Produced by Norbert H. Langkau, tiwi and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net Wilhelm Raabe Bcherei Erste Reihe Band 14 Wilhelm Raabe Bcherei Erste Reihe: Kleinere Erzhlungen Vierzehnter Band Berlin-Grunewald Verlagsanstalt fr Litteratur und Kunst/Hermann Klemm Wilhelm Raabe Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten Dritte Auflage 11.-16. Tausend Berlin-Grunewald Verlagsanstalt fr Litteratur und Kunst/Hermann Klemm Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten Erstes Kapitel. Wann und unter welchen Umstnden der Meister Kunemund den Ausspruch tat, wei ich nicht mehr; aber da er ihn tat, wei ich. Er sagte nmlich: Ich verstehe die Welt wohl noch, aber sie versteht mich nicht mehr, und so werden wir wohl nie mehr so zusammenkommen, wie damals, als wir beide noch jnger waren. Na, mir ist's zuletzt einerlei; ja, Herr, es kitzelt einen sogar dann und wann, wenn man bei sich berlegt, da man im Grunde der Jngere von zweien geblieben ist. La sie alt werden, die Welt; was kmmert's mich! Nun sehe ich ihn doch wieder ganz genau vor mir, wie er dasa und das Wort sagte. Es ist ganz richtig, er sa auf seiner Schnitzbank und fuchtelte mir mit seinem Schnitzmesser bedenklich vor der Nase herum, bedenklich, obgleich dieses Messer ein ganz guter, alter Bekannter von mir war. Es war ein berhmtes Messer und war aus fernster Volksurzeit von Hand zu Hand bis in die Hand des Meisters herabgelangt, und er wute gerade so gut damit umzugehen, wie alle, die es vor ihm gefhrt und sich damit gewehrt hatten. Mndliche Tradition, Schreiberkunst und Druckerkunst geben uns recht: Da ging der Junge vor den Knig und sprach: Wenn's erlaubt wre, so wollte ich wohl drei Nchte in dem verwnschten Schlo wachen. Der Knig sah ihn an, und weil er ihm gefiel, sprach er: Du darfst dir noch dreierlei ausbitten, aber es mssen leblose Dinge sein, und darfst das mit ins Schlo nehmen. Da antwortete er: So bitt' ich um ein Feuer, eine Drehbank und eine Schnitzbank mit dem Messer. Nun wissen wir alle, was fr Ungetm und Gespenstertum der Junge in den drei Nchten sich vom Leibe zu halten hatte, wie er mit den Katzen Karten spielte und wie ihm halbe Menschen durch den Schornstein herunterfielen, -- halbe Menschen, zu denen er sich erst die andere Hlfte ausbitten mute, ehe er imstande war, mit ihnen Kegel zu schieben. Wir haben manchmal, -- manch liebes Mal unser Vergngen an der Unbefangenheit des Jungen gehabt und vielleicht ihn auch dann und wann um sie beneidet: von diesem Jungen aber stammte der Meister Kunemund in gradester Linie ab und war insofern mit den berhmtesten Leuten im deutschen Volke verwandt, und nicht allein im deutschen Volke. -- Doch da hat mich das Anfangen sofort weit in die Mitte meines Berichtes hineingerissen, und das zeigt einmal von neuem, da es immer ein gewagtes Unterfangen ist, groe Herren und Damen, bedeutende Menschen, eigentmliche und selbstndige Charaktere mit der Federspitze anzutupfen. Glcklicherweise aber gelingt es mir dieses Mal noch zur rechten Zeit, mich zu besinnen: ich hebe von neuem an, zu erzhlen. Wir kamen ber ihn von Kneitlingen aus; jung und alt, Mnnlein und Weiblein, eine Auswahl und Auslese feiner, liebenswrdiger und gebildeter Gesellschaft deutscher Abstammung und Zunge -- was die Abstammung anbetraf natrlich unter dem dazu gehrigen Vorbehalt. Wir kamen ber ihn, Leute von guten Mitteln: junge Herren, die ihre drei Examina vollgltig bestanden hatten, zierliche Frulein aus den hchsten Tchterschulen, gediegene und wohlgediehene Vter und Mtter, Onkel und Tanten. Wir kamen recht lebhaft und sehr heiter angeregt ber ihn; denn wir machten von Schppenstedt aus eine Vergngungsfahrt in den Elmwald, hatten Schppenstedt vermittelst der Eisenbahn erreicht und das berhmte Dorf Kneitlingen und den Wald vermittelst zweier Bauerwagen, auf denen mit Hlfe von Brettern und Strohbndeln eine gengende Anzahl zweckdienlicher Sitze fr uns hergerichtet worden war. Nun liegt hier vor mir ein anderes Dokument, und zwar in Folio: -- Merians Topographia und Beschreibung der vornehmsten Stdte, Schlsser, auch anderer rter im Herzogtum Braunschweig und Lneburg. Auf der Kupfertafel, welche den nicht unberhmten Platz und Ort Schppenstedt darstellt, zieht sich im Hintergrunde gleichfalls natrlich der Elm hin, und ber einigen Hausdchern, die am Rande des Waldes aus dem Gebsch hervorragen, lesen wir die Legende: Kneitlingen, allwo das fromme Kind Eulenspiegel geboren wurde. Wir erreichten den Elm ber Kneitlingen hinaus. -- ber Kneitlingen hinaus, linksab, unbestimmt tief in den Wald hineinwrts, da wohnte der Meister Kunemund, den die Welt nicht mehr so recht verstand, weil er ihr zu jung geblieben war. Da wohnte er ziemlich verborgen, da heit er hatte sich einem Frster in die Kost und unter Dach getan; und da machte ich seine Bekanntschaft und er die meinige, was unter Umstnden nicht sich von selber versteht, oder besser gesagt, nicht dasselbe ist. Wir fhrten in mehreren Krben einen gengenden Vorrat von Lebensmitteln sowie auch eine erkleckliche Anzahl Flaschen mit allerlei Getrnk mit uns und konnten also recht vergngt sein. Unter der Leitung eines jungen Forstmannes im grnen Rock und mit einem papiernen Hemdkragen frhstckten wir mitten im im Quincunx gepflanzten Musterforst, wie die bessern Stnde auf ihren Ausflgen in die freie unverflschte Natur zu frhstcken pflegen. Nachher spielte man, wiederum unter der Leitung des eben erwhnten jungen Forstmanns, Blindekuh und sonstige unschuldige Spiele, was sehr hbsch war, aber auch den Hhepunkt des Vergngens bildete; denn im Grunde milang jeder sptere Versuch, sich noch hher und tiefer in das volle Naturbehagen hinauf- und hineinzuschrauben, vollstndig. Da ein jeglicher in der Gesellschaft die Schuld an der von Viertelstunde zu Viertelstunde mehr einreienden Langeweile und Verdrielichkeit nicht sich selber zuma, war unter diesen Verhltnissen natrlich: das Gefhl, mit dem linken Fue zuerst und noch dazu viel zu frh aus dem Bette gestiegen zu sein, wurde allgemein. Der junge Grnling mit dem Papierkragen war der letzte, dessen Lebensgeister sanken; aber auch ihm sanken sie. Er fing an, uns eine frisch von der Forstakademie mitgebrachte wissenschaftliche Abhandlung ber moderne Waldwirtschaft zu halten und setzte dadurch dem Vergngen freilich die Krone auf. Mit der Miachtung selbst der jungen Damen beladen, verlor er sich fr ein geraume Zeit in einer jungen Schonung und kam erst dann wieder zum Vorschein, als die Gesellschaft den Versuch, im Walde Mittagsruhe zu halten, durch Ameisen, Kopfweh, Waldspinnen und Gliederschmerzen gehindert, aufgegeben hatte. Der holde, wolkenlose Tag bte immer sonderbarere Wirkung auf die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an dem Vergngen. Begrabene, mehr oder weniger tief zugedeckte Feindschaften und Feindseligkeiten whlten sich mit berraschender Schnelligkeit von neuem ans Licht. Wer etwas gegen seinen Nachbarn oder seine Nachbarin im Grase auf dem Herzen hatte, der fhlte einen unwiderstehlichen Kitzel, es von demselbigen los zu werden, und zwar auf die anzglichste, unangenehmste Weise. Und da wieder wurden vorzglich die Damen scharf, sowohl die jungen wie die ltern, sie pflckten freinander kuriose Strue unter den Bschen, und es wurde die hchste Zeit, da irgend jemand sich begtigend dreinlegte. Dieser jemand war ich, und ich warf den Vorschlag in die allgemeine Verbitterung, alle Streitigkeiten fr jetzt beiseite zu schieben und sie fr die Heimfahrt, fr das trauliche Beieinandersitzen auf den zwei Leiterwagen und im Eisenbahnwagen aufzusparen. Da man mich nur von der Seite ansah, so erweiterte ich meinen Vorschlag dahin, da man, um den Tag ganz auszunutzen, einem Frsterhause, das ich eine halbe Stunde weiter in den Wald hineingelegen wute, einen Besuch abstatten solle. Sauere Milch wirke khlend und erfrischend, und der Tag sei noch sehr lang. Nun sah man sich an, und der Vorschlag fand gengende Untersttzung. Tofote heit der Frster dort, sagte der junge Herr von Mller. Es ist eine eigentmliche Wirtschaft dort. Bei der Forstbehrde ist der Kerl grade nicht zum besten angeschrieben, aber das braucht uns freilich nicht abzuhalten, ihm eine Visite zu machen. Die Idee ist gut, berfallen wir den Burschen! Wenn die Herrschaften erlauben, werde ich den Weg andeuten. Nun waren alle Lebensgeister auf einmal wieder wach, und wir im nchsten Augenblick auf dem Marsche durch den Elm zum Frster Arend Tofote. Die jungen Leute stimmten ein Waldlied von Eichendorff an, welches sehr hbsch und romantisch unter den hohen Buchenwlbungen klang; und wer uns nun wieder sah und hrte, der war verpflichtet, ohne Widerstand und Widerrede verpflichtet, uns fr das zu nehmen, was wir schienen, nmlich waldfrhliche, hbsche, vergngte Kinder der Natur, junge sowohl wie alte. Zweites Kapitel. Ich heie Schmidt. Mein Name ist drolligerweise sogar _von Schmidt_. Es ist bengstigend aber wahr, ich gehre dem Adel der deutschen Nation an, und ich habe sogar meinen Vater noch in Verdacht, sich etwas darauf zugute getan zu haben. Bei welchem Mrchenknig der Ahnherr meines Geschlechtes Kanzler oder lustiger Rat war, habe ich nie herausbekommen knnen; aber da wir ein altes Geschlecht sind, das wei ich; und da wir selten unseres Glckes Schmiede waren, das wei ich leider auch. Seit ich den Meister Autor Kunemund kennen gelernt habe, bilde ich mir ein, da unsere Bezge mehr als tausend Jahre alt sind, und es wrde mich gerade nicht wundern, wenn der Ahnherr derer von Schmidt im geheimen Rate jenes braven Jungen gesessen htte, der Knig wurde, weil's ihm nicht gruselte, und dem das Gruseln erst lngere Zeit nach seinem Regierungsantritt durch seine Frau gelehrt wurde. Dieses beilufig, jedoch nicht ohne Grund. -- Wir zogen also durch den Wald, den Frster Arend Tofote zu besuchen, und wir stieen zuerst auf den Meister Autor. Wir kamen ber ihn an einem Bache, dem die Begnstigung, durch den Musterforst rieseln zu drfen, noch nicht von der Oberforstbehrde genommen worden war, und wir faten ihn eigentlich in einer fr das Gefhl der Damen etwas fraglichen Situation ab. Seine Schuhe standen neben ihm, seine Fe standen im Wasser, braun und knochig; Fe, auf denen er lnger als ein halbes Jahrhundert herumgelaufen war. Der Tag war hei, und der Meister Kunemund nahm ein Fubad. Hol' mich der Teufel! sagte er, als wir pltzlich durch das Gebsch rauschten und auf sein Behagen hereinbrachen. Er ist immer ein hflicher Mann gewesen, denn wer htte es ihm verdenken knnen, wenn er gerufen htte: Hole euch alle insgesamt, -- hole euch ohne jegliche Ausnahme der Teufel! --? Er war nicht allein, als wir ihn berraschten. Er hatte auch seine Gesellschaft bei sich: einen schiefbeinigen, sagenhaft aussehenden Dachshund und ein kleines zehnjhriges Mdchen. Der Dachshund sa neben ihm, dicht an seiner Seite. Das kleine Mdchen sa ihm gegenber am andern Rande des Bachs, von Sonne und Bltterschatten umspielt. Es sa, den Rcken an einen Baum gelehnt, die Arme kindlich ber der Brust ineinander gelegt, das Mulchen gespitzt, wie zu einem Pfiff oder Ku. Wenn man ihr den letztern gegeben haben wrde, und sie htte das Nschen germpft, so wrde man vollkommen in seinem Recht gewesen sein, wenn man gerufen htte: Jetzt nimmt sie es gar noch bel! -- Als wir da waren, das heit als der Alte uns herankommen hrte, sah er sich um; und das Kind stand auf. Der Dachs stand auch auf, wenn man bei solchen Beinen das so nennen wollte, und bellte wie ein Hund aus den Gebrdern Grimm. Unsererseits sprach der junge Forsteleve von Mller: Guten Tag, Herr Kunemund. Da sind wir, wie ich es dem Herrn Frster versprochen habe. Guten Tag, Frulein Gertrud, ist der Vater zu Hause und sonst alles wohl? Guten Tag! sagte das kleine Waldfrulein, ohne sich auf weiteres einzulassen. Aber der Meister Autor erhob sich jetzt chzend von seinem Sitz und nahm eine Handvoll feuchtsaftigen Mooses und einiges Bltterwerk, das er dem Boden im Sich-Aufrichten entrissen hatte, mit sich in die Hhe und behielt es whrend der folgenden Unterhaltung, wie eine Art Trost- und Strkungsmittel im Verdru, in der geballten Rechten. Widerwillig reichte er die Linke unsrem freundlichen Frhlichkeitsordner und brummte: Richtig, da sind die Herrschaften. Na, der Alte wird sich denn ja wohl auch freuen, und wenn ihr die Alte dazu in guter Laune trefft, so soll es mir angenehm sein. Lustig, Trudchen, sieh doch die Damen nicht so dumm an! Lauf vorauf und bereite sie auf die Ehre und das Vergngen vor, auf da ihnen der freudige Schrecken an der Gesundheit keinen Schaden tut. Da dieser Empfang sehr hflich gewesen sei, konnte die Gesellschaft nicht finden. Aber unser Fhrer hatte uns bereits darauf vorbereitet, und so nahmen wir mit ziemlich gutem Humor den Gru des Alten hin. Seien Sie nicht zu grob, Kunemund, sagte der Herr von Mller lachend. Da _Sie_ sich ber unseren Besuch freuen, wei ich ja doch zu genau. Frulein Julie, Frulein Minna, laufen sie dreist mit dem Kinde voran! Wir kommen im feierlichen Zuge augenblicklich nach und haben doch noch unsern Spa heute. Gertrud Tofote sah sich noch einmal einen langen Augenblick hindurch die Gesellschaft an; dann drehte sie sich auf den Hacken, tat einen Sprung ber den Bach und scho wie die Lieblichste der Elfen durch den Wald davon; und selbst die jngsten Damen unserer Gesellschaft, die hinter ihr drein liefen, gaben es bald auf, gleichen Schritt mit ihr zu halten, oder sie nur im Gesicht zu behalten. Wir lteres Volk setzten uns schwerfllig von neuem in Bewegung, den Meister Autor Kunemund in unserer Mitte. Wir knnen es nicht genug wiederholen, da der Elm ein Musterforst ist. Auf den Wanderversammlungen der grnrckigen Herren pflegt viel von ihm die Rede zu sein. Seine Kultur ist durch die fachwissenschaftlichen Bltter weit ber die Grenzen Deutschlands berhmt geworden, und seine Bume bekommen ihre Bltter trotz alledem in jedem neuen Frhjahre wieder. Sie bleiben auch gewhnlich bis in den Herbst hinein grn, was eigentlich ein Wunder ist, wie der Meister Autor sagte, nachdem er und ich bessere Bekannte geworden waren und gegeneinander nur selten noch ein Blatt vor den Mund nahmen; -- groer Gott, wie geistreich man doch auf solch einer Vergngungsfahrt ins Grne und Blaue hinein wird! Selbst wenn man Jahre lang nachher darber schreibt, ist das Salz davon noch nicht dumm geworden, welches ohne allen Zweifel ein Wunder ist. -- Wir zogen also durch diesen im Quincunx gepflanzten Musterforst der Amtswohnung des Frsters Arend Tofote zu, und der Dachshund watschelte uns voran, von Zeit zu Zeit stehen bleibend und seine Verwunderung ber uns durch ein bedenkliches Hauptschtteln und einen fragenden Blick auf seinen Herrn kundgebend. Der Herr selber aber ging mit uns, wie gesagt, und hatte sich, wahrscheinlich um seinen Jubel zu verbeien, sein Moosbschel in den Mund gestopft. Seine Schuhe trug er jetzo an den Fen, aber den linken Strumpf anzuziehen, hatte er in der Hast und Aufregung vergessen und trug ihn zusammengeballt in der Faust. Wir gingen frhlich ihm nach und um ihn her; smtliche gelehrte Stnde gegen wrtig und vorhanden. So kamen wir beim Frsterhause an, und der Leiter unserer Vergngungspartie stellte uns dem Frster vor, und der Frster Arend Tofote erschien hierbei als der Verlegenste seines ganzen Haushaltes. Nichtsdestoweniger war er aber gern bereit, zu unserer Lust beizutragen, was ihm nur irgend mglich war. Mit Speisen und Getrnken wartete er nach besten Krften auf und jagte die Alte, d. h. seine alte Haushlterin, und sein junges Kind nicht wenig. Unsere Damen waren natrlich entzckt ber das Kind und die Verpflegung, und bei den Herren wachten Hunger und Durst merkwrdig lebendig von neuem auf. Es wurde sehr behaglich, sehr gemtlich; und unsere Gemtlichkeit erlitt auch dann kaum einen Abbruch, als das liebe, einfache Waldkind, die Gertrude, ihrerseits gleichfalls ihr mglichstes zu derselben beitragen wollte, und pltzlich und unvermutet ihre Spielgenossen auf uns los lie. Wie wir ber das stille Haus im Walde gekommen waren, so kamen die guten Kameraden ber uns. Zwei reizende, schneeweie Ferkelchen, zwei muntere, doch etwas mutwillige Ziegen, deren eine den jungen Herrn von Mller und Frulein Amalie durch zwei unvermutete Kopfste von hinten beinahe zum Fall auf die Nasen gebracht htte -- erheiterten die Gesellschaft sehr. Weniger vermochte das ein etwas stachlichter Igel, den Amalias Mama auf ihrem Stuhle fand, als sie sich aus Schreck ber die Gefahr der Tochter ein wenig hastig auf ihm niederlie. Sie kreischte laut auf, und mehrere Damen versetzten sich ganz in ihre Situation und schrieen hell auf. Der Zwischenfall wre sicherlich noch lnger und lebhafter besprochen worden, wenn er nicht sofort durch einen zweiten abgelst worden wre. Diesmal war die Reihe an der Geistlichkeit. Mit einem Schreckensruf fuhr der Herr Pastor zusammen und empor. Unter seinem Stuhle hatte es sich pltzlich geregt, und weich und verstohlen hatte es sich zwischen seinen Schenkeln emporgeschoben: es war aber nur Meister Reinecke der Fuchs, und zwar der zivilisierte, der gezhmte Fuchs, der einen gnstigen Augenblick benutzte, um die Kirche zu krnken und dem geistlichen Herrn zierlich, aber ungeladen, ein delikates Stck Schinken vom Teller zu nehmen. Das Verbrechen war begangen, das Sakrilegium vollendet wie geplant, und frivolerweise lachte die Gesellschaft ebenso herzlich ber das Gesicht des Herrn Pastors wie ber den schlauen Dieb und seinen eiligen Rckzug mit der guten Beute. Noch einiges andere Getier erlaubte sich seinen Spa mit uns; aber im ganzen fanden wir uns doch harmlos genug darein und waren recht vergngt. Wir fingen sogar an, von neuem zu singen, und zwar wiederum allerhand Volkslieder, wie sie jetzt gedruckt in den Bchern stehen und meistens reizend von den geschicktesten und naivsten Knstlern mit den hbschesten Holzschnittillustrationen verziert werden. Wir konnten wirklich noch ohne Noten singen, und es klang wiederum recht gut -- sogar sehr gut -- im Walde. Herrn Kunemund bekam ich an diesem Tage nicht mehr zu Gesichte; doch die Gesellschaft vermite ihn durchaus nicht, und so sehe ich keinen Grund dafr, weshalb gerade ich mich an dieser Stelle ber sein Verschwinden wundern sollte. Drittes Kapitel. Am Sptnachmittag zogen wir wieder ab, wie wir gekommen waren. Da ein jeder Teilnehmer an der frhlichen Fahrt ins Grne ihrer mit Vergngen gedachte, steht zu hoffen; was mich persnlich anbetrifft, so war ich am Sptabend herzlich froh, alles vollendet zu haben und wieder zu Hause zu sein. Die Lust des Tages war mir doch ein wenig auf die Nerven gefallen, und es bedurfte lngerer Zeit, ehe ich mich so weit erholt hatte, um an den Meister Kunemund, den Frster Arend Tofote, sein Frsterhaus und sein Tchterlein ohne Widerwillen denken zu knnen. -- Wie gesagt, ich heie von Schmidt, habe auerdem den Bergbau studiert, wurde fr lngere Jugendjahre durch ein schlagendes Wetter an meiner Gesundheit geschdigt, erholte mich, verlie den Staatsdienst und bin jetzt meines Zeichens ein beschftigungsloser Liebhaber wohlfeiler sthetischer Gensse. Recht niedliche Novellen aus meiner Feder sind in verschiedenen Blttern abgedruckt worden. Einige wurden mir auch als unbrauchbar zurckgesendet; ich halte dieselben fr die bessern Erzeugnisse meines Geistes und benutze diese Gelegenheit, um sie den verehrlichen Redaktionen nochmals zur Verfgung zu stellen. Mein Vater war ein wohlhabender Domnenpchter, der das Glck hatte, fast ein Menschenalter hindurch lauter gute Jahre zu haben. Er starb als ein, nach deutschen Verhltnissen, wohlhabender Mann, und ich bin sein einziger Erbe, und er starb frh genug, um mir auf meinem Lebensgange und bei meinen Liebhabereien nicht hindernd in den Weg treten zu knnen. Natrlich verwendete ich auch das Frsterhaus in Elm novellistisch; jedoch ohne viel Freude an der Leistung zu erleben. Sie schien sich auf keine Weise von meinem Schreibepult trennen zu knnen; mit berraschender Schnelligkeit langte sie von jedem Ausflug in die Welt wieder zu Hause an. Kaum da ich sie glcklich wie aus der Seele so vom Halse losgeworden zu sein glaubte, war sie in ihrer ganzen tauigen, waldduftigen Frische wieder da. Ja, die waldfrischesten, tauduftigsten Redaktoren und Redaktionen schickten sie mir umgehend wieder zu. Eine ganze Literatur von Begleitschreiben sammelte sich um das unglckselige Kunstwerk an, bis ich zuletzt wtend den Deckel des Pultes ber ihm zuschlug, den Kasten verschlo und den Schlssel verlor. Nachher hatte ich Ruhe. -- Ich hatte Ruhe durch den Winter, und im nchsten Frhjahre stattete ich dem Frster Tofote, dem Herrn Kunemund und der Gertrud einen zweiten Besuch ab; jedoch diesmal allein. Das war an einem einundzwanzigsten Mai, und seit diesem Tage verging selten ein Jahr, in welchem ich nicht mehreremale den Besuch wiederholte. Was aber diese vorliegende Schrift anbetrifft, so wurde dieselbe wenigstens im Anfange einzig und allein nur deshalb unternommen und abgefat, um von dem Besuche zu handeln, den _mir_ der Meister Kunemund abstattete. Da ich aber am Schlusse heirate, beweist wieder einmal, da man niemals wei, wie's endet, wenn man in irgendeiner Weise anfing. -- Ich sa, beide Ellenbogen auf die solide aus Eichenholz herausgearbeitete Klappe gesttzt, unter welcher ich alle meine besten lyrischen, epischen und dramatischen Gefhle und Empfindungen unter Schlo und Riegel zu halten pflege. Ghnend, aller Langweiligkeit des Daseins voll, sa ich, als es an meiner Tr pochte und blde sich hereinschob ins Zimmer, nachdem ich mrrisch, ohne mich umzuwenden, die Strung aufgefordert hatte, heranzukommen. Offen gestanden traute ich meinen Augen dann gar nicht, und rckte den Stuhl mit solchem Nachdruck herum und dem Besucher entgegen, da das Mbel darber durchaus aus dem Leime ging. Ja, ich bin es; nehmen Sie es nur nicht zu sehr bel! sagte der Meister Autor, als ich ihn an beiden Seiten gepackt hielt und die Trmmer des Sitzgertes mit einem Futritt hinterwrts aus dem Wege stie. _Das_ war es, was anklopfte?... Gtiger Himmel, willkommen, Herr Kunemund! O Meister, Meister, welches Vergngen!... Gottlob, da Sie selber keine Ahnung davon haben, welches Behagen Sie unsereinem geben und welche Ehre Sie uns durch einen solchen Besuch antun! Lieber Herr -- Liebster, bester Freund, seien Sie herzlichst gegrt! Was Sie auch herfhren mag, mir bringen Sie alles mit, was ich eben ganz notwendig brauchte. Lieber Herr -- Was macht der Alte? was macht die Alte? was treibt das Kind -- das Frulein, das Waldfrulein? Wahrhaftig, ich knnte noch nach hundert guten Bekannten fragen und fragte den Kreis nimmer aus. Bis auf die Fliegen an der Wand ist mir das Haus im Elm ins Herz gewachsen. Wie das fromme Kind aus Kneitlingen in seinen frhlichsten Momenten, tanzte ich um den alten Mann herum und merkte erst lange nachdem ich ihn durch den berwltigenden Wortschwall und Ausbruch meiner Gefhle betubt hatte, da ich ihn betubt habe. Da migte ich mich denn, nahm ihm den Hut aus den Hnden, drckte ihn auf den bequemsten Stuhl nieder, strich smtliche Papiere vom Tische vor ihm und ri den Klingelzug ab, im hellen Eifer, ihm ein Frhstck zu schaffen. Er aber lchelte verlegen ob all der Aufregung und all des Umstandes -- er verlegen!... er, der Meister Autor Kunemund! Ach, er hatte keine Ahnung davon, wie sehr ich mich schmte, _ihn_ in Verlegenheit setzen zu knnen, und wie ich grade deshalb in fieberhafter Hast mich bestrebte, ihn auf den richtigen Fu und Schick zu bringen. Aber ich sollte sogleich noch mehr Grund finden, mich in meinem Sein und Fr-mich-sein beunruhigt und ungemtlich zu finden -- kurz mich zu schmen; denn es stellte sich bald heraus, da der Herr Autor Kunemund mir trotz der jetzt ziemlich langen Bekanntschaft noch lange nicht recht trauete. Er brachte mir nmlich einen Brief mit, und zwar einen Empfehlungsbrief vom Pastor zu Ampleben (Amt Lehen sagt das Volksbuch), dessen geistlicher und leiblicher Vorfahr vor mehr als fnfhundertneunzig Jahren die welthistorische Ehre gehabt hatte, oben beregtes frommes Kind Till Eulenspiegel, Sohn von Klaus desselbigen Namens und dessen ehelich getrauetem Weibe, Anna, geborener Weibikin mit dem Sakrament der heiligen Taufe zu versehen. Da kam es heraus, da der Meister Kunemund, trotzdem er um Rat zu mir kam, nicht das geringste Vertrauen zu mir hatte; sondern da er mich leider ganz ruhig fr einen Menschen hielt, wie ein Stck von den vielen Dutzenden, deren Bekanntschaft er in seinem Leben gemacht hatte. Ich nahm den Brief des Pastors, wie er mir gegeben wurde, und ich las ihn auch. Ich las ihn, doch ich behielt whrend des Lesens meinen Besucher im Auge; ich sah verstohlen ber den Rand des Schreibens nach ihm hinber. Der Pastor wute im Grunde nichts bles und Nachteiliges ber den Herrn Kunemund mitzuteilen, und so frhstckten wir denn vor allen Dingen wirklich miteinander, und whrend des Frhstcks suchte _ich_ ihn auszuholen, und unterlie und vollfhrte in Wort und Tat nichts, was mir meinerseits ihm gegenber zur Empfehlung dienlich sein konnte. Ich hatte hart zu kmpfen. Wie alle seinesgleichen wurde er durch eine fr den die Welt bedeutenden Teil der Menschheit sehr lcherliche Schmigkeit behindert, sein Inneres einem doch verhltnismig fremden Menschen aufzuschlieen und sich in seinen Gedanken, berlegungen, Wnschen und Hoffnungen so nackt und blo hinzulegen. Er hatte noch nie etwas drucken lassen; er war sehr blde und die beste Beute fr jeden, der in dem gewhnlichen Sinne ein Interesse an ihm nahm und ihn gebrauchen konnte. Als ich endlich heraus hatte, was ihn in die Stadt fhrte, und was er berhaupt bei mir wollte, und wie er das, was er wnschte und zu tun hatte, ansah, und zwar von den verschiedensten Seiten, und wie seine Hausgenossen das Ding betrachteten, und zwar ebenfalls von mehreren Seiten: da hatte ich eine Schwergeburtshlfe an ihm vollendet, deren ich mich wohl rhmen durfte. Viertes Kapitel. Ich habe drucken lassen; bin auch sonst gar nicht blde, halte es aber doch nicht fr palich, das Publikum noch einmal an den Mhen der Entbindung von Wort zu Wort, Seufzer zu Seufzer, chzen zu chzen, teilnehmen zu lassen. Ich werde den Meister Autor seine Geschichte und vor allen Dingen seine Vorgeschichte, wenn auch nicht ohne Farbe und Rundung, so doch bndig und ohne meine hundert notwendigen Zwischenfragen, Ermutigungen, Anfeuerungen und Ntigungen vortragen lassen. Wie mehrere andere Leute lasse ich sonst nicht gern jemand das Wort. Ich behalte es lieber selber und bitte, mir die heutige Selbstentuerung fr eine knftige Gelegenheit gut zu rechnen. Es folgt also an dieser Stelle Das, was der Meister Autor Kunemund mir zu sagen hatte. Sehen Sie, Herr, da Sie es nicht belgenommen haben, da ich Ihnen hier heute so auf den Hals gefallen bin, so will ich denn auch weit genug ausholen, um den Keil in den Stamm zu treiben, nmlich ganz von vorn, oder von hinten, wie Sie es nehmen wollen. Nmlich das ist nicht so, da man einfach denkt, es verstehe sich von selber, da man sich in der Welt finde, mit seinen Augen sehe, mit seinen Ohren hre und seine Kinnbacken und Zhne gebrauche, wenn man etwas dazwischen zu nehmen habe. Herum mit dem Karren -- ganz im Gegenteil! es versteht sich dieses gar nicht von selber, und man braucht nur anzufangen, darber nachzudenken, um bis an seinen Tod kein Ende an der Kuriositt zu finden; grade wie unsere Alte daheim, wenn sie angefangen hat, eine Geschichte zu erzhlen. Was den Arend anbetrifft, so sitzt der noch in der ersten Art und kmmert sich um nichts, und sein Mdchen, meine Gertrud, sitzt drin bei ihm. Ja die erst recht denkt, da alles, was ihr passiert, sich von selber verstehe -- selbst das, was ihr jetzt passiert ist. Und hren Sie, lieber Herr von Schmidt, was mich anbetrifft, so hab' ich sie beide bei ihrem Glauben belassen; denn behaglicher ist's, und wer's kann, der soll's ja festhalten. Das Grbeln verdirbt einem nur die guten Stunden und die schlimmen macht's wahrhaftig nicht leichter. Ja um noch ein Wort von den bsen Stunden zu reden, so macht sich leider Gottes da das Sinnieren schon ganz, ohne da man dazu hilft, und wer dann seine Gedanken auer sich richten kann, und wr's nur auf seine vier Wnde, seine Nachbarn oder sein Hausvieh, der ist wohl daran. Herr, ist's nicht grade, als ob ich hier sitze und die Alte reden hre?! aber drin und dran bin ich, und eine Hlfe fr Sie, liebster Herr, ist nicht mehr; also nur lustig zu! Der Arend Tofote und ich, wir kommen alle beide schon weit her aus der Zeit. Als wir junge Menschen waren, da wuten Ihre lieben Eltern von Ihnen noch lange nicht und wahrscheinlicherweise auch von sich selber gegenseitig blutwenig. Manchmal denk ich mir so, die Alten haben euch -- dich und deinen Bruder und den Tofote beim Pflgen in der Scholle aufgeworfen wie die Engerlinge; doch das ist einerlei; es ist nur ein Gefhl. Kurz, wir wuchsen auf im Dorfe -- ich und der Arend und als der dritte mein kleiner Bruder, nmlich der, um dessentwillen ich heute hier in der Stadt bin. In den Pulverqualm der Befreiungskriege rochen wir grade noch hinein; zu Waterloo kamen wir noch grade recht, und dafr durften wir dann auch an dem brigen Vergngen nach Herzenslust teilnehmen: nach Paris sind wir gekommen, das heit bis in den Schlohof von Saint Cloud kamen wir, den Englndern am Schwanze hngend. An den Schlohof von Saint Cloud will ich mein Lebtage gedenken -- o tausend Donnerwetter, die ganze Lust an dem Spa von damals luft mir in diesem lcherlichen Schlohofe von Saint Cloud aus! Da war das rotfrackigte, reitende Kkebein, der Herzog von Wellington -- und was tat die Kanaille?... Sie hielt auf Anstand -- ich sage Ihnen, sie hielt auf Anstand, Herr! An die ganze, schwitzend und blutrnstig aus der groen Schlacht kommende Armee lie die fischbltige Bestie Filzsocken verteilen -- auf denen hatten wir durch das Frankreich zu marschieren, und die unsterblichen britannischen Helden haben, wenn sie zu fest auftraten, ber mehr Stockprgel ihrer eigenen Profossen auf diesem Siegesmarsche, als ber franzsische Sbelhiebe und Kolbenste in der Battel, wie sie es nannten, zu quittieren gehabt. Die Preuen hatten es wie immer seit drei Jahren besser. Sie gingen fr sich allein und ohne das Schuhwerk zu wechseln, und der alte Blcher hatte es ihnen sogar noch mit neuen Ngeln versohlen lassen. Wir aber, wir Braunschweiger, hingen den rotrckigen Stumpfschwnzen an den Schen, und was taten die edeln, hochherzigen Siegesbrder -- die Sackermenter? Sie lieen uns in den Bratenduft von Paris hineinriechen, lieen uns abschwenken, schoben uns in den Schlohof von Saint Cloud und verriegelten smtliche Tore hinter uns! Was sagen Sie dazu? Sie lachen, aber ich sage Ihnen, uns war wahrhaftig damals nicht lcherlich zumute. Alle Fensterscheiben, die wir abreichen konnten, haben wir eingeworfen; aber wie bald solch ein Vergngen zu Ende ist, knnen Sie sich wohl vorstellen; und dann denken Sie sich auch einmal recht lebhaft in unsere Stimmung whrend des brigen Aufenthalts hinein und -- dann, dann feiern Sie einmal als nachdenklicher Mensch so ein fnfzig Jahr lang jedes Jahr den achtzehnten Juni mit Bllerabbrennen und Heldenliedern und Heil dir im Siegerkranz! Ich mchte Sie wohl einmal dabei sehen, lieber Herr; -- aber das kann ich Ihnen im Vertrauen sagen: eine trbseligere muffigere Heldenschar als wir, hat man noch niemals aus einem feindlichen, eroberten Lande nach Hause gefhrt. Da ich wenigstens bei der groen Schlacht gegenwrtig war, so habe ich mich auch zu den Veteranen rechnen knnen; aber wie ich mich kenne, so wrde ich auch in dieser Eigenschaft fr die alljhrliche feierliche Begehung des Tages gedankt haben; wenn das Vaterland seine Ehre hat, so will ich die meinige auch haben. So ist es, weil das eine nicht ohne das andere ist. Beizugesagt ist es eigentlich aber der Arend, den Sie aus mir reden hren, denn wenn einer ist, der sich nie ber den Schlohof von Saint Cloud zufrieden geben kann, so ist's der Alte, und wir wohnen unter _einem_ Dache, lieber Herr. -- Wir kamen nach Hause, und Tofote kam in den Wald als Unterfrster. Ich, der ich so eigentlich auf den Gelehrten und das Abcbuch -- wie man es damals verstand und gelten lie -- studiert habe, wollte ich mich eben mit meiner Anstellung in der Tasche davor, nmlich vor den Wald, setzen; als mir der Teufel in die Augen blies. Es soll mir kein Mensch wehren, da ich auch das auf den langweiligen Kerl, den Wellington und seinen verdammten Schlohof von Saint Cloud schiebe, da mich eine Entzndung befiel, die mich fnf Jahre lang in argen Schmerzen fast blind machte, und sich beiher auch gar noch auf das Gehr setzte und mich so dumm im Kopf machte, da das Konsistorium seinen Brief zurcknahm und mich benachrichtigte, es wre ihm angenehm, wenn ich mich nach einer andern Kondition umsehen wolle. Da sa ich denn und fra Jammer und Elend in mich hinein, und wre Arend Tofote nicht gewesen, so wrde ich auch bald genug an der ungesunden Kost erstickt sein. Als ein Glck war es damals anzusehen, da mein kleiner Bruder um die Zeit grade ohne Abschied durchging, nachdem er dem Vorsteher einen brennenden Schwefelfaden in seine beste Roggendimme geschoben hatte. Der Schlingel hatte mir zu allem andern schwer auf der Seele gelegen, das kann ich Ihnen sagen, Herr, und er hat auch heute noch nicht gutgemacht, was er in seiner Kindheit und Jugend an meiner Behaglichkeit gesndigt hat. Grade vor neun Jahren, ein Jahr vorher, ehe Sie uns Ihren ersten Besuch mit dem Haufen Herrschaften abstatteten, ist auch mein Bruder nach Hause gekommen -- ein klein, verrunzelt, gelb, giftig und sozusagen scheuslig Mnnchen, was sich Mynheer van Kunemund nannte, aber sich ebensogut Herr von Rumpelstilz htte nennen knnen. Vor einem Vierteljahr nun ist er hier in einem Garten vor der Stadt gestorben, und einen schnen Streich hat er uns, ganz nach seiner Art, noch zu guter Letzt gespielt. Er hat unser Trudchen Tofote zu seiner Erbin eingesetzt, und es handelt sich da um gar nichts Geringes, und ich bin deshalb heute hier vorhanden, aber da er sich dabei etwas gedacht hat, das ist sicher. Wo aber der Possen liegt, den er uns zum Schlu noch hat spielen mssen, das haben wir noch nicht heraus; ich verhoffe es mit Gottes und Ihrer Hlfe, Herr von Schmidt, aber noch herauszufinden; und dann -- gnade ihm Gott, wenn wir uns noch einmal wieder treffen. Denn was er fr ein Gift auf mich und den alten Arend haben mochte: unsere Gertrud hat ihm wahrlich nicht das Kleinste zuleide getan. Erzhlen mu ich Ihnen brigens, wie er sich wieder bei uns in den Wald einschob. Schnurrig genug war's, und wir haben lange an dem Spae zu verdauen gehabt, bis wir endlich bergenug davon hatten und die Verwunderung hinter den Spiegel steckten. -- Das Kind, meine Gertrude, war, mssen Sie wissen, damals so acht oder neun Jahre alt, und ihre Mutter war ungefhr drei Jahre tot. Wir hatten es so ziemlich allein erzogen, denn die Dorfschule wollte wenig sagen, und wir glaubten, ein Meisterstck gemacht zu haben, Tofote, ich und die Alte, und was es, das Kleine, anbetraf, so ging es ruhig seinen Weg allein, und wir lieen es natrlich auch frei in den Wald. Wenn wir ihm einen oder zwei von unsern verstndigsten Hunden mitgaben, so glaubten wir genug fr seine Sicherheit getan zu haben und fhlten uns ebenso sicher, als jede Herrschaft, die ihren Blgern eine franzsische Gouverneurin und einen bunten Bedienten mit auf den Spazierweg gibt. -- Na, nun war es so ein Nachmittag im Sptherbst; wissen Sie, so um die Zeit, wo das Laub von den Bumen geht, ohne da der Wind dran stt, und wo man an dem leisen Geknick und Geriesel im Walde merkt, was fr eine Stunde es im Jahr ist. Der Tag war nebelig oben und die Luft unten warm. Das Kind mit den Hunden war im Holz, und der Frster auerm Holz zu Amte von wegen der Forstwrogen des letzten Sommers. Ich sitze vor der Tr und mache mich ntzlich nach meiner Art, und da gehen denn grade an solchen warmen grauen stillen Tagen die Gedanken des Menschen am liebsten so weit als mglich in die weite Welt hinaus, vorzglich, wenn man sicher ist, da man das Haus, ntigenfalls den warmen Ofen und vor allen Dingen die Abendsuppe dicht hinter sich hat und alle drei mit drei Schritten abreichen kann. Beilufig, Herr, es ist doch ein wenig mehr als kurios, da der Mensch jedesmal, wenn er sich so recht behaglich und wohl in seiner Haut fhlt, sich am ehesten hingezogen fhlt, sich an der Welt rund um ihn her zu versndigen?! Man schttelt sich eben immer am behaglichsten, in der Vorstellung, da andere Leute es nicht so gut haben, als wir. Also auch ich in der Gemtlichkeit auf meiner Schnitzbank denke denn auch so an das Treiben vor dem Walde, so zum Exempel in Hamburg, London, Paris, -- den Schlohof von Saint Cloud nicht zu vergessen. Und richtig, vom Lande gerat ich aufs Wasser, auf Sturm, Schiffbruch und Schiffsbrand, und von dem Schiff und Brand ganz selbstverstndlich auf meinen kleinen Bruder, und wie alles wohl sein knnte, wenn alles nicht wre, wie es nun grade ist. Darber geht mir natrlich die Pfeife aus, und ich gehe in die Kche, um mir eine glhe Kohle zu holen. In der Kche spuckt und knistert das Feuer auf dem Herde, und am Herde spuckt, knistert, knastert, rhrt und quirlt unsere Alte. Als ich die Feuerzange fasse und unter den Topf fahre, nimmt sie das, wie es sich von ihr gehrt, krumm, ich aber denke: Immer hflich und spaig mit den Damen! und sage: Marie, ein guter Durst ist was recht Schnes, aber wer die Suppe versalzt, der soll es eigentlich nur aus Verliebtheit tun drfen, und nicht aus Gift und Bosheit, wie ein gewisses Frauenzimmer gestern abend! und eben fngt die Alte an, dieses noch viel krmmer zu nehmen, als es mir pltzlich auch ohne sie mit einem jhen Schrecken durch den Leib schneidet: Was ist nicht richtig? Es ist was nicht richtig! wo ist das Kind? Man sollte das Kind doch nicht mehr so allein und auf Gottes Trost hin in die Wildnis laufen lassen! Ich sage auch sowas oder dergleichen in meiner pltzlichen Beklemmung, und die Alte ist blitzschnell so freundlich, daraufhin zu krchzen: So?... Ei?... I, Kunemund! Kommt Er mir endlich so herum? O ja, da der Frster einmal ganz etwas Besonderes erfhrt, wenn er nach Hause kommt und nach dem Trudchen fragt, das ist schon lange das, worauf ich warte, Autor. Und Herr Kunemund, Seiner Naseweisheit zuliebe will ich Ihm noch eine andere Ansicht in den Handel geben, und die ist, da Er von morgen an die Suppe selber kocht, und mich das Kind hten lt. Will Er, -- will Er, Meister Kunemund? Himmel -- Donner -- brummte ich laut; aber ganz leise sage ich: So schlimm wird es doch nicht gleich werden! -- aber eilfertig genug stapfe ich sofort mit kalter Pfeife wieder vors Haus und stehe und brlle nach allen vier Weltgegenden nach dem Kinde, und halte die Hnde hinter den Ohren, ob ich die Hunde wenigstens nicht zu vernehmen kriege. Die hre ich denn gottlob auch, aber in sehr weiter Entfernung und, wie es scheint, gleichfalls sehr bse. Da haben wir einmal wieder einem dummen Viehzeug zu weit ber den Weg getraut, denke ich; -- den Schnrbein wenigstens htte ich mit mehr gesundem Menschenverstand begabt geglaubt -- da sieht man's wieder! Und damit laufe ich dem Gebelfer nach und habe mich lang und arg genug in das Gestrpp hinein zu winden, ehe ich dem Trudchen, den Biestern und aller brigen Absonderlichkeit auf den Hals komme. Ich komme ihnen aber auf den Hals, und zwar zu meiner eigenen strflichen Verwunderung. Am Hange eines Hgelchens, mitten im Hochwald steht, mit dem Rcken an eine Buche gelehnt, unsere Trude und schreit aus voller Kehle Zeter. Zehn Schritte aber weiter ab unter einer andern Buche steht ein Geschpf, was sicherlich da nicht aus dem Boden herausgewachsen war, und schreit ebenfalls, aber aus grberer Kehle. Alles Hundevolk, mein Schnrbein voran, hat nmlich einen Kreis um dieses Wunder geschlossen und ist auer sich mit Bellen, Anspringen, Fest-auf-die-vier-Fe-stellen und Zhnfletschen. Was war's? Ein kohlenpechschwarzer Mohr! Ja, ein kohlenpechrabenschwarzer Mohr, der auch die Zhne fletscht und auf jedes Aufspringen Schnrbeins und der brigen so hoch als mglich in die Luft hoppst. Sonderbar schn steht es der Kreatur, da sie zu allen ihren sonstigen Annehmlichkeiten eine mehr dottergelbe als lederfarbene Uniform oder Livree trgt, aber das allersonderbarste ist, da sie mich in ihrer Not und Angst ganz regelrecht auf deutsch anschreit, und zwar rein bremerisch: Rufen Sie doch die Hllenhunde ab! Tausend Donnerwetter, haben Sie die Gte! Ich tue das, indem ich zugleich Trudchen begtige; und knurrend gehorcht endlich das Viehzeug. Habe ich vielleicht jetzt schon das Vergngen, Mynheer Kunemund vor mir zu sehen? fragt der Schwarze hflich mit dem Hute in der Hand. Der bin ich freilich, sage ich, aus einem Erstaunen ins andere fallend, und hebe vor allen Dingen meine Trude, die mir angstvoll die Arme um den Hals schlgt, auf den Arm. Aber Sie -- Sie -- Herr -- lieber Mann -- wie kommen Sie -- ja was haben Sie -- Sie schwarzer Mensch -- aber ist denn das die Mglichkeit? Es ist die Mglichkeit, Mynheer Kunemund, sagt das Ding womglich noch hflicher. Und wenn Mynheer Kunemund morgen zu Hause zu finden wre, so wrde Mynheer Kunemund sehr gern eine Tasse Tee bei Mynheer trinken. Halten Sie mal! sag' ich, und setze das Kind von neuem auf den Boden, um mir besser mit beiden Hnden an den Kopf greifen zu knnen. Fnftes Kapitel. Der Meister Autor machte an dieser Stelle keine Pause; aber wir sind leider gezwungen, unsererseits eine eintreten zu lassen, um eine persnliche Bemerkung, unsern Lesern gegenber, zu machen. Man ist nmlich der Meinung, da alles, was schon sehr hufig dagewesen ist, endlich sehr langweilig wird. Das ist eine landlufige Ansicht und berlegung; aber trotz alledem nicht immer wahr! Hier hatten wir den reichen Onkel aus Surinam einmal wieder, und zwar so frisch und unverbraucht, als ob er zum erstenmale aus den Tropenlndern zurckkomme, um die arme Vetterschaft in Europa glcklich zu machen. Alter Freund, sprach ich zu dem Meister Autor Kunemund, da Sie an dieser Stelle Ihres Berichtes _neu_ wren, kann ich zwar nicht behaupten; aber etwas was mir hier interessanter und willkommener sein knnte, kenne ich wahrhaftig nicht. Also gratuliere ich bestens! Ob ich mir an dem Tage gerade Glck wnschte, wei ich heute nicht mehr, Herr von Schmidt, fuhr der Meister fort. Aber das wei ich noch, da mir mancherlei durch Kopf und Seele ging, als der Schwarze jetzt aus seiner Reisetasche einen Brief vorholte, und ich schon in der Aufschrift richtig meinen kleinen Bruder herausfand. Er meldete sich in Fleisch und Blut auf den morgenden Tag bei uns zu Gaste im Walde an, und hatte seinen Mohren nur vorausgeschickt, um aller seiner gewohnten Bequemlichkeit bei uns sicher zu sein -- der Hansnarr! Ich las den Brief, und dann sah ich mir den Mohren von neuem an, und da das Tier mich nicht fra, so wurde es nun auch allmhlich dem Trudchen und den Hunden klar, da es sie nicht fressen wolle. Die Hunde fingen zuerst an, das auslndische Gewchs zu beschnffeln, und dann fing die Trude an zu lachen und in die Hnde zu klatschen. In dem Briefe stand nichts, und so sage ich denn: Na, so wird es denn wohl das beste sein, da wir vorerst allesamt nach Hause marschieren, um die Alte und nachher den Alten auf das Mirakel und die Ehre vorzubereiten. Auf die Alte freue ich mich, das kann ich wohl sagen. Ich freute mich wirklich auf die Alte, und die Folge erwies, da ich Grund dazu hatte. Einen guten Spa mu der Mensch nicht beiseite schieben, vorzglich wenn er so in der Eremiterei wohnt, wie wir alle in unserm Frsterhause. Auf dem Wege nach Hause aber fragte ich vor allen Dingen meinen Mohr: Aber nun sagen Sie mir doch auch: wie heien Sie? wo kommen Sie her? und dann die Hauptfrage: Redet man bei Ihnen zu Hause denn auch so ein verstndliches Deutsch? Nun, natrlich! Weshalb sollte man in Bremen, im Schsselkorb nicht ein gutes Deutsch sprechen? Da bemhen Sie sich doch nur in Thielebeules Keller, um zu hren, Herr Kunemund. Ich bin aus dem Schsselkorb; aber auf ein bichen Spanisch, Englisch oder Malaiisch -- das Hollndische ganz ungerechnet, soll's mir auch nicht ankommen. Ich hab' auf mehr als einem Schiff, und unter mehr als einer Flagge als Koch oder Steward die Welt befahren. Mein eigenster Beruf ist aber der wilde Me- und Jahrmarktsindianer. Was Sie nicht sagen?! Und Sie heien -- Meyer! Ceretto Meyer! Wichselmeyer -- wie Sie wollen. Auf der groen Weserbrcke nennt man mich gewhnlich Wichselmeyer, aber lieber hab' ich's, wenn man mich Signor Ceretto ruft. Ich bin's von den hflicheren Nationen gewohnt, die auf See mit =Si!= antworten, wenn man sie anspricht. Schn! also Signor Ceretto! Nun denn, so seien Sie mir herzlichst willkommen, liebster Herr Signor Ceretto! sage ich, und damit erreichen wir so nach und nach das Frsterhaus, und sonderbarerweise trug auf dem letzten Drittel des Weges bereits diese schwarze Bremer Me-Merkwrdigkeit unser Trudchen auf dem Arme, whrend Schnrbein schwanzwedelnd sich ihr dicht auf den Hacken hielt. An der Alten hatte ich meine Freude, und an dem Alten, der whrenddem nach Hause gekommen war, gleichfalls; doch an der Alten um vieles mehr. So was Schwarzes in Menschengestalt hatte sie in ihrem Leben noch nicht gesehen, und da sie viel in den Bchern darber studiert hatte, glaube ich auch nicht. Den Eindruck, den also mein Freund Wichselmeyer oder Meyer, oder Signor Ceretto auf sie machte, war denn auch darnach! Wie sie aufschrie, wie sie ins Haus lief und die Schrze ber den Kopf schlug -- wie sie auf halbstndiges Zureden endlich um die Tr guckte, und wie sie wieder nach einer Viertelstunde mit einknickenden Beinen hervorkam und einen Knix nach dem andern vor das Ungeheuer hinsetzte, das war ein Vergngen anzusehen, aber zu beschreiben ist es nicht. Und, mein lieber Herr von Schmidt, -- wenn dieses eine Kuriositt war, so war es noch viel kurioser, da -- auf mein Wort und meiner Seelen Seligkeit -- es wahrhaftig nicht ihre Schuld war, wenn wir nach allerkrzester Bekanntschaft nicht einen oder zwei oder einige Mulatten mehr in der Welt herumlaufen haben; denn -- -- so sind die Weiber! Ich habe es bis dahin nicht geglaubt, aber ich versichere Sie: sie sind so! Nachdem sich auf vieles Zureden das nrrische Stck Frauenzimmer dahin hatte bringen lassen, durch eigenes Anrhren sich zu berzeugen, da das Ding nicht abfrbe, war alles -- in bester Ordnung und im schnsten Gange, und der Arend, ich und der Schwarze hatten nur abzuwehren, da die Zuneigung nicht zu weit gehe. Seit ich wei, da dieser fremde Herr und Unmensch nicht mit Tinte oder Pech oder Kienru aufgefrbt wurde, bin ich ganz ruhig, flsterte mir die Alte noch lange vor dem Gute-Nacht-sagen zu; kurz, wir hatten unsern Heidenspa, den ganzen Abend durch. Ja, ja, Herr; ber den Ceretto vergaen wir und vor allem ich dann und wann meinen kleinen Bruder mehr, als es sich eigentlich schickte; und erst als alles zu Bett war, der Gast und ich auch, und ich vergeblich in den Schlaf hineinzukommen suchte, da kam es im groen und ganzen hei und kalt ber mich, was fr ein Tag mir morgen bevorstehe, und wie ich mich zu demselbigen zu verhalten haben werde. Da warf ich mich hin und her und sa aufrecht und htte mich auch ebensogut auf dem Strohsacke auf den Kopf stellen knnen; zu einem vernnftigen Gedanken verhalf mir das nicht. Erst als ich endlich doch vor Mattheit eingeschlafen und am Morgen wieder aufgewacht war, kam mir die Eingebung. War es nicht das einzig Richtige, alles dem Kleinen zu berlassen? Wer hatte sich denn eigentlich mit dem andern abzufinden? Er mit uns; oder wir mit ihm? Er mit uns natrlich, denn war der Junge von uns weggelaufen, ohne uns anders als durch seinen letzten Lumpenstreich es anzusagen, so lag es doch nun, obgleich ber die alte Geschichte wohl mehr als einmal Gras gewachsen war -- allein bei ihm, bescheiden anzupochen und sich zu entschuldigen und um gut Wetter zu bitten. Damit fuhr ich getrstet in die Stiefel; aber was das Wetter selber anbetraf, so war das heute noch um ein gut Teil grauer als gestern, doch regnen tat es auch an diesem Tage nicht. Wir hatten nur einen Korb voll Nebel mehr im Walde. Da wir allesamt frh auf den Fen waren, knnen Sie sich vorstellen; nur das Mohrenkind, der Wichselmeyer, oder Don Ceretto, schnarchte wie ein Weier bis gegen Mittag an, was, nmlich das Schnarchen, auch wieder der Alten einigen Grund zum Handzusammenschlagen gab. Wir fanden sie richtig horchend an der Tr, und sie schlug die Augen wie in vollstndiger Verzweiflung an unsrem Herrgott in die Hhe und chzte: Auch das kann er wie ein richtiger Mensch! -- Nun, Trudchen war kaum zu bndigen, und mein lieber Tofote ging herum wie ein Verrckter; ich aber setzte mich auf meine Schnitzbank, als ob ich drauf Wurzeln zu schlagen gedchte und spielte den Bullenkopf gegen mich und die Welt, bis der Kleine gegen ein Uhr avisiert wurde und wirklich da war. Herr, _ein_ Mensch gengt eigentlich nicht, um _das_ Wiedersehen zu erzhlen! Alle, die ihren Anteil daran hatten, mten von Rechts wegen an dieser Stelle ihren Schnabel auftun; und Herr, da Sie damals nicht dabei zugegen waren, das ist ein Jammer; denn trotzdem, da Sie gewi mehr studiert haben, sowohl im Bergfach wie in den brigen Fchern, als ich fr mglich halte, htten Sie sich doch manches Komdienbillett -- Affen- und Menschenkomdie! -- erspart, wenn Sie an dem Tage uns schon die Ehre gegeben htten, uns mit Ihnen bekannt zu machen; denn sehen Sie -- Sechstes Kapitel. Erlauben Sie, lieber Kunemund, sagte ich, dem Meister Autor die Hand auf das Knie legend und ihn bescheiden zum zweitenmale unterbrechend. Ein Wort, bester Freund! Ich bin doch manch liebes Mal, nach unserm ersten Massenbesuch, als einzelner Heuschreck bei euch gewesen; aber wer von euch hat mir je von dieser Geschichte und allen ihren wahrscheinlichen Folgen geredet? Wir nicht; -- das ist richtig! sprach der Meister. Wer von uns konnte denn aber auch daran denken? _Sie_ ging das doch gar nichts an! Ich schlug mich vor die Stirn und kam mir unendlich albern und abgeschmackt vor. Ich sah tief, lcherlich tief in die Widersinnigkeit des Lebens, das man, sozusagen, lebt, hinein und konnte nichts weiter sagen, als: Wahrlich! Sehen Sie, seine werten Freunde mu man so wenig als mglich mit seinen eigenen Molesten molestieren, sagte der Meister und fuhr, von nun an nicht wieder von mir unterbrochen, in seiner Erzhlung fort, die wir wieder nur mit einem Gnsefu am Anfange und einem am Ende geben: Die Feierlichkeit war gro. Wir standen im Ernst ein jeglicher in seiner Seele auf den Zehen; das heit inwendig, denn was das uerliche anbetraf, so konnten wir blutwenig tun, und hatten auch sonst grade keine Lust, mehr zu leisten. Nur in der Kche war ein mchtiges Hallo; ganz wie im Evangelium, als der verlorene Sohn heimkam. Vom ersten Tagesgrauen an stand die Alte, ihr Horchen an des Mohren Kammertr abgezogen, in Dampf und Flammen, im Sieden und Protzeln. Aber der Mohr Signor Ceretto sa mit meinem Trudchen an der Tr auf der Bank und rauchte eine ganz gewhnliche Meerschaumpfeife. Er war lange nicht so ungeduldig auf den Onkel als das Kind. Wie gesagt, es hatte auf der alten Uhr hinter der Tr so ungefhr eins geschlagen, als er kam, und zwar tchtig zusammengeschttelt in einer alten Schppenstedter Karrete, auf dem Holzwege, den Sie ja auch kennen, Herr Bergsekretr; und wenn sein Bremer Neger uns nur im ersten Moment in Verwunderung gesetzt hatte, so nahmen wir den Kleinen nach dem Anrumpeln der Kalesche nun merkwrdig khl. Er setzte uns gar nicht in Verwunderung, nmlich was mich und den Tofote anbetrifft. Er war in einen dicken Mantel eingewickelt und hstelte, und als ich ihm die Hand in das Gefhrt reichte, sagte er: Guten Tag, Alter, ich habe es fr meine Pflicht gehalten, -- oder dergleichen und ich sagte: Sieh, Kleiner, bist du wieder da? -- und damit hatten wir ihn auf dem festen Boden, und es wre fast ntig gewesen, da ich ihn wieder einmal auf den Arm genommen und ins Haus getragen htte, wie ich das wohl tausendmal getan hatte, als ich noch seine Kindsfrau spielen mute in unserer Jungenzeit. Herr, wenn von jeher an mir die Augen wenig taugten, so stehe ich dafr auf ziemlich festen Fen, und meine Schulterbreite ist auch nicht ohne! Bei unsrem Kleinen war das alles umgekehrt. Augen hatte er vom Mutterleibe an wie ein Wildkater; aber von dem brigen wollen wir heute, da das alles doch schon vom Grabscheit in der gewhnlichen Weise versorgt worden ist, lieber nicht sprechen. Die Fremde hatte ihm in der Hinsicht wenig gut getan, und er brachte fast noch weniger mit, als er von Hause mitgenommen hatte. Aber das ist einerlei! Wie ber seine Jugendzeit und -snden Gras gewachsen ist, so samt sich das jetzo ber dem brigen an, und ich erzhle nur von wegen uns, die wir noch da sind. Wir hatten ihn vor der Tr -- im Hause -- im weichsten Lehnstuhl am Tische, und der Austausch und Handel mit den gegenseitigen Erlebnissen und Gedanken mochte vor sich gehen. Natrlich kam es denn auch, wie ich es mir am vergangenen Tag vorgestellt hatte: wir fanden uns heute so wenig wie vor den langen Jahren zusammen und ineinander. Und als es Dmmerung wurde, hatte er uns herzlich satt, und wenn ich offen sein soll, _wir_ ihn auch. Herr von Schmidt, er ist mein leiblicher Bruder, und ich tat mein menschenmglichstes, ihn den Nachmittag ber mit Rhrung und Weichherzigkeit als solchen anzusehen; aber noch vor dem vollen Einbruch der Dmmerung hielt ich ihn kurzweg von neuem fr einen Lumpen, und da er uns wie gewhnlich fr erbrmliche Trpfe und die nichtsnutzigsten Narren von der Welt hielt, das konnte ich ebensogut sagen als er. Also wir vertrugen uns, der guten Bewirtung, die die Alte hergerichtet hatte, zum Trotz, gar nicht; und sie, die Alte, legte mit ihren Unkosten gar so wenig Ehre bei ihm ein, als wir mit unserer Einfltigkeit. So fuhr er ab, um noch bei Licht auf die Landstrae zu kommen, und wir sahen ihn abfahren. Seinen Mohren nahm er auf dem Kutschbock mit sich; und ein solch Gesicht, wie _der_ Kerl uns zum Abschied zuschnitt, hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen und habe es auch bis jetzt noch nicht wieder zu Augen gekriegt, und kurioserweise tat _sein_ Abschied mehr als einem von uns leid. Das Kind, unsre Gertrud, hatte dem Untier einen Geschmack abgewonnen, wie es kaum geglaubt werden kann, und die Alte war richtig fast eiferschtig auf das Kind! -- -- -- Da der Kleine nicht wieder aus unserm Leben verschwand, nachdem wir ihn einmal wieder drin hatten, versteht sich wohl von selber; aber zu Gesichte kriegten wir ihn nicht wieder. Aus den Blttern, in welchen er ein Haus suchte, und auch sonst auf andere Weise erfuhren wir, da er sich in hiesiger Stadt niedergesetzt habe, aber uns hier im Wald lie er selbst von diesem Abschlu und Ende seines Vagabundenlebens nichts weiter zu Gehr kommen. Seinen Mohren Signor Ceretto Wichselmeyer schickte er auch nicht wieder heraus, was den andern im Hause am leidesten tat, worber ich als sein Bruder -- nmlich des Kleinen Bruder, mir aber jedoch mein Gefhl und Gemte vorbehalte. So sind denn die Jahre hingegangen, eines nach dem andern, und wir haben an nichts gedacht, das kann ich Sie versichern. Und nun war ich neulich schon vor Ihrer Tr, lieber Herr Bergschreiber, als uns das Stadtgericht herzitiert hatte; aber Sie waren damals verreist, und so mute ich mit meiner groen Neuigkeit und in meiner Bedrngnis wieder abziehen. Der Kleine war tot, und er hatte uns seinen letzten Streich gespielt; -- was meinen Sie, was er getan hatte, um einen letzten Tritt in unsern ruhigen Ameisenhaufen zu vollfhren? -- er hatte unser Trudchen, die Gertrude Tofote, zu seiner Generalerbin eingesetzt! -- Er hatte es getan! er hatte das Trudchen zu seiner Erbin gemacht, und da er nie etwas getan hat, ohne dabei etwas im Schilde zu fhren, so sind wir nun schon monatelang in aller Unruhe und Todesangst und zerbrechen uns Herz und Kopf und Sinn um die Frage, weshalb er es getan habe? Am Tage nach seinem Begrbnis war der Mohr bei uns. Denken Sie sich, -- er, der Kleine, hatte gewollt, da niemand von uns anders als durch der Zeiten Lauf von seinem Abscheiden benachrichtigt werden sollte; und bei seinem Grabe und Leichenkondukt hat er auch niemand von uns sehen wollen, und -- jetzt -- lieber Herr, Sie, der Sie mit allen Schreibereien Bescheid wissen, kommen Sie mit mir! Das Trudchen sitzt, seit ich bei Ihnen bin, mutterseelenallein im Gasthof bei den Fuhrleuten, und wartet wahrscheinlich mit Schmerzen auf mich, und jetzt -- wenn Sie nichts Besseres vorhaben, so kommen Sie, uns zum Troste in der Ratlosigkeit, mit und helfen uns, ihre Erbschaft anzutreten! Ich bitte Sie herzlich, so gtig zu sein. Siebentes Kapitel. Lnger als eine gute Stunde hatte Herr Autor Kunemund seinem Herzen Luft gemacht, und ich hatte ihn erzhlen lassen, und ihn, wie oben bemerkt, sogar nicht wenig ermuntert, so ausfhrlich wie mglich zu sein; aber jetzt fuhr mir ein um desto grerer Schrecken durch die Glieder. Mein Himmel, die Gertrud in der Stadt Lbeck! den ganzen Morgen da allein? Kunemund, ich bitte Sie, weshalb konnten Sie mir das nicht gleich sagen? Wie knnt Ihr das Kind -- das Frulein, so allein in dem Fuhrmannsausspann sitzen lassen? Weshalb denn nicht, lieber Herr? Wir haben gute Bekannte und Freunde dorten; gerade unter den Fuhrleuten haben wir die besten Freunde; und dann ist der Jd Salomon Prasem auch mit uns gekommen, -- das Trudchen war da ganz gut aufgehoben, bis wir es abholen. Das mochte nun sein; aber nichtsdestoweniger vervollstndigte ich in hastigster Weise meine Toilette, und nach zehn Minuten schon befanden wir uns in den Gassen der Stadt: ich in aller Ungeduld, aber der Meister Autor, ohne es im geringsten eilig zu haben. Im Gegenteil, er hatte Zeit und Mue fr jede Merkwrdigkeit, die ihm unterwegs aufstie, und des Merkwrdigen stie und fiel ihm alle zehn Schritte weit die Hlle und Flle auf. Endlich erreichten wir die Stadt Lbeck aber doch. Das ist in der Tat einer der besuchtesten und nahrhaftesten Ausspanngasthfe der alten Stadt, und der Verkehr dort an allen Tagen der Woche sehr lebhaft; am Sonnabend jedoch am lebhaftesten. Und es war ein Sonnabend, und das Getse vor, sowie die Bewegung in dem Hause lieen fr den Inhaber des altberhmten Schildes nichts zu wnschen brig. Ein halb Dutzend und mehr Lastwagen und Bauerwagen hielt vor dem hohen und weiten Torwege, und versperrte weithin die ziemlich breite Strae. Zertretenes Stroh, Fsser, Kisten, Kasten und Krbe, Hunde, Federvieh, Kinder, Gste aller Art und jedes Geschlechtes fllten den Hof, die mchtige Hausflur, die Gaststuben und die Treppen. Aus der schwarzen, gewaltigen Kche leuchtete es gleich einer keineswegs geringen Feuersbrunst, mit der freilich der begleitende Geruch gottlob gar nicht stimmte. Kellner und Kellnerinnen, Kchinnen, Hausknechte, Stallknechte und vor allem Wirt und Wirtin schlugen nicht blo in der Seele Rad, sondern machten auf jedermann, der mit offenem Munde und aufgesperrten Augen sich in dem Gewhl hin und her schieben und stoen lie, den Eindruck, als ob sie auch in einem fortwhrenden, nimmer wieder endenden krperlichen Radschlagen begriffen seien. In diesen Lrm und Wirrwarr traten auch wir jetzo ein, der Meister Autor und ich, und der Meister bahnte den Weg. Drei oder vier braune ausgetretene Stufen hinauf drngten wir uns aus dem Getmmel des Hausflurs in den Tumult der Gaststube hinein, und richtig fanden wir da die Gertrud Tofote und zwar ganz an demselben Platze, auf welchen sie der Meister Kunemund hingesetzt hatte mit der Ermahnung, sie mge sich die Zeit nicht lang werden lassen, er komme im Augenblick zurck und bringe den Trost im Elend (=NB=. in meiner Person) hoffentlich gleich mit her. Auf _den_ Trost hin hatte das junge Mdchen dann dagesessen, und -- wie sich sofort auswies -- keinen Augenblick Langeweile gehabt oder sich gar nach uns gesehnt. Als es uns erblickte, sprang es hinter seinem Tische mitten unter den verschiedenartigsten Sonnabendmorgengsten der Stadt Lbeck auf und rief, ohne anfangs die mindeste Notiz von mir zu nehmen: O Onkel, es ist gut, da du kommst! wir haben schon lange auf dich gewartet! Kennst du den hier noch? Und sie wies unbefangen auf einen hbschen jungen Menschen, der neben ihr gleichfalls von der rotbraunen Bank aufgestanden war, und viel verlegener als die Gertrud, errtend uns anlchelte und in seiner schmucken Matrosentracht wirklich hbsch -- sehr hbsch -- und um so hbscher je blder aussah. Na, sagte Herr Kunemund, es ist wohl nicht an dem? Ja, wahrhaftig, es ist doch an dem -- er ist es! Je, Karl, wie kommst denn du hieher? woher bist du gefallen, Junge? Na, das ist wahrlich ein vergngt Zusammentreffen, Karl, und dich knnen wir gleichfalls gerade brauchen. Siehst du, Trude, hab' ich's dir nicht gleich gesagt, da du hbsche Leute zu deiner Unterhaltung hier finden wrdest? Sie reichten einander die Hnde, ber den Kpfen und Schultern des Volkes am Tische weg, und ein teilnehmendes, vergngtes Grinsen ging ber jedes Gesicht an den vier Seiten. Bauern und Fuhrleute, Weiber und Kinder nahmen teil an dem frhlichen Wiedersehen; aber den grten Teil nahm natrlich der Jd Salomon Prasem, der da denn auch sagte: Mein, bei mir hat sich die Gertrude zu bedanken; -- denn wer war's, der ihr den Karl Schaake herbeilotsete? Ich war es, Herr Kunemund. Sollst deine Ehre behalten, alter Sacktrger, rief der Meister Autor, und das Trudchen -- ja freilich, reden wir doch einmal von der Gertrud Tofote, ehe wir weiter schreiben. -- Es wird viel Wasser die deutsche Literatur hinunterlaufen, bevor ein zweites Nixen- oder Waldelfen-Gesicht wie das wieder aus ihr emportaucht! Das Trudchen hatte sich verndert in den Jahren, die hingegangen waren, seit wir es als Kind zuerst am Bache im Elm trafen. Es war ein groes Mdchen geworden -- eine Jungfrau, wie man in den Bchern, -- ein Frulein, wie man im Leben des Tages sagt. Und was fr eine Jungfrau?! was fr ein Frulein! Da ich das Kind von Zeit zu Zeit wachsen gesehen hatte, erhhte meine jetzige berraschung nur; denn wer sieht sich je satt an den uralten Taschenspielerkunststcken der alten geschickten Prestidigitatrice, Madame Physis, sonst auch Dame Natur genannt?! -- Trudchen Tofote war eine reizende, vllig ausgewachsene Blondine von achtzehn Jahren geworden, und seltsamerweise schien der junge Leichtmatrose Karl Schaake das gleichfalls herausgefunden zu haben. Erlauben Sie geflligst, sagte der Meister Autor fein und hflich, erlauben Sie, da ich Ihnen diesen jungen Mann hier vorstelle und mit Namen nenne. Es ist nmlich Karl Schaake aus unserm Dorfe vor dem Walde, wissen Sie; sein Vater war Leinweber, sein Grovater war Leinweber, sein Urgrovater war Leinweber, und von Rechts wegen mte er, dieser Junge hier, auch Leinweber sein; aber knnen Sie es ihm verdenken, wenn er der ewigen sitzenden Lebensart halben sich mal in das Gegenteil geschlagen hat? Der Bengel fhrt -- tanzt auf dem Seil -- geht querber auf dem Wasser, kurz, um es kurz zu sagen, ist zu Schiff gegangen und hat alle seine ehrwrdigen Vorfahren mit offenem Maule sitzen lassen. Was sagen Sie dazu? Ehe ich etwas dazu sagen konnte, hatte sich der Meister bereits wieder an den Seemann selber gewandt: Und nun, du Schlingel, noch einmal: wo kommst du her? wo hast du dich wieder herumgetrieben? O Herr Onkel, das wre weitlufig zu beschreiben! meinte der junge Mensch lachend. Sie haben es ja schon lngst verschworen, mir ein Wort zu glauben, und haben, was schlimm genug ist, auch das Trudchen auf den Glauben hin abgerichtet. Was meinen Sie nun, wenn ich hab' helfen, muhammedanische Pilger von Malakka nach Dscheddah expedieren und zwar whrend der ganzen drei letzten Jahre? Das wird wieder ein schnes Geschft gewesen sein! Das war es freilich dann und wann. Hamburger Bark Kehrwieder, -- Kapitn Kltgen. Fragen Sie nur nach, die ganze Kste entlang, Onkel; o sie wissen mich zu schtzen, die Kerle, die das Gesicht auf dem Bauche tragen, von Sumatra bis Suez -- besser als Sie, Onkel Kunemund. Na, na, so genau wie ich, werden sie dich doch nicht kennen, Karl, sagte der Onkel mit dem Zeigefinger in der Luft. Aber die Gertrud kennt mich _noch_ besser! rief Herr Karl Schaake. Nicht wahr, du? Und schwerlich konnte jemand eine grere Dringlichkeit in ein solches: Nicht wahr, du? legen. -- Trudchen Tofote lachte vergngt und verschmt und gab dem Leichtmatrosen einen Schlag auf die Schulter, der seinen ersten Schu auch nur im Elmwalde getan haben konnte. Auf eine wrtliche uerung lie sie sich jedoch nicht ein, und also nahm der Onkel Kunemund wieder das Wort. Also hast du die Stadt Lbeck gerade so angelaufen, wie du der Alten daheim ber den Kchenschrank fielest. Und die Stelle, allwo die beste Piepwurst hing, die nahmest du uns auch niemalen mit; aber die Wurst vermiten wir dann und wann. Und also hast du dich gleich auch in gewohnter Weise bei der Trude vor Anker gelegt? Na, das ist schn! Es behagt einem immer, wenn endlich einmal jemand nach Hause kommt, der wirklich etwas zu erzhlen hat. Aber gern sich auch allerlei erzhlen lt, was whrend seiner Abwesenheit auf dem festen Lande vorgefallen ist. Nicht wahr, Trudchen? Das Trudchen lchelte wiederum nur vergngt und verschmt, und es fiel wiederum dem Meister Autor zu, sich zu besinnen, ob whrend der Abwesenheit seines jungen Freundes wirklich etwas der Erwhnung Wertes passiert sei in dem Walde und vor dem Walde. Ich hielt es fr meine Pflicht, ihm dabei zu Hlfe zu kommen. Ist das eine Familie, die in die Stadt gekommen ist, sich eine groe Erbschaft zu besehen und zu holen? fragte ich. O ihr Leute, wenn dieses kein Zeichen ist, da es euch auch ohne dieselbe wohl geht, so sucht und nennt mir ein besseres! Hierauf sah mich der Herr Kunemund gro und sehr erschrocken an, schlug sich vor die Stirn und rief: Herr Jesus, ja, das hatte ich ja ganz ber dem frohen Wiedersehen vergessen! Alle Wetter und die Formalitten?! Und die Gerichtsherren? und der Signor Ceretto! Um des Himmels willen, Trudchen, Karl, Herr von Schmidt, -- wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Sie haben uns ja auf zwlf Uhr bestellt -- und da -- schlgt es dreiviertel. Donner und Wetter, Trudchen, es war doch eigentlich deine Sache, mich daran zu erinnern! Achtes Kapitel. Wenn meine Leser nun etwa glauben sollten, da wir auf dieses Zusammenfahren und diese Mahnung hin jetzt wie Besessene von dannen strmten, der Hinterlassenschaft Mynheers van Kunemund zu, so wrden sie sehr irren. Wir nahmen uns doch noch Zeit und hatten derselben auch zur Genge. Davon hat mir Trudchen schon gesagt, Herr Kunemund, sprach der Matrose und zwar, wie es schien, mit einem etwas befangenen und gedehnten Tone. Eine Erbschaft haben Sie -- hat sie gemacht! Wirklich? Und was fr eine! rief der Meister. Ich, Gott sei es gedankt, nicht; aber das Mdchen da! Frage nur den Prasem, was fr eine gute Partie es geworden ist, und was fr se Augen er ihr machen wrde, wenn Moses und die Propheten und vor allen Dingen seine Perl nichts dagegen einzuwenden htten. Gerechter -- mein lieber Herr Kunemund! rief der alte Jude. Leugnen Sie es nicht, Salomo, rief der Meister, und dir, Karl, wiederhole ich es mit Nachdruck, der Kleine reibt sich sicherlich heute morgen da oben, oder -- da unten die Hnde. Eine Goldprinzessin ist das Trudchen und zwar ganz ohne ihr Zutun. Da der Herr Bergassessor von Schmidt meint, es gehre auch ins Mrchen, und kurios ist's auch, obgleich ich bis dato noch nicht herausgebracht habe, was der Herr eigentlich mit der Rede im Sinne hat. Das ist auch gar nicht ntig, alter Hexenmeister! rief ich lachend; doch ber das offene ehrliche Gesicht des jungen Seefahrers war ein sonderbarer Schatten gefallen. Er blickte das schne Kind, die Gertrud Tofote bedenklich von der Seite an und zerrte unruhig an seinem bunten Halstuche; ich aber las in seiner Seele, und zwar folgendes: Also so steht die Geschichte? Und deshalb aus dem Alltagsverdru und der Leineweberei durchgebrannt und auf See gegangen, um ihr mit dem Sack voll spanischer Dublonen und smtliche Taschen voll Demanten und Perlen eines Tages vor die Nase in allerhchster Glckseligkeit treten und sie fragen zu knnen: Na nu Gertrud? --! Uh! Himmel und Hlle, wenn ich ihr jetzt kme mit dem, was mir die Hadschis eingebracht haben! O verflucht, da wre es doch am besten, ich htte das alte Land gar nicht wieder angelaufen. Ich beobachtete einen tiefen Griff beider Hnde des jugendlichen Abenteurers tief in beide Hosentaschen hinunter, und sagte wie er in der Tiefe meiner Seele: Ja, ja -- ja! -- Aber jetzt war es wirklich die hchste Zeit zum Aufbruch geworden, und der Meister sprach nur noch: Herr Bergsekretr, den Karl Schaake nehmen wir mit; denn so halb und halb gehrt er doch, von seinen ersten dummen Streichen an, zur Familie; -- dann gingen wir, und hatten nun sogar zu laufen, um die verlorene Zeit einzuholen. Wir liefen, und die ganze Gaststube in der Stadt Lbeck stellte sich auf die Zehen, um uns respektvoll und mit den notwendigen Glossen nachzusehen. Wir liefen, und statt sich mit Hnden und Fen gegen die Begleitung des Trudchens in das unmenschliche Glck hinein zu wehren, lief Karl selbstverstndlich mit der Erbin vorauf. Es schlug gerade feierlich zwlf Uhr auf Sankt Katharinen, als wir uns an der alten Kirche vorber dem Tor zuwendeten. Umstnde werden sie uns freilich wohl nicht mehr machen. Wir knnen uns dreist in den Honigtopf hineinsetzen, sagte der Meister Autor, und es verhielt sich selbstverstndlich so, wie er sagte. Wir schritten langsamer den jungen Leuten nach durch das Tor, vorber an einem der Kirchhfe der Stadt, und dann durch eine enge im Zickzack laufende Gasse, zwischen Planken und lebendigen Gartenzunen etwa zehn Minuten fort. Dann standen wir, Gartenhecken, Grten, Gitter, Gartenhuser rechts und links, und suchten uns zu orientieren. Dann fanden wir uns zurecht und schritten in eine Nebengasse hinein, in welcher wir dann natrlich wieder so ratlos als vorher standen. Sie wissen es ja, wie er sich verhollndert hat, sagte der Meister Autor, nehmen Sie es also nur nicht bel, wenn ich nach meinem eigenleiblichen Bruder so verrckt frage. -- Sagen Sie, junge Frau, wo hat sich denn eigentlich der Dachs verklftet -- ich meine mein kleiner Bruder -- ich meine, wo wohnt denn der Herr van Kunemund?! Diese Frage war an eine durchaus nicht mehr junge Weibsperson, die, einen Henkeltopf tragend, uns entgegenkam, gerichtet, und sofort erfolgte die Antwort der dem Gesprch nach leicht erreglichen Dame: Hren Sie, wenn Sie den meinen, den kleinen, gelben Kerl, mit dem vielen Geld -- der lebt gar nicht mehr. Sie alter Narr, wenn aber Sie die Leute vexieren wollen, so gehen Sie da auf den Kirchhof und dann knnen Sie -- Was der Meister Kunemund konnte, wollen wir dahin gestellt sein lassen; wir gingen eiligst weiter und trafen ein kleines Mdchen, welches ebenfalls einen Henkeltopf trug, und welches auf unsere Frage, mit dem Finger deutend, sagte: Herr je, da guckt's ja ber die Hecke! und dann sofort Reiaus nahm. Unsere Augen waren smtlich der andeutenden Richtung des Kinderfingers gefolgt. Richtig! sagte der Meister. Nun, Gott sei Dank, jetzt haben wir es doch herausgebracht, wo er sich verklftet hat. Was aber da ber die Hecke guckte, das war in der Tat nicht gewhnlich, und konnte wohl einem, der unvermutet auf den Anblick stie, einen gelinden Schrecken einjagen. Solch eine kohlschwarze Teufelsfratze mit solchem krausen schloenweien Wollenhaar sollte noch zum zweitenmal ber eine norddeutsche Hainbuchen- und Nubaumhecke gucken. 's ist sein Mohr, erschrick nicht, Karl Schaake! rief der Meister; und schon war das Trudchen an der Hecke und reichte dem grinsenden Greuel die Hand in die Hhe. Aber je nher wir andern herankamen, desto mehr versank der Schwarze hinter den grnen Blttern -- doch glcklicherweise nur aus Hflichkeit, denn er empfing uns mit einer tiefen Verbeugung an den Rokoko-Sandsteinpfeilern des Gartentores, reichte dem Herrn Kunemund gleichfalls die Hand und sagte: Ist es der Herrschaft endlich gefllig gewesen? Wahrhaftig, ich kenne Leute in Bremen, sowie an manchem andern Platze in und um Europa, die eiliger angerannt gekommen wren. Siehst du, Onkel, das habe ich dir auch gesagt! rief Gertrude Tofote, und damit traten wir ber die Schwelle des Gartens und ein in das Erbe, welches Mynheer van Kunemund der Tochter Arend Tofotes gegeben hatte, und wir sahen alle noch einmal zurck ber die Schulter, nur die Gertrud nicht; -- Gertrud sagte: Oh! und sah sich nur um. Es ist _doch_ wunderlich! sprach der Meister Autor, kopfschttelnd nach den dichten dunkeln Baumgipfeln blickend, die in der Ferne die Lage des Kirchhofes andeuteten, auf welchem man seinen kleinen Bruder eingescharrt hatte, ohne da der Meister dabei zugegen gewesen war. Was mich persnlich anbetraf, so hatte ich mich seit meinen Kindheitsjahren nicht in einer gleichen mrchenhaften, neugierig-bnglichen Stimmung wie die jetzige befunden. Und da sich meine Rolle hier doch nur auf die eines horchenden, zurechtlegenden Beschauers beschrnkte, so entging mir wenig dessen, was die Stunde bot; und alles, was ich sah, hrte -- pate in das Mrchen -- vor allem andern auch der junge, verdrossene Seefahrer, Herr Karl Schaake, der Leichtmatrose. Da standen wir im Grn und in der Sonne und mitten im verwilderten Rokoko. Aus ausgewuchertem dichten Taxus sahen graue Sandsteinfiguren -- pausbackige Kinder, hochbusige Nymphen hervor. Der gelbe feine Sand knirschte unter unsern Fen, und an einer uralten Sonnenuhr in der Mitte des Rundplatzes machte uns der Mohr Mynheers van Kunemund eine zweite und womglich noch tiefere Verbeugung: Dort ist das Haus, sagte er, auf ein altersschwarzes moosbedecktes Ziegeldach deutend, welches in einer Entfernung von etwa hundert Schritten ber das Gebsch emporragte. Und wo sind die Gerichtsherrn? fragte Herr Autor Kunemund. Auf diese Frage hin zog Signor Ceretto grinsend die Schulter in die Hhe: Die Sennorita darf sich darauf verlassen, da sie in ihrem Eigentum ist. Der Herr Kunemund wei das auch recht wohl; er hat es ja selber auf dem Stadtgericht gehrt, da alles in Ordnung sei. Der selige Herr verstand es bis zum Letzten, Ordnung in allen seinen Angelegenheiten zu machen. Das gndige Frulein darf dreist weiter spazieren. Was ist denn aber das? fragte der Meister Autor vor einer rotweien Stange stehen bleibend, die mitten im Wege zwischen dem Grn, den Blumen, unter den summenden Bienen, den flatternden Schmetterlingen und den grauen Steinbildern im Boden stand. Das Gewchs hat das Stadtbauamt neulich eingepflanzt, Herr Kunemund, sagte der Mohr. Es findet alles sein Ende in der Welt. Jede Zeit hat ihr eigenes Plsier und kmmert sich wenig um das der vorhergegangenen. Uns macht nun das Baumfllen Vergngen. Den Stadterweiterungsplan haben Sie wohl noch nie zu Gesicht gekriegt, Herr Kunemund? Donner und Hagel, sie werden uns doch wohl hier keine Huser hinsetzen wollen?! schrie der Meister Autor, und es wird auch wieder viel Wasser die deutsche Literatur herabrinnen, ehe sie wieder ein Grinsen sieht, wie das, mit welchem Signor Ceretto Wichselmeyer aus dem Schsselkorb zu Bremen den Aufschrei des Meisters beantwortete. Sie wollen mir in meinen Garten Huser bauen? rief auch Frulein Gertrud Tofote, und zum drittenmal verneigte sich der Zaubermohr vor ihr und sagte: Nach dem Stadterweiterungsplan geht die Priorittenstrae grade ber das Grundstck. Ich bitte gehorsamst -- sehen Sie dort, an dem Bassin steht der zweite Pfahl. Ei, der selige Herr wute gar wohl, was er tat, als er den Garten kaufte. Es war ein solides Geschft, -- nur schade, da er die Kommission mit den Meketten nicht selber mehr an der Tr begren durfte. Ich hatte die Hand auf einen die Flte blasenden Satyr gelegt; der Meister Autor sah mit zusammengezogenen Augenbrauen an den alten hohen Linden empor, der Seefahrer war an den Rand des Wasserbeckens getreten und sah finster hinein, und Trudchen -- Trudchen trat zu dem alten unheimlichen Gartenhter und fragte: Aber drfen sie denn das, wenn ich nicht mag? Sie werden viel Geld bezahlen, gndiges Frulein, antwortete Ceretto. Fr viel Geld bekommt man alles, was man will. Fr Geld und fr gar nicht viel hat man alle meine Grovter bekommen, und meinen Urgrovater sogar fr eine abgelegte neapolitanische Schiffsleutnantshose. Die berlieferung davon ist in der Familie geblieben von Abu Telfan im Tumurkielande her bis in den Schsselkorb zu Bremen. Was mich persnlich angeht, so hatte mich der selige Herr, -- ich meine immer Mynheer van Kunemund, fr vierzig Taler jhrlich und einen neuen Bedientenrock alle Weihnachten. Damals sagten Sie mir, Ihre Angehrigen stammten aus dem Lande Kongo, sagte der Meister Autor, um doch wieder etwas zu bemerken. Aus Banza Sonjo! Nicht wahr? Ja, das ist auch wenigstens zur Hlfte richtig. Aus dem Nest war meine Urgromutter; die wurde aber auf einen andern Handel zugegeben und kam mit meinem Herrn Urgrovater erst in Puerto Principe auf Cuba in Bekanntschaft. Sie konnten beide nichts dafr, es sprachen damals auch Geschftsrcksichten mit, aber, wahrhaftig, blo die des kreolischen Pflanzers. Nun, ich will dem gelben Schurken heut ein gut Jahrhundert spter keinen bsen Leumund darum machen, zumal -- heut heute, schnes, junges, gndiges Frulein; denn _mir_ gefllt die Welt heute recht sehr, recht sehr! Ich meines Teils habe bis dato noch immer mein Vergngen drin gefunden. Neuntes Kapitel. Wir standen noch einen Augenblick um die Stange des Stadterweiterungsplanes her, und dann wendeten wir uns alle ab und dem Hause zu. Um zu demselben zu gelangen, muten wir das gleichfalls mit einem bemoosten Rande von Sandstein eingefate Wasserbecken umschreiten. Das Ding hat eine merkwrdige Tiefe, sagte Signor Ceretto. Mynheer und ich haben es ausgemessen. Der Grund ist weit hinabwrts versumpft und verschlammt; ob man allerlei Andenken aus der alten Zeit finden wird, wenn das Bauamt den Fleck trocken legt, kann ich nicht sagen. Es hat aber vieles und wunderliches Menschenvolk hier im Hause gewohnt. Hier im Hause! Wir standen jetzt vor dem Hause, in welchem zuletzt Mynheer van Kunemund gewohnt hatte, und welches jetzt dem Trudchen Tofote als Eigentum zugefallen war. Zu seiner Zeit war es, trotzdem da es nicht sehr gro ist, ein Wunderwerk, meinte der schwarze Gartenhter. Und wahrlich, ein Wunderwerk war es auch heute noch, und vielleicht grade heute mehr denn je. Oh! rief Gertrude Tofote, nach der Hand des Meisters Autor greifend, aber sie sofort fallen lassend, um die breiten Steintritte, die sich an der ganzen Vorderseite des Gebudes herzogen, hinaufzueilen. Und wre jetzt aus der Glastr in der Mitte der Erbauer im Brokatrock mit der Allongepercke und dem zierlichen Degen, den dreieckigen Hut unter dem Arme, hervorgetreten, um sich mit der ganzen feierlichen Zierlichkeit des Jahres Siebenzehnhundert ber ihre Hand zu neigen und das schne Kind in _sein_ Besitztum einzufhren, -- niemand von uns andern, die wir noch auf dem heien gelben Sande vor den breiten Treppenstufen standen, wrde einen auergewhnlichen Schauder darob versprt haben. In der Umgegend von Batavia trifft man auch solche kuriose alte Gartenhuser, sagte der Matrose. Aber sie versinken allmhlich im Sumpfe. Ruppig, aber wunderschn! rief der Meister Autor. Und _das_ wollen sie auch wegbrechen, ihrer dummen Strae wegen? Das erst recht, Herr Kunemund. Ich meine doch, es hat lange genug gestanden, sagte Ceretto, aber die Herrschaften sehen, die junge Herrin wird ungeduldig -- gehen wir hinein; inwendig ist's noch viel absonderlicher, und wir haben gleichfalls das Unsrige geleistet, um die Wirtschaft fr das gndige schne Frulein so bunt als mglich herzurichten. O, darauf verstanden wir uns: ich und der selige Herr. Wir haben beide, jeder in seiner Art, die Welt danach abgegraset. Wir erstiegen nun auch die breiten Steinstufen zwischen den beiden verwitterten Sphinxen und standen vor der schon erwhnten Glastr und den fast bis auf den Boden herabreichenden Fenstern des Hauses. An der Tre erwies sich der wunderliche Fhrer aber nochmals als ein fr seine Aufgabe vollkommen passender Mann. Mit einem lchelnden Blick auf Gertrude deutete er nochmal zurck auf den Garten, -- die Blumen, den ausgewucherten Taxus, das sonstige Gebsch und die mannigfachen Bildwerke, die aus dem Grnen hervorsahen: Blumenkrbe tragende Nymphen, Pansfltenblser und pausbackige Kinderfiguren. Sie haben alle gewartet! sagte er. Sie haben auf das Frulein gewartet. Sie haben sich gelangweilt ber hundert Jahre. Das glaube ich! brummte der Leichtmatrose Karl Schaake. Es war zwar sehr freundlich von ihnen, aber ntig war's nicht. Was haben sie mit dem Trudchen zu schaffen, die lcherlichen alten Galionbilder?... Nichts! So?! sagte der Meister Autor Kunemund. Hast du deshalb dem Kerl da einen solchen grimmigen Nasenstber versetzt, Karl? Und er zeigte auf einen mit einem kaum noch erkennbaren Bogen bewaffneten knieenden Amor unter einem Rosengebsch, gerade der Eingangstr des Hauses und dem im Sonnenlicht glitzernden Wasserbecken gegenber. Sicherlich wute Herr Autor durchaus nicht, wie fein er sich durch sein Wort und seine Handbewegung erwies. -- Zehntes Kapitel. Die Jahre sind hingegangen seit dem Tage. Nicht viele Jahre -- fnf zum hchsten, kurz eine lange, lange Zeit. Ich habe das Meinige erlebt whrenddem -- die Welt roch einige Male recht brandig -- Saturn entwickelte mehrmals einen gott- oder gttergesegneten Appetit: die Knochen seiner Kinder knackten und knirschten unter seinen Zhnen; es flo ihm rot an den Kinnladen herab; hier und da lief das Blut in den Straengrben und Ackerfurchen: im Bunten eine buntfarbige Erinnerung mehr, das ist das einzige, was mir von jenen Stunden blieb, jenem Tage, an welchem Herr Kunemund mich abholte, seine kleine Freundin in ihre Erbschaft zu geleiten. Es war ein Gebude, wie es im achtzehnten Jahrhundert die Herren aus der Umgebung Serenissimi in groen und kleinen Residenzen in ihren Grten versteckten, und wie es in so manchem Schau- und Trauerspiel, in so manchem Roman nicht nur des achtzehnten, sondern auch des neunzehnten Jahrhunderts sich aufbaut als Schauplatz von Liebe und von Kabale. Ein Huschen, in welchem aber auch von Thmmel seine Wilhelmine htte schreiben knnen, und in welchem der Verfasser der Reise in die mittgigen Provinzen von Frankreich sich auch unter dem, was Mynheer van Kunemund hinzugetan, gewi nicht unbehaglich gefhlt haben wrde. Die Stukkaturplafonds und die Schnrkelschnitzeleien an Tr und Pfosten hatten dem Geschmack des alten abenteuernden Heimtckers zugesagt, und er hatte das Seinige getan und alles verblichene Gold neu auffrischen lassen. Auch die Decken- und Wandmalereien hatte er zum grten Teil konserviert, und die bekannten Abgttereien, Schfereien, Jgereien und Fischereien ergtzten das Auge fast von jeder Richtung her. Aber Mynheer hatte auch ein Gusto fr buntes Fensterglas mit in seinen lichten Schlupfwinkel gebracht und seine Gemcher in das bunteste Licht gekleidet. Und was er von seinen Weltfahrten an Wunderdingen mitgeschleppt hatte, das hatte er auf den Tischen und Schrnken und die Wnde entlang aufgehuft und angehngt. Selbst die Fubden hatte er durch auslndische farbenprchtige Teppiche und die Felle fremder Tiere nach Mglichkeit wunderlich ausgestattet; das Ganze berwltigte, selbst nur als Rarittensammlung betrachtet, beim ersten Durchschreiten der Rume vollstndig. Aber die Lebendigen waren doch das Merkwrdigste, -- sie stehen mit jedem Worte, mit jedem Gestus fest in meiner Erinnerung -- der Meister Autor, das schne Waldfrulein und der Leichtmatrose und Pilgerfhrer Karl Schaake von der Hamburger Barke Kehrwieder. Ich sehe den Bremer Mohren, Ceretto Wichselmeyer, eine Tr nach der andern vor der neuen Herrschaft ffnen; ich sehe das se Kind immer grere und glnzendere Augen ffnen, aber ich sehe es auch von Schritt zu Schritt immer mutiger und mutwilliger werden. Ich sehe, wie sich Frulein Gertrud Tofote lachend auf weiche Polster wirft, um sofort wieder aufzuspringen und ber die orientalischen Decken, die Tigerfelle mit leichter Hand zu streichen; ich sehe sie mit bunten Schmuckkstchen in der Hand, mit einem javanischen Federfchel in der Hand, -- ich sehe sie mit einem Korallenschmuck im Haar vor einem der vergoldeten Spiegel. Ja, ich sehe das Lcheln, mit welchem sie sich in den Spiegeln des Hofmarschalls von Kalb oder des Oberschenks von Bock, und zwar auf den Teppichen Mynheer van Kunemunds stehend, beugelt; und ich sehe auch den Meister Autor Kunemund, der hinter ihr hertritt, sich ber ihr Entzcken freut und doch dann wieder auch stehen bleibt und kopfschttelnd und traurig sie, unbemerkt von ihr, lange und fest ins Auge fat. Ich sehe dann den Meister Autor, wie er den Stock seines kleinen Bruders in einer Ecke findet und am Nagel den Hut des Seligen. Ich sehe, wie er vor diesen Stcken der Erbschaft lange mit dem schwarzen Zauberhter der tausend Herrlichkeiten flstert, um von neuem den Kopf zu schtteln. Ich belausche einen tiefen Seufzer des Alten, whrend aus dem Nebengemache, hinter dem schweren sammetbefranzten Trvorhang her, ein neuer, heller, lachender Jubelruf des jungen Mdchens erklingt; den jungen Seefahrer erblicke ich in diesem Momente nicht, aber ich finde ihn noch wieder -- im Mrchenhause Mynheers van Kunemund und in meiner Erinnerung. -- Wir haben allgemach das ganze Haus durchstbert und kehren nun zurck durch den Wirrwarr der bunten Rume, um das lustig verzauberte Gartenschlchen auch von auen zu umschreiten und den Garten einer neuen und eingehenderen Durchforschung zu unterwerfen. Und auf diesem Rckmarsche finde ich meinen jungen Salzwassermann in einem Winkel eines der vordern Gemcher, und zwar in mrrischer Betrachtung der Schlange unter den Blumen. Er sa auf einem Eckpolstersitz und hatte von einem Hngebrett zur Seite den Gegenstand herabgeholt, der ihn so sehr bedenklich machte, da er alles andere darber verga. Als ich an ihn herantrat und ihm die Hand auf die Schulter legte, fuhr er sogar zusammen und wurde sofort sehr rot, was ihm, beilufig gesagt, gar nicht bel stand. Was haben Sie denn da aufgegabelt, das Ihre Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch nimmt, lieber Freund? fragte ich, und der Leichtmatrose erwiderte verlegen und womglich noch rter werdend: O nichts! Dem scheint doch nicht so zu sein. Bitte, lassen Sie doch einmal sehen, was Sie Gefhrliches da hinter Ihrem Rcken verbergen. Und jetzt sprudelte und stotterte der junge Mensch heraus, was ruhig und lachend zu sagen er sich zu schmen schien: Ich wei nicht, wie das hierher kommt, und ob der, welcher es hierher gebracht hat, gewut hat, was es bei sich zu Hause bedeutet. Aber auf den Inseln der Banda- und der Harafura-See schafft ein Feind es dem andern verstohlen ins Haus oder aufs Schiff und geht nachher hin und reibt sich die Hnde und wartet ruhig den Erfolg ab. Sie sagen und glauben fest daran, da es Unglck bringe -- da Haus und Schiff zugrunde gehen msse, wenn es nicht noch frhzeitig wieder hinausgeworfen werde. Es ist natrlich eine Narrheit; aber kein malayischer Seemann duldet es auf seinem Schiff, und ertappen sie einen, der es bswillig in der Hosentasche trgt, fliegt beides ber Bord, der braungelbe Kerl wie das graugrne Zauberding. Das ist ja recht interessant! Aber was ist es denn? Zeigen Sie doch einmal, lieber Karl! Zgernd legte der Leichtmatrose einen dem uern Anschein nach hchst unverfnglichen Gegenstand in meine Hand, nmlich einen schwrzlichgrnlichen Stein von eirunder Form und der Gre einer Weiberfaust. Bei nherer Betrachtung erwies sich jedoch, da das Ding bezeichnet war und nicht ohne Kunst und Mhe zugerichtet, da es also auch wohl fr den Verfertiger seine Bedeutung haben mute. Die eine Hlfte war mit einem Durcheinander wahrscheinlich sehr magischer und niedertrchtiger Schriftzge bedeckt; auf der andern Hlfte wies sich ein Gesicht eingegraben, und seltsamerweise hatte sich der Knstler augenscheinlich bemht, so gut es ihm eben mglich war, jedwede Fratzenhaftigkeit davon fernzuhalten, und das war ihm auch so ziemlich gelungen. Es gab sicherlich hlichere molukkische Frauen und Gttinnen, als diejenige gewesen sein mute, die zu diesem Skulpturwerk Modell gesessen hatte. Nachdem ich das magische Ei mit gebhrender Aufmerksamkeit hin und her gewendet, es unter jeglichem Gesichtspunkt betrachtet und zuletzt sogar berochen hatte, gab ich es zurck und zuckte die Achseln. Sie nennen es den Stein der Abnahme und dulden es nicht, sagte Karl Schaake. Der Stein der Abnahme?! Freilich ein sonderbares, bedeutungsvolles Wort!... der Stein der Abnahme! Ich nahm das Ding zum zweitenmal und betrachtete es noch einmal von allen Seiten, indem ich wiederholte: Der Stein der Abnahme! Den Schriftzgen vermochte ich nichts abzugewinnen, wohl aber allmhlich dem Weibergesicht. Die Phantasie tut in allen diesen Stcken das Ihrige und tat das auch jetzt. Das kindische, unsichere Bild gewann ein tierisch-stupides Leben, und ber alles einen Zug von unerbittlicher Grausamkeit und kahlem, nichtssagendem Hohn, der es mich auf der Stelle zum andernmal zurckgeben lie: Sie dulden es nicht? Unter keinen Umstnden! Sie reien selbst das Haus nieder, in welchem es gefunden wird. Und Sie, lieber Freund, verspren all Ihrem Europertum zu Trotz ebenfalls nicht die mindeste Lust, dieses Es, diesen -- Stein der Abnahme, hier -- grade hier, in diesem Hause zu dulden? Es juckt Sie lngst in allen Fingern, das Entsetzliche verstohlen in die Tasche zu schieben und es nachher in den Flu zu werfen, da wo er Ihnen am tiefsten vorkommt? Nicht wahr? Der junge Mann nickte mit allem Nachdruck, den Blick nicht von mir abwendend. Nun, was hindert Sie denn, lieber Karl? Ich meine, wir knnen es vor dem Meister Autor, dem Bruder Mynheers van Kunemund, wie vor der niedlichen Erbin Mynheers -- und vor letzterer am ersten verantworten. Sehen Sie, das Fenster steht weit genug geffnet. Werfen Sie, und reinigen Sie das Haus von dem Unheil! So vieler Worte hatte es kaum bedurft. Beim ersten bereits war der Seefahrer aufgesprungen, und jetzt flog im weiten Bogen der Stein der Abnahme aus dem Fenster und klatschend mitten in das Bassin vor dem Hause. So -- gottlob! rief tief aufatmend Karl. So! sagte ich lachend und habe spterhin Gelegenheit gefunden, mich dieses Lachens mehrfach zu erinnern. Frs erste fanden wir uns noch einmal im Garten unter den Bienen, Blumen und Schmetterlingen zusammen und beredeten noch dieses und jenes, woran Gertrud Tofote, versunken in ein unruhiges Trumen, wenig Anteil nahm. Dann fragte Herr Kunemund: Du wirst doch heute mit uns essen, Karl? und Karl dankte zgernd und sagte: Ich habe der Muhme im Cyriacihofe versprochen, heute bei ihr zu bleiben, und sie wird schon lngst eine recht schne Rede ber mein Ausbleiben fr mich in Bereitschaft haben. So nahmen wir Abschied. Wir, der Seefahrer und ich, lieen die Erbin im Besitz der Erbschaft Mynheers van Kunemund, und ein jeder ging seines eigenen Weges: ich den meinigen, wie gesagt, durch verschiedene Jahre. In diesen Jahren hatte ich das Meinige in Wohl und Wehe abzutun und konnte mich nicht immer mit dem, was andere Leute eigentlich allein anging, beschftigen. Aber dessenungeachtet behielt ich diesen Tag mit allen seinen Figuren und Vorgngen in merkwrdiger Frische in der Erinnerung. Den Meister Autor hatte ich ja sogar, wie man das so nennt, liebgewonnen. Und wenn man sich gewhnlich wenig mehr bei dem Wort denkt, als da ein wohltuend warmes Behagen von der oder der Persnlichkeit fr uns ausgeht, so trat hier doch noch etwas anderes hinzu: ich hatte nmlich den Meister auch da zu respektieren, wo sich mein ganzes, oft flchtig genug im Tage lebendes Wesen gegen seine Natur und sein Treiben als gegen etwas ganz Gewhnliches und Einfltiges, wenngleich ungemein Feststehendes strubte. Das Behagen behielt freilich stets die Oberhand. In mancher verdrielichen Stunde schweifte meine Seele mit Wohlgefhl in des Alten Einsamkeit und sein sagenhaftes Leben hinber; und in mancher unsichern Stunde habe ich ihn, den Meister Autor Kunemund, in der Einbildung um Rat gefragt, denselben jedesmal erhalten und wirklich dann und wann befolgt und zwar niemals zu meinem Schaden, wenngleich sehr hufig zur unmigen Verwunderung anderer Leute. _Dem_ Mann geht es immer gut! Dem Mann kann es nie schlecht gehen! dachte ich, und sa mit ihm in der Phantasie an der Schnitzbank und spielte mit dem tapfern, blanken Messer seines kniglichen Ahnherrn. Und mit ihm sah ich seinen Wald im Frhlings-, Sommer-, Herbst- und Wintergewande, in Sonnenlicht und Nebel, und sah die Alte und den Frster Tofote und das Kind, das schne Kind. Und whrend ich an meinem eigenen Leben schnitzelte und zwar im Holz, das mir berwiesen worden war, philosophierte ich dann und wann, wie es sich gehrte, ber das Material, welches andern in die Hnde fiel, so zum Exempel ber die Erbschaft Mynheers van Kunemund. Hundert Meilen entfernt vom Elmwalde kmmerte ich mich um jenen wunderlich schnen Garten, die liebliche Erbin darin und dachte an die rotweie Mestange, welche jener Stadterweiterungsplan der armen Gertrud Tofote zwischen ihrem Flieder, Jasmin und ihren Rosen eingepflanzt und aufgerichtet hatte. -- Elftes Kapitel. Der Schnellzug hielt im freien Felde, ungefhr eine halbe Stunde von der Station, und whrend fnf Minuten unterhielten sich die Reisenden in smtlichen Wagen, in der Erwartung, da es sogleich weiter gehen werde, ruhig ber die mglichen Grnde des pltzlichen Anhaltens. Nach einer weiteren Minute bogen sich die ungeduldigeren Passagiere aus den Fenstern, um sich nach diesen Grnden umzusehen, und einen krzesten Moment spter bot die lange Wagenreihe mit den daraus hervorguckenden Kpfen den Anblick einer Straenseite, wenn drunten in der Gasse etwas ganz Auergewhnliches vorgegangen ist oder vorgeht. Wenn nun aber auch kein Kanarienvogel der zrtlichen Pflege seiner altjngferlichen Herrin entschlpft war, so war nichtsdestoweniger etwas, wenn auch nicht Auergewhnliches, so doch gewi ziemlich Aufregendes passiert, zumal fr diejenigen, welche dergleichen noch nicht auf ihren Reisen erlebt hatten. Personen- und Gterzug entgleist ... Bahn unfahrbar!... Heizer und Lokomotivfhrer tot, viele Passagiere verwundet! ging es pltzlich von Mund zu Munde durch alle Klassen des Zuges, und die bereits am Rande der Bschung in Gruppen stehenden Schaffner lieen sich nunmehr allgemach herbei, die Nachricht zu besttigen und fingen auf Befehl des Zugfhrers an, die Wagentren zu ffnen. Allgemeines Herausklettern -- Durcheinander von Frage und Antwort -- hie und da Mitleid und Entsetzen in den Mienen; aber meistens doch nur, je nach dem Charakter oder der Eile der persnlichen Reisenot heftiges Gestikulieren, leises Murren und lautes Schimpfen! Wer es schon mitgemacht hat, wei es, wie die Welt in solcher Lage sich gibt; wer noch nicht im freien Felde vor die Alternative gestellt wurde, in dem Coup zu bernachten, oder nach eigenem Knnen und Vermgen seinen Weg ber das Hindernis da vorn auf dem Geleise zu suchen, der mag sich selber den Puls fhlen. -- Was mich anbetraf, so hatte ich wenig zu versumen, und nachdem mir die Gewiheit geworden war, da fr eine lngere Zeit an ein Freiwerden der Bahn und ein Weiterfahren des Zuges nicht zu denken sei, ergab ich mich gleichmtig in die Situation, sah mich um und suchte mich in der Gegend zurecht zu finden. Wir hielten in der Ebene, wie gesagt, eine halbe Lokomotivviertelstunde von der nchsten Station entfernt, hatten also einen ziemlich betrchtlichen Weg, und zwar auf sehr schlechtem und gar noch dazu durch ein heftiges Gewitter am frhen Morgen aufgeweichtem und grundlos gemachtem Pfade zu dem Orte hin. Aber es war ein herrlicher, klarer, sonniger und doch durch eben jenes Morgengewitter erfrischter Sommernachmittag, und es gab schlimmere Klemmen als die meinige im menschlichen Leben: ich wenigstens hatte schlimmere und zwar ziemlich heiter berwunden, wenn auch dann und wann nur aus dem einfachen Grunde, weil ich mute. Ich hatte mich bald in der Gegend zurechtgefunden. In der Ferne, gegen Nordost zog sich wieder einmal der Elmwald hin; in der hgeligen Ebene zwischen dem Walde und der Eisenbahn, ungefhr eine Viertelwegstunde von der letztern lag ein Dorf in Gebsch, Wiesen und Kornfeldern, und der Weg, den wir smtlich zu treten hatten, wenn wir das Hindernis vor uns umgehen wollten, fhrte durch dieses Dorf. Zu Haufen und einzeln, teilweise schwer genug mit ihrem Gepck belastet, schritten die Insassen des Bahnzuges den roten Dchern zu; ich aber, mit ein wenig besserm Humor fr das Ertragen der Verdrielichkeit ausgerstet, lie den Schwarm voranziehen. Eine Zigarre anzndend, klomm ich ihm den Hohlweg hinauf langsam bis auf die Hhe nach, erstieg dann die Bschung und sa am Rande eines unbersehbaren Weizenfeldes unter einem schattigen Fliederbusche nieder, und zwar in ziemlich eigentmlicher Stimmung. Da war eben noch der wirreste Lrm, das Rasseln der Rder, das Geschwtz der Mitreisenden, das chzen der Maschine, kurz der Dampf, Qualm und die Musik der ganzen kostbaren Erfindung um mich gewesen und jetzt -- die tiefste Stille -- bis auf die Lerchen ber mir im Blau und die Grille neben mir im Thymianbusch. Und, weithin zu berblicken, lag die Ebene im Sonnenduft, und im Sden das Gebirge im weilichen Glanze. In Schlangenlinien zog sich der Bahnkrper durch die Flche und um die Hgel, hier verschwindend, dort von neuem auftauchend, bis sich die Windungen im Dunste der Ferne verloren. Die Sonne glitzerte auf den Schienen; und dort, zwei- bis dreihundert Schritte von meinem grnen Busche entfernt, zwanzig Fu tiefer als er, lag wie ein verendendes Ungeheuer der schwarze lange Wagenzug mit dem nur noch leise auskeuchenden Kopfe des Drachens, der Lokomotive. Nur die Beamten -- der Lokomotivfhrer, Heizer und Schaffner waren noch um die Wagen beschftigt, und in den ersten Klassen hatten einige verdrieliche Herrschaften von beiden Geschlechtern verzweiflungsmatt ihre Pltze festgehalten. Wie schn doch die Welt geblieben ist! sagte ich erstaunt. Gtiger Himmel, und das liegt noch immer dicht neben uns, und lchelt uns mitleidig nach, whrend wir da vorberrasen, befangen im Wahn in dem wsten Gelrm durch eigenes Mitlrmen, Mitkeuchen und Mitgreifen das zu gewinnen, woran wir lngst vorbeigewirbelt wurden. Welch eine Fratze schneidet uns unser eigenes Leben, wenn wir es einmal in der rechten Beleuchtung anschauen! Meine Herrschaften, da wre die Gelegenheit, fr die, die da lachten, zum Weinen, und fr die, die da weinten, zu einem Lachen zu kommen! O verflucht, lieber von Schmidt! Ich htte in dieser mrchenhaften Stimmung fast die Zigarre als eine =frivolitas frivolitatum= in den Hohlweg hinunter und der Eisenbahn zugeworfen, tat es aber natrlich doch lieber nicht, sondern blinzelte behaglich mit einem befreienden Atemzug in das Bessere, ohne das Gute zu verwerfen, bis das Mrchen noch freundlicher seine Hand mir in die helle sonnenvolle Stunde hinein und entgegen streckte, und mir die Gelegenheit bot, die beste Bekanntschaft, die ich in der Gegend hatte, zu erneuern. Der goldene Weizen dicht hinter mir sang leise im leichten Winde. Die letzten Passagiere hatten sich lngst aus meinem Gesichts- und Gehrkreise verloren, als das Gebell eines Hundes und der Schall von Futritten im Korn mich bewog, mich langsam und widerwillig nach der Strung hin umzudrehen. Ein enger Pfad durchschnitt querber die gelben Wellen der Halme und hren und mndete, ungefhr sechs Schritte von meinem Ruheplatze, in den Hohl- und Dorfweg hernieder leitend. Auf diesem kaum fubreiten Pfade durch das hohe Korn bewegte sich ein breitkrmpiger grner Filzhut mir entgegen -- kam ein Mann, ein alter weikpfiger Mann, mit bereiftem Kinn, lang, schlotterig und gebckt, die kurze Pfeife im Munde, und dicht vor den Fen begleitet oder besser geleitet von einem, dem Anschein nach, nicht mehr jungen Dachshunde, und trat, als ich grade die Hand ber die Augen legte, um die malerische Erscheinung genauer zu betrachten, an den Rand des Hohlweges mit der Absicht, in ihn hinunterzusteigen. So viele Leute ich whrend der letzten Jahre aus dem Gedchtnis verloren hatte, den Meister Autor Kunemund hatte ich nicht daraus verloren und -- hier war der Meister Autor! Unverkennbar war er es! ein wenig greisenhafter und krperlich gebrochener, auch wohl noch ein wenig blinder, aber doch der ganze Meister Kunemund! Mit einem Rufe der freudigsten berraschung sprang ich in die Hhe und rief den guten Namen, und jetzt legte auch der Alte die Hand ber die Augen, und so standen wir und sahen uns an. -- Er erkannte mich natrlicherweise nicht sofort und wollte eben nach einem kurzen hflichen Grue weiter gehen, der Eisenbahn zu, als ich ihm den Weg vertrat und ihm die Hand bot. Wir waren einmal gute Freunde, Herr Kunemund, sagte ich. Und ich hoffe, da wir uns als solche heute wiederfinden. Nun nannte ich ihm meinen Namen, und er rckte mir rasch unter die Nase zu genauester Betrachtung, und dann ging ein breites Lcheln des Erkennens ihm ber die verwitterten Zge; er schttelte mir krftiglich die Hand und rief: Herr, sieh, sieh, das freut mich, das freut mich aber wirklich! Sehen Sie, lieber Herr Bergrat, grade an Sie habe ich eben noch gedacht, und wie oft ich die letzten Zeiten hindurch an Sie gedacht habe und Sie gern einmal gesprochen htte, das kann nur ich alleine wissen. Also aber vor allem andern, Ihnen geht es doch nach Wunsch in der Welt? Wem geht es eigentlich nach Wunsch in der Welt? Wem ging es irgend einmal zu irgendeiner Zeit danach? Ich zuckte die Achseln, doch da ich augenblicklich wenigstens mich ber einen auergewhnlich scharf zubeienden Lebensverdru nicht zu beklagen hatte, so rief ich: Man soll um Gottes willen die Gtter nicht eitel machen; ich werde mich sehr hten, sie zu loben; aber sonst, jawohl, geht es mir ganz gut! und damit gab ich ihm seine Frage zurck. Da zog auch der Alte die Schulter in die Hhe, und ich brauchte die Besttigung durch sein Wort nicht abzuwarten; ich sah es schon selber, da es ihm nicht gut ging, und da der Staub und Dampf der Erde ihn doch noch ein wenig mehr als mich zugedeckt habe und berwlkt halte. Ich sah schon auf den zweiten Blick, da der Meister Autor der Mann nicht mehr war, den wir einstens, an einem Sommertage im Walde getroffen hatten, das Kind htend, und mit dem Kinde geheimnisvolle Wunder in der Einsamkeit erlebend -- er war heute vielleicht noch etwas mehr! Nun, ich bin auch noch ganz zufrieden, lieber Herr, sagte der Greis; allein das Wort kam zgernd heraus, und er brach ab und fragte: Was ist denn dorten passiert auf der Bahn? Ich hrte im Felde von einem, da ein Unglck geschehen sei, und kam, um nachzusehen. Sind Sie auch mit betroffen, Herr? Ich beruhigte ihn und gab ihm Nachricht und Auskunft ber den Vorfall, soviel ich davon zu vergeben hatte. Ihre Hlfe ist da unten nicht vonnten, Herr Kunemund. Ihr wit freilich manchen Zauberspruch, Meister; aber ein Eisenbahngeleise macht Ihr doch noch nicht frei durch Euren guten Willen. Also wenn Sie es sonst nicht eilig haben, verehrter Freund, so gnnen Sie mir ein Viertelstndchen Ihre Gesellschaft. Sehen Sie, da habe ich unter dem Busch gesessen in nicht unfrhlichen Gedanken, und jetzt kommen Sie durch das Weizenfeld, der Mann, der mir vor allen Menschen notwendig war, die gute Stunde zu vollenden! Es geschehen doch noch Wunder, und das Wurzelwerk und Kraut hier unterm Busch ist auch nicht ohne Grund zu einem Sitz fr uns beide zurechtgemacht. Setzen wir uns, und dann, Meister, Meister, wie geht es im Walde? Was macht das Haus mit den Hirschgeweihen auf den Giebeln? was kocht die Alte? und was macht der Frster und Euer wunderschnes Pflegekind, die Gertrud Tofote, die ein so reiches Mdchen geworden war, als wir uns zuletzt sahen -- wit Ihr noch? Wahrhaftig, ich verwirre mich fast; nach so vielen guten Bekannten und Freunden habe ich mich bei Euch zu erkundigen! Da wird es freilich besser sein, da Sie mir einen Platz an Ihrer Seite geben, lieber Herr. Man fragt eben nicht nach vielen Leuten in der Welt, wenn es Freunde sind, ohne da man eine ausfhrliche Antwort erwartet. Ich habe wohl Zeit zu allem; aber wissen Sie ganz gewi, da Sie dergleichen haben? Ich habe es oft gefunden, da die Leute sich hierin irren, als worauf sie dann selber sich rgern und man selber den Verdru davon hat. Zwlftes Kapitel. Wir saen beieinander am Rain, im Schatten und doch in der Sonne. Der Thymian roch noch immer sehr gut, die Grille sang, die Lerche sang und das hrenfeld sang auch, und zu allem andern lie sich jetzt auch noch eine Wachtel aus dem Weizen vernehmen; aber der alte Zauberer sagte trblich: Also erstens, ich wohne nicht mehr im Walde! Was, Sie wohnen nicht mehr im Walde? Er schttelte den Kopf: Nein. Und der Arend auch nicht mehr, und die Alte desgleichen. Ein neuer Frster sitzt an unserer Stelle, und die Forstbehrde hat ihm das Haus restauriert; das heit, als man auf sein Geschrei anhub, es ihm zu erneuern, ging es natrlich ganz aus den Fugen, und so hat man ihm ein ganz neues hinsetzen mssen. O das ist wunderschn, sie nennen es gotisch und haben lange drauf studiert, bis sie die Form herausgebracht haben, sagt man, aber jetzo haben sie sie heraus, und nun geht sie ihnen leicht genug ab, an jeglicher Stelle, wo man ihnen den Platz dazu anweist. Ja Herr, was Sie damals von und an uns kannten, das ist alles nicht mehr vorhanden. Alles zerstreut -- verkauft -- ins Blaue gejagt! Ich auch; aber ich bin gottlob auch der einzige, der es noch nicht verwunden hat. Danke, Herr, den andern geht es recht wohl. Meister, Meister?!... Meister, was ist das? Seine Freunde soll man nicht durch unntze Reden qulen. Lat mich alles hren und so schnell als mglich! Wie geht es dem Frster? Was ist aus Frulein Gertrud geworden? O, _der_ geht es sehr, sehr gut. Danke schn! sagte der Alte, den Kopf womglich noch tiefer auf die Brust herabsinken lassend. Gottlob! Und ihr Vater wird bei ihr wohnen, und die Alte gleichfalls -- was jagt Ihr einem fr einen unntigen Schrecken ein! -- Sie alter Snder werden nur hier Ihren eigenen schnurrigen Willen fr sich allein weiter haben wollen, und in melancholischen Augenblicken wie zum Exempel jetzt haben Sie dann freilich alle Zeit, sich ber sich selber zu rgern. Der Greis schttelte wiederum den Kopf, aber diesmal lachte er dazu; wahrlich er lachte, und zwar ganz behaglich, als er mir entgegnete: Ganz so, wie Sie es sich vorstellen, ist die Geschichte doch nicht, lieber Herr. Der Arend Tofote hat freilich bei unserem Kinde sein Quartier genommen, aber ausgehalten hat er das nicht lange. Zuletzt wollte er seinen schnurrigen Willen auch allein haben, und so hat er sich denn begraben lassen, und zwar als er auf Besuch bei mir da im Dorfe war. Dort drben jenseits des Weges auf dem Kirchhof im Felde liegt er; und die Alte ist zu ihrer Vetterschaft hinter dem Walde gezogen; ich hingegen, lieber Herr, wissen Sie, spiele hier den Maulwurf auf der Schaufel; aber Vergngen macht es mir gerade nicht. Nur wer jemals selber den Maulwurf auf der Schaufel hat spielen mssen, kann darber nachsagen oder nur ein Wort mitreden. Wahrlich! rief ich mit heftigstem Nachdruck aus der Mitte meines Schreckens heraus; aber ich sagte weiter nichts, denn ich hatte nun allmhlich wohl merken mssen, da hier mit einiger Vorsicht aufzutreten sei. Ich unterbrach also das Schweigen, in welches der Meister Autor versunken war, nicht; sondern ich lie ihn seinen eigenen Weg durch seine Erlebnisse gehen, in der festen Gewiheit, da er mich baldigst auffordern werde, ihm auf demselben zu folgen. Und so geschah es auch. -- Der Himmel war blau ber uns, freudig-lockend das ferne Gebirge, grn der nhere Elmwald. Die Schmetterlinge umflatterten uns, die roten und blauen Blumen am Rande des Kornfeldes nickten uns lieblich zu, im Dornbusch und im Fliederbusch war's lebendig und kroch und summte es, und die Lerchen und die Wachtel wollten auch nicht still werden. Die Welt war sehr schn, selbst an dieser eigentlich ziemlich unschnen und ganz und gar nicht romantischen Stelle; aber ein schauerlich Grauen ob der Gewiheit, da mir von neuem einmal gezeigt werde, da sie ebenso hlich als schn sei, durchfrstelte und berkroch mich. Notwendig erschien mir das neue =argumentum ad hominem= grade nicht, und ich wrde mit Vergngen Verzicht darauf geleistet haben. Nachdem der Alte lange genug geschwiegen hatte, sah er auf und sagte mit einem letzten Blick auf den bewegungslosen Bahnzug: Ich hatte mir vorgestellt, da man da vielleicht eine Handreichung brauchen knne, wenn dem aber nicht so ist, so meine ich, wir gehen weiter, lieber Herr; und, Herr Bergrat, da ich Sie doch einmal wieder zu meinem groen Vergngen so unvermutet getroffen habe, so habe ich jetzo auch eine Bitte an Sie. Kommen Sie auf ein Viertelstndchen in meine Stube! Sehen Sie es sich einmal an, wo ich untergeschlupft bin! Sie tun ein gutes Werk an einem nichtsnutzigen, berflssigen Gesellen, der noch nie in der Welt sich zurechtfinden konnte, und der jetzt ganz an den Nagel gehngt ist, wie ein Junggesellen-Bratenrock, in den, statt des jungen Nachwuchses, die Motten kamen. Ja ihr, die ihr euch da umtreibt (er wies auf die glitzernden Eisenschienen, die sich durch die Landschaft zogen), ihr, die ihr alles, was euch passiert, von einem Tage zum andern zu nehmen wit, ihr knnt euch freilich nicht in unser Gemte hineinversetzen. Herr Kunemund, sagte ich, wann fehlen der Leiter, die in einen Brunnen hinunterreichen soll, _nicht_ einige Sprossen! Ich htte mich eines philosophischen Ausdrucks bedienen knnen, ich htte mich hchst schulgerecht ausdrcken knnen; aber da mich der Meister verstand, so war's nicht vonnten; und zu allem brigen war die Redensart auch ganz und gar sein Eigentum und nicht das meinige. Er klopfte mich freundlich auf die Schulter, und wir standen auf aus dem Gras, Moos und Thymian. Das schwere, mhselige Sichemporheben des Alters bekmmerte mich bei dem greisen Freunde jetzt ebenfalls noch; ich half ihm hflich, und wir gingen dem Dorfe zu, ohne auf dem Wege noch ein Weiteres miteinander zu reden. -- Im Dorfe herrschte noch immer eine gewisse, ganz kuriose grostdtische Bewegung. Wie ein Schwarm Stare in ein Rhricht fllt, so hatte sich das sozusagen allgemein europische Publikum von dem aufgehaltenen Schnellzuge auf das erstaunte winzige Gemeinwesen niedergeschlagen, und allerlei Volk, das durchaus nicht dahin gehrte, erfllte die Gasse. Die Dorfleute sahen mit den allergresten Augen in das so pltzlich ber sie hereingebrochene Wesen und Treiben hinein, und die hflicheren Bauern und Buerinnen hatten auch wohl schon einige Sthle und Bnke fr die unvermuteten Gste in den Schatten ihrer Gras- und Baumgrten hinausgeschafft und den Besuch zum Hinsetzen eingeladen. ber die Schenke, den Dorfkrug, hatte sich ein bunter Haufen ohne Unterschied des Standes und der Wagenklasse hingestrzt, um das vorhandene Getrnk zu vertilgen und ber es und die armselige Kneipe herzhaft und unglimpflich loszuziehen. Es war eine nrrische Bewegung, und als wir hineintraten, machte auch der Meister Kunemund groe Augen; aber nicht lange. Der Meister fhrte mich, nachdem er sich vergewissert hatte, wie die Sachen standen, ohne weiter nach rechts und links zu sehen, die Dorfgasse entlang. Und so kamen wir denn, ohne aufgehalten zu werden, zu seiner Wohnung am entgegengesetzten Ende der Gemeinde, einer rmlichen Htte, zu der man ber einen Steg, der ber ein mit saftigem Grn bewachsenes, fubreit hinrieselndes Wsserchen fhrte, gelangte. Eine armselige Htte, doch von Bumen und Hecken umgeben, also zu dieser Jahreszeit gar nicht bel in die Welt hineingebaut, ja ganz behaglich und idyllisch in dieselbe hingelegt. -- Da lebe ich denn wieder und bin zurckgekommen dahin, woher ich kam, sagte Herr Kunemund. Da hinter dem Fenster stand meines Vaters Webstuhl; die Bank hier vor dem Fenster hat er noch meiner Mutter aus Feldsteinen aufgeschichtet. Da sind wir beide geboren, ich und mein kleiner Bruder; da der Tofote, der Arend, drin sterben mute, ist viel merkwrdiger, als da ich darin meine letzte Stunde in Geduld abzuwarten habe. Was sagen Sie, Herr? Vorhin hatten Sie groe Lust, mich einen armen Tropf und Teufel zu nennen. Haben Sie noch Lust dazu? Nicht wahr, ich habe mein Ma doch noch um vieles besser als viele Leute auf der Erde zugemessen erhalten? Es stirbt nicht jeder in seinem Vaterhause. Was das anbetrifft, so haben Sie es freilich gar nicht so bel getroffen! erwiderte ich, mit vollstem, innigstem Ernste auf den Ton des Greises eingehend. Er aber nickte wieder, und diesmal nickte er ganz behaglich dazu. Nachher lud er mich durch eine, fast zierlich zu nennende Handbewegung ein, den ausgetretenen Steg mit dem vermorschten Astloch in der Mitten, und die Schwelle seines Hauses zu berschreiten. Er ging mir voran, ihm folgte der alte Dachs, und dem Dachs folgte ich, und jetzt, in diesem Moment, senkten sich mir die Gegenstze des am heutigen Tage Erlebten von neuem scharf in die Seele. Auf die lange heie schnelle Fahrt durch das neunzehnte Jahrhundert der unvermutete Stillestand und der jhe Schrecken! Mitten im wirbelndsten Leben die aufdringliche Kunde von den Trmmern und dem Tode da vorn auf der anscheinend so glatten Bahn! Dann die stillen, erstaunten Minuten in der Einsamkeit des Feldes, am duftig-begrnten Hang des Hohlweges -- die weite Aussicht in die lachende, beweglich-unbewegte Ferne! Und nun? Nun das -- _das_, was immer bei allem Getmmel und Getse der armen Welt doch zur Seite -- da hinter dem Hgelzug -- hinter dem Walde, hinter der Mauer des kleinen Gartens -- hinter den Fenstern des Hauses, an welchem wir vorber fliegen -- -- hinter dem Gewhl in der eigenen Brust sich weiter, weiter spinnt, immerfort sich weiter spinnt: das groe, offenkundige Geheimnis! Ja das, was Hunderttausende von Meilen ferne von uns liegt, und in welches uns doch ein Schritt hineinfhrt! das Aller-Welt-Weisheit-Volle -- das, was hinter allen Dingen liegt, die uns im Augenblick grer als es dnken, meine Herrschaften: die Stille des Vegetierens, die Stille des Urgrundes -- der ungekruselte, dunkele, schrecklich-schne Spiegel, durch den aller Aufruhr in uns, meine Herren und Damen, und auer uns, meine Herren und Damen, doch nur wie Bild an Bild nichtsbedeutender Zuflligkeit fliet! -- -- Ich nahm den Hut ab auf dieser Schwelle; denn der Meister Autor hatte mich gewarnt: Stoen Sie sich nicht an den Kopf!, und nur selten war die rege, durcheinanderwimmelnde Welt, soweit sie mich anging, so ganz und vollkommen zu Nichts geworden, hinter mir versunken, wie jetzt bei diesem Eintritt in das Haus des Meisters Autor Kunemund. Dreizehntes Kapitel. Wir standen beide gebckt unter der niedern Stubendecke. Nehmen Sie es nur nicht bel, sagt mein Fhrer, mein Vater und meine Mutter waren alle zwei kleines Volk, und auch mein kleiner Bruder ist da nicht aus der Art geschlagen: ich wollte nur, Sie htten ihn persnlich kennen gelernt. Was mich anbetrifft, so habe ich freilich in dem alten Nest so eine Art von Kuckuck ausgemacht. Selten hatte ein Vergleich uerlich so wohl und innerlich so schlecht gepat. Ich uerte derartiges, und Herr Kunemund fragte lchelnd: Meinen Sie? und fgte hinzu: aber sie nannten mich in meiner Kinderzeit im Dorfe stets den Kuckuck, und als ich neulich heimkam, hat's mich fast verwundert, da sie mich nicht durchgngig noch so riefen. Da sieht man aber, wie man aus der Menschheit herauswchst und alt wird, -- das erstemal als mich ein zahnlos Weibchen ansprach, wie es sich gehrte, ist's mir ordentlich warm ber die Leber gelaufen; aber kein halb Dutzend reicht noch zu mir hin und hinunter und spricht mich an: Na, Kuckuck, wie geht es denn?! Wie Sie sagten, hat auch der Herr Frster Tofote hier bei Ihnen gewohnt?! Richtig, und das war im Grunde ebenso wunderbar denn der Arend, sehen Sie, ma auch gut seine sechs Fu drei Zoll, wenn nicht mehr, und hat sich also gleicherweise hier zwischen den Wnden, unter den Balken und auf der Bank arg zusammenklappen mssen. Er hat mit mehr als einer Brausche an der Glatze und an der Stirn in die Grube fahren mssen, wenn das auch wenig sagen wollte, da er sein Lebtag durch dran gewhnt war, mit der Stirn anzurennen. Sehen Sie, da das Stck weichen Tannenholzes von der Trverschalung hat er mir auch abgestoen mit seinem Dickkopf, und ist mir das gleichfalls als ein Andenken an ihn zurckgeblieben. Zuletzt wurd's ihm zu viel, und er hielt sich am liebsten drauen auf der Bank auf, und jetzt liegt er drauen, und mit dem Anrennen, den Beulen und Hautschrunden hat's fr ihn keine Not mehr. Es gab mancherlei Andenken in der schlechten Htte, und nicht blo solche, welche den braven Frster Arend Tofote seinen guten Bekannten in das Gedchtnis zurckriefen. In solch einem Dorfe hlt manches, was sich in der Stadt schnell im Durcheinander und Gebrauch verliert, bis in alle Ewigkeit, sagte der Meister Autor. Da ich aber noch in einem Winkel auf meiner Mutter Spinnrad gestoen bin, das war mir freilich schier und klar auer dem Gaudium ein Mirakel. Ich traute meinen Augen nicht, als ich es beim Vorsteher in der Mgdestube fand, und ich schtze es als eine Noblesse von dem Vorsteher, da er es mir ablie, und mir nicht ber seinen gewhnlichen Wert seine Forderung machte. Ich htte ihm die Haut vom halben Leibe dafr abgelassen, dem Vorsteher: denn -- wisset Ihr, Herr, ich kann auch spinnen und spinne jetzt die Abende durch und den ganzen Winter. Wenn man solche dumme Augen hat, wie ich, so geben sich die Knste, die man treibt, eben von selber. Im Strumpfstricken und Flicken nehme ich es mit jedermann und den besten Hausfrauen auf. Seit unser Trudchen uns abhanden kam, wte ich auch keinen, der mir aus Liebe, Gte oder Geflligkeit dieses Geschfte abnehmen sollte. Es konnte nicht meine Sache sein, den Greis jetzt schon bei unserm Trudchen festzuhalten. Ich hielt es fr besser, ihn ganz von selber dahin kommen zu lassen, wo ich ihn so gern gehabt htte. Frs erste schlug er noch einen Hasenwinkel. Des Vogels erinnern Sie sich wohl nicht mehr? haben ihn wohl gar nicht einmal beachtet, wenn Sie uns die Ehre schenkten? Stieglitze gibt's genug in der Welt; aber ein klgerer ist seinerzeit noch nicht den Alten aus dem Neste gefallen. Damals hpfte und sang er; jetzo sitzt er still in seinem alten Bauer -- nmlich ausgestopft. Und, lieber Herr, der Kerl rgert mich dann und wann am stillen Abend, wenn ich mit ihm, mir und dem Dachs so allein sitze. -- Es wre besser gewesen, wir htten ihm nach seinem Abscheiden ein Kinderbegrbnis gemacht und ihn ruhig in ein Loch im Garten gesteckt, der Arend und ich! Ich persnlich bin auch nicht auf die dumme Ausstopferei gekommen; ich traf den Tofote schon eifrig und grimmig darber, als ich eines Abends nach Hause kam. Gertrude war schon in der Stadt, und wir konnten sie also nicht um ihre Meinung fragen. Sie hatte ihn uns zurckgelassen; denn sie machte sich nichts mehr daraus. Jetzt noch weniger htte ich den Alten bei dem zierlichen Namen festgehalten! Ei seht aber, Meister Autor, sagte ich, um den seltsamen Blick desselben von dem ausgestopften Tierchen abzuwenden, Sie haben da ja ein ganzes Museum -- ein vollstndiges ethnologisches Museum!... und welche prachtvollen Muscheln, welche ausgezeichneten Korallen! Je genauer man zusieht, desto grere Schtze entdeckt man bei Euch. Sind Sie heimlich etwa auch whrend meiner Abwesenheit zur See gewesen? haben Sie auch wie Ihr Bruder die Tropenlnder mit dem Kuriosittensack auf dem Rcken durchwandert? Dieses gerade nicht, -- o nein, im Gegenteil, sagte der Alte ehrlich auf meinen Scherz. Ich wei eigentlich auch nicht, was Karl sich dabei denkt. Ich habe zwar mein groes Vergngen daran, und das wird es wohl sein, was ihn antreibt! Er kommt nie von Reisen heim, ohne mir dergleichen Schnurrpfeiferei mitzubringen. Der Junge sitzt noch immer gern bei mir. Karl? Welcher Karl? Nun, erinnern Sie sich denn nicht? der Karl Schaake! der Leichtfittich und Leichtmatrose, der damals aus der Stadt Lbeck mit uns ging, als ich Sie abgeholt hatte, um uns zu helfen, die groe Erbschaft meines auslndischen Bruders in Besitz zu nehmen! Nicht wahr, jetzt fllt es Ihnen ein? Und wissen Sie, der Junge fhrt noch immer auf der See; aber jetzo als Steuermann. Keine Vlkerschaft ist ihm zu schwarz! und bis dato ist er auch immer noch ganz gut und ungebraten davongekommen und mit seinem Geschft zufrieden. Wie gesagt, was fr ein Gefallen er gerade an mir findet, auer da wir aus einem Dorfe sind, und die Base aus dem Cyriacihofe mit uns, kann ich nicht sagen; ich zerbreche mir aber auch gar nicht den Kopf darber, denn die meisten Leute, auf die ich im Leben stie, sind so gewesen. In der Hinsicht habe ich mich nicht zu beklagen. Das heit: auch Euch, Meister, ist nie eine Vlkerschaft zu schwarz gewesen! sagte ich lchelnd; aber des frhern Leichtmatrosen und jetzigen Steuermanns Karl Schaake entsann ich mich nunmehr ganz deutlich und zwar mit dem Gefhl der Beschmung und des rgers, welches man immer hat, wenn man wieder einmal findet, da man seinem Gedchtnis zuviel trauete. Unbeschadet eines gegen das Ende des zehnten Abschnittes niedergeschriebenen Wortes war mir der Seefahrer -- in dieser Stunde wenigstens -- ganz und gar aus der Erinnerung abhanden gekommen. Der Stein der Abnahme! rief ich. Karl Schaake! Richtig, -- der Hadschi-Schiffsmann, der den heidnischen Unglcksstein aus dem Fenster Mynheers van Kunemund warf. Also der lebt auch noch und hat seinen Beruf wacker festgehalten. Ja freilich, sagte der Alte melancholisch. Was das mit dem Unglcksstein ist, wei ich zwar nicht, denn das habt ihr beiden damals unter euch allein ausgemacht; aber die Fische und die Wilden haben ihn bis jetzt gottlob noch nicht gefressen. Da es dem armen Jungen aber besser htte ergehen knnen und ohne meinen kleinen Bruder auch ergangen wre, das steht gleicherweise fest. Der Teufel hole die ganze Geschichte! Ein Geheimnis lag hier gerade nicht vor. Wer sich offenen Auges durch diese Welt drngt, der lernt es bald, sich in den Verhltnissen zurechtzufinden; das Leben liegt vor ihm wie ein Rtsel in einem -- Kinderbilderbuche, unter dem die Auflsung in umgekehrter Schrift gedruckt steht. Stellt nur euch nicht auf den Kopf, sondern das alte abgegriffene Rtselbuch, und ihr werdet bald heraus haben, was es mit den Geheimnissen auf sich hat. Es war in diesem Falle eben wohl mglich, da der tckische Zauberstein, der in dem Gartenteiche versank, schon zu lange fr die Erben unter den Raritten Mynheers van Kunemund gelegen hatte. In diesen Dingen verstehen Mutter Natur und Muhme Schicksal keinen Spa, und also trat ich so dicht an den Meister Autor heran und sagte leise: Jetzt, Herr Kunemund, sagen Sie es mir, was aus Ihrem schnen, sen Pflegekind, aus der kleinen hbschen Gertrud geworden ist! Ich bin mit Ihnen gegangen und habe mir von Ihnen alles vorweisen lassen, bunte Muscheln, Korallen, den Kolibri, das Seepferd, kurz was Sie wollten; aber jetzt lassen Sie mich auch hier klar sehen. Da das Dasein schwer und mhevoll auf Ihnen liegt, habe ich vom ersten Augenblick unserer Begegnung gemerkt; da ich nicht aus khler, kalter Neugierde frage, meine ich, wit Ihr, alter Freund! Also bitte, Mann, teilt mir mit, weshalb Ihr Euch hier in der Einsamkeit auf den Maulwurf- und Grillen-Fang, auf das Strumpfstricken und Hanfspinnen gelegt habt! Meister Autor, Sie sind es unserer alten Vertraulichkeit schuldig, da Sie mir sagen, weshalb der Frster nicht in seinem Frsterhause, nicht bei seiner Tochter, sondern unter diesem Dache gestorben, weshalb die Alte zu ihrer Vetterschaft gezogen ist, und -- und, -- und wie es der Gertrud Tofote geht! Das sind viele Fragen auf einmal, lieber Herr Bergmeister! Und doch nur eine. Jawohl! Im Grunde haben Sie da recht, und so will ich sie Ihnen denn auch beantworten. Es ist alles mit rechten Dingen zugegangen. Niemandem ist etwas Absonderliches passiert. Mir nicht! dem Arend nicht! der Alten nicht, und unserem armen Trudchen nicht! Wir sind auseinander gekommen, ohne da wir es gemerkt haben; das heit, wir waren einmal eines Tages auseinander und merkten es dann erst. Haben Sie je Leute gekannt, denen es in der Welt anders ergangen ist? Ich meine, die auf eine andere Art auseinander kamen?! Unter guten und klugen Freunden ist das freilich die gewhnliche Weise, erwiderte ich nach einigem Nachdenken. Vierzehntes Kapitel. Das Hindernis war aus dem Wege gerumt, die Bahn wieder frei. Ich lehnte mit dem letzten schwerwichtigen Worte meines alten Freundes wieder in meiner Wagenecke, und hatte Zeit, darber nachzusinnen. Das letzte Wort war es eigentlich nicht gewesen, denn wir hatten nach ihm noch manch ein anderes durch eine gute Stunde geplaudert. Das allerletzte Wort an diesem Tage, zwischen mir und dem Meister Autor Kunemund, war gewesen: Besuchen Sie doch ja das Trudchen in der Stadt; sie wird sich sehr freuen, und Sie werden ganz gewi auch Ihr Gefallen an ihr finden. Nehmen Sie es mir nicht bel, lieber Herr; aber da ich Sie als einen ganz studierten, klugen und geschickten Menschen kennen gelernt habe, so wei ich auch ganz sicher, da Sie das, was eben der Welt Lauf in diesen jetzigen jungen Tagen ist, besser verstehen als ich. Dummes, ungewaschenes Zeug mchte ich Ihnen nicht aufreden; also -- leben Sie recht wohl: wir treffen einander gewilich noch einmal wieder; -- und, lieber Herr, vergessen Sie es ja nicht, gren Sie mein Trudchen recht schn und eindringlich von mir! Und die Bahn war frei. Wir schnoben an der Unglcksstelle vorber und sahen auf der Station den Schuppen, in welchem die zwei blutigen Leichen auf dem blutigen Stroh lagen. Wir rasselten weiter durch den holden Abend, und jetzt schon war fr alle, die sich auf dem Zuge befanden, das traurige Ereignis zu einer berwundenen Verdrielichkeit geworden, zu einem Thema, ber das sich schon jetzt angenehm reden und behaglich lgen lie. Ich lie _das_ also schwatzen und renommieren und sa, in _meinem_ Verdru immer noch festgehalten, melancholisch in meiner Ecke, sah die grne Landschaft hingleiten und bewegte mein eigenes Privaterlebnis, nachdenklich es hin und herwendend, im Geist. Da ich etwas Klgeres htte tun knnen, war gewi; mglich war's mir aber eben doch nicht. Was auch mit dieser hbschen Gertrud Tofote vorgegangen sein mag, sagte ich mir, und wie auch der Alte vor uns unberufenen Alltagsmenschen sich anstellen mag, seinen Beruf hlt er fest! Er tut nur so, der getreue Knecht Eckart, als ob die Welt nicht mehr auf ihn zu rechnen habe. Sieh, nach seiner Schnitzbank habe ich ihn gar nicht einmal gefragt; -- zum Teufel auch, wer wei, in welchen dunkeln Winkel er sie fr den Augenblick geschoben hat? Und das alte Erbmesser gibt er nicht her, da kenne ich ihn; aber auf das Frulein und ihren Zaubergarten bin ich doch neugierig. Eine Visitenkarte werde ich jedenfalls dort abgeben. So kam ich denn im Verlaufe des Sommerabends und nach dem Verlauf der Jahre der Abwesenheit wieder an in der Heimat, fand meinen Weg ins Hotel und ins Bett und las am andern Morgen beim Frhstck in der Zeitung ausfhrlich, und mit allen Einzelheiten beschrieben, was ich selber mit erlebt hatte, ohne doch dabei zugegen gewesen zu sein. Und es ward mir, als ob pltzlich jemand sich mir ber die Schulter beuge und mit unsichtbarem Finger auf das interessanteste Wort in dem langen Berichte deute. Es ist nicht mglich! rief ich. Doch wohl! sagte das Ding hinter mir. Wir machen das hufig so. Der entgleiste Zug hatte mehr Opfer gefordert, als wir, die wir ihm nachfuhren, zuerst erfahren hatten. Eine lange Reihe entsetzlicher Verwundungen war vorgefallen; Verstmmelungen waren geschehen, in Hinsicht auf welche die beiden ruhigen Toten leicht davon gekommen waren. Und in der traurigen Liste der Beschdigten wurde ein Mann aufgefhrt, der im Verlauf meines Gesprchs mit dem Meister Autor Kunemund mehrfach genannt worden war: Steuermann Karl Schaake -- beide Fe doppelt gebrochen! Ich legte das Blatt leise auf den Tisch, und ging eine Viertelstunde lang im Zimmer auf und ab. Grade so lange Zeit dauerte es, ehe ich mit mir im reinen darber war, ob ich mich wirklich noch weiter (meine eigenen Angelegenheiten im Auge behalten) auf diese unbehaglichen, ungemtlichen Angelegenheiten fremder Leute einzulassen habe, und was zu tun und zu lassen sei, im Falle die Antwort bejahend ausfalle. Nach einer Viertelstunde war ich im reinen, das heit, ich hatte Hut und Stock ergriffen und befand mich auf dem Wege zur Eisenbahndirektion. Der Alte liest sicherlich keine Zeitung, sagte ich mir. Der Seefahrer wird ihm ebenso sicher keine Nachricht ber sein Befinden schriftlich geben, sondern sie ihm lieber persnlich, auf seine zwei Krcken gesttzt, bringen. Es ist meine Pflicht, mich genauer nach den Umstnden zu erkundigen; -- dummes Zeug -- Pflicht! es ist etwas anderes, und der Herr Forstsekretr von Mller, der uns damals den Vergngungsstreifzug in den Elm so vergnglich vorzuspiegeln wute und uns richtig in seinen Musterforst hineinlockte, ist schuld daran, -- meines Vaters Sohn, wie der Meister Autor sagen wrde, wahrhaftig nicht! -- Die betreffende Behrde war ungemein hflich und zu jeglicher Auskunft gern bereit. Die Bahnverwaltung traf nicht die mindeste Schuld an dem beklagenswerten Ereignis. brigens befand sich bereits alles wieder in der trefflichsten, wnschenswertesten Ordnung und fr smtliche Beteiligte und leider auch Benachteiligte war in komfortabelster Weise Sorge getragen. Die Toten waren natrlich an Ort und Stelle geblieben, ebenso die meisten der schwerer Verwundeten. Nur zwei oder drei der letztern hatten es vorgezogen, mit den leichter Beschdigten nach der Stadt transportiert zu werden, und sie waren natrlich nach ihrem Willen mit einem Extrazuge hin befrdert worden. Zu beklagen hatte die magebende Stelle sich eigentlich nur ber ein Individuum; aber ber dieses auch sehr! Ein unglcklicherweise auch krperlich verletzter Seemann war sehr ungebrdig gewesen und hatte sich sogar, wie man nicht anders sagen konnte, unverschmt betragen, obgleich man ihm wie allen brigen mit der hchsten Menschenliebe, Opferfreudigkeit usw. entgegengekommen war. Er war der einzige gewesen, sagte man mir, der sich trotz seinem beklagenswerten Zustande der grblichsten Schimpferei nicht habe enthalten knnen. Auch er befand sich am hiesigen Orte. Man habe -- teilte man mir mit -- ihn so vorsichtig als mglich, unter chirurgischer Begleitung an die von ihm angegebene Adresse abgeliefert, und da liege er, erwarte seine Heilung und werde wahrscheinlicherweise von dort aus auch seine Entschdigungsklage gegen die Bahnverwaltung einleiten. Ich nahm alle diese Erklrungen des hflichen Beamten ebenso freundlich hin, wie sie mir gegeben wurden, und bat nur auch noch um nhere Angabe jener Adresse des eben, das heit zuletzt erwhnten unangenehmen Gesellen und unhflichen Matrosen. Ich erhielt dieselbige in etwas khlerer und formellerer Weise als die frheren Referenzen und ging mit ihr, nachdem ein Unterbeamter sie selber erst wieder mit einiger Mhe in Erfahrung gebracht hatte. Am Nachmittag machte ich mich von neuem auf den Weg und fand richtig meinen guten Bekannten aus der Erbschaft Mynheers van Kunemund wieder; nur leider in den betrbtesten Zustnden. Die alte Stadt besitzt innerhalb der Umflutungsgrben ihrer jetzt zu recht anmutigen Spaziergngen eingerichteten Wlle und Bastionen mancherlei kuriose Winkel, dunkle Sackgassen, finstere Hfe und Torbogen; und das Mittelalter schielt einen hier grimmig, dort drollig, doch immer berquer aus mancher Ecke, von manchem Gesims, Balkenkopf, Giebel und Erker an. Holzstecher- und Steinmetzarbeit der Vorvter hat den neuern Jahrhunderten, d. h. den geschmackvollen Leuten drin, gar nicht gefallen, aber sich um so tapferer gegen Axt, Spitzhaue, Hammer, Maurerkelle und Tncherpinsel gewehrt. Wer da als Liebhaber oder Kenner auf die Suche geht, kann noch allerlei finden. Was besonders jene, eben erwhnten, in die Husermassen eingekeilten Hfe anbetrifft, so ist das in Wahrheit ein schier noch unaufgeschlossenes Reich der Wunder fr den Kenner und Liebhaber. In berraschender Weise sollte ich das an dem heutigen Tage von neuem erfahren. Ich glaubte, die Splanchnologie der Stadt bis in die feinsten Verstelungen studiert zu haben, und ich fand, wie so hufig, da ich mich wieder einmal grndlich geirrt hatte. Innerhalb einer der hundert eingeweideartig ineinandergeschlungenen und gewundenen Gassen der Stadt fand ich mich vor einem schwarzen, verwitterten und weiter verwitternden Torbogen, der bis dahin fr mich durchaus noch nicht dagewesen war, und den ich also um so verwunderter betrachtete. Das war noch Renaissance, aber die Wlbung durchschreitend, fand ich mich nicht im neunzehnten, nicht im sechzehnten, sondern im vollsten, unverflschten fnfzehnten Skulo und stand von neuem still in begreiflichem Erstaunen. Alterschwarzer Holz- und Ziegelbau im unregelmigen Viereck um mich her! Und welch ein Holzbau! Da liefen sie, die Wnde entlang, bereinander, nebeneinander hin, die Wunderwerke mittelalterlicher Zimmermannsarbeit in Ernst und Humor und warteten geduldig auf den Photographierapparat, und der grne Baum neben dem sehr modernen durch die allermodernste Dampfkraftwasserkunst gespeisten Brunnen wartete mit ihnen. Ob das mannigfache Volk, welches diesen Hof bewohnte, eine Ahnung davon hatte, wie berraschend malerisch und kulturhistorisch interessant es behauset war, kann ich nicht sagen: die Kinder, die um den Brunnen und den Baum herum krochen und hpften und den Schutt der Jahrhunderte zu ihrem ewigen Spiel verwendeten, wuten es jedenfalls nicht. Aber es war ein kluges, gewitzigtes Geschlecht, welches auf alle ntigen Fragen, die man an es zu stellen hatte, die ntige Auskunft geben konnte, wenn es wollte. Leider wollte es aber diesmal nicht. Es zeigte grinsend die Zhne, lachte und lie mich ohne Antwort stehen; ich hatte mich nach einem erwachsenen Menschen der Generation umzusehen und fand ihn glcklicherweise auch. In einem Winkel des Hofes stand ein Herr mit einem Notizbuch in der Hand, an einer Visierstange hinugelnd. An ihn wendete ich mich nunmehr mit einer Frage nach dem Steuermann Schaake, und er nickte mir zu: Im Augenblick, mein Herr! Es wrde sehr unrecht gewesen sein, ihn in seinen sicherlich fr das allgemeine Wohl und Beste unternommenen Berechnungen aufzuhalten und zu hindern. Ich wartete geduldig, und er setzte sein Geschft fort, seine Aufmerksamkeit zwischen seinen Instrumenten, seiner Brieftasche und seinen fernab mit der Mekette beschftigten Untergebenen teilend; und hoch war es anzuerkennen, da er trotz alledem doch noch einige Worte der Erluterung fr mich brig hatte. Es hat uns noch keine Nivellierung so viele Mhe verursacht als diese hier, sagte er, aber dafr wird auch keine der neuprojektierten Straenanlagen die Stadtbevlkerung in ihrer Vollendung so sehr berraschen und erfreuen wie diese. Den Kanal hinter den wackligen Mauern fllen wir natrlich aus, da haben wir dann noch die Rudera einer alten Stiftung, die mssen selbstverstndlich weg. Die alten Damen verlegen wir vor das Tor in eine gesunde, wahrhaft idyllische Gegend, und so kommen wir hier aus dem Mittelpunkte der Stadt in gradester Linie zum Bahnhofe, -- ohne da zu dieser Stunde ein Mensch in diesem hier umliegenden Germpel irgendeine Ahnung davon hat. Es ist wundervoll! Das ist es! rief ich mit hchstem Enthusiasmus. O ihr gtigen Gtter! Und es ist nicht allein ein Wunder der kaufmnnischen Spekulation, sondern es wird auch ein Wunder der modernen Architekturwissenschaften, rief mein freundlicher Auskunftgeber, den meine Begeisterung nun noch ber die eigene emporri. Sie glauben es gar nicht, was alles wir uns hier vorgenommen haben! O doch! sthnte ich aus tiefster Brust. Ich kann es mir in grter Deutlichkeit vorstellen. Also wirklich, von dem, was wir jetzt hier um uns sehen, bleibt nichts aufrecht? Nichts! sprach mit entflammtem Nachdruck mein entzckter, begeisterter Bauknstler. Haben sie doch jetzt angefangen, Nrnberg abzutragen, also sehe ich nicht im mindesten ein, weshalb wir grade diesen wohlkonservierten Ruinen gegenber mit grerer Schonung vorgehen sollten. Hierauf lie sich freilich nichts erwidern, und so wartete ich denn schweigend, bis die letzten auf die Zukunftsstrae bezglichen Zahlen und sonstigen Erinnerungszeichen in das Notizbuch eingetragen worden waren. Auch das kam zu einem Ende, wie alles auf Erden, und ich durfte meine ersten Bitten um Auskunft ber den Steuermann Schaake von neuem aussprechen. Fnfzehntes Kapitel. Der Herr hatte natrlich auch die Zeitung mit dem Bericht des Eisenbahnunglcksfalls gelesen, irgend jemand hatte ihm auch mitgeteilt, da einer der Beschdigten hier auf den Hof geschafft worden sei; allein zu wem und wohin, das wute er nicht. So grten wir einander, und ich folgte dem einzigen Rate, den er mir zu geben hatte: ich trat in die nchste Tr (ein halbes Dutzend dergleichen fhren von dem Hofe in die Gebude) und lie es auf das gute Glck ankommen, ob ich die richtige getroffen habe. Eine enge, steinerne, im Laufe der Jahrhunderte von Hunderttausenden von Fen ausgetretene Treppe fhrte mich, sich im Halbkreise drehend, in den Unterstock, im rechten Flgel der Hofgebude, und zuerst in einen ziemlich breiten gewlbten Gang, der durch ein groes Bogenfenster im Westen erhellt wurde. Erhellt? eine Flut von Licht, von abendlichem Sonnenschein, strmte in dieses groe Fenster und vergoldete das dunkelgraue Gemuer in eigentmlich schner Weise. Eine dunkle Tr zur Linken lud zum Anpochen ein, und eine Mnnerstimme forderte einen Augenblick spter zum Eintritt auf. Ich stand zweifelnd still auf der Schwelle in der berraschung vor dem Bilde, das sich jetzt dem Auge bot. Ich erzhle heute, nachdem alles, was mich damals innerlich mchtig erregte, durch die Jahre gesnftigt hinter mir liegt, und ich darf jetzt demnach wohl auch dem uerlichen sein Recht geben und Gefhl und Empfindung auf die Beschreibung folgen lassen. Wieder vor allem andern ein tief in die Wand eingelassenes hohes Bogenfenster, und dieselbe Flut von Licht, jedoch hier noch wundervoller und magischer sich ber das mittelalterliche Eichengetfel des Gemaches ausbreitend! Grne Zweige drauen vor dem Fenster -- das Hausgert eines alten Jngferleins ringsum, doch ein Bett und darauf ein brtiger Mann im Winkel! In der Fensterwlbung am Spinnrad eine alte Frau! ... in dem Sonnenstrahl die merkwrdigste alte Frau mit dem merkwrdigsten weien Haar, das ich je an einer Frau gesehen hatte! Das war gleicherweise eine Flle von Licht, -- eine Flle, die sich nicht bndigen lie und an Schnheit wahrlich den blondesten, braunsten, schwrzesten Locken der Jugend nichts nachgab. Blaue klare Augen, wie sie nur zu diesem Silber paten, leuchteten unter den noch immer dunkeln Brauen; -- und dazu war das alte Zauberweible taub; es sa und spann und hielt die hellen, blauen Augen nur fest auf das Schmerzenslager gerichtet, auf welchem der starke, breitschultrige Mann, der Seefahrer und Abenteurer hlflos wie ein Kind lag. Von meinem Eintreten vernahm die Base des Steuermanns Karl Schaake nichts, sie folgte aber den Augen ihres Neffen und stand rasch auf von ihrem Spinnstuhle. Auch der Verwundete richtete sich, soweit er durfte, empor, und er war es auch, der fragte: mit wem man die Ehre habe. Glcklicherweise war das bald gesagt und erklrt, und aus dem verwundert-fragenden Blicke des armen Burschen wurde augenblicklich ein sehr erfreuter, und die fiebernde Hand, die er mir entgegenstreckte, griff fest die meinige und lie sie frs erste nicht los. O das ist schn! das ist brav! rief der Steuermann Schaake. Das ist das Beste, was mir in diesen nchsten Tagen zufallen konnte. Nehmen Sie es nicht, als ob ich Ihnen mit einem dummen Schiffsagenten-Komplimente aufzuwarten gedchte; aber Sie, Herr von Schmidt, hatte ich vor allen andern Menschen ntig. Ich sagte dem Armen einige triviale Trostesworte, auf die er natrlich wenig Achtung gab. Dagegen aber winkte er das alte Weiblein, das bis jetzt auf das, was wir gegenseitig vorgebracht hatten, mit der Hand hinter dem Ohre gehorcht hatte, eifrig-hastig heran und lie es nher zu seinem Bett hintreten. Und als sie sich ber ihn hingebeugt hatte, um ganz genau zu vernehmen, brllte er ihr zu: Du, das ist der Herr, von dem ich dir gesagt habe. Das ist der Mann, den wir jetzt so sehr gut gebrauchen knnen. Siehst du, alte Mutter, ich hab's dir doch gleich durchs Sprachrohr deutlich gemacht, da du dir deine ungemtliche Jammerei zu drei Vierteln httest sparen knnen. He, hab' ich nicht immer Glck gehabt zu Wasser und zu Lande? Das wei der liebe Gott! seufzte das weie Weibchen, beide Hnde flach erhebend und wieder senkend. Dem ist es auch niemals eingefallen, von einem Salzfisch, einem Seehahn oder einer Seeschwalbe zu verlangen, da sie ein Nest unter einen Dachrand hngen und ihren Laich an eine Hauswand absetzen. War es etwa seine Schuld, als der Esel aufs Eis und der Steuermann Karl Schaake auf die Eisenbahn ging? Glck mu man haben, Tante Schaake, und da ich Glck habe, das kannst du hier wieder sehen. Tausend andere htten hier liegen knnen, bis sie reif gewesen wren fr des Kapitns Gesangbuch, das Brett und die Kugel am Fu; ich aber habe mich kaum gemtlich in der Blockade eingerichtet, so signalisiert auch das Fort San Salvador schon: Schiff in Sicht -- =man of war= -- sechsundneunzig Kanonen; die Tr geht auf, und Sennora Fortuna steckt den Kopf herein und fragt vergngt: Befehlen Sie sonst noch was, Maat?! Obgleich ich in diesem Moment durchaus nicht wute, wie gerade ich dem Seemann so auerordentlich erwnscht kommen und ntzlich werden knne, so freute mich doch die Freude des armen Teufels ber meinen Besuch sehr, und ich sagte ihm das auch so eindringlich als mglich. Dann gab ich der Alten die Hand, und wir verstanden uns bald recht gut; sie war sehr freundlich und gut, und je lnger man sie offen oder verstohlen ansah, desto weier wurden ihre Haare und desto blauer und klarer ihre alten Augen. Er ist recht schlimm mitgenommen, sagte sie betrbt. Die Doktoren und Wundrzte haben die Kpfe geschttelt, und, Herr, glauben Sie ihm nur nicht, wenn er Sie anlacht: er beit sich doch die Lippen blutig vor Schmerzen. O da der liebe Gott uns das auch noch hat schicken mssen! Da die Greisin recht hatte, sah ich wohl. Der Verstmmelte litt die furchtbarsten Qualen; er lag auch im heftigsten Fieber, und es war ein Fieberlachen, mit welchem er rief: Schicken mssen? =Damn!= Wenn der betrunkene Kapitn die Rahen nicht in die Piek setzt, sondern absolut mit vollen Segeln in den Hafen laufen mu, -- wer, zum Teufel, will ihn abhalten, seinen Willen zu haben? O, die Base ist ein guter Hafenmeister und wei in dem entstehenden Lrm ihr Wort zu sprechen. Lieber Herr, sagte die Base Schaake, mich leicht mit dem Ellbogen berhrend. Sie mssen ihm seine Reden zugute halten; er hat mich von jeher seinen alten Hafenmeister genannt und ist eben sein ganzes Leben durch zu weit weg gewesen. Und dann sind wir auch von Natur ein Paar unbeholfene Leute; und es freut mich so sehr, wenn das Kind meint, an dem Herrn den Richtigen gefunden zu haben. Das brtige breitschultrige Kind auf dem Marterbette verzog wieder mitten in seinen Schmerzen den Mund zu einem behaglichen Lachen: Den Richtigen? Hre, Alte, so gut solltest du mich doch kennen, um mir unbesehen zu glauben, da ich mein Notfeuer nicht anznden werde, wenn da eine verdammte malayische Seeruber-Proa um die Insel kreuzt! Natrlich ist das der Richtige!... und Ihr, Herr, stot Euch nur ja nicht an ihre dumme Art; denn da je eine Henne es mit ihrem Kken besser im Sinne gehabt habe, als sie mit mir, das glaube ich erstens nicht, und zweitens wei ich das Gegenteil ganz genau. Was mich anbetraf, so hatte ich mich selten so schnell in einem Haushalt orientiert, wie in diesem hier. -- Sechzehntes Kapitel. So sa ich denn am Bette des Verwundeten und sprach ihm zu, wie man mit einem im starken Fieber Liegenden zu sprechen wagt. Ich erzhlte ihm, wie ich vorgestern mit seinem alten Freunde, dem Herrn Kunemund, zusammengetroffen sei, und wie alles so wunderlich in der Welt, auch im Schlimmen, sich ineinander schicke. Diesen Gemeinplatz machte ich auch dem alten Hafenmeister deutlich, und das weilockige Zauberweibchen erhub die blauen Augen und schttelte das Haupt und sagte: Der Autor, der Autor, der wird sich auch arg kmmern! Herr, wollen Sie es ihm schreiben in unserem Namen? Bitte, tun Sie es, meinem Kinde zum Gefallen; Sie werden es zu machen wissen, da er nicht mehr erschrickt, als ntig ist. Ich versprach gern, das zu bernehmen, und der Steuermann drckte mir von neuem die Hand und rief: Das ist das eine, wozu wir Sie so gut gebrauchen knnen; aber es ist noch mehr da -- Er brach ab, und ich erfuhr heute noch nicht, wozu ich ihm noch weiter ntzlich sein knne, drang auch nicht in ihn, es mir mitzuteilen, denn die Sonne sank tiefer, und mit dem Abend kam das Fieber heftiger, und der Arzt und der Wundarzt zum neuen Verband. Ich ging als die Doktoren anlangten, und versprach wiederzukommen. Die Greisin begleitete mich vor die Tr und brach da in ein heftiges Weinen aus: O Herr, ich bin siebenzig Jahre alt, und ich soll ihm ein Gesicht machen wie ein jung Mdchen, welches am Pfingstsonntage zu Tanze gehen will! ... Mit dem Worte in Herz und Hirn nachklingend stand ich wieder in dem Hofe, fand meinen Weg durch die alte Stadt in den schnen Sommerabend hinein und aus dem Tore der Stadt. Da suchte ich den Garten, den Gertrud Tofote geerbt hatte, und fand ihn nicht mehr. -- Der Garten war verschwunden, wie in einem Jahre -- vielleicht weniger als einem Jahre, jener prchtige, alte, dstere Cyriacushof mit seinen jahrhundertelangen Erinnerungszeichen, den ich eben verlassen hatte, verschwunden sein konnte -- verschwunden war. Die damals durch den rotweien Pfahl angedeutete Strae zog sich, vollstndig ausgebaut, mit Kanalisation und Gasleitung ber den romantischen Platz hin. Der Teich, in welchen der Stein der Abnahme hineingefallen war, war ausgefllt, und die Rder des Tages rollten leicht darber weg. Die hohen, dunkeln Bume um das Wunderhaus des achtzehnten Skulums waren niedergehauen, die Blumen und Bsche ausgerissen; und mit den Bumen, Blumen, Bschen, springenden Wassern, singenden Vgeln und den Schmetterlingen war auch das Wunderhaus verschwunden; -- wunderliche Gebude freilich waren zu beiden Seiten des macadamisierten Weges dafr in die Hhe gewachsen, und es galt da wirklich, wie es jedermann berall vor Augen hat, mit einer kleinen Abnderung das Wort aus dem Vorspiel zum Faust: in unsern deutschen _Gassen_ Probiert ein jeder, was er mag. Welches denn vielleicht der passende Ort zu einer abermaligen mich selbst betreffenden Abschweifung und Anmerkung wre, oder zur Wiederholung einer schon frher angedeuteten Frage, nmlich: Was gingen grade _mich_ alle diese Leute an? --! Ich hatte in meinem Leben mancherlei gesehen, erfahren, erlebt, -- hatte das, was man geistige Kmpfe zu nennen pflegt, bestanden, und krperliche gleichfalls. Ich hatte auch vielerlei probiert, hatte nicht einen Felsblock, sondern manch ein rund Dutzend den Berg hinaufgewlzt und dem sofortigen Wiederherunterrollen mit offenem Munde nachgestarrt. Gtiger Himmel, ich schme mich nicht, es zu sagen, ich hatte manche Trne verschluckt und, ohne mich zu schmen, manchen Schweitropfen vergossen und manchen Seufzer hervorgestoen: was gingen mich _diese_ Leute und diese Verhltnisse an? Ich hatte das Leben und den Tod in meinem Leben einander ablsen gesehen und meine Schlsse daraus gezogen wie irgendein theoretischer oder praktischer Philosoph: wie kam es, da ich an diesen Zustnden und Menschen, die mir in den Weg geraten waren, wie Tausende mehr, ein so tiefes, inniges und zugleich so schmerzhaftes Interesse nehmen mute? Wie geschah es, da mich das Verschwinden des Gartens Mynheers van Kunemund nicht nur rgerte, sondern auch so ungemein melancholisch stimmte? Die Antwort auf alle diese Fragen war leicht zu finden. Die Schicksale dieser guten Menschen und Sachen schlugen smtlich Tne in meiner Brust an, die lange auf diesen Fingerdruck von auen gewartet hatten. _Mein_ Gefhl und Bangen, _mein_ Unbehagen in der Zeit kam hier zum Anklang, und so ward mir im Tiefsten tragisch das, was jedem andern im Werkeltage, wenn auch vielleicht ein wenig betrblich, so doch im ganzen recht gleichgltig und nichtsbedeutend erscheinen mute. Mit Recht! denn welch ein Glck fr die Menschheit ist's, da sie es gar nicht merkt, wie ihr die Zeit, die Jugend, das Glck, das Mrchen, der Zauber, die Schnheit, die Zucht und die Tugend (man gestatte mir die zwei letzten verbrauchten Worte) unter den Hnden weggleiten! Keines von alle diesem wrde eben noch vorhanden sein, wenn man sein Abblassen, Einschrumpfen, Schwinden und Vergehen augenblicklich merkte und den schlimmen Proze diagnostisch, die Hand am Pulse, begleiten knnte. Die Menschheit wrde es dann schon lngst, lngst aufgegeben haben, dem Tage und dem Glcke zu trauen. Sie wrde den eben erwhnten Entwickelungs-Fort- und -Abgang merklich beschleunigt haben, -- sie wrde einfach ein beschleunigtes Verfahren der langsamen Hinqulerei vorgezogen haben. Die Philosophen nennen das, was das groe Tamtam schlgt, das _Ding an sich_ und haben sich unendlich gefreut, als sie das Wort gefunden hatten. Dieses Ding an sich, insofern es durch jedes neugeborene Kind, oder vielmehr durch jegliches Neugeborene sich darstellt, hat noch nie ber den Tod nachgedacht. Mit dem ersten Kinde, mit welchem das Wissen des Todes geboren werden wird, ist die Stunde des Weltgerichts vorhanden, und die erste Mcke, die sich mit Vergngen von der Grasmcke fressen lt, spricht das Urteil, also -- horchen wir Alten doch noch ein wenig dem sonderbaren, klangvollen Drhnen in unsern Ohren! -- Ich hatte die neue Strae, ber die traumhafte Erinnerung wegschreitend, durchwandert, hatte die verschiedenen Stilarten der frischaufgeschossenen Menschenunterschlupfe sthetisch-kritisch begutachtet; und, das helle Leben um mich, das Handbuch der Kunstgeschichte im Kopfe, berraschte es mich, als ich mit einem Male vor dem Gitter des Kirchhofes stand, auf welchem man den kleinen, muntern Bruder Autor Kunemunds begraben hatte. Den hatte man noch nicht ausreuten knnen, den Kirchhof nmlich! Dreiig Jahre und lnger verlangt das respektiert zu werden! Es ist recht unangenehm; aber bis dato hat man noch vergeblich sich den Kopf ber die Frage zerbrochen, wie der Verdru abgestellt werden knne; -- die Lebenden haben es so eilig, und die Toten wollen sich Zeit gnnen -- wahrhaftig, es wre lcherlich, wenn es nicht so sehr, sehr rgerlich wre! -- Ich stand vor dem schwarzen, eisernen Gitter, vor welchem auch die neue Prachtstrae hatte Halt machen mssen, und ich blickte hinein und hin auf die Bsche, Bume und Blumen ber den Gewlben und um die Grabhgel. Sie lachten in der Abendsonne, und nicht ohne Grund. Im schnsten Grn lachte der Garten der Toten ber die verschwundenen Grten der Lebendigen; er allein hatte seine Blumen und Vgel und Schmetterlinge behalten, der Ort der Verwesung! und -- ich wendete mich, schritt die neue Strae abermals hinauf, und kaufte im nchsten Buchladen ein Adrebuch der Stadt, werde es aber den Lesern nicht deutlich zu machen suchen, wie ich gerade jetzt _darauf_ kam. In diesem Buche des Lebens bltternd und nach allerlei Namen suchend, erreichte ich mein Wirtshaus wieder, bezog am folgenden Morgen eine Privatwohnung und fand mich am Nachmittag zum zweitenmal am Bette des verwundeten Steuermanns Schaake sitzend. Er befand sich, den Umstnden nach, ganz leidlich. Seine Schmerzen wute er zu verbeien, und das Fieber trat nicht heftiger auf, als man erwarten konnte. Meinem Besuche hatte er, wie sein alter Hafenkapitn, die schne, weie Frau Muhme sagte, mit Sehnsucht und Ungeduld entgegengesehen; und nun waren wir allein, und die Hand auf die Bettdecke des Kranken legend, sagte ich: Ich habe mich gestern da und dort ein wenig umgeschaut. Das ist so eine Grtnerschnurre, die dann und wann gelingt, da man einen Baum ausreit, ihn mit dem Gezweig in den Boden grbt und seinen Spa und seinen Ruhm davon hat, wenn die Wurzeln wirklich anfangen, Bltter zu treiben. Man nennt das den Gipfel der Kultur, lieber Freund, und ist sehr stolz darauf: was fr Frchte unsere Nachkommen aus dem Experiment zwischen die Zhne bekommen werden, knnen wir freilich heute noch nicht bestimmen, bekmmert uns brigens auch durchaus nicht. Den Garten, den die kleine Gertrud ererbte, habe ich vergeblich gesucht, aber wo das Frulein jetzt wohnt, hab' ich in Erfahrung gebracht; und nun, Freund, was ist es mit der Gertrud? was ist aus der Gertrud Tofote, seit jenem Tage, an welchem Sie den Stein der Abnahme aus dem Fenster warfen, geworden? Auf diese Frage richtete sich der Steuermann mit einem Ruck auf, der mich bedauern lie, sie an ihn gestellt zu haben, denn er bi die Zhne vor Schmerz dabei aufeinander und htte fast den Verband seiner Fe in Unordnung gebracht. Unsere Gertrud?... O, ich habe gemeint, der Alte -- ich meine den Meister, -- den Herrn Kunemund, habe Ihnen das schon gesagt! Ich schttelte den Kopf. Nicht?... O, unserm Trudchen soll es sehr gut gehen. Sie sagen das mit einem eigentmlichen Tone, lieber Freund. Weshalb wissen Sie nicht mehr oder wollen, wie der Meister, nicht mehr von ihr sagen, als was sich in ein kahles, mattes >Soll< legen lt? Da fate der Verwundete hastig meine Hand, zog mich nher zu sich heran und flsterte mir zu: Sie haben eben davon gesprochen! Ich hatte damals recht; aber es war schon zu spt! Was half es mir, da ich den Unglcksstein in der Hinterlassenschaft des alten Snders fand? Herrgott, was ist aller Nebenwind auf See gegen den, welchen der Flutwechsel auf dem Lande bringt! Das hat auch Gertrud erfahren! Aber es mute so sein, denn wenn wir ihn meilenweit weggetragen und ihn dann in hunderttausend Stcke zerschlagen htten, so wrde es nichts geholfen haben. Das Unglck ist auf dem Platze geblieben, hat das Wasser in dem Weiher vertrieben und die Bume vergiftet! Es war eben der Stein der Abnahme, und er allein ist schuld daran, da die arme Gertrud uns, mich und das alte, liebe Leben aufgegeben hat. Ach, Herr von Schmidt, Sie, der Sie viel unter die Leute kommen, werden ihr gewi begegnen, und wenn Sie ihr begegnet sind, dann wollen wir -- ich und der Meister Autor Sie fragen, wie es unserer Gertrud Tofote geht! Ich fragte heute nicht weiter nach der jungen Dame. Frs erste wute ich genug und ging wieder ziemlich melancholisch und verstimmt nach Hause, bald nachdem die weie blauugige Muhme hereingekommen war, um meinen Platz am Schmerzenslager des Neffen einzunehmen. Doch, -- auf _eine_ Frage geriet ich noch und erhielt auch Antwort darauf. Der Unglcksstein mute freilich gewirkt haben, und es war nur ein Glck, da jetzt die neue Strae auch ber ihn hinwegfhrte, und er also auf Nimmerwiedersehen begraben worden war und keinen weitern Schaden mehr anrichten konnte. Ich bemerkte dergleichen, und der Kranke richtete sich von neuem empor und rief klglich in seinem Fieber: Wissen Sie das gewi? Ich nicht!... Wer kann sagen, wer ihn aus dem Teiche auffischte? wer wei, wer ihn voller Vergngen mit sich nach Hause nahm, als das Wasser des Tmpels abgelassen worden war, und der Schlamm offen zum Durchwhlen dalag? Man soll absonderliche Kuriositten in dem Schlamme gefunden haben; ach, Herr von Schmidt, und fragen Sie nur den Meister Kunemund danach, der wird's Ihnen schon sagen, da das Unglck sich nicht so leicht verbraucht in der Welt. Was Schaden bringt und Unheil stiftet, hat meist immer eine gute Gesundheit. O, es wird sicherlich jemand das Ding wiedergefunden haben und dafr ben mssen! Wir wollen es nicht hoffen, sagte ich, und dann tat ich meine letzte Frage, als die Muhme Schaake bereits auf meinem Stuhle sa. Noch einer! Da war noch ein Erbstck des Mynheer; -- der Mohr, der -- wie hie er doch? der Signor Ceretto! Lebt er noch, und was ist aus ihm geworden? O der Nigger! rief der Steuermann, und trotz allem Elend und Jammer ging ein Lcheln ber sein Gesicht. Ei freilich lebt der noch und gottlob dazu gesagt! Sie, unsre Gertrud schleppt ihn mit sich herum; er gehrt zu ihrem Haushalt, wenn er das vielleicht auch nur seiner Farbe zu danken hat. Wissen Sie, lieber Herr, wenn Sie dem Frulein begegnen, dann werden Sie auch wohl den Nigger zu Gesichte kriegen, und, bitte, dann gren Sie ihn recht schn von mir! Siebenzehntes Kapitel. Es fehlen an der Leiter, die in den Brunnen hinunterreichen soll, immer einige Sprossen, hatte mir einmal bei einer andern Gelegenheit der Meister Autor gesagt; ich hatte es, das Wort, richtig befunden, es, wie man wei, dann und wann weiter gegeben, und es bewhrte sich auch diesesmal. Ich hatte den Alten kurz und bndig, wie es sich ihm gegenber gehrte, von dem Unglcksfall, der seinen Freund Karl Schaake betroffen hatte, in Kenntnis gesetzt; wir erwarteten im Cyriacihofe seine eilige Ankunft mit jeglichem Eisenbahnzug, er aber blieb aus. Wie sich's spter auswies, war mein Schreiben richtig angelangt, hatte den Alten jedoch nicht zu Hause getroffen. Ein anderer Brief war vor dem meinigen gekommen, ein absonderliches Dokument, das _die_ Alte in _ihrem_ Dorfe einem Schulkinde in die Feder diktiert hatte. Darin stand denn zu lesen, da es ihr, der Alten, gottsjmmerlich jammervoll ergehe, da sie, die es zu allen Zeiten so gut mit dieser schlechten Welt im Sinne gehabt habe, jetzo von der ganzen Bauerschaft als ein Scheuel und Greuel vor die Feldmark gesetzt werden solle, und zwar mit Zurcklassung all ihrer Habseligkeit von wegen aufgewendeter Gemeindekosten. Alle seind mir aufsssig, schrieb das Schulkind. Sie verschimpfieren mir, wie man es keinem Hund und keiner Katze bietet. Sie hohnnecken mir bei Tag und Nchten, da ich mich von Tage tun mchte, jedwedes Mal, da mir die Sonne aufgeht. Sie zerren mich herum, jung und alt, wie eine tote Katze in der Gosse; sie betitulieren mich, wo ich mir sehen lasse, da es eine Schande ist, und die, die es am wenigsten leiden sollten, sind die rgsten. Der Vorsteher sagt, das sei, weil ich es mit allen verdorben habe, aber, Kunemund, er lgt in seinen Balg hinein, und das will ich ihm dermaleinst vor Gottes Thron in das Gesicht sagen, und Er, Meister Kunemund, soll es mir bezeugen, denn Er kennt mich! Lieber Gott, wenn du mich nur hinnehmen wolltest, das ist mein einzigstes Gebet, wenn sie mir wieder vor die Tr hofiert und in den Kaffeekessel -- haben. Es ist nicht zum Aushalten, Meister Autor, und dazu einen so alt -- so alt werden zu lassen, das ist Unrecht, und das will ich auch dermaleinst vertreten, der liebe Herrgott mag's mir verzeihen. Du lieber Himmel, wenn ich an den Arend jetzt denke und an Sie, Herr Kunemund, und an die Gertrud und die Hunde und das brige Vieh und das ganze gute alte Leben, so knnte ich mir mein Hemde in meinen Trnen waschen; denn so ist es, und so gut wird es mir niemals wieder. Aus tiefer Not schrei ich zu dir, steht im Gesangbuch, und welche Nummer der Pastor alle Sonntage auch singen lassen mag, was mich anbetrifft, so hre und singe ich nur das eine, wie sich auch der Kantor vor der Orgel die Seele herausdrcken und Hnde und Fe abdrcken mag mit Wie viele Freuden dank ich dir, oder Dir Gott, dir will ich frhlich singen, oder Mein Herz, ermuntre dich zum Preise, oder Wie gro ist des Allmchtigen Gte, ist der ein Mensch, den sie nicht rhrt? Nein, liebster Herr Kunemund, ich bin kein Mensch mehr, o, und wenn ich es ihnen nur geben knnte, wie sie es mir gegeben haben und tagtglich geben, so sollte sich die Landesbrandkasse wirklich darber verwundern, und damit, Kunemund, wende ich mich in meinen hchsten Nten an Ihn -- usw.... Auf diesen Brief hin hatte sich der Meister Autor natrlich sofort auf die Socken gemacht und die Wanderschaft zu der Alten angetreten; mein Schreiben aber lag beim Vorsteher, und da es zufllig unter seine sonstigen Papiere und Schreibereien geriet, so wurde es auch, als der Meister Autor mit der Alten zurckgekommen war, keineswegs sofort an ihn ausgeliefert; -- den Brief der Alten an den Meister bewahre ich als ein kostbares Kleinod unter meinen Papieren. Mit meinen frhlichen Redensarten, die sich an den Spa knpfen, will ich Ihnen lieber nicht aufwarten, sagte Herr Kunemund, als ich ihm das Dokument glcklich abgeschmeichelt hatte; und nun will ich weiter erzhlen. -- Ich habe schon einmal die Ehre gehabt, Ihnen zu begegnen, mein gndiges Frulein, sprach ich mit einer tiefen Verbeugung zu der glanzvollen Erscheinung, der mich mein Freund, der Hofrat (wie in einer alten, alten Komdie) zufhrte und vorstellte. Die groen Augen erhoben sich verwundert fragend, und das Kind aus dem Musterforst, die so sehr stattlich gewordene Elfe lchelte: Wirklich? O aber es wre mir sehr interessant, zu erfahren Wo und Wie. Ich bitte -- Und sie machte mir Platz neben sich auf dem Divan und lud mich mit der zierlichsten Fcherbewegung ein, mich zu setzen, was ich mit Vergngen tat, whrend der Herr Hofrat sich im Kreise der Gesellschaft verlor, und uns, wie es schien auch nicht ungern, uns selber berlie. Wir taten einst einen wunderlich verhngnisvollen Gang zusammen, mein Frulein, sagte ich. Ein guter Bekannter von uns beiden hatte mich dazu eingeladen und abgeholt, und so ging ich mit als Chorus tief in das Mrchen hinein und sah das zuckerige Haus mitten im Zaubergarten. Ich hatte eigentlich nicht recht daran glauben wollen, aber ich berzeugte mich, da alles so vorhanden war, wie die Geschichte und die Geschichten es uns berichten. Nichts fehlte! weder die Wnde aus Honigkuchen, noch das Dach aus Eierkuchen, noch die Fensterscheiben aus Bonbontafeln. Und nun bin ich wieder ber den Platz geschritten und habe leider gefunden, da der Wind -- der Wind, das himmlische Kind, sein Spiel whrend der letzten Jahre ein wenig arg getrieben hat; die Heerstrae fhrt mitten durch den Mrchenwald, mein Frulein, die Dekorationen haben sich merkwrdig verschoben, und wir alle haben mit daran rcken mssen. Das schne Mdchen sah mich betroffen an und drckte den zusammengelegten Fcher an den Mund; dann aber fate sie sich schnell genug und rief: Mein Gott ja, das ist ja aber auch wahr! Sie waren in der Tat dabei zugegen, als mir des Onkels Erbschaft bergeben wurde! Das waren freilich sonderbare Zustnde, an die Sie mich da erinnern! Der Onkel Kunemund hatte mich in jenem schrecklichen Gasthause abgesetzt, um Sie zu seinem eigenen Troste herbeizuschaffen; und dann gingen Sie mit uns zu dem verwilderten Garten und dem unheimlichen alten Hause. Ei ja, ja, nicht wahr, das alles hat sich seltsam verndert? Dekorationen und Akteure sind andere geworden, und unter den letztern hab' auch ich mein Kostm gewechselt; -- finden Sie nicht? Gewi! sagte ich, verbindlich mich neigend und berzeugte mich verstohlen von neuem, da der Meister Autor vollkommen genau gesehen hatte, wenn oder als er das Nmliche gefunden hatte. Dann fuhr ich fort: Ich war lngere Jahre abwesend von dieser Stadt und habe meinerseits gleichfalls die Bilder im Guckkasten in bunter Folge wechseln gesehen. berall verschiebt die Welt sich, mein teures Frulein, und sonderbarerweise meistens ohne da wir es bemerken; das Buch Hiob hat heute in dieser Beziehung in demselben Grade recht wie zur Zeit seiner Abfassung. Wie in den Tagen des Mannes von Uz geht der Herr vorbei, ohne da wir es gewahr werden; aber manchem alten guten Bekannten bin ich seit meiner Rckkehr doch wieder nahe gekommen. Haben Sie in der letzten Zeit Nachrichten von unserm Freunde, dem Herrn Kunemund erhalten? Nei--n, mein Herr, sagte das Frulein, und ich beobachtete dabei leider auch ein etwas mimutiges Emporziehen der feinen runden Schultern, lie mich jedoch selbstverstndlich nicht dadurch irr machen, sondern fuhr heiter fort: Dann habe ich einigen Anspruch auf ihre Dankbarkeit, indem ich Ihnen die neuesten mitteilen kann. Es geht dem braven Alten recht wohl; er fhrt sein Schnitzmesser so rstig und kunstfertig wie vor Jahren und hat auch seine brigen Knste in Wald, Garten und Feld durchaus noch nicht verlernt. Ich hatte die Ehre, ihn neulich auf dem Wege zu treffen, und er lud mich freundlich ein, ihn in seiner jetzigen Huslichkeit zu besuchen. Zwei sehr angenehme Stunden habe ich in seiner Gesellschaft hingebracht; leider war es nur ein sehr unglcklicher Zufall, der mich mit ihm von neuem zusammenfhrte, nmlich jenes Eisenbahnunglck, das mich nur einen kurzen Augenblick auf der Reise aufhielt, das aber einem andern, jngern guten Bekannten, ich meine den armen Steuermann, Herrn Karl Schaake, so teuer zu stehen kam -- Jetzt fuhr die junge Dame im Ernst zusammen, wurde erst sehr bleich, dann sehr rot und rief: Mein Herr? Ja, mein liebes Frulein, auch ihn habe ich bereits einige Male besucht. Er leidet groe Schmerzen, trgt sie mit leidlichem Humor und macht seine Umgebung um so trostloser, je vergngter er sich stellt. Die rzte und Chirurgen sind noch immer nicht sicher, ob sie ihm seine unglckseligen Fe lassen drfen oder nicht. Gertrude Tofote lehnte sich sehr bleich zurck; dann fate sie heftig, auf einen krzesten Augenblick, meine Hand: Was sagen Sie?... was ist?... o ich wei gar nichts!... ich habe nichts von dem erfahren!... ich bitte Sie -- Ich habe auch die Bekanntschaft seiner Muhme oder Base gemacht. Ein kurioses Weibchen! ein wenig sehr taub; aber ein alt Jngferchen wie aus dem Mrchenbuch, -- und noch dazu aus _unserem_ Mrchenbuch, mein teures Frulein. Jawohl, jawohl, ich bin -- frher auch dann und wann mit ihr zusammengetroffen; -- er hat den Fu gebrochen? Karl hat den Fu gebrochen? Beide Fe! Sie wurden ihm arg verletzt infolge jener bedauernswerten Entgleisung, von welcher Ihnen die Zeitung gesagt haben wird; aber er trgt wirklich sein Elend wie ein braver Mann. Mit seinem Seefahren und sonstigen abenteuerlichen Liebhabereien wird es freilich unter allen Umstnden zu Ende sein. Und den Onkel Kunemund haben Sie auch gesehen? rief die Elfe. Ich habe ihn lange nicht gesehen. O sagen Sie mir -- Es war mir augenblicklich unmglich, weiter etwas zu sagen, denn wir wurden in unserer Unterhaltung unterbrochen und zwar auf die liebenswrdigste Weise von der Welt. Eine schne, durchaus nicht alte, eine stattliche, frhlich lchelnde, dunkelugige Dame in Dunkelblau und weien Spitzen glitt durch die Wellen der Gesellschaft zu uns heran, in ihrem Fahrwasser einen jungen Herrn der Tochter des Frsters Tofote zufhrend. Der Herr war ein Jngling von zwei-, fnf-, sechs- oder siebenundzwanzig Jahren mit einem etwas knabenhaft rundlichen, sommersprossenberseten, gnzlich bartlosen und ganz gutmtigen Gesicht, runden mdchenhaften Schultern und einem Lcheln um den Mund, das, wenn es klar fr die Gte des Herzens sprach, von den geistigen Fhigkeiten des jungen Mannes ein wenig undeutlicher redete. Nach einer letzthin bekannter gewordenen Theorie war er also unbedingt mehr der Sohn seines Vaters als seiner Mutter. Da bringe ich dir endlich meinen Vetter, Gertrude! rief die schne Dame. Das ist Vollrad, und -- sieh, Vollrad, das ist meine se Hausgenossin. Ihr werdet Euch sicherlich zusammen vertragen? Nicht wahr, ihr versprecht mir das auf der Stelle? Denke dir, liebes Herz, er ist ber mich gekommen, wie der Dieb in der Nacht, oder wie die Ameise -- nein wie der gepanzerte Mann im Evangel -- auch nicht, sondern in den fnf Bchern Moses. Vor einer Stunde ist er von Berlin angelangt; -- ich lag, wie du weit, mit meiner Migrne und meiner Journalmappe auf meinem Zimmer und hatte dich armes Lamm heut abend allein und schutzlos in die bse, schlimme Welt hineinfahren lassen, als er pltzlich vor mir stand. Du kennst mich, Gertrude, du weit also auch, wie rasch mein Unwohlsein verflogen war, und hier sind wir, und das ist nun die Gertrud, Vollrad! und das ist mein Vetter Vollrad, liebe Gertrud; und wie gesagt, vertragen werdet ihr euch ja wohl -- wenigstens so lange, als es dem jungen Herrn hier in der Stadt zu gefallen belieben wird -- nicht wahr? Ich hatte den Wortstrom dicht neben mir vorberrauschen lassen; jetzt wurde mir auch noch das Vergngen zu teil, der nheren Vorstellung zwischen den beiden jungen Leuten anwohnen zu drfen. Darauf aber empfahl ich mich, und Gertrude Tofote sagte: Ach, wir haben uns eigentlich noch so vieles zu sagen!... und ich htte so vieles zu fragen! Nun, wir sehen uns sicher noch hufiger in der Gesellschaft! Ich hoffe das, sprach ich und zog mich zurck mit einer hflichen Verbeugung. Auch die gndige Frau grte und der Vetter gleichfalls. Im Zurckweichen sah ich noch, wie die schne Dame sich gegen das junge Mdchen neigte, und nahm die Frage von ihren Lippen mit: Wer ist es denn, Gertrud? Der Herr kommt mir bekannt vor; aber ich kenne sehr viele Leute. Was mich anbetraf, so kannte ich auch sehr viele Leute: die schne stattliche Dame war die Frau Christine von Wittum, die junge rasche Witwe eines in sehr reifen Jahren entschlafenen hohen Staatsbeamten, und Gertrud Tofote wohnte mit ihr unter ein und demselben Dache. Da die gndige Frau sich auch meiner aus frherer schnerer Zeit erinnern mute, stand mir in unumstlicher Gewiheit fest. Doch davon spter. -- Achtzehntes Kapitel. Von meinem ersten Besuche bei dem Steuermann an waren acht Tage vergangen. In diesen acht Tagen hatte ich mich von neuem huslich in der Stadt eingerichtet, hatte unter meiner sonstigen Korrespondenz den Brief an den Meister Autor abgeschickt, hatte die hbsche Gertrud im Schoe der besten Gesellschaft des Ortes gefunden, war mit der schnen Witwe Christine von Wittum und ihrem Berliner Vetter Vollrad in Berhrung -- angenehme Berhrung -- gekommen, und sa am neunten Tage auf meiner Stube und an meinem Schreibtische in der festen Gewiheit, da nicht alles gut war -- weder was mich selber, noch was die andern anbetraf. Sehr unbegrndet rgerte mich heftig der Meister Autor Kunemund, der aus den mitgeteilten stichhaltigen Grnden nichts von sich hren lie. Dem Steuermann ging es schlecht; dem Tchterlein des Frsters Arend Tofote ging es zu gut, und ausgezeichnet gut ging es der Frau Christine, welche die einzige unter uns war, die das Leben vom rechten Standpunkt aus ansah und also auch sich in es zu schicken wute, und -- -- andere Leute auf ihre Seite hinberzuziehen wute. Es ist eine im Grunde lcherliche und dem denkenden Menschen auffllige Tatsache, da je mehr das unbefangene Interesse am Dasein und den Bedingungen desselben wchst, in demselben Grade das Vergngen und Behagen dran abnimmt. Denn wenn auch in frheren Epochen die Menschen es sich gleichfalls recht sauer haben werden lassen in der Arbeit, sich es behaglich auf dieser Erde zu machen, so fehlte ihnen doch das intensive Bewutsein dieser groen Mhe, und das haben wir jetzt im vollsten Mae, und das ist das Elend! Darber habe ich lange und tief nachgedacht, auch kluge Nachbarn zur Rechten und Linken um ihre Ansicht und Meinung darob befragt, und nachdem auch sie lnger und genauer darber nachgedacht hatten, haben sie die Achseln gezuckt, mich seufzend von der Seite angesehen und sind -- wieder an ihre Geschfte gegangen. Wer Ohren hat zu hren, der hre, und nehme Rat an und setze sich hart! -- ein Schemel von weichem Holz, vor dem Lehrstuhle der Erfahrung ist das einzige, was der Menschheit noch helfen kann. Bitte Platz zu nehmen, sagt der Mann aus Sinope; und: Bitte Platz zu behalten! sagte schon lange vor ihm der Prediger Salomo; -- Wer aber stehend besser hren kann, den soll man gleichfalls nicht hindern! sprach lange nach den beiden der heilige Simon Stylites, der syrische Mnch mit einem sonderbaren Blicke auf die Stadt Antiochia; -- ich persnlich setze mich selbstverstndlich am Schlusse dieser Historia so weich als mglich. -- Man spinnt dergleichen philosophische Gedankengespinste dann und wann nicht ungern und, seltsamerweise, dann am liebsten, wenn der Lehnstuhl recht bequem ist, und man auch sonst durch keine geistige und krperliche Abhaltung gehindert ist, sich seinem asketischen Behagen mit vollkommener Freiheit hinzugeben. Mit diesen und hnlichen Gedanken, wie man das nennt, beschftigt, drehte ich in meinem Lehnstuhle vor meinem Schreibtisch die Daumen umeinander, als es an meiner Tr pochte. Es klopft hufig an meiner Tr, wie der Leser bereits erfahren hat, und ich pflege mich nie durch ein Nicht zu Hause zu verleugnen; den Kreis meiner Bekannten habe ich niemals zu verengern gesucht, und dazu gehrte der Mensch, der jetzt kam, sogar zu meinen Freunden, und nach dem Meister Autor konnte mir niemand gelegener kommen. Der Teufel, dem das weieste Weiberfleisch nicht zu wei und zu zart und nicht zuwider ist, wenn er in der Maske das Seinige bequemer zu verrichten hofft, kann schwarz, recht schwarz auf der Bhne erscheinen; aber schwrzer kann er sich unmglich aus der Kulisse schieben, wie mein jetziger Besuch. Ceretto! Signor Ceretto! rief ich. Von Allen aller Hautschattierungen mir Gesegneter! Mein schwarzer Diamant! mein Sonnenstrahl vom Mondgebirge! mein unstrflicher thiopier aus dem Schsselkorbe zu Bremen, -- seid Ihr es denn wirklich? Alter Freund, ist es wirklich kein Gercht, wandelt Ihr wirklich noch unter den Lebendigen, um mit dem Meister Kunemund dieser schlechten Welt die Stange zu halten? An jedem Ende einer, lachte der Schwarze, den schlossenweien wackelnden Haarwulst mir entgegenschttelnd. Und sie springt, Herr! sie springt gut und berschlgt sich mit Grazie. Ich hab' es meiner Zeit im Zirkus kaum besser gemacht; aber ich verstehe mich eben drauf, und habe also auch heute noch mein Vergngen dran, was auch der Herr Kunemund seinerseits dagegen vorbringen mag. Und wie er sich konserviert hat! rief ich, entzckt und zrtlich das schwarze Greuel in die Arme fassend. Seine siebenzig Jahre hat er bald gut auf dem Nacken; aber wie steht er noch auf den Fen! wie sieht er noch aus den Augen! Und erst der Magen, Herr, grinste der Alte, den zahnlosen Mund vor Behagen so weit als mglich ffnend. Ich brachte ihn schwach mit auf die Welt, den Magen, aber die Migkeit und solide Dit hat ihm und mir durchgeholfen. Die Leute sollten nur recht wissen, wie gut einem das Feuerschlucken, Sbelklingenverschlingen und Lebendige-Kaninchen-fressen tut; -- wahrhaftig, sie lieen sich bald viel mehr auf den Jahrmrkten als in den Bdern sehen. Da mu man in seiner Jugend den wilden Indianer selber gespielt haben, um darber mitreden zu drfen; brigens glaube ich, gibt es keinen zweiten Menschen, der sich so fest vorgenommen hat, noch einen Blick in das zwanzigste Jahrhundert zu tun, wie ein gegenwrtiger Wichselmeyer, Signor Ceretto Meyer aus Bremen. Und nach einem zweiten gleich gebildeten Mohren, Neger oder Nigger wird man gleichfalls lange suchen drfen! rief ich lachend. Da Sie Ihre Ditetik aus sich selber haben, wei ich; aber woher Sie den Blick in das zwanzigste Jahrhundert nehmen, das mag der Teufel raten. Danke, Mynheer. Vielleicht kommen Sie noch dahinter; verlieren Sie nur den Mut nicht. Ei freilich, wir haben unsere Gelegenheiten, uns zu bilden, und nehmen sie auch wahr; sonst aber, verehrter Herr von Schmidt, lassen Sie sich jetzt vor allen Dingen sagen, da ich diesmal nicht aus eigenem Antrieb die Ehre habe, sondern mit einem Kompliment und einer Bestellung geschickt werde. Wenn Sie es gtigst erlauben, will ich ein andermal -- Aus eigenem Antrieb kommen und vorlieb nehmen; -- natrlich. Wer aber schickt Sie heute denn, alter Freund? Da verwandelte sich das breite Grinsen auf der uns Japhetiden trotz allem stets so verwunderlichen Physiognomie des Sptters Ham in sein vollstndiges Gegenteil. Sie! sagte der Mann aus dem bremischen Schsselkorbe kurz. Sie? ja freilich sie! Das lt sich wohl erraten, ohne da man lange darber nachzudenken braucht. Was wnscht das Frulein? Ich hatte dem Greise meinen weichsten und bequemsten Sessel zugeschoben, und da sa er, eine wahre, wirkliche echte Meraritt, den Kopf zwischen den Schultern und nur das Weie in den Augen zeigend -- eine Raritt, auch fr die Bchermesse. Was wnscht das Frulein, Ceretto? Das ganze Elend Hams, nachdem der Vater Noah das Seinige gesagt hatte, sah mich aus den Augen dieses Mohren an, als er endlich erwiderte: Vielerlei. Das heit, wahrscheinlich sehr vieles; -- vor allem andern aber wnscht sie, da Sie die Freundlichkeit haben mchten, morgen abend eine Tasse Tee bei ihr zu trinken. Mit Vergngen! sagte ich, zustimmend das Haupt neigend. Der Wunsch mag dem Kinde in Erfllung gehen; aber, Freund, da ich Euch habe und halte, lasse ich Euch nicht eher wieder, bis ich -- ein wenig genauer wei, wie Euer Leben verlaufen ist, -- seit -- seit jenem Tage, an welchem Ihr uns ber Mynheer van Kunemunds Gartenhecke aus unserm Suchen nach der Erbschaft Mynheers in dieselbe hineinwinktet. Ich habe eben mit zu der Erbschaft Mynheers van Kunemund gehrt, mein Herr. Wahrhaftig! und Sie und unser schnes naives Waldkind wohnen mit der Frau von Wittum unter _einem_ Dache. Der Frster ist tot, der Meister Autor haust einsam und geheimnisvoll in seines Vaters Htte, und Herr Vollrad von Wittum kommt von Berlin, um sich der Gertrud vorzustellen zu lassen: weshalb, weshalb und hundertmal weshalb dieses alles?! Wir leben in Tagen, denen es auf eine genaue Einsicht in die Dinge berall im hohen Grade impertinent ankommt, und Sie, Ceretto, sind der Mann, der diesmal hier die ntige Aufklrung geben kann. Nehmen Sie eine Zigarre! Der Alte griff dankend in das angebotene Kistchen und sagte lchelnd: Wenn ich nur das erzhle, was ich wei, so nehmen Sie mir dieses wohl nicht bel? Die Frage tut man auch nur an einen, den man bereits genauer kennt. Ich werde es nicht bel nehmen; aber Ihr habt Glck, Wichselmeyer; Tausende wrden es sehr bel nehmen und allem Eurem Widerstreben zu Trotz alles Mgliche in Euch hineinfragen. So ist es, sagte der Schwarze, kommen wir also wie alles Gute und Verstndige schnell zu Ende. Es war ein zierlich, einfach, niedlich Ding, Herr, was Sie in unsern Garten einfhrten, und es kam in glcklicher Begleitung, aber es ging unsichtbar hinter ihm etwas, was nicht zur Gesellschaft gehrte, was sich aber, wie Sie wissen, merkwrdig fein und frech aufzudrngen versteht, bis es alles, was es nicht auf dem Wege vor sich brauchen kann, richtig und ruhig im Graben hat. Wir aus der Bedientenstube sehen es hufiger, als die Herrschaften meinen, die Treppe hinaufschleichen; und wenn wir es zu melden haben, oder ihm nachher in der Garderobe den berrock hinhalten oder den Schal umhngen, so zahlt es meistens durchaus nicht die schlechtesten Trinkgelder. Signor Ceretto, Ihr seid ein groer Mann! unterbrach ich in vollster Bewunderung. Das heit, wir haben die Jahrmrkte und Messen bezogen, sind alt geworden und jung geblieben -- Herr, man kann das letztere auch, ohne auf dem Markte ausgestanden zu haben -- der Herr Autor Kunemund kann sich in der Hinsicht auf das Aushngeschild malen lassen -- na wie ist's, was das anbetrifft, darf man Sie doch mit der Trompete vor die Bude schicken? Sie sind ein groer Mann, Ceretto; und da Sie das auch wissen -- was wollen Sie mehr? Die beiden alten Herren, der Frster Tofote, der Meister Kunemund und -- ich, wir waren also machtlos gegen Das, was sich mit einschlich in den Garten Mynheers, und der junge Mensch, der Leichtmatrose, ebenfalls, obgleich der vielleicht noch am ehesten etwas dagegen htte tun knnen, wenn er nicht im natrlichen Lauf der Dinge den vernderten Umstnden gegenber sofort so sehr verdrossen und unertrglich geworden wre. Er ging schneller wieder zu Schiff und auf die See, als er verantworten kann. Der Teufel hole ihn dafr. Das hat er bereits so halb und halb besorgt; -- erzhlen Sie weiter, Ceretto. Hat er ihn geholt? Herr, entschuldigen Sie, aber es werden viele Ansichten in Spiritus gesetzt, die ihn nicht wert sind! Uns -- uns hat er am Kragen und hlt uns ziemlich fest; aber Sie haben recht, und ich erklre weiter, wie ich in meiner angenehmen Jugend auf dem Hamburger Berg schon berhmt dafr war. Also wir drei Alten mit dem Frulein waren nun allein unter uns -- eine fidele Menagerie, Herr, und das Publikum fand das auch, ohne da wir das Frulein, sozusagen, den Honoratioren mit den Zetteln in die Huser zu schicken brauchten. Das Publikum kam ganz von selber, und das Schlimme dabei war nur, da das Frulein binnen kurzem sich ein Separatkabinett einrichtete, das Hauptgeschft schdigte und uns den Stuhl vor die Bude schob, natrlich ohne es selber ganz genau zu wissen. O Herr, Herr, welche und wie viele Leute kamen, um uns zu gratulieren und um an unserm Glck innigen Anteil zu nehmen, das heit ihren Anteil! Ich htte Sie wohl dabei haben mgen, um den Spa anzusehen. Fr einen, der nichts damit zu tun hatte, wie zum Exempel mich selber, war es wirklich eine Lust, denn die drei -- der Arend, der Autor und die Gertrud waren wie die unmndigen Kinder in der Hand der Kriegsknechte Herodis oder noch ein wenig schlimmer. Zu Bethlehem war dem Jammer wenigstens schnell ein Ende gemacht, aber hier zog sich das Vergngen lnger hin, und was das gndige Frulein angeht, so -- Hier griff sich der Greis so komisch-klglich in die weie Wolle und seufzte so gewaltig, da ich schnellstens in der Phantasie nach dem Sonnenschein, Lerchensang, Wachtelruf und Thymiangeruch in den Dornstrauch an jenem Hohlweg zu greifen hatte, um in meiner Teilnahme an den alten Tagen des Meisters Autor nicht ins Bodenlose zu versinken. Die Obervormundschaft mochte manchmal ihr blaues Wunder haben, fuhr mein so sehr europisch gewitzigter Afrikaner in seinem Berichte fort. Erst nach und nach, so ganz nach und nach konnte es zutage kommen, was fr eine Erbschaft eigentlich Mynheer van Kunemund uns hinterlassen hatte. Es fanden sich ausgeliehene Kapitale an Orten, wo es sehr, sehr bel roch, -- Kapitalien, die nicht gewinnbringender angelegt werden konnten. Wir hatten zwar unsere Advokaten dafr; aber dem Kunemund und dem Tofote konnte doch niemand davon helfen, mit Volk verkehren zu mssen, das wie die Regenwrmer bei Laternenschein aus der Erbschaft heraufwimmelte. Groer Barnum, jetzt erst kam es so nach und nach heraus, was fr ein Geschft der Erblasser selber besorgt hatte, ehe er es uns auf die Schultern ablud. O und an Bekanntschaften fehlte es dem lieben Kinde bald gar nicht, -- wir fanden sie von allen Sorten -- ganz herrliche und nobele Leute, die sich unserer aufs freundlichste annahmen; aber auch das Gleiche von uns verlangten. Und kurioserweise zeigte es sich bald, da das, wobei den zwei alten Herren bel genug wurde, diesen Eindruck auf den Magen der jungen Dame gar nicht machte. Im Gegenteil fand sie sich mit vielem Geschmack in das neue gute Leben hinein, nahm zu an Weisheit und Tugend, und wenn ich nicht schon vorher gewut htte, was fr ein Schlaukopf mein seliger Herr, der kleine Bruder des langen Meisters, gewesen war, so wre es mir jetzo wie durch ein Gaslichtmikroskop deutlich gemacht worden. Eine hunderttausendfach vergrerte Ksemilbe ist mir heute gar nichts mehr gegen Mynheer van Kunemund; ich bin selber einmal eine Zeitlang mit einem Doktor, der aus einem solchen Vergrerungsglase sein Dasein zog, gereist und mu das wissen. Der selige Herr, mein Mynheer, hatte es sich genau berlegt -- er berlegte sich alles genau -- und sein Vermgen war in den besten Hnden. Er hatte sich vorgenommen, seinen Herrn Bruder auch nach seinem Tode zu rgern, und er rgerte ihn grndlich. Sie sind ein groer Mann, Ceretto! sagte ich leise, und viel mehr zu mir selber, als um das meinem Besucher von neuem auszusprechen. Er aber nickte und fuhr im klglichen Tone in seinem Berichte fort, um ihn schnell durch eine Frage zu unterbrechen: So lebten wir denn vergngt hin ... Entschuldigen Sie, haben Sie sich nicht wie die andern auf der Stelle in die gndige Frau verliebt? Die gndige Frau? Frau Christine von Wittum? ... bei allen Fetischen Ihrer Heimat, lieber Meyer, Sie bringen mich darauf -- es ist eine schne Frau -- ein schnes Weib! Das aber habe ich freilich schon ziemlich lange gewut. Sie ist die Hexe in der Geschichte -- aber es ist eine junge und hbsche Hexe, das mu ihr der Bse lassen; -- die beiden alten Herren aus dem knstlichen Urwalde fanden das auch bald heraus, und der Herr Autor Kunemund zuerst. Wieso? Er verlie uns zuerst; das heit, sie jagte ihn zuerst zur Tr hinaus. Der Herr Frster Tofote ging erst, als von der Gesellschaft der erste Baum im Garten niedergehauen wurde, und die neue Strae ber die alte Hecke, ber die ich Sie bewillkommnete, sich hinlegte. Der Herr Autor brannte bei dunkler Nacht durch, aber der Herr Frster ging am hellen Tage, und die gndige Frau und das gndige Frulein brachten ihn zrtlich zur Eisenbahn, und ich besorgte ihm sein Gepck. Es war am besten so, denn den Tag darauf kamen die Maurer, um das alte Haus im Garten niederzureien, und im Hause der gndigen Frau wrde der Herr Frster sich doch wohl ein wenig unbehaglich gefhlt haben. In dem hundertjhrigen Garten aber sind auch nicht immer unschuldige Kinder- und Schferspiele aufgefhrt, also fort mit ihm! das war meine Ansicht von der Sache, und da meine Hautfarbe der gndigen Frau konvenierte, so blieb ich und ging mit, denn ein Esel war ich nicht, und in des Meisters Kunemund Dorfe wrde ich ein recht liebliches Dasein gelebt haben, wenn ich da den Tee htte prsentieren wollen. Also -- Also? ... Bin ich hier und lade freundlichst ein, morgen abend eine Tasse Tee bei dem gndigen Frulein zu trinken und -- wie man hier und da in der Provinz sagt, mit _uns_ vorlieb zu nehmen. Wrden Sie mir raten, die Einladung anzunehmen, Ceretto? fragte ich nachdenklich. O gewi! Ich an Ihrer Stelle wrde sicherlich hingehen, -- schon des Herrn Meisters und des seligen Herrn Vaters wegen wrde ich mir den Spa ansehen. Es ist eine Hauptkomdie! -- in meinem ganzen Leben bin ich noch nicht so an meinem Platze gewesen, wie jetzo in dieser gegenwrtigen Kondition. Kommen Sie unter allen Umstnden; Sie finden auch sonst bei uns die schnsten Leute der Stadt, und da Sie unserer gndigen Frau nicht bermorgen einen Heiratsantrag machen werden, davor sind Sie noch gar nicht sicher; denn wenn die Gndige ihren Kopf darauf setzt, so darf ich heute schon gratulieren. Mir ist es mit ihr grade ebenso ergangen. Ceretto?! stammelte ich, im Gemte schwankend zwischen Schrecken und Heiterkeit; aber die letztere siegte ob, und ich rief lachend: Ich komme! ich komme! verlassen Sie sich drauf, Sie dunkelfarbiges Meungeheuer! Es wird uns eine groe Ehre sein, sprach der Mohr aus dem Bremer Schsselkorbe mit der ernsthaftesten Miene; dann aber grinste er in einer Weise, die die Wand ihm gegenber htte anreizen knnen, dasselbe zu tun und einen Spalt zu erzeugen, querber von der Decke bis zum Fuboden. -- Neunzehntes Kapitel. Ich lie mich erkundigen, wie es dem Steuermann Schaake gehe, und erhielt die Antwort: Schlecht! -- Er liege im argen Fieber, berichtete mein Bote, -- er spreche das tollste Zeug und halte sich meistens auf dem Wasser auf. Mein Bote selber hatte ihn, von der Tr aus, reden hren. Es wird einem ganz schwindlig dabei zumute, sagte er. Der alte Hafenkapitn aber hatte geweint und lie sagen: wenn es mir mglich wre, so wrde es ein Trost im Hofe sein, wenn ich noch einmal im Laufe des Tages vorsprechen wolle. Ich ging am Nachmittage und ging ebenfalls aus der langweiligen Dasselbigkeit des Daseins, aus der Trivialitt der Werkeltagswelt und des Alltagslebens hinaus auf die hohe -- hohe See. Und sie kamen in langgezogenen weich-gewaltig sich rundenden und majesttisch vornberbrechenden Wogen heran, die groen Wasser. Sie wlzten sich eine nach der andern her gegen das Ufer jener Dasselbigkeit, von der Marina spricht; aber es war eine Tuschung, da die Wellen den, der sich in sie eintauchte, freudiger und lustiger an diesen langweiligen Strand zurckbringen wrden. Die bittern Wasser zogen dem Lebendigen die Fe vom Boden weg, hoben und trugen ihn -- aber sie spielten mit ihm; nicht er mit ihnen! -- nur die Leichen und Trmmer kamen zurck an den Strand. Es war hei in den Gassen der Stadt, aber khl in dem dunkeln mittelalterlichen Hofe, in welchem der Steuermann von der See trumte. Ich sa am Bette des fiebernden Kranken zu Hupten, die Muhme zu Fen, und sie, die dem braven Schiffsmann so oft, seinen guten, sichern, behaglichen Ankerplatz hinter dem Hafendamm angewiesen hatte, sie hatte die Schrze ber den Kopf gezogen und den Mut verloren. Es hatte sich in der Tat mit dem armen Karl verschlimmert. Die rzte sagten das, was sie zu sagen hatten, mit dem bekannten gedmpften Tone. Sie hatten wenig Aussicht, ihren Patienten am Leben zu erhalten, und gestatteten sich bereits vor der Tr die Bemerkung, da dieser Mann von Rechts wegen eigentlich nicht auf dem Lande und zwar so tief im Binnenlande htte begraben werden sollen. Es war eine naheliegende Bemerkung. -- Der Verwundete erkannte mich noch; er hatte mir die heie Hand entgegengestreckt und gerufen: Das ist schn! Nun was sagen Sie aber? das Schiff ist klariert bei Zoll- und Hafenbehrde; -- alles fertig -- mit der Ebbe seewrts, und -- hoffe, Maat, da Sie nicht ausspucken werden, wie ein Chinese, wenn er eine Sternschnuppe sieht. Ich sagte natrlich etwas Angemessenes; aber der Kranke, von einer neuen Welle weiter von mir weggezogen, schttelte heftig den Kopf: Da! ich sagte es doch, -- steif aus Norden. Leichte Segel fest! da haben wir's -- groe Royalrah zum Teufel. Wie gut, da _sie_ es so gut am Lande, im Walde hat, -- wenn ich nur des Alten Hunde noch einmal in der Ferne hinter den Bschen anschlagen hren knnte!.. Was?.. und das schon die Berge von Ceylon?... eben klarste Kimmung und bezogene Luft im Augenblicke drauf! Der Teufel werde klug aus dem Wetter, da man den Wald vor Bumen nicht sieht, wie der Meister Autor sagt. Nun erkannte er mich wieder und rief, das letzte Wort aus seinen Phantasien mithernehmend: Es ist doch schn im Walde, in dem alten Hause bei dem Tofote -- man mu die See befahren haben, um das auszufinden. =Ay, Sir=, aber Gertrud -- unser Trudchen, unser Trudchen, kennen Sie unser Trudchen Tofote? Sie haben mir gesagt, der Herr Frster sei gestorben; aber das ist blo der Nebel auf dem Meer -- die bezogene Luft -- sehen Sie, Kapitn, wie ich es gesagt habe -- gegen Abend schnes Wetter, abnehmender Seegang, leichte ebene Brise und -- da stehen wir dicht unter der Kste von Travancore, es wird sich schon machen, Supercargo, da wir auch Arabien noch einmal im Mondschein liegen sehen. Nun hren Sie ihn nur! Haben Sie ihn gehrt? flsterte die Muhme Schaake in einer Pause, whrend welcher der Kranke unruhig hinschlummerte. Ich aber nahm jetzt die Hand der Greisin und hielt sie stumm fest; der Kranke fing bald wieder an, von neuem zu reden. In Arabien erzhlt man Geschichten; die Bcher von den tausend Nchten sind daher, sagt man. =Damn=, die Korallenbnke und blinden Klippen! die ganze Kste von Aden soll zur Hlle fahren! Nicht wahr, Herr, die Gertrud kommt so her wie aus dem arabischen Mrchen und -- Mynheer -- van Kunemund auch; -- wir gingen alle in den schnen Garten -- Schiff glatt vor dem Winde unter beiden Marssegeln, und wre der Stein der Abnahme nicht gewesen, so htt' mir kein grerer Spa widerfahren knnen. Hab' ich's nicht gesagt, Kapitn? von Aden an Sturm, -- da haben wir's, und das Kajtendeck fngt sofort an zu lecken -- warmes Regenwasser in den Grog -- und da -- Bab el Mandeb -- das Tor des Todes!... ich wollte, wir sen sicher auf dem Lande und wr's auch bei Dscheddah in der Wste auf Mutter Evas Grabe! Das mu man nun anhren! klagte die Muhme Schaake. Von Mutter Evas Grabe hat er die letzten Tage durch alle Augenblicke angefangen zu sprechen. Er mu wohl einmal dagewesen sein; -- o lieber Herr, manchmal hat er whrend der letzten Tage frchterlich auf die Weiber geschimpft, der arme Junge. Ich habe es ihm fr meine Part nicht belgenommen, von mir mochte er sagen, was er wollte; aber er mu uns auch wohl von allen Farben gesehen haben -- schwarz und gelb und braun -- von den melierten und den weien gar nicht zu reden. Der Kranke lachte jetzt in seinem Fieber; es mute doch wohl etwas von den Worten der Greisin sich in seinem Bewutsein festgehkelt haben; er sprach aber weiter nichts, sondern fiel in einen etwas festern Schlummer. Es wre arg gewesen, Frau Schaake, wenn er von Ihnen etwas Bses htte sagen wollen, bemerkte ich, jedoch ein wenig zerstreut, denn -- bei Mutter Evas Grabe, ich sah pltzlich die Hexe vor mir -- ja die Hexe im Mrchen -- hbsch, jung, wohlhabend und lebensfroh, und ich dachte daran, da sie mich auf morgen abend zum Tee eingeladen, und da ich dem Zaubermohr Signor Ceretto Wichselmeyer aus Bremen versprochen habe, zu kommen. Eine ziemliche Zeit saen wir einander nun stumm gegenber, die alte Frau und ich, und horchten den keuchenden Atemzgen des Verwundeten. Dann flsterte die Greisin: Und den Kunemund versteh' ich doch nicht. Jetzt mte er doch Ihren Brief lngst erhalten haben. Ich konnte nur die Achseln zucken: Man wei eben nie, was anderen Leuten passierte, whrend das Schicksal einem selber in das Nackenhaar griff. Wenn der Meister morgen nicht kommt, werde ich zu ihm gehen. Oh, Herr, wenn Sie das tun wollten! rief die Alte. Sie verdienten sich einen Gotteslohn an uns. Wenn einer dem armen Karl noch ein gutes Wort sagen knnte, so ist das der Autor Kunemund. Nach uns Weibern hat der Junge von keinem Menschen soviel in seiner Abwesenheit gesprochen, als von dem Kunemund. Sehen Sie, es ist so gut von Ihnen, da Sie doch ganz von selber darauf gekommen sind, -- von meiner Seite wre es zu unverschmt gewesen, Sie darum anzugehen. Ich wies diese gute Meinung natrlich mit Wort und Gestus weit von mir. Dick mit Regen! wenn es gegen Abend nicht abklart, kriegen wir eine harte Sturmbe dicht vor dem Ankerplatz; -- werden uns dem Hafenmeister mit allen Segeln in Fetzen prsentieren! rief der Steuermann, und die Alte mit dem Schrzenzipfel wieder vor den strmenden blauen Wunderaugen flsterte: Da spricht er wieder von mir! O Gott, zu solchem Elend so alt werden zu mssen! Ich ging bald, und sa den Abend noch eine Stunde im Theater und sah den geharnischten Geist des alten Dnemark ber die Bretter schreiten, hrte das: Sein oder Nichtsein -- sah die Komdie in der Komdie, aber sie spielten und sprachen alle mit falschem Pathos und verrenkten Gliedmaen, und die ganze Geschichte kam mir entsetzlich einfltig vor. Wer hebt die Grten, die uns versinken, wieder herauf aus der Tiefe? -- Zwanzigstes Kapitel. Also die Hexe -- die Hexe im Mrchen, die junge schne Witwe eines wahrlich nicht sehr jung gestorbenen Ogers oder kleinstaatlich juristischen Menschenfressers freute sich auf mein Kommen!? Sie, die den Vetter Vollrad herbeschieden hatte, um ihren letzten Fang, das dumme Gnschen Trudchen Tofote und die Erbschaft Mynheers van Kunemund zu heiraten. Der Mohr hatte es gesagt, und mir trumten in der Nacht, die diesem Teeabende voraufging, fast ebenso sonderbare Dinge wie dem Steuermann Schaake in seinem Wundfieber; ich werde mich aber wohl hten, das, was ich sah, hrte und sagte, hier der Welt kundzumachen. Als die Hexe noch eine Jungfrau war, kaum aus dem Backfischalter herausgewachsen, war sie mir schon einmal quer ber den Weg gelaufen; und gute Gesellen, treue Kameraden, die sie damals bereits besser kannten, als ich heute, hatten mich natrlich weniger vor ihr gewarnt, als ihren Spa an der Verzckung gehabt, in welche sie mich versetzte. Und neulich hatte sie ebenso selbstverstndlich nicht das mindeste von mir gewut, hatte sich meinen Namen nennen lassen, und nur durch eine dem ganzen brigen Universo unverstndliche Fcherbewegung merken lassen, da -- sie mich sehr wohl kenne, da ich ein guter alter Bekannter von ihr sei. Die schne Sonne des neuen Sommertags war wiederum untergegangen, und ich verfgte mich nach der Hhle der Hexe, die natrlich nicht in der Mitte des Zauberwaldes der alten Stadt gelegen war, sondern in ihrem modernsten Quartiere. Ich hatte aber die alte Stadt zu durchschreiten, und da mich mein Weg an dem Cyriacushofe vorberfhrte, so trat ich auch jetzt ein, um wenigstens an der Tr Erkundigung ber den Kranken einzuholen. Ich traf den Wundarzt an der Tr, und er strich auf meine Frage glatt vor sich hin durch die Luft, was soviel heien sollte, als: O, er ist auf gutem Wege, unter den irdischen Behrden kennen wir vom Fach keine, die ihn aufhalten knnte; der Stadtphysikus ist ganz meiner Meinung. Dabei fhlte der Mann nach seinem Handwerkszeug in der Brusttasche und ging: ich aber hrte von der Tr -- wie gesagt -- aus, wie der Steuermann mit klarer Stimme rief: Da haben wir die rote Tonne! und dann den Lotsengru: Willkommen in See! Ich wich zurck, ohne die Base Schaake begrt zu haben; ich traute mir nicht recht, ihr in meinem Gesellschaftsanzuge die Hand zu geben. Ich kann nicht sagen, ob ich mich richtig und verstndlich ausdrcke; aber die Sorgfalt, die ich auf meine Toilette verwendet hatte, hinderte mich: ich kam mir zu gleicher Zeit abgeschmackt und allzu begrbnismig frisiert vor. In ziemlich unbehaglicher Stimmung rief ich eine Droschke an und fuhr weiter, von nun an mich ein wenig mehr mit der Tochter des Frsters Arend Tofote als mit der Frau Christine von Wittum beschftigend -- wenigstens bis zum Anhalten des Wagens und whrend des ersten Teiles des Abends. Es sahen mir sehr hell erleuchtete Fenster in der Abenddmmerung entgegen, und das erhob auch meine Lebensgeister wieder etwas; da jede vernderte Dekoration und vor allem eine ins Freundliche und Helle vernderte Bhnenbekleidung in Verbindung mit Zeit- und Ortswechsel auf das vergrillteste Gemt Wunder zu wirken vermag, -- was ich brigens hier durchaus als keine ganz neue Erfahrung vorfhre. Auf dem Balkon stand eine hellgekleidete Dame, die jedoch zurckwich, als ich aus dem Wagen stieg. Auf der Treppe wurde ich von meinem alten schwarzen Freunde begrt. Da sind Sie also! Na, dann gehen Sie nur hinein; Sie kommen frh, und das ist recht hbsch von Ihnen. Das Kind finden Sie in einer merkwrdig weichen Stimmung; aber die andere in ihrer richtigen Laune. Er war mir voran gewatschelt, hatte mir die Tr geffnet, und nach einem Augenblick stand ich abermals vor der Tochter des Frsters Tofote in einem ziemlich gerumigen, glnzenden, von einer Gaskrone tageshelle erleuchteten Gemache. Ganz reizend sah das junge Mdchen in ihrer bunten, blendenden, aber durch das verschiedenartige Grn vieler kunstvoll zusammengestellter knstlicher Grtnergewchse gesnftigten Umgebung aus, und einen Moment lang verstand ich einmal wieder den Meister Autor, der sie doch auch wohl in einer solchen Umgebung gesehen hatte, nicht mehr. Dieser Herr Vollrad von Wittum wr ein Urnarr, wenn er nicht bleiben wrde, sagte ich in der Tiefe meiner Seele, als das Frulein mir entgegentrat, mir die Hand bot und sagte: Es ist sehr freundlich, da Sie meine -- unsere Einladung nicht ablehnten. Haben Sie das glauben knnen, gndiges Frulein? Es war eine etwas heie Hand, die sich in die meinige legte, und das Kind sah ein wenig angegriffen aus; auch ein etwas unbehagliches Zucken spielte durch das Lcheln, in welchem Gertrude meinte: Man hat jetzt so wenig Zeit. Jedermann ist so sehr beschftigt -- so sehr in Anspruch genommen. Nur wir -- haben immer Zeit. Wer wir, mein Frulein? Ich! sagte das Waldfrulein. Ich habe Zeit -- o, ich habe viele Zeit! In diesem bunten Dasein? Ja, in diesem bunten Dasein. Wollen wir uns nicht setzen? wir sind noch allein, -- die brigen Herrschaften, welche die Freundin lud -- Die Elfe vollendete ihren Satz nicht, und wir setzten uns, und zwar in einen weich ausgepolsterten Winkel eines zierlichen Nebengemaches, das nur durch eine einzige aus einem Lilienkelche zngelnde Flamme erhellt wurde. Da fand ich denn bald im Laufe des Gesprches, da sie beide lebten wie sie muten -- der Meister Autor Kunemund sowohl wie Gertrud Tofote, und da der Garten versunken war, wie die Grten eben versinken; der Garten Mynheers van Kunemund ganz beiseite gelassen. -- Wir unterhielten uns ber dieses und jenes, und da das Trudchen schon seit lngerer Zeit daran gewhnt war, von den Herren unterhalten zu werden, so tat auch ich das Meinige, leider jedoch ohne sie zu dem gewhnlichen Gesellschaftslcheln bringen zu knnen. Ich erzhlte von meinem Briefe an den Oheim Autor, und wie es uns so sonderbar erscheinen msse, da wir bis jetzt noch keine Antwort darauf erhielten. Ich berichtete, da ich nunmehr morgen selber zu dem Meister fahren werde, um mich persnlich nach den Grnden seines sonderbaren Betragens zu erkundigen, und die Elfe sagte: Er hat vielleicht wieder etwas belgenommen! Den angenehmen Zug kenne ich noch gar nicht an ihm, erwiderte ich hierauf. Nimmt der gute Mann wirklich so leicht irgend etwas bel, Frulein? O -- nein, stotterte die Waldelfe, andern Leuten nicht; aber -- aber mir. Er wei sich so schwer in die selbstverstndlichsten Dinge zu finden, und wenn das auch nicht ganz seine Schuld ist, so kann ich doch auch nicht einzig und allein dafr. O Gott, ich wollte gleichfalls, es wre manches anders in der Welt! Wer wnschte das nicht, mein Frulein? rief ich hflich, und dann wurden wir sehr philosophisch und trugen uns einander die tiefsten Wahrheiten, die urlteste Kinderweisheit der Welt in den urltesten Fassungen, Redewendungen und Sprichwrtern vor, bis uns auf einmal aller fester Boden unter den Fen weg und abhanden gekommen war, und wir die See -- den Himmel und das Wasser um uns hatten, wie der Steuermann Karl Schaake in seinen Fieberphantasien. Ja, es war ein guter Junge, und ich hatte ihn sehr gern! flsterte Trudchen Tofote. Er war zu Hause mein bester Spielkamerad, und er tut mir so leid, so sehr leid! Wre ich auch ein Junge gewesen, so htte ich mit ihm aufs Schiff gehen knnen; aber wir machen uns ja nicht selber, und jetzt bin ich in einem eben solchen Wirbel, wie er, wenn er von einem seiner schlimmsten Wirbelwinde und Strme erzhlte, wenn er nachher vom Schiffe einmal wieder zu uns nach Hause in den Wald kam. Es kam mir vor, als spre ich einen Hauch aus dem Walde im Gesicht und auf der Brust. Die Frau Christine wrde die Ausdrucksweise ihrer jungen Schutzbefohlenen wahrscheinlich nicht ganz haben gelten lassen; aber ich entnahm daraus einige Erfrischung, indem ich mir jetzt mit einem schwlen Seufzer sagte: Ja, was kann denn das Kind eigentlich dafr? Wer will denn grade von diesem kleinen Mdchen verlangen, da es das Universum ber den Haufen werfe, indem es ein Glied in der Kette seiner Entwicklung berspringe? Wir sprachen nun davon, wie liebenswrdig und gutmtig die Frau Christine von Wittum sei, und was alles das Trudchen ihr zu verdanken habe; von dem Vetter Vollrad sprachen wir freilich nicht. So tief waren wir in unserm Schlupfwinkelchen nach und nach in unser Gesprch hineingeraten, da wir gar nicht gemerkt hatten, wie sich die Gemcher jenseits des purpurnen Trvorhanges allmhlich mit den brigen Gsten gefllt hatten, und da unter denselben der Vetter wahrscheinlich auch bereits wieder gegenwrtig war. Wir sollten aber jetzt darauf aufmerksam gemacht werden; denn eben hatte ich gesagt: Aber mein Frulein -- mein liebes Kind, weinen Sie doch nicht! ich bitte Sie dringend, weinen Sie doch nicht so sehr! als der rote Vorhang pltzlich zurckgeschoben wurde, die schne, schlimme, lustige Hexe -- die gndige Frau in einer Flut von blendendem Licht, begleitet von dem lustigsten Stimmengewirr, auf der Schwelle erschien und frhlich rief: Ich habe es wahrhaftig lange genug ertragen, aber jetzt ist meine Geduld zu Ende, und ich ertrage es nicht lnger. Ich habe euch Zeit gelassen, euch gegeneinander auszusprechen, doch jetzt beanspruche auch ich mein Recht. Ja, mein Herr, wir wollen auch unser Recht haben, -- wir! Ich war mit einer Verneigung aufgesprungen, und sie, die Hexe, lachte und sah wundervoll aus in ihrer ppigen, reifen Schnheit. Das bleiche, nachdenkliche Liebchen, das bis jetzt neben mir gesessen hatte, hatte aber das Taschentuch auf das Gesicht gedrckt und war hastig durch eine Seitenpforte entschlpft. Was blieb mir brig, als der Frau Christine den Arm zu bieten und mit ihr in den mit fast smtlichen geladenen Gsten angefllten Salon zu treten? Es war ein in seiner Raschheit etwas peinlicher bergang aus der Dmmerung in die glnzendste Helle; aber es war doch ein Vergngen -- ein gar nicht zu verachtender Genu. Es ist zu drollig, lachte die Hexe, da sitzen sie wie ein Liebenspaar, diese zwei Menschen, zwischen denen ein Ozean von Langeweile fliet! Was haben Sie denn eigentlich miteinander gemein, Sie und mein Tchterchen? Etwa die nmliche Anlage zum klglichen oder verlegenen Anstarren des Lebens? Ja, ja, wir andern harmlosen Wesen treiben uns um, wie wir knnen, und nehmen jedes Ding und jegliche Bedeutung der Dinge, wie sich das augenblicklich geben will; aber diese beiden behandeln jeden Stuhl, Blumentopf, Glockenzug und Bedienten symbolisch und knpfen eine Parabel daran, selbst auf die Gefahr hin, sich nachher selber aufzuhngen; -- o, ich kenne das. Nicht wahr, mein melancholischer tiefsinniger Ritter, es war die hchste Zeit, da wenigstens fr diesen Abend eine verstndige Frau dem Trbsal ein Ende machte? Wenn ich das rechte Wort zur Hand gehabt htte, wrde ich es nur zu gern hingegeben haben, -- aber sie hatte recht, die Hexe -- in diesem Moment gaffte ich in der Tat die Welt in einiger Verlegenheit an, und so verbeugte ich mich wiederum mit einem freundlich zustimmenden Lcheln, bot der Dame den Arm, und wir traten in das Gesellschaftszimmer. Darin war es recht lebendig, und wenn man eben noch nichts zu sagen gewut hatte, so konnte man wirklich sich um so mehr darber verwundern, wieviel doch Tag fr Tag auf Erden vorging, worber sich reden lie. Selbst diejenigen, welche sich gleichfalls stumm verhielten, hielten den Mund nur in der festen berzeugung, da sie sich nur deshalb still langweilten, weil sie eben noch Mehreres und Wichtigeres als die brigen Herrschaften erlebt und tiefer darber nachzudenken htten. Ach, die Frau Christine von Wittum war eine ausgezeichnete Wirtin, sie wute es so ziemlich allen ihren Gsten behaglich zu machen, und mir machte sie es sogar gemtlich. Gertrud Tofote blieb verschwunden; aber Herr Vollrad von Wittum war vorhanden, und erwies sich als gar kein bler Mensch, -- wenigstens was die Hauptsachen, das Gemt und das Herz anbetraf. Seinen Geist nahm die Hexe klugerweise selber durchaus nicht in Schutz. Was wollen Sie? sagte sie. Kann er denn etwas dafr, da er noch nicht Geheimer Rat ist und es wahrscheinlich auch nie wird? Dagegen lie sich wiederum nicht das geringste einwenden, doch diesmal mute ich bereits laut und herzlich lachen; und die Hexe, die schne, ebenfalls lachende Hexe meinte: Sehen Sie, ich habe es gewut, da es Ihnen endlich bei mir gefallen wrde! =Duc ad me! Duc ad me! Duc ad me!= Sie wissen doch, da das eine griechische Beschwrung ist, um Narren in einen Kreis zu bannen? Seinerzeit gebrauchte sie der melancholische Jacques gegen die Herren des vertriebenen Herzogs im Ardennenwalde mit Erfolg, heute benutze ich sie. Wissen Sie, Herr von Schmidt, der Zauber ist eben unter uns Frauen leise von Mund zu Munde gegeben worden, und so bis auf den heutigen Tag und diese Minute gekommen: =Duc ad me!= Wenn ich das nicht gewut hatte, so mute es mir jetzt ganz und gar klar werden. Und sie spann ihre Gespinste schnell, schnellstens weiter -- die golddurchwebten Purpurfden, die sich um die Seele legen, leise, unmerklich, einer nach dem andern, bis die arme =animula=, die =vagula=, =blandula= kein Glied mehr regen kann, die prchtige Blutsaugerin nach Mue und Appetit das Ding aussaugen mag, um nach Belieben die leere Hlse im Busch und Gewebe hngen zu lassen, da eine neue Schmetterlingsgeneration in einem neuen Frhlinge sich ber sie verwundere und lache. Von Zeit zu Zeit ging der Schwarze, der vor so manchem Merarittenzelt in die Trompete gestoen oder durch das Sprachrohr gebrllt hatte, durch den Saal, oder schielte um eine Ecke oder hinter einem Vorhang hervor. Er grinste jedesmal, wenn mein Auge das seine traf, und ich vermied das zuletzt soviel als mglich. Da wendete er denn ein ander Mittel an, und als die gndige Frau sich wieder einmal in einer andern Ecke des Gemaches sehr liebenswrdig zeigte, brachte er einen Prsentierteller mit irgendeinem angenehmen Getrnke und flsterte mir dabei zu: Nun? haben Sie es ihr gesagt? Ich glaube wohl, murmelte ich, eines der Glser nehmend, um es ihm symbolisch an den schwarzweien Wollkopf zu werfen. Haben Sie es beiden gesagt? Nun, eine von ihnen hat es mehr mir gesagt! murmelte ich weiter, und -- Sehen Sie wohl! Was habe _ich_ Ihnen gesagt? flsterte Signor Ceretto entzckt ber seine geistige Begabung und scharfsinnige Lebensauffassung, whrend ich lchelnd mich immer heftiger ber die Impertinenz des schwarzen Gesellen rgerte, der doch nur ein einfacher, zum Bedienten avancierter Mefratz war und sich doch herausnahm, mich, seine Herrin, seine beiden schnen weien Herrinnen -- uns alle zu bersehen. Da sich Gertrud noch immer nicht wieder blicken lie, so mischte ich mich nunmehr auch mehr in das Kreisen der Gesellschaft, begrte und unterhielt mich aufs freundlichste mit Herrn Vollrad von Wittum, und erlebte noch etwas hchst Sonderbares. Man unterhielt sich natrlich ber mancherlei; auer den Tagesneuigkeiten wurden Politik, Wissenschaft und Kunst herangezogen und manchesmal sogar an den Haaren. Vorzglich hielt ein ltlicher, behbiger Herr stets einen Kreis von Zuhrern und Interlokutoren in gespannter Aufmerksamkeit um sich fest, und auch ich trat zu diesem Kreise, nachdem mir eben die Frau Christine zugerufen hatte: Ich mu mich doch wohl einmal nach meinem Kinde umschauen. Sie scheinen ihr bse Dinge gesagt und ihr die Stimmung recht grndlich verdorben zu haben, mein Herr. Ich hatte die Achseln gezuckt, und sie war entrauscht; aus der Mitte des Ringes aber, der sich um jenen Herrn gebildet hatte, rief Herr Vollrad von Wittum: Das ist in der Tat auerordentlich interessant! -- Was war interessant? Mir alles, was dem Herrn Vollrad auerordentlich und auergewhnlich erschien, und so sah ich denn ebenfalls, einer wohlbeleibten Dame ber die Schulter blickend, meinerseits das an, was eben unter den Damen von Hand zu Hand ging, und unterdrckte mit Mhe einen hellen Ausruf des heftigsten Erstaunens: Der Stein der Abnahme! Bei allen Gttern und Gttinnen, Geistern und Geistinnen der Unterwelt und des Zwischenreiches, da war es wieder, dieses geheimnisvolle Amulet, das einst der Leichtmatrose Karl Schaake im Hause Mynheers van Kunemund in der Hand gehalten, mir gedeutet und auf meinen Rat und meine Verantwortung aus dem Fenster ins Wasser geworfen hatte! Da war es wieder, und mir war's, als gehe ein unheimlich fahler Schein von ihm aus; und sein jetziger Besitzer nannte es, wie Herr Vollrad von Wittum: ungemein interessant und seinen Fundort fast noch interessanter, und das war er auch, das letztere freilich mehr fr den augenblicklichen Inhaber. Dieser Gegenstand, meine Herrschaften, ist krzlich, das heit vor einigen Jahren beim Bau einer neuen Strae unserer Stadt in einem trockengelegten Wassertmpel gefunden worden, erzhlte der glckliche Besitzer und Sachverstndige, und mir in mehr als einer Beziehung ungemein wichtig. Erstens wie kommt dieses seltene Artefakt gerade dorthin -- an diesen seinen jetzigen Fundort? Die Damen wuten es nicht, die Herren auch nicht, gaben sich jedoch die Mhe, nachdenklich auszusehen; was mich anbetraf, so hielt ich mich selbstverstndlich ruhig und lie die Gesellschaft raten. Es bezeugt unbedingt, wie so manches andere, den weitesten Weltverkehr unseres Gemeinwesens im Mittelalter, sprach triumphierend bescheiden der archologische Sachverstndige. Aus den Hnden hanseatischer Schiffer ist es jedenfalls einmal in den Besitz und die Sammlung irgendeines kunstsinnigen Patriziers der Stadt bergegangen, und -- Dem einmal gestohlen, oder aus dem Fenster in den Teich gefallen, meinte Herr Vollrad von Wittum. Wahrscheinlich, erwiderte der Besitzer etwas trocken, lassen wir das doch dahingestellt sein; denn zweitens ist der Gegenstand auch schon an und fr sich sehr merkwrdig. Die Hand, welche diesen Stein modellierte, stellte das Produkt unbedingt nicht als ein Objekt des Handels oder Tausches her, sondern -- Sondern? rief ich im hchsten Grade auf die Erklrung gespannt. Sondern wir haben es hier mit einem sozusagen streng hieratisch-domestikalen Amulet -- arabisch =hamala= -- zu tun. Was Sie sagen?! rief ich unwillkrlich ber die Schulter der noch immer vor mir stehenden und sich gleichfalls wundernden Dame. Gewi, mein Bester! Es ist ein streng domestikal-hieratischer Zauber -- ein glckbringender Zauber, den die Braut dem Brutigam am Polterabend -- auch dort und damals kannte und kennt man den Polterabend, meine Damen -- in die Tasche schiebt, und den der Ehemann nachher bei Tage und bei Nacht unter seinem Kopfkissen verwahrt, oder in gefahrdrohenden Zeiten im verstecktesten Winkel seines Hauses -- seiner Bambushtte. Sie nennen das den Apfel des Glckes, und ich jedenfalls bin glcklich, ihn in meinen Besitz gebracht zu haben, meine Herrschaften. Und bitte, Herr Professor, fragte die vor mir stehende Dame lchelnd, da Sie ja auch verheiratet sind, so werden Sie diesen eigentmlichen Zauber jetzt wahrscheinlich auch in Ihrem eigenen Hauswesen benutzen, -- nicht wahr? Wie geht es denn unserer guten Charlotte? ich habe mich den ganzen Abend vergeblich nach ihr umgesehen. Abhaltung, meine Gndige -- eine sehr groe Wsche, und sonstiger mannigfaltiger huslicher Verdru, stotterte der Gelehrte, und jetzt lchelte der ganze Kreis, und trotz allem konnte ich nicht umhin, mit zu lcheln. Mein verehrter Herr, wendete sich Herr Vollrad an den Besitzer des Apfels des Glckes. Sie legen einen groen Wert auf dieses geheimnisvolle Amulet und das mit vollem Rechte, aber wenn Sie ahnen knnten, welchen Wert ich unter Umstnden darauf legen knnte, so wrden Sie gewi nicht anstehen, mir es abzulassen oder auszutauschen. Sie wissen, da ich als Erbe eines verrckten, gleichfalls archologischen Onkels in den Besitz einer Kollektion von Intaglien gekom -- Ich wei das freilich, aber ich mu in diesem Falle doch herzlich und freundlich danken, erwiderte der wrdige Inhaber des Apfels des Glcks ein wenig sehr verdrielich und sich dabei hastig nach der Hand umsehend, in welcher sich sein Schatz augenblicklich befand. Die gutmtige, behagliche Dame, die sich soeben so teilnehmend nach dem Befinden und Verbleiben der Frau Professorin erkundigte, hatte das Ding, ohne es viel zu betrachten, mir gereicht, und ich hielt es und besah es von neuem sehr genau. In demselben Augenblick schritt die Hexe wiederum durch den Saal, trat in einiger Aufregung an mich heran und flsterte mit hastig-energischer Betonung: Es ist eigentmlich, und ich verstehe das nicht recht, so viele Mhe ich mir geben mag. Sie ist nirgends zu finden, und der Bediente sagt, man habe ihr ein Billett gebracht, worber sie heftig erschrocken sei, und dann habe sie in groer Bewegung mit dem Neger, dem Ceretto, hin und her verhandelt, und in seiner Begleitung das Haus verlassen! Wie weit fhlen Sie sich fr diese Vorgnge mir verantwortlich, mein Herr? Einundzwanzigstes Kapitel. Ich gab rasch den Apfel des Glckes zurck in die Hand des Professors, der ihn schnell, zrtlich und vorsichtig wieder in seine Hlle von Seidenpapier einwickelte und in der Brusttasche seines Frackes barg. Der wrdige gelehrte Herr hatte uns seinen Vortrag gehalten, wute ganz genau, was das Ding bedeute, und mochte also die Folgen seines Besitzes tragen. Sie haben die Hand in alledem! leugnen Sie es nicht! flsterte mir die schne Hexe scharf zwischen den Zhnen durch ins Ohr, und ich hatte mich zu sammeln, ehe ich imstande war, es unter nachdrcklichstem Kopfschtteln in der Tat zu leugnen. Dann begreife ich nichts davon! rief die Frau Christine. Aber wenn ich nicht dieses dumme Volk, das ich mir jetzt zu meinem Verdru auf den Hals geladen habe, anzulcheln und zu unterhalten htte, so wte ich wohl, was ich tun wrde. Und was wrden Sie tun, Gndigste? Ich wrde einen Mondscheinspaziergang wie die alberne Dirne, das Trudchen, die Gertrud machen, und -- Sie zur Begleitung mit mir nehmen. Ach! wrden Sie?... Ja, aber beste Frau, dann bitte ich doch meinerseits um Aufschlu ber das Verschwinden unserer kleinen Freundin. Gndigste, Sie wissen es, wohin das Kind gegangen ist, seinerseits meinen Freund, Ihren Mohren Ceretto, als Begleiter mit sich fhrend. Wohin Sie es doch geschickt haben! zischelte die Hexe bse, wendete sich, trat zum Professor und bat lieblichst lchelnd: Teurer Freund, was habe ich versumen mssen? Ist es gar nicht mglich, da ich es noch nachhole? O bitte, bitte, jetzt lassen Sie mich doch auch betrachten, was Sie vorhin den Herrschaften zeigten. Wahrhaftig, Doktorchen, ein Kreis, der Sie nicht in sich schliet, entbehrt seiner besten Zierde, wie ein Kranz, in dem die Rose fehlt. Es war ein Glck, da unsere gute Charlotte, durch ihre groe Wsche im Hause festgehalten, das wonnige Lcheln nicht sah, mit welchem der Gelehrte sich vor seiner schnen Wirtin neigte, das selige Behagen, mit welchem er seinen hieratischen Glcksapfel von neuem aus der Fracktasche und dem Seidenpapier hervorholte. Ich aber verlor mich aus dem zierlichen Getmmel, nachdem ich mich mglichst in demselben verloren hatte. Ich machte den Mondscheingang, den die wundervolle Hexe leider oder auch vielleicht glcklicherweise anzutreten nicht imstande war -- weil -- sie ihre Gste anzulcheln hatte. -- Er war den Gaskronen und den aus Glaslilienkelchen leuchtenden Flammen zum Trotz aufgegangen, der Mond, der deutsche Mond, und schien voll und rund auf die Dcher und in die Gassen der alten Stadt, sowie auf ihre neuen, modernen Teile. Da das Haus der Hexe in der allermodernsten Vorstadt lag, verstand sich von selber, und jetzo lag es auch hell im hellsten Mondenschein, oder wenn man will, romantisierten Sonnenschein: es mute ein ausgezeichnet verstndiger, klarer Tag auf dem Monde herrschen und das Wetter dort himmlisch vernnftig sein. Die andere Seite der Promenadenstrae lag natrlich tief im Schatten, und ich trat schnell in diesen Schatten hinein, sah auf die roten Fenstervorhnge in der Hhe, schttelte den Kopf und seufzte: Und es ist doch eines der herrlichsten Weiber, welches je einen Ballsaal verzaubert, einen alten Ehemann begraben und einen vernnftigen Menschen in den besten Jahren grndlich um seine Kaltbltigkeit und alle ruhige berlegung gebracht hat! Ich htte beinahe hinzugesetzt unglcklich gemacht hat, erfate jedoch glcklicherweise im letzten Augenblick noch einen Binsenhalm und versank wenigstens nicht in diesen Abgrund der Lcherlichkeit, entfernte mich jedoch mit den weitesten Schritten eilig von seinem Rande. Ich lief durch das Gebsch und um die Blumenbeete der stdtischen Anlagen bis dahin, wo sich die begleitenden Huserreihen dem Bahnhofe zu erstrecken. Es war noch ein spter Zug angelangt. Gasthofswagen und Droschken rollten an mir vorbei; Reisende in Gruppen oder einzeln wanderten mit ihrem Gepck, ohne solches, oder in Begleitung von Packtrgern in die Stadt hinein. Die Nacht schien von Minute zu Minute lieblicher werden zu wollen, und um das letzte Rasenrund und Blumenbeet am Eingange der eigentlichen Straen biegend, traf ich auf den letzten Reisenden, der in der soeben geschilderten Weise mit der Eisenbahn gekommen war und dem Weichbilde zuwanderte, nmlich auf den Meister Autor Kunemund. Er sah mich natrlich nicht. Er wollte hastig an mir vorber. Er schien es jetzt sehr eilig zu haben, er, der uns so lange auf eine Antwort hatte warten lassen, und selbstverstndlich packte ich ihn sofort fest am Oberarm und hielt ihn auf. Alle Hagel! was soll -- was ist -- ja, Herr, sind Sie denn das? rief er anfangs erschreckt und zornig und dann um so freudiger. Sind Sie es wirklich? O, ich kann Ihnen gar nicht ausdrcken, was fr ein Segen das fr mich ist, da ich Ihnen hier so gleich zum Anfang in die Arme renne. Das nenne ich wahrhaftig eine Schickung. Vor allen Dingen hatte er hastig meine Hnde gefat und schttelte sie krftig. Wer schickt Sie denn, Meister? Meiner Meinung nach haben wir Sie doch klglich genug gerufen! Kommen Sie nicht auf den Hlfeschrei in meinem Briefe? Ein Brief? Von Ihnen? Einen Brief von Ihnen habe ich nicht gekriegt -- wenn Sie mir wirklich geschrieben haben, wird er wohl noch beim Vorsteher liegen -- das macht sich fters so bei uns. Ich bin erst heute mittag mit der Alten zu Hause angekommen! Herr, ich habe die Alte mir holen mssen, und das ist wieder eine Geschichte fr sich! Sie sollen sie beilufig auch ins einzelne hren -- ich sage Ihnen, ich habe Tage erlebt und Komdien an meinem eigenen Leibe durchgemacht, wie das in keinem Buche steht. Sie sa richtig schon vor dem Dorfe auf dem Anger, ihr Germpel um sie her; und eine Woche von meinem Dasein hat's mich gekostet, um ihr zu ihren Rechten und aber auch von drei Dutzend Injurienprozessen zu helfen. Jetzt habe ich sie denn endlich glcklich bei mir unter Dach, und wenn Sie mir wieder einmal die Ehre schenken wollen, mich zu besuchen, so -- doch, Herr, von alledem spter, mir wirrt der Kopf und gellen die Ohren, da es gar nicht zu sagen ist. -- Was passiert hier? was ist es, das mich hierher gerufen hat, da ich htte kommen mssen, und wenn ich der alte Fritz an der Spitze seiner ganzen Armee gewesen wre und nicht gewollt htte?! Herr, wer rief hier um Hlfe? wer ist tot, oder wer will sterben? Mich berlief es weder hei noch kalt, doch ich sah in dem bleichen Lichte ber die Schulter und dann empor und fhlte den leisen, schnen Nachtwind mehr auf der Stirn und im Haar. Sind _die_ geheimnisvollen Hnde immer noch an ihrem Werke? Nun, dann mgen wir guten Leute mit unserm Erdentage anfangen, was wir wollen: es bleibt doch beim alten und die Welt ein groes Wunder!... Mein alter, teurer Freund, seit jenem Tage, an welchem wir vor Ihrem Dorfe am Hohlwege zusammentrafen, kmpft jemand, von dem wir damals auch sprachen, einen schweren Kampf, und es geht ihm sehr -- sehr schlecht. Wer? wer? Der gute Steuermann Karl, dem alle blinden Klippen und wilden Strme nichts anzuhaben vermochten. Bei jenem Eisenbahnunglck sind ihm die Fe zerschmettert worden, und er liegt hier in der Stadt bei der Base Schaake, und um seinetwillen habe ich Ihnen geschrieben. Also das war es! sagte der Meister Autor leise. Ihren Brief habe ich, wie gesagt, nicht erhalten, aber man hat mich heute nach dem Mittagsessen gerufen. Ja, dann ist's der Karl, der stirbt und der rief; -- o ich habe eine unbeschreibliche Angst gehabt, da unserm Trudchen etwas Schlimmes passiert sei. Wir gingen jetzt rasch vorwrts durch die Straen der Stadt. Wer -- was hat Sie nach dem Essen gerufen? fragte ich, den Alten im Gehen sttzend. Sie werden ja wohl nicht lachen, aber auch das wrde mich nicht verhindern, Ihnen das Ding zu erzhlen, sagte Herr Kunemund. Lcherlich genug ist's auch im Grunde, wenn sich gleich der Ernst schlimm genug dran hngt! Sehen Sie, die Alte spielte natrlich ihre Rolle dabei; denn die werde ich jetzt mal wieder aus nichts mehr los. Wir waren eingerckt, und sie hatte Besitz von meinem Topfe und meiner Pfanne genommen, und ich merkte gleich, da nun wieder alles beim alten sein werde; denn da schon ging es an, und nichts war ihr recht, und so brachte sie denn ihre erste Suppe wieder auf den Tisch, und da sie zum ersten Anfang ihre Sache recht gut hatte machen wollen, so war die Geschichte nicht allein versalzen, sondern auch recht sehr angebrannt, und ich gestattete mir die erste Bemerkung wieder darber. Da ging die Unruhe an! Aber das trieb Sie doch nicht dreiviertel Stunden Weges ber das Feld zur Eisenbahnstation und mit dem Nachtzuge hierher? Nein; aber im Anfang schob ich es doch darauf; denn, Herr, ich war in groen Sorgen, und mein Leben kam mir wieder einmal recht verdreht vor. In der Stube hielt ich es nicht aus, -- suchte also meinen Mittagsschlaf im Grasgarten unterm Baum abzutun; aber da wurde es nur schlimmer als arg. Ich war grimmig ber mich, ber die Alte, ber meine Bauern in meinem Dorfe und ber ihre in ihrem; ich hielt es nmlich zuerst fr Ingrimm, bis ich herauskriegte, da es Angst war -- ich sage Ihnen -- Angst, Herr Bergschreiber! Ja was denn? fragte ich mich. Ein Gewitter steckt nicht in der Luft, das Unwetter, was du jetzo wieder im Hause hast, hast du doch lnger als zwanzig Jahre mit deinem Tofote ohne Schaden an Leib und Seele ertragen! Sehen Sie da -- da -- da war es, am hellen Tage, in der hellen Sonne, da ich gerufen wurde! von hier gerufen wurde -- und natrlich sagte ich mir mit dem kalten Schwei auf der Stirn: Es ist das Kind, es ist unser Trudchen! auf das Kind ist ein Unglck gefallen. Herr, lieber Herr, und einen Gang wie meinen heutigen nach der Station, ein Warten wie das stundenlange Warten da und eine Fahrt wie meine jetzige, die hoffe ich nicht wieder durchmachen zu mssen. Fassen Sie Mut, Meister. Wer wei, was Ihr Kommen wenden soll? Wer wei, wozu Sie -- gerufen wurden? Nicht jedermann bekommt einen solchen Ruf, das schon allein kann Ihnen eine Brgschaft sein, da alles im richtigen Geleise sich befindet. Da haben Sie vielleicht recht, sagte der Meister Autor. Seit ich den Fu aus dem Wagen gesetzt habe, ist es mir auch wirklich besser und ganz wie gewhnlich geworden. Seitdem die Alte ber meinen ganz unschuldigen Spa sofort wieder die Schrze an die Augen brachte und losheulte, als ob der Bock sie gestoen habe, ist es mir durch den vollen Tag gewesen, als halte mich eine Hand hinten am Rockkragen gepackt, drnge mich gegen die Wand und wolle mich mit dem Kopfe zuerst durchstoen. Dieser Karl, der arme gute Junge tut mir mit seinen blutigen Fen, wei es Gott, herzinnig leid, aber die Hand spre ich nicht mehr im Genick; -- wissen Sie, mit der See und dem Erdumfahren wird's aus und zu Ende sein; aber, was meinen Sie, er zieht zu mir -- wir passen zueinander -- haben aneinander einen Trost und eine Sttze gegen die Alte, und fhren doch noch ein Leben, das sich tragen lt! Mge es so sein, sprach ich in der Seele, doch nicht laut. Wir hatten jetzt die Altstadt wiederum erreicht und suchten unsern Weg durch die dunkelsten Gassen derselben, ber ein Pflaster, welches noch nie der Mond mit seinen Strahlen hatte beleuchten knnen. Beizu erzhlte ich dem Meister, da ich mit seinem Kinde, der Gertrud Tofote am heutigen Abend auch bereits zusammengetroffen sei, und er erkundigte sich dringend und hastig nach dem Wie, Wo und unter welchen Umstnden. Ich gab ihm alle nur mgliche und rtliche Auskunft, und dann rief er: Sie werden es unter den jetzigen traurigen Umstnden fr ein Unrecht halten, da mir immer stiller zumute wird, lieber Herr; aber ich kann wahrhaftig nichts dafr. Zuletzt ist es doch immer nur einzig und allein das Kind, welches mir im Sinne liegt. Wenn ich das Kind in Sicherheit und Behaglichkeit wei, ist mir alles brige nur wie ein Unwetter, das man unter einem Busch am Wege abwartet. Nun htte ich dem alten Herrn um keinen Preis jetzt andeuten mgen, da das Kind sich recht unbehaglich gefhlt habe, als ich vor einigen Stunden mit ihm zusammengekommen war. Ich sagte ihm auch nicht, wie man dann nach ihr gesucht habe: vielleicht hatte er selber noch in dieser Nacht Gelegenheit, sie zu sehen, und mute sie selber ihm mitteilen, wie es ihr ums Herz war. Hier war wahrlich Magie! ich sah das Erdenleben, wie ein Taucher das Sonnenlicht in der Tiefe des Meeres schwebend sieht, und wie pate der greise Zaubermeister aus dem Elmwalde in die Beleuchtung und in die sonderbare Nacht berhaupt! Nachdem er seine innerste Herzensmeinung kundgemacht hatte, hatte er auch fr den kranken Steuermann das hchste Interesse brig; -- er jammerte heftig um ihn und fragte bis auf die kleinsten Einzelheiten nach allen ihn betreffenden Vorgngen der letzten Tage. Auch die Base erhielt ihr Teil Teilnahme aus seinem guten Gemte: Htt' ich ihr das dadurch ersparen knnen, da ich's auf mich genommen htte, so wrde ich mich nicht besonnen haben. Aber so ist es, sie wird expre dazu hingesetzt sein, um dies Elend abzuwarten und den Jungen auf ihrem Bette zu pflegen. Unsereiner meint immer, da er um seinetwillen da sei, doch das ist nicht so -- es ist wahrhaftig nicht an dem, man mu aber alt werden, um es auszukundschaften. Zum Exempel, was sollte jetzt aus der Alten (und da meine ich natrlich nicht den Hafenmeister) werden, wenn ich nicht lnger als siebenzig Jahre meinen Charakter darauf hingezogen htte, mir die Suppe versalzen und die gute Laune -- nicht verderben zu lassen? Da ich auf diesen Humor augenblicklich doch nicht recht eingehen konnte und nur durch ein etwas dmpfig-trbsinniges: Ja, ja! darauf zustimmte, meinte er klglich: Der Arend hat das auch immer gesagt. Was denn, Meister? Sehen Sie, da ich mich berall, wie man das nennt, unmglich mache. -- >Herrgott, ich sage ja nie etwas!< antworte ich dem Arend, aber er wei mir Bescheid zu geben und sagt: Aber du lachst und grinsest und zwar niemals an der richtigen Stelle, und das sollen dann die Leute nicht verquer aufnehmen! -- Und wenn der Tofote das von sich gegeben hatte, ging er jedesmal hinter die Stalltr oder die nchsten Bume, zog den Kopf zwischen die Schultern und grinste toller als ich. Ja es war ein gutes Leben mit ihm und unserm Trudchen; selbst die Alte gehrte dazu. Er hatte keine Ahnung davon, wie tief ich in diesem Augenblicke in dieses gute Leben hineinsah. In der Welt, in der ich hausete, pflegte der gute beratende Freund nach erteiltem Rate zwar die Achseln auch zu zucken und sich hinter den Busch zu schlagen; aber er tat's gewhnlich wie jemand, der seines eigenen Besten wegen seinen besten Freund aufgeben mu -- aufgeben will -- aufgibt, und zwar auf der Stelle. Von dem, was vor langen, langen Jahren, so ungefhr in der ersten Hlfte des achtzehnten Jahrhunderts Eugenius zu Yorick sagte, wute der Meister Autor Kunemund nichts. Er erfuhr in der zweiten Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts nur an seinem eigenen Leibe wieder, was damals einige Leute auch schon an sich in Erfahrung gebracht hatten. -- Da Sie, lieber Herr, sich hier am Orte so ohne weiteres und noch dazu in der Mitte der Nacht, wenn auch bei Mondschein zurechtzufinden wissen, ist mir auch eine Merkwrdigkeit. So oft ich auch am hellen lichten Tage hierher kam, alle zehn Schritte lang hab' ich vor einer Mauer gestanden und mich zurecht- und meistens auch zurckfragen mssen; aber hier -- hier sind wir ja wohl? Herr, Herr, jetzt geht es mir erst recht auf, wie ber alles wunderlich es ist, da ich wieder einmal hier bin und mit Ihnen und in dieser Stunde! Wir waren beide mit gesenkten Kpfen gegangen, und jetzt erhoben wir dieselben zu gleicher Zeit vor dem schon einmal beschriebenen Torbogen, der in den Cyriacushof fhrte; und ein dritter, der mit untergeschlagenen Armen dort lehnte und den Rauch einer Zigarre in das blaue Mondlicht hineinblies, erhob ebenfalls das Gesicht. Ich wute es ziemlich sicher, da ich Euch hier treffen wrde, Ceretto, sagte ich. Ihr habt das Frulein hierher begleitet; und seht -- der Herr Autor ist ganz von selber gekommen, ich bin nur durch einen Zufall unterwegs mit ihm zusammengetroffen. Wit Ihr, wie es da oben geht? Der Mohr aus dem Schsselkorbe beantwortete vorerst diese Frage nicht. Er hatte vor dem Meister Kunemund den Hut gezogen, und nun warf er auch die Zigarre fort und rief: So gert man auseinander und wieder aneinander und zueinander; aber solange ich denken kann, soll es stets der Zufall sein, der's zuwege bringt; und wenn wir mit den Nasen zusammenrennen, geschieht's natrlich ganz von selber. Wenn ich _die_ Weisheit in Spiritus, fr jede Abart ein besonderes Glas, der Menschheit in einer Bude zeigen knnte, so hinge ich in dieser Nacht noch die gndige Frau hinter die Tr und ginge wieder einmal ohne Abschied durch. Schwatze Er keinen Unsinn, Wichselmeyer, sprach der Meister Autor, dem Schwarzen die Hand reichend. Und wenn Er sich wirklich bei Seinem Senf etwas denkt, so gebe Er uns auch das Fleisch dazu oder behalte ihn nur ruhig bei sich; -- was mein Junge macht, will ich jetzt wissen, und weiter nichts! Mir gefiel es eben nicht da in der Stube, sagte der Mohr mrrisch. Das gndige Frulein winselt, die Alte sagt gar nichts; ich hab' mich leise wieder heraus gemacht; denn da wir doch alle einmal dran mssen, so mu es wenigstens von Zeit zu Zeit einen vernnftigen Kerl geben, der es sich bei solcher Vorstellung lieber drauen in der frischen Luft und bei einer Zigarre berlegt, wie er sich auf dem Seil ausnehmen wird, wann die Reihe an ihn kommt. O meine Herren, dieser Herr Wichselmeyer hier ist klug und alt genug geworden, um zu wissen, was das Beste fr den Menschen ist. Der Teufel soll dich braten, wie er dich schwarz geruchert hat, du Kaffer, du Hottentott, du hinterafrikanischer deutschgekochter Jahrmarktslump! schrie der Meister Autor wtend. Was geht es hier mich an, was fr den Menschen das Beste ist? Ich bin doch auch ein alter Kerl geworden und habe das Meinige in der Welt gesehen; aber solch ein sackermentsches, in jeder Brhe umgewendetes Stck Vieh, wie dich, noch nicht! Das Kind sitzt da oben in Trnen bei meinem armen Jungen, und dieser Flegel stellt mir hier mit seiner Jahrmarktsweisheit ein Bein! Aus dem Wege, sage ich! Der Meister strzte in das Tor, ich wollte ihm rasch folgen; als Signor Ceretto mir ber die Schulter hastig zuflsterte: Halten Sie ihn doch auf! Der Herr Steuermann befanden sich vor zehn Minuten eben im Sterben. Lassen Sie den Alten doch nicht grade in den letzten Jammer hineinbrechen. Zum Trost fr die Damen kommt er am richtigsten, wenn der junge Herr Abschied genommen hat. Das mochte wohlgemeint sein, und wurde jedenfalls gesagt, wie es gedacht wurde, aber ich machte dessenungeachtet meinen Arm ziemlich grimmig von dem Griff des dunkelfarbigen Weltweisen frei und htte beinahe etwas sehr laut gerufen, was ich keineswegs hier niederzuschreiben gewagt haben wrde. Ich eilte dem Meister Autor nach und irrte mich wahrscheinlich nicht, wenn ich spter beim Wiederberdenken dieser Erlebnisse fr gewi angenommen hatte, da der schwarze Philosoph vor allen Dingen die bei unserer Annherung weggeworfene Zigarre vom Boden aufgelesen und von neuem in Brand gesetzt habe. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Was die Sonne aus den gegebenen Verhltnissen im Cyriacihofe machen konnte, das tat sie, wenn sie schien; aber der Mond gewann ihr hier doch den Kranz ab. Bei Mondenlicht hatte jener bauverstndige Herr den Hof, in welchem ich ihn neulich traf, sicherlich nie gesehen, er wrde sich sonst eher an einer der wundervollen Dachtraufen aufgehngt, als so frhlich beide Hnde zu der projektierten Zerstrung dargeboten haben. Selbst die erquickliche Vorstellung, da man ja bereits beginne, Nrnberg abzutragen, wrde ihn nicht zu seinem Werke ermutigt haben, wenn er nur ein einzig Mal sein Zerstrungsobjekt so betrachtet htte. -- Ich achtete darauf, denn ich hatte dergleichen schon frher zu schildern gesucht, der Meister Autor aber nicht. Er war mir vorangestrmt und war verschwunden in der dunkeln engen Spitzbogentr, von welcher aus die Treppe zu der Wohnung der Base Schaake aufwrts fhrte. Ich erwischte ihn auch in dem gewlbten Gange nicht mehr; er hatte bereits die Tr der Base hinter sich zugezogen; ich wrde ohne ihn jedenfalls vor dem Eintreten einen Augenblick lang das Ohr an diese Tr gelegt haben, doch nun blieb mir nichts brig als ihm, so leise als mglich, auf den Fuspitzen zu folgen. Die Sonne, die rote Sonne war's, deren Licht neulich durch das hohe breite Bogenfenster auf das weie Haar der Base Schaake strmte; jetzt flutete auch hier das Mondenlicht herein, und die betaueten Bltter der Ulme drauen vor dem Fenster glnzten silbern in dem Schein. Das Fenster stand offen, der Gartenduft drang mit der schnen Helle herein. Das silberne Licht lag auch auf dem Fuende des Bettes des guten Seefahrers Karl Schaake, und die alte Frau mit dem Wunderhaar hatte die blauen Wunderaugen auf die weie Decke gedrckt, und ihre alten Arme umklammerten fest den stillen Mann unter der weien Decke; zu Hupten im Schatten sa Gertrude Tofote. Der Bote, der aus dem Cyriacihofe nach dem Hause der schnen Hexe gekommen war, war ein Kind des Hofes, und die Base hatte es geschickt mit einem Zettel, auf welchem ungefge und unorthographisch die Worten standen: Er will dich nochmal sehen. Tu's mir zuliebe -- der liebe Gott wird's dir vergelten, Gertrud! Trudchen Tofote hielt den Zettel zerknittert noch immer in der Hand; spter hat sie ihn mir gezeigt. -- Ich stand in meiner Rolle als Zuschauer still an der Tr. Die hbsche Waldelfe regte sich nicht von ihrem Stuhle; aber die Greisin erhob nun das Gesicht aus den Kissen und sagte rhrend ergeben: Ihr kommt zu spt, Vetter. Htte ich dieses Buch, wie man es nennt -- gemacht, so wrde ich mich wahrhaftig hten, hinzuschreiben, was jetzt zu allem brigen kam. Aber es ist damals so gewesen! -- bei der heien Geisterhand, die mir heute noch in der Erinnerung wieder an die Kehle greift, es machte sich ganz von selber so! Es war eine Methodisten- oder Baptistengemeinde, die in dem alten Barflerkloster ihren Betsaal gemietet hatte und in diesem Augenblick wegen einer auergewhnlich heftigen Bedrngnis in der Kirche eine nchtliche Betstunde abhielt und sang. -- Sie sangen in der einstigen Choraley der Mnche, die im Laufe der Jahrhunderte alles gewesen war, Viehstall im Dreiigjhrigen Kriege, Speicher im Siebenjhrigen, Lazarett in der Franzosenzeit, und jetzo ihrem ersten Zwecke wenigstens annhernd wieder zurckgegeben war. Die Tne klangen in der stillen Nacht, gedmpft, um die Nachbarn nicht zu sehr in der Ruhe zu stren, geisterhaft zu uns her aus der Ferne und dem Grundstock des Gebudes, und wir horchten alle, und _uns_ strten sie wahrhaftig nicht. Aber auf die Anrede der Base hin ergriff der Meister Autor meine Hand und drckte sie fest zusammen: Herr, _das_ war es, was ich heute mittag schon vernommen habe! Das Singen hab' ich am Mittag in der hellen Sonne gehrt! Ach Base, Base, ist er gestorben? bin ich zu spt gekommen? Guten Abend, Trudchen! o Base Schaake, was klingt alles um einen herum in der Welt! Karl, Karl, mein lieber Junge, das dachtest du dir auch nicht, als du uns aus dem Walde durchgingest! Jetzt lat mich ihn aber doch sehen! Der Meister hatte sich ber den Toten geneigt; ich, der ich immer eine groe Vorliebe fr das Leben, das heit fr die Lebendigen gehabt habe, fate mein kleines, nrrisches, hbsches Frulein zu Hupten des Bettes ins Auge. Sie hatte sich von ihrem Sitze erhoben und war aus dem Schatten der Wand in das bleiche Licht getreten, das durch das Fenster auf den untern Teil des Lagers fiel. Da stand sie ratlos, zitternd, trnenberstrmt; der Tod schien einen berwltigenden Eindruck auf sie gemacht zu haben, und als sie mir das schmerzbewegte Gesichtchen entgegenhob, erschien sie mir reizender denn je. Vom malerischen Standpunkte aus betrachtet, fehlte nur die schne Witwe, Frau Christine von Wittum an ihrer Seite, um die Gruppe in wahrhaft knstlerischer Weise nach allen Seiten hin abzurunden. Trudchen hat ihn gottlob noch am Leben getroffen, sagte die Base. Er hat sie so sehr gern gehabt, und so war's sehr gut und freundlich von ihr, da sie sich gar nicht besann und aufhielt, als ich zu ihr schickte, sondern in ihrem schnen Ballkleide hierherkam. Er war in einer schrecklichen Aufregung vorher und stritt sich heftig mit einem, den er seinen Lotsen nannte; als aber unsere Gertrud so schn und glnzend hereinkam, wurde er mit einem Male still und sah sie an -- sah sie immer an. Dann sagte er wieder was, was sich auch auf sein Seehandwerk bezog, was ich aber nicht verstand, und dann hielt er ihre Hand und sagte: Kein Mensch hier wei, wie viel grer das Wasser als das Land ist; jetzt sollst du's sehen drauen vor der roten Tonne, jetzt hab' ich dich auf dem Schiff, und in Indien sollst du auf einem Elephanten reiten, Trudchen! Ich habe mich schrecklich gefrchtet, schluchzte Gertrude Tofote. O ich wollte, mein Vater lebte noch, und wir lebten alle noch im Walde; aber er -- er ist ja der Erste gewesen, der daraus fortging und auf die wilde See! Dir sind die paar Minuten schon schrecklich gewesen, Trudchen, sagte die Greisin, aber mich hat er Tage und Nchte lang fort und fort, immerzu und immerzu rund um die Erde in seiner Hantierung mit sich gezogen und gerissen. Jetzt hat er Ruhe, Vetter Kunemund, und die wilde See tut ihm nichts mehr. Hat er denn das Kind wirklich noch erkannt, oder waren es nur seine gebrochenen Fe und das Fieber, die ihn so reden lieen? fragte der Meister Autor. Ei freilich hat er das Kind noch wieder gekannt; es hat ihm doch wenigstens noch ber das Letzte leichter weggeholfen. Nicht wahr, Gertrud, es war gut, da du kamst? Gertrud nickte und wendete sich hastig ab. Er sagte: Leb wohl, liebes Trudchen, und dann war es zu Ende, -- ja, zu Ende, zu Ende, schlo die Base Schaake. ber ein Sterbebett lt sich im Grunde immer wenig sagen; wenngleich manches darber denken. Der dunkle Pilot hatte eben Abschied genommen; -- Willkommen in See! war das letzte Wort gewesen, das ich meinesteils von dem guten Steuermann Karl Schaake vernommen hatte. Die rote Tonne lag in Wahrheit hinter dem seefahrenden Manne, und klare Kimmung war vor ihm. Was half es am Ufer zu stehen und mit den Sacktchern nachzuwinken? Ich fhrte das Frulein nach Hause; -- vom Uferdamm nach Hause. Der Meister hatte den trben Bericht der Greisin angehrt und das weie Tuch wieder ber das Gesicht des toten Seemanns fallen lassen; dann hatte er sein Kind in die Arme genommen und es herzlich gekt und manch ein Schmeichelwort zu ihm gesprochen. Die schne Elfe hatte herzzerbrechend dabei geschluchzt und einmal bers andere dazu gerufen: Das ist so frchterlich, so traurig-schrecklich! o morgen wirst du doch zu mir kommen? nicht wahr, morgen frh kommst du gewi zu mir? Und der Meister hatte eben so oft gesagt: Ja freilich! freilich! und dann hatte er sich zu mir gewendet: Wollen Sie so gtig sein, das arme Ding nach Hause zu bringen. Es ist eine schlimme, schwere Luft hier, und mit dem Halunken, dem Ceretto, allein mchte ich das Kind doch nicht wegschicken. Es gehrt Geschick dazu, mit Menschen in Verwirrung gut umzugehen! Bitte, bringen Sie das Trudchen jetzt nach Hause! Ich war natrlich bereit dazu, wenn ich gleich ohne alle Besorgnis die junge Dame dem schwarzen Philosophen anvertraut haben wrde. Wir gingen, fast ohne Abschied zu nehmen; unser Trudchen befand sich dazu in der Tat allzusehr in Verwirrung, und vor dem toten Mann frchtete sie sich heftig. -- Die Straen waren jetzt ganz leer, und wir hatten auf unserm Wege die alte Stadt so ziemlich fr uns allein. Die wenigen Nachtschwrmer, die uns dann und wann begegneten und die Ruhe und den Frieden der Nacht durch ihre Heiterkeit um so bemerklicher machten, hielten sich mit dieser Heiterkeit an den Freund Ceretto, der in bescheidener Entfernung gelassen hinter uns drein wandelte und in der richtigen Weise auf jegliche Ansprache einzugehen wute. Indem ich nach besten Krften das Frulein unterhielt, horchte ich doch stets halben Ohrs auf diesen schwarzen Mohren. -- O was ist das fr eine Nacht! ich werde mich mein ganzes Leben lang nicht wieder zufrieden geben knnen! schluchzte die Elfe. Es ist freilich ein trauriger Fall; aber wir mssen uns doch zu beruhigen suchen, mein Frulein, trstete ich. Der arme junge Mann hat recht gelitten -- fr seinen Beruf war er untauglich geworden; vielleicht war es doch das Beste -- Natrlich war es das! brummte hinter uns der schwarze Signor. Es konnte ihm gar nichts Angenehmeres passieren! man kennt die Redensarten; -- nicht wahr?! Die letzte Frage war, von einem auergewhnlich grlichen Zahnfleischfletschen begleitet, an zwei junge Mnner gerichtet, die uns an einer auergewhnlich hell vom Monde beschienenen Stelle gestreift hatten, und von denen der eine, stehen bleibend, den andern auf das Trudchen aufmerksam gemacht hatte mit den Worten: Ein reizendes Geschpfchen! In einigem Schrecken vor dem Schwarzen zurckprallend, hatten die Herren ihren Weg fortgesetzt und wir den unsrigen gleichfalls. Der Onkel Kunemund war sehr betrbt. Er hatte unseren Karl recht lieb gehabt, und ich hatte ihn auch sehr gern, seufzte Frulein Tofote. Wir sind so hufig zusammengetroffen und wieder voneinander gegangen; aber nie unter solchen schrecklichen Umstnden. Jawohl, brummte Ceretto hinter uns, wenn das keine kuriose Geschichte ist, la ich mich hngen. O Donnerwetter, sie haben alle ihre Ahnungen und geheimen und geheimnisvollen Beziehlichkeiten, weshalb sollte ich da nicht auch die meinigen haben. Herr, es geht wer hinter uns! Dieser Ausruf war an mich gerichtet, wir standen still, die Gasse lag klar und leer da -- nichts war zu sehen und zu hren, und das Trudchen klammerte sich fester an meinen Arm. Sie haben den Herrn Autor bereits wtend gemacht; rgern Sie mich nun nicht auch noch, alter Freund, rief ich; doch der Mohr sagte: Ich mu doch meines seligen Herrn Schritt kennen! So ging er auf seinen Geschftswegen; -- horch, -- hren Sie? Wir hrten natrlich nichts, aber Trudchen zitterte heftig; und ich rief rgerlich: Sie sind, -- nun ich werde es Ihnen an einem der nchsten Tage sagen, was Sie sind; jetzt wollen wir uns beeilen, nach Hause zu kommen. Die gndige Frau wird sicherlich in einiger Unruhe auf das Frulein warten. Wir beeilten uns in der Tat; ich aber sprach dem Kinde an meiner Seite noch einmal guten Mut zu. Es war doch gut von Ihnen, Gertrud, da Sie dem Rufe der alten Frau im Cyriacihofe sofort nachkamen. Den Onkel Kunemund hat es auch recht gefreut, und er wird Ihnen gewi noch hufig seinen Dank dafr sagen. Ich, der ich die Lage der Dinge so ziemlich genau kannte, ahnete wohl, wohin Sie uns verschwunden waren; aber unsere Freundin, die Frau Christine war sehr besorgt und in rechter Unruhe Ihretwegen. Oh! flsterte die Elfe, und so erreichten wir die Tr der Hexe, und nahmen auch wieder einmal Abschied voneinander. Da sind wir zu Hause, sagte ich, und nun bitte ich Sie herzlich, liebes Frulein, nehmen Sie sich das Elend der Welt nicht mehr zu Herzen, als ntig ist. Es ist noch nie etwas Auergewhnliches auf Erden vorgefallen. Sie sind es sich und uns -- allen Ihren Freunden schuldig, da Sie auf Ihre Gesundheit Rcksicht nehmen. Jedenfalls mssen Sie fest berzeugt sein, da wir alles tun werden, um Ihnen fernere persnliche Aufregungen zu ersparen. Gute Nacht, mein Herr, ich danke Ihnen, sagte Gertrud Tofote, und ich wendete mich gegen unsern Begleiter, der sich jetzt dicht an uns hielt: Gute Nacht, Ceretto. Wir beide haben noch ein Wort demnchst miteinander zu reden. Ich wnsche Ihnen, recht wohl zu ruhen, sprach der Alte. Mit welcher Miene er das sagte, konnte ich leider nicht erkennen; denn der Mond hatte seinerseits seinen Weg fortgesetzt, und das Haus der Frau Christine von Wittum lag nunmehr im tiefen Schatten. Die Gesellschaft hatte sich lngst getrennt, die Fenster des Salons waren ganz dunkel, und nur hinter den Vorhngen des Winkelchens hervor, aus welchem die Frau Christine mich und die Base Schaake das Trudchen abgerufen hatte, leuchtete noch ein schwacher Schein, das zierliche Flmmchen in dem weien Lilienkelche. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Statt jetzt zu Bett zu gehen, ging ich von dem Hause der Witwe aus weiter. Anfangs an zierlichen Gartengittern vorber, dann durch taufrische, von lebendigen Hecken eingefate Pfade und zuletzt im stillen, freien Felde. Es verlockt nichts in gleicher Weise so weiter und weiter als solch ein Feldweg durch das reife Korn und die Garben, dem Sonnenaufgang entgegen. Nur ein erbrmlich kahlgezaustes Bauerngehlz warf einmal einigen Schatten auf mich, doch das war bald durchschritten und das dicht dran gedrckte noch im Schlafe liegende Dorf gleichfalls. Das nchste Dorf fand ich bereits wach, und vor dem Kruge eine Bank und einen Tisch, an welchem letztern ich mit dem zufrieden war, was die Wirtschaft zu bieten hatte. Da sah ich die Sicheln und Erntewagen an mir vorberziehen und hielt die Hand in den ersten Sonnenstrahl des neuen Tages. Wer im Grunde nur fr sich selber zu sorgen hat, kann im Auskosten des Leidens und der Freude der Welt um ihn her, sich Gensse verschaffen, in welchen der sublimierteste Egoismus, dessen der Mensch fhig ist, sich gipfelt. Das hchste, innigste, innerste, schrfste Leben lebt man in diesen Momenten; -- wer es leugnet, mge es mit einem Gesichte tun, wie ein Frauenzimmer, das nach einem in der Familie eingetretenen Todesfall den Traueranzug vor dem Spiegel anprobiert. -- Durch einen sehr heien, wolkenlosen Morgen schlich ich mde und abgespannt zur Stadt zurck, schlief totenhnlich bis zum Mittag auf dem Sofa und fragte am Nachmittage bei den Leuten im Cyriacihofe an, ob ich mich ihnen in irgendeiner Art ntzlich erzeigen knne. Herr Autor sowohl wie die Frau Schaake erkannten die Hflichkeit ber Verdienst an, aber sie verwunderten sich selber darber, wie glatt in solchen Fllen das alles abgehe. Geistliche wie weltliche Behrden machten den Trauernden die Tage so leicht als mglich. Es waren Namen, Daten und Zahlen in gedruckte Schemata einzutragen gewesen, und der Sarg im Hause ohne jegliche Weitlufigkeit. Der gute Steuermann, der sich so lange ungestraft auf allen Meeren herumgetrieben hatte, lag bereits tief, tief im Binnenlande in diesem Sarge, und -- Morgen um zehn Uhr wollen wir ihn hinausbringen, sagte der Meister Autor. Den Hafenmeister sah ich nicht. Er hatte alle Hnde voll zu tun, berichtete mir der Meister; denn so ziemlich der ganze Hof gehe mit, und jedermann verlange sein Stck Kuchen. Gertrud Tofote hatte bis jetzt nur viele schne Blumen und Krnze mit weien Atlasschleifen geschickt und hatte dabei sagen lassen: sie sei sehr betrbt und sehr unwohl und bitte den Onkel Kunemund nur auf ein einziges Viertelstndchen zu ihr zu kommen. Vielleicht so gegen Abend werde ich es mglich machen, sagte mir der Meister: jetzo sitze ich hier Wache und -- Herr, ich sage Ihnen, ich habe trotz alledem in meinem Leben Stunden gehabt, wo ich das ganze deutsche Volk zum Tanze htte aufziehen mgen! Er sa mit seiner Pfeife in der khlen steinernen Halle vor der Tr der Base Schaake; die Tr stand halb offen, und ich sah darin grade auf den sonderbaren Schimmer der Stearinkerzen im hellsten Tageslichte. Der Meister Autor hatte eben wieder seine Pfeife anzuznden und sagte: Ja, ja, sehen Sie diese Zndholzdose. Ich habe sie vom Arend geerbt. Er hat sie auf manchem Anstande gebraucht. So um das Jahr Vierzig, wenn's mir recht ist, fiel die Menschheit auf derartiges Feuerzeug. Vorher hatte man sich arg mit Stahl und Stein zu qulen, doch das beizu; -- Herr, die Lichter da, auf welche Sie eben sahen, hab' ich angezndet und, Herr, ich habe dabei an den letzten Weihnachtsbaum denken mssen -- den letzten im Walde, den die Alte, der Arend und ich unserm armen Trudchen aufputzten. O lieber Herr, wie viele Grten versinken dem armen Menschen in der Welt. ... Das war das Wort! -- Es fallen Schlsser -- Luftschlsser ein; aber das hat nichts zu bedeuten: die Grten allein, die den Menschen, den armen Menschen versinken, die waren ein jeglicher eine Wirklichkeit von dem verlorenen Paradiese an! Wenn ihr das leugnen wollt, so leugnet es aus der Mitte eines, in dessen Besitze ihr euch noch befindet, aber nimmer vor der Pforte eines solchen, der euch verloren ging; -- im erstern Falle ist wenigstens die Aussicht vorhanden, da es euch gelingen werde, euch selber zu belgen. -- Der folgende Tag war einer der heiesten im ganzen Jahre. Die Sonne schien die Erde wie mit einer glhenden Zange zu halten, die Hitze und der Staub waren unertrglich; ein Schein, sozusagen animalischer Verdrossenheit legte sich ber alle Vegetation; und unsere Aufgabe lie sich unter keinen Umstnden auf eine khlere Stunde verschieben. Wir fhrten den Steuermann Schaake hinaus vor die Stadt und begruben ihn. So ziemlich der ganze Hof fand sich ein zu dem oben bemeldeten Kuchen und einem Glase nicht teuern Moselweins. Ein gut Teil der Freunde und Bekannten ging auch mit hinaus auf den Kirchhof und, nachdem das feierliche: Von Erde bist du genommen usw. -- gesprochen worden war, soviel als mglich im Schatten sich haltend, wieder nach Hause. Der Meister Autor und ich blieben noch ein Weilchen, der -- Erde und der Sonne zum Trotz. Es ist doch kurios, sagte Herr Kunemund, nachdem wir einige Minuten stumm neben der halbzugeschtteten Grube gestanden hatten, sonderbar ist's eigentlich, da man grade bei solchen Gelegenheiten am deutlichsten sprt, da man vorhanden -- da man da ist. Freilich, sagte ich, aber Meister, dazu gehrt eben doch auch, da man wenigstens ein einziges Mal schon vorher wirklich und im Vollen gefhlt hat, da man da ist, und das ist keineswegs so hufig der Fall. Darber hab' ich noch nicht nachgedacht, sprach der Meister Autor; und dann tauschten wir einige andere Gedanken und Bemerkungen aus, die zwar weder gro noch tiefsinnig waren, dessenungeachtet aber doch gedacht und gemacht werden muten. Am meisten kmmert mich der Hafenmeister, seufzte der Alte. Was dieser hier mich angeht, so bin ich zufrieden, wei mich zu schicken und zu fassen; ich setze mich da nur ein wenig fester auf meiner Schnitzbank. Aber was denken Sie ber die Base Schaake?.. Der Junge war ihr Liebling und ihr ganzes Leben; und wenn er auch oft lange Jahre von ihr weg war, und sie es also schon gewohnt sein sollte, so wird sie sich in diese Ruhe doch niemals finden. Sie kann's nicht, sie wird's nie knnen. Ob sie ihr eigenes Leben einmal, wie Sie sagen, ein einziges Mal im Vollen gefhlt hat, wei ich nicht, aber da sie in dem Jungen ihr Dasein sprte, das will ich wohl beschwren. Ich kenne sie danach! Wenn er abwesend war, so war es ihr einziger Trost, da sie sa und las. Ich sage Ihnen, sie las -- und was las sie? Den Robinson und die Geschichte von dem fliegenden Hollnder und vor allem andern die Geschichten von dem trkischen Kaufmann, der zu den Leuten kam, die das Gesicht mitten auf dem Bauche trugen, und der einen Walfisch fr eine Insel hielt und mit seinen Kameraden ein Feuer drauf machte, um seine Suppe zu kochen. Was sie sonst von Reisen und Abenteuern auftreiben konnte, las sie und glaubte alles. Ihren Augen sahen Sie es nicht an, wie bunt es oft in ihrem Kopf herging. Sie reiste mit, die alte Frau, und erlebte auf ihrem Spinnstuhle die menschenmglichsten Dinge. Ich habe oftmals mein Erstaunen und meine Verwunderung darber gehabt, was fr ein beschlagener Reisender sie war. O sie wute dem Jungen, jedesmal wenn er heimkam, von ihrem Stuhle her mehr Merkwrdigkeiten zu berichten, als er ihr von seinem Schiffe aus. Er hat es mir selber oft genug halber weinend und halber lachend erzhlt. Und das ist nun vorbei, Herr; das ist vorbei, und das ist das Schlimme und Angstvolle, lieber Herr! Was soll die alte Frau anfangen; jetzo, da sie ihrem Jungen nicht mehr nachreisen kann? Versunkener Garten, Herr! Sie, Herr Bergmeister, haben eben auch mit uns andern drei Schaufeln voll Erde drauf geworfen! Zum Teufel, ja! schrie ich im Innern meiner Seele und zwar mit dem nmlichen objektiven Grimm, mit welchem der Meister Autor vorgestern abend den Signor Ceretto, den bremischen Mohren, anschnauzte. Laut sage ich, indem ich dem Greise zu gleicher Zeit leise und gerhrt die Hand auf die Schulter legte: Ob wohl die Base ihrem braven wilden Seefahrer nicht doch schon wieder nachreist?! Es wird ihr auch da an Reisefhrern nicht ermangeln. Der abendlndische Lebensbaum, =Thuja occidentalis=, die Stinkzypresse wucherte in groer Menge auf dem Friedhofe und war das einzige Gewchs, das sich in dieser Hitze wohlzufhlen schien. Der Meister hielt einen abgebrochenen Zweig davon in der Hand, lchelte und sagte: An das Einfachste denkt man immer zuletzt. Nun wre eigentlich nichts weiter zu sagen gewesen, aber ein guter Rat, oder das, was man gewhnlich fr einen solchen nimmt, geriet mir auf die Zunge, und ich enthielt ihn dem alten Freunde nicht. Herr Kunemund, alle Umstnde ineinander rechnend, knnten Sie jetzt wohl noch einmal den Versuch machen, es hier bei uns in der Stadt auszuhalten. Die erwnschte Stille wrdet Ihr auf dem Cyriacushof im vollen Mae finden -- Ihr und der Hafenmeister gehrt im Grunde ganz und gar zueinander, und es wrde gewi kein Tag vorbergehen, an welchem Ihr das nicht von neuem aussprtet. berlegt es Euch! Das habe ich wohl schon dann und wann berlegt, erwiderte der Meister. Auf den ersten Blick sieht es sich freilich ganz hbsch an, aber bei genauerer Besichtigung tut es sich denn doch nicht. Wie lange steht denn der Hof noch aufrecht, Herr? Sie wissen es ebenso gut als ich, da die Maurer mit den Brecheisen und die Zimmerleute mit den xten im Anmarsch auf ihn sind. Das alte Gemuer mag freilich lange genug gestanden haben, aber der Base Schaake wegen htte es doch noch gut ein paar Jhrchen lnger stehen bleiben knnen. Herr, je lter man wird, desto brchiger scheint auch die Welt um einen her zu werden. Wie sich dieses demnchst machen wird, kann ich heute noch nicht sagen: die eine Alte hab' ich ja schon daheim im Hause; wer wei, ob ich mir nicht auch die andere dazu holen werde. Lieber Herr, Sie sind jedenfalls jetzt schon eingeladen, sich unsern Haushalt dann mal anzusehen. An den demnchstigen Abbruch des Cyriacihofes hatte ich nicht gedacht und wute auf die Erinnerung daran nichts zu entgegnen. Der Meister Autor seufzte noch einmal recht tief; dann warf er den Thujazweig, den er bis jetzt mechanisch zwischen den Fingern gedreht hatte, in das Grab des Seefahrers, nahm meinen Arm, und wir verlieen den Kirchhof. -- An der Pforte fanden wir keinen uns erwartenden Wagen mit einem ob unseres Zgerns verdrossenen Kutscher. An heien, mit Teer getnchten Planken, Holzhfen, Gartenmauern und vereinzelten unschnen Husern vorber fhrte uns unser Weg durch den heien, vom Abfall der Fabrik- und Kohlenwerke geschwrzten fuhohen Staub nach der Stadt zurck. Auf diesem Weg sprachen wir nichts mehr miteinander, bis uns an einer Wendung, die er machte, ein anderer Leichenzug entgegenkam, und wir beiseite traten, um ihn vorbei zu lassen. Da sagte der Meister, den Kopf schttelnd: Das ist doch wunderlich! Was ist wunderlich, alter Freund? Da andere Leute immer bei dem nmlichen Geschfte, in derselben Lage, in ganz demselben Plsier und Jammer sind. Auf dem Dorfe wird es einem nur nicht so deutlich! I, sehen Sie doch nur -- eben sind wir fertig -- Und fangen die andern an. Richtig. Ausgefahrene Geleise, Meister Autor! Das einzige Neue liegt nur grade bei den Leuten, die aus ihrem Dorfe kommen, um sich darber zu verwundern, und nicht blo hierber! Hm, hm, da kein Ende dran ist, wird es freilich auch wohl keinen Anfang haben, brummte Herr Autor Kunemund. Hat das auch schon einer herausgefunden und schriftlich attestiert? Nun mute ich trotz der unpassenden Zeit und Gelegenheit doch lachen. Ach Meister, Meister, sagte ich meinerseits den Kopf schttelnd, dieses hat wohl schon manch einer ausfindig gemacht; aber ber das, was es bedeutet, darber ist man noch nicht einig und im klaren. Dann hilft mir auch das brige nichts, und meinesteils lasse ich es einfach geschehen, sprach Autor Kunemund, und so schritten wir weiter zum Hofe des heiligen Cyriacus, der vielleicht gleichfalls aus keinem andern Grunde ein Heiliger geworden war, als weil er hatte geschehen lassen, was er nicht ndern konnte. Wie unser uns vorangelaufenes Sarggefolge hielten wir uns auf der Schattenseite; man kann eben von der grten Tragdie nach Hause gehen und doch den behaglicheren Modus der Heimkehr dem unbequemeren vorziehen. Der uralte Schatten des Torweges fiel jetzt fast kalt auf uns, und auf der engen Steintreppe und im steingewlbten Vorsaale durchschauerte es mich frstelnd. Ich ging aber doch noch einmal hinein mit dem Meister, die Greisin zu begren, und habe mich spterhin selber darob beglckwnscht, wenn ich daran dachte, da ich eigentlich den alten Freund nur bis an das Tor hatte geleiten wollen. Trudchen Tofote sa bei der Base Schaake! Das sah ich angenehm berrascht von der Stubentr aus, drckte auf ihrer Schwelle dem Meister die Hand und begab mich nunmehr, wie durch einen khlen Trunk erfrischt, durch die entsetzliche zwlfte Stunde des Tages nach meiner eigenen Wohnung zurck und um zwei Uhr nach dem =Hotel de l'Allemagne= zur Wirtstafel. Vierundzwanzigstes Kapitel. Der wre freilich aller Praktiken Meister, den der Augenblick nicht berrumpeln, den der Schein nicht rhren oder rgern knnte! Wie wenig Schlaf wrde er bedrfen, wie wach und lebendig wrde er jederzeit um sich her schauen: was mich anbetraf, so tat ich nimmer einen so tierisch-tiefen Nachmittagsschlaf als an diesem Nachmittage. Mir war es wahrlich nach den Erlebnissen des Tages, die Temperatur eingerechnet, nicht mglich wach zu bleiben, und ich schlief -- schlief totenhnlich, totengleich; es kmmerte mich gar nicht, ob die andern das laute, lrmende Spiel weiter trieben, ob es sich fortdrngte an den Straenecken und auf den Heerstraen. Einen lteren Herrn als mich wrde wahrscheinlich der Schlag gerhrt haben; im Falle er mich gerhrt htte, wrde ich nicht das geringste davon gemerkt haben. Signor Ceretto Wichselmeyer wrde mich steif und still auf dem Diwan gefunden und das Weitere veranlat haben; es war nmlich natrlich der Mohr aus dem Schsselkorbe zu Bremen, der mich durch wiederholtes Gepoch an meiner Tr nach fnf Uhr erweckte. Meine Seele stieg auf aus der Tiefe des Vergessens, wie der Krper eines Ertrunkenen aus der Tiefe des Wassers -- langsam und geschwollen. Ich bitte nach Menschenmglichkeit um Entschuldigung, sagte der Schwarze, aber es ging um mein Leben, wenn ich nach Hause kam, ohne Sie gesehen und gesprochen zu haben. Um Ihr Leben, Ceretto? Oder um meine Augen, was mir doch auch verdrielich gewesen sein wrde. Und wer -- Pst! sagte der Neger, mit dem Finger auf den Lippen, und blickte grinsend ber die Schulter nach der Tr zurck, als ob er erwarte, da sofort jemand hervorstrzen wrde, um die fernere Ausfhrung seiner Sendung zu bernehmen. Dann trat er auf den Zehen so nahe als mglich an mich heran und sthnte klglich: Oh! Etwas deutlicher und etwas weniger geheimnisvoll, wenn ich bitten darf, Ceretto! rief ich klglich und gergert. Ihr wit, da ich zu allen Zeiten mit Vergngen hre, was Ihr mir zu sagen habt -- selbst wenn es der Auftrag eines andern ist -- aber augenblicklich -- bin ich -- ein wenig sehr beschftigt -- in Anspruch genommen -- kurz -- ich bitte Sie, Ceretto, fassen Sie sich so kurz als mglich. Mit dieser Absicht kam ich, Herr. Also ganz kurz -- unsere Freundschaft ist zu Ende. Unsere Freundschaft? Ist aus und zu Ende! Sie haben sich bei den Ohren gehabt und einander die Gesichter zerkratzt wie zwei Konkurrentinnen, die einander grad gegenber jede einen wilden Mann sehen lassen. Ich habe das als einer der wilden Indianer einmal selber erlebt, doch damals behielt mich meine Prinzipalin und ich meinen Dienst. Diesmal und unter andern Umstnden ist mir auf Michaelis gekndigt worden, und wenn Sie, verehrter Herr, mich dann gebrauchen knnen, stelle ich mich schon heute zur Verfgung. Sonst ist alles in der schnsten Ordnung, und selbst der Herr Autor Kunemund wre nicht imstande, eine grere Ordnung hineinzubringen. Aber meine fnf gesunden Sinne nebst allem brigen bringt Ihr in die grte Unordnung, Ihr schwarzes Untier! rief ich. Wer hat sich in den Haaren gelegen und gegenseitig die Gesichter zerkratzt? Mein hbsche Herrin, das junge Kind, das seit heute morgen bei der Alten im Cyriacushofe sitzt, und meine schne Herrin, die seit gestern nacht durch alle Zimmer rennt, ihrer Kammerjungfer mit dem Polizeikommissar gedroht hat und fortwhrend Tische und Sthle ber den Haufen stt. Wer denn anders? Meine Phantasie war pltzlich in einem merkwrdig hohen Grade ttig. Ich sah und hrte die Frau Christine -- sie mute entzckend in ihrer Aufregung sein. Vorgebeugt, mit verhaltenem Atem und wahrscheinlich ziemlich albern fixiertem Blicke stierte ich auf den Mohren, als msse ich eine neue Welt aus seiner schwarzen Seele hervorstieren; und der Schlingel grinste -- grinste und blieb stumm, bis ich ihn an der Schulter packte und wenigstens das brige, was er mir zu sagen hatte, aus ihm herausschttelte. Es ging sofort los, nachdem wir vorgestern nacht nach Hause gekommen waren. Mein Liebchen hin, meine Liebe her! Meine Gute her, meine Beste hin! Liebe Christine -- liebe Gertrude! Frulein Tofote -- gndige Frau!... Damit waren wir dann in den richtigen Ton gefallen, und die Auseinandersetzung konnte einen ruhigen Verlauf nehmen und nahm ihn auch. O Herr, Sie -- und gerade nach dem traurigen Ereignis da im Hofe -- htten hinter dem Vorhange stehen und sie auf dem Diwan nebeneinander sitzen sehen sollen! Ich habe vor manchem Vorhange die Pauke geschlagen; aber hier hielt ich mich so still als mglich hinter ihm und horchte wie ein Muschen, bis die gndige Frau das gndige Frulein auch wieder >mein Muschen< nannte, und man sich fr diesmal gute Nacht sagte, gerade an derselbigen Stelle, wo sich Katze und Hund gleichfalls gute Nacht zu sagen pflegen. Knnen Sie es sich wohl vorstellen, da sie sich wirklich beiderseits dabei auf die Stirnen kten? Mir hinter der Tr traten die Trnen in die Augen. Ich setzte mich, unfhig etwas zu bemerken, auf meinen Diwan; doch der Freigelassene des alten Satans Mynheer van Kunemund hatte noch lnger sein Vergngen an meiner Furcht vor ihm. Ja, ja, sagte er mit melancholisch-philosophischem Akzent, es ist lieblich, wie sich das alles vor den Augen der Welt zurechtlegt; -- es ist so schn, die Greisin im Cyriacushofe zu trsten, und es ist so sehr erquickend, seinen Willen zu bekommen und doch noch von jedermann darum gelobt zu werden; von dem jungen Herrn von Wittum vor allen andern. -- Waren das wirklich die Grnde, denen der Meister Autor und ich es zu danken hatten, da wir die Gertrud Tofote die alte verlassene Frau im Cyriacushofe trstend und durch ihre Gegenwart im Schmerze aufrichtend fanden? Matt und unfhig darber nachzudenken, fragte ich: Und was nun? was nun weiter, lieber Mann? Natrlich wnscht man Sie zu sehen und das Weitere mit Ihnen zu berlegen. Wer wnscht das, Herr Wichselmeyer? Der Mohr sah mich unbeschreiblich verachtungsvoll an und lie eine verhltnismig lange, aber glcklicherweise wenig kostbare Zeit vorberstreichen, ehe er mich einer Antwort wrdigte. Das Kind doch nicht?! rief er endlich. Sie wrden der letzte sein, an den das gndige Frulein sich um Rat und Trost wenden wrde; aber die gndige Frau bittet um einen Besuch, wnscht sich Ihnen an das Herz zu legen und Ihre Wut an Ihnen auszulassen. An mir?! Gtiger Himmel, weshalb denn gerade an mir? An den Tod kann man sich nicht halten; der Herr Autor Kunemund lassen auch nicht mit sich scherzen, und einen mu man doch haben, dem man sagen darf, was man ber die ganze Geschichte denkt! Sie sind der Mann, lieber Herr; Sie allein; denn Sie sind zugleich ein Mann von Welt, und wer in dieser lsterlichen, hinterlistigen, heimtckischen Welt keine Sehnsucht empfindet nach der einzigen Kreatur, von der man gewi wei, da sie uns versteht und uns nachfhlt, der ist eben in eine andere Schule gegangen und hat darin das Seinige gelernt, ungefhr wie ein gewisser Nigger, der sich aus Bescheidenheit weiter nicht nennen will, dessen Dienstbuch aber jederzeit auf der Polizei eingesehen werden kann. Ich hielt mir die Stirn mit beiden Hnden. Dieses an diesem glhenden Tage?!... Meine Empfehlung an Ihre Herrin, Ceretto, ich werde ihr meine Aufwartung machen. Das werde ich bestellen, obgleich es, sozusagen, berflssig ist; -- man kannte die Antwort schon ohne das. Nun htte ich den Schwarzen doch noch aus der Tr werfen mssen; er schien es aber auch einzusehen und entfernte sich schleunigst ohne das, nachdem er sein letztes Wort gesprochen hatte. Fnfundzwanzigstes Kapitel. Ein Gewitter mute kommen, und gegen sechs Uhr zeigten sich die Vorboten desselben an allen Ecken und Enden, das heit ber alle Dcher her, die mir rings um meine Fenster den unermelichen ther verengerten. Whrend die giftig-weien Wolkenballen emporstiegen und, sich umwlzend, ihre Farbe ins Dunkelgraue, ins Schwarze verwandelten, machte ich die mglich-sorgsamste Toilette, meine uere Erscheinung gleichfalls aus dem Grauen ins Schwarz verndernd. Zu gleicher Zeit machte ich unter dem Einflu der elektrischen Schwle einen Seelenproze durch, dessen hufigere Wiederholung mir fr den Krper nicht wnschenswert sein konnte. Ich berdachte mein Leben und zhlte die Jahre desselben. Die Summe der letzteren streifte nahe an die Zahl Vierzig heran; das erstere erschien mir in der augenblicklichen Gewitterbeleuchtung wie ein gutstehendes, wohlgehufeltes, unbersehbares, aber auf Regen wartendes Kartoffelfeld. Ob das, was der Meister Autor versunkene Grten nannte, unter der nahrhaften Vegetation begraben lag, will ich unaufgerhrt lassen; sicher aber war, da mir das noch niemals so glaublich erschienen war, als in diesen Augenblicken. So weich, so menschenscheu und zugleich so sehr menschenbedrftig wie jetzt hatten mich Leben und Tod noch nie gestimmt. Diese Hexe! sthnte ich leise, die Hemdrmel zuknpfend. O, sie wute es ganz genau, was sie zustande brachte, als sie neulich fragte: wer ist denn der Herr da? -- Htte sie statt dessen, beide Hnde mir entgegenstreckend, die Bekanntschaft erneuert, so wre alles verlaufen wie es sich eigentlich gehrt -- erfreulich, hflich, in den besten gesellschaftlichen Formen; aber bei der Macht Proserpinas Und bei Dianas unverrckter Allgewalt, Auch bei den Bchern, krftiger Bannsprche voll, Die hoch vom Himmel feste Stern' herunterziehn -- dies Weib wute, was fr ein Zauberwort es gebrauchte! Wer ist denn der Herr eigentlich? -- -- Ich nhere mich dem Schlusse meines Berichtes und werde im Gegensatze zu meinen, derartige psychologische Raritten novellistisch aus der Tiefe ihres Talentes herauffischenden Kollegen von Wort zu Wort, von Satz zu Satz ehrlicher und wahrer. Diese an das alberne Gnschen, das Trudchen Tofote gerichtete Frage: Wer ist der Herr? ich sollte ihn eigentlich kennen! -- fibrierte zu allen Stunden scharf und schrillend mir durch die innigsten, wehmtigsten Gemtsbewegungen der letzten Tage und Nchte. Wir mgen noch so sehr in das Schicksal anderer Leute verflochten werden, unser eigenes Schicksal behalten wir darum doch fr uns allein, und es ist uns stets -- manchmal unsern tiefsten Empfindungen und Anmahnungen zum Trotz, das wichtigere. Das Wort der Hexe rgerte mich durch die Stunden am Bette des sterbenden Steuermanns, setzte mir seine scharfen Ngel mitten im Verkehr mit dem Meister Autor und der Base in das weiche Herzfleisch, war mir in der heien Sonne unter den hohnlachenden Lebensbumen am Grabe des Seefahrers Karl Schaake wie ein eisiger Hauch im Nacken und zwang mich mehrmals, mich umzusehen, _wer_ eigentlich da hinter mir stehe und mich anblase. Was waren mir alle versunkenen und versinkenden Grten gegen dieses hhnische, lebendige, blhende Lcheln der Hexe, der Frau Christine von Wittum?!... Wir kannten uns recht gut; wenn wir uns auch durch manches Jahr aus dem Gesichte verloren hatten. Als wir uns kennen lernten, waren wir noch -- Oooooh! sthnte ich, und mit dem Griffe, mit welchem andere Leute dann und wann nach der Pistole, dem Strick oder dem Rasiermesser griffen, fate ich meinen Hut und ging -- ging zur Frau Christine, die mich durch den Zaubermohr und Diener weiland Mynheers van Kunemund hatte ersuchen lassen, noch einmal bei ihr vorzusprechen. Es lag mir schwer in den Gliedern, und ich wunderte mich gar nicht ber die mden, verdrossenen Gesichter der Leute in den Straen. Langsam, ein Bein dem andern nachschleifend, erreichte ich die Haustr der gndigen Frau, und auch hier wieder fand ich natrlich den Signor Ceretto Wichselmeyer am Pfosten lehnend, -- wie in jener Mondnacht unter dem Torbogen des Cyriacihofes. Auer der Hautfarbe hatte er von seinen afrikanischen Ahnen noch dieses an sich behalten, da ihm nicht leicht bei irgendeiner europischen Temperatur (physischen wie moralischen) zu schwl zumute wurde. Er nickte mir freundlich und aufmunternd zu, geleitete mich die Treppe hinauf, ffnete mir die Tr des Salons und meldete mich: Herr Baron von Schmidt! Da vernahm ich denn aus der Tiefe des bereits bei der Schilderung jenes Gesellschaftsabends erwhnten tropischen Zimmergartens ein sonores, wohlklingendes: Endlich! und entgegen meinem Herzklopfen rauschte die Frau Christine von Wittum, reichte mir die Hand und rief: Ich habe zu Ihnen geschickt, um doch _einen_ Menschen zu haben, an dem ich mein Mtchen khlen konnte. Welche rgerlichen, verdrielichen, langweiligen Tage! Aber Sie haben mich zu lange warten lassen, mein Herr; und whrend des Wartens hab' ich mich eines andern besonnen: Lieber Baron, ich wrde noch einmal zu Ihnen geschickt haben, um Sie bitten zu lassen, ruhig zu Hause zu bleiben, wenn mich diese frchterliche Luft nicht vollstndig unfhig gemacht htte, nochmals die Hand nach dem Klingelzug auszustrecken. O ihr Gtter, was alles mu man in dieser trostlosen Welt ausstehen! Allerlei Art von Dasein, liebe Gndige, sagte ich. Und ist das nicht gerade die Dummheit? Weshalb allerlei Dasein? Was geht uns das anderer Leute an? Ich bitte Sie, was zum Beispiel hatten Sie sich in die Verhltnisse dieser guten Menschen, die seltsamerweise augenblicklich uns beide zu gleicher Zeit qulen und beunruhigen, zu mischen? Ich habe mich nicht hineingemischt, meine Gndige. Mit Behagen, Spannung, Rhrung, Trauer und -- Und? und? Und Mibehagen habe ich als Zuschauer dagestanden und wahrlich mehr guten Rat empfangen als gegeben. Sie behaupten also, mein Herr, mir das trichte Ding, dieses hbsche aber gnzlich unbedeutende Waldblmchen, diese Gertrud Tofote, aus welcher ich in einer Laune mein Pppchen, mein Spielzeug gemacht hatte, nicht genommen zu haben? Mein Wort darauf! Es trat eine Pause in der Unterhaltung ein. Drauen in der Gasse trieb sich jetzt ein heier Wind um, und die Staubwirbel bis zu unserm Balkon in die Hhe. Schlieen Sie doch die Balkontr, bitte, sagte die Frau Christine. Heute bin _ich_ meinerseits in der Stimmung, alles um mich symbolisch zu nehmen und mich darber zu rgern. Ich lchelte, und -- Lachen Sie nicht! rief die gndige Frau, in der Tat ziemlich aufgeregt; aber zurcksinkend kam sie auf meinen letzten Ausruf zurck. Ich mu Ihnen also wohl auf Ihr Wort hin glauben! O, wten Sie nur, wie sehr es mich innerlich angriff, als mir dieses alberne Trudchen den Stuhl vor die Tr setzte. Gtiger Himmel, etwas mu ich doch haben, um dieser tdlichen Langweile zu entgehen, und es machte mir doch wenigstens fr einige Monate Spa, diese kleine Intrige geschickt zu fhren. Weshalb will sie denn meinen guten Vetter nicht? Der brave Seemann war ihr nie etwas; es wird ihr berhaupt niemals jemand viel sein knnen! Dem guten Vollrad kommt es darauf nicht an, und er ist wirklich auerdem gar nicht so bel. Wahrhaftig, lieber Freund, auch ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, da ich nicht -- einzig und allein -- aus erbrmlichen Philisterinteressen hier kuppelte. Baron, ich mute einmal wieder etwas um die Hand haben, und, vertraulich gesagt, ich gebe den Faden auch noch nicht aus der Hand. Ich bin fest berzeugt, da ich doch noch meinen Willen bekommen werde und zwar zum Besten aller dabei Beteiligten. Das ist auch meine feste berzeugung! rief ich und sprach nie ein wahreres Wort. -- Das Gewittergewlk war unterdessen immer hher emporgerckt und zwar von allen vier Weltgegenden her. Die schweren Dunstmassen legten sich immer dunkler eine ber die andere, und jedermann sah nach seinen Fenstern und Fensterlden, oder warf bedenkliche Blicke am Blitzableiter empor, wenn ein solcher in der Nhe seiner Wohnung vorhanden war. Sorgliche Familienvter benutzten die gnstige Gelegenheit, ihre Kinder auf die Vorsichtsmaregeln, die von den denkenden Menschen bei einem Gewitter anzuwenden sind, und die so selten jemand in Anwendung bringt, von neuem aufmerksam zu machen. Alte und junge nervenschwache Weiber von beiden Geschlechtern atmeten nur noch in der Vorstellung, da sich ja ein Keller unter dem Hause befinde, und -- ich und die schne junge Witwe dachten an gar nichts, sondern unterhielten uns von jener Zeit, wo die gndige Frau noch einfach Christinchen Erdmann, das hbsche, kluge, lebhafte Tchterchen des Bergmeisters Erdmann zu Clausthal, und ich der eben von der Bergakademie Freiberg heimgekehrte Bergeleve Emil von Schmidt war. Wir sprachen nicht ber Neptunismus und Plutonismus, aber wir sprachen auch nicht ber Platonismus; denn was den letztern anbetraf, so unterhielten wir uns eine geraume Zeit darber: wer von unseren damaligen Bekannten und Bekanntinnen, Freunden und Freundinnen geheiratet habe, und wer nicht. Wir berhrten auch ganz leise die delikate Erfahrung, da die Zeit mit berraschender Schnelligkeit hingehe, und von diesem Absatze der Unterhaltung aufblickend, fanden wir es von neuem entsetzlich schwl. Es verwirrte sich der Tag allgemach in meinem Gehirne mehr und mehr. Der heie, schwermtige Gang und die helle unbarmherzige Sonne, das offene Grab und das halbzugeschttete, der Meister Autor mit dem Thujazweige an dem Grabe, und dann der khle, der kalte Cyriacushof, die dmmerige Stube der Base Schaake, in der die unheimlichen Kerzen nicht mehr brannten, wo aber Trudchen Tofote auf dem Spinnstuhle der Greisin neben dem trostlosen Hafenmeister sa! Und jetzt? Da rieselte, pltscherte inmitten des tropischen Gartens der kleine knstliche Springbrunnen, und die Goldfische im buntausgelegten Becken stiegen auf und ab in ihrem Elemente, schwnzelten hin und her, -- fort und fort. Auf dem Rande des Beckens kroch oder klebte vielmehr eine handgroe Schildkrte, welche fortwhrend leise den Kopf aus der Schale vorschob, um ihn ebenso leise und langsam wieder unter dieselbe zurckzuziehen, und ich sah auf das Tier, und mit einem Male berkam mich die stupid-stupende Vorstellung, wie angenehm es sein msse, in solch ein Geschpf einmal berzugehen und gleichfalls regungslos zu sitzen und von dem Rande der Flut in hnlicher Weise dem Spiel, dem langweilig beweglichen Spiel der Gold- und Silberfische zuzusehen. Unwillkrlich, mich gnzlich in dieser beneidenswerten Art der Metempsychose verlierend, schob auch ich den Kopf und Hals aus der Krawatte hervor und zog beides wie die geharnischte Krte zurck; richtig, es ging bereits!... und mitten in der Schwle, der schlimmen Schwle des Abends perlten mir pltzlich die kltesten Angstschweitropfen auf der Stirn: was ging es mich an, ob der Meister Autor Kunemund sein eigenes Leben habe? Hatte ich nicht auch das meinige?! Hatte nicht die gndige Frau recht? Was ging mich berhaupt der Meister Autor samt seiner Sippschaft an? Seit ich ihn kennen lernte, hatte er nicht ein einziges Mal etwas Auerordentliches gesagt -- und getan noch weniger -- -- Ich war nahe daran, ziemlich geringschtzig ber den Meister Autor zu denken, als ein langhallender, aber sehr ferner Donner durch den grauen, heien Abend rollte. Dabei blieb es jedoch auch: das Gewitter kam durchaus in der Weise, wie es sich angekndigt hatte, nicht. Es krepierte. Und die Frau Christine sprach whrenddem immerfort freundlich weiter und unterhielt mich auf das liebenswrdigste. Der Meister Autor hatte mehrmals von dem Versinken der Grten in dieser Welt gesprochen; das behielt freilich sein Recht, doch wer hinderte uns denn, in dem Grn zu lustwandeln und die Vgel singen zu hren, die Wasser springen zu sehen, solange es noch anging? Wer hinderte uns, die beste Obstbaum- und Gemsezucht zu treiben, solange der fruchtbare Humus noch zutage lag? Spargel und grne Erbsen, Melonen, pfel, Birnen, Pflaumen sind etwas recht Gutes und lohnen die Mhe und Arbeit, die man auf ihre Kultur verwendet. Wir sprachen gerade darber ziemlich eingehend, das heit, wir legten einander unsere Stellungen in der Gesellschaft klar und mit grtmglichster Unbefangenheit dar und fanden von neuem aus, da wir alle beide gar nicht verchtliche Gartenknstler seien, sowohl was die Blumen- als was die Gemsezucht anbetreffe. Signor Ceretto Wichselmeyer behielt einfach das letzte Wort; wie es geschah, wei ich selber nicht genau anzugeben, aber das Faktum steht mir heute unumstlich fest: ich sprach der Frau Christine von Wittum den Wunsch aus, frhere liebliche Tage in behaglicherer und gediegenerer Weise von neuem leben zu drfen, worauf sie lachte und meinte, sie habe nichts dagegen einzuwenden. Darauf wurden wir sehr ernst, unterhielten uns ungemein ruhig ber das Glck der Ehe und setzten unseren Hochzeitstag fest. Wir hatten beide niemand um seinen Rat oder gar seine Zustimmung anzugehen; wir waren beide mndig -- ich sogar sehr -- und was noch wichtiger war, wir glaubten fest, es zu sein; und so -- wurden wir zu Winters Anfang ein Paar, umzunten ein neues Stck Erdenland und fingen von neuem an zu graben und zu pflanzen, wie Adam und Eva -- sowohl dem Apfel des Glcks, wie dem Stein der Abnahme zum Trotz. -- Sechsundzwanzigstes Kapitel. Als ich dem Herrn Kunemund am folgenden Tage, das heit am Tage nach dem Begrbnis des Steuermanns Schaake, im Cyriacihofe meine Verlobung mitteilte, schien er sich im Anfange ein wenig zu wundern. Ich mu es ihm aber lassen, da er sich rasch zu fassen und seinen Glckwunsch in gebhrender Form abzustatten wute. Sie werden doch unser Trudchen im Hause behalten, Sie und Ihre liebe Frau Gemahlin? fgte er dann an. Hier im Hofe findet sie sich eben in keiner Weise, das ist mir jetzt schon von neuem klar aufgegangen. Und was sollte sie bei mir und der Alten in unserm Dorfe? Das Kind ginge da einfach zugrunde. Ich beruhigte ihn in der Beziehung, und es blieb nicht nur Signor Ceretto in unsern Diensten, sondern auch Frulein Gertrud Tofote behielt auch fernerhin ihren Unterschlupf im Hause der Frau Christine; bis sie nach unserer Verheiratung in mein Haus herberkam. Es tat uns unendlich leid, als sie im nchsten Sommer schon aus demselben wieder fortging. Wir verheirateten sie richtig mit unserm Vetter Vollrad von Wittum! Wir verheirateten sie?... Der richtige Ausdruck ist das eigentlich nicht. Herr Autor Kunemund hatte nicht das geringste mit dem glcklichen Ereignis zu schaffen, ich wenig, meine Frau nicht wenig und das meiste die liebliche Braut selber. Wie viel oder wie wenig der Vetter Vollrad dabei beteiligt war, das zu berechnen werde ich einfach dem Guten selber berlassen. Der Meister Autor kam nicht zur Hochzeit; aber wir schickten das junge Paar zu ihm. Wir lieen die jungen Leute beim Antritt ihrer Hochzeitsreise den kleinen Umweg machen, und Trudchen schrieb uns spter von Schaffhausen aus sehr gerhrt ber den Empfang, den ihr und ihrem Gatten der arme gute Onkel bereitet habe. Der Vetter hngte an den Brief seiner kleinen Frau ein Postskriptum, in welchem er den Meister Autor fr einen prchtigen Burschen erklrte, der ihn lebhaft an seinen verrckten seligen Onkel mit den Intaglien erinnert habe. Siehst du, Emil, sagte meine kluge Frau, man glaubt alle Augenblicke vor einer Wand zu stehen, um jedesmal zu finden, da ein Weg um dieselbe herumfhre. Das ist ein Wort aus dem Lebensbuch des alten Kunemund, meine Beste, erwiderte ich, und Frau Christine von Schmidt sprach: So?... Das habe ich nicht gewut. -- Es fhrt freilich stets ein Weg um die Mauer. Der gute treue Hafenmeister des armen Karl Schaake, die blauugige Base im Cyriacihofe ging noch vorher aus demselbigen fort, ehe die Maurer und Zimmerleute kamen, um sie auszutreiben. Wir hatten uns ihretwegen so sehr vor dem ersten Schlag der Spitzhaue auf das alte Gemuer gefrchtet, und -- wie es sich nunmehr zeigte -- ganz ohne Grund. Spitzhaue und Schaufel kamen zwar auch ins Spiel, aber die Base Schaake lie sie ruhig gewhren, lie sie still ihre whlende Arbeit beginnen und endigen. Bei dieser Gelegenheit kam der Meister Autor noch einmal von seinem Dorfe in die Stadt, besuchte mich in meiner neuen Huslichkeit, und da auch ich selbstverstndlich der Base die letzte Ehre gab, so gingen wir wieder einmal auf einem und demselben Wege Schulter an Schulter. Denken Sie sich, die Alte wollte diesmal durchaus mit in die Stadt und die Gelegenheit benutzen, um unserm Trudchen eine Visite zu machen, sagte er. Diese unglckliche Kreatur, die sich kaum noch auf den Beinen hlt und an der die Stimme und das Gemte das einzige Unvernderte geblieben ist! Ich bin ihr wieder mal durch die Hintertr entwischt. Er sprach noch manches andere in der Art auf dem nachdenklichen Gange, da ich mehr als einmal leise seine Hand aufgriff und sie ihm herzlich drckte, denn er zeigte mir durch diese seine Weise klar, da ihm so wenig wie dem wirklichen Meister Autor, Wolfgang von Goethe, ein Sarg noch imponieren knne. Von dem Grabe der Base weg machten wir der jungen Frau Gertrude von Wittum und ihrem Gemahl einen Besuch. Wir trafen das reizende Weibchen vor ihrem Pianoforte, an welchem sie eine in der Tat allerliebste Miene zu einem auergewhnlich bsen Spiel machte. Den Vetter Vollrad strten wir aus einem etwas unerquicklichen Vormittagsschlafe vom Diwane auf. -- Das junge Paar empfing uns in der herzlichsten, und, nachdem es sich ein wenig gesammelt hatte, auch heitersten, ja frhlichsten Weise. Wir wurden gebeten, zu Mittage zu bleiben, aber Herr Autor Kunemund hatte bereits meiner Frau die Ehre zugesagt und hielt Wort. -- Signor Ceretto stand whrend der Mahlzeit hinter dem Stuhle des Meisters und sorgte in einer so diabolischen Art und Weise fr die Bedrfnisse des Greises, da ich es endlich nicht mehr aushielt und den schwarzen Schlingel wieder einmal zur Tr hinausjagte. berhaupt gab mein Hauswesen mir bei dieser Gelegenheit mehrfache Grnde, mich zu rgern; obgleich, alles in allem genommen, Christine sich besser in den Alten und alle seine Eigentmlichkeiten hineinfand, als ich zu Anfang vermuten konnte. Bei der Suppe sa sie ihm noch recht steif und frostig gegenber; aber beim Braten schon kam sie behaglich auf die gute Zeit zu sprechen, whrend welcher der Frster Arend Tofote bei seinem schnen Kinde wohnte. Beim Nachtisch berlief es mich wieder hei und kalt; denn nunmehr fing sie ganz leise und zrtlich an, unsern Gast auszuholen, weshalb er damals zuerst das harmlose Beisammensein gestrt habe und bei Nacht und Nebel den Freunden durchgegangen sei? Was sie wahrscheinlich nicht erwartet hatte, trat ein: der Meister sagte ihr ganz unbekmmert seine Grnde und wurde somit in harmlosester, naivster Weise ganz frchterlich grob und rgerlich. Aber Christine fate sich nach der berwindung der ersten Verblffung mit bestem Humor. Es ist doch schade, sagte sie, wir htten uns frher kennen lernen sollen und dann genauer! -- -- Nun sind wieder zwei Jahre hingegangen. Heute wohnen Vollrad und Gertrud der Billigkeit, der Schnheit der Gegend und der angenehmen Lebensweise wegen in Freiburg im Breisgau. Ich habe den hchsten Wunsch meiner Frau erfllt und bin mit ihr nach Berlin bergesiedelt. Ceretto haben wir als eine Art von gutem Genius mit uns dahin genommen. Was dieser schwarze Sndenbock uns in unserer Ehe wert ist, lt sich weder wiegen noch messen; wir werfen ihn wie einen Federball zwischen uns hin und her, und er lt es sich mit der besten Laune gefallen. Mir imponiert dieser kuriose Philosoph viel zu sehr, als da ich es je einmal dahin gebracht htte, ihn als meinen Bedienten ansehen zu knnen. -- -- Vor vier Wochen sprach ich noch einmal bei Herrn Autor Kunemund vor. Er sah nie sehr gut und weit in seinem Leben, aber jetzt sah er fast gar nicht mehr. Die Alte lebte noch; aber sein alter Dachshund hatte ihm Valet gesagt, und -- wie ich den Arend kenne, so wre der imstande gewesen, mir auch diesen guten Freund auszustopfen und in einem Glaskasten hinzustellen. Damit ist es nun freilich nichts, sagte der Meister auf seiner Schnitzbank nachdenklich den Kopf schttelnd. Er sa noch immer gern auf seiner Schnitzbank; doch das gute, knstliche Messer leistete kaum noch etwas in seiner Hand. Das Dorf aber handelte brav an seinem greisen, ins Nest zurckgekehrten Kuckuck; Langeweile konnte der Meister nicht haben, denn der Besuch von jung und alt ri nicht ab, auch nicht whrend meines Aufenthaltes bei ihm. Um Mittag brachte er mich auf den Feldweg zur nchsten Station, und unter einer Eichengruppe nahmen wir Abschied voneinander, wahrscheinlich fr immer. Er war alt, und der Weg zu ihm mit einigen Unbequemlichkeiten verknpft. Wie oft auch noch whrend seiner brigen Lebenszeit ich von dem Bahnzuge aus sein Dorf in der Ferne daliegen sehen mochte: es stand dahin, ob ich noch einmal einen Lebenstag auf einen Besuch bei ihm verwenden wrde. Zum Schlusse machte der Alte selber eine dahin bezgliche Bemerkung. Alles ist in der Welt vorhanden, sagte er, aber nichts an der richtigen Stelle. Da ist es denn keinem zu verargen, da er sich eben drein findet und zugreift, wie es sich schickt. Was mich angeht, so verdenke ich es niemandem, wenn er seinen Garten bestellt, wie es ihm am ntzlichsten scheint. Auerdem aber, Herr Baron, meine ich, da, da ber eines jeglichen Felder, Ansichten, Taten und Werke die Fusohlen, Pferdehufe und Wagenrder der Nachkommenschaft doch endlich einmal weggehen, es gar keine Kunst ist, das Leben leicht und vergngt und die Erde, wie sie ist, zu nehmen. Sie haben gut reden, Meister! erwiderte ich etwas gedrckt und fuhr nach Berlin zurck, oder vielmehr, einer Verabredung mit meiner Gattin zufolge, zuerst bis Potsdam. Meine Frau erwartete mich am Bahnhofe und zwar in Begleitung einer lieben, aber etwas leicht verletzbaren Tante -- einer Erbtante, der wir am folgenden Morgen den Garten des alten klugen Knigs Fritz zu Sanssouci zu zeigen hatten. -- Anmerkungen zur Transkription: Passagen, die im Originaltext gesperrt gedruckt waren, sind hier _so_ markiert. Passagen, die im Originaltext nicht in Fraktur gesetzt waren, sind hier =so= markiert. Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten. Seite 128: aufzuhaten wurde gendert in aufzuhalten. End of the Project Gutenberg EBook of Meister Autor, by Wilhelm Raabe License: Share Alike