Produced by Norbert H. Langkau, Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Grote'sche Sammlung von Werken zeitgenssischer Schriftsteller Neunter Band Wilhelm Raabe, Die Chronik der Sperlingsgasse Die Chronik der Sperlingsgasse von Wilhelm Raabe Neue Ausgabe Mit Illustrationen von _Ernst Bosch_ und einem Bildnis des Dichters von _Hanns Fechner_. 155. Auflage G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung Berlin 1922 Alle Rechte, besonders das der bersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Druck von Fischer & Wittig in Leipzig. Die Chronik der Sperlingsgasse ^Pro domo^ Vorrede zur dritten Auflage Wenn es gewittert, verkriechen sich die Vgel unter dem Busch. Das wre fast als ein gutes und warnendes Beispiel auch fr dieses kleine Buch zu nehmen; es will sich aber nicht warnen lassen, und vielleicht darf es auch nicht. Als vor zehn Jahren hinten in der Trkei die Vlker aufeinanderschlugen, da regte es zum ersten Male seine Flgel und flatterte unbesorgt aus, wie finster auch der Himmel sein mochte. Mancherlei Wechsel der Zeit erfuhr es, und es wre kein Wunder, wenn so viele fallende Trmmer es lngst mit tausend Genossen unter berghohem Schutt begraben htten; aber es fand seinen Weg, kam zu vielen Leuten, und sie nahmen es gut auf mit allen seinen Fehlern und Wunderlichkeiten. Wenn es aber auch nur unter _einem_ Dach eine trbe Stunde verscheucht, eine schwere Stunde sanfter gemacht htte, wie Herr Hartmann von der Aue sagt; wenn es nur ein Lcheln, nur eine Trne hervorgerufen htte, so wre sein Wirken und Sein nicht vergeblich gewesen. Nun hngen wieder die Wolken drohend herab; der Krieg schlgt mit gewappneter Faust drhnend an die Pforten unseres eigenen Volkes, und es ist niemand, so hoch oder niedrig ihn das Leben gestellt habe, der sagen kann, welch ein Schicksal ihm die nchste Stunde bringen werde. Es steht zu keiner Zeit ein Glck so fest, da es nicht von einem Windhauch oder dem Hauch eines Kindes umgestrzt werden knnte; wieviel weniger jetzt! In solcher Zeit stnden die Menschen am liebsten mit leeren, migen Hnden, horchend und wartend; aber das ist nicht das Rechte. Es soll niemand sein Handwerksgert, die Waffen, mit welchen er das Leben bezwingt, in dumpfer Betubung fallen lassen. Ein Geschlecht gebe seine Arbeit an das folgende ab, und, gottlob, jener Epochen, in welchen die Menschheit ihre Mhen ganz von neuem aufnehmen mute, weil die Sturmflut alles vorige fortgesplt hatte, sind wenige. Auch in diesem Sinne ist nichts zu hoch und nichts zu gering, und in diesem Sinne finden auch diese Bltter die Berechtigung, ihren Flug durch die strmische Welt abermals vertrauensvoll zu beginnen. Mgen sie neue Freunde zu den alten gewonnen haben, wenn wieder zehn Jahre ihres flchtigen Daseins dahingegangen sind! _Stuttgart_, im Februar 1864. #Der Verfasser.# Am 15. November. Es ist eigentlich eine bse Zeit! Das Lachen ist teuer geworden in der Welt, Stirnrunzeln und Seufzen gar wohlfeil. Auf der Ferne liegen blutig dunkel die Donnerwolken des Krieges, und ber die Nhe haben Krankheit, Hunger und Not ihren unheimlichen Schleier gelegt; -- es ist eine bse Zeit! Dazu ist's Herbst, trauriger, melancholischer Herbst, und ein feiner kalter Vorwinterregen rieselt schon wochenlang herab auf die groe Stadt; es ist eine bse Zeit! Die Menschen haben lange Gesichter und schwere Herzen, und wenn sich zwei Bekannte begegnen, zucken sie die Achsel und eilen fast ohne Gru aneinander vorber; -- es ist eine bse Zeit! -- Mimutig hatte ich die Zeitung weggeworfen, eine frische Pfeife gestopft und ein Buch herabgenommen und aufgeschlagen. Es war ein einfaches altes Buch, in welches Meister Daniel Chodowiecki gar hbsche Bilder gezeichnet hatte: ^Asmus omnia sua secum portans^, der prchtige Wandsbecker Bote des alten Matthias Claudius, weiland ^Homme de lettres^ zu Wandsbeck, und recht ein Tag war's, darin zu blttern. Der Regen, das Brummen und Poltern des Feuers im Ofen, der Widerschein desselben auf dem Boden und an den Wnden, -- alles trug dazu bei, mich die Welt da drauen ganz vergessen zu machen und mich ganz in die Welt von Herz und Gemt auf den Blttern vor mir zu versenken. Aufs Geratewohl schlug ich eine Seite auf: Sieh! -- da ist der herbstliche Garten zu Wandsbeck. Es ist ebenso nebelig und trbe wie heute; leise sinken die gelben Bltter zur Erde, als brche eine unsichtbare Hand sie ab, eins nach dem andern. Wer kommt da den Gang herauf im geblmten bunten Schlafrock, die weie Zipfelmtze ber dem Ohr? -- Er ist's -- Matthias Claudius, der wackere Asmus selbst! -- Bedchtiglich schreitet er einher, von Zeit zu Zeit stehenbleibend; jetzt ein welkes Blatt aufnehmend und das zierliche Geder desselben betrachtend; jetzt in die nebelige Luft hinaufschauend. Er scheint in Gedanken versunken zu sein. Denkt er vielleicht an den Vetter oder den Freund Hain, an den Invaliden Grgel mit der Pudelmtze und dem neuen Stelzbein; denkt er an die neue Kanone oder an das Ohr des schuftigen Hofmarschalls Albiboghoi? Wer wei! -- Sieh! wieder bleibt er stehen. Was fllt ihm ein?! Lustig wirft er die weie Zipfelmtze in die Luft und tut einen kleinen Sprung: ein groer Gedanke ist ihm aufs Herz geschossen -- das groe neue Fest _der Herbstling_ ist erfunden -- der Herbstling, so anmutig zu feiern, wenn der _erste Schnee fllt_, mit Kinderjubel und Bratpfeln und Lcheln auf den Gesichtern von jung und alt! -- Wenn der erste Schnee fllt -- -- -- wie ich in diesem Augenblick wieder einmal einen Blick zur grauen Himmelsdecke hinaufwerfe, da -- kommt er herunter -- wirklich herunter, _der erste Schnee_! Schnee! Schnee! der erste Schnee! -- In groen wrigen Flocken, dem Regen untermischt, schlgt er an die Scheiben, grend wie ein alter Bekannter, der aus weiter Ferne nach langer Abwesenheit zurckkommt. Schnell springe ich auf und ans Fenster. Welche Vernderung da drauen! Die Leute, die eben noch mrrisch und unzufrieden mit sich und der Welt umherschlichen, sehen jetzt ganz anders aus. Gegen den Regen suchte jeder sich durch Mntel und Schirme auf alle Weise zu schtzen, dem Schnee aber kehrt man lustig und verwegen das Gesicht zu. Der erste Schnee! der erste Schnee! An den Fenstern erscheinen lachende Kindergesichter, kleine Hndchen klatschen frhlich zusammen: welche Gedanken an weie Dcher und grne funkelnde Tannenbume! Wie phantastisch die Sperlingsgasse in dem wirbelnden weien Gestber aussieht! Wie die wasserholenden Dienstmdchen am Brunnen kichern! Der fatale Wind! -- Gehorsamster Diener, Herr Professor Niepeguk! Auch im ersten Schnee? rztliche Verordnung! brummt der Weise und lchelt herauf zu mir, so gut es Wrde und Hypochondrie erlauben. Auf der Sophienkirche schlgt's jetzt! -- Erst vier? und schon fast Nacht! -- Vier! wiederholen die Glocken dumpf ber die ganze Stadt. Jetzt sind die Schulen zu Ende! Hurra -- hinaus in den beginnenden Winter: die Buben wild und unbndig, die Mdchen ngstlich und trippelnd, dicht sich an den Huserwnden hinwindend. Hier und dort blitzt nun schon in einem dunkeln Laden ein Licht auf, immer geisterhafter wird das Aussehen der Sperlingsgasse. Da kommt der Lehrer selbst, seine Bcher unter dem Arm; aufmerksam betrachtet er das Zerschmelzen einer Flocke auf seinem fadenscheinigen schwarzen Rockrmel. Jetzt ist die Zeit fr einen Mrchenerzhler, fr einen Dichter. -- Ganz aufgeregt schritt ich hin und her; vergessen war die bse Zeit; auch mir war, wie weiland dem ehrlichen Matthias, ein groer Gedanke aufs Herz geschossen. Ich fhre ihn aus, ich fhre ihn aus! brummte ich vor mich hin, whrend ich auf und ab lief; wie verwundert mich auch alle meine Quartanten und Folianten von den Bchergestellen anglotzten, wie spttisch auch das Allongeperckengesicht auf dem Titelblatt der dort aufgeschlagenen Schwarte hergrinzte! Ein Bilderbuch der Sperlingsgasse! Eine _Chronik der Sperlingsgasse_! Ein Kinderkopf drckt sich drben im Hause gegen die Scheibe, und der Lampenschein dahinter wirft den runden Schatten ber die Gasse in mein dunkles Fenster und ber die Bchergestelle an der entgegengesetzten Wand. Ein gutes, ein glckliches Omen! Grinzt nur, ihr Meister in Folio und Quarto, ihr Aldinen und Elzeviere! Ein Bilderbuch der Sperlingsgasse; eine Chronik der Sperlingsgasse! Ich mute mich wirklich setzen, so arg war mir die Aufregung in die alten Beine gefahren, und benutzte das gleich, um ein Buch Papier zu falzen fr meinen groen Gedanken und einen letzten Blick hinauszuwerfen in den ersten Schnee. Bah! -- Wo war er geblieben? Wie ein guter Diener war er, nachdem er die Ankunft seines Meisters, des gestrengen Herrn Winters verkndet hatte, zurckgekehrt, ohne eine Spur zu hinterlassen. Ich bin ein einsamer alter Mann geworden! Die bunten, ewig wechselnden, ewig neuen Bilder dieses groen Bilderbuches, _Welt_ genannt, werden meinen alten Augen dunkler und dunkler; mehr und mehr verschwimmen sie, mehr und mehr flieen sie ineinander. Ich bin mit meinem Leben da angelangt, wo, wie in jenem bergang vom Wachen zum Schlaf, die Erlebnisse des Tages sich noch dumpf im Gehirn des Mden kreuzen, wo aber bereits die dunkle, traum- und geistervolle Nacht ber alles, Gutes und Bses, ihren Schleier breitet. Ich bin alt und mde; es ist die Zeit, wo die Erinnerung an die Stelle der Hoffnung tritt. Schaue ich auf aus meinen Trumen, so sehe ich zwar dasselbe Lcheln, dasselbe Schmerzenszucken auf den Menschengesichtern um mich her, wie vor langen blhenderen Jahren, aber wenn auch Freude und Leid dieselben geblieben sind auf der alten Mutter Erde: die Gesichter selbst sind mir fremd -- ich bin allein! -- Allein -- und doch nicht allein. Aus der dmmerigen Nacht des Vergessens taucht es auf und klingt es; Gestalten, Tne, Stimmen, die ich kannte, die ich vernahm, die ich einst gern sah und hrte in vergangenen bsen und guten Tagen, werden wieder wach und lebendig; tote, begrabene Frhlinge fangen wieder an zu grnen und zu blhen; vergessener Kindermrchen entsinne ich mich; ich werde jung und -- fahre auf und -- erwache! Versunken ist dann die Welt der Erinnerung, mich frstelt in der kalten traurigen Gegenwart, drckender fhle ich meine Einsamkeit, und weder meine Folianten, noch meine andern mhsam aufgestapelten gelehrten Schtze vermgen es, die aufsteigenden Kobolde und Qulgeister des Greisenalters zu verscheuchen. Sie zu bannen schreibe ich die folgenden Bltter, und ich schreibe, wie das Alter schwatzt. Fr einen Freund will ich diese Bogen ansehen, fr einen Freund, mit dem ich plaudere, der Geduld mit mir hat und nicht spttelt ber Wiederholungen -- ach, das Alter wiederholt ja so gern -- der nicht zum Aufbruch treibt, wo die vertrocknete Blume irgend einer sen Erinnerung mich fesselt, der nicht zum Bleiben ntigt, wo ein trbes Angedenken unter der Asche der Vergessenheit noch leise fortglimmt. Eine _Chronik_ aber nenne ich diese Bogen, weil ihr Inhalt, was den Zusammenhang betrifft, gar sehr jenen alten naiven Aufzeichnungen gleichen wird, welche in bunter Folge die Begebenheiten aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzhlen; die jetzt eine Schlacht mitliefern, jetzt das Erscheinen eines wundersamen Himmelszeichens beobachten, die bald ber den nahen Weltuntergang predigen, bald wieder sich ber ein Stachelschwein, welches die deutsche Kaiserin im Klostergarten vorfhren lt, wundern und freuen. Und wie die alten Mnche hier und da zwischen die Pergamentbltter ihrer Historien und Mebcher hbsche, farbige, zierlich ausgeschnittene Heiligenbilder legten, so will auch ich hnliche Bltter einflechten und durch die eintnigen farblosen Aufzeichnungen meiner alten Tage frischere bltenvollere Ranken schlingen. Ich, der Greis -- der zweiten Kindheit nahe, will von einem Kinde erzhlen, dessen Leben durch das meinige ging wie ein Sonnenstrahl, den an einem Regentage Wind und Wolken ber die Fluren jagen; der im Vorbeigleiten Blumen und Steine kt, und in derselben Minute das glckliche Gesicht der Mutter ber der Wiege, die heie Stirn des Denkers ber seinem Buche und die bleichen Zge des Sterbenden streifen kann. Ich schreibe keinen Roman und kann mich wenig um den schriftstellerischen Kontrapunkt bekmmern; was mir die Vergangenheit gebracht hat, was mir die Gegenwart gibt, will ich hier, in hbsche Rahmen gefat, zusammenheften, und bin ich mde -- nun so schlage ich dieses Heft zu, whle weiter in meiner schweinsledernen Gelehrsamkeit und kompiliere lustig fort an meinem wichtigen Werke ^De vanitate hominum^, einem ausnehmend -- dicken Gegenstande. Am 20. November. Ich liebe in groen Stdten diese ltern Stadtteile mit ihren engen, krummen, dunkeln Gassen, in welche der Sonnenschein nur verstohlen hineinzublicken wagt; ich liebe sie mit ihren Giebelhusern und wundersamen Dachtraufen, mit ihren alten Kartaunen und Feldschlangen, welche man als Prellsteine an die Ecken gesetzt hat. Ich liebe diesen Mittelpunkt einer vergangenen Zeit, um welchen sich ein neues Leben in liniengraden, parademig aufmarschierten Straen und Pltzen angesetzt hat, und nie kann ich um die Ecke meiner Sperlingsgasse biegen, ohne den alten Geschtzlauf mit der Jahreszahl 1589, der dort lehnt, liebkosend mit der Hand zu berhren. Selbst die Bewohner des ltern Stadtteils scheinen noch ein originelleres, sonderbareres Vlkchen zu sein, als die Leute der modernen Viertel. Hier in diesen winkligen Gassen wohnt das Volk des Leichtsinns dicht neben dem der Arbeit und des Ernstes, und der zusammengedrngtere Verkehr reibt die Menschen in tolleren, ergtzlicheren Szenen aneinander, als in den vornehmeren, aber auch deren Straen. Hier gibt es noch die alten Patrizierhuser, -- die Geschlechter selbst sind freilich meistens lange dahin -- welche nach einer Eigentmlichkeit ihrer Bauart, oder sonst einem Wahrzeichen unter irgend einer naiven merkwrdigen Benennung im Munde des Volkes fortleben. Hier sind die dunkeln, verrauchten Kontore der alten gewichtigen Handelsfirmen, hier ist das wahre Reich der Keller- und Dachwohnungen. Die Dmmerung, die Nacht produzieren hier wundersamere Beleuchtungen durch Lampenlicht und Mondschein, seltsamere Tne als anderswo. Das Klirren und chzen der verrosteten Wetterfahnen, das Klappern des Windes mit den Dachziegeln, das Weinen der Kinder, das Miauen der Katzen, das Gekeif der Weiber, wo klingt es passender -- man mchte sagen dem Ort angemessener, als hier in diesen engen Gassen, zwischen diesen hohen Husern, wo jeder Winkel, jede Ecke, jeder Vorsprung den Ton auffngt, bricht und verndert zurckwirft! -- Horch, wie in dem Augenblick, wo ich dieses niederschreibe, drunten in jenem gewlbten Torwege die Drehorgel beginnt; wie sie ihre klagenden, an diesem Ort wahrhaftig melodischen Tonwogen ber das dumpfe Murren und Rollen der Arbeit hinwlzt! -- Die Stimme Gottes spricht zwar vernehmlich genug im Rauschen des Windes, im Brausen der Wellen und im Donner; aber nicht vernehmlicher als in diesen unbestimmten Tnen, welche das Getriebe der Menschenwelt hervorbringt. Ich behaupte, ein angehender Dichter oder Maler -- ein Musiker, das ist freilich eine andre Sache -- drfe nirgends anders wohnen als hier! Und fragst du auch, wo die frischesten, originellsten Schpfungen in allen Knsten entstanden sind, so wird meistens die Antwort sein: in einer _Dachstube_! -- In einer Dachstube im Wine-office Court war es, wo Oliver Goldsmith, von seiner Wirtin wegen der rckstndigen Miete eingesperrt, dem Dr. Johnson unter alten Papieren, abgetragenen Rcken, geleerten Madeiraflaschen und Plunder aller Art ein besudeltes Manuskript hervorsuchte mit der berschrift: Der Landprediger von Wakefield. In einer Dachstube schrieb Jean Jacques Rousseau seine glhendsten, erschtterndsten Bcher. In einer Dachstube lernte Jean Paul den Armenadvokat Siebenks zeichnen und das Schulmeisterlein Wuz und das Leben Fibels! * * * * * Die Sperlingsgasse ist ein kurzer enger Durchgang, welcher die Kronenstrae mit einem Ufer des Flusses verknpft, der in vielen Armen und Kanlen die groe Stadt durchwindet. Sie ist bevlkert und lebendig genug, einen mit nervsem Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhause enden zu lassen; mir aber ist sie seit vielen Jahren eine unschtzbare Bhne des Weltlebens, wo Krieg und Friede, Elend und Glck, Hunger und berflu, alle Antinomien des Daseins sich widerspiegeln. In der Natur liegt alles ins Unendliche auseinander, im Geist konzentriert sich das Universum in einem Punkt, dozierte einst mein alter Professor der Logik. Ich schrieb das damals zwar gewissenhaft nach in meinem Heft, bekmmerte mich aber nicht viel um die Wahrheit dieses Satzes. Damals war ich jung, und Marie, die niedliche kleine Putzmacherin, wohnte mir gegenber und nhte gewhnlich am Fenster, whrend ich, Kants Kritik der reinen Vernunft vor der Nase, die Augen -- nur bei ihr hatte. Sehr kurzsichtig und zu arm, mir fr diese Fensterstudien eine Brille, ein Fernglas oder einen Operngucker zuzulegen, war ich in Verzweiflung. Ich begriff, was es heit: Alles liegt ins Unendliche auseinander. Da stand ich eines schnen Nachmittags wie gewhnlich am Fenster, die Nase gegen die Scheibe drckend, und drben unter Blumen, in einem lustigen, hellen Sonnenstrahl, sa meine, in Wahrheit ^ombra adorata^. Was htte ich darum gegeben, zu wissen, ob sie herberlchele! Auf einmal fiel mein Blick auf eines jener kleinen Blschen, die sich oft in den Glasscheiben finden. Zufllig schaute ich hindurch, nach meiner kleinen Putzmacherin, und -- ich begriff, da das Universum sich in einem Punkt konzentrieren knne. So ist es auch mit diesem Traum- und Bilderbuch der Sperlingsgasse. Die Bhne ist klein, der darauf Erscheinenden sind wenig, und doch knnen sie eine Welt von Interesse in sich begreifen fr den Schreiber, und eine Welt von Langeweile fr den Fremden, den Unberufenen, welchem einmal diese Bltter in die Hnde fallen sollten. Am 30. November. Der Regen schlgt leise an meine Scheiben. Was und wer der sonderbare lange Gesell ist, der vorgestern da drben in Nr. Elf eingezogen ist, in jene Wohnung, wo auch ich einmal hauste, wo einst auch der Doktor Wimmer sein Wesen trieb, hab ich noch nicht herausgebracht. -- Es ist recht eine Zeit, zu trumen. Ich sitze, den Kopf auf die Hand gesttzt, am Fenster und lasse mich allmhlich immer mehr einlullen von der monotonen Musik des Regens da drauen, bis ich endlich der Gegenwart vollstndig entrckt bin. Ein Bild nach dem andern zieht wie in einer Laterna magica an mir vorbei, verschwindend, wenn ich mich bestrebe, es festzuhalten. O, es ist wahrlich nicht das, was mich am meisten fesselt und hinreit, was ich auf das Papier festbannen kann; ein ganz anderer Maler mte ich sein, um das zu vermgen. Das verschlingt sich, um sich zu lsen; das verdichtet sich, um zu verwehen; das leuchtet auf, um zu verfliegen, und jeder nchste Augenblick bringt etwas Anderes. Oft ertappe ich mich auf Gedanken, welche aufgeschrieben, kindisch, albern, trivial erscheinen wrden, die aber mir, dem alten Mann, in ihrem flchtigen Vorbergehen so s, so heimlich, so beseligend sind, da ich um keinen Preis mich ihnen entreien knnte. Nur das Konkreteste vermag ich dann und wann festzuhalten, und diesmal sind es Bilder aus meinem eigenen Leben, welche ich hier dem Papier anvertraue. * * * * * Was ist das fr eine kleine Stadt zwischen den grnen buchenbewachsenen Bergen? Die roten Dcher schimmern in der Abendsonne; da und dort laufen die Kornfelder an den Berghalden hinauf; aus einem Tal kommt rauschend und pltschernd ein klarer Bach, der mitten durch die Stadt hpft, einen kleinen Teich bildet, bedeckt am Rande mit Binsen und gelben Wasserlilien, und in einem andern Tal verschwindet. Ich kenne das alles; ich kann die Bewohner der meisten Huser mit Namen nennen; ich wei, wie es klingen wird, wenn man in dem spitzen schiefergedeckten Turm jener hbschen alten Kirche anfangen wird zu luten. Habe ich nicht oft genug mich von den Glockenseilen hin und her schwingen lassen? Das ist Ulfelden, die Stadt meiner Kindheit -- das ist meine Vaterstadt! Und schau, dort oben in dem Garten, der sich von jenem zerbrckelnden, noch stehenden Teil der Stadtmauer aus den Berg hinanzieht, gelagert, unter einem blhenden Holunderstrauch, die drei Kinder. Da sitzt ein kleines Mdchen mit groen glnzenden Augen, dem wilden Franz aus dem Walde zuhrend. Franz Ralff, aufgewachsen im Wald und jetzt in der Zucht bei dem Vater der kleinen Marie, dem strengen lateinischen Stadtrektor Volkmann, erzhlt, ein gewaltiges angebissenes Butterbrot in der Hand, kauend und zugleich durch seinen eigenen Vortrag gerhrt, eine seiner wunderbaren Geschichten, die er aus der Waldeinsamkeit mitgebracht hat, und mit denen er uns kleines Volk stets zum Gruseln brachte oder zu bringen versuchte. Und nun sieh da, im Grase ausgestreckt, da bin auch ich, der kleine Hans Wachholder, der Sohn aus dem Pfarrhause; blinzelnd zu dem blauen Himmel hinaufschauend und den kleinen weien Schfchen in der reinen Luft nachtrumend. Die Glocken der heimkehrenden Herden erklingen zwischen den Bergen, ringsumher summt und tnt unendliches Leben, im Gras, in den Bumen, in der Luft; und das Kinderherz versteht alles, es ist ja noch eins mit der Natur, eins mit -- Gott! Aber warum ffnet sich nicht dort unten die braune Tr, die aus dem hbschen, vom Weinstock bersponnenen Hause mit den hellglnzenden Fenstern in den Garten fhrt? Wo ist der alte Mann mit den ehrwrdigen grauen Haaren, welcher da allabendlich seine Blumen zu begieen pflegt? Wo ist -- wo ist meine Mutter? Meine Mutter! Keine freundliche Stimme antwortet! Ich selbst habe ja graue Haare. Vater und Mutter schlummern lange in ihren vergessenen, eingesunkenen Grbern auf dem kleinen Stadtkirchhof zu Ulfelden. Jngere Geschlechter sind seitdem hinabgegangen. Pltzlich verndert sich das sonnige, sommerliche Bild. Da ist schon die groe Stadt! Diesmal ist es nicht Frhling, nicht blhender Sommer, sondern eine strmische, dunkle Herbstnacht -- vielleicht wird eine hnliche auf den heutigen Tag folgen. -- In dieser Nacht sitzt hoch oben in einem kleinen, mehr drei- als viereckigen Dachstbchen ein Student vor einem gewaltigen schweinsledernen Folianten, ber welchen er hinwegstarrt. Wo wandern seine Gedanken? Drauen jagt der Wind die Wolken vor dem Monde her, rttelt an den Dachziegeln, schttelt den zerlumpten Schlafrock, welchen der erfinderische Musensohn, um sich und seine Studien ganz von der Auenwelt abzusperren, vor dem Fensterkreuz festgenagelt hat -- kurz, gebrdet sich so unbndig, wie nur ein Wind, der den Auftrag hat, das letzte Laub von den Bumen in Grten und Wldern zu reien, sich gebrden kann. Lange hat der Musensohn in tiefe Gedanken versunken dagesessen; jetzt springt er pltzlich auf und dreht mir das Gesicht zu -- -- -- das bin ich wieder: Johannes Wachholder, ein Student der Philosophie in der groen Haupt- und Universittsstadt. Sehr aufgeregt scheint der Doppelgnger meiner Jugend zu sein; mit so gewaltigen Schritten, als das enge, wunderlich ausstaffierte Gemach nur erlaubt, rennt er auf und ab. Pltzlich springt er auf das Fenster zu, reit den improvisierten Vorhang herunter und lt einen prchtigen Mondstrahl, welcher in diesem Augenblick durch die zerrissenen Wolken fllt, herein. Marie! Marie! flstert mein Schattenbild leise, die Arme gegen ein schwach erleuchtetes Fenster drben ausstreckend, gegen dessen herabgelassene Gardine der kaum bemerkbare Schatten einer menschlichen Gestalt fllt, und -- Es ist eine gefhrliche Sache, in den Momenten ungewhnlicher Aufregung -- sei es Freude oder Schmerz, Ha oder Liebe -- sich dem klaren, weien Licht des Mondes auszusetzen. Das Volk sagt: Man wird dumm davon. Wirklich, wunderliche Gedanken bringt dieser reine Schein mit sich; allerlei tolles Zeug gewinnt Macht, sich des Geistes zu bemchtigen und ihn unfhig zu machen, frderhin gemtlich auf der ausgetretenen Strae des Alltagslebens weiterzutraben. Man wird dumm davon! -- Zauberhafte Aussichten in phantastische, nebelhafte Grnde ffnen sich zu beiden Seiten; nie gehrte Stimmen werden wach, locken mit Sirenensang, flstern unwiderstehlich, winken dem Wanderer ab vom sicheren Wege, und bald irrt der Bezauberte in den unentrinnbaren Armidengrten der Fee Phantasie. Ich liebe Dich, flstert mein Schattenbild, ich will Dich reich, ich will Dich glcklich, ich will Dich berhmt machen, ich will -- der schreibende Greis kann jetzt nur lcheln -- die Welt fr Dich gewinnen, Marie! Mehr noch flstert mein Doppelgnger, die Stirn an die Scheiben drckend, hinber nach dem kleinen Stbchen, wo die Jugendgespielin, fortgerissen von dem kalten Arm des Lebens aus der waldumgebenen friedlichen Heimat, einsam in der dunkeln, strmischen Nacht arbeitet, als ein anderer Schatten seine Trume von Glck und Ruhm durchkreuzt. Da ist eine andere Gestalt; schwarze, dichte Locken umgeben ein sonnverbranntes Gesicht, die Augen blitzen von Lebenslust und Lebenskraft, es ist der Maler Franz Ralff, der aus Italien zurckkehrend, voll der gttlichen Welt des Altertums und voll der groen Gedanken einer ebenso gttlichen jngern Zeit, den Freund umarmt. Und weiter schweift mein Geist. -- Ich sehe noch immer die junge Waise in ihrem kleinen Stbchen unter Blumen arbeitend. Ich sehe zwei Mnner im Strom des Lebens kmpfen, ein Lcheln von ihr zu gewinnen; und ich sehe endlich den einen mit keuchender Brust sich ans Ufer ringen und den schnen Preis erfassen, whrend der andere weiter getrieben, willenlos und wissenlos auf einer kahlen, skeptischen Sandbank sich wiederfindet. -- Ich sehe _mich_, einen blden Grbler, der sich nur durch erborgte und erheuchelte Stacheln zu schtzen wei, bis er endlich, nach langem Umherschweifen in der Welt, hervorgeht aus dem Kampf, ein ernster sehender Mann, der Freund seines Freundes und dessen jungen Weibes. Ich lebe durch kurze Jahre von schmerzlich sem Glck; ich sehe whrend dieser Jahre eine feine, blondlockige Gestalt lchelnd, wie unser guter Genius, Franz und mich umschweben und ihre schtzende Hand ausstrecken ber seine leicht auflodernde Wildheit und meine hinbrtende Traurigkeit -- ich sehe bald ein kleines Kind -- Elise genannt in den Blttern dieser Chronik -- des Abends aus den Armen der Mutter in die des Vaters und aus den Armen des Vaters in die des Freundes bergehen, mit groen, verwunderten Augen zu uns aufschauend -- -- -- -- Pltzlich hrt der Regen auf, an die Fenster zu schlagen; ich schrecke empor -- es ist spte Nacht. Einen letzten Blick werfe ich noch in die Gasse hinunter. Sie ist dunkel und de; der unzureichende Schein der einen Gaslaterne spiegelt sich in den Smpfen des Pflasters, in den Rinnsteinen wider. Eine verhllte Gestalt schleicht langsam und vorsichtig dicht an den Husern hin. Von Zeit zu Zeit blickt sie sich um. Geht sie zu einem Verbrechen, oder geht sie ein gutes Werk zu tun? Eine andre Gestalt kommt um die Ecke -- ein leiser Pfiff -- Du hast mich lange warten lassen, Riekchen! Ich konnte nicht eher, die Mutter ist erst eben eingeschlafen ... Ein in der Ferne rollender Wagen macht das brige unhrbar. Die Figuren treten aus dem Schatten; ich sehe Ballputz unter den dunkeln Mnteln. Sie verschwinden um die Ecke, und ich schliee das Fenster. So endet das erste Blatt der Chronik, die wie die Geschichte der Menschheit, wie die Geschichte des einzelnen beginnt mit -- einem _Traume_. Am 2. Dezember. Es ist heute fr mich der Jahrestag eines groen Schmerzes, und doch trat heute Morgen der Humor auf meine Schwelle, schttelte seine Schellen, schwang seine Pritsche und sagte: Lache, lache, Johannes, Du bist alt und hast keine Zeit mehr zu verlieren. Jener sonderbare lange Mensch von drben, im abgetragenen grauen Flausrock, einen ziemlich rot und schbig blickenden Hut unter dem Arme, klopfte an meine Tr, kndigte sich als der Karikaturenzeichner Ulrich Strobel an, breitete eine Menge der tollsten Bltter auf dem Tische vor mir aus und verlangte: ich solle ihm fr den Winter -- den Sommer ber bummele er drauen herum -- eine Stelle als Zeichner bei einem der hiesigen illustrierten Bltter verschaffen. Er behauptete, meinen dicken Freund, den Doktor Wimmer in Mnchen, sehr gut zu kennen, und malte wirklich als Wahrzeichen das heitere Gesicht des vortrefflichen Schriftstellers sogleich auf die innere Seite des Deckels eines daliegenden Buches. Ich versprach dem wunderlichen Burschen, dessen Federzeichnungen wirklich ganz prchtig waren, von meinem geringen Ansehen in der Literatur hiesiger Stadt fr ihn den mglichst besten Gebrauch zu machen, und er schied, indem er in der Tr mir die Hand drckte, mich s-suerlich anlchelte und sagte: Sie tun sehr wohl, mich so zu verbinden, verehrtester Herr, denn als braver Nachbar wrde ich doch manche angenehme Seite an Ihnen entdecken, die, zu Papier gebracht, sich sehr gut ausnehmen knnte. Gute Nachbarn werden wir brigens diesen Winter hindurch wohl sein, teuerster Herr Wachholder! denn -- Sie sehen gern aus dem Fenster, eine Eigentmlichkeit aller der Leute, mit welchen sich auf die eine oder die andere Weise leicht leben lt. Guten Morgen! Um eine originelle Bekanntschaft reicher, kehrte ich zu meiner Chronik zurck, mit der Gewiheit, dem Meister Strobel von Zeit zu Zeit darin wieder zu begegnen. Am Nachmittag. Es ist heute Jahrestag. Ich werde die Erinnerung nicht los; sie verfolgt mich, wo ich gehe und stehe. Es war ein eben so trber, regenfarbiger Winternachmittag wie jetzt, als ich traurig dort drben in jenem Fenster sa -- vor langen Jahren -- dort drben in jenem Fenster, von welchem aus mir eben der Zeichner Strobel zunickt, und traurig hinaufblickte zu der grauen eintnigen Himmelsdecke. Die Gasse sah damals wohl nicht viel anders aus als heute; doch sind viele Gesichter, deren ich mich noch gar gut erinnere, verschwunden und haben andern Platz gemacht, und nur einzelne, wie zum Beispiel der alte Kesselschmied Marquart im Keller drunten, der heute wie vor so vielen Jahren lustig sein Eisen hmmert, haben sich erhalten in diesem ununterbrochenen Strome des Gehens und Kommens. Diese sind denn auch mit die Anhaltepunkte, an welche ich bei meinem Rckgedenken den stellenweis unterbrochenen Faden meiner Chronik wieder anknpfe. Einem Wsserchen will ich diese Chronik vergleichen, einem Wsserchen, welches sich aus dem Scho der Erde mhevoll losringt und, anfangs _trbe_, noch die Spuren seiner dunklen, schmerzvollen Geburtssttte an sich trgt. Bald aber wird es in das helle Sonnenlicht sprudeln, Blumen werden sich in ihm spiegeln, Vgelchen werden ihre Schnbel in ihm netzen. An dieser Stelle werdet ihr es fast zu verlieren glauben, an jener wird es frhlich wieder hervorhpfen. Es wird seine eigene Sprache reden in wagehalsigen Sprngen ber Felsen, im listigen Suchen und Finden der Auswege, -- Gott bewahre es nur vor dem Verlaufen im Sande! So fahre ich fort: Es war, wie gesagt, ein trauriger unheimlicher Tag, aber nicht er war es, welcher damals so schwer auf meine Seele drckte. An jenem Tage sah ich von dem Fenster dort drben die Fenster der Kammer meiner jetzigen Wohnung weit geffnet trotz der Klte, trotz dem Regen. Die weien Vorhnge waren herabgelassen und an den Seiten befestigt, damit der Wind, welcher sie heftig hin und her bewegte, sie nicht abreie. Der Tod hatte seine finstere kalte Hand trennend auf ein glckliches Zusammenleben gelegt; der kleine Stuhl dort unter dem Efeugitter auf dem Fenstertritt vor dem Nhtischchen war leer geworden. Marie Ralff war tot! -- -- Ich sah von meinem Fenster aus hier eine Gestalt im Zimmer auf und ab gehen. Armer Franz! Armes kleines Kind! Armer -- Johannes! -- Sie war so lieblich, so jungfrulich-frauenhaft mit ihrem Kindchen im Arm! Da hngt im Museum der Stadt ein kleines Madonnenbild, wo die Unberhrbare den auf ihrem Scho stehenden kleinen Jesus gar liebend-verwundert und mtterlich-stolz betrachtet. Dem Bilde glich _sie_, die eben so blondlockig, eben so heilig, eben so schn war, und oft genug bleibe ich vor diesem Bilde, einem Werk des spanischen Meisters Morales, den seine Zeitgenossen ^el divino^ nannten, stehen, alter vergangener schner Zeiten gedenkend. O, ich liebte sie so, ich hatte so gelitten, als sie mich nur Freund und ihn, meinen Freund Franz Ralff Geliebter nannte. Und jetzt war sie tot; einsam hatte sie uns zurckgelassen! Der Abend sank tiefer herab, und die Dmmerung legte sich zwischen mich und das Drben. Ich hielt es nicht mehr aus, ich mute hinber! Als ich eintrat, schritt Franz immer noch auf und ab; er schien mich nicht zu bemerken, und still setzte ich mich in den Winkel neben die Wiege, wo Martha die Wrterin ber dem Kinde wachte, welches ruhig schlief und die kleinen Hnde zum Mndchen hinauf gezogen hatte. Ich wei nicht, wie lange ich da gesessen habe, ich wei von keinem meiner Gedanken in jener Nacht Rechenschaft zu geben. Die tiefe Stille, die auf der groen Stadt lag, lie nur das Gefhl mich berkommen, als ob das Leben auch dieses zuckende, bewegte Herz eines ganzen groen Landes verlassen habe, als ob das leise Picken der Wanduhr das letzte verklingende Getn des Weltrades sei, und die ewige Stille nun binnen kurzem alles Leben zurckgeschlrft haben wrde. Das leise Weinen des Kindes neben mir erweckte mich endlich; Franz legte mir die Hand auf die Schulter und fiel dann pltzlich erschpft auf einen Stuhl neben mir. Gute Nacht, Johannes, sagte er, den Kopf an meine Brust legend, morgen wollen wir sie begraben! -- Es waren die ersten Worte, die er an dem Tage sprach. Am 3. Dezember. ^O cara, cara Maria vale! Vale cara Maria! Cara, cara Maria vale!^ Es war ein berhmter Dichter, welcher dies auf den Grabstein einer geliebten Abgeschiedenen setzte, er hatte treffliche, herzerschtternde Gesnge gesungen; _hier_ wute er nichts weiter als diese drei Worte, herzzerreiend wiederkehrend. Und jenes: Morgen! dmmerte. Das Leben der groen Stadt begann wieder seinen gewhnlichen Gang; der Reichtum ghnte auf seinen Kissen, oder hatte auch wohl das Herz ebenso schwer als die Armut, die jetzt aus ihrem dunkeln Winkel huschte, um einen neuen Ring der Kette ihres Leidens, einen neuen Tag ihrem Dasein anzuschmieden. Die Gewerbe faten ihr Handwerkszeug; die groen Maschinen begannen wieder zu hmmern und zu rauschen; die Wagen rollten in den Straen, und der Taufzug begegnete dem Totenwagen; denn es war nicht die einzige Leiche drben in der kleinen Kammer, welche in der menschenvollen Stadt im letzten Schlaf ausgestreckt lag. Ich ging hinber. Der Kesselschmied Marquart -- er war damals noch jnger und krftiger als heute -- hatte sein Hmmern eingestellt und lehnte traurig in der niedrigen Tr, die in seine unterirdische Werkstatt hinabfhrt; er liebte die tote Marie so gut wie alle, die mit ihr je in Berhrung gekommen waren. Hatte sie nicht fr jeden fremden Schmerz eine Trne, fr jede fremde Freude ein teilnehmendes Lcheln? War sie nicht in der dunkeln Sperlingsgasse wie jene sonnige, gute, kleine Fee, die berall wo sie hintrat, eine Blume aus dem Boden hervorrief? Auf dem Hausflur standen flsternde Frauen, die mir traurig, als ich vorberging, zunickten, und auf einer Treppenstufe sa ein kleines schluchzendes Mdchen, eine zerbrochene Puppe im Scho. O, ich wei das alles noch! Und jetzt trat ich ein -- Da lag sie in ihrem weien mit roten Schleifen besetzten Kleide, eine aufgeblhte Rose auf der Brust, in ihrem schwarzen Sarge; die einst so klaren und innigen Augen geschlossen, die ewige ernste Ruhe des Todes auf der Stirn! Franz fiel mir weinend um den Hals; junge Nachbarinnen in weien Sonntagskleidern befestigten Guirlanden von Tannenzweigen und Immergrn, aus denen hier und da eine einsame Blume hervorschaute, um den schwarzen Schrein. Ach, die Armut und der Winter erlaubten nicht, allzuviel: Ses der Sen zu streuen! Der junge Tischler Rudolf unten aus dem Hause stand die Augen mit der Linken bedeckend, Hammer und Ngel in der Rechten zur Seite; seine junge Braut lehnte schluchzend das Haupt auf seine Schulter. O, ich wei das alles, alles noch! -- Einen letzten, langen langen Blick warf ich auf die schne, bleiche, stille Gespielin meiner Kindheit, die Heilige meiner Jnglingsjahre, die Trsterin meines Mannesalters, dann hob ich leise Franz von ihrer Brust, ber die er hingesunken war, auf, und fhrte ihn an die Wiege seines Kindes. -- Rudolf der Tischler begann sein trauriges Werk. Unter dumpfen Hammerschlgen legte sich der Deckel ber dies Reliquarium eines Menschenlebens. Ein kalter Schauer berlief mich! ^Vale, vale cara Maria!^ Die Trger kamen, hoben die leichte Last auf die Schultern und trugen sie die schmale enge Treppe hinab; die Frauen schluchzten, Kinderkpfe lugten verwundert ernst durch die Haustr und wichen scheu zur Seite, als der traurige Zug hinaustrat auf die Strae. Freunde und Bekannte hatten sich eingefunden, das Weib des Malers auf dem letzten Wege zu begleiten; der Kesselschmied zog das Mtzchen ab und strich mit seiner schwarzen schwieligen Hand ber die Augen. Den wie in einem bsen Traum gehenden Franz fhrend, schritt ich dem Bretterhuschen nach, welches unser Liebstes barg. O, ich wei das alles noch ganz genau. So ist das Menschenherz! Viele Jahre sind vorbergegangen seit jenem traurigen Tage, und heute noch erinnere ich mich an alle die finstern Gedanken, die damals durch meine Brust zogen, whrend ich so manche jngere Freude vergessen habe! Es lernt und sieht sich manches auf einem solchen Gange, fr den, welcher es versteht, auf den Gesichtern der Begegnenden und Nachschauenden zu lesen. Sieh dort an der Ecke die arme mit Lumpen bekleidete Frau aus dem Volk, wie sie ihr Kind fester an sich drckt und flstert: Was sollte aus Dir werden, mein kleines Herz, wenn ich heute so still lge wie die, welche man da forttrgt. Dort kommt eine elegante Equipage, Kutscher und Bediente in prchtiger Livree, mit Blumenstruen im Knopfloch. Bunte Hochzeitsbnder flattern an den Kopfgeschirren der Pferde; der junge vornehme Mann fhrt seine schne Braut zur Trauung; ihr Auge trifft den Sarg, welcher langsam auf den Schultern der Trger daher schwankt, und die junge Verlobte birgt zitternd ihr juwelenblitzendes Haupt an der Brust neben ihr. Sieh den Arbeiter, welcher dort das Beil sinken lt und stier dem Zuge des Todes nachsieht. Schaffe weiter, Proletarier, auch dein Weib liegt zu Hause sterbend; schaffe weiter, du hast keine Zeit zu verlieren; der Tod ist schnell; aber du mut schneller sein, Mann der Arbeit, wenn du sie in ihren letzten Stunden vor dem Hunger schtzen willst. Beugt das Haupt und tretet zur Seite, ihr kettenklirrenden Verbrecher! Der Tod zieht vorber! Er wird auch euch einst von euren Ketten befreien! Beugt das Haupt, ihr armen Geschpfe der Nacht, der Tod zieht vorber, und auch euch hebt er einst, den erborgten Flitterputz, den armen beschmutzten Krper, die Snde der Gesellschaft euch abstreifend, rein und heilig empor aus der Dunkelheit, dem Schmutz und dem Elend. Von dir, du Sptter mit dem faden Lcheln auf den Lippen, fordere ich nicht, da du zur Seite tretest! Der Zug des Todes mag _dir_ ausweichen -- du bist wrdig, dein Leben doppelt und dreifach zu leben! Es ist ein langer Weg aus der Mitte der groen Stadt bis zu dem Johanniskirchhofe drauen, und nie ist mir ein Weg so lang und doch zugleich so kurz vorgekommen. Ich dachte an den Verurteilten, welcher dem Richtplatz nher und nher kommt, welchem jede Minute eine Ewigkeit und der stundenlange Weg ein Augenblick ist. Ach wir armen Menschen, ist nicht das ganze Leben ein solcher Gang zum Richtplatz? Und doch freuen wir uns und jubeln ber die Blumen am Wege und sehen in jedem Tautropfen, der in ihnen hngt, Himmel und Erde! Armes glckliches Menschenherz! Die schweren, massigen Regenwolken wlzten sich dicht ber der Erde weg, als wir aus dem Tor traten. Grau in grau Himmel und Erde! Grau in grau Herz und Welt! Die Bume streckten ihre leeren ste wehmtig empor, eine Meise flog von Ast zu Ast vor dem Zuge her. Und jetzt waren wir angelangt vor der Pforte des Friedhofes. Langsam wand der Zug sich den Weg entlang, an frischen und eingesunkenen Hgeln, stolzen Monumenten und drftig naivem Putz vorber, der Stelle zu, wo die Hlle der toten Marie ruhen sollte. Im folgenden Frhling machten wir einen hbschen lieblichen Ort daraus, wo die Goldregenbsche ihre duftenden Trauben herabhngen lieen, und die Vgel in den Rosenstruchern zwitscherten, heute jedoch war's ringsumher gar traurig und unheimlich. Auf dem Grund der Grube, die unser Liebstes aufnehmen sollte, stand ein kleiner Sumpf Regenwasser, in welchem sich aber pltzlich eine lichte blaue Stelle, die oben am Himmel zwischen den ziehenden Wolken durchlugte, widerspiegelte. -- -- Ich habe nichts, nichts vergessen! Und nun, ihr Mnner, lat den Sarg hinabgleiten; gebt der alten schaffenden Mutter Erde ihr schnes Kind zurck! Und nun, Franz, wirf drei Hnde voll Erde auf die versinkende Welt deiner Freude! -- Ergreift die Schaufeln, ihr Clowns, und vollendet euer Geschft! Du alter rotnsiger Bursch, bemhe dich nicht, ein wehmtiges Gesicht zu ziehen, winke nur deinem Gefhrten, da er die Flasche bei Yaughan fllen lasse, und brumme dein altes Totengrberlied in den Bart! Wie die Schollen dumpfer und dumpfer auf den Sarg poltern, und wie jeder Ton das arme Herz erzittern lt in seinen tiefsten Tiefen! Wie das Auge sich anklammert an den letzten Schein des schwarzen Holzes, welcher durch die bedeckende Erde schimmert, bis endlich jede Spur verschwindet, die hinabgeworfene Erde nur noch Erde trifft, die Hhle sich allmhlich fllt, und endlich der Hgel sich erhebt, der von nun an mit dem geliebten begrabenen Wesen in unsern Gedanken identisch ist! Wunderliches Menschenvolk, so gro und so klein in demselben Augenblick! Welch eine Tragdie, welch ein Kampf, welch ein -- Puppenspiel jedes Leben; von dem des Kindes, welches vergeblich nach der glnzenden Mondscheibe verlangt und verwelkt, ehe es das Wort ich aussprechen kann, bis zu dem des grbelnden Philosophen, welcher in dasselbe Wrtchen ich das Universum legt und zusammenbricht, ein krper- und geistesschwacher Greis, der kaum noch das Gefhl fr Wrme und Klte behalten hat. Sieh um dich, Johannes: Verkehrt auf dem grauen Esel Zeit sitzend, reitet die Menschheit ihrem Ziele zu. Horch, wie lustig die Schellen und Glckchen am Sattelschmuck klingen, den Kronen, Tiaren, phrygische Mtzen -- Mnner- und Weiberkappen bilden. Welchem Ziel schleicht das graue Tier entgegen? Ist's das wiedergewonnene Paradies; ist's das Schafott? Die Reiterin kennt es nicht; sie will es nicht kennen! Das Gesicht dem zurckgelegten Wege, der dunkeln Vergangenheit zugewandt, lauscht sie den Glckchen, mag das Tier ber blumige Friedensauen traben oder durch das Blut der Schlachtfelder waten -- sie lauscht und trumt! Ja sie trumt. Ein Traum ist das Leben der Menschheit, ein Traum ist das Leben des Individuums. Wie und wo wird das Erwachen sein? Auf einem Berliner Friedhofe liegt ber der Asche eines volkstmlichen Tonknstlers, der auch viel erdulden mute in seinem Leben, ein Stein, auf welchen eine Freundeshand geschrieben hat: Sein Lied war deutsch und deutsch sein Leid, Sein Leben Kampf mit Not und Neid, Das Leid flieht diesen Friedensort, Der Kampf ist aus -- das Lied tnt fort! -- Ich lege die Feder nieder und wiederhole leise diese Zeilen. Ich kann heute nicht weiter schreiben. Am 5. Dezember. Meinem Versprechen gem hatte ich der Redaktion der _Welken Bltter_ -- Wimmerianischen Angedenkens -- einige der Federzeichnungen meines Nachbars Strobel vorgefhrt und konnte heute schon ihm seine Aufnahme unter die Zeichner jenes witzigen Journals ankndigen. Da ich seine Nase hinter den Scheiben seiner Fenster einigemal hatte hervorlugen sehen, so machte ich mich auf den Weg hinber zu meiner alten Wohnung, in der ich, seit ich sie verlassen, so viele ein- und ausziehen gesehen habe. Die dicke Madame Pimpernell hat es aufgegeben, in eigener, gewichtiger Person ber den Vorrten des Viktualienladens zu thronen, sie hat sich in einen gewaltigen, ausgepolsterten Lehnstuhl hinter dem Ofen zurckgezogen, von wo aus sie oft genug Dorette -- auch Rettchen genannt -- ihre hagere Tochter und Nachfolgerin im Reich der Kse, der Butter und der Milch zur Verzweiflung zu bringen vermag. Das mittlere Stockwerk des Hauses Nr. Elf steht augenblicklich leer, indem nach heftigen Kmpfen mit dem Parterre, treppauf und ab, die letzten Einwohnerinnen: die verwitwete Geheime Oberfinanzsekretrin Trampel und ihre zwei sehr ltlichen und sehr ansuerlichen Tchter Heloise und Klara -- llise und Knarre von der Madame Pimpernell genannt -- abgezogen sind. Klavier, Harfe und Guitarre, die drei Marterinstrumente der Sperlingsgasse, nahmen sie glcklicherweise mit, sowie auch den edlen Kater Eros und den ebenso edlen, schiefbeinigen Teckelhund Anteros -- Geschenke eines neuen und doch schon antediluvianischen Ablards und Egmonts. Wie oft bin ich einst diese steilen, engen Treppen hinauf- und hinabgeklettert; jetzt einen Haufen Bcher unter dem Arm, jetzt einen, wie ich glaubte, Furore machensollenden Leitartikel in der Rocktasche. Wie oft haben Mariens kleine Fe diese schmutzigen Stufen betreten, wenn sie mit Franz zu einem prchtigen Teeabend kam, dem ich immer mit so untadelhafter, hausvterlicher Wrde vorzustehen wute! Wie ich dann ihr helles Lachen, welches die feuchten, schwarzen Wnde so frhlich wiedergaben, erwartete; wie sie so reizend ber meine verwilderte Stube sptteln konnte, und dann trotz aller meiner vorherigen stundenlangen Bemhungen erst durch fnf Minuten _ihrer_ Anwesenheit einen menschlichen Aufenthaltsort daraus machte! Wie ich dann spter von der kleinen Qulerin gezwungen wurde, eine unglckliche Flte hervorzuholen und steinerweichend eine klgliche Nachahmung von: Guter Mond, du gehst so stille hervorzujammern, bis Franz Einspruch tat, oder mir der Atem ausging, oder der kleinen Tyrannin die Kraft zu lachen! Es waren selige Abende, und ich nahm das Andenken daran mit hinauf bis zur Tr des Zeichners. Auf mein Anklopfen erschallte drinnen ein unverstndliches Gebrumme; ich trat ein. Manche Junggesellenwirtschaft habe ich kennen gelernt und kann viel vertragen in dieser Hinsicht. Den Doktor Wimmer, den Schauspieler Mller, den Musiker Schmidt, den Kandidaten der Theologie Schulze habe ich in ihrer Huslichkeit gesehen, von meiner eigenen Unordnung nicht zu sprechen, aber eine solche malerische Liederlichkeit war mir doch noch nicht vorgekommen. Eine Phantasie, durch Justinus Kerners kakodmonischen Magnetismus in Verwirrung geraten, knnte, gefroren, versteinert, verkrpert in einem anatomischen Museum ausgestellt, keinen tolleren Anblick gewhren! Auf einem unaussprechlich lcherlichen Sofa, viel zu kurz fr ihn, lag, den Kopf gegen die Tr, die Beine ber die Lehne weg gestreckt, und die Fe gegen die Fensterwand gestemmt, der lange Zeichner, die Zigarre, die groe Trostspenderin des neunzehnten Jahrhunderts, im Munde, ein Zeichenbrett auf den Knieen und den Stift in der Hand. Ein dreibeiniger Tisch, der ohne Zweifel einst unter die Quadrupeden gehrt hatte, war an diese Lagerstatt gezogen; ein leerer Bierkrug, eine halbgeleerte Zigarrenkiste, Tuschnpfchen, bekritzelte Papiere und andre heterogene Gegenstnde bedeckten ihn im reizendsten Mischmasch. Drei verschiedengestaltete Sthle hatte die Bude aufzuweisen; der eine aus der Rokokozeit diente als Bibliothek, der andre, ein grnangestrichener Gartenstuhl, verrichtete die Dienste eines Kleiderschranks, und der dritte, von dessen frherem Polster nur noch der zerfetzte berzug herabhing, war ^o horror!^ -- zur -- Toilette entwrdigt, und ein Waschnapf, Seife, Kmme und Zahnbrsten machten sich viel breiter auf ihm als irgend ntig war. In einer Ecke des Zimmers lehnte der Ziegenhainer des wanderlustigen Karikaturenzeichners, und auf ihm hing sein breitrandiger Filz. In einem andern Winkel hing eine umfangreiche Reisetasche, und die Wnde entlang war mit Stecknadeln eine tolle Zeichnung neben der andern festgenagelt. Das Ganze ein wahres Pandmonium von Humor und skurrilem Unsinn. Ah, mein Nachbar! rief Meister Strobel, bei meinem Eintritt von seinem Sofa aufspringend, mit der einen Hand das Zeichenbrett fortlehnend, mit der andern den wackelnden Tisch am Fallen hindernd. Das ist sehr edel von Ihnen, da Sie meinen Besuch so bald erwidern; seien Sie herzlich gegrt und nehmen Sie Platz! Mit diesen Worten lie er die Last des Bibliothekstuhls zur Erde gleiten und zog ihn an den Tisch, von dem er ebenfalls die meisten Gegenstnde an beliebige Pltze schleuderte. Ich bin gekommen, Ihnen mitzuteilen, Herr Strobel, da Ihre Bltter groen Anklang bei der Redaktion der >Welken Bltter< gefunden haben, und da dieselbe stolz sein wird, Sie unter ihre Mitarbeiter zu zhlen. Sehr verbunden, sagte der Zeichner, der sich auf mysterise Weise eben am Ofen beschftigte, bitte, nehmen Sie eine Zigarre und erlauben Sie mir, Ihnen eine Tasse Kaffee anzubieten. Er sah und roch in einen sehr verdchtig aussehenden Topf, den er aus der Ofenrhre nahm. O weh, rief er, whrend ich alle Heiligen des Kalenders anrief, die Quelle ist versiecht! Bitte, machen Sie keine Umstnde, Ihre Zigarren sind ausgezeichnet! Ja, sagte Strobel, sich nun wieder auf sein Sofa setzend, das ist der einzige Luxus, den ich nicht entbehren knnte, und ich preise meinen Stern, der mich in einer Zeit geboren werden lie, wo man die Redensart: Kein Vergngen ohne die Damen --, in die jedenfalls passendere: Kein Vergngen ohne eine Zigarre, umgendert hat. Sind Sie ein solcher Weiberfeind? Keineswegs; im Gegenteil, ich beuge mich ganz und gar dem franzsischen Wort: ^Ce que femme veut, Dieu le veut^ und ziehe -- deshalb gerade, die nicht so anspruchsvolle Zigarre vor, die fr uns glht, ohne das Gleiche zu verlangen, die interessant ist, ohne interessiert sein zu wollen, und so weiter, und so weiter! Sie sind wirklich ein echtes Kind unserer Zeit, die durch zu viele und zu verschiedenartige Anspannungen im ganzen bei dem einzelnen das Gehenlassen, die Athaumasie, die Apathie zur Gottheit gemacht hat. Puh, sagte der Zeichner, eine gewaltige Dampfwolke fortblasend, ich konnt's mir denken, da sind wir schon in einem solchen Gesprche, wie sie alles Zusammenleben jetzt verbittern: brigens ist unsere Zeit durchaus nicht apathisch, aber der einzelne fngt an, das wahre Prinzip herauszufinden, da nmlich die Sache durch die Sache gehen mu. -- Nicht jeder erste und ^taliter qualiter^ beste soll sich fhig glauben, den Wegweiser spielen zu knnen, den Arm ausstrecken und schreien: Holla, da lauft, dort geht der rechte Weg, dorthin liegt das Ziel! Und die seitwrts abfhrenden Holzwege?... Laufen alle der groen Strae wieder zu, nachdem sie an irgend einer schnen, merkwrdigen, lehrreichen Stelle vorbergefhrt haben. Ich, der Fuwanderer, habe nie so viel Erfahrungen fr den Geist, so viel Skizzen fr meine Mappe heimgebracht, als wenn ich mich verirrt hatte. Sie mssen ein eigentmliches Leben gefhrt haben und fhren! sagte ich, den sonderbaren Menschen vor mir ansehend. Er strich mit der Hand ber das sonnverbrannte, verschrumpfte Gesicht und lchelte. Ein Leben, das gern auf Irrwegen geht, ist stets eigentmlich! sagte er. brigens wird jeder Mensch mit irgend einer Eigentmlichkeit geboren, die, wenn man sie gewhren lt -- was gewhnlich nicht geschieht -- sich durch das ganze Leben zu ranken vermag, hier Blten treibend, dort Stacheln ansetzend, dort -- von auen gestochen -- Gallpfel. Was mich betrifft, so bin ich von frhester Jugend auf mit der unwiderstehlichsten Neigung behaftet gewesen, mein Leben auf dem Rcken liegend hinzubringen und im Stehen und Gehen die Hnde in die Hosentaschen zu stecken. Sie lcheln -- aber was ich bin, bin ich dadurch geworden. Ich lchelte nur ber die Richtigkeit Ihrer Bemerkung. Wir alle sind Sonntagskinder, in jedem liegt ein Keim der Fhigkeit, das Geistervolk zu belauschen, aber es ist freilich ein zarter Keim, und das Pflnzchen kommt nicht gut fort unter dem Staub der Heerstrae und dem Lrm des Marktes. Holla, rief der Zeichner, pltzlich aufspringend und nach dem Fenster eilend, sehen Sie, welch ein Bild! In der Dachwohnung ber der meinigen drben hatte sich ein Fenster geffnet. Die kleine Ballettnzerin, welche dort wohnt, lie ihr hbsches Kindchen nach den leise herabsinkenden Schneeflocken greifen. Das Kind streckte die rmchen aus und jubelte, wenn sich einer der groen weien Sterne auf seine Hndchen legte oder auf sein Nschen. Die arme, ohne die Schminke der Bhne so bleiche Mutter sah so glcklich aus, da niemand in diesem Augenblick die traurige Geschichte des jungen Weibes geahnt htte. Ich habe auf Ihrem Schreibtische Bltter gesehen mit der berschrift: _Chronik der Sperlingsgasse_, sagte Strobel, das Bild da drben gehrt hinein, wie es in meine Skizzenmappe gehrt. In meinen Blttern wrde es eine dunkle Seite bilden, antwortete ich, und die Chronik hat deren genug. Wie wr's aber, wenn Sie Mitarbeiter dieser Chronik der Sperlingsgasse wrden; Sie haben ein gar glckliches Auge! Glauben Sie? fragte der Karikaturenzeichner, welcher den Kleiderschrankstuhl an das Fenster gezogen hatte und emsig auf einem Papier kritzelte. Sie wollen keine dunkeln Bltter; kennen Sie vielleicht die Geschichte jenes englischen Zerrbildzeichners, der vor dem Spiegel an seinem eigenen Gesichte die Fratzen der menschlichen Leidenschaften studierte? Nein, ich kenne die Geschichte nicht, was ward mit ihm? Er -- schnitt sich den Hals ab, sagte der Zeichner dumpf, seine vollendete Skizze fortlegend. Verwundert schaute ich auf. Das Gesicht Strobels hatte einen Ausdruck von Trbsinn angenommen, der mich fast erschreckte. Er sprach nicht weiter, und es trat eine Pause ein, whrend welcher drben das Kind lachte und jubelte, und die Tnzerin den Spatzen, die sich zwitschernd auf die Dachrinne setzten, Brotkrumen streute. Ich sah, da der Zeichner allein sein wollte und ging; der sonderbare Mensch begleitete mich bis zur Treppe. Dort sagte er, mir die Hand drckend und lchelnd: Ich will aber doch Mitarbeiter Ihrer Chronik werden, Signor! So endete mein erster Besuch bei dem Karikaturenzeichner Ulrich Strobel. Am 10. Dezember. Es ist jetzt vollstndig Winter geworden; der Schnee liegt zu hoch in den Straen, als da man den Schritt der verspteten Fugnger, das Rollen der Wagen hren knnte. Es ist tiefe Nacht. Was ist das fr ein bleiches, verfallenes Gesicht, welches da vor mir auftaucht? Ist das Franz -- der lebensmutige, lebensglhende Franz Ralff, den ich einst kannte? Drei Monate waren hingegangen, seit man die tote Marie zu ihrer stillen Ruhesttte hinausgetragen hatte. Ich sa neben meinem Freunde, der, auf die graugrundierte Leinwand vor ihm starrend, pltzlich begann: Hre, Johannes, ich mu Dir eine Geschichte erzhlen. Es wird gut sein, da Du sie kennst; auch knnte wohl der Fall eintreten, da mein Kind sie erfahren mte. Letzteres will ich dann Dir berlassen, Johannes. Ich mu weit dazu ausholen, ich mu in unsere frheste Jugendzeit zurckgehen, wo wir glckliche, ahnungslose Kinder waren. O Johannes, la mich sie zurckrufen, diese seligen Tage! Klingt es Dir nicht auch bei jeder Erinnerung daran, wie das Luten jener im Wald verlorenen Kirche? O, mein Jugend-Waldleben! -- Wie ich es jetzt vor mir sehe, dieses alte, braune, verfallende Jgerhaus, mitten in der grnen, duftenden Einsamkeit! Vorbei pltschernd der klare Bach, der dann tiefer im Walde den stillen Teich bildet, welchen die Sage so wundersam umschlungen hat! Wie oft bin ich, das Kinderherz voll geheimnisvollen Bebens, an funkelnden Mondscheinabenden, wenn die Bewohner des Jgerhauses vor der Tr saen und der alte Burchhard das Waldhorn -- Du weit wie schn -- blies, dem durch das Dunkel glitzernden Bach nachgeschlichen, dem stillen Wasser zu, das Treiben der Nixen und Elfen zu belauschen. Wie fuhr ich zusammen, wenn eine Eidechse im Grase raschelte, oder ein Nachtvogel schwerflligen Flugs ber den glnzenden Spiegel des Teichs hinflatterte, indem ich dachte, jetzt msse das wundersame Geheimnis ans Licht treten und sein Wesen und Weben beginnen um die volle Scheibe des Mondes, die in der klaren, stillen Flut widergespiegelt lag. Erst spter erfuhr ich, woher der tiefe, geheime Zug in mir nach diesem Waldwasser stamme. Wie oft bin ich, wenn der Sturm in den Bumen rauschte, hinaufgestiegen in eine hohe Tanne, um mich, die Arme fest um den rauhen, harzigen Stamm geschlungen, das Herz gepret von Angst und unsglicher Seligkeit -- hin und her schleudern zu lassen vom Winde. Und dann, wenn drauen die heie Julisonne, die in diese Waldnacht nur vorsichtig neugierig hinein zu lugen wagte, auf der Welt lag: welch ein Trumen war das! Welch eine Wonne war's, im Grase zu liegen, whrend der Rauhbach an meiner Seite rauschte und murmelte und seine Kiesel langsam weiterschob, whrend die Sonnenlichter an den schlanken Buchenstmmen oder ber den Wellchen des Baches spielten und zitterten; die Wasserjungfer ber mich hinscho; ringsumher die Glockenblumen ihre blauen Kelche der Erde zuneigten, und der stolze Fingerhut sich trotzend in seiner Pracht erhob, als spreche er jeden verirrten Strahl der Sonne fr sein Eigentum an. Welche Winterabende waren das, wenn ich dem alten weibrtigen Mann, den ich Oheim nannte, auf dem Knie sa, mit den Quasten seiner kurzen Jgerpfeife spielte und seinen Geschichten und Sagen lauschte, whrend die Hunde zu unsern Fen schliefen und trumten und nur von Zeit zu Zeit aufhorchten, wenn der alte Karo drauen anschlug. Es war ein glckliches Leben, dieses Leben im Walde, und es ist von groem Einflu auf meine sptere, knstlerische Entwickelung gewesen. Noch gar gut erinnere ich mich des Tages, an welchem ich mein erstes Kunstwerk an der Stalltr zustande brachte. Es war ein Portrt unseres alten Burchhards und seines treuen Begleiters, des kleinen Dachshundes, der die Eigentmlichkeit hatte, gar keinen Namen zu besitzen, sondern nur auf einen besonderen Pfiff seines Herrn hrte. Der folgende Zeitraum meiner Geschichte, Johannes, ist Dir fast so gut als mir bekannt, und ich knnte schneller darber weggehen, wenn es mich nicht berall, wo _ihr_ Bild auftaucht, so gewaltig festhielte. Wie viele heimliche Trnen -- der Oheim liebte das Weinen nicht -- wischte ich mir aus den Augen, als der Tag kam, an welchem ich meiner grnen Waldesnacht Ade sagen mute. Gern htte ich mich an jeden Baum, an jeden Strauch, an welchem der Weg aus dem Walde heraus vorbeifhrte, festgeklammert. Wie unermelich weit und gro kam mir die Welt vor. Wie eine Eule, die man aus ihrer dunkeln Hhle in den Sonnenschein gezerrt hat, schien ich mir anfangs in Ulfelden. Ich war unglcklich, wie ein Kind von zwlf Jahren es nur sein kann, ehe ich mich in das ungewohnte Leben hineinfand. Wie deutlich steht mir der erste Abend in unserer Kindheitsstadt noch vor dem Gedchtnis! Der Oheim war zurckgekehrt in sein einsames Waldhaus, die Frau Rektorin wirtschaftete in der Kche, der alte Rektor sa oben in seinem kleinen Studierstbchen ber dem Tacitus, seinem Lieblingsschriftsteller, wie ich spter erfuhr, und -- ich kauerte einsam mit verquollenen trnenden Augen auf der grnen Bank vor dem Hause und blickte in dumpfem Hinbrten den vorbeischieenden Schwalben nach: als auf einmal ein kleines, etwas schmutziges Hndchen mir einen angebissenen rotbckigen Apfel hinhielt, ein Lockenkpfchen sich unter meine Nase drngte und ein feines Stimmchen sagte: Nicht weinen ... Junge ... Mama auch Eierkuchen backen. Ich hatte damals groe Lust, die kleine Trsterin zurckzustoen, sie lie sich aber nicht abweisen, und als ich ber ihr Mitgefhl strker zu schluchzen anfing, fing auch sie an zu weinen. Unter diesem Trnenstrom wurden wir von dem alten Rektor berrascht, welcher pltzlich in seinem rotgeblmten Schlafrock -- ein Portrt von ihm gibt es dort unter meinen Skizzen -- und mit der langen Pfeife im Munde hinter uns stand. Nun, kleines Volk, sagte er lchelnd, das ist ja eine prchtige Freundschaft zwischen Euch, die so mit Heulen anfngt! Wer hat denn dem andern etwas zuleide getan? Diese diplomatische Wendung der Sache brachte auf einmal meinen Trnenstrom zum Stehen, und auch die kleine Marie lchelte sogleich wieder durch die hellen Tropfen, die ihr ber beide Backen rollten. Wird schon gehen, wird schon gehen! brummte der alte Scholarch, fuhr mit der Hand ber meine Haare und ging dann zurck ins Haus, um seiner Frau beim Eierkuchenbacken zuzusehen. Die kleine Marie aber fhrte mich zu ihrem Garten im Winkel, grub eine keimende Bohne hervor, zeigte sie mir jubelnd und versprach mir ein hnliches Feld fr meine Ttigkeit. Dann zogen wir uns in die Geisblattlaube zurck, wo der Tisch gedeckt war. Da fand ich neben dem Nhzeuge der Frau Rektorin ein Buch auf der Bank -- ein Bilderbuch, welches mich den Wald, das Jgerhaus, den Ohm, den alten Burchhard, mein ganzes Heimweh zuerst vergessen lie. Es war ein zerlesener und zerbltterter Band des welt- und kinderbekannten Bertuchschen Werks! Welch eine neue Welt ging mir da auf! -- Und die kleine Marie lehnte neben mir; lachte, erklrte und kitzelte mich mit Strohhalmen; dann kam die Frau Rektorin mit dem Eierkuchen, und der Rektor verlie seinen Tacitus; die Glocken der alten Stadtkirche luteten den morgenden Sonntag ein; -- ich hatte mich gefunden! -- Erinnerst Du Dich wohl noch, Hans, dieses Sonntagmorgens, der auf meinen ersten Tag in Ulfelden folgte? Weit Du wohl noch, wie Du mir in der Kirche zunicktest, und beim Nachhausegehen unsere Freundschaft ihren Anfang nahm durch eine Handvoll Kletten, welche Du mir in die Haare warfest? Weit Du wohl, Johannes, wie ich aus dem blden Waldjungen zu dem tollsten, verwegensten Schlingel der ganzen Gegend heranwuchs und nur duckte, wenn mich die kleine Marie aus ihren groen Augen so traurig ansah? Es war eine prchtige Zeit, -- und das Latein war durchaus keine so bse Krankheit wie das Scharlachfriesel; -- ich hatte diese Vorstellung aus dem Walde mitgebracht -- sondern hchstens ein leichter Schnupfen, der bald wieder auszuschwitzen war. Dann kamen die Zeichenstunden bei dem alten Maler Gruner, der mir zuerst die Welt des Schnen deutlicher vor die Augen legte, der in seiner trockenen kaustischen Weise das Leben, welches er sehr wohl kannte, an mir vorbergleiten lie, da ich verlangte und mich hinaussehnte in diese so schn blhende Welt, wo man nur die Hand auszustrecken brauchte, um Glck, Ruhm und Reichtum zu erfassen. Den Wald hatte ich fast ganz vergessen; ich sehnte mich gar nicht zurck; hinaus wollte ich in die Welt, Maler werden, tausend Trume hatte ich, und in allen schwebte Mariens holdes Bild! Da wurde ich eines Tags zurckgerufen in das einsame Jgerhaus und fand meinen alten Oheim auf dem Sterbebette. Eine Erkltung, die er sich zugezogen und nicht beachtete, hatte bei seinem vorgerckten Alter eine tdliche Wendung genommen. Alle rztliche und geistliche Hilfe verschmhend, hatte er nur nach mir verlangt. Eine schreckliche Enthllung erwartete mich am Bette des Mannes, an dessen Seite ich nur den alten Burchhard traf, whrend die Waldgrete, die bejahrte Magd des Frsterhauses, ab- und zuging. Als ich -- jetzt ein neunzehnjhriger Jngling -- an das Lager meines Ohms trat, sah mich dieser, eben aus einem kurzen unruhigen Schlummer erwachend, starr an. Er gleicht ihm immer mehr, murmelte er. Als ich mich ber ihn beugte, kte mich der alte strenge Mann und sagte mit erloschener Stimme: Franz, -- Du siehst, es ist vorbei mit mir: ich brauche den Jagdranzen nicht zu fllen und nicht fr Schiezeug zu sorgen fr den Gang, den ich jetzt gehen mu. Heule nicht, Junge; weit, ich hab's nie leiden knnen. Ist Weibermode! Ich mchte Dir aber noch etwas sagen, eh ich abmarschiere vom Anstand; kannst dann daraus machen, was Du willst. Setze Dich und hre zu! Schau, da hinten, -- der Alte zeigte durch das offene Fenster, in welches grne Zweige schlugen, und die Abendsonne zitterte, whrend ein Buchfink davor sang; -- da hinten hinter dem Walde kommst Du in die groe Ebene, wo Du tagelang gehen kannst, ohne einen Berg zu sehen. Die Leute nennen's ein schnes Land; -- mag sein, hab's aber nie leiden knnen, und mag den Wald lieber. Einen Hgel gibt's aber doch da, mitten in dem flachen Lande und den Kornfeldern, mit einem Schlo, Seeburg geheien, und am Fue des Hgels ein Dorf desselbigen Namens. Daher stammt unsere Familie, da bin ich geboren, da ist auch Burchhard her. Der Letzterwhnte nickte hier mit dem Kopfe und brummte vor sich hin: Beides ne gute Art, die Ralffs und Burchhards! Hast recht, Alter, fuhr mein Oheim fort, hoffe auch, der da (er wies auf mich) soll nicht aus der Art schlagen, wenn er gleich unrecht Blut in den Adern hat. Hre weiter, Junge: War ein stolz Volk, die Grafen Seeburg, die da seit alter Zeit auf dem Neste saen. Hab's gelesen in alten Chroniken, wie sie die Leute plagten und die Kaufleute fingen. Trieb's auch die neue Art, die damals in seidenen Strmpfen und Schuhen ging, nicht viel besser, wenn auch anders. Halt's Maul, Burchhard, wei, was Du sagen willst. -- Ich war damals ein schmucker Bursch, wute trefflich mit der Bchse umzugehen, und war Andreas Ralff bekannt als Meisterschtze auf Kirchweihen und Vogelschieen weit und breit, wie Deine Mutter, Franz, meine Schwester, als das schnste Mdchen im Lande. Sagte mir damals der junge Graf, der eben von Reisen zurckkam: >Hr', Andreas, tritt in meinen Dienst, will Dich gut halten, und soll es Dein Schaden nicht sein.< Da fate mich der Satan, da ich's fr mein Glck hielt und einschlug. Der Alte sthnte hier laut auf und barg den Kopf in den Kissen, whrend Burchhard aufstand und leise eine Jgerweise aus dem Fenster pfiff. Ich beschwor den Ohm, seine Erzhlung abzubrechen und zu verschieben. Hab das nie getan, sagte der alte eiserne Mann, ist nicht rechte Jgermanier, eine Kreatur angeschossen umherlaufen zu lassen. Reine Bchse, reiner Schu. Schuf's der bse Feind, da der Graf die Luise zu sehen kriegte, und -- Burchhard, erzhl's dem Jungen weiter ... Dieser, der wieder neben dem Bette seines alten Freundes sa, nickte finster und fuhr fort in der unterbrochenen Erzhlung, den Blick auf den Boden geheftet. Waren wir zusammen aufgewachsen, und hatte ich sie gar lieb die Luise mit ihren schwarzen Haaren und schwarzen Augen. Hatte aber nicht den Mut, ihr zu sagen: Herzlieb, wolltest Du mich nicht zum Manne nehmen? Wollte Dich auch auf'n Hnden tragen! Stand ich also immer und guckte ihr nach auf den Kirchwegen und allenthalben, wenn sie durch das Dorf hpfte, lachend und schkernd, flink wie ein Reh, lustig wie eine Amsel! ... Der Kranke seufzte tief auf, Burchhard legte ihm das Kopfkissen zurecht und schwieg dann, von seiner Erinnerung berwltigt, einige Minuten; whrend drauen die Vgel gar lustig zwitscherten, und die Sonne immer glhender dem Untergange zusank. Pltzlich fuhr der Erzhler fast barsch auf: Was ist da weiter zu berichten! War sie ein jung Blut, und hatte ihr der Pastor mehr Gutes als Bses von den Menschen erzhlt ... Wurde Andreas in den Wald geschickt auf Antrieb des Grafen; jubelte er mchtig, denn von je war's sein Wunsch gewesen, ein Jgersmann zu sein, und zog er sogleich fort von Seeburg, das alte verfallene Haus, so man ihm gab, instand zu setzen, da die Luise nachfolgen knne. War ich damals nicht daheim, sondern im fremden Franzosenland, wo das Volk der Plackerei und Adelswirtschaft mde geworden war und reinen Tisch machte; schlug ich mich herum in der Champagne in dem Regiment Weimar-Krassiere, bis der Herzog von Braunschweig und die Preuen und alle retirieren muten durch Dreck und Regen. Kam ich zurck auf Urlaub, putzte den Staub von den hohen Stiefeln, rieb den Harnisch so blank als mglich, setzte den Dreimaster verwegen aufs Ohr und fate mir ein Herz -- war ich nicht Wachtmeister in der sechsten Schwadron? -- meinen heimlichen Schatz zu bitten um seine hbsche weie Hand. Sahen mich die Leute so sonderbar an, als ich durch das Dorf schritt dem kleinen Husel zu, wo mein Schatz wohnte, und begegnete mir auch der Kastellan vom Schlo, der mich nicht leiden konnte, und grinzte er mich so hhnisch an, da ich den Pallasch fester fate und einen welschen Fluch brummte. Ahnte ich aber nichts und schob alles auf die Verwunderung ber mein martialisch Ansehen und schritt mit einem Herzen, das halb freudig, halb furchtsam klopfte, der kleinen Tre in dem Zaune zu, der das Ralffsche Haus umgab. Hrte ich aus dem kleinen Stbchen eine Stimme singen, die mir gar fremd und doch gar bekannt vorkam. Sang die Stimme immer nur den Anfang eines alten Liedes: >Es trgt mein Lieb ein schwarzes Kleid, Darunter trgt sie gro Herzeleid In ihren jungen Tagen ...< Nahm ich den Hut ab und trat in die Hausflur: Gr Gott, Jungfer Lieschen, bin zurck aus Franzosenland, -- wollte ich sagen, sprach aber kein Wort, sondern fiel mir der Hut zur Erde, und mute ich mich am Pfosten halten, um nicht selbst zu fallen. Da sa ein bleiches Wesen mit eingefallenen Wangen im Winkel, hatte die Hnde im Scho gefaltet und zitterte, als ob ein heftiger Frost es schttle. >Luise, Luise!< schrie ich auf, in die Knie vor ihr strzend, in unmenschlicher Angst. Die Gestalt erhob sich, kam schwankend auf mich zu und sagte, indem sie mit eiskalter Hand mir ber die Stirne strich: >Ei, mein schn's Lieb, bist zurck aus fremdem Land? Hab lange auf dich gewartet, mein blankes Herz!< Schlug mir das Herz, da mir der Harnisch zu springen drohte, den betastete sie, und ber dessen Glanz schien sie sich zu freuen. Was weiter vorging, wei ich nicht; noch eine Zeitlang hrte ich den Gesang wie aus weiter Ferne: >Es trgt mein Lieb ein schwarzes Kleid, Darunter trgt sie gro Herzeleid< -- dann vergingen mir die Sinne, -- das war meine Heimkehr aus dem Franzosenkrieg. Ich erwachte am Abend in meinem eigenen Huschen, das ich vermietet hatte, und die alte Frau, die damals drinnen wohnte, sa neben mir. Glaubte ich getrumt zu haben, -- einen bsen, bsen Traum; besann mich erst allmhlich wieder, und fgte es Gott, da ich weinen konnte. Erzhlte mir die gute Frau den Eingang und Ausgang des Leidens, und schaute ich nach meinen Pistolen, den bbischen Grafen hinzuschicken vor Gottes Richterstuhl; erfuhr aber, da er auf und davon sei in ferne Lnder; habe es ihn nicht mehr rasten und ruhen lassen, und sei er auf einmal spurlos verschwunden gewesen, ohne ber sein Verbleiben etwas zu hinterlassen ... Und hat ihn Gott davor behtet, uns vor die Augen zu kommen, fiel mein Oheim mit abgewandtem Gesicht ein. Schrieb ich dem Andreas am andern Morgen das Geschehene, denn er wute noch nichts davon; es war ein feiges Volk, so ihm auf vier Meilen Weges nichts vermeldet hatte. Der Kranke im Bett sthnte, als ob ihm das Herz zerbreche, whrend ich schwindelnd und wortlos dasa ... Verkauften wir unsere Liegenschaften und brachten wir die Luise und Dich, Franz, ihr kleines Kind, hierher in den grnen Wald, allwo uns des Frsten Durchlaucht einen Unterschlupf gab. Die Luise war immer still vor sich hin und ward immer stiller; sie sang nicht mehr ihre alten Liederverse und sa am liebsten in der Sonne und hielt ihre armen mageren Finger gegen das Sonnenlicht. Dann lachte sie wohl und sagte: >Noch immer, -- noch immer, -- wie es rinnt, rinnt!< Und eines Morgens -- -- -- Ja, wie war's denn, was ich einmal im Franzosenland von einem den Offizieren vorlesen hrte, als ich Wache vor dem Zelt stand. Ich glaube, Herr Goethe oder so nannten sie ihn, der es las (er zog mit des Herzogs Durchlaucht) und es handelte von einer dnischen Prinzessin, die wahnsinnig wurde, weil ihr Liebster sich wahnsinnig gestellt hatte ... Bleib bei der Stange, Burchhard, rief mein Oheim pltzlich, sich aufrichtend, -- eines Morgens lag sie am Rande des Hungerteiches ertrunken im Wasser! Laut aufschreiend strzte ich auf die Knie und verbarg den Kopf in dem Kissen des alten sterbenden Mannes. Dieser sa jetzt auf den Ellenbogen gelehnt aufrecht, untersttzt von der weinenden Waldgrete, seine Augen funkelten; er legte mir die Hand auf den Kopf und sagte leise: Er war jnger als Burchhard und ich; er wird leben; -- -- -- such ihn! Damit sank er erschpft zurck, whrend ich betubt liegen blieb. Endlich legte mir der alte Burchhard die Hand auf die Schulter und fhrte mich hinaus. Ich will Dir ein Wahrzeichen geben, sagte er, als wir unter den grnen Bumen waren, die auf jene Tragdie ebenso grn und lustig herabgesehen hatten. Wieder einmal folgte ich dem Laufe des Baches durch die freudige Wildnis. Mit welchen Gefhlen?! -- Jetzt wute ich, woher der tiefinnere Zug nach dem stillen Waldteiche in mir kam! Da lag die klare Flche in der Abendglut vor uns, der leise Wind flsterte in den Binsen, schlug die gelben Irisglocken aneinander und schaukelte die auf ihren breiten saftigen Blttern schwimmenden Wasserrosen; das war alles so friedlich, so heimlich, so schn, und doch -- welch unnennbares Grauen gewhrte mir der Anblick! Als ich sie da fand, sagte Burchhard, hielt sie die eine Hand fest zu, und das Gold eines Ringes schimmerte durch die starren Finger. Komm mit! Der Alte fhrte mich seitab in den Wald, wo ein Stein mit einem Kreuz bezeichnet im Moose lag. Er kniete nieder, hob ihn weg und whlte eine Zeitlang in der Erde. Da! rief er pltzlich und schleuderte den kleinen goldenen Reif, als habe er eine Schlange berhrt, ins Gras. Es war auch eine Schlange, die einen wappengeschmckten Rubin mit Kopf und Schweifende umschlang. Du wirst ihn in diesem Kstchen finden, Johannes! An jenem Abend noch starb mein Oheim, und ich fhrte seine Leiche, wie Du weit, Johannes, nach Ulfelden. Ich wei nicht, der Tod des alten Mannes erschien mir als gleichgltig im Vergleich mit dem Schrecklichen, welches mir enthllt war. -- Es war brigens ein seltsamer Zug; wir hatten den schwarzen Sarg auf einen niedern Wagen, mit Zweigen und Waldblumen geschmckt, gestellt; die Holzhauer mit ihren xten, die umwohnenden Khler mit ihren Schrstangen gaben ihm das Geleit. Dicht hinter dem Sarge schritt der alte Burchhard, die Bchse und das Waldhorn ber der Schulter, die Hunde um ihn her. Von Zeit zu Zeit blies er eine lustige schmetternde Jgerweise, welche er dann ergreifend und seltsam in einen Choral bergehen lie. Unter den letzten Bumen hielt er an, die Holzhauer und Khler um ihn her; noch einmal blies er einen frhlichen Jagdgru, dann drckte er mir schweigend die Hand und sagte dumpf: Lebe wohl, Franz Ralff! und schritt langsam in den Wald zurck, und immer ferner hrte ich die Tne seines Hornes verklingen. Der Ohm wurde auf dem Ulfeldener Kirchhof, dicht neben seiner Schwester, meiner Mutter, begraben. Den alten Burchhard habe ich nicht wieder gesehen; ich hielt's nun gar nicht mehr aus in der engen Welt um mich her, ich ging nach Italien. Burchhard aber zog nach dem Harz, wo Verwandte von ihm lebten, und wo er auch bald gestorben ist. Das, Johannes, ist _der_ Teil meiner Geschichte, welchen selbst Du, mein _Freund_, nicht kanntest. Ich berlasse Dir nun, welche Anwendung Du davon einst fr mein Kind wirst machen knnen; von _jenem_ Mann habe ich nie eine Spur entdecken knnen. Versunken und vergessen! Das Schlo Seeburg ist jetzt eine Fabrik! Da liegt das alte vergilbte Heft vor mir, aus welchem ich diese Bogen der Chronik der Sperlingsgasse abgeschrieben habe. Lange sa ich noch an jenem Tage neben meinem Freunde; er sprach viel von seinem Tode und lchelte oft trbe vor sich hin. Whrend seiner Erzhlung hatte er mit der Reikohle die Umrisse eines Kopfes auf der Leinwand vor ihm gezogen. _Das_ Bild male ich Dir erst noch, Johannes, sagte er. Ich kannte die milden Zge zu wohl, um sie nicht selbst in diesen leichten Linien zu erkennen. Und so geschah es! Je heller und sonniger die Farben auf der Leinwand aufblhten, je lieblicher der Lockenkopf Mariens aus dem Grau auftauchte, desto bleicher wurden die Wangen meines Freundes, und eines Morgens -- war er ihr hinabgefolgt und hatte sein kleines Kind und seinen Freund allein zurckgelassen. ^Have, pia anima!^ Am 24. Dezember. Weihnachten! -- Welch ein prchtiges Wort! -- Immer hher trmt sich der Schnee in den Straen; immer lnger werden die Eiszapfen an den Dachtraufen; immer schwerer tauen am Morgen die gefrorenen Fensterscheiben auf! Ach in vielen armen Wohnungen tun sie es gar nicht mehr. -- Hinter den meisten Fenstern lugen erwartungsvolle Kindergesichter hervor; da und dort liegt auf der weien Decke des Pflasters ein verlorner Tannenzweig. Es wird viel Goldschaum verkauft, und bedeckte Platten von Eisenblech, die vorbeigetragen werden, verbreiten einen wundervollen Duft. Was ist ein echter Hamburger Seelwe? fragte Strobel, der bei mir eintrat und beim Abnehmen des Hutes ein Miniaturschneegestber hervorbrachte. Ein Hamburger Seelwe? fragte ich verwundert. Doch nicht etwa ein Mitglied des Rats der Oberalten? Beinahe! lachte der Zeichner. Ein Hamburger Seelwe ist eine Hasenpfote, auf welche oben ein menschenhnliches Gesicht geleimt ist. Ein solches Individuum versteht an einem Tischrande gar anmutige Bewegungen zu machen. Sehen Sie hier! Dabei zog er den Gegenstand unseres Gesprchs hervor, hing ihn an meinen Schreibtisch und brachte ihn durch eine Art Pendel in Bewegung. Ist das nicht eine wundervolle Erfindung? Prchtig, sagte ich, in meiner Jugend brachte man aber denselben Effekt durch den abgenagten Brustknochen eines Gnsebratens, in welchen man eine Gabel steckte, hervor; aber die Kultur mu ja fortschreiten. Ja, die Kultur schreitet fort! seufzte der Zeichner. Sogar die einfachen Tannen machen allmhlich diesen Pyramiden von bunten Papierschnitzeln Platz. Papier, Papier berall! Aber was ich sagen wollte: wre es nicht eigentlich die Pflicht zweier Mitarbeiter der >Welken Bltter<, jetzt auf die Weihnachtswanderung zu gehen? Auch ich wollte Sie eben dazu auffordern, sagte ich. Vorwrts! rief Strobel und stlpte seinen Filz wieder auf, whrend ich meinen Mantel und roten baumwollenen Regenschirm hervorsuchte. Wir gingen. Den Hamburger Seelwen lieen wir ruhig am Tische fortbaumeln, nachdem ihm Strobel noch einen letzten Sto gegeben hatte. Zur Weihnachtszeit habe ich gern ein solches Spielzeug in der Nhe; erfreute sich doch auch der alt und grau gewordene Jean Paul zu solcher Zeit gern an dem Farbenduft einer hlzernen Kindertrompete. Welch ein Gang war das, den ich mit dem tollen Karikaturenzeichner in der Dmmerung des Abends machte! In wie viel Keller- und andere Fenster mute der Mensch gucken; in wie viel kleine frostgertete Hnde, die sich an den Ecken und aus den Torwegen uns entgegenstreckten, lie er seine Viergroschenstcke gleiten! Welch ein Gang war das! Die Geister, die den alten Scrooge des Meisters Boz ber die Weihnachtswelt fhrten, htten mich nicht besser leiten knnen, als Herr Ulrich Strobel. Jetzt betrachteten wir die phantastische Ausstellung eines Ladens, jetzt die staunenden, verlangenden Gesichter davor; jetzt entdeckte Strobel eine neue Idee in der Anfertigung eines Spielzeugs, jetzt ich; es war wundervoll! An der Ecke des Weihnachtsmarktes blieben wir stehen, in das frhliche Getmmel, welches sich dort umhertrieb, hineinblickend. Im ununterbrochenen Zuge strmte das Volk an uns vorbei: Vter, auf jedem Arme und an jedem Rockscho ein Kind; Handwerksgesellen mit dem Schatz, den sie aus der Kche der Gndigen weggestohlen hatten; ehrliche, unbeschreiblich gutmtig und dumm lchelnde Infanteristen, feine, schmucke Garde-Schtzen, schwere Dragoner und klobige Artillerie. -- Hier und da wanden sich junge Mdchen zierlich durch das Getmmel; jedes Alter, jeder Stand war vertreten, ja sogar die vornehmste Welt berschritt einmal ihre nrrischen Grenzen und zeigte ihren Kindern die -- Freude des Volks. Der Zeichner war auf einmal sehr ernst geworden. Sehen Sie, sagte er, da strmt die Quelle, aus welcher die Kinderwelt ihr erstes Christentum schpft. Nicht dadurch, da man ihnen von Gott und so weiter Unverstndliches vorrsoniert, sie Bibel- oder Gesangbuchverse auswendig lernen lt; nicht dadurch, da man sie -- wo mglich in den Windeln -- in die Kirche schleppt, legt man den Keim der wunderbaren Religion in ihre Herzen. An das Gewhl vor den Buden, an den grnen funkelnden Tannenbaum knpft das junge Gemt seine ersten, wahren -- und was mehr sagen will, wahrhaft kindlichen Begriffe davon! Ich wollte eben darauf etwas erwidern, als pltzlich eine Gestalt in einen dunkeln Mantel gehllt, ein Kind auf dem Arme tragend, an uns vorbeischlpfen wollte. Ein Strahl der nchsten Gaslaterne fiel auf ihr Gesicht, es war die kleine Tnzerin aus der Sperlingsgasse. Ich freute mich ber die Begegnung und rief sie an: Das ist prchtig, Frulein Rosalie, da wir Sie treffen. Vielleicht werden Sie uns erlauben, da wir Sie begleiten; denn um die Mysterien eines Weihnachtsmarktes zu durchdringen, ist es jedenfalls ntig, ein Kind bei sich zu haben. Die Tnzerin knixte und sagte: O, Sie sind zu gtig, meine Herren; Alfred hat mir den ganzen Tag keine Ruhe gelassen, und da kein Theater ist, so mute ich ihm doch die Herrlichkeit zeigen. Ja Mann, -- sagte Alfred unter einer dicken Pudelmtze gar verwegen hervorschauend -- mitgehen! Ich stellte der Tnzerin den Nachbar Zeichner vor, und das vierblttrige Kleeblatt war bald in der Stimmung, die ein Weihnachtsmarkt erfordert. Was fr ein Talent, Kinder vor Entzcken auer sich zu bringen, entwickelte jetzt der Karikaturenzeichner. Er hatte der Mutter den dicken Bengel sogleich abgenommen, lie ihn nun gar nicht aus dem Aufkreischen herauskommen und schleppte ihn hoch auf der Schulter durch das Gewhl voran. O ich bin Ihnen so dankbar, so dankbar, Herr Wachholder, flsterte die kleine Tnzerin, zu deren Beschtzer ich mich sehr gravittisch aufwarf. Liebes Kind, sagte ich, ein paar solcher Junggesellen wie ich und mein Freund wrden solche Abende wie dieser sehr bel zubringen, wenn nicht dann ausdrcklich eine Vorsehung ber sie wachte. Sie sollen einmal sehen, wie prchtig wir heute Abend noch Weihnachten feiern werden; -- hren Sie nur, wie Alfred jubelt; sehen Sie, wie stolz und glcklich er unter der Pickelhaube vorguckt, die ihm eben der Herr Strobel bergestlpt hat! Der Karikaturenzeichner htte sich in diesem Augenblick sehr gut selbst abkonterfeien knnen -- er tat es auch, aber spter. Wundervoll sah er aus. Im Knopfloche baumelte ein gewaltiger Hampelmann, in der rechten Hand hatte er eine groe Knarre, die er energisch schwenkte; whrend auf seinem linken Arm Alfred mit aller Macht auf eine Trommel paukte. Kleine Dame, sagte der Zeichner jetzt zu unserer Begleiterin, stecken Sie mir doch einmal jene Tte in die Rocktasche, ich komme nicht dazu! Heda, alter Wachholder, schrie er dann mich an, gleiche ich nicht aufs Haar einer Kammerverhandlung? Rechts Geknarre, links Getrommel, und fr das Fassen und Einsacken der begehrten Sigkeiten weder Kraft noch Platz! Mama, _der_ Onkel aber mal rechter Onkel! rief der Kleine entzckt von seiner Hhe herab, als Rosalie der Anforderung Strobels nachkam, und ich ebenfalls die Tasche mit allerlei fllte. So ging es weiter, bis uns endlich die Klte zu heftig wurde. Der Zeichner lste sich auf -- wie er's nannte -- und berlieferte mir die spielzeugbehangene Linke, behielt jedoch die Knarre in der Rechten, und nun ging's durch die menschen- und lichterfllten Straen nach Hause. Wie glnzte heute abend die alte dunkle Sperlingsgasse! Von den Kellern bis zum sechsten Stock, bis in die kleinste Dachstube war die Weihnachtszeit eingekehrt; freilich nicht allenthalben auf gleich frhliche, selige, gnadenbringende Weise. Welch einen Abend feierten wir nun! Wir lieen unsere kleine Begleiterin natrlich nicht zu ihrem kaltgewordenen Stbchen hinaufsteigen. War ich nicht schon auf der Universitt meines famosen Punschmachens wegen berhmt gewesen? (eine Kunst, die mir mein Vater mit auf den Lebensweg gegeben hatte). Der Karikaturenzeichner holte einen Tannenzweig, den er auf der Strae gefunden hatte, hervor und hielt ihn ins Licht. Das ist der wahre Weihnachtsduft, sagte er, und in Ermangelung eines Bessern mu man sich zu helfen wissen. Horch! was trappelt da drauen auf einmal auf der Treppe? Ein leises Kichern erschallt auf dem Vorsaal und scheint noch eine Treppe hher steigen zu wollen. Zu mir? sagt Rosalie und springt verwundert nach der Tr. Ach, da ist sie?! schallt es drauen, und auch ich stecke meinen Kopf heraus. Guten Abend, alter Herr! Guten Abend, Rosalie! Guten Abend, Rschen! erschallt ein Chor heller lustiger Stimmen. Wo ist Alfred, wir bringen ihm einen Weihnachtsbaum! Hurra, das ist's, was wir eben brauchen! schreit der Zeichner, seine Knarre schwingend. Schnen guten Abend, meine Damen, und frhliche Weihnachten! Aus dunkeln Mnteln und Schals und Pelzkragen entwickelt sich jetzt ein halbes Dutzend kleiner Theaterfeen, die alle jubelnd und lachend meine Stube fllen, und -- auf einmal alle ein verschiedenes Musikinstrument hervorholen, welches sie auf dem Weihnachtsmarkt erstanden haben. Ein Heidenlrm bricht los; das knarrt und quiekt und plrrt und klappert, da die Wnde widerhallen, und Rosalie, welche beschwrend von einer der kleinen Ratten zur andern luft, zuletzt die Ohren zuhaltend in dem fernsten Winkel sich verkriecht. Endlich legt sich der Skandal mit dem ausgehenden Atem und der ausgehenden Kraft des Karikaturenzeichners, der vor Wonne ber das Pandmonium kaum noch seine Knarre schwingen kann. Welch ein Punsch war das! welche Gesundheiten wurden ausgebracht! welche Geschichten wurden erzhlt! Vom Souffleur Flstervogel bis zum Ballettmeister Spolpato, ja bis zu Seiner Exzellenz dem Herrn Intendanten hinauf. Heute abend malte Strobel keine Karikaturen, aber _sich_ selbst machte er oft genug zu einer. Beim Versuch, sich auf einer mit dem Halse auf der Erde stehenden Flasche sitzend zu drehen, beim Zuckerreiben, beim Versuch, den glimmenden Docht eines ausgeputzten Wachslichts wieder anzublasen und bei andern Kunststcken. Alfred, der durch Unterlegung von Pfuffendorfs und Bayles schweinslederner Gelehrsamkeit und durch Auftrmung verschiedener dickbndiger Erziehungstheorien dazu gebracht war, neben seiner kleinen Mutter sitzend, ber den Tisch blicken zu knnen, jubelte mit, bis ihm die Augen zufielen, und er auf meinem Sofa ein- und weiterschlief bis elf Uhr, wo das Fest endete, die kleinen Gste wieder in ihre Mntel krochen, mich fr einen gottvollen alten Herrn erklrten, Rschen kten und nach einem vielstimmigen gute Nacht die Treppe hinabtrippelten. Darauf trug Strobel den schlafenden Alfred eine Treppe hher (wozu ich leuchtete) und -- auch dieser Weihnachtsabend der Sperlingsgasse war vorbei. Am 1. Januar. Neujahrstag! -- Ich habe einen Brief bekommen aus dem fernen Italien; ein kstliches Neujahrsgeschenk. Er spricht von der alten dunkeln Sperlingsgasse und Glck und Wiedersehen, und eine Frauenhand hat diese feinen, zierlichen Buchstaben gekritzelt. Den Namen der Schreiberin nenne ich aber noch nicht, sondern fahre in meinem Gedenkbuch fort, wozu ich diesmal eine neue Mappe hervorsuchen mu. So war ich denn allein mit der kleinen Elise, die unbewut ihres Waisentums und des unbehlflichen Pflegevaters, auf Marthas Scho tanzte, als ich auch von _dem_ Begrbnisse zurckkehrte in diese vor kurzem noch so frhliche, jetzt so de Wohnung in Nr. Sieben der Sperlingsgasse. Da stand -- es steht noch da -- auf dem Fenstertritt Mariens kleines Nhtischchen mit unvollendeten Arbeiten, Zwirnknulchen, Nadeln und Bndern, wie sie es an _jenem_ Abend, ber Kopfweh klagend, verlassen hatte, um nicht wieder davor zu sitzen, nicht wieder durch die Rosen- und Resedastcke und das Efeugitter in die dunkle Gasse hinaus zu sehen. Da waren noch allenthalben die Spuren ihrer zierlichen Geschftigkeit. Franz hatte die letzten drei Monate wie ein Argus ber ihre Erhaltung gewacht. -- Dort auf jenem Stuhl hing noch ihr Htchen, dort das Handkrbchen, welches sie bei ihren Einkufen mit sich fhrte. Im zweiten Fenster stand Franzens Staffelei; das vollendete Bild Mariens, lchelnd, wie sie nur lcheln konnte, -- darauf lehnend. Seine farbenbedeckte Palette hing daneben, seine Skizzenmappen und Rollen lehnten und lagen allenthalben. Hinter der Tr hing sein zerdrckter Biber, den wir so oft auf unsern Spaziergngen mit Blumen und Laubgewinden umkrnzten, und der Marien, seines jmmerlichen, manchen sturmdurchlebten Aussehens wegen, ein solcher Dorn im Auge war. Kein Fleckchen, kein Gert ohne seine traurig se Erinnerung. Zerbrochenes Kinderspielzeug auf dem Boden ...... und ich allein mit dem Kinde in dieser kleinen Welt eines verlornen Glcks, -- Erbe von so viel Schmerz und Trnen und Verlassenheit! Aber jetzt galt es zu handeln, nicht zu trumen. Ich mute mich aufraffen. Ich nahm der Wrterin das kleine Lischen aus den Armen, kte es und versprach mir leise dabei, dem Kinde meiner Freunde ein treuer Helfer zu sein im Glck und Unglck, bei Nacht und bei Tage, und ich glaube den Schwur gehalten zu haben. Das Kind sah mich mit seinen groen blauen -- denen der Mutter so hnlichen -- Augen lchelnd an, griff mit beiden Hnden mir in die Haare und begann lustig zu zausen, wobei die alte Martha mit gefalteten Hnden zusah. Martha war schon Mariens Wrterin im Rektorhause zu Ulfelden gewesen, war mit ihr zur Stadt gekommen und hatte sie nicht verlassen bis an ihren Tod. Da meine Wohnung drben in Nr. Elf zu beschrnkt war, um die ganze kleine Welt dahin berzusiedeln, so hielt ich zuerst mit Martha einen Rat, dessen Resultat war, da ich meine Bcher, Herbarien, Pfeifen und unleserlichen Manuskripte nach Nr. Sieben herber holte, worauf Martha alles aufs beste einrichtete. Indem ich alle Liebe fr die Eltern nun in dem Kinde konzentrierte, hoffte ich, auf den Trmmern des zusammengestrzten Glcks ein neues hervorblhen sehen zu knnen. Drben blieb die Wohnung nicht lange leer; mein dicker Freund, der Doktor Wimmer, zog ein und spielte eine geraume Zeit den Haupthelden und Faxenmacher der Sperlingsgasse. Am 5. Januar. Elise! -- So oft ich diesen Namen niederschreibe, klingt es wider in der immer dunkler herabsinkenden Nacht meines Alters wie ein Kindermrchen, wie Lerchenjubel und Nachtigallenklage, umgaukelt es mich so duftig, so leicht, so elfenhaft ...... Elise, Elise, komm zurck! Sieh, ich bin alt und einsam! Weit du nicht, da ich dich auf den Armen schaukelte, da ich ber dir wachte in langen Nchten, wie nur eine Mutter ber ihrem Kinde wachen kann? -- Und aus weiter Ferne glaube ich oft eine zrtliche wie Musik tnende Stimme zu vernehmen: Ich komme! ich komme! Geduld, nur noch eine kurze Zeit! Und ich warte und hoffe und flle diese Bltter mit dem Namen meines Kindes Elise. So tauche denn auf aus dem Dunkel, du Idyll, bringe mit dir deine Mrchenwelt, dein Lcheln durch Trnen! Komm, mein kleines Herz; -- aus den schweinsledernen Folianten lassen sich so hbsche Puppenstuben bauen; schau einmal her, was fr ein prchtiges Bett gibt mein Papierkorb ab fr die Jungfern Anna, Laura, Josephine und wie die kleiegefllten Donnen sonst heien! Einen niedlichen goldgelben Kanarienvogel schenke ich dir, wenn du nicht weinen willst und hbsch herzhaft den Lffel voll brauner Medizin herunterschluckst! -- Weine nicht, Liebchen, sieh wie der Efeu aus deiner Mutter Heimatswalde Blttchen an Blttchen ansetzt und immer hher an der Fensterwand sich emporrankt. Schau, wie der Sonnenschein hindurchzittert und auf dem Fuboden tanzt und flimmert; es ist wie im grnen Wald -- Sonnenschein und blauer Himmel! Du mut aber auch lcheln! Und wie der Efeu hher und hher emporsteigt, so wchst auch du, mein kleines Lieb; schon umgeben ebenso feine lichtbraune Locken, wie die auf jenem Bilde, dein Kpfchen. Wer hat dich gelehrt, dieses Kpfchen so hinber hngen zu lassen nach der linken Seite, wie _sie_ es tat? Schttle die Locken nicht so und gucke mich nicht so schelmisch an aus deinen groen glnzenden Augen! Soll das ein R sein, dieses Ungetm? O, welch ein Klecks, Schriftstellerin! Welche Tintenverschwendung von den Hnden bis auf die Nasenspitze! Wie wird die alte Martha waschen mssen! Du sagst: du habest nun genug Buchstaben gemalt, du mssest jetzt hinunter in die Gasse; du meinst: sogar die Fliegen hielten es nicht mehr aus in der Stube, du shest wohl, wie sie mit den Kpfen gegen die Scheiben stieen?! Nun so lauf und fall nicht, Wildfang; ich sehe ein, wir mssen dich doch wohl zu dem Herrn Roder in die Schule schicken, damit du das Stillsitzen lernst. Was ist das auf einmal fr ein helles Stimmchen, welches drben aus dem Fenster meiner alten Wohnung in Nr. Elf ruft: Onkel Wachholder, Onkel Wachholder! Ausgehen, ausgehen! Qult die kleine Hexe nicht schon wieder den Doktor der Philosophie Heinrich Wimmer, der da drben seine guten Leitartikel und schlechten Romane schreibt? Wirklich, es ist so. Eine Bastimme brummt herber: Wachholder, 's ist ne absolute Unmglichkeit, bei dem Heidenlrm, den Euer Mdchen hier mit dem Buchdruckerjungen und dem Rezensenten -- (Rezensent heit der Hund des Doktors, ein ehrbarer, schwarzer Pudel) treibt, weiter zu schreiben. Ich bin mitten in einer der sentimentalsten Phrasen abgeschnappt, -- die kleine Range ist aus Rand und Band, und dabei grinst der Lmmel Fritze im Winkel und will Manuskript fr die morgende Nummer. Schicken Sie doch das Mdchen fort, Doktor, und riegeln Sie Ihren Musentempel hinter ihr zu! lache ich hinber. Dummes Zeug, brummt der Doktor, der eine echte zeitungsschreibende Bummelnatur ist, und dem die Strung durchaus nicht mifllt. Dummes Zeug; ich schreibe >Fortsetzung folgt<, und wir fhren die Dirne in Schreiers Hunde- und Affenkomdie; der Rezensent hat's auch ntig, da seine sthetische Bildung aufgefrischt werde, wie ein Pack verflucht sonderbar riechender Zeitungsnummern in der Ecke zur Genge beweist. Machen Sie sich fertig, Verehrtester! Damit verschwindet der Doktor vom Fenster; ich hre drben auf der Treppe ein Getrappel kleiner Fchen, und Lise erscheint, begleitet vom Rezensenten, in der Haustr. Mit einem Satz ist sie ber die Gasse, ebenso schnell bei mir und im Handumdrehen fertig, wenn's sein mte, eine Reise um die Welt anzutreten. Einige Minuten spter strzt Fritze, der Druckerjunge, aus der Tr von Nummer Elf mit einem Blatt Papier, welches noch sehr na zu sein scheint, denn er trgt es gar vorsichtig und hlt es mit beiden Hnden weit von sich ab. Jetzt erscheint der Doktor ebenfalls in der Gasse, den sterreichischen Landsturm pfeifend, die Zigarre im Munde und mit dem Hakenstock sehr burschikose Fechterbungen gegen einen eingebildeten Gegner machend. Er brllt herauf: Wetter, edler Philosoph, lassen Sie die deutsche Presse nicht zu unvernnftig lange warten. Halb gezogen von Lischen, halb umgeworfen vom Rezensenten, der wie es scheint, seiner hheren Bildungsschule sehr ungeduldig entgegengeht, stolpere ich die Treppe hinunter, ber Eimer und Besen, ber Kinder und Krbe. Aus allen Tren blicken alte und junge, mnnliche und weibliche Kpfe, die alle der kleinen Lise Ralff freundlich zunicken. Und wirklich, sie ist auch -- wie einst ihre Mutter, nur jetzt noch auf andre Weise -- das bewegende Prinzip der ganzen Hausgenossenschaft. Auf der Gasse taucht der Klempner Marquart aus seiner Hhle auf und erhlt von der Lise Gru und Handschlag, nicht aber vom Rezensenten, der den Feuerarbeiter hat, und, wie es so oft in der Welt geschieht, das Werkzeug fr die Ursache nimmt. Hat nicht Marquart auf hohe polizeiliche Anordnung ihm, dem ehrbaren, soliden Rezensenten, dem Muster aller Pudel, den Maulkorb mit der Steuermarke um die beschnurrbartete Schnauze geschlossen? Wer verdenkt es dem braven Kter, wenn er wehmtigwtig vor dem Keller den husarenfederbuschartig zugeschnittenen Schwanz zwischen die Beine zieht und seitwrts schielend vorbeischleicht, sich in die Bsche schlgt wie Seume und mein Freund Wimmer sagen? Und nun durch die Gassen! Himmel, was sollen wir der Kleinen nicht alles versprochen haben! Da eine reizende Gliederpuppe mit Wachsgesicht, an jenem Laden wieder ein wonniges kleines Puppenservice von gemaltem Porzellan und so fort, da der Doktor ganz wehmtig den Hut auf die Seite schiebt und sich hinter dem Ohr kratzt. Ja, gucke nur, Onkel Wimmer, hast Du nicht gesagt, Du wolltest mir solch ein hbsches Kaffeegeschirr kaufen, wenn ich nicht wieder aus Deinen alten, schmutzigen Schreibbchern dem Rezensenten einen Federhut machen wolle? Denken Sie, Wachholder -- sagt der Doktor zu mir -- da hatte die Herostratin vorgestern einen ganzen Bogen Manuskript, das ganze zwanzigste Kapitel der Flodoardine zu dem eben von ihr erwhnten Zwecke vermibraucht! Denken Sie sich meine Verblfftheit, als der Kter so geschmckt aus seinem Winkel mir entgegenstolziert, auf den Stuhl mir gegenber springt und einen verachtenden Blick ber den Schreibtisch und die noch brigen Bogen wirft, als wolle er sagen: Pah, aus dem andern Schund machen wir eine ganz famose Jacke! Kriege ich mein Geschirr? ruft der kleine Verzug zwischen uns ungeduldig. Ja, sagte der Doktor gravittisch; mit der zweiten Auflage der Flodoardine! Ach, mault die Kleine, wehmtig ber diese dunkle, ihr unverstndliche Vertrstung, ich sehe schon, Du hast wieder mal kein Geld! Lachend marschierte ich weiter, whrend der Doktor ebenfalls etwas Unverstndliches in den Bart brummte. Und jetzt sind wir am Eingange der buntgeschmckten Bude angekommen und einen Augenblick darauf auch drinnen. Affen und ffinnen, Hunde und Hndinnen machten ihre Kunststcke, und die Bretter bedeuteten auch hier eine Welt, und Affe und ffin, Hund und Hndin betrugen sich wie Menschen. Die kleine Elise jauchzte, und Rezensent starrte verwundert seinen Stammesgenossen auf der Bhne zu. Er schien ganz perplex, und von Zeit zu Zeit stie er einen heulenden Laut aus, den der Doktor verdolmetschte: Berichterstatter war auer sich vor Entzcken. Bellte der gelehrte Pudel kurz und schroff, so meinte der Doktor, das bedeute: Berichterstatter war auer sich ber die Insolenz eines so unreifen Knstlers, vor einem so kritisch gebildeten Publikum, wie das unserer Residenz, zu erscheinen. Wedelte das rezensierende Vieh mit seinem Husarenbusch, so hie das: Diese junge Knstlerin verdient alle Ermunterung. Bei fortgesetztem, fleiigem Studium verspricht sie etwas Groes zu leisten. Ghnte der Kter, so sagte der Doktor: Berichterstatter rt dem Verfasser dieses geistvollen Stcks, sein elendes Machwerk nicht fr dramatische Poesie auszugeben. Mit einer Tragdie hat es nichts gemein als fnf Akte! Als am Schlu der Vorstellung das groe und kleine Publikum sich erhob und Beifall klatschte, der Pudel aber, wie von einer groen Verpflichtung befreit, unter die Bank sprang, erklrte der Doktor, das bedeute: Gottlob, da die Geschichte vorbei ist. Jetzt kann man sich doch mit Gemtsruhe eine Zigarre anznden und zu Butter und Wagener am Gnsemarkt gehen. Und das tat der Doktor auch. Vorher aber hob er die kleine Elise noch zu sich empor und gab ihr -- wie sehr sie sich auch strubte -- einen tchtigen Schmatz. Also bei der zweiten Auflage der Flodoardine schaffen wir uns ein neues Teeservice an, sagte er lachend. Rezensent schien erst im Zweifel mit sich zu sein, welcher von beiden Parteien er folgen solle. Zuletzt gewann aber der Gedanke an Wurstschelle und so weiter die Oberhand. Er trabte dem Doktor nach. Wir aber gehen nicht zu Butter und Wagener am Gnsemarkt. Wir kaufen noch Obst von der alten Hkerfrau an der Ecke, und kehren glcklich -- das kleine Herz voll vom Affen Ktz mit der Laterne und dem Spitz Hudiwudri, der lustigen Madame Pompadour und all den andern Wundern, zurck in unsere Sperlingsgasse und schlafen, mde vom Gehen, Lachen und Jubeln, schon beim Auskleiden ein. Dann steigt der volle reine Mond ber den Dchern auf. Der Abendwind weht frischere Lfte ber die groe Stadt. Der Lrm des Tages ist vorbei; manche bedrckte Brust atmet leichter in der dmmerigen Khle. Mancher sehnige Mannesarm, welcher den Tag ber den Hammer, das Beil, die Feile regierte, legt sich sanft um ein befreundetes Wesen, das ihm neuen Mut im harten Kampf gegen die Materie gibt; manche harte Hnde heben kleine, schlaftrunkene Kindchen aus den rmlichen Bettchen, um an den kleinen Lippen Hoffnung und Mut zum neuen Schaffen zu saugen! Und auch ich beuge mich dann ber meine schlafende Pflegetochter, den leisen, ruhigen Atemzgen der kleinen Brust lauschend, whrend die alte Martha am Fuende des Bettes strickt. Das Lockenkpfchen des Kindes liegt auf dem rechten rmchen, das Gesichtchen ist in dem Kopfkissen vergraben; ich kann die lieblichen, reinen Zge nicht sehen. * * * * * Da sieh! Pltzlich wendet sich das Kind um und dreht mir voll das Gesicht zu -- es murmelt etwas. Mama! flstert es leise, und ein heiliges, glckseliges Lcheln gleitet ber das Gesichtchen. Wer raunt der Waise das se Wort zu? -- Die alte Martha hat die Hnde gefaltet und betet leise. -- Mama, liebe, liebe Mama! flstert das Kind wieder, das rmchen ausstreckend. Ist es ein Traum, oder kommt die erdentote Mutter zurck, ber ihrem Kinde zu schweben? Dann fllt wohl ein Mondstrahl glnzend durch das Efeugitter auf das Bild Mariens, der Kanarienvogel zwitschert auch wie im Traume auf, eine Wolke legt sich vor den Mond, der Strahl verschwindet, -- das Kind versenkt, sich umdrehend, das Kpfchen wieder in die Kissen. Gute Nacht, Elise! ^Felicissima notte^, sagen sie in dem schnen Italien, wo Du heute weilst, eine glckliche, liebende Frau: ^Felicissima notte^, Elise! Am 10. Januar. Seit ich jene Mappe, berschrieben: Ein Kinderleben, -- hervorgenommen habe, ist in meinem bisherigen Fenster- und Gassenstudium eine Pause eingetreten. Es soll drauen sehr kalter Winter sein; Strobel behauptet es, auch Rosalie ist nicht dagegen. Ich kann nicht sagen, da ich viel davon wte. In diesen vergilbten Blttern hier vor mir ist es sonniger Frhling und blhender Sommer. Es macht mir Freude, mich darin zu verlieren, und ich erzhle deshalb weiter. Da ist so ein altes Blatt: Wir sind sehr ungndig. Ein alter, dicker, lchelnder Herr ist dagewesen, hat uns den Puls gefhlt, noch mehr gelchelt, einigemal mit seinem spiegelblanken Stockknopf seine Nasenspitze berhrt, hat Tinte und Papier gefordert und kurze Zeit auf einem lnglichen Papierstreifchen gekritzelt. Martha hat diesen Zettel darauf fortgetragen, der Alte hat uns auf das Kpfchen geklopft und gesagt: Schwitzen, schwitzen! Brr! -- -- Mhe genug hat's dem Onkel Wachholder gekostet, einen solchen kleinen strampelnden Wildfang zur Rson und ins Bett zu bringen. 'S ist auch zuviel verlangt, die Arme so ruhig unter die Decken zu halten und nur den Kopf frei zu haben. -- Himmel, was bringt Martha da fr einen kleinen braunen Kerl an! Er gleicht fast: dem Sem, dem Ham oder dem Japhet aus dem Noahkasten, trgt ein rotes Mtzchen ber das Gesicht gezogen und mit einem Faden umbunden, und schleppt hinter sich her einen langen papiernen Zopf. Was ist's fr ein Glck, da wir noch nicht imstande sind, die Inschrift darauf zu lesen: Frulein Elise Ralff. Alle 2 St. einen Elffel voll. Wir sehen den Burschen aber doch mitrauisch genug aus unserm Bettchen an, und der Doktor Wimmer, der zur Hilfe herbergekommen ist (natrlich begleitet vom Rezensenten), meint gegen mich gewandt: Geben Sie acht, Wachholder, ohne Spektakel wird's nicht abgehen. Das Volk hat sich erkltet oder erhitzt; einerlei! Schwitzen, schwitzen! Schwei und Blut! ^Probatum est.^ Martha kommt nun mit einem Lffel, einem Glas Wasser und einem Stck Zucker, whrend die Kleine in ihrem Bette immer unruhiger wird, und Rezensent immer gespannter auf die Entwicklung der Dinge zu warten scheint. Ich mag nicht einnehmen! wehklagt jetzt Lise, als ich dem Meister Sem die rote Mtze abziehe -- es schmeckt so scheulich! Aha, lacht der Doktor Wimmer -- die oktroyierte Verfassung! Whrend ich mich mit dem Lffel voll Medizin der Kleinen, die sich immer weiter zurckzieht, nhere, suche ich vergeblich alle mglichen Grnde fr das schnelle Herunterschlucken hervor. Gib's dem Rezensenten, er war auch gestern mit im Regen! ruft Lischen endlich weinerlich. Ja, das ist auch wahr; kommen Sie, Onkel Wachholder! Der Redaktionspudel soll's wenigstens kosten, damit die Lise sieht, da es den Hals nicht gilt. Und der Doktor nimmt, den Rcken der Kleinen zukehrend, den Kter zwischen die Kniee, tut als ob er ihm einen Lffel voll Mixtur eingsse und liebkost den Pudel dabei, da dieser freudig aufspringt und lustig bellt. Siehst Du, Jungfer, wie prchtig es ihm geschmeckt hat! Allons, kleine Donna! Frisch herunter! -- -- -- Eins! zwei! drei! und ... Herunter war's. Schnell das Glas Wasser und das Stck Zucker dahinterher! Du hlicher Hund! sagt die Kleine rgerlich, den Mund in dem Deckbett abwischend, whrend die alte Martha sie fester wieder zudeckt. Der Doktor geht nun zurck zu seinen Korrekturbogen, aber der Hund begleitet ihn diesesmal nicht, sondern springt auf den Stuhl neben dem Bettchen seiner grollenden Gespielin und schaut gar ehrbar auf sie herab. Ja, gucke mich nur so an und lecke Deinen Schnurrbart, sagt Lischen. Es schmeckte ja doch bitter?! Warte nur, wenn ich erst wieder aus dem Bette darf. Da Rezensent nicht antwortet, so nehme ich fr ihn das Wort: Vielleicht freute sich das arme Tier nur, da es nun auch bald wieder gesund werden knne, es war doch ebenso na geworden wie Du und hat gewi auch die ganze Nacht hindurch gehustet. Nein, sagte die Kleine, er tat's nur, weil ich ihm meine Schrze ber den Kopf gebunden hatte. Sieh nur, wie er sich freut, wie er seinen Schnurrbart leckt! Dagegen lt sich nichts einwenden, das Redaktionsvieh leckt wirklich mit ungeheuerm Behagen die Schnauze, und ich ziehe es vor, die moralische Seite herauszukehren. Das war aber auch sehr unrecht von Dir, Elise! Was hatte Dir denn das arme Tier getan? Eigentlich drfte ich Dir nun die schne Geschichte, die ich wei, gar nicht erzhlen. Wir wollen uns wieder vertragen, sagt Elise wehmtig und nickt dem Pudel zu. Nicht wahr, Du? Glcklicherweise legt Rezensent gravittisch seine schwarze Pfote auf die Bettdecke, und so nehme ich den Frieden fr geschlossen an. Gut denn, wenn Du hbsch artig und still liegen bleiben und weder Hndchen noch Fchen hervorstrecken willst, so werde ich Dir eine wunderbare Geschichte erzhlen, die noch dazu ganz und gar wahr ist. Hre: Es war einmal ein -- Kchenschrank: ein sehr vortrefflicher, alter, ehrenfester Kchenschrank, und er stand und steht -- drauen in unserer Kche, wo wir ihn uns morgen ansehen wollen! -- Er war fest verschlossen, welches von zwei sehr wichtigen und angesehenen Personen, die davor standen, fr das einzige bel an ihm erklrt wurde. Martha hatte aber die Schlssel in ihrer Tasche, und beide Personen, die ich Dir sogleich nher beschreiben will, erklrten das einstimmig -- sie waren sonst selten _einer_ Meinung -- fr sehr unangenehm, sehr unrecht und sehr Mitrauen und Verachtung erregend. Ich habe schon gesagt, da beide davor sitzende Personen von groem Ansehen und Gewicht waren, sowohl in der Kche wie auf dem Hofe und dem Boden. Beide machten sich oft ntzlich, oft aber auch sehr unntz. Jede hatte ein Amt zu verwalten und verwaltete es auch -- das war ihre Pflicht; jede mischte sich aber auch nur zu gern in Dinge, die sie durchaus nichts angingen, und das -- war sehr unartig. Vor dem Kchenschrank zum Beispiel hatten sie in diesem Augenblick durchaus nichts zu tun, und doch waren sie da, guckten ihn an, guckten darunter, guckten an ihm herauf. Es roch aber auch gar zu lieblich daraus hervor! Die eine dieser Personen war mit einem schnen weien Pelz bekleidet, einen kleinen Schnurrbart trug sie um das Stumpfnschen und schritt ganz leise, leise auf vier Pfoten mit scharfen Krallen einher. Einen schnen, langen, spitzen Schwanz hatte sie auch, und sie schwang ihn in diesem Augenblick heftig hin und her, denn sie rgerte sich eben sehr und zwar ber drei Dinge: erstens: ber den verschlossenen Schrank, zweitens: ber die andre Person, drittens: ber sich selbst. Es war, es war ... nun, Lischen, wer war es? Die Katze, die Katze! Richtig, die Katze, Miez, der Madame Pimpernell Katze. (Holla, Rezensent! Du brauchst nicht aufzustehen!) Die andre Person war etwas grer als Miez, hatte einen braunen Pelz an, marschierte auch auf vier Beinen einher, wie Miez, aber lange nicht so leise, und sie rgerte sich auch ber drei Dinge: das Schlo am Schranke, die Katze und sich selbst. Ihren Schwanz htte sie ebenfalls gern hin und her geschleudert, aber sie konnte es leider nicht, denn sie besa nur einen ganz kleinen Stummel, nicht der Rede wert. Das machte sie fast noch ergrimmter als Miez, denn die konnte doch wenigstens ihrem Zorn Luft machen. Nun, wer mochte diese zweite Person wohl sein Lise? Der Hund, Marquarts Bello! schrie Elise ganz entzckt. Geraten, es war Bello, der Edle; ein weitlufiger Verwandter vom Rezensenten und sonst auch ein ganz netter Kerl, aber -- wie gesagt -- vor dem Schrank hatte er nichts zu suchen! >Nun?< sagte Miez, den Bello anguckend. >Nun?< sagte Bello, die Miez anguckend. >Miau!< klagte Miez, den Schrank anguckend. >Wau!< heulte Bello, den Schrank anguckend. So weit waren sie; sie wollten aber dabei nicht bleiben. >Packen Sie sich auf den Hof,< sagte die Katze, >was haben Sie hier zu gaffen?< >_Sie_ htte ich Lust zu packen,< schrie der Hund, >scheren Sie sich geflligst auf Ihren Boden und fangen Sie Muse. Aufkriegen _Sie_ ihn doch nicht!< >Pah!< sagte die Katze und schleuderte ihren schnen Schweif dem Hunde zu, welches so viel heien sollte, als: >Armer Kurzstummel, wenn ich nur wollte!< Das war aber dem armen Bello zu viel, denn jede Anspielung auf seinen Stummel machte ihn wtend, wie auch der Swinegel, der, wie Du weit, mit dem Hasen auf der Buxtehuder Heide um die Wette lief, nichts auf seine krummen Beine kommen lie. Auf sprang also Bello, heulte furchtbar und wollte eben der Miez an ihr schnes glattes Fell, als auf einmal ... Piep, Piep, Piep! es im Schranke ertnte. >Mause, Mi--ause, Mi--ause am Braten drinnen -- und ich dri--auen, dri--auen, dri--i--i--auen!< jammerte die Katze. >Wau, wau; das kommt von Ihrem albernen Betragen und Ihrer Nachlssigkeit!< heulte der Hund, und dann -- kam Martha vom Markte zurck, und Hund und Katze gingen hin, wo sie her gekommen waren. Jetzt aber, mein Kind, schlaf ein und schwitze recht tchtig, damit wir morgen die Stelle besehen knnen, wo diese merkwrdige Geschichte vorgefallen ist. Und so geschah's; Lischen schlief ein, ich aber freute mich, wieder einmal ein Mrchen beendet zu haben, wie ein wahres Mrchen enden mu; nmlich ohne allzu klugen Schlu und Moral. Da der Doktor nicht bei meiner Erzhlung zugegen war, konnte mir ebenfalls nur lieb sein. Jedenfalls htte er wieder schnde politische Vergleiche und Anspielungen losgelassen, was mir sehr unangenehm gewesen wre. Herr Wachholder, sagte Martha auf einmal ganz treuherzig -- das Loch im Schranke hat der Tischler Rudolf schon wieder zugemacht. Die Muse knnen nun nicht mehr hinein. Bis sie sich wieder durchgefressen haben, Martha! Ich dachte an den Doktor und seine Anspielungen. Am 11. Januar. Wie der Efeu aus dem Ulfeldener Walde hher und hher hinaufsteigt an der Wand des Fensters, gekt von der warmen Sonne, getrnkt von kleinen sorgenden Hnden, welche alle verwelkten gelben Bltter abpflckten, da die Pflanze immer frisch und jung dastehe! Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre, und das junge Menschenkind wchst und entfaltet sich schner und blhender als die kstlichste, wundersamste Pflanze. Die alte Martha wird immer lter und gebckter, und graues Haar mischt sich mehr und mehr unter mein braunes. Zum erstenmal ist der Tod an mein Kind herangetreten. Es hat ber der ersten Leiche geweint. Der hbsche goldgelbe Kanarienvogel, der so zahm und lieb war, lag eines Morgens kalt und erstarrt auf dem Boden seines kleinen Hauses. So fand ihn Elise und schrie auf, nahm ihn in ihre Hnde, hauchte ihn an und suchte ihn zu erwrmen, -- ach, armes Kind: die Toten kommen nicht wieder! Leg ihn nieder, deinen kleinen Freund; auch dir jungem Wesen ist es jetzt schon nicht mehr vergnnt, zu klagen und zu trauern, wie du wohl mchtest; auch dich hat das Leben jetzt schon erfat und in seine Wirbel gezogen; -- gehe hin mit deinem gedrckten kleinen Herzen, da du die Schule nicht versumst! -- Elf Jahre alt ist mein Kind jetzt in den Blttern der Chronik. Das runde Gesichtchen zieht sich schon mehr und mehr zu jenem Oval, welches das Bild dort an der Wand so lieblich macht; aus Lischens Kinderstimme klingt mir nun oftmals -- wenn sie sich wundert, sich freut oder klagt -- ein Ton entgegen, der mich fast erschreckt auffahren lt. Es ist derselbe Ausruf, den _sie_ an sich hatte! Wer hat ihn dich gelehrt, kleines Herz? Diesen Ton, den ich fr ewig verklungen hielt, und welcher jetzt nach so langen Jahren wieder frisch und lebendig wird? Weine nicht mehr, Lischen, sieh, ich will dich an ernstere Grber fhren, drauen vor der Stadt. Da wollen wir uns hinsetzen unter die blhenden Rosenbsche und denken, da die Welt so gro, so unendlich gro sei, und doch nichts darin verloren gehe! Da wollen wir auch dem toten Vogel sein kleines Grab graben und uns vorstellen, da im nchsten Frhlinge aus seinem Leibe eine hbsche goldgelbe Blume aufsprieen werde: zur Freude des bunten winzigen Schmetterlings und des groen, ewigen Gottes. Stecke dein Butterbrot in deine Korbtasche, Lischen (wenn du es heute vielleicht auch verschenken wirst) -- gib mir einen Ku und gre den Herrn Lehrer Roder. Du kannst ihn auch fragen, ob er nicht morgen am Sonntag mit uns hinausgehen wolle in den Wald und vielleicht noch weiter. Lischen nickte und ging -- noch immer schluchzend; ich aber machte mich auf den Weg zur Expedition der >Welken Bltter<, ohne eine Ahnung von dem neuen tragischen Ereignis, welches den Tag noch wichtig machen sollte. Mohrenstrae Nr. 66 war damals schon und ist auch heut noch das Bureau dieses bekannten Blattes. Ich hatte bald meine Geschfte abgemacht mit dem Hauptredakteur, dem Doktor Brummer, einem kleinen, quecksilbrigen Individuum mit goldener Brille und roter Percke -- jetzt lange tot -- und schwatzte noch mit den anwesenden Journalisten und den Knstlern beiderlei Geschlechts, die gelobt sein wollten, als pltzlich die Tre aufgerissen wurde, und der Doktor Wimmer erschien, begleitet von dem uns nur zu wohl bekannten dicken, hochrotgesichtigen Polizeikommissar Stulpnase. Da sie miteinander eintraten, war es nicht ausgemacht, wer von beiden den andern eigentlich mitschleppe. Meine Herren, schrie einen gestempelten Bogen schwingend der Doktor, ausgewiesen! Ausgewiesen!? ertnte es im Chor verwundert und fragend. Auskewiesen? Was das sein, Signore dottore? fragte Signora Lucia Pollastra, die jngst angekommene Basngerin. Ausgewiesen -- ausgewiesen -- das heit -- ^cela veut dire^: -- ^eliminito^! sagte der Hauptredakteur, der alle Sprachen zu kennen glaubte. ^Dio mio^! rief die Sngerin, die so klug als zuvor war. Sehen Sie, Wimmer, ich hab's mir gleich gedacht! schrie eine feine schsische Stimme, die dem zweiten Redakteur Flumann aus Dresen zugehrte -- wie konnten Sie aber auch _das_ schreiben? Der Journalist nahm die letzte Nummer der >Welken Bltter< und las: ... Und wenn alle Esel dieser Maregel Beifall brllen sollten: ich kann sie nur _bewimmern_! -- Und er hatte seinen Lohn dahin und wurde selbst gemaregelt! sagte der Doktor, welcher sehr gemtlich, den Hut auf einem Ohr, die Zigarre im Munde, auf einem hohen Dreibein sa. Ich htte das Deinetwegen schon nicht aufnehmen sollen, Wimmer! sagte Brummer. Dann httest Du ja selbst unter die Beifallsbrller gehrt, Alter! Jetzt mischte sich aber die hohe Polizei ein, welche bis dahin stillgeschwiegen und nur mit Wrde geschnauft hatte. Also in vierundzwanzig Stunden, Herr Doktor ... Habe ich das Nest hinter mir, Edelster! Seien Sie unbesorgt! lachte der Doktor. Aber halt, Verehrtester, wrden Sie mir vielleicht wohl erlauben, Ihnen jetzt noch eine kleine Rede zu halten? -- Fritze, Lmmel! Gib dem Herrn Kommissar einen Stuhl! Fritze, der unendlich selig grinste, kam dem Gebote nach; die Polizei lie sich schnaufend nieder, und ihr Opfer -- begann: Ich habe in Jena studiert, Herr Polizeikommissarius. Das ist eine allgemein historische Tatsache, aber es knpft sich Bemerkenswertes daran. Damals gab es dort einen raffiniert groben Philister, Deppe genannt, der alle Augenblicke eine sehr drastische Redensart herausdonnerte, brigens aber der Gott aller der wilden Vlkerschaften: Vandalen, Hunnen, Alanen, Viso-, Mso- und Ostrogoten u. s. w. u. s. w. war. Verehrtester Herr Kommissarius, der deutsche Student, viel zu zartfhlend, viel zu sehr von Albertis Komplimentierbuch angekrnkelt, konnte unmglich _diese_ Redensart adoptieren. Ebensowenig aber konnte er auch den Effekt derselben auf Pedelle, Manicher und dergleichen Gesindel entbehren. Was tat er? -- Er deckte Rosen auf den Molch und sagte: Deppe! -- Deppe berall! Deppe konnte jeder Rektor magnificus, Deppe jeder Professor, Deppe jede Professorentochter sagen. Also, Herr Polizeikommissarius: _Deppe!_ -- 'n Morgen, meine Herren, Addio, Signora Pollastra, brllen auch Sie wohl! Ich mu packen! Damit schob sich der Doktor der Philosophie Heinrich Wimmer und verlie das Expeditionszimmer der >Welken Bltter<, um es nie wieder zu betreten. Nie aber habe ich ein solches Gesicht wiedergesehen, als das des edlen Stulpnase. Sprachlos sa er da; auf einmal aber sprang er auf, stlpte den Dreimaster ber und schrie: Man soll ja nicht denken, seinen Spa mit einer hohen Behrde treiben zu knnen! Damit strzte auch er fort. Wenn er nur nicht herausbringt, was Deppe heit! sagte der Hauptredakteur unter dem unendlichen Gelchter der Redaktion und der Anwesenden, und die Versammlung lste sich auf. Nach Hause zurckgekehrt, traf ich die kleine Lise, die bereits aus ihrer Schule heimgekommen war, ber einer bunten Pappschachtel an, in welche Martha den Vogel gelegt hatte. Den Doktor hrte ich drben gewaltig rumoren, und von Zeit zu Zeit erschien er am Fenster, blies eine Rauchwolke zum blauen Sommerhimmel hinauf oder pfiff eine Passage aus dem sterreichischen Landsturm, seinem Lieblingsstck. Der kleinen Lise sagte ich von dem Schicksal ihres dicken Freundes noch nichts; ich wollte ihr das Herz nicht noch schwerer machen. Mittags konnte sie schon so vor Betrbnis nichts essen, obgleich sie ihr Butterbrot richtig weggeschenkt hatte. Alle Augenblicke richteten sich ihre Augen auf die bunte Schachtel, worin das tote Tier lag. Am Abend begruben wir es unter dem blhenden Rosenstrauch zu den Fen der Grber von Franz und Marie. Die roten Abendwolken segelten ber uns weg, die Rosen dufteten so herrlich; berall Licht und Blumen. Ich sa auf dem Bnkchen neben den Grbern; Elise hatte ihr Kpfchen an meine Brust gelegt, sie hatte sich so mde getrauert, da sie -- o glckliche Kindheit! -- die Augen schlo und einschlummerte. Eine schne, ltere, bleiche, schwarzgekleidete Dame kam und kniete an einem einfachen Denkmale nieder; arme Kinder legten weiter weg an der Kirchhofsmauer Waldblumenkrnze auf das Grab des toten Vaters; ein Greis schritt gebckt unter den Steinen und Kreuzen umher, die Aufschriften lesend. In der Stadt verkndeten alle Glocken den morgenden Sonntag; voll und rein wogten die feierlichen Klnge, die in den Straen im Rollen und Rauschen der Arbeit ersticken, ber diese stille Welt hinweg. Immer goldner glnzte der Himmel im Westen, immer tiefer sank die Sonne dem Horizont zu. Nacht ward's auf der einen Hlfte dieses drehenden Balles, whrend auf dem groen atlantischen Ozean vielleicht eben ein Schiff dem jungen Amerika entgegensegelnd, die Sonne aufsteigend begrte. Vielleicht ist es nur _ein_ Schiff, das jetzt im jungen Tage segelt, whrend hier die Nacht sich ber so viele Millionen legt. Dort steht der Fhrer auf dem Verdeck, das Fernrohr in der Hand; im Mastkorb schaut ein freudiges Auge nach dem ersehnten Lande aus, berall Leben und Bewegung. -- Hier zndet der einsame Denker seine Lampe an und schlgt die Bcher der Vergangenheit auf, die Zukunft daraus zu entrtseln, und findet vielleicht, da die Nacht, die auf den Vlkern liegt, ewig dauern wird, in demselben Augenblick, wo auf jenem einsamen Schiff der Willkommensschu donnert: Amerika! die zu dem Schiffsrand strzende Auswandererschar ruft, und eine Mutter ihr kleines lchelndes Kind in die Morgensonne und dem neuen Vaterland entgegenhlt! Das Gras fngt an feucht zu werden, ich mu meine kleine Schlferin aufwecken. Die bleiche Frau erhebt sich ebenfalls; sie kommt auf uns zu. Wir kennen uns nicht; aber hier auf dem Kirchhof scheut sie sich nicht, sich ber mich und das schlummernde Kind zu beugen. Lassen Sie mich die Kleine kssen! sagt sie. Ich sehe sie unter den Bumen verschwinden, ein Tuch vor den Augen. Elise erwacht: O wie schn! ruft sie, in die Glut des Abends schauend. Gute Nacht, Franz! Gute Nacht, Maria! * * * * * Holla! Was ist in der Sperlingsgasse los? Als wir nach Haus kommen, herrscht ein Tumult darin, wie ich ihn noch nie darin erlebt habe. In allen Haustren schwatzende Gruppen, jede Arbeit eingestellt: Salatwaschen, Schuhflicken, Strmpfestopfen, Hmmern, Sgen, Federkritzeln, alles ins Stocken geraten, nur nicht -- die Zungen! O je, o je, Herr Wachholder, sehen Sie mal da oben! schreit Martha, die auf der Treppe unserer Haustr, umgeben von einem Kreis Nachbarinnen, Posto gefat hat, mir schon von weitem zu. Was gibt's denn, Martha? Was ist los? rufe ich ihr entgegen. Der Herr Doktor Wimmer ist los! jubeln zwanzig Stimmen um mich her, und zwanzig Finger zeigen nach dem Fenster des vortrefflichen Burschen, welcher bis jetzt der bunte Hund der ganzen Gasse war. Ein groer Bogen Papier flattert dort oben, und darauf steht mit gewaltigen Buchstaben: ^Dr. WIMMER^ ^P. P. C.^ Aus dem offenen Fenster aber beugt sich -- Herrn Polizeikommissarius Stulpnases ehrwrdiges Vollmondgesicht, und seine weibehandschuhten Hnde sind bemht, den Zettel abzunehmen. Ich berliefere schnell die verwunderte Lise der alten Martha und steige die Treppen zu der Wohnung des Doktors hinauf, welches sehr langsam geht, denn vor mir her schiebt sich eine unbeschreibliche, wunderbare Masse von Kleidungsstcken chzend und sthnend den engen Weg langsam, langsam hinauf. Das war die dicke Madame Pimpernell, welche das Ereignis seit langen Jahren zum erstenmal wieder in die obern Rume ihres Hauses trieb. Das Zimmer beschrieb ich neulich bei meinem Besuch des Zeichners Strobel und brauchte daher jetzt nur zu sagen, da der Nachla des Doktors in einem zerspaltenen Stiefelknecht, einer leeren Zigarrenkiste ^Fumadores regalia^, und -- einem Exemplar der Flodoardine bestand. Stulpnase sa da auf einem Stuhl, schaute das leere Nest wehmtig-grimmig an und chzte: Ausgewiesen! Nun gar ausgekniffen! Donnerwetter -- ohne erst fr seinen >Deppe< gesessen zu haben. Jotte, einer armen Witfrau ihren besten Mieter abzutreiben, is das in der Ordnung, Herr Kumzarius? Habe ich darum Ihrer Frau die Butter immer um nen Dreier billiger gelassen? greint die dicke Madame Pimpernell, die ebenfalls dem Beamten gegenber auf einen Stuhl gesunken ist. Halte Sie das Maul, Frau! schnauzt Stulpnase, worauf die Dicke ein Gesicht macht, wie es einst jenes brave korinthische Weib geschnitten haben mu, als es das Wort des Apostel Paulus hrte: ^Mulier taceat in ecclesia^. Nach einer feierlichen Stille von einigen Minuten stt Stulpnase ein dumpfes Geheul aus und seufzt in sich: Deppe. Pltzlich aber, mit Wut auf seine Brusttasche schlagend, schreit er: Und hier hab' ich den Verhaftsbefehl: Beleidigung eines Beamten im Dienst, und -- ausgekniffen! Ich wage es nicht, den aufgebrachten Leuen durch Lachen noch mehr zu reizen, verschwinde und platze erst auf der Treppe los, die beiden Wrdigen einander gegenber sitzen lassend. In der Gasse steckt mir Marquart ein Billet zu und flstert geheimnisvoll, nach dem Fenster des Doktors deutend: Das hat _er_ zurckgelassen fr Sie, Herr Wachholder! Der Zettel lautet: _Liebster Freund_! Eine hohe Polizei wei, was >Deppe< heit, obgleich es nicht im Konversationslexikon steht. Ein Freund hat mich gewarnt; -- ich verschwinde! -- In den bhmischen Wldern sehen wir uns wieder! Dr. _Wimmer_. ^P. S.^ Der Redaktionspudel begleitet mich! Onkel, was soll denn das alles bedeuten, wo ist denn der Onkel Doktor? fragt die kleine Lise, welche, obgleich schon im Nachtzeug, nicht vom Fenster weggekommen ist. Ich schreibe: ^pour prendre cong^ auf einen Zettel, und Lischen, die jetzt schon eine kleine Gelehrte ist, hat mit Hilfe eines Diktionrs noch vor dem Schlafengehen heraus: Um -- nehmen -- Abschied. Der Onkel Wimmer mu eine kleine Reise machen, Schatz! Damit geht Elise getrstet zu Bette und verschlft und vertrumt sanft ihren ersten Schmerz. In diesem Alter gengt noch _eine Nacht_, ihn zu begraben. Am 12. Januar. Ich hab's mir wohl gedacht, als ich diese Bogen falzte, und ich hab's auch wohl mit aufgeschrieben, da ihr Inhalt nicht viel Zusammenhang haben wrde. Ich weile in der Minute und springe ber Jahre fort; ich male Bilder und bringe keine Handlung; ich breche ab, ohne den alten Ton ausklingen zu lassen: ich will nicht lehren, sondern ich will vergessen, ich -- schreibe keinen Roman! Heute werfe ich zum erstenmal einen prfenden Blick zurck und mu selber lcheln. Alter Kopf, was machst du? Was werden die vernnftigen Leute sagen, wenn diese Bltter einmal das Unglck haben sollten, hinauszugeraten unter sie? Doch -- einerlei! La sie sprechen, was sie wollen: ich segne doch die Stunde, wo ich den Entschlu fate, diese Bltter zu bekritzeln, mit einem Fu in der Gegenwart und Wirklichkeit, mit dem andern im Traum und in der Vergangenheit! -- Wie viel trbe, einsame Stunden sind mir dadurch nicht vorber geschlpft sonnig und hell, ein Bild das andere nachziehend, dieses festgehalten, jenes entgleitend: ein buntes freundliches Wechselspiel! So schreibe ich weiter. Manche alte verstaubte Mappe mit Bchern, Heften, Zeichnungen, vertrockneten Blumen und Bndern liegt da; ich brauche nur hineinzugreifen, um eine se oder traurige Erinnerung aufsteigen zu lassen, keine aber so duftig, so waldfrisch, als die folgende, welche ich berschreibe: _Ein Tag im Walde._ Fahren wir, oder gehen wir? hatte Lischen am Abend jenes auf den vorigen Seiten beschriebenen so ereignisvollen Tages noch gefragt. Wir fahren! war die Antwort gewesen, und glcklich darber hatte das Kind das Nschen nach der Wand gekehrt und war eingeschlafen. Mit dem Wagen erschien am andern Morgen auch Roder, der Lehrer Elisens, den leichten Strohhut auf dem Kopf, die grne Botanisierbchse auf dem Rcken, schon an der Ecke lustig nach dem Fenster hinaufwinkend. Die alte Martha hatte den Kaffee fertig, und Lischen, die bei ihrem Eifer, ebenfalls fertig zu sein, diesmal mehr Hilfe als gewhnlich ntig gehabt hatte, sprang die Treppe hinunter und erschien nun, den Lehrer hinter sich herziehend. Roder ist einer jener Volkslehrer, wie sie nur Deutschland hervorbringt. Er ist, wie es sich fast von selbst versteht, der Sohn eines Schulmeisters, der wiederum der Sohn eines Schulmeisters war; denn wenn es einen Stand gibt, welcher sich durch Generationen fortpflanzt, so ist es das deutsche Volkslehrertum. Da bringt der Vater vom Lande einen seiner gewhnlich sehr zahlreichen Shne in die Stadt; mit einer Bibel, einem Gesangbuch und vor allem einem Choralbuch als Bibliothek. Der Junge ist der Stolz seines Vaters. Wer hat ein greres Talent, die Orgel zu spielen? Wer hat eine bessere Stimme -- wenn sie auch gerade sich setzt? So ausgerstet betritt der junge Gelehrte den Schauplatz seiner weitern Ausbildung; gewaltig packt ihn anfangs das Heimweh unter der wilden Bande seiner Mitschler, die ihn hnseln und zum besten haben in seiner Gutmtigkeit und Unerfahrenheit. Das Leben ist ihm anfangs nur ein erster April, wo man die Narren umherschickt -- in den April. Selbst der Zuwachs seiner Bibliothek, bestehend aus den Schulbchern seiner Klasse und Funkes Naturgeschichte, vermag ihn nur mittelmig zu trsten; ein grerer Freund ist ihm in dieser Epoche seines Daseins das alte wacklige Klavier, welches ihm der Vater fr ein billiges gemietet und in sein Dachstbchen gestellt hat. Davor sitzt der Arme und spielt seine Chorle und Volksweisen -- letztere nach dem Gehr, und denkt zurck an sein Dorf, an seine Eltern und Geschwister, und vor allem an die Schule, in welcher er der erste war -- ja sogar in der Ernte den Vater zuweilen vertreten durfte; whrend er hier -- er der groe Bengel! -- ganz unten seinen Platz unter den Kleinsten, Dmmsten und Faulsten bekommen hat! Warte nur, armer Kerl -- sieh, da bricht schon der erste freudige Strahl in dein dunkles Sein. Gewhnlich gibt es auf jeder Schule einen Lehrer, der ein Original, ein Sammler, vielleicht ein leidenschaftlicher Naturfreund ist, womit meistens die Gabe der Mitteilung sich verbindet, dem begegne, du armes einsames Gemt, und du wirst einen Freund gefunden haben. Jetzt verndert sich alles! Welch ein Schweifen nun ber Berg und Tal; welch ein Versenken in all die kleinen und kleinsten gewaltigen Wunder in der Luft, im Wasser, auf und unter der Erde! Wie sich das Dachstbchen fllt mit Kfern, Schmetterlingen, Herbarien u. s. w. Welch eine selige Ermdung an jedem Abend, welch ein Trumen in der Nacht, welch ein Erwachen am Morgen! Nun zieht eine Wissenschaft alle andern nach sich; die Klassen werden durchflogen -- den Schiller lernen wir auswendig, und die Welt dehnt sich immer schner und weiter vor uns aus. -- Ach ein Faust zu sein, ist es nicht ntig alles studiert zu _haben_: das _Wollen_ allein gengt, den Mephistopheles aus dem Nebel hervortreten zu lassen! Sttze nur die heie Stirn auf die Hand, du Sohn Deutschlands, in langen durchwachten Nchten, beschwre nur die Geister alter und neuer Zeit herauf, sie sind doch stets um dich, die Gespenster: Lebensnot und Zweifel und vergebliches Streben! Der Arm der Notwendigkeit fat dich und schleudert dich mit deinem Wissensdrang in ein abgelegenes Walddorf oder an die Armenschule einer groen Stadt; da begrab dein volles Herz und suche -- zu vergessen! Glcklich, wenn du's kannst; glcklicher aber vielleicht doch, wenn es dir gegeben ist, auch hier weiter zu suchen. Der Pulsschlag des Weltgeistes pocht ja berall: Suchet, so werdet ihr ihn finden! sagt das schnste der Bcher, das so leicht zu verstehen ist und so schwer verstanden wird. Ungeduldig klatscht der Kutscher unten vor der Tr, ungeduldig treibt Elise; whrend Martha noch immer Zurstungen macht wie zu einer Reise nach dem Nordpol. Endlich aber steigen wir in den Wagen. Unsere Sonntagsodyssee beginnt. Htte der Onkel Doktor nicht morgen abreisen knnen? fragt noch Lischen nach dem Zettel droben schauend, auf welchem die Madame Pimpernell ankndigt: Hier ist eine Stube mit Kabinett zu vermieten. Roder lchelt, scheint etwas auf dem Herzen zu haben, aber sich gegenwrtig auf weiteres nicht einlassen zu wollen, und so rollen wir durch die noch stillen Straen dem Tore zu. An den Wochentagen ist's um diese Zeit schon lebendig genug, heute aber schlft das Volk der Arbeit in den Morgen und den Sonntag hinein; es hat das Recht dazu nach sechs Schpfungstagen. Jetzt sind wir in den grnen Anlagen, die sich rings um die Stadt ziehen. Landhuser und Grten fassen auf beiden Seiten die Strae ein. Eine Eisenbahnlinie geht mitten ber den Weg, und wir mssen anhalten, denn ein Zug fliegt eben brausend und schnaubend dem Bahnhofe zu. Der Sonntag, welcher den Stdter hinausfhrt, bringt den Landmann hinein in die Stadt, und alle die Tausende, die heute ein- und ausfliegen werden, suchen alle ein andres Ziel des Genusses; jeder die Freude auf eine andre Weise. Schon haben wir die letzten Grten hinter uns und fahren nun langsam die Pappelallee hinauf den Hhen zu, welche im weiten Umkreis die groe Ebene und die groe Stadt umgrenzen. Die Sonne steigt empor ber dem Walde; die Knospen, die Bltter, die Blumen tragen alle einen Tautropfen, das Geschenk der Nacht; die Lerche erhebt sich jubelnd in die blaue, frische Luft, und auch sie schttelt Tau von den Flgeln. Wenn wir zurckblicken, liegt die groe Stadt noch verhllt in dem silbergrauen Duftschleier, den sie selbst sich webt, und den sie, wie Penelope den ihrigen, nur zertrennt, um ihn von neuem zu knpfen. Wie eingewebte Goldsterne blitzen die Kreuze der Trme -- die Zeichen des Leids -- darauf. -- Wir aber fahren schon im vollen Sonnenschein, und jetzt sind wir am Rande des Waldes angekommen; nun brauchen wir den Wagen nicht mehr, und schnell rollt er die Hhen wieder hinab, der Stadt zu. Was trappelt auf einmal vor uns und raschelt durch das welke Laub des vorigen Jahres, das den Boden bedeckt? Was bricht da durchs Gebsch, die Ohren und den schwarzen Pelz na vom Morgentau, lustig jetzt um uns her bellend und springend und die hellen blitzenden Tropfen abschttelnd? Hurra! Willkommen im Walde! ruft eine wohlbekannte Bastimme. Wer trabt da lachend her -- hinter einer kleinen Rauchwolke, eine hohe schwankende Knigskerze auf dem Hut, -- auf dem Fupfade, der seitab tiefer ins Holz fhrt? Willkommen, fahrender Recke! ruft Roder, den Hut schwingend. Allerseits schnsten guten Morgen! grt der ausgewiesene Doktor, den abgenommenen Maulkorb des Pudels in die Hhe schleudernd und wiederfangend. Hast Du mit Rezensent im Walde geschlafen? fragt die kleine Lise. Der Herr Polizeikommissarius lt Sie gren, Wimmer! lache ich. Jeder hat zu gleicher Zeit zu fragen und zu antworten, und jeder tut es auch, whrend Rezensent sich immer dicht an Elise hlt, von Zeit zu Zeit ein kurzes fideles Gebell ausstt und fest unsern Proviantkorb im Auge behlt. Mit pathetischer Gebrde tritt jetzt der Doktor an den Rand der Hhe, streckt den Arm gegen die Stadt aus und deklamiert: Ha, da liegt sie -- die Undankbare, sie, in welcher ich meine Nchte durchwachte und meine Tage verschlief -- Snger und Sngerinnen, Schauspieler und Schauspielerinnen, Ballettnzer und Ballettnzerinnen lobte oder herunterri -- in welcher ich so manchen Leitartikel schrieb -- in welcher ich so manche Pfeife rauchte! Da liegt sie wollstig trumend im Morgenschlummer, whrend ich umherirre, verbannt, vertrieben, an die Luft gesetzt, ^eliminito^, wie der Doktor Brummer sagte; gejagt, gemaregelt -- ein Lamm im scharfen Nordwind. Nest! -- Brste Dich mit Deinen Gardeleutnants, Deiner famosen Musenbude, die ich dort ber die Dcher zwischen dem Pfeffer- und Salzfasse ragen sehe; ich verachte Dich, ein deutscher Zeitungsschreiber! Mache in der Liste Deiner unter polizeilicher Aufsicht Stehenden ein dickes Kreuz hinter dem Namen: Heinrich Theobald Wimmer ^Dr. phil.^, setze ein dreimal unterstrichenes >_Ausgewiesen_< dahinter; ich schttle Deinen Staub von meinen Fen, ich verachte Dich! -- Bin ich nicht heimatsberechtigt in Mnchen an der Isar, stehen nicht viele Lcher offen im edlen Was-ist-des-Deutschen-Vaterland? Zeugt nicht dieser solide Bauch (hier schlug sich der Doktor auf den erwhnten Krperteil) von Bayern? Es lebe Mnchen! -- Ha, prophetisch verknde ich Dir, ausweisender Pascha von soundsoviel Roschweifen: ein Schmchtigerer aber Giftigerer wird meine Stelle einnehmen. Erfahren sollst Du zeitungenberwachende Behrde, da das, was Ihr Unkraut nennt, wenigstens auch die Tugend desselben hat: nmlich nicht zu verderben und auszugehen! Fort in die Bresche, mein unbekannter Mitkmpfer! Mein Segen begleitet Dich! ^Dixi^, ich habe gesprochen! -- Komm, Lischen! Damit warf der Doktor den Maulkorb den Berg hinunter der Stadt zu, hob die Kleine empor, setzte sie mit ihrer Tasche und den ersten whrend seiner Rede von ihr gepflckten Blumen auf seine Schulter und schrie: Allons, meine Herren; hinein in den Wald! Kehren wir dem Nest den Rcken zu! Mit diesen Worten trabte der tolle Geselle auf dem Fupfad, auf dem er gekommen war, zurck ins Holz; Roder und ich folgten lachend. Der Exredaktionspudel sprang auch wie toll hinter uns her; ^gaudeamus igitur^ tnte des Doktors Ba in das beginnende Konzert der Vgel, unser Sommersonntag im Walde hatte begonnen. Welch ein Tag war das! Dieses erste Eintreten in die grne Bltterwelt -- dieses Aufatmen aus voller Brust! Der Doktor hatte mit der sich gewaltig strubenden Lise einen ordentlichen Galopp angeschlagen und war unsern Augen entschwunden, unsern Ohren aber nicht. Die Kleine lachte -- wurde rgerlich -- bat; der Pudel bellte aus Leibeskrften, und der Doktor fiel aus einem seiner Studentenlieder ins andre. Mit seiner Ausweisung schien der alte Jenenser Bursch alle gesellschaftlichen Bande fr aufgelst zu halten. Das ist ein sonderbarer Menschentypus, sagte Roder lchelnd, als wir langsamer hinterhergingen; die personifizierte Gutmtigkeit unter dieser tollen, barocken Maske. Wir sind Jugendfreunde, welches sonderbar scheinen kann, da er in Lumpenhausen das Gymnasium besuchte, whrend ich auf dem Seminar mich zum Schulmeisterlein einpuppte. Ebensogut htte ein Guelfe mit einem Ghibellinen Arm in Arm auf der ^via dei malcontenti^ in Florenz spazieren gehen knnen. -- Aber es war so, er lehrte mich Zigarren drehen, ich dagegen brachte ihm bei: sich auf dem Klavier mit einem Finger zu dem famosen Liede zu begleiten: ^Mihi est propositum^ ^In taberna mori ...^ Spter verlor ich ihn aus den Augen; ich wurde Hilfslehrer in Lammsdorf, er ging auf die Universitt. Da sa ich eines Abends und untersuchte Moose durch die Lupe, als mich pltzlich jemand auf die Schulter klopfte, und eine Bierbastimme -- wie weiland Leibgeber zum Armenadvokat Siebenks -- >'n Morgen, Roder,< hinter mir sagte. Es war Wimmer, der wegen bertretung der Duellgesetze relegiert, >die groe Tour machte,< wie er sagte. Geld besa er schon damals nicht, aber viel Humor und guten Mut, und so hat das Schicksal uns fters wieder einander in den Weg gefhrt, und immer war der Doktor Wimmer -- derselbe ... Und aussterben wird diese Art nicht in Deutschland, so lange man noch die Namen: Bier, Romantik und Politik nennen hrt, sagte ich. Halt, rief der Lehrer, welch ein prchtiges ^Aconitum^, entschuldigen Sie! Damit sprang er ins Gebsch, die Pflanze auszugraben, whrend ich in den Bart murmelte: Und auch deine Art, deutsche Seele, wird nicht ausgehen, so lange noch in _eine_ Blte das deutsche Gemt sich versenken kann zwischen Weichsel und Rhein. Onkel Wachholder, Onkel Wachholder; kommt alle schnell, schnell einmal her! rief jetzt Lischen in der Ferne. Was gibt's denn Lise? ruft Roder, seine Blume in die Botanisierbchse legend. Ein wunder-wunderhbsches Vogelnest hat der Onkel Doktor gefunden! schallte es wieder, und wir setzten uns in Trab. Auf einem kleinen sonnigen Platz seitab vom Wege stand der Doktor, hochrot vom Singen und Rennen und lie die Kleine in einen Fliederbusch schauen. Lise, den Atem anhaltend, um die kleine piepende Welt nicht zu stren, guckte selig durch die Zweige; whrend der Rezensent das Wunder weiter unten suchte und, den Kopf und Leib im Laubwerk verborgen, nur die Hinterbeine und den wedelnden Husarenbusch zeigte. Nicht wahr, Lise, das mute ich Dir doch zeigen? 's ist doch prchtig, wenn einen die Polizei so frh hinausjagt in den Wald! Ein Buch guckte dem Doktor hinten aus der Rocktasche, und der Lehrer zog's ihm heraus. Es war Reineke de Vo, des Doktors ewiger Begleiter auf allen seinen Fahrten, den er fast auswendig wute. Bei der Berhrung des Lehrers sah er sich auch sogleich um und begann: ^De quad deyt, de schuwet gern dat licht:^ ^Also dede ok Reinke de bsewicht.^ ^He hadde in de stad so vele missdan,^ ^Dat he dar nicht dorfte kamen noch gan.^ ^He schuwede seer des Konniges hoff^ ^Darin he hadde seer kranken loff! --^ Aber hier, Lise, ist's was andres; wenn wir hier ein Vogelnest finden, so drfen wir auch hineingucken und unsere Meinung darber sagen. O das ist wunder-wunderhbsch, ruft die Kleine, welche gar nicht hrt, was der Doktor sagt. Sieh, der alte Vogel frchtet sich gar nicht -- o, welche groe Schnbel -- er sitzt ganz still zwischen seinen Jungen und sieht nur nach dem Rezensenten hinunter! -- Er tut Dir nichts, kleiner Vogel, bleib ruhig sitzen! -- Jetzt lie der Doktor das Kind auf den Boden gleiten: Nun lauf zu Fu, sagte er, das Gras ist trocken. Welch ein Tag! Noch zogen weie Wlkchen ber die Baumwelt weg, bald aber hatte die Sonne sie verzehrt, und das ewige Blau lchelte rein und klar auf uns herab. Immer tiefer versenkten wir uns in die duftende Wildnis: Wo lassen wir alle die Blumen, die wir pflcken, Lischen? -- Die Hndchen sind schon so voll, da wir bei jedem Schritt eine verlieren, und da der Doktor sagen mu: Ist's nicht wie im Mrchen, wo der Vater die verlorenen Kinder durch hingestreute Steinchen wiederfindet? Ein verfolgter Zeitungsschreiber -- schrecklich -- die Hscher sind ihm auf den Fersen -- wo hat er sich hingewendet? -- >Ha,< sagte der erfahrenste der Sprer, ein wahrer Pfadfinder auf der Vagabondenjagd -- >seht die Blumen -- untermischt mit Zigarrenenden! Lat uns dieser Spur folgen, Brder! -- Ha, seht hier im weichen Boden die Hundetapfen? -- Er ist's, er ist's -- Fort, ihm nach!< -- Schrecklich! Bravo, Wimmer! lachte der Lehrer, der wieder eine Pflanze im Gehen zerlegte. Welcher Stoff fr Dein nchstes Werk; wo Du es auch schreiben magst, ich hoffe auf ein Exemplar. In Mnchen werde ich es schreiben, Verehrtester! Habe ich nicht einen Kontrakt mit dem Buchhndler und Eigentmer der >Knospen< -- Gabriel Pmpel, in der Tasche? Ist nicht Gabriel Pmpel mein Onkel? Ist nicht Nanette Pmpel meine Cousine? Wetter, ich sehne mich ordentlich nach dem Nannerl! Doktor! Doktor! rufe ich lchelnd. Wahrhaftig, seufzt der eliminierte Schriftsteller, ich habe heute ordentlich Lust solid zu werden. Ehrlicher alter Bursch! Also _das_ waren Deine Gedanken, sagte der Lehrer lchelnd und gerhrt, als Du gestern den ganzen Nachmittag auf meinem Sofa lagst? Ich konnte Dich vor Tabaksqualm nicht recht sehen, aber Du schienst mir auergewhnlich nachdenklich und trumerisch. Gottlob, wenn diese Exilierung so ausschlge. Hurra, schreit der Doktor, den Hut in die Luft werfend: Es leben die Knospen! Es lebe das Bockbier! Es lebe das Haus Pmpel und Kompanie! Der Exredaktionspudel ist auer sich; jetzt hat er die grte Lust, Elise vor Wonne ber den Haufen zu werfen, jetzt springt er an seinem Herrn in die Hhe, jetzt ist er im Gebsch verschwunden, jetzt kommt er auf der andern Seite wieder zum Vorschein! Bumms -- da liegt er im Grase, wlzt sich, da man nicht wei, was oben oder unten, Beine oder Rcken, Kopf oder Schwanz ist! Wer hat eine Uhr? Niemand? Desto besser, der Magen ist unsere Uhr. Hier unter dieser prchtigen Buche wollen wir uns lagern. Wie das Moos so weich ist! Ausgepackt die Taschen, den Korb, die Botanisierbchse! Eine Flasche Wein erscheint. Wer hat einen Korkzieher? Niemand? Desto besser, wir schlagen ihr den Hals ab; ein niedliches Glas hat Elise mitgebracht. Holla, Roder, aufgepat! Rezensent hat den Kopf in Ihrer Rocktasche! Welch Behagen, sich so im weichen Grase auszustrecken! Wie das schmeckt im grnen Walde; -- die alte Martha soll leben, sie hat prchtig gesorgt! Komm, Kind, unsere kleinen Beine sind doch wohl mde! Was bedeuten diese Faden? Aha, jetzt werden wir Krnze winden. Welche prchtigen wilden Rosen! Sieh, da kriecht ein Marienkfer auf Deinem Arm, Lischen; -- er entfaltet die Flgel -- prr, dahin geht er, ein kleines rotes Pnktchen im Sonnenstrahl. Elise schaut ihm nach und fngt an zu singen: Marienvogel kleine, Rhre deine Beine, Kriech an meinem Finger nauf, Setz dich als das Knpflein drauf! Ist er nicht ein hoher Turm Fr so kleinen roten Wurm? Und dann mit ganz feiner Stimme: Roten Purpur trag' ich, Flglein viere schlag' ich! Gar kein Flglein regst du, Nur zwei Bein' bewegst du -- Sechs Beine rhr' ich, Sieben Punkte fhr' ich, Fliege hher als der Turm! Wer ist nun der kleine Wurm? -- Etsch! Die Sonne mu drauen gar hei und drckend sein, sie steht hoch im Mittag. Hier aber hat sie die Herrschaft mit dem Schatten zu teilen und zwar so, da man gar nicht mehr wei, wo Dunkel, wo Licht ist, so flimmert und zuckt beides durcheinander. Wirst Du mde, Lischen? Berauscht Dich der Waldduft, kleines Herz? Komm, lege Dein Kpfchen hierher; keine Mcke, keine Fliege, und wenn sie noch so golden wre, soll Dich im Schlummer stren. Schliee dreist die Augen und trume einen hbschen Elfentraum von Schmetterlingen und Blumen und kleinen Vgeln. Wie behaglich der Pudel ghnt und, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt, mit den Augen blinzelt. 's ist doch ein ganz ander Ding ohne Maulkorb, nicht wahr Rezensent? Wie der Doktor so nachdenklich die blauen Zigarrenwlkchen von sich blst! Denkt er an seinen ersten Aufsatz in den >Knospen<, denkt er an die Mnchener Cousine? Wie sich der Lehrer mit leuchtenden Augen in die Pflanzenschtze seiner Botanisierbchse vertieft! Heda, Roder, was fr ein Heft schaut da zwischen den Blttern und Wurzelwerk hervor? Her damit! Der Lehrer errtet und reicht lchelnd das Heft herber. Was sehe ich! Vermag der Schulstaub solche Blten zu treiben?! Grinsend streckte der Doktor Wimmer den Kopf ber meine Schulter und machte nach einigen Blicken auf das Manuskript sogleich Anstalt, es fr die >Knospen< mit Beschlag zu belegen, aber der Lehrer tat gewaltig Einsprache dagegen. Spter schenkte er es mir. Soll ich ein Blatt daraus der Chronik einschieben? Es sei! Da ist eins. * * * * * Ich lag am Rande des Baches und sann nach ber die Geschicke der Vlker und Knige und ber -- meine Liebe. Hinten in der Trkei lagen jene einander in den Haaren, und drben in der kleinen Gartenlaube sa mein Schatz und schmollte. Ah! Lippe-Detmold ist mein Vaterland, -- was geht mich die orientalische Frage an und der General Sabalkanskoi und die Schlacht bei Navarino?! Aber das Frauenzimmer dort? Beim groen Pan, _damit_ mu es anders werden! Rot wie die Liebe ist der Abendhimmel; goldne Wlkchen, weie Tauben schweben darin hin und wider wie Liebesgedanken ... Wo sind meine Diplomaten, wo meine Kabinettskuriere? Es schwanken die Grser -- es regt sich -- es luft, es kriecht, es klettert, es hpft, es flattert und fliegt -- tausendbeinig, tausendflgelig! Es zwitschert und summt -- tausendtnig! Dichterminister, Frhlingsrte, Liebesgesandte versammeln sich um mich zu Rat und Tat. Wohlan -- die Konferenzen sind erffnet! Allen Gegenwrtigen und Zuknftigen Gru! Wen send' ich zuerst an jene dort, hinter den Hollunderblten? Ach! Du da -- fort mit dir zu ihr hin -- du mein leichtgeflgelter, magenloser Herold, du, den sie den roten Augenspiegel nennen, zeig ihr auf deinen weien Schwingen die beiden Purpurtropfen, sag ihr, es sei Herzblut -- _mein_ Herzblut aus dem wilden Kampf um die Liebe, die rote Liebe! ... Da flattert der Bote der Laube zu; es zittert mein Herz, mein banges Herz. -- (_Sie -- niest!!!_) O Dank, Dank ihr ewigen guten Gtter, Dank fr das Omen! (Erklte dich nicht, Luise, nimm ein Tuch um, hrst du?) Wer ist der zweite meiner Boten? Schnell, schnell, meine kleine emsige Biene; -- hin zu ihr -- summe ihr ins Ohr, Honiggedanken, Hausgedanken, Leinen- und Drellgedanken! (Was hat das Frauenzimmer zu lachen ber ihrem Nhzeuge, in der kleinen Laube?) Und nun mein letzter Bote, mein schwarzer Trauermantel, flattere hin zu ihr! Hr', was du ihr sagen sollst. Sag ihr: Luise, Luise, der Tag ist zu Ende -- die Eintagsfliegen wurden mde, todmde -- der Bach schaukelt ihre armen kleinen Leiber fort, vorber an den Blumen, an denen sie noch vor einer Stunde tanzten und spielten. Luise, Luise, das Leben ist kurz; Luise, die Nacht bricht herein; sieh den rotfinstern Streifen im Westen, sieh, wie es im Osten unheimlich zuckt und leuchtet -- horch, wie es grollt! (Es regt sich in der kleinen Laube! Sie seufzt!) Luise, Luise! (Sie tritt heraus!) Luise, Luise! Die Bume schtteln ihre Blten herab auf sie: ^Ave Louisa!^ Der Abendwind flstert ihr zu: ^Ave Louisa!^ Die Blumen des Tages neigen sich ihr: ^Ave Louisa!^ Die Blumen der Nacht ffnen ihre Weihrauchkelche ihr -- ^Ave Louisa! Ave Louisa!^ (Sie winkt ... sie lchelt ...) Friede? Friede! Friede! Lutet die Glocken im Reich! Erleuchtet die groen Stdte, die Drfer; erleuchtet jedes einsame Haus, Orgelklang in allen Domen, Kirchen und Kapellen! Auf die Knie, auf die Knie alles Volk! Mnner, Weiber, Greise, Kinder, Jnglinge und Jungfrauen: Herr Gott! Dich loben wir! Herr Gott! Wir danken dir! Friede! Friede im Himmel und auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! * * * * * Ich kannte diese Luise des Lehrers gar gut. War sie nicht Gouvernante bei den Kindern des Baron Silberheim? Hat sie nicht spter den Lehrer Roder geheiratet? Hat sie nicht Glck und Kummer und Verbannung mit ihm geteilt? Seid gegrt, Otto und Luise Roder, wo ihr auch weilen mgt! Ei, das war schn! sagte Lischen erwachend und das Kpfchen aufrichtend. Sie dachte an ihren Traum im Grnen, nicht an des Lehrers Phantasien -- die hatte sie richtig verschlafen. Was hat Dir denn getrumt, Lischen? fragte der Doktor, und das Kind blickte ihn verwundert an. Hab ich denn geschlafen? fragte sie. Das kann man bei solchem kleinen Mdchen wie Du bist, Lise, niemals recht wissen. Was hast Du denn gesehen und gehrt? Erzhle mal! sagte ich. O es war wunderschn, was ich gesehen habe! Ich konnte gar nicht ber das Gras weggucken; es war wie ein kleiner Wald, und welch eine Menge kleiner Tiere lief darin herum! Und wenn ich die Augen zumachte, wurde alles so rot, als brennte der ganze Himmel, da ich sie schnell wieder aufmachen mute. Ich dachte, ich wre ganz allein, da kam auf einmal ein wunderschner gelber Schmetterling mit zwei groen Augen in den Flgeln, die unten ganz spitz zuliefen, der setzte sich dicht vor meinem Gesicht auf einen Halm und sagte mit ganz feiner, feiner Stimme: >Ein schnes Kompliment, kleines Frulein, und ob Sie nicht zum Tee kommen wollten, zur Waldrosenknigin?< Der Herr Lehrer las in diesem Augenblick was vor, ich htte gern weiter zugehrt und sagte es dem Schmetterling auch. Der aber sagte: bei der Knigin se ein gelehrter Herr, namens Brennessel, der hielte gar nichts von der Geschichte, ich soll daher nur dreist mitkommen. Ich fragte den Schmetterling, ob's sehr weit wre; er meinte: weit wr's nicht, aber wir mten einen Umweg machen, da lge ein gro schwarz Tier im Grase, das habe greulich nach ihm geschnappt, als er vorbergeflogen sei. Das war der arme Rezensent! Dann sagte der Schmetterling: er msse auch den giftigen Wolken ausweichen, die da herumzgen und ihm seine hbschen Flgel ganz schwarz machten. Das war des Onkel Wimmers Zigarrendampf! -- Ich war auf einmal so klein geworden, da mich der schne gelbe Schmetterling ganz leicht auf seinen Rcken nehmen und forttragen konnte zu _dem_ Rosenbusch dort bei _der_ Buche. Da war eine gar niedliche vornehme Gesellschaft bei der Knigin. Da war der brummige, bse, alte Herr Brennessel, dem jeder gern auswich; da war die dicke Madame Klatschrose, welche dicht hinter der hbschen Knigin stand. >Frulein Elise,< sagte die Knigin, >ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ist das Ihr Onkel dort unten, welcher den hlichen Dampf ausblst?< >Nein,< sagte ich, >das ist der Onkel Doktor, den sie weggejagt haben aus der Stadt; er schreibt Bcher und ist unartig gewesen und hat zuviel Kleckse und Schreibfehler gemacht!< >So, er schreibt Bcher? Dann will ich ihn mal besuchen!< sagte der kluge Herr Brennessel bse ... Alle Wetter, lachte der Doktor hier, halb rgerlich ber Lisens Traum, und griff mit der Hand hinter sich, um sich aufzurichten. Au, Teufel! schrie er pltzlich. Er hatte wirklich mit der Hand in einen Brennesselbusch gefat! Wir lachten herzlich, und nur Lischen sagte ganz ernst: Siehst Du, Onkel Wimmer, _das_ war er! Dann fuhr sie fort: Wir tranken nun Tee aus wunderniedlichem Geschirr (Onkel Wachholder gibt mir noch ein Butterbrot!) und jeder erzhlte eine hbsche Geschichte vom Frhling, Sommer oder Herbst; vom Winter aber wuten sie nichts -- da schlafen sie. Dabei hrte ich aber immer den Herrn Lehrer lesen, und Herr Brennessel brummte dann dazwischen. Der war auch der einzige, welcher vom Winter erzhlen wollte, es ward aber nicht gelitten. -- Auf einmal hrte Herr Roder auf zu lesen, und ich lag wieder bei Dir, Onkel Wachholder, im Grase, und Rezensent steckte dicht vor meinem Gesicht seine schwarze Nase zwischen den Halmen durch und guckte mich gro an. Das habe ich gesehen! -- War das nicht hbsch? Und nun, Herr Roder -- lesen Sie Ihre Geschichten noch einmal -- bitte, bitte! Danke schn, sagte lachend der Lehrer. Der kluge Herr Brennessel hatte ganz recht, und _jetzt_ sehe ich auch ein; _meine_ Geschichten sind gar nicht hbsch. Wie lange haben wir so getrumt, und erzhlt, und im grnen Gras und weichen Moos gelegen? -- Schon steigt die Sonne wieder abwrts am blauen Himmel! Mu nicht der Doktor heute noch durch den Wald nach der nchsten Eisenbahnstation? -- Auf, Lise, winde dem Rezensenten den letzten Kranz um den schwarzen Pelz! Lat nichts zurck von euern Sachen! Vorwrts! -- Auf engen schattigen Waldpfaden geht's nun quer durch das Holz, bis wir endlich das Rollen der Wagen auf der groen Landstrae hren und zuletzt den weien Streif durch die Stmme schimmern sehen. Horch, Geigen- und Hornmusik! Im Weien Ro mitten im Wald an der Chaussee ist Tanz. Die Haustr ist mit Laubgewinden geschmckt; Stadtvolk und Landvolk drngt sich allenthalben davor und dadrinnen, im Haus und im Garten. Wir erobern noch eine schattige Laube, und der Doktor gert in sein Element. Jetzt ist er oben im Saal, schwenkt sich lustig herum mit einer frischen Landdirne oder einer kleinen bleichen Nherin aus der Stadt; jetzt erregt er unter den Kegelnden ein schallendes Gelchter durch einen wohlangebrachten Witz. Jetzt sitzt er wieder bei uns, den Rock ausgezogen, glhend, pustend, fchelnd. Und berall, wo der Doktor ist, ist auch der Pudel. Jetzt oben im Saal wie toll zwischen die Tanzenden fahrend; jetzt, ausgewiesen, wie sein Herr aus der Stadt, steckt er seine feuchte Schnauze unter unserm Tische hervor. Immer tiefer sinkt die Sonne herab. Doktor, Doktor, wir mssen scheiden! Und der Doktor zieht den Rock wieder an und hngt die Reisetasche um. Wir alle stehen auf. Also mut Du wirklich fort, Onkel Wimmer? fragt Elise weinerlich. Ja ja, liebes Kind! sagt der wunderliche Mensch pltzlich ernst. Er hebt die Kleine empor, die sich diesmal nicht strubt, sondern selbst ihm einen herzhaften Ku gibt. Wirst Du auch wohl zuweilen an den Pudel und mich denken, Lischen? Ganz gewi, schluchzt Lischen, und ich will schreiben, und der Pudel -- nein, Du mut's auch tun! Der Doktor setzt die Kleine vorsichtig wieder auf ihren Stuhl: Lebt wohl, Wachholder, sagt er, leb' wohl, Roder, alter Freund! Der Pudel blickt ganz verblfft von seinem ernsten Herrn auf uns und wieder zurck: es mu etwas nicht ganz in der Ordnung sein. Lebt alle wohl! Ein frhliches Wiedersehn! Alle! ^En avant^, Rezensent! schreit der Doktor, ber die Gartenhecke und den Chausseegraben springend, und rennt, ohne sich umzusehen, dem Walde zu. Am Rande bleibt er noch einmal stehen und schwenkt den Hut. ^Smollis!^ ruft der Lehrer, ihm mit einem Glase zuwinkend. Gr die Mnchener Cousine, die hbsche Nannerl! ^Fiducit!^ Soll geschehen! ruft der Doktor zurck und verschwindet hinter den Bschen. Rezensent steht noch am Rande, blickt nach uns herber und stt ein kurzes Gebell aus. Jetzt ist auch er verschwunden. Wir sitzen noch eine Weile still allein. Gott gebe dem ehrlichen alten Gesellen Glck! sagt der Lehrer vor sich hin. Ein Omnibus will eben nach der Stadt abfahren. Was sollen wir noch hier? Wir nehmen Pltze und steigen ein. Zurck geht's nun nach der groen Stadt, die staubige Landstrae hinunter. Frhliche Gesichter jedes Alters und Geschlechts um uns her im dichtbepackten Wagen! Wie die Sonne so prchtig untergeht! Ade, du schner Wald! Ade, du alter Freund Wimmer! -- Da sind wir schon in den Anlagen. Welche sonntglich geputzte Menge noch ein- und ausstrmt! Wir steigen aus auf dem freien Platz vor dem Tor; den Weg durch die Stadt bis in unsere Sperlingsgasse knnen wir wohl noch zu Fue machen. Da sind wir, als es eben dmmerig wird. Sieh, dort steht die alte Martha strickend vor der Tr; sie erblickt uns und ruft: Guten Abend, guten Abend! Ach, Martha, das war schn -- und -- der Onkel Doktor ist fort! sagt die kleine mde Elise. Auch der Lehrer sagt jetzt gute Nacht und kehrt zurck in sein einsames Stbchen, eine lange Woche mhsamer Arbeit vor sich. Das war ein Sommertag im Walde, den ich hier aufzeichne in einer den, kalten Winternacht. Am 25. Januar. Die Klte ist aufs hchste gestiegen. Wenige Nasen werden in der Sperlingsgasse herausgestreckt, und die es werden, laufen rot und blau an. Welch Knstler der Winter ist; die Spatzen frbt er gelb, und den freien Deutschen macht er ausrufen: mein Haus ist meine Burg! Was kann ein Chronikenschreiber bei so bewandten Umstnden besseres tun, als sein Haus einzig und allein zum Gegenstand seiner Aufzeichnungen zu machen und die groe Welt drauen, die allgemeine Gassengeschichte, gehen zu lassen wie sie will? Im Jahre der Gnade 1619 verbrannten sie zu Rom einen Gottesleugner, genannt Julius Csar Vanini, der hob, auf seinem Scheiterhaufen stehend, einen Strohhalm zwischen den Holzkltzen auf und sagte lchelnd: Wenn _ich_ auch das Dasein Gottes leugnen wrde, dieser Halm wrde es beweisen! -- Die Geschichte eines Hauses ist die Geschichte seiner Bewohner, die Geschichte seiner Bewohner ist die Geschichte der Zeit, in welcher sie lebten und leben, die Geschichte der Zeiten ist die Geschichte der Menschheit, und die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte -- Gottes! Wohin fhrt uns das? Kehren wir schnell um, und steigen wir die Treppen hinunter in das unterste Stockwerk. Da sitzt in dem vorderen Zimmer des Hauswirts und Tischlermeisters Werner eine weihaarige gebckte Frau in ihrem Lehnstuhl hinter dem Ofen, spinnend vom Morgen bis zum Abend. Das ist die alte Mutter der Hausfrau, die Tochter des Erbauers des Hauses, welche den Grundstein legen und den Knopf auf die Giebelspitze setzen sah und mit dem Hause und seiner Geschichte verwachsen ist durch und durch. Manche Leiche hat sie in den langen Jahren ihres Lebens hinaustragen sehen: ihre Eltern und alle ihre Geschwister, ihren Mann und alle ihre Kinder bis auf eins, die Anna, die Frau des jetzigen Besitzers. Sie hat den Sarg Mariens mit schmcken helfen und den Sarg Franzens; sie hat ihre Freundin, meine alte Martha, mit hinausbegleitet zum Johanniskirchhof, wo dieselbe begraben ward an der Seite ihrer Herrin, und manchen andern vom Dachstbchen bis zur Kellerwohnung. Einst war sie das schnste Mdchen der Gasse -- wie sie jetzt noch die schnste alte Frau ist -- und als der Hausknopf geschlossen werden sollte, und jedes Glied der damals zahlreichen Familie ein Gedenkzeichen hineintat, legte sie errtend und unbemerkt ein kleines Blttchen hinzu, welches aus fernem Land gekommen war, und die berschrift trug: Dieses kleine Briefelein kommt an die Herzallerliebste in Herz und Liebe. und schlo: ... meiner Liebsten noch einen Gru und Ku und hoff ich zu kommen im Frhling mit den Schwalben und Hochzeit zu feiern freudiglich mit meinem Schatz, den grt und kt in Gedankensinn sein herzlieber _Gottfried Karsten_, Tischlergeselle. Oft, wenn der Wind die alte Wetterfahne knirschen und kreischen lt, mag sie wohl an das Blttchen im Knopf darunter denken und an den, der's schrieb, und der nun auch schon so lange tot und begraben ist. An wie manches Kindbett im Hause aber auch ist die alte Margarete Karsten gerufen, und wie manches junge Leben hat sie aufblhen sehen im Hause Nr. Sieben in der Sperlingsgasse. Wer wei so viele Wiegenlieder wie sie; wer wei so viele Mrchen, die alle anfangen: Es war einmal und damit enden, da jemand in ein Fa mit Ngeln und Ottern gesteckt und den Berg hinabgerollt wird? Wer im Hause hat zu allen Tageszeiten so viele Kinder um sich, die den Geschichten lauschen, dem schnurrenden Rade zusehen und abends mit der zunehmenden Dmmerung immer dichter an den groen Lehnstuhl sich drngen? Wie oft habe ich einst da die kleine Elise mit Rezensent an ihrer Seite gefunden, andchtig lauschend, und wie oft, wenn ich mit der besten Absicht kam, sie heraufzuholen zu Bett, bin ich selbst sitzen geblieben, den Schlu einer Historie abwartend, bis endlich auch noch Martha herabkam, und es uns fast ging wie dem Herrn, welcher den Jochen ausschickte, den Pudel zu holen. Heute freilich treffe ich die kleine Lise nicht auf der Fubank am Lehnstuhl sitzend, auch die alte Martha kommt nicht mehr herunter, uns beide abzuholen; aber einen andern treffe ich hufig genug seit Mitte des vorigen Herbstes, und dieser andre ist kein geringerer als unser Freund und Nachbar, der Karikaturenzeichner Strobel. In der Werkstatt bei Meister und Gesellen, in der Kche bei der Hausmutter, berall ist der Zeichner ein willkommener Gast. Die Gesellen portrtiert er fr ihre respektiven Schtze, mit dem Meister politisiert er, die Meisterin lehrt er neue Gerichte fabrizieren -- er hat unter seiner Bibliothek ein dickes Kochbuch -- und der Gromutter -- hrt er zu. So traf ich ihn heute abend, als ich herunterkam, einen geborgten Leimtopf wieder abzuliefern. Da es Feierabend war, so war die ganze Familie in der Stube versammelt, der Zeichner hatte alle seine Gesprchselemente bei einander und pltscherte mit Wonne darin herum. ... Also Meister, sagte er, als er eintrat, _wer_, meinen Sie, kriegt dabei die Prgel? Der Russe nicht! antwortet nach einer kleinen Pause bedchtig der Meister, der mit der Brille auf der Nase die Zeitung hinter das Licht hielt, um besser zu sehen. Also die Alliierten? Der Meister nimmt eine Prise, und da seine Erinnerungen nur bis zu den Befreiungskriegen gehen, sieht er verwundert auf, es scheint ihm auch das unwahrscheinlich. Pltzlich aber besinnt er sich: Donnerwetter, dabei sind ja jetzt auch die Franzosen! ruft er. Himmel! das hat sich ja auf einmal ganz umgedreht! Richtig, Meister, sagt der Zeichner, den Tischlermeister auf die Schulter klopfend. Richtig! Alles in der Welt dreht sich von Zeit zu Zeit um. Meisterin, die Kartoffeln brennen an! unterbricht Anton, der Lehrjunge, die Politik. Wir kommen gleich! ruft Strobel lachend. -- Ich gehe auch mit, Meisterin, und die Kinder auch! Vorwrts! ^En avant! On with you, boys!^ Hinaus in -- die Kche! So werden die Kartoffeln gerettet, der Meister studiert seine Zeitung weiter, und das Spinnrad summt und schnurrt im Winkel wie immer. Endlich kommen Strobel, die Frau Anna und die Kinder zurck, und die Alte fragt: Also der Franzos ist auch wieder dabei? Ist das derselbe, der Anno Sechs hier war? Nein, sagt Strobel, jetzt trgt er rote Hosen. Und der Napoleon -- ich meine, der ist lange tot? Ja, Mutter, sagt der Meister von seiner Zeitung aufsehend, das ist auch ein andrer. Gott, sagt die Gromutter, wenn ich noch daran denke, wie das kleine, gelbe, schwarze Volk hier war und in den Straen kauderwelschte, und eine Sorte hatte in ihren Hten groe Kochlffel stecken, und acht hatten wir hier im Haus. Strobel, der jetzt die Alte da hat, wo sie ihm interessant wird, rckt einen Schemel an ihren Lehnstuhl und sagt: Gromutter, es ist noch frh, erzhlen Sie uns noch etwas von den achten; wenn der Meister seine Zeitung liest, ist gar kein Auskommen mit ihm. Kommen Sie, Wachholder, rcken Sie her. Burschen, seht, wo ihr Pltze findet und haltet das Maul, die Gromutter will von den acht Franzosen in Nummero Sieben erzhlen! Die Alte lchelt und bringt ihr Rad wieder in Gang: Solchen gelehrten Herren soll ich erzhlen? Die haben ja alles viel besser in Bchern gelesen; von allen achten wei ich auch nichts. Gromutter, was ich in Bchern gelesen, habe ich Gottlob nun bald wieder vergessen, sagt der Zeichner, und wenn Sie auch von allen achten nichts wissen, so sind wir auch mit vier zufrieden, oder mit soviel, als Sie wollen; erzhlen Sie nur. Nun, wenn Sie's denn wollen, so mu ich mich mal besinnen. -- Gut! Also es war Anno Sechs, als der Franzos im Lande rumorte und drunten schrecklich hausen sollte, denn er hatte einen groen Sieg erfochten und glaubte das Recht dazu zu haben. Die Leute frchteten sich alle sehr, gruben ihre Lffel weg und nheten ihren Kindern jedem ein Goldstck in den Rocksaum, auf den Fall, da sie abhanden kmen oder mitgenommen wrden. Aber mein Seliger tat gar nicht, als ob _ihn_ das was anginge. -- Wenn sie kommen, sind sie da -- sagte er, und dabei blieb er, und wenn die Nachbarn kamen und klagten und jammerten, sagte er nur: Einmal wir, einmal sie! Und wenn sie ihm die Ohren zu voll schrieen, zog er eine weie Zipfelmtze, die er zu meiner Verwunderung seit kurzer Zeit immer in der Tasche fhrte -- darber und tat, als ob er einschliefe. Es war immer ein sonderlicher Mann, Annchen, Dein Vater. Gut. Eines Morgens erhub sich ein Lrm: Sie sind da! Heiliger Gott, mir fuhr's ordentlich in die Knie; meine Jungen (Gott hab' sie selig) in allen Gassen, Gott wei wo, und nur mein Annchen hatt' ich in der Wiege; mein Alter hatte mal wieder die Zipfelmtze hervorgekriegt und bergezogen und sgete im Hofe. >Gottfried, Gottfried!< schreie ich, >sie sind da! sie sind da!< Er tat, als ob er's nicht hrte, obgleich ich dichte bei ihm stand. In meiner Angst und auch vor rger ri ich ihm die dumme Mtze ab, warf sie auf die Erde und schrie wieder: >Und die Jungen sind auf der Strae -- heiliger Vater! -- und unsere Lffel -- Mann -- Mann!< Er hob ganz ruhig seine Mtze auf, klopfte die Sgespne an mir ab, setzte sie ruhig wieder auf und sagte: >Ja, -- wenn's so ist, so werden sie wohl durchs Wassertor kommen, daher geht der Weg von Jena.< Ich glaube so hie es. Dann sgt' er weiter. Richtig, da trommelte es schon die lange Strae vom Wassertor her, herunter -- mir zitterte das Herz immer mehr! -- >Meister Karsten! Meister Karsten! Schnell, schnell!< schrieen pltzlich mehrere Nachbarn, die in den Hof strzten im besten Sonntagsstaat. >Ihr sollt kommen, Ihr sollt mit zur Depentatschon an den franzsischen General.< >So?!< sagt mein Gottfried, stellte seine Sge hin und ging langsam in das Haus, gefolgt von den Nachbarn, dem Herrn Sekretr Schreiber, dem Herrn Rat Pusteback, dem Schornsteinfeger Blachdorf und dem Schmied Pruster und andern. Alle zogen mit meinem Alten in die Stuben, weil sie dachten, er wrde nun gleich in den Bratenrock fahren und mitrennen. Aber proste Mahlzeit! -- An den Tabakskasten ging mein Alter, stopfte sich eine Pfeife, schlug langsam Feuer und sagte: >Nun, so kommt, meine Herren!< Die standen alle mit offenen Mulern da, aber mein Gottfried lie sich nicht irre machen. In Schlafrock und Pantoffeln marschierte er ruhig -- ich sehe ihn wie heute -- voran bis an die nchste Straenecke. Da blieb er stehen und die Nachbarn um ihn herum; zeigte mit der Pfeifenspitze auf einen Zettel, der da klebte und auf welchem stand: >Ruhe ist die erste Brgerpflicht!< oder so was, -- ich hab's vergessen -- klappte seinen Pfeifendeckel zu, drehte sich langsam um und ging ins Haus zurck. Meine beiden Jungen brachte er mit, worber ich seelenfroh war. >Da, Mutter,< sagte er, als er sie in die Tre schob. >Heb sie mir auf,< sagte er, >wir brauchen sie einstmal.< Ich wute damals nicht, was das heien sollte; spter erfuhr ich's! Hier traten der alten Frau die Trnen in die Augen, und ihr Spinnrad hrte auf zu schnurren. Es herrschte eine tiefe Stille im Zimmer. Gut. Von nun ab bekmmerte sich mein alter Seliger um nichts mehr drauen, sondern ging wieder zu seinem Sgebock und sgte weiter, bis die Einquartierung kam. Herr meines Lebens, da httet ihr den Mann sehen sollen! Das ganze Haus kam in Aufruhr; das beste, was Kch' und Keller hielt, ward aufgetischt, und je mehr die kleinen gelben Kerle schwadronierten und sakramentierten, desto frhlicher wurde mein Alter. >Das ist die rechte Sorte!< rief er immer, sich die Hnde reibend. >Solche muten's sein! Wenn nur genug von ihnen da sind!< Franzsisch hatt' er etwas von der Wanderschaft mitgebracht, und so waren sie bald die besten Freunde miteinander und auf du und du, da die Nachbarn ordentlich die Nasen rmpften. Die aber gingen zu allen Depentatschonen und illuminierten und bekrnzten ihre Huser und so -- das tat aber mein Gottfried nicht, und wenn er einen vom Rat der Stadt sah, zog er jedesmal richtig die Zipfelmtze herunter ber die Ohren. Gut, da war ein Franzos zwischen den andern, der war von daher, wo sie halb deutsch, halb franzsisch sprechen, den konnt' ich auch verstehen, und es war so gut, als wenn ich franzsch' gekonnt htte. Was geschieht? Eines Abends sitzen sie alle zusammen, und mein Alter mitten drinnen, und kauderwelschten, da einem Hren und Sehen verging, und sa ich im Winkel und strickte, und die Jungen spielten im Winkel. Spricht mein Alter auf einmal zu dem Deutschfranzos: >Nun sagt mal, Kamerad, wie lange denkt ihr denn eigentlich noch in Deutschland zu bleiben?< Der Deutschfranzos stie mit den andern den Kopf zusammen, und sie schnatterten was in ihrer Sprache. Dann lachten sie aus vollem Halse. >Immer bleiben wir da!< sagt der Deutschfranzos. >Wir sein einmal da; wir gehen nit raus wieder!< >Woui!< schrieen die andern und hielten sich die Buche. >Nit raus! nit raus!< >Ne,< sagt mein Alter, >immer nicht. Ihr seid zwar da, und unsereins kann unserm Herrgott nur dankbar sein, da er euch geschickt hat, aber immer --< >Nit raus! nit raus!< schrieen die Franzosen. >Lasset euch handeln!< sagt mein Alter, >ich biete zwlf Jahr -- hchstens!< >Nit raus! nit raus!< kauderwelschten die wieder. >Wilhelm! Ludwig! kommt mal her!< rief mein Alter jetzt die Jungen, die sogleich angesprungen kamen und sich an seine Knie stellten. >Richt' euch!< rief mein Alter. >Augen rechts! Seht mal, Jungens, die da -- das sind Franzosen, die eigentlich hier nicht in unsere Stube gehren. Das kleine Annchen kann gar nicht schlafen vor ihrem Spektakel -- und doch haben sie Lust, immer dazubleiben. Was meint ihr, Jungens -- wenn ihr stark genug wret?< Guckten meine Jungen gewaltig wunderbar aus den Augen und die Franzmnner an, und dann sich und dann meinen Alten! >Das sich finden -- ich gro werden -- ich schon Pustebacks Theodor zwinge,< sagte Wilhelm, mein Kleinster. Ludwig, mein ltester, sagte gar nichts, aber auf einmal rann ihm eine dicke Trne ber die Backe, und sein Vater klopfte ihn auf die Schulter und sagte: >Warte nur, mein Junge, Du kommst zuerst.< Die Franzosen hatten ihren Heidenjubel; und besonders einer -- sie nannten ihn Pir oder so -- wute sich gar nicht zu helfen vor Lachen. Mein Alter aber war sehr ernst geworden und sprach den ganzen Abend kein Wort mehr. Die andre Woche zogen die Franzmnner ab und lachten noch beim Abschied, als sie uns allen die Hand drckten und ordentlich sich bedankten fr gute Bewirtung: >Nit raus! Nit raus!< >Wird sich finden,< sagte mein Alter. >Wird sich finden!< schrieen meine beiden Jungen. Gut, nun kamen lange Jahre und immer andre Franzosen. >Bald ist's genug,< brummte mein Gottfried. Und einmal zogen sie alle hinauf nach Norden, aber zurck kam keiner. Und dann fing's auf einmal an zu rumoren im Lande, und an den Ecken klebten ganz andre Zettel, die mein Alter immer las und wobei er mit dem Kopf nickte. Er war die Zeit nicht viel zu Haus. Da kam er eines Tages zurck und rief den Ludwig aus der Werkstatt, und sie kamen beide in die Kche zu mir. >Sieh, Mutter< sagte mein Gottfried, >'s ist gut, da Dein Feuer brennt! Pa auf, Ludchen!< Damit zog mein Alter seine Zipfelmtze aus der Tasche und warf sie unter meinen Topf, da sie verschwielte und das ganze Haus voll Qualm ward; dann ging er mit meinem Ludwig fort und kam allein und ganz still wieder. Am andern Morgen zog ein Trupp schwarzer Reiter in die Stadt -- auch durch das Wassertor. Einer kam zu Pferd hier in die Sperlingsgasse vor unser Haus und stieg ab -- mir sank das Herz in die Knie -- es war mein Ludwig! -- >Adjes, Mutter! Adjes, Vater!< rief er -- >beht Euch Gott, 's wird sich schon machen!< -- und dann ritt er fort, den andern nach, die schon durch das Grne Tor zogen. >Da geht's nach Frankreich, Alte!< rief mein Mann, whrend ich heulte und jammerte. Aber es war noch so weit nicht. Wir hrten lange Zeit nichts, bis eines Tages alle Glocken in der Stadt luteten, und auch im ganzen Land, wie sie sagten. Es war eine groe Schlacht gewesen, und unsere hatten gewonnen, und mein Ludwig war -- tot! >Der Erste,< sagte mein Alter. Wieder ging ein Jahr hin, und einmal kam das Kanonenschieen so nahe, da die Leute vor das Tor liefen, es zu hren; natrlich liefen mein Gottfried und ich mit. Da kamen bald aus der Gegend her, wo es so rollte und donnerte, Wagen mit Verwundeten, Freund und Feind durcheinander, und immer mehr und mehr. Die wurden alle in die Stadt gebracht. >Herr, mein Heiland!< mu ich auf einmal ausrufen, >ist das nicht der Pir von damals, von Anno Sechs?< Richtig, er war's. Mit abgeschossenem Bein lag er auf dem Stroh und wimmerte ganz jmmerlich. >Den nehm' ich mit,< sagte mein Alter und bat ihn sich aus, und wir brachten ihn hier ins Haus -- in Ihre Stube, Herr Wachholder. Da kurierten wir ihn. Als er besser wurde, hatte mein Mann oft seine Reden mit ihm. Einmal war der Franzos oben auf, einmal mein Alter. Da hie es pltzlich, die Deutschen seien wieder geschlagen und der Napoleon abermals Obermeister. Mein Alter sah den Wilhelm bedenklich an, als ginge er mit sich zu Rat; als aber in der Nacht die Sturmglocken auf allen Drfern luteten, wute ich, was geschehen wrde, und weinte die ganze Nacht, und am Morgen zog auch mein Wilhelm fort mit den grnen Jgern zu Fu, und Minchen Schmidt, die mit ihrer alten Mutter in Ihrer Stube drben wohnte, Herr Strobel, weinte auch und winkte mit dem Taschentuch. Vorher aber fhrte ihn mein Alter noch an das Bett des Franzosen und sagte: >Das ist der Zweite!< -- Der Franzos schaute ganz kurios und bewildert drein und sagte gar nichts, sondern drehte sich nach der Wand. Das Kanonenschieen kam nun nicht wieder so nah, und der Wilhelm schrieb von groen Schlachten, wo viele tausend Menschen zu Tod kamen, aber er nicht, und die Briefe kamen immer ferner her, und auf einmal standen gar welsche Namen darauf. Die brachte mein Alter dem Franzos herauf, der nun schon ganz gut Deutsch konnte, und sagte lachend zu ihm: >Nun, Gevatter! Nit raus? Nit raus?< Und der Franzos machte ein gar erbrmlich Gesicht und sagte, den Brief in der Hand: >Das sein mein 'Eimatsort, da wohnen mein Vatter und mein Mutter.< Mein Alter aber sa am Bett und rechnete an den Fingern: >Eins, zwei, vier -- acht. Acht Jahr, Gevatter Franzos! Warum habt Ihr dunnemalen meine Zwlf nicht genommen?< Die Briefe von unserm Wilhelm kamen nun immer seltener, und auf einmal blieben sie ganz aus, und eines Tages -- kommt mein Alter nach Haus, setzet sich an den Tisch, legt den Kopf auf beide Arme und -- weint. Ich dachte der Himmel fiele ber mich -- -- -- -- _der_ und Weinen! >Der andre!< sthnte mein Alter in sich hinein, und ich fiel in Ohnmacht zu Boden. Da vor der groen Franzosenstadt Paris mu ein Berg sein -- ich kann den Namen nicht ordentlich aussprechen -- von wo man die Stadt ganz bersehen kann. Da schossen sie zum letztenmal aufeinander, und da ist auch dem Wilhelm eine Kugel mitten durch die Brust gegangen, wie der Kamerad schrieb, und ist er da begraben mit vielen, vielen andern aus Deutschland. -- Das ist meine Geschichte! Den Franzosen aber kurierten wir aus, und mein Alter gab ihm einen Zehrpfennig und brachte ihn an das Tor, wo der Weg nach Frankreich geht, den auch meine Jungen gezogen waren, sah ihn da abhumpeln und kam wieder nach Haus, murmelnd: >Nit raus, nit raus!< -- Gott hab ihn selig, den Mann, es war ein wunderlicher, Dein Vater, Annchen. So erzhlte die alte Margarete Karsten, und wir alle saen um sie herum, als sie geendet hatte, jeder seinen eigenen Gedanken nachhngend. Der Meister hatte lngst seine Zeitung weggelegt, und auch die Gesellen, die nach und nach eingetreten und gewhnlich ziemlich frhlich und laut waren, standen und saen diesmal ganz still umher. Nun will ich noch was erzhlen! rief pltzlich die Alte, deren Augen durch die wachgewordenen Erinnerungen in einem seltsamen Glanz leuchteten. Ich will was erzhlen, was lange nachher geschah und doch mit dazu gehrt! -- Wenn die Fensterscheiben nicht so gefroren wren, knntet ihr den Turm der neuen Sophienkirche sehen, die gebaut wurde, nachdem die alte abgebrannt ist. In der alten war's, wo eine Tafel an der Wand hing, wo die Namen aller der drauf standen, welche in dem Franzosenkriege aus unserem Viertel gefallen waren, und worunter auch meine Jungen waren: Ludwig Friedrich Karl Karsten und Wilhelm Johannes Albert Karsten. Die Tafel hatten wir unserm Kirchenstuhl gerade gegenber, und des Sonntags schauten wir immer darauf und dachten an unsre braven Jungen, und mein Alter war stolz auf die Tafel und ich auch, wenn ich auch genug darber geweint habe und noch weinte. Aber es blieb nicht so bei meinem Gottfried. Es kam eine Zeit, da schlich er an der Tafel vorbei, ohne aufzugucken, und wenn wir an unserm Platze saen und sein Blick fiel mal drauf hin, sah er schnell weg, oder auf den Boden, oder murmelte etwas, was ich nicht verstand. Gut, eines Tages gegen Abend stand ein schreckbares Gewitter ber der Stadt; es donnerte und blitzte unbndig, und auf einmal hie es: in der Sophienkirche hat's eingeschlagen! -- Richtig -- da brannte sie lichterloh. Mein Alter, der sonst bei so was immer vorn dran war, rhrte diesmal nicht Hand nicht Fu, und es htte auch nichts geholfen. Er hatte mich unterm Arm, und wir standen in der Menschenmenge und sahen zu. Auf einmal schwankt der Turm, der wie eine Fackel war, hin und her und strzt dann herunter auf das Kirchendach mit einem Krach, da Menschen und Pferde in die Knie schossen und ich mit. Mein Alter aber blieb aufrecht stehen und kehrte sich um und brachte mich nach Hause. Als wir in unserer Stube waren, ging er den ganzen Abend auf und ab, bis er pltzlich vor mir stehen blieb und sagte: >Mutter, Gottlob, die Tafel ist verbrannt! Mutter, ich konnt' sie nicht mehr ansehen! -- Gute Nacht, Mutter!< -- Ich verstand ihn gar nicht und fragte, was das bedeuten solle, aber er schttelte nur mit dem Kopf und ging zu Bett. Und das will ich auch tun, mein Flachs ist zu Ende! Gute Nacht, ihr Herrn, gute Nacht, Kinder! -- Komm, Annechen! -- Damit erhob sich die alte Frau, und ging, auf ihren Stock und den Arm ihrer Tochter gesttzt, hinaus, ihrer kleinen Kammer zu, um von ihrem alten Gottfried mit dem eisernen Herzen, um von den beiden erschossenen Freiheitskmpfern weiter zu trumen. Der Karikaturenzeichner machte heute Abend keinen Witz mehr, der Meister sog an der erloschenen Pfeife. Es war, als wage keiner sich von seinem Platz zu rhren; es war, als msse nun gleich die Tr sich ffnen, und der alte, gewaltige Mann hereintreten mit dem schwarzen Reiter und dem grnen Jger an seiner Seite, von denen der eine an der Oder und der andre dicht vor Paris begraben liegt auf dem Montmartre. Ich wei, warum der Meister Karsten die Tafel nicht mehr ansehen konnte! rief pltzlich eine klangvolle Mannesstimme, da alle fast erschrocken aufsahen. Es war Rudolf, der Altgeselle, der sich in seinem Winkel hoch aufgerichtet hatte. Ich auch! rief Bernhard, der zweite Gesell, seinem Gefhrten die Hand auf die Schulter legend. Ich auch! rief Strobel aufspringend. Wie viel Wissende noch? Ich auch! rief der Meister. Ich auch! sagte ich. In _dem_ Wissen liegt die Zukunft -- Gott segne das Vaterland! Und dann -- -- kam die Meisterin mit den Kartoffeln. Am 10. Februar. Und wieder berschreibe ich ein Blatt der Chronik: Elise. Wir haben gejubelt und gelacht; auch wohl geweint ber kleine Schmerzen und verunglckte Freuden! -- Wie die Jahre kommen und gehen! Der Efeu hat nun eine ordentliche, schattige, grne Laube gebildet; rote und blaue Wachsbilder hat eine kleine schmckende Hand zwischen das Bltterwerk gehngt; wieder flattert ein zahmer Kanarienvogel in der Stube hin und her, von meinen Bchern und Schreibereien auf eine hbsche runde Schulter im Fenster, oder auf einen niedlichen Finger, der ihm winkend hingehalten wird. -- Elise ist nun dreizehn Jahre alt auf den Blttern dieser Chronik. Oft wenn ein lustiger Sonnenstrahl ber das Bltterwerk schiet, zwitschert wohl Flmmchen -- so heit der neue kleine Freund -- frhlich auf, hpft aus seinem Bauer, dreht das Kpfchen mit den funkelnden kohlschwarzen uglein einigemal hin und her und flattert dann zum offenen Fenster hinaus. Einen Augenblick glnzt es, hin und her schieend, wie ein Goldpnktchen im Sonnenschein, dann flattert es nach der jenseitigen Huserreihe und verschwindet in einem Fenster des mittleren Stockwerkes in Nr. Zwlf. Von dort ward es herbergebracht, auch dort hat es ein kleines Messingbauer. Neue Gesichter sind aufgetaucht, neue Fden schlingen sich wundersam in unser Leben und damit heute an diesem regnichten, windigen Februartage auch in diese Bltter. Was tot war, wird lebendig; was Fluch war, wird Segen; die Snde der Vter wird nicht heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied! Eine helle frische Stimme erschallt unten im Hause; ein leichter Schritt kommt die Treppe herauf -- Elise horcht. Nach einigen Minuten erschallt pltzlich drauen ein Gepolter, Marthas Stimme lt sich hren, klagend und rgerlich. Da ist er -- der Taugenichts der Gasse! Die Tr wird halb aufgerissen, und herein schaut ein lachendes, kerngesundes, mit unzhligen Sommerflecken bedecktes Knabengesicht. Nun, Gustav, was gibt's wieder? O gar nichts! sagt das ^mauvais sujet^, den Mund von einem Ohr bis zum andern ziehend, whrend Martha jetzt klglich drauen nach Elisen ruft. Was mag er nur angefangen haben? sagt diese aufspringend und hinausgehend. Ein helles herzliches Gelchter, in welches ich sie drauen ausbrechen hre, zwingt auch mich, von meinen Bchern aufzustehen, whrend Gustav sich ganz ehrbar in einen Band von Beckers Weltgeschichte vertieft zu haben scheint. Ich nehme die mglich ernsteste Miene an und schreite hinaus. Welch ein Anblick erwartet mich! Die gute Alte hat hchst wahrscheinlich ihre Mittagsruhe gehalten und ist, das Strickzeug im Scho, eingeschlafen. Diesen gnstigen Augenblick zu benutzen, hat der Taugenichts, der vielleicht mit sehr guten Vorstzen die Treppe heraufkam, doch nicht unterlassen knnen. Festgebunden sitzt die Unglckliche in ihrem Stuhle; Handtcher, Bindfaden, das Garn ihres Strickzeuges, kurz alles nur mgliche Bindematerial ist benutzt, sie unvermgend zu machen, sich zu rhren. Vor ihr auf einem, noch dazu sehr zierlich gedeckten Tischchen, steht ein groer Napf Milch, der hchst wahrscheinlich zu den wichtigsten kulinarischen Zwecken bestimmt war, und um ihn im Kreis sitzt schlrfend und schmatzend -- die ganze Katzenwelt des Hauses, von Zeit zu Zeit einen hhnenden Blick nach dem Lehnstuhl werfend, von welchem aus die gefesselte Kchentyrannin strampelt und droht, in wahrhaft tantalischen Qualen. Lischen -- so jag sie doch weg -- (Elise hat vor Lachen die Kraft gar nicht dazu und sitzt atemlos auf einem Schemel) -- o der Schlingel -- aber, Herr Wachholder, jagen _Sie_ sie doch weg -- es bleibt ja nichts brig -- o meine schne Milch -- der Bsewicht! Ja der Bsewicht -- wo war er, als diese Tragikomdie zu Ende gekommen war, und man sich nach dem Urheber umsah? Der Band von Beckers Weltgeschichte lag freilich noch aufgeschlagen da, aber von Gustav -- nirgends eine Spur! * * * * * Wer ist dieser Gustav? Der Enkel eines Mannes, dessen Name schon einmal gar unheimlich in diese Bltter hineingeklungen ist, der Enkel des Grafen Friedrich Seeburg. Es war im Jahr 1842, als in die Wohnung drben in Nr. Zwlf, in deren Fenster spter der Kanarienvogel so oft hinberflatterte, eine schne, schwarz gekleidete, bleiche Frau zog, welche sich Helene Berg nannte, die Witwe eines vor kurzem verstorbenen Mediziners. Sie war es, die schon einmal durch unser Leben und durch die Bltter dieser Chronik geglitten ist, mit jenem Sonnabend im Sommer 1841, an welchem wir den toten kleinen Vogel auf dem Johanniskirchhof begruben zu den Fen der Grber von Franz und Marie. Sie kte damals die kleine Elise, aber wir kannten einander nicht. -- Georg Berg stand auf dem Grabstein, an welchem sie gekniet und geweint hatte, und in der rmlichen Wohnung drben in Nr. Zwlf, in der engen, dunkeln Sperlingsgasse verklingt die letzte Saite der unheilvollen wilden Geschichte, die einst der sterbende Jger dem Maler Franz Ralff erzhlte. -- Ist das Lied vorbei? Eine junge frhlichere Weise nahm den letzten Ton auf, und Gustav und Elise Berg wird die neue Melodie lauten! Wie die Letzte aus dem stolzen Hause der Grafen Seeburg das Zusammenhngen ihres Schicksals mit dem kleinen Mdchen an meiner Seite erfuhr? -- Ihre Geschichte? Ich frchte mich fast, die Decke, die ber so viel kaum vergessenem und begrabenem Unheil liegt, wieder aufzuritzen. Sieh, welch ein schner Ring! sagte einmal Elise, der Frau Helene, die bei uns sa, jenen Reif zeigend, welchen vor langen langen Jahren der alte Burchhard am Hungerteiche im Ulfeldener Walde der toten Luise aus der erstarrten Hand gezogen hatte, welcher so lange Jahre unter jenem bekreuzten Stein gelegen hatte, und der das Wappen des Grafen von Seeburg trug! -- Ich habe nicht ntig aufzuschreiben, was folgte! -- -- -- Wir trennten uns damals so bald nicht. Den ganzen Abend lie die weinende Helene die kleine Elise nicht aus den Armen, und Gustav, -- Gustav, der Taugenichts der Gasse, begrte jubelnd seine Cousine auf seine Weise. Nachdem er lange unstt sich umhergetrieben hatte, heiratete in Italien der Graf Friedrich Seeburg eine schne, vornehme, aber arme Italienerin; sie ward die Mutter Helenens und starb sie gebrend im zweiten Jahr ihrer Ehe. Die Griechen dachten sich die Kluft zwischen Gott und dem Menschtum ausgefllt durch ein Vermittelndes, das Dmonische: da schwebten, damit das Ganze in sich selbst verbunden sei, Geister viel und vielerlei auf und nieder; strafende und lohnende Boten der Gottheit, und niemand entging seinen Taten. Diese Geister verfolgten auch den Grafen: Reue, Ruhelosigkeit, Lebensberdru hieen sie, und auf jede Lebensfreude legten sie ihre erttende Hand. Wieder zog der Graf ber die Alpen nach Deutschland. Das Schlo Seeburg war verkauft, -- er kam nach Wien, wo er menschenscheu und finster in einem einsamen, kleinen Hause wohnte. Oft hrte ihn seine Tochter auf- und abgehen in der Nacht; sie hatte keine Bekanntinnen, keine Freundin; eine alte Dienerin ihrer Mutter war ihr ganzer Umgang. So verlebte sie ihre ersten Jugendjahre fast ganz sich selbst berlassen; whrend ihr Vater immer finsterer und finsterer ward. Er verbot ihr zu singen, zu spielen; sie seufzte und fgte sich. Da wurde eines Morgens der alte Graf Seeburg tot im Bett gefunden; kein Mensch war bei seinen letzten Augenblicken zugegen gewesen, er war gestorben wie ihn Helene nur gekannt hatte -- einsam und allein. Einsam und verlassen war aber auch sie jetzt, ein junges Mdchen in einer groen, fremden Stadt, die sie nicht kannte, wo niemand sie kannte. Es fand sich, da die Hinterlassenschaft ihres Vaters kaum hinreichte, die whrend seines Aufenthalts in Wien gemachten Schulden zu bezahlen. Unter den wenigen, die von Zeit zu Zeit das Haus ihres Vaters betreten hatten, war ein Doktor Berg, ein nicht mehr ganz junger Mann, und dieser war der einzige, welcher, an das Totenbett des alten Grafen gerufen, nachdem er ihm die Augen zugedrckt hatte, sich der jungen Waise annahm. Er brachte ihre Vermgensverhltnisse in Ordnung; er fhrte sie, die ebenfalls fast menschenscheu Gewordene, zu guten Menschen, zu seiner alten, freundlichen Mutter. Er schien alles, was er tat, nur als seine Pflicht anzusehen, und er, der ihr anfangs gleichgltig war, gewann ihre Zuneigung mehr und mehr. Da bot er ihr seine Hand, und die Grfin Helene Seeburg ward seine zufriedene, glckliche Gattin, bald noch glcklicher durch die Geburt eines Sohnes, der Gustav genannt wurde. Da zwangen Verhltnisse -- auch seine Mutter war gestorben -- den Doktor Berg, Wien zu verlassen; er zog hieher und bemhte sich, eine Praxis zu gewinnen. Eben schien es ihm zu gelingen, als eine heftige Seuche, die verheerend von Osten kam und ber das ganze Land todbringend zog, auch ihn wegraffte; er lie seine Frau und seinen Sohn fast unbemittelt zurck. Auf dem Johanniskirchhof, zwanzig Schritte von Franz und Marie Ralff, ward er begraben. Das war es, was die Frau Helene Berg erzhlte, whrend der Ring mit dem Wappen der Grafen Seeburg, die Schlange, welche den Rubin umwand, vor ihr auf dem Tische funkelte. Noch an demselben Abend trug ich ihn auf die Knigsbrcke und warf ihn weithin in den Strom, nachdem ich ihn in zwei Stcke zerbrochen hatte. Helene lehnte neben mir am Gelnder, und schweigend gingen wir zurck in die Sperlingsgasse zu unsern Kindern. * * * * * War's nicht ein hbsches, ein glckliches Vorzeichen, dieser kleine goldgelbe Vogel, der zwischen den beiden Wohnungen hin und her flatterte, der seine Wohnung dort und hier hatte, oft ein kleiner treuer Bote war, und an seinem beweglichen Hlschen gar wichtige Nachrichten, Fragen oder Antworten hinber- und herbertrug? Schau mal nach, Lise, das Flmmchen trgt wieder einen Zettel am Halse. Jetzt werden wir wohl erfahren, wo der Bsewicht, ber den ich die alte Martha drauen noch brummen hre, steckt. Zwitschernd hpft Flmmchen auf Elisens Hand. Sie nimmt ihm den Zettel ab, und in einer weitbeinigen Knabenhandschrift lautet die Botschaft: Lise! Da ich mich vor morgen bei Euch nicht zu zeigen wage und noch dazu leider gezwungen bin (scheulich!) 3 Seiten, schreibe drei Seiten, voll lateinischen Unsinns zu bersetzen (ich mchte nur wissen, wozu ein Maler, und ich _will_ einer werden, Latein braucht?????) so bitte ich Dich, den Onkel (_Du brauchst ihm diesen Brief nicht zu zeigen_) ebenso auf seinem Lehnstuhl festzubinden, wie ich die alte Martha festgebunden habe und #sobald als mglich# vor die Tr zu kommen. -- Ich will Dir mal was Wichtiges sagen. Gustav. ^P. Scr.^ Ich passe auf, und wenn ich Deine Nasenspitze sehe, schleiche ich an den Husern hin zu Euerer Tr! Komme bald!! ^P. Scr.^ Bring Deine Korbtasche mit! Was mag er nur wollen? fragt Lischen, die schon nach dem Nagel guckt, an welchem ihre Tasche hngt, whrend ich trotz des warnenden Passus den Brief des beltters und seine echte Tertianerlogik studiere. Es ist prchtig: _weil_ ich ein Exerzitium von bedenklichster Lnge machen mu -- _so komme sobald als mglich!_ Und dann die kleine Heuchlerin, die recht gut wei, was der Faulpelz will! Was fr einen Tag haben wir heute, Lischen? Ah -- Sonnabend! ruft Elise. Jetzt wei ich's! Er hat sein Taschengeld gekriegt. Welches eigentlich die alte Martha konfiszieren mte. Hre, Lischen; schreib ihm als Bedingung Deines Kommens vor, da die >scheuliche< Arbeit fertig sein msse. Wie lange dauert das wohl, Onkel? fragte die Lise ganz bedenklich; sie zge das Sobald als mglich unbedingt vor. Nun -- zwei Stunden, mindestens. Oh, oh zwei Stunden?! Ja, und dann wimmelt sie doch noch von Fehlern, einer immer schlimmer als der andre. Onkel, Gustav sagt aber: je lnger er an einer Arbeit se, desto mehr Bcke mache er. Nun denn, wenn er das sagt, so soll er sie frs erste nur fertig machen und mit herberbringen. Schreib ihm das. Elise stellt jetzt eine groe Auswahl unter meinen Federn an und beklagt sich sehr ber unsere schlechte Tinte; whrend Flmmchen, auf einer Stuhllehne sitzend, anfangs geduldig wartet, dann aber, als ihm die Sache zu lange dauert, sich bemht, ber dem Tisch flatternd, ebenfalls in das Tintenfa zu schauen, um den Grund der Zgerung zu erfahren. Endlich jedoch ist Elise mit ihren Vorbereitungen fertig und schreibt: Lieber Gustav! Dein Brief ist glcklich angekommen. Flmmchen hat ihn gebracht. Die alte Martha hat einen nassen Waschlappen im Fenster liegen; sie will Dich tchtig waschen, wenn Du kommst. Den Onkel kann ich nicht festbinden, er rennt heute immer in der Stube auf und ab und sitzt keinen Augenblick still. Du sollst erst Dein Exerzitium fertig machen und es mitbringen, eher soll ich nicht kommen! Mach schnell!!! Meine Tasche bringe ich mit! Elise. Auch diese Botschaft wird dem Flmmchen umgehngt; die Praxis hat es gelehrig gemacht; zwitschernd schttelt es das Kpfchen, als wolle es sagen, nun ist's aber genug, jetzt komme ich nicht wieder, und -- verschwunden ist's. Elise sitzt wartend vor ihrem Nhtischchen unter der Efeulaube, ich vertiefe mich wieder in meine Bcher, aber keine halbe Stunde vergeht, da ertnt unterm Fenster ein heller Pfiff, und Elise springt auf und schaut hinaus. Da ist er schon! ruft sie halb zurck mir zu. Komm herauf, Gustav! ruft sie hinunter. Dieses weniger! erschallt unten die Schlerredensart, und mich wundert wirklich, da der Bengel diesmal nicht die noch dazu gehrende weise Benachrichtigung damit verbindet: Aber mein Bruder blst die Flte. Hast Du Dein Exer? (^scilicet citium^) ruft Elise. Versteht sich; fix und fertig, komm herunter, Du kannst es _ihm_ hinaufbringen. Elise sieht mich fragend an, und ich nicke. Herunter ist sie wie der Blitz, und ich gehe ans offene Fenster, hte mich aber wohl, etwas von meiner werten Persnlichkeit sehen zu lassen. Du bist aber schnell damit fertig geworden, Gustav! sagt Elise, und ich stelle mir eben lebhaft vor, wie der Schlingel grinst, als er ihr sein Machwerk einhndigt. Mit Geduld und Spucke Fngt man jede Mucke! lautet die Antwort: Hier, nimm Dich in acht, es ist noch na; und hre, Lischen -- komm schnell wieder herunter, eh er hineingeguckt hat; er knnte mich noch zurckrufen! Taugenichts! das mag was schnes sein! moralisiert Elise, die ich nun die Treppe heraufkommen hre. Da ist's, Onkel! ruft sie in die kaum handbreit geffnete Tr, wirft das edle Manuskript auf den nchsten Stuhl, schlgt die Tr zu, und -- in drei Stzen ist sie die Treppe hinunter. Lise, Lischen, Elise! rufe ich, aber wer nicht hrt, ist Frulein Elise Johanne Ralff. Komm schnell, er ruft schon! sagt unten der Schlingel, sie am Arm fassend, und fort sind sie um die Ecke! Da liegt nun das blaue Heft, auf dem Umschlag: Gustav Berg und drunter die geniale bersetzung ^Gustavus Mons^ mit Angabe von Wohnort, Datum und Jahreszahl. Ich schlage es auf, und es ist in der Tat zweifelhaft, ob der Kollaborator Besenmeier es mit roter Tinte, oder ob es Meister ^Gustavus Mons^ mit schwarzer geschrieben hat. -- Hier sind die neuesten Seiten. Reizend! ^Ita uno tempore quatuor locibus^ (Schlingel!) ^pugnabatur etc. etc.^ Als Schulmeister mte ich ausrufen: Was _soll_ aus dem Jungen werden? Als Nichtschulmeister aber halte ich mich an das -- Lschblatt und rufe aus: Was _kann_ aus dem Jungen werden! -- Hier an vier Orten schlagen sie ebenfalls Rmer, Karthager, Mazedonier, Sarden, und zwar besser als im Latein: Pferde, Menschen, ^Hannibal ante portas^, Triarier, Veliten, Prinzipes! Ausgezeichnet! Ich werde dem Schlingel eine tchtige Rede halten sowohl ber seine ^locibus^ als auch ber die Unverschmtheit, ein Heft mit solch beschmiertem Lschblatt drin abliefern zu wollen. Das letztere aber werde ich konfiszieren, und Zeichenstunde soll der Junge auch haben; dieser Signifer hat doch etwas zu lange Arme. Eine halbe Stunde sitze ich nun noch arbeitend, dann schlgt es auf der Sophienkirche Sechs. Ich wei nicht, ist es das schlechte Beispiel, welches mir da eben gegeben wurde, oder der blaue Sommerhimmel und die Sonne drauen; auf meinem Papier rcke ich nicht weiter, wohl aber unruhig auf dem Stuhle hin und her. Elise hat brigens auch recht: unsere Tinte ist wirklich abscheulich. Ich schlage meine Bcher zu, ziehe den Rock an und gehe den Tnen eines Fortepianos nach, welche von drben herberklingen. Wenn ich in Nr. Zwlf die Treppe hinaufgestiegen bin, so finde ich dort in dem einfach aber hbsch ausgestatteten Zimmer des ersten Stockes eine Dame vor dem Klavier sitzen, die mir freundlich zunickt, ohne sich in ihren Phantasien stren zu lassen. Ich setze mich neben die Rosen- und Resedatpfe im Fenster, der Musik lauschend, und kann dabei zugleich einen musternden Blick ber das Zimmer gleiten lassen. Hier gleich neben mir unter den Blumen steht Flmmchens Messingbauer, in welchem der kleine Vogel bereits auf der Stange sitzt, und das Kpfchen unter den Flgel gezogen hat. Mde von den Anstrengungen des Tages, ist er frh zu Bett gegangen. Im zweiten Fenster, mir gegenber, steht ein hnliches Nhtischchen wie das, vor welchem ich sitze; ein Stickrahmen mit angefangener Arbeit liegt darauf. Das ist Elisens Platz; auch sie hat wie Flmmchen hier eine zweite Behausung. Zwischen beiden Fenstern, gegen das Licht gezogen, macht sich ein einst rot bemalt gewesener Tisch breit; bedeckt mit Bchern, Schreibzeug, Heften, Federmessern usw. usw.; bekritzelt, zerschnitten, zerhackt, ist er der Schauplatz von Gustavs stillen Freuden. Hier brtet das Genie ber seinen ^locibus^, den Kopf auf beide Fuste gesttzt und in den Haaren whlend; hier fllen sich die Bltter mit Fratzen aller Art, statt mit lateinischen Phrasen; hier werden alle die Dummheiten ausgebrtet, welche die Gasse in Verwunderung und Verwirrung setzen sollen; hier werden mit dem demtigsten Gesicht, der reuevollsten Miene, die Ermahnungen und Vorwrfe, welche die Mutter von ihrem Thron herab auf das Haupt des Taugenichts der Sperlingsgasse schttet, in Empfang genommen und richtig quittiert durch -- einen tollen Streich, eine Viertelstunde nachher; hier, kurz hier -- ist Gustav Bergs Schreibtisch! Als die Tante Helene ihr Spiel beendet hat, erzhle ich ihr die Geschichte des Katzendiners, von dem sie natrlich noch nicht das mindeste wei. Ich kann ihn nicht bndigen! ruft sie halb lachend, halb in Verzweiflung aus. Und die Elise verdirbt er mir auch ganz! Statt zu sticken und Vokabeln aufzuschlagen, schieen sie sich mit Papierkugeln; wenn er ihr einen Kfer in den Nacken gleiten lt, bin ich sicher, da sie ihm einen Zopf ansteckt oder einen Eselskopf auf den Rcken malt. Ich spreche und schelte mich heiser und mde, aber es hilft nichts! >Tante, er hat angefangen, ich sa ganz ruhig!< >Mutter, 's ist nicht wahr, sie hat zuerst geschossen!< So geht das den ganzen lieben Tag! Wo mgen sie nur jetzt wieder stecken? Wenn man den Wolf an die Wand malt, so kommt er um die Ecke! sagt das Sprichwort, und unsere Altvordern wuten, was sie taten, als sie es aufbrachten. Mit Helenens Frage ffnet sich die Tr, oder vielmehr, sie wird aufgerissen, und herein, hochrot, strzen -- Windbeutel und Wildfang! Kaum erblickt mich aber Freund Gustav, so macht er Kehrt und sucht schleunigst die Tr wiederzugewinnen, glcklicherweise aber bin ich diesmal schneller. Halt, Meister! hiergeblieben! Ja, hiergeblieben, Gustav! ruft die Mutter. Ich beginne nun das Verhr. Wie alt bist Du jetzt, Gustav? Antwort! Vierzehn und ein halb! Welchen Platz in der Klasse hast Du jetzt? Ich bin der Vierundzwanzigste von oben! Und von unten? Der -- der -- der Fnfte! -- (Pause.) Ich lege nun ein Gesicht an wie Zeus Kronion, wenn's lange hei gewesen ist, und er donnern will, und beginne eine Rede, die anfngt: Als ich in Deinem Alter war (wie ^Nota bene^ alle Vter und Erzieher beginnen, seit Adam seinen Erstgeborenen rffelte); ich flechte die Milchgeschichte ein, gehe dann zu den ^locibus^ in der letzten Arbeit ber, bringe einen kleinen Seitenhieb auf Elise an und ende, indem ich die rhrend-pathetische Seite -- den Kummer der Mutter -- herauskehre. Whrend der ganzen Dauer dieser Pauke hat mein Missetter, bald auf dem einen, bald auf dem andern Fu stehend, mit einem dummpfiffigreuigwehmtigen Gesicht angestrengt einen Punkt oben an der Decke, der ihm sehr merkwrdig erscheinen mu, ins Auge gefat. Kaum aber habe ich geendet, so verliert auch besagter Punkt alles Interesse fr den Schlingel, die Erde hat ihn wieder, er schiebt sich hinter Elise, die fortwhrend mit ihrer Schrze zu tun gehabt hat, und dann zu seiner Mutter, die ihm bemerkt: Siehst Du; ich hab's Dir oft gesagt, aber auf _mich_ hrst Du nicht. Wie hei Ihr seid! Geh' aus dem Zugwind, Elise, Kind, Du erkltest Dich! Wo habt Ihr eigentlich gesteckt? Wir sind nur auf dem Fontnenplatz gewesen! sagt Elise, mit dem Rcken der Hand ber den Mund fahrend. So! -- Und was habt Ihr da gemacht? Wir haben die Goldfische gefttert! Die Goldfische?! -- Gustav, wieviel von Deinem Taschengeld hast Du noch? Bei dieser Wendung des Gesprchs steht Gustav auf einmal wieder auf einem Bein und scheint sehr zu bedauern, da er sich nicht wie die Gnse mit dem andern hinterm Ohr kratzen kann. Langsam fhrt er mit der Hand in die Tasche, besinnt sich aber und zieht sie schnell zurck. Nun?! Hast Du's mir zum Ausgeben gegeben, Mama? fragt der Schlingel, den seine Erziehung Weiberlogik kennen gelehrt hat. Freilich -- aber -- aber -- -- -- Nun, ausgegeben hab' ich's! Lise kann es bezeugen! Ja, das _kann ich_! ruft Lischen ganz eifrig. Darber braucht Ihr ihn nicht auszuschelten! Ich komme jetzt der bedrngten Tante zu Hilfe. Ausgeben kann er's freilich, aber das >Wie< ist jetzt die Frage. Was habt Ihr mit dem Gelde angefangen? Das Paar sieht sich stumm an. Pltzlich greift Lise in die Tasche, zieht einen Kirschkern hervor und schnellt ihn Gustav an die Nase. Die Frage ist gelst. Ach so! ruft die Tante Berg. Nun, es ist gut, da es fort ist, so kann er wenigstens nicht wieder Zigarren dafr kaufen, wie in der vorigen Woche. Auch ich bin ganz damit einverstanden, whrend Elise den Vetter mit dem Ellenbogen in die Seite stt und ihm zuflstert: Warte nur, morgen kriege ich meins! * * * * * Glckliche Kindheit! Alle spteren Lebensalter, die eine einsame Minute frhlich vertrumen wollen, lassen dich vor sich aufsteigen, und ich -- der alternde Greis flle diese Bogen mit lngst vergangenen, lngst vergessenen Kindergedanken und Kindersorgen! Trumt nicht sogar die Menschheit von einem goldenen Zeitalter, einer lngst untergegangenen glcklichen Kinder-Welt? Am 28. Februar. Es ist gar kein bler Monat dieser Februar, man mu ihn nur zu nehmen wissen! -- Da ist erstlich die ungeheuere Merkwrdigkeit der fehlenden Tage. Wie habe ich mir einst, vor langen Jahren, den Kopf ber ihr Verbleiben zerbrochen. Jeder andere Monat pate aufs Haar mit Einunddreiig auf den Knchel der Hand, mit Dreiig in das Grbchen, und nur dieser eine Februar -- 's war zu merkwrdig! -- Das ist ein Stck aus der formellen Seite der Vorzge dieses Monats, jetzt wollen wir aber auch die inhaltvolle in Betrachtung ziehen. Was ist an diesem Regen auszusetzen? Tut er nicht sein mglichstes, die Pflicht eines braven Regens zu erfllen? Macht er nicht na, was das Zeug halten will und mehr? Der alte Marquart in seinem Keller ist freilich bel daran, seine Barrikaden und Dmme, die er brummend errichtet, werden weggeschwemmt, seine Treppe verwandelt sich in einen Niagarafall. Alles, was Loch heit, nimmt der Regen von Gottes Gnaden in Besitz. Immer ist er da; seine Ausdauer grenzt fast an Hartnckigkeit! Man sollte meinen, nachts wrde er sich doch wohl etwas Ruhe gnnen. Bewahre! Da pladdert und pltschert er erst recht. Da wscht er Nachtschwrmer von auen, nachdem sie sich von innen gewaschen haben; da wscht er Doktoren und Hebammen auf ihren Berufswegen; da wscht er Kutscher und Pferde, Herren und Damen -- maskiert und unmaskiert, da wscht er Katzen auf den Dchern und Ratten in den Rinnsteinen; da wscht er Nachtwchter und Schildwachen selbst in ihrem Schilderhaus. Alles was er erreichen kann, wscht er! Kurz: Bei Tag und Nacht allgemeiner Scheuertag, und Hausmtterchen Natur so unliebenswrdig, wie nur eine Hausfrau um drei Uhr nachmittags an einem Sonnabend sein kann. Das ist das Bulletin des Februars, den man einst ^mensis purgatorius^ nannte. -- Jetzt finde ich auch einen Vergleich fr das Aussehen der groen Stadt. Lange genug hab' ich mich besonnen, keiner schien passend. Nun aber hab' ich's! Aufs Haar gleicht sie einem unglcklichen Hausvater, welchen die Fluten des sonnabendlichen Scheuerns auf einen Stuhl am kalten Ofen geschwemmt haben, wo er sitzt -- ein neuer Robinson Crusoe -- mit Kind, Hund, Katze und Dompfaffenbauer, die Beine auf einen hohen Schemel stehend und die Schlafrockenden herabhngend in die Wogen. Brr! -- Das ist mal wieder ein Wetter, um in alten Mappen zu whlen, und ich whle auch darin schon seit geraumer Zeit! Da mu ein Brief sein, den ich trotz aller Mhe nicht finden kann, und der doch eigentlich schon frher der Chronik htte eingelegt werden sollen. Briefe mit spterem Datum von derselben Hand finde ich genug; sie berichten von Kindtaufen, und einer auch von dem Hinscheiden eines ehrwrdigen Pudels, Rezensent genannt. Ich mchte aber gern ein lteres Schreiben haben, welches noch nicht von Kindtaufen erzhlt! Gottlob, hier ist's! Die Chronik htte es, wie gesagt, viel frher aufnehmen mssen, aber was tut's. Je lter _solche_ Briefe werden, je lter ihr Schreiber selbst geworden ist, desto frischer klingen sie! Hier ist das Skriptum: Unter Verantwortlichkeit der Redaktion. _Liebe und Getreue!_ Eben hatte ich diesen Anfang >Liebe und Getreue< gemacht, als sich auf einmal ein kleines Patschhndchen auf meine Schulter legte, ein brauner Lockenkopf sich vorbeugte, und ein Stimmchen ganz fein sagte: >Erlaube, liebes Kind (>liebes Kind,< das bin ich, der Dr. Wimmer) -- erlaube, liebes Kind, an was fr ein Frauenzimmer willst Du da schreiben?< Ich sah verwundert auf und erblickte -- eine kleine runde Dame (sie sitzt neben mir und zieht mich fr das >rund< tchtig am Ohr), die ein allerliebstes Mulchen machte: >Liebes Kind ich mcht's halt gern wissen!< >Sollst Du auch, Schatz,< sagte ich lachend. Gib acht, es ist eine seltsame Geschichte! -- Es war einmal ein Mann, der lief in der Welt herum, und die Leute nannten ihn Dr. Heinrich Wimmer; einige freilich titulierten ihn auch >Esel< oder so. Das waren aber nur die, welchen er dasselbe Epitheton gegeben hatte -- was er oft sogar schriftlich, Schwarz auf Wei, tat. Gut, dieser Mensch hatte eigentlich nur wenig wahre Freunde (Bekannte genug), denn er war so eine Art von Vagabond, wenn auch nicht in der schlimmsten Bedeutung des Worts. Er war ein Literat. Zu den Freunden, die ihn ertrugen und nicht >Esel< nannten, gehrte erstens ein Schulmeister Namens Roder, zweitens ein ltlicher Herr, Wachholder genannt, und drittens -- ein junges Mdchen (beruhige Dich, Nannette, sie war hchstens elf Jahre alt, als wir schieden), Namens Elise Ralff. Wir wohnten in einer groen Stadt, wo es viel Staub gibt, und aus der sie mich, hchst wahrscheinlich aus Sorge um meine Gesundheit, wegjagten, weil jener Staub mich stets zum Husten brachte, ziemlich dicht zusammen, und betrugen uns gegeneinander, wie gute Freunde sich betragen mssen. Sogar der Pudel Rezensent, mein vierter Freund, fhlte oft eine menschliche Rhrung darber; wie es in der Tat ein vortreffliches Vieh ist, was Du auch dagegen sagen magst, Nannerl! Und nun hre -- grimme Othelloin, das Liebe und Getreue gilt den _drei_ Freunden und >halt< nicht einem Frauenzimmer, Du Eifersucht! Da wir nun aber einmal dabei sind, so la Dir auch weiter erzhlen, liebe Nannette. Mit diesen Freunden lag ich an dem Tage, an welchem ich den letzten Staub von den Fen ber jene Sand-Stadt schttelte, in einem Holze, wo wir den ganzen Tag ber Vogelnester gesucht, Blumen gepflckt und Mrchen erzhlt hatten, als auf einmal ein Gefhl bodenloser Einsamkeit und moralischen Katzenjammers u. s. w. u. s. w. ber mich kam. Da stieg pltzlich, mitten im grnen Walde, wo die Vgel so lustig sangen, und die Sonne so hell und frhlich durch die Zweige schien, ein Gedanke in mir auf, ein Gedanke an ein kleines hbsches Mdchen, mit welchem ich einst zusammen gespielt, und an das ich oft, oft gedacht hatte in spteren Jahren. -- Daran aber dacht' ich in dem Augenblick nicht, da zwischen dem Kinderspiel und dem Waldtage so lange Zeit lag; -- ich dachte -- ich dachte: Heinrich warum gehst du nicht nach Mnchen, wo du geboren bist, wo dein Onkel Pmpel, wo dein -- kleines liebes Mhmchen Nannette wohnt? Wie ein Lichtstrahl, viel heller und frhlicher als die Sonne -- durchzuckte mich das, ich sprang auf, warf den Hut in die Luft und schrie: >Hurra, ich gehe nach Mnchen zu meinem Onkel Pmpel, zu meiner Cousine Nannerl!< -- Die Freunde sahen mich verwundert und lchelnd an, und der Lehrer Roder sagte: >Junge, das wre prchtig, wenn Du -- solide wrdest!< (Gib mir einen Ku, Schatz, und ich erzhle weiter.) Sieh', da wand die kleine Lise Ralff dem Pudel einen hbschen Waldblumenkranz um den Pelz, sie drckten mir alle die Hand -- das kleine Mdchen weinte sogar -- und -- -- -- ich ging nach Mnchen. Lange Jahre waren hingegangen, seit ich meine Vaterstadt nicht gesehen hatte, und ganz wehmtig gestimmt, schritt ich in der Abenddmmerung durch die alten bekannten Gassen der Altstadt. Da lag das Haus meiner Eltern; -- Fremde wohnten darin. Ich lugte durch die Ritze eines Fensterladens und sah zwei Kinder, die allein am Tische bei der Lampe saen; sie waren sehr eifrig in ein Gnsespiel vertieft, und ich dachte an unsere Jugend, Nannerl, und das Herz ward mir immer schwerer, -- Seidelgasse Nr. 20, da stand ich nun vor einem andern Haus. Dort hing ein altes wohlbekanntes Schild: >^Pmpel's Buchhandlung^< darauf gemalt. Der Laden war bereits geschlossen, der Onkel jedenfalls schon im Hofbruhaus; ein Lichtschein erhellte noch die Fenster des obern Stockwerks. Ich wagte kaum die Klingel zu ziehen. Endlich tat ich's aber doch. Mein Gott, ebenso jmmerlich klang die Glocke schon vor zehn Jahren. Schlrfende Schritte nherten sich -- die Tr ging auf; wahrhaftig da war sie noch, die dicke Waberl, eher jnger als lter! Der Pudel und ich htten sie beinahe ber den Haufen geworfen; sie kannte mich nicht und stand starr vor Schrecken und Verwunderung, als ich mit meinem vierbeinigen Begleiter in zwei Stzen die Treppe hinauf war. Eine kleine runde ... (Au, mein Ohr! Hr' einmal, Nannette, das ist das Ohr, in welches es bei mir >hineingeht<, was wird das fr eine Ehe abgeben, wenn Du mir das abkneifst. Nannette, ich wrde in Deiner Stelle mal das andere, zu welchem es >herausgeht<, nehmen!) Dame trat mir entgegen: >Der Vater ist nicht zu Haus, mein Herr!< -- -- -- Ich antwortete nicht, sondern nahm ihr das Licht aus der Hand, -- die kleine runde Dame erschrak ebenfalls gar sehr, -- und hielt es so, da mir der Schein voll ins Gesicht fiel. >Herr Gott, der Vetter Heinrich!< rief die kleine rrr Dame (Nannette, sag' mal, ich glaube, ich habe Dir in dem Augenblick einen Ku gegeben?) >O welch' abscheulicher Bart -- -- und eine Brille trgt er auch! Waberl, Waberl, schnell nach dem Bruhaus: der Vetter Wimmer sei da!< Ja, er war da, der Vetter Heinrich Wimmer, und der alte Onkel kam auch; er umarmte den Landlufer und steckte ihn in seinen Sonntagsschlafrock; er wollte -- -- ja, was wollte er nicht alles! Der Pudel sprang wie toll und machte sogleich, als ein vernnftiger Kter, Freundschaft mit dem dicken Pmpelschen Kater Hinz. Und dann -- dann ward ich Redakteur der >Knospen<, unter der Bedingung, den fatalen politischen Husten vorher erst auszuschwitzen; dann ward ich von Deinem Papa, meinem guten, dicken, vortrefflichen Onkel in den deutschen Buchhandel >eingeschossen<, und dann -- -- -- Nun, Nannette, und dann? -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- _Meine Herren und Freunde, was hab' ich Ihnen da geschrieben!_ -- So geht's, wenn man verlobt ist und neben seiner Braut einen Brief schreiben will! Die reine Unmglichkeit! Statt eines soliden, nach allen Regeln der Logik und Briefschreibekunst abgefaten Berichts, schmiere ich Ihnen meine Unterhaltung mit dem Frauenzimmer. 's ist gttlich! Nun -- was tut's? Die Hauptmomente meiner Geschichte habt Ihr doch bei der Gelegenheit erfahren. Ich habe eine neue Seite meines Lebens aufgeschlagen; und wer hat diese ^vita nuova^ bewirkt? Der edle Polizeikommissar Stulpnase nebst seinen Myrmidonen und -- meine kleine Beatrice, genannt Nannette Pmpel! Gesegnet sei das Haus ^Pmpel et Comp.^ bis ins tausendste Glied!! -- Ich schliee. Meine ^gentilissima^ verlangt ebenfalls Platz auf diesem Bogen. Mich soll's wundern, was sie schreiben wird, ihre Augen leuchten gar arglistig. Dr. Wimmer. _Liebe, kleine Elise!_ Obgleich wir uns noch nicht mit Augen gesehen haben, so kann ich doch halt nicht unterlassen, Dir, Herz, diesen ganz kleinen Brief zu schreiben, der bse Mensch hat nicht viel Raum bergelassen. So ganz bse freilich ist er doch nicht, denn er hat mir viel Gutes und Schnes von Dir erzhlt, aber sage doch den beiden Herren, die ich auch nicht kenne, da sie das trichte Zeug, was er alles geschrieben hat, halt nicht alles glauben. Ich hab' ihn durchaus nicht so viel ins Ohr gekneift, als er sagt. -- Liebes Kind, Ihr mt uns einmal alle besuchen. Ich habe zwei Kanarienvgel und einen Stieglitz, der sich sein Futter selbst herauf zieht. Ich htte Dir gern eins von den Vgelchen geschickt, aber der Onkel Doktor meint, sie knnten das Fahren nicht vertragen, das knnte selbst sein hlicher Puhdel nicht. Es ist nur gut, da das schwarze Tier sich so vor meinem schnen bunten Hinz frchtet; sie beien sich zwar halt nicht, aber sie sehen sich oft schief an von der Seite. Liebes Kind, besuche uns einmal und gre den Herrn Onkel Wachholder und den Herrn Lehrer recht schn; Deine unbekannte Freundin _Nannette P._ ^P. Scr.^ Verehrtester, berreichen Sie doch meiner dicken Freundin, der Madam Pimpernell, beifolgende drei Fnftalerscheine; da wird ein noch zu tilgender Schuldenrest sein. Dr. W. ^P. Scr.^ Ich mu in die Kche, sonst htte ich mich eben noch recht ber den Doktor zu beklagen. Er ist recht bse. Gestern hat er sein Tintenfa ber meine beste Tischdecke gegossen. Das geht mein Lebtag nicht wieder heraus! -- Aber das ist das wenigste. -- 's ist nur gut, da ich den Tabaksdampf gewohnt bin, auch mein Papa macht furchtbare Wolken, und die Gardinen mssen nun noch einmal so bald gewaschen werden. Adieu! _Nannette._ ^P. Scr.^ Der Onkel Pmpel hat sich's in den Kopf gesetzt, dem armen >Puhdel<, wie Nann'l schreibt -- auf seine alten Tag' noch das Todstellen beizubringen. Dr. W. ^P. Scr.^ Bier mag er schon! (Ich meine halt den Pudehl -- so wird's wohl recht geschrieben sein) Gott, ich mu wirklich in die Kchen! N. ^P. Scr.^ Nannette ist fort! Meine lieben Freunde, ich bin sehr glcklich und fidel! Ich hoffe auf baldige Nachrichten von Euch allen. Gru und Brderschaft! Euer _H. Wimmer._ Welchen Jubel hatte einst dieser Doppelbrief mit seinen Postskripten in der Sperlingsgasse erregt! Wie tanzte an jenem Augustnachmittag im Jahre 1841, als er ankam, der Lehrer Roder mit der kleinen Elise im Zimmer herum! Heute, wo ich ihn wieder hervorsuchte, ist weder Roder bei mir, -- sie haben ihn im Jahr Achtzehnhundertundneunundvierzig nach Amerika gejagt, _sie frchteten_ sich gewaltig vor ihm -- noch guckt das kleine Lischen, auf einem Stuhl stehend, mir ber die Schulter. Aber allein bin ich doch nicht beim Wiederlesen; trotz dem Regen hat sich der Zeichner Strobel herausgewagt und ist, da das Glck dem Khnen lchelt, wohlbehalten, wenn auch etwas durchnt, bei mir angekommen. Es ist ein prchtiges Ehepaar geworden, sagte er lchelnd, indem er mir die Nadel einfdelte, mit welcher ich das Dokument der Chronik anheften wollte. Seit der Doktor den bsen politischen Husten, der ihn sonst plagte, losgeworden ist, hat er einen Umfang gewonnen, dem nur das Embonpoint der kleinen fidelen Frau Doktorin Nannerl nahe kommt. Und diese kleinen fetten Wimmerleins: Hansl, Fritzl und Eliserl, das jngste Wurm, wie der Doktor sagt! -- Und diese Nachkommenschaft des edeln Rezensent! -- Fr jedes Wimmerlein ein Pudel, einer immer schwrzer und schnurrbrtiger als der andere. Wie heien sie doch? Richtig: Stulpnas (gewhnlich Stulp abgekrzt), Tinte und Quirl. Es ist ein Schauspiel fr Gtter, die Familie spazieren gehen zu sehen. Voran schreitet der Doktor mit dem alten Grovater Pmpel, dann folgen Tinte und Quirl, die den Korbwagen ziehen, in welchem das Kroop Elise liegt. Neben ihnen trabt Stulp mit des Doktors Hut und Stock, und zuletzt kommt die Nannerl, an der Rechten den Hans, an der Linken den Fritz. Von Zeit zu Zeit treibt sie mit dem Sonnenschirm das Paar der Zugtiere an oder ruft dem Doktor zu: Wimmer, Du wirst gleich Dein Taschentuch verlieren! oder: Wimmer, renne nicht so mit dem Vater. Wir kommen halt nicht mit! oder: Wimmer, Stulp hat nur noch Deinen Stock! Dann dreht sich der Doktor gravittisch um, wirft einen Feldherrnblick ber den langsam daher ziehenden Heereszug, pustet und fchelt, knpft die Weste auf, bindet das Halstuch ab, oder zieht wohl gar den Rock aus und sagt: Schatz, das Spazierengehen mssen wir aufstecken. Beim Zeus! es wird zu angreifend fr unsereinen! -- Stulp, Schlingel, hol' meinen Hut -- dort ^allons^! Whrend nun der Zug so lange hlt, bis Stulp mit dem Verlorenen zurckkommt, sagt der Alte wohl: Heinerich, pa auf, das neue Komplimentierbuch geht nicht! Weshalb nicht, Papa? Wir sind hier zu Lande nicht recht daran gewhnt! lautete die Antwort. Das wei ich schon aus den Nibelungen und dem Parcival, sagt der Doktor, eine gewaltige Rauchwolke auspuffend. Es soll aber schon >gehen<, Onkel und Schwiegerpapa Pmpel! Das Ungewohnte und Ungewhnliche macht am meisten Glck. Fritzl, la den Frosch in Ruhe, setz' ihn wieder ins Gras, sonst kriegst Du ihn gebraten zum Abendessen, was keinem jungen Bayern angenehm sein kann! -- Vorwrts! ^Yankee doodle doodle dandy^! Damit setzt sich das Haus Pmpel & Komp. wieder in Marsch. Ich lachte herzlich ber diese Schilderung. Es wachse, blhe und grne das Haus Pmpel & Kompagnie wie -- wie -- -- Hopfen! -- Vivat hoch! schrie der Zeichner, nahm den Hut und trabte wieder davon. Wo er gesessen hatte, stand ein kleiner Sumpf Regenwasser: einen Schirm brauchte ich ihm also nicht anzubieten. Abends 11 Uhr. Wie traurig hat dieser Tag geendet! Ich wollte die Geschichte der armen Tnzerin ber mir, die wir einst auf den Weihnachtsmarkt begleiteten, nicht erzhlen aus Furcht, diesem Bilderbuch eine dunkle Seite mehr zu schaffen, aber die unsichtbare Hand, welche die gewaltigen Bltter des Buches _Welt und Leben_, eins nach dem andern umwendet, mit ihren zertretenen Generationen, gemordeten Vlkern und gestorbenen Individuen, will es anders, als der kleine nachzeichnende Mensch. Dunkel wird doch dieses Blatt, dunkel -- wie der Tod! Herr Wachholder, sagte die Frau Anna Werner, die um neun Uhr abends an meine Tr klopfte. Herr Wachholder, das Kind der Tnzerin stirbt in dieser Nacht! Der Doktor Ehrhard, der eben oben ist, hat's gesagt. Ist's nicht schrecklich, da die Mutter in diesem Augenblicke tanzen mu? Sie haben ihr nicht erlauben wollen, die schlechten Menschen, wegzubleiben diesen Abend: es wre heute der Geburtstag der Knigin, sie _msse_ tanzen! Arme, arme Mutter! Ein hbscher, leichtsinniger Schmetterling, gaukeltest du, bis die Verfhrung kam und siegte. Verlassen, verspottet, suchtest du dein Glck nur in den Augen, in dem Lcheln deines Kindes und jetzt nimmt dir der Tod auch das! Arme, arme Mutter! Mit geschminkten Wangen und dem Tod im Herzen zu tanzen! Du hrst nicht die tausend jubelnden Stimmen der Menge, du hrst nicht die rauschende Musik: das chzen des winzigen sterbenden Wesens in der fernen Dachstube bertnt alles. -- Ich steige die enge, dunkle Treppe hinauf, die zu der Wohnung der Tnzerin fhrt. Frau Anna und der gute, alte Doktor Ehrhard sitzen an dem Bettchen des kranken Kindes. Eine verdeckte Lampe wirft ein trbes Licht ber das kleine Zimmerchen! hier und da liegt auf den Sthlen phantastischer Putz; eine schwarze Halbmaske unter den Arzneiglsern auf dem Tische. Der Doktor legt das Ohr dem Knaben auf die Brust und lauscht den schweren, ngstlichen Atemzgen; ich stehe am Fenster und horche in die Nacht hinaus. Der Regen schlgt noch immer gegen die Scheiben; aus einem Tanzlokal der niedrigsten Volksklasse dringen die schrillen, schneidenden Tne einer Geige bis hier herauf. -- Jetzt zieht der Doktor die Uhr hervor und sagt leise und ernst: Sie mu sich beeilen! Das Kind sthnt in seinem unruhigen Schlaf; die Hand des Todes drckt schwer und schwerer auf das kleine, unwissende Herz, dem sich gleich ein Geheimnis enthllen wird, vor welchem alle Weisheit der Erde ratlos steht. Auf der Sophienkirche schlgt es dumpf Zehn. Der Wind macht sich pltzlich auf und rttelt an den schlechtverwahrten Fenstern. Die Februarnacht wird immer unheimlicher und dsterer. Unter Blumenkrnzen sich verneigend, steht jetzt im Theater die groe, berhmte Knstlerin, die Menge jubelt und klatscht Beifall; der Knig, die Knigin, das Publikum haben sich erhoben; -- der schwere, goldbesternte Vorhang rollt langsam nieder. Die bleiche Knigin ist mde in ihren Wagen gestiegen; die groe Knstlerin nimmt die Glckwnsche und Schmeicheleien der sie Umgebenden in Empfang; leer wird das eben noch so menschengefllte Opernhaus und -- die arme Choristin ist halb bewutlos an einer Kulisse zu Boden gesunken, um, wie aus wildem Traume zu noch wilderer Wirklichkeit erwachend, mit dem herzzerreienden Schrei: mein Kind! mein Kind! fortzustrzen. -- Wir in dem kleinen Dachstbchen haben das nicht gesehen, nicht gehrt, aber jeder krzer werdende Atemzug des sterbenden Kindes sagte uns, was dort in dem lichterglnzenden, musikerfllten Gebude am anderen Ende der groen Stadt geschehe. Horch! Ein Wagen rasselt heran; er hlt drunten. Die Mutter, sagt der Doktor aufstehend. Es war Zeit! Ein eiliger Schritt kommt die Treppe herauf; eine Frau, in einen dunkeln Mantel gehllt, erscheint todbleich und atemlos in der Tr. Sie lt den regenfeuchten Mantel fallen, und im phantastischen Kostm der Teufelinnen, wie wir es in Satanella sahen, strzt sie auf das Bettchen zu. Mein Kind! Mein Kind! flstert sie, in grlicher Angst den Doktor ansehend. Sie beugt sich, sie hrt den leisen Atem des Kindes: Es lebt noch! -- Das schwarze Lockenhaupt mit dem Flitterputz von Glasdiamanten und feuerroten Bndern sinkt auf das rmliche Kissen. Mama! liebe Mama! sthnt das sterbende Kind, mit dem kleinen fieberheien Hndchen durch die schwarzen Haare der Mutter greifend, da die Steine darin blitzen und funkeln. -- -- Jetzt luft ein Schauer ber den kleinen Krper -- -- -- Vorber! -- sagt der alte Doktor dumpf, mir die Hand drckend. Frau Anna und eine Nachbarin blieben die Nacht bei der armen bewutlosen Mutter. Am 7. Mrz. Gestern Nachmittag begannen die schweren Regenwolken, die wochenlang ber der groen Stadt gehangen hatten, sich zu heben. Sie zerrissen im Norden wie ein Vorhang und wlzten sich langsam und schwerfllig dem Sden zu. Ein Sonnenstrahl glitt pfeilschnell ber die Fenster und Wnde mir gegenber, um ebenso schnell zu schwinden; ein anderer von etwas lngerer Dauer folgte ihm, und jetzt liegt der prchtigste Frhlingssonnenschein auf den Dchern und in den Straen der Stadt. Wahrlich, jetzt gleicht die Stadt nicht mehr einem scheuergeplagten Ehemann; sie gleicht vielmehr seiner besseren Hlfte, die nun ihre Pflicht getan zu haben meint, erschpft auf einen Stuhl zum Kaffeetrinken niedersinkt und lispelt: Puh! hab' ich mich abgeqult, aber Gottlob, nun ist's auch mal wieder rein! Ja, rein ist's! Verschwunden ist der Schnee, der zuletzt doch gar zu grau und unansehnlich geworden war; viel mimutige, verdrossene Gesichter haben sich aufgehellt, und -- die kleine Leiche von oben ist fort. Die alte Gromutter Karsten hat auch ihr nachgeblickt; sie hat die arme Mutter auf die Stirn gekt, als man den Sarg hinabtrug, und hat, gleichsam als wundere sie sich ber etwas, lange das Haupt geschttelt. Wer wei, wie viele jngere Leben sie noch dahin schwinden sieht. Ich habe diese Bltter, glaub' ich, einmal ein Traumbuch genannt; -- wahrlich, sie sind es auch. Wie Schatten ziehen die Bilder bald hell und sonnig, bald finster und traurig vorber. Jetzt ist der dunkle Grund, aus dem sie sich ablsen, ganz bedeckt von Leben und Jubel; jetzt taucht wieder die unheimliche finstere Folie auf. Die Freude verstummt, der Jubel verhallt, es ist tote Nacht allenthalben, die nur dann und wann ein Klagelaut unterbricht. Sei die Nacht aber auch noch so dunkel, ein Stern funkelt stets hinein: Elise! -- Ich brauche nur in meine alten Mappen und Erinnerungsbcher mich zu versenken, und die Gespenster entfliehen, die Nebel sinken, und es wird wieder frhlicher Tag in mir. _Elise!_ Die Knospe, die hundert duftige Blumenbltter in ihrer grnen Hlle einschlo, entfaltet sich wie ein ses, liebliches Geheimnis. Noch ein warmer Ku der Sonne, und die Centifolie, den reinen Tautropfen der Jugend und der Unschuld im Busen, ist die schnste der Erdenblten. Ich glaube an keine Offenbarung, als an die, welche wir im Auge des geliebten Wesens lesen; sie allein ist wahr, sie allein ist untrglich; in dem Auge der Liebe allein schauen wir Gott von Angesicht zu Angesicht. Die Zunge ist schwach, und des Menschen Sprache unvollkommen; die Schrift ist noch schwcher und unvollkommener, und ein Blatt Papier zum Urquell der Erkenntnis des ewigen Geistes machen zu wollen, ist ein arm tricht Beginnen. Ich drcke die Augen zu, und -- _sie_ ist vor mir mit ihrem sen Lcheln, _sie_ schlgt sie auf, diese groen, blauen Augen, in denen ich Trost suche und finde. Elise, Elise, nun bist du ein groes, schnes Mdchen geworden, und das Bild dort, welches dein toter Vater von deiner toten Mutter malte, gleicht einem Spiegel, wenn du so sinnend davor stehst und so straurig lchelnd zu ihm emporblickst. Die wilden Spiele, die tollen Streiche in dem Hause und auf der Gasse sind vorber (wenn auch noch nicht ganz, Schelm); wo du sonst lachtest, Elise, lchelst du jetzt, wo du sonst weintest und klagtest, senkst du jetzt die Augen und trumst: wo du sonst den Schrzenzipfel in den Mund stecktest oder die rmchen auf dem Rcken ineinander wandest, fliegt jetzt ein hohes Rot ber deine Wangen, -- du bist eine Jungfrau geworden in den Blttern der Chronik, Elise! * * * * * Oftmals lssest du, vor dem Nhtischchen deiner Mutter unter der Efeulaube sitzend, die Arbeit lauschend in den Scho sinken, das Kpfchen in das dichteste Bltterwerk verbergend. Eine helle, frische Stimme klingt dann von drben herber, ein Studentenlied anstimmend. Wo will Flmmchen hin, Elise? -- Einen Augenblick sitzt es auf ihrer Schulter, ihr ins Ohr zwitschernd, als habe es ihr ein wichtiges, ein gar wichtiges Geheimnis mitzuteilen, dann verschwindet es aus dem Fenster. Wo ist es geblieben? Die Stimme drben, die pltzlich mitten in ihrem Gesang abbricht, gibt Antwort darauf. Ein wohlbekanntes, wenig verndertes, braunes Gesicht, von dunkeln Locken umwallt, erscheint in Nr. Zwlf am Fenster; es ist der junge Maler Gustav Berg, der Vetter Gustav, der einstige Taugenichts der Gasse, jetzt ein denkender Knstler und, wie man munkelt, oft genug der Taugenichts des Ateliers beim Meister Frey in der Rosenstrae. Cousine, Cousine Elise! Onkel Wachholder! ruft er. Die Mama ist auer sich! Flmmchen hat ein Leinlglas umgestoen, und -- Unordnung ber Unordnung -- nicht nur eine sehr angenehme Verschnerung auf dem Fuboden, sondern auch eine sehr unangenehme Verbesserung auf meiner Zeichnung angebracht. Es ist keine Mglichkeit, weiter zu arbeiten! Wie wr's mit einem Spaziergang? Ich denke lchelnd an den Doktor Wimmer, der auch einst oft genug hnliches von drben herber rief; die Chronik der Sperlingsgasse hat ihre Wiederholungen, wie alles in der Welt. -- Elise setzt ihren Strohhut auf, und wir gehen hinber. Auf der Treppe schon empfngt uns Gustav, noch im leichten farbebeschmutzten Malrock, den Kanarienvogel auf dem Finger. Da ist der Verbrecher, lacht er. Sieh, Lischen, wie unschuldig er aussieht, gerade wie Du, die doch auch um kein Haar breit besser ist als er. Was? -- Was hab' ich denn verbrochen? fragt Elise. Hre nicht auf den bsen Menschen, sagt die Tante Helene, die jetzt in der Tr erscheint. So; -- das ist ja prchtig, Mama! hre nicht auf den bsen Menschen! Das ist himmlisch! Onkel Wachholder, das Frauenzimmervolk hngt wie Pech zusammen; ich rufe Sie zum Richter auf. Aber kommen Sie herein, die Sache ist zu wichtig, als da man sie auf der Treppe abmachen knnte. Wir treten ein, jeder sucht sich einen Platz und Gustav beginnt: Hren Sie zu, Onkel! Heute morgen gehe ich, mit meiner Zeichenmappe unter dem Arm, ganz solide von hier weg. Die besten Vorstze und Gesinnungen bewegten meinen Busen, und ich rechnete mir innerlich fr den immensen Flei, den ich heute beweisen wollte, verschiedene Bummeleien zugute. Ich wollte, ich htte das Selbstgesprch, welches ich hielt, stenographieren knnen, es wrde mir jetzt von groem Nutzen sein. An mancher Scylla und Charybdis, wo meine guten Vorstze sonst dann und wann gescheitert waren, war ich diesmal glcklich vorbei gesegelt. Als mich Thomas Helldorf aus seinem Fenster anbrllte, hatte ich mich taub gestellt, als aus Schnollys Konditorei Leopold Dunkel mir zuwinkte, hatte ich mich blind gestellt; gefhllos zu sein, hatte ich geheuchelt, als Richard Breimller mich in die Seite stie und mir den Arm fast ausrenkte, um mich mit zu einem groartigen Frhstck zu ziehen, welches die unmoralischen Menschen, die Freiwilligen von den Zweiunddreiigern, gaben. Ich entwickelte eine riesige Moral! Da biege ich im vollen Gefhl meiner Sittlichkeit um die Ecke, die auf den Gemsemarkt fhrt und -- renne gegen einen Korb oder vielmehr eine Korbtrgerin, welche mir entgegen kommt und mir ohne weiteres mit ihrem Sonnenschirm den Weg versperrt ... Oh, dieser Lgner! fllt hier Elise ein. Wer hat Dir den Weg versperrt? Hast Du mich nicht angehalten? Hast Du mir nicht einen Korb weggenommen! Du ... ... Die mir also den Weg versperrt und ... Verleumder! -- Hast Du mir nicht meinen ganzen Korb umgekramt und die grte Mohrrbe hervorgezogen, um sie auf der Stelle mit dem Messer ... ... Die mir, wie gesagt, den Weg versperrt und sagt: Sieh, das ist prchtig, Gustav; jetzt sollst Du wider Deinen Willen einmal zu etwas ntzlich sein; hier, nimm meinen Korb! -- Kannst Du das leugnen, Lise? Onkel, er lgt entsetzlich, sagt Elise, er verdreht die ganze Geschichte. Ich htte _ihn_ doch nicht den Korb tragen lassen?! Er war es, der ihn nicht wieder herausgab, und da er noch dazu zwischen jedem Bi, den er an seine Mohrrbe tat, an einem Rosenstrau roch, welchen er ebenfalls herausgewhlt hatte, so sagte ich: Ich habe keine Zeit mehr und ... Onkel Wachholder, unterbricht jetzt Gustav, ich verband das Schne mit dem Ntzlichen! Mama, sind rohe Mohrrben nicht etwa gut gegen -- gegen alles Mgliche? ... Ich habe keine Zeit mehr, und wenn Du den Korb einmal nicht wieder herausgeben willst, so behalte ihn und schleppe ihn, meinetwegen! Siehst Du! Seht Ihr! Da gesteht sie ihre Schlechtigkeit selbst ein. Denken Sie, Onkel Wachholder, auf einmal dreht sie sich um, rennt davon wie eine Gazelle und lt mich an der Ecke stehen wie ein Kamel, beladen mit Rosen von Schiras und Gemse aus dem Tal von Schm. Elise, Lischen, Cousine Ralff! rufe ich aus vollem Halse; Lise, mit dem Korb kann ich doch nicht ins Atelier gehen! Himmlische Cousine Lischen, befreie mich von diesem Stilleben! -- Wer aber nicht hrt, ist Elise. Was war zu tun? Ich setze mich in Trab; mit Korb und Mappe, mit Rben und Rosen hinter ihr her. Solch eine Jagd! -- Von Zeit zu Zeit sehe ich ihren Strohhut oder ihr blaues Kleid zwischen dem Schwefelholz-, Herings-, Butter- und Ksehandel -- ich glaube sie zu haben, -- Tuschung, da ist sie wieder hinter einer Bude verschwunden! Ich fange an, dem kaufenden und verkaufenden Publikum sehr lcherlich zu werden mit meiner Mohrrbe, die ich noch immer krampfhaft in der Hand halte. Ich trete in einen Eierkorb! Riesiger Skandal! -- Die Polizei erscheint! >Verkoofen Se Ihr Grnkraut sachte,< sagt grinsend Polizeimann Nr. 69, >immer langtemang!< -- Ich bezahle fr den Eierkorb mit blutendem Herzen und gelben Stiefeln; von Elise keine Spur! -- Neue Jagd, -- ich glitsche ber einen Kohlstrunk aus, -- baff, da liege ich mit Korb und Mappe; Kohlrben, Rosen, Zwiebeln, meine Zeichnungen und Elisens Marktrechnungen im malerischen Durcheinander um mich her. >O Jotte, det arme Kind,< sagt eine dicke Gemsefrau, >ebent in die Eier und nu in den D...! Soll ich Se ufhelfen, Mnneken?< -- >Immer langtemang,< grinst wieder Polizeimann Nr. 69, der mir wie mein bses Prinzip gefolgt ist. -- Ich suche meine Schtze, die ich zu allen Teufeln wnsche, gleich im Liegen auf und erhebe mich dann in einer wirklich anmutigen Verfassung. Auer Atem und hinkend schlage ich mich durch die Menge und sinke auf den Eckstein an derselben Ecke, wo mein Leiden begonnen hatte. Ich stelle den Korb zwischen die Beine und starre mit uerst bitterem Gefhl hinein. Soll ich das Ungetm wirklich hinschleppen nach der Sperlingsgasse? Vorber an der Kaserne der Zweiunddreiiger und an Schnollys Konditorei? -- Einen Spitznamen htte ich und meine ganze Nachkommenschaft weg -- drei Ellen lang! Mein innerster Mensch strubt sich zu mchtig dagegen. Eine Droschke konnte ich nicht nehmen, denn meinen Geldvorrat hatte das Eierunglck aufgefressen, es blieb mir nichts anderes brig, als eine neue Mohrrbe abzukratzen, meine Verzweiflung an ihr zu verbeien. Das kommt davon, wenn man mit soliden Vorstzen von Hause weggeht! Wie gemtlich htte ich in dem Augenblick, statt auf diesem fatalen Eckstein, bei dem Frhstck der Freiwilligen sitzen knnen! Ich wei nicht, wie lange ich so brtend dagekauert habe, als ich pltzlich, um zum Himmel zu schauen, meinen Blick aufschlage, aber ihn halbwegs erstarrt ruhen lasse! -- -- _Da sa sie_! -- Kichernd lehnt sie an dem Eckstein der anderen Straenecke, mir gegenber, eine groe, grne, angebissene Birne in der Hand! >Guten Morgen, Vetter!< lacht sie, ohne sich vom Fleck zu rhren. >Knntest Du mir jetzt vielleicht meinen Korb geben? Ich mu wirklich nach Haus; der Onkel kriegt sonst nichts zu essen!< -- Ich fahre mit der Hand ber die Stirn, ich mu wirklich erst meine Sinne zusammensuchen: ich stoe einen tiefen Seufzer aus, -- da erhebt sie sich, als schicke sie sich an, wieder fortzurennen. In Todesangst springe ich auf, bin mit einem Satz mit dem verdammten Korb an ihrer Seite, hnge ihn ihr an den Arm und sinke nun auf den Eckstein neben ihr, um auch ihn als Sitzmittel zu probieren. -- >Hab' ich Dich aber gesucht, Gustav!< hohnlchelt die Boshafte. >Gott, wie siehst Du aus? Wo hast Du denn gesteckt?< -- >[Griechisch: Daimoni]!< murmele ich dumpf, whrend es noch dumpfer auf der unierten Kirche Elf schlgt, und die Atelierszeit ihrem Ende naht; und so ziehen wir nach Haus, Elise immer kichernd voran, ich hinkend hinter ihr her, meine Rocksche vorsichtig zusammenhaltend. Eine derangierte Toilette, ein leerer Geldbeutel, mde Beine, ein grlicher Nachgeschmack von den fatalen Mohrrben, und das bodenlose Gefhl, mich unendlich lcherlich gemacht zu haben, das waren die Ergebnisse dieses Morgens! Und nun richten Sie, Onkel Johannes! Onkel, la das Richten nur sein, sagt Elise. Er hat sich schon selbst gerichtet. Hat er nicht? Ich glaube auch, sagt die Tante Berg. Ich desgleichen, gebe ich mein Verdikt ab. Das dachte ich wohl, brummt der denkende Knstler. Wann htte je die Unschuld gesiegt?! Abgemacht. Wie wird's nun mit unserem Spaziergang? Ja, wo wollen wir hin? ruft Elise, und Gustav meint: Ein Vorschlag zur Gte: wir gehen nach dem Wasserhof; da ist ^bal champtre^! Was meinst Du, Lischen? _Kann_ man da hingehen? fragt die Tante Berg bedenklich. Warum nicht? Sind _wir_ doch dabei! sagt der denkende Knstler, gravittisch den Halskragen in die Hhe zupfend brigens ist heute auch das Atelier mit seinen Schwestern da; ebenso der Professor Frey mit seinen sechs Nichten, und ... Nach dem Wasserhof! rufe ich elektrisiert. Tante Berg, man _kann_ dahin gehen! Und wir gehen hin. -- Wer kennt nicht den Wasserhof? Hat ihn nicht Goethe im >Faust< unsterblich gemacht? Der Weg dahin ist gar nicht schn. Welcher Weg um diese Stadt ist schn? Es lebe der Wasserhof! Da gibt es Schatten und khle Lauben am Tage; Musik, bunte Lampen und fliegende Johanniswrmer am Abend; da gibt es Kellner mit einst weien Servietten, die in der rechten Hosentasche stecken; da gibt es vor allem einen -- prchtigen Tanzplatz im Grnen! Lischen, heute Morgen hast Du mir einen Korb gegeben; ich will Dir das verzeihen, wenn Du mir jetzt keinen anhngen willst: Mein Frulein, darf ich um den ersten Walzer bitten? La uns erst ankommen, Vetter! sagt Lischen, die auf dem ganzen Wege stets die Vorderste wre, wenn nicht Gustav gleichen Schritt mit ihr hielte. -- -- Da sind wir! Heda, da sitzt schon der alte Meister Frey mit der langen Pfeife hinter einer Flasche Wein, behaglich dem lustigen Treiben zuschauend, und lchelnd das schwarze Kppchen auf den langen, weien Haaren hin und her schiebend. Schon aus der Ferne winkt er uns, als wir uns durch die Menge drngen, und ruft uns sein Willkommen entgegen. Hurra, da ist das Atelier mit seinen Schwestern, wie Gustav sagt, und die sechs Nichten des Professors. Eine lustige Gruppe: lange Haare, schwarze Sammetrcke, Kalabreser mit gewaltigen Troddeln; dann wieder weie Kleider, bunte Bnder, Strohhte; und Gustav und Elise natrlich sogleich mitten dazwischen. Beim heiligen Vocabulus, ist das nicht der lange Oberlehrer Besenmeier, der da, ^aptus adliciendis feminarum animis^, der dicken Frau Rektorin Dippelmann einen Stuhl erobert? Wahrlich, er ist's, und da ist der Rektor selbst, der Ruten und Beile so vollstndig abgelegt hat, da ihn in diesem Augenblick jeder Sekundaner, ohne bse Folgen, um -- Feuer fr seine Zigarre bitten knnte. Wen haben wir hier? Darf ich meinen Augen trauen! der knigliche Professor der Gottesgelahrtheit, Hof- und Domprediger Dr. Niepeguck!? -- Wirklich, er ist's; mit Frau und Kindern steuert er durch die Menge. Weg die Dogmatik! lautet das Studentenlied: warum sollte der alte Hallenser das an einem solchen prchtigen Abend nicht auch noch einmal in -- das Doppelkinn summen drfen? Wie die Universitt vertreten ist! Professoren! Privatdozenten und Studenten von allen Fakultten und Verbindungen! Dacht' ich mir's doch, da sind die unmoralischen Menschen, die Freiwilligen! Natrlich durften sie nicht fehlen! -- Guten Abend, Ccilie, Anna! Guten Abend, Elise, Johanne, Klrchen, Josephine! Das ist ja prchtig, da Ihr auch da seid! schwirrt und summt das durcheinander! Gott, wo bleibt mein Tnzer! der abscheuliche Mensch wird mich doch nicht >_sitzen_< lassen?! Auf keinen Fall, mein Frulein! sagt der Auskultator Krippenstapel, sein ambrosisches Haupt ber die Schulter der erschrockenen Sprecherin streckend und etwas von nur Personalarrest murmelnd. Lischen, keinen Korb -- bitte! ruft Gustav, ein Paar wundersame Handschuhe anziehend und eine Rosenknospe ins Knopfloch steckend. Nun, Vetter, -- wenn's denn nicht anders sein kann -- so komm' schnell, die Musik fngt schon an. Hre, Peter van Laar, sagte Gustav, schon im Rennen, zu einem wohlbeleibten Kunstjnger, wenn Du mich wieder auf den Fu trittst, wie neulich, stecke ich Dich morgen mit der Nase in Dein Terpentinfa! Komm, Lischen! -- Prr -- davon sind sie: Mutwill'ge Sommervgel. Ich habe unterdessen mit der Tante Helene Platz am Tisch des Meister Frey genommen, der eben unter schallendem Gelchter eine Schnurre aus seinem italischen Wanderleben beendet. Der Domprediger redet ber die Wirkungen des Weibieres auf seine Konstitution, whrend Petrus und Paulus, seine Sprlinge, sich unter dem Tisch wlzen und balgen und die Frau Domprediger sich darber aufhlt, da die Kellner sich mit der Hand schneuzen. Es ist immer noch besser als in die Serviette! sagt der Rektor Dippelmann, eine Prise nehmend und in der Zerstreuung die Dose der Tante Helene anbietend. An ein und demselben Punkte werden nun zwei Gesprche angeknpft: die Weiber plumpsen in die groe Wsche, und der Domprediger mit dem Rektor Dippelmann in die -- Theologie. Kommen Sie, Wachholder, sagt der Professor Frey, wir wollen lieber den Kindern beim Tanzen zusehen! Mir wird wsserig und schwl zugleich. Da ich wirklich etwas hnliches in mir spre, nehme ich den Vorschlag mit Freuden an, und wir wandeln durch die Gnge mit den bunten Lampen und Laubgewinden dem Tanzplatz zu. Da ist ein lustiges Treiben. Welche prchtigen Reflexe! ruft der alte Maler ganz enthusiasmiert. Sehen Sie, Wachholder, da kommt der Berg, aus dem ich Ihnen trotz seiner sporadischen Bummelei und Liederlichkeit doch noch einen _echten_ Knstler mache. Nun ^fanello^, wendet er sich an den Herbeieilenden, ich hoffe, Ihr werdet meine Mdchen nicht >drren< lassen -- wie sie sagen! Der denkende Knstler grinst auf eine unbeschreibliche Weise: Wir tun unser mglichstes, Herr Professor. Sehen Sie nur den Peter Laar! Segelt er nicht wie ein wahrer Fapresto mit Frulein Julie dahin? Hier knnen Sie sich doch wahrlich nicht beklagen, da er keine Fortschritte mache. Sehen Sie nur, wie er weiter kommt. Sehen Sie, wie -- buff! Dacht' ich's doch! Da bohrt er den Auskultator Krippenstapel mit seiner Donna zu Grund! Alle Wetter! das gibt Skandal! Da mu ich retten! Herr! schreit der knigliche Auskultator wtend aufspringend und seine Tnzerin trostlos-lcherlich auf ihrem ^sant^ sitzen lassend. Herr, knnen Sie nicht sehen, haben Sie keine Augen im Kopfe, Sie ... Halt, Krippenstapel! fllt hier Gustav ein, den gefallenen Engel des Juristen aufhebend. Sie sollen frchterlich gercht werden, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! Peter Holzmann, Bamboccio, Ungetm! ein schreckliches Los harrt morgen Deiner! -- Mein Frulein, Sie haben sich doch nicht weh getan? Wollen Sie eine kalte Messerklinge auflegen, das soll gut sein gegen Beulen? -- Frulein Julie, geben Sie doch geflligst dem dicken Ungeheuer an Ihrer Seite einen tchtigen Nasenstber als Vorgeschmack! -- Krippenstapel, sei'n Sie ein guter Kerl und fangen Sie keinen Lrm an; kommen Sie, lassen Sie sich von Ihrer Dame eine Stecknadel geben, ehe Sie weiter schweben. Vergessen Sie's nicht, es ist wichtig; ich als sthetiker mu das wissen! Ein allgemeines Gelchter lst die Sache in Wohlgefallen auf. Krippenstapel schleicht mit seiner Stecknadel ingrimmig ins Gebsch; seine Dame verkndet hinter ihrem Taschentuch, keine kalte Messerklinge anwenden zu wollen; Peter Holzmann stolpert mit Frulein Julie zu einem Sitz, und alle brigen Paare ordnen sich zu einem neuen Tanz. Schon whrend des Verlaufs dieser Szene habe ich mich gewundert, nirgends Elisens Lockenkopf hervorlugen zu sehen, nirgends ihr helles Lachen zu hren; als nun ein neuer Tanz beginnt, und sie auch jetzt nicht erscheint, wird mir die Sache bedenklich. Gustav, heda hier! Wo hast Du denn meine Lise gelassen? Ich? -- Onkel, fragen Sie lieber: wo hat Dich die Lise gelassen. Sie behauptet bse zu sein und ist mit Frulein Henriette Frey weggelaufen, nachdem sie mich einen -- einen -- >Teekessel< genannt hat. So? -- was habt Ihr denn wieder vorgehabt? Ich kann mich auf weiteres nicht einlassen! sagt der denkende Knstler, zieht ein wehmtig-seinsollendes Gesicht und verschwindet unter der Menge. Wenn die Sachen so stehen, lacht der alte Frey, so werden die Mdchen jetzt wohl bei der Wsche und Theologie sitzen. Kommen Sie, wir mssen uns doch erkundigen, was der Friedensstifter (machte er seine Sache nicht prchtig?) da fr Unheil und Unfrieden angestiftet hat? Ich kann's mir schon vorstellen, brumme ich in den Bart, und so schlagen wir uns seitwrts ins Gebsch und gelangen zu unserm Tisch zurck. Richtig, da sitzen die Turteltubchen! ruft der Professor. Wie andchtig sie dem Oberlehrer Besenmeier zuzuhren scheinen und doch ganz wo anders sind! Kurre, kurre, kurre, Frulein Elise, mein Tubchen, was hat Ihnen denn ein gewisser -- hm -- gewisser >Teekessel< getan? Wer? fragt Lischen, die sich dicht an die Tante gedrngt hat und von ihr mit einem gewaltigen Tuche umwickelt ist, whrend Henriette an ihrer andern Seite emsig sich mit ihrer Teetasse beschftigt. Wer? fragst Du! nehme ich das Wort. Nun wir begegneten eben jemand, der ziemlich nahe am -- >berkochen< war. Ach, Du meinst den Vetter! -- Pah -- _Der_! Nun, was hat's gegeben? Tante Helene, hat sie Ihnen vielleicht schon ihr Herz ausgeschttet? Nein! sagt die Tante. Haben sie sich wieder gezankt? Es scheint so! Frulein Henriette, Sie wissen gewi etwas Nheres davon? Soll ich's sagen, Lischen? fragt kichernd Henriette, ihre Freundin am Ohr zupfend. Meinetwegen! sagt Elise, mit einem Gesicht wie Menschenha und Reue einen Nachtschmetterling verscheuchend, der ihr um den Kopf flattert und mit aller Gewalt sich in ihren Locken fangen will. Er hat -- Herr Gustav hat gesagt: -- wenn er ihr nicht die Tnzer schicke und Propaganda (ich glaube so heit's) fr sie mache, so wrde sie -- ihr Lebtag auer ihm keinen kriegen. Sie msse daher hbsch dankbar und zuvorkommend gegen ihn sein und -- -- Ein Ausruf des Entsetzens entringt sich allen. Abscheulich! ruft die Tante Berg. ^Finis mundi!^ lacht der Rektor Dippelmann. Schndlich! chzt die Frau Rektorin; Grlich! die Frau Dompredigerin. Beim Himmel, das ist stark! meint ihr Gemahl. Das htte ich nicht gedacht! brumm' ich. _Das_ soll er ben, ruft der Professor Frey, und ... Er bt es schon! sagt eine Stimme, und der beltter guckt durch das Gebsch hinter Elisens Platze. Teilweise hat er es sogar schon gebt! Mit diesen Worten windet sich der Blasphemist vollends hervor, schiebt sich ganz sachte zwischen seine Mutter und Elise, die schnell nach der andern Seite rckt, wohin er ihr ebenso schnell folgt. Seinen Arm um sie legend, hlt er folgende Rede: Lischen, englische Cousine Ralff, ich beschwre Dich, hre mich! -- Glaubst Du etwa, ich habe, nachdem Du jenem Schauplatz eitler Freuden den Rcken gewandt, weiter gewalzt? Du irrst! Du irrst! Gute Werke habe ich getan, meine Schuld zu shnen: den edlen Holzmann, -- Holzmann, komm mal her und gib mir die Schachtel mit den feurigen Trnen! -- den edlen Holzmann habe ich aus den Klauen des racheschnaubenden Krippenstapels gerettet; Frulein Thekla Stichel habe ich aus der amsantesten aller Lagen, oder vielmehr Sitzungen, emporgezogen; als mitten im Kontertanz dem Freiwilligen Breimller der Steg ri und ihm die Unnennbare bis zum Knie hinaufschnurrte, habe ich ihm eine Droschke herbeigepfiffen; kurz berall, wo Trnen zu trocknen waren, war auch ich -- wie gesagt, nur um meine Schuld zu ben. Und hier, Lischen (Holzmann, gib mir die Schachtel), nicht allein getrocknet habe ich Trnen, auch gesammelt habe ich welche! -- Sieh, Lischen! Einen Ausruf der Verwunderung und Freude stt Elise trotz ihrem Groll aus, als ihr der Bsewicht den Inhalt seiner Schachtel in den Scho schttet, und unzhlige, funkelnde, leuchtende Johanniswrmer um sie herum kriechen und schwirren. Die Lampen sind weit genug entfernt, da die Tierchen in ihrem ganzen Glanz erscheinen knnen, und es ist wirklich ein hbscher Anblick -- diese besternte Elise! Das sind meine Reuetrnen, und Du -- kriegst Tnzer leider zu viel -- ohne mich! -- und ich _bin_ ein Teekessel und ^et cetera^ -- Lischen?! -- Lischen, gucke _mich_ mal an! Taugenichts! sagt Elise, dem Snder in die Haare greifend, und -- der Friede ist geschlossen! -- War denn der alte Meister Frey an diesem Abend ganz aus Rand und Band? Auf einmal verkndete er, da er seinen morgenden 69sten Geburtstag (es war der letzte seines Lebens) jetzt feiern wolle, da bei solchen Gelegenheiten das Improvisieren den wahren Genu und Jubel hervorbringe. Das halbe Atelier machte er halb betrunken, die ganze weibliche Welt ganz angeheitert. Ein Kranz wurde ihm aufgesetzt trotz allem Struben, -- ein Kranz, der nur so sein mute. Der Domprediger hielt eine Rede, die verehrter Greis anfing und hnlich endete, und Reden wurden losgelassen und Toaste ausgebracht bis zwlf Uhr. Dann erhob sich das alte bekrnzte Geburtstagskind, beklagte sich ber Nachtkhle und Nachtfeuchte, und -- das Fest war vorbei. * * * * * Vorbei! Wo sind heute alle die, welche es feierten? Tot ist der alte Meister Frey, zerstreut in alle Welt sind seine Schler. Peter Holzmann, genannt Peter van Laar, oder auch Bamboccio, ist 1849 in einer rmischen Villa von franzsischen Plnderern erstochen, als er eine Raphaelsche Madonna vor ihrer Zerstrungswut schtzen wollte. Der Domprediger ist noch immer nicht zum Mormonentum bergetreten, und der Oberlehrer Besenmeier hat Frulein Julie Frey geheiratet und steht, -- mit dem Grtel, mit dem Schleier reit der schne Wahn entzwei, -- frchterlich unter dem Pantoffel. Die Frau Rektor Dippelmann knpft noch wie immer alle Morgen ihrem Gemahl die Halsbinde um, steckt ihm das Butterbrot, in die gestrige Zeitung gewickelt, in die Rocktasche und sieht ihm stolz nach aus dem Fenster, wie er ber die Friedensbrcke nach dem Schimmelstdtischen Gymnasium wandelt. Und _Gustav_ und _Elise_? -- -- -- Ich werde nachher dieses Blatt der Chronik hinbertragen zu jener schnen ltlichen Frau in Nr. Zwlf der Sperlingsgasse, deren Fortepianoklnge sich schon den ganzen Nachmittag ber in meine Gedanken verwoben haben. Dann werden wir von _Gustav_ und _Elise_ sprechen! Am 14. Mrz. Hren Sie, Wachholder, sagte heute Strobel, mit den zusammengehefteten Bogen der Chronik aufs Knie schlagend, wenn Ihnen einmal Freund Hein das Lebenslicht ausgeblasen hat; irgend jemand unter Ihrem Nachla diese Bltter aufwhlt, und er sich die Mhe gibt, hineinzugucken, ehe er sie zu gemeinntzigen Zwecken verwendet, so wird er in demselben Fall sein, wie der alte Albrecht Drer, der ein Jagdbild lobte, aber sich zugleich beklagte: er knne nicht recht unterscheiden, was eigentlich die Hunde, und was die Hasen sein sollten. Sie wrfeln wirklich Traum und Historie, Vergangenheit und Gegenwart zu toll durcheinander. Teuerster, wer darber nicht konfus wird, der ist es schon! Und wenn Sie noch Ihre Bilder einfach hinstellten, wie ein alter, vernnftiger, gelangweilter Herr und Memoirenschreiber! Aber nein, da rennt Ihnen Ihr Mitarbeitertum der >Welken Bltter< zwischen die Beine, da putzen sie Ihre Erinnerungen auf mit dem, was Ihnen der Augenblick eingibt; hngen hier ein Glckchen an und da eins, und ehe man's sich versieht, haben Sie ein Ding hingestellt wie -- wie ein Gebude aus den bunten Steinen eines Kinderbaukastens. Das ist hbsch und bunt, aber -- es pat nichts recht zusammen, und wenn man es genau besieht -- puh! -- Nehmen Sie's nicht bel; aber manchmal gleicht Ihre Chronik doch dem Machwerk eines angehenden literarischen Lichts, das sich mit Rousseau getrstet hat: ^Avec quelque talent qu'on puisse tre n, l'art d'crire ne s'apprend pas tout d'un coup.^ Ich hatte dieser langen Rede des Karikaturenzeichners geduldig zugehrt, jetzt sagte ich, whrend ich erbost meine Pfeife ausklopfte: Sie haben vor einiger Zeit versprochen, ein Mitarbeiter meiner Chronik werden zu wollen, ich nehme Sie jetzt nach Ihrer so tief eingehenden Kritik sogleich beim Wort und -- lasse Sie mit Tinte, Feder und Papier allein, da Sie ihren Beitrag derselben auf der Stelle anhngen. Der einst Konfuswerdende mag auch von Ihnen etwas mit aufwhlen. Guten Abend! Der Karikaturenmaler lachte, sagte ^fiat^ und begann eine Feder zu schneiden, whrend ich Hut und Stock nahm und abzog mit dem Gefhl eines Menschen, der eine belebte Strae hinabzieht unter der festen berzeugung, da ihm hinten ein ungreifbares ellenlanges Band vom Vorhemd ber den Rockkragen baumelt. Und recht hat er doch! brummte ich, indem ich die Treppe hinabstieg. Wenn nur die Lise erst wieder da wre! Komm zurck, Schlingel von Gustav, und bringe sie mit, da Euer alter Onkel ruhig wieder an seinem Werke ^de vanitate^ weiter schreiben kann! Damit trat ich aus dem Hause und zog eben die Handschuhe an, als sich oben mein Fenster ffnete, der Karikaturenzeichner den Kopf heraussteckte und herunterrief: Hren Sie, alter Herr, ich kann Sie so nicht weggehen lassen -- ich habe Gewissensbisse und mu erst l in Ihre Wunden gieen! Hren Sie, meine Tante teilt die Bcher in zwei Arten: gute, ber welche sie nach Tisch einschlafen kann, und schlechte, bei denen das nicht geht. Ihre Chronik wrde sie unter die ersteren rechnen, wenn sie, aufgewhlt, ihr in die Hnde fallen sollte. Adieu! Ich wandte dem unverschmten Gesellen lachend den Rcken und marschierte ab. Am Abend. Ich bin zurckgekommen von meinem Spaziergang und sitze wieder allein und einsam vor den zerstreuten Bogen meiner Chronik. Der Karikaturenzeichner hat wirklich ein Blatt vollgekritzelt, alle meine Federn verdorben, einen Tintenklex auf dem Fuboden gemacht, meinen Siegellackvorrat zerbissen, zerdreht und zerbrochen und -- eine Ecke von meinem Schreibtisch abgeschnitzelt. -- Er hat mir fast die Fortsetzung der Aufzeichnung meiner Phantasien verleidet, und es war doch so s, wenn der Blick an irgend einen Gegenstand meines Zimmers, dort an jenes kleine leere Messingbauer, an jenen Sessel vor dem Nhtischchen, an ein altes Blatt, eine vertrocknete Blume, eine bunte Zeichnung in meiner Mappe sich fest hing, und allmhlich eine Erinnerung nach der andern aufstieg und sich blhend und grnend darumschlang. Wir sind doch trichte Menschen! Wie oft durchkreuzt die Furcht vor dem Lcherlichwerden unsere innigsten, zartesten Gefhle! Man schmt sich der Trne und -- spottet; man schmt sich des frhlichen Lachens und -- schneidet ein langweiliges Gesicht; die Tragdien des Lebens sucht man hinter der komischen Maske zu spielen, die Komdien hinter der tragischen; man ist ein Betrger und Selbstquler zugleich! -- Mit einem Kinderbaukasten verglich Strobel diese bunten Bltter ohne Zusammenhang? Gut, gut, -- mag es sein, -- ich werde weiter damit spielen, weiter lustige, tolle Gebude damit bauen, da _die_ fern sind, welche mir die farbigsten Steine dazu lieferten? Ich werde von der Vergangenheit im Prsens und von der Gegenwart im Imperfektum sprechen, ich werde Mrchen erzhlen und daran glauben, Wahres zu einem Mrchen machen, und zuerst die bekritzelten Bltter des Meisters Strobel der Chronik anheften! Hier sind sie: #Strobeliana# 3 Uhr. Ich habe mir eine Zigarre angezndet, den Bogen neben mich ins Fenster gelegt und beginne meine Beobachtungen. Zuerst bringe ich zu Papier natrlich das Wetter: das holdseligste Himmelblau, den prchtigsten Sonnenschein. Htte ich nur einen Funken poetischen Feuers in mir, so wrde ich mir beide durch ein junges, schnes Paar personifizieren, welches da hoch oben im Himmelszelt auf seinem weien, weichen Wolkendivan tndelt und kost und total vergessen hat, da noch so viel hunderttausend deutsche Hausfrauen auf -- Mrzschnee warten zum Seifekochen! Wahrhaftig, da ist ja eine Fliege! Welch ein Fund fr einen Chronikschreiber! Summend stt sie gegen die sonnenbeschienenen Scheiben, die wir schnell schlieen wollen, um das arme Tierchen zu seinem Besten vor dem heuchlerischen Frhling da drauen zu bewahren. Sie scheint auch jetzt ihre Torheit einzusehen, sie lt ab und umfliegt mich. Halt, jetzt setzt sie sich auf meine Knie, nach mehreren vergeblichen Angriffen auf meine Nasenspitze; sie nimmt den Kopf zwischen beide Vorderbeine, kratzt sich hinter den Ohren und -- -- -- kleiner ...! -- Dahin geht sie, eine Spur hinterlassend auf meinem Knie und -- in der Chronik der Sperlingsgasse. Ich wollte, es gbe ein Sprichwort: Schmt Euch vor den Fliegen an der Wand. Um wie viel menschliche Tollheiten und Torheiten schnurren diese winzigen Flgelwesen. Wer wei, was der Punkt, den der kleine Tourist da eben niedergelegt hat, eigentlich bedeutet? Wer wei, ob es nicht ein deponiertes Tagebuch ist, voll der geistreichsten Bemerkungen; ein Tagebuch, das man nur aufzurollen und zu entziffern brauchte, wie einen gyptischen Papyrus um wunderbare, unerhrte Dinge zu erfahren. Welch eine Revolution wrde es hervorbringen, wenn dem so wre; wenn man sich vor den Fliegen an der Wand schmen mte! Wie wrden die Fliegenklatschen in Gang kommen. Arme Fliegen! Kein redlicher Greis in gestreifter kalmankener Jacke wrde euch mehr verschonen zur Wintergesellschaft. Wie den Vogel Dudu wrde man euch ausrotten, und hchstens -- einige in Uniform gesteckt, mit einer Kokarde auf jedem Flgel, als Regierungsbeamte besolden. Es wre schrecklich, und ich breche ab. -- 3 Uhr. -- Welche Reisegedanken dieser blaue Himmel schon wieder in mir erweckt! An solchen Vorfrhlingstagen, wo der Geist die Last des Winters noch nicht ganz abgeschttelt hat, ist's, wo die Sehnsucht nach der Ferne uns am mchtigsten ergreift. Es ist ein sonderbares Ding um diese Sehnsucht, die wir nie verlieren, so alt wir sein mgen. Da zupft etwas an unserem tiefsten Innern: Komm heraus, komm heraus, was sitzest du so still, du Tor, und hltst Maulaffen feil? Hier findest du nicht, worber du grbelst, wonach du dich sehnst, ohne es zu kennen. Sieh, wie blau, wie duftig die Ferne! Viel, viel weiter liegt's! Komm heraus, heraus! Bah, diese blaue, duftige Ferne; wie oft hab' ich mich von ihr verlocken lassen. Die Erde lt uns ja nicht los; wir sind ihre Kinder, und sie ist nichts ohne uns, wir nichts ohne sie. -- Folge jetzt der lockenden Stimme, deine Fe werden schon in dem weichen Boden versinken; nrrische Sprnge wirst du mit den Erdklen an den Stiefeln machen! Fhle, da zur Zeit, wo die Sehnsucht am strksten ist, auch die Fesseln am strksten sind; kehre um, ziehe Pantoffeln an und nimm die gestrige Zeitung vor die Nase: das Glck liegt nicht in der Ferne, nicht ber dem wechselnden Mond! -- 3 Uhr. -- Da hre ich eben unten in der Gasse eine merkwrdige Redensart aus dem Munde eines Tagelhners, der einen andern, sehr belgelaunt Aussehenden, mit den Worten auf die Schulter klopft: Man mu nie verzweifeln; kommt's nicht gut, _so kommt's doch schlecht heraus_! In demselben Augenblick ffnet sich nebenan ein Fenster. Eine beschmierte rote Sammetmtze auf einem Wald schwarzer Haare beugt sich hervor; es ist mein wrdiger Freund ^Monsieur Anastase Tourbillon^, seines Zeichens ein franzsischer Sprachlehrer. Er scheint die Redensart drunten auch gehrt und -- verstanden zu haben und ghnt: ^Ah, ouf, quelle bte allemande! Eh vogue la galre, jusqu' la mort tout est vie!^ Da habt ihr die beiden Nationen und ...... Wetter! -- da gebe ich nicht acht und -- meine Fliege von vorhin entschlpft summend aus dem wiedergeffneten Fenster! Nie mehr wird sie wieder meinen Freund Wachholder umschwirren, nie mehr auf dem Rande der Zuckerdose umherspazieren oder gegen die Scheiben stoen! Sie hat, was sie wollte -- unbegrenzte Freiheit, aber ach -- heute Abend -- keinen warmen Ofen mehr, sich daran zu wrmen; in den Rinnsteinen der Sperlingsgasse fliet weder Milch noch Honig! -- Verflucht sei die Freiheit! Amen! -- 3 Uhr. Die meisten Dichterwerke der neuesten Zeit gleichen dem Bild jenes italischen Meisters, der seine Geliebte malte als Herodias, und sich in dem Kopfe des Tufers auf der Schssel portrtierte. Da pinseln uns die Herren ein Weibsbild, Tendenz genannt, hin, welches anzubeten sie heucheln, und welches auf dem Prsentierteller, hochachtungsvoll und ergebenst, uns das verzerrte Haupt des werten Schriftstellers selbst berreicht. Die Ntzlichkeit solchen Treibens lt sich nicht abstreiten, also -- nur immer zu! -- Wie komm' ich _darauf_. -- 4 Uhr. -- Es ist merkwrdig; seit ich dieses Blatt bemale, ist dieselbe Traumseligkeit ber mich gekommen, welche dieser Chronik ein so zerfetztes, zerlumptes Ansehen gegeben hat. Wachholder hat recht, es ist ein eigentmlich behagliches Gefhl, seinen Gedankenspielen sich so ganz und gar hinzugeben, ohne sich Geist-herausqulend im Kreise zu drehen, wie ein hartleibiger Pudel. Wo war ich eben, als das Kindergeschrei drunten auf der Strae mich aufweckte? Ich will es versuchen, es der Chronik einzuverleiben, worin zugleich fr meinen ehrenwerten Freund Wachholder die grte Genugtuung fr meine vorigen Reden liegen wird. Es war an einem Sonntagmorgen im Juli, als ich auf braunschweigschem Grund und Boden am Uferrand der Weser lag und hinberblickte nach dem jenseitigen Westfalen. Frh vor Sonnenaufgang war ich, ber Berg und Tal streifend, mit dem ersten Strahl im Osten, in ein gleichgltiges Dorf hinabgestiegen. Ich hatte Kaffee getrunken unter der Linde vor dem Dorfkrug, hatte behaglich das Treiben des Sonntagsmorgens im Dorf belauscht und andchtig der kleinen Glocke zugehrt, die in dem spitzen, schiefergedeckten Kirchturm lutete. Manchem hbschen, drallen, niederschsischen Mdchen, das sich ber den sonderbaren, pltzlich ins Dorf geschneiten Fremdling wunderte, hatte ich lchelnd zugenickt; ich hatte Bekanntschaft mit der gesamten Kinder-, Hhner-, Gnse- und Entenwelt des Krugs gemacht, dem weien Spitz den Pelz gestreichelt und manche Frage ber Woher und Wohin beantwortet. Mit meinem Wirt (der zugleich Ortsvorsteher war) hatte ich das Bienenhaus besucht; darauf die Gemeinde, den Kantor und Pastor in die Kirche gehen sehen, und hatte mich zuletzt allein im Hofe unter der Linde gefunden, nur umgeben von der quakenden, piepsenden, geflgelten Schar des Federviehs. Aus diesem ^dolce far niente^ hatte mich pltzlich das Schreien eines Kindes aufgeschreckt. Es drang aus dem Haus hinter mir und bewog mich, aufzustehen und in das niedere, vom Weinstock umsponnene Fenster zu sehen. Eine alte Frau war eben beschftigt, einen widerspenstigen, heulenden, strampelnden Bengel von vier Jahren mit Wasser, Seife und einem wollenen Lappen tchtig zu waschen, welcher Prozedur drei bis vier andere kleine Blaen angstvoll zusahen, wartend, bis die Reihe an sie kommen wrde. Nun, Mutter, sagte ich, mich auf die Fensterbank lehnend; und Ihr seid nicht in der Kirche? Die Alte sah auf und sagte lachend: Et geit nich immer; ek mott dsse lttgen Panzen waschen und antrecken -- Herre -- Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch! Ich nahm den Hut ab und trat unwillkrlich einen Schritt zurck. Welch eine wunderbar schne Predigt lag in den fnf Worten des alten Weibes! Eine Schwalbe beschrieb eben ihren Bogen um mich, ihrem Neste unter dem niedrigen Dachrande zu, und klammerte sich, ihre Beute im Schnabel, an die Tr ihrer kleinen Wohnung, begrt von dem jubelnden Gezwitscher der federlosen Brut. Ich konnte der alten Frau kein Wort mehr sagen. Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch! murmelte ich leise, zu meinem Tisch unter der Linde zurckgehend. Ich ri ein Blatt aus meiner Brieftasche, schrieb darauf: Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch, und zog es mit einem Strau Waldblumen unter das Hutband. Trumend schritt ich dann durch die Tr des Dorfkirchhofs, vorber an den bunten, geputzten Grbern, zu dem offenen Kirchtor (auf dem Lande braucht der Protestantismus seine Kirchen whrend des Gottesdienstes noch nicht zu schlieen) und lehnte andchtig an der Esche davor. Mit groer Freude hrte ich, wie der junge Pastor eine Gellertsche Fabel in das Gleichnis aus dem fernen Orient schlang; whrend die Schwalben in dem heiligen Gebude hin und her schossen, und ein verirrter Schmetterling seinen Weg durch die geffnete Kirchtr eben wieder zurckfand. Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch! rief ich, ber die niedere Mauer in das freie Feld springend, und durch die gelben Kornwogen mit ihrem Kranz von Flatterrosen am Rande, der Weser zuwandernd. Da hatte ich mich ins Gras unter einen Weidenbusch geworfen und trumte in das Murren des alten Stromes neben mir hinein; whrend drben im katholischen Lande eine Prozession singend den Kapellenberg zu dem Marienbild hinaufzog, und hinter mir die protestantischen Orgeltne leise verklangen. Welch ein wundervoller, blauer, lchelnder Himmel ber beiden Ufern, ber beiden Religionen, welch eine wogende Gefhlswelt im Busen, anknpfend an die fnf Worte der alten Buerin! Ich war damals jnger als jetzt und legte das Gesicht in die Hnde: Nenn's Glck! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen Dafr! Gefhl ist alles -- -- -- -- Ein nher kommender Gesang weckte mich pltzlich; ich blickte auf. Brausend und schnaufend, die gelben Fluten gewaltig peitschend, kam der Hermann die Weser herunter. Der Kapitn stand auf dem Rderkasten und griff grend an den Hut, als das Schiff vorbeischo. Hunderte von Auswanderern trug der Dampfer an mir vorber, hinunter den Strom, der einst so viele Rmerleichen der Nordsee zugewlzt hatte. Ein Mnnerchor sang: Was ist des Deutschen Vaterland, und die alten Eichen schienen traurig die Wipfel zu schtteln; sie wuten keine Antwort darauf zu geben, und das Schiff flog weiter. Die Weser trgt keine fremden Leichen mehr zur Nordsee hinab; wohl aber murrend und grollend ihre eigenen unglcklichen Shne und Tchter! -- Ich verlie meinen Ruheplatz und ging durch den Buchenwald den nchsten Berg hinauf bis zu einer freien Stelle, von wo aus der Blick weit hinausschweifen konnte ins schne Land des Sachsengaus. Welch eine Scholle deutscher Erde! Dort jene blauen Hhenzge -- der Teutoburger Wald! Dort jene schlanken Trme -- die groe germanische Kultursttte, das Kloster Corvey! Dort jene Berggruppe -- der Idth! ^cui Idistaviso nomen^ sagt Tacitus. Ich bevlkerte die Gegend mit den Gestalten der Vorzeit. Ich sah die achtzehnte, neunzehnte und zwanzigste Legion unter dem Prokonsul Varus gegen die Weser ziehen und lauschte ihrem fern verhallenden Todesschrei. Ich sah den Germanicus denselben Weg kommen und lauschte dem Schlachtlrm am Idistavisus; bis der groe Arminius, der ^turbator Germaniae^ durch die Legionen und den Urwald sein weies Ro spornte, das Gesicht unkenntlich durch das eigene herabrieselnde Blut, geschlagen, todmde. Ich sah, wie er die Cheruska von neuem aufrief zum neuen Kampf gegen die ^urbs^; wie das Volk zu den Waffen griff: ^pugnam volunt, arma rapiunt; plebes, primores, juventus, senes^! Aber wo ist denn die Puppe? kam mir damit pltzlich in den Sinn. Ich schleuderte den Tacitus ins Gras, stellte mich auf die Zehen, reckte den Hals aus, so lang als mglich, und schaute hinber nach dem Teutoburger Walde. Da eine vorliegende Bergdruffel (wie Joach. Heinr. Kampe sagt) mir einen Teil der fernen blauen Hhen verbarg, gab ich mir sogar die Mhe, in eine hohe Buche hinaufzusteigen, wo ich auch das Fernglas zu Hilfe nahm. Vergeblich; -- nirgends eine Spur vom Hermannsbild! Alles, was ich zu sehen bekam, war der groe Christoffel bei Kassel, und mit einem leisen Fluch kletterte ich wieder herunter von meinem luftigen Auslug. Hatte ich aber eben einen leisen Segenswunsch von mir gegeben, so lie ich jetzt einen um so lauteren los. Ich sah schn aus! Das hat man davon, brummte ich, whrend ich mir das Blut aus dem aufgeritzten Daumen sog, das hat man davon, wenn man sich nach deutscher Gre umguckt: einen Dorn stt man sich in den Finger, die Hosen zerreit man, und zu sehen kriegt man nichts als -- den groen Christoffel. rgerlich schob ich mein Fernglas zusammen, steckte den Tacitus zurck in die Tasche und ging hinkend den Berg hinunter, wieder der Weser zu. rgerlich warf ich mich, am Rande des Flusses angekommen, abermals ins Gras. Was hatte sich alles zwischen die gefhlsselige Stimmung von vorhin und den jetzigen Augenblick gedrngt! Der Himmel war noch ebenso blau, die Berge noch ebenso grn, der Papierstreifen von vorhin steckte noch neben den Waldblumen an meinem Hute, und doch -- wie verndert blickte mich das alles an! Htte das Dampfschiff mit seinen Auswanderern nicht spter kommen knnen, da es doch sonst immer lange genug auf sich warten lt! Htte ich Narr nicht unterlassen knnen, nach dem Hermannsbild auszuschauen? Wie ruhig knnte ich dann jetzt im Grase meinen Mittagsschlaf halten, ohne mich ber den groen Christoffel, den so viele brave Katten mit ihrem Blute bezahlt haben, zu rgern! -- Ich versuchte mancherlei, um meinen Gleichmut wieder zu gewinnen; ich kitzelte mich mit einem Grashalm am Nasenwinkel, ich portrtierte einen dicken, gemtlichen Frosch, der sich unter einem Klettenbusch sonnte, -- es half alles nichts! -- Der Dmon Mimut lie mich nicht los, wtend sprang ich auf, schrie: Hole der Henker die Wirtschaft! und marschierte brummend auf Rhle zu -- -- -- -- -- -- Wetter, was ist das fr ein Lrm in der Sperlingsgasse?! Heda, -- da ist ein Hundefuhrwerk in einen Viktualienkeller hinabgepoltert, und ich -- ich, der Karikaturenzeichner Ulrich Strobel, sitze hier und schmiere Unsinn zusammen! Hol' der Henker auch die Chronik der Sperlingsgasse! -- Adieu, Wachholder! Am 21. Mrz. Abend. Es gibt ein Mrchen -- ich wei nicht, wer es erzhlt hat -- von einem, der nach groem Unglck sich wnschte, die Erinnerung zu verlieren, und dem in einer dunkeln Nacht sein Wunsch gewhrt ward. Er empfand von da an keinen Schmerz, keine Freude mehr; er verlernte zu weinen und zu lachen; es ward ihm einerlei, ob er Blumenknospen oder Menschenherzen zertrat: alles das hbsche Spielzeug, welches das Leben seinen Kindern mitgibt auf ihrem Wege von der Wiege bis zum Grabe, zerbrach ihm in den Hnden mit der Erinnerung. Das ist eine schreckliche Vorstellung! Ihr Weisen und Prediger der Vlker, nicht der Gedanke an Glck oder Unheil in der Zukunft ist's, der liebevoll, rein, heilig macht; nie ist dieser Gedanke rein von Egoismus, und ber jede Blte, die das Menschenherz treiben soll, legt er den Mehltau der Selbstsucht: die wahre, lautere Quelle jeder Tugend, jeder wahren Aufopferung, ist die traurig se Vergangenheit mit ihren erloschenen Bildern, mit ihren ganz oder halb verklungenen Taten und Trumen. Wer knnte ein Kind beleidigen, der daran denkt, da er einst selbst sich an die Mutterbrust geschmiegt, da ein Mutterauge auf ihn herabgelchelt hat? Die Erinnerung ist das Gewinde, welches die Wiege mit dem Grabe verknpft, und mag das dunkle stachlichte Grn des Leidens, des Irrtums, noch so vorwaltend sein; niemals wird's hier und da an einer hervorleuchtenden Blume fehlen, bei welcher wir verweilen und flstern knnen: Wie lieblich und heilig ist diese Sttte! Ich habe meine kleine Lampe angezndet und trume wieder ber den Blttern meiner Chronik. Das, was die ltliche, freundlich-schne Frau, die mir heute den Strau junger Veilchenknospen herberbrachte, auf den Wogen ihrer Melodien sich schaukeln lt, kann ich ja nur auf diese Weise festhalten. -- Ich habe bis jetzt Bilder gezeichnet aus unserer Kinder Kinderleben, heute will ich ein andres farbiges Blatt malen, wie ein Zauberspiegel voll blhenden Lebens, voll sen Flsterns, voll trumenden Sehnens und lchelnden Trumens, -- ein einziges Blatt aus der vollen Pracht des Herzensfrhlings, ein einziges Blatt aus der Zeit der jungen Liebe! O, da sie ewig grnen bliebe, Die schne Zeit der jungen Liebe! sang der Dichter, und berall treffen wir den Spruch an auf Kaffeetassen, in Stammbchern und auf Pfeifenkpfen. Das soll kein Spott sein! Was das Volk erfat hat, will es auch vor sich sehen, es spielt mit ihm, es spricht den gereimten Gedanken, den es zu seinem Eigentum gemacht hat, oft zwar mit einem Lcheln auf den Lippen aus, aber es trgt ihn darum doch tief im Herzen. Das Volk steigt nicht zu dem Wahren und Schnen hinauf, sondern zieht es zu sich herab; aber nicht, um es unter die Fe zu treten, sondern um es zu herzen, zu liebkosen, um es im ewig wechselnden Spiel zu drehen und sich ber seinen Glanz zu wundern und zu freuen. ber der Wiege des ewigen Kindes Menschheit schweben die guten Genien, die groen Weltdichter, schtten aus ihren Fllhrnern die goldenen Weihnachtsfrchte herab und sind mit ihren Wiegenliedern stets da, wenn hliche, schwarze Kobolde erschreckend dazwischen gelugt haben. Schn ist die Zeit der jungen Liebe! Sie ist gleich der Morgendmmerung, wo der Himmel im Osten leise sich rtet, wo Knospen, Blumen und alles Leben dem kommenden Tage in die Arme schlummern, und nur hin und wieder eine Lerche, den Tau von den Flgeln schttelnd, jubelnd, glckverkndend emporsteigt. Noch bedeckt der Nebelduft zauberhaft, geheimnisvoll alle Abgrnde und den Stellen des Lebens; die jungen Herzen glauben nur Blumen und flatternde Schmetterlinge und bunte nesterbauende Vglein unter dem Schleier der Zukunft verborgen. Ses Geliebtsein, seres Leben! hat ein anderer Dichter einmal ausgerufen, und ich, ein alter, einsamer Mann, bedecke die Augen mit der Hand, denke an die Grber auf dem Johanniskirchhof, denke an den Stern meiner Jugend: Maria! -- -- -- -- -- -- -- -- Wrde ich diese Erinnerung mit all ihrem Schmerz fr der ganzen Welt Macht, Reichtum, Weisheit lassen? -- -- -- -- Ich glaube nicht. -- Der Mond kommt wieder hervor ber die Dcher und vermischt sein weies Licht mit dem kleinen Schein meiner Lampe; ber und durch den alten immergrnen Efeu aus dem Ulfeldener Walde schiet er seine blanken Strahlen, seltsame Schatten auf den Fuboden und an die Wnde werfend. Mit sich bringt er das heutige Blatt der Chronik der Sperlingsgasse. * * * * * Dort auf dem Sthlchen im Fenster zeichnet sich die feine, liebliche Gestalt Elisens dunkel in der Monddmmerung eines lange vergangenen Abends ab; whrend auf einem anderen Stuhl niedriger neben ihr eine andere Gestalt sitzt. Was haben die beiden so heimlich, so leise sich zuzuraunen, was haben sie zu kichern? Ein Garnknuel, der von Lischens Nhtisch fllt und, ber den Boden rollend, um Stuhl- und andere Beine sich schlingt, ein verirrter Nachtschmetterling, eine vorbeischieende Fledermaus, ein Ball, welcher von der Strae ins Zimmer fliegt und ber dessen Herausgabe Gustav mit dem unvorsichtigen Besitzer kapituliert, alles, alles wird in dieser Mondscheindmmerung zu einem Mrchen, zu einem Traum. Ist nicht die Dmmerung die Zeit der Mrchen; ist nicht die Zeit der jungen Liebe die Zeit des Traums? -- Liebe kleine Elise! flstert Gustav, in das mondbeglnzte zu ihm sich herabbeugende Gesicht schauend. Lieber groer Junge! lchelt Elise, indem sie dem vormaligen Taugenichts der Gasse die Locken aus der Stirn streicht. Sie sagen einander weiter nichts, aber diese abgebrochenen Worte enthalten alles, was das Menschenherz in seinen heiligsten Augenblicken bewegt. Ich liebe Dich so! flstert Gustav wieder, worauf Elise nichts erwidert, sondern den Kopf in die Bltter ihres Efeus verbirgt. Der Mond kann sich in diesem Augenblick wahrscheinlich in einem flimmernden Perlentrpfchen, das in einem blauen Auge hngt, spiegeln, und als das Kpfchen sich wieder erhebt aus dem grnen Bltterwerk, ist an Gustav die Reihe, Elise die Locken aus der Stirn zu streichen. Sieh, wie der Mond da oben schwimmt, sagt Elise. Warum macht er uns oft so tiefes Heimweh, als ob wir hier auf der Erde gar nicht recht zu Hause wren, Gustav? Sieh, da ist nur noch ein einziger kleiner Stern, mutterseelenallein, wie ein goldener Funken. Sieh, -- rechts vom Monde! Ich sehe noch zwei! sagt Gustav. Ganz nah', und habe darum auch gar kein Heimweh und -- willst Du wohl wieder die Augen aufmachen, Blondkopf! -- Sieh, das hast Du davon; was ich noch Weises sagen wollte, hab' ich nun rein vergessen! Dann war's gewi eine Lge, Braunkopf! meint Elise lachend. Und nun steh' auf, der Onkel und die Tante sitzen da den ganzen Abend im Dunkeln; -- es ist sehr unrecht, da wir uns gar nicht um sie bekmmern. Komm, wir mssen wirklich zusehen, ob sie nicht eingeschlafen sind. Gewi waren sie nicht eingeschlafen. Nur das Spinnrad der alten Martha hatte aufgehrt zu schnurren, und schlummernd sa sie in ihrem Winkel. Soll ich Euch Licht anznden, oder -- sollen wir wieder einmal einen Mondscheingang machen? fragt Elise, mir den Arm um die Schulter legend. _Euch_? fragt die Tante Helene. Warum denn nur >_Euch_< Licht anznden? Das will ich Dir sagen, Mama, mischt sich Gustav ein. Du kannst bekanntlich keine Muse _sehen_, und da es seit einiger Zeit hier beim Onkel Wachholder ordentlich von ihnen wimmelt, so sind wir Deinetwegen so aufopfernd, im Dunkeln zu sitzen. Waren das etwa Muse, was wir da am Fenster knuspern und pispern hrten? frage ich. Ich habe nichts gehrt! sagt Lischen treuherzig, whrend Gustav: Versteht sich! ruft und den Inhalt eines Obstkrbchens in seine Tasche ausleert. Was machst Du da, Museknig? fragt seine Mutter. Ich verproviantiere mich zu unserer Mondscheinfahrt, Mama; Lischens Frage war natrlich hchst berflssig. Da, Lise, nimm den Rest -- ich kann nicht mehr lassen. Elise lt sich das nicht zweimal sagen und scheint in der Tat ihre Frage fr unntig zu halten. Nach einigen Einwendungen der Tante wegen kalter Abendluft usw. machen wir uns auf, hinaus in die Sommermondscheinnacht! Die scharfen Schatten auf dem Pflaster und an den Huserwnden, das Glitzern der Fensterscheiben, die ziehenden, beleuchteten Wolken am dunkeln Nachthimmel, die flsternden Gruppen in den Haustren und an den Straenecken, alles wird nun zu einem Bild fr Gustav, zu einem Mrchen fr Elise. Da beleben sich die Straen, Gassen und Pltze mit den wundersamsten Gestalten; auf den Ecksteinen lauern, zusammengekauert, grimmbrtige Kobolde; aus den dunkeln Torwegen der alten Patrizierhuser treten seltsame Gesellen mit nickenden Federn und weiten Mnteln, und schne Damen besteigen weie Zelter, in die Nacht davonreitend; Sldner im Harnisch, die Partisanen auf den Schultern, ziehen ber den Markt; Prozessionen vermummter Mnche winden sich langsam aus dem Domportal, und alles liegt morgen, in den hbschesten Skizzen festgebannt, auf Elisens Nhtischchen oder treibt sich auf dem Fuboden umher. Natrlich sind Gustav und Elise uns immer einige Schritte voraus, und nur von Zeit zu Zeit kann ich abgerissene Stze ihrer Unterhaltung erfassen. Ich denke an Paul und Virginie unter den Palmbumen von ^Isle de France^; ich denke an die beiden seren Gestalten des deutschen Mrchens, an Jorinde und Joringel, von denen es heit: Sie waren in den Brauttagen, und sie hatten ihr grtes Vergngen eins am andern. -- Nachdem wir manche Strae durchstreift und vor dem erleuchteten Opernhause die ein- und ausstrmende Menge, die harrenden Equipagen, die Blumen und Zuckerwerk verkaufenden Kinder betrachtet haben, finden wir uns zuletzt auf dem Schloplatz, an dem Becken des lustig im Mondschein sprudelnden Springbrunnens zusammen. Von den Rasenpltzen bringt ein warmer Luftzug den Duft der Nachtviolen, der Hollunder- und Goldregenbsche zu uns herber; am sdlichen Himmel wetterleuchtet eine dunkle Wolke prchtig in die Mondnacht hinein, und neben uns pltschert und murmelt -- als wolle er sich selbst in den Schlaf sprechen -- der Springbrunnen. Es ist eine herrliche Sommernacht! Woran denkt Elise? Wie nachdenklich sie, das Kinn in die Hand gelegt, dem schwatzenden Wasserspiel zuschaut! Lischen, woran denkst Du? fragt die Tante Helene. Ihr wrdet lachen, antwortet Elise. Es ist ein Traum und ein Mrchen. Erzhlen! erzhlen! ruft Gustav, den Arm ihr um die Hfte legend. * * * * * Was soll ich anfangen heute an diesem einsamen Abend? ich ergreife ein Heftchen von blarotem Papier, bedeckt mit mdchenhaft zierlichen Schriftzgen, durchwoben mit hbschen feinen Federzeichnungen. Da ist's! So erzhlte Elise an jenem fernen Abend, als der Brunnen neben uns pltscherte: Ich sa neulich des Abends ganz allein. Du warst ausgegangen, Onkel; Gustav war am Morgen schon mit seiner groen Mappe abgezogen, um Bume und Bauernhuser zu zeichnen; wo die Tante war, wei ich nicht; kurz, ich war mutterseelenallein, und nur mein guter, dicker Kater schnurrte auf der Fubank neben mir und putzte sich den Schnauzbart. Ich hatte eine Menge Augen an meinem Strickzeug fallen lassen und durchaus keine Lust, sie wieder aufzunehmen. So schrob ich denn die Lampe tief herunter und blickte aus dem Fenster in den Mond, der nicht ganz so voll wie heute ber die Dcher und Schornsteine heraufkam. Es war ganz dmmerig in der Stube, und nur zuweilen tanzte ein Lichtschein aus den Fenstern drben ber die Wnde. Da pltzlich war der Mond hoch genug gestiegen, ein glnzender lustiger Strahl scho wie ein weier Blitz ber meinen Topf mit Nachtviolen und ein Glas mit Waldblumen, welches neben mir stand und -- mit ihm kam mein Mrchen oder mein Traum. Es war zu hbsch! -- Zuerst guckte ich eine ganze Weile in die glnzende Strae auf dem Boden, die immer weiter rckte, als -- auf einmal -- Ihr glaubt's gewi nicht, -- der ganze Strahl von unzhligen, kleinen, zierlichen, durchsichtigen Flgelgestalten lebte, die darin auf- und abschwebten und durch ihren Glanz selbst die Bahn bildeten. Halb erschrocken und halb erfreut, sah ich diesem wundersamen Weben zu, als pltzlich das Blumenglas im Fenster einen schrillen, langanhaltenden Ton, wie er entsteht, wenn man mit dem Finger um den Rand eines Glases streicht, von sich gab. Das Wasser darin hob und senkte sich, blitzte, funkelte und bewegte die Waldrosen hin und her; die Blten der Nachtviolen ffneten sich, und aus jeder schwebte ebenfalls ein zierlich geflgeltes Wesen, fast noch feiner als die Lichtgeisterchen. Nach allen Seiten flatterten sie, den kstlichsten Duft verbreitend. Whrenddessen tnte der schrille Ton des Glases fort, bis er mit einem Male aufhrte, gleich einem Faden durchschnitten, worauf eine tiefe Stille eintrat. -- Jetzt hatte der Mondstrahl Deinen Schreibtisch erreicht, Onkelchen; das kleine Geistervolk tanzte lustig ber Deinen Bchern und Papieren, und soweit hatte ich mich schon von meiner Verwunderung erholt, da ich herzlich ber die sonderbaren Kapriolen einiger der winzigen Dingerchen lachen konnte, die auf alle Weise sich bemhten, in unser groes Tintenfa zu gucken, ohne den Mut zu haben, sich in die Nhe zu wagen. Andere wieder schwebten ber den Federn, und noch andere machten sich um einen recht dicken, abscheulichen Tintenklecks zu schaffen, welcher nicht trocknen wollte; sie schienen ihm das Lebenslicht mit aller Macht ausblasen zu wollen. Ich wei nicht, wie lange ich diesen zauberischen Wesen zugesehen hatte, als eine Menge feiner Stimmchen: Folge! folge! rief, und ich, immer kleiner werdend, endlich selbst als ein solches geflgeltes Figrchen in den Tanz gezogen wurde und mit den Geistern des Mondlichts und den Duftgeistern der Waldblumen und der Nachtviolen langsam dem Fenster zuschwebte. Denn wie der Mond noch hher stieg, zog sich auch der Strahl mit seinen glnzenden Bewohnern wieder zurck und lief hinab an der Hauswand, um in die Gasse hinunter zu steigen. -- Ich hatte durchaus keine Furcht, trotzdem da es da drauen wie eine verzauberte Welt war. -- Die ganze Gasse war ein Gewirr von Tnen und Licht, und nichts von dem Leben und Weben des Geistervolks war mir mehr verborgen, und von Geistervolk lebte und webte alles! Dabei hatte ich auch nicht die Fhigkeit verloren, die grbere, gewhnliche Welt zu schauen und zu vernehmen; ich kannte und belauschte die Leute in den Haustren, die Kinderkpfe in den Fenstern, die schlafenden Sperlinge und Schwalben in ihren Nestern; es war wunderhbsch! -- Jetzt zog der Strahl mit seinen Bewohnern schrg ber unsere Wand fort und glitt auf die Fenster unserer Nachbarn zu. Halb zehn Uhr hrte ich's schlagen, als der Reigen vor dem Fenster der armen Frau Nudhart, die mit ihrem kranken Kind da wohnt, ankam, und zitternd ber einen knospenden Rosenbusch in das kleine Zimmer glitt. Leise singend schwebten die Geisterchen des Lichts, und ich mit ihnen, ber den Fuboden hin, jagten sich um den Schatten des Rosenbusches auf dem Boden, kten das bleiche Kindergesicht auf dem Bettchen und die ebenso bleichen Zge der darber hingebeugten, armen, sorgenvollen Mutter. Wir bringen Hoffnung, wir bringen Genesung, wir bringen Leben! flsterten die Geister. Das kranke Kind legte seine mageren Hndchen lchelnd in den zitternden Strahl auf seinem Kissen. Wir bringen Hoffnung Genesung, wir bringen Leben, sang ich mit im Chor, und fast widerstrebend folgte ich dem zurckweichenden Strahl. Noch einen letzten Blick konnte ich zurck ins Zimmer werfen, und im nchsten Augenblick schwebte ich schon wieder in der Gasse. Die Tante aber mute jetzt wohl nach Haus gekommen sein, denn pltzlich mischten sich die Tne ihres Flgels in den Reigen; ich hrte, wie der alte Marquart drunten vor seinem Keller die Jungen zur Ruhe ermahnte. Aber mein Abenteuer war noch nicht zu Ende. Wir waren jetzt vor dem Fenster des ersten Stockes unseres Nachbarhauses; ein heller Lampenschein drang aus dem Zimmer hervor, und ber ein Glas mit Goldfischen und das Strickzeug in den Hnden der Frau Hofrtin Zehrbein schwebten wir hinein, lustig und glnzend, ohne eine Ahnung des Schrecklichen, welches uns bevorstand. Mein Frulein, lispelte eine Stimme, in deren Inhaber ich den Assessor Kluckhuhn erkannte. Mein Frulein, inkommodiert Sie diese abominable schwle Luft nicht zu sehr, bitte, so lassen Sie uns noch einmal jene kstliche Barcarole aus Hayde hren. -- Um Gottes willen! dachte ich, aber schon war's zu spt, meinen winzigen Begleitern das Drohende mitzuteilen und zu schneller Flucht zu raten; schon hatte Eulalia begonnen: Das Lido-Fest ist heute Lust und Vergngen ringsum lchelt ... Entsetzen fate die Geisterschar; ihre schillernden, glnzenden Farben verblichen; von dem Resonanzboden des chzenden Musikkastens (wie Gustav sagt), und zwischen den Lippen der Sngerin entwickelte sich eine migestaltete Gnomenschar, die, gespenstisch kreischend und jammernd, sich in der Luft berstrzte und berschlug und grimmig ber die Geister des Lichts herfiel. Es war schrecklich! Schon fhlte ich mich von einem koboldartigen ^C^, welches mich an dem Halse gepackt hielt, halb erdrosselt, und zappelte wie eine unglckliche Mcke in den Krallen der Spinne; da -- erhob sich die Frau Hofrtin; die weie Gardine sank herab: wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es mich und das ganze Heer des Lichts! Gerettet! -- An der Auenseite des Tuchs hing der Strahl mit seinen Kindern, bleich und angegriffen; drinnen aber tnte es fort: Ein schner Herr, ein holder Jngling, Mit mildem, liebendem Aug', Umflattert mich, mit schmeichelnder Zunge! ... Schnell und schneller sank jetzt der Strahl herab, und eben berhrte er die Erde, da -- erwachte ich, und Gustav, dicht vor mir, den Kopf auf beide Fuste gesttzt, grinste mich an. -- (Au! nein, Du hast mich nicht angegrinst?) Eine dicke schwarze Wolke stand vor dem Mond, und mein Traum war zu Ende, mein Mrchen ist zu Ende! * * * * * Das Mrchen war zu Ende, aber noch nicht unser Mondscheinabend damals. Und nun, Gustav, Qulgeist ... hier ... da ... Mit diesen Worten greift Elise in das Wasserbecken neben ihr und schleudert eine Hand voll blitzender Tropfen ihrem nichts ahnenden Gefhrten ins Gesicht. Erschrocken und pustend springt dieser zur Seite, worauf die beltterin, bse Folgen ahnend, sogleich, um das Becken herum, die Flucht ergreift. Ihr seid Zeugen, da _Sie_ angefangen hat! ruft Gustav, ebenfalls die Hand ins Wasser tauchend und Elisen nacheilend. Tante! Tante! -- Onkel, Hilfe! schreit diese, mit der abgebundenen Schrze den Verfolger im Rennen abwehrend und ihn mit der anderen freien Hand unaufhrlich bespritzend. Warte, Wasserjungfer! ruft Gustav und bemchtigt sich der Schrze. Das sollst Du ben, Verrterin! Mit einem Schrei lt Elise ihre gide fahren, und -- wie ein Reh ist sie seitwrts im Gebsch hinter den Hollunderstruchen verschwunden, doch nicht, ohne ihren durchnten Verfolger auf den Fersen zu haben. Diese Wildfnge! seufzt die Tante Helene, auf eine Bank sinkend; whrend ich Taschentuch, Arbeitskrbchen und umherrollende pfel, welches alles das Frauenzimmer, den Ausgang ihres Attentats vorhersehend, sogleich zu Boden geworfen hat, aufsuche, wie es einem guten Onkel und Vormund geziemt. Hren Sie nur, wie das Mdchen kreischt! Indem wir noch der wilden Jagd zwischen den Bschen lauschen, belebt sich pltzlich die Szene, und andere Figuren kommen durch die Monddmmerung. Mdchen- und Mnnerstimmen, kichernd und summend und Opernmelodien pfeifend! Jetzt treten die Kommenden aus dem Schatten in den helleren Lichtkreis um das Fontainenbecken: Der Onkel Wachholder! rufen verwundert mehrere Stimmen, und im nchsten Augenblick sind wir von den Nachtschwrmern und Abendfaltern umgeben und erkennen in ihnen wohlbekannte Freunde und Freundinnen von Gustav und Elise. Ein Gewirr von Begrungen und Fragen erhebt sich nun. Wo ist Frulein Ralff, wo ist Lischen, wo ist die Lise, wo ist Herr Gustav, wo steckt der Mensch? schwirrt das durcheinander und wird beantwortet; bis endlich Gustav und Elise zurckkommen von ihrer wilden Jagd, keuchend und rot, die Haare in Unordnung, Elise mit einem groen Ri im Kleide, aber beide Arm in Arm, wie artige, vertrgliche Kinder. -- Jetzt geht der Jubel erst recht an! Das ist schn, das ist prchtig, das ist ausgezeichnet; guten Abend, Natalie; guten Abend, Ida; ich gre Sie, mein Frulein; wo kommt ihr her, ihr Herumtreiber usw. usw. Wie ist doch die Jugend so schn; wie wenig bedarf sie, um glcklich zu sein! Ein bichen Mondschein, ein paar klingende Wassertropfen, die Strophe eines Liedes, und die jungen Herzen fhlen Gedichte, wie sie noch nie dem Papier anvertraut werden konnten. Ich, der alte Mann, welch ein Dichter, welch ein Maler mte ich sein, wenn ich alle diese frischen, blhenden Gestalten, die da heute an diesem einsamen Abend wieder um mich her auftauchen, mit ihrem frhlichen Lachen, ihren kleinen Sorgen und Freuden, ihren kleinen Snden und Tugenden, mit ihren verstohlenen Seufzern, noch verstohleneren Zrtlichkeiten und ihren lauten Neckereien auf die Bltter dieser Chronik festbannen wollte. Wie abgeblat und schal sieht alles aus, was ich bis jetzt zusammengetragen und niedergeschrieben habe; wie farbenbunt und frisch erlebte es sich! Aber wo war auf einmal der Mond geblieben? Die dunkeln Wolkenmassen, die im Sden lange genug gedroht hatten, hatten sich unbemerkt herangewlzt; es grollte und murrte in der Ferne, und schwere, warme Regentropfen schlugen vereinzelt in die ^lenes susurros sub noctem^, in das leise Geflster im Schatten der Nacht. Kennt ihr das Rette sich wer kann! bei einem pltzlich hereinbrechenden Gewitter in einer groen Stadt? Alle Gruppen lsen sich; -- Schrzen werden ber den Kopf, Taschentcher ber die Hte gebunden; hier flchtet ein Prchen unter eine laubige Akazie, dort ein dicker alter Herr unter den Vorsprung eines Hauses; hier schlpft leichtfig ein junges Mdchen dicht an den Huserwnden hin, dort wandelt langsam und gleichmtig ein Naturmensch daher, nichts vor dem Regen schtzend als seine glhende Zigarre. Die Droschken scheinen sich zu vervielfltigen, und -- s ist's, vom sichern Hafen Schiffbrchige zu sehen, an allen Fenstern erscheinen lachende Gesichter. Studenten, Referendare, junge Theologen usw. wischen ihre Brillen ab; Maler verlassen ihre Paletten und Staffeleien und machen Studien nach dem Leben; Tanten und Mtter schelten ber Indezenz. -- Platsch! platsch! alle Dachrinnen senden, wie hmische Ungeheuer, ihre Wassergsse der dahertrabenden Menschheit in den Nacken. Es ist lcherlich-schrecklich bei Tage, schrecklich bei Nacht! Siehst Du, Lischen, das hast Du erst gewollt, -- so lange hast Du mit dem Wasser gespielt! Das kommt davon! ruft rgerlich die Tante Helene. Gustavs Jubel erreicht den hchsten Grad, und lachend schleppt er seine Mutter nach, whrend diesmal ich mit Lisen vorauslaufe. Nach allen Seiten haben sich unsere Freunde und Freundinnen von vorhin zerstreut. Das Gewitter kommt immer nher, der Donner brummt ganz artig, und die Blitze sind gar nicht bel. Selbst Gustav meint: Gottlob, da ist die Sperlingsgasse! Welche berschwemmung! -- Gute Nacht und keine langen Worte! -- Gustav verschwindet mit seiner Mutter hinter ihrer Haustr, und auch wir erreichen glcklich die unsrige. Gott, Herr Wachholder, was habe ich fr 'ne Angst gehabt! ruft die alte Martha uns von der Treppe entgegen. Lischen pustet und chzt und lacht, hlt Arme und Hnde weit ab vom Leibe und wird so schnell als mglich ins Bett geschickt. Gustav ruft natrlich von drben noch einige Fragen herber, auf welche wir aber nicht antworten, und der Mondschein-Spaziergang ist zu Ende. Am 15. April. Der April, der einst ^mensis novarum^ hie, ist der wahre Monat des Humors. Regen und Sonnenschein, Lachen und Weinen trgt er in _einem_ Sack; und Regenschauer und Sonnenblicke, Gelchter und Trnen brachte er auch diesmal mit, und manch einer bekam sein Teil. Ich liebe diesen januskpfigen Monat, welcher mit dem einen Gesichte grau und mrrisch in den endenden Winter zurckschaut, mit dem anderen jugendlich frhlich dem nahen Frhling entgegenlchelt. Wie ein Gedicht Jean Pauls greift er hinein in seine Schtze und schlingt ineinander Reif und keimendes Grn, verirrte Schneeflocken und kleine Marienblmchen, Regentropfen und Veilchenknospen, flackerndes Ofenfeuer und Schneeglckchen, Aschermittwochsklagen und Auferstehungsglocken. Ich liebe den April, welchen sie den Vernderlichen, den Unbestndigen nennen, und den sie mit Herrengunst und Frauenlieb in einen so bswilligen Reim gebracht haben. -- Ich wurde diesen Morgen schon ziemlich frh durch das Gerusch des Regens, der an meine Fenster schlug, erweckt, blieb aber noch eine geraume Zeit liegen und trumte zwischen Schlaf und Wachen in diese monotone Musik hinein. Das benutzte ein schadenfroher Dmon des Trbsinns und des rgernisses, um mich in ein Netz trauriger, regenfarbiger Gedanken einzuspinnen, welches mir Welt und Leben in einem so jmmerlichen Lichte vorspiegelte und so drckend wurde, da ich mich zuletzt nur durch einen herzhaften Sprung aus dem Bette daraus erretten konnte. -- Aprilwetter! Die Hosen zog ich -- wie weiland Freund Yorick -- bereits wieder als ein Philosoph an, und der erste Sonnenblick, der pfeilschnell ber die Fenster der gegenberliegenden Huser und die Nase des mir zuwinkenden Strobels glitt, vertrieb alle die Nebel, welche auf meiner Seele gelastet hatten. Frischen Mutes konnte ich mich wieder an meine ^Vanitas^ setzen, und als ich gar in einem der schweinsledernen, verstaubten Trster, die ich gestern von der kniglichen Bibliothek mitgebracht hatte, eine alte vertrocknete Blume aus einem vergangenen Frhling fand, konnte ich schon wieder die seltsamsten Mutmaungen ber die Art und Weise, wie das tote Frhlingskind zwischen diese Bltter kam, anstellen. Hatte sie vielleicht an einem lang vergangenen Feiertage ein uralter, lngst vermoderter Kollege mitgebracht von einem lustigen Feldwege, oder hatte sie vielleicht eins seiner Kinder spielend in dem Folianten des gelehrten Vaters gepret? Hatte sie etwa ein Student von der Geliebten erhalten und hier aufbewahrt und vergessen? Welche Vermutungen! hbsch und anmutig, und um so hbscher und anmutiger, als sie nicht unwahrscheinlich sind. O, versteht es nur, Blumen zwischen die den Bltter des Lebens zu legen; frchtet euch nicht, kindisch zu heien bei zu klugen Kpfen; ihr werdet keine Reue empfinden, wenn ihr zurckblttert und auf die vergilbten Angedenken trefft! Sei mir gegrt, wechselnder April, du verzogenes Kind der alten Mutter Zeit und -- -- Beschtze Deinen Sohn Ulrich Georg Strobel! -- Guten Morgen, Meister Wachholder! sagte eine Stimme hinter mir. Es war der Karikaturenzeichner, welcher, den grauen Filz auf dem Kopf, die Reisetasche ber der Schulter, den Eichenstock in der Hand, hinter mir stand. Ach Gott, nun ist mein' Zeit vorbei! fuhr er lachend fort. Ich komme, Ihnen Lebewohl zu sagen, alter Herr. Was, Sie wollen fort? Was fllt Ihnen ein? Kann Deutschland nit finden Rutsch allweil drauf 'rum! sang der Zeichner und zeigte auf eine lustige blaue Stelle zwischen den ziehenden Wolken. Es ist nicht anders; haben Sie einen Gru an die freie, weite Welt zu bestellen, heraus damit! Oder noch besser; kommen Sie -- dort steht Ihr Regenschirm -- begleiten Sie mich. Hren Sie, wie lustig der Spatz da ins Fenster pfeift! Was sollte ich machen; ich schlug meinen Folianten zu, der tolle Vagabonde bot mir seinen Arm, und wir traten hinaus in die Gasse. Leben Sie wohl, Mama; viel Glck, mein Frulein! rief der Zeichner seiner Hausgenossenschaft zu, die ganz aufgeregt in der Tr stand. Gott gr' Euch, Freund Marquart; lebt wohl, Mutter Karsten; lebt wohl, Meister und Meisterin; lebt wohl, lebt wohl! rief er nach rechts und links hinber. An der Ecke warf er noch einen letzten Blick hinauf nach seiner verlassenen Wohnung, wo die Fenster offen standen und eine zerrissene Gardine lustig im Frhlingswinde flatterte, und brummte: Zum Teufel, Du Nest! Und wo wollen Sie nun hin? fragte ich meinen wunderlichen Begleiter. Der Zeichner lachte. Was meinen Sie, sagte er, wenn ich mir das Vlkergewhl im Orient ein wenig anshe, Kostme zeichnete und ber das Bemhen lachte: einen neu eintretenden Faktor der Menschheitsentwicklung durch Lancasterkanonen und Kriegsschiffe aufhalten zu wollen? Was?! rief ich mit offenem Munde. Wem gilt das >Was?< lachte Strobel. Meinem Vorhaben oder meiner Meinung? Sie glauben ... Ich glaube, da die Erde jung ist, alter Freund! Wir brauchen frisches Blut und wollen nicht meinen, da, weil man uns nur Geschichte der Vergangenheit lehrt, es keine der Zukunft geben werde. Wir leben uns gar zu gern in alles ein: in unseren Rock, in unseren Krper, in unsere Familie, in unser Volk; wir freuen uns, wenn ein kleiner verwandter Mitbrger das Licht der Welt erblickt; wir rgern uns, wenn wir den Rock zerreien oder ein Krhenauge bekommen; wir betrben uns, wenn unser Vater, unsere Mutter stirbt; aber wir halten das alles fr natrlich, -- blo weil wir es leichter bersehen knnen. Soll nun auf einmal in dem Krhenaugenkriegen, Geborenwerden und Sterben der groen Vlkerfamilie der Erde ein Stillstand eintreten; ein ^deus ex machina^ mit Manschetten in das ewige Werden fahren und sagen: ^Stop!^ halt da; entwickelt euch in euch selbst und -- entschlaft an Euthanasie? Bah! Der Redner blies eine gewaltige Rauchwolke aus seiner Zigarre und fuhr fort, whrend ich den Kopf bedachtsam schttelte: Es hat den Griechen nichts geholfen, die besten Dichter, Bildhauer und Maler zu sein, die geistreichsten philosophischen Systeme aufstellen zu knnen: die eisernen Mnner Roms klopften an, stellten die griechische Bildung ^sub hasta^, spielten Wrfel auf den Gemlden, fabrizierten korinthisches Erz aus den Metall-Statuen, und -- die Weltgeschichte ging einen Schritt vorwrts. Es hat den Rmern nichts geholfen, die grten Kriegs- und Verwaltungsknstler zu sein, -- Zndnadelgewehre und Lancasterkanonen sind Spielzeug im Kampf gegen die _eine_ Macht im Weltall, welche die Gestirne treibt und die Wandervgel, und welche die Vlker bewegt zur rechten Zeit. Die Barbaren kmmerten sich nicht um Kommandowrter; sie strmten die Tore Roms und -- die Weltgeschichte ging einen Schritt weiter! Ich schttelte wieder das Haupt und brummte: Immer zertrmmern, zertrmmern! Meine Mutter starb, indem sie mich gebar! sagte der Zeichner grimmig und stand still. Wir hatten den Ausgang der Sperlingsgasse erreicht; ein kleiner Handwagen, mit Kisten und Kasten beladen, versperrte uns den Weg. Jetzt will ich Ihnen auch sagen, wo ich _in der Tat_ hin will; nicht wohin ich gehen _knnte_, sagte Strobel. Kommen Sie! Verwundert folgte ich dem in eine dunkle Kellerwohnung Hinabsteigenden. So ist das menschliche Leben. Lange, lange Jahre hatte ich in dieser Gasse gewohnt, tglich fast war ich vor diesem Hause, vor diesen trben Fenstern vorbeigegangen, und heute, am letzten Tage, den die arme hier wohnende Familie dahinter zubringt, steige ich zum ersten Male die feuchten Stufen hinab zu ihr. Der Zeichner stellte mich dem Hausherrn vor, dem Schuhmacher Burger, einem Manne, welchem eine ganze Passionsgeschichte vom Gesichte abzulesen war. Heute Abend fhrt ihn und die Seinigen die Eisenbahn der Seestadt zu, von wo sie ein Schiff nach einer neuen Heimat, nach dem jungen Amerika bringen soll; und der Zeichner -- will die Familie begleiten nach Hamburg. Die wenigen des Mitnehmens werten Habseligkeiten der rmlichen Wohnung waren schon zusammengepackt; die bleichen, traurigen Gesichter der Eltern, das teilnahmlose der alten Gromutter, die auch heute noch am gewohnten Platz hinter dem Ofen spann, die Kinder, welche verwundert in den Winkeln kauerten, alles machte einen tiefen, wehmtigen Eindruck auf mich. Es ist nicht mehr die alte germanische Wander- und Abenteuerlust, welche das Volk forttreibt von Haus und Hof, aus den Stdten und vom Lande; welche den Khler aus seinem Walde, den Bergmann aus seinem dunkeln Schacht reit, welche den Hirten herabzieht von seinen Alpenweiden, und sie alle fortwirbelt, dem fernen Westen zu: Not, Elend und Druck sind's, welche jetzt das Volk geieln, da es mit blutendem Herzen die Heimat verlt. Mit blutendem Herzen; denn trotz der Stammzerrissenheit, trotz aller Biegsamkeit des Nationalcharakters, der so leicht sich fremden Eigentmlichkeiten anschmiegt und unterwirft, -- worin brigens in diesem Augenblick vielleicht allein die welthistorische Bedeutung Deutschlands liegt -- trotz alledem hngt kein Volk so an seinem Vaterland als das deutsche. In englischen Schriften luft Deutschland fters als ^the fatherland^ [Griechisch: kat' exochn]. Das wird zwar mit einem gewissen ^sneer^ gesagt, aber es ist eine Ehre fr unsere Nation, und wir knnen stolz darauf sein. O, ihr Dichter und Schriftsteller Deutschlands, sagt und schreibt nichts, euer Volk zu entmutigen, wie es leider von euch, die ihr die stolzesten Namen in Poesie und Wissenschaften fhrt, so oft geschieht! Scheltet, spottet, geielt, aber htet euch, jene schwchliche Resignation, von welcher der nchste Schritt zur Gleichgltigkeit fhrt, zu befrdern oder gar sie hervorrufen zu wollen. Als die Juden an den Wassern zu Babel saen und ihre Harfen an den Weiden hingen, weinten sie, aber sie riefen: Vergesse ich Dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen! _Die_ Worte waren krftig genug, selbst die zuckenden Glieder eines Volkes durch die Jahrtausende zu erhalten. Ihr habt die Gewohnheit, ihr Prediger und Vormnder des Volkes, den Wegziehenden einen Bibelvers in das Gesangbuch des Heimatsdorfes zu schreiben; schreibt: Vergesse ich Dein, Deutschland groes Vaterland: so werde meiner Rechten vergessen! Der Spruch in aller Herzen, und -- das Vaterland ist ewig! Das letzte Hausgert war zusammengebunden und auf den kleinen Wagen in der Gasse gelegt. Traurig schauten sich die armen Leute in ihrer verdeten Wohnung, die alle Leiden und Freuden der Familie gesehen hatte, um. 's ist 'n hart Ding, 's ist 'n hart Ding! sagte seufzend der Meister, und Strobel klopfte ihn leise auf die Schulter. Es ist Zeit, Mann! Fat Euch ein Herz, geht Eurer Frau mit einem guten Beispiel voran. Der Totengrber hat versprochen, er will unseres Fritzen Hgel drauen nicht verrotten lassen! schluchzte die Frau. Burger wischte sich mit dem rmel ber die Augen, erhob sich aus seinem Hinbrten und ging, seine alte Mutter hinaufzufhren auf die Gasse; seine Frau weinte laut, brach einen Zweig von der verkmmerten Myrte im Fenster, legte ihn in ihr Gebetbuch und nahm ihr jngstes Kind auf den Arm, whrend sich die anderen an ihre Schrze und ihren Rock hingen. Die Familie stieg die enge schwarze Treppe, welche auf die Strae fhrt, hinauf, -- sie hatte ihren langen Weg begonnen! Drauen wechselte Regen mit Sonnenschein, wie der April es mit sich brachte. Der Meister zog seinen Wagen voraus, wir anderen folgten. Einen letzten Blick werft zurck in die enge, dunkle, arme Sperlingsgasse -- ihr werdet wohl oft genug an sie denken -- und dann hinaus in die weite Welt, ihr Wanderer! Bis an das Tor brachte ich den Zeichner und seine Schtzlinge. Ein letzter Hndedruck, ein letzter Gru! Wer wei, ob wir nicht noch einmal uns wieder sehen, Strobel! Lebt wohl! lebt wohl! -- Und wieder einmal konnte ich einsam und allein zurckkehren, einsam und allein dies Blatt der Chronik der Sperlingsgasse aufzuzeichnen. Am 1. Mai. Abend. Ich sa heute Nachmittag drauen im Park in den warmen Sonnenstrahlen, die hell und lustig durch die noch kahlen Zweige der hheren Bume und durch das mit zartem, frischem Grn bedeckte niedere Gestruch fielen. Kinder mit Struen von Frhlingsblumen zogen an mir vorber; ein Maikfer, mit einem Zwirnfaden am Bein, hing schlaftrunken an einem Zweige mir zur Seite, und ein stubengesichtiger junger Mann, dem ein Buch hinten aus der Rocktasche guckte, grub sorgsam eine Pflanze aus. Es war ein prchtiger Frhlingsnachmittag. Da begannen auf einmal in der Stadt die Glocken zu luten, den morgenden Sonntag zu verknden, und wieder schwebte, von den Himmelstnen getragen, eine se Erinnerung heran. Es war auch ein erster Mai. Da war der Frhling gekommen mit jungem Grn, bauenden Schwalben und einem -- Hochzeitstage in der alten, dunklen Sperlingsgasse. Sie hatten Blumen gestreut, und mit Blumen und Laubkrnzen die Pfosten umwunden; sie hatten Sonntagskleider angezogen in der Sperlingsgasse, und alle hatten frhliche, frhliche Gesichter. Und der Himmel war blau, und die Sonne schien strahlend durch den Efeu, welchen vor so langen Jahren Marie Ralff im Ulfeldener Walde ausgegraben hatte; aber weder Himmelsblau noch Sonnenschein kamen an heiliger Reinheit dem Gesichtchen gleich, das sich an jenem ersten Mai an meine Schulter schmiegte und durch Trnen lchelnd zu mir aufschaute. Das Bild der Mutter sah aus seinem Rahmen und den Krnzen, die es heute umwanden, ebenfalls lchelnd auf uns herab. Lcheln, Lcheln berall! Und als das junge Herzchen an meiner Brust pochte, auf der anderen Seite Gustav mir den Arm um die Schulter legte; als Helene weinend der jungen Braut den Kranz in die Locken drckte, da war es mir, als sei nun ein lange dunkles Rtsel gelst, und ich senkte das Haupt vor der geheimnisvollen Macht, welche die Geschicke lenkt und ein Auge hat fr das Kind in der Wiege und die Nation im Todeskampf. Wie die Fden laufen muten, um hier in der armen Gasse sich zusammen zu schrzen zu einem neuen Bunde! Wie so viele Herzen fast brechen wollten, um ein neues Glck aufsprieen zu lassen! Das ist die groe, ewige Melodie, welche der Weltgeist greift auf der Harfe des Lebens, und welche die Mutter im Lcheln ihres Kindes, der Denker in den Blttern der Natur und Geschichte wahrnimmt. -- Wir sprachen an jenem Tage nicht viel! Das Glck ist stumm, und was die Liebe -- die wahre Offenbarung Gottes -- sich zuflstert, hat noch kein Dichter auf Papyrus, Pergament oder Papier festgehalten. Die kleine Kirche war gar feierlich heilig, als der junge Maler -- er dachte in dem Augenblick gewi nicht an sein gefeiertes Bild, Milton, den Galilei im Gefngnis zu Rom besuchend -- als der junge Maler seine schne Braut hineinfhrte an den geschmckten, lichterglnzenden Altar. Und niemand fehlte in dem Kreise teilnehmender Gesichter umher! Da war das Atelier, da waren Elisens Freundinnen, da war vor allem die alte Martha und die Hausgenossenschaft und Nachbarschaft der Sperlingsgasse. Die Orgel begann den Choral -- und die Jungfrau Elise Johanna Ralff und Herr Gustav Theodor Maximilian Berg wurden durch ein ganz leises, leises Ja und ein anderes viel lauteres, auf eine gar verfngliche Frage, Mann und Frau! -- * * * * * Die Chronik der Gasse nhert sich ihrem Ende. Was sollte ich auch noch vieles erzhlen? Unsere Kinder sind glcklich in dem schnen Italien; die alte Martha schlft nicht weit von Mariens Grabe auf dem Johanniskirchhofe; ich bin alt und grau. Wenn ein Paket von Rom gekommen ist, so gehe ich hinber zu der freundlichen, schnen, weihaarigen Frau, die da drben in Nr. Zwlf gewhnlich strickend am Fenster sitzt, und unsere alten Herzen schlagen hher bei dem frischen Lebensglck, welches uns aus den engbeschriebenen Bogen entgegenleuchtet. Wir folgen den Kindern durch alle die alten und neuen Herrlichkeiten, wir stehen mit ihnen vor dem Laokoon, wir steigen mit ihnen zum Kapitol hinauf, unsere Schritte hallen an ihrer Seite in den Slen des Vatikans, in den Loggien Raffaels wider. Wie eine reizende Mrchenarabeske ist jeder Brief: blauer Himmel und Sonne und ein frhliches Lachen auf jeder Seite! Es ist spt in der Nacht, als ich dieses schreibe; tiefe Dunkelheit herrscht in der Gasse; kein einziges erhelltes Fenster ist zu erblicken. Der einzige Laut, den ich vernehme, ist das Schlagen der Turmuhren oder der Pfiff des Nachtwchters. Da liegen alle die bekritzelten Bogen vor mir! bunt genug sehen sie aus! -- Was sollte ich noch viel hinzufgen? Wenn die alten Chronikenschreiber ihre Aufzeichnungen bis zu ihren Tagen fortgefhrt und ihr Werk beendet hatten, hefteten sie noch einige weie Bogen hinten an, damit der knftige Besitzer die wenigen Ereignisse, welche vor dem Untergang der Welt noch geschehen wrden, darauf nachtragen knne. Das nachzuahmen habe ich nicht im Sinn. Diese Erde wird sich noch lange drehen, in dieser engen Gasse wird noch manches Kind geboren werden, manche Leiche wird man hinaustragen, und unter den letzteren vielleicht in nicht langer Zeit auch den, welchen sie Johannes Wachholder nannten. -- Was die paar Tage, die mir noch brig sind, bringen werden, will ich in Ruhe erwarten; viel Neues knnen sie mir nicht zeigen. -- Ich ffne das Fenster und blicke in die dunkle, stille, warme Nacht hinaus. Hier und da flimmert ein einsamer Stern an der schwarzen Himmelsdecke. Wie feierlich der Glockenton in der Nacht klingt! Zwlf Uhr. In wie viele Trume mag sich dieser Schall verschlingen? Der grbelnde Gelehrte wird von seinem Buche verwirrt aufsehen, das junge Mdchen wird von Tanz- und Ballmusik trumen, der arme Kranke wird von dem kommenden Tage Genesung erflehen, die Mutter wird im Schlaf ihr kleines Kind fester an sich drcken, und der Herrscher, die Stirn wund vom Druck einer Krone des Zeitalters der Revolution, wird das Haupt in die Kissen senken und seufzen: Ein neuer Tag! -- Meine Lampe flackert und ist dem Erlschen nahe. Mit mder Hand schliee ich das Fenster und schreibe diese letzten Zeilen nieder: Seid gegrt, alle ihr Herzen bei Tag und bei Nacht; sei gegrt, du groes, trumendes Vaterland; sei gegrt, du kleine, enge, dunkle Gasse; sei gegrt, du groe, schaffende Gewalt, welche du die ewige _Liebe_ bist! -- Amen! Das sei das Ende der Chronik der Sperlingsgasse! Anmerkungen zur Transkription Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ markiert. Fetter Schriftstil wurde #so# markiert. Einfache Anfhrungszeichen wurden durch ">" und "<" ersetzt. Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend beibehalten. Nur offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 17]: ... machen, ich will -- der schreibende Greis kann jetzt nur ... ... machen, ich will -- der schreibende Greis kann jetzt nur ... [S. 17]: ... lcheln -- die Welt fr Dich gewinnen, Marie! ... ... lcheln -- die Welt fr Dich gewinnen, Marie! ... [S. 25]: ... der Stirn! Franz fiel mir weinend um den Hals; junge, ... ... der Stirn! Franz fiel mir weinend um den Hals; junge ... [S. 58]: ... und klobige Artillerie. -- Hier und da wandten sich ... ... und klobige Artillerie. -- Hier und da wanden sich ... [S. 96]: ... welchen die Madame Pimpernell ankndigt: ... ... welchem die Madame Pimpernell ankndigt: ... [S. 103]: ... Wo lassen wir alle die Blumen, die wir pflcken, Lischen? ... ... Wo lassen wir alle die Blumen, die wir pflcken, Lischen? ... [S. 103]: ... Ist's nicht wie im Mrchen, wo der Vater die verlorenen ... ... Ist's nicht wie im Mrchen, wo der Vater die verlorenen ... [S. 104]: ... Wahrhaftig, seufzt der eliminierte Schriftsteller ich ... ... Wahrhaftig, seufzt der eliminierte Schriftsteller, ich ... [S. 110]: ... Menschen ein Wohlgefallen! ... ... Menschen ein Wohlgefallen! ... [S. 144]: ... Gustav Berg und drunter die geniale bersetzung Gustavus. ... ... Gustav Berg und drunter die geniale bersetzung Gustavus ... [S. 144]: ... Mons mit Angabe von Wohnort, Datum und Jahreszahl ... ... Mons mit Angabe von Wohnort, Datum und Jahreszahl. ... [S. 192]: ... dieser Chronk ein so zerfetztes, zerlumptes Ansehen gegeben ... ... dieser Chronik ein so zerfetztes, zerlumptes Ansehen gegeben ... [S. 216]: ... Die Hosen zog ich -- wie weiland Freund Yorik ... ... Die Hosen zog ich -- wie weiland Freund Yorick ... End of Project Gutenberg's Die Chronik der Sperlingsgasse, by Wilhelm Raabe License: Share Alike