E-text prepared by Marc D'Hooghe (http://www.freeliterature.org) from page images generously made available by Internet Archive/Canadian Libraries (http://archive.org/details/toronto) Note: Images of the original pages are available through Internet Archive/Canadian Libraries. See http://archive.org/details/visionenskizzenu00pani VISIONEN Skizzen und Erzhlungen von OSKAR PANIZZA Leipzig Verlag von Wilhelm Friedrich. 1893. Oskar Panizza Visionen Erzhlungen und Skizzen _Dem Andenken Ernst Theodor Amadeus Hoffmann's._ Inhalt Die Kirche von Zinsblech Eine Negergeschichte Ein Criminelles Geschlecht Der Corsetten-Fritz Indianer-Gedanken Ein scandalser Fall Der operirte Jud' Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit Der Goldregen Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin Die Kirche von Zinsblech "_Sind angenehm in Leibkleidern_ _als nackend, doch tdtliche Farbe,_ _gehen zertheilt an beiden Orten_ _den Platz hinauf, lassen sich blo_ _sehen als ob sie erscheinen,_ _ungeredet, und gehen alsdann wieder_ _hinab in das Grab."--_ _LuzernerOsterspiel, Todtenauferstehung._ Auf einer meiner einsamen Wanderungen durch Tyrol hatte ich mich eines Abends vergangen. In Folge eines am Nachmittag schief gestandenen Wegweisers fand ich mich bei lngst eingetretener Dunkelheit noch mitten im Walde, whrend ich bei untergehender Sonne lngst am Orte meines Ziels htte eintreffen sollen. Ich kam zwar endlich in ein Dorf, welches ich aber weder in dieser Gegend vermuthete, noch, soviel ich mich erinnerte, auf einer meiner Karten verzeichnet stand. Es mochte jetzt gegen elf Uhr Nachts sein. Alle Hausthren waren verschlossen; die Fensterscheiben schwarz. Aus Besorgni um ein Nachtquartier klopfte ich an eine derselben, deren bleiernschepperndes Gerusch die Worte "Zinsblech! Zinsblech!" vernehmen lie. Dies war aber nur der Laut auf den kleinen runden Scheiben mit Bleieinfassung; die greren Scheiben, an die ich klopfte, um Einla zu erhalten, tnten "Pinzgau! Pinzgau!" Nirgends die Antwort einer menschlichen Stimme. Nach wenigen Schritten stie ich auf die Ortstafel, wo das einzige Licht im Dorf zu brennen schien, bei dessen Schein es mir gelang auf derselben zu lesen: "Gemeinde _Zinsblech_; Landgericht _Pinzgau_". Es folgten noch einige Bemerkungen bezglich Aushebungsbezirk, Steuereinziehung u.s.w. und am Schlusse hie es: "Das Orts-Geschenk wird im Haus Nr. 666 gereicht."--Nachdem ich mit meinem Geklopfe "Zinsblech!--Pinzgau!" mehrere, gnzlich menschenleere Straen durchwandert hatte, wobei mir das Unglck passirte eine Scheibe einzuschlagen, die auf diesen Mord ihres eigenen Ichs mit dem glsernen Sterbeseufzer "Grinzsau!" antwortete, kam ich an die Kirche. Ein groes, hochaufsteigendes Gebude im nchtern-romanischen Stil mit wuchtigen Formen; auen rohbemrtelt; das Dach von Schiefer; am Ende ein hoher Thurm mit in Zacken aufsitzendem Thurmhelm, dessen sich verjngende Spitze ein goldenes Kreuz, und auf dem Kreuz einen Hahn trug. Merkwrdigerweise stand die Kirchenthr, die mit Schweinfurter Grn angestrichen war, sperrangelweit offen. Ich trat ein und ging, nachdem ich in unglcklicher Richtung an den kupfernen Weihkessel angestoen war, der mit dem schilpend-abgewetzten Laut "Prinzfrech!" antwortete, vorsichtig durch die Kirchensthle auf den Altar zu. Vor dem Altar lag eine dicke, wollige Plschdecke. Alles war muschenstill. Ich war so ermdet, da ich mich versuchsweise hinlegte.-- Obwohl es beim Eintritt ganz dunkel war, konnte ich doch schon nach kurzer Zeit allgemeine Umrisse, Nischen und Vorsprnge unterscheiden. Die Altre waren geschmckt mit den in Landkirchen blichen, eingerahmten Tablettes, auf denen lateinische Sprche stehen, mit versilberten Leuchtern, Klingelspiel, alles in einfachster, wenig kostspieliger Form; auf Sockeln an der blanken, weigetnchten Wand herum standen einige Apostel, Mrtyrer und Ortsheilige mit ihren stereotypen Werkzeugen und Symbolen in der Hand. Gesichter, Haltung und Gewandung in jener bertrieben brnstigen und pathetischen Darstellungsweise, wie sie das Spt-Rokoko um die Mitte dieses Jahrhunderts bis in die letzte Dorfkirche brachte. Rechts von dem langen Fenster, auf das mein Blick unwillkrlich vor dem Einschlafen gerichtet war, stand ein Petrus mit einem scharf zur Seite gewandten, vollbrtigen Kopfe, in dessen eigenthmlich grinzenden Zgen sich halb Stolz, halb Verschmitztheit ausdrckte; halb, schien es, blickte er auf den auf der anderen Fensterseite stehenden Jeremias, der traurig und verlegen seine Papier-Rolle gesenkt hielt, halb zum Fenster hinaus, seinen groen, schwarzen Schlssel krampfhaft in das Mondlicht haltend, das scharf am Rand des Kirchendachs herabgleitend, langsam durch das linke Seitenschiff der Kirche strich.--Mit diesem Bild schlief ich ein.-- Wie lange ich geschlafen, kann ich nicht sagen; ich erhielt nur pltzlich einen Sto in die Seite, wie von einem harten Gegenstand, und erwachend bemerkte ich vor mir einen Mann in einem langen, rothen Gewand, und unter dem Arm ein groes, schiefes Holzkreuz; dieses Holzkreuz war an mich angestoen. Der Mann kmmerte sich um mich gar nicht, sondern schritt ernst und gemessen dem Altare zu. Und nun erkannte ich, da er nur Einer unter Vielen war, die in einer langen Reihe geordnet aus den Kirchensthlen herauskamen in der Richtung zum Altar. Die ganze Kirche war taghell und prchtig erleuchtet. Auf allen Altren brannten Kerzen. Vom Chor herab tnte ein langsameinschlferndes Gesumse der Orgel. Weihrauch und Kerzendampf lagerten sich in festen, bleigrauen Schwaden zwischen die weigetnchten Pfeiler und die Wlbung. In dem Zug der geheimnivoll dahinschleichenden Menschen bemerkte ich eine Menge seltsamer Gestalten. Da ging an der Spitze eine junge, prchtige Frau in einem blauen, sternbesten Kleid, die Brste offen, die linke halb entblt; und durch Brust und Kleid hindurch ging ein Schwert, so, da das Kleid gerade noch getroffen war, als sollte das Kleid dadurch empor gehalten werden. Sie blickte fortwhrend mit einem verzckten Lcheln an die weie, kalkige Decke empor, und hielt die Arme in brnstiger Geberde ber die Brust gekreuzt, so da es den Eindruck gewann, als jubilire sie innerlich ber einen Gedanken (wobei ich nochmals bemerke, da das Schwert links, bei der linken Armbeuge, bis zum Heft fest darinsa). Dies war die vorderste Person. Aus der hinter ihr folgenden Reihe fielen Manche durch ihre wunderliche Tracht auf. Die Meisten hatten bestimmte Werkzeuge in der Hand. Der Eine eine Sge; der Andere ein Kreuz; der Dritte einen Schlssel; der Vierte ein Buch; Einer gar einen Adler; und ein Anderer trug ein Lamm auf dem Arme mit herum. Niemand wunderte sich ber den Andern. Keiner sprach mit dem Andern. Aus dem Schiff der Kirche fhrten drei Stufen zu der erhhten Estrade, wo der Altar stand. Jeder wartete mit seinem in bestimmter Haltung getragenen Werkzeug, bis der Vordere die drei Stufen droben war, um nicht mit ihm zusammenzustoen. Was mich am meisten wunderte: Niemand wunderte sich ber mich. Ich blieb vllig unbemerkt. Und selbst der Mann, der mit seinem schiefbalkigen Kreuz an mich angestoen war, schien davon nichts bemerkt zu haben. Eine zweite weibliche Person fiel mir durch ihre pathetische Haltung im Zuge auf: eine blonde Frau, nicht mehr jung, mit hbschen aber verwitterten, abgelebten Zgen. Sie trug ein ganz weies Kleid, ohne Falbe oder Borde; in der Mitte mit einem Strick gebunden. Dieser Strick war aber vergoldet; die Brste vollstndig entblt. Doch schaute Niemand auf diese ppig quellenden Brste hin. Reiche, blonde Flechten, vollstndig aufgelst, wallten den ganzen Rcken hinab. Sie trug den Kopf tief auf die Brust gesunken, und schaute verzweifelt auf ihre, nicht wie gewhnlich gefalteten, sondern nach auswrts umgeknickten Hnde (wie es auf dem Theater Verzweifelnde machen); Thrnen perlten fortwhrend von ihren Wimpern, fielen von da direct auf ihre Brste, von da auf das Kleid und auch noch auf die stellenweise unter dem Kleid hervorkommenden Fe.--Es wre unmglich Alle die aufzuzhlen, die hier so still und selbstverstndlich, wie zu einer regelmigen Uebung, da hinauf wanderten; aber der Mensch mit der verkniffenen Fratze, der anfangs seinen Schlssel so energisch in das Mondlicht hielt und den ich vor dem Einschlafen unwillkrlich noch auf dem Postament betrachtet hatte, war auch dabei.--Trotz des eintnigen Orgelspiels war mir seit dem Erwachen ein eigenthmliches, zischelndes Gerusch hinter meinem Rcken am Altar nicht entgangen. Ich blickte jetzt um und bemerkte dort einen hochaufgeschossenen, ganz wei gekleideten Menschen, der fortwhrend in den an ihm vorbeiwandernden, theilweise vor ihm haltmachenden Zug hineinflsterte: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" Es war eine unsglich feine Figur: schlank, gracile Glieder, geistvolles Profil, griechische Nase, dunkle, glattgescheitelte Lockenwellen fielen ber Schlfe, Ohr und Nacken; ein durchsichtiger, jnglinghafter Flaum um Kinn und Lippen. Nur bemerkte ich an seinen Hnden Blut. Er stand am uersten linken Ende des Altars und schob den je zu zwei vor ihm stillstehenden und auf einem rothen Schemel knieenden Menschen aus dem Zug ein rundes, wei angestrichenes Stck in den Mund, da diese unter brnstigem Augen-Aufschlag an die Decke blickten, und flsterte immer zu: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" und "Nhmet hin und sset!" prallte es von den halbkugelfrmigen Hohlwnden hinter dem Altar zurck. So weit war Alles gut. Auffallend war mir zwar, woher dieser Mensch die weien runden Stcke brachte. Er langte wohl fortwhrend in den Brustlatz seines Gewandes hinein; dort konnte aber ein Vorrath, eine Tasche u. dergl. von den weien Mnzen unmglich sein; einmal, weil dieses Austheilen ewig fortging und kein Ende nahm; ferner ein Unterkleid, wie man deutlich sehen konnte, nicht da war; und schlielich die Dnnbrstigkeit dieses abgehrmten Menschen eine so excessive war, da, was sich im Profil darbot, nothwendig dem Krper selbst angehren mute. Auch bewegte er die feine, hchst schlank gebaute Hand so tief nach innen, da fr mich, so weit meine allerdings der Tuschung fhigen Sinne in Betracht kamen, kein Zweifel bestand, da er die kreidigen Zwlf-Kreuzerstcke aus seinem Krper selbst brachte.--Ich sagte, so weit war Alles gut: Die Leute, die Frau mit dem Schwert in der Brust voraus, marschirten hinter dem Altar herum, um auf der rechten Seite wieder zu ihren Pltzen in den Kirchenbnken zurckzukehren. Aber was war denn auf dieser rechten Seite?--Dort stand ein analoger Mensch,--mehr ein mythologischer Zwitter als ein Mensch,--in einem schwarzen, protestantischen Predigertalar, vorn am Hals die viereckigen, weien Tablettes oder Bffchen, hinter denen ein schwarz behaarter Hals zum Vorschein kam; hinten am Ges theilte sich das Predigerkleid, und ein schwarzer, affenartiger Wickelschwanz rollte sich dort heraus von so respectabler Lnge, da er, die Breite des Altars berspannend, mit dem Rcken des auf der linken Seite amtirenden weien Menschen in stete Berhrung kam. Unten guckten zwei hufartige Fe heraus, und oben, am Predigerhals sa ein Kopf, dessen wilder Haarwuchs verbunden mit einem gelben Kolorit, eingefurchten, denkfaltigen Zgen, und einer stumpfigen Nase einem deutschen Professoren-Gesicht an Hlichkeit wenig nachgab. Eine goldene Brille complettirte diese aus Aerger, Bitterkeit und Ekel zusammengesetzte Physiognomie.--Eigenthmlich war es, da er fast pendelartig dieselben Bewegungen und Gesten machte, wie sein weies Vis--vis,--oder Rck'-gegen Rcken--auf der andern Altarseite.--Er hielt einen schwarzen Becher in der Hand, aus dem er seiner hnlich wie drben vorbei-paradirenden Gesellschaft zu trinken gab. Dabei rief er in einem heiseren, grlenden Ton der jedesmal vor ihm knieenden Person zu "Nehmet hin und trinket!" Und jedesmal fhrte er den Becher hinter sich herum, am Ges vorbei, um ihn dann der nchsten Person an die Lippen zu setzen. Was war nun aber das fr eine Gesellschaft auf dieser rechten Seite? Eine merkwrdige und ganz anders geartete als drben! Da war ganz vorne ein Mensch mit einer langen Nase und zurckweichendem Kinn, einen Dreimaster am Kopfe, den ausgemergelten Krper in eine franzsische Uniform gesteckt la Louis XV., mit zurckgeschlagenen rothen Rockflgeln, einen Degen zur Seite, in der rechten Hand einen Krckstock, und zu allem Ueberflu noch unter'm linken Arm eine Flte; er hielt den Kopf immer schief und sah sehr ausdrucksvoll drein, und schien genau zu wissen, was er that.--Da war ferner ein feiner, eleganter Kerl in spanischem Kostm, Tricots bis fast an die Lende, Pluderhosen, gestepptes, panzerartiges Wams, darber einen goldbordirten kurzen Mantel la Philipp II., Schnallenschuhe, Sammthut mit Strauenfeder; das Gesicht gealtert, aber noch leichtfertig aufgelegt; einen gezckten, blanken Degen in der Rechten tnzelte er, die Champagner-Arie aus Mozart trllernd, die drei Stufen zum Altar hinauf, mit Wohlwollen auf die Ceremonien des schwarzgeschwnzten Predigers sich vorbereitend. Unter den Frauenzimmern bemerkte ich eine in einem weien, griechischen Gewand mit goldener Falbel, die Arme nackt und mit goldenen Spangen, die Brste verfhrerisch halb entblt; auf dem blonden feingeschnittenen Haupt ein Knigsdiadem, und unter dem Arm eine Lyra; mit ihren frhlichen, fast ausgelassenen Manieren bildete sie einen wirksamen Gegensatz zu der blonden, schluchzenden Frau auf der andern Seite.--Es waren noch manche wunderbare, wie es schien, aus allen Gegenden und Zeiten zusammengewrfelte Gesellen da. Da war einer in einem langen, dunkeln, schleppenden Magister-Gewand, Barett auf dem ernsten Gesicht, eine dstre, grbelnde Scholastenmiene, unter dem Arm ein geheimnivolles Buch mit bhmischen Lettern, der mit zu Boden gewandtem Blick schweigend in der Reihe einherging. Gleich hinter ihm ging ein junges Mdchen mit mildem, weichem Gesichtsausdruck, die einen abgehauenen, brtigen Kopf auf einer Schssel trug. Der Kopf schien der eines Denkers zu sein; das Mdchen lchelte und schien mit einem heitern Gedanken beschftigt zu sein. Aber weitaus die prominenteste Figur in dem ganzen Zug war ein untersetzter, starkknochiger Mann mit rundem glattrasirtem Gesicht und Stiernacken im schwarzen Predigergewand, (dasselbe Predigergewand, welches der geschwnzte Mensch rechts am Altar trug,) der mit emporgeworfenem Kopf und selbstbewuter Miene einherging, unter dem linken Arm eine Bibel, unter dem rechten eine Nonne; dies war berhaupt das einzige Paar im ganzen Zug. Schon oben sagte ich: Soweit war die Sache ganz gut. Und die Sache wre auch weiterhin ganz gut gewesen: Der linke Zug ging, wie ich mir die Intention dachte, rechts um den Altar herum, der rechte links herum, um auf diese Weise in ihre respective Kirchensthle zurckzukehren. Wie aber, wenn diese zwei Zge von so heterogenem Charakter sich hinter dem Altar begegneten. Und das _muten_ sie!--Ich versumte leider dieses Zusammentreffen. Fortwhrend beschftigt mit dem Durchmustern besonders des rechten Zuges hrte ich nur pltzlich eine gelle heisere Lache aufschlagen. Ich wandte mich um, und sah den schwarzgeschwnzten Menschen, der auf der rechten Seite den Kelch mit dem verdchtigen Inhalt kredenzte, sich mit einer hhnischen Fratze nach der andern Seite umsehen, wo der weie, sanfte Mann bleich und starr wie ein Todter stand. Hinter dem Altar sah ich die Spitzen beider Zge sich mit verdchtigen Mienen gegenseitig messen. In diesem Moment verlschten smmtliche Kerzen; ein dicker, schweflicher Dampf verbreitete sich im ganzen gewlbten Haus; das einschlfernde Summen der Orgel wurde von einem keifenden, gilfenden Aufschrei, wie von einem blechernen Accord unterbrochen, als htte man eine der Orgelpfeifen mit einem Beil verwundet. Es entstand ein frchterlicher Tumult; man hrte harte Krper strzen, Werkzeuge aufschlagen, Leuchter und Schsseln zu Boden fallen, weibliches Wehklagen, mnnliche Kernflche, Lachen und Schreien und dazwischen rief eine mokante, kropfige Stimme (die, glaube ich, dem Schwarzen angehrte) mit einem eigenthmlichen, jdelnden Jargon: "Ja, ja!--Nhmet hin und sset!--Ja, ja!--Nhmet hin und trinket!"--Halb aus Furcht erschlagen zu werden, halb aus Unmglichkeit in der stickigen Luft weiter zu athmen, tappte ich mich im Finstern dem Ausgang zu, der, ich wute, zur Rechten lag. Im Vorbergehen streifte ich am Weihkessel an, der mit einem "Springsau!" mir den Abschied gab, und gelangte glcklich ins Freie.-- Es war noch immer Nacht; doch sah man im Osten die Dmmerung heraufkommen. Ich eilte so rasch wie mglich diejenigen Gassen entlang, von denen ich glaubte, da sie mich am schnellsten ins Freie bringen; ich kam an einem erleuchteten Fenster vorbei; Bcker schoben dort gerade auf langen Brettern das neue Brod in die Rhren; ich war nur froh mich wieder in irdischer Gesellschaft zu finden. Doch eilte ich, aus dem Dorf zu kommen, holte, auf der Landstrae angekommen, tchtig aus, und gelangte nach mehrstndigem Marsch gegen Morgen in eine kleine Ortschaft von harmlosem Aussehen mit freundlichen Leuten, berall offenen Thren, und einer wenig prponderirenden Kirche, dagegen mit einem vortrefflichen Wirthshaus, wo ich nicht sumte, mich zu restauriren.-- Acht Tage spter las ich,--inzwischen in die Kreisstadt gelangt,--im Amtsblatt folgende Bekanntmachung: "In vergangener Nacht wurden in der hiesigen Ortskirche grauenhafte Zerstrungen angerichtet. Die Bildsulen der Heiligen und Kirchenvter wurden von ihren Sockeln gestrzt, die Embleme ihnen aus der Hand gebrochen, Arme und Beine abgeschlagen ec.--Da die ziemlich leicht zugngliche Armenbchse unberhrt gelassen, auch sonst Werthvolles nicht entwendet worden, stellt sich das Ganze als ein Akt rohen Muthwillens und moralischer Verderbtheit dar. Verdacht richtet sich gegen einen Handwerksburschen, der spt Nachts in's Dorf kam und es gegen Morgen in der Richtung nach ----* verlie. Es wird gebeten, auf denselben zu vigiliren. Derselbe, von dem jede nhere Beschreibung fehlt, ist im Betretungsfalle festzunehmen und anher einzuliefern."-- Gemeinde Zinsblech. Landgericht Pinzgau. Der Brgermeister ** (Datum.) Eine Negergeschichte _Tantam vim et efficaciam_ _nonnulli phantasiae et_ _imaginationi in proprium_ _imaginantis corpus tribuerunt._ _Benedicti XIV; de imaginatione et ejus viribus._ Erst ganz kurz hatte ich mich in einer der stlichen Vorstdte _Hamburgs_ als Arzt und junger Anfnger niedergelassen. Der groe Weltverkehr dieser Seestadt hatte stets einen eigenthmlichen Reiz auf mich ausgebt. Durch billiges Honorar und unentgeldliche Armen-Behandlung hatte ich mir bald eine zahlreiche Clientle, freilich meist geringere Leute, herangezogen. Ich wohnte ganz frei, fast wie auf dem Land. Ich hatte den Sommer als ersten Aufenthalt gewhlt, um von der mir noch ganz fremden Stadt, meinem knftigen Aufenthaltsort, einen mglichst gnstigen Eindruck zu bekommen. Auf einer groen Wiese vor meinen Fenstern lagerten immer groe Carawanen oder kleinere Trupps seltener Thiere oder fremdartiger Menschen, die meist von London herbergekommen waren, und hier ihre weiteren Verschickung in's Innere Europas warteten. Ganz in meiner Nhe lag auch die Irrenanstalt.-- Es war ein schner Junimorgen. Meine Sprechstunde sollte eben beginnen. An der Thre, die zum Wartezimmer fhrte, hrte ich ein seit einer Viertelstunde immer wachsendes Summen und Schwirren, unterbrochen von Kindergeschrei, von dort wartenden, meist rmeren Leuten,--als pltzlich die Thre meines Wohnzimmers, die zum Hausgang fhrte, mit einem energischen Griff aufgerissen wurde, und ein _Neger_ zu mir in's Zimmer trat. Gleich hinter dem Neger kam mein Aufwarte-Mdchen mit besorgten Blicken hereingestrmt, um mir das unreglementmige Eintreten des Fremden zu erklren und zu entschuldigen. Ohne sich irgend wie abhalten zu lassen, sei der schwarze Mensch, als er meinen Namen an der Zimmerthre gelesen, an ihr vorbeigeschossen und habe die Thre aufgerissen ... so oder hnlich drckte sie sich aus. Ich erwog, welche Bestrzung der schwarze Mensch im Wartezimmer, wo sich Kinder befanden, verursacht haben wrde, und, indem ich mein Warte-Mdchen beruhigte und abtreten lie, forderte ich den Neger mit einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen auf. Dieser Mensch hatte mich aber bereits mit einer Fluth von Phrasen und einem Durcheinander von Kauderwelsch bergossen: "... halloo! Sie sind der Dokter?--You are the doctor!"-"Jawohl!"--"Ich habe Ihnen eine wichtige Consultation vorzutragen;--ich habe Ihnen aine sehr wichtige Mittheilung, aine sehr erfreuliche Mittheilung zu machen;--sehr wichtig und sehr erfreulich vor mich; ich wai nicht, ob auch vor Sie.--Aber ich glaube, da Sie ein guter Docter sind, der hat ain Herz,--at least I presume;--Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen werde erzhlen, das hait, Sie knnen kaum glauben, wenn Sie gesunde Kopf haben,--ich meine, Sie werden hchst wahrscheinlich nicht glauben,--aber es ist doch wahr,--es ist furchtbar wahr,--es ist fast zu toll, um wahr zu sain.--I'm a nigger;--that is, I have been a nigger!--Ich habe Neger gewesen!--oh,--ich bin Neger gewesen!--Ich bin Neger nicht mehr!..."-- Ich mu hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger, der hier vor mir stand, und sich um keinen Preis setzen wollte, war schwarz. Die wird vielleicht Manchem als eine hchst berflssige Bemerkung erscheinen; sie ist es aber nicht, wie der Leser am Schlusse dieser absonderlichen Sprech-Zimmer-Debatte, womit die Geschichte berhaupt zu Ende ist, erkennen wird. Ich fge hinzu: Der Neger war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene brunlichen Tinten und helleren Flecke, wie man sie bei den etwas entfernter vom Aequator wohnenden Stmmen findet. Der Mann war _ganz_ schwarz; jene Schwrze mit blulichem Anhauch, wie es bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr darbietet; mit einem Wort, ein echter _Sudan_-Neger.--Er war abendlndisch gekleidet, trug einen hellcarirten, doppelten Ueberzieher im englischen Schnitt, einen eleganten braunen, faonirten Filzhut, keine Handschuhe, dicke, auffallend groe Stiefel, die er fertig gekauft zu haben schien, und, in Unkenntni ihres Bau's, rechts und links verwechselt hatte; die ganze Gestalt krftig, untersetzt; das Gesicht bartlos, wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein groes sprechendes Auge, kurze aber gut entwickelte Stirn, und, ich wiederhole nochmals, die Haut ganz schwarz.--Ich mu sagen, das Erscheinen dieses Menschen in meiner Sprechstunde war mir nicht besonders angenehm; der wilde schwarzbltige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingefhrt hatte, lie mich befrchten, ich mchte nicht so rasch mit ihm fertig werden. Inzwischen war es l Uhr geworden. Im Wartezimmer neben drngte und stie es an die Thre; es war jedenfalls schon voll; und fortwhrend klingelte es, und es kamen neue Patienten.--Auf der andern Seite beunruhigte mich der Gedanke, da ich in orientalischen Krankheiten und unter den Tropen vorkommenden Leiden hchst ungengend orientirt war; in Neger-Pathologie wute ich nun schon gar nichts.--Die Suada, die der Mann mit immer heftigerer Gesticulation hervorbrachte, lie sogleich erkennen, da er ursprnglich englische Cultur-Verhltnisse durchgemacht, und dann erst von hier aus sich das Deutsche angeeignet hatte, welches er mit englischem Accent sprach.--Das Haupt-Leiden der Englnder, wenn sie sich in tropischen Gegenden aufhalten,--sagte ich mir rasch,--ist das Saufen; sie leiden alle an der Leber;--und die erste Leidenschaft, die wilde, uncivilisirte Vlker bei ihrer Berhrung mit Abendlndern diesen nachmachen, ist der Schnapsgenu;--vielleicht,--dachte ich mir,--leidet der Mann an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhrliche Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmglich Alles vorfhren kann, mit den Worten: "Mein lieber Freund, sind Sie krank, und wo fehlt es Ihnen?"--"Krank?"--replicirte mein schwarzes Vis--vis sehr heftig, und ri die Augen auf,--"krank,--nein! ich sein nicht krank; ich bin ganz gesund, gesnder als vorher ..."--"Ja, was wollen Sie dann von mir?"--frug ich etwas rgerlich.--"Bitte, Docter,--haben Sie gute Herz und hren Sie mich an!"--In diesem Moment kam mir der Gedanke, da der Bursche ein Almosen verlange, und, um dasselbe mglichst gro ausfallen zu machen, im Begriff sei, mir eine Schicksals-Tragdie zu erzhlen. Ich griff daher in mein Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstck und hielt es ihm hin. "Was haben Sie Docter?" frug der Neger und wich vor meiner Hand zurck. --"Eine Kleinigkeit fr Sie,--um Ihnen zu helfen!"--"Geld?"--schrie er,--"ich brauch kein Geld, hab' ich selbst Geld,"--und hieb mit der rechten bermig groen Hand auf seine rechte Hosentasche;--"Geld ist Schmutz!"--fgte er hinzu, und holte mit der enormen schwarzen Pratze einen Haufen Mnzen aus der Hosentasche, und hielt sie mir zitternd vor das Gesicht.--"Hier Docter, wollen Sie Geld?--Geld ist Schmutz!" schnaubte der Neger, und war einen Schritt nher auf mich zugekommen, mich mit den weien Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie ich diese schwarze Hohlhand, in der bunt durcheinander Gold-, Silber- und Kupferstcke von nicht unbetrchtlichem Werth lagen, vor meinen Augen zittern sah, und sah die kittgelben schmutzigen Ngel, und die affenartige Krmmung derselben, und roch den eigenthmlichen Neger-Schwei, kam mir das Gefhl, ich befnde mich einem Thier gegenber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke zerschmettern knne. Ich beschlo daher so sanft wie mglich diesem erregten Menschen gegenber zu verfahren.-- "Sait wai Jahren war ich eccentric dancer im Royal Garden in London,--Docter!--und hab viel schmutzig Geld gemacht;"--nahm mein Besucher den Discurs wieder auf, und zeigte vor Freude die zwei Reihen seiner grokalibrigen Zhne; denn die Bestrzung, in die er mich gebracht, war ihm nicht entgangen.--"Sagen Sie mir, wo es Ihnen fehlt,"--begann ich nun meinerseits sehr ruhig und entgegenkommend,--"damit ich Ihnen helfen kann; da drinnen warten einige fnfzig Personen!"--fgte ich hinzu, auf die geschlossene Thr des Warte-Zimmers weisend.--"All right!"--sagte der Neger, brachte das Riesen-Stck-Fleisch mit den gelben Fingerngeln leer wieder aus der rechten Hosentasche zurck, trat einen Schritt weg, stellte sich in Positur und fuhr dann fort: "Ich bin aus _Pululi_...."--"Von mir aus von wo der Pfeffer wchst!"--entgegnete ich mimuthig, und stand vom Stuhl auf.--"Nein!--nicht von _Pfeffer-Kste_!"--replicirte der Schwarze mit einer heftigen Gesticulation, ohne meine Wendung verstanden zu haben,--"_Pfeffer-Kste_ ist weiter gegen Sonnen-Untergang;"--"Weiter, weiter, weiter!--Damit wir zu ihrer Krankheit kommen."--"Ich uar der beste dancer in mein Dorf; wir tanzen auf Holzschuhen und singen sehr schne Lieder dazu--so!"--in diesem Moment machte der Neger einen Luftsprung, whrend dessen er mit dem rechten Fu die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berhrte, von da ein kleines Stckchen Speis mit herabnehmend; dabei stie er einen offenbar Freude andeutenden, lange-gurgelnden, scheulichen Laut aus, und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fu mit solcher Wucht auf den Boden, da mehrere Glser auf meinem Schreibtisch umstrzten, und er selbst wie in eine Staubwolke eingehllt schien. Im Neben-Zimmer fing ein Kind heftig zu schreien an.--"Ja, Docter, ich uar beste dancer in Nikowikdwanga! Aber zu maine groe Unglck. Ich habe nie in Wasser gesehen, weil der groe Neger-Geist verbietet Sudan-Vlker, sich in Wasser zu sehen; und Spiegel haben wir nicht. Ich habe nie in Wasser gesehen. Ich habe nicht gewut, da ich schwarz bin. Und das dancing hat mich in Unglck gestrzt!..."--"Was soll aber ich mit dem Allen?" ich,--"Kommen Sie zu Ihrer Krankheit!"--"Aine schne Tag kommt ain Mann zu mir, und fragt mich, ob ich will gehen zu mchtige Volk von Englnder, die am ganze Krper Kleider tragen, und dancing und singen in ein Haus voll mit ein Meer von Licht;--und er zeigt mir Hand mit schmutzig Gold,--so!"--und dabei griff mein schwarzer Besucher wieder in die rechte Hosentasche und hielt mir einen Haufen stinkenden Geldes in dem schwarzen Kbel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich traute mich nicht zurckzuweichen, aus Furcht, der Neger mchte mir noch nher auf den Leib rcken. Ich sagte nur: "Und dann?"--"Ich bin gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, da Geld rein ist und nicht schmutzig. Und hab' bestiegen eine groe englische Schiff, und wir sind gefahren uai Monate auf dem Meer, und whrend uai Monate ich hab' nicht gesehen in Wasser, weil der groe Neger-Geist verbietet Sudan-Volk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab' nicht gewut, da ich war schwarz. Und dann, wir kamen nach Liverpool."--"Weiter, weiter, weiter!" drngte ich.--"In Liverpool, Docter! sah ich kolossal viel blinzelnde Menschen zwischen groe Huser spazieren mit Gesicht wie Mehl und Kreide,--scheulich!--scheulich!"--"Weiter, weiter!--Haben Sie das Klima nicht vertragen?"--"Klima?--Was ist Klima?--Luft war gut; Essen war gut; Wohnung sehr hart; aber diese Menschen! mit das grinsende Gesicht! und alle dicht hintereinander spazierend, und mich anstarrend mit dem Kalk-Gesicht!"--"Daran gewhnt man sich doch!?"--"Oh yes, Docter!--daran gewhnt man sich; ich habe mich auch daran gewhnt; ich habe sogar englisch gelernt;--aber aine Tag, als ich in Lancaster-Street spazieren gehe, schaue ich durch ein Block Wasser...."--"Ein Block Wasser,--was soll das heien?"--"Ich schaue durch ein Block Wasser, welches in einem Haus ist, und hinter dem die Leute hin- und hergehen und schne Sachen zum Verkauf aufstellen."--"Es wird ein Schaufenster gewesen sein?"---"Well, es uar ein Block festes Wasser."--"Es war eine Glasscheibe!"--"Well, Glas ist festes Wasser!" --"Wenn Sie wollen, in Gottes Namen!--Was weiter?"--"Well, Docter, ich schau in den Block; es uar ein Versehen, weil der groe Neger-Geist verbietet Sudan-Volk in festes Wasser zu sehen; aber ich schaue hinein, und Docter, was sehe ich?"--"Nun, vielleicht war es gutes Spiegelglas; Sie werden sich selbst gesehen haben?"--"Ein schwarzes Scheusal!--Ein fletschender Gorilla!--Ich glaubte zuerst ein Thier stehe im Laden und schaut heraus; aber die uaien Menschen, die vorber gingen, haben sich auch in dem Block Wasser gesehen; und jetzt sah ich, da ich uar das scheuliche Thier; _jetzt ich wute, da ich uar schwarz_; und da Abends die Englnder applaudiren, wenn ich thu singing und dancing, weil ich uar schwarzes Neger-Thier; und da sie spritzen aus hundert Rhren knstliches Licht, damit sie mich besser sehen knnen!"--"Mein Gott, Sie fassen die Sache hchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede in der Hautfarbe konnten Sie doch schon frher kommen!"--"Ja, und jetzt hab' ich gefunden Kalk-Gesichter von uaie Englnder und noch mehr von Englnderinnen sehr pretty,--ja, sehr schn;-und dann hab' ich geflucht dem groen Neger-Geist, der Sudan-Volk hat schwarz angestrichen; und ich habe beschlossen, da ich mu werden _uai_...."--"Sie haben beschlossen wei zu werden?--Ja, das wird Sie wenig helfen!"--"Was? Docter, wissen Sie nicht, da wir haben was in unser Kopf, das Alles kann ndern?!"--"Was haben wir in unserem Kopfe?"--"Wir haben Etwas, das Alles kann machen, wie es will!"--"Das versteh' ich nicht; was soll das heien?"--"Well, wenn schwarze, hliche Sudan-Volk hat so Etwas in sein Hirn, dann mu Englnder und Deutsche auch haben?" "Ja, wir haben doch keinen Farbtopf, der Alles anstreicht, wie wir wollen?!"--"Nix Farbtopf!--oder Farbtopf im Kopfe;--nix falsche Farb,--echte Farb!"--"Ja, und was war das Resultat Ihrer Anstrengungen?"--"Well, Docter, nachdem ich uai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem Wasser-Block und hab' hineingeschaut, und hab' mir gesagt: Poppy, du mut _uai_ werden, und hab' fast nichts mehr gegessen, und nicht mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, da ich konnt' nicht mehr dancing und singing, und Mister hat mich weggeschickt, und bin ganze Nchte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasser-Block, zum Hineinschauen, weil Nachts alle sind verschlossen, und bin dann zum Flu gelaufen, und habe hineingeschaut ein Stunden, uai Stunden, ganze Nacht,--endlich, Docter, nach uai Monate,--nachdem ich uar wie ein Hund,--konnt' nicht mehr reden, nicht schlucken, aber immer noch in mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschne _uaie_ Negerbild...."--"Nun?" frag ich voller Erwartung.--"Well, Docter, nach uai Monat, eines Tags, pltzlich,--it was a wonderfall sight!--ich bin geworden uai...."--"Weise oder wei?"--"Well,--eine Morgen, in Lancaster-Street, wie ich schaue in Wasser-Block,--ich bin gehabt,--oh, ich _habe_ gehabt uaie Farb,--wunderschne _uaie_ Gesicht,-oh, I tell you Docter, ich uar schnste Mann in Liverpool; und alle Leute haben mich angeschaut; und ich bin gegangen zu main Master, und hab' gesagt, ich kann wieder dancing und singing. Aber der hat mich auf Schiff geschickt nach Hamburg...." In diesem Moment fuhr drauen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich hrte zwei Mnner eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede meines Besuchers fast starr geworden. Das Gerusch des Wagens hatte, wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch zitternd und glhend von der Aufregung seiner Erzhlung stand der Neger erwartungsvoll vor mir; das Blut-Roth seines Gesichtes hatte seiner schwarzen Farbe die Mischung von Bronce geliehen. Die weien Augen waren gespannt und erwartungsvoll auf mich gerichtet. Aber gleichzeitig zeigte mir sein beschleunigter Athem und die furchtsamen Kopfwendungen nach der Thr, da er irgend welche Gefahr wittere, mir unbekannt woher. Inzwischen hrte ich drauen an dem Gesumme und Gemurmel an der Hausthr, da etwas Auergewhnliches vorgegangen sein msse. Auch das Sprechzimmer nebenan kam in Unruhe. Vielleicht hatte man einen pltzlich Verunglckten gebracht.--"Ja, und womit kann ich Ihnen nun dienen?"--frug ich jetzt mit der grten Ruhe mein Vis--vis.--"Well, Docter, ich bitte Sie um ain Zeugni, da ich bin _uai_,--die schwarzen Teufel, die mich...." Ich konnte den Rest seiner Rede nicht hren, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: "Ja, mein lieber Freund, Sie sind aber schwarz; Sie sind schwarz wie ein Sudan...." In diesem Moment fhlte ich mir die Kehle zugeschnrt, hrte einen Schrei ausstoen, wie ihn vielleicht die Hyne hervorbringt, und vor meinen Augen tauchte das lechzende blutrnstige Gesicht des Negers mit vorgetriebenen, weien Augpfeln und heiem Athem auf.... Ich htte wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Mnner, beide im gleichen gestreiften Drilch-Anzug in's Zimmer gestrzt, von denen der Eine zum Andern sagte: "Da ist er!"--Bei ihrem Anblick lie der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war und mich zu drosseln angefangen, mich los, und strzte sich mit den Worten "Da sind sie, die schwarzen Teufel!" auf sie. Es entstand ein frchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformirten Leuten, in denen ich Irrenhaus-Wrter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen. Die Gold- und Silber-Stcke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt in der Luft schwebte, zerstreut da und dort auf den Boden. Er schrie immer und immer wieder: "Docter, helfen Sie mich gegen die schwarzen Teufel!"; dabei waren seine Augen derart aus ihren Hhlen getreten, da sie das ganze, mundschumende Gesicht wie mit einem weien Schimmer berzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder frchterlich zu schreien angefangen, und bleich und entsetzt stand an der weitoffenen Zimmerthr mein Aufwarte-Mdchen.--Endlich wurde der Neger berwltigt und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weien Blick zu. Dann ward er gepackt, hinausgetragen, in den Wagen geschoben, und huida!--hast du nicht gesehen?---fort ging's in's _Irrenhaus_. Ein Criminelles Geschlecht "_Er wute Nichts von den_ _Geschlechts-Unterschieden der_ _Menschen, und unterschied die_ _Leute nur nach den Kleidern."--_ _Bericht ber Kaspar Hauser. (1828.)_ Es war um die Zeit, als ich in dem von Deutschland neugewonnenen Straburg studirte, da ich eines Tags einem Criminal-Commissarius vorgestellt wurde, der bei der damals kurz nach dem deutsch-franzsischen Kriege nothwendig gewordenen Neu-Ordnung der Dinge aus dem Norden Deutschlands dahin versetzt worden war. Wir trafen uns fter. Es war ein uerst verschlossener Mann; accurat, streng gegen sich und andere, aufrichtig, wahrheitsliebend, gottesfrchtig, von fast puritanischer Gesinnung, dabei gescheit, bis zum Grblerischen schlau und mitrauisch, aber, wie mir schien, ohne jede weltmnnische Bildung, von der er sich absichtlich zu entfernen schien. Er mute ausgezeichnete Zeugnisse besessen haben, die ihn, vielleicht einen Vierziger, auf diesen einflureichen Posten gelangen lieen. Er war unverheirathet und protestantisch. Eines Sonntags Nachmittag auf einem unserer Spaziergnge, als die Unterhaltung, wie schon so oft, zu stocken schien, da er immer in sich hinein horchte, und dem Gesprochenen nur halbes Ohr lieh, konnte ich mich nicht enthalten, an ihn die etwas vorlaute Frage zu richten, sintemal er viel lter war wie ich: "Herr Commissar, Sie scheinen mit auerordentlichen Schwierigkeiten hier betraut zu sein, und Ihr neuer Posten mu ganz absonderliche Aufgaben an Sie stellen, da Ihre Zerstreutheit, fast Geistesabwesenheit...?"--Bei diesen letzten Worten sah der Commissar scharf zu mir herber, halb mitrauisch, halb erschrocken darber, da ich versucht, seines Inneres zu durchforschen. Da ich seinen Blick naiv auf mir ruhen lie, so sah er weg, und ging schweigend mit auf den Rcken gelegten Armen einige Zeit neben mir her. Dann sah er mich noch einmal scharf, durchdringend an, und, wie es schien, von der Prfung zufrieden gestellt, begann er folgenden Discurs: "Mein lieber Studiosus, Sie sind noch jung, aber ich glaube, ich darf Ihnen in Etwas vertrauen.--In der That, es sind ganz absonderliche Aufgaben, vor die meine Regierung mich gestellt hat.--Ich komme hoch aus dem Norden, aus einem kleinen Bezirksstdtchen, wo ein paar Vagabunden und Felddiebe unsere einzige Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.... Ich htte nicht geglaubt, da die Welt so complicirt ist; ich konnte mir nicht denken, da hier herunten, wo die Vlkermischung eine grere, so unerhrte Dinge sich im Geheimen abspielen...."--Mein Begleiter, der sehr rasch sprach, unterbrach sich hier. Ich hatte die Empfindung, als begnne eine groe Last sich von dem Herzen des in seinem Innersten erschtterten Beamten loszuwlzen, und vermied es daher, ihm in die Rede zu fallen.--"... Es ist nur so schwer,--begann er wieder,--das in Wort zu kleiden, das, was ich Ihnen sagen will, Ihnen mit den bisherigen Hlfsmitteln der deutschen Sprache begreiflich zu machen.... Sie sind Mediziner,--Sie werden vielleicht Manches besser verstehen, mir vielleicht sogar in Manchem einen Wink geben knnen...."--"Sind es sanitre Maregeln, mit denen Sie hier betraut wurden?"--wagte ich anzudeuten.--"Sanitr?--Ja, gewi, sanitr,--aber sanitr ist zu wenig, sanitr drckt die Sache zu mild aus; es ist weit mehr criminell!..."--"?"--Auf mein fragendes Zaudern wandte der Commissar seinen Kopf zu mir herber, und schaute mich wieder mit jenem seltsamen Blicke an, der mir vorhin schon aufgefallen war. Doch war es diesmal weniger Furcht, ob er mir vertrauen knne, als Auskundschaften, was ich zu seinen bisherigen Worten meine.--"Ja,--so, glaube ich, kann ich's Ihnen am besten begreiflich machen,--fuhr mein Begleiter dann fort,--denken Sie sich, ich bin von der Regierung beauftragt worden, einer criminellen Vereinigung,--einer betrgerischen Sippe,--einem Geschlecht nachzuforschen, welches sich hier seit Aufhebung der Belagerung herumtreibt, aus Frankreich herberkommt, sich in bestimmten Schlupfwinkeln festgesetzt hat, und rcksichtslos im Geheimen sein Zerstrungswerk verrichtet!"--Der Commissar hatte diesen Satz mit der grten Sorgfalt, den Finger an die Nase gelegt, construirt, und Wort fr Wort vorgetragen, als handle es sich um eine wissenschaftliche Definition, oder als frchte er, durch eine einzige Umstellung, oder ein unvorsichtiges Adjektiv, mir eine unrichtige Vorstellung von dem zu geben, was in seinem Innern selbst noch nicht ganz klar erkannt worden war. Dann warf er den Kopf wieder pltzlich zu mir herber, um sich auf meinem Gesicht zu orientiren.--"Hm!--sagte ich--ist die Vereinigung politischer Natur?"--"Nein!"--replizirte der Commissar mit einer fast schnalzenden Lebhaftigkeit, als freue er sich, da ich diesen Einwurf gemacht, und brachte nun auch die andere Hand hinter dem Rcken hervor, um sie mit einer heftigen Gesticulation nach vorne zu werfen,--"nein!" er noch einmal mit einem eigenthmlich saccadirten Laut, um dann beide Zahnreihen lngere Zeit auf dem "n" ruhen zu lassen,--"politisch ist sie nicht, sonst wre sie leichter zu fassen; leider ist sie gar nicht politisch; sie ist sogar politisch indifferent; sie ist die persnlichste und subjektivste Geheim-Coalition, die mir vorgekommen ist, dabei von einem Egoismus, von einer Sicherheit des Egoismus, von einer Tadellosigkeit der Geschfts-Praktik, da sie unter sich gar keiner Verstndigungsmittel, keiner Parole, keines Augenzwinkerns bedarf, von einer Untrgbarkeit des Erfolges, da man meinen knnte, eine neue Race, ausgestattet mit den unfehlbaren Organen ihres Gewerkes, sei auf die Welt gekommen!"--"Ach, mein Gott,--sagte ich nach einiger Ueberlegung und wie enttuscht,--meinen Sie die Juden?"--"Nein!"--rief er wieder lebhaft, und wie vorbereitet auch auf diesen Einwurf,--"die sind es nicht; die wren mild; es ist eine geheimnivoll vorgehende Vereinigung, die lautlos und unbeachtet, unbeachtbar, unfabar, sowohl durch unsere Landesgesetze, als fr unsere Polizei-Organe, ihre Thtigkeit ausbt, ja, die sich fast unserem Denken entzieht...!"--"... die sich unserem Denken entzieht?"--wiederholte ich ganz perplex;--".... die sich unserer denkenden Erwgung entzieht...!"--erklrte es der Commissar ausfhrlicher.-... die sich unserer denkenden Erwgung entzieht?"--syllabirte ich nochmals Wort fr Wort fr mich hin.--"... hinsichtlich,--nahm der Commissar nochmals den Satz auf,-- hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern, ihrer letzten Motive, sich unserem Denken entzieht!"--"... hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern und letzten Motive sich unserem Denken entzieht!"--sagte ich auch diese letzte Fassung zu meiner eigenen Bestrkung mir nochmals vor.--Dabei fhlte ich, ohne hinzusehen, wie die Augen dieses Mannes heftig auf mich hingerichtet waren; wie dieser Mann angstvoll irgend ein Wort von mir erwartete, welches ihn in seiner eigenen Gedankenfhrung bestrken knnte; ich fhlte, wie dieser Mensch, der sich seit zehn Minuten vollstndig verndert hatte, dessen Miene, Bewegungen, Athmung, Schlfe, Blick eine ungeheure Erregung verriethen, an einem Problem herumlaborire, welches selbst fr die ungewhnliche Intensitt seines Geistes zu hoch schien.-- "Arbeitet diese von Ihnen berwachte Vereinigung mit geistigen oder physischen Waffen?"--frug ich endlich, um auf eine vernnftige Spur zu kommen.--"Mit physischen, realen, recht eigentlich krperlichen Waffen, d.h. dem ueren Anschein nach, wenn nicht noch etwas dahinter steckt, was ich stark vermuthe."--"Sie sagen, aus Frankreich kommt diese neue polizeiwidrige Clique?"--"So lautet meine Instruction; ich war ja vorher nicht hier; jedenfalls der Mehrzahl nach, und die gefhrlichsten aus Frankreich."--"Du lieber Himmel!"--sagte ich, und wandte mich freundschaftlich zu meinem Nachbar,--"sind es vielleicht _Franctireurs_?"--"Ha!"--rief der Commissar mit einer gellenden Lache,--"so einfach mssen Sie sich die Sache nicht vorstellen;"--dann nach einer Pause: "Ich sage Ihnen, die Gesellschaft ist unfabar und uncontrollirbar; _Franctireurs_ kann man auf der That erwischen, und vor ein Kriegsgericht stellen; diese lassen sich fast nie in Flagranti ertappen; in einem Hui! ist alles vorbei; und Verrath ist von dem Complicen, den sie im Moment der Thathandlung eben erst zum Complicen machen, nicht zu befrchten, weil der Betreffende sofort sich als zu dem Bunde gehrig fhlt, sofort eo ipso in die Kaste eintritt; und,--worin ich gerade Ihr Urtheil als Mediziner hren mchte,--bei Ausbung ihrer Handlungen ist fast nur ihr Krper betheiligt; obwohl ich Grund habe zu vermuthen, da ihr Geist dahinter zittert und bebt, ist fast nur ihr Krper betheiligt; und nur mit ein paar Rucke; so da, wenn die Kleider geschickt geordnet sind, es fast unsichtbar hinter den Kleidern vor sich gehen kann; daher die Schwierigkeit!"--"Mein Gott"--sagte ich, von einer pltzlichen Ahnung erfat,--"sind es Mnner oder Weiber?"--"Es ist ganz gleich, ob es Mnner oder Weiber sind,"--replicirte der Commissar tempo, sichtbar rgerlich, ber diesen Punkt gefragt zu werden,--"Verbrecher sind Verbrecher; der Staat kann keine zweierlei Gesetze fr Mnner und fr Weiber machen. Mir ist es berhaupt unerfindlich, wie man wegen eines winzigen Anhngsels solche generelle Unterschiede aufstellen kann, und die Menschheit in die Zwangsjacke von Unterrock und Hose einschnren mag, die noch dazu von Tag zu Tag in der Mode wechseln;--das eine hat ein Anhngsel, das andere hat keins; und da macht man einen generalen Strich durch die Menschheit, und sagt: Ihr heit Euch so, und mt Euch so kleiden, und Ihr heit Euch so, und mt Euch anders kleiden?!--Welche Willkr!-Da knnte man ebensogut die Nasen hernehmen; der eine hat 'ne Adlernase, der andre hat 'ne platte Nase; und zu diesen sagen: Ihr heit Euch mit Rcksicht auf Eure Nase so, und kleidet Euch darnach; und zu Jenen: Ihr heit Euch, weil Ihr 'ne gequetschte Nase habt, anders, und kleidet Euch anders. Oder die Ohrlppchen hernehmen, und die Menschheit nach den Ohrlppchen eintheilen, und ihr mit Rcksicht darauf Namen und Kleidermoden vorschreiben!--Mnner oder Weiber?!--Nach dieser Seite ist mir das sonst recht rationelle Weltganze immer unverstndlich geblieben, immer als eine Tollheit, als ein Migriff erschienen.--Verbrecher ist Verbrecher!--Doch dies nebenbei.--Nein, lieber Doctor!"--fuhr der Commissar, sichtlich zufrieden mit seiner Expectoration, directer zu mir gewandt, weiter,--"das mcht' ich von Ihnen als Mediziner wissen, wie eine solche Clique es dahin bringen kann, mit solchem Raffinement, mit solcher Vupticitt, die physiologische Anlage ihres Leibs zu geheimen, destructiven Umtrieben zu bentzen...?"--"Ja, bei allen Heiligen!"--rief ich, fast unwillig, und im Begriff den Verstand ber diesen Auseinandersetzungen zu verlieren,--"was thun denn die Leute?"--"Was sie thun?"--rief der Commissar--"ja, wenn ich das so mir nichts dir nichts sagen knnte; was sie thun? Darber habe ich seit Wochen Tag und Nacht nachsimulirt. Was sie thun?"--wiederholte der Commissar, und prete die Hnde vor die Stirn,--"Wenn man das in einer umfassenden Definition klipp und klapp aussprechen knnte! Was die Leute thun?--wenn Sie's hren wollen, wie ich mir die Sache zurechtgelegt: sie treiben criminelle Fabrication mit ihrem Krper!"--"Criminelle Fabrication mit ihrem Krper?!"--wiederholte ich, und platzte, wie von einer Bombe getroffen, zurck.--Wir waren beide unwillkrlich stehen geblieben, hatten Front gemacht, und starrten uns nun gegenseitig an. Der Mann sah aus wie ein Schauspieler, der sein bestes Stichwort losgelassen, seinen wirksamsten Coup absolvirt, und jetzt auf den Applaus der Zuschauer wartet, aber noch nicht wei, ob es eingeschlagen hat. Fiebernd, zitternd, berhitzt, die mageren Hnde noch wie zu einer pathetischen Geste erhoben, der Augenstern fibrirend und in seinem Reflex wie zerfahren, die natrliche Gesichtsfaltung vertieft und lederartig eingeschnrt, der ganze Mann das Bild der Sorge, und das Opfer eines kranken Gedankengangs,--so stand der Commissar vor mir, der verschlossene, ruhige Beamte von ehedem kaum wiederzuerkennen. Und der Grundzug, der durch diese stumme Situation ging, war die Angst bei diesem Mann, was ich, der Harmlose, der Unbetheiligte, der Gesunde, dazu sagen werde. Ich hatte eine innere Scheu, die Discussion jetzt da fortzusetzen, wo sie stehen geblieben war. Am liebsten htte ich den braven Mann ruhig nach Hause geleitet.--"Criminelle Fabrication mit ihrem Krper,"--wiederholte ich flsternd fr mich, um den Mann nicht zu beleidigen, und setzte gleichzeitig schlrfend meinen Weg fort,--"Criminelle Fabrication mit ihrem Krper treiben die, die dieser Sicherheitsbeamte als destructive Gesellschaft aufspren und aufheben soll!"--sagte ich leise in meinem Innern, unschlssig, wie die Peinlichkeit dieser Scene zu beendigen,--"hat,"--fuhr ich dann laut fort zu meinem Begleiter, der mir zgernd gefolgt war,--"hat Ihre Regierung sich dieser Wendung, der von Ihnen soeben gebrauchten Worte, bedient zur Charakterisirung der betreffenden staatsgefhrlichen Coalition?"--"Nein",--antwortete der Commissar schlagfertig, wie ein Fechter, der auf die Parade wartet,--"die Regierung drckt sich vorsichtig, allgemein, andeutend, sogar versteckt aus; der Gegenstand scheint ihr zu difficil zu sein; sie hat wohl auch keine intimere Kenntni der betreffenden Vorgnge; hier hat eben der Beamte einzugreifen; bei uns wird in solcher Stellung viel verlangt:--nein, Doctor, die Wendung stammt von mir, sie schien mir die bureaukratisch zulssigste, dabei correcteste, bei der Dunkelheit der Vorgnge gengend andeutende, und dazu alle betreffenden Bestrebungen umfassende,--ich sage Ihnen, Herr Studiosus, der Gegenstand ist eine Tarnkappe, langen Sie zu, haben Sie einen Frosch oder eine Schlange in der Hand, und wissen nicht einmal, ob nur die echt sind."--Der Commissar sprach jetzt wieder viel freier. Man fhlte aus seinem Redeflu heraus, da er sich, was man sagt redressirt habe; er sa jetzt wieder fester auf dem Gaul; nachdem er seine Definition losgelassen, nachdem er den wundesten Punkt seines Systems geoffenbart, und die Discussion darber nicht zu Fall gekommen, hatte er neue Kraft geschpft, und man merkte, er suche durch breitere, erschpfende Darstellung das an Boden zu gewinnen, was er vorhin moralisch bei seinem Partner durch Angst und Unsicherheit eingebt.--Ich war unentschlossen, ob ich die Unterredung ber den Gegenstand weiterfhren sollte. Sie auf ein anderes Thema vorsichtig berzuleiten, wre wohl das Beste gewesen, wenn dies nur einem so mitrauischen Menschen, wie meinem Begleiter gegenber, Aussicht auf Erfolg gehabt htte. Wir waren inzwischen auerhalb der Stadt gekommen; vor einer Stunde hatte ich keine Hoffnung mich anstndigerweise von ihm entfernen zu knnen.--In der ganzen Errterung gab es einen Punkt, gab es eine Stelle, die fr mich geradezu undiscutable war, die, um mich vorsichtig auszudrcken, ganz auf Rechnung der eigenthmlichen Gehirn-Arbeit dieses Mannes kam; ich wei nicht, ob der Leser hier das gleiche Gefhl hat, wie ich; mit andern Worten: es war ganz gut mglich, es war wohl zweifellos, da die neue Regierung dem eifrigen und als sprsichtig bekannten Beamten Andeutungen und discretionre Vorschriften zur Aufhebung einer geheimen Gesellschaft gab, die ihr, der Regierung, bei der Reorganisation der Dinge in den neuerworbenen Landestheilen unangenehm im Wege stand; aber so, wie der Commissar seinen Gegenstand vortrug, hatte man den Eindruck, als ob dieser Mann, durch die Schwierigkeit angeeifert, und bei dem Mangel an Thatschlichem ganz auf seine Combinationen angewiesen, nach irgend einer Richtung in seinen Denk-Operationen sich so verrannt habe, da das End-Resultat mit dem ursprnglichen Auftrag seiner Regierung in schreiendem Widerspruch stand; und dann schien es wieder, als ob ein einziger Punkt, den vielleicht ein Kind htte finden knnen, gengend beachtet, der ganzen vertrackten und bureaukratischen Salbaderei und Geheimthuerei eine Wendung htte geben knnen, die dann Alles im hellsten Licht htte erscheinen lassen, ein Punkt, den aber unser Beamter in Folge seiner Verranntheit, Verstocktheit und mangelhaften Kenntni der geheimen Triebfedern im Menschen nicht fand.--Ich war noch mit diesen Gedanken beschftigt, als ich pltzlich dicht vor mir eine Nase und darber die scharf vigilirenden Augen des Commissars mit solcher Intensitt und solchem Mitrauen auf mich gerichtet sah, da ich unwillkrlich zurckfuhr und dann stotterte: "Mein Gott, Herr N.--Sie berraschen mich,--ich war gerade im Nachdenken darber, wie...."--"Ja,--denken Sie nur,"--antwortete mein Begleiter mit fast hhnischem Ton,--"Sie kommen zu keinem andern Resultat; die Angelegenheit ist unentwirrbar, unauffindbar, sie entzieht sich unseren tastenden Hnden, und,"--setzte er in verzweifelndem Ton hinzu,--"ich verliere noch meinen Posten darber!"--Mich erfate jetzt Mitleid fr den Mann, und ich beschlo, mit Rcksicht auf ihn, mich der weiteren Discussion nicht zu entziehen.--"Was Sie da criminelle Fabrikation nennen,"--begann ich zgernd, und selbst im Unklaren, wie ich die Sache wenden solle,--"das mu doch in irgend einer Weise zu Tage treten!"--"Das thut es auch,--schrecklich, unsagbar, destructiv!"--"Aber Sie sagen, da es im Geheimen geschieht; wie soll es denn so klar zu Tage treten?"--"Das Uebel schleicht im Verborgenen; die Consequenzen werden schlielich offenbar, und schreien durch ihre Grlichkeit gen Himmel!"--"Ja, aber was thun denn die Betreffenden,"--frug ich ungeduldig und eindringlich,--"was fabriziren sie denn?"--"Einen Stoff!"--"Einen Stoff?"--"Ja, einen Stoff!"--"Ist es ein Gift?"--"Wenn Sie wollen ein Gift, aber ein angenehmes Gift, ein Gift dessen Production ihnen Vergngen macht, zu dessen Verwendung sie aber noch einen Nebenmenschen brauchen!"--"Und vergiften sie also ihre Nebenmenschen?"--"Ja, wenn Sie es so bezeichnen wollen,--aber nicht im gewhnlichen Sinne des Vergiftens;--der Vergiftete oder zu Vergiftende mu einverstanden sein, und es scheint auch diesem die Aufnahme des Giftes unaussprechliches Vergngen zu bereiten, da Beide zusammen ein Complot bilden und Keiner den Andern verrth."--"Mein Gott,--sind es Branntwein-Schnken, wo die arbeitende Bevlkerung durch Fusel langsam zu Grunde gerichtet wird?"--"Oh,--Sie sind hundert Meilen weit entfernt?--Sie gben einen schlechten Commissarius!"--"Ja, wo liegt die Sache denn dann? Was ist das fr ein Gift, dessen Production dem Giftmischer wie dem Opfer Vergngen gewhrt, so da Beide ihre Handlung...."--"ihre staatsgefhrliche, criminelle Handlung!"--interpellirte der Commissar mit gewichtigem Pathos,--"nicht verrathen?"--ergnzte ich,--"was ist das fr ein Stoff? Ist es eine Essenz?"--"Essenz ist kein schlechtes Wort.--Fluidum ist vielleicht besser; das Regierungs-Rescript drckt sich hier hchst reservirt aus; ich mute da fast Alles neu schaffen; die Terminologie dieses neuen Verbrechens ist von mir; leider stehen wir noch fast in den Anfngen!"--"Also ein Fluidum ist dieses merkwrdige Gift?"--"So scheint es."--"Und dasselbe wird von den betreffenden Geheimbndlern mit ihrem eigenen Krper fabricirt?"-- "Verbrecherischer Weise fabricirt!"--"Und unter den Kleidern, sagten Sie?"--"In der That,--mit kolossaler Vupticitt,--die Augen werden nur ein wenig glasig dabei."--"Nun, und mit diesem Fluidum vergiftet das Eine den Andern?"--"Das Fluidum,--vielleicht ist es nur ein Hauch!--wird von dem Einen auf den Andern bertragen; ohne da viel dabei gesprochen wird; es ist fast ein Mu!"--"Ein Mu?!"--"Es gehen einige Blicke vorher, einige Gesticulationen, etwas saccadirtes Athmen, etwas Glossolalie, dummes Gepappel,--und dann ist es geschehen."--"Was ist dann geschehen?"--"Der Andere ist dann so gut wie bezaubert, und mu sich willenlos der Vergiftung stellen!"--"Nun, und?"--"Diese wird dann rasch vom ersteren vollzogen, und--der Andere windet sich in Krmpfen!"--"Hchst merkwrdig!"--"Das ist nicht Alles!--Die Leute verbinden mit dem Ganzen eine Art Cultus, eine Art Religion;--ein nie vorher dagewesener Enthusiasmus durchglht ihre Brust; sie sprechen unhaltbare Schwre aus, geloben sich unverbrchliches Stillschweigen, entziehen sich ihren einfachsten Verpflichtungen, und geben sich oft den Tod!"--"Das ist ja die allermerkwrdigste Religions Gesellschaft, die existirt; es sind doch keine _Quker_?"--"Oh nein!--Sie haben kein transscendentales System. Ihr Glaube ist auf materiellste Irdischkeit gegrndet!"--"Aber worin besteht nun ihre Staatsgefhrlichkeit?"--"Sie hindern den glatten Vollzug der vom Staat gestatteten Privatverbindung zweier Personen in der sogenannten Ehe!"--"Wie so das?--Was hat die Ehe mit dieser Geheimbndelei zu thun?"--"Je nachdem der eine oder andere Theil der Ehegatten in diese Vergiftungs-Sphre gerth, die Verzckungs-Uebungen dieser geheimen Gesellschaft mitmacht, wird er zu Hause unfhig zu der vom Staat in der sog. Ehe gestatteten und dem Staate erwnschten physiologischen Krperleistung!"--"Wie so?"--"Er wird fr seine husliche, eheliche Pflicht unfhig; sinkt zu den kraftlosen Bewegungen einer Puppe herab; vollfhrt gleichsam nur das Schema seiner legalen Empfindungen."--"Das ist ja die merkwrdigste Einwirkung, die man sich denken kann!"--"Ja, es liegt eine frmliche Vergiftung vor.--Und meist ist es der andere Ehetheil, durch den die Sache zur Anzeige kommt. Da er aber bei dem eigentlichen Verbrechen nie dabei ist, also auch keine Aussagen machen kann, die eigentlichen Criminellen aber durch ungeheure Schwre sich Stillschweigen auferlegen, so ist der Staat fast nur auf Combinationen angewiesen, und mu hilflos einem Corruptions-Verfahren zusehen, welches in dieser Gegend tausendmal schlimmer wirken soll, als die Opiumkneipen in China und London!"--"Und Franzosen, sagen Sie, sind vorwiegend dabei betheiligt?"--"Ja, die Vlkermischung hier, und die Freizgigkeit, und die mangelhafte Ordnung in den neuen Verhltnissen hat die Sache entsetzlich verschlimmert!"-- Wir gingen lange Zeit wieder schweigend nebeneinander einher. Die letzten Errterungen hatten mir den Kopf so voll gemacht, da ich keine Veranlassung hatte weiter zu fragen; oder wenigstens nicht in solange, als ich nicht das merkwrdige Verhltni dieser Geheimbndler zur Ehe und die intimsten Vorgnge dabei einigermaen verdaut hatte.--Wir waren schon auf dem Rckweg begriffen; die Stadt mit ihrem schnen Mnster-Thurm lag vor uns. Mein Begleiter, der fr landschaftliche Reize kein Interesse zu haben schien, und immer den Kopf zur Erde steckte, holte pltzlich ein Notizbuch heraus, in das er rasch eine Aufzeichnung machte. "Ich habe da einen neuen Gedanken,"--sagte er, als er merkte, da ich ihn verwundert ansah, und fgte dann gleich hinzu: "Es ist nur so schade, da man fast gar nichts aus persnlicher Anschauung feststellen kann, sondern Alles im Kopfe erst construiren und ausrechnen mu."--"Ist Ihnen nie einer von den Criminellen zu Gesicht gekommen?"--frug ich, an diese eigenthmliche uerung anschlieend.--"Vermuthungsweise.--Ich schaue auf der Strae Jeden darauf an und vigilire in allen Lokalen seit Monaten!" Bei diesen Worten nahm mich der Commissar scharf in's Auge, um gleich darauf mit Lcheln seine Prfung aufzugeben. "Mein Gott," sagte ich, "die Betreffenden mssen doch fabar sein, es sind doch Menschen?"--Erst nach einer lngeren Pause antwortete mein Begleiter: "Menschen,--das wohl!" mit einem Ton, als wr' es ihm lieber gewesen, wenn es keine wren, oder etwas Anderes und Tieferliegendes; setzte dann aber doch hinzu: "Sie sollen sehr schn sein!"--"Ich mu noch einmal, Herr Commissar,"--bemerkte ich jetzt, um einen neuen Faden anzufangen,--"die Frage an Sie richten: Sind es Mnner oder Weiber? Ich glaube, hier kommt man zuerst auf die Spur. Sie kennen als gewiegter Criminalbeamter gewi den alten franzsischen Grundsatz: O est la femme?" Schon bei den ersten Worten hatte der Beamte seine Miene zu einem Essig-Gesicht zusammen gezogen und heftig mit der rechten Hand abgewehrt; "Ach,"--fing er dann endlich an,--"ich glaube Sie sind auf der falschen Spur; aber um Ihnen zu willfahren, kann ich Ihnen sagen: es sind Mnner und Weiber, obwohl Sie wissen, wie gering ich da die Unterschiede anschlage."--"Mnner _und_ Weiber?"--frug ich.--"Mnner sowohl wie Weiber!"--"Haben Sie denn nie mit einem Collegen darber gesprochen, der in diesen Dingen etwas zu Hause ist,--es kommen da so manche intime Vorgnge in Betracht?"--"Ach,"--sagte er,--"mit einem Collegen ber solche Sachen reden, da gibt man das Heft schon aus der Hand; und dann, Sie wissen, was ich ber die zufllige Eintheilung der Menschen in Mnner und Weiber denke; Verbrecher ist Verbrecher; obwohl regierungsseitlich sogar ganz bestimmte Aeuerungen in dieser Hinsicht vorliegen."--"Was meint die Regierung in diesem Punkt?--wenn es nicht ungeschickt ist von mir, soweit in Sie zu dringen?"--"Die Regierung unterscheidet in dieser criminellen Sache jene beiden Parteien, die sich seit Alters her auf so sonderbare Weise anziehen,--die Mnner und die Weiber."--"So, also doch!"--bemerkte ich verwundert. "Ja, aber"--fgte der Commissar rgerlich hinzu,--"es scheinen lediglich formelle Unterschiede zu sein."--"Welche denn?"--"Mnner und Weiber arbeiten hier auf ganz getrennten Gebieten. Erstere viel geheimer und verschlagener; letztere weit offenkundiger und ausgedehnter; beide Parteien haben brigens keinerlei Verkehr mit einander; kennen sich nicht und sind nur durch die polizeiliche Recherche nebeneinander gebracht; auch scheint es, da das verbrecherische Fabrikat, mit dem die Weiber operiren, weit weniger fabar ist,--fast nur ein Hauch,--als das der Mnner; dagegen sind die Mnner den religisen Krmpfen mehr ausgesetzt; whrend bei den Weibern Alles mehr formelle Uebung, todter Maschinengang ist. Aber, wie gesagt, diese kleinen Unterschiede kommen nicht in Betracht; wir wollen den Verbrecher fassen, der mit seiner Mischung von religiser Schwrmerei und krperlicher Niedertrchtigkeit das Volk ansteckt, und die 'moralischen Fundamente der heutigen Gesellschafts-Ordnung untergrbt', wie der Regierungs-Passus lautet; wer es ist, ist uns gleich; wird einmal Eines von ihnen gefat, dann lgen sie sich doch in gleicher Weise hinaus, und schwren und betrgen, weil sie wissen, da ihnen das Gesetz mildernde Umstnde zuerkennen wird; weil sie meinen, mit ihrer reservatio mentalis, die viel mehr eine corporalis ist, kmen sie berall durch!"--"Mein Gott,--es sind doch keine _Jesuiten_?"--frug ich unwillkrlich.--"O nein,"--antwortete der Commissar,--"aber von derselben Pfiffigkeit und Geriebenheit!"--und fgte dann nach einiger Zeit mit dem Ton tiefer Resignation hinzu: "Die haben keinen Namen, die sind namenlos; oder man nennt sie, wie man alle Anderen auch nennt; oder wenn sie Special-Namen haben, dann wendet man diese sofort auch auf die brige Menschheit an, und der Verwirrung ist kein Ende. In Frankreich haben sie an die fnfzig Bezeichnungen; frgt man dann auf der Strae: Wo ist ein solcher? dann deutet der Gefragte auf den nchsten besten Menschen, und lacht.--Nein, diese Verschworenen und Proselytenmacher schauen sich in's Auge, und geben sich die Hand, und dann wissen sie Alles; und die Polizei vigilirt, und zerbricht sich den Kopf, und setzt Himmel und Erde in Bewegung und erfhrt Nichts!"--"Du lieber Himmel, das klingt ja wie _Freimaurer_!"--"O nein!"--sagte mein Begleiter, und mir fiel das Verzweifelnde in Stimme und Geberde auf,--"diese Sekte hat keine Kirche, diese Vereinigung hat keine Symbole, diese Verwegenen mischen Religionen und Verbrechen, und setzen sich mit einer einzigen khnen That ber gesellschaftliche Ordnung und brgerliche Gesetze hinweg. O, ich frchte,"--brach mein Begleiter pltzlich in krampfhaftes Schluchzen aus, und eilte laut demonstrirend und mit den Armen fuchtelnd voraus,--"ich frchte, diese Rotte wei, da ich zu ihrer Vernichtung ausgesandt bin, sie hetzt ihre Mordgesellen auf mich, und wird nicht eher ruhen, bis ein kalter Stahl meiner spren den Gedanken-Arbeit ein Ziel gesetzt hat...!"--"Mein Gott, Herr Commissar,"--eilte ich hinterdrein,--"beruhigen Sie sich!"--Wir waren bereits an die ersten Straen der Stadt gekommen. Einige Leute wurden auf das Gebahren des Beamten aufmerksam. Ich nahm meinen Begleiter unter den Arm, und es gelang mir, ihn unter Hinweis auf die Wichtigkeit seines tadellosen Verhaltens als Criminal-Beamter soweit zu beruhigen, da er uerlich ruhig neben mir herging.--Es wurde jetzt nichts mehr gesprochen. Mein Begleiter war auch vollstndig erschpft. Nach einer Viertelstunde etwa kamen wir an die Wohnung des Commissars, nicht weit vom Polizei-Gebude; sie lag im vierten Stock; es war ein kleines Stbchen, in dem auer den nothwendigsten Mbeln und einigen Bchern eine groe Menge lterer und neuerer selbstgefertigter Manuscripte aufgehuft zu sehen waren, und machte den Eindruck des Aufenthaltsorts eines armen, fleiigen, nchternen, braven Junggesellen. Erst nachdem ich mich berzeugt, da der erschtterte Mann, dessen Miene das Bild tiefer Desolation bot, sich in Etwas erholt, und er mir versprochen, sich sofort zu Bett zu begeben, verlie ich die Wohnung.-- Es waren vielleicht sechs Wochen seit dieser Unterredung vergangen. Ich hatte nichts mehr vom Commissar gehrt, und vermied es, seine Bekannten, wenn ich sie traf, nach ihm auszufragen, um nicht unnthige Aufmerksamkeit auf eine Person zu lenken, die in erster Linie Ruhe und Schonung bedurfte. Ja, ich hatte die ganze Angelegenheit in dem Mancherlei des Studentenlebens fast vergessen.--Aber eines Nachmittags begegneten wir einander auf der Place Kleber. Der Commissar sah blhend aus. Sobald er meiner ansichtig wurde, eilte er schon von ferne auf mich zu. Er schaute mir lang in's Auge, und, als er aus meinem Gesicht wohl merkte, da die ganze Erinnerung an jenen Sonntag-Nachmittag in mir aufgetaucht sei, und es an ihm sei, mit einer Erklrung herauszurcken, begann er: "Nun, lieber Doktor, in der Zwischenzeit hat sich viel verndert; wir haben die Gesellschaft; wenigstens einen Theil; die eine Sparte; aber wundern Sie sich nicht, wenn nach all dem, was ich Ihnen damals sagte, nach all den Anstrengungen, die wir damals machten, um der Sache auf die Spur zu kommen, eine trockene Notiz Sie dafr entschdigen mu, was eine ungeheure criminelle Organisation ist, die, wie ich jetzt zu glauben anfange, ber die ganze civilisirte Erde ausgebreitet ist."--Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, und wies mir im lokalen Theil eine blau angestrichene, stark abgegriffene Stelle. "Hier lesen Sie, welche klgliche Zusammenschrumpfung unter dem bureaukratischen Beobachtungsglas einer nchternen Polizeibehrde eine Sache erfhrt, die...." hier machte der Commissar eine aufgeregte Gestikulation, und fgte dann hinzu: "ich will mich nicht weiter ausdrcken."-- Die Lokalnotiz lautete: "Straburg, den ... 187.--Gestern wurde eine grere Anzahl franzsischer _Dirnen_ aus der Umgebung von Besanon und Belfort, die zum Theil noch aus der Belagerungszeit hier waren, zum Theil mit dem Einzug der deutschen Truppen sich hier festgesetzt hatten, auf Grund des Niederlassungs-Gesetzes fr Elsa-Lothringen und der neuen polizeilichen Verordnungen fr Straburg, Stadt, (Sitten-Controlle) von hier ausgewiesen und per Schub ber die Grenze gebracht." "Also das war der Gegenstand Ihrer eifrigen Nachsprungen!"--sagte ich nach einer Pause absichtlich verstellten Erstaunens, und fest entschlossen, kein einziges Wort mehr ber diesen Gegenstand mit dem Commissar zu verhandeln.--Er schaute mich an mit einem Gesicht, als htte er jetzt erst die Anfangsgrnde einer neuen und der denkbar schwierigsten Sprache erlernt.-Und dann, nach einer Pause, als Niemand eine passende Wendung zum Auseinandergehen fand, frug ich noch: "Nun, und die andere Sparte? Was ist mit den Mnnern?"--"Die,"--sagte der Commissar mit traurigem Kopfschtteln,--"die werden wir nie fassen! Die kommen unter den hchsten Stnden selbst vor!--Die...." (hier sagte mir der Commissar etwas leise in's Ohr)!--Dann gab er mir die Hand, und wir schieden stumm von einander.-- Der Corsetten-Fritz _Aus alten Mrchen winkt es_ _Hervor mit weier Hand,_ _Da singt es und da klingt es_ _Von einem Zauberland._ Heine Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem ganz kleinen Stdtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen. Jedes kannte das Andere; fast bis auf die Gedanken. Von frh auf leitete mein Vater selbst meine Erziehung. Ich mute Lateinisch lernen, wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, strubte. Die sicherste und intensivste Erinnerung, die ich aus dieser Zeit habe, ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche berraschte. Mein Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel hatte er eine plrrende, heulende Redeweise. Zu Haus war er knapp, bestimmt, coramisirend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz anderen Persnlichkeit gegenber. Und die Wirkung war eine ganz neue. Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rock-Gerusch sich auf die Bnke niedergelassen, und das geistliche Geheul meines Vaters erfllte widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gottes-Haus, so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte etwas, und lief auf die Drfer in der Umgebung, und wollte berall eindringen, in die Huser, durch die Fenster der Menschen, in die Schrnke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte berall horchen, und suchen, und sphen, ohne zu wissen, was; das Schlu "A-mn!"--und meine Seele kehrte wie der Geier zurck, ich erwachte; vor mir lag das Gesangbuch mit seinen schwarzen Lettern; am Altar waren die Kerzen tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schwei von der rothen Stirn; die Leute rutschten feierlich und ergriffen; und auf dem Chor begann die Orgel ein leises Smorzando-Spiel.--Die ist die intensivste Erinnerung aus meinen Kinderjahren: dieses Davonlaufen der Seele bei jeder gnstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem, nach etwas Aufzustberndem; und dieses Nichts-Nach-Hause-Bringen.-- Spter, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich in ein kleines Provinzstdtchen; zu Leuten, die mich ebenso streng von allem, was man Welt nennt, abschlossen, wie mein Vater; und die mir ebenso unermdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines Daseins sei, Doctor der Theologie zu werden, und Sonntags Leute in Seidenkleidern und schwarzen Tuchrcken mit frappirendem geistlichen Inhalt zu fllen, plrrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses Programm war mir vollkommen gelufig; ich hatte mich auch vollstndig mit ihm ausgeshnt; aber, was meine Seele dazu sagen werde, jenes Wanderthier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und jeder Clausur, jedem Stubenarrest spottete, das wute ich natrlich nicht.-- Ich heie Fritz. Und als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolvirt war, mute man mich wohin bringen, wo auch ein Gymnasium war. Dies that mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nchste Gymnasium war die Residenz. Eine Residenz, in der damals Knste und aller mgliche Luxus in reichster Blthe stand. Und vor dieser irdischen Blthe der Welt wollte mich mein Vater um jeden Preis bewahren. In der Residenz wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundstzen, wie mein Vater. Zu diesem wurde ich, nach Vorausgang eines intensiven Briefwechsels, endlich gebracht, und hatte von hier aus, unter strengster Ueberwachung, sozusagen unter Clausur, das nahgelegene Gymnasium zu besuchen. Die Huser, die Eisenbahnen, das Schreien einer fieberhaften Menge, die geheimnivollen Telegrafen-Drhte hoch quer in der Luft, die Schaufenster, die prunkenden Kirchen, die erstaunlichen Lettern mit ihren Behauptungen an den Straen-Ecken, und was ich sonst auf der Reise und bei der Ankunft an grostdtischem Leben erwischte, machte auf mich einen fast lhmenden Eindruck. Ich schluckte alles hinunter, und wartete, wie es wirkte; und sagte gar nichts. Ich sah, man beobachtete mich, wie eine Taube, der man Cigarrenrauch in die Nasenlcher geblasen. Ich wute aber auch, ich ahnte, da in dieser Stadt ein kolossales Geheimni fr mich verborgen lag.-- Soweit ging alles gut. Meine Leistungen in der Schule waren zwar wenig zufriedenstellend. Man schob es auf den pltzlichen Wechsel von Lehrer und System. Tglich wurde ich zur Schule gebracht und abgeholt; unter den hhnischen Bemerkungen meiner Kameraden. Mit Niemandem durfte ich verkehren. Nur meine Tante, eine Frau, die wohl damals schon mein Inneres durchschaute, mit jener instinctiven Sicherheit, die den Mnnern abgeht, nahm mich auf ihren Ausgngen und Commissionen mit.--Ich war etwa vierzehn Tage in der Residenz, und ziemlich exact fnfzehn Jahr alt, als mich eines Abends meine Tante im Flsterton fortschickte, ihr ein Packet zu holen, welches sie in einem Hause hatte liegen lassen, und das sie noch fr den gleichen Abend zu einer Einladung benthigte. Es war sechs Uhr. Ich flog wie ein Reh. Diesmal zum erstenmal befand ich mich, und jenes Ding in mir, welches quasi ohne jeden Zusammenhang mit der Welt, als Seele, sozusagen auf eigene Verantwortung, in mir fungirte, beide miteinander im Einklang. Wir eilten auf Windesfen. Der Auftrag war bald vollbracht. Einmal im Besitz des Packets, merkte ich erst, da ich unbewut so geeilt war, um zeitlich einen Vorsprung zu gewinnen. Ich beschlo, ihn so gut wie mglich auszuntzen. Ich wollte etwas von der frchterlich tosenden Welt sehen. In der Ferne lag ein groer, dampfender, hellerleuchteter, mit Menschenlrm und Wagen-Gemurmel erfllter Platz. Dort beschlo ich hinzugehn. Zum erstenmal war ich mit meinem Instinct ganz allein und souvern in der Welt. Ich konnte hin und zurck, ohne mich in der Zeit auffllig zu verspten. Ich hatte ja noch Zeit gut. Bereits war ich auf dem Wege, und eben im Begriff, auf einer der radir auslaufenden Straen den groen Platz zu gewinnen, als ich pltzlich, gerade knapp vor der Ecke, vor einem groen Glasfenster, wie vom Blitz getroffen, stehen blieb, und fassungsund willenlos, wie ein angeschossenes Thier, dort hineinstarrte, und mich, mein Packet, meine Umgebung, meinen Auftrag vollstndig verga. Ich will jetzt Obacht geben, ganz genau alles so zu beschreiben, wie ich es sah, und wie ich es empfand: Hinter dem riesengroen, spiegelblanken, aus einem Stck bestehenden Glasfenster saen, oder schwebten, oder stacken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heit Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschlte Rmpfe mit d'rangelassener Hfte, aber blutlos, sogar hchst suberlich, glnzend, seidig, furchtbar grazis und elegant, und wie zum Umarmen und Kssen eingerichtet; also keine Menschenschlchterei, sondern--wie soll ich sagen!--leichenartig conservirte Hften mit vorgequellter Brust, Menschen-Mumien, aber unter Bercksichtigung und Conservirung des kostbarsten Mittelstcks; alle in verschiedenen Farben, vom schneeigsten Wei bis zum tiefsten Beinschwarz; die Farben nicht angestrichen, sondern das natrliche Produkt ihres Inhalts; also herausgeschwitzt, und erhrtet; die Rnder prachtvoll wieder mit anderen Farben eingefat; besonders ein orangegelber Leib nahm meine ganzen Sinne gefangen; er war schwarz gerndert; die Hftenschwingung zart; die dnnste Stelle zum mit Knabenhnden umspannend ergtzlich; die Ausladung der Brust khn und gewaltig; das Ganze eine hoheitvolle Figur, ein Ideal-Wesen. "Magst Du herkommen, wo Du willst,--rief ich innerlich mit einem berquellenden Impuls--und wenn Du auch nur ein Stck bist, so bist Du doch prachtvoll, Du gleisendes Orange-Wesen, und wenn ich Dich bese, dann wre wohl mein Glck gemacht!"--So sprechend beugte ich mich ganz ber die quer laufende Eisenstange, welche vor der Riesenscheibe zum Anhalten diente, hinber, um mein ses Orange-Wesen mit den Augen ganz zu verschlingen. Aber jetzt kam mir doch ein Stck Besonnenheit, und ich begann nachzudenken, wieso diese Bruchstcke von Individuen hierherkmen. Sollte irgendwo eine so kostbare Menschenrasse leben,-begann ich zu grbeln,--von der ich noch nichts wei, und die man mir verborgen gehalten hat? Also eine farbige, glitzernde Menschenrasse, hnlich dem, was unter den Vgeln die Kakadus und Kolibris sind! Aber warum hat man Kopf und Hals weggehackt? Und die Beine ausgeschnitten? Offenbar weil eben die Leiber das Schnste sind. Es sind eben Menschenblge! Aber nicht federartig, wie die Vgel; sondern seidenartig glnzend; Menschen-Hlsen von einem prachtvollen Geschlecht! Knnte man da nicht hinkommen, wo Die leben? Und glcklich sein?--Ich schaute jetzt genauer hin. In der That, der Inhalt dieser Leiber, obwohl blhend wei und flockig wie frische Schlagsahne, war doch knstlich; war angefllt;--oh, ich lasse mich nicht so leicht tuschen!--und es sind also veritable Menschen-Hlsen; natrlich! Man kann doch das Blut und die Eingeweide nicht drinnen lassen! Und man fllt es mit Wei aus, um die Kostbarkeit der Rasse anzudeuten. Ob wohl solche Exemplare noch lebend anzutreffen sind?--fuhr ich weiter fr mich zu fragen fort.--Und wo Die sich aufhalten mgen? In einem fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mgen sie wohl in der Luft schweben, diese federleichte, grazise Sippe! Und werden dort von Schurkenhand eingefangen und abgehutet!--Einerlei--fuhr ich nach einigem Bedenken fort,--jetzt sind sie da; und jetzt gilt es, sie zu erwerben. Denn offenbar,--darber war ich orientirt--ist das, was hinter diesen Riesenscheiben aufgestellt ist, zu verkaufen. Aber wer kann so kostbare Menschen kaufen? Wohl nur ein Knig! Mein Gott, rief ich, was wird dieser orangene Menschen-Vogel kosten? Gewi einige Zehntausend Gulden. Die werde ich nie besitzen. Und so werde ich im Leben nie glcklich sein...! In diesem Augenblick geschah etwas Entsetzliches. Zwischen meinem Orange-Menschen und seinem dunkelblauen Kameraden nebenan erschien pltzlich ein schwarzbrtiger, gelockter Judenkopf, der mich mit einem ausgestopft-slichen Lcheln angrinzte, und unversehens von Hinten mit zwei Armen mein Orange-Bild umfate, und es liebkosend nach hinten trug. Ich war auer mir vor Wuth. Und eben wollte ich mit geballter Faust die Glasscheibe zerschmettern, um das Ideal meines Lebens zu retten, als ein brauner, eiserner Vorhang zwischen mir und der Glasscheibe mit schrillem Gerusch niederging, und mich mit einem Ruck wie vor die Felsenwand "Sesam ffne Dich!" brachte.-- Ich schaute um mich. Es war stockfinster. Nur wenige Menschen eilten schnellen Schritts vorber. Der groe Platz war leer, wie ausgestorben. Mein Paquet? Ich hatte es noch in der Hand. Ich lief zitternd vor Erregung nach Hause. Es ging auf zehn Uhr. Natrlich kam ich zu spt. Aber dieses Zusptkommen, welches unter anderen Umstnden mich tief beunruhigt htte, lie mich fast theilnahmslos. So hatte das vorausgehende Ereigni auf mich gewirkt. Man forschte mich aus, wo ich gewesen. Man inquirirte mich. Onkel und Tante waren auer sich, da ich die erste Gelegenheit des Vertrauens so schmhlich mibraucht hatte. Ich erklrte mit groen Augen, ich htte eine seltsame Begegnung gehabt, die mich festgehalten htte. Man schttelte den Kopf, und wollte Nheres wissen. Ich konnte und wollte nichts Nheres sagen. Ich bat nur, zu Bett gehen zu drfen. Ich htte keinen Appetit. Dies wurde endlich zugestanden. Im Nu war ich in meiner kleinen Schlafkammer, und hatte mich gleich darauf tief in die Bettdecken gewickelt. In der Nacht trumte mir, und es erschien jener Rumpf-Krper, in golden-orangenes Licht getaucht, am Fuende meines Bettes. Wie ein strablendes Wesen aus dem Jenseits. Wie eine odische Erscheinung. Ich wei nicht, trumend oder wachend, erhob ich mich von der Lagerstatt und starrte das entzckende Bild mit offenen Augen an. Ich rutschte vor und streckte die Hnde mit fibrirendem Verlangen dem Bilde entgegen. In diesem Augenblick aber erschien der Judenkopf, mit einem hhnischen, wie ein Taschenmesser zugeklappten Mund, und zog von rckwrts leis und lautlos das prachtvolle Bild an sich. Mit einem Schrei erwachte ich.-- Von diesem Morgen an war ich ein ganz anderer Mensch. Ich hatte jetzt pltzlich einen Inhalt gewonnen. Meine Seele vagirte nun nicht mehr herum. Wenn sie sich berlassen war, wute sie, an wen sich zu halten. Sie entfloh in jene dmmerige Gasse, vor das glnzende Schaufenster, und conversirte mit jenem Orange-Wesen, dem fabelhaften Menschenrumpf, dem entzckenden Ueberbleibsel aus einem fernen, vielleicht indischen Geschlecht. Leider wurde meine Seele mit dieser ihrer phantastischen Arbeit so bermchtig, so exclusiv thtig, da meine Aufmerksamkeit, die Fhigkeit, meine Geisteskrfte zu concentriren, immer schwcher wurde, und zuletzt unterlag. Nicht nur in der Classe, beim Uebersetzen von Cicero oder Ovid, in der Kirche, zu Hause, wenn mein Onkel ernste Aufstze vorlas, sondern sogar beim Mittagessen, war ich schweigsam, die Aeuerlichkeiten mechanisch verrichtend, meinem Inneren zugekehrt. So kam ich in den Geruch, zumal auch meine Noten in der Classe immer ungengender wurden, eines talentlosen, faulen, dummen Menschen. Darber verging etwa ein Viertel-Jahr. Mein Orange-Ideal hatte ich in der Wirklichkeit nicht wieder seit jenem Abend gesehen. Noch ein hnliches seines Geschlechts.--Eines Nachmittags waren Onkel und Tante ausgegangen. Es war Sonntag. Die Kchin war allein noch zu Hause, und schickte sich, wie ich vermuthete, an, ebenfalls auszugehen, da es ihr freier Nachmittag war. Ich sollte zu Hause bleiben und lernen. Mimuthig ging ich im Zimmer auf und ab. Pltzlich kam mir der Gedanke, wenn ich den ganzen Sonntag Nachmittag allein zu Hause bleiben sollte, mir noch ein Glas Himbeer-Wasser von der Kchin zurecht richten zu lassen. Es war Sommer, und ein heier Tag. Die Kchin hatte den Schlssel zu diesen Sigkeiten. Eben hatte ich die Thrklinke in der Hand, und war im Begriff ber den Corridor zu gehen, als mich ein weiterer Gedanke auf einmal leise auftreten lie. Die Kchin war eine hbsche Person. Sie hatte groe, dunkle, vielsagende Augen. Ich war ber die Unterschiede zwischen Knaben und Mdchen sehr wohl orientirt. Ich hatte durch Zufall sogar diese Abweichung in der Bildung der Scham bei kleinen Mdchen schon beobachtet. Was mich, nebenbei gesagt, hier einzig verdro, war, da die Urin-Bereitung mit jenen differenzierten Organen vergesellschaftet war. Das heit, ich konnte mir nicht klar machen, warum zur Entleerung des Urins bei Knaben und Mdchen verschiedene Organe nothwendig seien.--Ich wollte durch's Schlsselloch der Kchin in's Zimmer schauen, um zu sehen, wie sie aussehe, was sie treibe. Nahe bei der Thre angelangt, hrte ich schon nesteln und rutschen und herumwirthschaften. Aber kaum hatte ich das Auge an's Schlsselloch gebracht, als ich, starr vor Entsetzen, und unfhig, mich auf den Fen zu halten, beinahe mit dem Kopfe gegen die Thre gefallen wre. Ich lief eilig ins Wohnzimmer zurck, wo ich keuchend mich an einem Mbel anhielt, um das Gesehene zu verdauen, zu berlegen, mir klar zu machen: Die Kchin stand mit nackten Aermen in ihrem Zimmer; an ihrem Bett; der Hals ebenfalls nackt; das Hemd war tief ausgeschnitten; zwei weie, helle, lebende Kugeln sprangen dort, wo das Hemd aufhrte, hervor, und von diesem Rand an abwrts hatte die Kchin, sowohl gegen die Arme sich verbreiternd, als nach unten den ganzen Leib verhllend, eine jener farbigen, eingefaten, starren, getrockneten Menschenhlsen, wie ich sie damals hinter der Glasscheibe gesehen; wobei ich nur das Eine nicht begreifen konnte, wie die Kchin diesen fremden Menschen-Ueberzug ber sich hinbergebracht hatte; denn die Kchin war ein starkes Frauenzimmer; der Ueberzug hingegen knapp und eng, auch war mir nicht entgangen, da dieser hohle Balg an Farbenpracht bei weitem hinter jenen zurckstand, die, wie mein orangenes Ideal, damals in der Abend-Beleuchtung in jener Strae geglnzt hatte. Und nicht bersehen war von mir das ernste, strenge, fast pathetische Gesicht, welches die Kchin bei ihren vielerlei Manipulationen gemacht hatte.--Ich setzte mich jetzt auf den bequemen Lehnstuhl im Zimmer, und berlie mich ganz meinen Empfindungen und Erwgungen. Eine der wichtigsten Entdeckungen, das war mir klar, hatte ich jetzt gemacht. Also die Kchin hatte sich in den Besitz eines solchen abgeblgten Menschen-Ueberzuges zu setzen gewut. Er war nicht so schn wie die andern; stammte vielleicht von einem im Norden wohnenden, schwerfllig im Nebel sich bewegenden, mythologischen Geschlecht; whrend mein OrangeLiebling, darber konnte kein Zweifel bestehen, sich vor Zeiten in einem sonnigen Klima, wie ein Kolibri in der Luft geschaukelt hatte. Also Menschen-Blge werden vom Norden, wie vom Sden her, zu uns gebracht, importirt; und bis zur Kchin herab kauft sich jede so einen Ueberzug und zwngt ihn sich ber den Leib. Warum? Ja, das wei der Himmel! Und die nordischen Blge sind mehr grau, dickfaserig, schwartenhnlich, derb, wahrscheinlich billiger, fr den Kchinnen-Geldbeutel berechnet; die sdlichen mehr kolibri-artig, farbig, heller, aufgelockerter, goldiger und geschmeidiger, fr Frstinnen und Baronessen berechnet, und natrlich unbezahlbar. Und Juden sind es, die diese entfernten Menschenrassen abschieen lassen, die Blge importiren und verkaufen; und daran ihr Geld verdienen. Aber wie mssen diese Menschen aussehen? Oder sind es gar keine Menschen? Sondern Vgel! Oder eine Misch-Race? Sie haben also also fing ich jetzt an zu construiren--einen hchst zarten, gracilen Leib, das heit, Hfte, Taille, Brust und die zwei hchst interessanten, an ihr hervorspringenden, schumenden Kugeln; rechts und links von der Brust fliegen zwei weie, nackte, schlanke Arme heraus, zum Rudern, zum Fliegen; farbige fledermausartige Flughute verbinden diese ihrer ganzen Lnge nach mit dem Krper, wie aufgebauschte Regenschirme; und zwischen den zarten, Perlmutter-Fingern, noch weiche, durchsichtige Schwimm-Hute. Oben an die Brust setzt sich ein blendend-weier, vielleicht schon befiederter Hals an; dann folgt ein Mulchen von Corallenfarbe, ein spitzes schlankes Nschen, hinter blau-grnen Wimpern versteckte schwarze Augen-Punkte, citronengelbe Augenbrauen; und die Alles umsplt, umflattert, umwogt, je nachdem der Wind geht, von einem Wald, von Wellen-Strhnen blau-schwarzer Haare, die die Perlmutter-Oehrlein, die Wangen, Kinn, Gesicht, die Brustballons, ja stellenweise die ganze Gestalt in ein Netz von dunklem Wirrwarr einhllen. Eine Stimme von einem sen "Pi-pi-pi-pi-pi!" wird dieses Flatter-Geschpf vielleicht von sich geben. Unten, unterhalb der Hfte, folgen natrlich keine Beine, die berflssig wren, sondern ein Ruder-oder Luft-Schwanz, der zweispaltig in eine Flosse endet, silbern beschuppt ist, und mit blulichen und grnen Reflexen um sich schlgt und die Direction angiebt. Unter Canarienvgeln und geschwnzten Affen treibt sich dieses kostbare Geschpf auf einer Insel in einem Urwald herum, schaukelt und gaukelt, schnalzt und zwitschert, und erfllt die Luft mit Farben und Tnen. Das war die Rasse, aus der ich mein Orange-Ideal abstammen lie, und alle farbigen Blge, die bei uns von den Fraunzimmern aus wei der Himmel welch neidischen Grnden auf dem bloen Leib getragen werden.--Weit weniger gern vertiefte ich mich in die nebelhafte, nordische Species, die seehundhnlich, mit grmlichem, naglatten Gesicht in der aufgelockerten mit Schnee-und Crystall-Nadeln erfllten Luft umherscho, und von deren fettigem, thranigem Leib jener Panzer abprparirt war, wie ich ihn an unserer Kchin durch's Schlsselloch hindurch gesehen hatte. Das war mein System, auf das ich nicht weniger stolz war, als jene groen Philosophen, von deren Denk-Systemen ich knapp hatte reden hren. Mit mitrauischen Augen betrachtete ich jetzt jedes weibliche Wesen, welches in unser Haus auf Besuch kam; um zu eruiren, ob sie sich, und aus welcher Gattung, mit einem farbigen Menschenleib umgebe. Ich war auch fest berzeugt, da ich das einzige mnnliche Wesen sei, welches durch eine glckliche Combination von ueren und innerlichen Ereignissen, zu der Kenntni dieser infamen Menschen-Schlchterei gekommen sei. Trotzdem htete ich mich, irgend jemand etwas von meiner Entdeckung zu verrathen. Aber ein ungemessener Stolz erfllte mich, und mit Verachtung blickte ich auf alle die Mnner, die lateinisch-und griechisch-gebten Professoren meiner Umgebung, die mit dnkelhaften Blicken in die Welt hinausschauten, und keine Ahnung hatten von dem, was in ihrer nchsten Nhe vorging. Umgekehrt schienen mir die Augen der Frauen, die oft mit eigenthmlichem Einverstndni auf mir ruhten, anzudeuten, als wten sie wohl, da ich hinter ihre Schliche gekommen sei.-- Worin mir jedoch dieses ganze innere Leben, dieses Nachgrbeln, dieses Entdecken meiner Seele auf eigene Verantwortung hin, von entschiedenem Nachtheil war, das war mein Studium. Meine Fhigkeit zum Aufmerken war fast erloschen. Sah ich doch, da weder die groen Schriftsteller, noch die groen Mathematiker und Geographen, eine Spur jener Kenntni hatten, die mir weitaus die wichtigste meines Lebens schien. Nur die abenteuerlichen Erzhlungen eines _Odysseus_, die Begebenheiten bei der _Circe_, sein Besuch bei den abgeschiedenen Seelen, oder die Metamorphosen bei _Ovid_ konnten mich fest halten. Kam so eine Schlacht, bei der ich auer der Jahreszahl auch die Gefangenen und Gefallenen merken mute, oder die Berechnung eines sphrischen Dreiecks, dessen Werth ich fr mich mit dem besten Willen nicht einsehen konnte, so holte ich rasch die smmtlichen weiblichen Individuen meiner Bekanntschaft herbei, entkleidete sie, und examinirte die Farbe, Einfassungen und Abnhungen ihrer exotischen Blge; oder ich lie mir von dem Judenkopf meine Orange-Freundin bringen, die ich lngst mit einem Wachskopf versehen hatte, und deren blauen Fischschuppen-Schwanz und meergrne Arme ich vergnglich zwischen mir und dem Classen-Professor hin-und hertanzen sah. So wurde ich achtzehn Jahre alt. Noch hatte ich keinem Menschen eine Mittheilung meiner Entdeckungen und verborgenen Erwgungen gemacht. Ich war jetzt in der obersten Classe des Gymnasiums. Bis dahin war das Aufrcken sozusagen von selbst erfolgt. Man kam in die vierte Classe, weil man ein Jahr lang in der dritten gewesen war, und in die dritte, weil man so lang in der zweiten war. Jetzt aber, zum Verlassen des Gymnasiums, hatte man ein schweres, eingehendes Examen aus allen Fchern zu bestehen. Wie das mit mir werden sollte, das wute ich nicht.--Eines Tages kamen wir in die Religionsstunde, und hrten zu unserer freudigen Ueberraschung, da der Religionslehrer krank, und wir nach Hause gehen knnten. Dies war eine gefundene freie Stunde, die ich wieder einmal zu meiner Verfgung hatte, und so viel wie mglich auszuntzen gedachte. Mein erster Gedanke war: Du machst Deinem Orange-Idol einen Besuch. Aber wie dahin gelangen? Seit meinem ersten damaligen Besuch in der Abendstunde waren zwei oder mehr Jahre dahingegangen. Unter so strenger Clausur war ich die ganze Zeit ber gestanden. Der Weg war mir in Vergessenheit gerathen. Wie ihn finden, und wie irgend Jemanden den Begriff davon beibringen, was ich wollte. Einem Mitschler, der mir am vertrautesten war, und mit dem ich ein Stck des Nach-Hause-Wegs gemeinsam hatte, theilte ich soviel mit, als zur unumgnglichen Orientirung nothwendig war. Er hrte mich stumm und starr vor Erstaunen an. Etwas von meinem geheimen System mu doch mit hindurch filtrirt sein. Dann sagte er ruhig, und mit einer gewissen Gelassenheit, ich solle nur mitgehen, wenn er mir auch nicht dieselbe Menschen-Leiber-Ausstellung zeigen werde, jedenfalls werde es eine hnliche sein. Ich folgte. Und nach etwa einviertelstndiger Wanderung kamen wir durch eine Menge enger und finsterer Gassen zu einem groen, spiegelglatten Glasfenster, in dem wahrhaftig eine groe Collection der von mir sehnlichst begehrten ausgestopften farbigen Menschenblge zu sehen waren. Aber es war weder dieselbe Collection, noch so elegant, farbig und kostbar wie die von mir in Erinnerung gehaltene. Mein Orange-Wesen war nicht darunter. Trotzdem glotzte ich wie fascinirt diese stummen Wesen an. Ich hatte meine Schulbcher unter'm Arm. Mein Freund stand hinter mir, mich beobachtend. Allmhlich, merkte ich, blieben hinter uns mehrere Leute stehn. Es war ein Samstag. Aus dem Trubel und dem Geschrei, der in der ganzen Strae herrscht, entnahm ich, da die Leute vom Markte kamen. Dicke Kchinnen, Brgerfrauen u. dergl. schwankten schwerfllig vorbei: Ein Geschimpfe entstand, weil die Passage nicht frei war. Ich hatte mich ganz dicht an die Glasscheibe gelehnt, um das mir convenirende Stck herauszusuchen. Meine Nase blies einen groen Hof auf die Glasflche. Allmhlich hrte ich hinten kichern und flstern. Dazwischen vernahm ich die Stimme meines Freundes, der mit groer Ruhe und gedmpfter Stimme mit den stehengebliebenen Leuten conversirte. Einige Seufzer, die meiner Brust entstiegen, mgen von den Hinterstehenden gehrt worden sein. Das Gedrnge und Geschimpfe wurde nun immer rger. Nun wurde mir doch unheimlich. Ich merkte, da mein Freund nicht mehr neben mir stand. Auch hatte ich mich an dieser mehr starkkalibrigen, farbenarmen und schwerflligen Collection gemsteter Menschen-Blge gengend satt gesehen. Meinem Ideal entsprachen sie nicht. Ich wandte mich um, und wollte gehen. In diesem Augenblick empfing mich ein hllisches Gelchter, in dem Hohn, Spott, Mitleid, Verachtung, Schadenfreude, Alles durcheinander klang. Ich blickte in lauter geffnete Muler mit faulen Zhnen und dampfenden Schleimhuten. Die ganze Strae war vollgekeilt mit Weibern, die keuchend ihre Armkrbe emporhielten und mich mit winzig zugekniffenen Augenspalten ankiekten. Eine Menge von Stimmen und unartikulirter Laute drang auf mich ein, aus der ich zuletzt nur die eine breiig vorgebrachte Rede noch vernahm: "Gelten S' junger Herr, de san schn; a soichtene mssen S' Ihnen aussuchen!"--Ich wurde blutroth im Gesicht. Und kaum hatte ich mich durch das Gedrnge durchgearbeitet, so lief ich, so schnell ich konnte, davon, Denkmaterial wieder fr zwei Tage im Kopf. Mein Freund war verschwunden. Durch fleiiges Erfragen der Strae fand ich mich nach Hause. Als ich mit gertheten Wangen und fliegendem Athem ankam, und man mich frug, wo ich herkomme, antwortete ich: Aus der Religionsstunde.-- Am nchsten Morgen, als ich zur gewohnten Zeit in die Classe trat, empfing mich ein vierzig-bis fnfzigstimmiger Ruf: "Corsetten-Fritz! Corsetten-Fritz!"--Die ganze Geschichte war ausgeplaudert worden. Ich hatte jetzt einen schweren Standpunkt. Und unangenehmer, als die Hnseleien, die nun begannen, berhrte mich, da mein so sorgfltig gehtetes System, das Pflegekind meiner Phantasie, in diese rohen Hnde und Mnder gekommen war. Und als ein Glck empfand ich es jetzt, da durch die strenge Ueberwachung, das Abgeholtwerden vom Gymnasium, mein Verkehr mit meinen Mitschlern auf ein Minimum reducirt wurde. So blieb ich fr sie ein Rthsel, ein barocker, sonderbarer Mensch; und in dieser Isolirung war mir am wohlsten. So kam das Schlu-Examen herbei. In allen Fchern hatte ich begrndete Aussicht, glnzend durchzufallen, mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes; da ich von frh an mich daran gewhnt hatte, meine Gedanken und Empfindungen schriftlich niederzulegen. Als deutsches Thema erhielten wir "die Bestimmung des Menschen". Ich wei noch, ich starrte diese Worte wohl eine Viertelstunde an, aber es fiel mir nichts ein. Ich wute nun, da auch der Aufsatz verlorene Arbeit sei. Aber ich grbelte ruhig weiter, um zu sehen, ob sich gar keine Gedanken angesichts dieses weltbewegenden Themas einstellen wrden. Und es kam nichts. Ich merkte jetzt, von Minute zu Minute deutlicher, da nicht nur der Aufsatz eine schlechte Arbeit werden wrde, sondern da auch gar keine Aussicht fr eine regelrechte, tchtige, ehrliche Behandlung des Themas sei. Die "Bestimmung des Menschen?"--Ich wute sie nicht! Hinter mir zupften mich meine Mitschler, die gewohnt waren, im deutschen Aufsatz von mir Hlfe zu bekommen, und flsterten: "Du, was ist die Bestimmung des Menschen?"--Ich wute es nicht; und sie wuten es auch nicht.--Die Antwort, die ich in der Christenlehre vor zehn Jahren gegeben htte: gottesfrchtig zu leben, und selig zu sterben,--die war mir wohl gelufig; aber das war ja nur eine schne Rede, eine Phrase, die Jeder im Nothfall im Mund fhrt, und Keiner glaubt.--Trotzdem mute mein Aufsatz in zwei Stunden fertig sein! In meiner Verzweifelung begann ich zu schreiben: Die Bestimmung des Menschen ist, die Rthsel, mit denen ihn diese Welt umgiebt, zu lsen, und sich zur ruhigen Geistesklarheit durchzuringen; so auf meine persnlichen Erlebnisse und den Gegenstand meiner Zweifelsqualen anspielend. Und nun begann ich, rckhaltlos die Erlebnisse meiner letzten Jahre, innerer und uerer Natur, die Annahme eines zweiten Menschengeschlechts, meine Visionen und Peinigungen, bei Tag und bei Nacht, mein Occupirt-Sein durch jenes Orange-Wesen, darzulegen, und schlo die unermdlich hingeworfene Studie mit der Emphase: das ist unsere Bestimmung, das ist unser Fluch, zu grbeln und zu spintisiren, die Schliche und Verhllungen unserer Nebenmenschen aufzudecken, den Kern aus der Schale zu brechen, die Panzer abzureien: ein Geschlecht luft neben uns her, seltsam gebildet, mit ausladenden, outrirten Formen; die Blicke dunkel und verzehrend, die Haut schneewei, fuchtelnde Arme, auf der Brust zwei ungeberdige Ballen, die seltsam in der Kleidung versteckt werden; ber Hfte und Leib schillernde, seidene, farbige Ueberzge von unbekannter, geheimnivoller Herkunft; weiterhin sonderlich gebildet, alles glatt und weich, zart und behext; das einmal gesehen, die Phantasie nicht mehr loslt, die Gymnasiasten verwirrt, ihnen das Gedchtni auslscht, sie dem Verderben zufhren will. Lse diese Rthsel, zerreie die Schleier, decke Alles auf--das ist die Bestimmung des Menschen; um zu Ruhe und Frieden zu gelangen; im Uebrigen, selbstverstndlich, gottesfrchtig zu leben und selig zu sterben; wie wir es auswendig gelernt haben.-- Den folgenden Tag und bevor noch das mndliche Examen begonnen hatte, wurde ich auf das Rectorat gerufen, wo mir bedeutet, da ich wegen "unziemlicher Ausdrcke und unsittlicher Anspielungen im deutschen Aufsatz" zwei Stunden Arrest zudictirt erhalten htte. Gleichzeitig wurde mir erffnet, da die Prfungs-Commission durch auerordentliche Rcksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest fr getilgt erachte, ich aber fr den deutschen Aufsatz selbst wegen der darin gezeigten "Selbstndigkeit in Behandlung schwieriger und abgelegener Thematas" die erste Note erhielte.--Diese erste Note wog so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, da alle brigen "Vierer" oder letzten Noten von ihrem "Ungengend" etwas ablassen muten. Und da ich, durch den Vorgang kuraschirt geworden, im mndlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir, gerade noch mit der letzten zulssigen Gesammtnota das Absolutorium zu erhalten, und damit das Reifezeugni fr die Universitt.-- Ein Vierteljahr spter befand ich mich auf der Hochschule einer mitteldeutschen Residenzstadt, die wegen ihres jovialen ungebundenen Charakters besonders berhmt war. Ich war jetzt bald 19 Jahre alt; und von der vterlichen Censur und verwandtschaftlichen Ueberwachung endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Rthsel und Geheimnisse zu kommen, mit denen meine Phantasie sich bis dahin so abgemht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen, sddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie studirte, sondern sich dem medizinischen Fach zugewandt hatte, und der weit besser als ich im groen Leben versirt war. Nach etwa vierwchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spt beim Nachhausegehen unter'm Arm und flsterte mir merkwrdige, unerhrte Dinge in's Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen Hauses, wo auf eine bestimmte Klingel hin ein Haufen prachtvoller, schillernder, verfhrerischer Geschpfe mit weier Haut und goldenen Haaren hervorbreche, und dem Gaste seine Dienste anbiete. Man gebe ein Geschenk,--ein Gastgeschenk--das sei so blich. Man whle sich eines der Geschpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine Stunde. Alles brige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt sein, u.s.w.--Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: Sollte ich hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibri-Geschpfe finden, nach deren Existenz ich seit fast sechs oder sieben Jahren im Geheimen fahndete?--Mit pochendem Herzen folgte ich meinem Freund, der sich ber meine Unkenntni und mein Verzagtsein nicht wenig erlustirte. Wir gingen abseits von der Hauptstrae durch schwarze Gassen, dann durch schwarze Gchen; es wurde immer stiller; durch das Strchen, durch das wir jetzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir muten rechts und links weit ausschreiten, wie der Kolo von Rhodos, um uns nicht zu beschmutzen; keine Menschenseele begegnete uns. Endlich hielten wir an einem himmelhohen, schwarzen, nur drei Fenster breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, gelnderlose Stiege emporfhrte. Mein Freund schellte. Gleich darauf ffnete sich die Thr leise; ein Flster-Austausch; und wir gingen einen steinernen, nur mattbeleuchteten Gang entlang; dann eine holprige, steile Treppe empor; ein Griff auf eine Thrklinke: und mein Freund schob mich in einen hell und blinkend erleuchteten Raum, in dessen Wandspiegeln sich ein tausendfach-fassetirtes Licht brach, und in dem uns ein helles, nie vernommenes Kichern und Lachen umschwirrte. Auf den Sophas und weichen Ledersthlen saen und lagen prchtige, kostbargeartete, helle, phantastische Wesen mit purpurrothen Lippen, blitzend-weien Zhnen, langen Haarstrhnen, kalkweien Halskrausen und nackten figelirenden Armen, und schauten uns mit glashellen, bachklaren Augen an, als shen sie heute zum ersten Mal Menschen in runden Beinrohren und eingezwngten Tuchrcken. Mein Freund sprach lngere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz, die in jeder Hinsicht dem gewhnlichen Menschengeschlecht anzugehren schien; dann, auf einen Wink, sprang eines der schlankesten, aalglatten Geschpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen Arm um meinen Hals, und schleppte mich fort aus dem Zimmer, eine Stiege hher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in dem alles aus Crystall zu sein schien, eine Menge Flschchen, Npfchen und Vschen mit irisirender Oberflche umherstanden, und die Luft wie mit tausend schweren Gedanken beladen Einem in die Nase drang. Ehe ich mich's versehen, hatte das schlpfrige Geschpf eine Hlle nach der andern abgeworfen, und pltzlich stand vor mir, strablend in Gold mit schwarzer Einfassung, jenes Orange-Bild aus dem Schaufenster, meine zierliche Ideal-Gttin mit jener safranenen Hlse um Leib, Taille und Brust, die ich seitdem so oft als reproducirtes Hirn-Gespinst vor mir gesehen hatte, in der Nacht, bei Tag, im lateinischen Classen-Zimmer; aber nicht todt, ausgestopft, mit abgehacktem Hals, herausgezogenen Armen und Beinen; sondern lebend, vibrirend, als Ganz-Geschpf, mit schneeweiem Hals, goldbestrhntem Kopf, blhenden Beinen, herumfegenden Armen, gellenden Trillern; und um die Mitte des Krpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit schwarzer Einfassung, an dessen oberen Rand zwei blulichweie Ballen mit Karminspitzen quellend hervordrangen. "Du unvergleichliches Wesen!"--rief ich, und strzte mit einem Schlag auf die Knie',--"Dich kenn' ich, seit zehn Jahren such' ich Dich, Du erscheinst mir im Traum und bei Tag in einsamen Stunden. Du warst im Besitz eines ekelhaften, schwarz-geschniegelten Juden! Wie bist Du aus jenem Schaufenster herausgekommen. Wo hast Du diese wunderschne, orangene Hlse her? Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar. Kann man Dich kaufen? Du bist der Inbegriff alles meines Glcks auf dieser Erde. Ich wrf' die ganze Theologie zum Teufel, wenn ich Dich besitzen knnte; einerlei, kommst Du aus dem Himmel oder aus der Hlle. Du bist kstlicher als der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest nach Sandelholz. Deine Bewegungen sind wie Seidenkirschen. Was thust Du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flssiger Granit oben aus Deiner Brust hervorzubrechen drohen, um uns zu zermalmen? Lebst Du in besonderer Luft? Nimmst Du Speise zu Dir? Werdet Ihr in Wagen gefahren, weil man Euch nie auf der Strae sieht? Hast Du damals das Schaufenster zerschmettert, und bist dem Aquarium-Besitzer, dem Juden, davongelaufen? Lebst Du hier glcklich? Bist Du aus Glas? oder Seidenstoff? oder Orange-Farbe? oder Muschelmasse? Kann man in Dich hineinbeien...?"--Ich wei nicht, wie lange ich so gesprochen; noch, was ich gethan; noch, was mit mir geschehen ist. Das kstliche Wesen schaute mich lange starr mit ihren tiefen Forellen-Augen an; und entblte die obere, weie Zahnreihe; und die Hnde waren nach mir ausgestreckt, dann wei ich Nichts mehr. Ich mu bewutlos geworden sein. Und kam erst wieder zu mir, als ich die wacklige, steinerne Treppe in dem schwarzen Gchen hinunterstieg, und die frische Luft mich wieder zu mir selbst brachte.--Mein Freund hatte mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwrfe, ich htte nicht das richtige Benehmen an den Tag gelegt; gab mir eine schwulstige, geschraubte, ekelhafte Erklrung ber die Bedeutung dieses Hauses und ihrer Insassen, die ich zum grten Theil nicht verstand, zum andern Theil berhrte ber der Flle inneren Glcks ber das Gesehene und Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholz-Gerche und der Ausdampfungen aus den Crystall-Schalen und -Flschchen der Orange-Fee.-- Ich zog mich jetzt ganz zurck aus dem Studentenleben. Der offene Verkehr mit Meinesgleichen, und das harmlose Plaudern und Lachen ber Dinge, die mein Innerstes brutal berhrten, war mir ein Gruel. Ich lebte ganz meinem Innenleben, und baute dort aus den wenigen farbigen Bausteinen, die ich der Auenwelt, die ich meinen paar Erlebnissen, im Hinblick auf jenes Feen-Geschlecht, entnommen, eine phantastische, gelbe, corsettirte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersttigte. Um hier nicht unterzugehen, strzte ich mich mit frchterlicher Energie auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fhlte jetzt ganz genau jene Zweitheilung in mir vorgehen, die schon in frhester Jugend bei mir begonnen: jene spontane, von der Phantasie eingenommene Sphre, in der ich uncontrollirbar schuf, creirte, produzirte; und aus der ich meist jenes kostbare, meinen Farben-und Formen-Durst stillende, gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandes-Sphre, wo ich, unter Zusammennehmen aller fnf Sinne, keuchend wie ein Ro, meine Daten und Geschichtsquellen memorirte, und die trbe, fade Auenwelt mit ihren Erscheinungen auswendig lernte.-- So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glnzend. Durch meinen eisernen Flei hatte ich die erste Note errungen; und erhielt vom Regierungs-Vertreter die Aussicht im Laufe des nchsten Vierteljahres angestellt zu werden. Ich war glcklich zum Emporjauchzen. Und dabei traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fhlte in meinem Innern eine hhnische Stimme, die sich ber meinen ueren Erfolg lustig machte. Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit groer Freude empfangen wurde. Jetzt, wo meine Aussicht auf Versorgung so gut wie gewi war, und ich inzwischen neunundzwanzig Jahr alt geworden, sprach mein Vater zum erstenmal mit mir ber Verheirathung, ber die Sigkeit der Liebe, und schmatzte dabei mit dem Munde. Ob ich noch kein Gefallen an dem andern Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn gro an, und sagte, ich wisse nicht, was er wolle. Htte nie davon gehrt. Der Gegenstand sei mir zuwider. Ich wte Besseres.--Aber eine andere Befriedigung wurde mir zu Theil. Mein Vater hatte fr mich die Erlaubni erwirkt, am folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu drfen, und damit meine Antritts-Predigt zu halten. Dies war ein mchtiger Sporn fr meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Corinther-Brief, und componirte eine fulminante Predigt. Sie war am Donnerstag fertig. Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memoriren. Die Sache ging mit Spa. Ich war nie so frisch und munter bei der Arbeit gewesen. Am Sonntag frh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt hatte, ging ich, whrend die Gemeinde den Zwischenchoral sang,--ich vergesse, welchen,--langsam und berlegend auf den Steinflieen auf und ab. Pltzlich wurde mir merkwrdig zu Muthe. In meinem Innern schien etwas vorzugehen. Mich berfiel die Angst, es knne in meinem Innern sich etwas ereignen, ber das ich nicht mehr die Controlle htte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen, wie eine Maschine. Und, als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen mte, ohne etwas thun zu knnen. Und dies, die Angst vor dem Kommenden, war die Quelle meiner Beunruhigung. Nicht die erste Sensation selbst, die nur berraschend und merkwrdig war.--Doch war ich nach einigen Minuten wieder frei; und ich bestieg die Kanzel. Ich begann meine Predigt uerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie von selbst. Aber schon nach wenigen Stzen, merkte ich, kam jenes Sakristei-Gefhl wieder. Und nun konnte, und mute ich, zusehen, was geschah: Whrend meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule abrollte, begleitet von guten Gesten und sicherem Tonfall, merkte ich, wie sich in meinem Innern etwas ablste; ein Maschinentheil davonrannte. Und nun erinnerte ich mich, wie ich schon als Knabe immer pensiv war, und meine Seele whrend der Predigt davonlief. Unwillkrlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbnke, und: da sa ich, als Junge, mit glsernem, starren Blick: und gleichzeitig hrte ich die breite, wiederhallende Predigerstimme meines Vaters.--In diesem Augenblick wurde ich durch eine pltzliche Stille unterbrochen. Ich mu zu predigen aufgehrt haben. Ich erkannte jetzt die Situation; ermannte mich, rusperte, und begann von Neuem; fest entschlossen, keiner Verfhrung mehr nachzugeben.--Aber meine Seele hatte ihre Tour schon begonnen. Und nun mute ich mit. Mit auf die Lateinschule. Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straen der Residenzstadt.--Krampfhaft klammerte ich mich an meinen memorirten Predigttext an, und suchte mein Inneres zu berschreien. Als ich an die Stelle kam,--in meiner Seelengeschichte--wo ich im Auftrag meiner Tante jenen abendlichen Gang zu machen hatte, sah ich mit einemmal, wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Hhe der Kanzel, quer durch die Luft zu mir kam. Ich erschrack, und wunderte mich, wieso derselbe in der Luft schweben knne; entdeckte aber bald, da der Kerl, wie ein Kronleuchter, hinten am Rcken durch ein starkes Seil befestigt war, welches oben an der Kirchendecke mndete. Und vor sich her schob der Jude, mit einem freundlichen Grinsen zwischen seinem schwarzen Bart, jenes orangegelbe Wesen, welches mich durch so viele Jahre begleitet hatte. Ich war auer mir, ber die Strung, und betrachtete meinen Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie bergossen war. Ich winkte dem Juden fort, und lie deutlich erkennen, wie unangenehm mir der Besuch sei; und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hlfe des Kirchendieners mittelst eines Strickes so hoch herabzulassen. Er blieb aber genau, wo er war, und lchelte fortwhrend in gleicher Weise.--Bis dahin hatte ich mit uerster Anstrengung meinen Predigttext nicht verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil berging, geschah etwas Unerhrtes. Die Glasthren, die zur Gallerie der Kirche, zum Empor fhrten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine frheren Gymnasial-Kameraden von der ersten und zweiten Classe strmten mit ihren Bchern herein, nahmen die Sitze rings um die Gallerie ein, und nach einigem Schnaufen und Flstern hrte ich, wie einige lautgellend, lachend, riefen: "Ei, das ist ja der _Corsetten-Fritz_!"--Und "_Corsetten-Fritz_! _Corsetten-Fritz_!" folgte es jetzt im Chor. Anfnglich wollte ich die Strung nicht beachten; zumal ich berzeugt war, da die jungen Leute exemplarisch bestraft wrden. Als aber die hhnenden Zurufe immer rger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genu meiner Predigt wurde dadurch natrlich wesentlich verkmmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig, und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lrm so arg, da der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich bat, pltzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der Sakristei. Damit verlie ich die Kanzel. Nach sechs Wochen wurde ich hierher in ein Haus gebracht, von dem es heit, es sei die Irren-Anstalt. Und von hier aus schreibe ich diese Zeilen, meine Lebensgeschichte, auf Wunsch des Directors nieder. Man sagt mir, ich litte an Hallucinationen, an Gesichts-und Gehrstuschungen. Davon kann keine Rede sein. Ich verlange vor allem eine gerichtliche Untersuchung, ber jene Vorgnge in der Kirche, und eine Verhaftung des Kirchendieners, der jenem Juden den Strick gegeben hat zum Sichherablassen. Diejenigen, die jene Vorgnge leugnen, beweisen damit, da sie in ihren Sinnen krank, oder an jenem Complot betheiligt sind. Was allein an der ganzen Sache merkwrdig ist, ist da jene Jungens, die damals auf dem Empor "Corsetten-Fritz" schrieen, aussahen, als wren sie sechs bis acht Jahre jnger, als sie wirklich zur Zeit sein muten. Denn diese Zeit ungefhr hatte ich sie nicht mehr gesehen. Da sie ihre Haare genau so gescheitelt trugen, dieselben Anzge anhatten, und, tuschend, die gleichen Bcherbndel, mit Riemen zusammengehalten, mit der gleichen ungezogenen Manier trugen, wie vor sechs, acht Jahren. Darin allein liegt das Merkwrdige. Das ist aber offenbar bestellte, fabricirte Sache.-- Indianer-Gedanken "Nehmet wahr der Raben; sie sen nicht, sie ernten auch nicht, und euer himmlischer Vater nhret sie doch." Lucas 12, 24 Wer in den letzten fnf oder sechs Jahren in einer der greren Stdte des Continents seinen Aufenthalt hatte, oder gelegentlich dort verweilte, erinnert sich vielleicht einer farbigen Truppe, die unter der Aufsicht eines weien Unternehmers von Ort zu Ort zog, ihre Zelte aufschlug, in einem abgeschlossenen Raum ihre Knste, Kriegs-Tnze und sonstige absonderliche Gewohnheiten vorfhrte, und unter denen ein geschlossenes Contingent von etwa fnfzig bis sechzig Indianern des _Sioux_- und _Cheyennes_-Stamms das Haupt-Interesse des Publicums herausforderte. Als junger Arzt in einer greren Stadt Mittel-Deutschlands ansssig, hatte ich damals, um Beschftigung zu erhalten, gegen ein gewisses Pauschale die Verpflichtung bernommen, allen durchziehenden Gesellschaften, Circustruppen, Angestellten bei Menagerieen, Variete-Gesellschaften und drgl., die alle auf den Platz und das Etablissement eines und desselben Besitzers angewiesen waren, kostenlos die erste rztliche Hlfe angedeihen zu lassen.--Dieser Fall trat nun auch bei den Indianern ein, die, aus einem wrmeren Klima kommend, und mit einer feinen, auf den directen Contact mit der Luft angewiesenen, Haut ausgestattet, unter den ungewohnten Kleidern, und in unserem rauhen Klima, den mannigfachsten Erkltungen ausgesetzt waren. Whrend meiner Besuche, die sich auf das Verordnen allgemein ditetischer Maregeln beschrnkten, lernte ich auch den Huptling kennen, der, nichtwissend, da ich fr meine geringen Dienste bereits belohnt sei, in jeder Hinsicht mir seinen berstrmenden Dank bezeigte, mich in manche Feinheiten ihrer Sitten und Sprache einweihte, und mit dem ich zuletzt in ein frmlich freundschaftliches Verhltni trat.--So weit war die gut.-- Eines Tags sa ich zu Hause, als meine Aufwrterin hereinkam, und mir mittheilte, drauen auf der Gasse treibe sich ein sonderbar aufgeputzter Mensch herum, begleitet von einer Schaar neugieriger Schuljugend, und scheine etwas zu suchen. Ich ffnete das Fenster. Es war mein Freund, der Huptling. Er war berglcklich, als er mich sah. Ich bat ihn hereinzukommen. Er hatte mich aufsuchen wollen. Meine Wohnung, in der es nach meiner Berechnung manches fr ihn Wichtige und Interessante zu sehen gegeben, reizte brigens zu meiner Verwunderung nicht im Mindesten seine Neugierde. Er hatte immer nur seinen Blick freundlich aber fest auf mich gerichtet.--Eine Cigarre, die ich ihm anbot, lehnte er ab. Ebenso eine Tasse Kaffee, die ich ihm machen lassen wollte. Ein Stckchen Kautabak, von dem ich die Hlfte abbrach und in meinen Mund steckte, nahm er an. Mit Mhe vermochte ich ihn, sich auf mein Sopha niederzulassen. Er stand sofort wieder auf, und gab durch einen Seufzer seine Verlegenheit und Unzufriedenheit kund. Er wollte sich dann auf den Boden niederlassen. Bis ich einen gewhnlichen, hlzernen Kchenstuhl hereinbrachte. Den acceptirte er. Der Huptling war in voller Kriegsrstung; auf dem Kopf den bekannten mit starrenden Federn besetzten Kranz, dessen Enden auf die Schultern niederflossen; in den Ohren zwei groe goldene Spangen; die nackten Krpertheile mit einer Art pompejanisches Roth prachtvoll bemalt; im Hft-Grtel, der ein kurzes enganliegendes Beinkleid zusammenhielt, ein kostbar gearbeiteter Tomahawk; der ganze Mann noch einmal eingehllt in eine dunkelblaue, mandelartige Hlle, die aber kein indianisches Kleidungsstck, sondern eine Art Reisekleid und Schutz gegen die Unbilden des europischen Klimas war. Der Huptling hatte jenen misanthropischen Zug in dem mageren Gesicht, der die meisten seiner Stammesgenossen auszeichnete, und der auf eine, ich mchte sagen Jahrhunderte lang genhrte und organisch gewordene Unzufriedenheit und Verbitterung des Gemthes hinwies. Er starrte mich lang und penetrirend an, wie ich es von ihm nicht gewohnt war. Er sprach etwas englisch, und so war die Mglichkeit der Verstndigung gegeben. Ich vermied es, ihn auf kalt-europische Weise zu fragen, was ihn zu mir fhre. Und so stockte die Unterhaltung fr lngere Zeit. Endlich, nachdem er geraume Weile seine zwitterhaft glnzenden Augen wie spitze Pfeile auf mir hatte ruhen lassen, begann er in dem ruhigen, freundlichen Ton, den ich an ihm gewohnt war.-- "Doctor, Du hast mit Deiner Geheimkunst meine Leute wieder zufrieden gemacht, und der groe Geist, den ich gebeten habe, wird sein Auge auf Dir ruhen lassen!"--"Das ist nicht der Mhe werth,"--meinte ich,--"Durch Wrme und gute Nahrung wren sie sowieso gesund geworden."--"Aber, Doctor, diese Leute sind es nicht allein; unser ganzer Stamm ist krank!"--"Wieso,"--fragte ich verwundert,--"was ist passirt?" "Unser Stamm ist krank, und will sterben!"--wiederholte der Indianer mit unverbrchlicher Ruhe, als wre es der einfachste Gedanke der Welt.--"Warum wollt Ihr sterben?"--frug ich mit tiefer Theilnahme.--"Doctor,"--sagte der Huptling,--"Dein Auge gefllt mir; es ist ein See der Wahrheit; Du wirst nicht lgen; nenne mir Deine Geheimkunst, und der groe Geist wird sein Auge auf Dir ruhen lassen!"--"Was soll ich Euch sagen? Was wollt Ihr von mir wissen?"--"Die _Sioux_ und die _Cheyennes_ und die _Arapahons_ und die _Dakota_ wollen sterben!"--"Und warum?"--"Weil wir nicht leben knnen!"--"Und warum"--"Weil die Todtengesichter um uns herum uns erwrgen, und uns mit den Feuerschlnden zusammenschieen wie Bffel!"--"Wer sind das, die Todtengesichter?"--"Die Pferds-Leute um uns herum mit den dicken Knochen und der Lgenspur im Angesicht."--"Um Euch herum wohnen doch die Amerikaner?!"--"Ja, die Pferds-Leute!"--"Und deshalb wollt Ihr sterben?"--frug ich verwundert, und nicht wenig erschrocken im Innern ber den grauenhaften Gedankengang des Indianers. Der Huptling sa mir gegenber, vollstndig ruhig und ohne jede Erregung, als wre dieser Gedanke seit Jahren nach allen Seiten von ihm erwogen worden, als wre diese Frage eine immer wiederkehrende Errterung in den Versammlungen seines Stamms.--"Was meinst Du zu _Brandy_, Doctor,"--nahm der Indianer wieder das Wort,--"die _Sioux_ trinken gern das Feuerwasser der Pferds-Leute?"--"Ja, was wollt Ihr mit dem Brandy?" frug ich erwartungsvoll.--"Wir knnten alle unsere Thierfelle, die wir noch haben, gegen Feuerwasser eintauschen, und alle unsere Leute berauschen, und, wenn sie wie todt daliegen, ihnen die Hlse abschneiden."--"Das wr' ja eine frchterliche Metzelei!"--"Ja, aber wir wren schn gestorben!"--"Wieviel seid Ihr da drben?"--"Die Sioux sind fnftausend, Mnner und Weiber."--"Und wieviel Kinder habt Ihr?"--"Wir haben keine Kinder."--"Was?"--rief ich erstaunt,--"es mssen doch Kinder da sein!"--"Doctor, nein, es sind keine Kinder da; seit zehn Jahren ersticken wir sie."--"Mein Gott!"--rief ich,--"wie grlich; so habt Ihr Euer Zerstrungswerk schon begonnen?"--Der Indianer schien mich nicht zu verstehen, oder meine Verwunderung fr gegenstandslos zu halten; wenigstens gab er mir keine Antwort. Erst nach lngerer Pause, wie mir schien, des Selbstbesinnens, sagte er, "Doctor, was hast du gegen den Brandy?"--"Ich habe nichts gegen den Brandy;"--antwortete ich halb gleichgltig,--"ich finde es nur scheulich, ein ganzes Volk so hinzumorden; aber, wenn Ihr es nun doch vorhabt, so finde ich es grlich durch Schnaps zu sterben."--"Ja, Doktor"--antwortete der Alte, der diesmal aufmerksam zugehrt hatte,--"Du hast Recht, der Brandy ist ein schlechtes Wasser, er macht so gemeine Grimassen,--wie die der Pferdsleute...."--"Wie wer?"--warf ich dazwischen.--"Wie die Pferdsleute!"--betonte der Alte nachdrcklicher, und ergnzte sich dann noch mit: "wie die Todtengesichter mit den dicken Knochen, die um unsere Jagdgrnde wohnen...."--"Wie die Amerikaner, willst du sagen?"--frug ich noch;--"ja," ergnzte der Huptling fast schlfrig,--"wie die Amerikaner;---nein, Doctor, der Brandy ist nichts; auch wrde der groe Geist uns zrnen, wenn wir in seine Jagdgrnde kmen;--Doctor, nenn' mir ein anderes Mittel aus deiner Geheimschachtel."--"Mein lieber Freund,"-sagte ich; das furchtbare Vorhaben des Indianers zwngte mir unwillkrlich das vertrauliche 'Du' auf die Lippen,--"ein solches Vorhaben ist nie an mich gestellt worden; unser Arzneischatz hat zwar starke Gifte, aber wir theilen sie in kleine und kleinste Gaben, und verdnnen sie mit viel Flssigkeit, weil wir Segen und Heilung damit wirken wollen;--brigens,"-fuhr ich nach einigem Besinnen weiter,--"Ihr habt ja selbst ttlich wirkende Kruter; Ihr habt ja das Pfeilgift...."--"Doctor!"--fiel der Indianer mir langsam und schlau blinzelnd in's Wort,--"Du hast keinen so scharfsinnigen Gott wie wir; der groe Geist kennt das Gift unserer Pfeile; er wrde es riechen; und wir kmen nicht in die ewigen Jagdgrnde!--Doctor, nenn mir ein anderes Mittel aus Deiner Geheimschachtel, und Du sollst einstmals neben mir Deine Pfeile in den leuchtenden Jagdgrnden des groen Geistes abschieen!"--"Warum pactirt Ihr nicht mit den Amerikanern, mit den Pferds-Leuten, wie Ihr sie nennt,"--versuchte ich dem Gedankengang des unheimlich gleichgltigen Indianers eine andere Richtung zu geben,--"grenzt Euer Gebiet ab; es ist ja noch so viel Platz da drben."--"Doctor, spricht auch der Hirsch mit dem Jger ber die Bedingungen des Lebenbleibens?!"--(dann nach einer Pause) "nein, Doctor, wir mssen sterben; aber weil wir keine Hirsche sind, sondern doch jedenfalls Sioux, Cheyennes und Dakota sind, wollen wir sterben; wir wollen wie flinkfige Hirsche den Pferds-Leuten zuvorkommen, und schneller sterben, als es ihnen lieb ist...."--"Der Plan ist teuflisch, der Plan ist infernal,"--rief ich voll Entsetzen,--"welches Scheusal unter Euch hat diesen frchterlichen Plan ausgeheckt?"--"....Doctor,"--fuhr der Huptling fort, indem er das Letzte entweder berhrt hatte, oder nicht wrdigen wollte,--"was hlst Du vom Tabak?"--"Ich halte nichts vom Tabak!"--erwiderte ich unmuthig,--"Der Tabak ist ein langsames Gift, er umwirbelt Euren Geist; er tuscht Euch, aber er tdtet Euch nicht."--"... Und er macht die Menschen im Innern so schmutzig!"--ergnzte der rothfrbige Schlaukopf, der diesmal scharf aufgepat hatte,--"auch wrden die Weiber den scharfen Saft spren, Verdacht schpfen und zu kreischen anfangen!... Unsere Weiber wissen nichts.... ihre Seele ist zu klein;... nein, Doctor,--aber ich habe gehrt die Schachtel des weien Medizinmanns hat Gift von denen, was in einen hohlen Zahn hineingeht, gengt, Tausende zu morden, und man riecht nichts und schmeckt nichts, und es frbt sich nichts, und bleibt Alles inwendig wie auswendig; Doctor, zeige Dein Herz so rein, wie Dein Aug' ist, und hilf Deinem Freund, den groen Geist betrgen!"--"Berhmter Huptling," ich, "was Du hier von unseren Giften behauptet hast, ist nicht so wrtlich zu nehmen, vielleicht hat es einer von den Unsern einmal ausgerechnet; aber so viel Gift bereiten wir nicht im Voraus; weil wir nicht Tausende hinmorden; der tausendste Theil dessen, was unter einen Fingernagel hinunter geht, hat schon heilkrftige Wirkung; woher denn Centner Gifte auf einmal herholen, um die drei Stmme zu vernichten!?"-Der Huptling schaute mich mit dem pfeilspitzen Blick seines zugekniffenen Auges an; alles, was ich vorgebracht hatte, war nicht ganz wahr; vielleicht gibt es in unserem Gesicht eine feine Reaction der Unwahrheit, welche diese fremden Vlker erkennen, und welche eintritt, wenn sie mit dem Griffel ihres stahlgrauen Auges die Probe machen; ich fhlte der Huptling wisse, da ich Ausflchte suchte. Als er aber meine Verlegenheit merkte, und, da ich mich durchschaut fhlte, schonte er mich, und schaute weg.--"Wir _Sioux_ und _Cheyennes_,"--fgt er dann nach lngerem Besinnen hinzu,--"sind doch noch zu sehr Menschen; wren wir Thiere!... Dem Thier verhllt man das Auge, und treibt ihm einen Stachel durch das Hirn; aber die Sioux sind doch noch Menschen. Welches Unglck, zwischen den Pferdsleuten, und Thieren in der Mitte stehen zu bleiben!... (dann nach einer lngeren Pause) Wir knnten auf allen Vieren im Wald herumlaufen, uns Hrner aufsetzen, wie die Hirsche bellen, und uns zusammenschieen lassen!... aber schlielich wrden die Pferdsleute dahinter kommen, sich enttuscht von unseren blutenden Krpern zurckziehen, und wir mten hilflos im Wald verrecken."--"Huptling,"--entgegnete ich--"Deine Phantasie ist schrecklich; was Du vor hast, ist das Unerhrteste in der Geschichte der Vlker; und wie Du es vor hast, ist es eine Grausamkeit, die an Wahnsinn grenzt!--Wenn Ihr partout sterben wollt, warum ergreift Ihr nicht die Waffen, und strzt Euch geschmckt und bemalt mit wildem Kriegsgeschrei auf Eure Feinde, vernichtend und niedermetzelnd, was sich Euch in den Weg stellt, und zuletzt der Uebermacht erliegend? Wre das nicht der schnste Todt fr den Krieger?"--"Doctor,"--entgegnete mit groer Schlfrigkeit der Indianer--"warum grundlos so viel Blut vergieen?!--Wir haben unsere Skalpe;... Jeder _Sioux_ mu so viel Skalpe genommen haben, als er Finger hat; seit vierzig Jahren haben wir gesammelt; die Strkeren haben fr die Schwachen gearbeitet; die Skalpe unserer Feinde liegen vertrocknet tief im Wald aufgehuft, und die Blagesichter haben auf der Reise in die Ewigkeit ihre nackten Schdel dem groen Geiste vorgezeigt; er hat sie gezhlt; und den _Sioux_ steht offen der Weg zu den groen Jagdgrnden!--Warum jetzt noch schmutziges Blut vergieen?--Nein! Doctor, Du kennst nicht das Gefhl der _Sioux_ und _Dakota_; wir sind wie ein verwundetes Thier, das wei, da es sterben mu, und sich tief im Gebsch verkriechen mchte, um das dumme, unreinliche Geschft allein und unentdeckt zu vollbringen; aber ein tiefer, alter Gedanke, will uns immer wieder hindern und uns daran erinnern, da wir mehr wie Thiere sind;... (nach lngerem Besinnen) Unser Fleisch soll sehr gut schmecken!..."--"Was meinst Du, Huptling?"--entgegnete ich,--"Habt Ihr gutes Wild und reiche Jagdreviere?"--"Nein,--unser Fleisch soll gut schmecken!"--"Wessen Fleisch?--Euer Fleisch!--Ihr seid keine Menschenfresser?!"--"O nein der _Sioux_ mte ausspeien!--Aber wir knnten unsere jungen Mdchen und Jnglinge sehr sorgfltig braten und mit Krutern und Lorber geschmckt den Pferdsleuten berschicken,--unser Fleisch gilt hher als das des Ebers,--und die andern wrden sich inzwischen im tiefsten Wald aufhngen; und die Blagesichter wrden erkennen, unsere Religion erlaubt uns, gromthiger zu sein, als ihr an einem Balken aufgehngter, todter Gott!..."--In diesem Augenblick wurde der rothe, kriegsgeschmckte Mann vor mir auf dem Holzstuhl von heftigem Zittern und Schluchzen befallen; er reckte und dehnte die mageren Arme vor sich zwischen den Knieen und verbarg das verrunzelte, wie in einem Krampfanfall zusammengekniffene Gesicht gegen die Brust hin; war es ein Raptus des Schmerzes, oder die indianische Weise zu weinen; keine Thrne stahl sich ber sein Gesicht; aber gleich darauf sprang er pltzlich mit einem einzigen Satz, und mit einem Schrei in die Hhe, als sei er von einem schrecklichen Gedanken erlst worden, wobei ich zu meinem hchsten Erstaunen bemerkte, da er den funkelnden Tomahawk in der hoch emporgehaltenen Rechten hielt. "Doctor",--sagte der Huptling,--"der groe Geist hat sein Auge auf Dich gerichtet, und Deinen Weg behtet."--Dann wurde der Alte wieder sehr ruhig und still, setzte sich wieder auf einen Moment hin, sah mich mit einer freien, fast freudigen Miene an, musterte jetzt erst mit einiger Neugierde mein Zimmer, brach dann seinen Besuch ab, und empfahl sich zuletzt mit derselben Freundlichkeit und Ehrerbietung, mit der er mich immer in seinem Lager ausgezeichnet hatte, und mit den englisch gesprochenen Worten: Well, Doctor, we shall see about all that, when we have coming home. (Nun, Doctor, wir werden ber dem allen ins Reine kommen, wenn wir erst wieder zu Hause sind). Ein scandalser Fall "Und Er schuf sie, ein Mnnlein und Frulein, und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret Euch." Genesis 1, 27-28. Das skularisirte Kloster _Douay_ in der Normandie wurde 1830 insofern seinem ursprnglichen Zweck zurckgegeben, als ein Erziehungs-Institut fr Mdchen in den weiten prachtvollen Rumen, und unter der geistlichen Oberleitung eines Abb mit der nthigen Anzahl von Lehrkrften in der Gestalt von Dominikanerinnen--die auch frher das Kloster inne gehabt--von der Regierung gestattet worden war. Die dort erzogenen, jungen Damen gehrten den ersten Familien des Landes an. Man wollte dem damals noch gekrnkten franzsischen Adel gern einige Concessionen machen, und ihm, der damals die Hauptstdte, und besonders Paris, mied, gern auf dem Lande das einrumen, was er dort nicht erreichen konnte: Ansehen, freies, glanzvolles Auftreten, und besonders einen gewissen Einflu auf die rtlichen Institutionen des Landes und der Bevlkerung. Da dieser Einflu sich mit einer Strkung des katholischen Gedankens deckte, lag in der Natur der Sache. Und es war ganz im Einvernehmen mit den Protectricen des klsterlichen Erziehungs-Instituts, wenn die jungen Damen beim Eintritt in ihre Lernzeit eine Art von Gelbden ablegten. Das war vor Allem vornehm. Und es gab einen Vorgeschmack fr das eigentliche klsterliche Leben, sollte die Eine oder Andere, bei dem damaligen niedrigen Cours aristokratischer Brautschaften, es vorziehen, definitiv den Schleier zu nehmen. Also Gelbde wurden abgelegt. Von den bekannten Drei war das der Armuth natrlich nicht von jungen Aristocratinnen zu verlangen, deren Eltern sonntglich zwei-und vierspnnig von ihren Gtern herberkamen, und den Kindern ein reiches Extra-Taschengeld fr Obst-und Zuckersachen dalieen. Dagegen wurde das Gelbde des Gehorsams streng gefordert und geleistet, und ebenso--die Mdchen waren alle zwischen 14 und 18--das der Keuschheit. Wir kommen auf den letzteren Punkt spter zurck. Er ist nicht ganz irrelevant in der gleich zu beginnenden Geschichte.-- Nur ein ganz kurzes Personenverzeichni noch vorher, eines Stckes, welches der Leser am Schlu muthmalich als Tragikomdie bezeichen drfte; Da waren also einmal Monsieur l'Abb (de Rochechouard), meist kurzweg Monsieur l'Abb bezeichnet, oder sogar Monsieur, da er neben dem Grtner und einem Kirchengehlfen fr die grobe Arbeit der einzige Mann im Kloster-Institut war. Ein feiner, hochgebildeter Geistlicher aus altem Adel, in den 50ern; aber etwas bequem; es war doch mehr eine Sinecure als eine Arbeits-Stellung; Monsieur hatte die geistlichen Obliegenheiten der Institutskirche, untersttzt noch von einem Amtsgehlfen, und eine Art Aufsichtsrecht ber die kleine Kirche des fast mit den Klosterbaulichkeiten zusammenhngenden Drfchens Beauregard; Monsieur hatte also eigentlich nur eine Respects-Stellung; er war vermgend und konnte seiner Vorliebe fr Bcher ungehindert nachgehen; doch war Wissensdurst nicht eigentlich das, was ihn trieb. Er war ein Schlecker; er ffnete heute dies, morgen jenes Bndchen, um ein paar Gedanken zu fischen, und mit diesen dann den Tag ber zu scherzen; sein Feld war ausschlielich Theologie; natrlich fehlten auf seinen Regalen nicht die Classiker, und nicht die paar erotischen Schriften, die zu ihnen gehren; sinnlich war Monsieur l'Abb nicht; dazu war der Krper zu beleibt und das Gesicht zu gutmthig; auch productiv war er nicht; er behandelte keine These des Thomas d'Aquino; und gab keine Vorschlge zur zeitgemen Abnderung der geistlichen Exercitien in Klosterschulen heraus; er war eine ruhige, sublime Natur, zufrieden mit Allem, was der Tag brachte; so ein Geistlicher aus den Romanen des Cherbuliez; ein braver Spaziergnger in dem Weinberg des Herrn, der nicht auf die Trauben schimpft, aber auch nichts zur Verbesserung der Reben beitrgt; sondern wachsen lt, was wchst; die Stirne war nieder, das kurze Haar krftig und voll; die Augen klein und friedlich; volle, zufriedene Wangen; einen uerst feinen Mund; die Statur untersetzt; die Rede kurz, klein, knapp, frei von jedem Pathos; absolut keine Predigernatur; ein still in sich und fr sich arbeitendes Wesen; das Habit immer tadellos.-- Da war dann Madame la Superieure, meist nur Madame genannt, das weibliche Oberhaupt des Instituts; sie war eine de Vremy, aus alter normnnischer Adels-Familie; sie trug das Dominikanerinnen-Habit; eine unsglich stolze Dame; gut in den 40; voll Klugheit und Wrde; sogar die adeligen Comtessen-Mtter der Mdchen, wenn sie auf Besuch oder zur Ordnung von Angelegenheiten kamen, machten ihr Reverenz, die sie ausdrcklich forderte; denn auer ihrem alten Adel war sie doch fast in der Stellung einer Aebtissin; auf dem chamois-gilblichen Ordenskleid trug sie stets ein groes goldenes Kreuz, das sie vom Papst geschenkt erhalten hatte; ordnungsgem stand sie unter dem Abb; faktisch aber war ihre Stellung hoch ber ihm; sie leitete die smmtlichen complicirten Institutsangelegenheiten, und nahm damit ihrem geistlichen Oberherrn, der sehr bequem war, einen groen Theil Arbeit vom Hals; das Verhltni zum Abb war daher ein vorzgliches; ja ein intimes; stundenlang verweilte Madame auf seinem Zimmer; sie plauderten vertraulich, einsam und flsternd; doch war kein Hauch von Sinnlichkeit, oder nur sinnlicher Neigung in diesem Vis--vis. Die negativen Grnde dafr lagen auf beiden Seiten. Monsieur war eine quietive, meditirende Natur; Madame scharfsichtig, in ihrem Gemth erkaltet, und in ihren Jahren gnzlich vom Verstande beherrscht. Was Madame leidenschaftlich liebte, war Lectre weltlicher Gattung; und auer der Bibliothek des Abb, die sie allein zu durchstbern das Recht hatte, bekam sie monatlich ein groes Packet aus Paris. Wenn die Mgde ihre Zimmer am Abend herrichteten, fanden sie selbe mit einem feinen, blulichen Rauch erfllt. Auffallend war es, da Madame, obwohl sie gar keine Stunden gab, und sich nur an der Morgenandacht und den Gottesdiensten in der Kirche betheiligte, viele der jngsten Pensionrinnen stundenlang auf ihrem Zimmer zurckhielt. Im Uebrigen war die Superiorin selten zu sehen, war sehr schweigsam, mischte sich nie persnlich in Affairen, lie sich von den 8 Ordensschwestern mndlich Bericht erstatten, schickte ihre Befehle durch Untergeordnete hinunter und durch alle Rumlichkeiten und Sparten der weitluftigen Klosteranlage; sogar im Dorfe war jeder ihrer Winke eine sichere Ordre; und ihr unsichtbarer Geist beherrschte alle Verhltnisse rings um Douay und weit ber Beau-Regard hinaus.-- Mit der folgenden Persnlichkeit kommen wir in die Nhe des eigentlichen Kloster-Conflicts, der weiter unten Gegenstand der Erzhlung. Mademoiselle Henriette de Bujac war die Nichte von Madame de Vremy, der Superiorin, ein etwa 17jhriges, hbsches und temperamentvolles Mdchen, meist nur Henriette genannt, mit dunklem, kurzgelocktem sogenanntem Tituskopf, schwarzen, feurigen Augen, schlankem, etwas mageren Wuchs, erregter Fantasie, und eigentlich den Kloster-Vorschriften entwachsen, welche ihre Aufnahme nur mit Rcksicht auf husliche Verhltnisse,--wo eine mit schweren Krampf-Anfllen behaftete Tante ihre Anwesenheit verbot,--und auf die nahe Verwandtschaft mit Madame de Vremy geschehen lieen. Der "weie Teufel" wurde sie nur genannt wegen der groen Zahl reicher weier oder creme-farbiger Toiletten, die sie, als eines der reichsten Mdchen, von Hause mitbekommen; und wegen der Gewandtheit ihrer Bewegungen, Reden und mimischen Fertigkeiten. Natrlich war sie der "ungezogene Liebling" von Madame, und der "unausstehliche Kobold" im Zimmer von Monsieur l'Abb. Damit waren aber ihre Alliancen in dem ewigen Kampf von Eiferschteleien und Partei-Ergreifungen in einem weiblichen Kloster-Leben erschpft. Denn gehat wurde sie von allen acht Kloster-Schwestern, die ihr an weiblicher Findigkeit nichts mehr lehren konnten, und von denen Henriette an gewhnlichen Klosterund Lehrdisciplinen nichts lernen wollte. Dieser Ha concentrirte sich wesentlich auf la Seure premire meist nur La Premire--die vierte Person unseres Schauspiels--genannt--eine gescheidte und kluge Dame, ebenfalls dem Adel angehrig, die erste Lehrkraft der Anstalt, die erste Dame des Klosters nach Madame la Superieure, und deren prsumtive Nachfolgerin.--Gehat war Henriette aber auch von fast allen ihren Colleginnen, die meist viel jnger waren wie sie, einmal wegen ihren weien Toiletten, wegen ihres reiferen Alters, und dann wegen ihrer zahllosen Freiheiten und Unbekmmertheiten.--In welchem Verhltni Henriette zu Mademoiselle Alexina Besnard stand, dem eigentlichen Helden unserer Geschichte, sollen die folgenden Zeilen vermelden, sobald wir nur kurz das Portrt von Mademoiselle Alexina entworfen haben. Diese junge Dame, fast gleichalterig mit Henriette, und somit eine der prominentesten Schlerinnen der Anstalt, war das fleiigste und tchtigste Mdchen der ganzen Schule, die Zierde, und fr viele Familien der Aushngeschild fr all' die Fortschritte, die man in Douay machen knne. Alexina selbst war das Kind ganz armer Eltern, von Jugend auf hchst keck und frhreif schon in der Schule Preistrgerin, und ein hervorragendes Talent fr Mathematik und Sprachen. Sie eignete sich Alles mit spielender Leichtigkeit an, und gab es ebenso leicht an jngere Mdchen in instruirender Form ab. In dieser Hinsicht galt sie als Phnomen. Dem Pfarrer ihres Dorfes konnte ein solches Ueberma von geistigen Fhigkeiten nicht verborgen bleiben. Mit einem warmen Empfehlungsschreiben von ihm pochten die armen Eltern in Begleitung ihres 14jhrigen Kindes eines Tags an die Pforten von Douay. Dort erkannte man nach kurzer Prfung, was man vor sich hatte. Alexina Besnard wurde kostenlos aufgenommen; und schon nach einem Jahr war alles darber einig, das seltene Talent fr das Kloster als Erzieherin heranzubilden.--Was Alexina nicht verstand und sogar mit Abscheu von sich wies, waren weibliche Handarbeiten; aber das kam natrlich nicht in Betracht; da man auf eine Rechnerin tausend Hklerinnen findet. Das Aeuere von Alexina? Seltsam und sonderbar! Gro und schlank gewachsen, mit einem hastigen, weitausholenden Gang, so da ihre Kleider stets in unzierlicher Bewegung waren; das Gesicht mager und fast hlich, wenn nicht der imponirende, hastige, durchdringende und alles aufsaugende Blick sofort gefesselt, eine, fr sich genommen schne, Adlernase sofort den ungewhnlichen Gedanken-Kreis dieses Mdchens verrathen htte. Ihre ungnstig gemachten Kloster-Toiletten lieen ber ihre Krperformen nichts erfahren. Aber eine aphroditische Figur wird sie kaum gewesen sein; zumal sie nichts zur Verbesserung ihrer ueren Erscheinung that, Spitzen, Krausen, Hubchen vermied, und, wie sie sich ausdrckte, in thunlichster Blde sich nach dem Kloster-Habit sehnte. Die Stimme von Alexina war scharf, ein hoher Discant, wie zum Commandiren von jngeren Zglingen geschaffen; im Chor fiel sie auf, da sie oft pltzlich mutirte, und in den Alt kam; berhaupt war sie ein rechter Rattenknig von sonderbaren und ungewhnlichen Anlagen und Fhigkeiten; und hatte eine glasharte, facettirte Manier, Alles um sich herum nach ihrem Willen umzuwenden, an sich zurechtzureiben, und ihren Neigungen anzupassen. An dieses arme, sonderbare, sprde und wenig duldsame Mdchen, welches nur ihre glnzenden Geistesfhigkeiten in die Wagschale eines Vergleichs mit jedem andern Instituts-Kind zu legen hatte, schlo sich Henriette, diese verwhnte, reiche, luxurise, feingeartete junge Aristokratin schon in den ersten Tagen ihres Eintritts ins Kloster an, und beide waren, jetzt, am Tag unserer Erzhlung, nach einjhrigem Sich-Gegenseitig-Kennen die unzertrennlichsten Kameraden, wobei die Initiative dieses seltenen, innigen Verkehrs entschieden auf Seite von Mademoiselle de Bujac zu suchen war. Es ist richtig, Henriette de Bujac war ein gutes, mitleidfhiges Mdchen; und vielleicht war die Armuth und die eigenthmliche Stellung Alexina's im Kloster der erste Beweggrund fr erstere, sich der letzteren zu nhern. Aber gerade vom Reichthum, vom Taschengeld, von der feinen Toiletteausrstung Henriettes wollte und konnte Alexina nichts profitiren. Hier war also kein krftig genug gewobenes Band, um zwei blutjunge Mdchen so innig zu fesseln; Alexina's Kenntnisse und geistige Fhigkeiten noch weniger, da das Alles der leichtsinnigen, munteren, lebenslustigen und--faulen Henriette gar nicht imponirte. Auch waren deren Fortschritte am Schlu so schlecht wie am Anfang. Aber Sympathie, dieses schon im gewhnlichen Leben so geheimnivolle Band, dessen Runenschrift nicht zu lesen, und welches die Menschen verbindet, wie leicht und durchsichtig gewoben ist es erst um die Herzen launenhafter Mdchen, und wie leicht zerreilich! Hiermit,--noch eine Anzahl Mgde, Zglinge, weigekleideter Schwestern mit Scapulier hinzugedacht,--sind wir mit unserem Personen-Verzeichni fertig; und nun mag der 20. Juni 1831 beginnen, welchen Tag sich die Klostermauern von Douay gemerkt haben, an dessen Abend die 100 oder 120 Insassen, die das Institut zhlte, ausnahmslos sich klopfenden Herzens und brtender Stirne zu Bett begaben; dann noch eine Nacht, und am folgenden frhen Morgen war dann eine der glnzendsten Natur-Aeuerungen, aber auch eine der scheulichsten Katastrophen zum Abschlu gebracht.-- Monsieur l'Abb sa in seinem Zimmer; der Frhstckskaffee war getrunken und zur Seite gestellt; Monsieur l'Abb rauchte nicht; aber er las; als Frhstckscigarre las er Liguori, Theologiae moralis libri sex; Monsieur war auf keinem Gebiet so zu Haus, wie auf dem der Moraltheologie; Busenbaum, Ribadeneira, Sanchez, die alle darber geschrieben, lagen in hbschen, gepreten Pergament-Ausgaben daneben; ob Monsieur im Leben sehr moralisch war? Das lt sich nicht beantworten; gehrt aber auch nicht daher; Monsieur las gern moralische Werke, wie ein Anderer gern auf die Jagd geht; ohne da diesen Jemand fragen wrde, ob er mit Vorliebe Thiere umbringe; Monsieur wog gern die moralischen Begriffe hin und her, spielte mit den Cardinal-Tugenden, zog einzelne Laster wie schwarze Versuchs-Phiolen aus seinen Tractaten heraus, und versenkte sie sorgfltig in seiner Einbildung in die Herzen ihm bekannter Menschen, und lie sie nun agiren, um zu sehen, was daraus wird.--Wir knnen nicht erkennen, welches Capitel Monsieur aus Liguori las, wie sehr wir auch ber seine Schulter gebeugt uns den Text zu entziffern bemhen, denn die Drucke im siebzehnten Jahrhundert, und besonders die Lyoner Ausgaben waren so schlecht, gerippt und zerbrselt. Aber die Stelle mu dem Abb gepat haben, denn er blinzelte mit den Augen, und lief mit dem Zeigefinger der rechten Hand rund um die Nase, die von dem Buchtext gar nicht weit entfernt war. Wir haben schon oben erklrt, da Monsieur nicht sinnlicher Natur war; Niemand darf deshalb hier einen falschen Schlu ziehen; Monsieur war sublim; und Alles was unter dieses Betrachtungsglas fiel, da verweilte er; gut, er mag gerade de Verecundia gelesen haben; aber dann war es nicht die Schamhaftigkeit selbst, die ihn interessirte, sondern die feinen Unterschiede mit der Castitas, der Keuschheit; und nicht etwa die Schamhaftigkeit, wie sie sich bei Dienstmdchen manifestirte, war dann der Gegenstand seines Interesses, sondern der viel feineren Darlegung, wie sich selbe etwa an den Engeln im Himmel zeige, sprte er nach.-- Da wir das genaue Capitel, welches Monsieur studirte, nicht erkennen knnen, so wollen wir uns anderweitig im Zimmer des Abb etwas umsehen. Hell und freundlich war es; die Morgensonne kam zu dem Fenster herein, an dem der groe, platte Arbeitstisch des vornehmen Geistlichen stand; grne schwere Portieres milderten diese Morgensonne: am Fuboden ein leuchtendes Tigerfell, in dessen Falten die kleinen Schnallenschuhe von Abb spielten; rckwrts, gegen das zweite Fenster zu, ein groer seideberzogener Paravant, der vom Zimmer ca. ein Drittel abschneidet, und hinter den wir, hinter dem Abb stehend, nicht sehen knnen; nach Vorwrts, von einem weiteren Morgenfenster mit gnzlich aufgezogener Portiere beleuchtet, vier bis fnf Bcherschreine, knapp an die Wand gerckt, vollgepfropft mit Volumina, deren Titel wir von der Entfernung nicht lesen knnen, die aber nach den zahlreichen gilblichen Pergament- und Schweins-Rcken zu schlieen, eine Menge Theologie bergen. Noch ein kleiner Betpult zu unserer Linken; zwei Thren auf dieser Seite; eine, die direct zu den Appartements von Madame la Superieure im nchsten Stock fhrte, und eine, die auf den Kloster-Corridor mndete, also der Eingang war; noch ein kleines Blumen-Arrangement; ein Kamin, zwischen den zwei Morgenfenstern, mit einigen Statuetten; und--das Auffallendste zuletzt--ein toller, aparter Geruch, wie ihn besondere Menschen in ihren Rumen haben, und der Jedem sofort auffiel, der Monsieur's Zimmer betrat, ein Geruch gemischt aus--vergleichsweise--Zibeben mit Druckerschwrze, Tigerfell-Pulver und dem persnlichen Schwei des Prlaten, und der fest und unaustreibbar in diesem Zimmer lag.--Und damit haben wir das Arbeitsgemach von Monsieur de Rochechouard im ersten Stock des Klostergebudes dem Leser vorgefhrt.-- Whrend der Abb sich hier in moralische Probleme des Liguori vertiefte, zogen oben im 3. Stock die 14-, 15-und 16-jhrigen Mdchen ihre Hschen an, schlpften in die Pantffelchen, und begaben sich jedes an den abgezirkelt neben jedem Bett stehenden Waschtisch, und begannen das frische Wasser ber die dnnen Nacken zu spritzen, und Wangen und Stirn ein wenig zu reiben, und die berhngenden Haare hinauszustreichen, und sich zu beugen, und wieder kerzengerad aufzurichten; denn es war Morgens 7 Uhr und Aufstehenszeit; und Monsieur war nur so frh daran, weil er ja seine Messe lesen mute; In dem ganzen Schlafsaal sah man jetzt nur weie Lichter und Flchen; chamoisgelbe Arme und Nacken; blendendweie Rckchen und Hemdstcke; und manchmal glitzernde Punkte von aufgesperrten Mndern; und ein Schliefen, Rutschen, Anziehe- und Auskleide-Gerusch, ein Knipsen der Strumpfbnder, ein Schlappen, Wischen und Wenden ging durch den Saal. Sonst war Alles ruhig; denn der Geist dieser jungen Geschpfe lag noch eingebunden in den Windeln ihrer Trume, und hinderte sie am Plappern und Schwtzen. Was geschah aber mit Madame la Superieure um diese Zeit? Sie war wohl schon aufgestanden und trank Chocolade, und lag in einem mit Kreuzen, Herzen und Passionsngeln gestickten Schlafrock, damit beschftigt jenen blauen Rauch in ihren Zimmern zu entwickeln, den die Mgde immer bei ihr vorfanden, und den sie fr den Weihrauch von Madame's Privatandacht hielten; und vielleicht griff sie in das halb aufgemachte Pariser Packet und holte sich einen Klein-Oktavband und fing an zu lesen, zu lesen, oft bis die Sonne schon hoch am Himmel stand. Denn Madame betheiligte sich nicht an der Morgenandacht, die alle Kloster-Inwohner vor dem Frhstck zusammenrief. Vormittag bte sie keine Prsidialgeschfte aus. Und auch heute wre sie in ihrem Passionsrock liegen geblieben und htte wohl den Oktavband zu Ende gelesen, wenn nicht eine scharfe Flsterstimme an ihrem Schlafzimmer schon bald erschienen, und ihr die seltsamste Mittheilung gemacht. Inzwischen aber trampelten und rutschten und trappten die 70 oder 80 Klosterfrulein mit noch verschlafenen Wimpern die Treppen hinunter in die groen Betsle im Parterre, um die kurze Morgenandacht zu absolviren, der gleich darauf das fiebernd erwartete Frhstck mit viel Weibrod, viel Butter und viel Kaffe folgte. Schon whrend dieses Treppen-Hinabjagens, und whrend der Andacht, und noch mehr whrend des Frhstcks, wo die zarten Mulchen die ersten Exercitien fr die Schwatzthtigkeit des ganzen Tags machten, gewahrte man heute ein Zischeln, ein Zuflstern, ein Gesticuliren, welches zu dieser verschlafenen Morgenstunde ganz ungewhnlich war. Und als endlich nach dem Frhstck Gro und Klein an die Arbeit sich begeben sollte, und die einzelnen Classenzimmer mit Arithmetik, Memoriren, Classiker, Aufsatz, Schnschreiben sich fllen sollten, zeigte sich's, da eine ungewhnliche Erregung den ganzen jungen Bienenschwarm ergriffen hatte, da ein Ferment von intensiver Wirkung Allen in die Herzen und in die Kpfe gefahren war; da alle Augen funkelten, alle Wangen glhten; und da La Soeur Premire, weit entfernt mit einer einzigen Handbewegung, wie sie's konnte, die kecken Palast-Revolutionre in ihre Arbeitsstuben zu jagen, lchelnd alles geschehen lie, so war's kein Wunder, wenn geschah, was nun folgte. Monsieur l'Abb sa noch immer auf seiner Tigerdecke und las noch immer Liguori, Theologiae moralis libri sex. Er hatte ja schon lngst gefrhstckt. Und bei der Morgenandacht pflegte er auch nicht zu erscheinen. Nun fing es pltzlich auen an seiner Thre, die zum Corridor fhrte, zu summen und zu brodeln an; es war ein Klirren, als wenn ein Hagelwetter von kleinen Zhnen sich da drauen zu ben begnne; und ein Wetzen von Rcken und Schrzen, und ein Schlrfen von jungen, kleinen Schuhsohlen, und ein Stumpen, Drcken, Gilfen, Kichern und Pst!-Rufen. Monsieur kannte das Gerusch: Wenn 30-40 Mdchen an einem heien Sommertag Mittags um 2 Uhr sich vor seiner Thre hinpflanzten und lrmten, bis er aufmachte, und dann die ganze Cohorte mit gefalteten Hnden vor ihm in's Knie sank mit dem Ruf: "Wir bitten um Hitzvakanz!!"--Aber es war ja gar nicht hei. Und auch nicht zwei Uhr, sondern neun Uhr. Kein Mensch konnte auch wissen, ob es hei werde. Monsieur las noch immer und hatte den rechten Zeigefinger rings um den Nasenhcker gelegt. Er pflegte gern sein moralisches Frhstck mit Liguori oder Thomas d'Aquino bis 10 oder 11 Uhr auszudehnen. Jetzt aber stand er auf, als vor dem Gestumpe die Thre einzubrechen drohte. Er ging hin, macht auf: und der ganze Haufe junger Mdchen, mit ihren grauen Arbeitsschrzchen umgebunden, an den Schultern weie Tllpuffen, die wilden Haare unter delicatem Chamois-Hubchen versteckt, strmte herein, schrie durcheinander, voll Entrstung, beugte sich vorwrts, spreitete die Hnde auseinander, um sie dann zusammen zu patschen, und was Monsieur aus dem Tumult verstehen konnte, waren nur die Namen Henriette und La Maitresse. La Maitresse nannten die Mdchen mit einem von ihnen eingefhrten Namen Alexina, die in der letzten Zeit einige Lehrstunden bei den jngeren Classen erhalten hatte. La Maitresse blieb dann fr Alexina, wurde allgemein acceptirt, und schien fr dieselbe in glcklicher Weise ihre zuknftige Stellung im Kloster anzudeuten. Jetzt aber sollte dieser Ausdruck pltzlich eine unerhrte Wendung bekommen. Also immer nur Henriette und La Maitresse war es, was Monsieur verstehen konnte. Endlich gebot der Abb Stillschweigen, und frug eines der ltesten Mdchen, was vorgefallen. Nun kam es denn heraus: Man habe Henriette, die Nichte von Madame, mit Alexina, ihrer intimen Freundin, heute Morgen beim Aufstehen, im Schlafsaal der lteren Mdchen, Hnde und Krper verschlungen, in einem Bett, dem Alexina's, schlafend gefunden; Henriette's Bett, das in einer ganz anderen Reihe stehe, sei leer gewesen; eines der lteren Mdchen, welches zufllig und wegen eines bestimmten Bedrfnisses etwas vor der Zeit aufgestanden, habe die Beiden liegen sehen; sei aber fortgegangen; bei ihrer Rckkehr seien sie aber immer noch so gelegen; nun habe sie andere Mdchen geweckt; die seien herbeigekommen, htten mit Staunen dasselbe gesehen; durch das Gerusch und Kichern seien andere aufgewacht; schlielich sei der halbe Schlafsaal um die beiden Schlfer versammelt gewesen; nun habe man ihnen die Bettdecke weggezogen; habe Grliches gesehen; Alexina und Henriette seien erwacht und kreischend auseinander gefahren.--Alle Mdchen hatten sich zuletzt an dem Referat mit glhenden Gesichtern beteiligt. Jetzt entstand eine Pause; und als Monsieur, der noch immer sein Liguoribndchen mit eingeschnapptem Finger in der linken Hand, und den rechten Daumen in einem Knopfzwischenraum seiner Soutane eingehakt hatte, sich nur mit einem ruhigen "Eh b'ien?" vernehmen lie, als wollte er sagen: Nun, und was ist jetzt?--strzten die jungen Fratzen mit aufgehobenen Hnden auf ihn zu, und riefen fast wie aus einem Munde: "Mais c'est honteux! c'est terrible a! c'est sale! Enfin c'est tout ce que vous voudrez!"--Die jungen Zglinge durften wohl in dieser Weise sich vernehmen lassen, ohne die ungeheure Distance, die sie von ihrem Vorstand und Priester trennte, zu verringern. Monsieur hatte so zu sagen einen breiten Buckel, auf den die jungen Fustchen auch gelegentlich herumtrommeln durften. Und wenn er auf der einen Seite faktisch fr die 80 oder 100 strengreligisen Mdchen so gut als wie le bon Dieu war, so war er dafr doch auch wieder le bon pre, der auch das in dieser hohen Stellung liegende Wohlwollen zum Ausdruck brachte; und gar in weiblichen Dingen durften die Mdchen ihre Ansichten mit den ihnen eigenthmlichen extremsten Wortformen, und unter Aufwand einer groen Dosis Pathos, zum Vortrag bringen. Auffallend war dem Abb, da auch die greren Mdchen sich eingefunden hatten, und mit verlegenen Gesichtern dortstanden.--Jetzt ging die Thre auf, und la Soeur Premire kam mit einem verstrten Gesicht, welches vielleicht etwas bertrieben war, herein, fiel dicht vor dem Abb auf die Kniee (das war eine bliche, pathetische Klosterform), bedeckte ihr Gesicht mit ihren Hnden und theilweise seiner Soutane, und rief schluchzend "oh Monsieur, c'est honteux!"--Was es denn gebe,--beruhigte der Abb, und hob die erste Schwester, der er sehr gewogen war, auf Henriette und Alexina,--hie es nun,--seien verschwunden, seien weder zur Andacht noch zum Frhstck gekommen. Dies, und allerlei Flsterungen, die man jetzt im Kloster hren knne, lieen auf ein ungewhnliches, schweres Verschulden schlieen.--Nun drngten sich weitere Mdchen durch die halbgeffnete Thre, und brachten andere Neuigkeiten, die sie von den Mgden erhalten haben wollten. Drauen, durch den geffneten Thrspalt, sah man die schadenfrohen Gesichter der Dienstmgde, horchend, ob ihre Referate richtig berbracht werden: Alexina sei gefunden, sie kaure im Hemd droben auf dem Boden, und weigere sich herunterzugehen, wenn ihr nicht Kleider gebracht wr den. Auch Henriette sei jetzt gefunden; sie war, ebenfalls unbekleidet, zuerst in die Vorrathskammer geflohen, und, als die Beschlieerin sie dort entdeckt, hinauf zur Superieure gesprungen. Madame habe dann die Kleider ihrer Nichte hinaufbefohlen. Ferner wurde constatirt, da das Bett von Henriette die Nacht ber berhaupt nicht benutzt worden war, da es jetzt noch gnzlich unberhrt stehe. Andere Mdchen fuhren jetzt sofort dazwischen, Henriette sei oft gesehen worden in aller Herrgottsfrhe ihr Bett absichtlich verrammeln, und dann sich ankleiden; es msse demnach vorher unberhrt gewesen sein; denn Niemand verkrmple sein Bett im Moment des Aufstehens aus demselben.--In diesem Moment ging die zweite Thre, die in Monsieur's Zimmer fhrte, auf, und Madame la Superieure trat herein. Alles wich halb ehrfurchtsvoll, halb wie ertappt, zurck. Nur la Soeur premire blieb standhaft stehen, und ma la Superieure mit einem festen Blick. Aus diesem Blick und ihrem Widerprall aus Madame's Auge konnte ein Kundiger jetzt schon die ganze Situation erkennen; und Monsieur l'Abb, wenn er scharfsichtiger gewesen wre, konnte bereits sehen, da die ganze dumme Schfer-Liebelei zwischen Henriette und Alexina, um die es sich augenscheinlich handelte, nur ein Gelegenheitsfeld war, auf dem die beiden Damen sich maen, und da Henriette, die Nichte von Madame, wenn der Feldzug richtig gefhrt, offenbar die Flanke abgeben wrde, von der aus, unter Aufdeckung des verdchtigen Lebenswandels von Madame, die Schwche ihrer Stellung gezeigt, und sie selbst aus dem Feld geschlagen werden knne.--Madame schien entrstet und berrascht, was die Zglinge alle hier wollten; ob denn der jngste Tag anbreche; Alle sollten unverzglich in ihre Unterrichtsstunden. Mit einem Wink stob die ganze Menge auseinander. Scheinbar gtig ermahnte sie dann La Soeur premire, die Zgel der Klosterordnung doch nicht in die Hnde der rauflustigen, ausgelassenen Mdchen gleiten zu lassen. Sie habe gehrt, was vorgefallen. Es sei nicht der Rede werth. Natrlich msse eine kleine Disciplinirung stattfinden. Aber im Kloster Douay deswegen alles zu oberst und zu unterst kehren, sei unerhrt. Sie mache la Premire fr die fernere Ordnung whrend des Tages verantwortlich.--Mit einem kleinen "C'est bien!" verlie die Premire das Zimmer, und Madame und Monsieur waren nun allein.--Der Abb hatte bis jetzt gar nichts entschieden. Er liebte es, stummer Zuschauer zu sein, und die Thatsachen in seinem Kopfe zu registriren. Auch jetzt ergriff er nicht das Wort, sondern wartete, da Madame sprach.--Das sei ja eine grauenhafte Geschichte,--meinte diese, und zeigte erst jetzt ihre groe Besorgni--nicht die Sache selbst, sondern die Aufregung, die sie hervorgerufen. Da selbe solche Dimensionen annehmen konnte. Das sei ja, als wenn der Teufel der ganzen Klostertracht in die Glieder gefahren wre.--Monsieur machte eine abwehrende Bewegung und schlug drei Kreuze in die Geste hinein.--Ach was!--meinte Madame,--es sei ein groer Fehler gewesen, die Sache soweit kommen zu lassen. Die Schwestern htten nicht ihre Schuldigkeit gethan. Sie verlange die Bestrafung von la Premire, am besten deren Versetzung in ein Schwester-Kloster.--La Premire,--wehrte Monsieur ab, der sie sehr gern mochte,--sei als Lehrkraft unentbehrlich fr das Kloster. Wer solle sie, nur im franzsischen Stil, ersetzen. Abgesehen von ihren Qualitten als Aufsichts-Person. Nein! der Fehler sei, da weder er, noch sie, Madame, jemals bei der Andacht noch beim Frhstck anwesend seien. Dann htte man die Affaire, die schon seit frh 6 oder 7 spiele, rascher entdeckt. Um 9 Uhr war der Bienenschwarm schon ausgeflogen.--Madame aber blieb dabei, die Schwestern htten das Unglck angerichtet. Kinder mit 15, 16 Jahren kmen nicht von selbst so weit.--Aber, was Monsieur weit mehr interessirte, war der moralische Theil der Geschichte. Ob es denn etwas Hufiges sei, da Mdchen so zusammen im Bett lgen.--Gewi, die Kleinen spielten ja wie die Katzen.--Aber Henriette sei doch fast 17, und la Maitresse gehe in's 18te, und unterrichte schon die Jngsten.--Allerdings, aber das Freundschaftsband zwischen Beiden sei ein auerordentlich enges.--Ob diese Mdchenfreundschaften sich so sinnlich uerten? meinte der Abb.--Zuweilen, ja! Von dieser Ausdehnung habe sie allerdings keine Ahnung gehabt; aber wohl schon gehrt; in keinem Fall sei etwas Schlimmes dabei; es seien ja Beides Mdchen, jung, feurig, phantasievoll.--Abb machte eine Handbewegung, als lange die Erklrung nicht, und wandte sich zu den Bcherstnden am Fenster.--In jedem Fall--meinte Madame im Weggehen, sei die junge Brut wieder in ihren Kfigen. Sie wolle jetzt rasch Anordnungen geben, da Alexina und Henriette bei Tisch erschienen, als sei nichts vorgefallen. Es drfe keine Separation der zwei jungen Snderinnen stattfinden. Noch knne Alles gut gehen.-- Darin irrte sie sich. Wenn nur La Premire nicht entschlossen gewesen wre, das Eisen, das jetzt glhend, unter keinen Umstnden erkalten zu lassen. Und wenn nur Monsieur l'Abb sein moralisches Interesse aufgegeben htte, und auf jede weitere Zufuhr von Details Verzicht geleistet!--Dieser hatte inzwischen das Dictionnaire ecclsiastique hervorgezogen und unter dem Titel "Sappho" gesucht; und als er hier nicht fand, was er wollte, suchte er unter "Lesbos"; und als ihm dies auch nicht gengte, holte er den Artikel "Tribade". Diesen nahm er mit auf's Tigerfell, und blieb ber ihn wohl eine halbe Stunde.-- Fr einen Moment war jetzt Alles ruhig. Aber wir knnen dem Leser keine Zeit zu einer Pause geben. Er mu die ganze Skandal-Affaire, so wie sie stattgefunden, in den paar Stunden des Nachmittags mit uns durchhetzen. Er mu durch diesen Hexen-Breughel eines Kloster-Interieurs wie im Flug mit uns durchsausen. Zum Erblicken von Details ist sowieso keine Zeit. Aber auch nicht zum Verhalten und Ausschnaufen. Es bestand eine Kloster-Verordnung, wonach jeder einzelne Zgling sich zu jeder Zeit entweder zum Abb oder zur Superieure melden durfte, um ein Anliegen, eine Beschwerde vorzubringen. Dies war ein Paragraph, der zu Gunsten der Eltern und Angehrigen aufgenommen worden war, um diesen die denkbar grte Sicherheit gegen mibruchliche Gewalt-Anwendung bei ihren Kindern von Seite der subalternen Organe zu geben, der aber bei der humanen und fast patriarchalischen Kloster-Zucht wohl niemals in Anspruch genommen wurde. Diese Verordnung scheint durch La Soeur Premire und die brigen Schwestern den Kindern und Zglingen neu in Erinnerung gebracht worden zu sein; denn als um 10 Uhr die Mdchen aus ihren respective Classen entlassen wurden, um whrend der nchsten Viertel-Stunde ein Stck krftigen Schwarz-Brods zu verspeisen, sammelte sich wieder der gleiche Schwarm vor Monsieur l'Abb's Thr an, wie nach dem Frhstck, und wieder mahnte ein Wetzen, Stampfen, Flstern, Klirren, Schaben und Kichern den nachdenklich in seinem Zimmer auf-und abgehenden, Sappho's Liederbuch in der Hand eingeklemmt auf dem Rcken tragenden, Abb an neue Ereignisse moralischer Natur. Dieser Fall war ganz nach seinem Geschmack. Er wollte wissen, wie weit die an sich sndhafte Natur unschuldige Mdchen zu sinnlichen Exercitien treibe, in denen zweifellos der Teufel, wenn auch in milder Gestalt, seine Hand im Spiel habe, und was fr moral-theoretische, und disciplinr-praktische Fragen und Einwrfe sich daran knpften. Von hier dann einen khnen Sprung hinber zur Antike, wo, zu einer Zeit, da der Frst der Hlle noch nicht an Ketten gebunden, frei sein sndhaftes Spiel treiben konnte, und in der Form des "Tribadismus" die Weiber der Heidenwelt in rettungslos sndhafte Bande verstrickte; von welchen jetzt noch, im 19ten Jahrhundert, ein kleiner Rest, eine Faser, sogar in den Klstern zum Vorschein komme, und von der noch immer nicht ganz gedmpften Macht des Bsen Zeugni ablege. Et cetera. Et cetera. Dies war der Gedankengang Monsieur's, der ihn ganz beschftigte, und in dem die diplomatischen Mahnungen von Madame von vorhin, die Sache nicht um sich greifen zu lassen, lngt untergegangen waren.--Und somit ffnete der Abb schnell die Thre, die auf den Corridor fhrte, und lie die smmtlichen Mdchen, die mit heien Lippen und ungegessenem Brod dortstanden, herein, die Thre darauf schlieend.--Kinder,--sagte er,-nur um das Eine mu ich bitten: Eine nach der Andern, und: Nicht zwei dasselbe erzhlen! Und nun kam ein ganzer Lavastrom der ungeheuerlichsten Dinge heraus, die die Mdchen in der letzten Stunde statt Schnschreibens, Geschichte, Memoriren, Rechnen und dergl. aus ihrem Gedchtni mit Hlfe der Aufsicht-benden Schwestern geboren hatten: Schon lange habe man eigenthmliche Dinge zwischen La Maitresse und Henriette vor sich gehen sehen; immer steckten sie beieinander in einem dunklen Winkel, und zischelten, und flsterten; des gegenseitigen Kssens sei kein Ende gewesen; wenn sie in einer Klasse von einander entfernt gesessen, htten sie "Augenschmeien" und Handzeichen gewechselt; es sei unerhrt, wie die Zwei einander nachliefen und ineinander "verbacken" seien, wie zwei Kletten, nicht mehr zum Losreien.--Eine andere Gruppe: La Maitresse sei ein absonderliches Wesen und habe Dinge an sich, wie kein anderes Mdchen. Nie sei la Maitresse mit den Andern zum Baden gegangen; sondern unter irgend einem Vorwand zu Haus geblieben; sie habe sich stets gescheut, in Gegenwart anderer Mdchen ein natrliches Bedrfni zu verrichten; dagegen habe man sie oft mit Henriette allein auf dem lieu d'aisance kichern hren; Henriette sei berhaupt im letzten halben Jahr nie in ihrem Bett geschlafen, sondern stets hinber zu Alexina gegangen, nur sei sie sehr frh aufgestanden; Alexina, das ist la Maitresse, trage keine Mdchenhosen, sondern absonderliche Beinkleider, die an der unrechten Stelle den Schlitz htten; ihr Corset sitze nicht; sie sei auch so knochig; und gehen thue sie, wie gar kein Mdchen; kurz la Maitresse sei eine ganz merkwrdige Person; und deswegen knne sie auch Dinge, die andere nicht knnten, und sei gescheidter, als Alle miteinander.--Wieder eine andere Gruppe, darunter eine Schlafnachbarin von Alexina: Henriette und la Maitresse htten sich im Bett, wie sie gehrt, obwohl sie sich schlafend gestellt, oft leidenschaftlich gekt, umschlungen, und sich ma bien aimee! genannt; als man heute morgen in Gegenwart vieler Mdchen den Beiden die Decke weggerissen, seien sie mit den Fen durcheinander geschlungen gewesen, und mit einem groen Theil des Krpers gnzlich entblt; auch habe Alexina grobe Glieder, und Haare an den Beinen wie der Teufel.--Diese letzte Wendung, die mit einem eckelnden "h!" von dem ganzen Chorus der Mdchen begleitet war, tadelte der Abb, da es unsicher sei, ob und wie stark der Teufel an den Beinen behaart sei; dies auch kein Gegenstand der Untersuchung fr junge Mdchen abgeben knne.--Ein einzelnes, schon zu den lteren gehriges, Mdchen deponirt: sie habe Mademoiselle Alexina gesehen, wie sie Henriette unter die Rcke gelangt habe, welches diese, obwohl sie heftig errthet sei, habe geschehen lassen; als sie aber ihrer ansichtig geworden, seien sie unter Lachen hinweggesprungen.--Ah, c'est degotant!--riefen alle Mdchen, c'est degotant!--Endlich sagte noch eine der lteren Schlerinnen: sie glaube berhaupt nicht, da Alexina ein Mdchen sei; sie sei viel zu gescheidt, und wisse fast Alles; sie sei auch gar nicht sanft, wie andere Mdchen, sondern wild und hart; sie glaube Alexina sei ein bser Geist in Mdchengestalt, der eines Tags unter Gestank und Gepolter pltzlich verschwinden werde.--Die Alles und noch viel mehr hrte Monsieur ruhig an; sagte dann den Mdchen, sie sollten gemessen in ihre Stunden gehen, Alles wrde genau untersucht werden; inzwischen mchten sie la Premire suchen und ihr sagen, zu ihm zu kommen.--La Premire! La Premire!--riefen die Mdchen freudig durcheinander, und strmten dann wild hinaus.-- Whrend diese wichtigen Verhre und Aussagen in Monsieur's Arbeitszimmer statt hatten, schien Madame in ihrem II. Stock schon wieder ihr ganzes Wohlbehagen gefunden zu haben. Wenigstens kam sie nicht herunter, um ber die fernere Kloster-Ordnung sich zu informiren. Und ihre treuen, dienenden Geister, die sonst sofort mit einem Sprung, und noch diesen Morgen bei ihr oben waren, um ihr die letzte Neuigkeit mit einem zischelnden Triumphiren in's Zimmer zu rufen, schienen pltzlich alle mit einem gewissen Ratteninstinct zur Partei der Soeur Premire bergetreten zu sein. Und so blieb die stolze und bis jetzt allmchtige soi disant btissin oben bei ihren Romanen und Cigaretten, und hatte keine Ahnung von allem, was da unten vorging, und, wie sie eigentlich schon excludirt war.--Im Nebenzimmer bei ihr saen, wohl etwas stumm und in sich gekehrt in Folge der zweifellos erhaltenen Vermahnungen und Androhungen, aber im Uebrigen auffallend frisch und erholt, Henriette und Alexina. Henriette, ein prachtvoll hbsches Mdchen, mit jener unbekmmerten Nonchalence, die ein so obsiegendes Moment, wie strablende Schnheit mit sich bringt, und im Bewutsein ihrer Unangriffsfhigkeit, als Nichte von Madame, hatte sich ihre schnste Creme-Toilette holen lassen, und sa dort, heiter und zu allem aufgelegt. Ganz anders Alexina; nicht nur war ihre Zukunft unsicherer im Falle eines Fehltritts; sondern sie hatte auch ein gewisses Bewutsein der Sachlage; und wenn sie auch ihr Verhltni zu Henriette als ein harmloses, unschuldiges, berechtigtes auffate, so hatte sie doch, schon durch ihre fromme Erziehung, ein scharfes Urtheil fr das, was sich fr sie, die schon halb Lehrerin war, nun einmal nicht pate, und empfand das moralisch Bedenkliche des Vorgefallenen wie einen heftigen Stich in ihrem Innern. Daneben aber kam doch ein gewisses triumphirendes Gefhl in ihren Augen zum Ausdruck, darber, da sie mit ihrem starken Willen alle Hindernisse, die sich ihrer Neigung zu Henriette entgegengestellt, siegreich berwunden, und da die Freundin mit allen Fasern ihres Seins nach wie vor an sie gefesselt war. So kam das Mittagessen herbei. Dies war die einzige Gelegenheit, bei der alle Kloster-Insassen mit Ausnahme der Mgde, vereinigt waren. Wie ein plappernder Prozessionszug ergo sich die Schaar der aufs Hchste erregten und vor Neugier fiebernden Mdchen in die gerumigen Hallen des alten Kloster-Refectoriums. Und nun geschah das Unglaubliche: Als Madame in Begleitung von Henriette und Alexina den Speisesaal betrat und die zwei Mdchen ihre gewohnten Mittagspltze einnehmen wollten, fuhren die Zglinge, und besonders die ganz jungen, 14-und 15jhrigen, wie von einer pltzlichen Panik ergriffen, kreischend und Abscheu ausdrckend, vor den zwei Snderinnen, besonders aber vor Alexina, zurck, welch' letztere als 'la Maitresse' gleichzeitig die Aufsicht an einem Tisch ganz junger Zglinge fhrte. Die Soeurs im Habit machten nicht die geringste Miene die Scene zu ndern; und als Madame mit einer drohenden Miene, und, als wolle sie die Mdchen zu ihrer Ordnung zurckfhren, hinberrief, "Qu'est-ce que a veut dire!" entstand eine solche Aufregung und Zusammenrotten, von dem schlielich auch die lteren Zglinge ergriffen wurden, da man jeden weiteren Widerstand aufgab, und die beiden Mdchen ihrem Schicksal berlie. Diese ganze Wendung hatte die scharfsichtige Alexina mit einem einzigen Blick aus Madame's Gesicht abgelesen, und im nchstfolgenden Moment ihren Entschlu fassend, eilte sie, die beiden Hnde wie zur Abwehr vor sich streckend, im Sturmschritt zum Saal hinaus. Die Zglinge wichen wie vor der Pest vor ihr zurck, und lieen sie durch. Und aus der Menge hrte man unter verschiedentlichen Athmungs-Erleichterungen und staunenden Interjectionen den prcisen Ausruf: "Ah, tenez, le diable!"[1]--"Le diable! Le diable!" klang es beistimmend durch alle Reihen. Und in der That, wenn man das scharfgeschnittene, knochige und edelgebaute Gesicht Alexina's mit den leuchtend schwarzen Augen und den drohend zusammengewachsenen Augenbraunen in Betracht zog, dann hatte dieser Ausruf etwas in der Phantasie der Kinder Berechtigtes. Aber kaum war Alexina verschwunden, so sah man Henriette, die sich im ersten Moment der Ueberraschung zu Madame geflchtet, eine Zeit lang wirr umherschauen, um dann pltzlich, von einem hnlichen Entschlu gepackt, sich durch die Mdchen zu drngen und ebenfalls hinauszueilen.--"Voil sa fianee!"[2] rief wieder eine einzelne Stimme. Und "le diable et sa fianee!" ging es jetzt besonders bei den Jngeren wie etwas Selbstverstndliches von Mund zu Mund. Und ganz von selbst begab sich jetzt Alles zu Tische und die Mgde begannen aufzutragen.--Die Masse hatte obgesiegt, und Monsieur und Madame sahen jetzt erst, welche Dimensionen dieser Fall angenommen, und was die kleine Schlafscene im Saal der lteren Zglinge heute Morgen innerhalb wenigen Stunden in den Kpfen der erregbaren Mdchen angerichtet. Und die scharfen, von der Saaldecke zurckgeworfenen Laute von "la Mtrsse!" und "la Prmire!" und "Alxina!" und "la Fian!", welche die jungen Zhnchen zerknitterten und zerbissen, und die wie Schmeimcken whrend des Essens durch den Saal schwirrten, bewiesen, da von einem Zurckdmmen jetzt keine Rede mehr sein konnte. Jetzt konnte das Kloster und seine Intaktheit nur durch offene, strenge, disciplinre Behandlung des Falles gerettet werden. Unter groer Erregung war man nach dem Mittagessen auseinander gegangen. Monsieur und Madame hatten, zurckgeblieben, einige Worte miteinander gewechselt. Eine Magd, die oben im II. Stock bediente, kam und brachte La Superieure eine leis vorgebrachte Meldung. Inzwischen wartete La Premire an des Abb Thre. Er hatte sie ja schon vor dem Mittagessen rufen lassen. Sie komme gerade recht,--meinte er--er msse mit ihr grndlich sprechen. Sie gingen zusammen hinein, und Monsieur ging mit auf dem Rcken gekreuzten Hnden lngere Zeit erregt auf und ab. Die Sache war jetzt doch auch ihm ber den Kopf gewachsen. Er frchtete nicht nur fr den Ruf und Besuch des Klosters. Er frchtete, sein nchster Vorgesetzter, der Erzbischof von Rouen, knnte die Sache schlimm aufnehmen. Trotzdem war der Moralist und exegetische Sprhund in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Der Fall war ja ganz groartig, ganz mittelalterlich. Gott! wenn _Sanchez_ den Fall gekannt htte! Was htte der draus gemacht! In seinem Sensorium repetirten immer noch die Laute "le diable et sa Fian!--le diable et sa Fian!" Nein, er war wirklich stolz auf seine Zglinge ber diese Wendung.--Die Correction der Angelegenheit--begann er dann zu la Premire, und blieb vor ihrste hen,--scheide sich in zwei Theile: einmal die Beruhigung der Kloster-Insassen und moralische Festigung derselben; und zweitens die Aufklrung des Falles selbst und Bestrafung der Maleficanten, rcksichtslos der Stellung, die sie einnhmen, und rcksichtslos von Madame la Superieure. Dies letztere betonte der Abb, und machte damit La Premire, der er so wie so sehr wohlwollte, zu seinem festen Bundesgenossen. Was den ersten Theil der Aufgabe angehe, so htten die Zglinge nach Ablauf des mittgigen Interstitiums in ihren Classen zu bleiben und sich mit den Unterrichtsgegenstnden abzugeben. Was den zweiten Theil, die Aufklrung des rthselhaften Falles selbst anlange, so wnsche er von La Premire die Grenzen des Schmeichel-Verkehrs zu wissen und der unanstndigen Griffe und Betastungen, die unter Mdchen vorkmen; ob selbe z.B., die Betastungen, in der Beichte gemeldet wrden; ob selbe im jugendlichen oder auch im reiferen Alter, wie dem Alexina's, vorkmen; was sich die Mdchen dabei dchten; ob es eine innere Stimme, oder eine Versuchung von auen sei, et cetera, et cetera.--Die Sache--fgte Monsieur voll Eifer hinzu--habe auch wissenschaftlich und moraltheologisch die hchste Bedeutung.--Aber la Premire, die erst kurz ber die 30er war, senkte ihr bleiches Gesicht auf das Skapulir, kreuzte die Hnde ber die Brust, und schwieg.--Mon Dieu!--sagte der Abb und wurde etwas unwillig,--wenn sie nicht sprche, msse er sich an la Superieure wenden. Dies wirkte. Monsieur mge fragen,--meinte sie sie sie werde dann antworten, so gut sie's vermchte.--Dieser Modus convenirte: "Ob junge Mdchen gewohnheitsgem beieinander schliefen?"--"Nicht gewohnheitsgem, aber hufig."--"Zu welchem Zweck"--"Viele der Kleinen frchteten sich allein zu schlafen."--"Ob es hier zu Berhrungen kme?"--"Zu den unvermeidlichen!"--"Ob selbe sinnlicher Natur seien?"--"Bei den greren sei dies nicht ausgeschlossen; diese schliefen aber seltener zusammen;"--"Kmen Ineinanderschlingungen und Umarmungen bei solchen Zusammenschlafungen vor?"--"Htte sie nie beobachtet; doch gbe es kindlich und weichherzig angelegte Mdchen, die auch Tags ber, und in den Kleidern, ihre Freundinnen umhalsten, abkten und herzten."--"Ob sie, la Soeur Premire, dies unter Umstnden fr teuflische Eingebungen halte?"--"Unter keinen Umstnden!"--"Wem sie es zuschreibe?"--"Der Gemthsanlage; dem Temperament!"--"Ob die nicht durch die Erbsnde befleckt?"--"Allerdings; doch den Unterschied zu finden zwischen dem was menschlich und was teuflisch in unserer Natur, msse der Weisheit von Monsieur leichter fallen, als ihr!"--"Ob es gewhnlich sei, da Mdchen sich gegenseitig unter die Rcke langten?"--"Langen, gewi nicht, aber schauen!"--"Das gehe doch nicht!"--"Bei den Kleinen wohl, die noch kurze Kleider tragen, wenn sie z.B. die Stiege hinaufgingen!"--"Was damit bezweckt werde?"--"Die Mdchen seien neugierig, was ihre Kameradinnen trgen, ob sie nachlssig in der Wsche seien; sie liebten es, sich gegenseitig auszurichten; entdecke die Cecile z.B. bei der Claire ein defectes Unterkleid, einen nicht gestopften Strumpf, so erzhle sie bei ihren Freundinnen, Cecile trage zerrissene Unterrcke, durchlcherte Strmpfe. Erfhrt dies wieder Claire, so erzhlt sie ihrerseits herum, Cecile schaue Allen unter die Rcke. Das sei Mdchengebrauch und bavardage!"[3]--"Ob dies bei lteren, wie Alexina und Henriette, auch vorkme?"--"In anderer Form; und dann aus Interesse fr die Toilette!"--"Ob es hier zu Berhrungen kme?" "Zu den unvermeidlichen!"--"Ob ein directes Berhren der Krpertheile der Andern dabei beabsichtigt sei?"--"Viele Mdchen brsteten sich mit der Schnheit, Vollkommenheit ihrer Formen; andere wollten sich davon berzeugen, und so kme es zu gegenseitigen Untersuchungen!"--"Ob sie glaube, da dies das Produkt teuflischer Anreizungen sei?"--"Sie knnen dies nicht entscheiden! brigens trgen ja die Mdchen bei solchen Gelegenheiten immer noch Hllen von Parchent, Shirting, Mouslin um sich!"--"Mouslin-, Tll-, Mull-Stoffe, das sei gerade das, was der Teufel besonders liebe!"--"Dann sei allerdings die Gefahr sehr gro;--meinte la Premire--und Henriette habe einen solchen Ueberflu von kostbaren und feinen Toiletten!"--Damit war die Unterredung zu Ende. Der Abb war wieder so weit wie vorher. Was er wissen wollte, ob der Verkehr Henriettes und Alexinas eine teuflische, sinnliche Anreizung, die mehr oder minder in das Bereich des Tribadismus falle, oder ob es nur der excessive Ausdruck einer leidenschaftlich freundschaftlichen Seelen-Uebereinstimmung der beiden Mdchen gewesen, das konnte ihm la Premire nicht sagen, weil sie es selbst nicht wute, und weil Erfahrungen auf diesem Gebiet berhaupt sehr rar waren. Aber im ersten Fall war Monsieur entschlossen, da La Maitresse trotz ihrer sonstigen guten Qualification gefat werden msse, ebenso wie Henriette entfernt; im zweiten Fall war nur ein Repriment nothwendig. Inzwischen waren Henriette und Alexina oben bei Madame geblieben, wo nicht minder leidenschaftliche Gesprche stattgefunden hatten. Zum Nachmittag-Caf kam la Superieure herunter zum Abb. Sie erklrte, es msse etwas zur Rettung des Rufes des Klosters dem Landesadel gegenber geschehen. Die Briefe der Mdchen knne man ja inhibiren; aber bei den sonntglichen Besuchen, wo einzelne Zglinge von ihren Eltern im Wagen abgeholt wrden, werde die Sache doch ruchbar, und dann entsprechend aufgebauscht und entstellt.--Monsieur trug seine moral-theologischen Unterscheidungen und Bedenken vor, von denen einzig und allein der Ausgang des Falles abhnge.--La Superieure erwiederte etwas gereizt: von wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten verstnde die Welt drauen so viel wie sie; zunchst handle es sich um Abschneidung aller weiteren Controversen; sie gedenke die beiden Mdchen fr's erste auf einige Zeit aus dem Kloster zu entfernen.--Dem widersprach sehr ernst der Abb; damit gestehe man eine Schande zu, bevor sie erwiesen. Er wnsche in jedem Falle Alexina zu verhren.--Das knne er--meinte Madame piquirt--inzwischen werde sie ihre Nichte, um sie weiteren Beschimpfungen zu entziehen, beim Pfarrer des Dorfes unterbringen;--und verlie ohne eine Antwort abzuwarten das Zimmer des Abb.-- Wenige Minuten darauf betrat la Maitresse mit verweinten Augen das Zimmer von Abb, warf sich ihm zu Fen, und fing zu schluchzen und zu weinen an.--Ah Mademoiselle, begann der Abb, Sie haben dem Kloster jetzt schon einen groen, unberechenbaren moralischen Schaden zugefgt, und ich frchte, Sie haben eine noch weit grere Snde auf dem Gewissen.--Mon pere--fiel Alexina mit groem Nachdruck ein, und sah den Abb mit groen, glnzenden Augen an,--meine Liebe zu Henriette ist rein wie der Schnee auf dem Hebron; meine Gefhle sind wie Tauben, die nichts vom Argen wissen!--Diese Sprache berraschte den Abb nicht wenig, der in seiner sublimen Art fr poetische Wendungen nicht unempfindlich war. Trotzdem kam ihm diese ideale Verwahrung im Zusammenhalt mit all' den bekannt gewordenen Schlpfrigkeiten wie die Faust aufs Auge passend vor. Und so konnte er sich nicht enthalten hinzuzufgen: Aber wie steht es mit den Berhrungen, Umarmungen, Untersuchungen zwischen Ihnen und Henriette?--Ah, mon pre,--fiel Alexina wieder mit dem Ton des vollsten Gefhl-Enthusiasmus ein--ja, ich bewunderte Henriette's Erscheinung, ihren Krper, ihre Augen, ihre Haare, ihre Stimme, ihren Gang, kurz Alles, Alles, ihre Strmpfe, ihre Schuhe, Alles was sie war und was sie trug, weil ich selbst so gar nichts bin, und nichts habe, und nichts gleich sehe; und ebenso bewunderte, glaube ich, Henriette meinen Geist, meine Energie, meine Kenntnisse, enfin, das Bischen, was ich von Gott bekommen habe: _meine Seele_; und gewi berhrten wir uns, wo es nur mglich war, wo es nur geschehen konnte; sie meine Seele; ich ihren Krper; oh, mit einer Inbrunst, mon pre, wie sich nie zwei Mdchen geliebt haben; und Inbrunst, mon pre, ist doch in der Freundschaft, in der Liebe erlaubt, wie im Gebet, in der Reue, in der Verehrung zu Gott.--Hier war der Abb doch paff. Dieses Mdchen war strker, als er.--Und niedrige, unziemliche Empfindungen und sndhaftes Verlangen kam nie in Eure Seele, ma fille?--frug nochmals der Abb eindringlich.--Nur die Begeisterung Begeisterung rief Alexina, und streckte beide Arme mit Enthusiasmus empor,--nur die Begeisterung, die Gott selbst in unsere Seele gepflanzt.--C'est bien! sagte nun der Abb, und hob das Mdchen auf, das noch immer auf den Knieen lag; c'est bien, wir hoffen, da sich noch Alles zum Besten wenden wird. Gott wird Deine Seele auch ferner bewahren.--Alexina ging wieder hinauf zu Madame; und nun schien Alles eine befriedigende Wendung zu nehmen.-- Aber schon um 4 Uhr kam la Premire, und brachte ein Paquet Briefe, welche man Henriette, als sie in hchst geheimnisvoller Weise ihr Schreibfach ausleeren wollte, um es mit zum Pfarrer zu nehmen, abgenommen. Die Briefe zeigten die Handschrift Alexinas, und es sei vielleicht zu erwarten, da ihr Inhalt zur Aufklrung ber das Verhltni von la Maitresse zu Henriette beitrage.--Monsieur ffnete die Briefe, und las, und las, und merkte nicht, wo er war. Er las diese Briefe, wie er Liguori oder die Kirchenvter las. Monsieur war viel zu fein, zu geschult, zu classisch und zu rein geistiger Mensch, um den kostbaren Aether, der aus diesen heien Lettern emporstieg, nicht zu erkennen, sich an ihm zu berauschen. Das war also der gute, franzsische Stil, der an Alexina bewundert wurde, und der sie in erster Linie als Lehrerin qualifizirte, wenn nicht zur Schriftstellerin; und aus diesen leidenschaftlichen Ergssen an Henriette ist er hervorgewachsen; aus einer schlielich doch weltlichen Neigung. Und Alexina berief sich immer auf Gott! Da fand sich in einem Brief folgende Stelle: "Du willst vor mir fliehen, Henriette, Du frchtest meine Augen, wenn sie am Erlschen, und den Ton meiner Stimme, wenn sie am Ertrocknen ist. Weit Du, da es zu spt ist? Weit Du, da Du in meine Hnde gegeben, wie Wachs dem Bildner? Da Du das unglckliche Mdchen Alexina lieben mut, weil Du so reich und ich so arm. Frchtest Du Gott? Frchtest Du nicht, jammervoll unglcklich zu werden, weil Du das arme Dorfkind, Alexina, das Du liebst, und das Dich anbetet, verstieest. Haben wir zusammen nicht Alles? Hat nicht jedes von uns fr sich Nichts? Du siehst meine drren, kraftlosen Arme! Hast Du nicht Arme gefllt mit Wollust? Du streichst ber meinen mageren Leib und findest meine welken Brste! Hast Du nicht strotzende Lebensflle und Brste quellend wie Milch und Blut? Du mit meine Beine und findest nur Krcken und kindliche Schwche! Sind Deine Schenkel nicht so stark wie Marmorsulen, und Deine Kniee zierlich wie die Eier des Rebhuhns?--Deine Seele schlft oft und Dein Gedchtni will Nichts behalten! Hab ich nicht Kraft der Seele und kenne Dich und mich auswendig? Du bist zurckgeblieben und Deine Worte sind die eines Kindes! Bin ich nicht ber alle vorgeschritten, und habe Dich mit mir gerissen. Bist Du nicht die Taube, und ich der Geyer, der auf Dich herabstt? Bist Du nicht in meiner Gewalt? Und Du frchtest Dich vor mir, der Dich allein erretten kann! Und willst Dich in die bestialischen Arme eines Mannes werfen, wo nur Grausamkeit, Unflthigkeit und Gemeinheit herrscht? Bin nicht ich Dein Mann?!..."--In einem andern Brief kam die Stelle vor: "Du fliehst vor mir, und dann suchst Du mich wieder auf. Du meinst, ich wre anders, als alle Mdchen im Kloster, und Du mtest mich verabscheuen, weil ich Dinge forderte und Gewaltthtigkeiten verbte, die ein braves Mdchen nicht erdulden drfe; und dann mssest Du sie doch wieder gewhren. Die Klostervorschriften, Henriette, und die sogenannten Anstandsregeln sind kein Maastab und Grenze fr unser Empfinden. Und was wir verbrochen haben, Berhrungen, und unerlaubte Ksse, und Umarmungen und Ergieungen, und was wir im Geheimen thaten, ist an und fr sich nichts, ist nicht das Eigentliche, was wir wollten, war nur symbolisch gemeint, weil wir es durch Worte nicht ausdrcken konnten; wie Hndefalten nur symbolisch gemeint ist fr das, was im Innern vorgeht; was dahinter steckt, ist etwas ganz anderes, Unaussprechliches; was wir empfinden, Henriette, Du und ich, wenn wir uns anblicken oder an uns denken, ist etwas Unaussprechliches. Was wir thun, was gegen die Klostervorschriften verstt, ist demgegenber nebenschlich, nur eine Ausdrucksform, eine Art Explosion, die auch anders ausfallen knnte, die aber zufllig so ausgefallen ist. Deine Liebe zu mir, Henriette, das ist fr mich Alles. Bist Du deren sicher, dann halte an mir fest. Ich beschtze Dich...."--In einem dritten Briefe hie es "... Woher die Menschen geboren werden? Ja, wir wissen es jetzt! Weil ich Dich aufgeklrt habe! Aber ist es nicht eine Summe von Unflath, Gestank, Erbrechen, gemeines Athmen, Glotzen und scheuliche Auffhrung, was drum und dran hngt, und was ihm vorausgeht? Hier sind die ueren Thaten grulich, und das innere gttliche Empfinden minimal. Unsere Verkehrsformen, Henriette, sind zierlich, sanft, kleinlich und minimal; aber unser inneres Empfinden, der gttliche Impuls, riesengro! Oh, ich knnte die ganze Welt mit meinem Innern erfassen, umgreifen, aufsaugen! Und Du Henriette bist nur ein kleines, unsglichschnes Figrchen-Ebenbild dieser Welt; ein kleiner glnzender Fisch in dem groen Meer!..."-- Mit der Lectre dieser Briefe war es inzwischen fnf Uhr geworden. Der Abb wute wohl, da er hier einem auerordentlichen Fall gegenber stand, einem Ereigni, einem Verhltni, das auf Monate zurckdatire, das langsam gereift, wie ein Wespennest sich Zelle um Zelle agglomerirt hatte, zuletzt einen gewaltigen Stock gebildet, und in dem la Maitresse der eigentliche Baumeister, der Schpfer und Angreifer gewesen, whrend Henriette sich auf eine mehr passive Rolle beschrnkt hatte. Aber worber sich Monsieur nicht klar werden konnte, war, wie weit die materiellen Beziehungen in dem erotischen Leben der beiden Mdchen gediehen waren, deren geistige Seite in den berschwenglichen, gefhlsenthusiastischen Briefen Alexina's vorlagen. Und, ob man hier nicht an einen hchst calculirten und versteckten Angriff des Teufels selbst denken mute! Da Alexina eine naive, wenn auch impetuose, auf die Echtheit ihres Gefhls in der Brust pochende, aber noch unverdorbene Natur war, darber war kein Zweifel. Aber, was jetzt zu geschehen habe, Strafe, Ermahnung, Entfernung; Trennung der Zwei; auf ein so glnzendes Talent, wie das Alexina's verzichten; darber konnte Monsieur zu keinem Entschlu kommen. Es war jetzt Vesperzeit. Die Mdchen hatten eine halbe Stunde Erholung, bevor die zwei Abendstunden die Arbeit des Tages schlossen. Wie ein Bienenschwarm ghrte und brauste es unter den jungen Geschpfen, die, ermahnt, mit ihren Beobachtungen und Ansichten Monsieur l'Abb nicht lnger zu behelligen, um so eifriger unter sich und mit ihren eigentlichen Vertrauten, den Schwestern, Rath's pflogen und Ansichten austauschten. Die Entfernung Henriettes zum Pfarrer des Dorfes hatte man als eine Art Besttigung aller Vermuthungen angesehen. Man wute aber auch, da la Maitresse, in der doch auch alle Mdchen den eigentlichen actor rerum sahen, noch oben bei la Superieure weile. Und so concentrirten sich denn alle Combinationen und Errterungen noch einmal auf ihre Person. Schlimmer aber als Alles dies, war der Umstand, da mit der Transferirung Henriettes in's Dorf Beauregard nun auch dieses anfing sich an der Discusion zu betheiligen und Gelegenheit hatte, neues Material herbeizuschaffen. Ein Resultat dieser neuen Beziehungen war, da gegen das Ende des Interstitiums, um 1/26, eine der Mgde an die Thre des Abb klopfte, und eingelassen, in Begleitung von la Premire, welche sie dazu aufgefordert hatte, folgende Mittheilung machte: Als sie Henriette heute Nachmittag zu Seine Hochwrden in's Dorf gebracht, den Brief von Madame la Superieure abgegeben, und das Haus schon wieder verlassen, htten sich mehrere Personen aus dem Dorf um sie gedrngt, zu erkennen gegeben, sie wten schon, da sich Auerordentliches im Kloster zugetragen, und dergleichen. Sie habe, wohl erkennend, da eigentlich nichts mehr zu verheimlichen sei, das Thatschliche des Vorgefallenen zugegeben, mit den Leuten gesprochen, und Alle htten sich fast dahin geuert, da die belle Henriette, wie man sie nenne, ein ganz braves, ehrbares Mdchen, diese Mademoiselle Alexina dagegen mit ihrem hohen Gang, ihren eckigen Schultern, ihrer hohlen Sprache, tiefen Wangen und zusammengewachsenen Augenbraunen eine ganz suspecte Person sei, vor der nur unser Herrgott das Kloster bewahren mge. Darauf sei ein groer sonnenverbrannter Mensch mit einem groen Bart unter dem Kinn und hinter den Backen, und einer Axt auf der Schulter, der die ganze Zeit aufmerksam zugehrt, hervorgetreten, und habe erzhlt, er habe vor etwa sechs Wochen auf einem seiner Controllgnge--er sei Waldhter--mitten im Dickicht weit von der Landstrae ein Sthnen gehrt; er sei nher gekommen, habe sich aber durch das Knicken und Brechen der Zweige verrathen; er habe immer eine hohe wimmernde, weibliche Stimme vernommen und eine krftige, tiefe, beruhigende Mnnerstimme; als er die letzten Zweige auseinandergebogen, sei er erstaunt gewesen, zwei Mdchen zu finden, die eben aus dem Gebsch aufgesprungen waren, also dort gelegen hatten; und zwar hatte die mit der hellen Stimme unten gelegen, da sie sich nicht so rasch erheben konnte; die mit der tiefen Stimme war schon aufgesprungen, aber Alles, die ganze Constellation, ihre Stellung und der Eindruck am Boden htten gezeigt, da sie nicht neben ihrer Freundin gelegen; beide Mdchen seien unten am Krper entblt gewesen, und htten nicht rasch genug ihre Kleider ordnen knnen, um dies zu verheimlichen; auch sei ihm aufgefallen, da die grere, schlankere an den Beinen stark behaart gewesen sei. Die beiden htten sich dann schnell wegbegeben, und er habe sie nicht verfolgt.--Alle Anwesenden, und auch sie--die Magd--htten darauf den Waldhter gebeten, sich in der Nhe des Klosters zu halten, um, fr den Fall Monsieur l'Abb ihn zu sprechen wnsche, da zu sein. Monsieur mge nun nach Belieben handeln.-- Nach dieser Erzhlung lie der Abb die Magd abtreten, um sich mit la Premire allein zu besprechen. Aber beide hatten noch nicht zwanzig Minuten Unterredung gepflogen, wobei Monsieur la Premire verschiedentliche Stellen aus lateinischen und franzsischen Bchern zeigte, und ihr bersetzte, als eine zweite Schwester in heller Bestrzung hereinkam und die Meldung brachte, vor dem Kloster stnden mehrere hundert Leute, mit Mistgabeln und Aexten, die die Faust gegen das Gebude ballten, Verwnschungen ausstieen, und fortwhrend riefen, der Teufel sei im Kloster.--Der Abb war anfangs im Zweifel, was dieser neuen Sachlage gegenber zu thun sei, beauftragte aber dann die zweite Schwester, welche die Meldung berbracht hatte, die Affaire Madame la Superieure zu melden, und sie zu bitten, zu kommen. Zu la Premire gewendet, meinte dann der Abb, es sei wohl das Beste, den Waldhter mit seiner Axt hereinzulassen, um die Menge zu beschwichtigen.--Aber, auf dem Wege dies auszufhren, traf la Premire vor der Klosterpforte mit dem Pfarrer des Orts zusammen, der im Begriff war, zu Monsieur zu eilen. Beide kamen zurck, und Seine Hochwrden voll Erregung frug Monsieur l'Abb was wohl vorgefallen; das halbe Dorf sei vor seiner, des Ortspfarrers, Wohnung versammelt, habe ihn beschworen, hierher in's Kloster zu eilen: ein Incubus, oder der Teufel selbst, habe die schne Henriette, die Nichte von Madame, die im Walde gelegen, vergewaltigt, oder zu vergewaltigen versucht, und habe dies unter der Figur einer Lehrerin hier im Kloster gethan, die allgemein nur la Maitresse genannt werde; man solle diese Lehrerin zu einem Gestndni bringen, eventuell den bsen Geist exorcisiren, und er, der Pfarrer, solle dehalb zu Monsieur l'Abb ins Kloster eilen.--Whrend der Abb seinen Amtsbruder in Krze ber die Ereignisse des Tages aufklrte, hrte man drauen die Zglinge trepp auf trepp ab strmen und schrille Rufe ausstoen: le diable et sa fian!--le diable et sa fian!--Andere recitirten nach festem Takt den rasch zu Stande gekommenen Vers: "Le diable et triste Et a bien peure: Il a perdu sa fiancee Et craint la Superieure!"[4] Gleich darauf kam auch Madame zitternd vor Erregung herein: die Mdchen seien wie auf ein gemeinsames Zeichen aus den Classen gestrmt, htten geschrieen, der Teufel sei im Kloster, und wollten Alexina aus ihrer Stube ziehen. Sie sei jetzt berzeugt, das Ganze sei ein gegen sie, die Superiorin gerichteter Complot. Der Teufel habe mit der ganzen Sache so wenig zu thun, als mit ihr.--Die beiden Geistlichen machten zweifelhafte Gesichter.--Um aber den ganzen Schwindel mit einem Schlag aus der Welt zu schaffen, meinte Madame weiter, schlage sie vor, der Arzt des Dorfes solle in ihrer Gegenwart oben in ihrer Wohnung Alexina untersuchen; fnden sich die bekannten Male und Zeichen von Teufels-Besessenheit an ihrem Krper, woran sie stark zweifle, so knne man weiter sehen, und eventuell Exorcismus anwenden; ergebe sich aber Alexina, wie sie sicher annehme, als tadelloses, unberhrtes Mdchen ohne Mal und Stigma, dann solle man die zur Verantwortung ziehen und zchtigen, die diese Fabel aufgebracht und wissentlich verbreitet htten.--Damit waren alle einverstanden. Nur, meinte der Ortspfarrer, man solle dem Waldhter, der drunten stehe, und die Dorfbewohner haranguire, Gelegenheit geben, Alexina unbemerkt zu sehen, um eventuell so durch einen unverdchtigen Zeugen, im Falle des Nichtidentificirens, zur Beruhigung der Menge und des Klosters beizutragen.--Auch dies fand allgemeinen Beifall.--Was die Klosterinwohner selbst angehe, so wurde angeordnet, alle htten im Refectorium sich unter Aufsicht der Schwestern ruhig zu halten, bis das Resultat der Untersuchung bekannt.-- Es war jetzt 7 Uhr Abends. Whrend zweier Stunden war wirklich der Teufel los gewesen, und Zucht und Ordnung im Kloster verschwunden. Die in Aussicht gestellten Schritte wirkten auf Alle beruhigend. Der Pfarrer ging in die Ortskirche, um _Monstranz und Ciborium_ bereit zu halten. Auf dem Wege dahin sprach er begtigend zu Allen, die ihm begegneten. Auch trat die Dmmerung ein, und die meisten begaben sich nach Hause. La Premire wurde zum Arzt geschickt. Madame selbst bereitete oben Alles fr die Ankunft des Arztes vor. Monsieur hatte ebenfalls den Cooperator in der Klosterkirche avertirt, Alles zum Exorcisiren bereit zu halten. Er selbst schlug die genauen diesbezglichen Directiven in seinem Ordinale auf, und machte sich aus _Bodinus_, Daemonomania, mit den krperlichen Stigmata fr Teufelsbund bekannt. Die Zglinge bekamen im Refektorium ihr Abendessen. Mit der Dunkelheit war bei den Mdchen, statt Ausgelassenheit, Bangigkeit und Furcht getreten. Alle baten, heute Nacht die Lichter im Schlafsaal brennen lassen zu drfen.--Inzwischen war der Holzknecht wieder heruntergekommen, und hatte aufs Bestimmteste dem Abb versichert, das Frauenzimmer, welches er soeben durch die Thrspalte bei Madame la Superieure mit verweinten Augen habe sitzen sehen, sei der Incubus, der damals im Wald auf Henriette gesessen.-- Es war schon halb neun, als der Arzt, ein fast jung zu nennender Mann, der die Facult in Paris mit Auszeichnung absolvirt hatte, ankam. Er hatte noch einen Gang in's benachbarte Dorf gemacht, und hatte, eben erst zurckgekehrt, die ganze merkwrdige Geschichte gehrt. Die Lichter im Kloster waren schon angesteckt. Es herrschte jetzt rings auf Gngen und Treppen tiefste Stille. Den Vorschlag Abb's, mit ihm erst das Verzeichni der Stigmata im Bodinus durchzugehen, hatte der Arzt abgelehnt. Er war dann von la Premire sogleich in den II. Stock hinaufbegleitet worden. Droben empfing ihn Madame mit hchster Zuvorkommenheit in dem prchtig erleuchteten, reich ausgestatteten Salon, der zu ihren Appartements gehrte. In dem halb offen stehenden Nebenzimmer brannte nur ein Licht. Dort wartete Alexina halb entkleidet, auf dem Bettrand gekauert, auf den Arzt. Dieser wechselte nur wenig Worte mit Madame, und ging dann sogleich hinein, die Thre wieder, wie es gerade die Handbewegung wollte, halb oder dreiviertel zugehen lassend. Und nun konnte man herauen folgendes hren trotz des lauten Buchumbltterns, mit dem Madame sich und die Stille zu betuben suchte: Kurzes Gemurmel und Begrungsformeln; einzelne Fragen, sehr knapp, ebenfalls knapp beantwortet; beide Stimmlagen sind sehr tief; die des Arztes ist aber schrfer scandirt und heller; die Alexina's dumpf und gaumig. Das Licht wird gerckt, so da die Helle jetzt ganz aus der Thrspalte verschwindet; eine Aufforderung; dann ziehen und schleifen von ausgezogenen Gewndern; Pause, neue Aufforderung; Entgegnung; wiederholte Aufforderung in festerem Ton! ein Seufzen; dann wieder Ausziehen und Rutschgerusche; strumpfiges Aufstampfen auf dem Boden; erst einmal; dann noch einmal; dann noch ein Rutschgerusch; und jetzt ein weiches, schilfriges Gleiten; wie Epidermus auf Epidermis; und begleitet von zustimmenden Ah, c'est cela; c'est cela, oui des Arztes. Lngere Pause. Dann wieder ein Commando; man hrt die knerzenden Bewegungen eines Bettgestells und das knistrige Hingleiten auf eine Matratze; ein ruhiges Commando; ein strkeres Commando; dringende, unwillige Aufforderung; seufzendes Wimmern von der andern Seite; Ah, vous me faites mal, Monsieur;[5] rief auf einmal Alexina laut und wie explosiv; dumpfe Entgegnung des Arztes, dessen unterbrochenes Athmen auf schwieriges, intensives Arbeiten hinwies. Nunmehr ausgiebiges Schluchzen ohne Unterla von Seite Alexina's, ohne strkere Schmerzensrufe, aber mit unstillbarem Weinen, hingebend, machtlos, verzweifelnd, sich gnzlich berlassend; die Stimme des Arztes nunmehr weich und bedauernd, ohne pltzliche Commandorufe. Der Culminationspunkt schien berschritten; die Entscheidung schon erfolgt; das Ergebni schien aber ein trauriges; und trotzdem dauerte es noch lange, bis alle Manipulationen zu Ende; Madame hatte nach dem Angstschrei Alexina's nicht mehr geblttert, sondern athemlos gelauscht, und an die Thrspalte gestarrt; das Wimmern drinnen wurde allmhlich schwcher, das Weinen hrte auf, und ging zuletzt in ein rythmisches Wehklagen ber, welches synchron mit dem Athmen ging. Endlich nach langer, langer Zeit,--es war fast eine Stunde verflossen--hrte man Wasser in ein Lavoir gieen und kurz darauf kam der Arzt mit dem Handtuch in der Hand verstrten Antlitzes heraus. La Superieure stand auf und schien zu fragen. "Ein trauriger Fall, Madame,"--sagte der Arzt in dunklem Ton,--"ich mu ein eingehendes Gutachten ber den Fall abstatten, welches ich morgen Vormittag schon Monsieur l'Abb zustellen zu knnen hoffe; inzwischen mchte ich rathen, sobald es angeht,--heute mchte es zu spt sein--le jeune Alexina zum Dorfpfarrer zu bringen, und Mademoiselle Henriette zurckzuholen zu Madame."--Damit verabschiedete sich der Arzt, sagte dem drauen harrenden Mener, zu irgend einer religisen Handlung bestehe kein Anla, und begab sich dann durch das jetzt totenstille Kloster nach Hause.-- Jetzt war's 11 Uhr; und Alles schlief in seinen Betten; d.h. Alles wachte, denn wer konnte nach solch' einem Tag schlafen. Oben huschten die Schwestern in schleppend weien Nachtgewndern von Bett zu Bett und beruhigten die Kleinen, die alle eine schreckliche Furcht vor'm Teufel hatten. Die Lampen brannten alle hell. Und la Premire selbst ging von Schlafsaal zu Schlafsaal, um jetzt keine Unordnung, keine Panik mehr ausbrechen zu lassen. Sie wute ja, sie hatte gewonnen.--Und unten wachte in seinem Bett Monsieur l'Abb. Er hatte noch vom Mener die Nachricht er halten, zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats bestnde kein Anla, und war dann, nachdem er den gleichen Boten mit der gleichen Nachricht zum Ortspfarrer geschickt, und mit la Premire einige Verordnungen wegen der Ruhe der Nacht besprochen, selbst zu Bett gegangen: kein Anla zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats; Ja, glauben denn diese neuen Aerzte, sie knnen die Welt ohne Geistlichkeit in Ordnung bringen? Und wenn sich keine Stigmata fanden, was war denn dann los mit Alexina? Bediente sich der Teufel nur ihres Phantoms, ihrer sinnlichen Hlle, so war dies nach allen Exorcisten des Mittelalters auf die Dauer unmglich, ohne Spuren zu hinterlassen, war aber der Teufel nicht im Spiel, dann hatten offenbar Henriette und la Maitresse ein frevelhaftes, sndig-gottloses Spiel mit einander getrieben. Denn wer wird sich im Wald in so unsauberen Stellungen prsentiren. Wenn auch nicht fr andere, doch fr sich. Ja, ja, er erinnerte sich jetzt, Henriette hatte dieses Frhjahr einigemale von Madame die auergewhnliche Erlaubni erhalten, mit Alexina Nachmittags in den Wald zum Maiglocken pflcken gehen zu drfen, und er sah sie einmal mit Struen und fieberhaft glnzenden Augen zurckkehren.--Was aber jetzt mit Constatirung der Stigmalosigkeit von la Maitresse erreicht sei, knne er nicht begreifen. Die Sache stehe am alten Fleck. Und die Geistlichkeit werde die Sache doch zuletzt lsen mssen.--Mit diesen Gedanken war Monsieur l'Abb beilufig beschftigt. Und oben im II. Stock ruhte Madame. Sie hatte bange Ahnungen, es mchte mit ihrem Priorat im Kloster vorbei sein. Seit heute Abend 6 Uhr, als die Bauern die Sensen vor der Klosterthr schwangen, und den Teufel in Gestalt einer Lehrerin im Kloster suchten, war ihr klar, da dies an ihr hinausgehen werde; diesmal hatte la Premire die Sache fein dirigirt, und zur rechten Zeit in die Flamme geblasen, die noch heute Morgen mit dem Schuh auszulschen war. Mein Gott, zwei Mdchen, die sich in ihren krperlichen und seelischen Eigenschaften einander ergnzten, beieinander schlafen und sich mit Zrtlichkeiten berhufen sehen,--was da dran sei! Allerdings, diese Alexina sei ein merkwrdiges Geschpf; und der Ausspruch des Arztes lasse erwarten, da mit ihr etwas ganz besonderes los sein msse.-- Und neben dran lag Alexina auf ihrem Lager; gestern noch die bewunderte, ob ihrer phnomenalen geistigen Eigenschaften gepriesene, mit dem Ehrentitel la Maitresse benamte, deren Ansprache bei den Kleinen als Auszeichnung galt, und jetzt ein wimmerndes Geschpf, wie zum Tod getroffen, von einem Arzt in ihren geheimsten Beziehungen vor aller Welt enthllt, als Teufelsfrauenzimmer an den Pranger gestellt, und ihrer Lebenskraft, Henriette's, beraubt. Ja, heute Abend als sie der Arzt besuchte, war ihr wohl klar geworden, da etwas auergewhnliches bei ihr der Fall sein msse; und als er vom Kopfe beginnend Alles abma und genau feststellte, und dann das untersuchte, was Jedes mit Scham verhllte, und da einzudringen versuchte, und ihr die frchterlichen Schmerzen verursachte, so da sie hinausschreien mute, und als sie dann sein perplexes Gesicht sah, da fing sie an, an diesem springenden Punkt weiter zu spintisiren: ja, sie wute es, etwas anders war sie ja gebildet wie die andern Mdchen, wie Henriette; aber das war ihr nicht aufgefallen; waren nicht auch die Andern in sonstigen Dingen verschieden? Hatte die eine nicht eine Adlernase, die andere eine eingebogene oder gerade; diese einen hlichen, fleischigen Mund, jene einen feingeschnittenen, knospenden, wie an einer Statue; hatte diese nicht eine flache, jene eine gewlbte Brust? War die eine nicht dumm, die andere gescheidt? Was war denn dann mit ihr so besonderes los? Diese Kleinigkeit, ber die Henriette so oft gelacht?--Aber es mute doch etwas sein! Denn woher der schreckliche Schmerz?--Und so wimmerte und spintisirte und schluchzte das Geschpf weiter.-- Noch bedeckte die Nacht mit ihrem colossalen Mantel Alles, Kloster, Menschen und ihre Gedanken. Aber die Sonne brannte schon mit Inbrunst, hervorzubrechen, und die ganze so schauderhafte Klosteraffaire zu beleuchten, und mit greller Flammenschrift Jedem in's Gewissen und in's Hirn zu schreiben.-- Es war jetzt wieder 7 Uhr Morgens; die Sonne glnzte durch die Scheiben des geistlichen Arbeitszimmer; das Frhstcksgeschirr stand auf dem Arbeitstisch bei Seite gestellt; und Monsieur l'Abb las wieder eifrig in Liguori, Theologiae moralis, libri sex. Nichts in seinem Gesicht lie etwa eine Unruhe oder Abspannung entdecken. Der Vorfall des gestrigen Tages hatte keinen nervsen Rest bei ihm zurckgelassen. Die gleiche sublime Ruhe waltete in seinen Zgen wie gestern.--In diesem Augenblick klopfte es an der Thre; Monsieur rief herein! und die Pfrtnerin brachte ein Schreiben groen Formats, welches soeben abgegeben worden sei. Monsieur ffnete es sogleich durch einen Winkelschnitt ber der Oblate, faltete das krftige Handpapier auseinander und las Folgendes: Beauregard, le 21. Juin 1831. Adolphe Duval, medecin agrg de la Facult de Paris, Monsieur l'Abb de Rochechouard, Douay.--Monsieur! Ueber den krperlichen Befund des sogenannten Alexina Besnard, 18 Jahre alt, habe ich auf Grund der von mir gestern Abend vorgenommenen Untersuchung die Ehre Folgendes zu melden: Alexina als Mdchen von auerordentlich hoher Statur, mu auch als Mann noch zu den greren Gestalten gerechnet werden. Das magere Gesicht zeigt den Ausdruck hoher Intelligenz; der Blick entschieden mnnlich, convergirend; stark prominente Augenbgen, unter denen ein paar schwarze, kluge, flinke Augen herauslugen; keine Spur von Bart; die Kopfhaare etwas lnger, als sie gewhnlich von Mnnern getragen werden, aber weit entfernt die Lnge von Mdchenhaaren zu erreichen (sie mten denn absichtlich beschnitten sein) werden in einem Netz getragen, und sind eher sprlich zu nennen. Die Stimme Alexina's ist eine Altstimme. Der ganze Krperbau ist schlank, musculs, ohne eigentliches Fettpolster, zeigt in seinem oberen Theil femininen Charakter, zarte Haut, schwache mamma-Bildung mit weiblich gebildeter Warze; die unteren Extremitten fallen sofort durch ihre reiche, dunkle, mnnliche Behaarung auf, und zeigen auch in ihrer allgemeinen Configuration mnnliche Anlage. Die Oberschenkel zeigen zum Knie hin nicht die beim Weib bekannte Convergenz, sondern verlaufen geradlinig. Die Hnde sind zwar klein, dagegen die Fe sehr gro und krftig. Die Hfte charakterisirt sich schon durch den allgemeinen Anblick, durch das gnzliche Fehlen des seitlich ausladenden, wie durch Messungen, als Beckenanlage von rein mnnlichem Charakter. Der mons Veneris ist stark behaart und bedeckt auf den ersten Anblick die eigentliche Bildung der Genitalien. Dieselben zeigen wenig klaffende labia majora von wulstigem, faltigem Charakter, hinter denen die kleinen, wenig ausgebildeten labia minora sichtbar werden; keine Spur von hymen; der introitus vaginae ist so eng, und das versuchsweise Eindringen so schmerzhaft, da es keinem Zweifel unterliegt, da derselbe als blinder Sack endigt, und entweder keinen, oder hchstens rudimentren uterus als Fortsetzung trgt, der fr die Ovulation wie Menstruation ohne Belang ist. Dagegen umschlieen die labia minora in ihrem oberen Theil einen succulenten Krper, der vorne perforirt ist, und sich als wohl characterisirtes membrum Virile erweist; dasselbe ist der Erection fhig; obwohl es an seiner vollen Entfaltung durch ein von den genannten kleinen Labien ausgehendes straffes ligamentum gehindert ist. Die Perforation ist der Ausfhrungsgang der urethra, die ihrerseits in die Vesica urinalis endet. Testicel sind nirgends zu entdecken, und scheinen im Abdomen zurckgeblieben zu sein.--Somit ist Alexina Besnard ein _Zwitter_; und, da derselbe whrend der Untersuchung, offenbar durch die augenblickliche psychische Erregung hervorgerufen, auch eine unwillkrliche ejaculatio seminalis hatte, deren Bestand unter dem Mikroscop das deutliche Vorhandensein normaler, beweglicher Spermatozoen ergab, so mu Alexina als mnnlicher _Zwitter_ angesprochen werden; somit ist Alexina ein Mann und zwar ein zeugungsfhiger Mann.--Auf Grund der mir obliegenden Pflicht habe ich bereits Anzeige an die betreffende Civil-Behrde behufs Aenderung der Stammrolle in der Heimath Alexina's gemacht, Eurer Hochwrden die weiteren Schritte bis zur definitiven staatlicherseits vorzunehmenden Aenderung der civilen Verhltnisse Alexina's berlassend. Mit hochachtungsvoller Ergebenheit ec. Adolf Duval.-- Noch am gleichen Tag wurde Alexina in ihre Heimat zu ihren Eltern gebracht. Mademoiselle Henriette Bujac, die in's Kloster zurckkehrte, sah sich genthigt, nach etwa sechs Monaten aus dem Institut auszutreten, und wurde zu einer entfernt wohnenden Tante auf's Land geschickt. Mit ihr verlie Madame la Superieure definitiv das Kloster.--Und la Soeur Premire wurde Superiorin.-- [1] "Sieh der Teufel!" [2] "Und hier seine Braut!" [3] Schwatzerei. [4] Der Teufel ist traurig, und hat wohl Furcht; er hat seine Braut verloren, und frchtet die Superiorin.-- [5] Ach, sie thun mir weh. Der operirte Jud' _Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,_ _Huhu! ein grlich Wunder!_ _Des Reiters Koller, Stck fr Stck,_ _Fiel ab, wie mrber Zunder._ _Zum Schdel, ohne Zopf und Schopf,_ _Zum nackten Schdel ward sein Kopf_; _Brger_, Lenore. Kein Mensch wird mich tadeln, wenn ich meinem Freunde _Itzig Faitel Stern_ ein Denkmal zu setzen wnsche; wenigstens, so weit dies in meinen Krften steht; und fast frchte ich, da dieselben nicht ausreichen werden; denn Itzig Faitel Stern, mein bester Freund auf der Hochschule, war ein Phnomen. Ein Linguist, ein Choreograph, ein Aesthetiker, ein Anatom, ein Schneider und ein Irrenarzt wren nthig, um die ganze Erscheinung von _Faiteles_, was er sprach, wie er ging und was er that, vollstndig zu begreifen und zu erklren. Da nach dem Gesagten mein Vorwurf nur Stckarbeit liefern wird, ist nicht zu verwundern. Doch ich verlasse mich auf meine fnf Sinne, die nach der gegenwrtig herrschenden literarischen Schule vollstndig gengen, ein Kunstwerk zu liefern; ohne viel nach Warum und Wie zu fragen, oder knstliche Motivirung, oder gar transscendentale Construction zu versuchen. Wenn statt des Kunstwerks eine Komdie entsteht, mag sie, die Schule, die Verantwortung tragen.-- _Itzig Faitel_ war ein kleiner untersetzter Mann mit rechts etwas hher stehender Schulter und einer spitz zulaufender Hhnerbrust, auf welch' letzterer er immer eine breite, schwerseidene Plastron-Cravatte trug, die ein matter Achat zierte. Die Rock-Patten zu beiden Seiten dieser Cravatte liefen immer von rechts oben nach links unten, so da, wenn Faitel lngs der Randsteine ging, es den Eindruck machte, er steure ber das Trottoir hinunter, oder gehe im Diagonal. Faitel wollte nicht einsehen, da diese Configuration seiner Kleider von der rhombischen Verschiebung seines Brustkastens herrhre, und schimpfte frchterlich auf die christlichen Schneider. Die Stoffe, welche Faiteles trug, waren stets der feinste Kammgarn. Das Antlitz Itzig Faitel's war von hchstem Interesse. Leider hat es _Lavater_ nicht gesehen. Ein Gazellen-Auge von kirschen-hnlich gedmpfter Leuchtkraft schwamm in den breiten Flchen einer sammtglatten, leicht gelb tingirten Stirn-und Wangen-Haut. Da es troff, da konnte Faiteles nichts dafr. Itzig's Nase hatte jene hohepriesterliche Form, wie sie _Kaulbach_ in seiner >Zerstrung Jerusalems< der vordersten und markantesten Figur seines Bildes verliehen; zwar waren die Augenbrauen darber zusammengewachsen; aber _Faitel Stern_ versicherte mich, das sei sehr beliebt; auch wute er, da Leute mit solchen Augenbrauen einmal ersaufen sollen; aber er paralysirte es, indem er versicherte, er gehe niemals auf's Wasser. Die Lippen waren fleischig und berfltig; Zhne vom reinsten Crystall, zwischen denen eine blulich-rothe, fette Zunge oft zur Unzeit herauskam. Kinn und Oberlippe war Alles bartlos; denn Faitel Stern war noch sehr jung. Erwhne ich noch von meines Freundes Untergestell so viel, da es Sbelbeine waren, deren Schwung jedoch nicht excessiv war, so glaube ich Itzig's Silhouette einigermaaen gezeichnet zu haben. Auf die geringelten zahlosen schwarzen Sechserlckchen seines Haupthaars komme ich spter noch zu reden.--Das also war der Studiosus Stern in der Ruhe. Aber wer hilft mir, welcher Clown, welcher Dialect-Imitator, welcher Grimasseur, Itzig darzustellen, wenn er ging, wenn er sprach und agirte. Itzig sagte mir wohl, er stamme von einer franzsischen Familie ab, und sei franzsisch erzogen; er sprach wohl etwas, wenn auch mechanisch ganz verschobenes Franzsisch; aber das Unglck war, da Itzig zu frh in die nahe Pfalz kam, und die prononcirten Laute dieses Stamms mit einer Gier einschlrfte, als wre es Milch und Honig. Wohl konnte Faiteles auch Hochdeutsch reden; aber dann war es eben nicht Faiteles, sondern eine Zierpuppe. Wenn Faitel fr sich war, und sich nicht zu geniren brauchte, dann sprach er Pflzisch und--noch etwas. Doch vorher noch einige Bemerkungen ber seine Gangart und Agitationes.--Itzig hob immer beide Schenkel fast bis zur Nabelhhe beim Gehen, so da er mit dem Storch einige Aehnlichkeit hatte; dabei steckte er den Kopf tief auf die Plastron-Cravatte herab, und sah starr auf den Boden. Man konnte wohl glauben, er knne die Kraft zum Heben der Beine nicht bemessen, und berschlage sich; und bei Rckenmarkskrankheiten kommen ja hnliche Strungen vor; Itzig war aber nicht rckenmarkskrank, denn er war jung und geschont; als ich ihn einmal frug, warum er so extravagant gehe, sagte er "a ich vorwrts komm'!"--Faiteles hatte auch Mhe, das Gleichgewicht zu halten, und beim Gehen troffen oft Schweitropfen aus den Sechserlckchen der Stirne. Das Nackenband war sehr stark und krftig bei meinem Freund entwickelt; wie ich vermuthete, wegen der Schwierigkeit und Arbeit, die Itzig hatte, den Kopf zu Gottes Himmelszelt emporzuheben. Itzigs Kopf war in seiner natrlichen Stellung immer starr auf den Erdboden gerichtet, das Kinn fest in die seid'ne Plastron-Cravatte eingebohrt.--Das war Itzig Faitel Stern, wenn er ruhig war, oder seines Weges ging. Was waren aber seine Agitationes?--Dies hing ab, von der Stimmung, in der Faiteles sich befand, ob er aufgelegt, oder unzufrieden war; ob er zustimmte, oder einen Gegenbeweis fhren wollte. Stark in Affekt kam er nie; und zornig zu werden hinderte ihn seine ganze Constitution. Wenn er aber eifrig wurde, und gute Opportunitts-Grnde in's Feld zu fhren hatte, dann bumte er auf, hob den Kopf empor, zog die fleischige, wie ein Stck Leder sich bewegende Oberlippe zurck, so da die obere Zahnreihe entblt wurde, spreizte mit zurckgebeugtem Oberkrper beide Hnde fcherfrmig nach oben, knaukte mit dem Kopf gegen die Brust zu einigemal auf und ab, und lie rythmisch abgestoene Schnedderengdeng-Gerusche hren. Bis zu diesem Moment hatte mein Freund noch gar Nichts gesagt. Aber aus der ganzen Aufeinanderfolge dieser gestikulatorischen Mimik wute ich schon, in welcher Richtung sich Faitel's Auseinandersetzungen bewegen wrden. Faitel miaute, schnarrte, meckerte und producirte auch Schneuz-Laute sehr gern und zur richtigen Zeit, so da man daraus immer exacter wute, als wenn er blos einige Worte hingeworfen, wie er dachte, und wie sein Inneres angelegt und engagirt war. Wenn sein Standpunkt zweifelhaft, sogar gefhrdet war, und er von einer unwahrscheinlichen Sache den Gegner berzeugen wollte, warf er mit eingezwickten Bauch den rotirenden Oberkrper von der Seite des Gegners weg und zu sich hinber, gleichsam als wolle er mit der ganzen Krperlast den Betreffenden zu sich hinberziehen. Fleiige, angenehm grunzende Schnarrlaute begleiteten diesen Akt. Wer dies zum erstenmal sah und hrte, der erstaunte, und unterlag; er willigte ein, schon in Anerkennung des fleiigen Ueberredungs-Aktes. Aber Faiteles wurde, die Wirkung erkennend, nun zu immer weiterer Exaltation getrieben. Und zuletzt wurde es monstrs. Soviel ber seine Agitationes.--Aber wer hilft mir die Sprache von Itzig Faitel Stern beschreiben? Welcher Philologe oder Dialektkenner wrde sich unterstehen diese Mischung von Pflzerisch, semitischem Geknngse, franzsischen Nasal-Lauten und einigen hochdeutsch mit offener Mundstellung vorgebrachten, glcklich abgelauschten Wortbildungen zu analysiren?! Ich kann es nicht; und ich will mich darauf beschrnken, nach dem phonetischen System das dem Leser vorzufhren, was an Itzig Faitele'schen Phrasen mir in der Erinnerung geblieben. Aber vorher mu ich doch aus der Faitele'schen Redeweise zwei Punkte hervorheben, die grammatikalisch besonderes Interesse beanspruchen. Dann soll die grauenhafte Comdie, die _Itzig Faitel Stern_ in _Heidelberg_, wo wir Beide studirten, auffhrte, ohne Unterbrechung sich abwickeln: Faitel hatte unter den unzhlig flchtigen und kaum andeutbaren Besonderheiten seiner Sprechweise besonders zwei,--wie soll ich es nennen?--Sprachpartikel, die an bestimmten Stellen immer wiederkehrten, und sich mir zuletzt als syntaktische Bestandtheile von bestimmtem Begriffswerth einprgten. Faitel Stern sagte z.B. wenn ich ihn ber den ungeheuren Luxus in seiner Garderobe, seinen Toilettegegenstnden, interpellirte,--"... was soll ech mer nicht kahfen neihes Gewand, scheene Hut-'mener, faine Lackstiefelich,--'mener, a ech bin hernach fainer Mann! Deradng! Deradng!..." (Hin- und Herwippen des Oberkrpers! Aufspreizen der Hnde in Achselhhe bei leicht hockender Stellung; verzckter Blick mit Glasreflex; Entblen der beiden Zahnreihen; reichliche Speichelabsonderung).-- Der Leser wird hier mit Verwunderung zwei Wrter entdeckt haben, oder vielmehr ein Annexum, ein Anhngsel, und eine Interjection, die er in jedem Wrterbuch vergeblich suchen wrde, "--mener", eine Art Schnurrwort, kurz-kurz-lang, mit dem Ton auf der letzten Silbe (Anapst), wurde Substantiven angehngt, und verlieh ihnen eine Art eigenthmlicher, pathetischer Bedeutung; schlo das Substantiv mit einem Consonanten, so wurde oft "-emenera" angehngt, und zwar mit solch rasselnder Geschwindigkeit, da der Ton auf dem Substantiv blieb, und das Annex als vierkurzsilbiger Schnurrlaut (also: Doppelpyrrhichius) sich anschlo. Manchmal schien es auch, als ob das "-mener", nur die Verbindung zum nchsten Wort herstellen solle, wenn dieses mit einem fr Faitels Zunge schweren Anlauter begann. Sie wurden daher nur beim schnellen Reden und bei gehobener Stimmung benutzt. Irgend welchen declinatorischen Charakter vermochten die beiden Annexe dem mit ihnen verbundenen Wort, wie es bei einigen Negersprachen der Fall ist, nicht zu geben.--Ganz anders war es mit dem stark nasalen "Deradng!". Dieses war Interjection, Ausrufepartikel, hatte also selbstndigen Wort- und Begriffswerth; wurde sing-sang-mig, breit, knngsend ausgesprochen, mit speichelndem Mund, schlo immer den Satz, und schien so viel zu bedeuten, als: Gelt! hab' ich nicht recht?!--Siehste wohl!--Wer htte das gedacht?!--Ei der Tausend; u. drgl.--Ja, lieber Leser, Du darfst Dir Mhe geben so viel Du willst, "Deradng! Deradng!" auszusprechen; so fettig-guttural, so weich-grhlend, so speichelnd wie Itzig Faitel Stern bringst Du's nicht zusammen! Ich will den Leser nicht lnger darber im Unklaren lassen, wieso ich zu diesem merkwrdigen Umgang kam; und mir nicht ein Mntelchen umhngen, welches mir schlecht stehen wrde, indem ich den Leser auf die Vermuthung kommen lasse, es sei Mitleid gewesen, was mich in die Nhe dieses grauenhaften Stcks Menschenfleisch, genannt _Itzig Faitel Stern_, brachte. Es war gewi viel, wie soll ich sagen, medizinische, oder besser anthropologische Neugierde dabei; ich empfand ihm gegenber wie etwa bei einem Neger dessen Glotzaugen, dessen gelbe Augen-Bindehaut, dessen Quetsch-Nase, Mollusken-Lippen, Elfenbeinzhne, dessen Geruch man mit Verwunderung wahrnimmt, und dessen Gefhle und geheimste anthropologische Handlungen man ebenfalls kennen lernen mchte; vielleicht war auch etwas Mitleid dabei, nicht viel. Mit Verwunderung beobachtete ich, wie dieses Monstrum sich die grauenhafteste Mhe gab, sich in unsere Verhltnisse, in unsere Art zu gehen, zu denken, in unsere Mimik, in die Aeuerungen unserer Gemthsbewegungen, in unsere Sprechweise einzuleben. Aber ein viel strkerer und egoistischerer Grund war doch fr mich der, etwas ber den _Talmud_ zu erfahren, welches Faitel's Religionsbuch war; alle die merkwrdigen Gerchte, die ber dieses umfangreiche Gesetzbuch in Umgang waren, interessirten mich in hohem Grade. Und Itzig war zwar kein Talmudgelehrter; aber er wute doch Manches; und er wute eine Menge kleiner Gewohnheiten, Schwchen, Practiken, Scurilitten, die nicht in Bchern und Uebersetzungen des Talmud zu finden waren, und die fr mich hohen anthropologischen Werth hatten.--Freilich mute ich eine Menge der sonderbarsten Gerchte ber mich ergehen lassen von Seite meiner Commilitonen in _Heidelberg_, die nicht begreifen wollten, wie so ich mir den Itzig Faitel Stern zum Umgang auserwhlt hatte; Gerchte, die sich meist an das Vermgen Faitels, an sein Geld, anknpften; denn Faitel Stern war immens reich. _Heidelberg_ war damals eine zu kleine Stadt, und die Studenten spielten dort eine zu prpondirende Rolle, um eine Erscheinung wie Itzig Faitel Stern, und alles was um ihn sich bewegte, nicht zum hervorragendsten Tagesinteresse zu machen. Und Faitel Stern, um es nochmals zu sagen, war eine Art jdischer _Kaspar Hauser_; ein Mensch, der mitten aus dem engherzigen, schematischen, dumpfen, windelstinkenden, knngsenden, grimassirenden Kleingram seiner Familienerziehung heraus, in Folge eines jhen Entschlusses, pltzlich, die Taschen voll mit Gold, auf das groe Lebenspflaster einer europischen Stadt geworfen war, und dort bld, mit vertrakten Bewegungen, verlacht-bewundert, sich umzusehen begann. Aber so konnte das Ding nicht weitergehen. Gleich nach den ersten Tagen unserer Bekanntschaft machte ich Faitel Vorschlge hinsichtlich seiner Umwandlung in etwas modernem Sinne, und fand damit bei ihm die entgegenkommendste Aufnahme. Ich habe wohl nicht vergessen zu sagen, da wir Beide Medizin studirten. Und da Faitel auf dieses Studium verfiel, war nach Allem, was wir ber sein physikalisches Aeuere wissen, gewi ein gnstiges Testimonium intellectus.--"Faitel",--sagte ich ihm eines Tags,--"Sie mssen Ihren Gang ndern; Sie sind ja vollstndig contract; und dabei das Gesptte und Gelchter der Stadt!"--"Was kann ich vor de Misemischine,"--rief Faitel, und stampfte die Plattfe mit groer Kraftentwicklung ohnmchtig auf den Boden,--"bin ich gegangen so mai Lebetag'; duht mai Vater aach so gehe, und is geworden der alte Stern Salomon!--Gben Se mer neies Gebein; ich beahls!"--"Bezahlen!" ich,--"das wre schon Recht; aber wer wird im Stande sein Ihre englischen Knochen wieder gerade zu machen!?"--Wir kamen berein, einen Orthopden zu Rath zu ziehen. Der ausgezeichnetste Vertreter dieser Disciplin erklrte aber, Itzig sei zu alt, die Knochen zu weit vorgebildet; empfahl uns aber den Professor _Klotz_, den berhmten Anatomen _Heidelsbergs_, behufs wissenschaftlicher Untersuchung des Skelets Itzig's. Wir gingen zu dem berhmten Mann. Derselbe stellte alle mglichen Messungen am nackten Itzig an, lie denselben dann auf und ab gehen, und schlug zuletzt die Hnde ber dem Kopfe zusammen: so 'was sei ihm in seinem Leben nicht vorgekommen; er holte dann ein bekanntes Buch herbei: Meyer, Statik und Mechanik des menschlichen Knochengerstes, Leipzig 1873, dessen 2. Auflage ihm bertragen worden war; mimuthig meinte er, er msse das ganze Buch mit Rcksicht auf Itzig umarbeiten; stellte dann dazwischen die merkwrdige Frage, ob es sicher sei, da Itzig von menschlichen Eltern geboren. Dies konnte auf's unwiderleglichste nachgewiesen werden. "Dann",--schlo Professer _Klotz_ seine Ausfhrungen,--"kann ich nicht alle Hoffnung aufgeben, die Gelenke des Studiosus _Stern_ auf eine der humanen Bewegungsform hnlichen Stufe wieder hinzubringen; nur--zgerte der berhmte Anatom,--die Mittel und Wege...."--"Ich beahl's" rief Faiteles, von einer pltzlichen Ahnung erfat, schnell dazwischen,--"ich beahl's! ich beahl mei neie Statr; Herr Profer soll'n haben viel Geld-era, Deradng! Deradng! (sehr breit zu sprechen). Ich beablera! Deradng! Deradng!" (Aufspreizen der Hnde in Achselhhe; Einhaken in den Westenausschnitt; pendelfrmiges Hin- und Herwippen mit dem Oberkrper; lchelnde Mundstellung; obere Zahnreihe entblt; reichliche Speichelabsonderung.) Nun kamen schwere Zeiten fr Faitel. Tage-und Nchtelang hing er in der Streckschwebe, um durch das eigene Krpergewicht die skoliotischen Knochen zum Dehnen zu bringen, oder stack im Gyps-Corset; das Nackenband wurde durch blutige Operation verkrzt und straffer gehalten, um Faitel den Anblick des Himmels zu ermglichen. Wochenlang muten die in neue Charniere gebrachten Knochen beim Turnlehrer gebt und weitergebildet werden. Alles geschah in eigens fr Faiteles anberaumten Privatstunden, da Niemand mit ihm zu ben Lust hatte, noch seine Uebungen fr sich brauchen konnte, noch auch Faitel bei seinen halsbrechenden Exercitien gesehen sein wollte. Enorme Summen wanderten in die Hnde der Gymnastiker, Bandagisten, Orthopden und--des Professor _Klotz_, der das Ganze leitete und berwachte. Nach einem Vierteljahr waren leidliche Resultate zu sehen. Die Sbelbeine natrlich konnten von all diesen Correctionsversuchen nicht betroffen sein, da es fr sie kein tiefer gelegenes Gegengewicht gab, um sie zum Strecken zu bringen. Man beruhigte Faiteles, indem man ihm zu verstehen gab, solche Beine kmen auch bei andern Menschenklassen, bei Bckern u. dgl., vor. Aber Faitel war unermdlich; seit sein spitzes Kinn nicht mehr in die Plastron-Cravatte sich einbohrte, war er fest entschlossen "u werden aach a fains Menschenkind wie a Goj-menera, und aufugeben alle Fisenemie von Jdischkeit".--Es kam damals gerade jene khne Operation auf, die man brisement force nannte; man zerbrach absichtlich einen stark gekrmmten Knochen, und behandelte ihn dann wie einen zuflligen Beinbruch, nur da man die beiden Stcke in gerader Richtung an einander heilen lie. Dieses Verfahren wurde bei Faitel Stern's Sbelbeinen angewendet. Mehrwchiges Bettliegen fr jedes Bein, mit Schmerzen und Verbnden aller Art, und ungeheure Kosten fr ein Verfahren, zu dessen exacter Ausfhrung damals ein eigener Arzt von _Paris_ kam, waren die Folgen und Nebenumstnde dieser Cur.--Der alte Salomon Stern sandte Wechsel auf Wechsel, die jeder Geschftsmann mit Freuden honorirte. Dann kamen wochenlange Gehversuche mit den neugeheilten Gliedern. Und wirklich, als nun Faitel Stern zum ersten Mal ausging, hatte er wesentliche Fortschritte gemacht. Er war etwas grer geworden, und sah schon einem respectablen Menschen gleich. Alles war und blieb noch lange recht steif; aber er konnte jetzt doch einen normalen Menschen vortuschen. Das Gesicht sah kerzengerade hinaus; das Kinn zeigte sich erst jetzt frchterlich lang und spitz; die Hhnerbrust war abgeplattet, und die Rockpatten verliefen gerade hinunter. Um Faiteles an dem gemeinen, behaglichen Hin- und Herwippen des Oberkrpers, wobei er sein nselnd-gurgelndes "Deradng, Deradng" hren lie, zu hindern, wurde ihm, hnlich wie bei Hunden, ein Stachel-Halsband, ein solches um die Hfte, auf den bloen Krper, gelegt, so da er bei seitlichen Neigungen sofort heftig gestochen wurde. Die Alles ertrug Faitel Stern mit Heroismus, und stand dort schlank gebunden, wie eine Tanne. Aber die Hauptsache kam erst. Es war klar, da man ihn mit der Sprache, von der wir einige Proben gegeben haben, nirgends einfhren konnte. Es war der Ausdruck einer schmierigen, niedrigen, feigen Gesinnungsweise. Und wenn es sich auch zunchst nur um uere Tuschung handelte, so wollte man doch diese so bald als mglich erreichen. Da es hoffnungslos war, ihn mit seinem Pflzisch-Jdischen auf ein nchst-verwandtes reines Hochdeutsch zu bringen, so versuchte man, durch einen absoluten Gegensatz zu seinem bisherigen Sing-Sang, ihn auf rechte Bahn zu bringen; und besorgte einen hannoveranischen Hofmeister, dessen hell-nselnde, klirrende Sprechweise Itzig wie ein Schulknabe, Satz fr Satz, nachzusprechen hatte, so da er Hochdeutsch wie eine vllig fremde Sprache lernte. Sogar einige hannoveranische Studenten wurden gegen Collegienfreiheit und diverse Mittagstische veranlat, Itzig fr ein ganzes Semester Gesellschaft zu leisten. Diese ganze Reihe von Manahmen war das Resultat einer sachgemen Besprechung mit dem berhmten _Tbinger_ Linguisten damaliger Zeit, zu welcher noch der _Heidelberger_ Physiologe zugezogen war. Diese Herren gingen von folgenden Erwgungen aus: In unserem Gehirn ist immer nur ein Theil der fr die Sprache befhigten Partieen, und immer nur auf der einen Seite, rechts oder links, ausgentzt; ein Heranziehen jener bisher brach gelegenen Partieen zu neuen Sprachbildungen ist nicht ausgeschlossen, und findet durch die Natur selbst, nach Krankheiten u. dgl., statt. Nur ist bei solchen Versuchen aufs Sorgfltigste darauf zu achten, da nichts in Wort-und Laut-Bildungen in der neuen Sprache an das alte Idiom erinnere; weil sonst Verwirrung entsteht; wie der _Tbinger_ Spezialist sich ausdrckte: es mu eine neue Sprach-Insel bei Itzig gebildet werden. Und nun wurde genau untersucht, welcher deutsche Dialect mit dem Pflzisch-Jdischen Faitel's die geringste Laut-Verwandtschaft besitze. Man kam erst auf das Pommer-'sche. Aber Faitel war die zu hart. Endlich einigte man sich ber dem Hannoveran'schen. Der Leser kann sich denken, da diese feinen prognostischen Berechnungen ein horrentes Geld kosteten. Diese Sprach-Exercitien wurden ein ganzes Semester fortgesetzt. Ich kann den Leser unmglich mit all' den Ausstaffirungen, Vernderungen, Einpumpungen und Quaksalbereien aufhalten, denen _Itzig Faitel Stern_ sich unterzog, mit der furchtbarsten Qual und mit grtem Heroismus unterzog, um ein gleichwerthiger abendlndischer Mensch zu werden. Immer vigilirte er auf Neues, studirte geheime christliche Zge, copirte Mundverzerrungen, Backenaufblhungen und Agitationes, gefiel sich im heroisch-teutonischen Genre, wie in der blond-naiven, slchelnden Jnglings-Gangart. Der Teint, die weizengelbe Gesichtsfarbe Faiteles', mute natrlich einem feinen, pastsen Bleiteint weichen, den Itzig vortrefflich aufzutragen verstand. Da Faitel einmal vier Wochen hindurch sich von einer mir unbekannten Drogue, in Form von Gemse nhrte, um auf natrliche Weise zur kaukasischen Lichtfarbe zu gelangen, daraufhin habe ich ihn nur im Verdacht. Eine relativ einfache und ungefhrliche Procedur, die aber die ungeheuerlichste Wirkung ausbte, betraf die Haare. Es kamen damals gerade die englischen Waschungen auf, die zwar, weil Geheimni, unerschwingliche Kosten verursachten, die aber jedes beliebige dunkle Haar in ein prachtvolles Goldblond verwandelten. Die ersten englischen Friseure bereisten damals Deutschland, und ein solcher hatte sich in dem reichen, stets von hohen Herrschaften besuchten _Heidelberg_ nieder gelassen. Faiteles war einer der Ersten, der sich der Prozedur unterzog. Mit ihrer Hlfe wandelten sich die pechschwarzen Sechserlckchen Itzig's, unter denen sich immer ein verdchtig riechender Schwei aufhielt, in goldene Kinderlocken; diese Locken wurden weiterhin mittelst eines nicht schmerzlosen Verfahrens in lange, germanische Strhnen ausgezogen; ein simpler, norddeutscher Haarschnitt wurde angebracht, und--der dumbe, tappige Germanen-Jngling, wie ihn _Schwind_ gelegentlich auf seinen Bildern angebracht hat, war fertig. Faiteles nannte sich _Siegfried Freudenstern_, und lie seine Matrikel und brigen Papiere umndern. Faitel war jetzt ein ganz neuer Mensch geworden. Die letzten Prozeduren, die er so vorsichtig war, in den Ferien, in der Nhe der Stadt, vornehmen zu lassen, hatten ihn zum Nichtwiedererkennen verndert. Man schlug ihm vor, eine andere Universitt zu beziehen. Er wies dies aber ab; vor allem weil er in der Nhe von Professor _Klotz_ zu bleiben wnschte, der die gesammte psycho-physikalische Leitung Itzig's noch immer in seiner Hand hatte. Und in der That, Faitel wurde in _Heidelberg_, seit der Haarvergoldung, nicht mehr erkannt. Er war hannoveran'scher Gutsbesitzers-Sohn, und bewegte sich in der feinsten Gesellschaft. Die norddeutschen Schnarrlaute bte er mit spielender Leichtigkeit, und erzielte damit wo er hinkam ganz auerordentlichen Erfolg.--Aber Faitel's Ehrgeiz ging hher.--Faiteles! Scheener Jd', fainer Jd', eleganter Jd',--so sprach oft Faitel zu sich selbst, aber nur in der Gedankensprache, wenn er vor dem Spiegel stand,--biste jetzt geworden Christenmensch, frei von aller Jdischkeit? Kannste jetzt hin gehn, wo de willst, und dich hinsetzen zu de faine Leit, ohne da Einer kann sagen: des is aach aner vun unnere Leit?--Faitel wute, da dem noch nicht so war. Ja, was Pomade, Schminke, weie Steif-Leinwand, einige Meter Kammgarn, Wattons und etwas Lackleder an einem Menschen herzustellen vermgen, das war an Faitel geschehen. Aber, wie sah es innerlich aus?-- Hatte Faitel eine Seele? Darber stritten sich schon seit Monaten alle jene Leute, Erzieher, Aerzte u. drgl., die mit ihm zu thun hatten, herum. Die Seele freilich, die nthig war, um vor der Hochzeit ein paar heuchlerische Phrasen herauszubringen, oder im richtigen Moment einem armen Teufel ein paar Silberlinge hinzuwerfen, die besa Faitel, wie jeder Andere. Aber Faitel hatte von jener keuschen, undefinirbaren, germanischen Seele gehrt, die den Besitzer wie einen Duft umkleide, aus der das Gemth seine reichen Schtze beziehe, und die das Schiboleth der germanischen Nationen bilde, jedem Besitzer beim Andern sofort erkennbar. Faitel wollte diese Seele haben. Und wenn er kein echtes Klnisches Wasser haben konnte, wollte er das Nachgemachte. Er wollte wenigstens diese Seele in ihren Aeuerungen, in ihren Zutagetretungen sich aneignen. Man rieth ihm nach England zu gehen, wo der reinste Extrait dieser germanischen Seele zu finden sei. Sprachschwierigkeiten lieen diesen Plan bald wieder fallen. Ein bekannter Pdagoge meinte, ob man nicht durch Weiterbildung auf Grund der gewhnlichen, ordinren, auch bei Faitel vorhandenen Seelen-Anlage, das hhere Ziel erreichen knne. Der berhmte _Cambridge'r_ Professor _Stokes_ hatte kurz vorher seine "psychological researches" herausgegeben, auf Grund deren er die primre Seelen-Anlage bei Leuten wie Faiteles nicht als geistigen Besitz, sondern als mechanische Funktion, "rotation work", wie er sich ausdrckte, erklrte. Diese neue Theorie lie von weiteren erziehlichen Versuchen bei Itzig Faitel abstehen. Unter all diesen Prfungen und Untersuchungen platzte Itzig einmal mit der Frage heraus: wo denn der Sitz der Seele sei?--Man mute ihm erklren, da seit _Descartes_ den miglckten Versuch gemacht hatte, den Sitz der Seele in die Zirbeldrse des Gehirns zu verlegen, eine Localisation dieser geistigen Kraft nicht mehr probirt worden; da vielmehr die Seele aus dem Zusammenwirken bestimmter krperlicher und geistiger Functionen zu verstehen sei; und da, da letztere in bestimmter Art von der Qualitt des Blutes abhngig sei, so knne man mit einiger Wahrscheinlichkeit den Satz aufstellen, der Sitz der Seele sei das Blut und seine wechselnden Zustnde. Von hier aus hatte Faitel im Nu den Plan zu einer seiner khnsten Prozeduren gefat; denn mehrere Tage nach jener Discussion hrte man ihn zu seinen intimsten Bekannten mit Frohlocken sich uern: "Kaaf ich mer christlich's Bluht! Kaaf ich mer christlich's Bluht!" (obwohl ihm seine Erzieher diesen Jargon auf's Strengste verboten hatten.)--Der Leser wird den Kopf schtteln. Aber der Leser darf nicht vergessen, da Itzig Faitel Stern Mediziner war, und auf allen einschlgigen Gebieten Bescheid wute. Und ferner ist hier der Ort, daran zu erinnern, da damals, als unsere Erzhlung spielt, die _Transfusionen_ aufkamen, die Blut-Einspritzungen aus einem vollsaftigen, blutreichen Krper in einen blutarmen, darniederliegenden Organismus durch ffnen eines oberflchlich liegenden Blutgefes am Arm. Diese Operationen waren ungeheuer gefhrlich, und sind heute bereits ganz verlassen. Man rieth Faiteles ernstlich ab. Er lie sich jedoch nicht abhalten. Gleichwohl waren noch groe Schwierigkeiten zu berwinden. Man hatte bereits sechs bis acht krftige Leute aufgetrieben, die gegen luxurise Bezahlung jeder einen Liter Blut hergeben sollten. Als sie hrten, da es fr einen Juden sei, traten sie zurck, sprachen von dem durch die Juden am Kreuz vergossenen Blut, und waren nicht mehr zu bewegen, ihr Wort zu halten. Erst, als man mehrere krftige Schwarzwlderinnen, die zur Messe gekommen waren, berreden konnte, sie mten sich wieder einmal zur Ader lassen, war die Hauptschwierigkeit gehoben. Faitel setzte sich in einem Nebenzimmer selbst das Messer an, und, obwohl die Menge des zu entleerenden Blutes genau vorgeschrieben war, lie er die offene Ader im warmen Bad spritzen, bis er ohnmchtig hinsank. Er wollte von der "Jdischkeit" ablegen und ablaufen lassen, was herausging. Von den acht krftigen Bauernmdchen wurden ihm dann im Laufe des Nachmittags acht Liter mit groer Vorsicht allmhlich eingespritzt. Faitel ging nach mehrtgiger Bewutlosigkeit unversehrt aus der gefhrlichen Prozedur hervor. Aber ber den Erfolg, den psychischen Erfolg, wollte er sich nie recht vernehmen lassen. Allzu gro schien derselbe nicht gewesen zu sein, denn nach mehreren Wochen finden wir ihn schon wieder bei neuen Versuchen, um sich in den Besitz der deutschen Seele zu setzen. So lie er sich, besonders in Damenkreisen, pathetische und sentimentale Dichterstellen vorsagen, und beobachtete scharf Mundstellung, Athmung, Augenaufschlag, Gesten, gewisse Schluchzlaute, die aus der mit Gefhlen bersttigten Brust nur mhevoll und heiser sich entrangen. Ja, als die Damen in den sthetischen Theekreisen ihm nicht genug thaten, lie sich Faitel aus dem nahen _Darmstadt_ Hofschauspieler kommen, Helden und Liebhaber, und lernt mit ihnen Romeo-Monolage u. drgl.--Die hatte in der That greren Erfolg. Faitel brachte jetzt mit groem Geschick in seiner Diction Stze vor, wie: "Ach, ich sag' Ihnen, wenn ich darber nachdenke, wenn ich mir's berlege, es wird mir oft dunkel vor den Augen und mein Herz pret sich zusammen ...;"--dabei einige brske Bewegungen, beide Hnde auf die linke Seite der Brust gepret,---es war doch ein ganz geschickter Gefhlsergu. Freilich das Auge ruhte bei ihm matt-zerflossen, wie eine verfaulte Kirsche, in der Hhle. Aber viele wute er doch zu tuschen. Die gepreten Athmungen machte er vorzglich. Und er hatte einmal die Genugthuung, da ein Commilitone von ihm in Damenkreisen sagte: dieser _Siegfried Freudenstern_ ist ein Gemthsmensch durch und durch. Aber Faitel hatte noch eine Menge anderer, alter, erbgesessener Gewohnheiten, Ideenkreise, Scurrilitten und Verschrobenheiten. Wenn ich oft Abends mit ihm spazieren ging, berlie er sich gern seinem Nachdenken, und--wollte er Religionsstunde recapitulieren, oder seine frheren Lehrer verspotten,--er begann dann mit vernderter, mckernder Rabbinerstimme sich selbst wie folgt zu examiren: "Was duht Jehova zu Beginn des Dags?"-Dann antwortete sich Faitel in seiner eigenen Stimme, aber mit einem frechen witzigen Accent: "Er stutiret im Gestz!"--(Wieder die erste Stimme:) "Was duht der hailige Gott aber hrnach?"--(Zweite Stimme:) "Hrnach sitzt er und regiret die ganze Wlt?"--"Was duht aber Jehova wiederum hrnach?"--"Hernach sitzet er und ernhret die ganze Wlt!"--"Was duht er aber dann?"--"Dann sitzet er und copuliret die Mnner und die Waiber"!--"Wie lang copulirt der hailige Gott die Mnner und die Waiber?"--"Drei Stunden lang cupulirt er die Mnner und die Waiber!"--"Was duht er dann am Nachmittag der hailige Jehovah?"--"Am Nachmittag duht er nichts, der Jehovah; er ruht aus!"--"Waih geschrieen! Wie hait, er duht nichts der hailige Jehovah? Wird er nichts duhn, der hailige Jehovah? Was wird er duhn? Was duht der Jehovah am Nachmitdag--He?"--(Nun schien eine entfernte spitzige Knabenstimme von der hintersten Schulbank zu antworten.) "Am Nachmitdag spielt der hailige Jehovah mit dem Leviathan!"--"Nadierlich! (fiel jetzt die Stimme des Rabbiners ein) er spielt mit dem Leviathan!"---In solchen Stunden war Faitel berglcklich und geberdete sich wie ein wilder Junge. Wenn wir dann hinaus vor die Stadt kamen, nahm Faitel wohl auch gelegentlich sein weies Taschentuch, hing es um den Hals, hielt es vorne mit zwei Zipfeln, und fing nun an in roulirenden Scalen mit heulendem Gurgellaut ganze Berge von Gesang loszulassen mit eigenthmlich jubilirend-heiterem Charakter auf einen Text, der mir fremd war; bis ihm die Augen heraustraten und der Schaum vor seinen Lippen stand; dann brach er krperlich fast zusammen, und lief wie ein Trunkener, besinnungslos, neben mir her. Wenn er wieder zu sich kam, blieb er still, in sich gekehrt, that sehr geheimnivoll, und schien von einem unbekannten Glck durchfluthet.--Von Alledem durften natrlich seine Lehrer nichts wissen, die jede Uebung, jeden Laut und Geste perhorrescirten, die ihn an seine frhere Constitution erinnern konnten. Ich hatte aber auch Faitel im Verdacht, da er, wenn allein, all den frheren Unfug weiter trieb. Tags ber war er im europischen Corset, eingeschnrt, berwacht, streng beobachtet. Aber Nachts, wenn alle Fessel fiel, wenn er den Stachelgrtel auszog, und lag im Bett, kein Zweifel, da wippte er wie frher mit dem Becken hin und her, steckte die aufgespreizten Hnde in die fingirten Westenausschnitte, gurgelte und grhlte, "Deradng! Deradng!" und die ganze pflzisch-jdische Sndfluth kam dann heraus.--Faitel hatte aber noch andere Dinge, die noch viel unausrottbarer waren, weil sie nicht, wie Bewegungen, vom Willen beherrscht wurden, sondern in seiner Phantasie steckten. Die Vollstndigkeit zwingt mich hier, etwas Unappetitliches zu berhren: Faitel hatte Angst vor dem Abort. Er glaubte an die alt-hebrischen Unflat-und Abtritt-Geister, die den Menschen whrend seiner hchst dringenden Beschftigung molestirten und Besitz von ihm ergriffen, und durch bestimmte Gebete abgewehrt werden knnten. Da er diese Gebete nicht mehr wute, oder nicht mehr mit Ueberzeugung sprechen konnte, so wuchs seine Angst nur um so mehr. Und nur der Umstand, da die qustionirten Geister in Gegenwart noch eines Andern sich nicht an den Menschen wagten, verschaffte Faitel die, freilich immer erst zu beschaffende, Gelegenheit, einem so dringenden Geschft mit Ruhe obzuliegen.-- Solcher Art war Faitel's Neubildung und Umgestaltung beschaffen. Innerlich war Vieles noch nicht neu besetzt, und alte Functionen noch in Thtigkeit. Aeuerlich war alles zugeglttet, gestriegelt, gut eingebt und in promptem Gang. Alles in Allem muten Faitel und seine Lehrer, Erzieher und Instructoren mit dem Erreichten zufrieden sein. Und Professor _Klotz_, dessen sorgsames Auge von Semester zu Semester mit hherem Interesse ber seinem Menschenwerk wachte, mochte in seinem Beglckungsgefhl inmitten stehen zwischen einem Circus-Director, der ein schwieriges Pferd endlich fr die Manege hergerichtet, und jenem erhabenen Schpfer, der einem kalten Erdenklo Leben einhauchte.--Hatte nicht auch _Klotz_ einem vertrackten Gerippe neues Leben eingehaucht?--Aber Eines fehlte noch: Es galt diese kostbar-gewonnene Menschenrace fortzupflanzen. Mit dem feinsten abendlndischen Reis sollte der neue Stamm oculirt werden. Eine blonde Germanin mute die mit fabelhafter Mhe gewonnenen Resultate erhalten helfen. So lautete die Theorie. In Praxis hie dies: Die arme, aber schne, flachshrige Beamtenstochter _Othilia Schnack_ sollte dem enorm reichen Gutsbesitzers-Sohn _Siegfried Freudenstern_ die Hand reichen. So war es ausgemacht, und so war es Faitel zufrieden. Ein Gut war in der That vom alten Salomon Stern, der ruhig in der Pfalz auf seinem Dorf sa, (welches fast ganz ihm gehrte) bei Hannover angekauft, um den jungen Leuten als nchster Aufenthalt zu dienen. Die hannoverschen Studenten, die schon einmal so vortrefflich Dienste als Sprachinstructoren geleistet, sollten seiner Zeit die nthigen Familien-Einfhrungen in Hannoveran'schen Stadt- und Landkreisen besorgen. Einige wacklige Hypotheken auf den Elternhusern der betreffenden jungen Herrn waren fr diesen Fall vom alten Salomon in Patzendorf (der alte Salomon wohnte in Patzendorf) zur Einlsung bestimmt. Ein ganz fabelhafter Trusseau war bei den ersten Lieferanten _Heidelbergs_ fr den Fall des Zustandekommens der Verbindung in Auftrag gegeben. Dieses bte nun wiederum einen unverhltnimigen Druck auf alle Geschftskreise in der Universittsstadt aus. Man sprach so viel von der Verbindung, da es schlielich hie: die Verbindung mu zu Stande kommen; oder: die Verhltni darf nicht rckgngig gemacht werden, als ob berhaupt schon etwas eingegangen worden. Das Mdchen _Othilia_, mit ihren sternhellen Augen, war ein offenes, liebreiches Geschpf, aber mit einem starken Mdcheninstinkt. Ihr war in Gegenwart des goldblonden Jnglings mit den Schnurr-Sprechwerkzeugen nicht ganz wohl. Sie ahnte Ungnstiges, konnte aber ihren Verdacht nicht begrnden. Der Vater, ein ngstlicher Mann, der durch Bravheit und Rechtschaffenheit es vom Diurnisten zum Subaltern-Beamten gebracht, war eine ngstliche Natur, die immer horchte, nie Nein sagte, mit kleinen Schritten trippelnd hin und her ging, Kinn und Nacken tief in einem ungestrkten, aufgeschlagenen Hemdkragen versteckt trug, und, sobald er merkte, da etwas wie eine Familiensitzung im Anzug war, Hut und Stock nahm und einen Spaziergang machte. Die Mutter, eine vollbusige, schwerfllige, hie und da noch etwas gern scharmirende, aber energische und tchtige Wirthschafterin, war entschieden fr die Verbindung. Sie besa bereits taubeneigroe Brillantsteine von Faitel Stern in den Ohren. Dieser klugen Frau war nur verdchtig, da die _Heidelberger_ Professoren, besonders die Mediziner, sich fr das Zustandekommen der Heirath so erwrmten. Natrlich waren die Hoteliers, Weinlieferanten, Marchands de mode, Stickereigeschfte, Kuchenbcker, Juweliere, Annoncen-Expeditionen, Unterhndler, Kutscher und Packtrger _fr_ die Verbindung. Auch die Freundinnen Othilias waren eher _fr_ die Heirath. Die protestantische Geistlichkeit--_Othilia_ war protestantisch,--nickte ebenfalls beifllig zu dem ganzen Projekt. Da man von Faitel's Verwandten gar Niemanden sah, verursachte einige Beklemmung in der Familie _Schnack_. Es hie, die Eltern seien betagt, und die weite Reise aus dem Hannoverschen! Aber, wenn nur ein Bruder, oder noch lieber eine Schwester, des Brutigam's sich gezeigt htte! Aber die krchzende Brut hinten in Patzendorf htet sich natrlich einen Laut zu geben. Faitel war jetzt im sechsten Semester; seine Kenntnisse und seine gute Fhrung wurden gelobt. Es machte aber Aufsehen, als es hie, Professor _Klotz_ habe den jungen hannverschen Studenten, der eben sein Examen absolvirt, zu seinem Assistenten ernannt. Diese Ernennung bedurfte der ministeriellen Besttigung in Karlsruhe. Sie erfolgte. Sie gab aber dem auch in Karlsruhe bereits umlaufenden Gercht von der reichen Heirath in Heidelberg neue Nahrung. Dem Landesfrsten konnten alle diese Gerede nicht entgehen. Und eines Tages theilte der Bureauchef dem alten _Schnack_ mit schmelzendem Lcheln mit, man habe in Karlsruhe,--bei Hof,--von der Verbindung seiner Tochter--gesprochen. Jetzt war's fertig! dem alten Diurnisten blieb der Kopf starr und lautlos hinter der Cravatte stecken. Nicht einmal zu einem Schnappen brachten es die beiden trocknen, mit Rasirstoppeln schwarz getpfelten Lippen; bis der lange, hagere Bureauchef mit den langen Rockschen wieder drauen war. Dann warf der alte _Schnack_ spritzend die Kielfeder auf das Arbeitspult, nahm Hut und Stock, und eilte keuchend nach Hause. "Bei Hof! Bei Hof!" Jetzt gab's kein Halten mehr. Die arme _Othilia_, die zitternd zugehrt, warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter, und erklrte, sie werde gehorchen. Die Mamma aber schrieb sofort ein Billet an den Herrn Assistenten _Freudenstein_; und die Hochzeit ward anberaumt.-- Lieber Leser, nun hab' ich aber noch ein Wort mit Dir zu reden. Hast Du jemals gehrt, da Leute im Winter einen Mantel tragen, dessen oberer Rand mit einem Streifen kostbaren Pelzes besetzt ist, um glauben zu machen, der ganze Mantel sei so gefttert? Nicht wahr eine Kleinigkeit! Eine kleine Schwche! Trgst Du auch einen solchen Pelz? O, dann wirf ihn weg, wenn Du ein Mann bist. Sonst mchte Dir der Pelz eines Tags auf's Maul fallen, whrend Du in der hchsten Athemnoth bist. (Wenn Du aber ein Weib bist, dann magst Du ihn tragen). Aber das Bischen Pelz, nicht wahr, so viel Gerede darber!--Gut!--Hast Du aber schon, lieber Leser, solche Leute gesehen, die um ihre Seele solche Pelze tragen? Um die lcherige und schbige Verfassung ihrer Seele zu verbergen? Und um zu thun, als htten sie eine noble, in feinem Tuch gekleidete Seele? O Pfui der Schande! O Dreck und Miserabilitt! Wenn irgend eine brave, offene, vielleicht noch in ihrem zu enge gewordenen Confirmations-Rock gekleidete Seele daran rgerni nhme, oder getuscht wrde!--Besitzt Du vielleicht selbst Leser solche Umhllungen fr Deine Seele? O, dann schmei dieses Buch in die Ecke, wenn Du ein Mann bist, und spuck aus! Es ist nichts fr Dich. Nur das Weib darf lgen und sich in falsche Umhllungen kleiden.-- Hast Du vielleicht, lieber Leser, schon Thiere mit einander sprechen sehen? Zwei Tauben, oder zwei Gcker, oder zwei Hunde, oder selbst zwei Fchse? Nicht wahr, wie sie gurren, schnattern, klffen, winzeln, wedeln und Krperkrmmungen machen! Glaubst Du, da sie sich verstehen? Gewi! Gewi! Jeder wei im Nu, was das Andere will. Aber zwei Menschen? Wenn sie schnffelnd die Kpfe gegeneinanderstrecken, und sich ankieken; und dann ihre Gesichts-Taschenspielereien beginnen; blinzeln, ugeln, schwere und leichte Falten aufziehen, die Backen blhen, knuspern, leer kauen, "Papperlapapp", und "Der Tausend! Der Tausend!" winzeln? Was thun sie? Verstehen sie sich wohl? Unmglich! Sie wollen ja nicht. Sie knnen und drfen ja nicht. Die _Lge_ hindert sie ja daran. O Robollen und Stink-Harz, ihr seid Kstlichkeiten gegen das, was aus der Menschen Munde geht! Als _Prometheus_ von Gott endlich die Erlaubni erhalten hatte, Menschen machen zu drfen, geschah es unter der ausdrcklichen, erniedrigenden Bedingung, da selbe _eine_ Eigenschaft besitzen mten, die sie tief unter das Thier stellten. _Prometheus_, der nur eilte, sein Kunstwerk fertig zu sehen, sagte Ja. Es war die _Lge_. O hundsfttischer Vertrag, der uns alle unter dem gleichen Lgen-Zeichen geboren werden lie! Und warst Du vielleicht die Ursache von jenem groen Lgenthurm zu _Babel_, wo die Menschen auseinandergehen muten, weil sie sich schon damals trotz aller Rusperungen und Gesticulationen nicht mehr verstanden? Und wenn auch die germanischen Nationen, die zuletzt an's Schaffen kamen, am wenigsten davon erhielten, weil bei den vorhergehenden, asia tisch-romanischen Geschlechtern schon zu viel Lgensubstanz verbraucht war, so ist es doch noch genug.--O, Leser, wenn Du kannst, spuck diesen Dreck aus, wie faulen Schleim, und zeig Deine Lippen, Deine Zunge und Deine Zhne, so wie sie sind!---Und jetzt hr' den Schlu der _Faiteles_-Comdie.-- Im Gasthaus zum "weien Lamm" in der Martergasse in _Heidelberg_ war der groe Speisesaal mit einer glnzenden Gesellschaft gefllt, die der Hochzeitsfeier von Othilia _Schnack_ mit Siegfried _Freudenstern_ beiwohnte. So etwas war in der Universittsstadt schon lange nicht mehr gesehen worden. Ob der weltlichen Feier eine kirchliche Trauung vorherging? Das wei ich nicht. Muthmalich. Die protestantischen Papiere fr _Freudenstern_ werden schon von einem mitleidigen hannver'schen Pfarrer eingetroffen gewesen sein. Fehlte nichts als der Impfschein der Heimathgemeinde. Auf der Lneburger Heide gab es viele Gemeinden, die herzlich froh waren um den Zuwachs ihrer Brger durch eine Person wie Herr Dr. _Freudenstern_, der gleich ein Legat von 5000 Gulden zur Restaurirung des Kirchenchors hergab.--Auch der Leser mu sich jetzt noch, am Schlu der Affaire, alle Mhe geben, sich den "Faiteles" aus dem Kopfe zu schlagen. Nur Freudenstern heit der Held der Geschichte; ein blondstrhniger, hochgewachsener Jngling steht vor uns, oder unterhlt sich vielmehr gerade an der Tafel mit Professor _Klotz_, whrend das Compot servirt wird.--Freilich die Zahnbildung, die Lippenwlste, die Nasenlappung in Faitels Gesicht muten stehen bleiben, wollte man nicht ein Scheual zusammenoperiren; und wer ein Auge fr derlei Dinge hatte, erkannte im Profil Freudenstern's das sinnliche, fleischige, vorgemaulte Sphinx-Gesicht aus Egypten. Aber erstens hat nicht jeder das Auge fr derlei Dinge; zweitens sieht man nicht Jemanden immer im Profil; drittens war Hochzeit, wo man unangenehme Dinge berhaupt nicht sieht; viertens war es noch immer streitig, ob das egyptische Sphinx-Gesicht semitischen Charakters ist, oder nicht; fnftens hatte _Klotz_ ganz elegant sich in einem anthropologischen Privatissimum, wo er den Herren Studenten Anleitung zur Bestimmung von Schdel-Messungen gab, die Bemerkung fallen lassen, _Freudenstern_'s Kopf-Bildung entspreche unter allen ihm vorgekommenen Beispielen am reinsten der Kopfform der seit historischer Zeit in Deutschland ansssig gewesenen _Hermunduren_. Eben wurde der Pudding aufgetragen. Der freundliche Wirth vom "weien Lamm" ging schwitzend um die Tafel der schmausenden Gste herum, und zhlte und zhlte, denn das Couvert wurde ihm exclusive Wein mit einem Dukaten bezahlt. Das Menu war nicht ganz nach seinem Geschmack, und nicht, wie er glaubte, dem Charakter eines Hotels ersten Ranges, wie des "weien Lamms", angemessen. Der weie Lamm-Wirth hatte rein franzsisches Menu verlangt; und vorwiegend germanischer Charakter des Hochzeitsschmauses war in Folge Anordnung _Klotzens_ ausdrcklich befohlen worden. Ja, da kam Sauerkraut vor, welches der Wirth wohl in seiner Verzweiflung durch die franzsische Bezeichnung choucroute in seiner germanischen Roheit zu dmpfen gesucht hatte; vom Schwein waren auserlesene Leckerbissen vorhanden, und fette glnzende Schwarten blinkten von all den Schsseln, die als entremets in Mitte der Tafel fr den ganzen Abend ein fr alle mal postirt waren. _Freudenstern_ sa zwischen der wachsbleichen Braut und _Klotz_. Ihnen gegenber die _Schnacks_. Der alte _Schnack_, dessen schlottrige Gesichtshaut zurckzuschaudern schien vor den vor ihm aufgethrmten Speiseverschwendungen, schaute durch seine groen Augenglser in Silberfassung verwundert auf diese Leute, die so im Fressen gebt waren. Ein paar Vatermrder mit blendend weier Cravatte hielt den langen Hals mit dem ausgemergelten Kehlkopfe in correcter Haltung. Auf dem tadellosen, schwarzen doppelknpfigen Rock prangte ein Orden. Er war am Abend vor her aus Karlsruhe eingetroffen. Auch wurde _Schnack_ verschiedentlicherseits mit 'Kanzleirath' angesprochen. Die Frau _Schnack_ mit ihrem Embonpoint, berzogen mit vornehm-grauem Seidenstoff, schttelte fleiig den Kopf hin und her; denn in ihren Ohren wackelten zwei taubeneigroe Brillantsteine. Ueber dieser Partie der Tafel lag eine schwere Wolke von Opoponax.--Man war beim Dessert. Lieber Leser, nun mache Dich gefat! Etwas Auerordentliches scheint im Anzuge zu sein. Eine Schwle, wie vor anbrechendem Gewitter, lag im Saale. Es war sehr viel Wein getrunken worden. Auch Faiteles hatte, von allen Seiten becomplimentirt, immer Bescheid thun mssen. Ich wei nicht, ob Faitel sehr wenig oder sehr viel Alcoholica vertrug. Die Gepflogenheiten seiner Rasse deuten auf Migkeit. Auf der andern Seite ist bekannt, da pltzliche und ungewohnte berschwemmungen des Hirns mit Spirituosen nicht nur krisenartige Explosionen im psychischen wie motorischen Gebiet beim Menschen auslsen, sondern auch Gehimpartieen, ich mchte sagen, Erinnerungsbezirke, mit einem Mal aufschlieen, die ohne die brandige Zufuhr auf lange, vielleicht fr immer, geruht htten. Wie gesagt, ich wei nicht, ob Faitel zu trinken gewohnt war. Was ich wei, ist, da er an diesem Festtag zum ersten Mal den Stachelgrtel, das Prservativ fr seine correcte Haltung, abgelegt hatte. Niemand wird ihn darob schelten. Dieses Ablegen war symbolisch. Faitel war an diesem Tag definitiv in die christliche Gesellschaft eingetreten. Auch wird die kluge Leserin begreifen, da am Hochzeitstag, dem eine Hochzeitsnacht folgte, welch' letzterer eine Hochzeits-Entkleidung vorausgeht, dieser merkwrdige Schmuckgegenstand den Augen der thrnenschweren Braut entzogen werden mute.-- Wovon aber jetzt definitiv der Leser unterrichtet werden mu, ist, da Faitel seit ca. 10 Minuten starr und unbeweglich dortsa, den Blick glotzend unter die Tischtafel gerichtet. Sein Gesicht wurde oft purpurn und dann wieder kswei. Er schien auf eine ganz bestimmte Gedankenrichtung zu lauschen, die sich ohne sein Zuthun in ihm abspann, und die sein ganzes Interesse gefangen nahm; aber nicht ohne Zuthun von mehrerern Glsern Cliquot, die er rasch hinunterstrzte, und die der besorgte Wirth hinter ihm rasch wieder fllte, da ja Wein im Couvert-Preis nicht inbegriffen war.--Faitel hob von Zeit zu Zeit die rechte Hand mit ausgestrecktem Finger empor, als wolle er "Pst! Pst!" machen, um besser auf seine inneren Stimmen horchen zu knnen. Denn im Saal war noch immer groer Trubel, Tellergeklirr und Geschnatter, da ja kein Mensch noch eine Ahnung hatte, was der Engel der Rache hier fr ein wundersames Experiment vorbereite. Faitel schien auch ganz systematisch und zweckentsprechend Champagner zuzugieen, wie man Oel einer erlschenden Flamme zugiet. Wenn ihm die innere Erleuchtung, die ber ihn gekommen war, auszugehen schien, brachte er langsam den Oberkrper gegen die Tafel vor, und streckte ohne hinzusehen die rechte Hand aus, ergriff das gefllte Glas, strzte es hinunter, und hob dann die Finger empor, als wollte er sagen "Horcht! ob es kommt?"--Und es kam.-Der Inhalt dieser frenetischen Gedankenreihe schien ein heiterer, enthusiastischer zu sein. Denn Faitel schlug mit der platten Hand ein paar mal auf den Oberschenkel, da es patschte, und lachte und kicherte vor sich hin; und wer ein gutes Ohr hatte, der konnte jetzt schon einige "Deradng! Deradng!" hren. Aber die Gste kannten ja nicht, wie der Leser, was "Deradng" war. Und das Scherzen, Lachen und Cliquot-Anstoen bertnte weit diese ersten Mahnrufe. Und Klotz war in eifriger Unterhaltung mit seinem Nachbar zur Linken begriffen. Und nur die Braut zur Rechten berwachte mit Ruhe und Neugierde diese Vorboten eines Deliriums. Immer tiefer bohrte sich Faitel's Kinn bei seiner starren Krperhaltung in die Brust ein, und bekam zuletzt jene krppelhafte Zwangsstellung, die der Leser aus den ersten Seiten dieser Erzhlung kennt. Die Nchsten in Faitel's Umgebung, darunter die schnellbegreifende Frau _Schnack_, waren nun doch auf ihn aufmerksam geworden. Aber man schien alles auf einen eigenthmlichen Gemthszustand schieben zu wollen.--"Kllnererera!..." schrie jetzt pltzlich Faitel mit schnarrend vibrirender Stimme--"Kllnererera!--Champgnerera!--Wie hait?--Soll ich haben nichts u trinken.--Bin ich Mensch a gut und werthvoll als Ihr Alle!..."--Jetzt wurde Jedermann im Saal pltzlich aufmerksam. Selbst die Kellner mit hohen Tellersten auf dem Weg hielten inne und starrten gegen die Mitte der einen Tischreihe, wo ihnen ein blutrnstig angelaufenes, violettes Menschenantlitz mit speichelndem Mund, lappig hngenden Lippen und quellenden Augen entgegenglotzte. Alles war wie festgebannt, und wute nicht, was zu thun. Selbst Klotz verlor jede Fassung und blickte consternirt auf den Juden neben ihm.--Inzwischen war von dem Wirth, der hinter Faitel stand, dessen Glas gefllt worden; und whrend erschrockene und mitleidige Gesichter rings herum auf ihn sich richteten, begann der Jude selbst mit knngsender und ganz vernderter Stimmgebung: "....Was duhet er aber in den nchsten drei Stunden? der hailige Jehova!--Deradng! Deradng!". (Mit einem Schwupp die Daumen im Ausschnitt der Hochzeitsweste; Hin-und Herwippen; Verliebtes Nachobenblicken.)--(Wieder mit vernderter Stimme sich Antwort gebend.) "Er sitzet und copuliret die Mnner und die Waiber!"--(Wieder erste Stimme) "Wie lang copuliret der hailige Gott die Mnner und die Waiber?" (Selbe Positur; lsternes Hin-und Herrutschen auf dem Stuhl; auf-und abhopsend; gurgelnd; schnalzend;)--(Selbe Antwort-Stimme.) "Drei Stunden lang copuliret er die Mnner und die Waiber!"--(Erste Stimme.) "Was duhet er dann am Nachmittag, der hailige Jehova? Deradng! Deradng!"--(Antwort) "Am Nachmitdag duht er Nichts, der Jehova; er ruht aus!"--(Erste Stimme) "Waih geschrieen! Wie hait, er duht nichts der hailige Jehova? Wird er nichts duhn, der hailige Jehova? Was wird er duhn? Was duht der Jehova am Nachmittag,--He?"--(Entfernte, winzige Knabenstimme.) "Am Nachmittag spielt der hailige Jehova mit dem Leviathan!"--(Erste Stimme mit Triumph einfallend) "Nadierlich! Er spielet mit dem Leviathan!"--In diesem Moment sprang Faitel vom Stuhl auf, und schnalzend und gurgelnd und sich hin-und herwiegend, und mit dem Ges ekelhaft lsterne, thierisch-hndische Bewegungen machend, sprang er im Saal herum: "Deradng! Deradng! Hab ich mer gekaaft christlichs Bluht! Kellnerer, wo is mei copulirte, christliche Braut? Mei Brauter! Gbt mer mei Brauter! Bin ich christlichs Menschenbild a fein, a ihr alle seid! Ohn' alle Jdischkeit!--Misemaschine! Wo is mei Brauter?"--Alles war auseinander gestoben. Die jungen Damen verlieen vor dem entsetzlichen Anblick den Saal. Mit Schrecken sahen die Zurckgebliebenen, wie sich Faitels blonde Strhnen whrend der letzten Scenen allmhlich zu kruseln begonnen hatten. Die krausen Lckchen wurden rostfarben, schmutzigbraun, und zuletzt blau-schwarz. Der ganze glhende, schweisige Kopf mit den schlaffen, gedunsenen Zgen war wieder mit dunklen Sechserlckchen bedeckt. Inzwischen schien Faitel in seinen exaltirten Bewegungen mit einer eigenthmlichen Schwierigkeit zu kmpfen zu haben. Die vielfach operirten, gestreckten, gebogenen Gliedmaen konnten jetzt die alten Bewegungen ebenso wenig ausfhren, wie die neugelernten. Auch machte sich die lhmende Wirkung des Alkohol rasch geltend. _Klotz_ hatte zwar nach Eiswasser geschrieen; aber es war vergebens. Jedermann sah, da hier eine irreparable Katastrophe vorlag. Die schne _Othilia_ hatte sich in die Arme ihrer Mutter geflchtet. Alles blickte mit starrem Entsetzen auf die wahnsinnigen Kreiselbewegungen des Juden. Endlich traf das schmutzige Ende, das jeden Betrunkenen trifft, auch Faitel. Ein frchterlicher Geruch verbreitete sich im Saal, der die noch am Ausgang Zgernden mit zugehaltenen Nasen zu entfliehen zwang. Nur _Klotz_ blieb zurck. Und schlielich, als auch die Fe des Betrunkenen vor Mattigkeit nicht mehr Stand zu halten vermochten, lag zuckend und gekrmmt sein Kunstwerk vor ihm auf dem Boden, ein vertracktes asiatisches Bild im Hochzeits-Frack, ein verlogenes Stck Menschenfleisch, _Itzig Faitel Stern_.-- Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit "_Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Jahr, do wr dar en ryk Mann, de hadd ene schne Fru, un se hadden sik beyde sehr leef, hadden awerst kene Kinner, se wnschden sik awerst sehr welke, un de Fru bedd'd so vell dorm Dag un Nacht, man se kregen keen un kregen kenn.--'Ach', sd de Fru eens so recht wehmdig, >hadd ik doch en Kind, so rood als Blood un so witt as Snee.----Un as der neunte Maand vorby wr, do kreeg se en Kind so witt as Snee un so rood as Blood. Dat Kind wr awerst en lttge Shn (Sohn). Un as se dat seeg, so freude se sik._" Brder Grimm, Kinder- und Hausmrchen Es mag wohl in Franken gewesen sein, als ich vor mehreren Jahren auf einer meiner Futouren zur Winterszeit gegen Abend auf eine lange, hartgefrorne Landstrae kam, die sich schier unermelich fortsetzte. Ringsum keine Rauchwolke, die die Nhe einer menschlichen Niederlassung angezeigt htte. Es wurde dmmrig. Man sah auch kein Licht. Mein Ranzen war leer. Den letzten Imbi hatte ich schon um Mittag verzehrt. Wir waren um November; und soweit man sah, war Wald und Feld mit einer harten Eis-und Schneekruste berzogen. Meine Nachlssigkeit nie eine Karte mit mir zu nehmen, nie die Wegstunden zu berechnen, auf die nchsten Gehfte und Drfer zu achten, schien sich diesmal in unangenehmster Weise an mir rchen zu wollen.--Leute, deren Imaginationskraft strker ist, als ihr Verstand, sollten nie, oder nie allein, zu Fu reisen. Immer in Gedanken versunken, sehen sie volle Humpen, und mit johlenden Menschenkindern erfllte Gaststuben, whrend die Karte in drei Stunden im Umkreis kein Wirthshaus angibt. Und die reale Wirklichkeit bestraft sie dann in empfindlichster Weise fr den unerlaubten, geheimen Gedankengenu. Solche Menschen sollten berhaupt nichts Irdisches unternehmen, keine Huser bauen, keine Staatspapiere kaufen;--mgen sie berirdisch speculiren; dort fallen die Verluste nicht so schrecklich aus.-- Mit solchen Gedanken beschftigt, war Niemand froher wie ich, als ich auf der noch immer endlos sich hinziehenden Strae einen Reisenden mit schwerem Felleisen daherkommen sah. Er sah mich verwundert an, als wir uns begegneten, und frug: "Wie kommen Sie um diese spte Abendzeit hierher, wo auf Stunden im Umkreis keine Niederlassung ist? Ich selbst reise nur in der Dmmerung und zur Nachtzeit, weil meine Augen das Tageslicht nicht vertragen; und bin mit Weg und Steg wohl vertraut. Aber Sie wren verloren!"--Als ich nichts erwiderte, fuhr der Fremde, dessen eindringliche Rede mir Respekt abgewonnen hatte, fort: "Der Himmel hat diesmal fr Sie gesorgt. Gleich hinter diesem Bergvorsprung, den Sie in zehn Minuten erreichen, steht ein Wirthshaus; ich komme gerade davon her; es ist aber gnzlich unbekannt; Sie konnten sich also nicht darauf verlassen; trotzdem steht es am Weg; es ist auf keiner Karte verzeichnet, und ich besitze die besten; ich selbst sah es heute zum erstenmal; gleichwohl ist es uralt; 'Gasthaus zur Dreifaltigkeit'; die Leute scheinen gut eingerichtet; wenn auch etwas altmodisch und langsam in ihren Manieren; Sie werden dort gut aufgehoben sein. Gehaben Sie sich wohl!"--Whrend der letzten Worte hatte er mit den Fen wiederholt auf den kalten, eisigen Boden gestampft, da es ihn zu frieren schien. Er nahm rasch Abschied, und wir trennten uns nach verschiedenen Seiten.--"Erlauben Sie noch eine Frage,"--rief ich nach,--"in was handeln Sie? Ihr Ranzen ist voll und schwer!"--"Gebetbcher!--Gebetbcher!"--rief er schnell zurck,--"aber nicht mehr lang,--nicht mehr lang ... die Zeiten...."--Den Schlu der Phrase konnte ich nicht verstehen; der Wind jagte sie ihm vom Mund weg.--Ich eilte vorwrts; und in derThat traf ich, als ich den nchsten gegen die Strae sich vorschiebenden Hgelrcken erreicht hatte, auf eine kleine Thalmulde, in der versteckt und zurckgezogen ein Huschen stand. Ein schwacher Lichtschimmer drang aus den niederen Parterre-Fenstern. Der erste Stock, der mit spitzem Giebeldach, hnlich den Bauernhusern in der Umgegend, abschlo, war dunkel. Als ich nher kam, entdeckte ich ber der niederen, hlzernen, braun-angestrichenen Thr die zierliche Aufschrift auf weiem Kalk-Grund: Gasthaus zur Dreifaltigkeit. Kein Wirthshauszeichen sonst, was ich erblicken konnte. Kein hervorragender Arm mit dem Hexagramm, oder dem schumend gefllten Bierseidel. Aber auch sonst Nichts in der Umgebung, was ich als auffallend htte bezeichnen mssen. Hinter dem Huschen ein Misthaufen, ein Zeichen, da die Leute etwas Landwirthschaft trieben. Ein kleines eingefriedetes Grtchen. Ein paar abgegrenzte Felder mit der jungen Wintersaat. Und vor dem Huschen ein hbscher hoher Taubenschlag, auf dessen gothische Spitze besonders viel Flei verwendet worden zu sein schien. Es war brigens jetzt fast dunkel geworden. Ein harter, trockner Ostwind pfiff durch meinen dnnen Rock. Ich ging an die Thr und klopfte. Nach einiger Zeit hrte ich ein lautes Schlrfen auf dem Hausflur, und ein alter Mann mit schneeweien Haaren, die zitternde Hand auf die Krcke gesttzt, ffnete die Thr. "Kommen Sie endlich!--rief er, ohne mich nher in's Aug' zu fassen, als man alten Bekannten gegenber thut,--Sie sind lange in Spanien gewesen, und durch ganz Frankreich gekommen, haben England bereist, wollten schon einmal nach Norwegen, laufen das ganze Jahr fast in Deutschland herum, kennen jedes Stdtchen und Fleckchen, schauen jeden Kirchthurm an, gucken in jeden Tmpel, und endlich kommen Sie in das weltentlegene, frnkische Gasthuschen zur Dreifaltigkeit, wohin Sie ja doch kommen muten,--und ich habe so lang auf Sie gewartet!"--Der steinalte Mann, der so verwunderlich mit mir sprach, hatte inzwischen die Zimmerthr geffnet, und ich trat in einen nach Art der Landwirthshuser mit einem groen, schwerflligen Tisch, einigen braunen, knorzigen Sthlen, groem Kachelofen, lautpickender Uhr, einigen Heiligen-und Schlachten-Bildern und einem Crucifix ausgestatteten Raum.--"Ich will gleich meinen lieben Sohn rufen;"--fgte er hinzu,--"er wird sich freuen Sie zu sehen; er wird wohl noch oben studiren; er studirt mir leider viel zu viel."--Damit ffnete er die Thr, und rief in's obere Stockwerk: "Christian!--Christian, mein lieber Sohn, komm' doch etwas herunter, der junge Mensch ist da, auf den wir so viele, viele Jahre warteten."--Ich war nicht wenig erstaunt ber diesen merkwrdigen Bewillkomm, und wollte eben meiner Empfindung durch eine Frage an den Alten Ausdruck verleihen, als oben leise eine Thr geffnet wurde; ein zaghafter Schritt kam die Treppe herunter, und gleich darauf trat ein bleicher, junger Mensch in's Zimmer von auffallend schnen Zgen; aber zaghaft und von fast mdchenhafter Zurckhaltung. Er trug einen langen weien Mantel, der nach Art der Mnche mit einem einfachen Strick um die Taille zusammengehalten war. Mit offen entgegen-gestreckter Hand und einem unsglich freundlichen Blick trat er auf mich zu, und sagte: "Gott gre Sie!" dabei mit der Hand auf den alten Mann verweisend. "Christian!"--fing dieser aber mit fast schluchzender Stimme zu rufen an, wobei er seine Krcke fallen lie und beide Hnde in einander schlug,--"Christian, mein lieber Sohn, wie siehst Du aus! Du hast wieder die ganze Nacht gewacht, oder studirt, oder Dich abgehrmt; mein Gott, wenn Du mir strbest! Christian, wenn Du uns wegstrbest, und uns, mich und Deine Mutter allein zurcklieest, Alles wre verloren; alle unsere Hoffnungen vernichtet; die ganze Wirthschaft ginge zum _Teufel_!"--In diesem Augenblick hrte ich drauen, wie hinter'm Haus, und aus einem engen, abgeschlossenen Raum kommend, ein dumpfes, scheulich klingendes, hhnisches Gelchter, halb Grunzen, halb Meckern, wie von einem Bock, der aber menschlichen Ausdruck in seine Stimme legen kann. Alle im Zimmer wurden kreidebleich; und auch ich trat, betroffen ber die Menschenhnlichkeit der Stimme, einen Schritt zu rck, und blickte fragend den Alten an.--"Es kommt vom Schweinestall,"--sagte dieser, wie um mich zu beruhigen,--"wir haben dort einen Kerl eingesperrt, der sich ber uns lustig macht, und den wir hier fttern, damit er nicht sonst irgendwo auf den Feldern und in den Drfern der Umgegend Schaden anstiftet. Er ist sonst ungefhrlich."--"Vater!"--rief aber gleich darauf der Junge mit bittender, sanft flehender Stimme,--"Vater, liebster Vater, nenn' seinen Namen nicht mehr, ich bitte Dich, Du weit, er will unser Verderben!"--"Er macht mir keine Sorge,"--replicirte der Alte, der inzwischen wieder seinen Krckstock zu sich genommen,--"aber Du machst mir Sorge; geh' jetzt nur, geh hinaus zu Deiner Mutter, und sag' ihr, sie soll das Essen auftragen, es sei auch ein Gast da."--Der Junge in seinem weien, schleppenden Gewand ging gesenkten Kopfs und feierlich-langsamen Schritts aus dem Zimmer; und der Alte und ich waren wieder allein. "Der Junge macht mir Sorge,"--bekrftigte dieser wieder, indem er humpelnd auf und nieder ging,--"er ist zart wie eine junge Palme; kein Wunder bei dieser Lebensweise; statt da er hinaus auf's Feld geht und mitarbeitet, hockt er oben, und studirt Concordanzen und Vulgaten. Die bleichen, eingefallenen Wangen; die platte, schwache Brust; oft hustet er, da es nimmer schn ist. Der Junge macht mir Sorge." Ich war ber all Dem, was ich bis jetzt schon gesehn und gehrt, so im Inneren betroffen und verwirrt, da ich nicht wute, wo anfangen, um das Gesammte in ein vernnftiges Bild zusammenzufassen. Ich war fest berzeugt, da mich der Alte fr einen Andern ansah; sonst war der Begrungsakt undenkbar; auf der andern Seite mute ich mir eingestehn, da Vieles, was er mir bei der Hausthre gesagt, buchstblich und bis auf Kleinigkeiten wahr war. Hchst verdchtig kam mir aber auch das freundliche, fast feierliche Entgegenkommen des jungen Schwindschtigen in seinem weien Talar vor. Er hatte so etwas Kindlich-Zerstreutes in seinem Auge, Sehnschtig-Verlangendes, Welt-Entrcktes und dabei Liebe-Vonsichgebendes, da ich berzeugt war, jeder Andere an meiner Stelle wre ebenso empfangen worden. Ich schlo daraus auf den Geisteszustand des jungen Menschen, und ich kam zu keinem gnstigen Urtheil. Ich meine, der zarte, junge Mensch kam mir der Welt gegenber nicht resistent genug vor. Auch das verwandschaftliche Verhltni zwischen diesem "Vater" und "Sohn" war mir nicht klar. Der Alte konnte unmglich der Vater dieses jungen Mannes sein. Alles dies beschftigte mich intensiv whrend der paar Augenblicke, die der Alte polternd und schlappend im Zimmer auf und ab ging. Und ich htte gern gefragt, um mich zu orientiren, wenn mich nicht die Angst zurckgehalten htte, durch zu vieles Fragen und Aufdecken des Sachverhalts hinsichtlich meiner Person, meine Lage zu verschlechtern. Jetzt war ich gut und auf's Herzlichste aufgenommen. Kam irgend etwas auf, welches zeigte, da der Alte sich hinsichtlich Meiner einer Tuschung hingegeben hatte, so garantirte ich, von dieser seltsamen Familie vor die Thr gesetzt zu werden. Denn darber war ich mir lngst klar geworden, es war eine verdchtige Herberge, in die ich hier gerathen war; und ich konnte nicht umhin, jene dsteren Scenen aus dem "Wirthshaus im Spessart", und das noch schlimmere Verfahren jenes classischen Wirths aus dem Alterthum, des _Prokrustes_, mit seinen fatalen Betten, mir ins Gedchtni zurckzurufen, als die Thre aufging, und eine junge Frau mit einer groen dampfenden Schssel hereintrat. Der alte Mann hielt in seinem erregten Auf-und Abpoltern inne, schaute die Eingetretene von der Seite an, und sagte dann, zu mir gewandt: "Das ist _Maria_, meine Tochter Maria!...."-- Er rusperte dann noch, als wolle er fortfahren; unterdrckte aber, was er sagen wollte, und setzte seinen geruschvollen Marsch durch's Zimmer fort. Ich sah die junge Frau an; ihr Gesicht hatte entschieden jdischen Schnitt; zusammengewachsene Augenbrauen, leicht vorstehende Backenknochen, die aber die Harmonie ihres nicht winzig angelegten Gesichts keines wegs strten; edelgeformte Nase, mandelfrmig geschlitzte Augen mit einer zerflieenden, schwarzen Kirsche als Augapfel, und dazu zwei krftige, fleischige Lippen, die entschieden Sinnlichkeit verriethen; pechschwarze, wellige Haare, stark verwirrt und zerzaust, completirten wohl den orientalischen Typus; aber mehr noch, als alles dies, war es jene Gesammt-Schlfrigkeit, die auf ihrem Antlitz lag, als wre eine weiche Hand von Oben ber das ganze Gesicht hinuntergefahren.--Sie erwiderte meinen neugierig forschenden Blick mit einem spttisch schlauen Mienenspiel, wie Jemand, das wohl einsieht, da es in einer Seiner unwrdigen Stellung ist, diese Stellung aber nicht zugeben will, und sich mit knstlicher Verachtung hilft. Die junge Weibsperson war in der That fast in Lumpen gehllt, und schien die Dienste einer Magd zu verrichten. Wie weit persnliche Nachlssigkeit und Schlamperei mit ihrem Anzug zu thun hatte, lie sich nicht feststellen.--Was die junge Frau hereingebracht, war eine Schssel mit dampfenden, schn aufgesprungenen Kartoffeln, die sie nebenhin auf eine Art Anricht gestellt hatte, whrend sie eben jetzt die Schublade des groen, schwergebauten Tisches aufzog, und Tischgerthe, Messer, Gabeln und Salzfa herausholte. Nachdem sie gedeckt, und die groe, heie Schssel mitten auf den Tisch gestellt, verlie Maria das Zimmer, wobei ich constatiren mu, da die rckwrtige Ansicht ihrer Toilette noch um ein gut Stck schlampiger war, als die vordere.--"Die Dirne,"--sagte der Alte, indem er bei mir stehen blieb,--"ist ein Unglck fr mein Haus!"--"Wie so,"--frug ich naiv,--"kocht sie schlecht?"--"Ach nein,--ihre ungesuerten Brode macht sie recht gut,-aber sonst,--ja sonst,--ach Gott, die Frauenzimmer, wenn sie etwas hbsch sind, sind alle so, die haben den _Teufel_ im Leib!"--'H, h, h, h, h!'--grunzte und lachte es in diesem Moment wieder hinten vom Hause her, und stie wie mit eisernen Gliedern an den Schweinsstall, so da ich heftig erschrocken zusammenfuhr, und auch der Alte mit glotzigem Gesicht vor sich hinstarrte, whrend bald heftiges Schluchzen von drauen von der Kche her, wohl von dem empfindlichen, jungen Menschen kommend, herberklang.--"Mein Gott,"--sagte ich,--"in diesem Hause ist es nicht geheuer; man wird hier seines Lebens nicht froh."--Bei diesen Worten schaute mich der Alte auf's Neue mit glasigen und herausgetriebenen, wssrig-blauen Augen an, so da ich kein Wort mehr zu erwidern wagte. Zum Glck ging gleich darauf die Thre auf; Maria kam mit einem Krug Wasser und etwas Brod; whrend der junge Schwachbrstige, der mit verweinten Augen hinter ihr sichtbar wurde, ein weiteres Gedeck fr mich hereinbrachte. Alles setzte sich nun, und lautlos begann die karge Mahlzeit. Die Leute benahmen sich, als wren sie unter sich. Kein Versuch, mich in's Gesprch zu ziehen. Gleichwohl fleiiges Offeriren an den Gast, zuzugreifen. So kam keine Unterhaltung zu Stande. Der Alte, welcher bisher noch am offensten gegen mich war, schien in Gegenwart der Andern ebenfalls schweigsamer zu werden. Auch unter sich sagten sich die Leute kein Wort. Mir war nicht klar, ob dieses Benehmen das regelmige, oder im Hinblick auf mich eher ein zurckhaltendes war. Die Kost war gering zubereitet, so rmlich sie war. Der Alte hatte vor dem Essen mit einigen sonderbaren Grimassen und gellenden Tnen, wie es, glaube ich, bei den Juden Sitte ist, einige hebrische Phrasen schematisch hergeplrrt, und hatte sich dann schleunigst ber die Kartoffeln hergemacht, die er schon whrend seiner Liturgie eifrigst beugelt hatte. Ganz im Gegensatz hierzu hatte der junge Schwindschtige, allem Irdischen abgewandt, unter einigen schwrmerischen, zum Himmel empor gerichteten Armbewegungen, wenige Gebetsworte mit groer Innigkeit vorgetragen, die am meisten unserem protestantischen "Komm' Herr Jesu, sei unser Gast!..." entsprachen; whrend die nachlssige Jdin mit groer Gleichgltigkeit dem Allem zusah, und sich dann ebenfalls mit schlechter Laune und wenig Appetit auf ihren Platz niederlie. Und nun hrte man lange nichts als ein einsilbiges, monotones Geschmatz. Schlielich nahm aber doch der Alte das Wort und entschuldigte sich gegen mich wegen der geringen Mahlzeit: sie htten nichts anderes im Hause; das Rauchfleisch sei ihnen ausgegangen. "Hunger," entgegnete ich, "ist der beste Koch; freilich zu den aufgesprungenen Kartoffeln gehrte nach frnkischer Sitte ein fetter schweinerner Presack."--Die Leute wurden auf diese Rede hin alle drei starr wie Glas, und "H, h, h, h, h!"--meckerte und blckte es wieder hinten vom Schweinsstall her, und schien sich voll Behagen auf dem Mist hin-und herzuwlzen. Ich wurde immer angstvoller ber diese scheuliche Erscheinung. "Herr,"--sagte der weigekleidete Jngling zu mir mit unsglicher Milde,--"sprechen Sie das Wort nicht mehr aus. Dem _Reinen_ ist alles rein. Aber der bse Feind merkt auf jeden unserer Gedanken, um uns zu verderben."--Von diesem Moment an war es mir klar, da irgend ein widerliches Geheimni in diesem Hause verborgen sei. Der Kerl, der hinten im _Schweins_stall eingesperrt war, bte eine Art Controlle ber das Thun und Treiben dieser Leute, war eine Art Fluch, der diesen Dreien fortwhrend auf dem Nacken sa. Aber wer und was waren diese Drei selbst? Und was trieben sie? Und woher die Verschiedenheit ihrer Leibesgestalt, ihrer Charaktere? Es war mir auffallend, da sie, wenn sie einen Moment unter sich waren, hebrisch sprachen, und fleiig dabei gesticulirten, und Rcken und Arme sogar hin-und herbogen und herber- und hinberschlenkerten; auch die Buche vorstreckten und den Kopf einzogen, und knngsende und klingende Laute dabei von sich gaben, wie es die Orientalen thun, wenn sie feilschen oder in Affekt kommen; besonders Maria war in all diesem exaltirten Zeug die Strkste; und meist war die gegenseitige Verstndigung durch eine so vielseitige Ausdrucksweise im Nu erreicht. Sie schauten dann blitzschnell zu mir herber, ob ich sie etwa verstanden, oder ihre Gedanken errathen. Nur Christian, der sanfte Brustkranke in seinem weien Talar schien von allem diesen Gebahren am wenigsten angenommen zu haben; oft spitzte zwar auch er die Unterlippe, brachte den Unterkiefer vor, und beugte den Oberkrper nach rckwrts, als wolle er einen jener unarticulirten hebrischen Laute hervorbringen, der eine ganze Phrase auszudrcken schien; aber es blieb bei den Bewegungen, die er in dieser Umgebung wohl nur durch Nachahmung erworben; und wenn er einem seiner schwrmerischen Gefhlsausbrche freien Lauf lie, dann sprach er ein prachtvoll schnes Deutsch, und zeigte Verzckungen, Armkreuzen, Augenaufschlag, eine lechzende, zum Himmel hinauf gewandte Krperstellung, wie sie moderner, protestantischer nicht gedacht werden konnte, und den vollsten Gegensatz bildeten zu den rutschenden, grobsinnlichen, unflthigen Bewegungen der Andern.--Christian war blond, und von heller germanischer Hautfarbe. Aber die Gesichtszge waren der Maria sozusagen heruntergerissen hnlich. Wenn ich dem jungen, sympathischen Burschen einundzwanzig Jahre gab, und Maria etwa fnfunddreiig, so war es, alles brige noch in Betracht gezogen, im hohen Grade wahrscheinlich, da letztere die Mutter des armen Schwindschtigen war, wobei fr ihre Mutterschaft zwar ein etwas jugendliches, aber bei Orientalen durchaus nicht ungewhnliches Alter herauskam. Damit stimmten auch gewisse geheime Zrtlichkeiten, die Maria dem Jungen wiederholt zu Theil werden lie. Soweit war ich mit meinen Nachforschungen aus Gesichtern und Vorgngen in dieser merkwrdigen Stube zufrieden. Aber wie stand die Sache nun mit dem Alten? Er nannte den Christian fortwhrend seinen lieben Sohn. War dieses Verhltni nur symbolisch gemeint? Die Maria hatte er mir schon als seine Tochter vorgestellt. Der Alte war nicht weit von den Achtzigern, und noch sehr rstig; auch in seinem Temperament hchst leidenschaftlich. Sollte der bejahrte Mann der Vater des Christian sein? Und von so einer jungen Dirne, wie Maria damals gewesen sein mu? Die er ausdrcklich seine Tochter nannte! Auch der Junge nannte den Alten Vater! Freilich in seinen excessiv sentimentalen Anreden klang dieses >Vater< wie eine ideale, verehrungsvolle Begrung. Hier wollte also Nichts stimmen. Und ich verzweifelte, in diesem complicirten Verwandtschaftsverhltni auf's Richtige zu kommen.-- Das Essen war jetzt abgetragen. Christian war mit Maria drauen in der Kche, wo man Teller klappern und absplen hrte. Im Zimmer war's still geworden. Die Wanduhr tickte einfrmig. Der Alte, an einer Brotrinde seitlich mit einem erhaltenen Backzahn kauend, schlappte wieder mrrisch auf und ab, hie und da das weilockige Haupt schttelnd, als wollte er einen Gedanken verscheuchen. "Nein",--rief er endlich--"so geht's nicht weiter! So geht mir die Wirthschaft zu Grund.--Der junge Mensch, der liebe, se, sanfte Junge, auf den ich all mein Hoffen gesetzt, er stirbt mir so in dieser kalten, nordischen Luft!"--"Ist es Euer Sohn?"--frug ich schnell, um mir diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen.--Der Alte blieb stehen und schaute mich an. "Sohn?"--wiederholte er,--"er ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; er ist nicht mein leiblicher Sohn; er ist",--fgte er leise hinzu, indem er beschwichtigend und Vorsicht rathend nach der Kche zu deutete, von wo noch immer Tellergeklapper und Wassergepantsch herberklang,--"er ist das Kind von der Dirne da drauen, die ich mit 14 Jahren in mein Haus nahm!" Bei diesen Worten nahm seine Miene einen zornigen Ausdruck an, als wre er ber diesen Zusammenhang nichts weniger als erfreut, und aus dem hinber weisenden Arm wurde eine drohende Faust.--Ich wollte noch eine Frage mit vorsichtig gedmpfter Stimme anschlieen, aber er winkte heftig mit der ab, und winkte immer zu, und deutete mit der andern Hand und dem ausgestreckten Krckstock nach der Kche, bis ich schwieg; und zum Zeichen, da ich auch ferner schweigen solle, klappte er mit der hohlen Hand sich selbst drei bis vier mal vor den festgeschlossenen Mund; ich that dasselbe, zum Zeichen, da ich ihn richtig verstanden habe; und nun war er zufrieden; und ich begab mich ruhig an meinen Platz am Tisch.--Nach einiger Zeit kam der Alte dann zu mir hergehumpelt, und frug mich in's Ohr: "Sprechen Sie Aramenisch?"--"Nein!" erwiderte ich.--"Potztausend nein!"--replicirte der Alte,--"nun ja, dann knnen wir uns auch nicht ungestrt unterhalten.--Die Zwei gehen so wie so bald zu Bett. Es ist schon um die dritte Stunde!"--In der That kam bald darauf der junge Mensch herein, und indem er verzckt die beiden Arme ausbreitete, rief er, seine leuchtenden Augen ber Alle im Zimmer gleiten lassend: "Seid gegrt und gesegnet fr den Rest des Abends, seit behtet und bewahrt whrend des Dunkels der Nacht! Ueber uns Alle wache der Engel des Friedens!"-Whrend dem stand die schlaue Jdin hinter ihm, und beobachtete, welchen Eindruck seine Worte machen wrden. Dann zog sie ihn von hinten am Kleid hinaus; und beide, hrte man, verlieen dann die untere Partie des Hauses ber die Treppe, und begaben sich nach oben.-- Jetzt war es ganz still geworden. Eine schwadende Oellampe go einen dickgelben Schimmer ber die eckigen Kanten und Vorsprnge des Zimmer-Mobiliars, reichlich gemischt mit fetten, schwarzen Schatten. Der grne Kachelofen in der Ecke strahlte noch eine behagliche Wrme aus. Ruhig ging das Tick-tack der heiser gewordenen Wanduhr weiter; und ruhig, in Gedanken verloren, schlappte der Alte in seinem losen, Schafpelz-geftterten Hausrock auf und ab.--"Es ist mir lieb,"--sagte er pltzlich, indem er aus einem Wandschrank einen groen, gefllten, schweren Krug und zwei Glser nahm, und zu mir an den Tisch brachte,--"da Sie heute hier sind; darf ich doch wieder ein Glschen trinken, und mein Elend vergessen; allein hat es mir der Doctor verboten; ich lge sonst betrunken, wie Noah, am nchsten Morgen unter dem Tisch. Der Wein ist aus der Umgegend und gering: aber er ist rein; er ist gerade in voller Ghrung; nehmen Sie sich daher in Acht!"--Indem hatte sich der Alte zu mir an den Tisch gesetzt, und beide Glser vollgeschenkt; es war ein molkig-weier Most mit einem Stich ins Grne, aus dem Stick-Gase in reichlicher Menge aufstieen. Bei dieser Gelegenheit bemerkte ich, da der Alte schon starkes Handzittern hatte, so da ich schon Angst fr den Inhalt des Krugs bekam, wenn er ihn in die Hand nahm; doch mit jedem folgenden Glase wurde Hand sowohl wie Sprache sicherer.--"Die jungen Leute,"--versuchte ich das Gesprch einzuleiten,--"gehen schon frh zu Bett!"--"Ach!"--erwiderte der Alte, indem er den Krckstock weglegte, und sich fest auf seinen Stuhl placirte,--"es ist eine Familie in der Familie! Die zwei hocken zusammen, und separiren sich von mir, und kochen und flstern miteinander, und intriguiren gegen mich, ich fhle, wie jeden Tag mehr die Zgel meinen Hnden entkleiden; htte ich meinen Jhzorn nicht, ich htte das Regiment lngst verloren!"--"Maria scheint demach von wenig dankbaren Gefhlen erfllt zu sein?"--"Ich habe die Dirne vor reichlich zwanzig Jahren als kurzrockiges Ding bei mir aufgenommen, und nun setzt sie mir den Burschen daher!"--"Maria ist die Mutter von Christian?"--wagte ich mich kurz mit der Frage heraus.--"Trinken Sie junger Mann!--Trinken Sie"--rief der Alte schnell dazwischen, indem er sich einschenkte, da mein Glas noch voll war, wobei wieder heftig der Schnabel des Steinkrugs an seinem Glasrand hin-und herschepperte.--Ich lie mich aber nicht irre machen. "Der junge hbsche Mann,"--begann ich wieder--"hat viel Aehnlichkeit mit der Jdin."--"Mit der Jdin?"--frug der Alte mitrauisch, das Wort 'Jdin' stark betonend.--"Was wollen Sie damit sagen? Ich bin selbst Jude! Beleidigen Sie mein Geschlecht nicht!"--"Nichts lag mir ferner,"--betheuerte ich,--"ich nannte Sie Jdin, weil ihre Zge das zehnfach beschwren."--"Ja,"--nahm der Alte das Gesprch wieder auf,--"sie war eine der Schnsten ihres Stammes; aber da mir die Rotznase, die nach hier zu Land blichen Begriffen knapp mannbar war, den Burschen hierhersetzt ... den ich brigens jetzt sehr lieb gewonnen habe, und wie meinen eigenen Sohn ansehe...."--"Von wem hat Maria den Jungen?"-fragte ich frischweg.--"Ja,"--wiederholte der Alte mit einer Mischung von Hohn und Bitterkeit, als bedauere er, da er nicht von ihm sei,--"von wem hat Maria den Jungen?..."--"Der Junge mu einen Vater haben!"--eilte ich rasch vorwrts, in der Hoffnung, durch eine witzige Wendung das Gesprch flssiger zu erhalten.--"... mu einen Vater haben!"--wiederholte mein Wirth mechanisch und nachdenklich.--"Der Junge ist blond,"--begann ich wieder,--"ist weihautig, ein echtes, nordisches Kind; vielleicht hat ein durchziehender blonder Handwerksbursch, der vielleicht unfreiwillig, wie ich hier, bernachtet, die Jdin verfhrt."--"Um Gotteswillen!--die Kleine war damals hchstens vierzehn Jahr!" (Whrend dieser Worte hrte ich deutliche Laute aus dem Schweinsstall dringen. Der Alte hrte sie auch, und ergriff sein Weinglas fester.)--"Dann vergewaltigt!"? ergnzte ich.--Der Alte stand auf, und winkte heftig mit der Hand ab. Er ging dann zur Thr, und lauschte hinaus. Als alles ruhig blieb, kam er zurck, setzte sich wieder, und frug mich: "Sprechen Sie nicht ein Bischen Hebrisch?"--"Keine Silbe!"-antwortete ich.--"Wenn Sie etwas Hebrisch sprchen, knnten wir uns so leicht verstndigen. Die Sachen, um die es sich hier handelt, sind so complicirter Natur!"--"Du lieber Himmel,"--erwiederte ich,--"die Sachen, die wir jetzt besprechen, sind in allen Sprachen, unter allen Himmelsstrichen dieselben. Die Frage ist, wer hat den bildhbschen Burschen gezeugt?"--"Marie sagt, es sei kein Mann gewesen!"--'H, h, h, h, h!'--grhlte und schnalzte es jetzt wieder drben vom Schweinsstall herber, und schien Purzelbume zu schlagen.--Ich fuhr wie emporgerissen von meinem Sitz auf, unschlssig, was mir mehr Eckel und Bangigkeit verursache, die Antwort des Alten oder die Stimme jenes unsichtbaren Scheusals. Mein Wirth war ebenfalls still und kleinlaut geworden, sah dster vor sich hin, und hielt krampfhaft den steinernen Krug fest. Im ganzen Haus war es todtenstill; nur die Uhr schlug ihren Tick-Tack-Gang unentwegt weiter. Ich setzte mich langsam wieder nieder. Und lngere Zeit sprach Niemand ein Wort.--Aber zuletzt berwog die Neugierde bei mir, und das sichere Gefhl, da nur eine gewisse Dosis Couragirtheit dem Alten sein Geheimni zu entlocken vermge.--"Kein Mann sei es gewesen!?"--begann ich mit gedmpfter Stimme, aber examinirenden Tones gegen den Alten hingebeugt, "wenn kein Mann, was denn dann?"--Der Alte zuckte verlegen die Achsel, als wolle, oder knne er nicht antworten, und schaute verlegen, aber auch etwas weinduselig und thrnenfeucht auf sein Glas.--"Wenn es kein Mann war," ich mit inquirirender Stimme--"was war es dann?"--"Ein Etwas!" prete mein Wirth gezwungen und flsternd hervor.--"Was fr ein Etwas?"--fiel ich a tempo ein.--Neues Achselzucken.--"Vielleicht ein Hauch,--ein Odem,--ein Unsichtbares,--eine Kraft,"--begann jetzt der Alte, und schien gereizt und feurig zu werden,--"wer kann es wissen; Marie erzhlte mir, sie sei eines Nachmittags in jenem Zimmer dort eingeschlafen gewesen; es war hei; die Fenster offen, die Lden zu; sie war damals erst wenige Wochen bei mir; ich wute nicht, ob sie log; Kinder lgen so oft; und sie war fast noch ein Kind; so jung; so jung...." Der Alte hielt inne.--"Weiter! Weiter! Was geschah?" frug ich drngend.--"Marie hatte sich ihrer Kleider entledigt; pltzlich",--so erzhlte sie,--"habe sie, wohl im Schlaf, einen Sturmwind ber das Haus gehen hren; der eine Laden ri auf; und pltzlich ..." (Pause.)--"Pltzlich was?!--Pltzlich, weiter!"--"Pltzlich"--hub der Alte wieder an,--"sah sie eine krftige, weie Gestalt, mit lichten Haaren vor sich stehn, die sich ber sie hinberbeugte, ihr zuflsterte, ihr Schmerz verursachte, bis sie, die Dirne, pltzlich aufschrie; dann war Alles verschwunden; als sie aufstand, waren ihre Kleider in Unordnung; ein schwefeliger Schwaden im ganzen Zimmer; drauen war heller Sonnenschein; nach neun Monaten brachte mir die Dirne diesen blonden Buben!"--Hier hielt der Alte inne, und trank mit groer Befriedigung sein geflltes Glas leer.--"Haben Sie gar keinen Knecht damals im Dienst gehabt?"--frug ich absichtlich etwas barsch, um die weinselige, sentimentale Stimmung zu verscheuchen.--"Niemand im ganzen Haus, und Niemand in der Umgebung; es kommt auch sonst nicht so leicht Jemand in unser Revier, denn wir sind verschrieen!"--"Und die Dirne bleibt dabei, da sie ohne Selbstverschulden und bewuten Verkehr mit einem Manne in andere Umstnde gekommen sei?"--"Nicht nur das,"--bekrftigte der Alte,--"sie macht auch ein groes Wesen um die ganze Sache; will Niemanden die Worte mittheilen, die jenes unbegreifliche Wesen ihr zugeflstert; hlt das Ganze fr ein Wunder; und den Jungen fr ein Wunder-Geschpf; und wer ihn sieht, mu es bekrftigen."--"Und Sie glauben das Alles?"--frug ich mit hchstem Erstaunen.--"Ich mute wohl"--betonte der Alte,--"ohne dem war ihre Stellung im Hause, und ihr Ruf in der Umgebung verloren; und jetzt,"--fgte mein Wirth mit Nachdruck hinzu,--"nach zwanzig Jahren, wre meine Stellung im Hause dahin, wollte ich aufhren ihr zu glauben; jetzt, wo ich auf meinen Altentheil angewiesen bin, und froh sein mu, da man mich duldet."--"Somit ist es ein Mirakel aus Noth?" frug ich fast mit Entrstung.--"Die Sache ist mir ber den Kopf gewachsen,"--fuhr der Alte auf, und schlug mit beiden Hnden verzweiflungsvoll auf die Knie,--"die Sache kann nicht mehr rckgngig gemacht werden; Wunder ist Wunder; die Dirne glaubt daran, der Sohn glaubt daran, ich glaube daran; die Umgebung glaubt daran, wenn sie auch heimlich lacht und mit den Augen zwinkert. Und das Schnste ist, die Dirne wartet jedes Jahr in demselben Zimmer, an demselben Tag, um dieselbe Stunde, in denselben Kleidern auf die Wiederkehr dieses mysterisen Wesens. Und es wird kommen!"-- Inzwischen war es spt geworden. Der Alte machte keine Anstalten zu Bett zu gehen. Im Gegentheil, er schenkte sich nach seiner groen Rede noch einmal frisch ein, und schien jetzt erst, wo er sich einen gewissen festen Standpunkt erobert, einer weiteren und energischen Diskussion entgegenzusehen. Um so mder war ich selbst; theils durch die Wanderung, theils durch den Gang der Debatte. Diesem Alten gegenber war ja doch keine Aussicht, zu einer ruhigeren und vernunftgemen Auffassung der Sache zu kommen. Schlielich, wenn ich ihn mit sogenannten Vernunftgrnden zu stark bedrngte, mchte er jhzornig werden; und das war seine Force. So stand ich denn auf und bat den Alten, mir ein Nachtlager anzuweisen. "Geben Sie's schon auf!"--bemerkte dieser und griff nach seinem Krckstock,--"ja, junger Mann, werden Sie lter; Sie glauben, weil Sie durch die Luft schauen sei nichts drinn! Zwischen uns und der Himmelsschicht stecken Tausende von Dingen; aber man mu sie sehen knnen."--Ich ging auf diese Errterung nicht weiter ein; und der Alte zndete ein Talglicht an, und schritt humbelnd und ruspernd vor mir her zur Thre hinaus. Auf dem Gange kamen wir zur Rechten zuerst an einer schlechtgehaltenen, schwarzgerucherten Kche vorbei. Dann ging's zur engen Stiege, die in einem scharfen Winkel nach oben fhrte. Knapp vor dieser Stiege lag noch eine kleine, schmale Thr; "hier,"--bemerkte der Alte, und wies mit seiner Krcke auf den Eingang,--"ist jenes Zimmer, wo vor reichlich zwanzig Jahren das Unbegreifliche passirt ist.... Junger Mann, Sie wren vielleicht einmal froh, ein solches schmales, winziges Zimmerchen Ihr Eigen zu nennen!"--Dann ging's pustend und kollernd nach oben. "Uebrigens,"--bemerkte der Alte, oben angekommen, und mich schwerfllig bei den Schultern nehmend,--"lassen Sie sich die Sache nicht allzu sehr bekmmern; sagen Sie auch morgen frh nichts zu meiner Tochter und zu meinem lieben Sohn. Sie haben's nicht gern. Es ist auch alles noch zu jung.... Und nun schlafen Sie wohl.... Dort ist Ihr Zimmer.... Hier nehmen Sie das Licht!"--Ich nahm eilig das heftig in der Luft hin und her schlenkernde Licht, und ging in das angedeutete Gemach, wo ich nichts Auergewhnliches bemerkte. Eine blaugeweite Stube mit gedrucktem grnem Taft-Rouleaux; ein schiefer, wackliger Tisch mit alten Tintenflecken; ein gueiserner kleiner Ofen mit geknicktem Rohr; eine gelbgestrichene Bettlade auf vier hohen dnnen Fen mit zunderweichen Leintchern und einem centnerschweren, rthlich-carrirten Federbett; ein Nachttischchen mit kittgelbem Potschamber, und ein Stuhl mit aufgerissenem geblmten Ueberzug.--Es war kalt, und frstelnd legte ich mich in das knisternde raschelnde Bett. Ich hrte unten noch einiges Gepolter, und dann war es todtenstill im Hause.-- Aber ich konnte nicht einschlafen. Das Geheimni dieser drei Leute, das sonderbare Verhltni unter ihnen, der Umstand, da der Alte, vordem unumschrnkter Herr in seinem kleinen Besitzthum, den Intriguen der schlauen Jdin unterlegen sein soll, beschftigten fortwhrend mein Inneres. Da der Junge,--sagte ich mir,--gnzlich unter dem Einflu der Mutter herangewachsen ist, war natrlich; jede Mutter macht aus ihrem Sohne, was sie will; aber, was nicht erziehbar ist, war das schwrmerische, berspannte Wesen des jungen Menschen, der immer wie geistesabwesend erscheint. Woher hat er das, nachdem Niemand im Hause in der Richtung geartet ist oder sich benimmt? Nehmen wir an, der junge Mensch kme zum Militr; wrde er wegen geistiger Perversitt zurckgestellt werden? Wie stand es auf der andern Seite mit jener geheimnivollen Geburt? So was macht wohl ein junges Mdchen weis; aber so was glaubt nicht Jedermann. Die Dirne mute doch, auch bei einem auerehelichen Kind, angeben, wer der Vater ist. Was gab sie denn an? Sollte am Ende der Alte selbst...? Und aus Furcht wegen der Minderjhrigkeit der Person diese Mhr ersonnen haben? Da lag es doch nher einem durchreisenden Handwerksbursch die Sache aufzuhalsen.--Kurz, da paten die Steine nicht aufeinander. Und dann wie verhielt es sich mit jenem im Schweinsstall eingesperrten Scheusal? Noch einmal lie ich die ganze Episode, wie sie mir der Alte erzhlt, vor mir vorber gleiten. Ich mute gestehen, sie war prachtvoll ersonnen. Die Manier der Frauenzimmer, Wirkliches und Phantastisches durcheinanderzumischen, da man nicht wei, wo das Eine anfngt, das Andere aufhrt, so da man entweder das Ganze annehmen oder verwerfen mu, ist charakteristisch. Niemand wird darin etwas finden, da sich eine junge Dirne an einem heien Wochen-Nachmittag halb auszieht und in ihrem Zimmer bei halbverschlossenen Lden auf's Bett legt.--Mir fiel das Zimmer ein, auf das der Alte im Heraufgehen hingewiesen hatte. Ich sagte mir: Du gehst jetzt fort von diesem Haus und erzhlst berall von dieser seltsamen Mhr, und Jeder wird dich dann nach dem Zimmer fragen. Ich beschlo daher, mir dieses Zimmer anzuschauen. Und da am nchsten Morgen wohl kaum Zeit und Gelegenheit war, so beschlo ich, sofort hinunterzugehn. Ich stand auf und stand bald strumpfig auf dem Gang.-Wenn ich entdeckt wrde?!--Doch ich hatte schon meine Ausrede, wohin ich mitten in der Nacht zu gehen beabsichtigte.--Meine Stiefel standen noch vor der Thr, wie ich sie hingestellt. Kein Laut im ganzen Haus. Ich ging strumpfig zur Stiege. Die erste Sprosse knerzte vernehmlich. Doch ging ich weiter. Ich kam auch glcklich hinunter; tappte an der Wand umher, und fand den Thrgriff. Ich drckte: die Thr war verschlossen; kein Schlssel steckte. Ich wurde zornig, und beschlo um jeden Preis in das Zimmer einzudringen. Schon oben war mir in meinem Zimmer eine gewisse Lidschftigkeit des Schlosses aufgefallen; d.h. das Schlo war genau in jenem Zustand, wie Mbel, Wnde, Hauseinrichtung und das ganze Haus selbst. Gleichwohl schien dieses untere Schlo etwas besser fundirt. Ich hob die Thr empor, um auf diese Weise vielleicht die Sperrvorrichtung ber das Widerlager hinwegzuhebeln. Auch das war vergebens. Als ich mich aber gegen die Stiege stemmend, nochmals das, wie ich wohl fhlte, schlecht construirte und locker befestigte Schlo forcirte, sprang die Thre pltzlich mit sammt dem Eisen auf, und ich strzte halb vorwrts in einen eiskalt durchstrmten Raum, whrend ein--_Tauber_ mit zornigem Gurren und heftigem Flgelschlag durch das zur Hlfte offene Fenster das Weite suchte. Der Mond stand auf dieser Seite des Hauses, und warf einen kalten, blulichen Streifen durch den offenen Spalt. Von der ersten Ueberraschung erholt, sah ich einen so einfachen Raum, wie die meisten brigen Zimmer des Hauses waren. In der vom Fenster abgewendeten Ecke ein Bett mit brennrother Wolldecke, zerknittert und zerrauft, wie wenn Jemand drinngelegen; und die Decke, ebenso wie der ganze Boden, ber und ber mit Taubenschissen bedeckt. Rckwrtig an der Thr hingen an ein paar Ngel die blau-sackleinenen, abgeschabten Kleider, nebst roth-wollenem Unterrock, wie sie die Bauernmdel in Franken tragen. An der Wand ein blindes, zerbrochenes Stck Spiegelglas.--Drauen, durch den einen geffneten Fensterflgel, sah ich, flirrte das eiskalte, bluliche Mondlicht ber den harten Boden. Hinter dem Hause, mir unsichtbar, hrte ich unterdrcktes, zorniges Gurren vom Taubenschlag her. Aber eines anderen Gesellen wurde ich hier ansichtig; und auch bald anhrig: der Schweinsstall lag auf ca. zwanzig Meter gerade vor mir. Und war es das angeifernde Mondlicht, oder das laute Gerusch, welches mein Sprengen der Thr verursacht hatte, die Bestie, die dort eingesperrt war, hatte den Kopf durch ein ber der Thr des Schweinsstalls angebrachtes Guckloch durchgesteckt, und winselte von dort mit einer wahnsinnigen Gier, sei es zum Mondlicht hinauf, sei es zu mir herber. Den Kopf selbst konnte ich nicht deutlich erkennen, weil durch eine das Guckloch berragende Verschalung des Stalls vom Vollmond ein schwarzer Schlagschatten auf das Guckloch selbst geworfen wurde. Aber ich sah die zundrig gelben Augen, hrte den harten, pfundig-schweren Schdel wiederholt wider die Verschalung stoen, und das geifernde Brllen, das in dieser nchtlichen Totenstille aus dichtester Nhe zu mir herberdrang, war untermischt mit jenen grunzenden, bellenden, hhnischen Lauten, die mich schon am Abend in der Stube so erschreckt hatten. Durchkltet und angeekelt verlie ich das Zimmer wieder und schlo die Thre so gut es ging. Ich ging zurck in mein Bett, und schlief schlecht und beunruhigt den Rest der Nacht.-- Als ich aufstand, sah die Sonne bereits in mein Zimmer, und ein heier, widerlicher Kchengeruch drang von unten herauf; ich zog mich rasch an, md und gergert von den Erlebnissen des letzten Abends und der vergangenen Nacht. Nach allem mute ich mir sagen: so interessant dieses Gasthaus hinsichtlich seiner Insassen, so ungengend ist es in seiner Einrichtung und Verpflegung. Und wenn ich auch keine besonderen Ansprche machte, als einer, der auf Schusters Rappen reist, so sah ich doch auf ein gutes Bett und eine krftige Suppe. Mit diesen Gedanken trat ich aus dem Zimmer, um meine Stiefel zu holen. Dieselben waren gar nicht geputzt. Jetzt wurde ich rgerlich. "Christian!"--rief ich laut und commandirend ber den Gang--"Christian!"--und als der Gerufene die Stiege herauf kam: "Diese Stiefel sind nicht einmal gereinigt! Was fr eine Wirthschaft!"--Der junge Mann kam in seinem weien Habit herauf, und indem er mir die Stiefel aus den Hnden nehmen wollte, rief er voll schmerzlichen Pathos und mit von Schluchzen unterbrochener Stimme: "Ihre Sorgen, Herr, drehen sich um ein paar Stiefel und ihren Glanz, aber mir, Herr, stecken die stachlichen Sporen eines ungesttigten Wahns im Fleische; der Schmutz der gesammten Menschheit whlt in meinem Herzen, und das Mitleid mit der ganzen Welt will mich nicht mehr verlassen!... Nehmt mich mit Euch, Herr, ich verderbe in diesem Hause; niedriger Schmutz und Eigennutz will mich ersticken; nehmt mich mit Euch, Herr, in die groe Welt, damit ich fr sie sterbe!"--Damit fiel der junge Mensch, der in diesem Augenblick von engelgleicher Schnheit war, auf den Boden und umfate meine Kniee. Ich sah jetzt, da der arme, junge Mann krank war; entri ihm schnell meine Stiefel, und ging in mein Zimmer zurck. Eine Viertelstunde spter sa ich unten in der Stube bei einem bitteren Eichelkaffe und einem steinharten Stck Brot. Die Jdin lie sich nicht mehr sehen; ich hrte sie aber in der Kche herumhantiren. Der Alte sa zitternd und lallend, und vollstndig unfhig des Gebrauchs seiner Glieder im Lehnstuhl; die Augen gequollen und thrnenselig. Er suchte mich zum Reden zu bewegen. Ich aber vermied jedes Gesprch. Es drngte mich, fortzukommen aus diesem unglckseligen Hause. Als mein Ranzen gepackt war, zahlte ich Herberge und Verkstigung. Ich mu gestehen, der Betrag war gering. Der Alte gab mir mit Mhe und Noth die paar Batzen heraus, von denen ich erst spter zu meiner nicht geringen Verwunderung sah, da es auslndisches Geld und mit den Bildnissen des Knigs Herodes und des rmischen Kaisers Augustus geschmckt war. Der Alte lallte mir wohl ein paar Worte nach, als ich ihm zum Abschied die Hand schttelte; die Jdin in der Kche schmi die Kchenthre zu, als ich auf den Gang trat; und oben hrte ich den jungen Menschen noch bitterlich schluchzen, als ich die Hausthr ffnete.-- Drauen kam mir alles prosaischer und interesseloser vor, als den vorherigen Abend. Es war ein frischer kalter Tag, der Einem alle Phantastereien aus dem Kopfe trieb. Ich rgerte mich jetzt unwillkrlich ber alles, was ich erlebt hatte, und worber ich nachgedacht hatte. Ich eilte vorwrts, ohne mich umzusehen. Und bald hatte ich die Landstrae erreicht. Ein eiskalter Wind pfiff vom Osten her. Keine zwanzig Schritt von mir, aber entgegengesetzt der von mir einzuschlagenden Richtung, sa ein Steinklopfer bei seiner Arbeit und hmmerte tchtig darauf los. Ich konnte nicht umhin, auf ihn zuzugehen. "He! Alter,"--rief ich ihn an,--"kennt Ihr das Wirthshaus da hinten im Wald?"--"Jo, jo!"--antwortete er im besten Frnkisch,-- "sell is a _Abdeckerei_!"--"Abdeckerei?"--frug ich verwundert,--"was ist das: eine Abdeckerei?"--"No, wo mer halt die alte Gul und die ruthige Hnd darschlgt,"--bemerkte er, und lachte spttisch ber meine Unwissenheit, wobei er fortfuhr--"des is nix G'scheid's!... die Leut' he's halt die >GifthttenWas man ich zum _Rhodium_? 'Was wa ich vom _Rhodium_?'--"Es is a silberichs Metallich; is rar und gibteres doch genug; is zach; is so schwar wie Silber; wird nix oxydirt von der Luft...."--'Herr Frank! wisse sie was von Rhodium? Werd Rhodium gehandelt?'--"_Rhodium_ knnen Sie in Ruland kaufen, so viel sie wollen!"-Hawe Sie a Notirung--"_Rhodium_ stand vorige Woche 390 das Pfund"--"Gott, die werde doch in _St. Petersburg_ noch nix von dem _Gold_--G'schlamal da wisse?!"--"I wo!"--'Also meine Herre, wer sich betheilige will: Zwa e halbe Million Goldbarre verkaaf ich in Petersburg tout prix; und _Rhodium_ werd uffgekauft, was zu hawe ist.'--(Ein Depeschenbote kommt. Alles strzt zu Herrn _Nathansohn_, an den das Telegramm gerichtet ist; fahren mit einem Gekreisch auseinander): "Kochem-Meschore! In Frankfort wisse se nix von de ganze Misemaschine! es _Silber_ steht um de alte Preis!"--'He, Depe sche-Jingelche, eile Se sich, da hawe Se a Zehn-Markstck, schicke Se mer die Depesch ab, aber a _dringend_, a mglich!--"Kaafe Se Herr Goldstein, was Se kaafe knnen. Berufe Se sich aach uf meen Schwacher, _Feitel Stern_, in de Eschenheimer Ga!"--'Hawe Se kei Angst, Herr Cohn, es wird Alles recht; es kriecht Jeder sei Sach!'--"Meine Herre, mer habe da noch 5, 6 _Platin-Metalle_, es _Iridium_, es _Ruthenium_, es _Palladium_; di Sache gehe eruf, wie es helle Feuer. Und wie stehts mit em _Molybdn_, mit em _Wolfram_?"--'Es _Ruthenium_ is zu grau, da wird sich nix mache lasse! Und es _Wolfram_, da gibteres zu viel. Des is so gemein wie _Kobolt_ oder _Nickel_.--"Ei, da werd halt mit _Silber_ legirt. Die Dinger sein alle kostbar!--Gott, wer hat das voraussehn knnen! Was e Tag! Was e Tag!"--"Gott, Herr _Natansohn_, schaue Se nur Ihr Bbche an, wie des in dem Zeug rumwhlt!"--"_Moritz_, pfui, Gassebub, willste den Dreck lieche lasse!"--"Vatter, des ist doch _Gold_! Schau doch, wie de Leut grapse!"--"Pfui, naseweiser Bursch, schmei den Dreck hin, es gibt kei _Gold_ mehr; Gold is Dreck; siehste net, da der ganz Himmel voll is?!"-- In der That, der Himmel hatte sich jetzt wieder citronengelb herabgesenkt. Viele flchteten schon in die Huser. Ich kehrte auf den groen Platz zurck. Die Leute schauten sich mit groen glsernen Augen an. Keines wute, was geschehen solle. Von _Dingolsheim_ kehrten gruppenweise die Menschen zurck, die Taschen und Kappen bis zum Platzen gefllt. Und vom Himmel herunter schienen neue Massen zu drohen. Vor den Wirthshusern lagen die Leute besoffen; andere grhlten und schrieen: jetzt gehe eine neue Zeit an; das goldene Zeitalter sei zurckgekommen. Auf der anderen Seite sah ich Weiber und Arbeiter heftig gesticulirend aus einzelnen Lden herausstrzen; ich erkundigte mich, was Neues los sei: die Laden-Inhaber, hie es, nehmen weder 10- noch 20-Markstcke mehr an; sie verkauften nur gegen Silber. Eine frchterliche Angst bemchtigte sich jetzt Aller. Das Militr hatte den Platz wieder freigegeben, und ordnete sich eben zum Einrcken. Vorne, sah ich, die Cavalcade des Knigs zum Thor hineinreiten. Oben an einem Laternenpfosten war eine Knigliche Bekanntmachung angeschlagen, des Inhalts, der Knig werde mit den Ministern angesichts des unerhrten elementaren Ereignisses und des reichen, gttlichen Segens, der vom Himmel geflossen, sofort berathen, was zum Wohl seines geliebten Volkes zu thun sei; der Preis fr das Gold solle bekannt gegeben werden; und das Betreffende werde heute Abend noch im Rathhaus zu erfahren sein.--Nun ordnete sich Alles wie zum in die Stadt-Ziehen. Das Militr zog dem Knig nach. Das Volk zog dem Militr nach. Der Himmel senkte sich gelbglhend immer tiefer hernieder. Bald war der groe Springbrunn-Platz still und verwaist.-- Nur eine letzte Gruppe kam ganz hinten nach. Es waren die Graukpfe. Und kurzbeinig, stolpernd, mit den schlappenden, langen Rockflgeln humpelten sie daher, und im Chor grhlten sie mit heiserer Stimme, sich gegenseitig vergewissernd und sich gegenseitig befestigend: "_Iridium_ zwahundert und einunddreiig;--_Antimon_ hundert und sechzig;--_Rhodium_ zwahundert und zwaundzwanzig;--_Palladium_ achthundert gradaus;--_Molybdn_ siwehundert und in die sechzig;--_Wolfram_ neinhundert und siweneverzig;--_Silber_ tausend und in die Sibzig; und _Platin_ zwatausend, zwahundert und achtzig!" Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin "_Und sahen, da sie nackt waren._" 1. Mose 3.7. In Innsbruck, wo ich im Jahr 1859 als blutjunger Student der Theologie obzuliegen hatte, galt als eine der gefeiertsten Autoritten der dortigen Universitt Professor _Spfli_, Benedictiner-Pater, Haus-Prlat Pius IX.' und Ordinarius fr Pastoral-Medizin. Seine Abhandlung "De conceptionis sexualis humanae causa transcendentali", sowie seine scharfsinnige Untersuchung "Ueber den sittlichen Boden bei den Frschen" waren damals in Aller Hnden. Und die wichtige Frage, die wohl alle Gemther beschftigte, ber den Einflu der Tod-Snden auf die Blutmischung--da die ganze Lehre von der Erbsnde von ihr beeinflut zu werden schien--ruhte sozusagen in _Spfli's_ Hnden. _Spfli_ locutus est! hie es damals; und die Sache war damit entschieden.-- Ein lterer Student, dem ich mich angeschlossen hatte, veranlate mich, einmal dem Colleg _Spflis_ ber Pastoral-Medizin beizuwohnen; "bei _Spfli_ zu schinden," sagte man in der Studentensprache; und dies in doppelter Weise; denn nicht nur durfte man eine Vorlesung, welche man nicht belegt hatte, nicht besuchen, sondern Studenten jngerer Semester war es berhaupt verboten, Collegs von so vorgeschrittener Weisheit beizuwohnen.--Mit dampfendem Gehirn und aufgestrubten Haaren kam ich heraus; und eine Woche lang hatte ich das Gefhl, eine Kugel spanischen Pfeffers verschluckt zu haben, die sich langsam auflse, und Blut und Gedanken, alle Nahrungssfte mit ihrem penetranten Roth durchsetze, bis das fabelhafte Gift glcklich wieder ausgeschieden war.--Ich hoffe, der Leser ist in dieser Beziehung rstiger und von grerer Widerstandskraft.-- Wir kamen etwas zu spt. Das Colleg hatte bereits begonnen. Ueber einige fnfzig kurzgeschnittene Kpfe mit der thalergroen Tonsur in der Mitte, alle niedergebeugt und die raschelnde Feder an der rechten Schlfe, hinweg, sahen wir den langen hageren _Spfli_ hoch auf dem Catheder thronen, mit etwas belegter Stimme, und leichten nach rechts und links austheilenden Handbewegungen, vortragen. _Spfli_ sprach ein eigenthmlich gemildertes Schweizer Deutsch. Wir waren damals verpflichtet, jedes vorgetragene Wort des Lehrers zu stenografiren und spter reinzuschreiben. Als Zusptgekommene drckten wir uns schnell in eine Ecke. Der Vortrag hatte bereits begonnen. Ich that, was alle Andern thaten: zog Bleistift und Papier heraus, und begann zu schreiben. Das Stenogramm bringt Alles, Dialect-Laute wie Gedankengang mit gleicher Treue. Und so bring' ich denn auch, was ich auf dem Papier hatte, hier wieder, sine ira et studio, Constructionsfehler und lapsus loquendi, Ungeheuerlichkeiten und Bestialitten durcheinander gemischt. _Spfli_ loquitur: ".... a seller Zuschtand isch immer schlimmer worda; die Zahl der Chrankheite isch schrckli gro worda; der Dfel, net dermit z'fride, de mnschliche Krper ganz uere materielle Subschtanz darg'schtellt z'sehe, wellt en no weiter ruinire. Alle Chrankhite, die de mnschliche Krper befalle, sind d'Folge vo der Erbsnde, die si immer vermehrt, und immer vermehrt; eso da gar kei Hoffnung uf Be'rung verhande z'sei scheint. Instatt gotthnlicher werda mer immer dfelshnlicher. Und die letzt' Ursach', zwege der die Erbsnd' in immer grerer Menge uf uns chommen isch, isch seller Zuschtand, ime dem wir eh'mals usem Paradies vertrieb'n worda: die _Nacktheit_. Durch die Nacktheit wird in den Mnschen die Cubiditas und die Concubiszenschia wachgerufen; selle fhren zur Snde; die Snde wird uf die Nachkomme in unwiderschtehlicher Gewalt bertrage, und huft si immer mehr; und isch bis ufem heutige Tag zure schrckeli Gewalt worda. Zwar hat ma Chlider ber die Scham conschtruirt, um die Nacktheit zu verberge. Aber leider sind die Chlider verschieblich. Und selle Verschieblichkeit hat in de letschte Jahrhunderte grseli zug'nomma. Ma verschiebt si alle Augenblick ohne Zweck. Und leider chnna si ganz abg'nomma werda. Dadurch chnna d'Mnsche zu jeder Zeit ihre Nacktheit inne werda und si betrachte. Die einzige Mglichkeit us diesem sndhaften Zuschtand heruszuchumma, war--as e Z'rckversetze i de paradiesische Zuschtand der Sndlosigkeit zur Zit nt denkbar,--die _Verwachsung der Chlider mit der Krper-Oberflche_. Sell sich de Zweck der Paschtoral-Medizin. Uf wellem Weg isch aber dies zu erreiche? Do messe me z'rckgehe bis zur erschten Entschtehung der Nacktheit beim Mnschen; sell isch bis zur Geburt. As die Ars obschtetrizia aposchtolica, die paschtorale Geburtshlfe, us lehrt, isch die Erzeugung des Mnschen zur Zeit eine sit fascht sechstausend Jahre fortgesetzte Beschtialitt; igeleitet gegen den ursprngliche Wille des Hchschten; entgegengesetzt em ganze urschprngliche Schpfungsplan. As uns Scotus Erigena schon im neunten Jahrhundert gezeigt het, war der Zuschtand des erschten Mnschen im Paradies e rein gttlicher, spiritualischer, seraphischer, immaterieller, frei von Concubiszenschia und sexualer Cognitio. Die Vervielfltigung und Weiterzeugung wr' vor sich ganga iner rein idealer Weise, durch Selbscht-Anschauung, wie ebba die der Engel, und in Myriade von fleckenlose Individuen. Erscht durch de Sndefall ging selle siderische Geschtalt verlore. De erscht Mnsch bekam e sinnliche, materielle, fleischliche Krper, de geschlechtliche Zwitheilung erfolgte; und de Chliderfabrik begann. As die Sach' heut' schteht, msseme uns gedulde, und miteme Dreck abfinde. Aber die aposchtolische Geburtshlfe mu doch conschtatire, da mit jedem Kinde, das us Mutterlip usschlpft, e Dfelsfratz uns entgegegrinzt, in wellem der gttliche Funke fascht erloschen isch, e haarlose Beschtie, e Gottrescht, dem zur ewigen Schande der wizengelbe Charakter der Nacktheit zugetheilt worde. Und sit der Zit senmer durch fortwhrendes tieferes Verschtricktwerda in die Netze des Dfels zuneme ohnmchtige, flaischliche, concubischzente G'schlecht usgeartet.--Was isch nu z'thun? Was isch d'htige Ufgabe der Paschtoral-Medizin, die Ufgabe der paschtorale Geburtshlfe? D'Nacktheit chnna mer nt ndere. D'Nacktheit isch aber z'schame mit der G'schlechtsverthilung uf zwe Individue die Quelle aller Schande, aller libido, aller volubtasch, und ebbe dadurch die Quelle der immer schrcklicher uf uns chumene Erbsnde. Die Chlider verhlla die Nacktheit. Aber die Chlider sind verschieblich, thilbar, ablegbar, mousselinehaft, schlpfrig und tuschungsrich. Mit Leim chnna merse nt de Mnsche ufen Lib feschtkleba._ Wenn'sch aber g'linget, d'Mn sche in Chlider gebore werda z'lasse_, war allem Uebel a'g'holfe! In Chlider, diene Anschauung der Nacktheit unmglich mache! Dann war e Vermehrung der Erbsnde nimmer mglich. Welches Wunder! Ma sll's nt fr mglich halte. Und doch isch sell Wunder amol vor sich gange: In _Verona_ isch im siebezehnte Jahrhundert e frommes Ehepaar g'si, die hnd kei Chinder gha. Er stammte usere vornehme Familie. Sie isch e armes frommes Mdla gsi. Durch's Loos isch si si Frau worda. Zerscht welletse e christlichs, gottseligs, chinderloses Leba fhre. Aberne Stimme hat ihn an sine Pflicht erinnert. E Conzeptschio is sine ulla libidine necne cubiditate z'schtand chumme. As die Schtund der Wehen isch nher chumme, sen sechs Priester Dach und Nacht an's Bett der Wchneri hi gechniet, und hnd ihr heies Flehen ebba im Sinn von sellem ideale Ziel vereinigt, von dem ich oba g'sprochn hab, und das unschre Disciplin, die ars obschtetrizia aposchtolica verfolgt. Es verganga bange, schwer Schtunde. D'Hebam isch g'weiht gsi, und hat d' Communion z'vor empfange gha. ndli gegen Oba, as sich's Leibesthor ffnet, was meinad er, isch chumma?! E Menschle, e Beble isch usi chomma, inema Frack, in braune, runzliche Hsli, e Schilee het's ang'het mit schne, gliche, glanzige Knpfli, Cylinder Manschette, und sehr zarte Stiefeli, die erscht an der Luft hart worda sind; g'lacht hat's mit rothi Bckli, mit freundlich blinzelnde ugli, hat sie gruseli g'freut, und isch mit sime feine Schpazierstckli usi stapft ufem wie Leintuch.... In diesem Augenblick machte es: "Tim, Tim, Tim, Tim, Tim...." zehn Mal. Es war zehn Uhr. Professor _Spfli_ schlug einen groen Folianten zu, und sagte: "s nchschte Mol Mehres ber selle Materie!"-- License: Share Alike