Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa. Von Arnold v. d. Passer. Erfurt und Leipzig. Bacmeister's Verlag. 1893. Alle Rechte vorbehalten. Der Verfasser. Buchdruckerei Albert Limbach, Braunschweig. Vorwort. Das Buch des genialen Amerikaners Bellamy, welches den socialistischen Zukunftsstaat im gnstigsten Lichte schildert, hat zahlreiche Schriften zu Tage gefrdert, die den entgegengesetzten Zweck verfolgen, nmlich den Socialstaat mit den dstersten Farben auszumalen und auf diese Weise Stimmung gegen die Socialdemokratie zu machen. Bellamy sowohl als seine Gegner gehen indessen von dem nmlichen Punkte aus. Sie nehmen smmtlich an, da ber kurz oder lang ein Moment eintreten werde, in welchem die capitalistische Gesellschaft ausgewirthschaftet haben und von der socialistischen abgelst werden wird. Der Unterschied ist nur der, da bei Bellamy das Experiment gnstig, bei seinen Widersachern aber hchst unglcklich ausfllt. Die eifrigsten Gegner der Socialdemokratie scheinen demnach selbst der Ansicht zu leben, da die capitalistische Gesellschaft eines Tages am Abschlu ihrer Laufbahn angelangt sein werde, allerdings nur vorbergehend, um alsdann neu verjngt aus der Asche des Socialstaates emporzusteigen -- und ihr Spiel von Neuem zu beginnen; diesmal natrlich nicht mehr genirt von den praktisch _ad absurdum_ gefhrten Bestrebungen der Socialdemokratie. Die Letztere wird, so hoffen sie, sich selbst vernichten und der ungestrten capitalistischen Entwicklung werde nichts mehr im Wege stehen. Was hindert uns aber anzunehmen, da dieser von den Gegnern der Socialdemokratie gewi als sehr wnschenswerth angesehene Zustand einer gnzlich ungehinderten capitalistischen Wirthschaft schon frher eintrete, nicht herbeigefhrt durch die Socialdemokratie selbst, sondern durch die mit Erfolg gekrnten Bestrebungen aller Jener, welche sie jetzt mit ihrer glhenden Feindschaft beehren und sie lieber heute als morgen gnzlich vernichten wrden? Nehmen wir einmal an, der Einflu und die Beredsamkeit des Herrn Eugen Richter sei wirklich so gro, da vor dem Runzeln seiner Brauen die Socialdemokratie in Staub zerfallen werde. Dann wird es selbstverstndlich in jenem Momente, den Bellamy und selbst seine Gegner prophezeien, keine Socialisten geben und was alsdann eintritt -- das soll eben mein Buch schildern! Vielleicht trgt es dazu bei, auch Anderen die Ueberzeugung beizubringen, die sich mir schon lngst aufgedrngt hat, da nmlich diejenigen, welche, wie Herr Eugen Richter, die Socialdemokratie bis aufs Messer bekmpft wissen mchten, weitaus staatsgefhrlicher, als die ungestmsten Socialisten und zum mindesten ebenso culturfeindlich sind, als die schwrzesten Clerikalen. Wenn die socialistische Bewegung, diese groartigste aller Culturstrmungen, seit es eine Menschheit giebt, nicht schon bestnde, sie mte geradezu von Staats wegen geschaffen werden, um die Civilisation vor jenem Abgrunde zu retten, auf den wir, wenn es nach Herrn Richter geht, ohne Bedenken zulaufen. Die capitalistische Productionsweise ist frher oder spter dem Untergange geweiht; Sache der Gesellschaft ist es, Sorge zu tragen, da diese Umwlzung sie nicht unvorbereitet treffe, da das Volk erzogen werde fr diesen Moment, und Niemand kann dieses Erziehungswerk vollziehen, als die Socialdemokratie. Wer sie daran hindert, ist entweder ein Wahnsinniger oder ein Verbrecher! Was nun mein Buch anbelangt, so erlaube ich mir, noch einige Bemerkungen ber dessen Inhalt vorauszuschicken. Ich erblicke in dem Freilandstaate, wie er vorlufig von Herrn Hertzka projectirt ist, noch lange kein Ideal; nehme aber die Mglichkeit an, da er sich nach und nach auf rein socialistischen Grundlagen zu einem solchen ausgestalten knne. Auf jeden Fall drfte er besser und vernunftgemer eingerichtet werden, als andere uns nher liegende Staatengebilde. Da meine Freilandleute hie und da Gebrauch von ihren Waffen machen, wird man ihnen wohl, angesichts des Umstandes, da es nur im Zustande der Nothwehr geschieht, verzeihen. Wenn mein Bchlein auch nur einen einzigen Gegner der Socialdemokratie _zum Nachdenken_ -- mehr beanspruche ich nicht -- veranlassen sollte, so hat es seinen Zweck erfllt. Obermais bei Meran, Neujahr 1893. Arnold v. d. Passer. 1. Capitel. Ein Fest am Victoria-Nyanza, Anno 2398 n. Chr. -- Die Bewsserung der Sahara. -- Der Freilandstaat in Gefahr. -- Verlassene Colonien. -- Eine Volksabstimmung. -- Das verdete Weltmeer. -- Ein Riesencanal. -- Die Flotte des Freilandstaates. Die groe Volkshalle in Thomasville am Victoria-Nyanza-See, der Metropole des Freilandstaates, war am Abend des 17. Mrz 2398 bis auf das letzte Pltzchen gefllt. Von den Eisensparren des riesigen domartig gewlbten Raumes hingen in anmuthigen Bogen Guirlanden herab, durchwirkt von den Kelchen tausender und abertausender buntschillernder tropischer Blumen; in zauberischem Glanze wogte von der Kuppel hernieder ein Strom blulich-weien elektrischen Lichtes auf die unzhlbare, festlich gekleidete Menge, welche den Klngen eines fnfhundertkpfigen Sngerchores lauschte. Wie Gesang himmlischer Heerschaaren fielen in die imposante Tonflle pltzlich hundert liebliche Kinderstimmen ein, dann schlo sich brausend und rauschend der Klang einer unsichtbaren Orgel an, und in mchtigen Accorden endete das Musikstck, gefolgt vom Beifallssturm der tief ergriffenen Menge. Nach einer Pause, whrend welcher die allgemeine Erregung wieder erwartungsvoller Stille Platz gemacht hatte, betrat der erste Prsident der wissenschaftlichen Academie zu Thomasville, der in weitesten Kreisen berhmte und gefeierte Professor Bellmann, die in der Mitte des Orchesterraumes errichtete Rednerbhne und seine kraftvolle Stimme drang in wohlgesetzter Rede bis in die fernsten Winkel des colossalen Raumes. Er besprach zunchst die Ursache des heutigen, an allen bewohnten Sttten des Continentes gleichzeitig gefeierten Festes. Heute vor 500 Jahren, am 17. Mrz 1898 hatten jene weitblickenden und hochherzigen Mnner, welche von Europa herbergefahren waren, um im Herzen Afrika's den Freilandstaat zu grnden, den Boden des dunklen Welttheiles betreten. Ihnen ist es zu verdanken, da Afrika jenen Namen schon seit Jahrhunderten nicht mehr verdient, da es vielmehr allen Anspruch erheben kann, der glckliche Welttheil genannt zu werden. Und nun schilderte der Redner in kurzen Umrissen die Geschichte der letzten fnfhundert Jahre, wie das kleine, am Keniagebirge unter Schwierigkeiten und Hindernissen aller Art gegrndete Gemeinwesen, Dank den richtigen und humanen Grundstzen, von denen es geleitet wurde, immer mehr und mehr sich entwickelte und aufblhte, wie seine Grenzen sich ausdehnten, und wie es endlich so weit kam, den ganzen groen Continent von der Kste des Mittelmeeres bis hinab zum Cap der guten Hoffnung und Millionen friedlicher, gesitteter Menschen zu umschlieen. Schon seit Jahrhunderten waren die groen Wildnisse des Innern erschlossen und die Negerbevlkerung hatte sich so culturfhig gezeigt, da aus ihrer Mitte seither eine groe Zahl vortrefflicher Knstler und Gelehrter hervorgegangen waren. Die grausamen Sklavenjagden vergangener Zeiten lebten nur noch wie halbverschollene Sagen in der Ueberlieferung der jetzigen Generation. An den groen Seen, wo frher blutige Schlachten zwischen den sich befehdenden Stmmen geliefert worden waren, breitete sich eine Kette anmuthiger Ortschaften aus und als Perle unter ihnen die prchtige, glanzvolle Hauptstadt Thomasville, dem groen Utopisten des Reformationszeitalters, Thomas Moore, zu Ehren so genannt. Die Sahara hatte die Bewohner von Freiland ebenso wenig in ihrem Culturwerk aufzuhalten vermocht, als die riesigen Urwlder am Aruwimi, welche Stanley einst mit seinen halbverhungerten Schaaren durchzog. Erstere war schon seit zweihundert Jahren in ihrer ganzen Ausdehnung bewssert und jetzt ein unabsehbares Fruchtgefilde, mit reizenden Palmenhainen geschmckt, die sich in den khlen Fluthen der Canle spiegelten, von denen das Land allenthalben durchzogen wurde. Viele hunderte blhender Stdte und Drfer lagen jetzt dort, wo einst der Samum mit den Gebeinen verschmachteter Karawanen sein Spiel getrieben hatte. Der Urwald am Aruwimi aber war schon lngst in einen Riesenpark verwandelt, von Straen und Eisenbahnen durchzogen und nicht mehr von Canibalen und Zwergen, sondern von schngebauten, hochcultivirten Menschen bewohnt. Fast ungestrt hatte sich dieses groartige Culturwerk im Laufe der Jahrhunderte vollzogen; erst langsam, dann schnell und immer schneller. Nur ein einziges Mal, gegen Ende des 20. Jahrhunderts, schwebte der Freilandstaat in Gefahr, vernichtet zu werden, nicht durch die Schaaren der Eingeborenen oder der ruberischen Araber, sondern durch groe bewaffnete Expeditionen, welche von Europa aus abgesendet worden waren, um dem jungen Gemeinwesen die Oberhoheit und die Gesetze der alternden Staaten jenseits des Mittelmeeres aufzuzwingen. Damals kam es zwischen der Kste und den groen Seen zum Entscheidungskampfe, in dem die Begeisterung der Freiland-Schaaren einen glnzenden Sieg davontrug. Das war der erste und letzte Versuch gewesen, die Schrecken des Krieges in das friedliche Staatswesen im Innern Afrika's zu tragen; immer weiter und weiter schob es seine Ansiedlungen gegen die Ksten vor und gegen Mitte des 23. Jahrhunderts fanden die Freilandbrger, da diese Ksten in ihrer ganzen Ausdehnung fast menschenleer waren. Die einst mit so groen Opfern gegrndeten und unterhaltenen europischen Colonien waren aus unerfindlichen Ursachen verlassen und dem Ruine preisgegeben worden; nur an jenen Punkten, wo die europische Cultur einst den festesten Fu gefat hatte, wie in Unteregypten, in Algier und am Cap der guten Hoffnung, lebte noch in den Ruinen verfallener Stdte ein kmmerliches entartetes Geschlecht, das noch einige Reste alter Cultur sich bewahrt, und dessen europische Abkunft sich nicht gnzlich verwischt hatte. Als man diese berraschende Entdeckung gemacht hatte und inne geworden war, da, soweit das afrikanische Festland reichte, der Entwicklung des Freilandstaates nichts mehr im Wege liege, wurde allgemein das Verlangen laut, den Ursachen dieses Umstandes auf die Spur zu gehen. Von den Ksten abgeschlossen, hatte das junge Staatswesen bisher sein ganzes Augenmerk lediglich auf seine innere Entwicklung und Festigung gerichtet und keinerlei Versuch gemacht, mit auerafrikanischen Vlkern in Verkehr zu treten. Hatten die ersten Ansiedler-Generationen noch einige Beziehungen zur alten Heimath unterhalten, so war auch dieses lose Band im Laufe der Zeit gnzlich gelst worden. Seit mehr als 200 Jahren war nur hie und da eine dunkle Kunde von Europa und seinen Zustnden ins Innere des afrikanischen Continentes gedrungen, und so war es leicht begreiflich, da jetzt das Verlangen sich regte, das Versumte nachzuholen und neue Beziehungen zu dem alten Mutterlande herzustellen. Eine Flotte sollte gebaut und ausgerstet werden mit der Bestimmung, die Haupthandelspltze der anderen Welttheile, namentlich Europa's, aufzusuchen und ber die Zustnde dortselbst genau Bericht zu erstatten. Diesem Verlangen widersetzte sich jedoch die Oberleitung des Staates sehr energisch und zwar aus schwerwiegenden Grnden. Noch waren die Krfte des jungen Staatswesens bei Weitem nicht derart entwickelt, da dasselbe gegen jede Einwirkung von auen her als gefeit angesehen werden konnte. Noch war die Hauptmacht des Staates im Innern des Welttheiles concentrirt; an den Ksten existirten nur vorgeschobene Posten, welche fr den Fall, da von Europa aus wiederum feindselige Absichten zur Durchfhrung gelangt wren, der Vernichtung fast mit Sicherheit ausgesetzt waren, noch lagen weite uncultivirte, oder nur drftig bevlkerte Lnderstrecken zwischen dem Innern und der Kste und groe, die Thatkraft und den Flei der Bevlkerung auf Generationen hinaus in Anspruch nehmende Culturaufgaben waren zu bewltigen. Ihre Hauptaufgabe erblickte die oberste Staatsleitung indessen darin, einen etwaigen Rckfall des Freilandstaates in die veralteten Geleise der capitalistischen Productionsweise unter allen Umstnden unmglich zu machen und sie frchtete vielleicht nicht mit Unrecht, da die Erffnung von Handelsbeziehungen zu den alten Staaten im Stande sei, in dieser Hinsicht unberechenbare Gefahren herauf zu beschwren, denen auf alle Flle vorlufig aus dem Wege gegangen werden msse, und zwar umsomehr, als Afrika bis zu diesem Augenblicke alles was seine Bewohner bedurften, selbst zu produciren befhigt war. Mit dieser vielleicht etwas engherzigen Ansicht befand sich die Freiland-Regierung -- zum ersten Male seit ihrem Bestande -- in Widerspruch mit einem groen Theile der Bevlkerung, aber die Grnde, welche sie leiteten, wurden dennoch von der Mehrheit als einleuchtend anerkannt und der Regierungsantrag, die Expedition nach Europa bis zum Jahre 2398, dem fnfhundertjhrigen Jubilum von Freiland, zu verschieben, fand bei der allgemeinen Volksabstimmung die Majoritt fr sich. Man war entschlossen, keine von Europa aus etwa angeknpften Beziehungen zurckzuweisen, aber ebenso entschlossen, von sich selbst aus derartige Beziehungen vor dem genannten Zeitpunkte nicht aufzusuchen. Wenn die Anhnger der Expeditionsidee aber nun gehofft hatten, da von Europa oder anderen Welttheilen aus frher oder spter ein Versuch gemacht werden mge, mit dem immer schner aufblhenden afrikanischen Staate in Verkehr zu treten, so hatten sie sich gnzlich getuscht. Seltsamerweise unterblieb ein solcher Annherungsversuch und von allen Ksten Afrika's kam jahraus, jahrein die Meldung, da das weite Weltmeer de und verlassen daliege, da auch am fernsten Horizonte nicht die Spur eines Segels zu entdecken sei. Inzwischen ging die Cultivirung Afrika's mit Riesenschritten vorwrts, und als die ersten 500 Jahre seit der Grndung des Freilandstaates sich ihrem Ende zuneigten, war der einst so unwirthliche Erdtheil von einem Ende bis zum anderen ein Garten, ein Paradies, geschmckt mit allen Errungenschaften menschlicher Arbeit und bewohnt von Millionen zufriedener gesitteter Menschen. Schon lange vor diesem Zeitpunkte war eine Riesenarbeit in Angriff genommen worden, welche den Zweck hatte, den Victoria-Nyanza direct mit dem Meere in Verbindung zu setzen: ein Schifffahrtskanal, fr die grten Seeschiffe passirbar, wurde vom Westgestade des Sees bis zum Congo angelegt, der Riesenstrom selbst in seiner ganzen Lnge vom Meere bis zum Einflu des Aruwimi, dessen Unterlauf selbst einen Theil des groen Canals bildete, regulirt und canalisirt und als die Freilandflotte, bestehend aus 50 stattlichen Schiffen neuester Construction, auf dem Victoria-Nyanza zum Auslaufen bereit lag, war der Canal, durch den sie ihren Weg zum Meere nehmen sollte, bis auf den letzten Nagel in der letzten Schleuse fertig. Am morgigen Tage, so schlo Professor Bellmann seine Rede, werde der Prsident des Freilandstaates unter groen Feierlichkeiten diesen letzten Nagel eigenhndig einschlagen und die Flotte sodann augenblicklich ihre Reise nach den europischen Ksten antreten. Ausgerstet mit dem Besten, was die vereinte Arbeit der Freilandbrger geschaffen, wird sie, begleitet von unseren Segenswnschen, hinausfahren bis zu dem Gestade des alten, fr uns schon fast verschollenen Mutterlandes und den Bewohnern desselben die Kunde berbringen, da hier in Afrika die Nachkommen jener vor fnf Jahrhunderten gelandeten Ansiedler ein mchtiges blhendes Gemeinwesen sich geschaffen haben, in dem Jeder die Frchte seines Fleies voll und ganz genieen kann, in dem man nur aus den Ueberlieferungen einer fnfhundertjhrigen Vergangenheit noch wei, da die Menschheit einst in Reiche und Arme geschieden war, und da es Zeiten gab, in denen der Mensch seinen Nebenmenschen verhungern lie, whrend er selbst in Ueberflu schwelgte. Diese Zeiten sind, fr unsere Gesellschaft wenigstens, auf immer vorbei und mit berechtigtem Stolze knnen wir hinweisen auf die Frchte unserer segensreichen, selbstgeschaffenen Institutionen. Und sollte man jenseits des Meeres noch immer nicht den Segen derartiger Einrichtungen kennen, so mge unsere Flotte dort den Keim legen zu einer neuen besseren Zukunft, auf da nicht blo dieser Erdtheil, sondern das ganze Erdenrund des Glckes theilhaftig werde, das wir schon lngst genieen. So schlo Professor Bellmann unter rauschendem Beifall seine Festrede. 2. Capitel. Europische Reliquien. -- An der Elbemndung. -- Im Hafen von Hamburg. -- Ruinenstadt und Todtenschiffe. -- Eine Begegnung mit Eingeborenen. Ohne an irgend einem Punkte der europischen Ksten zu landen, war die afrikanische Flotte durch den atlantischen Ocean und den Canal bis in die Nordsee gesegelt und schwamm in einer windstillen Frhlingsnacht, angesichts der deutschen Kste, ihrem ersten Ziele, der Elbemndung, zu, um im Hafen von Hamburg vor Anker zu gehen. Der Mondschein lag hell auf der weiten Wasserflche, ber der ein leichter nebliger Dunst wallte, kein Laut war weit und breit hrbar als das leise Gurgeln und Klatschen der Wellen am Kiel und das dumpfe, gleichfrmige Drhnen der mchtigen Schiffsmaschinen. In weiter Ferne, kaum unterscheidbar, streckte sich der schwarze dnne Streifen der norddeutschen Kste hin, aber vergebens sphte der Blick nach einem freundlichen Lichtscheine; dunkel und glanzlos lag das Land, soweit die Augen es erfaten. An der Brstung eines der majesttisch dahingleitenden Schiffe lehnten zwei junge Seeleute, mit gespannter Aufmerksamkeit zu jenem dunkeln Streifen in der Ferne hinberlugend. Kein Licht weit und breit! Weder ein Leuchtthurm noch eine Bake! Das scheint mir eine nette Wirthschaft zu sein! brummte der Eine, eine hochgewachsene schlanke Gestalt. Die Hamburger sind vermuthlich auf unseren Besuch nicht gefat, oder die Lootsen hier zu Lande kriechen mit den Hhnern in's Bett, erwiderte sein Kamerad, Deine Verwandten, Kurt, liegen gewi auch lngst in den Federn! -- Kannst Recht haben, Willy, wenn sie berhaupt existiren, sprach wieder der Erste, bin auch verdammt neugierig, was sie fr Augen machen werden, wenn der Vetter aus Afrika daherkommt! 'S ist mir nur nicht recht klar, meinte Willy, wie Du ihre Spur finden willst in dem Lande, wo wir keinen Menschen kennen! Das ist vielleicht nicht so schwer, als Du glaubst. In meiner Familie haben sich viele Reliquien aus Europa erhalten, aus jener Zeit, als die Grnder unseres Staates diesen Erdtheil noch nicht verlassen hatten. Ein Urahne meines Vaters hatte noch in Europa eine Art von Familienarchiv angelegt, in welchem er alle Erinnerungsstcke seiner Familie, sowie seines eigenen Lebens sammelte. Dieses Archiv, welches schon damals einen Schatz an werthvollen interessanten Handschriften, Portraits und Andenken aller Art umfate, brachte er mit nach Afrika und es ist seitdem in unserer Familie heilige Pflicht geworden, dasselbe zu erhalten und nach Mglichkeit zu vermehren. 'S war fr mich auch stets ein Hauptvergngen, in diesen Schtzen zu whlen. Wie ich nun aus einem Tagebuch eines meiner Vorfahren ersah, stammt unsere Familie aus Thringen. Nach unserer Landung werde ich mir gleich Urlaub erbitten, um mit dem ersten Blitzzuge dorthin zu reisen. Wenn Du Lust hast, Willy, so kannst Du mich begleiten. Einverstanden, alter Junge, rief Willy, und wenn Du in Thringen ein hbsches Bschen findest, so berlt Du sie mir, das bedinge ich mir aus. Er hatte kaum ausgesprochen, als ein heftiger Sto das Schiff in allen seinen Theilen erzittern lie. Die Freunde eilten der Commandobrcke zu, von wo aus die Stimme des Capitns in den Maschinenraum hinabgellte: Halt! Rckwrts! Langsam! -- Was ist los, Capitn? rief Willy hinauf. -- Wir sind aufgefahren, tnte es zurck, es mu eine Untiefe im Fahrwasser sein, verdammt, da man uns keinen Lootsen schickt! Inzwischen war das Zeichen zum Halten auch den anderen Schiffen gegeben und eiligst untersucht worden, ob das Schiff beim Anlaufen etwa Schaden gelitten. Alles fand sich im besten Stand, aber der Commandant der Flotte war doch der Ansicht, da es rathsamer sei, auf dem Platz bis zum Morgen zu verharren und vor der Weiterfahrt das unsichere Fahrwasser genau zu untersuchen. Alles verwunderte sich inde, da in unmittelbarer Nhe der Elbemndung, an einer sicherlich viel befahrenen Route, kein einziges Warnungssignal diese gefhrliche Stelle bezeichnete. Der Vorsicht halber und um einen etwaigen Zusammensto mit anderen Schiffen zu verhten, lie man das electrische Licht nach allen Seiten weithin ber die See spielen, aber die Sorge war unntz, das weite Meer war wie ausgestorben und nicht einmal eine Fischerbarke kreuzte, soweit die Blicke reichten. Also wurden die Anker ausgeworfen, die in geringer Tiefe Grund fanden und der Morgen abgewartet. Das Erste, als der Morgen kam, war, Boote auszusetzen und das Fahrwasser nach allen Richtungen hin abzulothen. Das Ergebni war kein besonders erfreuliches. Ueberall, wo man auch das Senkblei hinablie, fand man in der Tiefe von wenigen Metern Grund, nirgends aber gengendes Fahrwasser fr die Schiffskolosse der afrikanischen Flotte. Es war kein Zweifel mehr: die Elbemndung, einst die Einfahrtsstrae unzhliger Schiffe jeder Gre, war total versandet und nur noch mit Booten zu befahren. Kopfschttelnd hatte der Commandant diese Meldung vernommen und dann die Capitne der brigen Schiffe zu sich beschieden, um Rath zu halten. Das Ergebni der Berathung war endlich, da zwlf wohlbemannte Boote, mit Waffen und mit Proviant auf zehn Tage versehen, in See gelassen wurden, um die Rthsel, welche sich hier darboten, womglich zu lsen. Es braucht kaum erwhnt zu werden, da die beiden Freunde Willy und Kurt sich ebenfalls bei der Expedition befanden, ja dem Ersteren war sogar die Ehre zu Theil geworden, mit dem Befehle ber die kleine Flotille betraut zu werden. Mit sichtlichem Eifer und in erwartungsvoller Stille trafen die zur Einschiffung bestimmten Mnner ihre Vorbereitungen. Alle waren gespannt auf die Entdeckungen, welche sich ihnen darbieten sollten, gar mancher aber konnte sich eines unbestimmten bangen Gefhls nicht erwehren. Am 1. Mai 2398 setzte sich um 11 Uhr Vormittags die Expedition in Bewegung. In jedem der zwlf Boote befanden sich einundzwanzig Mann; es waren also, ohne die beiden Freunde, gerade zweihundertundfnfzig vortrefflich bewaffnete und geschulte, krftige Mnner bei der Expedition, eine Macht, mit der man gegebenen Falles auch ernsten Eventualitten schon mit einiger Zuversicht in's Auge sehen konnte. Signalapparate von uerst sinnreicher Construction, deren jedes Boot mit sich fhrte, ermglichten es auerdem, sich mit der vor der Barre ankernden Flotte im Falle der Noth auf sehr weite Distanzen zu verstndigen. Drei Boote bildeten die Vor- und drei die Nachhut der Flotille, whrend zwischen beiden Abtheilungen, einige hundert Meter von einer jeden entfernt, das Gros der Expedition, sechs Boote stark, einherfuhr. Die Boote wurden nicht durch Ruder, sondern durch kleine, aber sehr krftige Electromotoren in Bewegung gesetzt und waren einer groen Geschwindigkeit fhig. Da man sich jedoch hier in einem gnzlich unbekannten Fahrwasser befand -- die mitgebrachten Karten erwiesen sich als veraltet -- und noch nicht wute, auf welche Hindernisse man vielleicht stoen werde, so hatte Willy den Befehl ertheilt, mit miger Geschwindigkeit vorwrts zu fahren. Anfangs bot sich den Blicken nichts Bemerkenswerthes dar; niedere flache Ufer, mit Buschwerk bewachsen, dehnten sich zu beiden Seiten des mchtig dahinfluthenden Stromes aus; je weiter man aber kam, desto deutlicher drngte sich Allen die Gewiheit auf, da hier im Laufe der letzten Jahrhunderte furchtbare Vernderungen Platz gegriffen hatten. Jeder Mann der Freilandflotte hatte sich mit der Ueberzeugung der deutschen Kste genhert, da er ein reich bevlkertes, mit blhenden Stdten und Drfern bedecktes Land finden werde, gesegnet mit allen Errungenschaften einer zweitausendjhrigen Cultur und namentlich von Hamburg, der groen und reichen Handelsstadt, hatten sich alle diese, aus dem Innern Afrika's stammenden Mnner die glnzendsten Vorstellungen gemacht. Aber nichts von dem fand sich hier verwirklicht. Das ganze Land schien eine einzige trostlose Einde, eine menschenleere Wste zu sein. Auf den niederen Hgeln, die sich bei der Weiterfahrt zeigten, wucherte wildes Gestrpp, das hier und da einzelne rauchgeschwrzte Reste uralter Ruinen mit tausend Ranken umklammerte und berwucherte. Nirgends ein menschliches Wesen, oder auch nur die Spur eines solchen. Schaaren flchtiger Mven schienen das einzig Lebendige weit und breit zu sein. So hatte man diejenige Stelle des Flusses erreicht, an welcher sich, den Karten zufolge, der Hafen befinden sollte, der groe berhmte Hamburger Hafen, der Stapelplatz unermelicher Schtze aller Welttheile. Was sich den Blicken hier darbot, war ein Bild grauenhafter Verwstung und Verwilderung. Das weite Hafenbassin war mit einer grnen filzigen Masse bedeckt, durch welche sich die Boote nur mit Mhe vorwrts bewegten. Wo der Kiel diese Masse durchschnitt, stiegen faulige, pestilenzialische Dnste empor. Von dem Mastenwald, der einst hier zu finden gewesen, war nichts zu sehen, als die Wracks einiger groer Dampfer alterthmlicher Bauart, welche, dick mit Rost und Moder berzogen, an den verfallenen Quais lagen. Lngs dieser Quais muten vor Zeiten ganze Reihen prchtiger Palste gestanden sein; davon legten noch die imposanten Ruinen Zeugni ab, die sich in weitem Umkreise den Ufern entlang zogen. Das habe ich mir anders vorgestellt, flsterte Willy seinem Freunde zu, ob's wohl in Thringen bei Deinen Verwandten ebenso ausschaut? -- Die Boote der Expedition befanden sich jetzt alle in engem Kreise versammelt, und Willy ertheilte den Befehl zur Landung. Fnfzig Mann wurden an der Landungsstelle als Reserve und zur Bewachung der Boote zurckgelassen. Die brigen formirten vier Abtheilungen von je fnfzig Mann und drangen nach verschiedenen Richtungen in die Straen der Ruinenstadt vor. Ehe sie sich in Bewegung setzten, kam eine kleine Abtheilung, welche der Commandant zur Untersuchung der alten Schiffe entsendet hatte, zurck. Die Leute zeigten auffallend verstrte Mienen und ihr Fhrer meldete, da sich ihnen im Innern eines Wracks ein furchtbarer Anblick dargeboten habe. Haufen von Skeletten, manche davon noch die Klinge oder den Revolver in der Faust, lgen auf Verdeck und in den Cajten, und der Anblick dieser mit grnem Schimmel halb berzogenen, vermoderten Ueberreste sei so grauenhaft, da er einen Menschen um den Verstand bringen knne. Vor vielen Jahren msse dort ein Kampf auf Tod und Leben stattgefunden haben, in dem die Schiffsmannschaft vermuthlich bis auf den letzten Mann ihr Ende gefunden. Der Vormarsch der einzelnen Abtheilungen begann nun; bei derjenigen Truppe, welche der Commandant selbst fhrte, befand sich natrlich auch Kurt. Man whlte zunchst eine ziemlich breite, in sdwestlicher Richtung sich hinziehende Strae, deren halb oder ganz verfallene Gebude noch die Spuren einstiger Pracht deutlich zeigten. Der Boden dieser Strae war einst mit Asphalt oder einer hnlichen Masse gepflastert gewesen; diese Masse hatte durch Frost und Hitze unzhlige tiefe Risse erhalten, in denen der Same von Pflanzen aller Art Wurzel geschlagen hatte. So war der ganze Boden allenthalben mit Gestrpp, Disteln und Schlingpflanzen berwuchert und das Vorwrtskommen ziemlich beschwerlich. Vor Zeiten hatten vierfache Baumreihen, zwischen denen in gewissen Abstnden eiserne Laternensulen sich erhoben, der Strae zur Zierde gereicht. Von diesen Bumen hatten sich einzelne inmitten der allgemeinen Zerstrung frisch und lebendig erhalten, aber ihre Kronen hatten einen gewaltigen Umfang erreicht und ihre Wurzeln den Asphalt auf weite Strecken hin gespalten und in Schollen, wie Gletschereis, emporgehoben; die eisernen Candelaber jedoch waren von unten bis oben mit Waldrebe und wildem Hopfen dicht umsponnen. Obwohl berall eine unheimliche Stille herrschte und nirgends die Spur eines menschlichen Wesens zu erblicken war, so schien Vorsicht doch geboten, da man nicht wissen konnte, ob dieses Trmmermeer in Wahrheit unbewohnt sei und falls es Bewohner barg, so -- Kurt an der Seite seines Freundes dahinschreitend, hatte diesen Gedanken kaum ausgedacht, als eine vorausgeschickte Patrouille aus einer Seitengasse in Laufschritt quer auf sie zukam: Herr Commandant, da drin sind Menschen, wir haben sie deutlich gesehen, rief der Fhrer athemlos. Sofort lie Willy das Signal Halt! gebieten und drang dann selbst an der Spitze der Hlfte seiner Mannschaft in die bezeichnete Gasse vor. Nachdem ein Schutthaufen, der den Eingang der Gasse wie eine Barrikade versperrte, erklommen war, sahen sie weit hinein in einen schauerlichen Engpa zwischen verfallenen, hochaufragenden Husern. Das Licht der Nachmittagssonne berhrte nur die obersten Rnder der von Alter und Wetter geschwrzten Massen, die jeden Augenblick mit dem Einsturz zu drohen schienen. Dort hinten standen sie, begann der Patrouillenfhrer, ich habe sie deutlich gesehen, obwohl es nur ein Moment war. Wie sahen sie aus? forschte Willy, indem er vergeblich mit vorgehaltener Hand die Dmmerung, welche in der Tiefe dieses Schlundes herrschte, mit den Blicken zu durchdringen suchte. Mir schien es ein Mann und ein Weib zu sein, in Lumpen gehllt, mit wirren Haaren. Sie flohen wie der Blitz, als sie uns erblickten. Also vorwrts, commandirte Willy, wir mssen das Geheimni ergrnden! 3. Capitel. Ein Marsch durch Schutt und Sumpf. -- Bivouak in den Ruinen. -- Unheimliche Gestalten. -- Die Expedition wird belagert. -- Ein Nachtgefecht. -- Steinbombardement. -- Hlfe zur rechten Zeit. Unter unsglichen Schwierigkeiten drangen sie nun vor, ohne da sich etwas Bemerkenswerthes gezeigt htte. Die engen Gassen, durch welche man sich bewegte, waren mit Schutt aller Art bedeckt. Mhsam und unter steter Lebensgefahr muten diese Hgel, die noch dazu mannshohes Gestrpp bedeckte, berklettert werden. An anderen Stellen hinderten Canle voll fauligen Wassers, die, in ihrem Laufe behindert, alles weithin berfluthet hatten, den Vormarsch, dann blieb nichts brig, als mit unsglicher Mhe einen weiten Umweg zurckzulegen, um schlielich auf den Resten eines morschen Brckenbogens vorsichtig, Mann fr Mann, das andere Ufer zu gewinnen. Mit einbrechender Dunkelheit, zu Tode erschpft, erreichte man einen kleinen, leidlich gangbaren Platz, auf dem der Commandant mit seiner Mannschaft die Nacht zu verbringen beschlo. Wunderbarerweise hatte sich auf dem ganzen halsbrecherischen Marsche kein ernster Unfall ereignet; einige Matrosen waren wohl durch fallendes Mauerwerk leicht verletzt worden, aber diese Wunden waren ganz unbedenklicher Natur. Die Vorbereitungen zum Bivouak waren bald getroffen; aus vorgefundenen Holzresten nhrten die Seeleute einige Feuer, welche gegen die Nachtkhle hinreichend Schutz gewhrten. Dem mitgenommenen Proviant wurde tchtig zugesprochen, nur an trinkbarem Wasser war fhlbarer Mangel und der Durst konnte nur theilweise durch einige Schlucke kalten Thee's, welchen Jeder in hinreichender Menge bei sich fhrte, befriedigt werden. Vorsichtshalber lie Willy aus den umherliegenden Steinen und Balken eine Art Brustwehr rings um das Lager auffhren und an den Ausgngen des Platzes Doppelposten ausstellen. Als so fr die Sicherheit der kleinen Schaar nach Mglichkeit gesorgt worden, streckten sich die beiden Freunde auf ihre Mntel in der Nhe eines Feuers nieder und verfielen, ermdet von den Anstrengungen des Tages, bald in festen Schlummer. Einige Stunden der Nacht mochten so verflossen sein, als Kurt pltzlich erwachte. Die Feuer waren im Verglimmen, aber dafr war der Mond ber den Giebeln der Huser emporgestiegen und bergo alles mit hellem Scheine, von dem sich die tiefen Schatten der vielfachen Winkel und Vorsprnge an den umliegenden Ruinen nur desto schrfer abhoben. Whrend der junge Mann so sinnend, den Kopf auf einem Arme ruhend, dalag, blieb sein Auge auf einem mehrstckigen Hause ruhen, welches sich in der Entfernung von etwa fnfzig bis sechzig Schritten, seinem Lagerplatze gegenber, erhob. Flchtig glitten seine Blicke ber die leeren, schwarz ghnenden Fensterffnungen, als er pltzlich erschreckt zusammenfuhr. Einen Augenblick lang hatte er geglaubt, in einer Fensterhhle die Umrisse einer menschlichen Gestalt bemerkt zu haben. Er blickte schrfer hin -- aber nichts Verdchtiges zeigte sich, und in der Ueberzeugung, sich getuscht zu haben, sank er in seine frhere Stellung zurck. Dabei fiel aber sein Blick auf eine andere Fensterffnung, und wiederum war es ihm, als she er dort eine Gestalt in schwachen Umrissen auftauchen und verschwinden. Und dort am nchsten Fenster, am zweiten, am dritten, berall das nmliche und jetzt flammte auch ein fahler Lichtschein in den Ruinen auf, von dem sich die Umrisse menschlicher Gestalten, in Lumpen gehllt, scharf abhoben. Es war kein Zweifel mehr: diese Trmmerstadt hatte eine Bevlkerung, die zur Nachtzeit aus ihren verborgenen Schlupfwinkeln hervorkam, als scheue sie sich, ihr Elend dem Tageslichte zu enthllen. Entsetzlicher Gedanke! In diesem giftigen Moderdunst zu leben, weit und breit nichts als Tod und Verwstung, in steter Gefahr, von diesen Massen begraben zu werden, die wie das grlich verzerrte Antlitz eines in tausend Qualen Dahingeschiedenen zum Himmel emporstarrten, eine furchtbare, versteinerte Anklage gegen die Snden verschollener Generationen. Kurt rttelte seinen Freund aus dem Schlummer empor; whrend er ihm aber mit hastigen Worten seine Entdeckung mittheilte, kamen auch schon von den ausgestellten Posten Meldungen, welche besagten, da sich berall in den in undurchdringliches Dunkel gehllten Seitengassen unheimliches Leben zu regen beginne. Verwilderte Erscheinungen, langhaarig, halb nackt, mit Knitteln bewaffnet, tauchten allenthalben auf, zogen sich indessen beim Anblick der Wachen stets scheu wieder zurck. Die ganze Mannschaft war in einigen Augenblicken auf den Beinen und stand, die Waffen schubereit in Hnden, der Befehle ihres Commandanten gewrtig, in Reih und Glied. Noch war es ungewi, ob die Eingeborenen feindselige Absichten hegten; Vorsicht war aber auf alle Flle geboten und so lie Willy zunchst die ausgestellten Posten zurckrufen, um seine kleine Streitmacht nicht zu zersplittern. Zugleich lie er in Eile die niedere Brustwehr, mit welcher man am Abend das Lager umgeben hatte, erhhen und verstrken und vertheilte dann seine Mannschaft derart, da smmtliche den Platz umgebenden Huserfronten und Seitengassen nthigenfalls unter Feuer genommen werden konnten. In diesen Husern war es unterdessen furchtbar lebendig geworden. Kaum eine einzige Fensterffnung, an der sich nicht jene verwilderten Gestalten gezeigt htten. Die Scheu der dmonischen Gesellen schien, je mehr ihre Zahl wuchs, abzunehmen. Immer hufiger und immer lnger zeigten sie sich; vielstimmiges, unverstndliches Geschrei ertnte bald da, bald dort und man sah deutlich, wie Einzelne mit Feuerbrnden in der Hand hin- und herliefen. So verging wieder eine geraume Zeit und schon hoffte Willy, da das nchtliche Abenteuer friedlich verlaufen werde. Gegen zwei Uhr Morgens berhrte die Mondscheibe die Giebel der den Platz umgebenden Huser, einige Minuten spter war Alles rings in nchtliche Dunkelheit gehllt. Die sphenden Augen der hinter ihrem Steinwall kauernden Mnner gewhnten sich nach und nach soweit an die Finsterni, da sie wenigstens auf zwanzig bis dreiig Schritte weit jede verdchtige Erscheinung htten wahrnehmen knnen. Pltzlich raunte einer der Mnner dem Commandanten in's Ohr: Jetzt kommen sie! Wie electrisirt fuhr Willy empor und beugte sich ber die Schutzwehr; seine Augen suchten zuerst vergeblich die herrschende Dunkelheit zu durchdringen; da, mit einem Male war es ihm, als htten sich seine Blicke geschrft, und deutlich sah er nun die dunkle gespenstige Masse, die schweigend in einem groen Ring von allen Seiten das Lager umgab. Sie standen Kopf an Kopf, Schulter an Schulter und Willy glaubte, ihre verzerrten wilden Gesichter, ihre fleischlosen Arme, ihre ekelhaften Lumpen zu sehen. Lautlos, eine lebendige Mauer, rckten sie Zoll fr Zoll heran; man hrte ihre Tritte nicht, man fhlte ihre Nhe mehr, als man sie sah, und namenloses Grauen ging vor ihnen her. Ohne ein Wort zu verlieren, hatte sich jeder der Freilandleute auf seinen Posten gestellt und sich kampfbereit gemacht. Da flammte es hier und dort in den Husern auf; einzelne Gestalten erschienen an den Fenstern, Feuerbrnde hoch emporhaltend, deren Schein mit einem Male die ganze furchtbare Masse der Feinde erkennen lie. In der nchsten Secunde ein Kampfgeheul aus tausend und abertausend Kehlen und wie eine Horde Tiger strzten sie sich, armsdicke Knppel in den Fusten, auf die umzingelte Schaar. Eine furchtbare Salve empfing sie aus nchster Nhe; der niedrige Steinwall glich einem feuerspeienden Berge, aber nur zwei Secunden lang. Ein Geschrei, das nichts Menschliches an sich hatte, hallte in den Ruinen wieder, denn als habe sie die Erde verschlungen, war die Masse der Angreifer verschwunden; der Sturm war abgeschlagen. Die Ruhe sollte indessen nicht lange dauern. Man sah in den Husern den Schein von Fackeln aufleuchten und wieder verschwinden, man hrte Geschrei und Geheul. Pltzlich sauste ein faustgroer Stein durch die Luft daher und fiel mitten im Lager nieder, ohne Jemanden zu verletzen. Ein zweiter, dritter, vierter folgten, die ihr Ziel nicht verfehlten; ein Matrose brach, am Kopf getroffen, lautlos zusammen, ein anderer schrie auf: ein Finger war ihm zerschmettert und das folgende Wurfgescho ri dem Commandanten den Revolver aus der Hand. Schsse, welche nach den Fenstern abgegeben wurden, fruchteten nichts; die Steine wurden offenbar aus gedeckter Stellung mittelst Schleudern geworfen; das zeigte schon die groe Gewalt und Sicherheit, mit der sie dahersausten. Nach einer Viertelstunde war ein groer Theil der Mannschaft mehr oder minder schwer verwundet und auch Willy blutete aus einer tiefen Kopfwunde. Unterdessen hatte die Nacht der Morgendmmerung Platz gemacht; das Bombardement endete pltzlich und schon athmete die hart bedrngte Schaar auf, als tausendstimmiges Geschrei ihr einen neuerlichen Angriff verkndete. Wer noch aufrecht stehen konnte, eilte, der Wunden nicht achtend, auf seinen Posten an der Schutzwehr, aber zehn Mann lagen bewutlos oder sterbend inmitten des Lagerraumes. Aus allen Seitengassen quoll es nun unzhlbar hervor. Die Schsse, welche ihn empfingen, machten den Feind einen Augenblick stutzen, aber die Wucht der von hinten Nachdrngenden schob die vorderen Reihen unaufhaltsam vorwrts. Hie und da fiel Einer, von den Kugeln der Seeleute getroffen, aber dies hielt die groe Masse nun nicht mehr auf. Im Nu hatte sie die Schutzwehr erreicht; riesige Knppel sausten von allen Seiten auf die Bedrngten nieder und ein erbitterter Kampf, Brust an Brust, begann, dessen Ausgang kaum zweifelhaft sein konnte. Nach wenigen Minuten war die kleine Schaar der Vertheidiger, erheblich gelichtet, inmitten des Lagerraumes zusammengedrngt, wo sie, Rcken an Rcken, verzweifelt kmpfend, sich der Uebermacht zu erwehren suchte. In diesem Augenblick, als Willy, aus mehreren Wunden blutend, die Zahl seiner Leute zusammenschmelzen sah, ertnte aus einer der Seitengassen im Rcken der Angreifer ein Hornsignal. Einige Schsse folgten, die Wuth der Angreifer lie nach, und nachdem sie noch einige Augenblicke gezaudert hatten, wandten sie sich zur Flucht. Bald waren die Letzten in den Gassen der Trmmerstadt verschwunden, nur Todte und Sterbende bedeckten den Platz rings um das Lager. Die Streifcolonne, welche, angelockt durch das Schieen, sich durch alle Hindernisse bis hieher Bahn gebrochen, war gerade zur rechten Zeit gekommen. 4. Capitel. Eine neue Expedition wird ausgerstet. -- Deutschland eine Wste. -- Ein Grab im Thringer Walde. -- Kurt findet seine Verwandten. -- Was aus Schiller und Goethe geworden. Nach den Vorgngen jener Mainacht war das Expeditionscorps wieder an Bord der Flotte zurckgekehrt. Man hatte die Opfer des nchtlichen Kampfes bestattet und die Blessirten in sorgsame Pflege genommen. Auch eine Anzahl verwundeter Eingeborner war auf den Schiffen untergebracht worden und es war seltsam zu sehen, mit welch' grenzenlosem Erstaunen diese verwilderten Menschen es hinnahmen, als man sie wusch, auf reinliche Lager bettete, ihre Wunden verband und ihnen strkende Labung reichte. Die Genesenen wurden, mit Kleidern und Nahrungsmitteln reich beschenkt, nach einigen Tagen wieder heimgeschickt, und als wieder ein solcher Transport im Hafen an's Land gesetzt werden sollte, fand man das Ufer bedeckt mit Hunderten, welche in unzweideutiger Weise ihre friedlichen Gesinnungen zum Ausdrucke brachten. Es wurden Unterhandlungen angeknpft, was um so leichter mglich war, als die Sprache der Einwohner sich als ein uraltes, aber immerhin verstndliches Idiom erwies, das den Seeleuten aus Freiland bald gelufig wurde. Aber unmglich war es, aus den Andeutungen jener Menschen ein Bild zu gewinnen ber die Ursachen der entsetzlichen Vernderung, welche sich in ihrem Lande zugetragen hatte. Sie wuten von nichts; so weit sie und ihre Eltern und Groeltern zurckzudenken vermochten, war Alles so gewesen, wie heute. Es war ihnen unbekannt, wer die Stadt erbaut hatte, in deren Trmmern sie ihr elendes Leben fristeten, sie wuten ebensowenig, wer sie zerstrt hatte. Ihrer Aussage nach war das Land auf viele Meilen im Umkreise eine Wildni und hnliche Trmmersttten allenthalben anzutreffen. Wovon sie lebten? Das wuten sie beinahe selbst nicht. Auf ausgehhlten Baumstmmen fischten sie in der Elbe, sie sammelten Muscheln und Seethiere am Strande des Meeres, sie stellten Fallen in den Wldern und lauerten in der Haide auf allerlei niederes Gethier. Etwas Ackerbau schienen Einige von ihnen auch zu treiben, aber nur in allerprimitivster Form. Im Groen und Ganzen stand ihre Cultur etwa auf der Hhe derjenigen, welche die meisten Stmme Centralafrika's am Ende des 19. Jahrhunderts besessen hatten. Die Hoffnung, vielleicht im Innern des Continentes noch Reste der alten Cultur zu finden und Aufschlu zu erhalten ber die Rthsel, die sich hier darboten, bewog den Flottencommandanten, eine neue, grere Expedition auszursten, welche die Aufgabe erhielt, ihren Weg quer durch das einstige deutsche Reich zu nehmen, die Alpen zu bersteigen und an einem bestimmten Punkte der italienischen Kste wieder mit der Flotte zusammenzutreffen, welche bis auf ein kleines Reservegeschwader, das fr alle Flle vor der Elbemndung kreuzen sollte, ihre Rckfahrt durch den Canal und die Enge von Gibraltar in's Mittelmeer antrat. Dieser Expedition schlossen sich die beiden Freunde selbstverstndlich an. Wollte doch Kurt auf seinen Plan, die Spuren seiner Vorfahren ausfindig zu machen, nicht ohne Weiteres verzichten. Allerdings waren die Schwierigkeiten, welche sich seinem Vorhaben entgegenstellten, keine geringen. Wie konnte er hoffen, unter den wilden Horden, welche dieses Land bevlkerten, diejenigen Aufschlsse zu erhalten, auf welche er mit Sicherheit gerechnet hatte? Merkwrdige Ueberraschungen waren es denn auch, welche ihm und seinen Genossen auf ihrer Entdeckungsreise durch Europa zu Theil werden sollten. Achthundert Mann stark war die Expeditionstruppe durch menschenleere Wsten und Wlder bis an den Saum des Thringer Waldes vorgedrungen, ohne auf etwas Anderes zu stoen, als auf verlassene Sttten einstiger Cultur und halbwilde Stmme, welche nomadisirend die Wildni durchzogen. Kmmerliche Spuren von sehaften Ansiedlungen, deren Bewohner kleine Strecken den Grundes mit Erdpfeln und Haidekorn bestellt hatten, fanden sich hie und da in den Wldern verstreut, immerfort bedroht von ruberischen Ueberfllen der Nachbarn oder von Angriffen wilder Thiere. Mit jedem Tagesmarsche wurde es den Mitgliedern der Expedition immer klarer, da ganz Deutschland, vermuthlich ganz Mitteleuropa, aus unbekannten Grnden eine Sttte des Elends und der Verzweiflung geworden, da hier eine uralte, zweitausendjhrige Cultur fr immerdar untergegangen sei. -- Eines Tages rckte die Colonne in ein uraltes Stdtchen ein, welches zwar nicht, wie die meisten anderen Pltze, aus einem chaotischen Gewirre von Ruinen bestand, aber doch in seinem Aeuern ein trostloses Bild tiefsten Verfalles darbot. Die meistens einstckigen Huser lngs der ziemlich breiten Straen waren, wie es schien, noch zum Theile bewohnbar; das Elend und der Hunger aber grinsten aus den von Lumpen umflatterten Fensterffnungen; belriechender Rauch drang hie und da in's Freie aus nothdrftig verhngten und brettervernagelten Rissen und Spalten. Die Straen waren mit Gras bewachsen, whrend lngs der Huser Haufen von Unrath aller Art lagerten; augenscheinlich waren die Bewohner gewhnt, alles, was ihnen in ihren Behausungen lstig wurde, auf die Gasse zu werfen. Im Gegensatze zu den Eingeborenen, welche die Expedition auf ihrem Marsche bisher angetroffen hatte, zeigten sich die Bewohner dieser Sttte nichts weniger als scheu. Anfnglich erschienen sie wohl nur an den Fenstern und Thren ihrer Huser; spter aber kamen sie auch auf den von den Freilandleuten zur Rast ausersehenen Platz und standen in dichter Reihe gaffend rings um das Feldlager der seltenen Gste. Das Elend, welches auf ihnen lastete, kam da so recht an's Licht des Tages. Es waren keine wilden, unheimlichen Gesellen, wie die, welche in den Trmmern des alten Hamburg hausten, aber der Eindruck, den ihre aus Flicken und Fetzen zusammengesetzte altvterische Kleidung, ihre eingefallenen Wangen, ihr bldes Lcheln hervorrief, war noch weit ergreifender. Unsagbar traurig war der Anblick dieser geistig und krperlich verkmmerten Menschen, aus deren Augen Hunger und Stumpfsinn sprachen. Die Fragen, welche man an sie richtete, beantworteten sie mit einem cretinartigen Lachen oder unverstndlich blkenden Tnen. Nicht einmal den Namen, den ihre Stadt einst getragen, wuten sie anzugeben und dennoch sollte sich bald herausstellen, da ihnen eine Erinnerung an lngst vergangene Zeiten geblieben war, wenngleich in eigenthmlicher Form. Auf dem Platze, an dem die Expedition bivouakirte, erhob sich ein Denkmal eigener Art. Auf einem hohen Sockel aus Marmor standen da, in Erz gegossen, welches im Laufe der Jahrhunderte eine grnbraune Patinaschicht berzogen hatte, die berlebensgroen Figuren zweier Mnner in altmodischer Tracht. Der Eine von beiden, anscheinend der Jngere, mit wallendem Haar und freien edlen Gesichtszgen, richtete die Blicke schwrmerisch gen Himmel, whrend der Andere, Aeltere, eine imposante Figur, klaren Auges mit der Ruhe des gereiften Mannes in's Weite sieht. Beide Gestalten hielten gemeinschaftlich mit je einer Hand einen Kranz; kein Name, keine Jahreszahl war auf dem verwitterten Steine mehr sichtbar. Als einige der Seeleute sich anschickten, dicht neben dem Denkmal ein Lagerfeuer zu entznden, kam auf einmal eine seltsame Unruhe ber die Eingeborenen. Mit ngstlichen Geberden drngten sie sich heran, wiesen auf das Denkmal und baten mit aufgehobenen Hnden und flehenden Mienen, den Stein, auf welchem die Erzbilder sich erhoben, nicht zu berhren. Einer unter ihnen, ein Greis mit weiem Haar und Bart, in dessen Antlitz die Jahre unzhlige Runzeln gegraben, wute sich durch einige Worte und Geberden soweit verstndlich zu machen, da die Freilandleute endlich begriffen, das rthselhafte Monument gelte in den Augen der Unglcklichen als eine Art Heiligthum, dessen Berhrung oder Beschdigung den Zorn berirdischer Mchte heraufbeschwren knne. Kurt, der hinzukam, trug Sorge, da seine Leute in angemessener Entfernung von dem Denkmale ihre Vorbereitungen fr das Bivouak trafen und stellte sogar eine Wache auf, welche jede Annherung Unberufener an das Heiligthum des Ortes verhindern sollte. Die armen Menschen, als sie dies sahen, waren vor Freude fast auer sich; mit strahlenden Mienen, unverstndliche Worte des Dankes ausrufend, drngten sie sich an Kurt heran, drckten ihm die Hnde und kten den Saum seines Rockes. Nachdem er sich mit Mhe ihrer Gunstbezeigungen erwehrt hatte, versuchte er, sich ihnen so gut als mglich verstndlich zu machen. Er glaubte annehmen zu drfen, da der Ort, von welchem seine Familie stammte, hier in der Nhe liegen msse; vielleicht war es sogar dieses Stdtchen, in dem er sich just befand; vielleicht waren einige dieser unglcklichen Geschpfe Sprlinge desselben Geschlechtes wie er. Aber umsonst waren alle seine Fragen und Zeichen; die Eingeborenen schttelten die Kpfe oder stieen ein bldes Lachen aus; von den Namen, die er nannte, hatte augenscheinlich Keiner etwas gehrt. Mde des nutzlosen Parlamentirens wendete sich Kurt endlich ab und ging seines Weges. Da trat jener Greis, wehmthig anzuschauen in seinem zerlumpten Rckchen, auf ihn zu und bedeutete ihn mit dringenden Geberden, ihm zu folgen. Er fhrte ihn quer ber den Platz durch mehrere Seitengassen, bis sie endlich drauen vor den letzten Husern standen, wo eine mit niedrigem Gestrpp bewachsene Flche begann. Der Alte bog, diensteifrig voranschreitend, die Zweige der nchsten Stauden auseinander, und nun sah Kurt, da er sich auf einem uralten, verwilderten Friedhofe befand. Im Schatten der niederhngenden Zweige lag da Stein an Stein, die Grabsttten verschollener Geschlechter, manche halb versunken in dem von Unkraut berwucherten Boden, alle mit Moos und Flechten berzogen und von Zeit und Wetter geschwrzt. Kurt's Fhrer schritt rasch und achtlos zwischen den Grbern durch, bis er eine Stelle erreichte, wo an einer verfallenen Mauer unter Fliederbschen ein Grabstein lehnte, grau und verwittert gleich den brigen, aber mit halbverwischten Lettern, auf die der Alte schweigend mit dem Finger deutete. Kurt beugte sich zu dem Steine nieder und begann mhsam die Inschrift zu entziffern. Nach einigen vergeblichen Versuchen hatte er den Schlssel gefunden, die Buchstaben reihten sich ihm zu Silben und Worten, und da stand der Name, den er selbst fhrte, wohl in etwas vernderter Schreibweise, aber deutlich erkennbar auf der Platte; ein geborstener Stein, ein versunkener Grabhgel war die einzige Spur, die er entdeckt hatte. Whrend sie den Rckweg antraten, gab er sich Mhe, seinem Fhrer deutlich zu machen, da er, wenn mglich, ein noch lebendes Mitglied jener Familie zu sehen wnsche, deren Name er auf jenem Steine gelesen habe. Es war nicht ganz leicht, dem Alten das zu verdolmetschen, aber endlich bemerkte Kurt doch zu seiner Freude, wie ein Schimmer von Verstndni in den Augen seines Begleiters aufleuchtete. Der Greis nickte lebhaft mit dem Kopfe, als Kurt seine Frage wiederholte, ergriff dann seine Hand und zog ihn in ein Seitengchen hinein, das von einer Reihe elender bauflliger Htten gebildet wurde. Hier bog er, nachdem sie etwa hundert Schritte zurckgelegt hatten, in einen Thorweg ein, hinter dem sich ein enger von geschwrzten Mauern eingefater Hof aufthat. In einem Winkel dieses dsteren Raumes fhrte eine schmale zerbrckelnde Stiege in das obere Stockwerk hinauf. Eilfertig kletterte der Alte hinan; offenbar war er es gewhnt, derartige Wege zurckzulegen; Kurt folgte zgernd; die ganze Excursion fing an, ihm Bedenken einzuflen und unwillkrlich griff er in den Grtel, wo sein Revolver stak. Oben angelangt, traten sie in ein kleines, ganz kahles Gemach, und kaum hatte Kurt einen Schritt ber die Schwelle des unheimlichen Raumes gethan, als er entsetzt zurckfuhr. Vor ihm, von einem Strohhaufen, erhob sich eine Gestalt, die nichts Menschliches mehr an sich hatte. Ein unfrmlicher Wasserkopf, aus dem stiere, glanzlose Augen hervorquollen, ein zahnloser, weit offen stehender Mund, so wankte das Gespenst mit gellendem Lachen auf ihn zu. Er roch den muffigen, ekelhaften Dunst der Lumpen, sah wie ein Paar fleischloser Arme mit spinnenartigen Fingern nach ihm tasteten und ein Grauen berfiel ihn, wie er es nie zuvor gekannt hatte. Als er wieder zu sich kam, stand er allein drauen auf der Gasse; der Alte war verschwunden, aber aus dem unheimlichen Hause gellte ihm noch schauerliches Lachen nach. Scheuen Blickes sich umschauend, eilte er mit groen Schritten dem Ausgange der Gasse zu. Als er den Lagerplatz erreichte, hatte die Mannschaft soeben abgekocht und er sah nun, wie die Eingeborenen, angezogen von dem Dufte der brodelnden Speisen, sich gierig herandrngten und sehnschtige Blicke in die dampfenden Kessel warfen. Der Vorrath der Expedition an Conserven aller Art, der unterwegs noch durch reiche Jagdbeute vermehrt wurde, war ansehnlich genug, um den armen, hungrigen Leuten manch saftigen Bissen zukommen lassen zu knnen und die Art, in welcher diese verkmmerten Geschpfe ihre Dankbarkeit bezeigten, war wirklich rhrend. Die Sonne neigte sich dem Untergange zu, da bemerkte Kurt, wie zuerst Einzelne, dann immer mehr und mehr Eingeborene sich in die Nhe des Denkmals begaben, dort auf die Kniee sanken und in betender Stellung verharrten. Die Menge vergrerte sich durch Zuzug aus den umliegenden Husern und Gassen und endlich mochten wohl mehrere Hundert beisammen sein, welche ihre Andacht vor dem Standbilde verrichteten. Als der letzte Sonnenschimmer verschwunden, schlichen sich die Betenden still davon und Kurt sah ihnen, in Gedanken versunken, lange nach. Er hatte nicht bemerkt, da Willy zu ihm getreten war, bis er beim Klange seiner Stimme emporfuhr: Sie glauben, da die Mnner da oben zwei Brder aus gttlichem Geschlechte vorstellen, die vor vielen hundert Jahren vom Himmel herabstiegen, um den Menschen das Licht zu bringen. Die Schlechtigkeit der Menschen aber zwang sie, in ihre himmlische Heimath zurckzukehren. Nun beten diese Armen zu ihnen, immer in der Hoffnung, da die Gttergestalten einmal wiederkehren und ihnen das verschwundene Paradies zurckbringen. 5. Capitel. Die Alpen in Sicht. -- Eine Schlappe der Expedition. -- Im deutschen Urwald. -- Das Leben in der Pfahlbauhtte. -- Kurt und Waltraut. -- Die Memoiren des Urahnen. Nach zweimonatlichem Marsche sahen die Expeditionstruppen in der Ferne die blauschimmernde Kette der Alpen auftauchen, die sie mit Jubel begrten; schien es doch Jedem von ihnen, als sei nunmehr der grte Theil ihrer schwierigen Aufgabe gelst. Jenseits dieser Berge begann ja die Zone eines sdlicheren Himmels, schimmerte das blaue herrliche Mittelmeer, und weiter hinaus grte die Heimath, das schne, sonnige Afrika. Ehe man den Fu der Berge erreichte, waren indessen noch Hindernisse zu berwinden, welche von Tag zu Tag an Zahl und Gre zunahmen. Mchtige pfadlose Urwlder dehnten sich meilenweit vor der Truppe aus, die waldfreien Strecken aber bestanden aus unbersehbaren Smpfen, in denen man nur einzeln, Mann fr Mann, vorzudringen vermochte. Dazu kamen fast tglich die Angriffe kriegerischer Eingeborener, denen gegenber man fortgesetzt auf der Hut sein mute. Es waren krftige, hochgewachsene Menschen, die sich ihrer primitiven Waffen mit groer Geschicklichkeit und einem an Wildheit grenzenden Ungestm bedienten, auch jedem Versuche, friedliche Beziehungen anzuknpfen, entschieden abhold waren. Am 26. Juli gegen Abend wurde die Colonne, als sie auf schmalem, sumpfigem Pfade einen Hohlweg passirte, von allen Seiten mit Heftigkeit angegriffen. Ein Hagel von Pfeilen, Wurfspieen und Steinen ergo sich von den mit undurchdringlichem Urwald bedeckten Hhen auf die Expeditionstruppen, die sich in einer verzweifelten Lage befanden. Jeder Zusammenhalt lste sich auf; der einzelne Mann wehrte sich seiner Haut, so gut und so lange er konnte, aber dieser Widerstand gegen einen fast unsichtbaren Feind war von Anfang an ein hoffnungsloser. Als die Nacht hereinbrach, war es einem Theil der Expedition gelungen, sich mit Zurcklassung des Gepcks aus dem unseligen Hohlwege zu retten; an zweihundert Mann aber fehlten und von ihnen fanden sich erst im Laufe des nchsten Tages etwa dreiig Versprengte, meistentheils verwundet, bei der Truppe wieder ein. Kurt war bald nach Beginn des Gefechtes, von einem Keulenschlag getroffen, bewutlos zusammengesunken, und als er, mit dumpfem Schmerz in allen Gliedern und verzehrendem Durste, wieder zu sich kam, war es finstere Nacht. Er wollte rufen, aber zugleich fiel ihm ein, da vielleicht Feinde in der Nhe sein knnten und so schwieg er und kroch vorsichtig dem Waldrande zu, um hinter den lang herabhngenden Tannensten Schutz zu suchen. Mit der Morgendmmerung setzte er seinen Weg im Schatten des Waldes fort, so lange es ihm seine sinkenden Krfte erlaubten. Durch das dichteste Unterholz, ber vermoderte Baumstmme, durch Sumpf und Gestrpp, immer angstvoll sphend nach dem Feind, der unvermuthet jeden Augenblick auftauchen konnte, so hastete er vorwrts, ohne recht zu wissen, wohin. Stunde auf Stunde verrann; die Sonne mute schon hoch am Himmel stehen, aber in die Nacht des Urwaldes spielte nur hie und da schchtern einer ihrer Strahlen an den wettergrauen Stmmen herab. Mit dem letzten Reste seiner Krfte erreichte Kurt endlich gegen Mittag eine Quelle, die unter einem Felsblock munter hervorrieselte und gnzlich erschpft warf er sich neben ihr in's Moos. Sein Provianttschchen war ihm glcklicherweise nicht abhanden gekommen, ein Stckchen der strkenden Conserven, welche es enthielt, gengte vollauf, seine Krfte neu zu beleben. Nach lngerer Rast erhob sich der Flchtling wieder. Die Hoffnung, seine Kameraden einzuholen, mute er vorlufig aufgeben und auf's Geradewohl wanderte er weiter, einem ungewissen Schicksal entgegen. Die Sonne war bereits im Sinken, als er sich am Ufer eines bis in unabsehbare Ferne sich ausdehnenden Seespiegels sah. Von menschlichen Behausungen war weit und breit keine Spur zu entdecken; was htten sie wohl auch anders bergen knnen als Feinde? Der Flchtling wandte sich dem Ufer entlang und suchte sich, nicht ohne Mhe, seinen Weg zwischen Schilf und Urwald. Pltzlich drangen seltsame liebliche Klnge an sein Ohr. Vom See herber, aus dessen Fluth mannshohes Schilf hervorwucherte, tnte der Gesang einer hellen Frauenstimme, als sei eine Nixe emporgestiegen aus der Tiefe. Ein uraltes, lngst verschollenes Volkslied war es, was diese Stimme sang, und leise verhallten die Klnge ber dem See. Einige Augenblicke blieb Alles still, dann kam es wie leise Ruderschlge durch das wehende Schilf heran und mitten aus dem grnen Dickicht lugte mit einem Male ein wunderliebliches Mdchenantlitz, umflossen von lichtblondem Haar, das lang und aufgelst ber die Schultern herabfiel. Wie einen Geist starrte Kurt die holde Erscheinung an, die ihm so wundersam bekannt und doch wieder so fremd vorkam, und bittend hob er die Hnde; wenn ihm Hlfe werden sollte in seiner verzweifelten Lage, so kam sie von diesem Wesen, das der Himmel selbst zu seiner Rettung in die Wildni des deutschen Urwaldes geschickt haben mochte. Mit fliegenden Worten sprach er von seinem Schicksal, seiner Flucht durch die pfadlosen Wlder und als er beweglich bat, ihm Schutz und Obdach gewhren zu wollen, da sah er es seltsam aufleuchten in den groen dunklen Augen, die so fest und doch fragend auf ihn gerichtet waren, er wute, da er verstanden und erhrt worden. Mit ein paar Ruderschlgen trieb das Mdchen ihr Fahrzeug dicht an's Ufer und winkte ihm stumm mit den Augen einzusteigen. Einige Minuten spter schwammen sie drauen auf der Seeflche. Das Mdchen stand im Rcktheil des Fahrzeuges und handhabte die Ruder mit Kraft und Geschicklichkeit; unverwandt war ihr Blick auf den See hinausgerichtet, whrend Kurt die Augen nicht abwenden konnte von der schlanken lieblichen Gestalt. Der Oberkrper der Schifferin war knapp umschlossen von einem Gewand aus feinem, fast schwarzen Pelze, welches Hals und Nacken sowie die Arme bis ber die Ellbogen hinan frei lie. Vom Grtel bis ber die Knie herab fiel in Falten ein kurzes Kleid aus hnlichem Stoffe; von seinem Saume bis zu den Kncheln, welche niedliche Schuhe aus Rehleder umschlossen, war das schn geformte Bein nackt. Die blonden Haare bildeten einen seltsamen Gegensatz zu den groen dunklen Augen, die von langen, ebenso dunklen Wimpern beschattet wurden. Weibliche Anmuth und selbstbewute Kraft sprachen aus jeder Bewegung des biegsamen Leibes. Ohne ein Wort zu wechseln, waren sie so geraume Zeit dahingefahren; schon begann sich die Dmmerung leise ber den See zu legen, da hielt das Mdchen einen Moment inne und deutete mit der Hand auf eine dunkle Masse, die aus der Fluth emporragte: Meines Vaters Htte! -- Hier bist Du sicher! -- * * * * * Seit mehr als Monatsfrist lebte Kurt in der Htte des Pfahlbauers am Ammersee und kaum merklich begann schon der Herbst seine ersten Boten in die Wald- und Seeeinsamkeit zu senden. An jenem Sommerabend, als die Beiden an der Htte landeten, hatte sie der Pfahlbauer mit verwunderten Mienen zwar, aber schweigend empfangen und dem Flchtling die Hand zum Willkommgrue dargereicht. Dann hatte er ihn in den Wohnraum gefhrt, ihn zum Sitzen eingeladen und gutmthig mit lchelndem Antlitz zugesehen, wie sein Gast ber den Imbi herfiel, den das Tchterlein eilfertig herbeigetragen hatte. Seit jener Stunde war Kurt kein Fremdling mehr in der Htte, und ihm, der gewohnt war, in der glanzvollen Metropole am Victoria-Nyanza die Errungenschaften einer hoch entwickelten Cultur zu genieen, flogen in dieser Wildni die Tage mit einer traumhaften Schnelligkeit dahin. Der alte Gnther, eine hohe, kraftvolle Gestalt, dem der schneeige Bart weit ber die Brust herabflo, nahm ihn fast tglich mit hinaus auf die Jagd oder zum Fischfang; in den brigen Stunden des Tages gab es stets Arbeit in Hlle und Flle und die Abendstunden vergingen nur allzu schnell im traulichen Geplauder auf der Bank vor der Httenthr, wo man weit hinaussehen konnte ber die goldigschimmernde Fluth bis hinber zu der blauen Alpenkette; die liebsten Stunden aber waren dem Flchtling jene, welche er mit der blonden Waltraut zusammen im Kahn verbringen durfte. Die Htte auf mchtigen Eichenpfhlen an einer seichten Seestelle errichtet, war auf allen Seiten von Wasser umgeben und der Nachen, auf dem Kurt hierhergekommen, war daher das Verkehrsmittel, dessen man sich bedienen mute. Am Sdrande des Sees, umgeben von einem festen Zaune, war ein Stck Urwald gerodet und in Acker und Wiesfeld verwandelt. In wohlgefgter Blockhtte standen daselbst zwei Khe, das werthvollste Besitzthum des Pfahlbauers und fast tglich gab es dort fr Waltraut dies oder jenes zu schaffen, wobei ihr die Hilfe Kurts nicht unwillkommen schien. So zutraulich und herzlich aber auch Waltraut, schier wie ein Schwesterlein, sich ihm gegenber zeigte, so scheu und zurckhaltend wurde ihr Benehmen, sobald er sich hinreien lie, einen wrmeren Ton anzuschlagen, ihre Hand zu fassen oder gar scherzend den Arm um ihre Hfte zu legen. Er selbst aber, voll des redlichsten Willens, die ihm erwiesene Gastfreundschaft heilig zu halten, zwang sich mit Macht, die immer mehr in ihm aufsteigende Leidenschaft niederzukmpfen. Die letzten warmen Herbsttage mit ihrem geheimnivollen duftigen Schleier aus Nebel und Sonnengold waren vorbergegangen; in der Nacht hatte sich ein grimmiger Sturmwind aufgemacht und fuhr, Regenschauer vor sich her treibend, ber die blaugraue Fluth, da sie in langgestreckten schweren Wogen aus der nebligen Ferne gegen die Htte heranzog. Drinnen aber in dem engen Bau war's gar behaglich, denn von den Resten der untergegangenen europischen Cultur hatte sich gerade noch genug in diesen Rumen erhalten, um das Leben in der Unwirthlichkeit des Urwaldes ertrglich zu machen. So saen sie an einem der Winterabende, whrend drauen der See schon allmhlich zu erstarren begann, gar traulich beisammen; Kurt erzhlte seinen Freunden von den Wundern Afrika's und als er geendet, erinnerte er Vater Gnther, da ihm dieser unlngst bei einem Jagdausfluge versprochen habe, ihn ber die Ursachen der groen Catastrophe, welche das alte deutsche Reich getroffen und seine fast zweitausendjhrige Cultur zerstrt hatte, aufzuklren. Der Alte nickte mit ernster Miene, nahm den qualmenden Kienspahn aus der Mauerfuge und verlie schweigend das Gemach. Nach einigen Minuten kehrte er zurck und legte ein in Leder gebundenes Buch auf den Tisch, welches jenen dumpfen modrigen Geruch verbreitete, der alten Schriftwerken eigen ist. Voll brennender Neugier schaute Kurt auf das Buch, das ihm Aufschlu geben sollte ber eine in Dunkel gehllte Geschichtsepoche. Diese Schrift hat mein Urahne niedergeschrieben, als er vor vielen hundert Jahren aus seiner Heimath in Thringen an die Gestade dieses See's flchtete, sprach der Alte mit einer gewissen Feierlichkeit, es ist eine traurige Geschichte voll Blut und Thrnen, die Dir Aufschlu geben wird, wie ein groes blhendes Reich durch den Unverstand der Menschen in eine Wildni verwandelt wurde. Wir haben das Buch aufbewahrt wie ein Heiligthum und kein menschliches Auge, auer den unsrigen, hat noch darauf geruht. Waltraut soll es uns vorlesen, denn meine Augen taugen nicht mehr zu solchem Geschft und Dir sind die krausen Schriftzge der Vorzeit nicht gelufig. Neue Kiensphne wurden in Brand gesetzt, Waltraut nahm das Buch und begann. 6. Capitel. Deutschland am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. -- Socialdemokratische Zukunftsbilder und ihre Folgen. -- Der Staatsstreich des Jahres 1900. -- Untergang der Socialdemokratie. Eine wilde schreckliche Zeit liegt hinter mir. Ich bin Zeuge von Ereignissen gewesen, an die ich noch jetzt, wo seitdem schon Jahre verflossen sind, nur mit Schaudern zurckdenken kann. Alles Bestehende habe ich zusammenbrechen sehen, ein mchtiges Reich in Trmmer fallen und die Menschen sich zerfleischen wie wilde Thiere. Mit Entsetzen habe ich erkannt, da es kein Zufall war, der all' den Jammer ber mein armes Vaterland brachte; eigenes Verschulden der verblendeten Menschheit hat das Geschick heraufbeschworen, dem nun Alles, was Jahrhunderte geschaffen, zum Opfer gefallen ist. Rechtzeitige Erkenntni, gepaart mit ein wenig gutem Willen, htte uns vor dem Abgrunde bewahren knnen. Aber es war, als seien Alle mit Blindheit geschlagen. In der unersttlichen Gier nach Reichthum taumelten die Menschen vorwrts, der Warnungsrufe nicht achtend, immer dem Ende zu, das auch mit Schrecken gekommen ist, just als sie es am weitesten entfernt glaubten. Ich habe die Aufzeichnungen, die ich in der schrecklichsten Zeit meines Lebens machte, gesammelt, in der Erwartung, da einst kommende Geschlechter eine Lehre aus denselben ziehen werden. Die Ereignisse, welche dem allgemeinen Zusammenbruch vorausgingen und die ich nur theilweise selbst erlebte, stelle ich in Krze an die Spitze meiner Aufzeichnungen. Und somit beginne ich: Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts war Deutschland das mchtigste Reich der Welt. Unzhlige reiche blhende Stdte und freundliche Drfer bedeckten seinen Boden; sein Heer und seine Flotte war bewundert und gefrchtet, deutsche Kunst und Wissenschaft galten der brigen Welt als glnzende Vorbilder, und was deutsche Arbeit in rastlosem Wetteifer schuf, ging als vielbegehrte Waare hinaus bis in die fernsten berseeischen Lnder. Auf dem Kaiserthrone sa ein junger thatkrftiger Herrscher, der es mit kluger Migung verstand, die ungeheuere ihm zu Gebote stehende Macht nur zur Wahrung des Friedens in die Wagschaale zu werfen und eine Schaar blhender Shne schien ihm auf unabsehbare Zeit hinaus Glck und Bestand seines Hauses zu verbrgen. Wohl fehlte es nicht an dunklem drohendem Gewlke, das von Zeit zu Zeit emporstieg, aber stets verstand es die Kunst der Staatsmnner, die Gefahren, welche von rachschtigen oder neidischen Nachbarn drohten, wieder zu beschwren; der Respect vor der groartigen Wehrkraft Deutschlands und seiner Verbndeten that aber stets das Meiste zur Erhaltung des Friedens. Fr weit bedenklicher indessen hielt man die Gefahr, welche dem Reiche von Innen drohte. Zur Erluterung dessen mu ich auf eine noch weiter abliegende Zeit zurckgreifen. Im Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts hatte sich die Industrie zu einer noch nie vorher erreichten Hhe aufgeschwungen. An Stelle der kleinen Handwerksbetriebe des Mittelalters war zuerst die Manufactur getreten, d. h. jene Gattung von Grobetrieben, in welcher jeder Arbeiter jahraus, jahrein nur einen ganz bestimmten Theil eines Productes herstellte, in denen also eine weitgehende Arbeitstheilung herrschte, die Geschicklichkeit des Arbeiters aber immer noch ausschlaggebend war fr die Beschaffenheit des fertigen Productes. Ein groer Theil der einst selbstndigen Handwerker war schon damals zu Lohnarbeitern geworden, deren Existenz von den Fabrikanten abhngig war; in ganz rapider Weise aber begann sich dieser Umwandlungsproce zu vollziehen, nachdem der Fortschritt in den Naturwissenschaften zu der Erfindung zahlloser Arten von Maschinen gefhrt hatte, welche die Herstellung der Producte ganz unabhngig machten von der Tchtigkeit des Arbeiters und mit ungeheuren Massen Waaren aller Art den Weltmarkt berschwemmten. Die Zahl der besitzlosen Lohnarbeiter schwoll zu einer solchen Hhe an, da ihr gegenber diejenige der Besitzenden fast verschwand, und diese Masse wurde noch fortwhrend vermehrt durch solche Handwerker, welche den Wettkampf mit der im Groen arbeitenden Industrie nicht auszuhalten vermochten und ihre Selbstndigkeit verloren. Auf der einen Seite standen also die Besitzenden, ein kleiner Bruchtheil der Gesammtheit, welcher allen Grund und Boden, alle Rohstoffe, Gebude, Maschinen sein Eigen nannte, und deshalb den Nutzen der gesammten Arbeitsthtigkeit und aller menschlichen Erfindungen einheimste, whrend auf der anderen Seite die ungeheure Masse der Besitzlosen stand, denen nichts geblieben war, als ihre Arbeitskraft, von deren Verkauf sie ihr Leben fristete. Je mehr sich aber das Maschinenwesen vervollkommnete, desto krasser gestaltete sich dieses Miverhltni. Die Arbeit an den Maschinen vereinfachte sich derart, da ein Weib oder schlielich ein Kind gengte, um das zu verrichten, was ehedem die Thtigkeit von zwanzig Mnnern erheischt hatte. Die Fabrikanten entlieen also ihre Arbeiter und behalfen sich mit Frauen- und Kinderarbeit, die ihnen weit billiger kam. Dadurch entstand nicht nur ein Heer von Arbeitslosen, die meistens bis zur tiefsten Stufe menschlichen Elends herabsanken, sondern es wurde auch der Lohn der noch in Arbeit befindlichen Mnner auf ein Minimum herabgedrckt, so da diese Unglcklichen auch bei angestrengtester Arbeit von frh bis in die Nacht nicht mehr im Stande waren, sich und die Ihrigen mit den nothwendigsten Lebensbedrfnissen zu versorgen. Diese Zustnde hatten aber noch Anderes im Gefolge. Die Arbeiterfamilie lste sich gnzlich auf in dem Augenblicke, als die Frau ihrem huslichen Wirkungskreise entzogen und in die Fabrik versetzt wurde; der Schulbesuch der Arbeiterkinder wurde vernachlssigt, Wohnung und Kost der Proletarier sank zu einer menschenunwrdigen Stufe herab und die Prostitution begann in erschreckender Weise um sich zu greifen. Waren diese schreienden Uebelstnde schon fhlbar in solchen Zeiten, in denen die Industrie in Flor stand und es an Arbeit meistens nicht fehlte, so wurden sie noch weit fhlbarer, sobald, in Folge der allzueifrigen Production, die Preise der Waaren sanken, der Handel stockte und zahlreiche Fabriken den Betrieb einstellten. Das Heer der Arbeitslosen, der ohne Nahrung und Obdach Umherirrenden, wuchs dann lawinenartig an und schreckliche Leiden kamen ber die Arbeiterbevlkerung. Aber auch die Besitzenden waren in solchen Zeiten nicht auf Rosen gebettet. Das verwickelte Getriebe der ganzen Wirthschaftsmethode, in welcher die Concurrenz die einzige Triebfeder war, stellte einen beraus empfindlichen Mechanismus dar. Ein geringfgiges Ereigni konnte gengen, um unzhlige Existenzen zu vernichten; Niemand, auch der Reichste nicht, durfte sicher sein, da ihn der nchste Tag nicht in die Reihen der Besitzlosen hinabschleudern werde. Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts machte sich nun in den Arbeiterkreisen eine Bewegung bemerkbar, welche auf eine Umwandlung dieser wahnsinnigen Productionsweise in eine vernnftigere abzielte. Man erkannte in dem Umstande, da sich alle Behelfe zur Erzeugung von Producten, d. h. Grund und Boden, Maschinen, Werkzeuge, Rohstoffe &c., im Privatbesitz Einzelner befanden, somit die groe Mehrheit der Bevlkerung von diesen Productionsmitteln getrennt war, die Grundursache der verderblichen Wirthschaft. Das Heil Aller, so lautete die Parole, liege darin, da an die Stelle des Privatbesitzes an den Productionsmitteln, der Allgemeinbesitz trete. Die Partei, welche dieses Ziel anstrebte, nannte man die socialistische, oder socialdemokratische und ihre Anhnger waren von Seite des Staates und der besitzenden Classen allerhand Bedrckungen und Gewaltmaregeln ausgesetzt. Die sociale Frage aber, deren Lsung sie auf ihre Fahne geschrieben hatte, war nachgerade die brennendste von allen geworden; sie beschftigte alle Gemther, hielt die Parlamente in Athem, setzte Tausende von Federn in Bewegung und bemchtigte sich aller Gebiete des ffentlichen Lebens. Wie hundert Jahre frher der Brgerstand um seine Erlsung aus den Fesseln des Absolutismus gekmpft hatte, so suchte jetzt die groe Masse des Proletariats nicht allein sich selbst, sondern die ganze Welt zu erlsen von einer tglich ungesunder werdenden Productionsweise, von einer wirthschaftlichen Knechtschaft, deren Druck zwar am empfindlichsten auf den untersten Volksschichten ruhte, welche aber auch den oberen Stnden in immer unangenehmerer Weise fhlbar wurde. Die Socialdemokratie hatte in der zweiten Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts aus bescheidenen Anfngen, trotz aller Hindernisse, welche ihr der Staat in den Weg legte, eine groartige Organisation geschaffen, welche sich ber die ganze civilisirte Welt erstreckte und Millionen begeisterter Anhnger in ihren Reihen zhlte. Diese ungeheure, ein und derselben Parole folgende Masse verhielt sich indessen durchaus streng in den Grenzen der bestehenden Gesetze. Aber mit unverwstlicher Zhigkeit strebte sie unausgesetzt darnach, politische Rechte zu erringen, wo ihr dieselben versagt waren, oder ihre Wnsche und Beschwerden in den gesetzgebenden Krpern zur Geltung zu bringen, dort wo sie Vertreter in die Parlamente entsenden durfte. Nicht zufrieden damit, unablssig an der materiellen Hebung des Arbeiterstandes zu wirken, bestrebte sie sich auch, stets eingedenk des Wortes: Bildung ist Macht, das geistige Niveau ihrer Anhnger zu heben und dies war ihr mit Hlfe unzhliger Vereine, Bibliotheken, Zeitschriften, Flugbltter u. s. w. bereits am Ausgange des neunzehnten Jahrhunderts so gut gelungen, da das durchschnittliche Bildungsniveau der Arbeiter dasjenige der Kleinbrgerschaft merklich berstieg und da sie im Stande waren, aus ihren Reihen Schriftsteller, Journalisten und Redner auf den politischen Kampfplatz zu schicken, welche den Geisteskoryphen der Brgerschaft, des Adels und der Geistlichkeit nichts nachgaben. Mit ungeheurer Kraftanstrengung und eiserner Energie hob sich die Arbeiterschaft aus tiefstem Elende zu einer geistigen und sittlichen Hhe empor, welche sie befhigen mute, in jenem Momente als zielbewute, politisch reife Macht aufzutreten, in welchem die Zgel den schlaffen Hnden der besitzenden Klassen entfallen wrden. _Je tchtiger und reifer die Arbeiterschaft in diesem Augenblicke war, desto leichter und schmerzloser mute sich die unvermeidliche Umwlzung vollziehen._ Fast alle Staaten der civilisirten Welt sahen sich wohl oder bel durch die immer gewaltiger anschwellende Bewegung genthigt, ihr Augenmerk den socialen Mistnden zuzuwenden, was sie bisher gnzlich verabsumt hatten. Man versuchte von Staats wegen das oft beraus traurige Loos der arbeitenden Klassen zu bessern; man grndete Krankenkassen, Unfalls- und Altersversicherungskassen fr die Arbeiter, man stellte Gewerbeinspectoren an, welche die Thtigkeit in den Fabriken und anderen Gewerben berwachen und Mibruche abstellen sollten, man baute Arbeiterhuser, Volkskchen u. s. w., aber man verfuhr dabei in den meisten Fllen mit einer so pedantischen Engherzigkeit, da der Nutzen aller dieser Anstalten ein sehr miger blieb und die berechtigten Forderungen der Arbeiter dadurch nicht befriedigt wurden. Gleichwohl schien es zu jener Zeit, als sollte sich die Umwlzung in der wirthschaftlichen Productionsweise, welche von der Socialdemokratie angestrebt wurde, auf friedlichem Wege und sehr langsam vollziehen, denn einerseits wurde die capitalistische Gesellschaft durch die Macht der Verhltnisse immer mehr und mehr in eine Bahn gedrngt, auf der ihre Umgestaltung nach dem Sinne der Socialdemokratie nur noch eine Frage der Zeit sein mute, und andererseits wre eine gewaltsame Auflehnung gegen die furchtbaren Machtmittel des Staates heller Wahnsinn gewesen, eine Erkenntni, welcher sich selbst die radicalsten Fhrer der socialen Bewegung nicht verschlieen konnten. So standen die Dinge zu Beginn des letzten Decenniums im neunzehnten Jahrhundert, als ein unvorhergesehenes Ereigni die friedliche Entwicklung der Gesellschaftsreform fr unabsehbare Zeit verhinderte. Im Jahre 1892 erschien in der Hauptstadt des deutschen Reiches ein Bchlein, welches ungeheueres Aufsehen machte und in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet wurde. Der Titel dieses verhngnivollen Bchleins war: Socialdemokratische Zukunftsbilder, der Verfasser: einer der ersten Redner des Parlaments, Eugen Richter, welcher an der Spitze der sogenannten freisinnigen Partei stand und ein erbitterter Feind der Socialdemokratie war. In diesem Buche schilderte er mit glhender Phantasie die Schreckensbilder, denen Deutschland entgegengehen werde, falls es jemals der Socialdemokratie gelingen sollte, ihre Plne zur practischen Ausfhrung zu bringen, d. h. den socialen Staat an Stelle des capitalistischen in's Leben zu rufen. Mit gieriger Hast wurden die, in den dstersten Farben gehaltenen Schilderungen vom deutschen Publikum verschlungen; die Wirkung war eine ungeheure. Mit _einem_ Schlage war der ganze erschreckliche Abgrund, dem das Vaterland entgegentaumelte, vor den bestrzten Blicken enthllt; Tausende und Abertausende, von Entsetzen bermannt, fr ihre eigene, wie fr die Existenz ihrer Familien zitternd, verlangten ungestm Hlfe und Rettung von der Allmacht des Staates. Der Kaiser schwankte; noch konnte er sich nicht entschlieen, zu dem frher oft angewendeten Mittel gewaltsamer Unterdrckung zu greifen. Da kamen die Reichstagswahlen von 1895, und die socialdemokratische Fraction, bisher sechsunddreiig Mitglieder zhlend, wuchs auf fnfzig an; es kamen die Wahlen des Jahres 1900 und mit _einem_ Schlage ward die Socialdemokratie zur mchtigsten Partei des Parlamentes, in dem sie nicht weniger als neunzig Mandate ihr Eigen nannte, whrend die sogenannten Ordnungsparteien, in zahllose Fractionen und Fractinchen gespalten, dieser ehernen Phalanx gegenber in ohnmchtiger Verwirrung dastanden. Ein Todesschrecken erfate die ganze Bourgeoisie, den Geld- und Geburtsadel, die Geistlichkeit aller Confessionen und nicht zum Mindesten den Kaiserhof selbst. Es schien, als stnde das jngste Gericht vor den Thoren, und der Ruf nach Hlfe vor dem drohenden Untergange wurde lauter und eindringlicher als je. Noch stand ja der Regierung die groe, herrliche, in hundert Schlachten und Gefechten siegreich gewesene Armee zur Verfgung, auf die man sich fest verlassen konnte, wenn es galt, die schwer bedrohte Gesellschaftsordnung zu retten. Die Regierung, von allen Seiten bestrmt, zgerte nun auch nicht mehr lnger, energische Maregeln zu ergreifen. Am Morgen des 10. April 1900 prangten an allen Straenecken Berlins groe Zettel, welche die Auflsung des Reichstages und die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechtes fr die neu auszuschreibenden Reichstagswahlen ankndigten. Zugleich erfuhr man, da smmtliche socialistische Abgeordnete beim ersten Morgengrauen durch starke Abtheilungen von Militr und Schutzleuten aus ihren Wohnungen abgeholt und in geschlossenen Wagen unter Kavallerie-Eskorte nach Spandau transportirt worden wren. Die erste Wirkung war die eines lhmenden Schreckens, welcher das Volk in der Hauptstadt urpltzlich ergriffen zu haben schien. Anfnglich blieb Alles ruhig, aber die Straen im Centrum der Stadt fllten sich von Stunde zu Stunde immer mehr mit den von den Vorstdten hereinstrmenden Volksschaaren. Alle Geschfte, alle Fabriken stellten ihre Thtigkeit ein, und die dort beschftigten Arbeiter vergrerten die durch die Straen wogenden Massen. Aber auf dieser ganzen ungeheueren Menge lastete ein dumpfes Schweigen; nur flsternd ward die Kunde von dem, was geschehen, von Mund zu Mund getragen; man ahnte, da Schreckliches folgen werde, aber Niemand hatte den Muth, das Losungswort zu geben. So wurde es Mittag; mit klingendem Spiele kam, wie alltglich, die Wache zur Ablsung der Posten am Schlosse und den anderen ffentlichen Gebuden dahergezogen. Die Menge stand unbeweglich wie eine Mauer, und wie das Grollen der See, wenn der erste Windsto ber sie hinfhrt, so begann beim Anblick des Militrs ein dumpfes Murren und Brausen in der hunderttausendkpfigen Masse. Erst der Versuch, diese lebendige Mauer mit Gewalt zu durchbrechen, brachte Bewegung in dieselbe. Zwei Minuten spter war die Abtheilung Soldaten ber den Haufen gerannt, entwaffnet, wer sich zur Wehr setzte, niedergemacht; das erste Blut war geflossen und der Anblick desselben berauschte das Volk. Der Aufruhr hatte begonnen! Aus den Riesengebuden der Kasernen ergossen sich die bereit gehaltenen Regimenter in die Straen und vertheilten sich nach dem schon vorher festgestellten Plane, whrend aus den Nachbarstdten bereits Zug auf Zug, vollgepfropft mit Truppen, zur Hlfe herbeisauste. Fnf Tage und Nchte lang wogte der Straenkampf von einem Ende der Residenz bis zum anderen. Auch das Volk erhielt Verstrkung; Tausende von Bauern und Fabrikarbeitern zogen von allen Seiten zur Untersttzung herbei, aber das Ringen war, trotz allen Heldenmuthes der Insurgenten, vom Anfang an durch die Ueberlegenheit der Waffen und der Disciplin zu Gunsten der Truppen entschieden. Auch die anderen blutigen Aufstnde, welche an zahlreichen Orten des Reiches emporloderten, wurden bald niedergeschlagen; die letzten Schaaren der Freiheitskmpfer flchteten in die Wlder und Gebirge an der bhmischen Grenze und fhrten dort noch Monate lang einen erbitterten Guerillakrieg gegen die sie verfolgenden Soldaten und Gensdarmen. Das Strafgericht, welches folgte, war schrecklich; die berall eingesetzten Kriegsgerichte verfuhren mit draconischer Strenge, und bald lag die Ruhe des Friedhofes ber dem aus tausend Wunden blutenden Vaterlande. Einige Monate spter trat der, nach dem neuen Wahlgesetze, dem ein engherziger Census zu Grunde gelegt worden war, gewhlte Reichstag zusammen. Natrlich war kein einziger Socialdemokrat mehr in demselben zu erblicken. Was die Waffen begonnen, sollte nun die Gesetzgebung vollenden: die gnzliche Niederwerfung, nein! Ausrottung der Socialdemokratie. Alle Ordnungsparteien halfen bereitwilligst der Regierung bei diesem Werke. Smmtliche Arbeiterbltter wurden unterdrckt, die Arbeitervereine aufgelst, jeder politisch Verdchtige festgenommen. In letzterer Beziehung gingen bereifrige Polizeiorgane sogar so weit, da Herr Eugen Richter, am nmlichen Tage, an welchem der Reichstag den Regierungsantrag einstimmig annahm, Herrn Richter wegen seiner Verdienste um die Vernichtung der Socialdemokratie bei Lebzeiten schon ein Denkmal zu setzen, -- da Herr Eugen Richter am nmlichen Tage bei einem Haare auf den Schub gekommen wre. Gleichzeitig ging man auch daran, den Arbeitern durch Erschwerung ihrer Existenz den Brodkorb, wie man sich ausdrckte, hher zu hngen. Hunger und Elend sollte die gefhrliche Masse mrbe machen. Zuerst wurden smmtliche Gewerbeinspectorate abgeschafft, die Bestnde der Krankenkassen, Unfallversicherungs-, Invaliditts- und Altersversicherungskassen eingezogen und zur Gutmachung jenes Schadens verwendet, den der Aufstand verursacht hatte. Den Arbeitgebern wurde vollstndig freie Hand gelassen in Bezug auf Verwendung weiblicher und jugendlicher Arbeiter, sowie schulpflichtiger Kinder; die Beschrnkungen der Arbeitszeit, sowohl bei Tage, wie bei Nacht, wurden aufgehoben -- mit einem Worte: Alles, was vor dem groen Aufstande an Schutzmaregeln zu Gunsten der Arbeiter und _aus Furcht vor der Socialdemokratie_ geschaffen worden war, wurde rckgngig gemacht. Zu Anfang des Jahres 1901 war das groe Werk gethan: _Die Socialdemokratie hatte aufgehrt zu existiren, der ruhigen Entwicklung der capitalistisch organisirten Gesellschaft stand nichts mehr im Wege_, denn auch in allen brigen civilisirten Staaten hatten sich hnliche Vorgnge abgespielt. Zum ersten Male seit langen, langen Jahren athmete der friedliche Brger wieder beruhigt auf. Herr Eugen Richter aber stand auf dem Gipfel einer Popularitt, gegen welche selbst die seines einstigen Feindes Bismarck verblate. 7. Capitel. Die weitere Entwicklung der capitalistischen Gesellschaftsordnung. -- Arbeiter und Bauern im Jahre 1970. -- Die oberen Zehntausend im 20. Jahrhundert. -- Krisen und Kartelle. -- Die letzte Actiengesellschaft. -- Bellamy's Prophezeiung. -- Was Herr Eugen Richter geset hat. Die Lage der arbeitenden Classen begann nun eine unsagbar traurige zu werden. Die Fabrikanten, durch keine Rcksicht mehr gebunden, erniedrigten die Lhne weit unter das bisherige Niveau, erhhten aber andererseits die Arbeitszeit bis zur uersten Grenze. In rcksichtslosester Weise nutzten sie vornehmlich die Arbeitskraft der Frauen und Kinder aus; vom zartesten Alter angefangen, wurden die Kinder in die Fabriken getrieben, die ihnen weder zum Spiele noch zur Schule Zeit brig lieen; die Wchnerinnen, kaum da sie entbunden hatten, schleppten sich wieder zur Maschine heran. Whrend die Arbeitszeit der Frauen und Kinder bestndig anwuchs, lungerten groe Schaaren arbeitsloser Mnner auf den Straen umher, bereit, fr den geringsten Entgelt jede beliebige Arbeit zu bernehmen. Von einem eigenen Heerde, von einem Familienleben wute der Arbeiter nichts mehr; die jmmerlichen, schmutzstarrenden Lcher, in denen er mit Weib und Kindern und Schlafgngern, wie die Hringe zusammengepfercht, seine Nchte verbrachte, verdienten den Namen menschlicher Wohnungen nicht. Seine Nahrung war gnzlich unzureichend, einem menschlichen Krper die nthigste Kraft, die er verausgabt, wieder zu ersetzen; seine Kleidung bestand in Lumpen; er kannte nicht die Wohlthat eines erfrischenden Bades, eines Spazierganges in Wald oder Feld, er wute nichts von Unterhaltung oder Zerstreuung, er bekam nie mehr ein Buch oder eine Zeitung in die Hand; _wenn er Arbeit hatte, so war er ein Sclave, bekam er keine, so wurde er zum Vagabunden_. Als die ersten Decennien des zwanzigsten Jahrhunderts vollendet waren, war aller Orten eine Arbeitergeneration herangewachsen, welche derjenigen vor dem groen Aufstande in keiner Beziehung mehr glich. Der Arbeiter von 1890 war, der groen Mehrzahl nach, intelligent, wibegierig, belesen und in krperlicher Beziehung ziemlich gesund und krftig; im Jahre 1930 war die Arbeiterschaft im Groen und Ganzen bereits sowohl krperlich als geistig tief gesunken. Die schwchlichen strapazirten Frauen hatten noch schwchlichere, ungesunde Kinder zur Welt gebracht, die beinahe ohne Pflege und ohne Unterricht aufwuchsen, schon frhzeitig bei endloser einfrmiger Arbeit in den Fabriken verbldeten und die Keime unheilbarer Krankheiten einsogen. Der Durchschnittsarbeiter von 1930 war ein schwaches, engbrstiges, schwindschtiges Individuum, das mit eingefallenen Wangen und schlotternden Knieen zur Arbeit wankte und seine wenigen Freistunden in dumpfem, apathischem Brten verbrachte. Der Proletarier von 1970 aber, zu einer Zeit wo der menschliche Erfindungsgeist die herrlichsten Triumphe gefeiert und Wunderwerke der Technik vollendet hatte, der Proletarier von 1970 war ein Geschpf, das Mitleid und Entsetzen gleichzeitig einflte. Einen entsetzlichen Umfang hatte insbesondere die Prostitution angenommen. Die Lhne der Arbeiterinnen waren so niedrig, da sie, um leben zu knnen, direkt auf die Prostitution angewiesen waren. Die Fabrikanten rechneten von vornherein darauf, da die Frauen und Tchter der Arbeiter den Ausfall in ihren Einnahmen durch Verkauf ihres Krpers decken wrden, aber die Schaaren dieser Unglcklichen waren nur ein Bruchtheil des ungeheuren Heeres Jener, welche sich gnzlich dem Schandgewerbe ergeben hatten. Zu Tausenden fllten diese Geschpfe die Straen der Vorstdte, und auch die unerbittlichste Polizeistrenge vermochte sie nicht ganz aus den eleganten Vierteln zu verdrngen. Gnzlich hoffnungslos war auch die Lage des Kleingewerbes, insoweit berhaupt von einem solchen noch gesprochen werden konnte. Durch das rapide Anwachsen der Groindustrie war schon frher das Kleingewerbe arg geschdigt worden; seine Lage war aber damals noch glnzend zu nennen im Vergleiche mit dem jetzigen Zustande. Eine andere Arbeit, als wenig lohnende Reparaturen, gab es berhaupt nicht mehr fr den kleinen selbstndigen Meister. Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war z. B. ein Schustermeister, der die Anfertigung eines Paares Stiefeln in Auftrag erhielt und diesen Auftrag auch auszufhren verstand, oder ein Schneidermeister, der einen Anzug von A bis Z herzustellen wute, eine Seltenheit. Um 1970 waren die meisten Handwerksfertigkeiten vollstndig verloren gegangen; nur so weit, als es im Dienste der Groindustrie und bei einer weitgehenden Arbeitstheilung nthig war, hatten sich diese Fertigkeiten erhalten. Es gab wohl Arbeiter, welche mit Hobelmaschinen umzugehen wuten, und solche, welche mit Maschinenhlfe tglich ein paar Hundert Stuhlbeine anzufertigen verstanden; es gab aber keine Tischler mehr, welche ganz selbstndig, nur mit dem Handwerkszeug des neunzehnten Jahrhunderts ausgerstet, einen Stuhl, einen Tisch oder einen Schrank anzufertigen fhig gewesen wren. Der Bildungsgrad der noch brigen Kleinmeister war der denkbar niedrigste. Ihre Lage war so hoffnungslos und der Kampf um's Dasein, den sie zu fhren hatten, ein so harter, da ihnen schon lngst jeder Trieb zur Weiterbildung, zur Vermehrung ihrer sprlichen Kenntnisse abhanden gekommen war. Sie waren einfach nichts als Proletarier, welche von den Abfllen der Groindustrie lebten, ohne Urtheilskraft, ohne Energie, ewig jammernd, ewig schimpfend, aber nicht im Stande, ihre klgliche Situation auch nur um Haaresbreite zu verbessern. Was die Lage der Landbevlkerung anbetrifft, so war dieselbe nicht viel besser. Schon in den letzten Decennien des neunzehnten Jahrhunderts war die Position der Bauern, die ihre Selbstndigkeit bewahrt hatten, eine sehr ungnstige. Die Bewirthschaftung ihrer mit Hypotheken berbrdeten Gter wurde immer schwieriger und immer weniger nutzbringend. Der Grogrundbesitz, der immer mehr Land an sich ri, die Groindustrie, welche immer mehr Fabriken errichtete und der Staat, welcher immer mehr Soldaten benthigte, nahm ihnen ihre eingeschulten Arbeitskrfte und gab ihnen dafr im besten Falle ausgemergelte Fabrikarbeiter zurck, deren Krperkrfte durch langes Elend so herabgekommen waren, da sie zur Feldarbeit nichts mehr taugten. Der Kleinbauer wurde mehr und mehr abhngig von dem Grogrundbesitzer, mit dem er schon deswegen nicht concurriren konnte, weil derselbe weit billiger producirte, und seinen Boden weit ertragsfhiger zu machen verstand. Wenn der Bauer nach Begleichung der Zinsen und Steuern noch so viel brig behielt, da er nicht gerade mit den Seinigen Hunger zu leiden und da er die nchste Aussaat erbrigt hatte, so pries er sich schon glcklich. Die Flle aber, in denen Hof und Feld solcher Kleinbauern zwangsweise versteigert und zu niedrigsten Preisen von den nchsten Grogrundbesitzern erworben wurden, mehrten sich von Jahr zu Jahr. Die neuen Besitzer, welche meistentheils groe Jagdfreunde waren, brachen oft die verlassenen Hfe ab und schlugen den urbaren Grund zu ihrem Jagdgebiete. Auf diese Weise verschwanden alljhrlich nicht allein Hunderte von Einzelgehften, sondern hie und da auch ganze Dorfschaften, von denen nicht einmal ein Mauerrest brig blieb. Die frheren Besitzer, aller Mittel entblt, muten sich entweder mit Weib und Kind dem Grogrundbesitzer als Lohnarbeiter verdingen, oder in die nchste Fabrik wandern, und glcklich sein, wenn sie dort Arbeit fanden. Aus den freien Bauern waren Fabriksproletarier geworden. Viele Bauerngter wurden auch von Speculanten angekauft, welche dieselben parcellirten und kleinweise an den Mann brachten. Durch diesen Proze wurde ein Heer von Kleinhuslern geschaffen, deren Grundbesitz wieder nicht im Stande war, sie zu ernhren. Wenn diese Leute unter Entbehrungen der schlimmsten Art sich noch ein paar Jahre ber Wasser erhielten, einmal kam doch unfehlbar die Stunde, welche ihnen ihr Besitzthum entri und sie zu den Uebrigen in den Abgrund warf. Es wre schwer zu entscheiden gewesen, wessen Elend grer war: das der Lohnarbeiter in den Fabriken, oder das der Tagelhner auf den Gtern. Die Arbeitszeit der Letzteren war eine schier unbegrenzte: von Sonnenauf- bis Untergang, d. h. im Sommer von 4 Uhr frh bis 9 Uhr Abends, und wenn der oft Stunden lange Weg zum Arbeitsplatz und zurck mitgerechnet wird, so war eine Arbeitszeit von 3 Uhr Morgens bis 11 Uhr Nachts keine Seltenheit. Die Wohnungen der Landarbeiter standen an Comfort und Sauberkeit den Stllen der Gutsbesitzer weitaus nach; die Lhne waren gerade gengend, um das Lebenslicht vor dem Erlschen zu bewahren und die Kost bestand demnach jahraus, jahrein aus Kartoffeln, Kraut und dnnem Cichoriencaffee. Gleichwohl widerstand diese Classe von Lohnarbeitern der allgemeinen Degeneration ziemlich lange, was wohl seinen Grund in dem tglichen Aufenthalt in frischer, gesunder Luft haben mochte. In der zweiten Hlfte des zwanzigsten Jahrhunderts waren aber auch die Landarbeiter krperlich und geistig so tief gesunken, da sie kaum mehr tiefer sinken konnten. Neunzig Procent der Bevlkerung befand sich um das Jahr 1970 in einem Zustande, der auf das Krasseste abstach von dem Leben, das die brigen zehn Procent fhrten. Dieser Rest oder vielmehr diese dnne Schicht, welche auf der Oberflche des allgemeinen Elends schwamm, setzte sich zum berwiegenden Theile aus Groindustriellen und Grogrundbesitzern zusammen. Hierzu kamen die Vertreter des Grohandels, der hohen Finanz, welche indessen meistens auch zu den beiden erstgenannten Classen zhlten, das Heer der Beamten und Officiere, einige wenige auserlesene Knstler, Gelehrte, Schriftsteller und Techniker und endlich eine an Zahl und Bedeutung arg zusammengeschmolzene und noch immer rapid abnehmende wohlhabende Brgerschaft. Die Geschichte der oberen Zehntausend, vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts an, zeigt ebenso einen Degenerirungsproce, wie die Geschichte des unglcklichen Proletariats in jener Zeit. Whrend namenloses Elend den an Zahl grten Theil der Bevlkerung zu Boden drckte, erlag der andere Theil an der Last des Reichthums, der sich auf seinen Schultern angehuft hatte. Er verlor dabei alles, was seine Vorfahren einst auszeichnete: Mannesmuth, Charakterfestigkeit, Ueberzeugungstreue und nicht zum mindesten die Ehrlichkeit. Schon im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts war der Byzantinismus auf eine geradezu schwindelnde Hhe gestiegen. Der Spucknapf eines Hoflakeien war ein Gegenstand der Verehrung geworden. Die Presse brachte spaltenlange Berichte, wenn das Schohndchen der Frau Obersthofmeisterin sich erkltet hatte, aber sie ignorirte es gnzlich, wenn Schaaren von Arbeiterkindern am Hungertyphus dahinsiechten. Im engsten Zusammenhange mit diesen Erbrmlichkeiten stand ein auf allen Gebieten sich vordrngendes, widerwrtiges Streberthum, das in der Wahl seiner Mittel nichts weniger als whlerisch war und wenn es nicht anders ging, auch auf dem Wege der Denunciation oder in sonst verchtlicher Weise vorwrts zu kommen trachtete. Kunst und Literatur kannten keine andere Aufgabe mehr, als die Verherrlichung und Verewigung aller jener Vorflle, welche sich in der Atmosphre eines Frstenhofes abspielten. Die Gegenwart eines gekrnten Hauptes bei irgend einer ffentlichen Feierlichkeit war gengend, um diesen Moment zum Gegenstande unzhliger Darstellungen durch Feder, Pinsel und Meiel zu machen. Die Journalisten wurden nicht mde, das betreffende Ereigni bis in's allerkleinste _Dtail_ zu schildern. Die Dichter besangen es in begeisterten Hymnen, die Maler opferten Leinwandstcke von der Gre eines Fregattensegels und unzhlige Kilo Farbe, um den erhebenden Moment der Nachwelt zu berliefern und den Bildhauern war kein Marmorblock zu diesem Zwecke gro und rein genug. Von den Leiden des Volkes wute aber die Kunst nichts; sie verschmhte es, in die Tiefen des menschlichen Lebens hinabzusteigen und betrachtete es lediglich als ihre Aufgabe, diejenigen zu glorificiren, die sie am besten bezahlten. Der Luxus hatte eine exorbitante Hhe erreicht. Die, welche sich zur Gesellschaft zhlten, hatten kein Verstndni mehr fr den Begriff: Arbeit. Die Leitung der Fabriken berlieen sie ihren Direktoren und Ingenieuren, den Betrieb auf den Gtern ihren Verwaltern und Frstern; sie selbst hatten kein Ziel und keinen Zweck mehr, als das Geld zu vergeuden, was dort verdient wurde. Die Einrichtung der Palste, die Marstlle, die Maitressen, die Gastmhler und allerhand Feste verschlangen Unsummen. Fr ein einziges Frhstck gab man mehr aus, als zehn Arbeiterfamilien ein ganzes Jahr lang zum Leben brauchten. Diese colossalen Summen kamen aber nicht der breiten Masse des Volkes, sondern stets nur wenigen Grounternehmern zu Gute, welche ihrerseits ebenfalls Reichthum auf Reichthum huften, whrend die eigentlichen Erzeuger aller Producte im Elend verkamen. Baar jeder idealen Regung, war die besitzende Klasse vom krassesten Materialismus durchtrnkt; das Geld war ihr Gott, der Genu ihr einziger Lebenszweck, Kunst und Wissenschaft von ihnen zu kuflichen Dirnen degradirt worden. Dem Gewinne jagte Alles mit rastloser Gier nach; unablssig die Augen auf das blinkende Ziel gerichtet, kmmerte man sich wenig um die Existenzen, welche man auf diesem Wege zertrat, war man nichts weniger als whlerisch in der Auswahl der Mittel, welche zum Besitz fhren sollten. Was Geld einbrachte, war in den Augen dieser Classe moralisch, was nichts einbrachte, einfach Narrheit. Das ganze Leben war zu einem tollen Wirbeltanze um das goldene Kalb geworden; wer dabei zu Falle kam, nun, der fiel eben; die Uebrigen rasten weiter und wrdigten ihn nicht einmal eines Blickes mehr. Um sich zu bereichern, scheute man auch vor ungeheuerlichen Verbrechen nicht zurck, die nur selten eine Shne vor dem Richter fanden; mit dem verbindlichsten Lcheln auf den Lippen betrog man sich gegenseitig um Millionen, trieb man einander zum Selbstmord, zum Wahnsinn. Aber diese glnzende, innerlich angefaulte Welt war von Zeit zu Zeit, und zwar in immer krzeren Zwischenrumen, furchtbaren Erschtterungen ausgesetzt, welche stets ungezhlte Existenzen vom Gipfel des Reichthums in's tiefste Elend schleuderten. Niemand wute, ob ihm nicht eine der nchsten, schnell aufeinander folgenden Handelskrisen das nmliche Schicksal bereiten werde. Die fortwhrend steigende Concurrenz zwang unaufhrlich zu Verbesserungen an den Maschinen, zu Vereinfachungen der Productionsprocesse, zur Vermehrung der Arbeitsstunden und Verringerung der Lhne. Die unausbleibliche Folge war Ueberproduction, Sinken der Preise, Geschftsstockung, Krise, auf welche dann eine leichte Erholung eintrat, der aber allsogleich eine neuerliche Krise auf dem Fue folgte. Das Schlimmste war aber, da, whrend die Production bestndig anwuchs, die Consumtion fortwhrend im Sinken begriffen war. Kein Wunder, wenn man bedenkt, da der bei Weitem grere Theil der Bevlkerung am Hungertuche nagen mute, und da seine Kaufkraft beinahe gleich Null war. Die Production arbeitete hauptschlich fr den Export, aber da sich berall in allen Culturstaaten dieselben Zustnde eingestellt hatten, so wurde die Concurrenz im Handel nach berseeischen Mrkten immer schrfer und fhlbarer. Nachdem sich in Afrika eine blhende Industrie zu entwickeln begann, welche fr die Bedrfnisse dieses Welttheiles bald in ausreichender Weise zu sorgen im Stande war, verengte sich das Exportgebiet von Jahr zu Jahr immer mehr, whrend sich die Culturbedrfnisse der exotischen Vlkerschaften nicht in gleicher Weise steigerten. Um der sinkenden Tendenz der Preise entgegenzutreten, hatten sich schon im neunzehnten Jahrhundert einzelne Groindustrielle, Actiengesellschaften &c. zusammengethan, und Verabredungen getroffen, welche jeden dieser Producenten verpflichteten, nicht unter einem bestimmten Preise zu verkaufen oder seine Waaren so lange zurckzuhalten, bis eine Preissteigerung von bestimmter Hhe eingetreten sein werde. Diese Cartells nahmen im zwanzigsten Jahrhundert derart berhand, da es bald keinen einzigen Verbrauchsartikel mehr gab, dessen Preis nicht in der angedeuteten Weise in die Hhe geschraubt werden konnte. Vorbedingung war, da man zuerst die auer Cartell stehenden Concurrenten zu Grunde richtete oder aufkaufte und auf diese Weise concentrirte sich die gesammte Production in immer weniger Hnden, nahm der Reichthum dieser Wenigen immer collossalere Dimensionen an. Im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts gab es in Deutschland nur noch eine einzige Riesen-Actiengesellschaft, welche alles producirte, was berhaupt zu produciren mglich war, und Theilnehmer dieses gigantischen Unternehmens waren lediglich zwlf Grokapitalisten, vielfache Milliardre, in deren Besitz sich der gesammte Nationalreichthum concentrirte. Hundert Jahre frher hatte ein geistvoller, weitblickender Mann, der Amerikaner Bellamy, diesen Gang der Entwicklung vorausgesehen und prophezeit, da, sobald dieser Moment eingetreten sei, die Umwandlung des capitalistischen in den socialen Staat ohne weiteren Widerstand auf friedlichem Wege und sozusagen ganz von selbst sich vollziehen werde. Diese Prophezeiung, auf einer richtigen Erkenntni der wirthschaftlichen Krfte beruhend, wre auch sicherlich in Erfllung gegangen und ihre Realisirung htte fr die Welt den Beginn einer glnzenden Epoche in der Culturgeschichte der Menschheit bedeutet -- wenn die groe Masse des Volkes vorbereitet gewesen wre fr diese Umwlzung der Gesellschaftsordnung, fr diesen pltzlichen Uebergang vom tiefsten Schatten zum glnzendsten Lichte. _Jetzt aber war der Moment gekommen, wo sich die Snden der letzten hundert Jahre in furchtbarster Weise rchen sollten, wo die Saat, welche am Ende des neunzehnten Jahrhunderts Eugen Richter geset hatte, erst ihre entsetzlichen Frchte zur Reife brachte. Im Laufe der letzten hundert Jahre war nichts, rein gar nichts geschehen, um das Volk fr den groen Augenblick, der seiner harrte, vorzubereiten._ Bis zum Staatsstreich des Jahres 1900 hatte die Socialdemokratie sich dieser letzterwhnten Aufgabe unterzogen. Aus dumpfer Erstarrung und klglicher Unwissenheit hatte sie das arbeitende Volk unter unsglichen Mhen, Gefahren und Hindernissen, zur Selbstndigkeit, zum Selbstbewutsein, zur Bildung heranzuziehen sich bemht. Und ihre Bemhungen waren auf dem besten Wege, von Erfolg begleitet zu sein. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts war der Arbeiter von einem heien Drange nach Bildung und Wissen erfllt; in weiter Ferne sah er eine glnzende Idealgestalt vor sich herziehen, die seinen Weg erleuchtete und die Socialdemokratie war es, die seine Schritte auf diesem Wege leitete, die ihm, so oft er es verga, immer und immer wieder die Mittel einprgte, welche ihn auf demselben vorwrts bringen konnten. Aber die Socialdemokratie that noch mehr: sie wurde auch zur Erzieherin der anderen Classen. Indem sie die trge Masse des Proletariates aufrttelte, organisirte und zielbewut machte, zwang sie die Besitzenden, ihre Aufmerksamkeit Dingen von hchster Wichtigkeit zuzuwenden, welche bis dahin in unverantwortlicher Weise vernachlssigt worden waren. Eine ganze Welt von neuen Fragen, Ideen, Gesichtspunkten machte sie pltzlich lebendig. Es half nichts, da man sich anfnglich davon abwendete, da man sich die Augen zuhielt, da man sich taub stellte. Die Sprache der Thatsachen war eine zu eindringliche; man war genthigt, der Sache wohl oder bel seine Aufmerksamkeit zu schenken, sich auf Discussionen einzulassen, seine Lethargie abzuschtteln, um dem Gegner Stand halten zu knnen. So brachte die Socialdemokratie neues, frisch pulsirendes Leben in die alternde Gesellschaft, sie streute mit vollen Hnden einen unerschpflichen Stoff zur Anregung auf allen Gebieten aus; Dichter, Schriftsteller und Knstler schpften aus dem nie versiegenden Quell einer neuen Ideenwelt, und selbst die rostig werdende Staatsmaschine sah neues Oel auf ihre knarrenden Achsen trufeln und ging daran, Institutionen zu schaffen, die man ein Vierteljahrhundert frher als phantastisch bezeichnet haben wrde. Dieser frische Quell versiegte mit einem Male, als man die Socialdemokratie mit eiserner Faust fr immerdar vernichtet, ausgerottet hatte. _Als der groe Moment, den Bellamy prophezeit hatte, thatschlich eintrat, fand er an Stelle einer politisch reifen, mit dem Rstzeug moderner Bildung ausgestatteten und physisch tchtigen Arbeiterschaft eine verthierte Masse, die kein anderes Ziel kannte, als endlich einmal Rache zu nehmen fr die schmhliche Unterdrckung, deren Opfer sie seit hundert Jahren geworden war._ 8. Capitel. Berlin acht Tage vor dem groen Krach. -- Feiernde Fabriken. -- Der Hungertod. -- Riesenbazare. -- Mangel an Soldaten. -- Ein Abendspaziergang im Jahre 1998. -- Ein Besuch im Arbeiterviertel. Ich beginne nunmehr mit der Erzhlung meiner eigenen Erlebnisse in der Zeit des allgemeinen Zusammenbruchs. Am Abend des 2. Februar 1998 fuhr ich mit dem Blitzzug von Weimar nach Berlin. Ich befand mich in der glckseligsten Stimmung; ich hatte ja die Reise unternommen, um meine Braut heimzufhren aus ihrem Elternhause in das behagliche Nest, das ich ihr in Thringen bereitet hatte. Dank der Protection meines zuknftigen Schwiegervaters, welcher eine einflureiche Stellung bei der groen Actiengesellschaft bekleidete, war ich zum Verwalter der Thringischen Centralmagazine ernannt worden, ein Posten, der ebenso angenehm, als eintrglich war. So drckte ich mich also in die Kissen meines Coupsitzes und berlie mich, whrend der Zug seinem Ziele entgegenbrauste, den angenehmsten Trumen, eine Beschftigung, der ich mich um so ungestrter hingeben konnte, als ich anfnglich allein in meinem Coup war. Auf einer Zwischenstation, einem Stdtchen, in welchem die Gesellschaft groe Teppichfabriken besa, stieg ein Herr in meine Abtheilung ein, in dem ich alsbald einen ehemaligen Schulcollegen erkannte. Ebenfalls im Dienste der Gesellschaft stehend, war er erst vor wenigen Wochen an diesen Ort versetzt worden. Nachdem wir uns begrt und die blichen Redensarten gewechselt hatten, fiel mir pltzlich ein, da ich der Ausstattung meiner Wohnung ganz gut noch einen Teppich von bestimmter Specialitt beifgen knne, wie ihn die erwhnten Fabriken in vorzglicher Beschaffenheit anfertigten. Ich frug also meinen Freund nach dem Preise einer mir zusagenden Gre und war nicht wenig erstaunt, als ich zur Antwort erhielt, da in den Fabriken diese Gattung von Teppichen nicht mehr hergestellt werde. Warum denn nicht mehr? frug ich, ist vielleicht keine Nachfrage mehr nach dieser Qualitt? Mein Freund lchelte dster und erwiderte mit gepreter Stimme: Weil wir berhaupt nichts mehr fabriciren. Die Fabriken haben ihren Betrieb vor drei Tagen eingestellt. Eingestellt? Ich war der Meinung, das Geschft gehe bei Euch vorzglich. Ihr habt doch, wenn ich nicht irre, an fnftausend Arbeiter beschftigt? Das ist richtig, sprach mein Gegenber. Die ganze Einwohnerschaft des Stdtchens, mit Ausnahme der wenigen Staatsbeamten, arbeitete fr unsere Gesellschaft; wir haben sie aber smmtlich entlassen mssen, weil sich die Fabrikation schon lngst nicht mehr rentirte. Ich verstehe aber nicht! Eure Teppiche hatten einen Weltruf. Sie waren dauerhaft, elegant, preiswrdig -- Und doch war der Absatz auf ein Minimum herabgesunken und deckte nicht einmal die Betriebskosten. Wir haben eben in ganz Deutschland nur sehr wenig Leute, die sich den Luxus eines Teppiches gestatten knnen. Es mssen ja selbst Fabrikationszweige eingeschrnkt werden, welche nothwendigen Lebensbedarf produciren. Wenn jeder Arbeiter in Deutschland im Stande wre, fr sich und die Seinen Betten zu kaufen, so knnten wir vierzig Millionen Stck davon fabriciren. Wie viel Arbeit gbe das fr unsere Mbelfabriken, fr die Leinenindustrie, fr die Fabrikation von Matratzenstoffen; selbst die Landwirthschaft wrde profitiren, denn wo nhme man die Tausende von Centnern an Bettfedern her? Ich glaube aber, da heute Nacht im ganzen Reich kein einziges Mitglied einer Arbeiterfamilie in einem Bette schlafen wird. Die Leute liegen im besten Falle auf einem Haufen Stroh oder Lumpen; die Meisten aber in ihren Arbeitskleidern auf dem nackten Fuboden. Was fangen denn nun diese fnftausend Menschen an, die Ihr entlassen habt? frug ich weiter. Der Andere zuckte mit den Achseln. Das wei ich nicht. Ein oder zwei Dutzend werden wohl im Orte bleiben, und die paar Aecker bearbeiten, die ihnen noch verblieben sind. Alles brige Land, auf Meilen hinaus, gehrt der Gesellschaft, die es im Groen bearbeiten lt und so schon Ueberflu an Arbeitern hat. Das groe Heer der Arbeitslosen wird um einige Bataillone zunehmen, das ist Alles, was man heute sagen kann. Die Worte meines Freundes hatten bereits gengt, um meine gute Laune zu verscheuchen. Heiter und sorglos von Natur, hatte ich mir bisher wenig Mhe gegeben, den Wolken, welche sich rings um mich zusammenzogen, eine grere Aufmerksamkeit zu schenken. Trotzdem war es auch mir nicht entgangen, da die wirthschaftlichen Zustnde sehr viel zu wnschen brig lieen; in dem Stadium hochgradiger Verliebtheit, in dem ich mich jedoch seit mehr als Jahresfrist befand, war ich noch weniger als frher geneigt, mich dsteren Betrachtungen hinzugeben. Die Zukunft lag so verlockend, so rosig vor mir, da ich stets mit Gewalt alle aufsteigenden Gespenster verscheuchte; ich wollte mir mein Glck um so weniger trben lassen, als ich ja an den allgemeinen Zustnden nichts ndern und bessern konnte. Heute aber vermochte ich der finsteren Mchte nicht Herr zu werden. Die Worte, die ich soeben vernommen, hatten einen Abgrund vor mir geffnet und erst, als ich am Bahnhofe in Berlin anlangend, von meiner Braut und deren Eltern empfangen wurde, als sich Elly mit glckseligem Lcheln an meinen Arm hngte, verscheuchte ihr frhliches Geplauder die dsteren Bilder, von denen mein Inneres erfllt war. Eine Viertelstunde spter bog der Wagen, in dem wir saen, in die taghell beleuchtete Einfahrt eines jener palasthnlichen Gebude ein, in denen die hheren Beamten unserer Gesellschaft, zu denen auch mein Schwiegervater zhlte, ihre Dienstwohnungen hatten. In diesem Moment prallten die Pferde zurck, wir erhielten einen starken Sto, der Wagen neigte sich zur Seite. Die Frauen schrieen angstvoll auf, mein Schwiegervater ffnete den Schlag und sprang hinaus; ich folgte ihm und sah den Wagen umringt von einer Schaar Menschen, deren Gesichter ich nie vergessen werde. Ein unbeschreibbarer Ha lag in diesen funkelnden Blicken. Ich fand jedoch keine Zeit, weitere Betrachtungen anzustellen. Schutzleute waren zur Hand, welche die Menge aus der Einfahrt auf die Strae drngten und das Gitter schlossen. Nun standen sie drauen, unverwandten Blickes durch die Lcken der Eisenstbe hereinstierend, mit entsetzlichen, abgezehrten Gesichtern und wirren Haaren. Gleichzeitig sah ich, wie man eine leblose Gestalt, den Krper eines Weibes, unter dem Wagen hervorzog. Als man die Unglckliche forttragen wollte, fiel mein Blick auf ihr wachsbleiches Gesicht. Es schien nur aus Haut und Knochen zu bestehen und glich dem Schdel einer Mumie. Ich wandte mich an einen der Schutzleute: Der Wagen hat sie getdtet? rief ich. Nein, sie war schon vorher todt, sprach der Mann gleichgltig, sie ist verhungert! _3. Februar._ Die ganze Nacht hatte mich die Schreckensgestalt des gestrigen Abends im Traume verfolgt. Mde und abgespannt erhob ich mich. Wie ein zum Himmel schreiendes Verbrechen erschien mir der Luxus, der mich umgab. Beim Frhstck nach dem Grunde meiner Schweigsamkeit befragt, sagte ich offenherzig, wie tief mich die Begebenheit von gestern erschttert habe. Mein Schwiegervater zuckte die Achseln: Das ist uns leider nichts Neues mehr, erwiderte er. Das Elend wird immer grer, und kein Mensch wei, wo das hinaus will. Das Schlimmste steht uns noch bevor. Vor Kurzem hat einer unserer Ingenieure eine neue Erfindung gemacht, welche wieder ungezhlte Tausende um ihr Brod bringt. Man hat jetzt in der Textilindustrie berhaupt keine Arbeiter mehr nthig. Ein Kind von zehn Jahren gengt fr jede Fabrik und es hat nichts weiter zu thun, als bald hier, bald dort auf einen Knopf zu drcken. Das Uebrige besorgen die Maschinen. Und die Arbeiter? frug ich. Er schwieg und zuckte noch einmal mit den Achseln. Nach einer Weile peinlichen Schweigens frug er mich, ob ich geneigt sei, ihn auf einem Spaziergange zu begleiten. Er htte mir kein willkommeneres Anerbieten machen knnen. Eine Fluth schrecklicher Gedanken drohte wieder ber mich herzufallen; die Gestalten meines nchtlichen Traumes wurden wieder lebendig, und mir war, als msse ich in diesen Rumen ersticken. Elly hatte mich besorgten Blickes gemustert. Im ersten unbelauschten Moment umschlangen mich ihre Arme: Oh Lieber, la uns bald diese Stadt verlassen. Es gehen hier schreckliche Dinge vor, und kaum wage ich mehr, den Fu auf die Strae zu setzen, wo mich berall das grlichste Elend angrinst. Sie brach in Thrnen aus, und ich mute alle Beredsamkeit aufbieten, um sie zu beruhigen. Mir war es aber, als sei seit gestern ein kalter Reif auf mein junges Glck gefallen. Die seltsame Stimmung, in der ich mich befand, mochte Ursache sein, da mir Dinge, welche mir lngst bekannt waren, heute in einem ganz eigenthmlichen Lichte erschienen. In frheren Jahren hatte sich, wie ich oft erzhlen hrte, in den Straen, die wir durchwanderten, ein Schauladen am andern befunden, von denen Jeder seinen besonderen Inhaber hatte. Jeder trieb sein Geschft fr sich auf eigene Faust und hatte keine weitere Sorge, als seinen Concurrenten zu Grunde zu richten. Das hatte sich schon lngst gendert. Die kleinen Geschfte waren seit Jahrzehnten verschwunden. An ihrer Stelle nahmen Riesen-Bazars die unteren Stockwerke der Huser ein, Colossalgeschfte, welche smmtlich von unserer Actiengesellschaft betrieben wurden und in denen man Alles erhalten konnte, was man zu haben wnschte, von der Stecknadel angefangen bis zum Concertflgel. Vor diesen groartigen Betrieben, welche mit weit geringeren Spesen und grerem Nutzen arbeiteten, hatten die kleinen Geschftsleute die Segel streichen mssen; was frher Vielen gehrt hatte, befand sich jetzt im Besitz einiger Weniger und zahllose zerstrte Existenzen bezeichneten den Weg dieser friedlich verlaufenen Umwlzung. Das Praktische der Einrichtung lie sich ja nicht leugnen, aber warum, frug ich mich, warum mu der Profit dieser Riesengeschfte nur Einigen zufallen, die ohnedies schon mehr als genug besitzen, warum darf nicht das ganze Volk, jene ungeheure Schaar Armer und Elender Theil haben am Geschft? Mir fiel ein, was ich von der lngst verschollenen Socialdemokratie gehrt hatte. Wenn jetzt das ganze Volk, erfllt von ein und demselben Gedanken im Stande wre, an Stelle dieser Wenigen zu treten und die Leitung der Production und des Waarenvertriebes selbst in die Hand zu nehmen? Wahnsinnige Idee! Menschenalter mten vergehen, ehe diese zu Boden getretene, verthierte Masse wieder so weit emporgehoben werden knnte, um an eine solche Riesenaufgabe heranzutreten. Wir besorgten einige Einkufe und traten den Heimweg an. Eine Abtheilung Soldaten, Trommler und Pfeifer an der Spitze, marschirte an uns vorber. Ehemals hatte ich ein solches Schauspiel mit gleichgltigen Blicken gemustert; heute betrachtete ich Alles mit anderen Augen und so entging mir der finstere Ernst nicht, welcher auf den Zgen der brigens gut genhrten und strammen Mnner lag. Diese wenigstens scheinen keine Noth zu leiden, sagte ich zu meinem Begleiter. Nein, man thut alles Mgliche, um sie bei Kraft und guter Laune zu erhalten, erwiderte er, aber es werden ihrer von Jahr zu Jahr weniger; die Regimenter schmelzen zusammen, wie Schnee an der Sonne; die Zahl der Tauglichen nimmt geradezu reiend ab. Das begreife ich; ein Volk, das vor Hunger stirbt, ist nicht mehr im Stande, Waffen zu tragen. Ich sagte das mit einer Bitterkeit, die mir sonst fremd war. Im Uebrigen gab es nichts Absonderliches in der Physiognomie des Straenlebens. Eine elegant gekleidete Menge, Damen und Herren, fllte die Gehsteige und strmte bei den Flgelthren der Bazare aus und ein. Equipagen, Omnibusse, Tramway-Waggons kreuzten sich in unaufhrlicher Folge auf dem Asphalte der Fahrbahn. Nicht das geringste Anzeichen deutete die schreckliche Catastrophe an, die wir einige Tage spter erleben sollten. Ich verbrachte den Rest des Tages in etwas besserer Stimmung, in Gesellschaft Elly's. Wir plauderten von unserer Zukunft, bauten entzckende Luftschlsser und lieen es an den kleinen verstohlenen Zrtlichkeiten nicht fehlen, wie sie unter Verliebten Brauch sind. Gegen Abend erinnerte ich mich, da ich versprochen hatte, einen Bekannten aufzusuchen, der nur wenige Minuten entfernt seine Wohnung hatte. Ich bat deshalb meine Braut um ein Stndchen Urlaub und war nicht wenig erstaunt, als Elly bei meinen Worten die Farbe wechselte und mich flehentlich bat, bei ihr zu bleiben. Benutze wenigstens Vaters Wagen, wenn Du den Besuch nicht bis morgen Vormittag aufschieben kannst, bat sie. Aber weshalb denn, Elly, es sind ja kaum mehr als zehn Minuten Wegs; da verlohnt es sich doch wahrlich nicht, erst einspannen zu lassen, entgegnete ich. Oh, doch, doch, rief sie aufgeregt, geh' nicht auf die Strae um diese Zeit, wenn Du mich lieb hast. Es geschehen oft schreckliche Dinge da drauen. Ihre Angst schien mir kindisch und zudem weckten ihre Aeuerungen die Neugierde in mir; ich wollte einen Blick in dieses Straenleben werfen, das ihr solchen Schrecken einflte. Einige Minuten spter eilte ich durch die taghell erleuchteten Straen der mir wohlbekannten Wohnung meines Freundes zu. Auf den ersten Blick war mir indessen aufgefallen, da das Publikum sich jetzt aus ganz anderen Elementen zusammensetzte, als in den Vormittagsstunden. Die Zahl der Schutzleute hatte betrchtlich zugenommen und hie und da traf mein Auge auf eine jener unheimlichen Gestalten, welche ich am Vorabende bemerkt hatte. Die Frauenwelt, das konnte mir nicht entgehen, war fast ausschlielich aus jenen, nicht mehr zweideutigen Elementen zusammengesetzt, die eine Eigenthmlichkeit moderner Grostdte bilden. Das Alles fand ich indessen nicht allzu verwunderlich, hatte mir's auch kaum anders vorgestellt und lchelnd ber Elly's Angst, deren Beweggrund mir schlecht verhllte Eifersucht schien, setzte ich meinen Weg fort. Ich traf den Gesuchten zu Haus und verplauderte ein halbes Stndchen mit ihm. Seltsam schien mir jedoch, da mein Freund, sonst die Hflichkeit selbst, in frmlich unartiger Weise meinen Besuch abzukrzen trachtete und mir mehr als einmal zu verstehen gab, es wre besser, wenn ich meine Braut nicht lnger allein lasse. Etwas rgerlich ging ich endlich. Die Straen, welche ich passirte, waren auffallend menschenleer; nur hie und da huschte ein Schatten an den Husern entlang. Eine matt beleuchtete Seitengasse passirend, sah ich pltzlich zwei Gestalten, in weite Mntel gehllt, vor mir auftauchen. Ich erkannte beim Schein der Laterne eine ltere Frau mit abgezehrtem, geisterbleichem Antlitz und ein junges, kaum dem Kindesalter entwachsenes Mdchen, das seine groen Augen nur einmal scheu zu mir emporhob, um sie sogleich wieder zu senken. Erst siebzehn Jahre, Herr, flsterte die Alte. Wollt Ihr sie haben? Fr ein Stck Brot gebe ich sie Euch! Seht nur her, wie hbsch sie ist! Das Weib schlug den Mantel zurck, der die Gestalt des Kindes verhllte; ein blhender, nackter Mdchenleib drngte sich mir entgegen, schmiegte sich an mich, und eine Stimme, die ich nie vergessen werde, flehte: Ein kleines Stck Brot nur; ich habe so Hunger, Herr! Zitternd, betubt, eine Welt voll Schmerz und Scham in mir, trat ich zurck und legte alles, was ich an Baarschaft bei mir trug, in die kleinen zitternden Hnde, dann, -- ich schme mich nicht, es einzugestehen -- ergriff ich die Flucht. Nach wenigen Schritten aber sah ich mich von Neuem angehalten. Ein Weib kniete vor mir mit flehend erhobenen Hnden und wieder gellte die furchtbare Klage in mein Ohr: Ich sterbe vor Hunger, Herr! Verzweiflungsvoll whlte ich in meinen Taschen, es war nichts mehr darin. Da drngte es sich von rechts und links an mich heran, weiche Arme legten sich um meinen Hals und aufgelstes Frauenhaar streifte mein Gesicht. Ich fhlte meine Hnde festgehalten; als ich sie losmachen und die Gestalten, die mich umgaben, zurckdrngen wollte, da sah ich hier und dort eine Hlle zu Boden gleiten und meine Finger berhrten die weichen Formen der entblten Frauenleiber. Meiner Sinne kaum mehr mchtig, ri ich mich los und strmte davon. Einige Minuten spter erreichte ich die Strae, in der Elly's Haus lag. Hier hatte sich die Scenerie indessen sehr verndert. Das elegante Publikum war gnzlich verschwunden; die ganze Strae, Kopf an Kopf, mit verwilderten Erscheinungen, Mnnern und Weibern erfllt, die Schaufenster der Bazare smmtlich geschlossen. Noch tief erschttert von dem eben Erlebten, fhlte ich, wie es mir hei zu den Augen hinanscho, als ich diese hohlwangigen, bleichen Gesichter mit all ihrem stummen Elend sah. Vor jedem Hause waren Infanterie-Pickets postirt; Schutzmnner zu Fu und zu Pferd patrouillirten bestndig Strae auf, Strae ab, aber ich hatte das Gefhl, als wenn die unzhlbare Masse der Armen und Elenden nur eines Wortes, eines Signals bedrfe, um sich auf diese Wchter der Ordnung zu strzen und sie mit ihrer Wucht zu erdrcken. So gut es gehen wollte, drngte ich mich durch. Schweitriefend, ohne Hut, mit beschmutzten und zerrissenen Kleidern, bleich vor Entsetzen und Aufregung, langte ich endlich bei Elly wieder an. _5. Februar._ Am folgenden Tage fhlte ich mich durch die Erlebnisse, die ich soeben geschildert, so angegriffen, da ich mich nicht entschlieen konnte, das Haus zu verlassen. Ich blieb also den ganzen Tag bei Elly, die sich groe Mhe gab, die unangenehmen Eindrcke zu verwischen, welche mir der verflossene Abend hinterlassen hatte. Heute frh, als ich leidlich beruhigt, zum Frhstck kam, fand ich Elly in Thrnen schwimmend, einen offenen Brief in der Hand, den sie mir bei meinem Eintritt sogleich entgegenstreckte. Der Brief enthielt die herzzerreiende Schilderung der Lage, in welcher eine ehemalige Bonne Elly's sich befand. Es war das alte Lied: der Mann seit Monaten arbeitslos, die Frau krank, von Allem entblt, mit ihrem kleinen Kinde dem Hungertode nahe. Elly wollte selbst sofort einspannen lassen, um der unglcklichen Familie Hilfe zu bringen. Aber ihr Vater legte ein energisches _Veto_ ein. Wir werden das selbst besorgen, sagte er zu mir gewendet, in jene Quartiere darf Deine Braut keinen Fu setzen. Elly soll Kleider und Lebensmittel in einen Korb packen; ich lasse inzwischen einspannen. Du aber gehst mit dieser Karte zur nchsten Polizeiwache und bittest um ausreichende Bedeckung. Um Bedeckung -- --? frug ich erstaunt. Selbstverstndlich, erwiderte er etwas ungeduldig, in jenen Stadttheil begiebt man sich nur unter Polizeischutz. Eine halbe Stunde spter setzte sich unsere Expedition in Bewegung. Im Wagen uns gegenber hatten zwei Wachleute, auf dem Bocke neben dem Kutscher ein bis an die Zhne bewaffneter Dritter Platz genommen. Zwei andere Polizisten trabten hoch zu Ro auf beiden Seiten des Wagens. Wir selbst waren mit scharfgeladenen Revolvern versehen. So ausgerstet verlieen wir das elegante Stadtviertel und drangen in eine Gegend vor, welche den grellsten Contrast zu ersterem bildete. Vorher hatten wir die doppelte Postenkette eines Infanterie-Regimentes zu passiren, welche den Zugang zu diesem Quartiere absperrte. Je weiter wir fuhren, desto unheimlicher wurde unsere Umgebung. In den von hohen rugeschwrzten Husern eingefaten Straen schien eine ewige Dmmerung zu herrschen. Unbeschreibbare Dnste erfllten die dicke nebelfeuchte Luft; berall, wohin auch das Auge traf, grinsten ihm die unzweideutigen Spuren tiefsten Elends und entsetzlicher Verkommenheit entgegen. Die Gassen waren fast menschenleer, nur hier und da zeigte sich an den mit Papier verklebten Scheiben ein bleiches Gesicht, das uns apathisch aus tief liegenden Augen anstarrte. In einem der elendesten Seitengchen hielten wir. Ziemlich lange dauerte es, bis wir uns durch eine Flucht von schmutzigen, dunklen Hfen, Gngen und Stiegen durchgefunden hatten an den Ort unserer Bestimmung. Was wir da fanden -- kaum vermag ich es zu schildern. Der Brief, den Elly erhalten, mochte wohl zu lange unterwegs gewesen sein, denn unsere Hlfe kam zu spt. Am Fensterkreuz des vollstndig kahlen, eisig kalten Gemachs hing die zu einem Skelett abgemagerte leblose Gestalt eines, nur mit einigen Lumpen bekleideten Mannes. Der Unglckliche hatte schon vor mehreren Tagen seinem Leben ein Ende gemacht; der Krper war bereits in Fulni bergegangen. Niemand hatte sich die Mhe genommen, ihn abzuschneiden, und fr seine Bestattung zu sorgen. Das war aber noch nicht das Grlichste! In einem Winkel kauerte ein Weib und nagte an einem Knochen. Sie hatte uns zuerst vllig theilnahmslos betrachtet; als ich mich jedoch ihr nherte, schrie sie auf und breitete die Hnde ber ein irdenes Gef, das neben ihr stand. Aus ihren Augen blitzte der Wahnsinn. Geht hinaus! Ihr weckt mir mein Kind auf! kreischte sie. Dann lachte sie wieder: Wollt ihr's anschauen, wie s es schlft? Sie zog einen schmutzigen Lappen von dem Gef. Entsetzlich! Da lagen blutige, halbabgenagte Fleischreste! Die Wahnsinnige zog ein Stck davon heraus und schlug gierig die Zhne hinein: Mich hungert! Das war das Letzte, was ich hrte, die Sinne schwanden mir! Als ich wieder zur Besinnung kam, sa ich im Wagen, der im tollen Lauf ber das Pflaster flog. Ein furchtbares Geheul umtobte ihn, Schsse krachten, ein Steinhagel prasselte gegen Fenster und Verdeck der Kutsche, mein Schwiegervater sa an meiner Seite, todtenbleich, den Revolver in der Hand; mir gegenber, von den Schutzleuten gehalten, die Wahnsinnige, mit lchelndem Gesicht und glanzlosen Augen, auf ihren Kleidern noch die Blutreste der entsetzlichen Mahlzeit. So erreichten wir die Postenkette des Militrs, das unser Fuhrwerk sofort in die Mitte nahm. Aus der Ferne nur, wie eine tosende Brandung, schlug dumpfes Schreien und Heulen an mein Ohr. 9. Capitel. Jagdausflug. -- Die allerjngste Dichterschule. -- Rittergut Gro-Wackernitz. -- Pferdeloos und Menschenschicksal. -- Ein feines Souper mit Zubehr. _6. Februar._ Die Schreckensbilder des gestrigen Tages hatten mir die Nachtruhe geraubt, sie trieben mich am nchsten Vormittag in's Freie; der frische Wintermorgen, hoffte ich, werde sie verscheuchen. Ich war etwa eine halbe Stunde ziellos durch die Straen gestrichen, als ich pltzlich von einem Officier angeredet wurde. Morgen, alter Knabe, wie geht's Dir denn?! Verwundert sah ich auf. Die Stimme kam mir bekannt vor. Richtig, er war's, mein Schulkamerad und Studiengenosse M. -- und erfreut ber die Begegnung schttelte ich seine dargebotene Rechte. Nimm mir's nicht bel, Du siehst ziemlich schlecht aus, begann M., indem er sich bei mir einhngte, das Berliner Klima scheint Dir schlecht zu bekommen. Ich gab eine ausweichende Antwort; es wre mir nicht mglich gewesen, meine Erlebnisse jetzt zum Besten zu geben. Du mut Dich zerstreuen! erwiderte mir M., damit Du die Melancholie los wirst; weit Du was, komm mit mir; wir sind fnf oder sechs gute Bekannte fr morgen zu einer Jagd da in der Nhe eingeladen. Heute Nachmittag fahren wir mit der Anhalter Bahn hinaus, Abends giebt's ein feines Souper mit Zubehr -- M. lachte sonderbar, als er das sagte -- und morgen in der Frh' geht's auf die Hasen. Komm mit, es wird lustig, das kann ich Dir sagen! Der Vorschlag kam mir nicht ungelegen; ich fhlte wirklich, da ich etwas thun msse, um die Gespenster los zu werden, die mir bei Tag und Nacht keine Ruhe mehr lieen. Ich nahm also mit Dank die Einladung an und fand mich pnktlich zur angegebenen Stunde am Bahnhofe ein, wo ich M. bereits in Gesellschaft einiger Herren traf: junge Banquiersshne, Grogrundbesitzer und Gardeofficiere, wie ich aus der blichen Vorstellung entnehmen konnte. Ich mte lgen, wenn ich behaupten wollte, da die Unterhaltung whrend der Fahrt besonders geistreich gewesen wre; das Gesprchsthema bildete hauptschlich ein neues Stck, welches das Repertoire eines der grten Theater der Residenz zur Zeit beherrschte. Soviel ich aus den Bemerkungen darber entnehmen konnte, spielte es grtentheils in einem Bordell und die Vorstellung war Abend fr Abend ausverkauft. Sein Glanzpunkt war die sog. Nothzuchtsscene im dritten Act, in welcher die Heldin des Stckes, ein junges, noch unschuldiges Geschpf, von einem Stammgast des besagten Etablissements auf offener Bhne in Gegenwart ihrer Mutter entehrt wird. Diese Scene wurde jedesmal wthend beklatscht. Meine neuen Bekannten fanden es unverzeihlich, da ich schon fast acht Tage in Berlin war, ohne dieses glanzvolle Product der allerjngsten deutschen Dichterschule gesehen zu haben. Nach etwa einstndiger Fahrt stiegen wir an einer kleinen Station aus und fanden dort mehrere mit prchtigen Pelzen und Decken versehene Schlitten unser harren, deren feurige Gespanne uns mit Windeseile ber die weite schneebedeckte Ebene unserem Ziele, dem Rittergute Gro-Wackernitz, entgegen fhrte. Das palasthnliche, im reichsten Barokstyl erbaute Herrenhaus ffnete uns bald seine Pforten, und aufs freundlichste bewillkommnet vom Gutsbesitzer, einer stattlichen eleganten Erscheinung begab sich zunchst jeder von uns in das ihm zur Verfgung gestellte Fremdenzimmer, um den Staub der kurzen Reise von seinen Fen zu schtteln. War die Einrichtung dieser Rume schon das Raffinirteste an Luxus und Bequemlichkeit, was mir bis dahin vor Augen gekommen, so wurde dies alles noch bertroffen von dem Speisesalon, in dem wir uns bald darauf zu einem Imbi zusammenfanden. Das Tageslicht hatte in diesen Raum keinen Eintritt. Die Wnde ringsum waren nicht mit Tapeten, sondern mit kunstvoll drapirten Vorhngen verkleidet, die aus einem sonderbaren Stoff bestanden; unendlich weich und ppig, wie das Federgewand tropischer Vgel, oder das Pelzkleid unbekannter Polarthiere, lie dieser Stoff das Haupt, welches sich gegen seine Falten lehnte, tief in seiner weichlichen Hlle versinken. Das Ganze war derart arrangirt, da lngs der Zimmerwnde eine Anzahl lauschiger Nischen und versteckter Winkel gebildet wurde, in denen man ungesehen auf ppigen Lagersttten aus dem gleichen Stoffe sich ausstrecken konnte. Das Ganze schwamm in einem Meere blulich weien electrischen Lichtes. Als ich neugierig eine der halb zurckgezogenen Gardinen lftete, sagte M., der just neben mir stand, schmunzelnd: Jetzt ist noch nichts darin, lieber Freund, aber spter, spter -- er schnalzte mit den Lippen und lachte laut auf, als er meinen fragenden Blicken begegnete. Der Aufenthalt in dem wollstigen, mit eigenthmlichem Parfm erfllten Gemache behagte mir nicht sonderlich. Ich nahm ein Glas des schweren, von tadellos befrackten Dienern credenzten Weines, einige Bissen des in groen Cristallschalen vor uns stehenden Gebcks und trachtete, Kopfweh vorschtzend, ins Freie zu gelangen. Fast gierig sog ich, ber die Stufen der Freitreppe hinabsteigend, die belebende Luft des Wintertages ein. Leichte Schatten der Dmmerung begannen sich schon ber die schneebedeckten Bume des herrschaftlichen Parkes zu legen. Ziellos schritt ich dahin und gelangte nach einigen Minuten vor ein groes, abseits stehendes Gebude, dem eine von korinthischen Sulen eingefate Vorhalle fast den Charakter eines Tempels verlieh. Neugierig trat ich durch die weitgeffnete Pforte und sah mich zu meinem Erstaunen im Innern eines -- Pferdestalles. Das trbe Licht des Winternachmittags fiel von oben durch groe, matt geschliffene Glasscheiben ein, aber einige Augenblicke nach meinem Eintritte schlossen sich pltzlich diese Oeffnungen durch Jalousien, welche geruschlos, von unsichtbaren Krften bewegt, sich darber hinschoben und statt des fahlen Dmmerlichtes flammten hundert Glhlichter an Decke und Wnden auf. An fnfzig edle Thiere, lauter Exemplare reinster Rassen, erblickte ich in den, aus Marmor und dunkelgebeiztem Eichenholz zusammengefgten Stnden, die, jeder ein Meisterwerk der Kleinarchitektur, sich zu beiden Seiten des breiten, mit bunten Mosaikplatten belegten Ganges hinzogen. Kein Stubchen Unrath beleidigte das Auge bei der Wanderung durch diesen, von behaglicher Wrme erfllten Pferdepalast und eine vorzglich functionirende Ventilation sorgte fr Entfernung des sonst so penetranten Stallgeruches. Ein Heer von Bediensteten war unausgesetzt um die schlanken, prachtvoll gebauten Thiere beschftigt; hier ergo sich, auf den Druck an einem electrischen Taster, eine Flle goldgelben Hafers in die Marmorkrippen, dort bemhten sich zahlreiche Hnde um die Reinhaltung der Stnde und Gnge, und an anderen Orten frottirten Diener mit in Rothwein getauchten Tchern Schenkel und Hufe ihrer edlen Pfleglinge. Nachdem ich mir Alles genugsam betrachtet hatte, setzte ich meinen Spaziergang durch den Park fort und gelangte mit zunehmender Dmmerung, aus einem Gitterthor tretend, auf einen breiten, tief ausgefahrenen Feldweg, an dessen Saume rechts und links sich eine Anzahl niederer Gebude erhob, die weit eher, als das soeben geschilderte, auf den Namen eines Stalles Anspruch machen durften. Unter den fast bis zur Erde reichenden Strohdchern waren hie und da kleine Fenster, kaum grer als ein Quadratschuh, angebracht. Aus einem derselben leuchtete ein matter Lichtschein und mir war, als ob ein leises Wimmern an mein Ohr drnge. Ich trat nher heran und bemhte mich, durch das Fenster das Innere zu ersphen. Es war aber vergeblich, die winzigen Scheiben waren mit einer dicken Eiskruste berzogen, welche jeden Einblick verwehrte. So entschlo ich mich denn, den abgerissenen klglichen Lauten, welche sich jetzt deutlich vernehmen lieen, nachzugehen und gelangte, wenige Stufen abwrts schreitend, durch eine niedrige Thr in einen finsteren Vorflur, in welchem ein feuchter, modriger Duft mir entgegenquoll. Aus einer Ritze schimmerte Licht und im nchsten Augenblicke stand ich in dem Gemache, aus dem sich jene sthnenden Laute hatten vernehmen lassen. Es war von einer eisigkalten belriechenden Luft erfllt. Die ganze Einrichtung bestand in einem Haufen Stroh und Lumpen, der in einem Winkel des von Schmutz starrenden Estrichs lag. Auf diesem Lager krmmte sich in Fieberschauern eine menschliche Gestalt, ein alter Mann mit wirrem Haar und Bart. Vor ihm, beim Scheine einer Stalllaterne, kniete ein vielleicht siebenjhriges Mdchen, nur mit einem zerlumpten Hemd und kurzem Rckchen bekleidet, zitternd vor Frost, mit blauen, aufgedunsenen Lippen und Wangen. Das Kind fuhr bei meinem Eintritt empor und streckte mir flehend die furchtbar abgemagerten Aermchen entgegen: Grovater stirbt! schluchzte sie, oh, wie ich mich frchte! Bist Du denn ganz allein? frug ich. Ist denn gar Niemand in der Nhe, der helfen knnte? Sie schttelte den Kopf. Sie sind alle bei der Arbeit, weit fort von hier, stundenweit. Sie kommen erst spt in der Nacht heim, und in aller Frhe gehen sie wieder! Und Du bleibst allein bei dem Kranken? Ganz allein. Sie sagte das mit einer solchen Trostlosigkeit in Ton und Geberde, da es mir tief ins Herz schnitt. Habt ihr keinen Arzt? frug ich weiter. Arzt? Nein, _der_ kommt nicht zu uns. Vor drei Tagen war der Thierarzt hier, der drben die kranke Stute behandelt, aber er ging gleich wieder fort und sagte, da knne er nicht mehr helfen! Sie schauerte zusammen vor Frost. Es ist so kalt hier und mich hungert so! Sie wies mit dem Finger auf den Fuboden, da lagen in einer Ecke einige geschlte, kalte Kartoffeln. Das lassen mir die Eltern hier, wenn sie in der Frhe zur Arbeit gehen, aber der Herr giebt uns kein Holz, um Feuer zu machen, und so mssen wir's kalt essen. Sonst hast Du nichts fr Dich und den Kranken? Sie blickte verwundert auf, dann schttelte sie wieder den Kopf. Wir essen nie etwas anderes! Ich hatte genug gehrt. Ich komme gleich wieder! rief ich und eilte zur Thr hinaus. Im Laufschritt durcheilte ich die Wegstrecke bis zum Herrenhaus, athemlos kam ich dort an. Es gelang mir, einen Diener aufzufinden und ihn durch ein gutes Trinkgeld meinem Wunsche geneigt zu machen. Eine Viertelstunde spter standen er und ich wieder vor der Htte, beladen mit Holz, warmen Decken, Kleidern und Nahrungsmitteln aller Art. Bald verbreitete ein lustig flackerndes Feuer behagliche Wrme in dem den Gemach, eine Schssel dampfender Suppe stand bereit und -- aber was soll ich noch weiter sagen? So gut als es mglich war, wurde fr den Augenblick geholfen, aber das frohe Gefhl, das aus diesem Grunde mich erfllte, wich einer unaussprechlichen Bitterkeit, als ich auf dem Rckwege zum Schlosse an dem -- Pferdestalle vorbeikam, aus dessen geffneten Thren ein Strom elektrischen Lichtes hervorquoll. Bis in's tiefste Herz erfllt von dem Eindrucke des soeben Erlebten, beachtete ich es wenig, als mir bei meiner Rckkehr ein Diener meldete, da ich bereits den grten Theil des Soupers versumt habe. Am liebsten wrde ich mein Mahl jetzt allein verzehrt haben, aber das ging doch nicht an, und so begab ich mich zunchst auf mein Zimmer, um ein wenig Toilette zu machen. Kaum war ich dort eingetreten, als ein Lutewerk an dem in einer Ecke angebrachten Fernsprechapparat mir zu verstehen gab, da mich Jemand zu sprechen wnsche. Ich trat an's Telephon. Es war Elly's Vater, dessen Stimme mich von Berlin aus anrief: Komm so schnell als mglich zurck; ich habe sehr Wichtiges mit Dir zu besprechen. Schlu! Das war Alles. Ich wollte fragen, was das zu bedeuten habe, aber ich erhielt keine Antwort mehr. Eine heftige Unruhe begann sich meiner zu bemchtigen. Was konnte geschehen sein. War vielleicht Elly erkrankt oder verunglckt? Ich schellte dem Diener. Wann kommt der nchste Zug nach Berlin in die Station? In einer guten Stunde, gndiger Herr. Dann bitte ich, mir sogleich einen Schlitten einspannen zu lassen. Ich mu unverzglich abreisen! Aber das Souper, gndiger Herr! Ich werde in Berlin soupiren. Nur geschwind, bitte ich, damit ich den Zug nicht versume. Der Diener verbeugte sich schweigend und verschwand. In einigen Minuten war ich zur Abreise gerstet und begab mich in den Speisesalon, um mich von der Gesellschaft zu verabschieden. Als ich die Thre ffnete, bot sich mir ein Anblick dar, der mir das Blut in die Schlfen jagte. Das Souper war beendet. Auf Sesseln und Divans dehnten sich, halb berauscht, die Theilnehmer an diesem Mahle, jeder ein Weib umschlungen haltend, von denen Einzelne noch mit einem kurzen Hemdchen bekleidet, Andere aber vollstndig nackt waren. Ekel und Emprung kmpften in mir angesichts der schamlosen Scenen, deren Augenzeuge ich sein mute. Die Nischen an den Wnden des Gemaches erfllten jetzt ihren Zweck. M. hatte mich erblickt, er war schon vollstndig berauscht. Zum Teufel, wo treibst Du Dich herum? lallte er, nun mut Du nehmen, was brig bleibt, geschieht Dir ganz recht, dummer Kerl! Und mit rohem Griffe dem auf seinem Schooe sitzenden Mdchen die letzte Hlle abreiend, umschlang er in wilder Gier den nackten, zitternden Krper. Da, komm' her, darfst meine Kleine auch einmal kssen! -- Ich hatte genug gesehen. Einige Minuten spter sauste mein Schlitten durch die schweigende Winternacht der Station zu. 10. Capitel. Eine verhngnivolle Botschaft. -- Eine Audienz beim Herrn. -- Die Production wird eingestellt. -- Der Sturm bricht los. -- Des Urahnen Hochzeitsreise. -- Das Ende der capitalistischen Wirthschaft. Zu spter Abendstunde langte ich bei Elly wieder an. Meine Braut kam mir schon im Vorflur entgegen und eine Centnerlast fiel mir vom Herzen, als ich sah, da sie gesund und blhend vor mir stand, wie sonst. Wo ist der Vater, Elly? fragte ich nach der ersten zrtlichen Begrung. Er hat mich telephonisch zurckberufen! Er wartet auf Dich in seinem Schreibzimmer, entgegnete Elly. Ich wei nicht, was vorgefallen ist, aber es mu etwas Schlimmes sein, denn Vater macht ein furchtbar ernstes Gesicht. Es liegt wie ein Alp auf uns Allen! Als ich das angedeutete Gemach betrat, erhob sich mein Schwiegervater von dem Schreibtisch, an dem er sa und streckte mir die Hand entgegen. Sein Antlitz war auergewhnlich bla und ernst. Gut, da Du kommst, sagte er und lud mich ein, Platz zu nehmen. Ich bedarf Deiner Hlfe, denn es gehen Dinge vor, fr die meine Kraft nicht ausreicht. Er holte tief Athem und fuhr nach einer Pause fort: Heute Nachmittag war ein Geheimsecretr des >Herrn< bei mir. Des Herrn? frug ich erstaunt. Welchen Herrn meinst Du? Ah so, Du weit nicht! -- seine Stimme sank unwillkrlich zu einem Flstern herab und sein Blick schweifte scheu durch's Gemach, als frchte er, da irgend ein geheimnivoller Dritter unser Gesprch belauschen knne. Wir Alle nennen ihn nie anders, als nur den >Herrn<. Die Wenigsten wissen berhaupt seinen Namen. Er ist der oberste Leiter unserer Gesellschaft, wohl die mchtigste Persnlichkeit auf der Erde. Sein Reichthum ist unermelich, der Kaiser selbst, im Vergleich mit ihm, ein armer Schlucker. Und was will er also von Dir? Von mir will er eigentlich nichts. Er lt mir nur mittheilen, da die Gesellschaft morgen mit dem Schlag 12 Uhr die Production einstellen werde. Ich fuhr entsetzt empor. Die Production einstellen? Ist der Mensch wahnsinnig? Oh, nein! Der Secretr hat mir Alles auseinandergesetzt. Das Ganze ist nichts, als ein Rechenexempel. Die Production verlohnt sich nicht mehr. Neunzig Procent der Bevlkerung sind Bettler, Vagabunden, wegen deren es nicht mehr der Mhe werth ist, das Geschft weiter zu fhren und der Rest kann, trotz allen Aufwandes, nicht den zehnten Theil von dem verbrauchen, was unsere Maschinen herstellen. Aber dann steht das Chaos vor der Thr, eine entsetzliche Umwlzung! Das wei der >Herr< ganz gut, aber es kmmert ihn nicht. Die Gesellschaft hat ihr Schflein lngst in's Trockene gebracht. Schon seit Jahren hat man, ganz im Geheimen, riesige Capitalien aus dem Geschftsverkehr gezogen und im Ausland sicher untergebracht. Vor ein paar Wochen hat die Gesellschaft fr die Summe von zehn Milliarden der spanischen Regierung die Insel Cuba abgekauft. Die Actionre haben sich dorthin zurckgezogen und werden unter Palmen ein idyllisches Dasein fhren, whrend hier eine Welt in Trmmer geht! Ich war sprachlos; der Kopf schwindelte mir. Aber um Gotteswillen, stie ich endlich hervor, giebt es denn kein Mittel, um das abzuwenden, um die Catastrophe zu verhten? Doch, es giebt noch eines! Der Staat mu die Production vorlufig in die Hand nehmen. Hre, was ich Dir sagen will und weshalb ich Dich rufen lie. Du mut mit dem Frhzug nach Hamburg fahren. An Bord seines Privatdampfers findest Du dort den >Herrn<. Biete alle Deine Beredsamkeit auf, um von ihm zum mindesten acht Tage Aufschub zu erlangen. In der Zwischenzeit unterhandle ich hier mit der Regierung. Die Production darf nicht einen Moment stillstehen. Unser aller Existenz hngt davon ab. Er unterbrach sich einen Moment und fuhr dann, tief aufseufzend, fort: Oh, wenn wir jetzt Arbeiter htten, wie sie unsere Vorfahren im neunzehnten Jahrhundert hatten! Dann wre ja Alles gut. Dann htten wir diese schwerfllige, eingerostete Staatsmaschine gar nicht nthig, um uns ber Wasser zu halten. Die Snden der letzten hundert Jahre aber haben alles verdorben. -- -- -- Die wenigen Stunden der Nacht vergingen mir schlaflos. Die Morgennebel zogen noch ber die unabsehbare Ebene, als ich schon wieder im Zuge sa und gen Norden dampfte. In den ersten Vormittagsstunden war ich in Hamburg, und mein Erstes war natrlich, zum Hafen zu fahren, wo der Lustdampfer des Herrn vor Anker lag. Es gelang mir indessen nicht, sogleich bei dem Mchtigen vorgelassen zu werden. Von entsetzlicher Unruhe gepeinigt, schritt ich auf dem Quai auf und ab. Ich beobachtete mit Angst, wie der Zeiger meiner Uhr langsam vorwrts schlich und jede Minute, die er zurcklegte, steigerte meine Aufregung. Entsetzliche Bilder von Aufruhr und Zerstrung erfllten meine Phantasie. Tausende zogen an mir vorber, ihren alltglichen Geschften oder Vergngungen nach, aber Keiner unter ihnen hatte eine Ahnung von dem drohenden Unheil, das mit jedem Augenblicke nher kam. Nur ich allein sah es, und sah auch die dampfenden Schutthaufen an Stelle der glnzenden Palste, die verstmmelten Leichen auf dem blutberstrmten Pflaster. Entsetzliches Geheimnis, das auf mir lastete! Die zehnte Stunde war schon lngst vorber, als ich endlich an Bord des Dampfers Einla fand. Es war ein kleines, lauschiges Cabinet, in das man mich fhrte. Die Wnde waren bis zur Brusthhe mit hellfarbigem Holze getfelt und oberhalb desselben mit violettem Sammt ausgeschlagen. Ein kostbarer Teppich bedeckte den ganzen Boden, schwere Seidengardinen verhllten die Eingnge. Auf einem Divan, vor sich ein elegantes Rauchtischchen, lag ein Herr in schwarzem Salonanzug, einen Fez auf dem sprlich behaarten Scheitel. Er mochte etwa Mitte der vierziger Jahre stehen, hatte aber einen eigenthmlichen, milden, abgespannten Zug im Gesicht, der ihn weit lter erscheinen lie. Es war der Herr, vor dem ich stand. In diesem Moment fiel mein Blick auf einen Chronometer, der zu Hupten des Divans hing; er zeigte auf zehn Minuten vor elf Uhr. Ein Schauer flog ber meinen Krper, als ich diese Wahrnehmung machte. Wenn es mir im Laufe der nchsten halben Stunde nicht gelang, den Mchtigen umzustimmen, so war Alles verloren. Alle Kraft zusammennehmend, begann ich meinen Vortrag. Der Herr hrte mich schweigend, den Dampf einer Cigarette von sich blasend, an; nur von Zeit zu Zeit flog ein nervses Zucken ber sein Antlitz. Ich hatte meine ganze Beredsamkeit aufgeboten und Worte gefunden, so eindringlich, so herzerschtternd, da sie einen Stein htten bewegen mssen. Als ich geendet, blieb es einige Augenblicke ganz still im Gemach; ich glaubte, mein eigenes Herz schlagen zu hren. Der Herr erhob sich aus seiner liegenden Stellung und stand dicht vor mir, die eine Hand in der Tasche seines Beinkleides, in der anderen die Cigarette haltend, von der die schmalen, weien Finger die Asche nachlssig abstreiften. Ich bedaure, Ihren Wunsch nicht erfllen zu knnen; es ist Alles wohl berlegt und vorbereitet. Den Befehl jetzt rckgngig machen, hiee unseren ganzen Plan vernichten. Seine Stimme war trocken, klanglos, ohne jede Bewegung. Kann es in Ihrem Plane liegen, unabsehbares Unheil ber das Vaterland heraufzubeschwren? frug ich erregt. Vaterland? Wer Geld hat, braucht kein Vaterland! erwiderte er mit leichtem Achselzucken. Aber die Catastrophe wird an den Grenzen Deutschlands nicht Halt machen. Ganz Europa wird der Brand erfassen, sobald er einmal ausgebrochen ist und alle Cultur wird in Trmmer gehen. Das kmmert uns nicht. Bis nach Cuba werden die Flammen nicht schlagen und brigens, je toller es zugeht, desto besser. Wie so? Das verstehe ich nicht. Sie sind ein schlechter Geschftsmann, mein Lieber, wenn Sie das nicht einsehen, meinte der Herr mit jovialem Lcheln. Nun gut, ich will es Ihnen erklren, weil wir noch etwas Zeit haben, ehe mein Dampfer abfhrt. In der bisherigen Weise lt sich die Production nicht mehr fortfhren; wir verdienen nichts mehr dabei und sind keinen Augenblick vor einer Catastrophe sicher. Wir mssen einmal _tabula rasa_ machen mit dem groen Heere berzhliger Menschen, um dann mit frischen Krften wieder anzufangen. Also stellen wir den Betrieb freiwillig ein, und warten in sicherer Entfernung ab, bis sich die Wogen wieder beruhigt haben. Wenn der richtige Moment gekommen ist, erscheinen wir wieder auf der Bildflche und man wird uns als Retter der Gesellschaft freudig aufnehmen. Verstehen Sie nun, weshalb es nicht in unserem Interesse liegen kann, den Betrieb in die Hnde des Staates bergehen zu lassen? Sollen wir uns selbst das Geschft fr alle Zukunft verderben? Nein, wir wissen recht wohl, da die Regierung mit ihrem zusammengeschmolzenen Heere, in dem sich ohnehin schon viel unsichere Elemente befinden, der Bewegung nicht Herr werden wird, die sie ganz unvorbereitet trifft. Aber gerade das wollen wir. Es mu Alles zu Grunde gehen, damit wir von Neuem Geschfte machen knnen. Ich stand wie erstarrt und war keines Wortes fhig. Erst nach lngerer Pause vermochte ich mich soweit zu sammeln, um ihn an die unzhligen Menschenleben zu erinnern, die diesem Geschftskniff zum Opfer fallen wrden. Er zuckte die Achseln und zndete sich eine frische Cigarette an. Das ist schlimm fr die, welche es trifft, aber im Geschftsleben darf man nicht sentimental sein. Uebrigens ist es immer besser, die Leute ben ihr Leben schnell ein, als da sie verhungern. Er sah auf die Uhr. Der Zeiger wies auf 20 Minuten nach 11 Uhr. Wenn Sie den nchsten Zug nach Berlin erreichen wollen, mssen Sie sich sputen. Auch fhrt mein Schiff Punkt 12 Uhr ab und es giebt fr mich noch vorher einige Geschfte zu erledigen. Er geleitete mich in verbindlichster Weise bis zur Thr. Meine Mission war zu Ende. Unfhig, einen klaren Gedanken zu fassen, suchte ich auf schnellstem Wege den Bahnhof zu erreichen. Als ich die Freitreppe zur Bahnhofshalle emporstieg, erklang die Mittagsstunde von den Thrmen Hamburgs. In diesem Augenblick, das wute ich, flog auf dem Telegraphendraht der gleiche verhngnivolle Befehl durch das ganze Reich von Stadt zu Stadt, von Fabrik zu Fabrik und Millionen arbeitsgewohnter Hnde begannen in diesem Augenblick fr immer zu feiern. Wie lange konnte es dauern und diese Hnde griffen zur Mordwaffe, zum Feuerbrand? Mit Windeseile trug mich der Zug durch die Winterlandschaft der Hauptstadt zu. Meine Mitpassagiere plauderten ahnungslos mit einander, nur ich sa, mit einem Herzen, das sich angstvoll zusammenkrampfte, in meiner Ecke und wagte kaum, den Anderen in's Gesicht zu sehen. Ohne Zwischenfall kamen wir bis in die Nhe der Hauptstadt. Auf freiem Felde hielt pltzlich der Zug. Es entstand ein hastiges, angstvolles Hin- und Herlaufen, die Passagiere begannen unruhig zu werden. Einzelne ffneten die Waggonthren und stiegen hinab, um die Ursache des unerwarteten Aufenthalts zu erfragen. Unbestimmte Gerchte wurden laut. Arbeiterunruhen seien wieder einmal in Berlin ausgebrochen, hie es, aber das Militr werde der Bewegung in Krze Herr werden. Nach einer Viertelstunde etwa fuhren wir in langsamem Tempo weiter. Den Bahnhof fanden wir von einem Fsilierbataillon besetzt; in voller Feldausrstung campirten die Mannschaften lngs des Perrons und in der Vorhalle. Ich eilte auf die Strae. Alles war menschenleer. Kein Wagen weit und breit. So schnell ich es vermochte, eilte ich dem Hause meiner Schwiegereltern zu. An einer Straenkreuzung mute ich Halt machen. In scharfem Trabe kam die Gardeartillerie vorbergesaust, dahinter im Laufschritt Bataillon auf Bataillon, die Kerntruppen der deutschen Armee. Ohne mich umzusehen rannte ich weiter. Als ich bei Elly anlangte, fand ich die ganze Familie schon in hchster Aufregung, Vorbereitungen zur Flucht treffend. Und morgen soll Elly's Trauung sein! klagte die Mutter meiner Braut. Ihr armen Kinder, Ihr habt eine traurige Hochzeit. Was morgen sein wird, kann Niemand sagen, entgegnete mein Schwiegervater. Ich habe mir schon berlegt, was geschehen mu. Ihr mt sofort getraut werden; der Geistliche wird in einigen Minuten hier sein, unterdessen packt Ihr das Nothwendigste ein und sobald die Ceremonie vorber ist, fahrt Ihr zum Bahnhof. Nein, Mutter, Vater, ich lasse Euch nicht allein zurck hier in dieser schrecklichen Zeit, rief Elly. Ihr mt mit uns fliehen! Das geht nicht so schnell, Elly, entgegnete der alte Herr; es ist ja auch augenblicklich noch keine Gefahr. Noch immer ist Hoffnung, da die Truppen den Aufstand niederschlagen. Sollte dies aber bis morgen nicht der Fall sein, so folgen wir Euch nach. In Euerem stillen Thringen wird man ja wohl noch einen sicheren Zufluchtsort finden. Bei diesen Worten -- ich wei nicht, wie es kam -- fielen mir pltzlich die finsteren Gesichter, die abgezehrten Gestalten der Arbeiter ein, mit denen ich in Weimar tglich zu thun hatte, und mit _einem_ Male wurde mir klar, welch' furchtbarer Zndstoff auch dort aufgehuft war. Der Geistliche kam; in Reisekleidern wurden wir getraut; fernes Gewehrfeuer, einzelne Kanonenschsse und das unaufhrliche Drhnen der Sturmglocken begleitete die Ceremonie. Die feierliche Handlung war kaum vollendet, als von der verdeten Strae herauf lautes Stimmengewirr und der schwere Tritt einer groen Menschenmenge zu uns empordrang. Ich eilte an's Fenster. In ganzer Straenbreite wlzte sich, der inneren Stadt zu, ein ungeheuerer Knuel bewaffneter Mnner und Weiber. In der Masse, die nach Tausenden zhlte, blitzte hie und da eine Pickelhaube, ein Bayonnet auf. Einzelne Soldaten marschirten inmitten der Aufstndischen; schlielich kam, umringt von der tosenden Menge, ein ganzes Bataillon, Trommler und Pfeifer an der Spitze, daher marschirt. Als ich aufsah, blickte ich in das Antlitz meines Schwiegervaters. Es war todtenbleich. Es sind die Arbeiter von Spandau und Charlottenburg, sagte er mit tonloser Stimme, die Garnison geht mit ihnen. Wir nahmen Abschied von den Eltern und ahnten nicht, da es ein Abschied fr immer war. Ich habe die Beiden nie wiedergesehen und nie erfahren, was ihr Schicksal gewesen. Auf einer Hintertreppe, durch den Hofraum, gelangten wir an einen Seitenausgang des groen Gebudes, der in einer stillen Sackgasse gelegen. Hier erwartete uns der Wagen, der uns zum Bahnhof fhrte. Von dem zahlreichen Dienstpersonal lie sich Niemand blicken; wir trugen unser Gepck selbst zum Wagen hinab. Ich war fast erstaunt, als ich sah, da der Kutscher noch wie sonst seinen Dienst versah, und wie sonst, den Hut in der Hand, uns den Schlag ffnete. Durch menschenleere Straen, wo alle Schaufenster geschlossen waren, fuhren wir zum Bahnhof. Es war alles still und dster, wie auf einem Friedhofe. Elly lehnte an meiner Schulter und weinte still fr sich hin. Mein Gott, wie ganz anders hatte ich mir diesen Tag vorgestellt! Am Bahnhof fanden wir ein Treiben, fr das mir die Worte fehlen. Die riesige Halle war in allen ihren Theilen mit Flchtenden vollgestopft. Ein wahnsinniger Tumult herrschte; es war, als sei man mit einem Male in ein Tollhaus gerathen. In Intervallen von zehn Minuten verlie Zug auf Zug die Halle. Sobald eine neue Wagenreihe bereit stand, strzte sich die Menge darauf; im Nu waren die Coup's gefllt, die Dcher erklettert; auf den Trittbrettern stand, wer sonst keinen Platz fand; um jeden Fu breit wurde mit wahnsinnigem Ingrimm gekmpft, Weiber und Kinder zu Boden getreten, oder unter die Rder geschleudert. Wenn der Zug die Halle verlassen hatte, lagen da und dort zuckende Leichname auf den Schienen, und der Todesschrei der Verstmmelten, um die sich kein Mensch mehr kmmerte, gellte in das allgemeine Toben. Wir standen in einen Winkel gepret, uns fest umschlungen haltend. Ich dachte an den Tod. Von Zeit zu Zeit drang irgend eine neue Schreckenskunde in die verzweifelnde Menge und fachte die Todesangst immer von Neuem wieder an. Nur einiges vermochte ich aus abgerissenen Worten zusammenzufassen. Offenbar machte der Aufstand rapide Fortschritte; ein groer Theil der Truppen war offen zu den Insurgenten bergegangen; der Rest kmpfte matt, widerwillig, ganze Regimenter weigerten sich zu schieen, und sahen, Gewehr bei Fu, gleichgltig der allgemeinen Zerstrung zu. Als eines der ersten Opfer des Aufstandes war der Herr gefallen. Im Moment, als sein Schiff die Anker lichten wollte, zeigte es sich, da an der Maschine etwas in Unordnung gerathen sei. Noch ehe der Schaden gut gemacht werden konnte, strmten schon die ersten Arbeiterschaaren aus den geschlossenen Fabriken daher und strzten sich wie Hynen auf ihre Beute. Ein wthender Kampf entspann sich, in welchem der Herr und die ganze Mannschaft seines Schiffes ihren Untergang fand. Der Abend war bereits hereingebrochen, als es mir endlich gelang, Elly in ein Coup zu schieben, in dem sich schon zwlf Menschen befanden. Ich selbst blieb auf dem Trittbrett stehen. So fuhren wir in die Nacht hinaus. In meinen Trumen hatte ich mir meine Hochzeitsreise anders vorgestellt. Stunde auf Stunde verrann; meine Finger, welche sich an den metallnen Handgriff klammerten, drohten, erstarrt von der eisigen Zugluft, zu erlahmen. So schnell wir aber auch dahinfuhren, die Revolution schien mit uns gleichen Schritt zu halten. Mehr als einmal sahen wir weit drauen in der endlosen Ebene die Feuersulen brennender Fabriksgebude aufflammen. Jeden Augenblick frchtete ich, da unsere Reise ein gewaltsames Ende finden werde. Eine Zerstrung der Bahnlinie durch ein Streifcorps der Aufstndischen lag ja im Bereiche der Mglichkeit. Wir erreichten indessen unangefochten Wittenberg, wo eine grere Zahl Flchtlinge den Zug verlie; es wurde mir dadurch ermglicht, meinen sehr unangenehmen Standpunkt mit einem Sitz an Elly's Seite vertauschen zu knnen, woselbst ich verblieb, bis wir in den ersten Morgenstunden Weimar erreichten. Hier herrschte noch volle Ruhe und nichts Auergewhnliches schien sich ereignet zu haben. Wir konnten ungehindert unsere Wohnung aufsuchen und zum ersten Male aufathmen nach der Todesangst der letzten schrecklichen Stunden. Elly jammerte um die Eltern und machte sich selbst die bittersten Vorwrfe, Berlin ohne die Ihrigen verlassen zu haben. Nur schwer gelang es mir, meine junge Frau zu beruhigen, glaubte ich doch selbst nicht an die Trostesworte, von denen mir jedes wie eine Lge vorkam. Die Nachrichten des nchsten Tages besttigten meine schlimmsten Erwartungen. Die groe Volkserzieherin, die Socialdemokratie, hatte man vor hundert Jahren zertreten und zermalmt, aber die wirthschaftliche Entwicklung war nicht in andere Bahnen gelenkt worden. Ruhig, mit unfehlbarer Sicherheit, hatte sich das Ende vorbereitet. Die kurzsichtige Menschheit war selbst schuld daran, da es nicht zugleich der Anfang einer neuen, vernunftgemen Weltordnung werden konnte. In unbegreiflicher Verblendung hatte man die kraftvollen Triebe einer sich mchtig emporringenden Neugestaltung vernichtet. Das einzige Mittel, die altersschwache Gesellschaft neu zu verjngen, existirte nicht mehr. _Die Gesellschaft hatte den Ast, auf dem sie sa, selbst abgesgt._ So konnte es also nicht anders kommen, als es thatschlich gekommen ist. Eine gebildete, politisch und wirthschaftlich reife Arbeiterschaft hatte man nicht gewollt; nun mute man fertig zu werden suchen mit dem, was die Gesellschaft selbst aus den Arbeitern gemacht hatte: eine ungeheure Masse gnzlich verwilderter, physisch und geistig auf tiefster Stufe stehender Menschen, die, zur Herrschaft gelangt, nichts Neues zu schaffen, sondern nur noch zu zerstren wuten. Und diese Zerstrung besorgten sie grndlich! Berlin war in Flammen aufgegangen, in einen Trmmerhaufen verwandelt worden. Von dort aus pflanzte sich der Aufstand ber das ganze Reich, ber alle capitalistisch organisirten Staaten fort. Zwei Tage nach unserer Ankunft in Weimar befanden wir uns wieder auf der Flucht. Die Flammen brennender und ausgeplnderter Stdte beleuchteten unseren Weg, wenn wir zur Nachtzeit auf Seitenpfaden durch die Berge wanderten. Ueberall, wohin wir auch kamen, wo wir auch zu rasten versuchten, fanden wir dasselbe. Von jedem Orte verjagte uns wieder die immer weiter um sich greifende Bewegung. Unbeschreibbar sind die Schreckensscenen, die wir erlebten und wie ein Wunder erscheint es mir, da wir all' diesen Gefahren entrannen. Der stolze Bau des deutschen Reiches sank vor unseren Augen in Trmmer und nach langen Irrfahrten fanden wir endlich an den Ufern dieses Sees, wo es nichts mehr zu zerstren gab, eine Zufluchtssttte. Mchte eine nachfolgende Generation, wenn ihr diese Aufzeichnungen zu Gesichte kommen, die furchtbare Lehre beherzigen, welche sie verknden und mchte einst diesem, durch die Unvernunft der Menschen zu Grunde gerichteten Erdtheil eine neue, schnere Zukunft erblhen. Erschttert, lautlos saen die Drei da, als Waltraut geendet hatte. Vor Kurt's geistigem Auge zog das Schreckensbild einer zusammenbrechenden Culturepoche vorber -- dann aber sprang er auf: Die schnere Zukunft ist nahe, weit nher, als ihr glaubt! rief er lebhaft. Die socialen Ideen sind nicht untergegangen; hier in Europa haben die Snden des Capitalismus sie wohl mit allem Uebrigen vernichtet, aber in Afrika drben leben sie noch und haben die herrlichsten Frchte gezeitigt. Wir wissen dort nichts von Reichthum und Armuth, nichts von Standesunterschieden; bei uns geniet Jeder, was seine Arbeit schafft, und Niemand kann ihm die Frchte seines Fleies durch Gewalt oder List entwinden. Von Afrika wird neues Licht ber diesen dunklen Erdtheil ausstrmen und ihn der Cultur wiederum zurckgeben! Er hatte mit Feuer gesprochen und unwillkrlich das Buch, welches so werthvolle Aufschlsse enthielt, zu sich herangezogen. Da fielen seine Blicke auf jene Stelle, wo Waltraut's Urahn mit fester Hand seinen Namenszug unter die Schrift gesetzt hatte, und wie electrisirt fuhr er auf. Dieser Name, Waltraut, der hier steht, ist ja auch der meine. Oh, jetzt gehen mir erst die Augen auf. Auch die Stadt, in der dieser Mann lebte, ist ja die nmliche, wo sich meine Vorfahren aufhielten. Kannst Du's glauben, Waltraut, wir sind von gleichem Stamme? Und mit komischer Wrde sich verneigend, sprach er: Waltraut, ich habe die Ehre, mich Dir als Vetter aus Afrika vorzustellen. Waltraut lachte herzlich und duldete ohne Widerrede, da der neugefundene Verwandte ihr galant die Hand kte. Auch der alte Gnther lchelte vergngt ob der unerwarteten Entdeckung. Der ernste Eindruck, den die Aufzeichnungen des Urahn hinterlassen hatten, wich einer behaglicheren Stimmung und noch lange saen die Drei plaudernd zusammen, sich des seltsamen Zufalls freuend, der sie auf so wunderbare Weise zusammengefhrt hatte. Seit jenem Abend war wieder eine geraume Zeit in's Land gezogen. Der Frhlingswind hatte schon lngst die Eisdecke des Sees gesprengt und die uralten Buchen am Seestrande bedeckten sich mit zartem Grn. Auch in den Herzen der beiden jungen Leute war der Frhling eingezogen, und als die ersten Schwalben die Htte zwitschernd umkreisten, legte Vater Gnther die Hnde der Liebenden zum ewigen Bunde in einander. Eines Abends, als Kurt mit seinem jungen Weibe im Nachen ber den See fuhr, gewahrte er auf einer Waldble ein seltsames Schauspiel. Eine groe Schaar bewaffneter Mnner nherte sich, aus dem Dickicht tretend, dem Ufer, Hornsignale ertnten und eine Fahne flatterte in der Luft. Im ersten Moment hatte Kurt erschrocken die Ruder eingezogen, als aber sein Ohr die Trompetenrufe vernahm, und sein Blick die Flagge gewahrte, jauchzte er vor Freuden laut auf und begann aus Leibeskrften auf die bezeichnete Stelle loszurudern. Er hatte die Farben des Freilandstaates erkannt; einige Minuten spter standen er und Waltraut am Ufer, umringt von den Mitgliedern der neuen vom Sden heraufgezogenen Expedition, und des Fragens und Hndedrckens wollte kein Ende nehmen. Da drngte sich ein junger, sonnverbrannter Afrikaner durch den Kreis: Alle Wetter, Kurt, werden die Todten wieder lebendig? rief er, nahm den Ueberraschten ohne weiteres beim Kopf und kte ihn herzhaft, zwei, dreimal. Willy! Die Freunde umarmten sich lange und innig. Hast Du am Ende doch ein Bschen gefunden, alter Junge? meinte Willy, als er Waltraut bemerkte, die verwirrt und scheu im Kreise der fremden Mnner stand. Errathen, lieber Freund, lachte Kurt, die aber kann ich Dir nicht abtreten, die behalte ich fr mich selbst. Das ist zwar gegen die Verabredung, und ich sollte bse Miene zu Deinem guten Spiele machen! Na, warte nur, wenigstens werde ich ihr Alles erzhlen, was wir Beide ausgemacht haben, erwiderte Willy und bot der jungen Frau treuherzig die Rechte, in die Waltraut herzhaft einschlug. * * * * * So manches Jahr ist seitdem verflossen. Der alte Gnther schlft am Gestade des Victoria-Nyanza schon lngst den letzten Schlaf; Waltraut aber hat an der Seite ihres Gatten das Heimweh nach den deutschen Wldern berwunden, und bildet sich ein, die glcklichste Frau und Mutter von ganz Afrika zu sein. Auf dem Boden des verwsteten deutschen Reiches und der anderen europischen Staaten aber erblhen von Jahr zu Jahr immer mehr Ansiedlungen, die ihre Bewohner aus Afrika erhalten; eine neue Culturepoche, auf gesunder und vernunftgemer Grundlage in's Werk gesetzt, beginnt fr das in tiefe Barbarei versunkene Europa. In diesem neuen Staate, der hier beginnt, wird es weder Reiche, noch Arme, weder Hoch noch Nieder, weder Deutsche noch Franzosen, sondern nur Menschen, und zwar glckliche, zufriedene Menschen geben. Der jngste Tag. Wenn die Menschheit einer Krisis entgegen geht, richten sich alle Blicke mehr denn je in die Zukunft, regt sich mit Macht das Bestreben, den Schleier der kommenden Zeit zu lften. Whrend Politiker und Gelehrte an der Hand der Thatsachen, die ihnen die Jetztzeit liefert, die Gestaltung zuknftiger Verhltnisse zu ergrnden suchen, schweift die Phantasie des Dichters noch weit ber die ihnen gesteckten Grenzen hinaus in eine nebelhafte Ferne, ja bis an's Ende der Tage. Auf diesem Wege hat der Verfasser des vor mir liegenden Buches[1] schon den uersten Markstein berschritten, der das Gebiet des Realen vom Reiche des phantastischen Mrchens abgrenzt. Der jngste Tag, jenes Schreckgebilde kirchlichen Uebereifers, das so wenig harmonirt mit der milden Lehre Christi, tritt uns hier im verklrenden und vershnenden Gewande der Poesie entgegen. Das Ganze mit seiner dichterisch schnen Sprache und seinem berwltigenden Bilderreichthum ist eigentlich ein Epos in Prosa, ein Stoff, der so gebieterisch nach Vers und Reim verlangt, da sich der Verfasser diesem Drange selbst nicht entziehen konnte und den Schlu deshalb wenigstens in Stabreimen ausklingen lt. [Funote 1: _Der jngste Tag_. Von Rud. Heinr. Greinz. Preis 1 Mark. Erfurt und Leipzig, Bacmeister's Verlag.] In der Welt tobte und brauste es von Streit. Es gab keine Bande der Achtung mehr und keine Bande der Liebe. Der Sohn wthete gegen den Vater, Bruder gegen Bruder. Die Mutterliebe war zu einem lngst entschwundenen Mrchen geworden. Ein Mrchen war auch der Glaube an Jesus Christus. Nur alte Leute erzhlten sich noch, da sie von ihren Voreltern erfahren, es sei die Sage, auf einem einsamen Eiland im weiten Weltmeer hausten die letzten Christen. In diese letzte Christengemeinde wird Helgrimur, der letzte Dichter, verschlagen. Drauen in der Welt hatten sie ihn verstoen und verhhnt, da er ihnen vom Schnsten und Hehrsten gesungen. Sie traten ihn mit Fen und schalten ihn einen Thoren, da er sich mit Liedern in ihre Klugheit zu mischen wagte. Da zog er denn verzweifelnd fort in's Weite. Hirt und Hter der letzten Christengemeinde ist Anakletus, der, einem finsteren Wahn verfallen, durch Zauberknste einem unerreichbaren Ziele nachstrebt. Die alte Welt will er zertrmmern, eine neue schaffen und selbst als Gott ber ihr walten. In diesem Wahnwitze bestrkt und untersttzt ihn Ahasver, der ewige Jude, der verflucht ward zu wandern, so lange noch zwei Menschen glcklich sind auf Erden, so lange noch eine Liebe keimt zwischen zwei reinen Herzen. Und so sehen wir die gespenstige Erscheinung Ahasver's berall auftauchen und hindernd dazwischen treten, wo reines Liebesglck emporkeimen mchte. Seine eigene Tochter Siona, die den schnen Fremdling liebt, stt der ewige Jude von der Klippe in's Meer und erlst sie zugleich, denn der Herr hatte ihr auf ihre Bitte gewhrt, ewig mit Ahasver leben zu drfen, bis der eigene Vater zum Tode die Hand gegen die Tochter erheben werde. Aber Helgrimur und Ismelda, die junge Verwandte des Anakletus, vermag auch Ahasver nicht zu trennen. Ein weier Vogel schwebt ber den Huptern der Liebenden und folgt ihnen auf ihren Wegen. Das war die ewige Liebe, die am jngsten Tage ber das Meer geflogen kam. Anakletus gesteht den Aeltesten der Gemeinde seinen Gottesfrevel ein und wird an's Kreuz geschlagen. Die Kuppel des Domes schwand. Mitten in den fliegenden Wolken, umzuckt vom feurigen Schein der Blitze, hing der Gerichtete. Immer hher und hher strebte das Kreuz empor. Und immer hher wuchs mit ihm der ewige Jude. Zuletzt schienen sie Beide in Lften zu schweben. Das Volk lag auf den Knieen und wagte es kaum, emporzuschauen; denn in unendlicher Hhe schwebte der Gekreuzigte. Und der gespenstige Alte hatte sich an's Kreuz geklammert. Aus der Hhe aber kam es wie mchtiger Gesang von vielen Tausenden ... Libera de infernorum Poenis carnem fragilem, Infimoque peccatorum Da aeternam requiem! Verschwunden war der Dom. Keine Altre waren mehr zu sehen. Weite, graue Nebelmassen dehnten sich allwrts. Helgrimur und Ismelda hielten sich umschlungen und standen aufrecht unter der knieenden Menge. Sie waren keines Lautes fhig und keiner Bewegung. Und immer dichter und erstickender wallten die Nebelmassen. Ein fahler Schein glitt ber sie hin und schien Gestalten aus ihnen zu weben, wie sie nie gewohnt auf Erden ... seltsame Gestalten. Und die Gestalten erfllten die ganze Welt mit ihren riesigen Leibern. Aus der Hhe ertnten dumpfe Hammerschlge und gaben gewaltigen Widerhall durch die Welt. Es schrie das Volk. Der Grund der Erde bebte. Durch die Nebel leuchteten feurige Zungen. Von ferne brauste es. Es war das Weltmeer, das aus seinen Grnden gewichen. Und es schien sich zu bilden ein feuriger Arm, der weithin ragte durch die Welt. Helgrimur war es, als ob dieser Arm ihm winke. Da lste sich ihm die Sprache. Noch einmal drckte der letzte Dichter sein Lieb an's Herz. >Der _Herr_ sei uns gndig am jngsten Tage!< rief er. Und als der jngste Tag vorber und herrliche Wesen in berirdischem Schimmer ob dem Wasser schweben, wird Ahasver von Neuem verflucht und versinkt lautlos in den Wellen, auf deren Grunde er einsam wandern soll mit seiner Qual, damit sein Anblick nicht das Glck der reinen, ewigen Wesen stre. Einen berraschenden Reichthum an tiefen Gedanken birgt das kleine Werk, das den Triumph der reinen ber die sinnliche Liebe, ber den den Materialismus der hinsterbenden Welt in einer Weise schildert, deren nur ein echter Dichter fhig ist. Bacmeister's Verlag in Erfurt und Leipzig. Bismarck und der Staats-Socialismus. Darstellung der socialen und wirthschaftlichen Gesetzgebung Deutschlands seit 1870 von William Harbutt Dawson, Verf. von Der Socialismus in Deutschland und Ferdinand Lassalle &c. Aus dem Englischen bersetzt vom Bibliographischen Bureau zu Berlin. Autorisirte deutsche Ausgabe. Preis 2 Mark. Zum Verstndni der brennendsten Fragen der Gegenwart ist dieses durchaus objektiv gehaltene Werk unbedingt nothwendig. Die Presse aller Parteien bezeichnet es einstimmig als eine Arbeit, die nur ein Auslnder, der fern vom deutschen Parteigetriebe steht, in dieser Klarheit schaffen konnte. Bacmeister's Verlag in Erfurt und Leipzig. Tiroler Leut. Berggeschichten und Skizzen von Rudolf Heinrich Greinz. Preis 1 Mk. Es ist eine ganz merkwrdige Welt, in die uns der Verf. verpflanzt; kindlich-naive und kindlich-glubige Menschen, Naturkinder im vollsten Sinne des Wortes, so abgeschlossen von der Kulturwelt wie ihre hohen Berge, kindlich namentlich auch in Sachen der Religion. So fremdartig uns auch diese Welt vorkommt, so sehr heimelt sie uns doch an durch die Wahrheit und Treuherzigkeit der Schilderung. Es sind Erzhlungen theils heiteren, theils ernsten Inhalts, lauter trefflich abgerundete, lebenswahre und lebenswarme kleine Gemlde, ein Strau frischer und duftender Alpenblumen und -Kruter, der Herz und Geist erquickt. Das Abiturienten-Examen. Gymnasial-Humoreske von Rudolf Heinrich Greinz. Preis 50 Pfg. Hier sprudelt voller, frischer Humor, der Alt und Jung gefangen nimmt. Greinz ist, wie auch einzelne Erzhlungen der Tiroler Leut zeigen, ein Humorist, der sich schnell einen weiten Freundeskreis erobert hat. Tiefer Ernst und heiterer Scherz stehen ihm zu Gebote, wie sie nur ein begnadeter Dichter haben kann. Kultur- und Literatur-Bilder. Herausgegeben von R. H. Greinz. 1. Heft. Preis 80 Pfg. Ein tieferes Verstndni unserer Zeit zu erlangen, ist eine keineswegs leichte Aufgabe. Ist doch unser fin de sicle eine derjenigen Uebergangsepochen der Geschichte, die der Menschheit neue Bahnen der Entwickelung anzuweisen bestimmt sind, eine Zeit so voll ghrenden Dranges, so voll Keime und Anstze zu neuen Zukunftsgestaltungen auf allen Gebieten des Lebens, wie kaum eine der bis jetzt verflossenen Geschichtsperioden. Unsere Zeit eilt in heftigem Zwiespalt fernen unbekannten Zielen zu, sagt Leopold von Ranke von ihr. Es gehrt schon eine grndliche geschichtliche und philosophische Bildung dazu, jene fernen unbekannten Ziele auch nur in den uersten Umrissen vorausahnen, das Sphinxantlitz der Geschichte des nchsten Jahrhunderts auf die hinter ihm verborgenen Rthselfragen hin prfen zu wollen. Da ist denn ein neues Unternehmen, wie das obengenannte, zeitgem und empfehlenswerth, das sich zum Ziele setzt, in bersichtlicher Darstellung ein volles Verstndni fr die wichtigsten Strmungen und bedeutendsten Erscheinungen des Geisterlebens der Kulturvlker unserer Zeit zu erschlieen und zwar in einem Tone, der die durstende Volksseele befriedigt, der zugleich gediegen und anziehend ist. Das bis jetzt vorliegende erste Heft, das folgende Arbeiten enthlt: Zum tieferen Verstndni unserer Zeit von Dr. W. Calaminus. Reflexion ber Richard Vo' Die neue Zeit von Adolf May. Die Armen und Elenden von R. H. Greinz. Die amerikanische Presse von Philipp Berges. Die Hypnose im Roman von Dietrich Eckart. Amerikanische Humoristen und Novellisten von M. Giovanni. Einblicke in die deutsche Literatur der Gegenwart -- verdient entschieden Anerkennung fr das Geschick und den Takt, mit denen es diesem Ziele nachstrebt. Smmtliche Arbeiten sind treffende Bilder wichtiger geistiger Strmungen unserer Zeit. Das neue Unternehmen ist auch wegen seiner Form beachtenswerth, denn es ist keine Zeitschrift, die regelmig erscheint, sondern als eine Bibliothek, eine Art Sammelwerk frei erscheinender und einzeln kuflicher Hefte gedacht, um es so allgemeiner zugnglich zu machen. Wir empfehlen es allen ernster Denkenden, die den rauschenden und brausenden Tagesstrmungen unserer vielgestaltigen, lebensvollen Zeit auf den Grund schauen mchten, angelegentlich. Bacmeister's Verlag in Erfurt. Von Arnold v. d. Passer sind erschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Gedichte. Mark 1,--. Wagner, Innsbruck. Neue Gedichte. Mk. 1,--. S. Ptzelberger, Meran. Herm. v. Gilm, sein Leben und seine Dichtungen. Mk. 2,--. Liebeskind, Leipzig. Ausgewhlte Dichtungen von Herm. v. Gilm, Mk. 3,20. Liebeskind, Leipzig. Volksschauspiele in Tirol. Meran im Jahre 1809. Mk. --,60. Literar. Institut, Mnchen. Bacmeister's Verlag in Erfurt und Leipzig. Kultur- und Literatur-Bilder. Herausgegeben von Rudolf Heinrich Greinz. Heft 1. Preis 80 Pfg. Inhalt: Zum tieferen Verstndni unserer Zeit. Von Dr. W. Calaminus. Reflexion ber R. Vo' Die neue Zeit. Von Adolf May. Die Armen und Elenden. Von Rudolf Heinrich Greinz. Die amerikanische Presse. Von Philipp Berges. Die Hypnose im Roman. Von Dietrich Eckart. Amerikanische Humoristen und Novellisten. Von M. Giovanni. Einblicke in die deutsche Literatur der Gegenwart. Die Kultur- und Literaturbilder bilden eine Bibliothek frei erscheinender und einzeln kuflicher Hefte, die sich vornehmlich dadurch charakterisiren, da sie in bersichtlicher Darstellung ein volles Verstndni fr die wichtigsten Strmungen und bedeutendsten Erscheinungen des jetzigen Kulturlebens erschlieen wollen. -- Allen Ernstdenkenden seien diese gediegenen und anziehend geschriebenen Bilder warm empfohlen. Die allgemeine Volksschule als Grundbedingung zur endgiltigen Lsung der Schulreform-Frage. Von H. Schrer, Berlin. Preis 80 Pfg. Ein reiches und wohlgeordnetes Material unterrichtet ber eine der wichtigsten Fragen der Gegenwart, so da die Ansichten des Verfassers in den weitesten Kreisen Verbreitung und Beachtung gewinnen. Bacmeister's Verlag in Erfurt und Leipzig. Kleine Studien. 1. Die Behandlung der Tonkunst am Ausgange des 19. Jahrhunderts. Thatsachen, Aussprche und Erfahrungen zur Beachtung fr alle Musikfreunde. Von Anton Huber. Preis 50 Pfg. 2. Henrik Ibsen. Ein Essay von Dr. Theodor Odinga. Preis 20 Pfg. 3. Moderne Wege zum Wohlstand. Skizzen aus dem amerikanischen Leben. Von Philipp Berges. 1.-9. gleichlautende Auflage. Preis 50 Pfg. 4. Die Entdeckung Amerika's durch die Normannen im 10. und 11. Jahrhundert. Von H. Rttinger. -- Preis 30 Pfg. 5. Volksschauspiele in Bayern. Von Adolf May. 3. Auflage. Preis 30 Pfg. Anmerkungen zur Transkription Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Einige wenige Fehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 28]: ... Ausgang kaum zweifelhaft sein konnte. Nach wenig ... ... Ausgang kaum zweifelhaft sein konnte. Nach wenigen ... [S. 45]: ... Wohl fehlte es nicht an dunklen drohendem Gewlke, ... ... Wohl fehlte es nicht an dunklem drohendem Gewlke, ... [S. 69]: ... Dienste der Gesellschaft stehend, war er erst vor wenig ... ... Dienste der Gesellschaft stehend, war er erst vor wenigen ... [S. 74]: ... jetzt im Besitz einiger Wenigen und zahllose zerstrte ... ... jetzt im Besitz einiger Weniger und zahllose zerstrte ... End of the Project Gutenberg EBook of Mene tekel!, by Arnold von der Passer License: Share Alike