhaben fhlt, wie drfte er vor dem gemeinsamen Ausdruck aller dieser ihm untergeordneten Capacitten mehr Achtung empfinden als vor dem relativ am hchsten begabten einzelnen Zuschauer? In Wahrheit hat kein griechischer Knstler mit grsserer Verwegenheit und Selbstgenugsamkeit sein Publicum durch ein langes Leben hindurch behandelt als gerade Euripides: er, der selbst da noch, als die Masse sich ihm zu Fssen warf, in erhabenem Trotze seiner eigenen Tendenz ffentlich in's Gesicht schlug, derselben Tendenz, mit der er ber die Masse gesiegt hatte. Wenn dieser Genius die geringste Ehrfurcht vor dem Pandmonium des Publicums gehabt htte, so wre er unter den Keulenschlgen seiner Misserfolge lngst vor der Mitte seiner Laufbahn zusammengebrochen. Wir sehen bei dieser Erwgung, dass unser Ausdruck, Euripides habe den Zuschauer auf die Bhne gebracht, um den Zuschauer wahrhaft urtheilsfhig zu machen, nur ein provisorischer war, und dass wir nach einem tieferen Verstndniss seiner Tendenz zu suchen haben. Umgekehrt ist es ja allerseits bekannt, wie Aeschylus und Sophokles Zeit ihres Lebens, ja weit ber dasselbe hinaus, im Vollbesitze der Volksgunst standen, wie also bei diesen Vorgngern des Euripides keineswegs von einem Missverhltniss zwischen Kunstwerk und Publicum die Rede sein kann. Was trieb den reichbegabten und unablssig zum Schaffen gedrngten Knstler so gewaltsam von dem Wege ab, ber dem die Sonne der grssten Dichternamen und der unbewlkte Himmel der Volksgunst leuchteten? Welche sonderbare Rcksicht auf den Zuschauer fhrte ihn dem Zuschauer entgegen? Wie konnte er aus zu hoher Achtung vor seinem Publicum - sein Publicum missachten? Euripides fhlte sich - das ist die Lsung des eben dargestellten Rthsels - als Dichter wohl ber die Masse, nicht aber ber, zwei seiner Zuschauer erhaben: die Masse brachte er auf die Bhne, jene beiden Zuschauer verehrte er als die allein urtheilsfhigen Richter und Meister aller seiner Kunst: ihren Weisungen und Mahnungen folgend bertrug er die ganze Welt von Empfindungen, Leidenschaften und Erfahrungen, die bis jetzt auf den Zuschauerbnken als unsichtbarer Chor zu jeder Festvorstellung sich einstellten, in die Seelen seiner Bhnenhelden, ihren Forderungen gab er nach, als er fr diese neuen Charaktere auch das neue Wort und den neuen Ton suchte, in ihren Stimmen allein hrte er die gltigen Richtersprche seines Schaffens eben so wie die siegverheissende Ermuthigung, wenn er von der Justiz des Publicums sich wieder einmal verurtheilt sah. Von diesen beiden Zuschauern ist der eine - Euripides selbst, Euripides als Denker, nicht als Dichter. Von ihm knnte man sagen, dass die ausserordentliche Flle seines kritischen Talentes, hnlich wie bei Lessing, einen productiv knstlerischen Nebentrieb wenn nicht erzeugt, so doch fortwhrend befruchtet habe. Mit dieser Begabung, mit aller Helligkeit und Behendigkeit seines kritischen Denkens hatte Euripides im Theater gesessen und sich angestrengt, an den Meisterwerken seiner grossen Vorgnger wie an dunkelgewordenen Gemlden Zug um Zug, Linie um Linie wiederzuerkennen. Und hier nun war ihm begegnet, was dem in die tieferen Geheimnisse der aeschyleischen Tragdie Eingeweihten nicht unerwartet sein darf: er gewahrte etwas Incommensurables in jedem Zug und in jeder Linie, eine gewisse tuschende Bestimmtheit und zugleich eine rthselhafte Tiefe, ja Unendlichkeit des Hintergrundes. Die klarste Figur hatte immer noch einen Kometenschweif an sich, der in's Ungewisse, Unaufhellbare zu deuten schien. Dasselbe Zwielicht lag ber dem Bau des Drama's, zumal ber der Bedeutung des Chors. Und wie zweifelhaft blieb ihm die Lsung der ethischen Probleme! Wie fragwrdig die Behandlung der Mythen! Wie ungleichmssig die Vertheilung von Glck und Unglck! Selbst in der Sprache der lteren Tragdie war ihm vieles anstssig, mindestens rthselhaft; besonders fand er zu viel Pomp fr einfache Verhltnisse, zu viel Tropen und Ungeheuerlichkeiten fr die Schlichtheit der Charaktere. So sass er, unruhig grbelnd, im Theater, und er, der Zuschauer, gestand sich, dass er seine grossen Vorgnger nicht verstehe. Galt ihm aber der Verstand als die eigentliche Wurzel alles Geniessens und Schaffens, so musste er fragen und um sich schauen, ob denn Niemand so denke wie er und sich gleichfalls jene Incommensurabilitt eingestehe. Aber die Vielen und mit ihnen die besten Einzelnen hatten nur ein misstrauisches Lcheln fr ihn; erklren aber konnte ihm Keiner, warum seinen Bedenken und Einwendungen gegenber die grossen Meister doch im Rechte seien. Und in diesem qualvollen Zustande fand er den anderen Zuschauer, der die Tragdie nicht begriff und deshalb nicht achtete. Mit diesem im Bunde durfte er es wagen, aus seiner Vereinsamung heraus den ungeheuren Kampf gegen die Kunstwerke des Aeschylus und Sophokles zu beginnen - nicht mit Streitschriften, sondern als dramatischer Dichter, der seine Vorstellung von der Tragdie der berlieferten entgegenstellt. - 12. Bevor wir diesen anderen Zuschauer bei Namen nennen, verharren wir hier einen Augenblick, um uns jenen frher geschilderten Eindruck des Zwiespltigen und Incommensurabeln im Wesen der aeschyleischen Tragdie selbst in's Gedchtniss zurckzurufen. Denken wir an unsere eigene Befremdung dem Chore und dem tragischen Helden jener Tragdie gegenber, die wir beide mit unseren Gewohnheiten ebensowenig wie mit der Ueberlieferung zu reimen wussten - bis wir jene Doppelheit selbst als Ursprung und Wesen der griechischen Tragdie wiederfanden, als den Ausdruck zweier in einander gewobenen Kunsttriebe, des Apollinischen und des Dionysischen. Jenes ursprngliche und allmchtige dionysische Element aus der Tragdie auszuscheiden und sie rein und neu auf undionysischer Kunst, Sitte und Weltbetrachtung aufzubauen - dies ist die jetzt in heller Beleuchtung sich uns enthllende Tendenz des Euripides. Euripides selbst hat am Abend seines Lebens die Frage nach dem Werth und der Bedeutung dieser Tendenz in einem Mythus seinen Zeitgenossen auf das Nachdrcklichste vorgelegt. Darf berhaupt das Dionysische bestehn? Ist es nicht mit Gewalt aus dem hellenischen Boden auszurotten? Gewiss, sagt uns der Dichter, wenn es nur mglich wre: aber der Gott Dionysus ist zu mchtig; der verstndigste Gegner - wie Pentheus in den "Bacchen" - wird unvermuthet von ihm bezaubert und luft nachher mit dieser Verzauberung in sein Verhngniss. Das Urtheil der beiden Greise Kadmus und Tiresias scheint auch das Urtheil des greisen Dichters zu sein: das Nachdenken der klgsten Einzelnen werfe jene alten Volkstraditionen, jene sich ewig fortpflanzende Verehrung des Dionysus nicht um, ja es gezieme sich, solchen wunderbaren Krften gegenber, mindestens eine diplomatisch vorsichtige Theilnahme zu zeigen: wobei es aber immer noch mglich sei, dass der Gott an einer so lauen Betheiligun; Anstoss nehme und den Diplomaten - wie hier den Kadmus - schliesslich in einen Drachen verwandle. Dies sagt uns ein Dichter, der mit heroischer Kraft ein langes Leben hindurch dem Dionysus widerstanden hat - um am Ende desselben mit einer Glorification seines Gegners und einem Selbstmorde seine Laufhahn zu schliessen, einem Schwindelnden gleich, der, um nur dem entsetzlichen, nicht mehr ertrglichen Wirbel zu entgehn, sich vom Thurme herunterstrzt. Jene Tragdie ist ein Protest gegen die Ausfhrbarkeit seiner Tendenz; ach, und sie war bereits ausgefhrt! Das Wunderbare war geschehn: als der Dichter widerrief, hatte bereits seine Tendenz gesiegt. Dionysus war bereits von der tragischen Bhne verscheucht und zwar durch eine aus Euripides redende dmonische Macht. Auch Euripides war in gewissem Sinne nur Maske: die Gottheit, die aus ihm redete, war nicht Dionysus, auch nicht Apollo, sondern ein ganz neugeborner Dmon, genannt Sokrates. Dies ist der neue Gegensatz: das Dionysische und das Sokratische, und das Kunstwerk der griechischen Tragdie ging an ihm zu Grunde. Mag nun auch Euripides uns durch seinen Widerruf zu trsten suchen, es gelingt ihm nicht: der herrlichste Tempel liegt in Trmmern; was ntzt uns die Wehklage des Zerstrers und sein Gestndniss, dass es der schnste aller Tempel gewesen sei? Und selbst dass Euripides zur Strafe von den Kunstrichtern aller Zeiten in einen Drachen verwandelt worden ist - wen mchte diese erbrmliche Compensation befriedigen? Nhern wir uns jetzt jener sokratischen Tendenz, mit der Euripides die aeschyleische Tragdie bekmpfte und besiegte. Welches Ziel - so mssen wir uns jetzt fragen - konnte die euripideische Absicht, das Drama allein auf das Undionysische zu grnden, in der hchsten Idealitt ihrer Durchfhrung berhaupt haben? Welche Form des Drama's blieb noch brig, wenn es nicht aus dem Geburtsschoosse der Musik, in jenem geheimnissvollen Zwielicht des Dionysischen geboren werden sollte? Allein das dramatisirte Epos: in welchem apollinischen Kunstgebiete nun freilich die tragische Wirkung unerreichbar ist. Es kommt hierbei nicht auf den Inhalt der dargestellten Ereignisse an; ja ich mchte behaupten, dass es Goethe in seiner projectirten "Nausikaa" unmglich gewesen sein wrde, den Selbstmord jenes idyllischen Wesens - der den fnften Act ausfllen sollte - tragisch ergreifend zu machen; so ungemein ist die Gewalt des Episch-Apollinischen, dass es die schreckensvollsten Dinge mit jener Lust am Scheine und der Erlsung durch den Schein vor unseren Augen verzaubert. Der Dichter des dramatisirten Epos kann eben so wenig wie der epische Rhapsode mit seinen Bildern vllig verschmelzen: er ist immer noch ruhig unbewegte, aus weiten Augen blickende Anschauung, die die Bilder vorsich sieht. Der Schauspieler in diesem dramatisirten Epos bleibt im tiefsten Grunde immer noch Rhapsode; die Weihe des inneren Trumens liegt auf allen seinen Actionen, so dass er niemals ganz Schauspieler ist. Wie verhlt sich nun diesem Ideal des apollinischen Drama's gegenber das euripideische Stck? Wie zu dem feierlichen Rhapsoden der alten Zeit jener jngere, der sein Wesen im platonischen "Jon" also beschreibt: "Wenn ich etwas Trauriges sage, fllen sich meine Augen mit Thrnen; ist aber das, was ich sage, schrecklich und entsetzlich, dann stehen die Haare meines Hauptes vor Schauder zu Berge, und mein Herz klopft." Hier merken wir nichts mehr von jenem epischen Verlorensein im Scheine, von der affectlosen Khle des wahren Schauspielers, der gerade in seiner hchsten Thtigkeit, ganz Schein und Lust am Scheine ist. Euripides ist der Schauspieler mit dem klopfenden Herzen, mit den zu Berge stehenden Haaren; als sokratischer Denker entwirft er den Plan, als leidenschaftlicher Schauspieler fhrt er ihn aus. Reiner Knstler ist er weder im Entwerfen noch im Ausfhren. So ist das euripideische Drama ein zugleich khles und feuriges Ding, zum Erstarren und zum Verbrennen gleich befhigt; es ist ihm unmglich, die apollinische Wirkung des Epos zu erreichen, whrend es andererseits sich von den dionysischen Elementen mglichst gelst hat, und jetzt, um berhaupt zu wirken, neue Erregungsmittel braucht, die nun nicht mehr innerhalb der beiden einzigen Kunsttriebe, des apollinischen und des dionysischen, liegen knnen. Diese Erregungsmittel sind khle paradoxe Gedanken - an Stelle der apollinischen Anschauungen - und feurige Affecte - an Stelle der dionysischen Entzckungen - und zwar hchst realistisch nachgemachte, keineswegs in den Aether der Kunst getauchte Gedanken und Affecte. Haben wir demnach so viel erkannt, dass es Euripides berhaupt nicht gelungen ist, das Drama allein auf das Apollinische zu grnden, dass sich vielmehr seine undionysische Tendenz in eine naturalistische und unknstlerische verirrt hat, so werden wir jetzt dem Wesen des aesthetischen Sokratismus schon nher treten drfen; dessen oberstes Gesetz ungefhr so lautet: "alles muss verstndig sein, um schn zu sein"; als Parallelsatz zu dem sokratischen "nur der Wissende ist tugendhaft." Mit diesem Kanon in der Hand maass Euripides alles Einzelne und rectificirte es gemss diesem Princip: die Sprache, die Charaktere, den dramaturgischen Aufbau, die Chormusik. Was wir im Vergleich mit der sophokleischen Tragdie so hufig dem Euripides als dichterischen Mangel und Rckschritt anzurechnen pflegen, das ist zumeist das Product jenes eindringenden kritischen Prozesses, jener verwegenen Verstndigkeit. Der euripideische Prolog diene uns als Beispiel fr die Productivitt jener rationalistischen Methode. Nichts kann unserer Bhnentechnik widerstrebender sein als der Prolog im Drama des Euripides. Dass eine einzelne auftretende Person am Eingange des Stckes erzhlt, wer sie sei, was der Handlung vorangehe, was bis jetzt geschehen, ja was im Verlaufe des Stckes geschehen werde, das wrde ein moderner Theaterdichter als ein muthwilliges und nicht zu verzeihendes Verzichtleisten auf den Effect der Spannung bezeichnen. Man weiss ja alles, was geschehen wird; wer wird abwarten wollen, dass dies wirklich geschieht? - da ja hier keinesfalls das aufregende Verhltniss eines wahrsagenden Traumes zu einer spter eintretenden Wirklichkeit stattfindet. Ganz anders reflectirte Euripides. Die Wirkung der Tragdie beruhte niemals auf der epischen Spannung, auf der anreizenden Ungewissheit, was sich jetzt und nachher ereignen werde: vielmehr auf jenen grossen rhetorisch-lyrischen Scenen, in denen die Leidenschaft und die Dialektik des Haupthelden zu einem breiten und mchtigen Strome anschwoll. Zum Pathos, nicht zur Handlung bereitete Alles vor: und was nicht zum Pathos vorbereitete, das galt als verwerflich. Das aber, was die genussvolle Hingabe an solche Scenen am strksten erschwert, ist ein dem Zuhrer fehlendes Glied, eine Lcke im Gewebe der Vorgeschichte; so lange der Zuhrer noch ausrechnen muss, was diese und jene Person bedeute, was dieser und jener Conflict der Neigungen und Absichten fr Voraussetzungen habe, ist seine volle Versenkung in das Leiden und Thun der Hauptpersonen, ist das athemlose Mitleiden und Mitfrchten noch nicht mglich. Die aeschyleisch-sophokleische Tragdie verwandte die geistreichsten Kunstmittel, um dem Zuschauer in den ersten Scenen gewissermaassen zufllig alle jene zum Verstndniss nothwendigen Fden in die Hand zu geben: ein Zug, in dem sich jene edle Knstlerschaft bewhrt, die das nothwendige Formelle gleichsam maskirt und als Zuflliges erscheinen lsst. Immerhin aber glaubte Euripides zu bemerken, dass whrend jener ersten Scenen der Zuschauer in eigenthmlicher Unruhe sei, um das Rechenexempel der Vorgeschichte auszurechnen, so dass die dichterischen Schnheiten und das Pathos der Exposition fr ihn verloren ginge. Deshalb stellte er den Prolog noch vor die Exposition und legte ihn einer Person in den Mund, der man Vertrauen schenken durfte: eine Gottheit musste hufig den Verlauf der Tragdie dem Publicum gewissermaassen garantieren und jeden Zweifel an der Realitt des Mythus nehmen: in hnlicher Weise, wie Descartes die Realitt der empirischen Welt nur durch die Appellation an die Wahrhaftigkeit Gottes und seine Unfhigkeit zur Lge zu beweisen vermochte. Dieselbe gttliche Wahrhaftigkeit braucht Euripides noch einmal am Schlusse seines Drama's, um die Zukunft seiner Helden dem Publicum sicher zu stellen; dies ist die Aufgabe des berchtigten deux ex machina. Zwischen der epischen Vorschau und Hinausschau liegt die dramatischlyrische Gegenwart, das eigentliche "Drama." So ist Euripides als Dichter vor allem der Wiederhall seiner bewussten Erkenntnisse; und gerade dies verleiht ihm eine so denkwrdige Stellung in der Geschichte der griechischen Kunst. Ihm muss im Hinblick auf sein kritisch-productives Schaffen oft zu Muthe gewesen sein als sollte er den Anfang der Schrift des Anaxagoras fr das Drama lebendig machen, deren erste Worte lauten: "im Anfang war alles beisammen; da kam der Verstand und schuf Ordnung." Und wenn Anaxagoras mit seinem "Nous" unter den Philosophen wie der erste Nchterne unter lauter Trunkenen erschien, so mag auch Euripides sein Verhltniss zu den anderen Dichtern der Tragdie unter einem hnlichen Bilde begriffen haben. So lange der einzige Ordner und Walter des Alls, der Nous, noch vom knstlerischen Schaffen ausgeschlossen war, war noch alles in einem chaotischen Urbrei beisammen; so musste Euripides urtheilen, so musste er die "trunkenen" Dichter als der erste "Nchterne" verurtheilen. Das, was Sophokles von Aeschylus gesagt hat, er thue das Rechte, obschon unbewusst, war gewiss nicht im Sinne des Euripides gesagt: der nur so viel htte gelten lassen, dass Aeschylus, weil er unbewusst schaffe, das Unrechte schaffe. Auch der gttliche Plato redet vom schpferischen Vermgen des Dichters, insofern dies nicht die bewusste Einsicht ist, zu allermeist nur ironisch und stellt es der Begabung des Wahrsagers und Traumdeuters gleich; sei doch der Dichter nicht eher fhig zu dichten als bis er bewusstlos geworden sei, und kein Verstand mehr in ihm wohne. Euripides unternahm es, wie es auch Plato unternommen hat, das Gegenstck des "unverstndigen" Dichters der Welt zu zeigen; sein aesthetischer Grundsatz "alles muss bewusst sein, um schn zu sein", ist, wie ich sagte, der Parallelsatz zu dem sokratischen "alles muss bewusst sein, um gut zu sein". Demgemss darf uns Euripides als der Dichter des aesthetischen Sokratismus gelten. Sokrates aber war jener zweite Zuschauer, der die ltere Tragdie nicht begriff und deshalb nicht achtete; mit ihm im Bunde wagte Euripides, der Herold eines neuen Kunstschaffens zu sein. Wenn an diesem die ltere Tragdie zu Grunde ging, so ist also der aesthetische Sokratismus das mrderische Princip: insofern aber der Kampf gegen das Dionysische der lteren Kunst gerichtet war, erkennen wir in Sokrates den Gegner des Dionysus, den neuen Orpheus, der sich gegen Dionysus erhebt und, obschon bestimmt, von den Mnaden des athenischen Gerichtshofes zerrissen zu werden, doch den bermchtigen Gott selbst zur Flucht nthigt: welcher, wie damals, als er vor dem Edonerknig Lykurg floh, sich in die Tiefen des Meeres rettete, nmlich in die mystischen Fluthen eines die ganze Welt allmhlich berziehenden Geheimcultus. 13. Dass Sokrates eine enge Beziehung der Tendenz zu Euripides habe, entging dem gleichzeitigen Alterthume nicht; und der beredteste Ausdruck fr diesen glcklichen Sprsinn ist jene in Athen umlaufende Sage, Sokrates pflege dem Euripides im Dichten zu helfen. Beide Namen wurden von den Anhngern der "guten alten Zeit" in einem Athem genannt, wenn es galt, die Volksverfhrer der Gegenwart aufzuzhlen: von deren Einflusse es herrhre, dass die alte marathonische vierschrtige Tchtigkeit an Leib und Seele immer mehr einer zweifelhaften Aufklrung, bei fortschreitender Verkmmerung der leiblichen und seelischen Krfte, zum Opfer falle. In dieser Tonart, halb mit Entrstung, halb mit Verachtung, pflegt die aristophanische Komdie von jenen Mnnern zu reden, zum Schrecken der Neueren, welche zwar Euripides gerne preisgeben, aber sich nicht genug darber wundern knnen, dass Sokrates als der erste und oberste Sophist, als der Spiegel und Inbegriff aller sophistischen Bestrebungen bei Aristophanes erscheine: wobei es einzig einen Trost gewhrt, den Aristophanes selbst als einen lderlich lgenhaften Alcibiades der Poesie an den Pranger zu stellen. Ohne an dieser Stelle die tiefen Instincte des Aristophanes gegen solche Angriffe in Schutz zu nehmen, fahre ich fort, die enge Zusammengehrigkeit des Sokrates und des Euripides aus der antiken Empfindung heraus zu erweisen; in welchem Sinne namentlich daran zu erinnern ist, dass Sokrates als Gegner der tragischen Kunst sich des Besuchs der Tragdie enthielt, und nur, wenn ein neues Stck des Euripides aufgefhrt wurde, sich unter den Zuschauern einstellte. Am berhmtesten ist aber die nahe Zusammenstellung beider Namen in dem delphischen Orakelspruche, welcher Sokrates als den Weisesten unter den Menschen bezeichnet, zugleich aber das Urtheil abgab, dass dem Euripides der zweite Preis im Wettkampfe der Weisheit gebhre. Als der dritte in dieser Stufenleiter war Sophokles genannt; er, der sich gegen Aeschylus rhmen durfte, er thue das Rechte und zwar, weil er wisse, was das Rechte sei. Offenbar ist gerade der Grad der Helligkeit dieses Wissens dasjenige, was jene drei Mnner gemeinsam als die drei "Wissenden" ihrer Zeit auszeichnet. Das schrfste Wort aber fr jene neue und unerhrte Hochschtzung des Wissens und der Einsicht sprach Sokrates, als er sich als den Einzigen vorfand, der sich eingestehe, nichts zu wissen; whrend er, auf seiner kritischen Wanderung durch Athen, bei den grssten Staatsmnnern, Rednern, Dichtern und Knstlern vorsprechend, berall die Einbildung des Wissens antraf. Mit Staunen erkannte er, dass alle jene Berhmtheiten selbst ber ihren Beruf ohne richtige und sichere Einsicht seien und denselben nur aus Instinct trieben. "Nur aus Instinct": mit diesem Ausdruck berhren wir Herz und Mittelpunkt der sokratischen Tendenz. Mit ihm verurtheilt der Sokratismus eben so die bestehende Kunst wie die bestehende Ethik: wohin er seine prfenden Blicke richtet, sieht er den Mangel der Einsicht und die Macht des Wahns und schliesst aus diesem Mangel auf die innerliche Verkehrtheit und Verwerflichkeit des Vorhandenen. Von diesem einen Punkte aus glaubte Sokrates das Dasein corrigieren zu mssen: er, der Einzelne, tritt mit der Miene der Nichtachtung und der Ueberlegenheit, als der Vorlufer einer ganz anders gearteten Cultur, Kunst und Moral, in eine Welt hinein, deren Zipfel mit Ehrfurcht zu erhaschen wir uns zum grssten Glcke rechnen wrden. Dies ist die ungeheuere Bedenklichkeit, die uns jedesmal, Angesichts des Sokrates, ergreift und die uns immer und immer wieder anreizt, Sinn und Absicht dieser fragwrdigsten Erscheinung des Alterthums zu erkennen. Wer ist das, der es wagen darf, als ein Einzelner das griechische Wesen zu verneinen, das als Homer, Pindar und Aeschylus, als Phidias, als Perikles, als Pythia und Dionysus, als der tiefste Abgrund und die hchste Hhe unserer staunenden Anbetung gewiss ist? Welche dmonische Kraft ist es, die diesen Zaubertrank in den Staub zu schtten sich erkhnen darf? Welcher Halbgott ist es, dem der Geisterchor der Edelsten der Menschheit zurufen muss: "Weh! Weh! Du hast sie zerstrt, die schne Welt, mit mchtiger Faust; sie strzt, sie zerfllt!" Einen Schlssel zu dem Wesen des Sokrates bietet uns jene wunderbare Erscheinung, die als "Dmonion des Sokrates" bezeichnet wird. In besonderen Lagen, in denen sein ungeheurer Verstand in's Schwanken gerieth, gewann er einen festen Anhalt durch eine in solchen Momenten sich ussernde gttliche Stimme. Diese Stimme mahnt, wenn sie kommt, immer ab. Die instinctive Weisheit zeigt sich bei dieser gnzlich abnormen Natur nur, um dem bewussten Erkennen hier und da hindernd entgegenzutreten. Whrend doch bei allen productiven Menschen der Instinct gerade die schpferisch-affirmative Kraft ist, und das Bewusstsein kritisch und abmahnend sich gebrdet: wird bei Sokrates der Instinct zum Kritiker, das Bewusstsein zum Schpfer - eine wahre Monstrositt per defectum! Und zwar nehmen wir hier einen monstrosen defectus jeder mystischen Anlage wahr, so dass Sokrates als der specifische Nicht-Mystiker zu bezeichnen wre, in dem die logische Natur durch eine Superftation eben so excessiv entwickelt ist wie im Mystiker jene instinctive Weisheit. Andrerseits aber war es jenem in Sokrates erscheinenden logischen Triebe vllig versagt, sich gegen sich selbst zu kehren; in diesem fessellosen Dahinstrmen zeigt er eine Naturgewalt, wie wir sie nur bei den allergrssten instinctiven Krften zu unsrer schaudervollen Ueberraschung antreffen. Wer nur einen Hauch von jener gttlichen Naivett und Sicherheit der sokratischen Lebensrichtung aus den platonischen Schriften gesprt hat, der fhlt auch, wie das ungeheure Triebrad des logischen Sokratismus gleichsam hinter Sokrates in Bewegung ist, und wie dies durch Sokrates wie durch einen Schatten hindurch angeschaut werden muss. Dass er aber selbst von diesem Verhltniss eine Ahnung hatte, das drckt sich in dem wrdevollen Ernste aus, mit dem er seine gttliche Berufung berall und noch vor seinen Richtern geltend machte. Ihn darin zu widerlegen war im Grunde eben so unmglich als seinen die Instincte auflsenden Einfluss gut zu heissen. Bei diesem unlsbaren Conflicte war, als er einmal vor das Forum des griechischen Staates gezogen war, nur eine einzige Form der Verurtheilung geboten, die Verbannung; als etwas durchaus Rthselhaftes, Unrubricirbares, Unaufklrbares htte man ihn ber die Grenze weisen drfen, ohne dass irgend eine Nachwelt im Recht gewesen wre, die Athener einer schmhlichen That zu zeihen. Dass aber der Tod und nicht nur die Verbannung ber ihn ausgesprochen wurde, das scheint Sokrates selbst, mit vlliger Klarheit und ohne den natrlichen Schauder vor dem Tode, durchgesetzt zu haben: er ging in den Tod, mit jener Ruhe, mit der er nach Plato's Schilderung als der letzte der Zecher im frhen Tagesgrauen das Symposion verlsst, um einen neuen Tag zu beginnen; indess hinter ihm, auf den Bnken und auf der Erde, die verschlafenen Tischgenossen zurckbleiben, um von Sokrates, dem wahrhaften Erotiker, zu trumen. Der sterbende Sokrates wurde das neue, noch nie sonst geschaute Ideal der edlen griechischen Jugend: vor allen hat sich der typische hellenische Jngling, Plato, mit aller inbrnstigen Hingebung seiner Schwrmerseele vor diesem Bilde niedergeworfen. 14. Denken wir uns jetzt das eine grosse Cyklopenauge des Sokrates auf die Tragdie gewandt, jenes Auge, in dem nie der holde Wahnsinn knstlerischer Begeisterung geglht hat - denken wir uns, wie es jenem Auge versagt war, in die dionysischen Abgrnde mit Wohlgefallen zu schauen - was eigentlich musste es in der "erhabenen und hochgepriesenen" tragischen Kunst, wie sie Plato nennt, erblicken? Etwas recht Unvernnftiges, mit Ursachen, die ohne Wirkungen, und mit Wirkungen, die ohne Ursachen zu sein schienen, dazu das Ganze so bunt und mannichfaltig, dass es einer besonnenen Gemthsart widerstreben msse, fr reizbare und empfindliche Seelen aber ein gefhrlicher Zunder sei. Wir wissen, welche einzige Gattung der Dichtkunst von ihm begriffen wurde, die aesopische Fabel: und dies geschah gewiss mit jener lchelnden Anbequemung, mit welcher der ehrliche gute Gellert in der Fabel von der Biene und der Henne das Lob der Poesie singt: "Du siehst an mir, wozu sie ntzt, Dem, der nicht viel Verstand besitzt Die Wahrheit durch ein Bild zu sagen". Nun aber schien Sokrates die tragische Kunst nicht einmal "die Wahrheit zu sagen": abgesehen davon, dass sie sich an den wendet, der "nicht viel Verstand besitzt", also nicht an den Philosophen: ein zweifacher Grund, von ihr fern zu bleiben. Wie Plato, rechnete er sie zu den schmeichlerischen Knsten, die nur das Angenehme, nicht das Ntzliche darstellen und verlangte deshalb bei seinen Jngern Enthaltsamkeit und strenge Absonderung von solchen unphilosophischen Reizungen; mit solchem Erfolge, dass der jugendliche Tragdiendichter Plato zu allererst seine Dichtungen verbrannte, um Schler des Sokrates werden zu knnen. Wo aber unbesiegbare Anlagen gegen die sokratischen Maximen ankmpften, war die Kraft derselben, sammt der Wucht jenes ungeheuren Charakters, immer noch gross genug, um die Poesie selbst in neue und bis dahin unbekannte Stellungen zu drngen. Ein Beispiel dafr ist der eben genannte Plato: er, der in der Verurtheilung der Tragdie und der Kunst berhaupt gewiss nicht hinter dem naiven Cynismus seines Meisters zurckgeblieben ist, hat doch aus voller knstlerischer Nothwendigkeit eine Kunstform schaffen mssen, die gerade mit den vorhandenen und von ihm abgewiesenen Kunstformen innerlich verwandt ist. Der Hauptvorwurf, den Plato der lteren Kunst zu machen hatte, - dass sie Nachahmung eines Scheinbildes sei, also noch einer niedrigeren Sphre als die empirische Welt ist, angehre - durfte vor allem nicht gegen das neue Kunstwerk gerichtet werden: und so sehen wir denn Plato bestrebt ber die Wirklichkeit hinaus zu gehn und die jener Pseudo-Wirklichkeit zu Grunde liegende Idee darzustellen. Damit aber war der Denker Plato auf einem Umwege ebendahin gelangt, wo er als Dichter stets heimisch gewesen war und von wo aus Sophokles und die ganze ltere Kunst feierlich gegen jenen Vorwurf protestirten. Wenn die Tragdie alle frheren Kunstgattungen in sich aufgesaugt hatte, so darf dasselbe wiederum in einem excentrischen Sinne vom platonischen Dialoge gelten, der, durch Mischung aller vorhandenen Stile und Formen erzeugt, zwischen Erzhlung, Lyrik, Drama, zwischen Prosa und Poesie in der Mitte schwebt und damit auch das strenge ltere Gesetz der einheitlichen sprachlichen Form durchbrochen hat; auf welchem Wege die cynischen Schriftsteller noch weiter gegangen sind, die in der grssten Buntscheckigkeit des Stils, im Hin- und Herschwanken zwischen prosaischen und metrischen Formen auch das litterarische Bild des "rasenden Sokrates", den sie im Leben darzustellen pflegten, erreicht haben. Der platonische Dialog war gleichsam der Kahn, auf dem sich die schiffbrchige ltere Poesie sammt allen ihren Kindern rettete: auf einen engen Raum zusammengedrngt und dem einen Steuermann Sokrates ngstlich unterthnig fuhren sie jetzt in eine neue Welt hinein, die an dem phantastischen Bilde dieses Aufzugs sich nie satt sehen konnte. Wirklich hat fr die ganze Nachwelt Plato das Vorbild einer neuen Kunstform gegeben, das Vorbild des Roman's: der als die unendlich gesteigerte aesopische Fabel zu bezeichnen ist, in der die Poesie in einer hnlichen Rangordnung zur dialektischen Philosophie lebt, wie viele Jahrhunderte hindurch dieselbe Philosophie zur Theologie: nmlich als ancilla. Dies war die neue Stellung der Poesie, in die sie Plato unter dem Drucke des dmonischen Sokrates drngte. Hier berwchst der philosophische Gedanke die Kunst und zwingt sie zu einem engen Sich- Anklammern an den Stamm der Dialektik. In dem logischen Schematismus hat sich die apollinische Tendenz verpuppt: wie wir bei Euripides etwas Entsprechendes und ausserdem eine Uebersetzung des Dionysischen in den naturalistischen Affect wahrzunehmen hatten. Sokrates, der dialektische Held im platonischen Drama, erinnert uns an die verwandte Natur des euripideischen Helden, der durch Grund und Gegengrund seine Handlungen vertheidigen muss und dadurch so oft in Gefahr gerth, unser tragisches Mitleiden einzubssen: denn wer vermchte das optimistische Element im Wesen der Dialektik zu verkennen, das in jedem Schlusse sein Jubelfest feiert und allein in khler Helle und Bewusstheit athmen kann: das optimistische Element, das, einmal in die Tragdie eingedrungen, ihre dionysischen Regionen allmhlich berwuchern und sie nothwendig zur Selbstvernichtung treiben muss - bis zum Todessprunge in's brgerliche Schauspiel. Man vergegenwrtige sich nur die Consequenzen der sokratischen Stze: "Tugend ist Wissen; es wird nur gesndigt aus Unwissenheit; der Tugendhafte ist der Glckliche": in diesen drei Grundformen des Optimismus liegt der Tod der Tragdie. Denn jetzt muss der tugendhafte Held Dialektiker sein, jetzt muss zwischen Tugend und Wissen, Glaube und Moral ein nothwendiger sichtbarer Verband sein, jetzt ist die transscendentale Gerechtigkeitslsung des Aeschylus zu dem flachen und frechen Princip der "poetischen Gerechtigkeit" mit seinem blichen deus ex machina erniedrigt. Wie erscheint dieser neuen sokratisch-optimistischen Bhnenwelt gegenber jetzt der Chor und berhaupt der ganze musikalisch-dionysische Untergrund der Tragdie? Als etwas Zuflliges, als eine auch wohl zu missende Reminiscenz an den Ursprung der Tragdie; whrend wir doch eingesehen haben, dass der Chor nur als Ursache der Tragdie und des Tragischen berhaupt verstanden werden kann. Schon bei Sophokles zeigt sich jene Verlegenheit in Betreff des Chors - ein wichtiges Zeichen, dass schon bei ihm der dionysische Boden der Tragdie zu zerbrckeln beginnt. Er wagt es nicht mehr, dem Chor den Hauptantheil der Wirkung anzuvertrauen, sondern schrnkt sein Bereich dermaassen ein, dass er jetzt fast den Schauspielern coordinirt erscheint, gleich als ob er aus der Orchestra in die Scene hineingehoben wrde: womit freilich sein Wesen vllig zerstrt ist, mag auch Aristoteles gerade dieser Auffassung des Chors seine Beistimmung geben. Jene Verrckung der Chorposition, welche Sophokles jedenfalls durch seine Praxis und, der Ueberlieferung nach, sogar durch eine Schrift anempfohlen hat, ist der erste Schritt zur Vernichtung des Chors, deren Phasen in Euripides, Agathon und der neueren Komdie mit erschreckender Schnelligkeit auf einander folgen. Die optimistische Dialektik treibt mit der Geissel ihrer Syllogismen die Musik aus der Tragdie: d.h. sie zerstrt das Wesen der Tragdie, welches sich einzig als eine Manifestation und Verbildlichung dionysischer Zustnde, als sichtbare Symbolisirung der Musik, als die Traumwelt eines dionysischen Rausches interpretiren lsst. Haben wir also sogar eine schon vor Sokrates wirkende antidionysische Tendenz anzunehmen, die nur in ihm einen unerhrt grossartigen Ausdruck gewinnt: so mssen wir nicht vor der Frage zurckschrecken, wohin denn eine solche Erscheinung wie die des Sokrates deute: die wir doch nicht im Stande sind, Angesichts der platonischen Dialoge, als eine nur auflsende negative Macht zu begreifen. Und so gewiss die allernchste Wirkung des sokratischen Triebes auf eine Zersetzung der dionysischen Tragdie ausging, so zwingt uns eine tiefsinnige Lebenserfahrung des Sokrates selbst zu der Frage, ob denn zwischen dem Sokratismus und der Kunst nothwendig nur ein antipodisches Verhltniss bestehe und ob die Geburt eines "knstlerischen Sokrates" berhaupt etwas in sich Widerspruchsvolles sei. Jener despotische Logiker hatte nmlich hier und da der Kunst gegenber das Gefhl einer Lcke, einer Leere, eines halben Vorwurfs, einer vielleicht versumten Pflicht. Oefters kam ihm, wie er im Gefngniss seinen Freunden erzhlt, ein und dieselbe Traumerscheinung, die immer dasselbe sagte: "Sokrates, treibe Musik!" Er beruhigt sich bis zu seinen letzten Tagen mit der Meinung, sein Philosophieren sei die hchste Musenkunst, und glaubt nicht recht, dass eine Gottheit ihn an jene "gemeine, populre Musik" erinnern werde. Endlich im Gefngniss versteht er sich, um sein Gewissen gnzlich zu entlasten, auch dazu, jene von ihm gering geachtete Musik zu treiben. Und in dieser Gesinnung dichtet er ein Promium auf Apollo und bringt einige aesopische Fabeln in Verse. Das war etwas der dmonischen warnenden Stimme Aehnliches, was ihn zu diesen Uebungen drngte, es war seine apollinische Einsicht, dass er wie ein Barbarenknig ein edles Gtterbild nicht verstehe und in der Gefahr sei, sich an einer Gottheit zu versndigen - durch sein Nichtsverstehn. Jenes Wort der sokratischen Traumerscheinung ist das einzige Zeichen einer Bedenklichkeit ber die Grenzen der logischen Natur: vielleicht - so musste er sich fragen - ist das mir Nichtverstndliche doch nicht auch sofort das Unverstndige? Vielleicht giebt es ein Reich der Weisheit, aus dem der Logiker verbannt ist? Vielleicht ist die Kunst sogar ein nothwendiges Correlativum und Supplement der Wissenschaft? 15. Im Sinne dieser letzten ahnungsvollen Fragen muss nun ausgesprochen werden, wie der Einfluss des Sokrates, bis auf diesen Moment hin, ja in alle Zukunft hinaus, sich, gleich einem in der Abendsonne immer grsser werdenden Schatten, ber die Nachwelt hin ausgebreitet hat, wie derselbe zur Neuschaffung der Kunst - und zwar der Kunst im bereits metaphysischen, weitesten und tiefsten Sinne - immer wieder nthigt und, bei seiner eignen Unendlichkeit, auch deren Unendlichkeit verbrgt. Bevor dies erkannt werden konnte, bevor die innerste Abhngigkeit jeder Kunst von den Griechen, den Griechen von Homer bis auf Sokrates, berzeugend dargethan war, musste es uns mit diesen Griechen ergehen wie den Athenern mit Sokrates. Fast jede Zeit und Bildungsstufe hat einmal sich mit tiefem Missmuthe von den Griechen zu befreien gesucht, weil Angesichts derselben alles Selbstgeleistete, scheinbar vllig Originelle, und recht aufrichtig Bewunderte pltzlich Farbe und Leben zu verlieren schien und zur misslungenen Copie, ja zur Caricatur zusammenschrumpfte. Und so bricht immer von Neuem einmal der herzliche Ingrimm gegen jenes anmaassliche Vlkchen hervor das sich erkhnte, alles Nichteinheimische fr alle Zeiten als "barbarisch" zu bezeichnen: wer sind jene, fragt man sich, die, obschon sie nur einen ephemeren historischen Glanz, nur lcherlich engbegrenzte Institutionen, nur eine zweifelhafte Tchtigkeit der Sitte aufzuweisen haben und sogar mit hsslichen Lastern gekennzeichnet sind, doch die Wrde und Sonderstellung unter den Vlkern in Anspruch nehmen, die dem Genius unter der Masse zukommt? Leider war man nicht so glcklich den Schierlingsbecher zu finden, mit dem ein solches Wesen einfach abgethan werden konnte: denn alles Gift, das Neid, Verlumdung und Ingrimm in sich erzeugten, reichte nicht hin, jene selbstgenugsame Herrlichkeit zu vernichten. Und so schmt und frchtet man sich vor den Griechen; es sei denn, dass Einer die Wahrheit ber alles achte und so sich auch diese Wahrheit einzugestehn wage, dass die Griechen unsere und jegliche Cultur als Wagenlenker in den Hnden haben, dass aber fase immer Wagen und Pferde von zu geringem Stoffe und der Glorie ihrer Fhrer unangemessen sind, die dann es fr einen Scherz erachten, ein solches Gespann in den Abgrund zu jagen: ber den sie selbst, mit dem Sprunge des Achilles, hinwegsetzen. Um die Wrde einer solchen Fhrerstellung auch fr Sokrates zu erweisen, gengt es in ihm den Typus einer vor ihm unerhrten Daseinsform zu erkennen, den Typus des theoretischen Menschen, ber dessen Bedeutung und Ziel zur Einsicht zu kommen, unsere nchste Aufgabe ist. Auch der theoretische Mensch hat ein unendliches Gengen am Vorhandenen, wie der Knstler, und ist wie jener vor der praktischen Ethik des Pessimismus und vor seinen nur im Finsteren leuchtenden Lynkeusaugen, durch jenes Gengen geschtzt. Wenn nmlich der Knstler bei jeder Enthllung der Wahrheit immer nur mit verzckten Blicken an dem hngen bleibt, was auch jetzt, nach der Enthllung, noch Hlle bleibt, geniesst und befriedigt sich der theoretische Mensch an der abgeworfenen Hlle und hat sein hchstes Lustziel in dem Prozess einer immer glcklichen, durch eigene Kraft gelingenden Enthllung. Es gbe keine Wissenschaft, wenn ihr nur um jene eine nackte Gttin und um nichts Anderes zu thun wre. Denn dann msste es ihren Jngern zu Muthe sein, wie Solchen, die ein Loch gerade durch die Erde graben wollten: von denen ein Jeder einsieht, dass er, bei grsster und lebenslnglicher Anstrengung, nur ein ganz kleines Stck der ungeheuren Tiefe zu durchgraben im Stande sei, welches vor seinen Augen durch die Arbeit des Nchsten wieder berschttet wird, so dass ein Dritter wohl daran zu thun scheint, wenn er auf eigne Faust eine neue Stelle fr seine Bohrversuche whlt. Wenn jetzt nun Einer zur Ueberzeugung beweist, dass auf diesem directen Wege das Antipodenziel nicht zu erreichen sei, wer wird noch in den alten Tiefen weiterarbeiten wollen, es sei denn, dass er sich nicht inzwischen gengen lasse, edles Gestein zu finden oder Naturgesetze zu entdecken. Darum hat Lessing, der ehrlichste theoretische Mensch, es auszusprechen gewagt, dass ihm mehr am Suchen der Wahrheit als an ihr selbst gelegen sei: womit das Grundgeheimniss der Wissenschaft, zum Erstaunen, ja Aerger der Wissenschaftlichen, aufgedeckt worden ist. Nun steht freilich neben dieser vereinzelten Erkenntniss, als einem Excess der Ehrlichkeit, wenn nicht des Uebermuthes, eine tiefsinnige Wahnvorstellung, welche zuerst in der Person des Sokrates zur Welt kam, jener unerschtterliche Glaube, dass das Denken, an dem Leitfaden der Causalitt, bis in die tiefsten Abgrnde des Seins reiche, und dass das Denken das Sein nicht nur zu erkennen, sondern sogar zu corrigiren im Stande sei. Dieser erhabene metaphysische Wahn ist als Instinct der Wissenschaft beigegeben und fhrt sie immer und immer wieder zu ihren Grenzen, an denen sie in Kunst umschlagen muss: auf welchees eigentlich, bei diesem Mechanismus, abgesehn ist. Schauen wir jetzt, mit der Fackel dieses Gedankens, auf Sokrates hin: so erscheint er uns als der Erste, der an der Hand jenes Instinctes der Wissenschaft nicht nur leben, sondern - was bei weitem mehr ist - auch sterben konnte: und deshalb ist das Bild des sterbenden Sokrates als des durch Wissen und Grnde der Todesfurcht enthobenen Menschen das Wappenschild, das ber dem Eingangsthor der Wissenschaft einen Jeden an deren Bestimmung erinnert, nmlich das Dasein als begreiflich und damit als gerechtfertigt erscheinen zu machen: wozu freilich wenn die Grnde nicht reichen, schliesslich auch der Mythus dienen muss, den ich sogar als nothwendige Consequenz, ja als Absicht der Wissenschaft soeben bezeichnete. Wer sich einmal anschaulich macht, wie nach Sokrates, dem Mystagogen der Wissenschaft, eine Philosophenschule nach der anderen, wie Welle auf Welle, sich ablst, wie eine nie geahnte Universalitt der Wissensgier in dem weitesten Bereich der gebildeten Welt und als eigentliche Aufgabe fr jeden hher Befhigten die Wissenschaft auf die hohe See fhrte, von der sie niemals seitdem wieder vllig vertrieben werden konnte, wie durch diese Universalitt erst ein gemeinsames Netz des Gedankens ber den gesammten Erdball, ja mit Ausblicken auf die Gesetzlichkeit eines ganzen Sonnensystems, gespannt wurde; wer dies Alles, sammt der erstaunlich hohen Wissenspyramide der Gegenwart, sich vergegenwrtigt, der kann sich nicht entbrechen, in Sokrates den einen Wendepunkt und Wirbel der sogenannten Weltgeschichte zu sehen. Denn dchte man sich einmal diese ganze unbezifferbare Summe von Kraft, die fr jene Welttendenz verbraucht worden ist, nicht im Dienste des Erkennens, sondern auf die praktischen d.h. egoistischen Ziele der Individuen und Vlker verwendet, so wre wahrscheinlich in allgemeinen Vernichtungskmpfen und fortdauernden Vlkerwanderungen die instinctive Lust zum Leben so abgeschwcht, dass, bei der Gewohnheit des Selbstmordes, der Einzelne vielleicht den letzten Rest von Pflichtgefhl empfinden msste, wenn er, wie der Bewohner der Fidschiinseln, als Sohn seine Eltern, als Freund seinen Freund erdrosselt: ein praktischer Pessimismus, der selbst eine grausenhafte Ethik des Vlkermordes aus Mitleid erzeugen knnte - der brigens berall in der Welt vorhanden ist und vorhanden war, wo nicht die Kunst in irgend welchen Formen, besonders als Religion und Wissenschaft, zum Heilmittel und zur Abwehr jenes Pesthauchs erschienen ist. Angesichts dieses praktischen Pessimismus ist Sokrates das Urbild des theoretischen Optimisten, der in dem bezeichneten Glauben an die Ergrndlichkeit der Natur der Dinge dem Wissen und der Erkenntniss die Kraft einer Universalmedizin beilegt und im Irrthum das Uebel an sich begreift. In jene Grnde einzudringen und die wahre Erkenntniss vom Schein und vom Irrthum zu sondern, dnkte dem sokratischen Menschen der edelste, selbst der einzige wahrhaft menschliche Beruf zu sein: so wie jener Mechanismus der Begriffe, Urtheile und Schlsse von Sokrates ab als hchste Bethtigung und bewunderungswrdigste Gabe der Natur ber alle anderen Fhigkeiten geschtzt wurde. Selbst die erhabensten sittlichen Thaten, die Regungen des Mitleids, der Aufopferung, des Heroismus und jene schwer zu erringende Meeresstille der Seele, die der apollinische Grieche Sophrosyne nannte, wurden von Sokrates und seinen gleichgesinnten Nachfolgern bis auf die Gegenwart hin aus der Dialektik des Wissens abgeleitet und demgemss als lehrbar bezeichnet. Wer die Lust einer sokratischen Erkenntniss an sich erfahren hat und sprt, wie diese, in immer weiteren Ringen, die ganze Welt der Erscheinungen zu umfassen sucht, der wird von da an keinen Stachel, der zum Dasein drngen knnte, heftiger empfinden als die Begierde, jene Eroberung zu vollenden und das Netz undurchdringbar fest zu spinnen. Einem so Gestimmten erscheint dann der platonische Sokrates als der Lehrer einer ganz neuen Form der "griechischen Heiterkeit" und Daseinsseligkeit, welche sich in Handlungen zu entladen sucht und diese Entladung zumeist in maeeutischen und erziehenden Einwirkungen auf edle Jnglinge, zum Zweck der endlichen Erzeugung des Genius, finden wird. Nun aber eilt die Wissenschaft, von ihrem krftigen Wahne angespornt, unaufhaltsam bis zu ihren Grenzen, an denen ihr im Wesen der Logik verborgener Optimismus scheitert. Denn die Peripherie des Kreises der Wissenschaft hat unendlich viele Punkte, und whrend noch gar nicht abzusehen ist, wie jemals der Kreis vllig ausgemessen werden knnte, so trifft doch der edle und begabte Mensch, noch vor der Mitte seines Daseins und unvermeidlich, auf solche Grenzpunkte der Peripherie, wo er in das Unaufhellbare starrt. Wenn er hier zu seinem Schrecken sieht, wie die Logik sich an diesen Grenzen um sich selbst ringelt und endlich sich in den Schwanz beisst - da bricht die neue Form der Erkenntniss durch, die tragische Erkenntniss, die, um nur ertragen zu werden, als Schutz und Heilmittel die Kunst braucht. Schauen wir, mit gestrkten und an den Griechen erlabten Augen, auf die hchsten Sphren derjenigen Welt, die uns umfluthet, so gewahren wir die in Sokrates vorbildlich erscheinende Gier der unersttlichen optimistischen Erkenntniss in tragische Resignation und Kunstbedrftigkeit umgeschlagen: whrend allerdings dieselbe Gier, auf ihren niederen Stufen, sich kunstfeindlich ussern und vornehmlich die dionysisch-tragische Kunst innerlich verabscheuen muss, wie dies an der Bekmpfung der aeschyleischen Tragdie durch den Sokratismus beispielsweise dargestellt wurde. Hier nun klopfen wir, bewegten Gemthes, an die Pforten der Gegenwart und Zukunft: wird jenes "Umschlagen" zu immer neuen Configurationen des Genius und gerade des musiktreibenden Sokrates fhren? Wird das ber das Dasein gebreitete Netz der Kunst, sei es auch unter dem Namen der Religion oder der Wissenschaft, immer fester und zarter geflochten werden oder ist ihm bestimmt, unter dem ruhelos barbarischen Treiben und Wirbeln, das sich jetzt "die Gegenwart" nennt, in Fetzen zu reissen? - Besorgt, doch nicht trostlos stehen wir eine kleine Weile bei Seite, als die Beschaulichen, denen es erlaubt ist, Zeugen jener ungeheuren Kmpfe und Uebergnge zu sein. Ach! Es ist der Zauber dieser Kmpfe, dass, wer sie schaut, sie auch kmpfen muss! 16. An diesem ausgefhrten historischen Beispiel haben wir klar zu machen gesucht, wie die Tragdie an dem Entschwinden des Geistes der Musik eben so gewiss zu Grunde geht, wie sie aus diesem Geiste allein geboren werden kann. Das Ungewhnliche dieser Behauptung zu mildern und andererseits den Ursprung dieser unserer Erkenntniss aufzuzeigen, mssen wir uns jetzt freien Blicks den analogen Erscheinungen der Gegenwart gegenber stellen; wir mssen mitten hinein in jene Kmpfe treten, welche, wie ich eben sagte, zwischen der unersttlichen optimistischen Erkenntniss und der tragischen Kunstbedrftigkeit in den hchsten Sphren unserer jetzigen Welt gekmpft werden. Ich will hierbei von allen den anderen gegnerischen Trieben absehn, die zu jeder Zeit der Kunst und gerade der Tragdie entgegenarbeiten und die auch in der Gegenwart in dem Maasse siegesgewiss um sich greifen, dass von den theatralischen Knsten z.B. allein die Posse und das Ballet in einem einigermaassen ppigen Wuchern ihre vielleicht nicht fr Jedermann wohlriechenden Blthen treiben. Ich will nur von der erlauchtesten Gegnerschaft der tragischen Weltbetrachtung reden und meine damit die in ihrem tiefsten Wesen optimistische Wissenschaft, mit ihrem Ahnherrn Sokrates an der Spitze. Alsbald sollen auch die Mchte bei Namen genannt werden, welche mir eine Wiedergeburt der Tragdie - und welche andere selige Hoffnungen fr das deutsche Wesen! - zu verbrgen scheinen. Bevor wir uns mitten in jene Kmpfe hineinstrzen, hllen wir uns in die Rstung unsrer bisher eroberten Erkenntnisse. Im Gegensatz zu allen denen, welche beflissen sind, die Knste aus einem einzigen Princip, als dem nothwendigen Lebensquell jedes Kunstwerks abzuleiten, halte ich den Blick auf jene beiden knstlerischen Gottheiten der Griechen, Apollo und Dionysus, geheftet und erkenne in ihnen die lebendigen und anschaulichen Reprsentanten zweier in ihrem tiefsten Wesen und ihren hchsten Zielen verschiedenen Kunstwelten. Apollo steht vor mir, als der verklrende Genius des principii individuationis, durch den allein die Erlsung im Scheine wahrhaft zu erlangen ist: whrend unter dem mystischen Jubelruf des Dionysus der Bann der Individuation zersprengt wird und der Weg zu den Mttern des Sein's, zu dem innersten Kern der Dinge offen liegt. Dieser ungeheuere Gegensatz, der sich zwischen der plastischen Kunst als der apollinischen und der Musik als der dionysischen Kunst klaffend aufthut, ist einem Einzigen der grossen Denker in dem Maasse offenbar geworden, dass er, selbst ohne jene Anleitung der hellenischen Gttersymbolik, der Musik einen verschiedenen Charakter und Ursprung vor allen anderen Knsten zuerkannte, weil sie nicht, wie jene alle, Abbild der Erscheinung, sondern unmittelbar Abbild des Willens selbst sei und also zu allem Physischen der Welt das Metaphysische, zu aller Erscheinung das Ding an sich darstelle. (Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung I, p. 310). Auf diese wichtigste Erkenntniss aller Aesthetik, mit der, in einem ernstern Sinne genommen, die Aesthetik erst beginnt, hat Richard Wagner, zur Bekrftigung ihrer ewigen Wahrheit, seinen Stempel gedrckt, wenn er im "Beethoven" feststellt, dass die Musik nach ganz anderen aesthetischen Principien als alle bildenden Knste und berhaupt nicht nach der Kategorie der Schnheit zu bemessen sei: obgleich eine irrige Aesthetik, an der Hand einer missleiteten und entarteten Kunst, von jenem in der bildnerischen Welt geltenden Begriff der Schnheit aus sich gewhnt habe, von der Musik eine hnliche Wirkung wie von den Werken der bildenden Kunst zu fordern, nmlich die Erregung des Gefallens an schnen Formen. Nach der Erkenntniss jenes ungeheuren Gegensatzes fhlte ich eine starke Nthigung, mich dem Wesen der griechischen Tragdie und damit der tiefsten Offenbarung des hellenischen Genius zu nahen: denn erst jetzt glaubte ich des Zaubers mchtig zu sein, ber die Phraseologie unserer blichen Aesthetik hinaus, das Urproblem der Tragdie mir leibhaft vor die Seele stellen zu knnen: wodurch mir ein so befremdlich eigenthmlicher Blick in das Hellenische vergnnt war, dass es mir scheinen musste, als ob unsre so stolz sich gebrdende classisch-hellenische Wissenschaft in der Hauptsache bis jetzt nur an Schattenspielen und Aeusserlichkeiten sich zu weiden gewusst habe. Jenes Urproblem mchten wir vielleicht mit dieser Frage berhren: welche aesthetische Wirkung entsteht, wenn jene an sich getrennten Kunstmchte des Apollinischen und des Dionysischen neben einander in Thtigkeit gerathen? Oder in krzerer Form: wie verhlt sich die Musik zu Bild und Begriff? - Schopenhauer, dem Richard Wagner gerade fr diesen Punkt eine nicht zu berbietende Deutlichkeit und Durchsichtigkeit der Darstellung nachrhmt, ussert sich hierber am ausfhrlichsten in der folgenden Stelle, die ich hier in ihrer ganzen Lnge wiedergeben werde. Welt als Wille und Vorstellung I, p. 309: "Diesem allen zufolge knnen wir die erscheinende Welt, oder die Natur, und die Musik als zwei verschiedene Ausdrcke derselben Sache ansehen, welche selbst daher das allein Vermittelnde der Analogie beider ist, dessen Erkenntniss erfordert wird, um jene Analogie einzusehen. Die Musik ist demnach, wenn als Ausdruck der Welt angesehen eine im hchsten Grad allgemeine Sprache, die sich sogar zur Allgemeinheit der Begriffe ungefhr verhlt wie diese zu den einzelnen Dingen. Ihre Allgemeinheit ist aber keineswegs jene leere Allgemeinheit der Abstraction, sondern ganz anderer Art und ist verbunden mit durchgngiger deutlicher Bestimmtheit. Sie gleicht hierin den geometrischen Figuren und den Zahlen, welche als die allgemeinen Formen aller mglichen Objecte der Erfahrung und auf alle a priori anwendbar, doch nicht abstract, sondern anschaulich und durchgngig bestimmt sind. Alle mglichen Bestrebungen, Erregungen und Aeusserungen des Willens, alle jene Vorgnge im Innern des Menschen, welche die Vernunft in den weiten negativen Begriff Gefhl wirft, sind durch die unendlich vielen mglichen Melodien auszudrcken, aber immer in der Allgemeinheit blosser Form, ohne den Stoff, immer nur nach dem Ansich, nicht nach der Erscheinung, gleichsam die innerste Seele derselben, ohne Krper. Aus diesem innigen Verhltniss, welches die Musik zum wahren Wesen aller Dinge hat, ist auch dies zu erklren, dass, wenn zu irgend einer Scene, Handlung, Vorgang, Umgebung, eine passende Musik ertnt, diese uns den geheimsten Sinn derselben aufzuschliessen scheint und als der richtigste und deutlichste Commentar dazu auftritt; imgleichen, dass es Dem, der sich dem Eindruck einer Symphonie ganz hingiebt, ist, als she er alle mglichen Vorgnge des Lebens und der Welt an sich vorberziehen: dennoch kann er, wenn er sich besinnt, keine Aehnlichkeit angeben zwischen jenem Tonspiel und den Dingen, die ihm vorschwebten. Denn die Musik ist, wie gesagt, darin von allen anderen Knsten verschieden, dass sie nicht Abbild der Erscheinung, oder richtiger, der adquaten Objectitt des Willens, sondern unmittelbar Abbild des Willens selbst ist und also zu allem Physischen der Welt das Metaphysische, zu aller Erscheinung das Ding an sich darstellt. Man knnte demnach die Welt ebensowohl verkrperte Musik, als verkrperten Willen nennen: daraus also ist es erklrlich, warum Musik jedes Gemlde, ja jede Scene des wirklichen Lebens und der Welt, sogleich in erhhter Bedeutsamkeit hervortreten lsst; freilich um so mehr, je analoger ihre Melodie dem innern Geiste der gegebenen Erscheinung ist. Hierauf beruht es, dass man ein Gedicht als Gesang, oder eine anschauliche Darstellung als Pantomime, oder beides als Oper der Musik unterlegen kann. Solche einzelne Bilder des Menschenlebens, der allgemeinen Sprache der Musik untergelegt, sind nie mit durchgngiger Nothwendigkeit ihr verbunden oder entsprechend; sondern sie stehen zu ihr nur im Verhltniss eines beliebigen Beispiels zu einem allgemeinen Begriff: sie stellen in der Bestimmtheit der Wirklichkeit Dasjenige dar, was die Musik in der Allgemeinheit blosser Form aussagt. Denn die Melodien sind gewissermaassen, gleich den allgemeinen Begriffen, ein Abstractum der Wirklichkeit. Diese nmlich, also die Welt der einzelnen Dinge, liefert das Anschauliche, das Besondere und Individuelle, den einzelnen Fall, sowohl zur Allgemeinheit der Begriffe, als zur Allgemeinheit der Melodien, welche beide Allgemeinheiten einander aber in gewisser Hinsicht entgegengesetzt sind; indem die Begriffe nur die allererst aus der Anschauung abstrahirten Formen, gleichsam die abgezogene ussere Schale der Dinge enthalten, also ganz eigentlich Abstracta sind; die Musik hingegen den innersten aller Gestaltung vorhergngigen Kern, oder das Herz der Dinge giebt. Dies Verhltniss liesse sich recht gut in der Sprache der Scholastiker ausdrcken, indem man sagte: die Begriffe sind die universalia post rem, die Musik aber giebt die universalia ante rem, und die Wirklichkeit die universalia in re. Dass aber berhaupt eine Beziehung zwischen einer Composition und einer anschaulichen Darstellung mglich ist, beruht, wie gesagt, darauf, dass beide nur ganz verschiedene Ausdrcke desselben innern Wesens der Welt sind. Wann nun im einzelnen Fall eine solche Beziehung wirklich vorhanden ist, also der Componist die Willensregungen, welche den Kern einer Begebenheit ausmachen, in der allgemeinen Sprache der Musik auszusprechen gewusst hat: dann ist die Melodie des Liedes, die Musik der Oper ausdrucksvoll. Die vom Componisten aufgefundene Analogie zwischen jenen beiden muss aber aus der unmittelbaren Erkenntniss des Wesens der Welt, seiner Vernunft unbewusst, hervorgegangen und darf nicht, mit bewusster Absichtlichkeit, durch Begriffe vermittelte Nachahmung sein: sonst spricht die Musik nicht das innere Wesen, den Willen selbst aus; sondern ahmt nur seine Erscheinung ungengend nach; wie dies alle eigentlich nachbildende Musik thut". - Wir verstehen also, nach der Lehre Schopenhauer's, die Musik als die Sprache des Willens unmittelbar und fhlen unsere Phantasie angeregt, jene zu uns redende, unsichtbare und doch so lebhaft bewegte Geisterwelt zu gestalten und sie in einem analogen Beispiel uns zu verkrpern. Andrerseits kommt Bild und Begriff, unter der Einwirkung einer wahrhaft entsprechenden Musik, zu einer erhhten Bedeutsamkeit. Zweierlei Wirkungen pflegt also die dionysische Kunst auf das apollinische Kunstvermgen auszuben: die Musik reizt zum gleichnissartigen Anschauen der dionysischen Allgemeinheit, die Musik lsst sodann das gleichnissartige Bild in hchster Bedeutsamkeit hervortreten. Aus diesen an sich verstndlichen und keiner tieferen Beobachtung unzugnglichen Thatsachen erschliesse ich die Befhigung der Musik, den Mythus d.h. das bedeutsamste Exempel zu gebren und gerade den tragischen Mythus: den Mythus, der von der dionysischen Erkenntniss in Gleichnissen redet. An dem Phnomen des Lyrikers habe ich dargestellt, wie die Musik im Lyriker darnach ringt, in apollinischen Bildern ber ihr Wesen sich kund zu geben: denken wir uns jetzt, dass die Musik in ihrer hchsten Steigerung auch zu einer hchsten Verbildlichung zu kommen suchen muss, so mssen wir fr mglich halten, dass sie auch den symbolischen Ausdruck fr ihre eigentliche dionysische Weisheit zu finden wisse; und wo anders werden wir diesen Ausdruck zu suchen haben, wenn nicht in der Tragdie und berhaupt im Begriff des Tragischen? Aus dem Wesen der Kunst, wie sie gemeinhin nach der einzigen Kategorie des Scheines und der Schnheit begriffen wird, ist das Tragische in ehrlicher Weise gar nicht abzuleiten; erst aus dem Geiste der Musik heraus verstehen wir eine Freude an der Vernichtung des Individuums. Denn an den einzelnen Beispielen einer solchen Vernichtung wird uns nur das ewige Phnomen der dionysischen Kunst deutlich gemacht, die den Willen in seiner Allmacht gleichsam hinter dem principio individuationis, das ewige Leben jenseit aller Erscheinung und trotz aller Vernichtung zum Ausdruck bringt. Die metaphysische Freude am Tragischen ist eine Uebersetzung der instinctiv unbewussten dionysischen Weisheit in die Sprache des Bildes: der Held, die hchste Willenserscheinung, wird zu unserer Lust verneint, weil er doch nur Erscheinung ist, und das ewige Leben des Willens durch seine Vernichtung nicht berhrt wird. "Wir glauben an das ewige Leben", so ruft die Tragdie; whrend die Musik die unmittelbare Idee dieses Lebens ist. Ein ganz verschiednes Ziel hat die Kunst des Plastikers: hier berwindet Apollo das Leiden des Individuums durch die leuchtende Verherrlichung der Ewigkeit der Erscheinung, hier siegt die Schnheit ber das dem Leben inhrirende Leiden, der Schmerz wird in einem gewissen Sinne aus den Zgen der Natur hinweggelogen. In der dionysischen Kunst und in deren tragischer Symbolik redet uns dieselbe Natur mit ihrer wahren, unverstellten Stimme an: "Seid wie ich bin! Unter dem unaufhrlichen Wechsel der Erscheinungen die ewig schpferische, ewig zum Dasein zwingende, an diesem Erscheinungswechsel sich ewig befriedigende Urmutter!" 17. Auch die dionysische Kunst will uns von der ewigen Lust des Daseins berzeugen: nur sollen wir diese Lust nicht in den Erscheinungen, sondern hinter den Erscheinungen suchen. Wir sollen erkennen, wie alles, was entsteht, zum leidvollen Untergange bereit sein muss, wir werden gezwungen in die Schrecken der Individualexistenz hineinzublicken - und sollen doch nicht erstarren: ein metaphysischer Trost reisst uns momentan aus dem Getriebe der Wandelgestalten heraus. Wir sind wirklich in kurzen Augenblicken das Urwesen selbst und fhlen dessen unbndige Daseinsgier und Daseinslust; der Kampf, die Qual, die Vernichtung der Erscheinungen dnkt uns jetzt wie nothwendig, bei dem Uebermaass von unzhligen, sich in's Leben drngenden und stossenden Daseinsformen, bei der berschwnglichen Fruchtbarkeit des Weltwillens; wir werden von dem wthenden Stachel dieser Qualen in demselben Augenblicke durchbohrt, wo wir gleichsam mit der unermesslichen Urlust am Dasein eins geworden sind und wo wir die Unzerstrbarkeit und Ewigkeit dieser Lust in dionysischer Entzckung ahnen. Trotz Furcht und Mitleid sind wir die glcklich-Lebendigen, nicht als Individuen, sondern als das eine Lebendige, mit dessen Zeugungslust wir verschmolzen sind. Die Entstehungsgeschichte der griechischen Tragdie sagt uns jetzt mit lichtvoller Bestimmtheit, wie das tragische Kunstwerk der Griechen wirklich aus dem Geiste der Musik herausgeboren ist: durch welchen Gedanken wir zum ersten Male dem ursprnglichen und so erstaunlichen Sinne des Chors gerecht geworden zu sein glauben. Zugleich aber mssen wir zugeben, dass die vorhin aufgestellte Bedeutung des tragischen Mythus den griechischen Dichtern, geschweige den griechischen Philosophen, niemals in begrifflicher Deutlichkeit durchsichtig geworden ist; ihre Helden sprechen gewissermaassen oberflchlicher als sie handeln, der Mythus findet in dem gesprochnen Wort durchaus nicht seine adquate Objectivation. Das Gefge der Scenen und die anschaulichen Bilder offenbaren eine tiefere Weisheit, als der Dichter selbst in Worte und Begriffe fassen kann: wie das Gleiche auch bei Shakespeare beobachtet wird, dessen Hamlet z.B. in einem hnlichen Sinne oberflchlicher redet als er handelt, so dass nicht aus den Worten heraus, sondern aus dem vertieften Anschauen und Ueberschauen des Ganzen jene frher erwhnte Hamletlehre zu entnehmen ist. In Betreff der griechischen Tragdie, die uns freilich nur als Wortdrama entgegentritt, habe ich sogar angedeutet, dass jene Incongruenz zwischen Mythus und Wort uns leicht verfhren knnte, sie fr flacher und bedeutungsloser zu halten, als sie ist, und demnach auch eine oberflchlichere Wirkung fr sie vorauszusetzen, als sie nach den Zeugnissen der Alten gehabt haben muss: denn wie leicht vergisst man, dass, was dem Wortdichter nicht gelungen war, die hchste Vergeistigung und Idealitt des Mythus zu erreichen, ihm als schpferischem Musiker in jedem Augenblick gelingen konnte! Wir freilich mssen uns die Uebermacht der musikalischen Wirkung fast auf gelehrtem Wege reconstruiren, um etwas von jenem unvergleichlichen Troste zu empfangen, der der wahren Tragdie zu eigen sein muss. Selbst diese musikalische Uebermacht aber wrden wir nur, wenn wir Griechen wren, als solche empfunden haben: whrend wir in der ganzen Entfaltung der griechischen Musik - der uns bekannten und vertrauten, so unendlich reicheren gegenber - nur das in schchternem Kraftgefhle angestimmte Jnglingslied des musikalischen Genius zu hren glauben. Die Griechen sind, wie die gyptischen Priester sagen, die ewigen Kinder, und auch in der tragischen Kunst nur die Kinder, welche nicht wissen, welches erhabene Spielzeug unter ihren Hnden entstanden ist und - zertrmmert wird. Jenes Ringen des Geistes der Musik nach bildlicher und mythischer Offenbarung, welches von den Anfngen der Lyrik bis zur attischen Tragdie sich steigert, bricht pltzlich, nach eben erst errungener ppiger Entfaltung, ab und verschwindet gleichsam von der Oberflche der hellenischen Kunst: whrend die aus diesem Ringen geborne dionysische Weltbetrachtung in den Mysterien weiterlebt und in den wunderbarsten Metamorphosen und Entartungen nicht aufhrt, ernstere Naturen an sich zu ziehen Ob sie nicht aus ihrer mystischen Tiefe einst wieder als Kunst emporsteigen wird? Hier beschftigt uns die Frage, ob die Macht, an deren Entgegenwirken die Tragdie sich brach, fr alle Zeit genug Strke hat, um das knstlerische Wiedererwachen der Tragdie und der tragischen Weltbetrachtung zu verhindern. Wenn die alte Tragdie durch den dialektischen Trieb zum Wissen und zum Optimismus der Wissenschaft aus ihrem Gleise gedrngt wurde, so wre aus dieser Thatsache auf einen ewigen Kampf zwischen der theoretischen und der tragischen Weltbetrachtung zu schliessen; und erst nachdem der Geist der Wissenschaft bis an seine Grenze gefhrt ist, und sein Anspruch auf universale Gltigkeit durch den Nachweis jener Grenzen vernichtet ist drfte auf eine Wiedergeburt der Tragdie zu hoffen sein: fr welche Culturform wir das Symbol des musiktreibenden Sokrates, in dem frher errterten Sinne, hinzustellen htten. Bei dieser Gegenberstellung verstehe ich unter dem Geiste der Wissenschaft jenen zuerst in der Person des Sokrates an's Licht gekommenen Glauben an die Ergrndlichkeit der Natur und an die Universalheilkraft des Wissens. Wer sich an die nchsten Folgen dieses rastlos vorwrtsdringenden Geistes der Wissenschaft erinnert, wird sich sofort vergegenwrtigen, wie durch ihn der Mythus vernichtet wurde und wie durch diese Vernichtung die Poesie aus ihrem natrlichen idealen Boden, als eine nunmehr heimathlose, verdrngt war. Haben wir mit Recht der Musik die Kraft zugesprochen, den Mythus wieder aus sich gebren zu knnen, so werden wir den Geist der Wissenschaft auch auf der Bahn zu suchen haben, wo er dieser mythenschaffenden Kraft der Musik feindlich entgegentritt. Dies geschieht in der Entfaltung des neueren attischen Dithyrambus, dessen Musik nicht mehr das innere Wesen, den Willen selbst aussprach, sondern nur die Erscheinung ungengend, in einer durch Begriffe vermittelten Nachahmung wiedergab: von welcher innerlich entarteten Musik sich die wahrhaft musikalischen Naturen mit demselben Widerwillen abwandten, den sie vor der kunstmrderischen Tendenz des Sokrates hatten. Der sicher zugreifende Instinct des Aristophanes hat gewiss das Rechte erfasst, wenn er Sokrates selbst, die Tragdie des Euripides und die Musik der neueren Dithyrambiker in dem gleichen Gefhle des Hasses zusammenfasste und in allen drei Phnomenen die Merkmale einer degenerirten Cultur witterte. Durch jenen neueren Dithyrambus ist die Musik in frevelhafter Weise zum imitatorischen Conterfei der Erscheinung z.B. einer Schlacht, eines Seesturmes gemacht und damit allerdings ihrer mythenschaffenden Kraft gnzlich beraubt worden. Denn wenn sie unsere Ergetzung nur dadurch zu erregen sucht, dass sie uns zwingt, usserliche Analogien zwischen einem Vorgange des Lebens und der Natur und gewissen rhythmischen Figuren und charakteristischen Klngen der Musik zu suchen, wenn sich unser Verstand an der Erkenntniss dieser Analogien befriedigen soll, so sind wir in eine Stimmung herabgezogen, in der eine Empfngniss des Mythischen unmglich ist; denn der Mythus will als ein einziges Exempel einer in's Unendliche hinein starrenden Allgemeinheit und Wahrheit anschaulich empfunden werden. Die wahrhaft dionysische Musik tritt uns als ein solcher allgemeiner Spiegel des Weltwillens gegenber: jenes anschauliche Ereigniss, das sich in diesem Spiegel bricht, erweitert sich sofort fr unser Gefhl zum Abbilde einer ewigen Wahrheit. Umgekehrt wird ein solches anschauliches Ereigniss durch die Tonmalerei des neueren Dithyrambus sofort jedes mythischen Charakters entkleidet; jetzt ist die Musik zum drftigen Abbilde der Erscheinung geworden und darum unendlich rmer als die Erscheinung selbst: durch welche Armuth sie fr unsere Empfindung die Erscheinung selbst noch herabzieht, so dass jetzt z.B. eine derartig musikalisch imitirte Schlacht sich in Marschlrm, Signalklngen u.s.w. erschpft, und unsere Phantasie gerade bei diesen Oberflchlichkeiten festgehalten wird. Die Tonmalerei ist also in jeder Beziehung das Gegenstck zu der mythenschaffenden Kraft der wahren Musik: durch sie wird die Erscheinung noch rmer als sie ist, whrend durch die dionysische Musik die einzelne Erscheinung sich zum Weltbilde bereichert und erweitert. Es war ein mchtiger Sieg des undionysischen Geistes, als er, in der Entfaltung des neueren Dithyrambus, die Musik sich selbst entfremdet und sie zur Sclavin der Erscheinung herabgedrckt hatte. Euripides, der in einem hhern Sinne eine durchaus unmusikalische Natur genannt werden muss, ist aus eben diesem Grunde leidenschaftlicher Anhnger der neueren dithyrambischen Musik und verwendet mit der Freigebigkeit eines Rubers alle ihre Effectstcke und Manieren. Nach einer anderen Seite sehen wir die Kraft dieses undionysischen, gegen den Mythus gerichteten Geistes in Thtigkeit, wenn wir unsere Blicke auf das Ueberhandnehmen der Charakterdarstellung und des psychologischen Raffinements in der Tragdie von Sophokles ab richten. Der Charakter soll sich nicht mehr zum ewigen Typus erweitern lassen, sondern im Gegentheil so durch knstliche Nebenzge und Schattirungen, durch feinste Bestimmtheit aller Linien individuell wirken, dass der Zuschauer berhaupt nicht mehr den Mythus, sondern die mchtige Naturwahrheit und die Imitationskraft des Knstlers empfindet. Auch hier gewahren wir den Sieg der Erscheinung ber das Allgemeine und die Lust an dem einzelnen gleichsam anatomischen Prparat, wir athmen bereits die Luft einer theoretischen Welt, welcher die wissenschaftliche Erkenntniss hher gilt als die knstlerische Wiederspiegelung einer Weltregel. Die Bewegung auf der Linie des Charakteristischen geht schnell weiter: whrend noch Sophokles ganze Charactere malt und zu ihrer raffinirten Entfaltung den Mythus ins Joch spannt, malt Euripides bereits nur noch grosse einzelne Charakterzge, die sich in heftigen Leidenschaften zu ussern wissen; in der neuern attischen Komdie giebt es nur noch Masken mit einem Ausdruck, leichtsinnige Alte, geprellte Kuppler, verschmitzte Sclaven in unermdlicher Wiederholung. Wohin ist jetzt der mythenbildende Geist der Musik? Was jetzt noch von Musik brig ist, das ist entweder Aufregungs- oder Erinnerungsmusik d.h. entweder ein Stimulanzmittel fr stumpfe und verbrauchte Nerven oder Tonmalerei. Fr die erstere kommt es auf den untergelegten Text kaum noch an: schon bei Euripides geht es, wenn seine Helden oder Chre erst zu singen anfangen, recht lderlich zu; wohin mag es bei seinen frechen Nachfolgern gekommen sein? Am allerdeutlichsten aber offenbart sich der neue undionysische Geist in den Schlssen der neueren Dramen. In der alten Tragdie war der metaphysische Trost am Ende zu spren gewesen, ohne den die Lust an der Tragdie berhaupt nicht zu erklren ist; am reinsten tnt vielleicht im Oedipus auf Kolonos der vershnende Klang aus einer anderen Welt. Jetzt, als der Genius der Musik aus der Tragdie entflohen war, ist, im strengen Sinne, die Tragdie todt: denn woher sollte man jetzt jenen metaphysischen Trost schpfen knnen? Man suchte daher nach einer irdischen Lsung der tragischen Dissonanz; der Held, nachdem er durch das Schicksal hinreichend gemartert war, erntete in einer stattlichen Heirat, in gttlichen Ehrenbezeugungen einen wohlverdienten Lohn. Der Held war zum Gladiator geworden, dem man, nachdem er tchtig geschunden und mit Wunden berdeckt war, gelegentlich die Freiheit schenkte. Der deus ex machina ist an Stelle des metaphysischen Trostes getreten. Ich will nicht sagen, dass die tragische Weltbetrachtung berall und vllig durch den andrngenden Geist des Undionysischen zerstrt wurde: wir wissen nur, dass sie sich aus der Kunst gleichsam in die Unterwelt, in einer Entartung zum Geheimcult, flchten musste. Aber auf dem weitesten Gebiete der Oberflche des hellenischen Wesens wthete der verzehrende Hauch jenes Geistes, welcher sich in jener Form der "griechischen Heiterkeit" kundgiebt, von der bereits frher, als von einer greisenhaft unproductiven Daseinslust, die Rede war; diese Heiterkeit ist ein Gegenstck zu der herrlichen "Naivett" der lteren Griechen, wie sie, nach der gegebenen Charakteristik, zu fassen ist als die aus einem dsteren Abgrunde hervorwachsende Blthe der apollinischen Cultur, als der Sieg, den der hellenische Wille durch seine Schnheitsspiegelung ber das Leiden und die Weisheit des Leidens davontrgt. Die edelste Form jener anderen Form der "griechischen Heiterkeit", der alexandrinischen, ist die Heiterkeit des theoretischen Menschen: sie zeigt dieselben charakteristischen Merkmale, die ich soeben aus dem Geiste des Undionysischen ableitete - dass sie die dionysische Weisheit und Kunst bekmpft, dass sie den Mythus aufzulsen trachtet, dass sie an Stelle eines metaphysischen Trostes eine irdische Consonanz, ja einen eigenen deus ex machina setzt, nmlich den Gott der Maschinen und Schmelztiegel, d.h. die im Dienste des hheren Egoismus erkannten und verwendeten Krfte der Naturgeister, dass sie an eine Correctur der Welt durch das Wissen, an ein durch die Wissenschaft geleitetes Leben glaubt und auch wirklich im Stande ist, den einzelnen Menschen in einen allerengsten Kreis von lsbaren Aufgaben zu bannen, innerhalb dessen er heiter zum Leben sagt: "Ich will dich: du bist werth erkannt zu werden". 18. Es ist ein ewiges Phnomen: immer findet der gierige Wille ein Mittel, durch eine ber die Dinge gebreitete Illusion seine Geschpfe im Leben festzuhalten und zum Weiterleben zu zwingen. Diesen fesselt die sokratische Lust des Erkennens und der Wahn, durch dasselbe die ewige Wunde des Daseins heilen zu knnen, jenen umstrickt der vor seinen Augen wehende verfhrerische Schnheitsschleier der Kunst, jenen wiederum der metaphysische Trost, dass unter dem Wirbel der Erscheinungen das ewige Leben unzerstrbar weiterfliesst: um von den gemeineren und fast noch krftigeren Illusionen, die der Wille in jedem Augenblick bereithlt, zu schweigen. Jene drei Illusionsstufen sind berhaupt nur fr die edler ausgestatteten Naturen, von denen die Last und Schwere des Daseins berhaupt mit tieferer Unlust empfunden wird und die durch ausgesuchte Reizmittel ber diese Unlust hinwegzutuschen sind. Aus diesen Reizmitteln besteht alles, was wir Cultur nennen: je nach der Proportion der Mischungen haben wir eine vorzugsweise sokratische oder knstlerische oder tragische Cultur: oder wenn man historische Exemplificationen erlauben will: es giebt entweder eine alexandrinische oder eine hellenische oder eine buddhaistische Cultur. Unsere ganze moderne Welt ist in dem Netz der alexandrinischen Cultur befangen und kennt als Ideal den mit hchsten Erkenntnisskrften ausgersteten, im Dienste der Wissenschaft arbeitenden theoretischen Menschen, dessen Urbild und Stammvater Sokrates ist. Alle unsere Erziehungsmittel haben ursprnglich dieses Ideal im Auge: jede andere Existenz hat sich mhsam nebenbei emporzuringen, als erlaubte, nicht als beabsichtigte Existenz. In einem fast erschreckenden Sinne ist hier eine lange Zeit der Gebildete allein in der Form des Gelehrten gefunden worden; selbst unsere dichterischen Knste haben sich aus gelehrten Imitationen entwickeln mssen, und in dem Haupteffect des Reimes erkennen wir noch die Entstehung unserer poetischen Form aus knstlichen Experimenten mit einer nicht heimischen, recht eigentlich gelehrten Sprache. Wie unverstndlich msste einem chten Griechen der an sich verstndliche moderne Culturmensch Faust erscheinen, der durch alle Facultten unbefriedigt strmende, aus Wissenstrieb der Magie und dem Teufel ergebene Faust, den wir nur zur Vergleichung neben Sokrates zu stellen haben, um zu erkennen, dass der moderne Mensch die Grenzen jener sokratischen Erkenntnisslust zu ahnen beginnt und aus dem weiten wsten Wissensmeere nach einer Kste verlangt. Wenn Goethe einmal zu Eckermann, mit Bezug auf Napoleon, ussert: "Ja mein Guter, es giebt auch eine Productivitt der Thaten", so hat er, in anmuthig naiver Weise, daran erinnert, dass der nicht theoretische Mensch fr den modernen Menschen etwas Unglaubwrdiges und Staunenerregendes ist, so dass es wieder der Weisheit eines Goethe bedarf, um auch eine so befremdende Existenzform begreiflich, ja verzeihlich zu finden. Und nun soll man sich nicht verbergen, was im Schoosse dieser sokratischen Cultur verborgen liegt! Der unumschrnkt sich whnende Optimismus! Nun soll man nicht erschrecken, wenn die Frchte dieses Optimismus reifen, wenn die von einer derartigen Cultur bis in die niedrigsten Schichten hinein durchsuerte Gesellschaft allmhlich unter ppigen Wallungen und Begehrungen erzittert, wenn der Glaube an das Erdenglck Aller, wenn der Glaube an die Mglichkeit einer solchen allgemeinen Wissenscultur allmhlich in die drohende Forderung eines solchen alexandrinischen Erdenglckes, in die Beschwrung eines Euripideischen deus ex machina umschlgt! Man soll es merken: die alexandrinische Cultur braucht einen Sclavenstand, um auf die Dauer existieren zu knnen: aber sie leugnet, in ihrer optimistischen Betrachtung des Daseins, die Nothwendigkeit eines solchen Standes und geht deshalb, wenn der Effect ihrer schnen Verfhrungs und Beruhigungsworte von der "Wrde des Menschen" und der "Wrde der Arbeit" verbraucht ist, allmhlich einer grauenvollen Vernichtung entgegen. Es giebt nichts Furchtbareres als einen barbarischen Sclavenstand, der seine Existenz als ein Unrecht zu betrachten gelernt hat und sich anschickt, nicht nur fr sich, sondern fr alle Generationen Rache zu nehmen. Wer wagt es, solchen drohenden Strmen entgegen, sicheren Muthes an unsere blassen und ermdeten Religionen zu appelliren, die selbst in ihren Fundamenten zu Gelehrtenreligionen entartet sind: so dass der Mythus, die nothwendige Voraussetzung jeder Religion, bereits berall gelhmt ist, und selbst auf diesem Bereich jener optimistische Geist zur Herrschaft gekommen ist, den wir als den Vernichtungskeim unserer Gesellschaft eben bezeichnet haben. Whrend das im Schoosse der theoretischen Cultur schlummernde Unheil allmhlich den modernen Menschen zu ngstigen beginnt, und er, unruhig, aus dem Schatze seiner Erfahrungen nach Mitteln greift, um die Gefahr abzuwenden, ohne selbst an diese Mittel recht zu glauben; whrend er also seine eigenen Consequenzen zu ahnen beginnt: haben grosse allgemein angelegte Naturen, mit einer unglaublichen Besonnenheit, das Rstzeug der Wissenschaft selbst zu bentzen gewusst, um die Grenzen und die Bedingtheit des Erkennens berhaupt darzulegen und damit den Anspruch der Wissenschaft auf universale Geltung und universale Zwecke entscheidend zu leugnen: bei welchem Nachweise zum ersten Male jene Wahnvorstellung als solche erkannt wurde, welche, an der Hand der Causalitt, sich anmaasst, das innerste Wesen der Dinge ergrnden zu knnen. Der ungeheuren Tapferkeit und Weisheit Kant's und Schopenhauer's ist der schwerste Sieg gelungen, der Sieg ber den im Wesen der Logik verborgen liegenden Optimismus, der wiederum der Untergrund unserer Cultur ist. Wenn dieser an die Erkennbarkeit und Ergrndlichkeit aller Weltrthsel, gesttzt auf die ihm unbedenklichen aeternae veritates, geglaubt und Raum, Zeit und Causalitt als gnzlich unbedingte Gesetze von allgemeinster Gltigkeit behandelt hatte, offenbarte Kant, wie diese eigentlich nur dazu dienten, die blosse Erscheinung, das Werk der Maja, zur einzigen und hchsten Realitt zu erheben und sie an die Stelle des innersten und wahren Wesens der Dinge zu setzen und die wirkliche Erkenntniss von diesem dadurch unmglich zu machen, d.h., nach einem Schopenhauer'schen Ausspruche, den Trumer noch fester einzuschlfern (W. a. W. u. V. I, p. 498). Mit dieser Erkenntniss ist eine Cultur eingeleitet, welche ich als eine tragische zu bezeichnen wage: deren wichtigstes Merkmal ist, dass an die Stelle der Wissenschaft als hchstes Ziel die Weisheit gerckt wird, die sich, ungetuscht durch die verfhrerischen Ablenkungen der Wissenschaften, mit unbewegtem Blicke dem Gesammtbilde der Welt zuwendet und in diesem das ewige Leiden mit sympathischer Liebesempfindung als das eigne Leiden zu ergreifen sucht. Denken wir uns eine heranwachsende Generation mit dieser Unerschrockenheit des Blicks, mit diesem heroischen Zug ins Ungeheure, denken wir uns den khnen Schritt dieser Drachentdter, die stolze Verwegenheit, mit der sie allen den Schwchlichkeitsdoctrinen jenes Optimismus den Rcken kehren, um im Ganzen und Vollen "resolut zu leben": sollte es nicht nthig sein, dass der tragische Mensch dieser Cultur, bei seiner Selbsterziehung zum Ernst und zum Schrecken, eine neue Kunst, die Kunst des metaphysischen Trostes, die Tragdie als die ihm zugehrige Helena begehren und mit Faust ausrufen muss: Und sollt' ich nicht, sehnschtigster Gewalt, In's Leben ziehn die einzigste Gestalt? Nachdem aber die sokratische Cultur von zwei Seiten aus erschttert ist und das Scepter ihrer Unfehlbarkeit nur noch mit zitternden Hnden zu halten vermag, einmal aus Furcht vor ihren eigenen Consequenzen, die sie nachgerade zu ahnen beginnt, sodann weil sie selbst von der ewigen Gltigkeit ihres Fundamentes nicht mehr mit dem frheren naiven Zutrauen berzeugt ist: so ist es ein trauriges Schauspiel, wie sich der Tanz ihres Denkens sehnschtig immer auf neue Gestalten strzt, um sie zu umarmen, und sie dann pltzlich wieder, wie Mephistopheles die verfhrerischen Lamien, schaudernd fahren lsst. Das ist ja das Merkmal jenes "Bruches", von dem Jedermann als von dem Urleiden der modernen Cultur zu reden pflegt, dass der theoretische Mensch vor seinen Consequenzen erschrickt und unbefriedigt es nicht mehr wagt sich dem furchtbaren Eisstrome des Daseins anzuvertrauen: ngstlich luft er am Ufer auf und ab. Er will nichts mehr ganz haben, ganz auch mit aller der natrlichen Grausamkeit der Dinge. Soweit hat ihn das optimistische Betrachten verzrtelt. Dazu fhlt er, wie eine Cultur, die auf dem Princip der Wissenschaft aufgebaut ist, zu Grunde gehen muss, wenn sie anfngt, unlogisch zu werden d.h. vor ihren Consequenzen zurck zu fliehen. Unsere Kunst offenbart diese allgemeine Noth: umsonst dass man sich an alle grossen productiven Perioden und Naturen imitatorisch anlehnt, umsonst dass man die ganze "Weltlitteratur" zum Troste des modernen Menschen um ihn versammelt und ihn mitten unter die Kunststile und Knstler aller Zeiten hinstellt, damit er ihnen, wie Adam den Thieren, einen Namen gebe: er bleibt doch der ewig Hungernde, der "Kritiker" ohne Lust und Kraft, der alexandrinische Mensch, der im Grunde Bibliothekar und Corrector ist und an Bcherstaub und Druckfehlern elend erblindet. 19. Man kann den innersten Gehalt dieser sokratischen Cultur nicht schrfer bezeichnen, als wenn man sie die Cultur der Oper nennt: denn auf diesem Gebiete hat sich diese Cultur mit eigener Naivett ber ihr Wollen und Erkennen ausgesprochen, zu unserer Verwunderung, wenn wir die Genesis der Oper und die Thatsachen der Opernentwicklung mit den ewigen Wahrheiten des Apollinischen und des Dionysischen zusammenhalten. Ich erinnere zunchst an die Entstehung des stilo rappresentativo und des Recitativs. Ist es glaublich, dass diese gnzlich verusserlichte, der Andacht unfhige Musik der Oper von einer Zeit mit schwrmerischer Gunst, gleichsam als die Wiedergeburt aller wahren Musik, empfangen und gehegt werden konnte, aus der sich soeben die unaussprechbar erhabene und heilige Musik Palestrina's erhoben hatte? Und wer mchte andrerseits nur die zerstreuungsschtige Ueppigkeit jener Florentiner Kreise und die Eitelkeit ihrer dramatischen Snger fr die so ungestm sich verbreitende Lust an der Oper verantwortlich machen? Dass in derselben Zeit, ja in demselben Volke neben dem Gewlbebau Palestrinischer Harmonien, an dem das gesammte christliche Mittelalter gebaut hatte, jene Leidenschaft fr eine halbmusikalisch Sprechart erwachte, vermag ich mir nur aus einer im Wesen des Recitativs mitwirkenden ausserknstlerischen Tendenz zu erklren. Dem Zuhrer, der das Wort unter dem Gesange deutlich vernehmen will, entspricht der Snger dadurch, dass er mehr spricht als singt und dass er den pathetischen Wortausdruck in diesem Halbgesange verschrft: durch diese Verschrfung des Pathos erleichtert er das Verstndniss des Wortes und berwindet jene brig gebliebene Hlfte der Musik. Die eigentliche Gefahr, die ihm jetzt droht, ist die, dass er der Musik einmal zur Unzeit das Obergewicht ertheilt, wodurch sofort Pathos der Rede und Deutlichkeit des Wortes zu Grunde gehen msste: whrend er andrerseits immer den Trieb zu musikalischer Entladung und zu virtuosenhafter Prsentation seiner Stimme fhlt. Hier kommt ihm der "Dichter" zu Hlfe, der ihm genug Gelegenheiten zu lyrischen Interjectionen, Wort- und Sentenzenwiederholungen u.s.w. zu bieten weiss: an welchen Stellen der Snger jetzt in dem rein musikalischen Elemente, ohne Rcksicht auf das Wort, ausruhen kann. Dieser Wechsel affectvoll eindringlicher, doch nur halb gesungener Rede und ganz gesungener Interjection, der im Wesen des stilo rappresentativo liegt, dies rasch wechselnde Bemhen, bald auf den Begriff und die Vorstellung, bald auf den musikalischen Grund des Zuhrers zu wirken, ist etwas so gnzlich Unnatrliches und den Kunsttrieben des Dionysischen und des Apollinischen in gleicher Weise so innerlich Widersprechendes, dass man auf einen Ursprung des Recitativs zu schliessen hat, der ausserhalb aller knstlerischen Instincte liegt. Das Recitativ ist nach dieser Schilderung zu definiren als die Vermischung des epischen und des lyrischen Vortrags und zwar keinesfalls die innerlich bestndige Mischung, die bei so gnzlich disparaten Dingen nicht erreicht werden konnte, sondern die usserlichste mosaikartige Conglutination, wie etwas Derartiges im Bereich der Natur und der Erfahrung gnzlich vorbildlos ist. Dies war aber nicht die Meinung jener Erfinder des Recitativs: vielmehr glauben sie selbst und mit ihnen ihr Zeitalter, dass durch jenen stilo rappresentativo das Geheimniss der antiken Musik gelst sei, aus dem sich allein die ungeheure Wirkung eines Orpheus, Amphion, ja auch der griechischen Tragdie erklren lasse. Der neue Stil galt als die Wiedererweckung der wirkungsvollsten Musik, der altgriechischen: ja man durfte sich, bei der allgemeinen und ganz volksthmlichen Auffassung der homerischen Welt als der Urwelt, dem Traume berlassen, jetzt wieder in die paradiesischen Anfnge der Menschheit hinabgestiegen zu sein, in der nothwendig auch die Musik jene unbertroffne Reinheit, Macht und Unschuld gehabt haben msste, von der die Dichter in ihren Schferspielen so rhrend zu erzhlen wussten. Hier sehen wir in das innerlichste Werden dieser recht eigentlich modernen Kunstgattung, der Oper: ein mchtiges Bedrfniss erzwingt sich hier eine Kunst, aber ein Bedrfniss unaesthetischer Art: die Sehnsucht zum Idyll, der Glaube an eine urvorzeitliche Existenz des knstlerischen und guten Menschen. Das Recitativ galt als die wiederentdeckte Sprache jenes Urmenschen; die Oper als das wiederaufgefundene Land jenes idyllisch oder heroisch guten Wesens, das zugleich in allen seinen Handlungen einem natrlichen Kunsttriebe folgt, das bei allem, was es zu sagen hat, wenigstens etwas singt, um, bei der leisesten Gefhlserregung, sofort mit voller Stimme zu singen. Es ist fr uns jetzt gleichgltig, dass mit diesem neugeschaffnen Bilde des paradiesischen Knstlers die damaligen Humanisten gegen die alte kirchliche Vorstellung vom an sich verderbten und verlornen Menschen ankmpften: so dass die Oper als das Oppositionsdogma vom guten Menschen zu verstehen ist, mit dem aber zugleich ein Trostmittel gegen jenen Pessimismus gefunden war, zu dem gerade die Ernstgesinnten jener Zeit, bei der grauenhaften Unsicherheit aller Zustnde, am strksten gereizt waren. Genug, wenn wir erkannt haben, wie der eigentliche Zauber und damit die Genesis dieser neuen Kunstform in der Befriedigung eines gnzlich unaesthetischen Bedrfnisses liegt, in der optimistischen Verherrlichung des Menschen an sich, in der Auffassung des Urmenschen als des von Natur guten und knstlerischen Menschen: welches Princip der Oper sich allmhlich in eine drohende und entsetzliche Forderung umgewandelt hat, die wir, im Angesicht der socialistischen Bewegungen der Gegenwart, nicht mehr berhren knnen. Der "gute Urmensch" will seine Rechte: welche paradiesischen Aussichten! Ich stelle daneben noch eine eben so deutliche Besttigung meiner Ansicht, dass die Oper auf den gleichen Principien mit unserer alexandrinischen Cultur aufgebaut ist. Die Oper ist die Geburt des theoretischen Menschen, des kritischen Laien, nicht des Knstlers: eine der befremdlichsten Thatsachen in der Geschichte aller Knste. Es war die Forderung recht eigentlich unmusikalischer Zuhrer, dass man vor allem das Wort verstehen msse: so dass eine Wiedergeburt der Tonkunst nur zu erwarten sei, wenn man irgend eine Gesangesweise entdecken werde, bei welcher das Textwort ber den Contrapunkt wie der Herr ber den Diener herrsche. Denn die Worte seien um so viel edler als das begleitende harmonische System, um wie viel die Seele edler als der Krper sei. Mit der laienhaft unmusikalischen Rohheit dieser Ansichten wurde in den Anfngen der Oper die Verbindung von Musik, Bild und Wort behandelt; im Sinne dieser Aesthetik kam es auch in den vornehmen Laienkreisen von Florenz, durch hier patronisirte Dichter und Snger, zu den ersten Experimenten. Der kunstohnmchtige Mensch erzeugt sich eine Art von Kunst, gerade dadurch, dass er der unknstlerische Mensch an sich ist. Weil er die dionysische Tiefe der Musik nicht ahnt, verwandelt er sich den Musikgenuss zur verstandesmssigen Wort- und Tonrhetorik der Leidenschaft im stilo rappresentativo und zur Wohllust der Gesangesknste; weil er keine Vision zu schauen vermag, zwingt er den Maschinisten und Decorationsknstler in seinen Dienst; weil er das wahre Wesen des Knstlers nicht zu erfassen weiss, zaubert er vor sich den "knstlerischen Urmenschen" nach seinem Geschmack hin d.h. den Menschen, der in der Leidenschaft singt und Verse spricht. Er trumt sich in eine Zeit hinein, in der die Leidenschaft ausreicht, um Gesnge und Dichtungen zu erzeugen: als ob jeder Affect im Stande gewesen sei, etwas Knstlerisches zu schaffen. Die Voraussetzung der Oper ist ein falscher Glaube ber den knstlerischen Prozess und zwar jener idyllische Glaube, dass eigentlich jeder empfindende Mensch Knstler sei. Im Sinne dieses Glaubens ist die Oper der Ausdruck des Laienthums in der Kunst, das seine Gesetze mit dem heitern Optimismus des theoretischen Menschen dictirt. Sollten wir wnschen, die beiden eben geschilderten, bei der Entstehung der Oper wirksamen Vorstellungen unter einen Begriff zu vereinigen, so wrde uns nur brig bleiben, von einer idyllischen Tendenz der Oper zu sprechen: wobei wir uns allein der Ausdrucksweise und Erklrung Schillers zu bedienen htten. Entweder, sagt dieser, ist die Natur und das Ideal ein Gegenstand der Trauer, wenn jene als verloren, dieses als unerreicht dargestellt wird. Oder beide sind ein Gegenstand der Freude, indem sie als wirklich vorgestellt werden. Das erste giebt die Elegie in engerer, das andere die Idylle in weitester Bedeutung. Hier ist nun sofort auf das gemeinsame Merkmal jener beiden Vorstellungen in der Operngenesis aufmerksam zu machen, dass in ihnen das Ideal nicht als unerreicht, die Natur nicht als verloren empfunden wird. Es gab nach dieser Empfindung eine Urzeit des Menschen, in der er am Herzen der Natur lag und bei dieser Natrlichkeit zugleich das Ideal der Menschheit, in einer paradiesischen Gte und Knstlerschaft, erreicht hatte: von welchem vollkommnen Urmenschen wir alle abstammen sollten, ja dessen getreues Ebenbild wir noch wren: nur mssten wir Einiges von uns werfen, um uns selbst wieder als diesen Urmenschen zu erkennen, vermge einer freiwilligen Entusserung von berflssiger Gelehrsamkeit, von berreicher Cultur. Der Bildungsmensch der Renaissance liess sich durch seine opernhafte Imitation der griechischen Tragdie zu einem solchen Zusammenklang von Natur und Ideal, zu einer idyllischen Wirklichkeit zurckgeleiten, er benutzte diese Tragdie, wie Dante den Virgil benutzte, um bis an die Pforten des Paradieses gefhrt zu werden: whrend er von hier aus selbstndig noch weiter schritt und von einer Imitation der hchsten griechischen Kunstform zu einer "Wiederbringung aller Dinge", zu einer Nachbildung der ursprnglichen Kunstwelt des Menschen berging. Welche zuversichtliche Gutmthigkeit dieser verwegenen Bestrebungen, mitten im Schoosse der theoretischen Cultur! - einzig nur aus dem trstenden Glauben zu erklren, dass "der Mensch an sich" der ewig tugendhafte Opernheld, der ewig fltende oder singende Schfer sei, der sich endlich immer als solchen wiederfinden msse, falls er sich selbst irgendwann einmal wirklich auf einige Zeit verloren habe, einzig die Frucht jenes Optimismus, der aus der Tiefe der sokratischen Weltbetrachtung hier wie eine ssslich verfhrerische Duftsule emporsteigt. Es liegt also auf den Zgen der Oper keinesfalls jener elegische Schmerz eines ewigen Verlustes, vielmehr die Heiterkeit des ewigen Wiederfindens, die bequeme Lust an einer idyllischen Wirklichkeit, die man wenigstens sich als wirklich in jedem Augenblicke vorstellen kann: wobei man vielleicht einmal ahnt, dass diese vermeinte Wirklichkeit nichts als ein phantastisch lppisches Getndel ist, dem jeder, der es an dem furchtbaren Ernst der wahren Natur zu messen und mit den eigentlichen Urscenen der Menschheitsanfnge zu vergleichen vermchte, mit Ekel zurufen msste: Weg mit dem Phantom! Trotzdem wrde man sich tuschen, wenn man glaubte, ein solches tndelndes Wesen, wie die Oper ist, einfach durch einen krftigen Anruf, wie ein Gespenst, verscheuchen zu knnen. Wer die Oper vernichten will, muss den Kampf gegen jene alexandrinische Heiterkeit aufnehmen, die sich in ihr so naiv ber ihre Lieblingsvorstellung ausspricht, ja deren eigentliche Kunstform sie ist. Was ist aber fr die Kunst selbst von dem Wirken einer Kunstform zu erwarten, deren Ursprnge berhaupt nicht im aesthetischen Bereiche liegen, die sich vielmehr aus einer halb moralischen Sphre auf das knstlerische Gebiet hinbergestohlen hat und ber diese hybride Entstehung nur hier und da einmal hinwegzutuschen vermochte? Von welchen Sften nhrt sich dieses parasitische Opernwesen, wenn nicht von denen der wahren Kunst? Wird nicht zu muthmaassen sein, dass, unter seinen idyllischen Verfhrungen, unter seinen alexandrinischen Schmeichelknsten, die hchste und wahrhaftig ernst zu nennende Aufgabe der Kunst - das Auge vom Blick in's Grauen der Nacht zu erlsen und das Subject durch den heilenden Balsam des Scheins aus dem Krampfe der Willensregungen zu retten - zu einer leeren und zerstreuenden Ergetzlichkeitstendenz entarten werde? Was wird aus den ewigen Wahrheiten des Dionysischen und des Apollinischen, bei einer solchen Stilvermischung, wie ich sie am Wesen des stilo rappresentativo dargelegt habe? wo die Musik als Diener, das Textwort als Herr betrachtet, die Musik mit dem Krper, das Textwort mit der Seele verglichen wird? wo das hchste Ziel bestenfalls auf eine umschreibende Tonmalerei gerichtet sein wird, hnlich wie ehedem im neuen attischen Dithyrambus? wo der Musik ihre wahre Wrde, dionysischer Weltspiegel zu sein, vllig entfremdet ist, so dass ihr nur brig bleibt, als Sclavin der Erscheinung, das Formenwesen der Erscheinung nachzuahmen und in dem Spiele der Linien und Proportionen eine usserliche Ergetzung zu erregen. Einer strengen Betrachtung fllt dieser verhngnissvolle Einfluss der Oper auf die Musik geradezu mit der gesammten modernen Musikentwicklung zusammen; dem in der Genesis der Oper und im Wesen der durch sie reprsentirten Cultur lauernden Optimismus ist es in bengstigender Schnelligkeit gelungen, die Musik ihrer dionysischen Weltbestimmung zu entkleiden und ihr einen formenspielerischen, vergnglichen Charakter aufzuprgen: mit welcher Vernderung nur etwa die Metamorphose des aeschyleischen Menschen in den alexandrinischen Heiterkeitsmenschen verglichen werden drfte. Wenn wir aber mit Recht in der hiermit angedeuteten Exemplification das Entschwinden des dionysischen Geistes mit einer hchst aufflligen, aber bisher unerklrten Umwandlung und Degeneration des griechischen Menschen in Zusammenhang gebracht haben - welche Hoffnungen mssen in uns aufleben, wenn uns die allersichersten Auspicien den umgekehrten Prozess, das allmhliche Erwachen des dionysischen Geistes in unserer gegenwrtigen Welt, verbrgen! Es ist nicht mglich, dass die gttliche Kraft des Herakles ewig im ppigen Frohndienste der Omphale erschlafft. Aus dem dionysischen Grunde des deutschen Geistes ist eine Macht emporgestiegen, die mit den Urbedingungen der sokratischen Cultur nichts gemein hat und aus ihnen weder zu erklren noch zu entschuldigen ist, vielmehr von dieser Cultur als das Schrecklich Unerklrliche, als das Uebermchtig-Feindselige empfunden wird, die deutsche Musik, wie wir sie vornehmlich in ihrem mchtigen Sonnenlaufe von Bach zu Beethoven, von Beethoven zu Wagner zu verstehen haben. Was vermag die erkenntnisslsterne Sokratik unserer Tage gnstigsten Falls mit diesem aus unerschpflichen Tiefen emporsteigenden Dmon zu beginnen? Weder von dem Zacken- und Arabeskenwerk der Opernmelodie aus, noch mit Hlfe des arithmetischen Rechenbretts der Fuge und der contrapunktischen Dialektik will sich die Formel finden lassen, in deren dreimal gewaltigem Licht man jenen Dmon sich unterwrfig zu machen und zum Reden zu zwingen vermchte. Welches Schauspiel, wenn jetzt unsere Aesthetiker, mit dem Fangnetz einer ihnen eignen "Schnheit", nach dem vor ihnen mit unbegreiflichem Leben sich tummelnden Musikgenius schlagen und haschen, unter Bewegungen, die nach der ewigen Schnheit ebensowenig als nach dem Erhabenen beurtheilt werden wollen. Man mag sich nur diese Musikgnner einmal leibhaft und in der Nhe besehen, wenn sie so unermdlich Schnheit! Schnheit! rufen, ob sie sich dabei wie die im Schoosse des Schnen gebildeten und verwhnten Lieblingskinder der Natur ausnehmen oder ob sie nicht vielmehr fr die eigne Rohheit eine lgnerisch verhllende Form, fr die eigne empfindungsarme Nchternheit einen aesthetischen Vorwand suchen: wobei ich z.B. an Otto Jahn denke. Vor der deutschen Musik aber mag sich der Lgner und Heuchler in Acht nehmen: denn gerade sie ist, inmitten aller unserer Cultur, der einzig reine, lautere und luternde Feuergeist, von dem aus und zu dem hin, wie in der Lehre des grossen Heraklit von Ephesus, sich alle Dinge in doppelter Kreisbahn bewegen: alles, was wir jetzt Cultur, Bildung, Civilisation nennen, wird einmal vor dem untrglichen Richter Dionysus erscheinen mssen. Erinnern wir uns sodann, wie dem aus gleichen Quellen strmenden Geiste der deutschen Philosophie, durch Kant und Schopenhauer, es ermglicht war, die zufriedne Daseinslust der wissenschaftlichen Sokratik, durch den Nachweis ihrer Grenzen, zu vernichten, wie durch diesen Nachweis eine unendlich tiefere und ernstere Betrachtung der ethischen Fragen und der Kunst eingeleitet wurde, die wir geradezu als die in Begriffe gefasste dionysische Weisheit bezeichnen knnen: wohin weist uns das Mysterium dieser Einheit zwischen der deutschen Musik und der deutschen Philosophie, wenn nicht auf eine neue Daseinsform, ber deren Inhalt wir uns nur aus hellenischen Analogien ahnend unterrichten knnen? Denn diesen unausmessbaren Werth behlt fr uns, die wir an der Grenzscheide zweier verschiedener Daseinsformen stehen, das hellenische Vorbild, dass in ihm auch alle jene Uebergnge und Kmpfe zu einer classisch-belehrenden Form ausgeprgt sind: nur dass wir gleichsam in umgekehrter Ordnung die grossen Hauptepochen des hellenischen Wesens analogisch durcherleben und zum Beispiel jetzt aus dem alexandrinischen Zeitalter rckwrts zur Periode der Tragdie zu schreiten scheinen. Dabei lebt in uns die Empfindung, als ob die Geburt eines tragischen Zeitalters fr den deutschen Geist nur eine Rckkehr zu sich selbst, ein seliges Sichwiederfinden zu bedeuten habe, nachdem fr eine lange Zeit ungeheure von aussen her eindringende Mchte den in hlfloser Barbarei der Form dahinlebenden zu einer Knechtschaft unter ihrer Form gezwungen hatten. Jetzt endlich darf er, nach seiner Heimkehr zum Urquell seines Wesens, vor allen Vlkern khn und frei, ohne das Gngelband einer romanischen Civilisation, einherzuschreiten wagen: wenn er nur von einem Volke unentwegt zu lernen versteht, von dem berhaupt lernen zu knnen schon ein hoher Ruhm und eine auszeichnende Seltenheit ist, von den Griechen. Und wann brauchten wir diese allerhchsten Lehrmeister mehr als jetzt, wo wir die Wiedergeburt der Tragdie erleben und in Gefahr sind, weder zu wissen, woher sie kommt, noch uns deuten zu knnen, wohin sie will? 20. Es mchte einmal, unter den Augen eines unbestochenen Richters, abgewogen werden, in welcher Zeit und in welchen Mnnern bisher der deutsche Geist von den Griechen zu lernen am krftigsten gerungen hat; und wenn wir mit Zuversicht annehmen, dass dem edelsten Bildungskampfe Goethe's, Schiller's und Winckelmann's dieses einzige Lob zugesprochen werden msste, so wre jedenfalls hinzuzufgen, dass seit jener Zeit und den nchsten Einwirkungen jenes Kampfes, das Streben auf einer gleichen Bahn zur Bildung und zu den Griechen zu kommen, in unbegreiflicher Weise schwcher und schwcher geworden ist. Sollten wir, um nicht ganz an dem deutschen Geist verzweifeln zu mssen, nicht daraus den Schluss ziehen drfen, dass in irgend welchem Hauptpunkte es auch jenen Kmpfern nicht gelungen sein mchte, in den Kern des hellenischen Wesens einzudringen und einen dauernden Liebesbund zwischen der deutschen und der griechischen Cultur herzustellen? So dass vielleicht ein unbewusstes Erkennen jenes Mangels auch in den ernsteren Naturen den verzagten Zweifel erregte, ob sie, nach solchen Vorgngern, auf diesem Bildungswege noch weiter wie jene und berhaupt zum Ziele kommen wrden. Deshalb sehen wir seit jener Zeit das Urtheil ber den Werth der Griechen fr die Bildung in der bedenklichsten Weise entarten; der Ausdruck mitleidiger Ueberlegenheit ist in den verschiedensten Feldlagern des Geistes und des Ungeistes zu hren; anderwrts tndelt eine gnzlich wirkungslose Schnrednerei mit der "griechischen Harmonie", der "griechischen Schnheit", der "griechischen Heiterkeit". Und gerade in den Kreisen, deren Wrde es sein knnte, aus dem griechischen Strombett unermdet, zum Heile deutscher Bildung, zu schpfen, in den Kreisen der Lehrer an den hheren Bildungsanstalten hat man am besten gelernt, sich mit den Griechen zeitig und in bequemer Weise abzufinden, nicht selten bis zu einem sceptischen Preisgeben des hellenischen Ideals und bis zu einer gnzlichen Verkehrung der wahren Absicht aller Alterthumsstudien. Wer berhaupt in jenen Kreisen sich nicht vllig in dem Bemhen, ein zuverlssiger Corrector von alten Texten oder ein naturhistorischer Sprachmikroskopiker zu sein, erschpft hat, der sucht vielleicht auch das griechische Alterthum, neben anderen Alterthmern, sich "historisch" anzueignen, aber jedenfalls nach der Methode und mit den berlegenen Mienen unserer jetzigen gebildeten Geschichtsschreibung. Wenn demnach die eigentliche Bildungskraft der hheren Lehranstalten wohl noch niemals niedriger und schwchlicher gewesen ist, wie in der Gegenwart, wenn der "Journalist", der papierne Sclave des Tages, in jeder Rcksicht auf Bildung den Sieg ber den hheren Lehrer davongetragen hat, und Letzterem nur noch die bereits oft erlebte Metamorphose brig bleibt, sich jetzt nun auch in der Sprechweise des Journalisten, mit der "leichten Eleganz" dieser Sphre, als heiterer gebildeter Schmetterling zu bewegen - in welcher peinlichen Verwirrung mssen die derartig Gebildeten einer solchen Gegenwart jenes Phnomen anstarren, das nur etwa aus dem tiefsten Grunde des bisher unbegriffnen hellenischen Genius analogisch zu begreifen wre, das Wiedererwachen des dionysischen Geistes und die Wiedergeburt der Tragdie? Es giebt keine andere Kunstperiode, in der sich die sogenannte Bildung und die eigentliche Kunst so befremdet und abgeneigt gegenbergestanden htten, als wir das in der Gegenwart mit Augen sehn. Wir verstehen es, warum eine so schwchliche Bildung die wahre Kunst hasst; denn sie frchtet durch sie ihren Untergang. Aber sollte nicht eine ganze Art der Cultur, nmlich jene sokratisch- alexandrinische, sich ausgelebt haben, nachdem sie in eine so zierlich-schmchtige Spitze, wie die gegenwrtige Bildung ist, auslaufen konnte! Wenn es solchen Helden, wie Schiller und Goethe, nicht gelingen durfte, jene verzauberte Pforte zu erbrechen, die in den hellenischen Zauberberg fhrt, wenn es bei ihrem muthigsten Ringen nicht weiter gekommen ist als bis zu jenem sehnschtigen Blick, den die Goethische Iphigenie vom barbarischen Tauris aus nach der Heimat ber das Meer hin sendet, was bliebe den Epigonen solcher Helden zu hoffen, wenn sich ihnen nicht pltzlich, an einer ganz anderen, von allen Bemhungen der bisherigen Cultur unberhrten Seite die Pforte von selbst aufthte - unter dem mystischen Klange der wiedererweckten Tragdienmusik. Mge uns Niemand unsern Glauben an eine noch bevorstehende Wiedergeburt des hellenischen Alterthums zu verkmmern suchen; denn in ihm finden wir allein unsre Hoffnung fr eine Erneuerung und Luterung des deutschen Geistes durch den Feuerzauber der Musik. Was wssten wir sonst zu nennen, was in der Verdung und Ermattung der jetzigen Cultur irgend welche trstliche Erwartung fr die Zukunft erwecken knnte? Vergebens sphen wir nach einer einzigen krftig gesteten Wurzel, nach einem Fleck fruchtbaren und gesunden Erdbodens: berall Staub, Sand, Erstarrung, Verschmachten. Da mchte sich ein trostlos Vereinsamter kein besseres Symbol whlen knnen, als den Ritter mit Tod und Teufel, wie ihn uns Drer gezeichnet hat, den geharnischten Ritter mit dem erzenen, harten Blicke, der seinen Schreckensweg, unbeirrt durch seine grausen Gefhrten, und doch hoffnungslos, allein mit Ross und Hund zu nehmen weiss. Ein solcher Drerscher Ritter war unser Schopenhauer: ihm fehlte jede Hoffnung, aber er wollte die Wahrheit. Es giebt nicht Seinesgleichen. - Aber wie verndert sich pltzlich jene eben so dster geschilderte Wildniss unserer ermdeten Cultur, wenn sie der dionysische Zauber berhrt! Ein Sturmwind packt alles Abgelebte, Morsche, Zerbrochne, Verkmmerte, hllt es wirbelnd in eine rothe Staubwolke und trgt es wie ein Geier in die Lfte. Verwirrt suchen unsere Blicke nach dem Entschwundenen: denn was sie sehen, ist wie aus einer Versenkung an's goldne Licht gestiegen, so voll und grn, so ppig lebendig, so sehnsuchtsvoll unermesslich. Die Tragdie sitzt inmitten dieses Ueberflusses an Leben, Leid und Lust, in erhabener Entzckung, sie horcht einem fernen schwermthigen Gesange - er erzhlt von den Mttern des Seins, deren Namen lauten: Wahn, Wille, Wehe. - Ja, meine Freunde, glaubt mit mir an das dionysische Leben und an die Wiedergeburt der Tragdie. Die Zeit des sokratischen Menschen ist vorber: krnzt euch mit Epheu, nehmt den Thyrsusstab zur Hand und wundert euch nicht, wenn Tiger und Panther sich schmeichelnd zu euren Knien niederlegen. Jetzt wagt es nur, tragische Menschen zu sein: denn ihr sollt erlst werden. Ihr sollt den dionysischen Festzug von Indien nach Griechenland geleiten! Rstet euch zu hartem Streite, aber glaubt an die Wunder eures Gottes! 21. Von diesen exhortativen Tnen in die Stimmung zurckgleitend, die dem Beschaulichen geziemt, wiederhole ich, dass nur von den Griechen gelernt werden kann, was ein solches wundergleiches pltzliches Aufwachen der Tragdie fr den innersten Lebensgrund eines Volkes zu bedeuten hat. Es ist das Volk der tragischen Mysterien, das die Perserschlachten schlgt: und wiederum braucht das Volk, das jene Kriege gefhrt hat, die Tragdie als nothwendigen Genesungstrank. Wer wrde gerade bei diesem Volke, nachdem es durch mehrere Generationen von den strksten Zuckungen des dionysischen Dmon bis in's Innerste erregt wurde, noch einen so gleichmssig krftigen Erguss des einfachsten politischen Gefhls, der natrlichsten Heimatsinstincte, der ursprnglichen mnnlichen Kampflust vermuthen? Ist es doch bei jedem bedeutenden Umsichgreifen dionysischer Erregungen immer zu spren, wie die dionysische Lsung von den Fesseln des Individuums sich am allerersten in einer bis zur Gleichgltigkeit, ja Feindseligkeit gesteigerten Beeintrchtigung der politischen Instincte fhlbar macht, so gewiss andererseits der staatenbildende Apollo auch der Genius des principii individuationis ist und Staat und Heimatssinn nicht ohne Bejahung der individuellen Persnlichkeit leben knnen. Von dem Orgiasmus aus fhrt fr ein Volk nur ein Weg, der Weg zum indischen Buddhaismus, der, um berhaupt mit seiner Sehnsucht in's Nichts ertragen zu werden, jener seltnen ekstatischen Zustnde mit ihrer Erhebung ber Raum, Zeit und Individuum bedarf: wie diese wiederum eine Philosophie fordern, die es lehrt, die unbeschreibliche Unlust der Zwischenzustnde durch eine Vorstellung zu berwinden. Eben so nothwendig gerth ein Volk, von der unbedingten Geltung der politischen Triebe aus, in eine Bahn usserster Verweltlichung, deren grossartigster, aber auch erschrecklichster Ausdruck das rmische imperium ist. Zwischen Indien und Rom hingestellt und zu verfhrerischer Wahl gedrngt, ist es den Griechen gelungen, in classischer Reinheit eine dritte Form hinzuzuerfinden, freilich nicht zu langem eigenen Gebrauche, aber eben darum fr die Unsterblichkeit. Denn dass die Lieblinge der Gtter frh sterben, gilt in allen Dingen, aber eben so gewiss, dass sie mit den Gttern dann ewig leben. Man verlange doch von dem Alleredelsten nicht, dass es die haltbare Zhigkeit des Leders habe; die derbe Dauerhaftigkeit, wie sie z.B. dem rmischen Nationaltriebe zu eigen war, gehrt wahrscheinlich nicht zu den nothwendigen Prdicaten der Vollkommenheit. Wenn wir aber fragen, mit welchem Heilmittel es den Griechen ermglicht war, in ihrer grossen Zeit, bei der ausserordentlichen Strke ihrer dionysischen und politischen Triebe, weder durch ein ekstatisches Brten, noch durch ein verzehrendes Haschen nach Weltmacht und Weltehre sich zu erschpfen, sondern jene herrliche Mischung zu erreichen, wie sie ein edler, zugleich befeuernder und beschaulich stimmender Wein hat, so mssen wir der ungeheuren, das ganze Volksleben erregenden, reinigenden und entladenden Gewalt der Tragdie eingedenk sein; deren hchsten Werth wir erst ahnen werden, wenn sie uns, wie bei den Griechen, als Inbegriff aller prophylaktischen Heilkrfte, als die zwischen den strksten und an sich verhngnissvollsten Eigenschaften des Volkes waltende Mittlerin entgegentritt. Die Tragdie saugt den hchsten Musikorgiasmus in sich hinein, so dass sie geradezu die Musik, bei den Griechen, wie bei uns, zur Vollendung bringt, stellt dann aber den tragischen Mythus und den tragischen Helden daneben, der dann, einem mchtigen Titanen gleich, die ganze dionysische Welt auf seinen Rcken nimmt und uns davon entlastet: whrend sie andrerseits durch denselben tragischen Mythus, in der Person des tragischen Helden, von dem gierigen Drange nach diesem Dasein zu erlsen weiss, und mit mahnender Hand an ein anderes Sein und an eine hhere Lust erinnert, zu welcher der kmpfende Held durch seinen Untergang, nicht durch seine Siege sich ahnungsvoll vorbereitet. Die Tragdie stellt zwischen die universale Geltung ihrer Musik und den dionysisch empfnglichen Zuhrer ein erhabenes Gleichniss, den Mythus, und erweckt bei jenem den Schein, als ob die Musik nur ein hchstes Darstellungsmittel zur Belebung der plastischen Welt des Mythus sei. Dieser edlen Tuschung vertrauend darf sie jetzt ihre Glieder zum dithyrambischen Tanze bewegen und sich unbedenklich einem orgiastischen Gefhle der Freiheit hingeben, in welchem sie als Musik an sich, ohne jene Tuschung, nicht zu schwelgen wagen drfte. Der Mythus schtzt uns vor der Musik, wie er ihr andrerseits erst die hchste Freiheit giebt. Dafr verleiht die Musik, als Gegengeschenk, dem tragischen Mythus eine so eindringliche und berzeugende metaphysische Bedeutsamkeit, wie sie Wort und Bild, ohne jene einzige Hlfe, nie zu erreichen vermgen; und insbesondere berkommt durch sie den tragischen Zuschauer gerade jenes sichere Vorgefhl einer hchsten Lust, zu der der Weg durch Untergang und Verneinung fhrt, so dass er zu hren meint, als ob der innerste Abgrund der Dinge zu ihm vernehmlich sprche. Habe ich dieser schwierigen Vorstellung mit den letzten Stzen vielleicht nur einen vorlufigen, fr Wenige sofort verstndlichen Ausdruck zu geben vermocht, so darf ich gerade an dieser Stelle nicht ablassen, meine Freunde zu einem nochmaligen Versuche anzureizen und sie zu bitten, an einem einzelnen Beispiele unsrer gemeinsamen Erfahrung sich fr die Erkenntniss des allgemeinen Satzes vorzubereiten. Bei diesem Beispiele darf ich mich nicht auf jene beziehn, welche die Bilder der scenischen Vorgnge, die Worte und Affecte der handelnden Personen benutzen, um sich mit dieser Hlfe der Musikempfindung anzunhern; denn diese alle reden nicht Musik als Muttersprache und kommen auch, trotz jener Hlfe, nicht weiter als in die Vorhallen der Musikperception, ohne je deren innerste Heiligthmer berhren zu drfen; manche von diesen, wie Gervinus, gelangen auf diesem Wege nicht einmal in die Vorhallen. Sondern nur an diejenigen habe ich mich zu wenden, die, unmittelbar verwandt mit der Musik, in ihr gleichsam ihren Mutterschooss haben und mit den Dingen fast nur durch unbewusste Musikrelationen in Verbindung stehen. An diese chten Musiker richte ich die Frage, ob sie sich einen Menschen denken knnen, der den dritten Act von "Tristan und Isolde" ohne alle Beihlfe von Wort und Bild rein als ungeheuren symphonischen Satz zu percipiren im Stande wre, ohne unter einem krampfartigen Ausspannen aller Seelenflgel zu verathmen? Ein Mensch, der wie hier das Ohr gleichsam an die Herzkammer des Weltwillens gelegt hat, der das rasende Begehren zum Dasein als donnernden Strom oder als zartesten zerstubten Bach von hier aus in alle Adern der Welt sich ergiessen fhlt, er sollte nicht jhlings zerbrechen? Er sollte es ertragen, in der elenden glsernen Hlle des menschlichen Individuums, den Wiederklang zahlloser Lust - und Weherufe aus dem "weiten Raum der Weltennacht" zu vernehmen, ohne bei diesem Hirtenreigen der Metaphysik sich seiner Urheimat unaufhaltsam zuzuflchten? Wenn aber doch ein solches Werk als Ganzes percipirt werden kann, ohne Verneinung der Individualexistenz, wenn eine solche Schpfung geschaffen werden konnte, ohne ihren Schpfer zu zerschmettern - woher nehmen wir die Lsung eines solchen Widerspruches? Hier drngt sich zwischen unsre hchste Musikerregung und jene Musik der tragische Mythus und der tragische Held, im Grunde nur als Gleichniss der alleruniversalsten Thatsachen, von denen allein die Musik auf directem Wege reden kann. Als Gleichniss wrde nun aber der Mythus, wenn wir als rein dionysische Wesen empfnden, gnzlich wirkungslos und unbeachtet neben uns stehen bleiben, und uns keinen Augenblick abwendig davon machen, unser Ohr dem Wiederklang der universalia ante rem zu bieten. Hier bricht jedoch die apollinische Kraft, auf Wiederherstellung des fast zersprengten Individuums gerichtet, mit dem Heilbalsam einer wonnevollen Tuschung hervor: pltzlich glauben wir nur noch Tristan zu sehen, wie er bewegungslos und dumpf sich fragt: "die alte Weise; was weckt sie mich?" Und was uns frher wie ein hohles Seufzen aus dem Mittelpunkte des Seins anmuthete, das will uns jetzt nur sagen, wie "d und leer das Meer." Und wo wir athemlos zu erlschen whnten, im krampfartigen Sichausrecken aller Gefhle, und nur ein Weniges uns mit dieser Existenz zusammenknpfte, hren und sehen wir jetzt nur den zum Tode verwundeten und doch nicht sterbenden Helden, mit seinem verzweiflungsvollen Rufe: "Sehnen! Sehnen! Im Sterben mich zu sehnen, vor Sehnsucht nicht zu sterben!" Und wenn frher der Jubel des Horns nach solchem Uebermaass und solcher Ueberzahl verzehrender Qualen fast wie der Qualen hchste uns das Herz zerschnitt, so steht jetzt zwischen uns und diesem "Jubel an sich" der jauchzende Kurwenal, dem Schiffe, das Isolden trgt, zugewandt. So gewaltig auch das Mitleiden in uns hineingreift, in einem gewissen Sinne rettet uns doch das Mitleiden vor dem Urleiden der Welt, wie das Gleichnissbild des Mythus uns vor dem unmittelbaren Anschauen der hchsten Weltidee, wie der Gedanke und das Wort uns vor dem ungedmmten Ergusse des unbewussten Willens rettet. Durch jene herrliche apollinische Tuschung dnkt es uns, als ob uns selbst das Tonreich wie eine plastische Welt gegenber trte, als ob auch in ihr nur Tristan's und Isoldens Schicksal, wie in einem allerzartesten und ausdrucksfhigsten Stoffe, geformt und bildnerisch ausgeprgt worden sei. So entreisst uns das Apollinische der dionysischen Allgemeinheit und entzckt uns fr die Individuen; an diese fesselt es unsre Mitleidserregung, durch diese befriedigt es den nach grossen und erhabenen Formen lechzenden Schnheitssinn; es fhrt an uns Lebensbilder vorbei und reizt uns zu gedankenhaftem Erfassen des in ihnen enthaltenen Lebenskernes. Mit der ungeheuren Wucht des Bildes, des Begriffs, der ethischen Lehre, der sympathischen Erregung reisst das Apollinische den Menschen aus seiner orgiastischen Selbstvernichtung empor und tuscht ihn ber die Allgemeinheit des dionysischen Vorganges hinweg zu dem Wahne, dass er ein einzelnes Weltbild, z.B. Tristan und Isolde, sehe und es, durch die Musik, nur noch besser und innerlicher sehen solle. Was vermag nicht der heilkundige Zauber des Apollo, wenn er selbst in uns die Tuschung aufregen kann, als ob wirklich das Dionysische, im Dienste des Apollinischen, dessen Wirkungen zu steigern vermchte, ja als ob die Musik sogar wesentlich Darstellungskunst fr einen apollinischen Inhalt sei? Bei jener prstabilirten Harmonie, die zwischen dem vollendeten Drama und seiner Musik waltet, erreicht das Drama einen hchsten, fr das Wortdrama sonst unzugnglichen Grad von Schaubarkeit. Wie alle lebendigen Gestalten der Scene in den selbstndig bewegten Melodienlinien sich zur Deutlichkeit der geschwungenen Linie vor uns vereinfachen, ertnt uns das Nebeneinander dieser Linien in dem mit dem bewegten Vorgange auf zarteste Weise sympathisirenden Harmonienwechsel: durch welchen uns die Relationen der Dinge in sinnlich wahrnehmbarer, keinesfalls abstracter Weise, unmittelbar vernehmbar werden, wie wir gleichfalls durch ihn erkennen, dass erst in diesen Relationen das Wesen eines Charakters und einer Melodienlinie sich rein offenbare. Und whrend uns so die Musik zwingt, mehr und innerlicher als sonst zu sehen, und den Vorgang der Scene wie ein zartes Gespinnst vor uns auszubreiten, ist fr unser vergeistigtes, in's Innere blickendes Auge die Welt der Bhne eben so unendlich erweitert als von innen heraus erleuchtet. Was vermchte der Wortdichter Analoges zu bieten, der mit einem viel unvollkommneren Mechanismus, auf indirectem Wege, vom Wort und vom Begriff aus, jene innerliche Erweiterung der schaubaren Bhnenwelt und ihre innere Erleuchtung zu erreichen sich abmht? Nimmt nun zwar auch die musikalische Tragdie das Wort hinzu, so kann sie doch zugleich den Untergrund und die Geburtssttte des Wortes danebenstellen und uns das Werden des Wortes, von innen heraus, verdeutlichen. Aber von diesem geschilderten Vorgang wre doch eben so bestimmt zu sagen, dass er nur ein herrlicher Schein, nmlich jene vorhin erwhnte apollinische Tuschung sei, durch deren Wirkung wir von dem dionysischen Andrange und Uebermaasse entlastet werden sollen. Im Grunde ist ja das Verhltniss der Musik zum Drama gerade das umgekehrte: die Musik ist die eigentliche Idee der Welt, das Drama nur ein Abglanz dieser Idee, ein vereinzeltes Schattenbild derselben. Jene Identitt zwischen der Melodienlinie und der lebendigen Gestalt, zwischen der Harmonie und den Charakterrelationen jener Gestalt ist in einem entgegengesetzten Sinne wahr, als es uns, beim Anschauen der musikalischen Tragdie, dnken mchte. Wir mgen die Gestalt uns auf das Sichtbarste bewegen, beleben und von innen heraus beleuchten, sie bleibt immer nur die Erscheinung, von der es keine Brcke giebt, die in die wahre Realitt, in's Herz der Welt fhrte. Aus diesem Herzen heraus aber redet die Musik; und zahllose Erscheinungen jener Art drften an der gleichen Musik vorberziehn, sie wrden nie das Wesen derselben erschpfen, sondern immer nur ihre verusserlichten Abbilder sein. Mit dem populren und gnzlich falschen Gegensatz von Seele und Krper ist freilich fr das schwierige Verhltniss von Musik und Drama nichts zu erklren und alles zu verwirren; aber die unphilosophische Rohheit jenes Gegensatzes scheint gerade bei unseren Aesthetikern, wer weiss aus welchen Grnden, zu einem gern bekannten Glaubensartikel geworden zu sein, whrend sie ber einen Gegensatz der Erscheinung und des Dinges an sich nichts gelernt haben oder, aus ebenfalls unbekannten Grnden, nichts lernen mochten. Sollte es sich bei unserer Analysis ergeben haben, dass das Apollinische in der Tragdie durch seine Tuschung vllig den Sieg ber das dionysische Urelement der Musik davongetragen und sich diese zu ihren Absichten, nmlich zu einer hchsten Verdeutlichung des Drama's, nutzbar gemacht habe, so wre freilich eine sehr wichtige Einschrnkung hinzuzufgen: in dem allerwesentlichsten Punkte ist jene apollinische Tuschung durchbrochen und vernichtet. Das Drama, das in so innerlich erleuchteter Deutlichkeit aller Bewegungen und Gestalten, mit Hlfe der Musik, sich vor uns ausbreitet, als ob wir das Gewebe am Webstuhl im Auf - und Niederzucken entstehen sehen - erreicht als Ganzes eine Wirkung, die jenseits aller apollinischen Kunstwirkungen liegt. In der Gesammtwirkung der Tragdie erlangt das Dionysische wieder das Uebergewicht; sie schliesst mit einem Klange, der niemals von dem Reiche der apollinischen Kunst her tnen knnte. Und damit erweist sich die apollinische Tuschung als das, was sie ist, als die whrend der Dauer der Tragdie anhaltende Umschleierung der eigentlichen dionysischen Wirkung: die doch so mchtig ist, am Schluss das apollinische Drama selbst in eine Sphre zu drngen, wo es mit dionysischer Weisheit zu reden beginnt und wo es sich selbst und seine apollinische Sichtbarkeit verneint. So wre wirklich das schwierige Verhltniss des Apollinischen und des Dionysischen in der Tragdie durch einen Bruderbund beider Gottheiten zu symbolisiren: Dionysus redet die Sprache des Apollo, Apollo aber schliesslich die Sprache des Dionysus: womit das hchste Ziel der Tragdie und der Kunst berhaupt erreicht ist. 22. Mag der aufmerksame Freund sich die Wirkung einer wahren musikalischen Tragdie rein und unvermischt, nach seinen Erfahrungen vergegenwrtigen. Ich denke das Phnomen dieser Wirkung nach beiden Seiten hin so beschrieben zu haben, dass er sich seine eignen Erfahrungen jetzt zu deuten wissen wird. Er wird sich nmlich erinnern, wie er, im Hinblick auf den vor ihm sich bewegenden Mythus, zu einer Art von Allwissenheit sich gesteigert fhlte, als ob jetzt die Sehkraft seiner Augen nicht nur eine Flchenkraft sei, sondern in's Innere zu dringen vermge, und als ob er die Wallungen des Willens, den Kampf der Motive, den anschwellenden Strom der Leidenschaften, jetzt, mit Hlfe der Musik, gleichsam sinnlich sichtbar, wie eine Flle lebendig bewegter Linien und Figuren vor sich sehe und damit bis in die zartesten Geheimnisse unbewusster Regungen hinabtauchen knne. Whrend er so einer hchsten Steigerung seiner auf Sichtbarkeit und Verklrung gerichteten Triebe bewusst wird, fhlt er doch eben so bestimmt, dass diese lange Reihe apollinischer Kunstwirkungen doch nicht jenes beglckte Verharren in willenlosem Anschauen erzeugt, das der Plastiker und der epische Dichter, also die eigentlich apollinischen Knstler, durch ihre Kunstwerke bei ihm hervorbringen: das heisst die in jenem Anschauen erreichte Rechtfertigung der Welt der individuatio, als welche die Spitze und der Inbegriff der apollinischen Kunst ist. Er schaut die verklrte Welt der Bhne und verneint sie doch. Er sieht den tragischen Helden vor sich in epischer Deutlichkeit und Schnheit und erfreut sich doch an seiner Vernichtung. Er begreift bis in's Innerste den Vorgang der Scene und flchtet sich gern in's Unbegreifliche. Er fhlt die Handlungen des Helden als gerechtfertigt und ist doch noch mehr erhoben, wenn diese Handlungen den Urheber vernichten. Er schaudert vor den Leiden, die den Helden treffen werden und ahnt doch bei ihnen eine hhere, viel bermchtigere Lust. Er schaut mehr und tiefer als je und wnscht sich doch erblindet. Woher werden wir diese wunderbare Selbstentzweiung, dies Umbrechen der apollinischen Spitze, abzuleiten haben, wenn nicht aus dem dionysischen Zauber, der, zum Schein die apollinischen Regungen auf's Hchste reizend, doch noch diesen Ueberschwang der apollinischen Kraft in seinen Dienst zu zwingen vermag. Der tragische Mythus ist nur zu verstehen als eine Verbildlichung dionysischer Weisheit durch apollinische Kunstmittel; er fhrt die Welt der Erscheinung an die Grenzen, wo sie sich selbst verneint und wieder in den Schooss der wahren und einzigen Realitt zurckzuflchten sucht; wo sie dann, mit Isolden, ihren metaphysischen Schwanengesang also anzustimmen scheint: In des Wonnemeeres wogendem Schwall, in der Duft - Wellen tnendem Schall, in des Weltathems wehendem All ertrinken - versinken unbewusst - hchste Lust! So vergegenwrtigen wir uns, an den Erfahrungen des wahrhaft aesthetischen Zuhrers, den tragischen Knstler selbst, wie er, gleich einer ppigen Gottheit der individuatio, seine Gestalten schafft, in welchem Sinne sein Werk kaum als "Nachahmung der Natur" zu begreifen wre - wie dann aber sein ungeheurer dionysischer Trieb diese ganze Welt der Erscheinungen verschlingt, um hinter ihr und durch ihre Vernichtung eine hchste knstlerische Urfreude im Schoosse des Ur-Einen ahnen zu lassen. Freilich wissen von dieser Rckkehr zur Urheimat, von dem Bruderbunde der beiden Kunstgottheiten in der Tragdie und von der sowohl apollinischen als dionysischen Erregung des Zuhrers unsere Aesthetiker nichts zu berichten, whrend sie nicht mde werden, den Kampf des Helden mit dem Schicksal, den Sieg der sittlichen Weltordnung oder eine durch die Tragdie bewirkte Entladung von Affecten als das eigentlich Tragische zu charakterisiren: welche Unverdrossenheit mich auf den Gedanken bringt, sie mchten berhaupt keine aesthetisch erregbaren Menschen sein und beim Anhren der Tragdie vielleicht nur als moralische Wesen in Betracht kommen. Noch nie, seit Aristoteles, ist eine Erklrung der tragischen Wirkung gegeben worden, aus der auf knstlerische Zustnde, auf eine aesthetische Thtigkeit der Zuhrer geschlossen werden drfte. Bald soll Mitleid und Furchtsamkeit durch die ernsten Vorgnge zu einer erleichternden Entladung gedrngt werden, bald sollen wir uns bei dem Sieg guter und edler Principien, bei der Aufopferung des Helden im Sinne einer sittlichen Weltbetrachtung erhoben und begeistert fhlen; und so gewiss ich glaube, dass fr zahlreiche Menschen gerade das und nur das die Wirkung der Tragdie ist, so deutlich ergiebt sich daraus, dass diese alle, sammt ihren interpretirenden Aesthetikern, von der Tragdie als einer hchsten Kunst nichts erfahren haben. Jene pathologische Entladung, die Katharsis des Aristoteles, von der die Philologen nicht recht wissen, ob sie unter die medicinischen oder die moralischen Phnomene zu rechnen sei, erinnert an eine merkwrdige Ahnung Goethe's. "Ohne ein lebhaftes pathologisches Interesse", sagt er, "ist es auch mir niemals gelungen, irgend eine tragische Situation zu bearbeiten, und ich habe sie daher lieber vermieden als aufgesucht. Sollte es wohl auch einer von den Vorzgen der Alten gewesen sein, dass das hchste Pathetische auch nur aesthetisches Spiel bei ihnen gewesen wre, da bei uns die Naturwahrheit mitwirken muss, um ein solches Werk hervorzubringen?" Diese so tiefsinnige letzte Frage drfen wir jetzt, nach unseren herrlichen Erfahrungen, bejahen, nachdem wir gerade an der musikalischen Tragdie mit Staunen erlebt haben, wie wirklich das hchste Pathetische doch nur ein aesthetisches Spiel sein kann: weshalb wir glauben drfen, dass erst jetzt das Urphnomen des Tragischen mit einigem Erfolg zu beschreiben ist. Wer jetzt noch nur von jenen stellvertretenden Wirkungen aus ausseraesthetischen Sphren zu erzhlen hat und ber den pathologisch - moralischen Prozess sich nicht hinausgehoben fhlt, mag nur an seiner aesthetischen Natur verzweifeln: wogegen wir ihm die Interpretation Shakespeare's nach der Manier des Gervinus und das fleissige Aufspren der "poetischen Gerechtigkeit" als unschuldigen Ersatz anempfehlen. So ist mit der Wiedergeburt der Tragdie auch der aesthetische Zuhrer wieder geboren, an dessen Stelle bisher in den Theaterrumen ein seltsames Quidproquo, mit halb moralischen und halb gelehrten Ansprchen, zu sitzen pflegte, der "Kritiker". In seiner bisherigen Sphre war Alles knstlich und nur mit einem Scheine des Lebens bertncht. Der darstellende Knstler wusste in der That nicht mehr, was er mit einem solchen, kritisch sich gebrdenden Zuhrer zu beginnen habe und sphte daher, sammt dem ihn inspirirenden Dramatiker oder Operncomponisten, unruhig nach den letzten Resten des Lebens in diesem anspruchsvoll den und zum Geniessen unfhigen Wesen. Aus derartigen "Kritikern" bestand aber bisher das Publicum; der Student, der Schulknabe, ja selbst das harmloseste weibliche Geschpf war wider sein Wissen bereits durch Erziehung und Journale zu einer gleichen Perception eines Kunstwerks vorbereitet. Die edleren Naturen unter den Knstlern rechneten bei einem solchen Publicum auf die Erregung moralisch - religiser Krfte, und der Anruf der "sittlichen Weltordnung" trat vikarirend ein, wo eigentlich ein gewaltiger Kunstzauber den chten Zuhrer entzcken sollte. Oder es wurde vom Dramatiker eine grossartigere, mindestens aufregende Tendenz der politischen und socialen Gegenwart so deutlich vorgetragen, dass der Zuhrer seine kritische Erschpfung vergessen und sich hnlichen Affecten berlassen konnte, wie in patriotischen oder kriegerischen Momenten, oder vor der Rednerbhne des Parlaments oder bei der Verurtheilung des Verbrechens und des Lasters: welche Entfremdung der eigentlichen Kunstabsichten hier und da geradezu zu einem Cultus der Tendenz fhren musste. Doch hier trat ein, was bei allen erknstelten Knsten von jeher eingetreten ist, eine reissend schnelle Depravation jener Tendenzen, so dass zum Beispiel die Tendenz, das Theater als Veranstaltung zur moralischen Volksbildung zu verwenden, die zu Schiller's Zeit ernsthaft genommen wurde, bereits unter die unglaubwrdigen Antiquitten einer berwundenen Bildung gerechnet wird. Whrend der Kritiker in Theater und Concert, der Journalist in der Schule, die Presse in der Gesellschaft zur Herrschaft gekommen war, entartete die Kunst zu einem Unterhaltungsobject der niedrigsten Art, und die aesthetische Kritik wurde als das Bindemittel einer eiteln, zerstreuten, selbstschtigen und berdies rmlich - unoriginalen Geselligkeit benutzt, deren Sinn jene Schopenhauerische Parabel von den Stachelschweinen zu verstehen giebt; so dass zu keiner Zeit so viel ber Kunst geschwatzt und so wenig von der Kunst gehalten worden ist. Kann man aber mit einem Menschen noch verkehren, der im Stande ist, sich ber Beethoven und Shakespeare zu unterhalten? Mag Jeder nach seinem Gefhl diese Frage beantworten: er wird mit der Antwort jedenfalls beweisen, was er sich unter "Bildung" vorstellt, vorausgesetzt dass er die Frage berhaupt zu beantworten sucht und nicht vor Ueberraschung bereits verstummt ist. Dagegen drfte mancher edler und zarter von der Natur Befhigte, ob er gleich in der geschilderten Weise allmhlich zum kritischen Barbaren geworden war, von einer eben so unerwarteten als gnzlich unverstndlichen Wirkung zu erzhlen haben, die etwa eine glcklich gelungene Lohengrinauffhrung auf ihn ausbte: nur dass ihm vielleicht jede Hand fehlte, die ihn mahnend und deutend anfasste, so dass auch jene unbegreiflich verschiedenartige und durchaus unvergleichliche Empfindung, die ihn damals erschtterte, vereinzelt blieb und wie ein rthselhaftes Gestirn nach kurzem Leuchten erlosch. Damals hatte er geahnt, was der aesthetische Zuhrer ist. 23. Wer recht genau sich selber prfen will, wie sehr er dem wahren aesthetischen Zuhrer verwandt ist oder zur Gemeinschaft der sokratisch - kritischen Menschen gehrt, der mag sich nur aufrichtig nach der Empfindung fragen, mit der er das auf der Bhne dargestellte Wunder empfngt: ob er etwa dabei seinen historischen, auf strenge psychologische Causalitt gerichteten Sinn beleidigt fhlt, ob er mit einer wohlwollenden Concession gleichsam das Wunder als ein der Kindheit verstndliches, ihm entfremdetes Phnomen zulsst oder ob er irgend etwas Anderes dabei erleidet. Daran nmlich wird er messen knnen, wie weit er berhaupt befhigt ist, den Mythus, das zusammengezogene Weltbild, zu verstehen, der, als Abbreviatur der Erscheinung, das Wunder nicht entbehren kann. Das Wahrscheinliche ist aber, dass fast Jeder, bei strenger Prfung, sich so durch den kritisch - historischen Geist unserer Bildung zersetzt fhle, um nur etwa auf gelehrtem Wege, durch vermittelnde Abstractionen, sich die einstmalige Existenz des Mythus glaublich zu machen. Ohne Mythus aber geht jede Cultur ihrer gesunden schpferischen Naturkraft verlustig: erst ein mit Mythen umstellter Horizont schliesst eine ganze Culturbewegung zur Einheit ab. Alle Krfte der Phantasie und des apollinischen Traumes werden erst durch den Mythus aus ihrem wahllosen Herumschweifen gerettet. Die Bilder des Mythus mssen die unbemerkt allgegenwrtigen dmonischen Wchter sein, unter deren Hut die junge Seele heranwchst, an deren Zeichen der Mann sich sein Leben und seine Kmpfe deutet: und selbst der Staat kennt keine mchtigeren ungeschriebnen Gesetze als das mythische Fundament, das seinen Zusammenhang mit der Religion, sein Herauswachsen aus mythischen Vorstellungen verbrgt. Man stelle jetzt daneben den abstracten, ohne Mythen geleiteten Menschen, die abstracte Erziehung, die abstracte Sitte, das abstracte Recht, den abstracten Staat: man vergegenwrtige sich das regellose, von keinem heimischen Mythus gezgelte Schweifen der knstlerischen Phantasie: man denke sich eine Cultur, die keinen festen und heiligen Ursitz hat, sondern alle Mglichkeiten zu erschpfen und von allen Culturen sich kmmerlich zu nhren verurtheilt ist - das ist die Gegenwart, als das Resultat jenes auf Vernichtung des Mythus gerichteten Sokratismus. Und nun steht der mythenlose Mensch, ewig hungernd, unter allen Vergangenheiten und sucht grabend und whlend nach Wurzeln, sei es dass er auch in den entlegensten Alterthmern nach ihnen graben msste. Worauf weist das ungeheure historische Bedrfniss der unbefriedigten modernen Cultur, das Umsichsammeln zahlloser anderer Culturen, das verzehrende Erkennenwollen, wenn nicht auf den Verlust des Mythus, auf den Verlust der mythischen Heimat, des mythischen Mutterschoosses? Man frage sich, ob das fieberhafte und so unheimliche Sichregen dieser Cultur etwas Anderes ist, als das gierige Zugreifen und Nach-Nahrung- Haschen des Hungernden - und wer mchte einer solchen Cultur noch etwas geben wollen, die durch alles, was sie verschlingt, nicht zu sttigen ist und bei deren Berhrung sich die krftigste, heilsamste Nahrung in "Historie und Kritik" zu verwandeln pflegt? Man msste auch an unserem deutschen Wesen schmerzlich verzweifeln, wenn es bereits in gleicher Weise mit seiner Cultur unlsbar verstrickt, ja eins geworden wre, wie wir das an dem civilisirten Frankreich zu unserem Entsetzen beobachten knnen; und das, was lange Zeit der grosse Vorzug Frankreichs und die Ursache seines ungeheuren Uebergewichts war, eben jenes Einssein von Volk und Cultur, drfte uns, bei diesem Anblick, nthigen, darin das Glck zu preisen, dass diese unsere so fragwrdige Cultur bis jetzt mit dem edeln Kerne unseres Volkscharakters nichts gemein hat. Alle unsere Hoffnungen strecken sich vielmehr sehnsuchtsvoll nach jener Wahrnehmung aus, dass unter diesem unruhig auf und nieder zuckenden Culturleben und Bildungskrampfe eine herrliche, innerlich gesunde, uralte Kraft verborgen liegt, die freilich nur in ungeheuren Momenten sich gewaltig einmal bewegt und dann wieder einem zuknftigen Erwachen entgegentrumt. Aus diesem Abgrunde ist die deutsche Reformation hervorgewachsen: in deren Choral die Zukunftsweise der deutschen Musik zuerst erklang. So tief, muthig und seelenvoll, so berschwnglich gut und zart tnte dieser Choral Luther's, als der erste dionysische Lockruf, der aus dichtverwachsenem Gebsch, im Nahen des Frhlings, hervordringt. Ihm antwortete in wetteiferndem Wiederhall jener weihevoll bermthige Festzug dionysischer Schwrmer, denen wir die deutsche Musik danken - und denen wir die Wiedergeburt des deutschen Mythus danken werden! Ich weiss, dass ich jetzt den theilnehmend folgenden Freund auf einen hochgelegenen Ort einsamer Betrachtung fhren muss, wo er nur wenige Gefhrten haben wird, und rufe ihm ermuthigend zu, dass wir uns an unseren leuchtenden Fhrern, den Griechen, festzuhalten haben. Von ihnen haben wir bis jetzt, zur Reinigung unserer aesthetischen Erkenntniss, jene beiden Gtterbilder entlehnt, von denen jedes ein gesondertes Kunstreich fr sich beherrscht und ber deren gegenseitige Berhrung und Steigerung wir durch die griechische Tragdie zu einer Ahnung kamen. Durch ein merkwrdiges Auseinanderreissen beider knstlerischen Urtriebe musste uns der Untergang der griechischen Tragdie herbeigefhrt erscheinen: mit welchem Vorgange eine Degeneration und Umwandlung des griechischen Volkscharakters im Einklang war, uns zu ernstem Nachdenken auffordernd, wie nothwendig und eng die Kunst und das Volk, Mythus und Sitte, Tragdie und Staat, in ihren Fundamenten verwachsen sind. Jener Untergang der Tragdie war zugleich der Untergang des Mythus. Bis dahin waren die Griechen unwillkrlich genthigt, alles Erlebte sofort an ihre Mythen anzuknpfen, ja es nur durch diese Anknpfung zu begreifen: wodurch auch die nchste Gegenwart ihnen sofort sub specie aeterni und in gewissem Sinne als zeitlos erscheinen musste. In diesen Strom des Zeitlosen aber tauchte sich eben so der Staat wie die Kunst, um in ihm vor der Last und der Gier des Augenblicks Ruhe zu finden. Und gerade nur so viel ist ein Volk - wie brigens auch ein Mensch - werth, als es auf seine Erlebnisse den Stempel des Ewigen zu drcken vermag: denn damit ist es gleichsam entweltlicht und zeigt seine unbewusste innerliche Ueberzeugung von der Relativitt der Zeit und von der wahren, d.h. der metaphysischen Bedeutung des Lebens. Das Gegentheil davon tritt ein, wenn ein Volk anfngt, sich historisch zu begreifen und die mythischen Bollwerke um sich herum zu zertrmmern: womit gewhnlich eine entschiedene Verweltlichung, ein Bruch mit der unbewussten Metaphysik seines frheren Daseins, in allen ethischen Consequenzen, verbunden ist. Die griechische Kunst und vornehmlich die griechische Tragdie hielt vor Allem die Vernichtung des Mythus auf: man musste sie mit vernichten, um, losgelst von dem heimischen Boden, ungezgelt in der Wildniss des Gedankens, der Sitte und der That leben zu knnen. Auch jetzt noch versucht jener metaphysische Trieb, sich eine, wenngleich abgeschwchte Form der Verklrung zu schaffen, in dem zum Leben drngenden Sokratismus der Wissenschaft: aber auf den niederen Stufen fhrte derselbe Trieb nur zu einem fieberhaften Suchen, das sich allmhlich in ein Pandmonium berallher zusammengehufter Mythen und Superstitionen verlor: in dessen Mitte der Hellene dennoch ungestillten Herzens sass, bis er es verstand, mit griechischer Heiterkeit und griechischem Leichtsinn, als Graeculus, jenes Fieber zu maskiren oder in irgend einem orientalisch dumpfen Aberglauben sich vllig zu betuben. Diesem Zustande haben wir uns, seit der Wiedererweckung des alexandrinisch - rmischen Alterthums im fnfzehnten Jahrhundert, nach einem langen schwer zu beschreibenden Zwischenacte, in der aufflligsten Weise angenhert. Auf den Hhen dieselbe berreiche Wissenslust, dasselbe ungesttigte Finderglck, dieselbe ungeheure Verweltlichung, daneben ein heimatloses Herumschweifen, ein gieriges Sichdrngen an fremde Tische, eine leichtsinnige Vergtterung der Gegenwart oder stumpf betubte Abkehr, Alles sub specie saeculi, der "Jetztzeit": welche gleichen Symptome auf einen gleichen Mangel im Herzen dieser Cultur zu rathen geben, auf die Vernichtung des Mythus. Es scheint kaum mglich zu sein, mit dauerndem Erfolge einen fremden Mythus berzupflanzen, ohne den Baum durch dieses Ueberpflanzen heillos zu beschdigen: welcher vielleicht einmal stark und gesund genug ist, jenes fremde Element mit furchtbarem Kampfe wieder auszuscheiden, fr gewhnlich aber siech und verkmmert oder in krankhaftem Wuchern sich verzehren muss. Wir halten so viel von dem reinen und krftigen Kerne des deutschen Wesens, dass wir gerade von ihm jene Ausscheidung gewaltsam eingepflanzter fremder Elemente zu erwarten wagen und es fr mglich erachten, dass der deutsche Geist sich auf sich selbst zurckbesinnt. Vielleicht wird Mancher meinen, jener Geist msse seinen Kampf mit der Ausscheidung des Romanischen beginnen: wozu er eine usserliche Vorbereitung und Ermuthigung in der siegreichen Tapferkeit und blutigen Glorie des letzten Krieges erkennen drfte, die innerliche Nthigung aber in dem Wetteifer suchen muss, der erhabenen Vorkmpfer auf dieser Bahn, Luther's ebensowohl als unserer grossen Knstler und Dichter, stets werth zu sein. Aber nie mge er glauben, hnliche Kmpfe ohne seine Hausgtter, ohne seine mythische Heimat, ohne ein "Wiederbringen" aller deutschen Dinge, kmpfen zu knnen! Und wenn der Deutsche zagend sich nach einem Fhrer umblicken sollte, der ihn wieder in die lngst verlorne Heimat zurckbringe, deren Wege und Stege er kaum mehr kennt - so mag er nur dem wonnig lockenden Rufe des dionysischen Vogels lauschen, der ber ihm sich wiegt und ihm den Weg dahin deuten will. 24. Wir hatten unter den eigenthmlichen Kunstwirkungen der musikalischen Tragdie eine apollinische Tuschung hervorzuheben, durch die wir vor dem unmittelbaren Einssein mit der dionysischen Musik gerettet werden sollen, whrend unsre musikalische Erregung sich auf einem apollinischen Gebiete und an einer dazwischengeschobenen sichtbaren Mittelwelt entladen kann. Dabei glaubten wir beobachtet zu haben, wie eben durch diese Entladung jene Mittelwelt des scenischen Vorgangs, berhaupt das Drama, in einem Grade von innen heraus sichtbar und verstndlich wurde, der in aller sonstigen apollinischen Kunst unerreichbar ist: so dass wir hier, wo diese gleichsam durch den Geist der Musik beschwingt und emporgetragen war, die hchste Steigerung ihrer Krfte und somit in jenem Bruderbunde des Apollo und des Dionysus die Spitze ebensowohl der apollinischen als der dionysischen Kunstabsichten anerkennen mussten. Freilich erreichte das apollinische Lichtbild gerade bei der inneren Beleuchtung durch die Musik nicht die eigenthmliche Wirkung der schwcheren Grade apollinischer Kunst; was das Epos oder der beseelte Stein vermgen, das anschauende Auge zu jenem ruhigen Entzcken an der Welt der individuatio zu zwingen, das wollte sich hier, trotz einer hheren Beseeltheit und Deutlichkeit, nicht erreichen lassen. Wir schauten das Drama an und drangen mit bohrendem Blick in seine innere bewegte Welt der Motive - und doch war uns, als ob nur ein Gleichnissbild an uns vorberzge, dessen tiefsten Sinn wir fast zu errathen glaubten und das wir, wie einen Vorhang, fortzuziehen wnschten, um hinter ihm das Urbild zu erblicken. Die hellste Deutlichkeit des Bildes gengte uns nicht: denn dieses schien eben sowohl Etwas zu offenbaren als zu verhllen; und whrend es mit seiner gleichnissartigen Offenbarung zum Zerreissen des Schleiers, zur Enthllung des geheimnissvollen Hintergrundes aufzufordern schien, hielt wiederum gerade jene durchleuchtete Allsichtbarkeit das Auge gebannt und wehrte ihm, tiefer zu dringen. Wer dies nicht erlebt hat, zugleich schauen zu mssen und zugleich ber das Schauen hinaus sich zu sehnen, wird sich schwerlich vorstellen, wie bestimmt und klar diese beiden Prozesse bei der Betrachtung des tragischen Mythus nebeneinander bestehen und nebeneinander empfunden werden: whrend die wahrhaft aesthetischen Zuschauer mir besttigen werden, dass unter den eigenthmlichen Wirkungen der Tragdie jenes Nebeneinander die merkwrdigste sei. Man bertrage sich nun dieses Phnomen des aesthetischen Zuschauers in einen analogen Prozess im tragischen Knstler, und man wird die Genesis des tragischen Mythus verstanden haben. Er theilt mit der apollinischen Kunstsphre die volle Lust am Schein und am Schauen und zugleich verneint er diese Lust und hat eine noch hhere Befriedigung an der Vernichtung der sichtbaren Scheinwelt. Der Inhalt des tragischen Mythus ist zunchst ein episches Ereigniss mit der Verherrlichung des kmpfenden Helden: woher stammt aber jener an sich rthselhafte Zug, dass das Leiden im Schicksale des Helden, die schmerzlichsten Ueberwindungen, die qualvollsten Gegenstze der Motive, kurz die Exemplification jener Weisheit des Silen, oder, aesehetisch ausgedrckt, das Hssliche und Disharmonische, in so zahllosen Formen, mit solcher Vorliebe immer von Neuem dargestellt wird und gerade in dem ppigsten und jugendlichsten Alter eines Volkes, wenn nicht gerade an diesem Allen eine hhere Lust percipirt wird? Denn dass es im Leben wirklich so tragisch zugeht, wrde am wenigsten die Entstehung einer Kunstform erklren; wenn anders die Kunst nicht nur Nachahmung der Naturwirklichkeit, sondern gerade ein metaphysisches Supplement der Naturwirklichkeit ist, zu deren Ueberwindung neben sie gestellt. Der tragische Mythus, sofern er berhaupt zur Kunst gehrt, nimmt auch vollen Antheil an dieser metaphysischen Verklrungsabsicht der Kunst berhaupt: was verklrt er aber, wenn er die Erscheinungswelt unter dem Bilde des leidenden Helden vorfhrt? Die "Realitt". dieser Erscheinungswelt am wenigsten, denn er sagt uns gerade: "Seht hin! Seht genau hin! Dies ist euer Leben! Dies ist der Stundenzeiger an eurer Daseinsuhr!" Und dieses Leben zeigte der Mythus, um es vor uns damit zu verklren? Wenn aber nicht, worin liegt dann die aesthetische Lust, mit der wir auch jene Bilder an uns vorberziehen lassen? Ich frage nach der aesthetischen Lust und weiss recht wohl, dass viele dieser Bilder ausserdem mitunter noch eine moralische Ergetzung, etwa unter der Form des Mitleides oder eines sittlichen Triumphes, erzeugen knnen. Wer die Wirkung des Tragischen aber allein aus diesen moralischen Quellen ableiten wollte, wie es freilich in der Aesthetik nur allzu lange blich war, der mag nur nicht glauben, etwas fr die Kunst damit gethan zu haben: die vor Allem Reinheit in ihrem Bereiche verlangen muss. Fr die Erklrung des tragischen Mythus ist es gerade die erste Forderung, die ihm eigenthmliche Lust in der rein aesthetischen Sphre zu suchen, ohne in das Gebiet des Mitleids, der Furcht, des Sittlich - Erhabenen berzugreifen. Wie kann das Hssliche und das Disharmonische, der Inhalt des tragischen Mythus, eine aesthetische Lust erregen? Hier nun wird es nthig, uns mit einem khnen Anlauf in eine Metaphysik der Kunst hinein zu schwingen, indem ich den frheren Satz wiederhole, dass nur als ein aesthetisches Phnomen das Dasein und die Welt gerechtfertigt erscheint: in welchem Sinne uns gerade der tragische Mythus zu berzeugen hat, dass selbst das Hssliche und Disharmonische ein knstlerisches Spiel ist, welches der Wille, in der ewigen Flle seiner Lust, mit sich selbst spielt. Dieses schwer zu fassende Urphnomen der dionysischen Kunst wird aber auf directem Wege einzig verstndlich und unmittelbar erfasst in der wunderbaren Bedeutung der musikalischen Dissonanz: wie berhaupt die Musik, neben die Welt hingestellt, allein einen Begriff davon geben kann, was unter der Rechtfertigung der Welt als eines aesthetischen Phnomens zu verstehen ist. Die Lust, die der tragische Mythus erzeugt, hat eine gleiche Heimat, wie die lustvolle Empfindung der Dissonanz in der Musik. Das Dionysische, mit seiner selbst am Schmerz percipirten Urlust, ist der gemeinsame Geburtsschooss der Musik und des tragischen Mythus. Sollte sich nicht inzwischen dadurch, dass wir die Musikrelation der Dissonanz zu Hlfe nahmen, jenes schwierige Problem der tragischen Wirkung wesentlich erleichtert haben? Verstehen wir doch jetzt, was es heissen will, in der Tragdie zugleich schauen zu wollen und sich ber das Schauen hinaus zu sehnen: welchen Zustand wir in Betreff der knstlerisch verwendeten Dissonanz eben so zu charakterisiren htten, dass wir hren wollen und ber das Hren uns zugleich hinaussehnen. Jenes Streben in's Unendliche, der Flgelschlag der Sehnsucht, bei der hchsten Lust an der deutlich percipirten Wirklichkeit, erinnern daran, dass wir in beiden Zustnden ein dionysisches Phnomen zu erkennen haben, das uns immer von Neuem wieder das spielende Aufhauen und Zertrmmern der Individualwelt als den Ausfluss einer Urlust offenbart, in einer hnlichen Weise, wie wenn von Heraklit dem Dunklen die weltbildende Kraft einem Kinde verglichen wird, das spielend Steine hin und her setzt und Sandhaufen aufbaut und wieder einwirft. Um also die dionysische Befhigung eines Volkes richtig abzuschtzen, drften wir nicht nur an die Musik des Volkes, sondern eben so nothwendig an den tragischen Mythus dieses Volkes als den zweiten Zeugen jener Befhigung zu denken haben. Es ist nun, bei dieser engsten Verwandtschaft zwischen Musik und Mythus, in gleicher Weise zu vermuthen, dass mit einer Entartung und Depravation des Einen eine Verkmmerung der Anderen verbunden sein wird: wenn anders in der Schwchung des Mythus berhaupt eine Abschwchung des dionysischen Vermgens zum Ausdruck kommt. Ueber Beides drfte uns aber ein Blick auf die Entwicklung des deutschen Wesens nicht in Zweifel lassen: in der Oper wie in dem abstracten Charakter unseres mythenlosen Daseins, in einer zur Ergetzlichkeit herabgesunkenen Kunst, wie in einem vom Begriff geleiteten Leben, hatte sich uns jene gleich unknstlerische, als am Leben zehrende Natur des sokratischen Optimismus enthllt. Zu unserem Troste aber gab es Anzeichen dafr, dass trotzdem der deutsche Geist in herrlicher Gesundheit, Tiefe und dionysischer Kraft unzerstrt, gleich einem zum Schlummer niedergesunknen Ritter, in einem unzugnglichen Abgrunde ruhe und trume: aus welchem Abgrunde zu uns das dionysische Lied emporsteigt, um uns zu verstehen zu geben, dass dieser deutsche Ritter auch jetzt noch seinen uralten dionysischen Mythus in selig - ernsten Visionen trumt. Glaube Niemand, dass der deutsche Geist seine mythische Heimat auf ewig verloren habe, wenn er so deutlich noch die Vogelstimmen versteht, die von jener Heimat erzhlen. Eines Tages wird er sich wach finden, in aller Morgenfrische eines ungeheuren Schlafes: dann wird er Drachen tdten, die tckischen Zwerge vernichten und Brnnhilde erwecken - und Wotan's Speer selbst wird seinen Weg nicht hemmen knnen! Meine Freunde, ihr, die ihr an die dionysische Musik glaubt, ihr wisst auch, was fr uns die Tragdie bedeutet. In ihr haben wir, wiedergeboren aus der Musik, den tragischen Mythus - und in ihm drft ihr Alles hoffen und das Schmerzlichste vergessen! Das Schmerzlichste aber ist fr uns alle - die lange Entwrdigung, unter der der deutsche Genius, entfremdet von Haus und Heimat, im Dienst tckischer Zwerge lebte. Ihr versteht das Wort - wie ihr auch, zum Schluss, meine Hoffnungen verstehen werdet. 25. Musik und tragischer Mythus sind in gleicher Weise Ausdruck der dionysischen Befhigung eines Volkes und von einander untrennbar. Beide entstammen einem Kunstbereiche, das jenseits des Apollinischen liegt; beide verklren eine Region, in deren Lustaccorden die Dissonanz eben so wie das schreckliche Weltbild reizvoll verklingt; beide spielen mit dem Stachel der Unlust, ihren beraus mchtigen Zauberknsten vertrauend; beide rechtfertigen durch dieses Spiel die Existenz selbst der "schlechtesten Welt." Hier zeigt sich das Dionysische, an dem Apollinischen gemessen, als die ewige und ursprngliche Kunstgewalt, die berhaupt die ganze Welt der Erscheinung in's Dasein ruft: in deren Mitte ein neuer Verklrungsschein nthig wird, um die belebte Welt der Individuation im Leben festzuhalten. Knnten wir uns eine Menschwerdung der Dissonanz denken - und was ist sonst der Mensch? - so wrde diese Dissonanz, um leben zu knnen, eine herrliche Illusion brauchen, die ihr einen Schnheitsschleier ber ihr eignes Wesen decke. Dies ist die wahre Kunstabsicht des Apollo: in dessen Namen wir alle jene zahllosen Illusionen des schnen Scheins zusammenfassen, die in jedem Augenblick das Dasein berhaupt lebenswerth machen und zum Erleben des nchsten Augenblicks drngen. Dabei darf von jenem Fundamente aller Existenz, von dem dionysischen Untergrunde der Welt, genau nur soviel dem menschlichen Individuum in's Bewusstsein treten, als von jener apollinischen Verklrungskraft wieder berwunden werden kann, so dass diese beiden Kunsttriebe ihre Krfte in strenger wechselseitiger Proportion, nach dem Gesetze ewiger Gerechtigkeit, zu entfalten genthigt sind. Wo sich die dionysischen Mchte so ungestm erheben, wie wir dies erleben, da muss auch bereits Apollo, in eine Wolke gehllt, zu uns herniedergestiegen sein; dessen ppigste Schnheitswirkungen wohl eine nchste Generation schauen wird. Dass diese Wirkung aber nthig sei, dies wrde Jeder am sichersten, durch Intuition, nachempfinden, wenn er einmal, sei es auch im Traume, in eine althellenische Existenz sich zurckversetzt fhlte: im Wandeln unter hohen ionischen Sulengngen, aufwrtsblickend zu einem Horizont, der durch reine und edle Linien abgeschnitten ist, neben sich Wiederspiegelungen seiner verklrten Gestalt in leuchtendem Marmor, rings um sich feierlich schreitende oder zart bewegte Menschen, mit harmonisch tnenden Lauten und rhythmischer Gebrdensprache - wrde er nicht, bei diesem fortwhrenden Einstrmen der Schnheit, zu Apollo die Hand erhebend ausrufen mssen: "Seliges Volk der Hellenen! Wie gross muss unter euch Dionysus sein, wenn der delische Gott solche Zauber fr nthig hlt, um euren dithyrambischen Wahnsinn zu heilen!" - Einem so Gestimmten drfte aber ein greiser Athener, mit dem erhabenen Auge des Aeschylus zu ihm aufblickend, entgegnen: "Sage aber auch dies, du wunderlicher Fremdling: wie viel musste dies Volk leiden, um so schn werden zu knnen! Jetzt aber folge mir zur Tragdie und opfere mit mir im Tempel beider Gottheiten!" License: Share Alike