Produced by the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.) Neue Novellen von Elise Polko. [Illustration] Leipzig, Verlag von Bernhard Schlicke. 1861. Dem Verfasser des Werkes: Die Frauen in der Culturgeschichte dem Oberbibliothekar und Hofrath Herrn =Dr.= G. Klemm widmet diese #Frauennovellen# in herzlicher Verehrung Elise Polko. Inhaltsverzeichniss. Seite. Vor hundertfnfzehn Jahren 1745 1 Elisabeth 69 Czinka 187 Vor hundertfnfzehn Jahren. 1745. (Ein Skizzenblatt.) (1860.) Euer Stck, Lustspiel benannt, scheint mir in der That nicht bel, junger Freund, lie sich der hochberhmte und vielgelehrte Professor der Philosophie und Dichtkunst, Logik und Metaphysik, Johann Christoph Gottsched zu Leipzig, vernehmen, und wandte sich zu einem jungen Studenten, der an seinen Schreibtisch getreten war, whrend ein Anderer in bescheidener Haltung an der Thr des Studirzimmers stehen geblieben. Die Redeweise ist rein, die Figuren nicht verzeichnet, ich wte nichts Sonderliches gegen Euer Werk zu erinnern, nur mu ich Euch offen gestehn, da mir ein Trauerspiel allzeit angenehmer denn ein lustiges Stck, und so gefllt mir auch schon aus diesem Grunde das Machwerk Eures Freundes, so er die Matrone zu Ephesus benannt, weit besser. Auch schreitet es in Worten und Stzen ruhig und feierlich einher, und ist ganz nach meinen Regeln aufgebaut, whrend Euer Stck ohne rechten Zaum und Zgel dahinluft. Nun ist aber, meines Bednkens, erst ein gesattelt und gezumtes Ro zu Jedermanns Nutzen und Frommen da, whrend ein loslediges Fllen nur sich selber zum Vergngen daherspringt. Damit Ihr Beide aber nicht die Meinung fat, ich _allein_ wolle mich zum Richter aufwerfen ber Eure Geisteskinder, so mgt Ihr Euch heute um die sechste Abendstunde in den Wohnstuben meiner Frau einfinden. Daselbst wird sich ein Kreis hochgebildeter Frauen und Mnner versammeln, denen Ihr selbst Eure Stcke vorlesen knnt. Bringt also Eure Manuscripte wieder mit und seid pnktlich hier!-- Nach dieser Rede erhob sich der Gelehrte ein klein Wenig von seinem Schreibschemel, grte mit der Hand, herablassend wie ein Frst die beiden Studenten und setzte sich dann, ohne auf deren Abschiedsverbeugungen zu achten, zum Schreiben zurecht. -- Die Thr des Arbeitszimmers schlo sich, und man hrte eine Weile Nichts als das Knirschen der Feder, die ber das Papier schlich, denn der Professor Gottsched pflegte so langsam zu schreiben als er redete. Er mochte jedoch kaum eine Zeile zu Wege gebracht haben als die Thr sich wieder leise ffnete und ein schner Frauenkopf hereinschaute. Dem Kopfe folgte eine hohe schlanke Gestalt, die etwas zagend auf den Schreibtisch zuschritt. Auf halbem Wege blieb sie aber stehn und sah ein Wenig furchtsam auf den berhmten Mann, der sich so eben umwandte, einen erstaunten Blick auf die Eingetretene warf und mit dem Ausdruck groer Verwunderung fragte: Ihr seid es, Victoria Adelgunde, -- und zu solch ungewohnter Stunde? Was bringt Ihr? -- Nichts! lachte sie heiter und stand mit einem Sprunge neben ihm, die Hand auf seine Schulter legend, ich komme nur um Euch Etwas zu fragen -- aber werdet mir nicht bse ob der Strung.-- Es geschieht wohl zuweilen, da eine mitleidige Seele einem armen Gefangenen einmal einen Frhlingsstrau oder eine Hand voll Rosen in seine Zelle wirft, -- just solchen Eindruck machte diese Erscheinung in der groen finstern Gelehrtenstube voll staubiger Folianten, wunderlicher Instrumente, und neben jenem ernsthaften steifen Mann mit der wohlgepuderten Perrcke, der da vor dem Schreibtisch sa. -- Der Professor der Logik und Metaphysik selbst mute, als er in _dies_ Frauenantlitz sah, ein Wenig lcheln, er legte die Feder nieder und seinen rechten Arm um den schlanken Leib der Fragerin, freundlich wiederholend: Was bringt Ihr -- was wollt Ihr denn von mir?-- Sagt mir doch, bitte, wer die beiden jungen Leute waren, die da so eben von Euch gingen! Studenten der Theologie -- aus denen aber schwerlich etwas Rechtes werden wird, denn sie treiben allerlei Allotria. Aber aus dem mit den groen Augen wird doch gewi etwas Gutes -- wenn auch vielleicht kein Pfarrer. Wie hie er wohl? Ziemt es sich fr die Ehefrau des Professor Gottsched nach den Namen solcher junger Burschen zu forschen? Hat der mit den groen Augen Euch irgend ein Leid angethan? scherzte der berhmte Mann. O nein! Er lief nur etwas hastig die Treppe hinab und ich kam just aus dem Keller, und so htte er mich fast umgestoen, er verlor sein Manuscript dabei, -- die Bltter flogen um mich her ---- und da muten wir Beide lachen und ich half ihm die Bltter aufnehmen. -- Der Andere, glaube ich, stand uerst verlegen dabei und rhrte keine Hand. Wenn er hastig gelaufen, so war das zweifelsohne der Schlimmste der Beiden, nmlich der Studiosus Gotthold Ephraim Lessing aus Kamenz. Ihr httet Euch den Andern lieber ansehen sollen denn ihn, Frau Victoria Adelgunde, der hat ein wackeres Trauerspiel geschrieben, und war des Ansehens werther. Sein Name lautet Christian Felix Weie aus Annaberg. Es ist wunderlich da der sanfte sinnige Mensch so mit Leib und Seele an dem unsteten Burschen, dem Lessing, hngt. Sie wohnen beisammen und sind unzertrennliche Gefhrten bei Tag und Nacht. -- Beide werden diesen Abend kommen um ihre Dichterversuche zu Gehr zu bringen, Beide haben Stcke geschrieben und hoffen, da die Neuberin sie auf dem Theater auffhren lt. -- Ich wrde aber, so ich mit dem genannten nichtswrdigen Weibe noch ferneren Verkehr pflegte, sicherlich nur dem Trauerspiel des Christian Weie das Wort reden. Es fhrt den Titel: die Matrone zu Ephesus, -- das Lustspiel des Andern heit nur schlechtweg: der junge Gelehrte. Wer soll denn heute Abend zuhren? Der Professor Gellert, und meine gelehrten Freundinnen, die berhmten Frauen Leipzig's. Die Zieglerin wollt Ihr einladen? fragte die schne Frau, und ber ihr Gesicht flog etwas wie ein Wolkenschatten. Diese Person soll in unser Haus kommen? -- Und heftig zog sie die rosenfarbenen Bnder der kleinen Haube, die oben auf der Spitze des leichtgepuderten Haars befestigt war, zusammen. Habt Ihr vergessen da eben sie sich gegen Eure Frau nicht so benimmt, wie es ihr zukme sich gegen die Gefhrtin eines Gottsched zu benehmen? Seid nicht kleinlich, Victoria Adelgunde! Einer so hochberhmten Gelehrtin mu man mancherlei Sonderlichkeiten verzeihn. Sie ist meine Freundin, -- und ich bitte Euch sie denn um _meinetwillen_ freundlich aufzunehmen. Ihr seht ja sonst alle diese verdienstvollen Dichterinnen leider niemalen bei Euch, und begleitet mich zu meinem Leidwesen nimmer wenn ich zu ihnen gehe -- heute Abend mt Ihr, nun schon Eurem Eheherrn einmal die Liebe anthun, selbige bei Euch zu empfangen. Und nun lat mich wieder allein, und sorgt, da mich ferner Niemand stre.-- Er stand auf, kte ihr die Hand, geleitete sie feierlich bis zur Thr, und sie verlie ohne weiter zu reden das Zimmer. Ganz langsam und gedankenvoll schritt sie ber den Gang der Treppe zu. -- An dem Gelnder blieb sie aber pltzlich stehn, schaute hinab und murmelte dann mit dem Lcheln eines Kindes: da -- an der zwlften Stufe war's! -- Es ist doch gut, da ich den Ephraim Lessing schon kenne. Ich denke wir Beide werden heute Abend zusammenhalten. Er sieht ganz so aus als ob er sich auch -- wie ich -- vor gelehrten Frauen frchten knne. -- Wie wunderbar und fremd blickten aber seine Augen! -- Mich dnkt, ich sah nie schnere ---- auer den Augen meines Gottsched---- setzte sie lieblich hinzu und ging dann die Treppe hinab in die Kche.-- Seit zehn Jahren war Luise Victoria Adelgunde, geborene Kulmus aus Danzig, die Gattin des berhmten Leipziger Professors, und bis zur Stunde fhlte sie sich nur in den vier Wnden ihres engen Hauses wohl und heimisch, nicht aber in der Stadt und in dem Bekanntenkreise ihres Mannes. Lange Zeit krankte sie an einem tiefen Heimweh nach ihrer alten dstern Vaterstadt, obgleich sie, auer zahlreichen Freunden, von ihrer eigentlichen Heimath nichts mehr dort fand als -- die Grber ihrer Eltern. Und dies Heimweh steigerte sich, je mehr Menschen sie sah, und von ihrem reizenden Gesicht schwanden die Rosen und das Lcheln wich von ihren Lippen. Stundenlang sa sie an dem Fenster ihres Wohnzimmers in der Grimmaischen Gasse und starrte auf das finstere Thor und den seltsamen Thurm und wnschte sich Flgel, um weit weit hinwegzuflattern aus jener Lindenstadt, die sich Klein-Paris nannte. Die Menschen erschienen ihr so ganz anders denn daheim, so ernsthaft und gelehrt, oder so bermig geschftig und zerstreut. Und doch hatte sie unter den Mnnern, die ihr hier in den Weg traten, bald mehr denn Einen gefunden, der ihr lieb und werth geworden und dessen Reden sie gern lauschte. Mit besonderer Innigkeit hing sie an dem freundlichen Professor Gellert, der auch seinerseits an der bildschnen kindlichen Frau groes Wohlgefallen bezeigte. Aber jene Frauen, die ihr Gatte seine Freundinnen nannte, und mit denen er tglichen Verkehr pflegte, verleideten ihr den ganzen Aufenthalt in Leipzig. So eindringlich Gottsched ihr solchen Umgang als einen besonders bildenden und belehrenden bezeichnet, sie konnte sich trotz aller Mhe, die sie sich gab, mit diesen Gestalten nicht befreunden, ja sie empfand eine Art Grauen vor ihnen und war in ihrer Nhe einem furchtsamen Kinde zu vergleichen. -- Vor jeder Frage die eine oder die Andere jener Berhmtheiten an sie richtete, erschrak sie, und beantwortete selbige wie das schchternste Mdchen nur mit einem ja oder nein. Um die Welt htte sie all jene dichtenden Frauen nicht merken lassen, da sie selber in ihres Vaters Hause so oft und mit voller Seele Poeterei getrieben, und bat fast auf den Knieen ihren Gatten, Keiner von ihnen jemals zu verrathen, da sie schon als achtzehnjhrige Jungfrau eine Ode verfat auf die Kaiserin Anna von Ruland, und die Schriften der Frauen Lambert und Gomez aus dem Franzsischen in's Deutsche bertragen. -- Als die hochgefeierte Zieglerin, geborene Romanus, die am 17.October des Jahres 1733 von dem Decan der philosophischen Facultt zu Wittenberg, dem Pfalzgrafen Johann Gottlieb Krause, Kraft der Kaiserlichen Macht und Gewalt und im Namen seiner Facultt durch die Ueberreichung eines Lorbeerkranzes und Ringes zur kaiserlichen gekrnten Poetin erhoben worden, zum ersten Mal vor der jungen Gottschedin erschien, fhlte sich Victoria Adelgunde sofort auf das Entschiedenste von der berhmten Dichterin abgestoen. Hochmthig und kalt schaute die Leipziger Brgermeisterstochter auf das Danziger Doctorskind, und hielt mit scharfen grauen Augen Musterung ber die Erkorene des gefeierten Freundes Gottsched. Dann lie sie sich zu der Frage herab: haben die wertheste Gottschedin auch schon Etwas gearbeitet? Ja -- ich habe mir alle meine Spitzen selber geklppelt stie da die junge Frau ngstlich hervor, und mit einem siegenden Hohnlcheln wandte sich die Zieglerin an ihre, eben zum Besuch anwesende, Schlerin, die hbsche und anmuthige Hedwig Zunemann aus Erfurt und sagte laut genug, da Jeder der im Zimmer war, es hren konnte: mich dnkt sie gehre zu jenen Vgeln, deren Geschrei einstmals das Capitol errettet. Wir mssen sie fallen lassen!-- Ein glckseliges Lcheln hatte damals, nach diesen Worten, die Lippen Victoria Adelgundens umspielt. Tief aufathmend murmelte sie: O dem lieben Gott sei's gedankt, sie lt mich fallen!-- Und es geschah also. Keine der gelehrten und berhmten Frauen, die damals ihren Wohnsitz in Leipzig aufgeschlagen und in dem weltbekannten Plei-Athen aus- und einflogen, verkehrte mit der Gottschedin. Sie war erstens zu hbsch und zweitens zu gering, um der Ehre fr wrdig befunden zu werden in jenem Kreise Aufnahme zu erlangen. Man zuckte die Achseln ber den wunderlichen Freund und hochgelehrten Mann, da er eine so seltsame unbegreifliche Wahl getroffen, und tadelte ihn laut und leise, da auch _er_ ein Mann wie alle Mnner, und ein roth und weies Lrvchen den hchsten _innerlichen_ Schnheiten vorzuziehen gewagt. -- Man lud den Gelehrten nach wie vor zu jenen himmlischen Abenden ein, wo man, bei mglichst krglicher irdischer Speise, mit Apollo und den neun Musen schwelgte, _ohne_ Frau Victoria aufzufordern, an jenen Gtterfesten Theil zu nehmen, und so sehr auch Gottsched seine Gattin liebte und hoch hielt, so schmeichelte es doch seiner Eitelkeit gar zu gewaltig, in einem Kreise gefeierter Dichterinnen angebetet und besungen zu werden, als da er es vermocht sich von ihnen loszusagen, weil sie sich von der Frau seiner Wahl lossagten.-- Es war gar zu angenehm Orakelsprche aus eignem Munde fallen zu lassen, und als unumschrnkter Herrscher zu thronen. -- Er hatte daher nichts einzuwenden, wenn seine Gattin sich ihr Klppelkissen zu der Frau des Cantor Doles tragen lie und in der Wohnung derselben, in der Thomasschule, plaudernd einige Stunden verweilte, oder mit dem Cantor selber Musikbungen anstellte, ihm auf der Laute vorspielte und jene reizenden Weisen mit wunderlieblicher Stimme dazu sang, die sie aus ihrer Vaterstadt Danzig mitgebracht. -- Das waren heitere Abende fr Victoria Adelgunde. Keine Gewalt der Erde htte sie vermocht ihren Gatten zu seinen Freundinnen zu begleiten, so bitter es sie auch schmerzte, da er solcher Gesellschaft fast tglich einige Stunden opferte. Sie zog es bei Weitem vor, mit irgend einer schlichten Brgersfrau von den Preisen der Lebensmittel und den schlechten Mgden und ungehorsamen Kindern zu reden, denn ein Gedicht vorlesen zu hren von der Dichterin selber. Wenn sie ihre Uebersetzungen aus dem Englischen, welcher Sprache sie vollkommen mchtig war, in jenen Stunden nach Tisch unternahm, in denen Gottsched seine Mittagsruhe hielt, so konnte ein Kind, das an einem verbotenen Leckerbissen nascht, nicht erschreckter zusammenfahren denn Victoria Adelgunde bei dem Ton der Hausklingel, und im Nu waren Papier, Dinte und Feder verschwunden. Selbst von ihrem Gatten lie sie sich nur ungern bei einer schriftlichen Beschftigung berraschen, und errthete dann wie eine Siebzehnjhrige die man bei dem ersten Liebesbriefe ertappt. -- Dagegen kannte sie kein greres Vergngen, als ihm bei seinen Arbeiten zu helfen, indem sie fr ihn Wrter aufschlug, kleine Auszge machte, oder ein Manuscript in's Reine schrieb. Wenn er sie zu solchen Hlfsleistungen in das Heiligthum seines Studirzimmers rief, verga sie sogar die Kchenschrze abzulegen, und wenn der Braten in _diesem_ Haushalt einmal anbrannte, oder der Suppe das richtige Ma des Salzes fehlte, so trug nicht die Hausfrau, sondern lediglich der Herr Professor Gottsched selber die Schuld daran. -- Victoria Adelgunde hielt ihren Hausstand in musterhafter Ordnung, wie man denn auch an ihrer eignen reizenden Person niemalen die kleinste Ungehrigkeit wahrnahm, weder eine zerdrckte Schleife, noch eine schlecht gewaschene Spitze, noch einen schief getretenen Schuh, oder gar lose hngendes Haar oder einen auffallenden Putz. Man konnte zu jeglicher Zeit die Wohnung des Professors der Logik und Metaphysik vom Boden bis zum Keller durchwandern, und die schrfsten Basenaugen wrden weder Unordnung noch Staubwolken, aber eben so wenig irgend eine sinnlose Zierrath entdeckt haben. Dies Alles bewunderte nun der gelehrte Mann an der Gefhrtin seines Lebens gar sehr -- auch wute er recht wohl, wie hell ihr Geist und wie empfnglich ihre Seele, aber es bekmmerte ihn doch im Grunde mehr denn billig, da sie sich sogar nichts aus seinen gelehrten Freundinnen machte, und kein einzig Mal Verlangen zeigte zuzuhren, wie man ihn anbetete. -- Da er aber den Verkehr mit den Musen Leipzigs nun einmal durchaus nicht entbehren zu knnen glaubte, so kam es, da mit jedem Jahre der einsamen Stunden mehrere wurden fr die schne Frau. Einsamkeit ist aber eine gefhrliche Freundin, und frommt solcher Umgang besonders keinem Frauenherzen, und dem Wrmsten just am Wenigsten. Da der Himmel dem Gottsched'schen Ehepaar keine Kinder bescheerte, so war es wohl natrlich, da allmhlich allerlei Wnsche und Gedanken aufstiegen in dem Herzen Victoria Adelgundes. -- Dann kamen heimliche Thrnen, die auf das Klppelkissen fielen, und tausend halberstickte Seufzer wurden in die Spitzen gewebt -- und endlich whlte man sich gar eine Vertraute, zwar zum Glck nicht von Fleisch und Bein aber immerhin gefhrlich genug: die kleine Feder nmlich. Die schne Frau arbeitete in jenen einsamen Stunden pltzlich fast anstrengend. Sie bersetzte Pope's Lockenraub, und Addision's Cato, und in eben dem Jahre, von dem wir just reden, =Anno= 1745, beschftigte sie sich mit einer sehr berhmten jesuitischen Streitschrift: =la femme docteur=, die sie in sehr zierlicher Weise in's Deutsche bertrug. -- Wer von den gelehrten Frauen htte Solches von der kleinen albernen Gottschedin vermuthet. -- Es stiegen aber trotz all dieser Thtigkeit in dem Herzen der jungen Frau doch auch hin und wieder Bedenken auf, ob sie ihrem Manne, den sie so schwindelnd hoch ber sich erblickte, nicht vielleicht in der That gar zu einfach sei, und sann sie allen Ernstes darber nach, was sie wohl lernen und beginnen knne, um ihm endlich jenen verhaten Verkehr mit seinen Freundinnen in Apoll entbehrlich zu machen, und ihn bei sich zurckzuhalten. -- Wie ein Lichtstrahl durchblitzte sie endlich ein Gedanke. -- Die Zieglerin hatte einmal den Professor Gottsched in einer lateinischen Ode besungen, und Solches hatte einen mchtigen Eindruck auf den Gefeierten gemacht. Er uerte, da diese Arbeit das Hchste sei, was je eine Frau geleistet, die Ode lag stets neben ihm auf dem Schreibtisch, und er wiederholte oftmals, da er um solcher fehlerlosen Dichtung Willen einer Frau anhangen wrde, wenn sie auch das Urbild aller Hlichkeit und Verschrobenheit. ---- Victoria Adelgunde hatte es also gefunden: sie wollte ihren Gatten in einer Ode besingen, die mindestens noch einmal so lang als die der Zieglerin. -- Dazu fehlte ihr nur noch eine Kleinigkeit: sie mute erst Latein lernen, _heimlich_ lernen. -- Aber wer wollte, wer konnte wohl ihr Lehrmeister sein?-- * * * * * Am Abend brannten in dem Stbchen der Frau Gottschedin mehrere Kerzen, und seine fr die damaligen Zeiten prunkhafte Einrichtung zeigte sich im vollsten Glanze. Die gestreiften Zitzbehnge der Fenster schimmerten rosig, und das harte, aber groe, und mit demselben Stoff bezogene Sopha nahm sich gar stattlich aus. Hochlehnige, festgepolsterte Sthle standen um den mchtigen Tisch, und eine niedere Bank war an das Spinett geschoben, das in einem Winkel zwischen dem Fenster und der langen Wand seinen Platz gefunden hatte. Eine Laute hing darber, mit tief herabhngendem, blauen Bande; die Gottschedin war eine Meisterin im Lautenspiel, aber das wuten kaum ihre nchsten Freunde. -- Den Schmuck der Wand ber dem Sopha bildeten die kerzengeraden Conterfeys der Eltern der jungen Frau. Der kniglich polnische Leibarzt Johann Gottlieb Kulmus schaute gewaltig finster darein, und hatte die Unterlippe mehr als nthig vorgeschoben, whrend seine Gattin, ganz Sanftmuth und Ergebung, mit einem matten Lcheln auf eine Rose schaute, die sie zwischen den spitzen Fingern hielt. Ein Schattenri des Professor Gottsched, auf goldenem Grunde, war unter dem kleinen Spiegel angebracht, ein Kranz von Immergrn schlang sich um den Rahmen. Auf der steifbeinigen Kommode aber stand ein hohes Glas voll frischer Astern, denn es war eben im Herbst, die Abende wurden schon lang und die Strme rsteten sich zum Aufstehen.-- Die Stimme der Wanduhr verkndete schrillend die sechste Stunde. Der Herr Professor sa neben seiner Frau in seinem besten Anzug, gestickter Schooweste, braunem Sonntagsrock und schwarzseidenen Kniehosen, und versuchte ihr zuzureden, sich nicht vor den erwarteten Gsten zu frchten, wie man einem Kinde zuredet, wenn es sich strubt, irgend einem brtigen Onkel oder einer verkncherten Tante die Hand zu geben. Das feine Gesicht der Gottschedin verlor auch bald genug jenen Ausdruck ngstlicher Spannung, den es seit Mittag zur Schau getragen. Die dunkelblauen Augen wurden wieder heiter und glnzten, und als mit dem Schlage der sechsten Stunde die Hausklingel ertnte, denn dazumal hielt man es fr eine Pflicht, pnktlich zu sein, und der Hauswirth sich mit den Worten erhob: wird wohl die Zieglerin sein mit ihrem Gaste, der berhmten Dichterin Anna Barbara Teuberin, verwitwete Knackrggin, aus Augsburg -- lachte sie ihm schelmisch zu. Er aber setzte noch hinzu: ich bitte Euch dringlich, seid freundlich zu ihnen, Herzliebste! -- Und die Herzliebste nickte, warf einen Blick in den Spiegel, drckte die Rose an dem linken Ohr fester in die gepuderten Locken, zupfte an der Spitzengarnitur am Halse und sah aus, als ob sie sich vor keiner gelehrten Frau der Welt mehr frchte. -- Die Stubenthr ffnete sich auch bald darauf, und herein zwngte sich eine rauschende Wolke von wunderlich gemustertem und verblichenem Seidenstoff, und selbige Gestalt blieb mit allerlei Spitzen und Schleifen an der Klinke hngen. Ein paar behandschuhte Hnde von gewaltigen Formen zerrissen aber mit Manneskraft die hemmenden Fesseln, und eine sehr groe, magere Frau in vorgercktem Alter, mit weit entbltem Busen und nackten Schultern, neigte sich drei Mal mit unbeschreiblicher Feierlichkeit vor dem Professor der Logik und Metaphysik, und reichte ihm dann die Fingerspitzen zum Handku. Auf den Fersen folgte ihr eine schlichte Erscheinung, deren zerknittertes, braunes Gesicht aus einer tief in die Stirn gehenden, gesteiften Haube schaute, und die altmodisch geschnittene enge Kleider trug, dem Hauswirth derb die Hnde schttelte, sich jedoch gewaltig strubte, als er bei ihr einen Handku versuchen wollte. Es ist eine gar seltene Freude, zu Gaste geladen zu werden in dem Hause des berhmtesten Mannes zu Leipzig, sagte die zuerst Eingetretene spttisch, und verneigte sich vor der Gottschedin, und haben wir solche hohe Ehre und Vergnstigung wohl nur meinem Gaste und meiner Seelengefhrtin, der Anna Barbara Teuberin, verwitwete Knackrggin, zu danken, welche allhier vor Euch steht. Und welche wohl nimmermehr solcher Ehre gensse, so nicht die hochberhmte, gekrnte Dichterin Christiane Marianne Zieglerin, geborene Romanus, solch armselig Augsburger Gewchslein hierher getragen, fiel die Teuberin ein und faltete demthig die Hnde, whrend sie der Hauswirthin einen kurzen Knix machte. Die Zieglerin lchelte wohlgefllig, machte aber dennoch eine bescheidene Geberde der Abwehr, da flog wiederum die Thr auf und ein rundes, lautlachendes weigekleidetes Etwas rollte dem gelehrten Manne, unter einem Schwall von zrtlichen Redensarten, an den Hals. Es war eine kleine ppige Frau mit kurzgeschnittenem, dunklem Haar, ziemlich freiem Ausschnitt des fliegenden Kleides, lustigen Augen, die ein Wenig schielten, einem hbschen Munde und groer Zungengelufigkeit. Ganz Leipzig kannte sie, jeder Student grte sie, und die Thomasschler blieben bei ihren Umzgen gern vor ihrem Hause stehn, da sie wuten, da sie jeden Vers eines Chorals mit einer Flasche Bier zu bezahlen pflegte, und dazu auch allezeit zur Genge frische Semmeln beigeschafft wurden. Es war die Dichterin Anna Helena Volkmann, geb. Wolffermann aus Leipzig. Schon im Jahre 1736 waren die Kinder ihrer heitern Muse unter dem Titel erschienen: Erstlinge unvollkommener Gedichte, durch welche hohen Personen ihre Unterthnigkeit, Freunden und Freundinnen ihre Ergebenheit, vergngten Seelen ihre Freude und Betrbten ihr Mitleiden erzeiget, sich selbst aber bei ihren Wirthschaftsnebenstunden eine Gemthsergtzung gemacht: Anna Helena Volkmannin. Sie erschien niemalen in ganz sauberem Anzug, auch fehlte es selten an einigen Dintenspuren an den Hnden, eben so war es schon vorgekommen, da sie noch mit der Feder hinter dem Ohr in eine Gesellschaft getreten, aber ihre Bescheidenheit, Frhlichkeit, und ihre witzige Zunge lieen dergleichen bersehen, wenigstens war die Dichterin trotz alledem bei Mnnern und Frauen beliebt. Eine sehr hbsche, jugendliche Frau wurde von ihr dem Hauswirth und der Hauswirthin vorgestellt, sie hie Johanna Charlotte Unzer, geborene Ziegler aus Halle, Gattin eines ausgezeichneten Arztes, die auf ihrer Durchreise nach Hamburg, allwo sich ihr Gatte vor wenigen Wochen angesiedelt, einige Tage in Leipzig verweilte. Man rhmte von den Gedichten der Unzerin, da sie sich durch ungezwungene Munterkeit auszeichneten, und nannte sie eine Schlerin der Volkmann. Was aber die Gottschedin fr diese liebliche Frau zur Stelle einnahm, war der Ruf einer zrtlichen Gattin und Mutter, der ihr vorausging. Die Volkmann selbst konnte nicht mde werden, die beiden Frauen einander gegenseitig anzupreisen, wobei sie nicht verfehlte bald die Eine, bald die Andere heftig zu umarmen. Dann flsterte sie der Gottschedin zu: setzt Euch zu mir oder der kleinen Unzerin, und berlat den jungen Weie der Zieglerin, sie ist nmlich in ihn verliebt und er knnte doch beinahe ihr Enkel sein. Den Lessing setzen wir dann zur Augsburgerin. Das wre zum Todtlachen! -- Damit schlpfte sie fort und dem eben eintretenden Gellert entgegen, dem sie, ehe er sich dessen versah, einen Ku auf die Wange gedrckt. -- Dicht hinter ihm erschienen nun auch die jungen Studenten Ephraim Lessing und Christian Weie. -- Letzterer war seines sanften feinen Gesichts und seiner anmuthigen Manieren wegen von den Frauen sehr gern gesehen. Den Andern kannten nur Wenige, und diese Wenigen fanden seinen Blick zu stolz, sein Haar zu fliegend, seinen Gang zu khn, seinen Anzug zu nachlssig, und insbesondere seine Redeweise, fr einen jungen Studenten der Theologie, viel zu keck und frei. Whrend Christian Weie nun Reihe um die Hnde kte, und Lessing hinter den Stuhl der Hauswirthin trat, huschte die Volkmann an ihn heran, zupfte ihn am Ohr und flsterte ihm die Frage zu, wie ihm die Gottschedin gefalle. Ein flchtiges Errthen war die einzige Antwort des jungen Mannes, was ihm ein helles Gelchter der boshaften Dichterin eintrug. Als sie aber sich von ihm wandte, nahm er, nachdem er einige Worte mit dem Hausherrn gewechselt und alle Anwesenden mit einer stummen Verneigung begrt, hinter dem Stuhl der kleine Doctorsfrau aus Halle Platz, allwo er den ganzen Abend hindurch verblieb. -- Warum htte er ihn auch verlassen sollen? -- Das reizende Bild, dessen Anblick er von seinem versteckten Sitze aus so ungestrt genieen durfte, wrde ihm ja dann entzogen worden sein, und welch reichen Stoff zum Denken und Trumen gab eben dies Bildchen, ein Frauenkpfchen auf dunklem Grunde. Von dem tiefbraunen Grunde eines Rockes, den der hochberhmte Professor der Dichtkunst, Logik und Moral, Christian Frchtegott Gellert, trug, hob sich nmlich ein feines Frauenprofil ab. Die Linien waren so edel und rein, da sich die Augen des jungen Studenten der Theologie nicht satt daran sehen konnten. Und zuweilen regte und bewegte sich dies Bild ein klein Wenig, das Profil verschob sich und zeigte das holdseligste Antlitz mehr als zur Hlfte, der kstlich geschnittene Mund lchelte, ein Grbchen in der Wange erschien, und die Wimpern des zweiten Auges tauchten auf. Und es kamen auch Momente, wo sich der kleine Kopf Victoria Adelgundens ganz zu ihm wandte und zwei dunkelblaue Augen ihn anschauten, halb fragend, halb schchtern freundlich grend.-- Der Kreis hatte sich endlich unter lebhaftem Hin- und Widerreden geordnet, und der Professor Gottsched zwischen der Zieglerin und der Knackrggin einen etwas engen Sophaplatz gefunden. Neben der Dichterin aus Augsburg sa der junge Weie, dann folgte die Volkmann mit dem Professor Gellert, die Gottschedin mit der Unzerin, und der junge Lessing machte den Schlu. -- Man schlrfte eine Schaale dnner Chokolade, a allerlei Backwerk dazu und schickte sich allmhlich an zuzuhren. -- Ja, aber wem zuerst? -- Die Zieglerin sprach nmlich laut und vernehmlich den Wunsch aus, zuvor einige _ihrer_ eignen neuesten Dichtungen vortragen zu drfen, ehe die jungen Studenten ihre Schauspiele dem Richterspruch des edlen Kreises zu unterwerfen begannen, und setzte mit sauersem Lcheln hinzu, da sie hoffe, ihre geliebten Schwestern in Apoll wrden nachher desgleichen thun. Wir wissen gar wohl, wir armen Frauenzimmer, sagte sie mit einem wohlstudirten Augenniederschlag und tiefem Seufzer, da wir nicht mehr bestehen knnen, so ein _Mann_ vorher seine Werke zu Gehr gebracht. Die Schpfungen der Herren der Welt gleichen ja den Palmen, dieweil wir nur armselige Gnseblmlein bringen. Ist's nicht so, meine theuren Freundinnen? Die Knackrggin senkte zustimmend das Haupt, die hbsche Doctorsfrau lchelte verstohlen die Hauswirthin an, die Volkmann aber rief: ich will Nichts wissen von Gnseblmchen, und habe auch, so ich mich erinnere, im Garten der Poesie niemalen welche gepflckt! Die Unzerin und ich suchten nur allezeit nach Veilchen! Einen vernichtenden Blick warf die gekrnte Dichterin auf die schalkhafte Sprecherin, dann sagte sie, zu Gottsched gewandt: Hochverehrter Freund, sintemalen doch Bescheidenheit die hchste Zier des Weibes, mgen denn meine armen Geisteskindlein diesen Reigen erffnen, damit---- Das _Beste_ gebhrend zuletzt komme, meint Ihr sicher, liebste Zieglerin? unterbrach hier lachend die Volkmann. Die berhmte Frau fuhr auf, aber der Professor der Logik und Metaphysik zog sie mit einer ngstlichen Geberde auf ihren Sitz zurck und flsterte: bleibt wrdevoll und ruhig, liebwertheste Freundin. Sie liebt es nun einmal, Jedweden weidlich zu necken, und wei doch so gut als ich, da Ihr die berhmteste Frau der Lindenstadt seid und bleibt. -- Die Gottschedin legte erschrocken ihre Hand auf den Arm Gellerts, der aber lchelte und sagte ruhig: Ihr mt Euch an dergleichen gewhnen, schnste Frau, sie sind nun einmal Alle so unter einander und mit einander. Sie fahren sich aber dabei doch nimmer wirklich in die Haare und nennen sich trotz alledem gute Freunde. Und die Zieglerin zog geruschvoll eine dicke Rolle beschriebener Bltter aus der Tiefe ihrer Kleidertasche und las, ohne viel zu whlen, mit erhobener Stimme, wie folgt: Auf ein paar schne Augen. Hrt zu, Christian Weie! schaltete noch die Volkmann schnell ein. So oft ein Knstler euch zu schildern ist bemht, So trifft er euch doch nicht, wie man gar fter sieht; Doch ist nicht seiner Faust der Fehler beizumessen, Wenn er die Aehnlichkeit von euch dabei vergessen. Und lebt' Apelles noch, so knnt' es nicht geschehn, Denn Adler knnen nur blos in die Sonne sehn. Der Strahl, der in euch sitzt, steht gar nicht abzureien, Der Maler mte denn ein Halbgott wirklich heien. Wessen Augen habt Ihr dabei im Sinne gehabt, theuerste Zieglerin? fragte die Volkmann sehr freundlich. Welche anders als die _Euren_, geliebte Freundin! lautete die hhnische Antwort. Ich danke Euch, und werde dagegen zum Beweis meiner Erkenntlichkeit Eure Rosenwangen und Perlenzhne besingen. Habt Ihr noch ein so frtreffliches Gedicht fr unsere verzckten Ohren? fragte da Gottsched rasch, denn die fast zahnlose Dichterin erglhte unter ihrer Schminke vor Wuth. Wie ein Balsamtropfen fielen aber diese Worte in die Wogen ihres Zorns, und sie las und las die verschiedensten ihrer grern und kleinern Dichtungen hastig und bunt durcheinander, wie z.B. Das Bild eines wahren Christen, und gleich darauf die Unterkehle Celindens, und die hhnische Lisette wobei sie whrend der Schlustrophe: es lt aus Furcht sich Niemand mit ihr ein, Lisette ist frwahr ein schdlich Stachelschwein, einen bedeutsamen Blick auf ihre Lieblingsschwester in Apoll zu werfen nicht ermangelte, den die Volkmann jedoch mit dem zrtlichsten Nicken erwiderte. Auch die Grabschrift eines Verliebten trug die Unermdliche vor, welche folgendermaen lautete: Die Gluth verzehrte mir das Mark in den Gebeinen, Und diese machet auch die Gruft zu Feuersteinen. Ihr Tobaksbrder kommt und tretet noch heran, Zieht Stahl und Schwamm hervor und schlagt euch Feuer an. Als hierauf Gellert doch leise an die verrinnende Zeit zu mahnen wagte, las die berhmte Frau noch schnell ein Lied auf die garstige Lorette, einige zufllige Gedanken ber einen Mopsen, ein geistlich Lied, und schlo dann mit den Strophen: Bin ich der Arbeit berdrssig, Die man von Damen fordern kann, So kommt mir, weil ich nicht kann mssig Wie Viele gehn, das Dichten an. Da greif' ich schnell zu meiner Feder, Ob selb'ge gleich nur, wie ihr wit, Von schlechtem Gnserumpf und Leder Und nicht vom Schwan geborget ist. Herrlich! rief die Volkmann, klatschte in die Hnde und sprang auf, um die Zieglerin zu umarmen, man knnte euch allein schon lieben um der wunderbaren treffenden Wahrhaftigkeit willen in Euren meisterlichen Gedichten, Hchstverehrte! Aber nach Euch wage ich nicht in meine Leier zu greifen! Aber ich habe einige Kleinigkeiten unserer Freundin _Hedwig Zunemann_ aus Erfurt mitgebracht, die, wie Ihr Alle wohl vernommen, vor vier Jahren, bei Arnstadt von einem Brckenstege fallend, eines klglichen Wassertodes gestorben. Sie hat mir noch wenig Tage vor ihrem unerwarteten Sterben damals ein anmuthig Verslein ber unsere Stadt Leipzig eingesandt, allwo sie so oft glckliche Tage verlebt, und das folgendermaen lautet: Was man vordem in Rom, Athen und Tyro fand, Was diese wnscheten, wonach Karthago stand, Das lt die Lindenstadt, das schne Leipzig sehn, Welch Pinsel, welcher Kiel kann dessen Ruhm erhhn? Ein ander Gedichtlein von ihr greift die Mnner an, meine Freunde, und liest sich auch recht gut. Hrt nur! Ihr Mnner, bildet euch nicht ein, Als ob Vernunft, Verstand, Gelehrsamkeit und aufgeklrter Sinn Sollt' Euer Eigenthum und Erbrecht sein. Nein wahrlich, der das Firmament gesetzt, Der hat das Weibervolk nicht minder hoch geschtzt, Und ihnen auch Verstand und Witz verlieh'n. Es soll wie Ihr des hohen Geistes Gaben Auch im Besitze haben. Drum mu _ihr_ Lorbeerzweig so wie der Eure blhn, Zrnt, tobet, lstert, neidet immerhin, Ihr werd't es doch nicht hindern knnen, Ihr sollt und mt denselben doch die Ehre gnnen, Drum bildet Euch, Ihr Mnner, ja Nichts ein! * * * * * Ein heiteres Wortgesprch entspann sich nach diesem Madrigal, worin sich insbesondere Gottsched selber und die Volkmann hervorthaten. Aber die Zieglerin gnnte ihrer freundlichen Feindin nicht lange das Vergngen die Gesellschaft durch ihren Witz zu belustigen, und unterbrach die Debatte mit der dringenden Bitte: die theuerste Teuberin, verwitwete Knackrggin, mge der Versammlung nun auch einige Proben ihrer herrlichen Kunst ablegen. Die wrdige Matrone lie sich auch nicht allzulange bitten, obgleich sie zuerst behauptete, Nichts bei sich zu haben. Der geschwollene Arbeitsbeutel aber bewies genugsam, da sie auf den Fall, die lieben Freunde zu erlustiren mit den Spielen ihres schwachen Geistes vorbereitet war, und selbiger wurde denn auch mit manchem Scherzwort ausgeleert. Es kamen da allerlei unschuldige Betrachtungen hervor, wie zum Beispiel: Gedanken bei des Sohnes erster Predigt, beim Gesindemiethen, beim Aderlassen, bei der Wsche, Gedichte auf einen Donnerschlag, auf den Tod meines Gatten, auf die Tugend der Weiber, mit welchem Verse sie auch endlich ihre gewaltig lange Vorlesung zu allgemeiner Zufriedenheit, folgendermaen beschlo: Ein Weib, das reinlich ist und jeden Unflath hasset, Ein Weib, das sparsam ist und niemals Geld verprasset, Ein Weib, das fleiig bleibt, die Kinder wohl regieret, Ein Weib, das ihr Gesind' mit Lust zur Arbeit fhret, Ein Weib, das freundlich ist, lacht leise, redet wenig, Ein Weib, dem Mann getreu, doch mehr dem Himmelsknig, Ein Weib, das Gott, den Mann und ihre Kinder liebt, Verdient ein gr'res Lob, als hier die Feder giebt. Es war spt geworden unter all diesem Lesen und Reden, und Christian Felix Weie mute nun sein Schauspiel: Die Matrone zu Ephesus ziemlich rasch lesen, was indessen nicht dazu beitrug das Stck sonderlich zu heben. Dabei hatte sich die Zieglerin obendrein dicht neben ihn gesetzt und schaute mit in das Manuscript. Gar hufig unterbrach sie den Lesenden durch allerlei Ausrufungen und Bemerkungen. Trotzdem sprachen sich Alle zu Gunsten des Stckes aus, als Weie endlich zum Schlu gelangt war, und tief aufathmend, mit glhenden Wangen, sein Manuscript zusammenrollte. Die gekrnte Poetin aber nahm es ihm ab, las einzelne Stellen mit lauter pathetischer Stimme noch einmal, strich dann mit einem gewaltigen Bleistift, den sie allezeit bei sich fhrte, einige Worte, auch wohl ganze Stze, schob dafr andere ein, und uerte endlich mit vornehmer Herablassung, da sie selbst sich bei der Neuberin verwenden werde: das Stck solle und msse aufgefhrt werden. Mein herrlicher Freund und Gnner Gottsched steht jetzund mit dem anmaenden Weibe nicht sonderlich, sonst wrde ich nicht von meiner armen Frsprache geredet haben, sagte sie, die Theaterdirectorin hat sich, wie Jedermann wei, allzu frech benommen gegen den berhmtesten Mann Leipzigs. Sie wagte es, einem Cato Gesetze vorzuschreiben ber den Bau und Inhalt der aufzufhrenden Stcke, und sogar schnde Verspottung mute unser Gefeierter von ihr erleben---- Reden wir nicht davon, unterbrach sie der Professor der Logik und Metaphysik mit einem Ausdruck von Verlegenheit und Aerger; ich liebe das nicht! Whrend der letzten Verhandlungen und Besprechungen hatte die schne Hauswirthin fters gedankenvoll zu dem jungen Lessing hinbergeblickt, und zwei blaue und zwei dunkle Augen begegneten sich in mancher stummen Frage. Je lnger und fter Victoria Adelgunde das Gesicht des Studenten betrachtete, der nun seine Schpfung diesem wunderlichen Kreise enthllen sollte, je anziehender erschien ihr dasselbe. Es war ihr zu Muth, als sie diese klare, herrliche Stirn, ein Eiland des Friedens und der Wahrheit, betrachtete, als knne und drfe sie sich dorthin flchten mit ihren Augen und Gedanken aus diesem, fr sie so unerquicklichen, Gewirr und Geschwtz. -- Ihr eigner Gatte kam ihr so fremd und verwandelt vor in dieser Umgebung, und vor den Frauen empfand sie mehr als Furcht, die heftigste Abneigung. Nur zu der kleinen bescheidenen Doctorsfrau fhlte sie sich hingezogen. -- Der Gedanke aber, der junge Lessing solle _hier_ in diesem Kreise lesen, wurde ihr pltzlich unertrglich, und die Vorstellung, die Zieglerin werde auch _sein_ Manuscript, wie das des jungen Weie, mit jenem dicken Bleistift bearbeiten, trieb ihr das Blut in die Wangen. Je lnger sie darber nachsann, je unmglicher erschien es ihr, da er seine Dichtung _dieser_ Kritik unterwerfe. Ein seltsames Angstgefhl kam ber sie, wenn sie sich seine weiche Stimme dachte, -- die sie zwar nur einmal vernommen deren Ton sie aber nicht vergessen, -- wie sie untertauchte in dem Geschwirr dieser scharfen Frauenstimmen. Sie hrte schon im Geiste wie sie ber ihn herfielen, schon an dem Titel seines Werkes mkelten, in jede Scene witzelnd oder tadelnd hineinredeten, um ihn am Ende zu zwingen sich unter den Schutz der Zieglerin zu stellen, die dann bei der Neuberin fr ihn zu betteln versprechen wrde. -- Das sollte, das durfte aber nimmermehr geschehn! -- Ein wunderlicher Entschlu stand in ihrer Seele auf. Sie wollte verhindern da er las, selbst auf die Gefahr hin da er sie fr eine alberne, launenhafte Frau hielt. Um jeden Preis wollte und mute sie ihm zahllose Krnkungen und Nadelstiche ersparen. Aber alle diese Gedanken, Empfindungen und Vorstze erregten sie fast fieberisch, und die Farbe wechselte so jh auf ihren Wangen da Gottsched pltzlich in besorgtem Tone fragte: ob sie sich unpa befinde. Mit einem schwachen Lcheln schttelte sie den Kopf, und beruhigt wandte sich nun der berhmte Gelehrte zu dem Studenten Lessing und sagte: so mgt Ihr lesen, junger Freund! Da aber erhob sich pltzlich die sonst so schchterne Hauswirthin und antwortete statt des Angeredeten mit fester Stimme: Ich bitte, da Herr Lessing _nicht_ lese, ---- mein Kopf thut mir sehr weh, und der Abendimbi verdirbt, da es schon gewaltig spt geworden. -- Eine glhende Purpurrthe folgte dieser ersten Lge, die diese Lippen ausgesprochen. Man blickte einander theils verwundert, theils spttisch an. Wie konnte man an solche Dinge denken, und gar von ihnen reden bei solchen Genssen?! Wieder ein Beweis, wie erbarmungswrdig tief doch die Gottschedin stand. -- Die Unzer und Gellert allein fanden einige Worte des Mitleidens, dann aber schlossen auch sie sich den Andern an, die nher zusammenrckend sich wiederum in ein Gesprch ber die Matrone von Ephesus vertieften. Ephraim Lessing hatte sich whrend dessen langsam erhoben und trat jetzt zu der jungen Frau. Seine Stirn war lebhaft gerthet, eine feine Ader trat in der Mitten hervor, die Augen blickten finster, und um die vollen Lippen zuckte Schmerz. Das leicht gepuderte Haar mit einer heftigen Handbewegung zurck aus den Schlfen streichend, sagte er stolz: Erlaubt, da ich nach Hause gehe -- da mein Bleiben allhier nunmehr seinen Zweck verloren. Geht, wenn Ihr durchaus wollt, antwortete die leise se Stimme der Gottschedin, ich mag Euch nicht zumuthen lnger unter Fremden zu weilen. Aber Euer Stck mt Ihr mir zur Aufbewahrung berlassen bis morgen Abend, wo Ihr vielleicht ein Stndchen Zeit finden werdet, es einer armen unwissenden Frau, die Euch keine Bleistiftzeichen auf die Bltter zu kritzeln versteht -- sonder Strung vorzulesen.-- Sie sah ihn ernst und doch voll milder Freundlichkeit an, als sie diese Worte sprach, und es flog pltzlich wie ein Lichtstrahl in seine Seele. -- Sein Zorn war verflogen. -- Er begriff und verstand wie gut sie es mit ihm gemeint, und sein Herz schwoll ihm vor Dank und Freude.-- Nicht Morgen allein, sondern allezeit bis an mein Lebensende werde ich zu Euren Diensten sein, Gtigste der Frauen sagte er fast leidenschaftlich -- reichte ihr das Manuscript hin, kte ihre Hand und flsterte: aber gehen werde ich doch -- und jetzt erst recht! verneigte sich stolz vor dem kleinen Kreise, wechselte noch einige flchtige Worte mit Gottsched und ging.-- * * * * * An jenem Abend, der mit einem frugalen Nachtmahl schlo, athmete die Gottschedin erst erleichtert auf, als der letzte Gast das Zimmer verlassen. Dann fiel sie ihrem Manne um den Hals und rief: Thut mit mir was Ihr wollt, herzliebster Ehegemahl, Ihr drft es ja auch, denn Euch ist die Macht gegeben ber meinen Leib wie ber meine Seele, -- aber versucht nur nimmermehr eine Zieglerin aus mir zu machen!---- Als am andern Morgen, -- an demselben Abend wagte sie's doch nicht recht, -- Victoria Adelgunde ihrem Gatten ihre kleine List in Betreff des Studenten Lessing beichtete und ihn bat, mit ihr zu Gericht zu sitzen ber das Werk ihres Schtzlings, lachte der Professor, streichelte ihr die Wangen und sagte: Ihr seid allzu mitleidig mit dergleichen Burschen, und werdet keinen Dank davon haben. Das Stck mag er Euch getrost _allein_ vorlesen, -- ich habe es bereits durchgeblttert und dann ---- dnkt mich, wolle sich's nicht recht schicken, wenn ein Professor als Zuhrer vor einem Studiosen sitze.-- * * * * * Am nchsten Abend sah es behaglicher aus in der Wohnstube der Gottschedin als am verflossenen. Es brannte zwar nur eine einfache Kerze, und auf dem Tische war kein Damasttuch ausgebreitet, sondern das Klppelkissen lag darauf und davor sa eine heiter blickende Frau im Hauskleide, das gepuderte Kpfchen ber die zierliche Arbeit der schlanken Finger geneigt. Gegenber aber hatte der Student Ephraim Lessing Platz genommen, und las sein Schauspiel: Der junge Gelehrte.-- Der Vogel im Kfig schlief, der kleine Hund Gottsched's lag am Ofen und regte sich nicht, nur dann und wann, wenn vielleicht der Leser seine Stimme ungewhnlich erhoben, blinzelte er schlaftrunken mit den Augen. Der Asternstrau, den gestern kein Mensch recht angeschaut, stand heute mitten auf dem Tische im Kerzenlicht und glhte und leuchtete wunderbar, und die Blumen schienen sich zu regen, wie vom Winde geschaukelt. -- Die schnsten Lichter und Schatten aber spielten auf dem Frauenantlitz dicht vor dem jugendlichen Lector, der heute so schlecht las wie noch nie in seinem Leben. Das war ein Blitzen und Gaukeln auf dieser mdchenhaften Stirn, auf diesen rosigen Wangen, in dem Grbchen am Kinn, auf Hals und Schultern, und dazu das rasche Spiel der Finger mit den zahllosen Klppeln. Und wenn gar die Augen langsam aufblickten und auf den Leser sich richteten, und die Hnde lssig in den Schoo sanken, weil Victoria Adelgunde das Arbeiten verga beim eifrigen Hren, -- dann schien das Manuscript gar zu schwer zu entziffern, denn der junge Student gerieth aus einem Stocken in's andere. -- Seine Zuhrerin mute endlich laut darber lachen, und wie lieblich lachte sie, und da konnte er nicht anders als ein Weilchen mitlachen. -- Als das Stck endlich aus war, -- der Poet dankte sich selber im Stillen zu tausend Malen, da er's nicht lnger denn zu drei Aufzgen gemacht, geriethen die Beiden unvermerkt so recht in's trauliche Plaudern. Lessing vertraute vor allen Dingen der jungen Frau sein innigstes Wnschen und Hoffen: da nmlich die Theaterdirectorin Caroline Neuberin sich geneigt finden lassen mchte, dieses sein Lustspiel aufzufhren, und klagte ihr seine Sorge, da die so vielfach Bestrmte wohl schwerlich das Erstlingswerk eines Studenten ohne gewichtige Empfehlung einstudiren lassen werde. Victoria Adelgunde versuchte ihn hierber zu trsten, und sie redeten lange hin und her, auch ber die bedauerlichen Zerwrfnisse zwischen Gottsched und der Neuberin. Der berhmte Mann hatte nmlich die volle Schale seines Zorns ausgegossen ber die einstige Freundin, weil diese sich geweigert, ein Stck nach seiner Bearbeitung auffhren zu lassen. Gottsched war, in Folge dieser Weigerung, die Veranlassung gewesen da sich eine zweite Truppe, die Schnemann'sche Theatergesellschaft, in Leipzig niederlie, die dann auch die Truppe der Neuberin bald vertrieb. Die energische Frau kehrte jedoch nach mancherlei Irrfahrten im Jahre 1744 nach Leipzig zurck, sprengte durch ihre reizenden Schauspielerinnen, die Lorenz und die Kleefelder, und die ausgezeichneten mnnlichen Mitglieder ihrer Gesellschaft, wie z.B. Koch und Heydrich, die Schnemann'sche Bande, und eine ihrer ersten Thaten war nun, ihren frhern Freund und Gnner, den Professor der Logik und Metaphysik, Johann Christoph Gottsched, von der Bhne herab als Zerrbild dem allgemeinen Gelchter Preis zu geben. -- Nun war an keine Ausshnung mehr zu denken, so sehr sich auch die Neuberin, ihre Uebereilung bereuend, gar bald mhte den Schwerbeleidigten wieder gut zu machen. Gottsched verbot seiner Frau das Theater zu besuchen, und die ganze Stadt theilte sich in zwei Partheien, die Anhnger der Neuberin und die Gottsched's. Die Parthei der Theaterdirectorin war jedoch unbestritten die Strkste, denn sie hatte, wenn sie wollte, die Lacher auf ihrer Seite. Victoria Adelgunde hatte sich alle Mhe gegeben, ihren Gatten milder zu stimmen gegen die verdienstvolle Frau, deren rasches entschlossenes Wesen, und groe Wrme und Lebendigkeit, sie gar mchtig angezogen, -- allein vergebens. Oft war sie sogar mit dem Vorsatz ausgegangen der Neuberin zu begegnen, um sie zu bitten, noch einmal dem Gekrnkten ein reuevolles Wort zu sagen, aber seltsamer Weise war es ihr nie gelungen der Ersehnten habhaft zu werden. Die Neuberin zeigte sich auch selten allein, immer nahm sie ihre jungen Schauspielerinnen unter ihre Flgel, fr deren Wohlergehn und guten Ruf sie in jeder Art wahrhaft mtterlich sorgte. -- Die Gottschedin war dann bei ihrem Herannahen allezeit schchtern zur Seite getreten und hatte es bei einem verstohlenen Gru bewenden lassen, statt sie anzureden. Die Zieglerin lie es sich dagegen bei jeder Gelegenheit angelegen sein, den Professor noch mehr gegen die Neuberin aufzubringen, da ihr die Freundschaft des berhmten Gelehrten mit dieser Frau von allem Anfang an ein wahrer Dorn im Auge gewesen.-- Von all diesen Dingen redete nun Victoria Adelgunde mit dem jungen Studenten, -- und die Zeit flog mit solcher Windeseile ber ihre beiden Hupter hinweg, da die junge Frau erstaunt aufblickte als Gottsched eintrat und nach dem Nachtessen verlangte. Habt Ihr die Zieglerin, die Ihr besuchen wolltet, nicht daheim getroffen? fragte sie. Er lchelte und antwortete: volle vier Stunden habe ich ihres Umgangs genossen, von 5Uhr bis 9Uhr, und ich freue mich von Herzen, da der Studiosus Lessing Euch in dieser Zeit so wohl unterhalten. Er mu aber nun dafr auch die Abendsuppe mit uns essen! Aber Ephraim Lessing dankte. Es war ihm zu Sinn als htten die Gtter eigenhndig ihn mit Necktar und Ambrosia gespeist, -- wie sollte ihm da irdische Kost munden? Auch konnte und wollte er sich den Suppenlffel nicht in einer gewissen kleinen Hand denken, die ihm nur dazu geschaffen schien, Lorbeern und Rosen zu vertheilen, oder allenfalls beim Vorlesen mit schlanken Fingern Spitzen zu klppeln. -- Er strzte also nach einigen wunderlichen Entschuldigungen fort, nachdem ihn Gottsched noch ungewhnlich freundlich aufgefordert bisweilen des Abends seiner Frau ein Stndlein zu vertreiben durch erbauliche Lectre, dieweil _er_ leider mit seinen alten Freundinnen nicht brechen drfe, sondern sie nach wie vor besuchen msse.-- Whrend des Nachtessens fragte der berhmte Mann seine schne Lebensgefhrtin: was haltet Ihr denn eigentlich von dem jungen Studenten und seinem Stck? Meint Ihr da Beide etwas taugen?-- Das Stck verdient da es die Neuberin auffhre, antwortete sie lebhaft, und ich gbe viel darum wenn ich's zu Wege bringen knnte! Er mu sich an die Zieglerin wenden! Meint Ihr da _die_ Alles knnte? Ja! Ich meine es aber nicht! Lat uns das abwarten! -- Und was den Lessing angeht, so ist mir heute nur Eines klar geworden, da aus ihm nmlich eben so wenig ein _Pfarrer_ wird, wie aus mir -- eine Zieglerin! * * * * * Seitdem kam der Student Lessing wenigstens drei Mal in der Woche in das Haus des Professors der Logik und Metaphysik, las der jungen Frau vor, oder hielt eine Zwiesprache mit ihr ber Alles was sein junges Herz bewegte und seinen Feuergeist beschftigte. Und es war eine Welt von Fragen und Zweifeln, Trumen und Gedanken, die in diesem Jnglingskopf auf und nieder wogte wie die Wellen des Meeres. Da that es denn wohl Noth, da solch eine Meerfey am Ufer sa und mit ihrer weien Hand die wild rauschenden Wasser glttete, und zuweilen ein Zaubersprchlein murmelte wenn es gar zu ungestm hin und her und auf und nieder wallte. Und doch zgerte sie zuweilen jenes Wort zu sprechen, denn es dnkte sie gar wunderbar herrlich diesem Auf- und Abwogen zuzuschauen, und dem Gesang der Sturmgeister zu lauschen. So seltsam und erhaben klangen die Melodien, da die Meerfey darein schaute mit schwimmenden Augen, und ein Entzcken empfand wie noch nie zuvor. -- Zuweilen war es ihr als msse es eine Seligkeit sein, sich in diese brausenden Wellen zu strzen, sich heben und tragen zu lassen, mit zu kmpfen und mit zu ringen, wie dies junge Herz, diese mchtige Seele da vor ihr, -- wie dieser Geist, dessen knftige Gre sie ahnend im Voraus empfand. -- Die engen Schranken ihrer eignen Gedankenwelt strzten gar bald zusammen, in diesem Verkehr mit dem seltsamen jungen Studenten, sie gewhnte sich unvermerkt weit und immer weiter auszuschauen, die Augen thaten ihr Anfangs weh dabei, aber sie hob sie immer und immer wieder, und lernte allmhlich die Flle des Lichts ertragen, die sie berstrmte. -- Sie verlor auch nach und nach ihre mdchenhafte Schchternheit ihrem neuen Freunde gegenber, wagte einen Gedanken auszusprechen, urtheilte, vertheidigte und unterwarf sich. -- Gottsched erstaunte oft, im Zusammensein mit seiner Frau berraschende Blitze freiesten Denkens und Empfindens an ihr wahrzunehmen. Victoria Adelgunde fing sogar, zu seiner groen Freude, an in Gegenwart anderer Mnner, errthend zwar, und in reizend weiblicher Weise, aber doch bestimmt und klar ihr _eignen_ Ansichten darzulegen. Ihr Gatte vermochte sein Entzcken darber kaum zu bergen, und mit echt mnnlicher Eitelkeit schrieb er sich allein und seinem Einflu diese wunderbare Wandlung zu. Wie htte er auch ahnen knnen, der berhmte Mann, da in jenen stillen Abendstunden, in denen sich seine Gattin mit dem wunderlichen Studenten aus Kamenz, aus purer Gutherzigkeit ohne Zweifel gewaltig langweilte, jene Blthen getrieben wurden, deren Duft ihn jetzt berauschte.-- Und der junge Student selber? -- Nun der lag unter einem Blthenbaum, und neben ihm sa die Gttin Poesie selber, und streute Blumen auf ihn herab und flsterte: la dich begraben Trumer! -- Aber das Grab war nur eine durchsichtige Blumendecke, -- und darber hing der blaue Himmel zweier wunderschnen Frauenaugen.---- Dem Ephraim Lessing waren, seit er die Frstenschule zu Meien verlassen, -- allwo schon seine groe Selbststndigkeit in seinen Studien und Arbeiten kein geringers Aegerni erregt, -- und die Universitt zu Leipzig bezogen, erst wenige Frauen begegnet, mit denen er lnger denn fnf Minuten geredet. -- Als Student der Theologie eingeschrieben, mit nur unbedeutenden Empfehlungsbriefen versehen, war er in wenigen Husern und Familien bekannt geworden. Seine Neigung zu den Wissenschaften, zu den alten Sprachen, der Mathematik und Dichtkunst, gab ihm hinlngliche Beschftigung in seinen Freistunden und bannte ihn in sein Stbchen, er las und schrieb viel, und beschftigte sich berhaupt unablssig -- nur nicht mit dem Studium der Theologie. Die zrtliche Freundschaft, die er mit dem weichen und -- liebenswrdigen Christian Felix Weie schlo, lie ihn gar keinen andern Umgang vermissen. Das sogenannte schne Geschlecht war ihm daher ziemlich gleichgltig geblieben, hchstens da er einmal einem hbschen Mgdlein, das hinter Rosmarin und Rosen am Fenster hervorlugte, eine Kuhand zugeworfen, einem frischen Brgerkinde die Wange gestreichelt, oder unter dem Fenster einer niedlichen Schauspielerin einige Male zerstreut auf und nieder gegangen war. -- Jetzt befand er sich aber zum ersten Mal in einem zwanglosen Verkehr mit einer Frau der hhern Stnde, und zwar mit einer eben so schnen als fein gebildeten Frau, die bei all ihrer, von ihm sehr bald erkannten, geistigen hohen Bedeutsamkeit, doch ihren hchsten Ruhm nur darin zu suchen schien, eine tchtige Hausfrau und zrtliche Gattin zu sein. Der Zauber ihres ganzen Wesens umspann ihn wie mit einem goldenen Netze, und jener eine Abend hatte ihn pltzlich in eine Sphre getragen in der er noch nie geathmet, in der zu leben ihm aber wunderbar s duchte. Es war ihm zu Muthe wie einem Falter, der nach langem Umherflattern, zum ersten Mal, einer kaum erblhten Rose in den Schoo taumelt.---- Gotthold Ephraim Lessing war in kurzer Zeit ein tglicher Gast geworden im Gottsched'schen Hause und Gottsched selber fand Gefallen an dem Jngling, lie sich wohl auch zu Zeiten herab lngere philosophische Gesprche mit ihm zu fhren, wunderte sich im Stillen ber den Feuergeist, schttelte aber dennoch den Kopf ber die freigeisterischen Gedanken des jungen Burschen. Was nun Lessing's wiederholte dichterische Versuche betraf, so schenkte er diesen wenig oder gar keine Aufmerksamkeit, und verwies ihn mit dergleichen Kinderspielen an seine Frau, indem er dieser jedoch wiederholt versicherte, da in dem Felix Weie ein ungleich grerer Dichter stecke denn in dem Studenten aus Kamenz.-- Mittlerweile aber erblhten unter dem Sonnenschein der schnen Augen Victoria Adelgunden's langsam und farbenfrisch die _Anakreontischen_ Gedichte Lessing's, und zu ihren Fen legte er diese reizenden Blumen nieder.-- Da geschah es aber eines Tages da die junge Frau ihren Schtzling bat ihr ein wenig im Latein fortzuhelfen, das sie bereits bei ihrem Vater in Danzig begonnen, ---- die Anakreontischen Gedichte hatten sie pltzlich in eine seltsame Unruhe gebracht. -- Mit groem Eifer erbot sich der junge Dichter zu dieser anmuthigen Arbeit, und dieser Eifer verdoppelte sich als Victoria Adelgunde den schchternen Wunsch aussprach, diese Lehrstunden einstweilen vor Jedermann geheim zu halten. Mein eigner Gatte soll nicht eher ein Wort von diesem Unterricht erfahren als bis ich meinem geduldigen Lehrmeister Ehre bringe sagte sie lieblich lchelnd.-- Die Vorlesungen hrten also nun auf und ernste Lehrstunden nahmen ihren Anfang, die junge Frau athmete erleichtert -- sie wute aber doch nicht recht was sich ihr so schwer auf das Herz gelegt. -- Es war ein anmuthiges Bild diesen Lehrer und diese Lernende einander gegenber zu sehen. Er, dessen Kopf mit der Imperatorstirn und den Feueraugen einen mchtigen Eindruck auf Jedweden machen mute, der ihn mit Aufmerksamkeit betrachtete, sprach mglichst ruhig im belehrenden Ton, aber mit einem reizenden Schimmer von Glck um den Mund, zu jener Frau die bald schreibend, bald lesend, bald unter mdchenhaftem Errthen irgend eine Frage beantwortend, sich nun seine Schlerin nannte.-- Victoria Adelgunde war ungewhnlich lieblich. Ihre Zge waren so fein, ihre Gestalt von vollendeten Formen, ihr Lcheln bezaubernd, ihre Farben rosenfrisch und ihre Augen von wunderbarem Glanz und Ausdruck. -- Armer Falter! ---- Die junge Frau machte aber auch erstaunenswerthe Fortschritte, und nach kaum einem halben Jahre fing sie bei ihrem jugendlichen Lehrmeister das Griechische an, das sie ebenfalls mit groer Leichtigkeit fate. Sie uerte wiederholt ihre Freude bei dem Gedanken, ihren Gatten eines Tages mit dieser neuerworbenen Wissensflle zu berraschen, ihn die Ode der Zieglerin vergessen zu machen, und lernte in dieser Hoffnung mit immer regerem Eifer, nur zu tausend Malen die Krze der Zeit beklagend. -- Da war es denn Ephraim Lessing selber der einstmals den Vorschlag machte, seine Schlerin mge, um die Zeit auer den festgesetzten Lehrstunden mglichst zu nutzen, lateinische Uebungsbriefe an ihn richten, die er dann am andern Tage wohlcorrigirt und mit allerlei belehrenden Randglossen versehn, ihr wieder einzuhndigen versprach. -- Victoria Adelgunde ging nach kurzem Zgern auch wirklich auf jenen ntzlichen Vorschlag ein, und so nahm denn an jedem Abend der junge Student ein zierlich beschriebenes, und wohl adressirtes Blttchen mit heim, und legte es in der nchsten Lehrstunde, mit verschiedenen rothen Strichen und Bemerkungen versehn, der schnen Frau wieder vor. -- Allmhlich wurden der Striche weniger, aber der Blttchen mehr, ---- und zuletzt gewhnte sich Victoria Adelgunde daran, ein ausfhrliches Tage- und Gedankenbuch in lateinischer Sprache zu fhren, das immer in die Hnde ihres jungen Lehrmeisters wanderte, und ---- immer _seltener_ in die ihren zurckkam. -- Es mochten vielleicht der Fehler zu wenige darinnen sein, -- oder der junge Student litt an Vergelichkeit und hatte versumt jene Bltter einzustecken, -- genug, die Briefe blieben bei ihm, aber ihr Inhalt wurde um so eifriger besprochen in den Lehrstunden, so eifrig, da die junge Frau ber all dem Hin- und Widerreden verga die Bltter zurckzufordern.-- In jedem Menschenleben giebt es eine Zeit, -- oft ist's nur eine Stunde, -- oft ein Tag -- ein Monat -- wo das Herz jene leidenschaftliche Bitte Josua's nachstammelt: o Sonne stehe still! -- Aber sie steht nicht still bei unserm Ruf sie eilt unaufhaltsam weiter ---- und wenn wir im tiefsten Herzen dies Gebet kaum ausgesprochen ------ dann ist schon Mittag vorber und ---- es will Abend werden.-- Als die zweite Hlfte des Jahres zu Ende gegangen und der Herbst schon dem Winter Platz zu machen sich anschickte, da sann die Gottschedin allen Ernstes darber nach, welche Freude sie wohl ihrem Lehrmeister bereiten knne zum heiligen Weihnachtsfeste. Und sie sann so viel, da sie bisweilen in den Lehrstunden gar sehr zerstreut erschien, und somit den jungen Dichter oft genug aus der Fassung brachte. -- Noch mehr als ihr verndertes Wesen beunruhigte ihn jedoch ihre Bitte, ihr einmal seinen Freund und Stubengenossen, Felix Weie, herzusenden, und so zrtlich Lessing jenen treuen Gefhrten liebte, so durchzuckte ihn doch ein bis zur Stunde nie gekanntes Gefhl des Neides und der Eifersucht, als er den Jngling bald _allein_ zu seiner Schlerin gehen sah. -- Seit jenem Besuche Weie's schien auch die Zerstreutheit seiner Schlerin sichtlich zuzunehmen, das glaubte wenigstens Lessing zu bemerken, und gerieth deshalb in nicht geringe Aufregung. In den lateinischen Uebungsblttern fanden sich bald Lcken vor, der Ton wurde unruhiger, die Gedanken springender. Kein Zweifel mehr: sie hatte ein Geheimni vor ihm, -- und Felix Weie wute um dies Geheimni. -- In der Woche vor dem Feste bat ihn Victoria Adelgunde sogar pltzlich, die Lehrstunden in den Nachmittag zu verlegen, da sie von nun an des Abends mit Weihnachtsvorbereitungen beschftigt sei. -- Mit bedrcktem Herzen erfllte er ihren Wunsch, -- aber am Abend mute er doch das Haus umstreifen, zu gewohnter Stunde, wie ein abgeschiedener Geist, der Sage nach, die Sttte seines einstigen Glcks umschwebt. -- Und was geschah ihm da? -- Allabendlich, um die siebente Stunde, ffnete sich nun -- und das dauerte eine Woche lang -- die Hausthr des Professor Gottsched, -- und heraus trat, Ephraim Lessing glaubte zu trumen, seine Schlerin selbst, gesttzt auf den Arm Weie's, eine Magd mit einer Laterne leuchtete dem Paare voraus. Da sie es war, wirklich und wahrhaftig, wer htte daran zweifeln knnen, -- keine Frau der ganzen Stadt hatte diese kleinen Fe, diese weichen reizenden Bewegungen, diesen schwebenden Gang. -- Die Drei schlpften allezeit sehr eilig im Schatten der Huser dahin, ber den Markt, die Hainstrae hinunter. Vor dem Gasthof zur Taube machte man Halt -- pochte an die Thr, die sich dann sofort ffnete und das Kleeblatt einlie. -- Lessing blieb zum ersten Mal wie versteinert stehn. -- Allda wohnte ja die Neuberin! -- Was konnte die Ehefrau Gottsched's zu seiner Feindin fhren? -- Und noch dazu in Begleitung Weie's, dessen Stck die Zieglerin bei der Theaterdirectorin nicht hatte anbringen knnen?! -- Wollte seine Schlerin etwa ein gutes Wort einlegen fr die Matrone zu Ephesus? Warum htte sie da nicht eben so gut sich fr den jungen Gelehrten verwenden knnen, den bittend zu der Neuberin zu bringen der Dichter selber zu stolz gewesen, und der somit ruhig daheim im Pulte schlummerte. -- Wunderliche Gedanken und Empfindungen bewegten den Wartenden, der kaum merkte, da er wohl zwei Stunden drauen stand in grimmer Winterklte. -- Er versprte damals eine ganz absonderliche Lust, irgend einen Jemand aus der Welt zu schaffen, aber er war noch nicht mit sich einig, ob den Weie, die Gottschedin oder -- die leuchtende Magd. Dabei wunderte er sich ber die ausnehmend heie Witterung, die ihm den Schwei auf die Stirne trieb, -- und nahm zuweilen eine Hand voll Schnee, um sich zu khlen. -- Als das Kleeblatt endlich wieder erschien, besann er sich jedoch so lange, auf wen er losstrzen solle, bis die Gottschedin mit ihrer Dienerin in ihrem Hause verschwunden, und ihr junger Begleiter sich mit einem uerst devoten Kratzfu von ihr verabschiedet. -- Wie ein Balsamtropfen fiel aber ihr gleichgltiges: Gute Nacht, werthester Herr Studiosus -- auf Morgen denn-- um dieselbe Zeit in die erregte Seele des Lauschers, und er gewann es in Folge dessen ber sich, ruhig nach Hause zu wandern, sich schlafen zu legen wie ein gewhnlicher Mensch, um wieder -- von seiner Schlerin zu trumen wie -- er allezeit wachend und schlafend von ihr trumte. Am nchsten Tage schaute er sie aber doch zuweilen seltsam forschend an, als er ihr wieder als ernster Lehrmeister gegenber sa, -- und wenn sie auch ihre Aufgabe ohne Stocken herzusagen wute, und einen Akt aus den Trauerspielen des Aeschylos flieend bersetzte, so riefen diese Blicke doch ein Errthen hervor auf ihren Wangen, und ihre Hand zitterte ein Wenig, als sie ihm die lateinischen Tagebltter gab.---- O Sonne stehe still!---- Es hatten sich aber mittlerweile gar bse Augen auf das junge Paar gerichtet, das da alltglich bei einander war, und jene schlimmen Zungen begannen allmhlich zu zischeln, von denen es in jenem alten Volksliede heit: Die Disteln und die Dornen die stechen gar zu sehr, Die falschen, falschen Zungen stechen _noch viel_ mehr! Solche Zungen waren es nun, die ungehindert allerlei Uebles redeten von der Gottschedin und dem jungen Studenten. Wie durften auch eine schne Frau und ein geistvoller feuriger Mann _ungestraft_ mit einander verkehren? Solcher Verkehr allein war schon eine himmelschreiende Snde wider -- jene hlichen Schwestern, mit denen eben _kein_ junger geistvoller Mann verkehrte. -- Und der arglose Professor der Logik und Metaphysik, Johann Christoph Gottsched, erfuhr bald genug von den dnnen Lippen seiner Freundin Marianne Zieglerin, gebotene Romanus, eines Tages gar arge Dinge, -- so arg, da er urpltzlich auffuhr wie von einer Tarantel gestochen, und nach Hut und Stock griff, um spornstreichs nach Hause zu laufen, und zur Stelle die Wahrheit zu erforschen aus dem Munde der geliebten Treulosen selber. -- Solches geschah am 22.December in der sechsten Stunde. Es war Licht in dem Stbchen der Frau Victoria Adelgunde, ---- Gottsched schlich leise in's Haus und trat an die Thr der Wohnstube. Mit zitternder Hand schob er die Gardine vor dem kleinen runden Fensterchen in der Thr zurck und schaute in's Zimmer. Da sah er denn die Beiden sitzen, die Lehrstunde sollte just geschlossen werden. Seine Frau las noch mit lauter Stimme. -- Es war aber Latein, was sie las, -- es waren Verse, -- es war wahrhaftig eine Ode! -- Und in welchem reinen Latein, -- und wie correct las sie. Und die Ode, ---- es schwindelte ihm, war an _ihn_ gerichtet, er hrte deutlich seinen Namen. Sollte Victoria Adelgunde dies classische Gedicht selbst verfat haben?! ---- Unmglich, der Gedanke wre gar zu schn! -- Da verstummte die Leserin und er hrte nun den Studiosus Lessing sagen: Frtrefflich, hochgeehrteste Frau Professorin, es ist kein einziger Fehler in Eurem Gedicht!-- Da ri der freudetrunkene Professor der Logik und Metaphysik die Thre auf, strzte mit dem Rufe: habt Ihr wirklich diese lateinischen Verse gemacht? auf die Erschrockene los und ri sie in die Arme. Und als sie halb unbewut leise nickte, sagte er tief aufathmend mit ungewhnlicher Hast: Ich wei zwar jetzt auch, da ich Euch Nichts zu verzeihn, und da die Zieglerin eine elende Lgnerin, aber ich gestehe Euch auch, da ich um einer _selbstgefertigten_ reinen _lateinischen_ Ode Euch ganz gewaltig viel verziehn. O Victoria Adelgunde, ein schneres Weihnachtsgeschenk httet Ihr mir nimmer machen knnen! -- Euch aber, mein werthester Herr Lessing, danke ich zu tausend Malen, und werde Euch -- hier habt Ihr meine Hand darauf -- als Lehrmeister berall empfehlen, -- nur _eine_ Schlerin mu ich Euch abnehmen, alldieweil ich sie nun gern selber weiter bringen mchte, und das ist diese hier, -- meine geliebteste Ehefrau.-- Und wieder zog er sie zrtlich an sich. Sie aber entwand sich ihm und sagte, ihren jungen Lehrmeister seltsam traurig anblickend: da mein Gatte sein Weihnachtsgeschenk, meine arme Ode so frh empfangen, so mag ich auch Eure Christgabe nicht lnger zurckhalten. Nehmt sie denn hiermit, -- 's ist ein schwacher Dank fr die Mhe, so Ihr mit mir gehabt! -- Und sie zog aus ihrer Kleidertasche einen gedruckten Zettel, worauf zu lesen stand: Am zweiten Christtage wird allhier folgendes Stck aufgefhrt werden, mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung: _Der junge Gelehrte._ Lustspiel in drei Aufzgen von Gotthold Ephraim Lessing. Folgende Personen werden darin vorkommen: Chrysander, ein alter Kaufmann Heinrich Koch. Damis, der junge Gelehrte, Chrysander's Sohn Karl Heydrich. Valer Johann Neuber. Juliane Mamsell Lorenz. Anton, Bedienter des Damis Fritz Huber. Lisette Mamsell Kleefelder. u.s.w. Der junge Dichter aber -- den Zettel in der Hand -- stand da wie ein beschenktes Kind und staunte die schne Geberin an wie im Traume, -- dann wieder die gedruckten Worte, -- und hat in seinem Leben kein so seliges Christfest wieder gefeiert denn damals in dem Stbchen der Gottschedin am 22.December Anno 1746.-- Als aber spter die Gatten wieder allein waren, und Victoria Adelgunde nach dem Grunde der so berraschenden Rckkehr Gottsched's fragte, -- wagte er doch, ihren ernsten reinen Augen gegenber, nicht die volle Wahrheit zu gestehn. Es war nur eine halbe Beichte, die er ihr da stammelte. Sie hatte jedoch mit dem feinen Gefhl der Frau Alles errathen, -- und fhlte pltzlich einen scharfen Schmerz durch ihr Herz gehn. -- Meine Lehrstunden werden mit diesem Tage fr immer enden, sagte sie nach einer Pause ruhig, aber mit einem tiefen Seufzer, dafr bitte ich Euch aber mir zu erlauben am zweiten Weihnachtstage das Theater der Neuberin zu besuchen. Ich gestehe Euch hiermit, da _ich selbst_ diese Frau berredet, das Stck Lessing's aufzufhren, -- aber auch die Matrone zu Ephesus des jungen Weie soll Anfang Januar einstudirt werden, nachdem die Zieglerin sich vergeblich bei der Theaterdirectorin dafr verwendet. Ich denke, die Verzeihung fr diesen Schritt und die Gewhrung meiner Bitte sei eine geringe Belohnung fr eine lateinische _Ode_ und eine gelinde Strafe fr Euch fr das, was Ihr von mir, Eurer Ehefrau, geglaubt!---- Und am zweiten Weihnachtstage wurde der junge Gelehrte wirklich aufgefhrt, unter groem Beifall der Zuhrer. Die Schauspieler thaten ihr Bestes, und die versammelte heitere Menge schaute oft neugierig auf den Platz, den der Professor Gellert eingenommen. Hinter ihm saen nmlich zwei Studenten, und man bezeichnete den Einen von ihnen als den Dichter des Stckes, mit der Bemerkung, der da, mit den groen Augen und fliegenden Haaren, der ist's! Ephraim Lessing aber war in einer wunderbar gehobenen Stimmung. Er sah seiner Seele hchsten Wunsch erfllt, -- er sah seine Dichtung lebendig vor Augen, der Beifall der Hrer klang wie Musik in sein Ohr -- es war ihm als lebe er ein Mrchen. Und in seinem Herzen fhlte er sich so froh und leicht wie noch nie. Der Schleier, der noch vor Kurzem die Holdeste aller Frauengestalten umhllt, lag nun zerrissen zu seine Fen, in ungetrbtem Glanze lchelte Victoria Adelgunden's Bild zu ihm hernieder. -- Die Erzhlungen seines Freundes Weie, von dessen Lippen jetzt der Bann des Schweigens genommen, hatten alle seine bangen Zweifel zerstreut. Welch reizende Lsung jenes Rthsels, das den jungen Dichter so sehr bedrckt. Durch Christian Felix allein hatte sich ja die Gottschedin das Manuskript des jungen Gelehrten verschafft, -- und er war ihr Begleiter gewesen zur Neuberin, in derem Hause man die ersten Proben in Gegenwart der holden Schtzerin Lessing's abgehalten.-- Ueber alle diese entzckenden Dinge sann der Dichter wieder und wieder nach, whrend auf der Bhne _seine_ Worte geredet wurden und die Gestalten _seiner_ Schpfungen sich vor seinen leiblichen Augen auf und ab bewegten. -- Und als endlich der Vorhang fiel und die Zuhrer jubelten, da flog ein Lorbeerkranz auf die Bhne. -- Wessen Hand hatte ihn wohl dem jungen Dichter gewunden?-- Am nchsten Tage aber nahm Victoria Adelgunde einen feierlichen Abschied von ihrem Vorleser und Lehrmeister und bat ihn ferner nur in Gesellschaft seines Freundes, nimmer wieder allein, und an fest bestimmten Abenden zu ihr zu kommen. Was sie ihm dann noch erzhlt -- was sie zu ihm gesprochen -- was er ihr erwidert -- Niemand wei es, -- aber die Beiden schieden in tiefster Erschtterung von einander und sahen sich fortan selten und immer seltner. -- Und wie viele Spheraugen die schne Frau und den Jngling auch fort und fort beobachteten wenn man sie mit einander in Gesellschaften unter Andern sah, Niemand konnte in Haltung und Wesen der Beiden gegen einander auch die kleinste Ungehrigkeit entdecken. Denn das leise Zittern, das wohl auf einen Augenblick die Gestalt der liebenswrdigen Gefhrtin Gottsched's durchflog wenn der junge Dichter eintrat, -- fhlte zum Glck nur _sie_ allein, und das verrtherische Beben _seiner_ Stimme, wenn er mit _ihr_ redete, vernahm Niemand denn _sie_ allein. Aber Beide erkannten aus diesen Zeichen doch da sie -- an einem Abgrund gespielt, wie Kinder, die Gefahr nicht ahnend, -- und da die Hand, die sie zurckgezogen, die Hand eines Mannes war, den Beide verehrten. ---- Den Studenten Lessing jedoch litt es nicht mehr lange in Leipzig ---- _was_ ihn forttrieb hat wohl Niemand je erfahren. Victoria Adelgunde aber schlo sich inniger an ihren Mann an, der nun auch nicht ermdete ihr ffentlich wie unter vier Augen die Beweise einer zrtlichen und anbetenden Liebe zu geben. Es war als fhle er, da er ihr Etwas zu ersetzen habe, und sie fhlte wiederum da sie ihm Dank schulde. Wofr -- wagte sie sich kaum zu gestehn. -- Groes Aufsehn machte aber das Zurckziehn des berhmten Gelehrten von seinen Freundinnen. Gottsched besuchte pltzlich jene himmlischen Kreise nicht mehr, und brach allen Verkehr mit den Musen Leipzig's ab. Dagegen ffnete er nun sein Haus jedem jungen strebsamen Talent, und wandte sich jetzt mehr denn je der studirenden Jugend zu, was ihm viele dankbare Herzen erwarb, obgleich er nicht, wie der liebenswrdige Gellert, jenes mild ernste und doch warme Wesen zeigte, das die Jugend so unwiderstehlich anzieht und fesselt. -- Victoria Adelgunde nun, fand den leitenden Faden aus dem Labyrinth ihrer aufgeregten Gedanken und Gefhle zunchst in der _Arbeit_, die schon Manchen davor bewahrt Schaden zu nehmen an Leib und Seele. Sie hrte alle Privat-Vorlesungen ihres Gatten ber Philosophie, Poesie und Rhetorik, an der verschlossenen Thre ihres Schlafzimmers sitzend an, -- sie bersetzte aus dem Englischen und Franzsischen, sie wurde dem Gelehrten eine treue umsichtige Helferin bei all seinen ernsten Arbeiten, sammelte, sichtete, und stellte fr ihn die verschiedenen Stoffe zusammen, berraschte ihn auch zu seinem Geburtstag, oder zum Christfest, regelmig mit einem kleinen Drama, wie z.B. Die ungleiche Heirath, Die Hausfranzsin, Der Witzling u.A.m. -- Nur das Lateinische und Griechische hatte sie, seltsamer Weise, bei Seite geschoben und begraben, trotz aller leisen Mahnungen ihres Gatten. -- Ihr Hauswesen dagegen hielt sie nach wie vor in musterhafter Ordnung, sah fleiig in Kche und Keller nach und zeigte eine ungleich lebhaftere Freude wenn ihr Gatte ein von ihr selbst verfertigtes _Gericht_ denn ein _Gedicht_ lobte, und alle ihre Freunde wuten da sie lieber ber ihre Spitzen Bewundrung einerntete als ber ihre Feder.-- Noch in ihren letzten schmerzensvollen Lebenstagen sagte sie lchelnd zu Gottsched: Gottlob da ich mein Bischen Latein und Griechisch jetzt vllig vergessen, nun darf ich doch sterben wie ich gelebt: eine _ungelehrte_ Frau!-- Auf ihrem Schreibtisch fanden sich nach ihrem Tode -- den 26.Juni 1762 -- folgende rhrende Verse: Mein Gottsched -- Du allein Und da Du mich geliebt das soll mein Lorbeer sein! Da Du mich hochgeehrt, da Du mich unterwiesen, Das wird der Nachwelt noch durch manches Blatt gepriesen. Wer _solchen_ Meister hat, da stirbt der Schler nicht. So leb ich denn durch Dich -- wie knnt' ich schner leben? Dein Ansehn wird mir schon Lob, Ruhm und Ehre geben. * * * * * Eine Sammlung ihrer bewunderungswrdigen Briefe gab eine ihrer Freundinnen, Frau von Runkel, in drei Bnden heraus. In diesen Blttern hat sich die geistvolle warmfhlende Frau das schnste Denkmal gesetzt, und sonnenklar bewiesen, da nicht _jede_ Frau, die einmal die Feder zu andern Dingen in die Hand nimmt als um Tagesausgaben oder Waschzettel zu schreiben, dintengeschwrzte Finger, und nachlssige Kleidung zur Schau tragen, und eine schlechte Hausfrau _sein mu_. Es sind reizende Briefe, das Abbild einer wahrhaft schnen Frauenseele, -- der zu ihrer vollen Befriedigung vielleicht nur _Eines_ fehlte: -- das selige Gefhl Mutter zu sein. -- Die _lateinischen_ Uebungsbriefe, die Victoria Adelgunde an ihren jungen Lehrmeister schrieb, sind aber _nicht_ unter jenen gesammelten Blttern. Die hat der Lessing so wie jenen Lorbeerkranz, den _ihre_ Hand damals fr den jungen Dichter auf der ersten Stufe des Ruhmestempels niederlegte, -- und _so gut_ verwahrt, da nur _ein_ Augenpaar sie erblickt: nmlich das der Erzhlerin Elise Polko. Elisabeth. (1859.) Kein Dorfgeschichtenschreiber htte eine hbschere Lage fr die Heimath seiner Lieblingsgestalten erfinden knnen als die Lage der beiden Drfer M. und N. Die niedern Huser mit den rothen Dchern standen in dem Schatten von Obstbumen, im Vordergrunde breiteten sich fette Wiesen und Kornfelder aus, im Hintergrunde zeigte sich ein frischer Laubwald, dem die dunkleren Parthien, kleine Tannengruppen, auch nicht fehlten, und den Horizont begrenzte jene malerische Bergreihe, die sich lngs dem Rheinufer zwischen St.Goar und Bingen hinzieht. Jedes Dorf hatte einen schlanken Kirchthurm, auf dem einen schimmerte ein Kreuzlein, auf dem andern blitzte ein Wetterhahn. Die Kirchthre in N. stand allezeit weit offen und trug die Inschrift: Kommt her zu mir Alle, die ihr mheselig seid und beladen -- ich will euch erquicken. Ueber der Kirchthre des andern Dorfes stand keine Inschrift, und der alte Kster, der zugleich Schullehrer war, schlo sie nur des Sonntags auf, oder zu Trauungen und Kindtaufen. In jener offenen Kirche waren buntgemalte Fenster, die einen warmen lieblichen Schein warfen auf die dunkelbraunen geschnitzten Betsthle und die Steine des Bodens; auf dem sinnig geschmckten Altar standen im Sommer frische Blumen, in silbernen Gefen, um das Crucifix, und brennende Kerzen, und inmitten der Kirche hatte man eine lebensgroe heilige Mutter aufgestellt, mit dem Jesuskind im Arme, in einem blauen Mantel, dessen Saum mit silbernen Sternen gestickt war. Die ewige Ampel schimmerte sanft, und graue Weihrauchwolken zitterten wie Nebelschleier durch den geweihten Raum. Khl und wrzig war die Luft in dem Kirchlein, denn die liebe Sonne kam durch die weit offene Thr mit den frommen Betern zugleich herein. In der viel greren Sonntagskirche waren die Wnde recht hbsch wei getncht. Den Mittelraum fllten lange Reihen von braunen Holzbnken, mit braunen Holzwnden davor, die einen vorspringenden Rand hatten um die Gesangbcher darauf zu legen. An diesen Holzwnden, sowie an der Rcklehne der Bnke, waren viele grne, rothe und blaue Schilder angebracht, worauf mit Goldschrift verschiedene Namen standen. Auf solche Schildpltze durfte sich Sonntags kein anderes Menschenkind setzen als jenes, so den Namen trug der darauf zu lesen war. -- Der Altar hatte eine verblichene grne Tuchdecke auf der die Bibel lag, zwischen zwei Leuchtern deren Kerzen niemals brannten. An der Wand hinter dem Altar war ein groes Bild eingefgt, Gott der Herr, strenges Gericht haltend ber die Guten und die Bsen, und die Schafe sondernd von den Bcken. Der unbekannte Maler hatte am Ende des Bildes, mit bedeutendem Farbenaufwand, den leibhaftigen Bsen mit Hrnern, Ofengabel und ellenlangem Schwanz dargestellt, wie er eben mit frohem Grinsen seines feuerspeienden Rachens einige verstoene Seelen aufspiet. Diese hllische Fratze hatte schon manche fromme Beterin in ihrer Andacht gestrt, und sogar manche zu frhe Entbindung veranlat. -- Die hohen trben Fenster waren theilweise verhangen mit grauleinenem Zeuge, damit die andchtige Gemeinde nicht von den zudringlichen Sonnenstrahlen verhindert wurde den Herrn Pfarrer auf der Kanzel zu sehen. Mit einem Worte -- das eine Dorf war katholisch, das andere protestantisch, und das htte man schon allein den Pfarrhusern anmerken knnen. In dem protestantischen Pfarrhause in M. standen allezeit die Hausthr und die Hinterthr, die in den Hof und in den Garten fhrte, gegen einander offen, was einen argen Zug gab, in dem aber verschiedene muntere Knaben und Mgdlein aufwuchsen. Der hbsche Garten, in dem viel Gemse gedieh, hing die ganze Woche voll Kinderwsche, bunte Gardinen verhllten die Fenster, und an den Sonnabenden pflegte der Herr Pastor, bei leidlich gutem Wetter, immer seine Predigt auf dem Spazierwege oder in der Fliederlaube zu memoriren, weil das ganze Haus sodann unter Wasser stand.-- Des andern Pfarrhauses breite dunkelgrne Thr war immer wohl verschlossen, wer Einla begehrte, mute an ein Seitenpfrtchen klopfen, das man im grnen Weinlaube kaum sah. Blendend weie Gardinen bauschten sich an den hellen Scheiben, sanft singende Vgel hingen in zierlichen Kfigen vor den Fenstern. Im Grtchen, das so niedlich aussah, da man es htte gleich in einem Salon als Zierrath aufstellen mgen, blhten die schnsten Blumen in jeder Jahreszeit, der wohleingerichtete Kchengarten lag versteckt hinter ppigem Strauchwerk, in dem Hof und Hhnerstall sich umzusehen, war eine Lust, und das Taubenhaus sah einem hbschen Pavillon gleich. -- Die freundliche alte Schwester des Pfarrherrn trug zwar nur Kattunkleider und weie, eng anschlieende Hauben, sie sah aber doch allezeit aus, wie die Leute im Dorfe meinten, wie eine Weihnachtspuppe. Da sich die Herrn Collegen von M. und N. niemals anders als mit einem sehr steifen Kopfnicken grten, und die Frau Pastorin und die alte Mamsell gar nicht, verstand sich von selbst. Die M'sche Pfarre war ausgezeichnet, aber der Herr Pastor sagte oft zu seiner Frau, da er mit der Hlfte der Einnahmen zufrieden sein wrde, wenn er die Katholiken nicht zu Nachbarn htte. -- Er war sonst, wenigstens nach seiner eignen Meinung, uerst tolerant, nur gegen die Katholiken und gegen Juden sprte er eine kleine Abneigung, hnlich jener, die er empfand, wenn ihm seine Frau einmal gelbe Rben auf den Tisch brachte. -- Wre N. zehn Meilen von M. belegen gewesen, keinen katholikenfreundlicheren Mann htte man sich denken knnen als den Pastor Mller. So aber kaufte man im Pfarrhause zu M. keiner Buerin aus N. etwas ab, auf strengen Befehl des Hausherrn, was der Pastorin oft schwer genug wurde, und jeder kleine Liebeshandel zwischen einem M'schen und N'schen Pfarrkinde wurde um so strenger vom Pastor getilgt, als der katholische Pfarrherr gegen dergleichen Verirrungen, wie er diese Verhltnisse mit seinem feinen Lcheln zu nennen pflegte, ziemlich nachsichtig war. Der Herr Pastor richtete sogar seine Spaziergnge nie nach der Seite von N., weil er es nicht ertragen konnte, an Marienbildern, Kreuzen und Heiligen vorbei zu passiren. Sein steter Kummer war, da die Post, die damals von Kln nach Frankfurt ging, zuerst durch N. kommen und anhalten mute, whrend der Pfarrherr von N. ohne Neid es geschehen lie, da der Schwager auf dem Rckwege seine Pferde in M. ftterte. Weder gemeinsames Glck, nmlich reiche Ernten, noch gemeinsames Unglck, Miwachs oder Hagelschaden, noch die alles gleichmachende Zeit vermochten hier die Verhltnisse zu ndern, und bewahrte man auch nach Auen hin einen gewissen Schein von Vertrglichkeit, predigte man auch von den Kanzeln gewissenhaft das liebet eure Feinde, so hatte wenigstens der Herr Pastor seine grillenhaften Stunden, in denen er darber nachsann, warum wohl der Herr nur in grauen Zeiten Schwefel und Pech vom Himmel regnen lie -- natrlich auf jene, die es verdienten!-- Als der Herr Pastor lter und in Folge des ewigen Zuges und vielen Scheuerns gar sehr von der Gicht geplagt wurde, bewilligte man ihm auf seine Bitte einen jungen Helfer, den er zu sich in's Haus nahm. Gottfried Berger, ein Theologe wie ihn empfindsame Seelen malen, nmlich Johannesartig mit blauen Augen und blondem Haar, war der hinterlassene Sohn der verstorbenen Schwester des Pastors. Er verstand sich trefflich in Onkel und Tante zu finden, und es wurde bald ein Lieblingsgedanke des Krnkelnden, sich diesen Neffen als Nachfolger und -- Schwiegersohn dermaleinst in M. zu denken. Hatte er auch zur Zeit an dem jungen Manne noch vieles auszusetzen, vornehmlich da er den Pfarrherrn von N. viel zu freundlich grte, auch seine Spaziergnge in jener von ihm stets vermiedenen Richtung machte und dergl. mehr, so hoffte er ihn doch durch seine unausgesetzten Ermahnungen auch in dieser Hinsicht auf den allein richtigen Weg zu leiten. * * * * * Die Nachmittagspredigt in der M'schen Kirche war vorber. -- Der junge Berger, der sie gehalten, ging eben langsam ber den Kirchhof weg nach dem Pfarrhause. Einige alte Frauen verloren sich, die Gesangbcher in den Hnden, zwischen den Grbern, die Mnner schritten grend an ihm vorber. Kinder liefen ihm entgegen und boten ihm groe Strue von Hollunder und Goldregen. Freundlich dankend nahm er sie und drckte sein Gesicht tief in die Blumen. Als er in den Hausflur trat, sagte die Magd, da ihn der Herr Pastor bitten lasse, zu ihm in die Laube zu kommen, der Kaffeetisch sei allda aufgestellt. Er nickte und ging hinauf in seine Stube, sich umzukleiden. Die Laube lag auf einer Anhhe an dem uersten Ende des langen Gartens. Im Sommer war sie recht dicht, fast khl, denn die groe Linde, die davor stand, stritt sich tagtglich mit den Sonnenstrahlen herum, denen sie durchaus den Eintritt wehren wollte. Jetzt hingen nur einige grne frische Ranken lose ber das Gitterwerk, und die Linde selbst stand da, mit ihren jungen Blttern, wie unter einem durchsichtigen grnen Schleier, zitterte in der Frhlingssonne und dachte nicht daran Schatten zu geben. Auf die gelbliche Damastserviette auf dem Tisch fielen helle Lichter und zuckten hin und her. Der alte Pastor sa in einem bequemen Sessel, den rechten etwas gichtischen Fu auf einer gepolsterten Bank ruhen lassend. Es war ein hbsch geschnittener Kopf, von schlichtem Haar umgeben mit einigen Hrten um Mund und Augen und einer eisernen Stirn. -- Die Pastorin war einst schn gewesen, der bitterste Nachruhm fr eine Frau, und sehr verwhnt, als einziges Kind eines reichen Kaufmanns. Ihr Vater machte einen bsen Bankerott und erscho sich nachher; die Mutter starb vor Schreck und Gram, und die kaum zwanzigjhrige Armgard war froh, eine Gouvernantenstelle in einem grflichen Hause zu erhalten. Dort umgab sie doch wenigstens jener gewohnte Glanz und Comfort, den sie allein Leben nannte. Die Unlenksamkeit ihrer Zglinge, die Zudringlichkeit des Herrn Grafen, und die Eifersucht der launenhaften Grfin machten ihr aber im Laufe der Zeit das Dasein im Hause so schwer, da sie -- den Heirathsantrag des Gutspastors annahm, der jeden Abend mit den grflichen Herrschaften Whist zu spielen pflegte. Gleich nach der Hochzeit erhielt Mller die Pfarrstelle in M., um die er sich insgeheim schon lange beworben, und siedelte mit seiner jungen Frau dahin ber. Ihre Ehe war wie tausend Ehen, wo eben beide Theile nur an das denken, was sie dem Andern geben, nie an das, was sie empfangen. -- Armgard fhlte sich noch als die einzige gefeierte Tochter des reichen Bankiers, und Eberhard Mller fand es hchst anerkennenswerth da ein wohlsituirter Pastor eine arme Gouvernante, vom Fleck weg zur Frau Pastorin erhoben. Die junge Frau versuchte Anfangs das schlichte Pfarrhaus umzumodeln in Erinnerung frherer Zeiten. Wunderlicher Flitterkram wurde hie und da aufgestellt, der in keinem Zusammenhange stand mit der brigen Einrichtung; sie selbst trug sich ziemlich auffallend und schleifte die seidenen Kleider zum Staunen der Gemeinde durch das Dorf. Wer htte sich getraut an solche vornehme Pastorsfrau ein fragendes oder bittendes Wort zu richten! Eine Weile schaute der Pastor anscheinend geduldig zu. Als aber das erste Kind da war und das Tauffest vorber, gab es einmal eine ernste Scene im Pfarrhause. Acht Tage lang sah die Magd die Pastorin mit verweinten Augen herumgehen, -- nachher verschwand ein Zierrath nach dem andern, der Flitterputz dazu, -- statt der langen seidenen, trug sie jetzt kattunene oder wollene Kleider ohne Schleppen, und an die Stelle der dnnen Zeugstiefelchen traten derbe Lederschuhe. -- Fnf Kinder wurden im Laufe der Jahre im Pfarrhause geboren, und vier kleine Srge standen zu verschiedenen Zeiten in der Gartenstube. Da gab es Leid genug und Thrnen, und in diesem Jammer nherten sich denn auch die Herzen der Gatten mehr als sie es je in der Freude gethan. Ein einziges, das jngste Kind wurde gro, es zhlte jetzt volle 17 Jahre und fhrte den Namen Elisabeth. Der Pastor hatte zwar Anfangs viel gegen diesen Namen, er klang ihm zu katholisch, aber er war doch im Laufe der Zeit etwas nachgiebiger geworden gegen die Wnsche seiner Frau, und so wurde die Kleine endlich nach ihrer verstorbenen Gromutter mtterlicherseits, Elisabeth getauft. -- Das Mdchen wuchs auf, nicht nur als ein einziges, sondern auch als ein allein brig gebliebenes Kind, bewacht und gehtet Tag und Nacht. Sie war beider Eltern Abgott, obgleich immer der Vater die Mutter, und diese wieder den Vater beschuldigte der kleinen Elisabeth zu viel Willen zu lassen. Jedes bewachte heimlich das Andere und freute sich ber jeden sogenannten Streich in Betreff der Verwhnung des Kindes, um ihn zu notiren und gelegentlich, bei irgend einem Angriff, als Vertheidigungswaffe zu gebrauchen. So pflegte der Pastor als grten Beweis einer mtterlichen Schwche zu erzhlen, da seine Frau lchelnd zugesehen, wie die Kleine ein Pastellbildchen -- die schne Armgard im Costm einer Schferin darstellend -- so lange mit einem feuchten Schwamme bearbeitet, bis von den Farben keine Spur mehr vorhanden. Die Pastorin entschuldigte sich zwar damit, da Elisabeth eben die Masern gehabt und der Arzt ihr befohlen, das Kind weder zu reizen, noch zum Weinen zu bringen, -- ihr Mann lachte aber immer etwas spttisch dazu. -- Als Gottfried Berger spter in's Haus zog, hatte ihm jedoch die Pastorin am ersten Abend gleich so viele Anekdoten von umgeworfenen Dintenfssern und zerrissenen Predigten vorgetragen, fr welche Verbrechen das Tchterchen vllig straflos davon gekommen sei, da dem jungen Kandidaten der Kopf schwindelte. Mit jedem Jahre gestalteten sich die Trume der Pastorin in Bezug auf des Kindes Zukunft farbenreicher. Tausend Hoffnungen hingen an diesem jugendlichen Haupt. Sie verbarg aber dergleichen auf Goldgrund gemalte Bilder sehr sorgfltig vor den Augen ihres Mannes. Durch Elisabeth und mit ihr sollte ja ein neuer Tag kommen, der Tochter wnschte sie jenes reiche Leben, das sie selbst einst gelebt, -- in der Tochter Glck gedachte sie sich zu sonnen. Elisabeth sollte keine Dorfpastorin werden, _sie_ wenigstens durfte nicht in dieser Einsamkeit zwischen Rben, Kartoffeln und Kornfeldern verblhen. Wie das freilich zu verhindern berlie die Pastorin zunchst einigen Jugendfreunden, mit denen sie noch korrespondirte, und -- der Zeit. Das Kind war ja noch so jung!-- Eben trat der Kandidat in die Laube. Haben Sie Elisabeth nicht gesehen? fragte die Pastorin. Sie nannte vorstzlich den Neffen ihres Mannes, trotz aller Einreden, Sie. -- Sie war nicht in der Kirche! antwortete der junge Mann und zog einen Holzstuhl an die Seite seines Onkels. Soll ich mich nach ihr umsehen? -- O nein! Das groe Kind geht nicht mehr verloren -- es ist mir nur um den Kaffee zu thun. Er wird kalt. War unser Gotteshaus voll? fragte der Pastor. -- Nicht sonderlich. Ein Dutzend alter Frauen, kaum eine Handvoll Mnner, ein paar Wchnerinnen, die den ersten Kirchgang hielten -- das war alles. -- Das alberne Volk wird der Prozession nachgezogen sein. Heut haben sie ja wieder da Drben so etwas. Ich wei nicht, was fr ein Fest es ist! -- Wollte nur die Linde endlich einmal grn und voll werden, damit ich doch nicht auch von hier aus die Kirchthurmspitze she! -- Nicht genug, da mir diese Nachbarschaft die Pfarre verleidet und die Gemeinde verdirbt -- sie verkmmert mir sogar meinen harmlosen Platz in der Laube.-- Gottfried sah schweigend in seine Tasse. Ich begreife nicht, da Du Dich nicht mehr ber Deine leere Kirche rgerst, fuhr der Pastor fort. Aber das soll und mu aufhren! Morgen in der Betstunde werde ich ein strenges Verbot erlassen. Wer sich untersteht--, -- Da ist Elisabeth! rief jetzt die Mutter mit froher Stimme dazwischen. Den gelben Kiesweg herab, der zur Laube fhrte, kam schnellen Schrittes ein junges Mdchen in einem hellen Sommerkleide. Ein kleines Tuch von dunkelblauer Farbe hing ihr ber dem Arm, den runden gelben Strohhut hatte sie abgenommen. Ein schnes etwas sonnenverbrannntes Gesicht lachte Allen einen Willkommen zu. Wo warst Du so lange? rief ihr der Vater in einem gereizten Tone entgegen; das abgebrochene Gesprch hatte ihn sehr verstimmt. Gleich zeige ich Dir's, antwortete sie geheimnivoll und frhlich zugleich. Dann befreite sie ihre Hnde von der Last von verschiedenen Dingen, die sie auf den Tisch legte: -- Blumen, Papierbltter, ein Buch, Zeichenstifte, Hut und Tuch. Jetzt erst schob sie die schweren braunen Flechten zurck, die sie noch immer wie in ihrer Kinderzeit um den Kopf geschlungen trug und die sich vom raschen Gange etwas in die Stirn gesenkt hatten. Ohne die Aufforderung der Mutter in Betreff des Kaffees und Kuchens zu beachten, rollte sie ein greres Papierblatt auf. Gottfried soll's zuerst sehn! Bitte, komm hieher, da ist das beste Licht. Ihre dunkeln Augen lachten ihn an; Gottfried war im Augenblick an ihrer Seite, etwas linkisch zwar und befangen wie immer, aber so schnell als mglich. Kaum hatte er aber einen Blick auf die Zeichnung geworfen, als er bla wurde und ngstlich flsterte: zeige das jetzt nicht -- nur heute nicht! -- Sie sah ihn erstaunt an, rollte jedoch langsam das Blatt zusammen und legte es bei Seite. Nun? Wirst Du mir Dein Meisterwerk diesmal vorenthalten wollen? fragte der Pastor. -- Es ist noch nicht ganz fertig. -- Gieb her, ich will es sehn, ob fertig oder nicht! sagte der Vater heftig. -- Elisabeth zgerte. Die Mutter setzte ngstlich die Tasse aus den Hnden. -- Einem bestimmten Befehl des Vaters ungehorsam zu sein, das hatte die Tochter noch nie gewagt. Das Mdchen streckte auch jetzt mechanisch die Hand aus, um das verhngnivolle Blatt zu ergreifen. Allein Gottfried kam ihr zuvor. Schnell wie ein Blitz hatte er das Papier aufgenommen und in viele kleine Stcke zerrissen, die nun der Wind nach allen Seiten davontrug. Diese ungewhnliche Handlung und rasche That eines sonst so scheuen stillen Mannes, machte in dem kleinen Kreise einen verschiedenen Eindruck. Das Gesicht des Pastors wurde sehr roth. ---- Was fllt Dir ein, Neffe, rief er halb verwundert halb zornig. Hast Du nicht gehrt, da ich die Zeichnung sehen wollte? -- Sie war aber nicht des Ansehens werth! lautete die ruhige Antwort. -- Nun, das wre doch die erste schlechte Zeichnung die Elisabeth gemacht! sagte da die Mutter gereizt. -- Sie war auch nicht schlecht! murmelte jetzt das junge Mdchen und warf dem Vetter einen trotzigen Blick zu. Du hattest wenigstens kein Recht sie zu zerreien. -- Du wirst eine bessere Zeichnung machen, Elisabeth! antwortete er begtigend. -- O gewi nicht! In meinem ganzen Leben habe ich noch niemals mit solcher Lust gezeichnet wie diesmal. Und was war's, was Dich so gefangen nahm? fragte der Vater milder und streckte den Arm aus, um die Tochter nher zu sich hinzuziehen. Die Zuversicht des verzogenen Kindes erwachte wieder in Elisabeth. Sie nherte sich dem Vater, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte mit heiterem Lcheln: ich hatte die Prozession gezeichnet, wie sie vor dem Allerheiligsten auf den Knieen lag. Wie von einem Dolchstich getroffen sprang der Pastor auf. Also mein eigenes Kind macht solche Dinge mit? rief er bebend vor Zorn. Und das mu ich erleben? Ich? -- Er schritt mhsam athmend auf und ab. -- Keiner regte sich. -- Da fragte die weiche Stimme des jungen Mdchens bebend: War das denn ein Unrecht, da ich _Betende_ zeichnete? Ich habe sie ja nicht gestrt, sondern kniete mitten unter ihnen, Vater!-- Niemand antwortete. -- Der Pastor prete, gewaltsam nach Fassung ringend, die Lippen zusammen -- wandte sich dann pltzlich um und schritt dem Hause zu. -- Sie haben das Beste des Kindes gewollt, Gottfried, sagte die Pastorin freundlicher als gewhnlich, indem sie die Tassen zusammenrumte; ich sehe das jetzt ein. Ihre Schuld war es nicht, da der Versuch, das Kind aufmerksam zu machen, milang. Du hast Deinem Vetter den trotzigen Blick von vorhin abzubitten, Elisabeth! Ich mag mich lieber schelten lassen vom Vater, als zusehn wie man mir meine Zeichnungen zerreit, antwortete sie mehr traurig als trotzig. Da es der Gottfried _gut_ meinte, sehe ich ein. -- Dabei nahm sie aber ihren Hut und ihr Zeichenbuch und ging den Kiesweg hinab, schlug dann einen Seitenweg ein und stand nun vor der niedern Kirchhofmauer. Sie setzte sich auf den Rand des Gemuers und sah hinber in den stillen Garten der Todten, und wohl kein Lebender htte jene Fragen beantworten knnen, von denen eben jetzt dies junge heftig schlagende Herz bervoll war. * * * * * Dies anscheinend unbedeutende Ereigni hatte gewichtigere Folgen als Elisabeth trumte. -- Von jenem Tage an durfte sie nmlich nicht mehr allein spazieren gehen. Der Vater erlaubte ihr nur im Garten, auf dem Kirchhofe oder im Hause zu zeichnen, ihre Spaziergnge unternahm sie fortan nur in seiner Begleitung und ohne ihr Zeichenbuch. Alle jene Heiligenbilder, die sie so gern in ihren kleinen Landschaftsskizzen anzubringen pflegte, wurden auf Befehl des Vaters daraus verbannt, selbst kein einfaches Kreuzlein am Wege duldete seine strenge Kritik mehr. Alles, was nur im Entferntesten an den Katholicismus erinnern konnte, sollte auf das Bestimmteste vermieden werden. Er hatte mit seiner Tochter nicht ein Wort ber jenen Vorfall mit der Zeichnung geredet, ihr jedoch einfach gesagt, da er selbst fernerhin ihr Begleiter sein werde auf ihren, sonst so zwanglosen, Spaziergngen. Anfangs fhlte Elisabeth in dieser Neuerung einen unertrglichen Zwang, bald aber fgte sie sich in das Unabnderliche, und kurze Zeit darauf war sie wieder das heitere, lebensfrohe Mdchen das sie bisher gewesen. Auch ihr Verhltni zu ihrem Vetter behielt nur wenige Tage lang eine eigenthmliche Spannung, dann warf sie ihm wieder, wie zuvor, ihren Blumenstrau in's offene Fenster, wenn sie Morgens aus dem Garten kam, und qulte sich redlich, um keine Schelte von ihm zu bekommen, mit ihren franzsischen Aufgaben. Auch zeichnete sie ihn wieder, zu ihrer Uebung, wie schon hundertmal wenn er mit dem Vater Schach spielte, im Profil, =en face= und Dreiviertel, und bte geduldig jeden Tag vierhndige Kirchenlieder mit ihm. So ging ein Tag nach dem andern hin, die Morgen, Mittage und Abende sahen sich gleich wie ein Ei dem andern. Und dennoch fhlte Elisabeth nie Langeweile oder irgend eine Sehnsucht nach Abwechslung. Zuweilen htte sie wohl gern einmal andere Bcher gehabt, als Friederike Bremer's Werke und Schiller's Geschichte des dreiigjhrigen Krieges, -- seine Dramen gab ihr der Vater nicht -- und die verschiedenen Reisebeschreibungen, aus denen Vetter Gottfried Abends vorzulesen pflegte, machten sie oft gewaltig mde, es schlief sich aber auch um so besser darauf. Zudem drngte ein sonniger Tag oder eine Partie in den Wald diese Wnsche wieder fr eine Weile in den Hintergrund. -- Freilich standen dafr andere auf, wie z.B. das Verlangen jene alte Kapelle auf der buschigen Anhhe einmal zu besuchen, wo ein wunderthtiges Marienbild stand, welchen Ort zu betreten ihr der Vater jedoch schon vor Jahren ein- fr allemal streng untersagt. Seltsam, seitdem jene Geschichte mit der Zeichnung vorgefallen, war eben dieser halb vergessene Wunsch pltzlich in ihr mit fast ungestmer Lebhaftigkeit wieder erwacht. -- Sie trumte sogar die Nacht von jener stillen Kapelle mit den bunten Scheiben, und von den vielen Herzen von Wachs, die man der Maria geschenkt, wie ihr ein kleines Mdchen aus N., der sie einmal verstohlen einen Maiblumenstrau abgekauft, erzhlt hatte. -- Mit der Mutter wagte sie schon eher ber diesen Herzenswunsch zu reden -- aber helfen konnte ihr die Pastorin auch nicht, sie ehrte in allen Dingen, die sich auf Religion bezogen, ihren Mann sehr, und bemhte sich nach Krften der Tochter dies tolle Verlangen, wie sie es nannte, aus dem Kopfe zu bringen. -- Dabei schien sie aber in der letzten Zeit hufiger denn je mit ihren fernen Freunden zu korrespondiren, und die eigenthmliche, halb frohe, halb sorgenvolle Art, mit der sie zuweilen ihre Tochter anblickte, gab dem ruhig beobachtenden Kandidaten viel zu denken. Da kam eines Tages, Niemand schien sich dessen zu versehen, Besuch ins stille Pfarrhaus, nmlich ein entfernter Verwandter der Pastorin. Herr von Plessow, der Direktor der Malerakademie in F., war auf einer Badereise begriffen und sprach fr wenige Stunden in M. ein, um die liebe Cousine zu begren. Beide hatten einander viel zu fragen, sich so vieler Dinge und Personen zu erinnern da es beinahe nicht dazu gekommen wre, Elisabeth's Skizzenbuch zu durchblttern, nach welchem der Herr Cousin doch sogleich gefragt. -- Der ltliche freundliche Herr fand sehr viel Wohlgefallen an den artigen Bilderchen, noch greres aber an der Zeichnerin selber und sagte endlich, im Beisein des Pastors, sehr ernsthaft: ich mchte Dich wohl mit nach F. nehmen, Elisabeth, wenn ich aus dem Bade komme, -- aus Dir kann eine tchtige Malerin werden. Ueberlege Dir die Sache und schreibe mir nach T., wenn Du willst da ich Dich abholen soll. Ein halbes Jahr lang unter einem tchtigen Lehrer und Du wrdest Bedeutendes leisten!-- Ein Wort zu guter oder bser Stunde ist ein Samenkorn, -- und der Wind weht selten es auf einen steinigen Boden. Es fllt in warmes Erdreich -- es schiet auf -- gepflegt in stillen Nchten, getrnkt von heimlichen Thrnen, und wchst empor, oft eine ppige Giftpflanze -- oft ein Rosenstrauch voll Dornen und sen Knospen -- oft eine blaue Blume, jene mhrchenhafte Blthe, die demjenigen, der sie einmal erblickt, nie zu stillende Sehnsucht bringt. Die Worte des Direktors aus F. lieen in dem Herzen des jungen Mdchens jene blaue Blume erwachsen. Eine leise Sehnsucht beschlich sie urpltzlich nach einem Etwas, das sie nicht hatte. -- Sie vermochte selbst mit ihrer Mutter nicht darber zu reden, -- sie sa in tiefen Gedanken vor ihrem Zeichenbrettchen, -- keine ihrer kleinen Schpfungen wollte ihr mehr gefallen -- und es geschah ihr nicht selten da sie mitten im Zeichnen unlustig den Stift von sich warf und das angefangene Blatt zerri. Es begab sich auch, da sie in der Nacht erwachte und lange, lange schlaflos da lag, und mit ihren Gedanken weit wegflog ber den Garten des Pfarrhauses -- weit ber Hgel und Wlder fort -- wohin -- ach wohin? -- Nur einmal, auf einem Spaziergange mit dem Vater, gab sie ihren Gedanken Worte. Sie hatte sich einen Feldblumenstrau gepflckt. Pltzlich blieb sie stehen, legte ihre Hand auf den Arm des Vaters und sagte, bebend vor Erregung: Sieh, wenn ich diese Blumen da malen knnte, wie ich sie so vor mir sehe in ihren sanften kstlichen Farben, -- ich glaube, ich wre das glcklichste Geschpf der Welt! -- Der Pastor lchelte ber den Ausdruck strahlender Freude in ihrem Gesicht, antwortete aber nichts. An einem Sonnabend Abend lehnte sie wieder, wie so oft, an der Kirchhofmauer und schaute hinber auf die Grber der Geschwister. Der Pastor ging in seinem Studirzimmer auf und ab, bei geffnetem Fenster seine Predigt memorirend, denn die Stube war in der Sommerwrme diesmal schon vollstndig getrocknet. Die Pastorin stand auf einer kleinen Leiter an dem Pfirsichspalier und pflckte behutsam die ersten reifen Frhpfirsiche. Der Kandidat Berger kam eben von seinem Abendspaziergang zurck. Er trug einen Strau von Waldblumen in der Hand, blieb erst einen Augenblick bei der Frau Tante stehn, ging dann weiter und setzte sich nahe zu dem jungen Mdchen auf die niedrige Mauer. Er reichte ihr den Strau hin wie immer, sie nahm ihn freundlich nickend wie immer. -- Eine Weile sah sie gedankenvoll in die Blumen, dann wandte sie sich pltzlich gegen ihn und sagte mit halberstickter Stimme und schnellem Athem: ich kann es nicht mehr aushalten hier!---- In sprachlosem Erstaunen starrte er sie an. Ihr Gesicht war wie mit Purpur bergossen, ihre Augen standen voll Thrnen. Ja ja, es ist so! fuhr sie fort und trat ihm nher, ich wei es jetzt ganz genau und Dir kann ich's auch zuerst sagen. Ich will nach F. und Malerin werden. In vier Wochen kommt der Direktor wieder hier durch und ich -- werde mit ihm gehn! -- Aber mein Gott, welch ein Gedanke! -- Und Du mut mir helfen ihn auszufhren, Du mut mir beistehen die Eltern zu bereden mich auf ein Jahr, -- auf ein halbes vielleicht nur, -- von sich zu lassen. -- Ich, Elisabeth? -- Eben Du. Warst Du nicht allezeit gut zu mir? Seit Du jene Zeichnung zerrissen habe ich das erst gewut, aber nun vergesse ich's auch nimmermehr. -- Aber es ist ja ganz unmglich da Du fortgehen kannst von hier! Warum denn? Die Mutter braucht mich nicht so nthig, sie liebt es gar nicht wenn man ihr im Hause hilft. Und der Vater -- wird mit _Dir_ fortan spazieren gehen, bis ich wiederkomme. Du wirst der Einzige sein der mehr Last und Arbeit davon haben wird da ich gehe, denn ich werde Dir allerlei Auftrge hinterlassen. Du mut die Vgel fttern und nach meinen Blumen sehn und jede Woche einmal meine Epheuwand abwaschen. Da Du die Eltern aufheitern mut, versteht sich ganz von selbst. -- Ich soll den Eltern rathen, Dich fortzulassen? wiederholte er noch einmal wie im Traume. Nein, Elisabeth, das thue ich nicht -- das kann ich nicht! setzte er fast heftig hinzu und richtete sich hoch auf. Mehr betrbt als erstaunt ber seine Weigerung hatte sie langsam ihre Hnde zusammengelegt und sah ihn stumm und bittend an. -- Es gibt Momente, in denen uns das Bild eines Menschen, wie er eben vor uns steht, pltzlich gleichsam in's Herz gepret wird. Die Seele nimmt ein Photographie-Portrait auf, und dies Portrait ist unverwischbar, wir sehen fortan diese Gestalt _nur_ so wie sie uns in jenem Augenblick erschien, und weder Trennung, noch Alter vermag einen Zug in solchem Bilde zu verndern. Wenn der junge Kandidat von dieser Stunde an des Mdchens gedachte, so sah er sie in einem blarothen weiten Sommerkleide, eine Epheuranke um die Flechten geschlungen, eine verwelkte Rose im Grtel, das kleine seidene Tuch, das sie eben vom Halse genommen, spielend um das Handgelenk geschlungen, mit dem wunderbaren Ausdruck von Sehnsucht und Erwartung in dem blhenden Gesicht, die Augen auf ihn gerichtet, deren lange dunkle Wimpern ihrem Aufschlag einen so eigenthmlichen Zauber gaben. Da er nicht antwortete, so fragte sie noch einmal, aber ungeduldiger: Und warum nicht? Da zuckte es ber sein Gesicht -- sein Athem stockte -- die Lippen ffneten sich---- Herr Neffe, wollen Sie mir den Korb heraufreichen? Elisabeth, der Vater verlangt nach einer neuen Pfeife! rief die Pastorin. -- Der junge Mann fuhr auf, wandte sich mechanisch und schritt auf das Spalier zu. -- Elisabeth folgte gedankenvoll. * * * * * An demselben Abend, vor Schlafengehen, fiel die Tochter der Mutter um den Hals, und bat sie ihr zu erlauben das Anerbieten des Direktors aus F. anzunehmen. Ich mchte gar zu gern eine Malerin werden! sagte sie aufgeregt. Die Pastorin war hocherfreut, obgleich nicht erstaunt -- sie hatte ihre Tochter seit des Cousins Weggang wohl beobachtet und diese Bitte erwartet. Ihre Gedanken nahmen aber sofort einen hohen Flug. Sie sah fr Elisabeth eine Zeit des Glanzes voraus wie sie sie selbst kaum einst erlebt. Wie gro war F., wie lebendig und interessant mute das Haus des Cousins sein, besonders seit er sich zum zweiten Mal verheirathet! -- Wie entscheidend konnte dieser Besuch fr die Zukunft Elisabeth's werden! -- Von alledem sagte sie aber kein Wort, sie kte nur ihr Kind und meinte: ich kann mir wohl denken, wie sehr Dich's verlangen mag eine ordentliche Malerin zu werden. Deine arme Mutter knnte Dich ja doch nicht weiter bringen im Zeichnen, Du hast sie schon lngst berholt, und Du kannst nun viel zu viel um es liegen zu lassen. Als meinen Vater das Unglck traf, sollte ich eben auf Porzellan malen lernen -- wer wei, zu was mir das gentzt haben wrde! La mich mit dem Vater reden -- und rede Du nicht eher mit ihm ber Deinen Wunsch, als bis ich Dir einen Wink gebe.-- Wie es die Beiden in den nchsten Tagen angefangen, den Pastor zu bereden -- wer konnte es sagen? -- Gewi war nur, da genau eine Woche nach jenem Gesprch zwei Wscherinnen und zwei Schneiderinnen im Pfarrhause beschftigt waren, und da wenige Tage darauf noch eine Bglerin zu Hlfe genommen werden mute.-- Die Pastorin aber nahm eines Morgens ihre Tochter mit herauf in eine abgelegene Kammer, schlo dort eine groe Truhe auf, und zog vor den staunenden Augen des Kindes allerlei Schtze an's Tageslicht. Da kam ein hellblaues Taffetkleid zum Vorschein und ein dunkelgrnes, ein weies gesticktes Mousselinkleid mit rosenrothen Schleifen, und ein buntschillerndes Seidengewand. Auch wunderliche Echarpen und Umhngsel, die ebenso unmodern aussahen wie die Kleider, zu denen sie getragen worden waren. Elisabeth jubelte aber ber Alles. Sie htte diese Ueberbleibsel aus der so oft beseufzten und betrauerten Glanzzeit ihrer Mutter am liebsten gleich so angezogen, trotz der bauschigen Falten, puffigen Aermel und kurzen Taillen, htte es die Pastorin gelitten. In kurzer Zeit aber waren alle diese Kleider durch die Hnde der Nadelknstlerinnen in die prchtigsten Toiletten umgewandelt worden, so meinten wenigstens Mutter und Tochter, -- und mit wahrem Stolz packte die Pastorin eigenhndig die Koffer ihres Kindes, ehe noch die bejahende Antwort des Direktors auf die feierliche Anfrage des Pastors eingelaufen war. Elisabeth stand dabei und reichte ihr jedes Stck mit kindlicher Freude hin. -- Das war eine anmuthige Arbeit. Zuletzt war aber alles fertig -- Schneiderinnen, Wscherinnen und Bglerin verschwanden, und es gab endlich nichts mehr zu thun als -- auf den aus dem Bade Heimkehrenden zu warten. -- Seine Antwort war lngst da -- er beabsichtigte, im Laufe der nchsten Woche in M. einzutreffen. Es wartet sich doch gar schwer, meinte Elisabeth. Sie hatte nirgends mehr Rast noch Ruh, selbst nicht auf der Kirchhofmauer. -- Die vierhndigen Kirchenlieder spielte sie lngst nicht mehr, sie hielt keinen Takt, und der Vater wurde ungeduldig beim Zuhren, sie las auch nicht, -- hchstens zeichnete sie dann und wann ein wenig. Am liebsten lie sie sich von der Mutter von dem Leben und Treiben in F. erzhlen, wie es die Pastorin, als sie noch die schne Amgard Albert war, kennen gelernt. Gottfried Berger lie sich jetzt selten sehen, auch Abends zog er sich unter dem Vorwand dringender Studien in sein Zimmer zurck. Man vermite ihn auch wenig oder gar nicht, denn Elisabeths Abreise war das fesselnde und unerschpfliche Thema aller Gesprche. Der Pastor erinnerte sich dabei eines alten Universittsfreundes nach dem Andern, der in F. leben mute, und denen er sein Kind zu empfehlen gedachte. Der alte Herr hatte brigens von jeher fr das Zeichentalent seines Kindes eine Art von Bewunderung gefhlt, er war stolz auf seine Tochter, und seit jenem Besuche des Cousins war ihm selber der Gedanke gekommen, da ja sogar die Bibel gebot: Du sollst dein Licht leuchten lassen vor den Leuten. Die Idee, sein Kind sei vielleicht dazu bestimmt eine groe Malerin zu werden, beschftigte ihn lebhaft, so da er sehr bald fest berzeugt war, es bedrfe nur eines Winteraufenthalts in der Stadt, um aus ihr mindestens eine zweite Angelika Kaufmann zu machen. Er blickte so recht eigentlich in Bezug auf Elisabeth in einen goldenen Kelch -- wie das Volk so poetisch zu sagen pflegt -- und in der Tiefe dieses Kelchs lag -- eine Perle, ihr Talent, zwar ein Talent, an dessen Ausbildung er auch seinen Antheil zu haben glaubte. Hatte er doch dem Kinde erlaubt alle seine Papiere vollzukritzeln, selbst die Rnder seiner Predigt-Manuscripte! Brachte er ihr doch jedes leere Blatt, das er von eingegangenen Briefen abgeschnitten, und lie ihr endlich gar ein Zeichenbrett zimmern!-- Obgleich ihm die Trennung von Elisabeth nahe ging, so war es ihm doch uerst angenehm, sie dann in einer so protestantischen Stadt zu wissen wie eben F. -- Es war ihm lieb, sie aus der Nhe der Marien- und Heiligenbilder, der Prozessionen und Kapellen fr eine Weile verbannen zu knnen. Das Kind stand in einem gefhrlichen Alter: -- eben 17 Jahre alt! Und was sie da drben machen sieht sich mit siebzehnjhrigen Augen ganz anders an als mit siebzigjhrigen! meinte er. Als der Direktor der Malerakademie wirklich da war und der Wagen endlich vor der Thr stand, der Elisabeth, und ihren neuen Beschtzer fortbringen sollte, da wurde ihr junges Herz mit einemmale centnerschwer. -- Whrend die Andern beim Frhstck saen, ging sie noch einmal wie im Traume durch's Haus, vom Boden bis zum Keller, ffnete alle Thren und schaute hinein, besonders lange aber in des Vaters Studierzimmer, allwo die blaue Rauchwolke nimmer wich, die ber dem Schreibtisch hing, und wo die vielen gottesgelehrten Mnner unter Glas und Rahmen so grmlich dreinschauten, als htten sie wenig Freude gehabt im Leben. Sie ging auch in die groe dstere Kche, wo die alte, sonst so rauhe und znkische Magd hinter dem Kchenschrank in Thrnen zerflo, weil die Mamsell Lieschen fort wollte. Im Gange drauen begegnete ihr die groe schwarze Katze, die sonst nimmermehr ihr Liebling war, heute aber lockte sie das Thier und strich ihm sogar schmeichelnd ber den Rcken. Drauen auf dem Hofe warf sie dem alten Kettenhunde, der nur noch bellen, nicht mehr beien konnte, ihr Frhbrdchen zu, trat an ihn heran, nahm seinen rauhen Kopf in ihre Hnde, und drckte ihre Wange einmal gegen ihn. Dann ging sie nach der Kirchhofmauer und winkte den Grbern der Geschwister den Abschiedsgru zu. Als sie auf dem Rckwege an der Laube vorber kam, trat ihr Gottfried entgegen und sagte: la mich hier Dir Lebewohl sagen, Elisabeth! Er sah sehr bla aus, und die Hand, die er ihr gab, war eiskalt. -- Mache mir doch nicht mit Gewalt das Herz noch schwerer, antwortete sie; ich komme ja aus dem Abschiednehmen nicht heraus. La es doch in Einem hingehen, lieber Gottfried! Stumm ging er an ihrer Seite weiter -- denn sie war nicht stehen geblieben. Mild und lieblich bat sie nach einer Weile: sorge gut fr die Eltern! -- Er gab keine Antwort, sondern fragte nur nach einer Pause gepret: wirst Du oft schreiben? -- So oft ich kann! -- Wird auch ein Gru in Deinen Briefen sein fr mich? -- Tausend fr einen! versicherte sie. Aber weit Du, ich knnte Dir wohl franzsisch schreiben, das wre eine gar gute Uebung -- und Du antwortetest mir dann auch so und schriebst mir was ich fr Fehler gemacht. -- Willst Du? -- Er nickte. Sie waren bis an das Ende des Kiesweges gekommen. So leb denn wohl! brach er pltzlich hervor und die Thrnen strzten aus seinen Augen. -- Aber Gottfried! -- Sei doch vernnftig! bat sie -- und seltsam -- ihre weiche Stimmung verschwand pltzlich, als sie seine Thrnen sah. -- Wenn Du Dich wunderst, da ich weinen kann, so weit Du auch nicht-- -- Was denn? -- Wie unsagbar lieb Du mir bist! -- Lieber guter Gottfried, ich wei ja Alles -- aber trotzdem sehe ich nicht ein warum Du weinst, wenn ich auf ein paar Monate weggehe, um etwas zu lernen was mich glcklich machen wird! Sie hatte sehr ruhig gesprochen. -- Er sah sie schmerzlich lchelnd an. Glcklich machen wird! wiederholte er. Ja, so glcklich, da Du -- _uns_ (mich hatte er sagen wollen) darber vergit! -- Das thue ich nimmermehr! Da, meine Hand darauf, sagte sie rasch und innig. Und nun auf Wiedersehen im nchsten Frhling. Sie pflckte eine volle Rose von dem Bumchen, an dem sie eben standen, und gab sie ihm. Aber als er die Blume ergriff und an sich zog, fielen die rothen Bltter auf den Boden. -- Elisabeth sah es nicht mehr -- sie hatte sich abgewandt und ging -- sich ohne noch einmal umzuschauen, dem Hause zu. Als aber eine Stunde spter das junge Mdchen den Abschiedsku und die Segensworte des Vaters empfing, weinte sie. -- Geh fleiig in unsere Kirche und berichte mir ausfhrlich ber die Predigten meiner Collegen, sagte der Pastor noch zum Schlu. Geh nur fremdem Gottesdienst aus dem Wege, wenn Dir an meinem Segen noch etwas gelegen, -- und meide sogar den Umgang mit Andersglubigen. Enthalte Dich aller religisen Gesprche und verschliee Deine Ohren vor den Worten der Sptter. -- Vater, so hbsch wie Heute ist mir unser Pfarrhaus noch nie vorgekommen! sagte sie als er sie an den Wagen fhrte. -- So ist's recht! antwortete er leise. Du sollst es auch lieb haben! Komm Du nur bald und gern wieder. -- Es ist ja Deine eigentliche Heimath, denn so der Herr will, sollst Du Dein Lebenlang hier bleiben, aber nicht etwa als altes Jngferlein, sondern als junge hbsche Pastorsfrau! -- Der Gottfried wrde dermaleinst ein prchtiger Ehemann werden! Nur gar _zu gut_, frchte ich, fr Dich, kleiner Trotzkopf! -- Sie sah ihn berrascht an und blieb einen Augenblick stehen. Die Farbe wich von ihren Wangen. Dann aber lachte sie, wie ein junges Mdchen lacht das man eben geneckt, und meinte: ja, _der_ wre wahrlich zu gut! Die Mutter, die mit dem Cousin vorausgegangen und bis jetzt sehr gefat gewesen, zerflo nun doch in Thrnen und lie ihr Kind sehr schwer aus den Armen. Aber mitten im Schluchzen, als der Wagen schon sich in Bewegung setzen wollte, rief sie ihr noch zu: merke es Dir, Elisabeth, das Blaue nur fr Abendgesellschaften, das Grne kannst Du aber jeden Sonntag anziehen! -- Die gelbe Echarpe--! Die Pferde zogen an -- ein Winken herber und hinber -- und Alles war vorbei. Eine Weile nachher hatte Elisabeth schon die Heimath im Rcken und lachte recht herzlich ber die lustigen Geschichten, die der Herr Onkel, denn so nannte sie ihn jetzt, ihr von seinen ersten Portraitversuchen erzhlte. Zur selbigen Zeit ging der Pastor, von einer seltsamen Unruhe befallen, in seinem Studierzimmer auf und ab, und lie ein ber das andere mal seine Pfeife ausgehn -- und in dem kleinen Schlafstbchen sa die Mutter auf dem verlassenen Lager der Tochter und weinte sich satt. -- Aber drauen in der Fliederlaube sa Einer -- der keine Thrnen mehr hatte in seinem Leid. * * * * * Der Sommer und Herbst waren vorber, am ersten November empfing Frau von Plessow wieder, und die Empfangsabende in ihrem Hause waren eben so besucht als amsant, wie besonders die junge Welt behauptete. -- Die verschiedensten Stnde fanden dort ihre Vertreter, und wenn auch die Zahl der jungen Mdchen, denen man erlaubte in diesem Salon erschienen, nur klein war, so traf man desto mehr hbsche Frauen dort, mit denen sich's ja ohnehin nach der Ansicht der jungen Elegants, ungleich bequemer verkehrt. Die hbsche Enfilade von fnf Zimmern war glnzend erleuchtet, die Einrichtung zeigte Comfort und feinen Kunstgeschmack. -- Groe Tische mit prchtigen Mappen und Bchern, davor bequeme Fauteuils und kleine Ottomanen, im Mittelsalon ein aufgeschlagener Flgel, halbversteckte Bffets mit Erfrischungen, und einer leise auftretenden Bedienung, -- nirgends betubend duftende Blumen, berall verschleierte Kugellampen, deren Licht fr den Teint so vorteilhaft, berall Winkel zum Plaudern, und in keiner Ecke jene lstigen Nippes, die nur aufgestellt sind um angestoen zu werden. Die Rume waren schon ziemlich gefllt von jungen und alten Knstlern, einigen wenigen Uniformen und ungewhnlich vielen Frauen in glnzenden Toiletten. Zu einer heitern Gruppe in der Nhe einer sehr schnen, kleinen Copie der Diana aus dem Louvre, in Marmor ausgefhrt, die knstlerisch zwischen dunklem Grn aufgestellt war, trat jetzt der Hausherr. Ich habe Dir einen angenehmen Gast anzukndigen, liebe Amlie, sagte er zu einer zarten Frau in blablauen Tafft und langen blonden Locken, offenbar eine der elegantesten Erscheinungen im Salon; Paul Albano ist von Griechenland zurckgekehrt, seit vorgestern, und wird sich selbst und einige seiner Skizzen diesen Abend wieder hier einfhren. -- Albano zurck? rief Frau von Plessow ungewhnlich lebhaft, und ihre aristokratisch bleiche Wangen berflog ein verrtherisches Roth. Ich glaubte er wrde den Winter ber in Athen bleiben! -- Wer wei, welcher Magnet ihn zurckzog, antwortete Plessow gleichgltig. Er hat freilich zu Vielen den Hof gemacht, als da man an eine Einzige glauben knnte der solche Macht ber den Schmetterling verliehen. Dehalb also der ungewhnlich reiche Damenflor! flsterte ein bekannter sarkastischer Portraitmaler dem Hausherrn ins Ohr. Die Kunde seiner Rckkehr hatte sich im Fluge heut in dem guten F. verbreitet. -- Welche Macht ist nun ausgerckt den gefhrlichen Feind zu bekmpfen. -- Oder sich besiegen zu lassen! lachte Plessow. Seine Skizzen sind mir aber viel werth, setzte er laut hinzu; geistvoll und glhend ist alles was aus seinem Pinsel fliet. -- Nicht so Amlie? -- Frau von Plessow, anscheinend sehr vertieft in ein Gesprch mit ihrer Nachbarin, der alten Grfin Darschau, ber die Eleganz der Hofmntel, antwortete nachlssig: meinst Du die Skizzenbltter Albano's, =cher ami=? Sie sind allerdings hbsch, aber zu unruhig und phanthastisch fr meinen Geschmack. Wie knnten sie auch anders sein da der, der sie schafft-- -- Du hast nun einmal ein kleines Vorurtheil gegen ihn, unterbrach Plessow die Rede seiner Frau, die in demselben Augenblick in vollendeter Haltung einigen ankommenden Gsten entgegen ging. Man ging und stand umher, man empfing und theilte Huldigungen aus wie immer. -- Die Frau vom Hause war sehr umringt -- aber man wollte bemerken da sie zerstreut war, und mehr als einmal sah man, da ihre Augen sich auf die Thr richteten mit dem Ausdruck einer gewissen Unruhe. -- Auch weigerte sie sich heut ihre grazisen Mazurka's und Notturno's zu spielen, mit denen sie sonst zu brilliren liebte. Da ist Albano, sagte pltzlich ein junger Mann in ihrer Nhe und trat zur Seite. Wieder flog jenes feine Roth ber Frau von Plessow's Wangen, -- einen Augenblick nachher begrte sie aber mit vollkommener Ruhe einen jungen Mann, der rasch durch den Salon geschritten war und ihr jetzt gegenber stand. -- Es war in der That der bekannte und vielgesprochene Landschaftsmaler, dessen Talent selbst in den allerhchsten Kreisen die schmeichelhafteste Aufnahme gefunden, dessen reizende Skizzenbltter zu kennen zum guten Ton gehrte. Er hatte ein halbes Jahr in Griechenland vertrumt, und war so pltzlich zurckgekehrt wie er aufgebrochen. Die Frauen beteten ihn an, nicht _obgleich_, sondern grade _weil_ er sie unbarmherzig behandelte. Ihn wirklich zu fesseln war noch Keiner gelungen, -- an Versuchen dazu lieen es wenige fehlen. Kurz vor seiner Abreise bezeichnete das Gercht Frau von Plessow selbst als den ausschlielichen Gegenstand seiner flchtigen Huldigungen. Seine Flucht gab aber damals kaum mehr Stoff zur Unterhaltung als eben jetzt seine unerwartete Rckkehr. -- Unbarmherzige Augen waren von allen Seiten auf die Wirthin gerichtet, feine Ohren lauschten auf jedes ihrer Worte. Frau von Plessow war aber Weltdame genug um das zu wissen. -- Vollkommen unbefangen rief sie dem Ankommenden scherzend entgegen: willkommen im Winterquartier! Nicht wahr, unsere Kamine haben auch ihren Reiz? -- Sagen Sie lieber, unsere Oefen, gndige Frau! antwortete er eben so und kte ihre Hand. An dem Blick der ber ihr Gesicht glitt, an dem conventionellen Lcheln das sie ihm zurckgab, konnte Niemand etwas aussetzen. Auch der bliche Handku konnte nicht flchtiger ausgefhrt werden. -- Wehalb schon zurck, Unstter? fragte hinzutretend Plessow, dem Maler die Hand schttelnd. Ich fror! lautete die einfache Antwort. -- Man lachte -- eine halbe Stunde verging mit verschiedenen Begrungen, -- endlich sah man, wie der junge Mann sich an der Seite der Frau vom Hause niederlie. Die Comtesse Feldern, die sich nur zgernd hinweg begab um, wie sie boshaft gegen einen Freund bemerkte, das Prchen nicht zu stren, wollte gehrt haben, da Albano ein Endlich! geseufzt. -- In Wahrheit sagte er aber in demselben Augenblick, in elegantem Franzsisch: nun erzhlen Sie mir, angebetete Freundin, wie man hier gelebt hat. Ehe sie zu antworten vermochte, kam ein junges Mdchen in einem etwas engen, etwas verblichenen, etwas unmodernen blauen Seidenkleide hastig zu ihr und fragte, nach flchtiger Verbeugung vor dem Fremden, sichtlich freudig erregt: liebe Frau Tante, erlauben Sie, da heute getanzt wird? Herr von Winter will Tnze spielen, wir sind sechs Paare. -- Sie sah so ernsthaft bittend Frau von Plessow an, als hinge Leben und Seligkeit von ihrer Gewhrung ab. -- Mit einem ungeduldigen Wink der Hand sagte die schne Frau: =mais mon Dieu= -- tanzt so viel ihr wollt! Nur erhitzen Sie sich nicht noch mehr -- das =echauffement= ist fr Sie nicht vortheilhaft. -- Aber das junge Mdchen war schon verschwunden, ehe sie die zweite Hlfte des Satzes vllig beendet, und mit einem Spottlcheln wandte sich Frau von Plessow wieder zu ihrem Nachbar. -- Der aber war aufgestanden und folgte verwundert mit den Augen jener jugendlichen Erscheinung. Dann neigte er sich zu seiner Dame und fragte lebhaft: Wer war denn dies wunderlich angezogene, reizende Mdchen das Sie Tante zu nennen das Glck hat? Sie erzhlten mir nie zuvor von dem Dasein einer Nichte. Ich wrde auch in Verlegenheit gerathen sein, solch einen Ausbund von Uneleganz als zu _mir_ gehrig prsentiren zu mssen. Die Kleine gehrt zur Verwandtschaft meines Mannes. Sie heit Elisabeth Mller und ist ein Gnseblmchen vom Lande, abgepflckt aus dem Garten einer schlichten Pfarre durch Plessow's Hand. -- Er wird sich freuen, da Sie seinen Geschmack theilen. Die Kleine soll Malerin werden. Sie ist brigens, glaube ich, ein gutes Kind. Seit September oder Ende August ist sie hier. -- Wnschen Sie noch weitere Details? -- Sie sah ihn spottend an und lachte. Sie wute, da sie doppelt reizend war wenn sie lachte. -- Albano setzte sich wieder. Erlauben Sie mir diese Details, fr jetzt wenigstens, ausreichend zu nennen. -- Wie schn kleidet Sie dies schelmische Lachen! -- Das Lachen einer Frau ist doch tausendmal bestrickender als ihre Thrnen. Ich mchte Sie nie weinen sehen, gndige Frau! -- Eine kluge Frau gnnt Euch wahrhaftig solchen Triumph auch nicht so leicht. Denn ein Triumph ist es ja nun doch einmal fr einen Mann eine Frau zu Thrnen zu bringen! Eine kluge Frau weint daher im Stillen. -- Vielleicht nur weil sie wei da wir es ihren Augen dennoch spter ansehen, und da wir Augen, die sich im Weinen bten, um so heftiger lieben. Nur die Thrnen selbst zu sehen lieben wir nicht -- das wirkliche Weinen macht hlich! -- Mich dnkt, niemand verdiene weniger da eine Frau um seinetwillen hlich werde, als eben Paul Albano. -- Sie mgen Recht haben. Ich verlange es aber auch von Keiner -- und doch mte es schn sein wenn eine Frau--. -- Bitte, nur keine Ihrer alten Paradoxen! Ich vergesse sonst da Sie sechs Monate fern waren, und also als ein eben Zurckgekehrter noch einigen Anspruch auf Nachsicht haben. -- Sechs Monate, 15Tage, 13Stunden, gndige Frau -- ich rechne besser! -- Aber -- sagen Sie mir doch, wie lange soll denn jene Kleine in dem seltsamen Kleide bei Ihnen bleiben? -- So lange wahrscheinlich, bis sie ein wenig pinseln gelernt. Mag sie -- mich genirt sie nicht -- sie hat ihre eignen kleinen Zimmer und erscheint, auer zum Diner und Souper, nur wenn ich sie rufen lasse. Eben trat Plessow heran. Wollen Sie ein allerliebstes Genrebild sehen, Albano? fragte er. Werfen Sie einen Blick in den Tanzsaal dort. Es ist eine wahre Herzenserquickung Elisabeth tanzen zu sehen. Knnte ich ihr diese Freude am Leben doch erhalten! Albano erhob sich sofort und bot der Frau vom Hause den Arm um sie in den Salon zufhren, wo die jungen Leute tanzten. Aber sie lehnte khl ab, und trat rasch zu einer Gruppe von Damen, die sich um ein Album gesammelt hatten. Mein Gott wie schn ist dies Mdchen! murmelte Albano, die Tanzende mit glhenden Blicken verfolgend, wahrhaft leuchtend schn in ihrer Freude! -- Und wie lieblich sind diese ungeschulten Bewegungen! fgte Plessow hinzu. Eben stand sie unfern von ihnen still. Sie bemerkte ihren Herrn Onkel und in berwallender Lebhaftigkeit ihm die Hand hinreichend, sagte sie so recht aus tiefster Seele: ach ich bin so vergngt! Wie schn ist's doch zu tanzen! Ich htte es nimmer gedacht! Aus dem Ton der Stimme klang der innere Jubel durch, ihre wunderschnen Augen, mit den Wimpern einer Murillo'schen Madonna, strahlten vor Glck, ihr reizender Mund lachte, und ihre junge Gestalt erschien wie getragen von Lust und Freude. -- Albano beneidete pltzlich ihren Tnzer, er, der seit Jahren schon den Blasirten gespielt auf allen Bllen. Er bat Herrn von Plessow ihn seiner Nichte vorzustellen. -- Hatte das meine Frau nicht schon gethan? fragte der verwundert indem er ihn zu Elisabeth fhrte. Herr Albano kann jetzt Deinen Onkel ein wenig ablsen bei Dir, liebes Kind, und Dein Zeichnen und Malen berwachen. Er ist unser erster Landschaftszeichner. Du mut ihn aber recht freundlich bitten da er Dir helfe, er ist gewohnt gebeten zu werden, setzte er scherzend hinzu. Ein Schatten von Ernst flog pltzlich ber die Stirn des jungen Mdchens. Dazu htte ich nicht den Muth, Herr Onkel, antwortete sie. Sie wissen, wie verzagt ich geworden bin mit meinem Zeichnen! Ich habe nie getrumt da man soviel dabei zu lernen htte. -- Ach, ich kann ja noch gar nichts, und niemand wird so viel Geduld haben mit mir als Sie! -- Sie erlauben, da wir darber zu einer andern Zeit ausfhrlicher reden, sagte Albano verbindlich. Morgen z.B., wenn ich meine Mappe bringe. Jetzt aber mchte ich Sie nur bitten den nchsten Tanz mit mir zu tanzen. -- O! ich bin schon fr den ganzen Abend versagt! entgegnete sie pltzlich wieder in heller Freude aufleuchtend, mit einem triumphirenden allerliebsten Lcheln. Nun, dann mu ich eine Extratour haben! bat er, sich zuerst vor ihr, dann vor ihrem Tnzer verneigend. Ueber und ber erglhend nahm sie seine Hand. Wie lange hatte er nicht getanzt. In diesem Augenblicke dachte er daran, aber er empfand zugleich ein ses Behagen, eine Wiederkehr lngst entschwundener jugendlicher Lebenslust, als er seinen Arm um ihre schlanke Taille legte und ihre kleine, rasch pulsirende, Hand in der seinen fhlte. Wie leicht flog sich's mit diesem Kinde! Wie flchtig berhrt ein siebzehnjhriger Fu den Boden! -- Wie anmuthig waren die Bewegungen seiner jungen Tnzerin die noch nie den glatten Boden eines Tanzsaals betreten, ja die noch kein franzsischer Tanzmeister geschult! Albano hatte frher fr einen der besten Tnzer gegolten, er mhte sich in diesem Augenblick diesen Ruhm aufzufrischen, und als er seine Tnzerin an ihren Platz zurckgefhrt, begriff er nicht warum er dem angenehmen Reiz des Tanzes so lange entsagt. Sie tanzen gut! sagte sie und sah mit ihrem Kinderlcheln dankend zu ihm auf. -- Dies naive Lob entzckte ihn so da er den Rest des Abends im Tanzsaal verbrachte, abwechselnd zuschauend oder mit Elisabeth plaudernd. Als die jungen Leute endlich aufhrten zu tanzen, und die jungen Damen sich um Elisabeth drngten -- sie war ja die Nichte des Hauses wo man sich so gut amsirte, und viel zu unelegant um ihnen zu schaden -- da verschwand Albano. Modernisiren Sie doch Ihre artige Verwandte ein wenig, Liebe! sagte die Grfin Darschau bitters scherzend, als eben Albano zu Frau von Plessow herantrat um sich zu verabschieden. Geben Sie ihr ein wenig Unterricht in jener Kunst, in der Sie unser aller Meisterin sind, -- die bse Welt knnte sonst auf den Gedanken gerathen Sie frchteten eine Nebenbuhlerin! -- Unsere Darschau hat Recht! setzte die berschlanke Comtesse Feldern hinzu. Etwas mehr Stoff fr das Kind, liebe Plessow ---- mein Gott, das blaue Taffetfhnchen ist ja kaum vier Ellen weit! -- Und dennoch ist Frulein Elisabeth ganz unbeschreiblich reizend! Mit diesen neckisch hingeworfenen Worten, und einer tiefen Verbeugung vor der Dame des Hauses, entfernte sich Albano. Elisabeth konnte an diesem Abend lange nicht einschlafen vor lauter Freude. Zwar hatte die Frau Tante sie ungewhnlich unfreundlich entlassen zur guten Nacht, und sie ein tolles Landmdchen gescholten, -- es war aber doch schn hier. -- Sie htte nie gedacht, da solche =soiren= so angenehm wren. Kstlich lebte sich's in diesen schimmernden Rumen, unter diesen liebenswrdigen Menschen, die ja alle ein Lcheln fr sie hatten. An all dieser Freundlichkeit hatte gewi auch das schne hellblaue Taffetkleid der guten Mutter seinen Theil -- wie hbsch sah es doch aus am Abend! -- Sie sah sich noch einmal aufmerksam im Spiegel an. Wenn die Mutter mich gesehen htte! seufzte sie. Die beiden Frulein Warburg fanden es freilich nicht genug ausgeschnitten, sie meinten, die Schultern drften nie bedeckt sein, das mache eine schlechte Figur. Und Alle trugen ein Blumenbouquet vor der Brust, das mchte ich wohl auch knftig tragen. Aber es knnte Flecken geben auf der schnen Seide. Wie habe ich das Kleid lieb -- wie kstlich tanzte sich's in dem Kleide, aber am Besten doch mit ---- mit wie hie er doch? Seinen Namen hatte sie vergessen, aber seine Augen nicht. Schnere hatte sie nie gesehen! -- Und sie trumte von diesen Augen und der Tanzmusik und dem blauen Kleide die ganze Nacht. * * * * * Am nchsten Tage, -- Elisabeth sa in ihrem Stbchen und arbeitete an den Zeichenvorlagen die ihr Herr von Plessow gegeben, -- rief man sie hinab in das Boudoir der gndigen Frau. -- Albano war da mit seinen neuen Skizzen. Das junge Mdchen begrte ihn errthend und nahm an dem Tische Platz, worauf man die kostbaren Bltter gelegt. -- Frau von Plessow, im Sammetsessel lehnend, in ihrem dunkelblauen Atlaskleide und coquettem Hubchen, wandte sich nur wenig nach ihr um und sagte vornehm nachlssig, indem sie mit ihrem goldenen Lorgnon spielte: Berhren Sie diese Bltter nicht, Elisabeth -- Sie verstehen nicht mit dergleichen Dingen umzugehen! Eine Purpurgluth berstrmte das junge Gesicht. Albano, der in diesem Augenblick zu ihr herbersah, begriff nicht wie er sie gestern so bezaubernd gefunden. Wie bermig frisch sah sie aus, und wie unmodern war sie angezogen! -- Dies abscheulich grne Wollkleid mit dem schwarzen Moireegrtel, und diese dichten weien Aermel mit den unchten Spitzen an dem Handgelenk! Und dazu eine stehende kleine Halskrause von einem dunkellila Bande zusammengehalten! -- =Quel horreur!= -- Wie konnten nur die Hnde so ausgezeichnet hbsch aussehen, die aus solchen Aermeln hervorsahen? -- Er wunderte sich aber auch als er das offenbar gekrnkte Mdchen jetzt so freundlich sagen hrte: Sie irren, Frau Tante! Der Vater hat eine groe Kupferstichsammlung, und ich wei gar wohl, wie behutsam man dergleichen berhren mu! Albano reichte ihr ein Blatt hin und sagte: ich bin nicht so ngstlich mit meinen kleinen Skizzen, mein Frulein. -- Sie lchelte wieder und sah pltzlich in diesem Lcheln so hbsch aus, wie man in einem abscheulichen grnen Wollkleide nur aussehen kann. -- Allein sie blieb still, whrend die Andern sehr viel und lebhaft von Tnen -- Tinten -- Lichteffekten und Uebergngen redeten, aber ihre ganze Seele war in ihren Augen, indem sie diese reizenden Farbenskizzen anblickte. -- Als man das letzte Blatt in die Mappe gelegt, sa sie seinen Augenblick wie in tiefe Gedanken verloren, dann schlug sie pltzlich die Hnde vor's Gesicht und Thrnen drangen zwischen ihren Fingern hervor, whrend die junge Brust sich von unterdrcktem Schluchzen hob. Was soll diese Kinderei? fragte unwillig Frau von Plessow, whrend ihr Mann einige mitleidige Worte an die Weinende richtete. -- Ach! sagte Elisabeth nach einer Pause mit der Stimme eines tieftrauernden Kindes dem man sein liebstes Spielzeug zertreten, als ich diese Bilder sah, da wurde es mir erst klar, da ich -- doch _nie_ eine rechte und ordentliche Malerin werden kann! -- Liebe Kleine, lachte die schne Frau, das htte ich Ihnen schon frher sagen knnen. Eine Malerin wird nicht aus einer Jeden die ein bischen zeichnen kann, -- und wenn auch vielleicht eine Malerin, doch sicher noch keine Knstlerin. -- Die Tante scherzt, sagte Herr von Plessow sehr mild; Du zeichnest ganz artig und machst tchtige Fortschritte. Mit den Farben hast Du es ja noch gar nicht versucht. Die Meister fallen nicht mehr vom Himmel, sie mssen sehr langsam zu Meistern werden. -- Darf ich Herrn Albano bitten da er einmal meine Skizzenbcher und Zeichnungen durchsieht? fragte Elisabeth pltzlich sich aufrichtend. Er soll mir sagen, ob ich -- noch lnger hier bleiben oder -- nach Hause gehen soll. Ich wei, er wird aufrichtig sein! -- Hier meine Hand darauf! antwortete Albano rasch, den diese Scene seltsam berhrt hatte. Lassen Sie mich Ihre Zeichnungen sehn und vertrauen Sie mir! -- Das junge Mdchen verlie das Zimmer. _Er_ wird aufrichtig sein?! -- =Pauvre enfant!= flsterte Frau von Plessow mit einem Seitenblick auf den Maler.-- Es war ein ziemlich dickes Buch und mehrere einzelne Bltter, das Elisabeth brachte. Ehe jedoch Albano einen Blick darauf warf, sagte er: Aber ich gebe mein unumwundenes Urtheil nur unter _einer_ Bedingung, mein Frulein. Sie drfen mir nmlich durchaus nicht bse werden, wenn es nicht nach Ihren Wnschen ausfllt. -- Sie schttelte, blsser werdend, den Kopf und verlie dann mit ihren Blicken sein Gesicht nicht mehr. -- Whrend er langsam Blatt fr Blatt umschlug, wechselte sie oft die Farbe und athmete schnell. Endlich klappte der Maler das Buch zu und sagte lchelnd: wenn Sie mir versprechen wollen, eine gehorsame Schlerin zu sein -- so mchte ich wohl Herrn von Plessow um die Erlaubni bitten, ihn einigemal in der Woche bei seinem Unterricht untersttzen zu drfen. Ich wei, wie beschrnkt seine Zeit ist! -- Elisabeth unterdrckte einen Freudenschrei -- aber sie lie ihre seligen Augen leuchten. Erlauben Sie es auch, lieber Herr Onkel? fragte sie dann, und als Herr von Plessow lachend sagte: ich mu mich sogar bei ihm bedanken fr solch gromthiges Anerbieten! -- da neigte sie mit dem Ausdruck reizendster Demuth ihre Lippen auf die Hand der gndigen Frau und bat: nicht wahr, auch _Sie_ werden es erlauben? Wie wunderbar hbsch sie jetzt ist! dachte Albano, whrend Frau von Plessow kalt ihre Hand zurckzog und in gezwungen scherzhaftem Tone sagte: Meine Erlaubni ist berflssig -- ich selbst mchte vielmehr um Erlaubni bitten, in diesen Unterrichtsstunden als Zuschauerin figuriren zu drfen, =ma chre=. Wer wei, vielleicht nehme ich selbst noch den Pinsel in die Hand und wetteifere mit Ihnen! -- Die Sache war abgemacht. -- Man betrachtete noch einmal die Skizze mit der Akropolis, plauderte, kritisirte -- Albano erzhlte -- der kleine Zwischenfall schien vergessen. * * * * * Der Gottfried hat wieder einen Brief mitgebracht von Elisabeth! rief die Pastorin durch die halbgeffnete Thr in ihres Mannes Studierstube. -- Endlich! Sie lie diesmal lange warten! -- Nun wir haben heut den 12.Mrz und der letzte Brief war vom 1.Februar. Du vergit immer, wie viel die Kleine mit ihrem Zeichnen zu thun hat. -- Gieb nur schnell das Schreiben her. -- Die Aufschrift ist an mich, Vterchen. Ich mu zuerst lesen. Komm Du lieber in die Wohnstube hinunter, da will ich Euch vorlesen. Hier treibt mir der Tabaksqualm ohnehin das Wasser in die Augen. Und der Gottfried mchte doch auch gern zuhren. -- Gut, so la uns gehn. Whrend er aber langsam hinter der Voraneilenden die knarrende Treppe hinabstieg, murmelte er doch rgerlich: da sie diese Tabaksempfindelei nicht ablegen kann! Qualm! Als ob je aus einer einzelnen Pfeife ein Qualm aufsteigen knnte!-- Der Pastor und dessen junger Substitut muten sich jedoch noch lange gedulden und schritten, in zwar sehr einsilbigen, aber doch kirchlichen Gesprchen auf und nieder. Die Mutter mute ja erst den Brief allein lesen, ganz allein, dann wurde ein Weilchen geweint, nachher kamen verschiedene Ausrufe und endlich las sie dann, oft unterbrochen von eigenen und fremden Bemerkungen, folgenden Brief: Geliebte Mutter! -- Bse mut Du mir nicht sein, und auch der Vater darf's nicht, da ich so lange nicht geschrieben -- ich hab's selber bis zu dieser Stunde nicht gewut da es so viele Tage her war. Es fiel mir nur auf, da Frau von Plessow mich heute fragte, ob ich nicht daran denken wolle meine Kleider und Hte fr das Frhjahr zurecht machen zu lassen. Da erfuhr ich denn erst, welches Datum wir schreiben. In der Stadt merkt man ja den Frhling nicht, wie Ihr ihn merkt da drauen. Am 12.ist ja Gottfrieds Geburtstag -- wenn ich Zeit habe, schreibe ich ihm eine franzsische Gratulation unter den Brief. Recht viel habe ich zu thun, liebe Mutter, und doch, wenn ich am Abend zu Bette gehe, bin ich oft recht traurig, denn es kommt mir dann vor, als ob ich nichts gethan. Eine ganze groe Mappe voll Zeichnungen habe ich, die ich Euch einst mitbringen werde, aber es stehen nicht wie sonst Bume, Felsstcke, Wasserflle, sondern Arme, Beine, Fe und Kpfe darauf. Albano behauptet ich htte mehr Talent zum Portrt als zur Landschaft. Ich habe nmlich seinen Kopf aus dem Gedchtni nachgezeichnet, und den fand er in meiner Mappe. Selbst Frau von Plessow fand ihn hnlich und hat ihn in ihr Album gelegt. Er ist aber auch so leicht zu treffen, die Linien sind alle so schn und regelmig. Ich freue mich eigentlich, da ich Portrtirtalent haben soll, es ist so hbsch ein liebes Gesicht so festzuhalten. Euch Alle will ich zeichnen, Dich, liebe Mutter, in der Blondenhaube mit den breiten Bandschleifen, die Du immer des Sonntags trgst, den Vater im Sammetkppchen und mit der Pfeife, und den Gottfried? -- Ja, wie zeichne ich den gleich? -- Am besten wohl ber ein Buch geneigt, die Augen tief niedergeschlagen, wie ich ihn immer Abends beim Vorlesen sah. -- Auch Brigitte wird gezeichnet im Sonntagsputz, die Katze auf dem Schooe. Du fragst gewi, wann das geschehen wird, Mtterchen. Freilich noch nicht so bald als wir dachten, aber doch, so Gott will, bestimmt im nchsten Herbst. Wer htte geglaubt, da so sehr viel zu lernen sei! -- Zu den Farben bin ich noch gar nicht gekommen! -- Ich begreife nicht, da Albano nicht die Geduld mit mir verliert. Aber er ist eben so unendlich gut -- ich knnte mir keinen bessern Lehrer wnschen. -- Im Sommer wollen mich Plessow's mit auf ihr Gut nehmen, da will ich aber doch ganz heimlich wieder Baumschlag und Landschaft studieren. Ein kleines Atelier soll ich dort haben, und mich malen zu lehren, hat mir der Onkel versprochen. Das sind wunderschne Aussichten. Und Stoff zu Portrts werde ich genug finden, denn es soll immer sehr viel Besuch dort sein. -- Obgleich man sagt, da man mit dem Portrtiren sich viel Geld verdienen knne, so mchte ich doch lieber -- arm bleiben, wenn ich dafr nur einen kleinen Theil so warm, so leicht, so lebendig skizziren knnte wie Albano. Ach! wenn ich Euch einmal ein Stckchen Landschaft von ihm zeigen knnte! Ein recht unruhig Leben haben wir hier -- ich mchte manchmal davonlaufen vor all den Besuchenden. Sitze ich in meinem Stbchen, so schickt Frau von Plessow wohl zehnmal im Vormittag herauf, bald soll ich eine neue Mantille, die mir der Herr Onkel gekauft, anprobiren, bald mir vom Schneider Ma nehmen lassen zu einem neuen Kleide, das mir Frau von Plessow schenkt, bald mu ich mit ihr in die Lden fahren, bald mich einigen Fremden vorstellen lassen. Deine lieben Kleider, gute Mutter, und die langen Shawls habe ich aber nicht etwa aufgetragen, behte mich der Himmel, ich soll sie nur jetzt eine Weile liegen lassen, Frau von Plessow hat einen so wunderlichen Geschmack. Um sie nicht bse zu machen, ziehe ich die Sachen an, die sie mir giebt, aber will ich mich einmal recht nach meinem Sinne putzen und vergngt sein, so schliee ich meine Thr zu und ziehe eines der Kleider an die Du mir gegeben. Besonders lieb habe ich das blablaue Seidenkleid -- ich trug es ja an meinem ersten Tanzabend! -- Weit Du, wann ich nur ganz allein bin, liebe Mutter? -- Nach Tische, von 3--4, zuweilen sogar bis 5. Dann aber fahren wir aus, und Abends besucht Frau von Plessow Gesellschaften oder das Theater, und ich spiele mit dem Herr Onkel und zwei seiner alten Schwestern Whist, oder wir bleiben ganz einsam und spielen Schach. Auf einen Ball wollten mich Plessow's zuweilen mitnehmen, aber ich habe ja dem guten Vater versprochen niemals in ffentlichen Slen zu tanzen, und werde mein Versprechen auch gewissenhaft halten. Aber schn mag's dort sein, Albano erzhlt mir oft davon, und wenn Frau von Plessow so strahlend hervorschaute aus einer Wolke von leichten und glnzenden Stoffen, Blumen und Perlen, da -- nun, Dir darf ich's ja leise in's Ohr sagen, Mtterchen, da wurde ich so traurig, wie wohl Aschenbrdel gewesen sein mag, wenn sie ihre Stiefschwestern zum Balle schmckte. Wenn dann der Wagen fortgefahren war und ich so allein sa -- lauschte ich doch heimlich, ob nicht aus irgend einem Winkel eine gute Fee hervortreten wrde, ein Gewand von Silberstoff fr mich in der Hand tragend. -- Im Theater sehe ich immer nur, wie ich's ja gleichfalls dem Vater versprochen, lauter ernste Stcke. Wie im Traume bin ich wenn der Vorhang aufgegangen, und es ist mir, als lebte ich wirklich mit denen, die da auf- und niedergehen vor mir, und htte auch ein Wrtchen darein zu reden. Wenn Albano in der Plessow'schen Loge nicht immer hinter mir se und mich mit ruhigen Worten und Erklrungen zur rechten Zeit aufweckte, wer wei welchen Unsinn ich begehen wrde. -- Nur das Weinen kann ich nicht unterdrcken; neulich in der Maria Stuart strzten mir die Thrnen unaufhaltsam aus den Augen. Es war mir, als fhlte ich mein Herz in Stcke brechen, wie sie von dem treulosen Leicester scheidet. Sie hat ihn nmlich noch lieb, Mutter, Du kannst mir's glauben, ich fhlte das. Ich war nur froh, da sie bald ausgelitten hatte, -- der Gang zum Tode kann ihr nicht schwer geworden sein -- das Leben wre ja doch viel schwerer gewesen. -- Warum hat uns Gottfried niemals Maria Stuart vorgelesen? Liebe, liebe Mutter, schreibe mir nur bald und erzhle mir recht von Euch. Knurrt der alte Caro noch immer so, wenn Gottfried vorbergeht?-- Wie mir's nur sein wird, wenn ich wieder einmal in der Laube sitze oder an der Mauer lehne, wo ich auf den Kirchhof sah! -- Nun, zu Deinem Geburtstag im Oktober bin ich wieder bei Euch. Liebe Mutter, ich kann dem Gottfried nicht mehr besonders gratuliren, thu Du's recht von Herzen fr mich. Albano wird gleich hier sein, und ich mu hinuntergehen um Papier und Stifte zurecht zu legen. Lebe wohl, Du Liebe, Gute! Ich denke oft daran, wie einsam es Dir sein mag in unserm stillen Dorfe, da Du ja auch weit wie bunt und schn sich's in der Stadt lebt.-- Wie viel werde ich Euch zu erzhlen haben, wenn ich heimkehre! Der Gottfried braucht dann nicht vorzulesen, den ganzen Winter lang nicht. -- Ich gre Euch alle und umarme Dich und den Vater in Gedanken viel hundert tausendmal. -- Elisabeth. Nachschrift. -- Ich gehe auch alle Sonntage in die Kirche, aber der alte Konsistorialrath hat keine Zhne mehr, und da knnen nur die ihn verstehn, die dicht unter der Kanzel, oder ihr gerade gegenber sitzen. Sie haben hier auch auf allen Bnken Schilder mit Namen, wie bei uns, auch klappert der Kster gerade so hart mit dem Klingelbeutel wie in unserer Kirche. Aber viele geputzte Damen gehen hin, und die Herren stehen in den Gngen umher und gucken sich keck frei die verschiedenen Gesichter an. -- Ich bin recht traurig immer auf dem Heimwege, da ich nie dort von Herzen andchtig sein kann. Wenn mir der Vater nur nicht bse wird dehalb!-- Mit strahlenden Augen reichte die Mutter den Brief dem Vater hin. Sie ist da wie Kind im Hause, sagte sie freudig, sie hat ein gutes Leben dort! -- Und wird als tchtige Malerin zurckkommen, meinte der Pastor, nahm die Brille aus dem Futteral und setzte sich behaglich an das Fenster, um die Epistel noch einmal zu lesen. Ich wundere mich nur, murmelte er zwischen dem Lesen, da sie gar nichts von meinen alten Universittsfreunden schreibt, fr die sie doch dicke Briefe mitgenommen -- von dem muntern Fritsche, ehemaligem Calculator, und vom dicken Senf, der uns immer Predigten hielt und nun Nachmittags-Prediger an der F. Frauenkirche ist, so viel ich wei. Elisabeth lebt in einem gar vornehmen Hause, fiel hier Gottfried Berger ein, und seine sonst so sanfte Stimme klang so bitter und verndert, da beide Eltern aufsahen. Er stand abgewendet von ihnen an dem Fenster und trommelte leise an die Scheiben. -- Sie haben ganz recht! Ich glaube nicht, da eine Frau wie die Plessow, mit Calculatoren und Nachmittags-Predigern verkehrt! sagte die Pastorin khl. -- Nun, ein Nachmittags-Prediger ist doch immer ein Prediger, und wer steht denn hher in der menschlichen Gesellschaft als ein geweihter Diener des Herrn? rief der Pastor, sich hoch aufrichtend mit allem Stolz jenes souvernen Herrschers, dem die Macht gegeben zu binden und zu lsen. -- Wer hher steht? wiederholte der junge Kandidat und wandte langsam sein bleiches Gesicht dem Fragenden zu. Hier in M. freilich niemand, lieber Onkel; in groen Stdten aber gilt jeder Pinsel mehr heut zu Tage.-- Herr Kandidat -- die Kinder mit dem Geburtstagsstrau sind drauen! meldete Brigitte. Sie haben aber gewaltig schmutzige Klumpen (Holzschuhe) an; in die Wohnstube kann ich sie nicht lassen, die ist gestern erst gewaschen. -- Sie mgen in meine Stube kommen! antwortete Gottfried und verlie das Zimmer. Drauen begrte ihn eine kleine Schaar mit Hndedrcken und frohem Gemurmel. Das grte Mdchen trug einen Strau von Tannenreisern und Mrzveilchen in der Hand. Er nickte ihnen freundlich zu und schlo seine Stube auf. Nach kurzem Kampf mit Brigitten, die ihnen gewaltsam die beschmutzte Fubekleidung abnahm, drngte sich die kleine Schaar in Strmpfen nach. -- Der junge Mann hrte geduldig allerlei stockende Glckwnsche an, versprach den Ueberbringern fr nchsten Sonntag einen Kuchen, und die Kinder gingen vergngt wieder weg. Da sa er nun allein, -- den Strau von Tannenzweigen in den Hnden, in tiefe Gedanken versunken. Der starke Duft des winterlichen Grns durchzog die kleine Stube. Das Feuer im Ofen warf seinen flackernden Schein auf den Fuboden, der mit weiem Sand, von Brigittens kunstfertiger Hand in allerlei Schlangenwindungen, bestreut war, Regentropfen schlugen an die Scheiben, Frhlingswinde fuhren drauen durch die kahlen Bume -- er hrte es nicht. -- Seine geistigen Augen sahen eben jetzt einen hellen Sommertag -- die Rosen blhten und die Linde -- ein warmer Abendschein lag auf dem stillen Garten. Er sah sich auf dem Rande jener Mauer, welche die Grber abgrenzte von den Blumenbeeten, und -- den breiten Kiesweg hinab kam eine schne junge Gestalt in einem blarothen leichten Kleide, eine Epheuranke um die schweren braunen Flechten geschlungen, eine verwelkte Rose im Grtel. Zum Nachtessen, Herr Kandidat! rief die harte Stimme Brigittens ins Stbchen. -- Hatte er denn so lange getrumt?-- * * * * * Jedes Geschpf hienieden hat seinen Sonnentag -- jedes Menschenherz seinen Frhling. Aber wie ein nordischer Frhling verschieden ist von dem Lenz des Sdens, so sind auch die Frhlinge der Herzen verschieden. Wie viele liegen im Norden -- in wie wenigen glht die Wrme des Sdens! -- Wohl aber, -- tausendmal wohl jenen Wenigen! Fr _sie_ ist aller Blthenreichthum da, aller Glanz, alles Licht, wie in jenen gesegneten Lndern des ewig blauen Himmels, und vernichten auch furchtbare Erdste oft mit einem Schlage die ganze Herrlichkeit -- ist es nicht besser, neidenswerther, _einen_ Tag lang berreich gewesen zu sein -- als sich mondenlang zu begngen mit einer Handvoll kargen Grns, blasser Blumen, sprlicher Sonnenstrahlen?-- Ueber Elisabeths Herz hing der Himmel des Sdens -- es war, als sei _sie_ beschenkt worden mit all jener Wrme, die sowohl der Natur des Vaters, wie dem Wesen der Mutter fehlte -- und in diesem jungen Herzen blhte eben der erste kstliche Frhling. -- Es war Sonnenschein da und Blumenpracht und Lerchenjubel und Nachtigallenklage: -- ein junges Herz liebte mit aller Kraft, aller Glubigkeit und aller Sorglosigkeit einer ersten Liebe.-- Seit drei Monden waren sie alle auf dem reizenden Plessow'schen Gute, zwei Stunden von der Stadt gelegen, -- seit drei Monaten fand das junge Mdchen einen Tag schner als den andern, seit drei Monaten lebte sie mit Albano unter einem Dache und sah ihn tglich. -- Sie war freilich niemals allein mit ihm, -- er redete kaum zehn Worte mit ihr, und sie sah ihm auch oft mit stiller Trauer nach, wenn er an der Seite der Frau vom Hause seine regelmigen Spazierritte unternahm. Denn wie vortheilhaft erschien die zierliche Gestalt der eleganten Reiterin, wie keck sa der braune Hut mit Feder und Schleier auf den blonden Locken, und wie schn war Albano zu Pferde! -- Recht lange whrten diese Ausflge, meinte Elisabeth, und so gut sie dem Herrn Onkel war, der dann immer mit ihr spazieren ging, oder auf der Terrasse sa und ihre Zeichnungen korrigirte, so htte sie es -- sie wute nicht recht warum -- doch lieber gehabt, wenn er sie ganz allein gelassen. -- O, sie war so gern allein! -- Es lie sich so kstlich -- an _ihn_ denken.-- Ob er sie wieder liebte, daran dachte sie lange nicht; sie hatte genug an ihre eigene Liebe zu denken. Spter -- es war an einem schnen Sommerabend, viele Fremde waren da, und sie hatte viel hin und wider zu gehn und fr Jeden zu sorgen -- da hatte er ihr wohl klar gezeigt, da auch er sie liebe. -- Man war nmlich ein wenig in den nahen Wald gegangen -- Frau von Plessow am Arm des schnen Grafen Reinberg voraus, hinter ihnen verschiedene Paare, der Herr Onkel war mit einigen gichtischen alten Herren zurckgeblieben. Wer war da pltzlich an die einsam nachschlendernde Elisabeth herangetreten? Wer hatte ihr da einen Waldblumenstrau gepflckt und Grashalmenkrnze im Weiterwandeln fr sie gebunden? Und als sie auch _ihm_ einmal die Halme zum Kranz gehalten und ihm gesagt, da er sich nun etwas Ernstes, Groes wnschen knne, da hatte er leise geantwortet: ich wnsche mir nur _Eines_ fr mein Leben -- wollen Sie's wissen, Elisabeth? -- Aber von einer sen Angst ergriffen, hatte sie da den Kopf schtteln und dann langsam die Augen zu ihm aufschlagen mssen. -- Da war sie denn seinen Augen begegnet, die ihre Seele an sich gezogen mit unwiderstehlicher Gewalt -- und es war ber sie gekommen wie Seligkeit und Entsetzen zugleich, und sie htte in den Wald hineinlaufen mgen, so weit als ihre Fe sie getragen. -- Und doch war sie nicht entflohen, sie hatte vielmehr ihren Arm in den seinen gelegt, und so waren sie neben einander schweigend hergegangen, bis sie die Gesellschaft erreicht. Das war Alles gewesen -- aber dieser Waldgang erschien in ihren schnsten Trumen -- an dieser Erinnerung hing sie mit Seele und Gedanken. -- In dieser zauberschnen Zeit bemerkte sie nicht, da Frau von Plessow immer klter und hrter gegen sie wurde, -- sie lebte eben in einer andern Atmosphre. Keiner Wolke aus der Alltagswelt gelang es, ihren Himmel zu trben. -- Nie war sie lieblicher gewesen, nie heiterer, nie hatte sie von allen, die das Plessow'sche Haus besuchten, grere Aufmerksamkeit erfahren. Wre sie kein armes Predigerstchterlein gewesen -- viele htten ihr zu Fen gelegen, viele htten um ihre Gunst geworben, viele htten es fr ein Glck gehalten, eine so reizende junge Braut zu erringen! -- So aber -- unsere Geschichte spielt in der Neuzeit, -- war die Kleine vor allen Dingen nicht reich, zweitens hatte sie einen abscheulich plebejischen Namen, drittens sprach sie nicht Englisch, und viertens war sie durchaus nicht musikalisch. -- Sie war also, nach Ansicht der heirathsfhigen Mnner, eine Null im Plessow'schen Salon, freilich hbsch genug =pour passer le temps= mit der Kleinen.-- Whrend dessen trumte aber im stillen Pfarrhaus von M. eine Mutter wunderbare Trume vom einem vierspnnigen Wagen mit grflichem Wappen am Schlage -- von einer strahlenden Braut im weien Spitzenkleide, die in der Dorfkirche getraut wurde, um gleich darauf mit ihrem jungen Ehegemahl eine Reise nach Italien anzutreten, von Koffern, Hutschachteln, Kisten u.s.w. Albano war sehr gewissenhaft in seinen Unterrichtsstunden, alles Neue reizte ihn. Regelmig jeden Vormittag verbrachte er bei den beiden Frauen, mit der Einen plaudernd -- die Andere unterweisend. -- Elisabeth war eine talentvolle Schlerin und unermdlich fleiig. Die Welt der Farben, in die sie jetzt die Hand des Geliebten einfhrte, entzckte sie. Es war ihr, als schmlzen sie alle zusammen zu einem prchtigen Farbenbogen, einem strahlenden Bande, dazu bestimmt ihre Herzen fester aneinander zu ziehen. -- Ueber das erste, nach der Natur gemalte Bouquet jubelte sie, um in der nchsten Stunde traurig die unerreichbare Wrme, den unnachahmlichen Schmelz der wirklichen Blumen mit ihren gemalten zu vergleichen. -- Und dennoch sagte ihr Albano: Sie knnten eine der ersten Blumenmalerinnen werden -- aber dann mten Sie auch einen andern bessern Lehrer haben, _ich_ verstehe nichts davon. Wenn wir wieder in die Stadt kommen, mu S. Ihnen Unterricht geben. -- Sie hrte schweigend zu; aber seit jenem Tage wurde sie lssiger im Malen der Blumen und fing, zu seiner Ueberraschung, an sich in Aquarell-Landschaften zu versuchen. Auch hierin zeigte sie Talent, auch hierin machte sie Fortschritte -- Albano war ja ihr Lehrer. Einmal hrte sie von ihm den Ausspruch: Frauen sollten _nur_ Blumen malen lernen, wenn sie den Pinsel in die Hand nehmen, sie wrden sicher sein uns auf diesem Felde allezeit zu besiegen. -- Eine Frau, die historische Bilder und Landschaften schaffen will, erreicht im besten Falle nur dasselbe, was eine Frau erreicht, die -- einen Roman schreibt. -- Wir Mnner bilden uns nmlich doch immer ein es tausendmal besser zu verstehn als sie. Und nicht ganz mit Unrecht! -- Ein chter Mann wird brigens in unserer Zeit ebenso selten Blumenmaler, wie eine krftige Feder sich herablt Lilien- und Rosenmrchen zu schreiben.-- Zwei Tage nachher brachte sie ihrem Lehrmeister eine wilde Rose in Wasserfarben, halb vom Stengel gebrochen, einen Thautropfen auf den Blttern, mit einer so reizenden Grazie und Wrme gemalt, da er sie bat, ihm das Blatt zu schenken. -- Wie stolz und freudeglhend sah sie zu, als er es in seine Mappe legte!-- Die erste Liebe eines reinen jungen Mdchenherzens ist doch das unschuldigste, lieblichste, traurigste Ding der Welt, -- ein Strahl, der dem Gegenstand den er trifft, erst Farben, Glanz und Wrme verleiht. -- Und wie der Sonnenstrahl zerfallenes Gemuer, zerbrckelte Felsen, die alltglichsten und rmlichsten Dinge rosig verklrt, -- so die erste Mdchenliebe die unbedeutendsten Gestalten. -- Ein chtes Mdchenherz liebt es eben zu malen und zu schmcken, und je mehr graue Flchen vorliegen, desto freudiger geht es an die Arbeit und malt und malt, bis die wirkliche Erscheinung jenem reizenden Fantasiebilde, wie es jede junge Seele mit sich herumtrgt, tuschend hnlich sieht. -- Nur Schwrmer reden von einem unwiderstehlichen Zuge der Seele zur Seele in solcher Zeit. -- Hand auf's Herz -- die feurigsten reinsten Mdchenherzen lieben fast immer zuerst um Nichts.-- In einem flchtigen Beobachter wre wohl kaum noch ein Zweifel aufgestiegen da Elisabeth und Albano sich liebten. Das junge Mdchen verrieth sich zwar nur durch ihr strahlendes Errthen, durch ihr freudiges Aufleuchten, wenn er sich zu ihr wandte, durch ihre Begeisterung, wenn von seinen Bildern gesprochen wurde; Albano dagegen zeigte bei jeder Gelegenheit die lebhafteste Theilnahme an ihrem Sein und Wesen, und seine wirklich schnen dunklen Augen hingen an der jungen Gestalt mit sichtlichem Entzcken. Frau von Plessow selbst war es, die ihren Mann zuerst scherzend aufmerksam machte auf die Vorliebe des Malers fr die kleine Feldblume. Plessow zuckte nur die Achseln und antwortete: eine Laune -- wie wir sie von ihm gewohnt sind! Elisabeth wird aber vernnftig genug sein, das herauszufhlen. Um ihren verlorenen Frieden wre es schade. Ich werde auf sie achten!-- Die Plessow'sche Ehe galt schon mehrere Jahre lang fr ein Musterverhltni in den hheren Kreisen F.s. Der stattliche Fnfziger hatte nach zwlfjhrigem Witwerstande seinen Namen und sein Vermgen der armen, aber reizenden Adele Felsen zu Fen gelegt. Sie brachte ihm zwar kein freies, aber ein dankbares Herz zu -- er hatte sie ja aus einer drckenden Lage im Hause hochmthiger Verwandten erlst, und eine Jugendliebe zu einem armen Offizier war ohnehin hoffnungslos. -- Fast zehn Jahre lang stand sie als anmuthige Wirthin und liebenswrdige Frau dem Hause ihres Mannes vor, der sie schmckte und werth hielt wie ein Lieblingsspielzeug. Er versagte ihr keinen Wunsch, aber sie war auch so artig, nur die billigsten Wnsche zu uern -- die unbilligern hchstens errathen zu lassen. -- Die Gesellschaft hatte bis vor einem Jahre ber Frau von Plessow nicht mehr zu flstern gewagt, als sie eben ber jede hbsche Frau, die einen ltern Mann geheirathet, zu flstern gewohnt ist. -- Da erschien Albano, der junge elegante Maler, im Plessow'schen Hause -- die Scenerie vernderte sich -- die Beleuchtung wechselte. -- Die Mnner spttelten, die Frauen munkelten, verdammten, kreuzigten -- aber nicht, weil hier eine Frau heilige Pflichten zu verletzen schien -- sondern nur -- weil der schnste Mann F.s den kunstreichsten Netzen sich entzogen hatte, um in den Locken der kleinen koketten Plessow hngen zu bleiben!-- Eines Tages -- der Herbst kam heran, man redete schon davon in die Stadt zurckzukehren -- unternahmen Plessow's mit einigen ihrer Gste einen Ausflug nach einer, wenige Stunden vom Gute entfernten Ruine. -- Mehrere Damen, unter ihnen Elisabeth, fuhren, -- Frau von Plessow und die Mnner ritten. Wieder war Albano an ihrer Seite -- wieder wehte die braune Feder und der lange Schleier, und stolz lchelnd, mit flchtigem Kopfnicken und fliegenden Locken, sprengte die grazise Frau vorber. -- Ein Seufzer flog ihr nach -- ein schner Mdchenkopf unter einem runden Hute neigte sich weit ber den Wagenschlag, um ihr nachzusehen. -- Als der Wagen aber nach kurzer Fahrt vor dem Wirthshause hielt, trat Albano an den Schlag -- und einen Augenblick lang nur zitterte Elisabeths Hand in der des Geliebten -- und fhlte einen kurzen heien Druck, -- aber solche Augenblicke werden zu seligen Jahren in der Erinnerung, Dank dem Gotte der uns die Erinnerung gnnte! -- Nachdem man eine Erfrischung genommen, bestieg man die romantische Burg, Elisabeth am Arme ihres Herrn Onkels war die Letzte im Zuge. -- Erspare mir die steile Bergtreppe, mein Kind, sagte Herr von Plessow pltzlich, im Burggarten ist die Aussicht ebenso schn -- komm, ich will Dir's beweisen, auch mchte ich gern mit Dir ein Wort allein reden. Sie sah ihn ahnungsvoll an und lie sich schweigend von ihm fhren. -- Der Burggarten war gro, romantisch verwildert, und voll poetischer Pltzchen, die einen Blick in das weite Land gestatteten. An Grotten, verfallenen Bassins und eingestrzten Brcken fehlte es nicht, Herr von Plessow zog es aber vor sich auf eine neugezimmerte Bank zu setzen, die der Wirth der naheliegenden Waldschenke fr die Besucher der Ruine an einer der lieblichsten Stellen hatte auffhren lassen. Als Elisabeth neben ihm Platz genommen, sagte er ohne alle Einleitung: ich habe heute einen Brief von Deinem Vater erhalten. Die Eltern wnschen, da Du vor dem Winter nach Hause kommst, -- die Mutter wird Dir wohl selbst in diesen Tagen schreiben. Der junge Berger will fort. Er hat sich zu einer Pfarrstelle in S. gemeldet und wird bald dort eine Probepredigt halten. -- Gottfried will den Vater verlassen? rief Elisabeth und schlug staunend die Hnde zusammen. -- Ueberrascht Dich das so sehr? -- Wie sollte es nicht, Herr Onkel! Und Unrecht ist es auch vom Gottfried! -- Warum? -- Nun, er hat mir ja versprochen die Eltern nicht zu verlassen, bis ich heimkomme. -- Hast Du ihm denn alle _Deine_ Versprechungen so gewissenhaft gehalten, da Du ihn so streng richtest? -- Ich habe dem Gottfried im Leben noch nichts versprochen als das Eine: bald mglichst nach M. zu kommen. Sie wissen ja selbst, Herr Onkel, da ich das nicht halten konnte. Aber -- Elisabeth, sieh mich nicht so erschreckt an! -- der Vater schreibt ganz so als ob ihr Beiden euch _nher_ anginget, der junge Berger und Du -- als ob-- -- Gottfried und ich? Gewi gehen wir uns nahe an -- wir haben uns lieb wie Bruder und Schwester. -- Nein, Elisabeth -- so ist's nicht! Und wenn Du's nicht weit oder nicht wissen willst, so la mich Dir's nur rund heraussagen: -- Dein Vater will, da Du den Gottfried heirathest, und der Gottfried will Dich auch zur Frau, -- aber jetzt denkt er da ein Anderer Dich ihm streitig gemacht hat, und da will er denn, nach Art unglcklicher Liebhaber, allsogleich auf und davon gehen.-- Todtenbla schaute das Mdchen dem Sprechenden ins Gesicht und ihre Hand zitterte, als sie nach einer Weile die Hand Plessows berhrte und mit vernderter Stimme bemerkte: Herr Onkel, _das_ kann der Vater nicht wollen! -- Lies den Brief selber, mein Kind! Der Vater ist pltzlich ngstlich geworden um Dich und verlangt Dich heim. -- Und wenn Du meinen Rath hren willst, mein Kind -- Du weit, ich habe Dich lieb, sehr lieb sogar -- so geh! -- Geh, Elisabeth, so lange es noch Zeit ist.-- Er verstummte, denn Stimmen wurden laut und Futritte, die Gesellschaft berraschte die Zurckgebliebenen. Elisabeth steckte den Brief wie im Traume zu sich -- sie schrack zusammen, als neben ihr Albano's Stimme leise, halb scherzend, sagte: jetzt weiche ich nicht mehr von Ihrer Seite! Man streifte durch den Garten. Ein breiter Fahrweg durchschnitt unbarmherzig die schnsten Taxuswnde, Fuhrleute und arme Wanderer zogen darber hin, unbekmmert um die gestrzten steinernen Helden und Gttergestalten, die hart an der Strae, berwuchert von Gras und Krutern, lagen. -- Herbstbltter bedeckten den Weg, den jetzt die elegante Gesellschaft betrat. -- Der Himmel hing blau ber ihnen, die Sonne schien warm, und frhliches Lachen klang durch die heitere Luft. Die geschmckten Frauen, leicht ber den rauhen Pfad hinschreitend, erschienen so glcklich und anmuthig, die Mnner so liebenswrdig -- die Unterhaltung war so lebhaft und glnzend, der landschaftliche Hintergrund so reich -- es war ein lebendiges Wouvermann'sches Bild in moderner Tracht. Elisabeth erschien ungewhnlich lebhaft, sie plauderte hastig mit ihrem Begleiter, aber ihre Wangen glhten, ihre Augen schimmerten feucht. In all dieses Schwirren frhlicher Menschenstimmen klang jetzt pltzlich ein fremder trauriger Ton -- das Glcklein des Monstranzdieners. -- Aus dem Walde hervor schritt ein ehrwrdiger Priester, gefolgt von dem Mener, der die letzte heilige Labung einem Sterbenden entgegen trug -- Alle traten zur Seite -- der einzige Katholik unter ihnen -- Paul Albano -- beugte das Knie. -- Aber -- war es eine weie Wolke die neben ihm zur Erde sank in demselben Augenblick? -- Er hob die Augen -- dicht an seiner Seite kniete Elisabeth am Rande der Strae, die Hnde gefaltet -- das holdselige Gesicht berstrmt von einem verklrenden Schimmer von Andacht und -- Liebe.-- Warum sie niedergesunken -- sie wute es nicht; sie betete, weil sie eben ihren Geliebten beten sah; sie warf sich mit ihm, neben ihm in den Staub vor dem Gotte der ihr reines Herz -- ihre Liebe kannte; sie hatte in diesem einen berwltigenden Moment alles vergessen, nur das Eine nicht: da sie neben ihm, _mit ihm_ auf den Knien lag. -- Der Priester lchelte gtig, machte das Zeichen des Kreuzes ber diese beiden jungen Hupter -- und wandelte weiter. -- Das Glcklein verhallte, die ganze Scene ging vorber wie ein Schattenspiel.-- Elisabeth kam erst wieder zu sich bei dem Klange einer scharfen Frauenstimme, die folgende Worte sagte: seit wann kniet die Tochter eines protestantischen Geistlichen vor einem katholischen Kaplan? Sie spielen ja recht artig Komdie, Frulein Mller! -- Frau von Plessow war es, die spttisch lachend neben Elisabeth stand. Das junge Mdchen erhob sich. Verwirrt blickte sie umher; sie begegnete berall neugierigen Augen; man flsterte mit einander -- man flsterte ber sie! -- Jetzt erst besann sie sich _was_ sie gethan; aber ihre pltzliche Verwirrung, ihr Errthen und Erblassen galt nicht jener Gesellschaft, der sie unbewut eine artige Vorstellung gegeben -- Elisabeth dachte einzig und allein in diesem Moment an ihren Vater. -- Was wrde er empfunden haben, htte er sein Kind _so_ gesehen! -- Sie fhlte ihr Herz heftig schlagen -- sie fhlte, wie eine namenlose Angst herankroch: -- sie rang nach Athem. Komm, mein Kind, sagte jetzt die gedmpfte Stimme Plessow's. Es ist besser, wir fahren nach Hause -- Du und ich. -- Meinst Du nicht auch Elisabeth? -- Ja, ja, nach Hause! wiederholte sie und athmete auf. -- Noch einmal wandte sie im Fortgehen den Kopf zurck -- Albano stand neben Frau von Plessow, -- seine Augen trafen die ihren mit einem tiefen dunklen Blick. Als sie im Wagen neben ihrem stummen Begleiter sa, wandte sie sich pltzlich gegen ihn und sagte: ich will aber wirklich nach Hause, Herr Onkel! -- Du thust wohl daran, mein Kind! lautete die Antwort. -- Morgen frh will ich fort! Ich mu dem Vater alles sagen! -- Wutest Du nicht, da Albano ein Katholik sei? -- Nein! Ich sah nur da er betete und -- ich betete mit ihm.-- Aber Elisabeth, glaubst Du, der Vater, _Dein_ Vater, wrde zugeben, da Du, sein einziges Kind, eines Katholiken Weib wrdest? Sie sah ihn erblassend an -- ein Ausdruck von so unendlicher Angst breitete sich ber das Gesicht, da Plessow mitleidig seinen Arm um sie schlug und sehr weich sagte: sei nur ruhig, Elisabeth, ich schreibe selbst an Deinen Vater -- es wird schon alles gut werden. Albano hat doch sicher lngst mit Dir geredet? -- Er hat mir nie gesagt da er mich zu seiner Frau begehre, antwortete sie, und ihr Auge strahlte wieder, aber ich wei ja -- da er mich lieb hat, denn-- -- Was denn? -- Denn -- _ich_ liebe ihn ja so ber alle Maen! Sie war in diesem Augenblicke wunderschn in ihrer einfachen starken Zuversicht. -- Armes Kind! murmelte Plessow.-- Sie sprachen nun Beide kein Wort weiter miteinander auf der Rckfahrt, und als sie aus dem Wagen gestiegen, ging Elisabeth sogleich in ihr Zimmer hinauf. -- Herr von Plessow hielt sie nur noch einmal zurck, um ihr zu sagen: Morgen Mittag, sobald ich aus der Stadt komme, sprechen wir weiter mit einander. Bringe Deine Sachen nur einstweilen in Ordnung, vielleicht begleite ich Dich selber nach M. -- Mit der Post kannst Du nicht reisen, die fhrt des Nachts um zwei Uhr hier vorbei.-- Die brige Gesellschaft kam erst mit Dunkelwerden zurck -- Elisabeth lie sich zum Souper entschuldigen, und bald nach neun Uhr zogen sich die verschiedenen Gste in ihre Gemcher zurck.-- Es war fast zehn Uhr als Elisabeth, inmitten ihrer fast krankhaften Geschftigkeit, sich pltzlich erinnerte, ihr Skizzenbuch im Salon vergessen zu haben. Es mute auf dem Klavier liegen, Albano hatte diesen Morgen noch darin geblttert. -- Sie nahm ein Licht und ging geruschlos die teppichbelegten Treppenstufen hinunter. Im Vorzimmer war es leer, die Thr des Salons nur angelehnt, -- es war noch Licht da, auch in dem Boudoir der Frau vom Hause, das dicht daran stie. Das junge Mdchen fand die Mappe und wollte eben wieder den Rckweg antreten, als eine tiefe, ach nur zu sehr geliebte Mnnerstimme gedmpft, von dem Nebenzimmer her, an ihr Ohr schlug. Sie hrte Albano reden und stand still, keine Macht der Welt htte sie jetzt dazu gebracht von dieser Stelle zu weichen. Starr, ein schnes Steinbild, das Buch an die Brust gedrckt, den kleinen silbernen Leuchter mit der brennenden Kerze in der Hand, stand sie und lauschte: -- _er_ redete ja! -- Bleicher als das weie Kleid, das sie trug, wurden ihre Wangen, ungestm schlug ihr Herz -- aber sie wankte nicht -- es war ja _seine_ Stimme!-- Aber ich will sie nicht lnger dulden in meinem Hause -- sie ist eine gemeine Kokette! sagte die bebende Stimme der Frau von Plessow. -- Erlauben Sie mir zu bemerken da meiner Ansicht nach Elisabeth sich grade in _dieser_ Hinsicht bis jetzt wunderbar ungelehrig gezeigt hat! -- Wie? Sie wagen es mir gegenber dies Mdchen in Schutz zu nehmen? -- Sie bedarf meines Schutzes nicht, meine Gndige. Wer so rein und blumenhaft wie dieses junge Wesen--. Ich verbitte mir alle sentimentalen Phrasen! Sie langweilen mich! -- Aber um Gotteswillen Ruhe, Adele! Sie sind ja auer sich -- Sie sind ---- verblendet! -- O! Sie meinen ich sei eiferschtig? Lassen Sie mich lachen! Und recht von Herzen! -- Nein, Paul, _solche_ Nebenbuhlerin frchte ich noch nicht! -- Aber Sie drften sie vielleicht zu frchten haben, wenn Sie -- Elisabeth beleidigten, wenn Sie das Mdchen zwngen Ihr Haus zu verlassen! -- Auf diese Drohung hin wage ich es, mein Herr! -- Oder htten Sie vielleicht Lust die kleine Pastorstochter zu heirathen? Eilen Sie -- Papa und Mama in M. werden Sie mit offnen Armen aufnehmen. Ein Schwiegersohn ist allzeit willkommen. Gehen Sie -- versumen Sie keine Zeit mein Herr -- wer mchte Sie halten? -- Und wenn ich nun diese Erlaubni benutzte? -- Ein halb unterdrckter Schrei -- der Name Paul!, ausgestoen in Verzweiflung und Zorn, drang in Elisabeths Ohr. Das junge Mdchen glitt hinweg, geruschlos wie sie gekommen.-- Als die Postkutsche in der zweiten Morgenstunde langsam heranrollte, stand eine verhllte Frauengestalt, ein kleines Bndel in der Hand, am Wege, hart am Thore des Plessow'schen Gartens. -- Nach M. sagte eine schchterne Stimme. -- Der Wagen war leer. -- Die Dame stieg ein, die Pferde trabten weiter, und das Gerusch der Rder verlor sich allmhlich in der tiefen Stille der Nacht.---- Elisabeths kleine Dienerin brachte am frhen Morgen dem Herrn des Hauses folgenden Brief: Lieber Herr Onkel! -- Zrnen Sie mir nicht, da ich eher abgereist bin als ich wollte. Ich _mute_ fort, ich wrde gestorben sein wenn der Postwagen nicht gekommen wre. O wre ich nur schon zu Haus! -- Fragen Sie mich aber nie, wehalb ich so schnell fortlief, schreiben Sie mir auch nie, auch nicht dem Vater -- schicken Sie mir nur meine Staffelei und mein Malergerth. -- Ich will wieder fleiig sein, recht fleiig, damit ich es auch verdiene, da Sie mich lieb haben. -- Dank fr Ihre Gte -- Dank fr alles -- Gott segne Sie! -- Elisabeth. * * * * * Wie still waren die langen Herbstabende in dem Pfarrhause! -- Die Schwarzwlder Uhr in der Wohnstube tickte einfrmig, der Pastor sa rauchend und sinnend in einem Sessel, die Pastorin strickend auf dem harten Sopha, Gottfried Berger auf einem Strohsessel ihr gegenber. Zwar lagen zwei Bnde Lebensbeschreibungen berhmter Deutschen auf dem Tische, zwar fing der Kandidat regelmig nach dem Nachtessen an darin zu lesen -- er wurde aber sicher, noch ehe er zwei Seiten vollendet, von irgend einem Etwas unterbrochen. Entweder fiel nmlich die Nadel der Frau Pastorin unter den Tisch, und er bckte sich sie aufzuheben, oder die Pfeife des Pastors erlosch, und der Lesende war es der es zuerst bemerkte und einen Fidibus anzndete, und bei solchen Gelegenheiten war man ehe man sich dessen versah, in das allgemeine Lieblingsgesprch vertieft, das sich immer und immer wiederholte und dessen doch niemand mde wurde: man redete ber Elisabeth. -- Ihre Briefe wurden aus dem Strickkrbchen, wo sie jederzeit lagen, hervorgeholt, und wieder und wieder durchgegangen und hin und her besprochen. Wochen waren vergangen, seit der letzte Brief ins Pfarrhaus geflogen. Und diese Zeilen waren so jubelvoll gewesen, und doch so kurz, da der Vater ber das theure Porto schalt. Nachher meinte er aber doch das Blttchen habe ihm Freude gebracht, obgleich im Grunde nichts darin gestanden, es sei ihm gewesen, als ob Elisabeth in alter Weise ihm heimlich einen Blumenstrau ins Studierzimmer gestellt. -- Der Mutter Herz hatte im Stillen gejubelt und in ihr Abendgebet jenen Mann eingeschlossen, dessen Namen ihr Kind _nicht_ in diesem letzten Zettelchen genannt. -- Sie wird die Frau eines berhmten Knstlers, der Himmel hat meine Plne gesegnet. Gott behte das Plessow'sche Haus. An demselben Abend hatte sie eine lange Unterredung mit ihrem Gatten, und als sie sein Studierzimmer verlie, nahm sie die Genugthuung mit hinweg, da der Pastor, anscheinend wenigstens, von einer seiner Lieblingsideen vllig zurckgekommen sei. Er hatte nmlich am Schlusse jenes wichtigen Gesprches geuert: es sei ihm jetzt ganz lieb und recht, da der Gottfried die Pfarrstelle in S. erhalten und in einem Monat dahin abgehe. -- Seitdem war aber eine Pause eingetreten, die allmhlich anfing auf alle zu drcken: -- Elisabeth schrieb nicht. Es war am Abend vor Gottfried Bergers Abgang nach S. -- drauen pfiff ein schneidender Herbstwind, der Himmel zeigte sich grau verhangen, die welken Bltter retteten sich in wilder Flucht von den Bumen, als frchteten sie noch einen schlimmern Feind als -- den Tod. Drinnen in der Wohnstube hatte man schon lngst die grne Schirmlampe angesteckt, auch brannte ein kleines Feuer im Ofen, -- die Drei saen wie immer um den runden Tisch. Ob die Postkutsche schon durchgekommen sein mag? fragte die Pastorin eben. -- Sie wird in zehn Minuten hier sein, antwortete Berger mit melancholischer Stimme, ich will hinunter gehn zum Postverwalter, vielleicht ist heute ein Brief da. -- Und er rckte seinen Stuhl, wie jeden Abend, und stand auf um seinen Hut zu nehmen. Da klinkte es an der Hausthr -- da kamen Schritte -- da klopfte es wie im Fluge an die Stubenthr -- eine hohe Mdchengestalt im verhllenden Mantel und Hute trat ein, ehe Jemand herein gerufen, -- eine sanfte Stimme sagte: Vater! Mutter! Gottfried! -- Herr Gott des Himmels -- es war das Kind, -- es war Elisabeth! Als Vater und Mutter sie umfat hielten, da begriffen Beide nicht da sie dies Kind so lange entbehren konnten. -- Aber als die Mutter ihr den Mantel und den Hut abnahm und der Vater den Schirm von der Lampe abhob, damit der volle Lichtschein das geliebte junge Angesicht treffe, da war es ihnen, als sei das nicht mehr jenes Mdchen, das damals von ihnen gegangen. -- Grer war sie geworden, doch bla -- recht sehr bla -- und ihr Lachen war nicht mehr so frhlich -- ihre Stimme klang anders. Und Du kommst allein, -- und so berraschend, -- warum schriebst Du nicht vorher? fragte die Mutter und kte sie wieder und wieder. -- Der Gottfried wollte ja fort, und da mute ich wohl kommen, antwortete sie scherzend, aber die Augen standen ihr voll Thrnen. -- Er geht auch morgen nach S. zur Probepredigt fr nchsten Sonntag, sagte der Vater. Sie sah ihn erstaunt an. Also wirklich? Auch nicht noch einen Tag sollen wir mehr mit einander plaudern, Gottfried? -- Willst Du es -- so kann ich noch einen Tag bleiben. -- Ich bitte Dich darum! Die Pastorin konnte es diesen Abend kaum erwarten ihr sichtlich ermdetes Kind in die Schlafkammer zu fhren, -- sicherlich hatte Elisabeth eine Last froher Mittheilungen auf dem Herzen. Sie sah ja ganz aus wie eine heimliche Braut -- so ernst, so gedankenvoll, sie wechselte die Farbe so jhlings!-- Endlich waren die Stunden des Hin- und Herfragens, und das Nachtessen, vorber, -- Brigitte hatte in der Freude ihres Herzens den Eierkuchen verbrannt -- und Mutter und Tochter waren allein im stillen Kmmerlein. -- Die Pastorin stellte den Leuchter auf den Tisch, und nestelte wie sonst ihrem Kinde das Kleid los. Aber Elisabeth sprach und fragte nur gleichgltige Dinge, wenngleich sie sich's gefallen lie da die Mutter, wie vormals, sie auskleidete, ihr das Haar einflocht und das Nachtkleid berwarf. -- Dein Haar ist viel schner geworden, sieh, ich bringe die Flechten kaum unter das Hubchen! sagte die Pastorin mit mtterlichem Stolz. Und wie viel hbscher verstehst Du Dich zu kleiden! Du hast auch gewi allerlei Schnes mitgebracht. Plessow's waren ja so gut gegen Dich. Wann kommen Deine Sachen? Als ihr Kind den Kopf auf die Kissen gelegt, setzte sich die Mutter auf den Rand des Bettes, und herab sich beugend zu der lang entbehrten jungen Gestalt, flsterte sie bewegt: hat meine Tochter auch ihr altes schnes Vertrauen zur Mutter wieder mitgebracht? -- Da schlang Elisabeth ihre beiden Arme um den Nacken der Mutter und brach in ein heies Weinen aus. Lange lange kam kein Wort ber ihre Lippen, das Schluchzen snftigte sich nur allgemach, und als die Thrnen endlich milder flossen, konnte sie nur kaum vernehmbar murmeln: es ist alles -- alles vorbei. Aber bitte, bitte, frage mich nicht -- ich mu sterben wenn ich davon reden soll! Es ist vorbei und ich bleibe bei Euch fr immer. -- Sie hatte die Hnde zusammengepret und sah mit dem Ausdruck tiefsten Leides zu ihr auf. Ich verspreche es, wenn Du wieder ruhig werden willst, antwortete die weinende Mutter. -- Nun gute Nacht denn, Mtterchen, sagte sie mit der Zrtlichkeit frherer Tage, aber bete, ehe Du gehst, noch einmal mein Kindergebet mit mir. Ich habe es lange nicht mehr gebetet. Und leise flsterten nun zwei bewegte Stimmen: Mde bin ich, geh' zur Ruh, Schliee meine Augen zu, Vater la das Auge dein Ueber meinem Bette sein. Hab' ich Unrecht heut gethan, Sieh' es lieber Gott nicht an, Deine Gnad und Christi Blut Macht ja allen Schaden gut. Kranken Herzen sende Ruh, Nasse Augen schliee zu, Alle Menschen gro und klein Sollen Dir befohlen sein. Die Mutter kte die Tochter noch einmal und ging. -- Ob der liebe Gott wohl diese nassen jungen Augen schlo, in dieser ersten Nacht im Vaterhause? * * * * * Seltsame Tage waren es, die nun kamen und gingen im Pfarrhause. Es war scheinbar alles wie sonst und doch alles anders. Zuerst kam der Gottfried schon am zweiten Tage und erklrte, da er nicht nach S. zur Probepredigt reisen werde. Er gab an, einen Brief erhalten zu haben, der die Aussicht auf Erfolg dort seinerseits zweifelhaft gemacht. Der Pastor und seine Frau sahen ihn zwar zuerst mit groen Augen an, freuten sich aber dann aufrichtig den gewohnten Hausgenossen behalten zu drfen. Elisabeth reichte ihm stummdankend die Hand. Sie sa jetzt wieder wie frher mit der Mutter im Wohnstbchen, -- Abends versammelte man sich um den runden Tisch, Gottfried las, als ob man gar nichts zu Plaudern htte, aber es war etwas Fremdes zwischen Allen, das keiner mit Namen zu nennen wute. Das junge Mdchen trug Kleider von anderm Schnitt, ihr Haar war in anderer Weise geordnet, aus den Schlfen weggestrichen, in Puffen zurckgeschlagen und hinten in einen tiefen Knoten zusammengenommen. Die edlen Linien ihres jugendlichen Profils traten so sehr blendend hervor. Die Rundung ihres Gesichts war aber verschwunden, die Wangen zeigten eine merkliche Verminderung ihrer sonstigen Flle, und leise Schatten lagen unter den Augen. Das frhliche Singen durchs Haus, das leichte Springen Trepp ab, Trepp auf, das helle Auflachen -- alles war nicht mehr da. Ernst glitt die junge Gestalt durchs Haus und sah man sie die Treppe hinaufsteigen, so meinte man, sie msse mde sein, sehr mde. -- Zu den Poststunden zeigte sie eine gewisse fieberhafte Spannung, die Keinem entging. Ich erwarte meine Staffelei und mein Malergerth, sagte sie dann wie zur Entschuldigung. Eine Woche war vergangen -- da kam Gottfried Berger eines Abends nicht allein von der Post zurck; Mnner, die verschiedenes Gepck trugen, folgten ihm, und Allen voraus eilte ein kleiner starker Herr in einen Mantel gehllt. Er war schon in der Wohnstube, ehe Berger das Pfarrhaus erreichte. Plessow! rief die Mutter freudig berrascht. Der Pastor stand auf und legte seine Pfeife bei Seite. Aber Plessow beachtete keinen Gru. Elisabeth, liebes bses Kind! rief der Eintretende mit dem heitersten Gesicht, ich bin Dir nachgelaufen! Nicht nur Deine Sachen mute ich Dir selbst bringen, sondern auch eine gar gute Nachricht dazu! -- Und damit wollte er sie umarmen, aber sie sah ihn mit weitgeffneten Augen, ohne sich zu regen an, wurde todtenbla und sank dann pltzlich zurck. Sie war zum erstenmal in ihrem Leben ohnmchtig geworden. Das gab denn eine gewaltige Bewegung und viel rathloses Hin- und Herrennen, bis endlich Gottfried das Fenster ffnete, und die Bewutlose dem frischen Luftstrom entgegentrug. -- Sie kam wieder zu sich und streckte auch gleich mit freundlichem Lcheln dem Herrn Onkel die Hand entgegen. Er neigte sich zu ihr herab und flsterte ihr zu: so sei doch ruhig, wunderliches Kind! Mein Kommen bedeutet das Beste. Ich selbst bin jetzt mit der ganzen Geschichte ausgeshnt. -- Denke Dir, der Schmetterling hat gestern bei mir um Dich angehalten -- wirklich angehalten -- und ich trage Briefe an Dich und den Vater in der Tasche! Da brach ein Freudenstrahl aus ihren Augen, da stand ein siegendes Lcheln auf, in ihrem Angesicht -- aber nur einen Moment lang -- dann erwiederte sie leise aber fest: Und Sie sind doch _umsonst_ geschrieben, diese Briefe! -- Er sah sie unglubig an, -- dann bat er den Pastor in scherzhafter Feierlichkeit um eine Unterredung unter vier Augen, berreichte ihm ein Schreiben, drckte Elisabeth einen Brief in die Hand und setzte sich in der Sophaecke zurecht. -- Das junge Mdchen verlie sofort das Zimmer. Ich denke, wir knnen diese Unterredung hier abmachen, sagte der Pastor etwas unruhig. Vor meiner Frau kann ich kein Geheimni haben, und vor dem Gottfried da _mag_ ich keins haben, besonders, wenn es unsern gemeinsamen Liebling, die Elisabeth angeht, wie ich vermuthe. Aber Berger war schon aufgestanden, schtzte einen dringenden Krankenbesuch im Dorfe vor, und ging hinaus. * * * * * Das Gesprch der Drei whrte lange, lange. -- Die Mitternachtstunde war vorber, als sie sich trennten. Die Pastorin geleitete mit rothgeweinten Augen ihren Gast in die Fremdenstube. An der Thr gab Plessow ihr noch die Hand und sagte verdrielich: Dein Mann ist ein Starrkopf, wie ich ihn nie gesehn! Heut zu Tage macht kein Mensch mehr einen Unterschied zwischen einem katholischen oder protestantischen Schwiegersohn. Htte ich eine Tochter, und sie wollte einen Juden oder Trken heirathen -- und er wre brav und das Kind htte sein Glck in ihm gefunden, -- ich sagte Ja. Und ein Prediger will intoleranter sein als wir gewhnlichen Menschenkinder, die wir dem lieben Herrgott doch lange nicht so nahe stehen? -- Er mag sich in Acht nehmen, da ihm diese Starrkpfigkeit nicht seine Tochter kostet. Ein Mdchenherz ist ein zerbrechlich Ding. -- Warum habe ich sie je von mir gelassen! schluchzte die Pastorin. Versuche Du Dein Heil mit ihm -- wir Beide sind fertig mit einander. Morgen spreche ich noch einmal mit Elisabeth, und dann reise ich ab. Gute Nacht! Die tiefbetrbte Mutter schlich noch einmal an Elisabeths Kmmerlein und drckte auf die Klinke. -- Die Thr war jedoch abgeschlossen, auf ihr leises Rufen kam keine Antwort. Gott sei Dank! Sie wenigstens schlft, dachte sie und ging wieder hinab. Das junge Mdchen sa aber vllig angekleidet vor einem kleinen Tische, und hatte eben unter tausend, tausend Thrnen folgende Zeilen an Paul Albano niedergeschrieben: Sie haben mir in Ihrem Briefe gesagt, da Sie mich liebten, und mich gefragt, ob ich Ihr Weib werden wolle. Vor wenig Wochen htte mich solch ein Gestndni und solch eine Frage selig gemacht -- jetzt machen mich Ihre Worte nur ganz unsagbar traurig. -- Vor wenig Wochen glaubte ich ja noch, da _Sie_ mich liebten wie _ich_ Sie liebte ---- das ist nun vorbei. -- Ich wei jetzt da Sie mir nur geben, was Sie einer Andern genommen, oder -- was eine Andere verschmht, -- und die kleine Predigerstochter ist zu ehrlich und zu stolz solche Geschenke anzunehmen. -- Fragen Sie nicht woher mir dies traurige Wissen kommt, -- ich wrde es Ihnen doch nie gestehen, wie ich es wohl keinem Menschen gestehen werde. Ob mein Vater seine Einwilligung geben wrde zu einer Heirath seines Kindes mit einem Katholiken, wei ich nicht, -- Alle, die ihn kennen zweifeln daran. Wre Ihre Frage aber vor Wochen gekommen, Albano, Gott wei es da meine Liebe stark genug gewesen ihm zu trotzen mit jenem Spruche, der allen Glubigen gleich heilig sein mu: _Du sollst Vater und Mutter verlassen und Deinem Manne anhangen._ -- Jetzt hat meine Liebe eines verloren: -- den Muth. Leben Sie wohl, Albano! Ich liebe Sie -- also glaube ich an ein Wiedersehn, und da ich hier auf Erden nicht Ihr Weib werden sollte, so vergessen Sie nicht, da ich Sie im Himmel mein nennen will. Leben Sie wohl, tausend, tausendmal, lieber, geliebter Albano! -- Elisabeth. Ein Narr mag eine Mdchenliebe begreifen! murmelte Plessow, als er am andern Tage in dem Wagen sa und nach F. zurckrollte. Die Kleine ist, seit sie die Luft im Elternhause athmet, wie verwandelt und noch toller als der Alte. -- Nun, meintwegen mag sie heirathen wen sie will. Im Grunde gnne ich dem Schmetterling Albano diese Zurckweisung -- das Herz bricht ihm nicht darber! Aus dem Kinde werde ich aber nicht klug. Erst kompromittirt sie sich aus Liebe zu dem Wildfang vor einer ganzen Gesellschaft -- kaum eine Woche darauf weist sie den regelrechten Heirathsantrag desselben Mannes zurck, weil -- ihr Vater nicht will da sie die Frau eines Andersglubigen werde! Und mit welcher Ruhe giebt sie ihm den Abschied! Da glaube einmal Einer noch an die Bestndigkeit eines Frauenherzens. * * * * * Von nun an war es stille, sehr stille im Pfarrhause. -- Zwar kamen noch einige Briefe aus F. an die Pastorin, nach deren Empfang sie mehrere Tage mit verweinten Augen umherging, -- auch an Elisabeth kamen Briefe, die sie aber unerffnet verbrannte. Gesprochen wurde ber den Besuch Plessow's nie wieder, nach des Mdchens ausdrcklichem Wunsch. Ihre Staffelei hatte sie in dem sogenannten Gartenzimmer aufgestellt und arbeitete unermdlich fleiig, -- aber sie malte nur Blumen, gepflckt auf jenen einsamen Spaziergngen die der Vater ihr jetzt schweigend gestattete. Die Zusammenstellung der einzelnen Blumen und Grser beschftigte sie oft Tage lang -- sie sa wie in tiefen Trumen verloren zwischen all dem Grn und den Blthen, die sie gesammelt. Die Bilder aber die dann entstanden, htte man nicht Stillleben, sondern Seelenleben nennen mgen, es muten dem warmherzigen Beschauer lieblich-wehmthige Gedanken kommen, beim Anblick dieser Schpfungen. Aus dem kleinen Stckchen frischen Rasen z.B., auf dem eine Hand voll Feldblumen hingestreut war, standen Mrchen auf, und das in einem zerbrochenen Glase geordnete Bouquet Astern, an deren schnster ein todter Falter hing -- war ein gemaltes Gedicht. Vater und Mutter standen oft bewundernd vor ihres Kindes Staffelei -- aber Elisabeth nahm nicht mehr wie sonst ihr Lob mit freudigem Errthen entgegen. Es war berhaupt etwas Fremdes zwischen Eltern und Tochter getreten, fr das Niemand einen Namen wute, und das auch Keiner dem Andern gestehen mochte. -- Nur das Verhltni Elisabeths zu Gottfried gestaltete sich unerwartet freundlich, zur groen Genugthuung des Pastors, der allmhlich im Stillen seine alten Lieblingsideen wieder aufnahm. -- Sie bat den Vetter zuweilen ihr vorzulesen, sie plauderte mit ihm in den Dmmerstunden, sie zeigte ihm ihre Bilder, sie verkehrte mit ihm recht wie eine zrtliche Schwester mit einem Bruder, von dem sie lange getrennt gewesen. Und er? -- Nun er war still wie immer, aber er schien heiterer als seit langer Zeit. Keinen Moment lie er sie aus den Augen, allezeit bereit fr sie zu thun was sie eben von ihm begehren mochte, und nur zuweilen bekmmert da sie eben so wenig begehrte. Die Kinder finden sich endlich, flsterte der Pastor einmal seiner Frau zu, und wenn ich den Gottfried bewegen knnte, sich einstweilen um eine kleine Pfarre zu bewerben und wegzugehn, so hoffe ich das Beste. -- Trennung ist allezeit ersprielich fr die Liebe. Elisabeth wird sich in einem Jahre nicht mehr weigern Frau Pastorin zu werden, und wenn ich einmal todt bin entgeht dem Gottfried diese Pfarre nicht. Ihre Zukunft ist nun geordnet -- wir werden Freude an dem Mdchen erleben! Sie ist ja auch mein starkglubiges vernnftiges Kind! Das starkglubige Kind war seltsamer Weise nur nicht zu bewegen in die Kirche zu gehn, auch spielte sie nie mehr mit dem Vetter jene vierhndigen geistlichen Lieder, die zu hren dem Vater immer so viel Freude gemacht. -- Dagegen hatten manche Leute sie am Marienbilde gesehn, und auch im Gesprche getroffen mit der freundlichen Jungfer Marianne, der alten Schwester des katholischen Pfarrers. * * * * * Es geschieht oft, da ein Stck Leben hinschleicht, Jahre lang, wie ein schwler Sommertag, da man immerfort ein Gewitter ahnet und doch noch keine Wolke sieht, von der herab der zerschmetternde Blitzstrahl zucken soll. So waren im Pfarrhause fast zwei Jahre vergangen. Gottfried Berger war schon seit Monaten wohlbestallter Paster in L., kaum zwei Stunden von M. -- Einen anderen sehr steifen und sehr trockenen Kandidatus Theologi hatte man in seine Stelle geschoben, der mit der Familie in gar keiner Verbindung stand. Die Pastorin krnkelte, Elisabeth lebte malend und still einen Tag wie den andern fort. -- Sie ging umher mit ernsten Augen und traurigem Lcheln, und die alte Brigitte pflegte von ihr zu sagen, sie schaue aus wie Jemand, dem man einen kalten schweren Stein auf's Herz gebunden. Regelmig jeden Morgen in der ersten Frhe trat sie ihren Spaziergang an, Winter und Sommer, und kam um acht Uhr wieder heim.-- So war denn wieder einmal ein Frhling gekommen. Die Laube that diesmal ihr Mglichstes, kein Sonnenstrahl vermochte durch die dichten Geisblattranken zu dringen, die Goldregenstruche legten sich noch zum Ueberflu darber hin und schmckten den Eingang mit ihren Trauben, der Flieder blhte blau und wei, und die alte Linde mit ihren hellgrnen Blttern rauschte ganz vernehmlich: das Leben ist doch schn! und die Vgel sangen auf dies Thema die kunstvollsten Variationen. Da kam an einem Sonntag-Nachmittag Gottfried Berger von L. herber und hielt feierlich, und sichtlich tiefbewegt, um Elisabeth an. -- Alles Blut wich aus ihren Wangen als er seine Worte an sie richtete -- sie waren allein in der Laube. -- Hastig und verwirrt dankte sie ihm fr seinen Antrag und -- wies ihn bestimmt und kurz ab.-- Er schien im ersten Augenblick vllig fassungslos ber solche Antwort. Seine Zge verzerrten sich -- seine Augen flammten. Also _das_ meiner langjhrigen Liebe? stammelte er. Habe ich noch nicht geduldig und lange genug gewartet und geschwiegen? -- Beherrscht sie Dich _noch_ unumschrnkt die Erinnerung an jenen Mann der Dich so leichten Kaufes aufgab, da er nicht einmal kam um -- Abschied von Dir zu nehmen? Qule mich nicht! sagte sie mit bleichen Lippen; ich bin kaum fertig geworden mit meinem Herzen, und habe zur Noth so viel Frieden gefunden wie ich brauche, um weiter zu leben. -- Ich werde aber nie eines Andern Weib, da ich nicht das Weib dessen werden konnte den ich liebte. -- O ich wei Alles! Sein Glaube allein trennte Dich nicht von ihm. Er war ein Nichtswrdiger, der Dich nur zur Ehe begehrte weil er seiner Geliebten, einer verheiratheten Frau, berdrssig war. Hrst Du nun, da ich Alles wei? -- Und frher als Du selbst es wutest -- und mein _Herz_ allein hat mir das verrathen! -- Und trotzdem gehre ich ihm doch! -- Und trotzdem lasse ich Dich nicht! Das ist auch Liebe, Elisabeth! Jetzt wollen wir sehen, welche Liebe festeren Stand hlt, die Deine oder die meine. Die Zeit des Duldens, Harrens und Schweigens ist jetzt fr mich vorbei -- es ist eine Kampfeslust ber mich gekommen, die mir das Blut wild durch die Adern jagt. -- Immer und immer werde ich wieder kommen, Dich bitten, Dich qulen mein Weib zu werden -- so lange, bis Du gemartert von meiner Treue, gemartert von Deinem armen den Leben, gemartert von den Bitten Deiner Eltern, die jetzt Beide zu mir stehen, -- die Meinige zu werden einwilligst. -- Ich wei, da Du mir ein krankes Herz zubringst, eine zerqulte Seele, einen mden Leib, -- aber ich will mich begngen Krankenpfleger zu sein. -- Sieh, _so_ liebe ich Dich!-- War das Gottfried, der Stille, Sanfte, der _so_ sprach, so blickte? Einen Zug von Energie hatte die Leidenschaft in dies Johannesgesicht gezeichnet, der es vllig verwandelte. -- Er sah jetzt aus wie -- ein Mann. -- Ich nehme den Kampf an -- auf Leben und Tod! sagte Elisabeth nach einer Weile fest. Gut. Wer unterliegt, dem mge Gott helfen. -- Sie trennten sich.-- Von diesem Tage an begann ein Leben voll Qual fr Elisabeth. -- Die Eltern fingen an, in Anspielungen und Andeutungen, bald in sanfter, bald in gereizter Weise ihr den Wunsch zu erkennen zu geben, sie nun als Gottfrieds Braut zu sehn. -- Des Mdchens ruhiger und beharrlicher Weigerung folgten immer dringendere Versuche. Sie waren ebenso erfolglos. -- Lange peinliche Ermahnungen des Vaters kamen nun, und thrnenreiches Zureden der Mutter. -- Elisabeth setzte jedoch dem allen eine abweisende Klte entgegen, sie lie sich weder auf Grnde, noch Erklrungen ihrer Weigerung ein, sondern wiederholte nur immer einfach: ich will nicht heirathen. Nach und nach wurden dergleichen Scenen heftiger, die Gereiztheit des Vaters, die Thrnen der Mutter nahmen berhand, dazu kam jeden Sonntag Gottfried herber und warb mit Blicken und Worten unermdlich. -- Sie blieb scheinbar ruhig, unbewegt wie ein Fels, den die Wogen umbrausen, aber sie wurde bleich, ihre Augen verloren an Glanz, ihre Gestalt an Flle. -- So schleppte sie ihr Dasein weiter. Halbe Tage lang verweilte sie vor ihrer Staffelei und die brige Zeit lie sie sich geduldig qulen.-- Es schien, als ob die Verheirathung der Tochter pltzlich der alleinige Lebenszweck beider Eltern geworden und kein anderes Interesse, auer dieser einen Angelegenheit, mehr ihre Seelen zu beschftigen vermchte. Die Mutter qulte allerdings zunchst die Sorge, die Tochter mchte unverheirathet bleiben in dieser Abgeschiedenheit, ein Gedanke, der ihr wie vielen Mttern unertrglich war. Seitdem sie ihre so khnen Hoffnungen hatte begraben mssen, ngstigte sie sich allen Ernstes um die Zukunft Elisabeths. Zudem fhlte sie eine Art rastloser Unruhe ihr einen Halt zuzuweisen, da sie sich als die Veranlassung zu dem geheimen Herzleid ihres Kindes ansah. Htte sie das Mdchen ruhig in M. gelassen, sie wre ja jetzt ohne Zweifel lngst Frau Pastorin Berger. An einem eigenen Heerd, an der Brust eines Mannes der sie auf seinen Hnden zu tragen verheien, wrde Elisabeth schon wieder froh werden und sich aufrichten, meinte sie. Der Gottfried war ja in der That auch keine schlechte Partie, so jung und schon eine so gute Pfarre und dazu die sichere Anwartschaft auf M.! Und vor allen Dingen liebte er ihr Kind, gewaltig, unermdlich, das hatte er in Worten und Thaten bewiesen. Elisabeth mute das endlich einsehen! Ein Tropfen, der immer und immer auf dieselbe Stelle fllt, hhlt ja den hrtesten Stein aus: -- die Mutterthrnen muten ihre Wirkung thun mit der Zeit.-- Der Vater marterte sein Kind aus ganz andern Grnden. Es handelte sich bei ihm um Erfllung eines lange gehegten Wunsches, um eine Bitte die er ja, kraft seiner vterlichen Autoritt, in einen Befehl htte verwandeln knnen, ohne da es ihm Jemand zu verwehren vermocht. Und seine Tochter stellte sich trotzig ihm, einem Bittenden, gegenber! Er war an keinerlei offene Widersetzlichkeiten gewhnt, weder in dem Verhltni als Familienvater zu den Seinen, noch als Pastor zu seiner Gemeinde. -- Die Strrigkeit seines Kindes betrbte ihn nicht, sie emprte ihn. Als er ihr damals mit drren Worten gesagt da er niemals in eine gemischte Ehe willigen und selbige segnen werde, war sie doch so ruhig gewesen, wie es sich fr eine gehorsame Tochter ziemte. -- Und nun? Doch er verzagte keinen Augenblick, er war sich der Mittel bewut, diesen Trotz zu brechen. -- Hatten Nadelstiche doch schon einen Elephanten getdtet -- diesem unablssigen Mahnen und Drohen mute der Teufel des Eigensinns weichen. Aber er war trotz alledem noch nicht gewichen, als der Herbst kam -- und so befahl denn der Pastor eines Tages seinem Kinde, unter Vorhaltung des Spruches: ehre Vater und Mutter, auf da Dir's wohl gehe und Du lange lebest auf Erden, -- am nchsten Sonntage Gottfried Bergers Antrag, falls er denselben wiederholen werde, anzunehmen.-- Elisabeth erwiederte kein Wort -- sie ging umher wie sonst, mit ernsten milden Augen -- sie blieb nur am Sonnabendmorgen lnger als gewhnlich auf ihrem Spaziergange. Als dann nun am Sonntage Gottfried Berger kam und, in Gegenwart von Vater und Mutter, sie wiederum bat sein Weib werden zu wollen, sah sie ihn kalt an und sagte: Frage den Vater, ob er eine Ehe einsegnen wolle zwischen mir und Dir! -- Seit gestern Morgen gehre ich nicht mehr zu Euch -- seit gestern nahm mich eine Kirche auf, die mir trstend zurief: wer viel geliebt, dem wird viel vergeben werden. -- Ich bin Katholikin.-- * * * * * Etwa zehn bis zwlf Jahre spter sprach man in F. viel von einer Blumenmalerin, deren reizende Stillleben ein bedeutendes Aufsehen machten, in den Ausstellungen wie in den Kunsthandlungen. Die kleinen Blumenstcke athmeten eine berwltigende Flle von trauriger, ser Poesie. Der Name der Malerin war Elisabeth Mller. -- Vorzglich rhmte man ihre Darstellung verwelkter Blumen. Ueber ihren todten Blttern, geknickten Knospen, sterbenden Rosen, schwebte ein Hauch der Verklrung. -- Kleine Skizzen von ihr, in Wasserfarben, wurden sehr gesucht. Elisabeth Mller lebte aber so still und eingezogen in F., da man dort lngst schon ihre Schpfungen bewunderte, ehe man ahnte, da die Schpferin in derselben Stadt wohnte, in der man sich fr ihre Bilder so warm begeisterte. Bei der Comtesse Feldern war =reunion=. Viel Lichterglanz, viel Uniformen, viel blendende Arme und weie Schultern, viel Blumen und Federn, viel Zuthaten aller Art, wenig Natur, viel hbsche Gesichter, wenig bedeutende, viel nichtssagendes Geplauder, viel versteckte Langweile, viel forcirte Heiterkeit -- =et voila tout=.-- Aber dort, in der Nhe des Kamins, wer war der stattliche Mann mit dem leicht ergrauten Haar und dem schnen Kopfe, mit jener leisen Linie von Lebensberdru, die sich an den beiden feinen Mundwinkeln herabzog? Er sa allein und durchbltterte eben mit einem leichten Spottlcheln das Prachtalbum der Gndigen. Man streifte an dem Einsamen mit besonders freundlichem Grue vorber, manche reizende Frau blieb wohl auch neben ihm stehen, einige flchtige Worte an ihn richtend. Man schien ihn allgemein zu kennen. Es war der berhmte Landschaftsmaler Paul Albano, der erst seit zwei Tagen wieder in F. lebte, nachdem er seit lnger als einem Jahrzehnt sich im Orient und Italien umhergetrieben, und bald hier bald dort, sein Knstlerzelt aufgeschlagen. Haben Sie das Letzte der Bltter schon eines Blickes gewrdigt? fragte die sehr alt gewordene Comtesse heranrauschend. -- Als er verneinte, schlug sie das Buch ganz auf. Ein Blatt von neuem Datum war sorgfltig angefgt. Man sah einige Feldblumen aus einem Stck Rasen sprieen, unter ihnen ein Vergimeinnicht das welkend das Haupt neigte. Rings umher blhten Lwenzahn, Schlsselblumen und Veilchen, frisch und lebendig, trotz des Todes in ihrer Nhe. -- Albano stand pltzlich betroffen auf. Wer hat dies Blatt gemalt? fragte er hastig und gedmpft. Eine gewisse Elisabeth Mller. O, Sie entsinnen sich ihrer gewi nicht mehr! Sie war mit Plessow's verwandt und einmal, vor vielen Jahren, eine kurze Zeit im Plessow'schen Hause. Da Sie die Kleine vergaen, ist ganz natrlich -- Sie waren eben damals etwas angelegentlich mit der guten Plessow beschftigt. =Mais -- en passant= -- war die schne Adele nicht tausendmal liebenswrdiger in jener Zeit als jetzt, wo sie zum Orden der strengen Betschwestern gehrt? -- Sie haben sie doch wohl schon auf ihrem Landsitz aufgesucht, den sie weder Sommer noch Winter verlt? Fanden Sie nicht da die Arme bedeutend gealtert, und da Plessow etwas mrrisch geworden? -- Elisabeth Mller -- sagten Sie? wiederholte Albano wie im Traume, und legte die Hand auf das Herz. =Mon Dieu!= -- Sie erinnern sich wirklich ihrer? Dann kommt es daher, weil die Kleine sich damals auf die abscheulichste Weise trug. Unvergelich ist mir auch eine hellblaue Seidenfahne, kaum vier Ellen weit. -- Aber sie lebt wirklich hier -- hier in F. und -- allein? -- So viel ich wei. Aber hbsch ist sie nicht mehr, ich sah sie einmal auf der Strae im Vorberfahren. Krnklich soll sie sein -- irre ich nicht, so sprach man neulich bei der Grfin Reiner von einer auszehrenden Krankheit. Sie trgt sich aber jetzt weit besser -- ziemlich elegant im Schnitt, aber immer in Grau oder Schwarz. Knstlermarotte! Albano griff nach seinem Hut. Entschuldigen Sie mich, gndige Frau, ich mu fort. -- Doch nicht etwa um sich der kleinen Mller vorstellen zu lassen? lachte die Dame. Sie irren sich in der Zeit, lieber Albano! Sehen Sie, meine Uhr zeigt eben Mitternacht. Warten Sie zwlf Stunden lnger! -- Sie haben recht -- ich warte. -- Vergessen Sie mein lcherliches Auffahren, aber -- erzhlen Sie mir noch was man von dieser Elisabeth hier sagt. Die Feldern lehnte sich in den dunkeln Fauteuil zurck, winkte Albano zu sich und flsterte geheimnivoll: sie soll katholisch geworden sein -- aus Interesse fr einen jungen hbschen Kaplan wahrscheinlich, der in der Nhe ihres Heimathdorfes Pfarrer war, dergleichen Geschichten ereignen sich ja hufig. Der Uebertritt fhrte natrlich einen Bruch herbei mit Papa und Mama. Sie verlie ihre Heimath, Plessow verschaffte ihr hier ein Unterkommen in einer Familie, und veranstaltete zuerst eine kleine Ausstellung ihrer Bilder. Pltzlich verschwand sie wieder und pflegte ihre erkrankte Mutter bis zum Tode, brachte dann einen gichtbrchigen, halb blinden Vater mit zurck, fr den sie mit unermdlicher Treue gesorgt haben soll, bis vor einem Jahre, wo er endlich starb. Ihre Staffelei stand in seinem Krankenzimmer, und sie verlie den Kranken nur zuweilen in den Abendstunden, um frische Luft zu schpfen in dem kleinen Garten vor dem Hause. -- Sie hat ihm seine Verzeihung nach und nach wirklich abringen mssen, -- er soll im Anfang sein Kind entsetzlich geqult haben. Zuletzt starb er in ihren Armen, die Tochter segnend. -- Da haben Sie die Geschichte. -- Mir erzhlte sie vor lngerer Zeit die Baronin Eichstdt, die dem Hause der Kleinen gegenber wohnt und sie sehr protegirt. -- Apropos, mein Herr -- wollen wir etwa morgen zusammen zur Eichstdt fahren? Sie citirt uns dann vielleicht die Malerin herber? Ich danke, gndige Frau. Ich reise wahrscheinlich morgen frh auf einige Tage nach D. -- Unstter! Aber Sie sehen recht angegriffen aus, Albano, -- ich bitte Sie, nehmen Sie ein Glas Eis. -- Sie sind sehr gtig -- meine Gndige. Sie erlauben---- Er stand auf und verlie den Saal. -- Als die Comtesse sich nach einer Weile in den andern Zimmern nach ihm umsah, war er verschwunden.-- * * * * * In der nchsten Woche hatte man nach langer Drre wieder einmal einen recht pikanten Unterhaltungsstoff in den Salons von F. Die kleine Blumenmalerin war gestorben, an einem schleichenden Fieber, und hatte sich in einem wunderlichen altmodischen hellblauen Seidenkleide begraben lassen. -- Ihrem Sarge folgte der katholische Priester, der tieftrauernde Albano, -- und die Wagen vieler Vornehmen. Ihre nachgelassenen Bilder bergab eine alte wrdige Frau, die schon seit lngerer Zeit bei der Verstorbenen gewohnt, und die man im Hause unter dem Namen Jungfer Marianne kannte, dem berhmten Maler im Auftrage der Heimgegangenen. Albano lie ein kostbares Marmorkreuz an dem Grabe aufstellen, auf dem mit goldenen Lettern nur zu lesen war: _Elisabeth._ Man zerbrach sich die Kpfe ber den Zusammenhang des Ganzen. -- Es war nur leider Niemand da den man ausfragen konnte; Albano reiste am Tage der Kreuzaufstellung nach Italien, ohne von Jemand Abschied zu nehmen, und lie nie wieder von sich hren.-- Die alte Marianne fand eine neue Heimath in dem Hause des neuen protestantischen Pastors in M. Er kam selbst, um sie von F. abzuholen. Sie sollte ihm den Haushalt fhren, da er unverheirathet war und blieb. Sein Name war Gottfried Berger. Mit seinem neuen Kollegen in N., denn Elisabeths alter Freund ruhte ja lngst schon aus von seiner Arbeit in der khlen Erde, verkehrte er auf das Freundlichste. -- Gottfrieds Lieblingsplatz blieb jene Stelle an der Mauer des Gartens, wo man auf die grnen Grber des Friedhofes schaute, und zu seiner Grabschrift hatte er sich den Spruch bestellt: Wer viel liebet, dem wird viel vergeben werden. Czinka. (1859.) =Huzdra Cziganny!= Spiel auf, Zigeuner! In Wien, der schnen glnzenden Kaiserstadt, lebte vor etwa sechszig Jahren ein junger eleganter Cavalier, der sich durch seinen Reichthum und seine Unabhngigkeit (Eltern und Geschwister waren ihm gestorben) mit leichter Mhe, ohne sonderliches Zuthun gar viele Freunde und Freundinnen erworben. Sie ermdeten nicht ihm immer und immer zu wiederholen, da er ohne alle Frage nicht nur der liebenswrdigste Wirth, der angenehmste Gesellschafter, der khnste Reiter und beste Tnzer, sondern auch der geistvollste und eleganteste Cavalier zehn Meilen in der Runde sei, und seltsamer Weise hrte Graf Alfred diese Versicherungen, so oft sie ihm auch zu Ohren kamen, mit demselben Vergngen an. Er glaubte seinen Freunden auf's Wort, und mit solcher festen Ueberzeugung der Wahrheit ihrer Behauptungen lie sichs ganz angenehm leben. Der allgemeine Liebling war daher stets heiterer Laune, hielt offene Tafel, gab reizende kleine Feste und half, wo man ihn um Hlfe ansprach. Die Gesellschaften, die er in seinem mit vollendetem Geschmack eingerichteten Hause veranstaltete, wurden von den vornehmsten Frauen besucht, da eine alte Tante des Grafen, die verwitwete Marquise d'Anville, bei solchen Gelegenheiten die Honneurs auf die feinste Weise zu machen pflegte. Freilich munkelte man auch von manchen andern ppigern Gelagen, bei denen keine Marquise prsidirte, bei denen man aber dennoch nicht minder schne Gestalten, nicht minder werthvolle Diamanten und Spitzen zu bewundern fand als bei jenen Soupers und Bllen der vornehmen Aristokratie. Trotz diesen Extravaganzen war der junge Graf durchaus kein Rou, er lebte eigentlich nur _uerlich_ wie ein vornehmer Cavalier. In seinem Herzen achtete er die Frauen hoch, denn eine engelgleiche Mutter hatte seine Kindheit gehtet und eine zrtlich geliebte, frh verklrte, Zwillingsschwester stand noch wie eine Heilige vor den Augen seiner Seele. Im Grunde war ihm, wie er seinen vertrauten Freunden gestand, der Frauenumgang zu unbequem, er liebte ein lustiges Zechgelage unter Mnnern weit mehr als jene fantastisch-wilden gemischten Feste und die reizendsten Frauen vermochten ihn kaum eine flchtige Stunde zu fesseln. Wunderliche Gerthschaften verschollener Zeiten, alte Waffen und seltene Blumen interessirten ihn mehr als menschliche Gestalten, eine Eigenthmlichkeit, die er von seinem Vater geerbt, und er reiste viel eher Stunden weit, um eine alte ausgegrabene Vase zu sehen, als da er um einer hbschen Frau Willen einen Weg von wenigen Minuten gemacht htte. Tropische Gewchse, und vorzglich die so mannigfach und seltsam geformten Cacteen waren es denen er eine besondere Zrtlichkeit widmete, seine Wohnzimmer glichen Treibhusern, und je wunderlicher die Form der Pflanze, je brennender die Farbe der Blthen, desto leidenschaftlicher liebte er sie. Seine Freunde baten ihn im Scherze oft instndig sich nicht dermaleinst mit einer Blumenfee zu verheirathen, und Diners und Soupers von Sonnenstaub und Thautropfen zu veranstalten, und warnten ihn ganz besonders dringend vor der gluthugigen Purpurblthe des =Cactus speciosissimus=, welches seltsame Gewchs sein bevorzugter Liebling war. Er pflegte darauf heiter lachend zu antworten, da er jedenfalls dermaleinst nur eine Frau heimzufhren gedenke, deren Blick ihn an jene geliebte Blume erinnere. Da sich der Graf Alfred bis zu seinem neunundzwanzigsten Jahre nicht verheirathete, fand Jeder, wenn auch vielleicht nicht _Jede_, cavaliermig, als man aber seinen dreiigsten Namenstag mit einem lucullischen Mahle feierte, wagten sich schon einige schchterne Trinksprche hervor mit deutlichen Anspielungen auf eine junge reizende Hausfrau. Sie veranlaten manches Errthen, manchen schmachtenden Augenaufschlag, manches kokette Fcherspiel. Diese Mahnungen wurden mit jedem Jahre lauter und dringlicher, und glichen bei der Feier der dreiunddreiigjhrigen Wiederkehr des ominsen Tages fast einer Bestrmung. Da erhob sich endlich der Graf und erklrte, da er noch in diesem Jahre sein Mglichstes zu thun bereit sei, um den Wunsch seiner Gste zu erfllen. Er versicherte feierlich da er Alles aufbieten werde den Speisezettel des knftigen Festdiners mit einem neuen Gerichte, freilich nur einem Schaugerichte zu vermehren: mit einer schnen Wirthin nmlich. Unter der anwesenden unverheiratheten Damenwelt brachte diese, einem Versprechen gleiche, Erklrung eine nicht geringe Aufregung hervor und Jede sah sich schon im Geiste dort oben an jenem Ende der Tafel, geschmckt mit Brillanten und Blumen, in weiem schimmerndem Atlas, eingerahmt von hohen silbernen Vasen, bestrahlt vom Lichterglanz des vielarmigen Kronenleuchters. Graf Alfred hielt nmlich alle seine Diners auch zur Frhlingszeit, wie eben jetzt, bei Kerzenlicht. Es war dies eigentlich ebensowohl eine Beleidigung als eine Galanterie, dem schnen Geschlecht gegenber. Er behauptete, da keine vornehme Dame ber sechszehn Jahre hinaus, keine Aristokratin der Kaiserstadt wenigstens, die Beleuchtung durch Sonnenstrahlen zu ertragen vermchte ohne bedenkliche Beeintrchtigung ihrer Reize, und er liebte nun einmal, wie bei den Blumen, vor Allem die Frische in der Erscheinung einer Frau. Keine der Damen seiner Bekanntschaft konnte sich brigens einer besondern Bevorzugung von ihm rhmen, er war leider liebenswrdig und aufmerksam gegen Jede. Er verga keinen Namenstag seiner zahlreichen Freundinnen und knauserte nie mit den Blumen seiner Treibhuser und seines Gartens. Hatte er auf einem Balle mit der blonden Comtesse Delphine zwei Mal getanzt (die seit ihrer Bekanntschaft mit ihm sehr oft rothe Blumen und rothe Schleifen trug), und dagegen das stolze Freifrulein Melanie zu Tische gefhrt, so bat er bei der nchsten Gelegenheit sicher die hbsche Comtesse um den beneidenswerthen Platz an ihrer Seite, und lie sich beim Tanze von den Augen der dunkellockigen Melanie heldenmthig verbrennen. Kein Kaufmann konnte gewissenhafter seine Waare seinen verschiedenen Kunden zuertheilen und abwiegen, als Graf Alfred seine Aufmerksamkeiten, und selbst seine genauesten Freunde hatten keine auf irgend eine derartige Bevorzugung gegrndete Vermuthung, welche Erscheinung aus der Reihe der aristokratischen Schnheiten den Platz als Wirthin beim nchsten Diner einnehmen drfte. Schon kurze Zeit nach diesem Feste schien jedoch Graf Alfred sein ffentlich gegebenes Versprechen ernstlich zu bereuen, er zeigte sich unruhig, ungleich in seiner Stimmung, verlor seine gute Laune, vernachlssigte seine Blumen, wurde bleich und einsiedlerisch und die Aerzte, so wie seine erschreckten Freunde, riethen ihm dringend und einstimmig zu reisen. Gar mancher bot sich ihm sogar in rhrender Opferwilligkeit zum Reisegefhrten an, was jedoch der Graf dankend ablehnte. Niemand wute, ob er wirklich den Rath, den man ihm ertheilt, befolgen werde -- als eines Tages die Fenster seines Hauses sich mit grauer Leinwand verhangen zeigten und Abschiedskarten mit der zierlichen Krone und dem Namen Alfred Graf Saldern sich in schnen weien Hnden befanden und eben so schne Augen nachdenklich das bedeutungsvolle =p.p.c.= betrachteten. -- Der elegante Cavalier war entflohen. Der sonst so glnzend geschmckte Portier stand in einem unscheinbaren Rocke ghnend in der Thr, der Grtner lief mit Blumentpfen aus den Zimmern in das Treibhaus, im Hofe klopften Diener langsam und pfeifend Teppiche aus, die Orangerie des Balcons war verschwunden -- es blieb kein Zweifel: Graf Saldern war abgereist -- aber _wohin_ wute Niemand. * * * * * Ein warmer Junitag neigte sich seinem Ende zu als der bequeme Reisewagen des Grafen Alfred durch den vielgerhmten Bakonyer Wald rollte in der Richtung nach Raab. Die Sonne blitzte noch durch die Zweige der Bume und huschte ber das Moos, Kruter und Grser dufteten, Vgel zwitscherten ihr Abendlied, Bienen taumelten schwer beladen durch die Luft -- aufgescheuchtes Wild lief ber den Weg, blieb wohl auch in geringer Entfernung keck zwischen den Gebschen stehen und schaute mit groen glnzenden Augen herber, -- man hrte die Rder des Wagens kaum im tiefen Moose rollen. Der Kutscher hielt die Zgel lssig, der Diener nickte auf seinem schwankenden Sitze und der Graf selber hatte sich noch nie in seinem Leben so wohl gefhlt als eben jetzt. Es war aber nicht ein blos krperliches Wohlsein, auch ber sein Herz kam es wie ein Hauch ser Freude und kstlichen Friedens. Eine wonnevolle Mdigkeit ergriff ihn, er blinzelte schlfrig zwischen den Wimpern hervor und athmete in langen und immer lngeren Zgen die berauschende Waldluft ein. Es war ihm zu Sinne als sei er in jenen verzauberten Wald gerathen, von dem ihm die Mutter so oft in seiner Kindheit erzhlt, und er msse nun fahren und fahren und knne doch nimmermehr an's Ende kommen. Aber dieser Gedanke erfllte ihn nicht mit Furcht wie damals, als er an den Knien der Mutter seinen kleinen Kopf verbarg, er htte vielmehr immer und immer weiter rollen mgen, an den uralten Baumstmmen vorber, die ihre Wipfel hoch ber seinem Haupte rauschend gegeneinander neigten in die endlose grne Dmmerung hinein. Die Erinnerung an die prunkende Kaiserstadt, die er verlassen, lag wie ein ferner Traum hinter ihm und nebelhaft wandelten die Gestalten seiner Freunde an ihm vorber. Er fhlte sich so jung, so krftig, so lebensfrisch wie noch nie, und doch htte er sich um die Welt jetzt nicht wieder in jenes Leben hineinstrzen mgen, das er so eben verlassen. Es geschehen trotz aller Zweifel noch Wunder an uns und Lebenselexire werden trotz aller medicinischen und andern Aufklrung noch tglich gebraut und getrunken. Die _Mutter Natur_, diese uralte Zauberin, die sich glcklicherweise nicht verbrennen lt, braut sie aus den einfachsten Mitteln fr ihre eigensinnigen strrischen Kinder. Ein Wald, eine Bergwiese, ein Schweizersee, das Alpglhen vollbringen an den verstocktesten Herzen die grten Wunder, -- Ketten und Schlacken fallen ab, die Seele athmet Genesungsluft, das Herz verliert seine Runzeln und schaut wieder mit Kinderaugen und Kinderglauben in die schne reiche Welt hinaus. -- Wie lange der Graf in dem kstlichen Eichenwalde umhergefahren -- er wute es nicht, er richtete sich nur rasch auf, als der Kutscher pltzlich die Pferde anhielt und sagte: Wir haben uns verirrt, der Weg hat hier ein Ende! Der arme Schelm sah leichenbla aus, denn er kannte die Heftigkeit seines Herrn. Zu seiner groen Verwunderung sprang dieser aber heiter aus dem Wagen und anwortete: Wartet nur hier auf mich, ich werde den Weg suchen und Franz soll auch bleiben, ich will allein gehen! Und eine lustige Melodie pfeifend schlug er den ersten schmalen Fuweg ein, der vor ihm lag. Wie kstlich lie sich's hier wandern in dem Purpurschein, der jetzt den Wald durchzitterte. Leichter war er nie ber die glnzenden Parquets der Tanzsle Wiens geschritten. Da war es ihm mit einem Male als trge der Wind die abgerissenen Klnge einer fremdartigen Musik zu ihm. Unwillkrlich blieb er stehen und lauschte. -- Dann folgte er rascher der Richtung, aus welcher die Tne ihm zustrmten. Immer deutlicher, zusammenhngender schlug es an sein Ohr, endlich unterschied er eine wunderliche wilde Tanzweise im Zweivierteltact. Weiter schreitend lsten sich die Tne von Violinen, Violen, einer Clarinette und Cymbal aus dem Chaos. Darber war er aber sehr lange gegangen, -- endlich berfluthete es ihn wahrhaft mit Tonwellen und zugleich wandte sich der Weg, die Bsche traten zurck, als ob ein grner Vorhang zerrisse, und Graf Alfred blieb wie erstarrt stehen. Er befand sich vor einem groen freien Platze mitten im Walde. Kaum zwanzig Schritte von ihm hatten ungarische Zigeuner ihr Lager aufgeschlagen. Auf der andern Seite sah man durch eine Lichtung die Umrisse der wunderschnen Cisterzienserabtei bei Zircz im Abendroth schimmern. Kleine Zelte waren aufgeschlagen, ein lustiges Feuer brannte in der Mitte, um das sich einige alte Frauen gesammelt hatten. Nackte braune Kinder, schn geformt wie antike Statuen von Bronce, haschten sich unter den Bumen, Mnner lagen und standen mssig umher und hrten der Musik des Zigeunerorchesters schweigend zu. Die zwlf Musikanten selbst saen in einem Halbkreise. Sechs von ihnen spielten erste und zweite Geige, zwei die Viola, Einer eine Bageige, ein Anderer eine Art von Cello und die beiden Letzten Clarinette und Cymbal. Junge Mnner und Mdchen knieten und kauerten am Boden, der kecken Musik lauschend und dem Tanz eines jungen Mdchens zuschauend, das eben in die Mitte des Kreises getreten war, und anfing nach dem Tacte der Musik sich hin und her zu bewegen. Als der Graf jetzt die Tanzende anschaute, fiel ihm pltzlich seine Lieblingsblume ein, die glhende leuchtende Purpurblthe der =Cactus speciosissimus=, und es war ihm als ginge das warme rothe Licht, das jetzt die ganze lebensvolle Gruppe berstrahlte, von dieser einen zarten Gestalt aus. Die Kleine war wohl kaum fnfzehn Jahr alt und reizend gewachsen. Sie trug einen scharlachrothen kurzen Rock und rothe Stiefeln an den kleinen Fen. Den schlanken Oberkrper umschlo ein blendend weies faltiges Hemd, das unter dem Halse mit einer Schnur zusammengezogen war. Ein Korallenkreuz hing an einem schwarzen Bande auf ihrer Brust. Eine lose Jacke, die vorn offen war, mit kurzgeschnittenen weiten Aermeln trug sie noch ber dem Hemde. Ihr Haar fiel in schweren schwarzen Flechten fast bis zu ihren Knien herab, und an die Enden der Zpfe hatte sie rothe Schleifen gebunden. Um beide Handgelenke der zarten, aber tadellos geformten Arme trug sie schmale silberne Ringe. Ihr feines, leicht gebruntes Gesicht mit den kstlich frischen Lippen, lachte wie das Gesicht der glcklichen sorglosen Jugend lacht. Sie hob die Augen und blickte in das Grn der Bume oder gerade in den Himmel hinein, wer konnte das wissen? Das waren Augen! Ja, von ihnen mute jener Lichtstrom ausgehen in dem die ganze kstliche Gestalt schwamm, und auf- und niedertauchte, es konnte nicht anders sein! Das war ein Leuchten, Glhen, Schmachten, Funkeln, Drohen und Lcheln dieser zwei groen schwarzen Sterne! -- Jenem lautlosen Zuschauer, der Jahre lang ungeblendet in die Augen der berhmtesten Schnheiten der ppigen Kaiserstadt geschaut, kam ein Schwindel an, eine seltsame Angst und Seligkeit zugleich den Augen der kleinen Zigeunerin gegenber. Und dazu die kleinen beweglichen Fe, dieser von Jugendlust und Jugendkraft geschwellte und getragene Krper! Was war dieser lebensvolle Tanz gegen jenes seltsame Schlrfen und Drehen, gegen jenes Hpfen und Rasen in den Tanzslen des groen Wien? Und dies junge, von Luft und Sonne gebrunte Angesicht konnte sich den vollen Sonnenstrahlen aussetzen und wurde nur schner je heller es beleuchtet. Ein Schauer des Entzckens durchrieselte den Grafen, als endlich die tanzende Kleine mit dem Ausdruck hchster kecker Lust jenen bedeutungsvollen Zigeunerruf: jah! herausjubelte, den ebenso das hchste Leid als die hchste Freude von den Lippen gleiten lt, -- und dann mit einem khnen Sprunge ihren Tanz schlo. Als das Orchester nun mit einem vollen kurzen Accord abbrach, da war es aber dem Grafen pltzlich als sei er im Theater an der Burg und habe eben die schnsten Tnzerinnen gesehen. -- Der grne Wald wurde zur tuschend gemalten Coulisse, die stattlichen, seltsam gekleideten Mnner, mit den langen schmalen Schnurrbrten und schwarzen, glatt herabhngenden Haaren, zu trefflich costmirten Choristen, die ppigen, nachlssig verhllten Frauengestalten zu koketten Choristinnen, die nackten Kinder, das Feuer, die kochenden brodelnden alten Weiber zu meisterhafter Staffage, -- Graf Alfred klatschte mit dem Feuer eines echten Balletenthusiasten in die Hnde und rief: =Brava, Brava!= Da geschah es fast wie in jenen Mrchen von den Elfentnzen, wenn die Elfenknigin pltzlich einen unberufenen Lauscher entdeckte: wie ein Wirbelwind fuhr es ber das ganze Zigeunerlager hin und die Scene vernderte sich rascher wie auf einem Pariser Theater. Die Frauen drngten sich hinter die Mnner, die Kinder hingen sich an ihre Mtter, die Hexen des Feuers kauerten sich nieder wie zum Sprunge bereite Katzen, die Musikanten hrten auf zu spielen und nahmen eine trotzig drohende Haltung an und wohl hundert flammende Augen richteten sich pltzlich auf den Grafen. Die kleine Tnzerin allein war ruhig geblieben und blickte neugierig zu dem khnen Fremden hin. Ein dunkler hochgewachsener Knabe, die Geige im Arm, war aber dicht an sie heran getreten in einer so herausfordernden Haltung, so schutz- und kampfbereit, da der Graf sich eines Lchelns nicht erwehren konnte. Da wendete sich die Kleine an ihn und fragte in gebrochenem Deutsch mit gerunzelter Stirn: Was willst Du hier? Dich bewundern! antwortete er und sah sie mit seinen hbschen blauen Augen leidenschaftlich an. Jede Frau, sie gehre welchem Volke und Stande sie auch wolle, unterscheidet mit einem Blicke die wahrhafte Bewunderung ihres Selbst von leichtem Wohlgefallen und tndelndem Spiel und ist niemals unempfindlich gegen dieselbe. Die junge Zigeunerin nahm daher auch die Hand des Grafen und sagte freundlich: Kommt mit mir und bleibt bei uns eine Weile. Seid ohne Sorge, Czinka wird Euch schtzen! Sie rief ihren Gefhrten einige ungarische Worte zu, und fhrte dann ruhig ihren neuen Bewunderer mitten in den Kreis. Es war auch kaum eine Stunde vergangen, da sa der Graf wie ein echter Czigny unter ihnen, plauderte mit den Mnnern, die sich mit deutscher Zunge einigermaen verstndlich zu machen wuten, scherzte mit den Frauen, sah dabei die schne Czinka an, die ihm gegenber sa neben dem finsterblickenden Knaben, und sprach dem groen Becher mit jenem sen Tranke, den die Weiber trefflich zu bereiten verstanden, tapfer zu. Erst als die Nacht hereinbrach, dachte er wieder an seinen Wagen und an den armen wartenden Kutscher. Zgernd brach er auf und bat um einen Fhrer, um ihn an den Wagen und dann auf den Weg nach Zircz zu bringen, welcher Ort kaum eine halbe Stunde entfernt sein konnte. Anthony mag mitgehen! sagte da Czinka gebietend und wandte sich zu jenem dunkellockigen Burschen mit der Geige, der noch nicht von ihrer Seite gewichen. Er stand auf, nickte gleichgltig, hing seine Geige an den nchsten Baum, und warf seinen Mantel um die Schultern. Wie lange bleibt und lagert Ihr hier an dieser Stelle? fragte ihn der Graf. So lange es uns gefllt, lautete die kurze Antwort des Burschen. Ich mchte Euch noch oft besuchen, sagte der Graf zur schnen Czinka gewendet, wenn Ihr es erlauben wolltet. Sie neigte freundlich gewhrend mit stolzer Grazie den zierlichen Kopf. Dann nahm Alfred Saldern Abschied von den Vornehmsten der Bande und folgte seinem Fhrer, der eine Fackel angezndet hatte. Das war ein seltsamer Spaziergang! Mit der Behendigkeit einer Schlange schlpfte der Knabe voraus durch die Gebsche, und sprang ber Wurzeln und Baumstmme, ber Grben und Bche, ohne sich zu kmmern ob der Fremde folgte. Der elegante Cavalier hatte die grte Mhe nachzukommen und blieb berall hngen. Aber das ganze Abenteuer und die seltsame Waldfahrt hatten ihn in eine ungewhnlich glnzende Laune versetzt und so lie er sich denn Alles ohne ein Wort des Aergers gefallen. Nur einmal mute er athemlos inne halten, er konnte nicht weiter, rief seinen Fhrer zurck und gebot ihm eine kleine Weile zu warten. Der Knabe gehorchte und setzte sich mit einem spttischen Auflachen unfern von dem Erschpften nieder. Sein seltsames unschnes Gesicht sah in der Fackelbeleuchtung fast koboldartig aus. Seid Ihr unter den Musikanten? fragte der Graf, indem er sich eine Cigarrette anzndete. Es ist mir als htte ich Euch im Orchester gesehen als die kleine Czinka tanzte. Ich spiele die Geige, antwortete der Knabe mrrisch. Wie heit Ihr? Anthony Czermak. Liebt Ihr die Musik? Wie meint Ihr das? Nun -- ob Ihr gern Tnze spielt? Wenn die Czinka tanzt -- sonst spiele ich lieber Lieder. Habt Ihr die Czinka lieber oder Eure Geige? Wenn Ihr so fragen knnt, so wit Ihr nichts von einer Geige, antwortete der Knabe verchtlich. Mir ist meine Geige lieber als zehn Czinkas. Damit stand er trotzig auf und ging weiter. Wie ein Irrlicht huschte er hin und her und den Grafen berkam oft ein unheimliches Gefhl wenn er ihn so auftauchen und verschwinden sah zwischen dem dunklen Grn. Pltzlich verlschte die Fackel und aus dem Dunkel heraus kicherte wie aus weiter Ferne der Knabe: Versuchts noch zehn Schritte weiter -- da steht Euer Wagen, Eurem Kutscher habe ich gesagt wie er fahren soll, um nach Zircz zu kommen! Dann rauschte Etwas durch die Bsche, streifte hart an ihm vorbei, ein spttisches Gelchter wurde laut und Graf Alfred stand im tiefsten Dunkel. Mit einem derben Fluch rief er den Namen seines Dieners, der denn auch in geringer Entfernung antwortete und nach einiger Mhe und nachdem er ber verschiedene Wurzeln gestolpert, an verschiedene Bume gerannt, wobei er immer ein leises boshaftes Kichern zu hren glaubte, athmete er wie von einem bsen Traume befreit auf, als er wieder in seinem Wagen sa. Nach der Weisung, die in der That der Kobold Anthony dem Kutscher gegeben, rollte er nun auch auf der Strae nach Zircz fort, und noch vor Mitternacht erreichte er glcklich das Stdtchen. * * * * * Am nchsten Tage besuchte Graf Alfred das Zigeunerlager wieder und so noch viele Tage, nur da er sich Abends nie wieder von jenem trotzigen Burschen, sondern von seinem eigenen Diener zurckgeleiten lie nach seinem Wagen, der ihn stets am Ausgange des Waldes erwartete. Schon beim dritten seiner Besuche nahm er allerlei Geschenke fr die Frauen mit, die er von Raab sich kommen lie, glnzenden Tand, der mit noch glnzenderen Augen empfangen wurde. Fr die schne Czinka brachte er zwei Korallenschnuren, die sie eben lchelnd um ihre Arme zu schlingen sich anschickte, als Anthony, der kleine Geiger, pltzlich herbeisprang, die Ketten aus des Mdchens Hnden ri und mit den Worten: Czinka trgt nur die silbernen Ringe ihrer Gromutter! die Perlen ins Moos streute. Da sprang die Kleine mit einem Ruf des Zornes auf -- stampfte mit dem Fue und blitzte den Frevler mit einem Blick an, der den Grafen erschreckte und entzckte. Dann drehte sie ihm langsam fast kniglich stolz den Rcken ohne ein Wort zu reden, machte aber auch keine Bewegung die Korallen aufzuheben. -- Allein sie erlaubte ihrem fremden Bewunderer den ganzen Abend an ihrer Seite zu sitzen und mit ihr zu plaudern. Als der Graf endlich den Heimweg antrat, streifte er an dem kleinen Geiger vorber, der einsam auf einem umgestrzten Baumstamm sa. Die nackten Fe hatte er ber einander geschlagen, den Kopf auf den linken Arm gesttzt, seine Geige lag neben ihm im Grase. Sein Gesicht war todtenbla und der Ausdruck um Lippen und Augen ein so verzweifelter, da Alfred Saldern erschrak. Unwillkrlich blieb er neben dem Knaben stehen in der Absicht ihn anzureden. Aber wie vor dem pltzlichen Anblick einer giftigen Schlange fuhr Anthony Czermak da empor, raffte seine Geige auf und war in zwei Sprngen verschwunden. Wenige Tage spter sah man nicht nur zwei herrliche Korallenbnder an den Armen Czinka's, sondern sie trug auch eine Korallenkette um ihren Hals. An demselben Abend als Alfred Saldern sie der kleinen Zigeunerin in den Scho warf, tanzte sie freiwillig vor dem Grafen. Aber Anthony Czermak spielte nicht mit, wie damals. Er warf seine Geige gleich nach den ersten Tacten zu Boden und lief in den Wald. Ungarische Zigeunermusik! Wer sie je einmal hrte in ihrer melancholischen Wildheit, in ihrer hinreienden Gluth, ihrem fremdartigen Reiz und wunderbaren Rhythmus, der vergit sie so wenig wie man eine Masurka, oder einen jener zauberischen traurigen Walzer des Chopin vergit, wo die Lust mit dem Leid zum Tanz antritt. -- Beide Musikarten rufen hnliche Empfindungen hervor: unsagbare Traurigkeit, die sich gleich darauf in rasende Lust verwandeln mchte, Wohlgefhl wie es den Gefangenen beim Anblick einer Schwalbe durchbebt, und zitternde Seligkeit wie beim Hauche des Wortes: Ich liebe Dich! Diese hufigen Synkopen, punktirten Achtel, entgegengesetzten rhythmischen Bewegungen reien uns in einen Wirbel von Leidenschaft hinein, und die harmonischen kecken Licenzen in Bezug auf Octav und Quintenfortschreitungen, die unvorbereitete Anwendung von Septimen und Nonenaccorden, die seltsamen Halte und Figurirungen auf der Dominante, wirken fast wie der Genu des Champagners in toller Gesellschaft, wenn wir eben fr immer von der Geliebten Abschied genommen.-- Alfred Saldern fhlte sich von einem Taumel befangen, seit er unter und mit diesem seltsamen Vlkchen der Zigeuner lebte, gegen dessen tglich wachsende Macht er sich so vergebens wehrte, wie ein des Schwimmens Unkundiger gegen die Gewalt der Wellen. Ein neuer Tag ging allmhlich vor den Augen seiner Seele auf und die Sonne dieses Tages hie: Czinka. Czinka's fremdartige Schnheit, ihr schillerndes seltsames, halb scheues, halb zuthunliches Wesen bestrickte ihn tglich mehr. Sie verkehrte fast mit ihm wie eine junge Schwester mit einem ltern Bruder verkehrt, dessen Liebe sie verwhnt, indem sie allen Launen nachgab. Sein Herz fhlte sich von einem Feuer ergriffen das ihn mehr entzckte als marterte, und seine Seele trumte am Tage davon wie es doch eigentlich das Beste und Kurzweiligste sei, eine Zeit lang Zigeuner zu werden, und mit dieser kecken Bande schner Frauen und frhlicher Mnner, frei und ungebunden in der schnen Gotteswelt umherzuziehen. In den Nchten trumte er aber noch viel seltsamere Dinge, an die er mit wachen Augen kaum zu denken wagte: er sah sich selbst nmlich wieder in Wien in seinem eleganten Hause. -- Seine Blumen dufteten ihm entgegen, der Speisesaal war mit Guirlanden geschmckt, auf der gedeckten Tafel schimmerten kostbare Gerthe, -- aber es brannten keine Kerzen, wie sonst bei den glnzenden Festen im Saldern'schen Hause, -- die Vorhnge waren nicht geschlossen, die Sonnenstrahlen hielten ungehindert Musterung ber die Schaar der versammelten Gste. Und oben an der Tafel sa der Festgeber -- und ihm zur Seite ---- sein Weib: -- die lebendig gewordene fremde, leuchtende Purpurblthe des =Cactus speciosissimus=, _Czinka_, die reizende Zigeunerin. * * * * * Das ungewhnliche Musiktalent des wunderlichen Anthony Czermak erregte selbst die Aufmerksamkeit des vielbeschftigten Grafen. Unwillkrlich mute er lauschen, sogar mitten im Gesprch mit dem jungen Mdchen, wenn der Knabe, was jetzt fter geschah, auf seiner Geige seine phantastischen Stcke vortrug. Die brigen Musikanten ruhten dann aus, die Frauen zogen die spielenden Kinder auf ihre Knie, die Mnner lagerten sich im Kreise, und so schwebte der groartige Ton seiner Geige wie ein Vogel ber alle Hupter dahin. Aber es war dieser Ton keine frhlich himmelan steigende Lerche, sondern eine Nachtigall, die ihr Lied in die dunklen Gebsche trgt, oder ein sterbender Schwan, der seine Todesseufzer mit dem Gemurmel der Wellen mischt. Einmal, bei einer besonders elegischen Melodie, welche unter allerlei selbstgeschaffenen wilden Verzierungen und Wendungen immer wieder, wie ein blasser Mond durch zerrissene Gewitterwolken, auftauchte, bemerkte Alfred Saldern eine besondere Traurigkeit auf den Gesichtern aller Hrer. Er selbst neigte sich seltsam bewegt zu der schnen Czinka und fragte sie um die Bedeutung jener Melodie. Das ist die =siralmas nota= -- die weinende Melodie sagte sie ernst, die uralte Klage der Zigeuner um ihr verlorenes Reich. Und als Anthony geendet rief sie ihm zu: spiele jetzt die Rakoczy Nota! Der Ton ihrer Stimme war zwar herrisch, aber ihre Augen baten. Der junge Geiger streifte das junge Mdchen einen Moment mit einem halb wilden, halb zrtlichen Blick, dann lie er ein rhrendes Adagio, dem ein feuriges Allegro folgte, ber die Saiten seiner Geige ziehen. Als er nun geendet, kam er zu Czinka, neigte sich zu ihr und fragte: Wirst Du nun auch wieder einmal mit mir singen? Sie schlug die Augen nieder und nickte kaum merklich mit dem Kopfe. Da flog ein Lcheln ber sein dunkles Gesicht wie ein Sonnenstrahl ber die braune Haide. Und nach einem kstlichen Ritornell fiel Czinka mit ihrer schwachen, aber sen Stimme ein und sang mit der Geige um die Wette ein wehmthiges Lied im Vierachteltact in sehr langsamem Tempo. Fremd und ergreifend war der Accent der leichten Tacttheile des zweiten und vierten Achtels, den der Geiger mit voller Gewalt untersttzte. Die Textesworte verstand der Graf nicht, die leidenschaftliche klagende Melodie traf aber mchtig sein Herz. Wie heit das Lied? fragte er am Schlusse die Sngerin. Ich will versuchen es Euch zu bersetzen, antwortete Czinka. Es ist meine Lieblingsnota, die Worte und die Melodie hat Anthony gemacht: O meine mden Fe, ihr mt tanzen In bunten Schuhen Und mchtet lieber tief Im Boden ruhen. O meine armen Augen, ihr mt blitzen Im Strahl der Kerzen Und mchtet im Dunkel lieber Schlafen von euren Schmerzen. Was kann ich Euch schenken? fragte der Graf an diesem Abende freundlich den jungen Geiger. Bis zur Stunde haben sie Alle von mir irgend eine kleine Gabe angenommen, nur Ihr allein nicht! Meint Ihr, es sei mir entgangen, wie Ihr die silberne Kette, die ich Euch durch Czinka berreichen lie, zerrissen und von Euch weggeschleudert? Erlaubt mir doch endlich Euch zu zeigen wie wohl mir Euer Spiel gefllt! Nun, so schenkt mir den kleinen Dolch, den Ihr immer mit Euch fhrt! antwortete Anthony nach kurzem Besinnen. Alfred zog die zierliche Waffe aus ihrem Futterale und berreichte sie nach kurzem Zaudern dem Geiger. Lat uns nun auch Freunde sein, sagte er. Die Augen des Knaben blitzten. Er prfte die feine Klinge und musterte mit Wohlgefallen den zierlich ausgelegten Griff. Dann schob er die Waffe in die lederne Scheide und verbarg sie an seiner Brust. Mit heiterem Lcheln dankte er nun dem Grafen und war von Stund an minder scheu und fremd zu ihm, aber wahrhaft zutraulich wurde er dennoch keinen Augenblick, so viele Mhe sich auch Alfred Saldern gab seine Zuneigung zu erwerben. * * * * * Tage und Wochen vergingen -- das Leben des Grafen glich einem phantastischen Mrchen, und er versprte zuweilen den Drang sich an Nase und Ohren zu zupfen, um zu erproben ob er wirklich wache. -- Jene nchtlichen Trume, in denen er die schne Czinka in seinem eleganten Hause in Wien sah, trumte er jetzt auch sogar am Tage: immer unabweisbarer tauchte der Gedanke in ihm auf, dies kstlich frische Kind als sein Weib heimzufhren. Zerflossen waren alle Bedenken, verstummt die widerstreitenden Stimmen in seiner Brust; die Stimme der Liebe hatte sie alle zur Ruhe gebracht. Das leidenschaftliche Verlangen nach dem Besitze eines Etwas das er _nicht_, wie sonst Alles was ihm gefiel, durch die Macht seines Reichthums zu erkaufen vermochte, entzckte ihn, -- er schwelgte in diesem neuen Gefhl und empfand zu Zeiten kaum die Sehnsucht sich durch ein entscheidendes Wort aus diesem, fr ihn so neuen, kstlichen Zustand zu erlsen. Ob Czinka seine Empfindungen ahnte? Er wagte es nicht zu hoffen. Sie war und blieb unbefangen gegen ihn wie ein Kind. Seine Geschenke hatte sie mit harmloser Mdchenfreude entgegengenommen, seinen Erzhlungen von der groen Kaiserstadt, von seinem Palaste, von den Genssen des Reichthums mit glhenden Wangen und leuchtenden Blicken gelauscht, wenn aber Anthony Czermak seine Geige stimmte, schnellte sie doch empor, wurde zerstreut und unachtsam, und spielte er in seiner kecken wilden Manier gar den ersten Tact irgend eines Tanzes, so hatte Alfred das Gefhl als ob diese Tne Czinka von einem offenen Grabe, worin man ihr Liebstes so eben versenkt, wegzulocken vermchten. Fast mit einem Schauer sah er zu, wie sie dann auf und dahin flog: ihr Busen wogte, ihre Fe berhrten kaum den Boden, ihre Augen lachten und die leichte Gestalt schwebte dahin, als sei eben die Bewegung des Tanzes ihr einziges Element. Lie sie endlich mit dem letzten Strich der Geige des braunen Knaben die Arme sinken und warf sich in's Gras, halberschpft, halb selig von der eben genossenen Lust, da htte der Graf sein Leben und seine Habe ihr zu Fen werfen mgen und doch war es ihm, als knne er dreister der stolzesten Herzogin in Wien einen Heirathsantrag machen, als zu dieser kleinen Zigeunerin von Liebe reden. Eines Tages jedoch, der Abend dunkelte bereits, sa er mit ihr auf einem kleinen freien Platze unfern des Lagers unter einer groen Eiche. Die Musikbande war schon am Morgen fortgezogen, um zu dem Hochzeitfeste eines reichen Bauern aufzuspielen, mehrere der Mnner und Frauen hatten sie begleitet. Es war still im Zigeunerlager. Das Feuer schimmerte durch die Bsche, das Lrmen und Lachen der spielenden Kinder drang gedmpft herber. Czinka war ungewhnlich ernst. Alfred Saldern sa stumm an ihrer Seite. Als die Sonne sank, brach das junge Mdchen pltzlich in Thrnen aus und sagte: Um diese Stunde, heute vor fnf Jahren, starb meine Mutter und lie mich allein. Den Vater habe ich nie gekannt, der starb ehe ich geboren war! Nach diesen Worten kte sie ein kleines Kreuz, das sie am Halse trug. Ich mchte so gern wieder einmal in meiner Kirche beten, fuhr sie dann gedankenvoll fort, nehmt mich doch einmal mit nach Zircz! Die Andern lassen mich nicht allein fort und sind keine guten Katholiken! -- Wenn die Mutter noch lebte, wre ich auch wohl nicht mehr hier unter ihnen! Wir wollten damals nach Raab ziehen oder vielleicht gar in's sterreichische Land mit dem Anthony, damit er tchtig Geige spielen lerne und ein groer Musikant werde. Armer Anthony! Beklagt ihn nicht, Czinka, fr ihn liee sich noch Hlfe finden -- noch ist es Zeit, ich will ihn mit nach Wien nehmen, wir haben dort hochberhmte Meister bei denen er Tchtiges lernen knnte. Sie fuhr empor mit leuchtenden Augen. O wie gut Ihr seid! rief sie freudig und fate seine Hnde. Wollt Ihr das wirklich? -- Dann ginge ja die bse Weissagung der Czinka Panna, meiner Gromutter, nimmermehr in Erfllung! -- Habt Ihr niemals von jener vielgefeierten Zigeunerin und Quartettspielerin reden hren? Nun seht, sie starb an dem Tage meiner Geburt. Aber man brachte mich an ihr Bette und da legte sie ihre kalten Hnde auf mein Haupt und murmelte: Armes Kind! Du wirst leben mssen ohne die berauschende Musik unseres Volkes und wenn eines Tages der grte Geiger unsers Stammes die =siralmas nota= vor Dir spielt, wird es -- in Deiner Todesstunde sein! Wenn nun aber der Anthony Czermak wirklich ein _groer Geiger_ wird, so werde ich ihn alle Tage spielen hren, denn er wird mir oft genug die =siralmas nota= geigen wenn ich erst seine Frau bin. Ihr des Anthony Frau? Ja, so wollte es die Mutter, um die Prophezeiung der Gromutter zu nichte zu machen. Sie liebte den Anthony, der auch schon lngst keine Eltern mehr hat, und Anthony liebt mich sehr! Und Ihr, Czinka -- Ihr selbst -- redet doch -- mchtet _Ihr_ denn solch eines wandernden Zigeuners Weib werden? Sie sah ihn erstaunt an, des leidenschaftlichen Tones wegen, in dem er geredet. Er war so bleich geworden da sie erschrak und eine Bewegung machte sich zu erheben. Mit Heftigkeit aber schlang er seinen Arm um ihren schlanken Leib, zog sie zu sich nieder und rief: Nicht eher weicht Ihr, Czinka, als bis ich Euch Alles gesagt! Und als sie bebend es geschehen lie da er ihren Kopf an seine Brust lehnte, da redete er mit leisen glhenden Worten von seiner unbesiegbaren Liebe zu ihr, zu der wilden Rose, die da so dicht an seinem Herzen blhte und strahlte. Was er ihr sagte und versprach -- sein Kopf wute nichts davon, sein Herz allein redete. -- Lange whrte es auch nicht -- dann kam die Endfrage, die er aber mit fester, fast feierlicher Stimme aussprach: Czinka, wollt Ihr mein Weib werden und mir in meine Heimath folgen? Er schwieg wie von einer schweren Last befreit, und lehnte mit dem Ausdruck der Erschpfung seinen Kopf an den Stamm des Baumes, dessen Zweige sie Beide beschattete. Da richtete sie sich langsam aus seinen Armen auf, sah ihn traurig an und antwortete mit langsamem Kopfschtteln nur das eine Wort: Nein! aber so ruhig, so unabweisbar, da er fhlte, wie keine Bitten und Klagen diesen Laut in ein Ja zu verwandeln vermchten. -- Ein unendlicher Schmerz zog durch seine Seele. Schweigend senkte er die Stirn. -- Was kmmerte es ihn zu wissen, was sie zu diesem Nein getrieben? Wozu noch ein Auseinanderreien der Wunde, die er empfangen? Er sah sie noch einmal an, wie sie in ihrer sinnverwirrenden fremdartigen Schnheit vor ihm sa, die Fleisch gewordene Blthe des =Cactus speciosissimus= -- dann ri er ihre Hnde an seine Lippen und sagte einfach: Lebt wohl, Czinka! Da neigte sie ihr liebliches Haupt herab und kte ihn leicht wie ein Hauch auf die Stirn. Lebt wohl! flsterte auch sie. Aber pltzlich fuhr sie empor und wurde todtenbleich. Hrtet Ihr nicht einen Seufzer, wie das Todeschzen eines getroffenen Rehs? fragte sie leise und ngstlich. Er schttelte den Kopf und stand auf. Wirre Tne, Rufen und Lachen, klangen vom Lager her. Sie sind wiedergekommen! sagte Czinka tiefaufseufzend. Anthony sucht mich gewi! Dann legte sie ihre Hand auf den Arm Alfreds und flsterte: Jetzt wei ich, da ihr den Anthony _nicht_ mit nach Wien nehmen knnt, -- aber ich danke Euch doch da Ihr es gewollt! Verget mich und ihn, ich bitte Euch! Sie verschwand im Gebsch. Er blieb noch einen Augenblick in tiefen Gedanken stehen, dann schlug er einen Seitenweg ein, der ihn zu seinem Wagen leitete. In Zircz angekommen, befahl er seine Sachen sogleich zu packen und fuhr in derselben Nacht noch nach Raab. Dort blieb er einige Tage, trieb sich ruhelos umher und schwankte stndlich zwischen Abreisen und Bleiben. Die Festungsmauern beengten ihn, die dstern Straen erhhten seine Schwermuth, nur in dem Stadtviertel der Juden und Zigeuner, und in dem herrlichen alten Dom athmete er auf. Stunden lang konnte er in den schlechten Schenken sitzen und die Gestalten der ungarischen Zigeuner anstarren, die dort zechten, scherzten und ihr wildes Wesen trieben. Nur wenn irgend Einer der Bande seine Geige stimmte, ppige Frauengestalten aus den Winkeln auftauchten und der Wirth die Bnke zusammenrckte, um die niedere schmale Stube in einen Tanzsaal zu verwandeln, floh er, aber die tolle Musik, das Jauchzen und Stampfen folgte ihm bis an das Portal des ernsten Gotteshauses, allwo erst der bse Spuk wich. Wie viele Tage er in Raab vertrumt -- er hatte sie nicht gezhlt -- eines Abends aber stand Alfred Saldern an dem Fenster des Gasthauses mit dem festen Entschlusse, am nchsten Morgen nach Wien abzureisen. Der Regen schlug an die Scheiben, der Wind heulte, im Hofe irrten Laternen umher, -- auf den Straen war es stille, -- auf Flur und Treppen nicht minder, obgleich es noch frh am Abend war. Die Lampe brannte dster auf dem Tische, gespenstische Schatten zuckten an den Wnden auf und nieder. Ein unsagbares Heimweh berkam den Verlassenen -- aber kein Heimweh nach seinem in all seiner Pracht doch den Hause in Wien, oder nach den Gestalten der Genossen seiner rauschenden Freuden, nein, eine verzehrende Sehnsucht nach der lngst gestorbenen Mutter, nach der lngst begrabenen Schwester, -- ja nach dem kaum gekannten Vater, und in tiefer Wehmuth legte er seine Stirn in die Hnde und fhlte Thrnen -- seltene Gste -- in seinen Augen. Da klopfte es rasch an die Stubenthr, sein Diener trat ein und meldete einen Knaben, der nach ihm gefragt. Zerstreut winkte der Graf ihn einzulassen. Er blickte kaum auf, in seine Erinnerungen versenkt, als die schlanke Gestalt eintrat -- er zuckte erst mit einem Schrei empor als eine kleine Hand, deren Pulsschlag ihn sympathisch berhrte, die seine erfate. Hastig wandte er sich nun und erkannte, trotz der entstellenden Tracht, trotz des verschnittenen Haars -- Czinka, das geliebteste Geschpf der Erde. Mit einem Laut des Entzckens ri er sie an seine Brust, er sah nicht wie bleich sie war und wie sie zitterte. Hier bin ich, sagte sie mit leidenschaftlichem Trotze, ich will Dein Weib werden -- vergi, da ich Dir einst nein gesagt, aber Eins mut Du mir zuvor versprechen: Du mut ihn mir suchen helfen, den Anthony. Er ist in derselben Nacht da Du uns verlassen, mit seiner Geige entflohen, hinaus in die weite Welt! Niemand wird und kann mir suchen helfen als Du, Du allein! _Und wir werden ihn finden_ -- nicht wahr? * * * * * Der Namenstag des Grafen Alfred rckte heran und noch wute Niemand, wo der wunderliche Flchtling sich umhertrieb. Manche glaubten ihn auf seinem schnen Gute in der Steyermark, Andere in Italien, wieder Andere wollten gehrt haben, da er sich am Rhein niedergelassen, und Alle bedauerten den Ausfall des sonst allezeit so glanzvollen Festes, als pltzlich die Einladungen fr diesen Tag in gewohnter Weise ergingen, die fast ein Jahr lang verschlossenen Fenster und Thore des Saldern'schen Palastes sich ffneten, und bald in ihrem sonstigen Schmuck an Blumen und kostbaren Umhngen wiederum strahlten. Neugierige Freunde eilten herbei, aber der alte Haushofmeister wies einen Jeden ab mit der ruhigen Bemerkung, sein Herr sei noch bis zur Stunde nicht zurckgekehrt. Mit welcher Spannung man endlich am bestimmten Tage die prchtigen Raume des Festgebers betrat, lt sich denken. Ob er wohl jenes Versprechen halten wird, das er vor einem Jahre der Versammlung gegeben, ob er sich verlobte auf seiner langen Reise, oder ob er irgend einer der geladenen Schnen ffentlich Herz und Hand anzubieten gedenkt? diese Fragen beschftigten die meisten der Gste. Treppen, Flur und Vorzimmer waren ungewhnlich glnzend decorirt, aber im Empfangzimmer wurden Viele unangenehm berrascht: _Tageshelle_ statt des gewohnten Kerzenlichts strmte ihnen entgegen; doch verschwand diese kleine fatale Empfindung bald bei dem beraus liebenswrdigen Empfang des Grafen, der dies Mal seine Gste mit dem Ausdrucke wahrer Freude begrte, und jedem Einzelnen zu verstehen zu geben sich sichtlich mhte, wie sehr angenehm ihm gerade seine Erscheinung sei. Jeder und Jede sagte sich: so freundlich lchelte er noch nie, so verbindliche Worte hrte ich noch nie von ihm! Die Stimmung der Versammlung war deshalb sofort eine heitere, trotz aller Spannung. Als der Speisesaal geffnet wurde, der auch im vollsten Tagesglanze strahlte, bewunderte man die geschmackvoll aufgehufte Pracht der Gerthe und seltenen Blumen. Der Hausherr fhrte seine Tante zur Tafel, die alte Marquise d'Anville, die aber dies Mal ihre starre Miene abgelegt und mit schlauem Lcheln um sich schaute; ihm zur Rechten sa die schne Grfin Delphine -- der Platz auf seiner linken Seite blieb ganz frei -- ein leerer rother Sammetsessel stand dort und statt des Couverts erblickte man eine silberne Vase von herrlicher Arbeit, aus der ein selten schnes Exemplar des =Cactus speciosissimus= seine feurigen Blthen durch den Saal leuchten lie. Das Diner war glnzend, doch wollte die Unterhaltung, trotz der Lebhaftigkeit des Wirthes und der ungewhnlichen Redseligkeit der alten Marquise, nicht recht in Flu kommen, sie stockte fter als der gute Ton es erlaubt, die Erwartung und Ungeduld der Gste wuchs zusehends, man flsterte unverhohlen mit einander, die Blicke der Mnner wurden immer zerstreuter, das Lcheln der Frauen immer gezwungener. Endlich wurde das Desert aufgetragen, der feurige Cliquot lste die Zungen, der erste Toast auf den Hausherrn flog durch den Saal. Da erhob der Graf dankend sein Glas, lie seine stolzen blauen Augen heiter ber die Versammlung wandern, und sagte mit heller Stimme: Ich kam nur zurck von meiner Reise um meinen liebenswrdigen Gsten ein Versprechen zu halten, das ich Ihnen vor einem Jahre an eben dieser Stelle gegeben. Darf ich also bitten die Glser auf das Wohl meiner _Hausfrau_ zu fllen? Strmischer Beifallsruf war die Antwort. Als der Jubel verhallt, verlangte man einstimmig die schne Wirthin zu sehen. Dieser leere Sessel ist fr die Knigin dieses Hauses bestimmt, wie Sie Alle wohl schon lngst vermuthet, ich hoffe, sie weigert sich nicht ihn einzunehmen! sagte nun Alfred und erhob sich. Die schne Delphine warf schnell einen schmachtenden Blick in den gegenber hngenden Spiegel: das weie, theure Spitzenkleid, in Paris gemacht, sa vortrefflich, der blarothe Atlas des Unterkleides schimmerte wie Morgenroth durch die kstlichen Kanten, die Rose an der linken Seite der langen Locken htte freilich noch etwas tiefer, mehr wie herabgesunken, stecken knnen, die dumme Margot verstand doch gar Nichts! Das Freifrulein Melanie aber, das dem Grafen gegenber sa, warf ihm zu derselben Zeit einen kecken Blick zu und lachte, -- sie wute nmlich genau da sie nie hbscher war, als wenn sie lachte. Beide Damen knpften jedoch ein eifriges Gesprch an mit ihren Nachbarn, denn sie hrten, da der Graf seinen Sessel rckte und -- man mute ja die _Ueberraschte_ spielen, wenn man ihn pltzlich vor sich sah! Allein sie sprachen und sprachen -- was sie redeten, wuten weder sie selber noch verstanden es ihre Nachbarn, -- es dauerte auch allzu lange! Endlich muten doch Beide ein wenig zur Seite blinzeln und da sahen sie -- wie die Sammetportire eines Seitencabinets zurckgeschlagen wurde, und der Graf auf dessen Schwelle erschien. -- Aber an der Hand fhrte er eine Frau, die er zu jenem leeren Sammetsessel geleitete und mit den einfachen Worten: Czinka, Grfin von Saldern, jetzt der Versammlung vorstellte. Die neue Grfin verneigte sich mit der schchternen Grazie eines Kindes, und nahm den Platz an der linken Seite ihres Gemahls neben der alten Marquise ein, die sie mit mtterlicher Zrtlichkeit empfing. Da meine Frau als Ungarin unsere deutsche Sprache nur mangelhaft versteht und kaum redet, so sieht sie sich fr heute zu ihrem Bedauern noch genthigt auf das Vergngen der Unterhaltung mit meinen Freunden zu verzichten, sagte der Graf noch, dann knpfte er sofort mit seiner schnen, fast zu Stein erstarrten Nachbarin so unbefangen ein Gesprch an, als gbe es keine Grfin Saldern in der Welt und die stolze Delphine war Weltdame genug, um scheinbar heiter auf seine Unterhaltung einzugehen. Dann und wann wandte sich jedoch Alfred Saldern mit einem sonnigen Blick und Lcheln zu seiner jungen Frau, ihr einige leise Worte zuflsternd, die sie eben so leise und mit einem lieblichen Errthen beantwortete. Redete er nicht mit ihr, und gnnte die Marquise d'Anville ihr Ruhe, so sa sie ernst und gedankenvoll da und betrachtete mit dem Staunen eines jungen Mdchens das zum ersten Mal den Ballsaal betritt, jene glnzenden Gestalten der Gste, die sich um die Tafel reihten. Aber berall begegnete ihr Blick dem Ausdruck so lebhafter Bewunderung und Neugier, da sie endlich ihre dunklen traurigen Augen senkte, und nicht anders wieder erhob als um ihren Gemahl anzusehen, oder jene stolze Purpurblthe in der silbernen Vase vor ihrem Sitze. -- Die junge Grfin trug ein Kleid von kostbarem indischen Mousselin, mit Spitzen reich verziert, der zarte Hals, die feinen Schultern und Arme schimmerten durch den klaren Stoff doppelt reizend. Die Aermel waren mit Korallenagraffen zurckgenommen, eine Kette von Korallen mit einem prachtvollen Schlo schlang sich um ihren Hals, eine andere um die zierlichen Handgelenke. In dem schwarzen lockigen, kurzverschnittenen Haar trug sie einen Kranz von Granatblthen. Ihr Gesicht, leicht angehaucht von einem kstlich feinen Bronceton, war bezaubernd in seinen Linien und in dem Ausdruck einer sanften Melancholie. Die Lippen strahlten in kstlicher Frische, und es war nicht mglich sich schnere Augen mit vollkommnerer Zeichnung von Brauen und Wimpern zu denken, so behaupteten wenigstens alle mnnlichen Gste des Grafen, whrend die Frauen den Augen der Grfin Saldern wenigstens in so fern Gerechtigkeit widerfahren lieen, als sich eine Jede gestand, sie seien, ihre _eigenen_ Augen natrlich ausgenommen, die hbschesten im Saale. -- Zu diesem glnzenden Vorzug der jungen Frau kam aber noch ein Jugendschein, eine Frische, die in den Herzen der smmtlichen Schnheiten der Tafelrunde die heieste Sehnsucht erweckten nach -- dem verbannten _Kerzenlicht_, die Herzen der Mnner dagegen in lebhafte Bewegung versetzte. Das war der wirkliche Frhling der sechszehn Jahre der auf dieser Stirn, auf diesen Wangen seinen Siegerthron aufgeschlagen, jener reiche Frhling mit seinem ppigen Grn, seinen Knospen und Verheiungen, seinem Duft und Schimmer. -- Ein sechszehnjhriges liebliches Mdchen ist ja eine wilde Rose im Walde, eine Siebzehnjhrige eine Moosrosenknospe, die Achtzehnjhrige die Moosrose selbst ---- die Neunzehnjhrige aber schon meist ---- eine Theerose ---- zuweilen reizend zart, schmachtend ---- und Theerose bleibt sie dann bis ------ die Liebe kommt, sie in eine Centifolie zu verwandeln und sie vor dem bittern Loose zu schtzen eine -- Klatschrose zu werden.-- Als die Tafel aufgehoben war und die Gste sich zurckgezogen hatten, entlie die junge Frau die glnzende Versammlung mit so vollendeter Haltung, da Niemand _laut_ gewagt htte -- wenigstens an demselben Tage noch nicht ---- die berraschende Wahl des Grafen zu bekritteln.-- * * * * * O meine mden Augen, Ihr mt blitzen Im Schein der Kerzen Und mchtet doch im Dunkeln Schlafen von euren Schmerzen. Jahre waren hingegangen. Aus der sechszehnjhrigen wilden Rose war eine bleiche vornehme Theerose geworden, Czinka Saldern trat als sechsundzwanzigjhrige Frau so sicher auf, in der groen Welt, als htte sie sich von Kindheit an in derselben bewegt. Man bewunderte die junge Frau, man machte ihr den Hof, sie war eine gefeierte Erscheinung wo sie sich zeigte, und die Eigenthmlichkeit ihres Wesens und das Fremdartige ihrer Schnheit rechtfertigte diese Bewunderung vollkommen. Ihre Gestalt war noch immer schlank und zierlich, aber von vollendeten Formen, ihr Gesicht mit dem Ausdrucke geduldiger Trauer um den Mund, und den Augen voll verschleierter Leidenschaft war hinreiender denn je. Sie lernte die deutsche Sprache nie vollkommen und schien sie auch nicht gern zu reden; dieser Mangel und ein unbezwinglicher, fast trotziger Stolz, allen Huldigungen gegenber, erwarben ihr den Namen die fremde Knigin. Als eine auffallende Seltsamkeit bezeichnete man ihre Abneigung gegen den Tanz. Niemand konnte sie bewegen auf den Bllen einen Fu zu heben zu irgend einem Walzer oder Galopp. Sie sa dann ruhig und trumerisch auf der Estrade und schaute zu. Solche Musik macht mich nicht tanzen, sie schlfert mich ein, sagte sie einmal. Eine zweite Eigenthmlichkeit nannte man ihre unbezwingliche Reiselust. In jedem Frhjahr wurde sie nmlich von einer Unruhe und Sehnsucht nach der Ferne befallen, die nicht eher endete als bis sie in den Reisewagen stieg. Man tadelte den Grafen, da er alljhrlich immer wieder diesen kostspieligen Launen nachgab, den grten Theil des Jahres mit seiner Frau auf Reisen zubrachte und Europa nach allen Richtungen hin durchstreifte. Wie ein Kind froh, lachend und strahlend nahm sie allezeit Abschied, und mde und bleich kehrte sie zurck. Allmhlich munkelte man deshalb auch, da der Graf doch vielleicht nicht ganz glcklich sei, und bemerkte mit weisen Mienen, wie es doch wohl nimmer rathsam sein knne sich eine Curiositt als sein Weib heimzufhren. Der Graf selbst gab durch sein Wesen durchaus keinen Grund zu dergleichen Bemerkungen, er erschien alle Zeit heiter und angeregt, arrangirte und besuchte Feste wie sonst, begegnete seiner Gemahlin mit der ausgezeichnetsten Aufmerksamkeit, hatte nur Augen fr sie, schien es aber doch nicht zu sehen, da die junge Frau, trotz ihres Lchelns, einer welken Blume glich oder einer an Heimweh Erkrankten. Wie man aber in _Wien_, der unvergleichlichen Kaiserstadt, sich nach irgend etwas zu sehnen vermochte das Drauen lag, das begriff eben Niemand. War aber Czinka wirklich heimwehkrank? -- Sie wute es selbst nicht. Sie fhlte nur, da sie gern sterben wrde wenn sie noch einmal den Wald von Zircz ber ihrem Haupte rauschen, und Anthony Czermaks Geige dazu htte spielen hren drfen. Der bse Anthony -- wo war er nur, und warum war er davon gelaufen? Tagtglich dachte sie ja an ihn und alljhrlich suchte sie ihn mit einer Angst und Hast, die sie krank machte, -- und bis zur Stunde hatte sie noch keine Spur von ihm gefunden. Wie gut doch Graf Alfred war -- er hatte ihn so treulich suchen helfen -- er hatte sein Versprechen gehalten! -- Und wenn sie den Flchtling endlich wirklich finden wrde? Was dann? -- Sie kam nicht weiter mit ihren Gedanken -- sie dachte nur daran, da er dann alle die wilden kstlichen Melodien spielen und sie -- _tanzen_ drfe. O, tanzen, nur noch einmal tanzen nach _seiner_ Geige, -- das war die heimliche glhende Sehnsucht ihres Herzens. Wie oft verschlo sie sich in ihrem Schlafzimmer und ffnete einen schmalen unscheinbaren Schrein, der zu Hupten ihres Bettes stand, zog dort zwischen einem Bndel von Kleidern ein Paar kleine rothe Schuhe hervor, und legte sie an. Dann hob sie ihr schleppendes Seidenkleid ein wenig und sah lchelnd wie ein Kind auf ihre Fe, stampfte wohl auch einmal den Boden und stellte sich auf die Spitzen und schwankte, wie eine vom Winde bewegte Blthe, hin und her. Nach einer Weile zog sie die rothen Schuhe aber langsam wieder aus, drckte sie an die Lippen und schluchzte bitterlich. Dann verschlo sie ihre Kleinodien sorgsam wieder und ihre gewhnliche stolze Haltung annehmend, verrieth, wenn sie die Thr ffnete, kein Zug ihres Gesichts jene heimlichen Thrnen. Im elften Jahre seiner Ehe, gegen das Frhjahr hin, sah sich der Graf genthigt, seine Frau auf einige Wochen zu verlassen, um nach Steyermark abzureisen. Auf seinem schnen Besitzthum dort, das ihm der Bruder seiner Mutter hinterlassen, war Feuer ausgebrochen, ein Theil der Wohngebude zerstrt worden, und der Gutsverwalter bat dringend um den Rath und das Erscheinen seines Herrn. Gleich nach des Grafen Rckkunft wollte dann das Paar eine lngstbesprochene Reise nach Spanien antreten. Alfred trennte sich schweren Herzens von Czinka, es war ja die erste grere Trennung von ihr, und als er sie an einem kalten trben Mrzmorgen zum Abschied in seinen Armen hielt, lag das Vorgefhl eines ungeheuren Wehs auf seiner Brust. Sei heiter, Czinka, bat er, zerstreue Dich und schliee Dich nicht ab -- in vier Wochen sptestens bin ich bei Dir und dann, -- Du weit es ja, _dann suchen wir ihn wieder_! Und dies Mal vielleicht nicht umsonst. Sie sah ihn gerhrt an: Wie gut Du bist! antwortete sie leise, tausend Mal besser als der Anthony! Gott segne Dich, Alfred. Ich wollte, Du bliebest hier! Er kte sie noch einmal zrtlich, der Wagen fuhr vor, er ging -- sie neigte sich aus dem Fenster und winkte ihm noch einen letzten Gru nach. Der Wagen rollte dahin. -- Als die Grfin dann die groen Rume durchschritt, um sich wieder in ihr Boudoir zu begeben, strmte pltzlich das Gefhl der Verlassenheit wie ein Eishauch durch alle ihre Glieder. Sie eilte, angstvoll und erschreckt wie ein Kind das sich im Dunkeln befindet, die Treppen hinauf, warf sich in ihrem reizenden Gemach auf den Divan und weinte bitterlich. * * * * * Die einzige Freude und angenehmste Zerstreuung der Grfin seit lngerer Zeit und insbesondere nach der Entfernung des Grafen, war der Besuch des Ballets. Sie zog jene Stunden im Theater der glnzendsten Gesellschaft vor, und an jedem Balletabend stand das elegante Cabriolet der Grfin vor der Thr des Saldernschen Hauses und man konnte spter die schne Frau, meistens in Wei gekleidet, welche Farbe sie am Liebsten trug, in Begleitung der Marquise in ihrer Loge erscheinen sehen, aus deren dunkelrothem Hintergrund sich der seltsam fesselnde Kopf wundervoll abhob. Kaum vierzehn Tage nach der Abreise Alfreds war ein neues Ballet angekndigt, und beim Beginn der Vorstellung sa Czinka Saldern einsam in ihrer Loge, mit jenem schweren trumerischen Blick und jener nachlssigen Haltung, die ihre Feindinnen verdammten, die aber ihre Anbeter entzckte. Den Theaterzettel hatte sie spielend zusammengerollt zwischen ihren zierlichen Fingern, sie wute nicht was er ankndigte, das Lesen war so mhsam! Die Marquise d'Anville htete heute eines kleinen Unwohlseins halber das Zimmer. Das Theater erschien ungewhnlich gefllt. Die Logennachbarin der schnen Frau, die alte Herzogin M., erzhlte ihr da heute eine ausgezeichnete Musikbande spielen werde. Der Vorhang flog auf -- die Grfin zuckte zusammen. Alles Blut drngte sich nach ihrem Herzen. -- Die Decoration stellte ein Zigeunerlager vor. Das Feuer brannte, Mnner und Frauen lagerten im Kreise, spielende Kinder liefen umher, der Mond stand ber dem Walde. Da tnte der erste Accord einer fremden Musik -- er bertnte einen schwachen Aufschrei, der sonst wohl groes Aufsehen gemacht haben wrde, denn er kam aus dem Munde der schnen gefeierten Grfin Saldern. -- Das war ja eine wirkliche Zigeunerbande, die da spielte! Czinka glaubte zu trumen. Das war ja jener hpfende, hinreiende Tact, das waren jene leidenschaftlich zuckenden Syncopen, der unregelmige Herzschlag der punktirten Achtel, die wie Blitze niederfahrenden unvorbereiteten Septimen und Nonen, und endlich diese Halte auf der Dominante, gleich wie stockender Athem bei dem Worte: ich liebe Dich! -- Sie starrte in wilder Erregung auf die Bhne. Zwlf junge Zigeuner zogen paarweise herein und gruppirten sich malerisch. Aber wer war jener seltsame, schlanke, hochgewachsene Geiger mit der finstern Stirn und den todestraurigen Augen, der jetzt einige Schritte vortrat und ein Geigensolo begann dem das ganze Haus wie von einem Zauber befangen lauschte? -- Niemand wute es, denn sein Name stand nicht auf dem Zettel. Und doch kannte ihn Eine, Eine nannte heimlich seinen Namen, Eine hing an seinen Zgen mit leuchtenden Augen, -- aber diese Eine allein regte keine Hand als das ganze Haus in Jubel ausbrach als der Geiger geendet. Man war entzckt, fast verwirrt von der seltsamen Schnheit dieses Spiels. Die Wiener hatten noch keinem der berhmtesten Geigenvirtuosen _so_ toll zugejauchzt wie jetzt diesem braunen unbekannten Zigeuner. Endlich als sich der Sturm gelegt, begann das Ballet, die steif geschnrten gezierten Zigeunerdamen des Balletcorps erschienen nmlich, und begannen einen kunstvollen Tanz nach der pltzlich voll losbrechenden Zigeunermusik. -- Da glitt die Grfin geruschlos aus der Loge -- da lief sie, in ihren leichten Mantel gewickelt, in den feinen Atlasschuhen pfeilgeschwind durch die Straen nach Hause, da schlich sie wie eine Diebin die Treppe der Dienerschaft hinauf, in ihr Schlafzimmer, da zog sie jenen geheimnivollen Schrein hervor, schlo ihn auf, warf ihre Kleider ab in fieberhafter Hast, -- und schlich nach Verlauf von kaum einer Viertelstunde tief vermummt wieder fort, an dem Kammermdchen und dem Portier vorber, die zu tief in ihrer Unterhaltung begriffen waren, als da sie jene vorberhuschende Gestalt bemerken konnten. -- Im Theater war eben der erste Theil des Ballets vorber, lebhafter Beifall lohnte den erschpften Ballerinas. Pltzlich verstummte aber der Jubel, denn eine neue Ueberraschung enthllte sich. -- Durch die Reihen der Tnzerinnen brach sich eine schlanke Frauengestalt Bahn. Sie trug einen kurzen rothen Rock mit seltsamen goldenen Zeichen gestickt, ein eng anschlieendes Mieder, kleine rothe Schuhe und silberne Ringe an den Handgelenken. Ihr Haar hing in schweren Flechten herab. Wie schn war sie! Wie fremdartig schn! Und doch meinten Viele dies Antlitz schon einmal gesehen zu haben! Aber wo? -- Sie warf einen Feuerblick auf den Geiger und rief: =Huzdra Czigny!= (Spiel auf, Zigeuner!) -- Da fuhr es wie ein Blitzstrahl durch die Gestalt des Mannes, seine Lippen wurden aschfarben, seine Augen traten aus ihren Hhlen, er regte sich nicht -- wie zu Stein erstarrt stand er da. Aber sie trat dicht an ihn heran -- jetzt selber so bleich wie er, -- und sagte mit der Miene einer Knigin: =Huzdra, Anthony Czermak!= Ihr Blick der nicht von ihm lie, belebte allmhlich die dunkle Statue. Wie im Traume erhob der Zigeuner seine Geige und spielte. Was er spielte -- in Worten lie sichs nicht fassen, noch mit Worten bezeichnen: wie gewitterschwle Wolken zog es ber die Hupter der Hrer hin, wie ein glhendheier Sommerabend voll schweren betubenden Blumendufts und Wetterleuchten. Im weiten Saale regte sich Niemand. Keiner war da der solches Geigenspiel je gehrt. Wer konnte sagen, wo die gewaltigste Schnheit: im Ton, in der Bogenfhrung, in der Composition? -- Und zu diesem hinreienden Spiel tanzte die fremde Tnzerin wie man noch Keine hatte tanzen sehen. Das war der Tanz wie er zu diesem Spiel gehrte -- oder war das Spiel fr diesen Tanz gemacht? -- Die reizende keusche Beweglichkeit der Glieder -- der tolle Jubel und die schmerzliche Lust dieses Tanzes entzckte und erschtterte jedes Herz: -- wie Waldesrauschen zog es durch das Haus, wie Elfenmrchen von der todtbringenden Knigin zitterte es durch den Saal -- wie ein Traum lag es auf Aller Augen. -- Die Menge kam erst wieder zur Besinnung als die Zaubergeige lngst verstummt war. Das Zigeunerorchester fiel nun rauschend ein. Die Ballettnzerinnen sprangen hher und kunstvoller denn je -- die Gestalten des Vorgeigers aber und seiner Tnzerin waren verschwunden! * * * * * Im dem kleinen zierlichen Gartenhause des Saldern'schen Gartens lag Anthony Czermak zu den Fen Czinka's, eine kleine Lampe brannte auf dem Tische, die Lden der Fenster waren geschlossen. Die Grfin trug aber nicht mehr jenes Zigeunercostm, das sie whrend des tollen Tanzes getragen, sie hatte sich in ein weites dunkles Hauskleid gehllt und einen Mantel frstelnd um die Schultern geschlagen. Sie sah sehr bleich und erschpft aus, und ihre Augen hingen voll leidenschaftlicher Trauer an der Gestalt des Geigers, der vor ihr kniete. Langsam strich sie ihm mit der schlanken Hand das lockige Haar aus der Stirn: Du siehst so fremd und wild aus, sagte sie in weichem Ungarisch trumerisch. Sage lieber verloren und untergegangen, antwortete er dster. Da Du mich verloren ist ja Deine Schuld, -- Du hast es selbst gestanden, Anthony! Ich _konnte_ nicht mehr an Dich glauben als ich Dich an jenem Abend Stirn an Stirn mit _ihm_ sah, -- aber ich wunderte mich, da ich Euch Beide nicht niederstie damals. Es wre vielleicht besser gewesen fr uns Alle. Wie Du das traurig sagst -- wie Du traurig blickst, Czinka, und wir haben uns doch wieder gefunden, wir sind doch wieder bei einander, Du wirst mir folgen und alles Leid wird vergessen sein! Ich gehe nicht _heimlich_ von ihm fort, ich wiederhole es Dir -- er ist zu gut! Es wrde ihm das Herz brechen! Mag es doch -- hast Du nicht das meinige tausendfach gebrochen? Aber Du hast es so gewollt in blinder Eifersucht und Du hattest einen Trost: _Deine Geige_ -- _er_ hat keinen Trost wenn ich ihn verlasse. Er schwieg eine Weile und sah finster zu Boden. Dann fragte er hart: Und wann willst Du kommen? Wenn ich ihm Alles gestanden -- wenn er wieder bei mir ist. La mich rechnen: -- in etwa vierzehn Tagen wird er zurckkehren. Dann wirst Du in der Stunde des Wiedersehens noch mit ihm reden, hrst Du? Sie neigte bejahend das Haupt. Ich erwarte Dich dann hier an dieser Stelle, oder einen Brief von Dir, fuhr er fort, der mir die Stunde unserer Vereinigung angiebt. -- Du wirst mich nicht warten lassen Czinka, ich wei es! Er stand auf. Ich werde kommen, flsterte sie, ich werde ihm in der ersten Stunde unseres Beisammenseins Alles, Alles sagen, Anthony, und er wird mich freigeben, -- und sollte ich zgern aus Muthlosigkeit oder aus Mitleid, so komm mit Deiner Geige unter mein Fenster und rufe mich, -- Deiner Geige mu ich folgen ohne Wahl. Du bist ein Dmon mit Deinem Spiel! Ich glaube, es risse mich in die Hlle! Ich htte vielleicht wie die Engel im Himmel geigen gelernt wenn Du bei mir geblieben. Sprich nicht so, Du thust mir weh, sag' mir lieber wer Dich so spielen lehrte? Mein verzweifeltes zertretenes Herz! Armer Anthony! La mich -- reiche mir nicht die Hand hin -- das sieht aus wie ein Almosen! Ich will kein Almosen, ich will Dich -- _Dich_ mit Leib und Seele -- geh weg mit Deiner Hand und la Deinen mitleidsvollen Blick von mir! -- Hier ksse dies Amulet auf meiner Brust, Czinka, -- Du weit, da Deine Mutter es mir umgehngt, als sie mich zu Deinem knftigen Schtzer bestimmte, und da Deine berhmte Gromutter, die weise Czinka Panna, es getragen, ksse es, sage ich und schwre, da Du kommen willst! Sie berhrte den aus einem Stein geschnittenen Stern und schwur. So leb' denn wohl, Du geliebte Verlorene! Auf Wiedersehen Czinka, auf Wiedersehen, zu einem Leben voll toller Lust! Er neigte sich, nahm ihr bleiches Antlitz zwischen seine beiden Hnde, sah sie mit einem verzehrenden Blicke an und murmelte: Ich erwarte Dich, Grfin Czinka Saldern! O, Du bist noch schn genug um die Geliebte Anthony Czermaks zu werden! Dann lie er sie los und ging in die Nacht hinaus. * * * * * Zwei Tage spter erhielt die Grfin die entsetzliche Nachricht, da ihr Gemahl todtkrank in einem kleinen Dorfe an der Grenze von Tyrol daniederliege. Auf der Rckreise begriffen war er mit dem Wagen umgeworfen und schwer verletzt in das Haus des menschenfreundlichen Caplans in B. getragen worden. Eilen Sie, schrieb der wrdige Geistliche an die Grfin, dem Sterbenden den letzten Trost ihrer Gegenwart zu bringen, er nennt Ihren Namen mit dem Ausdruck innigster Sehnsucht. Czinka war fast gelhmt vor Schreck und Trauer. Sie lie sogleich das Nthigste packen und reiste wenige Stunden nach Ankunft der Schreckensbotschaft in Begleitung ihres Hausarztes nach dem Orte des Unglcks ab. Nach beschwerlicher, unausgesetzter Fahrt von mehreren Tagen, kam sie gegen Abend in dem lieblichen B. an. Sie lie sich ohne Aufenthalt in's Pfarrhaus fhren. Es lag wenige Schritte vom Dorfe entfernt in einem reizenden Garten, und sah aus wie eine Sttte des Friedens, wie ein Zufluchtsort fr mde Wanderer. Der schne Greis, der ihr grend auf der Schwelle entgegentrat, erschien ihr wie ein gottgeweihter Bote der Genesung. Sie streckte ihm beide Hnde entgegen und brach in Thrnen aus, unfhig zu fragen oder seinen Gru zu erwiedern. Er lebt noch, war sein erstes ernst-mildes Wort. Erschpft sank sie nun auf eine kleine Bank im Hausflur und faltete die Hnde. Die Schwester des Caplans trat jetzt aus einer Seitenthr, eine freundliche Gestalt mit dem Antlitz einer barmherzigen Schwester, und fhrte die Fremde in ein kleines zierliches Zimmer. Ruhen Sie eine Stunde hier, bat sie sanft, auf das blendende Bett zeigend, Sie brauchen Kraft seinen Anblick zu ertragen -- der Odem ist noch in ihm, aber noch ist die Besinnung nicht wiedergekehrt! Czinka's Augen fllten sich von Neuem mit heien Thrnen, dann aber warf sie ihre Reiseumhllungen ab und sagte entschlossen: Wie knnte ich ruhen, ohne ihn gesehen zu haben! Ich bitte, fhrt mich sogleich zu ihm! Niemand versuchte sie zurckzuhalten. Mit bebenden Knien trat die junge Frau in das enge halbdunkle Krankenzimmer. Da lag er, der sie in der Flle der Gesundheit und Kraft verlassen, bleich und regungslos, das Gesicht entstellt und verzerrt von tausend Schmerzen, das Haupt in Tcher geschlagen und den linken gebrochenen Arm in den Schienen des Verbandes. Czinka's Herz bebte vor Schmerz. Sie neigte sich ber ihn, sie nannte seinen Namen, -- er regte sich nicht -- nur zuweilen ffnete er mde und schwer die Augen, aber der Blick blieb glanzlos und starr. Ich bleibe bei ihm bis zum letzten Athemzuge, sagte jetzt die Grfin und sank, im innersten Wesen gebrochen, an dem Lager des Kranken auf einen Schemel. * * * * * Tage und Wochen vergingen. Die Grfin richtete sich in dem einfachen Pfarrhause ein, der Arzt mute sich's gefallen lassen in der kleinen Dorfschenke zu leben. Der Zustand des Kranken nderte sich wenig. Ein zweiter Arzt war aus der naheliegenden grern Stadt verschrieben worden, auch er schttelte den Kopf und gab wenig Hoffnung, sprach von Gehirnerschtterung und Rckenmarksverletzung, und prophezeihte im gnstigsten Falle bleibenden Bldsinn. Seine traurige Weissagung schien sich in der That erfllen zu wollen, denn die Krperkrfte des Kranken fingen an sich zu heben, Schlaf und Appetit stellten sich wieder ein, von Tag zu Tag besserte sich sein Aussehen, nur das Bewutsein blieb erloschen. Mit tiefem Schmerze geleitete ihn nach Monaten Czinka zum ersten Male wieder in den kleinen Garten, er erfreute sich an der Rosenpracht wie ein unmndiges Kind sich an den Lichtern des Weihnachtsbaumes freut, er griff nach den Blumen, um sie entzckt zu betrachten und dann nach einer Weile seufzend wieder fallen zu lassen. -- Sanft und geduldig war und blieb er gegen seine Pflegerin, aber mit unendlichem Weh mute Czinka gewahren, da er die Schwester des Pfarrherrn mit nicht minderer Freude begrte als sie selbst, und ihr oft den Namen Czinka gab, whrend er sie Therese nannte. Die Vergangenheit schien fr ihn auf ewig in die Nacht der Vergessenheit versunken, die Gegenwart kaum mehr als ein Traum, eine Zukunft war fr ihn gar nicht da. Nur in den Abendstunden, wo auch das Unglck geschehen, berfiel den Kranken eine seltsame Unruhe, er sprach dann von seiner Abreise, rief den Namen seines Weibes mit zrtlichster Sehnsucht, und konnte nur beruhigt werden wenn Czinka ihn in ihre Arme nahm und seinen Kopf an ihre Brust lehnte. Dann sa er still Stunden lang, bis er endlich heiter lchelnd sagte: So -- nun la mich schlafen gehen! Sie sagte ihm gute Nacht, und bei diesem Scheiden sah er sie zuweilen noch mit einem Blicke an, der sie bis ins Innerste erbeben lie: es leuchtete ja ein Etwas wie durch einen Schleier ihr aus diesen Augen entgegen, -- eine ringende Seele die ihre fesselnden Bande zu lsen sich mhte. In heiem Gebet sank sie dann in ihrer Kammer auf die Knie und rief: Hilf ihm, hilf ihm, heilige Jungfrau! Czinka's Leben war jetzt vllig ausgefllt von einer unablssigen Sorge und Pflege. Wie eine Mutter um ihr hlfbedrftiges Kind, so waltete sie um ihren Gatten. Sie trug dunkle, fast nonnenhafte Gewnder, und wer sie so schaffen und aus- und eingehen sah in dem Zimmer des Genesenden, oder ihr begegnete, wie sie ihn sttzte und leitete, der htte sie fr eine jener edlen Gestalten aus dem gesegneten Orden der barmherzigen Schwestern halten mssen, die wie verkleidete Engel Gottes allezeit da zu finden sind, wo Noth und Elend ihre Seufzer zum Himmel schicken. -- Schlummerte Alfred, so sa sie bei der schlichten Therese und plauderte mit ihr, oder begleitete auch wohl den wrdigen Pfarrherrn auf seinen kurzen Spaziergngen, oder in die Htten seiner Beichtkinder. -- Trotz dieser, aus strenger Pflichterfllung erwachsenden Thtigkeit, fhlte sie sich nicht ruhig und zufrieden. Der Gedanke an Anthony, der sie erwartete, der ihr vielleicht zum zweiten Male fluchte, qulte sie oft bis zur Verzweifelung. -- Sie konnte ihm keine Nachricht von sich geben -- sie wute ja nicht, wohin er sich gewendet. Die furchtbare Angst da er kommen mchte um sie hier -- _hier_ an dieser Stelle zu mahnen, ihr gegebenes Versprechen zu halten, fiel oft mit vernichtender Schwere auf ihre Seele. Was band sie auch noch an Alfred? Fhlte er einen Schmerz, wenn sie jetzt von ihm ging? -- Hatte sie eine Entschuldigung, der Leidenschaft Anthony's gegenber, wenn er jetzt kme und verlangte sie solle ihm zur Stelle folgen? -- Sie mute sich gestehen, da sie keine hatte -- aber dies Bewutsein brachte ihr seltsamer Weise eine namenlose Qual. Tausendmal versuchte sie sich ein Leben an der Seite Dessen auszumalen, den ihre geliebte todte Mutter ihr einst als Gatten bestimmt -- Tausendmal gedachte sie schaudernd der dunklen Prophezeihung der Gromutter ---- vergebens, -- ein einziger Blick auf ihren Gatten, der mit gedankenlosem Lcheln einen Blumenstrau zerpflckte, -- oder leise vor sich hin den Namen Czinka rief, gengte um in ihrem Herzen den Wunsch hervorzurufen bei ihm zu bleiben, bis sein Auge sich auf ewig schlsse. ---- Mit fast fieberhafter Angst widersetzte sie sich dem Andringen der Aerzte, die Rckreise mit dem Grafen anzutreten, sie frchtete Wien, sie frchtete die grere Mglichkeit einer Begegnung mit Anthony. -- Aber der Herbst kam, der Krperzustand des Kranken war fast der eines vllig Gesunden, tglich wiederholten die Aerzte ihren Rath, den Grafen nach Wien zurckzuschaffen, und als man der Grfin endlich zu verstehen gab, da man eine leise Hoffnung auf Wiederherstellung an die Rckkehr in bekannte Rume knpfe, -- da sah sie alle ihre Weigerungsgrnde erschpft, und mit stiller Verzweiflung gab sie eines Tages selbst den Befehl, die Reisewagen zu packen. -- Der Abend, der dem gefrchteten Abschiede von diesem Friedensasyl voranging, war ungewhnlich rauh und traurig. Der Kaplan hatte das Haus verlassen, um einem Sterbenden die letzte Labe zu reichen, seine Schwester Therese trug einer armen Wchnerin die Abendsuppe hin, die beiden Diener packten, Czinka sa einsam neben dem Grafen, der, wie gewhnlich ihre Hand in der seinen haltend, seinen Kopf an ihre Schulter lehnte. -- Regen und Wind schlugen an die Fenster, die alten Kastanienbume seufzten und chzten, Raben flogen mit scharfen Geschrei um das Haus und die Lampe flackerte in der Zugluft bald hell auf, bald sank sie wie erlschend zusammen. Im Ofen brannte ein kleines Feuer, denn es wehte schon wie Winterhauch durch die Rume, und bei dem scharfen Knistern des feuchten Holzes zuckte der Kranke oft schreckhaft zusammen. -- Czinka war mit ihren Gedanken weit, weit weggezogen. Sie sah sich in dem Walde von Zircz -- aber es war heller Frhling und junges Grn wohin sie schaute. Und sie sa auf dem moosigen Boden und Alfred Saldern sa neben ihr und wand schne lange Ketten von geschliffenen Korallen um ihre Arme. -- Ihre Augen leuchteten auf in der Erinnerung an dies reizende Geschenk! -- Da griff pltzlich eine schlanke braune Hand ber ihre Schulter weg nach dem rothen Schmucke: Anthony zerri mit hlichem Lachen die Ketten und die glnzenden Perlen rollten wie Blutstropfen in das Gras. Wie bse war sie ihm da gewesen! Und wie bald hatte sie dennoch Alles vergessen beim ersten Tone seiner seltsamen Geige. Dieser Ton -- wahrlich er konnte Todte erwecken ---- und Engel abtrnnig machen! Czinka war es jetzt als hrte sie den unbeschreiblichen Ton von Czermaks Geige ganz deutlich in weiter Ferne, -- ach, sie _trumte_ ja -- _trumen_ lie sichs gut von Anthony Czermak -- er durfte nur nicht in Wirklichkeit da sein mit seinen wilden Feueraugen und seiner verzehrenden Leidenschaft! Horch -- da spielte er die Rackoczy Nota -- wie s ist's doch so _deutlich_ zu trumen! -- Langsam und deutlich zog sie daher jene kstliche Melodie, mitten durch das Heulen des Sturmes! -- Aber da -- ewige Barmherzigkeit -- da richtete sich Alfred Saldern heftig in ihren Armen auf und rief fieberhaft erregt: Czinka, hrst Du nicht -- es ist Anthony, der da spielt! Rufe ihn herein, mein Kind, freue Dich -- wir haben ihn endlich gefunden! -- Nach diesen Worten sank er ohnmchtig zurck.-- Fast zwlf Stunden dauerte die Ohnmacht des Grafen, und whrend dieser ganzen Zeit des bangen Harrens lag Czinka fast ununterbrochen auf den Knien neben seinem Lager. Sie schien in eine nicht minder gefhrliche Apathie verfallen zu sein als der Kranke selbst, -- sie gab keine Antwort auf die dringenden Fragen der Aerzte und regte keine Hand zu irgend einer Hlfsleistung fr den Ohnmchtigen. Nur wenn man Miene machte sie sanft aufzuheben, und ihr zuredete Ruhe zu suchen, fuhr sie wild empor und barg, heftig den Kopf schttelnd, wie ein gengstigtes Kind ihr Gesicht in das Kissen des Lagers, auf dem ihr Gemahl ruhte. In der neunten Morgenstunde des folgenden Tages schlug der Graf die Augen auf. Czinka schrie auf: -- ein Blick seligsten _Erkennens_ war in ihre arme zagende Seele gefallen! -- Der Kranke legte einen Augenblick die Hand auf die Stirn, dann sagte er ruhig: Ich bitte, mich eine Stunde mit der Grfin allein zu lassen. Alle entfernten sich. Wir haben ihn gerettet! riefen die beiden Schler Aesculaps triumphirend, und schttelten einander die Hnde. * * * * * Als die beiden Gatten sich nach einer fast dreistndigen Unterredung erhoben, sagte Alfred Saldern scheinbar ruhig, aber mit dem Ausdruck unendlichen Schmerzes um Mund und Augen: Gott segne Dich, da Du mir Nichts verschwiegen. Wenn er _nun_ kommen wird, so magst Du allein entscheiden zwischen uns. -- Ich habe nicht vergessen da Dich damals nur Anthony's Flucht in meine Arme trieb. Du hast mir viel gegeben -- ich bin nicht undankbar -- _wenn er kommen wird_ so merke auf Dein Herz, Czinka, und _Du sollst frei sein_!-- Wenige Stunden spter reiste das grfliche Paar ab, aber nicht nach Wien, sondern nach dem kleinen reizenden Gute S. in der Nhe Badens, wo Alfred seine Kinderjahre zugebracht und wo die Grber seiner Eltern und Schwestern lagen. Die Grfin kam krank nach S. Sie erschien hinfllig und doch aufgeregt, reizbar und traurig. Der Arzt empfahl Ruhe. Der Graf verrieth die Sorgfalt eines zrtlichen Bruders. Stunden lang sa er an dem Ruhebette der jungen Frau und bewachte ihren Schlummer. Allein jene tiefe ernste Trauer, die nach jener langen Unterredung mit Czinka ber ihn gekommen, wich nicht mehr von ihm und lag wie ein dunkler Schleier ber all seinem Thun und Wesen. Sie sah ihn oft verstohlen lange an und wenn sie sich dann von ihm wendete, waren ihre Augen voll Thrnen. -- Sie lasen jetzt auch fter zusammen, was sonst nie geschehen, er hatte sich erboten ihr vorzulesen und sie lauschte dem Laute seiner Stimme mit der Achtsamkeit eines Kindes, dem die Mutter Mrchen erzhlt. -- Dagegen redeten sie jetzt weniger denn je mit einander, es war als ob ein unsichtbares Etwas zwischen ihnen stnde und jeden freien Austausch der Gedanken und Empfindungen hemmte. -- Nicht das leiseste Zeichen ehelicher Zrtlichkeit erlaubte sich der Graf seiner Frau gegenber, er kte ihr nur zuweilen mit der Innigkeit eines Bruders die Hand, streichelte auch wohl einmal ihr Haar -- das war Alles. Sie schien scheu und befangen in seiner Gegenwart, und doch war es immer als ob etwas wie Sonnenschein ber ihr Gesicht flog, wenn er am Morgen in ihr Zimmer trat. Er lie sich seine Bcher und sein Lieblingspferd aus Wien kommen, auch einige seiner Blumen, und richtete sich in der herbstlichen Einsamkeit des kleinen Schlosses allmhlich ein als wolle er fr alle Ewigkeit da bleiben. Auch einige Lieblingsmbel der Grfin kamen an, und ihr kleiner Papagei, mit dem man sonst so viele Stunden, trge im Sessel ruhend und mit den schnen Fingern am Kfig hin- und wiederstreifend vertndelt hatte. Der einen Sendung hatte man auch jenen geheimnivollen Schrein beigefgt, der in Wien alle Zeit zu Hupten des Bettes der Grfin gestanden. Der Graf lie ihn in das kleine Schlafgemach Czinka's tragen. Sie bemerkte es erst am Abend und schrak zusammen. Als sie am nchsten Morgen ihren Gatten wieder sah, und er sie in gewohnter Weise fragte wie sie geschlafen, sagte sie ungewhnlich lebhaft: Bitte, la den Schrein aus meinem Zimmer wegnehmen -- er steht da wie ein Sarg und bringt mich um den Schlaf! Ich glaubte einen geheimen Wunsch von Dir zu erfllen indem ich ihn kommen lie, antwortete er ruhig. Sie sah ihn traurig an und wendete sich ab. -- Am Nachmittage stand der Schrein geffnet und leer mitten im Salon. Als der Graf von einem kurzen Spazierritte heimkehrend seine Gemahlin dort aufsuchte, lchelte sie ihm entgegen und rief: La nun den Sarg verbrennen oder mach' damit was Du willst, ich nahm den Inhalt heraus. Sieh da, was damit geschehen! Und ihn zum Kamin fhrend zeigte sie ihm noch den Rest eines verkohlten rothen Schuhes und einige verglhende Gold- und Silberflittern. -- Er zuckte zusammen und sah sie fragend an, da sie aber schwieg, wandte er sich von ihr und ging einige Male heftig bewegt im Zimmer auf und nieder. Fhlst Du Dich wohler, Czinka? fragte er nach einer Pause in ruhigem Ton und sah zu ihr herber. Wie schn sie ihm erschien in diesem Augenblicke! Sie erinnerte ihn mehr als je an seine Lieblingsblume, die Purpurblthe des =Cactus Speciocissimus=. Fremd und dunkel schaute ihr Antlitz aus den faltigen weien Kleidern hervor, die lngst wieder voll und lang gewordenen Flechten hatten sich verschoben und waren auf ihre Schultern herabgeglitten. Wunderbar! Der Blick, den sie jetzt auf ihn heftete, war nicht mehr jener kecke, aufleuchtende der fnfzehnjhrigen Tnzerin im Walde von Zircz, er war auch nicht mehr jener sanft traurige einer in das Treibhaus verpflanzten Waldblume, jener Czinka, die den entflohenen Jugendgefhrten vergeblich sucht. Es drang jetzt ein Strahl aus diesen wunderbaren Augen in seine Seele, dessen Licht ihn mit einer zagenden Seligkeit erfllte und ihn leise beten lie: Ich danke Dir, Gott, da Du dies Weib fr eine Weile an meine Brust gebettet! Fhlst Du Dich wohler? wiederholte er inniger und trat ihr nher. O viel, viel wohler! antwortete sie heiter. Sage mir, und hier griff sie fast scherzend nach seiner herabhngenden Hand und hielt sie fest, was wrdest Du thun, wenn Du mich nicht mehr httest? Warum qulst Du mich? fragte er ernst, fast finster. Weil ich wissen mu ob Du mich wirklich missen knntest. Sie lie seine Hand los und lehnte sich zurck. Nun denn, so wisse, da ich leben wrde, wenn ich Dich _todt_ -- aber nicht, wenn ich Dich im Besitze eines _Andern_ wte. Sie hatte die Augen gesenkt und schob ihren kleinen Trauring am Finger hin und her. Ob Anthony _bald_ kommen wird? fragte sie pltzlich und sah ihn fest an. Wie von einem Dolchstich getroffen fuhr er auf. Du wnschest es -- ich wei das Czinka -- aber Du bist mehr als unbarmherzig, da Du mir es sagst -- gerade jetzt es sagst! Alfred, ich sehne mich, da er komme! Sie war bei diesen leise gehauchten Worten aufgestanden, hing sich gewaltsam an seinen Arm und blickte ihn mit ihren heien Augen so leidenschaftlich an, da es ihn bis ins Innerste durchschauerte. La ab von mir, Weib! Ich _sehne_ mich, da er komme -- hrst Du es, und weit Du auch warum? Weil ich ihm jetzt sagen kann, da ich ihm nicht mehr folgen _darf_ weil ich -- Dich liebe, Alfred!-- Er stie einen Schrei des Entzckens aus und ri sie an sich. Sie umschlang ihn mit beiden Armen. Da schwirrte ein Geigenton durch die Luft -- kam er aus den Wolken -- vom Garten herauf -- aus dem Seitenzimmer -- vom Balcon her? -- Der seltsame Laut wiederholte sich -- der Ton klang wie aus weiter Ferne -- er schwoll leise an und eine langsame schauerlich klagende Melodie zog daher, wie von unseligen Geistern gesungen. Das ist Anthony's Geige! flsterte Czinka todtenbleich, hrst Du, er spielt die =Siralmas nota=! Der tolle Geisterspuk soll nun enden! rief der Graf heftig. Jetzt ruh' ich nicht eher bis ich ihn gefunden! Hier an dieser Stelle magst Du zwischen uns Beiden whlen -- hier entscheide sich unser Aller Geschick! Mit diesen Worten eilte er in das anstoende Gemach, auf den Balcon, und dann hinaus. Die Tne verstummten.---- Haus und Garten wurden durchsucht -- keine Spur des Geigenspielers fand sich. -- Es mochte wohl eine Stunde verflossen sein ehe der Graf, unmuthig und erbittert, in das Gemach seiner Gemahlin zurckkehrte. -- Ein furchtbarer Schrei rief die entsetzte Dienerschaft gleich darauf herbei, der Graf Saldern lag besinnungslos ausgestreckt neben der Leiche Czinka's. -- Einen kleinen Dolch fand man bis an den uerst kunstvoll gezierten Griff in ihrem Herzen. Welche Hand hatte den sichern Sto gefhrt? * * * * * Anthony Czermak, der tolle Geiger, wie ihn die Zigeuner selber nannten, tauchte im Jahre 1818 etwa, pltzlich wieder in Pesth auf. Eine Zigeunerbande spielte in dem berhmten Zrynischen Kaffeehause ungarische Weisen, vor einer dichtgedrngten Zuhrermenge. Da strzte ein halb nackter, wild blickender Bettler herein, entri dem Vorgeiger seine Geige, setzte den Bogen an und spielte so hinreiend, so dmonisch, so gewaltig, da ein Beifallssturm losbrach wie er in den Mauern dieses Saales noch nie gebraust. Mit grellem Gelchter warf der Fremde aber die Geige zu Boden und verschwand. -- Das war Anthony Czermak, ging es von Lippe zu Lippe. Spter erschien er, fast spukhaft, bald hier, bald dort, doch nur wo Zigeunerbanden spielten, und berall wirkte sein Bogen zauberhaft. Er erging sich meistens in freien Phantasien, in die er dann ergreifend ungarische Melodien einzuweben pflegte. Zuletzt will man ihn in Prag gesehen haben, wo endlich diese wunderliche und dstere Erscheinung hinter den Mauern eines Klosters verschwunden sein soll.---- Die Sage von seinem unvergleichlichen Spiel erhielt sich aber bis auf den heutigen Tag, und so berhmt auch wenige Jahre spter der deutsche Zigeuner Mattinovich wurde, der mit mangelhafter Bogenfhrung, und ungeregeltem Fingersatz Zigeunerweisen, sowie Paganinische Etden hinreiend vortrug und mit selten markigem Tone spielte, so nannten doch Alle, denen je die Geige des Anthony Czermak geklungen, den Mattinovich nur einen Vasallen jenes Zauberers. Die dster leidenschaftlichen Melodien jenes verschollenen Geigers sind noch heute unter den Zigeunerbanden in und um Raab die Lieblingsnoten, und wenn sie erklingen, reien sie unaufhaltsam die Herzen der Hrer in ein Meer von schmerzlicher Lust und sem Weh. Erzhlte man sich doch, da eine Melodie Czermaks, die whrend der Anwesenheit des Knigs der Pianisten, Franz Liszt, von der Bande des berhmten Patikarus Ferko, an einem Festabend ihm zu Ehren in Pesth gespielt wurde, den Gefeierten so mchtig ergriffen, da er zur Stelle ein Clavier herbeitragen lie, und in tiefer Erregung die Sturmeswellen seines Spiels mit jenen unendlich klagenden Tnen mischte. -- War es vielleicht die Melodie zu jenem Liede, das die schne Czinka einst im Walde von Zircz gesungen? O meine mden Fe, ihr mt tanzen In bunten Schuhen Und mchtet lieber tief Im Boden ruhen. O meine mden Augen, ihr mt blitzen Im Strahl der Kerzen Und mchtet lieber im Dunkeln Schlafen von euren Schmerzen. Druck von _G.Ptz_ in Naumburg. [ Hinweise zur Transkription Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#. Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Bewunderung" -- "Bewundrung", "erwiderte" -- "erwiederte", "sehen" -- "sehn", "Tanzsle" -- "Tanzsle", mit folgenden Ausnahmen, der Schmutztitel wurde entfernt; Seite 15: "und" eingefgt (das Urbild aller Hlichkeit und Verschrobenheit) Seite 19: "," eingefgt (und verneigte sich vor der Gottschedin,) Seite 37: "" eingefgt (ein Professor als Zuhrer vor einem Studiosen sitze.--) Seite 43: "den" gendert in "denn" (Da that es denn wohl Noth) Seite 44: "ihre" gendert in "ihr" (die Augen thaten ihr Anfangs weh dabei) Seite 44: "ihr" gendert in "ihre" (Sie verlor auch nach und nach ihre mdchenhafte Schchternheit) Seite 45: "," hinter "und" entfernt (und streute Blumen auf ihn herab) Seite 46: "befan der" gendert in "befand er" (Jetzt befand er sich aber zum ersten Mal) Seite 47: "Sphre" gendert in "Sphre" (hatte ihn pltzlich in eine Sphre getragen) Seite 48: "," entfernt hinter "ihn" und eingefgt hinter "mute" (Eindruck auf Jedweden machen mute, der ihn mit Aufmerksamkeit) Seite 54: "" entfernt hinter "Studiosus" und eingefgt hinter "denn--" (Gute Nacht, werthester Herr Studiosus -- auf Morgen denn--) Seite 57: "," entfernt hinter "ihren" und eingefgt hinter "sagte" (und sagte, ihren jungen Lehrmeister seltsam traurig anblickend) Seite 57: ":" hinter "Sohn" entfernt (Damis, der junge Gelehrte, Chrysander's Sohn) Seite 63: "" eingefgt (sterben wie ich gelebt: eine _ungelehrte_ Frau!--) Seite 77: "einiziges" gendert in "einziges" (sehr verwhnt, als einziges Kind eines reichen Kaufmanns) Seite 78: "schichte" gendert in "schlichte" (das schlichte Pfarrhaus umzumodeln in Erinnerung) Seite 87: "Enferntesten" gendert in "Entferntesten" (was nur im Entferntesten an den Katholicismus erinnern konnte) Seite 88: "dei" gendert in "die" (die Morgen, Mittage und Abende sahen sich gleich) Seite 98: "," eingefgt (spielte sie lngst nicht mehr, sie hielt keinen Takt) Seite 102: "vergist" gendert in "vergit" (_uns_ (mich hatte er sagen wollen) darber vergit!) Seite 110: "einen" gendert in "einem" (Mit einem ungeduldigen Wink der Hand sagte die schne Frau) Seite 111: "," eingefgt (in Verlegenheit gerathen sein, solch einen Ausbund) Seite 111: "abgeflckt" gendert in "abgepflckt" (abgepflckt aus dem Garten einer schlichten Pfarre) Seite 114: "entgegente" gendert in "entgegnete" (entgegnete sie pltzlich wieder in heller Freude) Seite 116: "" eingefgt (das blaue Taffetfhnchen ist ja kaum vier Ellen weit!) Seite 118: "nachlig" gendert in "nachlssig" (vornehm nachlssig, indem sie mit ihrem goldenen Lorgnon spielte) Seite 120: "." eingefgt (Du zeichnest ganz artig und machst tchtige Fortschritte.) Seite 120: "," eingefgt (fallen nicht mehr vom Himmel, sie mssen sehr langsam) Seite 122: "vergist" gendert in "vergit" (Du vergit immer, wie viel die Kleine mit ihrem Zeichnen) Seite 124: "wlches" gendert in "welches" (Da erfuhr ich denn erst, welches Datum wir schreiben.) Seite 124: "." eingefgt (Am 12.ist ja Gottfrieds Geburtstag) Seite 126: "Stkchen" gendert in "Stckchen" (Euch einmal ein Stckchen Landschaft von ihm zeigen) Seite 126: "" eingefgt (Ein recht unruhig Leben haben wir hier) Seite 134: "." eingefgt (der erste kstliche Frhling. -- Es war Sonnenschein) Seite 146: "gefogt" gendert in "gefolgt" (ein ehrwrdiger Priester, gefolgt von dem Mener) Seite 155: "!" gendert in "," (antwortete Berger mit melancholischer Stimme,) Seite 159: "eimal" gendert in "einmal" (noch einmal mein Kindergebet mit mir) Seite 165: "sie" gendert in "Sie" (Leben Sie wohl, tausend, tausendmal) Seite 175: "," eingefgt (Strrigkeit seines Kindes betrbte ihn nicht, sie emprte) Seite 179: "wirkilch" gendert in "wirklich" (Sie erinnern sich wirklich ihrer?) Seite 190: "Mglichtes" gendert in "Mglichstes" (in diesem Jahre sein Mglichstes zu thun bereit sei) Seite 194: "Er" gendert in "Es" (Es war ihm zu Sinne als sei er in jenen) Seite 198: "funfzehn" gendert in "fnfzehn" (Die Kleine war wohl kaum fnfzehn Jahr alt) Seite 200: "schnste" gendert in "schnsten" (habe eben die schnsten Tnzerinnen gesehen) Seite 202: "dunckellokigen" gendert in "dunkellockigen" (zu jenem dunkellockigen Burschen mit der Geige) Seite 204: "Seit" gendert in "Seid" (Seid Ihr unter den Musikanten?) Seite 208: "," hinter "Zigeuner" entfernt (mit diesem seltsamen Vlkchen der Zigeuner lebte) Seite 209: "," hinter "Macht" entfernt (wachsende Macht er sich so vergebens wehrte) Seite 214: "," eingefgt (der Gedanke in ihm auf, dies kstlich frische Kind) Seite 217: "," eingefgt (noch ist es Zeit, ich will ihn mit nach Wien nehmen) Seite 217: "jenen" gendert in "jener" (Habt Ihr niemals von jener vielgefeierten Zigeunerin) Seite 226: "prachen" gendert in "sprachen" (und sprachen -- was sie redeten, wuten weder sie selber) Seite 232: "," eingefgt (hatte nur Augen fr sie, schien es aber doch nicht) Seite 242: "sie" gendert in "Sie" (Sie neigte bejahend das Haupt.) Seite 243: "" eingefgt (sag' mir lieber wer Dich so spielen lehrte?) Seite 250: "Arzte" gendert in "Aerzte" (tglich wiederholten die Aerzte ihren Rath) Seite 254: "zrtichen" gendert in "zrtlichen" (Der Graf verrieth die Sorgfalt eines zrtlichen Bruders.) Seite 257: "erflle" gendert in "erfllte" (dessen Licht ihn mit einer zagenden Seligkeit erfllte) Seite 259: "" eingefgt (flsterte Czinka todtenbleich, hrst Du, er spielt) Seite 259: "," entfernt hinter "anstoende" (Mit diesen Worten eilte er in das anstoende Gemach) ] End of the Project Gutenberg EBook of Neue Novellen, by Elise Polko License: Share Alike