Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net ADOLF PAUL _Die_ _Tnzerin_ _Barberina_ [Illustration: Dekoration] Roman _aus der Zeit_ _Friedrichs des Grossen_ [Illustration: Dekoration] _Deutsche_ _Buchgemeinschaft GmbH_ _BERLIN_ Copyright 1915 by Albert Langen, Mnchen _=Alle Rechte,=_ insbesondere die der bersetzung und Dramatisierung, vorbehalten! Verfilmung verboten. _=Albert Langen=_ _=Adolf Paul=_ Printed in Germany Inhalt Erstes Buch: Psyche 5 Zweites Buch: Hebe 67 Drittes Buch: Hahnenkampf 163 Viertes Buch: -=Fridericus Rex=- 253 Fnftes Buch: -=Virtuti Asylum=- 389 Erstes Buch Psyche 1 Phantasieloses -- poesieloses Gesindel! rief Rinaldo Fossano unmutig, setzte sein Barett auf, warf mit gebter Geschicklichkeit den rot geftterten Mantel um, da der rechte Zipfel auf die linke Schulter flog, und verlie, in der Haltung eines mit seinen Truppen unzufriedenen Generals, die Bhne des Teatro Farnese. Den ganzen Morgen hatte er sich mit den Tnzerinnen abgeqult, um ihnen Verstndnis fr sein neukomponiertes pantomimisches Ballett beizubringen, mit dem er die Saison in Venedig zu erffnen gedachte, nachdem seine fr das Teatro Farnese zusammengestellte Stagione die Vorstellungen in Parma beendigt haben wrde. Die armen Jngerinnen Terpsichores gaben sich die erdenklichste Mhe und boten ihre ganze Kunst auf, um ihren Herrn und Meister zu befriedigen. Aber Signor Fossano war nicht nur ein Tnzer von Gottes Gnaden; er war auch ein Dichter, dessen Phantasie nach rhythmischen Orgien verlangte, in denen sich aber der menschliche Krper nur in den seltensten Fllen ergeht. Von mit den raffiniertesten Kniffen des Kunsttanzes Vertrauten verlangte er noch Evolutionen, die sich mit Selbstverstndlichkeit aus der inneren Empfindung heraus rein instinktiv und ohne Berechnung ergben -- Bewegungen ohne Dressur --, ein Spiel der Linien, das sich ganz unmittelbar aus der Phantasie des Tanzenden ins Krperliche bertrge -- ungewollt -- fast improvisiert und so, weil natrlich und einfach, als Kunstdarbietung vollkommen. Das lt sich nicht erlernen! Das mu von vornherein da sein! Und bei keiner von allen den schnen Ballerinas hat er's bis jetzt gefunden! Hpfen knnen sie wie die Grasmcken -- schne Drehungen -- kunstvolle Pirouetten machen! Auf den Fuspitzen trippeln -- himmelhoch springen -- bezaubernd lcheln -- glhende Blicke abfeuern -- Kuhnde in die Logen werfen! Kssen knnen sie auch! Aber keine einzige, die es verstnde, blo als lebend gewordener Drang zur Loslsung von der Erdenschwere da zu sein! -- als Wille zum Schweben, wie wenn der Schmetterling, soeben aus der Raupe gekrochen, zum ersten Male im Sonnenschein die Flgel ausbreitet, aber noch nicht fliegt! Ein Stck Himmelsbewohner, der Erde entwachsen, aber noch auf Erden da -- noch nicht abgeflogen! -- Ein Versprechen, im nchsten Augenblick dahinzuschweben -- die Hoffnung unserer Sehnsucht -- die Gewiheit der baldigen Erhrung auf der Schwelle der Erfllung! Keine einzige, die das hat! Keine, die sich blo zu zeigen braucht, um das zu geben -- die, kaum, da sie sich bewegt, die Seele des Zuschauers in Orgien des wiegenden Tanzes berauscht, welche der Krper nur ahnen lassen kann, die aber die Seele bewegen, wenn man blo die Augen schliet! Er ging sie alle in Gedanken durch -- -- die Cesi -- die Bandolini -- die Grassini -- die Gandolfi und die viel zu vielen, deren Namen noch keine Namen waren! Schne Krper -- ppige Formen -- schlanke Biegsamkeit -- Feuer -- Verve -- Tempo -- virtuoses Knnen -- Geist -- Temperament -- alles war da! Nur das eine nicht, was seiner Phantasie vorschwebte, das unnennbare gewisse Etwas, was sie dazu prdestiniert htte, _=Psyche=_ darzustellen! Zum Teufel mit allem Knnen! Verflucht die ganze Kunst, wenn sie _=das=_ nicht hergibt! Lieber die erste beste von der Strae, wenn sie blo die Empfindung hat und sich treiben lt -- wenn sie blo _=ahnt=_, was ich will, und von keiner virtuosen Verbildung verhindert wird, es auch so zu geben! Mimutig trat er auf den Burghof der Pilotta hinaus, wie man den ewig unvollendeten Prachtbau der Farnese nannte, in dessen einen Flgel das riesige Theater eingebaut war. Wie ein Triumphator wurde Fossano von den jungen Parmesanerinnen empfangen. Ein Regen von Blumen berschttete ihn. Wie ein Schwarm von Schmetterlingen, so flatterte es um ihn, in bunter Mannigfaltigkeit lichter Farben -- glutrote Lippen lchelten verheiungsvoll und lachten in bermtigem Jauchzen -- Tausende von Hnden wetteiferten, einen Zipfel seines Mantels zu erhaschen -- es war ein Schreien, ein Aufjauchzen jugendlicher Stimmen, ein Feuerwerk aus glhenden dunklen Augen, ein Drngen, ein Stoen -- wie immer, wenn er nach beendigter Probe oder Vorstellung das Theater verlie. Keinen Scherz aber hatte er zum Dank bereit, kein munter hingeworfenes Wort -- keinen Gru auf die vielen Evviva-Rufe! Die Blumen lie er liegen, trat sie achtlos mit den Fen, bahnte sich brsk seinen Weg durch die Menge -- machte dann kehrt, blieb einen Augenblick stehen und musterte sie alle, der Reihe nach, scharf, durchdringend, kehrte ihnen dann achselzuckend den Rcken, drckte den Hut in die Stirn und ging weiter. Keine einzige! murmelte er halblaut, keine einzige! und achtete nicht weiter auf die Schar jugendlicher Verehrerinnen, die ihm trotz seiner Gleichgltigkeit das Geleit gaben. Da, als er in die Strada al duomo einbiegen wollte, glitt eine Gestalt an ihm vorber, die sofort seine Blicke gefangennahm. Da war sie! Das war's! -- Ein Schweben -- ein leichtes Hinschreiten -- eine Rhythmik der Bewegung -- eine Hoheit der Haltung -- ungewollt und selbstverstndlich -- ein Knigtum der Linien, so stolz und frei, da es die rmliche Kleidung adelte, die den mdchenhaften, kaum noch der Kindheit entwachsenen Krper umhllte! Er wollte ihr nach, kam aber nur langsam vorwrts im Gedrnge -- verlor sie aus den Augen, fluchte -- brach sich mit Ungestm Bahn, strzte wie ein Wahnsinniger vorwrts auf die Piazza del duomo hinaus und kam gerade noch zur Zeit, sie mit den Blicken zu fassen, als sie zwischen den roten marmornen Lwen Correggios am Tor des Domes hindurchschritt, um im Dunkel der Kirche zu verschwinden. Schnell wie der Wind setzte er ihr nach und trat in das Gotteshaus. Er suchte sie in den Kapellen der Seitenschiffe unter den dort Knienden -- suchte sie unter den vor den Beichtsthlen Harrenden, aber umsonst. Endlich fand er sie! Da oben, auf den vielen Stufen am Ende des Mittelschiffes, wo die riesige Kuppel sich vor dem Hauptaltar wlbt, stand sie allein, die Blicke nach oben gerichtet. Sie war so tief in inbrnstiges Schauen versunken, da sie nichts davon merkte, was sich um sie her zutrug. Schlank wie eine Gerte, erhob sich der jugendliche Krper in seltenem Ebenma der Formen -- fast ohne Schwere stand sie da, kaum noch die Erde berhrend, und -- als wollte sie sich im nchsten Augenblick zum Fluge heben, so wuchs sie -- lste sich allmhlich vom Fuboden -- hob sich mit unvergleichlicher Grazie auf die Fuspitzen und breitete die Arme nach oben. So stark war der Eindruck, da er im Nu die vielen Stufen nahm und auf sie zustrzte, um sie festzuhalten, damit sie ihm nicht entflge. Aber sie bemerkte ihn nicht. Im Geiste war sie schon da oben, und sein Geist flog mit. Er sah, was sie schaute und was ihre Seele erfllte, er empfand ihre Empfindung. Nicht unten auf den Steinfliesen des Fubodens stand er mehr -- dort oben weilte er unter den Gestalten, die der Pinsel Correggios hingezaubert hatte, teilhaft des Wunders der Erlsung aus dem Fleische. Zunchst nur als Schauender, vom Licht Geblendeter, als einer der Apostel, die, rings um die Brstung, ber die sich die Kuppel wlbte, in ehrfrchtiger Anbetung festgebannt, kaum die Blicke zu erheben wagen, aber vom Lichte angezogen, in inbrnstiger Verzckung erstarrt, mit den Blicken die Herrlichkeit einsaugen, von der sie nachher den Erdenwrmern knden sollen, whrend ringsum die Genien den Tempel schmcken, die Flammen der Opferschalen mit den Flammen des ewigen Lichtes schren und den Raum, durch den der Ausblick ins Himmlische verstattet werden soll, umsumen, um jedem unheiligen Gedanken das Nahen zu verwehren. Und sie?! Die Gottesmutter selbst war sie, die, von Genien und Cherubinen getragen, durch rosenrote Wolken dem ewigen Lichte entgegenschwebte, von einem Cherub zrtlich umschlungen, der sie vorwrts drngte und zugleich zurckhielt. Whrend ihre Blicke angstvoll nach oben starrten -- ihre Arme sich ffneten -- die Hnde nach oben gestreckt, wie um das unfabare Glck zu erhaschen: -- die Befreiung durch tiefste schmerzlichste Lust -- die Auflsung fleischgewordenen Dunkels in geistsprhendes Licht! _=Leben=_ -- volles leidvolles Leben war dies! -- Und das war sie noch nicht -- die Erfllung noch nicht! _=Die Sehnsucht danach war sie,=_ die se verheiungsvolle Sehnsucht, die am hchsten trgt, weil sie immer noch unbefriedigt bleibt, immer noch strebt und nach Seligkeit verlangt! -- Psyche war sie, die sich dort oben, frei und unbehindert, von ihrer inneren Kraft allein gehoben, aus dem Kranze der Seligen loslste! Whrend Maria noch, von ihrer irdischen Mutterschaft beschwert, sich von seligen Kindern tragen lassen mute! Und er war nicht lnger der geblendete Zuschauer, der kaum mit den Blicken zu folgen wagte -- der Genius war er, der allein mitten im Kreise am hchsten schwebte, den Weg zu zeigen -- dem sie alle zu folgen hatten! Er hatte ihre Gedanken recht erraten. Erst war sie vom Bilde der leidenden Gottesmutter gebannt, vom Cherub umschlungen und nach oben gehoben wie sie -- dann von ihm und den brigen beschwert und nach unten gezogen! Sie stampfte auf, um sich frei zu machen, und da traf ihr Blick Psyche, die, von nichts gehalten, frei, von ihrer inneren Begeisterung gehoben, nach oben schwebte! Und dieselbe Begeisterung kam ber sie! -- Kaum noch empfand sie die Berhrung mit der Erde -- sie erhob sich in voller Entfaltung ihrer natrlichen Grazie, die Hnde nach oben gestreckt, mit den Blicken verzckt das Licht und die Farben einsaugend. Da packte ihn die Angst, sie zu verlieren! Der Fhrer und Wegweiser ins himmlische Licht wurde zum Luzifer, der ihr den Weg verlegte, das leuchtende Licht vom Himmel stahl und in Glut der Leidenschaft wandelte, um ihr damit auf dem Weg in die Tiefe zu leuchten. In die Tiefe mute sie -- zur Erde zurck -- in alle Hllen des Lebens untertauchen -- das Erdhafte, das noch ihre Seele umfing, abstreifen! _=Dann erst=_ durfte sie hinauf! Dann erst konnte sie den Staub hienieden verlassen -- nach Kampf und Leiden! Eher nicht! Und auf einmal von der Begegnung mit ihr in der Phantasiewelt zurck, stand er wieder hinter ihr, als der Tnzer Fossano, bereit, sie auch leiblich zu erhaschen und sie mit seiner Kunst an die Erde zu bannen! Er trat an sie heran, und indem er auf das Deckenbild -- die Himmelfahrt Marias -- zeigte, flsterte er ihr neckend zu: Das mchtest du wohl, so bis in den Himmel hineinschweben knnen?! Sie zuckte zusammen, war sofort wieder unten und sah ihn erschrocken an, aus groen dunklen Augen, die noch vor Erregung glhten! O ja! sagte sie dann hingerissen, schlo die Augen, seufzte und war mit ihrer Seele wieder oben in der Region der Seligen. Er lie sie aber nicht so leichten Kaufes. Schnell umschlang er ihre Schulter und flsterte noch eindringlicher: Das zu wollen -- danach aus ganzer Seele zu trachten -- weit du, was das ist? Nein, antwortete sie, ohne die Augen zu ffnen. Das ist -- _=der Tanz=_! Sie machte kehrt und sah ihn gro und fragend an. Ach, knnte ich's! kam's wie ein Stoseufzer zwischen ihren halbgeffneten Lippen hervor. Du kannst es! Denn du scheinst mir den Trieb aus dir heraus zu haben! Das ist der Tanz in hchster Potenz: _=hinauf=_ zu wollen und _=unten bleiben zu mssen=_ -- den Himmel offen zu sehen und so doppelt schwer die Abhngigkeit von der Erde zu fhlen! Sie sah ihn angstvoll an, sank dann pltzlich auf dem Steinboden zusammen und fing an bitterlich zu weinen. Er hob sie auf. Nur nicht weinen, sagte er. Finde dich mit der Erde ab -- sieh, wie schn sie ist, wie bunt sie in Gold und Farben glitzert! -- Freue dich, da du da bist -- gib dich deiner Freude am Dasein hin -- spende sie den anderen -- mach auch sie den Drang hinauf vergessen -- tte jene Sehnsucht, die Schmerzen bringt -- tauche sie in Lust, wie's die anderen auch tun, und du wirst glcklich sein! Sie ri sich von ihm los, trat einen Schritt zurck und sah ihn entsetzt an. Folge meinem Rat! -- Erkenne die Welt in ihrer ganzen Schnheit -- und du wirst ihre Herrin sein und ber sie gebieten! Nochmals blickte sie nach oben, aber drauen war eine Wolke ber die Sonne geglitten, das Licht unter der Kuppel schwand, die Farben erloschen, das Wunder der Himmelfahrt hatte seine Zauberkraft eingebt, alles durch ihn, den schnen, selbstgefllig lchelnden Mann, der ihr sein Gift in die Ohren getrufelt hatte! -- Der Teufel war er, der ihr die Erdenlust pries und ihr zu sagen schien: All das gebe ich dir, wenn du nur nicht hinaufblickst, wenn du mir zu Fen fllst und mich anbetest! Schnell zog sie ihr herabgeglittenes Tuch um den Hals zusammen und floh aus dem Gotteshause, ohne zu wagen, den Versucher auch nur anzusehen. Ein kurzes Lachen verfolgte sie und beflgelte ihre Schritte. Drauen, im Menschengewhl, gewann sie allmhlich ihre Sicherheit wieder. Die Sonne brach wieder durch die Wolken, alles prangte im Glanz des Frhlings -- alles lachte und jauchzte und freute sich des Daseins. An einer Straenecke war Musik und Tanz. Sie mischte sich unter die Neugierigen, drngte sich bis in die erste Reihe vor und schaute andchtig zu. Ein kleines Mdchen von sieben Jahren, barfu und mit nackten Beinen, in hellem leichtem Kleid und rotsamtner, mit Pailletten besetzter Jacke, tanzte eine Tarantella zu den Rhythmen ihres Tamburins, begleitet von einem alten schmutzigen, zerlumpten Kerl, der auf der Erde sa und die Zither spielte. Sie hatte die natrliche Grazie der Kinder des Sdens, die leichte Beweglichkeit und den rhythmischen Sinn; sie schlug taktfest ihr Tamburin, als sie im Kreise herumflog, schttelte es hoch ber dem Kopfe, die andere Hand in die Seite stemmend, und drehte sich schneller und schneller, immer wieder von den Zurufen ihres Begleiters getrieben, dem sie nicht genug tun konnte. Ihr Lcheln hatte etwas Gezwungenes, ihr ganzes Auftreten war von einem fremden Willen gelenkt. Das einzige Natrliche bei ihr war die Angst -- und die war nichts als die Furcht, den Unwillen ihres Herrn und Gebieters zu erregen. Sie strahlte vor Freude, als nach beendigtem Tanz die Kupfermnzen auf das bereit gehaltene Tamburin niederprasselten, und leerte es rasch in die Hand des Alten, der, unzufrieden brummend, die Ernte gierig in die Tasche schob und halblaut auf den Geiz der Leute schalt! Vorwrts, einsammeln! rief er, die da hat noch nichts gegeben! und zeigte auf das junge Mdchen, das in der ersten Reihe stand. Schnell wollte sie sich hinter die Umstehenden verbergen. Aber das Kind war rascher als sie. Schon stand es vor ihr, das Tamburin vorgestreckt, und sie hatte nichts zu geben und errtete vor Scham. Wei Gott -- ich mchte dir gern ein Goldstck hineinwerfen, dachte sie, aber woher es nehmen? Kaum gedacht, da flog ein Goldstck ber ihre Schulter in das Tamburin hinein. -- Sie blickte sich um und sah -- einen jungen, hbschen, schlanken Menschen, in der Haltung stolz wie ein Frst, der sie lchelnd anblickte. Derselbe, der sie in der Kirche erschreckt hatte, und doch nicht derselbe! Jetzt flte er nur Zutrauen ein, wie ein alter Bekannter, ein guter Kamerad, der da war, ihr aus der Verlegenheit zu helfen! Es schimmerte etwas wie Dankbarkeit in ihrem Blick, als sie ihn ansah. Er lchelte und, wie um ihr zu zeigen, da er ihren Wunsch erraten hatte, warf er ein zweites Goldstck in das Tamburin, das das Kind noch hinhielt, starr ber die unverhoffte frstliche Gabe. Vorwrts, rief er lachend, nun tanz mir noch einen Saltarello! Und das Kind eilte, die goldene Ernte bei seinem Gebieter in Sicherheit zu bringen. -=Mille grazie, Signore!=- kam es von dem Alten zurck, die Gitarre zirpte -- das Kind flog wieder im Kreise herum, sein Tamburin schlagend und schttelnd, da die Schellen klirrten -- und niemand schaute zu -- alle hatten nur Augen fr den berhmten Tnzer! Fossano! Evviva, Fossano! riefen sie und drngten sich um den Vielbewunderten, der da stand und die Huldigung ber sich ergehen lie. Hier trete ich nicht auf, rief er, sich lachend wehrend, hier bin ich nur Publikum! Schaut zu ihr hin! _=Die=_ hat jetzt die Kunst zu vertreten! Und alles lachte und klatschte Beifall. Die Kleine tanzte wie um ihr Leben. Und Fossano, der sich doch immer als Mann der ffentlichkeit geben mute, ob er auftrat oder nicht, fing an, sie laut zu kritisieren und ihren Tanz zu verhhnen, immer noch sich an das junge Mdchen wendend, hinter dem er stand, und das ihn gro anblickte, beglckt, von dem berhmten Tnzer berhaupt bemerkt zu werden. Du blickst mich so an, lachte er, als frchtest du, ich wrde dich lebendig fressen! Blick lieber die Drehpuppe da an! -- Da kannst du sehen, wie der Tanz _=nicht=_ sein soll! Oder gefllt's dir? Ich wei nicht! Nein, du weit nicht! Aber du ahnst es, und deshalb werde ich dir sehen helfen. Das berschumen des Blutes -- der landesbliche musikalische Sinn _=ohne=_ Sinn, den das Pack hierzulande immer hat -- die Geilheit, die das Tempo gibt, solange sie da ist, und dann nicht mehr! Angelernte Bewegungen ohne innere Notwendigkeit! Die Poesie -- die Innerlichkeit, der Drang, sich zu geben, fehlen! Ebenso das Knnen, die Fhigkeit, aus anderer Leute Seele Funken zu schlagen, zu znden, mitzureien und zu begeistern. Woher Geist nehmen -- wo keiner ist! -- Ein hbsches Spiel fr die Augen, solange sie hbsch ist -- und dann ist's aus! -- Der Tanz da gibt nie im Leben eine Himmelfahrt! -- Und wenn's im Leben versumt wird, nachher ist's aus! -- Hpf zu! rief er der Tnzerin zu. Hpf zu -- und fall nicht! Denn nachher liegst du auf dem Rcken und zappelst, und da ist's aus mit dem Tanz, da hpfst du nicht mehr! Die Umstehenden lachten und warfen ihr noch derbere Scherzworte zu -- weinend floh sie zu dem Alten, um Schutz zu suchen. Brummend stand er auf, schlug seinen Mantel um sich und sie, ging um die Ecke und verschwand mit ihr und seiner goldenen Ernte! Das Publikum zerstreute sich. Fossano blieb stehen. Ihm war alles andere gleichgltig. Er dachte nur an das junge Mdchen, dem er gefolgt war. Nur zu ihr oder fr sie hatte er gesprochen, und nur um zu sehen, wie sie sich dabei verhielte! Alles andere war ihm gleichgltig. Zornig hatte sie geblickt und Emprung gezeigt -- Trnen des Mitleids waren ihr in die Augen gekommen. Und als sie ihm den Rcken zukehrte und ging, bewunderte er die feine Biegung des Halses, den wundervoll angesetzten fein geschnittenen Kopf und die unabsichtlich natrliche Plastik ihrer Bewegungen, wie sie so langsam davonschritt und dann wieder stehenblieb. Niobe, dachte er, Niobe -- die noch nicht die Kinderschuhe ausgetreten hat! Sie empfand seinen kalten, prfenden Blick, sah ihn lcheln -- das Blut scho ihr gegen den Kopf, sie eilte auf ihn zu. Die Augen knnte ich Ihnen auskratzen! rief sie und ballte ihre Fuste unter seinem Gesicht. Bravo! rief er, aufrichtig erfreut ber ihren prchtigen Zorn, und packte ihre Hnde. Sie ri sich los, nicht ohne den bewundernden Ausdruck in seinem Gesicht bemerkt zu haben, und sagte, immer noch schmollend, aber bedeutend besnftigt: Sie sind abscheulich! Und du bist entzckend! Sie stampfte auf den Boden! Sagen Sie, was Sie wollen, aber es war herzlos von Ihnen! Wie konnten Sie dem Kinde weh tun wollen? Du willst wissen, was ich wollte! lachte er. Denkst du, _=die=_ kmmert mich? _=Dich=_ wollte ich sehen! Und du hast dich mir gezeigt -- im Schmerz und Mitleid ganz gut -- im Zorn ausgezeichnet! Trnen der Wut und Beschmung traten ihr in die Augen. Warum machen Sie sich ber mich lustig? Das tue ich nicht! Mein Interesse an dir ist aufrichtig! Ich mag dich gern! Sie blickte ihn fragend an. Er wollte es aber nicht gleich weitertreiben und fragte nur beilufig: Wie alt bist du? Sechzehn! Wie heit du? Babara! Nun, Baberina -- hast du schon ein richtiges Ballett gesehen? Nein! Bist du nicht im Theater gewesen? Niemals! Aber du mchtest wohl? O wie gern! Willst du heute abend das Ballett sehen, in dem ich tanze? O ja! Komm also eine Viertelstunde vor der Vorstellung nach dem Teatro Farnese, frag nach dem Ankleidezimmer Fossanos -- Fossano, das bin ich! Ich wei. Frag also den Trwrter danach, und man wird dich hineinfhren. Du nimmst deine Eltern mit. Ich habe nur die Mutter! Bring sie mit! Und nach der Vorstellung lat euch zu mir fhren! Er wandte sich zum Gehen, blieb aber stehen und sah sie an. Dein Vatersname? fragte er. Campanini! Babara Campanini! Babara Campanini! Sage mal, Baberina, er kam wieder auf sie zu, ihr seid wohl nicht allzusehr mit Glcksgtern gesegnet? So wie heute sind uns die Goldstcke nicht gleich bei der Hand, wenn's ans Zahlen geht! Das kann noch kommen! lachte er. Wie meinen Sie? Nun -- das hast du doch soeben gesehen! Du brauchtest nur zu wnschen, und gleich waren sie da! Sie wute, da er die Wahrheit sagte, aber sie mochte es doch nicht glauben. Woher wuten Sie, was ich gerade wnschte? Ein Wunsch ist nicht schwer zu erraten, wenn das Interesse da ist! Aber Sie warfen gleich ein Goldstck! Wolltest du nicht ein Goldstck fr sie? Ja. Und da Sie das gleich wuten, macht mich bange! Wer frstlich zu wnschen versteht und gleich vom Schicksal mit der Erfllung bedient wird, braucht keine Angst zu haben! Wnsche nur weiter! Er lchelte, und dies Lcheln brachte sie wieder in Harnisch. Was wollt Ihr von mir? Warum seid Ihr hinter meinen Gedanken und Wnschen her -- erst in der Kirche und dann jetzt? Er lachte laut. Hast du Angst, mir etwas schuldig zu bleiben? Wenn Sie so lachen, ja -- wei Gott -- da mchte ich eine Handvoll Goldstcke haben, um -- Um? Um sie Ihnen ins Gesicht zu werfen! Bravo, lachte er wieder. Das war wieder frstlich gedacht! Das Vergngen kannst du noch haben! Wieso? Etwa -- wenn ich dir Unterricht gbe und es ans Zahlen kme! Mich zahlt man nur mit Goldstcken! lachte er. Ihr wit gut, da ich das nicht knnte! Und deshalb solltet Ihr nicht lachen! Die Trnen kamen ihr wieder in die Augen. Er wurde pltzlich ernst. Er hatte sich das Vergngen gemacht, sie aus der einen Stimmung in die andere zu hetzen! In jeder Empfindung hatte sie pariert, alles war echt und von ungesuchtester Natrlichkeit! Er durfte es aber nicht zu weit treiben, sonst wrde er die Fhrung verlieren -- sonst wrde sie ihm aus den Hnden gleiten! Und er wollte sie einfangen -- er brauchte sie, denn sie war, was er suchte! Verzeih mir! sagte er, und seine Stimme nahm eine warme Frbung an, ich wollte dir nicht weh tun! Ich bin nicht gewohnt, alles so ernst zu nehmen und zu meinen! Mir lacht eben das Leben; daher kommt's, da ich ber alles lache! Mehr ist's auch nicht wert! Und ich mchte es dir auch beibringen! Du hast das Tanzen im Blute, da gehe ich nicht fehl! Ich mach es dir frei! Ich bringe dir das Tanzen bei -- du wirst bei mir Unterricht haben! Sie sah ihn gro an, als erzhle er ihr ein Mrchen. Sechzehn Jahre bist du schon? Bald siebzehn! Hchste Zeit denn, wenn aus dir noch was werden soll! Komm also mit deiner Mutter heute ins Theater. Nachher wirst du mir sagen, wie es dir gefallen hat! Und das Weitere wird sich finden! Sie war auer sich vor Freude. Ihr Traum, ihr Traum sollte Wirklichkeit werden! Sie wagte es kaum zu glauben, sie wute auch nichts zu sagen; von Glck berwltigt blickte sie ihn an, Trnen der Dankbarkeit in den Augen; sie beugte sich rasch, ergriff seine Hand und kte sie. Errtete dann ber ihre Dreistigkeit und floh davon wie der Wind. Babara! rief er. Aber sie hrte ihn nicht. Ich htte mitgehen sollen. Ich htte wenigstens fragen sollen, wo sie wohnt! Er frchtete, Psyche, die er so lange gesucht und endlich gefunden hatte, wrde ihm wieder verlorengehen. Bah -- sie wird schon ins Theater kommen, dachte er dann achselzuckend. Wenn sie die Richtige ist, wird es sie treiben -- dann wird sie's nicht lassen knnen! Und sie ist die Richtige! Mein Auge betrgt mich nicht! 2 Er hatte recht -- und unrecht zugleich. Die Begegnung in der Kirche hatte sie erschreckt, ihr Innerstes aufgewhlt und in eine noch nie empfundene Unruhe versetzt. Sein Hohn hatte sie emprt, sein herzloses Lachen sie angewidert. Auch wenn er freundlich zu ihr sprach, war etwas Kaltes, Lauerndes in seinen Blicken, da ihr angst und bange wurde, die freundlichen Worte wrden im nchsten Augenblick schneidendem Hohn Platz machen. Und dem wollte sie sich nicht aussetzen. Die Emprung trieb ihr das Blut ins Gesicht, als sie an seine herzlosen Worte an die arme Straentnzerin dachte. Wenn er _=ihr=_ jemals so kommen wrde, sie wrde ihm das Messer ins Herz stoen! Fr ihr Leben gern wollte sie ins Theater! Sie hatte eine brennende Lust, einmal ein richtiges Ballett zu sehen! Aber nachher mte sie ja zu ihm; und wer wei, wie er zu ihr sprechen wrde? Also lieber nicht! Sie erzhlte wohl der Mutter getreulich von der Begegnung mit ihm, tat nicht wenig stolz ber ihre Unterhaltung mit dem berhmten Tnzer, ber sein offenbares Interesse fr sie: wie er ihr nachgegangen wre, und wie wenig sie sich daraus machte! Aber sie erwhnte mit keinem Wort sein Anerbieten, auch nicht die Einladung, ins Theater zu gehen. Die Mutter wurde ganz aufgeregt. Das Glck! Das Glck! Den bringe ich noch dazu, dich zu unterrichten! Um aller Heiligen willen! Schweig, du bist eine Gans -- eine dumme Gans bist du! Das Glck fllt dir in den Scho, und du brauchst blo zuzugreifen! Blo zuzugreifen brauchst du! Ja, hast du denn eine Ahnung davon, was das bedeutet, wenn solch ein groer Mann sich fr dich einsetzt!? Ein Wort von ihm kostet es nur, und gleich liegt dir die Welt offen! -- Schmuck, Reichtum, schne Kleidung, Ehren aller Art werden sich dir zu Fen hufen, und du brauchst blo zuzugreifen -- Er wird sich hten. Er hat anderes zu tun, als sich um so eine wie mich zu kmmern! Wenn er dich blo tanzen sieht, wird er weg sein! Du weit nicht, wie hbsch du tanzest -- du weit es nicht! Ich hab's dir ja nie gesagt, denn ich wollte dich nicht eitel machen! Aber sooft ich dich sah, und neben dir die anderen, dann dachte ich es mir -- und mehr als eine von den Basen hat's auch gesagt -- und wie oft haben sie's mir gesagt: >Die Babara mu zum Ballett! -- Die Babara knnte mit den Beinen ihr Glck machen! -- Sie hat das Zeug, da ihr das ganze Leben zum Tanz wird!< Das haben sie gesagt! Aber wo htte ich das Geld hernehmen sollen, um dich in die Ballettschule nach Mailand zu bringen? So etwas kostet Geld -- viel Geld, und bei unserer Armut...! Nein, da hab' ich's mir verbissen! -- Aber ich habe zu der Madonna gebetet, ihr so manche Kerze geweiht! Und sie hat mich erhrt! -- Jetzt ist die Gelegenheit da -- jetzt gehe ich zu ihm! -- Sofort gehe ich und werfe mich ihm zu Fen! Sie warf ihren Mantel um und wollte gehen. Tu's nicht! rief Babara. Ich will's nicht! Ich habe gar keine Lust. Ob du Lust hast -- ob du Lust hast?! Tanzest du nicht fr dein Leben gern! Zum Vergngen, ja! Das Leben ist kein Vergngen, das Leben will verdient sein! Dir ist's gegeben, es dir mit den Beinen zu verdienen! Aber nicht so, da du auf der Strae bettelnd herumstreichst, wie's sonst kommen wird! Sondern indem du die Gabe ausntzt, die dir der Himmel gab! Das Tanzen zum Vergngen -- wir wissen, wo das endet! In den Armen eines Burschen und dann in den Armen eines anderen und dann im Rinnstein! -- Ins Elend fhrt der Tanz! Nein, da werde ich schon vorsorgen! Ich will's aber nicht! Ich will nicht! Ich will aber. Und du hast dich danach zu richten. Gehorchen sollst du, ob du willst oder nicht, wo deine Mutter nur dein Bestes will! Sie wollte gehen. Und da mute Babara lieber mit der Einladung herausrcken. Ihr braucht nicht zu ihm zu gehen, sagte sie schmollend. Er hat mich gebeten, heute abend ins Theater zu kommen! -- Mit Euch soll ich hinkommen! Und nachher will er uns sprechen! Die Alte sank auf einen Stuhl nieder. Und das verheimlichst du mir?! Ich wollte nicht hin! Ich gehe auch nicht! Er macht sich nur lustig ber mich! Ich mag nicht, da er ber mich lacht! Eine schallende Ohrfeige war die Antwort. Und dann prasselte eine Flut von Schimpfworten auf sie nieder. Du Schlampe, du faules, nichtsnutziges Ding! Lumpenprinzechen du! Du blhst dich auf und zierst dich und dnkst dich zu vornehm, etwas zu tun, um im Leben vorwrtszukommen! Als ob du auf Gott wei was fr groen Reichtmern sest, so hast du dich! Und dabei hast du nichts als das bichen Jugend, das bald vorber ist! Du willst nicht?! Ja, sag' einer blo! Schmst du dich gar nicht, solche Launen zu haben?! Du Undankbare! Denkst du denn gar nicht an deine alte Mutter, die sich um dich geschunden hat und bald nicht mehr imstande sein wird, sich weiter fr dich abzurackern? Und dann -- was dann? Dann bist du auf dich angewiesen -- dann mut du verhungern, so ein faules und vergngungsschtiges Ding wie du! Scheltet nur, soviel Ihr wollt! Ich gehe doch nicht! Und wenn Ihr mich noch so schlagt! Sei doch nicht albern, sei nicht dumm! Benutze die Gelegenheit, die dir der Himmel gibt! Denn da liegt dir das Glck offen! Und du brauchst nur die Hand auszustrecken, brauchst blo zu wollen -- die Gelegenheit ist da! Jetzt oder nie! Einmal im Leben kommt das Glck nur, und da gilt's zuzugreifen! Die Minute, die du unbenutzt vorberstreichen lt, ist fr ewig verloren! -- Ich hab's an mir erfahren! Ich wollte auch tanzen -- mein Leben lang wollte ich's, und immer noch tanzt's in mir, wenn ich euch Kinder tanzen sehe! Ich htte es gekonnt -- ich htte es zu was gebracht! -- Habe ich euch nicht tanzen gelehrt, da alle Leute die Augen aufreien, wenn sie euch springen sehen? Ich htte es sicher zu was gebracht. -- Aber mein Vater war dumm! Er hat's nicht eingesehen! Ich sollte ehrbar bleiben, hie es immer! Ich sollte arbeiten lernen -- einen braven Mann heiraten, anstndig leben -- und ich habe ihm gehorcht! -- Nun -- was habe ich davon gehabt? Einen Mann, der trank, der mich schlug und der viel zu spt gestorben ist -- Gott hab' ihn selig! Was habe ich davon? _=Euch=_, die ihr mich bis aufs Blut aussaugt, fr die ich mich schinden mu, ohne es zu etwas zu bringen! Und dann blht mir das Siechtum und ein elender Tod! Htte ich nur nicht auf ihn gehrt! Wre ich lieber davongelaufen! Htte ich lieber mein eigenes Leben gelebt! Dann ging's mir besser! Euch aber will ich das Leben ersparen, das ich leben mute! Ihr sollt es gut haben, in Glanz und Reichtum leben -- ihr werdet es auch erreichen! Denn ihr seid schn -- am schnsten du, Babara -- und was ich nur in meinen Trumen haben durfte, das sollt ihr in der Wirklichkeit haben! Denn ich werde nicht so schlecht an euch handeln wie mein Vater an mir -- ihr werdet mich nicht verfluchen wie ich ihn -- ihr werdet meiner dankbar gedenken und fr _=euren=_ Gehorsam was vom Leben haben! Eine groe Knstlerin wirst du werden, wenn du mir gehorchst; in der ganzen Welt wird man dich mit Ehren nennen, mit Auszeichnungen berhufen! Greif nur zu, und die Welt wird dir zu Fen liegen! Komm, ich putze dich -- komm, ich mache dich schn -- du brauchst gar keine Angst zu haben, da man dich im Theater scheel ansieht -- du kannst dich in jeder Gesellschaft zeigen -- komm, mein Pppchen, sollst sehen, deine alte Mutter wird schon fr dich sorgen! Und sie suchte aus ihren Schrnken und Truhen allerhand vergessenen Tand aus ihrer Jugend, bunte Perlenschnre, seidene Tcher, Schrzen, Mantillen, Hauben und einen geblmten seidenen Rock, der ihrer Babara wie angegossen sa! Jaha -- ich war auch mal schlank -- ich war auch mal wie ein Prinzechen -- schau mal dies Mieder -- da bist du noch viel zu ppig dazu -- aber es geht schon -- wir schnren ein bichen -- das wird schon gehen! Und sie schnitt und nhte und nderte und pate ab und putzte ihr Tchterchen aufs prchtigste heraus! Und die lie sich's gefallen und fand sich so allmhlich damit ab, mit ihr in die Vorstellung zu gehen. Wenn die Mutter mitginge, wre es ja nicht so gefhrlich. Da wrde er sie wohl nicht zu verhhnen wagen! Und wenn auch -- schlielich war die Sache das wohl wert! Schlielich konnte man das hinnehmen, wenn man blo einmal ins Theater knnte und ein richtiges Ballett zu sehen bekme! Am Abend saen sie dann auch im Theater in einer der ersten Reihen des Parterre, wo man schon angefangen hatte, Sessel einzustellen, die Domina stolz und sicher, als wre sie in ihrem Leben nichts andres gewohnt gewesen, als ihre Abende dort zu verbringen, und Babara aufgeregt und neugierig in diese ihr so neue und bunte Welt hineinblickend, die bald _=ihre=_ Welt sein wrde. Es war ihr wie ein Traum. Das schwatzende, lachende Publikum in schnen Kleidern, reich geschmckt, die bunte Masse, die sich schreiend und johlend im Parterre hin und her schob und drngte, die Musik -- das Mitsingen des Publikums, die frhlich ausgelassene Stimmung, die Blumen, die festliche Beleuchtung, das Drngen, der Kampf um die besten Pltze, und schlielich die Auffhrung, die viel zu schnell vorbei war. Sie fhlte sich bedrckt inmitten all der Pracht! Das bunte Treiben verwirrte sie -- dann ging der Vorhang auf -- und zum erstenmal empfand sie die Macht, die hat, wer auf der Bhne steht -- die Herrschsucht packte sie -- schlich sich in ihre Seele und nahm sie in ihre Gewalt. Jetzt konnte sie nicht mehr zurck -- jetzt mute sie hin, ob sie durfte oder nicht. Denk, Baberina -- wenn du da oben stehst -- und all die Tausende nach dir blicken! flsterte die Mama. Das wre doch ein Glck! Babara hrte nicht; mit weit offenen Augen starrte sie nur hinauf. Fossano gab die Hauptrolle in der Pantomime: Pierrots letztes Abenteuer, eine burleske Szene voll derb grotesker Situationen, die wahre Lachsalven im Publikum entfesselten. Dann tanzte er einen Bauerntanz mit dem ganzen Corps de Ballett, und zum Schlu Das Urteil des Paris, eine wahre Orgie in sinnbetrenden Farben und Formen, eine bis an die uerste Grenze des Gewagten gehende und doch das knstlerische Ma innehaltende Phantasie voll glutvoller Leidenschaft, deren einzelnen Phasen das Publikum in atemloser Stille folgte, um dann, als der Vorhang fiel, in rasende Beifallskundgebungen auszubrechen, die nimmer enden wollten. Immer wieder mute Fossano mit seinen Partnerinnen vor dem Vorhang erscheinen, von den Evvivarufen umtost. Er wurde mit Blumen, Krnzen und Goldstcken beworfen, und man ruhte nicht, ehe er nicht als Zugabe seinen berhmten -=pas du diable=- zum besten gegeben hatte. Whrend sich die Zuschauer in dichten Massen am Bhneneingang und im Hof der Pilotta stauten, um ihm bei der Abfahrt vom Theater ihre Huldigung darzubringen, wurden Babara und ihre Mutter zu ihm gefhrt. Er empfing sie im Foyer der Solisten, immer noch im Kostm, jetzt ganz der groe Knstler, vornehm, herablassend, sie kaum eines Grues wrdigend. Ah -- sieh da -- die kleine Bekanntschaft von heute frh! Nun -- du hast es jetzt gesehen! -- Es ist kein Kinderspiel, so leicht es auch aussieht! -- Arbeit, harte, emsige Arbeit -- wenn einer es so weit bringen will -- und -- Talent, versteht sich -- vor allem Talent! Nun -- wir werden sehen, was mit dir los ist! Ich werde dich erst ausprobieren! Du wirst gleich im neuen Ballett mittanzen -- du brauchst keine Angst zu haben! Es gilt da noch lange keinen Kunsttanz -- es ist gar nicht schwer! Du brauchst blo zu verstehen, was du darzustellen hast -- ich mach es dir klar -- ich be es mit dir ein! Kannst du das bewltigen -- und ich erwarte es von dir -- dann werde ich dich unterrichten -- dann wirst du meine Schlerin sein! Erst will ich aber sehen, ob du Talent hast, und ob ich dir mit gutem Gewissen raten kann, Tnzerin zu werden! Und ich glaube, ich werde es knnen -- -- -- Domina Campanini lie die Tochter nicht zu Worte kommen. Sie flo gleich ber vor Seligkeit und Rhrung, kte Fossano die Hnde und rief den Segen aller Heiligen auf ihn herab. -- Er wrde schon sehen, da er sich nicht geirrt htte! Die Babara htte Begabung wie wenige! Seit sie klein war, htte sie getanzt -- wie eine Sylphide -- wie eine Elfe -- wie ein Engel Gottes! Und sie hatte es von sich aus -- ganz allein htte sie sich alles, was sie knnte, ausgedacht! Denn sie wren arm, sie htten nichts, womit sie den Unterricht htten bezahlen knnen -- -- Hier stockte ihre Suada. Sie bekam pltzlich Angst, er wrde sie nicht als Schlerin aufnehmen, wenn sie nicht zahlen knnte! Aber was sein mu, mu sein, sagte sie dann rasch, ehe er noch antworten konnte. Ich werde arbeiten gehen, ich werde verdienen -- ich habe auch Verwandte und gute Bekannte, die alle gern helfen werden, damit meine Baberina ihr Glck machen kann -- sie mssen alle was beisteuern, denn der Unterricht bei solch groem Meister kostet doch wohl viel -- --? Hier stockte sie wieder, in der Erwartung, er wrde ihre versteckte Frage mit der Erklrung beantworten, es koste bei ihm nichts! Er empfand das und wollte es auch gleich sagen, hielt aber inne und blickte Babara an. Ein unbestimmtes Vorempfinden sagte ihm, da er vielleicht doch in die Lage kommen wrde, einmal Entgelt von ihr zu verlangen! Er lchelte also blo, winkte der Alten gndig zu, blickte Babara an und sagte: Das wird sich spter finden! Vorerst wollen wir sehen, ob du was taugst, und dann fleiig lernen! Er hielt ihr die Hand hin, die die Alte schnell ergriff und mit Kssen bedeckte, streichelte Babara die Wange, nickte herablassend und ging in die Garderobe. Die Audienz war zu Ende. 3 Er hatte sich nicht geirrt. Babara strotzte von Talent. Sie war ein Genie -- von einer Ursprnglichkeit in ihrer ganzen Art, sich zu geben, und von einer Poesie der Unberhrtheit, die, im Verein mit ihrer jugendlichen Anmut, einen unbeschreiblichen Reiz ausbte. Sie lebte noch in der Ahnung, da aber stark und voll, mit der ganzen Keuschheit einer natrlichen Leidenschaftlichkeit, die sich ihrer noch nicht bewut geworden war. Sie hatte, obwohl noch Kind, die Kraft voll entwickelter Triebe. Und die erste Aufgabe seiner Erziehung wurde: sie bewut einzudmmen, sie zu leiten und erst allmhlich zu entfesseln, indem er sie mit ganzer Gewalt auf die Kunst loslie, ihr aber das Leben im brigen verschlo. Das Leben im Kunstwerk sollte zunchst ihr Leben sein. Wenn sie da alles erschpft htte, dann erst wollte er sie freigeben, denn dann wre es notwendig zur vollen Entfaltung! Erst den Gipfel besteigen, und dann erst den Abflug! So aber, wie sie jetzt war, war sie prdestiniert dazu, die Psyche zu geben! Dafr hatte sie von Natur aus alles in so reichem Mae, da er nur leise daran zu rhren brauchte, damit sie es hergab, mit einer Sicherheit der Empfindung und einer Vollendung, die durch kein Studium je erreicht werden kann, wenn sie nicht von vornherein da ist. Hatte sie es einmal erfat, so war sie sofort mittendrin, kaum da er ihr den darzustellenden Vorgang erzhlt hatte! -- Sie _=war=_ Psyche, wie sie ihm in seiner khnsten Phantasie vorgeschwebt hatte! -- Und seine ganze Lehrttigkeit konnte sich darauf beschrnken, ihr die Situationen zu erklren -- ihr die Stellungen zu zeigen und die einfachen kunstlosen Tanzschritte mit ihr einzuben, deren sie bedurfte -- kurz, dem Gedicht, in dem sie auf der Bhne zu leben hatte, das Gerst zu geben! Ihr Triumph wurde auch vollstndig. Sie siegte -- weil sie gar nicht daran dachte, berhaupt zu siegen -- sie verstand noch nichts von Wirkung, war sich nicht bewut, da sie die vielen Zuschauer in ihren Bann zu bringen hatte -- sie dachte nur an ihre Aufgabe, gab sich ganz dem hin, was sie darzustellen hatte; sie erlebte es und verga darber alles andere. Freilich -- im ersten Augenblick, als sie auf der Bhne stand und durch den Vorhang das Stimmengewirr der drauen Harrenden hrte, da kam etwas wie Angst ber sie. Sie blickte hinaus, sah die vielen tausend frhlichen Menschen, die lachten und plauderten und ihre Toiletten, ihren Schmuck zur Schau trugen. Sie entsetzte sich beim Gedanken, da all diese Augen sich auf sie richten -- all diese Lippen das Urteil ber sie sprechen wrden! Sie zitterte -- das Herz klopfte hrbar -- ein Schwindel befiel sie -- sie verga alles auer der Angst -- sie wute nichts mehr von alledem, was sie darzustellen hatte -- sie konnte sich kaum noch aufrecht halten! Ganz vernichtet schlich sie in die Kulisse hinein, und da brach sie zusammen. Heilige Mutter Gottes, hilf mir, flsterte sie inbrnstig und schlo die Augen. Und da war sie wieder in der Kathedrale, deren hohe Gewlbe sich ber sie erhoben! Und hoch ber ihrem Haupte schwebte wie ein Kranz von Sommerblten in den Wolken die Mutter Gottes, von seligen Geistern umgeben, der Verklrung entgegen, und allen voran Psyche! Sie verga alles andere, verga, wo sie war -- die Erregung legte sich, khle Besonnenheit, Sicherheit und Kraft kehrten in ihre Seele zurck. Ich danke dir -- ich danke dir, flsterte sie und stand erquickt wieder auf. Und als Fossano, der sie voll Unruhe gesucht hatte, sie endlich fand und ihr Mut zusprach, da war's lngst nicht mehr ntig! Sie lie sich von ihm zu ihrem Platz hinfhren. Und als der Vorhang aufging und das Spiel begann, da dachte sie nicht mehr daran, da sie sich den vielen Neugierigen zeigen mute, sondern ging ganz in der Wonne auf, sich geben zu drfen. Gleich in der ersten Szene der Psyche nahm sie die Huldigung an Stelle der Schnheitsgttin Venus mit einer Demut und einer holden Beschmung an, aus der sich die Hauptstimmung der nchsten Szene folgerichtig ergab. So kam die Empfindung ihrer Unwrdigkeit und ihrer Strafbarkeit, weil sie sich hatte gttliche Ehren erweisen lassen, natrlich zum Ausdruck, ebenso der Schrecken bei der Verkndung ihrer Strafe durch Merkur sowie ihre Zerknirschung und die Ergebenheit in ihr Schicksal, als sie unter Trauertnzen beim Fackelschein nach dem Felsen hingeleitet wurde, wo sie dem ihr zum Gatten ausersehenen Ungeheuer ob ihres Frevels geopfert werden sollte. Und als die Fackeln eine nach der andern zu ihren Fen gelscht wurden und Eltern und Geschwister als letzte sie weinend verlieen, da waren ihr Schmerz und ihre Verzweiflung ebenso echt wie die dann allmhlich wiedergewonnene Fassung, die Ergebung in das Unabwendbare. Wie sie dann in banger Erwartung die Augen schliet und sich unbeweglich, ohne sich mit einer Zuckung des Gesichts oder der Glieder zu wehren, von der unsichtbaren Gewalt des Zephirs packen lt, um im sanften Fluge vom Felsen nach dem blumenbedeckten Rasen an dessen Fue hinabzuschweben -- eine staunenswerte maschinelle Leistung des damaligen Theaters --, da wurde es drauen unter den Zuschauern so still, da man das eigene Herz schlagen hren konnte. Und alle Augen blickten gerhrt zu dem zarten, kindlichen Wesen, das da, wie ein Schmetterling vor dem Winde, von einem unerbittlichen Schicksal dahingeweht wurde, um unten regungslos liegenzubleiben. Aber die qualvolle Spannung bei den vielen tausend Zuschauern lste sich in ein Gemurmel des Entzckens auf bei der unmittelbar darauf einsetzenden Szene ihres Wiedererwachens zu neuem Leben! Sanfte Musik trifft die Schlummernde. Sie ffnet die Augen, erhebt sich halb -- lauscht den lieblichen Liedern unsichtbarer Geister -- erhebt sich -- sucht die Snger bald hier, bald dort zu entdecken -- immer mehr wird ihr Krper von den Rhythmen der aufjauchzenden Musik bewegt, wirbelt schneller und schneller dahin, da das leichte Kleid in tausend Wellenlinien den Krper umspielt und dessen Formen heraushebt -- die Hnde flehend emporgestreckt, die Blicke bittend, die Lippen halb offen, sehnschtige Seufzer aushauchend. Aber die unsichtbaren Snger bleiben unerbittlich und zeigen sich nicht, senden nur einen Regen von Rosen auf sie herab, die sich zu ganzen Gewinden verdichten und allmhlich die Bhne mit ihrem bunten Netzwerk verhllen. Dann erhebt sich der Blumenschleier unter langsam wallenden Wogen der Musik, und um sie herum ist alles verwandelt. Ein Palast hat sich aufgetan -- die Wohnsttte Amors. -- Alles glitzert und glnzt von edlem Metall und buntem Gestein -- staunend steht sie da, ohne zu wagen, sich zu rhren, und blickt alles scheu an. Dann, von Neugier berwltigt, betastet sie alles in kindlicher Freude. Sehnschtig blickt sie sich nach Gespielinnen um, aber vergebens! Alles Erdenkliche, was ihr zur Erquickung oder zur Bequemlichkeit dienen kann, ist, kaum gewnscht, sofort zur Stelle! -- Der Becher mit Wein, den Durst zu lschen -- der reich besetzte Tisch, um den Hunger zu stillen! Und als sie, vor Erschpfung mde, umsinkt, empfngt sie ein prachtvolles Lager, auf dem sie sanft einschlummert. Da kommt im Traum Gott Amor -- in rosenrotem Dmmerlicht schwebt er einher. Sie sieht ihn nicht, fhlt aber seine Nhe. Eine leichte Unruhe bemchtigt sich ihrer. Ohne die Augen aufzutun, wirft sie sich unruhig hin und her, die Lippen flstern leise, sie streckt die Arme sehnschtig aus. Da schleicht er an ihr Lager, schmiegt sich an sie -- sie erwacht -- der Traum ist aus -- der Geliebte verschwunden. Sie setzt sich auf, blickt sich nach ihm um -- selig glaubt sie seine Stimme zu hren -- schmerzvoll seufzend horcht sie auf seinen Befehl, legt die Hnde auf die Augen, wie um ihnen das Sehen zu verbieten, drckt sie gegen den Mund, um ihm das Fragen zu untersagen -- alles mit einer Natrlichkeit der Empfindung und einer Intensitt im Ausdruck, die keinen Zweifel ber den Vorgang aufkommen lassen. Dann sinkt sie wieder um -- ein Traum erschreckt sie. -- Die Schwestern -- neidisch auf ihr Glck, erscheinen, um sie zu verhhnen, zeigen ihr -- im Traum -- das Ungeheuer, dem sie angeblich vermhlt wurde, reden ihr vor, es wre der Gebieter des Hauses und wage wegen seiner grausigen Gestalt nicht, sich ihr zu zeigen! Sie belehren sie, wie sie es tten soll, wenn es das nchste Mal im Dunkel der Nacht ihr zur Seite ruht, und schleichen davon -- ihr heimlich den Dolch und die Lampe lassend. Sie erwacht voll Entsetzen, flieht von ihrem Lager, wankt, von Angst und Grausen gepackt, durch die jetzt dunkle Halle -- findet die verhllte Lampe und den Dolch und schleicht dann, mit ihrer immer mehr zunehmenden Angst kmpfend -- die Lampe hoch in der ausgestreckten Hand haltend, das Gesicht abgewandt, den Dolch an den keuchenden Busen gedrckt -- zurck zum Lager, wo Amor wieder schlummernd liegt, schaudernd zgert sie und bricht halb zusammen! Und dann der schnelle Entschlu -- der sich aufbumende Trotz -- der jhe Wille zur befreienden Tat -- das Aufraffen der letzten Kraft -- das zaghafte Hinblicken -- die berraschung -- das Staunen beim Anblick des schlafenden Gottes -- das Fallenlassen des Dolches -- die Zerknirschung, die Gewissensbisse -- die wuterfllte Drohung gegen die unsichtbaren Traumschwestern, deren Hohnlachen sie um sich zu hren glaubt! Dann das schrankenlose Aufgehen in diesem ungeahnten Glck -- die Bewunderung, die Anbetung -- das zaghafte Nahen -- das Erhaschen und Fallenlassen seiner herabhngenden Hand -- die Betastung seiner Flgel -- das Auffinden seiner Waffen, das Spiel damit, die Verwundung an seinen Pfeilen und dann das sofort einsetzende Auflodern der Leidenschaft, die sie alles vergessen macht -- das Hinsinken auf die Knie neben dem Schlafenden -- das Aufgehen in einem namenlosen Glcksgefhl -- und schlielich das Besitzergreifen des Glckes -- das Zusammenbrechen ber dem Geliebten und der Ku, der ihn halb erweckt. Dann das Aufschrecken ob ihrer Dreistigkeit -- die Flucht, die Wiederkehr, das unwiderstehliche Hingezogenwerden -- das leichte Hinschleichen auf den Fuspitzen, um sich wieder an seinem Anblick zu weiden -- das Zittern der Hand, die die Lampe hlt, und dann die Katastrophe -- der Tropfen brennenden ls, der ihm auf die Schulter fllt und ihn jh erweckt -- das Zusammenbrechen unter seinem Zorn -- ihr vergebliches Flehen, ihr Schluchzen, ihr Haschen nach seiner Hand, seiner Kleidung -- ihr Versuch, ihn gewaltsam zurckzuhalten, und dann die Verzweiflung, als sie sich verlassen sieht und ohnmchtig zusammenbricht -- das waren alles Momente der hchsten Kunst, die Babara mhelos geben konnte, weil sie's im Moment des Gebens sah und erlebte. Sie weilte in einer anderen Welt, hoch ber allem Irdischen, und als der Vorhang fiel und der tosende Beifall der aufs hchste aufgeregten Menge drauen einsetzte, da erwachte sie mit einem heftigen Schrecken aus ihrem Traum. Sie war wieder auf der Erde, aus allen Himmeln gefallen; und mehr tot als lebendig lie sie sich von Fossano an die Rampe schleppen, um die begeisterte Huldigung des Publikums anzunehmen. Nie mehr werde ich's knnen -- nie mehr werde ich so voll darin aufgehen und alles vergessen, jammerte sie, als der Vorhang zum letztenmal fiel und Fossano sie umarmte und beglckwnschte. Du _=kannst=_, erwiderte er, wenn du nur mir folgst! An meiner Hand, unter meiner Fhrung wirst du das und noch viel mehr lernen! Aber -- du mut dich fhren lassen -- du mut mir unbedingt gehorchen. Willst du? Ja, antwortete sie ohne Bedenken, aber auch ohne ihn zu verstehen. Er war sich auch nicht ganz klar ber die Tragweite seiner Worte, aber er folgte seinem Instinkt. Aus der Kulisse hatte er ihr Spiel verfolgt, sie innerlich Szene fr Szene vorwrts getrieben; mit seiner ganzen Geisteskraft war er dabei gewesen, hatte alles miterlebt, jede ihrer Empfindungen voraus empfunden und sie so gesttzt. Und jetzt, als es aus war, war er ebenso erschpft wie sie. Und so sehr er sich auch ber den Sieg freute -- er empfand nur, wie sie, Angst, da das alles verloren gehen knnte, da es nie wiederkehren wrde; aber auch, da es seine Aufgabe sein wrde, dafr zu sorgen, da nicht dies echte schlackenfreie Talent, dem kein Mierfolg je etwas anhaben knnte, durch den Triumph hochmtig gemacht und so zugrunde gerichtet werde. Demtigen, demtigen! war sein erster Gedanke. Und so fing er, noch ehe sie die Bhne verlassen hatte, an, sie zu kritisieren und sagte ihr alle Fehler, die sein scharfes Auge, trotz seines Entzckens, gesehen hatte. Ernst und sachlich setzte er ihr auseinander, wie weit sie von der Vollendung entfernt sei -- wieviel sie noch zu lernen htte -- wie wenig die Leute im Zuschauerraum begriffen, und wie wertlos ihre Beifallsuerungen seien! So nahm er ihr sorgsam jedes eigene Verdienst, schon ehe sie sich ihres Sieges bewut worden war und sich daran berauschen konnte. Er hatte sie wieder unterjocht -- er hatte sie in der Gewalt und gewann damit auch seine eigene Sicherheit wieder. Der Mutter spendete er, als sie, im berschwang ihres Glckes, sich in Lobeshymnen erging, herablassend einige khl bemessene Worte der Anerkennung fr das unzweifelhafte Talent ihrer Tochter. Es wrde schon was aus Babara werden! Er glaubte es schon! -- Aber -- man knnte ja nicht wissen! Das Leben hinge von soviel Zuflligkeiten ab! Jedenfalls wollte er sich ihrer annehmen und mit ihr weiterarbeiten! -- Sooft seine Psyche gegeben wrde, sollte sie darin spielen drfen, vorlufig ohne Gehalt, denn man knne nicht anders -- wegen der anderen Tnzerinnen! Man msse ihre Gefhle schonen! Sie wren schon ohnehin rgerlich, da er nicht einer von ihnen die Rolle gegeben hatte! Er wolle aber mit aller Energie an ihrer Vervollkommnung arbeiten! Er wolle nichts dafr haben! -- Aber sie msse sich ganz seiner Fhrung anvertrauen! Das wre die Bedingung! Das sagte ihm die Domina auch zu, ehe sie beglckt dem Ausgang zuschritt, wo Tausende von Menschen sich gestaut hatten, um dem neuaufgegangenen Stern ihre Huldigung darzubringen. Begeisterte Zurufe flogen Babara entgegen, als sie sich zeigte -- schchtern blickte sie Fossano an, wie um Erlaubnis zu fragen, ob sie auch das alles auf sich beziehen drfe! Er verzog keine Miene. Er gab ihr nur den Arm und fhrte sie ironisch lchelnd zu seinem Wagen, um sie nach Hause zu bringen und sie so ihren Verehrern zu entziehen! Das gelang ihm freilich nicht. Ein Dutzend junge Leute nahmen den Wettlauf auf und folgten dem wegen des Gedrnges nicht bermig schnell fahrenden Wagen. Kaum waren sie in der bescheidenen Behausung der Campanini angelangt, so sammelte sich schon eine ganze Menschenmasse unter den Fenstern. Bald erklangen die Gitarren, und liebegirrende Stimmen schmetterten ihre sehnschtigsten Tne in die Nacht hinein. Die Passanten blieben stehen und nahmen an der Kundgebung teil. Und bald war an kein Durchkommen mehr zu denken. Die Domina schwelgte in Wonne. Babara wurde auch freudig bewegt. Die Geschwister waren auer sich vor Freude ber den Triumph -- das ganze Haus in grter Aufregung. Nur Fossano blieb ruhig. Seine Zge verfinsterten sich mehr und mehr. Schlielich konnte er nicht an sich halten. Hre nicht hin! rief er. Bei allem, was dir heilig ist, hre nicht hin! Wenn es dir ernst um die Kunst zu tun ist, dann hre nicht hin! Erst wenn du eine groe Knstlerin bist, darfst du's wagen! Heute bist du nur eine groe Hoffnung! Ein Versprechen, das nur durch emsige Arbeit in strenger Abgeschiedenheit einzulsen ist! Erst das! Dann tu, was du willst! Sie blickte ihn gro an. Sie verstand ihn nicht -- hrte kaum zu. Drauen lockte das Leben -- von dort drangen liebliche Klnge herein und schmeicheltem ihrem Ohr mit sem Wohllaut! In ihr jauchzte es von Glck und Stolz! Das Leben brauste durch ihre Adern und rief sie hinaus zum Genu und zum Glck! -- Und er, der ihr den Weg in dieses Leben gezeigt hatte -- er hielt sie zurck!? Er zeigte ihr das Ziel -- und verbot ihr, es im Flug zu nehmen?! Wer etwas werden will, sagte er noch eindringlicher, darf sich nicht von den Freuden der Welt verlocken lassen! Nicht hinsehen! Nicht hinhren! Alle Sinne nur auf das Ziel richten, mit allen Trieben ganz und voll in der Kunst aufgehen! -- Dein ganzes Sehnen, dein gesamtes Trachten mut du nur darauf richten, die Schwierigkeiten des Weges zu berwinden! Nur so kannst du den hchsten Gipfel erklimmen! Und dazu bist du unter Tausenden ausersehen, _=wenn du treu bleibst=_! Einmal oben, dann entfalte die Schwingen -- dann heb an zum Flug und bewege dich frei -- aber erst dann! -- Willst du's so halten? Ja! Dann bringe ich dich auch so weit! Aber du mut geloben, blind meiner Fhrung zu folgen. Du mut mir unbedingten Gehorsam versprechen! Willst du das? Ja. Du darfst nie einen jungen Mann mit liebenden Augen ansehen, nie den Worten der Verfhrung lauschen -- streng darauf achten, deinen Sinn rein von aller Betrung zu halten! Schwre es bei allem, was dir heilig ist -- bei der Madonna -- -- Bei der Himmelfahrt im Dom, sagte sie und lchelte inbrnstig -- dabei schwre ich -- -- Stets so zu bleiben, wie's die heilige Kunst von mir verlangt -- sprach er ihr vor. Stets so zu bleiben, wie's die heilige Kunst von mir verlangt, wiederholte sie feierlich. Aber es gengte ihm nicht. Und brichst du den Eid, sagte er, und es funkelte drohend in seinen Augen, so jage ich dich auf der Stelle fort. Dann bist du nicht mehr meine Schlerin! Dann mut du selbst sehen, wie du dich durchschlgst! Groe Trnen drangen ihr in die Augen. Ich bleibe treu, sagte sie fast schluchzend. Die Madonna wird mir helfen! Alle Tage will ich ihr Blumen opfern. Drauen klangen noch die Lieder ihr zu Ehren. Sie hielt sich die Ohren zu. Ich will gehen und sie fortjagen! sagte Fossano. Lebe wohl -- morgen in der Probe sehen wir uns wieder. Er ging. Drauen versuchte er die Snger zum Schweigen zu bringen. Aber sie lachten ihn aus. Er ist eiferschtig -- er will sie selbst fr sich behalten. Der Schwerenter! Das Schleckermaul! Don Juan du! riefen sie. Psyche hat schon ihren Amor gefunden! Fossano -- evviva! Fossano -- amoroso! Evviva! Lachend nahm er die Huldigung an und bestritt es mit keinem Worte, da er ihr Liebster sei. Mochten sie's nur glauben -- dann wrden sie sie in Frieden lassen! Sie wrden sich hten, es mit ihm aufzunehmen! Sie mochten dasselbe gedacht haben. Denn sie zogen lachend und johlend ab und widmeten im Gehen schnell noch ein Spottlied der sprden Schnen, die sich zum Dank fr das Stndchen nicht einmal gezeigt hatte. Fossano schickte seinen Wagen fort und ging zu Fu nach Hause. Er kam sich in der Rolle eines Sittenpredigers sonderbar vor! Wei der Teufel, was in ihn gefahren war! Sonst hielt er es in der Beziehung nicht streng mit seinen Schlerinnen! -- Sonst war er eben fr jede Freiheit! Aber diese -- -- um die war ihm bange! Sie war ein seltenes Juwel, das ihm das Glck in die Hnde gespielt hatte und das er nicht herausgeben wollte, ehe er ihm den besten Schliff und die schnste Fassung gegeben htte, damit es ber alle Welt leuchten knnte. Und das war nur so mglich! Ihr ganzes Triebleben mute ganz folgerichtig und mit vollem Bewutsein auf den Ehrgeiz gerichtet werden, in der Kunst das Hchste zu leisten, bis sie ganz Meisterin geworden wre! Da wrde er sie auf das Leben loslassen! Aber _=er=_ -- er selbst mute das tun -- kein anderer durfte es, und vor allem keine Minute zu frh! Solange wollte er die eigene Leidenschaft, die schon jetzt in ihm loderte, zurckzudmmen suchen! Und wenn er selbst als Lohn fr seine Mhe die Blume gepflckt htte, dann wollte er ihre Leidenschaft in die richtige, die fr die Karriere einzig mgliche Bahn leiten, ins Vergngen, zum Rausch! Aber sie nimmermehr zur groen Passion oder gar zur hingebenden Liebe werden lassen. _=Die=_ mute grndlich abgettet werden, sonst wrde sie die Kunst tten. Das sollte der Gipfel seiner Erziehung sein! Denn nur so knnte er ihrer Kunst die letzte Weihe geben, die der _=bewuten=_ Sinnlichkeit, die ihr jetzt mangelte und auch noch lange nicht zur Entfaltung kommen durfte -- ehe sie auch als Knstlerin reif genug wre, zu begreifen, wie in dieser Welt der Sinne die Selbstherrlichkeit des Fleisches herrscht und wie der Geist Fleisch werden mu, um hier zu gebieten -- -- Er lchelte befriedigt bei dem Gedanken, schlug selbstgefllig den Mantel um die Schultern, drckte den Hut in die Stirn und ging halblaut summend nach Hause. Babara aber verbrachte eine schlaflose Nacht voll unruhiger Gedanken. Und als der Morgen kam und alles noch in Schlaf versunken lag, schlich sie hinaus nach dem Dom, mit Blumen fr die Madonna, und kniete da lange inbrnstig betend und in Betrachtung des Meisterwerks von Correggio versunken. 4 Sie machte so schnelle Fortschritte, da er nicht aus dem Staunen herauskam. Sie bewltigte alles spielend leicht. -- Es gab fr sie keine Schwierigkeiten! Ihr Krper, elastisch wie eine Stahlfeder, war von der hchsten Harmonie der Formen, der grten Ausgeglichenheit der Glieder und einer fabelhaften Leichtigkeit der Bewegung. Der Tanz auf den Fuspitzen machte ihr gar keine Schwierigkeiten. In Sprngen hatte sie nicht ihresgleichen. Sie hatte Rasse, Temperament und einen sprudelnden Humor, der sie fr die burlesken Tnze ebenso geeignet machte wie fr die serisen. Aber bei allem Tempo und allem bermut war ber dem Ganzen doch eine Keuschheit und eine Unberhrtheit, als tanze sie im Traum. Es wurde bald Zeit, sie ins wache Leben zu fhren, ihr die Schleier von den Augen zu reien. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, jeden Morgen vor Beginn der Probe in den Dom zu gehen. Es zog sie immer wieder hin. Es war ihr, als hole sie sich von dort die rechte Weihe und die Sicherheit, der sie bedurfte, um, ohne nach rechts und links zu sehen, vorwrts zum Ziel ihres Ehrgeizes zu kommen. Dir zu Ehren -- nur dir zu Ehren, seufzte sie reuig, als ihr der Ehrgeiz zusetzte, und beugte ihr Kpfchen im Gebet. Und sie zwang sich mit Gewalt, an gar nichts als an ihre Pflicht zu denken! Keine Wnsche durften aufkommen, wie sehr das Leben ihren jungen Sinn auch lockte! Alles rang sie heldenmtig nieder, treu ihres Eides eingedenk! Fossano sah es. Aber er sah auch, da es nicht mehr lange so gehen durfte! Denn sonst wre sie _=auch so=_ fr die Kunst verloren! -- Sonst wrde ihr eines Tages klar werden, da ihre Kunst eben die Kunst der hchsten Sinnenlust und also verwerflich wre! Und eine Heilige zu zchten, lag ihrem Lehrmeister ganz fern! Eines Tages holte er sie aus dem Dom zur Tanzstunde ab. Er fand sie unter der Kuppel wie das erstemal, verzckt in den offenen Himmel Correggios schauend. Weit du noch, Baberina, wie du mir das erstemal, als wir uns hier trafen, davonliefst? Sie nickte. Hinauf zu wollen und hier unten bleiben zu mssen -- -- das ist der Tanz! So sagte ich dir damals -- und versprach, dich durch die Kunst damit zu vershnen! Ich wollte dir die Welt in ihrer ganzen Schnheit zeigen und sie dir erringen helfen! Weit du noch? Sie nickte wieder, ohne ihren Blick von ihm zu wenden. Jetzt ist's Zeit fr mich, mein Versprechen zu halten! Jetzt ist dein Wille _=hinauf=_ stark genug, um nicht im Rausch des Lebens verlorenzugehen! -- Jetzt wirst du dich mit der Welt ausshnen, in der du doch leben mut -- sie in Besitz nehmen und ber sie gebieten! Ich versteh nicht! Du bist eben noch blind! Ich will dich sehend machen! Was siehst du da oben? -- Die Befreiung -- nicht wahr? Ja. Aber auch die Gefangenschaft ist da! Und die siehst du nicht. Nein. Sie ist aber da. Und du siehst sie nicht, weil du immer noch Psyche bist, von deiner unbewuten Sehnsucht gehoben -- ebenso gefangen wie sie, _=aber ohne es zu wissen=_. Werde wissend -- werde Maria! Tauche unter ins Leid! Nimm das Mrtyrertum des Weibes auf dich! Steig hinab in die Welt der Sinne, aber _=ohne dich selbst zu verlieren=_! Tauche unter in Lust, aber ohne die Reinheit einzuben! Tte das Fleisch ab, _=indem du es befriedigst=_! Blicke nur nach oben, aber _=lebe=_ hier unten, solange du lebst! Sieh, da oben, wie hat er -- Meister Correggio -- da das Fleisch in seiner ganzen gttlichen Majestt zu schildern gewut, von Sehnsucht nach Liebe verklrt! -- Sieh all die schnen Krper, wie sie sich umschlingen -- wie sie drngen -- wie sie sich gegenseitig heben -- und hinabziehen im ewigen Kampf, im ewigen Spiel der hchsten Lust! Es ist ein Ringen, ein Drngen, ein gemeinsames Aufgehen der Krper in Wolken, ein Auflsen der Wolken in Licht! Der Kampf mit der Erdenschwere wird da ausgefochten! Ohne den gibt's keine Bewegung! Ohne Bewegung keine Freiheit, und deshalb zeigt jene Gestalt, die in der Mitte als Wegweiser schwebt, wohl den Weg nach oben, drngt aber nach unten! -- Denn nur der Geist kann hinauf! Der Leib darf nicht mit! -- Er mu erst im Sturme der Leidenschaft vergehen -- im Tanze der Lebenslust sich befreien -- im Fegefeuer der Passionen gelutert werden -- -- Hr auf, rief sie und hielt sich die Ohren zu, flsche mir nicht das Heiligste, was ich habe! -- La es mir so, wie ich's immer gesehen habe! -- -- Ich will nicht -- will nicht mit deinen Augen sehen! Mit _=deinen=_, aber nach _=meiner=_ Art, antwortete er. Denn die ist die wahre, weil ich die Erfahrung habe und das Leben kenne -- das Leben, das auch du zu leben hast! Ich will nicht -- ich will nicht, schrie sie und wollte ihm wieder entlaufen. Er hatte es aber erwartet und hielt sie fest. Jetzt lufst du mir nicht davon, lachte er, jetzt halte ich dich. Komm, gehen wir an die Arbeit! Heute wirst du wieder die Psyche studieren -- den zweiten Teil ihrer Sage wollen wir jetzt inszenieren -- wo sie allmhlich sehend und wissend wird! Und er zog sie mit aus der Kirche und fhrte sie am Arm nach dem Theater hin. Unterwegs erzhlte er ihr die Geschichte Psyches, wie er sie weiter zu gestalten dachte -- wie sie, allmhlich durch Leiden zur Einkehr gebracht, sich ihres eigenen Wesens bewut wird und so Tatkraft gewinnt -- wie sie durch Beharrlichkeit und vertrauensvolle Demut das Unmgliche mglich macht, jede, auch die schwerste Prfung besteht, vergebens an das Mitleid der gttlichen Mchte sich wendet, sich selbst berlassen, ihr Leid auf sich nimmt und mit ihrem Schicksal ringt, wie sie endlich gelutert und verklrt in den Kreis der ewigen Gtter aufgenommen wird und an deren heiterem Leben teilnehmen darf. Und schlielich, wie sie selbst Gttin und Mutter wird, nachdem sie wrdig befunden wurde, dem Gott der Liebe Gattin zu sein! Die Sehnsucht -- der ewig unbefriedigte Trieb ber sich selbst hinaus -- _=Psyche=_, die so die Liebe beseelt und belebt, gebiert dann -- die _=Wollust=_, die hchste Blume des Lebens! Denn Wollust nannten die Gtter ihr Kind, das sie dem Amor gebar! Die Wollust ist nichts Irdisches! -- Die Wollust ist etwas, was nur in der Phantasie lebt! -- Der hchste Rausch des Geistes, das letzte Mysterium der Berufenen! Nur die Frau, die sich jenem holden Wahn ganz hinzugeben versteht und in der Hingabe ganz aufgeht, nur _=die=_ ist wert, als segenspendende Priesterin hier im Leben zu walten, ber dem Leben zu stehen und vor allen anderen geehrt zu werden. Blo geben, ohne an den Empfnger zu denken -- so gibst du allen, weil du dich keinem weihst. Und entweihst die Gabe nicht durch selbstschtigen Vorbehalt. Opfern in tiefster vollster Bedeutung der Tat -- ganz und ohne Nebengedanken im Opfern aufgehen, das ist die Gottheit Psyches! So drang er Schritt fr Schritt in die Unberhrtheit ihrer Seele ein und whlte sie auf. Fliegenden Atems hrte sie zu. Die Augen halb geschlossen, ging sie an seiner Seite und sog Wort fr Wort ein, ohne den Sinn noch ganz zu fassen, aber ihm mit ihrer Ahnung entgegenschwellend, bis die Spannung ganz unleidlich wurde und alles in ihr nach Erlsung drngte. Da zur rechten Zeit hrte er auf und fing an, nachdem er die Grundstimmung gegeben hatte, Szene fr Szene den Leidensweg der Psyche zu schildern, und wie er ihn darstellen wollte -- wie sie zu Pan kommt -- wie sie in den Tempel der Ceres, der Gttin der Fruchtbarkeit, flchtet und, von dort vertrieben, in den Tempel Heras, der Gttin der Ehe -- wie sie, von dort vertrieben, in die Hnde der rachschtigen Gttin Venus fllt, von ihr und ihren Helfershelferinnen: Angst und Verlassenheit durch den Schmutz geschleift, geschlagen und geschunden wird, und wie sie doch ihre Liebe zu Amor rein im Herzen behlt und, aller Erniedrigung zum Trotz, ihrem hehren Ideal treu bleibt und endlich als Lohn ihrer Treue gegen sich selbst unter die ewigen Gtter aufgenommen wird. So wurde bei seiner Erzhlung das Wort zum greifbaren Bild -- die Empfindung zum wirklichen Geschehnis -- immer nher brachte er sie dem Kern der Sache, immer klarer begann sie zu sehen, und doch war da ein Letztes, das ihr verschlossen blieb. Da konnte ihr nur noch _=ein Erlebnis=_ helfen, da ntzte keine noch so geschickte Erklrung. Und das Erlebnis kam. Die letzte Szene wollen wir heute einstudieren, die Szene, wo Psyche, in den Kreis der Gtter hineingefhrt, ihnen den Tanz der Schleier tanzt, den letzten verhllenden Erdenrest abstreift, um im Glanz ihrer Schnheit und Anmut zu siegen und sich die Gottheit zu erobern. Denn darauf kommt es an. Kannst du das bewltigen, dann wirst du mir helfen, die Sage der Psyche zu gestalten, und dann wird dein Triumph tausendmal grer werden als beim ersten Teil. Im Probesaal des Theaters angelangt, fing er gleich an mit ihr zu arbeiten, und er brauchte sich nicht viel Mhe zu geben. Wie sie da, tief in Schleier gehllt, die Arme ber der Brust gekreuzt, den Kopf leicht geneigt und ehrerbietig grend, in den Kreis hineinschreitet, stehenbleibt und, zaghaft beschmt, kaum ihr liebliches Gesichtchen zu entschleiern wagt -- wie sie, erstarrt ber den Glanz, stehenbleibt -- wie von der Musik gestreichelt die Starrheit sich lst -- die Glieder sich recken, dem ganzen Leib so allmhlich Bewegung einflend -- das zaghafte Schreiten -- das scheue Zurckweichen, das allmhlich in rhythmisch bewegte Biegungen und Drehungen bergeht -- und dann ein Vorwrtsstrmen, da der, die ganze Gestalt bis jetzt verhllende, erste Schleier sich lst -- davonflattert und liegenbleibt -- das Zusammenraffen des zweiten Schleiers, das allmhlich einsetzende neckische Spiel damit, bis er auch halb zufllig, halb absichtlich fllt und noch mehr enthllt -- -- die mit der allmhlichen Befreiung immer schneller werdenden Rhythmen, das Umherwirbeln im aufjauchzenden Gefhl, das jhe Abwerfen des einen Schleiers nach dem andern -- bis der letzte fiel -- das kam alles heraus mit einer ungezwungenen Natrlichkeit, mit einer Naivitt, die ihn entzckte -- bis eben der letzte Schleier fiel. Dann war's aus -- dann war sie wieder die kleine Baberina, die in ihrem kurzen Tanzrock vor ihm stand und ihn fragend anblickte. Und er lie sie nicht auf Antwort warten. Was fhltest du, als der letzte Schleier fiel? rief er aufgeregt. Ich wei nicht! Fhltest du nicht, da du nackt warst? Nein, sagte sie kopfschttelnd und blickte ihn fragend an. Wie kam er nur darauf? Das mut du aber -- darauf zielt der ganze Tanz -- -- das hast du auch ausgezeichnet angedeutet und vorbereitet. Du mut dich nackt fhlen! Aber ich bin's ja nicht! Er lachte auf. Das ist es eben. Du mut dann jenen Tanz -- _=nackt=_ vor mir tanzen! Sie wich zurck und erhob die Hnde zur Abwehr. Was strubst du dich? Was ist denn dabei? Brauchst du dich denn zu schmen, dich so zu zeigen, wie die Natur dich geschaffen hat? Du am allerwenigsten! Jetzt darfst du es -- jetzt _=mut=_ du es. Du bist jetzt in deiner Kunst so weit, da du den letzten Schleier fallen lassen kannst! -- Wenn du weiter willst, wenn du nicht stehenbleiben willst, _=mut=_ du es! -- Tu's, Baberina, entschleiere dich mir -- _=mir allein=_ sollst du jenen Tanz so tanzen, wie er wirklich ist -- den anderen nicht -- auf der Bhne nicht! Willst du ihn aber auf der Bhne richtig und mit voller Wirkung geben, dann mut du erst jenes Gefhl: _=nackt=_ -- entblt -- dazustehen, wirklich erlebt haben! _=Dann=_ erst hast du es erfat und kannst es geben, auch ohne die letzte Hlle fallen zu lassen und dich vor den Augen der schaulustigen Menge zur Schau zu stellen! Nur so will ich es -- nur das will ich von dir! Sie stand in hchster Aufregung da, die Hnde vor den Augen, und atmete heftig. Ich kann's nicht! Ich will nicht! Nie und nimmer! Du mut! Nein, nein! Du hast es geschworen! Das habe ich nicht! Alles, was die heilige Kunst von dir verlangt, das zu tun, hast du geschworen! -- Sie verlangt es jetzt von dir durch mich, durch deinen Lehrer! Sie starrte ihn entsetzt an. Was starrst du mich so an? Bin ich dir so fremd? Sind wir nicht gute Freunde geworden? Bin ich dir nicht schon mehr als ein Freund? Mein Vater sind Sie, flsterte sie und wollte seine Hand kssen. Nicht so, Baberina, nicht Vater bin ich dir, auch nicht mehr Lehrer -- nicht so! Er verwehrte ihr den Handku und zog sie an seine Brust, kte ihr die Stirn und die zitternden Lippen. Ich liebe dich -- ich liebe dich mehr als mein Leben! -- Werde mein, und ich werde dich zu der glcklichsten -- zu der grten Knstlerin machen, die je da war -- nur so kann ich es! Er wollte sie glcklich machen! Warum bat er sie nicht, _=ihn=_ zu dem Glcklichsten zu machen? Im hchsten Sturm der Erregung horchte sie bei dem Gedanken auf, es berlief sie kalt, sie ri sich los und stand auf einmal hochaufgerichtet vor ihm. Unheimlich leuchtete es aus ihren Augen, als sie fanatisch rief: Ich habe geschworen, ja, so zu bleiben, wie's die heilige Kunst von mir verlangt! Und ich halte meinen Eid, _=auch wenn du selbst mich in Versuchung bringst=_! Wenn das die Kunst von mir verlangt, so bin ich unwrdig, ihre Dienerin zu sein! Sie verlangt's aber nicht! Und du auch nicht! _=Du willst mich nur prfen!=_ Da packte er sie wieder und bedeckte ihr Gesicht mit den leidenschaftlichsten Kssen. Zum Teufel mit der Kunst, rief er, was ist mir die Kunst?! Das Leben will ich, _=dich=_ will ich, weiter nichts! Und du mut -- du willst es ja -- du liebst mich! Tausendmal hab' ich's dir aus den Augen gelesen! Komm, sei mein -- -- gib dich mir -- Baberina! Da wute sie, da das keine Prfung war, ob sie ihrem Eid treu bleiben wolle oder nicht! Sie fhlte, da er sie betrogen hatte -- da er sie der Welt gegenber bewahrt hatte, blo um sich selbst ihres Besitzes zu erfreuen! Mit verbundenen Augen hatte sie sich von ihm bis dicht an den Rand eines Abgrundes fhren lassen, und jetzt war ihr auf einmal die Binde von den Augen gerissen! Sie sah, wo sie war! Sie wute nicht mehr, wohin -- wute nur, da sie schnell zurck mute, um ihr Leben zu retten! Und mit Aufbietung ihrer letzten Kraft ri sie sich los, stie ihn von sich und floh, so schnell, da er sie nicht mehr zu hindern vermochte! Sie kam in hchster Aufregung nach Hause und teilte ihrer Mutter mit, sie htte das Tanzen aufgegeben, sie htte es jetzt satt und wollte nunmehr den Schleier nehmen und den Rest ihrer Tage im Kloster verbringen! Fossano stand allein und stampfte vor Wut. Er war rgerlich ber sich selbst! -- Er war zu schnell vorgegangen! Trotz aller Behutsamkeit war die Enthllung zu jh gekommen, und er hatte das Wild verscheucht! Jetzt wrde das Einfangen doppelt schwer werden! Er wrde aber nicht von ihr lassen! Was hie das auch, so vor ihm davonzulaufen? War er nicht Fossano, dem alle Weiber nachstellen -- der nur die Hand auszustrecken und zu winken brauchte, damit sie ihm an den Hals flogen?! Und jetzt diese Sprdheit, dies dumme Getue, als wre sie Gott wei was! Die blde Person! Er hatte die Gnade haben wollen, sie zu sich emporzuheben -- und die Gnade sollte ihr zuteil werden, ob sie wollte oder nicht! Er wrde ihr schon zeigen, wer er war! 5 Am folgenden Tage trat er bei der Domina Campanini ein, die ihn mit bangen Fragen empfing und sich in lauten Klagen ber das vernderte Wesen ihrer Tochter erging. Was wohl geschehen wre? Sie htte nichts aus ihr herausbringen knnen! -- Sie trge ein sonderbares Wesen zur Schau! -- Sie antworte auf keine Fragen! -- Gestern htte sie in ein Kloster gehen wollen! -- Heute rede sie berhaupt nichts. Was denn geschehen wre?! Nichts, gar nichts! Sie soll ruhig den Schleier nehmen! -- Ich hab' nichts dagegen! Sie taugt nichts -- sie wird es berhaupt in der Kunst zu nichts bringen! -- Ich habe mich geirrt. Aber mein Gott, was ist denn vorgefallen? Frher konntet Ihr nicht genug zuraten, und jetzt auf einmal -- -- Ich habe mich eben geirrt -- ich sagte es Euch ja. Ich habe meine Zeit an eine Unwrdige verschwendet! Aber, Signore, das ist nicht mglich -- diese pltzliche Vernderung! -- Wie soll ich das nur verstehen? Ach, ich Unglckliche, ach, ich Arme! -- -- Ich werde noch vor Gram sterben mssen! Aber so sagt mir doch: ist da keine Rckkehr mglich? -- -- Ist da gar keine Hoffnung? Wenn Ihr glaubt, Domina, da ich gekommen bin, um meine Zeit mit dem Anhren Eurer Lamentationen zu vergeuden, so irrt Ihr Euch! Meine Zeit ist kostbar! Das scheint weder Ihr noch Eure Tochter zu begreifen! Und das -- nur das mchte ich Euch zu Gemte fhren. Um Eure Tochter kmmere ich mich nicht! -- Mit Euren Klagen knnt Ihr mich verschonen! Aber meinen Zeitaufwand mit ihr mt Ihr mir bezahlen! Alle Heiligen -- versteh ich Euch recht? Ich hoffe, Ihr werdet so gescheit sein! Ihr mt also jetzt die Kosten des Unterrichts aufbringen, den Eure Tochter bei mir gehabt hat! Aber, Signore -- Ihr habt ihr doch versprochen -- Was habe ich ihr versprochen? Nichts habe ich ihr versprochen! Gar nichts! Knnt Ihr ein Wort von mir anfhren, da ich auf ein Entgelt fr meine Mhe verzichte? Das nicht! Aber auch kein Wort von Zahlung! Das ist selbstverstndlich! Als ehrbare Frau werdet Ihr doch keine Geschenke annehmen? Wir sind arm, wir haben nichts. Woher denn der Stolz? Woher das hochfahrende Wesen, das sich Eure Tochter mir gegenber herausgenommen hat? Hat sie? Die Undankbare! Die Gottverlassene! Ich werde ihr schon -- wartet nur, ich werde ihr schon den Kopf zurechtsetzen! Babara -- komm her -- -- so komm nur -- -- schnell -- auf der Stelle kommst du her und kt dem gndigen Herrn die Hand und bittest um Entschuldigung! -- -- Auf den Knien sollst du ihn um Entschuldigung bitten, du launenhaftes Geschpf, du dummes Ding! Nun, kommst du?! Warte nur, ich bringe dich schon zur Vernunft! Aufgeregt lief sie durchs ganze Haus, um Babara zu suchen, aber fand sie nirgends und kehrte keuchend ins Wohnzimmer zurck, wo sich Fossano inzwischen auf einen Stuhl niedergelassen hatte und gleichgltig seine brillantengeschmckten Finger musterte. Lat nur -- regt Euch nicht weiter auf -- ich mache mir nichts aus ihr, und wenn sie mir tausendmal die Hnde kte! Sie taugt nichts! Sie ist fr mich abgetan! Basta! Und da ich mich in ihr geirrt habe -- da sie nicht die groe Knstlerin werden kann, wie ich hoffte, da ich also nicht _=die=_ Befriedigung als Lohn fr meine Arbeit haben kann, so mt Ihr mir eben meine Mhe mit Geld zahlen! Das seht Ihr doch ein? Gewi sehe ich ein, da wir Euch zu groem Dank verpflichtet sind! Aber woher das Geld nehmen, um Euch zu bezahlen? Ich bin arm -- ich besitze nichts -- als dies elende Haus! Da mt Ihr eben das Haus verkaufen. Groer Gott -- -- dann mten wir alle auf der Strae betteln gehen! -- -- Wo soll ich denn hin mit meinen Kindern? Das wird Eure Sorge sein. Ihr bleibt also dabei, so hart zu mir zu sein? Dessen seid sicher! Wo findet sich denn so schnell ein Kufer? Wendet Euch an einen Makler, nicht an mich! Fossano stand auf. Ihr wit jetzt Bescheid, Signora! Ihr wit, woran Ihr mit mir seid! In ein paar Tagen sind die Vorstellungen hier in Parma beendigt, und wir ziehen nach Venedig, um da zu spielen! Ohne Babara? Wie oft soll ich Euch sagen, da ich von Eurer Tochter nichts wissen will? Soll sie denn in Venedig nicht Psyche spielen? Nein! Wer knnte es auer ihr? Keine, die so hbsch ist -- keine, die mit solcher Poesie die Partie zu tanzen wte -- keine, die dem Publikum so sehr gefallen wrde! Ihr irrt Euch! Niemand ist unersetzlich! Es gibt Hunderte von Tnzerinnen, die das ebensogut knnen wie sie! Tnzerinnen, die ihre Kpfe nicht so hoch tragen -- die die Ehre zu schtzen wissen, in einer Pantomime von Fossano tanzen zu drfen! Babara hat sich verschlechtert -- sie tanzt nicht mehr so gut -- sie scheint keine rechte Lust mehr zu haben -- sie ist auch zu entbehren! Heilige Mutter Gottes -- was mu ich da alles hren! -- Bleibt doch, Signore, geht doch nicht! -- Ich werde schon alles in Ordnung bringen -- ich will sehen, was ihr fehlt -- ich will sie ausforschen -- -- will schon aus ihr herausbringen, ob sie sich verliebt hat -- ob sie sich nicht hat den Kopf verdrehen lassen -- -- verlat Euch darauf -- ich bringe sie schon zur Vernunft -- -- ich bringe sie wieder zu Euch! -- -- Auf den Knien soll sie Euch um Entschuldigung bitten. Das wird sie nicht -- ich kenne sie besser als Ihr! Und es wrde auch zu nichts fhren! Addio, Signora -- Ihr wit jetzt Bescheid! In einer Woche geht's nach Venedig, bis dahin mt Ihr zahlen, sonst werde ich die Schuldhaft gegen Euch beantragen mssen. Er war schon an der Tr. Die Alte lie ihn aber nicht gehen. Sie eilte zu ihm, hielt ihn am Rock fest, warf sich vor ihm nieder, umschlang seine Knie und schluchzte und flehte, rief alle Heiligen an, ihr zu helfen, sein hartes Herz zu erweichen! Es half ihm nichts -- er konnte nicht fort, er mute ihr Jammern ber sich ergehen lassen. Rasch entschlossen beugte er sich zu ihr, half ihr aufstehen, brachte die halb Ohnmchtige zum Kanapee und half ihr sich niederlegen. Ich will Euch einen Vorschlag machen, sagte er dann nach kurzem Besinnen. Vielleicht wird das Euch aus der Schwierigkeit helfen. Ich will Euch das Haus abkaufen! Sagt mir den Preis -- ich zahle ihn. Die alte Domina setzte sich auf. Und wir, wo sollen wir hin? Ihr sollt hier wohnen bleiben wie bisher. O Gott -- das wollt Ihr fr uns tun? -- Der Himmel segne Euch! -- Ihr habt mich nur erschrecken wollen -- ich wute es ja! -- Ich hab's ja immer gesagt: der Signor Fossano ist gut -- er ist edel! -- Der Signor Fossano hat ein Herz wie wenige -- -- ein Herz wie Gold -- -- Sie unterbrach sich und sah ihn auf einmal fragend an, wie er da lchelnd stand und ihre Gefhlsausbrche ber sich ergehen lie. Warum tut Ihr das? -- Ihr mt doch einen Grund haben? Ich verstehe das alles nicht -- es wird mir ganz wirr im Kopfe! Der Grund ist der -- _=ich will zu Euch ziehen=_ und hier bei Euch wohnen! Ihr wollt -- -- Ich will mit _=Babara zusammenziehen=_! Sie mu meine Geliebte werden -- und Ihr mt Euren Segen dazu geben! Die Signora fiel auf ihr Kanapee zurck. Das war's also, flsterte sie -- das war's! Ihr habt sie -- -- Ich habe sie haben wollen, und sie ist mir davongelaufen! _=Mir=_, sagte er verchtlich lchelnd, als wre ich Gott wei was fr ein Bettler von der Strae -- als wre ich nicht, der ich bin! Tausende wrden sie beneiden -- Ich glaub's schon -- -- ich glaub's schon! Aber Babara ist nicht wie die andern! -- Sie ist ganz eigen -- -- hat immer ihren Kopf fr sich! -- -- Sie hat Euch aber dadurch nicht beleidigen wollen -- ich schwre es! -- -- Sie hat immer mit der grten Achtung und Liebe von Euch gesprochen! Kmmert Euch nicht um sie -- -- lat sie, wie sie ist -- -- aber verlat sie deswegen nicht -- -- nehmt nicht Eure Hand von ihr -- Sie gefllt mir -- -- ich mag sie gern -- -- offen gestanden, ich bin ganz vernarrt in sie! Sie mu die Meine werden! Aber so heiratet sie doch! Er lachte laut auf. Ich -- und heiraten! -- -- Ein Knstler wie ich -- und heiraten! Wo wrde das hinfhren? Ein Knstler mu frei sein -- eine Knstlerin erst recht! -- Kein Band, keine Fessel darf sie da hindern! Wenn ich Babara zu meiner Geliebten mache, so denke ich gar nicht daran, ihr Fesseln aufzuerlegen oder sie auf die Dauer zu binden. Frei will ich sie haben -- ich will ihr jetzt die Augen ffnen -- ich will sie nicht mir geben, _=sondern ich gebe sie sich selbst=_, damit sie sieht, was sie ist, und was sie soll, und wie sie es anzufangen hat, um durchs Leben zu kommen. Die Tugend, Signora, ist gut, aber nur fr einige Zeit! -- Die Keuschheit auch, solange die Seele noch knospt. Wenn sie zur Entfaltung drngt, dann mu ihr Gef, der Krper, mit, sonst erstickt sie und verwelkt -- oder die Natur nimmt sich ihr Recht, bricht pltzlich durch und vernichtet in einem jhen Aufbrausen der Leidenschaft Krper und Seele! So weit ist Eure Tochter jetzt -- jetzt steht sie am Wendepunkt, wo's heit vorwrtskommen oder zurckbleiben. Wenn sie sich da der behutsamen Leitung eines erfahrenen Lebensknstlers wie mir vertraut, dann ist sie geborgen, dann liegt ihr die Welt offen -- dann braucht sie nur die Hand auszustrecken, um ber Pracht und Glanz und alle Reichtmer der Welt zu gebieten! Das will ich ihr geben -- dazu will ich sie fhren, nie und nimmer aber sie gefangensetzen und als mein Eigentum begraben! -- -- Aber -- sie will anscheinend nicht -- sie hat Angst, sie vertraut mir nicht genug. Und ich mu ihr uerstes Vertrauen haben -- dann erst kann ich aus ihr die groe Knstlerin machen, die zu werden ihre groen Gaben sie berechtigen, wenn sie mir folgt. Sie soll, sagte die Domina, die allmhlich ihre Fassung wiedergefunden hatte, sie soll nicht ihr Glck zurckweisen drfen. Ich werde noch heute mit ihr reden, und dann werdet Ihr selbst mit ihr sprechen -- -- und morgen zieht Ihr zu uns! So ist's recht, sagte Fossano, es freut mich, da Ihr vernnftig seid! Als meine Geliebte wird sie mit nach Venedig gehen, sie wird da Triumphe feiern. Dann bringe ich sie nach Paris -- im nchsten Winter trete ich da auf! -- Sie wird bei Hofe tanzen! -- Und Ihr geht mit, Signora -- Ihr helft mir ber sie wachen -- Ihr werdet auch Eure Freude daran haben -- Ihr werdet Euren Lebensabend ohne Sorgen verbringen! -- Erst mu sie aber voll und ganz Mensch werden! -- So, wie sie jetzt ist, kann sie nirgends Erfolg haben -- Ihr fehlt noch das bewut Sinnliche, das allein in der Kunst mitzureien vermag! In ihrer Erziehung fehlt noch die Entschleierung des Fleisches -- die Entfesselung der Leidenschaft, aber so, da man sie bndigt, eindmmt, der Vernunft botmig macht! -- -- Sie soll ihr Leben genieen, aus dem vollen schpfen, aber nie den Kopf verlieren! -- Ehrgeizig mu sie werden, nach Macht mu es sie gelsten, aber nie und nimmer darf sie in ser Schwrmerei schwelgen oder im ruhigen Wohlleben hinduseln, denn dann ist sie verloren. Sie so weit zu bringen, soll der Lohn meiner Mhe sein -- dafr scheue ich kein Opfer an Zeit und Geld. So will ich sie erziehen, aber so kann ich nur meine Geliebte erziehen! Geht, Signore -- tut's -- macht mein Kind glcklich! Meinen Segen habt Ihr! Noch heute rede ich mit ihr! Noch heute mache ich Eure Wohnung bereit. Und morgen zieht Ihr hierher! Fossano ging. Vergngt trllernd schlenderte er die Strae entlang nach seiner Wohnung. Diese blden Mdchen, sprach er leise im Gehen, sie sind sich alle gleich! Schwierigkeiten ohne Ende! Erst um sie zu kriegen und dann um sie loszuwerden! Bei ihr soll es aber bei der ersten Schwierigkeit sein Bewenden haben! So sprd sie sich jetzt gibt -- nachher wird sie nicht mehr zu halten sein, wenn ich sie recht kenne! Das fehlte auch noch! -- Angenommen, ich nhme sie mit nach Paris, und sie gefiele am Hofe -- angenommen weiter, der Knig selbst wollte ihr eine Gnade erweisen -- und sie wrde nein sagen -- -- ich mte mich ja rein schmen! -- -- Ich werde sie schon abzurichten wissen! Immer noch trllernd, betrat er seine Wohnung. Und da erwartete ihn eine berraschung. * * * * * Er warf Hut und Mantel von sich und ging auf das Nebenzimmer zu, um die Kleidung zu wechseln. Als er aber an die Tr kam, flog der Vorhang zur Seite, und eine dichtverschleierte Gestalt trat auf ihn zu, den Kopf geneigt, die Arme, welche die Schleier zusammenhielten, ber die Brust gekreuzt -- -- Er wich zurck, sie mit weit offenen Augen anstaunend. Endlich begriff er. Babara, rief er, Baberina! Er strzte auf sie zu und wollte sie in die Arme schlieen. Sie wich ihm aus. Komm mir jetzt nicht zu nahe! flsterte sie, nimm die Gitarre, spiel! Ich will jetzt vor dir tanzen! Eine Blutwelle scho ihm in den Kopf. Er griff sich an die Stirn -- er konnte es nicht fassen! Sie kam, _=ganz von selbst=_, ohne Zwang, ohne Zureden, um ihm zu Willen zu sein! Whrend er mit ihrer Mutter unterhandelte und feilschte, war sie, ohne Bedingungen zu stellen, gekommen, hatte auf ihn gewartet, ohne zu ahnen, was er bereits unternommen hatte, um sie zu gewinnen, stand bereit, ihm _=zu schenken=_, was er glaubte, kaufen zu mssen! Er warf sich ihr zu Fen. Baberina, verzeih mir, verzeih mir! schluchzte er. Ich habe dir nichts zu verzeihen! Du aber mir! Du bist mein Herr und Gebieter -- mit meinem Eide habe ich mich dir verpflichtet! -- Ich hatte dir geschworen, alles zu tun, was die heilige Kunst von mir verlangt -- ich wollte meinen Eid nicht halten, als du im Namen der Kunst auch das Letzte verlangtest! Mir schwindelte der Kopf, ich wute nicht Bescheid mit mir, ich schlich mich heute zur Madonna im Dom, um, wie immer, dort die Ruhe zu finden, und ich fand sie nicht. Ihre Himmelfahrt war mir keine Himmelfahrt mehr! Ich sah alles nur mit deinen Augen -- sah nur, was du mir erzhlt hattest! Eine Orgie, einen Kampf, ein Drngen, ein Emporwollen und ein Niederziehen; meine Gedanken wurden in den Trubel mit hineingezogen, ich wirbelte mit in dem tollen Sturm der Entzckung! -- -- So sah ich es -- -- ich konnte nicht anders! -- -- Da ging's mir auf, da ich zu dir mute, um dies wieder loszuwerden und das heilige Bild wieder sehen zu knnen, wie ich's seit der Kindheit gewohnt bin! Gib's mir wieder, befreie mich, nimm den Wahnsinn von meinen Augen! Mach mich wieder sehend -- tu's -- -- schnell -- -- la mich jetzt tanzen! Von heiligen Schauern ergriffen, nahm er die Gitarre und lie sie klingen. In langen, wallenden Harmonien lie er die Tne ber sie los, und sie gehorchte, sie folgte dem Strom seines Blutes, der in der Musik zu ihr hinberflutete und ihr eigenes Blut zum Sieden brachte. Immer schneller wurden die Rhythmen, immer toller ihre Bewegungen, wie ein Schmetterling flog sie in wirbelnden Kreisen im Zimmer hin und her! Jetzt fiel der erste Schleier -- jetzt der zweite -- immer mehr seinen entzckten Augen entblend -- -- Vorwrts -- vorwrts! schrie er und schlug die Saiten zum Platzen wild und trieb sie immer schneller und schneller -- Schleier nach Schleier fiel -- bis auf den letzten, den sie noch mit beiden Hnden erhaschte und so vor den Knien hielt, da er in sanften Bogenlinien die Bewegung des Krpers brach und dessen ppige Formen umschwebte! Dann lie sie auch den fallen und stand vor ihm in der sieghaften Majestt ihrer nackten Schnheit, Feuer und lodernde Leidenschaft in den Augen, und blickte lchelnd auf ihn herab. Er warf die Gitarre fort und sank in die Knie. Eine solche Hoheit, eine solche Majestt der Keuschheit und Reinheit war ber ihr, da er, von tiefster Andacht bewegt, zu Boden fiel und die Erde zu ihren Fen kte. Sie sah es. Ein Ausdruck von Hohn, von grausamer Siegesfreude glitt ber ihr Gesicht -- es leuchtete unheimlich auf in den schwarzen Augen, sie hob den kleinen, nackten Fu, setzte ihn ihrem Peiniger auf den Nacken und drckte seinen Kopf leicht zu Boden -- -- Dann war's um sie geschehen! Wie ein Blitz war es ber ihr, das lange Vorbereitete, lange Befrchtete. Und im nchsten Augenblick lag sie im Staube, gefangen, geknechtet, flgellahm. Die Himmelfahrt der Psyche war jh unterbrochen. Der Leidensweg einer Frau durch die Hllen des Lebens, durch die Freuden der Welt begann. 6 Am folgenden Tage zog er mit ihr zusammen in die Wohnung, die die Signora fr ihn bereit gemacht hatte. Beim Betreten des Hauses kam ihm Babara mit freudestrahlenden Augen entgegen, flog ihm um den Hals, kte ihn und tanzte wie wild mit ihm herum. Du hast recht gehabt! rief sie. Es ist alles so, wie du's erzhlt hast! So wie du's siehst, so hat er's gemeint! Wer? Der groe Meister Allegri! Ach so! Ich war heute da -- ich komme eben von dort! Und so tief, so herrlich hab' ich's noch nie gesehen! Es war ein Glanz, eine sonnige Glut ber dem Bild, ein Leuchten der Farben! Meine Seele hat sich endlich satt trinken knnen -- ich bin noch ganz berauscht! Und nun geh ich nicht wieder hin! So will ich es im Gedchtnis behalten! So ist's recht! Die ganze Himmelfahrt war lebendig geworden. Es tanzte, drehte sich und wirbelte wie toll, da mir ganz wirr im Kopfe wurde! >Tanze mit<, rief es mir zu, >tanze, freue dich, lache, genie die Lust, zu leben, ohne Angst, ohne Zaghaftigkeit!< So schrie es mir zu. Und ich wurde so vom Glck erfllt, da ich htte fliegen knnen -- ich habe getanzt -- vor Freude getanzt, mitten in der Kirche, weil ich gestern zu dir gegangen war, um fr dich zu tanzen, und weil ich jetzt wute, da ich ein Recht hatte, es zu tun -- und auch die Pflicht! So ist es auch. Aber _=nur mir=_ darfst du jenen Tanz tanzen! Warum nicht aller Welt? Bin ich nicht hbsch genug? Viel zu hbsch! Sie werden alle von dir bezaubert sein! Das ist ja gut! Sie werden dich alle haben wollen, und das drfen sie nicht! Ich werde mich selbst haben, und auer mir keiner! Ich auch nicht? Sie lachte. Du am allerwenigsten! Du willst es ja auch nicht! Du willst mich ja frei haben -- du willst selbst frei sein! Und wenn ich's nun nicht mehr will? Sie sah ihn lauernd an und lachte dann laut auf. Du willst mich nur versuchen, ob ich meinen Eid halte, der Kunst treu zu bleiben! Ich lasse mich aber von dir nicht nasfhren, ich wei jetzt Bescheid -- ob du den Eid so oder so auslegst, soll mir gleich sein. Ich tue doch, was ich will. Und jetzt will ich -- _=mit dir=_ tanzen! Komm! Sie flog ihm um den Hals, schlo seine Lippen mit einem Ku und tanzte mit ihm herum, da ihm der Atem verging. Wird das ein Tanz werden, jauchzte sie, ber alle Kpfe hinweg, die hchsten wie die niedrigsten! Auf sie alle setz ich den Fu -- wie gestern auf deinen! Da gibt's keine Gnade -- in den Staub mssen sie alle, alle werden sie getreten, und sie sollen noch meine Hand kssen und mir fr die Qual danken! Mit einem Sprung stand sie in der entlegensten Ecke des Zimmers und lachte, da die weien Perlenreihen ihres Gebisses raubtierhaft glnzten. Er erschrak. Der Engel wandelte sich schon in einen Dmon. Er fing an zu begreifen, welches Unheil er da entfesselt hatte! Wie, wenn's schon zu spt wre?! Wenn's ihm nicht mehr gelnge, den Strom der Leidenschaft einzudmmen und in ruhige Bahnen zu leiten! Wenn das losgelassene Element, alles niederreiend, alles vernichtend, ins Leben hinausbrausen und ihn selbst und seine Kunst mit fortreien und vernichten wrde?! Das durfte nicht sein! Da mute sofort mit aller Energie eingegriffen werden! Er lie sie nie wieder den Schleiertanz tanzen, so sehr sie es sich auch wnschte. Die Fortsetzung von Psyche wurde auch nicht einstudiert. Fossano dichtete keine Pantomimen mehr. Sein ganzes Dichten, sein ganzes Trachten hie fortan Baberina. Sie wurde die groe Passion seines Lebens, der Feuerbrand, in dem er als Mensch und Knstler rettungslos vergehen sollte -- mit der Windeseile einer Katastrophe. Bis jetzt war er von Blume zu Blume geflattert, feil fr jede Gunst des Augenblicks -- Knstler bis zu dem Fanatismus, der berzeugt alles opfert, auch das Hchste, der das Liebesleben der Kunst unterordnet und als Mittel zum _=Herrschen und Glnzen=_ benutzt. Daran hatte er geglaubt und danach gehandelt, auch als er ihre Erziehung in diese Richtung leitete. Dann kam die Wandlung, so jh, da er sie erst gewahr wurde, als es zu spt war. Das herrliche Weib, das sich ihm in einem Augenblicke heroischen Opfermuts entschleiert hatte, liebte er jetzt mit einer tiefen, wahren Leidenschaft, die ihn ganz erfllte und die ihm das hchste Glck htte bringen knnen, wenn er es nicht vorher selber mit leichter Hand zerbrochen htte. Er fluchte seiner Dummheit, er war auer sich ob seiner Kurzsichtigkeit, aber -- es war zu spt! Psyche war ihm fr immer entflattert, ihm blieb die allzu gelehrige Schlerin, und auch sie entglitt nur zu bald der Fhrung eines Meisters, der sich eiferschtig gebrdete, obwohl er ihr unbedingte Freiheit zur Pflicht gemacht hatte. Schon in den ersten acht Tagen betrog sie ihn mit einer Selbstverstndlichkeit, als wre das ganz in der Ordnung. Er erwischte sie in flagranti mit einem jungen Choristen, der ein pflaumenweiches Gesicht und leidliche Beine hatte. Diesen Adonis schlug er grn und blau und kurierte ihn so grndlich von seiner Liebeskrankheit, da er in den nchsten vierzehn Tagen weder zum Tanzen noch zum Stelldichein kommen konnte. Und Baberina berhufte er mit Vorwrfen. Sie war hchst erstaunt, da er sich ber die Kleinigkeit berhaupt aufregte, sah ihn mit weit offenen Augen an und sagte mit der grten Naivitt von der Welt: Warum htte ich es nicht tun sollen?! Ich hatte dich ja so ber alles gern! Und davon hast du mich selber kuriert. Das darf doch nicht berhandnehmen! Wie knnte ich sonst eine Knstlerin werden? Ich _=soll=_ doch frei sein, insbesondere in der Liebe! Das hast du doch selber gesagt!? Sie schlug ihn mit seinen eigenen Worten. Und er konnte nichts dagegen sagen. Er verbi seinen Ingrimm und suchte Mama Campanini auf, um ihr klarzumachen, da sie auf ihre Tochter besser aufpassen msse. Da erlebte er die grte berraschung. Passe ich vielleicht nicht auf?! Ich tue ja nichts anderes! Ich denke ja nur an sie! Tag und Nacht bin ich um ihr Glck bemht! Ich ermahne sie stndlich, auf ihren Vorteil bedacht zu sein und sich ja nicht an einen Unwrdigen fortzuwerfen! Das tut sie aber! Unsinn! Das hat _=sie=_ gewi nicht ntig! -- Sie braucht nur die Hand auszustrecken, dann hat sie alles, was sie will. Die reichsten Leute buhlen um ihre Gunst! Der ganze Adel von Parma macht mir ihretwegen den Hof! Ja -- wir sind auf einmal begehrt! Sogar der Bischof selbst hat -- -- Was hat er? -- Hat er gewagt? rief Fossano heftig. Nur ruhig, Signore! Wenn Seine Ehrwrden etwas gewagt hat -- _=Ihr=_ habt den Vorteil davon! Der Teufel auch! Denkt Ihr, das bedeutet nichts, da er die Vorstellungen von Psyche besucht hat?! Fast jeden Abend, als Babara tanzte, war er da! -- Das hat Euch wenigstens zehn volle Huser eingebracht! Da erst strmte auch der hohe Adel Abend fr Abend ins Theater! Nun ja! Die Leute sind fromm! Und wo Seine Ehrwrden selbst hingingen, obwohl sie das Manifest der hohen Geistlichkeit mit unterschrieben hatten, in dem die Tnzerinnen und Sngerinnen fr die grte Gefahr erklrt wurden, und worin empfohlen wurde, nur Jnglinge tanzen zu lassen, damit man weder das Ballett entbehre noch Schaden an der Seele nhme! Und nun geht er doch hin und sieht sich die Baberina an! Abend fr Abend! Und mit ihm ganz Parma! Ihr mtet ein Einsehen haben und ihr ein anstndiges Honorar aussetzen! Fossano machte eine unwillige Bewegung. Nun, rief sie dann schnell, wenn Ihr's nicht wollt -- ich rede Euch nicht drein! Was abgemacht ist, ist abgemacht! Babara macht auch so ihr Geschft! Er horchte auf. Was meint Ihr damit? Was soll ich meinen? Sie wird ja mit Geschenken berhuft! Sie kann sich kaum noch wehren! Tglich kommen welche! Oh -- es sind auch groe Kostbarkeiten darunter! Seht hier diesen Solitr! Von wem hat sie den? Den hat ihr Ehrwrden geschenkt! Du lgst! Lies selbst! Der Brief war dabei! Sie reichte ihm ein rosafarbenes Billett, das er schnell las und fortwarf. Er will sie sehen?! Ja -- sobald er von Mailand zurck ist, wohin er auf einige Tage gereist ist, will er sie sprechen! Das geschieht nicht. Sie darf nicht hingehen! Warum soll sie nicht hingehen? Was ist denn dabei? Sie ist ein frommes Kind -- sie wird hingehen -- sie wird ihn sprechen -- sie wird ihm beichten -- er wird sie segnen -- er selbst! Wie der Segen beschaffen sein wird, lt sich denken! Die Signora nahm den Brief auf und reichte ihn ihm noch einmal. Ihr habt ihn gelesen, lest ihn nochmals. Steht da ein Wort von Liebe drin? Nein! Und das Parfm? rief Fossano und hielt ihr den Brief unter die Nase. Ist das der Geruch der Heiligkeit, wie?! Das duftet auf zehn Schritte nach Billetdoux, was auch drin geschrieben steht! Und der Ring spricht auch deutlich genug. Sie wird nicht hingehen! Warum sollte sie nicht? Ihr knnt ihr doch nicht verwehren, um ihr Seelenheil besorgt zu sein! Ihr Seelenheil soll fortan _=meine=_ Sorge sein! Da hat kein Bischof dreinzureden! Aber -- -- Kein Aber! Entweder es bleibt dabei -- oder ich gehe ohne sie nach Paris und nehme eine andere mit! Eine andere wollt Ihr mitnehmen!? Ihr habt aber versprochen -- Wenn sie aber nicht _=will=_ -- wenn sie lieber zum Bischof geht, um nachher als seine Konkubine hierzubleiben!? Da kann sie doch nicht nach Paris mitgehen! Da mu ich ja eine andere mitnehmen. Seht hier -- hier habe ich den Vertrag mit der Kniglichen Akademie der Musik ber mein Gastspiel dort. Seht nur -- bereits unterschrieben -- vom Prinzen Carignan, dem Generalinspekteur, selbst! Fr mich und eine Partnerin, die ich mir nach Belieben aussuchen kann. Ich brauche nur den Namen auszufllen. Nun, ich werde mir eben eine aussuchen -- eine, auf die ich mich verlassen kann! Es gibt so viel Tnzerinnen -- alle schn, alle talentvoll -- ich werde nicht lange zu suchen brauchen! Und Baberina? Warum sollte ich ihrem Glck im Wege sein? Wenn sie den Bischof von Parma dem Knig von Frankreich vorzieht, dann mag sie eben ihren Willen haben! Ihr habt _=mir=_ aber versprochen -- Signore! Du hast mir versprochen, da sie meine Geliebte sein sollte! Das ist sie doch! Eine Dirne ist sie, die mit aller Welt buhlt! Soeben habe ich sie mit einem anderen berrascht -- einem dummen Jungen, der nichts ist -- der nichts hat als ein fades Gesicht und ein paar hbsche Beine -- einem ganz gewhnlichen Tnzer! Ich habe ihn aber krumm und lahm geschlagen! Daran habt Ihr recht getan, Signore! Httet Ihr ihr nur auch ihren Teil gegeben! Aber dem entgeht sie nicht, die Nichtswrdige! Ich werde ihr schon den Text lesen! Ich kann mir das denken! Alte Kupplerin! Das sagt Ihr mir? Das mu ich mir von Euch bieten lassen! Das ist zuviel! _=Ich=_ -- eine Kupplerin! Und mein Kind -- mein eigenes Kind werde ich wohl verkuppeln? Habe ich das ntig? Nein. Dafr scheint sie schon selbst sorgen zu knnen! Du hast aber ntig, auf sie aufzupassen! Und das mut du mir bei allen Heiligen schwren! Sonst gehe ich geradeswegs von hier zu der Bandolini und schreibe ihren Namen in den Vertrag, und Babara geht nicht mit nach Paris. Sie mag dann selbst sehen, wie sie vorwrts kommt! Wenn sie glaubt, auf den Schutz Fossanos verzichten zu knnen -- mir ist's recht! -- -- Will sie aber mit, so mut du schwren! -- Ich schwre ja -- ich schwre ja! -- Habe ich mich denn geweigert? Ich werde schon auf sie aufpassen! Wie ein Drache werde ich sie bewachen! Alles tue ich, was Ihr nur wollt! Nun, dann werde ich Gnade fr Recht ergehen lassen! Fossano setzte sich an den Tisch, nahm einen Federkiel und kratzte ein paar Worte in das Papier hinein. Demoiselle Barberini, sagte er -- so wird sie knftig heien! -- Das >r< fgen wir hinzu! -- Das macht sich besser als Knstlername! Sie wird Furore machen, Demoiselle Barberini. -- Sie wird es unter meiner Fhrung! Leicht wird's nicht werden. Die ersten Tnzerinnen der Welt sind da, an der Pariser Oper, die Camargo -- die Sall -- die Mariette -- da wird sie einen schweren Stand haben! Wenn ich aber will, fallen alle Hindernisse! Und ich will! Aber Ihr kennt die Bedingung! Verlat Euch nur auf mich -- -- das knnt Ihr -- -- wirklich, das knnt Ihr! sagte die alte Domina und geleitete ihn unter tausend Komplimenten zur Tr! Das knnte er auch. -- Wenn sie auch entschlossen gewesen wre, ihrer Tochter bei einem Vergngen, das _=keins=_ wre -- einem Vergngen aus Gewinnsucht --, durch die Finger zu sehen -- denn man mute ja auf seinen Vorteil bedacht sein --, so wrde sie ihr doch nie und nimmer ein Vergngen aus bloer Liebe gestatten, und gar zugunsten eines Unwrdigen, der nichts hatte als sein liebendes Herz und ein Paar hbsche Beine! -- Da wrde sie schon aufpassen -- dazu gbe sie nie und nimmer ihren Segen! Das brachte Mama Campanini ihrer hoffnungsvollen Tochter denn auch handgreiflich bei. Aber -- den Ring des Bischofs machte sie schleunigst zu Geld und stattete mit dem Erls Babara prchtig fr Paris aus. Zweites Buch Hebe 7 Der Prinz Carignan, Knigliche Hoheit, ltester Prinz aus dem Hause Savoyen, Generalleutnant, Generalinspekteur der Kniglichen Akademie der Musik, hatte sein Lever beendet und war bei der Morgentoilette. In einen wattierten Schlafrock von chinesischer Seide gehllt, sa er in einem bequemen Sessel, lie sich die Haare kruseln und wickeln und sie hinten zu einem koketten Beutel zusammennehmen, lauschte zerstreut auf die Erzhlungen seines Friseurs und nippte dann und wann an einer Tasse Schokolade, die ihm der Kammermohr auf einem silbernen Tablett darbot. Der Kammerdiener schnallte ihm dabei die Schuhe. Durch die offenen Balkontren flutete der Sonnenschein; die hohen Baumwipfel drauen bewegten sich leise, ein lauer Wind trug die Dfte des Rosenparterres herein -- es war ein herrlicher, stiller Sommertag. Im durchlauchtigsten Schdel brummte und summte es wie ein ganzer Bienenschwarm. Das gestrige Souper hatte lange gedauert. Man hatte deshalb den ganzen Morgen sorgfltig vermieden, Seiner Hoheit Anla zum Zorn zu geben, und jede uerung, die als Widerspruch htte ausgelegt werden knnen, ngstlich unterlassen. Niemand, der ein Anliegen vorzubringen hatte, war gemeldet worden, ehe der Retter in der Not, der Friseur, mit den Neuigkeiten des Tages erschienen war. Zum Glck hatte der Haarknstler heute eine besonders leichte Hand gehabt. Er war auch von den interessantesten Anekdoten geschwollen. Die Stirn Seiner Hoheit erhellte sich sichtbar. Er hatte sogar geruht, wiederholt und huldvollst zu lcheln! Das fluchwrdige Verbrechen des Garderobiers, eine Rosette des linken Hosenbeins abzureien, wurde gndigst bersehen und das Annhen des illustren Gegenstandes in Geduld ertragen. Der Augenblick war gnstig. Auf einen Wink des Kammerdieners wagte sich der Trsteher herein und meldete, da unter den vielen Supplikanten drauen im Vorzimmer auch der berhmte Tnzer Signore Fossano warte, um die neue italienische Tnzerin Demoiselle Barberini vorzustellen. Sollen morgen wiederkommen! antwortete der Prinz und wandte sich zum Friseur. Weiter! Das interessiert mich sehr! Seine Majestt war also gestern wieder in La Muette? Ja -- zum zweitenmal in einer Woche! Was?! rief der Prinz. Zweimal in einer Woche? Das ist gegen alle Gewohnheit! Das ist noch nicht dagewesen! Da ist sicher etwas Besonderes passiert! Hast du etwas erfahren? Ja! Schnell! Ich brenne vor Neugierde! Beim ersten Besuch Seiner Majestt unseres allergndigsten Knigs in dieser Woche in La Muette -- begann der Friseur wieder und setzte mit Grazie seine Zange an, so da ein leichtes Wlkchen verbrannter Pomade duftend emporwirbelte, wie um die Erzhlung mit Weihrauch zu versen. Hoheit wollen gndigst entschuldigen, wagte der Trsteher mit wahrer Todesverachtung zum zweiten Male einzuwerfen, aber der italienische Tnzer -- Er soll sich zum Teufel scheren! Hoheit wollen gndigst verzeihen -- aber -- damit droht er eben -- Das auch noch! Der Kerl droht? Man werfe ihn hinaus! Zu Befehl! Warten! Wie sagtest du? Womit drohte er? Eben damit, sich hinauswerfen zu lassen! Nicht schlecht! lachte Se. Hoheit, gar nicht bel! Da, nimm, du Spavogel! -- Er warf dem Trsteher ein Geldstck zu. Was soll das aber heien? Was meint er damit? Er meint, da er heute abreisen will, wenn er nicht empfangen wird! Ich empfange, wann ich will und wen ich will! Das habe ich ihm auch deutlich zu verstehen gegeben! Ich habe ihm gesagt, da Hoheit mit Geschften berladen sind -- ich habe ihn gebeten, morgen wiederzukommen. Acht Tage hintereinander ist er auch wiedergekommen. Nun will er aber nicht mehr. Noch heute reist er nach London, sagte er. Und das glaubte ich Hoheit nicht vorenthalten zu drfen -- -- Hierbleiben soll er! Ich werde ihn arretieren lassen, sag ihm das von mir! Wenn er nur den Versuch macht, sich ohne Urlaub zu entfernen -- -- acht Tage -- -- acht Tage antichambriert er nur? Das gengt noch lange nicht! Und du hast ihn nicht gemeldet? Du hast ihn ruhig gehen lassen? Das ist sehr gut -- sehr brav von dir! Diese Knstler mssen kurz gehalten werden! Verwhntes Volk! Mu sich ducken lernen! Geh jetzt, la ihn noch warten -- vielleicht empfange ich ihn spter! Der Kammerdiener ging. Wo waren wir denn mit dem Knig stehengeblieben? Ich wollte eben vom ersten Besuch Seiner Majestt in dieser Woche in La Muette erzhlen -- -- Ganz richtig! Was ist denn dabei geschehen? Seine Majestt ritten, wie immer, durch das Bois nach Madrid zum gewohnten Besuch bei Mademoiselle, der Marquise du Charolais -- -- Allwo er sehnschtigst von Madame du Mailly erwartet wurde -- -- Zu Befehl! Und auch von ihrer Schwester, Madame de Vintimille -- -- und von der Grfin von Toulouse -- -- Wissen schon! -- -- berspringen! -- Der ganze >kleine Rat< Seiner Majestt war, wie immer, versammelt! Das war aber sicher kein Grund fr den Knig, sich, gegen alle Gewohnheit, zweimal in einer Woche hinzubemhen! Sicher nicht! Aber unterwegs -- im Bois -- hatten Seine Majestt eine Begegnung -- Was du sagst! Mitten im Walde, bei einer Kreuzung des Weges, sauste ein Phaton dicht an das knigliche Pferd heran! Majestt muten anhalten -- -- und als das Gefhrt vorbeiflog, haben Majestt geruht, noch allergndigst zu gren -- -=Sacr nom de Dieu!=- Wer sa denn drin, in jenem Phaton? Eine Dame -- Eine --? Eine _=sehr schne=_ Dame -- in Blau und Rosa gekleidet! -- -- Sie kutschierte selbst! -- Statt der Peitsche hatte sie eine silberne Lanze in der Hand -- am Hut einen Halbmond von Brillanten! Wohl Diana selbst, die auf Knigshirsche pirschte? Majestt schienen es wenigstens anzunehmen! Wie gebannt blieben Majestt auf demselben Flecke und starrten mit allerhchst aufgerissenen Augen der Erscheinung nach, bis sie an der nchsten Biegung des Weges verschwand! Dann erst gaben Majestt dem Pferde die Zgel und galoppierten davon, so schnell, da das Gefolge kaum mit konnte -- Diana scheint eine glckliche Jagd gemacht zu haben! Wei man, wer sie war? Man vermutet -- -- Man _=vermutet=_ nicht! Man hat zu wissen, wenn man was erzhlt! Zu Befehl -- ich habe auch schon in Erfahrung gebracht -- Schnell -- ich mu es wissen! Ihr Name? Es war -- Aber ehe der allwissende Haarknstler den Namen ausgesprochen hatte, flog die Tr zu den inneren Zimmern auf, und der Intendant des Prinzen strzte herein, mit verstrter Miene, eine Schatulle in der Hand. Hoheit verzeihen -- aber -- ich mu bitten -- wollen Hoheit geruhen, jetzt gleich die Kasse selbst an sich zu nehmen? Was ist denn? Es ist hchste Eile! Bei mir ist sie nicht mehr sicher! Der Prinz stand mit Mhe auf und wankte nach dem Schreibtisch. Gib her! Er schlo ein Fach auf. Wieviel ist drin? Der Kassenzettel liegt obenauf; es ist der ganze gestrige Erls der Rouletten! Hoheit flog schnell den Zettel durch. Miserabel! Die Pariser sind undankbar! Ich selbst erweise ihnen die Gnade, ihr Spiel zu protegieren! Sie haben die Ehre, im Palais Soissons selbst -- in meinen schnsten Rumen -- ihr Geld zu verlieren und schtzen es so gering ein! Er klappte verchtlich den Deckel der Kassette zu. Der Pchter bestiehlt mich aber! Es ist nicht anders mglich! Die Rume sind ja stets gedrngt voll! -- Der Mob wird doch nicht so frech sein, noch zu gewinnen! Er stiehlt also! Oder er taugt nichts -- versteht seine Sache nicht! Wieviel hat er uns im vorigen Jahre abgeliefert? Knappe hunderttausend Livres! Sag ihm, ich werde ihm die Spielerlaubnis entziehen, wenn ich nicht in diesem Jahre auf mindestens zweihunderttausend komme! Zu Befehl! Hast du auch den Diamanten bekommen, den ich gestern fr die Camargo aussuchte? Melde gehorsamst: ja! Er reichte dem Prinzen ein Etui. Der prfte den Inhalt mit Kennermiene. Sehr schn! Wirklich magnifik! Das Geld soll sich der Juwelier in der Oper holen. Die Kassen der Oper sind leer! Die Gagen wurden gestern bezahlt und auch die Wechsel der Gebrder Paris. So soll er nach der Komdie gehen! Ich habe ihn bereits hingeschickt! Es ist gut! Der Prinz leerte den Inhalt der Schatulle in die Schublade seines Schreibtisches, schlo ab und steckte den Schlssel zu sich. So! Und darf ich nun wissen, warum du mich so frh und in dieser hchst unmanierlichen Weise mit dem Gelde bemhst? Meines Wissens hatte ich dich noch nicht rufen lassen! Der Intendant hatte nicht Zeit, zu antworten. Es klopfte an die Tr, und alles war starr. Beim Prinzen von Carignan selbst, im eigenen Palais Seiner Kniglichen Hoheit -- im Palais Soissons, das von Bedienten, Lakaien und Trstehern wimmelte, hatte man die Keckheit, ohne weiteres und unangemeldet anzuklopfen! Und gar noch, -=sans faon=-, einzutreten! Zwei Gestalten in richterlicher Kleidung, die Hte auf den Kpfen, standen auf der Schwelle. Im Namen des Knigs -- -- Ridicule! sagte der Prinz gelassen. Seit wann tritt man so -- legre bei mir ein? Ich bin allerdings auch Chef der Theater! Aber -- ich mu sagen -- -- diese Komdie! Zum mindesten geschmacklos! Im Namen des Knigs, sagte die eine Gestalt und reichte dem Prinzen ein Dokument mit anhngendem Siegel. Laut Urteil des Parlaments sind wir auf Antrag des Bilderhndlers Gersaint bevollmchtigt und haben den Befehl, hier im Palais Eurer Hoheit alles Geld und alle Kostbarkeiten an uns zu nehmen und, sofern es nicht ausreicht, um die Forderung nebst Zinsen, Kosten und unserem Salr zu decken, die Meubles und den Schmuck zu versiegeln und zur ffentlichen Versteigerung zu bringen! Ja, bin ich denn diesem Ehrenmann, diesem Gersaint, etwas schuldig --? Wann habe ich ihm berhaupt etwas abgekauft --? Es ist doch wenigstens zwei Jahre her -- Ganz richtig! Zwei Jahre sind es bereits, da Eure Hoheit die gekauften Gemlde nicht bezahlt haben! Das ist ein Irrtum! Das mu ein Irrtum sein! -- -- Und wenn sie nicht bezahlt sein sollten -- -=mon Dieu=-! -- warum hat man sich nicht das Geld von meinem Intendanten geholt? -- Wie kann man sich denn beklagen?! -- Ja, sagen Sie, meine Herren, fr wen halten Sie mich denn! -- _=Ich=_, der Prinz von Carignan, mu mich mit derartigen inferioren Dingen persnlich befassen! -- Bin ich dazu von Seiner Majestt, unserem allergndigsten Knig, zum Generalintendanten der Akademie ernannt, damit man mir meine Zeit mit den Angelegenheiten eines obskuren Bilderhndlers stiehlt?! Beim Nennen des Knigs hatten die Gerichtsbeamten ihre Hte gelftet und wollten sie wieder aufsetzen. Behalten Sie die Hte in der Hand! schrie ihnen der Prinz mit Donnerstimme zu. Und verlassen Sie das Haus! Wir sind auf Befehl des Parlaments hier -- -- Verlassen Sie das Haus, Messieurs, oder ich lasse Gewalt anwenden! Drften wir Hoheit auf die Folgen eines gewaltsamen Widerstandes gegen eine amtliche Handlung aufmerksam machen -- -- -=Mais non!=- -- Sie drfen mich auf nichts aufmerksam machen! Sie drfen in meiner Gegenwart den Mund nicht auftun! Man werfe sie hinaus! Geschwind! Man schaffe sie mir aus den Augen! Die Lakaien und Trhter griffen zu und befrderten die unwillkommenen Gste auf dem krzesten Wege auf die Strae. Sapperment! rief der Prinz, wie werde ich hier bedient! Das ganze Haus habe ich gedrngt voll von Tagedieben, die nicht wissen, was sie tun sollen -- die mich vor lauter Langeweile bestehlen -- die mich kahl fressen, bis ich wie ein entlaubter Baum dastehe! Nicht mal so viel knnen sie tun, mir derartigen Besuch vom Leibe zu halten! Aber ehe ich befehle, rhrt sich keiner! Ich mu mich selbst bemhen! Ich mu mich echauffieren! Ich mu mich, in hchsteigener Person, bis auf die Knochen blamiert fhlen! -- Ich mu mir wie'n Gauner -- wie'n Betrger -- wei Gott, wie'n Strauchdieb vorkommen! Und ihr steht alle dumm da und gafft und lat den Tort zu und -- -- wer wei -- lacht euch noch ins Fustchen! -- Ich werde euch mit Ruten streichen lassen! Ich werde euch allesamt in die Bastille werfen! -- -- Ah -- ah! -- Das berlebe ich nicht! -- Das wird mein Tod! Ich fhle schon, wie mir die Galle zurcktritt! -- Luft -- Luft -- --! Erschpft sank er auf den Sessel nieder, der Friseur benutzte die Gelegenheit, ihm den Pudermantel umzuhngen und setzte seine Quaste mit einer Fermet in Bewegung, da der ganze Prinz in einer Wolke weien Staubs verschwand -- wischte dann schnell den Puder aus dem Gesicht -- schwrzte die Augenbrauen, klebte zwei Mouchen auf ihre Pltze und hielt, als er fertig war, dem Prinzen ein silbernes Flakon mit Riechsalz unter die Nase. Der halb Ohnmchtige sog gierig den scharfen Duft ein, seufzte leicht auf, geruhte dann kokett zu niesen, ffnete die Augen und flsterte matt: Darf ich nun _=endlich=_ wissen, wer jene Dame war, die einen solchen Eindruck auf die Majestt, unseren allergndigsten Knig, machte? Madame le Normand d'Etioles, flsterte der allwissende Haarknstler ihm ins Ohr, und der Prinz fuhr auf wie von einer Tarantel gestochen. Madame d'Etioles?! -- Die kleine Poisson?! -- Eine Diana brgerlicher Extraktion?! Ganz recht, Hoheit! -=Sacr nom de Dieu!=- -- Das ist keck! Und der Knig hatte die Gnade, sie zu bemerken? Seine Majestt waren hingerissen! Seine Majestt haben von nichts anderem gesprochen die ganze Zeit! Und schon gestern sind Majestt dann, ganz unvermutet, wieder in La Muette eingetroffen! Und gleich durch den Wald nach Madrid galoppiert?! Ja! Und er ist ihr wieder -- --? Nicht begegnet! Der Prinz lachte. Kann ich mir denken! Die kleine Poisson war auf einen so schnellen Erfolg ihres Wilderns nicht gefat! Sie wartet erst den gewhnlichen Wochentag ab! -- Nun, sie kann warten! Sie kann noch lange warten, ehe ihr das Taschentuch zugeworfen wird! Sie wird's kaum erreichen, die ehrgeizige, kleine Person! Ein ser Racker ist sie aber! Ein ganz pikantes Kerlchen! -- Witz, Geist, Charme und ein Exterieur! -- Wenn ich sie am Ballett htte, ich wrde sie schon durchsetzen! Ich wrde ihr schon die richtige hfische Pirouette beibringen, die bis ins knigliche Bett reicht! Aber so -=sans faon=- -- so draufgngerisch! Da macht sie die brgerliche Extraktion nicht vergessen -- und wenn sie den halben Landadel heiratet! Unser allergndigster Herr ist ja auch erst beim Hochadel angelangt! berhaupt bei der allerersten Liaison! Noch nicht aus der Schwrmerei heraus! Und die gute du Mailly hat noch Schwestern! Man spricht schon von der zweiten! Man spricht erst? Dann hat's gute Weile! Der Knig ist ordnungsliebend! Die Familie du Nestle ist gro! Wenn er da durch ist, dann -- Wollen Hoheit prophezeien? flsterte der Friseur neugierig. Nein, du Schelm! Nimm aber die Brse da! Steck ein! Ich bin mit dir zufrieden! Bediene mich stets so gut wie heute! Der Friseur nahm die ihm zugeworfene Brse, verbeugte sich tief und ging. Der Kammerdiener rumte den Sessel und die Toilettengegenstnde fort, und der Prinz, dem der Garderobier inzwischen den goldgestickten, blausamtenen Rock mit den groen brillantenen Knpfen und dem Stern angelegt hatte, nahm den ihm gereichten Hut, lie sich den Degen anschnallen und befahl die Karosse, um nach Versailles zum Lever des Knigs zu fahren. Er hatte noch nicht den Hut aufgesetzt, als der Kriegsminister d'Argenson gemeldet wurde. Der Minister, als echter Militr und Kavalier, war ein groer Connaisseur des Balletts, dessen Evolutionen ihm oft vertrauter waren als die der kniglichen Armee. -- Er trat ein, den Hut unterm Arm, und wurde uerst aimable begrt. Eure Exzellenz wollen die Ordre de Bataille der nchsten Zeit fr das Corps de Ballet geben? rief der Prinz aufgerumt. Es wre mir ein Vergngen, mit Ihnen zusammen gleich den Schlachtplan zu entwerfen! Sie sehen mich aber im Begriff, zu Hofe zu fahren. Ich darf heute beim Lever nicht fehlen! Dann haben wir Zeit, sagte d'Argenson und lie sich in einen Sessel nieder. Beim Knig wird es heute erst um vier Uhr Tag. Wegen spter Heimkehr von La Muette ist das Lever erst um diese Stunde angesagt. Bei Ihnen doch auch bekanntgegeben? Nein. Da sehen Sie eben, wie ntig meine Anwesenheit ist! Man benachrichtigt mich nicht mehr! Meine lange Absence fllt schon auf! Beruhigen Sie sich, lieber Freund! Es gibt so viele andere Grnde zur Aufregung! Sie bringen mir Neuigkeiten?! Was ist geschehen? Sie wissen es noch nicht? Der Kardinal Fleury hat sich eine ganze Woche beim Knig entschuldigen lassen. Seine Eminenz sind verstimmt? Der Majestt des Knigs gegenber wird man nicht verstimmt, auch wenn man Kardinal Fleury ist und Frankreich regiert! Seine Eminenz bereiten sich nur, in stiller Zurckgezogenheit, auf eine schwere Entschlieung vor. Er steht vor der Notwendigkeit, zu einer Staatsaktion ja und amen zu sagen, die mit den strengen Anschauungen, in denen er den Knig erzogen hat, wenig harmoniert! Er wird die Proklamierung der Madame du Mailly zur kniglichen Mtresse, wenn nicht feierlich sanktionieren, so doch stillschweigend dulden mssen. Also doch! Ja -- es ist gestern, anscheinend beim Besuch des Knigs bei >Mademoiselle< beschlossen worden, das Verhltnis, trotz der Verstimmung Fleurys, offiziell zu machen. Ich bin neugierig, wie sich der alte Fuchs damit abfindet! Er lt sonst in solchen Dingen nicht mit sich spaen! Erinnern Sie sich noch, wie erzrnt er ber den Empfang des Knigs in Luneville war? Wie sollte ich nicht! Der Begebenheit verdanke ich ja mein Amt! Ja! Ihr Herr Vorgnger hat's schwer ben mssen! Und doch war das eine sehr grazise Idee von ihm! Das htte eine bessere Belohnung verdient! Den vielgeliebten Knig von einer Eskadron berittener Stadtdamen empfangen und zu seinem Schwiegervater eskortieren zu lassen! Das war doch mrchenhaft schn! Ja. Htte er nur nicht die Ungeschicklichkeit begangen, auch die Knigin bei ihrem Einzug von denselben Berittenen eskortieren zu lassen, dann wre er noch im Amt. Der Kardinal und die Knigin sind ein Herz und eine Seele! Deshalb schmollt er anstandshalber vierzehn Tage, ehe er die Sonne der heiligen Kirche wieder ber die sndenvolle Welt scheinen lt! Innerlich wird er mit der Erhebung der Grfin du Mailly zufrieden sein! Er wird sich sagen -- wenn eine Grande Dame, wie sie, sich ffentlich als Mtresse proklamieren lt, dann hat sie's auch ntig! Sie meinen -- das wre der Anfang vom Ende? Sicher! Und so ist es auch! Sie teilt die Gunstbeziehungen des Knigs bereits mit ihrer Schwester! Mit Madame du Vintimille? Ich habe es aus sicherer Quelle! -- Mein Friseur -- Arme Knigin! Werden wir nicht sentimental! Ihre Majestt kann sich nicht beklagen, solange der Knig -- wie's die Konvenienz gebietet -- unter den Damen des hohen Adels seine Wahl trifft. Leider scheint er aber schon seine Augen auf eine Brgerliche oder -- was viel schlimmer ist -- auf eine gewesene Brgerliche geworfen zu haben! Das endet nie gut! Die sind zu ehrgeizig! Sie regen sich doch nicht darber auf? O doch! Es krnkt mich sogar sehr! Wenn der Knig solche Allren hat, und gar auf eigene Faust vorgeht, da ist der Staat in Gefahr! Da bedarf es mehr denn je der Fhrung Sachverstndiger! Statt sich von gewissenlosen Strebern Mtressen aufschwatzen lassen -- die eine dmmer als die andere -- knnte er sich wirklich -- -- Eurer Hoheit anvertrauen? Ja -- ich bitte Sie -- wozu hat er mich? -- Wozu hat er das Corps de Ballett? Ich wrde ihm vortanzen lassen, da ihm die Beine nur so um den Kopf schwirren! Apropos! sagte d'Argenson, der sich nicht zu weit auf das heikle Gebiet hinauswagen wollte! Apropos -- Hoheit wissen noch nicht, was alles drauen wartet! Der ganze Salon strahlt vor Jugend und Schnheit. Ich sah da unsere charmante Camargo. Die Sall war auch da! Und dann etwas ganz Exquisites! Exzellenz scheinen schon die Parade abgenommen zu haben! -- Darf ich nach dem Gegenstand des hohen Entzckens fragen? Es war ein ganz neues Gesicht! Eine Venus von Gestalt! Ein rassiger Kopf -- schne Augen -- und ein Lcheln! -- -- Mein Kompliment, Hoheit! Sie wissen ihre Truppen zu rekrutieren! Der Prinz schttelte den Kopf. Ich wei nicht, wen Exzellenz meinen! Ich leider auch nicht. Es war nicht in Erfahrung zu bringen! Der Prinz fate sich an den Kopf. Ich hab's! Das wird die neue italienische Tnzerin sein! Etwas ganz Unbedeutendes! Ich versichere -- eine ganz obskure Person, von der niemand etwas wei! Fossano versucht sie mir aufzudrngen! Ich sah ihn auch drauen! Ja. Ich lasse ihn diesmal lange antichambrieren! Ich bin unzufrieden mit ihm! Ein glnzender Tnzer! Ja, aber ein strrischer Kopf! Es ist sehr unbescheiden von ihm, mir eine ganz Unbekannte, eine, die nicht den geringsten Namen hat, zu bringen! Ich erwarte eine Berhmtheit -- und er bedient mich mit einer Demoiselle Barberini! -- Haben Sie den Namen je gehrt? Nein. Ich mu gestehen -- Sehen Sie! Wollen aber Hoheit nicht die Damen empfangen? Es wre ja unrecht, sie meinetwegen warten zu lassen! Sehr gtig! Wenn Exzellenz gestatten, bin ich dann so frei, sie Ihnen vorfhren zu lassen. Auf welche belieben Eure Erzellenz zuerst die Augen zu werfen? Ganz nach Ihrem Belieben, mein Prinz! Auf einmal drfen wir sie nicht besichtigen! -- Sie sind spinnefeind miteinander! Eure Exzellenz lieben ja mehr den serisen Tanz, nicht wahr? Allerdings! Ich bewundere die Majestt der Sall! Aber die schnen Augen der Camargo vershnen mich auch mit ihrer ausgelassenen Tanzart! Exzellenz gefallen sich in der Rolle des Paris?! Ich gesteh's! Ich wte aber nicht, wem ich den Schnheitspreis zusprechen sollte! Ob Juno, ob Minerva -- Also der Reihe nach! Ich lasse Madame Sall bitten! Der Trsteher ging hinaus und machte gleich nachher beide Flgeltren auf. Madame Sall! Herein schwebte in ppiger Majestt die Prima-Ballerina der Oper, die weiten Reifrcke grazis wiegend -- die Spitzenmantille fest um den ppigen Busen zusammengenommen -- die Mimik in einem spttisch-ironischen Lcheln kulminierend -- die Augen schmerzlich unter sanft zusammengezogenen Brauen blickend -- die ganze Erscheinung voll ebenso verletzter wie unnahbarer Wrde. Sie segelte an dem sich galant verbeugenden d'Argenson vorbei, beantwortete seinen Gru mit einer sanften Biegung des Kopfes und blieb vor dem Prinzen stehen, ffnete wiederholt die Lippen, um zu markieren, da sie keine Worte finden knnte, und schlug mit ihrem Fcher ein paarmal ungeduldig in ihre linke Hand. Sie war anscheinend aufs hchste emprt! Blicken Sie mich nicht so ungndig an, Madame -- fing der Prinz an, ergriff ihre Hand und fhrte sie an die Lippen. Sie sehen mich uerst besorgt ber die harte Notwendigkeit, die mich zwang, Sie warten zu lassen! Aber wir Groen der Erde sind geplagte Geschpfe! -- Die Wnsche unseres Herzens mssen wir leider den Forderungen der harten Pflicht hintansetzen. Ich hatte mit Seiner Exzellenz Staatsgeschfte von grter Wichtigkeit zu besprechen! Sie blickte den Kriegsminister von oben herab erstaunt an, als wollte sie fragen, welche Staatsgeschfte wohl wichtiger sein knnten als die Affren des kniglichen Ballettkorps -- dann ffnete sie die Lippen und fand jetzt Worte. Ich bedaure, in so hochwichtigen Geschften gestrt zu haben, lispelte sie. Ich werde aber Eure Hoheit nicht lange in Anspruch nehmen. Ich komme nur, um von Eurer Hoheit Gnade meine Entlassung zu erbitten. -=Jamais! Jamais de la vie!=- Was denken Sie sich nur? Wo kmen wir ohne Sie hin! Wir mten ja die Oper schlieen! Ganz Paris wrde Aufruhr machen! Hoheit tuschen sich! Seitdem die Camargo ihre italienischen Tnze in Mode gebracht hat, kmmert sich ganz Paris nur um sie! Die hohe Kunst schleicht beschmt davon! Die hohe Kunst, deren einzige Vertreterin Sie sind, Madame, wird nach wie vor in Ehren gehalten! Und sollten Sie anderer Ansicht sein, so wird Sie unser Freund, der Kriegsminister, der hervorragendste Kenner und Verehrer der hohen Schule, vom Gegenteil zu berzeugen wissen! Seine Exzellenz brennt vor Verlangen, heute bei Ihnen zu dejeunieren -- Sie grte d'Argenson jetzt mit uerster Liebenswrdigkeit, sie bemerkte die verstohlenen Zeichen nicht, die Carignan ihm hinter ihrem Rcken machte, und akzeptierte deshalb auch anstandslos die Deutung, die er der erschrockenen Miene des Ministers sogleich gab. Seine Exzellenz werden mir verzeihen, lachte der Prinz, da ich Gefhle ausplaudere, die er Ihnen am liebsten selbst verraten htte. Ich werde mich glcklich schtzen, stammelte d'Argenson. Nicht wahr -- und Sie haben dann die Gte, mit Madame Sall das Programm zu vereinbaren, das wir demnchst Ihrer Majestt der Knigin vorfhren werden! -- Sie sehen, Madame, wir machen nichts ohne Sie -- Sie sind uns ganz unentbehrlich -- und Exzellenz, als -=persona grata=- bei der Knigin, wird Ihnen da helfen, das Richtige zu finden. Tun Sie Ihr Bestes, Madame -- und lassen Sie mir bald Ihre Befehle zugehen! Er kte ihre Hand -- die Audienz war zu Ende. Die Ballerina beantwortete uerst aimable die tiefen Reverenzen der beiden Kavaliere und schwebte, jetzt jeder Zoll eine triumphierende Gttin, wieder an dem Kriegsminister vorbei. Sie flsterte ihm dabei hold zu, da sie sich ein Vergngen daraus machen wrde, ihn in einer Stunde bei einer trffierten Ente wiederzusehen, und verschwand. Demoiselle Camargo! meldete der Trsteher, die Flgeltren wieder weit offenhaltend!! -- Und ber die Schwelle rauschte jetzt eine Erscheinung, deren Glanz den der Sonne gewi verdunkelt htte, wenn dieser von plebejischen Neigungen angekrnkelte Lichtklumpen jemals seine Schuldigkeit tte! Es war eine hohe, schlanke Gestalt, mit flligem, etwas slichem Gesicht und einer Lssigkeit in der Art, sich zu geben, die ebensosehr von verhaltenem Feuer wie von Neigung zur Bequemlichkeit zeugte -- ein Temperament, das bald lustig berschumen, bald in Trbsinn hindmmern konnte -- etwas Ungewisses, Unausgeglichenes -- eine Persnlichkeit mit eigenem Gesicht und selbstbewut, aber ohne Pose! Dem Prinzen war sie aber nur eine Frau unter den vielen, die man alle nicht ernst nehmen durfte! Sie beantwortete das Kompliment der beiden Kavaliere mit gemessener Wrde und lchelte, aber nur so viel, wie die Konvenienz unbedingt erforderte. Monseigneur, lispelte sie nonchalant, wollen gtigst entschuldigen, da ich wegen einer Kleinigkeit stre! Ich freue mich immer, Sie zu sehen, Mademoiselle! Womit kann ich Ihnen gefllig sein? Eure Hoheit sehen mich hier, um meinen Abschied zu verlangen! -=Mon Dieu=-, Sie auch! rief der Prinz mit komischer Verzweiflung. Soeben teilte uns Madame Sall ihre Demission mit -- weil Ihre Schnheit und Ihre Kunst die ihrige verdunkelt! Nicht wahr, Exzellenz? Ganz recht! lchelte d'Argenson. Sehen Sie, Madame! Und jetzt wollen Sie auf Ihren Triumph verzichten?! Sie scherzen wohl? Es ist mein Ernst, Hoheit! Aber warum? Sie werden doch hier vergttert! Ganz Paris liegt Ihnen zu Fen! Alle Welt buhlt um ein Lcheln Ihrer holden Lippen -- Und Hoheit sehen sich _=trotzdem=_ nach Ersatz um! Madame, Sie wissen doch selbst am besten, wie unersetzlich Sie sind! -- Brauche ich Ihnen wohl noch zu sagen, wie sehr ich das Glck schtze, Sie als Zierde der Oper bei uns zu wissen! Ich denke ja ber nichts anderes nach, als wie ich Ihnen das recht deutlich zum Ausdruck bringen knnte! Gestern noch habe ich mich bei allen Juwelieren der Stadt bemht! Nichts war mir schn genug; nichts, was mir Ihrer wrdig erschienen wre! Immerhin gestatten Sie wohl? Und er ergriff rasch ihre Hand, schob ihr mit Aplomb den bereit gehaltenen Brillantring an den Finger und besiegelte seine Wertschtzung mit einem Ku auf ihre rosigen Fingerspitzen. Als Zeichen unwandelbarer Treue, Madame! -- Hbsch, nicht wahr? wandte er sich zu d'Argenson, auf den Solitr zeigend. Charmant! Ein seltenes Feuer! antwortete der Krieger im Tone hchster Bewunderung -- und blickte der Tnzerin in die Augen, um ihr anzudeuten, da kein noch so funkelnder Diamant mit deren Glut wetteifern knnte. Einen Augenblick war sie vom Glanz des selten schnen Steines geblendet. Dann richtete sie sich auf, streifte den Ring vom Finger und legte ihn auf den Tisch. Nein, Hoheit, sagte sie, so war es nicht gemeint! Verletzte Eitelkeit drfen Sie mir nicht zutrauen! Ich kenne meinen Wert und wei, da ich hier als Knstlerin etwas gelte! Wenn ich aber die neue Tanzkunst eingefhrt und ihr zum Sieg verholfen habe, so will ich auch die Ehren davon haben. Ich gebe mich nicht dazu her, fr andere zu arbeiten, nur damit sie nachher blo heranzuhpfen brauchen, um mit lchelnder Miene die Frucht meiner Mhe fr sich zu ernten! Ich will keine Brillanten fr meine Person. Ich will die gebhrende Anerkennung fr meine Kunst -- oder ich gehe! Ich verstehe Sie nicht! Hoheit verstehen mich nur zu gut! Ich hre wohl, da Sie sich beklagen. Aber ich sehe wirklich nicht den geringsten Anla! Wre es denn mglich, da hier eine neue italienische Ballerina ohne Wissen Eurer Hoheit engagiert werden knnte? Jetzt begreife ich! Sie meinen die, die da drauen wartet?! -- Die macht Ihnen Kopfschmerzen? Aber meine Liebe! Das ist ja etwas ganz Obskures -- etwas ganz Unbedeutendes -- ein Nichts, das ich nicht einmal bemerkt habe! Wenn das zu Ihrer Beruhigung beitragen kann, so hren Sie: ich werde sie berhaupt nicht empfangen! Hoheit werden sie empfangen! Mein Ehrenwort, Madame -- mein Ehrenwort als Kavalier, ich werde es nicht tun! Ach, die Mnner sind alle falsch! Hoheit werden sie empfangen! Hoheit werden sie auch tanzen lassen! -=Mais non!=- Warum auch nicht? Sie hat Geist -- sie hat Genie! -- Ich habe mit ihr geplaudert -- sie fhrt eine glnzende Konversation! Und wenn meine liebe Landsmnnin ebenso gut tanzt, wie sie schn ist -- -- So braucht eine Camargo deswegen nicht besorgt zu sein! Oder wre es mglich? -- Die Camargo selbst frchtet sich! Ich frchte mich nicht! So bleiben Sie denn! Nehmen Sie den Kampf auf! Wenn Sie vor der Schlacht fliehen -- _=dann=_ allerdings -- -- Sie berlegte einen Augenblick. Wohlan denn! Ich bleibe! Ich nehme den Kampf auf! Aber keine Feindseligkeiten! Ich bitte Sie -- ich flehe Sie darum an! Sie wissen: ich verabscheue nichts so sehr wie Aufregungen im Theater! Hoheit knnen unbesorgt sein! Ich kmpfe nur durch meine Leistungen! Bravo! rief d'Argenson. Sie werden siegen! beteuerte Carignan und griff nach dem verschmhten Ring. Gestatten Sie mir, im Vorgefhl Ihres gewissen Triumphes Ihnen dies kleine Angebinde nochmals zu offerieren? Sie lehnen es doch nicht ab? Sie tun mir den Schmerz nicht an? Er schob ihr nochmals den Ring an den Finger, und sie lie es jetzt zu. -=Merci!=- Ich werde ihn als Zeichen guten Einverstndnisses behalten, sagte sie gndigst. Und jetzt will ich nicht lnger aufhalten! Meine Nebenbuhlerin wartet! Aber ich sagte Ihnen ja -- -- ich werde sie nicht -- Ich wei! Hoheit gaben Ihr Ehrenwort, sie nicht zu empfangen! Dann ist es eben hchste Zeit, da ich Platz mache! -- -=Bon jour, messieurs!=- Ich wnsche gute Unterhaltung! Und hold lchelnd schwebte sie hinaus. Die beiden Herren blickten sich an und lachten laut auf. Mchten Exzellenz nicht auch bei ihr frhstcken? Es wird kaum noch not tun! Ich werde mir wohl bei der Sall redlich den Appetit verderben! Sie haben ja bereits die Gte gehabt, Schicksal zu spielen -- -- Ich glaubte der Neigung Eurer Erzellenz entgegenzukommen! Oder -- wre es noch zweifelhaft, welcher von den holden Gttinnen der Schnheitspreis gebhrte? Schn ist Minerva -- -- Juno verlockend -- -- Nicht wahr? Aber Venus -- Was Sie sagen? Ist sie denn wirklich so hbsch, die --? Blendend schn! -=Sacr nom de Dieu!=- Wie schade, da Hoheit Ihr Ehrenwort gaben! Nun, wenn auch Sie mich daran erinnern, dann mu ich wohl jenes Ehrenwort schleunigst aus der Welt schaffen! Bravo! Ich werde sie also empfangen! Carignan setzte den Hut auf und gab dem Trsteher einen Befehl; dieser ffnete den einen Flgel der Tr, und herein traten Fossano und die Barberina. Nun, Signore? fing der Prinz von oben herab an und ignorierte die Barberina gnzlich, wir sind ungeduldig? Ich kann es nicht leugnen, Hoheit -- -- Ich hre es zu meinem Erstaunen! Ich hrte sogar von Drohungen? Ich mu gestehen, Hoheit, ich war nicht darauf gefat -- -- Wei schon! Sie waren entrstet! Der Prinz von Carignan, Knigliche Hoheit, htte Ihnen, dem berhmten Tnzer, wohl den Wagentritt halten -- Sie, den Hut in der Hand, auf der Strae empfangen sollen -- -- Sie htten mich hier empfangen sollen, wie ich's wohl beanspruchen knnte! Einen Knstler meines Ranges lt man nicht acht Tage hintereinander antichambrieren. Der Prinz ma ihn mit einem Blick grenzenloser Verachtung. Sie irren sich, Signore! Es interessiert uns keineswegs, zu wissen, _=warum=_ Sie unzufrieden sind! Es interessiert uns nicht einmal, zu wissen, _=da=_ Sie sich mokieren! Es interessiert uns hchstens, was wir selbst Ihnen gegenber empfinden! Und wir sind mit Ihnen sehr unzufrieden! Verstehen Sie? _=Sehr=_ unzufrieden! Drfte ich fragen, warum? Sie hatten von uns den bestimmten Auftrag bekommen, sich eine Partnerin auszusuchen! Die Camargo weigert sich ja, in Ihren Pantomimen aufzutreten! -- Ich hatte Sie gebeten, eine Tnzerin ersten Ranges zu engagieren! Der Bequemlichkeit halber lieen wir im Vertrag den Platz fr den Namen offen. -- Und Sie mibrauchen unser Vertrauen! Sie schreiben da einen Namen hinein, der kein Name ist -- von dem kein Mensch etwas wei -- von dem kein Mensch je etwas gehrt hat! Statt einer Knstlerin bringen Sie uns eine Anfngerin her. -- Auch jetzt wrdigte Hoheit Barberina keines Blickes. Ja, mein Lieber, wir sind kein italienischer Duodezstaat, wir sind Paris -- wir sind am ersten Hofe der Welt! -- Wir suchen uns unsere Leute unter den allerersten Berhmtheiten aus! Wir haben es nicht ntig, uns eine obskure Null oktroyieren zu lassen! Ich bin durchaus der Ansicht Eurer Hoheit! Sehr gndig! Ich wage sogar zu behaupten, da ich den Befehl Eurer Hoheit nicht nur mit der grten Gewissenhaftigkeit ausgefhrt, sondern noch weit bertroffen habe! Diese Khnheit! -- Ich mu sagen -- -- da bin ich wirklich neugierig! Trotzdem aber wrdigte er Barberina keines Blickes. Fossano antwortete nicht. Er flsterte Barberina nur schnell ein paar Worte zu, fate sie bei der Hand, und im nchsten Augenblick wirbelte sie durchs Zimmer wie ein losgelassener Schmetterling und schlo ihr Extempore mit einem Luftsprung ab, wobei sie, ehe sie die Erde wieder berhrte, die Fe wiederholt aneinanderschlug. Der Prinz stand mit offenem Munde da. _=Acht=_mal, sagte Fossano, achtmal, Hoheit! -- Das macht ihr in der ganzen Welt keine nach! Die Camargo bringt es nur fertig, die Fe im Schweben _=vier=_mal aneinanderzuschlagen. Nun, das wird wohl auch blo viermal gewesen sein! Vorwrts, Barberina! rief Fossano, noch einmal! Der Kriegsminister setzte sich, um besser zu sehen. Fossano fate seine Schlerin wieder bei der Hand -- noch einmal wirbelte sie durchs Zimmer -- noch einmal machte sie den Sprung -- aber jetzt absichtlich so nahe an dem Prinzen vorbei, da sie ihm mit dem Fue den Hut vom Kopfe schlug. Der Prinz wankte und sank in den Sessel und blieb da mit offenem Munde sitzen. Bravo! rief d'Argenson begeistert. Es war mindestens achtmal! Ich habe gezhlt! Das hohe C der Tanzkunst! stammelte Carignan verblfft. Ich gestehe -- ich bin konsterniert! Superb! -- Ja, sagen Sie mal, mein Kind -- wo haben Sie _=das=_ gelernt? Fossano verbeugte sich, die Hand auf dem Herzen. Alle Achtung, Signore! Alle Achtung! Das macht Eurem Unterricht alle Ehre! Das kann noch etwas werden! Das wird eine Sensation! rief d'Argenson begeistert. Man wird das Theater strmen! Warten wir es ab -- warten wir ab! -- Exzellenz sind immer sehr leicht begeistert! -- Vergessen Sie nur nicht, bei wem Sie heute frhstcken! So etwas macht einen alles andere vergessen! Das wrde mich sogar der alten hohen Schule untreu machen knnen! Da mu ich sagen! -- Da mu ich wirklich gratulieren! sagte Carignan, stand auf, nahm den Hut von dem sich verbeugenden Fossano in Empfang und ging auf Babara zu. Da haben Sie einen groen Sieg ber die Camargo gewonnen! Sie mssen wissen: nicht einmal die Camargo hat es vermocht, Seine Exzellenz den Kriegsminister zur neuen Tanzkunst zu bekehren! Er war bis jetzt der berzeugteste Verehrer der serisen Schule! Und jetzt, auf einmal --! Ja -- wenn Sie auf die Art gleich auch alle anderen Widerstnde berwinden, dann wollen wir es mit Ihnen versuchen! -- Wie heien Sie? Babara! Demoiselle Barberini! beeilte sich Fossano zu korrigieren. Sag mal, Babara, sagte Carignan, nachdem er mit einem Blick Fossano seine Mibilligung fr die Einmischung ausgedrckt hatte, sag mir, mein Kind, wo haben wir das -- mit dem Hut -- gelernt? Sie lchelte schalkhaft. Famos! -- Wirklich exzellent! Er streichelte ihr gndigst die Wange, und sie lie es pflichtschuldigst zu. Und diese hbschen Augen -- diese reizenden Grbchen! -- Er kniff ihr leicht die Wange, hochbefriedigt, nicht den leisesten Widerstand zu finden. Wirklich reizend! Sie werden meine Pariser bezaubern! Sie werden hier Ihr Glck machen! Endlich lie er von ihr ab und ging ein paarmal durchs Zimmer, um die Fassung wiederzugewinnen. Dann blieb er vor Fossano stehen. Sie haben recht gehabt! Ich habe mich entschlossen, Ihre Schlerin anzunehmen! Sie wird sich hier machen. Wir werden gleich sehen, wie wir sie wirksam einfhren! Drfte ich Eurer Hoheit vorschlagen, in meiner neuesten Pantomime -- Nein -- nichts Neues! Noch nicht! -- Die Oper von Rameau geht noch sehr gut! Wir sind dem Meister verpflichtet -- wir mssen sie weiter geben! -- Aber ich will mit ihm reden -- noch heute werde ich ihn kommen lassen -- er wird ein paar neue Tnze einfgen mssen -- extra fr unsere Akquisition hier etwas komponieren! Ich bringe ihn dazu! -- Er wird entzckt sein! -- Nachher konferieren Sie selbst mit ihm, Fossano! Wie Eure Hoheit befehlen! Und dann vergessen Sie die Presse nicht -- sie mu vorbereitet sein! -- Na, das verstehen Sie -- Sie sind ja nicht zum ersten Male in Paris! Ich wei Bescheid! Das mu eine berraschung werden -- eine sensationelle berrumpelung! Wie eine Bombe wird es einschlagen! rief der Kriegsminister begeistert. Wie soeben hier, so mu es kommen! Man wei nichts -- man hat keine Ahnung -- und pltzlich ist das Ereignis da! Und man ist entzckt! So mu es kommen! Er ging wieder auf sie zu und betrachtete sie mit Kennermiene. Wirklich eine ganz aparte Erscheinung -- etwas ganz Seltenes! -- Exzellenz haben recht gehabt! -- Exzellenz sind Connaisseur! lachte er. Aber leider schon engagiert! -- Nun, das wird sich auch finden! -- Sie werden sich kaum wehren knnen! -- Ja, sagen Sie einmal, mein Kind -- haben Sie schon eine Equipage? Nein! Die mssen Sie haben! Wie wollen Sie in Paris vorwrtskommen? -- Equipage ist ntig -- Remisen, Stallungen, Pferde, Kutscher, Diener -- ein eigenes Hotel! -- Unumgnglich ntig! -- Man mu empfangen knnen -- kleine intime Diners geben -- Komponisten, Dichter, Journalisten bewirten und, vor allem, in der Gesellschaft eine Rolle spielen! Die elegante Welt bei sich sehen -- viel von sich reden machen! -- Das ist zum mindesten ebenso ntig wie das Talent! Babara blickte ihn gro an. -- Dann auf einmal platzte sie mit einem silberhellen Lachen heraus. Sie lachen? -- Das ist recht! -- So ist's gut! -- Das alles wird sich ja bei Ihnen ohne Schwierigkeit einstellen! Das ist selbstverstndlich! Wer so viel Liebreiz hat! -- Er kniff sie nochmals in die Wange. -- Da habe ich gar keine Angst! Treten wir erst auf -- gewinnen wir erst den entscheidenden Sieg, zeigen wir, welch ein Juwel wir sind -- nachher findet sich schon die geeignete Fassung! -- Also morgen bei meinem Lever konferieren Sie hier mit Rameau, Fossano! Und Sie auch, Mademoiselle -- h -- Barberini, soufflierte Fossano. Barberini, wiederholte Carignan, sich jede Silbe einprgend. Nun, hoffentlich wird der Name bald so berhmt, da man sich ihn ohne weiteres merkt! -- -=Au revoir=- denn, liebe Barberini -- -=au revoir=-, Fossano! -- Ich hab's eilig -- ich mu zu Hofe -- Sie mssen mich entschuldigen! Er streichelte ihr leicht die Wange, nickte ihr freundlich zu. Fossano ging und nahm seine Schlerin mit. D'Argenson verabschiedete sich ebenfalls, und Carignan setzte sich noch hin, um seine, durch den Sprung Babaras etwas ramponierte Frisur vom Kammerdiener in ordnungsgemen Zustand bringen zu lassen. Er wollte sich nach beendigter Reparatur wieder erheben, als sich pltzlich ein Paar weiche Hnde vor seine Augen legten. Aber was soll das -- wer erlaubt sich? -- Kaum hat man Ordnung geschaffen, dann wird man wieder -- Ruhig Blut, lachte eine silberhelle Stimme, keine Aufregung, mein Ferkelchen! Ich frisiere dich nochmals, da du mich nicht vergit! Marietta? -- rief er und machte die Hnde los. Was machst du hier? -- Wie bist du hereingekommen? Ich bin die ganze Zeit hiergewesen! Wo denn? Dort hinter der spanischen Wand! Ich habe alles gehrt! Den smtlichen Audienzen beigewohnt! Die groe Sensation mitgemacht, die schnelle Wandlung in der allerdurchlauchtigsten Gesinnung bewundert. _=Mir=_ machst du keine solchen Anerbietungen, Treuloser! Mir richtest du kein Hotel ein! Mir versprichst du keine Equipagen -- Aber erlaube mal, rief Carignan, wem hab' ich etwas versprochen? Ich habe diese junge Gans vom Lande ber alles, was zur Karriere gehrt, unterrichtet -- weiter nichts! Als ob man nicht hinter jedem Worte deine Lsternheit gehrt htte! Du willst ihr ein Hotel einrichten, du selbst willst sie aushalten, leugne es nicht! Aber mich lt du dir alles abbetteln! Tanze ich nicht ebensogut wie sie? Bin ich nicht die Mutter deiner Kinder? Zum Tanzen bist du lngst zu dick! Du warst einmal gut, das leugne ich nicht! Sonst wrst du nicht an der Oper! Und -- was die Kinder betrifft, so ist es durchaus nicht sicher -- Willst du vielleicht behaupten --? Ich will nichts behaupten! Ich sage nur: wenn ich von allen den Damen Kinder htte, die angeblich welche von mir haben, dann wre Frankreich zu klein, sie smtlich zu beherbergen! Du willst dich also deinen Verpflichtungen entziehen? Gott, ich vergttere sie ja! Das Mdchen ist allerliebst und die beiden Buben auch! Ich sorge fr sie wie ein Vater! Mehr kannst du doch nicht verlangen! -- Adoptieren kann ich sie aber nicht! Das wrde meine Frau nicht erlauben! Wenn du nur willst! Ich bitte dich -- die Tochter eines Knigs, wie meine Frau -- und -- die Kinder einer Ballettdame adoptieren! Du darfst nicht unbescheiden werden, Marietta, sonst setze ich dich ab! _=Ich=_ und unbescheiden! -- Fr wen plnderst du die Theaterkassen? -- Fr _=mich=_ wohl? Kaufst du meinetwegen der Camargo Solitre? -- Hab' ich dich gebeten, dem italienischen Fratz, der soeben hier war, zu versprechen, sie einzurichten, als ob sie eine Frstin wre? Pst -- nicht so laut! Staatsgeheimnisse! Wieso Staatsgeheimnisse? -- Du willst mir doch nicht einreden, du httest den Auftrag --? Solche Auftrge hat man nie! Als getreuer Untertan fhrt man sie eben aus! Man bemht sich! Und wer da zur rechten Zeit die rechte Person zu prsentieren versteht, der ist ein gemachter Mann! Und da meinst du, da _=du=_ -- da der Knig sich _=dir=_ anvertrauen wrde? Wozu htte er sonst wohl einen Prinzen von Geblt zum Generalinspekteur des Corps de Ballett gemacht! -- Nun eben, um sich mit ihm -=en camerade=- ber alle einschlgigen Fragen unterhalten zu knnen! Er wird schon ungeduldig! Es ist Zeit, da ich mich ein wenig eifriger zeige! -- Und diese Italienerin -- sie hat Rasse, sie hat Feuer -- sie scheint eine kluge Person zu sein! -- Eine draufgngerische Art, sich zu geben! -- Zum Entzcken! -- Sie wird nicht nur ganz Paris -- sie wird auch Versailles in Aufruhr versetzen! -- Du hast doch gesehen, mit welcher Fermet sie mir den Hut vom Kopfe schlug? Und nun, denkst du, wird sie dem Knig in derselben Weise die Krone vom Kopfe tanzen! -=Mon Dieu=-, wie respektlos! Die Krone ist doch keine Nachtmtze! -- Der Knig wird aber gndig sein -- sie wird Gnade vor seinen Augen finden, und wir auch! -- Der Kardinal ist schon alt -- der Knig mu einen neuen Staatsminister haben! Wer wei, Marietta -- wenn uns das Glck hold ist -- vielleicht werde ich bald imstande sein, dir ein Marquisat zu besorgen! Er kte ihre Stirn. Aber hbsch ruhig sein! -- Mir nie mit Eifersucht kommen, so sehr ich auch fr andere inkliniere! -- Das geschieht alles nur wegen der Karriere! La mich meine Plne verfolgen -- kmmere du dich um meinen Hausstand und die Kinder, und du sollst sehen, ich kaufe dir ein Marquisat! -=Parole d'honneur=-, ich tu's! Und von deinen Shnen kriegt jeder ein Regiment! Deine Tochter verheirate ich mit einem Grafen! Inzwischen nimm -- nimm dies alles -- Er zog das Fach seines Sekretrs auf, wo er den Erls des gestrigen Spiels hineingetan hatte, und leerte den Inhalt in ihren Scho. Nimm! Kauf dir alles, was du magst -- verschwende -- fhl dich reich, damit du einen Vorgeschmack bekommst! -- Wenn du mir nur nicht in die Quere kommst -- wenn du mir nur keine Szenen machst! -- Dann wirst du's staunend erleben, wie der alte Glanz hier wieder heimisch wird! Dann mache ich all die Holzbaracken drauen um den Garten herum dem Erdboden gleich und mache es wieder gut, da ich dem Schwindler Law gegen schndes Geld erlaubte, sie zu errichten! Geld, das er mir noch schuldig ist! -- Dann lasse ich die Grten im alten Umfang und alter Herrlichkeit wieder auferstehen -- wie sie einst waren, als Katharina von Medici nach den Mhen des Tages drinnen lustwandelte! -- Dann jage ich die Spieler und Wucherer hinaus und fege das Pack in den Rinnstein! -- Dann, Marietta -- dann --! Aber jetzt gib mir einen Ku! -- Und nun: -- still sein, lcheln -- was auch geschehen mag! -- Du verstehst? -- Du bist doch brav! -- Du wirst dich tapfer halten? -- -- Noch einen Ku! -- Aber die Zeit eilt! Ich mu fort! -- -=Au revoir, ma chre! Au revoir!=- Er setzte kokett den Hut auf den Kopf und trippelte grazis auf seinen hohen Abstzen hinaus -- zwischen zwei Reihen gekrmmter Lakaienrcken zur wartenden Staatskarosse, um nach Versailles zu fahren und dem Knig von seiner neuesten Akquisition vorzuschwrmen. Marietta blieb allein. Von Zeit zu Zeit nahm sie eine Handvoll Gold auf, lie es durch die Finger auf ihren Scho niederrieseln und freute sich der Musik des klirrenden Metalls, das die Welt beherrscht. 8 Es war die Zeit der ersten Mtressenschau im Leben des fnfzehnten Ludwig. Das knigliche Glcksschiff hatte, nach anfnglichem Zgern, den Hafen der ehelichen Treue verlassen und trieb noch etwas unsicher und ohne Fhrung auf dem Meere Kytheres umher. Bange Ungewiheit hatte den Sinn der getreuen Untertanen ergriffen. Wrde es, nach glcklicher Lustfahrt, mit Ehren und Ruhm reich beladen, in den schtzenden Hafen zurckkehren oder, von ungeschickter Hand gelenkt, klglich scheitern? Jeder fhlte sich berufen, hier die Fhrerschaft an sich zu reien! Ehrgeiz und Eigennutz waren am Werke; Neid und Verleumdung ebenso. Ein erbitterter Kampf im dunkeln wurde zwischen den verschiedenen Parteien gefhrt -- Kabalen wurden gesponnen -- Intrigen entlarvt. Denn die Frucht des Sieges war auch der Mhe wert. Wer es vermochte, die Lenkstange an sich zu reien, dessen Wille beherrschte die Fahrt. Ein unmerklicher Druck der Hand war imstande, das Ziel zu verrcken und das allgemeine Interesse in die Bahn des Einzelvorteils zu steuern. Das Schlafzimmer des Knigs war die Brutsttte der allerhchsten Entschlieungen, denen Frankreich -- und, wenn's gelang, die ganze Welt -- zu gehorchen hatte. Wer da der Trgheit des Knigs die Mhe des Entschlusses mglichst schmerzlos -- das heit: mglichst unmerklich -- abzunehmen verstand, hatte gewonnenes Spiel. Es galt also, die geeignete Person vorzuschieben, ohne den Argwohn des Knigs zu wecken, und sie nachher, ohne Eklat, zu beeinflussen. Der hohe Adel, dessen ausschlieliches Prrogativ es gewesen war, das hei umstrittene Amt einer kniglichen Mtresse zu besetzen, hatte schon ausgespielt. Zu mchtig und einflureich durch seine allumfassenden Familienverbindungen, hatte der Adel wohl nicht die ntige Vorsicht walten lassen und lngst das Mitrauen des Knigs geweckt. Durch Verschwendung und Vergngungssucht geschwcht, hatte der Adel schon angefangen, einen Teil seiner Macht den der reich gewordenen Brgerschaft entstammenden Generalpchtern, Armeelieferanten und anderen Finanzgren abzutreten, deren Tchter -- durch vollendete Erziehung den Damen der Gesellschaft gleich, durch adlige Heiraten hoffhig -- nun auch den Wunsch bemerkbar werden lieen, an dem Wettrennen um die knigliche Gunst teilzunehmen. Der Wunsch des Knigs, sich dem Rnkespiel der Hflinge zu entziehen, und wohl auch eine gewisse bersttigung und ein Drang nach Abwechselung kamen ihnen da entgegen. Mit Schrecken nahm es der Hochadel wahr! Die Erinnerung an die Zeit des vierzehnten Ludwig, wo die Witwe Scarron das Land zum Besten der Jesuiten geschrpft hatte, war noch in frischer Erinnerung! Man war also sehr auf der Hut gegen berraschungen und schpfte beim geringsten Anla Verdacht. Noch herrschte wohl die Hofgesellschaft durch die Grfin von Toulouse und Mademoiselle du Charolais, die die Galanterie des Knigs in ihre Interessensphre hineinzudirigieren verstanden. Sie hatten die Liaison des Knigs mit der Grfin du Mailly herbeigefhrt und begnstigt und ihr durch die klug bereit gehaltene Reserve ihrer beiden Schwestern eine gewisse Stetigkeit zu geben versucht. Aber man war in malose Aufregung geraten durch die anscheinend nicht ganz erfolglosen Attacken der unternehmungslustigen kleinen Poisson, wie man immer noch Madame d'Etioles nannte. Und der Eifer und der Aplomb, mit denen der Prinz von Carignan seinen neuentdeckten Schtzling zu inszenieren verstand, brachte alles in Verwirrung. Seit einer Woche redete ganz Paris nur von der Barberini. D'Argenson machte sich ein Vergngen daraus, die Hofgesellschaft zu mystifizieren. Der Umstand, da Rameau selbst extra fr sie Tanzeinlagen komponieren mute und, was noch mehr besagte, da dieser eigenwillige Meister es mit Begeisterung tat, brachte die Knstler, die mit Madame d'Etioles intime Beziehungen unterhielten, in hellen Aufruhr, und der wurde durch den Neid der anderen Tnzerinnen und ihrer Parteignger noch mehr geschrt. Als der Tag ihres ersten Auftretens kam, war auch der Saal der Oper gedrngt voll von allem, was Namen oder Geltung hatte. Die Logen boten einen glnzenden Anblick dar. Das vergoldete Schnitzwerk, das vom Boden bis zur Decke die Logen umrankte, hatte selten so viel Pracht und Schnheit auf einmal eingefat. berall gepuderte Lockenkpfe, Perlen, Geschmeide und funkelndes Edelgestein, nackte Schultern, schwellende Busen und kokette Blicke hinter spielenden Fchern -- das vordere abgesperrte Parkett voll von eleganten Kavalieren des Hofes und der Aristokratie -- hohen Beamten und tapferen Kriegern, die mit den Insassinnen der Logen liebugelten und verstohlene Zeichen austauschten. Auf der Bhne, rechts und links im Proszenium auf den bevorzugten -=bancs du thtre=-, die Habitus aus allen Gesellschaftskreisen! Und hinten, im Parkett, die reiche Brgerschaft, die Knstler und die ganze goldene Jugend des Seinebabels, hin und her gehend, plaudernd, kritisierend und kokettierend. Mademoiselle, wie der offizielle Titel der Madame de Charolais lautete, hatte ausnahmsweise auch Zeit gefunden. Ihre Anwesenheit hier war heute wichtiger als die gewohnte Unterhaltung mit dem Knig, dem sie nachher, beim Souper, mit dem Verlauf des groen Ereignisses zu unterhalten gedachte. Spttisch blickte sie zur Loge der Madame d'Etioles hinber, die, strahlend schn und ebenso reich wie geschmackvoll geschmckt, sich von den Knstlern und Finanzleuten den Hof machen lie. Das war ein Kommen und Gehen bei ihr. Bald tauchte das spitze Fuchsgesicht Voltaires im Hintergrund der Loge auf, bald die wrdige Dichtermajestt Crbillons. Der Prsident Henault verschmhte es nicht, ihr die neuesten Bonmots aufzutischen, auch ein Prinz von Geblt, der stolze Herzog de la Vallire, kte ihr die Hand, whrend ihre Beschtzer und Manager, die reichen Armeelieferanten Paris-Duvernois und der Generalpchter Le Normand-Tournehem, dem sie die Ehe mit seinem Neffen und dessen neugebackenen adligen Namen verdankte -- sich damit begngten, sie aus der Ferne zu gren. Sie waren nicht wenig stolz auf ihre Schpfung und trumten von ihrer zuknftigen Macht und Gre, auf den vielumstrittenen Platz an der Seite des Knigs. Aus einer Loge der zweiten Galerie blickte beglckt Mama Poisson zu ihrer unternehmungslustigen Tochter hinunter und tauschte Gre mit den Herren von Paris aus, mit deren Geld sie Frankreich ihrer Tochter erobern wollte. Der ehrgeizige junge Prinz von Croy -- die Mtressensprlinge des vierzehnten Ludwig: die Herzge von Chartres und von Nivernois -- der erste Kammerherr Herzog de Chesvres, und der berhmteste Herzensbrecher seiner Zeit, der elegante Herzog von Richelieu -- alle waren sie da -- vom Theater alles, was frei war -- die Minister d'Argenson und Maurepas -- der alte Literat Fontenelle, der junge Textdichter Rameaus, Louis de Cahussac, und alle die jungen Reimschmiede der Tagesereignisse! -- Alle waren sie herbeigeeilt -- die Damen der Aristokratie, um die mutmaliche Konkurrentin um die allerhchste Gunst mit eigenen Augen zu sehen und Konterminen zu legen -- die Dichter, um sich an ihrer Schnheit zu gut bezahlten Gedichten zu inspirieren, und die Kavaliere, um neuen Nervenkitzel zu suchen. Aus seiner Loge musterte der Prinz von Carignan sein Publikum und schwelgte im Vorgefhl der Sensation, die er ihm heute bieten konnte. Er lchelte befriedigt, als er im Parkett eine ernste, wrdige, einfach gekleidete Gestalt wahrnahm, deren Gegenwart sehr beachtet wurde, die sich aber um niemand kmmerte. Es war der erste Kammerdiener Ludwigs, Bachelier, den Carignan eigens gebeten hatte, sich heute einzufinden. Durch dessen Beihilfe hoffte er seine ehrgeizigen Plne zu frdern und den anderen Aspiranten auf das Bett Frankreichs ein Schnippchen zu schlagen. Im Orchester stimmten die Geiger ihre Instrumente und rckten die Pulte zurecht; die Holzblser bliesen, um ihre Flten und Klarinetten zu erwrmen; die Hornisten prusteten diskret, wie sich's gebhrte, und leerten das Wasser aus den Hrnern; die Rampe wurde angezndet; hinter dem Vorhang klopften und hmmerten die Theaterarbeiter, aber das Dirigentenpult war noch leer. Endlich kam er, der gefeierte Liebling der Musen, Rameau! Langsam schlngelte sich seine lange, biegsame Gestalt mit dem feingeschnittenen Kopf, leicht vorgeneigt, zwischen den Pulten hindurch. Er blieb hier und dort stehen, bltterte in den Noten und erteilte einige letzte Instruktionen an seine Leute. Zerstreut streiften seine Blicke durch die glnzende Versammlung, ohne zu sehen -- ganz erfllt von den Bildern seiner Phantasie! -- Er lchelte in sich hinein und versank in Trumereien, aus denen er dann und wann erwachte, um dem Publikum einen spttischen Blick zuzuwerfen. Er hatte noch nie eine solche Genugtuung empfunden wie heute. Von der Natur mit einem unbndigen Schaffenstrieb begabt -- mit einer nie versiegenden Ader genialer Einflle begnadet, hatte er sein Leben lang um ein einfaches Menschenrecht, sich nach seiner Veranlagung zu bettigen, kmpfen mssen. -- Erst mit der lieben Familie, die ihm das langsame und sichere Klettern nach dem tglichen Brote auf der gesellschaftlichen Himmelsleiter beibringen wollte, ihn ins Jesuitenkolleg steckte und ihm die Robe des Richters als Gipfel der Entwickelungsmglichkeiten anwies. Und dann, nach erfolgter Emprung und persnlicher Befreiung -- nach dem geistigen Wachstum im Zigeunerleben der freien Kunst, als herumstreichender Musikant und Geiger bei den ambulierenden Theatergesellschaften -- das nochmalige Einkapseln als ruhiges, gesetztes Mitglied der gttlichen Weltordnung! Aber jetzt als beamteter musikalischer -=Matre de plaisir=- und Modekomponist der verschrobenen Gefhle jener tausendkpfigen Bestie Publikum, die da in Samt und Seide, von Gold und Geschmeiden strotzend, gepudert, geschminkt und mit Schmuck behangen, auch modisch empfinden und konventionell seufzen wollte! -- -- Eine noch schlimmere geistige Knechtung und Gefangenschaft der Persnlichkeit als die, in die die Familie ihn eingekerkert hatte! Und jetzt wie damals ums tgliche Brot! Aber jetzt nicht mehr aus Unkenntnis der eigenen Krfte, sondern mit vollem Bewutsein und aus beginnender Schwche! Er hatte sich gefgt -- seine menschlichen Empfindungen modisch ausgeputzt und verschnrkelte Allegorien statt den einfachen Ausdruck natrlichen Gefhls gegeben! Statt als Bringer und Spender hchster Lebensfreude an die Herzen zu pochen und ihnen den Himmel des reinsten Glckes zu ffnen, hatte er sich dazu hergegeben, als Oberpriester ihres faden Gtzendienstes ihre Genusucht und ihre hohle Leichtfertigkeit zu beweihruchern. Die Gtter des Olymps, lngst aus dem realen Leben verbannt, herrschten noch unbeschrnkt auf den Brettern der Oper und harrten noch des musikalischen Molire, der ihnen zum Cancan aufspielen und sie in tollem Veitstanz nach dem Hades hinfegen sollte. Nur in ihrem Namen und mit ihrer Hilfe durfte er zu den Menschen sprechen! Das brachte einen Miton in seine Musik, aber auch eine unsagbare Sehnsucht, die einen jeden, auch den Oberflchlichsten, aufhorchen machte. -- Da war ein fremder Ton, ein einfacher Naturlaut, ein Widerhall lngst verschwundener Einfachheit unter der modischen Verschnrkelung -- ein Hauch des in der Materie gefangenen ewigen Lebens, das dumpf nach Befreiung seufzte und kaum noch zu hoffen wagte. Und das sollte heute endlich Luft bekommen! Wie ein jher Lichtstrahl die Nebel durchdringt und das wonnetrunkene Auge die Hhe des Himmels und die Unendlichkeit des blauen Weltraumes schauen lt, die einen da alle umgebende Kleinlichkeit vergessen macht, so durchschauerte es ihn, als er zum ersten Male Barberina gegenberstand. Ihre Jugendfrische, ihre seelische Unberhrtheit trotz aller Verdorbenheit, ihre Geisteshoheit, die Musik ihrer Bewegungen und ihres Mienenspiels berauschten ihn und machten sofort den Unwillen verstummen, den er, der gefeierte Meister, anfangs ber die Zumutung empfand, jener unbekannten Namenlosen die zu ihren Pirouetten gehrige Musik zu komponieren! Sein Herz tat sich weit auf, seine Seele flog ihr entgegen mit der herrlichsten Inspiration! -- Er lebte, die Gtzen verblaten -- das Gttliche selbst war ins Leben getreten, hatte sich erniedrigt, um wieder im beschwingten Flug den Weg nach oben zu zeigen und in alles aufwhlender Begeisterung die in ser Selbstbeweihrucherung hindmmernden Sinne zu erlsen! Und ihm war's gegeben, dazu aufzuspielen! Das war die Befreiung! -- Das war die Rache fr unwrdige Knechtschaft! Mit Feuereifer warf er sich auf die Aufgabe. Sein Genius war ihm hold, im Wonnegefhl des Schaffens berauschte er sich an dem seltenen Glck, in Barberina die leibliche Verkrperung seiner khnsten Trume von Grazie und beseelter Rhythmik gefunden zu haben. -- Und die sollte er heute vor aller Welt ins Leben rufen drfen! Sein Taktstock, der sonst dem verhaten Gttergesindel zum Paradetanz aufklopfen mute, war zum Zauberstab geworden, auf dessen Gehei die Nebel weichen mten, um die Krone der Schpfung -- den Menschen in seiner ganzen gottbegnadeten Majestt -- in Erscheinung treten zu lassen. Ob sie's auch begreifen wrden, jene entmenschten Modepuppen, die da hchstens den Kitzel ihrer Trgheit oder Frderung ihres Ehrgeizes suchten? Gleichviel, er wrde das Glck -- das groe, unermeliche Glck des Gebens haben und der voll empfangenen Gegengabe, einer gleichwertigen Genialitt, einer ursprnglichen, weil im vollen Menschentum wurzelnden Knstlerpersnlichkeit! Hinter dem Vorhang erschollen die blichen drei Keulenschlge, den Beginn der Vorstellung verkndend. Noch einmal berflog sein Blick die glnzende Versammlung, noch lchelte er spttisch ber seine Naivitt, dort offene Herzen finden zu wollen, dann klopfte er auf das Pult, das Spiel begann, und er war in einer andern Welt. Der Vorhang hob sich. Die Bhne stellte eine freundliche Gegend am Fue des Olymps dar. Hebe, die Gttergeborene, schwebte herein, von Momus, dem Gotte des Spottes und des Lachens, des Erdgeborenen, verfolgt -- schmollend ob des Befehls ihres Vaters Zeus, die himmlischen Gefilde zu verlassen, um den Menschen gttliche Freuden zu spenden. -- Sie wehrt sich -- der lachende Gott versucht ihr den Himmel auf Erden finden zu helfen, ruft die Grazien herbei, die hold lchelnd einhertanzen, Amors Kcher und Bogen bringen und das Nahen des ungezogenen Gttersprlings verknden. Amor stellt sich ein, denn -- wie Momus, des Lachens Gott, sagt -- Schnheit, Jugend und Liebe gehren zusammen. Hebe vershnt sich mit dem Erdendasein, und, ihrer Gttersendung eingedenk, ruft sie die thessalische Jugend herbei, um die Weihen der Liebe zu empfangen und das Reich Amors auf Erden zu errichten, wo sie, Hebe, als Knigin herrschen will. Amor ruft Zephir herbei, um sie, ihn und die Grazien nach einem glcklicheren Klima zu bringen. -=Volons -- volons sur les bords de la Seine=-, ruft sie als Parole aus, und Jugend, Schnheit, die Grazien, Amor, Polyhymnia, Terpsichore und smtliche benannten und unbenannten lyrischen Talente schweben hin zu den glcklichen Gestaden der Seine, um -=la gloire=- und -=la victoire=- zu beweihruchern. -- Hebe ladet zum Feste ein -- -=sur les bords de la Seine=- --, und die lyrischen Talente haben sich zu produzieren! Erst die Dichtung -- (-=la Posie=-)! Das erste Bild, nach dem olympischen Prolog, stellt dann ein nach der am Seinestrand gerade herrschenden hortikulturellen Mode schn zugestutztes Boskett in der -=maison=- der durch ihre Verse und ihr Liebesschmachten rhmlichst bekannten Dichterin Sappho dar. Denn -=la Posie=- ist feminin -- wenn auch nicht immer von lesbischer Extraktion. Thlme liebt Sappho -- Sappho liebt Alce, und jener verfolgt diesen mit schwarzer Eifersucht, schleicht sich auf der Jagd von dem Gefolge seines Gebieters, Hymas, fort, um die liebesschmachtende Sappho in ihrem Boskett zu berraschen und rasch die Stelle des abwesenden Alce einzunehmen. -- Vergebens wehrt sie seine Werbung ab -- schlielich greift sie zur List und verspricht, ihm zu gehren, wenn er den Knig herbeiruft, um einem Spiel ihres Talents zu lauschen. -- Er geht, den Auftrag auszufhren. Alce stellt sich ein und empfngt die Kunde des schwarzen Verrats seines Freundes sowie ihrer Hoffnung, durch ihre Kunst ihn zu entlarven und den Segen des Hymas fr ihre Liebe zu erringen. Sie ruft den Gott der Verse und der Poesie herbei. Der Knig Hymas naht mit seinem Jagdgefolge, und Sapphos Sklaven fhren dann eine Allegorie auf, wo eine Flunymphe vergebens den geliebten Bach herbeiruft, aber ihn schlielich, kraft ihrer Sehnsucht und dem sich gegen diese Verwsserung wehrenden Flugotte zum Trotz, dem Felsen entlockt. -=Je vous revois, je vous revois; tout cde a la douceur extrme de retrouver l'objet qu'on aime! J'ai vu troubler mes eaux des pleurs, des pleurs que j'ai verse! Perdons les souvenirs de nos tourments passs=- -- singen sie -- der Knig wird erschttert -- gerhrt -- exaltiert -- Mariniers und Marinires tanzen Menuette, Bourres, Rigaudons und Passepieds. -- Sappho darf sich eine Gnade fr ihre schne Allegorie erbitten und erbittet sich Alce. Treue Liebe hat gesiegt mit Hilfe der allbezwingenden Poesie -- der Chor singt: -=chantez Sappho, chantez sa gloire=- -- das Volk tanzt -- Najaden, Flugtter, das ganze mythologische Weltall jubiliert -- Amor regiert mit Hilfe der Dichtkunst. Im zweiten Bild tut er's mit Hilfe der Musik! Held Tyrteus, Befehlshaber der Lazedmonier, der die Kunst erfand, mit Hilfe der Musik den Mut der Krieger anzufeuern und sie im unwiderstehlichen Furor zu entflammen, wird von Iphis geliebt. Der Knig Lykurgos jedoch bestimmt, da dieser Sprling seines Hauses nur dem Besieger der Messenier angehren kann. Also mu der gute Tyrteus erst die Messenier, die selbstverstndlich bereits vor den Mauern Spartas darauf warten, besiegen -- Iphis mu nach allen Regeln der Kunst hold um ihn bangen und seufzen -- und Apollon um einen Orakelspruch bitten, der ihr auch prompt zuteil wird, aber so vorsichtig gehalten ist, da eine Allegorie ntig wird, wo Amor erst Apoll hereinschleppt, dann beide vereint den Mars, dann mit ihm zusammen eine Siegesgttin und zuletzt Hymen selbst -- um, ihr zu Trost und Erbauung, ein pas de cinq miteinander zu tanzen! -- Whrenddessen siegt Tyrteus, von ihren Gebeten und seiner musikalischen Schwarzkunst wacker untersttzt -- die siegenden Krieger tanzen eine triumphale Polonse -- die Liebenden haben sich, alles lst sich in Wohlgefallen auf, Rigaudons, Menuette, Passepieds, Tamburine lsen sich ab -- Amor triumphiert, und -=ad majorem gloriam suam=- sollte der Vorhang fallen, um sich fr das von Terpsichore allein beherrschte Schlubild des Balletts wieder zu heben -- da setzte die groe berraschung ein, die Rameau fr sein Publikum bereit hielt! Statt der traditionellen Gttin des Tanzes trat der Tanz selbst, das Mysterium der alle Materie besiegenden Bewegung, in Erscheinung -- die Natur selbst erhob ihre Stimme -- die nachgeschaffenen Gtter des Olymps schwiegen und schlichen beschmt davon! Die Bhne verdunkelte sich -- wallende Nebelschleier verdeckten alles -- aus dem Orchester wogten sie herauf, von leisen Arpeggien der Harfe getragen, und betubten alle Sinne! Da -- ein Lichtstrahl -- ein paar Tne der Flte hpften hervor -- andere hinterher -- sie haschten sich, formten sich zum Tanz, zur Melodie -- von den wogenden Wellen der Harfenklnge getragen, trieben sie suchend hin und her und lockten -- da -- ein schwacher Schein, der sich langsam erhellte, um allmhlich eine Gestalt aus dem Schatten herauszumodellieren -- _=Barberina=_ stand da, in der ganzen Majestt ihrer jungen Schnheit! Der Inbegriff aller Talente -- _=der Mensch=_ war da! Licht und Tne hatten ihn aus dem Chaos geschaffen -- in schmeichelnden Rhythmen aus den formlosen Nebeln heraus gestaltet! Halb verschleiert stand sie da, feierlich, unbewegt, in der ersten Lebensdmmerung, leicht vornbergebeugt, den sanften Tnen der Flte lauschend, die aus ihrem Innern den Widerhall der ersten unbewuten Sehnsucht wachriefen, aus der heraus die Starrheit sich allmhlich in Bewegung auflste und in suchendes, tastendes Schreiten umsetzte, das, noch ohne Ziel, nur der inneren Mahnung gehorchend, den wogenden Rhythmen nachgab und sich von ihnen treiben lie. Dann ein leises erstes Aufatmen -- die geheimnisvoll klagenden Klnge verstummten, die Tonwellen sanken in sich zusammen und gltteten sich aus in einer endlosen Fermate in zart schillerndem Dur, Hornklnge aus der Ferne schwollen mchtig an, rtlich glhte der Morgen hervor, ber die Geigen ein leises, schnelles Huschen wie ein jh erwachter Frhlingswind, der durch das Schilf streicht und die Flche kruselt. Der endlose Passagenflu gliedert sich in Rhythmen -- immer schneller jagen die Tonwellen dahin, immer sonniger leuchtet das Licht -- der Tag ist da -- sie erwacht, blickt geblendet die neugeschaffene Welt an, sieht mit sehnenden Blicken, begehrt nach deren Besitz, ffnet die Arme, um das Leben zu umschlingen -- gleitet zaghaft hin und her -- bald neugierig suchend -- bald furchtsam zusammenschauernd -- bald freudig sich an den Farben und Dften des Frhlings berauschend, dann im jhen Schrecken erstarrend, als aus dem nchsten Gebsch mit khnem Sprung ein fremdes Wesen auf sie einstrmt und in lsternem Kreisen um sie herumschleicht, nach ihr greift, aber nicht wagt zuzupacken. Der Mann ist in ihr Leben getreten! Liebegirrend umschmeichelt er sie und sucht ihr die Schreckensstarre abzuschmeicheln! Halb neugierig, halb scheu lchelt sie ihn an. -- Er wird dreister -- erhascht ihre Hand, kt sie, lt wieder los und fhrt zurck! Denn die Berhrung seiner Lippen hat die Starre gelst -- sie weicht aus, er folgt -- das Spiel macht ihr Vergngen -- sie lacht laut auf -- neckt ihn -- lockt ihn heran und stt ihn ab, sooft er sie zu ergreifen sucht. -- Immer dreister wird er -- immer zudringlicher sein Werben -- immer strmischer sein Angriff -- immer verlockender ihre Abwehr -- bis pltzlich die Angst sie packt und sie in jher Flucht pfeilschnell davonwirbelt! -- Hin und her geht die Jagd, von eilenden Rhythmen vorwrts gepeitscht, bis er sie endlich im allen Widerstand niederwerfenden Ansturm packt, sie hoch ber sich erhebt und die verzweifelt sich Wehrende in den Wald trgt. Hohnlachend setzt der Chor der Waldgeister ein -- unsichtbar und berall anwesend erleben sie den Liebeskampf mit und begleiten mit kurzen, gellenden Schreien die Orgie, die jetzt im Orchester einsetzt, als die beiden, bekrnzt, halb nackt, mit flatternden Locken und wehenden Gewndern hereinstrmen im tollsten Bacchanal -- ganz Werben und Gewhren, ineinander Aufgehen und Verschmelzen -- in einem Sturm der Bewegung, der ihn schlielich erschpft hinwirft, whrend sie sich, im Vollrausch der Lebenslust, aufreckt, triumphierend die Hnde gegen den Urquell alles Seins emporstreckt und dem niedergerungenen Faun, dem sie erlag und den sie erliegend besiegte, den Fu auf den Nacken setzt. Fossano -- denn er war's --, Fossano war besiegt, sein Schicksal besiegelt! -- Und nie wieder sollte er den Kopf ber sie erheben, nimmermehr sie als Schlerin meistern! -- Sie war ihm Meisterin geworden, sie war jetzt Herrin -- war alles -- er nichts! Er empfand es, wie er dalag und aus den Beifallsrufen drauen im Zuschauerraum nur den Namen: Barberini! heraushren konnte. Zhneknirschend sprang er auf, als der Vorhang fiel. Sie verstand das nicht gleich. Freudestrahlend schleppte sie ihn immer und immer wieder mit hervor! -- Und erst als auch sie immer nur ihren eigenen Namen von drauen rufen hrte und er sich losri und in Wut von ihr wegstrzte, da verstand sie, da sie jetzt oben war -- sie allein, und er besiegt, abgetan -- ihr Partner nur, den sie zum Gegentanz bentigte, aber auch, wenn's ihr gefiele, verabschieden und durch einen anderen ersetzen konnte! Triumphierend blickte sie zu ihm hinber. Es kam ein unheimliches Leuchten in ihre Augen, die Lippen kniffen sich dnn zusammen, etwas in ihr emprte sich jh gegen ihn -- es war ihr nicht klar warum, aber sie hatte die bestimmte Empfindung, noch ein groes Unrecht an ihm rchen zu mssen! Im Augenblick schwand die Aufwallung, kaum gekommen. Denn jetzt drngte sich alles um sie. Die elegantesten Kavaliere der Hofgesellschaft eilten auf die Bhne, bestrmten sie mit Komplimenten, mit den berschwenglichsten Lobeshymnen -- die ganze griechische Mythologie, kaum in die Flucht geschlagen, schwirrte aus allen Ecken und Enden herbei, um die galanten Herren mit den geziemenden Ausdrcken der Begeisterung zu bedienen! -- Kythera, Amor, Hebe, Diana und smtliche Grazien waren nichts gegen sie, deren Anmut und Schnheit und unvergleichliche Tanzkunst man hoch ber den hchsten Olymp hob, um sie in liebegirrenden Interjektionen zu beweihruchern, so der Adoration gnstig zu stimmen und in das Garn der allerirdischsten Wnsche zu verstricken! Sie empfing die verlockendsten Anerbietungen von rechts und von links -- lchelnd stand sie da und hrte allen zu, aber erhrte niemand -- sobald es irgend ging, stellte sie sie einen nach dem anderen der Mama vor. Und die Mama war ganz Ohr und flo ber vor Wonne und freundlichstem Entgegenkommen! So umschwrmt von Kavalieren war sie in ihrem Leben noch nie gewesen! -- Sie war lauter Aufmerksamkeit, prgte sich all die fremden Namen und Gesichter ein, sagte zu allem ja und amen und versprach auf ihre Ehre jedem einzelnen, ihm bei der nchsten Vorstellung Zutritt in die Garderobe ihrer Tochter zu verschaffen. Heute ginge es nicht an! -- Denn der Neid der Kolleginnen htte dem Neuling die schlechteste Garderobe eingerumt, wo man kaum Platz htte, sich umzudrehen, noch weniger, Besuche zu empfangen! Das wrde aber bis bermorgen anders werden, und dafr wollte Mama Campanini sorgen! Ganz Paris liegt Ihnen zu Fen, Signorina, lispelte der Prinz von Carignan, der sich zu guter Letzt den Komplimenten des Publikums entzogen hatte, um sich auf die Bhne zu begeben und Unheil zu verhten. -- Ganz Paris wird morgen von nichts als von Ihnen reden! Sie werden bei Hofe tanzen! Auf Ehre, ich setze es durch! Aber wir mssen fr Sie sorgen! In allem Ernst, Sie mssen Ihrer neuerrungenen Position gem auftreten knnen! Sie mssen imstande sein, die Hofgesellschaft zu empfangen -- mssen kleine Gesellschaften -- kleine intime Soupers geben -- mssen ausfahren knnen! -- Nun, das lassen Sie meine Sorge sein! -- berlassen Sie sich nur meiner Fhrung -- vertrauen Sie sich nur mir an -- _=nur mir=_ -- ganz mir! Seien Sie meine Freundin -- _=allein meine=_ Freundin -- und ermglichen Sie es mir, so fr Ihre Karriere zu wirken, indem Sie mir das Vorrecht geben, ganz fr Ihr Leben zu sorgen! -- Nicht wahr, se Barberina? lispelte er und fhrte ihre Hand an seine Lippen. -- Nicht wahr, Sie wollen mir vertrauensvoll Ihr Herz ffnen? Hoheit gestatten? sagte Barberina und zerrte ihre Mutter vor. -- Hoheit gestatten -- -- meine Mama! Und Mama machte ihr tiefstes Kompliment -- Hoheit hatte die Gnade, es zu bemerken -- er hatte auch die Gnade, ihr einige Fragen zu stellen, die so prompt und befriedigend beantwortet wurden, da er sie bald abseits winkte und sich herbeilie, ihr sehr diskrete Instruktionen zu geben, die sie, beglckt lchelnd, unter vielen Verneigungen empfing und gehorsamst zu befolgen versprach. -=Adieu, carissima!=- lispelte er dann nochmals im allergndigsten Ton Babara zu. Ich sehe, wir werden schon einig! Finden Sie sich morgen bei meinem Lever ein mit Ihrer Frau Mama! Wir werden dann Ihre Gagen- und anderen Verhltnisse besprechen und zum allerbesten ordnen! Noch einmal mein Kompliment! Sie haben famos getanzt! Ihr Debut war entzckend! Ein Triumph sondergleichen! Er ging ein paar Schritte und wandte sich dann um. Apropos! sagte er und winkte sie nher. Fast htte ich's vergessen: -- Bachelier war da -- der erste Kammerdiener des Knigs! Er war sehr befriedigt -- wirklich sehr entzckt! Sie knnen was darauf geben! Er ist ein Connaisseur! Stellen Sie sich gut mit ihm, falls Sie die Gelegenheit haben sollten! Seine Protektion ist nicht zu verachten! Ich habe schon verschiedene Eventualitten mit ihm besprochen! -- Er wird dem Knig ein Wort sagen -- er wird hoffentlich bald von sich hren lassen! -- Ich denke -- nach der bersiedelung des Hofes nach Fontainebleau, bei einem der groen Gartenfeste, werden Sie Gelegenheit haben, den Knig mit Ihren Pirouetten zu bezaubern! Nun, warten wir es ab! Erst bringen wir all das andere in Ordnung -- dann wollen wir sehen! -=Au revoir=-! Und gndig winkend, entlie er die beiden Campanini, die jetzt endlich Zeit fanden, sich in die Garderobe zurckzuziehen. Da gab's gleich mtterliche Ermahnungen und Gefhlsausbrche durcheinander. -=Mia cara figlia!=- -- Alles ist von dir begeistert! -- Man rast vor Entzcken! -- Die stolzesten Namen Frankreichs haben sich bei uns eingeschrieben! Die elegantesten Kavaliere von Paris! -- Entzckende, grazise Leute sind das! Die Edelknaben Parmas sind die reinen Bauerntlpel gegen sie! -- Was uns da alles an Anerbietungen gemacht wurde! -- Da gilt's aber aufzupassen und vorsichtig zu sein! -- Ich werde schon meine Augen gebrauchen! Ich werde mich nach den Messieurs erkundigen! Verla dich darauf! -- -- Hast du dir auch die Namen gemerkt? Keinen einzigen! Keinen einzigen! -- Entzckend! -- Keinen einzigen hat sich das Kind gemerkt! -- Und dabei sind das Namen, die die ganze Welt kennt! -- Hre nur zu! Sie lie eine ganze Flut von Namen hervorwirbeln. Grafen, Herzoge, Prinzen von Geblt schwirrten der Tochter nur so um die Ohren! -- Schweigend sa sie da und ordnete selbst ihre Frisur. Denn eine Zofe hatte sie noch nicht. Morgen -- morgen wird alles in bester Ordnung sein! Nichts brauchst du dir abgehen zu lassen, wenn du nur auf mich hrst! sagte die Mama, bedeutungsvoll lchelnd. -- Da du mir aber keinem von all den Herren auch nur das geringste versprichst! Sei nur ruhig! Keinem von all den Messieurs, wie verlockend sie dir auch kommen! Sei freundlich zu ihnen allen! Ohne Ausnahme freundlich! Sag keinem ein Ja, aber auch kein Nein! -- La sie glauben, was sie wollen -- hre liebenswrdig zu und stoe sie nicht vor den Kopf! Werden sie aber zudringlich -- wollen sie Antwort auf der Stelle, dann schicke sie nur zu mir -- schicke sie berhaupt alle, ohne Ausnahme, zu mir! Mit Wonne! Es ist schon besser so! -- Ich wei sie richtiger zu behandeln -- ich sehe gleich, was an ihnen ist -- ich lenke schon alles zum besten! -- Zunchst kapern wir den Prinzen von Carignan! Der zappelt schon im Netze -- den hast du schon bezaubert! -- -- Kind -- wenn du wtest, wie du mich heute glcklich gemacht hast! Und sie flo ber vor Rhrung. Ja, Signore Fossano, fuhr sie den jetzt eintretenden bisherigen Beschtzer an und nahm die Nase hoch, Ihr seid jetzt distanziert! -- Jetzt sollt Ihr's nur versuchen, dem armen Kinde die Siegesfreude zu dmpfen wie damals nach ihrem ersten groen Siege als Psyche! -- Wie hat sie sich dann ducken mssen! Ins Herz hat's mir geschnitten, sie so grausam um die erste groe Freude ihres Lebens gebracht zu sehen! -- Jetzt lassen wir uns aber nicht mehr dpieren, Signore -- jetzt seid Ihr der Dpierte! Ihr habt heute ausgespielt! Meint Ihr? lchelte Fossano ironisch. Nun, wer fragt wohl nach Euch? -- Hat jemand auch nur ein einziges Wort an Euch gerichtet? -- Hat man drauen ein einziges Mal >Fossano< gerufen? -- Wo blieb Eure groe Beliebtheit beim Publikum, mit der Ihr Staat machtet? -- Wo blieb auf einmal die Berhmtheit? -- Nein, uns imponiert Ihr nicht mehr! Ich sehe es, sagte Fossano. Ich erwarte auch gar nichts von Euch, Signora! Babara aber wird nicht vergessen, wer es war, der ihr den Weg zum heutigen Triumph geebnet hat! -- Sie wird sich nicht der Dankespflicht entziehen, mir fr die Mhe und die Arbeit, die ich mir mit ihr gegeben habe, erkenntlich zu sein! -- Sie wird ihres Versprechens eingedenk bleiben, mir zu gehorchen und sich meiner Fhrung ganz anzuvertrauen! Wir brauchen keine Fhrung! Wir wissen uns jetzt selbst zu helfen, sagte die Domina brsk. Gewi, wir sind Euch Dank schuldig, Signore -- wir vergessen's nicht -- wir sind nicht undankbar! Wir werden auch alles fr Euch tun, was wir nur tun knnen! Unserer Protektion knnt Ihr jederzeit gewrtig sein! Es machte ihr eine grausame Freude, ihm das alles zu sagen. Sie hatte sich so lange vor ihm ducken mssen, da sie lieber ihr Leben gelassen, als die Gelegenheit versumt htte, sich gegen ihn aufzulehnen. Und auch Babara war es aus dem Herzen gesprochen. Jedes Wort richtete sie innerlich auf -- fr jeden Hieb, den die Mutter ihm versetzte, fiel eine von den tausend Fesseln, die sie an ihn ketteten. Bis auf die letzte! Und die lste er selbst! Nicht wahr, Babara, sagte er und verbi seine Wut ber die Ungezogenheit der alten Frau, nicht wahr, du hast noch etwas brig fr mich? -- Du bleibst mir treu? -- Du hast noch ein wenig Dank fr meine groe Liebe zu dir? Er trat an sie heran und legte die Hand um ihre Schulter. Da fuhr sie auf, wie von einer Schlange gebissen, und schlug ihn mit dem Handtuch, mit dem sie sich die Schminke abgewischt hatte, ins Gesicht. Ich hasse dich! rief sie mit zornbebenden Lippen. Ich hasse dich und werde nie damit aufhren! Fr jeden Schritt, den ich noch machen mu auf dem Wege, auf den _=du=_ mich gefhrt hast, werde ich dich verfluchen und verabscheuen! Was ich habe, habe ich nicht von dir! Hast du mir aber geholfen, mich da zurechtzufinden -- hast du mir das Hchste, das Heiligste im Leben gezeigt und mich es schtzen gelehrt, so hast du's getan, nur um es mir beschmutzen zu knnen! Jetzt bin ich drin -- jetzt bin ich da, wo du mich haben wolltest! La mich jetzt zurechtfinden, so gut ich kann! Deiner bedarf ich nicht dazu! Komm mir jetzt nicht zu nahe! Geh! Hinaus -- hinaus! Und sie trieb ihn, der sie mit weit offenen Augen anstaunte, rckwrts gegen den Ausgang und aus der Garderobe. In der Tr stie er mit Rameau zusammen, der kam, um sie zu beglckwnschen, und so den ganzen Auftritt mit angehrt hatte. Fossano drngte sich an ihm vorbei und ging schnell, hinter einem hhnischen Lachen seine Verlegenheit verbergend. Armes Kind, sagte der alte Meister und streichelte ihre Hand, wie schmerzt es mich, auch bei dir diese Erfahrung machen zu mssen! Nicht nur der Triumph -- auch die entwrdigendste Erniedrigung ist dir geworden! Das ist die Kehrseite der Knstlerschaft, deren Herbheit keinem erspart zu bleiben scheint! Du wrest eines besseren Schicksals wert! Sie machte ihre Hand los, um ihre Trnen abzutrocknen. Ihre Lippen bebten noch vor Aufregung. Recht so! setzte er fort, nur dagegen ankmpfen -- aus allen Krften dagegen ankmpfen! -- Mut du auch um die Gunst Fortunas buhlen -- mut du, wie die meisten Knstler, _=den=_ Preis zahlen, um das Recht, dich zu geben, zu erringen, so versuch wenigstens, dein Ureigenstes, deine Psyche rein und unbeschmutzt zu erhalten! Halte wenigstens den Trieb, dich in deiner Kunst zu geben, rein und unberhrt von den Verlockungen der Welt! Sonst ist's um dich geschehen! Nur ruhig, Herr Musikmeister, sagte die Domina, sie wird schon ihren Weg machen! Da habt blo keine Angst! Sehr -- sehr viel Angst habe ich um sie! Denkt Ihr, ich kmmere mich um die erste beste? Hier steht aber etwas ganz Seltenes -- etwas in der Kunst noch nicht Dagewesenes auf dem Spiel! Das darf nicht gemibraucht und durch den Schmutz geschleift werden! Da ist's heilige Pflicht zu reden! Und Ihr knnt Euch auf mich verlassen! Ich habe die bittere Erfahrung, die Ihr auch haben werdet, reichlich auskosten mssen! Um Gelegenheit zu haben, ein einziges schnes Lied zu singen und, ohne Rcksicht auf den Geschmack anderer Leute, mich voll und ganz in meiner Kunst zu geben, habe ich auch die Fratzen machen mssen, die die Welt sehen will! Nun, dafr wurdet Ihr bezahlt! Gewi, Signora! Aber -- ist man echt, kann man sich auch dann nicht ganz verleugen! Kunst wird eben alles, woran der echte Knstler rhrt! Und es lebt, tant mieux, auch wenn die unsauberen Wnsche der Welt daran kleben! Die Gefahr ist, dabei der Welt zu unterliegen, zu versumpfen, zu verden und seelisch abzusterben! -- Da heit's kmpfen -- mit aller Macht, auch im Versinken, zur Hhe wollen! -- Denn schlielich kommt doch der Moment der Befreiung, wo man auf einmal die Fessel abwirft und gegen die Sonne fliegen kann, wenn der Trieb hinauf noch lebendig blieb! Das ist das Wesentliche! Alles andere ist nur Nebensache! Und daran wollte ich eben mahnen, gerade jetzt, mitten im Triumph, wo die Versuchungen von allen Seiten auf Euch einstrmen! Nehmt _=den=_ Wunsch fr Euer Wohlergehen von einem alten Knstler an, der in Eurer Kunst eine der schnsten Offenbarungen seines Lebens gesehen hat! Er kte ihr die Hand und ging bewegt. -- -- Die Signora brummte: Sie sind sich alle gleich! Neidisch, mignstig, der eine wie der andere! Immer kommen sie und suchen die Siegesfreude zu dmpfen! Nichts gnnen sie dir! Aber Babara hrte nicht zu. Sie stand da, in Gedanken versunken. -- Sie war wieder im Dome zu Parma. Goldig strmte das Licht aus der Kuppel auf sie herab, und sie blickte wieder voll Sehnsucht hinauf zu den Glcklicheren, die befreit gegen das Licht hinaufschwebten, und wollte mit in ihren Reigen -- fort von allem, was sie hier unten fesselte! Die von Herzen kommenden Worte des alten Musikmeisters waren ihr ins Herz gedrungen und hatten da eine Saite vibrieren gemacht, die fortan den Grundton ihres ganzen Wesens angeben sollte. Sie fhlte sich wieder sicher -- sie wute, wohin! Und alles andere, wie es auch kommen mochte, wurde ihr gleichgltig. Sie dachte nicht einmal daran. Um so mehr tat es aber die Mama! 9 Im kniglichen Schlafzimmer des Schlosses zu Fontainebleau waltete noch Gott Morpheus seines Amtes. --Allerdings nicht ganz gehorsamst! -- Denn der allerchristlichste Monarch -- Ludwig der Vielgeliebte -- war zu seinem eigenen Entsetzen lngst wach. Mde von den Jagden des vorhergehenden Tages, hatte er beschlossen, sich heute grndlich auszuschlafen. Aber drauen schien die Sonne, die Vgel zwitscherten, und auch das allerhchste bse Gewissen lie seine Stimme hren. Laut und vernehmbar sprach es, und weit respektloser, als es der Gemtsruhe -- oder, sagen wir, dem Schlaf -- eines groen Knigs zutrglich war. Er, dessen Macht unbegrenzt war, konnte nichts dagegen tun. Er hatte am Abend befohlen, da es heute erst viel spter Tag werden sollte bei ihm. Und das Wort eines Knigs ist heilig! Er mute sich also mit seinem bsen Gewissen abgeben, ob er wollte oder nicht. Jeder Versuch, einzuschlafen, war vergeblich! -- Drehte er sich auf die linke Seite, so flsterte es ihm ins rechte Ohr, und er hrte die Stimme seines Erziehers, des guten Kardinals Fleury, wie sie sich in ernster Mibilligung seines sittenlosen Lebens erging; legte er sich aufs rechte Ohr, so raunte es ihm ins linke von dem schweren Unrecht, das er seiner getreuen Gemahlin, der guten Knigin Maria Leszczynska, antat, als er ihr eine Nebenbuhlerin nach der anderen bescherte; und begrub er den Kopf ganz in den Kissen, dann summte ihm ein ganzer Schwarm zrtlicher Frauenstimmen um den Kopf und zauberte ihm wollstige Bilder vor. -- -- Es war zum Wahnsinnigwerden! Und doch war etwas dabei, was ihn gewissermaen beruhigte. -=In puncto=- Regieren war sein Gewissen rein! -- In der Beziehung schwieg die mahnende Stimme. Er war also ein ausgezeichneter Knig! -- _=Menschlich=_ vielleicht nicht ganz einwandfrei -- aber sonst -- -- wer knnte ihm etwas vorwerfen? Er fhrte ja die Geschfte nicht selbst -- er kmmerte sich fast gar nicht um die ganze Geschichte, _=konnte=_ also unmglich den geringsten Fehler begangen haben! -- Das besorgten schon die Minister! -- Das auch! -- Mein Gott -- wozu waren sie schlielich da?! Aber die Weiber! -- Da war etwas dabei, was ihn zum mindesten beunruhigte! Er liebte sie -- er verehrte sie! Und schlielich sollte das den holden Schnen gengen! Aber sie wollten mehr! -- Sie wollten Macht -- oder andere wollten sie durch sie! -- Wenn er da nicht von vornherein aufpate, wrden sie ihn schlielich zwingen, in hchsteigener Person etwas zu _=wollen=_ -- ja, gar zu regieren! -- Und da wre es um seine Ruhe geschehen! Der Gedanke erschreckte ihn so, da er sich pltzlich im Bette aufsetzte und nach der brillantierten Uhr auf dem Nachttische griff. Noch eine ganze Stunde bis zu dem fr das Lever festgesetzten Glockenschlag! Seufzend warf er sich wieder im Bette zurck und nahm sich vor, mit dem bsen Gewissen aufzurumen. Mit der Knigin wurde er am schnellsten fertig. _=Erstens=_ war er nicht nur Knig, sondern auch ein Mann von Welt und hatte also gewisse Privilegien in amoursen Dingen, die sie als Frau und fromme Dienerin der Kirche nicht begreifen konnte oder durfte, und die er ihr also nicht klarzumachen brauchte! _=Zweitens=_ hatte sie die nicht ganz einwandfreie Gabe, ihm Tchter zu bescheren. Manchmal sogar zwei auf einmal! -- Zum mindesten war das langweilig! Und die Langeweile war nicht seine Sache! _=Drittens=_ -- und das war das schlimmste -- war sie, wenn auch unfreiwillig, die Veranlassung zu einer hchsteigenen Willensuerung, ja zu einer persnlichen Regierungshandlung Seiner, in dieser Hinsicht uerst mavollen kniglichen Majestt gewesen! Er hatte ihretwegen seinen Premierminister und lieben Vetter, den Herzog von Cond, hchstselbst zum Teufel gejagt, sobald er merkte, da dieser, im Verein mit seiner Geliebten, Madame du Prie, ihm die Maria Leszczynska als Knigin zugefhrt hatte, nur um durch sie Einflu auszuben! -- Allerdings merkte er's erst nachtrglich, mit Hilfe seines getreuen Richelieu! -- Aber es hatte die Bedeutung einer Katastrophe seines Gemtslebens gehabt! Seit dem Augenblick war das Mitrauen wach und verleidete ihm auch jede illegitime Liaison! Die gute du Mailly und ihre Schwestern, die sich mit ihr in sein Herz teilten, reprsentierten ebenso viele herrschschtige Cliquen des hohen Adels! Und was nach ihnen kme -- wer knnte wissen, was das mit sich brchte?! Sie wrden ihn zwingen, sich im Kreise der Brgerschaft eine Freundin zu whlen, damit er Ruhe htte! Allerdings drngte sich auch da bereits jemand an ihn heran! Die kleine d'Etioles -- die geborene Poisson -- wer konnte wissen, ob sie nicht auch von irgendwelchen Kreisen geschoben wurde? -- Bachelier wute da so viel Bedenkliches zu erzhlen! Auch da galt es, sich in acht zu nehmen! Wo er sich auch hinwandte, berall flsterte man ihm bald ber diese, bald ber jene Schnheit Empfehlendes zu! Richelieu hatte einen unerschpflichen Vorrat an Protegs, fr die er pldierte! Und seit einiger Zeit lag ihm, zum berflu, noch der Geck Carignan in den Ohren mit jener Tnzerin, von der ganz Paris sprach! -- Man wrde sie wohl ansehen mssen! -- Aber nur ansehen! Denn in betreff jener Dame schwieg das Mitrauen Bacheliers total! -- Er nahm sich sogar heraus, Zuversicht zu uern -- ja, begeistert von ihr zu reden! -- Das war gefhrlich! Der Hter des allerhchsten Mitrauens funktionierte nicht mehr! Da galt es aufzupassen! Jene Dame durfte also gar nicht in seine Nhe! -- Sie sollte nie bei Hofe tanzen! -- Niemals! Er setzte sich wieder auf. Wozu hier liegen und sich wegen der eigenen Weibergeschichten Gedanken machen?! -- Er war ja der Knig! -- Er hatte sich also vor allem mit dem Sndenregister seiner lieben Untertanen zu befassen! Das war doch seine landesvterliche Pflicht! Man durfte nicht nur an sich selbst denken! Wenn er aber an seine Landeskinder dachte, da schwieg das hchsteigene bse Gewissen vollends! Denn was _=die=_ Leute zustande brachten, das spottete jeder Beschreibung! -- -- Allerdings fingen die Nachrichten an, in der letzten Zeit sprlich zu flieen! -- Das Schwarze Kabinett lieferte auf einmal nur politische Nachrichten -- statt der befohlenen Resmees aus den tglichen Liebesbriefen! Der Generalpostmeister war wohl amtsmde? Ob gestern auch nichts passiert war? -- -- Das mute er sofort wissen! Bachelier! rief er. Aber niemand hrte. Kein Bachelier meldete sich. Entgegen aller Etikette warf der Knig die Decke ab, setzte sich auf, warf hchstselbst den Schlafrock um, ging zur Tr, ffnete sie und rief: Bachelier soll kommen! -- Eilte dann wieder zum Bette, schlpfte in die Pfhle zurck und wartete den Effekt ab! Bachelier kam atemlos herbeigestrzt und wurde sehr unsanft empfangen. Man mu ein Knig von Frankreich sein, um so schlecht bedient zu werden! -- Wir mssen uns selbst aufwarten -- mssen aus dem Bette steigen -- allein, ganz allein! Wir mssen sogar rufen! Wenn wir hier verrecken, kein Mensch kmmert sich darum, kein Mensch ist da! Obwohl wir das Haus voller Tagediebe haben! -- Sonst lauschst du immer an den Tren! Majestt wollen gndigst verzeihen! Ich hatte aber strengen Befehl, erst um elf anzuklopfen! Und wenn ich nun um zehn sterbe? Der Himmel bewahre uns vor dem Unglck! Du bedienst uns schlecht, Bachelier! Wir sind mit dir unzufrieden! Seit einer Woche hast du uns nichts zu erzhlen! -- Wenn du wenigstens so viel Eifer zeigtest, uns den Bericht des Generalpostmeisters zu bringen! Aber auch da mssen wir erst befehlen! -- Schnell, den Bericht -- oder -- und die Blicke des Knigs wurden scharf und stechend -- oder sollte auch gestern in meinem Lande nichts vorgefallen sein? Sind wir nach einer Wste verschlagen -- von lauter Schlafmtzen umgeben? -- Sind meine Granden alle heilig geworden? Alles andere, nur das nicht! Sie sind so unternehmend wie immer! Gott sei Dank! Wir frchteten schon, der einzige zu sein, der hier etwas Courage htte! Denke dir, Bachelier, wir liegen hier seit Stunden und ngstigen uns wegen der paar Weibergeschichten, die wir uns geleistet haben! Wir muten bses Gewissen erdulden -- wir kamen sogar in Versuchung, uns schwer schuldig zu fhlen -- blo, weil das Schwarze Kabinett seit geraumer Zeit von andrer Leute Laster schwieg -- wir muten uns geradezu als einziger Snder in ganz Frankreich vorkommen -- wir haben Hllenqualen gelitten! Entsetzlich! Nicht wahr?! Da ist es doch zu verstehen, wenn wir so etwas wie Neugier empfinden! Und du lt uns warten! Ich bitte alleruntertnigst, Gnade walten zu lassen! Es soll nie wieder vorkommen! Fr diesmal denn -- wenn du endlich zu berichten beliebst! Befehlen Majestt erst das Resmee der gestrigen Begebenheiten -- oder den Bericht des Postmeisters? Erst das Resmee! Ich gestatte mir denn alleruntertnigst zu melden, da Mademoiselle, Madame du Charolais -- -- Von Mademoiselle wollen wir nichts wissen! Sie ist unsere Freundin! Eben! Und da ist es von Gewicht, da sie gestern gebeichtet hat! Kennt man die Beichte schon? Zu dem Zwecke hat sie sie ja abgelegt! Was hat sie denn gestanden? Fr ihre Person nichts! Sie beichtet ja nur die Vergehen ihrer Freunde! Himmel, wie wird sie mich denn beim lieben Gott blamiert haben! -- Daher das bse Gewissen zu solch ungelegener Zeit! Wer war denn ihr Beichtvater? Wer denn sonst, als der Mitwisser aller Boudoirgeheimnisse -- der treue Freund und Berater aller galanten Damen von Welt -- -- Abb Bernis? Sehr richtig. Dann ist Gefahr im Verzug! -- Schnell ein -=lettre de cachet=-! Ich war schon so frei, es mitzubringen! Du bist ein getreuer Diener, Bachelier! Rasch, flle es aus! Es ist bereits geschehen! Sieh nur, wie eifrig! Ja, bist du denn sicher, da wir ihn nicht zum Minister machen wollen? Ich gestatte mir sogar, gehorsamst anzunehmen, da er einmal ein sehr hohes Staatsamt bekleiden wird! Und trotzdem schickst du ihn in die Bastille? Nicht trotzdem, sondern zu dem Zweck! Damit er beizeiten dem allerhchsten Willen gefgig wird! Sehr gut! Schicke ihn also hin! Er ist schon da! Das auch noch! Sage mir, Bachelier, wen verdammst du noch dazu? Erledigen wir erst die Bastille! Wen schicken wir heute noch hin? Den Dichter Voltaire! Was hat denn der verbrochen? Er hat sich gestern auf offener Strae durchprgeln lassen! Nun, dann hat er ja, was er braucht! Zu Befehl, Sire! Diesmal war er aber unschuldig! Er hat sooft keine Prgel bekommen, wenn er welche htte haben mssen! Und schlielich: wenn er in die Lage kommt, welche zu bekommen, dann hat er sie sicher verdient! Er scheint anderer Ansicht zu sein! Er schickt uns diese Bittschrift! -=Ad acta=- legen! Dieser suffisante Mensch! Er _=hat=_ seinen Teil, und er suppliziert noch! Er maltrtiert uns! Von der ffentlichen Ordnung nicht zu reden, die er durch den Skandal gestrt hat! In die Bastille mit ihm! Zu Befehl, Sire, es ist ihm schon besorgt! Sag mal, Bachelier, es wird wohl gut sein, wir schicken dich auch hin! Du wirst schon dreist! Bachelier zitterte -- lchelte aber gehorsamst mit, da der Knig selbst bei dem Gedanken lachte. Das wre schon das beste, Bachelier! Aber wer schickt mir denn die anderen hin? Sei also unbesorgt! Und jetzt den Bericht des Generalpostmeisters! Wer figuriert auf der Liste heute? Richelieu? Leider nicht! Der Graf von Sachsen? Auch nicht! Unser Vetter de Chartres? -- Der Prinz de Conti? Der Herzog de la Vallire? -- d'Argenson? -- Maurepas? Seine Exzellenz der Marineminister, ja! sagte Bachelier, der bei den anderen Namen den Kopf geschttelt hatte. -- Die hohen Herren sind alle in der Benutzung der Post sehr vorsichtig geworden! Wenn sie nicht gerade andere kompromittieren wollen, senden sie jetzt alles durch Boten! Und warum macht Maurepas da eine Ausnahme? Damit man wei, da auch er zu den Verehrern der Tnzerin Barberini zhlt! Jene Tnzerin, von der alle Welt -- und auch du -- uns vorschwrmt? Ganz recht! Sie scheint hier zu gefallen? Alles liegt ihr zu Fen! -- Das heit, alles, was sich die Erlaubnis der Frau Mama zu erwirken vermochte! Und das sind viele! Wer? Offiziell nur Seine Hoheit der Herr Prinz von Carignan! Das lt sich denken! Sie ist also seine Geliebte geworden? Seine Hoheit hat ihr ein Hotel einrichten lassen, ihr Toiletten, Schmuck, Gespann geschenkt und ihr eine artige Rente ausgesetzt! Das kann unserer Oper teuer zu stehen kommen -- wenn sie ihm Treue hlt! Treue ist ein Wort, das sie nicht zu kennen scheint! Glaubst du? Wir haben gestern nicht weniger als zwei Dutzend Briefe ihrer Mama an ebenso viele Verehrer der schnen Dame aufgefangen! Die Briefe waren alle sehr deutlich! Die Mama wird bald ein artiges Vermgen zusammengebracht haben! Zwei Dutzend Verehrer?! Zu Befehl! Und alle begnstigt? Zweifelsohne! -- Wenn man bedenkt, da sie blo achtzehn Jahre ist und keine drei Monate in Paris -- -- Eine sehr respektable Leistung! Sie hat eben eine sehr respektable Mutter, Sire! Wer sind denn die Glcklichen? Der Prinz de Conti war darunter! Dann der Marquis de Thibouville, der Herzog von Durfort und der Bischof von -- -- Bachelier flsterte dem Knig respektvoll einen Namen zu. Der Knig lachte. Also Hochwrden auch! -- Sie scheint jedenfalls keinen blen Geschmack zu haben! -- Und von alledem hat Carignan keine Ahnung? Nein! Seiner Hoheit Ahnungsvermgen scheint in betreff ihrer leiblichen Reize vollauf zu tun zu haben! Denn er ist immer noch rasend verliebt! Und also blind fr alles andere! Seine Liebe scheint ihn aber auch stumm zu machen! Das letztemal hat er uns kein Wort mehr von ihr gesagt! Er wird frchten, schon zuviel gesagt zu haben! Wir sind damit nicht unzufrieden! Aber -- er ist ein Geck! Wir wollen ihn heute beim Lever ein wenig vornehmen! Mit wem gedenkt sie ihn heute zu betrgen? Fr heute hat sich Mylord Arundel bei ihr zum Souper angesagt! Der tolle Englnder?! Wir haben von ihm gehrt! Er scheint sich vorgenommen zu haben, auf dem Felde der Galanterie Frankreich zu erobern! Das geht nicht, Bachelier! Wir gnnen zwar unserem Vetter von Carignan seine Hrner! Er ist aber nicht nur unser Vetter -- er ist auch General unserer Armee! -- Und die Ehre unserer Armee erlaubt keine englischen Victoiren! -- Wir mssen da Sukkurs geben, Bachelier! Wenn Majestt nur zu befehlen geruhen, da sie heute in Fontainebleau tanzt -- dann wird sie heute nicht in Paris soupieren knnen. Nein, nein! -- Wir wollen nicht in Versuchung kommen! -- Wir neigen zu sehr dazu, aus einem gelegentlichen Amsement Folgerungen zu ziehen, die uns nachher lstig werden! Wir sind zu sehr Gewohnheitsmensch! -- Wir haben schon zuviel an unseren Fesseln zu tragen! Wir wollen von jener Dame nichts mehr hren! Kein Wort, Bachelier! Kein Wort! Und er warf sich in die Kissen zurck und erwartete mit Ungeduld von seinem Getreuen den striktesten Ungehorsam. Aber Bachelier blieb stumm. Sag mal, Bachelier, fing der Knig von neuem wieder an, ist sie wirklich so hbsch? Wie ich schon zu berichten die Ehre hatte, liegt ganz Paris ihr zu Fen! Dann wird sie sicher ein Scheusal sein! Nicht wahr, Bachelier -- sie ist abscheulich? Zu Befehl, Sire, abscheulich wie Venus selbst! Der Knig schwieg einen Augenblick. Dann fragte er -- anscheinend ganz gleichgltig: Welches Ballett steht heute abend auf dem Programm? Der Herzog von Richelieu glaubte, da Ihre Majestt die Knigin in Versailles geblieben ist, heute von den feierlichen Sachen absehen zu mssen! Also, was wird denn getanzt? Das Urteil des Paris -- Wer stellt die Venus dar? Madame Sall! Das kann man mir unmglich zumuten! Eigentlich gibt es nur eine, die die Gttin der Liebe mit voller Illusion verkrpern kann, und das ist, nach Ansicht aller Kenner -- -- Die Dame Barberini! -- Ich wei! -- Man liegt mir seit Wochen in den Ohren damit! Als htte ich gar nichts dabei zu bestimmen! Ja, sag einmal, Bachelier, wer gibt denn hier an unserem Hofe eigentlich den Ton an? Wer wrde sich wohl erdreisten, da den allerhchsten Entschlieungen vorzugreifen?! Das mchte ich auch wissen! Man scheint da aber revoltieren zu wollen! -- Man trifft Entscheidungen ohne uns! -- Das geht nicht! Jene -- -- Dame soll heute tanzen! -- Aber nur, weil man, ohne uns zu fragen, eine andere dazu designiert hat! Wir wollen zeigen, wer hier regiert! -- Sie soll also die Venus darstellen! Und _=wir=_ -- wollen sie schlecht finden! Wir wollen uns nicht weiter von dem Gerede irritieren lassen! Du sollst gleich einen Kurier nach Paris senden! Aber unser guter Vetter Carignan darf es nicht wissen! Es soll eine Surprise fr ihn sein! Du veranlat also alles! Zu Befehl! Und jetzt la mich in Ruhe! Bachelier ging. Bachelier! rief der Knig ihm nach, ehe er noch an die Tr gelangt war. Majestt befehlen? Wir hatten dir den Auftrag gegeben, fr alle Flle auch jene Tnzerin -- anzusehen! Wir wollen immer sicher gehen! Hast du den Auftrag erfllt? Zu Befehl, ja! Du hast also Gelegenheit gehabt? Ja. Ich gab der Mutter ein angemessenes Geschenk und bekam dann Gelegenheit, sie aus einem Versteck beim Baden zu beobachten! Nun? Wie eine griechische Statue! -- In jeder Beziehung vollendet! -- Meine Augen haben noch nie etwas Schneres gesehen! Wir wollen dich heute eines Besseren belehren! Du kannst gehen! Bachelier ging, war aber jetzt nicht einmal halbwegs bis zur Tr gelangt, als der Knig -- jetzt aber sehr aufgeregt -- rief: Sage einmal, Bachelier -- hast du sie dir auch _=ganz genau=_ angesehen? Bachelier zitterte und antwortete nicht. Der Knig blickte ihn scharf an. Hatte sie auch gar keine Leberflecken? Bachelier wurde immer blasser. Er kannte die Angst Ludwigs vor den Blattern und wute, da er immer an jene Krankheit denken mute, wenn ihm derartige Schnheitsflecken zu Gesicht kamen. Sein Abscheu davor war unberwindlich. Ludwig konnte nicht umhin, die Verlegenheit seines Getreuen zu bemerken. Du wirst auf einmal so still? -- Du zitterst?! -- Also, _=hat=_ sie welche? Ich gesteh's, stotterte Bachelier -- ich habe sie im Verdacht! -- Ich glaube etwas bemerkt zu haben! -- _=Bestimmt=_ kann ich's aber nicht behaupten! Aber etwas ganz Kleines -- fast Unscheinbares -- unter dem linken Busen war's! Gnad' dir Gott! Von meinem Versteck aus war's nicht genau zu kontrollieren! Ich habe aber die Signora, ihre Mutter, nachher examiniert! Und sie hat mir auf Ehre versichert, da die Schnheit der Tochter makellos sei! -- Bei der Jungfrau hat sie's beschworen! Da hat sie sicher einen! rief Ludwig entsetzt. Und so etwas empfiehlst du mir! Du wagst sogar, mir von ihr vorzuschwrmen! Ich dachte, ich htte in dir einen treuen Diener, Bachelier -- ich sehe aber, ich habe mich geirrt! Du hast mein Vertrauen mibraucht -- du kannst nicht mehr in meiner Nhe sein! Betrgst du mich in einer Sache, dann wirst du mich auch in anderen Dingen hintergehen! Eure Majestt wollen doch gndigst in Anbetracht meiner langjhrigen treuen Dienste geruhen, Gnade walten zu lassen. Eure Majestt wollen doch hchstselbst sich heute abend berzeugen, da jene Migestaltung bei ihr kaum noch als solche zu betrachten ist! Wir wollen dein Schicksal vom Ausfall unserer Besichtigung abhngig machen! -- Sie soll heute tanzen -- du fertigst sofort den Kurier ab! -- Wenn ich aber degoutiert werde, Bachelier, dann brauchst du morgen nicht mehr Dienst zu tun! Du kannst gehen! Bachelier ging. Kurz darauf schlug die Stunde, wo die Sonne Frankreichs aus den Wolken zu steigen geruhte. Ludwig erhob sich aus den Pfhlen. Das Lever begann. Das kleine Entree der hchsten Wrdentrger fand statt -- das groe Entree der Fernerstehenden folgt -- das Hemd Frankreichs wurde gewechselt, und heute hatte der Prinz von Carignan den Vorzug, es, von allen beneidet, zu berreichen. Der Knig war sehr aufgerumt. Wir sind allerdings keine Tnzerin, mein lieber Vetter, lachte er. Aber wir wollen doch Ihre Dienste in betreff des Hemdes annehmen, damit Ihr nicht aus der bung kommt! Wie wir hren, seid Ihr bei Eurer neuesten Eroberung, bei jener vielgerhmten italienischen Tnzerin, noch nicht so weit gekommen! Der Hof lachte. Carignan verbi sich den rger. Macht deswegen kein betrbtes Gesicht, lieber Vetter, fuhr der Knig gndig fort. Unsere knigliche Frsorge ist schon darauf bedacht gewesen, fr Abhilfe zu sorgen! -- Wir haben also angeordnet, da die Dame Barberini im heutigen Ballett die Rolle der Venus zu bernehmen hat! -- Wir haben von ihrer Sprdigkeit Euch gegenber gehrt! -- Wir wollen sie denn unserem ganzen Hofe entschleiern -- als gerechte Strafe fr sie! -- So bekommt Ihr sie auch einmal zu sehen! Der Hof war entzckt. -- Carignan machte gute Miene zum bsen Spiel. -- -- Der Tag verging. Der Abend kam und mit dem Abend das Ballett. Der ganze Hof war versammelt. Die Damen im Glanz ihrer Schnheit und ihrer Toiletten, vor allem die Damen des intimen Kreises: die Grfin von Toulouse, Madame du Charolais, die Grfin du Mailly und ihre beiden Schwestern. -- Eine gewisse Unruhe hatte sich ihrer bemchtigt. Sie hatten alle von der neuen Schnheit gehrt und der Neugier des Knigs, sie zu sehen, geschickt entgegenzuarbeiten gewut. Ihr Schicksal konnte davon abhngig sein, ob sie dem Knig gefiele oder nicht. Denn seine Entschlieungen waren unberechenbar. Und sein Befehl, heute die gefrchtete Schne vorzustellen, war so pltzlich gekommen, da dagegen nichts hatte unternommen werden knnen! Die Spannung stieg, je weiter der Abend fortschritt. Ludwig lag, behaglich ausgestreckt, in seinem Fauteuil, in der ersten Reihe -- er schien sehr aufgerumt zu sein, plauderte angeregt mit seiner Nachbarin, der Grfin von Toulouse, und blickte gelegentlich auch die Auftretenden an. Endlich kam der groe Moment, wo die Gttin der Liebe Paris naht. Barberina betrat die Bhne. Ein Ausruf der Bewunderung unter den Zuschauern! Dann wurde alles still. Auch der Knig schwieg und blickte, wie alle anderen, gespannt die schne Erscheinung an. Nur eine blickte nicht hin. Es war die Grfin du Mailly. Sie hatte nur Augen fr den Knig. Der groe Moment der Entschleierung kam, die letzte Hlle fiel. Venus zeigte sich den entzckten Blicken des trojanischen Hirten in vollendeter Grazie, mit den lssig erhobenen Armen den letzten Schleier lftend -- -- Der Knig sah sie mit Kennermiene an, nickte wiederholt, nahm schlielich die Lorgnette und hielt sie an die Augen. Pltzlich lie er sie fallen. -- Ein kurzer Ausruf, den niemand verstand, entfloh seinen Lippen. -- Er erhob sich halb aus dem Sessel, sichtbar aufgeregt, und fiel dann zurck. Seine Aufregung fiel allgemein auf. Man fing an zu flstern -- man zog sich von der Grfin du Mailly zurck. Sie sa da, bleich, zerknirscht und von ihrer vermeintlichen Niederlage berzeugt. Noch einmal hob die Barberina den Schleier -- noch einmal hielt Ludwig die Lorgnette an die Augen -- kein Zweifel, dort, unter dem linken Busen, war er zu sehen -- deutlich zu sehen, jener winzige Fleck, vor dem er eine solche Aversion hatte! Kein Zweifel! Er lie die Lorgnette wieder fallen und sa da, stumm das Ende der Vorstellung abwartend. Dann stand er auf, ohne sich um die Damen zu kmmern, rief seinen -=Matre des plaisirs=-, den Herzog von Richelieu, und zog sich, von ihm allein begleitet, in seine Gemcher zurck. Im Saale war alles in heller Aufregung. Auf der Bhne ebenso, wo Carignan Barberina strahlend zu ihrem Sieg beglckwnschte. Noch niemals, solange ich mich erinnern kann, zeigte Majestt eine solche Teilnahme! -- Sie haben einen Erfolg gehabt, wie nur Sie ihn haben konnten! Sie werden noch heute mit dem Knig soupieren -- er zog sich mit Richelieu zurck! Dieser wird sicherlich alles veranlassen. Vergessen Sie aber in Ihrem Glck Ihren getreuen Diener nicht! -- Vergessen Sie nicht, wer Ihnen den Weg ebnete! Er wurde von einem Kammerdiener des Knigs unterbrochen, der zu Barberina herantrat und ihr ein Etui berreichte. Und dieser Kammerdiener war nicht Bachelier, sondern der Onkel der Madame d'Etioles, der bisherige zweite Kammerdiener, Binet. Von Seiner Majestt dem Knig, sagte Binet herablassend, als sei er selbst die Majestt, und ffnete das Etui, das einen kostbaren Schmuck von Brillanten und Saphiren enthielt. -- Seine Majestt lassen allerhchst Dero Zufriedenheit mit Mademoiselle aussprechen sowie Dero Absicht, Mademoiselle demnchst in Versailles im Beisein Ihrer Majestt der Knigin -- in _=einer anderen=_ Rolle tanzen zu sehen! Sprach's, verbeugte sich kalt und ging. Das war der ausgesprochenste Mierfolg! -- Keine persnliche Vorstellung -- kein Souper! -- Ein kostbarer Schmuck allerdings -- aber die allerhchste Befriedigung durch den Mund eines Lakaien -- --! Barberina erblate, bi sich auf die Lippen, verlor aber die Contenance nicht. Ich bitte mir aus, Monseigneur, sagte sie dann gelassen zu Carignan, der wie ein begossener Pudel dastand, ich bitte mir aus, mir in Versailles einen anderen Partner geben zu wollen, der mir nicht die Szene verdirbt! -- Mit Signore Fossano tanze ich nicht mehr! Er qult mich, er irritiert mich! Und wie hat er als Tnzer dekliniert! Allerdings, mein lieber Fossano, sagte Carignan, froh, seinen rger an jemand auslassen zu knnen, ich kann nicht umhin, Ihnen zu sagen, da Sie mir in diesem Jahre Enttuschung ber Enttuschung bereiten! Sie sind lange nicht mehr der geistvolle Tnzer, als den ich Sie bisher kannte und bewunderte! Ihr Engagement war ein Fehler! Nun -- er hat uns unsere liebe Freundin hier gebracht -- das wollen wir Ihnen zugute halten. Aber bei Hofe haben Sie ausgetanzt! Womit er die Bhne verlie und sich zum Knig begab, der ihm jedoch sagen lie, da er seiner Dienste heute nicht mehr bedrfe. Der Knig konferierte mit dem Herzog von Richelieu. Hochwichtige Entscheidungen von weitestgehender politischer Tragweite wurden getroffen. -- Bachelier, der allmchtige Hter der Schlafzimmergeheimnisse Seiner Majestt, war in Ungnade gefallen, und Richelieu hatte geschickt die Gelegenheit benutzt, seinen Proteg, Binet, in Erinnerung zu bringen. Und so wurde die Brcke geschlagen, ber die die schne Madame d'Etioles, geborene Poisson, sptere Marquise de Pompadour, ihren Einzug ins Allerheiligste halten sollte, um da unumschrnkt zu gebieten! Das Schicksal Frankreichs war entschieden! Wer wei aber, wie es sich gestaltet htte, wenn die schne Barberina nicht jenen fast unmerklichen Leberflecken unter dem linken Busen gehabt htte und Bachelier nicht so ehrlich gewesen wre, dessen unseliges Vorhandensein dem Knige zu verraten?! 10 Seine Hoheit verbrachte eine schlaflose Nacht. Das Fehlschlagen seines Planes mit Barberina war fr ihn eine Katastrophe, die seine schnsten Hoffnungen vernichtete. Statt, wie er gehofft hatte, die Geschicke des Welttheaters zu lenken, war er mit einem Schlage in seine frhere Einflulosigkeit zurckgeworfen und mute sich auf die kleine Welt der kniglichen Theater beschrnken, wo niemand ihn respektierte -- wo die kleinste Choristin ihn auslachen konnte. In aller Frhe lie er Fossano rufen, der nach langem Warten endlich erschien, mde, verschlafen und ebenso verrgert wie Hoheit selbst. Er wurde mit den heftigsten Vorwrfen empfangen. Sie haben mich betrogen, Signore! Sie haben mich hintergangen! Sie haben die Barberina als eine makellose Knstlerin bei mir eingefhrt! Sie haben ihre Gebrechen verheimlicht! -- Diese scheuliche Verunstaltung, von der Sie wissen muten, haben Sie verschwiegen! Sie haben mich blamiert, den ganzen Hof degoutiert -- den Zorn des allerchristlichsten Knigs gegen mich heraufbeschworen! Ist das der Dank fr meine Protektion? -- Schweigen Sie! -- Reden Sie nicht! Machen Sie Ihre Verfehlung nicht durch Ausflchte noch schlimmer! -- Von jenem Leberfleck haben Sie gewut! -- Was sage ich, >FleckAh< bei Ihrem Erscheinen! Ich wei nicht, ob ich Sie noch auftreten lassen kann! Hoheit mssen mich verstehen! Ich bin doch auch nur ein Mensch! Und sie qult mich! Bei jedem Auftreten bringt sie mich auer mir durch ihr verchtliches Benehmen! -- So auch gestern! Ich verlor ganz den Kopf! Die khle Ruhe, die zum berlegenen Tanzen ntig ist, war hin! Statt mich ganz in die Lsung der knstlerischen Aufgabe zu versenken, dachte ich nur an sie! -- Diese einzige Schnheit, die ich wie ein Juwel gehtet hatte und die seit dem einen Male, wo sie sich mir unverhllt offenbarte, allen anderen Augen unzugnglich war, sollte jetzt den lsternen Blicken dieser Rous der Hofgesellschaft preisgegeben und als Dekoration eines hfischen Festes zur Schau gestellt werden! Das machte mich verrckt! Ich tanzte schlecht! Insofern verdiene ich die Vorwrfe Eurer Hoheit! Sehen Sie! Dann kam aber statt des Triumphs der eklatante Mierfolg Barberinas! Das hat mich wieder aufgerichtet! Jetzt bin ich wieder Herr meiner selbst! Jetzt bin ich wieder der alte! Wenn Hoheit jetzt befehlen, lege ich mir wieder Paris zu Fen! Umsonst, mein Lieber! Sie werden nie wieder bei Hofe tanzen! Sie haben mich betrogen! Sie haben mich schwer getuscht! Wenn _=Sie=_ jene Dame so intim kannten, htten Sie mich auf jenes Gebrechen aufmerksam machen mssen! Wenn jenes Gebrechen wirklich existierte, htte ich es getan! Sie wagen zu leugnen, was alle Welt gesehen hat?! Hoheit mssen es doch selbst am besten wissen! Hoheit haben ja die Gnade gehabt, ihr ein Hotel einzurichten! Hoheit gelten doch vor aller Welt als ihr bevorzugter Beschtzer! -=Mon Dieu!=-! -- Das ist eine Sache fr sich! Die Intimitt aber auch! Und -- Sie wissen -- ich war durch mein Amt am Hofe die letzte Zeit sehr in Anspruch genommen! Dienstlich verhindert sozusagen! Dann wre es wohl angebracht, wenn Hoheit sich jetzt herbeilieen, sich Hchstselbst vom Vorhandensein jenes ominsen Leberfleckens zu berzeugen -- --? Wozu? -- Er _=ist=_ vorhanden, nachdem unser allerchristlichster Knig geruht haben, es Allerhchstselbst zu konstatieren! Sollte es nicht mglich sein, da jener Fleck auf einen Fehler im Glase der Allerhchsten Lorgnette zurckzufhren wre? Sie geben mir eine Idee! Nicht wahr -- Hoheit haben selbst nichts gesehen? Ich? Nein! Allerdings nicht! Wollen denn Hoheit sich nicht nochmals durch Augenschein berzeugen? Aber mit Vergngen! -- Nur mchte ich wissen wie? Hoheit werden wohl als bevorzugter Beschtzer jederzeit freien und unbehinderten Zutritt zu ihrem Rumen haben? Das schon! Selbstverstndlich habe ich das! Aber haben -- -- und Gebrauch davon machen! -- Mein Lieber, man berrascht eine Dame doch nicht so --! Wenn man sie liebt -- -- -=Mon Dieu!=- -- Kommen Sie mir wieder mit jenem -- Gefhl? Man hat eine Laune -- heute diese, morgen jene -- aber _=lieben=_, sich fesseln lassen -- sich in jener vorsintflutlichen Weise echauffieren! -- Was denken Sie von mir? Auf alle Flle gilt es, hier einen Irrtum aufzuklren -- und zwar einen, dessen Folgen sonst verhngnisvoll sein knnten! -- Da nimmt man keine Rcksicht! Sie haben recht! Wir wollen uns gewissermaen als Gerichtskommission konstituieren! Denn Sie mssen dabei sein. Wir wollen uns zu ihr begeben! Carignan klingelte. Der Kammerdiener erschien. Den goldenen Schlssel! Welchen befehlen Hoheit? Den letzten! Also Rue Viviennes? Rue Viviennes, Schafskopf! Und dann sofort ein Kupee ohne Livree! Das Kupee steht, wie immer, bereit! antwortete der Kammerdiener und verschwand, um gleich danach mit einem purpurnen Kissen zurckzukehren, auf dem ein goldener Schlssel ruhte. Der Herzog nahm ihn, winkte Fossano und ging. So schnell wie mglich lie er sich nach dem kleinen Hotel in der Rue Viviennes fahren, wo Barberina residierte, fuhr aber nicht an der Treppe vor, sondern lie an dem kleinen Gartentor an der hinteren Seite des Parks halten, das stets verschlossen war. Er ffnete es mit dem goldenen Schlssel, desgleichen die Tr einer geheimen Treppe, deren Vorhandensein Barberina unbekannt war, und die direkt zu ihrem Schlafzimmer fhrte -- stieg hinauf, von Fossano gefolgt, und blieb lauschend an einer Tr stehen. Kein Laut! flsterte er nach langem Horchen. Sie wird noch schlafen! Sicher! sagte Fossano. Wenn sie keine Probe hat, schlft sie bis in den Nachmittag! Gehen wir hinein! flsterte der Prinz, schob vorsichtig den smtlichen Schlssern angepaten Schlssel ins Loch und drehte ihn um. Sie standen im Allerheiligsten. Ein betubender Duft von starkem Parfm schlug ihnen entgegen. Anfangs konnten sie, vom Sonnenschein drauen geblendet, nichts sehen. Aber allmhlich gewhnten sich ihre Augen an das Halbdunkel. -- Das Himmelbett mit seinen zugezogenen Vorhngen aus rosaseidenem Brokat -- die nachlssig auf alle Mbel hingeworfenen Kleidungsstcke -- die goldgestickten kleinen Pantoffeln am Bett -- die Schmucksachen auf der von Kristallflakons funkelnden Toilette traten so allmhlich nebelhaft in Erscheinung. Auf den Fuspitzen schlichen sie an das Bett heran und lauschten den ruhigen Atemzgen der hinter den Vorhngen Schlafenden. Sie wacht nicht auf! flsterte Fossano beruhigend. Hoheit knnen ruhig nher treten! Wenn sie so schlft, knnte hchstens ein Pistolenschu sie wecken! Schweigen Sie! Machen Sie hell! kommandierte der Prinz. Und Fossano tastete sich an das Fenster heran, zog die dichten Vorhnge zur Seite und lie die Sonne herein, kam dann auf den Wink des Prinzen wieder ans Bett heran und hob den Bettvorhang vorsichtig auf. Hoheit trippelte auf leichten Fen nher, hielt das Lorgnon an die Augen, beugte sich vor, fate mit eleganter Handbewegung den Zipfel der Bettdecke, hob sie hoch -- lie sie aber mit einem Ausruf der zornigsten berraschung fallen und wankte zurck. Was gibt's? fragte Fossano. -=Mon Dieu!=- -- Aber so sehen Sie doch! Sehen Sie selbst! Fossano schlich nher. Ein Blick gengte. Auf dem Kissen neben Barberina ruhte -- der jugendliche Kopf des Herzogs von Durfort! Diese Infamie! rief der Prinz mit halberstickter Stimme. Diese unerhrte Treulosigkeit! Was mache ich nun mit dieser liederlichen Kreatur? Hoheit sind hier der Herr und Gebieter! Und Sie meinen, ich sollte hier den eiferschtigen Betrogenen spielen?! Lcherlich! Wenn's gilt, der Lcherlichkeit zu entgehen -- ja! sagte Fossano und verbeugte sich. Hoheit werden aber gestatten, da _=ich=_ mich vorher entferne! Sie lassen mich im Stich?! Dergleichen wird gewhnlich nur unter den direkt Beteiligten ausgemacht! Hoheit wollen doch keine Blamage! versetzte Fossano, schadenfroh lchelnd, schlpfte durch die Tr nach der Wohnung hinaus und berlie den Prinzen seinem Schicksal. Die arme Hoheit stand da, blickte unsicher bald nach dem Bett, aus dem ihm das unbefangenste Schnarchduett entgegentnte -- bald nach der Tr, durch die er gekommen war -- konnte sich aber nicht entschlieen. Wre er allein gekommen -- sicherlich wre er seines Weges gegangen -- er htte ihr den Laufpa gegeben, und die Sache wre ohne Aufregung abgelaufen! Aber jetzt hatte er einen Zeugen gehabt! -- Jetzt ging's nicht ohne weiteres! Seine Reputation verlangte eine Aktion -- oder man wrde ber ihn lachen! -- Entsetzlich! Ihn, den Prinzen von Carignan, sollte man wegen einer hergelaufenen Tnzerin lcherlich machen knnen! Er machte entschlossen einen Schritt auf das Bett zu. Die Knie wankten ihm, er sank auf ein Taburett nieder und wischte sich mit dem Spitzentaschentuch den Angstschwei aus dem Gesicht, der schon durch die dick aufgetragene Schminke hindurchsickerte. Mein Gott, was mache ich nur? flsterte er. Aber sein gequlter Seufzer fand bei dem ruhigen, zufriedenen Schnarchen der Schlafenden nur eine alles andere denn beruhigende Antwort! 11 Drauen in ihrem kleinen Kabinett hatte Mama Campanini soeben ihre Andacht beendigt, sie putzte die Flamme der ewigen Lampe, bekreuzigte sich vor dem Muttergottesbilde, setzte sich an ihren Sekretr, schlug ein kleines, rot gebundenes Bchlein auf und vertiefte sich in die langen Kolonnen von Zahlen, die da untereinandergereiht waren. Das Geschft blhte. Die goldene Jugend von Paris wetteiferte um den Vorzug, ihre Schtze Barberina zu Fen zu legen. Und Mama nahm den Tribut gndigst in Empfang, buchte ihn gewissenhaft, um ihn spter nutzbringend anzulegen, vertrstete die jungen Leute je nach Rang und Vermgen mit Hoffnungen oder Versprechungen und lie keinen ohne die bestimmte Zusage ihrer Frsprache gehen. So nahm sie die Snden ihrer Tochter auf sich. Kein einziger von den jungen, galanten Herren durfte der schnen Babara nahen, ohne vorher von der Mama ins Gebet genommen zu werden. Sie war das Fegefeuer, Babara das Paradies. Im Fegefeuer wurden sie gelutert. Dort lieen sie den irdischen Tand. Im Paradiese genossen sie berirdische Wonnen. Die Mama prfte sie auf ihre Vermgensverhltnisse und ihre Opferwilligkeit und erledigte alles Geschftliche. Babara erledigte gelegentlich den Rest -- frei von aller Schuld. Sie war eben nichts als die gehorsame Tochter. Auch das Geschftliche gegenber dem Himmel erledigte die Mama. Tglich ging sie zur Beichte und lie sich die Snden des vorhergegangenen Tages vergeben. Empfing dann die Tochter abends in neugewonnener Unschuld in ihrem Gemach, so sa die gute Alte im Vorzimmer, lchelte beglckt beim fernen Klang der Glser und betete ihren Rosenkranz. Sie schlief dann den Schlaf der Gerechten und trumte von ihren Schtzen, die sich, dank der gehorsamen Tochter, wacker vermehrten. Auch sie war enttuscht ber den blo halben Sieg Babaras am Hofe. Aber Knige sind nicht im Sturm zu nehmen! Alles mu seine Zeit haben! Und inzwischen gab's ja zu tun! Fossano war fr sie erledigt. Sie sah ihn nur im Theater, wo sie nicht mehr mit ihm sprach. Da er sich rchen wrde, wute sie. Sie sah es aus den haerfllten Blicken, mit denen er ihre Tochter verfolgte, und wute, da er ihr auflauerte und nach einer Gelegenheit sphte, sie in ganz eklatanter Weise blozustellen. Sie lie sich aber nicht stren. Sie lebte in den Tag hinein und besorgte ihre Geschfte pnktlich und gewissenhaft. An diesem schnen Morgen war sie aber nicht ganz zufrieden, als sie ihr Bchlein mit den vielsagenden Zahlenreihen zuklappte. -- Sie hatte gestern eine stattliche Summe im voraus buchen knnen, mute sie leider aber heute mit einem Fragezeichen versehen. Mylord Arundel, der gestern sich und jene Summe zum Souper angesagt hatte, war schmhlich enttuscht wieder abgezogen. Der Befehl, bei Hofe zu tanzen, war so schnell und unerwartet gekommen, da sie ihm nicht einmal hatte abschreiben knnen. Sie hatte ihn auf ihren Knien um Entschuldigung bitten mssen und ihm mit Mhe und Not ein halbes Versprechen abgerungen, heute zum Lever Babaras zu erscheinen. Kommt er? -- Kommt er nicht? -- Die Frage hatte ihr ihre Nachtruhe verdorben! Und jetzt ging sie schon seit Stunden in der Wohnung umher und wartete auf Babara, die sie nicht zu wecken wagte -- die aber schlief, als stnde fr sie gar nichts auf dem Spiel! Immer wieder ging sie an die Tr des Schlafzimmers und lauschte. -- Denn kme er, dann mte Babara auch visibel sein! -- Sonst wre alles verloren und Seine Herrlichkeit wrde den Strom seiner Schtze in ein anderes Bett leiten! Sie gnnte dem guten Kinde ja die Ruhe! -- Es mochte wohl mde sein nach der Vorstellung und der langen nchtlichen Fahrt! Kein Mensch konnte aber voraussehen, wie lange die Jugend und die Schnheit whren wrden! -- Fr die Ruhe des Alters mute gesorgt werden! Nach langem Zgern entschlo die Mama sich endlich, an die Tr zu klopfen. Aber ehe sie noch ihre Absicht vollfhrt hatte, wurde sie durch einen entsetzten Schrei aufgeschreckt! Es war drinnen im Schlafzimmer! Noch einmal schrie es! Kein Zweifel, es war ihre Tochter! Dann wurden auch andere Stimmen laut -- zornige Mnnerstimmen, die gegeneinander wetterten! Sie eilte hinzu -- sie rttelte heftig an der verschlossenen Tr! -- -- Da gerade mute man ihr den Besuch Arundels melden! Sie durfte ihn nicht abweisen, sie mute ihn sogar gleich empfangen! -- -- Und drinnen bei ihrer Tochter ging etwas vor! Sie wute nicht was, begriff aber, da es Seiner Herrlichkeit verheimlicht werden mte! -- -- Sie tat ihr Bestes! Sie ntigte Mylord zum Sitzen, schwatzte drauflos von allem mglichen -- vom gestrigen Hoffest -- vom Erfolg Barberinas -- von der Gnade des Knigs -- fragte den Lord nach dem letzten Rennen -- nach den Jagden auf seinen englischen Gtern -- berhrte seine Antworten, unterbrach ihn mitten in der Rede, um nach dem Wetten zu fragen und nach der Mglichkeit, im Spiel Glck zu haben -- sie lie ihn nicht zu Worte kommen und htete sich wohl, sich nach seinen Empfindungen fr Babara zu erkundigen. Mylord lie mit echt englischem Phlegma alles ber sich ergehen; er glaubte zunchst, eine Irrsinnige vor sich zu haben, entschied sich dann fr die Annahme, Mama Campanini htte sich die schnen Weine, die gestern nicht getrunken waren, zu Kopfe steigen lassen, wurde endlich zornig, herrschte sie an, sie solle mit dem Geschwtz aufhren, und stand auf, um sich selbst bei ihrer Tochter anzumelden, da sie seine wiederholte Frage nach ihr nur noch stotternd beantwortete. Da sprang die Tr des Schlafzimmers auf, und der Prinz von Carignan erschien auf der Schwelle. Aber in welcher Verfassung! -- Keuchend vor Zorn, die Augen blutunterlaufen, den Hut schief auf der derangierten Frisur, die eine Spitzenmanschette zerrissen -- mit der Hand krampfhaft den Stock umklammernd und sich darauf sttzend, um das Zittern des ganzen erlauchten Krpers besser zu prononcieren! Als er Arundel sah, erkmpfte er mhsam, aber mit vollendeter Eleganz, die Fassung und grte genau so reserviert, wie es die Situation erforderte. Ich bin entzckt, Eurer Lordschaft hier zu begegnen! lispelte er. Ich bin auch charmiert! antwortete Seine Herrlichkeit ebenso steif und nicht minder hflich. Ich rume Eurer Herrlichkeit mit Vergngen das Feld, setzte Carignan fort, und wnsche, Sie mgen es einmal ebenso befriedigt verlassen wie jetzt ich! Hoheit sind sehr gtig! gab der Lord zurck. Deine saubere Tochter aber werde ich ins Dirnenhospital schicken! Und dich auch, alte Kupplerin! schrie der Prinz der alten Campanini zu, drohte ihr mit dem Stock und ging, ohne sich weiter um Seine Herrlichkeit zu kmmern. Arundel blieb stehen und sah die Mama verchtlich an. Diese alte Frau hatte sich erlaubt, ihn zum besten zu halten -- hatte ihn herbestellt, um ein Renkontre zu provozieren -- um ihn mit Carignan zu brskieren und ihn durch den publiken Skandal zu zwingen, offiziell das Protektorat des Hauses zu bernehmen! -- Das war zu plump! -=Damn!=- sagte er, Sie haben den Prinzen von meinem Besuch unterrichtet! -- Schweigen Sie -- Sie fhren mich nicht hinters Licht! Sie werden auch keine Freude an Ihrer Intrige haben! Ich gehe jetzt! Und ich wei nicht, ob ich Ihr Haus noch besuchen werde! Da erschien Babara in der Tr -- auch sie verwirrt und aufs uerste aufgeregt, aber in ihrem Neglig so berckend schn, da der Zorn Seiner Herrlichkeit sofort verrauchte. Sie floh zwar in holder Verschmtheit, als sie Arundel sah. Aber ihre Decontenance hatte so viel Charme, da Seine Lordschaft sofort den Kopf verlor! -- Und jetzt wute nicht nur er, sondern auch die Mama, da er wiederkommen wrde! Ich will Gnade vor Recht ergehen lassen, Signora, sagte er und gab ihr die Hand, die sie sofort devot kte. Aber Sie werden mich nie wieder in eine derartige Situation bringen! Mademoiselle, Ihre Tochter wird etwas Zeit ntig haben, um die Folgen der Aufregung zu berwinden, denke ich. Ich komme also heute abend wieder! Eure Lordschaft machen mich berglcklich! An Sie denke ich berhaupt nicht! Ich will gut bedient sein! Das Beste, was in Paris Kche und Keller vermgen! Merken Sie sich's, Signora! Meine Brse steht Ihnen zur Verfgung! Und ohne ihre Beteuerung zu beachten, er wrde besser als der Knig selbst bedient werden, ging er, kaum noch grend. Als die Signora sich von ihrer tiefen Abschiedsreverence aufrichtete, stand Fossano vor ihr. Aus dem Nebenzimmer, in das er schnell geschlpft war, hatte er die ganze Szene verfolgt und trat jetzt ein, um ihre Niederlage zu vervollstndigen. Sie schrie leicht auf, als sie ihn sah. -- Sie erkannte ihn kaum wieder, so sehr hatte er sich verndert seit jenem denkwrdigen Abend in der Oper. Der verwhnte, siegesbewute Liebling der Frauen -- das Schokind des Glcks war aus seiner ganzen Erscheinung vertilgt. Nur noch ein Schatten von ehedem, stand er da, die Augen flackernd und vor ungestillter Rachsucht unheimlich aufleuchtend. Aber die Unsicherheit, die sonst aus den grmlich verzerrten Zgen sprach, war jetzt auf einmal verschwunden. Sonst schleichend wie ein Jger, der einem schwer zu erlegenden Wild nachstellt -- jetzt schadenfroh lchelnd, im frohen Vorgefhl, da er dem gehetzten Wild den Fang wird geben knnen. Warum so ngstlich? lachte er, als er ihre entsetzte Miene sah. Ich tue Euch nichts an, und Eurer Tochter auch nicht! Ich komme nur, um Euch rein geschftlich zu sprechen, und zwar in Eurem eigenen Interesse! Wir brauchen Eure Hilfe nicht! Mehr als Ihr denkt! sagte er, schadenfroh lchelnd. Und obwohl Ihr's nicht wnscht! Ihr seid wohl geschickt -- Ihr versteht wohl die gute Gelegenheit auszuntzen, die Ihr mir verdankt -- aber wie Ihr den Erls sichern -- wie Ihr den Gefahren entgehen sollt, die Euch bedrohen, das wit Ihr nicht! -- Ebensowenig, wie Ihr wit -- wer jetzt drinnen bei Eurer Tochter weilt! Bei ihr ist niemand! Allerdings -- in Eurem Sinne -- ein Niemand, ein Tunichtgut! Aber in den Augen Babaras mehr wert als all die Schtze, die ihr die anderen zu Fen legen! Und ein Prinz -- ein vornehmer Herr, der Euch mit der grten Eleganz helfen wird, Eure Ersparnisse durchzubringen! Ich brauche nur den Namen Durfort zu nennen -- -- Er htte die Keckheit gehabt, trotz meines Verbotes --? Er hatte die Gte, Eure Tochter von Fontainebleau hierher zu begleiten und ihr die lange Reise zu versen! Und, da hier alles schlief, mute er ihr ja notgedrungen auch beim Zubettgehen behilflich sein! -- Echauffiert Euch nur nicht deswegen! -- Dergleichen kleine Launen werden bei Babara nie ganz zu vermeiden sein. -- Das Herz mu dann und wann auch sein Recht haben. Wenn sie sonst nur gehorsam bleibt, so ist nichts verloren! -- Der Mann, der heute abend hier soupieren wird -- -- Ihr habt gelauscht! Das hatte ich nicht ntig. Mylord sprach sehr laut. Und Ihr -- -- nun, Ihr scheint mir auch das rechte Wort gefunden zu haben! Haltet Euch den Englnder warm! Er wird Euch den Weg -- drben, in England -- ebnen! Dort erst wird Babara zu Gold und Ehren kommen! Dort mu sie hin -- hier hat sie verspielt! Bei Hofe wird sie nicht zu Geltung kommen. -- Nach ihrem gestrigen Mierfolge sicher nicht! Von einem Mierfolg kann bei ihr gar keine Rede sein! _=Ihr=_ werdet wieder schlecht getanzt haben! Ihr werdet wieder versucht haben, sie aus der Stimmung zu bringen -- von Eurer Niedertracht wre es schon zu erwarten! Sie wird dann eben nochmals bei Hofe tanzen, aber ohne Euch! Ihr tanzt nie wieder mit ihr, dafr sorge ich! Und wenn sie auch nochmals dort tanzen wird -- die Augen des Knigs werden nie wieder auf ihr ruhen, nachdem er sie einmal gesehen und unwrdig gefunden hat! Das ist nicht wahr! Ich war doch dabei! Ich habe ihre Niederlage mit eigenen Augen gesehen! Sie ist hier deklassiert! -- Sie hat hier verspielt! Geht nur nach England -- lat sie durch Seine Lordschaft entfhren! Aber raschen Entschlu! Schnelles Handeln, ehe der Zorn des Prinzen von Carignan verraucht! Folgt meinem Rat! -- Mich werdet Ihr auch drben finden! -- Nicht am Theater! -- Nein, ich habe etwas Besseres vor! Wenn mein Engagement hier aus ist, lege ich drben in London eine Spielbank auf; Ihr knnt partizipieren, wenn Ihr wollt! Im Handumdrehen verdoppele ich Euer Vermgen und Ihr knnt Euch's noch auf Eure alten Tage leisten, Eurer Tochter zu gestatten, dem Lord Arundel die Treue zu bewahren! Hohnlachend ging er seines Weges und lie die erbitterte Signora sitzen. Eben wollte sie gehen, um ihrer ungehorsamen Tochter den Text zu lesen, da erlebte sie die letzte und schwerste berraschung dieses verhngnisvollen Morgens. Der Vertraute des Prinzen von Carignan in allen galanten Dingen, ein gewisser Herr de Thunet, der von Seiner Hoheit Gnade existierte und auf dessen Namen die Hotels der prinzlichen Mtressen stets gemietet waren, trat unangemeldet herein, ein Register in der Hand und von mehreren Helfershelfern begleitet. Ohne die Signora eines Blickes zu wrdigen, klappte er sein Register auf, klemmte eine Hornbrille auf die Nase und fing an, die kostbaren Meubles zu bezeichnen, mit denen er im Auftrag Seiner Hoheit das Hotel ausgestattet hatte. Fr jedes Stck machte er eine Aufzeichnung im Register, gab den Gehilfen einen Wink und, von festen Fusten gepackt, wanderte das betreffende Mbel durch die Tr hinaus, trotz der entrsteten Proteste der alten Dame. Seine Hoheit haben nur den Wunsch, den Platz zu rumen, war alles, was er zur Antwort gab. Denn die Mietsquittung haben Sie doch in Hnden, und Sie bleiben doch hier? Ich bleibe! Und die Mbel auch! Seine Hoheit haben befohlen, fr die Meubles Seiner Herrlichkeit des Mylord Arundel Platz zu machen, antwortete der Vollstrecker des prinzlichen Zornes trocken und rumte in aller Gemtsruhe Zimmer nach Zimmer aus, bis nur noch das Boudoir und das Schlafzimmer brig waren. Da pflanzte sich die Signora mit ausgebreiteten Armen vor der Tr auf. Nur ber meine Leiche kommt Ihr da hinein! -- Keinen Stuhl, keinen Schemel, auch nicht das geringste Stck der Einrichtung nehmt Ihr von dort mit! Seine Hoheit legen keinen Wert auf die Ausstattung des entweihten inneren Heiligtums, antwortete der alte Registrator des galanten Inventars. Alles, was geeignet wre, peinliche Erinnerungen oder bittere Empfindungen zu erwecken, bleibt hier und mag auch ferner der Untreue dienen! Aber die kostbaren Spitzen aus Brabant, die alten Juwelen und sonstigen Schmucksachen, wie sie hier verzeichnet sind -- er klappte ein zweites, noch umfangreicheres Register auf --, haben Hoheit mir befohlen, wieder in Empfang zu nehmen! Er fordert seine Geschenke zurck! Hoheit erachten sich fr unwrdig, den schnen Leib Eurer Tochter zu schmcken, den sie fortan von anderen Anbetern verzieren lassen will! Drfte ich bitten, die Sachen herbeischaffen zu wollen und so meine Aufgabe zu erleichtern? Niemals! schrie die alte Frau, entsetzt, eines so ansehnlichen Teiles ihres Gewinns beraubt zu werden. Aber sie hatte die Empfindungen ihrer Tochter auer Berechnung gelassen. Babara, die sich allmhlich von der berraschung erholt hatte, war durch ihre Kammerjungfer von der Ausrumung ihres Hauses benachrichtigt worden und trat jetzt voller Zorn aus ihrem Boudoir heraus. Nichts -- gar nichts will ich von ihm haben, rief sie, streifte Armbnder und Ringe ab und warf sie dem Exekutor zu. Da, nehmt nur! Und da! Sie zeigte auf die Schatullen und Ksten, die ihre Zofe hinter ihr hertrug. -- Schaut nur genau nach, da nichts fehlt! -- Die Roben, schnell! -- Die Spitzen -- das brokatne Zeug -- schnell, her damit! Fort aus meinen Augen mit allem, was an diesen alten Gecken erinnert! Sie unterbrach ihre Rede und eilte ans Fenster, durch das sie Peitschenknall und rollende Rder gehrt hatte. Ich wte nicht, da ich den Wagen befohlen htte! rief sie, schwieg aber pltzlich, als sie das hhnende Lcheln des Abgesandten ihres bisherigen Gebieters sah. Die Mhe haben Seine Hoheit Ihnen abzunehmen geruht! sagte er spttisch. Mademoiselle werden es unzweifelhaft vorziehen, eine andere Equipage bei Dero Ausfahrten zu benutzen? Die Stallungen des Hotels sind klein. Das Palais Soissons bietet mehr Platz! Seine Herrlichkeit, Mylord Arundel, bevorzugen ja das Vollblut, und die Schimmel meines Gebieters wrden schwerlich Gnade vor seinen Augen gefunden haben! -- Auch den Goldfchsen Seiner Herrlichkeit wnschen Hoheit Platz zu schaffen. Und so beehre ich mich, seine Entschlieung mitzuteilen, da er auf die Auszahlung der Mademoiselle zugesicherten Rente von tausend Louis von heute ab verzichtet! Womit der brave Thunet sein Register zuklappte und nach einer steifen Verbeugung das nunmehr leere Zimmer verlie, das der aus allen Himmeln gestrzten Signora Campanini nicht das geringste Mbel mehr darbot, auf das sie htte in Ohnmacht sinken knnen! Wir sind blamiert! Wir sind vor aller Welt lcherlich gemacht! seufzte sie. Wenn's nur aller Welt gefllt, mich in Ruhe zu lassen, mir soll's recht sein! Womit willst du den Lord Arundel empfangen? Auf der Erde kannst du nicht mit ihm soupieren! Lord Arundel wird eben nach Hause geschickt! sagte Babara gelassen. Du bist eine Undankbare! -- Du wirst mich noch ins Grab bringen! Ach, ich Unglckliche! Ach, ich Armselige! Httest du nur nicht Fossano vor den Kopf gestoen! Dem Elenden verdanken wir dies alles! Ich werde es ihm auch zu danken wissen! Einen greren Gefallen als heute htte er mir nicht erweisen knnen! Du redest wie eine Irrsinnige! Ich rede wie eine, die bis jetzt im Traum gelebt hat und pltzlich erwacht! So ist's! Denn jetzt sehe ich klar, wo ich war und wo ich nicht mehr sein will! Und ich freue mich, endlich frei zu sein! Dies ganze abscheuliche Leben, zu dem ihr -- du und er -- mich gezwungen habt, widert mich an! Ekel ist alles, was ich dabei empfunden habe! -- Ekel vor mir selbst -- Ekel vor einer Welt, die ihre Gunst nur um den Preis der Selbstschndung verkauft! Das soll jetzt aber ein Ende haben! Das mache ich nicht mehr mit! Was willst du denn tun? -- Wovon gedenkst du zu leben? Von meiner knstlerischen Leistung! Die soll man mir bezahlen -- meine Person aber fortan in Ruhe lassen! Ich kann das verlangen! Dann kennst du die Welt nicht! Dafr wei ich mit mir Bescheid. Und auch, da ich niemals den Gipfel der Kunst erklimmen werde -- niemals das Gttliche erreichen, was mir im Augenblick des knstlerischen Rausches vorschwebt, wenn ich noch an ueren Erfolg und Schtzesammeln denke! Niemals werde ich das Gefhl der Erdenschwere los, das mich auch in den Augenblicken der hchsten Wonne herabzieht -- wenn ich nicht mit aller Macht gegen das Lotterleben ankmpfe, in das du -- und jener Elende mich hineingezogen habt! Sie kehrte der alten Frau den Rcken, setzte sich an den Schreibtisch, warf rasch ein paar Zeilen auf einen Briefbogen hin, faltete ihn zusammen, schrieb die Adresse, klingelte und reichte ihn der Zofe. An Mylord Arundel! sagte sie. Sofort durch Boten hinsenden! Und -- da du's dir merkst --, knftig bin ich fr niemand zu Hause! Der Marquis von Thibouville, der Prinz von Gobriant, der Herzog von Durfort -- alle ohne Ausnahme werden sie fortgeschickt! Und du auch, auf der Stelle, falls du dich unterstehst, auch nur einen einzigen zu melden, unter welchem Vorwand es auch sein mag! -- Halt! rief sie der Zofe zu, die sich eben entfernen wollte. -- Geh noch zur Oper, melde mich krank! -- Sterbenskrank, verstehst du? -- Ich tanze heute nicht und morgen auch nicht! Auch kannst du ein Wort fallen lassen, da ich, sobald ich meine Krfte wiedergewonnen habe, Paris verlasse und nach London gehe! Die Zofe ging. Die Mama fand endlich Worte. Du denkst in allem Ernst daran, nicht mehr aufzutreten? Ich betrete die Oper nicht mehr! Ich werde auch bei Hofe nicht mehr tanzen! Aber der Befehl des Knigs? Gilt nur fr seinen Generalinspekteur der Oper! Mag er sehen, wie er den Befehl befolgen kann! Mich kmmert's nicht! Er hat die Macht, dich zu zwingen! Nichts kann mich zwingen, wenn ich nicht will! Das wird der Prinz zu wissen bekommen! Ich tanze nicht, und wenn er mich kniefllig um Verzeihung bittet! Ich werde ihn schon klein kriegen! Und dann setzte sie sich endlich hin, um ihre Schokolade zu trinken, und trllerte vergngt wie ein aus dem Bauer entschlpfter Vogel! 12 Der Prinz von Carignan sa in seinem Kabinett und lie sich von seinem Sekretr Vortrag halten. Seine Stirn war gefurcht, die Haut gelb von der bergetretenen Galle, die Augen blickten trbe. Die Spielbank ging schlecht. Der Pchter lieferte keine berschsse ab. Die Oper spielte vor leeren Husern. In der Theaterkasse war kein Sou zu finden. Paris war in Aufruhr. Die feine Welt revoltierte gegen das Regiment des Theatergewaltigen. Sein Thron wankte. Fast zu gleicher Zeit hatte er drei seiner leuchtendsten Sterne verloren. Die Camargo war ihm mit einem Verehrer durchgegangen. Madame Sall, erzrnt wegen ihrer Zurcksetzung zugunsten Barberinas in Fontainebleau, hatte ihm ihr Abschiedsgesuch, und zwar durch einen Gerichtsbeamten, zustellen lassen. Was ihm noch blieb, war nicht zugkrftig genug. Htte er wenigstens die Barberina, dann wre der Verlust der anderen zu verschmerzen! Aber die war immer noch krank und weigerte sich aufzutreten. Noch immer keine Besserung? fragte er betrbt den Sekretr. Leider nicht! Wir haben ihr aber ein unfehlbares Heilmittel verabreichen lassen! Der Befehl, nchste Woche in Versailles zu tanzen, ist ihr gestern zugegangen! Das wird sicher helfen! Und wenn sie sich weigert? Sie wird sich hten! Du kennst sie eben nicht! Sie ist launenhaft und rachschtig. Sie wird mich sicher in Verlegenheit bringen wollen! Mir ahnt nichts Gutes! -- -- Wir knnen aber nicht unsere Position durch ihre Launen erschttern lassen! Der Knig wrde mir einen Ungehorsam gegen seinen Befehl niemals vergeben! Es wre die sichere Ungnade! Sie mu in Versailles tanzen und wenn die Welt darob zugrunde gehen mte! Wir mssen sie vershnen! Wie gedenken Eure Hoheit das zu tun? Geschenke! -- Geld! -- -- Das vermag alles! Wir haben kein Geld! Wir haben unseren Schmuck -- wir haben unsere Gemldegalerie! Hoheit wollen sich von den Schtzen der Galerie trennen? Wenn wir sterben, mssen wir es sowieso! -- Und ich ziehe den Tod der kniglichen Ungnade vor! Du sollst die Gemlde zu Geld machen! Zu Befehl! Den Erls schickst du ihr! Auch das Gespann und die Equipage! Und schreibe ihr, ich bedauerte den Vorfall von neulich! Die Aufregung, in der ich mich befand, war ja nur zu erklrlich! Ich will aber darber hinweggehen und ihr wieder die Rente auszahlen lassen! Noch heute vormittag mu alles erledigt sein! Morgen hltst du mir Vortrag darber! Der Sekretr eilte, die Befehle auszufhren. Der Prinz lie sich in den Garten hinaustragen und gab Befehl, den ganzen Vormittag niemand vorzulassen auer Signore Fossano, den er zu sich befohlen hatte. Fossano kam. Er sah nicht ohne Genugtuung die Spuren der Verheerung, die die Aufregung bei seinem erlauchten Nebenbuhler hinterlassen hatte. Sie haben mich da in eine schne Situation gebracht, mein Lieber! sagte der Prinz leicht vorwurfsvoll. Man ist derartigen Gemtserschtterungen nicht mehr gewachsen! Sie sind auch schwer mit dem guten Ton vereinbar! Dergleichen geht man am besten aus dem Wege! -- Sie hatten es aber so schlecht arrangiert, da wir es nicht mehr konnten! Geruhen denn Eure Hoheit einzusehen, da auch ich in eine derartige Aufregung versetzt werden konnte? Und da es mir dadurch unmglich gemacht wurde, so gut zu tanzen wie sonst? Wenn das der Zweck Ihrer Demonstration war, so haben Sie ihn erreicht! Eure Hoheit wollen also auch glauben, da ich jene Schwche niedergekmpft habe und jetzt ganz wieder der alte bin? Keinesfalls! Wer einmal den Kopf verliert -- -- Der nimmt sich ein anderes Mal in acht, wenn er in dieselbe Situation kommt! -- Wollen Eure Hoheit mich auf die Probe stellen? Ich kann Sie unmglich wieder bei Hofe tanzen lassen! Trotzdem wage ich, darauf zu bestehen! Jetzt eben bin ich es meiner Reputation schuldig, dort zu zeigen, was ich kann! Sonst ist's um meine Karriere geschehen! Das interessiert uns nicht! Sie mssen fr sich selbst sorgen! Sie waren eben schlecht! Warum haben Sie nicht besser getanzt?! Sie mssen die Folgen tragen! Das werde ich auch tun! Eure Hoheit knnen aber versichert sein -- wenn ich nicht in Versailles tanze, dann wird es Barberina auch nicht tun! Carignan richtete sich im Sessel auf. Ach, sieh nur! Sie drohen uns gar! Ja, sagen Sie einmal, haben Sie sich denn mit ihr vershnt? Weit entfernt! Dann will ich Ihnen etwas sagen! Sie hat mir in Fontainebleau kategorisch erklrt, da sie nie wieder mit Ihnen tanzen wird! Das wei ich! Sie soll es aber tun! Sie wird mit mir tanzen oder berhaupt nie wieder auftreten! Sie planen doch keinen Anschlag auf sie? Hoheit knnen unbesorgt sein! Wie wollen Sie's denn bewirken? Ich brauche gar nichts zu tun! Ich verstehe Sie nicht! Wenn ich spreche, werden Hoheit verstehen! Also sprechen Sie! Wenn ich spreche, wird sie tanzen! Wenn ich schweige, tanzt sie nicht! So sprechen Sie doch! Erst mu ich die Zusage Eurer Hoheit haben, in Versailles tanzen zu drfen! Unmglich! Hoheit werden es bereuen! Barberina tanzt nicht -- das bedeutet den Zorn des Knigs wegen Nichterfllung seines Befehls! Aber Hoheit wissen das ebensogut wie ich! Also reden Sie! Hoheit kennen die Bedingung! Mein Gott, Sie eigensinniger Mensch! Wenn's durchaus sein mu -- meinetwegen knnen Sie gern tanzen! Das Ehrenwort Eurer Hoheit! Sie werden dreist! Was ich wei, rechtfertigt die Dreistigkeit! Nun denn, Sie haben mein Ehrenwort! Aber Sie mssen sich gut halten! Die richtigen hfischen Pirouetten! Keine Seitensprnge wie das letztemal! Ich bitte mir das aus! Hoheit knnen sich auf mich verlassen! Schn! Und jetzt reden Sie! Barberina hat mit Mylord Arundel ausgemacht, in der allernchsten Zeit Paris zu verlassen und nach London zu gehen! Sie fabeln! Heute frh ist der Diener des Lords nach Calais geritten, mit dem Befehl, berall Postpferde zu bestellen! Von morgen ab liegt ein Kutter zur berfahrt nach Dover bereit! Wir werden das zu verhindern wissen! brigens wird sie jetzt schon anderen Sinnes sein! Hoheit meinen? Ich habe guten Grund, es mit Bestimmtheit anzunehmen! sagte Carignan, mit einem schmerzhaften Seufzer an die Opfer denkend, die er dafr bringen mute. Warten Sie's nur ab! Sie werden sehen! Ich verstehe es, Widerspenstige zu zhmen. Adieu, mein Lieber! Es bleibt bei unserer Verabredung! Aber -- wie gesagt -- die richtigen Pirouetten! -- Keine Extempores! Keine Extravaganzen! Fossano ging. Der Sekretr kehrte wieder mit der betrbenden Nachricht, da die Barberina sich weigere, ihn zu empfangen. Sie wolle von Seiner Hoheit nichts wissen, keine Botschaft in Empfang nehmen -- kurz, ihm war in der schndesten Weise die Tr gezeigt worden. Carignan raste. Aber es half nichts! Er mute in den sauren Apfel beien und in hchsteigener Person zu ihr fahren, um Bue zu tun. Sonst wre es um ihn geschehen! Er fuhr also in Begleitung des Sekretrs hin und wurde von Mama Campanini im leeren Salon empfangen. Ich kann Hoheit leider nicht bitten, Platz zu nehmen! sagte sie mit der Miene einer Dulderin und zeigte auf den Fuboden. Aber Hoheit haben selbst fr den Mangel an Sitzgelegenheit gesorgt! Halten wir uns darber nicht auf, bitte! Ich will ja alles wieder gutmachen. Warum lt man denn meinen Boten unverrichtetersache wieder zurckkehren? Geld, Schmuck, Gespann, Equipage -- die ganze Einrichtung -- alles kann sie wieder haben! Und die Rente auch! Das nimmt sie nur von ihren Freunden an! Mein Gott, ich bin doch ihr Freund! -- Ich schtze sie nach wie vor! Ich war einen Augenblick alteriert! -- Ich wurde von einer Situation berrascht, in der ich nicht erwartet htte, mich befinden zu mssen! Aber es ist ja alles wieder gut! -- Ich versichere -- ich bin ihr gar nicht bse! Sie soll nur hereinkommen! Sie ist noch krank vor Aufregung! Gegen die Krankheit bringe ich eben das beste Heilmittel mit! Holen Sie sie nur her! Sie wird nicht kommen! Als der Sekretr vorhin hier war, hat sie mir rundweg erklrt, sie wrde sich von Eurer Hoheit nicht einmal die Hand kssen lassen. Nicht einmal um hunderttausend Francs! Das ist stark! Haben _=wir=_ etwa den Handku angeboten? Wir verzichten gern auf jede Intimitt! Wir haben aber nicht ntig, hier zu bitten! -- Du bringst mir auf der Stelle deine Tochter her! Ich, ihr Chef, befehle es! Und es wrde sowohl ihr wie dir teuer zu stehen kommen, wenn ihr meine Geduld noch lange auf die Probe stellt! Das half. Die Signora eilte in das Boudoir, und nach einigem Zgern lie sich Barberina dazu herbei, vor dem Antlitz des gestrengen Herrn Chefs zu erscheinen. Sie lie sich aber durchaus nicht imponieren. Sie war kalt, abweisend, sah ihn kaum an, wies jeden seiner Versuche, sie zu begtigen, ab und bat ihn schlielich, sie in Ruhe zu lassen. Sie wre noch leidend! Sie knne keine Aufregung vertragen! Sie wolle sich wieder hinlegen! Aufbrausend versuchte er es auch bei ihr mit dem Ton des Vorgesetzten. Sie lachte ihn aber aus. Da verlor er die Fassung gnzlich und verlegte sich aufs Bitten! Sie knne ihm jede Bedingung stellen! -- Sie msse aber bei Hofe tanzen! Sie drfe ihn nicht ins Unglck strzen! Die Ungnade wre ihm gewi! Dann tanze ich erst recht nicht! lachte sie, und die Schadenfreude leuchtete ihr aus den Augen. Das gab ihm die Fassung wieder. Dann brauche ich Gewalt! rief er. Entweder Sie tanzen, oder ich lasse Sie und Ihre Mutter verhaften! Ohne Grund? Das knnen Sie nicht! Ich habe Grund genug! -- Ich wei von Ihren Fluchtplnen mit Lord Arundel! Meine Polizei ist schon in Bewegung, hat schon berall verboten, Ihnen Postpferde zu geben und das Auslaufen aller Schiffe aus dem Hafen von Calais bis auf weiteres untersagt! Beim ersten Versuch, zu entweichen, sind Sie verhaftet, und Seine Lordschaft auch! Sie werden schon berwacht! -- Wollen Sie also tanzen? Ich sehe ein -- ich mu der Gewalt weichen! Ich werde also tanzen! Aber Eurer Hoheit Geschenke und die Rente nehme ich nicht wieder an! Ich verlange eine geordnete Stellung auf Grund meiner knstlerischen Leistungen! Mindestens fnfhundert Louis Gehalt monatlich! Und ebensoviel fr das eine Mal in Versailles! Carignan bi sich auf die Lippen. Er dachte an die leeren Kassen seiner Theater. Aber er sah keinen anderen Ausweg und willigte ein. Khn gemacht durch den Erfolg, verlangte sie noch die Aufhebung aller polizeilichen Manahmen. So dumm sind wir nicht! sagte der Prinz lchelnd. Unsere Polizei wird ein wachsames Auge auf Sie haben, Signorina! Bis Sie am Hofe getanzt haben! Dann wollen wir sehen! Studieren Sie jetzt fleiig Ihre Tnze mit Fossano! Mit Fossano?! Nimmermehr! Sie mssen ihn als Partner in Versailles haben! Nein, nein! Er wrde mir alles verderben! Wenn Hoheit darauf bestehen, tanze ich nicht! Ich lasse mich lieber kpfen! Nun, so erlassen wir's Ihnen! Er mag ein Solo tanzen! Ich habe brigens fr diesen Fall schon John Rich aus London als Gast engagiert! Er wird kommen, Sie kennen ihn sicher dem Namen nach? Der berhmte Harlekin des Coventgardentheaters! Er wird Ihnen glnzend sekundieren, Signorina! Ich tanze auch mit ihm nicht! Ich will den jungen Riccoboni! Er tanzt mir mehr zu Gefallen! Er hat mehr Talent als all die andern! Nun denn, in Gottes Namen, tanzen Sie mit Riccoboni! Wenn Sie blo tanzen, ist's mir gleich, mit wem! Ich htte mir dann den Rich ersparen knnen! Er wird aber schon unterwegs sein! -- Na, das sind alles Bagatellen! Gehen Sie zur Ruhe, Signorina! Pflegen Sie Ihre Tochter, Signora! -- -=Au revoir=-, meine Damen! Lassen Sie sich's gut gehen! Und Hoheit ging, froh, den Verkauf seiner Gemldegalerie noch rckgngig machen zu knnen und der kniglichen Ungnade so leichten Kaufs entronnen zu sein. * * * * * Barberina tanzte in Versailles vor der Knigin und dem versammelten Hofe und errang einen glnzenden Erfolg. Der Knig erschien aber nicht zur Vorstellung. Er hatte an dem Abend ein greres Interesse an den Staatsgeschften als an den Reizen Barberinas und blieb der Veranstaltung fern. Barberina war auer sich. Carignan nicht weniger. Aber er hielt Wort. Nach dem Auftreten Barberinas in Versailles hob er die polizeiliche berwachung auf. Und sie versumte nicht, sich das zunutze zu machen. John Rich, der berhmte Londoner Tnzer, hatte ihr von London vorgeschwrmt. Er verstand es, ihren knstlerischen Ehrgeiz aufzustacheln und spiegelte ihr ganz andere Triumphe vor als die der Galanterie, die sie jetzt bis zum berdru satt hatte. Pltzlich eines Tages war sie verschwunden. Der Herzog von Carignan erledigte eben die Kassenrapporte des vorhergehenden Tages und war voller Freude, weil die Oper jetzt, nach dem Wiederauftreten Barberinas, allabendlich ausverkauft war. Da brachte man ihm die Nachricht von ihrem Entweichen. Das war zuviel! Die Sall, die Camargo -- das hatte er verschmerzen knnen! Aber jetzt auch noch die Barberini! Nach all den Opfern! Nach all den Demtigungen! Seine Hoheit traf auf der Stelle der Schlag! Barberina aber tanzte nach den Gestaden Albions hinber. Und Fama flog vor ihr her mit der Kunde von ihrem Schnheitsflecken und ihren anderen galanten Vorzgen! Drittes Buch Hahnenkampf 13 Seine Herrlichkeit Lord Stuart-Wortley-Mackenzie trat heute etwas spter als sonst seinen tglichen Spazierritt an. Er zeigte seinem Sohn, der ihn begleitete, ein ungewhnlich aufgerumtes Wesen und unterhielt sich lebhaft, fast freundlich, mit ihm. Der junge Lord war nicht wenig erstaunt darber. Bis jetzt war er gewohnt, von seinem alten Herrn mehr als ein notwendiges bel behandelt zu werden. Heute aber kam er sich vor, als sei er pltzlich ein gutes und lohnendes Geschft geworden -- ein reicher Gewinn im Spiel oder so etwas! Nach Beendigung des Rittes beliebte Seine Herrlichkeit einen andern als den blichen Weg einzuschlagen. Statt geradeswegs nach seinem an der Sdseite des Parks gelegenen Palais zu reiten, warf er sein Pferd herum, lenkte es geradeswegs nach Piccadilly, bog in die Saint James Street ein, kam nach Pall Mall, wo mehrere der reichen Kaufleute ihre Wohnhuser hatten, und hielt vor einem der reichsten und prchtigsten an. Ein wohlbeleibter, rotwangiger Hauswart in prunkvoller Livree trat auf die Treppe heraus. Sir Josuah zu Hause? fragte der Lord, stieg auf die bejahende Antwort des Hauswarts vom Pferd, warf dem Groom die Zgel zu und betrat, von seinem Sohn gefolgt, die gerumige, mit allerlei exotischen Trophen und Waffen geschmckte Halle. Der Hofmeister, der ihnen auf der Treppe zur ersten Etage entgegenkam, zeigte dem vornehmen Besuch unter vielen devoten Verbeugungen den Weg und fhrte die Herren in die Bildergalerie, wo sie der Hausherr, der sehr ehrenwerte Sir Josuah Crichton, Groreeder und Mitglied des Hauses der Gemeinen, erwartete. Er empfing sie freundlich, aber wrdevoll, und stellte ihnen seine Tochter vor -- eine kleine, hbsche Blondine mit dem blichen, slich nichtssagenden Gesicht. Die gebruchlichen Phrasen ber Wind und Wetter wurden gewechselt. Auch erkundigte man sich, wie schicklich, nach dem derzeitigen Wohlbefinden. Dann zogen sich die alten Herren auf Anregung Sir Josuahs nach der Bibliothek zurck, um ihr Geschft zu besprechen, und lieen die beiden jungen Leute allein! Das Geschft betraf eben das Lebensglck jener beiden Menschenkinder, die sich bis jetzt nicht gesehen hatten -- die aber, wenn die Herren Vter einig wurden, ihre gegenseitigen Vorstellungen vom Lebensglck in Einklang zu bringen haben wrden -- ob's ihnen pate oder nicht. Zeit genug blieb ihnen dazu. Denn die beiden alten Herren hatten gewichtige ideelle und materielle Interessen gegeneinander abzuwgen. Sie waren beide darauf bedacht, das Tauschgeschft mglichst vorteilhaft zu gestalten. Und da ist ein ehrlicher Kaufmann mit dem Anpreisen seiner Ware nicht im Handumdrehen fertig! Seine Herrlichkeit gab sich auch redlich den Anschein, mglichst wenig Interesse am Zustandekommen des Geschfts zu nehmen. Er schlug mit der Reitgerte den Staub von den Schen seines goldgestickten, grnen Rocks, legte sie nebst Hut und Handschuhen auf den groen mit Bchern und Zeitschriften bedeckten Tisch, setzte sich gravittisch in einen groen Sessel und blickte etwas zerstreut den vor ihm stehenden dicken Sir Josuah an, dessen kleine uglein ihm aus dem hochroten, wohlgenhrten Gesicht schlau entgegenblinzelten, indes er sich vergngt die Hnde rieb. Sie finden mich hier, Sir Josuah, begann Seine Lordschaft, um die zwischen uns schwebende Angelegenheit ein letztes Mal zu besprechen und -- so oder so -- endgltig zu erledigen! -- Zunchst mchte ich Ihnen erffnen -- -- Ich bin ganz Ohr! rief Sir Josuah lebhaft, zog einen Sessel nher und setzte sich ebenso wrdevoll zurecht. Aber beileibe nicht, um es Seiner Herrlichkeit gleichzutun, sondern nur, um seine wei gepuderte Staatspercke nicht gegen die Stuhllehne zu drcken. Wenn Eure Herrlichkeit also die Gnade haben wollen -- Sie wissen, da das Haus der Stuarts von alters her zu den Sttzen der Torys gehrt?! -- Mein Vater trat aus berzeugung der Partei der Whigs bei, was unserem Zweig des Hauses den Unwillen der ganzen brigen Verwandtschaft zuzog. Wir haben einiges darunter zu leiden gehabt! Wir lassen uns aber nicht von unserer berzeugung abbringen! Man hofft es allerdings -- man gedenkt meinen Sohn wieder ins Torylager hinberzuziehen! -- Denn wenn der ltere Zweig ausstirbt, was sehr bald zu erwarten ist, dann ist mein Sohn der Erbe des riesenhaften Vermgens. Und das mchte die Partei der Torys, der ja mein Vetter leider noch angehrt, sich zunutze machen! Das mchte ich verhindern. Ich will nicht nur ihn selbst fest an unsere Sache ketten, ich mchte vor allem den Parteifreunden meines Vetters schon jetzt mglichst klar zu Gemte fhren, da sie in politischer Hinsicht von uns nichts zu erhoffen haben. -- Sie verstehen, Sir Josuah? Sir Josuah rieb sich die Hnde. Gewi, Mylord, ich verstehe, und ich freue mich ber die uneigenntzige Treue Eurer Herrlichkeit unserer Partei gegenber! Das Wort uneigenntzig sprach Sir Josuah mit einer leichten Anzglichkeit aus, die Lord Stuart sofort in Harnisch brachte. Sie meinen das hoffentlich ernst, Sir Josuah? Gewi! Schn! -- Ich htte sonst die Unterredung abbrechen mssen! -- Geld und Geldeswert haben bei den Entschlieungen eines Stuart nie eine Rolle gespielt! Ein Stuart war stets bereit, unter Hintansetzung aller materiellen Vorteile dem Rufe der Ehre zu folgen! -- Wo Sie in der Geschichte Englands hinblicken -- in der grauen Vorzeit -- bei den Kreuzzgen, unter Wilhelm dem Eroberer -- in den Kmpfen der Roten und der Weien Rose -- bei der glorreichen Revolution -- berall sehen Sie meine Ahnen das Banner ritterlicher Gesinnung hochhalten und ihr Blut fr die Ehre Englands vergieen! -- Unser Stammbaum wurzelt tief in der Vergangenheit! Aus dem Clan der Stuarts sind Knige hervorgegangen! -- Unser Haus ist eins der wenigen, die, ohne den guten Geschmack und die guten Manieren zu verlieren, die Periode der Heuchelei unter Cromwell und seinen Rundhuptern berlebt haben! -- Und wenn wir uns dann entschlossen zu der Partei der Whigs schlugen, so war es keinesfalls, um persnliche Vorteile einzuheimsen, sondern es geschah aus der berzeugung, da bei den Whigs der Fortschritt liegt, und da nur auf dem von ihnen betretenen Wege die Gre und die Ehre Englands zu wahren ist! -- Wenn Sie mich jetzt also bereit finden, in die Verehelichung Ihrer Tochter mit meinem Sohne zu willigen -- -- Mylord verzeihen, unterbrach ihn Sir Josuah, der sich durchaus nichts vergeben wollte -- Mylord verzeihen, wenn ich darauf aufmerksam zu machen wage, da eine solche fr mich gewi sehr ehrende Einwilligung doch wohl vorher genau zu berlegen wre! Sie meinen? -- Lord Stuart richtete sich in seinem Sessel auf. Ihrer Familie kann eine Verbindung mit dem Hause Stuart doch nur Ehre bringen! Und was mich betrifft, so mchte ich nur bemerken, da ein Stuart nichts ohne reifliche berlegung zu tun pflegt! Ich bezweifle das durchaus nicht, sagte Sir Josuah beschwichtigend. Aber trotzdem mchte ich Euer Herrlichkeit anheimstellen, sich _=meine=_ Ahnen doch auch etwas nher anzusehen, ehe wir daran gehen, unsere Stammbume sozusagen in denselben Garten zu verpflanzen! Sie belieben zu scherzen! Durchaus nicht! Wie soll ich das denn verstehen? Beileibe nicht so, da ich da irgendwie Vergleiche ziehen mchte! Das will ich auch hoffen! Wir haben es ja vorlufig nur bis zum Baronet gebracht! Mein Vater war noch ein einfacher Gentry! Er hat sich nicht trumen lassen, da bereits ich mir einen Sitz im Hause der Gemeinen kaufen wrde. Den Luxus konnte er sich noch nicht gestatten! -- Fr meine Person bin ich denn auch am Ziel meines Ehrgeizes! Aber meinen Nachkommen mchte ich noch nach Krften den Weg ebnen! Und so sehr ich die _=Ehre=_ einer Verbindung mit dem Hause Stuart schtze, die Vorteile, die sie realiter mit sich bringt, sind mir, aufrichtig gesagt, bei dem Geschft die Hauptsache! Sie schielen wohl bereits nach einem Sitz im Hause der Lords? Die Krone eines Peers von England ist aber nicht um Geld zu haben! Aber sie ist zu haben. -=Par la grace de Dieu!=- Die Gnade des Knigs gengt mir! Und da reicht der Einflu des Hauses Stuart wohl bis an die Stufen des Thrones! Der Einflu unseres Hauses stand unseren Freunden und Verwandten stets zur Verfgung! Also werden auch Sie mit ihm rechnen knnen -- hoffe ich! Fr meine Person habe ich keine Wnsche! -- Ich habe aber einen Sohn! Wenn Ihr Sohn sich ebenso wie sein Vater um England verdient macht, findet er sicher den Einflu meines Hauses auf seiner Seite! -- brigens aber wollten wir nicht von Ihrem Sohn, sondern von Ihrer Tochter sprechen! Ganz recht! Und nachdem ich Eurer Lordschaft Ansichten erforschen und eine so befriedigende Erklrung entgegennehmen durfte, liegt meinerseits nichts mehr im Wege, da wir auch in dieser Beziehung die Unterhaltung fortsetzen! Lord Stuart rmpfte die Nase! Die geschftsmige Art gefiel ihm nicht. Sir Josuah sah es, lie sich aber nichts anmerken, sondern fuhr in aller Gemtsruhe fort: Ich bin eben Ntzlichkeitsmensch wie mein Vater und meine Vorfahren! Und das ist _=mein=_ ganzer Stolz! -- Weit zurck reichen, wie ich schon zu bemerken die Ehre hatte, bei uns die Ahnen von Geburt nicht! -- Die haben wir uns erst geleistet, als sich auch bei uns die Notwendigkeit einstellte, den von uns aufgebauten Teil des Wohlstandes Englands auch nach auen hin mit dem gebhrenden Glanz zu vertreten! Aber unser Stammbaum ist darum nicht weniger alt! Er wurzelt genau so tief in der grauen Vorzeit und in der Vergangenheit Englands wie der Eurer Herrlichkeit! Was Sie sagen! Eurer Herrlichkeit Vorfahren schlugen sich fr die Ehre und den Glanz und hatten fr anderes keine Zeit. Die Brosamen, die _=sie=_ verschmhten, sammelten _=meine=_ Ahnen ein, Krume fr Krume. Das hat lange gedauert! Dann aber -- als das erste Schiff gebaut werden konnte -- dann ging's schneller. Der Heringsfang lohnte sich! Bald gingen unsere Schiffe -- denn sie vermehrten sich rasch -- auf Robbenfang aus, und jetzt hat unser anfangs so unansehnlicher Stammbaum tausend Spitzen -- tausend Mastbume --, die alle die Flagge Old-Englands ber die Meere tragen! -- Hunderte von Schiffen sendet meine Reederei heute mit Gtern beladen nach allen Windrichtungen aus -- die meisten mit Glck! Ich weiß«, sagte Lord Stuart trocken. Wenn Sie's fr ntig halten, dieses Thema zu berhren, so kann ich nicht umhin, zu sagen, da Ihr sonst gewi sehr ehrenwertes Haus es sich wohl leisten knnte, auf den Sklavenhandel zu verzichten! Mit Heringen und mit Robben kann man handeln -- mit Menschen nicht! Sie kennen meine Ansichten in dieser heiklen Frage? Ich kenne sie und respektiere sie! Ich bin aber ein Ntzlichkeitsmensch, wie ich schon die Ehre hatte, zu sagen! Das Geld ist mir gut, wo es auch herkommt! -- So lange Sdamerika >schwarzes Elfenbein< verlangt, wird die Ware beschafft; und da sehe ich nicht ein, warum ich andern Leuten ein gutes Geschft berlassen sollte, das ich ebensogut selbst machen kann! Um so weniger, da die paar Schiffe, die ich auf die Trade eingestellt habe, ebensoviel einbringen wie alle die anderen zusammen! Trotzdem sollten Sie damit aufhren! Soll ich das so verstehen, da Eure Lordschaft diese Forderung als Bedingung aufstellen? Lord Stuart antwortete nicht. Ich wrde auf die Bedingung nicht eingehen knnen, sagte Sir Josuah resolut. Dank jenem schwarzen Elfenbein schlo ich im vorigen Jahre mit einem Reingewinn von zweihunderttausend Pfund ab! Ich werde nicht so dumm sein, auf das schne Geld zu verzichten! Sie wissen, da unsere Partei eine Bill gegen den Sklavenhandel eingebracht hat? Ich wei! Aber auch, da es gewi Jahrzehnte dauern wird, ehe eine solche Bill Gesetz wird! Ich hoffe doch nicht! Ich schon! Aber wenn die Bill jemals Gesetz werden wrde, _=davon=_ knnen Eure Lordschaft berzeugt sein, da der derzeitige Chef des Hauses Crichton & Co. sich dem Gesetze fgen wird! Diese Versicherung beruhigt mich! Ich sehe, wir werden uns ber den Sklavenhandel einigen! Reden wir also weiter! Dann mchte ich zunchst das gtige Anerbieten, auf Eurer Lordschaft Besitz Mackenzie-Hill eine Hypothek begeben zu drfen, mit Dank annehmen! In den Augen Stuarts leuchtete es auf. Mackenzie-Hill mu ausgebaut werden, sagte er zgernd. Es soll der Wohnsitz meines Sohnes nach seiner Verehelichung werden. Sie lassen also die zwanzigtausend Pfund darauf eintragen? Sobald wir im brigen einig sind, liegt der Betrag zur Verfgung von Eurer Herrlichkeit Gutsverwaltung. Meiner Tochter gebe ich hunderttausend Pfund in die Ehe mit! -- Auerdem eine jhrliche Rente von zehntausend Pfund! Wollen wir uns bei den Geldangelegenheiten nicht weiter aufhalten, sagte Stuart, um den Schein zu wahren. Mein Haushofmeister wird das alles mit Ihnen in Ordnung bringen! Es ist alles richtig so! Machen Sie's nur, wie Sie soeben sagten! Sie werden es zu schtzen wissen, in enge Beziehung zu unserem alten Hause zu treten! So darf ich mir denn erlauben, Eurer Lordschaft Haushofmeister die Dokumente zur Prfung und Unterschrift zu geben? Bitte, tun Sie das! Sobald er sie gutgeheien hat, werde ich unterschreiben, und die Sache ist in Ordnung! Whrend der Dauer dieser Prliminarien waren die beiden jungen Leute, die durch jene Dokumente aneinandergekettet werden sollten, in der Bildergalerie mit dem Studium ihrer werten Persnlichkeiten beschftigt. In sportlichen Angelegenheiten waren sie bald einig. Mi Betsy liebte das Ballspiel ebenso leidenschaftlich wie der junge Lord Beß«, wie er in der Familie genannt wurde. -- -=In puncto=- Pferde waren sie auch eines Sinnes und konstatierten mit beiderseitiger Genugtuung, da die Fuchsjagden auf den Gtern des Sir Josuah Crichton eine ebenso illustre Gesellschaft zu vereinigen pflegten wie die Veranstaltungen Seiner Lordschaft. An beiden hatten bereits Prinzen von Geblt teilgenommen. In der Poesie waren sie auch eines Sinnes, beide gleichbewandert in den dichterischen Erzeugnissen, die zu kennen der gute Ton von ihnen verlangte! -- Sie konnten berdies die alten Balladen rezitieren, spielten beide vollendet die Laute und einigten sich bald darber, da die Gavotte -= la cour=- und das Menuett, wie sie am Hofe des lebenslustigen Prinzen von Wales getanzt wurden, den steifen altmodischen Tnzen am kniglichen Hofe vorzuziehen seien. Kurz: alle Bedingungen einer glcklichen Ehe waren vorhanden. Bis auf eine Kleinigkeit. -- Mi Betsy hatte zu tief in die dunkelblauen Augen eines jungen Landedelmannes geblickt und suchte in den hbschen Zgen des jungen Lords vergebens nach dem hausbacken treuherzigen Ausdruck, der ihr lieb geworden war, und von dem ihr Herz einzig und allein eingenommen werden konnte! Und dem jungen Lord war wiederum _=sie=_ herzlich gleichgltig und ebenso uninteressant wie all die anderen jungen Damen, die er kannte. Was die wrdigen alten Herren miteinander zu besprechen hatten, wuten sie beide -- auch, da sich daraus aller Wahrscheinlichkeit nach eine Ehe zwischen ihnen ergeben wrde! -- Da das eine Sache war, die mit der Liebe nichts zu tun hatte, wuten sie gleichfalls! Dem jungen Lord war die Liebe nur eine modische Redensart, die ihm noch nicht gelufig geworden war, und deren vergngliche Seite er kaum erst -=par renomme=- kannte! -- Insofern war er eine Merkwrdigkeit seiner Zeit -- streng gehalten und noch jung an Jahren. Sie war da weit gewitzigter! -- Ihr war das Eheproblem bereits bis zu der Frage vorgeschritten: -- ob ihr zuknftiger Herr und Gebieter ihr die Freiheit verstatten wrde, auch als seine Gattin den lndlichen Neigungen ihres Herzens zu folgen oder nicht? -- Eine Frage allerdings, die vor der Trauung weder gestellt noch beantwortet werden konnte -- deren Lsung sie aber der ruhigen und hflichen, fast bescheidenen Art des jungen Lords in fr sich gnstigem Sinne ohne weiteres entnehmen zu knnen glaubte. Sie gedachte der Ksse ihres geheimen Verehrers und ihres Treuschwurs, nur ihn zu lieben -- war aber im brigen bereit, sich als gehorsame Tochter dem vterlichen Entschlu zu fgen! -- -- In diesem Sinne verstattete sie sich sogar eine gewisse Annherung, fhrte ihren Zuknftigen aus der Galerie in den Palmengarten, zeigte ihm ihre Papageien und Affen, lud ihn ein, auf ihrer Lieblingsbank Platz zu nehmen und sang ihm da, zur Laute, das alte Lied Robin Adair vor -- sang es mit viel Empfindung, und dachte dabei wehmtig an das bitterbse Schicksal, das nicht jenem jungen Landedelmanne beschert hatte, ein Lord zu sein -- den sie auch heiraten durfte! Treu und herzinniglich, Robin Adair, Tausendmal gr ich dich, Robin Adair, Hab' ich doch manche Nacht Schlummerlos zugebracht, Immer an dich gedacht, Robin Adair! Mancher wohl warb um mich, Robin Adair, Treu aber liebt ich dich, Robin Adair, Mgen sie andre frein, Will ja nur dir allein Leben und Liebe weihn, Robin Adair! So sang sie, und der junge Lord wurde dabei von einer ihm nicht recht erwnschten Empfindung beschlichen. Sie hatte ja eine ganz hbsche Stimme und sang mit viel Gefhl! -- Ihre Augen wurden dabei feucht -- ihre Wangen glhten! -- Als wohlerzogener Mensch konnte er nicht umhin, das Lied auf sich zu beziehen! -- Er berlegte sich's schon in allem Ernst, ob er es nicht seinerseits auch zu einer Annherung kommen lassen mte?! -- Ein Handku schien ihm schon unumgnglich! -- Da, zum Glck, erschienen die beiden Vter, die inzwischen einig geworden waren, und machten seiner Verlegenheit ein Ende. Das Lied -- das anscheinend intime Zusammensitzen der beiden -- alles schien den alten Herren fr eine glatte Abwickelung des Geschfts zu brgen! Schmunzelnd trat Sir Josuah auf seine Tochter zu, teilte ihr in aller Form mit, da Seine Herrlichkeit ihm die groe Ehre erwiesen htte, um ihre Hand fr seinen Sohn zu bitten, sowie, da er seine Zustimmung bereits gegeben htte. Seine Herrlichkeit hatte denn auch die Gnade, ihr die Stirn zu kssen und sie als Tochter zu begren, und zwar ohne sie um ihre Meinung zu befragen. Er bergab ihr einen prachtvollen Schmuck, den er bereits mitgebracht hatte, und legte dann ihre Hand in die seines Sohnes, der sie gehorsamst annahm und sie formell kte. Nachdem Lord Stuart die ganze Familie Crichton auf den heutigen Abend zum Diner geladen hatte, verabschiedete er sich, nahm den frischgebackenen Brutigam mit, schritt wrdevoll, wie er gekommen, die Treppe hinab, bestieg sein Pferd und ritt denselben Weg zurck. Unterwegs regte sich im Busen des jungen Lords so etwas wie eine Empfindung, da auch er ein Mensch fr sich sei! -- Im Hydepark angelangt, beurlaubte er sich pltzlich von seinem gestrengen Herrn Vater, dem er glaubte fr heute gengend Gehorsam gezeigt zu haben! -- Er wollte sich noch in den Alleen des Parks ergehen und erst spter nach Hause kommen. Der Groom nahm sein Pferd am Zgel und folgte dem alten Herrn nach dem Palais. Und Lord Be war endlich allein mit seinen Gedanken. Er schlenderte durch den Park, ohne Ziel, sah zerstreut dem bunten Treiben zu und bog dann, ermdet von dem Trubel, in einen entlegeneren Weg ein. Die Bume gaben hier mehr Schatten und gestatteten keinen weiteren Ausblick. -- Die Wege schlngelten sich zwischen dichtem Gebsch hin. Die Grostadt war hier kaum zu hren. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Be dachte nicht mehr an das soeben Erlebte. Er war froh, fr einen Augenblick dem Zwang entschlpft zu sein, in dem sein gestrenger Herr Vater ihn bis jetzt unnachsichtlich gehalten hatte. Das heutige Ereignis hatte fr ihn keine andere Bedeutung, als da er die Fesseln der vterlichen Beaufsichtigung mit denen der Ehe vertauschen sollte! -- -- Ein notwendiges bel nur war's, das eine wie das andere, und keines Gedankens wert! Fr den Augenblick fhlte er sich frei wie ein Schuljunge, der sein tgliches Pensum absolviert hatte! Und das war ihm die Hauptsache! Er trieb sich ohne Ziel herum und war eben im Begriff, den Weg nach Hause einzuschlagen, als er pltzlich laute Hilferufe hrte. -- Schnell lief er nach der Richtung, aus der die Rufe kamen, und sah auf einem Seitenweg eine junge Dame, die von zwei Mnnern fortgeschleppt wurde. In der Nhe hielt ein verschlossener Wagen. Eine Entfhrung also am hellichten Tage! Er lief hinzu, so schnell er konnte, zog den Degen und schlug auf die Bsewichter ein, die ihr Opfer sofort freilieen und, ohne sich zur Wehr zu setzen, eiligst an den Wagen liefen, den Pferden die Zgel gaben und in vollem Trab davonjagten. Be wandte sich der berfallenen zu, die noch keuchend vor Aufregung dastand. Es war ein reich gekleidetes, etwas fremdlndisch anmutendes junges Mdchen von hohem, schlankem Wuchs. Mit der Leichtigkeit einer Sylphide, und mehr schwebend als gehend, kam sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Mein Herr, wie soll ich Ihnen nur danken knnen, sagte sie in gebrochenem Franzsisch, mit einer Stimme, in deren sonorem, etwas verschleiertem Klang der berstandene Schrecken noch nachzitterte. -- -- Sie haben mir das Leben gerettet! Er stand da, stumm, ohne etwas sagen zu knnen, und hielt die kleine Hand fest, deren kaum fhlbarer Druck ihn wie ein elektrischer Schlag durchzitterte. Er blickte in ein Paar schwarze, wundervolle Augen, deren Glanz noch von den Trnen erhht wurde, er sah ein jugendliches Gesicht, frisch wie ein Pfirsich, sah die roten, schn geschwungenen Lippen bezaubernd lcheln und schlo die Augen, um nicht der Versuchung nachgeben zu mssen, sie sofort zu kssen! -- Was sie ihm sagte, hatte er nicht gehrt, nur den Klang ihrer Stimme vernommen, der noch wie liebliche nie zuvor gehrte Musik in ihm nachzitterte und ihn in se Aufregung versetzte. So stark war der Eindruck, da er, von einem pltzlichen Schwindel gefat, wankte und sich an einen Baum sttzen mute. Mein Gott! -- Fallen Sie nur nicht in Ohnmacht! lachte die silberhelle Stimme wieder. Man knnte ja denken, nicht Sie htten mich, sondern ich Sie gerettet! Das haben Sie auch! rief Be mechanisch und wiederholte mechanisch wie im Traum: Sie haben mich gerettet! -- Sie haben mich gerettet! -- -- Gott sei Dank! Die Liebe war wie ein Blitz des Himmels in seine Seele gefahren und hatte sein ganzes Wesen in Flammen gesetzt. Vor einigen Minuten noch ein Traumwandler, der sich von fremden Mchten hin und her treiben lie, war er jetzt zum selbstndigen Leben aufgewacht! -- Er sah den Weg und empfand zum ersten Male voll das Glck, da zu sein. Sie sah seine Aufregung und zog ihre Hand aus der seinen. Ich bin Ihnen zu groem Dank verpflichtet, mein Herr! sagte sie nochmals. Mein Leben lang werde ich Ihre Schuldnerin sein! Ich darf Sie aber nicht lnger aufhalten! Tun Sie's nur! -- Tun Sie's nur! Ich habe Verpflichtungen, die ich erfllen mu! sagte sie. Die Zeit eilt! Wenn Sie aber Ihre Gte noch so weit ausdehnen mchten, mich zu meiner Snfte zu begleiten, wre ich Ihnen dankbar! Ohne seine Antwort abzuwarten, legte sie ihren Arm in den seinen und fhrte ihn, mehr als er sie, den Weg zurck von der entlegenen Stelle des Parks zu dem Platz, wo ihre Snfte wartete. Viel zu kurz dnkte ihn der Weg. Ehe er recht zur Besinnung kam, hatte sie sich verabschiedet, sich in die Snfte gesetzt und den Trgern ein paar Worte zugerufen. Und er stand da und blickte ihr gro nach und war nicht sicher, ob die ganze Begebenheit ein Traum war oder nicht. In ihm jubelte es aber auf! Und um ihn war die ganze Natur wie verwandelt. Noch niemals hatte der Garten so strahlend schn dagelegen -- niemals zuvor war die Luft so voll von Wohlgerchen oder das Atmen so leicht! -- Und das Zwitschern der Vgel gab nur das Echo zu dem Aufjauchzen in seinem Innern, verstrkte es und trieb es zu einem einzigen Aufschrei unbndigster Lebenslust. Ein anderer Mensch, kam er nach Hause. Die Fesseln waren abgefallen. Was ihn bis jetzt beengt hatte, existierte nicht mehr, oder war unwesentlich geworden! Wo er hinsah, sah er nur das liebliche Bild, das ihm soeben begegnet war! -- Wo er hinhrte, hrte er nur den silberhellen Klang ihrer Stimme! -- Es war ihm unmglich, einem Gesprch zu folgen, und nur mit Mhe konnte er sich so weit zusammennehmen, da er auf direkte Fragen Antwort gab. Das Diner verlief einfrmig. Lord Stuart freute sich, da sein Sprling -- wie er dachte -- darauf bestrebt war, die Wrde seines Standes zu wahren. -- Die junge Braut war entzckt von der vielversprechenden Gleichgltigkeit, die ihr zuknftiger Herr und Gemahl ihr zeigte, und tat in ihrem Herzen das Gelbde, ihn nie auf andere Gedanken zu bringen. Nur Sir Josuah war unzufrieden. Er fand seinen zuknftigen Eidam mehr als lblich dumm und berlegte noch, wie er sein gutes Geld gegen diese geistige Minderwertigkeit schtzen sollte. Aber das Essen war glnzend, die Weine ebenso. Und ehe man sich trennte, hatte man sich schon dahin geeinigt, die beiden Neuverlobten am nchsten Tag miteinander ins Theater zu schicken, damit sie sich so allmhlich nher kmen! Sir Josuah hatte bereits eine Loge im Coventgardentheater genommen, und man sollte die groe Sensation der Saison, die Tnzerin Barberini, sehen. Am folgenden Nachmittag holte Be seine Braut ab. Er kutschierte selbst das Sechsergespann und machte erst eine Spazierfahrt in den Park, um sich auch da mit ihr ffentlich zu zeigen. Kurz vor Beginn der Vorstellung langten sie in Coventgarden an und suchten ihre Loge im ersten Rang auf. Die Vorstellung begann, und da Be ebenso gleichgltig und zerstreut war wie beim gestrigen Diner, so konnte seine Braut sich ungestrt dem Zuhren widmen! Die Vorstellung schien dem jungen Lord endlos zu sein. Er konnte es kaum noch abwarten, die junge Dame wieder nach Hause bringen zu drfen, und wre gern sofort aufgebrochen. Aber sie schien Vergngen an der Auffhrung zu finden. Und seufzend fgte er sich in sein Schicksal! Endlich kam das Ballett. Haben Sie die Barberini schon gesehen, Mylord? fragte die junge Dame, um einmal ein Wort zu sagen. Nein! antwortete Be, errtete aber dabei, als htte er eine Lge gesagt. Warum, war ihm unfalich, denn er glaubte die Wahrheit gesprochen zu haben! Aber jenes Gefhl kam wohl nur davon, da diese ihm hchst gleichgltige junge Dame an seiner Seite ihn durch ihre bloe Anwesenheit irritierte! -- Er wute in ihrer Gegenwart kaum noch mit sich Bescheid und wnschte sie im stillen dahin, wo der Pfeffer wchst! Der Vorhang ging auf und machte allem Fragen ein Ende. Der Regisseur trat vor und teilte dem Publikum mit, das pantomimische Ballett msse leider heute ausfallen, da Demoiselle Barberini noch unter den Folgen ihres gestrigen Unfalles leide! Sie wrde heute nur ein Menuett, einen schottischen Tanz und eine Tarantella tanzen und liee um die Nachsicht des Publikums bitten. Das Parterre knurrte und schien nicht bel Lust zu haben, dem Regisseur auch ttliche Antwort zu geben! -- Die Apfelsinenmdchen machten reiende Geschfte und sahen in kurzem ihre Krbe leer von den auch als Wurfgescho beliebten Frchten. Aber die Ankndigung, da John Rich, der alte Liebling des Publikums, als Ersatz einen -=Saylor boys=- und ein paar seiner Grotesktnze zugeben wrde, verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Unruhe legte sich, und die Vorstellung konnte weitergehen. Anfnglich blickte Be kaum hin, sondern sa im Hintergrund der Loge, in Gedanken vertieft, und die gingen alle zurck zu dem Gegenstand des gestrigen Abenteuers, von dessen Lieblichkeit er noch ganz erfllt war. Schlielich aber glitten seine Blicke auch nach der Bhne -- und da, von den wiegenden Rhythmen getragen, schwebte ihm eine Erscheinung entgegen, bei deren erstem Anblick ihm alles Blut zum Herzen strmte. Sie -- _=sie=_ war's! Er htte zu ihr hinunterspringen mgen, sich ihr zu Fen werfen -- sie in die Arme nehmen und forttragen -- irgendwohin, gleichviel wo, wenn er sie nur den Blicken all dieser Leute zu entziehen vermchte, die sie mit ihrem Entzcken verfolgten, beleidigten, ja entweihten! Allein wollte er sie anbeten, ihr in seiner Seele einen Tempel errichten, wo sie allein herrschen sollte und er als ihr erster und einziger Diener der Vermittler zwischen ihr und dem brigen Leben auf dieser Erde sein wrde! Er sa ganz still und wagte kaum zu atmen! Seine Blicke hingen wie festgebannt an ihr. Jede Linie, jede Biegung des schmiegsamen Krpers fesselte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt. -- Als sie aber wie ein Schmetterling ber die Bhne flatterte und fast in seine Loge hineinfliegen zu wollen schien, da fuhr er auf und streckte die Arme gegen sie aus. Und er htte jenen Unhold, mit dem sie tanzte, ermorden knnen, als er sie packte und mit seinem Raub davonstrmte. Er schrie auf vor Wut ob der Beifallsstrme des Publikums! Nur fr ihn durfte sie da sein, nur fr ihn tanzen! Ihm allein kam die Anbetung und die Verehrung zu! Das schien ihm von allem Anfang an so bestimmt! -- Der Himmel hatte sie ihm gesandt -- hatte ihr gegeben, ihm die Augen zu ffnen, und zwar nur, um in ihr das Hchste und Schnste im Leben zu verehren und daran selbst zur vollen Entfaltung seines Selbst zu erblhen! So heftig uerte sich sein Unwille ber die Zudringlichkeit des Pbels, da es der Aufmerksamkeit seiner Gefhrtin nicht entging. Um so weniger, da sie selbst mit Eifer an den Beifallsuerungen teilnahm. Sie mgen sie nicht? fragte sie und blickte ihn erstaunt an. Und er, der frchtete, sich verraten zu haben, griff dankbar nach ihrer Deutung seines Benehmens und antwortete mit einem bestimmten Nein! Das wundert mich, sagte die junge Dame in geringschtzigem Ton. Ihresgleichen hat man, soviel ich wei, noch niemals in London gesehen! Sie ist ja ein Wunder von Anmut und Grazie und tanzt mit einer Vollendung, die mich ganz entzckt! Zu dieser Belehrung schwieg Be wohlweislich. Mehr als ber deren Inhalt freute er sich ber den khl berlegenen Ton, in dem sie gegeben wurde! Und er nahm sich vor, sein mglichstes zu tun, um noch mehr in ihrer Achtung zu sinken. Er war zu gut erzogen, um ihr zu widersprechen, lie aber auch kein Wort der Zustimmung laut werden. Und das schon war in ihren Augen ein unverzeihlicher Mangel an der schuldigen Galanterie. Schweigend stand sie auf, lie sich von ihm zum Wagen fhren, sagte unterwegs kein Wort und machte nicht Miene, ihn zu berreden, als er die hfliche Einladung Sir Josuahs zum Souper ausschlug. Zum Erstaunen ihres Vaters lie sie ihn seines Weges gehen. So waren sie bereits wegen Barberina entzweit, wenn auch in ganz anderem Sinne, als es noch kommen sollte. Keinen Augenblick lnger mochte er in der Nhe eines anderen weiblichen Wesens weilen, am allerwenigsten da, wo er zum berflu noch gebunden war. Nach Hause mochte er aber auch nicht fahren. Er wute jetzt, wer seine Angebetete war -- er mute aber auch mehr wissen als den bloen Namen. Und so entschlo er sich, trotz seines Widerwillens gegen geruschvolle Gesellschaften, zum erstenmal, den Aufforderungen seiner jungen Standesgenossen nachzukommen, und lie sich nach einem Gasthaus fahren, wo die jungen Leute von Welt zusammenzukommen pflegten. Er wurde mit Begeisterung empfangen und sah sich bald als Mittelpunkt eines Kreises junger Leute des hchsten Adels, die eine sehr angeregte Unterhaltung fhrten, bei der ihre galanten Abenteuer hauptschlich den Gesprchsstoff abgaben. Selbstverstndlich wurde da auch der Name Barberinas genannt. Allerdings mit einem gewissen Unterton von Enttuschung! Denn keiner der jungen Herren konnte sich rhmen, von ihr irgendeine Gunstbezeugung erlangt zu haben. Und sie war schon die zweite Saison in London. Man hatte sich alles mgliche ber ihr Vorleben erzhlen lassen. Der junge Lord Albermale zeigte sich besonders gut unterrichtet -- er hatte sein Wissen von Lord Arundel, der ihr in Paris -- wie man sagte -- nicht ohne Erfolg den Hof gemacht hatte! -- Er hatte sie sogar selbst dort kennengelernt. Und wer wei, wie es gekommen wre, wenn nicht ihre pltzliche Abreise nach England ihm jede weitere Gelegenheit zu einer Annherung abgeschnitten htte! Hier hielt sie sich ja hermetisch abgeschlossen. Es sei aber ein grndliches Miverstndnis ihrerseits, wenn sie dchte, dem englischen Geschmack dadurch entgegenzukommen, da sie sich zu einer Heiligen zu entwickeln suchte! Man denke sich nur: -- eine Heilige, die, aus der Entfernung, mit den Beinen predigte! Sie wrde dem Himmel schwerlich Proselyten zufhren, wenn sie sich nicht entschlsse, ihnen schon auf Erden eine Kostprobe der Seligkeit zu geben! Die lachende Zustimmung der brigen verstummte, als zum allgemeinen Staunen Lord Stuart fr die gelsterte Schne eintrat. Er gebe nichts auf Verleumdungen -- er mchte Lord Albermale empfehlen, auch diese Vorsicht walten zu lassen! Wer in der ffentlichkeit stnde und gar, wie die Barberini, ein Gegenstand der besonderen Aufmerksamkeit des Publikums sei, entginge solchem Gerede niemals! Es brauche deshalb nicht auf Wahrheit zu beruhen! Er she nicht ein, warum eine junge Dame -- denn das sei die Tnzerin unzweifelhaft --, warum sie nicht in Paris ebenso musterhaft gelebt haben sollte wie hier in London! Auf das Gerede eines als eitlen Gecken und leichtsinnigen Lebemann, wie Lord Arundel, bekannten Gentleman wre nichts zu geben! Und er knne Lord Albermale den Vorwurf nicht ersparen, wider besseres Wissen diese, den Ruf einer jungen Dame krnkenden Gerchte aus rger wegen Nichterfllung galanter Wnsche weiterzuverbreiten! Das wre zum mindesten nicht edel und vertrge sich schlecht mit ritterlicher Gesinnung! Er selbst wre jederzeit bereit, fr sie -- und zwar in jeder Weise -- einzutreten! Er wrde aber keinesfalls lnger dulden, da ber ihre Tugend und ihre Keuschheit lsterlich geredet wrde! Am allerwenigsten von jungen Leuten, deren persnliche Erfahrung sie eigentlich zwingen mte, ihr das glnzendste Tugendzeugnis auszustellen, wenn ihre verletzte Eitelkeit sie nicht daran hindern wrde! Diese ruhig, aber mit einer unter dem Ernst deutlich wahrnehmbaren Leidenschaft vorgebrachte Rede Lord Stuarts bereitete der Frhlichkeit der jungen Dandys ein jhes Ende. Alle blickten Lord Albermale an, dem es als Angegriffenem zukam, dem jungen Herrn die gebhrende Antwort auf seine Dreistigkeit zu geben. Sie blieb nicht aus. ber die Tugend und Keuschheit der betreffenden jungen Dame htte ich lngst aus eigener Erfahrung sprechen knnen, wenn nicht das unerbetene Dazwischenkommen eines jungen Fants mich gehindert htte! Sie, Mylord, Sie waren es, der jenen Schurkenstreich gegen sie plante? rief Stuart -- jene Entfhrung, die ich noch rechtzeitig vereiteln konnte! Ich war so frei, sagte Albermale ruhig. Aber auch ohne da Sie sich jetzt als unerbetener Retter zu erkennen gegeben htten, wrde ich es nicht verabsumen, von Ihnen volle Genugtuung fr Ihre mich in meiner Ehre verletzenden Worte zu verlangen! Ich empfinde aber die Verpflichtung, Sie erst durch Tatsachen zu berzeugen! Ich will also sofort den Beweis fr die Wahrheit meiner Behauptungen fhren! Das wird Ihnen niemals gelingen! rief Stuart heftig. Im uersten Falle wird meine Degenspitze fr das Gelingen zu sorgen haben! erwiderte Albermale ruhig. Ich hoffe aber zuversichtlich, der Mhe berhoben zu werden, einen jungen Edelmann, den ich sonst schtze und achte, in solch empfindlicher Weise fr einige unbesonnene Worte zu zchtigen! Als Mann von Ehre werden Sie sich nicht versagen knnen, die von mir gebotenen Beweise entgegenzunehmen und mir dann volle Genugtuung zu geben! Sie knnen berzeugt sein, da ich Ihnen jede Genugtuung geben werde, die Sie zu verlangen haben, soweit sie sich mit den Gesetzen der Ehre vertrgt! -- Es wird Ihnen aber nie und nimmer gelingen, mich zu berzeugen! Folgen Sie mir nur, und Sie werden eines anderen belehrt werden! In Whites Schokoladenhaus wird zur Zeit von einem frheren Tnzer, Fossano, Bank gehalten! Er wei genau Bescheid ber sie! Gehen wir zu ihm! Gehen wir! -- riefen die anderen, denen die Abwechselung willkommen war. Und Stuart folgte, obwohl mit Widerwillen. Denn auf das Zeugnis derartiger Leute war seiner Ansicht nach nicht viel zu geben! In Whites Schokoladenhaus trafen sie mit Spielern aus allen Gesellschaftsschichten zusammen. Der Hochadel war zahlreich vertreten. Shne reichgewordener Kaufleute, die Beziehungen nach oben anknpfen wollten, suchten auf dem Nahweg durchs Spielhaus etwas rascher einige Sprossen der gesellschaftlichen Leiter zu berspringen. Glcksritter aller Nationalitten, Spieler -=ex professo=-, machten sich die Gelegenheit zunutze, den alten gefestigten Feudalbesitz zur Ader zu lassen. Und die galanten Damen fehlten selbstverstndlich auch nicht. Es wurde viel und gut gegessen und getrunken -- das Eintrittsgeld war auch danach bemessen. In einem greren, dafr reservierten Saale hatte der ehemalige Tnzer und jetzige Bankhalter seine Spieltische aufgestellt. Lord Albermale gelang es nach einigem Warten, mit seinen Freunden an den Tisch heranzukommen, wo Fossano selbst Bank hielt. Sie stellten sich ihm vor, nahmen Karten, und das Spiel begann. Auf Barberina! rief Albermale bermtig und warf eine Handvoll Goldstcke auf Pik-Dame. Vorsicht, Mylord! lachte Fossano. Eure Herrlichkeit werden verlieren! -- Die Dame Barberina hat noch niemand Glck gebracht -- auer dem Bankhalter! Albermale verlor auch prompt. Die Pik-Dame echappierte mit seinem Gold! Ihr Zeuge lt Sie bse im Stich, Mylord! sagte Stuart trocken. Wieso? Die von Ihnen benannte Dame hat doch eklatant gezeigt, da sie fr Geld nicht zu haben ist! Das hngt ganz vom Betrag ab! trstete Fossano, strich die verlorenen Einstze ein, zahlte aus, wo zu zahlen war, und gab neue Karten. Auf die Summe soll's mir nicht ankommen! erwiderte Albermale und warf eine ganze Brse hin. Er verlor nochmals. Ich wiederhole es, Mylord -- die Gegenliebe dieser Dame ist nicht fr Geld zu haben! sagte Stuart noch nachdrcklicher. Bei ihr ist der Einsatz das Leben! _=Der=_ Einsatz wird hier nicht angenommen! entgegnete Fossano. Und -- bei ihr wird er auch nicht verlangt! -- Gengend Geld und gut gemachte Gelegenheit waren bis jetzt alles, was ntig war! Du lgst! schrie Stuart, der auf einmal die Selbstbeherrschung verlor. Mein junger Herr, ich wei nicht, wie Sie dazu kommen, mit mir in dem Tone zu reden! -- Sie wissen von ihr nichts! Wenn irgendeiner, mu aber ich mit ihr Bescheid wissen! Denn ich war ihr Lehrer! -- Ich habe sie ausgebildet -- in der Kunst des Tanzens wie in all dem anderen! -- Ich habe sie in die Welt eingefhrt -- ich habe sie an den Hof von Frankreich gebracht -- sie war meine Geliebte -- sie wurde vom Prinzen von Carignan, von Lord Arundel und von vielen anderen ausgehalten -- -- Sie hren, Lord Stuart? In der kurzen Zeit von zwei Monaten hatte sie schon vierzehn Liebhaber, von denen man wute! Du lgst, du Hund von einem Falschspieler! rief Stuart auer sich. Und im berma seiner Aufregung warf er den Tisch um, da Geld und Karten auf dem Fuboden rollten, zog den Degen und schwang ihn im Kreise um sich herum. Wer noch ein Wort ber sie spricht, ist des Todes! schrie er. Ich frchte den Tod nicht, sagte Albermale ruhig, und bin sicherlich imstande, mich meines Lebens zu wehren, wenn's sein mu! Ich stehe Ihnen zur Verfgung! Hier ist aber nicht der Ort, wo Edelleute ihre Hndel auszutragen pflegen! -- Wollen Sie nur die Gte haben, Ihre Zeugen zu benennen. Ich werde desgleichen tun. Und das Weitere werden diese Gentlemen dann vereinbaren! Ich sende sie Ihnen, sagte Stuart, und hoffe, Sie schon morgen bereit zu finden! Es geht aber auf Leben und Tod! Denn wer, wie Sie, aus verletzter Eitelkeit die Ehre einer Dame durch den Schmutz schleift, verdient kein Erbarmen! Sie haben die Beweise gehrt! Das Wort jenes Glcksritters, der sein ritterliches Wappen Gott wei wo gestohlen hat, gilt mir nichts! Reisen Sie nach Paris, junger Herr, sagte Fossano, berzeugen Sie sich! Und wenn ganz Paris und ganz London aufstnden, um gegen sie zu zeugen und zu erklren, ihre Gunst genossen zu haben, so erklre ich, Lord Stuart, sie alle fr Lgner und Betrger! -- Diese Dame ist rein wie ein Engel des Himmels! -- Ich brauchte ihr blo ein einziges Mal in die Augen zu blicken, um zu wissen: -- hier, in dieser Seele, wohnt die Tugend, der kein Erdenschmutz etwas anhaben kann, wie nahe er ihr auch kommt! -- Speit eure schmutzigen Verleumdungen ber sie aus! -- Ertrnkt sie in all dem Unrat eurer Seelen -- sie wird aus dem Schlamm emportauchen wie ein Schwan, rein und makellos und ohne Flecken auf dem weien Gefieder! Zieht sie nur mit Gewalt zu euch hinab! _=Ihr=_ kann das nichts anhaben -- sie bleibt keusch und unberhrt trotz allem! -- Sie hat sich noch niemand wahrhaft ergeben, dafr setze ich die Ehre meines Namens als Pfand ein und verteidige ihre Ehre mit meinem Leben! Und damit ging er. Die anderen folgten. Gespielt wurde sowieso nicht mehr nach der unliebsamen Unterbrechung. Fossano lie Geld und Karten einsammeln, rechnete mit seinen Markren ab und ging gleichfalls. Er verga aber nicht, sich vorher Kunde zu verschaffen von Zeit und Ort des bevorstehenden Zweikampfes, dessen Details Lord Albermale noch auf der Stelle mit zweien seiner Freunde geordnet hatte. Mit dieser groen Neuigkeit wartete er gleich am anderen Morgen der Mama Campanini auf. Freut Euch, Signora! rief er gleich in der Tr. Eure Tochter wird endlich auch hier in London ihren Weg machen! Die Mama sah von ihrem Gebetbuch auf, in das sie vertieft war, und dessen Zahlenreihen sie eben zum soundsovielten Male zrtlich beugelt hatte. -- In so dichten Kolonnen marschierten sie nicht auf wie in Paris. Aber immerhin mchtig genug, um dem Leben jeden Wunsch abzutrotzen. Sie wissen doch, Signore -- begann sie von oben herab -- Chevalier -- korrigierte er mit Nachdruck. Meinetwegen auch Marquis, sagte sie trocken. Auch wenn Sie sich vergolden lassen, so ndert das nichts daran, da wir Sie hier zu Hause nicht zu sehen wnschen! Meine Tochter hat nicht den Willen, noch irgendwie mit Ihnen in Berhrung zu treten! -- Und da das Haus ihr gehrt, mu ich mich danach richten! Wir mssen unsere Geschfte wie sonst abwickeln! Trotzdem konnte ich mir nicht das Vergngen versagen, Ihnen heute die groe Neuigkeit brhwarm zu servieren! Und obwohl es nicht der Erste des Monats ist, bringe ich Ihnen heute schon Ihren Anteil am Gewinn mit! Er hielt ihr einen wohlgefllten Beutel hin und lie das Geld darin klirren. Der Klang des Goldes verfehlte seine Wirkung nicht. Die Alte nahm ihn, schttelte ohne weiteres das Geld aus, zhlte es durch und trug die Zahlen in ihr Gebetbuch ein. Ihr solltet mir Euer ganzes Vermgen anvertrauen, Signora, sagte Fossano. Bei mir verzinst es sich besser als in der Bank von England! Mag sein! antwortete sie. Aber in der Bank von England liegt es sicherer! Euch traue ich nicht ber den Weg, das wit Ihr! Gebe ich Euch alles, so verschwindet Ihr auf Nimmerwiedersehen! Jetzt riskiere ich nur das, was wir zur Not entbehren knnen, obwohl Ihr's eigentlich gar nicht verdient, da ich Euch irgendwie aushelfe! Ihr verkennt mich, Signora, lachte Fossano, um Eure Hilfe ist's mir nicht zu tun, wenn ich Euch etwas bei mir verdienen lasse! Ich empfand so etwas wie Reue, als ich Euch das Anerbieten machte! Ihr?! Ja! Mein Dazwischentreten in Paris hatte die gewi nicht beabsichtigte Wirkung, Eure Tochter auf die Bahn der Tugend zu drngen! Ich hielt es fr eine Schrulle, eine augenblickliche Laune, als sie im ersten rger mit allen ihren Adorateuren brach! Aber es scheint mir doch ihr Ernst gewesen zu sein! Und so war es ja nur meine Pflicht, Euch den durch mich verursachten Ausfall an Einnahmen wieder hereinbringen zu helfen! An Eure gute Absicht glaube ich nimmermehr! sagte die Mama, die jetzt mit dem Nachzhlen des Geldes fertig war. Sie stand auf, schlo den Beutel in ihren Sekretr ein und wandte sich wieder an ihn. -- Ihr brauchtet eben mein Geld, um Eure Spielbank einzurichten! Geld hatte ich genug! Dann wolltet Ihr also nur mit uns in Verbindung bleiben, um Euch gelegentlich an uns rchen zu knnen! -- Ihr hat meine Tochter! Ihr schreibt ihr Eure Niederlage in Paris zu, die Eurer Laufbahn als Tnzer ein Ziel setzte! Ihr wollt nicht einsehen, da Ihr fertig wart -- da Ihr, alt und verbraucht, nur noch an Eurem groen Namen zehrtet! Weder alt noch verbraucht! Wenn ich aufrichtig sein soll, ich hatte die ganze Sache satt! Ihr wart eben nicht mehr der erste! Ihr wurdet von meiner Tochter in den Schatten gestellt, so ist es! Und nun, wo sie sich mit ihrer ganzen Leidenschaftlichkeit ihrer Kunst widmet und ganz dem Vergngen entsagt, nun schleicht Ihr hinter uns her und sucht nur nach Gelegenheiten, uns zu schaden -- oder wartet zum mindesten darauf, da ihr ein Unglck zustoen wird, damit Ihr Euch freuen knnt! Da brauche ich nicht lange zu warten, lachte Fossano, wenn, wie Ihr sagt, das meine ganze Sehnsucht ist! Wenn nicht alle Zeichen trgen, steht ihr jetzt etwas bevor, das ihr bald jede Lust an der weiteren Ausbung ihrer Kunst benehmen wird! Nun bin ich aber nicht so bsartig, wie Ihr denkt! Ich bin sogar gekommen, um ein Unglck zu verhten! Sieh nur! sagte die Alte und blickte mitrauisch zu ihm hinber! Das schne Mrchen wollt Ihr mich glauben machen! Hrt nur zu! Der Galan Eurer Tochter -- -- Meine Tochter hat keinen Galan! Das wit Ihr ebensogut wie ich! Ich wei jedenfalls: es war Euch sehr schmerzlich, da sie vorgab, allen galanten Abenteuern entsagen zu wollen! Sie macht das Geschft eben ohne Euch! Ihr lgt! rief die Signora emprt. Warum sollte sie auch nicht?! -- Ihr knnt ihr ja doch nicht ewig beistehen! Eure Tage sind gezhlt! -- Sie mu sich beizeiten daran gewhnen, auf eigenen Fen zu stehen! Sie macht es auch sehr geschickt -- das mu man ihr schon lassen! Wenn nicht einmal Ihr etwas davon gemerkt habt -- --! Sagt mir's geradeheraus, was Ihr wit! Fossano lchelte. Es machte ihm Vergngen, sie zu qulen, und so zeigte er gar keine Eile, ihre Neugier zu befriedigen. Da Ihr getuscht wurdet, wundert mich nicht! sagte er. Ein ganzes Jahr in London, ohne da Fama das geringste ber ihr Leben zu berichten wte! Das war gut gemacht! Und wie geschickt sie ihre Tugend in Szene zu setzen wute! Mit welchem Eklat! Kaum hier angelangt, hat sie Gelegenheit, sich beim Feste des Prinzen von Wales einzufhren! Alle Welt war gespannt, sie im Urteil des Paris zu sehen -- alles wute von der bekannten Vorstellung in Fontainebleau! Jener famose Schnheitsfleck war auch hier schon zu einer gewissen Berhmtheit gelangt! Seine Knigliche Hoheit selbst war uerst gespannt -- die Pantomime stand auf dem Programm des Abends -- -- und sie weigert sich, nackt zu tanzen! -- Sie versteift sich darauf, nur ihre italienischen Bauerntnze vorzufhren! Alles war schokiert! Ganz London sprach monatelang von nichts anderem als von ihrer Khnheit, einen Wunsch von so hoher Stelle zu ignorieren! Ihr Ruf war gemacht -- aber ihre Karriere bei Hofe war hin! Auch hier! Und Ihr weintet! Leugnet es nicht! Blutige Trnen habt Ihr geweint! Obwohl der Prinz von Wales so gndig war, sie nur durch ein kostbares Geschenk dafr zu bestrafen, weil sie das nicht zeigen wollte, wodurch sie den allerchristlichsten Knig in solche Aufregung versetzt hatte! Wir knnen den Hof von England entbehren! sagte die Mama und setzte die Nase hoch. Saure Trauben! Das kennen wir! Euch wre der Hof von England schon recht! Obwohl ich nicht leugnen will, da man hier in England Knstlerinnen ihres Ranges so gut bezahlt, da sie knigliche Gnadengeschenke entbehren knnen! Ihr erkennt also ihre groe Knstlerschaft doch an! Ohne weiteres! Sie hat gut an sich gearbeitet! Sie ist eine groe Knstlerin geworden! Ihre Leistungen sind ber jede Kritik erhaben! Aber es war stets etwas in ihrem Tanze, wovon sie heimlich getrieben wurde! Ich habe sie genau beobachtet! Sie schien mir jemand zuliebe zu tanzen, dessen Bild sie insgeheim im Herzen trug! Das gab ihr die Schwungkraft, das gab ihr den Sieg! Ohne das kann sie nun ein fr allemal nichts! Das wei ich! Auf die Art habe ich sie doch abgerichtet! Wer dieser Jemand wre, gelang mir bis jetzt nicht zu ermitteln! Seit gestern aber wei ich's! Wei aber auch, da sie Gefahr luft, ihn zu verlieren! Und da ist es auch um ihre Kunst geschehen! Um das zu verhten, bin ich eben hergekommen -- -- Er schwieg. Denn vor ihm stand Barberina, die im Nebenzimmer seine letzten Worte gehrt hatte und nun hereinkam. Ich glaube schon, rief sie, da Ihr hinter mir her seid, um Nachteiliges zu erkunden und weiterzuverbreiten! Wenn Ihr aber glaubt, irgendwelche geheimen Beziehungen aufgesprt zu haben, die mich fesseln wrden, so seid Ihr im Irrtum! Sollte es mglich sein? lachte Fossano gallig. Sollte es wirklich mglich sein?! -- Zwei Sprossen der edelsten Geschlechter Englands stehen im Begriff, Euretwegen die Klingen zu kreuzen -- und Ihr wtet nichts davon?! Ihr wollt den Mann nicht kennen, der sein Leben zur Verteidigung Eurer Ehre einsetzt?! Meine Ehre verteidige ich selbst! Niemand gab ich den Auftrag, fr mich einzutreten! Ich wte auch nicht, wer sich erdreisten knnte, so aufdringlich zu sein! Ganz London wei es -- und Euch sollte es unbekannt sein?! Ich sag's ja, ich wei von nichts! Es interessiert mich auch nicht im geringsten! Meinetwegen knnen sich die jungen Dandys hier die Nasen gern abschneiden, wenn sie nichts Besseres zu tun wissen! Sonderbar! sagte Fossano, der nicht umhin konnte, zu merken, da sie die Wahrheit sprach. Soll ich den Namen jenes jungen Herrn nennen? Mir ist's gleich! Wenn's Euch aber ein Vergngen macht --! Es ist der junge Lord Stuart-Wortley-Mackenzie! Ich kenne ihn nicht! sagte sie kalt. Auch der Name ist mir vllig unbekannt! Fossano blickte sie staunend an. Das ging doch ber alle Begriffe! Die Leidenschaftlichkeit des jungen Lords konnte doch nur einer persnlichen Bekanntschaft entspringen! Er schttelte den Kopf. Seine eigenen Worte bezeugen mir aber, da er Euch gesehen hat, und zwar nicht nur aus der Ferne! So fhrt ihn her, damit ich ihn der Lge zeihen kann! rief Barberina entrstet. Das steht nicht in meiner Macht! Wohl aber kann ich Euch dort hinfhren, wo der Zweikampf stattfinden wird, damit Ihr in der Lage seid, das Unglck zu verhindern! Das interessiert mich nicht! Den Platz mgt Ihr mir aber nennen! Denn jener Lge mchte ich entgegentreten und ihr ein fr allemal den Garaus machen! Fr Eure Begleitung aber danke ich! Fossano gab die verlangte Auskunft und ging. Und Barberina lie ihre Snfte kommen, warf eine Mantille um und begab sich dann schnurstracks ohne jede weitere Begleitung an Ort und Stelle! An einer der entlegensten Stellen des Hydeparks, an einem kleinen, verlassenen, von Efeu berwachsenen Hause, das seit alters her da stand und als pittoreske Ruine belassen worden war, lie sie halten. Sie kannte die Ruine. Sie hatte sie bei ihren Spaziergngen oft aus der Ferne gesehen, war aber noch niemals hingegangen, da jener Teil des Parks von umherstreichendem Gesindel besucht wurde und als unsicher galt. Hinter dem Hause hrte sie Stimmen und Waffengeklirr. Sie war also nicht zu frh gekommen! -- Wer wei, vielleicht schon zu spt?! Sie eilte um das Haus herum. Auf dem offenen, nach allen Seiten von hohen Bumen umschlossenen Rasen sah sie im Sonnenscheine zwei jugendliche Gestalten ohne Rcke und Hte, die mit leichten Degen nach allen Regeln der Kunst gegeneinander fochten. Ein Sekundant stand mit dem Degen bereit, den Kampf abzubrechen -- ein anderer, die Uhr in der Hand, zhlte die Minuten. Ein Waffengang wurde eben beendigt. Aus dem Hemdrmel des einen Kmpfers trpfelte Blut! Macht nichts! rief er und grte den Gegner mit dem Degen. Bis zur Kampfunfhigkeit, Mylord -- so lautete die Bedingung! Ich bin noch lange nicht fertig! Wie Sie wollen, sagte Lord Albermale ruhig. Ich dachte aber, der Denkzettel genge! Sie sind auch nicht ruhig genug, mein Lieber! Sie machen es mir gar zu leicht! Aber wie Sie wollen! Er stellte sich in Positur, der Sekundant hob seinen Degen, der Kampf begann wieder. Barberina, die von der Mauerecke aus den Vorgang beobachtet hatte, lief jetzt kurz entschlossen hinzu. -- Ohne die Gefahr zu bedenken, lief sie in die gekreuzten Degen hinein, fate die Klingen mit beiden Hnden und bog sie auseinander. Die beiden Gegner lieen in der berraschung die Griffe los, und Barberina blieb so zwischen ihnen stehen, die Degen in den Hnden. Entwaffnet! rief sie bermtig lachend. Sie, Mademoiselle?! rief Albermale. Mein Kompliment! -- Der Coup war ausgezeichnet! -- Welchem glcklichen Zufall verdanken wir diese angenehme berraschung? Keinem Zufall, Mylord, antwortete sie und warf einen schnellen Blick auf den anderen Kmpfer, der wie ein ertappter Schuljunge dastand. Man hatte mir mitgeteilt, da diese Auseinandersetzung meiner Wenigkeit galt, und da war ich so frei, mich auch zur Stelle zu begeben! Mich dnkt, ich habe da ein Wort mitzureden! Gewi, Signorina, sagte Albermale. Ich gestehe Ihnen ohne weiteres das Recht zu! -- Obwohl die Auseinandersetzung einen mehr -- wie soll ich sagen -- rein akademischen Charakter hat! Wie soll ich das verstehen? fragte sie scharf und bog die dnnen Klingen in ihren Hnden. Sehr einfach! Es handelt sich um Ihren Tanz! _=Nur=_ um meinen Tanz, will ich hoffen? -- Nicht auch um meine Person? Ihre Person ist von Ihrem Tanz untrennbar, Mademoiselle! Sie erfllen Ihren Tanz mit so viel Poesie -- mit so viel Reiz der Persnlichkeit -- kurz, Sie sind so entzckend -- Auf Komplimente verstanden Sie sich immer gut, Mylord! Das sah ich schon in Paris! Ich wute aber nicht, da Sie solchen leicht hingeworfenen Nichtigkeiten mit der Waffe Nachdruck zu verleihen pflegen! Albermale bi sich auf die Lippen. Geradeheraus gesagt, Mademoiselle -- es handelt sich um Ihre Tirolienne, die Sie neulich tanzten! Wirklich? Ich hatte die Khnheit, zu behaupten, da Sie die Erotik, die in jenem Tanze steckt, mit einer Vollkommenheit zum Ausdruck bringen, da einem dabei Hren und Sehen vergeht! Sie sind sehr khn! Sie hatten selbst eine Aufklrung gewnscht! Ich kann Ihrem Befehl nur so nachkommen, da ich Ihnen die mir von Ihren Tnzen eingeflten Empfindungen getreulich wiedergebe! -- Lord Stuart dagegen -- aber Sie kennen ihn doch? Ich hatte noch nicht den Vorzug! sagte Barberina, die wohl ihren Retter von neulich erkannte, aber sich htete, es zu verraten. Sie grte ihn mit einer knappen Neigung des Kopfes und blickte ihm mit so viel schelmischer Unbefangenheit in die erstaunten Augen, da der arme Be den Kopf gnzlich verlor. So gestatten Sie denn, da ich ihn Ihnen vorstelle? sagte Albermale, dem es doch zu bunt wurde, da der junge Mensch wirklich rein akademisch, wie er dachte, fr eine ihm gnzlich Unbekannte sein Leben in die Schanze schlug. Lord Stuart neigte mehr zu der Ansicht, da in jener Tirolienne, die Sie mit so viel Anmut zu tanzen pflegen, eine Apotheose der Tugend und der Keuschheit zu sehen sei -- ja, da es Ihnen berhaupt unmglich sei, etwas anderes auszudrcken! Unsere Ansichten waren eben nicht in Einklang miteinander zu bringen! So muten denn die Waffen entscheiden! Mylord, sagte Barberina spitz, Ihre Darstellung entbehrt nicht der Pikanterie! Ich verstehe wohl den Ernst, der sich dahinter verbirgt, von dem Spiel der Worte zu unterscheiden! Ich mchte auch weder gegen die eine, noch gegen die andere Auffassung meine Stimme erheben! Es steht Ihnen ja frei, meine Herren, meinem Tanze all die Empfindungen abzugewinnen zu suchen, die Ihnen eben gelufig sind! Das ist stets die Angelegenheit des Publikums und geht die Tnzerin nichts an! Ich bemhe mich nur, nach bestem Knnen den Empfindungsgehalt des Tanzes bildlich darzustellen und bin gern bereit, neben der Stimme meines Gewissens auch ein sachverstndiges und parteiloses Urteil zu hren! ber meine _=Person=_ aber, die, wie Sie, Mylord, so richtig sagten, von meinem Tanz untrennbar ist, gestatte ich keinem fremden Urteil so laut zu werden, da es mein Ohr berhrt! Das entspricht nicht meinen Gepflogenheiten! Sowohl gegen Angriff wie gegen unerbetene Verteidigung meiner Person werde ich mich zu wehren wissen! Sie, meine Herren, haben gar kein Recht, um meiner Person willen handgemein zu werden! Sie werden also sicherlich nichts dagegen haben, meinen Wunsch zu erfllen und von jeder Auseinandersetzung mit den Waffen aus diesem Grunde Abstand zu nehmen! Sie blickte die beiden Kmpfer an, die noch unschlssig dastanden, und brach in ein helles Lachen aus, in das sie -=nolens volens=_ einstimmen muten. Geben Sie sich die Hnde zum Frieden! rief sie bermtig, sonst -- ich schwre es -- tanze ich nie wieder, weder Tirolienne noch irgend etwas anderes! Groer Gott, lachte Albermale, dies Unglck mu verhtet werden! Um jeden Preis! -- Mylord Stuart -- da meine Hand! Ich nehme alles zurck! Ich gebe mich besiegt und bitte Sie um Entschuldigung! Die nehme ich gern an, sagte Stuart, dem die Situation peinlich wurde. Ich bitte Sie ebenfalls, meine beleidigenden Worte zu vergessen! Er nahm die dargebotene Hand an. So ist's recht, sagte die triumphierende Schne. Und nun, da der Friede geschlossen ist, werde ich mich entfernen! Diese Trophen aber -- sie hob die Degen hoch -- nehme ich mit als Wahrzeichen der Vershnung und als Erinnerung an den Kampf! Unsere Degen wie unsere Herzen legen wir Ihnen zu Fen, Mademoiselle -- Dann werde ich aber auch nie wieder tanzen knnen! Denn ich mchte weder meine Fe verwunden noch Ihre Herzen zertreten! Mein Herz hlt etwas aus! rief Albermale. Versuchen Sie's nur ruhig! berlegen Sie sich's nicht erst lange! Ich werde es mir sehr berlegen! sagte sie spttisch. Ich glaube sogar bestimmt versichern zu knnen, da jener Tanz fr mich gar keinen Reiz haben wird! Ich verzichte -- das wird schon das beste sein! Und wie sie gekommen war, so verschwand sie und lie die berraschte Gesellschaft stehen. Lord Albermale und seine Freunde verabschiedeten sich von Stuart, der noch trumend dastand und der verschwundenen Erscheinung in Gedanken nachging. Er hrte nicht die Aufforderung seiner Freunde, mitzukommen. Ihre spttischen Bemerkungen drangen nicht bis an sein Bewutsein. Er merkte nicht, da er allein auf dem Platze blieb, und da es still um ihn wurde. Er liebte -- er hatte fr sein Liebstes das Leben gewagt! Und er wrde es noch tausendmal wagen! Gegen eine ganze Welt wollte er das Heiligtum verteidigen, das er in seinem Herzen aufgebaut hatte! Nichts -- auch nicht, da sie selbst sich es als eine Zudringlichkeit verbat, konnte ihn davon abbringen! Mechanisch ging er seines Weges, und, war's Zufall, war's Absicht -- seine Schritte fhrten ihn langsam nach der Gegend des Parks, wo er sie zum ersten Male gesehen hatte. Barberina dagegen, kaum, da sie in der Snfte sa, fhlte so etwas wie Reue. Jener junge Mann, mit dem sie kaum ein Wort gesprochen hatte, dem sie nur einmal begegnet war -- der sie aus groer Gefahr gerettet hatte, er war der Verleumdung, der blen Nachrede der Welt entgegengetreten! -- Ohne Bedenken hatte er fr ihren guten Namen sein Leben eingesetzt und sein Blut vergossen! Er hatte sie von dem Schmutz, in dem sie versunken war, mit seinem Blute reinwaschen wollen! -- Niemals hatte sie sich vorher einen Gedanken ber ihr Leben gemacht, sondern es hingenommen als etwas Selbstverstndliches, als ein ihr obliegendes Lebensschicksal! -- Jetzt aber gingen ihr die Augen dafr auf, wie elend ihr ganzes Dasein bis jetzt gewesen war, und auch dafr, wie unwrdig sie sei, jenes groe, ihr von dem reinsten Empfinden dargebrachte Opfer anzunehmen! Und wie hatte sie ihm dafr gedankt? Aber wollte sie Herrin ihrer selbst bleiben, so hatte sie nicht anders sprechen knnen! Sie hatte eben so gesprochen, wie ihr der Schnabel gewachsen war, und die jungen Dandys ob ihrer Dreistigkeit zurechtgewiesen! Denn eine Dreistigkeit war's, das eine wie das andere! Weder hatte Albermale den geringsten Grund, schlecht von ihr zu sprechen, noch hatte sie Lord Stuart zu ihrem Retter erkrt! Sie hielt inne. Nicht sie -- aber das Schicksal, das sie zusammengefhrt hatte, hatte ihn erkrt! Er war im Recht! Sie sah noch seine groen erstaunten Augen, als sie sich seine Verteidigung verbat -- die er als seine heiligste Pflicht empfunden hatte! Sie sah, wie er sie nicht verstand -- sah unermeliche treue Liebe in seinen Blicken -- sah, was mehr war -- den Glauben an sie, trotz allem! Und wie hatte sie's ihm gedankt?! Sie zog die Schnur und lie die Snfte halten, stieg aus und wollte zurck zu ihm, wollte ihm sagen, wie wenig sie solche Verehrung verdiene, und ihn um Verzeihung bitten! Sie eilte rasch den Weg vorwrts. Da, fast auf derselben Stelle, wo er sie vor einigen Tagen gerettet hatte, sah sie ihn kommen, langsam und traumverloren! Sie eilte auf ihn zu, und mit der ganzen Glut der Sdlnderin umschlang sie ihn, kte seine Augen, die sie so vorwurfsvoll angesehen hatten, kte ihn, glhend hei, mitten auf den Mund! Ehe aber der berraschte die Besinnung wiederfand, ehe er sein Glck zu fassen vermochte, war sie fort, schneller als Sie gekommen war! Er sah nur noch ihre Snfte an der Biegung des Weges verschwinden. In der Snfte aber sa sie in einer Ecke zusammengekauert, das Taschentuch an die Augen gepret, und schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. 14 Sie war pltzlich zum Leben erwacht. Und es war ihr, als htte sie bis jetzt nur geschlafen und getrumt -- wst getrumt! Was sie bis jetzt erlebt hatte, war kein Erlebnis! Was sie gehofft hatte und immer noch hoffte, war keines Gedankens wert! Vom Strome getrieben, hatte sie sich willenlos hin und her zerren lassen, bald von diesem, bald von jenem Strudel angezogen! Jetzt fhlte sie zum ersten Male so etwas wie festen Boden unter den Fen! Sie hatte etwas gefunden, woran die Wurzel ihres Wesens sich anklammern, wachsen und erstarken konnte! Die Sonne schien ihr zum erstenmal bis in die Seele hinein! -- Sie fhlte die Wrme des Lebens in sich pulsieren! Alle Triebe erwachten und drngten zur Entwickelung! Die Seele, deren Knospen die uere Gewalt roher Hnde bis jetzt gewaltsam beschleunigt hatte, auf die Gefahr hin, sie noch vor der Entfaltung vllig zu vernichten -- ihre arme, getretene Seele trieb jetzt selbst zur Entfaltung! Die uere vergewaltigte Hlle fiel! Und rein und unberhrt, in voller Unschuld, trotz alles Schlamms, durch den sie emporgetrieben war, entfaltete sich die Blume ihres Seelenlebens, in tausend Farben des reichsten Empfindens schillernd und stark und lieblich duftend! Die groe Liebe war da und hob sie mit ihrer Allgewalt aus dem Sumpf. Und alles, was ihr bis jetzt das Leben gewesen war, wurde ihr gleichgltig! Ohne Bedenken wollte sie es wegwerfen, nie wieder auftreten, nie wieder tanzen, sich ganz vom Getriebe der Bhne zurckziehen! Sie sah nur ein Paar tiefblaue Augen, die sie anblickten -- naiv, gro --, wie wenn ein Kind in einen bunten Traum hineinblickt! Sie hrte nur den Klang einer tiefen, sonoren Mnnerstimme -- sie empfand die ganze Jugendfrische eines Heldentums, das sich ohne Bedenken bereit fand, um ihretwillen alles von sich zu werfen und, ohne Rcksicht auf Familie, Namen oder das Gerede der Welt, aus Liebe zu ihr sein Leben fr sie einzusetzen! Psyche war wieder frei! Aber die Wandlung war zu schnell gekommen! Die Fesseln waren gelst, aber sie lagen noch zu ihren Fen. Sie sah sie noch -- sah ihr bisheriges Leben --, sah, was ihr unwiederbringlich verlorengegangen war und wie man an ihr gesndigt hatte! -- Sie war wieder frei. Aber die Schwungkraft ihrer Flgel erlahmte! Vom jhen Glck wie vom Unglck gleichermaen erschttert, brach sie zusammen! Ein heftiges Nervenfieber warf sie nieder und fesselte sie fr Wochen ans Krankenlager. Die Mama war wie verwandelt. In ihr erwachte so etwas wie bses Gewissen. Die Gefahr, in der die Tochter schwebte, hatte es geweckt. Sie sah, wie schwer sie sich aus Eigennutz an ihrem Kinde versndigt hatte, und gelobte dem Himmel, nie wieder ein mnnliches Wesen an sie heranzulassen, wenn es ihr blo vergnnt wrde, sie dem Leben zu erhalten! Sie nahm die berhmtesten und teuersten rzte, streute ihr Geld mit vollen Hnden aus -- alles umsonst! Jh, wie Barberinas Gestirn emporgeschnellt war, war es auch vom Firmament verschwunden. Ganz London interessierte sich fr ihr Schicksal. Die tollsten Gerchte wurden in Umlauf gesetzt, man glaubte nicht an ihre Krankheit, und die Theaterleitung hatte dem Publikum gegenber einen schweren Stand. Das Fieber lie nicht nach. Barberina wurde tglich schwcher und schwcher, ihre Fieberphantasien immer verworrener. Der junge Lord Stuart suchte vergebens zu ihr zu gelangen. Ihre Tr blieb ihm wie jedem andern hermetisch verschlossen. Tag fr Tag besuchte er das Theater, um zu fragen, wann sie wieder auftreten wrde. Er ging in den Spielsaal Fossanos und suchte durch diesen Kunde zu gewinnen -- vergebens! -- Man wute, da sie krank war -- das war alles! Eines Tages ging er wieder zu ihrer Wohnung, bestrmte die alte Signora mit Bitten, ihn doch an das Krankenlager zu lassen, bot ihr Geld, bot ihr die Ehe mit ihrer Tochter an, begegnete aber nur kalter Abweisung und mute unverrichtetersache wieder seines Weges gehen. Als er auf die Strae heraustrat, wurden von reichgekleideten Trgern eben zwei Snften vor dem Hause abgesetzt. Zwei wrdige Herren entstiegen ihnen und betraten das Haus nach langem Komplimentieren wegen der Ehre des Vortritts. Er schlich ihnen nach, eilte die Treppe hinauf und blickte durch die angelehnte Tr des Empfangszimmers hinein. Die Signora war zu der Kranken hineingegangen, um sie auf den Besuch vorzubereiten. Die beiden Herren waren allein. Stuart kannte sie wohl. Es waren der berhmte Arzt Sir William Westmore und der nicht minder beliebte Modearzt -=Dr.=- Petit, dessen Wunderpillen ihm die Gunst des vornehmen Publikums erobert und den Ha seiner englischen Kollegen zugezogen hatten. Die beiden Herren konnten sich nicht ausstehen, hteten sich aber wohl, es merken zu lassen, und bewahrten auch im persnlichen Verkehr eine bewaffnete Neutralitt, bereit, jede Ble des Gegners auszuntzen, wenn er sich durch irgendeine miratene Kur als Scharlatan entpuppen wrde. Wie ungern sie sich auch begegneten, so war es ihnen doch stets willkommen, an dasselbe Krankenlager berufen zu werden. Denn da hatten sie Gelegenheit, einander zu belauern. Jeder tat also sein Bestes, um den Argwohn des Kollegen zu entkrften, und bot seine ganze Geschicklichkeit auf -- was dem Publikum nicht entging und es auch veranlate, sie beide kommen zu lassen, um seines Lebens sicher zu sein. Ein jeder konnte sich nicht den Luxus leisten, durch so berhmte Hnde in die Ewigkeit hineinbefrdert zu werden. Mama Campanini aber konnte es. Und so wurde die arme Barberina in die Hnde dieser beiden Gewaltigen gegeben, die denn auch ihr mglichstes taten, um ihre Krankheit am Leben zu halten. Doktor Petit, mager, gelenkig und lebhaft, nahm kunstgerecht eine Prise aus seiner goldenen Schnupftabakdose, um sein Geruchsorgan von den bei anderen Kranken empfangenen Eindrcken zu reinigen, empfahl seinem entsetzten Kollegen dasselbe Verfahren, steckte die Dose ein, brstete den Schnupftabak von der Weste, go dann aus einem Glas das Sekret der Kranken in ein Glasrohr, mischte einige Tropfen einer Tinktur bei, hielt die Mischung an das Licht, roch daran, schttelte den Kopf und reichte die Glasrhre Sir William, htete sich aber, seine Meinung zu sagen. Sir William, dessen dicker, stmmiger Krper den ganzen Sessel fllte, roch auch an der Rhre, stellte sie fort, schttelte auch den Kopf, da die Percke wackelte, und verschlo die Lippen mit dem goldenen Knopf seines spanischen Rohres. Bedenklich, nicht wahr? fing der Franzose an. Allerdings! Aber durchaus nicht hoffnungslos! Hab' ich auch nicht behauptet! Wenn wir aber der Kranken heute etwas Blut ablassen -- --? Unter keinen Umstnden, Sir William! Unter keinen Umstnden! Keinen Tropfen Blut mehr -- keinen Tropfen! Hchstens durch eine gelinde Reinigung des Darms ihr einige Erleichterung verschaffen! Das hlt sie noch weniger aus! Sir William, ich gestatte mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, da auch gestern dieselbe Meinungsverschiedenheit zwischen uns bestand! Ich habe dann aus reiner Kollegialitt nachgegeben! Wir haben sie dann zur Ader gelassen! -- Mit welchem Erfolg?! -- Nun, Sie haben eben daran gerochen! Mein lieber und verehrter Herr Konfrater, antwortete Sir William mit all der Wrde, die seine fette Stimme aufbringen konnte, wenn Sie gestern meiner Ordination den Vorzug gaben, so tat ich vorgestern Ihren Pillen dieselbe Ehre an! Ich neige auch zu einer leichten Reinigung des Darms, um ihn von den vorgestern eingenommenen Pillen zu subern -- aber nur auf dem einzig richtigen Weg eines milden Klistiers! Ich weiche aber nicht von meiner Ansicht, da auch ein Aderla unbedingt ntig ist, und habe deshalb die Blutegel gleich mitgebracht! Blutegel? Niemals! rief der Franzose, entsetzt bei dem Gedanken, da der Nebenbuhler seine Blutegel verkaufen wrde. Diese wilden Tiere sind sehr mit Vorsicht zu gebrauchen! Bei dem Schwchezustand der Patientin wre das geradezu ein Frevel! Ein Tropfen zuviel knnte da eine Katastrophe herbeifhren! Wir haben es nicht in der Hand, die Raubgier jener Tiere nach Wunsch zu dirigieren! Ich schrpfe immer! Da wei ich am besten die zu entnehmende Blutmenge genau zu bemessen! Ich willige in den Aderla ein, Sir William, aber nur, wenn Sie mich schrpfen lassen! Wenn Sie mir zugestehen, auch mein Klistier in Anwendung zu bringen, so verzichte ich auf die Blutegel und akzeptiere das Schrpfen! sagte Sir William phlegmatisch. Einverstanden! rief der Franzose und fing sofort an, sein Arsenal auszupacken und sich zum Angriff bereit zu machen. Sein Mitbruder tat desgleichen. Da ereilte sie die Strafe des Himmels! Stuart, der hinter der Tr der Unterhaltung mit wachsendem Entsetzen gelauscht hatte, warf die Tr auf und strzte hinzu, schlug ihre Flaschen und Rhren in Scherben und bearbeitete die beiden Wunderdoktoren so nachdrcklich mit dem spanischen Rohr des dicken Sir William, da sie schreiend und hilferufend die Treppen hinunterliefen, sich in ihre Snften warfen und sich eilends forttragen lieen. Schrpfkpfe und Blutegel, Pillen und Klistier waren in die Flucht geschlagen! -- Die Liebe behauptete das Schlachtfeld. Sie sollte auch fernerhin siegreich bleiben! Der alten Signora, die bestrzt aus dem Krankenzimmer herauskam, erklrte der Sieger rundweg, da er sie und sich auf der Stelle tten wrde, wenn sie ihn nicht sofort an das Krankenlager ihrer Tochter fhre! Seine Entschlossenheit machte ihr jeden Widerstand unmglich. Sie ffnete die Tr und lie ihn eintreten. Barberina, von dem Lrm und dem Wortwechsel aufgeschreckt, machte einen schwachen Versuch, sich im Bette aufzurichten. Als sie den Geliebten in der Tr sah, glitt ein frohes Lcheln ber ihr Gesicht. Mit einem dankbaren Blick empfing sie seinen Gru und sank dann in die Kissen zurck. Er strzte hinzu, ergriff die vom Bettrand herabhngende Hand und bedeckte sie mit glhenden Kssen. Lange kniete er am Bette, die Lippen auf ihre Hand gepret. Als er wieder emporblickte, lag sie da, ganz still, mit geschlossenen Augen. Sie schlief und atmete ruhig, von schnen Trumen umgaukelt. Lange sa er so, immer noch ihre Hand in der seinen haltend. Und die Alte, die die beruhigende Wirkung seiner Anwesenheit sah, lie ihn gewhren. Das Fieber wich allmhlich; die Gefahr war vorber, und so hatte er sie zum zweiten Male aus Ruberhnden befreit. Sie genas in ganz kurzer Zeit und konnte bald das Bett verlassen. Er besuchte sie tglich und geno in vollen Zgen das Glck, sie zu sehen und an ihrer Seite zu weilen. Sobald sie vllig wiederhergestellt war, wollten sie heiraten und sich ganz vom Getriebe der Welt zurckziehen. Sie wollte das Theater verlassen und er die ihm aufgezwungene Braut. Whrend er mit ihr Zukunftsplne schmiedete, zogen sich gewitterschwangere Wolken ber seinem nichtsahnenden Haupt zusammen. Das Duell mit Lord Albermale hatte ein gewaltiges Aufsehen erregt, um so mehr, als es von dem pltzlichen Verschwinden Barberinas von der Schaubhne begleitet wurde. Gnzlich davon abgesehen, wurde jene Begebenheit aber auch aus anderem Grunde zum Gegenstand des Spottes und der allgemeinen Lachlust. Der unverbesserliche Lord Albermale gab auch dafr den Anla. Unter anderem war er nmlich auch ein leidenschaftlicher Verehrer des Hahnenkampfes und versumte keine Gelegenheit, diesem in England so eifrig betriebenen Sport zu frnen. So sah man Seine Lordschaft sich oft mit der belsten Gesellschaft um die Arena drngen, wo irgendein berhmter Hahn sein Leben in die Schanze schlug. Die tollsten Wetten wurden von ihm eingegangen und verloren. Und wie wst die Kmpfer sich auch zerzausten -- der am meisten Gerupfte war am Ende stets der Lord! -- Aber es machte ihm Spa, sein Geld zu verlieren. Und so war er nicht nur in der Lebewelt, sondern auch unter dem Gesindel Londons eine der populrsten Persnlichkeiten. Hogarth, der damals im Zenit seines Ruhms als rcksichtsloser Sittenschilderer seiner Zeit stand, hatte lngst ein Auge auf ihn geworfen und ihn mehrfach als Prototyp eines Modegecken auf seinen Stichen abkonterfeit. Lord Albermale, weit entfernt, es ihm belzunehmen, war stolz darauf. Er hatte sogar eine ganze Menge Abzge eines Stiches erstanden, auf dem er als Prsident des bunt zusammengewrfelten Publikums eines Hahnenkampfes dargestellt worden war, um sie seinen Freunden zu geben. Er schlo sich eng dem Freundeskreis Hogarths an und verkehrte fast tglich mit ihm, zum nicht geringen rger seiner Standesgenossen. -- Sie betrachteten ihn als das -=enfant terrible=-, das ihre kleinen Menschlichkeiten dem treffsichern Grabstichel Hogarths preisgab und diesen so in die Lage versetzte, sich an ihnen wegen ihrer Geringschtzung seiner Malereien zu rchen. Der gute Lord hatte auch nichts Eiligeres zu tun, als seinem guten Freunde die nheren Details seines gloriosen Zweikampfes mit Lord Stuart zu schildern. Und das war fr Hogarth ein gefundenes Fressen. Sein Zeichenstift schwelgte in karikaturistischen Orgien -- seine Kupferstecher kratzten und schwitzten -- seine Pressen gingen Tag und Nacht! Und eines schnen Tages berraschte er seine Verehrer und Abnehmer mit einem neuen Stich, der reienden Abgang fand und ungeheures Aufsehen machte. Der Stich war eine Travestie seines eigenen, wegen Albermales bereits weitverbreiteten Stiches: Der Hahnenkampf. Aber keine richtigen Hhne standen sich in der Arena gegenber, sondern Mitteldinge zwischen Federvieh und Dandy -- die Hahnenkmme zu federgeschmckten Dreimastern angeschwollen -- die gerupften Krper in den modisch geschwungenen Linien von Fechtern stutzerhaft posierend. So standen sie einander gegenber -- die linken Flgel halb an die Seite gedrckt, die rechten gekreuzt -- das rechte Bein vorgestreckt! -- Die Kpfe der Kampfhhne aber waren deutlich erkennbare Karikaturen von Albermale und seinem jungen Gegner. Um die zirkelrunde, tischfrmige Arena herum rekelte sich die bliche Versammlung von Spielern, Beutelschneidern und allerlei Gesindel nebst ihren Opfern aus der besten Gesellschaft. Alle aber trugen die Gesichter von bekannten Aristokraten, Parlamentariern oder Grokaufleuten. Sir Josuah Crichton sowie sein edler Gnner Lord Stuart waren auch da, und mit ihnen mancher ihrer Standesgenossen. Von der Seite aber, wo fr gewhnlich der Besitzer des Kampfhahns von dem ihm allein zustehenden Recht, den Fu auf die Arena zu setzen, Gebrauch zu machen pflegte, war eben in khnem Satz eine Tnzerin ber die Hupter der Kmpfenden gesprungen. Man sah von ihr nur die Beine ber das Ganze schwirren und die Waffen der beiden Kampfhhne auseinander schlagen. -- Diese und die Zuschauer starrten mit weit offenen Mulern und lsternen Mienen dem ber sie hinwegschwebenden Wunder nach -- die Blicke an die Strumpfbnder gebannt, an denen eine Unzahl kleiner Herzen aufgereiht war. -- Nur einer blieb teilnahmslos -- der Mann am Eingang, dessen Zge eine sprechende hnlichkeit mit dem berhmten Minister Walpole verrieten, und der, ganz wie sein Ebenbild, mit dem Verkauf von Sitzen beschftigt war. Wenn's auch keine Parlamentssitze waren, so schien doch der Profit, nach seiner vergngten Miene zu urteilen, recht eintrglich zu sein. Allerhchst dero Pirouetten, lautete die Unterschrift unter dem Stich. Und trotz des hohen Preises von einer Guinee fr jeden Abzug ging er zu Tausenden ab. Hogarth machte ein glnzendes Geschft und konnte es sich leisten, sich fr einige Zeit zurckzuziehen, um an einem neuen Gemlde zu arbeiten, das ihm wohl weder Gold noch Ehren einbringen wrde! Es konnte nicht ausbleiben, da der Stich auch auf den Tisch Seiner Herrlichkeit, des Lords Stuart, flatterte. Und auch unter den Fakturen des Chefs des Hauses Crichton & Co. fand sich eines Tages ein Exemplar eingeschmuggelt. Die beiden wrdigen Vertreter der Ehre und des Reichtums Englands hatten also das Vergngen, sich selbst in gar nicht wrdevoller Weise unter den Zuschauern des Hahnenkampfes abkonterfeit zu sehen, und vertieften sich in die Selbstbetrachtung, ohne eine Miene zu verziehen. Die Wirkung war aber bei den beiden verschieden. Sir Josuah gab in aller Ruhe und im trockensten Tone den Befehl, sofort eine Annonce aufzugeben, worin bekanntgemacht wurde, da sein Kontor alle nur erlangbaren Exemplare des Stiches zum doppelten Preise aufkaufen wrde. Er sandte seinen Prokuristen zu Hogarth und lie ihm ohne Feilschen den von ihm verlangten Preis fr die Platte und die noch nicht verkauften Exemplare auszahlen sowie ihm die schriftliche ehrenwrtliche Verpflichtung abnehmen, keine weiteren Vervielfltigungen des Stiches anzufertigen und die Originalzeichnungen zu vernichten. Nach Erledigung dieses Geschfts ging Sir Josuah stillschweigend ber die Angelegenheit zur Tagesordnung ber und vertiefte sich in eine Kalkulation ber die Gewinnung von schwarzem Elfenbein fr Sdamerika. Lord Stuart dagegen trug nur uerlich Ruhe zur Schau. Innerlich kochte er vor Wut. Und die Wut eines Englnders nimmt manchmal sonderbare Formen an. -- Bei Lord Stuart schlug sie sich gleich auf die Wrde und brachte eine eisige Unnahbarkeit hervor, die alles Leben um ihn lhmte. Alles schlich auf den Fuspitzen um Seine Herrlichkeit herum und bot den uersten Scharfsinn auf, um die Ursache seines Mivergngens ausfindig zu machen und ebenso unmerklich zu beseitigen, wie sie entstanden war. Selbstverstndlich ohne den Lord selbst darber zu interpellieren oder irgendwie damit zu belstigen. Denn Fragen zu stellen, wo man selbst Augen und Ohren hatte, war im Hause Stuart zur Zeit der Wut Seiner Herrlichkeit mehr als lebensgefhrlich. Gelang es, den Grund seines Zornes zu beseitigen, so war alles gut und nahm von selbst wieder die gewohnten Formen an. Sonst konnte man auf berraschungen gefat sein. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel sauste dann urpltzlich das Endergebnis der Entschlieungen Seiner Herrlichkeit auf das Haupt des damit bedachten Schuldigen oder Unschuldigen nieder. Aber Mylord verzog dabei keine Miene und verharrte in der Eisregion seiner unverletzlichen Wrde. Ein derartiges Einfrieren alles Lebens -- wie diese einer Eruption entgegengesetzte Erscheinung wohl genannt werden darf -- bereitete sich eben in der erlauchten Seele Seiner Herrlichkeit vor, als ihm der Besuch Sir Josuah Crichtons gemeldet wurde. Eine Neigung des Kopfes teilte dem Hofmeister mit, da der Lord empfangen wollte. Eine Handbewegung deutete ihm auch an, wo. Da er nicht verstand, aber auch nicht wagte, nach der Bedeutung der Geste zu fragen, so fhrte er Sir Josuah, zum Entsetzen Stuarts, der auf die Ahnengalerie gedeutet hatte, geradeswegs ins Allerheiligste -- ins Arbeitszimmer hinein, wo sonst nur Mitglieder der allernchsten Familie empfangen wurden. Dieser Mangel an Distinktionsvermgen brachte ihm einen kalten Blick unter mig gerunzelten Brauen ein. Zitternd zog er sich zurck und lie die beiden Herren allein. Lord Stuart mute also seinen Gast selbst in die Galerie hineinfhren, ehe er sich herablassen konnte, seinen Mund aufzutun. Denn nur im Kreise seiner Ahnen konnte er so sprechen, wie's die Situation von ihm, einem Peer von England, verlangte! -- Da allein war er sicher, es mit der gebhrenden Wrde tun zu knnen, ohne Gefahr zu laufen, das Gleichgewicht des Gemts zu verlieren. Mit einer Handbewegung stellte er seinem Gast alle die Stuarts vor und lud ihn dann ein, unter ihnen Platz zu nehmen! -- Eine symbolische Handlung, deren hohe Bedeutung Sir Josuah nicht gebhrend zu schtzen schien! Denn er lchelte belustigt und verstieg sich sogar zu der respektlosen uerung: Ich knnte Eurer Herrlichkeit allerdings nicht mit derselben Ehrung aufwarten, falls ich bald einmal den Vorzug Ihres Besuches haben sollte! -- Denn all die Heringstonnen, die ich dann als Ahnengalerie vor Eurer Herrlichkeit Augen auffahren lassen mte, fnden in ganz Pall Mall keinen Platz! Eine Bemerkung, die die Wrde Mylords auf den Gefrierpunkt brachte! Als Staatsvisite habe ich Ihren Besuch auch nicht aufgefat, Sir Josuah! sagte er, setzte sich zuerst und lud seinen Gast mit einer Handbewegung ein, seinem Beispiel zu folgen. Ich gehe wohl auch in der Annahme nicht fehl, da ein besonderer Anla Ihres Kommens vorliegt? Sicher nicht! sagte Sir Josuah und versenkte seine kugelrunde Gestalt in einen ebenso prachtvollen Thronsessel wie den Seiner Herrlichkeit. Es liegen sogar ganz besondere Grnde vor! Drfte ich denn bitten? Zunchst htten wir einen Brief Ihres Herrn Sohnes -- Sir Josuah holte seine groe Hornbrille hervor, putzte die Glser und hakte das Ungetm hinter den Ohren fest, faltete dann einen Brief auseinander und hielt ihn hoch. Dieser Brief, den ich die Ehre haben werde vorzulesen -- -- Ich darf wohl hoffen, unterbrach der Lord, da jenes Schreiben nichts von Geld oder Geldangelegenheiten enthlt? -- Denn ich mte sonst ablehnen, mich damit zu befassen und mich auf die Erklrung beschrnken, da ich meinem Sohn ausdrcklich verboten habe, in geschftlichen Dingen irgend etwas ohne meine Erlaubnis zu unternehmen, sowie, da diese Erlaubnis weder von ihm nachgesucht, noch von mir erteilt wurde! Eure Herrlichkeit knnen in dieser Hinsicht ganz auer Sorge sein! Der Brief betrifft nur eine Herzensangelegenheit! Da gestatte ich mir zu bemerken, da er wohl falsch adressiert worden ist? Durchaus nicht! sagte Sir Josuah und zeigte ihm die Rckseite des Briefes, wo die Adresse deutlich zu lesen war. Lord Stuart geruhte hinzublicken, las die Aufschrift: Sir Josuah Crichton, und sagte dann trocken: Soviel ich wei, haben wir meinen Sohn in aller Form mit Ihrer Tochter verlobt? Ich bin derselben Ansicht, Mylord! Sonderbar! Wie kommt er denn dazu, seine Liebesbriefe an Sie zu adressieren? Sir Josuah lachte kurz auf. Lord Stuart ignorierte es. Etwas weltfremd war mein Sohn ja immer! Das kommt aber von dem Erziehungsplan seiner Mutter, der seligen Lady Stuart, den ich ihr auf ihrem Sterbebette getreulich zu befolgen versprach und auch befolgt habe! Er sollte vor den Verlockungen der Welt mglichst bewahrt werden! Die selige Mylady mu eine seltene Frau gewesen sein! sagte Sir Josuah. In unserer Zeit sieht man, besonders unter den Frauensleuten, die Verlockungen der Welt nicht nur als gnzlich ungefhrlich, sondern als wnschenswert an. Und, unter uns gesagt, ist's auch so! Ein junger Mann mu sich austoben, soll etwas Rechtes aus ihm werden! Sonst speichern sich die gefangenen Lebenskrfte auf, es kommt im ungeeignetsten Augenblick zur pltzlichen Entladung, und man wird von irgendeinem Geschehnis berrascht, das alle Berechnungen ber den Haufen wirft! -- -- Sausen und brausen, solange die Sfte noch gren! -- Das gibt im reifen Alter guten Wein! -- Meine Jungens sind mir alle durch die Lappen gegangen! -- Wei der Satan, wenn ich sie wieder einfange! -- Aber Gott verdamm mich, wenn ich sie anders haben wollte! Lord Stuart rmpfte mehrmals die Nase bei den Ausfhrungen seines Besuchers und nahm wiederholt einen Anlauf, sie zu unterbrechen. Aber Sir Josuah lie sich nicht stren. Als er endlich aufhrte, rusperte sich der Lord ein paarmal laut und vernehmlich und sagte dann kurz und scharf: Ich wrde mir niemals erlauben, an der Lebensphilosophie meiner seligen Gattin noch nachtrglich Kritik zu ben! Ich billigte sie auch schon im Leben! -- Wenn ich jene Lebensanschauungen trotzdem soeben erwhnte, so tat ich es nur, um Ihnen den Grund fr die Lebensfremdheit meines Sohnes zu erklren! Und auch -- weil ich, wie ich sagte, mich trotzdem ber seine Distraktion wundere, seine Liebesbriefe _=an Sie=_, statt an Ihr Frulein Tochter zu adressieren! Sir Josuah lachte wieder kurz. Er wird schon wissen, wohin er sie adressiert! Wie soll ich denn das verstehen? fragte Stuart kopfschttelnd. Sie hatten doch die Gte, zu bemerken, da der Brief eine Herzensangelegenheit betrifft! So ist es auch! Aber -- -- Mein lieber Freund, sagte Sir Josuah, auf einmal alle Frmlichkeit auer acht lassend, und blickte ihn ber die Brille sarkastisch an. Mein lieber, guter Freund -- wir zwei brauchen uns wahrhaftig nichts vorzumachen! Am allerwenigsten in dieser Sache! Soviel ich wei, handelt es sich zwischen unseren Familien um gar keine Herzensangelegenheiten, sondern nur um die rein geschftliche Operation einer ehelichen Verbindung zwischen unseren Kindern! In dem zwischen uns geschlossenen Vertrage steht gar nichts von zrtlichen Empfindungen! Bei geschftlichen Abmachungen pflegt es, soviel ich wei, auch nicht anders zu sein! Ich wrde mich auch schn hten, das Herz meiner Tochter in Liebessachen beeinflussen zu wollen! Dann kme sie mir am Ende gar mit Wnschen in dieser Beziehung, die mit dem kindlichen Gehorsam, den ich von ihr verlangen mu, gar nichts zu tun haben! Sie mag meinetwegen mit ihrem Herzen tun, was sie will! Aber heiraten soll sie so, wie ich will! -- Das ist mein Standpunkt, und daran ist nicht zu rtteln! -- Eben um Eurer Lordschaft zu versichern, da wir, _=was auch kommen mag=_, an der Verlobung festhalten werden, bin ich hierhergekommen! Ich wte nicht, da ich jemals den geringsten Zweifel ber die Loyalitt Ihrer Absichten geuert htte, sagte Lord Stuart und richtete sich im Sessel auf. Das erkenne ich durchaus an! Ich darf wohl hoffen, da Sie Ihrerseits keinen Zweifel uns gegenber hegen? An Eurer Herrlichkeit guten Willen glaube ich schon! Das mchte ich mir auch ausbitten! Und was meinen Sohn betrifft, wird er Ihnen wohl sicherlich ebenso vertrauenswrdig erscheinen mssen! Sir Josuah antwortete mit einem Achselzucken. Lord Stuart blickte ihn fragend an. Sie denken hoffentlich nicht an jene Albernheit -- jenen Stich Hogarths, den Sie wohl auch gesehen haben? Derartigen Erzeugnissen eines verwilderten Geschmacks knnen wir doch unmglich irgendeine Bedeutung beimessen! So ganz ohne Bedeutung ist jener Stich in diesem Falle nicht, Mylord! Lord Stuart lie einen seiner verchtlichsten Blicke seinen Gegenpart streifen und schttelte leise den Kopf. Mein lieber Sir Josuah, sagte er dann gemessen. Wer, wie ich oder Sie, in der ffentlichkeit steht, mu in solchen Sachen ber jede Empfindlichkeit erhaben sein! Man mu sich schon einiges gefallen lassen! Es war stets das gute Recht des Mobs, unsereinen zu verspotten -- notabene: wenn er uns dabei nicht die schuldige Ehrfurcht versagt! Ich htte nichts gegen jene Erzeugnisse des Grabstichels einzuwenden, die an die Lachlust des Publikums appellieren, wenn sie nicht meistens den guten Geschmack verletzten! -- Sehen Sie sich nur den Wisch da genau an! Er schob ihm einen Abzug des Stiches zu. Sehen Sie ihn nur an! Wie zum Beispiel hat der Zeichner mich dargestellt?! Sehen Sie nur! Trage ich etwa jemals die Percke schief?! Kann irgendeiner behaupten, mich jemals so gesehen zu haben?! Ich glaube kaum! lchelte Sir Josuah. Und der Ordensstern! -- Jeder gebildete Mensch wei doch, da ich das Grokreuz des Bathordens trage! Der Maler aber wei nicht mal, wie der Bathorden aussieht! -- Wie kommt er dazu, in den Stern den Steward eines Porterhauses einzuzeichnen? Diese absurde Idee! Und -- die Geige! Wann bin ich jemals mit einem derartigen Instrument in Berhrung gekommen? Haben Sie mich geigen sehen? Und gar ffentlich -- bei einer derartigen Gelegenheit! -- Besuchen Sie etwa ein Hahnengefecht? Heute nicht mehr! sagte Sir Josuah. Heute ist mein Platz da, wo die _=Menschen=_ sich rupfen! Aber trotzdem sind Sie auch dabei! sagte der Lord und zeigte auf die Zeichnung. Und wie hat er Sie dargestellt?! Als einen Schlemmer -- einen Gourmand schlimmster Sorte! -- Sie lecken sich sogar den Mund! Das knnte schon vorkommen! schmunzelte Sir Josuah. Sagen Sie, was Sie wollen! rief Lord Stuart entrstet, aber da Sie so schlechte Manieren htten, knnte Ihnen nicht einmal Ihr schlimmster Feind nachsagen! Aber auch nicht, da ich schlechten Geschmack htte! Und da mu ich sagen -- wenn mir einmal so'n paar hbsche Beine um den Kopf schwirren wrden, da knnte es schon sein, da ich auch die guten Manieren auer Gefecht setzte! Ich bin gewi kein Kostverchter! Meine verstorbene Frau knnte Ihnen da verschiedenes besttigen, wenn sie noch am Leben wre! Das war zuviel fr Seine Herrlichkeit. Seine Wrde kochte bis zum Gefrierpunkt hinunter. Ich will nicht hoffen, Sir Josuah, sagte er in einem Ton, der auch diesen in Harnisch brachte, da Sie mir zumuten wollen, mich noch nachtrglich in irgendeine Intimitt mit Ihrer verstorbenen Frau einzulassen! Und er schob den Stich, der zu so unliebsamen Errterungen Anla gegeben hatte, weit von sich. Die Intimitten haben jetzt ihre Herrlichkeiten die Wrmer zu besorgen! replizierte der unverbesserliche Sir Josuah, der durch den bloen Gedanken an diese nachtrgliche Intimitt seine gute Laune sofort wiedergewann und sich spitzbbisch darber freute, Mylords Entsetzen noch mehr zu steigern. Von dem guten Geschmack Eurer Herrlichkeit -=in puncto=- Intimitten war ich auch ohne diese Erklrung hinlnglich berzeugt! Auch den allernchsten Angehrigen gegenber! Wie soll ich das verstehen? Da Eure Herrlichkeit meines Erachtens also wohl von den Herzensangelegenheiten Ihres Sohnes ebensowenig Notiz nehmen wollen wie ich von denen meiner Tochter! Ich glaube, Ihnen bei der Verlobung hinlnglich Gelegenheit gegeben zu haben, diese berzeugung zu gewinnen! Sie werden nicht gemerkt haben, da ich meinen Sohn irgendwie um seine Ansicht gefragt habe! Ganz recht! Und deshalb bedaure ich, Eure Herrlichkeit darum bitten zu mssen, das nachzuholen! Was Sie sagen! Ich mu sogar dringend auf der Erfllung dieses Wunsches bestehen und hoffe, da Eure Herrlichkeit dabei die ganze vterliche Autoritt aufbieten wollen! Sie sind sehr khn! Der Inhalt dieses Briefes wird meine Khnheit rechtfertigen! So lesen Sie ihn doch endlich vor! Sir Josuah schob seine Brille zurecht, gab dem Briefbogen einen Klaps, um ihm die ntige Strammheit beizubringen, und fing endlich an: Mein lieber Sir Josuah! Als ein Mann von Ehre werden Sie einen Schritt billigen, den zu tun mir _=meine=_ Ehre gebietet, auch wenn er Ihren Wnschen nicht entspricht! Kurz und gut -- ich kann Ihre Tochter nicht heiraten! Ich habe mein Herz einer anderen geschenkt und ihr die Ehe versprochen! -- Ich gedenke dies Versprechen, das ihr und mir das Lebensglck verbrgt, auch zu halten, trotz der Schwierigkeiten, die sich uns entgegentrmen werden! -- Nichts wird mich davon abbringen! Werfen Sie mir nicht vor, ich htte dies als Ehrenmann vor der Verlobung mit Ihrer Tochter erklren mssen. Ich war nicht in der Lage, es zu tun! Ich wute nicht mit mir Bescheid! Ich hatte keine Ahnung von der groen Liebe, die jetzt mein ganzes Wesen erfllt! Ich handelte wie im Traum! -- Ich dachte mir die Ehe als etwas ganz Gleichgltiges, das man mit in den Kauf nehmen und der Entscheidung frsorglicher Eltern berlassen mu! -- Es war ein Irrtum! -- Das Leben ist jetzt zu mir gekommen! -- Ich habe gesehen, da keiner auer mir die Macht haben kann oder darf, mein Leben zu gestalten, wenn meine Neigung mit im Spiele ist! Ich bitte das zu bercksichtigen und es mir nicht nachzutragen oder es gar als Schimpf auffassen zu wollen, wenn ich die Verbindung mit Ihrer Tochter hiermit lse. Aber auch wenn Sie mich nicht entschuldigen wollen -- es knnte nichts an meinem Entschlu ndern, oder an der Hochachtung, die ich fr Ihr Frulein Tochter und fr Sie selbst hege! Ich berlasse es Ihnen, die ntigen Manahmen zu treffen, und bitte Sie, Ihr Frulein Tochter von meinem Entschlu in Kenntnis zu setzen! In unabnderlicher Wertschtzung Ihr Lord Stuart-Wortley-Mackenzie. Mylord wollen sich selbst berzeugen? sagte Sir Josuah nach beendigter Vorlesung, legte den Brief auf den Tisch, nahm die Brille ab und steckte sie in die Tasche. Mylord wollen sich gtigst berzeugen, da ich richtig gelesen habe! Lord Stuart erhob sich feierlichst zu seiner ganzen Gre und schlug zum erstenmal in seinem Leben mit der Hand auf den Tisch. Einmal nur! -- Aber das gengte, um auch Sir Josuah aus der Tiefe seines Thronsessels emporschnellen zu lassen. Mit dem Blick eines Imperators verkndete dann Seine Herrlichkeit ihren Willen. Die Heirat findet statt! Der Junge hat da nicht mitzureden! Er wird sich das abgewhnen mssen! Morgen geht er nach Schottland zu seinem Regiment, um Subordination zu lernen! Zur festgesetzten Stunde tritt er zur Trauung an! Verlassen Sie sich darauf! Aber behalten Sie doch Platz! Er setzte sich wieder, jetzt ganz Herr der Situation, und Sir Josuah tat desgleichen. Einen Augenblick blieben sie so in feierlichem Schweigen und blickten sich mehrmals hochachtungsvoll an. Die Hypotheken -- fing Sir Josuah an, um das Schweigen zu brechen. Eure Herrlichkeit wissen wohl bereits, da alles in Ordnung ist? Mein lieber Sir Josuah, sagte der Lord langsam, mein Haushofmeister hat mir noch nichts darber gesagt! Ich nehme aber ohne weiteres an, da der unberlegte Schritt meines Sohnes auch daran nichts gendert hat oder ndern wird! Das wollte ich eben bemerken! sagte Sir Josuah und schwieg eine Weile, um dem Lord Zeit zum Auftauen zu lassen. Dann hustete er leicht und fing wieder an. Ist Eurer Herrlichkeit nichts in dem Briefe aufgefallen? fragte er. Ich kann nicht sagen! Die blichen Redensarten in derartigen Fllen! Finden Sie etwas daran? Nein! Aber da fehlt etwas zur Vollstndigkeit der Sache! Was denn? Der Name der betreffenden Person, die Ihr Herr Sohn heiraten will! Ganz recht! Wissen Sie, wer die Dame ist? Nein. Aber ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich sie in Beziehung zu jenem Stich bringe! Lord Stuart nahm den Stich und sah ihn prfend an. Ja -- wenn wir _=danach=_ gehen wollten! sagte er und warf ihn wieder auf den Tisch. Man sieht da ja von ihr blo die Beine! Allerdings! sagte Sir Josuah. Aber man wei auch, wem diese Beine gehren! Meinen Sie? Ja! Jenes Duell, das auf dem Stiche so lustig persifliert wird, hat wirklich stattgefunden! Mein Sohn htte sich also geschlagen? Regelrecht geschlagen! Was Sie sagen! Mit wem denn? Mit Lord Albermale! Mit dem? Nun -- der ist ja immer gleich bereit! Hoffentlich hat mein Sohn ihm einen Denkzettel verabreicht! Ich wei ber den Verlauf des Duells nichts -- nehme es aber ohne weiteres an! Man htte sonst wohl von einer Verwundung gewut und gesprochen. Und der Anla jenes Duells? Eben die Besitzerin jener Beine, die Eure Herrlichkeit soeben auf dem Stiche bewundert haben! Wer ist diese Dame? Die Tnzerin Barberina vom Coventgardentheater. Eine Tnzerin? Wegen einer Tnzerin htte er sich mit Albermale geschlagen? Ich kenne den Albermale! Er ist wohl zu jedem tollen Streich imstande! Aber er hat Geschmack! Und eine Tnzerin! Wegen einer solchen Person fngt ein Peer von England keine Ehrenhndel an! Sie ist sehr schn. Und Lord Albermale ist ein groer Don Juan! Nun, ich will hoffen, da mein Sohn sich von dem Albermale nicht ausstechen lt! sagte der Lord selbstbewut, merkte aber dann, da er sich verplappert hatte, und fgte noch rasch hinzu: Das heit: ich hoffe, mein Sohn wird wissen, was sich gehrt! Oder sollten Sie den Brief auf jene Tnzerin beziehen? Es bleibt mir nichts anderes brig! Man hat sie zwar niemals ffentlich mit Ihrem Sohne zusammen gesehen! Aber wenn er sich schon ihretwegen duelliert hat -- Da will ich Ihnen gleich etwas sagen, Sir Josuah: -- Werfen Sie jenen Brief nur in den Ofen! Der hat gar keine Bedeutung! Wenn es sich um eine erste Liebschaft handelt, da fangen die jungen Leute schon gleich mit dem Eheversprechen an! Und nach vierzehn Tagen denken sie nicht mehr daran! -- Ein Rausch, wie wir ihn alle einmal gehabt haben; weiter nichts! -- Der wird sich austoben und ebenso schnell vergehen, wie er kam! Auch meine Meinung! sagte Sir Josuah. Aber aus dem Briefe spricht eine Entschlossenheit und eine gewisse berspanntheit, die mir doch zu denken geben! Ihr Sohn scheint mir ganz anders geartet als andere junge Leute seines Alters! Und deshalb wre es meine Bitte an Eure Herrlichkeit, ihn in aller Form darauf aufmerksam machen zu wollen, da diese Liaison nur als vorbergehender Rausch zu betrachten sein darf! Verlassen Sie sich darauf, Sir Josuah! Jener >Rausch< ist schon vorber! Mein Sohn geht morgen nach Schottland zu seinem Regiment! Das wre wohl doch zu grausam! Schadet nichts! Er bekommt auf die Weise seinen Kopf frei -- sie nimmt sich inzwischen einen anderen! In Schottland hat er keine Gelegenheit, Ihre Tochter so auffallend zu vernachlssigen wie jetzt hier! So wird sie es auch weniger merken! Am anderen Ende der Galerie wurden Stimmen laut. Lord Stuart schwieg und blickte um die Rcklehne seines Sessels herum. Mein Sohn! sagte er. Er scheint jemand in der Galerie herumzufhren! Sir Josuah blickte auch, so gut es ging, um die Lehne seines Sessels herum, sank aber gleich wieder zurck. Sie ist es! rief er. Wer? -- Sie meinen doch wohl nicht jene -- -- jene Tnzerin?! Sie ist es! Diese Dreistigkeit! -- Lord Stuart richtete sich in seiner ganzen Wrde auf und sa kerzengerade da, die Hnde auf die Stuhllehnen gesttzt, und wartete den Schicksalsschlag mit der Ruhe eines alten Rmers ab. Es waren wirklich Be und Barberina, die am anderen Ende der riesigen Galerie hereingekommen waren und sich langsam nherten. Sie blieben hier und dort stehen. Er gab die ntigen Erluterungen zu den Bildern, und sie lauschte neugierig. Die Sessel der beiden alten Herren standen so, da sie sie nicht sehen konnten. Sie glaubten sich allein und unterhielten sich zwanglos und vertraulich, plauderten vergngt und tauschten manchen Hndedruck aus. Schlielich blieben sie vor einem Bilde stehen und blickten es lange an. Es war das Portrt einer blonden, schlanken Dame von auergewhnlicher Schnheit, deren groe tiefblaue Augen dem Betrachter melancholisch entgegenblickten. Meine Mutter! sagte er. Wie schn! Nicht wahr? -- Was gbe ich darum, wenn sie noch am Leben wre! Sie htte dich gleich liebgewonnen! Glaubst du? Wie wre etwas anderes mglich? Er schlo sie pltzlich in die Arme und kte sie leidenschaftlich. Am anderen Ende der Galerie wurde ein heftiger Husten laut. Mein Vater! flsterte er und lie sie schnell los. Rasch entschlossen nahm er sie dann bei der Hand und fhrte sie zu dem alten Lord, der steifnackig dastand und die Begleiterin seines Sohnes mit einer kaum merkbaren Neigung des Kopfes grte. Ich wute nicht, da du Besuch hattest! sagte der alte Herr und auf Sir Josuah deutend: Wie du siehst, habe ich auch welchen! Du mut mich also entschuldigen! Er blickte Barberina prfend an und mute vor sich selbst zugeben, da sie es mit jeder Dame der hchsten Aristokratie an Haltung und Eleganz aufnehmen konnte. Die schlanke, biegsame Gestalt war eingehllt in ein Kleid von neuester Pariser Mode aus heller, geblmter Seide. -- Um die halbentblten herrlichen Schultern hatte sie eine Mantille aus echten Spitzen -- um den Hals das Diamantkollier Knig Ludwigs. Die Haare waren gepudert, aber weder Schminke noch Mouches auf den blhenden Wangen; die Augen sprhten von jugendlichem bermut und Lebenslust. Mein Vater, Lord Stuart, stellte Be vor. Sir Josuah Crichton! Und Sir Josuah machte sein schnstes Kompliment. Mademoiselle interessieren sich fr alte Gemlde? fragte Stuart der ltere und trat auf sie zu. Da haben Sie in London gute Gelegenheit! Wir haben hier eine Reihe vorzglicher Privatsammlungen. Aber -- gestatten Sie mir, Sie auf einige Perlen meiner Galerie aufmerksam zu machen? Mein Sohn wird Sie etwas flchtig gefhrt haben! Er bot ihr den Arm und fhrte sie von den beiden anderen Herren fort, um ihnen Mglichkeit zur Aussprache zu geben. Sir Josuah versumte nicht, die Gelegenheit auszunutzen. Er machte es dem Herrn Schwiegersohn klar, da er wohl geneigt wre, bei einer kleinen Unbesonnenheit durch die Finger zu sehen, keinesfalls aber ohne weiteres gesonnen sei, den Schimpf anzunehmen, den eine Lsung der Verlobung bedeuten wrde. Barberina hrte von alledem nichts. Der alte Lord schien ganz bezaubert von ihr zu sein und entwickelte eine Liebenswrdigkeit, da seinem Sohne angst und bange wurde und Sir Josuah vor Schadenfreude ganz aus dem Huschen geriet. Er zeigte ihr ein vom Alter geschwrztes Bild. Der Ritter hier, sagte er, gilt als Stammvater unseres Hauses -- obwohl wir schon vor ihm, unter Eduard dem Bekenner, Stuarts nachweisen knnen. Er kmpfte mannhaft bei Hastings gegen die normannischen Eroberer und wurde, nach unserer Niederlage, spter von Wilhelm dem Eroberer enthauptet. Barberina lachte. Gleich der Stammvater hat den Kopf verloren? Seitdem tun's die Stuarts wohl immer? Ich mchte es nicht behaupten! antwortete der Lord, auf den Spa eingehend. Ich kann aber nicht leugnen, da die Neigung dazu oft vorhanden war -- wenn sie einmal zu tief in schne Frauenaugen blickten! Sie wuten aber stets den Weg zur Pflicht zurckzufinden und werden es hoffentlich auch knftig so halten! Die letzten Worte sprach er mit besonderem Nachdruck aus. Barberina lie sich aber nicht beikommen. Sie zuckte leicht mit den Schultern, blickte den Lord spttisch an und fragte in leicht verchtlichem Ton: Was waren denn das fr Frauen? Schne Frauen -- geistreiche Frauen! Oft von feinen Sitten, aber nicht von gleichem Rang mit uns! Hngen hier Bilder von ihnen? Der Lord schttelte den Kopf. Die Galerie enthlt nur Mitglieder unseres Hauses. Und nur einer von diesen Damen gelang es, der Ehre teilhaft zu werden! Zeigen Sie mir ihr Bild! Er zog den Vorhang von einem schwarz verhllten Bildnis zur Seite. Warum ist es verhngt? Sie brachte Unglck ber unser Haus. Durch ihre Untreue machte sie ihren Mann zum Mrder und brachte ihn um Ehre und Leben! Er war der erste Protestant in unserer Familie! Sein und ihr Sohn war ein Verschwender und ein Konspirateur! Er schlo sich den Aufrhrern an, die Johanna Grey auf den Thron setzten -- Wer war diese Dame? Sie war neun Tage Knigin von England. Jung und schn und unglcklich! Aber Knigin! sagte Barberina, und ihre Augen blitzten. Das mute sie mit dem Leben bezahlen! Und mit ihrem Haupte fielen die Kpfe ihrer Anhnger -- auch der meines Vorfahren! Seine Gter wurden konfisziert. Knigin Elisabeth gab sie uns wieder. Und seitdem sind sie in unserem Besitz geblieben! Und die Stuarts haben seitdem nie wieder eine Nichtadlige geheiratet? Nein. Das war die erste und hoffentlich letzte Mesalliance in unserem Hause! Barberina blickte ihn spttisch an und zog ihn mit sich von Bild zu Bild, stets die Portrts der Frauen mit besonderer Neugier betrachtend. Gott, wie gelangweilt sehen sie aus! Wenn ich nicht annehmen wrde, da die Stuarts auch damals Geist hatten, ich wrde die armen Ladys bedauern! Am Ende liegt's an den Malern? Wir haben stets die ersten Maler der Zeit beschftigt! Hier sind auch mehrere van Dycks unter den Bildern! Was treibt denn solch eine vornehme Dame ihr Leben lang? Sie vegetiert wohl nur -- in den Stadtpalsten -- auf ihren Landschlssern -- geht in die Kirche -- sorgt fr fromme Stiftungen -- gebrt die Stammhalter -- verzieht sie -- verwelkt und stirbt? -- Nicht wahr? Sie haben nicht so unrecht! Und nachher wird sie hier aufgehngt! Es frstelte sie leicht. Sie zog die Mantille um ihre Schultern zusammen. Ich mchte nicht hier hngen! Wei Gott, ich mchte keine solche Lady sein! Wenn ich nicht irre, hat Ihr Ehrgeiz bereits -- und zwar mit groem Erfolg -- andere Wege eingeschlagen! Ich habe mir auch sagen lassen, da die Kunst die Hingabe ihrer Adepten so voll und ganz verlangt, da ihnen weder Zeit noch Neigung fr die Ehe brigbliebe! Barberina lachte laut auf -- so silberhell, so bestrickend, da der alte Herr gegen seinen Willen einstimmen mute. Man hat Sie sicher hinters Licht gefhrt, Mylord! sagte sie spttisch. Ich kann mir ganz gut denken, da ich verliebt genug sein knnte, um meiner Kunst zu entsagen und dem Manne meines Herzens zu leben! Aber beileibe nicht, um ihm zu helfen, irgendwelche vermodernden Familientraditionen aufrechtzuerhalten! Eher um sie auf den Kopf zu stellen! Das wrde mir sogar viel Spa machen! Sie sind gefhrlich! Sie frchten sich hoffentlich nicht? Mein Alter stellt mich leider auerhalb des Wettbewerbs, lchelte er, kte ihr dabei aber so galant die Hand, da es den guten Be kalt berlief. Wenn ich noch jung wre und eine schne Dame liebte, die derartige Absichten hegte, wrde ich jedenfalls alles tun, um sie zu bekehren! Denn wir Stuarts bleiben unweigerlich dabei, auch in Liebessachen die glorreichen Traditionen unseres Hauses aufrechtzuerhalten! Mit mir htten Sie da kein Glck! Wenn ich jemand mein Herz schenke, mu er meinetwegen ganz den Kopf verlieren! Meinetwegen mu er von allem fortgehen, nur um mit mir zu leben und irgendwo glcklich zu sein, wo die Sonne scheint und wo's weder englische Nebel noch hochvornehme Urteile gibt! Seinetwegen gbe ich denn auch gern alles auf! Und, Mylord, wenn ich mir vornehme, jemand so den Kopf zu verdrehen, dann fhre ich es auch sicherlich durch! -- -- Ich darf aber Ihre Gte nicht lnger in Anspruch nehmen! -- Es war sowieso eine Dreistigkeit von mir, ohne weiteres herzukommen! Ich war aber neugierig! Ihr Herr Sohn hatte mir so viel von seiner Mutter erzhlt, da ich begierig wurde, ihr Bildnis zu sehen! -- Ich danke Ihnen fr Ihre gtige Nachsicht! -- Und nun gestatten Sie wohl --? Sie legte ihren Arm in seinen und lie sich zu den beiden anderen Herren zurckfhren. Sie werden wohl die Gte haben, mir den Weg zu zeigen? sagte sie zu Be, der auch sofort bereit war. Aber sein Vater kam ihm zuvor. Es sind fr dich Befehle deines Regiments da, die keinen Aufschub erleiden! Deine Anwesenheit in deiner Garnison scheint erwnscht zu sein! Du wirst wohl morgen frh abreisen mssen! -- Gestatten Sie, Mademoiselle, da ich Sie selbst zu Ihrem Wagen geleite? Er bot ihr galant den Arm. Und Barberina, ohne mit einer Miene zu zeigen, wie sehr sie von der bevorstehenden Abreise ihres Geliebten betroffen war, nahm lchelnd Abschied und folgte dem alten Herrn, immer noch lustig lachend und plaudernd. Be stand da und vermochte kein Wort hervorzubringen. Hoffentlich hast du gutes Reisewetter, mein Sohn! sagte Sir Josuah in seinem freundlichsten Ton. Ich lasse mich nicht fortschicken! rief Be heftig. Ich bin kein Kind mehr! Ich nehme meinen Abschied! Aber ich gehe nicht von London fort! Am allerwenigsten jetzt! Das wirst du dir wohl doch erst berlegen! Keinesfalls! Mein Entschlu ist gefat! Da mut du eben einen neuen Entschlu fassen! -- Schlielich -- Schottland ist hbsch! Das Garnisonleben hat auch seine Reize! Und -- zur Hochzeit kommst du ja wieder her! Aus der Hochzeit wird nichts! schrie der junge Mann. Aber Sir Josuah pflegte sich grundstzlich nie auf Diskussionen lngst erledigter und bereits als Tatsachen feststehender Geschfte einzulassen. Er antwortete also nicht, sondern besah sich den Stich Hogarths noch einmal, legte ihn gelassen aus der Hand und sagte: Schade, da sie's so eilig hatte! Ich htte sie zu gern ber den Stich interpelliert! Es htte mich interessiert, auch ihre Kritik zu hren! Be ri den Stich an sich, zerknllte ihn und warf ihn in die Ecke. Sir Josuah tat, als bemerke er es nicht. Na, schlielich kann ich mir eine Loge im Theater nehmen! sagte er gelassen. Sie wird mir den Stich am besten -- mit den Beinen erlutern! Sie hat Geist und Witz! sagte der alte Lord Stuart, der wieder hereintrat. Wirklich, sie hat viel Liebreiz und wird es in ihrem Beruf sicherlich weit bringen. -- Wre ich selbst jung -- ich wre imstande, mir von ihr den Kopf verdrehen zu lassen! -- Nun -- es wird ihr schon nicht an Anerbietungen fehlen! Sicher nicht! sagte Be. Aber sie nimmt keine an, die nicht ernst gemeint sind! -- Und was meine Verlobung betrifft -- -- Ein eisiger Blick des alten Herrn unterbrach ihn jh. ber deine Verlobung mchte ich mich jetzt nicht mit dir unterhalten! sagte er mit Nachdruck. Nachher, wenn wir allein sind, haben wir allerdings verschiedenes miteinander zu bereden! Das Arrangement deines zuknftigen Hauswesens und so weiter! Denn morgen wirst du keine Zeit mehr dazu haben! Dann mchte ich nicht lnger stren! sagte Sir Josuah rasch, um der Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn aus dem Wege zu gehen. Eure Herrlichkeit gestatten wohl, da ich mich empfehle? Leben Sie wohl, Sir Josuah! Sagen Sie Ihrer Tochter, da mein Sohn sich noch von ihr verabschieden wird! Ich werd' sie schonend darauf vorbereiten! sagte Sir Josuah schmunzelnd und lie die beiden allein. 15 Be wagte es, seinem Vater zu trotzen. Er lie die Braut sitzen und machte seinen Abschiedsbesuch -- bei Barberina, noch am gleichen Abend, in ihrem Ankleidezimmer im Theater. Er verabredete mit ihr, nach einigen Tagen mit ihr nach Paris zu gehen, um sich dort mit ihr trauen zu lassen. Ihr Engagement in London ging sowieso in einigen Tagen zu Ende, und sie war noch nicht anderweitig verpflichtet. Von Paris und Dublin hatte sie Anerbietungen. In Dublin hatte sie im ersten Jahre ihres englischen Aufenthaltes Triumphe gefeiert und Schtze angesammelt. Trotzdem wollte sie vorgeben, da sie in Paris annehme und -- sich frei halte! Am Tage nach dem Besuch ihres Geliebten sa sie im Ankleidezimmer und wartete auf ihn, als es an die Tr klopfte. Sie rief herein! -- Und herein trat -- nicht Be, sondern Sir Josuah Crichton! Sie blickte erstaunt auf und wollte ihn zunchst hinausweisen, nahm aber an, da sein Besuch in irgendwelcher Beziehung zu ihrem Geliebten stehe, und lie es also. Verzeihen Sie, Mademoiselle, da ich so -=sans faon=- bei Ihnen anklopfe -- Ich war allerdings nicht auf den Besuch gefat --! Ich htte mich ja melden lassen knnen! Aber -- am Ende wre ich dann nicht empfangen worden --? Ich gestehe, da ich nur meine ganz intimen Bekannten hier zu sprechen pflege! Das nahm ich auch an! Da Sie also sicher ohne weiteres >herein< rufen wrden, zog ich es vor, unangemeldet anzuklopfen! Denn ich konnte mich nicht abweisen lassen! Ich wte nicht, was wir zwei miteinander zu besprechen htten! Werden's schon merken! schmunzelte Sir Josuah. Sie blickte die kugelrunde, selbstgefllig posierende Gestalt an, und es leuchtete schelmisch auf in ihren Augen. Wenn Sie wuten, da ich jemand hier erwartete, der darauf ein Recht hat -- wie konnten Sie annehmen, da er nicht bereits hier bei mir wre, und da Sie also doch htten an der Tr umkehren mssen? Weil ich wute, da jener Bevorzugte nicht kommen konnte! Was ist ihm denn geschehen? rief sie unberlegt. Weiter nichts, als da er nach Schottland unterwegs ist! Das wei ich besser! -- Ich nehme an, Sie reden von Lord Stuart? Ganz recht! Er ist noch in London! Er wird berhaupt nicht nach Schottland gehen! Er hatte allerdings die Absicht, hierzubleiben! Er machte sich also des Ungehorsams gegen einen dienstlichen Befehl schuldig. Und da lt man hier in England nicht mit sich spaen! -- Notabene, wenn der Herr Papa nicht seinen Rang und seine Beziehungen fr ihn bettigt! Und der Herr Papa war ber seinen Trotz am meisten erzrnt und verlangte, da man mit aller Strenge gegen ihn vorgehe! So wurde er denn heute frh verhaftet --! Verhaftet? Barberina erblate und verlor auf einmal ihre sonstige berlegenheit. Ja, verhaftet und unter militrischer Bedeckung nach seinem Garnisonsort gebracht! Man wird ihn aber sicherlich schonend behandeln. Bis zur Hochzeit wird er sich allerdings dort gedulden mssen! Bis zur -- -- Sie wissen doch Bescheid? Er wird Ihnen sicherlich nicht verheimlicht haben, da er meine Tochter heiraten soll? Sie irren sich in Ihrer Annahme nicht! sagte Barberina kurz. Und -- jene groe Begebenheit -- wann findet die statt? In sechs Wochen! Wie schade! sagte sie bermtig lchelnd, da er gerade fr die Zeit ein Rendezvous mit mir in Paris verabredet hat! Er wird nicht zur Hochzeit kommen knnen! Sie glauben? -- Sir Josuah lachte kurz. Gewi! -- Er wird sich nicht teilen knnen! Und er wird sicherlich Paris vorziehen! Sir Josuah lie sich aber auch nicht mit einer schnen Dame auf Diskussion ber eine abgemachte Sache ein. Er zog es vor, die Unterhaltung lieber auf ihre Person zu lenken. Sie wollen uns verlassen? Ja! Man setzt mir in Paris sehr zu! Die Knigliche Akademie der Musik macht mir die verlockendsten Anerbietungen! Wie schade, da wir Sie verlieren mssen! -- Ich bin ganz auer mir! Ich habe Sie heute mit der grten Bewunderung gesehen und habe nur bedauern knnen, da ich mich durch meine Geschfte abhalten lie, frher zu kommen! Von heute ab gehe ich aber jeden Abend ins Theater, sooft Sie tanzen! Ich bin wirklich charmiert! Barberina neigte zum Dank fr das Kompliment leicht den Kopf. Er wurde dadurch khner. Gestatten Sie mir, noch hinzuzufgen, sagte er, da ich es als einen Vorzug und eine Ehre betrachten wrde, Sie knftig nicht nur aus der Ferne bewundern zu drfen. Ihre Unterhaltung bietet so viel Reiz, da ich mich glcklich schtzen wrde, ihrer fters teilhaft zu werden! Sie tun mir viel zuviel Ehre an, Sir Crichton! Sagen Sie Sir Josuah, bitte! Nun denn, Sir Josuah! Sie, ein hochmgender Mann, ein Mitglied des Hauses der Gemeinen -- und ich, die ich gar nichts von Politik verstehe --! Das tue ich, bei meiner Seele, auch nicht! Ich bin nur aus reprsentativen Rcksichten im Parlament! Sonst aber gehe ich ganz in meinem Geschft auf! Von Geschften verstehe ich aber auch nicht das geringste! Das wrde im Verkehr mit mir bald kommen! Ich bezweifle es! Ich bin ganz Knstlerin! Die Unterhaltung mte sich also auf das Gebiet meiner Kunst beschrnken! Und da -- nehmen Sie's mir nicht bel, aber -- Sie lachte laut auf. Warum lachen Sie? Ich mute mir eben sagen, da Sie als Adept der Tanzkunst keine gute Figur machen wrden! Ich traue Ihrer Kunst zu, auch das Wunder noch zu bewirken! Befehlen Sie, und ich mache sofort die tollsten Kapriolen! Nein, Sir Josuah, nein! Ich wrde vor meinem Gewissen keine Ruhe mehr haben! Sie geben mir also einen Korb? Ah, Sie sind grausam! Er legte die Hand aufs Herz und seufzte schmerzlich. Die Barberina lachte, da ihr die Trnen in die Augen kamen. Die Allren eines Liebhabers standen dem eingebildeten alten Dickwanst zum Entzcken komisch! Ihm den Kopf zu verdrehen, mute eine wahre Wonne sein! Sir Josuah, sagte sie, ich gebe Ihnen Unterricht! Daran tun Sie recht! sagte er. Dann werde ich Sie auch geschftlich ausbilden! Wozu? Damit Sie lernen, wie sehr Kunst und Geschft eins ist! Dann mu Mama diesen Unterricht nehmen! Mit dem Geschftlichen befasse ich mich nicht! Sie werden viel Mhe mit mir haben! Ich glaube schon! Ich werde mir denn erlauben, der Frau Mama fr den Tanzunterricht bei Ihnen tausend Pfund anzubieten! Aber _=nur=_ fr den Tanzunterricht! Selbstverstndlich nur dafr! -- Ich bitte aber auerdem, mir die Gnade erweisen zu wollen, diese kleine Gabe anzunehmen als Zeichen, da Sie mich des Vorzugs wrdigen, mich auch als Ihren Freund zu betrachten! Er entnahm seiner Tasche ein Etui, ffnete es, und vor ihren Augen glitzerte ein herrlicher Brillantschmuck. Barberina liebte die Brillanten, und diese waren von auserlesener Schnheit. Die Glut der Hlle schien mit dem Leuchten des Himmels in ihrem Funkeln vereinigt zu sein! Als sie aber den Schmuck in die Hand nahm, schossen aus ihm blaue Blitze hervor wie aus den Augen ihres Geliebten, als er von der ihm aufgezwungenen Verlobung erzhlte! Sie klappte das Etui zusammen, stellte es auf den Tisch und blickte Sir Josuah scharf an. Wie ich Ihnen bereits sagte, verstand ich bis jetzt nichts von geschftlichen Dingen! Es scheint mir aber, da Ihre bloe Anwesenheit gengt, mir die Augen zu ffnen! Ich fange schon an, ein wenig zu begreifen! Sehen Sie! Da Sie wohl aber von den zwischen mir und Lord Stuart bestehenden Beziehungen ebensogut unterrichtet sein werden wie von den gewaltsamen Manahmen, uns zu trennen, mchte ich Ihnen gleich sagen, da meine Empfindungen -- oder vielmehr der Verzicht darauf -- nicht kuflich sind! Wer wird denn gleich so hlich denken? Dieser Schmuck sollte nur ein Zeugnis von meiner aufrichtigen Bewunderung fr die groe Knstlerin ablegen, und von der Verehrung, die ich fr Ihre Person empfinde! -- Sie werden mir doch nicht den Schmerz antun, ihn zurckzuweisen? Die Annahme verpflichtet mich also zu gar nichts? Keinesfalls! Sie wrde nur mich auf alle Zeit als Ihren Freund und gehorsamsten Diener verpflichten! Gut! Ich nehme ihn denn an! Aber unter einer Bedingung! Und die wre? Sie drfen mir gegenber niemals meine Beziehungen zu Lord Stuart oder seine Verlobung mit Ihrer Tochter auch nur andeuten! Sir Josuah zgerte. Warum verlangen Sie das? fragte er schlielich etwas betroffen. Aus gar keinem anderen Grunde, antwortete sie, kokett auflachend, als weil ich's nicht gewohnt bin, da ein Mann mir -- von den Empfindungen _=eines anderen Mannes=_ fr mich spricht! Von meinen eigenen Empfindungen fr Sie drfte ich also sprechen? Soviel Sie nur wollen! lachte Barberina, die sich jetzt vornahm, dem alten Mann den Kopf gehrig zu verdrehen. Und wenn es Sie beruhigen kann, will ich Ihnen noch versprechen, keinen Finger zu rhren, um Lord Stuart Ihrer Tochter abspenstig zu machen! Abgemacht! rief Sir Josuah und kte ihre Hand. Wenn Sie galant wren, htten Sie antworten mssen, da ich das nicht ntig htte! schmollte sie und entzog ihm die Hand. ben Sie Gnade! rief er. Ich bin eben in galanten Dingen ein Anfnger und wute nicht, da man Selbstverstndliches sagen mte! Sie werden sich eben bessern mssen! Nachdem Sie die Gnade hatten, mir zu gestatten, Ihnen mglichst viel von meinen eigenen Empfindungen fr Sie zu erzhlen, bezweifle ich es nicht -- wenn Sie mir nur Gelegenheit geben! Sooft Sie wollen! Dann erlaube ich mir, Ihnen den Vorschlag zu machen, schon heute mit mir zu soupieren! Mit Vergngen -- wenn Mama Ihre Einladung annimmt! antwortete Barberina und stellte ihm die Signora vor, die eben zur rechten Zeit hereinkam, um ja zu sagen. Und so kam es, da Fossano, der sich noch hinter den Kulissen umhertrieb, sehen konnte, wie Barberina am Arme Sir Crichtons das Theater verlie, um mit ihm und ihrer Mutter in dessen Wagen Platz zu nehmen. Eine Entdeckung, die er nicht zgerte, Lord Albermale zuzuflstern, der die groe Neuigkeit denn auch prompt nach Schottland weiterbefrderte, damit sein Freund Be nicht denke, seine Geliebte stnde ganz verlassen da. Das Souper verlief sehr vergngt. Sir Josuah war von der Konversation Barberinas entzckt und verlor gleich am ersten Abend total den Kopf. Kein Tag verging dann, ohne da er ihr seine Aufwartung machte. Er brachte ihr Blumen und machte ihr Geschenke aller Art. Barberina sah sich bald im Besitz eines Landhauses an der Themse -- das Bankguthaben der Mama schwoll an, und Sir Josuahs Hoffnungen auf Erfolg ebenso -- wenn er sich auch gedulden mute. Denn Barberina selbst erlaubte ihm nicht die geringste Vertraulichkeit und verstand es geschickt, jedem seiner Annherungsversuche auszuweichen -- jedoch ohne ihm diese frmlich zu verbieten. Eines Tages schenkte er ihr einen kleinen, hbschen Mohren zu ihrer persnlichen Bedienung, was ihr einen Ausruf des Entzckens entlockte. Wo haben Sie den her? fragte sie neugierig. Eins meiner Schiffe brachte ihn von der letzten Reise mit. Die Negerknaben sind sehr begehrt fr den intimeren persnlichen Dienst bei den Damen der feinen Welt! Ich kann kaum so viele anschaffen, wie man von mir verlangt! Sie handeln auch mit Menschen?! rief Barberina schaudernd. Wer tut das denn nicht! Schrecklich! Wieso? Der Mensch wird doch immer gehandelt! Geschft war doch stets mit den Transaktionen in Menschenfleisch verbunden! Wie knnen Sie?! Sir Josuah lchelte. Das ist nicht meine Erfindung! Und brigens -- am Theater werden Sie's gesehen haben! Verlassen Sie mich! -- Barberina stand pltzlich kerzengerade vor ihm und zeigte auf die Tr. Er war aber nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Beruhigen Sie sich, Mademoiselle, lchelte er, ich handle nur mit Schwarzen! Die zhlen ja kaum noch zu den Menschen! Sie sind aber als solche gut zu gebrauchen! Sie lernen schnell und sind verschwiegen! Die besten Hter der Boudoirgeheimnisse, die man sich wnschen kann! Barberina wandte sich ab, um ein Lcheln zu verbergen. Er sah es und beeilte sich, hinzuzufgen: brigens versetze ich sie aus einem halb tierischen Zustande in menschenwrdige Verhltnisse! Ich bin also geradezu ihr Wohltter! Sie werden ihn doch gut behandeln?! Sicher! Wo haben Sie ihn gekauft? Ich kaufe nicht! Ich bediene mich nicht der Sklavenhndler. Ich rste selbst Expeditionen aus, fhre Krieg, mache Gefangene und verkaufe sie dann dort, wo ihre Arbeitskraft bentigt wird! Er fing zu erzhlen an und gab ihr rasch einen Einblick in die Geheimnisse des echt englischen Geschfts mit schwarzem Elfenbein. Vor ihren entsetzten Augen rollten sich grausige Bilder auf von Mord und Raub und gewaltsamem Zerreien aller menschlichen Bande. Sie sah in der Phantasie das Treiben auf den Menschenmrkten, wo der Gatte der Gattin, die Kinder den Eltern genommen wurden -- sah in engen Schiffsrumen zusammengepferchte menschliche Leiber, in Ketten geschlossen, von Hunger verzehrt, von Krankheiten dahingerafft -- die berlebenden zu Skeletten abgemagert, dem traurigsten Schicksal entgegengefhrt. -- Und alles, damit England gro und mchtig werde, indem jener dicke, feiste Kerl, der da vor ihr stand, und viele seinesgleichen sich die Taschen mit Gold fllten! Sie begriff auf einmal, da er sich auch noch erdreistete, mit seinen plumpen Hnden in die Poesie ihres eben erwachten Empfindungslebens eingreifen und kalten Blutes ber das Glck zweier Menschen hinwegschreiten zu wollen, nur um seine geschftlichen Interessen zu frdern! Keine Strafe schien ihr da schwer genug! Sie schauderte ob der selbstgeflligen Nonchalance, mit der er sein schandbares Gewerbe als durchaus ehrenwert und verdienstvoll hinzustellen wagte, und rief voll Entrstung: Ein Ruber sind Sie! Ein Mrder! Ich bin ein Kaufmann, Mademoiselle, weiter nichts! Nennen Sie's, wie Sie wollen, aber schandbar ist es! Und noch schandbarer, da es geduldet wird! Legt man Ihnen denn gar keine Hindernisse in den Weg? Doch! Das Metier hat auch seine Unannehmlichkeiten! Das gebe ich zu! Die Neider zum Beispiel! -- Da kam vor kurzer Zeit ein Franzose -- ein -=homme de lettre=- -- ber den Kanal, angeblich, um englisches Wesen und englische Zustnde zu studieren und ein Buch darber zu schreiben. Er schnffelte auch bei mir herum. Und ich, in meiner Harmlosigkeit, tat ein bichen dick und lie ihn mehr wissen als ntig war. Da wurde er gleich Feuer und Flamme und wollte sein Geld in meinem Niggergeschft mitarbeiten lassen -- angeblich nur aus Neugier und um praktische Erfahrung zu gewinnen! Ich habe mich aber gehtet! Da ist er gleich zu einem meiner Nebenbuhler gelaufen und hat ihm alles verraten, was er bei mir gelernt hatte! Und nun machen die mir schwere Konkurrenz. Ein Vermgen hat er schon damit verdient! Nichts habe ich so sehr bereut wie das! Das waren seine ganzen Bedenken! Menschliche Gefhle schienen bei ihm nicht vorhanden zu sein! Und doch versuchte er den Liebhaber herauszukehren! Sie lachte laut auf. Warum lachen Sie? Weil Sie so ganz anders aussehen, als Sie mten! Wie mte ich denn aussehen? Nun -- einen Menschenfresser htte ich mir jedenfalls ganz anders vorgestellt! Man mte vor Ihnen Grauen empfinden knnen! Sie werden noch von mir verlangen, da ich hier vor Ihren Augen den kleinen Negerjungen mit Haut und Haaren verspeise! Ich will berhaupt nichts von ihm wissen! Nehmen Sie ihn zurck! Ich bitte Sie --! Wenn ich ihn sehe, wrde ich an all das Schauderhafte denken mssen, was Sie mir erzhlt haben! Ich wrde bse Trume bekommen! Dann nehmen Sie ihn nur an! Er wird Ihnen se Wiegenlieder singen! Er ist musikalisch! Er spielt schon sehr gut die Laute! Am Ende tanzt er auch? Sie werden ihm das Tanzen jedenfalls leicht beibringen! Die Schwarzen haben ein angeborenes rhythmisches Gefhl und eine natrliche Empfindung fr den Tanz! -- brigens ist er ein Prinz! Wer's glaubt! Ganz gewi! Sein Stammbaum ist allerdings drben in den Urwldern Afrikas geblieben! Aber Sie knnen mir aufs Wort glauben! Also, Sie handeln auch mit kniglichen Hoheiten! -- Das ist zum mindesten originell! Das vershnt mich ein wenig mit Ihrem Elfenbeinhandel! Sie lachte pltzlich auf. Mir fllt was ein! Die Schwarzen mten auch anfangen, mit weien Sklaven zu handeln! Ich mchte zu gern unsere gepuderten Prinzen in ihren seidenen Strmpfen und Spitzenjabots als Sklaven der schwarzen Schnen sehen! In Wirklichkeit werden Sie's kaum erleben! Vielleicht aber auf dem Theater! Da geben Sie mir eine Idee! Daraus lasse ich mir ein pantomimisches Ballett machen! Das wird entzckend! Eine Nummer, die ich allein habe! Sie werden damit Triumphe feiern! Ohne Zweifel! Sie mssen mir aber richtige Negerprinzen dazu besorgen! Eine ganze Schiffsladung! Welche absurde Idee! Sie sagen, da Sie mich lieben, Sir Josuah, und Sie finden einen Wunsch von mir absurd?! Sie lieben mich eben nicht! Ich bete Sie an! Schweigen Sie! Ich glaube nichts von Ihren Beteuerungen! Kein Wort glaube ich Ihnen! Sie tten mich! Er warf sich auf die Knie, so gut es ging, und suchte ihre Hand zu erhaschen. Sie stie ihn aber zurck. Wie hie jener Franzose, der Ihnen Ihre geschftlichen Kniffe ablauschte? Warum fragen Sie? Die Franzosen sind galant! Wie heit er? Voltaire! Er soll mir meine Negerprinzen besorgen! Mademoiselle, Sie tten mich! Ich liebe Sie ja! Kein Wort von Ihren Empfindungen, bitte! ben Sie Gnade! Wollen Sie mir hoch und heilig versprechen, da ich bald eine ganze Schiffsladung schwarzer Prinzen mir zu Fen haben werde? Sie sollen Ihren Willen haben! Schwren Sie's! Ich schwre! Stehen Sie also auf! Nein, nein -- stehen Sie auf! Ich kann Sie nicht so daliegen sehen! Sie versetzen mich in die tdlichste Angst um Sie! Denken Sie doch an Ihr Embonpoint! Ich kann's nicht dulden, da Sie Ihr mir so kostbares Leben aufs Spiel setzen! Wer wrde mir dann meine Schwarzen besorgen! Sie lachte wie ein ausgelassenes Kind. Er stand etwas begossen auf. Setzen Sie sich dahin! Und ganz artig stillsitzen! Wenn Sie brav sind, drfen Sie mir auch die Hand kssen! Sie reichte ihm die Hand, die er sofort begierig ergriff. Ich will also Ihren schwarzen Prinzen annehmen! Ich ernenne Sie auch zu meinem Sklaven! Aber nur unter einer Bedingung! Und die wre? Da Sie -- in meinem Negerballett mittanzen! Sir Josuah fuhr auf. Seine Zge verfinsterten sich. Sie ignorierte es. Sie sollen einen franzsischen Prinzen darstellen, den ich fr schweres Geld gekauft habe und den Huptlingen meines Stammes in seinen nationalen Tnzen vorstelle! Die franzsischen Prinzen sind alle dick wie Sie! Sie tanzen alle gut! Sie halten mich zum besten! Durchaus nicht! Bedenken Sie doch, was Sie von mir verlangen! Ich, ein Baronet von England, Mitglied des Hauses der Gemeinen, Chef eines der grten Handelshuser -- Diesen Herrn kenne ich nicht! Ich kenne nur meinen Sklaven Josuah, der mir unbedingt gehorchen mu oder zu den Toten geworfen wird! Entweder -- oder! Mademoiselle, ich beschwre Sie! Gehen Sie, Sir Josuah, ich will nichts von Ihnen wissen! Wie oft haben Sie mir nicht geschworen, Sie wollten mir zuliebe alles tun! Und gleich den allerbescheidensten Wunsch schlagen Sie mir ab! Ich htte Indiens Schtze verlangen knnen und verlangte nur einen Tanz! Ich war im Begriff, um Ihretwillen den einzigen Mann zu vergessen, den ich je geliebt habe! Und Sie -- wollen meinetwegen nicht einmal die Beine bewegen! -- Abscheulich! -- Sie sollten sich schmen! Und Sir Josuah schmte sich wirklich. Alles, was Sie wollen, will ich tun! Aber Sie verlangen das Unmgliche von mir! Ich kann nicht tanzen! Was man nicht kann, kann man lernen! Ich werde Sie unterrichten! Keinen Widerspruch! Wohlan denn! Aber ich werde nicht sehr gelehrig sein! Sie werden nicht viel Freude an mir haben! O doch! Sehr viel! lachte Barberina, die sich den Spa gttlich vorstellte. Und sollten Sie's wirklich nicht so weit in der Tanzkunst bringen wie bis zum franzsischen Prinzen im Ballett, so will ich Gnade ben und von Ihrer Mitwirkung in meinem schwarzen Ballett absehen! Aber erst dann! Erst mssen Sie Ihren guten Willen zeigen -- Und dann? fragte Sir Josuah sehnschtig und ergriff wieder ihre Hand. Dann will ich Ihnen erlauben, mir alles zu sagen -- was Sie mir heute nicht sagen drfen! antwortete sie und entzog ihm die Hand. Und was werden Sie mir dann darauf antworten? Tanzen Sie hbsch brav, Sir Josuah, und Sie werden mit der Antwort zufrieden sein! Sie lie den Worten einen ihrer betrendsten Blicke folgen. Und so kam es, da Sir Josuah die folgenden Tage in ihrem, ihr von ihm geschenkten Landhause unter ihrer Leitung die schwersten Pas seines Lebens -- seine Fauxpas, wie sie sagte -- einstudieren mute. Er verga darob das ganze Parlament von England und versumte grblich sein ganzes groes Handelsunternehmen, um seine Baronie, statt mit der ersehnten Lordschaft, mit der vergoldeten Papierkrone eines franzsischen Theaterprinzen von Geblt zu schmcken. Sie hatte ihre helle Freude daran, den verliebten alten Gecken wie einen Tanzbren zu dressieren. Zu den Unterrichtsstunden mute er in vollem Habit antreten -- in engen seidenen Hosen, Spitzenjabot, Schuhen mit brillantenen Schnallen und federgeschmcktem Dreispitz, das Gesicht rot und wei getncht, die Haare gepudert und einen koketten Degen an der Seite. Als Zuschauer wurde nur der Mohr zugelassen, der auf der Laute den Tanz begleiten mute. Sie mute ihrem Schler recht geben. Er hatte nicht das geringste Talent, und was er leistete, grenzte ans Groteske. Aber sie htete sich, es ihm zu sagen. Es machte ihr Vergngen, ihn zu qulen. Seitdem er ihr triumphierend die Verhaftung ihres Geliebten mitgeteilt hatte, hate sie ihn mit der ganzen Glut ihres sdlndischen Temperaments. Sie nahm sich vor, ihm den Kopf zu verdrehen und ihn vor aller Welt so lcherlich zu machen, da der alte Stuart gentigt sein wrde, auf die Verbindung zu verzichten. Bald hatte sie ihn so weit. Eines Tages, nach einem ermdenden endlosen Studium der Gavotte -= la cour=-, blieb Sir Josuah mitten in einem Kompliment stehen und wischte sich die von Schminke gefrbten Schweitropfen aus dem Gesicht. Habe ich mich nun genug blamiert? fragte er sthnend. Noch nicht! Ganz London lacht ber mich! Die ganze Welt mu lachen! Sie wollen mich vernichten! Ich will Sie lancieren, weiter nichts! Sie sind aber wie alle Debutanten -- das Lachen macht Sie nervs! Freuen Sie sich doch! Wenn man lacht, haben Sie Erfolg! Wenn Sie auf der Bhne stehen, werden Sie's begreifen! Auf der Bhne?! Das verlangen Sie auch noch?! Als Beweis Ihrer Liebe, ja! Fordern Sie jeden anderen Beweis! Treiben Sie's nicht zu weit! Sie richten mich zugrunde! Man hlt mich bereits fr verrckt! Meine eigenen Angestellten lassen es an der schuldigen Achtung fehlen! Wo ich mich zeige, fngt man zu flstern an! Wenn ich jemand anrede, wendet er sich achselzuckend ab! Meine nchsten Freunde werfen mir vor, ich wre auf meine alten Tage ein Geck geworden! Und sie haben recht! Wie sehe ich denn aus? -- Angestrichen wie die Fassade meines eigenen Landhauses -- geputzt wie ein Affe! -- Ich, der einstige Stolz der City! Und warum? -- Weil ich wahnsinnig in Sie verliebt bin -- weil ich an nichts anderes denken kann als an Ihre schwarzen Augen -- weil ich ganz in Ihrer Gewalt bin und dazu verdammt, jede Ihrer Launen zu befolgen! Htte ich nur das geringste davon, ich wrde kein Wort sagen! Gern opfere ich Ihnen alles! Aber Sie machen mir kaum Hoffnung! Sie zeigen mir nicht die geringste Gegenliebe! Jetzt mache ich das nicht mehr mit! Jetzt habe ich genug! Erschpft von diesem Energieanfall, sank er auf einen Sessel nieder und fchelte sich mit dem Hut Khlung zu. Sie vergessen Ihren Eid, Sir Josuah! Ich vergesse ihn nicht! Aber ich breche ihn! Ich erklre Ihnen hiermit in allem Ernst: wenn Sie sich nicht jetzt entschlieen, die Meine zu werden, so gehe ich und kehre nicht wieder, obwohl ich wei, da es mein Tod sein wird! Sie lieben mich also nicht? Sie sehen mich hier in diesem Zustande und fragen noch? Sie haben keinen Funken von Mitleid fr mich und erst recht keine Liebe! Sie knnen berzeugt sein, da ich mit meinen Gefhlen fr Sie im reinen bin! Wenn das wahr ist, mssen Sie mir jetzt eine Antwort geben. Fragen Sie! Gut! Ich frage Sie also: Wollen Sie von mir eine Jahresrente von fnftausend Pfund annehmen? Wollen Sie in einem frstlich eingerichteten Hause in jeder erdenklichen Weise mit allem, was das Leben angenehm macht -- als meine Geliebte residieren? Barberina blickte ihn unter den halbgesenkten Lidern prfend an, lchelte dann verschmitzt und fragte, als htte sie gar nichts gehrt: Sagen Sie mir, Sir Josuah, wo bleibt meine Schiffsladung von Negerprinzen? Sie ist unterwegs mit smtlichen Stammbumen und Ahnentafeln! -- Wo bleibt aber die Antwort auf meine Frage? Auch unterwegs! lachte sie. Sie sind eine Kokette! Mag sein! Damit Sie aber einsehen, da ich auch mehr sein kann, will ich Ihnen gleich in allem Ernst etwas sagen: Auf solche Fragen antwortet die Barberina nicht! Warum nicht? Weil es unter ihrer Wrde wre! Sir Josuah sperrte den Mund auf. Eine Ballettdame und Wrde?! Bei fnftausend Pfund Jahresrente?! Seine Ehre als Krsus stand auf dem Spiel! An mir soll's nicht liegen! sagte er, nicht ohne einen leichten Seufzer. Wenn's sein mu, verdoppele ich die Jahresrente! Barberina blickte ihn kalt an. Ich wre bereit, sagte sie, mich Lord Stuart ohne irgendeine Zusicherung hinzugeben -- weil ich ihn liebe! Er knnte mir aber alle Schtze der Welt anbieten, und ich wrde doch nicht die Seine werden -- wenn's gegen mein Gefhl wre! Ich bin kein Kind mehr, das man durch glitzerndes Spielzeug lockt. Ich kenne das Leben und wei mit ihm Bescheid! Ich mte Sie also zum Altar fhren?! Wenn ich berhaupt an eine Verbindung mit Ihnen dchte, wre das der einzige gangbare Weg! Sir Josuah kmpfte mit sich selbst. Das wrde seiner Torheit die Krone aufsetzen und ihn erst recht unmglich machen! Er sah sich von aller Welt gemieden, von seiner Familie als ein altersschwacher Tor kaum noch geduldet, sah die Verbindung mit den Stuarts unmglich gemacht, die Lordschaft immer ferner gerckt. Aber es half alles nichts. Seine Leidenschaft war unberwindlich! Nun denn, sagte er endlich, so bitte ich Sie, meine Gattin zu werden! Und somit hatte Barberina ihn da, wo sie ihn haben wollte, und konnte ihm am eigenen Leibe zeigen, wieviel ein Eheversprechen wert war! Der Entschlu ehrt Sie, sagte sie, und verdient immerhin ernst genommen zu werden. Ich will aber die Situation nicht mibrauchen. berlegen Sie sich den folgenschweren Schritt erst reiflich, und wenn es Ihnen Ernst ist, so kommen Sie in zwei Wochen nach Paris, wohin ich morgen gehen mu, um mein Engagement anzutreten. Wenn Sie Ihr Anerbieten dann wiederholen, so glaube ich Ihnen versichern zu knnen, da ich Ihnen zum Altar folgen werde! Sie reichte ihm die Hand, die er kte. Bis dahin werden wir uns aber nicht mehr sehen, sagte sie noch. Ich nehme jetzt Abschied von Ihnen! Sir Josuah versicherte ihr, da er gar keine Zeit zur berlegung brauche. Sie knne ebensogern heute wie nach zwei Wochen ja sagen und auch auf ihr Pariser Engagement ohne weiteres verzichten. Aber sie war unerbittlich. Und er mute ihr ihren Willen lassen. Seufzend verabschiedete er sich, warf sich in seinen Wagen und fuhr nach London zurck. Und Barberina setzte sich an den Schreibtisch, um ihrem Be zum ersten Male seit der Trennung zu schreiben. Ungetreuer! Nicht genug, da Du ohne Abschied fortgingst -- keinen Gru, keine Zeile Deiner Hand lieest Du mir diese ganze lange Zeit zukommen! So hast Du mich denn vergessen! Ich verlasse jetzt England, um in Paris meine Kunst weiter auszuben! Aber nicht auf lange Zeit -- denke ich! Der recht ehrenwerte Sir Josuah Crichton hat mir die Ehe angetragen! Und da Du wohl kaum etwas unternehmen wirst, um das zu verhindern, wirst Du mich bald, statt als Deine Frau, als Deine Schwiegermutter begren knnen! Bis dahin lebe wohl! Barberina. Wenn ihn das nicht dazu bringt, die Fesseln zu sprengen, dann wre ich wirklich imstande, den anderen zu nehmen! sagte sie rachschtig. Dann glaube ich an keine Liebe mehr! Dann ist mir das Leben einerlei, wie es auch kommt! Sie schickte ihren Mohren, auf dessen Treue sie sich verlassen konnte, ab, den Brief zu berbringen. Mama Campanini aber, der sie das Anerbieten Crichtons mitteilte, war vor Freude auer sich. Ihr Entzcken steigerte sich zum Triumph, als ihr alter Feind Fossano sie aufsuchte, um sich neues Geld fr seine gesprengte Bank zu borgen, und sie ihm die groe Neuigkeit auftischen konnte. Bald wute es ganz London, zum groen Leidwesen Sir Josuahs, der gehofft hatte, die Angelegenheit im stillen zu erledigen und die Welt mit einem -=fait accompli=- berraschen zu knnen. Die ganze City lachte. Lord Stuart grte Crichton nicht mehr, hob aber die Verlobung nicht auf. Sir Josuahs gute Familie aber stellte ihm das Irrenhaus in Aussicht, nachdem sie vergebens alles aufgeboten hatte, um ihn zur Vernunft zu bringen. Er entzog sich allen Beeinflussungen durch eine schleunige Abreise nach Paris, angeblich, um dort die neuesten Modeerzeugnisse fr die Ausstattung seiner Tochter einzukaufen. Und dort traf er mit Barberina zusammen, die sich ber nichts so sehr freute als ber den Eklat, den die Sache ohne die geringste Bettigung von ihrer Seite gemacht hatte. Sie hatte noch nichts von ihrem Be gehrt und auch keine Antwort auf ihren Brief bekommen. Das machte ihr groen Kummer, denn sie fhlte sich seiner Liebe sicher und konnte deshalb sein Stillschweigen nicht verstehen. In der ffentlichkeit sah man sie niemals, auer bei ihrem Auftreten in der Oper. Fama hatte diesmal gar nichts von ihren galanten Abenteuern zu erzhlen, um so mehr aber von ihren auerordentlichen Leistungen als Knstlerin. Die verlockendsten Anerbietungen wurden ihr von allen greren Theatern gemacht. Aber sie schlug sie alle aus. Ihre Mutter redete ihr zu, ein Anerbieten des Knigs von Preuen anzunehmen. Aber sie antwortete, sie wolle sich frei halten, um, nach ihrer Verheiratung, der Kunst ganz zu entsagen. _=Sie=_ dachte dabei an Be, auf dessen Ankunft sie immer noch hoffte. Ihre Mutter aber an Sir Josuah, der immer dringender wurde und jetzt die Festsetzung des Tages der Trauung kategorisch verlangte. Doch sie hatte pltzlich das Interesse fr seine Schtze verloren. Preuen war ihr mehr wert! Die gute Mama hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, ein Knigreich zu erobern! Zweimal war ihr die Eroberung milungen. Das drittemal sollte die Launenhaftigkeit ihrer Tochter sie nicht um die Siegespalme bringen! Sie lie sich vom preuischen Botschafter einen Vertrag geben, aber Barberina unterschrieb nicht, sondern setzte den Tag fr die Trauung fest. Sie machte sich aus Sir Josuah nach wie vor gar nichts. Aber ihr Be lie nichts von sich hren. Und aufs uerste darber erregt, dachte sie jetzt nur noch daran, sich an ihm zu rchen. Am Morgen des Hochzeitstages kam ihre Mutter zu ihr herein, ein Dokument in der Hand. Noch ist es Zeit, sagte sie. Noch bist du frei! Bedenke, was du tust! Entweder du unterzeichnest diesen Vertrag mit dem Knig von Preuen oder den Ehevertrag mit jenem alten Gecken! Die Wahl sollte dir nicht schwer sein! Drben im Nebellande -- Reichtum und Vergessenheit; in Preuen -- Ehren, Glanz und Ruhm und ein Knigreich, das du mit Leichtigkeit in die Tasche stecken kannst, wenn du nur von deinem Eigensinn ablt und dich meiner Fhrung anvertraust! Da -- berleg nicht lange! Nimm die Feder und unterzeichne! Und wenn Sir Crichton kommt, werde ich ihm den Standpunkt schon klarmachen. Sie reichte ihr eine Feder, und Barberina, die immer noch hoffte, da Be eintreffen wrde, unterschrieb, um Sir Josuah mit guten Grnden hinhalten zu knnen und so wenigstens einen Aufschub zu erhalten. Kme Be, so wollte sie den Vertrag nicht einhalten! Kme er nicht, so mte Sir Josuah sich um die Lsung ihrer Verpflichtung bemhen! Und das wrde immerhin Zeit in Anspruch nehmen! Jetzt kann der alte Kerl sich in seinem Gelde begraben! rief die Mama erfreut und steckte das kostbare Dokument ein. Jetzt gehrt uns Preuen! Und das wiegt mehr als zehn Castles in England! Sie begab sich schnurstracks zum preuischen Gesandten, dem Herrn von Chambrier, und lie ihre Tochter allein. Dieser war es nicht ganz geheuer zumute! Sie hatte sich wieder dem Theater verschrieben, obwohl sie das ffentliche Auftreten verabscheute! -- Das Leben schien ihr nur an der Seite eines geliebten Wesens Wert zu haben! Ihrer Liebe htte sie alles opfern wollen! Bis vor einer Minute hatte sie die Freiheit gehabt, es zu tun! Und jetzt hatte sie sich wieder fesseln lassen! Wenn Be jetzt kme? Kaum gedacht, war er schon da! Wie der Dieb in der Nacht schlich er zu ihr hinein, nahm sie in die Arme und kte sie ab! Und die Freude war unbeschreiblich auf beiden Seiten! Dann ging es los mit Vorwrfen, Fragen und Erklrungen. Warum er nicht geschrieben htte? Wohl Hunderte von Briefen htte er ihr geschickt! Sie htte sie doch bekommen mssen! Keine Zeile! Kein Lebenszeichen von ihm die ganze Zeit. Wo die Briefe geblieben waren, war nicht schwer zu erraten! Aber die Familie sollte ihm keine derartigen Streiche mehr spielen! Er war jetzt frei! Sein Onkel war tot, dessen riesiges Vermgen in seinen Hnden! Er hatte seinen Abschied genommen, war sein eigener Herr und konnte tun, was er wollte! Aber sie?! -- Man hatte ihm von der Bewerbung Sir Josuahs erzhlt! -- Man wute auch, da dieser auf Erhrung rechnen durfte! -- Ihr eigener Brief an ihn -- der einzige, den _=sie=_ ihm geschrieben hatte, hatte ihn beunruhigt! War sie noch frei -- oder --? Ebenso frei wie Sie, Lord Stuart! sagte sie und hob die Nase hoch. Wie soll ich das verstehen? Da ich mich auch anderweitig verlobt habe! Genau wie Sie! Du hast ihm also dein Wort gegeben?! Ich habe ihm mein Wort gegeben! Und ich werde es halten! Er fuhr zurck, als htte ihn ein Peitschenhieb getroffen. Treulose! rief er. So bald vergit du deinen Eid! Da wurde ihr gemeldet, Sir Josuah sei da, um sie zur Trauung abzuholen. Ich werde dich schon an den Eid erinnern! rief sie, eilte hinaus und kam zurck, gefolgt von Sir Josuah. Die berraschung der beiden Herren war von derartiger Komik, da sie in lautes Lachen ausbrach. Sie scheinen sich nicht zu kennen, meine Herren?! rief sie. So gestatten Sie mir denn vorzustellen: Sir Josuah Crichton, mein Verlobter -- Lord Stuart, _=mein Gemahl!=_ Sie legte dem erstaunten Be die Hand auf den Mund, um ihn am Sprechen zu hindern. Wir sind vor Gott getraut, Sir Josuah! Daran ist nichts zu ndern! Sie und Ihre Tochter mssen eben das Nachsehen haben! Sir Josuah brach in die heftigsten Vorwrfe aus. Die Ehe wre ungltig und wrde wieder gelst werden! -- Lord Stuart wre nicht mndig und knne ohne Einwilligung seines Vaters keine Ehe eingehen -- auer der, zu der ihn sein Vater bereits verpflichtet hatte! Und was sie betrfe, so htte sie doch _=ihm=_ ihr Wort gegeben! Ich habe Ihnen versprochen, Ihnen zum Altar zu folgen, Sir Josuah, weiter nichts! Wenn Sie's verlangen, werde ich mit Ihnen den Spaziergang machen! Aber nie und nimmer, um mich mit Ihnen trauen zu lassen! Sie haben mich getuscht! Durchaus nicht! Sie sollen aber keinen Schaden an mir haben! Das Landhaus an der Themse steht Ihnen wieder zur Verfgung. Die Luft ist mir dort zu feucht! Beim Ballett knnen wir keinen Rheumatismus gebrauchen! Den Negerprinzen aber, die ich immer noch nicht bekommen habe, knnen Sie in meinem Namen die Freiheit schenken! Um Ihren Tanz tut es mir aber leid! Ich habe Sir Josuah ausgebildet, wandte sie sich an Be. Er hat sich in der choreographischen Kunst sehr bewhrt! Man knnte ihn schon fr Geld zeigen! Nicht wahr, Sir Josuah? Aber Sir Josuah hrte nicht. Er war lngst davongelaufen, und die beiden Liebenden blieben laut lachend zurck, um sich ber den gelungenen Streich zu freuen. Alle Heiligen! rief Barberina pltzlich. Den Knig von Preuen habe ich ja vergessen! Wie werde ich den nun los? Dem hast du doch nicht auch die Ehe versprochen?! Weit schlimmer! Ich habe mich von ihm anwerben lassen! Au weh! Wo fliehen wir nun hin? Nach Italien! Da kommen seine Werber nicht hin! Sie war sofort bereit. Noch ehe die Mutter nach Hause kam, war der Vogel ausgeflogen, und sie hatte das Nachsehen. Eine kurze Nachricht, da sie mit ihrem Gemahl nach Venedig gereist sei, und da der Gemahl nicht Sir Josuah, sondern sein entlaufener Schwiegersohn in spe sei, war alles, was Barberina ihr hinterlassen hatte! Und -- eine Aufforderung, bald nachzukommen! Sie folgte den Flchtigen auf den Fersen, mit dem verschmhten Vertrag, aus dem _=sie=_ ihre Tochter gewi nicht entlassen wollte! Sir Josuah aber kehrte nach London zurck und war von seiner Liebestollheit grndlich geheilt. Er einigte sich mit dem alten Lord Stuart dahin, dem jungen Herrn Be Zeit zu lassen, sich auszutoben, was der heiligen Ehe nur zutrglich sein wrde! -- Die Hochzeit msse allerdings verschoben werden. Aber die Verlobung bliebe bestehen! Denn was ein Gebieter der City von London ausgemacht, verbrieft und besiegelt hatte, daran war nicht zu rtteln! Eher msse die Welt untergehen! Lord Stuart war ganz seiner Meinung. Und grte ihn wieder, wenn auch mit gemessener Wrde. Viertes Buch -=Fridericus Rex=- 16 Es war ein bitterkalter Januarmorgen im Jahre 1744. Vom Turme der Garnisonkirche zu Potsdam schlug es fnf, und das Glockenspiel klimperte seinen Choral ins Dunkel hinaus. Die Stadt schlief noch. Im Stadtschlo war es aber schon seit einer Stunde lebendig. Von der Brcke aus konnte man Licht in einem der ersten Fenster des linken Flgels sehen, wo der Knig residierte. Die Ofenheizer waren schon dabei, in den Kaminen Holz und Kohlen aufzuschichten. Im Vorzimmer wartete der Kammerdiener Michaelis. Als der letzte Schlag aus dem Turme verklungen war, trat er durch das Schreibzimmer ins Schlafzimmer, gefolgt von den Heizern, die sich sofort anschickten, das Feuer im Ofen anzumachen. Er lie die Kerzen in der Krone anstecken, ffnete die silberne Balustrade nach dem Alkoven, zog die hellblauen Vorhnge auseinander und trat an das von einem Baldachin berdachte Bett heran, dessen versilberte Schnitzereien im Schein der Kerzenflammen frhlich aufglnzten. Der Knig schlief noch fest. Rechts vom Bett stand die Tr zum kleinen, runden Konfidenzzimmer halb offen, wo Friedrich seine intimen Soupers abzuhalten pflegte, bei denen keine Bedienung anwesend sein durfte. ber dem runden Tisch glimmte noch eine fast niedergebrannte Kerze in der vielarmigen Bronzekrone und warf ihren flackernden Schein ber das kleine, intime, ganz in Rosa und Gold gehaltene Kabinett. Der Tisch war mit den Resten des gestrigen Soupers bedeckt. Schnell ging der Kammerdiener hinein, lie die leeren Flaschen durch die ffnungen an den Seiten des Tisches hinuntergleiten, schob Geschirr und Glser auf die Mitte des Tisches zusammen und drckte auf einen Knopf. Die Tischscheibe senkte sich lautlos mit allem, was darauf stand, in das unten befindliche Kredenzzimmer hinab. Er zog noch krftig an einer Klingelschnur, um die Bedienung da unten aufmerksam zu machen, lschte die hinsterbende Flamme aus, ging wieder in den Alkoven hinaus und schlo lautlos die Tr. Feierlich trat er dann an das Bett heran und hustete dreimal laut und vernehmlich. Der Eroberer Schlesiens lie sich nicht stren. Der Kammerdiener streckte die Hand aus und berhrte die Schulter des Schlafenden. Umsonst. Der Knig drehte sich auf die andere Seite und schnarchte weiter. Er hatte den Schlaf offenbar sehr ntig heute, und es tat dem getreuen Diener im Herzen weh, ihm die Ruhe nicht gnnen zu drfen. Er hatte aber bestimmte Befehle und hatte sofortige Entlassung zu gewrtigen, wiche er nur einen Zoll breit vom Pfade des Gehorsams ab. Seufzend trat er an die Waschtoilette heran, entnahm einem ihrer Schubfcher eine zusammengefaltete Serviette, tauchte sie in Wasser und legte sie dann auf das Gesicht des Schlafenden. Fluchend setzte sich Friedrich auf, lachte aber laut, als er das erschrockene Gesicht von Michaelis sah. Hast heute wieder zum uersten greifen mssen? sagte er ghnend und schielte nach der Tr des Konfidenzzimmers. Eure Majestt hatten streng befohlen -- -- stotterte der Diener beklommen. Es wre dir schlecht bekommen, httest du da nicht Ordre pariert! sagte Friedrich gelassen und lie sich die Strmpfe und die schwarzsamtenen Hosen reichen. Aber es ist schlimm, sehr schlimm! Wie lange hast du heute Reveille geblasen? Eine Viertelstunde! antwortete Michaelis. Wir knnen nicht soviel Zeit verlieren! Das gestrige Souper hat zu lange gedauert! Die Dame Cochois wird nicht mehr hierher befohlen! Er lie sich die hohen Stiefel anziehen, trat aus dem Alkoven heraus und nahm in einem Sessel am Feuer Platz. Michaelis zog zweimal die Klingelschnur an der Wand und trat dann an den Knig heran, um ihm die Haarpeitsche zu machen. Ein Kammerpage kam mit einem Korb herein, in dem die soeben eingegangenen Briefschaften lagen, kniete vor dem Knig nieder und hielt ihm den Korb hin. Friedrich entnahm ihm Brief fr Brief, prfte sorgfltig Aufschrift und Siegel, warf diesen oder jenen ungeffnet in den Ofen, machte die anderen auf, las den Inhalt halblaut durch und schichtete die Briefe in drei Haufen auf den neben ihm stehenden Tisch. Im ersten Haufen bekamen die Briefe einen Kniff nach innen -- im zweiten einen nach auen und im dritten einen nach innen und nach auen, je nachdem, ob sie abschlgig beantwortet werden sollten oder nicht, oder ob die Antwort noch ungewi sei. Einen einzigen Brief behielt der Knig heute auf den Knien. Der Inhalt dieses Briefes mochte nicht angenehmer Natur sein. Denn nach Lesen der ersten Worte hielt er unwillig inne, las den Rest gegen seine Gewohnheit still durch und machte dabei so zornige Bewegungen, da Michaelis den Haarbeutel wiederholt neu binden mute. Ein scharfes: Nimm dich besser in acht! wurde ihm hchst ungndig zugerufen. Und der Kammerpage mute mit dem geleerten Korbe wieder abziehen, ohne vom Knig einen Blick, geschweige denn einen Gru zu erlangen. Friedrich las den Brief noch einmal durch. Eine sffisante, kaprizise Kreatur wie all die anderen Mamsells! Ohne Gewalt nicht zur Rson zu bringen! Er warf den Brief zu den anderen. Michaelis, der inzwischen mit dem Frisieren fertig geworden war, ffnete eine Tr links im Alkoven und lie den Kammerhusaren herein, der ohne weitere Zeremonien das knigliche Gesicht einzuseifen begann. Er hatte keinen leichten Stand. Friedrich war uerst nervs und aufgeregt. Seine gewhnliche Ruhe und berlegenheit schienen ganz geschwunden. Er sa keinen Augenblick still. Der arme Kammerhusar bekam Angst, ihn zu schneiden; seine Hand fing an zu zittern, und er mute die ganze Ungeduld des Knigs ber sich ergehen lassen. Er ist heute aber auch zu ungeschickt! rief Friedrich, dem beim Einseifen ein wenig Schaum in den Mund gekommen war. Er schielte mitrauisch nach dem Messer, das sein Getreuer ber einen ledernen Riemen hin und her gleiten lie. Nehme Er sich zusammen! Kratzt Er mir nur die kleinste Ritze in die Haut, so kommt Er noch heute nach Spandau! Der Kammerhusar setzte das Messer an und begann zu schaben, kam aber nicht weiter als bis zur halben Wange, als Friedrich ihn -=sans faon=- beiseiteschob und Michaelis winkte, der mit einem Waschbecken in einiger Entfernung wartete. Winterfeldt! befahl der Knig. Michaelis stellte das Becken fort und ging, immer noch die Serviette in der Hand, zur Tr des Schreibzimmers, ffnete sie und lie den Generaladjutanten herein. Den Rapport! befahl Friedrich, den untertnigen Gru seines Getreuen kaum beantwortend, und setzte sich im Sessel zurecht. Der Kammerhusar fing an weiterzuschaben, der Generaladjutant zu berichten, und Friedrich, das Messer an der Kehle, mute vieles ber sich ergehen lassen. Zunchst lagen da militrische Angelegenheiten vor, Urlaubsgesuche und so weiter, die Friedrich, den Kammerhusaren nochmals beiseiteschiebend, kurz erledigte. Von jetzt ab wird kein Urlaub bewilligt! Die Beurlaubten sollen binnen vier Wochen bei den Fahnen sein! Den Kommandanten der Artillerie ist einzuschrfen, da sie mit allem Flei dafr sorgen, mit Einbruch des Frhlings die Geschtzbespannungen vollstndig zu haben! Damit berlie er sich wieder dem Messer. Aber da kam Winterfeldt mit einem Gesuch um Heiratskonsens fr einen Offizier, und die Hand des Kammerhusaren wurde wieder beiseitegeschoben. Wird abgelehnt! Die Herren Offiziers denken nur an Mariage und sind im Dienste danach! Winterfeldt versuchte einen schwachen Einwand. Die betreffende Braut wre reich und die Tochter eines angesehenen Brgers! -- Da kam er aber schlecht an. Wir halten nicht Soldaten zum Amsement der Brgertchter! Wir permittieren keine Mesalliancen! berhaupt keine Offiziersmariagen! Das gibt allemal Chagrin und bse Suiten! Und ich habe das Frauenzimmer auf dem Hals, nachher, wenn's in die Kampagne geht und der Herr Offizier tot bleibt! Kopulieret wird nicht! Krieg in Sicht, dachte Winterfeldt und hielt mit weiteren derartigen Gesuchen zurck. Er schlo mit der Meldung, da auf der heutigen Parade Rekruten zur Besichtigung da sein wrden, damit der Knig die fr seine Grenadiergarde geeigneten aussuchen knnte. -=Eh bien!=- sagte der Knig. Wer ist zur Audienz da? Der Staatsminister von Podewils, der Finanzminister Boden, Baron von Pllnitz -- Der Schwtzer! Und Knobelsdorff? Ich hatte ihn heute befohlen! Knobelsdorff hat sich krank gemeldet! Das sind leere Exkusen! Er hat sich echauffiert, weil er mein Sommerhaus drauen in den Weinbergen nach meinem Kopf bauen mu! Geh Er hin zu ihm! Er soll mir heute bei der Parade seine Krankheit prsentieren! Wir werden ihn hchstselbst kurieren! Zum Diner werden heute befohlen: Pllnitz, Maupertuis, der malade Knobelsdorff und Er selbst! Lege Er die Liste der Herrschaften, so Audienz haben wollen, drauen auf meinen Schreibtisch! -=Au revoir!=- Winterfeldt salutierte und ging. Nun kratz endlich zu! Sonst wirst du, meiner Seele, nimmermehr fertig! herrschte Friedrich den Kammerhusaren an. Und dieser kam denn endlich dazu, seine kitzliche Arbeit ohne weitere Strungen zu beenden. Friedrich musterte sein Gesicht genau im Spiegel. Er schien eher rgerlich als zufrieden damit zu sein, da nicht die geringste Schramme zu sehen war, und fertigte sein Faktotum ab mit einem kurzen: Er kann gehen! Darauf befahl er die Kabinettsrte, die die aufgeschichteten Briefe an sich nahmen, kurz den Inhalt referierten und die Antwort des Knigs auf der Rckseite notierten. Sie entfernten sich dann, um die Antworten ins reine zu schreiben, und lieen nur den einen Brief zurck, dessen Inhalt den Knig so sehr gergert hatte, und den er nochmals las und wieder hinwarf. Dann stand er auf, entnahm einem Etui auf der weitbauchigen Kommode zwischen den Fenstern eine Flte, lie die beiden Windspiele, die die letzte Nacht nicht in seinem Bett, sondern im Vorzimmer verbracht hatten, ein und ging, von ihnen umwedelt, ins Schreibzimmer, um den Kaffee zu trinken. Der Kaffee mundete ihm heute nicht. Gegen seine Gewohnheit trank er nur eine Tasse, nahm dann die Flte und fing, auf und ab gehend, an zu blasen. Aber die Hunde wollten nicht Ruhe halten. Sie witterten die Nervositt und die Verstimmung ihres Gebieters und waren auch ob der nchtlichen Zurcksetzung indigniert. Nach den ersten paar Takten fhlten sie sich bemigt, auch ihrer Verstimmung in Tnen Luft zu machen, und heulten brav mit. -=Tu beau=-, Biche! rief Friedrich und blies weiter. Aber Biche war nicht zu besnftigen, und auch Alkmene machte brav die Musik mit. Halb belustigt, halb gergert, legte Friedrich die Flte fort, nahm die Liste der im Audienzzimmer Wartenden in die Hand und las sie laut durch, whrend er im Zimmer auf und ab ging. Einen Augenblick blieb er stehen und blickte durchs Fenster in den grauenden Tag hinaus. Unter der Linde drauen auf der Strae standen ein paar Leute und stampften und froren ganz erbrmlich! Michaelis! rief der Knig. La den Leuten ihre Suppliken abnehmen! Wenn sie da stehen sollen, bis ich Zeit fr sie habe, frieren sie mir fest und machen die Aussicht malproper! Und la mir den Staatsminister herein! Michaelis ging in das kleine ganz mit Zedernholz getfelte Kabinett, das das Schreibzimmer des Knigs von den brigen Gemchern trennte, schickte einen Lakaien die von dort direkt nach dem Lustgarten fhrende kleine Treppe hinunter, um den Befehl auszufhren, ffnete dann selbst die Tr zum angrenzenden Musikzimmer, wo die zur Audienz Befohlenen warteten, und machte dem Herrn Staatsminister feierlichst die befohlene Mitteilung. Podewils verfgte sich zu Friedrich hinein und mute zu seinem Schrecken wahrnehmen, da sein allergndigster Gebieter sich ber Nacht in das Gegenteil verwandelt hatte. Friedrich sa im Sofa hinter dem Schreibtisch, den ominsen Brief in der Hand, und lchelte seinen Staatsminister sarkastisch an. Exzellenz wollen sich bei uns nach dem Stand der auswrtigen Angelegenheiten erkundigen? Das ist recht! Das ist brav! Als Staatsminister mssen Exzellenz doch auch Bescheid wissen! Wir knnen also wieder mit der alten Neuigkeit aufwarten, da wir schlecht -- sehr schlecht -- bedient sind! Unsere Diplomaten taugen alle nichts! Sie sind, wie immer, nur unsere Brieftrger! Wir selbst mssen jeden Schritt der Herren dirigieren -- mssen an alles denken! Da schwtzt uns unser Botschafter in Paris eine Tnzerin auf! Den Vertrag hat er wirklich zustande gebracht! Das ist aber auch alles! Der gute Chambrier wird senil! Wir werden ihn rappellieren mssen! Wir lassen jene Tnzerin zur Dienstleistung hierher befehlen! Und was tut sie? -- Sie weigert sich! -- Es konveniert ihr, in Venedig ihren Amouren nachzulaufen! Und in Venedig kennt man den Knig von Preuen nicht! Man kennt nicht einmal Podewils -- unseren unvergleichlichen Podewils! Seiner hflichen Bitte, die leichtfige Schne festzunehmen, setzt man ein unverblmtes >Nein< entgegen! -- Wir mssen uns echauffieren! Wir nehmen unseren Podewils vor! Wir waschen ihm den Kopf! Wir fragen ihn: >Podewils, wozu haben wir unsere Verbndeten?! Wozu haben wir Spanien, wozu haben wir Frankreich?!< -- Und Podewils, der exzeptionell gescheite Podewils, setzt Spanien, er setzt Frankreich in Bewegung! Die Botschafter der Gromchte werden in der hochwichtigen Sache vorstellig! Und Venedig sagt >neinSans-Souci< auf dem Hause ein, damit die Leute meinen Willen wissen! Schaden wird's nichts! Langsam gingen sie den Weg nach dem Stadtschlo zurck, Knobelsdorff vershnt und der Knig weniger nervs als vorhin. Die Uhr ging auf zwlf, und fr zwlf war das Diner angesagt. Der Speisesaal war ein groer, freundlicher Raum zwischen dem Marmorsaal und dem Teezimmer und hatte Fenster nach dem Schlohof wie auch nach dem gegenberliegenden Lustgarten. Der runde Tisch inmitten des Saales war fr fnf gedeckt. An einem der Fenster nach dem Schlohof erwartete der Tafeldecker die Rckkehr des Knigs. Im Teezimmer plauderten schon die eingeladenen Gste: der Generaladjutant Winterfeldt, der Zeremonienmeister Baron von Pllnitz und der neuernannte Prsident der Akademie, Maupertuis, ein prtentis aussehender, etwas auffallend gekleideter Herr voll herablassender Wrde. Schlielich meldete man ihnen die Ankunft des Knigs, der, von Knobelsdorff begleitet, ber die groe Treppe hereintrat und sich direkt in den Speisesaal begab, ohne sich erst umzukleiden. Der einfache blaue Uniformrock mit den roten Aufschlgen und die hohen Stiefel kontrastierten seltsam gegen die prchtigen Hoftrachten der anderen Herren. Friedrich nahm sofort Platz, lud mit einer Handbewegung die Gste ein, seinem Beispiel zu folgen, und fing gleich an, den Baron von Pllnitz ber die Tagesneuigkeiten auszufragen. Insbesondere interessierten ihn die neu angekommenen Fremden, und da wute Pllnitz, der ber eine schier unerschpfliche Personalkenntnis verfgte, stets gut Bescheid. Berlin hatte allerdings schon hunderttausend Einwohner, aber trotzdem gelang es keinem illustren Reisenden, lange unbemerkt zu bleiben. Der Kurier, der die tglichen Briefschaften des Knigs nach Potsdam brachte, hatte auch einiges von Interesse mitzuteilen gehabt, was Pllnitz selbstverstndlich gleichfalls lngst wute. Er konnte also aufwarten. Friedrich lie ihn, gegen seine Gewohnheit, berichten, ohne ihn zu unterbrechen, a dabei mit gutem Appetit von seinem Leibgericht, einer stark gewrzten Polenta, und lauschte aufmerksam. Als Pllnitz in seinem Resmee den Namen Capello nannte, legte Friedrich die Gabel fort. -=Capello -- qu'est ce que c'est?=- Der Gesandte Venedigs in London, Sire! Ein exzellenter Kavalier! -- Ein alter Bekannter von mir! Und der befnde sich hier in meinen Landen? Ja! Er ist gestern, auf der Durchreise nach Hause, gemeldet. Wenn Majestt befehlen, werde ich ihn zu veranlassen suchen, hier in Berlin Station zu machen! Wir wollen Ihm die Mhe abnehmen! sagte Friedrich und flsterte dem hinter seinem Stuhl stehenden Lakaien einen Befehl zu. Dann wandte er sich wieder zu Pllnitz. Weiter, lieber Pllnitz! Der Baron fuhr in seinem Resmee fort. Alles lauschte gespannt und hchst angeregt, und niemand schien zu bemerken, da der Knig schnell einige Zeilen auf ein ihm vorgelegtes Blatt Papier warf, die Schriftzge mit Sand bestreuen lie, das Papier zusammenfaltete und es einem an der Tr wartenden Jger gab. Sofort durch Extrakurier dem Staatsminister von Podewils zu senden! Dann rieb er sich vergngt die Hnde, trank ein Glas Mosel und ntigte den Zeremonienmeister, zu essen, was jener ber seinem Erzhlen zu seinem Leidwesen bis jetzt nur oberflchlich hatte besorgen knnen. Er nahm ihn aber dabei, in einem pltzlichen Anfall von bermtigster Laune, zur Zielscheibe seines Witzes, was den Appetit der anderen Gste stets zu wrzen pflegte und den guten Pllnitz keineswegs strte. -=Mon cher=-, sagte er und wandte sich an Maupertuis. In Ihrem geistreichen Buche >-=Vnus physique=-< legen Sie die amsanten Resultate Ihrer hochinteressanten Kreuzungsversuche vor! Bei der nchsten Edition knnten Sie noch einiges hinzufgen! Und das wre, Sire? Die Kreuzung zwischen Pllnitz und einer katholischen Predigerwitwe! Ich gestehe, Sire, wenn Eure Majestt mich ber die Kreuzungsmglichkeit zwischen Papagei und Affe zu interpellieren geruht htten -- ich knnte in keiner greren Verlegenheit um die Antwort sein! Sehr gut! lachte Pllnitz, den Mund voll Geflgel, wischte sich die fettglnzenden Lippen und nippte an dem Burgunder, der in einem schnen Kristallglase vor ihm stand. Mein Kompliment, Maupertuis! Sie halten also nichts davon? fuhr der Knig fort, sich wiederum an Maupertuis wendend. Sire, ich wrde einen Versuch zwischen so verschiedenartigen Gattungen kaum riskieren! Wenigstens mit meinen Tieren nicht! Die Gattungen sind allerdings sehr verschieden! lachte der Knig. Aber es interessiert mich doch sehr, in Erfahrung zu bringen, wie Pllnitz, der an gar nichts glaubt, es anstellen wrde, den protestantischen Glauben gegen den katholischen umzutauschen! Der Kasus ist schwierig! lachte Maupertuis. Aber von groem Reiz! Ich mchte das Experiment anstellen und erteile denn unserem Freunde schweren Herzens den erbetenen Abschied aus meinen Diensten, auf da er sich dem Witwenstand widme! Pllnitz hrte zu essen auf und blickte Friedrich mit offenem Munde an. Majestt htten wirklich die Gnade? Ich mu wohl, lieber Pllnitz, da Sie so prompt die Ihnen gestellte Bedingung erfllen! Ich -- ich htte --? Sie haben mir soeben ein unfehlbares Mittel in die Hand gegeben, den Senat von Venedig zu zwingen, mir in der Angelegenheit der Tnzerin Barberina zu Gefallen zu sein! Nicht, da ich wte --! Sie sind eben ein Genie, lieber Pllnitz! Sie haben Eingebungen, ohne zu wissen woher! Sie geben sie weiter, ohne zu wissen wie! Sire, wenn ich um die Gnade bitten drfte, mir zu erklren --! Spter, lieber Pllnitz! Sobald die Sache spruchreif ist, werden Sie der erste sein, der sie weitererzhlen darf! Wer wei -- vielleicht schon beim heutigen Konzert! Sie machen mir doch das Vergngen? Pllnitz bedankte sich berglcklich, denn seine Neugier war grer als sein Abscheu gegen Musik. Das Diner nahm seinen Fortgang. Friedrich war in der heitersten Stimmung, er machte seinem Kchenchef nicht die geringste nderung in dem ihm vorgelegten Kchenzettel fr den nchsten Tag und hob die Tafel erst gegen drei Uhr auf, um sich in sein Schlafzimmer zurckzuziehen und einer kurzen Mittagsruhe zu pflegen. Nach einer halben Stunde erhob er sich, setzte sich an den kleinen Schreibtisch am Fenster und las laut und bedchtig die frisch geschriebenen Bltter eines franzsischen Manuskripts von seiner Hand durch. Es waren die Denkwrdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg (-=Mmoires pour servir l'histoire de la maison de Brandenbourg=-). Er war eben im Begriff, die Geschichte seines Vaters abzuschlieen, und mute noch einiges ber dessen husliches Leben hinzufgen. Das wurde ihm schwer. Tagelang stockte die Arbeit bei diesem Punkt. Er fhlte sich nicht unbefangen genug. Wenn er sich wieder in die Vergangenheit vertiefte und die ganzen Leiden seiner Kronprinzenzeit durchlebte, geriet er in eine Aufregung, die ihm den Blick zu trben drohte. Das ganze gewaltsame Zurckdrngen seiner Neigungen -- seine Verzweiflung -- sein vereitelter Fluchtversuch, die Leiden im Gefngnis, die Hinrichtung seines Freundes Katte -- alles stand ihm wieder lebendig vor Augen, und nicht minder die lange Zeit der allmhlichen Ausshnung mit dem Vater, das schrittweise Eingehen auf dessen Intentionen und das Verheimlichen der eigenen -- wobei es bei aller guten Absicht nicht ohne einige Unaufrichtigkeit gegangen war! Das alles gehrte mit ins Bild! Vergebens rang er seit Tagen mit sich selbst, um sich darber zu erheben und die unumgngliche Objektivitt zu erlangen! Heute wollte er die Sache zu Ende bringen. Er war nicht der Mann des geduldigen Harrens und Sinnens! Er war der Mann der Tat! Wir drfen der neidischen Mitwelt nicht den Schlssel unserer Seele ausliefern! Wir leben nicht nur fr uns, sondern fr das Land! Da drfen wir nur Taten zeigen, die die Zukunft schaffen -- nicht Reflexionen ber die Vergangenheit liefern, die's dem Feinde erleichtern, unser Lebensrtsel zu deuten und unsere Taten zu hintertreiben! Er tauchte den Gnsekiel ein und setzte ihn zum Schreiben an. Legte ihn aber pltzlich aus der Hand und ging ein paarmal durchs Zimmer, setzte sich dann entschlossen hin und schrieb kurz und gut: Wir haben die huslichen Verdrielichkeiten dieses groen Frsten mit Stillschweigen bergangen. Man mu in Anbetracht der groen Tugenden eines solchen Vaters fr die Fehler der Kinder einige Nachsicht haben! Das war alles! Die Erinnerung seiner Leiden war verblat und in nichts zerflossen neben dem Bewutsein, machtvoll in das Leben seiner Zeit eingreifen zu knnen, und neben der Dankbarkeit gegen den Vater, dessen groe Tchtigkeit ihm das ermglicht hatte. Dieses Mannes Sparsamkeit, sein Ordnungssinn, sein unermdlicher Flei und sein organisatorisches Genie hatten das Preuen geschaffen, das Friedrich zum Sieg fhren durfte! Ein wohlgefllter Staatsschatz, ein streng geordnetes Staatsgebilde, eine schlagfertige Armee -- alle Vorbedingungen zur groen Tat hatte Friedrich von ihm empfangen. Der fruchtbare Nhrboden knftiger Gre und gloriosen Ruhms war da, wohlgeackert und in gutem Stand! Das wog alles andere auf! Schon hatte er Schlesien erobert, die Karte Europas umgestaltet -- er hatte sterreich niedergerungen, das Ansehen seines Hauses gehoben -- er hatte schon Geschichte gemacht! Er griff noch einmal zur Feder. Machen wir Geschichte, so sollen die Federfuchser sie uns nicht verderben! Wir haben selbst alle Fden in der Hand! Knnen sie also selbst am besten entwirren! Er schrieb den Titel: -=Histoire de mon temps=-, lie dann aber die Feder wieder sinken. Noch war's zu frh! Die Tat war getan! Aber noch wob der Neid der andern sein Fangnetz immer dichter um ihn her! Noch stand er Gewehr bei Fu, um seine Eroberung zu schtzen! Sicherlich wrde er noch um sie zu kmpfen haben! -=Eh bien!=- sagte er, zweimal erobern! Dreimal, wenn's sein mu! Aber nur einmal beschreiben! Er warf das Blatt beiseite, schlug auf die Tischglocke und befahl dem Lakaien, den Privatsekretr zu rufen. Dieser trat ein, nahm an dem anderen Schreibtisch Platz, spitzte seinen Gnsekiel und legte ein Blatt Papier zurecht. Der Knig ging auf und ab, blieb dann und wann stehen und diktierte einen Abschiedsbrief an den jungen Herzog Karl Eugen von Wrttemberg, der die letzten Jahre bei ihm gelebt hatte und jetzt, sechzehn Jahre alt, fr mndig erklrt wurde und in sein Land zurckkehrte. Denken Sie nicht, das Land Wrttemberg sei fr Sie geschaffen, sondern glauben Sie, da die Vorsehung Sie hat geboren werden lassen, um das Volk darin glcklich zu machen. Ziehen Sie immer den Wohlstand desselben Ihren Vergngungen vor. Wenn Sie schon in Ihrem zarten Alter Ihre Wnsche dem Wohl Ihrer Untertanen aufzuopfern wissen, so werden Sie nicht nur die Freude Ihres Landes, sondern auch die Bewunderung der Welt sein -- So weit kam er im Diktat, da klopfte es an der Tr, und der Kurier trat ein, machte Honneur und berreichte dem Knig auf dem Hut einen Brief. Von Seiner Exzellenz dem Staatsminister von Podewils! Friedrich nahm den Brief, las ihn rasch durch, hie den Kurier gehen und wandte sich dann an den Privatsekretr. Du sollst an unseren Gesandten in Wien, den Grafen Dohna, privatim schreiben, er soll dem Gesandten Venedigs sofort in unserem Auftrage mitteilen, wir htten den Gesandten der Republik am Hofe von England, der sich auf der Durchreise in unseren Staaten befindet, aufheben und festnehmen lassen mitsamt seinem Gepck! Er mge es dem Senat von Venedig mitteilen! Weiter ist nichts ntig! Der Kurier geht noch heute ab! Zu Befehl! Der Senat wird sich beeilen, unser Wohlgefallen wiederzugewinnen, sagte Friedrich halb fr sich selbst und blieb dann stehen. Weiter den Brief an den Herzog Karl Eugen! Der Sekretr legte das angefangene Blatt wieder zurecht und tauchte seine Feder ein. Friedrich diktierte weiter. Sie sind das Oberhaupt der _=brgerlichen=_ Religion in Ihrem Lande, die in Rechtschaffenheit und allen sittlichen Tugenden besteht! Es ist Ihre Pflicht, die Ausbung derselben, besonders der Menschlichkeit, zu frdern, welche die Haupttugend jedes denkenden Geschpfes ist. Die _=geistliche=_ Religion berlassen Sie dem hchsten Wesen! In diesem Stck sind wir alle blind und irren auf verschiedenen Wegen. Wer unter uns wre so khn, da er den rechten Weg bestimmen wollte! Hten Sie sich also vor dem Fanatismus in der Religion, der Verfolgungen bewirkt! Dann noch die blichen Hflichkeitsphrasen -- die Unterschrift im Stehen hingekratzt, und der Sekretr wurde entlassen. Die Kabinettssekretre traten ein mit den fertigen Antworten auf die am Morgen eingegangenen Briefe und legten sie dem Knig zur Unterschrift vor. Und dann war die Arbeit des Tages beendigt. Michaelis meldete, da alles zum Konzert bereit sei, und half dem Knig, sich zurechtzumachen. Friedrich nahm seine Flte, suchte die Noten zusammen und ging durch das Schreibzimmer in den Musiksaal hinaus, wo eine kleine, aber auserlesene Gesellschaft wartete, vom Schein der unzhligen Kerzen des Kronleuchters berflutet. Er verteilte die Stimmen unter die Musiker, tauschte ein paar scherzhafte Worte mit Meister Graun aus, der am Flgel sa, ging an sein Pult und gab das Zeichen zum Beginn. Alles lauschte andchtig -- die alten Generale ganz gehorsamst, als glte es eine -=Ordre de bataille=- zu empfangen. Pllnitz litt unsgliche Qualen. Nach Beendigung des Konzertes ging Friedrich hin und klopfte ihm mit der Flte auf die Schulter. Nun, Pllnitz, habe ich auch einen Ohrenschmaus fr _=Ihn=_! Seinen Freund Capello, den Er so gern in Berlin sehen wollte, habe ich aufheben und in festen Gewahrsam bringen lassen! Das war eine gute Idee von Ihm! Von mir? rief Pllnitz entsetzt, Majestt verzeihen, aber -- Ich weiß«, unterbrach ihn Friedrich, Er hat mich nicht direkt darum gebeten. Vorsichtig wie immer, hat Er sich mit Andeutungen begngt! -- Ich glaube sogar, Er hat weiter nichts als seine Durchreise erwhnt! Das gengt aber, damit ich wei, was ich tun soll! Er hat mich also gut bedient! Denn jetzt werden wir bald das Vergngen haben, die Pirouetten der schnen Barberina hier zu bewundern -- dank Seiner Findigkeit, Pllnitz! Ich versichere aber -- Gebe Er sich keine Mhe! Ich glaube Ihm doch keine Seiner Versicherungen! Er hat aber Pech, da Er nicht dabeisein kann! Als Connaisseur und Verehrer Terpsichores wrde Er sicher auf Seine Kosten kommen! Nun -- Er hat ja Seine reiche Witwe! Wer wei, was fr Sprnge die Ihm macht! Und damit drehte er dem Zeremonienmeister den Rcken, legte die Flte auf sein aus Schildpatt und Perlmutter angefertigtes Notenpult nieder und befahl das Souper. 17 Es dauerte nicht lange, da ging vom Gesandten Preuens in Wien, dem Grafen Dohna, ein Bericht ein. Chevalier Contarini, der Gesandte Venedigs am kaiserlichen Hofe, htte ihm im Auftrag seiner Regierung mitgeteilt, der Senat von Venedig habe sich beeilt, die Tnzerin Signorina Campanini verhaften zu lassen, um Seiner Kniglichen Majestt gefllig zu sein, und hielte sie der Krone Preuen zur Verfgung. Graf Dohna erbat sich Instruktionen. Ob ihr einfach befohlen werden solle, sich nach Berlin zu begeben, um ihr Engagement anzutreten, ober ob es nicht ratsamer wre, sie als Gefangene zu transportieren? Friedrich berlegte sich die Sache nicht erst lange. Die Mamsell hielte ja ihre geschriebenen und verbrieften Verpflichtungen nicht ein! Sie hatte ihm, dem Knige von Preuen, zu trotzen gewagt! -- Sie wrde sich den Teufel um den Befehl des Senats von Venedig kmmern! Der Knig verfgte kurz und gut, die Sylphide inhaftiert zu lassen und sie unter guter und sicherer Bedeckung nach Wien zu bringen, von wo aus sie ber Schlesien nach Berlin weitergebracht werden sollte! Der Senat, der die Grausamkeit gehabt hatte, Barberina aus den Armen ihres geliebten Stuart zu reien, um sie bis zum Eintreffen der Antwort Friedrichs in Haft schmachten zu lassen, hatte nichts Eiligeres zu tun, als sie in eine Gondel zu setzen, um sie mitsamt ihrer ber das Abenteuer hocherfreuten Mutter und trotz ihren Trnen nach Mestre zu spedieren, von wo aus die Fahrt dann unter Bedeckung einer starken Kavallerieeskorte nach der sterreichischen Grenze ging. Dort wurde sie von einem alten Hausmeister Dohnas, namens Mayer, in Empfang genommen, der dem venezianischen Offizier den Habenden Schein ber den richtigen Empfang instruktionsgem extradierte und die Tnzerin, ohne sie zu sehr zu fatigieren und unter richtiger Berechnung und tunlichstem Menagement des mitgegebenen Geldes weitertransportierte. Anzunehmen ist, da es sich der gute Mayer instruktionsgem auch angelegen sein lie, ihr unterwegs auf alle Weise zu flattieren und ihr klarzumachen, wie sehr sie sich eigentlich freuen mte, in die schne Stadt Berlin, an einen groen Hof und in die Dienste eines gndigen Knigs zu kommen! Anzunehmen ist aber auch, da Barberina die groe Gnade, als eine Kriegsgefangene wochenlang durchs Land geschleppt zu werden, nicht besonders hoch einschtzte, sowie, da sie unaussprechliche Qualen ob der jhen Unterbrechung ihres Liebesglcks litt. Jedenfalls machte ihr Geliebter unterwegs einen vergeblichen Versuch, sie zu befreien. Und Mayer bekam somit Anla, von seiner Instruktion Gebrauch zu machen, auf Grund einer ihm von der Knigin Maria Theresia ausgestellten Vollmacht bentigten Falls von den K. Hungarischen und Bheimbschen Gouverneurs oder Magistraten der Stdte und Drfer um eine kleine Eskorte von Ort zu Ort zu ersuchen. Graf Dohna konnte also seinem Souvern berichten, da die so heibegehrte Schne unterwegs sei und im besten Zustande bald ankommen wrde. Und Friedrich hatte die Befriedigung, einmal seine berflssige Diplomatie fr ihre Brieftrgerdienste loben zu knnen. Wochenlang dauerte die Reise. Mayer hatte, um den Nachstellungen des vllig rabiaten Galans zu entgehen, die Reiseroute gendert und hatte seine liebe Not, mit seiner Tnzerin durchzukommen. Denn, wie er sich zu berichten veranlat sah, war sie etliche Tage vor Liebe und Chagrin krank. Aber es ging. Und Anfang Mai langte er mit der teuren Last in Berlin an. Einige Tage spter wurde Friedrich gemeldet, da der Gesandte Englands, Lord Hyndford, um Audienz bitten lasse. Er empfing ihn sofort. Der Vertreter Albions fand den Knig in seinem Schreibzimmer vor dem Modell eines aufgetakelten Kriegsschiffes stehen. Sehen Sie hier, Mylord! Wie gefllt es Ihnen? Ein hbsches Spielzeug! Wohl franzsische Arbeit? Ganz recht! Wir sind eben in Verhandlung mit einer franzsischen Werft! Man ist etwas unbescheiden mit dem Preis! Aber wir werden uns das Spielzeug wohl trotzdem bauen lassen! Eure Majestt wollen eine Flotte ins Leben rufen?! Den Anfang dazu werden wir wohl machen mssen! Seitdem wir Ostfriesland haben und uns in Emden eine Ostindische und eine Bengalische Kompanie errichten, mssen wir auch bereit sein, unsere Kauffahrteischiffe zu schtzen! Wenn England in den Kreis unserer Feinde tritt -- Eure Majestt belieben zu scherzen! Friedrich blickte ihn an, und vor dem durchdringenden Glanz seiner tiefblauen, groen Augen mute der Englnder zur Seite sehen. Allerdings liebe ich den Scherz! Nur mchte ich nicht selbst dessen Ziel sein! Und das mutet mir Ihre Regierung zu! Darf ich mir alleruntertnigst erlauben, feierlichst zu erklren -- Mein lieber Lord Hyndford, auf Erklrungen geben wir nichts, wenn sie mit den Tatsachen nicht bereinstimmen! In dem mir sehr wohlbekannten Vertrage von Worms hat England der Kaiserin und Knigin ihren Besitz _=vor=_ dem Jahre 1739 feierlichst garantiert! Obwohl wir ihr _=nach=_ besagtem Jahre Schlesien abgenommen haben! Es ist genau so, als ob mein Onkel, der Knig von England, ihr noch nachtrglich den Besitz ihrer Unschuld garantieren wollte, die sie zweifelsohne besa, ehe sie ins Brautbett stieg! Und -- von dem gleichen Effekt! Denn weder Schlesien noch ihr Jungferntum kriegt sie wieder! Lord Hyndford lachte diskret. Ich freue mich, Eure Majestt bei so guter Laune zu finden! Freuen Sie sich, Mylord! Denn wenn die Sache nicht zum Lachen wre, frwahr, wir wren in Versuchung, als guter Neffe die Anregung Frankreichs zu befolgen und Ihrem Knig, meinem Onkel, sein Erbland Hannover zu nehmen! Die Gelegenheit wre gnstig! Mit Frankreich stehen wir dank der Gewogenheit der regierenden Mtresse gut. Ruland akzeptiert die Tochter unseres Feldmarschalls, des Grafen von Anhalt-Zerbst, als Gemahlin des Thronfolgers. In Schweden wird unsere Schwester einstmalen regierende Knigin! Sie sehen, wir haben gut vorgesorgt! Wir haben in allen politischen Schlafzimmern Alliierte! Und bleiben selbst wach! Was will das tugendhafte Albion dagegen tun? Eurer Majestt seine Bewunderung und seine Freundschaft aussprechen! Soll das die Kapitulation bedeuten? Sire, wenn Eure Majestt so viel Unterrcke gegen uns ins Feld fhren, bleibt kaum noch etwas anders brig, als standhaft zu kapitulieren! Echt englisch geantwortet! Schne Phrasen als Verzierung der Fassade und irgendwo fr alle Flle eine offene Hintertr! Gegen den Unterrock helfen aber die Knste der Politik wenig! Eure Majestt haben uns durch Allerhchst Dero Siege das Gegenteil glorreich bewiesen! Nun, sagte Friedrich, mit einer Armee von hundertvierzigtausend Mann kann man sich einiges in betreff der Unterrcke Europas erlauben! Aber reden wir von etwas anderem! Mylord haben sich sicherlich nicht hierher bemht, um uns mit politischen Schlafkammerangelegenheiten zu unterhalten! Allerdings nicht! Aber der Gegenstand meines Besuches steht doch in einiger Beziehung zu diesem Thema! Also doch! Am Ende mchten Sie auch uns den Besitzstand garantieren, den wir vor unserer Eroberung Schlesiens hatten? Den Besitzstand _=nach=_ jener glorreichen Eroberung, Majestt! Wie soll ich das verstehen? England will sterreich Schlesien wiedergeben -- aber gleichzeitig uns gndigst gestatten, es zu behalten?! Das nicht! Eure Majestt werden sicherlich auch ohnedem danach trachten, das zu behalten, was Eure Majestt erobert haben! Sie irren sich nicht! Trotzdem ich dieser berzeugung bin, mchte ich mir doch alleruntertnigst die Frage erlauben, ob Eure Majestt nicht auch in einem _=anderen=_ Falle denselben festen Willen bekunden mchten? Es handelt sich also nicht um Schlesien? Nein -- nur um die Tnzerin Barberina! Friedrich lachte laut auf, ging einmal auf und ab, setzte sich dann ins Sofa und blickte den Lord ironisch an. Ach, sieh nur, auch in _=der=_ Angelegenheit will England mitreden?! England nicht! Nur meine Wenigkeit! Ich wollte mir alleruntertnigst erlauben, in betreff jener Dame um eine Gnade zu bitten! Sie wissen, Mylord, da wir Ihnen persnlich gewogen sind, und da Sie sich jederzeit eine Gnade von uns erbitten knnen! Was jene Tnzerin betrifft, so mchten wir Sie aber ersuchen, keine Frbitte zu tun! Sie erleidet ihre gerechte Strafe! Sie hat gewagt, uns zu trotzen! Wir haben sie also als eine Gefangene hierher transportieren lassen, damit sie sieht, da man dem Knig von Preuen nicht ungestraft auf der Nase herumzutanzen sucht! Sie ist jetzt hier. Das ist alles, was wir wollen! Wir haben unseren Willen durchgesetzt und werden sie jetzt laufen lassen! Wollen Eure Majestt sie nicht tanzen sehen? Tnzerinnen haben wir genug! Wir sind nicht neugierig! Sie soll aber eine hervorragende Knstlerin sein -- und sehr schn! Die Person interessiert uns nicht im geringsten! Eure Majestt haben sie eben nicht tanzen sehen! Wir werden ihr auch nicht die Ehre antun! Wir sagten Ihnen, warum wir sie haben herbringen lassen, und auch, da sie uns gleichgltig ist! Sie glauben doch nicht, wir htten es ntig, die ganze europische Diplomatie -- wegen einer Tnzerin in Bewegung zu setzen? Um das Ansehen des Knigs von Preuen war es uns zu tun -- um weiter nichts! Die Krmers an der Adria hatten es gewagt, uns zu verhhnen, als wir in einer gerechten Sache an ihre Justiz appellierten! Sie hatten uns die Sottise an den Kopf geworfen, unser Vertreter, Graf Cattaneo, htte kein Recht, in unserem Namen zu sprechen, obwohl wir ihn schickten -- weil er schon sein Abberufungsschreiben berreicht hatte, als jene Tnzerin frech wurde. Sie haben uns zu Gegenmaregeln gezwungen! Mein Botschafter in Wien hat es sich viel Geld und Mhe kosten lassen und auch den Sukkurs der Knigin von Ungarn erbitten mssen! Und das alles wre nur wegen einer Tnzerin geschehen? Glauben Sie das wirklich? Nein! Ich glaube aber: wenn Eure Majestt sie gesehen htten, dann wre auch das mglich! Er ist dreist! Friedrich stand auf, ging an das Fenster und trommelte an der Scheibe. Pltzlich wandte er sich um. Sage Er mir -- kennt Er einen gewissen Lord Stuart? Er ist mein Neffe! Friedrich lachte kurz. Da fange ich an, Seine Manvers zu begreifen! Er mchte wohl, da ich wegen Seines Neffen die Mamsell in meinen Diensten behalte? Wenn ich mir gestatten drfte, eine Bitte auszusprechen --? -=Mais non!=- Das gestatten wir Ihm nicht! Der Stuart ist Sein Neffe! Er ist in jene Tnzerin vernarrt! -- Sie scheint auch nicht klger zu sein! Da -- seh Er nur, was mir der junge Herr schreibt! Er reichte Hyndford einen Brief. Mein Neffe htte gewagt --? Er hat um Audienz gebeten! Sein Stand und Rang erlauben ihm das schon! Er scheint aber ganz auer Rand und Band zu sein! Er will sie zur Frau haben! Er bietet sich an, uns eine andere Danseuse zu stellen, die ihre Sache ebensogut macht! Er will uns die Kosten ersetzen! Er fleht uns an, ihm die Mariage mit ihr zu gestatten! Die mchte ich eben verhindern! Eine Person von solch niedriger Geburt kann nimmermehr in unsere Familie aufgenommen werden! Da bitte ich Eure Majestt, mir die groe Gnade erweisen zu wollen, seine Bitte rundweg abzuschlagen! Mein lieber Lord, wir haben genug zu tun, um unsere eigenen jungen Leute vom Adel davor zu bewahren, sich zu mesalliieren! Wir haben keine Neigung, uns auch in die amoureusen Affren der Herren Englnder zu melieren! Mag Sein Neffe sich mit der Mamsell kopulieren lassen oder nicht -- uns tangiert das nicht im geringsten! Wenn sie bezaubernd schn ist, wie Er sagt, so riskiert Seine gute Familie hchstens, das abgestandene Blut ihrer Ahnen aufzufrischen! Wir wollen England darinnen gerne begnstigen! Hyndford gab den Brief zurck und verbeugte sich schweigend. Er braucht mir das nicht krumm zu nehmen! Er kann sich dafr eine andere Gnade ausbitten! Wie drfte ich es wagen, nachdem ich so unglcklich war, Eure Majestt mit dieser geringen Bitte zu mifallen! Friedrich dachte einen Augenblick nach. Er ist ein Querkopf! Er ist mir aber trotzdem persnlich wert! Wenn ich nun ihm persnlich zu Gefallen in Seine Bitte einwillige -- sage Er mir, will Er mir dann auch persnlich zu Diensten sein? Majestt brauchen nur zu befehlen! Friedrich ging ein paarmal auf und ab und blieb dann vor dem Modell des Kriegsschiffes stehen! Seh Er, solch ein Spielzeug kostet Geld -- viel Geld! Wir haben ja eine wohlgefllte Schatzkammer, haben aber auch Aufgaben, die dringlicher wren! Wir mchten es nicht schon jetzt ntig haben, eine Kriegsflotte zu bauen! Will Er mir persnlich damit dienen, das Mitrauen Seiner Regierung und Seiner Landsleute gegen meine Handelsunternehmungen in Emden zu zerstreuen? Will Er drben ernstlich zu verstehen geben, da wir, _=wenn ntig=_, gleich daran gehen werden, Kriegsschiffe zu bauen! Das heit, wenn man nicht einsieht, da die Erde so gro ist, da auch wir von deren Reichtmern profitieren knnen, ohne das Geschft Seiner Landsleute zu verderben? Er versteht mich? Eure Majestt knnen berzeugt sein, da ich alles aufbieten werde, um ein gutes Einvernehmen im Sinne von Eurer Majestt Intentionen herzustellen! Friedrich blickte ihn durchdringend an. -=Eh bien!=- Da will ich auch Ihm persnlich einen Gefallen tun! Er setzte sich ins Sofa hinter den Schreibtisch, nahm einen Gnsekiel und kratzte unter den Brief des jungen Stuart eiligst ein paar Zeilen hin, deren Inhalt er beim Schreiben laut vor sich hin las. Wird nicht beantwortet! Der junge Lord Stuart wird beordert, sofort und auf dem krzesten Wege meine Staaten zu verlassen! -- -- Ist Er jetzt zufrieden? Lord Hyndford verbeugte sich, kte dankbar die ihm gereichte Hand des Knigs, und entfernte sich auf den Wink, da die Audienz beendet sei. Inzwischen war Barberina in Berlin angelangt. Ihre Reise durch sterreich und Schlesien war nicht gerade ein Triumphzug gewesen. Die Wege waren jetzt im Frhjahr miserabel, das wochenlange Schtteln darauf eine schwere Strapaze! Dazu kam noch die seelische Aufregung wegen der Trennung von ihrem Geliebten! Alles in allem Umstnde, die nicht zu ihrem Wohlbefinden beitrugen. Mama vertrug die Reise besser, trotz ihrer Jahre und dank ihrer Eitelkeit. Das Aufgebot der europischen Diplomatie um ihretwillen -- die militrische Eskorte -- die aufmerksame Frsorge der mit ihrem Transport betrauten Beamten machte sie das krperliche Ungemach der langen Fahrt ganz vergessen. Sie blhte sich wie ein Puter -- sie kam sich zum mindesten so vor wie eine eroberte Provinz jenes Knigreiches, das ihre Tochter wohl bald darstellen wrde! Berlin gefiel ihr ausnehmend gut. Es war kein solcher von allem mglichen Geschmei kribbelnder Ameisenhaufen wie London -- nicht so atemberaubend wie das berauschende Paris, sondern solid, neu und proper gebaut, mit geraden Straen und nicht zuviel Menschen! Gerade der richtige Rahmen fr ihr gesetztes, dem ruhigen Genu zuneigendes Matronentum. Sie sa vor dem Spiegel in einem Zimmer des Gasthauses, wo sie abgestiegen waren, und war bemht, ihr Exterieur mit dem neuen Rahmen einigermaen in Einklang zu bringen. Leicht war das nicht. Die scharf gebogene Nase, die stechenden schwarzen Augen unter buschigen Brauen, die etwas aufgeschwemmten Formen muteten gar zu orientalisch an! Aber die Damen hier waren auch wohlbeleibt, und gepuderte Frisuren trugen sie auch! Und wennschon das landesbliche Blau der Augen nicht herzustellen war -- das Schwarze wrde um so mehr Effekt machen! Man wrde sich schon einleben! Freilich -- ihre Tochter dachte anders! Sie war sogleich am ersten Tage zum Intendanten der Oper, Baron Swerts, gegangen, um sich vorzustellen, sich ber die ihr zugefgte Unbill zu beklagen und um eine Audienz beim Knig zu bitten. Dem Knig wollte sie dann den zerrissenen Vertrag vor die Fe werfen und erklren, da sie ihrem Gemahl Lord Stuart, der gleichfalls hier eingetroffen war, bis ans Ende der Welt zu folgen gedenke. Berlin wre noch lange nicht das Allerletzte! Und sie wrde hier nicht tanzen! -- Sie liee sich berhaupt nicht zwingen! Mit den Worten war sie gegangen! -- _=Die=_ Worte wrde sie wenigstens nicht wiederfinden! Das beruhigte die Mama ein bichen! Man ist zu Hause, den Angehrigen gegenber, stets mutiger als angesichts des Feindes! -- Ihre Tochter hatte auch um nichts auf der Welt Venedig verlassen wollen! Trotzdem war sie jetzt hier! Es wrde auch so weitergehen! Der Knig wrde schon Mittel und Wege finden, seine Eroberung zu befestigen! -- Wenn er Babara erst she! -- -- Mama brachte ihm in dieser Hinsicht groes Vertrauen entgegen! Die unwiderstehliche Gewalt der Reize Babaras und ihre Lebenslust waren ihr da unschtzbare Verbndete! Lord Stuart war allerdings da und im Wege! Aber Bestndigkeit in Liebessachen war nie die Sache Babaras gewesen. Sie wrde bald auch ihn, den so hei Begehrten, satt haben! Mama blickte prfend ihr Spiegelbild an. Die Runzeln des Gesichts waren schon unter der geschickt aufgelegten Schminke verschwunden! Ein paar Mouchen erhhten die Zartheit des gut gemalten Teints! Man knnte vielleicht noch ein wenig Rot riskieren! Sie setzte ihre Malerei fort und lchelte wohlgefllig beim Gedanken an die vielen krftigen, jungen Kavaliere, die ihr hier in Berlin aufgefallen waren und deren frisches, frohes und unverhllt zur Schau getragenes Draufgngertum ihrem alternden Herzen wohltat! Da wurde ihr Lord Stuart gemeldet, der auch gleich hereintrat und etwas enttuscht war, Barberina nicht anzutreffen. Sie wird bald da sein, Mylord -- und, so Gott will, _=auch da bleiben=_! beschied ihn die Mama und deutete auf einen Sessel. Stuart nahm Platz und bemerkte so nebenbei, da wegen des Dableibens zwischen ihm und Babara ganz andere Vereinbarungen getroffen wren. Das war auch in Venedig der Fall, antwortete die Alte kalt. Und trotzdem befinden wir uns heute hier! Unser Kommen htte sich allerdings angenehmer gestalten knnen, wren Sie nicht gewesen! Stuart machte eine ungeduldige Miene. Aber Mama lie ihn nicht zu Worte kommen. Wir _=beklagen=_ uns durchaus nicht deswegen, sagte sie schnell. Die diplomatische Aktion -- die Gefangennahme -- der Transport unter militrischer Bedeckung -- das hat ohne Zweifel in ganz Europa gewaltiges Aufsehen geweckt! Wir sind dadurch noch berhmter geworden, als wir es schon waren. Man wird sich sagen, da wegen der ersten besten nicht ein derartiger Apparat in Bewegung gesetzt zu werden pflegt! Dann wren Sie mir eigentlich zu Dank verpflichtet! Nun, es _=htte=_ ja anders kommen knnen! Man htte sich hier kurzerhand mit Babaras Eigensinn abfinden und auf ihre Dienste verzichten knnen, wenn der Knig, zum Glck, nicht so eigensinnig gewesen wre, auf seinem Recht zu bestehen! Das war nicht Ihr Verdienst, Mylord! Sie htten uns kalten Blutes die schne Karriere verderben knnen, die sich uns hier bietet! So Gott will, werde ich das auch tun! Dazu sind Sie uns also bis hierher gefolgt? Um ihr und mein Glck vor Vernichtung zu schtzen, dazu bin ich hier! ber _=Ihr=_ Glck, Mylord, will ich mit Ihnen nicht streiten! Was aber meine Tochter betrifft, so wird sie kaum so tricht sein, das sogenannte Glck an Ihrer Seite der Gewogenheit eines groen Knigs vorzuziehen! Lord Stuart wurde durch die Ankunft Barberinas verhindert, zu antworten. Und die Zrtlichkeit, mit der sie ihn begrte, strafte die Worte ihrer Mutter Lgen. Sie war aber sonst sehr schlecht gelaunt. Der Intendant hatte sie zwar sehr hflich empfangen und mit ihr das Programm fr ihr erstes Auftreten besprochen, aber die erbetene Audienz wurde ihr rundweg abgeschlagen. Er hatte ihr die Antwort Friedrichs auf die Eingabe mitgeteilt, und die war in ihrer Krze nicht dazu geeignet, sie zu beruhigen. Was die Mamsell zu sagen htte, sollte sie mit den Beinen vorbringen! Dazu wre sie engagiert, keineswegs aber zu anderer Konversation befohlen! -- So ungefhr hatte der Bescheid gelautet! Ich werd's ihm schon >vorbringen<, da er's merkt! _=Futritte=_ werde ich ihm tanzen! Ihm und seinem ganzen Hof! Wenn er mich dann nicht entlt, werde ich keinen Schritt mehr auf die Bhne tun! -- Setze dich, ich will's mit dir probieren! Sie drckte ihn auf einen Sessel nieder und fing einen ihrer wilden italienischen Bauerntnze an, den sie fr ihr erstes Auftreten als Einlage gewhlt hatte. Nun aufgepat, wie ich das machen werde! rief sie. Ich tanze mit meinem Geliebten ein zrtliches -=pas de deux=- und denke dabei an dich -- tanze von rechts oben nach links unten, wo die kleine Loge des Knigs ist. Du kannst dir denken, wie erfllt ich dabei von dir sein werde -- und auch, wie deutlich ich es zur Schau tragen will! Wenn er die geringste Ahnung von Tanz hat, wird er's verstehen! Dann aber, wenn mein Partner -- in meinen Augen du -- vorn an der Rampe mir zu Fen liegt und ich ihn auf die Stirn ksse, schleicht sich aus der vorderen Kulisse ein Kobold hervor, wirft mir unvermerkt eine Rosenkette um den Leib, und wie wir dann beglckt davontanzen, lt er die Kette, die ich immer noch nicht merke, ablaufen, bis wir, du und ich, miteinander hinaustanzen wollen. Dann zieht er sie wieder ein, langsam und unwiderstehlich. Mit immer grerem Widerstreben folge ich, kmpfe dagegen, anfangs vergeblich, bis er mich ganz eingefangen hat. Dann, beim Anblick seines hlichen Gesichts, bumt sich alles in mir auf, die Wut gibt mir Kraft, ich zerreie die Fessel und schleudere sie ihm ins Gesicht! -- Sei sicher, ich schleudere sie in die Loge des Knigs -- und fliehe dann! Er natrlich hinterher und versucht, mich mit Gewalt zurckzuhalten! -- -- Aber so mach's doch! -- Schnell, ich will's mit dir probieren! -- Du umfassest mich also -- ich mache mich frei -- -- du packst mich wieder -- -- aber nicht so tolpatschig! Dreist zugreifen, Mylord! -- So war's gut! -- -- Ich entwinde mich der Umklammerung -- er verfolgt mich ber die ganze Bhne -- dann mache ich kehrt und treibe ihn mit einer ganzen Kette von Luftsprngen zurck -- so! Und mit einer Serie der wtendsten Entrechats trieb sie ihren Geliebten vor sich her und verfehlte nicht, ihm dabei immer wieder mit viel Grazie die Fuspitze auf die Nase zu applizieren. Er versuchte vergebens, den Fu zu erhaschen und zu kssen. So ist's gut! rief sie, im Tanzen lachend. Wenn Lany das mimisch ebenso ausdrucksvoll macht wie du, wird sich das Theater vor Lachen wlzen! Und sie versuchte, ihm einen letzten Tritt zu versetzen, den aber die Mama, hinter die er sich rasch flchtete, zu ihrer groen Entrstung, auf hchst ihrer eigenen Nase zu fhlen bekam. Nichts fr ungut, Mama! rief Babara immer bermtiger. Das war fr den Knig von Preuen bestimmt, dessen Majestt zu vertreten du jetzt die Ehre hattest! -- Bis in seine Loge hinein treibe ich den Lany! Und so, da der Knig schon merkt, fr wen die Futritte bestimmt sind! -- Dann wirbele ich zurck ber die Bhne und verschwinde da, wo ich gekommen bin, eile aus dem Theater hinaus und in den Wagen, den _=du=_ mir bereit halten wirst, Be! Und das Weitere wird sich finden! Das denke ich auch, sagte die Mama mit Ruhe. Denn ebenso, wie Mylord _=tatschlich=_ die fr den Knig bestimmten Futritte bekam -- ebenso sicher wird er sie fr sich allein behalten! Der Knig ist nicht der Mann, dem man auf der Nase herumtanzt! Das, glaube ich, htte er uns wohl ausdrcklich genug bewiesen! -- Fr den Wagen aber nach der Vorstellung sorge ich! Mylord brauchen sich da nicht zu bemhen! Zu ihrem Erstaunen entgegnete die sonst widerspenstige Tochter nichts. Sie war betroffen von der Deutung, die die Mutter ihrem Tanz gegeben hatte! Ebenso ging es ihrem Geliebten, der, wie alle Englnder, etwas aberglubisch war. Als eine bse Vorahnung stieg gleichzeitig dasselbe Gefhl in ihren Herzen auf. Mde und verdrossen warf Babara sich aufs Kanapee. Ihre Mutter hatte die Wahrheit gesagt! -- Das Band, das sie an Berlin fesselte, lie sich nicht durch einen bloen Scherz zerreien! -- Anfangs leicht wie Spinnwebsfaden, als sie sich's in Paris anlegen lie, hatte es sich als unzerreibar erwiesen und war zur eisernen Kette geworden, die sie in jeder Beziehung unfrei machte! Und weswegen?! Sie blickte schnell zu Be hinber! Seinetwegen hatte sie das alles durchmachen mssen! -- Gewi, sie liebte ihn -- er war ihr mehr wert als die meisten! Aber doch trat die Sttigung mit dem erlangten Besitz ein! -- Es fing schon an langweilig zu werden! -- -- Sie fuhr auf. Das Gewissen schlug ihr. Sie ging hin und gab ihm einen Ku. Kmmere dich nicht darum, was sie auch sagt! Die Mama ist ehrgeizig! Sie ist ja auch stolz auf mich! La ihr das! Denk nur an mich! Ich liebe dich ja! Aber die Verstimmung wich nicht. Man empfand es allseitig wie eine Erlsung, als ein Bote ihr einen Brief des Intendanten brachte, in dem ihr mitgeteilt wurde, da sie am folgenden Tage, am 13. Mai, die Ehre haben wrde, zum ersten Male in der Oper vor dem Knige zu tanzen. Das gab ihr alle Hnde voll zu tun, um mit den Vorbereitungen fertig zu werden. Stuart wurde fortgeschickt und fr den nchsten Tag nach der Vorstellung zum Souper bestellt. Er ging nach seinem Quartier, um zu sehen, ob die Antwort auf sein Audienzgesuch eingetroffen sei! Und fand da -- einen Polizeibeamten vor, der den Auftrag hatte, ihn zu sofortiger Abreise zu veranlassen und ihn im Falle der Widersetzlichkeit festzunehmen und mit Gewalt ber die Grenze zu schaffen! Der Staatsminister Podewils hatte strenge Ordres gegeben. Er hatte genug Scherereien und Ungemach wegen der Liebelei dieses jungen Dandys gehabt und Zeit und Mhe verloren, die seines Erachtens einer besseren Sache wert waren! Jetzt machte er Schlu! Stuart mute gehorchen, so sehr er sich auch strubte! Es wurde ihm nicht gestattet, erst von der Geliebten Abschied zu nehmen! Keine Zeile durfte er ihr schicken -- keine mndliche Botschaft hinterlassen! Seine Bitte, erst seinen Vetter, den Lord Hyndford, besuchen zu drfen, wurde ihm auch abgeschlagen. Wie er ging und stand, mute er in die bereit gehaltene Postkutsche steigen, und der freundliche Polizeibeamte hatte noch die Gte, ihm das Geleit zu geben. Am folgenden Tage rollten die Karossen der vornehmen Welt die Linden entlang und hielten an der Paradetreppe des langgestreckten neuen Opernhauses, das der Knig auf dem freien Platz dem Zeughause gegenber erbaut hatte. Man war beim Knige zu Gast! Er lie seinen Mrkern franzsische Komdie vorspielen. Aber zahlen durften sie nicht! Kommen auch nur, wenn ihre gesellschaftliche Stellung oder ihr Rang ihnen ein Anrecht auf eine Einladung gab. Kritik wurde nicht gebt. Die Gazetten durften nicht genieret werden, so hatte der Knig wohl im ersten Jahre seiner Regierung geboten. Sie durften aber auch nicht genieren -- dafr sorgte er auch! -- Jede Besprechung ffentlicher Angelegenheiten, insbesondere militrischer Dinge, war rundweg verboten, und jede Zuwiderhandlung mit hoher Geldstrafe oder Entziehung der Konzession belegt. Das Theater war des Knigs Privatangelegenheit. Man schrieb also Berichte, erwhnte kurz, wer dagewesen war, was man gespielt und wer die Ehre gehabt hatte, aufzutreten. Aber man enthielt sich jedes Urteils. Dies wurde aber um so mehr bei den Vorstellungen laut. Und die Besprechungen erfolgten bei den gesellschaftlichen Veranstaltungen der feinen Welt -- wenn auch mit der durch die Furcht vor Spionage gebotenen Reserve. Der Knig wollte heute die Komdie besuchen. Das gengte, um zu bewirken, da alles sich nach der Vorstellung drngte. In den Logen sah man, auer einigen distinguierten Fremden, deren gepuderte Lockenkpfe und modische Trachten das Aufsehen weckten, die ganze offizielle Welt. Der Staatsminister Podewils war da, und mit ihm die meisten seiner Amtsbrder. Die Herren vom Generaldirektorium, die hohen Justizbeamten und, sehr vornehm und distinguiert in den Sesseln ihrer Loge thronend, die Herren Akademiker. _=Die=_ hatten aber oft das Pech, weder gesehen zu werden, noch sehen zu knnen. Vor ihrer Loge weitete sich das Parterre, und das war gedrngt voll von Soldaten, die hier das Vorrecht hatten, und die ihre Weiber mitnahmen und sie sich gelegentlich auf die Schulter setzten, damit sie besser sehen knnten. Wobei es nicht immer ohne derbe Spe zuging und Gekreisch und Lachsalven einander ablsten. Endlich kam der Knig, von seinem Freunde Keyserlingk, dem Grafen Algarotti und Chevalier Chazot begleitet. Am Vormittag war er aus Potsdam angelangt, hatte das Diner bei der Kniginmutter, Sophie Dorothea, im Schlosse Monbijou eingenommen und sich von dort in die Komdie begeben. Man spielte das Hirtenspiel irgendeines modischen Franzosen. Als Zwischenspiel kam dann die groe Sensation des Tages, das erste Auftreten Barberinas, um deren Haupt Fama schon den Schimmer der Romantik gegossen hatte, und ber deren Person zahlreiche galante Legenden kursierten. Sie hatte einen rauschenden Erfolg mit ihren wilden Bauerntnzen -- nicht zum mindesten bei dem Parterre, wo die Begeisterung wohl nicht mit Zuhilfenahme der geschniegelten Salonmythologie, aber um so urwchsiger und derber laut wurde. Dunnerschlag -- _=die=_ Schenkel! rief ein brtiger Musketier, als sie ihre Luftsprnge machte. Een Paradetritt jibt se her! Beene hat se wie'n Pandur! bemerkte ein anderer. Schwerenot -- wenn _=das=_ dem Fritze nich jefllt! Der macht se noch zum Flgelmann bei de Jrenadiere! Der Fritze wird wissen, wo er se lt! Hab man keene Sorge nich! Immer und immer wieder mute sie vortreten, um die Huldigung des Publikums zu empfangen. Und nachher wurde sie in die knigliche Loge befohlen. Sie hatte mit der ganzen Wut getanzt, die sie ber die ihr angetane Gewalt empfand, und dabei -- trotz aller Grazie -- eine Verve entwickelt und ein Temperament bewiesen, das alles bezwang! Man hatte etwas anderes erwartet -- eine Explikation ihrer Meisterschaft in der hohen Tanzkunst -- und stand vor einer entfesselten Naturgewalt, die frappierte und jede Regung einer Opposition unmglich machte! Sie hatte gehofft zu verletzen -- hatte aber nur angenehm berrascht und fand schrankenlose Bewunderung in allen Blicken der lchelnden Gesichter. Bei einem einzigen aber war diese Bewunderung mit solch berlegener Ironie gepaart, da sie unwillkrlich den Trotzkopf beugte und von einer Anwandlung von Reue beschlichen wurde. Eine unwiderstehliche Gewalt ging von der kleinen, eleganten, in reiche franzsische Tracht gekleideten Gestalt aus, die vor sie hintrat. Der groe Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesicht, das sarkastische Lcheln -- die Freiheit von jeder Pose und, vor allem, das unergrndliche tiefe Blau der groen Augen machte sie alles andere vergessen. Der Genius einer Zeit lebte in dieser unscheinbaren Gestalt! -- Vor ihm versank alles andere und wurde zu nichts! -- Ihre Kunst, und erst recht ihre persnlichen Wnsche, schienen ihr so unsagbar klein! Und als die Erscheinung mit einer menschlichen Stimme menschliche Worte an sie richtete -- da war Staunen die erste Empfindung. Bis sie antworten mute. Da regte sich ihr eigenes Genie, und sie gewann ihre Keckheit wieder. Nun, Mademoiselle, Sie hatten den Wunsch geuert, mich zu sprechen! Was hatten Sie mir zu sagen? Ich habe mich bemht, Sire, es nach bestem Knnen in der mir gndigst anbefohlenen Sprache vorzubringen! Sehr gut! lachte Friedrich. Hatten Eure Majestt auch die groe Gnade, meine Dissertation so, wie sie gemeint war, aufzufassen? Sie haben -- mit den Beinen -- _=sehr entgegenkommend=_ gesprochen, sagte Friedrich, der wohl das Zielen ihrer Entrechats nach seiner Loge bemerkt hatte. So wollen wir es auch gern auffassen! Wir haben es wohl verstanden, da Sie das Bedrfnis empfanden, Ihr Temperament in der neuen und ungewohnten Umgebung auszutoben -- sich sozusagen Luft zu machen -- sich Platz zu bereiten! Das nchste Mal hoffen wir Sie in der serisen Kunst bewundern zu knnen! Sie werden uns bald in der Pantomime Pan und Syrinx vortanzen! Er gab ihr die Hand, die sie ehrerbietigst kte. Mein Kompliment, Mademoiselle, sagte der Knig noch gndig. Mit einem Charme haben Sie die Ketten zerrissen, mit denen sie der Faun zu fesseln versuchte -- mit einem Furor, da man denken mte: da halten keine Ketten stand! -- Es gibt aber Ketten, die nicht zu zerreien sind! -- -=Bon soir, mademoiselle!=- Und damit war die Audienz zu Ende. Noch ganz wirr von dem berwltigenden Eindruck der ersten Begegnung, ging sie auf die Bhne zurck und folgte ihrer Mutter nach dem Wagen, ohne berhaupt daran zu denken, nach ihrem Be zu sehen. Sie fragte nicht einmal nach ihm, als beim Souper sein Platz leer blieb. Am folgenden Tage wurde ihr ein hoher Ministerialbeamter gemeldet, der ihr einen definitiven Vertrag vorlegte. Der Vertrag enthielt die ausdrckliche Bestimmung, da sie whrend dessen Dauer, vorlufig drei Jahre lang, nicht heiraten drfte -- lie aber den Platz fr das Gehalt leer, denn sie sollte ihn nach Belieben ausfllen drfen. Sie schrieb 5000 Taler hinein -- eine Summe, die der Knig sofort auf 7000 erhhte. Auerdem wurde ihr, im Auftrage des Knigs, bedeutet, sie mge in der Komdie tanzen, wann es ihr beliebe. Nur in den Opern oder im Ballett sei sie an das Repertoire gebunden. Und -- so lie der Knig gndigst ansagen -- bei Gelegenheit ihres nchsten Auftretens wollte er sich das Vergngen geben, in ihrer Garderobe den Tee einzunehmen. 18 Man durfte des Knigs Hunde nur per Sie und mit dem Hut in der Hand anreden. Die kniglichen Lakaien hatten den exzellenten Vierflern gegenber einen schweren Dienst und konnten auf keine Gnade rechnen, wenn sie es an Aufmerksamkeit fehlen lieen. Wenn der Knig spazieren fuhr, folgten ihm die Hunde oft in einer zweispnnigen Karosse, sie selbst auf dem Hauptsitz, die aufwartenden Lakaien auf dem Rcksitz. So auch eines schnen Sommermorgens, als der Knig von Charlottenburg, wo er bis zur Beendigung der Hochzeitsfeierlichkeiten fr seine Schwester Ulrike residiert hatte, nach Berlin hineinfuhr. An seiner Seite im vierspnnigen Wagen sa der Generaladjutant Winterfeldt. Sie kamen im tiefen Sande der Charlottenburger Chaussee nur langsam vorwrts. Das schne Sommerwetter machte indessen die sonst einfrmige Fahrt ertrglich. Der Knig war gut gelaunt. Und als sie beim kniglichen Tiergarten anlangten, wo er eine Menge neue Spazier- und Fahrwege hatte aufnehmen lassen, befahl er, vom Groen Stern nach dem Zirkel an den Zelten einzubiegen, wo die elegante Welt sich um diese Zeit Rendezvous zu geben pflegte. An dem Ufer der Spree hatte der Knig dort einen freien Platz abholzen lassen. Im weiten Bogen zog sich der breite Fahrweg hin, von Promenaden umfat, wo unter schattigen alten Bumen die Spazierenden sich ergehen konnten, whrend auf dem Damm in doppelter Kavalkade Fuhrwerke und Reitende sich in beiden Richtungen bewegten. Am Wasser hatten einige, in Bereitung von Erfrischungen aller Art kundige franzsische Emigranten, von denen es seit den Religionsverfolgungen in Frankreich in Deutschland wimmelte, die Konzession erhalten, ihre Waren in Zelten feilzubieten. Von den Wiesen jenseits der Spree wehte der laue Sommerwind die Dfte der Blten herber; durch das Laub der hohen Bume rieselte der Sonnenschein herunter auf die bunten Farben der Trachten. Das goldene Schnitzwerk der zwischen hohen Federn aufgehngten Karosserien glnzte und glitzerte. Drinnen, auf schwellenden Kissen schaukelten schne Damen in rauschenden Gewndern, lieblich grend, lchelnd, nickend. Die Augen glhten unter sauber gepinselten Brauen -- die gepuderten Locken erhhten durch ihr Mattwei das duftige Rot der schn geschminkten Wangen, deren Reiz durch die Kontrastwirkung der schwarzen Mouches eine erhhte Wirkung bekam. Zwischen den Wagenreihen tummelten die Offiziere stolz ihre mit goldbestickten Schabracken verzierten Pferde, schlossen sich fters an, um mit ihren in den Wagen thronenden Gttinnen verstohlen verliebte Gesprche zu fhren. Auf dem Flusse glitten langsam Khne vorber, die Segel geschwellt -- an den Zelten wehten Wimpel und Flaggen im bunten Spiel -- Flten und Geigen lieen ihre zarten Tonwellen steigen und hinsterben -- das Lachen der silberhellen Stimmen -- das Gesumm der Gesprche, das Wiehern der Rosse -- alles flo zusammen zu einer Symphonie der Lebenslust -- leise, zart, grazis und liebenswrdig --, die die Sinne der Teilnehmer bestrickend umfing, ihre Gedanken zerstreute und ihren Seelen Erholung brachte. Berlin holte Atem. Als die kniglichen Equipagen in die Kavalkade einschwenkten, ging eine Bewegung durch die Reihen. Aber nur fr einen Augenblick. Weit entfernt, das Getriebe zu lhmen, spornte die Gegenwart des Knigs die Frhlichkeit an und hob die Stimmung noch mehr. Friedrich unterhielt sich mit seinem Adjutanten, grte nach allen Seiten, schaute sich einmal nach dem Wagen seiner vierbeinigen Lieblinge um, winkte dann gndigst einen vorbeireitenden Offizier an den Wagenschlag heran und richtete einige kurze Fragen an ihn. Er freute sich des luxurisen Treibens seiner aufblhenden Hauptstadt, das, unter seinem Vater in strenge Zucht zurckgedmmt, sich jetzt wieder ans Licht wagte. Pltzlich kam etwas Scharfes in seinen Blick, und seine Haltung straffte sich etwas. In die Reihe der Entgegenfahrenden war eine prachtvolle, schn verzierte Karosse eingeschwenkt, von vier Schimmeln mit Vorreitern gezogen. Das vergoldete Schnitzwerk der Karosserie glnzte und glitzerte; die schn gedrechselten Speichen der hohen Rder drehten sich wie die Blitze des Sonnenrades; hinten auf dem Tritt, zwischen den hohen, schn geschwungenen Federn, standen in prachtvollen hellblauen und silbernen Livreen zwei Lakaien, stolz die Dreimaster auf den gepuderten Percken balancierend. Ein fast kniglicher Aufzug! Und im Wagen, auf schwellenden Kissen ausgestreckt, eine Knigin der Anmut und der Schnheit -- die Barberina! Neben ihr ihre Mutter, von Stolz geblht und freundlich lchelnd den Gru Friedrichs auf sich beziehend, als die Wagen sich begegneten. Drben, auf der anderen Seite des Zirkels, schlo sich ein Reiter ihnen an -- es war der Gesandte Englands, dem die schnell intim gewordenen Beziehungen Barberinas zum Knig wohlbekannt waren, und der sich als Macher der Sache jetzt grotat und sie umschmeichelte, um vielleicht so etwas politisch Wertvolles durch sie zu erfahren. Friedrich sagte rasch einige Worte zu seinem Adjutanten. Dieser winkte einen der Lufer, die dem kniglichen Wagen voranschritten, herbei und erteilte ihm einen Befehl, den der Lufer dem folgenden Wagen bermittelte. Dann schwenkte der knigliche Wagen aus der Reihe und setzte die Fahrt nach Berlin fort. Als aber der Wagen Barberinas, immer noch den englischen Gesandten am Schlage, nochmals vorbeikam, da bog der Wagen der kniglichen Hunde dicht vor ihrem Wagen in die Reihe ein, und sie mute ihm auf Schritt und Tritt folgen. So ging's einmal die Runde herum, als htte der Knig dem Publikum das Rangverhltnis unter seinen Lieblingen recht deutlich -=ad oculus=- demonstrieren wollen. Dann setzten auch die Hunde ihre Reise nach der Stadt fort -- Berlin hatte seinen Gesprchsstoff, die Neider der kniglichen Favoritin bekamen Nahrung fr ihre Schadenfreude, und Barberina hatte ihren rger, den man ihr jedoch unter der Schminke nicht anmerken konnte. Sie tat, als htte sie den Vorfall gar nicht bemerkt; sie unterhielt sich noch mit einigen ihrer Bekannten, lud ein paar befreundete Offiziere zum Besuch bei sich ein und kehrte dann nach ihrer Wohnung in der Behrenstrae zurck. Dort fand sie einen Befehl des Intendanten vor, am nchsten Tage beim Konzert im Stadtschlosse zu Potsdam zu tanzen, und sie freute sich. Denn bei dem nachfolgenden Souper mit dem Knig wollte sie schon ihre Rache nehmen. Der Knig aber hatte sich dazu bereit gefunden, noch unterwegs im Wagen seinem Adjutanten einige erklrende Worte zu sagen. Wir lieben die Mtressenwirtschaft bei unseren Gegnern und Verbndeten! Die Herren Politiker irren aber, wenn sie glauben, _=uns=_ auf diesem ausgetretenen Pfade der irrenden Tugend beikommen zu knnen! Und was die Mamsells betrifft, so sollen sie amsant sein und Charme haben, aber weiter nichts! Sie wollen aber alle erst belehrt sein, die rechte Distanz zu halten! Er freute sich nicht wenig, als ihm nachher berichtet wurde, da der englische Gesandte bei seinem Versuch, die Hunde des Knigs zu streicheln, von ihnen sehr bel abgefertigt worden war. Biche hatte sogar nach ihm gebissen. Die Biche wei, was sich gehrt! Sie versteht die Kunst, naseweisen Diplomaten Edukation beizubringen! Hrt sie Geheimnisse mit an, so versteht sie sie nicht! Und was sie winselt, versteht kein Mensch! Das hat sie den Mamsells voran! Treu ist sie auch! -- Sei er ruhig! sagte er, da Winterfeldt schmunzelte. Das verlange ich ja nicht von den Damen! _=Die=_ mssen ihre Amouren haben! Sie sind Schmetterlinge und mssen hin und her flattern! Wenn sie blo mit ihrer Buntheit das Auge entzcken -- wenn sie grazis sind, Witz, Esprit, Charme zeigen und uns nicht mit zuviel Sentiment belstigen, sind wir zufrieden und widmen ihnen gern zur Erholung von unserer freien Zeit! -- An unserem ernsten Tun aber knnen sie keinen Anteil haben! Und unsere Wrde drfen sie auch nicht mit einem Blick antasten wollen! Da hrt jedwede Galanterie auf! Da geht der Hund vor! Friedrich sprach noch bei der Kniginmutter vor -- besichtigte den Dombau, von Knobelsdorff begleitet, befahl ihm, am nchsten Tage die Plne seines Sommerschlosses in Potsdam vorzulegen, und reiste nach seiner Havelresidenz ab. Am Abend soupierte bei Barberina der Graf Rothenburg, ein eleganter, liebenswrdiger und geistreicher Kavalier, der soeben aus Paris zurckgekehrt war, wohin ihn eine wichtige politische Sondermission Friedrichs gefhrt hatte. Er wute ihr viel vom Hofe in Versailles zu erzhlen -- von der alles beherrschenden Stellung der derzeitigen Favoritin Ludwigs, der Herzogin von Chteauroux, deren Ehrgeiz und Stolz die Politik Frankreichs immer mchtiger auf die Bahn der kriegerischen Ehre zu treiben bemht war und aus Ludwig gar einen Helden machen wollte. Er wute nicht genug des Lobes ber ihre groe Liebe zur Kunst vorzubringen und das unermdliche Mzenatentum, das sie den Dichtern gegenber bettigte. Sie knnte fr Frankreich eine groe Zeit herbeifhren, denn in ihr wohnt der Geist der Gre! Aber sie reibt sich auf. Die Glut ihrer Seele verzehrt sie innerlich! Wie ein leuchtender Meteor, der pltzlich auftaucht, blendet, imponiert und alles in Staunen versetzt, um ebenso pltzlich zu verschwinden, so kommt sie mir vor! Immerhin -- sie herrscht jetzt! Und sie hat das grte Verstndnis fr unsere Ziele! Es war leicht, mit ihr Politik zu machen! Wenn Frankreich jetzt mit uns ist -- ihr ist es zu verdanken! Barberina dachte mit einiger Bitterkeit an die Rolle, die _=sie=_ hier spielte, und wurde einen Augenblick ernst. Rothenburg wute von der Begebenheit bei der heutigen Spazierfahrt und beeilte sich, die Sache zu berzuckern. Allerdings -- _=hier=_ knnte _=sie=_ niemals zur Geltung kommen! Hier trgt das Genie selbst die Krone! Jeder Versuch einer Beeinflussung mte an dem stolzen Selbstbewutsein scheitern, das wir bewundern und dessen Ehrgeiz wir schon so viel Ruhm verdanken! Um bei Friedrich etwas zu sein, mu man eine groe Knstlerin wie Sie sein! Das Epikureertum des Geistes will die Anregung der Schnheit, der Grazie, des Esprits! Ihm _=die=_ geben zu drfen, ist mehr, als der ganzen brigen Welt Gesetze zu diktieren! Das zu knnen ist beneidenswerter als Reichtum und Macht! Das ist Ihnen geworden! Und jetzt, nachdem Sie diese groe Aufgabe verstehen lernten, jetzt werden Sie schon zufrieden sein, da man Sie, wenn auch mit sanftem Zwang, dazu brachte! Barberina lachte laut auf. Das nannte er noch sanft: von den Hschern Venedigs wie eine Verbrecherin aufgehoben und eingekerkert zu werden, um dann unter wochenlangen Mhseligkeiten und militrischer Bewachung hierher geschleppt zu werden! Sie sind ein Heuchler! rief sie. Und Sie entzckend! replizierte er und kte ihr die Fingerspitzen. Viel zu entzckend -- viel zu charmant, um in der Langeweile einer englischen Ehe zu verkommen! Geben Sie's nur zu -- das Ganze war nur eine Marotte -- eine augenblickliche Laune! Sie kennen eben Lord Stuart nicht! Ich kenne _=Sie=_, und das gengt! Ich glaube schon, da es sich im Falle Stuart um eine echte, tiefe Empfindung handelte, wie sie einem Menschen nur in den seltensten Fllen zuteil wird. Und ich glaube auch, Sie waren so sehr davon ergriffen, da Sie meinten, jener Empfindung alles andere opfern zu mssen, um nur ihr zu leben! Die Flamme der Liebe loderte so heftig und so klar auf, da im ersten Augenblick alles daneben verblate! Wie alles andere aber, ist auch sie nur zu vergnglich! Der Funke ewigen Lebens, der Ihnen mit dem Genie gegeben wurde, kann aber nie erlschen! Der glht noch unvermindert, wenn alles andere zu Asche wurde! Die Sucht, zu glnzen und zu leuchten, wird zum Ehrgeiz, etwas zu leisten und in der Leistung den eigenen Geist zu verfeinern und gro und geschmeidig zu machen! Geben Sie's nur zu -- Sie sind nicht unzufrieden, da sie wieder auf die Bahn der Kunst getrieben worden sind -- sei's auch mit Gewalt! Vor den groen Aufgaben, die Ihnen hier wurden, verblat doch die kleine Unannehmlichkeit, die sie mit sich brachten? Barberina antwortete nicht. Sie empfand die Wahrheit dessen, was er sagte. Ihr Gefhl trieb sie zu ihrem Be -- ihr Herz schlug noch fr ihn. -- Aber die Kunst hielt sie strker gefangen. Sie sah die glanzvolle Laufbahn, die sie dachte fr immer verlassen zu haben, offen und jetzt weit leuchtender vor sich liegen. Sie dachte dabei an den Vormittag im Hause Stuart und die trbe Aussicht, nach langer Vergessenheit dort als eine Nummer mehr in der Sammlung der Ahnengalerie hngen zu drfen. Ein leichter Schauder ergriff sie. Rothenburg sah es, und mit seinem Instinkt half er ihr, die Formel zu finden, mit der sie ihr Gewissen abtun knnte. Ihr Erlebnis mit Stuart war ein Glck, fr das Sie dankbar sein knnen! Das war eine seelische Bereicherung -- und Ihr Gewinn daraus: die Entfaltung Ihres Gefhlslebens zu voller Blte! -- Das muten Sie vor allen anderen haben, eben, um eine wahre Knstlerin zu werden! Das kann Ihnen nimmermehr genommen werden! Er aber mute Ihnen genommen werden -- weil er Ihrer Kunst im Wege war! Sie sehen es! Sie waren der Kunst untreu geworden! Die Kunst hat sich gercht! Sie tritt jetzt gebieterisch vor und verlangt als Strafe, da Sie ihr zuliebe auf Ihre Liebe verzichten! Und da gibt's nur eins -- gehorchen! Um -- hinter den kniglichen Hunden zu rangieren! Das nur -- wenn Sie sich das gefallen lassen! lachte Rothenburg. Der Knig hat Geist, und nichts ist ihm lieber, als wenn man ihm geistreich antwortet! Nur nicht schmollen! Nur nicht sentimental werden! Scharf, witzig, pointiert die Klinge zur Parade bereit halten! Den Kampf aufnehmen, wie er angeboten wurde! Das ist das einzige! Rchen Sie sich, wenn Sie wollen -- aber geistreich und amsant, und Sie werden gewonnenes Spiel haben! Sie sind der geborene Konspirateur! Helfen Sie mir, einen Feldzugsplan zu entwerfen! Ich mu fr die heutige Schmach Rache nehmen! Die werden Sie haben! sagte Rothenburg und erhob sein Glas, in dem der Champagner perlte. Auf treue Bundesgenossenschaft! Auf treue Bundesgenossenschaft! erwiderte sie und erzhlte ihm dann den Vorfall, dem sie, nach ihrem Dafrhalten, die soeben erlittene Demtigung verdankte. Es war beim letzten intimen Souper mit dem Knig gewesen, im Konfidenzzimmer des Potsdamer Schlosses. In bermtigster Laune hatte sie sich da einen Scherz erlaubt, der besser unterblieben wre. Aber in der Situation sah sie in dem Knig nur noch den galanten Mann und verga ganz, da man auch in Stunden, wo die knigliche Wrde nicht mittafelt, die Finger von ihr zu lassen hat. Mit ihren rosigen Fingern hatte sie nach der Krone aus Kandiszucker gegriffen, die, wie immer, den Aufbau der Konfitren krnte, hatte sie aufgehoben und hoch ber ihren Kopf gehalten. Mit lachenden Blicken hatte sie gefragt: Warum wird die Krone nicht auch einmal verspeist? Das ist hier in Preuen nicht blich, Mademoiselle! hatte er geantwortet mit einem Blick und in einem Ton, die gerade in _=dem=_ Moment ihren bermut zum Trotz aufflammen lieen. Wenn man aber gerade danach Appetit hat? hatte sie gefragt. So wre es doch nicht anzuraten! Sie wrde Ihnen nur schwer im Magen liegen! Trotzdem wage ich den Versuch! Heute abend wollen wir sie gemeinsam verspeisen! Nein! hatte er etwas gereizt gerufen und versucht, ihr das zuckerne Kleinod zu entreien. Lachend wehrte sie's ab. Beim Kampfe brckelte ein Stck von der Einfassung ab und blieb in ihrer Hand. Als sie es aber rasch in den Mund stecken wollte, entwand er ihr den Raub, fgte das Stck rasch wieder an seinem Platz ein und stellte die Krone auf den Tisch zurck. -=Je suis fatigu, mademoiselle=-, hatte er dann kurz gesagt, den Glockenstrang gezogen, ihren Wagen befohlen und sich khl von ihr verabschiedet! Das war alles! sagte sie. Aber gerade genug! lachte Rothenburg, trank sein Glas aus und fing sofort an, sie eine bessere Taktik zu lehren. Nie -- auch nicht im Scherz -- an das rhren, was er hochhlt! Sonst aber knnen Sie sich fast alles erlauben! Persnlich duldet er jede Anspielung, jeden Scherz, wenn er nur geistreich und amsant ist! Da gestattet er sich selbst die grte Ausgelassenheit, und uns anderen auch, weil es ihn nur anregt und ihm zum Spott und zur Satire Anla gibt! In boshaften Ausfllen ist er jedem gewachsen! Da stellt er seinen Mann und kmpft mit ebensoviel Bravour wie auf dem Schlachtfelde! -- Also packen Sie ihn nicht bei der Krone! -- Necken Sie ihn lieber mit der Thronfolge! Da werden Sie etwas erleben! -- Fragen Sie ihn, warum _=er=_, der groe Held, der berlegene Geist -- der mnnlichste unter uns allen -- keine mnnlichen Leibeserben hat! -- Fragen Sie ihn, ob das immer das Ergebnis seiner galanten Abenteuer zu sein pflegt! -- Fragen Sie nach der Tochter, die er von der Frau des Obersten Wreech hat! Fragen Sie, warum er, der mit lauter gekrnten und ungekrnten Frauen in Fehde liegt -- warum gerade er eine Frau in die Welt setzt? -- Er wird sagen, die Weiber wren heutzutage unfhig, Mnner zu gebren -- die Mnner, die sie auf die Welt brchten, wren alles alte Weiber! Er wird Anla haben, seine Bosheit gegen die smtlichen Evastchter weidlich loszulassen, und dann wird er Ihnen die Hand kssen und guter Dinge sein und viel Galantes sagen! Nicht aber, um seine Sottisen zu berzuckern! Sondern nur aus Erkenntlichkeit, weil Sie ihm halfen, jene Sottisen zur Welt zu bringen! Tun Sie's recht boshaft, recht dreist, und Sie werden gewonnenes Spiel mit ihm haben! Damit war sie gleich einverstanden! Schon am nchsten Tage, nach dem Konzert, beim Souper, zu dem sie wohl, wie blich, aufgefordert werden wrde, wollte sie's ins Werk setzen und ganz gehrig Rache nehmen! Sie stie nochmals mit dem Grafen an. Unter Lachen und Scherzen verging so der Abend, und das Bndnis gestaltete sich immer intimer. Am folgenden Tag in aller Frhe rollte sie also in ihrer eleganten Karosse nach Potsdam, um ihren Dienst zu versehen. Der Knig war an dem Tag schlechter Laune. Die Erledigung der tglichen Post hatte ihm mehr Mhe als sonst gemacht. Die Politik nahm ihn vllig in Anspruch. Der Horizont Europas war umwlkt -- das Gewitter konnte jeden Augenblick losbrechen, und der Entschlu, bei der Entladung die Rolle des Blitzes zu spielen, stand bei ihm fest. Trotz dieser vielfachen Inanspruchnahme seines Gemts hatte er Zeit fr knstlerische Plne. Die bildnerische Wiedergabe einer knstlerischen Idee beschftigte ununterbrochen seinen Geist. Die unwiderstehliche Lust, den Drang nach Schnheit in bildnerische Tat umzusetzen -- die Materia zu bezwingen und ihre Starrheit in Bewegung auszulsen, durchtobte sein Gehirn, bald in Versen, bald in zeichnerischen Entwrfen, bald in Tnen nach Ausdruck ringend! -- Aber vergebens! -- Alles mifiel ihm! -- Immer wieder wurde das Begonnene vernichtet! -- Und doch deuchte es ihn so einfach! Die unwiderstehlich belebende Wirkung des knstlerischen Dranges selbst zu gestalten -- gewissermaen die Geschichte des eigenen knstlerischen Werdens im Kunstwerke auszudrcken -- im kalten Stein das Leben nachbilden, aber so, da der Stein selbst zu leben anfngt und zu warmem, schwellendem Fleisch wird! Pygmalion! rief er -- Pygmalion ist's! Das Altertum hat fr jede Regung des Geistes die treffende Formel gefunden! Was knnten wir wollen, was nicht schon die Alten in ihren Legenden zum treffenden Symbol erhoben htten? -- Nachbeten -- nachbilden -- nachempfinden -- dazu sind wir verurteilt! So arm sind wir heutigen Menschen! Er sann darber nach, wie die Legende zu gestalten sei. In Worten -- in Versen -- in glatt und zierlich dahintrippelnden Rhythmen? Unsinn! -- Das Wort versagte, wo es nicht die Macht hatte, durch ein kurzes: Es sei! das Gewollte auch handgreiflich vor den Augen entstehen zu lassen! In Tnen? Unsere Sehnsucht geben, ja! -- Unsere Freude ber das Erreichte aufjauchzen -- unsere Trauer ber die Enttuschung ausklingen -- nie aber das innerlich Erschaute in Formen und Farben so aufleben lassen, da die Mitwelt es mit dankbarem Staunen empfangen knnte. In Marmor aushauen? -- Und wenn der Meiel noch so geschickt zu arbeiten verstnde -- erstarrte Bewegung war alles, was dabei herauskam! Die Bewegung -- das Leben selbst aber niemals! Und der Anfang -- die Entstehung der ersten Bewegung -- das war der Vorwurf, den es zu gestalten galt! Einzeln vermochten die Knste nichts! Wohlan, so treten die Musen zum gemeinsamen Sturmangriff an! Terpsichore kommandiert die Attacke! So geht's! Im Ballett stellen wir's dar! Malerei, Musik assistieren -- der Mensch, aus toter Materia gebildet, wird, vom knstlerischen Schpferwort beseelt, vor unseren staunenden Blicken zum Leben erwachen! So wollen wir's versuchen! Es sei! Er schellte. Dem herbeieilenden Kammerdiener befahl er, die Herren Graun und Pesne sowie den Intendanten der Oper zum Konzert zu befehlen, wo er sie zu sprechen wnsche. Dann wieder allein, warf er die Papiere auf seinem Schreibtische durcheinander, um ein leeres Blatt zu finden und rasch das Bild zu entwerfen, da er vom Meister Pesne nachher als Vorlage ausfhren lassen wollte, nach der die Ballettszene gestellt werden knnte. Pltzlich blieb er sitzen, ein Dokument in der Hand, und starrte es entsetzt an. Es war -- ein ihm zur Unterschrift vorgelegtes Todesurteil! Tagelang hatte er es liegenlassen und die Entscheidung verschoben! -- Und gerade jetzt mute es ihm unter die Augen kommen! Sein Geist rang mit dem Chaos, um aus dem Nichts Leben entstehen zu lassen! Fast glaubte er sich des Sieges gewi -- glaubte sich Herr und Gebieter des Lebens! Und da hielt er es schwarz auf wei in der Hand! -- Herr ber Tod und Leben! Aber wie anders! Nicht _=Schaffen! Vernichten=_ war ihm gegeben! Dazu hatte er die Macht! Er vor allen anderen! Er seufzte und warf das Papier hin. So armselig sind wir! Weiter reicht menschliche Gewalt nicht -- nicht einmal in eines Knigs Hand! Er nahm das Papier und las es aufmerksam durch. -- Ein nach Recht und Gesetz geflltes Todesurteil ber eine Kindesmrderin! Ein Kasus, wo er keine Gnade walten lassen durfte -- wo die Pflicht ihm gebot, die mitleidige Regung des Herzens zurckzudmmen und als hchster Richter den Stab zu brechen. Er seufzte, tauchte den Gnsekiel ein und schrieb. Da stand es: -=Fridericus Rex.=- -- Die starren Worte der Justiz hatten Leben gewonnen! Der Federstrich seiner Hand gab ihnen die Gewalt, das Henkersbeil in Bewegung zu setzen! Er las es nochmals durch. Sein knstlerisches Gefhl emprte sich -- sein gesundes natrliches Denken ebenso! Das seyndt verworrene Kpfe -- verkncherte Paragraphendrescher, die uns den Wisch zusammengereimt haben! Das sollen wir mit unserem Namenszug sanktionieren?! Nimmermehr! Da stand es aber bereits: -=Fridericus Rex!=- Rasch entschlossen nahm er den Gnsekiel, kratzte in aller Eile einige Zeilen ber seine Unterschrift hin und las es dann laut durch: An meinen Minister von Broich! Ich remittiere Euch beikommende Ordre unvollzogen! Ihr httet von selbsten leicht einsehen knnen, wie es sich ganz nicht schicke, Mir Rubriquen, so mit so viel juristischen Latein bespicket sind, vorzulegen, da solche zwar deren Juristenfakultten, Schppensthlen und Kriminalgerichten bekannt genug sein mgen, vor Mir aber lauter Arabisch sind. Ihr httet solches auch in dieser piece umsomehr verhten sollen, da es auf Menschenleben ankommt und ich keineswegs dergleichen mit so vielen Mir unbekannten Worten angefllte Confirmationes unterschreiben kann, ohne den wahren Innhalt zu wissen. Ihr sollet also mit dergleichen lateinischen Rubriquen sparsamer sein und, wenn Ihr etwas berichtet oder zur Unterschrift schicket, hbsch Teutsch schreiben, solches auch deren Secretarien der Kanzlei bekannt machen. Potsdam 7. August 1744. Bis meine Herren Juristen Teutsch lernen -- das kann lange dauern! So lange hat denn jenes armselige Geschpf eine Gnadenfrist. -- Und wir auch! Zufrieden, fr heute ber die Sache hinweggekommen zu sein, klingelte er, lie den Privatsekretr kommen, bergab ihm das Dokument, erledigte auch die anderen Unterschriften und befahl die Audienzen. Zunchst wurde der Staatsminister von Podewils vorgelassen, der ein sehr bekmmertes Gesicht zur Schau trug. Friedrich zog gleich scharfe Saiten auf. Nun, Podewils, woher die grmliche Miene? Wir stehen dicht vor dem Losschlagen! Und Er schaut aus, als htte Er einen Topf mit Senf unter der Nase! Wir dachten, Er htte sich an die blen Gerche aus der politischen Hexenkche gewhnt? Schne Dfte werden uns da nicht beschert! Nach Niederlage riecht's aber nicht! Und Er sieht aus wie ein leibhaftes Debakel! Majestt werden verzeihen, wenn die Sorge um die Wohlfahrt des Vaterlandes -- _=Die=_ Sorge haben wir Ihm abgenommen, als wir uns entschlossen, das Schwert zu ziehen! Er braucht sich deshalben nicht zu fatigieren! Wir brauchen Seine Einwnde heute nicht mehr! Da Er ein Angsthuhn ist, wissen wir! Hat Er ansonsten etwas zu berichten? Auf die Gefahr der allerhchsten Ungnade hin wage ich doch darauf hinzuweisen, da der Krieg noch zu vermeiden wre! Wenn unsere Herren Politiker so rsonieren, dann ist erst recht Not am Mann! Da mssen wir darauf gefat sein, sofort zur Attacke blasen zu lassen! Sonst haben wir die Kriegsfurie ber Nacht im eigenen Lande. Und doch mu ich einen Widerspruch darinnen sehen, wenn Eure Majestt einen Krieg anfangen wollen, um einen Krieg zu vermeiden! Er ist dreist! Doch Er glaubt wohl seine Pflicht zu erfllen! Ich will Ihm denn antworten! Zu vermeiden ist ein Krieg nicht mehr, den _=wir=_ als unvermeidlich ansehen! So Er die Augen auftut, wird Er uns beipflichten! Der Friede von Breslau gibt uns schon -- nach zwei Jahren keine Sicherheit mehr! Wir schlagen also los, um den Krieg, der doch kommen mu, zu der fr uns gnstigsten Zeit zu fhren -- nicht erst, wenn's dem Feind am bequemsten! Das Haus Habsburg duldet nicht, da ein Wittelsbacher die kaiserliche Krone trgt! Der Kurfrst von Bayern ist aber -=recte=- zum Kaiser gewhlt! Trete ich dann als reichstreuer Frst fr den Kaiser ein, so kmpfe ich doch in erster Reihe fr Preuen gegen sterreich! Denn uns droht der nchste Schlag! Der Knig von England lenkt aber ein und will seinen Einflu aufbieten, um die Knigin von Ungarn zum nochmaligen feierlichen Verzicht auf Schlesien zu bewegen! Weil er wei, da ich jetzt schon losschlage! Zunchst wohl aber auch aus dem ganz natrlichen Interesse fr das Wohlergehen Eurer Majestt, die die enge Verwandtschaft ihm nahelegen mu! Friedrich lachte laut auf. Wahrlich, die groen Frsten, die die Bande des Blutes respektieren, sollen noch gefunden werden! Er setzte sich in das Sofa hinter dem Schreibtisch und blickte seinen Minister spttisch an. Er erschwert uns die Arbeit, Podewils, statt sie uns zu erleichtern! Wir mssen hier Zeit und Mhe aufwenden, um unsere Minister zu berzeugen, damit wir sicher sein knnen, da sie nachher Ordre parieren, wenn wir im Felde stehen! -- Nach dem Wormser Traktat glaubt Er noch an England?! Hat England uns wohl von jenem Traktat unterrichtet?! Nein! Aber im Breslauer Frieden hat sich der Knig von England verpflichtet, uns sofort alle Bndnisse, die er eingeht, mitzuteilen! Das hat er in diesem Falle nicht getan! Also geht das Bndnis gegen uns! Im Traktat von Worms steht kein Wort von Preuen! Zwischen den Zeilen ist aber nichts als Preuen zu lesen! Preuen mu vernichtet werden! Der Knig von England ist aber auch Kurfrst von Hannover! Als deutscher Frst kann er nicht die Vernichtung Preuens wollen! Die deutschen Frsten, die ihre Knigreiche anderswo haben, sind keine deutschen Frsten mehr! Der Kurfrst von Hannover hat sein Knigreich in England -- der von Sachsen seins in Polen! Ich allein habe mein Knigreich in Deutschland! Das gibt von Rechts und Billigkeit wegen Preuen die Fhrung! Und das wollen die anderen Kurfrsten nicht! Wir sind ihnen zu mchtig, daher die Wut! Daher der Neid! Sachsen ist rgerlich, weil wir im letzten Frieden ihm nicht Mhren zuschreiben lieen! England tut freundlich, weil es erst seine in Schlesien steckenden Gelder von uns haben will! Es intrigiert aber berall und isoliert uns, wo es kann, damit wir von ihm allein abhngen sollen! Beider Lnder Herrscher aber sind nur insofern deutsche Kurfrsten, da sie dem Kurfrsten von Bayern nicht die Kaiserkrone gnnen! Weil _=sie=_ sie nicht haben knnen, darum nur soll sie an sterreich zurck! Wenn der Kaiser sie aber bezahlen knnte, wren sie fr ihn und ihre Armeen ebenso! So sind sie alle! Kein Geld -- kein deutscher Frst! Er wei das ebensogut wie wir! Die Kurfrsten von Hessen, Wrttemberg, Kln und von der Pfalz -- sie wollten sich doch smtlich schon unserer Aktion fr den Kaiser anschlieen! Warum taten sie's nicht?! Weil wir nicht so viel Geld haben und Frankreich nicht das ntige bewilligte! Gleich fingen die Herrschaften mit der Gegenpartei zu schachern an! Hessen geht ja mit uns! Nun, da bot Frankreich eben mehr fr Hessen als England! Dafr hat aber der Herzog von Gotha den Seemchten seine Truppen verkauft! Die paar Brocken machen brigens den Kohl nicht fett! Meine preuischen Grenadiere werden in sterreich das entscheidende Wort sprechen! sterreich bedroht uns nicht, ich wiederhole es immer und immer wieder! Lese Er die Kopien des Briefwechsels der sterreichischen Podewilse mit den schsischen Podewilsen, die wir Ihm aus Dresden besorgt haben! Zu welchem Zwecke htte Sachsen, das sich _=uns=_ versperrt, den sterreichern freien Durchzug zugesichert? Gegen den Mond -- oder gegen Preuen? Les' Er doch in dem Wormser Traktat genau die Stelle durch, wo Sardinien sich verpflichtet, mit seinen Truppen die Lombardei zu besetzen, damit sterreich seine Truppen -- in Deutschland verwenden kann, und sage Er mir dann -- gegen wen? Gegen den Mond oder gegen Preuen?! _=Wir=_ sind da nicht im Zweifel und warten deshalb nicht erst ab, bis sterreich seine Truppen nach Berlin schickt! Und unsere Minister werden uns da gndigst pardonieren! Wir verhandeln nicht mehr, Podewils -- wir _=handeln=_! Was Verhandlungen zu tun vermgen, haben wir -- _=trotz Ihm=_ erreicht! Rothenburg kehrte mit dem franzsischen Bndnisvertrag wieder! Gegen Schweden haben wir uns Rckendeckung verschafft! Ruland wird nicht ruhig bleiben, wenn wir Sachsen betreten! Deshalb betreten wir es auch nur auf kaiserlichen Befehl! Die kaiserlichen Requisitorialbriefe, die von Sachsen freien Durchzug fr Seiner Majestt preuische Hilfstruppen verlangen, sind bereits in Dresden abgegeben worden! Und Sachsen rstet! Dresden wird befestigt! Man hat uns Drohbriefe geschickt! Dann fngt eben Sachsen den Tanz an! Wir nicht! Wir ziehen vorlufig nur mit unseren Truppen durch das Land! Er soll sehen, wie hbsch brav die Sachsen dann mit dem Sbelrasseln aufhren und uns noch Brcken ber die Elbe schlagen werden! Wenn nicht -- dann riskieren wir eben die Ungnade Rulands! Bis die Russen marschieren, haben wir lngst gesiegt! Nun gehe Er aber und lasse Er mich mit Seinen Bedenken ungeschoren! Meine Befehle hat Er! Da Er sie mir richtig exekutiert und keine Minute mit unntzem Geschwtz verliert, weder vor mir noch vor anderen, will ich nunmehro hoffen! Gott befohlen! Podewils ging, und der Knig lie seine beiden Freunde Jordan und Knobelsdorff rufen, die auch auf Audienz warteten. Knobelsdorff berbrachte, wie befohlen, einige Detailplne fr Sanssouci, die auch Jordan begutachten sollte. Und die drei Freunde waren bald in die Betrachtung der Zeichnungen und Entwrfe vertieft und lieen Politik Politik sein. Die Bibliothek war endlich nach Friedrichs Wnschen, ebenso die Schlaf-, Empfangs-, Musikzimmer und die beiden groen, runden Pfeilersle des Mittelteils, die als Speise- und Audienzsaal vorgesehen waren. Um diese Sle und ihre Einrichtung hatte man schon viel hin und her beraten -- heute lagen die endgltigen Entwrfe zur Genehmigung vor. Die Zimmer des linken Flgels fehlten noch. Friedrich wollte sie als Gastzimmer fr seine Freunde herrichten lassen. Und da sollte das letzte, das dem Bibliothekzimmer im rechten Flgel entsprach, als besondere Ehrung fr den von ihm vielbewunderten Voltaire eingerichtet werden -- was wieder den beiden anderen Freunden berflssig erschien! Knobelsdorff strubte sich energisch dagegen. Knobelsdorff wurmt's, sagte der Knig, da er in meinem Hause nicht die bliche Schlokapelle bauen darf! Nicht, weil ihm daran gelegen wre, Gotteshuser zu bauen! Blo -- wegen der dekorativen und architektonischen Aufgabe, die ihm so entgeht! Die Baumeisters sind wie die Pfaffen! Heuchler alle miteinander! Die _=Sache=_ gilt ihnen stets weniger als das, was drum und dran ist! Nein, nein! rief Knobelsdorff aufgeregt, an meiner Person ist mir wahrhaftig nichts gelegen! Und wenn du auch selbst das Gegenteil glaubst -- dir ist es doch nur um Befriedigung deines knstlerischen Ehrgeizes zu tun -- auch wenn du Kirchen baust! Da ist's dir, wie all den anderen, ganz gleich, ob der Bau den Menschen andere Empfindungen eingibt als Bewunderung fr eure Leistung! Da sie drin veranlat werden sollten, durch all das Schne, womit ihre Sinne umgaukelt werden, die Gottheit zu verehren, daran denkt ihr nicht -- das Wunder zu bewirken traut ihr euch eben nicht zu! Ebensowenig, wie die Pfaffen glauben, die Menschen durch ihre Worte von der Wahrheit dessen zu berzeugen, was sie ihnen predigen! _=Beweisen=_ knnen sie nichts -- deshalb verlangen sie, man soll _=glauben, blind=_ glauben, und erschleichen sich so eine Autoritt, die denen Strohkpfen nicht zukommt! Man soll ihnen aufs Wort glauben, man soll an _=sie=_ glauben -- das ist der geheime Sinn ihrer dunklen Rede! Tut man nur _=das=_ -- dann mag man im Herzen ber das jenseitige Leben denken und glauben, was man will. Sie erziehen zur Heuchelei! Dem wollen wir keinen Vorschub leisten! Und deswegen lassen wir die Baumeisters in unserem Hause keine Kapellen zur Befriedigung ihrer knstlerischen Eitelkeit oder zur Befestigung der pfffischen Autoritt einrichten! Fr unseren persnlichen Gebrauch haben wir keine besonderen Gebetzimmer ntig. -- Im Speisesaal verkehren wir mit geistreichen Mnnern -- im Musiksaal hat die Kunst das groe Wort -- in der Stille der Bibliothek finden wir allein und ohne Pfaffen die ntige Erbauung! Als Huldigung fr den Geist der Aufklrung aber richten wir dem grten zeitgenssischen Geist eine Wohnung ein! Die er doch niemals bewohnen wird! -- Wie oft haben Eure Majestt ihn schon in der schmeichelhaftesten Weise eingeladen! Und er lt sich immer noch bitten, trotz des glnzenden Empfangs bei seinem letzten Besuch! Er wird niemals ganz nach Potsdam kommen! Ihn wird's immer wieder nach Cirey zu seiner geliebten Marquise ziehen! Die Marquise du Chatelet ist nicht unsterblich! Ihre Reize werden auch einmal welk! Ihr Geist mag noch so viele Knste der Verfhrung haben, _=dagegen=_ kommen wir sicherlich zehnfach auf! Nicht wahr, Jordan -- du glaubst doch auch, da er kommen wird? Ich glaube schon, da er eitel genug ist, nicht zu widerstehen, wenn er von der besonderen Ehrung erfhrt, die ihm durch diesen Bau zuteil wird! Er wird jedenfalls aus Neugier herkommen und da Wohnung nehmen! Ob er _=bleibt=_? -- Ich wage es zu bezweifeln! Zwei so geistvolle Menschen knnen es sicherlich nicht auf die Dauer vertragen, so intim zu verkehren, da ihre kleinen Menschlichkeiten ihnen nicht mehr verborgen bleiben! Die kleinen Menschlichkeiten nehme ich ohne weiteres bei ihm an, wie er wohl bei mir! Ebenso aber gengend Geistesgre, um sie zu ignorieren! _=Die=_ Art Gre war noch nie auf Erden da! rief Jordan. Verehrung braucht Distanz! Die Gtter mssen ber den Wolken, im Verborgenen, thronen! Hat man sie im Hause, so schlgt man sie, wie die Wilden ihre Gtzen! Sein Affentum hat mich nur amsiert, als er hier war, weiter nichts! Auch die Affen sind nur amsant -- in sicherer Ferne! Lt man sie zu nahe heran, dann beien sie manchmal! Das schmerzt -- man wehrt sich -- man schlgt sie! -- Und so wandelt sich das Amsement in sein Gegenteil! Mit dir ist nicht auszukommen! rief der Knig, du behltst immer das letzte Wort! In der _=Sache=_ aber behalte ich's, denn ich habe die Macht dazu, indem ich der Bauherr bin! Knobelsdorff soll seine kirchenbauerische Phantasie im Dombau austoben! _=Hier=_ aber soll er mir einen Rahmen fr Voltaire schaffen, der nicht nur ihn zwingt, zu bleiben, sondern schon durch die Aufmachung seinen Geist dazu bringt, seine kleinen Menschlichkeiten im Zaum zu halten und seine Wrde zusammenzunehmen! Ich hab's! rief Knobelsdorff, und seine kleinen Augen leuchteten. Ich baue ihm einen vergoldeten Affenkfig! Da sperren Majestt ihn ein, wenn er beien will! Wir knnen wieder beien, wenn's sein mu, und haben keine andere Abwehr ntig! Aber tob dich in der Einrichtung aus, soviel du willst, um seine Eitelkeiten zu geieln! Bring das ganze Tierreich an -- der Papagei darf nicht fehlen! Gie Hohn und Spott und Satire aus vollen Schalen ber ihn aus! -- Nur mach's geistreich! Und schaff dir gute Handwerker zur Ausfhrung! Mach mir einen Entwurf und lege ihn mir vor, wenn ich wieder da bin! Sptestens zu Weihnachten! Denn im Frhjahr legen wir den Grundstein, ob der Krieg vorber ist oder nicht! Knobelsdorff packte seine Zeichnungen ein. Die beiden Freunde verabschiedeten sich und wollten gehen. Da packte Friedrich noch Jordan so heftig am Rockzipfel, da der kleine drre Mensch fast umgefallen wre. Du mut mir noch ein Amt und eine rein praktische Ttigkeit fr Voltaire finden! sagte er. Mit dem mache ich's wie mit den Pfaffen! Ich lasse keinen Pfaffen ins Amt, der sich nicht vorher verpflichtet, Obstbume zu pflanzen und im Gartenbau vorbildlich zu wirken! Der Gartenbau veredelt und besnftigt! -- So wirken wir der Entstehung von Fanatikern entgegen und haben nebenbei auch frs zeitliche Leben einen kulturellen Gewinn der priesterlichen Ttigkeit! Mit Voltaire wollen wir's ebenso machen! Auch er soll hier im Lande von Amts wegen pflanzen und sen, damit sein unruhiger Geist keine Zeit zum Extravagieren hat! So bleibt er uns sicher, und wir haben keine Mhe, ihn zu bndigen! Denk darber nach! -=Au revoir!=- Die beiden Freunde gingen. Friedrich lie sich den Degen umschnallen, nahm die Handschuhe, pfiff seinen Hunden und ging hinaus, um noch vor dem Essen die Exerzitien anzusehen! Nachmittags um sechs war, wie befohlen, das Konzert! Ausnahmsweise spielte der Knig heute nicht selbst. Die Hauptnummer fllte diesmal ein Tanzdivertissement von Barberina und Lany aus. Wie sich's im intimen Rahmen des Musikzimmers von selbst ergab, mute auf grer angelegte Nummern verzichtet werden. Man beschrnkte sich auf Schfertnze, zierliche -=pas de deux,=- -=allemagnes=-, und zuletzt kam eine mit hinreiender Bravour von der Barberina getanzte Tarantella! Es waren nur einige wenige Eingeladene, vor allem die zur Beratung Befohlenen, der Intendant Baron Sweerts, Graun und der Maler Pesne, die Friedrich noch vor Beginn des Konzerts ber seine Plne orientiert hatte. Kein Beifall durfte laut werden. Aber in den Blicken der Zuschauer, die alle von der Leistung Barberinas hingerissen wurden, war helle Begeisterung, und Entzcken in allen Zgen. Nur der Knig sa sinnend da und sah zerstreut dem Tanze zu. Er war noch ganz erfllt von den vielen knstlerischen Entwrfen, die seinen Geist beschftigten! Denn auch die Politik, und insbesondere der Krieg, stellte ihm knstlerische Aufgaben, die er sich mit der ganzen Schwungkraft seines leidenschaftlichen Ehrgeizes zu bewltigen bemhte. Nach allen Seiten suchte sein Geist Expansion -- von allen Seiten strmten die Aufgaben auf ihn ein -- er war in vollem Kampf mit der Materia -- voller Eroberungslust und dem Schpferdrang, ihr Bewegung, Schnheit, Ruhm, Macht und geistige Werte abzuringen. Was sich da vor seinen Augen, beim Tanze Barberinas, in schnen Linien und Rhythmen bewegte, war ihm weiter nichts als leidenschaftlich bewegte Materia -- _=sein=_ Material: das lebendige Fleisch und Blut, das er seinen Ideen dienstbar machen wollte, um es in neue knstlerische Werte umzubilden, wenn auch nur fr die Lebensdauer einiger Minuten. Die Materia in hchster Vollendung, in schnster Belebung -- weiter nichts! Was die Barberina gab -- was sie seinen Augen und seiner Phantasie darbot, war ihm nur insofern wert, als es ihn sehen lie, was aus ihr herauszuholen wre! Keinen anderen Reiz hatte ihr Tanz im gegenwrtigen Augenblick fr ihn, der, von seinen Plnen ganz erfllt, wie ein Vulkan vor der Eruption zitterte. Noch lange, nachdem der Tanz beendigt war, sa er so, in Sinnen versunken, und bemerkte weder die fragenden Blicke seiner Gste, die auf ihm ruhten, noch die Enttuschung der Knstler, die, wegen des Ausbleibens der gndigen Komplimente, ganz vernichtet dastanden. Nur Barberina lie so etwas wie Trotz in ihren Augen aufleuchten! Und das empfand er. Zgernd stand er auf, kam langsam auf sie zu, ergriff ihre Hand und berhrte flchtig ihre Fingerspitzen mit den Lippen. Charmant! sagte er galant. Sie haben viel Grazie und echte Passion bewiesen! Aber was Sie tanzten, das sind Spielereien! Sie sind eine groe Knstlerin, voll schpferischer Intuition. Sie mssen lernen, Ihrer wrdige Sujets zu eruieren! Sie bedrfen darin noch der Fhrung! Wir haben Anla genommen, Ihnen ein Ballett komponieren zu lassen, worinnen Sie alle Ihre exzellenten Vorzge zu voller Geltung bringen knnen! Meister Graun wird es in eine der auf dem Spielplan stehenden Opern einfgen. Die Idee stammt von uns selbst! Meister Pesne fertigt die dekorativen Entwrfe an -- unser Intendant hat die Anweisung, an nichts zu sparen, sondern alle Krfte unserer Oper aufzubieten. Alle Schwesterknste Terpsichores werden Ihnen dienstbar gemacht -- Schnheit, Grazie, Leidenschaft haben Sie auch zur Verfgung Ihres eminenten Knnens! -- Wir wollen eine Apotheose der durch den Geist belebten Materia -- die Geburt der Bewegung -- des Lebens selbst wollen wir durch Ihre Person in Erscheinung treten lassen! Sie sollen Galathe darstellen, Mademoiselle, die unter den Hnden Pygmalions zu leben beginnt! Das knnen Sie, darauf vertrauen wir fest, wie keine andere! So wollen wir Sie -- _=in Ihrer Kunst=_ -- verehren! -- -=Bon soir, mademoiselle! -- Bon soir, messieurs!=- Er hob den Hut leicht, neigte den Kopf gegen die Anwesenden und ging in seine Gemcher! Wie ein General nach beendigter Parade Kritik hlt oder, vor einer Schlacht, die -=ordre de bataille=- erlutert -- so hatte er gesprochen! Auch das Lob kurz bemessen und dienstlich knapp! Und dann: -=Bon soir, mademoiselle!=- Nicht die erwartete, ihr so oft schon erteilte Einladung zum Souper im Konfidenzzimmer! -- Ihr ganzer bermtiger, mit Rothenburg ausgeheckter Racheplan war ins Wasser gefallen! Sie war gewi gewesen, durch ihn alles wieder einzurenken und seine gute Laune wiederherzustellen! Und nun entzog er ihr die Gelegenheit, stellte sie auf die Stufe der angestellten Knstlerin und kehrte den gndigen Herrn und Gebieter heraus, statt, wie so oft, den galanten Verehrer! Sein Feldherrngenie hatte eben mit feinem Instinkt die Falle gewittert und der Gefahr geschickt vorgebeugt. -=Bon soir mademoiselle!=- hatte er gesagt und das Schlachtfeld verlassen! Gleichzeitig aber es glnzend behauptet! 19 Im Hause des Grafen Rothenburg war eine glnzende Tafelrunde um Barberina versammelt. Die Koryphen der Hofgesellschaft hatten sich Rendezvous gegeben. Graf Algarotti, Chevalier du Chazot, Rothenburg selbst -- alle waren sie da; selbstverstndlich auch Pllnitz, der nach dem Scheitern seines Nrnberger Heiratsprojekts zurckgekehrt und vom Knig wieder in Gnaden oder vielmehr in gndigsten Ungnaden aufgenommen war. Die erlesensten Speisen wurden aufgetragen -- der Champagner perlte in den Kelchen -- die Stimmung war ausgelassen -- Scherze und Anekdoten lsten sich ab. Und da hatte der unermdliche Erzhler Pllnitz, wie immer, das groe Wort. Er war ein Landsmann von Ihnen, Mademoiselle! bemerkte er, die eben angefangene Erzhlung fr einen Augenblick unterbrechend. -- Er machte am Hofe des Knigs von Preuen Karriere wie Sie -- wenn auch in anderer Weise! Er wurde General der Artillerie -- was Sie niemals erreichen werden, und endigte am Galgen, vor dem Sie ein gndiges Geschick sicherlich bewahren wird! Ich strebe auch nicht so hoch, Baron! lchelte Barberina. Mein Ehrgeiz hlt sich auf einem viel bescheideneren und weniger luftigen Niveau! Eine schne Dame hngt man berdies hierzulande nicht, wie Sie als Zeremonienmeister wohl wissen werden! lachte Rothenburg. Man hngt ihr hchstens -- im Notfall -- einen Gatten an! replizierte Algarotti. Wie ungalant! rief Chazot. Sie scheinen nicht zu wissen, da mein Vertrag mir verbietet, an die Freuden der Ehe zu denken?! lachte Barberina. Wre es indiskret, zu fragen, oh Sie Ihr Gelbde zu halten gedenken? Sie, Graf Rothenburg, werden mich sicherlich nicht in Versuchung bringen! Ich werde jedenfalls alles aufbieten, um Sie vom Pfade der Tugend abzubringen, Mademoiselle! Von der Tugend steht nichts im Vertrag! beeilte sich Pllnitz einzuwerfen. Nur von der Ehe! Und auch das war gnzlich berflssig! sagte Barberina. Ich wte jedenfalls keinen, dem ich meine Freiheit opfern mchte! Und doch wei Fama zu berichten, da Mademoiselle unter Dero berhmtesten Entrechats auch den Sprung in die heilige Ehe zu studieren mit Erfolg bemht waren! Barberina nippte an ihrem Glas und gedachte einen kurzen Augenblick ihres entschwundenen Liebhabers. Die Zeit des Studiums ist vorber! sagte sie dann mit einem leichten Seufzer. Aber wir wollen unseren liebenswrdigen Baron nicht unterbrechen! Erzhlen Sie weiter von Ihrem illustren Abenteurer! Sein Metier interessiert mich! Sein Metier brachte ihm nicht so viel Schtze ein wie Ihnen das Ihrige! Der rmste! Er war nmlich Goldmacher --! Die Kunst haben Sie dann wohl bei ihm gelernt, Pllnitz, nach Ihren Reichtmern zu urteilen? fragte Rothenburg sarkastisch. Ich habe sie gelernt! Wahrhaftig, ich nahm bei ihm Unterricht! Leider aber lernte ich spter auch die Kunst, Gold zu Papier zu machen, als ich zu Zeiten Laws in Paris war! Und das rcht sich! Das gelbe Metall verlangt vor allem Treue! Aber -- bleiben wir bei unserem Abenteurer! Ich war noch ein junger Mann, als er an den Hof von Berlin kam! Welchen Glauben hatten Sie damals gerade, lieber Baron? fragte Rothenburg sffisant. Den, den alle anderen Leute von Geist und Erziehung hatten! Ich glaubte an den Stein der Weisen! Und auch Sie -- haben ihn niemals zu sehen bekommen? Doch! Ich habe ihn sogar in der Hand gehalten! Er streckte die Rechte aus. In dieser meiner Hand! Und -- trotzdem ist er ein Geheimnis geblieben? Mein Fehler ist es nicht! rief Pllnitz lebhaft. Das glauben wir Ihnen aufs Wort! Alle lachten. Lachen Sie nicht! Wenn Sie, wie ich, mit Ihren eigenen Augen gesehen htten, wie sich ein Stck Silber in pures Gold verwandelte, wrden Sie nicht lachen! Das htten Sie gesehen? -=Parole d'honneur=-, ich habe es gesehen! Und es war kein Traum! -- Ich ging zu ihm in sein Laboratorium! Ich war neugierig! Alle Welt drngte sich ja dazu, sein Geheimnis zu erforschen -- er aber wies sie smtlich ab. Nur zu mir hatte er Vertrauen! Er war ein Menschenkenner! Zweifelsohne! Er lud mich also ein -- lie mich feierlichst schwren, das Geheimnis zu wahren --! Sehen Sie! rief Chazot. Er wute, da er sich auf Ihr Plaudertalent verlassen konnte! Lieber Graf! schmollte Barberina, ich brenne vor Neugier! Reden Sie doch dem armen Baron nicht ins Gewissen! Lassen Sie ihn doch weiter erzhlen! Ich bemhe mich ja nach Krften, ihn dazu zu bringen, den Schwur zu brechen! Nicht ntig, lieber Graf! rief Pllnitz lebhaft. Ein Eid ist doch nur dem Sinn nach zu halten! Wenn jemand mir ein Geheimnis unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit anvertraut, so tut er's doch nur in der Absicht, ihm die grtmgliche Verbreitung zu verschaffen! Ganz recht! lachte Rothenburg, und alles lachte mit. Ich bitte Sie, sagte Pllnitz, sonst wrde er mir doch nicht das Geheimnis verraten. Ich hab's denn auch ruhig weitergegeben, und -- wenn's Ihnen Vergngen macht -- Aber sehr! rief Barberina. Ich will also weitererzhlen! Ich kam zu ihm in sein Laboratorium! Er zeigte mir seine beiden Tinkturen -- die rote Tinktur -- die -=materia prima=-, auch der Stein der Weisen genannt -- ein fleischfarben schillerndes Pulver -- und ein weies Pulver, das er die >weie Tinktur< nannte, mit der er Quecksilber in reines Silber verwandeln zu knnen vorgab. Mit der -=materia prima=- aber wollte er nicht nur Gold herstellen, sondern auch alle mglichen anderen Wunderdinge verrichten. So zum Beispiel die Jugend wiederherstellen und das Leben mittels des unfehlbar wirksamen und alleinseligmachenden >Jungfernpergaments< verlngern -- -- Und von all dem Schnen haben Sie das schnde Gold gewhlt? Man nimmt, was man nicht hat, Mademoiselle! Jugend hatte ich, und an die Verlngerung des Lebens zu denken, schien mir noch verfrht! Gold aber ist, besonders bei einem jungen Mann von Welt, ein seltenes Metall! Ich nahm also sein Anerbieten an, vorerst einen Taler in Gold zu verwandeln! Das bewirkte er folgendermaen: er breitete ein Stck Pergament auf meiner Hand aus, streute Sand darauf, nahm dann ein Gran seines kostbaren roten Pulvers, breitete es ber dem Sand aus, legte den Taler darauf, streute Sand ber das Ganze und hie mich die Hand schlieen! Ein seltsames Gefhl, als ob alle Lebenswrme meines Krpers sich auf einmal in meiner Hand konzentrieren wollte, durchrieselte mich! Ich schrie auf! >Nur ruhig!< sagte er und ergriff meine Linke und fhlte den Puls. >Ich passe auf! ffnen Sie die Hand nicht, ehe ich's erlaube! Sonst ist's vertan!< Ich gehorchte! Ein gelblicher Rauch quoll zwischen meinen Fingern hervor. Ich fhlte eine durchdringende Glut in der Hand -- mein Atem stockte -- der Puls schlug immer schwcher und schwcher -- der Angstschwei trat mir auf die Stirn. -- >Genug<, rief er dann pltzlich. >Machen Sie die Hand auf!< -- Ich tat's und -- hielt in der Hand ein Stck puren Goldes! -- Es ist wahr, Rothenburg -- ich schwr' es Ihnen! -- Eine Tuschung ist ausgeschlossen! Den Taler hatte ich aus meiner eigenen Tasche genommen! Wenn Sie das nicht gesagt htten, lieber Pllnitz, sagte Rothenburg ruhig, so wrde ich's ohne weiteres angenommen haben. So mu ich glauben, da Sie, in Ihrer bekannten Distraktion, sich im Wert des Geldes oder -- sagen wir -- im Metall geirrt haben! Sie werden ihm ein Goldstck gegeben haben! -=Mais non!=- -- Wofr halten Sie mich?! Am Letzten des Monats -- bei dem kargen Gehalt eines Kammerpagen! -- Wo htte ich das Goldstck hernehmen sollen? Der Taler war mein letzter! Der Goldklumpen, den mir Don Caetano -- denn so nannte sich mein Abenteurer -- der Goldklumpen, den er mir gab, rettete mir das Leben! Und der Eid der Verschwiegenheit, den er Ihnen abnahm, machte ihn berhmt! Denn Sie sangen natrlich sein Lob in allen Tonarten! Der Hof wurde neugierig! Ob der Hof neugierig wurde! Der Knig selbst -- weiland Knig Friedrich der Erste, Gott habe ihn selig! -- interpellierte mich hchstselbst ber die Sache! Er lie daraufhin den Goldmacher kommen! Und Don Caetano hatte dann die Ehre, in allerhchst Dero Gegenwart, unter Beaufsichtigung des damaligen Kronprinzen, unseres spteren Knigs Friedrich Wilhelm des Ersten, selig, Quecksilber zu einem Pfund puren Goldes zu tingieren! Der Knig war nicht undankbar! Er schenkte ihm sein Bildnis in einem mit Brillanten besetzten Rahmen im Werte von zwlfhundert Talern, und auch das Patent als Generalmajor der Artillerie! Und dann lie er ihn aufhngen? Nun ja. -- Der Goldmacher war ein Betrger! Er verpflichtete sich, dem Knig sechs Millionen Taler zu tingieren -- und er hielt sein Wort nicht! Und Sie, Baron, wie entgingen Sie dem Galgen?! Ich fiel in Ungnade -- das war weit schlimmer als der Galgen! Ich ging nach Paris! Und hatten kein brillantenbesetztes Portrt des Knigs zum Trost? Das war mein Glck! Htte ich das gehabt, dann wre mir auch der Galgen gewi gewesen! Man soll sich vor kniglichen Brillanten in acht nehmen! Sie stellen immer die erste Phase der Ungnade dar -- Ein Bedienter trat ein und meldete dem Grafen Rothenburg die Ankunft des Knigs. Rothenburg eilte hinaus, und bald darauf trat Friedrich ein, von ihm und Jordan gefolgt. Er grte gndigst, kte Barberina galant die Hand und nahm neben ihr Platz. Sie haben uns heute durch Ihren Tanz exzeptionell divertiert! sagte er. Htten wir nicht noch verschiedenes zu ordnen gehabt, da wir morgen abreisen wollen, so htten wir Ihnen unser Wohlgefallen in der Oper bezeugen knnen! Sie gestatten uns, es jetzt nachzuholen und Ihnen dies Zeichen unserer kniglichen Gewogenheit zu dedizieren! Er nahm aus der Tasche seines Uniformrockes ein Etui und legte ihr selbst -- ein Armband von glitzernden Brillanten um! Eine seltene Auszeichnung! Barberina zuckte zusammen und blickte Pllnitz an. Friedrich merkte es. Was haben Sie, Mademoiselle? Gefllt Ihnen unsere Gabe nicht? Ich ersterbe vor Dankbarkeit ob der Gnade Eurer Majestt! Der Schmuck ist wahrhaft kniglich und selten schn! Was haben Sie denn? Baron Pllnitz erzhlte uns soeben die Geschichte eines anderen Brillantschmucks -- eines Schmucks von schicksalsschwangerer Bedeutung! Friedrich lachte. Man soll sich von Pllnitzens Aberglauben nicht gleich anstecken lassen! Er wird Ihnen seine alte Geschichte vom Stein der Weisen erzhlt haben? Ganz recht, Sire! Und -- Sie werden alle trotzdem ebenso klug sein wie zuvor! Ganz recht, Sire! Das ist eben die Quintessenz von Pllnitzens Weisheit! scherzte Friedrich. Ihm ward es wie wenigen gegeben, den erlesensten Lebensrtseln zu begegnen und -- blind zu bleiben! Er lernte nie philosophisch denken! Deshalb begreift er nichts -- und glaubt an alles! Selig sind, die glauben und nicht sehen! wagte Pllnitz einzuwerfen. Der blinde Glaube mag gut sein -- fr Subalterne, sagte Friedrich. Eine gewisse Ntzlichkeit ist ihm da nicht abzusprechen! Wer aber zum Fhrer berufen ist, darf nicht auf die eigene berzeugung verzichten! Ich glaube, was ich greifen und begreifen kann, und lasse mir ohne vollgltige Beweise nichts weismachen! Er wandte sich galant an seine Nachbarin. Ich glaube zum Beispiel fest an die unvergleichliche Kunst unserer charmanten Barberina und bin durch ihre Leistungen von ihrem Genie berzeugt! Ich werde aber trotzdem nicht darauf verzichten, sie erst als Galathe zu sehen, ehe ich die berzeugung ausspreche, da sie in der Rolle so auerordentlich sein wird -- wie ich hoffe! Barberina dankte mit einem Blick fr das Kompliment. Die Tafelrunde geriet in Bewegung. Sire, da spricht wohl nur der Wunsch Eurer Majestt nach einem seltenen sthetischen Genu mit? sagte Rothenburg. Mich berzeugten die Worte Eurer Majestt nur von allerhchst Dero Galanterie! sagte Jordan ruhig und freimtig wie immer. Majestt werden noch dazu kommen, vor Dero Victorien sich die Karten legen zu lassen! Denn Aberglauben ist's, und kein Glaube, der sich erst berzeugen lassen mu! Wrest du Pastor geblieben, Jordan, so wrde ich vielleicht auf dein Urteil in Glaubenssachen etwas geben -- wenn's gilt, ber Aberglauben zu reden! So gebe ich mehr auf das Feuer der schnen Augen unserer charmanten Barberina! Das wre schon imstande, mich glubig zu machen, wenn ich nicht fest in dem Aberglauben wre, mich erst durch ihre Leistung berzeugen zu lassen! Wovon wollen Eure Majestt noch berzeugt werden -- wenn meine Kunst schon das Glck hatte, heute die allerhchste Anerkennung zu erringen? fragte Barberina. Von Ihrer Fhigkeit, das mnnlichste aller Probleme -- im Leben wie in der Kunst -- zu erfassen und zu lsen! Denn das stellt meines Erachtens der Pygmalionmythos dar! Ich will sehen, ob Ihr Wille nachgiebig genug sein kann, ohne seine Elastizitt zu verlieren! Ich will wissen, ob Ihr weiblicher Instinkt Schwungkraft genug hat -- ob er mitkann -- oder zurckbleibt, wie bei den andern! Wird die Statue aus Stein im Morgenrot einer mnnlichen Tat zu vollem, hingebendem Leben aufflammen? Sire -- das hngt von der Sonne ab! Man kann in ihrem Glanz erfrieren -- man kann auch von ihren Strahlen versengt werden, ehe man sich seines Lebens recht bewut wird! Ich frchte fast, ich werde versagen! Wir wnschen, da Sie die Probe bestehen, Mademoiselle! Wenn der Feldzug vorber ist und die Truppen ins Winterquartier gehen, kehren wir wieder und holen uns die Besttigung! Wir werden dann Pygmalion sehen und das Wunder seiner Schpfung bestaunen! Dem in der Phantasie Erschauten kommt die Realitt des Kunstwerks doch niemals auch nur entfernt nahe! sagte Jordan. In diesem Falle glaube ich es sicher! Dieser feste Glaube Eurer Majestt ist eben, was ich Aberglauben nenne! Der Aberglauben wird zur sen Pflicht -- wenn eine so schne Dame sein Gegenstand ist! lispelte Pllnitz und blickte trotz der Anwesenheit Friedrichs Barberina so verliebt an, da sie ihm lachend auf die Hand schlug. Pllnitz wechselt eben den Glauben so oft wie den Gegenstand seiner Verehrung! sagte Friedrich. Was die Frauen betrifft, so habe ich aber den festen Glauben -- da er immer Pech hat! Sire, sagen Sie das nicht! ereiferte sich Pllnitz. Lesen Sie meine Memoiren -- lesen Sie meine Memoiren! Wir brauchen sie nicht zu lesen, um uns davon zu berzeugen, wie sehr Er darinnen nach Rache schnaubt -- Rache an dem schnen Geschlecht, das so undankbar war, Seine Verehrung abzulehnen! -=Mais non!=- Sie werden uns Frauen in Ihren Memoiren schn zugerichtet haben, Baron! lachte Barberina. Seine Memoiren, ebenso endlos wie seine Abenteuer, lassen sich auf das eine Wort Verachtung -- Verachtung fr das Weib -- zurckfhren! Sire, ich protestiere -- -- Wenn man ihre Grundstimmung in Verse bringen wrde, kme nichts als ein Spottgedicht heraus -- Wenn Sie es in Verse bringen, Sire -- dann sicher! seufzte Pllnitz in seinen falschesten Tnen. Ach, bitte, Sire, das drfen Sie uns nicht vorenthalten! lispelte Barberina, mit einem Blick, als erwarte sie von ihm alles andere -- nur keinen Spott. Haben _=Sie=_ die Gnade, spenden Sie uns Pllnitzens Zorn kniglich gereimt! Wohlan, wir wollen den Versuch riskieren! antwortete der Knig. Alles wartete entzckt lchelnd. Er sann einen Augenblick nach und begann dann: Als Gott in seinem Zorn Den Teufel schuf, Er nahm vom Bock das Horn, Vom Pferd den Huf, Und schuf ein Scheusal, garstig von Gesicht, Dem Wesen nach ein rechter Bsewicht! Er hllte ihn in Lieblichkeit, Gab ihm ein weiblich Auge, Zum Liebeswerben stets bereit, Und hie ihm: >Geh und sauge Den Mnnern ihre beste Kraft Aus Herzen und aus Nieren! Vergifte ihren Lebenssaft Und mach' sie gleich den Tieren! Kannst du das, sollst du gleich mir sein, Honig und Manna essen, Bleibt aber einer im Herzen rein, Sollst ewig Staub du fressen!< Dann schnitt er ihm die Krallen ab Und gab ihm Lilienhnde, Ein voller Busen ward zum Grab Fr seine Teufelsbrnde! Er lie ihn auf die Mnner los Als wunderse Dirne! Der Hlle Qualen birgt ihr Scho, Den Himmel tuscht die Stirne Den armen Erdentoren vor, Und rote Lippen lockten Zum Kssen! -- Wer den Kopf verlor, Wem _=da=_ die Pulse stockten, Auf ewig in die Glut versank! Unselig mut' er leiden, Weil er des Teufels Liebestrank Nicht tat auf Erden meiden! Bravo, bravo! rief die ganze Gesellschaft, als er geendet hatte. Nun, Pllnitz, haben wir da Seine Gefhle richtig getroffen? Sire, ich wrde nie im Leben zu beanspruchen wagen, als Urheber einer so schnen Improvisation zu gelten! Sie gaben uns doch den Anla! Den ueren vielleicht! Wenn Eure Majestt mir aber gestatten, offen zu sprechen -- --? Wir befehlen es sogar! Hier wollen wir uns doch keinen Zwang auferlegen! Wir wollen auch nicht die Welt um das seltene Amsement bringen -- Pllnitz offen sprechen zu hren! Also -=sans ceremonies=-, Herr Zeremonienmeister! Dann mchte ich mir gehorsamst zu bemerken erlauben, da Eure Majestt da nicht _=meinen=_ Gefhlen Ausdruck gegeben haben! So intensiv uert sich nur eigene Erfahrung! Friedrich runzelte die Stirn. Aber nur fr einen Augenblick. Wir leugnen nicht, in amoureusen Dingen einige Erfahrungen gemacht zu haben! Und waren sie nicht immer nach unserem Wunsch, so sind wir doch jetzt persuadiert, eines Besseren belehrt zu werden! Er streichelte die Hand Barberinas. Die Hoffnung habe ich lngst aufgegeben, sagte Pllnitz mit einem affektierten Seufzer. Ich lie mir von jener in Lieblichkeit gehllten Teufelsbrut, von der Eure Majestt sangen, den Lebenssaft eben nicht vergiften! Himmelsbrut mten Sie sagen, lieber Baron, lispelte Barberina. Gott hat doch, wie Majestt so richtig sagten, auch den Teufel erschaffen! Er hat aber auch Pllnitz erschaffen! lachte Friedrich. Und Pllnitz blieb im Herzen rein! Entsetzlich! rief Pllnitz. _=Meiner=_ Reinheit halber mte also jenes hllische Ungeheuer Weib, dem Eure Majestt in dem soeben mit so groer Kunst vorgetragenen Gedicht die Krallen abzuschneiden die Gnade hatten, statt Honig und Manna >ewig Staub< fressen! Geben wir uns besiegt, Mademoiselle! Wir kommen gegen Pllnitzens Logik nicht auf! Majestt wollen nicht vergessen, sagte Barberina, da unser lieber Baron der einzige unter uns ist, der den Stein der Weisen in der Hand gehabt hat! Dagegen mchte ich protestieren! rief Jordan lebhaft. Jeder Mensch hlt einmal im Leben, wenn auch ohne es zu wissen, den Stein der Weisen in seiner Hand, und damit die Macht, in dem Moment sein Schicksal zu gestalten! Hat er Glck, so bt er, justement in dem Augenblick, instinktiv seine Macht aus -- und wird sehend, nicht nur fr sich, sondern auch fr die anderen! Du hast recht, Jordan, sagte Friedrich ernst. Die Natur stellt uns da auf die Probe, ob wir die empfangenen Fhigkeiten so weit zu entwickeln imstande sind, da wir unsere Bestimmung ahnen und danach unsere Handlungsweise fr alle Zukunft richten! Bestehen wir die Probe, so werden wir nicht verworfen, und Fortuna hlt in jeder Gefahr schtzend ihre Hand ber unsere Person und unser Tun! Die Aufgabe, die einem jeden dabei gestellt wird, fllt weniger ins Gewicht! Die Hauptsache ist, da man die Fhigkeit erlangt, schnell wie der Blitz die Gelegenheit zu erfassen und zu benutzen! Die wird einem jeden, der sie will! Sie geht ihm aber unwiederbringlich verloren, wenn er nur _=ein einziges Mal=_ zaudert, im Entschlu zaghaft oder in der Ausfhrung unsicher wird! Zh an dem Glauben der Vorbestimmung unseres Lebensschicksals festhalten -- das ist mein Glaube! Selig macht dieser Glaube aber auch nicht! Und Enttuschungen bringt auch er, entgegnete Jordan. Also mchte ich das auch Aberglauben nennen! Aber -- der Aberglauben des Genies! Ob mein Glaube mich selig macht oder nicht, das wird nicht einmal Jordan zu entscheiden haben! lachte Friedrich. Wir wollen hier nicht dem Jngsten Gericht prjudizieren! Warum nicht, Sire, sagte Barberina. Es wre doch amsant, sich eine Vorstellung des Hergangs zu machen! Ich bin wirklich begierig, zu wissen, ob und wie wir, die wir hier um den Tisch sitzen, uns beim Jngsten Gericht wiedersehen werden! Wenden Sie sich an Pllnitz, Mademoiselle! Er ist der einzige von uns, der mit zeremoniellen Dingen Bescheid wei! Majestt haben also die Gnade, anzunehmen, da ich wenigstens als Sachverstndiger fr die himmlische Seligkeit in Frage kme? Das mu Er uns eben beweisen! Wie wrde Er es zum Beispiel anstellen, um fr uns selbst die ewige Seligkeit zu beanspruchen? Ein schwerer Kasus! lachte Jordan. Um so mehr Reiz mu es fr Pllnitz haben! Ich mu gestehen, sagte Pllnitz, ich befinde mich da in einiger Verlegenheit! Ich hatte noch nie einen Knig auf der Liste der von mir zu erbittenden Audienzen. Wenn ich also am Himmelstor anklopfe, und Sankt Petrus mir aufmacht -- Dann wird Er weder Knig noch Bettler, sondern den Menschen zu melden haben, lieber Pllnitz! _=Mich=_ melde Er also nur als den Fritz! Zu Befehl! Ich melde also den Fritz! -- >Was will denn _=der=_ hier?< wird der gestrenge Hter des Himmelstors fragen. >Der hat schon auf Erden seine Seligkeit -- im Ruhm gesucht! -- Der hat keine andere gelten lassen! Hat der jemals Liebe empfunden? Hat er sich wie ein wahrer Christ gedemtigt?! Hat er den rechten Glauben bettigt?! Er will vor Gottes Thron erscheinen?! -- Ja -- hat er denn etwa -- er, der stets die Gottheit mit den Lippen verleugnete -- im _=geheimen=_ doch an sie geglaubt?< -- Was soll ich armer Erdenwurm dann auf so knifflige Fragen antworten, Sire? Mein lieber Zeremonienmeister, sagte Friedrich, und es kam etwas Straffes in seine Haltung und Festigkeit in seinen Blick, frage Er mich danach -- in der nchsten Schlacht, wenn die Kugeln uns um die Ohren pfeifen und _=nicht treffen=_! Wenn Er mich _=dann noch=_ fragt -- da werde ich Ihm auch zu antworten wissen! Es wurde still in der Runde. Aller Blicke senkten sich vor der Majestt, die aus den Worten sprach. Barberina wagte zuerst die Stille zu brechen. Und der Graf Rothenburg? -- Wenn Sankt Peter nach seinen Meriten fragt -- was werden Sie sagen? Pllnitz lachte boshaft auf. Da habe ich gar keine Angst! Wenn auch der Torhter des Himmels beim Lesen des Namens Rothenburg seinen silbernen Bart schttelt und mich unter buschigen Brauen barsch anglotzt und sagt: >Wie? Dieser Sybarit -- dieser lockere Gesell bemht sich auch um Eintritt? Ich sah ihn noch nie auf dem schmalen Pfad der Tugend!< -- >Exzellenz<, werde ich sagen, >der Graf hat sich zwar in Worten mit seinem Unglauben gebrstet, aber nur weil es Mode war! Seine eigene Tugend hat er stets so gut zu verbergen gesucht, da kein Mensch sie je in Gefahr bringen konnte! Sein Leben lang lag er stets in inbrnstiger Anbetung auf den Knien. Aus ganzer Seele verehrte er die Schnheit, die Anmut und den Geist, die der Schpfer in das Vollkommenste seiner Schpfungen niederlegte! Stets machte er die schnsten der Frauen zu Altren seines Gottesdienstes! Sein Gebet war Poesie -- seine Beichte atmete beseligende Liebe. -- -- Ehren, Auszeichnungen, Reichtum -- allem entsagte er und legte es den Frauen zu Fen! Gesundheit, Leben -- alles opferte er ihnen in zahllosen Duellen, und was hatte er davon? Undank, Neid, Verleumdung, die grausamsten Qualen der Eifersucht! -- Kein Heiliger war fter in Versuchung als er! Kein Heiliger wurde je so schwer geplagt -- kein Heiliger fiel fter als er -- und lernte die Snde so gut aus eigener Erfahrung kennen!< -- >La den braven Mann eintreten!< wird Petrus sagen. >Als abschreckendes Beispiel -- als bufertiger Schlemmer -- als Prediger fr die Wstlinge wird er das rechte Wort zu finden wissen!< Frwahr! lachte Rothenburg, wenn ich mit Sicherheit darauf rechnen drfte, da Pllnitz mir als Frsprecher dienen wrde -- mir wre es um die Seligkeit nicht bange! Denn er hat mehr und bessere Ausreden als tausend Priester! Ich befrchte aber, da er seine Gewandtheit in hfischen Knsten mitsamt seiner brigen Leiblichkeit hienieden lassen wird, um im Stande der Unschuld da oben zu erscheinen! Da wird nicht viel von ihm brigbleiben! lachte Friedrich. Er wird jedenfalls so viel Geist damit verbrauchen mssen, uns andere hineinzuschmuggeln, da er selbst nachher dumm drauen stehen mu! sagte Jordan. Mit Ihnen werde ich nicht viel Mhe haben, Jordan! rief Pllnitz. Bei Ihnen wird der Hinweis gengen, da Sie Pastor waren und aufhrten es zu sein! Die Tatsache, da Sie schon bei Lebzeiten aufhrten, mit dunklen Rtseln die Geister hienieden zu verwirren und so, wenn auch negativ, zur Aufklrung beitrugen, wird beredter fr Sie sprechen als ich! Und wenn das nicht gengen sollte -- ich brauchte blo darauf hinzuweisen, da Sie sich bei jedem Gewitter bekreuzigen und Ihre lsterlichen Reden bei Tag durch allabendliche Gebete vor dem Zubettegehen wieder gutmachen! -- Mit Ihnen werde ich es also leicht haben! Weit mehr Sorge macht es mir, wie ich einen anderen, der hier nicht anwesend ist, hineinbringe, denn er wird sicherlich zunchst dem Knige auf meiner Liste stehen! Ich meine Voltaire! Ich wte nicht, was ich Gutes ber ihn vorbringen knnte! Da wre ich auch in Verlegenheit! sagte Barberina, die auf die in den Augen des Knigs alles berragende Bedeutung Voltaires auch eiferschtig war. Was wrden Sie zum Beispiel antworten, wenn Petrus Ihnen vorhielte, da er durch Sklavenhandel Reichtmer sammelte? Ich will Ihnen helfen, Pllnitz, rief Rothenburg. Ach bitte, tun Sie das! Sagen Sie nur: wenn er sich mit Sklavenhandel befate, so tat er's nur, um das Leben in seiner grausamsten und scheulichsten Form kennenzulernen. Denn das _=mute=_ er als Sittenschilderer! Und wenn er dadurch Reichtmer sammelte, so tat er's -- um frei und unabhngig zu werden! -- Denn nur als freier Mann wird er sich den Luxus leisten knnen, fr die Rechte des Menschen einzutreten und aufklrend zu wirken! Wenn aber Petrus mir dann vorhlt, Voltaire htte das Heiligste verspottet, da er sagte: >Wenn jener Jude mit seinen zwlf Aposteln die christliche Religion zu stiften vermochte -- warum sollten nicht _=ich=_ und zwlf ebenso gescheite Leute eine weit bessere Religion machen knnen?< -- Denn das hat er gesagt! Er hat aber keine gemacht! sagte Friedrich ruhig. Und wenn Sie darauf hinweisen, wird es gengen! Denn schon die Tatsache, da er der Welt _=nicht=_ noch eine neue Religion bescherte, ist ein so ungeheures Verdienst um den Frieden auf Erden, da das allein da oben all seiner Bosheit und seinem Spott zur Entschuldigung dienen wrde! Sire, wenn Eure Majestt da oben so gut Bescheid wissen -- drfte ich dann alleruntertnigst bitten, mir gndigst zu sagen, unter welchem Vorwand ich selbst hineingelangen wrde? fragte Pllnitz. Ohne allerhchst Dero Protektion geht's sicherlich nicht! Es gibt wohl keinen Erdenwurm, der so viel Pech hat, wie ich -- -- keinen, dem so viel Schlechtes nachgesagt wird! Wenn ich mit all dieser Sndenlast da oben ankomme -- und berdies noch fr Eure Majestt und die gesamte Suite von Philosophen aufkommen mu -- dann wird man mir zu guter Letzt sagen: >Pllnitz, in die Hlle mit dir! -- Du verseuchst uns den Himmel mit all den Freigeistern! Wenn unsere Leute hier oben zu viel Aufklrung erhalten, dann glauben sie nichts mehr, dann werden sie zu gescheit -- dann werden sie sagen, die Seligkeit hier oben _=ist=_ keine Seligkeit, und was wei ich noch! Sei Er unbesorgt, lieber Pllnitz! sagte Friedrich und leerte sein Glas. Dann wird Seine Flatterhaftigkeit und Sein loses Maul da oben erst recht als Kontrast gebraucht, um das Gleichgewicht gegen uns andere herzustellen. Und wenn Er wirklich all die Schlechtigkeit mit heranschleppen wrde, die man Ihm, mit Recht oder mit Unrecht, hienieden nachsagt, und alle die Flche, die Er in dem langen Lotterleben auf Seinem sndigen Haupt angesammelt hat -- dann wird der Herrgott, _=sofern=_ ich _=ihn kenne=_, laut auflachen und sagen: >Geh, Pllnitz, Er ist ein Schaf! Tret Er her und stelle Er sich zu meiner Rechten!< Worauf er Barberina die Hand kte, aufstand, den Hut lftete und ging, wie er gekommen war, von Jordan gefolgt und von Rothenburg unter vielen tausend alleruntertnigsten Komplimenten bis an den Wagen geleitet. 20 Das Opernhaus lag hell erleuchtet da, dicht umstanden von glnzenden Equipagen, Dienern mit lodernden Fackeln und Hunderten von Neugierigen, die der Winterklte trotzten, um etwas von dem Glanz und der Pracht zu sehen. Der Knig war nach sechsmonatigem Aufenthalt im Felde wieder nach Berlin zurckgekehrt und hatte einen Maskenball ansagen lassen. Und alle, die irgendwie berechtigt waren, zugelassen zu werden, drngten sich, ihn zu sehen und am Feste teilzunehmen. Die Auffahrt des Hofes war beendigt, der Ball in vollem Gange. Da trat aus einer Tr der dem Schlosse zugewandten Seite des Hauses eine Gestalt heraus, den Hut tief in die Stirn gedrckt, den weiten Mantel dicht zusammengezogen, drngte sich schnell durch die Schar der Gaffer und entfernte sich nach dem Schlosse zu. ber die lange Brcke ging ihr Weg und dann am Ufer des Flusses entlang, an dessen anderer Seite die riesige Silhouette der Hohenzollernburg hoch zum Nachthimmel ragte. Kein Licht war im ganzen Hause zu sehen, auer in der offenen Wasserpforte, durch die dunkle Schatten heraus und hinein huschten, schwere, verhllte Gegenstnde trugen und sie auf einen langen Spreekahn verluden. Der Wanderer blieb an der Brstung stehen und schaute neugierig dem geheimnisvollen Treiben zu, bis die Fackeln verloschen, das Tor verschlossen wurde und der Kahn sich langsam in der Richtung nach der Mnze zu in Bewegung setzte. Dann ging der Wanderer weiter durch die dunklen Straen, stieg die Treppen eines alten Patrizierhauses hinauf und trat in das gerumige Schlafzimmer im ersten Stock ein, das nur schwach erleuchtet war. Er trat an das Bett, aus dem beim ffnen der Tr ein schwacher Husten hrbar wurde. Du hast mich rufen lassen, Jordan! So geht es dir schlimmer? Nicht schlimmer als sonst -- aber doch schlimm genug! Ich konnte meiner Unruhe nicht Herr werden! Der Gedanke, da ihr Feste feiert, wenn um uns herum alles in Trmmer zu fallen droht, peinigte mich. Um so mehr, da ich hier ohnmchtig liege und kein Wort der Warnung am rechten Ort und zur rechten Zeit laut werden lassen kann! Den Knig durfte ich nicht stren! Und so rief ich dich! Keyserlingk, denn er war es, schlug den Mantel zurck und setzte sich in den Sessel am Bett. Wie du siehst, bin ich deinem Rufe gleich gefolgt! Ich mute mich aber beim Knig beurlauben und sagte ihm also von deinem Wunsch! Er lt dich gren und will selbst nach dir sehen! Ihm wird es auch darum zu tun sein, des Freundes Stimme zu hren! Wre das der Fall, so wrde er sich nicht mit Festen zu betuben suchen! Andere will er betuben, nicht sich! Er will keine Beunruhigung aufkommen lassen, deshalb zeigt er sich der Menge froh und vergngt! Du kennst den Fritz doch ebensogut wie ich! Ich _=kannte=_ ihn vielleicht besser als irgendeiner! Ich erkenne ihn aber nicht wieder, seitdem er die groen Enttuschungen dieses so glorreich begonnenen Feldzuges erlebt hat! Kein Wort spricht er darber, er, der mir sonst alles anvertraute! Du bist krank, und er will dich nicht beunruhigen! Dann mte er mir eben reinen Wein einschenken! Er frchtet aber meine Kritik! Voll bermut zog er hinaus in den Krieg! Jetzt schmt er sich! Du fieberst, sonst wrest du der letzte, solche Worte zu sprechen! Wann ging er je einem offenen Wort aus dem Wege?! Er _=bedarf=_ deiner Kritik nicht! Er steht mitten in seiner Tat und kennt sie besser als irgendeiner! Alles, was du ihm sagen knntest, hat er sich selbst gesagt -- und mehr noch dazu! Mir ist es darum zu tun, zu helfen, nicht zu tadeln! Vier Augen sehen mehr als zwei! Und jetzt, wo alles von ihm abfllt, wo er nicht mehr wei, auf wen er sich hier im eigenen Hause verlassen kann, tte es ihm not, da auch andere die Augen fr ihn offen halten! Wennschon, so bedarf er vor allem, da man ihn nicht verstimme. Dem geht er aus dem Wege, und da hat er recht! Das tat er aber frher nicht! Die sechs Monate haben ihn eben um Jahre der Erfahrung reicher gemacht. In der Not lernt man die Menschen kennen! Wer was taugt, entnimmt der Niederlage die Lehre fr den Sieg! Anderer Lehren bedarf er dann nicht! Jordan schwieg. Ein heftiger Husten erschtterte die kleine, drre Gestalt! Keyserlingk reichte ihm den auf dem Nachttisch bereit stehenden Labetrunk und setzte sich wieder. Jordan betrachtete ihn lchelnd. Ewiger alter Sausewind, der du bist! Wenn man dich so aufgerumt, heiter und lebenslustig dasitzen sieht, wre man in Versuchung, zu glauben, da uns nichts etwas anhaben knnte! Leider sind nicht alle so! Das sind Schafskpfe! rief Keyserlingk bermtig. Wo sie den Fritze haben und wissen, wie er gleich dem Blitz dreinfahren kann, wenn's gilt, mten sie sich freuen, wenn sich recht schne Gewitterwolken am Horizont zusammenballen! Was schadet es, da der Kaiser jetzt pltzlich starb und die Sddeutschen abfallen und wieder die Kaiserkrone an sterreich verschachern wollen! Preuen macht den Schacher nicht mit -- und wir sind die Rcksicht auf die Verbndeten los! _=Die=_ Rcksichtnahme hat uns den Feldzug gekostet! Fritze hat am eigenen Leibe gelernt, da Bndnisse unter Menschen nur so weit reichen wie der eigene Vorteil, und da offene Feindschaft besser ist als hinterhltige und sumige Verbndete! Wenn auch der Bund mit Frankreich noch hlt -- Fritze wird auf die Wnsche Frankreichs keine Rcksicht mehr nehmen! Er wird, wie er es selbst fr gut findet, handeln! Htte er das gleich getan, htte er nicht Bhmen wieder aufgeben mssen! Dann stnde er jetzt vor Wien und htte es nimmer ntig gehabt, noch mitten im Winter zu kmpfen, um die sterreicher aus Schlesien herauszuwerfen! Allein kann aber auch er nicht gegen eine ganze Welt an! England, Holland, Sachsen, sterreich haben sich gegen ihn verbndet! Ruland ist unsicher! Die Armee ist von Krankheiten dezimiert und immer noch schwer heimgesucht. Die Magazine sind leer, das grobe Geschtz ist vor Prag gnzlich verlorengegangen! Wir sind arm! Wo nehmen wir das Geld her, um Soldaten, Munition, Ausrstung und Proviant zu beschaffen? Das -- Federikus Jordan -- la nur ruhig meine Sorge sein! sagte eine Stimme an der Tr. Keyserlingk sprang aus dem Sessel auf. Jordan richtete sich im Bett empor. Sorge du nur dafr, da mein lieber alter Jordan wieder gesund wird, damit mir _=die=_ Sorge genommen wird. Dann ist alles andere auch gut! Der Knig trat an das Bett und nahm in dem Sessel Platz. Er ergriff die Hand Jordans. Ein wenig Arzenei bringe ich dir mit, alter Querkopf! sagte er und ergriff seine Hand. ber den Feldzug will ich nicht mit dir rechten! Da gengt's, wenn wir einsehen, da wir Fehler gemacht haben, und sie blo nicht wiederholen! Wenn's dich ansonsten beruhigen kann, so hre: England, das mit den andern gegen uns verbndet ist, fngt an, mit uns zu liebugeln! Carteret, unser Feind, ist nicht mehr Minister! Die Pelhams sind am Ruder! Sie sind uns wohlgesinnt! Und wenn auch England noch an seine Traktate mit der Gegenpartei gebunden ist -- das Doppelspiel verstanden die Krmer drben immer gut! -- -- Aber setze dich, Keyserlingk! Du wirst heute noch das Tanzbein zu schwingen haben! Du bist wohl den Weg zu Fu gegangen wie ich? Ich sah keinen Wagen vor dem Hause! Keyserlingk bejahte die Frage -- und erwhnte dabei die geheimnisvollen Vorgnge am Schlo, die er unterwegs beobachtet hatte, in der Hoffnung, da Friedrich seine Neugier befriedigen wrde. Du hast wohl Gespenster gesehen! sagte der Knig lchelnd. Sonst pflegst du deine Augen nur zu benutzen, wenn schne Weiber im Fahrwasser sind! Sollten wohl die Nixen eine Invasion gemacht haben?! Das sah mehr nach Heiducken aus! sagte Keyserlingk eifrig. Wenn's nur keine Russen waren, wie es Jordan getrumt hat! lachte der Knig. Sei ruhig, Jordan -- nicht die Russen -- _=ich selbst=_ habe da ein bichen geplndert! Nicht, weil ich's ntig htte -- nur damit du wahr trumst! Denn -- auf die Plnderung kam's dir bei dem Traum wohl an! Und er erzhlte den Freunden, wie er all die silbernen Tischplatten, Kandelaber und anderes Gert, auch den groen silbernen Musikantenchor aus dem Rittersaal, den sein Grovater, der erste Knig von Preuen, hatte anfertigen lassen, nach der Mnze schaffen lie, um die Schtze in harte Taler umzuprgen. Nicht aus Zwang der Not, sagte er nochmals eilig, als er die erschrockene Miene Jordans sah. Wir haben Geld genug, den Krieg weiterzufhren. Sechs Millionen Taler haben wir dem Schatz entnommen, anderthalb Millionen haben die Stnde hergegeben! Wir benutzen nur die Gelegenheit, den alten geschmacklosen Plunder im Schlosse loszuwerden und nutzbringend anzulegen. Wir verwandeln ihn in Soldaten, Pulver und Blei, die uns in den Stand setzen, Viktorien zu gewinnen! Nachher lassen wir ihn wieder auferstehen -- aber in veredelter, knstlerisch wertvollerer Form! Die Knstler kriegen zu tun, und wir haben den Gewinn! Jordan aber, dessen Traum von der Plnderung des Schlosses uns auf den Gedanken brachte, hat die Verantwortung fr den Schaden -- wenn's ein Schaden sein sollte! Er lachte kurz. Ich werde mich in acht nehmen, sagte Jordan, Eurer Majestt nochmals meine Trume mitzuteilen! Reliquien sind Heiligtmer -- So viel Wert haben sie nimmermehr wie das Blut eines einzigen meiner Grenadiere, das auch fr die Sache flieen mu! -- -- Sag einmal, Jordan, du Allerweltsbesserwisser -- was hltst du von den Tanzmeisters? fragte er dann, pltzlich auf ein anderes Gebiet berspringend. Eure Majestt wollen gndigst den Grafen Keyserlingk darber interpellieren! Er versteht sich auf das Ballett besser als ich! Sicherlich! lachte Friedrich. Auch ich traue mir einiges Urteil auf dem Gebiet Terpsichores zu. Nun fragte ich aber nicht wegen des Tanzes! Ich mchte nur wissen, was du von denen Tanzmeisters -- _=als Politikern=_ hltst! Eure Majestt belieben zu scherzen! Auch im Scherz suchen wir den Ernst! Diplomaten sind oft gute Tnzer, aber zu weiter nichts zu gebrauchen! Warum sollte denn nicht ebensogut ein Tanzmeister Pirouetten in der Diplomatie machen knnen? -- Da kam uns jedenfalls neulich einer herangehpft mit einer guten Idee, die unserer Politik ntzlich werden konnte! Wir griffen sie auf! Wir nahmen die Invitation zum Tanz an -- wir streckten die Hand aus -- da macht der Teufelskerl ein Salto mortale und lt uns die Tour solo beendigen! Wollen Eure Majestt die Gnade haben, zu erklren, um was der Tanz ging? Wenn wir mittanzen, geht's immer um die Krone, Jordan! Um die -- --? Um die Kaiserkrone, -=mon ami=-! Um eine andere wird hier im Lande nicht getanzt! Die will man jetzt wieder dem Hause sterreich zu tanzen! Wir wollen es aber nicht! Wir sehen sie lieber auf dem Haupte des Kurfrsten von Sachsen -- obwohl er, als Knig von Polen, eigentlich nicht in Frage kme! Ruland teilt unseren Wunsch und bietet dem Grafen Brhl ansehnliche Summen, um ihn dazu zu bewegen, die Kandidatur Augusts aufzustellen! sterreich, England -=e tutti quanti=- haben ihm aber schon erhebliche Summen fr das Gegenteil bezahlt! Und Brhl hat also das Angebot Rulands zu dem Versuch benutzt -- England mehr Geld abzupressen! Abscheulich! Was willst du! Ohne Bestechung wird in der Politik nichts erreicht! Brhl hat noble Passionen -- teure Passionen! Er verkauft aber auch seinen erlauchten Herrn nur zu den hchsten Preisen! Seine Briefe in dieser Sache an Carteret kannten wir dem Inhalt nach! Wir brauchten aber die Originale, um sie in Petersburg vorlegen zu lassen und so das Doppelspiel Brhls aufzudecken. Knnen wir das, dann wird sich Ruland ruhig verhalten, wenn wir nicht ganz so sanft mit Sachsen umspringen! Und die Originale? fragte Keyserlingk. Die wurden unserem braven Klinggrff von einem ehemaligen Tnzer, Chevalier Fossano, angeboten, dem sie -- da er auch Spielbankhalter war -- als Pfand fr eine Spielschuld einer der Kreaturen Charterets in die Hand gegeben waren. Unser braver Klinggrff aber griff nicht gleich zu! Der Preis war hoch -- er glaubte erst unsere Erlaubnis einholen zu mssen! Und inzwischen tanzte der Ballettmeister mit seinem interessanten Raub in die weite Welt hinaus! So wenig Wagemut haben unsere Diplomaten! Sie sind unfhig oder ngstlich, hben wie drben! Wir mssen alles selbst tun! Auch im Felde! Unsere besten Generale sind gefallen, oder sie kehren uns schmollend den Rcken! Wollen Majestt den General Einsiedel nicht pardonieren? Nimmermehr! Er hat uns durch seine miserablen Manvers schon eine halbe Armee gekostet! Wenn aber dann der Feldmarschall Schwerin wiederkehrt? So wird Schwerin nicht wieder angenommen! Wer seinem Knig Bedingungen macht, wenn Not am Mann ist, den kann der Knig nicht gebrauchen! Schwerin war unser bester Mann! Das mit dem Einsiedel hat er uns krumm genommen und ist gegangen, weil wir ihm seinen Willen nicht tun! Wir lassen uns aber nicht zwingen! berdies ist ja Winterfeldt noch da! Und den Alten Dessauer haben wir wieder ins Kommando berufen! Eine harte Nu! lachte Keyserlingk. Aber doch noch zu knacken! meinte der Knig. Er ist ein Querkopf wie Jordan -- aber ein General wie wenige! Schlesien hat er uns bereits gesubert! Er wird auch noch weiter gut funktionieren, wenn sein Eigensinn mit dem Feinde so viel zu tun bekommt, da er uns damit ungeschoren lassen kann! Und dafr wollen wir sorgen! Wir sind aber nicht gekommen, um ber unsere Generale mit dir zu rsonieren! Es gibt Leute, die uns weit schwierigere Probleme stellen! Drfte ich fragen, welche? Wir sagten bereits -- die Tanzmeisters! Und auch die Tnzerinnen! Jordan warf sich im Bette zurck und blickte den kniglichen Freund lchelnd an. Nun, sagte Friedrich, du zeigst mit deinem Lcheln, da du recht geraten hast! Wir meinten die Barberina! Die Dame hat Ehrgeiz! Sie schien mir nicht nur in der Kunst eine Rolle spielen zu wollen! Wir haben sie auf die Probe gestellt! Wir haben versucht, ob sie imstande wre, auch nur in der Kunst -- also auf ihrem eigenen Gebiet -- unseren Intentionen Leben zu verleihen! Wir hofften das! Sie hat uns aber enttuscht! Wir waren mit ihrer Galathe sehr bel zufrieden! Du hast sie doch auch gesehen? Allerdings! Wie gefiel sie dir? Gut! Wir fanden sie miserabel! Geknstelt, gemacht, gewollt, berechnet! Keine Spur von der unmittelbaren Natrlichkeit, die _=wir=_ wollten! Die Poesie des ersten, zum Bewutsein erwachenden Lebens empfand sie nicht -- sie _=verstand=_ sie nur! Und deshalb gab sie nur Theater -- gut gemachte Pantomime -- aber keine wahre Kunst! Wir haben uns da in der Kunst auch eine Niederlage geholt, Jordan! Und keine kleine! Das Weib ist eben ein schwer zu behauptendes Schlachtfeld! _=Das=_ Schlachtfeld verlangt eben eine ganz besondere Strategie! sagte Jordan lchelnd. Wer vom Weib Empfindung haben will, mu sie zu erwecken verstehen! Und das meinst du, knnten wir nicht? Das knnten Eure Majestt wohl auch! Eure Majestt haben es aber vorgezogen, zu ihrem Verstand zu sprechen! Da kann sie sich doch nicht herausnehmen, mehr zu geben, als von ihr verlangt wird! Nur das, was man dem Weibe gibt, gibt es wieder heraus! Sie ist aber nicht nur Frau, sondern auch eine groe Knstlerin! Die Aufgabe selbst mu zu ihrer Empfindung sprechen -- nicht der Auftraggeber! Ein echter Knstler empfngt vom Leben allein seine Aufgaben! Ein kniglicher Befehl lst keine Kunst aus, nur dienstliche Verrichtung! Du kannst uns doch nicht zumuten, selbst bei ihr den Pygmalion zu agieren?! Im gewissen Sinne -- ja -- wenn Eure Majestt mehr als den bloen Dienst von ihr sehen wollen! Die bloe knstlerische Anregung gengt da also nicht? Vielleicht -- wenn sie richtig gegeben wird! Sie ist vor allem ein Weib -- da liegt der Schlssel zu ihrer Kunst! Sie ist nicht mehr jung, sie hat das Leben schon ausgekostet! Sie ist vor allem _=als Knstlerin=_ nicht mehr jung! Ihr Ehrgeiz hat alle gewnschte Befriedigung gehabt, alle Triumphe gefeiert! Die Kunst _=allein=_ gibt ihr nicht mehr den ntigen Reiz, um ihre Seele in Schwung zu versetzen! Ihr Ehrgeiz richtet sich _=auf das Leben selbst=_, um da neue Nahrung zu finden! Und da das Leben sie auf eine so hohe Stufe gestellt hat -- -- -- Friedrich begann zu verstehen. Er blickte Jordan scharf an. Du hrst: wir haben sie auf die Probe gestellt! Wir sind aber nicht Ludwig von Frankreich! Wir werden also dem Ehrgeiz der Damens, die auch nach unserer Macht schielen, nur wenig Befriedigung bescheren! Unser Tun ist unser Tun! Da teilen wir mit niemand. Uns kann sie nichts als das Amsement bieten! Da aber verlangen wir alles und echtes -- auch wenn es sich nur um eine knstlerische Leistung handelt! Sie _=hat=_ das, was wir von ihr wollen! Und sie soll es hergeben -- -- wir zwingen sie noch! Auch _=die=_ Schlacht gewinnen wir! Wie wollen Eure Majestt das anstellen? Frage mich, wie ich die Schlachten, die ich noch mit sterreich auszukmpfen habe, gewinnen werde! Ich wei, da ich sie gewinne! Wann, wo und wie, das ist Sache des Augenblicks! Ich lasse die Gelegenheit an mich herankommen und benutze sie! -=Enfin!=- Gute Nacht, Jordan! Ruhe dich aus! Morgen sehe ich noch nach dir! Er nahm Keyserlingk unter den Arm und ging mit ihm zu Fu nach der Oper, von wo er, nachdem er sich gezeigt hatte, unbemerkt fortgegangen war, um seinen kranken Freund zu besuchen. In seinem kleinen Salon hinter der Proszeniumsloge angekommen, legte er Domino und Maske an. Keyserlingk folgte dem Beispiel, und sie mischten sich unter die Schar der Tanzenden, die das Parkett und die Szene fllten. Das Menuett hatte eben begonnen. In feierlich grazisem Reigen wogte die Menge hin und her. Auf einer Erhhung stand eine glnzende Gesellschaft und sah sich das Treiben an. Eine Menge von eleganten Masken umdrngte eine reich kostmierte, mit kostbaren Brillanten geschmckte Hirtin, in der unschwer die gefeierte Knigin des Balles, die Barberina, zu erkennen war. Friedrich, von Keyserlingk begleitet, nherte sich der Gruppe. Da trat aus der Menge eine in einen schwarzen Domino gehllte Gestalt vor und richtete in reinstem Italienisch einige Worte an Barberina. Sie stutzte, blickte ihn scharf an, zgerte einen Augenblick, reichte ihm dann aber die Hand und trat zum Menuett mit ihm an. Die Menge machte Platz und hielt im Tanzen inne, um Barberina zuzusehen, denn ein jeder erkannte sie. Die kleine Halbmaske verbarg nur Stirn und Augen. Noch niemals hatte Friedrich sie so tanzen sehen. Ein Feuer war auf einmal ber sie gekommen, ein Schwung der Linien, eine Poesie des Ausdrucks! Der halboffene Mund atmete lauter Hingabe -- sie schien von einem fremden Willen getrieben, von dem sie die Bewegung empfing! Nicht auf dem Maskenball in der Oper tanzte sie -- fern, in einer anderen Welt, die ihre Phantasie erschlossen, schwebte sie -- eine Elfe, ein Wesen aus Mondschein und Nebel, flatterte sie ber feuchtgrne Wiesen hin -- leicht, luftig, kaum noch imstande, mit dem Druck ihres Fues einen Grashalm zu biegen! So ist's recht, Psyche! sagte die Maske pltzlich mitten im Tanze und lachte kurz auf. Nun la noch den letzten Schleier fallen! Mit einem Ruck blieb sie stehen und griff sich keuchend an die Brust. Dann, schnell wie der Blitz, streckte sie die Hand aus und versuchte ihrem Partner die Maske vom Gesicht zu reien. Er aber war schneller als sie, er entrann dem Griff und verschwand schnell in der Menge, die sie jetzt aufgeregt umwogte. Friedrich aber verlor ihn nicht aus den Augen. Wir wollen uns jenen Zauberer nher ansehen! sagte er und zeigte ihn Keyserlingk. Nimm du ihn fest, aber mglichst unbemerkt, und bring ihn in unsere Loge! Keyserlingk winkte einigen maskierten Dienern, die dem Knig in respektvoller Ferne folgten, drang, von ihnen begleitet, zu dem Unbekannten vor, der sich jetzt unbemerkt glaubte und an der Brstung einer Loge lehnte. Sie nahmen ihn, wie zum Scherz, in ihre Mitte und drngten ihn nach der Tr der kniglichen Loge, die aufging und sich dann sogleich hinter ihnen schlo. Friedrich wollte zu Barberina -- aber er kam nicht rasch genug durch die aufgeregte Menge. Ehe er bis zu ihr gelangte, sah er, wie sie den Arm einer Maske nahm, in der er unschwer Rothenburg erkannte, und, auf ihn gesttzt, den Saal verlie, um sich nach ihrer Garderobe zu begeben. Er wartete noch die Rckkehr Rothenburgs ab und lie ihn dann zu sich befehlen. Nichts Schlimmes! antwortete Rothenburg auf die Frage des Knigs nach ihrem Befinden. Sie wird bald wieder erscheinen! Was hat sie denn so aufgeregt? Wohl weiter nichts als einer der blichen Maskenscherze! Eine Mystifikation, der sie zum Opfer fiel! Erklre dich nher! Wir standen im heiteren Gesprch mit ihr und belustigten uns ber die grotesken Krummsprnge der Masken. Da trat ein Domino an sie heran und bekomplimentierte sie im reinsten Italienisch fr ihren schnen Schmuck! >Wren Sie aber auch vom Scheitel bis zur Sohle mit Brillanten bedeckt, Mademoiselle -- so knnten Sie meine Blicke doch nicht blenden, da ich nicht imstande wre, Ihren allerschnsten Schmuck zu sehen, den Sie darunter verbergen!< -- >Welchen Schmuck?< fragte sie. >Den einzigen, den Sie -- in Fontainebleau als Venus trugen!< Friedrich lachte. Wir kennen die Geschichte jenes Leberfleckens! Unser braver Chambrier versumt es niemals, uns von derartigen weltbewegenden Begebenheiten zu berichten! Ein Schnheitspflsterchen war's nur! -=Parole d'honneur!=- rief Rothenburg schnell! Du wirst es am Ende wissen! antwortete Friedrich ruhig. Und sie -- wie nahm sie jene delikate Anspielung auf? Sie blickte den Fremden stechend an. -- >Die Stimme kenne ich!< rief sie, >wer sind Sie?< -- >Wenn Mademoiselle mir die Ehre eines Tanzes geben wollen, werden Sie's wissen!< lachte er. Kurz entschlossen nahm sie seine Hand. Das Weitere haben Eure Majestt gesehen! Wir werden bald zur Demaskierung blasen lassen, sagte der Knig. Dann wird sich das Geheimnis aufklren. Geh zu ihr, sag ihr das von mir. Und auch, da ich sie bitten lasse, nach dem Ball mit mir zu soupieren! Rothenburg ging, und der Knig begab sich nach seiner Loge. Im kleinen Salon erwarteten ihn Keyserlingk und sein Gefangener, immer noch maskiert. Friedrich legte Maske und Domino ab und nahm in dem Sofa Platz. Wir haben Sie kommen lassen, um Sie zu bitten, uns aufzuklren, sagte er, sich an die Maske wendend: Wir bekomplimentieren Sie brigens! Sie tanzen ganz ausgezeichnet! Und -- noch mehr -- Sie verstehen es exzellent, Ihre Partnerin in den Rausch der Rhythmen zu versetzen, ohne den der Tanz kein Tanz ist! Eure Majestt berschtzen meine Wenigkeit! Die Signorina Barberina ist eine der ersten Knstlerinnen unserer Zeit! Ohne Zweifel! Sie hat viel Charme, eine unnachahmliche Grazie, viel Kunstfertigkeit -- das geben wir zu! Ihr Tanz hat aber etwas Kaltes, Khles, berlegenes -- in jeder Beziehung vollendet, aber stets ihrem Willen untertan! So eruptiv -- so in Ekstase sahen wir sie -- seit ihrem ersten Auftreten nicht! Majestt -- wenn's so ist, dann mu auch ich selbst annehmen, einigen Einflu auf sie ausgebt zu haben! Ich war selbst in Ekstase -- war selbst von ihr berauscht! Ich kenne wenige, die das nicht wren, sagte der Knig langsam, aber keinen einzigen, dem es gelungen wre, sie aus ihrer Reserve herauszuholen! Wie haben Sie das bewirkt? Die Erklrung ist nur bei ihr zu finden! Sie ist eine Frau im vollsten Sinne des Wortes! Und eine Frau -- wenn sie wirklich eine ist -- ffnet ihre Seele nur dem einen Auserwhlten, der von der Natur fr sie bestimmt ist! Wenn sie eine Frau ist? Ja. _=Ehe=_ sie aber eine wird und vollbewut als Frau empfindet -- dann _=vielleicht=_ ffnet sich die Knospe ihrer Seele dem _=ersten=_, der es versteht, sie mit der Wrme des Lebens anzuhauchen! Friedrich schwieg. Einen Augenblick hielt er die Hand vor die Augen. Pygmalion! flsterte er leise vor sich hin. Am Ende habe ich da den Pygmalion gefunden, der imstande wre, meiner steinernen Galathe Leben einzuhauchen! Er blickte rasch auf. Wir sind weit entfernt, sagte er, die Gesetze des Mummenschanzes aufheben zu wollen, obwohl wir uns in unserem eigenen Hause befinden. Noch ist die Demaskierung nicht geboten! Wenn es Ihnen gefllt, bitten wir Sie jedoch, die Maske abzunehmen! Der Fremde gehorchte, und Friedrich blickte in ein unbekanntes Gesicht. Er stand auf. Wer sind Sie? Ihr Name? Fossano! Friedrich blieb vor ihm stehen und blickte ihn scharf an. Unser Gesandter in London hat uns den Namen genannt! Sind Sie jener Chevalier Fossano -- jener Spielbankhalter -- jener ehemalige Tnzer, der uns seine Dienste angeboten hat, nur um uns an der Nase herumzufhren?! Sie haben noch die Dreistigkeit, uns unter die Augen zu treten?! Ich bitte Eure Majestt, Gnade walten zu lassen! Jener Brief schien mir zu kostbar, um ihn in eine dritte Hand zu geben! Ich bin gekommen, um ihn selbst Eurer Majestt zu Fen zu legen! Er zog ein zusammengefaltenes Billett hervor. Geben Sie her! Fossano berreichte den Brief. Friedrich ffnete ihn und erkannte die Handschrift des Grafen Brhl. -=Trs bien!=- sagte er. Es ist vielleicht besser so! Geben Sie Ihre Wohnung an! Mein Schatzmeister wird Ihnen eine angemessene Belohnung auszahlen! Ich danke alleruntertnigst fr die groe Gnade! Ich mu es aber ablehnen, Geld anzunehmen fr etwas, was ich aus Ergebenheit fr Eure Majestt getan habe! Friedrich blickte ihn an. -=Eh bien!=- sagte er kurz. Wir lassen uns aber nichts schenken! Wenn Sie nicht Geld wollen -- so bitten Sie sich eine andere Gnade aus! So bitte ich alleruntertnigst darum, an der Oper in Berlin tanzen zu drfen! Friedrich lachte kurz auf. Wir glauben schon, sagte er, da Sie in unserem -=Corps de ballet=- Ihren Mann stellen wrden! Wenn Sie aber auch die Gabe haben, die Tnzerinnen derartig in Aufregung zu versetzen, wie wir es heute gesehen haben, so sind wir nicht sicher, da die Damen nicht pltzlich fahnenflchtig werden! Und das wollen wir vermeiden! Nach Ihrer eigenen Erklrung des soeben Geschehenen mssen wir annehmen, da Sie im Leben der Dame Barberina entweder die Rolle des >Auserwhlten<, wie Sie sagen -- oder die des >Ersten< gespielt haben. Und auch, da Ihre Rolle in diesem Sinne beendigt ist! Denn sonst -- wenn es ihr angenehm wre, wren Sie wohl lngst hier? Eure Majestt haben nicht so unrecht! Wollen Sie uns also ber jene Beziehungen nher aufklren? Gern! Und Fossano erzhlte, wie er sie gefunden und unterrichtet, wie er sie in die Welt eingefhrt hatte -- er erzhlte von Psyche, Hebe, Venus und all den anderen Etappen ihrer Karriere. Und Friedrich, in die Ecke seines Sofas zurckgelehnt, lauschte gespannt, und lachte nur dann und wann kurz vor sich hin. -=Eh bien!=- sagte er dann, als Fossano geendet hatte. Sie sind das, was wir suchen! Wir wollen Sie engagieren -- aber fr die Oper in Dresden! Fossano blickte ihn erstaunt an. Gehen Sie nach Dresden, melden Sie sich beim schwedischen Gesandten am dortigen Hofe, Wulffenstjerna! Wir wollen ihn benachrichtigen. Er wird das Weitere veranlassen! Suchen Sie das Vertrauen Brhls zu gewinnen, schimpfen Sie auf uns! Wir pardonieren Sie im voraus -- nehmen Sie nur kein Blatt vor den Mund! Wenn Sie sich als der verschmhte Geliebte Barberinas ausgeben, wird er Ihnen Glauben schenken! Spielen Sie Ihre Rolle gut. Bedienen Sie uns mit Flei. Wir wollen alles wissen. Halten Sie sich dann bereit, hier an unserer Oper zu tanzen, wenn wir Sie rufen lassen! Aber kein Wort davon im voraus! Ihr Auftreten hier behalten wir uns vor -- als Surprise! Fossano verbeugte sich. Ich stehe Euer Majestt zu Diensten und werde mich bemhen, das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen! Wir glauben es! Reisen Sie also morgen frh nach Dresden. Zeigen Sie sich heute nicht mehr auf dem Ball! Er lachte kurz auf. Apropos! sagte er. Da Sie doch nach Hause gehen, brauchen Sie Ihren Domino nicht mehr! Sie knnen ihn hier lassen! Fossano blickte Friedrich verstndnisvoll lchelnd an, legte dann Domino und Maske auf das Sofa, kte ehrerbietig die ihm gndigst gereichte Hand des Knigs, empfahl sich und ging. Drauen im Saal wogte das Treiben der Masken hin und her. Der Trubel hatte seinen Hhepunkt erreicht. Da auf einmal schmetterten die Trompeten eine Fanfare, die Masken drngten sich nach der kniglichen Loge, vor der sie sich in einem Halbzirkel aufstellten. Allen voran, am Arm des Grafen Rothenburg und von unzhligen Verehrern umschwrmt, die Barberina. An der Brstung der kniglichen Loge erschien Friedrich, unmaskiert -- an seiner Seite jener schwarze Domino, der mit Barberina getanzt hatte. Auf einen Wink des Knigs schmetterten die Trompeten noch einmal, und smtliche Masken fielen -- auch die des schwarzen Dominos an seiner Seite. Keyserlingk! rief die Barberina enttuscht und blickte zu dem pausbckigen, lebenslustigen Grafen hinauf, dessen Augen ihr lustig entgegenlachten. _=Er=_ war's? -- Nicht mglich! Und sie wollte sich nicht davon berzeugen lassen, so viel Mhe Rothenburg sich auch gab, als er sie langsam durch das Gedrnge fhrte, um sie nach dem Speisesaal des Knigs zu begleiten, wo das Souper sie erwartete. Friedrich aber war sehr aufgerumt und gab Keyserlingk den Auftrag, schon am nchsten Tage seinem Freund Jordan zu berichten, die schwerste Schlacht in dem zu erffnenden Feldzuge wre bereits halb gewonnen! 21 Hohenzollernwetter in Berlin! Strahlender Sonnenschein, kalte, klare Winterluft mit Frostkristallen und Rauhreif ber Baumstmmen und sten -- einer der seltenen herrlichen Wintertage mit klarblauem Himmel und rosig-goldenen Wolken, mit weiem Schnee auf gefrorenem Boden, glitzernden Fensterscheiben und hastendem Hin und Her von aufgerumten, lustig der Klte trotzenden, siegesfrohen Menschen, die ihre Freude austobten und vor Begeisterung aufjauchzten, weil sie endlich den schweren Alp los waren, der seit Beginn des nun ber ein Jahr dauernden Krieges auf den Gemtern gelastet hatte. Der Sieg war da! Und heute hielt er seinen feierlichen Einzug in Berlin. Alles, was Leben und Atem hatte, jung und alt, drngte sich auf den Linden zusammen, um den Einzug des Hofes zu sehen und den Siegern von Hohenfriedberg und Soor zuzujubeln. Pomphaft nahte der Zug in der Mitte der Strae vom Brandenburger Tor her, dessen beide Zollhuser mit Fahnen und Girlanden von Tannengrn geschmckt waren. Zuerst die Eskorte -- Dragoner in glitzernden Krassen auf prchtig aufgezumten Pferden, die, wie heraldische Wappentiere aufgeputzt, stolz einherschritten und ihren heien Atem mit Kraft in die kalte Luft bliesen, wo er gleich zu weiem Dunst wurde, der sich wollig weich seitwrts ringelte, den ganzen Zug von Rossen und Reitern mit einer einzigen, vorwrts gleitenden Wolke umschlo, aus der nur die Kpfe der Pferde, die bunt gestickten Schabracken und die darauf paradierenden Sieger emportauchten. Hinter ihnen her die kniglichen Karossen, mit Spitzenreitern und Lufern in prachtvollen Livreen -- die Pferde mit bunten Troddeln und silberbeschlagenem Geschirr geschmckt --, hinter den von goldenem Schnitzwerk eingefaten Spiegelscheiben gepuderte, diademgeschmckte Kpfe, am Wagentritt Pagen in groer Gala und auf dem Brett zwischen den hoch geschwungenen Wagenfedern goldbetrete Lakaien in kniglichen Livreen! Dann ein Wald von mchtig wallenden Fahnen, deren schwere, buntseidene Pracht sich majesttisch im Sonnenschein entfaltete und auf ihren Tchern und Fahnenbndern, stolz flatternd, die Wappenzeichen der Besiegten zeigten -- die Ehrenzeichen der sterreichischen und schsischen Regimenter, im heldenhaften Kampf erbeutet und jetzt als Trophen vom Sieger in seine Residenz eingebracht. Und hinter ihnen, zu Pferde, an der Spitze einer glnzenden Schar von Generalen und Obersten, die kleine, jugendlich schlanke Gestalt des Knigs in seinem blauen Uniformrock mit den roten Aufschlgen, den Stern auf der Brust, den Dreimaster auf dem hocherhobenen Kopf, die wundervollen, tiefen Augen strahlend vor Siegesglck! Immer wieder mute er, mit dem Degen salutierend, fr die begeisterten Zurufe der Menge danken, die sich in Huldigungen nicht genug tun konnte und ihren jugendlichen Helden strmisch feierte -- ihren alten Fritzen, wie sie ihn schon mit dem ihm von seinen Kriegern beigelegten Ehrennamen liebkosend nannten. Die Menge drngte sich dicht um sein Pferd -- allen voran die Straenjungen, die ihre Mtzen in die Luft warfen! Hoch! und Hurra! und Vivat, Fritze! schrien sie und sangen die Melodie mit, die er selbst gemacht hatte -- die die voranziehenden Trompeter in die Luft hinausschmetterten, und die fortan, fr alle Zeiten, nach der schnsten Viktorie Fritzens benannt, die Preuen zum Siege fhren sollte. _=Hohenfriedberg=_ -- wundervolles Aufjauchzen jugendlichen Draufgngertums -- Frhlingssieg altpreuischen Heldentums -- unwiderstehliches Aufbumen unbezwinglichen Kraftbewutseins -- unverwelklicher Ruhmeskranz aufgehender Sonne, in den kurzen Stunden eines herrlichen Hochsommermorgens glorreich errungen! -- -- Wem schwillt nicht die Brust, wem klopfen die Pulse nicht hher -- wer wird nicht wieder jung bei den Gefhlen, die der bloe Klang deines stolzen Namens in der Brust eines jeden Deutschen wachruft! -- -- Da knpfte sich fr immer der Sieg an Preuens Fahnen -- da weihte der Herr der Schlachten Preuens Schwert zum steten unbeugsamen Kampf ums Dasein -- da sthlte sich die Manneskraft zum Machtbewutsein -- da keimte zuerst die Ahnung von der groen Aufgabe Preuens, zu einigen, zu reinigen, zu befreien -- da hob sich zuerst das Banner im vollen Siegesglanz, das einst das ganze Deutschtum zum Siege fhren sollte! In Nacht und Nebel, in Demtigung und Niederlagen, in tiefster Bedrngnis fremden Knechttums -- wo auch die Schicksalsschlge am schwersten fielen -- tief im innersten Herzenswinkel bliebst du als unentreibarer Besitz -- als kostbares Juwel! Und wo die Tne deiner Jubelfanfaren schmetterten, da wallten wieder Siegesfahnen in den Lften, und ihnen voran zog wieder der jugendliche Held, vorwrts zum Kampf, und der Wille zum Sieg war wieder wach, der Furor teutonischer Kraft unbezwingbar am Werke! Ich will meine Machtstellung behaupten oder untergehen und alles, selbst den Namen Preuen, mit ins Grab nehmen! -- -- Entweder ich werde keinen einzigen Mann nach Berlin zurckfhren, oder wir werden Sieger sein! So schreibt nur, wer den festen Glauben an sein Glck und die Schwungkraft seines Genies hat, die berlegenheit seiner Fhrung kennt und den unbeugsamen Mut seiner Krieger! Der Sieg gab ihm recht. Und als er da am schnen Novembertag an der Spitze seiner Helden in seines Reiches Hauptstadt einzog, wo er auch -- wie sich's schickte -- hatte tedeumieren lassen -- da mochten seine Gedanken wieder zurckeilen zu dem schnen Junimorgen am Striegauer Wasser, wo der Feind, trotz dem glnzenden Patrouillenritt Zietens und der dadurch bewirkten Wiedervereinigung des Heeres des Markgrafen Karl mit der Hauptarmee, ihn im Rckzug auf Breslau whnte -- wo die feindlichen Fhrer ruhig auf dem Galgenberge bei Hohenfriedberg tafelten und Fritz wie ein losbrechendes Gewitter auf sie niedersauste, sie mit einer noch in der Entwicklung begriffenen Schlachtordnung angriff -- erst den rechten Flgel, dann das Zentrum, dann trotz schwierigen Flubergngen im Kampfe auch den linken Flgel warf -- wo der in den Annalen des Krieges einzig dastehende Ritt der Bayreuther Dragoner unter Keler Dutzende von Bataillonen wie eine Windsbraut vor sich herfegte, zusammenhieb und jene stolzen Siegeszeichen erbeutete, die ihm jetzt unter den Klngen des Hohenfriedberger Marsches voranflatterten bis ans Zeughaus, wo die Ruhmeszeichen von Fehrbellin auf sie warteten! Dort wurde Halt geboten, zur Parade angetreten und dann die Trophen am Knig vorbei, und von ihm, dem Hofe und der Suite gefolgt, in den Ehrenhof eingebracht. Vor den Fahnen nahmen die Generale und Obersten Aufstellung, allen voran der alte Frst von Anhalt-Dessau und der bravourse Reiterfhrer und Gnstling des Knigs, Winterfeldt. In kurzen, kernigen Worten dankte ihnen Friedrich, wies auf die Bedeutung des Tages hin, an dem die Trophen erbeutet wurden, und auf den glorreichen Frieden, der mutmalich bald daraus resultieren wrde! Und bestimmte, in welchen Kirchen die Siegeszeichen aufgehngt werden sollten. Dann empfing er die Gratulationen der fremden Gesandten, auch Englands, das sich jetzt als Friedensvermittler hervortat, nachdem es sich nach Krften bemht hatte, vorher den Brand zu schren, um auch so im trben fischen zu knnen. Den Gesandten Schwedens, Rudenskjld, dem er besonders zugetan war, zog er dann in ein Gesprch, das sich zum Erstaunen der Anwesenden sehr in die Lnge zog und, ohne Rcksicht auf Zeit und Ort und den wartenden Hof, immer eifriger und aufgeregter wurde. Schlielich fate ihn der Knig am Knopf seiner Weste und sagte so laut, da alle es hren konnten: Die Kugel, die mich treffen soll, ist noch nicht gegossen! Er hat sich dpieren lassen! Und Sein Freund Wulffenstjerna auch! Er lie ihn los, machte ein paar Schritte gegen das Gefolge, kehrte dann um und sagte noch halblaut zu Rudenskld: Ich will Ihm etwas sagen -- aber es bleibt unter uns: der Kerl, vor dem Er mich warnt, _=tanzt heute im Ballett mit=_! Will Er in meinem Gefolge sein, so kann Er sich die Pirouetten meines Quasimrders aus nchster Nhe mit ansehen! Fr die politischen Nachrichten, die Er mir gab, danke ich Ihm -- wenn auch sie nicht sehr erfreulicher Natur waren! Darauf wandte er sich zu den Generalen. Messieurs! sagte er laut. Wir feiern hier Viktorien und gebrden uns, als wre das Spiel schon gewonnen und weiter nichts zu tun, als die Friedenstraktate auszutauschen! Das ist ein Irrtum! Den Hauptschlag mssen wir noch fhren, schnell und mit Wucht, sollen sich unsere Viktorien nicht in Niederlagen verwandeln! -- Wir bitten Euer Liebden, fuhr er fort, sich an den Frsten von Anhalt-Dessau wendend, uns sofort ins Schlo zu folgen, um mit uns und unserem Staatsminister die zu ergreifenden Manahmen zu beraten! Messieurs --! Und er lftete den Hut und begab sich, von der nchsten Umgebung gefolgt, nach dem Schlo. Die Generale und Wrdentrger sahen sich an! -- Die Mitteilungen, die der Knig vom schwedischen Gesandten empfangen hatte, waren also ernstester Natur! -- Und uerst dringlich -- da er ganz gegen alle Gewohnheit eine Beratung zusammenberief! Er, der seine Plne sonst stets selbst in grter Verschlossenheit auszuarbeiten und sie niemand anzuvertrauen pflegte, ehe die Ausfhrung heranreifte! Im Schlosse lie Friedrich noch vor der Tafel die beiden Herren und auch den Generaladjutanten Winterfeldt in sein Arbeitszimmer bitten. Zuerst trat der Alte Dessauer ein. Beim ersten Blick auf die alte, knorrige Kerngestalt sah Friedrich, was ihm bevorstand, und bereute fast, ihn gerufen zu haben. Der eigenwilligste Mensch in der ganzen preuischen Armee -- ein Querkopf und Rechthaber, auf langjhrige Diensterfahrung pochend, auf alten, wohlerworbenen Kriegsruhm und unvergngliche Verdienste um die preuische Armee gesttzt, neidisch auf die alles berstrahlende Glorie des Jngeren und gekrnkt durch -- wie er fand -- unverdiente Zurcksetzung! Beim Vater des Knigs von allmchtigem Einflu, von Friedrich aber sofort beim Regierungsantritt auf den rein militrischen Dienst beschrnkt und auch da kaltgestellt -- das waren Erfahrungen, die seines Erachtens in keinem Verhltnis zu seinen langen und treuen Diensten standen und die den Groll immer noch wachhielten! Der Erste Schlesische Krieg wurde unternommen, ohne ihn um Rat zu fragen oder seine Erfahrung in Anspruch zu nehmen! Der zweite ebenso! Und erst, als es schief ging, wurde er berufen, um alles wieder einzurenken! Und jetzt wollte man gar seinen so lange verschmhten Rat haben! -- Auf den Augenblick hatte er gewartet! Er nahm stillschweigend den ihm gebotenen Sessel ein und wartete ohne ein Zeichen der Neugier ab, welche Mitteilungen der Knig ihm machen wrde. Wir htten Euer Liebden gern vergnnt, nach dem langen Feldzug Dero -=otium=- in Dessau zu pflegen! Noch vor Weihnachten werden wir aber Euer Durchlaucht Dienste wiederum in Anspruch nehmen mssen! Wir haben heute berraschend schlimme Kunde bekommen! Der alte Frst rusperte sich, sagte aber nichts. Der schwedische Botschafter berbrachte uns heute Nachrichten -- -- Da hakte der Alte Dessauer ein. Nachrichten, Majestt, sind fr gewhnlich wie Spatzen! Sie flattern hin, und sie flattern her und machen ein gro Geschrei! Gelingt es aber, eine zu packen, so ist meistens nicht viel daran! Mir schien die Jagd nach solchem Wild immer wenig lohnend! Der Knig richtete sich auf und blickte den Redner scharf an. Wenn wir aber trotzdem Euer Liebden dahin informieren, da Sachsen und sterreich im Begriff sind, uns meuchlings zu berfallen und ihre Armeen ber Nacht auf Berlin marschieren lassen werden -- -- So war das nicht ein Spatz, sondern eine fette Ente! Meines Wissens sind wir doch in Friedensverhandlungen mit den genannten Staaten und haben durch den Vertrag von Hannover seitens England die Zusicherung bekommen, es wollte seinen ganzen Einflu auf die Verbndeten geltend machen, um einen baldigen Friedensschlu herbeizufhren! Englands Einflu ist gleich Null, seitdem der Prtendent, Karl Eduard, in Schottland einfiel und den Knig zwang, seine hannoverschen Truppen in England zu verwenden! Das wissen Euer Liebden ebensogut wie wir! Wir haben heute ganz bestimmte Kunde erhalten von dem Plan Brhls, die Armee des Prinzen von Lothringen durch Sachsen gehen zu lassen, um, mit der schsischen Armee vereint, auf Berlin zu marschieren! Man ist so sicher, uns zu zerschmettern, da man schon die Beute geteilt hat. Sachsen soll Magdeburg, Halberstadt und Halle mit Umgegend erhalten -- sterreich Schlesien -- Ich wette meinen Frstenhut gegen die Sturmhaube eines Krassiers, da das ein Ammenmrchen ist! Friedrich sah ihn scharf an. Wir glaubten unseren Feldmarschall -- unseren lieben Vetter, des Frsten von Anhalt-Dessau Durchlaucht, vor uns zu haben, zu ernster Beratung mit uns befohlen, und gekommen, um von uns ein Kommando zu empfangen! Euer Liebden aber scheinen zu glauben in die Zeiten des Tabakskollegiums zurckversetzt zu sein! Der Verweis wirkte. Der alte Herr wurde glutrot und zupfte heftig an seinem Schnurrbart. In dem Augenblick trat Podewils ein, entnahm seiner Mappe einige Briefe und reichte sie dem Knig. Der Knig entfaltete sie und gab sie dem Frsten von Anhalt. Da haben Euer Liebden die Beweise! Aus den Briefen geht hervor, da General Grnne bereits nach zwei Tagen mit seinem Korps zu Gera eintrifft, um bei Leipzig zu den Sachsen zu stoen. Auch, da die Sachsen bereits in der Lausitz Magazine errichten fr die Armee des Prinzen von Lothringen. Alles, whrend man mit uns verhandelt, damit wir mglichst lange unttig bleiben! Der Frst von Anhalt legte die Briefe wieder hin. Ich halte trotz dieser Briefe auch jetzt noch das Ganze nur fr einen Schreckschu, um die Verhandlungen gnstig zu beeinflussen und von Eurer Majestt bessere Bedingungen zu erlangen! Man soll nicht leichtglubig alles fr bare Mnze nehmen. Brhl fhlt sich beleidigt durch die scharfe Abfuhr, die ihm in dem Manifest Eurer Majestt zuteil wurde! Aber es wre doch widernatrlich, wenn er -- ein geborener Sachse -- blo aus Rachsucht und bermut vier Armeen in Sachsen einziehen liee und so das Land dem Untergang preisgbe! Podewils! rief der Knig. Ich gestatte mir ganz gehorsamst, der Ansicht des Frsten von Anhalt Durchlaucht beizupflichten! beeilte sich Podewils einzuwerfen. Graf Brhl ist nicht der Mann, ein so keckes Unternehmen ins Werk zu setzen! Podewils denkt, alle anderen Minister mssen ebenso ngstlich sein wie er! rief Friedrich rgerlich. Wir aber entnehmen dieser schnen Beratung die Lehre, uns nie wieder mit einer derartigen, gnzlich berflssigen Aktion zu behelligen! Wir wollten Eure Ansichten hren _=ber die Manahmen=_, die jetzt so schnell wie mglich ergriffen werden sollen, um dem Unheil zuvorzukommen! Und mssen uns von langen und unntzen Errterungen aufhalten lassen, ob die Tatsachen, die _=wir=_ bereits als solche anerkannt haben, _=auch wirklich wahr=_ sind! Das war unser Wunsch nicht! Wir schlieen solche Beratung auf der Stelle und verordnen und befehlen: Er, Podewils, soll sofort Depeschen an die auswrtigen Hfe abfertigen, worinnen die Anschlge Sachsens und unser Entschlu, denen zuvorzukommen, mitgeteilt werden. Des Frsten von Anhalt-Dessau Durchlaucht befehlen wir, das Kommando ber unser bei Halle zusammengezogenes Heer zu bernehmen! Noch heute reisen Eure Durchlaucht ab, um fr dessen Unterhalt Sorge zu tragen und sofort gegen Leipzig und Torgau zu operieren. Winterfeldt kehrt unverzglich zur schlesischen Armee zurck, die sich an der Grenze der Lausitz zusammenzieht und bereit hlt! -- Wir selbst nehmen dort den Oberbefehl! Hat Er noch etwas da? wandte er sich an Podewils, der noch in seiner Mappe kramte. Eine Mitteilung des russischen Gesandten: die Kaiserin, seine erhabene Souvernin, liee die Hoffnung aussprechen, Eure Majestt wollten davon Abstand nehmen, Sachsen anzugreifen -- weil ihre Allianz mit dem Knig von Polen sie verpflichte, fr diesen Fall Hilfstruppen zu senden! Das soll sie ruhig tun! rief Friedrich. Ihrer Majestt ist zu erwidern, wir wollten gern mit allen Nachbarn in Frieden leben! Wenn wir aber angegriffen werden, wie jetzt, soll uns keine Macht auf Erden -- auch nicht die ihrer russischen Majestt -- hindern, uns zu verteidigen und unsere Feinde zusammenzuhauen! Messieurs, Ihr habt Eure Ordres! Er lftete seinen Hut. Der Frst von Anhalt und der General von Winterfeldt salutierten militrisch und gingen. Podewils sammelte seine Papiere und folgte ihnen. Friedrich rief den Kammerdiener, fragte, ob der Intendant der Oper drauen warte, und befahl, ihn hereinzufhren. Wir haben, rief er, als der Baron Sweerts eintrat, heute eine Surprise fr die Barberina bereit -- Er mu uns damit helfen! -- Sie ist als Galathe langweilig! Wir haben daher einen neuen Partner fr sie kommen lassen, der den Lany als Pygmalion remplacieren soll -- den berhmten italienischen Tnzer Fossano! Er ist heute aus Dresden angekommen und befindet sich im Hause des schwedischen Gesandten Rudenskjld, bereit, uns zu Diensten zu sein. Nebenbei hat er den Auftrag, uns zu ermorden, setzte er geheimnisvoll flsternd hinzu. Erschrecke Er nicht und verrate er dies groe Geheimnis niemand -- am allerwenigsten der Polizei, damit uns _=wirklich=_ kein Unheil passiert! -- Stelle Er nur -- Scherzes halber -- rechts und links von der Bhne je einen -=sergeant d'armes=- hin! Die sollen auf ihn achtgeben! Aber keinen Ton davon verraten, da er tanzen wird, lieber Sweerts! -- Lany darf, bei Strafe meiner Ungnade, nichts sagen! -- Der neue Tnzer wird ohne Aufhebens ins Theater gefhrt und in seiner Rolle instruiert! -- Barberina vor allem darf nichts ahnen! Hre Er -- bei seinem Kopf -- ehe sie als Statue dasteht, darf sie von dem Tausch nichts wissen! Der Coup darf nicht milingen! Wir freuen uns schon auf ihr Erwachen! Gehe Er, lieber Sweerts, besorge Er mir das prompt, und Er kann auf meine Gewogenheit rechnen! Der Intendant ging, und der Knig befahl, das Diner servieren zu lassen. Ich zwinge die Canaille noch! sagte er halblaut auf dem Wege nach dem Speisesaal. Ich reie ihr durch den Coup die Maske vom Gesicht! -- Ihre Seele will ich nackt und unverhllt vor mir sehen! Ich will wissen, wer sie ist! Dann vielleicht revidieren wir noch unsere Ansichten ber die Damens! Er lachte laut auf bei dem Gedanken daran, da Brhl, ahnungslos, gerade _=seinen eigenen Spion=_ als Spion gegen ihn engagiert und hergesandt hatte! Und gar noch -- als Werkzeug seiner persnlichen Rache! Zu plump! sagte er halblaut und ging in der Erinnerung noch die Erzhlung Rudenskjlds durch. Bei der Spielpartie im Hause Brhls, unter der Nachwirkung eines lukullischen Diners, hatte Brhl mit seinem berlegenen diplomatischen Geschick glnzen wollen und seinem Freunde, dem schwedischen Gesandten, gegenber einige uerungen von dem geplanten berfall auf Preuen fallen lassen -- auch von den vielen -- glcklichen oder unglcklichen -- Zufllen, die die Geschicke der Vlker ber Nacht verndern knnten -- wie zum Beispiel neulich das am Anfang des Jahres erfolgte Hinscheiden des Kaisers! -- -- Auch andere Potentaten sind sterblich! hatte er hinzugefgt, rasch aber das Gesprch unterbrochen. Wulffenstjerna hatte sofort den Eindruck gehabt, da etwas gegen die Person des Knigs von Preuen geplant sei, und lie die Bemerkung fallen, das pltzliche Verschwinden solch eines hervorragenden Frsten, wie Friedrichs, wre noch geeigneter, das Gesicht Europas grndlich zu verndern! Brhl hatte das Spiel unterbrochen, ihn lange angesehen und dann bedeutungsvoll gesagt: Auch Schweden htte seinen Vorteil davon, da es schon so viele Provinzen an Brandenburg verloren hat! und Trumpf-As ausgespielt. Am folgenden Tage wre dann Fossano bei Wulffenstjerna aufgetaucht, als sei er geschickt, und htte ihm mitgeteilt, er wre zum Gastspiel in der Berliner Oper befohlen! Der Graf Brhl htte ihm den Urlaub von der Dresdener Oper verschafft und ihm auch besondere Auftrge gegeben! Der schwedische Botschafter mge ihm nur auch in Berlin seine Protektion leihen und fr seine Sicherheit sorgen! -- Wulffenstjerna hatte getan, als verstnde er Halbausgesprochenes, und ihm Empfehlungen an den schwedischen Gesandten in Berlin mitgegeben und diesem noch im geheimen von seinem Verdacht geschrieben, mit der Bitte, den Knig zu warnen! -- So weit Rudenskjlds Erzhlung heute im Zeughause. Friedrich blieb stehen. Wir selbst haben den Mann beauftragt, in Dresden so zu tun, als ob er uns wegen der Barberina tdlich hasse! Er wird seine Rolle gut gespielt haben, wenn er das Vertrauen Brhls dermaen gewonnen hat! Wulffenstjerna hat sich auch von der Komdie dpieren lassen, obwohl er ihn selbst bei Brhl eingefhrt hat! Brhl wird nicht so dumm sein, derartige Anschlge gegen uns zu versuchen! Er sann einen Augenblick nach. Als unser Spion htte _=er selbst=_ uns sofort Mitteilung von der Sache machen mssen! Er hat aber nichts gesagt! Entweder -- und das wird wohl die Wahrheit sein -- existiert kein Anschlag! Oder -- er hat's bernommen, uns den Streich zu spielen, und schweigt deshalb! Aber warum? Geld bekommt er auch von uns! Sollte der Kerl uns die Ehre antun -- auf uns -=jaloux=- zu sein?! -- Nun -- um so temperamentvoller wird er tanzen! Er trat in den Speisesaal, wo die befohlenen Gste warteten, und a und trank mit gutem Appetit, scherzte und war guter Laune wie immer, wenn sein Entschlu gefat war und er Groes vorhatte. Am Abend sa er allein in seiner Loge in der Oper. Er htte viel darum gegeben, heute Jordan da zu haben, mit dem er so oft das Thema Weib, insbesondere das Problem Barberina, diskutiert hatte. Aber Jordan war whrend des vergangenen Feldzuges pltzlich gestorben, Freund Keyserlingk war ihm einige Monate spter in den Tod gefolgt! -- Der jhe Verlust seiner beiden intimsten Jugendfreunde hatte Friedrich verschlossen gemacht. Unter all den anderen war niemand, der ihm so nahegekommen wre, um tief in sein Innerstes hineinblicken zu drfen! Keiner, der, wie die zwei, ihm helfen durfte, den Lebensrtseln, von der Geburt der ersten Idee an, nachzugehen und sie gestalten zu helfen! Das mute er fortan allein tun! Und dazu war er geschaffen! Heute aber regte sich nochmals die Sehnsucht danach, ein anderes menschliches Wesen zu finden, eine Seele, der seinen gleich an Tiefe, Empfnglichkeit und fruchtbarer Triebkraft -- regte sich zum letzten Male mit voller Gewalt! Die Welt wrde er aus den Angeln heben knnen, wenn er das fnde! Der Vorhang hob sich. Auf dem Postament in der Werkstatt Pygmalions erhob sich sein Meisterwerk, seine Galathe, im vollen Glanz jugendlicher Schnheit -- in einer Anmut der Linien und einer Weichheit der Formengebung, wie sie in der Kunst nur ganz selten und im Leben kaum jemals -- auer dieses eine Mal -- gesehen wurde! Blulichgrnes Licht gab dem Krper die Frbung des Steins. Pygmalion stand in seliger Verzckung vor seinem vollendeten Werk. Mit aller Inbrunst der Liebe hatte er daran geschaffen, seinen ganzen Drang, seine Sehnsucht nach Erhrung mitschaffen lassen, in dem holden Wahn, da es ihm gelingen wrde, der erschaffenen Gestalt noch den belebenden Funken einzuhauchen! Er zndet Rucherwerk an, opfert der Gttin Venus Rosen, fleht sie an, ihm Erhrung zu schenken und ein Wunder geschehen zu lassen. Und das Wunder vollzieht sich. Auf rosigen Wolken schwebt die Gttin der Liebe herab. Auf ein Zeichen ihrer Hand erhebt Amor die Fackel, schwingt sie ber die Statue -- der ganze Raum strahlt in goldig warmem Licht, das die steinerne Gestalt mit der Glut des Lebens berflutet -- sie erhebt die Arme, ffnet die Augen, erblickt ihren Schpfer -- zieht, mechanisch, die herabgeglittene Hlle um den entblten Leib, gleitet vom Postament und steht vor ihm, die Arme halb geffnet, die Blicke erstaunt, fragend -- das Lcheln voll der sesten Verheiung, bereit, in seine Arme zu sinken, um fr das empfangene Leben zu danken -- -- So weit entwickelte sich das Drama folgerichtig wie immer! Da geschah das Unerwartete -- das was Friedrich herbeifhren wollte -- und versetzte den ganzen Zuschauerraum in die grte Aufregung! Die Barberina hatte, wie immer, ihre Rolle mit dem uersten Raffinement der Bewegung -- aber ohne jede innere Teilnahme ausgefhrt. Sie hate diese Aufgabe! Sie htte sie mit der ganzen Glut ihrer Seele lsen knnen! Aber ihr ganzes Empfinden lehnte sich dagegen auf, _=auf Befehl=_ eines Mannes, und sei's eines Knigs, Empfindungen _=darzustellen=_, die sie gern und freiwillig gegeben htte, wenn er ihr mit Gleichem entgegengekommen wre -- statt sie, wie stets, durch eine fortgesetzte Kette von Demtigungen auf ein niedrigeres, ihm untergeordnetes Niveau hinabzudrcken! Dazu kam ein Gegenspieler, der ihr widerwrtig war -- trotz allem Glanz des Auftretens und aller Virtuositt des Knnens! Eine ganz uerliche, eitle, von ihrer eigenen Vollkommenheit beraus eingenommene Natur -- ihr auch als Mann zuwider! Ekel und Abscheu war alles, was sie empfand, als sie auf dem Postament stand und er um sie herumhantierte, ihr seine Verliebtheit mit leeren Gesten und ausgedrrter Phantasie vormimte! Sie war froh, solange sie noch die Lider geschlossen halten konnte, denn sie wute -- sobald sie sie auftte, um ihn anzublicken, wrde in ihr nichts mitsprechen! Ebenso leer und nichtssagend wie in ihm wrde es in ihrem Innern aussehen, weil er ihr nicht die Wrme entgegenbrachte, die ihre Seele zum Mitschwingen geschwungen htte! Ein ebenso leeres Theater wie er wrde sie denn auch machen und die Besttigung des Milingens den kalten Blicken aus der kniglichen Loge entnehmen knnen. Heute, wie immer, empfand sie es so; sie tat auf das Stichwort ihre Augen auf, ihre Blicke irrten, suchend, ihrem Schpfer entgegen und fanden statt Lany -- _=Fossano=_! Sie mute sich Gewalt antun, um nicht laut aufzuschreien! Ihr ganzes Leben, vom Augenblick ihrer ersten Begegnung mit ihm an bis jetzt, zog mit Blitzesschnelle durch ihr Gehirn! Sie sah ihn vor sich, wie er ihr mit der Kunst feinster Menschlichkeit den Ausblick in das Hchste und Erstrebenswerteste ffnete -- hrte noch die einschmeichelnden Worte, die betrenden Tne seiner Stimme, deren bloer Klang sie in einen derartigen Rausch der ersten berschwenglichen Begeisterung versetzt hatte, da ihre Seele, keusch und unberhrt, sich zum erstenmal auftat, aber nur, um statt dem erhofften Himmelslicht -- der Glut der Hlle Einla zu geben, die ihr alles Zarte, Duftige versengen und die Keime der hchsten Entwicklung verdorren machen sollte! Der Spender des ersten Lebens -- und _=dessen Ruber=_ war er, der ihrem unberhrten Sinn zuerst und fr immer sein Siegel aufgedrckt und sie sich hrig gemacht hatte, da sie keinen anderen -- sei's dem Herzensgeliebten, sei's dem alles berragenden Genius des groen Knigs -- etwas anderes bedeuten konnte -- als _=das=_, wozu dieser Mensch sie gemacht hatte! Wre er nicht gewesen; wre einer von jenen ihr mit derselben Macht genialen Schpfertums genaht -- wie anders htte sich ihr Leben gestaltet -- zu welchen Hhen htte nicht ihr Genius an solcher Hand schreiten knnen! Das alles strmte auf sie ein, mit einer Gewalt, als msse sie jh zerspringen, und spiegelte sich in tausend schillernden Reflexen auf ihrem Antlitz wider. Entsetzen, Angst, Enttuschung, Bitterkeit, Rachsucht und bodenloser Ha loderten ihm aus ihren Blicken entgegen, so da er erschreckt wurde von jenem eruptiven Aufflammen der geknechteten Leidenschaft. Er wich zurck und sah sich nach einer Zuflucht um. Einen Augenblick stand sie so entflammt, in voller Raserei, keuchend, die Hnde gegen den Busen gepret! Dann strzte sie mit erhobenen Hnden auf ihn zu, wie um ihn in Stcke zu reien -- ein paar Schritte nur -- und dann fiel sie wie vom Blitz getroffen nieder -- und lag ihm leblos zu Fen! Starr vor Entsetzen stand er da, ohne zu begreifen, ohne eine Bewegung machen zu knnen, um ihr zu helfen. Da strzte aus der, der kniglichen gegenbergelegenen Proszeniumsloge ein junger Mann auf die Bhne, nahm sie auf seine Arme und trug sie in die Kulisse hinaus! Der Vorhang fiel rasch, die Musik hrte auf, ein aufgeregtes Stimmengewirr erhob sich im Zuschauerraum! In seiner Loge sa Friedrich, in seinen Sessel zurckgelehnt, die Hand vor den Augen. Er hatte alles gesehen, alles miterlebt -- in den kurzen Minuten ein ganzes Menschenschicksal vor sich ablaufen sehen, und er wute jetzt Bescheid! _=Ein=_ Weib nur wie die anderen -- _=eine mehr=_, aber nicht _=das=_ Weib! Sie hatte das Zeug dazu, wie wenige von all denen, die er gekannt hatte! Und weil sie es voll und ganz hatte -- deshalb war sie ihm voll und ganz verlorengegangen! Denn der erste, der sich ihr genaht und sie mit dem Leben gerufen hatte, _=war der Unrechte=_ gewesen -- der nicht fr sie Bestimmte -- aber von der gleich genialen Kraft, sie voll in Besitz zu nehmen! Und deshalb konnte sie nie einem anderen das sein, was sie ihm sonst htte werden knnen -- _=auch nicht dem Rechten=_ -- sei er Bettler oder Knig! Er -- der Knig -- hatte sie heute zum vollen Bewutsein ihres verlorenen Paradieses geweckt! Er hatte ihren Schpfungsakt da fortgesetzt, wo sein Vorgnger, Fossano, aufgehrt hatte! Der Ha, der gegen jenen so jh zum Ausbruch gekommen war, wrde beim Erwachen lebendig bleiben und sich gegen _=ihn=_ richten, der ihr die letzte Hlle von der Seele gerissen hatte! Sie wird sich rgern, den verhaten Kerl vor sich zu sehen! hatte er gedacht, als er ins Theater fuhr. Taugt sie etwas, dann wird sie wohl fhlen, da der Streich von mir kommt und dem Scherz mit gutem Humor begegnen! Sonst taugt sie eben nichts -- und kann mir nichts sein! Sie taugte eben nichts! Das wute er jetzt! Ihre Leidenschaft hatte ihn in ihrem gewaltsamen Aufbrausen frappiert! Aber etwas anderes als Ha wrde sie ihm nicht entgegenbringen knnen! Er ging in den kleinen Salon hinaus. Da erwartete ihn der Intendant, Baron Sweerts, um, falls es erwnscht wre, die ntigen Aufklrungen zu geben. Friedrich sah ihn kalt an. Die Geschichte haben wir jetzt satt! Es gelingt uns nicht, aus dieser Pantomime das herauszubekommen, was wir gewollt haben! Jedesmal kommt etwas anderes heraus! Die Dame fhlt ihre Ohnmacht der Aufgabe gegenber! Das ist ihr auf die Nieren gegangen! Sie hat sich heute gar zu sehr alteriert! Wir entbinden sie davon, weiter in der Rolle aufzutreten, und befehlen, den Pygmalion vom Spielplan abzusetzen! -- Apropos -- Knobelsdorff braucht einige Panneaus fr unser neues Haus! Schaffe Er den ganzen Appareil in das Atelier Pesnes! Der kann uns die Geschichte malen! Die Dame soll ihm dafr posieren! Aufzutreten braucht sie dann nicht mehr als Galathe! Der Intendant verbeugte sich und fragte den Knig, ob er den fremden Tnzer zu sehen wnsche? La Er ihn kommen! Fossano wurde vorgelassen. Er war noch bla von der Aufregung und auerstande zu sprechen, aber auch unfhig, sich die gebhrende Selbstbeherrschung aufzuerlegen. Er begriff die Situation voll und ganz, und da er nur das Werkzeug in der Hand eines greren Meisters gewesen war. Sein Selbstgefhl bumte sich auf; aus seinen Blicken loderte etwas wie Wut. Friedrich sah es, schenkte dem aber keine Beachtung. Er wute aber jetzt auch, woran er mit ihm -- in jeder Beziehung war, und was zu geschehen hatte. Mein Kompliment, -=monsieur=- -- Er hat seine Sache gut gemacht -- fast zu gut! Die Galathes sind zerbrechliche Dinger und knnen's nicht vertragen, wenn das Leben zu ungestm auf sie einstrmt! Da tut eine behutsame Hand not! Er hat aber einen schnen Eifer gezeigt! Auch in _=der anderen Aufgabe=_, die wir Ihm in Dresden gaben! Aber auch da viel zu gut! Wir befahlen Ihm, sich da als unser Feind aufzuspielen! -- Sein Spiel hat andere verfhrt, hat aber -- wie mir scheint -- auch Ihn selbst zu sehr hingerissen! Da kann aus dem Spiel nur zu leicht Ernst werden! Und das wre gefhrlich -- fr Ihn! Wir wollen Ihn davor bewahren, wollen Ihn davor schtzen -- _=uns zu nahe zu kommen=_! Geh Er -- warte Er drauen unsere weiteren Befehle ab! Fossano verbeugte sich und ging. Der Mann ist sofort auf acht Tage nach Spandau zu senden! sagte Friedrich dann zum Intendanten. Direkt von der Oper aus! Wenn wir im Felde sind, zahle Er ihm dreihundert Taler aus und schicke ihn unter sicherer Bewachung ber die Grenze! Zu Befehl! Wer war's, der die Dame Barberina von der Bhne trug? Der Sohn des Grokanzlers, der Geheime Rat Cocceji! Dem Geheimen Rat ist zu bedeuten, da er sich in die Angelegenheiten unserer Oper nicht zu melieren hat! Auf unserer Bhne haben nur unsere Komdianten zu agieren, unsere Geheimen Rte nicht! -- Gute Nacht, lieber Sweerts! Er braucht uns nicht an den Wagen zu geleiten! 22 In seinem Schlafzimmer in Sanssouci sa der Knig am Schreibtisch. Er war allein. Die Morgenarbeit war beendigt, die Post erledigt, die tglichen Empfnge desgleichen. Die Vorhnge des Alkovens hinter der Balustrade waren zugezogen. Durch die hohen, bis zum Fuboden reichenden Fenster fiel grell die Frhlingssonne und zeichnete die Konturen der Fensterrahmen auf den Teppich. Die Tr nach der Terrasse stand offen und lie die Dfte der Grten und das betubende Vogelgezwitscher herein. Die Schritte des Wachtpostens drauen auf der Terrasse knarrten auf dem Kies, verloren sich in der Ferne und kamen wieder nher, mit der Regelmigkeit eines Uhrwerks. Auf dem Tisch vor dem Knig lag ein Brief, den er bei der Erledigung der Post weder geffnet noch fortgeworfen hatte. Die Schrift war ihm wohlbekannt, der Inhalt sicherlich nicht geeignet, ihn in gute Laune zu versetzen. Er nahm ihn, drehte ihn um, besah wieder genau Schrift und Siegel und warf ihn wieder hin. Stand dann auf, pfiff den Hunden und ging in die nach Norden gelegene lange Bildergalerie, um das Modell eines Denkmals, das er dem Andenken des Alten Dessauers errichten wollte, zu besichtigen. Er ging ein paarmal hin und her durch den langen, schmalen Raum, besah sich einige neugekaufte franzsische Gemlde und die antiken Skulpturen, die er mit groen Kosten angeschafft hatte. Schlielich blieb er vor dem Modell des Denkmals stehen, das man an einem Fenster aufgestellt hatte. Er schttelte den Kopf. Gut gemacht! -- Aber der alte Trotzkopf war das nicht, dessen Widerborstigkeit ihm im letzten Kriege mehr Mhe gemacht hatte als die sterreicher und die Sachsen! Er hatte seine liebe Not mit ihm gehabt! War der alte Herr bei den Beratungen schwierig gewesen, so hatte er sich in der Ausfhrung der ihm gegebenen Ordres ebenso saumselig wie eigensinnig gezeigt. Er wollte alles besser wissen als sein junger Herr und Gebieter und gefhrdete geradezu den ganzen Feldzug! Da half nur eins: seine Eigenliebe in rcksichtslosester Weise zu kitzeln! Ich kann nicht leugnen, hatte Friedrich ihm schreiben mssen, da ich gar bel von Ihro Durchlaucht Manvres zufrieden bin! Sie gehen so langsam, als wenn Sie sich vorgenommen htten, mich aus meiner Avantage zu setzen. Weil diese Sachen ernsthaft sind, so rate ich Ihnen, solche mit mehr Vigeur zu tractieren, meine Ordres ponctueller zu executieren, sonsten ich mir gezwungen sehe, zu Extremitten zu schreiten, die ich gern evitieren wollte! Das brachte den alten Haudegen ganz aus der Haut! Er zog vom Leder und hieb los, als glte es, nicht nur die Sachsen, sondern auch Himmel und Hlle in die Pfanne zu hauen. In solcher Berserkerwut, wie er war, schien ihm nicht einmal der Herr der himmlischen Heerscharen geheuer! -- Besser, _=der=_ hlt sich neutral! dachte er und rief ihm vor Beginn der Schlacht laut die Parole zu: Hilf mir heute -- und tust du's nicht, so hilf auch nicht dem Feind, dem Schurken, sondern _=sieh zu, wie's kommt=_! Und dann schlug er seinen Schlag mit Wucht, erfocht bei Kesselsdorf den grten und schnsten Sieg seines Lebens und gewann seinem Knig den Feldzug! Jetzt war er lngst ins Jenseits alles Heldentums eingezogen und sollte fr seine Heldentat sein Denkmal haben. Aber -- und das hatte sich Fritz vorgenommen -- auch fr seinen Eigensinn! Der Bildhauer taugt nichts! entschied Friedrich und kehrte dem Denkmal den Rcken. Um den Querkopf richtig zu treffen, mte er so viele Renkontres mit ihm gehabt haben wie wir! Er ging in das Schlafzimmer zurck, nahm den Brief vom Tisch und begab sich dann in die danebenliegende kreisrunde Bibliothek, setzte sich in das Sofa hinter dem Schreibtisch und lie die Blicke durch das gegenberliegende Fenster schweifen. Vom Fenster gerade hinaus streckte sich eine von Schlingpflanzen berwucherte Pergola mit einem durch die Sonne grell beleuchteten Rondell abschlieend, dessen Mitte ein betender Knabe in Bronze einnahm. Eine Weile sa der Knig da, die Ruhe und die absolute Stille genieend. Die endlose Perspektive, in die er hineinblickte, wirkte hypnotisierend auf ihn. Die hin und her wogenden Gedanken legten sich zur Ruhe. Der vom Sonnenschein beleuchtete dunkle Krper des bronzenen Adoranten mit den nach oben gerichteten Blicken und Hnden zwang mechanisch auch das Sehnen und Trachten des Beschauers mit hinauf zur Quelle des Lebens! Licht, Klarheit, Wrme brauchte auch er -- wie alles Lebende -- und Anregung von auen, um den Geist geschmeidig zu erhalten und ihn fhig zu machen, selbst zu geben. Er war aber allein. Von Freunden umgeben, die nur von ihm empfingen, aber ihm wenig zu geben hatten, auer hfischer Schmeichelei und leerem Adorantentum! Der eine, der ihm an Geist gleichkam, an dem er deshalb mit begeisterter Hingabe hing, war nicht zu bewegen, zu ihm zu kommen! Eine Einladung nach der anderen hatte er an Voltaire geschickt. Aber dieser fand von seiner Egeria in Cirey nicht fort und verschob sein Kommen unter allerlei Ausreden. Er stellte auch Bedingungen materieller Natur, die Friedrich brigens anstandslos bewilligte. Geld, Orden, Hofamt -- alles wurde ihm zugesagt. Aber -- er machte sich trotzdem rar und war unerschpflich in Ausreden! So mute auch die bevorstehende Niederkunft der Marquise du Chtelet zu dem Zweck herhalten. Friedrich schrieb ihm: Sie sind keine Hebamme, also kann die Marquise ihre Niederkunft ohne Sie abhalten! -- Und dann: Wahrscheinlich befiehlt Ihnen Apollon, als Gott der Medizin bei der Niederkunft der Marquise zugegen zu sein. Und: Da Madame du Chtelet Bcher verfertigt, so wird sie aus Zerstreutheit niederkommen. Sagen Sie ihr, da sie sich etwas beeilt, denn ich mu Sie bald sehen. Ich fhle, da ich Ihrer sehr bedarf, und da Sie mir groen Beistand leisten werden! Nichts half. Voltaire blieb, bis das groe Ereignis, an dem er, nebenbei gesagt, keinerlei persnliche Schuld hatte, eingetreten war. Und als die Dame seines Herzens jh daran starb, kam er wieder nicht, sondern richtete sich in Paris huslich ein, nach der Gnade der Pompadour schielend und von ihrer Protektion mehr erhoffend als von der des Knigs von Preuen. Da griff Friedrich zu seiner alten, bewhrten Methode, die er seinerzeit beim Alten Dessauer so erfolgreich erprobt hatte, und packte Voltaire bei der Eitelkeit! Er sandte nicht ihm, sondern einem jungen, ihm von Voltaire als Sekretr empfohlenen Dichter eine Einladung nach Berlin, nebst einem Gedicht, worin er Voltaire als die untergehende -- _=ihn=_ aber als eine aufgehende Sonne bezeichnete. Das half! Voltaire, grn vor Eifersucht und Wut, machte endlich Ernst. Heute war ein Brief von ihm eingegangen, worin er seine Bereitwilligkeit aussprach, sofort nach Potsdam zu kommen, wenn der Knig ihm noch viertausend Taler, die er unumgnglich zur Reise bentige, schicken wollte. Friedrich hatte nichts anderes von ihm erwartet, konnte aber nicht umhin, ihn zu verspotten. Er nahm den Gnsekiel und schrieb -- wie sich's fr einen Jnger Apolls gebhrte -- die Antwort in Versen: Fr eine wunderschne Jungfrau, Die seine wilden Sinne reizte, Verstand es Jupiter, mit Wrde Aus reicher Hand zu schenken! Da regnet's Gold, das magisch wirkt * * * * * Auf dich soll auch ein goldner Regen strmen, Wie einst auf Danae -- -- -- -- -- Aber, da der Herr Mettra einen Wechsel in Versen zurckweisen knnte, so lasse ich einen frmlichen durch seinen Korrespondenten abgehen; derselbe wird mehr ausrichten als mein Geschwtz. Sie gleichen dem Horaz; Sie vereinen gern das Ntzliche mit dem Angenehmen. Ich bin der Meinung, da man das Vergngen nicht hoch genug bezahlen kann, und ich glaube einen sehr vorteilhaften Handel zu schlieen. Ich bezahle eine Mark Geist nach Verhltnis wie der Wechsel steigt. Dies und noch mehr schrieb er, faltete den Brief zusammen und versiegelte ihn eigenhndig. Dabei fiel ihm der am Morgen eingegangene, ungeffnete Brief, der noch dalag, wieder in die Hand. Ungeduldig ri er ihn auf und entfaltete ihn. Der Brief war unterzeichnet: Barberina von Cocceji und enthielt einen Appell an die Gnade und die vterliche Gte des Knigs und die Bitte an ihn, befehlen zu wollen, da alle Verfolgungen wegen ihrer Heirat eingestellt werden mchten. Nebenbei auch die Mitteilung, da sie bald den Staaten Seiner Majestt einen Untertan zu schenken hoffte! Der Brief stellte den vorlufigen Abschlu eines Romans dar, der mit der Vorstellung in der Oper angefangen hatte, wo der von seiner Leidenschaft hingerissene junge Cocceji auf die Bhne strzte und die Ohnmchtige forttrug. -- Ein Roman, der dem Knig viel rger und Verdru einbrachte und ihm, da er nicht umhin konnte, ttig in ihn einzugreifen, auch die Erkenntnis gab, wo die Grenze seiner Macht lag. Die Leidenschaft des jungen Cocceji war unbezwinglich. Ebenso der Eigensinn Barberinas, die sich vorgenommen hatte, in der Gesellschaft Berlins eine Rolle zu spielen, und, da sie nicht die Erste sein konnte, wenigstens an zweiter Stelle, als Schwiegertochter des Grokanzlers, glnzen wollte! Der Knig hatte nichts unversucht gelassen, um die Heirat zu hintertreiben. Er entlie die perfide und verfhrerische Kreatur sofort ihres Dienstes und bedeutete ihr, da sie wohl daran tun wrde, seine Lande zu quittieren, da sie durch ihre Conduite sich seiner Protektion ganz unwrdig gemacht htte! Um zu verhindern, da der liebestolle junge Cocceji ihr auer Landes folgte, um sie zu heiraten, befahl Friedrich gleichzeitig dem Kommandanten von Berlin, den gedachten jungen Cocceji unter gute Aufsicht zu nehmen, um seinen wrdigen Eltern dergleichen Chagrin und seiner Familie sothane Prostitution zu ersparen -- ihn ntigenfalls zu arretieren und wohlverwahrt zu halten, damit er nicht echappieren oder einigen Connex mit der Barberina haben knnte! Das sollte so lange dauern, bis der junge Herr sein ohnvernnftiges Betragen erkenne oder sich der ihm so sehr unanstndigen Passion entschlagen haben wrde! Ein wenig spielte wohl das Rachegefhl dem bevorzugten Nebenbuhler gegenber mit sowie die Freude, dies Gefhl mit einem Schein von Recht, wegen der Rcksicht auf die wrdigen Eltern, unter Zuhilfenahme der kniglichen Gewalt befriedigen zu knnen. Wer verliebt ist, ist nicht der Mann, darin ein ohnvernnftiges Betragen zu erkennen. Gedachter junger Cocceji wurde also gantz in der Stille arretiert und weggebracht und mute anderthalb Jahre als unfreiwilliger Gast auf einem der entlegensten kniglichen Schlsser verbringen. Als er endlich freikam, quittierte er fr die knigliche Gastfreundschaft dadurch, da er Barberina, die inzwischen von einem lngeren Ausflug nach England zurckgekehrt war, aufsuchte und sich sofort mit ihr trauen lie. Jetzt lag als Abschlu der jahrelangen Kampagne der Brief Barberinas da vor dem Knig auf dem Tische und teilte ihm die Tatsache mit, sowie, da sein eifrigster und lngster Feldzug auf dem amoursen Gebiet mit einer Niederlage geendigt hatte. Wird nicht beantwortet! sagte er halblaut und warf den Brief hin. Unterfngt sie sich, gegen meinen Willen zu tun, so wird eben der Generalfiskal scharf mit ihr verfahren! Er klingelte und befahl den Hoftresorier vorzulassen. Fredersdorff kam. Der Knig bergab ihm den Brief an Voltaire. Sofort zu bestellen! befahl er. Du sollst ihm einen Wechsel ber viertausend Taler senden! Der Herr de Voltaire tritt jetzo in unsere Dienste! Du sollst ihm aus unserer Privatschatulle ein Jahresgehalt von fnftausend Talern bereit halten! Er wird im Schlosse wohnen, freie Tafel, Dienerschaft, Equipage und alles ntige haben! Das Patent als Kammerherr und Ritter des Ordens -=Pour le mrite=- nimmst du fr ihn in Empfang! Er bekommt die Auszeichnungen erst, wenn er hier ist! -- Folge mir in den Garten, da knnen wir das Weitere besprechen! Fredersdorff verbeugte sich schweigend, meldete dann, da das Gemlde Pesnes, Pygmalion und Galathe darstellend, eingetroffen und im Musikzimmer aufgestellt wre, um vom Knig besichtigt zu werden. Friedrich machte eine ungeduldige Gebrde. Die Darstellung Pesnes der Pygmalionlegende mifiel ihm ebensosehr wie deren Auffhrung in der Oper! Immer wieder hatte er etwas daran auszusetzen gehabt. Immer wieder wanderte das Bild in das Atelier des Meisters zurck, wo es den grten Teil der Zeit verbrachte, die der Liebesroman Barberinas mit dem jungen Cocceji dauerte. Jetzt war es wieder so weit, vom Knig besichtigt und dann refsiert zu werden. Der Brief Barberinas gengte dem Knig aber fr heute. Man soll uns mit jener perfiden Kreatur nicht mehr behelligen! rief er unmutig. Befehlen Eure Majestt also, das Bild zu entfernen? Friedrich dachte einen Augenblick nach. Wegen Pesnes werden wir es wohl -- nachher erst ansehen mssen! Er ist ein groer Knstler und hat uns treu gedient! Vor ihre Cochonnerien kann er nicht! -- Vorerst wollen wir aber das schne Frhlingswetter genieen! Er lie sich den Krckstock geben -- den Hut hatte er stets auf -- und, von Fredersdorff gefolgt und von den Windspielen umwedelt, trat er auf die Terrasse hinaus. Die Hunde schnupperten und klfften und schienen etwas Ungehriges zu wittern. Der Knig gab nicht acht darauf, sondern ging langsam auf der Terrasse auf und ab. Er vertiefte sich schlielich in den von modisch gestutzten Hecken und Bumen beschatteten Garten und gab seinem getreuen Fredersdorff alle mglichen Verhaltungsmaregeln wegen der Reise Voltaires und seines Empfanges. Pltzlich blieb er stehen. An der Biegung des Weges vor ihm tauchte eine weibliche Gestalt auf, eine alte, dicke, auffallend ausgeputzte Matrone, die beim Anblick des Knigs ein so tiefes Kompliment machte, da sie halb in die Erde zu versinken schien. Ridicule! rief Friedrich ungehalten und stie wiederholt mit dem Krckstock auf die Erde. Heute passiert es uns schon zum dritten Male! Sooft wir an Voltaire denken oder von ihm reden, mu uns das alte Weib ber den Weg laufen! Man frage sie, wer sie ist, und warum sie in unseren Grten marodiert! Fredersdorff ging zu der alten Frau hin und kehrte mit dem Bescheid zurck, es wre die Mutter Barberinas, die Signora Campanini. Und sie bte um die Gnade, den Knig sprechen zu drfen. Friedrich konnte die Alte nicht leiden. Sie war ihm widerwrtig, und er hatte sie nie der Ehre einer Ansprache gewrdigt. Jetzt war es ihm recht, an ihr seine Galle auszulassen. Er ging rasch auf sie zu, beachtete ihren Gru nicht, stie heftig mit dem Krckstock auf den Boden und rief ihr in rgerlichem Ton zu: Sie hat ihre Tochter schlecht erzogen, Signora! Sie ist eine schlechte Mutter gewesen! Ihre Tochter ist eine ungehorsame und undankbare Kreatur! Unser Generalfiskal wird aber die renitente Canaille schon zur Rson zu bringen wissen! Die Alte stammelte eine demtige Bitte, er mge Gnade walten lassen und von rigoursen Manahmen Abstand nehmen. Was sie gefehlt hat, soll sie ben! sagte Friedrich kurz. Wenn sie auch das Unglck gehabt hat, Eure Majestt zu erzrnen, sagte die Alte, die allmhlich den Mut wiederfand, ein strafwrdiges Verbrechen war es nicht, dem Gebot ihres Herzens zu folgen! Ihre Tochter _=hat=_ kein Herz! Sie ist lauter Koketterie und kalte Berechnung! Bei uns aber sind ihre Manvers milungen! Die Ehe mit dem Geheimen Rat Cocceji wird ihr weder Freude noch Ehren bringen -- dafr wollen wir sorgen! Unerlaubte Ehen estimieren wir nicht! Die Ehe ist in aller Ordnung geschlossen, Sire! So wird sie auch in aller Ordnung gelst werden! Wir dulden nicht, da eine hergelaufene Person die Kpfe der jungen Leute verdreht, sie zu Ungehorsam gegen ihre Eltern verleitet und uns die ersten Familien des Landes prostituieret. Machen Sie sich darauf gefat, mitsamt Ihrer sauberen Tochter von unserer Polizei ber die Grenze spedieret zu werden, falls Sie sich nicht bescheidet und gutwillig unsere Lande quittiert! Gehe Sie! Die Mama machte einen noch tieferen Knicks als vorher, ging aber nicht, sondern sagte mit siegesgewissem Grinsen: Meine Tochter hat ein groes Vermgen nach Preuen gebracht! In die Hunderttausende geht es! Wollen Eure Majestt verantworten, die schne Summe Geldes auer Landes gehen zu lassen? Wir wollen von dem Schrzengeld Ihrer Tochter nichts wissen! rief Friedrich noch heftiger. Gehe Sie sofort! Aber die Alte ging nicht. Die Gelegenheit, den Knig persnlich zu attackieren, kam nie wieder, und sie hatte noch einen Pfeil im Kcher. So wollen Eure Majestt auch nichts von Allerhchst Dero eigenen Briefen an meine Tochter wissen?! Wenn man sie drauen in der Welt zu lesen bekommt und von dem strengen Gericht ber sie wegen ihrer Liebe zu einem anderen hrt, so wird man sich schon den Vers darauf machen! Sie sind -- in sicherem Gewahrsam! Friedrich blickte sie, wutentbrannt ber solche Keckheit, an. Dann winkte er Fredersdorff. Man schaffe uns das Frauenzimmer aus den Augen, rief er. Wir haben hier kein Konventikelhaus fr alte Weiber gebauet! Das sage Er mir dem Hofgrtner! Und da er auf Wasser und Brot nach Spandau kommt, wenn er uns noch von denen losen Schrzen in die Grten lt! Worauf er ihr den Rcken drehte und wieder nach dem Schlo zurckging. Die Treppen der Terrassen waren aber viele und wurden trotz seiner Wut nicht weniger. Als er sie hinaufgestiegen war, war der Zorn verraucht. Und als er in sein Arbeitszimmer eintrat, lachte er ber die Szene. Wir haben an Wichtigeres zu denken! sagte er schlielich. Mag die Dirne laufen! Sie soll ihren Willen haben! Viel Freude wird sie in der Ehe mit jenem Brausekopf nicht haben! Das mag ihr zur Strafe gereichen! Sie hat's selbst so gewollt! Er klingelte, lie den Privatsekretr kommen, bergab ihm den Brief Barberinas und diktierte ihm einige Zeilen an den Generalfiskal, worin er resolvierte und ihm befahl, nicht weiter wider gedachte Barberina zu agieren, sondern die Sache gntzlich fallen zu lassen! Dagegen sollte der Fiskal herauszubringen suchen, _=wer der Geistliche gewesen war=_, der sich unterstanden hatte, die Liebenden zu kopulieren! Das wurde jetzt die Hauptsache. Dem Pfaffen wollte Friedrich recht scharf zu Halse gehen und -= la rigeur=- sein Verbrechen untersuchen! Denn er sei intentionieret, denen Geistlichen nachdrcklich zu deklarieren, da sie, wenn sie sich unterfingen, ohne vorherige Approbation Leute heimlich zu kopulieren, auf Lebenszeit nach einer Festung gebracht und bei Wasser und Brot gehalten werden sollten! Den Brief an den Generalfiskal berbringst du ihm persnlich und sagst ihm noch mndlich von uns: Er mge sehen, unsere Briefe an jene Person in seine Hnde zu bekommen und ihr bedeuten, das sei die Bedingung, gegen die wir uns dahin resolvieret haben, Gnade vor Recht gehen zu lassen! Der Sekretr ging, um die Briefe auszufertigen. Der Kammerdiener trat ein und meldete, da der Grokanzler von Cocceji drauen warte und dringend um Audienz bitten lasse. La ihn vor! sagte Friedrich, der darauf gefat war, auch _=seine=_ Suppliken in jener heiklen Angelegenheit anhren zu mssen. Haben wir uns damit inkommodieret, der Mutter der einen Partei den Kopf zu waschen, so mssen wir wohl -- von Rechts wegen -- dem Vater der anderen Partei dieselbe Gnade erweisen! Der Grokanzler trat ein, das Gesicht von unermelichem Gram durchfurcht, verbeugte sich tief und fing in ehrerbietiger und wohlgesetzter Rede sein husliches Unglck zu bejammern an. Friedrich hrte geduldig zu, lie die Klage des alten Herrn ber die Passion seines unglcklichen Sohnes mit der berchtigten Barberina ber sich ergehen, wegen deren bler Conduite der Knig, wie der Grokanzler sagte, ja selbst Hchstdero Indignation mit wohlverdient scharfen Expressions bereits verschiedentlich bezeigt hatte! Er gab dem Knig zu bedenken, da er es ihm nicht verbeln knne, wenn er seine durch den Knig fundierte Familie vor Schaden zu sichern bestrebt sei, da der Knig geruht htte, ihn zu hohen Ehrenmtern zu erheben; und erbat sich die Erlaubnis, die Sache durch den Weg Rechtens auszumachen, um so die Ehe, die ohne seine vterliche Erlaubnis geschlossen war, rckgngig zu machen, oder, wenn der Knig besondere Ursachen htte, sein diesbezgliches Gesuch nicht zu deferieren, ihm wenigstens die Gnade zu erweisen, jene Leute an einen anderen Ort zu versetzen! Ich habe, schlo er, diesen Sohn alle Tage vor Augen, wenn ich in den Geheimbden Rat gehe, und kann ihn ohne Alteration nicht mehr ansehen. Eure Majestt werden nicht zugeben, da ich meine grauen Haare mit Herzeleid in die Grube trage! Friedrich antwortete ihm nach kurzer berlegung, da er in eine Versetzung seines Sohnes einwillige, jedoch auf eine billige Art und so, da er dabei weder verliere noch gewinne. Er betonte aber ausdrcklich, da es nur aus Faiblesse gegen den Grokanzler geschehe! Denn sein Sohn htte in kniglichen Diensten nichts versehen und wre also nicht zu bestrafen, da dessen unbesonnene Heirat eigentlich den Dienst nicht affiziere! Diesbezgliche Vorschlge knne ihm der Grokanzler selbst machen. Wir haben, schlo der Knig, zur Verhinderung jener Eheschlieung bereits so viel getan, da kein Mensch sagen kann, wir htten unsere gewesene Liaison durch Einheiratung in eine hochangesehene Familie entschdigen und mit einem vornehmen Namen ausstatten wollen. Wenn wir aber noch weitergehen, wrde man denken knnen, wir wrdigten uns so weit herab, wegen einer hergelaufenen Tnzerin -=jaloux=- zu sein! Deshalb bleibt die Ehe, die ja -=recte=- geschlossen wurde, bestehen! Er wird sich wohl mit der Zeit darber hinwegsetzen knnen! Sowohl Er wie wir haben an Wichtigeres zu denken! Das Leben hat uns andere und hhere Ziele gegeben, hinter denen unsere persnlichen Wnsche verschwinden mssen! Gehe Er, und sei Er unserer kniglichen Gewogenheit gewi, jetzo wie immer! Er reichte ihm die Hand. Der Grokanzler kte sie schweigend, verbeugte sich und entfernte sich, wie er gekommen war, in gemessener Wrde. Dann ging der Knig in das Musikzimmer hinaus und besichtigte das Gemlde Pesnes. Er blieb lange davor stehen. Das, was wir wollten, ist's immer noch nicht! Am Ende wollten wir etwas Verkehrtes! Wir lieen uns von einem unerfllbaren Traum leiten! Die antike Legende stellte die Sache auf den Kopf! Die Tat Pygmalions war nichts als eine schne Phantasmagorie! Das Leben macht's umgekehrt: Nicht der Stein wird zu Fleisch -- _=das Fleisch wird zu Stein=_; so ist's gewesen, und so hat's Meister Pesne auch ganz richtig hingepinselt! Er rief seinen Kammerdiener. Hnge Er mir die Mamsell an den Nagel! befahl er. Und so schlo auch der Liebesroman Friedrichs des Groen -- der letzte seines Lebens! Er hatte andere und hhere Ziele als sein persnliches Glck. -- Wie er aber in harter Arbeit mit eiserner Energie das ihm anvertraute Amt erfllte und den Staat aufbaute, als dessen erster Diener er sich stets fhlte -- wie er diesen Staat vergrerte und dessen Gromachtstellung gegen den Ansturm einer ganzen Welt von Feinden verteidigte und ruhmvoll behauptete -- seine Grotat, auf der die heutige Gre Deutschlands beruht, das gehrt der Geschichte als heiligstes Vermchtnis an und hat im Roman keinen Platz! Fnftes Buch -=Virtuti Asylum=- 23 Die Ehe Barberinas war nicht glcklich, dauerte aber um so lnger -- trotz der hufigen Unregelmigkeiten, die sich der Herr Gemahl -=in puncto=- Treue gestattete. Man nahm es ja nicht so genau mit derartigen Dingen. Und die Hauptsache -- die gesellschaftliche Position -- hatte sie ja erreicht, wenn auch nur in der Provinz. Sie war da als Gattin des Regierungsprsidenten immerhin die erste Dame. Sie war an sich reich und insofern von ihrem Mann unabhngig; sie durfte sich auch den Luxus leisten, ein Schlo zu kaufen, wohin sie sich zur Erholung von den Strapazen der ehelichen Langeweile zurckziehen konnte. Nach zwanzigjhriger Ehe unternahm sie einmal zur Krftigung ihrer Gesundheit eine Reise nach den bhmischen Bdern. In einem kleinen Ort wurde die Reise behufs Wechsels der Pferde unterbrochen. Sie benutzte die Zeit, einen Spaziergang zu unternehmen und sah sich dabei die Vorstellung einer Zigeunergesellschaft an. Unter den Tnzerinnen, Taschenspielern und Jongleuren war einer, der durch sein sonderbares Benehmen auffiel. Ernst und schweigsam bte er sein Amt als Spamacher. Ohne eine Miene zu verziehen, parodierte er Tnzer und Tnzerinnen mit einer Gewandtheit, die seine Vorbilder in jeder Beziehung bertraf und auf eine weit ber dem Durchschnitt stehende Kunstfertigkeit hindeutete, aber zugleich mit einem ans grotesk Schauerliche grenzenden Ernst, der den Spen eine ans Herz greifende Wehmtigkeit verlieh und Barberina aufs hchste erschtterte. Voll Mitleid entnahm sie ihrer Brse ein Goldstck und warf es ihm, als er vor ihr stand, in das Tamburin. Ein Zittern durchfuhr ihn, er flsterte: -=Mille grazie, signora=- und machte seine eleganteste Verbeugung. Und -- da erkannte sie -- trotz der Schminke und der ganzen Verkommenheit -- Fossano! Sie dachte an jene lngst verflossene Zeit, wo sie, ein junges Mdchen, auf der Strae in Parma dem Tanz der Zigeunerin zugesehen hatte und er, der reiche, bermtige, vom Glck verwhnte Knstler, ihre Gedanken und Wnsche erratend, ein Goldstck ber ihre Schulter der Tnzerin in ihr Tamburin geworfen hatte! Und es blitzte in ihren Augen auf. Durch jenes leicht hingeworfene Goldstck war sie damals seine Schuldnerin geworden. Das hatte die erste Verknpfung ihres Schicksals mit dem seinen gegeben. Seitdem besa er ein gewisses, wohlerworbenes Recht auf sie. Aber jetzt erst fiel es ihr ein, da sie gerade durch jene Zahlung in seine Gewalt geraten war. Ohne da sie noch er sich dessen bewut waren, hatte er dadurch ihre Seele gekauft und war ihr Herr und Meister geworden! Und nun hatte das Schicksal es so gefgt, da sie es ihm ohne Absicht in der gleichen Weise hatte zurckzahlen knnen. Das letzte Band, das sie noch miteinander verknpfte, war gerissen. -- Du bist es, Fossano? sagte sie halblaut. Er verbeugte sich schweigend. In seinen Blicken war aber etwas wie eine Bitte, seinem Elend die Larve nicht vom Gesicht zu reien. Er schmte sich seiner Verkommenheit. Erinnerst du dich noch, wie du einst fr mich in derselben Weise zahltest? Er nickte. Jetzt sind wir also quitt! sagte sie, und um ihre Lippen zuckte es scharf. Er seufzte und blieb noch vor ihr stehen. In diesem Seufzer lag mehr als eine verschmte Bitte. Der Blick, mit dem er den Seufzer begleitete, gab ihm den Charakter einer Mahnung, die er nicht laut zu uern wagte, aber die doch ihre Berechtigung zum Ausdruck brachte. Sie verstand ihn wohl. Als er alles und sie nichts war, hatte er sich ihrer angenommen und ihr den Weg geebnet -- aus Eigennutz oder nicht, aber er hatte es getan! Jetzt waren die Rollen vertauscht -- sie auf der Hhe des Lebens und er in der Gosse. Jetzt war's an ihr, Schicksal zu spielen. Es war aber auch die Gelegenheit da, sich zu rchen, und sie lie sie nicht ungenutzt vorbergehen. Hilflos, von Schmach bedeckt, stand er vor ihr, und sie rchte sich, indem sie ihm Hilfe schenkte -- weniger aus gutem Herzen als aus der grausamen Lust, ihn wieder mit Fen zu treten. Sie warf ihm noch ein Goldstck in das Tamburin. Das erste hat meine Schuld an dich getilgt, sagte sie. Dies Goldstck macht dich zu meinem Schuldner. Nimmst du es an, so bist du mir verpflichtet wie ich bis jetzt dir. Er nahm es. Signora befehlen? fragte er unterwrfig. Unsere Kunst, die du mich heilig zu halten lehrtest, will ich nicht von dir durch die Gosse geschleift wissen, sagte sie, und er zuckte unter ihren Worten wie unter einem Peitschenhieb zusammen. -- Ziehe die Bajazzotracht aus! Und wenn du umgekleidet bist, komm in das Gasthaus und hole dir meine Befehle, sofern du gedenkst, dich unter meine Botmigkeit zu begeben! Sie winkte ihrer Begleiterin und ging. Als er nach einer halben Stunde in seinen zerschlissenen Kleidern vor ihr erschien, das von Entbehrungen und vom jahrelangen Lotterleben durchfurchte Gesicht von Schminke und Malerei befreit, da stand ihr Entschlu fest. Sie brauchte seine Lebensgeschichte seit der Zeit, da sie ihn das letztemal gesehen hatte, nicht in allen Einzelheiten zu hren -- ein paar Worte gengten, um ihr darzutun, wie er, als Spion gechtet, als Spieler verrufen, von Stufe zu Stufe gesunken war. Nachdem seine Ersparnisse verzehrt waren, hatte er sich den Zigeunern anschlieen mssen, um da als Faktotum und Spamacher bei den Vorstellungen kmmerlich sein Leben zu fristen. An ein erneutes Hochkommen war bei ihm nicht zu denken. Selbstndig wrde er sich kaum einige Tage halten knnen, ohne zu verbummeln. Aber er konnte ihr ntzlich werden. Er hatte ja Erziehung, Gewandtheit, Manieren, hatte Sprachkenntnisse und war mit dem Leben und den Menschen vertraut. Und vor allem: er kannte sie und wrde ihr, wenn er wollte, ohne weiteres jeden Wunsch vom Gesicht ablesen knnen. Barberina bot ihm an, ihr Haushofmeister zu werden und sie sofort auf der Reise zu begleiten. Und er nahm an, ohne mit den Wimpern zu zucken. Eine Brse, die sie ihm spendete, setzte ihn in die Lage, sich gleich mit dem ntigsten an Kleidung zu versehen und sich von den Zigeunern frei zu machen. Und so begleitete er sie auf der Reise und zurck nach ihrem Schlosse Barschau in Schlesien. Ein besonderes Vergngen machte es ihr dabei, da Friedrich ihn des Landes verwiesen hatte. Denn erstens war er so ganz von ihrer Gnade abhngig und sicher nur, solange sie sein Inkognito bewahrte! Auerdem konnte sie so dem Knig, wenn auch ohne dessen Wissen, ein Schnippchen schlagen! Jahraus, jahrein waltete Fossano also seines Amtes, ohne auch nur durch eine Miene zu zeigen, da er frher andere Beziehungen zu ihr gehabt hatte -- aufmerksam, korrekt und in strengster Beobachtung der bernommenen Pflichten. Bis sie sich endlich, mde der schiefen Stellung, in die die Mtressenwirtschaft ihres Mannes sie gebracht hatte, entschlo, die Ehe, die schon lange kein Zusammenleben mehr gewesen war, nach achtunddreiigjhriger Dauer auch formell zu trennen. Sie residierte, wie fast immer in den letzten Jahren, allein auf ihrem Schlosse Barschau, als die Nachricht von der endlich vollzogenen Scheidung, die ihr Rang und Namen auch ferner sicherte, bei ihr eintraf. Sie lie ihren Freunden und Bekannten unter dem schlesischen Adel einen Tag ansagen, an dem sie bereit wre, Glckwunschbesuche zu empfangen. Am frhen Morgen dieses Tages gratulierte ihr die gesamte Dienerschaft. In feierlichem Aufzug zogen sie an ihr vorbei: Zofen, Kammerjungfern, Trsteher, Lakaien, Kche und Grtner machten ihre tiefsten Reverenzen und brachten ihr Blumen aus dem Garten. Zuletzt der Haushofmeister, dem als einzigem die Gnade zuteil wurde, ihr die Hand zu kssen. Er tat es mit vollendeter Eleganz, richtete sich dann in voller Wrde auf, gab ein Zeichen, und die feierlich geschmckte Schar entfernte sich. Auf steifen Beinen trat er dann nochmals vor, nahm seiner Gebieterin die Blumen ab und begann sie in Vasen zu ordnen. Achtunddreiig Jahre ist es nun her, sagte er dabei mehr fr sich selbst. Achtunddreiig Jahre! Und heute erst -- Er seufzte. Ja, heute erst -- wiederholte die Baronin, ebenfalls seufzend, aber auch sie vollendete den Satz nicht. Hja, sagte der Hofmeister und steckte noch eine langstielige Rose in die Mitte des Buketts. Das Glck der heiligen Ehe haben Madame reichlich genossen! Sie blickte ihn nicht an, sie kniff nur die dnnen Lippen zusammen und sagte kurz: Gut, da es vorbei ist! Es wre besser schon vor zehn Jahren vorbei gewesen! Meinst du? Mit Erlaubnis, ja! Madame haben viel Geduld gezeigt. Viel zuviel fr ein kurzes Menschenleben. Was ntzt Madame jetzt noch die Freiheit? Was htte sein knnen, interessiert uns nicht. Was sein wird, ist wichtiger. Nun haben wir die Scheidung und sind eines unertrglichen Zustandes ledig! Es ist aber nicht, was es htte sein knnen, sagte der Haushofmeister eigensinnig. Vor Jahren, als der Prsident, Dero Gemahl, anfing, Madame offen seine Miachtung zu zeigen und seine Mtresse in die Gesellschaft einfhrte und bevorzugte, da htten Madame die Scheidung selbst beantragen mssen, statt abzuwarten, bis er es tat, um jene Dame ehelichen zu knnen. Dann htte es wenigstens den Anschein gehabt, als wnsche Madame das Leben noch zu genieen -- und nicht, wie jetzt, als sei Madame verstoen! Du bist dreist! sagte die Baronin und stand auf. Kmmere dich um das, was deines Amtes ist! Wir werden viel Gste haben. Der ganze Adel wird sich jetzt wohl bei mir sehen lassen! Ich frchte, die werden ihre Glckwnsche lieber in Glogau bei der neuen Frau Prsidentin des gleichen Namens vorbringen! Madame werden nicht zu viele Gratulanten empfangen! Eine verstoene Ehefrau ist den Leuten keiner Beachtung wert! Sie blickte ihn scharf an. Sie werden wohl nicht -- wie du -- bersehen, da er der schuldige Teil war! Sie werden Madame zum mindesten fr mitschuldig halten. Und auch denken, da Madame sich reichlich lange Zeit zur berlegung gegnnt htten, um Dero Einwilligung zur Scheidung zu geben! Man verzichtet nicht vorschnell auf Rang und Einflu -- das werden sie alle wissen. Als Prsidentin von Cocceji war ich die erste Dame der Provinz -- der ganze steifnackige Adel hatte sich mir zu beugen. Der Haushofmeister seufzte. -- Die erste Dame der Provinz! Wenn ich das hre und bedenke, da Madame die erste Dame des Knigreichs htten sein knnen -- wenn -- Wenn? wiederholte sie und nahm dabei eine Haltung an, die jeden anderen als Fossano sofort zum Schweigen gebracht htte. Wenn Madame selbst gewollt htten, sagte er, ohne sich im geringsten einschchtern zu lassen. Wenn Madame geruht htten, sich im entscheidenden Augenblicke etwas weniger gehen zu lassen! Wer, wie du, in jenem entscheidenden Moment mitgeholfen hat, mich um die Besinnung zu bringen, sollte mir nicht auch noch _=das=_ sagen! Du bist aber ein boshafter Mensch, voll Schadenfreude und Scheelsucht! Du bist ein Undankbarer! Du vergit, da ich dich aus dem Elend herausgezogen habe, in dem du versunken warst! Du schtzt es zu gering ein, da ich dir zu einem ruhigen Alter verholfen habe! Soll ich Madame so verstehen, da ich mich durch meine Worte um meinen Posten in Dero Dienst gebracht htte? fragte der Alte, und es leuchtete unheimlich in seinen Augen auf. Das knnte so kommen, wenn du dich nicht in acht nimmst, sagte sie hart und setzte sich an ihren Sekretr. Geh jetzt und sorge dafr, da alles bereit ist, wenn die Gste kommen! Zu Befehl! Der Haushofmeister stellte die Vase mit den Blumen vor ihr auf den Schreibtisch. Er blickte seine Gebieterin furchtlos an und nahm noch einmal das Wort: Auch auf die Gefahr hin, fortgejagt zu werden, werde ich meine Pflicht tun und Madame meine Meinung sagen, wenn es not tut! Und hiermit machte er kehrt, ohne die Wirkung seiner Worte abzuwarten. Gerade und steifbeinig stelzte er hinaus. Sie blickte ihm erstaunt nach. Seitdem sie ihn in Dienst genommen hatte, war dies das erstemal, da er sich etwas gegen sie herausnahm. Stets aufmerksam, zuvorkommend, wortkarg und pflichtbewut durch die ganzen Jahre, dankbar fr die ihm erwiesenen Wohltaten, hatte er sich streng innerhalb der Grenzen seines Amtes gehalten. Und heute kehrte er wieder den Lehrmeister heraus und sah sie mit jenem berlegenen spttischen Blick an, der sie frher immer in Harnisch gebracht hatte. Und in seiner Stimme zitterte wieder jener verchtlich berlegene Ton des Meisters, der sich herablie, seiner Schlerin eine Lektion zu geben! Sie lachte laut auf! Ihr altes, steifbeiniges, verknchertes Faktotum, schon fast abgestorben vor Entbehrungen und Gebresten des Alters, mate sich an, wieder aufzuleben und noch einmal den eleganten, verwhnten Weltmann und Menschenverchter herauszukehren! Das konnte noch sehr belustigend werden! Sie ging zum Spiegel und blickte hinein. Ein volles, reifes Frauengesicht, in das die Jahre ihre Falten gegraben hatten -- die Augen schwarz und stechend, die Figur mehr als ppig, nichts mehr von der bermtigen Tnzerin, die einer ganzen Welt ein Schnippchen geschlagen hatte. Eine groe Dame, an Wohlleben, Behaglichkeit und Ruhe gewhnt, und ohne Drang zu Abenteuern! Sie brauchte wahrlich weder Fhrung noch Schutz! Sie war frei, unabhngig, reich; und die Tage, die ihr noch beschieden waren, wrde sie hier auf ihrem schnen Landschlo in vertrautem Verkehr mit lieb gewordenen Standesgenossen verleben! Aber die Standesgenossen kamen nicht! Sie war mit der Ehescheidung aus ihrem Kreise getreten; der Kreis schlo sich wieder -- um ihre Nachfolgerin, die ihren Namen und ihre Stellung geerbt hatte. Sie war jetzt drauen und wurde ignoriert. Das hatte sie nicht erwartet. Trotz ihrer Oberflchlichkeit hatte sie an die Echtheit der Gefhle geglaubt, die man ihr zeigte, und wurde jetzt bitter enttuscht! Sie lie es sich aber nicht anmerken. Sie wahrte die Wrde und behielt ihrer Umgebung gegenber die Haltung. Nur den Hofmeister blickte sie ein paarmal fragend an, als er das Mittagessen servierte. Er aber tat, als merke er nichts, war korrekt bis in die Fingerspitzen, versah seinen Dienst und wartete, bis er gefragt wurde. Lange brauchte er nicht zu warten. Du freust dich wohl? sagte sie pltzlich und blickte von ihrem Teller auf. Du freust dich wohl, weil du recht behalten hast? Wie meinen Madame? Sagtest du nicht heute frh, da, nach deiner Meinung, meine Freunde es vorziehen wrden, statt hier bei mir im Hause meines ehemaligen Mannes zu gratulieren? Ja. Ich nahm an, sie wrden nicht anders sein, als die Menschen meistens sind. Aber ich fr meine Person gestatte mir keinesfalls, irgendwelche Meinung zu uern -- weder Freude noch Schadenfreude! Ich schtze es, da du dich auf deinem Platze hltst. Aber -- wir kennen uns zu lange -- der Anteil, den du frher an meinem Leben genommen hattest, war zu einschneidend, als da ich an eine gnzliche Teilnahmslosigkeit denken knnte! Der Anteil, den ich an Dero Leben zu nehmen die Ehre hatte, gehrt der Erinnerung an und ist lngst von dickem Staub bedeckt, so da ich ihn nicht mehr ohne weiteres zu sehen vermag. Es wird Madame nicht anders gehen! Ein >Interesse< habe ich nur noch fr meinen Dienst! Und zu meinem Dienst gehrt es nicht, mich mit dem Abstauben der Nippes und Bijouterien aus Dero Vergangenheit zu befassen! -- Wenn aber Madame es mir ausdrcklich befehlen, weigere ich mich nicht, behilflich zu sein, sie aus den Behltern von Dero Gedchtnis hervorsuchen zu helfen, wenn es auch Madame keine besondere Freude bereiten drfte! Du bist frech! sagte Barberina gereizt. Du nimmst dir einen Ton heraus, der deutlich zeigt, da ich auch fr dich von heute ab weiter nichts bin als die ehemalige Tnzerin Barberina! Von heute erst?! Pardon, wenn ich da zu widersprechen wage! Das sind Madame von dem Augenblick an gewesen, als Madame den Geheimen Rat und jetzigen Regierungsprsidenten von Cocceji ehelichten! Da hrte die Barberina auf zu sein! Da war die Laufbahn ihres Gestirns unter den Horizont gesunken! _=Jetzt=_ knnte es wieder emporsteigen! Du meinst, da ich jetzt noch die unterbrochene Laufbahn fortsetzen knnte? Du siehst das Silber, das sich schon in meine Haare schleicht, siehst, da auch die Jugend lngst eine Erinnerung ist -- und redest noch von einem neuen Aufstieg meines Gestirns? Du nimmst dir heraus, mich zum besten zu halten! Durchaus nicht! Ich bin so frei, der Ansicht zu sein, da der Aufstieg zu dem glanzvollen Abschlu eines einzig dastehenden Schicksals jetzt zu beginnen htte! Wie meinst du das? Er schttelte den Kopf. Meines Amtes ist es nicht, Schicksalsfragen zu entrtseln! Wenn Madame mir aber befehlen, das, was war, wieder ins rechte Licht zu rcken, damit Madame _=selbst=_ sehen knnen, dann wollen Madame nur auf den betreffenden Gegenstand des hohen Erinnerns deuten! Und wenn ihn der Staub der Zeit zu dicht bedecken sollte, ich helfe gern, ihn zu entfernen! Barberina blickte die alte, drre Gestalt an, die kerzengerade vor ihr stand, ohne einen anderen Ausdruck im Gesicht als den der gehorsamsten Pflichterfllung, und zuckte mit den Schultern. Nun, so sag mir deine Meinung ber die Rolle, die ich am Hofe des verstorbenen Knigs htte spielen knnen -- wenn ich es nicht verpat htte! Dieselbe Rolle wie berall und in jedem Abschnitt des Lebens! Madame tanzten um die Krone herum -- und verschmhten es im rechten Augenblick, nach ihr zu greifen! Sie lchelte. Ich htte das verpat? Zu Befehl, ja! Wann denn? Eben das letztemal, als wir einander auf der Bhne gegenberstanden als Pygmalion und Galathe! Sie stand auf, heftig bewegt. Du wagst es, mich daran zu erinnern? Ich hatte den gndigsten Befehl! Keinesfalls wollte ich die Rolle meiner Wenigkeit dabei in Erinnerung bringen! Du httest allen Anla, das zu vermeiden; denn du bist schuld an dem, was sich damals zutrug! Schuld an seinem Schicksal kann der Mensch nur selbst haben. Htten Madame bei jener Gelegenheit die Geistesgegenwart bewahrt -- wer wei, wie es dann gekommen wre -- Wie denn, meinst du? Ich meine, da bei der Gelegenheit Madame der Krone so nahe waren wie nie wieder in Dero Leben. Sie schwebte dicht ber Ihrem Haupte, aber Madame sahen es nicht, Madame empfanden nicht, da der Knig nichts sehnlicher suchte als die selbstlose Hingabe eines anderen Menschen an sein Wollen. Er _=wollte=_ immer nur seine groe Sache und glaubte damals noch der schpferisch empfangenden Liebe eines gleichempfindenden Menschen zu bedrfen -- er wnschte sie zu gewinnen und neigte sehr zu der Annahme, sie bei Madame finden zu knnen. Er ahnte die Mglichkeit, erkannte aber auch die _=Unmglichkeit=_, als Madame bei der entscheidenden Probe ihrem persnlichen Temperament die Zgel lieen und alles andere darber vergaen. Ich sollte ihm helfen, Madame die Maske vom Gesicht zu reien. Ja, du warst stets bereit, mich blozustellen! Wer das wei und sich doch Blen gibt, darf keinem als sich selber Vorwrfe machen! Ich hatte nicht die Macht, Zwang auszuben, damals ebensowenig wie jetzt. Als aber die Maske fiel und das wahre Gesicht unverhlt zur Schau trat -- aber in leidenschaftlichster Aufwallung verzerrt --, da sah jener suchende Blick aus der kniglichen Loge wohl, da das, was er suchte, wirklich da, wo er's ahnte, zu finden gewesen wre -- wre es nicht bereits verlorengegangen! Durch wen? fragte Barberina stechenden Blickes. Madame verzeihen, wenn ich mit einer Gegenfrage antworte. Wer bahnte Ihnen den Weg, wer fhrte Sie zu jenen Hhen, wo es die Gelegenheit gab, Groes zu leisten? Wer _=verfhrte=_ mich auf Abwege, solltest du lieber fragen! Fhren und verfhren sind kaum auseinander zu halten! Es kommt darauf an, der Fhrung zu folgen und der Verfhrung zu widerstehn! Danach gestaltet sich der Weg des Lebens! -- Madame lieen in jenem hchsten Moment von Dero Laufbahn sich wiederum zu sehr gehen, und das entschied! Das Spiel um die Krone war verloren! Was dann folgte, war ein eigenwilliges Einsargen des eigenen Lebens -- ein jahrzehntelanges Modern bei lebendigem Leibe im Grabe der Ehe. Jetzt hat sich das Grab aufgetan. Madame sind wieder drauen. Und was da drauen Wert hatte, ist tot! Wozu uns darber aufhalten? La uns weitergehen! Wohin befehlen Madame? Finde du den Weg! Immer noch? sagte Fossano kopfschttelnd. Das Ziel soll sich der Mensch selbst stecken. Madame lieen sich aber stets vom Zufall berraschen und von anderen fhren! Von anderen als von dir, meinst du wohl? Denn du wolltest stets die treibende Kraft sein und merktest nicht, da du selbst dabei getrieben wurdest! Am meisten da, wo du glaubtest, am mchtigsten in mein Leben eingreifen zu knnen -- in Paris! Leider aber gehen einem immer erst die Augen auf, wenn's zu spt ist. Das ist der Lauf der Welt. Das schnste Porzellan bekommt bei unachtsamer Handhabung Sprnge! Man merkt's nicht gleich; man stellt es aus der Hand! Nachher, beim Abstauben, kommt der Schaden an den Tag, und man sieht, wie schn es htte sein knnen -- wenn es nicht kaputt gegangen wre! -- Paris htte mrchenhaft schn sein knnen! Madame htten dort im Reiche der Grazie und der Schnheit aus dem vollen schpfen knnen -- Madame htten _=geherrscht=_ -- -- Ohne >selbstlose Hingabe an das Wollen< eines Herrschers? So war's! Madame htten die Allgewalt gehabt -- wenn sich Madame nicht voreilig meiner Fhrung entzogen htten, um sich Leuten anzuvertrauen, deren bereifer alles verdarb. Das gab dem Ganzen, das sich so mrchenhaft zu gestalten begann, gleich zu Anfang einen Ri! Die Geschichte bekam einen Schnheitsflecken -- die Krone Frankreichs glitt in andere Hnde, die gierig danach griffen! Und so war's bei jedem Knigreich, das sich Madame auftat! Die Gelegenheit war stets da und war immer gnstig -- aber immer wurde sie verpat! Auch in England? In England htten Madame unbeschrnkt gebieten knnen, wren Madame nicht so naiv gewesen, gerade da Dero Herz die Hauptrolle spielen zu lassen. Das Herz Englands ist aber der Geldsack! Der regiert unumschrnkt! Und der lag Madame schon offen zu Fen! Gottlob, da ich meinem Herzen folgte und ihn liegenlie! So habe ich wenigstens etwas vom Leben gehabt! Der Haushofmeister seufzte. Madame haben viel vom Leben gehabt! Liebe, Ha, Ehren, Verleumdungen, Reichtum, Armut! Fast alles! Es bleibt nur noch -- die Tugend! Sie blickte ihn gro an. _=Du=_ -- sagst mir das?! Ein anderer wrde genau dasselbe sagen! Es ist ein eigen Ding um die Tugend! Man _=hat=_ sie, man _=verliert=_ sie -- man gewinnt sie wieder! Gewinnt sie wieder?! Das war mir neu! Sie lachte laut auf. Er aber verzog keine Miene und verharrte in demselben trockenen, fast geschftsmigen Ton. Das ist die Karriere! sagte er. Und sie lachte noch toller. Es ist mein Ernst, Madame, sagte er dann, ohne sich von ihrer Munterkeit anstecken zu lassen. Nichts ist unwiederbringlich! Das Leben neigt sich immer wieder seinem Anfang zu, wenn es die Mittagshhe berschritten hat, und da findet sich so manches verloren geglaubte Gut aufs neue am Wege! Auch die Tugend?! Die vor allem! Man findet sie -- _=bei anderen=_ und htet die neuen Besitzer vor dem Schaden, den man selbst erlitt! Das ist die grte Tugend! Du wirst mich noch fromm machen wollen! Madame waren als Kind sehr zur Frmmigkeit geneigt. Das Alter pflegt sich gem der Kindheit zu gestalten. Das fgt sich ohne eigenes Zutun, noch das anderer Leute! Gott sei Dank! Sonst mte ich noch befrchten, da du mich dazu bringen willst, ein Tugendasyl zu errichten! Das Geld dazu htten Madame! Und woher stammt es? Zweckmiger knnte es nicht verwendet werden als zur Verstopfung seiner Quellen! Sie stand auf. Du wirst dreist! sagte sie und ging an ihren Schreibtisch. Es ist aber gut, da du mich an das Geld erinnerst; denn dafr mu noch beizeiten gesorgt werden. Madame wollen es doch nicht Dero geschiedenem Gatten vermachen? Weder habe ich Lust dazu, noch wrde er es brauchen! Als herrenloses Gut will ich es aber auch nicht hinterlassen. Wrden Madame es dann nicht wenigstens so nutzbringend anlegen, da Ihnen daraus noch bei Lebzeiten ein Vorteil erwachsen knnte? Wie meinst du das? Ich denke, Madame knnte es zu irgendeinem wohlttigen Zweck zur Verfgung stellen und daran Bedingungen knpfen, die fr Dero Person die Folge htten, die ehemalige Tnzerin und die geschiedene Frau Prsidentin Cocceji vergessen zu machen, indem sie, in den Augen der Welt, nicht nur rehabilitiert, sondern sogar erhht wrde! Du denkst an eine Standeserhhung! Ganz recht, und an eine damit verbundene Namensnderung! Sie berlegte es sich einen Augenblick. Und denkst du, der Knig knnte dazu seine Einwilligung geben? Wenn das Gesuch in Beziehung zu Dero Vermgen gebracht und in ziemlicher Weise als gute Tat dargestellt wird, wird er es wohl tun! Er kennt mich aber kaum noch! Als Thronfolger hatte er reichlich Gelegenheit, Madame bewundern zu lernen. Bei Dero groen Verdiensten um die Majestt des verstorbenen Knigs haben Madame auch wohl begrndete Ansprche, vom jetzigen Knig estimieret zu werden -- wenn sich Madame, wie ich vorzuschlagen die Ehre hatte, bei ihm in Erinnerung zu bringen verstehen! Wie meinst du es? Der Knig ist galant. Er gefllt sich in der Rolle eines Beschtzers des schnen Geschlechts! Er wird infolgedessen auch als verschwenderisch angesehen! Geben ihm Madame die Gelegenheit, seine schtzende Hand ber Dero Haupt zu halten, aber so, da er auch dem Ruf, er sei ein Verschwender, wirksam entgegentreten kann, indem er die Gelegenheit wahrnimmt, dem Staate das groe Vermgen, ber das Madame disponieret, zu erhalten, oder wenigstens zu verhindern, da es auer Landes geht! Stellen wir es fr irgendeinen vom Knig zu bestimmenden wohlttigen Zweck zur Verfgung! Mit dem ausdrcklichen Vorbehalt, da es nicht, wie du anzudeuten die Dreistigkeit hattest, zur Errichtung eines Tugendasyls verwendet werde! sagte Barberina energisch. Ich verstehe und wrdige Madames Aversion, den ausgetretenen Weg alternder galanter Damen zu gehen, sagte Fossano. Wenn aber Madame jenen Wunsch zur Bedingung machen, mten Madame es sich versagen, andere Bedingungen zu stellen, um nicht zu riskieren, als unbescheiden eine Zurckweisung zu erhalten! An was fr eine >andere< Bedingung denkst du? An die hauptschliche -- an die Verbesserung von Dero gesellschaftlicher Stellung, damit Madame Dero frherem Bekanntenkreis gegenber wieder den ntigen Rckhalt gewinnen! Die Standeserhhung also? Eben das! Belieben Madame vom Knige nichts zu erbitten als die Erhebung zur Grfin und das Prdikat Exzellenz, und im brigen seiner Gnade die Verfgung ber das Vermgen zu irgendeinem Seiner Majestt genehmen wohlttigen Zweck anheimzustellen! Sie sann ein wenig nach. Ich werde mir den Vorschlag berlegen, sagte sie dann. Nun geh! Ich bedarf fr heute deiner Dienste nicht mehr! Fossano verbeugte sich und ging. Barberina nahm ein Blatt Papier aus dem Schubfach ihres Sekretrs und schrieb, ohne viel nachzudenken, folgenden Brief: Sire! Eine arme, alte Fremde, die das Glck hat, Eure Untertanin geworden zu sein, wirft sich zu Euren Fen, Euch anzuflehen, mir in der Verlassenheit, in die mein Gatte mich gestoen, die Gnade zu erteilen, einen anderen Namen tragen zu drfen als den, welchen ich bis jetzt hatte. Ich wage es sogar, so khn zu sein, Eure Majestt zu bitten, mir den Rang einer Grfin verleihen zu wollen. Da ich keine Kinder habe und meinem Leben wohl nur noch wenige Tage beschieden sind, hoffe ich, da Eure Majestt meine untertnigste Bitte erfllen werden. Mein Mann hat auf mein ganzes Vermgen verzichtet, so da ich darber disponieren kann, wie es mir gefllt. Da ich aber keine Verwandten in Italien habe, ist es meine Absicht, ein Institut fr die Armen Schlesiens zu grnden, und ich wrde glcklich sein, wenn dieser Plan Eurer Majestt wohlgefallen wrde. Ich bin in tiefster Ergebenheit, Sire, Eurer Majestt sehr untertnige und gehorsame Dienerin _=Barberina de Cocceji=_. _=Barschau=_, 6. August 1789. Sie las das Schreiben durch und verschlo es in ihrem Portefeuille. Am folgenden Tage versiegelte sie es und bergab es Fossano mit dem Befehl, fr die sofortige Befrderung zu sorgen. 24 Friedrich Wilhelm der Zweite sprach -- und aus der Tnzerin Barberina wurde eine Grfin Campanini. Das Prdikat Hochwohlgeboren wurde ihr ausdrcklich zugestanden, und die Stempelgebhren wurden ihr in Gnaden erlassen. Das Diplom bekam sie aber auf ausdrckliche Anordnung des Knigs erst ausgeliefert, nachdem sie alles zur vorgebenden Errichtung des Armen-Frulein-Stifts Erforderliche vllig in Richtigkeit hatte. Denn die Errichtung eines solchen Stiftes wurde ihr vom Knig zur Bedingung gemacht und von ihr widerspruchslos angenommen. Der neugebackenen Grfin wurde ein wunderschnes Wappen, nur selbiges solange Sie lebt zu fhren, zugeteilt, mit grnen Myrtenkrnzen, italienisch quer geteiltem Herzschild, goldenen Glocken mit Klppeln, springenden Pferden, Kranichen mit Edelsteinen in den erhobenen Krallen, mit himmelblauer Farbe, Turnierhelmen und allerlei daran baumelnden Kleinodien und, was die Hauptsache war, einem am Wappenschild hngenden achteckigen Kreuz, zwischen dessen Spitzen vier schwarze schlesische Adler zu sehen waren, und daran in goldenen Lettern die Devise: -=Virtuti Asylum=-. Friedrich Wilhelm wute, was sich gehrte. Und -=nolens volens=- mute also die Barberina auf ihre alten Tage den Weg alles sndigen Fleisches gehen und die Maske der Frmmigkeit anlegen. Sie wurde selbst die erste btissin ihres Schlesischen adeligen Fruleinstiftes und trug als solche auf ihrer Brust eine Nachbildung des an ihrem adeligen Wappen baumelnden Kreuzes, auf dem die Devise -=Virtuti Asylum=- von Brillanten umgeben prangte. Die Brillanten entnahm sie den von ihren Liebhabern ihr so reichlich gespendeten Schtzen und wurde dabei von ihrem dienstbeflissenen Haushofmeister und Begleiter durch alle Wirrsale des Lebens, Fossano, getreulich beraten. Bei dieser Gelegenheit hatte sie auch die Gnade, ihn mit dem Statut der Stiftung bekannt zu machen. Er bekam also zu wissen, da das Stift achtzehn adlige Frulein, nicht unter sechzehn Jahre alt, und eine Superiorin, smtliche aus dem schlesischen Adel, neun von rmisch-katholischer und neun von protestantischer Religion, unterhalten sollte. Dazu wurden die smtlichen Gter Barberinas hergegeben. Die Herrschaften, die die geschiedene Baronin Cocceji mieden, werden wohl nicht umhin knnen, den Weg zu der von der kniglichen Gnade umstrahlten btissin Grfin Campanini zu finden, sagte er gelassen. Insofern htten Madame ihr Ziel erreicht! Barberina blickte ihn ber die Schulter an. Sie werden zu Kreuze kriechen, darin hast du recht. Sie werden nicht umhin knnen, einer Dame, in deren Obhut sie ihre Tchter geben, mit der gebhrenden Auszeichnung zu behandeln! Der Gedanke an das Schicksal ihrer Tchter wird ihnen dabei sicherlich nicht allzu lstig werden, sagte Fossano. Meinst du? Ich bin so frei. Wer die Fhrung seiner Kinder auf dem Pfade der Tugend und der guten Sitte fremden Hnden anvertraut, denkt wohl an nicht viel mehr, als da er selbst die Last und die Verantwortung los sein will. Um so grer ist die Verantwortung, die Madame auf sich nehmen! Sie sah ihn wieder scharf an. Meinst du, ich wre nicht imstande, diese Verantwortung zu tragen? Oh, beeilte er sich zu antworten, vor dem Straucheln werden Madame die Frulein besser als irgendeine bewahren knnen. Ich wte nicht, wo man ein greres Sachverstndnis in dem, worum es sich hier handelt, finden knnte! Sie bi sich auf die Lippen, antwortete aber nicht. Khn geworden, fuhr Fossano fort: Die Herrschaften werden keinesfalls nach so schwerwiegenden Grnden suchen, um wieder der Gastfreundschaft von Madame genieen zu knnen. Sind sie nach der Scheidung ausgeblieben, so geschah es, weil die Schicklichkeit es gebot. Die passende Gelegenheit, zurckzukehren und zu tun, als wre gar keine Trbung der guten Beziehungen eingetreten, haben Madame den Leuten gegeben. Sie werden auch neugierig sein. Sie werden auf das Vergngen nicht verzichten wollen, die ehemalige Tnzerin in der klsterlichen Tracht einer btissin bewundern zu drfen. Die Tracht wird Madame brigens vorzglich stehen! Meinst du? Ich bin so frei! Nur die Farbe gefllt mir nicht recht. Das Aschgrau erinnert zu sehr an Bue. Und was fr ein Grund zur Bue liegt denn darin, da man _=gelebt=_ hat? Seine Majestt der Knig, der dem Leben huldigt, kann doch unmglich -- -- Ich selbst habe die Farbe gewhlt! sagte sie kurz. Lassen wir das! Ich mache dich mit dem Statut nicht bekannt, um deine Ansicht zu hren, sondern nur, damit du deine Obliegenheiten kennenlernst! Madame hatten also die Gnade, meiner Wenigkeit einen Platz in Dero Heiligtum einzurumen? fragte er einigermaen berrascht. Der dir gebhrende Platz im Rahmen des Ganzen ist vorgesehen. Dessen sei gewi. Du wirst es gleich sehen. Erst aber hre, was die Statuten im wesentlichen weiter bestimmen, damit du siehst, welche Aufgaben dir erwachsen. Jede, die in das Stift aufgenommen werden will, mu feierlich versprechen und angeloben, sowohl innerhalb als auerhalb des Stiftes ein tugendhaftes, regelmiges und anstndiges Leben zu fhren! Fossano rusperte sich. Das werden sicherlich alle geloben und versprechen, sagte er. Aber, Hand aufs Herz -- geben Madame wirklich etwas auf Versprechungen in solchen Dingen? Sie bi sich auf die Lippen -- ihm schien es fast so, als wolle sie ein Lachen verbergen. Ich gebe ein Statut, sagte sie dann kurz. Und das Statut bestimmt sofortige Ausschlieung eines jeden Fruleins, das sein Versprechen durch ausschweifendes Leben verletzt. Eine ganz berflssige Bestimmung, sagte Fossano. Ich bin bald achtzig Jahre, ich habe viel vom Leben gesehen -- noch niemals aber ist mir eine Dame vorgekommen, der man die Verletzung ihres Tugendgelbdes nachweisen konnte. Wir Mnner waren immer galant genug, ihnen das zu besorgen und ihnen jede Schuld abzunehmen. Und wir leisten gewi keinen Meineid, wenn wir darauf schwren, da die holden Schnen am unschuldigsten sind -- wenn sie's nicht mehr sind! Barberina verbi sich wieder ein Lachen. Fossano sah es. Das ist das erste Gebot der Galanterie! sagte er. Der Galanterie wird im Rahmen meiner Stiftung kein Spielraum gegeben, sagte Barberina, wir haben dem einen Riegel vorgeschoben! Vorgeschobene Riegel lassen sich gewhnlich auch zurckschieben, entgegnete Fossano. Hr nur zu! Das Statut verbietet den Stiftsdamen ausdrcklich, ohne Erlaubnis der btissin auszugehen und Besuche anzunehmen, insbesondere heimliche Besuche von Mannspersonen! Pardon, sagte Fossano, wenn ich mir eine Frage gestatte, hat der Knig _=das=_ sanktioniert? Du siehst seine Unterschrift! Ja, es hat seine Richtigkeit, sagte er dann kopfschttelnd. Genau, wie ich dachte! Er wiederholte leise: Das Statut verbietet, ohne Erlaubnis der btissin heimliche Besuche von Mannspersonen anzunehmen! -- _=Mit=_ Erlaubnis der btissin wren also solche heimlichen Besuche gestattet! Sie schlug auf den Tisch. Er lie sich aber nicht erschrecken. Madame haben da eine bequeme Hintertr offengelassen -- Madame haben es sich leicht gemacht, unter Umstnden auch menschlich zu sein. Die Stiftsdamen werden nicht klagen knnen! Darber zu befinden ist nicht deines Amtes! Pardon, wenn ich danach frage -- aber was wre denn im Rahmen des Ganzen mein Amt? Nur Geduld! Wir kommen jetzt zu den Domestiken! Domestiken?! Er fuhr zurck. Sie sah, da der Hieb sa, freute sich sehr und fuhr in gelassenem Ton fort: Das Statut sieht von mnnlichen Domestiken vor: einen Koch, einen Grtner, einen Frster und einen Bedienten, der schreiben und rechnen kann. -- Du kannst ja vorzglich schreiben und rechnen! Pardon, sagte er scharf und richtete sich auf. Madame wollen mich wohl zum besten halten? Es kann nicht Dero Ernst sein, _=mir=_ diese Stellung eines Bedienten -- Es ist mein Ernst, dir diese Stellung zu geben. Eine andere ist im Institut nicht vorhanden. Und schlielich, was wre dagegen einzuwenden? Du hast dein ruhiges Leben, wirst ausreichend bezahlt; ob du dich dabei Hofmeister oder Bedienter nennen darfst -- das ndert an der Sache nicht das geringste! Um Titel warst du ja nie besorgt. Und schlielich -- eine Schar der entzckendsten jungen Damen zu bedienen, das mu dir doch zusagen; du hast ja immer so viel fr galantes Wesen brig gehabt! Ich danke, sagte er kurz; um mich mit jungen Mdchen abzugeben, bin ich zu alt. Mge Madame sich da andere Helfershelfer suchen. Ich bin nicht dafr zu haben! Ich gehe. Du gehst von mir fort? Ja -- meine Rolle bei Madame ist ja sowieso ausgespielt! Ich hatte hier nur noch eine wesentliche Pflicht zu erfllen! Nicht, da ich wte! Eine Pflicht, die mir das Leben auferlegt hat -- nicht du, sagte er und duzte sie zum erstenmal wieder. -- Ich hatte dich verfhrt, ich hatte dich von der Bahn der Tugend abgebracht -- jetzt habe ich dich der Tugend wiedergegeben, so gut es ging -- ich habe meine Schuld bezahlt! Ich gehe! Du willst doch nicht zum Bettelstab greifen, jetzt noch? Das habe ich nicht ntig. Ich habe Ersparnisse gemacht. Und -- wenn ich noch in Dienst wollte -- an Anerbietungen von sehr exzellenter Seite fehlt es mir nicht! Madame brauchen sich darber keine Sorge zu machen! Er ging nach der Tr. Dort wandte er sich noch einmal um, und in seinen Augen leuchtete es teuflisch, als er ihr den letzten Hieb versetzte, mit dem er sich fr all die Jahre der Schmach rchen wollte, in denen sie ihn mit Fen getreten hatte. Pardon, sagte er kurz und ganz von oben herab, fast hatte ich vergessen -- der Kammerdiener Seiner Exzellenz des Staatsministers Grafen Hoym schrieb mir gestern ber die Antwort des Knigs auf das Gesuch von Madame, Dero Grfinnentitel das Prdikat >Exzellenz< hinzufgen zu drfen! Du brauchst dir keine Mhe zu machen -- der Staatsminister hat mir selbst darber geschrieben! Der Staatsminister ist galant und hat es wohl verstanden, die bittere Pille zu berzuckern, wie ich aus seinem Briefe ersehen konnte, als ich den gndigen Papierkorb leerte, wohin Madame ihn in Hchstdero rger geworfen hatten. -- Der Bescheid des Knigs war aber nicht so hflich! Sie starrte ihn mit offenen Augen an. Der Knig schrieb geradeheraus: >Ich bin nicht geneigt, ihr den Titel Exzellenz zuzugestehen, weil ich es -=ridicule=- finde, da eine gewesene Theatertnzerin dieses Prdikat fhre!< So schrieb der Knig. Und nun wissen Madame, da die >gewesene Theatertnzerin< noch nicht ausgetanzt hat, trotz Grfinnenprdikat, Tugendasyl und in frommen Stiftungen angelegtem Sndengeld. Ich tanze aber nicht mehr mit! Wenn du denkst, da ich es tue, irrst du dich! rief Barberina zornig. Ich werfe lieber alles hin! Wenn der Knig so undankbar ist, mache ich die ganze Schenkung wieder rckgngig! Fossano, der sich gar keine Mhe gab, seine Schadenfreude zu verbergen, sagte: Ich glaube schon, da Madame das mchten! Ich wei aber auch, da es zu spt ist. Was der Fiskus einmal hat, das behlt er. Wovon wollten Madame leben? Jugend, Schnheit, Talent -- das ganze vom Leben mitgebrachte Kapital ist verbraucht oder wird zum mindesten nichts mehr abwerfen. Den bisherigen Ertrag haben Madame unwiederbringlich auf dem Altar der Tugend geopfert! Madame sind eben auf Lebenszeit der Tugend verfallen und sitzen nun fest! Daran ist nichts zu ndern! Aber -- das ist ja nicht so tragisch zu nehmen! Die Bequemlichkeit hat ja was fr sich, wenn man ber die Jahre der Aufregungen hinaus ist. Und -- schlielich haben Madame sich ja so geschickt eine Hintertr offengelassen! -=Votre serviteur!=- Er verbeugte sich mit ausgesuchter Galanterie, machte kehrt und ging, hoch aufgerichtet, auf alterssteifen Beinen, aber mit der ganzen Grandezza des ehemaligen Tnzers, hinaus. Sie sah ihn nicht wieder. 25 Ihr blieb Zeit genug, sich des Besitzes der wohlerworbenen Tugend zu erfreuen. In der Stille und Ruhe des Landlebens vergingen ihre letzten Jahre ohne erhebliche Erlebnisse, aber auch ohne Aufregungen. Eines schnen Sommernachmittags -- zehn Jahre, nachdem sie ihr Amt als btissin angetreten hatte -- fand man sie tot auf einem der Wege im Park ihres Schlosses. Man sagt -- -- -- Aber -- was sagt man nicht alles beim Tode einer Berhmtheit!? Mit rechten Dingen geht's dabei ja niemals zu. Eine getreue Schilderung der letzten Todesminute mte zum mindesten die bekannte Pendle vorfhren, die gerade, als sie starb, stehenblieb -- einige letzte Worte prgen, oder meinetwegen auch, nach Art der beliebten mittelalterlichen Darstellung, zeigen, wie Leib und Seele voneinander scheiden und nicht nur die Engel Gottes, sondern auch die Teufel dabei fleiig sind! Angenommen, sie htte dabei getanzt -- sie htte beim letzten Spaziergang im Park zu dem vom Sonnenuntergang rosig gefrbten Himmel emporgeblickt, und hoch oben, wie Sommerblten in den Wolken, alle die seligen Gestalten Correggios gesehen, die ihr winkten und sie zu sich hinaufriefen, wie damals in ihrer Kindheit im Dome zu Parma! Und Psyche wre der Abstieg geglckt, die Todeszuckungen ihrer sterblichen Hlle htten sich in eine Art Tarantella umgesetzt! Schauerlich schn, wenn auch grotesk, wre es ja, hier darzustellen, wie die alte Matrone pltzlich angefangen htte, drauen in der Abenddmmerung zu tanzen, die Arme hoch gen Himmel gestreckt, so da die Enden der grauen Schleier sich wie riesengroe Flgel ausgebreitet htten. Dann ein Hin- und Herflattern hinter den Gebschen, wie wenn ein zu Tode getroffener Riesenvogel noch mit dem Element kmpft, das ihn bis jetzt willig trug, und sich mit Aufbietung seiner letzten Kraft mht, aufwrts zu kommen, ehe er fr immer kraftlos zur Erde sinkt und erstarrt... Hinauf zu wollen, aber unten bleiben zu mssen -- das ist auch in der Todesminute der Tanz des Lebens. ber Hhen, durch Niederungen fhrt er zum Gipfel des Glcks und wieder hinab zur bitteren Entsagung, im Rausch der Bewegung hier wie dort, niemals aber zu voller Befriedigung des innewohnenden Dranges. Bis der Tanz fr immer aus ist. Da gelingt der Abflug. Und unten bleibt, was an den Boden fesselte, sinkt in den Staub und zerfllt, bis kaum noch die Erinnerung dessen brigbleibt, was war. Fhrt dann der Wind des Lebens darber hinweg, dann kann es sein, da er den Staub der Vergangenheit zum Tanz aufwirbelt und ihn wieder zu Gebilden fgt, die der suchenden Ahnung das lngst Verblichene, im Spiel der Phantasie, vorgaukeln und es zu neuem Leben erwecken. ber den Tod hinaus zu wollen, hiee denn -- die Erzhlung wieder von vorn anfangen. Da schliet sich also der Ring des Geschehens. Notizen des Bearbeiters: Text in 'Antiqua'-Schrift markiert durch: -= ... =- Gesperrter Text markiert durch: _= ... =_ Unterschiedliche Schreibweisen des Originaltextes wurden beibehalten. Korrektur von: 'auf dem vielumstrittenen' zu 'auf den vielumstrittenen'. Kleinere orthographische Korrekturen wurden stillschweigend vorgenommen. Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Buches verschoben. End of the Project Gutenberg EBook of Die Tnzerin Barberina, by Adolf Paul License: Share Alike