Produced by Jens Sadowski Karl Otten Der Sprung aus dem Fenster Kurt Wolff Verlag, Leipzig Bcherei Der jngste Tag, Band 55 Gedruckt bei Dietsch & Brckner Weimar Inhalt Der Sprung aus dem Fenster Die Siebenschlfer Das Pferd Die Heimkehr Der Sprung aus dem Fenster Wahllos kopulierten sich Fehler und Vorzge in dem Charakter des Herrn B. Um jeden Preis suchte er zu widerlegen, da er dem Durchschnitt angehre; aber das Wort Mittelmigkeit stand oft wie eine Fassade vor ihn hingemauert; oft umringte es ihn wie eine Mauer, lngs der er rundlief; oft klang es wie der Ruf Manitobas berlaut und einzig in seiner Brust, so da er zitternd wie ein gehetzter Hase hin und herriet, wie zu vermeiden sei, da es offenbar werde. So sprach er denn bei allem mit. Erfindungen deutete er an in ihrer ganzen tragisch-revolutionren Gre, wenn sie berraschend auf den Markt niederkamen, Kunst, Politik, Dichtung fielen seinem gelehrigen Eifer zum Opfer. Insgeheim schrieb er Artikel fr die Jgerzeitung, das freie Echo, Kunst dem Volke, der neue Staatsmann. Aber es war, als gehre sein Name zum Text. Und doch kam es ihm ledig gerade auf die Unterscheidung, auf den Beweis seiner Existenz an. War es ihm in der Wirtschaft nicht gelungen, bei seinen Freunden den Eindruck eines Philosophen zu erregen, so behandelte er sie ungndig, gab keine Antwort oder lehnte jede Erklrung mit verletzender Ironie ab. Den Kellner dagegen beschenkte er mit reichem Trinkgeld, guten Ermahnungen und Hndedrcken. In der Elektrischen oder im ersten Halbschlaf fiel ihm der Plan zu einem Zyklus Preisgesngen auf die Freiheit des Geistes ein. Er dichtete, so dnkte ihm, die ganze Nacht -- ja er raffte sich aus den Decken auf und schrieb beim Kerzenlicht eine Stunde frierend Ekstasen aus sich ab. Der Morgen war Bro, Schreibmaschinen, der Mittagstisch die versalzene Erkenntnis: Genies gehen eher zugrunde, notorisch hufiger als schlechte Kchinnen. Ihm fehlte nichts als Mut zuzugeben, da Schwchen in der berzahl sogar immer noch Leben sind und ein Bekenntnis fordern. Er ahnte wohl dergleichen, suchte aber krampfhaft sein Denken rckwrts zu drngen, um den Punkt zu ergrnden, wo eigentlich der Fehler seiner Konstitution liege. Aber es fielen ihm keine Beweise, keine Erinnerungen, keine Daten ein. Auch sonst keine Ideen. Reichtum des Geistes konnte aus Sprichwrtern nicht gesogen werden. Haltlosen Banalitten schraubte er sich nach, beseelt von Feuereifer das Perpetuum mobile aus dem Bauch der Dummheit zu reien. Fhrte ihm der Zufall einen Menschen vor die Klinge, der Geduld und Einfalt besa, sich belehren zu lassen, oder die pensionslsterne Tochter eines guten Freundes, nannte er sie zwar insgeheim Philister und Schmarotzer am Geiste, sprhte jedoch zugleich von Witz und Einfalt, blendete sich selbst mit gelehrter Skepsis und zynischen Analysen. Lrmende Freude lie ihn hochgeschwellt, Wind unter allen Flgeln, Einsamkeit der Straennacht gro und Sterne ewig empfinden. Er rannte hier- und dorthin. Kein Ausweg, der Unertrglichkeit des Ichs, Dingen, Menschen, Mittagsmhlern, dem Licht, der Finsternis zu entkommen. Ihm war, als sei er eingespannt zwischen zwei Krallen, die ihn dehnten in allen Lagen; die Widerstnde seines Daseins bohrten sich in seine Seele. Alle hatten Namen, Namen, die lockende Mglichkeiten klangvoll bargen, Tausenden auch gaben. Ja ihn selbst auch beschenkten nicht nur in seiner Jugend. Er sehnte sich ja danach, mit seiner Wirtin, den Kollegen, den Trambahnschaffnern und Kellnern, den Arbeitern und Direktoren in Frieden zu leben. Sein hchster Traum war: Frieden predigen und als leuchtendes Vorbild mit weien Hnden sich ber die Stirne fahren, um das Lcheln zu berschatten, das immerdar auf seinen Lippen schweben, seinen Augen von aller Lippen offenbar werden sollte. Aber es kam nie dazu. Das Lcheln hatte er verlernt, er lachte drhnend, und die Falten um sein Kinn schaukelten. Und dieses Gelchter zwackte ihn genau wie das hlzerne Sofa, wie das unausgesetzte Bimmeln der Glocken von allen Trmen, Schulen, Milchwagen. Knnte ich doch einmal selbst Glocken luten, von morgens bis abends, die ganze Nacht, damit ich mich beruhige und freue, da andere darunter leiden. Seine Unruhe war nicht zu bndigen, obwohl er doch allen Grund gehabt htte, zufrieden zu sein. Er hatte alle Plne bisher verwirklicht und das Wahrscheinliche wahr gemacht, das Bizarre gemieden und vergessen. Es trieb ihn um und um. Er flsterte vor sich hin, er munkelte in eine Ecke starrend und ratschte mit den Fen ber die Diele. Seine Worte hatten keinen Sinn sichtbarer Verknpfung. Es waren Worte, die Lawinen dunklen Migeschicks ihm auspreten. Unglaublich -- unglaublich -- grlich -- heraus -- nur heraus -- furchtbar. Und dazu stie er tiefe Seufzer aus, Ekel verzerrte seine Lippen. Alle Dinge sprangen ihm an die Kehle. Aber er kam ihnen zuvor und schleuderte sie in eine Flut von Abscheu und Verachtung. Wenn die Stunde jedoch gekommen war, stand er auf, reckte sich, nahm sein Frhstck, ging ins Bro, ins Gasthaus, ging auf die Strae und legte sich zu Bett. Jedes wenn die Stunde gekommen war. Aber Ekel, Wut und Verzweiflung waren an keine Stunde gebunden. Sie waren die Zeit selber, denn sie liefen unter ihm fort und hoben ihn pltzlich auf und schttelten ihn aufkochend zur Rechten zur Linken. Auch daran hatte er sich gewhnt und gewisse Mittel ergriffen, um das rgste zu vermeiden. Man konnte den Dienst wechseln, die Stadt, die Wohnung, oder in Urlaub fahren. Der Anzug war unansehnlich, noch gut frs Haus oder Bro. Man kaufte einen neuen. Der Wechsel war ein Schlafmittel und machte doch lebendig neuen Interessen. Dann brauchte man nicht nachzudenken, sondern flatterte, pltscherte. In ungeahnter Flle spendete Schicksal Erfolge, Scherze, Schauspiele. Das Neue kitzelte einen neuen, unberhrten Punkt der Nerven und fhrte neues Licht auf alte Farben. Die leuchteten dann ganz prchtig auf, das alte Grau war verschwunden. Bis es eines Tages aufschwelte und alles in den Fingerspitzen juckte. Bis seine Augen sich wieder ffneten, nachgebend einer unbekannten Hand, bis er in den Ecken stand und vor sich hinknurrte. Er war berzeugt, da es nur ihm so ergehe, da nur bei ihm Genialitt und bizarres Kleinbrgertum sich so mische, da kein Charakter dagegen aufblhen knne. Es war sein Irrtum, da es nur ihn so schlage, da er sich dieses Leidens schmte als einer Minderwertigkeit, gegen die er nicht gengend Energie verwende. Er wute nicht, da es alle Menschen anwandelt, da sie, wenn auch nur fr ganz kurze Blicke, fremde Augen ffnen und ihre Haut sich spannt vor Entsetzen. Htte er's gewut, er wre beruhigt gewesen, htte sich ausgesprochen, womglich gelacht. So mit den Hnden ber den feuchten Tisch hin dieses Etwas hinabgewischt. So jedoch stand er bis zum Hals im Sumpf. Und dieser Sumpf wuchs. Er merkte die Luft ber seinem Schdel weniger werden und doch schwerer. Und eine tolle Wut packte ihn, da unten Rder rollten, Stimmen tosten, Klaviere schepperten und er dastehn mute und nur fluchen konnte, seufzen, verzweifeln. Er ffnete die Tre und trat auf den Balkon. Dieser Balkon war sein Stolz; er fhrte seine Gste gerne auf ihn hinaus vor diese Tiefe. Da sehen Sie erst, wie hoch ich ber allen wohne, lachte er ppig mit runder Armbewegung, den Bauch gegen das Gitter pressend. Er ffnete die Tr mit schlaffer Hand; sie gab lautlos nach (sonst gehorchte sie nur chzend mchtigem Druck). Zu Boden starrend wehte er vor, als sauge ihn ein Ventilator an, der Schwung eines groen Rades, glhend gro wie die Sonne, die drben brannte. Bis an das gueiserne Gitter prete ihn der saugende Mund, vornber neigte er sich mit vorgestreckten Schwimmerarmen, die jeden Halt fahren lieen. Seine Blicke sanken auf die Tiefe, das Blut rollte wie eine Spielkugel in den Kopf, warf den Krper aus dem Gleichgewicht. Er lie ihn gleiten, befreite sich von ihm, er fhlte, da er falle, wabbernd in breiten Flugflchen wie ein Blatt; denn er schien sehr leicht, schien ein Nichts zu sein an Gewicht. Ja, ein wirkliches Nichts, denn die Droschken rutschten gelassen weiter, die Menschen krabbelten, schwarze und helle Muse ihrer Wege, kein Knall, kein Schrei: ein Nichts war abgestrzt! Und er hatte doch vollkommen durchfhlt, da er sich lse vom Balkon, vom Zimmer, das ihn bisher beherbergt; da ihn die Welt ausgespieen hatte, damit er strze, sein eigener Wille ihn hinausgedrngt aus der Tr -- er hatte den Schlag des Todes aufs Pflaster durch alle Knochen schmetternd gesprt, aufatmend sein Blut verspritzt in den grauen Staub der Strae fr eine groe heilige Sache, die alles Bittere erfordert, weil es so leicht ist. Er kroch zurck, glitt auf den Boden des Balkons, und seine Augen fllten sich mit Trnen, er weinte in langen Strmen, unfabares Leid, unfabares Glck. Und ihm war, als schwebe er mit dem Balkon in reine Hhe, die er nur ertragen konnte, weil sein Krper abgestrzt, zu Staub zerschmettert war. Mit Schluchzen und Sten senkte aufs neue Besinnung bleiernes Erwachen in den noch Lebenden. Lchelnd stand er auf, reckte sich, klopfte den Staub von der Hose. Und als er sich umsah, Huser, Himmel, Wolken, Trme, das Licht wie immerdar, legte er die Hand an die Stirne, als suche er sich, vergebens, eines Vorfalles zu erinnern. Die Siebenschlfer Mitten in der Krnungsfeier trat Dezius, der Kaiser, auf einen Diener zu und ri ihm das Amulett in Form eines Kreuzes vom Hals. Der bndigte ruhig seiner zornverquollenen Augen giftige Blicke; auch als der Kaiser ihn zu tten befahl, lchelte er erhaben. Wie alle Schwchlinge hatte Dezius insgeheim lange Jahre darber nachgesonnen, wie sich Geltung verschaffen, Ansehen, Furcht und Gehorsam. Mit groem Pomp drohte er als erste Regierungshandlung grausamsten Tod allen Feinden des Reiches. Auch heischte Tradition diese Form. Und dann: nur Mchtige haben Feinde. Also redete und wtete der Kaiser gegen die Feinde, vor allem die Erbfeinde, die Christen. Lauter denn je drhnten ihre Stimmen von Gleichheit und Brderlichkeit aus den Kanlen unter der Stadt empor. Der Kaiser, selbst Frucht eines Aufstandes, rckte wie ein Rasender durch alle Provinzen seines Reiches gegen diese Revolution. Und es gelang ihm in kurzer Zeit, tausende einfltiger Menschen zur ewigen Seligkeit und Verklrung zu steigern, mit Wunderkraft zu begaben; ihre Namen rauchten wie Sonnenstaub Verklrung ber die Mietskasernen und Markthallen und Zirkusstaden; klangen wie ein Programm, sich zu schlieen so fest, da die Heiligen zwischen den Schultern der Brder eingeklemmt ihren Platz nicht zu lassen brauchten. Der Kaiser wurde grau und mager. Er unternahm viele Bauten, Politiken, Feldzge; aber alle Untertanen erkannten aus jeder seiner Verordnungen, wie stark Blutschuld isoliert, wie fremd er der Zeit, taub der neuen Stimme der Bruderliebe war. Ein omnipotenter Knockabout, dessen Spe lebensgefhrlich, dumm und boshaft waren. Man kam nicht auf die Idee, ihm das Genick zu brechen; so sehr war seine Zeit erfllt, die neue schon vorgeeilt. Man verstand nicht recht, wie er noch mglich sein konnte und duldete seine Metzeleien, weil noch eine Schuld zu shnen blieb. Andererseits die berzeugung herrschte, da geringe Erregung, etwa ein scheuendes Pferd, ein Schnupfen oder ein Ziegelstein genge, um diese Warze zu ekrasieren. Die Bewegung zog weite, unwahrscheinliche Kreise. Im Herzen, an einer Stelle ihres Lebens waren alle bereits Christen, deren Blut noch Fhlung hatte. Die Abneigung gegen das starre Gesetz, die verlogene Geste bezahlter Gtter, gegen endlose Kriege, wo doch alle Menschen einander lieben und nichts so sehr konnten als Vereinigung zur Verherrlichung der Ideen des Menschensohnes, die grliche Vllerei der Reichen, die weniger Menschen aber mehr Gelder wurden und das Mark aus den Rcken der Armen sogen, bis beide seelenlos in Rude faulten. Die Richter, Offiziere, Zuhlter der staatlichen Ordnung, an ihrer Spitze der Kaiser: Eitelkeit, Phrasen, Blutdurst, billige Zirkusmache! Sahen sie nicht in den Herzen leuchtende Klarheit, unabwendbar das Ziel prstabiliert? Der Boden schwankte unter ihren lcherlichen Thronen. Sie fhlten nach nacktrauschenden Festen, nach Blut und Eisenschlachten, marmorhallenden Schwindelzeremonien im Grabkuppelchen morschknochiger Angst und Verlassenheit ganz unvermittelt: Das Absolute des guten, liebenden Herzens in einmaliger, einfacher Armut triumphieren ber ihre tgliche blutige Gemeinheit. Gleichwohl bekehrten sie sich nicht; sie konnten als das andere Prinzip nicht, ihnen fehlten gewisse Organe, und der berschu an Sophistik verhtschelte alle Regungen ihres dnnen Gemtes in Heuchelei und Argwohn. Mit schmal geknifften Lippen sahen sie die Freiwilligen der Idee sich zur Parole des Martertodes melden. Sie winkten dem Henker mit dem spitzen Zeigefinger; lieen den und jenen gleich niederstoen (aber es geschah auch, da der Henker mit dem Opfer niederkniete, alle den Tod erflehend): Obwohl jede Provinzstadt einen Zirkus erbauen mute, hatte man nicht gengend hungrige Bestien fr alle Christen. Den Rest sperrte man ins Gefngnis bis zum Tage der Spiele. In einer Provinzstadt trafen so sieben christliche Jnglinge im Gefngnis zusammen, die einander vorher nie gesehen hatten. Wie von einem Brand, einem Wort, das gesprochen sein mu, von der Wahrheit selbst, die Herz und Muskel zersprengt, wenn sie nicht erfllt wird, von Sicherheit des Lebens, die wie seliger Wahnsinn alle Gefahr der Lcherlichkeit und Scham berspielt, vernichtet, getrieben und aufgerufen hatten sie bekannt. Jetzt kauerten sie gebckt auf dem Stroh am Lehmboden, Schulter an Schulter, und hielten glckschweigend einander bei der Hand, eine Kette strksten Willens, der Gott selbst beschwrt in Erscheinung niederzuflammen. Wie Liebende wiegten sie einander mit Blicken singend. Ich staune, hub einer an, und groe Freude hhlt mich aus, da wir viele und doch einer sind. Rings sind alle Zellen voll, in jeder Zelle pocht mein Herz, in meinem Herzen beten alle Brder. Mein einziger Zweifel war, da der Richter mich nicht ernst nehmen und ich mich wie ein Tier in den Rachen eines vergeblichen, eingequlten Ungeheuers werfen wrde. Ich war einsam, ein Hirte auf den Abhngen der Gebirge. Vielleicht riefen die Tiere, Wolken, Steine des Herrn Wort in mir wach. Ich vertraute ihm, berwand meinen Schreck und Ihr belohnt mich herrlich, da ich bei Euch sein darf. Alles ist von uns abgefallen, weil alles Zweifel und Schranke war gegen den Sieg des Geistes. Wir knnen nur noch sterben. Das ist jetzt das wahre Glck, zu erkennen, da nichts, auch dieser Leib nicht einen Wert hat. Wir sinken in die Unsterblichkeit, in die einzige Idee, in die wahre Zeit. Wie danke ich Gott, da ich Euch anschauen darf; Ihr meine anderen Ichs; wir ein siebenfaches Ich. Alle Lwen, alle Kaiser, alle Henker, Richter, Soldaten, Gtter und Gesetze, alle Bestechung und Lge macht unser Tod reif; sie faulen tiefer, sie kippen unter den Sten unserer letzten Atemzge. Wir sterben nicht irgendeinen Tod wie ein Krug zerbricht, weil ihn die Magd von der Bank stie. Unser Tod erhellt das wahre Leben ber alles Sein. Wir werden in den Herzen derer, die zurckbleiben, auferstehen, in den Herzen der Freunde wie der Feinde. Die Schwankenden werden fest in Mut und Feuer, die Sptter verstummen, die Zweifler glauben. Htten wir in Frieden den Glauben an den Geist und den gttlichen Sohn des Menschen wirken knnen, wren wir vielleicht eingeschlafen und zum Haufen geworfen, wo alles Unkraut in der Grube dorrt. Jetzt aber ist Krieg, nicht gegen die Trakier, Gallier, Numider, nein, gegen den Geist, gegen die Liebe, gegen uns, die Menschen. So voll war ich der Liebe zur Menschheit, zu den Armen, Unterdrckten und Verblendeten, da es begeistert aus mir schrie, als mich der Richter fragte, ob ich Christ sei. Die Stimme der Welt, die Erinnerung an Weib und Kind, Haus, Geld und Leben erblindete, verstummte in mir: gleichgltig alles vor dem Tode fr die Idee der Liebe. Ich wei, da sie von meinem Tod erst recht leben wird. Sie ist ber uns eine starke Kraft, in sie flieht unser schwaches Leben, sie lebt von unserem Glauben, bis sie bermacht hat ber die Tyrannen, die Welt, die Trgheit der Herzen. Es ist dieser Tod nicht ein Ende, vielmehr der Anfang. Erst durch den Tod fr seine Idee, die auch die Idee aller Menschen war, lebte Christus in unseren Herzen, in aller Herzen, lebte er berhaupt. In Einsamkeit und Fremde rang ich mit mir wie Christus um die Erkenntnis jener Liebe, die auch den letzten Hund in sich verschliet, die alle Handlung ablehnt, die nicht von jenem Geist durchwrmt getrieben wird, aus der vollen Kraft des Einzigen. An mir liegt nichts! Am Menschen liegt nichts! Die Idee, der Glaube, die Liebe! Aber auch sie sind erst, wenn Du und Du und jeder, jeder einzeln einsam, einzig hindurch durch alle Verworrenheit und Zweifel ins Angesicht der Ewigkeit sich schwinden fhlt, abscheiden aus aller Lust und Unlust, aus allen Schalen. Dann bleibt der Tod nur wie ein Schritt durch ein Tor in blaues Lieht. Jedem war, als strmten diese Worte aus seiner eigenen Seele. Sie enthielten alles, was sie zu sagen wuten, je htten sagen knnen. Schweigend genossen sie jetzt das groe Glck, nicht einsam zu sein vor dem Tode. Sie waren ihrer Sieben eine Allmacht. Sieben Tage und Nchte warteten sie geschlossen auf das Ende. Ihre Kraft nahm nicht ab, sie dachten nicht, sie wuten nicht. Sie saen und warteten. Am Morgen des siebenten Tages zog der Wrter sie aus der Zelle. In einer Schar von Brdern und Schwestern trieb man sie zum Zirkus, der im Schatten heller Pinien vor der Stadt erbaut war. Alle Wege strmten ber von Volk. Lautes Geschrei begrte die Gefangenen, Abschiedsrufe und Wehrufe und Wehklagen. (Aber es duldete, sah stumpf und grausam gleichgltig zu, da die Behrden, die doch alle verachteten, Opfer aus ihrer Mitte rissen und von wilden Tieren zerfleischen lieen.) Die Soldaten drngten voran, da sie einen Aufstand befrchteten. Oder es ihnen Freude machte, die Wehrlosen zu qulen. Die sieben Freunde schritten Hand in Hand nebeneinander. Manchmal, wenn sie Bekannte in der Menge sahen, riefen sie ihr Glck freudig in die erschreckten Gesichter, die sich verlegen abwandten. Ihnen war, als hrten sie schon das Gebrll der Lwen, als ffne sich ihre Brust, die Seele auszulassen, die sich an der Brust des Ewigen bergen wollte. In ihrer Erregung schritten sie hastiger aus, an die Spitze des Zuges, sie begannen zu laufen, das Volk wich zurck, ffnete eine Gasse -- es hob sie ber die Kpfe hinweg ein leichter Wind des Himmels, ber die Dcher, durch den Wald. Als sie das Klirren der Legionre hinter sich hrten, Pfeile ihnen nachschwirrten, fhlten sie voll Schrecken, da sie auf unwiderstehlicher Flucht waren. Sie sahen einander an und strmten weiter, die Verfolger trabten mit lautem Geschrei hinterdrein. Schwei vor Anstrengung und Verzweiflung troff ber ihre Gesichter, und die Haare klebten kalt an ihren Schdeln. Sie konnten ihren Beinen nicht Halt gebieten, eine unwiderstehliche Kraft ri sie nach vorne wider ihren Willen. Mit steigendem Entsetzen fhlte jeder, wie er sich gegen die heiligsten Entschlsse gleichsam vor der Seligkeit rettete, wie sie ihren liebsten, brennendsten Wunsch zu sterben fr die Unsterblichkeit der Idee Gottes aufgaben und wie Feiglinge im Schoe der Welt, die sie verachteten, Sicherheit suchten. Im Berg zu ihrer Rechten klaffte ein Spalt. Sie schlpften hinein und hinter dem letzten ward es Nacht, durch die sie noch ihre Verfolger vorbeistrmen hrten. Glcklich, einander nicht anschauen zu brauchen, legten sie sich nieder und schliefen ein vor Erschpfung und Trauer. Als sie erwachten aus unendlichen Trumen, war es lichter Tag um sie her. Sie sprangen vom Boden auf und waren einig, sich sofort dem Richter zu stellen, damit der Tod Flucht und Schande von ihnen nehme und ihnen endlich die Pforte des Paradieses ffne. Eilends verlieen sie ihre Hhle. Sie wanderten lange durch einen Wald, den kein Weg aufteilte. Sie verhehlten einander ihre Unruhe, denn keiner kannte die Gegend und die Stadt schien vom Erdboden verschwunden. Sie nderten ihren Kurs und gelangten auf eine wste Sttte voller Ruinen und Trmmer von Sulen, Tempeln, Kasernen und Gerichtsgebuden. Fern am Rande der Vernichtung sahen sie mde Rauch wirbeln. Sie atmeten auf und hielten auf dieses Zeichen zu. Da lagerten einige armselige Htten um ein Kreuz. Menschen saen vor den Tren und blickten in den Abend. Sie standen auf, als die Sieben sich nherten. Man verstand einander zuerst nicht. Aber die Leute gaben ihnen freundlich Brot und Kse und zeigten ihnen den Weg zur Stadt. Diese Stadt aber kannten sie nicht. Sie schien neu, niedriger, kleiner als ihre Vaterstadt. Sie fragten nach dem Richter Gldonius, der sie zum Tod verurteilt hatte. Niemand hatte von ihm gehrt. Sie fragten nach dem Gouverneur Procius, dem Feldherrn Caronius, nach allen Beamten, allen Groen der Stadt, allen Philosophen und Dichtern. Nie hatten die Leute dieser Stadt ihre Namen vernommen. Offenbar war ein Furchtbares geschehen in ihrer Abwesenheit, ein Erdbeben, eine Feuersbrunst, Kriege schienen in einer Nacht, einem Schlaf die Erde umgestrzt und alle Menschen verndert und ihr Gedchtnis ausgelscht zu haben. Endlich fhrte man sie in ein weies, gedecktes Haus, ber dessen Tr das Zeichen des Kreuzes gemalt war und der Gekreuzigte aus Stein gemeielt in einer Nische stand. In diesem khlen Hause empfing sie ein alter Mann mit groen Augen und faltig-knochigem Gesicht. Wir bitten Dich, uns vor den Richter zu fhren. Wir sind Christen und den Soldaten des Kaisers entflohen. Wir sind bereit, jetzt sofort zu sterben. Wir wollen jetzt Zeugnis ablegen. Wir sind alle Christen, meine Brder, meinte vorsichtig der Greis, weshalb seid Ihr den Soldaten entflohen? Und wenn Ihr ein Verbrechen begangen habt, so sollt Ihr es ben. Sagt mir, was Ihr begangen habt! Wir sind Christen und wollen Zeugnis ablegen fr den Glauben an die Gleichheit der Menschen, die Unsterblichkeit der Seele, die Liebe, die alle Welt erlst, und fr den Sohn des Menschen. Wenn auch Du Christ bist, um so besser, so wollen wir zusammen gehen und bekennen. Vielleicht, da wir zusammen sterben knnen. Der Alte erschrak, und whrend er zugleich zitternd einen Schritt zurckwich, sah er die Sieben genauer an. In ihren hageren Gesichtern glhten Augen schwarz wie geronnenes Blut, Glanz und Modergeruch strmte aus ihren schimmligen Gewndern und wsten Brten. Ein heller Schein wlbte gleichsam eine Kuppel ber sie. Da strzte der Alte in die Knie und rief entsetzt um Hilfe, denn er frchtete sich vor diesen sieben Mnnern, die vom Tode auferstanden waren und wie die Richter des jngsten Tages verschlossen und hartnckig nach dem Sinn fragten. Volk drngte herbei und umringte sie mit Ausrufen der Verwunderung, Neugierde und Ehrfurcht. Von welchem Kaiser redet Ihr? Welchem Richter, welches Jahr schreibt Ihr? Wir sind alle Christen und leben doch. Wir leben doch alle trotz unseres Glaubens. Keiner ttet uns, keiner verfolgt uns. Ihr redet von lngst vergangenen, finsteren Zeiten. Wir meinen den Kaiser Dezius, der unsere Freunde und Geschwister wie uns selber einfing fr die Lwen im Zirkus. Gestern sind wir entflohen, wir wurden hinweg gefhrt und verbrachten eine Nacht im Schlaf in einer Hhle. Wie Schlge fiel die Wahrheit ber sie her: Dezius ist seit zweihundert Jahren tot, alle Gtter sind tot, alle Tempel und Altre der Heiden zerstrt. Es gibt keine Heiden mehr. Die Heiden werden bekehrt oder verbrannt. Kaiser und Heer, das ganze Volk, alle sind Christen, vereint in der wahren Kirche Christi. Wenn Ihr also rechtglubige Christen seid, so seid ohne Furcht. Euer Glaube, fr den Ihr nicht mehr zu sterben braucht, beseelt uns alle. Niemand denkt daran, fr diese Tatsache sich tten zu lassen oder in ihr etwas Erstaunliches zu sehen. Aber erzhlt, wie es Euch erging in Eurem Leben. Wie lebten die Menschen damals, wie starben sie? Und die Sieben bekannten ihren Glauben in aller Einfalt und Glut. Ihr Leben war ihnen, da sie den Sieg sahen, entschwunden und sie wuten nichts anderes zu berichten, als da sich alle unterordneten in Liebe unter das erlebte Gebot Christi, da Leben, Eigentum und irdische Ehre nichts galten im Hinblick auf die Ruhe des Herzens und Erfllung der Liebe. Aber es erhob sich von neuem und die nchsten Tage fort ein Fragen nach dem Wie und Wo, dem Aussehen und Gebaren der Menschen in ihren Tagen. Man bestaunte sie wie wilde Tiere trotz aller Scheu. Die aber vermochten in ihrer Errettung nichts Sonderbares oder Unglaubliches mehr zu sehen. Wohl aber sahen sie viele Dinge in ihrem neuen Leben, die sie mit wachsender Trauer erfllten, weil sie ihrem Verstndnis fremd und ihrem Glauben tot, unlebendig erschienen. Es war ihnen, als seien sie am Leben geblieben, um zu erfahren, da die Welt gestorben sei. Und sie uerten laut ihre Mibilligung und tadelten die hohen Herren der Kirche, die Beamten und Besitzer der cker und Huser. Nach auen waren alle Christen, fromm hielten sie alle Gebote, die sich seltsam rasch vermehrt hatten. Ihre Herzen aber entbehrten alles fhlenden Wissens, aller Geduld, aller Wrme. Man beorderte sie vor ein Konzilium, das sie hflich und salbungsvoll behandelte, ihnen aber eindringlich diese Reden gegen die bestehende Ordnung verwies und sie vor den Folgen einer Irrlehre warnte. Bald stellten sich bei den Sieben auch die Zeichen ihres furchtbaren Alters ein. Sie holten ihr Leben nach. In wenigen Tagen bekamen sie das Aussehen uralter Bume, die mit Moos und Flechten bewachsen einsam in stillen Tlern trauern, in schwarze Schatten gehllt. Sie lieen nicht ab, laut und lauter ihre Stimmen zu erheben. Sie zogen wie die gerettete, unbeugsame Wahrheit durch Stdte und Drfer und predigten voll Eifer die Reinheit des armen Lebens, das sich der Ewigkeit verdungen. Viele hrten auf sie, heimlich kamen manche und empfingen Hndedruck und Trost, die Masse des Volkes geriet in Wallung: Zeichen und Wunder, neuer Eifer, neuer Drang gegen Himmel schlo die Menge in Ehrfurcht und Glauben aneinander. Viele aber lachten hinter ihrem Rcken, nannten sie komische Kuze und die Geschichte des hundertjhrigen Schlafes eine dumme Legende. Die Behrden der Kirche aber ergrimmten mehr und mehr ber diese unliebsamen Heiligen und riefen die Wchter des Staates zu Hilfe. Die gingen vor nach den Buchstaben des Gesetzes und stellten die Sieben vor Gericht. Man hatte sie dabei ertappt, da sie Frchte von Feldern und Brot stahlen. Sie erklrten zu ihrer Verteidigung, da unter Christen, die doch Brder seien, alles Eigentum gemeinsam sei, in Wahrheit also fortfalle, und vermochten die schwierige Deutung der Beamten nicht einzusehen. Man sperrte sie ins Gefngnis. Mittlerweile aber hatten ihre Anhnger, die sich die freien Brder im Geiste nannten, Zulauf erhalten und dann versucht, das Gefngnis zu strmen. Die sieben Schlfer aber weigerten sich hartnckig, ihnen zu folgen auf der Flucht. Sie fhlten, da sie sich dem Ziele nherten. Da berlie man sie ihrem Schicksal. Der Gouverneur gab endlich den Befehl, sie im Gefngnis zu erdrosseln. Das Pferd Ohne sich Gewalt anzutun, in freier, geordneter Haltung verlie Johannes das Haus seiner Geliebten, bei der er die erste Nacht verbracht hatte. Wie ein Gewitter pltzlich den Unvorbereiteten in Einsamkeit berfllt. Nachdem er in Traum und Tag Jahre hindurch alle Sprche, Wnsche, Verschwrungen vergeblich abgelebt, ffnete sich auf das Zeichen, geheimnisvoll seinem Finger entschlpfend, der Berg Sesam. Ihn enttuschte fast, niederschmetterte diese berraschung: Weder war es ntig gewesen eigenes Gewissen zu morden oder Warnungen von Vater, Mutter, Arzt und Priester zu betuben, noch des Mdchens zu zerbrechen, ihre Natur zu zersetzen. Obwohl an ihrer Unschuld, ihrem Vorurteil nicht zu zweifeln war. Aus Lust, Glut, berkraft erstickte er alle Hemmungen, lsten sich alle Bildung, Geschichte, Erziehung in Atmosphre berwltigter Liebe, der auch Dora alle Romantik willig unterwarf. So hatte sich diese erste Nacht beiden ergeben mit der Selbstverstndlichkeit einer Traumhandlung, deren Logik in Freiheit von jeder Form der Gesellschaft ruhte. Diese Nacht ruhte die Ewigkeit. -- Sie stand zwischen den Zeiten, zwischen allen Schicksalen, lautloses Intervall. Befreit von den Menschen, gesprengt Ordnung, Gesetz, Gewalt der Eltern; es gab Sieger und Besiegte, klares Los. Spielend gestalteten Hand und Mund mit gefhrlicher Khnheit alle Schwierigkeit, alle Eifersucht zu Bildern, ohne Bosheit heimlicher Angst seine Worte und Blicke klar einen Wald, in dem sie sich gerne verliefen. Voll Glck verlor er Gewalt ber Glieder und Gedanken, er zauberte jeden Augenblick als Vollendung des Genusses, eder das Ziel, hinter dem Abschied nichts Bses mehr enthielt. Atemlose Strke durchpulste ihn: Ich kann Bses tun, ich bin gtig. So hatte er sich ihrer, die ihm schon gehrte, mit sanfter Schamlosigkeit bemchtigt, der in stummen Minuten, wenn Atem und Blick im Takt gingen, lchelndes Erstaunen den Ton eines Sommerspieles gab, das ein verstecktes Tuch oder ein Ball lustig bewegt. Auch als der spte Tag sie in langem Schweigen lie, das ernst und nachdenklich ihr Mund und Blick versperrte, regte sich in ihm weder Ungeduld, noch zwang er sich ab grte Zrtlichkeit. Wie Spiegelschein blitzte ihre Trauer seinem Aug vorber, da ein Stich durchs Herz fast Trnen austrieb. Hurtig kleidete er sich an und verlie sie, balancierend auf den Zehenspitzen, ohne umzublicken, vorsichtig ihren Schlaf nicht zu stren. Sie aber schlief nicht, sie lag wach, er wute, da ihre Augen weit offen ihn, nur ihn schauten, da sie sich mit Trnen fllten, weil er ging. Gleichwohl lie sie ihn gehen, um besser weinen zu knnen. Er wollte keine Trnen, keine Reue, keine Scham; er frchtete seine Verlegenheit, da sie dalag, und er ging. Johannes aber stand, von leichtem Schwindel gebndigt, auf der Strae, ber die grauer Himmel khlen Wind blies. Er schttelte sich und atmete mit Wucht aufs neue. Morgenklte schmolz Zweifel ber seine Haltung schnell hinweg. Husern, Menschen, Fenstern, Zunen, den kahlen Pflasterbumen sah er streng und bissig entgegen und hindurch in fernes Land der Zukunft, das willig seinem neuen Geiste sich entschleierte. Die Schilder der Lden, Maggi, Pilo, Palmona -- er wute, was sie bedeuteten, Aufrufe, Wegweiser zum geheimnisvollen Endziel, das nur er kannte. Imaginre Kraft seiner Augen durchbohrte Berge und Mauern, dicht, greifbar wesentlich schwante der neue Johannes ber den Wolken, Hlle auf Hlle fiel in seinem Innern. Klar ward ihm Wahrheit, Kern all seiner Wege: Gleichgltig wie man lebt, wofr, welchem Beruf -- den ewigen Wert seiner Existenz wird jede Form aufnehmen, jede Phase Grung und Fruchtbarkeit kraft ihrer einzigen Art, Taten zeugen, die Europa erschttern. Sein groes Seelen-Ich, aus Wunsch und Eifersucht erblhtes, stand vor ihm auf der Strae feuchtem Pflaster. Ahnung eines reichen, unbeirrbar sieghaften, eines Condottieres, in dem aller Glanz, Esprit, Ehrgeiz und Ruhm des Jahrhunderts knirschend, reflektiert, beflgelte langsam seine Seele zu hheren, berirdischen Regionen. Huser und Kirchen, Schlote und Fabriken, Banken, Universitt; die ganze Stadt mit allen Menschen, Berufen und Geschften, mit Gelehrsamkeit, Tugend, Dummheit und Elend wogte unkenntlich zu seinen Fen, krauses Gewlk eines Teppichs den Augen eines Trunkenen. Auch diese Nacht, das Mdchen, seine brgerliche nur menschliche Natur lag da unten. Vergessen, berwunden, lcherlich. Denn allzulange schon hatte er gemut: Glauben, hren, berzeugt werden von Bchern und Gegnern. Zu lange schon hatte er gebckt Predigt und Prgel von Mensch, Gott und Erfahrung, dieser Bestie hinter allem Objekt, hingenommen. Verstand fehlte nicht (hie es), aber man mu seine Phantasie, die schlimmen Instinkte eindmmen, ausrotten, ihm einbluen, da nur gilt wer lernt, berall lernt, hrt was gesagt wird. So war die Klugheit aller anderen ebenso Macht wie eigene Lhmung, Dummheit und Null. Die Frau war nur die Summe dieser Widerstnde, das wandelnde Gleichnis seiner Unterlegenheit. Er identifizierte sie fast. Weder hatte er gewagt, wie seine Kameraden ins Bordell zu gehn (gerne glaubte er edlere Zaubermacht dem Gelde als solch viehische Vergngungen), noch erkhnte er sich, eine der hungrigen, wie aus Kfigen entflatterten Studentinnen zu erobern. Im Gedanken waren ihm alle unterlegen, hatte er alle besessen ohne Gewalt; sie ergaben sich seufzend dem Glck, von ihm erlst zu werden. Die Gegner erbleichten und verwickelten sich in geistlose Tiraden. Aber Wirklichkeit hatte ihn ernchtert, seiner Ohnmacht ausgeliefert. Ging er auf der Strae, im Hrsaal einer Frau entgegen, berwltigte ihn aus tiefstem Dunkel aufquellende Schamrte, so da er oft umkehrte, entfloh, fluchend seiner Feigheit. In einem Winkel dennoch trotz Hohn und Schmhung wider sich, Gelegenheit fiebernd herbei lauerte seine Kraft und berlegenheit, Tugend und Bildung zu beweisen. Jetzt aber war das Ma endlich voll und er strmte aus, alles was ihn gebndigt, geknebelt und zum Spottbild gezwungen hatte. Spielend war ihm ein Sieg gelungen, der ihn mit einem Schlag der grten Freiheit in die Arme warf. Es war Tag, er und die Welt: Man stand endlich am rechten Fleck. Spielend! Er pfiff es fast zwischen den Zhnen und rekelte sich in den Gelenken. Man kann sie nicht gerade schn nennen. Aber ihre Augen sind doch erhaben voll groen Feuers, voll Klugheit. Gott sei Dank, sie ist nicht schn, aber klug -- schne Frauen sind dumm -- sonst htte sie nicht mich gewhlt, den Unscheinbaren, dem Verlegenheit Blick und Sprache verschlgt. Es stand ihr doch frei, jeden ihrer zahlreichen Freunde, einen der grer, schner, eleganter ist als ich, zu gewinnen. Aber sie zog mich den Eleganten vor, weil sie die Klugheit der Schnheit vorzieht. Er kniff die Augen zusammen wie um Doras Bild besser zu sehen; prfend zwinkerte er. Leider ist sie nicht auch schn; ihre Backenknochen ecken vor und die Nase krmmt sich einwrts, sie ist mager und ihrer blassen Farbe nach leidet sie insgeheim; so schulde ich ihr nichts, denn ihre Liebe zu mir beglckt sie. Die anderen! Sie werden mich beneiden, wenngleich sie ber uns lcheln. Aber ich brauche nicht mehr den Erdboden anzuflehen, da er mich verschlinge. Dennoch strauchelte er noch ber Hoffnung und Furcht. Seine bertreibung berlistete er mit Schlauheit. Seiner Empfindlichkeit schuf die elementare berlegenheit lterer Semester, ihre grere Erfahrung zorniges Unbehagen. Ihr starres Lcheln, umsplt vom rauhen Ba vterlicher Nachsicht, ihr Wahn der Vollendung gengte, seine Stellung zu untergraben. Und wie, wenn Dora sich Hoffnungen hingab, vor denen ihm graute, weil er sich lcherlich und brutal zugleich werden fhlte, aus Instinkt heraus, den er wie vorbestimmtes Schicksal nicht bewltigen, berspringen, fliehen konnte. Ich mu auch den ersten, zarten Keim eines Anspruches in ihrem Herzen zertreten, ausjten. Meine Plne, seit Beginn meiner Gedanken festgelegt, dulden keine Fesselung -- ich mu mich hemmungslos umhertreiben drfen -- von Pol zu Pol. Toben mu ich durch Chaos von Welten, dazu gehren Frauen, keine Frau. Und wenn sie auch -- er schlug diesen Satan zu Boden mit der Hand wie eine Wespe, obwohl sein Herz, des braven Sohnes Herz hart aufpochte. Aber lustig frderte er seinen Schritt weiter, glcklich, da die Ungeborenen Leichen bleiben muten. In solche Gedanken verstrickt hatte er sich den Straen berantwortet. Er mute auf die Trambahn warten, um zurckzufahren. Zufrieden und neugierig lehnte er an der Stange, die das Haltezeichen trug und schaukelte sich trge. Da kam ein Bursche des Wegs. Der zog an einem Strick ein Pferd hinter sich her. Johannes sah, wie das Pferd daherschwebte riesengro ber dem Volk, aus einem Tunnel schwarzer Huser aufwuchs in Wolken, Atem und Schwei. Das Pflaster strubte sich klirrend zwischen den Schienen, die Huser wackelten, das Tier stie vor, nher zu ihm, zu ihm. Von Kopf zu Fu gefror sein Blut zu spitzem Eis, so da er sich nicht vom Fleck rhren konnte. Der Richter nahte, der ihn wie ein Hlzlein zerbrechen, wie eine Gnseblume zertreten und fortblasen wird. Der Bursche zerrte den Gaul mit wsten Flchen, sein Knppel wirbelte. Man sah, es ging zum Schlachthof. Das Tier in diesem Wesen war uralt in einem Gestrpp wolliger Filzhaare. Das Tier fhlte, da es sterben sollte. Sein Gebein, sein rauhes Fell zitterte unter den Schenkeln des Unsichtbaren, den pltzlich alle sahen. So wie er abgebildet ist: hoch zu Ro wird er reiten durch die Gassen. Sein Atem ttet, sein Blick ttet, sein Mund verschlingt. Wild kochte Atem aus verknorpelten Nstern, die am Straenschmutz rochen. Das Pferd des Todes kroch riesengro herbei, eine Karawane des Elends, ein Begrbnis vor dem letzten Blick: Alle Leiden des Sterblichen, in dem noch Agonie whlt, spielen sich ab vor den Fenstern, Gesichtern, Bumen. Es humpelte jeden Schritt, setzte ihn eigens hin. Sein rechtes Hinterbein war ganz verdreht, eine barocke Sule. Nur die Spitze des Hufes schlurfte auf den Boden. Jeder Schritt auf dem nassen, rohen Pflaster bi und zerrte an Mark und Sehnen. Bei jedem Schritt strubten sich die letzten Fransen seiner Borstenmhne voll Stroh und Spelz. Blicklos rollten durch die Gespensterhhlen Augen, wehrlos hin und her der spitze, gramverwstete Schdel. In dieser Bestie aus Elend, Hunger und Mdigkeit wohnte die sanfte Seele eines sterbenden Engels. Alle muten ihn sehen, diesen Berg der Verzweiflung mit Flanken, die wie Blaseblge rollten. Ein Gewitter von Schlgen in Klte, Sturm und Schnee. Jahrelang hatte es nicht mehr auf dem Boden im Stroh schlafen knnen, weil die Beine zu steif waren, um den groen Leib wieder aufzurichten. Nur Hcksel und feuchtes Gras lagen in dem schmutzigen Sack, den man ihm um den Kopf band. Die Beine waren an all dem Elend schuld -- sie waren von Gicht geschwollen wie rauhe Bume, an denen noch Astknorren stecken. Die Gicht war schuld, der Fuhrknecht, der in der Kneipe soff, indes es wartete, wartete in Schlamm, im Regen, im Sturm. Die Menschen sind schuld, das Leben, Gott! Jeder Schritt dieser blind unstet scharrenden Beine ri das Tier zusammen, schttelte es wie ein Bndel Lumpen. Der Schwei des kalten Todes, dessen Nhe es nicht abschtteln konnte, sickerte aus allen Poren. Im Bogen drckte es den Leib durch. Wie eine Brcke von hier ins Jenseits, das bald ein Metzgerhammer an seiner Stirn aufschlagen wrde. Vom Bauch kroch graues Wei wie Schimmel, Todesblsse auf den Rcken. Die Rippen stieen aus der kantigen Wirbelsule schneidend aus, als sei das Skelett notdrftig mit Haut bespannt, Trommel, auf der jetzt Tod statt Peitsche und Stiefel den Marsch nach Vorwrts hmmerte. Johannes konnte den Anblick kaum mehr ertragen -- ihm ward bel vor Entsetzen. Hier belangte ihn ganz persnlich ein Unbekanntes -- Verbrechen, Mord, Lge, Verfhrung; Kinderchen sah er vor seinen blutbespritzten Hnden fliehen, Mdchen errtend umbrechen vor seinen gierigen Lippen, Eltern weinten um ihn, fluchten ihm; Fremdes ging ihn pltzlich heftig an, dringend, unaufschiebbar, es trat ihm auf die Fersen, seit langem, seit jeher -- jetzt erst erkannte er. Und sah neue entsetzliche Einzelheiten, die seine Augen anzogen, hielten, ihn wehrlos machten. Man hatte dem Pferde die Hufeisen abgerissen und an den Eisenhndler um zwei Groschen verkauft. Es schlich auf seinen stumpfen Hufen zum Tod wie ein Schwindschtiger auf Pantoffeln, lautlos, ohne das Klappern der Eisen, das auch den alten Gaul noch heroisch scheinen lt. Und er hielt vor Johannes, der Reiter hielt den Gaul vor ihm. Seine Augen begegneten den toten Augenquallen des Tieres. Er mute den Blick senken, er unterlag, er erlosch und ward zerknittert, fortgeschmissen wie ein Zeitungsblatt. Wollust, zertreten zu werden! Das Tier aber folgte dem Ruck des Strickes, der um seinen langen Hals geknotet war. Die Borsten aus seinem Schweifbesen spreizten sich wie Schwungfedern zwischen den flachen Mhlsteinen seiner Hinterbatzen. Johannes sah dem hinkenden Gespenst, diesem Galgengerst des Todes, nach, bis es um die Ecke taumelte, in die Strae versank wie in einen Schlund, der es verdauen wrde gleich allen anderen Elenden und Geschlagenen. Er wandte sich um und seine Blsse spiegelten die Gesichter der Umstehenden, seine Pein drckte auch sie nieder, seine Scham bumte auch diese drren Herzen. Es war, als sei Christus zum Kreuzberg gefhrt, alle wuten darum, alle entschuldigten sich, auch er machte sich davon, aber wo er auch hielt, das Pferd wippte neben ihm, klappte sein ledernes rindiges Maul auf, bleckte die groen Gelbstummel seiner Zhne. Es grinste und fletschte, sabberte lange Fden Saftes, es leierte die Sprache des langen sicheren Todes, die er erlernen mute. Sie hatte ihn aufgeschrien, geweckt aus romantischen Mrdereien. Auftauchend aus Gassen und Hinterhusern trotteten Menschentiere um seine Fe, die Brder jenes Pferdes. Es sah die Zeichen der Familie auf den Gesichtern, die vorbertanzten. Durch Kleider und Haut mute sein Blick. Not, Ha, Gier in jeder Falte, knarrten aus Stiefeln, husteten aus morschen Lungen. Die Buckel krmmten sich, schief drehte sich der Hals, das Becken quoll und pries sich an, Beine knickten ein vor Hunger, aus Augen funkelten trbe noch die Trnen durchwachter Nchte. Wie ein Bad ergo sich Betubung ber ihn und er zhlte seine Schritte, um nicht hinzustrzen: Nieder mit mir! Er ging mit, er gehrte zur Bande. Auch er trug die Zeichen des Aussatzes, auch seine Seele, heimlich wundgescheuert, war beschmutzt und erniedrigt. Einst sog er wie Haschisch Jugend, Stolz berauschte ihn. Das Morphium seiner Trume vergiftete jeden Schmerz, jede Wahrheit, jede Gerechtigkeit: Krasse Gesundheit wiegte ihn in Schlaf. Er verga das Kolleg, seine Stube, Bcher und Zukunft. Er sah mit den Augen des Pferdes, trabend durch die groe Stadt: In Schwefelrauch chaotisches Panorama von Armut, Verfolgung, Dummheit, Vergeblichkeit. Er wehrte sich nicht mehr, es war sinnlos. Sinnlos alles, was sich strubt, vergeblich trachten zu entkommen. Er pilgerte. Gegen den Abend der wie Sonnenfinsternis trbe von Schnee und Qualm ber Dcher und Fassaden troff, schleppte er sich zurck. Seine mden gepeitschten Knochen hielt nur mehr diese Hoffnung: Auf die Knie vor ihr! drhnte sie durch seinen gelhmten Schdel. Seine Lippen murmelten ihren Namen, als er die Treppe emporstieg und demtig anlutete. Die Heimkehr Der Schutzmann, dessen Schlitzaugen Bosheit hherer Waltung funkelten, gestattete nicht, da der ihm anvertraute Sohn das Haus seiner Eltern bezeichnete. Nein, bei jeder Haustre machte er halt. Sein runder Mongolenkopf quoll aus robusten Schultern auf, die Hausnummer besser zu erkennen, schttelte sich; dann ging man weiter, der Polizist nrgelnd ber schlechte Beleuchtung, schlechtes Wetter, schlechte Zeiten, der Hftling schweigend. In dessen Brust aufschimmerten diese feuchten Fenster wie Trnen, aus diesen dunklen Tren staunten die Gesichter seiner Jugend -- das Pflaster war noch immer weier als anderswo und in der Mitte der Strae grn bemoost. Er hatte den grauen Hut bis auf die Nase gezogen und sein grtes Glck war diese Rabenfinsternis. In ihm war alles tot, baufllig; weil er die Luft nicht vertrug; schon gar nicht die Luft seiner Heimat, den Raum vor seinen Fen, diese Strae, die er als Gymnasiast hinauf, hinab gesprungen war. Gleichwohl sollte das schneller gehn. Er drckte die rechte Schulter vor und fuhr den Tartaren an: Machen Sie keinen Unfug. Ich kenne doch mein elterliches Haus, was halten Sie denn da vor jeder Laterne? Ich mchte Sie bitten, etwas schneller -- gehen -- pardon -- zu drfen -- (Wozu das? stotterte es in ihm weiter, dieser Halunke kennt doch keine grere Freude. Meine Aufregung ist ein Genu, eine Zigarre, der Lohn fr seinen Judasschmerz.) Sie werden doch jetzt zum Schlu keinen Fehler begehen wollen. Ich warne Sie, Klaasen! Die Reise ist ohne Zwischenfall verlaufen, den ganzen Tag haben Sie sich bndigen knnen. jetzt am Ziel werden Sie frech. Bleibt stehen, die Laterne zu ihren Hupten ist eingeworfen und flackert. Der Strfling hat das Gefhl, da der Tartare ihn fragen wird, ob er diese Laterne eingeworfen habe. Das Protokoll wre gerecht, aber gleich mit einer Strafe wieder zu beginnen, was wrde der Vater -- der andere schaute zuerst die Laterne und dann ihn strenge an. Ich habe es nicht getan, sprudelte es aus seinem Munde wider seinen Willen pltzlich los, kann mich jedenfalls nicht mehr erinnern, schon lange her; der Vller, mit dem ich spielte, kann das auch gewesen sein -- Er hatte blasses Blut bekommen vor lauter Todesangst; aber der andere verstand ihn ganz richtig, viel richtiger. Weshalb mu man Ihnen erst drohen? Sie sind immer ein unbegreiflicher, leichtsinniger Patron. Woher kommt Ihr ganzes Elend? Doch nur, weil Sie ber eine Sekunde nicht hinwegkommen. Statt eine Sekunde den Mund zu halten, zu schweigen und sich Ihr Teil zu denken, fangen Sie an zu krakehlen, zu reden, zu schlagen, machen tolle Streiche und strzen sich und Ihre Eltern ins Unglck. Seien Sie froh, da ich es bin -- ein anderer wre schon zum Prsidenten zurckgegangen und htte Sie drei Tage dort nachdenken lassen. Klaasen starrte zur Laterne empor, froh, da der andere doch nicht ein so ganz glnzender Spitzel war. Natrlich hatte er die Laterne eingeschmissen, von vorn bis hinten mitsamt dem Zylinder und Glhstrumpf. Der Polizist packte ihn beim Arm und zerrte ihn fort. Jetzt wollen Sie scheint's gar hier festfrieren. Sie spinnen tatschlich, mein Lieber -- aber ich mchte auch noch zu Bett. Eine irrsinnige Wut kochte in dem anderen auf. Hier war nichts mehr Gitter, Zelle, Schlssel, Gewehre, wenn man auf dem Hofe karussellte, hier war seine Heimat, seine Jugend, Recht auf jeden Pflasterstein und Haustritt. Sie reden von meiner Sekunde. Ich meinte diese Laterne, Sie Frst aller Spione. Sie brauchen nicht in die Tasche greifen, lassen Sie Ihr Auge vor Ihrer Frau, Ihrem kleinen Sohn funkeln, bevor Sie sie ins Genick schlagen. Hier brauch ich nur zu pfeifen; aus allen Fenstern und noch vom Himmel strzen meine Legionen zu Pferd und Fu mir zur Hilfe herbei. Ich sage Ihnen fr Ihr ganzes Leben -- schnaufte, strahlte voll harmloser Mordlust, tiefglcklich zuckt seine blasse Sehnenfaust vor die Schlitzaugen, spreizt die Finger zum Fanggriff -- Sie hatten bisher nur Kindskpfe, Quertreiber und Frmmler zu behandeln oder zu enthaupten. Ich werde alle diese Sekunden noch tglich wiederholen. Ich bin glcklich, Ihnen sagen zu drfen -- hier drei Schritte von meiner endgltigen Freiheit, meinem Elternhaus, meiner Schwester, meinen Bchern -- da ich mein ganzes Leben als unerhrtes Recht empfinde, als Entscheidung gerade diese Sekunden begangen und Euch, Euch diese Sekunden angetan zu habe. Der Tartare zuckte die Achseln, grinste freundschaftlich, indem er die Strae hinabsphte, ob keiner zur Hand sei fr jeden Fall. Adelbert Klaasen fhlte dieses selbstbewute Grinsen zu nahe, als da er htte ruhig bleiben knnen; die Jahre, die er es schon ertragen hatte, schnitten mit einmal gleichsam sein Leben aus aller Zukunft. Kein Bro, kein Hof, keine Zelle, kein Baum und Stein, dem nicht dieses hhnisch unschuldsvolle Grinsen der Ewigkeit von Macht und Herrlichkeit aufgeklebt war. Der Wind klirrte mit den Scherben, und er wollte ihn gerade beim Hals packen, den Tartaren, der hier nichts zu suchen hatte, nur die Luft verpestete. Alles war ihm verekelt, finster und lieber wieder eingesperrt, als auch hier noch ohne Mut; er spie aus und sah das Mdchen an, das im Schneeschein vorberglitt. Und schon gingen beide beinah vershnt und brderlich nebeneinander weiter. Da stand das Haus, es fiel vom Himmel gleichsam unverndert. Sein geliebtes und verfluchtes Bild packte, wrgte ihn nieder, der totenstarre Blick der unverhngten Fenster, die beiden Steinbalkone. Sollte er nicht weitergehn, vorbei in eins der anderen Huser -- in irgendeines, gleichgltig welches; nur gerade jetzt und dieses nicht. Denn was er in Fremde, Haft und Verbannung an diesem Augenblick als Erlsung und Gefhl der Bergung empfunden, jubelnd und trostvoll, es war jetzt furchtbare drohende Wirklichkeit. Sein Weg der Schmerzen bis zu diesen Stufen aus blauem Stein war doch Verblendung, Dummheit und Hoffart. Ein Spiel mit der Geduld des Schicksals, das sich tuschen, bertlpeln lassen wrde. Aber dieses Hier war grauenhaft und er aufs neue Schuft, Falschspieler und ein geduckter Knabe, dem rote Tinte den Krper tzt. O Gott, vielleicht gelang es noch vorbei zu schlpfen, diesen Druck auf den Klingelknopf zu vermeiden fr fnf Minuten, fr einen Augenblick -- aber der Wrter rief schon mit tadelndem Frohsinn; Aber wir laufen ja schon vorbei, hier ist ja Nummer zwei. Sieh da, jetzt hast du noch Zeit, mich zu foppen -- kennst du denn dein elterliches Haus nicht mehr? Sein dicker Finger drckte auf den Knopf, da das ganze Haus aufschrie. Drei-, viermal. Er lauschte mit gespitztem Ohr dem Schrei der Glocke. Sein pflichttreues Gemt labte sich am altvertrauten Notschrei -- wie oft hatte er schon mit Mordwonne diesem Zeichen gelauscht, ein Jger auf dem Anstand, das wtend, angstvoll, berreizt unter dem Finger ungezhlter Gefangener aufschrillte, um von ihm berhrt zu werden. Stundenlang hatte das Opfer auf den Knopf gedrckt -- aber dieser gelbe Hund schlich hin, stellte den Strom ab und grinste durchs Guckloch -- Tausenden hatte er so mitgespielt und auch jetzt, zu anderem Behufe, versagte die Glocke ihm nicht Beute und kitzlige Sehnsucht. Adelberts Fu zitterte rasselnd auf dem Stein, dieser Demtigung nicht zu unterliegen, unbndige Freude ri ihm den Hut vom Kopf, schamloseste Trauer, die sein ganzes Innere von Grund auf umleerte, warf ihn an die Mauer, an der entlang er doch nicht fliehen konnte. Auch ffnete sich das winzige Schiebefenster und ein Auge sphte in die Nacht, in sein Gesicht; ganz trocken sagte seine Mutter, da sie gleich komme, ruhig, allzu gebndigt. Schlssel klirrten, verdammte Riegel krachten -- wer war eingesperrt? erlste er? und richtig erschien die Mutter ganz schneewei im weien Glanz des Flurlichtes und hinter ihr schlngelte die rote Spur des Teppichs hinauf zu seiner Stube -- und richtig sagte sie guten Abend und reichte dem Tartaren die kleine harte Hand -- dann erst ihm den Mund -- dann erst rollten ihre Trnen auf seine Backen. Er kuschte sich vor beiden, die beglckt und berzeugt sich trennten. Adelbert lie nicht ab, dem Wrter Verachtung zu zeigen und lpfte flchtig den Hut, eintretend schon als der Herr, der junge Herr, ber den jener Recht und Befugnis verloren hatte, dem bittere Beleidigung nur deshalb widerfahren durfte, damit an ihm einst aller Welt die teuflische Bosheit des Systems offenbar werde und die Edlen zum Kampf treibe. Das Haus und seine Insassen schliefen. Er strte trotz der Teppiche, trotz der Liebe, mit der ihn die Mutter geleitete und trstend anlchelte. Am Ende der ersten Stiege stand vor der Wand ein groer Spiegel, und er sah sich auftauchen, Kopf, Schultern, Beine, auftauchen aus der Unterwelt, der Nacht, und alles schien von ihm abzufallen, hinzuklirren mitsamt der verruchten Welt. Sollte sie sich weiden an seiner Vergangenheit und ihn mit Mist bewerfen -- er stand hier bei seiner Mutter und sah sich ins umflorte Auge, nahm ihren Arm und war rein, erlst, befreit. Endlich brannten, entbrannte er in Trnen, den mden Kopf bettend auf ihre Schulter. Ich kehre zurck von wo ich ausgegangen -- es ist noch nichts und niemals ein Mensch verloren. Wie ungerecht, gemein war diese Zeit und ihr Ha gegen diese Unschuldigen. Wie tief und gttlich weht mich hier endlicher Friede meiner ersten Tage an -- o Freunde, kehrt um, zurck und vorwrts in die Arme eurer Mtter -- lat ab von mir, von eurem groen Wahnsinn. Die Mutter gab ihn in die Arme der Schwester, die irrlchelnd das spitze Kinn an seinen Stoppeln wetzte. Ihre kleinen Brste fhlten sich weich durch seinen Mantel ins entwhnte Blut. Auch hier Erholung, Liebe und Zrtlichkeit -- kein Blick, kein Strich der Hand verletzte sein gieriges Mitrauen. Er kehrte sich um gegen sich selbst, alles war vergessen, aller Unflat, alle Angst, alle Prgel. Gewandt, lebendig legte er Hut und Mantel ab, setzte den Koffer in die Ecke. Richtete sich auf, die beiden Frauen sahen ihn ernst an, sie lauschten. Ein schwaches Wimmern bi von oben -- man sah sich an und seufzte. Die Schwester stopfte das Tuch vor die Augen, die Mutter faltete die Hnde und wehrte alles von sich ab, warf die Last zu Boden. Seine Knie schlotterten, als er zum Schlafzimmer emporstieg, in die Hhle dessen, den er nur als Lwe, funkelnd von Mhne, Zorn und Kraft der vterlichen Pranken gekannt hatte. Seine Knie schlotterten, sein Herz lag im Hinterhalt, -- wer hlt mir die Kehle zu? Vor zehn Richtern und Generlen habe ich nicht gezuckt, nicht gewankt! Mu ich hier wie von je her schlottern? Wie Gummi schwankten Treppen und Wnde mit ihm. Die beiden Frauen lieen ihn allein gehen. -- Es erleichterte ihn, da der Tisch mit den ekelhaften Kakteen verschwunden war; ihre saftige, stachlichte Behbigkeit, die geile Rte ihrer klebrigen Blten hatten ihn stets gereizt -- jetzt aber stand der Tisch voller Flaschen und Schachteln, die nach Jod und Schwefel stanken. Und er erinnerte sich. Er war krank, man hatte ihm doch geschrieben, da der Vater krank sei, unheilbar, dem Tod geweiht! Das hatte ihm so unbegreiflich geklungen, da er es nicht einmal gelesen oder geglaubt hatte. Es war ihm nicht eingegangen. Dieser starke, unbeugsame Richter seiner Jugendtage, Jahre, Ewigkeiten konnte nicht krank werden. Er schob die Tr voll kalter Angst ob bsen Scherzes gegen das Weinen, das laut und flehentlich ihn peitschte -- trat in den Flackerschein des Nachtlichtes. -- Mit groer Stimme schrie es auf in seinem Kopf, in seinem Brustkasten, da er allein, er, Adelbert Klaasen, schuld an diesem Morde sei. Mrder! formte die niedrige Kammer die fieberdrren Lippen. Aus wildem Filzbart greinte ihm geblht von Schmerz, verklrt von Glck dennoch, vergilbt vom nahen Tod, des Vaters Angesicht zu. Ob dieser ungeheuren Schuld war jede Pose, auch die aufrichtigste, verlorenes Spiel, vergebliche Liebesmh. Steif, belstigt vom Rcheln, das weien Schleim auf die blauen Lippen feixte, so lag er da, und der Sohn trat ans Bett des Vaters, nahm seine Hand, die Hand, deren Spuren er noch am Krper zu schmecken glaubte; er knickte ein, fiel vornber und kte die Lippen, die gebettet lagen im braunen, weigestreiften Bart. Der Vater lchelte unter Trnen, konnte nicht sprechen vor Freude, vor Schmerz, trank nur immer wieder mit Fieberaugen sein Bild -- ja, er verga sogar, da er seine Gebrechlichkeit hatte bertreiben wollen, und richtete sich auf im Bett, bat um Licht, um ihn besser betrachten zu knnen. Und als er die Sprache wiedergefunden, von seinem Herzleiden, den rzten, den Medizinen, den Aussichten und Hoffnungen redete, jammerte und querulierte, lie Adelbert nicht ab von seinen Stelzen. Er wute: Ich bin vernichtet. Ich habe diesen Mann gehat, verflucht und verdammt -- ich war entschlossen ihn fr alle Ewigkeit zu hassen; ja, ich wollte sogar jetzt von meinem Ha ablassen, um ihn ganz auf sich zu stellen, da mit er hervorbreche am Tage der Vergeltung, Faust oder Dolchschlag oder Anklage. Und jetzt huft alle Schuld mein Wille auf mein Haupt. Rede du nur von Medizin und Pillen, von Schmerz und schlaflosen Nchten. Sage es mir doch, damit ich zu Boden strze: Du hast mir das Herz gebrochen! Strfling! Schande meiner alten Tage! Was war all sein Unglck, sein Schicksal, die Verdchtigungen, Futritte und Gemeinheiten, Strafen, Verbote, Hohn und erzwungenen Feigheiten seines Lebens, was starke Hoffnung und Glauben an die Mission fr die Menschheit, wenn alles darin gipfelte, alles davon ausging und wurzelte: Ich habe meinen Vater ermordet! Da dieser Vater Schuld auf Schuld wider ihn getrmt, von Grund auf ihn aus allen Bahnen geschleudert htte zu eigener Wollust, Herrschsucht und Eitelkeit, was war dieser unkontrollierbare, einseitige Verdacht, den ungezhlte Geschenke, Sorgen und Opfer wettmachten, gegen diese grenzenlose Schandtat, die mit der Gewalt eines Taifuns aus allen Ritzen des Hauses auf ihn niederpfiff? Vor wessen Auge konnte er ohne zu errten noch hintreten und von Menschheit, Emprung, Glck und Reinheit reden? Gierig lauerte er drei Tage auf die Worte des Alten. Sie blieben sich gleich. Rntgenstrahlen, Medizin, rzte, Tod. Kein Wort von seinem Verbrechen, seiner Schuld, Schurkerei. Niemand lie einen Blick gegen ihn fallen. Wie glckliche Engel saen sie um den Tisch unter der heiligen Lampe geselligem Schein. Sie erlosch nicht -- es war keine Tuschung: Alle waren an ihm satt und glcklich. Das hielt er nicht aus. Bleich sprang er vom Abendtisch, forschend grub sich sein Wutblick in die erschreckten Gesichter. Der Alte schlief -- und er war entwaffnet, mute sich wieder hinsetzen. Mit Bissen guten Fleisches wrgte er die wtende Forderung nach dem gerechten Lohn und Aufschrei nach Rache wider sich hinab. Es ntzte ihm nichts, auf der Brcke zu stehen, unter der die Zge durchqualmten, ihn einhllend mit lockendem Rauch. Er sprang nicht hinab. Er strzte sich nicht in den Flu. Nicht Gift, Dolch, Revolver vermochten gegen ihn. Wie damals schlich er, die Schuhe in der Hand, auf die schwarzen Straen und zog mit Gesindel von Kneipe zu Kneipe. Das Grau des Morgens ri den noch eben stocksteif Betrunkenen zu vollstem Bewutsein auf und er schlich auf Strmpfen in sein Zimmer, erschien frisch und gesund beim Frhstck. Was wollten diese Menschen von ihm mit ihren kleinen, gleichgltigen Sorgen? Sollte er sich im Ernst ber die Hhe des Eiffelturmes aufregen, ber die Schnelligkeit der elektrischen Bahnen, das Gewicht des Saturn einen Schwindel nennen? Muteten sie ihm im Ernste zu, er solle den Prsidenten fr einen Heiligen, seine Minister fr Gtter, den ganzen Staat und seine bldsinnigen Einrichtungen fr Offenbarungen Gottes selbst anerkennen? Und doch wagte er es nicht einmal, den freundlichen, interessiert lchelnden Priester, der den Vater besuchte, nicht zu begren. Er htte ihm sogar die Stiefel abgeleckt, wenn der Kranke oder die Mutter es von ihm verlangt htten. Er ging zur Messe, kniete und segnete sich, machte Besuche bei Verwandten und erzhlte von vergangenen Tagen. Ein grauer Schleier, ein Ewiges: Wie freut es mich, Sie wieder zu sehen, gesund und munter schlferte ihn ein. Wie oft drohte es aus ihm aufzuschreien; glaubt Ihr denn, ich merke Eure Hinterlist nicht? Ihr wollt mich durch Euren Anblick zwingen in die Knie, in den Wahnsinn, in die Gemeinheit. -- ja ich wei und Ihr wit, da ich ein Schuft, ein Mrder, ein Heuchler bin -- ich bekenne es ja -- so lat ab von Euren Banalitten, Euren Regen und Mordgeschichten, Eurem Klatsch und Ekel vor Spinnen -- entweiht nicht meine Niedrigkeit und Reue. Ich bereue, ich liebe Euch, ich wedele mit dem Schwanz, tretet, schlagt, pufft mich in die Ecken -- macht mit mir was Ihr wollt -- aber lat Eure Masken fallen! Er kam betrunken nach Hause, verschwand dann tagelang und streifte durch den Wald. Sein finsterstes Gesicht stie er jedem freundlichen Wort schnaubend entgegen, aber Blick und Wort des Kranken, der Mutter und Schwester blieben ruhig, mitleidig und voll Verstndnis. Ihm fehlte zum Schlu jede Erinnerung, ob das auch frher so war, ob er auch frher schon so verhetzt, verrckt vor Stolz und Mitrauen gewesen oder ob die Krankheit des Vaters erst den Keim zu dieser weihevollen Laune des alltglichen Dramas gelegt hatte. Jedenfalls fhlte er die Unmglichkeit in sich, lnger diesem, seinem Untergang zuzuschauen, bei dem er das strkste, untrgliche Gefhl hatte, selbst dem Tod verschrieben zu sein. Er lag im Bett. Der gepackte Koffer stand neben ihm auf dem Stuhl, Mantel und Hut darber; auf dem Tisch lag ein Brief: Erlogen und erstunken von A bis Z. Ich verreise nicht -- ich fliehe beladen mit meiner Schuld, damit er ganz gerechtfertigt, ganz beruhigt von dannen gehen kann. Ihn trifft gar keine Schuld mehr. Denn ich habe ihm das letzte Wort abgeschnitten, das Wort der Todesstunde, das Wort des Vaters, der erst im Tode allmchtig wird und von da aus dich ganz beherrscht, ganz zwingt auf seine Seite berzutreten. Wie gro ist Er in seiner Macht, in der Erhabenheit seiner banalen Entschuldigungen meines Lebens, des Lebens seines Mrders. Da scholl ein Schrei und Trenschlag zu ihm hinauf -- man lief da unten -- schnell auf und davon! Nur nicht wissen, da er stirbt, da er mir verziehen hat und duldet, duldet, da ich weiterlebe, da er seinem Mrder Absolution vor Gott und Welt erteilte. Aber die Schwester winkte totenbla schon in der Tre, zitternd und zhneklappernd folgte er und stand am Bett des Sterbenden, frh genug, um den letzten verdrehten, geraden und dann glasigen Blick der grauen Augen noch zu begreifen. Und als der starke Mann dalag, tot, kalt und hlzern, nicht mehr aufstand, nicht mehr schimpfte noch Zeitung las, nicht mehr stritt, jammerte und rechtete um die Mark, fand Adelbert als erster sein Gleichgewicht. Mit Ruhe und Umsicht leitete er Begrbnis und Besuche, Abrechnungen und Geschfte, und von Schmerz oder Verwirrung war nichts an ihm zu spren. Man lie den Sarg in die rote Erde, es regnete, und man fuhr nach Hause und klappte den Zylinder zusammen. Da erst atmete er auf, als wieder Licht und Sonne in die offenen Zimmer strmten. Er stutzte vor seiner Ruhe. Sie blieb und er konnte wieder arbeiten, Briefe schreiben. Er dankte dem Toten. Und als er die ersten Blumen auf sein Hgelchen pflanzte, wute Adelbert, da da unten nicht nur der Vater schlief -- da schlief auch ihre Schuld -- des einen Vaterwahn, des anderen Sohnesrache. Kein Drittes zeugte ihr Bett -- er hatte sich frei gemordet. Und wie er auf der Trambahn nach Hause fuhr, konnte er schon lcheln ber die ngstige Geschftigkeit zweier Schulfreunde, ihn nicht zu sehen. End of Project Gutenberg's Der Sprung aus dem Fenster, by Karl Otten License: Share Alike