Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net [ Symbole fr Schriftarten: ~Antiqua~ : =gesperrt= ] Die groen Mchte Von Leopold von Ranke Neu herausgegeben von Friedrich Meinecke Im Insel-Verlag zu Leipzig Einfhrung Rankes Aufsatz Die groen Mchte, der zu den Kleinodien unsrer Nationalliteratur gehrt, erschien im Jahre 1833 und erffnete den zweiten Band der von ihm herausgegebenen Historisch-politischen Zeitschrift. Er trat mit dieser Zeitschrift aus der Stille der Forschung, in der er bisher gelebt hatte, auf den Kampfesboden der politischen Parteien in Preuen und Deutschland, nicht um sich einem der beiden miteinander ringenden Heerlager anzuschlieen, sondern um beiden einen hhern Punkt zu zeigen, von dem aus die beanspruchte Allgemeingltigkeit und dogmatische Sicherheit der hben und drben aufgestellten Parteiideale verblassen muten und viel grere und lebendigere Erscheinungen dem Blicke aufstiegen. Hie Autoritt, hie Volkssouvernitt, so war nach der Julirevolution der Gegensatz der Meinungen. Alles politische Leben sollte darin aufgehen, sei es den von Gott gewollten, sei es den vom Volke gewollten Staat zu verwirklichen. Im letzten Grunde kmpften dabei die alten und die neuen Schichten der Gesellschaft um die Macht im Staate. Aber sie fhrten diesen realen Kampf mit einer Ideologie, die das Wesen des Staates selbst gefhrdete, schon weil sie den innern sozialen Gegenstzen eine politische Schrfe und geistige Unduldsamkeit gaben, die ihr Zusammenwirken im Dienste des Ganzen unmglich machten. Die Extreme geben den Ton an, schrieb Ranke in dem Plane fr die neue Zeitschrift, das eine vielstimmiger als jemals: trotzig auf die Siege, die es erfochten hat, und auf den Beifall der groen Menge; das andre zwar in heftiger, aber unleugbar schwacher und nur immer aufreizender Opposition. Es sind zwei Schulen, die sich bekmpfen: weit und breit, in mancherlei Nuancen, haben sie den Boden eingenommen. Die Scholastik der mittlern Jahrhunderte beschftigte sich, die intellektuelle Welt ihren Distinktionen zu unterwerfen: diese neue Scholastik ist bemht, die reale Welt nach ihren Schulmeinungen einzurichten. Ranke war nicht gemeint, den Wahrheitsgehalt, den die damalige liberale wie die damalige konservative Staatsansicht in sich hegen mochten, zu bestreiten; nur ihrem Anspruch auf Alleinherrschaft wollte er sich widersetzen. Er wollte ihnen zeigen, da der Staat nicht nach Schulmeinungen, sondern durch reale Krfte geschaffen wird, da es deswegen keinen Normalstaat gibt, sondern da jeder Staat eine lebendige, individuelle Wesenheit fr sich ist, die sich nach eigenen Gesetzen und Bedrfnissen entwickelt. Dies Programm des modernen historischen Realismus wurde damals nur von wenigen verstanden. Aber es wurde von Bismarck in die Tat umgesetzt und ist durch Ranke zur Grundlage alles echten historischen, durch Bismarck zur Grundlage alles unbefangenen politischen Denkens geworden. Neue Schulmeinungen und Ideologien sind seitdem wohl wieder aufgestiegen und haben es zurckdrngen wollen. Die neueste Ideologie dieser Art ist uns im Weltkriege entgegengetreten, wo unsre Gegner aus dem Versuche der alten fundierten Weltmchte, die neue werdende Weltmacht zu unterdrcken, einen Kreuzzug der internationalen Demokratie gegen den rckstndigen autoritren Militarismus machen mchten. Aber diese neuen Ideologien sind viel dnner und drftiger gewebt als die alten, mit denen Ranke und Bismarck sich auseinanderzusetzen hatten. An der Wahrheit der Dinge zerreien sie. Die damaligen Ideologien waren ganz ehrlich gemeint; an die heutigen knnen nur die beschrnktesten unter unsern Gegnern ehrlich glauben. Die Melodie der Rankeschen groen Mchte und ihrer Kmpfe um Existenz, Individualitt, Unabhngigkeit und Ausbreitung tnt so gewaltig wie noch nie aus diesem Weltkriege. Die Rankeschen Lehren sind in Deutschland reicher aufgegangen als in andern Lndern. Man fhlt das dort wohl, aber man macht uns daraus den Vorwurf, da wir uns einem naturalistischen Kultus der Macht ergeben und die frhere deutsche Geistigkeit eingebt htten. Rankes Aufsatz beleuchtet das wahre Verhltnis der beiden groen, durch die Namen Goethe und Bismarck bezeichneten Epochen unsres modernen Nationallebens und ist ihr organisches Bindeglied. Er zeigt, da im Vlkerleben geistige Werte nicht ohne Machtwerte und dauerhafte Machtwerte nicht ohne geistige Werte erzeugt werden und, um mit ihm zu sprechen, beide auf das genaueste zusammengehren. Die Machtpolitik der einzelnen Staaten erscheint in dieser Skizze wie berglnzt von den geistigen Krften der Nationen. Ranke gibt in ihr wie berhaupt in seinen Darstellungen der auswrtigen Politik den breitesten Raum. Dabei kommen neben den politischen Momenten die literarischen strker zum Ausdruck als die wirtschaftlichen und sozialen, die uns heute unentbehrlich scheinen zum vollen Verstndnis der Staats- und Nationalentwicklungen. Aber Geschichtschreibung im hhern Sinne ist nun einmal individuelles Bedrfnis und individuelle Kunst. Ebensowenig wie es Normalstaaten gibt, gibt es eine normale Behandlung der Geschichte. Ebenso wie der wirkliche Staat, mu die Geschichtschreibung auf besondern, einheitlichen und fruchtbaren Prinzipien beruhen, mu aber auch dabei wie dieser die Gesamtheit aller Lebensgebiete vor Augen haben. Sie ist, wie der Staat, Individualitt, die nach Totalitt strebt, aber in den Schranken ihrer Individualitt nicht anders kann, als die ihr als Dominanten des Geschehens erscheinenden Dinge herausgreifen und die brigen Krfte bald leiser, bald vernehmlicher mitschwingen lassen. Nur so kann die unbersehbare Flle des Geschehens gemeistert und zu einem Kosmos geordnet werden. Und die Dominante der auswrtigen Politik, die Ranke -- sehr schon gegen den Geschmack seiner auf Verfassungsideale erpichten Zeit -- herausgriff, hat sich als fruchtbarer erwiesen als jede andre, um das Staatenleben im groen zu verstehen. Es war ein genialer Griff, auszugehen von den ersten und unabweisbarsten Bedrfnissen der Staaten, von ihren Kmpfen um Existenz und Lebensraum, denn ihre innere Struktur ist zum grern Teile Anpassung an diese Kmpfe. Die Machtbedrfnisse bestimmen wie nichts andres die besondern Verfassungsformen der Staaten. Es ist hier nicht der Ort, die ideengeschichtliche Genesis der Rankeschen Lehren von der Individualitt der Staatspersnlichkeiten und dem Primate der auswrtigen Politik zu zeigen. Man mte dafr zurckgreifen auf die Romantik, auf Wilhelm von Humboldt und Herder. Unter den Romantikern kommt, wie ich an andrer Stelle gezeigt habe, namentlich Adam Mller als Vorlufer Rankes in Betracht. Insgesamt war diese Entwicklung und Vertiefung der Geschichtsauffassung von Herder zu Ranke hin eine der grten Leistungen des deutschen wissenschaftlichen Geistes. Sie war nicht denkbar ohne das Erwachen der Nationen, ohne die Idee der Nationalitt und das neue Licht, das diese Idee auf alle individuellen Erscheinungen im geschichtlichen Leben warf. Tiefer und origineller als irgendwo ist in Deutschland die Nationalitt als groe =Individualitt= begriffen worden. Auch die Bedeutung der Nation fr den Staat hat Ranke, wie dieser Aufsatz zeigt, nicht im normalen und schematischen Sinne der Franzsischen Revolution, sondern ganz individuell und konkret erfat, ohne doch das Generelle an ihr dabei zu bersehen. Rankes Geschichts- und Staatsauffassung war aber, ber das Zeitalter der Romantik und der Erhebung der Nationen hinber, auch noch befruchtet durch die Eindrcke und berlieferungen des Zeitalters vor 1789, der sogenannten Kabinettspolitik. Die Groen Mchte erinnern selber an Friedrichs des Groen Jugendschrift ~Considrations sur l'tat prsent du corps politique de l'Europe~ von 1738 (nicht 1736, wie Ranke noch annahm), in der auch schon, freilich fr rein praktische Zwecke, die Kunst gebt wurde, die individuellen Interessen und Tendenzen der einzelnen Gromchte zu charakterisieren und sie zugleich als Glieder einer einheitlichen Staatenfamilie zu behandeln. Es gab eine ganze Literatur dieser Art im 17. und 18. Jahrhundert, die mit khler Klugheit und Klarheit die Interessen der Frsten ihrer Zeit studierte und berechnete. Ranke lernte diese Kunst vor allem aus den Relationen der venezianischen Gesandten. An realistischer Menschen- und Weltkenntnis konnte er es bald mit ihnen aufnehmen. Er berflog sie weit, weil er den philosophischen Geist hinzutun konnte, den das Deutschland seiner Jugendzeit erzeugt hatte. Die erhabenen, geheimnisvoll-durchsichtigen Schluworte des Aufsatzes htte auch der feinste politische Kopf des ~ancien rgime~ nicht schreiben und empfinden knnen. Es steckt unglaublich viel in diesem Aufsatze. Ranke schrieb ihn auf der Jugendhhe seiner Kraft, reich an schon gewonnener universalhistorischer Anschauung, reicher noch an Ahnungen und Entwrfen fr knftige Studien. Alle seine sptern groen Werke, voran die preuische, franzsische und englische Geschichte, in gewissem Sinne auch die Weltgeschichte, sind schon, wie man mit Recht bemerkt hat, in dieser Skizze keimhaft enthalten. Man mu sie wieder und wieder lesen und erwgen und findet doch immer wieder verborgene Einsichten und Winke, die Ausgangspunkt fr ganze Reihen von Studien und Auffassungen geworden sind oder noch werden knnen. Auch im heutigen Weltmomente, der die Nationen ganz auseinanderzureien droht, kann uns sein groartiger Optimismus trsten, der das System des Rechtes in der europischen Ordnung der Dinge immer wieder emportauchen, nach immer neuer Vollendung streben sah. Dieser Optimismus entsprang der tiefen Kenntnis der gewaltigen Quadern und Fundamente, die das europische Gesamtleben trotz aller untereinander gefhrten Kmpfe um die Macht im Grunde tragen. Alle Kenntnis der Dinge aber steigert sich bei Ranke zu Anschauung und Mitgefhl, die das Besondre in seinen geheimsten Falten und das Allgemeine in seinen hchsten Beziehungen umfat. Weil beides bei ihm in jedem Augenblicke ineinanderlebt, ist auch das Besondre immer etwas von allgemeiner Bedeutung und das Allgemeine niemals eine bloe Abstraktion, sondern nur die hchste der verschiedenen ineinander verkapselten Individualitten. Und ber der hchsten Allgemeinheit der Geschichte, die sich schauen lt, liegt immer noch ein geistiger ther philosophisch-religiser Ahnungen, der alles umhllt. Keinem Historiker der Welt ist es je gelungen, zugleich so realistisch und so transzendent die Dinge zu behandeln. Man wird einwenden, da sich die realistischen Bestandteile seiner Geschichtsauffassung als dauerhafter erweisen werden, wie die transzendent-spekulativen. Ohne Zweifel ist auch das geschichtsphilosophische Element in unserm heutigen historischen Denken schon etwas anders zusammengesetzt wie bei Ranke. Aber Rankes Geschichtsphilosophie hat nirgends seinen Realismus beeintrchtigt und war doch, so wie sie war, elastisch, behutsam und glubig zugleich, notwendig, um einen Realismus von dieser Schrfe und Tiefe hervorzubringen. Doch wir wollen hier nur erste Andeutungen zum Verstndnis Rankes und seiner Groen Mchte geben. Im freundlichen Gewande der Inselbcherei, die schon so manche Perlen unsrer Literatur umschliet, werden die Groen Mchte hoffentlich Gemeingut aller derer werden, die es mit historisch-politischem Denken ernst nehmen und es nicht nur stofflich bereichern, sondern schulen und verfeinern wollen. Mchten sie auch den historisch-politischen Geschmack berhaupt heben, der heute bei uns nicht auf der Hhe der weltgeschichtlichen Entscheidungen unsrer Tage steht. Einige Literaturangaben zur Kommentierung der Groen Mchte werden vielleicht erwnscht sein. Varrentrapp hat in der Historischen Zeitschrift Bd.99 (1907) gelehrt und stoffreich ber Rankes Historisch-politische Zeitschrift und ihr feudalkonservatives Gegenstck, das Berliner Politische Wochenblatt, gehandelt. Max Lenz in seinem Bchlein Die groen Mchte. Ein Rckblick auf unser Jahrhundert (1900) geht von einer eingehenden Wrdigung des Rankeschen Aufsatzes aus, um dann khn und geistvoll den Versuch Rankes, europische Geschichte aus der Vogelperspektive zu sehen, fr das 19.Jahrhundert fortzusetzen. Die Bedeutung der Groen Mchte und der verwandten Aufstze Rankes fr die Geschichte des Nationalstaatsgedankens habe ich in meinem Buche Weltbrgertum und Nationalstaat (3.Aufl. 1915) zu zeigen versucht. Wer Rankes Persnlichkeit und geistige Entwicklung kennen lernen will, mu zuerst aus seinen Briefen und autobiographischen Aufzeichnungen schpfen, die Alfred Dove in Band53/54 der Werke Rankes herausgegeben hat. Doves eigene Aufstze ber Ranke in seinen Ausgewhlten Schriftchen vornehmlich historischen Inhalts (1898) sind wohl das Schnste, was ber Ranke bisher gesagt worden ist. Ein Wort von Novalis -- auch einem der Denker, die der Rankeschen Geschichtsauffassung vorgearbeitet haben -- mag diese Einfhrung beschlieen: Was bildet den Menschen, als seine Lebensgeschichte? Und so bildet den =groartigen= Menschen nichts, als die =Weltgeschichte=. Berlin, im August 1916. =Friedrich Meinecke.= Die groen Mchte Mit Studien und Lektre verhlt es sich nicht anders als mit den Wahrnehmungen einer Reise, ja mit den Ereignissen des Lebens selbst. So sehr uns das einzelne anziehen und frdern mag, indem wir es genieen, so tritt es doch mit der Zeit in den Hintergrund zurck, verwischt sich, verschwindet; nur die groen Eindrcke, die wir auf einer oder der anderen Stelle empfinden, die Gesamtanschauungen, die sich uns unwillkrlich oder durch besonders aufmerksame Beobachtungen ergaben, bleiben brig und vermehren die Summe unseres geistigen Besitzes. Die vornehmsten Momente des genossenen Daseins treten in der Erinnerung zusammen und machen ihren lebendigen Inhalt aus. Gewi tut man wohl, nach der Lektre eines bedeutenden Werkes sich die Resultate desselben, soweit man es vermag, abgesondert vorzulegen, die wichtigeren Stellen noch einmal zu bersehen; es ist ratsam, zuweilen die Summe eines mehrere umfassenden Studiums zu ziehen; ich gehe weiter und lade den Leser ein, sich die Ergebnisse einer langen historischen Periode, die nur durch mannigfaltige Bemhungen kennen zu lernen ist -- der letzten anderthalb Jahrhunderte --, einmal im Zusammenhange zu vergegenwrtigen. Ohne Zweifel hat in der Historie auch die Anschauung des einzelnen Momentes in seiner Wahrheit, der besonderen Entwickelung an und fr sich einen unschtzbaren Wert; das Besondere trgt ein Allgemeines in sich. Allein niemals lt sich doch die Forderung abweisen, vom freien Standpunkte aus das Ganze zu berschauen; auch strebt jedermann auf eine oder die andere Weise dahin; aus der Mannigfaltigkeit der einzelnen Wahrnehmungen erhebt sich uns unwillkrlich eine Ansicht ihrer Einheit. Nur ist es schwer, eine solche auf wenigen Blttern mit gehriger Rechtfertigung und einiger Hoffnung auf Beistimmung mitzuteilen. Ich will mich jedoch einmal daran wagen. Denn womit knnte ich einen neuen Band dieser Zeitschrift[1] besser einleiten, als wenn ich einige Irrtmer ber den Bildungsgang der modernen Zeiten, die sich fast allgemein verbreitet haben, zu erschttern vermchte, wenn es mir einigermaen gelnge, den Weltmoment, in dem wir uns befinden, deutlicher und unzweifelhafter, als es gewhnlich geschehen mag, zur Anschauung zu bringen? Wage ich mich nun an diesen Versuch, so darf ich nicht zu weit zurckgreifen, es wre sonst notwendig eine Weltgeschichte zu schreiben; auch halte ich mich absichtlich an die groen Begebenheiten, an den Fortgang der auswrtigen Verhltnisse der verschiedenen Staaten; der Aufschlu fr die inneren, mit denen jene in der mannigfaltigsten Wirkung und Rckwirkung stehen, wird darin groenteils enthalten sein. Die Zeit LudwigsXIV. Gehen wir davon aus, da man in dem sechzehnten Jahrhundert die Freiheit von Europa in dem Gegensatz und dem Gleichgewichte zwischen Spanien und Frankreich sah. Von dem einen berwltigt, fand man eine Zuflucht bei dem andern. Da Frankreich eine Zeitlang durch innere Kriege geschwcht und zerrttet war, erschien als ein allgemeines Unglck; wenn man dann HeinrichIV. so lebhaft begrte, so geschah dies nicht allein, weil er der Anarchie in Frankreich ein Ende machte, sondern hauptschlich weil er eben dadurch der Wiederhersteller einer gesicherten europischen Ordnung der Dinge wurde. Es ereignete sich aber, da Frankreich, indem es dem Nebenbuhler allenthalben, in den Niederlanden, in Italien, auf der Halbinsel, die gefhrlichsten Schlge beibrachte und die Verbndeten desselben in Deutschland besiegte, hierdurch selber ein bergewicht an sich ri, grer als jener es in dem Hhepunkte seiner Macht besessen hatte. Man vergegenwrtige sich den Zustand von Europa, wie er um das Jahr 1680 war. Frankreich, so sehr dazu geeignet, so lange schon gewohnt, Europa in Grung zu erhalten, -- unter einem Knige, der es vollkommen verstand, der Frst dieses Landes zu sein, dem sein Adel, nach langer Widerspenstigkeit endlich unterworfen, mit gleichem Eifer am Hof und in der Armee diente, mit dem sich seine Geistlichkeit wider den Papst verbndet hatte, -- einmtiger, mchtiger als jemals vorher. Um das Machtverhltnis einigermaen zu berblicken, braucht man sich nur zu erinnern, da zu der nmlichen Zeit, als der Kaiser seine beiden ersten stehenden Regimenter, Infanterie und Krassiere, errichtete, LudwigXIV. im Frieden bereits 100000 Mann in seinen Garnisonen und 14000 Mann Garde hielt; da, whrend die englische Kriegsmarine in den letzten Jahren KarlsII. immer mehr verfiel (sie hatte im Jahre 1678 83 Schiffe gezhlt), die franzsische im Jahre 1681 auf 96 Linienschiffe vom ersten und zweiten Range, 42 Fregatten, 36 Feluken und ebensoviele Brander gebracht ward. Die Truppen LudwigsXIV. waren die gebtesten, krieggewohntesten, die man kannte, seine Schiffe sehr wohl gebaut; kein anderer Frst besa zum Angriff wie zur Verteidigung so wohlbefestigte Grenzen. Nicht allein aber durch die militrische Macht, sondern noch mehr durch Politik und Bndnisse war es den Franzosen gelungen, die Spanier zu berwltigen. Die Verhltnisse, in welche sie dadurch gelangt waren, bildeten sie zu einer Art von Oberherrschaft aus. Betrachten wir zuerst den Norden und Osten. Im Jahre 1674 unternahm Schweden einen gefhrlichen Krieg, ohne Vorbereitung, ohne Geld, ohne rechten Anla, nur auf das Wort von Frankreich und im Vertrauen auf dessen Subsidien. Die Erhebung Johann Sobieskis zur polnischen Krone ward in einem offiziellen Blatte als ein Triumph LudwigsXIV. angekndigt; Knig und Knigin waren lange im franzsischen Interesse. Von Polen aus untersttzte man, wenn es ber Wien nicht mehr mglich war, die ungarischen Mivergngten; die Franzosen vermittelten die Verbindung derselben mit den Trken; denn auf den Diwan bten sie ihren alten, durch die gewhnlichen Mittel erhaltenen Einflu ohne Strung. Es war alles =ein= System. Eine vorzgliche Rcksicht der franzsischen Politik bestand darin, den Frieden zwischen Polen und Trken zu erhalten; dazu wurde selbst der Tatarkhan angegangen. Eine andere war, Schweden von den Russen nicht mit Krieg berziehen zu lassen. Kaum machten, sagt Contarini 1681, die Moskowiter Miene, Schweden anzugreifen, das mit Frankreich verbndet ist, so drohten die Trken, mit Heeresmacht in das Land des Zaren einzufallen. Genug, Krieg und Friede dieser entfernten Gegenden hingen von Frankreich ab. Man wei, wie unmittelbar, hauptschlich durch Schweden, das nmliche System Deutschland berhrte. Aber auch ohne dies war unser Vaterland entzweit und geschwcht. Bayern und Pfalz waren durch Heiratsverbindungen an den franzsischen Hof geknpft, und fast alle brigen Frsten nahmen zu einer oder der anderen Zeit Subsidien; der Kurfrst von Kln berlieferte vermge eines frmlichen Traktates, den er durch verschiedene Scheinvertrge verheimlichte, seine Festung Neu an eine franzsische Besatzung. Auch in dem mittleren und dem sdlichen Europa war es nicht viel anders. Die Schweizer dienten zuweilen, ber 20000 Mann stark, in den franzsischen Heeren, und von der Unabhngigkeit ihrer Tagsatzungen war bei so starkem ffentlichen, noch strkerem geheimen Einflu nicht mehr viel zu rhmen. Um sich Italien offen zu erhalten, hatte Richelieu Pinarolo genommen; noch wichtiger ist Casale, durch welches Mailand und Genua unmittelbar bedroht werden. Jedermann sah, welche Gefahr es wre, wenn auch dieser Platz in franzsische Hnde komme; jedoch wagte kein Mensch, sich der Unterhandlung, die LudwigXIV. mit dem Herzoge von Mantua darber pflog, obwohl sie lange genug dauerte, ernstlich zu widersetzen, und endlich rckte eine franzsische Besatzung daselbst ein. Wie der Herzog von Mantua waren auch die brigen italienischen Frsten groenteils in der Pflicht von Frankreich. Die Herzogin von Savoyen und, jenseit der Pyrenen, die Knigin von Portugal waren Franzsinnen. Der Kardinal d'Etres hatte ber die eine wie die andere eine so unzweifelhafte Gewalt, da man gesagt hat, er beherrsche sie despotisch, durch sie die Lnder. Sollte man aber glauben, da Frankreich indes selbst auf seine Gegner vom Hause sterreich, im Kampf mit denen es eben seine vorherrschende Gewalt erworben hatte, einen entschiedenen Einflu erwarb? Es verstand, die spanische und die deutsche Linie zu trennen. Der junge Knig von Spanien vermhlte sich mit einer franzsischen Prinzessin, und gar bald zeigte sich dann die Wirksamkeit des Botschafters von Frankreich auch in den inneren Angelegenheiten von Spanien. Der bedeutendste Mann, den dies Land damals hatte, der zweite Don Juan d'Austria, ward, soviel ich finde, durch die Franzosen in den Mikredit gebracht, in welchem er starb. Aber auch zu Wien, selbst mitten im Kriege, wuten sie, wiewohl blo insgeheim, Fu zu fassen. Nur unter einer solchen Voraussetzung wenigstens glaubte man die Schwankungen des dortigen Kabinetts begreifen zu knnen. Die Anordnungen des Hofkriegsrates waren, wie Montecuculi klagte, frher zu Versailles bekannt als in dem eigenen Hauptquartier. Bei diesem Zustande der Dinge htte wohl vor allen europischen Staaten England den Beruf gehabt, wie es auch eigentlich allein die Kraft dazu besa, sich den Franzosen zu widersetzen. Aber man wei, durch welche sonderbare Vereinigung der mannigfaltigsten Beweggrnde der Politik und der Liebe, des Luxus und der Religion, des Interesses und der Intrige KarlII. an LudwigXIV. gebunden war. Fr den Knig von Frankreich waren diese Bande jedoch noch nicht fest genug. In dem nmlichen Augenblicke lie er sich angelegen sein, auch die wichtigsten Mitglieder des Parlaments an sich zu ziehen. So independent, so republikanisch gesinnt sie waren, so brauchte er doch nur die nmlichen Mittel anzuwenden. Die Grnde, sagt der franzsische Gesandte Barrillon von einem derselben, die Grnde, die ich ihm anfhrte, berzeugten ihn nicht; aber das Geld, das ich ihm gab, das machte ihn sicher. Hierdurch erst bekam LudwigXIV. England in seine Gewalt. Htte der Knig sich von ihm entfernt, so wrde derselbe Widerstand im Parlament gefunden haben; sobald das Parlament dem nationalen Widerwillen gegen die Franzosen Raum gab, stellte sich der Knig entgegen. Ludwigs Politik war, und Barrillon sagt ausdrcklich, es liege demselben am Herzen, eine Vereinigung der Englnder, eine Ausshnung zwischen Knig und Parlament zu verhindern. Nur allzuwohl gelang es ihm; die englische Macht ward hierdurch vllig neutralisiert. Und so war allerdings Europa den Franzosen gegenber entzweit und kraftlos, ohne Herz, wie ein Venezianer sagt, und ohne Galle. Welch ein Zustand der allgemeinen Politik, da man es duldete, als Ludwig auf den Antrag eines seiner Parlamentsrte zu Metz jene Reunionskammern einrichtete, vor die er mchtige Frsten zitierte, um ber ihre Rechte an Land und Leute, durch Staatsvertrge gewhrleistet, wie ber Privatrechte von seinen Gerichten entscheiden zu lassen! Welch ein Zustand des Deutschen Reiches, da es sich Straburg so gewaltsam, so wider die Natur der Dinge entreien lie! Man erlaube mir, anzufhren, wie ein Fremder lange nachher die Eroberung des Elsa bezeichnet. Wenn man die Geschichte davon liest, sagt Young in einer Reisebeschreibung, so macht sie einen so tiefen Eindruck nicht; da ich aber, aus Frankreich kommend, ber hohe Gebirge mute und dann in eine Ebene hinabstieg, in der ein von den Franzosen in Sitte, Sprache und Abstammung ganz unterschiedenes Volk wohnt (die Ebene, welche damals erobert wurde), das machte mir Eindruck. Und eine solche Beleidigung nahm Deutschland hin und schlo darber einen Stillstand. Was gab es da noch, das sich LudwigXIV. nicht htte erlauben sollen? Ich will nicht dabei verweilen, wie er Genua mihandelte, wie er seinen Ambassadeur dem Papst zum Trotz mit einer bewaffneten Macht in Rom einrcken lie; erinnern wir uns nur, wie er selbst seiner Freunde nicht schonte. Er nahm Zweibrcken in Besitz, obwohl es seinem alten Bundesgenossen, dem Knige von Schweden, gehrte; sein Admiral bescho Chios, weil sich tripolitanische Seeruber dahin geflchtet, obgleich die Trken seine Verbndeten waren; einiger Forts, die der englischen Gesellschaft der Hudsonbai gehrten, bemchtigte er sich mitten im Frieden, whrend des besten Einverstndnisses. Jener Knigin von Polen versagte LudwigXIV. eine geringfgige Genugtuung ihres Ehrgeizes. Nachdem er sich Freunde gemacht, durch Geld oder Untersttzung, liebt er es, sie zu vernachlssigen, sei es, um ihnen zu beweisen, da er sie im Grunde doch nicht brauche, oder in der berzeugung, die Furcht vor seinem Unwillen allein werde sie in Pflicht halten. In jeder Unterhandlung will er dies sein bergewicht fhlen lassen. Von einem seiner auswrtigen Minister sagt er selbst: Ich habe ihn entfernen mssen; denn allem, was durch seine Hand ging, gebrach es an der Groartigkeit und Kraft, welche man zeigen mu, wenn man die Befehle eines Knigs von Frankreich ausfhrt, der nicht unglcklich ist. Man darf annehmen, da diese Gesinnung der vornehmste Antrieb selbst seiner Kriegslust war. Schwerlich war gerade eine ausschweifende Lndergier in ihm; von einer weit um sich greifenden Eroberung war eigentlich nicht die Rede. Wie die Feldzge selbst nur eben mit zu den Beschftigungen des Hofes gehren, -- man versammelt ein Heer, man lt es vor den Damen paradieren; alles ist vorbereitet; der Schlag gelingt; der Knig rckt in die eroberte Stadt ein, dann eilt er zum Hofe zurck, -- so ist es hauptschlich diese triumphierende Pracht der Rckkehr, diese Bewunderung des Hofes, worin er sich gefllt; es liegt ihm nicht soviel an der Eroberung, an dem Kriege, als an dem Glanze, den sie um ihn verbreiten. Nein! einen freien, groen, unvergnglichen Ruhm sucht er nicht; es liegt ihm nur an den Huldigungen seiner Umgebung; diese ist ihm Welt und Nachwelt. Aber darum war der Zustand von Europa nicht weniger gefhrdet. Sollte es einen Supremat geben, so mte es wenigstens ein rechtlich bestimmter sein. Dies faktisch Unrechtmige, das den ruhigen Zustand jeden Augenblick durch Willkr strt, wrde die Grundlage der europischen Ordnung der Dinge und ihrer Entwickelung auflsen. Man bemerkt nicht immer, da diese Ordnung sich von anderen, die in der Weltgeschichte erschienen sind, durch ihre rechtliche, ja juridische Natur unterscheidet. Es ist wahr, die Weltbewegungen zerstren wieder das System des Rechtes; aber nachdem sie vorbergegangen, setzt sich dies von neuem zusammen, und alle Bemhungen zielen nur dahin, es wieder zu vollenden. Und das wre noch nicht einmal die einzige Gefahr gewesen. Eine andere nicht minder bedeutende lag darin, da ein so entschieden vorherrschender Einflu einer Nation es schwerlich zu einer selbstndigen Entwickelung der brigen htte kommen lassen, um so weniger, da er durch das bergewicht der Literatur untersttzt wurde. Die italienische Literatur hatte den Kreis ihrer originalen Laufbahn bereits vollendet; die englische hatte sich noch nicht zu allgemeiner Bedeutung erhoben; eine deutsche gab es damals nicht. Die franzsische Literatur, leicht, glnzend und lebendig, in streng geregelter und doch anmutender Form, falich fr alle Welt und doch von nationaler Eigentmlichkeit, fing an, Europa zu beherrschen. Es sieht beinahe wie ein Scherz aus, wenn man bemerkt hat, da z.B. das Diktionr der Akademie, in welchem sich die Sprache fixierte, besonders an Ausdrcken der Jagd und des Krieges reich ist, wie sie am Hofe gang und gbe waren; aber leugnen lt sich nicht, da diese Literatur dem Staate vllig entsprach und ein Teil den anderen in der Erwerbung seines Supremats untersttzte. Paris ward die Kapitale von Europa. Es bte eine Herrschaft wie nie eine andere Stadt, der Sprache, der Sitte, gerade ber die vornehme Welt und die wirksamen Klassen; die Gemeinschaftlichkeit von Europa fand hier ihren Mittelpunkt. Sehr besonders ist es doch, da die Franzosen schon damals ihre Verfassung aller Welt angepriesen haben, den glcklichen Zustand der schutzreichen Untertnigkeit, in dem sich Frankreich unter seinem Knige befinde, einem Frsten, welcher vor allen verdiene, da die Welt von seiner Tapferkeit und seinem Verstande regiert und in rechte Einigkeit gebracht werde. Versetzt man sich in jene Zeit, in den Sinn eines Mitlebenden zurck, welch eine trbe, beengende, schmerzliche Aussicht! Es konnte doch geschehen, da die falsche Richtung der Stuarts in England die Oberhand behielt und die englische Politik sich auf ganze Zeitrume hinaus an die franzsische fesselte. Nach dem Frieden von Nimwegen wurden die lebhaftesten Unterhandlungen gepflogen, um die Wahl eines rmischen Knigs auf LudwigXIV. selbst oder doch den Dauphin fallen zu lassen; bedeutende Stimmen waren dafr gewonnen, denn allein der allerchristlichste Knig sei fhig, dem Reiche seinen alten Glanz wiederzugeben; und so unmglich war es nicht, da unter begnstigenden Umstnden eine solche Wahl wirklich getroffen wurde; wie dann, wenn hernach auch die spanische Monarchie an einen Prinzen dieses Hauses fiel? Htte zugleich die franzsische Literatur beide Richtungen, deren sie fhig war, die protestantische so gut wie die katholische, ausgebildet, so wrde Staat und Geist der Franzosen sich mit unwiderstehlicher Gewalt Europa unterworfen haben. Versetzt man sich, wie gesagt, in jene Zeit zurck, wodurch wrde man glauben, da einer so unglcklichen Wendung der Dinge Einhalt geschehen knnte? Gegen den Anwachs der Macht und des politischen bergewichtes konnten die minder Mchtigen sich vereinigen. Sie schlossen Bndnisse, Assoziationen. Dahin bildete sich der Begriff des europischen Gleichgewichtes aus, da die Vereinigung vieler anderen dienen msse, die Anmaungen des exorbitanten Hofes, wie man sich ausdrckte, zurckzudrngen. Um Holland und WilhelmIII. sammelten sich die Krfte des Widerstandes. Mit gemeinschaftlicher Anstrengung wehrte man die Angriffe ab, fhrte man die Kriege. Allein man wrde geirrt haben, wenn man sich htte berreden wollen, es liege darin eine Abhilfe auf immer. Einem europischen Bndnisse und einem glcklichen Kriege zum Trotz wurde ein Bourbon Knig von Spanien und Indien; ber einen Teil von Italien sogar breitete sich in dem allmhlichen Fortgang der Dinge die Herrschaft dieses Geschlechtes aus. In groen Gefahren kann man wohl getrost dem Genius vertrauen, der Europa noch immer vor der Herrschaft jeder einseitigen und gewaltsamen Richtung beschtzt, jedem Druck von der einen Seite noch immer Widerstand von der andern entgegengesetzt und bei einer Verbindung der Gesamtheit, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt enger und enger geworden, die allgemeine Freiheit und Sonderung glcklich gerettet hat. Da das bergewicht Frankreichs auf der berlegenheit seiner Streitkrfte, auf innerer Strke beruhte, so war ihm nur dadurch wahrhaft zu begegnen, da ihm gegenber auch andere Mchte zu innerer Einheit, selbstndiger Kraft und allgemeiner Bedeutung entweder zurckkehrten oder aufs neue emporkmen. berblicken wir in wenigen flchtigen Zgen, wie dies geschah. England, sterreich, Ruland Zuerst erhob sich England zu dem Gefhle seiner Strke. Dies war, sahen wir, bisher dadurch zurckgehalten, gebrochen worden, da LudwigXIV. zugleich KarlII. und das Parlament bearbeitete und bald den einen, bald das andere fr seine Zwecke zu bestimmen wute. Mit JakobII. aber stand Ludwig in einem viel vertraulicheren Verhltnis als mit Karl. Wenn nichts anderes, so vereinigte sie schon ihre religise Gesinnung, die gemeinschaftliche Devotion. Da Jakob den Katholizismus so auffallend begnstigte, war einem Frsten erwnscht, der die Protestanten selber grausam verfolgte. Ludwig ergo sich in Lob, und der englische Gesandte kann nicht genug sagen, mit welcher Herzlichkeit er sich zu jedem erdenklichen Beistand erboten habe, als Jakob den entscheidenden Schritt getan und die Bischfe gefangen gesetzt hatte. Aber eben dies bewirkte, da alle popularen und, da die englische Kirche angegriffen war, selbst die aristokratischen Gewalten sich zugleich ihrem Knige und den Franzosen entgegenwarfen. Es war eine religise, nationale und im Interesse des bedrohten Europas unternommene Bewegung, der die Stuarts unterlagen. Eben der leitete sie, der bisher die Seele aller Unternehmungen gegen Frankreich gewesen war, WilhelmIII. Der neue Knig und sein Parlament bildeten seitdem eine einzige Partei. Es konnte Streitigkeiten, selbst heftige Streitigkeiten zwischen ihnen geben, aber auf die Dauer, in der Hauptsache konnten sie sich nicht wieder entzweien, zumal da der Gegensatz so stark war, den sie gemeinschaftlich erfuhren. Die Parteien, die sich bisher in die Extreme geworfen, um einander von den entgegengesetztesten Standpunkten aus zu befehden, wurden in den Kreis des Bestehenden verwiesen, wo sie freilich auch miteinander stritten, aber sich zugleich miteinander ausglichen, wo ihr Widerstreit zu einem lebendigen Grungsstoff der Verfassung wurde. Es ist nicht ohne Interesse, diesen Zustand mit dem franzsischen zu vergleichen. Sie hatten doch vieles gemein. In Frankreich wie in England waren aristokratische Geschlechter im Besitz der Gewalt; die einen wie die anderen genossen einer alle anderen ausschlieenden Berechtigung; sie besaen dieselbe beide vermge ihrer Religion, die einen durch ihren Katholizismus, die anderen durch ihren Protestantismus. Dabei aber bestand der grte Unterschied. In Frankreich war alles Uniformitt, Unterordnung und Abhngigkeit eines reich entwickelten, aber sittlich verderbten Hofwesens. In England ein gewaltiges Ringen, ein politischer Wettkampf zweier fast mit gleichen Krften ausgersteter Parteien innerhalb eines bestimmten, umschriebenen Kreises. In Frankreich schlug die nicht ohne Gewalt gepflanzte Devotion nur zu bald in ihr offenbares Gegenteil um. In England bildete sich eine vielleicht beschrnkte, im ganzen mnnlich selbstbewute Religiositt aus, die ihre Gegenstze berwand. Jenes verblutete an den Unternehmungen eines falschen Ehrgeizes; diesem strotzten die Adern von jugendlicher Kraft. Es war, als trte der Strom der englischen Nationalkraft nun erst aus den Gebirgen, zwischen denen er sich bisher zwar tief und voll, aber enge, sein Bette gewhlt, in die Ebene hervor, um sie in stolzer Majestt zu beherrschen, Schiffe zu tragen und Weltstdte an seinen Ufern grnden zu sehen. Das Recht der Geldbewilligung, ber welches bisher die meisten Streitigkeiten zwischen dem Knig und dem Parlament ausgebrochen, fing nun vielmehr an, sie miteinander zu verbinden. KarlII. hatte whrend des Vierteljahrhunderts seiner Regierung alles in allem dreiundvierzig Millionen Pfund eingenommen. Wilhelm empfing binnen dreizehn Jahren zweiundsiebenzig Millionen Pfund; wie ungeheuer aber stiegen seitdem diese Anstrengungen! Eben darum stiegen sie, weil sie freiwillig waren, weil man sah, da ihr Ertrag nicht dem Luxus weniger Hofleute, sondern dem allgemeinen Bedrfnis diente. Da war das bergewicht der englischen Marine nicht lange zweifelhaft. Im Jahre 1678 war es als ein blhender Zustand der kniglichen Flotte erschienen, da sie, die Brander eingeschlossen, 83 Kriegsschiffe zhlte, mit einer Bemannung von 18323 Mann. Im Dezember 1701 besa man dagegen, Brander und kleinere Fahrzeuge ausgeschlossen, 184 Schiffe vom ersten bis sechsten Range mit einer Bemannung von 53921 Mann. Wenn, wie man glaubt, der Ertrag des Postwesens einen Mastab fr den inneren Verkehr abgibt, so mu man sagen, da auch dieser ungemein gestiegen war. Im Jahre 1660 soll die Post 12000 Pfund, im Jahre 1699 dagegen 90504 Pfund Sterling abgeworfen haben. Man hat gleich damals bemerkt, da das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen Erbfolgekriege die Besorgnis war, Frankreich und Spanien vereinigt mchten den westindischen Verkehr den Englndern und Hollndern wieder entreien. Htte auch sonst der Friede, den man zuletzt schlo, den Tadel verdient, den die Whigs so lebhaft ber denselben aussprachen, so hat er doch diese Furcht beseitigt. Nichts bezeichnet mehr das bergewicht der Englnder ber die bourbonischen Mchte, als da sie Gibraltar behaupteten. Den besten Verkehr mit den spanischen Kolonien brachten sie nunmehr sogar durch Vertrag an sich, indes die eigenen sich in ungeheuerem Fortschritt ausbreiteten. Wie Batavia vor Kalkutta, so verschwand seitdem der alte maritime Glanz von Holland vor dem englischen, und schon Friedrich der Groe fand zu bemerken, Holland folge dem Nachbar wie ein Boot seinem Schiff. Die Vereinigung mit Hannover brachte ein neues, kontinentales, nicht minder antifranzsisches Interesse hinzu. In dieser groen Bewegung erhob sich die englische Literatur zuerst zu europischer Wirksamkeit, und sie fing an, mit der franzsischen zu wetteifern. Naturforschung und Philosophie, diese sowohl in der einen als in der anderen ihrer Richtungen, brachten eine neue und originale Weltansicht hervor, in der jener die Welt bermeisternde Geist sich selber fate und widerspiegelte. Zwar wrde man zu viel behaupten, wenn man den Englndern die Schpfung vollendeter, in der Form unvergnglicher Denkmale der Poesie oder der Kunst in dieser Zeit zuschreiben wollte; aber herrliche Genies hatten sie auch damals, und lngst besaen sie wenigstens einen groen Dichter, dessen Werke -- fr alle Zeiten falich und wirksam, wie sie sind -- Europa nun erst kennen lernte. Hatten sie eine Zeitlang franzsische Formen nicht verschmht, so nahm man nun an den ausgezeichnetsten Franzosen die Wirkung ihres Geistes und ihrer Wissenschaft wahr. Dergestalt setzte sich LudwigXIV. jenem Nebenbuhler, dessen er durch Politik oder den Einflu der Religion Herr zu werden gehofft hatte, mchtiger in sich, groartiger und gefhrlicher, als man irgend hatte erwarten knnen, entgegen. Alle maritimen Beziehungen, alle Verhltnisse des europischen Westens wurden dadurch von Grund aus verndert. Indessen war zur nmlichen Zeit auch der Osten umgestaltet. Ich kann die Meinung nicht teilen, da das deutsche sterreich in der Bedeutung, in der wir es erblicken, eine alte Macht zu nennen sei. Whrend des Mittelalters htte es ohne das Kaisertum nur wenig zu sagen gehabt. Dann ward es von der spanischen Monarchie zugleich mit fortgezogen und in Schatten gestellt; am Ende des sechzehnten Jahrhunderts war es durch den Zwiespalt der Religion und die erblichen Berechtigungen der Stnde in seinen verschiedenen Landschaften alles auswrtigen Ansehens entkleidet worden; im Anfang des Dreiigjhrigen Krieges muten deutsche Heere dem Kaiser sein Erbland wiedererobern. Selbst der Glanz, den die wallensteinischen Unternehmungen auf FerdinandII. warfen, war doch nur vorbergehend; und welche gewaltsame Rckwirkung riefen sie nicht hervor! Wie oft wurden seitdem die Hauptstdte sterreichischer Provinzen von den schwedischen Heeren bedroht! Jedoch gelang es eben damals dem Hause sterreich, durch die Vernichtung seiner Gegner, die Erhebung seiner Anhnger, die endliche Befestigung des Katholizismus seine Macht im Innern auf immer zu begrnden. Es war der erste Schritt zu dem Ansehen, das es in neuerer Zeit erworben hat. Zu einer selbstndigen und europisch bedeutenden Macht wurde aber sterreich erst durch die Wiedereroberung von Ungarn. Solange Ofen in den Hnden der Trken war, konnten die Franzosen sterreich bedrohen, ja auerordentlich gefhrden, sooft es ihnen gefiel, ihren Einflu auf den Diwan dahin zu verwenden. Haben sie den Zug Kara Mustaphas im Jahre 1683 auch nicht veranlat, so haben sie doch darum gewut. Ihre Absicht war dabei nicht, Deutschland oder die Christenheit zu verderben; so weit gingen sie nicht; aber Wien wollten sie nehmen, die Trken wollten sie selbst bis an den Rhein vordringen lassen. Dann wre LudwigXIV. als der einzige Schirm der Christenheit hervorgetreten; in der Verwirrung, die eine solche Bewegung htte hervorbringen mssen, wrde es ihm nicht haben fehlen knnen, ber die deutsche Krone zu verfgen und sie, wenn er nur wollte, selbst an sich zu nehmen. Unter den Mauern von Wien schlug dieser Plan fehl. Es war die letzte groe Anstrengung der Trken, die um so verderblicher auf sie zurckwirkte, da sie alle ihre Krfte dazu in barbarischem bermae aufgewendet hatten. Seitdem wichen denn vor den deutschen Kriegsscharen, welche, wie ein Italiener sagt, wie eine starke, undurchdringliche Mauer vorrckten, die ungeordneten trkischen Haufen allenthalben zurck; vergebens erklrte ein Fetwa des Mufti, da Ofen der Schlssel des Reiches und die Verteidigung dieses Platzes eine Glaubenspflicht sei; es ging doch verloren; ganz Ungarn ward wiedererobert und zu einem erblichen Reiche gemacht. Die Mivergngten unterwarfen sich; in die Grenzen von Niederungarn rckte eine Raizische Bevlkerung ein, um dieses fortan wider die Trken zu verteidigen. Seitdem hatte sterreich eine ganz andere Grundlage als frher. Sonst wurden alle Kriege in Ungarn von deutschen Heeren gefhrt, und man sagte, alle dortigen Flsse seien mit deutschem Blute gefrbt; jetzt erschienen die Ungarn als der Kern der sterreichischen Heere in den deutschen Kriegen. Nun war es der franzsischen Diplomatie nicht mehr mglich, die Trken bei jedem leichten Anla in das Herz der Monarchie zu rufen; nur noch einmal fand sie bei den Mivergngten Beistand und Hilfe; endlich war alles ruhig; eben auf diejenige Provinz, die ihn bisher am meisten gefhrdet hatte, grndete seitdem der Kaiser seine Gewalt. Man sieht von selbst, welch eine Vernderung die Befestigung dieser stabilen, reichen, wohlbewaffneten Macht, welche die Trken in Zaum, ja in Furcht hielt, in den Verhltnissen des europischen Ostens hervorbringen mute. LudwigXIV. erlebte wenigstens den Anfang noch einer anderen. Die Zustnde von Polen, durch die es ihm leicht wurde, in diesem Lande immer eine Partei zu haben, die Macht von Schweden, das durch Herkommen und alten Bund wenigstens in der Regel an ihn geknpft war, gaben ihm ohne viel Anstrengung ein entschiedenes bergewicht in dem Norden. KarlXII. machte darin keine nderung. Es war einer seiner ersten Entschlsse, wie er zu seinem Kanzler sagte, schlechterdings die Allianz mit Frankreich abzuschlieen und zu dessen Freunden zu gehren. Es ist wahr, der Spanische Erbfolgekrieg und der Nordische, die hierauf fast zu gleicher Zeit begannen, hatten keinen vorausbedachten, durch Unterhandlungen vermittelten Zusammenhang, obwohl man ihn oft vermutete; aber die schwedischen Unternehmungen kamen den Franzosen durch ihren Erfolg zustatten; in der Tat hatten die Begebenheiten eine gleichartige Tendenz. Whrend die spanische Sukzession dienen sollte, den Bourbonen den Sden von Europa in die Hnde zu liefern, waren die alten Verbndeten der Bourbonen, die Schweden, nahe daran, die Herrschaft in dem Norden vllig an sich zu bringen. Nachdem KarlXII. die Dnen berfallen und zum Frieden gezwungen, nachdem er Polen erobert und einen Knig daselbst gesetzt, nachdem er die Hlfte von Deutschland, das in seinem Osten nicht viel besser befestigt war, als in seinem Westen, durchzogen und Sachsen eine Zeitlang innegehabt, blieb ihm zur Befestigung seiner Suprematie nichts mehr brig, als den Zaren, den er schon einmal geschlagen, vllig zu vernichten. Dazu brach er mit seinem in Sachsen verjngten Heere auf. Der Zar hatte sich indes mit groer Anstrengung gerstet. Es kam zu dem entscheidenden Kampfe des Jahres 1709. Sie begegneten einander noch einmal, diese beiden nordischen Heroen, KarlXII. und PeterI., originale Geburten germanischer und slawischer Nationalitt. Ein denkwrdiger Gegensatz. Der Germane grogesinnt und einfach, ohne Flecken in seinem Lebenswandel, ganz ein Held, wahr in seinen Worten, khn in seinem Vornehmen, gottesfrchtig, hartnckig bis zum Eigensinn, unerschtterlich. Der Slawe, zugleich gutmtig und grausam, hchst beweglich, noch halb ein Barbar, aber mit der ganzen Leidenschaftlichkeit einer frischen lernbegierigen Natur den Studien und Fortschritten der europischen Nationen zugewandt, voll von groen Entwrfen und unermdlich, sie durchzusetzen. Es ist ein erhabener Anblick, den Kampf dieser Naturen wahrzunehmen. Man knnte zweifeln, welches die vorzglichere war; so viel ist gewi, da sich die grere Zukunft an die Erfolge des Zaren knpfte. Whrend Karl fr die wahren Interessen seiner Nation wenig Sinn zeigte, hatte Peter die Ausbildung der seinigen, die er selbst vorbereitet und begonnen, an seine Person geknpft und lie dieselbe sein vornehmstes Augenmerk sein. Er trug den Sieg davon. In dem Berichte, den er ber die Schlacht von Pultawa an seine Leute ergehen lie, fgte er in einer Nachschrift hinzu, damit sei der Grundstein zu St. Petersburg gelegt. Es war der Grundstein zu dem ganzen Gebude seines Staates und seiner Politik. Seitdem fing Ruland an, in dem Norden Gesetze zu geben. Es wre ein Irrtum, wenn man glauben wollte, es htte dazu einer langen Entwickelung bedurft; es geschah vielmehr auf der Stelle. Wie htte auch AugustII. von Polen, der seine Herstellung einzig und allein den Waffen der Russen verdankte, sich ihrem Einflu entziehen knnen? Aber berdies mute er in den inneren Entzweiungen, im Kampfe mit seinem Adel, ihre Hilfe aufs neue in Anspruch nehmen. Hierdurch ward PeterI. unmittelbarer Schiedsrichter in Polen, mchtig ber beide Parteien; um so gewaltiger, da die Polen ihre Armee um drei Vierteile verminderten, whrend die seinige immer zahlreicher, gebter und furchtbarer wurde. Der Zar, sagt ein Venezianer im Jahre 1717, welcher sonst Gesetze von den Polen empfangen hat, gibt deren jetzt ihnen nach seinem Gutdnken mit unbeschrnkter Autoritt. Notwendigerweise hrte seitdem der Einflu der Franzosen in Polen mehr und mehr auf; sie vermochten ihre Thronkandidaten nicht mehr zu befrdern, selbst wenn sie den Adel fr sich hatten. Indessen war Schweden durch eben diese Ereignisse entkrftet und herabgebracht worden. Noch in seinen letzten Tagen hatte LudwigXIV. dieser Krone alle ihre Besitzungen garantiert; nichtsdestominder war sie zuletzt eines bedeutenden Teiles derselben verlustig gegangen. Wohl behaupteten die Franzosen ihren Einflu in Stockholm. Man klagte dort 1756, Schweden werde von Paris aus regiert, wie eine franzsische Provinz. Aber wie gesagt, Schweden war ganz unbedeutend geworden. Es waren armselige innere Entzweiungen der Mtzen und Hte, auf die man Einflu hatte. Wenn man sie ein paarmal benutzte, um einen Krieg gegen Ruland hervorzurufen, so war das eher ein Nachteil; man gab diesem Reiche nur Gelegenheit zu neuen Siegen und Vergrerungen. Und so war der Norden unter eine ganz andre Herrschaft geraten als die mittelbare von Frankreich; eine groe Nation trat dort in eine neue, eine eigentlich europische Entwickelung ein. In dem Osten war der franzsische Einflu zwar nicht verschwunden; aber er hatte daselbst, obwohl sterreich unter KarlVI. schwach genug wurde, doch lange nicht mehr die alte Bedeutung. Die See war in den Hnden des Nebenbuhlers; die vorteilhafte Verbindung, welche Frankreich ber Cadiz mit dem spanischen Amerika angefangen, duldete oder unterbrach derselbe nach seiner Konvenienz. In dem sdlichen Europa dagegen, durch das natrliche Einverstndnis der bourbonischen Hfe, das nach kurzer Unterbrechung bis zu gemeinschaftlichen Plnen hergestellt worden war, und in Deutschland hatte Frankreich noch immer ein groes bergewicht. Vor allem in Deutschland. Es existieren Betrachtungen ber den politischen Zustand von Europa vom Jahre 1736, die uns die Lage, besonders der deutschen Angelegenheiten, kurz vor dem sterreichischen Sukzessionskriege geistreich und bndig schildern. Wenn der Verfasser zugibt, da Kaiser KarlVI. seine Macht im Reiche zu erweitern, die Verfassung monarchischer zu machen bemht sei, da derselbe sogar durch seine Verbindung mit den Russen, die schon damals an dem Rhein erschienen, einigen Artikeln seiner Kapitulation zuwidergehandelt habe, so findet er doch auf dieser Seite die Gefahr so gro nicht; der letzte Krieg, meint er, habe die Schwche des kaiserlichen Hofes offenbart; in dem Stolze und der Gewaltsamkeit, mit denen derselbe seine Plne durchzusetzen suche, liege ein Heilmittel gegen sie. Hten wir uns dagegen, ruft er aus, vielmehr vor denen, die durch geheime Kunstgriffe, durch einschmeichelnde Manieren und eine erdichtete Gte uns in die Sklaverei zu bringen suchen. Er findet, da Kardinal Fleury, damals Premierminister von Frankreich, obwohl er die Miene auerordentlicher Migung annehme, dessenungeachtet und zwar gerade unter diesem Scheine die Plne eines Richelieu und Mazarin verfolge. Durch anscheinende Gromut schlfere er seine Nachbarn ein; er leihe gleichsam seinen sanften und ruhigen Charakter fr die Politik seines Hofes her. Mit wie viel Klugheit, ohne Aufsehen und Lrm, habe er Lothringen an Frankreich zu bringen gewut; -- um die erwnschte Rheingrenze zu erobern, woran nicht gar viel fehle, erwarte er nur die Verwirrungen, die der Tod des Kaisers unfehlbar nach sich ziehen msse. Im Jahre 1740 starb KarlVI. Kardinal Fleury lie sich sogar zu noch khneren Schritten fortreien, als man ihm zugetraut hatte. Er sagte geradeheraus, er wolle den Gemahl der Maria Theresia nicht zum Nachfolger ihres Vaters, weil derselbe schlecht franzsisch gesinnt sei; er vor allen war es, der KarlVII. von Bayern die deutsche Krone verschaffte; er fate den Plan, in Deutschland vier, ungefhr gleich mchtige Staaten nebeneinander zu errichten, das Haus sterreich ziemlich auf Ungarn einzuschrnken, Bhmen dagegen an Bayern, Mhren und Oberschlesien an Sachsen zu bringen, Preuen mit Niederschlesien zu befriedigen; wie leicht htte ber vier solche Staaten, die sich ihrer Natur nach niemals miteinander verstanden haben wrden, Frankreich dann eine immerwhrende Oberhoheit behauptet! Preuen In diesem Moment einer augenscheinlichen wahren Gefahr des deutschen Vaterlandes, das damals weder mchtige Staaten hatte, noch durch Taten ausgezeichnete Mnner, noch ein ausgesprochenes festes Nationalgefhl, -- keine Literatur, keine Kunst und eigene Bildung, die es dem bergewichte der Nachbarn htte entgegensetzen knnen, trat FriedrichII. auf, erhob sich Preuen. Es ist hier nicht der Ort, weder den Frsten zu schildern, noch den Staat, den er fand, den er bildete; auch mchten wir es uns nicht so leicht getrauen, die ursprngliche Kraft des einen und des anderen und die Flle des Daseins, die sie entfalteten, darzustellen; suchen wir uns nur ihre Weltstellung zu vergegenwrtigen. Dann mssen wir allerdings zugestehen, da die erste Bewegung Friedrichs von der Richtung, welche die franzsische Politik gleich nach dem Tode KarlsVI. einschlug, untersttzt wurde. Allein sollte er sich viel weiter mit derselben einlassen? Er selber ist es, der als Kronprinz und noch entfernt von eigentlichen Geschften jene Betrachtungen, von denen ich eben eine Idee zu geben suchte, aufgesetzt hatte; sie sind, wie man sieht, ganz wider die franzsische Politik gerichtet. Die Gefahr, welche von dieser Seite her ber Deutschland schwebte, sah er so deutlich, empfand er so lebhaft als irgend mglich. Eben deshalb aber hatte er seinen Krieg ganz auf eigene Hand unternommen; er wollte nie, da der Erfolg seiner Waffen den Franzosen frderlich wrde. Mit welchem Ernst erklrte er ihrem Gesandten, er sei ein deutscher Frst; er werde ihre Truppen nicht lnger auf deutschem Boden dulden, als das Wort der Vertrge besage. In dem Sptjahre 1741 htte es nicht so unmglich scheinen sollen, sterreich vllig herabzubringen. Bhmen und Obersterreich waren nicht viel minder in feindlichen Hnden als Schlesien; Wien war so gut bedroht wie Prag; wenn man diese Angriffe mit angestrengten Krften fortgesetzt htte, wer will sagen, wozu es htte kommen knnen? Ich will es Friedrich nicht als Gromut anrechnen, da er diesen letzten Schritt vermied; er wute am besten, da es sein Vorteil nicht gewesen wre, Frankreich des alten Gegners zu entledigen. Als er die Knigin von Ungarn am Rande des Verderbens sah, wollte er sie Atem schpfen lassen; er sagt es selbst; mit Bewutsein hielt er inne und ging seinen Stillstand ein. Sein Sinn war, weder von Frankreich noch von sterreich abzuhngen; vllig frei wollte er sich fhlen und zwischen ihnen eine unabhngige, auf eigene Kraft gegrndete Stellung einnehmen. In diesem einfachen Vorhaben liegt der Aufschlu fr seine Politik whrend der Schlesischen Kriege. Nie ward eine Erwerbung mit eiferschtigerer Wachsamkeit behauptet als die seinige. Er mitraut den Freunden nicht minder als den Feinden; immer hlt er sich gerstet und schlagfertig; sobald er sich im Nachteil glaubt, sobald er die Gefahr nur von fern kommen sieht, greift er zu den Waffen; sowie er im Vorteil ist, sowie er den Sieg erfochten hat, bietet er die Hand zum Frieden. Wenn es sich versteht, da es ihm nicht beikommen konnte, sich einem fremden Interesse zu widmen, so hat er doch auch sein eigenes ohne bertreibung, ohne Selbstverblendung vor Augen; nie sind seine Forderungen bermig; nur das Nchste bezwecken sie; dabei aber will er bis zum uersten festhalten. Indessen konnte wohl diese so unerwartet emporgekommene Unabhngigkeit, die eine khne und trotzige Stellung einnahm, nicht anders als das Mifallen, die Feindseligkeit der Nachbarn erregen. Man begreift es, wenn Maria Theresia den Verlust einer reichen Provinz nicht sogleich verschmerzte und die Erhebung eines so glcklichen und geschickten Nebenbuhlers im Reiche mit Mibehagen ansah. Aber auch in das nrdliche System griff das Ansehen von Preuen bedeutend ein; da es einen brigens sehr unschuldigen Traktat zur Behauptung des Gleichgewichts im Norden mit Schweden und Frankreich eingegangen, erweckte ihm den ganzen Ha einiger russischen Minister, die ihre Suprematie im Norden bedroht glaubten. Billig htte der Knig um so mehr eine Sttze an Frankreich finden sollen. Aber da er nicht wie Schweden zu regieren war, da er sich erdreistete, eine freie selbstndige Politik zu befolgen, zog ihm den Unwillen auch des Hofes von Versailles zu; obwohl dieser Hof sehr gut sah, was es auf sich habe, so beschlo er doch, sein ganzes System zu ndern und sich nunmehr an sterreich anzuschlieen. Die ffentliche Meinung stimmte in einer jener pltzlichen Aufwallungen, die ihr besonders in Frankreich so eigen sind, dem Traktate freudig bei. So gelang es der Kaiserin, die beiden groen Kontinentalmchte mit sich zu vereinigen; minder Mchtige, die Nachbarn in Sachsen, Pommern, gesellten sich zu ihnen; es war ein Bund im Werke, nicht viel anders, als wie er nach KarlsVI. Tode wider sterreich geschlossen worden war, und durch die Teilnahme von Ruland sogar noch strker; von einer Teilung der preuischen Staaten war nicht minder die Rede, als frher von einer Teilung der sterreichischen, und nur ber der See fand Friedrich Verbndete -- die nmlichen, die es damals mit sterreich gehalten hatten. Im Besitz einer trotz der neuen Erwerbung doch nur sehr migen, diesem Bunde gegenber unbedeutenden Macht sollte er fhig sein, sollte er es nur wagen, den Kampf mit demselben zu bestehen? Er hatte, wie bekannt, den Wiener Hof um eine kategorische Erklrung ber dessen Rstungen ersucht. Wenn sie nur einigermaen genugtuend ausfllt, sagte er einem seiner Minister, so marschieren wir nicht. Endlich kam der erwartete Kurier. Es fehlte viel, da die Antwort ausreichend gewesen wre. Das Los ist geworfen, sagte er, morgen marschieren wir! So strzte er sich mutig in diese Gefahr; er suchte sie auf, er rief sie fast selbst hervor; aber erst mitten darin lernte er sie vllig kennen. Wenn jemals ein Ereignis auf einer groen Persnlichkeit beruht hat, so ist es das Ereignis des Siebenjhrigen Krieges. Die Kriege unserer Zeit pflegen durch wenige entscheidende Schlge zu Ende gebracht zu werden; frhere dauerten lnger; doch stritt man mehr ber Forderungen und Ansprche als ber die Summe der Existenz, ber das Sein oder Nichtsein der Staaten selbst. Der Siebenjhrige Krieg unterscheidet sich dadurch, da bei so langer Dauer doch jeden Augenblick die Existenz von Preuen auf dem Spiele stand. Bei dem Zustande der Dinge, der allgemeinen Feindseligkeit bedurfte es nur eines einzigen unglcklichen Tages, um diese Wirkung hervorzubringen. Vollkommen fhlte dies Friedrich selbst. Nach der Niederlage von Kollin rief er aus: Es ist unser Pultawa! Und wenn sich ihm dies Wort glcklicherweise nicht erfllt hat, so ist doch wahr, da er sich seitdem von Moment zu Moment vom Untergange bedroht sah. Ich will nicht berhren, welche Hilfsquellen ihm in einer so verzweifelten Lage sein militrisches Genie, die Tapferkeit seiner Truppen, die Treue seiner Untertanen oder zufllige Umstnde dargeboten haben. Die Hauptsache ist, da er sich moralisch aufrechterhielt. Nur zu leichten Geistesbungen, zu flchtiger Poesie, zu akademischen Arbeiten hatte ihn die franzsische Philosophie angeleitet; eher zum Genu des Lebens, solange es dauert, schien sie ihn einzuladen, als zu so gewaltigen Anstrengungen. Aber wir drfen sagen, da der wahre Genius selbst von der irrigen Lehre unverletzt bleibt. Er ist sich seine eigene Regel; er ruht auf seiner eigenen Wahrheit; es gehrt nur dazu, da ihm diese zum Bewutsein komme; dafr sorgt dann das Leben, die Anstrengung einer groen Unternehmung; das Unglck macht ihn reif. Ein groer Feldherr war FriedrichII. lngst; die Unflle, die er erlitt, machten ihn zum Helden. Der Widerstand, den er leistete, war nicht allein militrisch; es war zugleich ein innerer, moralischer, geistiger; der Knig fhrte diesen Krieg fortwhrend in berlegung der letzten Grnde der Dinge, in groartiger Anschauung der Vergnglichkeit alles irdischen Wesens. Ich will seine Gedichte nicht als ausgezeichnete Werke poetischer Kraft rhmen; in solcher Hinsicht mgen sie manche Mngel haben; aber diejenigen wenigstens, welche whrend der Wechselflle dieses Krieges entstanden sind, haben einen groartigen Schwung einfacher Gedanken; sie enthllen uns die Bewegungen einer mnnlichen Seele in Bedrngnis, Kampf und Gefahr. Er sieht sich mitten im tobenden Meer; der Blitz streift durch das Ungewitter; der Donner, sagt er, entladet sich ber mein Haupt; von Klippen bin ich umgeben; die Herzen der Steuernden sind erstarrt; die Quelle des Glcks ist ausgetrocknet, die Palme verschwunden, der Lorbeer verwelkt. Zuweilen mag er wohl in den Predigten des Bourdaloue einen Anhalt, eine Strkung gesucht haben; hufiger wendete er sich zu der Philosophie der Alten. -- Jedoch das dritte Buch des Lukrez, das er so oft studiert hat, sagte ihm nur, da das bel notwendig und kein Heilmittel dagegen mglich sei. Er war ein Mann, dem selbst aus dieser harten, verzweiflungsvollen Lehre erhabene Gedanken hervorgingen. Dem Tode, den er sich oft gewnscht auf dem Schlachtfelde gefunden zu haben, sah er auch auf eine andere Weise ohne Scheu geradezu ins Auge. Wie er seine Feinde gern mit den Triumvirn verglich, so rief er die Manen des Kato und des Brutus auf und war entschlossen, ihrem Beispiel zu folgen. Doch war er nicht ganz in dem Falle dieser Rmer. Sie waren in den Gang eines allgemeinen Weltgeschickes verflochten -- Rom war die Welt -- ohne anderen Rckhalt als die Bedeutung ihrer Person und der Idee, fr die sie sich schlugen; er aber hatte ein eigenes Vaterland zu vertreten und zu verfechten. Wenn irgendein besonderer Gedanke auf ihn gewirkt hat, so wrden wir sagen, da es dieser Gedanke an sein Land, an sein Vaterland gewesen ist. Wer schildert ihn uns nach der Kunersdorfer Schlacht, wie er den Umfang seines Unglcks und die Hoffnungslosigkeit seines Zustandes erma, wie er bei dem Ha und dem Glcke seiner Feinde alles fr verloren hielt, wie er dann fr sein Heer und sein Land nur einen einzigen Ausweg sah und den Entschlu fate, diesen zu ergreifen, sich aufzuopfern, -- bis sich ihm denn doch allmhlich die Mglichkeit eines erneuten Widerstandes zeigte und er sich dieser fast hoffnungslosen Pflicht aufs neue widmete. Unmglich konnte er sein Land, wie er es so lange sehen mute, zurcklassen, von den Feinden berschwemmt, seiner Ehre beraubt, ohne Hilfsquellen, in lauter Gefahr; dir, sagte er, will ich die Reste meines unheilvollen Lebens widmen; ich will mich nicht in fruchtlosen Sorgen verzehren; ich werfe mich wieder in das Feld der Gefahr. Setzen wir uns, ruft er dann seinen Truppen zu, dem Geschick entgegen; mutig auf wider so viele, miteinander verschworene, vor Stolz und Vermessenheit trunkene Feinde! So hielt er aus. Endlich erlebte er doch den Tag des Friedens. Die Standhaftigkeit, sagt er am Schlu seiner Geschichte dieses Krieges, ist es allein, was in den groen Geschften aus Gefahren zu erretten vermag. Ungeschmlert behauptete er sein Land, und von dem Moment, da er sich wieder den Herrn desselben wute, lie er seine vornehmste, seine einzige Sorge sein, die Wunden zu heilen, die der Krieg ihm geschlagen. Wenn es als der Begriff einer groen Macht aufgestellt werden knnte, da sie sich wider alle anderen, selbst zusammengenommen, zu halten vermgen msse, so hatte Friedrich Preuen zu diesem Range erhoben. Seit den Zeiten der schsischen Kaiser und Heinrichs des Lwen zum ersten Male sah man im nrdlichen Deutschland eine selbstndige, keines Bundes bedrftige, auf sich selber angewiesene Macht. Es erfolgte, da Frankreich von dem an in deutschen Angelegenheiten wenig oder nichts vermochte. Mit einer Opposition, wie es sie in dem sterreichischen Erbfolgekriege erweckt oder begnstigt hatte, war es vllig vorbei. Hatte Preuen sich emanzipiert, so hatten Bayern und Sachsen sich wieder an sterreich angeschlossen. Auch war so bald an keine Erneuerung dieses Verhltnisses zu denken; Frankreich selbst hatte sie dadurch verhindert, da es in jene enge und genaue Allianz mit sterreich getreten war, die den Siebenjhrigen Krieg herbeifhrte. Ich will nicht untersuchen, inwiefern dieses Bndnis alle die anderen Folgen gehabt hat, welche die Franzosen, wenigstens nicht ohne bertreibung, ihm zuschreiben; aber gewi ist, da Frankreich seine bisherige Stellung, kraft deren es die deutsche Opposition begnstigt hatte, hierdurch selber aufgab, da von diesem Augenblicke an, wie dort gesagt, der Knig von Preuen zum Nachteil der franzsischen Suprematie auf dem Kontinent der Beschtzer der deutschen Freiheiten wurde. Man glaube nicht, da sterreich den Franzosen ihren alten Einflu gestattet habe. Noch als Koregent und von allem Anfang lie JosephII. erklren, er halte die Rechte der kaiserlichen Krone fr heilig; er bitte sich aus, da man ihm nicht daran rhre, wenn man mit ihm gut stehen wolle. Es war schon damals zu erkennen, da der wahre Schutz der politischen Unabhngigkeit von Deutschland in einer freien und fest begrndeten Vereinigung dieser beiden Mchte gegen das Ausland bestehe. Diese groe Vernderung bekam jedoch erst dadurch ihre volle Bedeutung, da zugleich in der Literatur eine Befreiung der Nation von den franzsischen Vorbildern und ihrer falschen Nachahmung erfolgte. Ich will nicht sagen, da sich unsere Nation nicht auch bisher geistiger Unabhngigkeit in einem gewissen Grade erfreut htte. Am meisten lag dieselbe wohl in der Ausbildung des theologischen Systems, welches alle Geister ergriffen hatte und in der Hauptsache ursprnglich deutsch war. Allein einmal war es doch nur ein Teil der Nation, dem es angehrte; sodann in welch seltsame, scholastische Form fand sich hier die reine, ideale, innerliche Erkenntnis der Religion eingezwngt! Man kann die Ttigkeit und den teilweisen Erfolg nicht verkennen, mit denen in manchen anderen Wissenschaften gearbeitet wurde; aber sie hatten sich alle der nmlichen Form unterwerfen mssen; in verwickelten Lehrgebuden, fr die berlieferung des Katheders, selten fr eigentlich geistiges Verstndnis geeignet, breiteten sie sich aus; die Universitten beherrschten nicht ohne Beschrnktheit und Zwang die allgemeine Bildung. Um so leichter geschah es, da die oberen Klassen der Gesellschaft allmhlich davon minder berhrt wurden und sich, wie gedacht, von franzsischen Richtungen hinreien lieen. Seit der Mitte des Jahrhunderts aber begann eine neue Entwickelung des nationalen Geistes. Wir drfen nicht vergessen, da diese doch sehr von jenem Standpunkt ausging, obwohl sie in einem gewissen Gegensatze mit demselben begriffen war. Unbefriedigt, zwar noch festgehalten, aber nicht mehr so beschrnkt von dem dogmatischen System, erhob sich der deutsche Geist zu einer poetischen Ergnzung desselben; die Religion ward endlich einmal wieder, und zwar, worauf alles ankommt, ohne Schwrmerei, in ihren menschlichen Beziehungen dem Gemte nahe gebracht. In khnen Versuchen ermannte sich die Philosophie zu einer neuen Errterung des obersten Grundes aller Erkenntnis. Nebeneinander, an demselben Orte, wesentlich verschieden, aber nahe verwandt, traten die beiden Richtungen der deutschen Philosophie hervor, welche seitdem, die eine mehr anschauend, die andere mehr untersuchend, sich neben- und miteinander ausgebildet, sich angezogen und abgestoen, aber nur zusammen die Flle eines originalen Bewutseins ausgedrckt haben. Kritik und Altertumskunde durchbrachen die Masse der Gelehrsamkeit und drangen bis zu lebendiger Anschauung hindurch. Mit einem Schlage dazu erweckt, von seiner Grndlichkeit und Reife untersttzt, entwickelte dann der Geist der Nation selbstndig und frei versuchend eine poetische Literatur, durch die er eine umfassende, neue, obwohl noch in manchem inneren Konflikt begriffene, doch im ganzen bereinstimmende Weltansicht ausbildete und sich selber gegenberstellte. Diese Literatur hatte dann die unschtzbare Eigenschaft, da sie nicht mehr auf einen Teil der Nation beschrnkt blieb, sondern sie ganz umfate, ja ihrer Einheit zuerst wieder eigentlich bewut machte. Wenn nicht immer neue Generationen groer Poeten auf die alten folgen, so darf man sich nicht so sehr darber wundern. Die groen Versuche sind gemacht und gelungen; es ist im Grunde gesagt, was man zu sagen hatte, und der wahre Geist verschmht es, auf befahrenen, bequemen Wegen einherzuschreiten. Doch wurde das Werk des deutschen Genius noch bei weitem nicht vollendet; seine Aufgabe war, die positive Wissenschaft zu durchdringen; mancherlei Hindernisse haben sich ihm dabei entgegengestellt, die aus dem Gange seiner eigenen Bildung oder auch anderen Einwirkungen entsprangen; wir drfen nun hoffen, da er sie alle berwinden, zu einem vollkommneren Verstndnis in sich selbst gelangen und alsdann zu unablssig neuer Hervorbringung fhig sein werde. Jedoch ich halte inne, denn von der Politik wollte ich reden, obschon diese Dinge auf das genaueste zusammengehren und die wahre Politik nur von einem groen nationalen Dasein getragen werden kann. Soviel ist wohl gewi, da zu dem Selbstgefhl, von welchem dieser Schwung der Geister begleitet war, keine andere Erscheinung so viel beigetragen hat wie das Leben und der Ruhm FriedrichsII. Es gehrt dazu, da eine Nation sich selbstndig fhle, wenn sie sich frei entwickeln soll; und nie hat eine Literatur geblht, ohne durch die groen Momente der Historie vorbereitet gewesen zu sein. Aber seltsam war es, da Friedrich selbst davon nichts wute, kaum etwas ahnte. Er arbeitete an der Befreiung der Nation, die deutsche Literatur mit ihm; doch kannte er seine Verbndeten nicht. Sie kannten ihn wohl. Es machte die Deutschen stolz und khn, da ein Held aus ihnen hervorgegangen war. Es war, wie wir sahen, ein Bedrfnis des siebzehnten Jahrhunderts, Frankreich einzuschrnken. Auf welche alle Erwartung bersteigende Weise war dies jetzt geschehen! Man kann im Grunde nicht sagen, da sich ein knstlich verwickeltes politisches System hierzu gebildet habe; was man so nennt, waren die Formen; das Wesen bestand darin, da sich groe Staaten aus eigener Kraft erhoben, da neue nationale Selbstndigkeiten in ursprnglicher Macht den Schauplatz der Welt eingenommen hatten. sterreich, katholisch-deutsch, militrisch-stabil, in sich selbst voll frischer, unversiegbarer Lebenskrfte, reich, eine fr sich abgeschlossene Welt. Das griechisch-slawische Prinzip trat in Ruland mchtiger hervor, als es jemals in der Weltgeschichte geschehen; die europischen Formen, die es annahm, waren weit entfernt, dies ursprngliche Element zu erdrcken; sie durchdrangen es vielmehr, belebten es und riefen seine Kraft erst hervor. Wenn sich dann in England die germanisch-maritimen Interessen zu einer kolossalen Weltmacht entwickelten, die alle Meere beherrschte, vor der alle Erinnerungen frherer Seemchte zurcktraten, so fanden die deutsch-protestantischen den Anhalt, den sie lange gesucht, ihre Darstellung und ihren Ausdruck in Preuen. Wenn man das Geheimnis auch wte, sagt ein Dichter, wer htte den Mut, es auszusprechen? Ich will mich nicht vermessen, den Charakter dieser Staaten in Worte zu fassen; doch sehen wir deutlich, da sie auf Prinzipien gegrndet sind, die aus den verschiedenen groen Entwickelungen frherer Jahrhunderte hervorgegangen waren, da sie sich diesen analog in ursprnglichen Verschiedenheiten und mit abweichenden Verfassungen ausbildeten, da sie groen Forderungen entsprachen, die gem der Natur der Dinge an die lebenden Geschlechter geschahen. In ihrem Aufkommen, ihrer Ausbildung, welche, wie sich versteht, nicht ohne mannigfaltige Umgestaltung innerer Verhltnisse erfolgen konnte, liegt das groe Ereignis der hundert Jahre, die dem Ausbruch der Franzsischen Revolution vorhergingen. Franzsische Revolution Hatte jenes Ereignis aber eine so unzweifelhaft fr sich selber gltige Bedeutung, so ist doch nicht zu leugnen, da eine Beschrnkung von Frankreich damit erreicht war und da dies Land die Erfolge der anderen als seine Verluste ansehen durfte. Auch war es ihnen immer lebhaft entgegengetreten. Wie oft suchte es frher die Fortschritte von sterreich in Ungarn und gegen die Trken aufzuhalten; wie oft muten dann die besten Regimenter von der Donau, wo sie gegen die Trken standen, an den Rhein und wider die Franzosen abgerufen werden! Ruland hatte seinen Einflu im Norden der franzsischen Politik abgewonnen. Als das Kabinett von Versailles innewurde, welche Stellung Preuen in der Welt einnahm und zu behaupten suchte, verga es seine amerikanischen Interessen, um diese Macht, ich sage nicht herabzubringen, sondern geradehin zu vernichten. Wie oft hatten die Franzosen die Jakobiten zu begnstigen, etwa einen Stuart nach England zu werfen, die alten Verhltnisse wiederherzustellen unternommen! Dafr bekamen sie denn auch, mochten sie mit Preuen wider sterreich oder mit sterreich wider Preuen stehen, allemal die Englnder zu Gegnern. Sie fhrten ihre Kriege auf dem festen Lande mit Verlusten zur See. Whrend des Siebenjhrigen verloren sie, wie Chatham sagte, Amerika in Deutschland. Und so stand Frankreich allerdings bei weitem nicht mehr so entschieden als der Mittelpunkt der europischen Welt da, wie hundert Jahre frher. Es mute die Teilung von Polen vor seinen Augen vollziehen lassen, ohne darum gefragt zu werden. Es mute, was es tief empfand, gestatten, da im Jahre 1772 eine englische Fregatte an der Reede von Toulon erschien, um ber die stipulierte Entwaffnung der Flotte zu wachen. Selbst die kleineren unabhngigen Staaten, wie Portugal, die Schweiz, hatten anderen Einwirkungen Raum gegeben. Zwar ist sogleich zu bemerken, da das bel nicht so schlimm war, wie man es oft vorgestellt hat; Frankreich behauptete doch seinen alten Einflu auf die Trkei; durch den Familienvertrag hatte es Spanien an seine Politik gekettet; die spanischen Flotten, die Reichtmer der spanischen Kolonien standen zu seiner Verfgung; auch die brigen bourbonischen Hfe, zu denen sich der Turiner beinahe mit rechnete, schlossen sich an Frankreich an; die franzsische Faktion siegte endlich in Schweden. Allein einer Nation, die sich mehr als jede andere in dem Schimmer einer allgemeinen Superioritt gefllt, war dies lange nicht genug. Sie fhlte nur den Verlust von Ansprchen, die sie als Rechte betrachtete; sie bemerkte nur, was die anderen erobert, nicht was sie behauptet hatte; mit Unwillen sah sie so gewaltige, starke, wohlgegrndete Mchte sich gegenber, denen sie nicht gewachsen war. Man hat so viel von den Ursachen der Revolution geredet und sie wohl auch da gesucht, wo sie nimmermehr zu finden sind. Eine der wichtigsten liegt meines Erachtens in diesem Wechsel der auswrtigen Verhltnisse, der die Regierung in tiefen Mikredit gebracht hatte. Es ist wahr, sie wute weder den Staat recht zu verwalten noch den Krieg gehrig zu fhren; sie hatte die gefhrlichsten Mibruche berhandnehmen lassen; und der Verfall ihres europischen Ansehens war daher groenteils mit entsprungen. Aber die Franzosen schrieben ihrer Regierung auch alles das zu, was doch nur ein Werk der vernderten Weltstellung war. Sie lebten in der Erinnerung der Zeiten der Machtflle LudwigsXIV., und alle die Wirkungen, die daher rhrten, da sich andere Staaten mit frischen Krften erhoben hatten, die sich einen Einflu, wie man ihn frherhin ausgebt, nicht mehr gefallen lieen, gaben sie der Unfhigkeit ihrer auswrtigen Politik und dem allerdings unleugbaren Verfall ihrer Zustnde schuld. Daher kam es, da die Bewegungen von Frankreich, wenn sie auf der einen Seite einen reformatorischen Charakter hatten, der sich nur zu bald in einen revolutionren umsetzte, doch auch von allem Anfang eine Richtung gegen das Ausland nahmen. Gleich der amerikanische Krieg entwickelte diese Doppelseitigkeit. Wenn man es nicht wte, so knnte man aus den Memoiren von Sgur sehen, aus welcher sonderbaren Mischung von Kriegslust und angeblicher Philosophie die Teilnahme der Jugend unter dem vornehmeren franzsischen Adel daran herkam. Die Freiheit, sagt Sgur, stellte sich uns dar mit den Reizen des Ruhmes. Whrend die Reiferen die Gelegenheit wahrnahmen, ihre Grundstze geltend zu machen und die willkrliche Gewalt zu beschrnken, traten wir Jngeren nur darum unter die Fahnen der Philosophie, um Krieg zu fhren, um uns auszuzeichnen, um Ehrenstellen zu erwerben; aus ritterlicher Gesinnung wurden wir Philosophen. Diese Jngeren wurden das doch allmhlich sehr im Ernst. Sonderbare Mischung. Indem sie England angriffen und ihren Ehrgeiz sein lieen, es zu schwchen, es seiner Kolonien zu berauben, war es doch besonders die Unabhngigkeit eines englischen Peers, die wrdige Stellung eines Mitgliedes des Hauses der Gemeinen, was sie zu erlangen gewnscht htten. Dieser amerikanische Krieg wurde nun entscheidend; nicht so sehr durch eine Vernderung der allgemeinen Machtverhltnisse -- denn wenn man die englischen Kolonien von dem Mutterlande losri, so zeigte sich doch bald, da dieses in sich selber so wohlbegrndet war, um das nicht sehr zu empfinden; wenn sich die franzsische Marine wieder zu einem gewissen Ansehen erhob, so hatte England doch in den entscheidenden Schlachten den Sieg davongetragen und die bermacht ber seine vereinigten Nebenbuhler behauptet -- als durch die indirekten Wirkungen, die er hervorbrachte. Ich meine nicht allein das Emporkommen der republikanischen Neigungen, es gab noch eine unmittelbarere Folge. Mit groem Ernste hatte sich Turgot dem Kriege widersetzt; nur in dem Frieden hoffte er die Finanzen, welche schon damals ein Defizit drckte, durch eine sparsame Haushaltung herzustellen und zugleich die erforderlichen Reformen durchzusetzen. Allein er hatte dem Strome der jugendlichen Begeisterung weichen mssen. Der Krieg war erklrt und mit berschwenglichen Kosten gefhrt worden. Necker hatte mit dem ganzen Talent eines Bankiers, das er in so hohem Grade besa, neue Anleihen zu machen gewut. Je hher sie aber aufliefen, desto mehr muten sie das Defizit steigern. Schon im Jahre 1780 erklrte Vergennes dem Knig, der Zustand der Finanzen sei wahrhaft beunruhigend; er mache den Frieden, einen unverweilten Frieden notwendig. Indessen verzgerte sich der Friede noch, und erst nach Abschlu desselben ward man die Verwirrung recht inne. Man nimmt auch hier einen ausfallenden Gegensatz wahr. Nicht minder erschpft und mit Schulden beladen ging England aus dem amerikanischen Kriege hervor. Aber whrend Pitt in England das bel an der Wurzel angriff und das Vertrauen durch groe Maregeln wiederherstellte, gerieten die franzsischen Finanzen aus schwachen Hnden in immer schwchere, unversuchtere und zugleich keckere, so da das bel von Monat zu Monat stieg und die Regierung wie in ihrer Konsistenz bedrohte, so um ihr ganzes Ansehen brachte. Wie sehr wirkte dies auf die auswrtigen Verhltnisse zurck! Man hatte keine Wahl mehr; um jeden Preis mute man den Krieg vermeiden. Lieber kaufte man z.B. die Forderungen, welche sterreich an Holland machte, durch eine Summe ab, zu der man trotz der schlechten Umstnde, in denen man war, selber die Hlfte beitrug; wre es auf Frankreich allein angekommen, so wrde der Kaiser nicht gehindert worden sein, seine Absichten auf Bayern durchzusetzen. So enge sich die franzsische Regierung mit den sogenannten Patrioten von Holland vereinigt hatte, so mute sie dieselben ruhig von Preuen berziehen, berwinden lassen. Sie kann darber meines Erachtens nicht einmal sehr getadelt werden. Was wollte sie in dem Juli 1787, als die preuische Erklrung gegen Holland erschien, unternehmen, um die Ausfhrung derselben zu verhindern, da eben damals die Parlamente sich weigerten, die neuen Auflagen zu registrieren, ohne die man den Staat nicht weiter verwalten konnte, da bald darauf in jener berhmten Sitzung am 15.August die Grandchambre ihre Tren erffnen lie und der versammelten Menge erklrte, der Knig knne in Zukunft keine neuen Auflagen erheben, ohne zuvor die allgemeinen Stnde zusammenberufen zu haben? In einem Augenblick, wo der ganze bisherige innere Zustand in Frage gestellt wurde, konnte man schwerlich Einflu auf das Ausland ausben. Und doch war dies ein sehr bedeutender Zeitpunkt. Eben damals entschlossen sich die beiden Kaiserhfe zu ihrem Angriff auf die Trkei. Die Franzosen waren nicht imstande, ihren alten Verbndeten Hilfe zu leisten, und wenn diese nicht untergehen wollten, so muten sie Hilfe bei England und Preuen nachsuchen. Allerdings eine Unbedeutendheit, Nichtigkeit der auswrtigen Politik von Frankreich, die weder den natrlichen Ansprchen dieses Landes angemessen war, noch auch den Interessen von Europa berhaupt entsprach. Kam sie, wie nicht zu leugnen, von der inneren Verwirrung her, so wurde diese hinwiederum dadurch auerordentlich vermehrt. Die Politik des Erzbischofs von Brienne erfuhr den heftigsten und allgemeinsten Tadel. Er ward der Feigheit und selbst der Treulosigkeit angeklagt, weil er Holland nicht untersttzt und diese Gelegenheit, den militrischen Ruf der Franzosen auch zu Lande wiederherzustellen, versumt habe; man fand die franzsische Ehre hierdurch auf eine Weise beschimpft, da sie nur durch Strme von Blut wieder rein gewaschen werden knne. Wie bertrieben das nun auch lautet, so kann man doch das Gefhl nicht tadeln, das dieser Unzufriedenheit zugrunde lag. Das Nationalbewutsein eines groen Volkes fordert eine angemessene Stellung in Europa. Die auswrtigen Verhltnisse bilden ein Reich nicht der Konvenienz, sondern der wesentlichen Macht; und das Ansehen eines Staates wird immer dem Grade entsprechen, auf welchem die Entwickelung seiner inneren Krfte steht. Eine jede Nation wird es empfinden, wenn sie sich nicht an der ihr gebhrenden Stelle erblickt; wie viel mehr die franzsische, die so oft den sonderbaren Anspruch erhoben hat, vorzugsweise die groe Nation zu sein! Ich will nicht auf die Mannigfaltigkeit der Ursachen eingehen, durch welche es zu der furchtbaren Entwickelung der Franzsischen Revolution kam. Ich will nur in Erinnerung bringen, da der Verfall der auswrtigen Verhltnisse vielen Anteil daran hatte. Man braucht nur daran zu denken, welche Rolle eine sterreichische Prinzessin, die unglckliche Knigin, auf die der ganze Ha fiel, den diese Nation seit so langer Zeit dem Hause sterreich gewidmet hatte, dabei spielte, welche unseligen Auftritte das Trugbild eines sterreichischen Ausschusses veranlat hat. Nicht genug, da die Franzosen sahen, sie htten den alten Einflu auf die Nachbarn verloren; sie berredeten sich sogar, da das Ausland geheimen und starken Einflu auf ihren Staat ausbe; in allen Maregeln der inneren Verwaltung glaubten sie denselben wahrzunehmen; eben dies entflammte dann die allgemeine Entrstung, die Grung und Wut der Menge. Halten wir an diesem Gesichtspunkt der auswrtigen Verhltnisse fest, so knnen wir von der Revolution folgende Ansicht fassen. Allenthalben hatte man, um zur Ausbildung einer greren Macht zu gelangen, die nationalen Krfte auf eine ungewohnte Weise zusammengenommen; dazu hatte man viele Hindernisse, die in den inneren Verhltnissen lagen, wegrumen mssen und nicht selten die alten Berechtigungen angetastet; es war dies in den verschiedenen Lndern bald mit mehr, bald mit weniger Bedacht und Erfolg geschehen. Ein sehr unterrichtendes, lebensvolles Buch mte es geben, wenn man darzustellen wte, wie dies allenthalben versucht wurde, mehr oder minder gelang, wohin es fhrte; endlich unternahm man es auch in Frankreich. Es ist so viel auf die absolute Gewalt frherer franzsischer Knige gescholten worden; die Wahrheit ist, da sich dieselbe zwar noch in einigen Willkrlichkeiten uerte, in der Hauptsache dagegen ungemein verfallen war. Als die Regierung jenen Versuch machte, war sie schon zu schwach, um ihn durchzusetzen; sie machte ihn auch mit unsicheren Hnden; den Widerstand der privilegierten Stnde vermochte sie nicht zu besiegen; hierber rief sie den dritten Stand -- die Gewalt der demokratischen Ideen, die sich schon der ffentlichen Meinung zu bemchtigen angefangen -- zu Hilfe. Ein Bundesgenosse aber, der ihr bei weitem zu stark war. Indem sie schwankte, sowie sie seine Krfte erkannte, die Bahn verlie, die sie eingeschlagen, zu denen zurcktrat, welche sie angreifen wollte, eben die beleidigte, die sie zu Hilfe gerufen hatte, forderte sie alle politischen Leidenschaften heraus, setzte sie sich mit den berzeugungen und der Richtung des Jahrhunderts, ja mit ihrer eigenen Tendenz in Kampf und brachte eine Bewegung hervor, in welcher der dritte Stand, oder vielmehr das in demselben und um ihn her entwickelte Element der Emprung, in gigantischem Fortschritt nicht allein die privilegierten Stnde, die Aristokratie, sondern Knig und Thron selber umstrzte und den ganzen alten Staat vernichtete. Ein Unternehmen, wie es zwar keineswegs alle, aber doch einige andere Regierungen verstrkt und befestigt hatte, ri dergestalt durch die Entwickelung, die es nahm, durch die Folgen, die es hatte, die franzsische in ihr Verderben. Nur wenn man hier und da glaubte, da in diesem groen Ruin die Macht und uere Bedeutung von Frankreich vollends zugrunde gehen mten, hatte man sich geirrt. So stark waren die Tendenzen zur Herstellung der alten Macht, da sie selbst unter so furchtbaren Umstnden nicht allein nicht aus den Augen verloren, sondern auf eine Weise, wie sie noch nie dagewesen, ber die Analogie anderer Staaten weit hinaus durchgesetzt wurden. Waren anderwrts die bestehenden mittleren Gewalten in ihrer Unabhngigkeit beschrnkt, zu grerem Anteil an den allgemeinen Anstrengungen gentigt worden, so wurden sie hier geradezu vernichtet. Adel und Geistlichkeit wurden nicht allein ihrer Vorrechte, sondern im Laufe der Ereignisse selbst ihrer Besitztmer beraubt; welch eine Konfiskation im grten Stil, in der ungeheuerlichsten Ausdehnung! Wie kehrten sich die Ideen, die Europa als heilbringend, menschlich, befreiend begrt hatte, vor seinen Augen pltzlich in den Greuel der Verwstung um! Das vulkanische Feuer, von dem man eine nhrende, belebende Erwrmung des Bodens erwartet hatte, ergo sich in furchtbaren Ausbrchen ber denselben hin. Mitten in dieser Zertrmmerung aber lieen die Franzosen das Prinzip der Einheit doch niemals fallen. Um wie viel mchtiger als bisher erschien eben in der Verwirrung der Revolutionsjahre Frankreich den europischen Staaten gegenber! Man kann sagen: jene gewaltige Explosion aller Krfte setzte sich nach auen fort. Zwischen dem alten und dem neuen Frankreich war dasselbe Verhltnis, wie zwischen der zwar lebhaften und von Natur tapferen, aber an das Hofleben gewhnten, mit einem oft kleinlichen Ehrgeiz behafteten, feinen, wollstigen Aristokratie, die den alten Staat leitete, und den wilden, gewaltsamen, von wenig Gedanken berauschten, blutbefleckten Jakobinern, die den neuen beherrschten. Da vermge des bisherigen Ganges der Dinge zwar nicht eine ganz gleiche Aristokratie wie jene, aber doch eine hnliche an der Spitze der brigen Staaten stand, so war es kein Wunder, wenn die Jakobiner in jener wilden Anspannung aller Krfte das bergewicht an sich brachten. Es bedurfte nur des ersten, durch ein Zusammentreffen unerwarteter Umstnde davongetragenen Sieges, um den revolutionren Enthusiasmus zu erwecken, der hierauf die Nation ergriff und eine Zeitlang das Prinzip ihres Lebens wurde. Nun kann man zwar nicht sagen, da Frankreich hierdurch an und fr sich strker geworden sei, als die brigen groen Mchte zusammengenommen oder auch nur als seine nchsten Nachbarn, wenn sie sich vereinigt hielten. Man kennt hinlnglich die Fehler der Politik und der Kriegfhrung, die einen fr diese so ungnstigen Erfolg hervorbrachten. Sie konnten sich ihrer bisherigen Eifersucht nicht sogleich entwhnen. Selbst die einseitige Koalition von 1799 hatte Italien zu befreien und eine sehr gewaltige militrische Stellung einzunehmen gewut, als ein unglcklicher Zwiespalt sie trennte. Allein geleugnet werden kann es nicht, da der franzsische Staat, mitten im Kampfe mit Europa gebildet, auf denselben berechnet, durch die Zentralisation aller Krfte, die er mglich machte, den einzelnen Kontinentalmchten berlegen wurde. Indem es immer das Ansehen gehabt, als suche man dort die Freiheit, war man von Revolution zu Revolution Schritt fr Schritt zu dem Militrdespotismus gelangt, der die Ausbildung der anderweiten militrischen Systeme, so gro sie auch waren, weit berbot. Der glckliche General setzte sich die Kaiserkrone auf; alle disponiblen Krfte der Nation hatte er jeden Augenblick ins Feld zu werfen die Macht. Auf diesem Wege kehrte dann Frankreich zu seinem bergewichte zurck. Es gelang ihm, England von dem Kontinent auszuschlieen, in wiederholten Kriegen sterreich seiner ltesten Provinzen in Deutschland und Italien zu berauben, das Heer und die Monarchie FriedrichsII. umzuwerfen, Ruland selbst zur Fgsamkeit zu ntigen und endlich in die inneren Provinzen bis zu der alten Hauptstadt desselben vorzudringen. Fr den franzsischen Kaiser bedurfte es nur des Kampfes mit diesen Mchten, um zugleich ber das sdliche und mittlere Europa, einen groen Teil von Deutschland nicht ausgeschlossen, eine unmittelbare Herrschaft zu grnden. Wie war hierdurch alles, was zu LudwigsXIV. Zeiten geschehen, so weit bertroffen! Wie war die alte Freiheit von Europa so tief gebeugt! Europa schien in Frankreich untergehen zu wollen. Jene Universalmonarchie, von der man sonst nur die entfernte Gefahr gesehen, war beinahe realisiert! Wiederherstellung Sollten aber die energischen Gewalten, welche in den groen Mchten hervorgetreten waren, so mit einem Mal erstickt und vernichtet sein? Der Krieg, sagt Heraklit, ist der Vater der Dinge. Aus dem Zusammentreffen entgegengesetzter Krfte, in den groen Momenten der Gefahr -- Unglck, Erhebung, Rettung -- gehen die neuen Entwickelungen am entschiedensten hervor. Frankreich war nur dadurch zu seiner bermacht gelangt, da es mitten in seiner wilden Bewegung das Gemeingefhl der Nation lebhafter als je zu erhalten, die nationalen Krfte in einer so ungemeinen Ausdehnung zu dem einzigen Zweck des Krieges anzustrengen gewut hatte. Wollte man ihm widerstehen oder je diese bermacht noch einmal zu brechen die Hoffnung fassen drfen, so war da nicht mit Mitteln auszureichen, wie sie bisher gengt hatten; selbst eine Verbesserung der Militrverfassung allein htte noch nicht geholfen; es gehrte eine grndlichere Erneuerung dazu, um alle Krfte zusammenzunehmen, in deren Besitz man sein mochte; man mute sich entschlieen, jene schlummernden Geister der Nationen, von denen bisher das Leben mehr unbewut getragen worden, zu selbstbewuter Ttigkeit aufzuwecken. Es mte eine herrliche Arbeit sein, dieser Verjngung des nationalen Geistes in dem ganzen Umfange der europischen Vlker und Staaten nachzuforschen, die Ereignisse zu bemerken, die ihn wieder erweckten, die Zeichen, die seine erste Erhebung ankndigten, die Mannigfaltigkeit der Bewegungen und Institutionen, in denen er sich allenthalben aussprach, die Taten endlich, in denen er siegreich hervortrat. Doch ist dies ein so weit aussehendes Unternehmen, da wir es hier auch nicht einmal berhren knnten. Gewi ist, da man erst dann mit einiger Aussicht auf Erfolg zu streiten anfing -- 1809 --, als man hierin der Forderung des Weltgeschickes ein Genge zu leisten begann. Als in wohlgeordneten Reichen ganze Einwohnerschaften ihre althergebrachten Wohnsitze, an die sie selbst die Religion knpfte, verlieen und sie den Flammen preisgaben, -- als groe Bevlkerungen, von jeher an ein friedlich brgerliches Leben gewhnt, Mann bei Mann zu den Waffen griffen, -- als man zugleich des ererbten Haders endlich wirklich verga und sich ernstlich vereinigte, -- erst da, nicht eher gelang es, den Feind zu schlagen, die alte Freiheit herzustellen und Frankreich in seine Grenzen einzuschlieen, den bergetretenen Strom in sein Bette zurckzutreiben. Wenn es das Ereignis der letzten hundert Jahre vor der Franzsischen Revolution war, da die groen Staaten sich erhoben, um die Unabhngigkeit von Europa zu verfechten, so ist es das Ereignis der seitdem verflossenen Periode, da die Nationalitten selbst sich verjngt, erfrischt und neu entwickelt haben. Sie sind in den Staat mit dem Bewutsein eingetreten, er wrde ohne sie nicht bestehen knnen. Man ist fast allgemein der Ansicht, unsere Zeit habe nur die Tendenz, die Kraft der Auflsung. Ihre Bedeutung sei eben nur, da sie den zusammenhaltenden, fesselnden Institutionen, die aus dem Mittelalter brig, ein Ende mache; dahin schreite sie mit der Sicherheit eines eingepflanzten Triebes vorwrts; das sei das Resultat aller groen Ereignisse, Entdeckungen, der gesamten Kultur; ebendaher komme aber auch die unwiderstehliche Hinneigung, die sie zu demokratischen Ideen und Einrichtungen entwickele; und diese bringe dann alle die groen Vernderungen, deren Zeuge wir sind, mit Notwendigkeit hervor. Es sei eine allgemeine Bewegung, in der Frankreich den anderen Lndern vorangehe. Eine Meinung, die freilich nur zu den traurigsten Aussichten fhren kann. Wir denken indes, da sie sich gegen die Wahrheit der Tatsachen nicht zu halten vermgen wird. Weit entfernt, sich blo in Verneinungen zu gefallen, hat unser Jahrhundert die positivsten Ergebnisse hervorgebracht; es hat eine groe Befreiung vollzogen, aber nicht so durchaus im Sinne der Auflsung; vielmehr diente ihr dieselbe, aufzubauen, zusammenzuhalten. Nicht genug, da es die groen Mchte allererst ins Leben gerufen; es hat auch das Prinzip aller Staaten, Religion und Recht, es hat das Prinzip eines jeden insbesondere lebendig erneuert. Eben darin liegt das Charakteristische unserer Tage. In den meisten Epochen der Welthistorie sind es religise Verbindungen gewesen, was die Vlker zusammengehalten hat. Doch hat es zuweilen auch andere gegeben, die man mit der unseren eher vergleichen kann, in denen mehrere grere, durch ein politisches System verknpfte Knigreiche und freie Staaten nebeneinander bestanden. Ich will nur die Periode der mazedonisch-griechischen Knigreiche nach Alexander erwhnen. Sie bietet manche hnlichkeit mit der unsrigen dar: eine sehr weit gediehene gemeinschaftliche Kultur, militrische Ausbildung, Wirkung und Gegenwirkung verwickelter auswrtiger Verhltnisse; groe Bedeutung der Handelsinteressen, der Finanzen, Wetteifer der Industrie, Blte der exakten, mit der Mathematik zusammenhngenden Wissenschaften. Allein jene Staaten, hervorgegangen aus der Unternehmung eines Eroberers und der Entzweiung seiner Nachfolger, hatten keine besonderen Prinzipien ihres Daseins weder gehabt noch sich anzubilden vermocht. Auf Soldaten und Geld beruhten sie. Eben darum wurden sie auch so bald aufgelst, verschwanden sie zuletzt vllig. Man hat oft gefragt, wie Rom sie so rasch, so vollkommen bezwingen konnte. Es geschah darum, weil Rom, wenigstens solange es Feinde von Bedeutung hatte, mit bewunderungswrdiger Strenge an seinem Prinzipe festhielt. Auch bei uns schien es wohl, als sei nur noch der Umfang der Besitzungen, die Macht der Truppen, die Gre des Schatzes und ein gewisser Anteil an der allgemeinen Kultur fr den Staat von Wert. Wenn es je Ereignisse gegeben hat, geeignet, einen solchen Irrtum zu zertrmmern, so sind es die Ereignisse unserer Zeit gewesen. Sie haben die Bedeutung der moralischen Kraft, der Nationalitt fr den Staat endlich einmal wieder zur Anschauung in das allgemeine Bewutsein gebracht. Was wre aus unseren Staaten geworden, htten sie nicht neues Leben aus dem nationalen Prinzip, auf das sie gegrndet waren, empfangen. Es wird sich keiner berreden, er knne ohne dasselbe bestehen. Nicht ein solch zuflliges Durcheinanderstrmen, bereinanderherfallen, Nacheinanderfolgen der Staaten und Vlker bietet die Weltgeschichte dar, wie es beim ersten Blicke wohl aussieht. Auch ist die oft so zweifelhafte Frderung der Kultur nicht ihr einziger Inhalt. Es sind Krfte, und zwar geistige, Leben hervorbringende, schpferische Krfte, selber Leben, es sind moralische Energien, die wir in ihrer Entwickelung erblicken. Zu definieren, unter Abstraktionen zu bringen sind sie nicht; aber anschauen, wahrnehmen kann man sie; ein Mitgefhl ihres Daseins kann man sich erzeugen. Sie blhen auf, nehmen die Welt ein, treten heraus in dem mannigfaltigsten Ausdruck, bestreiten, beschrnken, berwltigen einander; in ihrer Wechselwirkung und Aufeinanderfolge, in ihrem Leben, ihrem Vergehen oder ihrer Wiederbelebung, die dann immer grere Flle, hhere Bedeutung, weiteren Umfang in sich schliet, liegt das Geheimnis der Weltgeschichte. [Schluworte nach dem Texte der Historisch-politischen Zeitschrift 2.Band, 1833] Sind wir nun von einer geistigen Gewalt angegriffen, so mssen wir ihr geistige Krfte entgegensetzen. Dem bergewichte, das eine andere Nation ber uns zu bekommen droht, knnen wir nur durch die Entwickelung unsrer eigenen Nationalitt begegnen. Ich meine nicht einer erdachten, chimrischen, sondern der wesentlichen, vorhandenen, in dem Staate ausgesprochenen Nationalitt. Wie aber, wird man mir erwidern, ist nicht die Welt gerade in der Ausbildung einer immer engern Gemeinschaft begriffen? Wrde nicht diese Richtung, die sie genommen, durch den Gegensatz der Vlker und Volkstmlichkeiten, der Staaten und ihrer Prinzipien gehindert, eingeengt werden? Es verhlt sich damit, wenn ich mich nicht tusche, wie mit der Literatur. Nicht damals hat man von einer Weltliteratur geredet, als die franzsische Europa beherrschte; erst seitdem ist diese Idee gefat, ausgesprochen und verbreitet worden, seit die meisten Hauptvlker von Europa ihre eigene Literatur selbstndig und oft genug im Gegensatz miteinander entwickelt haben. Ist es mir erlaubt, ein kleines Verhltnis mit den groen zu vergleichen, so mchte ich daran erinnern, da nicht diejenige Gesellschaft Genu und Frderung gewhrt, wo einer das Wort fhrt und die Unterhaltung leitet, noch auch die, wo alle auf gleicher Stufe oder, wenn man will, in gleicher Mittelmigkeit nur immer dasselbe sagen. Da erst fhlt man sich wohl, wo sich mannigfaltige Eigentmlichkeiten, in sich selber rein ausgebildet, in einem hhern Gemeinsamen begegnen, ja wo sie dies, indem sie einander lebendig berhren und ergnzen, in dem Momente hervorbringen. Es wrde nur eine leidige Langeweile geben, wenn die verschiedenen Literaturen ihre Eigentmlichkeit vermischen, verschmelzen sollten. Nein! die Verbindung aller beruht auf der Selbstndigkeit einer jeden. Auf das lebendigste und immerfort knnen sie einander berhren, ohne da doch eine die andere bermeistere und in ihrem Wesen beeintrchtige. Nicht anders verhlt es sich mit den Staaten, den Nationen. Entschiedenes positives Vorwalten einer einzigen wrde den andern zum Verderben gereichen. Eine Vermischung aller wrde das Wesen einer jeden vernichten. Aus Sonderung und reiner Ausbildung wird die wahre Harmonie hervorgehen. ==================================== Diese Abhandlung Leopold von Rankes gelangt hier mit Genehmigung des Verlages von Duncker & Humblot in Mnchen und Leipzig zum Abdruck. Der Druck erfolgte in der Piererschen Hofbuchdruckerei in Altenburg. ===================================== Funote: [1]: Historisch-politische Zeitschrift II.Band. 1833. [ Hinweise zur Transkription Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext beibehalten. nderungen: Seitenangabe originaler Text genderter Text Seite 26 das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen Erfolgekriege das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen Erbfolgekriege Seite 35 Bhmen und bersterreich waren nicht viel minder Bhmen und Obersterreich waren nicht viel minder ] End of Project Gutenberg's Die groen Mchte, by Leopold von Ranke License: Share Alike