Produced by Jens Sadowski Rbezahl Deutsche Volksmrchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges Fr die Jugend bearbeitet von Rudolf Reichardt Mit Illustrationen in Farbendruck nach Originalen von Eugen Siegert Meidinger's Jugendschriften Verlag G. m. b. H. Berlin Inhaltsverzeichnis. 1. Rbezahl, der Berggeist und Herr des Riesengebirges 2. Rbezahls erste Bekanntschaft mit den Menschen 3. Wie Rbezahl zu seinem Namen kam 4. Rbezahl und der Schneider Benedix 5. Rbezahl und der Bauer Veit 6. Der kleine Peter 7. Glaser Steffen und sein Weib Ilse 8. Susi und der Krutermann 9. Der geizige Bcker 10. Das sonderbare Wirtshaus 11. Der Hexenstab 12. Der arme Weberlieb 13. Wnsche nicht zuviel 14. Fischbach 15. Meister Meckerling 16. Grfin Ccilie 1. Rbezahl, der Berggeist und Herr des Riesengebirges. Im Sdosten unseres lieben deutschen Vaterlandes breitet sich ein Gebirge aus, das man seiner groartigen Naturbeschaffenheit und seiner Ausdehnung halber das Riesengebirge nennt. Es bildet einen Teil der Sudeten und scheidet Schlesien von Bhmen und Mhren. Mchtige Berge, wie die Riesen- oder Schneekoppe, das Hohe Rad und die Sturmhaube, ragen weit in die Wolken hinein, und zwischen den felsigen Hhen haben starke Flsse, z. B. die Elbe und der Bober, ihren Ursprung. In diesem Gebirge haust, wie sich das Volk erzhlt, ein Gnom oder Geist, der sich selbst als den Herrn oder Berggeist des Gebirges bezeichnet, vom neckenden Volksmunde aber Rbezahl genannt wird. Der Frst der Berggeister besitzt zwar auf der Oberflche der Erde nur ein kleines Gebiet von wenig Meilen im Umfang, mit einer Kette von Bergen umschlossen; aber wenige Klafter unter der urbaren Erdrinde hebt seine Alleinherrschaft an, die ihm niemand schmlern kann, und erstreckt sich auf achthundertsechzig Meilen in die Tiefe bis zum Mittelpunkt der Erde. Zuweilen gefllt es dem unterirdischen Herrscher, seine weitgedehnten Gebiete der Unterwelt zu durchkreuzen, die unerschpflichen Schatzkammern edler Metalle und Fltze zu beschauen, die Knappschaft der gnomenhaften Bergleute zu mustern und in Arbeit zu setzen, teils um die Gewalt der Feuerstrme durch feste Dmme aufzuhalten, teils um taubes Gestein in edles umzuwandeln. Zuweilen entschlgt er sich aller unterirdischen Regierungssorgen, erhebt sich zur Erholung auf die Grenzfeste seines Gebietes und hat sein Wesen auf dem Riesengebirge. Dann treibt er in frohem bermute sein Spiel und Spott mit den Menschenkindern; denn Freund Rbezahl, mt ihr wissen, hat eine sonderbare Natur. Er ist bald launisch, ungestm, unbescheiden; bald stolz, eitel, wankelmtig, heute der wrmste Freund, morgen fremd und kalt; zuzeiten gutmtig, edel und empfindsam, aber mit sich selbst in stetem Widerspruch, tricht und weise, oft weich und hart in zwei Augenblicken, wie ein Ei, das in siedendes Wasser fllt; schalkhaft und bieder, strrisch und beugsam, je nach der Stimmung, welche ihn gerade beherrscht. Vor uralten Zeiten schon toste Rbezahl im wilden Gebirge, hetzte Bren und Auerochsen aufeinander, da sie zusammen kmpften, oder scheuchte mit unheimlichem Getse das scheue Wild vor sich her und strzte es von den steilen Felsenklippen hinab ins tiefe Tal. Dieser Jagden mde, zog er wieder seine Strae durch die weiten Gebiete der Unterwelt und weilte da Jahrhunderte, bis ihn von neuem die Lust anwandelte, sich an die Sonne zu legen und sich des Anblicks der ueren Schpfung zu erfreuen. Wie nahm's ihn wunder, als er einst bei seiner Rckkehr auf die Oberwelt, von dem beschneiten Gipfel des Riesengebirges umherschauend, die Gegend ganz verndert fand! Die dsteren, undurchdringlichen Wlder waren ausgerodet und in fruchtbare Ackerfelder verwandelt, wo reiche Ernten reiften. Zwischen den Pflanzungen blhender Obstbume ragten die Strohdcher geselliger Drfer hervor, aus deren Schornsteinen friedlicher Hausrauch in die Luft wirbelte; hier und da stand eine einsame Warte auf dem Abhange eines Berges zu Schutz und Schirm des Landes; in den blumenreichen Auen weideten Schaf- und Kuhherden und aus den lichtgrnen Wldern tnten melodische Schalmeien. 2. Rbezahls erste Bekanntschaft mit den Menschen. Die Neuheit der Sache und die Annehmlichkeiten des ersten Anblicks ergtzten den verwunderten Landesherrn so sehr, da er ber die eigenmchtigen Ackerbauer, die ohne seine Erlaubnis und Einwilligung hier wirtschafteten, nicht unwillig ward, auch nicht in ihrem Tun und Treiben sie zu stren begehrte, sondern sie so ruhig im Besitz ihres angematen Eigentums lie, wie ein gutmtiger Hausvater der geselligen Schwalbe oder selbst dem berlstigen Spatz unter seinem Obdach Aufenthalt gestattet. Er ward sogar willens, mit den Menschen Bekanntschaft zu machen, ihre Art und Natur zu erforschen und mit ihnen Umgang zu pflegen. Daher nahm er die Gestalt eines rstigen Ackerknechtes an und verdingte sich bei dem ersten besten Landwirt in Arbeit. Alles, was er unternahm, gedieh wohl unter seiner Hand und Rips, der Ackerknecht, war fr den besten Arbeiter im Dorfe bekannt. Aber sein Brotherr war ein Prasser und Schlemmer, der den Erwerb des treuen Knechtes verschwendete und fr seine Mhe und Arbeit wenig Dank wute; darum schied er von ihm und kam zu dessen Nachbar, der ihm seine Schafherde anvertraute; er wartete dieser fleiig, trieb sie in Einden und auf steile Berge, wo gesunde Kruter wuchsen. Die Herde gedieh gleichfalls unter seiner Hand, kein Schaf strzte vom Felsen herab und keins zerri der Wolf. Aber sein Brotherr war ein karger Filz, der seinen treuen Knecht nicht lohnte, wie er sollte; denn er stahl den besten Widder aus der Heide und krzte dafr den Hirtenlohn. Darum entlief er dem Geizhals und diente dem Dorfrichter. Hier bewhrte er sich bei Ergreifung der Diebe und berwachung der Gesetze. Aber der Richter war ein ungerechter Mann, richtete nach Gunst und spottete der Gesetze. Weil Rips nun nicht das Werkzeug der Ungerechtigkeit sein wollte, kndigte er dem Richter den Dienst auf und ward in den Kerker geworfen, aus welchem er jedoch auf dem gewhnlichen Wege der Geister, durchs Schlsselloch, leicht einen Ausgang fand. Dieser erste Versuch, die Menschen kennen zu lernen, konnte ihn unmglich zur Menschenliebe erwrmen; er kehrte mit Verdru auf seine Felsenzinne im Gebirge zurck, berschaute da die lachenden Gefilde, welche menschlicher Flei verschnert hatte, und wunderte sich, da die Mutter Natur ihre Spenden an solche undankbaren Geschpfe verlieh. Demungeachtet wagte er noch einen Versuch, die Menschen zu beobachten, schlich unsichtbar herab ins Tal und nherte sich den menschlichen Wohnsttten. 3. Wie Rbezahl zu seinem Namen kam. So lauschte eines Tages Rbezahl, hinter Busch und Hecken verborgen, als pltzlich die Gestalt eines anmutigen Mdchens vor ihm stand. Rings um sie hatten sich ihre Gespielinnen ins Gras gelagert an einen Wasserfall, der seine Silberflut in ein kunstloses Becken go, und scherzten mit ihrer Gebieterin in unschuldvoller Frhlichkeit. Dieser Anblick wirkte so wundersam auf den lauschenden Berggeist, da er seiner geistigen Natur und Eigenschaft verga und das Los der Sterblichen wnschte, um nach Art der Menschen zu empfinden. Deshalb verwandelte er sich in einen schwarzen Kolkraben und schwang sich auf einen hohen Eschenbaum, der das Wasserbecken berschattete, um das anmutsvolle Schauspiel zu genieen. Doch dieser Plan war nicht zum besten ausgedacht; er sah alles mit Rabenaugen und empfand als Rabe; ein Nest Waldmuse hatte jetzt fr ihn mehr Anziehendes als das Mdchen, denn die Seele wirkt in ihrem Denken und Wollen nie anders als in Gemheit des Krpers, der sie umgibt. Diese Bemerkung war ebenso schnell gemacht, als der Fehler auch verbessert war; der Rabe flog ins Gebsch und verwandelte sich in einen blhenden Jngling. Das war der rechte Weg. Die schne Maid war die Tochter des schlesischen Frsten, der in der Gegend des Riesengebirges damals herrschte. Sie pflegte oft mit den Jungfrauen ihres Hofes in den Hainen und Gebschen des Gebirges zu lustwandeln, Blumen und duftende Kruter zu sammeln oder fr die Tafel ihres Vaters ein Krbchen Waldkirschen oder Erdbeeren zu pflcken und, wenn der Tag hei war, sich bei der Felsenquelle am Wasserfalle zu erfrischen und darin zu baden. Von diesem Augenblick an war der Berggeist an diesen Ort wie gebannt und tglich harrte er der Wiederkehr der frhlichen Gesellschaft. In der Mittagsstunde eines schwlen Sommertages besuchte sie wieder mit ihrem Gefolge die khlen Schatten am Wasserfalle. Ihre Verwunderung war gro, als sie den Ort ganz verndert fand; die rohen Felsen waren mit Marmor und Alabaster bekleidet, das Wasser strzte nicht mehr in einem wilden Strom von der steilen Bergwand, sondern rauschte, durch viele Abstufungen gebrochen, mit sanftem Gemurmel in ein weites Marmorbecken herunter, aus dessen Mitte ein rascher Wasserstrahl emporscho und, in einen dichten Platzregen verwandelt, den ein laues Lftchen bald auf diese, bald auf jene Seite warf, in den Wasserbehlter zurckpltscherte. Sternblumen, Lilien und Vergimeinnicht blhten an dessen Rande, Rosenhecken, mit Jasmin und Silberblten durchwunden, zogen sich in einiger Entfernung durch den Raum dahin. Rechts und links des Springbrunnens ffnete sich der doppelte Eingang einer prchtigen Grotte, deren Wnde und Bogengewlbe in buntfarbiger Bekleidung prangten, von Bergkristall und Frauenglas, alles funkelnd und flimmernd, da der Abglanz davon das Auge blendete. In verschiedenen Nischen waren die mannigfaltigsten Erfrischungen aufgetischt, deren Anblick zum Genu einlud. Die Prinzessin stand lange in stummer Verwunderung da und wute nicht, ob sie ihren Augen trauen, diesen bezauberten Ort betreten oder fliehen sollte. Aber sie konnte der Begierde nicht widerstehen, alles zu beschauen und von den herrlichen Frchten zu kosten, die fr sie aufgetragen zu sein schienen. Nachdem sie sich mit ihrem Gefolge genug belustigt und alles fleiig durchmustert hatte, kam sie Lust an, in dem Wasserbecken zu baden. Kaum aber war die liebliche Prinzessin ber den glatten Rand des Beckens hinabgeschlpft, so sank sie in eine endlose Tiefe, obgleich der betrgliche Silberkies, der aus dem seichten Grund hervorschien, keine Gefahr vermuten lie. Schneller als die herzueilenden Jungfrauen das goldgelbe Haar der blonden Gebieterin erfassen konnten, hatte die gierige Flut sie schon in die Tiefe gezogen. Laut klagte die bange Schar der erschrockenen Mdchen, als die Herrin vor ihren sichtlichen Augen dahinschwand; sie rangen und wanden die schneeweien Hnde und liefen ngstlich am marmornen Gestade hin und her, indes der Springbrunnen sie recht geflissentlich mit einem Platzregen nach dem andern bergo. Doch wagte es keine, der Entschwundenen nachzuspringen, auer Brnhild, ihrer liebsten Gespielin, die nicht sumte, sich in den grundlosen Wirbelstrom zu strzen, gleiches Schicksal mit ihrer geliebten Gebieterin erwartend. Aber sie schwamm wie ein leichter Kork auf dem Wasser und trotz aller Versuche war sie nicht imstande, unterzutauchen. Hier war kein anderer Rat, als dem Knig das Unglck seiner Tochter mitzuteilen. Wehklagend begegneten ihm die zagenden Mdchen, als er eben mit seinem Jagdgefolge in den Wald zog. Der Knig zerri sein Kleid vor Betrbnis und Entsetzen, nahm die goldene Krone vom Haupte, verhllte sein Angesicht mit dem Purpurmantel und beklagte laut den Verlust seiner schnen Tochter Emma. Nachdem er der Vaterliebe den ersten Trnenzoll entrichtet hatte, strkte er seinen Mut und machte sich auf, um den wunderbaren Wasserfall selbst zu beschauen. Aber der Zauber war verschwunden, die rohe Natur stand wieder da in ihrer vorherigen Wildheit; da war keine Grotte, kein Marmorbad, kein Rosengehege, keine Jasminlaube. Der gute Knig ahnte zum Glck nicht eine Verfhrung seiner Tochter, sondern er nahm den Bericht der Mdchen auf Treu und Glauben an und meinte, einer der Gtter sei bei dieser wunderbaren Begebenheit mit im Spiel gewesen, setzte darauf die Jagd fort und trstete sich bald ber seinen Verlust. Unterdessen befand sich die liebreizende Emma in des Berggeistes Schlosse nicht bel. Er hatte sie durch eine geschickte Versenkung nur den Augen ihres Gefolges entzogen und fhrte sie durch einen unterirdischen Weg in einen prchtigen Palast, zu welchem die vterliche Residenz in keinem Vergleich stand. Als sich die Lebensgeister der Prinzessin wieder erholt hatten, befand sie sich auf einem gewhnlichen Sofa, angetan mit einem Gewand von rosenfarbener Seide und einem glnzenden lichtblauen Grtel. Ein Jngling mit hbschem Antlitz lag zu ihren Fen und gestand ihr seine Liebe. Der Berggeist -- denn er war es -- unterrichtete sie hierauf von seinem Stand und seiner Herkunft, von den unterirdischen Staaten, die er beherrschte, fhrte sie durch die Zimmer und Sle des Schlosses und zeigte ihr dessen Pracht und Reichtum. Ein herrlicher Lustgarten, der mit seinen Blumenanlagen und Rasenpltzen dem Frulein ganz besonders zu behagen schien, umgab das Schlo von drei Seiten. Alle Obstbume trugen purpurrote, mit Gold gesprenkelte oder zur Hlfte bergoldete Apfel, wie sie kein Grtner zu ziehen vermag. Das Gebsch war mit Singvgeln angefllt, die ihre hundertstimmigen Lieder munter erschallen lieen. In den traulichen Bogengngen lustwandelte das Paar; sein Blick hing an ihren Lippen und mit Freuden hrte er ihre lieblichen Worte. Nicht gleiche Wonne empfand die reizende Emma; ein gewisser Trbsinn lag auf ihrer Stirn und offenbarte genugsam, da geheime Wnsche in ihrem Herzen verborgen lagen, die mit den seinigen nicht bereinstimmten. Er machte gar bald diese Entdeckung und bestrebte sich, durch tausend Liebesbeweise diese Wolken zu zerstreuen und die Prinzessin aufzuheitern; doch vergebens. Der Mensch -- so dachte er bei sich selbst -- ist gesellig wie die Biene und die Ameise, der schnen Sterblichen gebricht's an Unterhaltung. Wem soll sich das Mdchen mitteilen? Fr wen ihren Putz ordnen, mit wem darber zu Rate gehen? Da kam ihm ein glcklicher Einfall. Flugs ging er hinaus auf das Feld, zog auf einem Acker ein Dutzend Rben aus, legte sie in einen zierlich geflochtenen Korb und brachte diesen der schnen Emma, welche einsam in der schattigen Laube eine Rose entbltterte. Schnste der Erdentchter, redete sie der Berggeist an, verbanne allen Trbsinn aus deiner Seele und ffne dein Herz der geselligen Freude, du sollst nicht mehr in meinem Heim einsam trauern. In diesem Korbe ist alles, was du bedarfst, diesen Aufenthalt dir angenehm zu machen. Nimm den kleinen buntgeschlten Stab und gib durch die Berhrung mit ihm den Gewchsen im Korbe die Gestalten, welche dir gefallen. Hierauf verlie er die Prinzessin und sie zgerte nicht einen Augenblick, mit dem Zauberstabe nach Vorschrift zu verfahren, nachdem sie den Korb geffnet hatte. Brnhilde, rief sie, liebe Brnhilde, erscheine! Und Brnhilde lag zu ihren Fen, umfate die Knie ihrer Gebieterin, benetzte ihren Scho mit Freudentrnen und liebkoste sie freundlich, wie sie sonst zu tun pflegte. Die Tuschung war so vollkommen, da Emma selbst nicht wute, was sie von ihrer Schpfung halten sollte; ob sie die wahre Brnhilde hingezaubert hatte, oder ob ein Blendwerk das Auge betrog. Sie berlie sich indessen ganz den Empfindungen der Freude, ihre liebste Gespielin um sich zu haben, lustwandelte mit ihr Hand in Hand im Garten, lie sie dessen herrliche Anlagen bewundern und pflckte ihr goldgesprenkelte pfel von den Bumen. Hierauf fhrte sie ihre Gespielin durch alle Zimmer im Palast, bis in die Kleiderkammer, wo sie soviel Unterhaltung fanden, da sie bis zum Abend darin verweilten. Alle Schleier, Grtel, Spangen wurden gemustert und anprobiert. Brnhilde wute sich dabei so gut zu benehmen und zeigte so viel Geschmack in der Wahl und Anordnung des weiblichen Putzes, da, wenn sie ihrer Natur und Wesen nach nichts als eine Rbe war, ihr niemand den Ruhm absprechen konnte, die Krone ihres Geschlechts zu sein. Der sphende Berggeist war entzckt ber den tiefen Blick, den er in das weibliche Herz getan hatte, und freute sich ber den glcklichen Fortgang in der Menschenkenntnis. Die Prinzessin dnkte ihm jetzt schner, freundlicher und heiterer zu sein als jemals. Sie unterlie nicht, ihren ganzen Rbenvorrat mit dem Zauberstabe zu beleben, gab ihnen die Gestalt der Jungfrauen, die ihr vordem aufzuwarten pflegten, und weil noch zwei Rben brig waren, so verwandelte sie die eine in eine Cyperkatze und aus der anderen schuf sie ein niedliches Hndchen. Sie richtete nun ihren Hofstaat wieder ein, teilte einer jeden der aufwartenden Dienerinnen ein gewisses Geschft zu und nie wurde eine Herrschaft besser bedient. Die Mdchen kamen ihren Wnschen zuvor, gehorchten auf den Wink und vollstreckten ihre Befehle ohne den mindesten Widerspruch. Einige Wochen geno sie die Wonne des gesellschaftlichen Vergngens ungestrt; Reihentnze, Sang und Saitenspiel wechselten in dem Schlosse des Berggeistes vom Morgen bis zum Abend; nur merkte die Prinzessin nach Verlauf einiger Zeit, da die frische Gesichtsfarbe ihrer Gesellschafterinnen etwas abbleichte. Der Spiegel im Marmorsaal lie sie zuerst bemerken, da sie allein wie eine Rose aus der Knospe hervorblhte, whrend die geliebte Brnhild und die brigen Jungfrauen welkenden Blumen glichen; gleichwohl versicherten alle, da sie sich wohl befnden, und der freigebige Berggeist lie sie an seiner Tafel auch keinen Mangel leiden. Dennoch zehrten sie sichtbar ab, Leben und Ttigkeit schwand von Tag zu Tag mehr dahin und alles Jugendfeuer erlosch. Als die Prinzessin an einem heiteren Morgen, durch gesunden Schlaf gestrkt, frhlich ins Gesellschaftszimmer trat, wie schauderte sie zurck, als ihr ein Haufen eingeschrumpfter Matronen an Stben und Krcken entgegenzitterte, mit Keuchhusten beladen, unvermgend, sich aufrecht zu erhalten. Das schkernde Hndchen hatte alle viere von sich gestreckt und der schmeichelnde Cyper konnte sich vor Kraftlosigkeit kaum noch bewegen. Bestrzt eilte die Prinzessin aus dem Zimmer, der schaudervollen Gesellschaft zu entfliehen, trat hinaus auf den Sller und rief laut den Berggeist, welcher alsbald in demtiger Stellung auf ihr Gehei erschien. Boshafter Geist, redete sie ihn zornig an, warum mignnst du mir die einzige Freude meines harmlosen Lebens, die Gesellschaft meiner ehemaligen Gespielinnen? Ist die Einde nicht genug, mich zu qulen, willst du sie noch in ein Krankenhaus verwandeln? Augenblicklich gib meinen Mdchen Jugend und Wohlgestalt wieder, oder Ha und Verachtung soll deinen Frevel rchen. Schnste der Erdentchter, erwiderte der Berggeist, zrne nicht ber die Gebhr. Alles, was in meiner Gewalt ist, steht in deiner Hand, aber das Unmgliche fordere nicht von mir. Die Krfte der Natur gehorchen mir, doch vermag ich nichts gegen ihre unwandelbaren Gesetze. Solange Saft und Kraft in den Rben war, konnte der Zauberstab ihr Pflanzenleben nach deinem Gefallen verwandeln; aber ihre Sfte sind nun vertrocknet und ihr Wesen neigt sich nach der Zerstrung hin, denn der belebende Geist ist verraucht. Jedoch das soll dich nicht kmmern: ein frisch gefllter Korb kann den Schaden leicht ersetzen; du wirst daraus alle die Gestalten wieder hervorrufen, die du begehrst. Gib jetzt der Mutter Natur ihre Geschenke zurck, die dich so angenehm unterhalten haben, auf dem groen Rasenplatz im Garten wirst du bessere Gesellschaft finden. Der Berggeist entfernte sich darauf und Prinzessin Emma nahm ihren buntgeschlten Stab zur Hand, berhrte damit die gerunzelten Weiber, las die eingeschrumpften Rben zusammen und tat damit, was Kinder, die eines Spielzeuges mde sind, zu tun pflegen: sie warf den Plunder in den Kehricht und dachte nicht mehr daran. Leichtfig hpfte sie ber die grnen Matten dahin, den frisch gefllten Korb in Empfang zu nehmen, den sie aber nirgends fand. Sie ging in dem Garten auf und nieder und sphte umher, aber es wollte kein Korb zum Vorschein kommen. Am Traubengelnder kam ihr der Berggeist entgegen mit so sichtbarer Verlegenheit, da sie seine Bestrzung schon von ferne wahrnahm. Du hast mich getuscht, sprach sie, wo ist der Korb geblieben? Ich suche ihn schon seit einer Stunde vergebens. Holde Gebieterin meines Herzens, antwortete der Geist, wirst du mir meinen Unbedacht verzeihen? Ich versprach mehr, als ich geben konnte, ich habe das Land durchzogen, Rben aufzusuchen, aber sie sind lngst geerntet und welken in dumpfigen Kellern. Die Fluren trauern, unten im Tal ist's Winter, nur deine Gegenwart hat den Frhling an diesen Felsen gefesselt und unter deinem Futritte sprossen Blumen hervor. Harre nur drei Monate in Geduld aus, dann soll dir's nie an Gelegenheit gebrechen, mit deinen Puppen zu spielen. Ehe noch der Berggeist mit dieser Rede zu Ende war, drehte ihm Prinzessin Emma den Rcken zu und begab sich in ihr Zimmer, ohne ihn einer Antwort zu wrdigen. Er aber hob sich von dannen in die nchste Marktstadt innerhalb seines Gebietes, kaufte, als ein Pachter gestaltet, einen Esel, den er mit schweren Scken Smereien belud, und beste damit einen ganzen Morgen Landes. Dabei bestellte er einen seiner dienstbaren Geister als Hter, dem er aufgab, ein unterirdisches Feuer anzuschren, um die Saat von unten herauf mit linder Wrme zu treiben, wie Ananaspflanzen in einem Treibhause. Die Rbensaat scho lustig auf und versprach in kurzer Zeit eine reiche Ernte; Frulein Emma ging tglich hinaus auf ihr Ackerfeld, welches zu besehen sie mehr lstete als die goldenen pfel in ihrem Garten. Aber Mimut trbte ihre Augen. Sie weilte am liebsten in einem dsteren Tannenwldchen am Rande eines Quellbaches, der sein silberhelles Gewsser ins Tal rauschen lie, und warf Blumen hinein, die in den Odergrund hinabflossen. Der Berggeist sah wohl, da bei allem Bestreben, durch tausend kleine Geflligkeiten der schnen Emma Herz zu gewinnen, kein Erfolg zu erwarten war. Trotzdem ermdete seine hartnckige Geduld nicht, ihren sprden Sinn zu berwinden. Er war zu unerfahren in der Menschenkenntnis, da er sich keine Vorstellung von der wahren Ursache der Widerspenstigkeit der Prinzessin machen konnte. Er war der Meinung, sie gehre nach allen Rechten ihm als dem ersten Besitznehmer. Doch das war ein groer Irrtum. Ein junger Grenznachbar an den Gestaden der Oder, Frst Ratibor, hatte bereits das Herz der holden Emma gewonnen. Schon sah das glckliche Paar dem Tage seiner Hochzeit entgegen, als die Braut mit einmal verschwand. Diese Nachricht versetzte den jungen Frsten in groe Aufregung. Er verlie seine Residenz, zog menschenscheu in einsamen Wldern umher und klagte den Felsen sein Unglck. Die treue Emma seufzte unterdessen ihren geheimen Gram in dem anmutigen Gefngnis aus; sie bezwang aber ihre Gefhle im Herzen so, da der sphende Geist nicht entrtseln konnte, was fr Empfindungen sich darin regten. Lange schon hatte sie darauf gesonnen, wie sie ihn berlisten und aus der lstigen Gefangenschaft entfliehen mchte. Nach mancher durchwachten Nacht sann sie endlich einen Plan aus, der des Versuchs wrdig schien, ihn auszufhren. Der Lenz kehrte in die Gebirgstler zurck, der Berggeist lie das unterirdische Feuer in seinem Treibhaus ausgehen und die Rben, welche durch die Einflsse des Winters in ihrem Wachstum nicht gehindert worden waren, gediehen zur Reife. Die schlaue Emma zog tglich einige davon aus und machte damit Versuche, ihnen allerlei beliebige Gestalten zu geben, dem Anschein nach, um sich damit zu belustigen; aber ihre Absicht ging weiter. Sie lie eines Tages eine kleine Rbe zur Biene werden, um sie abzuschicken, Kundschaft von ihrem Verlobten einzuziehen. Flieg', liebes Bienchen, sprach sie, gegen Sonnenaufgang zu Ratibor, dem Frsten des Landes, und summe ihm sanft ins Ohr, da Emma noch fr ihn lebt, aber eine Sklavin ist des Geistes vom Gebirge, verlier' kein Wort von diesem Grue und bring' mir Botschaft von seiner Liebe. Die Biene flog alsbald vom Finger ihrer Gebieterin, wohin sie beordert war; aber kaum hatte sie ihren Flug begonnen, so scho eine gierige Schwalbe auf sie herab und verschlang zum groen Leidwesen der Prinzessin die Botschafterin der Liebe. Darauf formte sie vermge des wunderbaren Stabes eine Grille und gab ihr denselben Auftrag. Hpfe, kleine Grille, ber das Gebirge zu Ratibor, dem Frsten des Landes, und zirpe ihm ins Ohr, die getreue Emma begehre Lsung ihrer Bande durch seinen starken Arm. Die Grille flog und hpfte so schnell als sie konnte, auszurichten, was ihr befohlen war, aber ein langbeiniger Storch promenierte eben an dem Wege, welchen die Grille zog, erfate sie mit seinem langen Schnabel und versenkte sie in das Verlies seines weiten Kropfes. Diese milungenen Versuche schreckten die entschlossene Emma nicht ab, einen neuen zu wagen; sie gab der dritten Rbe die Gestalt einer Elster. Flieg' hin, beredsamer Vogel, sprach sie, von Baum zu Baum, bis du gelangst zu Ratibor, meinem Verlobten, erzhle ihm von meiner Gefangenschaft und gib ihm Bescheid, da er meiner harre mit Rossen und Mannen, den dritten Tag von heute, an der Grenze des Gebirges, im Maiental, bereit, den Flchtling aufzunehmen, der seine Ketten zu zerbrechen wagt und Schutz von ihm begehrt. Die Elster gehorchte, flatterte von einem Ruheplatz zum andern und die sorgsame Emma begleitete ihren Flug, soweit das Auge trug. Der harmvolle Ratibor irrte noch immer trben Sinnes in den Wldern herum; die Rckkehr des Lenzes und die wiederauflebende Natur hatten seinen Kummer nur gemehrt. Er sa unter einer schattigen Eiche, dachte an seine Prinzessin und seufzte laut: Emma! Alsbald gab das vielstimmige Echo ihm diesen geliebten Namen schmeichelnd zurck; aber zugleich rief auch eine unbekannte Stimme den seinigen aus. Er horchte hoch auf, sah niemand, whnte eine Tuschung und hrte den nmlichen Ruf wiederholen. Kurz darauf erblickte er eine Elster, die auf den Zweigen hin- und herflog, und vernahm, da der geschwtzige Vogel ihn beim Namen rief. Armer Schwtzer, sprach er, wer hat dich gelehrt, diesen Namen auszusprechen, der einem Unglcklichen zugehrt, welcher wnscht, von der Erde vertilgt zu sein wie sein Gedchtnis? Hierauf fate er erregt einen Stein und wollte ihn nach dem Vogel schleudern, als dieser den Namen Emma hren lie. Dies Zauberwort entkrftete den Arm des Prinzen; frohes Entzcken durchschauerte alle seine Glieder und in seiner Seele bebte es leise nach: Emma! Aber der Sprecher auf dem Baume begann mit der dem Elsterngeschlecht eigenen Beredsamkeit den Spruch, den man ihm anvertraut. Frst Ratibor vernahm kaum die frhliche Botschaft, da ward's hell in seiner Seele; der tdliche Gram, der die Sinne gefangen hatte, verschwand; er kam wieder zu Gefhl und Besinnung und forschte mit Flei von der Glcksverknderin nach dem Schicksal seiner Braut; aber die gesprchige Elster konnte nur ihr Sprchlein ohne Aufhren wiederholen und flatterte davon. Schnellen Fues eilte Ratibor zu seinem Hoflager zurck, rstete eilig das Geschwader der Reisigen, bestieg sein Ro und zog mit ihnen hoffnungsfreudig zum Maientale, um das Abenteuer zu bestehen. Emma hatte unterdessen mit weiblicher Schlauheit alles vorbereitet, ihr Vorhaben auszufhren. Sie lie ab, den geduldigen Berggeist mit krnkender Klte zu behandeln, ihr Auge sprach Hoffnung und ihr sprder Sinn schien beugsamer zu werden. Solche glcklichen Anzeichen lie der Berggeist nicht ungentzt. Er erneuerte seine Werbung und wurde nicht zurckgewiesen. Den folgenden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, trat die schne Emma, geschmckt wie eine Braut, hervor, mit allem Geschmeide beladen, das sich in ihrem Schmuckkstlein gefunden hatte. Ihr blondes Haar war in einen Knoten geschlungen, welchen eine Myrtenkrone berschattete, von welcher ein Schleier lang herabwallte; der Besatz ihres Kleides funkelte von Juwelen und als der harrende Berggeist auf der groen Terrasse im Lustgarten ihr entgegenwandelte, freute er sich dieses Anblickes. Himmlisches Mdchen, stammelte er ihr entgegen, verweigere mir nicht lnger den bejahenden Blick, der mich zum glcklichsten Wesen macht, das jemals die Sonne bestrahlt hat. Die Prinzessin hllte sich dichter in ihren Schleier und antwortete: Vermag eine Sterbliche dir zu widerstehen, mein Gebieter? Deine Standhaftigkeit hat den Sieg davongetragen. Nimm dieses Gestndnis von meinen Lippen, aber la meine Trnen diesen Schleier verhllen. Warum Trnen, o Geliebte? entgegnete ihr der beunruhigte Geist, jede deiner Trnen fllt wie ein brennender Tropfen auf mein Herz, ich will nur deine Liebe, nicht aber Aufopferung. Ach, erwiderte Emma, warum mideutest du meine Trnen? Mein Herz lohnt deine Freundschaft, aber bange Ahnung zerreit meine Seele. Du alterst nimmer, aber irdische Schnheit ist eine Blume, die bald dahinwelkt. Woran soll ich erkennen, da du ein liebevoller, geflliger, duldsamer Gemahl sein werdest? Er antwortete: Fordere einen Beweis meiner Treue oder des Gehorsams in Ausrichtung deiner Befehle, oder stelle meine Geduld auf die Probe und beurteile alsdann die Strke meiner unwandelbaren Liebe. Es sei also! antwortete die schlaue Emma, ich fordere nur einen Beweis deiner Geflligkeit. Gehe hin und zhle die Rben alle auf dem Acker; mein Hochzeitstag soll nicht ohne Zeugen sein, ich will sie beleben, damit sie mir zu Brautjungfrauen dienen; aber hte dich, mich zu tuschen und verzhle dich nicht um eine, denn das ist die Probe, woran ich deine Treue prfen will. So ungern sich der Berggeist in diesem Augenblicke von seiner lieblichen Braut trennte, so gehorchte er doch ohne Sumen, machte sich rasch an die Arbeit und hpfte hurtig wie ein Star unter den Rben herum. Er kam durch diese Geschftigkeit mit seiner Zhlung bald zustande; doch um der Sache recht gewi zu sein, wiederholte er seine Rechnung nochmals und fand zu seinem Verdru eine Abweichung bei Feststellung der Summen, welche ihn ntigte, zum dritten Male die Rbenhupter durchzumustern. Aber diesmal ergab sich eine andere Summe. Die schlaue Emma hatte nicht sobald den Berggeist aus den Augen verloren, als sie zur Flucht Anstalt machte. Sie hielt eine saftige, wohlgenhrte Rbe in Bereitschaft, welche sie flugs in ein mutiges Ro mit Sattel und Zeug verwandelte. Rasch schwang sie sich in den Sattel, flog ber die Heiden und Steppen des Gebirges dahin und das flchtige Ro brachte sie, ohne zu straucheln, auf seinem sanften Rcken hinab ins Maiental, wo sie dem geliebten Ratibor, welcher der Kommenden ngstlich entgegenharrte, sich frhlich in die Arme warf. Der geschftige Berggeist hatte sich indessen so in seine Zahlen vertieft, da er nichts von dem, was um ihn und neben ihm geschah, wute. Nach langer Mhe und Anstrengung war's ihm endlich gelungen, die wahre Zahl der Rben auf dem Ackerfelde, klein und gro mit eingerechnet, zu finden. Er eilte nun froh zurck, sie seiner Herzensgebieterin gewissenhaft zu berichten und durch die pnktliche Erfllung ihrer Plne sie zu berzeugen, da er ihr ein geflliger Gemahl sein werde. Mit Selbstzufriedenheit trat er auf den Rasenplatz, aber da fand er nicht, was er suchte; er lief durch die bedeckten Lauben und Gnge, aber auch da war nicht, was er begehrte; er kam in den Palast, durchsphte alle seine Winkel, rief den teuren Namen Emma aus, den ihm die einsamen Hallen zurcktnten, begehrte einen Laut von dem geliebten Munde zu hren; doch da war weder Stimme noch Rede. Das fiel ihm auf, er merkte Unrat, flugs warf er die schwerfllige Verkrperung ab, schwang sich hoch in die Luft und sah die fliehende Emma in der Ferne, als eben das schnellfige Ro ber die Grenze setzte. Wtend ballte der ergrimmte Geist ein paar friedlich vorberziehende Wolken zusammen und schleuderte einen krftigen Blitz der Fliehenden nach, der eine tausendjhrige Grenzeiche zersplitterte; aber darber hinaus war seine Rache kraftlos und die Donnerwolke zerflo in einen sanften Heiderauch. Nachdem er die oberen Luftregionen verzweiflungsvoll durchkreuzt und seine strmende Leidenschaft ausgetobt hatte, kehrte er trbsinnig in den Palast zurck, schlich durch alle Gemcher und erfllte sie mit Seufzen und Sthnen. Nachher besuchte er noch einmal den Lustgarten, doch diese ganze Zauberschpfung hatte keinen Reiz mehr fr ihn. Der Gedanke an die Tage, welche hier die Ungetreue verlebt hatte, beschftigte ihn mehr als die goldenen pfel und prchtigen Blumen. Die Erinnerung an sie erwachte wieder an jedem Platze, wo sie vormals ging und stand, wo sie Blumen gepflckt, wo er sie oft unsichtbar belauscht, oft trauliche Unterredungen mit ihr gepflogen hatte. Alles das bedrckte ihn so sehr, da er unter der Last seiner Gefhle in dumpfes Hinbrten versank. Bald darauf brach sein Unmut in grliche Verwnschungen aus und er verma sich hoch und teuer, der Menschenkenntnis ganz zu entsagen und von diesem argen, betrglichen Geschlechte fernerhin keine weitere Kenntnis zu nehmen. In dieser Entschlieung stampfte er dreimal auf die Erde und der ganze Zauberpalast mit all seiner Herrlichkeit kehrte in sein ursprngliches Nichts zurck. Der Abgrund aber sperrte seinen weiten Rachen auf und der Berggeist fuhr hinab in die Tiefe bis in die entgegengesetzte Grenze seines Gebietes, in den Mittelpunkt der Erde, und nahm Bitterkeit und Menschenha mit dahin. Whrend dieses Vorganges im Gebirge war Frst Ratibor geschftig, seine Braut in Sicherheit zu bringen, und fhrte sie mit frstlichem Geprnge an den Hof ihres Vaters zurck. Daselbst wurde ihre Vermhlung gefeiert. Er teilte mit seiner Gattin den Thron seines Erbes und erbaute die Stadt Ratibor, die noch seinen Namen trgt bis auf diesen Tag. Das sonderbare Abenteuer der Prinzessin, welches ihr auf dem Riesengebirge begegnet war, insbesondere ihre khne Flucht, wurde das Mrchen des Landes, pflanzte sich von Geschlecht zu Geschlecht fort bis in die entferntesten Zeiten. Die Bewohner der umliegenden Gegenden, die den Nachbar Berggeist bei seinem Geisternamen nicht zu nennen wuten, legten ihm einen Spottnamen bei und riefen ihn fortan Rbezhler oder kurzweg Rbezahl. 4. Rbezahl und der Schneider Benedix. Der unmutsvolle Berggeist verlie die Oberwelt mit dem Entschlu, nie wieder das Tageslicht zu schauen; doch die wohlttige Zeit verwischte nach und nach die Eindrcke seines Grams; gleichwohl war ein Zeitraum von neunhundertneunundneunzig Jahren erforderlich, ehe die alte Wunde ausheilte. Endlich, da ihn die Beschwerde der Langeweile drckte und er einstmals sehr bel aufgerumt war, brachte sein Liebling und Hofschalksnarr in der Unterwelt, ein drolliger Kobold, eine Lustpartie aufs Riesengebirge in Vorschlag, welchem Rbezahl gern zustimmte. Es war nur eine Minute ntig, so war die weite Reise vollendet und er befand sich mitten auf dem groen Rasenplatz seines ehemaligen Lustgartens, dem er nebst dem brigen Zubehr die vorige Gestalt gab; doch blieb alles fr menschliche Augen verborgen; die Wanderer, die bers Gebirge zogen, sahen nichts als eine frchterliche Wildnis. Der Anblick dieser Gegenstnde erneuerte alle Erinnerungen an die schne Emma, ihr Bild schwebte ihm noch so deutlich vor, als stnde sie neben ihm. Aber die Vorstellung, wie sie ihn berlistet und hintergangen hatte, machte seinen Groll gegen die ganze Menschheit wieder rege. Unseliges Erdengewrm, rief er aus, indem er aufschaute und vom hohen Gebirge die Trme der Kirchen und Klster in Stdten und Flecken erblickte, du treibst, sehe ich, dein Wesen noch immer unten im Tale. Hast mich gefft durch Tcke und Rnke, sollst mir nun ben; will dich auch hetzen und plagen, da dir soll bange werden vor dem Treiben des Geistes im Gebirge. Kaum hatte er dies Wort gesagt, so vernahm er in der Ferne Menschenstimmen. Drei junge Gesellen wanderten durchs Gebirge und der keckste unter ihnen rief ohne Unterla: Rbezahl, komm herab! Rbezahl, Mdchendieb! Von undenklichen Jahren her hatte der Volksmund die Entfhrungsgeschichte des Berggeistes getreulich aufbewahrt, sie wie gewhnlich mit lgenhaften Zustzen vermehrt und jeder Reisende, der das Riesengebirge betrat, unterhielt sich mit seinen Gefhrten von den Abenteuern desselben. Man trug sich mit unzhligen Spukgeschichten, die sich niemals begeben hatten, machte damit zaghafte Wanderer frchten und die starken Geister und Witzlinge, die an keine Gespenster glaubten, machten sich darber lustig, pflegten aus bermut oder um ihre Herzhaftigkeit zu beweisen, den Geist oft zu rufen, aus Schkerei bei seinem Spottnamen zu nennen und auf ihn zu schimpfen. Man hat nie gehrt, da dergleichen Beleidigungen von dem friedsamen Berggeiste wren gergt worden; denn in den Tiefen des Abgrundes erfuhr er von diesem mutwilligen Hohn kein Wort. Desto mehr war er betroffen, da er sein ganzes Abenteuer mit der Prinzessin jetzt so kurz und bndig ausrufen hrte. Wie der Sturmwind raste er durch den dsteren Fichtenwald und war schon im Begriff, den armen Tropf, der sich ohne Absicht ber ihn lustig gemacht hatte, zu erdrosseln, als er in dem Augenblick bedachte, da eine so empfindliche Rache groes Geschrei im Lande erregen, alle Wanderer aus dem Gebirge wegbannen und ihm die Gelegenheit rauben wrde, sein Spiel mit den Menschen zu treiben. Darum lie er ihn und seine Gefhrten ruhig ihre Strae ziehen, mit dem Vorbehalt, seinen verbten Mutwillen ihm doch nicht ungestraft hingehen zu lassen. Auf dem nchsten Scheidewege trennte sich der Hohnsprecher von seinen Kameraden und gelangte diesmal mit heiler Haut in Hirschberg, seiner Heimat, an. Aber als unsichtbarer Geleitsmann war ihm Rbezahl bis zur Herberge gefolgt, um ihn zu gelegener Zeit dort zu finden. Jetzt trat er seinen Rckweg ins Gebirge an und sann auf ein Mittel, sich zu rchen. Da begegnete ihm auf der Landstrae ein reicher alter Handelsmann, der nach Hirschberg wollte; da kam ihm in den Sinn, diesen zum Werkzeug seiner Rache zu gebrauchen. Er gesellte sich also zu ihm in Gestalt des losen Gesellen, der ihn gefoppt hatte, und plauderte freundlich mit ihm, fhrte ihn unbemerkt seitab von der Strae und da sie ins Gebsch kamen, fiel er dem Hndler mrderisch in den Bart, zauste ihn weidlich, ri ihn zu Boden, knebelte ihn und raubte ihm seinen Sckel, worin er viel Geld und Geschmeide trug. Nachdem er ihn mit Faustschlgen und Futritten zum Abschied noch gar bel zugerichtet hatte, ging er davon und lie den armen geplnderten Mann halbtot im Busche liegen. Als sich der Hndler von seinem Schrecken erholt hatte und wieder Leben in ihm war, fing er an zu wimmern und laut um Hilfe zu rufen; denn er frchtete in der grausenvollen Einde zu verschmachten. Da trat ein feiner, ehrbarer Mann zu ihm, dem Ansehen nach ein Brger aus einer der umliegenden Stdte, fragte, warum er so sthne, und als er ihn geknebelt fand, lste er ihm die Bande von Hnden und Fen und leistete ihm alles das, was der barmherzige Samariter im Evangelium dem Manne tat, der unter die Mrder gefallen war. Nachher labte er ihn mit einem krftigen Schluck Lebenswasser, das er bei sich trug, fhrte ihn wieder auf die Landstrae und geleitete ihn freundlich bis nach Hirschberg an die Tr der Herberge; dort reichte er ihm einen Zehrpfennig und schied von ihm. Wie erstaunte der Hndler, als er beim Eintritt in den Krug seinen Ruber am Zechtisch erblickte, so frei und unbefangen als ein Mensch sein kann, der sich keiner beltat bewut ist! Er sa hinter einem Schoppen Landwein, trieb Scherz und gute Schwnke mit anderen lustigen Zechbrdern und neben ihm lag der nmliche Rucksack, in welchen er den geraubten Sckel geborgen hatte. Der bestrzte Hndler wute nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, schlich sich in einen Winkel und ging mit sich selbst zu Rate, wie er wieder zu seinem Eigentum gelangen mchte. Es schien ihm unmglich, sich in der Person geirrt zu haben; darum schlich er sich unbemerkt zur Tr hinaus, ging zum Richter und machte ihm Mitteilung von dem ruberischen berfall. Das Hirschberger Gericht stand damals in dem Rufe, da es schnell und ttig sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben. Hscher bewaffneten sich mit Spieen und Stangen, umringten das Schenkhaus, griffen den unschuldigen Verbrecher und fhrten ihn vor die Schranken der Ratsstube, wo sich die weisen Vter indes versammelt hatten. Wer bist du? fragte der ernsthafte Stadtrichter, als der Angeklagte hereintrat, und von wannen kommst du? Er antwortete freimtig und unerschrocken: Ich bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks, Benedix genannt, komme von Liebenau und stehe hier in Arbeit bei meinem Meister. Hast du nicht diesen Mann im Walde mrderisch berfallen, bel geschlagen, gebunden und seines Sckels beraubt? Ich habe diesen Mann nie mit Augen gesehen, hab' ihn auch weder geschlagen, noch gebunden, noch seines Sckels beraubt. Ich bin ein ehrlicher Znftler und kein Straenruber. Womit kannst du deine Ehrlichkeit beweisen? Mit dem Ausweis ber meine Kundschaft und dem Zeugnis meines guten Gewissens. Weis' auf deine Kundschaft. Benedix ffnete getrost den Rucksack; denn er wute wohl, da er nichts als sein wohlerworbenes Eigentum darin verwahrte. Doch wie er ihn ausleerte, sieh da! da klingelt's unter dem herausstrzenden Plunder wie Geld. Die Hscher griffen hurtig zu, breiteten den Kram auseinander und zogen den schweren Sckel hervor, welchen der erfreute Handelsmann alsbald als sein Eigentum nach Feststellung des Tatbestandes zurckforderte. Der arme Schneider stand da wie vom Donner gerhrt, wollte vor Schrecken umsinken, ward bleich, die Lippen bebten, die Knie wankten, er verstummte und sprach kein Wort. Des Richters Stirn verfinsterte sich und eine drohende Gebrde weissagte einen strengen Bescheid. Wie nun, Bsewicht! donnerte der Stadtvogt. Erfrechst du dich noch, den Raub zu leugnen? Erbarmung, gestrenger Herr Richter! winselte der Angeklagte auf den Knien, mit hochaufgehobenen Hnden. Alle Heiligen im Himmel ruf' ich zu Zeugen an, da ich unschuldig bin an dem Raube; ich wei nicht, wie des Hndlers Sckel in meinen Rucksack gekommen ist, Gott wei es. Du bist berwiesen, fuhr der Richter fort, der Sckel beweist genugsam das Verbrechen, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre, und bekenne freiwillig, ehe der Peiniger kommt, dir das Gestndnis der Wahrheit abzufoltern. Der gengstigte Benedix konnte nichts, als sich auf seine Unschuld berufen; aber er predigte tauben Ohren: man hielt ihn fr einen hartnckigen Gaudieb, der sich nur aus der Halsschlinge herausleugnen wollte. Meister Hmmerling, der Foltermeister, wurde herbeigerufen, durch die sthlernen Grnde seiner Beredsamkeit ihn zu veranlassen, Gott und der Obrigkeit die volle Wahrheit zu bekennen. Jetzt verlie den armen Wicht die standhafte Freudigkeit seines guten Gewissens, er bebte zurck vor den Qualen, die seiner warteten. Da der Folterer im Begriff war, ihm die Daumenschrauben anzulegen, bedachte er, da dies ihn untchtig machen wrde, jemals wieder mit Ehren die Nadel zu fhren, und ehe er wollte ein verdorbener Kerl bleiben sein Leben lang, meinte er, es sei besser, der Marter mit einem Male ledig zu werden, und gestand das Bubenstck ein, von welchem sein Herz nichts wute. Die Verhandlung wurde nun kurzerhand abgetan und der Angeklagte, ohne da sich das Gericht teilte, von Richtern und Schppen zum Strange verurteilt, welcher Rechtsspruch zur Ersparung der Verpflegungskosten gleich tags darauf bei frhem Morgen vollzogen werden sollte. Alle Zuschauer, welche das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig; doch keiner rief den Richtern lauteren Beifall zu, als der barmherzige Samariter, der mit in die Gerichtsstube eingedrungen war und nicht satt werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg zu erheben; und in der Tat hatte auch niemand nheren Anteil an der Sache als eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des Hndlers Sckel in des Schneiders Rucksack verborgen hatte und kein anderer als Rbezahl selbst war. Schon am frhen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt auf den Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte, und es regte sich bereits in ihm der Rabenhunger, dem neuen Ankmmling die Augen auszuhacken; aber diesmal harrte er vergebens. Ein frommer Ordensbruder, der es sich angelegen sein lie, die zum Tode Verurteilten zur Sinnesnderung und Bue zu bekehren, fand den Schneidergesellen so unwissend im Christenglauben, da er den Magistrat um einen dreitgigen Aufschub der Hinrichtung bat. Als Rbezahl davon hrte, flog er ins Gebirge, die Vollstreckung des Urteils daselbst zu erwarten. In diesem Zeitraume durchstrich er nach seiner Gewohnheit die Wlder und erblickte auf dieser Streiferei eine junge Dirne, die sich unter einem schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihr Haupt sank schwermtig auf die Brust hinab, ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich und der Zuschnitt daran brgerlich. Von Zeit zu Zeit verwischte sie mit der Hand eine herabrollende Zhre von den Wangen und schwere Seufzer entrangen sich ihrer Brust. Schon ehemals hatte der Berggeist die mchtigen Eindrcke jungfrulicher Trnen empfunden; auch jetzt war er so gerhrt davon, da er von dem Vorsatz, welchen er sich auferlegt hatte, alle Menschenkinder, die durchs Gebirge ziehen wrden, zu tcken und zu qulen, zum ersten Male abging, die Empfindung des Mitleids sogar als ein wohltuendes Gefhl erkannte und Verlangen trug, das Mdchen zu trsten. Er verwandelte sich wieder in einen ehrbaren Brger, trat freundlich zu der jungen Dirne und sprach: Mgdlein, was trauerst du hier in der Wste so einsam? Verhehle mir nicht deinen Kummer, da ich zusehe, wie dir zu helfen sei. Das Mdchen, das ganz in Schwermut versunken war, schreckte auf, da sie diese Stimme hrte, und erhob ihr gesenktes Haupt. Zwei helle Trnen glnzten in ihren Augen und das holde, jungfruliche Antlitz war mit dem Ausdruck banger Schmerzensgefhle bergossen. Da sie den ehrsamen Mann vor sich stehen sah, sprach sie: Was kmmert Euch mein Schmerz, guter Mann, da Ihr nicht helfen knnt? Ich bin eine Unglckliche, eine Mrderin, habe den Mann meines Herzens gemordet und will abben meine Schuld mit Jammer und Trnen, bis mir der Tod das Herz bricht. Der ehrbare Mann staunte. Du eine Mrderin? rief er, bei diesem freundlichen, lieben Gesicht trgst du die Hlle im Herzen? Unmglich! -- Zwar die Menschen sind aller Rnke und Bosheit fhig, das wei ich; gleichwohl ist mir's hier ein Rtsel. So will ich's Euch lsen, erwiderte die trbsinnige Jungfrau, wenn Ihr es zu wissen begehrt. Er sprach: Sag' an! Ich hatte einen Gespielen von Jugend an, den Sohn meiner Nachbarin. Er war so lieb und gut, so treu und bieder, liebte mich so standhaft und herzig, da ich ihm ewige Treue gelobte. Ach, das Herz des braven Menschen habe ich vergiftet, hab' ihn der Tugendlehren seiner frommen Mutter vergessen gemacht und ihn zu einer beltat verleitet, wofr er sein Leben verwirkt hat! Der Berggeist rief erstaunt: Du? Ja, Herr, sprach sie, ich bin seine Mrderin, hab' ihn gereizt, einen Straenraub zu begehen und einen Handelsmann zu plndern; da haben ihn die Herren von Hirschberg gegriffen, Halsgericht ber ihn gehalten und, o Herzeleid! morgen wird er abgetan! Und was hast du verschuldet? fragte verwundert Rbezahl. Ja, Herr! Ich habe sein junges Leben auf meinem Gewissen. Wie das? Er zog auf die Wanderschaft bers Gebirge und als es zum Abschied ging, sprach er: >Feins Liebchen, bleib mir treu. Wenn der Apfelbaum zum dritten Male blht und die Schwalbe zum Nest trgt, kehr' ich von der Wanderschaft zurck, dich heimzuholen als mein junges Weib;< und das gelobte ich ihm zu werden durch einen teuren Eid. Nun blhte der Apfelbaum zum dritten Male und die Schwalbe nistete, da kam Benedix wieder, erinnerte mich meiner Zusage und wollte mich zur Trauung fhren. Ich aber neckte und hhnte ihn und sprach: >Dein Weib kann ich nicht werden, du hast weder Herd noch Obdach. Schaff' dir erst blanke Taler an, dann frage wieder.< Der arme Junge wurde durch diese Rede sehr betrbt. >Ach, Klrchen,< seufzte er tief, mit einer Trne im Auge, >steht dir dein Sinn nach Geld und Gut, so bist du nicht das biedere Mdchen mehr, das du vormals warst! Schlugst du nicht ein in diese Hand, da du mir deine Treue schwurest? Und was hatte ich mehr als diese Hand, dich einst damit zu ernhren? Woher dein Stolz und sprder Sinn? Ach, Klrchen, ich verstehe dich; ein reicher Freier hat mir dein Herz entwendet; lohnst du mir also, Ungetreue? Drei Jahre habe ich mit Sehnsucht und Harren traurig verlebt, habe jede Stunde gezhlt bis auf diesen Tag, da ich kam, dich heimzufhren. Wie leicht und rasch machte meinem Fu Hoffnung und Freude, da ich bers Gebirge wandelte, und nun verschmhst du mich!< Er bat und flehte, doch ich blieb fest auf meinem Sinn: >Mein Herz verschmht dich nicht, o Benedix!< antwortete ich, >nur meine Hand versag' ich dir fr jetzt; zieh hin, erwirb dir Gut und Geld, und hast du das, so komm, dann will ich dich gern zum Mann nehmen.< >Wohlan,< sprach er mit Unmut, >du willst es so, ich gehe in die Welt, will laufen, will rennen, will betteln, stehlen, sparen, sorgen und eher sollst du mich nicht wiedersehen, bis ich erlange den schnden Preis, um den ich dich erwerben mu. Leb' wohl, ich fahre hin, Ade!< -- So hab' ich ihn betrt, den armen Benedix; er ging ergrimmt davon; da verlie ihn sein guter Engel, da er tat, was nicht recht war und was sein Herz gewi verabscheute. Der ehrsame Mann schttelte den Kopf ber diese Rede und rief nach einer Pause mit nachdenklicher Miene: Wunderbar! Hierauf wendete er sich zu der Dirne: Warum, fragte er, erfllst du aber hier den leeren Wald mit deinen Wehklagen, die dir und deinem Brutigam nichts ntzen und frommen knnen? Lieber Herr, fiel sie ihm ein, ich war auf dem Wege nach Hirschberg, da wollte mir der Jammer das Herz abdrcken, darum weilte ich unter diesem Baume. Und was willst du in Hirschberg tun? Ich will dem Blutrichter zu Fue fallen, will mit meinem Klagegeschrei die Stadt erfllen und die Tchter der Stadt sollen mir wehklagen helfen, ob das die Herren erbarmen mchte, dem unschuldigen Blut das Leben zu schenken; und so mir's nicht gelingt, meinen Benedix dem schmhlichen Tode zu entreien, will ich freudig mit ihm sterben. Rbezahl wurde durch diese Rede so bewegt, da er von Stund' an seiner Rache ganz verga und der Trostlosen ihren Brutigam wiederzugeben beschlo. Trockne ab deine Trnen, sprach er mit teilnehmender Gebrde, und la deinen Kummer schwinden. Ehe die Sonne zur Rste geht, soll dein Benedix frank und frei sein. Morgen um den ersten Hahnenschrei sei wach und aufmerksam und wenn ein Finger ans Fenster klopft, so tu auf die Tr deines Hauses; denn es ist dein Benedix, der davor stehet. Hte dich, ihn wieder wild zu machen durch deinen sprden Sinn. -- Du sollst auch wissen, da er das Bubenstck nicht begangen hat, dessen du ihn zeihest, und du hast gleichfalls keine Schuld; denn er hat sich durch deinen Eigensinn zu keiner bsen Tat reizen lassen. Das Mdchen, verwundert ber diese Rede, sah ihm starr und steif ins Gesicht und weil darin keine Schalkheit oder Trug sich zeigte, gewann sie Zutrauen, ihre trbe Stirn klrte sich auf und sie sprach voll froher Zuversicht: Lieber Herr, wenn Ihr mein nicht spottet und es also ist, wie Ihr sagt, so mt Ihr ein Seher oder der gute Engel meines Benedix sein, da Ihr das alles so wit. Sein guter Engel? versetzte Rbezahl betroffen, nein, der bin ich wahrlich nicht; aber ich kann's werden und du sollst's erfahren! Ich bin ein Brger aus Hirschberg, habe mit zu Rate gesessen, als der arme Snder verurteilt wurde; aber seine Unschuld ist ans Licht gebracht, frchte nichts fr sein Leben. Ich will hin, ihn seiner Bande zu entledigen, denn ich vermag viel in der Stadt. Sei guten Muts und kehre heim in Frieden. Das Mdchen machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich Furcht und Hoffnung in ihrer Seele kmpften. Der ehrwrdige Pater Graurock hatte sich's die drei Tage des Aufschubs inzwischen blutsauer werden lassen, den Verurteilten gehrig zum Tode vorzubereiten. Als er dem trostlosen Benedix zum letztem Male gute Nacht gewnscht hatte, begegnete ihm Rbezahl unsichtbarerweise beim Eingange, noch unentschlossen, wie er sein Vorhaben, den armen Schneider in Freiheit zu setzen, auszufhren vermchte. In dem Augenblick geriet er auf den Einfall, der recht nach seinem Sinn war. Er schlich dem Mnche ins Kloster nach, stahl aus der Kleiderkammer ein Ordenskleid, fuhr hinein und begab sich in Gestalt des Bruders Graurock ins Gefngnis, welches ihm der Kerkermeister ehrerbietig ffnete. Das Heil deiner Seele, redete er den Gefangenen an, treibt mich nochmals hierher, da ich dich kaum verlassen habe. Doch hatte ich vorher vergessen, dich nach etwas zu fragen. Sag' an, denkst du auch noch an Klrchen? Liebst du sie noch als deine Braut? Hast du ihr etwas vor deiner Hinfahrt zu sagen, so vertraue es mir. Benedix staunte bei diesem Namen noch mehr; der Gedanke an sie, den er mit groer Gewissenhaftigkeit in seiner Seele zu ersticken bemht gewesen war, wurde auf einmal wieder so heftig angefacht, besonders da vom Abschiedsgrue die Rede war, da er berlaut anfing zu weinen und zu schluchzen und kein Wort vorzubringen vermochte. Diese herzbrechende Gebrdung jammerte den mitleidigen Mnch also, da er beschlo, dem Spiel ein Ende zu machen. Armer Benedix, sprach er, gib dich zufrieden und sei getrost und unverzagt, du sollst nicht sterben. Ich habe in Erfahrung gebracht, da du unschuldig bist an dem Raube und deine Hand mit keinem Laster befleckt hast, darum bin ich gekommen, dich aus dem Kerker zu entfhren und der Bande zu entledigen. Er zog einen Schlssel aus der Tasche. La sehen, fuhr er fort, ob er schliee. Der Versuch gelang, der Entfesselte stand da, frank und frei, die Ketten fielen ab von Hnden und Fen. Hierauf wechselte der gutmtige Ordensbruder mit ihm die Kleider und sprach: Gehe gemachsam wie ein frommer Mnch durch die Schar der Wchter vor der Tr des Gefngnisses und durch die Straen, bis du der Stadt Weichbild hinter dir hast; dann schrze dich hurtig und schreite rstig zu, da du gelangst ins Gebirge, und raste nicht, bis du in Liebenau vor Klrchens Tr stehst, klopfe leise an, dein Liebchen harret deiner mit ngstlichem Verlangen. Der gute Benedix whnte, das alles sei nur ein Traum, rieb sich die Augen, zwickte sich in die Arme, um zu versuchen, ob er wache oder schlafe, und da er inne ward, da sich alles so verhalte, fiel er seinem Befreier zu Fen und umfing seine Knie, wollte eine Danksagung stammeln und lag da in stummer Freude, denn die Worte versagten ihm. Der liebreiche Mnch trieb ihn endlich fort und reichte ihm noch ein Laib Brot und eine Knackwurst zur Zehrung auf den Weg. Mit wankendem Knie schritt Benedix ber die Schwelle des traurigen Kerkers und frchtete immer, erkannt zu werden. Aber sein ehrwrdiges Gewand gab ihm die Gewhr, da keiner der Wchter in ihm einen Verbrecher vermutete. Klrchen sa indessen bnglich einsam in ihrem Kmmerlein, horchte auf jedes Rauschen des Windes und sphete nach jedem Futritt der Vorbergehenden. Oft dnkte ihr, es rege sich was am Fensterladen, oder es klinge der Pfortenring; sie schreckte auf mit Herzklopfen, sah durch die Luke und es war Tuschung. Schon schttelten die Hhne in der Nachbarschaft die Flgel und verkndeten durch ihr Krhen den kommenden Tag; das Glcklein im Kloster lutete zur Frhmette, das ihr wie Totenruf und Grabesklang tnte; der Wchter stie zum letzten Male ins Horn und weckte die schnarchenden Bckermgde zu ihrem frhen Tagewerk. Klrchens Lampe fing an, dunkel zu brennen, weil's ihm an l gebrach, ihre Unruhe mehrte sich mit jedem Augenblick. Sie sa auf ihrer Bettlade, weinte bitterlich und seufzte: Benedix, Benedix! Was fr ein banger Tag fr dich und mich dmmert jetzt heran! Sie lief ans Fenster, ach! blutrot war der Himmel nach Hirschberg hin und schwarze Nebelwolken webten wie Trauerflor und Leichentcher hin und wieder am Horizonte. Ihre Seele bebte vor diesem ahnungsvollen Anblick zurck, sie sank in dumpfes Hinbrten und Totenstille war um sie her. Da pocht's dreimal leise an das Fenster, als ob sich etwas rhrte. Ein froher Schauder durchlief ihre Glieder, sie sprang auf, tat einen lauten Schrei; denn eine Stimme flsterte durch die Luke: Feins Liebchen, bist du wach? -- Husch war sie an der Tr. -- Ach, Benedix, bist du's oder ist's dein Geist? Wie sie aber den Bruder Graurock erblickte, fiel sie zurck und sank vor Entsetzen hin. Da umschlang sie sanft sein treuer Arm und der Ku der Liebe brachte sie bald wieder ins Leben. Nachdem Erstaunen und die Ergieungen der ersten freudigen Herzensgefhle vorber waren, erzhlte ihr Benedix seine wunderbare Errettung aus dem peinlichen Kerker; doch die Zunge klebte ihm am Gaumen vor groem Durst und Ermattung. Klrchen ging, ihm einen Trunk frisches Wasser zu holen, und nachdem er sich damit gelabt hatte, fhlte er Hunger; aber sie hatte nichts zum Imbi als Salz und Brot. Da gedachte Benedix an seine Knackwurst, zog sie aus der Tasche und wunderte sich, da sie schwerer als ein Hufeisen, brach sie voneinander, sieh! da fielen eitel Goldstcke heraus, worber Klrchen nicht wenig erschrak; sie meinte, das Gold sei ein Rest von dem Raube des Hndlers und Benedix sei nicht so unschuldig, als ihn der ehrsame Mann gemacht habe, der ihr im Gebirge erschienen war. Allein der truglose Geselle beteuerte hchlich, da der fromme Ordensmann ihm diesen verborgenen Schatz vermutlich als eine Hochzeitssteuer verliehen habe, und sie glaubte seinen Worten. Darauf segneten beide mit dankbarem Herzen den edelmtigen Wohltter, verlieen ihre Vaterstadt und zogen gen Prag, wo Meister Benedix mit Klrchen, seinem Weibe, lange Jahre als ein ehrsamer Brger und wohlhabender Mann in friedlicher Ehe lebte. In der frhen Morgenstunde, da Klrchen mit schauervoller Freude den Finger ihres Benedix am Fenster vermerkte, klopfte auch in Hirschberg ein Finger an die Tr des Gefngnisses. Das war der Bruder Graurock, der, von frommem Eifer aufgeweckt, den Anbruch des Tages kaum erwarten konnte, die Bekehrung des armen Snders zu vollenden. Rbezahl hatte die Rolle des Verurteilten bernommen und war entschlossen, sie auszuspielen. Er schien wohlgefat zum Sterben zu sein und der fromme Mnch freute sich darber und erkannte diese Standhaftigkeit alsbald fr die gesegnete Frucht seiner Zusprache an; darum ermangelte er nicht, ihn in dieser Gemtsverfassung zu erhalten, und beschlo seine Rede mit den Trostesworten: So viel Menschen du bei deiner Ausfhrung erblicken wirst, die dich an die Gerichtssttte geleiten, sieh, so viel Engel stehen schon bereit, deine Seele einzufhren ins schne Paradies. Darauf lie er ihn der Fesseln entledigen, hrte seine Beichte und sprach ihn los von seinen Snden. Die Zeit war darber verlaufen, das peinliche Gericht hielt dafr, da es nun an der Stunde sei, den Leib zu tten. Auf dem Platze der Hinrichtung verlas der Richter noch einmal das Urteil und brach zum Zeichen dessen, da er dem Tode verfallen sei, einen Stab ber dem Kopfe des Verurteilten entzwei. Danach fhrten ihn die Henker auf die Leiter am Galgen und legten ihm die Schlinge des Strickes um den Hals. Als er nun von der Leiter gestoen wurde, zappelte er am Strange nach Herzenslust und trieb das Spiel so arg, da dem Henker dabei bel zumute ward; denn es erhob sich ein pltzliches Getse im Volk und einige schrien, man solle den Henker steinigen, weil er den armen Snder ber die Gebhr martere. Um also Unglck zu verhten, streckte sich Rbezahl lang aus und stellte sich an, als sei er tot. Da sich aber das Volk verlaufen hatte und nachher einige Leute in der Gegend des Hochgerichts hin- und herwandelten, aus Vorwitz hinzutraten und den Leichnam beschauen wollten, fing Rbezahl am Galgen sein Spiel von neuem an und erschreckte die Beschauer durch frchterliche Grimassen. Daher lief gegen Abendzeit in der Stadt das Gercht um, der Gehangene knne nicht ersterben und tanze noch immer am Hochgericht. Das bewog die Stadtbehrde, des Morgens in aller Frhe durch einige Abgeordnete die Sache untersuchen zu lassen. Wie sie nun dahin kamen, fanden sie nichts als einen Strohmann am Galgen, mit alten Lumpen bedeckt, wie man pflegt in Erbsen zu stellen, die genschigen Spatzen damit zu verscheuchen. Darber wunderten sich die Herren von Hirschberg gar sehr, lieen in aller Stille den Strohmann abnehmen und breiteten aus, der groe Wind habe zur Nachtzeit den leichten Schneider vom Galgen ber die Grenze geweht. 5. Rbezahl und der Bauer Veit. Einen Bauer in der Amtspflege Reichenberg hatte ein bser Nachbar durch einen Proze um Hab und Gut gebracht, und nachdem sich das Gericht seiner letzten Kuh bemchtigt hatte, blieb ihm nichts brig als ein abgehrmtes Weib und ein halbes Dutzend Kinder. Zwar hatte er noch ein paar rstige, gesunde Arme, aber sie waren nicht hinreichend, sich und die Seinigen damit zu ernhren. Es schnitt ihm durchs Herz, wenn die jungen Raben nach Brot schrien und er nichts hatte, ihren qulenden Hunger zu stillen. Mit hundert Talern, sprach er zu dem kummervollen Weibe, wre uns geholfen, unsern zerfallenen Haushalt wieder einzurichten und fern von dem streitschtigen Nachbar ein neues Eigentum zu gewinnen. Du hast reiche Vettern jenseits des Gebirges, ich will hin und ihnen unsere Not klagen; vielleicht, da sich einer erbarmet und aus gutem Herzen von seinem berflu uns auf Zinsen leiht, so viel wir bedrfen. Das niedergedrckte Weib willigte mit schwacher Hoffnung eines glcklichen Erfolges in diesen Vorschlag, weil sie keinen besseren wute. Der Mann aber grtete frhe seine Lenden und, indem er Weib und Kind verlie, sprach er ihnen Trost ein: Weinet nicht! Mein Herz sagt es mir, ich werde einen Wohltter finden, der uns helfen wird. Hierauf steckte er eine harte Brotrinde zur Zehrung in die Tasche und ging davon. Mde und matt von der Hitze des Tages und dem weiten Wege, gelangte er zur Abendzeit in dem Dorfe an, wo die reichen Vettern wohnten; aber keiner wollte ihn kennen, keiner wollte ihn beherbergen. Mit heien Trnen klagte er ihnen sein Elend; aber die hartherzigen Filze achteten nicht darauf, krnkten den armen Mann mit Vorwrfen und beleidigenden Sprichwrtern. Einer sprach: Junges Blut, spar' dein Gut; der andere: Hoffart kommt vor dem Fall; der dritte: Wie du's treibst, so geht's; der vierte: Jeder ist seines Glckes Schmied. So hhnten und spotteten sie seiner, nannten ihn einen Prasser und Faulenzer und endlich stieen sie ihn sogar zur Tr hinaus. Einer solchen Aufnahme hatte sich der arme Vetter von der reichen Sippschaft seines Weibes nicht versehen, stumm und traurig schlich er von dannen und weil er nichts hatte, um das Schlafgeld der Herberge zu bezahlen, mute er auf einem Heuschober im Felde bernachten. Hier wartete er schlaflos des zgernden Tages, um sich auf den Heimweg zu begeben. Da er nun wieder ins Gebirge kam, berkam ihn Harm und Bekmmernis so sehr, da er der Verzweiflung nahe war. Zwei Tage Arbeitslohn verloren, dachte er bei sich selber, matt und entkrftet von Gram und Hunger, ohne Trost, ohne Hoffnung! Wenn du nun heimkehrst und die sechs Wrmer dir entgegenschmachten, ihre Hnde aufheben, von dir Labsal zu begehren und du fr einen Bissen Brot ihnen einen Stein bieten mut, Vaterherz! Vaterherz! Wie kannst du's tragen! Brich entzwei, armes Herz, ehe du diesen Jammer fhlst! Hierauf warf er sich unter einen Schlehenbusch, seinen schwermtigen Gedanken weiter nachzuhngen. Wie aber am Rande des Verderbens die Seele noch die letzten Krfte anstrengt, ein Rettungsmittel auszukundschaften, Schutz oder Frist fr den hereinbrechenden Untergang zu suchen; gleich einem Bootsmann, der sein Schiff sinken sieht, schnell die Strickleiter hinaufrennt, sich in den Mastkorb zu bergen, oder wenn er unter Verdeck ist, aus der Luke springt, in der Hoffnung, ein Brett oder eine ledige Tonne zu erhaschen, um sich ber Wasser zu halten: so verfiel unter tausend Anschlgen und Einfllen der trostlose Veit auf den Gedanken, sich an den Geist des Gebirges in seinem Anliegen zu wenden. Er hatte viel abenteuerliche Geschichten von ihm gehrt, wie er zuweilen die Reisenden geneckt und gefoppt, ihnen manchen Streich und Schabernack gespielt, doch auch mitunter Gutes erwiesen habe. Es war ihm nicht unbekannt, da er sich bei seinem Spottnamen nicht ungestraft rufen lasse; dennoch wute er ihm auf keine andere Weise beizukommen; also wagte er es auf eine Prgelei und rief so sehr er konnte: Rbezahl! Rbezahl! Auf diesen Ruf erschien alsbald eine Gestalt gleich einem ruigen Khler mit einem fuchsroten Bart, der bis an den Grtel reichte, feurigen, stieren Augen und mit einer Schrstange bewaffnet, gleich einem Weberbaum, die er mit Grimm erhob, den frechen Sptter zu erschlagen. Mit Gunst, Herr Rbezahl, sprach Veit ganz unerschrocken, verzeiht, wenn ich Euch nicht mit dem rechten Namen bezeichne, hrt mich nur an, dann tut, was Euch gefllt. Diese dreiste Rede und die kummervolle Miene des Mannes, die weder auf Mutwillen noch Vorwitz deutete, besnftigten den Zorn des Geistes etwas: Erdenwurm, sprach er, was treibt dich, mich zu beunruhigen? Weit du auch, da du mir mit Hals und Haut fr deinen Frevel ben mut? Herr, antwortete Veit, die Not treibt mich zu Euch, habe eine Bitte, die Ihr mir leicht gewhren knnt. Ihr sollt mir hundert Taler leihen, ich zahle sie Euch mit landesblichen Zinsen in drei Jahren wieder, so wahr ich ehrlich bin! Tor, sprach der Geist, bin ich ein Wucherer, der auf Zinsen leiht? Gehe hin zu deinen Menschenbrdern und borge da so viel dir not tut, mich aber la in Ruhe. Ach! erwiderte Veit, mit der Menschenbrderschaft ist's aus! Auf Mein und Dein gilt keine Brderschaft. Hierauf erzhlte er ihm seine Geschichte nach der Lnge und schilderte ihm sein drckendes Elend so rhrend, da ihm Rbezahl seine Bitte nicht versagen konnte; und wenn der arme Tropf auch weniger Mitleid verdient htte, so schien doch dem Geist das Unterfangen, von ihm ein Kapital zu leihen, so neu und sonderbar, da er um des guten Zutrauens willen geneigt war, des Mannes Bitte zu gewhren. Komm, folge mir, sprach er und fhrte ihn darauf waldeinwrts, in ein abgelegenes Tal zu einem schroffen Felsen, dessen Fu ein dichter Busch bedeckte. Nachdem sich Veit neben seinem Begleiter mit Mhe durchs Gestruch gearbeitet hatte, gelangten sie zum Eingang einer finsteren Hhle. Dem guten Veit war nicht wohl dabei zumute, da er so im Dunkeln tappen mute; es lief ihm ein kalter Schauer nach dem andern den Rcken herab und seine Haare strubten sich empor. Rbezahl hat schon manchen betrogen, dachte er, wer wei, was fr ein Abgrund mir vor den Fen liegt, in welchen ich beim nchsten Schritt hinabstrze. Dabei hrte er ein frchterliches Brausen als eines Tagwassers, das sich in den tiefen Schacht ergo. Je weiter er fortschritt, je mehr engten ihm Furcht und Grausen das Herz ein. Doch bald sah er zu seinem Trost in der Ferne ein blaues Flmmchen hpfen, das Berggewlbe erweiterte sich zu einem groen Saal, das Flmmchen brannte hell und schwebte als ein Hngeleuchter in der Mitte der Felsenhalle. Auf dem Pflaster fiel ihm eine kupferne Braupfanne in die Augen, mit lauter harten Talern bis an den Rand gefllt. Als Veit den Geldschatz erblickte, schwand alle seine Furcht dahin und das Herz hpfte ihm vor Freuden. Nimm, sprach der Geist, was du bedarfst, es sei wenig oder viel, nur stelle mir einen Schuldschein aus, wenn du berhaupt schreiben kannst. Der Schuldner bejahte das und zhlte sich gewissenhaft die hundert Taler zu, nicht einen mehr und keinen weniger. Der Geist schien auf das Zhlungsgeschft gar nicht zu achten, drehte sich weg und suchte indes Feder und Tinte hervor. Veit schrieb den Schuldschein so bndig als ihm mglich war; der Berggeist schlo ihn in einen eisernen Schatzkasten und sagte zum Abschied: Sieh hin, mein Freund, und ntze dein Geld mit arbeitsamer Hand. Vergi nicht, da du mein Schuldner bist, und merke dir den Eingang ins Tal und diese Felsenkluft genau! Sobald das dritte Jahr verflossen ist, zahlst du mir Kapital und Zins zurck; ich bin ein strenger Glubiger, hltst du nicht ein, so fordere ich es mit Ungestm. Der ehrliche Veit versprach, auf den Tag richtig Zahlung zu leisten, versprach's mit seiner biederen Hand, doch ohne Schwur; verpfndete nicht seine Seele und Seligkeit, wie lose Bezahler zu tun pflegen, und schied mit dankbarem Herzen von seinem Schuldherrn in der Felsenhhle, aus der er leicht den Ausgang fand. -- Die hundert Taler wirkten bei ihm mchtig auf Seele und Leib, da ihm nicht anders zumut war, als er das Tageslicht wieder erblickte, als ob er Balsam des Lebens in der Felsenkluft eingesogen habe. Freudig und gestrkt an allen Gliedern, schritt er nun seiner Wohnung zu und trat in die elende Htte, indem sich der Tag zu neigen begann. Sobald ihn die abgezehrten Kinder erblickten, schrien sie ihm wie aus einem Munde entgegen: Brot, Vater, einen Bissen Brot! Hast uns lange darben lassen. Das abgehrmte Weib sa in einem Winkel und weinte, frchtete verzagt und kleinmtig das Schlimmste und vermutete, da der Angekommene wieder das alte traurige Lied anstimmen werde. Er aber bot ihr freundlich die Hand, hie sie Feuer anschren auf dem Herde; denn er trug Grtze und Hirse aus Reichenberg im Zwerchsack, wovon die Hausmutter einen steifen Brei kochen mute, da der Lffel darin stand. Nachher berichtete er von dem guten Erfolg seines Geschfts. Deine Vettern, sprach er, sind gar rechtliche Leute; sie haben mir nicht meine Armut vorgerckt, haben mich nicht verkannt oder mich schimpflich vor der Tr abgewiesen, sondern mich freundlich beherbergt, Herz und Hand mir geffnet und hundert bare Taler vorschuweise auf den Tisch gezhlt. Da fiel dem guten Weibe ein schwerer Stein vom Herzen, der sie lange gedrckt hatte. Wren wir, sagte sie, eher vor die rechte Schmiede gegangen, so htten wir uns manchen Kummer ersparen knnen. Hierauf rhmte sie ihre Freundschaft, von welcher sie vorher so wenig Gutes erwartet hatte, und tat recht stolz auf die reichen Vettern. Der Mann lie ihr nach so vielen Drangsalen gern die Freude, die ihrer Eitelkeit so schmeichelhaft war. Da sie aber nicht aufhrte, von den reichen Vettern zu sprechen, und das viele Tage so forttrieb, wurde Veit des Lobposaunens der Geizdrachen satt und mde und sprach zum Weibe: Als ich vor der rechten Schmiede war, weit du, was mir der Meister Schmied fr eine weise Lehre gab? Sie sprach: Welche? Jeder, sagte er, sei seines Glckes Schmied, und man msse das Eisen schmieden, so lange es hei sei; drum la' uns nun die Hnde rhren und unserm Beruf fleiig obliegen, da wir was vor uns bringen, in drei Jahren den Vorschu nebst Zinsen abzahlen knnen und aller Schuld quitt und ledig seien. Darauf kaufte er einen Acker und eine Wiese, dann wieder einen und noch einen, dann eine ganze Hufe; es war Segen in Rbezahls Gelde, als wenn ein Hecktaler darunter wre. Veit sete und erntete, wurde schon fr einen wohlhabenden Mann im Dorfe gehalten, und sein Sckel besa noch immer ein kleines Kapital zur Erweiterung seines Eigentums. Im dritten Sommer hatte er schon zu seiner Hufe ein Herrengut gepachtet, das ihm reichen Ertrag brachte; kurz, er war ein Mann, dem alles, was er tat, zu gutem Glck gedieh. Der Zahlungstag kam nun heran und Veit hatte so viel erbrigt, da er ohne Beschwerde seine Schuld abtragen konnte; er legte das Geld zurecht und an dem bestimmten Tage war er frh auf, weckte das Weib und alle seine Kinder, hie sie waschen und kmmen und ihre Sonntagskleider anziehen, auch die neuen Schuhe und die scharlachenen Mieder und Brusttcher, die sie noch nicht auf den Leib gebracht hatten. Er selbst holte seinen Feiertagsrock herbei und rief zum Fenster hinaus: Hans, spann' an! Mann, was hast du vor? fragte die Frau, es ist heute weder Feiertag noch Kirchweihfest, was macht dich so guten Mutes, da du uns ein Wohlleben bereitet hast, und wo gedenkst du uns hinzufhren? Er antwortete: Ich will mit euch die reichen Vettern jenseits des Gebirges heimsuchen und dem Glubiger, der mir durch seinen Vorschub wieder aufgeholfen hat, Schuld und Zins bezahlen, denn heute ist der Zahltag. Das gefiel der Frau wohl; sie putzte sich und die Kinder stattlich heraus, und damit die reichen Vettern eine gute Meinung von ihrem Wohlstande bekmen und sich ihrer nicht schmen drften, band sie eine Schnur gekrmmter Dukaten um den Hals. Veit rttelte den schweren Geldsack zusammen, nahm ihn zu sich, und da alles in Bereitschaft war, sa er auf mit Frau und Kind. Hans peitschte die vier Hengste an und sie trabten mutig ber das Blachfeld nach dem Riesengebirge zu. Vor einem steilen Hohlwege lie Veit den Rollwagen halten, stieg ab und lie die anderen ein Gleiches tun, dann gebot er dem Knechte: Hans, fahr' gemachsam den Berg hinan, oben bei den drei Linden sollst du unser warten, und ob's auch ein wenig lange dauert, so la dich's nicht anfechten, la die Pferde verschnaufen und einstweilen grasen; ich wei hier einen Fupfad, er ist etwas um, doch lustig zu wandeln! Darauf schlug er sich in Geleitschaft des Weibes und der Kinder waldein durch dicht verwachsenes Gebsch und sphte hin und her, die Frau meinte, ihr Mann habe sich verirrt; sie ermahnte ihn darum, zurckzukehren und der Landstrae zu folgen. Veit aber hielt pltzlich still, versammelte seine sechs Kinder um sich her und redete also: Du whnst, liebes Weib, da wir zu deiner Freundschaft ziehen; dahin steht jetzt nicht mein Sinn. Deine reichen Vettern sind Knauser und Schurken, die, als ich damals in meiner Armut Trost und Zuflucht bei ihnen suchte, mich gefoppt, gehhnet und mit bermut von sich gestoen haben. -- Hier wohnt der reiche Vetter, dem wir unsern Wohlstand verdanken, der mir aufs Wort das Geld geliehen, das in den drei Jahren in meiner Hand so wohl gewuchert hat. Auf heute hat er mich herbeschieden, Zins und Kapital ihm wieder zu erstatten. Wit ihr nun, wer unser Schuldherr ist? Der Herr vom Berge, Rbezahl genannt! Das Weib entsetzte sich heftig ber diese Rede, schlug ein Kreuz vor sich, und die Kinder bebten und gebrdeten sich ngstlich vor Furcht und Schrecken, da sie der Vater vor Rbezahl fhren wollte. Sie hatten viel in den Spinnstuben von ihm gehrt, da er ein scheulicher Riese und Menschenfresser sei. Veit erzhlte ihnen sein ganzes Abenteuer, wie ihm der Berggeist in Gestalt eines Khlers auf sein Rufen erschienen sei, und was er mit ihm verhandelt in der Hhle habe, pries seine Mildttigkeit mit dankbarem Herzen und so inniger Rhrung, da ihm die warmen Trnen ber die Backen herabtrufelten. Wartet hier, fuhr er fort, jetzt geh' ich hin in die Hhle, mein Geschft auszurichten. Frchtet nichts, ich werde nicht lange ausbleiben und wenn ich's vom Gebirgsherrn erlangen kann, so bring' ich ihn zu euch. Scheuet euch nicht, eurem Wohltter treuherzig die Hand zu schtteln, ob sie gleich schwarz und ruig ist; er tut euch nichts zuleide und freut sich seiner guten Tat und unsers Danks gewi! Seid nur beherzt, er wird euch goldene pfel und Pfeffernsse austeilen. Ob nun gleich das bngliche Weib viel gegen die Wallfahrt in die Felsenhhle einzuwenden hatte und auch die Kinder jammerten und weinten, sich um den Vater herlagerten und, da er sie auf die Seite schob, ihn an den Rockfalten zurckzuziehen sich abmhten, so ri er sich doch mit Gewalt von ihnen, drang in den dicht verwachsenen Busch und gelangte zu dem wohlbekannten Felsen. Er fand alle Merkzeichen der Gegend wieder, die er sich wohl ins Gedchtnis geprgt hatte; die alte halberstorbene Eiche, an deren Wurzel die Kluft sich ffnete, stand noch, wie sie vor drei Jahren gestanden hatte, doch von einer Hhle war keine Spur mehr vorhanden. Veit versuchte auf alle Weise, sich den Eingang in den Berg zu erffnen, er nahm einen Stein, klopfte an den Felsen; er sollte, meinte er, sich auftun; er zog den schweren Geldsack hervor, klingelte mit den harten Talern und rief, so laut er nur konnte: Geist des Gebirges, nimm hin, was dein ist! Doch der Geist lie sich weder hren noch sehen. Also mute sich der ehrliche Schuldner entschlieen, mit seinem Sckel wieder umzukehren. Sobald ihn das Weib und die Kinder von ferne erblickten, eilten sie ihm freudevoll entgegen; er war mimutig und sehr bekmmert, da er seine Zahlung nicht an seinen Glubiger abliefern konnte, setzte sich zu den Seinen auf einen Rasenrain und berlegte, was nun zu tun sei. Da fiel ihm sein altes Wagestck wieder ein. Ich will, sprach er, den Geist bei seinem Spottnamen rufen; wenn's ihn auch verdriet, mag er mich bluen und zupfen, wie er Lust hat, wenigstens hrt er auf diesen Ruf gewi. Darauf schrie er aus Leibeskrften: Rbezahl! Rbezahl! Das angstvolle Weib bat ihn, zu schweigen, und wollte ihm den Mund zuhalten; er lie sich aber nicht wehren und trieb's immer rger. Pltzlich drngte sich jetzt der jngste Bube an die Mutter an und schrie bnglich: Ach, der schwarze Mann! Getrost fragte Veit: Wo? Dort lauscht er hinter jenem Baume hervor. Und alle Kinder krochen in einen Haufen zusammen, bebten vor Furcht und schrien jmmerlich. Der Vater blickte hin und sah nichts; es war Tuschung, nur ein leerer Schatten; kurz Rbezahl kam nicht zum Vorschein und alles Rufen war umsonst. Die Familie trat nun den Rckweg an und Vater Veit ging ganz betrbt und schwermtig auf der breiten Landstrae vor sich hin. Da erhob sich vom Walde her ein sanftes Rauschen in den Bumen, die schlanken Birken neigten ihre Wipfel, das bewegliche Laub der Espen zitterte, das Brausen kam nher und der Wind schttelte die weitausgestreckten ste der Steineichen, trieb drres Laub und Grashalme vor sich her, kruselte im Weg kleine Staubwolken empor. An diesem lustigen Spiel vergngten sich die Kinder, die nicht mehr an Rbezahl dachten, und haschten nach den Blttern, mit welchen der Wirbelwind spielte. Unter dem drren Laube wurde auch ein Blatt Papier ber den Weg geweht, auf welches einer der Knaben Jagd machte; doch wenn er danach griff, hob es der Wind auf und fhrte es weiter, da er's nicht erlangen konnte. Darum warf er seinen Hut danach, der's endlich bedeckte; weil's nun ein schner, weier Bogen war und der sparsame Vater jede Kleinigkeit in seinem Haushalte zu nutzen pflegte, so brachte ihm der Knabe den Fund, um sich ein kleines Lob zu verdienen. Als dieser das zusammengerollte Papier aufschlug, um zu sehen, was es wre, fand er, da es der Schuldbrief war, den er an den Berggeist ausgestellt hatte; er war von oben herein zerrissen und unten stand geschrieben: Zu Dank bezahlt. Wie das Veit las, rhrte es ihn tief in der Seele und er rief mit freudigem Entzcken: Freue dich, liebes Weib und ihr Kinder allesamt, freuet euch; er hat uns gesehen, hat unsern Dank gehrt, unser guter Wohltter, der uns unsichtbar umschwebte, wei, da Veit ein ehrlicher Mann ist. Ich bin meiner Zusage quitt und ledig, nun lat uns mit frohem Herzen heimkehren! Eltern und Kinder weinten noch viele Trnen der Freude und des Dankes, bis sie wieder zu ihrem Fuhrwerk gelangten, und weil die Frau gro Verlangen trug, ihre Freundschaft heimzusuchen, um durch ihren Wohlstand die filzigen Vettern zu beschmen, so rollten sie frisch den Berg hinab, gelangten in der Abendstunde in das Dorf und hielten bei dem nmlichen Bauernhofe an, aus welchem Veit vor drei Jahren hinausgestoen worden war. Er pochte diesmal ganz herzhaft und fragte nach dem Wirte. Es kam ein unbekannter Mann zum Vorschein, der gar nicht zur Freundschaft gehrte; von diesem erfuhr Veit, da die reichen Vettern ausgewirtschaftet hatten. Der eine war gestorben, der andere verdorben, der dritte davongegangen und ihre Sttte ward nicht mehr gefunden in der Gemeinde. Veit bernachtete mit seiner Familie bei dem gastfreien Hauswirt, der ihm und seinem Weibe das alles weitlufiger erzhlte. Tags darauf kehrte er in seine Heimat und an seine Berufsgeschfte zurck, nahm zu an Reichtum und Gtern und blieb ein rechtlicher, wohlhabender Mann sein lebelang. 6. Der kleine Peter. In dem Dorfe Krumhbel, welches im Riesengebirge unweit der Schneekoppe liegt, wohnte ein armer Holzhacker. Er nhrte sich und seine Familie, bestehend in seiner Frau und seinem kleinen Knaben Peter, nur kmmerlich. Da starb ihm eines Tages seine Frau. Da er beim Holzhacken im Walde sein Brot verdienen mute, so htte er sich der Erziehung und Pflege seines Knaben nicht widmen knnen, wenn nicht eine Anverwandte von ihm, die Muhme aus Fischbach, sich bereit erklrt htte, ihm die Wirtschaft zu fhren und den Knaben in Aufsicht zu nehmen. Peter war ein kleiner aufgeweckter, allezeit frhlicher Bursche, der immer vergngt sein Liedchen trllerte und wohlgemut auf- und absprang. Die Muhme aber war durch mancherlei schwere Lebenserfahrungen verbittert, sah mrrisch und scheel auf das aufgeweckte Treiben des Knaben herab und setzte ihm, so oft sie ihn erblickte, mit Zanken, Keifen und harten Worten zu. Sie schwrzte Peter auch bei dem Vater an, wenn er am Abend aus dem Walde zurckkam, und dann tanzte der Haselstock oft auf Peterchens Rcken und die Beteuerungen der Unschuld halfen dem armen kleinen Schelm nichts. Die Folge davon war, da Peter den Tag ber mglichst das Haus floh und am liebsten auf dem Felde drauen sich aufhielt, wo er im Sommer die bunten Blumen im Getreide pflckte oder dem Gesange der Vgel lauschte. Wie lieblich klang das in seinen Ohren; ganz anders als das mrrische Geznk der Alten im engen Hause. Im Winter freilich mute er im Stbchen bleiben, dann ging's ihm schlecht. Dann war seine einzige Freude, hinaus vor die Haustr zu treten und den zirpenden Sperlingen und Meisen Krumen von seinem Stck trockenen Schwarzbrotes zu streuen. Denn Peter hatte ein mildes Herz, er erbarmte sich, wie alle Kinder im Winter tun sollten, der frierenden, hungernden Vgel; und obwohl er sich selbst etwas von seinem Frhstck entzog, hatte er doch seine helle Freude an den gefiederten Gsten, wenn sie, ehe er vor die Tr trat, ihn ungeduldig lockten, als ob sie sein Kommen erwarteten. Eines Abends kndete der Vater der Muhme an, da am nchsten Sonntage ein Bruder von ihm zum Besuch kommen werde. Die Muhme kaufte am nchsten Tage einen groen Hecht und setzte ihn einstweilen in einem kleinen Fischkasten in das Wasser, damit er nicht strbe, ehe sie ihn schlachtete. Du armes Tier, sagte Peter, als er an dem Kasten vorberkam, in diesem kleinen Raume sollst du leben und atmen, du wirst sterben, wenn dir die Freiheit nicht bald wiedergegeben wird. Von diesem Gedanken geleitet, entnahm er dem Kasten den zappelnden Fisch und warf ihn in den Dorfbach. Als nun tags darauf die Alte den Hecht schlachten wollte, da war er lngst von dannen geschwommen. Da sauste denn eine tchtige Tracht Prgel auf Peter hernieder und seine Freude ber seine gute Tat sollte ihm bald grndlich vergllt werden. Habe ich dich denn, du nichtsnutziger Bursche, wieder einmal bei einem Schabernack abgefat; nun warte nur, du Taugenichts, bis der Vater nach Hause kommt, der soll dir den verlorenen Hecht mit dem Stocke wieder suchen helfen. Da gab's am Abend wieder hageldicke Hiebe und mit Weinen und Schluchzen mute Peter sein Lager aufsuchen. Als der Knabe am andern Morgen hinaus zum Spiel in den Wald gehen wollte, rief ihm die Muhme kreischend nach: Du Faulenzer, brauchst drauen nicht umherzugaffen und dir die Sonne in den Mund scheinen zu lassen. Flugs nimm den Sack hier, gehe hinaus auf die Getreidefelder und lies hren. Wage dich aber nicht eher nach Hause, als bis du den Sack damit gefllt hast. -- Niedergeschlagen ging der Knabe auf das erste Kornfeld und suchte fleiig hren auf, aber der Boden des Sackes war nach zwei Stunden kaum bedeckt. Die fleiigen Ortsbewohner hatten auf dem Feld bereits Nachlese gehalten und nur wenige Halme liegen gelassen. Auch auf den andern Feldern hatte er denselben Erfolg und am Abend war der Sack noch nicht bis zur Hlfte gefllt. Die Sonne ging unter. Da traten dem kleinen Peter die Trnen in die Augen und er wute keinen Ausweg in seiner Not. Warum weinst du, mein Sohn, lie sich pltzlich eine Stimme vernehmen und ein alter Jgersmann stand an seiner Seite. Peter erzhlte unter Trnen treuherzig sein Leid, wie die bse Muhme ihn tagtglich peinige und ihm das Leben sauer mache. Dann mte sie eine tchtige Strafe erhalten, denn es ist grausam, dir solche Auftrge zu erteilen, deren Ausfhrung unmglich ist. Nein, entgegnete der Knabe, ich mchte nur, da die Muhme einmal frhlich wrde, den ganzen Tag lachte und vor Freude in die Luft sprnge. Dann soll dir und ihr geholfen werden, mein Sohn, war die Antwort des Jgers. Er zog darauf ein kleines Pfeifchen hervor und pfiff so laut, da es in den Ohren gellte. Im Nu rauschte ein groer Schwarm Sperlinge hernieder. Sie lasen die Halme mit ihren Schnbeln auf, trugen sie auf ein Hufchen zusammen und der Jger wies darauf hin und sagte: Hier, mein Sohn, flle den Sack damit an. Peter gehorchte voller Freude und der Jger legte hierauf den vollen Sack auf seine Schulter, doch er war so leicht, als wenn gar nichts darin wre. Als er sich umwandte, seinem Wohltter zu danken, war dieser verschwunden; die Sperlinge aber begleiteten ihn bis ins Dorf und an ihrem Zwitschern erkannte er, da es seine Freunde vom Winter her waren. Die Muhme empfing ihn wieder mit mrrischem Gesicht, aber als sie ihm keine Vorwrfe machte, meinte Peter, er habe sie vershnt. Seine Annahme aber war ein Irrtum. Kaum graute der Morgen, so erschien die Alte vor seinem Bett und rief laut: Stehe fix auf und fang' ein Gericht Fische im Teiche, da ich sie deinem Vater, der krank geworden ist, kochen kann. Kommst du mit leeren Hnden zurck, so kann ich ihm nichts zu essen geben und die Krankheit verschlimmert sich. Peter nahm sein kleines Fischnetz und ging hinaus zum Teiche. Die Krankheit des Vaters hatte ihn traurig gestimmt und er nahm sich vor, fleiig zu fischen, um dem kranken Vater ein Gericht zu seiner Strkung zu verschaffen. Aber Stunde um Stunde verging, der Mittag kam und das Netz blieb leer. Vor Angst weinend schaute er nach dem alten Jger aus und richtig! -- da stand er wieder am Bachesrand, der alte freundliche Mann. Schon wieder Kummer, Peterchen, und Trnen im Auge, scheinst nahe ans Wasser gebaut zu haben, oder hat dir die hartherzige Muhme wieder einen Auftrag gegeben, der dir mifllt, begann der Jger. So ist's, entgegnete der Knabe, dies Netz voll Fische nach Hause zu bringen, ist diesmal ihr Begehr. Da pfiff der Jger wieder auf seinem Pfeifchen. Da kam ein groer Hecht herangeschwommen und trieb eine Menge kleiner Fische vor sich her, die schlpften alle in das Netz und Peter mute es mehrmals ausleeren. Helle Freude ging ber sein Gesicht und mit inniger Freude dankte er seinem Wohltter. Kennst du aber dort den groen Fisch nicht mehr? Es ist derselbe, den du aus dem Fischkasten genommen und in den Bach getragen hast. Verwundert schaute Peter dem Fische so lange als mglich nach, der jetzt langsam im Teiche hinschwamm. Wieder war der rtselhafte Jgersmann verschwunden und Peter lief glcklich und hocherfreut nach Hause; von dem Fange konnte sich der Vater viele Tage lang satt essen. Als der Knabe die Auftrge der Muhme pnktlich ausgefhrt hatte, beschlich sie tdlicher Ha auf den Knaben und schon am andern Morgen hatte sie eine neue Bosheit ersonnen. Sie wollte den Knaben gar zu gern los sein. Darum herrschte sie ihn an: Flugs, eile dich, deines Vaters Krankheit ist ernster geworden, hier kann nur noch eine Pflanze, das Wurzelmnnchen genannt, helfen. Aber es wchst nur auf jenem Teil des Gebirges, wo der Herr des Gebirges, Rbezahl, haust. Ruf' ihn und wenn er erscheint, so bitte ihn um das Wurzelmnnchen fr deinen kranken Vater. Bleib aber so lange im Gebirge und ruf ihn, bis er deine Bitte gewhrt. Dabei dachte sie in ihrem arglistigen Herzen: Nun bin ich den verwnschten Jungen los, denn Rbezahl wird ihm den Hals umdrehen, wenn er ihn bei seinem Spottnamen ruft. Peter ergriff seinen Stab, pfiff sich ein lustiges Liedlein und trabte wohlgemut dem Gebirge zu. Wohl hatte er von seinen Schulkameraden allerlei Schauergeschichten von Herrn Johannes, wie sich Rbezahl selbst bezeichnete, gehrt, doch trstete er sich mit der berzeugung, da auch der Berggeist ihn nicht mehr Leides antun knne als die bse Muhme daheim. Eben wollte er, auf einer Anhhe des Gebirges angekommen, seinen Mund zu einem krftigen Rbezahl, Rbezahl! ffnen, als eine Stimme hinter ihm rief: Nun, mein Peterchen, willst wohl verreisen? Oder hat dir die Muhme den Laufpa gegeben; willst du den alten kranken Vater verlassen? Nein, antwortete der Knabe dem freundlichen Jger -- denn dieser war es --, denkt Euch, ich soll Rbezahl aufsuchen und von ihm ein Wurzelmnnchen holen, davon wird der Vater gesund werden, sagt die Muhme. Aber frchtest du dich nicht vor dem mchtigen Berggeist? Bewahre, wie wird er wohl! Der straft Leute, die ihn verhhnen, ich aber komme, da er meinem kranken Vater helfen soll. Und wenn dabei ein paar Pffe und Schlge abfallen, so sind sie mir nichts Neues, denn sie sitzen in der Hand der Muhme immer gewaltig locker. Belustigt entgegnete der fremde Jgersmann. Du bist ein Prachtkerl, kleiner Peter, aber vielleicht wird dir dein Rufen nichts helfen, der Berggeist ist zuweilen verreist. Wir Forstleute bringen unsere Zeit meist im Walde zu und kennen alle Kruter und Wurzeln und sind wohlvertraut mit ihren heilenden Wirkungen. Hier hast du ein Wurzelmnnchen, hnge es deinem Vater um den Hals, so wird er gesund werden. Der Fremde verschwand vor Peters Augen. Dieser aber eilte, das Wurzelmnnchen fest in der Hand haltend, in seine vterliche Behausung. Die Muhme kam ihm schon in der Tr entgegen mit einem gar grimmigen Gesicht und murmelte: Unkraut vergeht nicht. Da hielt ihr Peter den Wurzelmann grade vor die Nase. Es war ein wunderliches Geschpf mit dickem, boshaft grinsendem Kopf und einem daran hngenden langen Zopf, dessen Lnge diejenige des ganzen Mnnchens bei weitem bertraf. In demselben Augenblick, als der Knabe der Alten den Wurzelmann zeigt, ging mit dieser eine wunderbare Wandlung vor, sie lachte und sprang hoch in die Luft vor ausgelassener Freude den ganzen Tag ber, so da sie am Abend mde und zerschlagen war von allem Toben und Tanzen. Aus Angst, da sich diese Vorgnge wiederholen wrden, schnrte sie ihr Bndel und verschwand aus dem Dorfe. Da fiel es dem kleinen Peter wieder ein, wie er gegen den Jgersmann, als er ihm das erstemal begegnete, geuert hatte, er wnsche, da die Muhme einen ganzen Tag lachen und springen msse, und nun kam ihm die Erkenntnis, da Rbezahl selbst ihm unter jener Gestalt erschienen sei und dieser ihm die hren, die Fische und das Wurzelmnnchen geschenkt habe. Peter hatte nun gute Tage, denn der Vater wurde wieder gesund. Er ging mit ihm fleiig auf die Arbeit und half ihm mit Rat und Tat, so da sie bald rstig vorwrts kamen und der Vater viel Freude an seinem Sohn erlebte. Die Muhme aber soll vor Neid und Migunst gestorben sein. 7. Glaser Steffen und sein Weib Ilse. So sehr sich's auch der Bauer Veit, dessen Erlebnis wir frher behandelten, hatte angelegen sein lassen, den wahren Ursprung seines Glckes zu verhehlen, um nicht ungestme Bittsteller anzureizen, den Berggeist um hnliche Spenden mit dreister Zudringlichkeit zu berlaufen, so wurde die Sache doch endlich ruchbar; denn wenn das Geheimnis des Mannes der Frau zwischen den Lippen schwebt, weht es das kleinste Lftchen fort, wie eine Seifenblase vom Strohhalm. Veits Frau vertraut's einer verschwiegenen Nachbarin, diese ihrer Gevatterin, diese ihrem Herrn Paten, dem Dorfbarbier, dieser allen seinen Bartkunden; so kam's im Dorfe und hernach im ganzen Kirchspiele herum. Da spitzten die verdorbenen Hauswirte, die Lungerer und Miggnger das Ohr, zogen scharenweise ins Gebirge, reizten den Berggeist durch Zurufe und beschworen ihn, zu erscheinen. Zu ihnen gesellten sich Schatzgrber und Landstreicher, die das Gebirge durchkreuzten, allenthalben in die Erde gruben und den Schatz in der Braupfanne zu heben vermeinten. Rbezahl lie sie eine Zeitlang ihr Wesen treiben, wie sie Lust hatten, achtete es der Mhe nicht wert, sich ber die Kerle zu erzrnen, trieb nur seinen Spott mit ihnen, lie zur Nachtzeit da und dort ein blaues Flmmchen auflodern und wenn die Laurer kamen, ihre Hte und Mtzen darauf warfen, lie er sie manchen schweren Geldtopf ausgraben, den sie mit Freude heimtrugen, neun Tage lang stillschweigend verwahrten, und wenn sie nun hinkamen, den Schatz zu besehen, fanden sie Unrat im Topf oder Scherben und Steine. Gleichwohl ermdeten sie nicht, das alte Spiel wieder anzufangen und neuen Unfug zu treiben. Darber wurde der Geist endlich unwillig, stupte das lose Gesindel durch einen krftigen Steinhagel aus seinem Gebiete hinaus und wurde gegen alle Wanderer so barsch und rgerlich, da keiner ohne Furcht das Gebirge betrat, auch selten ohne Staupe entrann und der Name Rbezahl wurde nicht mehr gehrt im Gebirge seit Menschengedenken. Eines Tages sonnte sich der Berggeist an der Hecke seines Gartens; da kam ein Weib ihres Weges daher in groer Unbefangenheit, die durch ihren sonderbaren Aufzug seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie hatte ein Kind an der Brust liegen, eines trug sie auf dem Rcken, eines leitete sie an der Hand und ein etwas grerer Knabe trug einen leeren Korb nebst einem Rechen; denn sie wollte eine Last Laub frs Vieh laden. Eine Mutter, dachte Rbezahl, ist doch wahrlich ein gutes Geschpf, schleppt sich mit vier Kindern, wartet dabei ihres Berufs ohne Murren und wird sich noch mit der Brde des Korbes belasten mssen. Diese Betrachtung versetzte ihn in eine gutmtige Stimmung, die ihn geneigt machte, sich mit der Frau in Unterredung einzulassen. Sie setzte ihre Kinder auf den Rasen und streifte Laub von den Bschen; indes wurde den Kleinen die Zeit lang und sie fingen an, heftig zu schreien. Alsbald verlie die Mutter ihre Geschfte, spielte und tndelte mit den Kindern, nahm sie auf, hpfte mit ihnen singend und scherzend herum, wiegte sie in Schlaf und ging wieder an ihre Arbeit. Bald darauf stachen die Mcken die kleinen Schlfer, sie fingen ihre Schreierei von neuem an; die Mutter wurde darber nicht ungeduldig, sie lief ins Holz, pflckte Erdbeeren und Himbeeren und legte das kleinste Kind an die Brust. Diese mtterliche Behandlung gefiel Rbezahl ungemein wohl. Allein der Schreier, der vorher auf der Mutter Rcken ritt, wollte sich durch nichts beruhigen lassen, er war ein strrischer, eigensinniger Junge, der die Erdbeeren, die ihm die liebreiche Mutter darreichte, von sich warf und dazu schrie, als wenn er am Spie stke. Darber ri ihr doch endlich die Geduld: Rbezahl, rief sie, komm' und fri mir den Schreier! Sofort stand der Berggeist in der Gestalt eines Khlers vor dem Weibe und sprach: Hier bin ich, was ist dein Begehr? Die Frau geriet ber diese Erscheinung in groen Schrecken; da sie aber ein frisches, herzhaftes Weib war, sammelte sie sich bald und fate Mut. Ich rief dich nur, sprach die Mutter Ilse, meine Kinder schweigsam zu machen; nun sie ruhig sind, bedarf ich deiner nicht, sei bedankt fr deinen guten Willen. Weit du auch, entgegnete der Geist, da man mich hier nicht ungestraft ruft? Ich halte dich beim Worte, gib mir deinen Schreier, da ich ihn fresse; so ein leckerer Bissen ist mir lange nicht vorgekommen. Darauf streckte er die ruige Hand aus, den Knaben in Empfang zu nehmen. Wie eine Gluckhenne, wenn der Hhnerhabicht hoch ber dem Dache in den Lften schwebt oder der schkerhafte Spitz auf dem Hofe hetzt, mit ngstlichem Glucksen vorerst ihre Kchlein in den sichern Hhnerkorb lockt, dann ihr Gefieder emporstrubt, die Flgel ausbreitet und mit dem strkeren Feinde einen ungleichen Kampf beginnt, so fiel das Weib dem schwarzen Khler wtig in den Bart, ballte die krftige Faust und rief: Ungetm, das Mutterherz mut du mir erst aus dem Leibe reien, eh' du mir mein Kind raubst. Eines so mutvollen Angriffs hatte sich Rbezahl nicht versehen, er wich gleichsam schchtern zurck; dergleichen handfeste Erfahrung in der Menschenkunde war ihm noch nie vorgekommen. Er lchelte das Weib freundlich an: Entrste dich nicht! Ich bin kein Menschenfresser, wie du whntest, will dir und deinen Kindern auch kein Leides tun; aber la mir den Knaben; der Schreier gefllt mir, ich will ihn halten wie einen Junker, will ihn in Samt und Seide kleiden und einen wackern Kerl aus ihm ziehen, der Vater und Brder einst nhren soll. Fordere hundert Schreckenberger,[A] ich zahle sie dir. [Funote A: Eine alte schsische Silbermnze, nach heutigem Gelde etwa 25 Pfennige im Werte.] Ha! lachte das rasche Weib, gefllt Euch der Junge? Ja, das ist ein Junge wie'n Daus, der wre mir nicht um aller Welt Schtze feil. Trin! versetzte Rbezahl, hast du nicht noch drei Kinder, die dir Last und berdru machen! Mut sie kmmerlich nhren und dich mit ihnen plagen Tag und Nacht. Wohl wahr, aber dafr bin ich Mutter und mu tun, was meines Berufes ist. Kinder machen berlast, aber auch manche Freude. Schne Freude, sich mit den Blgen tagtglich zu schleppen, sie zu gngeln, zu subern, ihre Unart und ihr Geschrei zu ertragen! Wahrlich, Herr, Ihr kennt die Mutterfreuden wenig. Alle Arbeit und Mhe verst ein einziger freundlicher Anblick, das holde Lcheln und Lallen der kleinen unschuldigen Wrmer. -- Seht mir nur den Goldjungen da, wie er an mir hngt, der kleine Schmeichler! Nun ist er's nicht gewesen, der geschrien hat. -- Ach, htte ich doch hundert Hnde, die euch heben und tragen und fr euch arbeiten knnten, ihr lieben Kleinen! So! Hat denn dein Mann keine Hnde, die arbeiten knnen? O ja, die hat er! Er rhrt sie auch, und ich fhl's zuweilen. Wie? Dein Mann erkhnt sich, die Hand gegen dich aufzuheben? Gegen solch ein Weib? Das Genick will ich ihm brechen, dem Mrder! Da httet Ihr traun viel Hlse zu brechen, wenn alle Mnner mit dem Halse ben sollten, die sich an der Frau vergreifen. Die Mnner sind eine schlimme Nation; drum heit's: Eh'stand, Weh'stand; mu mich drein ergeben, warum hab' ich gefreit. Nun ja, wenn du wutest, da die Mnner eine schlimme Nation sind, so war's auch ein dummer Streich, da du freitest. Mglich! Aber Steffen war ein flinker Kerl, der guten Erwerb hatte und ich eine arme Dirne ohne Heiratsgut. Da kam er zu mir, begehrte mich zur Eh', gab mir einen Wildemannstaler auf den Kauf und der Handel war gemacht. Nachher hat er mir den Taler wieder abgenommen, aber den wilden Mann hab' ich noch. Der Geist lchelte: Vielleicht hast du ihn wild gemacht durch deinen Starrsinn. Oh, den hat er mir schon ausgetrieben! Aber Steffen ist ein Knauser; wenn ich ihm einen Groschen abfordere, so rasaunt er im Hause rger als Ihr zu Zeiten im Gebirge, wirft mir meine Armut vor und da mu ich schweigen. Wenn ich ihm eine Aussteuer zugebracht htte, wollt' ich ihm schon den Daumen aufs Auge halten. Was treibt dein Mann fr ein Gewerbe? Er ist Glashndler, mu sich seinen Erwerb auch lassen sauer werden; schleppt da der arme Tropf die schwere Brde aus Bhmen herber jahraus, jahrein; wenn ihm nun unterwegs ein Glas zerbricht, mu ich's und die armen Kinder freilich entgelten; aber ich ertrag's. Du kannst den Mann noch lieben, der dir so bel mitspielt? Warum nicht lieben? Ist er nicht der Vater meiner Kinder? Die werden alles gut machen und uns wohl lohnen, wenn sie gro sind. Leidiger Trost! Die Kinder danken auch der Eltern Mh' und Sorgen! Die Jungen werden dir noch den letzten Heller auspressen, wenn sie der Kaiser zum Heere schickt ins ferne Ungarland, da die Trken sie erschlagen. Ei nun, das kmmert mich auch nicht; werden sie erschlagen, so sterben sie fr den Kaiser und frs Vaterland in ihrem Beruf; knnen aber auch Beute machen und die armen Eltern pflegen. Hierauf erneuerte der Geist den Knabenhandel nochmals; doch das Weib wrdigte ihn keiner Antwort, raffte das Laub in den Korb, band oben drauf den kleinen Schreier mit der Leibschnur fest und Rbezahl wandte sich, als wollte er weitergehen. Weil aber die Brde zu schwer war, da das Weib nicht aufkommen konnte, rief sie ihn zurck: Ich hab' Euch einmal gerufen, sprach sie, helft mir nun auch auf, und wenn Ihr ein briges tun wollt, so schenkt dem Knaben, der Euch gefallen hat, ein Gutfreitagsgrschel[A] zu einem Paar Semmeln; morgen kommt der Vater heim, der wird uns Weibrot aus Bhmen mitbringen. Der Geist antwortete: Aufhelfen will ich dir wohl; aber gibst du mir den Knaben nicht, so soll er auch keine Spende haben. Auch gut! versetzte die Frau und ging ihres Weges. [Funote A: Eine schlesische Mnze, einen Dreier an Wert, welche ehedem die Frsten von Liegnitz prgen und auf den Karfreitag an die Armen zum Almosen verteilen lieen.] Je weiter sie ging, je schwerer wurde der Korb, da sie unter der Last schier erlag und alle zehn Schritte verschnaufen mute. Das schien ihr nicht mit rechten Dingen zuzugehen; sie whnte, Rbezahl habe ihr einen Possen gespielt und eine Last Steine unter das Laub geschmuggelt; darum setzte sie den Korb ab auf dem nchsten Rande und strzte ihn um. Doch es fielen eitel Laubbltter heraus und keine Steine. Also fllte sie ihn wieder zur Hlfte und raffte noch so viel Laub in die Schrze, als sie darein fassen konnte; aber bald war ihr die Last von neuem zu schwer und sie mute nochmals ausleeren, welches die rstige Frau gro wunder nahm; denn sie hatte gar oft hochgeschichtete Graslasten heimgetragen und solche Mattigkeit noch nie gefhlt. Demungeachtet beschickte sie bei ihrer Heimkunft den Haushalt, warf den Ziegen und den jungen Zicklein das Laub vor, gab den Kindern das Abendbrot, brachte sie in Schlaf, betete ihren Abendsegen und schlief flugs und frhlich ein. Die frhe Morgenrte und der wache Sugling, der mit lauter Stimme sein Frhstck verlangte, weckten das geschftige Weib zu ihrem Tagewerk aus dem gesunden Schlaf. Sie ging zuerst mit dem Melkeimer ihrer Gewohnheit nach zum Ziegenstalle. Welch schreckensvoller Anblick! Das gute, nahrhafte Haustier, die alte Ziege, lag da hart und steif, hatte alle viere von sich gestreckt und war verschieden; die Zicklein aber verdrehten die Augen grlich im Kopfe, steckten die Zunge von sich und gewaltsame Zuckungen verrieten, da sie der Tod ebenfalls schttele. So ein Unglcksfall war der guten Frau noch nicht begegnet, seitdem sie wirtschaftete; ganz betubt von Schreck sank sie auf ein Bndlein Stroh hin, hielt die Schrze vor die Augen, denn sie konnte den Jammer der sterbenden Tiere nicht ansehen und seufzte tief: Ich unglckliches Weib, was fang' ich an! Und was wird mein harter Mann beginnen, wenn er nach Hause kommt? Ach, hin ist mein ganzer Gottessegen auf dieser Welt! -- Augenblicklich strafte sie das Herz dieses Gedankens wegen. Wenn das liebe Vieh dein ganzer Gottessegen ist auf dieser Welt, was ist denn Steffen und was sind deine Kinder? Sie schmte sich ihrer bereilung; la fahren dahin aller Welt Reichtum, dachte sie, hast du doch noch deinen Mann und deine vier Kinder. Wenn's auch einen Strau mit Steffen setzt und er mich bel schlgt, was ist's mehr als ein bses Stndlein? Habe ich doch nichts verwahrlost. Die Ernte steht bevor, da kann ich schneiden gehen und auf den Winter will ich spinnen bis in die tiefe Mitternacht; eine Ziege wird ja wohl wieder zu erwerben sein und habe ich die, so wird's auch nicht an Zicklein fehlen. Indem sie das bei sich dachte, ward sie wieder frohen Mutes, trocknete ihre Trnen ab und wie sie die Augen aufhob, lag da vor ihren Fen ein Blttlein, das flitterte und blinkte so hell, so hochgelb wie gediegen Gold. Sie hob es auf, besah's und es war schwer wie Gold. Rasch sprang sie auf, lief damit zu ihrer Nachbarin, der Trdlersfrau, zeigte ihr den Fund mit groer Freude und diese erkannte es fr reines Gold, handelte es ihr ab und zhlte ihr dafr zwei Dicktaler bar auf den Tisch. Vergessen war nun all ihr Herzeleid. Solchen Schatz an Barschaft hatte das arme Weib noch nie im Besitz gehabt. Sie lief zum Bcker, kaufte Stietzel und Butterkringel und eine Hammelkeule fr Steffen, die sie zurichten wollte, wenn er mde und hungrig auf den Abend von der Reise kme. Wie zappelten die Kleinen der frhlichen Mutter entgegen, da sie hereintrat und ihnen ein so ungewohntes Frhstck austeilte! Sie berlie sich ganz der mtterlichen Freude, die hungrige Kinderschar satt zu machen und nun war ihre erste Sorge, das ihrer Meinung nach von einer Hexe verzauberte Vieh beiseite zu schaffen und dieses husliche Unglck vor dem Manne so lange als mglich zu verheimlichen. Aber ihr Erstaunen ging ber alles, als sie von ungefhr in den Futtertrog sah und einen ganzen Haufen goldener Bltter darin erblickte. Da schrfte sie geschwind das Kchenmesser, ffnete den Leib der Ziege und fand im Magen einen Klumpen Gold, so gro als ein groer Apfel und so auch nach Verhltnis in den Magen der Zicklein. Jetzt wute sie ihres Reichtums kein Ende; doch damit empfand sie auch die drckenden Sorgen desselben; sie wurde unruhig, scheu, fhlte Herzklopfen, wute nicht, ob sie den Schatz in die Lade verschlieen oder in die Erde vergraben sollte, frchtete Diebe und Schatzgrber, wollte auch den Knauser Steffen nicht gleich alles wissen lassen aus gerechter Besorgnis, da er, vom Wuchergeist angetrieben, den Mammon an sich nehmen und sie dennoch nebst den Kindern darben lassen mchte. Sie sann lange, wie sie's klug damit anstellen knnte und fand keinen Rat. Der Pfarrer im Dorfe nahm sich aller Bedrngten gern an und stand seinen Pfarrkindern mit Rat und Tat zur Seite. Ungerechtigkeiten duldete er nicht in der Gemeinde und auch den mrrischen Steffen hatte er schon wiederholt zur Rede gestellt. Zu ihm nahm das Weib ihre Zuflucht, berichtete ihm unverhohlen das Abenteuer mit Rbezahl, wie er ihr zu groem Reichtum verholfen und was sie dabei fr Anliegen habe und bezeugte auch die Wahrheit der Sache mit dem ganzen Schatze, den sie bei sich trug. Der Pfarrer wunderte sich aufs hchste ber die Begebenheit, freute sich aber zugleich ber das Glck des armen Weibes und rckte darauf sein Kpplein hin und her, fr sie guten Rat zu suchen, um ohne Spuk und Aufsehen sie im ruhigen Besitz ihres Reichtums zu erhalten und auch Mittel aufzufinden, da der zhe Steffen sich desselben nicht bemchtigen knnte. Nachdem er lange berlegt hatte, redete er also: Hr' an, meine Tochter, ich wei guten Rat fr alles. Wge mir das Gold zu, da ich dir's treulich aufbewahre; dann will ich einen Brief schreiben in welscher Sprache, der soll dahin lauten: Dein Bruder, der vor Jahren in die Fremde ging, sei in der Venediger Dienst nach Indien geschifft und daselbst gestorben und habe all sein Gut dir im Testament vermacht, mit dem Beding, da der Pfarrer des Kirchspiels dich bevormunde, damit es dir allein und keinem andern zunutze komme. Ich begehre weder Lohn noch Dank von dir; nur gedenke, da du der heiligen Kirche einen Dank schuldig bist fr den Segen, den dir der Himmel beschert hat, und gelobe ein reiches Megewand in die Sakristei. Dieser Rat behagte dem Weibe herrlich; sie gelobte dem Pfarrer das Megewand; er wog in ihrem Beisein das Gold gewissenhaft bis auf ein Quentchen aus, legte es in den Kirchenschatz und das Weib schied mit frohem und leichtem Herzen von ihm. Rbezahl hate das ganze Geschlecht um eines Mdchens willen, das ihn berlistet hatte, ob ihn gleich seine Laune zuweilen auf den milden Ton stimmten, ein einzelnes Weiblein in Schutz zu nehmen und ihr gefllig zu sein. So sehr die wackere Frau des Glasers mit ihren Gesinnungen und Benehmen seine Gewogenheit erworben hatte, so ungehalten war er auf den barschen Steffen und trug groes Verlangen, das biedere Weib an ihm zu rchen, ihm einen Possen zu spielen, da ihm angst und weh dabei wrde, und ihn dadurch so zahm zu machen, da er der Frau untertan wrde und sie ihm nach Wunsche den Daumen aufs Auge halten knne. Zu diesem Behufe sattelte er den raschen Morgenwind, sa auf und galoppierte ber Berg und Tal, spionierte wie ein Kundschafter auf allen Landstraen und Kreuzwegen von Bhmen umher und wo er einen Wanderer erblickte, der eine Brde trug, war er hinter ihm her und forschte nach seiner Ladung. Zum Glck fhrte kein Wanderer, der diese Strae zog, Glaswaren, sonst htte er fr Schaden und Spott nicht sorgen drfen, ohne einen Ersatz zu hoffen, wenn er auch gleich der Mann nicht gewesen wre, den Rbezahl suchte. Bei diesen Anstalten konnte ihm der schwer beladene Steffen allerdings nicht entgehen. Um die Vesperzeit kam ein rstiger, frischer Mann angeschritten, mit einer groen Brde auf dem Rcken. Unter seinem festen, sicheren Tritt ertnte jedesmal die Last, die er trug. Rbezahl freute sich, sobald er ihn von der Ferne witterte, da ihm nun seine Beute gewi war und rstete sich, seinen Meisterstreich auszufhren. Der keuchende Steffen hatte beinahe das Gebirge erstiegen; nur die letzte Anhhe war noch zu gewinnen, so ging es bergab nach der Heimat zu, darum sputete er sich, den Gipfel zu erklimmen; aber der Berg war steil und die Last war schwer. Er mute mehr als einmal ruhen, sttzte den knotigen Stab unter den Korb, um das drckende Gewicht zu mindern, und trocknete den Schwei, der ihm in groen Tropfen vor der Stirn stand. Mit Anstrengung der letzten Krfte erreichte er endlich die Zinne des Berges und ein schner gerader Pfad fhrte zu dessen Abhang. Mitten am Wege lag ein abgesgter Fichtenbaum und der berrest des Stammes stand daneben, kerzengerade und aufrecht, oben geebnet wie ein Tischblatt. Ringsumher grnten in groen Mengen Grser und Kruter. Dieser Anblick war dem ermdeten Lasttrger so anlockend und zu einem Ruheplatz so bequem, da er alsbald den schweren Korb auf den Klotz absetzte und sich gegenber im Schatten auf das weiche Gras streckte. Hier bersann er, wieviel reinen Gewinn ihm seine Ware diesmal einbringen wrde und fand nach genauem berschlag, da, wenn er keinen Groschen ins Haus verwendete und die fleiige Hand seines Weibes fr Nahrung und Kleidung sorgen liee, er gerade so viel lsen wrde, um auf dem Markte zu Schmiedeberg sich einen Esel zu kaufen und zu befrachten. Der Gedanke, wie er in Zukunft dem Grauschimmel die Last aufbrden und gemchlich nebenher gehen wrde, war ihm zu der Zeit, wo seine Schultern eben wund gedrckt waren, so herzerquickend, da er ihm, wie es bei frohen Zukunftsbildern sehr natrlich ist, weiter nachging. Ist einmal der Esel da, dachte er, so soll mir bald ein Pferd draus werden, und hab' ich nun den Rappen im Stalle, so wird sich auch ein Acker dazu finden, darauf sein Hafer wchst. Aus einem Acker werden dann leicht zwei, aus zweien vier, mit der Zeit eine Hufe und endlich ein Bauerngut und dann soll Ilse auch einen neuen Rock haben. Er war mit seinen Plnen beinahe so weit fertig, da tummelte Rbezahl seinen Wirbelwind um den Holzklotz herum und strzte mit einemmal den Glaskorb herunter, da der zerbrechliche Kram in tausend Stcke zerfiel. Das war ein Donnerschlag in Steffens Herz; zugleich vernahm er in der Ferne ein lautes Gelchter, wenn's anders nicht Tuschung war und das Echo den Laut der zerschellten Glser nur wiedergab. Er nahm's fr Schadenfreude, und weil ihm der unmige Windsto unnatrlich schien, auch, da er recht zusah, Klotz und Baum verschwunden waren, so riet er leicht auf den Unglcksstifter. Oh! wehklagte er, Rbezahl, du Schadenfroh, was habe ich dir getan, da du mein Stckchen Brot mir nimmst, meinen sauren Schwei und Blut! Ach, ich geschlagener Mann auf Lebenszeit! Hierauf geriet er in eine Art von Wut, stie alle erdenklichen Schmhreden gegen den Berggeist aus, um ihn zum Zorn zu reizen. Halunke, rief er, komm und erwrge mich, nachdem du mir mein alles auf der Welt genommen hast! In der Tat war ihm auch das Leben in dem Augenblick nicht mehr wert als ein zerbrochen Glas; Rbezahl lie indessen weiter nichts von sich sehen noch hren. Der verarmte Steffen mute sich entschlieen, wenn er nicht den leeren Korb nach Hause tragen wollte, die Bruchstcke zusammenzulesen, um auf der Glashtte wenigstens ein paar Spitzglser zum Anfang eines neuen Gewerbes dafr einzutauschen. Tiefsinnig wie ein Schiffsherr, dessen Schiff der gefrige Ozean mit Mann und Maus verschlungen hat, ging er das Gebirge hinab, schlug sich mit tausend schwermtigen Gedanken, machte zwischendrein dennoch auch allerlei Plne, wie er den Schaden ersetzen und seinem Handel wieder aufhelfen knne. Da fielen ihm die Ziegen ein, die seine Frau im Stalle hatte; doch sie liebte sie schier wie ihre Kinder und im Guten, wute er, waren sie ihr nicht abzugewinnen. Darum erdachte er diesen Kniff, sich seinen Verlust zu Hause gar nicht merken zu lassen, auch nicht bei Tage in seine Wohnung zurckzukehren, sondern um Mitternacht sich ins Haus zu schleichen, die Ziegen nach Schmiedeberg auf den Markt zu treiben und das daraus gelste Geld zum Ankauf neuer Ware zu verwenden, bei seiner Zurckkunft aber mit dem Weibe zu hadern und sich ungebrdig zu stellen, als habe sie durch Unachtsamkeit das Vieh in seiner Abwesenheit stehlen lassen. Mit diesem wohlersonnenen Vorhaben schlich der unglckliche Scherbensammler nahe beim Dorfe in einen Busch und wartete mit sehnlichem Verlangen die Mitternachtsstunde, um sich selbst zu bestehlen. Mit dem Schlag zwlf machte er sich auf den Diebsweg, kletterte ber die niedrige Hoftr, ffnete sie von innen und schlich mit Herzpochen zum Ziegenstalle; er hatte doch Scheu und Furcht, vor seinem Weibe, auf einer unrechten Tat sich ertappen zu lassen. Wider Gewohnheit war der Stall unverschlossen, was ihn wunder nahm, ob's ihn gleich freute; denn er fand in dieser Fahrlssigkeit einen Schein Rechtens, sein Vornehmen damit zu beschnigen. Aber im Stalle fand er alles de und wste; da war nichts, was Leben und Odem hatte, weder Ziege noch Bcklein. Im ersten Schrecken vermeinte er, es habe ihm bereits ein Diebesgesell vorgegriffen, dem das Stehlen gelufiger sei als ihm; denn ein Unglck kommt selten allein. Bestrzt sank er auf die Streu und berlie sich, da ihm auch der letzte Versuch, seinen Handel wieder in Gang zu bringen, milungen war, einer dumpfen Traurigkeit. Seitdem die geschftige Ilse vom Pfarrer wieder zurck war, hatte sie mit frohem Mute alles fleiig zugeschickt, ihren Mann mit einer guten Mahlzeit zu empfangen, wozu sie den Pfarrer auch eingeladen hatte, welcher verhie, ein Knnlein Speisewein mitzubringen, um beim frhlichen Gelag dem aufgemunterten Steffen von der reichen Erbschaft des Weibes Bericht zu geben und unter welcherlei Bedingungen er daran Genu und Anteil haben solle. Sie sah gegen Abend fleiig zum Fenster hinaus, ob Steffen kme, lief aus Ungeduld hinaus vors Dorf, blickte mit ihren schwarzen Augen gegen die Landstrae hin, war bekmmert, warum er so lange weile, und da die Nacht hereinbrach, folgten ihr bange Sorgen und Ahnungen in die Schlafkammer, ohne da sie ans Abendbrot dachte. Lange kam ihr kein Schlaf in die ausgeweinten Augen, bis sie gegen Morgen in einen unruhigen, matten Schlummer fiel. Den armen Steffen qulten Verdru und Langeweile im Ziegenstall nicht minder; er war niedergedrckt und kleinlaut, da er sich nicht getraute, an die Tr zu klopfen. Endlich kam er doch hervor, pochte ganz verzagt an und rief mit wehmtiger Stimme: Liebes Weib, erwache und tu auf deinem Manne! Sobald Ilse seine Stimme vernahm, sprang sie flink vom Lager wie ein munteres Reh, lief an die Tr und umhalste ihren Mann mit Freuden; er aber erwiderte diese herzigen Liebkosungen gar kalt und frostig, setzte seinen Korb ab und warf sich mimutig auf die Ofenbank. Wie das frhliche Weib das Jammerbild sah, ging's ihr ans Herz. Was fehlt dir, lieber Mann, sprach sie bestrzt, was hast du? Er antwortete nur durch Sthnen und Seufzen; dennoch fragte sie ihm bald die Ursache des Kummers ab und weil ihm das Herz zu voll war, konnte er sein erlittenes Unglck dem trauten Weibe nicht lnger verhehlen. Da sie vernahm, da Rbezahl den Schabernack verbt hatte, erriet sie leicht die wohlttige Absicht des Geistes und konnte sich des Lachens nicht erwehren, welches Steffen bei erregterer Gemtsverfassung ihr bel wrde gelohnt haben. Jetzt rgte er den scheinbaren Leichtsinn nicht weiter und fragte nur ngstlich nach dem Ziegenvieh. Das reizte noch mehr des Weibes Lachen, da sie bemerkte, da der Hausvogt schon allenthalben umherspioniert hatte. Was kmmert dich mein Vieh? sprach sie, hast du doch noch nicht nach den Kindern gefragt; das Vieh ist wohl aufgehoben drauen auf der Weide. La dich auch den Tck von Rbezahl nicht anfechten und grme dich nicht; wer wei, wo er oder ein anderer uns reichen Ersatz dafr gibt. Da kannst du lange warten, sprach der Hoffnungslose. Ei nun, versetzte das Weib, unverhofft kommt oft. Sei unverzagt, Steffen! Hast du gleich keine Glser und ich keine Ziegen mehr, so haben wir doch vier gesunde Kinder und vier gesunde Arme, sie und uns zu ernhren; das ist unser ganzer Reichtum. Ach, da es Gott erbarme! rief der bedrngte Mann, sind die Ziegen fort, so trage die vier Blge nur gleich ins Wasser, nhren kann ich sie nicht. Nun, so kann ich's, sprach Ilse. Bei diesen Worten trat der freundliche Pfarrer herein, hatte vor der Tr schon die ganze Unterredung abgelauscht, nahm das Wort, hielt Steffen eine lange Predigt ber den Text, da der Geiz eine Wurzel alles bels sei; und nachdem er ihm das Gesetz genugsam geschrft hatte, verkndigte er ihm nun auch die frohe Botschaft von der reichen Erbschaft des Weibes, zog den welschen Brief heraus und bersetzte ihm darauf, da der zeitige Pfarrherr in Kirsdorf zum Vollstrecker des Testaments bestellt sei und die Hinterlassenschaft des abgeschiedenen Schwagers zu sicherer Hand bereits empfangen habe. Steffen stand, da wie ein stummer lgtz, konnte nichts als sich dann und wann verneigen, wenn bei Erwhnung der durchlauchten Republik Venedig der Pfarrer ehrerbietig ans Kpplein griff. Nachdem er wieder ein wenig zur Besinnung gelangt war, fiel er dem trauten Weibe herzig in die Arme und versprach ihr, von jetzt ab sie nicht mehr rauh zu behandeln, sondern sie in Ehre und Liebe zu halten. Steffen wurde der geschmeidigste, geflligste Ehemann, ein liebevoller Vater seiner Kinder und dabei ein fleiiger, ordentlicher Wirt; denn Miggang war nicht seine Sache. Der redliche Pfarrer verwandelte nach und nach das Gold in klingende Mnze und kaufte davon ein groes Bauerngut, worauf Steffen und Ilse wirtschafteten ihr Leben lang. Den berschu lieh er auf Zins und verwaltete das Kapital so gewissenhaft wie den Kirchenschatz und nahm keinen andern Lohn dafr als ein Megewand, das Ilse so prchtig machen lie, da kein Erzbischof sich desselben htte schmen drfen. Die zrtliche, treue Mutter erlebte noch im Alter groe Freude an ihren Kindern und Rbezahls Gnstling wurde gar ein wackerer Mann, diente im Heer des Kaisers lange Zeit unter Wallenstein im Dreiigjhrigen Kriege. 8. Susi und der Krutermann. Der alte Khler Christoph sa mit seinem Weibe Else an einem lauen Sommermorgen vor seinem Httchen. Vor ihnen fhrten Kinder ihren Ringelreigen auf, aber die Alten achteten nicht auf das Kinderspiel, sondern schienen einen schweren Kummer auf dem Herzen zu tragen. Vater Christophs Glieder waren seit Jahren gelhmt, so da es wenig Verdienst gab und Armut und Entbehrung waren die stndigen Gste in der armen, bauflligen Htte. Oft konnte die Frau tagelang nicht arbeiten und fr den Haushalt Geld schaffen, weil sie sich der Pflege ihres Mannes widmen mute. Auch ihre kleinen Einnahmen aus dem gesponnenen Garn waren ausgeblieben, da Mutter Else bei ihrer Armut nicht imstande war, Flachs zu kaufen. Vater Christoph sthnte ob all des Kreuzes und Trnen rannen ihm ber die Wangen. Vater, hob da Else an, la deinen Mut und deine Freudigkeit nicht sinken. Kennst du nicht den herrlichen Liedervers aus dem Gesangbuche, der mit den Worten beginnt: Denk nicht in deiner Drangsalshitze, Da du von Gott verlassen seist. Siehe, der Dichter des Liedes, aus welchem jener Vers stammt: >Wer nur den lieben Gott lt walten<, Georg Neumark, war, wie mir neulich unser lieber Herr Pfarrer, der dich so oft in deiner Krankheit besucht und trstet, erzhlte, in so bittere Not geraten, da er seine liebe Geige versetzen mute. Da fand er in seiner Herzensangst, wie von Gott gesandt, einen reichen Gnner, der ihm half. Aus Freude darber sang er sein Lied: >Wer nur den lieben Gott lt walten<. Das hat seither schon manche Trne getrocknet und manchen Kreuzestrger gestrkt. Vater Christoph wurde ruhig und in frommer Ergebung sprachen seine zitternden Lippen: Denn welcher seine Zuversicht Auf Gott setzt, den verlt er nicht. Da schritt auf der Landstrae ein hbsches Mdchen einher, dem Dorfe zu. Es mute einen weiten Weg zurckgelegt haben und schien ermdet zu sein. Unter dem Arme trug die Kleine ein Bndel Kleider. Als sie sich der Htte nherte, rief sie den beiden Alten zu: Gr Gott! Knnt ihr mir wohl sagen, wo in diesem Dorfe der alte Khler Christoph wohnt? Der bin ich selbst, antwortete der Alte und im nchsten Augenblicke lag das Mdchen an seinem Halse und schluchzte: Ihr seid mein Oheim. Ich bin Eure Nichte, die Mutter ist vor einer Woche gestorben, ihr letzter Gru galt Euch. Da trat Mutter Else herbei, streichelte dem Kinde die Wangen und sprach: Sei uns herzlich willkommen, armes Kind, du bleibst von nun an bei uns. Wir wollen dich hegen und pflegen und lieben als unser eigenes Kind. Christoph gab dem Kinde treuherzig die Hand und sprach: Gott segne dich. Nun mute Susi -- so war ihr Name -- in die Htte eintreten, da sie sich ausruhe und erfrische. Else bereitete ihr ein Lager von Heu und Blttern und auf ihrem rmlichen Lager ruhte Suschen so s wie auf weichem Flaum und liebliche Trume umgaukelten sie whrend der Nacht. Seit Susis Ankunft war es im Hause lebhafter geworden. Frhmorgens schon sang sie mit silberheller Stimme ihre Lieder und begleitete sie am Abend mit der Zither, frhliche Geschichten erzhlte sie dem Oheim, so da ihm zuweilen ein Lcheln ankam; aber Mutter Else blieb still und gedrckt. Sie sann immer darber nach, wie sie dem Mdchen Kleidungsstcke und ein besseres Lager schaffen knnte, zumal der Winter im Anzuge war. Doch das gute Mtterchen fand trotz allen Grbelns keinen Ausweg. So war sie denn eines Morgens in den Wald gegangen, um drres Holz zum Feuermachen zu sammeln, als sie pltzlich eine Mnnerstimme hinter sich vernahm. Es war ein Krutersammler, welcher einen Kasten mit Salben und Krutern fr Kranke auf der Schulter trug. Er grte Else und bot ihr seine Waren an. Ach, erwiderte diese, das Krutlein, dessen ich bedarf, habt Ihr gewi nicht in Eurem Kasten. Mein Mann ist schon jahrelang von der Gicht geplagt; ich wrde fr das Kraut, das ihm helfen knnte, mein liebstes Andenken, eine groe Silbermnze, die mir mein Pate zur Einsegnung schenkte, mit Freuden daran geben. Der Fremde ging mit ihr zur Htte. Dort hatte Susi schon fleiig gewirtschaftet, das Bett des Kranken gemacht, die Stube gefegt und die Fenster geffnet. Der Krutermann verwandte kein Auge von dem schmucken, flinken Mdchen. Ist das Eure Tochter? fragte er Else. Nein, lieber Herr, antwortete diese, sie ist meiner Schwgerin Kind aus dem Bhmerlande, eine Waise, und erst seit kurzer Zeit bei uns. Nun wandte sich der Krutermann dem Kranken zu, fragte nach der Art seines Leidens und nahm aus seiner Kruterbchse einen Bschel grnen, stark riechenden Krautes. Das mute Else kochen und mit dem Wasser die lahmen Glieder des Kranken waschen. Eine Bezahlung wies der freundliche Mann zurck und erklrte, er wolle nur ein Stndchen in der Htte ausruhen. Inzwischen war Susi mit ihren Morgenarbeiten fertig geworden und fragte die Base, was sie nun schaffen solle. Kannst du spinnen, mein Kind? erwiderte diese. Susi schttelte den Kopf. Nun, so will ich es dich lehren. Siehe, mit der einen Hand ziehe ich den Faden, whrend die andere die Spindel dreht. Der Fremde aber trat dazwischen und sprach: Ich habe ein neues Spinngert zu Hause. Damit geht's weit flinker und geschickter, ich will es holen und wette, da Susi in krzerer Zeit ihre Weife bezieht als Ihr, Mutter Else. Schon wenige Stunden spter kam der Krutermann mit einem Spinnrade zurck, dessen Gebrauch den alten Khlersleuten noch ganz unbekannt war. Es war ein zierlich gedrechseltes Gert, oben stak auf dem Wockenstock ein Bndel Flachs, welches von einem Wockenbrief gehalten wurde, auf welchem ein sinniger Spruch stand. Flink drehte der Fremde das Rdchen, da es summte und brummte, und Susi sah aufmerksam zu, wie er mit den Fen trat, den Faden zog, befeuchtete, bis sich die Spindel mit Garn fllte. Das Spinnrad schenke ich dir, Susi, sagte der Krutermann, du wirst viel Freude daran haben und mancher Gewinn wird deine Arbeit lohnen. Auch werde ich dir einen Garnhndler zuschicken, der dir deine Arbeit gut bezahlt. Nun spann das frhliche Mdchen vom Morgen bis zum Abend, sang lustige Liedchen dazu und drehte das Rdchen so flink, da Oheim und Base ihre helle Freude daran hatten. Der fremde Garnhndler kam jeden Sonnabend, um das Gespinst zu kaufen. Er lobte die feine, gleichmige Arbeit und zahlte reichlichen Lohn. Auch mit dem kranken Christoph wurde es von Tag zu Tag besser, bald wurden die Glieder wieder gesund und krftig und im nchsten Frhjahr hatte er seine vllige Gesundheit wiedererlangt. Da versuchte er es, ein Spinnrad zu schnitzen, wie es Susi in Gebrauch hatte und siehe da! In wenigen Tagen war das Werk gelungen und Else konnte nun mit Susi um die Wette spinnen. Christophs Kunst wurde im Dorfe bekannt und in kurzer Zeit wollten die Frauen nur noch mit der neuen Erfindung, wie sie die Spinnrder nannten, spinnen. Durch die Anfertigung der Rder verdiente Christoph so viel Geld, da schon ein gewisser Wohlstand in die arme kleine Htte einkehrte. Der Gedanke, da ihr liebes Pflegekind noch immer auf Stroh und Heu schlafen msse, beunruhigte Mutter Else indessen so, da sie beschlo, auf dem Jahrmarkt in der Stadt ein Federbett zu kaufen. Bald hatte sie eins gefunden, das ihr gefiel, aber die kleine Summe, die sie dafr bestimmt hatte, reichte nicht aus, so da sie von dem Kaufe Abstand nehmen mute. Gar traurig ging sie von dannen. Pltzlich stand der gute Krutermann vor ihr, berrascht erfate sie seine Hand, erzhlte ihm, da ihr Mann gesund geworden sei und dankte ihm fr seine Hilfe. Der Fremde aber antwortete nicht, sondern drckte ihr ein Geldstck in die Hand, welches so viel galt, da sie das Federbett als Eigentum erwerben konnte. Mit frhlichem Herzen kaufte die gute Else noch mancherlei Gertschaften und Bedrfnisse fr den Haushalt ein und trug alle in ihre Herberge, von welcher aus ein junger Bauer aus ihrem Dorfe sie und ihre Einkufe auf seinem Wagen nach Hause fuhr. Am offenen Fenster sa Susi, drehte ihr flinkes Rdchen und sang ein munteres Liedchen, als der junge Bauer vor dem Huschen hielt. Verwundert hrte er dem Gesange der fleiigen Spinnerin zu. Als sie die Base bemerkte, sprang sie frhlich aus dem Hause und schickte sich an, das Bett in das Haus zu tragen. Da ging dem jungen Landmann der Gedanke auf, wie glcklich er sein wrde, wenn einmal das liebevolle, muntere und fleiige Mdchen sein Weib wrde. Dem Gedanken folgte die Tat. Eines Sonntags kehrte er im Feiertagsgewand in der Htte des alten Christoph ein und bat ihn und sein Weib um die Hand Susis. Er war ein guter, ordentlicher Bursche und darum erhielt er ihre freudige Zustimmung. Susi knpfte an ihr Jawort nur die eine Bedingung, da ihre lieben Pflegeeltern mit ihr zogen, um in ihrem neuen Heim einen sorgenfreien Lebensabend zu verbringen. Darin willigte der junge Bauer mit Freuden und die Hochzeit ward auf das Osterfest festgesetzt. Nur ein Gedanke trbte Susis Freude ber ihr Glck; sie brachte keinen Heller Geld, kein Heiratsgut, ja nicht einmal eine Webe Leinwand in die neue Wirtschaft ein. Alles, was sie durch Spinnen verdient hatte, war fr die leibliche Pflege der alten Leute aufgewandt worden. So sa sie eines Tages in Nachdenken versunken am Fenster, als es leise an die Scheiben pochte und drauen der Garnhndler stand, welcher ihr freundlich zunickte. Eben wollte sie ihn einladen, einzutreten und mit ihr die knftige Wirtschaft im Dorfe zu besichtigen, da war er verschwunden. Drauen aber im Hausflur lagen sechs Ballen feiner Leinwand und obenauf ein Zettel, worauf geschrieben stand: Der fleiigen Susi zum Brautschatz. Unter Lachen und Weinen zugleich zeigte Susi den Pflegeeltern das reiche Hochzeitsgeschenk des Garnhndlers. Vor Freude fiel sie ihnen um den Hals und jubelte wie ein Kind. So war der Hochzeitstag herangekommen. Es war ein lieblicher, sonniger Ostertag. Wie die Erde drauen im sonnigen, jungfrulichen Frhlingskleide prangte, so anmutig und berraschend lieblich war die Erscheinung der jugendlichen Braut. Auf ihrem kunstvoll geflochtenen Haar lag ein blhender Myrtenkranz, zur Seite ging der stattliche Brutigam und ein stilles Wohlgefallen ging ber seine Zge, wenn er auf seine liebliche Braut herabsah. Als die Trauung vorber war und das Paar seinen Weg rckwrts nahm, da stand pltzlich der alte gute Krutermann vor ihnen und reichte Susi einen frischen, blhenden Strau, indem er sprach: Die schnsten Tugenden eines Weibes sind Flei, Gottvertrauen und Demut. Sie sind kstlicher und wertvoller als alle Schtze der Welt. Sie bilden die beste Aussteuer, die du deinem Mann in dein neues Heim einbringen kannst. So lange du dir die Beobachtung dieser Tugenden angelegen sein lssest, wird dieser Strau nie welken und dein Glck wird stets vollkommen sein. -- Nach diesen Worten zerflo die Gestalt des Krutermannes in Luft und Rbezahl erscholl es durch die Reihen der Hochzeitsleute. Denn der Berggeist war es gewesen, der in wechselnden Gestalten Kummer und Sorgen armer Menschen in Glck und Freude verwandelt hatte. 9. Der geizige Bcker. Noch mehr als den Hochmut hate Rbezahl den Geiz. Denn der Hochmut ist vielfach erst die Folge des Geizes, wie denn das Schriftwort zu allen Zeiten recht behalten wird: Der Geiz ist eine Wurzel alles bels. In der Stadt Hirschberg lebte ein reicher Bcker. Bei der Brgerschaft stand er in hohem Ansehen und mancherlei mter der Stadt vereinigte er in seiner Person. Bei den Beratungen der Stadtbehrde gab seine Stimme oft den Ausschlag, und wenn er im Ratskeller an dem groen, runden Brgertische sa, dann fhrte er das groe Wort. Aber an seinem Gelde hing sein ganzes Herz; es war ihm gleichgltig, wenn die Handwerker, welche fr ihn arbeiteten, oft emprt auf ihn schalten, wenn er ihnen Abzge von ihrem Tagelohn machte. Zum Heizen seines Backofens gebrauchte er viel Holz, welches die Bauern aus den benachbarten Drfern lieferten. Von diesen suchte er sich immer die rmsten aus, machte ihnen einige Vorschsse und forderte dann das Geld zurck. Konnten sie dann nicht zahlen, dann stellte er den Preis fr das Holz mglichst niedrig und schdigte so die armen Leute mit solch schndlichem Handel. Einst brachte ihm ein Bauer ein Fuder Holz, das er bei ihm bestellt hatte. Es wurde im Hof abgeladen und der Bcker zog ihm, wie das oft geschah, einen Taler ab. Lieber Herr, bat da der arme Bauer, zieht mir diesmal nichts ab. Der Holzhandel bringt heuer so wenig ein. Ich bin arm und jeder Groschen ist zu Ausgaben bestimmt. Meine Glubiger warten schon auf die Zinsen und ich kann den Verlust unmglich tragen. Was tat der Geizhals? In aller Ruhe erklrte er dem Bauer, er mge sein Holz auf dem Hofe aufladen und wieder nach Hause fahren. Was tun? Ging der Bauer darauf ein, dann hatten er und die Pferde einen Tag Arbeit verloren, auch brauchte er das Geld zur Zinszahlung, deren Termin nahe bevorstand. So blieb ihm nichts anderes brig, als sich den Abzug gefallen zu lassen. Traurig fuhr er aus der Stadt zurck. Unterwegs holte er einen Handwerksburschen ein, der ermdet seines Weges zog. Er lie ihn aufsitzen und nun hatte er jemand gefunden, dem er seinen rger erzhlen konnte. Der Handwerksbursche war kein anderer als der Berggeist. Aufmerksam hrte er die Geschichte an und beschlo in seinem Innern, dem herzlosen Geizkragen einen grndlichen Denkzettel zu verabfolgen. Wenn er nur einmal in mein Gehege kme, dachte er bei sich, ich wollte ihm schon beikommen, da er Zeit seines Lebens daran denken sollte. Bald darauf stieg der Fremde ab, dankte dem Bauer und schenkte ihm einen Taler. Am andern Morgen sa unser Bcker behaglich in seinem Polsterstuhl, rauchte sein Pfeifchen und blickte zufrieden und behbig durch die Fensterscheiben auf das geschftige Treiben des Marktes. Da klopfte es an die Tr und auf sein Herein erschien ein groer, krftiger Mann vor ihm und sagte: Ich habe gehrt, Ihr habt Holz, das klein gehackt werden soll. Ich biete Euch meine Dienste an. Zwar bin ich kein Holzhacker, der sein Handwerk geschftsmig betreibt, sondern ein Brger aus Schweidnitz. Mir liegt nicht am Geldverdienen, sondern daran, da mir das Holzhacken meine Gesundheit wiederbringen soll. Ich leide an der Leber und der Arzt hat mir tchtige Bewegung verordnet. Ich will kein Geld fr die Arbeit von Euch, wenn Ihr mir erlaubt, so viel gespaltenes Holz mit heimzunehmen, als ich in einer Hocke forttragen kann. Das mu ein nrrischer Kauz sein, dachte der Bcker im stillen und freute sich schon, solch billigen Kaufs davonzukommen. Gromtig lud er den Fremden ein, mit ihm ein Glas Wein zu trinken. Dieser bewunderte die Ausschmckung der Stube und war besonders voller Erstaunens ber die prchtige Decke. Dazu habt Ihr gewi einen auswrtigen Maler kommen lassen, Meister, meinte er, was der Bcker schmunzelnd bejahte. Dabei schlug er auf seine geldgeschwollene Tasche, da die Silber- und Goldmnzen darin Polka tanzten. Am andern Morgen versprach der angebliche Schweidnitzer Brger seine Arbeit zu beginnen. Der Meister lag noch in den Federn, da hrte er es schon im Hofe klappern und krachen, splittern und sausen, da er erschreckt seinen Schlafrock anzog und in den Hof ging, um zu sehen, was der Mann denn mit seinem Getse treibe. Ein solches Krachen und Drhnen hatte er bei den andern Holzhackern noch nicht vernommen. Aber mit weit offenem Munde blieb er in der Hoftr stehen und sah mit Entsetzen, wie der Holzmacher sein linkes Bein aus der Hfte gezogen hatte und damit auf die Scheite einhackte, da die Spne nur so flogen und sich ein Donnern und Poltern erhob, da das ganze Haus in allen Fugen krachte. Dem Bcker wurde es angst und bange und er rief dem Fremden zu, er mge doch aufhren und sich fortscheren. Der aber tat, als hrte er es nicht und hieb immer unbarmherzig darauf los und ehe eine Viertelstunde verging, war das ganze Holz gespalten. Dann steckte er sein Bein wieder in die Hfte, als ob nichts geschehen wre, und begann alles gespaltene Holz zusammenzulesen und zu einer ungeheuren Hocke aufzuhufen. Diese umschnrte er mit einem langen Seil, hob sie wie einen Spielball auf den Rcken und ging gleichgltig grend zum Tore hinaus. Da stand nun der dicke Bcker und schrie Angst und Wehe, ballte die Faust und stie laute Verwnschungen hinter dem Abziehenden aus. Dieser Denkzettel hatte aber bei ihm gefruchtet. Er war seit jener Zeit wie umgewandelt, wurde mildherziger und entzog niemand mehr den verdienten Lohn. Zeigte sich aber hin und wieder einmal die alte Neigung, so mute er stets an den merkwrdigen Holzhacker denken. Denn es war in ihm lngst die Ahnung aufgegangen, da ihm kein anderer als Rbezahl den Streich gespielt habe. Dieser aber hatte seine Hocke vor dem Hause des armen Bauern abgesetzt, der hchst erstaunt war, als er pltzlich den Holzhaufen und noch dazu in zerkleinertem Zustande wiedersah. So hatte er sein Geld und Holz wieder. Er konnte sich auf lange Zeit eine warme Stube machen und seine Suppe dabei kochen; ja er gab sogar seinem armen Nachbarn noch einen Teil von dem reichlichen Holzvorrat. 10. Das sonderbare Wirtshaus. Auf der Strae durch das Gebirge zogen drei muntere Studenten. Aus voller Kehle und frischer Brust lieen sie das alte Studentenlied erschallen: Ich lobe mir das Burschenleben, Ein jeder lobt sich seinen Stand, Der Freiheit hab' ich mich ergeben, Sie bleibt mein bestes Unterpfand. Studenten sind fidele Brder, Kein Unfall schlgt sie ganz danieder. -- Was Unfall, meinte der eine, was knnte uns wohl passieren; uns gehrt die Welt und wenn der Beutel auch in unserer alten Musenstadt Prag ein wenig schmal geworden ist, was verschlgt's? Sind wir erst ber das Gebirge gelangt, dann lacht uns die Heimat entgegen und in den Ferien gibt's wieder Geld in Vaters Haus. Nun, so weit sind wir aber noch lange nicht, meinte der zweite, ein hochgewachsener, blonder Jngling, der Weg ber das Gebirge wird uns sauer werden, zumal meines Wissens kein Wirtshaus uns zur Erholung und Einkehr einldt, wie uns in der letzten Herberge versichert wurde. Das hat, so nahm Philipp, der dritte der Studenten, welcher in Prag Rechtswissenschaft studierte, das Wort, darin seinen Grund, da der Herr des Gebirges, Rbezahl, die Errichtung eines Wirtshauses auf seinem Gebiet verbietet. Tor, erwiderte Hans, der erste der drei, glaubst wohl noch an Spuken. Das sind Kindermrchen, die man sich in den Spinnstuben erzhlt. Geh zu den alten Gromttern und erzhle ihnen das, aber uns verschone mit solchem albernen Geschwtz. Gemach, warf Philipp ein, lieber Freund. Weit du nicht, da vor vier Jahren, also im Jahre 1607, auf dem Markte unserer Stadt vom Bchermann ein Buch feilgeboten wurde, das von einem gelehrten Manne, namens Schwenckfeldt, verfat war und reienden Absatz fand? Es fhrt den Titel >Hirschbergischen Warmen Bades in Schlesien unter dem Riesengebirge gelegenen kurtze und einfltige Beschreibung<. Darin habe ich mancherlei vom Rbezahl gelesen -- Was nicht wahr ist -- fiel ihm Georg, der blonde Jngling, ins Wort -- denn Schwenckfeldt behauptet nirgends, da er selbst den >Ribenzahl< oder >Ribinzagel<, wie er ihn nennt, gesehen hat. Er gibt nur die Erzhlungen des Volkes wieder. Mir wr's schon recht, da es einen Rbezahl gbe, brach Hans das Gesprch ab, wenn nur der alte Knabe schnell fr uns hier oben ein Wirtshaus baute, denn es ist ein wahres Elend, hier unter den Strahlen der glhendsten Sonnenhitze einherstapfen zu mssen, ohne einen Trank oder einen Imbi zu finden. Mir ist unbegreiflich, da sich hier kein Wirt anbaut; er wrde bei dem lebhaften Wanderverkehr sicherlich sein Geschft machen. Weil, sagte Philipp, wie ich bereits erwhnte, die Leute Furcht vor dem Herrn des Gebirges haben. Nun hre mir aber endlich mit dem Popanz, dem Rbezahl, auf, lieber Freund, rief Hans rgerlich. Na -- wer sagt's denn, jubelte da pltzlich Georg auf, dort steht ja das ersehnte Wirtshaus! Die beiden andern Studenten trauten kaum ihren Augen, denn vor ihnen lag in der Tat ein stattliches Gebude, aus dessen Schornstein der Rauch ber die Tannen wirbelte. Vor dem Hause war ein Blumengarten angelegt, in welchem Rosen, Nelken, Rittersporn, Astern und Sonnenblumen blhten, und eine Kegelbahn lud zum Kegelspiel ein. Vor dem Hause stand der behbige Wirt mit kurzem Rock, kurzen, schwarzen Samthosen, roten Strmpfen und glnzenden Schuhen. Ehrerbietig zog er sein Kppchen, verneigte sich vor den Studenten und erklrte ihnen, da es ihm eine besondere Ehre sein wrde, die Herrschaften in seinem bescheidenen Gasthof bewirten zu drfen. Er wrde alles aufbieten, um ihren Ansprchen in jeder Weise gerecht zu werden. Nun, allzu lang wird Euer Speisezettel wohl nicht sein, meinte Hans, den die Anrede des Wirtes ein wenig bermtig gemacht hatte. Befehlt nur, ihr Herren, erwiderte der Wirt, was Kche und Keller bieten, soll euch werden. Wohlan, sagte Hans, so bringt uns drei gebratene Feldhhner in Savoyerkohl, eine Schssel schngesottener Krebse und dazu eine Flasche des ltesten Landweins, je lter desto besser. Hierauf traten die Studenten ins Herrenstbchen ein, legten ihr Rnzel ab und machten sich's bequem, whrend der Wirt in Kche und Keller eilte, das Bestellte zu besorgen. Nach Verlauf einer Viertelstunde kehrte er zurck, deckte den Tisch mit einem kostbaren Tischtuch, legte silberne Bestecke auf und tat so, als ob er frstliche Herrschaften zu bedienen habe. Whrend er alles ordnete, meinte er: Es hlt jetzt schwer, Feldhhner zu bekommen und auch von den Krebsen bringe ich heute die ersten auf den Tisch. Aber fr gutes Geld wird alles geschafft. Er tat gar nicht, als ob er die Verlegenheit der jungen Herren bemerkte, sondern brachte auer dem Landwein noch eine Flasche Tokaier. Philipp wurde es unheimlich; ihm stieg eine Ahnung auf, da das Wirtshaus ein bezaubertes und der Wirt kein anderer sei als Rbezahl. Als dieser auf einige Zeit das Zimmer verlie, teilte er seine Befrchtungen seinen Kommilitonen mit. Diese aber lachten ihn aus, der Wein machte ihre Zunge immer gelufiger und ihr Herz mutiger. Hans rief den Wirt und forderte ihn auf, fr sich ein Glas mitzubringen, um mit ihnen anstoen zu knnen. Das geschah und Georg erhob sein Glas und sprach: Ich will eine Gesundheit ausbringen. Da wir hier auf einsamer Hhe mit Speise und Trank so vortrefflich erquickt wurden, verdanken wir gewi dem Herrn des Berges, er lebe hoch, hoch, hoch! Der Wirt stie mit den Studenten an. Aber sofort sa Georg wieder der Schalk im Nacken und er rief noch einmal: Ja, der alte, gute Rbezahl soll leben, hoch! Philipp stie diesmal nicht mit seinen Gefhrten an und auch der Wirt zog seine Stirne kraus, machte eine gar ernste Miene, stellte sein Glas auf den Tisch und sagte: Wie Euer Genosse, so habe ich wohl auf die Gesundheit des Herrn vom Berge angestoen, nicht aber in das Hoch auf Rbezahl eingestimmt, wie er auch tat, und zwar mit Recht. Ihr nennt ihn bei seinem Spottnamen, auf diesen stoe ich nicht an, denn ich wei, da er sich an denen rcht, die ihn damit an jene traurige Geschichte erinnern. Euer Genosse scheint auch darum zu wissen. Lautes Gelchter war die Antwort der beiden angeheiterten Studenten auf die Mahnung des Wirtes. Nun, Philipp, meinte Hans, da hast du ja einen Gesinnungsgenossen gefunden, zu glauben, jenen Ammenmrchen von einem neckenden Kobold, der auf dem Riesengebirge sein Unwesen treiben soll. Ich wnschte nichts sehnlicher, als ihm in hchsteigener Person zu begegnen. Das wird aber nie der Fall sein, weil es eben keinen Rbezahl gibt. Wir, mein lieber Herr Wirt, von der hohen Schule atmen eine freie Luft und belcheln jene Torheiten, die sich nur im Aberglauben des Volkes finden. Der Wirt wollte antworten, aber es kam ihm ein besserer Gedanke in den Kopf und er trat vor die Studenten mit der freundlichen Aufforderung: Wollen die Herren nicht vielleicht sich ein wenig im Freien Bewegung machen und einen Stamm kegeln? Den Kegeljungen will ich selbst machen. Der Vorschlag fand freudige Zustimmung. Hans und Georg begannen zu schieben, aber merkwrdig: entweder kam ein Sandhase heraus, d. h. die Kugel ging an den Kegeln vorbei, oder sie trafen eine Methode, d. h. die zwei Gassenkegel. Besseren Erfolg hatte Philipp. Er warf dreimal hintereinander acht um den Knig, was fr den besten Wurf galt. rgerlich brachen Hans und Georg das Spiel ab. Nun kam aber das Schlimmste, das Zahlen. Verlegen fragte Hans nach der Schuld. Der Wirt rechnete nach, dann sprach er zu Philipp: Von Euch, junger Herr, nehme ich nichts. Ihr habt Euch frei gekegelt, da Ihr dreimal den Knig allein habt stehen lassen. Die Zeche der anderen Herren betrgt vier Taler, zwei Taler auf jeden. Da wurde die Barschaft noch einmal berrechnet und die beiden Studenten brachten gerade noch die geforderte Summe zusammen. Als es zum Abschied ging, berreichte der hfliche Wirt Georg und Hans ein Pckchen und meinte: Bis zum nchsten Gasthause ist's noch weit, darum habe ich den Herren einen kleinen Imbi fr den Weg eingewickelt. Euch aber, junger Herr, schenke ich, da Ihr so vortrefflich gekegelt habt, den Kegelknig. Dankend steckte Philipp den Kegel in die Tasche und die drei Burschen zogen weiter ihres Wegs. Unterwegs mute Philipp noch manchen Spott seiner Kameraden hinnehmen, da der Wirt ihm einen Kegel zur Zehrung auf den Weg gegeben habe. Lat's gut sein, meinte er, ich habe so meine Gedanken ber das Geschenk und will es tragen als Andenken an unser Abenteuer im Gebirge. Der hat den Rbezahl immer noch im Kopf, hhnte Hans. Wir wollen uns lieber in das Gras setzen und unser Vesperbrot verzehren. Du, Philipp, magst ein Stck vom Kopfe deines Kegelknigs abbeien. Als sie aber ihre Pckchen ffnen wollten, sprang aus dem einen ein Frosch, aus dem andern eine Eidechse heraus, so da sie entsetzt zurckfuhren. So zogen sie hungrig weiter und jeglicher Spott und Zweifel an dem Dasein des Berggeistes verstummte. Philipps Kegel wurde immer schwerer und schwerer, er zog ihn aus seiner Tasche, sieh! da leuchtete er wunderbar im Mondschein. Er sah ihn nher an -- der Kegel war lauteres Gold, darum war er auch so schwer. Philipp verkaufte den Kegel, konnte nun ohne Not seine Studien vollenden und ist ein gelehrter Mann geworden. 11. Der Hexenstab. Wer einmal jetzt im Riesengebirge reist, findet fast bei jedem bemerkenswerten Punkte auf den Bergen und in den Tlern, besonders wo gastliche Huser den Wanderern zur Erholung und Erfrischung einladen, Verkaufsstnde, welche Andenken an das Gebirge feilhalten. In groer Auswahl auf Bechern, Tassen, Karten, Bildern, Pfeifen und anderen Dingen wird besonders auch Rbezahls gedacht. Man findet da manche seiner Geschichten abgebildet und auf mancherlei Art seine uere Erscheinung dargestellt. Mit Vorliebe kaufen die Reisenden lange Bergstcke mit einer tchtigen Spitze daran, die ihnen das Gehen erleichtern. Auf vielen steht der Name Rbezahl und man nennt sie deshalb Rbezahlstcke. Diese Bezeichnung ist aber keine willkrliche, sondern steht im Zusammenhange mit vielen Rbezahlmrchen, in welchen Wanderstbe eine gewisse Rolle spielen. Eins der schnsten will ich euch erzhlen. In den Zeiten, wo die meisten unserer Geschichten spielen, gab es noch keine Brieftrger, welche Briefe und Pakete aus der Stadt auf das Land trugen. Da hielt jedes Dorf seinen Botenmann, welcher in gewissen Zeitrumen den Verkehr zwischen Dorf und Stadt vermittelte. Als solcher war auch der alte Leopold aus Schreiberhau weit und breit im Gebirge bekannt. Es wurde ihm nicht leicht, jahraus, jahrein bei Wind und Wetter unter der Last des Gepckes die gebirgigen Pfade zu gehen, aber die Herrschaften der Rittersitze und die Kaufleute in der Stadt bezahlten ihm seine Mhe so gut, da er htte zufrieden sein knnen. Aber das Pflnzlein Zufriedenheit ist rar und auch von Leopold konnte man sagen: Je mehr er hat, je mehr er will. Einst hatte er sich um die Mittagszeit in einer Baude niedergelassen und war vor Ermdung eingenickt. Da erschien ihm Rbezahl im Traume und fhrte ihn zu seiner groen Braupfanne im Gestein, wo Gold- und Silberstcke ihm entgegenfunkelten. Eben wollte er auf des Berggeists Gehei zugreifen, da war der Traum zu Ende -- und das Glck verflogen. Rbezahl, Schabernacker, rief er rgerlich aus, kannst du mir nicht einmal helfen, damit ich Ruhe habe und meine letzten Lebenstage nicht in Unruhe und den Beschwerden meiner Botenwege verbringen mu! Damit ergriff er seinen langen Botenstock und verlie mrrisch die Baude. Keine zwanzig Schritte war er gegangen, als ihm sein Stock entglitt, gerade als er ber einen kleinen Bach sich schwingen wollte. Da lag er, so lang er war, und es war ein Glck, da er nicht in den Bach gefallen war. Sein Fall machte ihn noch verdrielicher und unmutiger. Da flog ein Raubvogel vor ihm auf und als er ihm nachsah, stie sein Fu an einen Stein, sein Stab geriet ihm zwischen die Fe -- und pardauz! da machte er wieder mit dem Erdboden Bekanntschaft. Schlielich geriet er am Bergesabhang durch Abgleiten so ins Straucheln, da er mit dem Kinn auf einen Stein aufschlug und ihm Wange und Lippen bluteten. Da nahm er wtend seinen Stab, der ein Stck abwrts gerollt war, und versuchte ihn am Felsen zu zerschmettern. Aber der Stab bog sich um, fuhr ihm zwischen die Beine und kaum war dies geschehen, so ging's auch flott durch die Luft ber die Wipfel der Bume hinweg im tollen Ritt, schneller wie der Wind. Leopold meinte, er sei der wilde Jger geworden, welcher zur Strafe durch die Luft reiten und in wildem Horrido und Hussasa ber Land und Meer dahinrasen mu; schauerlich ghnten die Abgrnde unter ihm und von Minute zu Minute glaubte er abzustrzen und zerschmettert am Boden anzukommen. Als sich aber seine Befrchtungen als grundlos erwiesen, da wurde er mutiger, ja er schmiedete auf seinem sonderbaren Reittier bereits Plne, wie vorteilhaft sich fr die Zukunft auf diesem Wege seine Botengnge gestalten wrden. Wie er so dahinfuhr, nahm sein Stab pltzlich die Richtung auf die Stadt Schmiedeberg. Dort war gerade Jahrmarkt. Als nun Ro und Reiter vom Himmel herab mitten zwischen die Buden, Kufer und Verkufer zur Erde herniedersausten, da entsetzte sich die ganze Jahrmarktsgesellschaft. Die Stadtknechte aber nahmen kurzerhand, da man allgemein meinte, solche Luftfahrt ginge nicht mit rechten Dingen zu und Leopold sei ein Hexenmeister, sein Stab aber ein Hexenstab, den Botenmann gefangen und brachten ihn in sicheren Gewahrsam. Der Tag des hochnotpeinlichen Gerichtes kam heran, Leopold wurde als Hexenmeister angeklagt und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Da geschah ein Wunder. Der Stadtrichter wollte dem Stadtknecht eben den Hexenstab bergeben, als ihm dieser zwischen die Beine fuhr, ihn erhob, durch das offene Fenster des Rathaussaales schob und ihn ber die Huser der Stadt entfhrte. Da gab's eine groe Aufregung unter den biederen Brgern, als ihr hochgelahrter Stadtrichter hoch oben im Ornat in den Wolken schwebte -- aber sieh da! -- kurze Zeit spter setzte der Hexenstab seinen Reiter wieder auf dem Marktplatz behaglich und unversehrt ab. Als man Leopold ausfragte, wie er in den Besitz des wunderbaren Stabes gekommen sei, und dieser sein Abenteuer erzhlt hatte, da lie ihn das Gericht frei. Das Volk aber jubelte frhlich und ausgelassen auf den Straen: Ein Schelmenstreich von Rbezahl! Es lebe der Berggeist! Mit den Schmiedebergern hat's auch Rbezahl immer gehalten, weil sie seine Macht frchteten und ihn als Herrn des Gebirges anerkannten. Der alte Leopold hat aber von seinem Erlebnis keinen Vorteil gehabt, denn sein Stab wurde wieder der alte. Die Zauberkraft war von ihm gewichen. 12. Der arme Weberlieb. Der Winter schien in diesem Jahre kein Ende zu nehmen. Wochenlang lag eine dichte Schneedecke auf der Erde und zwischen den Drfern des Riesengebirges hrte jeglicher Verkehr auf. Da ging fr die Weberfamilien eine groe Not an und Entbehrung und Armut waren die bestndigen Gste des Hauses. Diese Notlage der Weber benutzten gewissenlose Kaufleute in den Stdten, indem sie ihnen fr die gelieferte Leinwand geringeren Lohn boten. Sie wuten genau, da die armen Leute unter allen Umstnden Geld brauchten und brachten so die Waren fr einen Spottpreis an sich. 's fast zum Verzweifeln, so sprach eines Abends der Webergottfried zu seinem Weibe, erst mu man in Schnee und Klte den jetzt so gefahrvollen Weg zur Stadt machen und dann erhlt man einen Hungerlohn, der kaum uns beide sttigen kann, whrend doch noch acht Kinder wie die Orgelpfeifen um den Tisch stehen und sehnschtig nach der sprlichen Mahlzeit ausschauen. Das wird ein trauriges Weihnachtsfest werden, versetzte seufzend die Frau, Gott gebe nur, da die Krankheit, welche in einigen Husern eingekehrt ist, nicht ansteckend ist und ber alle Familien kommt. Keinem gingen die Sorgen der Eltern mehr zu Herzen als dem ltesten Sohn, dem Gottlieb, oder wie er im Dorfe von andern Trgern seines Namens unterschieden wurde, dem Weberlieb. Das war ein braver, munterer Junge mit einem Herzen voll Mitleid, der sein Stckchen Brot mit dem armen Manne teilte, der hungrig und elend sich durchs Dorf schlich. Den Eltern ging er unermdlich zur Hand. Im Sommer suchte er im Walde Beeren und Pilze, im Winter trug er trockenes Holz fr den Ofen aus dem Walde herzu oder verdiente sich ein paar Pfennige durch kleine Botenwege. Aber wie sollte er nun bei diesem strengen, eiskalten Winter Arbeit sich verschaffen? Weihnachten stand vor der Tr, aber im Dorfe sah es nicht weihnachtlich aus, denn wo die Armut wohnt, mu die Festfreude weichen. Dazu kam, da die Krankheit sich als die rote Ruhr entwickelt hatte, wohl als Folge des Genusses von unnatrlicher Nahrung. Da standen die Websthle still und fast in jedem Hause lag ein Kranker. Auch den Weberfriedel hatte die Krankheit aufs Lager geworfen und eine entsetzliche Not herrschte im Hause. Hungernd und frierend saen die Kinder um den Ofen herum. Das jammerte unsern Gottlieb so sehr, da er vor seine Mutter trat und sprach: Hat nicht der Vater noch fertige Leinwand brig, Mutter, welche wir verkaufen knnten? Freilich, Lieb, entgegnete diese, dann htten wir wohl auf einige Zeit Brot, aber wer will denn die schwere Webe vier Stunden weit ber das verschneite Gebirge in die Stadt tragen? Gottlieb war sogleich bereit. Das geht nicht an, antwortete die Mutter, du bist schwach und ausgehungert, Zehrung kann ich dir nicht auf den Weg geben und in deinem dnnen Rckchen pfeift dir der kalte Wind bis auf die bloe Haut, da du zitterst und bebst. Aber es wird uns allen geholfen, liebe Mutter, la mich in Gottes Namen ziehen. Gottlieb band sich ein Tuch ber Kopf und Leib, legte den Reisesack mit der Leinwand auf die Schulter und sagte seiner Mutter herzlich Lebewohl. Hinaus ging's durch den schneidenden Nordwind; oft hatte der Schnee eine Bank ber den Weg geweht und der Knabe mute sie Schritt fr Schritt durchqueren, oft glitt er am Rande mit Schnee bedeckter Grben aus und sank tief ein, oft mute er sich ermdet auf einen Stein setzen, um Atem zu schpfen. Endlich nach unsglicher Mhe und Anstrengung schleppte er sich an sein Ziel und kam in das Haus des Kaufmanns. Der kam ihm eben mit einem Reisepelz entgegen und wies ihn aus seinem Hause. Hat man nicht einmal am Heiligabend Ruhe vor dem Webergesindel. Marsch, da du hinauskommst, ich kann dir deine Leinwand nicht abnehmen, so klang's aus dem Munde des harten Mannes und dem armen Weberlieb liefen die Trnen ber die Backen. Ach, Herr, flehte der arme Junge, erbarmt Euch diesmal meines armen Vaters, er liegt an der Ruhr krank danieder. Nehmt mir die Leinwand, ich mu wieder heim. Was, ansteckende Krankheiten bringt mir die Brut noch ins Haus, hinaus, auf der Stelle! schrie aufs hchste erregt der gefhllose Mann und befahl dem Diener, den Jungen hinauszufhren. Dann warf er sich in seinen Reisewagen und fuhr fort. Der Diener empfand Mitleid mit dem abgehrmten, erschpften Kinde und reichte ihm ein Stck Brot und ein wenig Wein. Dann gab er ihm zwei Groschen, damit er auch fr den Vater etwas Brot kaufen knne. Der Wein hatte den Knaben gestrkt und so unternahm er es, die schwere Last wieder auf den Rcken zu laden und den mhseligen Rckweg wieder anzutreten. Am Abend nahm die Klte zu, kleine scharfe Eisnadeln trug der Wind ber den Schnee; sie stachen dem kleinen Gottlieb in die Augen, da er kaum zu sehen vermochte. Da wurden seine Fe matter, seine Kraft erlahmte, und sthnend warf er sich auf einen beschneiten Baumstamm. Hier werde ich sterben mssen, murmelten seine Lippen. Da kam ihm pltzlich der Gedanke an die vielen wunderbaren Geschichten, die man sich von Rbezahls Freundlichkeit gegen die Kinder erzhlte. Mag er mich umbringen oder mir helfen, ich wage es: Rbezahl, Rbezahl! Hilf du mir, die Menschen haben mich verlassen. So rief er laut mit Aufbietung aller Krfte hinein in die beschneiten Bume, Berge und Tler und schaurig gab das Echo seinen Ruf zurck. Im nchsten Augenblick erhob sich ein starker Schneesturm, dem der Knabe nicht standhalten konnte, er ward zurckgeworfen und vom Schnee berschttet. Da ward er von einer behaglichen Wrme durchstrmt und se Trume gingen durch seine Gedanken. Es war Christabend. In der Dorfkirche hielt man Christvesper. Die Kirche war hell erleuchtet, aus den Augen der Kinder strahlte lichte Weihnachtsfreude. Der Pfarrer verkndigte der atemlos lauschenden Menge die alte liebliche Geschichte von der Geburt des Christkindleins auf Bethlehems Flur. Die Gemeinde sang: Dies ist die Nacht, da mir erschienen des groen Gottes Freundlichkeit und nun war Gottlieb an der Reihe, mit seinem hellen Stimmchen allein vor der Gemeinde zu singen. So nahm er das lange Wachslicht in die Hand, trat vor das Lesepult auf der Orgelbrstung und begann erst leise, dann krftiger und mutiger: O du frhliche, o du selige, Gnadenbringende Weihnachtszeit. Welt ging verloren, Christ ist geboren, Freue dich, o Christenheit! In demselben Augenblicke trat aus den Bumen ein wohlgekleideter, freundlich blickender Herr hervor, hllte den armen Knaben liebevoll in seinen Pelz, nahm auch die Webe Leinwand auf und trug ihn eine kurze Wegstrecke zu seinem Schlitten. In einem hellerleuchteten Schlo angelangt, rief er seine Diener. Diese nahmen ihm die Last ab, trugen den Knaben auf seinen Befehl in ein Bett und legten ihn auf weiche, behaglich erwrmte Kissen nieder. Mittlerweile hatte der Herr die Webe Leinwand genommen und war damit auf die Strae zurckgeeilt. In diesem Augenblicke kam der vierspnnige Reisewagen des hartherzigen Kaufmanns herangerollt. Pltzlich scheuten die vier Rosse, ein Ballen Leinwand wurde von oben unter sie geworfen und ein markerschtterndes, entsetzliches Hohngelchter erschallte. Wohl versuchte der Kutscher, die erschreckten Tiere im Zaume zu halten, aber er selbst wurde mit einem Ruck von seinem Sitze in die Hhe gehoben. Er flog ein Stck durch die Luft und wurde dann sanft vor einem Gasthause niedergesetzt. Vor seinen Fen aber lag ein Beutel mit Goldstcken, auf welchem geschrieben stand: Fr die Angst! Seine Pferde hatten mittlerweile den Leinwandballen auseinandergeworfen und um den ganzen Wagen gewickelt. Dadurch fielen sie zu Boden und der Wagen mit. Da rief aus aller Angst der Kaufmann um Hilfe, denn die Tr der Kutsche war so zugewickelt, da ein Entweichen unmglich war. Sofort tauchte eine furchtbare, riesengroe Gestalt vor seinen Augen auf, welche ihm zornig mit der Faust drohte und schrie: Ha, verwnschter Geizhals, wenn du nicht sofort zu shnen versprichst, was du mit deiner unmenschlichen Hrte verschuldet hast, so mut du sterben! Da schlotterten dem Kaufmann die Knie und zitternd rief er aus: Ich will alles geben und tun, wenn ich das Leben behalte. Erbrmlicher Erdenwurm, entgegnete der Berggeist, werde barmherzig und mild. Wenn jetzt der Tod in den armen Weberdrfern so viele Opfer grausam fordert und Wehklagen aus vielen Husern erschallen, so sollten dir diese Jammertne in deine hartherzige Seele dringen. Du trgst die Schuld auf deinem Gewissen, das sich kein Bedenken daraus macht, wenn jene armen, ehrlichen Menschen Hungers sterben. Da gelobte der Kaufmann in seiner frchterlichen Angst Besserung und gab dem Berggeiste -- denn dieser war es -- alles Geld, das er bei sich hatte, zur Verteilung unter die Darbenden. Da nahm Rbezahl ihn beim Genick und setzte ihn unsanft vor seinem Hause nieder. Verwundert ffnete Gottlieb die Augen und wute nicht, wie er an diesen Ort gekommen war. Die Diener brachten ihm Speise und Trank, aber er rhrte nichts an. Da trat ein freundlicher Herr ein und redete ihm zu, er solle nur essen; er wolle ihn dann mit dem Schlitten nach Hause fahren. Ich werde auch deinen Eltern und Geschwistern eine Labung bringen und -- was dir sicherlich am meisten gefallen wird -- der Kaufmann ist anderes Sinnes geworden, er hat dir und allen Webern in eurem Dorfe die Leinwand zu gutem Preise abgekauft. Das Geld habe ich bereits in meiner Tasche. Wer war da froher als unser Weberlieb! Vor Freude kte er die Hnde des guten Herrn. Nun ging's unter Peitschenknall und Schellengelut zu Gottliebs Heimatsdorf zurck. Das war ein seliger Christabend im rmlichen Weberhuschen! Der Herr hatte Brot und Wein, Fleisch und Reis mitgebracht, auerdem Geld und fr die Kranken des Dorfes eine Flasche voll Arznei, welche augenblicklich half. So war das Christfest in dem Weberdorfe zum Freudenfest geworden und alle Kmmernis hatte ein Ende. Da wurde es allen klar, da hier kein anderer als Helfer in der Not erschienen war als Rbezahl, der mchtige Berggeist des Riesengebirges. 13. Wnsche nicht zuviel. Und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen. Damit schlug sie ihre Bibel zu, die vielgeplagte Mutter Brbel und reichte sie ihrem Sohne Hans, der auf einer Fubank zu ihren Fen sa. Drftig, aber sauber sah es in der Stube der kleinen Htte aus. In einer Ecke stand eine Spindel, an welcher die Mutter zu spinnen pflegte; das ging aber nur langsam und mhsam vonstatten. Mutter Brbel hatte viel zu leiden, weil sie in den Beinen von der Gicht heimgesucht wurde. Sie konnte nicht gehen und stehen und auch das surrende Spinnrad mute zuletzt in die Ecke gestellt werden, so da sie nur noch die veraltete Spindel drehen konnte und dementsprechend das Gepinst nur gering ausfiel. Als einziges Kind war ihr der Hans brig geblieben, ein starker, krftiger Bursche. Eben war er zu seiner Freude aus der Schule entlassen worden, denn dort hatte er nie sein Licht leuchten lassen knnen und das Lernen war ihm blutsauer geworden. Die Fibel mit dem groen Gockelhahn auf dem Titelblatte und die fnf Hauptstcke hatte er zur Not bewltigt, aber darber hinaus reichten seine Kenntnisse nicht. Aber willig und brav war Hans und er machte sich darber Gedanken, wie er wohl am besten fr seine Mutter Geld verdienen knne. Eines Sonntags stand sein Entschlu fest. Er nahm Abschied von seiner Mutter und machte sich zum nchsten Dorfe auf. Im eigenen Orte wollte er nicht Stellung nehmen, weil man ihm hier unfreundlich begegnet war. Bei seinen Anfragen hatte er bald Glck, denn ein Bauer, welcher am Wege pflgte, nahm ihn sofort als Htejungen fr sein Vieh an. Er war froh, einen Fremden zu finden, weil einheimische Leute, Knechte und Mgde, das Haus des Bauern, der als Geizhals verschrien war, mieden, ber den Lohn wurden sie bald einig: Hans sollte wchentlich zwei Brote und einen Kse bekommen und zu Weihnachten einen abgelegten Anzug des Bauern. Von Geld war keine Rede. Als am nchsten Sonntag Hans vergngt bei seiner Mutter einkehrte, meinte diese, es sei doch solch ein Lohn gar zu niedrig und stehe in keinem Verhltnis zu der Arbeit. Von dem Bauer, sprach sie, bei welchem du in den Dienst gegangen bist, habe ich schon fters gehrt. Er ist als geiziger Filz verschrien und der abgelegte Anzug wird wohl kaum noch zu flicken sein. La mich, Mutter, erwiderte der Knabe, ich fange erst an zu verdienen; wenn ich meine Arbeit gut verrichte, dann wird mir mein Herr auch einiges Geld zulegen. Hans mute tglich die Khe auf die Weide treiben. Hier war er den ganzen Tag ber mit dem Hunde fr sich allein. Dann sang und jubelte er nach Herzenslust und kein Mensch strte ihn in seiner frhlichen Stimmung. Mit den Bergen und Wiesen, Felsen und Bchen wurde er so vertraut, da er groe Freude an seinem Berufe empfand. Jeden Sonnabend bekam er seine Brote und den Kse und Sonntags brachte er seiner Mutter die Hlfte. So vergingen einige Jahre; die Leute im Dorfe wunderten sich, da der Htejunge noch immer um solch krglichen Lohn bei dem Bauer diene, da er als Knecht anderwrts um einen guten Geldlohn sein Fortkommen finden knne. Hans aber dachte in seiner Harmlosigkeit gar nicht an einen Wechsel; drauen in den Bergen bei den Vgeln, die ihm ihre Lieder sangen, war sein Herz, was kmmerte ihn da Geld oder das Gerede der Leute! Eines Sonntags aber sprach die Mutter zu ihm allen Ernstes: Du bist nun, mein Sohn, ein groer, starker Bursche geworden und dienst noch immer als Htejunge. Die Kleider, die dir dein Brotherr schenkte, wanderten bald in die Lumpen. Bisher habe ich dich von den Gegenstnden, die dein verstorbener Vater hinterlie, gekleidet. Davon ist aber nichts mehr vorhanden, Geld verdienst du nicht, von dem wir neue Kleider anschaffen knnen. So bist du gentigt, den Bauer anzugehen, da er dich als Knecht mietet und dir einen ordentlichen Lohn gibt, wie er Burschen deines Alters zukommt. Diese Worte gingen Hans zu Herzen und am nchsten Tage bat er den Bauer um einen besser bezahlten Dienst. Der aber wurde kirschrot vor rger, schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen und schrie ihn an: Schmst du dich nicht, an mich ein solches Verlangen zu stellen? Du hast mich bald arm gegessen; ich habe dich durchgefttert und deine Mutter dazu. So ist aber die heutige Welt: wenig Arbeit und viel Lohn. Das ist also dein Dank, du habgieriger Bursche? Hans meinte in seiner Gutmtigkeit, der Bauer sei in seinem Recht und er habe es doch eigentlich recht gut bei ihm. Verblfft ging er wieder auf seinen Weideplatz zu seiner Herde. Aber um seine frhliche Laune war es geschehen. Traurig sa er am Wiesenrain und grbelte und sann ber sein Geschick nach. Da trat pltzlich ein alter Schfer auf ihn zu und fragte ihn, warum er ein so trbseliges Gesicht mache. Ohne Scheu und Hinterhalt erzhlte ihm Hans seine Geschichte, wie er sich besonders um seine arme gichtbrchige Mutter sorge, deren Zustand immer bedenklicher wrde. Da riet ihm der Alte, sein Heil einmal in der Stadt Hirschberg zu versuchen, dort brauche man stets krftige und bescheidene Burschen und bezahle auch einen guten Lohn. Halb trumend, halb staunend hrte Hans zu und ehe er dem Alten ein Wort erwidern konnte, war dieser bereits dem Tannendickicht zugeeilt. Merkwrdig war es, was fr lange Schritte er machen konnte; bis an die Wegecke war es eine gute Viertelstunde, jener war in einem Augenblick dort verschwunden. An demselben Abend trieb es ihn, seine Mutter aufzusuchen und ihr sein Erlebnis mitzuteilen. Der Alte hat dir einen guten Rat gegeben, Hans, meinte die Mutter, tu, wie er dir anriet. Die Schfer werden vielfach zu allerhand Wunderkuren allenthalben geholt und kennen Land und Leute. So mache dich sauber und ziehe deinen Weg. Gott geleite dich! Es war der erste Gang des Burschen in eine Stadt. Darum pochte ihm das Herz ein wenig. Er dachte an alle die Beschreibungen, welche man ihm von dem stdtischen Leben und Treiben gemacht hatte, aber als die Sonne ihre ersten Strahlen herniedersandte, und Wiesen und Felder, Berge und Tler im Morgenglanze strahlten und die Vgel ihre ersten Lieder anstimmten, da wurde er wieder frhlich und wohlgemut. Da fielen ihm wieder seine Hirtenlieder ein und jubelnd sang er den Vers: Den lieben Gott la ich nur walten, Der Bchlein, Lerchen, Wald und Feld Und Erd' und Himmel will erhalten, Hat auch mein Sach' aufs best' bestellt. Pltzlich erscholl neben ihm ein lautes Gelchter, er drehte sich um, sah aber niemand. Nachdenklich senkte er den Kopf und erblickte am Boden einen rotseidenen gefllten Geldbeutel. Der Tausend, entfuhr es da seinen Lippen, der Anfang war gut; da scheint einer noch frher aufgestanden zu sein als ich. Da sind ja lauter Dukaten drin. Na, vielleicht finde ich den Pechvogel, der den Beutel verloren hat. Er steckte die Brse ein und schritt frba; da nahte auf einem Seitenwege ein vornehmer Herr, der seine Augen wie suchend auf den Boden heftete. Hat der Herr vielleicht etwas verloren? fragte Hans. Ja, freilich, war die Antwort, meine rotseidene Brse mit Geld. Hier ist sie, entgegnete Hans freundlich, gut, da ich sie gefunden habe. Du bist ein ehrlicher Bursche. Hier hast du eine Belohnung fr den Fund. Hans aber wehrte ab: Das hat der Herr nicht ntig, ich habe die Brse ja kaum zehn Schritte getragen, dann konnte ich sie schon wieder abliefern. Der Fremde plauderte mit Hans noch eine Weile und fragte ihn zuletzt, was er sich wohl wnschen wrde, wenn ihm seine Wnsche erfllt werden sollten. Dem Burschen schwebte noch immer der Dukatenbeutel vor und so antwortete er hastig: I, so wollte ich, da alles mein wre, was mir heute auf dem Wege nach Hirschberg begegnete. Da brach der Herr in ein solch schallendes Gelchter aus, da es die Berge im Widerhall zurckgaben, dann rief er: Sollst's haben, Hans, sollst's haben. Aber merke wohl: _Wnsche nicht zu viel_, sei gengsam! Hiermit war der Fremde verschwunden und nun stieg in Hans die Ahnung auf, mit wem er gesprochen hatte. Er wandte sich den Bergen zu, zog seinen Hut ab und rief: Danke schn, Herr Berggeist! Wieder erschallte von den Bergen her das Echo eines Gelchters. Hans setzte seinen Weg fort. Da fiel pltzlich etwas vor seinen Fen nieder; er hob es auf -- es war derselbe Beutel mit Dukaten, den er heute schon einmal gefunden hatte. Hurra, schrie Hans auf, jetzt knnte ich eigentlich umkehren, fr das viele Geld kann ich mir bequem ein kleines Ackergut kaufen. Auf einem Strauche sa ein Fink und sang sein Morgenlied nach der Melodie, welcher das Volk den Text unterlegt: Reit zu Schitzkebier; er setzte sich sogleich auf Hansens Schulter und blieb dort sitzen. Hans freute sich ber den munteren Gesellen, denn er hatte alle Tiere lieb. Aus einer Hecke kroch ein Ktzchen hervor, schmiegte sich schnurrend an seine Beine und ging ihm nach, whrend ein groer zottiger Hofhund ihn bellend umwedelte. Da kamen auf der Strae drei schwerbeladene Erntewagen herangefahren; auf der Hhe des letzten saen die Schnitter und hielten auf einer Stange den Erntekranz, dessen bunte Bnder in der Luft flatterten. Juchhei, jubelte Hans, nun bin ich ein reicher Mann, jetzt habe ich Geld zum Hauskauf, Hund und Katze und einen Vogel, der mir seine Lieder singt, und nun gar noch Pferde und Wagen und Getreide, das ich nicht einmal ausgeset habe. Was wird die Mutter dazu sagen, wenn ich heimkomme! Er hatte gerade ausgeredet, da kam von einer andern Strae her ein Wagen, hochbepackt mit Hausgerten aller Art, und folgte dem Zuge, der immer lnger wurde. Da kamen Knechte und Mgde, den neuen Herrn grend, ein Hirt trieb eine stattliche Herde Rinder, ein Schfer einen groen Stamm fetter Schafe einher. Auerdem folgten ihm alle Hhner, Enten, Gnse und Tauben, welche sich auf seinem Wege befanden, einige Pfauhhner marschierten vor ihm und ein Pfauhahn schlug ihm zu Ehren sein schillerndes, stolzes Rad. Das war ein Blken, Wiehern, Brllen, Schnattern, Krhen, Singen, Zanken und Raufen, da man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Jetzt wurde Hirschberg sichtbar, Hans lie seinen Besitz an sich vorberziehen; als blutarmer Bursche war er ausgezogen und als Grobauer und reicher Mann kehrte er in seine Heimat zurck. Wie das aber so oft im Menschenleben vorkommt, so erging es auch Hans: die Mahnung: Wnsche nicht zuviel war in seinen Ohren verklungen. Das gesttigte Herz begehrte den berflu. Nun wollte er erst vor den Toren Hirschbergs umkehren, um alles zu gewinnen, was ihm bis dahin begegnen wrde. Unterwegs fand er noch einen funkelnden, goldenen Ring. Er steckte ihn an den Finger und blieb ein Weilchen vor dem Stadttore stehen, um zu sehen, ob nicht noch etwas kme. Da kam ein Mdchen auf ihn zu, hlich wie die Nacht, alt, zahnlos, verwachsen, mit gerteten Augen und rief hell auflachend: Juchhei, jetzt kommt mein langersehnter Brutigam. Und den Trauring hast du auch schon am Finger. Beeile dich nur, der Herr Pfarrer erwartet uns schon zur Trauung in der Kirche. Hans strubte sich und dachte bei sich: Wie kannst du ein Weib deiner Mutter zufhren, welches lter ist als diese? -- Sie aber hielt seine Hand in der ihren, an der ein ganz hnlicher Ring sa. Lieber Hans, sprach sie, es ist gar nicht hbsch von dir, da du so lange zgerst. Bin ich auch nicht hbsch, so bin ich doch eine tchtige Wirtin. Du bist in den Besitz eines groen Hausrates gekommen und verstehst von der Bauernwirtschaft gar wenig. Deine kranke Mutter will ich hegen und pflegen und schaffen, da unser Hausstand sich mehre. Hans stand eine Weile stumm da. Durch seinen Kopf ging die warnende Mahnung Rbezahls: Wnsche nicht zuviel! Er hatte sie berhrt und nun gab es kein Zurck mehr. Er kratzte sich hinter dem Ohr, machte gute Miene zum bsen Spiel, gab seiner Zuknftigen die Hand und sprach: Wenn's denn durchaus sein mu, so wollen wir den Pfarrer nicht lnger warten lassen. Da sah sie ihn freundlich an und sprach: Danke, lieber Hans, du sollst es nicht zu bereuen haben. So wurden sie in der Kirche getraut und unter dem Jubel des Gesindes zogen sie mit ihren Wagen und Gertschaften nach einem Dorfe, welches Hans noch unbekannt war. Dort kauften sie sich einen Bauernhof und brachten die mitgebrachte Habe unter der umsichtigen Leitung der Hausfrau in kurzer Zeit in Ordnung. Hans gewann sein Weib schon am ersten Tage lieb und an jedem andern noch lieber. Sie fuhren nun zu Hansens Mutter, um sie abzuholen. Diese wollte sich jedoch gar nicht daran gewhnen, da ihr schmucker Junge eine so alte, hliche Frau bekommen hatte. Sie konnte daher der Schwiegertochter kein freundliches Gesicht machen. Diese nahm das nicht bel, da sie wute, von Hans geliebt zu werden. Als Mutter Brbel aber sah, da ihre Schwiegertochter Liese fleiig und unermdlich im Haushalte ttig war und ihr selbst in ihrer Krankheit mit Handreichungen zur Seite stand, so fand sie sich zuletzt darein. Ein Jahr spter lag in der groen Holzwiege, deren Bretter mit allerhand Blumenverzierungen bemalt waren, ein prchtiger Junge, der aus Leibeskrften schrie. Mit ihm war die Freude im Hause vollkommen geworden und Brbel schaukelte oft unter dem Gesange eines Schlummerliedchens die Wiege hin und her, um den kleinen schreienden Enkelsohn zu beruhigen und in sen Schlummer zu wiegen. So war der Jahrestag der Hochzeit gekommen. Frhlich saen die drei beieinander, als Liese zu sprechen begann: Ja, heut' vor einem Jahre habe ich etwas Seltsames erlebt, aber ich darf es nicht sagen, ehe es mir erlaubt wird. Hans wurde neugierig und auch Brbel wollte das Geheimnis wissen, aber Liese blieb fest. Da klopfte es pltzlich ans Fenster und drauen stand -- der fremde Herr vom vorigen Jahr und sprach: Nun, Hans, siehst du nun, wie tricht es von dir war, zuviel zu wnschen? Httest du meinen Worten Gehr geliehen, dann wrest du nicht zu einem solch hlichen Weibe gekommen. Aber willst du sie nicht mehr, dann will ich dich von der Plage sogleich befreien. Um keinen Preis, schrie Hans entsetzt, wie bin ich froh, da Ihr sie mir gabt. Sie hat uns erst das Glck und die rechte Zufriedenheit ins Haus gebracht. Und dann seht einmal unsern Prachtbuben an, bei dem mt Ihr Pate stehen, ich bitte Euch recht sehr darum. Na, ihr Leutchen, war die Antwort, nun habe ich euch genug geneckt. Die Patenschaft nehme ich an. Du, Liese, kannst deine Geschichte vom vorigen Jahr erzhlen. Damit entschwand er. Dann schlo Hans das Fenster und drehte sich um, um mit seiner Frau zu sprechen, doch er prallte zurck. War die blitzsaubere Frau mit den rosigen Wangen und den treublickenden Augen, die den zappelnden Buben auf ihren Armen hielt, Liese? Als sie anfing zu sprechen, da war es ihre Stimme und nun erzhlte sie ihre Geschichte. Schau, Hans, vor einem Jahre sah ich gerade so aus, wie du mich jetzt siehst. Ich war ein eitles Ding, das sich auf seine Schnheit viel einbildete und alle Leute ber die Schulter ansah. Meine Eltern waren mir zeitig gestorben, ich war wohlhabend und besa dieses schne Gut. An dem Sonntagmorgen, heute vor einem Jahre, ging ich auf die Wiese, um mir ein Struchen Wiesenblumen zum Vorstecken zu pflcken, denn die anderen Mdchen trugen Gartenblumen zu ihrem Kirchenstaat und ich mute doch etwas Besonderes haben. Ich steckte mein Struchen ans Mieder, lief zu einem kleinen Teiche, welchen der Wiesenbach bildete, und betrachtete mich sehr wohlgefllig. Mein Bild gefiel mir ber die Maen, ich drehte und wandte mich nach allen Seiten und konnte mich gar nicht genug wundern ber die Schnheit meiner Gestalt. Auf einmal erscholl hinter mir ein lautes Gelchter. Ich drehte mich um und erblickte einen Fremden und machte ihm ein gar bses Gesicht. >Na, na, Jungfer,< rief er spttisch, >entstelle sie doch ihr Lrvchen nicht so. Vorher sah die Narrheit in den Teich hinein, jetzt schaut die Bosheit aus dem Gesicht heraus.< Auf solche Grobheiten stemmte ich die Arme in die Seiten und schrie: >Was fllt Euch ein, Ihr einfltiger Tropf? Was geht's Euch an, wenn ich mich im Wasser beschaue? Ich wei, da ich weit und breit im Gebirge als die >schne Liese< bekannt bin. Was habt Ihr Euch um mich zu kmmern?< Pltzlich reckte sich vor mir eine riesengroe Gestalt auf mit langem, wehendem Haar und Bart und eine Donnerstimme ertnte: >Du hoffrtiges Ding, nun wirst du wohl merken, mit wem du es zu tun hast. Von heute ab sollst du die Gestalt annehmen, welche deine Hoffart straft. Statt der >schnsten< sollst du als >die hlichste Liese weit und breit im Gebirge bekannt< sein. Gehe hin an das Tor von Hirschberg. Wenn du dort einen Burschen deiner wartend findest, so soll er sofort dein Mann werden. Sagst du aber einem Menschen je ein Wrtchen von dem, was hier geschehen ist, dann erhltst du nie deine frhere Gestalt wieder. Bringst du es aber durch Demut, Flei und Geduld dahin, da dich dein Mann behalten will trotz deiner Hlichkeit, dann sollst du deine Schnheit wiedererlangen. Gelingt dir das nicht, so mag dich dein Mann fortschicken und ich werde dich mitnehmen.< Damit verschwand er. Ich war entsetzt bei dem Gedanken an mein Schicksal. Laut jammernd warf ich mich in das Gras, aber ich mute gehorchen. Am Tore zu Hirschberg wartete ich auf dich. Was habe ich dich bedauert, Hans, da du ein solches Schreckbild zur Frau nehmen solltest. Nun hat sich alles zum Besten gekehrt. Niemand war froher ber Liesens Verwandlung als ihre Schwiegermutter. Als Hans und Liese miteinander auf der Strae gingen, da riefen die Leute: Die schne Liese ist wieder da! -- Als nun der kleine Sohn getauft werden sollte, blieb der Taufpate Rbezahl aus. Hans ffnete das Fenster, um nach ihm zu sehen, denn nur wenige Minuten fehlten noch an der festgesetzten Zeit. Da erhob sich ein Wirbelwind und wehte ein Pckchen in die Stube, darauf stand: Der Herr vom Berge sendet seinem lieben Patchen dies Taufgeschenk zum freundlichen Gedenken. Den Inhalt bildeten lauter neue Dukaten. Hans und Liese haben Rbezahl nicht wiedergesehen, wohl aber der kleine Johannes. Ihm hat der Berggeist viel Gutes erwiesen sein Leben lang. 14. Fischbach. Unweit des Riesengebirges liegt ein schnes Tal, auf dessen Hhenrndern sich zwei hohe Granitkegel erheben. Das Volk nennt sie Falkenberge und die geschwtzige Sage wei zu erzhlen, da dort vor alten Zeiten eine Burg stand. Dort hauste einst der gefrchtetste Raubritter des Landes, Herr Wesso, genannt der Falk vom Berge. Nichts war vor seinen Falkenaugen verborgen. Wenn die Kaufleute mit ihren Wagen und Waren zu den Mrkten zogen oder die Bauern ihr sauer erworbenes Getreide zur nchsten Stadt fuhren, dann machte der Wchter von hoher Warte durch ein Sprachrohr seine Meldung; im Nu waren Ro und Reisige zur Stelle und nun ging's im sausenden Galopp zu Tal. Schnell vollzog sich die Plnderung der Wagen und beutebeladen kehrten die ruberischen Spiegesellen auf ihre Burg zurck. Die Beute wurde wieder verkauft und von dem Erlse schmausten und zechten Ritter und Mannen und fhrten bei Gesang und Wrfelspiel ein lustiges Leben. Eines Abends sa der Ritter wieder beim Gelage. Aber seine Stimmung schien sehr getrbt zu sein. Gesenkten Blickes sa er in seinem Lehnstuhle und achtete nicht auf die Frhlichkeit seiner zechenden Genossen. Diese spotteten darber, aber er tat, als hre er sie nicht. Auch den vollen Humpen, den man ihm zum Trinken darreichte, verschmhte er. Als sich wiederum ein hhnendes Gelchter erhob, stand der Ritter auf und ein wilder Blick machte die Sptter stumm. Da trat eilig ein Knappe herein und meldete, da auf der Strae von Schmiedeberg her ein schwer beladener Wagen in Sicht sei, der sicher eine wertvolle Ladung mit sich fhre. Mit wildem Geschrei sprangen die Raubritter vom Gelage auf und griffen zu ihren Schwertern. Nur Wesso erhob sich nicht und sah wie teilnahmslos den dahinstrmenden, rauhen Gesellen nach. Nun war es still in dem weiten Gemach. Wesso blickte traurig vor sich hin. Heute war der Todestag seiner Mutter. Das Andenken an sie hatte ihn ernst gestimmt: darum kam heute kein Tropfen ber seine Lippen, darum hatte er nicht mit einstimmen knnen in die Zechlieder seiner Genossen, darum hatte er nicht wie sie zu Schwert und Rstung gegriffen. Das Bild seiner Mutter in ihrer Sanftmut und Milde trat vor seine Seele; wie oft hatte sie ihm die goldenen Worte der Schrift an das Herz gelegt: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen, selig sind die Sanftmtigen, die Friedfertigen. Hatte er in seinem Leben sich an ihr Wort und ihren Wandel gehalten? Oh, wie oft war er ber die Reisenden hergefallen, hatte sie um Hab und Gut und Leben gebracht und unsgliches Herzeleid ihren Familien angetan! War das Barmherzigkeit, Sanftmut, Friedfertigkeit! Mit raschem Schritt verlie er den Saal, befahl dem Knappen, schnell sein Ro zu satteln und griff nach seinem Schwerte. In wenigen Minuten strmte er den Berg hinab zu der Schar seiner Ritter und Reisigen. Gebt den Gefangenen frei! rief er diesen laut entgegen, als er einen Mann gebunden zwischen den Pferden sah. Lat ihn ziehen, oder ihr sollt meinen Arm fhlen! Die Raubritter murrten, aber Wesso stand in so hohem Ansehen bei ihnen, da sie nicht zu widersprechen wagten und die Bande des gefesselten Kaufmanns lsten. Bleich und zitternd sank dieser zu Boden. Eine tiefe Wunde war am Halse sichtbar und Blut bedeckte seinen Krper. Mitleidsvoll beugte sich Wesso ber das Gesicht des Unglcklichen und es war ihm so, als flstere ihm eine sanfte Stimme in die Ohren: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Tragt den Mann auf euren Armen nach meiner Burg hinauf; dort soll er gepflegt und gewartet werden. Auch den Wagen bringt hinauf. Wer es aber wagt, Hand an sein Eigentum zu legen, der soll es mit mir zu tun haben. Grollend und finsteren Antlitzes folgten ihm die Ritter. Der Falke mausert sich, hhnten einige. Seit wann ist es denn Sitte geworden, die Feinde in die Burg einzuladen und die edlen Ritter rauh und hochmtig zu zwingen, da sie ihren Gegnern Hilfe leisten? Schweigend und ohne auf die bermtigen Worte der Raubritter zu achten, ritt Wesso in die Burg ein. Nun wurde dafr gesorgt, da die Kisten mit den Waren des Kaufmanns sicher und wohl aufbewahrt wurden, der Verwundete aber erhielt eine gute Pflege in einem der Gemcher des Ritters. Oft berzeugte sich dieser selbst von dem Zustande des Kranken und behandelte seine Wunde wie im Gleichnis der barmherzige Samariter tat an dem Reisenden, der unter die Mrder gefallen war. Wochen vergingen, ehe der Kranke genas und seine Reise weiter fortsetzen konnte. Seine Waren lie der Ritter auf einen Wagen laden und schenkte ihm obendrein noch zwei seiner krftigsten Pferde, damit er schneller vorwrts kme und sein Ziel frher erreichte. Aber die Spiegesellen des Ritterz grollten ihm wegen seiner Gromut. Ihm hatten sie es zu verdanken, da ihnen die reiche Beute entgangen war. Nun sannen sie auf Rache. Einer der Hauptgegner Wessos war der Herzog Bolko. Zu dessen Heerbann gingen sie ber und veranlaten ihn, die Falkenburg zu erstrmen und den Ritter gefangen zu nehmen. Das geschah. Eines Abends sah Wesso die Feinde, welche einige Tage seine Burg belagert hatten, die Mauer ersteigen und Feuerbrnde in den Schlohof werfen. Noch gab es einen Ausweg, einen unterirdischen Gang. Diesen betrat der Ritter, whrend die Flammen schon auf den Dchern der Schlogebude leuchteten. Verlassen und verraten von seinen Freunden, irrte der Flchtige durch das Dunkel der Nacht. Da vernahm er Tritte; schon wollte er sich, in der Befrchtung auf seine Feinde zu stoen, hinter einen Busch verstecken, als eine Stimme ihn anredete. Die Sprache kam ihm bekannt vor und bald erkannte er beim Scheine der Fackel, welche der Sprecher trug, den Kaufmann, welcher in Fischertracht vor ihm stand. Kommt mit mir in meine arme Htte, Herr Ritter. begann er zu reden, sie wird Euch sicher Schutz und Obdach gewhren. Seit jenem Tage, da Ihr mich aus Eurer Burg geheilt entlieet, hat mich das Unglck verfolgt. Ich bin ein armer Mann geworden und lebe hier als Fischer. Kommt, bei mir seid Ihr sicher vor Verfolgungen. Mit Freuden nahm Wesso das Anerbieten an. Nach einer kurzen Wanderung lag die Htte vor ihren Augen. Der Fischer bereitete seinem Gaste ein krftiges Abendessen und unterhielt sich eine Weile mit ihm, bis dem Ritter infolge der Aufregungen seiner Flucht die Augen zufielen. Auf ein weiches Lager gebettet, fiel er in einen langen, erquickenden Schlaf. Als Wesso am andern Morgen erwachte, war der Fischer verschwunden. Er suchte ihn in allen Winkeln und rief ihn bei seinem Namen, aber nirgends war er zu finden. Da begann der Ritter, um sich seinen Unterhalt zu verdienen, sich des Fischfanges zu befleiigen. Die Mannen des Herzogs hatten seine Burg zerstrt und waren abgezogen. Nun durfte er sich mehr aus seinem Versteck wagen, um als Fischer seine Beute feilzubieten. Er konnte zeitweise bei der allgemeinen Nachfrage nicht genug Fische liefern, obwohl jeder Fang eine groe Menge Fische einbrachte. So lebte er eine Zeitlang friedlich dahin, aber eine gewisse Sehnsucht nach seinem frheren Leben konnte er in seinem Herzen nie unterdrcken. Wie gern htte er wieder sein streitbares Ro bestiegen, wie gern die Angelrute mit dem Schwerte vertauscht! Eben war wieder der Todestag seiner Mutter und schwere Gedanken bewegten Wessos Herz. Am Rande des Bchleins sitzend, senkte er traurig seine Angelrute in das Wasser. Da zuckte es pltzlich am Haken und ein Fisch von ungewhnlicher Lnge hing daran, den er nur mit der grten Kraftanstrengung ans Land zu ziehen vermochte. Er mute tief in den Bach hineinwaten, um den Fang herauszuholen. Aber was fr ein wunderbarer Fisch hing an dem Haken! Er war von gediegenem Golde und nun erst wurde es dem Ritter klar, da jener Kaufmann, dem er einst das Leben gerettet hatte, niemand anders, als der Berggeist des Riesengebirges, Rbezahl, gewesen sei. Nun war er wieder reich. Er verlie die kleine Fischerhtte und baute ein schnes Schlo an derselben Stelle, wo sein Zufluchtsort, die kleine Fischerhtte, gestanden hatte. Mitten im Walde erhob sich bald die Burg des Ritters; er gab ihr einen hohen Turm und mchtige Wlle und nannte sie zur Erinnerung an den goldenen Fisch, den er im Bache gefangen hatte, Fischbach. Um die Burg bauten sich im Tale Ansiedler an und wer heute zur schnen Sommerszeit das Riesengebirge bereist, wird niemals verfehlen, auch das herrlich gelegene, berhmt gewordene Fischbach aufzusuchen. 15. Meister Meckerling. In der Stadt Landshut in Schlesien lebte ein Schneidermeister, namens Samuel Meckerling. Sein Name war weit ber das Weichbild der Stadt hinaus bekannt, denn er galt fr einen der geschicktesten Meister weit und breit und es kam nicht selten vor, da Edelleute, hohe Beamte und Gelehrte in seinem Hause abstiegen und die Anfertigung ihrer Kleider bestellten. Einen Fehler aber besa der geschftige Meister. Er pflegte von den kostbaren Stoffen, aus welchen er die Kleider zuschnitt und anfertigte, immer einige Stcken in die Hlle wandern zu lassen, das heit fr sich zu verwerten. Auch kam es wiederholt vor, da er grbere Stoffe an Stelle der ihm bergebenen feineren verarbeitete. Einst hielt ein herrschaftliches Geschirr vor seinem Hause und diesem entstieg ein vornehmer Herr. Meckerling sprang von seinem Schneidertisch, ging vor die Tr und begrte mit tiefer Verbeugung den Fremden. Was verschafft mir, gndiger Herr, die Ehre Eures Besuches? redete er ihn mit gewandten Worten an. Ich wnsche von Euch innerhalb drei Tagen von diesem Tuche einen Rock angefertigt zu haben. Gebt Euch rechte Mhe; er soll mein Staatsrock werden und es wird fr Euch kein Schaden sein, wenn das Werk den Meister lobt. Meister Meckerling betrachtete mit Wohlgefallen den kostbaren Stoff und machte sich daran, an der Gestalt des Fremden Ma zu nehmen. Da wiegte er seinen Kopf wie bedenklich hin und her und sagte: Der Stoff wird nicht reichen, gndiger Herr, aus solchem kurzen Stck kann ich den Rock, wie Ihr ihn wnscht, nicht anfertigen. Es fehlen noch fast zwei Ellen. Der Fremde aber, welcher wute, da er zwei Ellen zu viel beim Tuchhndler gekauft hatte, antwortete nicht, sondern ging aus dem Hause. Als ihm Meckerling das Geleit gab, verabschiedete er sich mit den kurzen Worten: In drei Tagen also wird mein Diener den fertigen Rock von Euch abholen. So geschah es. Ein reichbetreter Diener erschien, nahm den Rock in Empfang und bezahlte die Rechnung. Meckerling lachte sich ins Fustchen, als er die blanken Taler einstrich. Das war ein feines Geschft, murmelte er vor sich hin, einen honetten Kunden mehr, eine reichliche Bezahlung und obendrein noch zwei Ellen des kostbaren Stoffes fr die >Hlle<. Es war Sommer geworden und Meister Meckerling beschlo, drben im Bhmerlande seinen Bruder zu besuchen. Fr die Schneiderei ist der Sommer die stillste Zeit, darum war es ihm mglich, einen Ausflug zu unternehmen. Frisch und frhlich ging er seinen Weg ber das Gebirge. Da stand pltzlich an einer engen Stelle der Strae ein Reiter vor ihm, der ihn am Weitergehen hinderte. Von Kopf bis zu den Fen war er feuerrot gekleidet und auf seinem Hute prangte eine lange rote Feder. Sein Reittier bestand in einem riesigen schwarzen Ziegenbock mit zwei gewaltigen Hrnern. Nun, ehrsamer Meister Meckerling, das trifft sich ja herrlich, schrie der Rote, in welchem jener mit Schrecken seinen Kunden, den Edelmann, erkannte. Liegen denn noch die zwei Ellen gestohlenen Stoffes von meinem Rock in Eurer Hlle? Ihr werdet mir gewi davon mancherlei zu erzhlen haben. Also kommt, schwingt Euch auf meinen Ziegenbock, ich habe wenig Zeit. Da fiel der Schneider in die Knie und hob flehentlich seine Hnde auf. Ach Herr, jammerte er, macht keinen Ernst mit Euren Worten. Ich will Euch alles gern wieder ersetzen, was ich veruntreut habe. Aufsitzen! befahl wtend der Reiter, der kein anderer als Rbezahl war, oder ich schleudere dich den Abgrund hinunter, da du kein Glied mehr fhlst. Da fate Meckerling in seiner Angst in das zottige Fell des Bockes, um sich auf seinen Rcken zu schwingen. Aber in demselben Augenblick erhob sich das Tier und nun schwebte der drre Schneider angsterfllt zwischen Himmel und Erde und flog sausend durch die Luft. Mit einem steinerweichenden Schrei bat er flehentlich den lachenden Reiter, ihn wieder zur Erde zu befrdern. Endlich setzte ihn der Bock ab. Aber es war finster geworden und der arme Tropf befand sich in einer wildfremden Gegend. ber Stock und Stein, durch Dornen und Dickicht, durch Moor und Sumpf stapfte er dahin, bis er endlich erschpft auf der breiten Fahrstrae anlangte. Mit zerrissenen Kleidern, ermatteten Gliedern und gedemtigtem Herzen traf er endlich wieder in seiner Behausung ein. Der Lustritt aber hatte den Schneider geheilt. Nun wurde er ehrlich und legte vor seiner Hlle fr alle Zeiten ein Schlo. Das wurde allenthalben bekannt und Meister Meckerling ein wohlhabender Mann. 16. Grfin Ccilie. Nach allen diesen Geschichten lie der Berggeist lange Zeit nichts wieder von sich hren. Zwar trug sich das Volk mit allerlei Wundergeschichten, welche die Einbildung der Hausmtter in geselligen Winterabenden so lang und fein ausspann als den Faden am Rocken; es war eitel Fabelei, zur Kurzweil ausgedacht. Der Grfin Ccilie war die letzte Begegnung mit dem Berggeiste vorbehalten, bevor er seine letzte Hinabfahrt in die Unterwelt antrat. Diese Dame, mit allerlei Gicht und Gebrechen beladen, machte nebst zwei gesunden, blhenden Tchtern die Reise nach Karlsbad. Die Mutter verlangte so sehr nach der Badekur und die Fruleins nach den Lustbarkeiten des Bades, da sie sonder Rast Tag und Nacht reisten. Es traf sich, da sie gerade mit Sonnenuntergang ins Riesengebirge gelangten. Es war ein wunderbar schner, warmer Sommerabend, kein Lftchen regte sich. Der nchtliche Himmel mit funkelnden Sternen best, die goldene Mondsichel, deren milchfarbenes Licht die schwarzen Waldschatten der hohen Fichten milderte, und die beweglichen Funken unzhliger, leuchtender Johanniskfer, die in den Gebschen schwirrten, gaben die Beleuchtung zu einer der schnsten Naturbilder, wiewohl die Reisegesellschaft wenig davon wahrnahm; denn Mama war, da es gemchlich bergan ging, von der schaukelnden Bewegung des Wagens in sanften Schlummer gewiegt worden und die Tchter nebst der Zofe hatten sich jede in ein Eckchen gedrckt und schlummerten gleichfalls. Nur dem wachsamen Johann kam auf der hohen Warte des Kutscherbockes kein Schlaf in die Augen; alle Geschichten von Rbezahl, die er vor Zeiten so gespannt angehrt hatte, kamen ihm jetzt auf dem Schauplatz dieser Abenteuer wieder in den Sinn und er htte wohl gewnscht, nie etwas davon gehrt zu haben. Ach, wie sehnte er sich nach dem sicheren Breslau zurck, wohin sich nicht leicht ein Gespenst wagte! Er sah schchtern auf alle Seiten umher und durchlief mit den Augen oft alle zweiunddreiig Richtungen der Windrose in weniger als einer Minute, und wenn er etwas ansichtig wurde, das ihm bedenklich schien, so lief ihm ein kalter Schauer den Rcken herunter und die Haare stiegen ihm zu Berge. Zuweilen lie er seine Besorgnisse den Schwager Postillion merken und forschte mit Flei von ihm, ob's auch geheuer sei im Gebirge. Wiewohl ihm dieser nun die heile Haut durch einen krftigen Fuhrmannsschwur versicherte, bangte ihm doch das Herz unablssig. Nach einer langen Pause der Unterredung hielt der Postkutscher die Pferde an, murmelte etwas zwischen den Zhnen und fuhr weiter, hielt nochmals an und wechselte so verschiedentlich. Johann, der seine Augen fest geschlossen hatte, ahnte nichts Gutes, blickte schchtern auf und sah mit Entsetzen in der Weite eines Steinwurfs vor dem Wagen eine pechrabenschwarze Gestalt daherwandeln von bermenschlicher Gre mit einem weien spanischen Halskragen angetan, und das Bedenklichste bei der Sache war, da der Schwarzmantel keinen Kopf hatte. Hielt der Wagen, so stand der Wanderer still und regte Wipprecht die Pferde an, so ging er auch weiter. Schwager, siehst du was! rief der zaghafte Tropf vom hohen Kutschbock herab mit berganstehendem Haar. Freilich seh' ich was, antwortete dieser ganz kleinlaut; aber schweig' nur, da es nichts merkt. Johann waffnete sich mit allen Stogebetlein, die er wute und schwitzte dabei vor Angst kalten Todesschwei. Und wie ein Blitz, wenn's in der Nacht wetterleuchtet und der Donner noch in der Ferne rollt, schon das ganze Haus rege macht, um sich durch die Gemeinschaft mit den Hausbewohnern vor der gefrchteten Gefahr zu sichern, so suchte aus dem nmlichen Trieb der verzagte Diener Trost und Schutz bei seiner schlummernden Herrschaft und klopfte hastig ans Fenster. Die erwachende Grfin, unwillig, da sie aus ihrem sanften Schlummer gestrt wurde, fragte: Was gibt's? Ihro Gnaden, schaun Sie einmal aus, rief Johann mit zagender Stimme, dort geht ein Mann ohne Kopf. Dummkopf, der du bist, antwortete die Grfin, was trumt deine Phantasie fr Fratzen! Und wenn dem so wre, fuhr sie scherzhaft fort, so ist ja ein Mann ohne Kopf keine Seltenheit, es gibt deren in Breslau und auerhalb genug. Die Fruleins konnten indessen den Witz der gndigen Mama diesmal nicht schmackhaft finden, ihr Herz war beklommen vor Schrecken, sie schmiegten sich schchtern an die Mutter an, bebten und jammerten: Ach, das ist Rbezahl, der Bergmnch! Die Dame aber, die an keine Geister glaubte, strafte die Fruleins dieser spiebrgerlichen Vorurteile halber, bewies, da alle Gespenster- und Spukgeschichten Ausgeburten einer kranken Einbildungskraft wren, und erklrte die Geistererscheinungen samt und sonders aus natrlichen Ursachen. Ihre Zunge war eben in vollem Gange, als der Schwarzmantel, der auf einige Augenblicke dem Gespensterspher aus dem Auge geschwunden war, wieder aus dem Busch hervor auf den Weg trat. Da war nun deutlich wahrzunehmen, da Johann falsch gesehen hatte; der Wandersmann hatte allerdings einen Kopf, nur da er ihn nicht wie gewhnlich zwischen den Schultern, sondern wie einen Schohund im Arme trug. Dieses Schreckbild in der Weite von drei Schritten erregte innerhalb und auerhalb des Wagens groes Entsetzen. Die holden Fruleins und die Zofe, welche sonst nicht gewohnt war, mit einzureden, wenn ihre junge Herrschaft das Wort fhrte, taten aus einem Munde einen lauten Schrei, lieen den seidenen Vorhang herabrollen, um nichts zu sehen und verbargen ihr Angesicht wie der Vogel Strau, wenn er dem Jger nicht mehr entrinnen kann. Mama schlug mit stummem Schrecken die Hnde zusammen. Johann, auf den der furchtbare Schwarzmantel es besonders abgesehen zu haben schien, erhob in der Angst des Herzens das gewhnliche Feldgeschrei, womit die Gespenster begrt zu werden pflegen: Alle guten Geister loben Gott den Herrn! Doch ehe er ausgeredet hatte, schleuderte ihm das Ungetm den abgehauenen Kopf gegen die Stirn, da er von seinem hohen Sitz herabstrzte; in dem nmlichen Augenblicke lag auch der Postkutscher durch einen krftigen Keulenschlag zu Boden gestreckt und die Erscheinung keuchte aus hohler Brust in dumpfen Ton diese Worte aus: Nimm das von Rbezahl, dem Herrn des Gebirges, da du ihm ins Gehege fuhrst! Verfallen ist mir Schiff, Geschirr und Ladung. Hierauf schwang sich das Gespenst auf den Sattel, trieb die Pferde an und fuhr bergab, bergan, ber Stock und Stein, da vor dem Rasseln der Rder und dem Schnauben der Rosse von dem Angstgeschrei der Damen nichts hrbar war. Urpltzlich vermehrte sich die Gesellschaft um eine Person; ein Reiter trabte ganz unbefangen neben dem Fuhrmann vorbei und schien es gar nicht zu bemerken, da diesem der Kopf fehle; er ritt vor dem Wagen her, als wenn er dazu gedungen wre. Dem Schwarzmantel schien diese Gesellschaft eben nicht zu behagen, er lenkte nach einer andern Richtung um, der Reiter tat dasselbe und so oft auch jener aus dem Weg bog, so konnte er den lstigen Geleitsmann nicht los werden, der wie zum Wagen gebannt war. Das nahm den Fuhrmann gro wunder, besonders da er deutlich wahrnahm, da der Schimmel des Reiters einen Fu zu wenig hatte, obgleich die dreibeinige Rosinante brigens ganz schulgerecht trabte. Dabei wurde dem schwarzen Wagenlenker auf dem Sattelgaule nicht wohl zumute und er frchtete, seine Rbezahlsrolle drfte bald ausgespielt sein, da der wahre Rbezahl sich ins Spiel zu mischen schien. -- Nach Verlauf einiger Zeit drehte sich der Reiter um, so da er dicht neben den Fuhrmann kam, und fragte ihn ganz traulich: Landsmann ohne Kopf, wo geht die Reise hin? Wo wird's hingehen, antwortete das Kutschergespenst mit furchtsamem Trotz, wie Ihr seht, der Nase nach. Wohl! sprach der Reiter, la sehen, Gesell, wo du die Nase hast! Darauf fiel er den Pferden in die Zgel, packte den Schwarzmantel beim Leib und warf ihn so krftig zur Erde, da ihm alle Glieder drhnten; denn das Gespenst hatte Fleisch und Bein, wie jeder Mensch. Behend war der Betrger entkleidet; da kam ein wohlgeformter Krauskopf zum Vorschein, der gestaltet war wie ein gewhnlicher Mensch. Weil sich nun der Schalk entdeckt sah und die schwere Hand seines Gegners frchtete, auch nicht zweifelte, der Reiter sei der leibhaftige Rbezahl, den er nachzuffen sich unterfangen hatte, ergab er sich auf Gnade und Ungnade und bat flehentlich um sein Leben. Gestrenger Gebirgsherr, sprach er, habt Erbarmen mit einem Unglcklichen, der die Schlge des Schicksals von Jugend auf erfahren hat, der nie sein durfte, was er wollte, der jederzeit aus dem Stand mit Gewalt herausgestoen wurde, in den er sich mit Mhe hineingearbeitet hatte, und nachdem sein Aufenthalt unter den Menschen vernichtet ist, auch nicht einmal Gespenst sein darf. Diese Anrede war ein Wort zu seiner Zeit. Der Berggeist war gegen seinen Doppelgnger so ergrimmt, da er ihn erdrosselt haben wrde, wenn nicht seine Neugierde rege gemacht worden wre, die Schicksale des Abenteurers zu vernehmen. Sitz' auf, Gesell, sprach er, und tu, was dir geheien wird. Darauf zog er vorerst dem Schimmel den vierten Fu zwischen den Rippen hervor, trat an den Schlag, ffnete diesen und wollte die Reisegesellschaft freundlich begren. Aber drinnen war's stille wie in einer Totengruft; der bermige Schrecken hatte die Insassen so gewaltsam erschttert, da alle, von der gndigen Frau bis auf die Zofe, in ohnmchtigem Hinbrten dalagen. Der Reiter wute indessen bald Rat zu schaffen; er schpfte aus dem vorberrieselnden Bchlein einer frischen Bergquelle seinen Hut voll Wasser, sprengte den Damen davon ins Gesicht, hielt ihnen das Riechflschchen vor, rieb ihnen mit der duftenden Flssigkeit die Schlfe und brachte sie wieder ins Leben. Sie schlugen eine nach der andern die Augen auf und erblickten einen wohlgestalteten Mann von unverdchtigem Aussehen, der durch seine Dienstbeflissenheit sich bald Zutrauen erwarb. Es tut mir leid, meine Damen, redete er sie an, da Sie in meinem Gerichtsbezirk von einem vermummten Bsewicht belstigt worden sind, der ohne Zweifel die Absicht hatte, Sie zu bestehlen; aber Sie sind in Sicherheit, ich bin der Oberst von Riesental. Erlauben Sie, da ich Sie zu meiner Wohnung geleite, die nicht fern von hier ist. Diese Einladung kam der Grfin sehr gelegen, sie nahm solche mit Freuden an; der Krauskopf bekam Befehl, fortzufahren und gehorchte mit zagender Bereitwilligkeit. Um den Damen Zeit zu lassen, sich von ihrem Schrecken zu erholen, gesellte sich der Oberst wieder zum Fuhrmann, hie ihn bald rechts, bald links wenden und dieser bemerkte ganz deutlich, da der Ritter zuweilen eine von den herumschwirrenden Fledermusen zu sich berief und ihr geheime Befehle erteilte, was sein Grausen noch vermehrte. In Zeit von einer Stunde blinkte in der Ferne ein Lichtlein, daraus wurden zwei und endlich vier; es kamen vier Jger herangesprengt mit brennenden Fackeln, die ihren Herrn, wie sie sagten, ngstlich gesucht hatten und erfreut schienen, ihn zu finden. Die Grfin war nun wieder in vollem Gleichmute und da sie sich auer Gefahr sah, dachte sie an den ehrlichen Johann und war um sein Schicksal bekmmert. Sie erffnete ihrem Schutzherrn dieses Anliegen, der alsbald zwei von den Jgern fortschickte, die beiden Unglckskameraden aufzusuchen und ihnen bentigten Beistand zu leisten. Bald darauf rollte der Wagen durchs dstere Burgtor in einen gerumigen Vorhof hinein und hielt vor einem herrlichen Palast, der ganz erleuchtet war. Der Oberst bot der Grfin den Arm und fhrte sie in die Prachtgemcher seines Hauses in eine groe Gesellschaft ein, die daselbst versammelt war. Die Fruleins befanden sich in keiner geringen Verlegenheit, da sie in Reisekleidern in eine so glnzende Gesellschaft traten, ohne vorher die Kleider gewechselt zu haben. Nach den ersten Hflichkeitsbezeigungen gruppierte sich die Gesellschaft wieder in verschiedene kleine Kreise. Einige setzten sich zum Spiel, andere unterhielten sich durch Gesprche. Das Abenteuer wurde viel beredet und, wie es bei Erzhlung berstandener Gefahren gewhnlich der Fall ist, zu einem kleinen Heldengedicht ausgebildet, in welchem Mama sich gern die Rolle der Heldin zugeteilt htte, wenn sich das Riechflschchen des hilfreichen Ritters htte beseitigen lassen. Bald darauf fhrte der aufmerksame Wirt einen Mann ein, der recht wie gerufen kam; es war ein Arzt, der nach dem Gesundheitszustande der Grfin und ihrer schnen Tchter forschte, den Puls prfte und mit bedeutender Miene mancherlei bedenkliche Anzeichen ahnte. Obwohl sich die Dame so wohl als mglich befand, so machte ihr doch die angedrohte Gefahr fr das Leben bange; denn aller Leibesbeschwerden ungeachtet, war ihr der gebrechliche Krper noch so lieb wie ein langgewohntes Kleid, das man nicht gern entbehrt, ob es gleich abgetragen ist. Auf Verordnung des Arztes verschluckte sie Pulver und Tropfen, und die gesunden Tchter muten wider Willen dem Beispiel der besorgten Mutter folgen. Allzu nachgiebige Patienten machen strenge rzte; die rztlichen Verordnungen waren kaum befolgt, so begab man sich zur Tafel in den Speisesaal, wo ein knigliches Mahl aufgetischt wurde. Die Schenktische waren mit Silberwerk aufgeputzt; es prangten da goldene und bergoldete Pokale und riesige Willkommen nebst den dazugehrigen Schalen von getriebener Arbeit. Eine herrliche Musik tnte aus den Nebenzimmern und fltete den leckerhaften Schmaus und die feinen Weine den Gsten lieblich hinunter. Nach Entfernung der Schsseln ordnete der Speisemeister den bunten Nachtisch, der aus Bergen und Felsen von gefrbtem Zucker bestand. Das ganze Abenteuer der Grfin war in niedlichen Figuren, wie sie auf den Tafeln der Groen zu prangen pflegen, abgebildet. Die Grfin unterlie nicht, das alles in der Stille bei sich bewundernd zu beherzigen. Sie wendete sich an ihren Stuhlnachbar, seiner Angabe nach einen bhmischen Grafen, fragte neugierig, was fr ein Festtag hier gefeiert werde, und erhielt zur Antwort, da nichts Auerordentliches vorgehe, es sei nur eine freundschaftliche Begegnung von guten Bekannten, die hier zuflligerweise zusammentrfen. Es nahm sie wunder, von dem wohlhabenden, gastfreien Obersten von Riesental weder in noch auerhalb Breslau je ein Wort gehrt zu haben, und so emsig sie auch die Namen durchlief, wovon ihr Gedchtnis einen reichen Vorrat aufbewahrte, konnte sie doch diesen Namen darunter nicht ausfindig machen. Sie gedachte das von dem Wirt selbst zu erforschen und begehrte von ihm Aufschlu und Belehrung; aber dieser wute ihr so geschickt auszuweichen, da sie nie mit ihm zum Zwecke kam. Geflissentlich ri er diesen Faden ab und zog die Unterredung in die lustigen Rume des Geisterreiches hinber. Einer der Gste wute viel wundersame Geschichten von Rbezahl zu erzhlen; man stritt fr und wider die Wahrheit derselben; die Grfin zog gegen das Dasein des Geistes sehr zu Felde. Meine eigene Geschichte, so sprach sie, ist ein augenscheinlicher Beweis, da alles, was man von dem erwhnten Berggeiste sagt, leere Trume sind. Wenn er hier im Gebirge sein Wesen htte und die edlen Eigenschaften bese, die ihm Fabler und mige Kpfe zueignen, so wrde er einem Schurken nicht gestattet haben, solchen Unfug auf seine Rechnung mit uns zu treiben. Aber das armselige Unding von Geist konnte seine Ehre nicht retten und ohne den edelmtigen Beistand des Herrn von Riesental htte der freche Bube sein Spiel so weit mit uns treiben knnen, als er Lust hatte. Der Herr vom Hause hatte an diesen Gesprchen bisher wenig Anteil genommen; jetzt aber mischte er sich ins Gesprch und nahm das Wort: Sie haben, gndige Frau, mit vielem Geschick versucht, das Nichtvorhandensein des Berggeistes mit mancherlei Grnden zu beweisen. Dennoch dnkt mich, lieen sich gegen Ihren letzten Beweis noch einige Einwrfe machen. Wie, wenn der fabelhafte Gebirgsgeist bei Ihrer Befreiung aus der Hand des entlarvten Rubers dennoch mit im Spiel gewesen wre? Wie, wenn es ihm gefallen htte, meine Gestalt anzunehmen, um Sie unter dieser unverdchtigen Maske in Sicherheit zu bringen, und wenn ich Ihnen sagte, da ich von dieser Gesellschaft, als Wirt vom Hause, mich nicht einen Fu breit entfernt habe, da Sie durch einen Unbekannten in meine Wohnung eingefhrt worden sind, der nicht mehr vorhanden ist? Sonach wr's doch mglich, da der Berggeist seine Ehre gerettet htte, und daraus wrde folgen, da er nicht ganz das Unding wre, wofr Sie ihn halten. Diese Rede brachte die Grfin einigermaen aus der Fassung und die schnen Fruleins legten vor Erstaunen die Gabel aus der Hand und sahen dem Hausherrn starr ins Angesicht, um ihm aus den Augen zu lesen, ob das im Scherz oder im Ernst gesagt sei. Die weitere Errterung unterbrach die Ankunft des wieder aufgefundenen Bedienten und des Postkutschers. Der letztere war ebenso beglckt beim Anblick seiner vier Rappen im Stalle, wie der erstere, als er frohlockend ins Tafelgemach eintrat und daselbst seine Herrschaft vergngt und wohlbehalten antraf. Triumphierend trug er das ungeheure Riesenhaupt des Schwarzmantels einher, durch welches er wie von einer Bombe zu Boden geschmettert worden war. Das Haupt wurde dem Arzte bergeben, um es zu begutachten. Doch erkannte er es bald fr einen ausgehhlten Krbis, der mit Sand und Steinen angefllt und durch den Zusatz einer hlzernen Nase und eines langen Flachsbartes zu einem abschreckenden Menschenantlitz aufgestutzt war. Nach aufgehobener Tafel ging die Gesellschaft auseinander, da der Morgen bereits herandmmerte. Die Damen fanden ein kstlich zubereitetes Nachtlager in seidenen Prunkbetten, wo sie der Schlaf so geschwind berraschte, da die Einbildungskraft nicht Zeit hatte, ihnen die Schreckbilder der Gespenstergeschichte wieder vorzugaukeln und ngstliche Trume anzuspinnen. Es war hoch am Tage, als Mama erwachte, der Zofe klingelte und die Fruleins weckte, die gern noch einen Versuch gemacht htten, in den weichen Federn auch auf dem andern Ohr zu schlafen. Allein die Grfin verlangte so sehr, die Heilkrfte des Bades aufs baldigste zu versuchen, da sie durch keine Einladung des gastfreien Hauswirtes zu bewegen war, einen Tag zu verweilen, so gern auch die Fruleins dem Ball beigewohnt htten, den er ihnen zu geben verhie. Sobald das Frhstck eingenommen war, schickten sich die Damen zur Abreise an. Gerhrt durch die freundschaftliche Aufnahme, die sie in dem Schlosse des Herrn von Riesental genossen hatten, der auf die hflichste Art bis an die Grenzen seines Gebietes ihnen das Geleite gab, beurlaubten sie sich mit der Verheiung, auf der Rckkehr wieder einzusprechen. Kaum war Rbezahl in seiner Burg angelangt, so wurde der Krauskopf ins Verhr gefhrt, der unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen wrden, die Nacht in einem unterirdischen Keller zugebracht hatte. Elender Erdenwurm, redete ihn der Geist an, was hlt mich ab, da ich dich nicht zertrete fr die in meinem Eigentum mir zu Spott und Hohn verbte Gaukelei? Ben sollst du mir mit Haut und Haar fr diese Frechheit. Der Krauskopf hielt eine lange Rede und suchte sein Verhalten mit seinen unglcklichen Lebensschicksalen zu beschnigen. Das stimmte den Berggeist milder und er sprach: Geh, Schurke, so weit dich deine Fe tragen und ersteig den Gipfel deines Glcks am Galgen! Hierauf verabschiedete er seinen Gefangenen mit einem krftigen Futritte, und dieser war froh, da er mit einer so gelinden Strafe abkam und pries seine Beredsamkeit, die seiner Meinung nach ihn diesmal aus einer sehr milichen Lage gezogen hatte. Er beeilte sich, dem gestrengen Gebirgsherrn aus den Augen zu kommen. Die Grfin Ccilie war indessen mit ihrer Begleitung glcklich und wohlbehalten in Karlsbad angelangt. Das erste, was sie tat, war, den Badearzt zu sich zu berufen und ihn, wie gewhnlich, ber ihren Gesundheitszustand und die Einrichtung der Kur zu befragen. Da trat herein der weiland hochberhmte Arzt Doktor Springsfeld aus Merseburg, fr welchen das Bad eine Goldquelle war. Seien Sie uns willkommen, lieber Doktor, riefen Mama und die holden Fruleins ihm traulich und freundlich entgegen. Sie sind uns zuvorgekommen, fgte erstere hinzu, wir vermuteten Sie noch bei dem Herrn von Riesental; aber loser Mann, warum haben Sie uns dort verschwiegen, da Sie der Badearzt sind? Der Arzt stutzte, sann lange hin und her und erinnerte sich nicht, die Damen irgendwo gesehen zu haben. Ihro Gnaden verwechseln ohne Zweifel mich mit einem andern, sprach er, ich habe vorher nicht die Ehre gehabt, Ihnen persnlich bekannt zu sein; der Herr von Riesental gehrt auch nicht zu meiner Bekanntschaft, und whrend der Kurzeit pflege ich mich nie von hier zu entfernen. Die Grfin konnte keinen anderen Grund von dieser Verstellung, welche der Arzt so ernsthaft behauptete, sich geben, als da er fr die geleistete Dienste nicht wollte belohnt sein. Sie erwiderte lchelnd: Ich verstehe Sie, lieber Doktor; Ihr Zartgefhl geht aber zu weit; es soll mich nicht abhalten, mich fr Ihre Schuldnerin zu bekennen und fr Ihren guten Beistand dankbar zu sein. Sie ntigte ihm darauf eine goldene Dose mit Gewalt auf, die der Arzt jedoch nur als Vorausbezahlung annahm und, um die Dame als eine gute Kundschaft nicht unwillig zu machen, widersprach er ihr nicht weiter. Er erklrte sich brigens das Rtsel ganz leicht durch die Annahme, da die ganze grfliche Familie von einer Art Kribbelkrankheit befallen sei, wobei seltsame und unbegreifliche Wirkungen der Einbildungskraft nichts Ungewhnliches sind, und verordnete allerlei Mittel. Doktor Springsfeld suchte sich seinen Patienten lieb und angenehm zu machen; er wute seine Kunden mit artigen Geschichtchen, Stadtneuigkeiten und kleinen Anekdoten wohl zu unterhalten und ihre Lebensgeister dadurch aufzumuntern. Da er vom Besuch der Grfin seine Ronde ging, gab er die sonderbare Begegnung mit der neuen Kundschaft in jedem Krankenzimmer zum besten, lie bei der oftmaligen Wiederholung die Sache unvermerkt wachsen und kndigte die Dame bald als eine Kranke, bald als Seherin an. Man war begierig, eine so auerordentliche Bekanntschaft zu machen, und die Grfin Ccilie wurde in Karlsbad das Mrchen des Tages. Alles drngte sich zu ihr, da sie mit ihren schnen Tchtern zum erstenmal erschien. Es war ihr und den Fruleins ein hchst berraschender Anblick, die ganze Gesellschaft hier anzutreffen, in welche sie vor einigen Tagen in dem Schlosse des Herrn von Riesental eingefhrt worden waren. Der bhmische Graf fiel ihnen zuerst in die Augen. Sie waren der steifen Formen berhoben, gegen Unbekannte sich zu beknicksen; es war fr sie kein fremdes Gesicht im Saale. Mit freimtiger Unbefangenheit wendete sich die gesprchige Dame bald zu dem, bald zu jenem von der Gesellschaft, nannte jeden bei seinem Namen und Titel, sprach viel vom Herrn von Riesental, bezog sich auf die bei diesem gastfreien Manne mit ihnen allerseits gepflogenen Unterredungen und wute sich nicht zu erklren, was das fremde und kalte Betragen aller der Herren und Damen bedeuten sollte, die vor kurzem so viel Freundschaft und Vertraulichkeit gegen sie geuert hatten. Natrlich geriet sie auf den Wahn, das sei eine abgeredete Sache, und der Herr von Riesental wrde der Schkerei dadurch ein Ende machen, da er unvermutet selbst zum Vorschein kme. Alle diese Reden bewiesen nach der Meinung der Badegesellschaft so sehr eine berspannte Einbildung, da sie samt und sonders die Grfin bemitleideten, die nach dem Urteil aller Anwesenden eine sehr vernnftige Frau zu sein schien und in ihren Reden und dem Gange der Gedanken nichts Ausschweifendes verriet, wenn ihre Einbildung nicht den Weg ber das Riesengebirge nahm. Die Grfin ihrerseits erriet aus den bedeutsamen Gesichtszgen, Winken und Blicken der um sie her versammelten Herrschaften, da man sie schief beurteilte und da man whnte, ihre Krankheit habe sich aus den Gliedern ins Hirn versetzt. Sie glaubte, die beste Wiederlegung dieses krnkenden Vorurteils sei die aufrichtige Erzhlung ihres Abenteuers auf der schlesischen Grenze. Man hrte sie mit der Aufmerksamkeit, mit der man ein Mrchen anhrt, das auf einige Augenblicke angenehm unterhlt, davon man aber kein Wort glaubt. Wunderbar! riefen alle Zuhrer aus einem Munde und sahen bedeutsam den Doktor Springsfeld an, der verstohlen die Achsel zuckte und sich gelobte, die Patientin nicht eher aus seiner Pflege zu entlassen, bis das heilende Wasser des Bades das abenteuerliche Riesengebirge aus ihrer Einbildung rein weggesplt haben wrde. Das Bad leistete indessen alles, was der Arzt und die Kranke davon erwartet hatten. Da die Grfin sah, da ihre Geschichte wenig Glauben fand und sogar ihren gesunden Menschenverstand verdchtig machte, so redete sie nicht mehr davon und Doktor Springsfeld unterlie nicht, dieses Schweigen den Heilkrften des Bades zuzuschreiben, das doch auf eine ganz andere Art gewirkt und die Grfin aller Gichten und Gliederreien entledigt hatte. Nachdem die Badekur beendigt war, die schnen Fruleins sich genug hatten bewundern lassen, den lieblichen Weihrauch der Schmeichelei reichlich eingeatmet und sich satt und mde getanzt hatten, kehrten Mutter und Tchter nach Breslau zurck. Sie nahmen mit gutem Vorbedacht den Weg wieder durchs Riesengebirge, um dem gastfreien Obersten Wort zu halten und bei der Rckreise bei ihm vorzusprechen; denn von ihm hoffte die Grfin Auflsung des ihr unbegreiflichen Rtsels, wie sie zur Bekanntschaft der Badegesellschaft gelangt sei, die sich so wildfremd gegen sie gebrdete. Aber niemand wute den Weg nach dem Schlosse des Herrn von Riesental nachzuweisen, noch war der Besitzer zu erfragen, dessen Name sogar weder diesseits noch jenseits des Gebirges bekannt war. Dadurch wurde die verwunderte Dame endlich berzeugt, da der Unbekannte, der sie in Schutz genommen und beherbergt hatte, kein anderer gewesen sei als Rbezahl, der Berggeist. Sie gestand, da er das Gastrecht auf eine edelmtige Art an ihr ausgebt htte, verzieh ihm seine Neckerei mit der Badegesellschaft und glaubte nun von ganzem Herzen an das Dasein des Geistes, obgleich sie um der Sptter willen Bedenken trug, ihren Glauben vor der Welt offenbar werden zu lassen. Seit dieser Begegnung mit der Grfin Ccilie hat Rbezahl nichts mehr von sich hren lassen. Er kehrte in seine unterirdischen Staaten zurck, und da bald nach dieser Begebenheit der groe Erdbrand ausbrach, der Lissabon und nachher Guatemala zerstrte, so fanden die Erdgeister so viel Arbeit in der Tiefe, den Fortgang der Feuerstrme zu hemmen, da sich seitdem keiner mehr auf der Oberflche der Erde hat blicken lassen. End of the Project Gutenberg EBook of Rbezahl, by Rudolf Reichhardt License: Share Alike