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Die vorliegenden Briefe erschienen whrend meiner Reise vom Dezember 1912 bis zum Juli 1913 in der Moskauer Deutschen Zeitung. Auf wissenschaftliche Grndlichkeit, oder Vollstndigkeit in irgend einer Beziehung knnen sie nicht die geringsten Ansprche erheben. Trotzdem habe ich mich entschlossen, sie gesammelt der ffentlichkeit zu bergeben. Die Reiseliteratur ber Sd-Amerika ist sehr arm. Bevor ich meine Reise antrat, habe ich die besten Buchhandlungen in Petersburg, Berlin und London abgesucht, ohne irgend etwas Brauchbares zu finden. Infolgedessen hoffe ich, da selbst diese oberflchlichen Schilderungen Reisenden, deren Ziel Sd-Amerika ist, ntzlich sein knnen. Sie enthalten die frischen Eindrcke eines Reisenden, dessen Amerika-Fahrt keinen anderen Zweck verfolgte, als den: Land und Leute auerhalb Europas ein wenig kennen zu lernen. Irgend ein System oder irgend eine Tendenz sucht man in diesen Blttern vergeblich. Ich bin ein Freund von planlosen Reisen und hatte das Glck einen gleichgesinnten Reisekameraden zu finden. Whrend der Reise wurde das nchste Ziel immer erst beim Verlassen des vorhergehenden bestimmt. Von Zeit- und Raumrcksichten waren wir unabhngig. Infolgedessen haben wir sicherlich vieles Schne und Naheliegende nicht gesehen, dafr aber manche vielleicht nicht weniger lohnende Gegenden aufgesucht, an denen Bdeker-Reisende hchst wahrscheinlich achtlos vorbergefahren wren. Man betrachte das Bchlein mit Nachsicht. Es ist von keinem Reise-professional geschrieben. Den Bilderschmuck htte ich gerne reicher und interessanter gestaltet, doch bin ich im Photographieren -- Dilettant. Einige der besten Aufnahmen haben mir unsere Reisegefhrten in Bolivien, Herr Werner Schmidt-Valparaiso und Herr Bergassessor Wenker liebenswrdiger Weise zur Verfgung gestellt. Ich sage ihnen dafr auch an dieser Stelle meinen aufrichtigen Dank. Moskau, Dezember 1913. Dr. O. v. RIESEMANN. INHALTS-VERZEICHNIS Vorwort 7 1. Der Steamer Arlanza. -- Vigo. -- Lissabon 11 2. Die Insel Madeira 16 3. Pernambuco. -- Bahia 21 4. Rio de Janeiro und brasilianische Karnevalsfreuden 25 5. Buenos Aires 29 6. Die argentinischen Pampas. -- Das Weinland von Mendoza 33 7. Die Kordilleren 38 8. Chile. -- Allgemeine Eindrcke 43 9. Temuco. -- Ein Aufzug der Araucaner-Indianer 49 10. Der Mapuche (Araucaner) chez soi 54 11. Sd-Chile -- ein zweites Deutschland 59 12. Chilenisches Gesellschafts-, Bade- und Sportleben 64 13. Von Valparaiso nach Antofogasta. -- Die chilenische Salpeter-Industrie 70 14. Bolivien. -- Oruro. -- LaPaz 76 15. Im tropischen Bolivien 83 1. Von LaPaz bis Achecachi 83 2. Von Achecachi nach Sorata 89 3. Von Sorata nach San Carlos 95 4. San Carlos 108 5. Mapiri und Guanay 115 6. Die Rckkehr 128 16. Im Schnellzug durch Peru. -- Der Titicaca-See. -- Mollendo. -- Lima 135 17. Panama und eine Alligatorjagd 140 18. Von Panama nach NewYork. -- Jamaika. -- Cuba 149 19. NewYork 153 1. Der erste Eindruck 153 2. Hotels, Zeitungswesen, Reklame 159 3. Polizeiwesen, Detektivs, Verbrecherkneipen und Opiumhhlen 165 4. Amerikanischer Sport und amerikanische Vergngungen 175 5. Das Jugendgericht 181 20. Der Imperator 187 TAFEL-VERZEICHNIS 1. Puente del Inka (Anden) 40 Kordilleren-Landschaft 40 2. Das Christusdenkmal auf der Grenze Argentinien-Chile 40 Nebenan ein Maultier-Skelett 40 Hotel in Juncal 40 3. Bergsee in den Kordilleren 40 Blick auf den Aconcagua 40 4. Araucanische Ruca (Chile) 56 Araucanischer Friedhof 56 Interieur einer Ruca 56 Araucanerin zu Pferde 56 5. Oruro (Bolivien) 80 Straentypen in Oruro 80 Lamas in ngsten vor dem Kodak 80 6. Proben altspanischer Architektur in LaPaz (Bolivien) 80 7. Balza auf dem Titicaca-See (Bolivien) 88 Fltenblasender Indianer 88 8. Bolivianische Postkutsche 96 Das Grand Hotel Tola Pampa 96 9. Die Hazienda San Carlos (Bolivien) 104 Indianer in Poncho vor einem Bananen-Haine 104 10. Anzapfen eines Gummibaumes 112 Abschlen der China-Rinde 112 11. Eine Balza auf dem Mapiri 120 Unser Wohnhaus in Guanay 120 12. Die Stadt Mapiri 120 Stromaufwrts! 120 13. Sonnenaufgang beim Yalhazani-Paß« (Bolivien) 128 Frhstckspause 128 Indianisches Denkmal 128 14. Indianisches Stubenmdchen in Sorata 128 Der Balzero Sonnenschein 128 Indianerin beim Maismahlen 128 15. Indianer im Feststaat (Bolivien) 136 16. Jamaika 152 1. BRIEF. DER STEAMER ARLANZA. -- VIGO. -- LISSABON. Am 3.Januar (21.Dez.) hie es, zum ersten Male Abschied von Europa nehmen. In Southampton, das den berseeischen Weltverkehr Londons vermittelt, erwartete uns der Steamer Arlanza, der neueste und schnste Riesendampfer der Royal Mail Steam Packet Company, krzer R.M.S.P. Diesem schwimmenden Kolo, der, wie sich auf den ersten Blick feststellen lie, alle Vorzge eines luxurisen Weltstadt-Hotels in sich vereinigte, galt es, seine sterbliche Hlle bis Rio de Janeiro anzuvertrauen. Man tut es gerne, denn der Dampfer mit seinen sieben Etagen ber dem Wasserspiegel, den zahlreichen, hchst komfortabel ausgestatteten Gesellschaftsrumen, dem pompsen Speisesaale, Turnhallen und Promenadendecks macht einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck. Die prchtig eingerichtete Kabine, die uns aufnahm, verhie mit ihrem gerumigen Badezimmer und einem mechanischen Wunderwerk von Douche-Vorrichtungen, sogar fr die quatorialzone ein ertrgliches Leben. Mit einigen Handgriffen kann man so ungefhr den halben Ozean zu sich heraufpumpen, wenn es zu hei wird. Immerhin eine erfrischende Aussicht. Die erste Sorge, wenn man einen Dampfer zu einer 21tgigen Seereise betritt, gilt natrlich -- der Seekrankheit. In diesem Fall war die Frage ganz besonders brennend, galt es doch den berchtigten Golf von Biscaya zu durchqueren. Dieser Golf von Biscaya verursachte mir schon vor Beginn der Reise ein Gefhl, das mit Seekrankheit nahe verwandt ist. Jedermann, der von meiner Reise hrte, fhlte sich verpflichtet, die Augenbrauen bedenklich hochzuziehen und mit vielsagendem Kopfschtteln prophetisch auszurufen: Nun, nun, aber der Golf von Biscaya! Das taten alle, von den besten Freunden bis zum Hotelkellner in London und Gepcktrger in Southampton. Kein Wunder, da einem dieses Schreckgespenst Golf von Biscaya zum Halse herauswuchs, noch bevor er in Sicht war. Zum berflu hatten in der Woche vor meiner Abreise drei englische Schiffe im Golf von Biscaya umkehren mssen, und ein italienisches war mit Mann und Maus untergegangen. So erwartete ich ihn denn mit Todesverachtung -- den ominsen Golf von Biscaya, zumal das Schiff im Ausgange des Kanals bedenklich zu stampfen anfing. Aber die Meergtter hatten Erbarmen mit mir, wahrscheinlich fanden sie mit Recht, da ich schon vorher genug Qualen dank dem Golf von Biscaya ausgestanden hatte. Oder war es das neuerfundene Delphinin, das mich vor der Seekrankheit bewahrte. In dem Falle empfehle ich es allen Seereisenden aufs wrmste. Dafr habe ich vom Golf von Biscaya einen wundervollen Natureindruck davongetragen. Merkwrdig beengt erscheint der Horizont, denn die mchtigen Wogen, die von allen Seiten heranrollen, versperren berall hin die Aussicht. Ein herrliches Farbenspiel entwickelt sich bei Sonnenschein in diesen durchsichtigen glsernen Bergen, die bald grn, bald grau, bald blulich-wei schimmern, whrend sie bei Sonnenuntergang wie ein Gemisch von Blut und Gold erscheinen. Eine unheimliche Kraft wohnt in den Wogen des Atlantischen Ozeans. Drohend nahen sie in geschlossenen Reihen, und wenn sich ihnen ein Hindernis in Gestalt eines Dampfers in den Weg stellt, so zerschellen sie emprt daran und senden ihren weien Gischt hinauf bis aufs fnfte und sechste Deck. Ein Schiff von fast 16000 Tons, gleich der Arlanza, ist ein willenloses Spielzeug ihrer drngenden Gewalt und vermag scheinbar nur mit Mhe seinen Weg durch die ihm entgegenschumenden Fluten fortzusetzen. Der erste Haltepunkt nach glcklicher Durchquerung des Golfes von Biscaya war der spanische Kriegshafen Vigo. Die ersten Laute, die mir in der malerischen, von sanft gewellten Gebirgszgen eingeschlossenen Bucht entgegenschlugen, waren folgende: dawai russki moneta! Und zwar entstieg dieser Anruf dem nimmer ruhenden Mundwerk einer spanischen Obsthndlerin, die ihr ganzes Warenlager in ein Segelboot verstaut hatte und an unseren Dampfer anlegte. Er galt, wie sich nachher herausstellte, einer Schar russischer Emigranten, die vom Hinterdeck der Arlanza waschechte 15- und 20-Kopekenstcke in Krben hinablieen und dagegen als quivalent eine geringere oder grere Anzahl von Birnen, Orangen, Feigen und anderen Frchten erhielten. Ihr verzweifelter Ruf nach Gurken verhallte allerdings ungehrt. Diese russischen Emigranten -- Sektierer aus Transkaukasien -- sind ein beraus sympathischer und ernster Menschenschlag. Sie ziehen nach Montevideo in Brasilien, um dort das Reich Gottes aufzurichten, da sie auf das Jenseits keine Hoffnung setzen. Vielleicht werde ich noch einmal Gelegenheit haben, die tiefsinnigen moralischen und ethischen Grundstze dieser bemerkenswerten Menschen nher zu beleuchten. In Brasilien und in Argentinien gibt es eine groe Zahl russischer Sektierer-Kolonien. Die Duchoborzy haben es dort bekanntlich zu groem Ansehen und betrchtlichem Wohlstande gebracht. Die Arlanza hielt in Vigo nur zwei Stunden. Wir, d.h. mein Reisekamerad und ich, waren die einzigen Passagiere, die in einem Dampfkutter an Land gingen, da ich einige wichtige Korrespondenzen aufzugeben hatte. Es war ein Sonntag, 3Uhr nachmittags, und am Hafenkai, der zugleich der fashionable Boulevard des kleinen Stdtchens ist, entwickelte sich ein uerst bewegtes, buntes Leben und Treiben. Schne Spanierinnen -- brigens alle stark geschminkt, egal ob sie 40 oder 16 Jahre alt sind -- in malerischen schwarzen mantillas und schwatzhafte Gecken, in mglichst leuchtende Farben gekleidet, flanierten den breiten Hafenkai auf und ab. Als Fhrer diente uns ein durchtriebener kleiner spanischer Bursche, der unter Sehenswrdigkeiten der Stadt die merkwrdigsten und berraschendsten Dinge verstand. brigens konnte auch er einige Worte russisch. Das verdankt man der Kulturtrgerarbeit der russischen Kriegsschiffe, die stndig in Vigo stationieren. Lissabon ist eine wundervolle Stadt. Alexander v.Humboldt nennt sie bekanntlich die Knigin aller Seestdte. Und nach meinen bisherigen Erfahrungen bin ich unbedingt geneigt, ihm Recht zu geben. In einer Lnge von mehr als 10Kilometer zieht sich das im Januar-Sonnenschein blendend wei schimmernde Husermeer um die Bucht. Die Stadt ist terrassenmig angelegt -- auf sieben Hgeln. Jede Stadt, die etwas auf sich hlt, ruht auf sieben Hgeln, auch Rom und Moskau. Da uns nur wenige Stunden zur Verfgung standen, konnten von den Sehenswrdigkeiten der Stadt nur wenige und auch die nur flchtig in Augenschein genommen werden. Eine Autofahrt in die Kreuz und in die Quer lie uns wenigstens von den Straenbildern Lissabons einen ziemlich vollstndigen Eindruck mitnehmen. Es gibt unbeschreiblich reizvolle und pittoreske Partien in der Stadt, Gebude von sonderbarer, halb maurischer, halb romanischer Bauart, die uns als der stilo Manuele vorgestellt wurde, bezaubernde Palmenhaine wechseln mit breiten, pompsen Avenen und Pltzen ab, oft ffnet sich in einer unscheinbaren Querstrae ein herrlicher Ausblick auf das leuchtende Meer mit seinen bunten Segeln und dem regen Dampferverkehr. Zwischen dem steinalten verwitterten Gemuer in engen, steilen Straen nimmt sich das blendende Blau des Meeres und des Himmels natrlich besonders reizvoll aus. Einen unauslschlichen Eindruck macht das nicht weit von der Stadt gelegene, von malerischen Palmengruppen umsumte Kloster Belem (sprich Beleng, im Portugiesischen gibt es, glaube ich, keinen einzigen Laut, der nicht nasal ist). Es ist ein im echtesten Manuel-Stil erbauter riesiger Gebude-Komplex aus weiem, marmorhnlichem Gestein, das zu feinstem Spitzenfiligran verarbeitet ist. Der Klosterhof mit seinen Kreuzgngen ist eines der vollendetsten architektonischen Gebilde, das mir je zu Gesicht gekommen ist. Die Eingeborenen freilich lachen ber die Zuckerbretzeln des stilo Manuele. Jetzt dient das Kloster 800Waisenknaben zum Aufenthaltsort. Sie hatten gerade Freistunde und vollfhrten einen Hllenspektakel im stillen Klosterhofe, der eigentlich ganz anderen Zwecken, der inneren Sammlung und Ruhe, dienen sollte. Als besondere Sehenswrdigkeit -- echt portugiesisch, dieses Volk hat fr Unappetitlichkeiten eine besondere Vorliebe -- wurde ein Knabe gezeigt, dem die Schdeldecke fehlte und der mit seiner Blechkapsel, die diese ersetzte, devot grte. Der Bursche war hchst vergngt und unbndig stolz auf seinen blechernen Schdel, den Gegenstand der Achtung und des Neides seiner 799Mitschler. In einem Raum des Klosters befindet sich das wundervoll gearbeitete Grabdenkmal des portugiesischen Historikers Alessandro Herculeo. Kein Knig hat in Lissabon solch ein Grabmonument. Es gibt also doch ein Volk, das seine Denker ehrt. Apropos, die portugiesischen Knige. Jetzt gibt es keine mehr. Aber die frheren werden Neugierigen auch heute noch gezeigt. Ich schme mich fast, da ich sie mir auch angesehen habe. In einer Begrbniskapelle, die einer alten Rumpelkammer hnlich sieht, stehen Srge ber Srge gestapelt. Sie bergen die sterblichen berreste der portugiesischen Knige und brasilianischen Kaiser. Der hinkende Wchter dieser entschwundenen Herrlichkeit holte aus altem Germpel eine Holztreppe hervor und hie uns an die interessantesten Srge hinansteigen. Da grinsten uns durch die Glasscheibe des oberen Sargdeckels die weilich verschimmelten Gesichter des Knigs Carlos und des unglcklichen Thronfolgers Don Louis entgegen, die dem Attentat 1909 zum Opfer fielen, und der einst so prchtig charaktervolle Kopf des Kaisers Don Pedro von Brasilien, der sein Land zu dem gemacht hat, was es ist. Am Fuende eines der Srge lag eine zerbrochene Knigskrone aus Goldblech -- ein vielsagendes, warnendes Symbol. Sic transit gloria mundi! Die Portugiesen sind unsagbar stolz auf den Kopf der Republik, der jetzt auf ihren neugeprgten Mnzsorten prangt. 2. BRIEF. DIE INSEL MADEIRA. Mge jeder jemals von mir aufgenommene Tropfen des flssigen Goldes, durch das dieser Ort zuerst berhmt geworden ist, mir helfen, die zauberische Schnheit der Insel Madeira in Farben zu schildern, die ebenso glhend und feurig sind, wie der Wein, der auf ihren fruchtbaren Bergabhngen wchst. Am 8.Januar um 5Uhr morgens warf die Arlanza auf der Auenreede von Funchal, der Hauptstadt der Insel, Anker. Veder Napoli e poi morir -- das hat ein Mann gesagt, der Madeira sicherlich nicht gesehen hat. Der Anblick der Insel vom Meere aus bietet ein unvergeliches Bild. Von hohen Bergketten umschlossen, ffnet die Bucht von Funchal ihren gastlichen, geschtzten Hafen den Schiffen. Trotzig und zackig ragen hier schroffe Felsabhnge in den Ozean hinein, sanft gewellte Hgel, von immergrnen Hainen bedeckt, ziehen sich dort den Strand entlang. Und zwischen hineingestreut, als htte man einen Sack Zucker ausgeschttet, liegen die schneeweien Wrfel der Huser und Villen Funchals. In blendendem Morgensonnenschein blitzen und funkeln die Fensterscheiben bis weit bers Meer herber. Trotz der frhen Morgenstunde herrscht ein reges Leben auf der Bucht von Funchal. Unser Dampfer ist im Nu umringt von einer Unmenge schmaler Ruderboote und kleiner Dampfkutter. Ein hnliches Gewimmel umgibt einen anderen prchtigen Ozeanriesen, der sich nicht weit von uns auf den Wellen schaukelt. Er rstet sich zur Weiterfahrt nach Afrika und von Zeit zu Zeit lt er den aufregenden Schrei seiner Dampfpfeife ertnen. Fr den Stil unserer Reise brigens war es charakteristisch, da wir einen Augenblick lang ernstlich daran dachten von unserem Amerikadampfer auf jenen Afrikadampfer berzusiedeln. Er sah mit seinem sauberen hellgrauen Anstrich so einladend und unternehmend aus. Und in Afrika ist es sicherlich auch sehr interessant. Nach reiflicher berlegung, die 5Minuten whrte, entschieden wir uns jedoch zu bleiben, wo wir waren. Ob zu unserem Glck oder Unglck -- wer wei es. Vor einigen Jahren noch mag es schwer, ja unmglich gewesen sein, in der verhltnismig kurzen Zeit von sechs Stunden die Schnheiten Madeiras auch nur einigermaen grndlich kennen zu lernen, jetzt geht das leichter, wenn es einem nmlich gelingt, eines der wenigen Autos habhaft zu werden, die von unternehmungslustigen Madeiranern wohl speziell fr durchreisende Fremde angeschafft worden sind. Gelingt einem das jedoch nicht, so ist man verloren, das heit auf die vorsintflutlichen Vehikel angewiesen, mit denen der gewhnliche Straenverkehr auf Madeira besorgt wird. Der Wissenschaft halber habe auch ich eine Strecke in solch einem Fuhrwerke zurckgelegt und wurde dabei lebhaft an die Moskauer Iswostschiki im Mrz erinnert. Solch eine Madeira-Droschke ist nmlich ein -- Schlitten, der von zwei trgen Ochsen ber das holperige Pflaster der Stadt gezogen wird. Die Kufen werden mit Fett eingeschmiert (so weit ist man in Moskau noch nicht), um leichter ber die Steine zu gleiten. Wenigstens ist fr einigen Komfort gesorgt. Die Schlitten haben Federn, und vor der Sonne wird der Fahrgast durch einen auf vier Stangen ruhenden Baldachin aus buntem Kattun geschtzt. Das Tempo solch eines Fuhrwerkes ist das Largo des Totenmarsches aus Saul. Zwar luft ein brauner Junge, der unter seinem Riesenstrohhut fast verschwindet, voran und reizt die Ochsen vermittelst eines Flederwischs zu temperamentvolleren Leistungen. Doch hilft das nur wenig. Die Ochsen wren ja wirklich welche, wenn sie vor dem kleinen Buben mit seinem weichen Besen Respekt htten. Nein, ein Auto auf Madeira ist vielleicht stillos, aber fr Reisende, deren Dampfer Eile hat, ist es unter allen Umstnden vorzuziehen. Unser Chauffeur, ein Stockportugiese, der auer den hlich-nselnden, faulen Lauten seiner Sprache, leider keinen Ton in einem verstndlicheren Idiom hervorbringen konnte und auch keinen verstand, fhrte uns zuerst auf die Ostseite der Insel. Der Weg windet sich bergan, zwischen Zuckerrohrfeldern, durch Alleen von Platanen, vorbei an Palmenhainen und Bananenpflanzungen, wo, noch jetzt im Januar, die goldigen Frchte im saftig grnen Laub schimmern. Lange Strecken des Weges bilden Legionen von Kakteen mit glhendroten Knollen und Blten eine natrliche Hecke und bieten als origineller Stachelzaun Schutz vor Wegelagerern. Freilich auf der Strae selbst ist man vor ihnen nicht sicher, und sie stellen sich auch bald ein in Gestalt von braunhutigen, barfigen und barhuptigen Kindern, die ein Blumenbombardement auf den Wagen erffnen. Wundervolle dunkelviolette Iris, Rosen, Azaleen-Blten, Magnolien und sonderbare leuchtend rote Sternblumen fielen uns in den Scho. Die Kinder laufen hinterdrein und haschen Kupfermnzen. Ihre schwarzen Korintenaugen blitzen wie glhende Kohlen und in ihren Gesten uert sich ein bengstigend feuriges Temperament. Der Weg wird von Minute zu Minute schner und romantischer. Auf der einen Seite hat man die Berglandschaft mit entzckenden Ausblicken, bizarren Felsformationen, schumenden Wasserfllen, malerischen Viadukten, auf der anderen ffnet sich eine unendliche Fernsicht auf den im frhen Sonnenlichte silbern schimmernden Ozean. In violettem Dunst zeichnen sich am Horizonte die Umrisse der anderen kanarischen Inseln ab. Auf dem hchsten Punkte des Weges machten wir Halt. Man mochte sich nicht losreien von dem unbeschreiblich schnen Bilde, das sich nach allen Seiten hin bot. Einige regelrechte Kanarienvgel gaben uns im nahen Pinienhaine ein Morgenkonzert. Nun ging es denselben Weg zurck durch die jetzt schon ein wenig belebteren, meistens ziemlich winkeligen und engen aber immer malerischen Straen Funchals. Es gibt eine Menge Villen, die sich durch ihre geschmackvolle Bauart auszeichnen. Sie liegen in blhenden Grten, deren ppige tropische Vegetation einen geradezu mrchenhaften Eindruck macht. Riesige Farrenbume, Palmen, Rhododendren, Azaleen von der Gre junger Birken, Magnolien, Gummibume -- alles wchst dort in buntem und wirrem Durcheinander. Die meisten Huser sind eingehllt in das Dickicht irgend einer Schlingpflanze mit wundervollen leuchtend violetten Blten, die so dicht wachsen, da ihre Farbe fast wie ein lustig bunter Anstrich wirkt. Auf der Westseite der Insel erreichten wir nach zirka 20Kilometern ein kleines Fischerdorf, das auf steil abfallenden Felsen ins schumende und brausende Meer hineingebaut ist. Es schien nur von Kindern bevlkert zu sein, die unser Auto in unheimlich anwachsenden Scharen umringten. Weder durch Geld noch durch gute Worte, noch durch Drohungen und Pffe konnte man sich von dieser schmutzigen braunen Bande befreien, die ein auerordentliches Verlangen nach Rauchwerk hatte und der die russischen Papiros leider sehr gut zu schmecken schienen. Fr unsere milden Gaben revanchierten sie sich wenigstens durch die Vorfhrung von erstaunlichen Taucherkunststcken. Wie die Frsche sprangen sie von der hohen Felskste ins Meer und verfehlten nie die ihnen zugeworfenen Mnzen, nach denen sie oft metertief tauchten. Die richtigen Madeira-Taucher sahen wir jedoch erst bei unserer Rckkehr aufs Schiff. Um den Dampfer herum herrschte ein solches Gewimmel von Booten, da der kleine Kutter sich nur mit Mhe einen Weg zum Fallrepp bahnte. In jedem der hunderte von Booten saen einige halbnackte braune Kerle und machten sich unter wstem Geschrei anheischig, ihre Knste zu zeigen. Smtliche Altersstufen von 10-40 Jahren waren unter diesen Tauchern vertreten, die mit unglaublichem Geschick ihr Geschft besorgten. Gleich Affen kletterten sie an Tauen, die man ihnen hinablie, bis aufs sechste Promenadendeck hinauf und von dort, d.h. von der Hhe eines zirka siebenstckigen Gebudes, warfen sie sich ins Meer. Es ist ein schnes, aber aufregendes Bild, wenn diese braunen Pfeile in die Tiefe schieen. Meterhoch spritzt das Wasser auf. Der Schlag auf die Wasserflche mu ein mrderischer sein. Mit blutigroten Schultern tauchen die khnen Burschen aus der Tiefe wieder auf, und zwischen den Zhnen halten sie unfehlbar das Geldstck, dem ihr Sprung galt. Die tollkhnsten von ihnen schwimmen brigens nach dem Sprung unter dem Dampfer durch. Man kann ihnen alle Hochachtung nicht versagen, wenn man bedenkt, was fr einen Tiefgang solch ein 16000 Tonnenschiff hat. Einigen von den Tauchern fehlte diese oder jene Extremitt, es gab eine Menge einarmiger und einbeiniger unter ihnen. Die fehlenden Gliedmaen haben seinerzeit den Haifischen der Bucht von Funchal als leckere Mahlzeit gedient. Trotz der Gefahr, sich das Genick zu brechen oder von Haien angefressen zu werden, sind die Burschen nicht teuer. Sie springen schon gerne fr 200Reis. (Als Mittel gegen Schlaflosigkeit empfehle ich, portugiesische Mnzsorten etwa in russisches Geld umzurechnen, ein Reis ist in Brasilien ungefhr 7/1000 Kopeken, in Portugal 3mal so viel; beim Versuch, irgend eine Summe -- etwa 18Millreis, 300Reis -- in Mark oder Rubel umzurechnen, schwindelt einem, und jetzt hat die republikanische Regierung noch zum berflu eine neue Mnzsorte, Centavos= 10Reis, eingefhrt, und prgt Mnzen von 50Centavos. Um hier nicht bers Ohr gehauen zu werden, mu man ein Rechenknstler vom Range eines Arago sein.) In Madeira, dessen Zaubergrten viel zu schnell dem Blick entschwanden, nahmen wir fr Wochen Abschied vom Lande. An den kahlen, von senkrechtem Sonnenbrande durchglhten Inseln Cap Verde, St.Vincenz und St.Antonio, fuhren wir stolz vorber. Erst an der brasilianischen Kste, in Pernambuco, werden wir wieder Land sichten. Sieht man tagaus tagein ber die endlose Wasserflche des Ozeans hin, ber dem sich als einziges Zeichen organischen Lebens von Zeit zu Zeit ein glitzernder Schwarm fliegender Fische erhebt, so kehren die Gedanken immer wieder zu dem Mrchenlande Madeira zurck, das wie eine Fata Morgana nur fr Stunden aus dem Ozean auftauchte und sich dem Gedchtnis doch unauslschlich eingeprgt hat. 3. BRIEF. PERNAMBUCO. -- BAHIA. In Pernambuco sichtete die Arlanza zum ersten Male die sdamerikanische Kste. Mit einem aus Bedauern und Beruhigung gemischten Gefhl sah man den hellen Streifen ber dem Horizont, der uns als Amerika vorgestellt wurde, immer breiter werden. Man bedauerte, da nun bald das Gtterleben auf dem Schiff mit der unbegrenzten Mglichkeit zu allen Arten des dolce far niente, mit dem amsanten board-tennis und Ringspiel, mit den je nach Bedarf krftigen oder khlen drinks im Rauchsalon, mit den phantastischen quator-Maskenbllen und allerhand anderem gesellschaftlichem Ulk ein Ende haben wrde. Man war beruhigt, weil man nun tatschlich mit Amerika Bekanntschaft machte und nicht mit dem Seeboden. Doch muten sich die Passagiere, die zwlf Tage keinen festen Boden unter den Fen gesprt hatten, hier noch mit dem Anblick des Landes begngen, ohne es zu betreten. Nur Reisende, deren Bestimmungsort Pernambuco war, wurden ausgeladen. Dieses Wort ist keine Hyperbel, sondern entspricht den Tatsachen. Der Seegang und die Brandung ist in der Bucht von Pernambuco so stark, da kein Boot und kein Dampfkutter ohne die Gefahr sofortiger Havarie dicht an die groen berseeischen Schiffe anlegen kann. Sie halten sich, von unmutigen Wellen hin und her geworfen, in respektvoller Entfernung. Die Passagiere aber werden wie Warenballen in groen Krben an den Riesendampfkrnen des Schiffes in den Ozean hinabgelassen, wobei es gilt, eines dieser schwankenden Bte zu treffen. Diese Befrderungsart ist keineswegs erheiternd, zumal das Schiff von zahllosen mchtigen Haifischen umtanzt wird, die ihre gierigen Rachen nach allem aufsperren, was in die Nhe der Wasserflche kommt. Zur Freude der Schiffsmannschaft gelang es brigens, eine dieser gefrigen Bestien zu angeln, ein wahres Prachtexemplar von fast 4Meter Lnge. Der Angelhaken, den diese Hyne des Ozeans ohne Besinnen verschluckte, hatte die Gre eines migen Schiffsankers. Vielleicht war es auch einer, ich habe nicht genau hingesehen. In Bahia, einem der wichtigsten Handelszentren des quatorialen Sdamerika, betraten wir zum ersten Male den neuen Kontinent. Vom ersten Schritt an konnte kein Zweifel darber walten, da man sich nicht in Europa befand. Die Bevlkerung scheint auf den ersten Blick, wenigstens im Hafenviertel, ausschlielich aus Mohren zu bestehen. Allmhlich beginnt man jedoch die feineren Unterschiede zu bemerken und unterscheidet die Mulatten, die in allen Schattierungen, sogar gefleckt, vertreten sind, von den ganz Schwarzen, dann die Weien von den Mulatten. Allerdings was man hier einen Weien nennt, knnte in Europa noch ganz gut als etwas verblichener Neger passieren. Die sengende Kraft der Sonne ist unglaublich. Merkwrdigerweise lhmt sie jedoch die Energie keineswegs. Obgleich man ununterbrochen Strme von Schwei vergiet, kann man selbst um 12Uhr mittags in der Sonne spazieren gehen, vorausgesetzt, da der Kopf durch einen hohen Panamahut geschtzt ist. Schatten gibt es um diese Tageszeit keinen, weder Huser, noch Mauern, noch Menschen knnen sich eines solchen rhmen. Die Sonne steht im Zenith und ihre Strahlen fallen genau senkrecht. Der Schatten eines Menschen nimmt nur den Raum ein, den seine Fusohlen bedecken. Es kommt einem ganz merkwrdig vor, den kleinen schwarzen Fleck zwischen den Fen als den eigenen Schatten anzusehen. Die Eingeborenen vermeiden es natrlich tunlichst, sich um diese Tageszeit auf der Strae zu zeigen. Besonders die Mohren geben sich in dem Handelsviertel, das sie sich in den Querstraen des Hafens errichtet haben, dem ihnen, ach so lieben Nichtstun hin. Sie sind brigens ein gutmtiges und zugngliches Volk, von Kultur allerdings nur sehr oberflchlich beleckt. Einer dieser schwarzen Handelsherren, der sich am Stamm einer prchtigen Palme ein mehr als originelles Magazin von alten Kleidern, Hten, Stiefeln eingerichtet hatte, und, lngelang auf einer Holzbank hingestreckt, sein wohlassortiertes Lager bewachte, fragte, als ich meinen Kodak nach ihm zckte, weinerlich -- ob es schmerzen wrde, war aber doch viel zu faul, um aufzustehen und sich der Gefahr des Photographiertwerdens zu entziehen. Furchtbar, schauerlich, wahrhaft grausig sind die Negerweiber, besonders wenn sie alt sind. Sie sehen samt und sonders aus wie verkleidete Mnner. Ihre Putzsucht ist sprichwrtlich. Sie geben sich die erdenklichste Mhe, ihre teuflischen Fratzen durch phantastischen Kopfputz und grellfarbige Kleidung noch auffallender zu machen. Unter den kniekurzen knallrosa oder knallblauen Rcken starren die schwarzen Beine hervor, einem weien Spitzenhemdchen entragt das meist nicht sehr ppige schwarze Dcollet. Ein bunter Sonnenschirm vervollstndigt diese Toilette, die einen glauben macht, man befnde sich auf einem exotischen Maskenball. Bahia ist eine echt brasilianische Stadt, als solche viel charakteristischer als die Hauptstadt Brasiliens, Rio de Janeiro, von der im nchsten Briefe die Rede sein soll. Die Huser sind flach, kastenartig, ohne architektonische Pretensionen, sie scheinen nur aus Fenstern zu bestehen, die auf der Sonnenseite mit Bastmatten verhngt sind. In den engen Straen der Innenstadt, deren schneeweie Mauerflchen das grelle Sonnenlicht blendend zurckstrahlen, herrscht reges, von sdlichem Temperament bewegtes Leben. Maultiertreiber, Straenhndler, Zeitungsverkufer vollfhren ein wstes Geschrei. Ein europisches Lokal habe ich in Bahia nicht ausfindig machen knnen. Es soll dort einen deutschen Klub geben -- der Grohandel liegt hier, wie in ganz Brasilien fast ausschlielich in deutschen Hnden -- doch gelang es mir nicht, bis zu ihm vorzudringen. Es galt also, um satt zu werden, in einem brasilianischen Restaurant Einkehr zu halten. Grutta Bahiana hie dieser denkwrdige Ort. Nach langen, fruchtlosen Versuchen eine der vielen brasilianischen Nationalspeisen, die auf der Speisekarte verzeichnet waren, herunterzubringen, mute dieses redliche Bemhen eingestellt werden. Die Frage bleibt offen, wie ein Europer es anstellt, in Brasilien nicht zu verhungern. Essen kann man die Dinge, die einem dort serviert werden, schon aus dem Grunde nicht, weil man sich am ersten Bissen, den man die Unvorsichtigkeit hat herunterzuschlucken, Mund, Speiserhre und alle Eingeweide verbrennt. Die Brasilianer kennen nur ein Gewrz, das aber grndlich -- den Pfeffer. Man kann sie dafr nicht einmal dahin verwnschen, wo er wchst, denn das ist ja hier zu Lande. Die Eingeborenen vergieen whrend der Mahlzeit helle Trnen, und finden das genureich, vielleicht weil der pimento im tropischen Klima hygienisch sein soll. Nachher splen sie ihr Inneres mit einem grlichen Schnaps aus, an dem der Name das einzig Gute ist. Er heit mata bicho, das bedeutet tte das Biest, womit aber nicht der Brasilianer selbst gemeint ist, sondern der gefrchtete Fieberbazillus. Alle Leiden, die man whrend des Essens zu erdulden gehabt hat, werden jedoch bald darauf durch einen kulinarischen Genu allerersten Ranges wettgemacht. Der brasilianische Kaffee! Man mchte ein Klopstock sein, um ihn zu besingen. Leider wird er, wie alles Gute im Leben, in sehr homopathischen Dosen serviert, denn leider ist er, wiederum wie das meiste Gute im Leben, dem Herzen nicht zutrglich. Ein Tchen, kaum grer als ein Fingerhut, bis zum Rande gefllt mit feinem Rohzucker, der so rasch zergeht, da man nicht einmal einen Lffel zum Umrhren braucht. Nein, dieser Kaffee! Schwarz wie der Tod, s wie die Liebe, hei wie die Hlle! Im kleinen Caf, wo man diesen Gttertrank zu sich nimmt, herrscht brigens ein tolles Leben nach der Mittagstunde. Freiheit und Gleichheit. Auf niedrigen schemelartigen Sthlchen hockt der Brsenfrst neben dem Eseltreiber. Vor diesem Kaffee schwinden alle Rangunterschiede hin, wie das Hufchen Rohzucker, das man in die Tasse tut. Das Lokal ist gepfropft voll. Mit affenartiger Geschicklichkeit voltigieren um alle die in smtlichen Himmelsrichtungen ausgestreckten Beine Niggerboys in einst wei gewesenen Anzgen. ber dem Kopf schwingen sie die langgeschnbelten Kannen. Mit verblffender Sicherheit trifft der schwarze Kaffeestrahl die winzige Tasse. Aber nur Herzathleten wagen es, sie zum zweitenmal fllen zu lassen. Sehenswrdigkeiten hat Bahia, auer sich selbst, keine. Die vornehmen Stadtviertel werden sorglich in Ordnung gehalten. Auch um die Volksgesundheit kmmern sich die Stadtrte in hchst lobenswerter Weise. Am Ausgangstor des Riesenaufzugs, der die obere Stadt mit dem Hafenviertel verbindet, steht ein merkwrdiges Denkmal: zwischen zwei himmelhochragenden Sulen ein mchtiges Plakat, frei in der Luft schwebende gigantische Lettern bilden folgende Inschrift: 606! Cura Syphilis! 606! Dieses in seiner Offenherzigkeit erfrischende, aber keineswegs erfreuliche Wahrzeichen krnt, weithin sichtbar, die Stadt, hoffentlich bewirkt der gute Rat wenigstens, was er bezweckt. 4. BRIEF. RIO DE JANEIRO UND BRASILIANISCHE KARNEVALSFREUDEN. Wei jemand von meinen verehrten Lesern, was eine bisnaga ist? Nein? Nun, hoffentlich wird er sich diese Kenntnis nie durch eigene Erfahrung erwerben. Eine bisnaga ist ein modernes Folterwerkzeug, unbekannten Ursprungs, in Brasilien zur Karnevalszeit -- leider -- in allgemeinem Gebrauche. Das Ding sieht sehr unschuldig aus, und bevor man damit Bekanntschaft gemacht hat, ahnt man nicht, welche infamen Eigenschaften es besitzt. Man denke sich ein mittelgroes Glasflakon, das an einem Ende mit einem Siphonverschlu versehen ist. Der Inhalt besteht aus stark parfmiertem ther und der Zweck der ganzen Maschine ist, sich diesen ther gegenseitig in die Augen zu spritzen. Es ist nicht schwer, dieses Kunststck zu vollbringen, denn die bisnaga entldt ihren Inhalt in feinem Strahl auf viele, viele Meter Entfernung, und man kann sich sein Opfer auswhlen ohne sofortige Rache zu befrchten. Trifft nun solch ein bisnaga-Strahl, so wird der Gegner fr die Dauer von zwei bis drei Minuten blind, hat das Gefhl, da ihm die Augen ausflieen, und dieser klgliche Zustand wird dann zu weiteren heftigen Attacken vermittelst Konfetti, Pritschen, Luftschlangen, Niespulver und hnlichen harmlosen aber peinvollen Scherzartikeln benutzt. Ich habe mancherorts das tollste Karnevalstreiben miterlebt, doch verbleicht selbst Mnchen und Paris im Vergleich zu dem karnevalistischen Wahnwitz, den sich die Brasilianer in Rio de Janeiro leisten. In der Avenida centrale, einer wundervollen Strae von der Breite des Newski-Prospekt in Petersburg, herrscht ein derartiges Gedrnge, da man eine Stunde braucht, um zehn Schritte vorwrts zu kommen. Auf dem Fahrdamm reiht sich Automobil an Automobil, von wo aus phantastisch kostmierte Mnner und schne Frauen einen wtenden Luftschlangen- und bisnaga-Kampf mit den Kopf an Kopf gedrngten Fugngern ausfechten. Ein betubender therdunst erfllt die Luft, tausende von sinnlich erregten Augenpaaren blitzen sich gegenseitig an, Geschrei und Gelchter schallt von hben und drben, zwischen den Beinen der Fugnger flitzen die kleinen, braunen, unglaublich geschickten bisnaga-Verkufer mit ihrem stereotypen Ruf: seicente grammas un milreis cinquente! Ein wahnwitziger Taumel scheint alle Welt ergriffen zu haben. Ehe man sich's versieht, hat man einen therstrahl in den Augen, dann eine Wagenladung Konfetti im Rockkragen, Pritschenschlge hageln auf Kopf und Schultern nieder. Das alles vollzieht sich bei einer Temperatur von 30Raumur abends zwischen 9 und 12. Ozeane von khlenden Getrnken, einfachem Eiswasser, Kokosmilch und mehr oder weniger raffinierten Sorbets werden in den zahllosen Cafs, die die ganze Avenida einsumen, vertilgt. In dieser Hauptstrae geht es zwar toll genug, aber immerhin gesittet zu. Doch braucht man nur einige Schritte in die Querstraen zu tun, um Zeuge von allerhand wenig schnen Szenen und wsten Schlgereien zu sein. Im Dunkel abgelegener Straen ist der Brasilianer chez soi und kehrt sein wahres Gesicht hervor, auf dem alle Leidenschaften und Todsnden verzeichnet stehen, im europischen Glanz der Avenida legt er dagegen sofort die lchelnde Maske Pariser Halbkultur an. Ja Brasilien! Es liee sich gar viel darber sagen. Besonders ber die neue republikanische Regierung und ihre Geschftsprinzipien. Jetzt will sie dem Kaiser DomPedroII, der Brasilien zu seinem unerhrt raschen kulturellen Aufschwunge verholfen hat, ein Denkmal setzen. Seinerzeit, als der republikanische Staatsstreich gelang, wurde der alte Mann, der ein groer Gelehrter und einer der feinsten Kpfe des 19.Jahrhunderts war, auf ein altes halbzerfallenes Schiff gesetzt und nach Europa expediert, wobei die sichere Hoffnung bestand, da der alte Kasten, der den Kaiser trug, statt in Europa auf dem Seeboden anlangen wrde. Als diese Hoffnung fehlschlug, erfolgte das Dekret, da nie mehr ein Mitglied des Hauses Braganza den Boden Brasiliens betreten drfe. Dieses Dekret hat nun unvorhergesehene Folgen. Die gemigte republikanische Partei will die Leiche DomPedros aus der Lissaboner Begrbniskirche nach Rio berfhren, um sie hier zu bestatten. Die Regierung mu sich dem widersetzen, denn DomPedro ist, obzwar tot, -- doch ein Braganza! Was soll ich ber Rio de Janeiro sagen? Man mte ein Buch schreiben, wollte man einen richtigen Begriff von dieser Stadt vermitteln. Landschaftlich ist sie paradiesisch schn. Die Natur hat alle Herrlichkeiten, die sie hervorbringen kann, auf diesen Fleck Erde zusammengetragen. Das Panorama der Bucht ist einzig in seiner Art. Hohe Bergzge von bizarren Formen umsumen die Stadt. Mitten in der Bucht erhebt sich der sogenannte Zuckerhut, ein violetter Bergkegel, der bisher als unzugnglich galt. Seit einigen Wochen erreicht ihn eine Schwebebahn, deren khnes Projekt -- echt amerikanisch! -- vor fnf Monaten noch nicht entworfen war. Die Bergabhnge sind von unglaublich ppigem tropischen Urwald bedeckt. Herrlich sind die enormen Kaiserpalmen, die eine Hhe von 40Metern erreichen und die mchtigen Bambusbsche, die aussehen, wie riesengroe grne Fontnen. Eine groartig angelegte Automobilstrae hat vor nicht langer Zeit den Reisenden die nchste Umgegend Rios erschlossen. Sie fhrt ber den Bergrcken des Tijuka durch dichten Urwald, in dem man hin und wieder einen Papagei aufscheucht und wo sich die mrchenhaften blauen Riesenschmetterlinge auf den leuchtenden Blten der tropischen Bume wiegen. Die Ausblicke, die sich auf dieser Strae nach allen Richtungen hin bieten, sind -- zu schn, denn man glaubt nicht an ihre Realitt. Man meint, sich mitten drin in einer Dekoration einer phantastischen Zauberoper zu befinden. Weder Klingsors Zaubergarten, noch die Mrchenhaine eines Tschernomoren knnen reicher und ppiger gemalt werden. Es fehlt dieser ganzen Landschaft nur die Seele, die Stimmung. Oder vielleicht verstehen wir Nordlnder sie nicht. Man fhlt sich fremd in dieser unerhrten Tropenpracht, die man bewundern kann, ohne sie zu lieben. Die Stadt Rio hat zwei Gesichter, ein weies und ein schwarzes. Der fabelhafte Luxus des Europerviertels umgibt das erbrmliche Elend des Negerhgels, der sich mitten in der Stadt erhebt. Die Neustadt bertrifft in der Anlage stellenweise selbst Paris. Was wollen z.B. die Champs elyses sagen im Vergleich zu dem 14Kilometer langen asphaltierten, mit Steinquadern ausgelegten Kai, der die ganze Bucht von Rio de Janeiro umsumt und die Stadt mit dem Badeort Leme verbindet! Und doch wieviel schner ist der kleinste Winkel von Paris, als der ganze blendende Talmiglanz des modernen Rio. Denn ein Talmiglanz ist es. Man sprt es jeden Augenblick, da man sich auf dem Boden eines Landes, das keine Geschichte hat, bewegt. Geld -- das ist die einzige treibende Kraft Brasiliens. So glanzvoll alles nach auen hin ist, so fehlt doch jede innere Kultur. Es ist nichts echt, alles -- Nachahmung. In der bodenlosen Geschmacklosigkeit vieler Bauten, ihrer berladenen Pracht, dem vlligen Mangel jeden Stilgefhles zeigt sich das kulturelle Niveau ihrer Erbauer nur zu deutlich. Dennoch sind die Brasilianer mit einigem Recht stolz auf Rio. Allerdings uert sich ihr Selbstgefhl mitunter in der lcherlichsten Weise. Auf dem berhmten Theatro Municipale stehen in groen goldenen Lettern drei Namen: Goethe, Molire, -- A.Penna. Was sollen die Deutschen und Franzosen dazu sagen! Penna ist ein kleiner einheimischer, brigens ganz vergessener Komdiendichter, gegen den etwa Kotzebue ein Shakespeare war. Nationalittsgefhl ist eine gute Sache, doch sei man vorsichtig in seinen uerungen, sonst wird man ridikl oder taktlos. 5. BRIEF. BUENOS AIRES. Wollte man sine ira et studio eine Schilderung der Hauptstadt Argentiniens entwerfen, wie sie sich dem Reisenden auf den ersten Blick prsentiert, so wrde kein Mensch glauben, da der Brief aus Amerika kommt. Buenos Aires hat nichts, aber auch gar nichts amerikanisches an sich. Es ist nichts anderes als eine vorzglich gelungene Kopie smtlicher Hauptstdte Europas zusammengenommen. Wenn man die Straen der argentinischen Hauptstadt durchwandert, so glaubt man bald in Berlin, bald in Paris, in Petersburg, in London, meinetwegen in Hamburg, in Frankfurt, Mnchen oder sonst irgendwo zu sein, nur nicht in Sdamerika, dem Lande, das sofort die Vorstellung von Indianern, Prrien, Pampas, wilden Tieren oder breitnasigen Patagoniern erweckt. Von alledem ist in Buenos Aires natrlich nicht das allergeringste zu sehen. Die Stadt bedeckt einen enormen Flchenraum, ihr Weichbild ist grer, als dasjenige Londons, obgleich Buenos Aires kaum halb so viel Einwohner (ca. 3Millionen) zhlt. Die abgezirkelt rechtwinklige Anlage der Straen erinnert an das Friedrichstraen-Viertel in Berlin, nur da sich hier die einzelnen Straen noch viel hnlicher sehen und infolgedessen noch viel langweiliger sind. Was ntzt die architektonische Pracht einzelner Bauwerke, wenn sie sich immer wiederholt! Man mag einen noch so guten Ortssinn besitzen und die Stadt noch so viele Male durchquert haben -- dennoch wei man nie, an welcher Straenecke man sich befindet. Sie sehen alle genau gleich aus. Etwas besser ist es um die ffentlichen Pltze bestellt. Sie haben mehr Charakter, und man unterscheidet sie schon dadurch untereinander, da auf jedem ein anderer erzener oder steinerner argentinischer Reitergeneral, oder sonst irgend eine Lokalberhmtheit in mehr oder weniger khner Denkmalspose verewigt ist. Kommt man dagegen zur berhmten Avenida del Mayo, dem Stolz der Argentinier, so ist man wieder in Paris. Der Boulevard des Capucines, wie er leibt und lebt! An das Paris vor zehn Jahren erinnern auch die zahllosen ein- und zweispnnigen Droschken, die hier noch nicht, wie in Rio de Janeiro, von Automobilen verdrngt sind. Und schaut man sich die fabelhaft luxurisen Lden an, so liest man auch dort auf den breiten Schaufenstern dieselben Namen wie in Paris. Die ganze Rue de la Paix ist hier vertreten, meistens sogar besser und reicher als an Ort und Stelle. Das gilt besonders von den Juwelierlden. Die Argentinier haben nmlich viel Geld, unglaublich viel Geld und bezahlen mit dem Stolze aller plutokratischen Parvens kaltlchelnd Unsummen fr allerhand Luxusgegenstnde. Warum sollten sie auch nicht? Das Land selbst, das doppelt so gro ist als Europa, bietet ja unerschpfliche Reichtmer. Und immer wieder erschlieen sich neue. Man braucht sie nur zu nehmen. Von den enormen Viehzchtereien, den in einzelnen Hnden befindlichen Latifundien von der Gre miger Knigreiche, von der fabelhaft rasch emporgeblhten Weinkultur, die in wenigen Jahren unberechenbare Vermgen geschaffen hat, von den Erzreichtmern der Kordilleren usw. werde ich noch zu erzhlen haben, wenn ich ins Innere des Landes hineinkomme. Augenblicklich ist man hier sehr erregt durch die Nachricht, da sich im Sden Argentiniens zu allem brigen noch auerordentlich ergiebige Naphthaquellen erschlossen haben. Man nimmt an, da dadurch den kaukasischen und nordamerikanischen Quellen eine sehr ernsthafte Konkurrenz auf dem Weltmarkt entstehen wird. Doch ist es nicht meine Sache, darber zu berichten. Ich sehe mir das Land mit den Augen eines gewhnlichen Reisenden an, und wirtschaftliche Studien liegen mir fern. Die Einwohner von Buenos Aires haben ebenso wenig charakteristisches an sich wie die Straen der Stadt. Aussehen, Kleidung, Gebaren -- alles ganz europisch. Natrlich berwiegt der sdlndische spanisch-italienische Typus. Man sehnt sich ordentlich nach den prachtvollen Mohren von Bahia und nach den interessanten Mischlingen, die die brasilianische Bevlkerung so bunt und anziehend machen. Russen und Deutsche gibt es in Buenos Aires genug, um einige mittelgroe europische Stdte damit zu bevlkern. Die russische Kolonie zhlt gegen 100000 Kpfe, die deutsche mehr als das Doppelte. In Buenos Aires erscheinen zwei groe deutsche Zeitungen, von denen die La-Plata-Zeitung sogar, wie man sagt, eine nicht unwichtige politische Rolle spielt. Der einen hier erscheinenden russischen Zeitung kommt eine solche natrlich nicht zu. Doch ist es immerhin viel, da sie berhaupt existiert. Die sogenannte gute Gesellschaft glnzt augenblicklich -- im Sommer -- durch Abwesenheit in Buenos Aires. Wer nicht in Europa ist, khlt sich die erhitzten Glieder wenigstens an der Kste des Atlantischen Ozeans, in dem Seebadeorte Mare la Plata, dem Ostende Argentiniens, wie dieser schne, aber mrchenhaft teure Strandort genannt wird. Buenos Aires bietet an landschaftlichen Schnheiten gar nichts. Ein einziger Park, Palermo mit Namen, gewhrt abends etwas Khlung, wenn nmlich vom LaPlata-Strome ein erfrischender Wind weht. Die ziemlich kmmerliche Vegetation dieses Parkes wird mit groer Kunst gepflegt, und immerhin ist es dort abends angenehmer als in den staubigen, drckend heien Straen der Stadt. Es gibt in Palermo sogar einen See, der anderswo freilich Teich heien wrde. Doch schwimmen darauf leibhaftige schwarze Schwne. Und das sieht allemal sehr stolz und majesttisch aus. Will man aber mehr haben, so mu man schon ganze 40Kilometer weit mit der Bahn fahren. Doch lohnt sich die Strapaze. Erstens hat man whrend der Reise den LaPlata-Strom als Gefhrten zur Seite. Und der ist, wenn auch nicht schn, so doch originell mit seinen gelbbraunen, von violetten Lichtern durchsetzten Fluten, die sich unabsehbar weit zum Horizont hinziehen. Das andere Ufer ist natrlich nicht zu sehen, denn der Flu ist hier ca. 45Kilometer breit. Aus der Entfernung, bevor man die Bewegung des Wassers beobachten kann, macht er den Eindruck einer ungeheuren sonnendurchglhten Sandflche. Der Ort, den es zu erreichen gilt, heit Tigre. Ein Nebenflu des LaPlata gleichen Namens bildet ein landschaftlich beraus reizvolles Delta. Die Inseln sind mit ppiger Vegetation, blhenden Fruchtgrten, schattigen Laubwldern, sogar Palmenanpflanzungen bedeckt. Macht man die sehr genureiche volta um alle Inseln herum, was im Motorboot ungefhr zwei Stunden beansprucht, so kann man selbst von berhngenden Zweigen kstliche Pfirsiche und saftige Reineclauden pflcken -- vorausgesetzt, da das Gewissen es zult. Tigre ist das Zentrum fr den argentinischen Wassersport. Man sieht dort wundervoll ausgestattete Motor- und Segeljachten der beau monde von Buenos Aires. Auch Ruderboote mit mehr oder weniger entkleideten Insassen schieen auf den Fluarmen hin und her. Mit gemischten Gefhlen setzt man sich wieder in den staubigen Bahnzug, und empfindet es als Schicksalstcke, da man nach Tigre fliehen mu, wenn man das haben will, wie die Stadt, in die man zurckkehrt, heit -- buenos aires, zu deutsch gute Luft! 6. BRIEF. DIE ARGENTINISCHEN PAMPAS. -- DAS WEINLAND VON MENDOZA. Wenn man als abenteuerlustiger Amerika-Reisender neue Eindrcke, unbekannte Situationen, europafremde Lebensbedingungen, interessante Erlebnisse sucht, so kehrt man Buenos Aires, diesem Talmi-Paris, ohne viel Herzschmerzen den Rcken. Die Hoffnung, da man im Inneren des Landes Eigenartiges, Charakteristischeres zu sehen bekommt, als in der vielgepriesenen Hauptstadt Argentiniens, wird in der Tat nicht getuscht. Die sdamerikanischen Pampas -- jedem Knaben, der je mit heien Backen seinen Mainried gelesen hat, haben sie einst als hchstes und einziges Ziel der Sehnsucht vorgeschwebt. Die Sehnsucht wrde wahrscheinlich vergehen, bekme er sie in Wirklichkeit zu Gesicht. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren die unendlichen Prrien, die sich hunderte und aberhunderte von Kilometern nach allen Richtungen hinziehen, eine vollstndige terra incognita nicht nur fr den Europer, sondern auch fr den eingeborenen Sdamerikaner. Jetzt durchquert sie eine Eisenbahn, und eine Strecke, fr die man frher Wochen beschwerlichsten Reisens brauchte, legt man heutzutage in 24Stunden zurck. Gibt man noch 12Stunden dazu, so kommt man sogar ber die Kordilleren hinber bis an die Kste des Stillen Ozeans. Nur ein kleines Gebiet im Zentrum des tropischen Sdamerika ist bisher von den Invasionen neugieriger und gewinnschtiger Kulturtrger verschont geblieben. Das ist der sogenannte Gran Chaco. Dorthin haben sich die berreste der stolzen Indianerstmme, die einst den ganzen Riesenkontinent bevlkerten, zurckgezogen. Sie leben dort ihr Leben, wie sie es vor tausend Jahren gelebt haben, ein Leben, dessen Grundlage eine wunderbar sinnvolle, natrliche Moral ist. Durch die selbstzufriedene Kulturarbeit der Weien, deren Hauptwerkzeug das Feuerwasser ist, wird die unendlich hher stehende moralische Kultur dieser Wilden, die sich ihrer Nacktheit nicht schmen, langsam aber hoffnungslos untergraben. Wer das nicht glaubt, lese das wundervolle Reisebuch Elmar Nordenskjlds, der zwei Jahre lang das Leben dieser Chaco-Indianer in ihrer Mitte gelebt hat und jene Zeit zu der schnsten, moralinfreiesten seines Lebens zhlt. Der Zug, der von Buenos Aires quer durch die Pampas nach dem Westen fhrt, der hier jedoch nicht so wild ist wie in Nordamerika, trgt den stolzen Namen: Ferro Carril Transandino International. Nach europischen Begriffen ist es eine miserable Sekundrbahn, als Gegenstand des Spottes der Fliegenden Bltter jedem Deutschen genugsam bekannt. Die Schienenspur ist wenig mehr als einen Meter breit, die Waggons sind eng und unbequem; auch die sogenannten Schlafwagen, die bis zum Fu der Anden verkehren, lassen in bezug auf Bequemlichkeit so ziemlich alles vermissen. Nur langsam gewhnt man sich an die argentinische Kche des Waggon-Restaurants, deren Hauptingredienzen Safran und roter Pfeffer sind. Doch alles das ertrgt man gerne, denn was man links und rechts durch die Waggonfenster sieht, ist interessant und neu genug, um einen zeitweilig alle europischen Bedrfnisse vergessen zu machen. Endlos zieht sich die gelbgrne Flche der Pampas hin, der Horizont scheint in kaum erreichbare Fernen entrckt zu sein. Das Gras ist nicht hoch und erweckt auch nicht den Anschein, als ob es besonders fett wre. Dennoch finden zehntausendkpfige Rinderherden dort ihre Nahrung. Bekanntlich versorgt Argentinien ganz Sdamerika mit Fleisch und die ganze Welt mit Liebig-Extrakt. Es gibt in Buenos Aires nicht eines, sondern mehrere Schlachthuser, von wo aus bis zu 2000 Stck Vieh tglich in ein besseres Jenseits, d.h. in die Mgen hungriger Argentinier, Brasilianer und Peruaner befrdert werden. Vom nchsten Jahr ab wird auch Europa zu den Abnehmern des argentinischen Fleischmarktes gehren. Whrend ich in Buenos Aires war, langte die Freudenbotschaft an, da es gelungen war, 3000 Hammel in tadellosem, natrlich knstlich gefrorenem Zustande nach Hamburg zu bringen. Darob herrscht unter den Viehherdenbesitzern Argentiniens natrlich eitel Freude und Seligkeit, und die Landpreise der Pampas steigen. Wenn man die Stationsgebude, die den Schienenstrang der transandinischen Eisenbahn einsumen, und die Wohnhuser der Pampasbewohner mit den Augen eines Russen ansieht, so schwellt einem einiger Stolz die Brust. Gegen diese erbrmlichen, aus Lehm, Schmutz und Stroh aufgefhrten Domizile sind die Htten der rmsten russischen Bauern frstliche Palste. Der ganze Reichtum des Landes zieht sich hier nach den Hauptstdten hin, im Inneren ist und bleibt es wst und leer. Die Vegetation der Pampas verndert sich ungefhr in der Mitte des Weges aufs auffallendste. Statt der Wiesen und des Prriegrases sieht man weite Sandwsten mit kmmerlichem, verkrppeltem Buschwerk bestanden. Eine Unmenge von Kakteen mit wunderschnen weien Sternblten macht den Anblick exotischer. Hin und wieder gren als alte Bekannte einzelne hypertrophisch ausgebildete Exemplare von Sonnenblumen. Die Rinder- und Hammelherden hren auf, statt dessen sieht man merkwrdige langhalsige Vgel ber das Buschwerk streichen und graue Straue ber den Sand spazieren. Nun beginnt auch die frchterlichste Plage der Pampas-Fahrt: der Staub. Ein Staub, so fein und dicht, da er berall durchdringt, man mag die Fenster noch so sorglich verschlossen halten. Jetzt versteht man auch den merkwrdigen Aufzug der Mitreisenden, die man anfangs fr Mnche oder Mitglieder irgend einer geheimen Sekte hielt. Alle stecken sie von Kopf bis zu Fu in langen weigrauen Staubmnteln, und man mu seine schnell erworbenen Reisefreunde buchstblich an der Nasenspitze erkennen. brigens hatten wir Glck. Abends um 9Uhr erlebten wir in der staubreichsten Gegend ein Gewitter von einer derartigen Heftigkeit, da der Weltuntergang nahe schien. In den Pampas, wo alles immer nach Wasser drstet, soll das eine groe Seltenheit sein. Wer nie einen Pampasregen gesehen hat, macht sich keinen Begriff davon, was das ist. Nicht eimer-, sondern kbelweise scheint das Wasser vom Himmel herabgegossen zu werden. Die Waggons der stolzen Transandino-Bahn hielten diesen Fluten nicht stand, in brausenden Wasserfllen strmte das Wasser durch die Waggondecke auf unsere Hupter herab, und nur mit Hilfe einer genial erfundenen Wasserleitung aus Bettchern und Eimern gelang es mir, mich und meinen Reisekameraden vor dem Ertrinken zu retten. Ein wundervolles Bild gewhrten die grenzenlos weiten Flchen der Pampas im blulich-blendenden Licht der Blitze, die fast pausenlos aufeinander folgten. Ebenso pltzlich, wie er gekommen, war der ganze Zauber verschwunden. Hat man die interessanten, aber den Pampas glcklich durchquert, so erlebt das Auge eine angenehme berraschung. Man fhrt in die fruchtbare Weinebene von Mendoza hinein. Soweit der Blick reicht, ruht er auf saftig grnen, hochkultivierten, endlos sich hinziehenden Reihen von Weinstcken aus. Das sind die Goldfelder des Landes, auf denen in den letzten Jahrzehnten Millionen und Abermillionen verdient worden sind. Mendoza selbst ist ein freundliches Stdtchen, mit breiten, von einstckigen Husern eingerahmten Straen, ppigen Parkanlagen und blhenden Grten. Warum die Huser alle einstckig sind, wurde mir klar, als ich den Prospekt des uns empfohlenen Hotels durchlas. Dort lautete der erste Satz: l'difice est construit spcialement contre tremblements de terre. Alle zwei bis drei Monate bebt es nmlich in Mendoza, nicht allzu gefhrlich, aber immerhin so stark, da mehrstckige Gebude den Bodenschwankungen nicht standhalten. Auch das Baumaterial ist hchst eigenartig, ein Gemisch aus Schmutz und Stroh, das man an Ort und Stelle euphemistisch ungebrannte Ziegel nennt. Holz fehlt vollstndig. Das konnte man schon an der Bahnlinie beobachten. Smtliche Telegraphenpfosten sind aus Eisen. Die krppligen Stmme der Weinstcke wrden zu diesem Zwecke freilich schlechte Dienste leisten. Dank der Liebenswrdigkeit des Direktors der Deutschen Bank in Mendoza hatten wir Gelegenheit eine der grten Wein-Fabriken des Gebiets in Augenschein zu nehmen. Zwanzig Minuten Bahnfahrt und zehn Minuten in einem omnibusartigen Wagen, wie sie hier dem Landverkehr dienen, brachten uns nach dem Weingute der deutschen Weinindustriellen S.undH. In liebenswrdigster Weise wurde uns der ganze Betrieb der Bodega L'Allemana gezeigt, obzwar die Ernte noch ausstand, und die Fabrik ruhte. Es wrde mich zu weit fhren, wollte ich alle Einzelheiten dieses enormen Betriebes schildern. Einige Zahlen mgen gengen. Mendoza produziert jhrlich 4Millionen Hektoliter Wein, wovon auf unsere Gastfreunde 100000 Hektoliter entfallen. Die Firma steht an fnfter oder sechster Stelle. Der Lwenanteil von ber 1Million gebhrt einem Italiener, der als armer Erdarbeiter ins Land gekommen, und heute noch Analphabet ist. Die geniale Idee, in Mendoza Wein zu bauen, rhrt von ihm her. Die ganze Kultur ist erst einige Jahrzehnte alt. Der Wein ist von ganz vorzglicher Qualitt, alte, abgelagerte Sorten gibt es natrlich noch nicht. Die Weingutsbesitzer bewahren nur wenige Flaschen zum eigenen Gebrauch auf. Die gesamte Produktion wird bis auf den letzten Tropfen in Argentinien konsumiert. Nicht ein Fa gelangt zum Export. Unsere liebenswrdigen Gastwirte setzten uns einige Flaschen der ltesten Jahrgnge dieses kstlichen Mendoza-Weines vor, und ohne bertreibung mu zugestanden werden, da er getrost mit den besten europischen Weinsorten konkurrieren kann. Das Aroma ist ein ganz eigenartiges, der Wein ein Mittelding zwischen schwerem Burgunder und gut gelagertem Rheinwein. Mendoza wird mir unter anderem unvergelich bleiben durch den ersten argentinischen Kunstgenuß«, den ich dort erlebte: eine spanische Operette Marina del mare mit Namen. Nachdem ich sechs Wochen lang keine Musik gehrt hatte, schien mir jeder Ton ein Labsal. Unter den Sngern waren einige vorzgliche Stimmen. Erquickend nach dem europischen Begriff des Knstlerischen war die bodenlose Naivett, mit der hier Dekoration und schauspielerische Aktion behandelt wurden. Die ganze Darstellung war sozusagen schematisch, die Phantasie des Zuhrers hatte nach allen Richtungen hin freien Spielraum. So wurde man unvermutet vor eine schwierige sthetische Frage gestellt. Doch will ich meine Leser nicht mit ihrer Lsung langweilen. 7. BRIEF. DIE KORDILLEREN. Als ich vor Jahren die Dolomiten zu Fu durchwanderte, kam mir oft der Gedanke: so ungefhr mssen die Kordilleren aussehen. Woher diese berzeugung stammte, wei ich nicht. Wahrscheinlich war es die abenteuerliche rosa-rote Frbung des Gesteins und die stellenweise exotische Vegetation, die die Vorstellung von auereuropischen, tropisch angehauchten Gebirgsgegenden wachrief. Es kam mir damals nicht in den Kopf, da es mir jemals vergnnt sein wrde, die Dolomiten und die Kordilleren tatschlich miteinander zu vergleichen. Soll ich es als Merkmal einer mir bisher nicht bewuten Divinationsgabe auffassen, da, als mir die ersten Gebirgszge der Kordilleren zu Gesichte kamen, mir nichts anderes brig blieb, als auszurufen: Genau so sehen ja die Dolomiten aus! Da ich in der Geologie nicht bewandert bin, will ich es unterlassen, zu untersuchen, warum sich die Dolomiten und die Kordilleren so hnlich sehen. Es gengt mir, diese nicht zu bestreitende Tatsache festzustellen, brigens sei der Genauigkeit halber angemerkt, da es in diesem Falle eigentlich unzulssig ist, in Bausch und Bogen von den Kordilleren zu reden. LaCordillera nennt man hier nur den mittelsten und hchsten Bergrcken des Gebirges, das nicht nur Sdamerika, sondern auch Mittel- und Nordamerika durchzieht. Der Teil der Cordillera, den ich meine, sind die Anden, das Gebirge, welches Chile von Argentinien trennt. Um weiteren Miverstndnissen vorzubeugen, mu ich noch hinzufgen, da hnlichkeit ein sehr dehnbarer Begriff ist. Und wenn man von der hnlichkeit der Kordilleren und der Dolomiten redet, so ist das dieselbe hnlichkeit, die etwa ein Tiger und eine Katze miteinander haben. Die ersten Auslufer der Kordilleren erblickt man, wenn man in dem Ferro Carril Transandino, jener schon erwhnten putzigen Witzblatt-Bahn, das gelobte Land Mendoza verlt. Der Zug mu sich gewaltig anstrengen, um die Berge hinaufzuklettern. Eine Lokomotive zerrt von vorne, eine andere schnauft von hinten, und die ganze Mhe gilt vier kleinen Waggons, die spickevoll besetzt sind mit in Staubmnteln vermummten Passagieren. Die Geschwindigkeit, die dabei entwickelt wird, ist kaum grer als fnf bis zehn Kilometer die Stunde. Doch hat man keine Ursache, dieses Schneckentempo zu bedauern. Was langsam kommt, kommt gut, und hier von Minute zu Minute immer besser und herrlicher. Es ist ein undankbares Geschft, wenn man versuchen will, die unerhrte Pracht dieser grandiosen Gebirgswelt zu beschreiben. Selbst der Pinsel des genialsten Malers mte hier versagen. Die Lokomotiven keuchen und sthnen. Immer hher geht es hinan. Die einzigen Reste organischen Lebens sind einige wenige grngelbe Grasbschel, die sich im Gerll der Abhnge verbergen. 2800 Meter Hhe sind erreicht. Hier machen wir Halt. Mgen andere, die Eile haben, weiterfahren. Das scheinen, auer meinem Reisekameraden und mir, smtliche Passagiere des Zuges zu sein. Hier gibt es -- gelobt sei die abschreckende Wirkung einer zwanzigtgigen Seefahrt -- noch keine Touristen aus Europa. Man schmt sich fast, die einzigen Vertreter dieser im allgemeinen verabscheuungswrdigen Menschenspezies zu sein. Aber alle Unbequemlichkeiten, die daraus erwachsen, da Sdamerika dem Touristenverkehr noch nicht erschlossen ist -- z.B. das vollstndige Fehlen irgendwelcher Reisehandbcher la Bdeker -- ertrgt man nur zu gerne. Der Ort, in dem wir den Zug verlassen, heit Puente del Inca (Brcke des Inka), auf Geographiekarten wird man ihn vergeblich suchen. Auer dem Stationsgebude und einem kleinen Hotel sind nur einige Zelte, die Nachtquartiere von Eisenbahnarbeitern, zu erblicken. Ringsumher kein Baum, kein Strauch. Ein reiender Gebirgsstrom hat sich seinen Weg in schumender Lust quer durch einen Felsenhgel gebahnt. Der dadurch entstandenen natrlichen Felsbrcke verdankt der Ort seinen Namen. 2800 Meter sind in Europa schon eine ganz respektable Hhe, fr die Hhenverhltnisse der Kordilleren sind sie eine Bagatelle, die kaum der Rede wert ist. Dennoch merkt ein Flachlnder schon ganz bedeutend die Wirkung der verdnnten Atmosphre. Aber trotzdem ergreift einen sofort noch eine andere Gebirgskrankheit, die sich in dem einen Wunsch uert: Hher, hher! Und eine Stunde, nachdem wir den Zug verlassen hatten, saen wir schon auf Maultieren, um einen nahen Berggipfel, den 11.Febrero, zu erklimmen. Dieser und einige andere kleinere Ausflge waren das notwendige Training, um uns fr ein anderes greres Unternehmen vorzubereiten. Die Eisenbahn ist, wie gesagt, fr Leute da, die Eile haben. Will man dagegen die Schnheit der Gebirgswelt genieen, so greift man zu anderen Verkehrsmitteln. Wir beschlossen, den bergang ber den Andenpa auf Maultieren zu machen. Statt einigen Stunden, dauert das freilich einige Tage, doch nimmt man dafr Eindrcke mit, die man nicht vergit, auch wenn man das Alter Methusalems erreicht. Frhmorgens machten wir uns auf den Weg. Voran der Fhrer, ein ernsthafter, vertrauenerweckender Argentinier, der sich in seinem Torreador-Htchen und wehenden Poncho gar malerisch ausnahm. Mit mchtigen, mittelalterlichen Rittersporen, wie man sie sonst nur auf der Bhne an den Beinen irgend eines Don Quichote sieht, trieb er sein Maultier zu schneller und energischer Gangart an. Uns mit unseren unbewaffneten Stiefelabstzen gelang das erheblich schlechter. Unser erstes Ziel, das freilich einen Umweg bedeutete, waren die Kupferminen von Navarro. Unermdlich greifen die braven Maultiere aus. Der Weg wird steiler und steiler. Die letzten Spuren jeglicher Vegetation verschwinden. ber Steingerll und Felsplatten immer hher und hher. Links und rechts ffnen sich ghnende Abgrnde. Immer beschwerlicher wird das Klettern. Immer beschwerlicher wird auch das Atmen. Der Puls hmmert wie ein Schmiedewerk. Im Kopf sprt man einen leichten Druck. Und mit einem Male stellt sich auch der Schrecken aller ungebten Bergsteiger ein -- das Gefhl des Schwindels. Man schaut schon lieber nicht mehr zur Seite, sondern krampfhaft auf den Sattelknauf. Kein Laut ist ringsumher zu vernehmen. Nur das Knirschen der Hufe im lockeren Gerll und das leise Schnauben der Maultiere. Man segnet und verflucht zugleich diese vierbeinigen Gefhrten. Zu Fu wre der Anstieg sicherlich noch ungemtlicher, aber dieses qulend langsame Tempo der Reittiere macht einen auch nicht wenig nervs. Es scheint eine halbe Stunde zu dauern, bis das Tier mit dem Hufe eine Stelle aussucht, die ihm sicher genug dnkt, um den Fu draufzusetzen. Und vor einem starrt drohend, scheinbar unerreichbar der Gipfel, den es zu bersteigen gilt. Gestattet es das Gelnde, wird Rast gemacht. Und nun ist mit einem Schlage alle Mhsal vergessen! Sprachlos blickt man in die sich immer herrlicher entfaltende Pracht dieser unerhrt groartigen Gebirgswelt hinein. Die khnste Phantasie kann sich derartige Bilder nicht ausmalen. Das Merkwrdigste an den Bergspitzen und Abhngen der Anden ist ihre Frbung. Tiefschwarz, blutigrot, grnlichgrau, violett, leuchtend rosa, in sattem Orange schillert das Gestein dieser phantastischen Bergriesen. Es ist ein zauberisches Bild, wie man es weder in der Schweiz, noch in den Alpen jemals erblicken kann. Mchtige Gletscher unterbrechen hier und dort das farbenfreudige Bild, ber alles hinweg grt im leuchtend blauen Himmel der schneeweie, strahlende Gipfel des Aconcagua, des Goliath unter den amerikanischen und europischen Bergen. Und trotz dieses bunten, lichttrunkenen Bildes wird man keinen Augenblick das Gefhl der grauenvollen de, die hier herrscht, los. In herrlicher Majestt, aber auch in drohender, ungebeugter Kraft blicken die Berge auf das armselige Menschengesindel herab. In Europa hat sich der Mensch die Berge untertan gemacht. Hier sind sie die Herrscher, und wehe dem, der ihnen zu nahe kommt. Ihre mchtigste Waffe sind die Steinlawinen. Auch wir hrten eine mit dumpfem Grollen niedergehen. Glcklicherweise kreuzte sie nicht unseren Weg. Gar finster starrte der Krater eines Vulkans herber. Mchtige Steinhaufen in unordentlichem Gewirr und weither verstreute Lawablcke kennzeichneten seine Ttigkeit. Die Kupferminen von Navarro sind nicht durch ihre Ergiebigkeit bemerkenswert. Wohl aber dadurch, da sie in der unfalichen Hhe von zirka 4200 Metern ausgebeutet werden. Wie die Menschen es dort monatelang aushalten, ist unbegreiflich. Vielleicht gewhnt sich der Krper mit der Zeit an den verminderten Luftdruck. Bestndig weht ein eisiger Wind, und selbst jetzt im Hochsommer bei Mittagssonne fror einem trotz sweater und Lederjacke. Im Winter liegen die Minen von aller Welt hoffnungslos abgeschnitten in tiefster Vergessenheit da. Einen schauerlichen Eindruck machte die einfache Erzhlung von drei Arbeitern, die die sechs Wintermonate als Hter der Maschinen oben blieben. In den Schneemassen vergraben, gleich lebendigen Toten erwarteten sie von Tag zu Tag das Nahen des Frhlings. Wer kennt die grausige Novelle L'Auberge von Maupassant? Mir fiel sie ein, als ich diesen drei wetterharten Gestalten in die Augen blickte. Am dritten Tage, nachdem wir unsere Ansprche in bezug auf Nachtlager und Nahrung auf das Niveau bescheidener Haustiere herabgedrckt hatten, erreichten wir die Chilenische Grenze. Auf dem Gipfel des Passes, dem sogenannten Cumbre ist vor einigen Jahren eine Kolossalstatue, eine Christusfigur ans Kreuz gelehnt, errichtet worden. Sie dient als Wahrzeichen des Friedens zwischen Chile und Argentinien, den beiden feindlichen Nachbarlndern, die jahrzehntelang ununterbrochen Zwist und Hader miteinander hatten. Auf beide Seiten hin, nach Chile und Argentinien ffnet sich ein wundervolles Gebirgspanorama. Einen abstoenden Eindruck machen gerade auf dieser Stelle die berall umherliegenden Kadaver von Maultieren, die dem atmosphrischen Druck whrend des berganges nicht standgehalten haben. Einen letzten Blick warfen wir auf den Aconcagua, der uns in diesen Tagen ein lieber und vertrauter Freund geworden war und den wir schwerlich wiedersehen werden. Der Abstieg in die chilenischen Tler wurde zu Fu unternommen. Von den unbequemen, breiten mexikanischen Stteln, die hier in allgemeinem Gebrauche sind, hat man nach vier Tagen gerade genug. In Juncal erreichten wir den Zug, der uns in schneller Fahrt ber khne Viadukte, durch zahllose Tunnels, entlang dem schumenden Rio Branco immer weiter talabwrts fhrte. Im idyllischen chilenischen Stdtchen Los Andes, wegen seines idealen Klimas -- es regnet dort nie -- ein gesuchter Luftkurort, gnnten wir uns zwei Ruhetage, zu wenig noch, um die einzigartigen, groartigen Eindrcke dieses Andenberganges zu verarbeiten. Sollten sich im weiteren Verlaufe der Reise die Eindrcke in hnlicher Weise hufen, so knnte, frchte ich, bei aller Elastizitt, die Aufnahmefhigkeit endlich versagen. ~Tafel 1~ [Illustration: ~Kordilleren-Landschaft~] [Illustration: ~Puente del Inka (Anden)~] ~Tafel 2~ [Illustration: ~Das Christusdenkmal auf der Grenze Argentinien-Chile~] [Illustration: ~Nebenan ein Maultier-Skelett~] [Illustration: ~Hotel in Juncal~] ~Tafel 3~ [Illustration: ~Bergsee in den Kordilleren~] [Illustration: ~Blick auf den Acongagua~] 8. BRIEF. CHILE. -- ALLGEMEINE EINDRCKE. Wenn man von der Ostkste des Kontinents in Chile einfhrt, so hat man das Gefhl, als kme man von Amerika nach Europa zurck. Das gilt nicht nur von der Landschaft, sondern auch von dem ersten Eindruck, den das Land mit seinen Sitten, Gebruchen, Lebensgewohnheiten macht, und von den ersten, oberflchlichen uerungen des Volkscharakters, denen man begegnet. Brasilien ist das Land ungesunder, mrderischer, klimatischer Bedingungen, das Land der dunklen Ehrenmnner, das Land, in dem ein faules, faulendes Leben gelebt wird. In Argentinien herrscht das Geldfieber in so erschreckendem Mae, da alle brigen Lebensinteressen zurckgedrngt erscheinen. Geld ist der einzige Lebensnerv dieses Volkes. Fr Geld kann man so ziemlich alles haben, und nur was Geld kostet hat Wert, je mehr es kostet, desto grer ist der Wert. Die Rechnung ist ganz einfach und klar. Geld ist der einzige Mastab, den man an die Erscheinungen des Lebens anlegt. Dinge, die man fr Geld nicht haben kann -- nach altmodischen Begriffen die einzig wertvollen -- hat der Argentinier aus seinem Lebensbudget ein fr alle Male ausgeschieden. Chile ist in dieser und auch in mancher anderen Beziehung weit hinter dem modern-fortschrittlichen Nachbarstaate zurckgeblieben. Vielleicht macht es deswegen solch einen anheimelnden Eindruck auf einen nicht nach spezifisch amerikanischen Begriffen erzogenen Europer. Das Volk ist hier ein ganz anderes. Das sprt man in der ersten Stunde auf chilenischem Boden. Man begegnet wieder freundlichen Blicken und freundlichen Worten, die der Europer natrlich um so hher einschtzt, weil er nicht so und so viele Pesos dafr zu zahlen braucht. Die Menschen messen sich aneinander, und die Dicke des Portemonnaies ist nicht die ausschlaggebende unbekannte Gre, die den Chilenen bei dieser Rechnung unsicher macht. Im indigenen Chilenen berwiegt, im Gegensatz zum Argentinier, das spanische ber dem italienischen Blute. Aber die chilenische Rassenmischung ist -- rein menschlich betrachtet -- augenscheinlich die bessere. Das Volk ist gutmtig, gefllig, ein bichen faul, aber durchaus nicht arbeitsscheu, heiter, aber im Genusse nicht malos, wie der Argentinier. Ich lebe seit vierzehn Tagen in Chile und habe in dieser Zeit in Stadt und Land noch keinen Betrunkenen gesehen. Trotz des Friedensdenkmals, das auf dem Cumbre der Anden zwischen Chile und Argentinien aufgestellt ist, herrscht keine groe Freundschaft zwischen beiden Lndern. Man bekriegt sich nicht, aber man liebt sich auch nicht. In Argentinien spricht man in hchst wegwerfendem Tone von Chile, man verachtet das Land, weil es in kultureller Beziehung angeblich um hundert Jahre zurckgeblieben ist. Nach auen hin ist dieser Vorwurf nicht unberechtigt, nur vergit man, da es neben der ueren auch noch eine innere Kultur gibt, und an Stelle der Argentinier wrde ich lieber nicht untersuchen, welches Volk hierin dem anderen berlegen ist. Aber, wie gesagt, nach auen hin haben die Argentinier einiges Recht, die Nase ber ihre rckstndigen Nachbarn zu rmpfen. Schon das Straenbild der greren chilenischen Stdte unterscheidet sich sehr wesentlich von dem, was man von Argentinien her gewohnt war. Die ppigen Palste der argentinischen Parvens, die wolkenkratzerartigen Geschftshuser fehlen. Das hat nun freilich, auch auer den nicht vorhandenen Millionen einen anderen guten Grund. Oder vielmehr einen schlechten Grund und Boden, der in Chile durchweg vulkanisch ist. Die Bevlkerung lebt in bestndiger Furcht vor Bodenschwankungen. Noch ist das groe Erdbeben, das vor fnf Jahren ganz Valparaiso zerstrte und 25000 Menschen das Leben kostete, frisch in aller Gedchtnis. Man hrt grauenvolle Erzhlungen von jenen schauerlichen drei Minuten, in denen Glck und Wohlstand unzhliger Familien vernichtet wurde. Angesichts dieser Gefahr baut man in Chile selten hher als zweistckig. Dadurch erhalten natrlich die greren Stdte, z.B. Santiago, die Hauptstadt des Landes, eine enorme Ausdehnung. Gleichzeitig erhlt aber auch das architektonische Bild einen sehr ausgeprgten Charakter. Man kann sogar von einem spezifisch chilenischen Baustil reden. Und in diesen niedrigen, langgestreckten, oft von schlanken Sulen getragenen Fassaden steckt mehr knstlerischer Geschmack, als in den berladenen Prachtbauten von Buenos Aires. Inbezug auf Reisebequemlichkeiten mu man seine Ansprche in Chile allerdings stark zurckschrauben. Die besten Hotels sind immer noch nicht so gut, wie etwa die mittelmigen in einer altmodischen deutschen Stadt. Von irgend einem Komfort und den Errungenschaften moderner Einrichtungstechnik, z.B. warmem flieenden Wasser, Telephon u.dergl. ist keine Rede. Die Verkehrsmittel entsprechen auch nicht einigermaen verwhnten Ansprchen. In ganz Santiago, einer Stadt von zirka 400000 Einwohnern, war kein Automobil aufzutreiben. Den Straenverkehr vermitteln ausschlielich Droschken, die in Santiago noch ganz propper aussehen und mit guten Pferden bespannt sind. In den kleineren Stdten dagegen, Conception oder Temuco, verkehren vorsintflutliche Vehikel von fabelhaften Dimensionen. Drei bis vier elende Klepper ziehen diese Riesenkarossen mhsam ber das holperige Straenpflaster, das noch nicht einmal berall die guten alten Knppeldmme -- die heutzutage eine Erfindung des Teufels scheinen -- ersetzt hat. Auf den Eisenbahnen in Chile herrschen Zustnde, die geradezu phantastisch genannt werden mssen. Hat man das Unglck, ein greres Gepckstck zu besitzen, so wird es einem auf dem Bahnhofe entrissen und ohne Quittung oder sonstige Sicherheit in den Gepckwagen verstaut. Auf der Endstation mu man es selbst wieder heraussuchen. Doch kann man ebensogut jeden anderen Koffer als den seinigen bezeichnen. Jedes Gepckstck, auf welches man mit dem Finger hinweist, wird einem anstandslos ausgeliefert. Und trotzdem bestehe ich darauf, da Chile europischer ist als Argentinien. Man hat das Gefhl, einer Kultur gegenberzustehen, die sich zwar langsam, dafr aber von innen heraus entwickelt. Infolgedessen halten viele Chile fr den eigentlichen Zukunftsstaat von Sdamerika. Hier ist alles vielleicht ein wenig ungeschickt, aber fest gefgt. Man baut in Chile keine Kartenhuser, und der amerikanische Begriff des bluff ist hier unbekannt. Von aueramerikanischen Einflssen ist in Chile bei weitem am strksten der deutsche vertreten. Vielleicht trgt dieser sehr merkliche Umstand dazu bei, einem das Land so vertraut und sympathisch zu machen. Manchen Institutionen des ffentlichen Lebens ist der Stempel made in Germany sogar ein wenig zu deutlich aufgedrckt. Vor allem dem Militr. Dafr ist es allerdings anerkanntermaen das weitaus beste in ganz Sdamerika. Die chilenische Armee wird seit Jahrzehnten von deutschen Instruktionsoffizieren gedrillt. Es ist eine Freude die strammen Soldaten anzusehen. Die Uniformen sind bis auf alle Einzelheiten, den Schnitt der Mntel und Mtzen, die Form der Epaulettes und Kokarden, deutschen Mustern nachgebildet. Anfangs glaubte ich, es wimmele in Chile von deutschen Militrattachs, denn alle chilenischen Leutnants hielt ich fr Deutsche. Sehr stark vertreten ist das deutsche Element in der industriellen und geschftlichen Welt Chiles. Ein hchst wichtiger spiritus rector des Geldverkehrs in Chile ist die Deutsche Transatlantische Bank, die ihre Filialen in allen kleinen Stdten des Landes hat und mit ihrer vorzglichen Organisation einen kleinen Staat fr sich bildet. Seit wir in Chile sind, reisen wir sozusagen als Postpakete der Deutschen Bank. Die Liebenswrdigkeit dieser Herren hat keine Grenzen. berall werden uns von ihnen die manchmal allerdings recht rauhen Wege geebnet. Wer Sdamerika bereist und sich der Deutschen Bank anvertraut, ist in Abrahams Schoe aufgehoben. Von den indigenen Bevlkerungselementen sind am interessantesten natrlich die Indianerstmme der araukanischen Rasse, von denen in einem besonderen Artikel die Rede sein wird. Soll ich nun den chilenischen Frauen ein Loblied singen? Auf den ersten Blick erscheinen sie stolz und unnahbar. Ob sie es in Wirklichkeit sind, kann erst eine lngere Erfahrung lehren. Ihre auffallendste Charaktereigentmlichkeit ist fr den sich im Anfangsstadium des Beobachtens befindlichen Durchreisenden -- ihre ostentativ zur Schau getragene Frmmigkeit. Wenn man in Chile morgens auf die Strae geht, glaubt man alle Frauen seien Nonnen oder gehrten einer geheimen Sekte an. Smtliche Personen weiblichen Geschlechts tragen hier nmlich bis zum Mittag eine Art Uniform, einen schwarzen, seidenen Schleier, der das Haupt und die ganze Gestalt verhllt, und, kunstvoll geschlungen, nur das Gesicht frei lt. Das ist das Kirchgangkostm der Chileninnen, die demnach alle tglich morgens die Kirche zu besuchen scheinen. Wenigstens tun sie so als ob, und man kann es ihnen nicht bel nehmen, denn zu dem matten, elfenbeinfarbenen Teint ihrer oft auffallend hbschen Gesichter gibt der schwarze Schleier einen auerordentlich kleidsamen Rahmen ab. Abends tragen diesen schwarzen Schleier, den sogenannten Manton, nur kleine Brgersfrauen und -- Demimondainen. Dieser Umstand hat auch eingeborene Chilenen schon manchem verhngnisvollen Miverstndnis zugefhrt. Was Chile vor allen brigen Staaten Sdamerikas auszeichnet, ist die auerordentliche landschaftliche Schnheit des Landes. Der Norden erinnert etwa an die malerischen Partien von Oberbayern. Mittelchile, das Gebiet der interessanten Araukanerstmme, ist verhltnismig flach. In den Sden, die eigentliche Schweiz des Landes, deren romantische Schnheit ber alles gerhmt wird, komme ich erst nach einigen Wochen. Santiago liegt in einem tiefen Talkessel, umgeben von schneegekrnten Hhenzgen. In der Mitte der Stadt erhebt sich ein, in einen prchtigen Park verwandelter Bergkegel, S.Lucia, von dem aus man einen herrlichen Rundblick ins Land hinein geniet. Wenn man Glck hat, kann man dort bei Sonnenuntergang das herrlichste -- Kordillerenglhen erleben. Eine berhmte Sehenswrdigkeit des nrdlichen Chile ist der sogenannte Lota-Park. Er liegt unweit des Stdtchens Conception am malerisch zerklfteten Ufer des Stillen Ozeans. Auf dem Wege dorthin passiert man, nebenbei gesagt, die zweitlngste Eisenbahnbrcke der Welt, die, mehr als 2Kilometer lang, ber den jetzt im Sommer total versandeten Strom Bio-Bio fhrt. Der Lota-Park befindet sich in Privatbesitz, und es ist nicht leicht, die Erlaubnis zu seiner Besichtigung zu erhalten, da seine Besitzerin, die einer der vornehmsten und reichsten Familien des Landes angehrt, in diesem Punkte von der hier blichen, nach unseren Begriffen fast lcherlichen Exklusivitt ist. Der Deutschen Bank verdankten wir, wie vieles andere noch, den Schlssel zu diesem Sesam. Die vegetative Pracht des Parkes ist vielleicht einzigartig in der Welt, schon ob ihrer Mannigfaltigkeit, denn von den herrlichsten Palmen und Magnolienbumen bis zu unserer bescheidenen Kiefer und Edeltanne, die sich in der exotischen Umgebung ganz besonders malerisch ausnehmen, ist dort jede Baumart vertreten, die im tropischen und gemigten Klima gedeiht. Die Erhaltung des Parkes mu einen enormen Aufwand von Kosten und Mhe beanspruchen. Nur eins sucht man dort vergeblich -- unverflschte Natur! Das Ganze nimmt sich wie ein knstlich hergerichteter botanischer Garten aus, was es im Grunde genommen ja auch ist. Die sauber geharkten Kieswege, die tausende von Statuen -- vom Apollo von Belvedere bis zur plastischen Darstellung der Lieblingshunde der Besitzerin--, allerhand knstliche Grotten, aus Wurzeln und Schlingpflanzen hergerichtete Pavillons und Laubengnge verjagen den letzten Rest von Naturstimmung. Von all diesen Dingen bis zu Strchen und Zwergen aus Porzellan ist nur ein Schritt. Und das am Ufer des Stillen Ozeans, zu dem der Zugang durch einen kostbaren Zaun verbarrikadiert ist! Nein, das ist nicht das Richtige. Beim Durchwandern des Lota-Parkes schwand der Respekt vor dem Natursinn und dem knstlerischen Geschmacke der Besitzerin und ihrer Berater langsam aber sicher. Wir verlieen den Lota-Park in einem Extrazuge, den uns der Direktor der Bahnlinie in einem unverstndlichen Anfalle von Liebenswrdigkeit zur Verfgung gestellt hatte. Um den einzigen Waggon des Zuges fhrte eine Galerie. Wir schoben uns Feldsthle hinaus und atmeten ordentlich auf, als wir, von den Strahlen der untergehenden Sonne begleitet, in die naturechten Wiesen und Wlder der chilenischen Landschaft hineinfuhren. Mein Reisekamerad nahm den Hut ab und grte jede Butterblume am Wege. Es gehrt sicher mehr dazu, als Millionen und Vornehmheit, um nicht zu verderben, was die Natur mit ihrem eigenen Kunstsinn erschafft. 9. BRIEF. TEMUCO. -- EIN AUFZUG DER ARAUKANER-INDIANER. Mitten im Herzen Chiles, wo die westlichen Auslufer der Anden-Kordilleren sich nach dem Stillen Ozean hinziehen, an einer Stelle, die vor dreiig Jahren von dichtem Urwald bestanden war, liegt heute die rasch emporgeblhte, obzwar noch kleine Stadt Temuco. Auf den meisten Karten Chiles, auer den allerneuesten, steht sie noch nicht einmal verzeichnet. Dennoch bietet gerade dieses Stdtchen dem reisenden Europer besonderes Interesse. Nicht wegen seiner landschaftlichen oder sonstigen Schnheit. Temuco an sich ist immer noch ein recht elendes kleines Nest, mit langweilig geraden, schlecht oder gar nicht gepflasterten Straen und den fr Chile charakteristischen einstckigen Erdbeben-Husern aus Holz oder Lehm. Von der Sonne gelb gebrannte Wiesen umgeben die Stadt, auf einigen Hgeln stehen noch Reste des niedergebrannten Urwaldes, halbverkohlte Baumstmme mit phantastisch gekrmmten Astarmen, niedriges gelbgrnes Buschwerk. Diese ungemtlich-monotone, trostlos arme Landschaft verleiht dem Ort keinen Reiz. Was Temuco interessant macht, ist die unmittelbare Nhe der immer noch halbwilden Araukanerstmme, eines Indianervolkes, das seit urvordenklichen Zeiten die Chilenische Ebene, in einem Umkreis von einigen hundert Kilometern um Temuco herum, bevlkert. Als wir in Temuco anlangten, wurde dort gerade ein wissenschaftlicher Kongre von chilenischen Gelehrten abgehalten. Anfangs konnten wir nicht umhin, diesen Congreso scientifico und alle seine Teilnehmer zu verwnschen, denn das einzige Hotel Temucos, das fr Europer in Betracht kommt, war derart berfllt, da wir mit einem hchst primitiven Nachtlager vorlieb nehmen muten, nachdem wir uns geweigert hatten, ein kleines Zimmer mit drei keineswegs vertrauenerweckenden Chilenen zu teilen. Am nchsten Tage jedoch schon hatten wir Ursache, den Congreso reumtig zu segnen, statt ihn zu verfluchen. Gegen Mittag begann eine uns anfangs unerklrliche Aufregung und Bewegung in der Stadt zu herrschen. Als wir auf die Strae hinaustraten, sah man von allen Richtungen her endlose Zge von Reitern nach dem Mittelpunkte der Stadt, der sogenannten Plaza des armes, die in keiner sdamerikanischen Stadt fehlt, hinziehen. Es stellte sich heraus, da es sich um einen Aufzug der Araukaner oder Mapuches, wie man sie hier auch nennt, handelte, der zu Ehren der Kongremitglieder in Szene gesetzt wurde. Immer bunter, immer bewegter, immer interessanter wurde das Bild, das sich nach und nach auf dem Platze entwickelte. Grere und kleinere Trupps von Reitern nahten im Galopp, im Trab oder im Schritt. Endlich mgen weit ber Tausend versammelt gewesen sein. Im blendenden Sonnenscheine flimmerte der aufgewirbelte Staub, blitzte der Silberbeschlag des Zaumzeugs und der Steigbgel, die Reiter sitzen wie angewachsen auf den dicht aneinandergedrngten, ungeduldig stampfenden Pferden. Alle tragen sie den bunten oder einfarbigen, gestreiften, gewrfelten, oder mit anderen, oft schnen Mustern bedeckten Poncho, das fr Reiter hchst bequeme, hier unentbehrliche Kleidungsstck, eine Art Plaid, durch den durch einen Schlitz in der Mitte der Kopf durchgesteckt wird, whrend der Stoff von allen Seiten frei am Krper herabhngt. Breitrandige Hte aus Stroh oder farbigem Filz bedecken die Kpfe. Unter den Hten schaut manches interessante Gesicht hervor. Blitzende, braune Augen, gerade Nasen, starke Backenknochen; der Bart im Gesicht, wenn er berhaupt wchst, wird ausgezupft, bis auf einen schmalen Haarstreif am uersten Rande der Oberlippe. Weit malerischer noch und eigenartiger, als die Mnner, sind die Frauen gekleidet. Auch sie sind fast alle zu Pferde, hier und dort sieht man zwei auf einem braven Tier sitzen -- natrlich rittlings, ohne Steigbgel, denn die Araukanerfrauen tragen nie einen Stiefel. In der Kleidung bevorzugen sie zwei Farben, schwarz und dunkellila, was zu ihrer gelbbraunen Gesichtsfarbe und dem tiefschwarzen Haar schn aussieht. Reicher Silberschmuck bedeckt die Brust, ein groes Tuch, das die Schultern verhllt, wird von einer silbernen Nadel, in Form eines Pfeiles, zusammengehalten, das Haar ist von silbernen Schnren durchflochten, hin und wieder sieht man das Haar, im Nacken geteilt, in zwei aus Silber geschmiedeten Rhren stecken. Je reicher die Mapuchesfrau ist, desto mehr Silberschmuck trgt sie, Ohrgehnge, Ringe, Grtel zu allem brigen. Ununterbrochene Rufe: Viva la raa araucana gellten von allen Seiten. Dazu kamen bald andere ohrenzerreiende Tne, die die Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Man verleugnet nie seinen Beruf. Mein Instinkt sagte mir, da diese Tne Musik vorstellen sollten. Ich ging ihnen nach, was nicht leicht war, da es galt, sich durch eine lebendige Mauer von Kpfen und Hinterteilen der Mapuchespferde durchzudrngen. Richtig -- an der gegenberliegenden Seite des Platzes hatte ein araukanisches Orchester Aufstellung genommen. Heilige Ccilie! da mgen Dir die Ohren weh getan haben! Das einzige musikalische Element dieser Musik war der Rhythmus, der vermittelst einer Trommel -- ein ausgehhlter Baumstumpf mit Schafhaut bespannt und schn bemalt -- aufrecht erhalten wurde. Von Melodie, oder gar Harmonie keine Spur, nicht einmal von musikalisch fixierbaren Intervallen. Ich hatte schon Notizbuch und Bleistift in Bereitschaft, um die araukanische Nationalmusik nachzuschreiben, mute dieses Vorhaben jedoch als absolut undurchfhrbar aufgeben. Auf endlosen Schilfrohren, an deren Ende ein Kuhhorn angebracht war, und auf kleinen Pfeifen, deren Ton einem angeblasenen Hausschlssel hnelt, blies jeder was er wollte, oder was das Instrument gerade hergab. Die Musiker, zum grten Teil blinde Greise, machten dazu mit dem Krper Bewegungen im Rhythmus der Trommel, der der einzige Ruhepunkt im unentwirrbaren Chaos der Tne war. Musik und Tanz gehren zusammen. Bei halbkultivierten Rassen ist der Tanz berhaupt der einzige Daseinszweck der Musik. Es dauerte auch gar nicht lange, da fanden sich zwei alte Mapuchesfrauen ein, die der Versuchung nicht widerstehen konnten und anfingen, sich nach dem monotonen, unbeirrbar gleichbleibenden Takt der Trommel zu drehen. Die jngeren Frauen hielt augenblicklich ihr Schamgefhl vom Mittun ab. Der Tanz der beiden Alten sah gar putzig aus. In halb hockender Stellung, mit extatisch verdrehten Augen, wirbelten sie ziemlich schnell jede um die eigene Axe, von Zeit zu Zeit unterbrachen sie die Bewegung, um aufeinander loszuspringen und sich mit langen Zweigen, die sie in der Hand hielten, an Kopf oder Schulter zu berhren. Den Sinn des Tanzes konnte mir niemand erklren. Man sah ihn in Temuco zum ersten Male, und er erregte groe Sensation. Alle Bume der Plaza um die beiden Alten herum waren bis in die Kronen mit Schaulustigen besetzt. Das Defile der Mapuches dauerte fast drei Stunden. Natrlich mute der Kodak respektive der Tenax ununterbrochen arbeiten. Mein Reisekamerad und ich fanden uns bald auf dem Dache einer der vorsintflutlichen temucaner Droschken, bald in halsbrecherischer Stellung an ein Fenstergesims geklammert, mit gezckten Apparaten, wieder. Dem Europer stechen natrlich die zum Teil sehr kunstvoll und originell gearbeiteten Schmucksachen der Araukanerfrauen mchtig in die Augen. Doch ist es nicht leicht, dieser Gegenstnde habhaft zu werden. Ab und zu findet man sie in den Versatzmtern von Temuco. Denn diesen Segen der Kultur kennt der Indianer schon, wenngleich er sich nur hchst ungern und nur im alleruersten Notfalle von seinem Hab und Gut trennt. Fast unmglich ist es, araukanische Ringe in seinen Besitz zu bringen. Sie mssen fr die Trger irgend einen besonderen, vielleicht symbolischen Wert haben. Mit einem jungen Araukaner, den ich zufllig in einem Versatzamt von Temuco traf, war ich schon handelseinig geworden, obgleich er einen Phantasiepreis fr seinen Ring verlangte. Er hatte ihn schon vom Finger gezogen, um ihn gegen die entsprechenden Pesos einzutauschen, da drehte er sich pltzlich, ohne ein Wort weiter zu verlieren, um, steckte den Ring an seine Hand, sprang aufs Pferd und war verschwunden, ehe ich mir ber den Vorgang klargeworden war. Fast ebenso schwierig ist die Beschaffung von Musikinstrumenten. Einem Europer werden sie fr nichts in der Welt abgegeben. Der Araukaner ist, wie gesagt, auerordentlich mitrauisch, und da er es nicht versteht, was fr einen Wert diese an sich wertlosen Dinge fr unsereinen haben knnen, wittert er irgendeine boshafte Absicht, wenn man ihm sein Instrument abnehmen will. Man bedarf dazu der Vermittlung irgend eines von der temucaner Kultur schon erfolgreich beleckten Stammesgenossen. Solch ein Araukanerjngling unternahm in unserem Auftrage einen zweitgigen Ritt in die Kordillere, brachte dann allerdings einige wunderschne Instrumente mit, eine Trommel mit roter Farbe -- wahrscheinlich Schafsblut -- prchtig verziert, eine Pfeife und das Staatsstck -- eine mehr als vier Meter lange Trompete, ein so gut gearbeitetes und erhaltenes Exemplar, wie man sie selten sieht. Die Freude war natrlich gro. Nach eifrigem ben gelang es mir sogar, dieser musikalischen Riesenschlange einzelne Tne zu entlocken, die die Mitte hielten zwischen dem Timbre eines Kontrafagotts und dem Brllen einer Kuh. Viel Kopfzerbrechen machte nachher allerdings uns und der chilenischen Eisenbahnbehrde die Verpackung und Versendung dieses Trompetenmonstrums. Nach den interessanten Eindrcken, die der Aufzug der Mapuches in Temuco hinterlie, erwachte natrlich der Wunsch, den Indianer chez soi zu sehen. Der Wunsch wurde Wirklichkeit. 10. BRIEF. DER MAPUCHE (ARAUKANER) CHEZ SOI. Dank der Liebenswrdigkeit eines deutschen Mitgliedes des Congreso scientifico in Temuco, des Meteorologen Dr.K., wurde es uns ermglicht, einen Einblick in das Leben und Treiben der Mapuches-Indianer bei sich zu Hause zu gewinnen. Dr.K. hatte eine Tour ins Araukanergebiet vor, unter Fhrung eines anderen Kongremitgliedes, des noch sehr jungen chilenischen ProfessorsM., der insofern der geeignete Mann zu diesem Unternehmen war, als er selbst einer Araukanerfamilie entstammt und die Sprache der Indianer vollkommen beherrscht. Solch ein Fhrer ist notwendig, denn die Indianer sind beraus mitrauisch, lassen Fremde nur ungern in die Nhe ihrer Behausungen und haben besonders vor dem Photographiertwerden eine Heidenangst. Dr.K. hatte in dieser Hinsicht einst schlimme Erfahrungen machen mssen. Bei einem selbstndig unternommenen Ausfluge hatte ihn ein alter Mapucheshuptling in seiner Htte eingesperrt, und nur mit groer List und viel berredungskunst war es ihm gelungen, sich aus dieser heiklen Situation zu befreien. Wir schlossen uns den beiden Herren an. Eines schnen Morgens um fnf brachen wir auf, voran die beiden Gelehrten in einem zweirdrigen Karren, der auch den Proviant beherbergte, hinterdrein wir zwei zu Pferde. Zuerst ritten wir nach einem alten indianischen Friedhof. Die Araukaner bestatten ihre Toten ohne Srge und setzen ihnen hlzerne Denkmler, hohe Pfhle, in die oben eine Figur hineingeschnitzt ist, die ein stilisiertes Menschengesicht vorstellen soll, was jedoch kein Nichtaraukaner erraten kann, wenn es ihm nicht gesagt wird. Obwohl den Indianern jetzt befohlen ist, ihre Toten auf den allgemeinen Friedhfen zu bestatten, so denken sie doch nicht daran, es zu tun, wie sie denn die Gesetze berhaupt nur respektieren, soweit es ihnen bequem ist. Neben alten, halbzerwhlten Grbern mit altersgrauen, zerfaulenden Denkmlern, sahen wir auch einige frisch aufgeworfene. Nach zweistndigem Ritt erreichten wir den ersten indianischen Rancho. Prof.M. machte uns auf einen treppenartigen Aufbau aufmerksam, der vor dem Hause stand. Das ist das Zeichen, da in dem Hause ein Medizinmann wohnt, respektive eine Medizinfrau, denn bei den Araukanern wird das rztliche Gewerbe vorzugsweise von alternden Weibern betrieben. Auf dem Dache des Hauses erhebt sich auf hoher Stange ein gebleichter Tierschdel -- um die Hexen abzuschrecken, die Menschen und Tieren sonst viel Unheil zufgen knnen. Beim Besuche dieses und anderer Indianerranchos ging stets Prof.M. als Pionier voran. Erst nach lngeren Unterredungen, die auf araukanisch gefhrt wurden, durften wir vorsichtig nachdringen, den Kodak sorglich verborgen. Doch wurden wir dann meist recht freundlich begrt, mit Hndedruck und Willkommengru: Maremare. Ein indianischer Rancho ist ein hchst primitiver Bretterbau mit Stroh gedeckt. Drei Wnde umgeben einen Raum, dessen Gre je nach dem Reichtum der Familie variiert. An der vierten Seite ist das Haus offen, wodurch sonstige Tren und Fenster berflssig gemacht werden. Dieser eine Raum dient dem Araukaner nicht nur als Wohnhaus, sondern auch als Schweine- und Hhnerstall, vorausgesetzt, da er ber solche Reichtmer verfgt. Auerdem enthlt er in malerischer Unordnung alles fr den Araukaner zum Leben notwendige. In der Mitte ist der Feuerplatz, umgeben von allerhand merkwrdig geformten Kochgeschirren. An Stangen und Schnren, die den ganzen Raum nach allen Richtungen durchziehen, hngen getrocknete Maiskolben, Tierhute, Felle, kunstvoll arrangierte Gedrme, daneben stehen die mit bunten Decken bezogenen Betten der meist recht zahlreichen Familienmitglieder, Scke mit Mehl und Getreide dienen als Sitzgelegenheiten, von der Decke herab hngen die kunstreich gezimmerten Behlter fr Brustkinder, die die Araukanerfrauen auf dem Rcken tragen, wenn sie das Haus verlassen. In einer Ecke steht der Webestuhl, eine sehr primitive Maschine, auf der die Araukanerfrauen alle Stoffe fr den Hausgebrauch selbst anfertigen. Manche von diesen Stoffen, die zu Ponchos und Decken verwandt werden, sind wunderschn in Farbe und Musterung. Bei einem alten Araukanerhuptlinge sahen wir ber dem Feuerplatze zwei -- Skalpe hngen, ein schwarzes und ein blondes, augenscheinlich von einem Milchgesicht stammendes -- ein alter Familienbesitz, der jedoch in Ehren gehalten wird, obwohl diese Indianer jetzt friedlicher sind und, besonders keinerlei Gelste nach den Kopfhuten ihrer Mitmenschen mehr hegen. In einem der Ranchos, die wir besuchten, trafen wir eine indianische Medizinfrau. Sorgenvoll behandelte sie einen Araukaner, dem von einem Gegner im Streite ein Bein zerbissen war. Sie hatte den Mann ans Feuer gesetzt und das kranke Bein so nahe zur Flamme geschoben, da es den Eindruck erweckte, die kunstreiche rztin wolle es braten. brigens wurde die kluge Frau, wie sie unserem Fhrer gestand, von schweren Sorgen geplagt: in ihrer Praxis waren ihr bis jetzt nur Hundebisse begegnet und sie wute nicht, ob die dagegen angewandte Therapie auch bei Menschenbissen heilkrftig sei. In einem schwarzen Kessel auf dem offenen Herde brodelte ein kstlicher Kruterbrei, der von Zeit zu Zeit bemurmelt wurde. Hoffentlich hilft er dem wunden Krieger, damit er sich bald an seinem bissigen Gegner rchen kann. Die beste Aufnahme wurde uns bei einem alten Araukanerhuptlinge zuteil. Der Mann -- auf araukanisch nennt man ihn Cazike -- schien berhaupt kultivierter zu sein, als die brigen. Er baute sich gerade aus schnem Rotholz ein neues Haus. Dies war die einzige Araukanerfamilie, die ich ohne Gefahr, eingesperrt zu werden, photographieren konnte. Bei den anderen wurden die unglaublichsten Listen angewandt, damit ich meinen Kodak ein oder das andere Mal heimlich funktionieren lassen konnte. Meist wurden es dann -- Rckenaufnahmen. Aber dieser alte Huptling stellte uns nicht nur seinen beiden Frauen und seinen zehn Tchtern vor, sondern lie sich gerne als stolzer Hahn im Korbe, inmitten der zwlf Frauenspersonen seiner Familie photographieren. Die Mdchen zogen dazu ihre schnsten Gewnder an und behngten sich mit reichem Silberschmuck. Auch lie es sich der brave Mann nicht nehmen, die Nomelofcien -- so heit auf araukanisch jeder Nichtindianer, gleichviel ob er aus Temuco oder Moskau stammt -- mit frischen Eiern zu bewirten. Weitere Gnge des araukanischen Diners wiesen wir, angesichts der mehr als primitiven Methoden ihrer Zubereitung, hflich aber bestimmt zurck. Dafr trank der Alte, ebenso wie seine zehn Tchter, gerne und viel von dem mitgebrachten Rotweine. Die Araukaner sind, trotz eifrigen Bemhens der englischen Missionen, fast alle noch Heiden, das heit bis zu einem gewissen Grade. Einige hchst unchristliche Sitten, z.B. die Vielweiberei, die jedoch mit den sozialen Verhltnissen des indianischen Lebens eng verknpft sind, wird es wohl noch lange nicht gelingen, aus der Welt zu schaffen. Und wenn die Missionen darauf hinarbeiten, so begreifen sie nicht, da sie damit gleichzeitig die Moral dieses Indianervolkes untergraben. Denn die Moral der Araukaner ist absolut einwandfrei, trotz der Vielweiberei hher stehend als in manchem Kulturlande. Dem Vater liegt daran, seinen jungen Sohn als Arbeiter ans Haus zu fesseln. Dazu gibt es nur ein Mittel: er mu ihm eine Frau -- kaufen. Denn hier werden die Frauen noch gekauft, fr 25-80 Schafe, je nach dem Alter, kann man eine haben. Also der Vater kauft seinem 15jhrigen Sohne eine Frau, die billig sein mu, also wenigstens 35Jahre alt ist. Der Junge lebt mit seiner Frau glcklich bis zu seinem 25.Jahre. Dann ist seine Frau schon alt und verwelkt, er selbst hat sich aber schon etwas erspart und kann sich eine Frau kaufen, die ungefhr ebenso alt ist wie er. Mit der lebt er weitere 20Jahre, dann ist er reich geworden und kann sich ein junges Weib von 15Jahren leisten. Wenn er als 65jhriger Greis stirbt -- lnger lebt der Indianer fast nie -- ist seine dritte Frau 35 und taugt gerade dazu fr einen Burschen von 15Jahren gekauft zu werden. So schliet sich der logische Ring des merkwrdigen araukanischen Eheinstituts ganz von selbst. Eifersucht kennt die Araukanerfrau nicht, sie geht in der Sorge um die meist sehr zahlreichen Kinder auf. Ein Araukaner mit drei Frauen lebt in den glcklichsten und ruhigsten Familienverhltnissen. Solch ein durch jahrhundertelange Tradition geheiligter, aus den sozialen Verhltnissen eines Volkes sich ganz von selbst ergebender Gebrauch lt sich natrlich nicht durch einen Federstrich der Regierung aus der Welt schaffen, worauf die englischen Missionen mit Gewalt hinarbeiten. Dazu sind Jahrzehnte und Jahrzehnte sorglicher, verstndiger und verstndnisvoller Kulturarbeit notwendig. Diese und manche anderen interessanten Aufschlsse ber Sitten und Gebruche, Psychologie und Lebensbedingungen der araukanischen Indianer verdanke ich einer Persnlichkeit, die originell genug ist, um sie meinen verehrten Lesern vorzustellen. Es ist ein Franziskanermnch, Padre Hieronymo, einer der merkwrdigsten Menschen, die mir je in meinem Leben begegnet sind. Auf den ersten Blick scheint der Padre Hieronymo nur aus seiner braunen Kutte und einem mchtigen roten Bart, der bis an die Grtelschnur herabreicht, zu bestehen. Sieht man nher hin, so entdeckt man hinter Brillenglsern ein Paar leuchtend blaue, intelligente, freundlich und doch ein wenig listig blickende Augen. Der Padre ist Bayer. Hier lebt er seit zehn Jahren, hat eigenhndig, fast ohne fremde Hilfe unweit Temucos eine Schule fr Indianerbuben aufgebaut. Dort haust er, umgeben von 80-100 Araukanerknaben, die er zu vernnftigen, denkenden Menschen erzieht, ohne sie gewaltsam den eigenen Sitten und der eigenen Kultur zu entfremden. Einige Monate im Jahr durchstreift er zu Pferde das ganze Araukanergebiet, ist berall gerne gesehen, da er flieend araukanisch spricht, und holt sich die Jungen von 8-14 Jahren, die ihm jetzt berall mit Freuden anvertraut werden. Mit einer umfassenden, festgegrndeten Bildung verbindet Padre Hieronymo eine beraus feine Menschenkenntnis, eine Weitherzigkeit und Vorurteilslosigkeit, die bei einem bayrischen Franziskanermnch geradezu verblffend ist. ber alle Fragen der Politik, Literatur und Wissenschaft ist er orientiert. Unser erstes Gesprch drehte sich um russische politische Verhltnisse und die Bcher von Gorki und Tolstoi. Man denke -- ein deutscher Mnch in den chilenischen Urwldern! Manche hchst anregende und interessante Stunde verdanke ich dem Padre Hieronymo. Gerne wrde ich seine feinsinnigen Beobachtungen ber das Leben der Araukaner mitteilen, doch wrde mich das viel zu weit fhren. Die Araukaner-Indianer sind ein Thema, das sich auf diese Weise doch nicht erschpfend behandeln lt. Der Zweck dieser Zeilen konnte nur eine flchtige Umrizeichnung sein. Man sieht auch daraus, da der Gegenstand einer anderen Behandlung wert wre. ~Tafel 4~ [Illustration: ~Interieur einer Ruca~] [Illustration: ~Araukanierin zu Pferde~] [Illustration: ~Araukanische Ruca (Chile)~] [Illustration: ~Araukanischer Friedhof~] 11. BRIEF. SD-CHILE -- EIN ZWEITES DEUTSCHLAND. Wenn man in Europa an Chile denkt -- wer tut das berhaupt und wann? -- so macht man sich von der Ausdehnung des Landes schwerlich einen ganz richtigen Begriff. Auf die Karte von Europa projiziert, wrde Chile von Norden nach Sden eine Strecke einnehmen, die etwa von Kopenhagen bis Zentral-Afrika reicht. Dieser Umstand bedingt natrlich eine Variabilitt der wirtschaftlichen Verhltnisse, wie sie auerdem vielleicht nur noch in Ruland vorkommt. Die Grenzgebiete sind hier im hochgelegenen steinigen Norden, wo kein Baum und kein Strauch mehr gedeiht, die ungeheure Salpeterindustrie, -- im Sden, der in die gemigte Zone hineinreicht, die ausgedehnten Schafzchtereien. Dazwischen liegen die ppigen Ebenen von Santiago und Liai-Liai, wo der herrliche chilenische Wein wchst -- berhaupt ein Fruchtland par excellence, das dem gelobten der Bibel in nichts nachzustehen scheint -- und weiter sdlich am Valdivia und Ossorno herum das mrchenhafte Weizengebiet, dessen Fruchtbarkeit jeden europischen Landwirt gelb vor Neid machen mu. Die klimatischen Unterschiede in den einzelnen Landstrichen Chiles sind natrlich auerordentlich fhlbare. Das merkt man als Reisender, und noch dazu als eilig Reisender, ganz besonders -- leider, denn wenn man den Norden bei herrlichstem Sommerwetter und nie aussetzendem Sonnenschein verlt, kommt man im Sden in den grauen, trben und khlen Herbst hinein, ehe man sichs versieht. Eine Redensart behauptet vom sdlichen Chile, da es ein Land sei, in dem es dreizehn Monate im Jahr regnet. Dagegen kann nur der Kalendermann aus Pedanterie protestieren. Dennoch wird man als Reisender von Ort zu Ort immer sdlicher geschickt. Denn die Chilenen sind mchtig stolz auf den Sden ihres Landes, auf die malerischen Schnheiten, die das Seengebiet der sdchilenischen Kordillere bietet. Aber was nutzen einem die herrlichsten Berge, die Schneekoppen phantastischer Vulkane, wenn sie von schweren, grauen Wolken bedeckt sind, oder die herrlichsten Seen, wenn ein dichter undurchsichtiger Regenschleier sie verhllt! Man lt die Einwohner von den zauberischen Schnheiten ihres Landes erzhlen und mu ihnen aufs Wort glauben. Oder man mu den vierzehnten Monat des Jahres fr seine Reise abwarten. Dann prsentiert sich vielleicht die ganze Gebirgsszenerie in ihrer vollen Pracht. Beim Durchfahren der Bahnstrecke Valdivia--Ossorno--PuertoMontt wird es einem, ebenso wie beim Aufenthalte in den genannten Stdten, zuweilen schwer zu glauben, da man sich irgendwo in Chile befindet und nicht in Deutschland, freilich in einem Deutschland vor fnfzig oder fnfundsiebzig Jahren (wie man sich das so vorstellt). Selbst der Piccolo auf den Stationen fehlt nicht: Glas Bier gefllig? Nur heit das hier una cerveza. Es ist kein Zweifel: in ganz Sd-Chile sind die Deutschen das absolut dominierende Bevlkerungselement. Wenn auch nicht der Zahl, so jedenfalls der wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung nach, die sie hierzulande erlangt haben. Allein drei Viertel des gesamten Grundbesitzes befinden sich in deutschen Hnden, zuweilen sind es Latifundien, deren Ausdehnung sogar in Ruland Respekt erregen wrde. Gter von 40-50000 Hektar sind keine Seltenheiten. Es gibt in Chile keinen armen Mann, behauptet eine Redewendung, die ich oft gehrt habe. Glckliches Land, wenn das stimmt. Und das scheint zu stimmen. Wohlstand und Gengen, wohin man blickt, wenigstens unter den Deutschen, die im Konkurrenzkampf mit dem trgen unentschlossenen Chilenen leichtes Spiel haben. Der Hauptgrund dieses auffallenden Wohlstandes ist natrlich der beispiellos fruchtbare Boden des Landes. In Chile wchst alles, was man in die Erde steckt. Und wie wchst es! Ich habe siebenjhrige Fruchtbume gesehen, die doppeltmannhoch unter der Last der Frchte buchstblich zusammenbrachen. Die ste der Pflaumen- und Birnbume sehen aus wie Riesentrauben und Riesenbeeren, Frucht an Frucht gedrngt, kein Blttchen hat dazwischen Raum. Und daneben wchst Tabak, Mais, oder Sonnenblumen von fabelhafter Gre, dann wieder Pfirsiche, Erdbeeren und friedlich nebeneinander stehen Kokospalmen und Edeltannen. Aber das eigentliche Gold des Landes ist der Weizen. Der Landwirt baut ihn fast ausschlielich. Er lt seine Felder lieber drei bis sechs Jahre ganz ruhen, um sie dann wieder unter Weizen zu bringen. Den Begriff der Dngung kennt man hier nicht. Und was fr Ernten gibt es hier! Eine Ernte, die das fnfundzwanzigste bis dreiigste Korn abwirft, gilt als mittelmig. In Ossorno lernte ich einen deutschen Landwirt kennen, der soeben eine Weizenernte eingebracht hatte, die ihm das fnfzigste Korn ausgab. Damit war er freilich selbst zufrieden. Trotzdem der ganze Weizenexport in den Hnden von nur zwei groen Firmen liegt, die merkwrdigerweise englisch sind und die Preise auf ein Minimum herabdrcken, ist das Weizengeschft so lohnend fr die Landbesitzer, da nichts anderes daneben bestehen kann. Die einzige Mhe, die der Landwirt hier hat, ist die -- das Land urbar zu machen. Ist das einmal geschehen, so braucht er sich um nichts mehr zu kmmern. Das brige besorgen der Boden und das Klima ganz von selbst. Aber diese Urbarmachung zwingt einen, gehrige Schwierigkeiten zu berwinden, und die Energie, die dazu verbraucht wird, verdient die allerhchste Bewunderung. Enorme Strecken des Landes sind von undurchdringlichem Urwald bedeckt. Den gilt es auszuroden. Hier hat sich nun eine ganz merkwrdige Technik ausgebildet, die -- nebenbei gesagt -- tausende von Kilometern weit auch den landschaftlichen Charakter des Landes bestimmt. Sie besteht in folgendem. Es werden knstlich Waldbrnde in Szene gesetzt. Vorerst um das Unterholz zu vernichten, denn sonst ist ein Eindringen in den Wald berhaupt unmglich. Der erste Brand vernichtet jedoch den Wald noch nicht, er trocknet ihn nur aus. Nun wartet man ein Jahr oder zwei, dann zndet man den Wald wieder an. Und so weiter, bis endlich nur noch verkohlte Stmme in dichten Reihen gen Himmel starren und das zu Asche gewordene Unterholz in schwrzlich-brauner Schicht den Boden bedeckt. Dieses landschaftliche Bild verfolgt einen durch ganz Chile. Es sieht trostlos aus, am wenigsten darnach, da hier der Mensch bei einer Kulturarbeit ist. Nun gilt es noch, die Bume zu fllen und die Wurzeln zu heben, dann kann man ruhig und unbesorgt um das Resultat seinen Weizen sen. Doch hin und wieder widersetzt sich der Wald. Es gibt Stmme und Baumstrnke, denen weder mit der Hand noch mit Maschinen beizukommen ist. Der Landweg zwischen Puerto Varras und Puerto Montt ist mit niedergebranntem Wald eingesumt, der seit fnfzig Jahren brach liegt. Sieht man die Stmpfe der Riesenbume, von denen manche drei bis vier Meter im Durchmesser aufweisen, so begreift man, da hier alle Arbeit umsonst wre. Ein Feind des Landwirts ist hier auch -- die Brombeere. Die Deutschen haben sie vor einigen Jahrzehnten erst selbst eingefhrt. Jetzt werden sie die Geister, die sie riefen, nicht mehr los. Die Brombeere wuchert berall in solchen Massen, in solch ppigem Gewirr, da sie droht, das ganze Land mit einer undurchdringlichen Hecke zu berziehen. Ein wahrer Vernichtungskampf gegen sie hat begonnen, der viel Mhe kostet und doch nur wenig nutzt. War es vor fnfzig Jahren fast ausschlielich die Landwirtschaft, die die Deutschen hier stark machte, so dringt ihr Einflu jetzt in alle Gebiete des wirtschaftlichen, sozialen, ja sogar politischen Lebens hinein. brigens sind die Chilenen weit entfernt davon, unzufrieden zu sein. Krzlich fiel mir eine spanische Zeitung in die Hand, aus der ich, zur Orientierung, folgendes wrtlich bersetzte Zitat mitteilen mchte: Deutsch sind unsere Unterrichtssysteme und deren Leiter, deutsch sind unsere Elektrizittswerke, deutsch ist unser Militrwesen, deutsch beinahe die ganze Salpeterzone von Tolo und Taltal, deutsch die meisten und wichtigsten unserer Banken, in deutschen Banken sind unsere Goldreserven deponiert, auf deutschen Schiffen fahren unsere Staatsangehrigen, wenn sie ihr Land auf einige Zeit verlassen, auf deutschen Schiffen kommen die fr unseren Gebrauch ntigen Waren an, mit deutschem Spielzeug spielen unsere Kinder, deutsche Artikel beherrschen unseren Markt und sogar unsere Zeitungen sind auf deutschem Papier gedruckt, oder wenigstens auf Papier, das durch deutsche Kaufleute in den Handel gebracht wird. Ich habe deshalb gesagt, da, wenn eines Tags eine andere Nation an unseren Tren pocht, man ihr antworten wird: besetzt! So weit der chilenische Publizist. Dazu kann man noch hinzufgen: deutsch, ausschlielich deutsch ist hier, wie brigens auch anderswo das Dreigestirn Doktor, Apotheker, Wurstmacher und deutsch sind alle, wenigstens alle guten Hotels. Letzteren Umstand kann der Reisende, zumal der deutsche, nicht hoch genug preisen. Und allen diesen Deutschen geht es, wie gesagt, gut. Verkrachte Existenzen kommen kaum vor. Ein GrafR., der sich hier so durchhochstapelt und ein Frstv.F., der in einer Valdivianer Brauerei Flaschen wscht, werden als Sehenswrdigkeiten gezeigt. Nun entsteht die Frage: fhlen sich die Deutschen hier als Deutsche, oder sind sie zu Chilenen geworden, wollen sie es werden. Es ist dasselbe Dilemma, vor das die Deutschen auch -- anderswo gestellt werden. Ich fragte einen hiesigen Einwohner darnach, einen prchtigen bayrischen Wurstfabrikanten in Temuco, dessen Shne sich schon etwas chilenisch ausnahmen. Ich fragte ihn: Tut es Ihnen nicht leid, wenn Ihre Kinder das deutsche Heimatsgefhl verlieren? Er zuckte die Achseln, und ein ganz leichter Schatten legte sich auf sein Gesicht. Das Einzige, was ich von meinen Kindern verlange, ist, da sie anstndige und ehrliche Menschen sind. 12. BRIEF. CHILENISCHES GESELLSCHAFTS-, BADE- UND SPORTLEBEN. Der Nachahmungstrieb, wenn er nicht auf innerem Verstndnis und wirklichem Bedrfnis beruht, sondern auf Eitelkeit und Parven-Ehrgeiz, ist eine gefhrliche, ja verhngnisvolle Eigenschaft. Er fhrt zu geistigen Flschungen, zieht in der Regel Zwang und Unfreiheit nach sich und bedingt das betrbliche Schauspiel, wie Sinn in Unsinn verkehrt wird. Einen Beleg fr diese Behauptung bietet das Leben der chilenischen beau monde, wie es sich dem europischen Beobachter darstellt. Sobald der Sdamerikaner -- hier ist speziell vom eingeborenen Chilenen die Rede -- zu Gelde kommt, packt ihn die Eitelkeit, es in allen Dingen den hochmtigen Europern nicht nur gleich-, sondern womglich zuvorzutun. Da ihm die eigenen Ideen fehlen -- wo sollte er sie auch herhaben -- mu er sich aufs Nachahmen verlegen. Und da entsteht jenes ergtzliche Bild, das die Kritik herausfordert, auch wenn man kein Mephistopheles ist: wie er sich ruspert, wie er spuckt... Schon auf den sdamerikanischen Ozeandampfern, in den groen Hotels der argentinischen und chilenischen Hauptstdte, fllt die stahlgepanzerte Reserve auf, die von Vollblut-Chilenen Europern gegenber zur Schau getragen wird. Sie entspringt jedoch keineswegs dem berlegenheitsgefhl und dem sprichwrtlichen Rassenhochmut der stolzen Spanier, sondern hat vielmehr in dem Gefhl der inneren Unfreiheit und gesellschaftlichen Unsicherheit ihren Grund. Weil der Chilene nicht genau wei, _wie_ er sich in jeder gegebenen Situation europisch zu betragen hat, betrgt er sich lieber gar nicht, d.h. bleibt stocksteif, stumm und unbeweglich. Die Angst, irgend eine gesellschaftliche Dummheit zu begehen, benimmt ihm die Bewegungsfreiheit. Amsanter noch als dies ist, da sich dieselben Gesichtspunkte hier auf das gesellschaftliche Leben bertragen, auch wenn die Chilenen unter sich sind. Wei man doch von seinem gesellschaftlichen Partner nicht ganz genau, was fr europische Begriffe er sich angeeignet hat. Von Leuten, die in den hiesigen Verhltnissen gut versiert sind, hrt man einstimmig behaupten, da in der chilenischen Gesellschaft eine arge Korruption herrscht. Es fllt schwer, das zu glauben, denn nach auen hin ist nicht das allergeringste davon zu merken. Im Gegenteil, ein sittenstrengeres Gebaren, als es die Chilenen allenthalben zur Schau tragen, lt sich kaum denken. Hier herrscht zwischen Innen und Auen augenscheinlich dasselbe Verhltnis, wie etwa in der Kleidung der bolivianischen Indianerfrauen. Nach auen hin sehen sie sauber und appetitlich aus, und nur der Eingeweihte wei, da unter dem schnen neuen Kleiderrock unzhlige alte, schmierige und zerfetzte stecken. Je strenger ein Dogma eingehalten wird, desto mangelhafter ist es meistens um sein Verstndnis bestellt. Das hat hier nicht nur auf die Dogmen der katholischen Kirche Anwendung, die mit einer unerbittlichen Strenge und peinlichster Genauigkeit befolgt werden, sondern auch auf die von Anno dazumal bernommenen Dogmen des europischen gesellschaftlichen Lebens. Wichtig ist hier wie dort nur, wie die Sache nach auen hin aussieht, doch darf man ihr beileibe nicht einen Millimeter breit auf den Grund gehen. Da ist z.B. das Straenleben abends in Valparaiso. Man tritt auf die Avenida del Independencia hinaus. Die Strae ist schwarz von Menschen. Im ersten Augenblick glaubt man, da sich ein Schadenfeuer oder sonst irgend ein aufregendes Ereignis abspielt. Erst wenn man nher kommt, erkennt man, da sich hier nichts anderes vollzieht, als die regelmige Abendpromenade der sogenannten guten Gesellschaft der Stadt. Und zwar ist es wirklich die gute Gesellschaft, und nicht wie etwa in Berlin auf der Friedrichstrae oder auf dem Newski in Petersburg die jeunesse (und vieillesse) dore nebst der dazugehrigen Demimonde. Auch das wird einem anfangs schwer zu glauben. Der einzige Unterschied zwischen der halben und der ganzen Welt hier ist der, da die erstere im Aussehen ehrbarer und im Benehmen distinguierter ist, denn sie stammt meistens wirklich aus Paris. Diese Abendpromenade der chilenischen Gesellschaft ist, wenn man die Sache beim rechten Namen nennt, eigentlich nichts anderes, als ein ordinrer Heiratsmarkt. Nur gibt sich jedermann den Anschein, als merke er nichts davon. Mtter stellen ihre unmndigen Tchter und mndige Jungfrauen und Frauen stellen sich selbst zur Schau. Zu diesem Zwecke staffiert man sich nicht nur mit unerhrten Toilettenknsten heraus, sondern lt auch alle Mittel -- und nicht einmal nur die geheimen -- der Kosmetik springen. Jedes weibliche Wesen in Chile, das sich zur Abendpromenade begibt, schminkt sich oder wird geschminkt -- ganz egal ob es zwlf oder vierzig Jahre zhlt. Auch das ist ein Beispiel fr das Miverstehen europischer Kulturerrungenschaften. Nach unseren Begriffen sehen diese bemalten Kindergesichter, die all ihren natrlichen Liebreiz verlieren, abschreckend, ja ekelerregend aus. Der Chilenin erleichtert diese Sitte die Konkurrenz, denn auf diese Weise haben sie alle mehr oder weniger das gleiche Aussehen. Und dann resultiert daraus ein wundervolles taktisches Prinzip: die Chilenin macht einfach so, als ob sie schn wre und benimmt sich so. Darin liegt vielleicht das Geheimnis ihrer Reize fr den geschmacksunsicheren chilenischen Jngling. Die Toiletten und Hte, die bei dieser abendlichen Promenade zur Schau getragen werden, sind von exquisitem Luxus. Man sieht ihnen die Pariser Herkunft unschwer an. Leider fehlt den chilenischen Frauen nur das, was man porte nennt. Sie erwecken oft den Eindruck wandelnder Kleiderstcke. Einer anderen, als der Augensprache drfen sich die Angehrigen verschiedenen Geschlechts nicht bedienen. Von _der_ allerdings wird ausgiebiger Gebrauch gemacht. Sonst verbietet der sittenstrenge gesellschaftliche Kodex jeden Verkehr. Mnnlein und Weiblein wandeln in suberlich getrennten Gruppen, und wehe dem, der einen Annherungsversuch macht. Unwillkrlich denkt man an die Sonntagspromenaden der Mdchen und Burschen in den russischen Drfern. Es mu ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen dem allgemeinen Kulturniveau und der Freiheit des gesellschaftlichen Verkehrs zwischen beiden Geschlechtern bestehen. Der europische Begriff der Geselligkeit scheint hier berhaupt in seinen gewhnlichsten Formen unbekannt zu sein. Man vergleiche z.B. das muntere ungezwungene Leben, das in einem beliebigen europischen Badeorte herrscht, mit dem, was man in dem fashionablen chilenischen Seebade Vina del Mar sieht. Dieser Badeort zeichnet sich schon dadurch vor allen brigen aus, da kein Mensch dort badet. Auer einigen Kindern, meistens Straenjungen, geht niemand ins Wasser. Das Meer wird hchstens als Schauspiel genossen, und auch das mit Ma. In Vina del Mar wohnt whrend der Sommermonate die gesamte vornehme Welt Chiles und jeder, der gern dazu gehren mchte. Das Badeleben beschrnkt sich darauf, da man zweimal tglich in seiner blankgeputzten Equipage spazierenfhrt, das heit was man so spazierenfahren nennt. In langen Reihen bewegen sich die eleganten Wagen die staubigen Straen des Stdtchens entlang. Oft bleiben sie stehen, doch nicht um den Insassen Gelegenheit zu einem Spaziergange zu geben. Das wre der kostbaren Toiletten und fabelhaften Hte wegen schon nicht zu empfehlen. Die Herrschaften bleiben in den Wagenpolstern ruhen, und die Equipage hlt nur, damit die Insassen bequemer lorgnettieren und sich lorgnettieren lassen knnen. Und der wundervolle Strand mit seinem schneeweien Dnensande, der endlos sich dehnenden glnzenden Flche des stillen Ozeans und den verfhrerisch schumenden Flutwellen bleibt um jede Tageszeit gleich leer -- ein Tummelplatz fr die lustige Straenjugend, die es nicht ntig hat, auf alle Flle fein zu sein. Dieses Feinseinwollen tout prix ist das Unglck der Chilenen, es unterbindet jedes Vergngen und ist auch der alleinige Grund ihres absurden, tdlich langweiligen Badelebens. Niemand wagt es, an den Strand zu gehen, denn man mu tglich und womglich stndlich zeigen, da man eine Equipage besitzt und sich einen Kutscher in Livree mit weien Lackstiefeln leisten kann. Da der Strand von niemandem besucht wird, braucht man ihn natrlich auch nicht zu pflegen. Badeeinrichtungen sind nur in so primitiver Form vorhanden, da in dieser Hinsicht das letzte Fischerdorf der Ostsee ein Ausbund von Luxus dagegen ist. Vor fnf Monaten ist am Strande von Vina del Mar ein groer chilenischer Passagierdampfer gescheitert. Die Trmmer liegen noch berall herum. Als ich eines Tages daran vorberwanderte, erfolgte pltzlich ein frchterlicher Knall, und das Wrack spie einen Regen von Holz- und Eisensplittern aus, die mir um die Ohren flogen. Der Schiffsrumpf wurde mit Dynamit auseinandergesprengt, wie sich herausstellte. Da jedoch nie ein Mensch sich am Strande zeigt, hielt man es nicht einmal fr ntig, irgend welche Vorsichtsmaregeln, etwa in Gestalt von Warnungstafeln, anzubringen. Fnfhundert Schritte weiter hat man die stdtischen Abfallgruben, die einen bestialischen Gestank verbreiten. Rudige Hunde suchen dort ihre sprliche Nahrung unter halbverfaulten Maisstrnken und Melonenschalen, alte zerlumpte Bettelweiber sammeln zerbeulte Sardinenbchsen auf, die von der Flut angesplt werden. Und dies alles geht an einer Stelle vor sich, die wie geschaffen dazu wre, damit sich dort das herrlichste ungebundenste Strandleben mit all seinen Reizen und Freuden entwickeln knnte! O ob der Kurzsichtigkeit des Nachahmungstriebes! Fehlt Vina del Mar somit der eigentliche Sinn des Badelebens, so ist der Unsinn, in seinen chicken Formen natrlich reichlich vertreten. Dazu rechne ich, auer dem erwhnten Toilettenluxus, das krampfhaft gesteigerte Interesse fr Rennsport mit all seinen Ausgeburten. Der Turf frit hier nicht weniger Existenzen auf als anderswo. Sportlich stehen die Rennen, mit geringen Ausnahmen, auf keiner sehr hohen Stufe, um so glnzender blht dagegen das Totalisator-Geschft. Betritt man den Paddok und schaut sich die chilenische Rennwelt an, so erlebt man manche berraschung. Vor allem die, da die Jockeys in ihren bunten Jacken meist Knaben von 12-18 Jahren sind. Zu einem Rennen sah ich einen Knirps von hchstens 10Jahren hinausreiten, seine winzigen Hndchen umspannten kaum die Zgel. Vom Sport kann unter solchen Umstnden wohl kaum die Rede sein. Die jugendliche Jockey-Gesellschaft mu die Pferde von vornherein durchgehen lassen, und jeder sorgt nur dafr, da er im Sattel bleibt, sonst wird weiter keine Reitkunst angewandt. Nur zu den hochdotierten Rennen (z.B. im Preise von Vina del Mar, 25.000 Pesos) erscheinen etwas ernsthaftere Leute am Start, und man sieht sportlich hervorragendere Leistungen. Gerade das erwhnte Rennen wurde vorzglich geritten, oder vielleicht schien es nur so nach der naiven Karriere-Wurstelei der Jockey-Suglinge. Amsant ist es, wenn ein edles Vollblut auf eigenes Risiko vor dem Startzeichen das Rennen beginnt und die Bahn durchrast, ohne da der Reiter die Mglichkeit hat, es vor Ende der Strecke zum Stehen zu bringen. Die brigen Pferde warten, bis der Durchgnger zum zweiten Mal -- meist unter frenetischem Applaus des Publikums -- die Startlinie passiert und nehmen dann das Rennen auf. Wie lustig dabei die Kombinationen am Totalisator sind, lt sich denken, beinahe so lustig, wie das Bild des Rennens. -- Freilich nicht fr Jedermann. 13. BRIEF. VON VALPARAISO NACH ANTOFOGASTA. -- DIE CHILENISCHE SALPETER-INDUSTRIE. Auf der sdlichen Halbkugel mu man sich an die verkehrte klimatische Rechnung gewhnen, da es um so heier wird, je hher man nordwrts kommt. Aus dem Herbst in Sd-Chile war ich in den Sommer von Valparaiso geraten, nun ging es in den Norden den Tropen zu. Der Dampfer Thuringia der deutschen Kosmos-Gesellschaft nahm uns auf, um uns bis Antofogasta zu bringen. Er war dabei so menschenfreundlich, nie weiter, als 4-5 Kilometer vom Ufer zu fahren, so da man whrend zweieinhalb Tagen stets das schnste Gebirgspanorama vor Augen hatte. Die Kordillere zieht sich hier in ziemlicher Hhe bis dicht ans Gestade des Ozeans heran. Die Landschaft ist einfrmig, aber dennoch immer reizvoll. Es ist kaum glaublich, welch eine Unmenge von verschiedenen, immer zarten und weichen Farbentnen diese mit grauem Sand und rtlich-braunem Gestein bedeckte Gebirgskette annehmen kann. An sich ist sie das deste, was es berhaupt gibt. Stein und Sand, Sand und Stein, nicht die leiseste Spur von vegetativem oder organischen Leben. Aber aus der Ferne im wechselnden Licht der Sonne, oder gar bei Mondschein, nimmt sich das alles aus wie ein Zauberland. In weich opalisierendem Glanz heben sich die schnen und ausdrucksvollen Konturen des Gebirgszuges vom leuchtenden blauen Himmel ab. In den Tlern und Klften lagern dunkle violette Schatten. Das ganze Bild hat etwas Unirdisches -- ein Eindruck, der sich noch verstrkt, wenn bei aufgehendem Mond die Farben ins Blulich-Silbergraue zu spielen beginnen. Wenn man dieses lockend und verfhrerisch scheinende Land betritt, gibt es freilich eine arge Enttuschung. Antofogasta ist ein grauenhaftes kleines Nest, wichtig nur als auerordentlich gut geschtzter Handelshafen und als Zentrum des chilenischen Salpeterexportes. Sonst bietet es nichts, auer einem lrmenden Anlegeplatz mit Dampfkrhnen, die nach allen Richtungen in die sonnendurchglhte Luft starren, prustenden Lokomotiven, schreienden lancheros, die heftig gestikulierend ihre Boote anpreisen, staubigen ungepflasterten Straen, kmmerlichen hlichen Bauten und einem steinigen Strand, der hier, wie berall in Chile, in eine belriechende Kloake verwandelt ist. Aber der Salpeter, der Salpeter -- der ist wichtig genug, um Antofogasta unter allen Stdten der Republik einen hchst bemerkenswerten Platz einzurumen. Der Salpeter ist der eigentliche Lebensnerv der chilenischen Wirtschaftspolitik. In der Geschichte des Landes hat er eine hervorragende Rolle gespielt. Er war es, der den casus belli im letzten Kriege zwischen Chile und Bolivien abgab. Die Geschichte dieses Krieges ist beraus charakteristisch fr die sdamerikanischen Verhltnisse und wohl wert, erzhlt zu werden. Die ergiebigsten und umfangreichsten Salpeterfelder liegen in der Hochebene der Kordillere, die Chile von Bolivien trennt. Antofogasta war ein bolivianischer Hafen, Chile hat seine Rechte darauf dem Nachbarstaate abgetreten unter der Bedingung, da Bolivien nie eine Ausfuhrsteuer auf Salpeter erheben wrde. Ein Weilchen ging alles hchst vorzglich. Bolivien hatte seinen Hafen, und Chile exploitierte ungeschoren seine Salpeterfelder. Aber nicht lange vermochte Bolivien, dem mit fabelhafter Leichtigkeit gewonnenen Wohlstande des Nachbars zuzuschauen. Es brach den Vertrag und belegte ein Quintal (ca. 36kg) Salpeter mit der allerdings sehr bescheidenen Steuer von 10Centavos. Da hatte es aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn der Wirt der Companie de Selitres de Antofogasta war niemand anderes als die chilenische Regierung, da sich die Hauptaktien dieser Gold- d.h. Salpeterfelder natrlich in Hnden chilenischer Minister befanden. Als Antwort auf sein schnes Steuerprojekt erhielt Bolivien von Chile ein militrisches Ultimatum. Die bolivianische Regierung darauf, auch nicht faul, erlie den Befehl, die Salpeterwerke zu versteigern, um auf diese Weise zu der Steuer zu gelangen. Nun setzte Chile 500Soldaten auf ein Kriegsschiff und schickte diese gewaltige Heeresmacht nach Antofogasta. Darauf war Bolivien nicht vorbereitet. So wurde denn Antofogasta mit viel Kriegsgeschrei, aber ohne Blutverlust erobert. Das war nicht schwer, denn die Einwohnerschaft der Stadt bestand zu zwei Dritteln aus Chilenen, zu einem Drittel aus Auslndern, und der einzige Bolivianer -- der Prfekt -- hielt es fr ratsam, keinen Widerstand zu leisten. Damit war der Krieg zu Ende. Jetzt hat Chile seine Salpeterfelder und den Hafen Antofogasta, Bolivien dagegen nichts, als das -- Nachsehen. Es bedarf von Antofogasta aus einer sechsstndigen Eisenbahnfahrt, um die chilenischen Salpeterfelder zu erreichen. Selbst wenn man sich fr Salpeter nicht besonders interessiert, wird man diese Strapaze nicht bereuen. Denn eine Strapaze ist es. Unter den sengenden Strahlen der Tropensonne schleicht der Zug bergaufwrts. Die chilenischen Waggons erster Klasse hneln in der Konstruktion den Trambahnwagen mit quer gestellten Bnken. Wirklich bequem kann man sich auf keine Weise hinsetzen, besonders wenn man lange Beine hat. Ringsum -- eine Wste, eine regelrechte Wste. ber dem grau-gelben Sande vibriert die glhende Luft im Sonnenglast. Hin und wieder unterbricht ein erbrmliches Stationsgebude aus Zinkblech die einfrmige de. Zu essen gibt es nichts auer einem scheulichen chilenischen Nationalgericht, den sogenannten empanadas, einer Art Pastetchen, deren undefinierbare Farce hauptschlich aus sen Zwiebeln, Safran, Weintrauben, irgend etwas Fleischhnlichem und unmenschlich viel Pfeffer besteht. -- Allmhlich beginnt der Wstensand weilich zu schimmern. Der Salpeter naht! Auf einer der nchsten Stationen hie es aussteigen! Die Officina Annibal Pinto war erreicht. Ich hatte schon vielfach die chilenische Gastfreundschaft rhmen hren, bis dahin jedoch keine Gelegenheit gehabt, sie selbst zu erproben. Hinter der Wirklichkeit blieben alle hochgespannten Erwartungen weit, weit zurck. Auf der Station empfingen uns -- wir waren telephonisch angemeldet -- drei Mitglieder der Betriebsleitung. Einer bemchtigte sich meines Reisekameraden, ein anderer meiner, der dritte unseres Koffers, und von dem Augenblicke an waren wir der Gegenstand so ausgesuchter bezaubernder Liebenswrdigkeit, wie wir sie bis dahin nicht erlebt hatten, obgleich man in dieser Beziehung als Tourist in Sdamerika, besonders seitens der Deutschen, nicht wenig verwhnt wird. Als Nachtquartier wurde uns die ganz luxuris eingerichtete Wohnung des Generaldirektors, der gerade Europaurlaub hat, angewiesen; die exquisiten Diners und Dejeuners, herrliches eisgekhltes Bier, kostbare chilenische und franzsische Weine, die fabelhaftesten drinks und cocktails in allen Farben spielend, von goldbraun bis rosarot, wie die Berge der Kordillere, -- alles das erweckte den Anschein, das man sich zum mindesten im Plaza-Hotel von Buenos Aires befnde. Die ans Mrchenhafte grenzenden Revenuen der Salpeterwerke erlauben es, hier oben in der Wste einen Luxus zu treiben, wie er sonst auf tausend Meilen im Umkreise, weder in Chile noch in Bolivien, zu finden ist. Einige von den mir bereitwilligst zur Verfgung gestellten Zahlen mgen das Gesagte erlutern. Das Aktienkapital, mit dem die fnf Officinas, d.h. Betriebe der Gesellschaft gegrndet wurden, beluft sich auf 16Millionen. Schon im ersten Betriebsjahre wurde dieses Anlagekapital getilgt, da der Reingewinn 18Millionen(!) betrug. Und auch jetzt noch, obgleich der Betrieb stetig vergrert wird, tragen die Aktien eine Dividende von 100-120 Prozent. Natrlich sind nicht alle Salpetergesellschaften so glnzend gestellt, wie die, deren Gste wir waren, doch ist der Salpeter unter allen Umstnden das lukrativste Geschft in Chile. Auch fr den Staat, der jetzt den Salpeterbetrieb selbst besteuert hat und daran ca. 180Millionen Pesos (1Peso ist mehr als ein Franc und nicht ganz eine Mark) gewinnt. Wie wichtig dem Staate die Salpeterindustrie ist, erhellt aus dem Umstande, da der chilenische Senat einen Preis von zehn Millionen Pesos ausgesetzt hat fr rationelle Verwertung der Salpeterberbleibsel. Die Compania de Selitres verdankt ihre kolossale Rentabilitt der wahrhaft ingenisen Betriebsanlage ihres Hauptingenieurs Senor LouisB., der whrend der Besichtigung unseren liebenswrdigen Fhrer abgab. Trotz der enormen Salpeterproduktion (5000 Quintals aus 45000 Quintals salpeterhaltiger Erde tglich), beschftigt der Betrieb nur 1200 Arbeiter, die nebenbei gesagt, auch ihre 8-13 Pesos tglich verdienen. Wie wird der Salpeter gewonnen? Nichts einfacher als das: man hat ihn nur zu nehmen, er liegt ja berall herum, der ganze Boden kilometerweit im Umkreise ist wei davon. Das erste Stadium der Salpetergewinnung scheint trotzdem das schwierigste zu sein, denn nur dort sieht man arbeiten, alles weitere vollzieht sich ganz von selbst. Ein halbstndiger Ritt fhrte uns in die Pampa hinaus, wo wir die calicha, d.h. salpeterhaltige Erde im Urzustande sahen. Links und rechts um uns stiegen von Zeit zu Zeit mchtige Rauchsulen in die Luft, ein dumpfer Knall verriet sie, auch wenn man ihnen den Rcken zukehrte -- die calicha wird mit Dynamit auseinandergesprengt, um leichter geschaufelt werden zu knnen. Riesige von Maultier-Troikas gezogene Wagen bringen die Erde zum Schienenstrange, auf kleinen carretos wird sie zu Zerkeinerungsmhlen gebracht, von dort geht es weiter zu den Kesseln, in denen die Erde mit jodhaltigem Wasser gekocht wird. Die Erde bleibt in den Kesseln zurck, von wo sie von fast ganz nackten Arbeitern bei einer Temperatur von 50-75 herausgeschaufelt wird, die salpeterhaltige Lsung fliet in ein ganzes Arsenal voluminser Reservoirs ab, wo sich der Salpeter an der freien Luft kristallisiert. Dann wird das gelbliche Wasser wieder abgeleitet, und in den Reservoirs liegt meterhoch schneeweier reiner Salpeter. An Ort und Stelle wird er in Scke verpackt, auf Plattformen verladen, an die Station, von dort nach Antofogasta gefahren und am Anlegeplatz der Compania in die mchtigen Buche der Europadampfer verstaut. Und an seiner Stelle strmt das Gold in die Kasse der Compania zurck. Der Proze ist, wie man sieht, hchst einfach. Einen wundervollen, mystisch geheimnisvollen Anblick gewhren die Officinas bei Nacht im Lichte der unzhligen elektrischen Lampen (denn hier wird Tag und Nacht schichtweise gearbeitet). Der ganze Horizont dieser bei Tage unendlich den Wste belebt sich. Eine Kette roter leuchtender Sterne scheint ihn einzusumen. Im Mondlicht (das hier nie zu fehlen scheint) zeichnen sich die gespenstischen, phantastischen Konturen der Fabrikgebude ab, die wie riesige Gerippe in den Nachthimmel ragen. Dieses Bildes konnte man nicht mde werden, obgleich unsere liebenswrdigen Fhrer zum letzten drink, auf den noch ein allerletzter folgte, drngten. Als ich um Mitternacht endlich im Himmelbette des Generaldirektors lag, kam es mir erst zum Bewutsein, da ich zehn Stunden lang ununterbrochen Spanisch geredet hatte, wenigstens mute ich es geredet haben, denn auer diesem Idiom war auf der Officina kein anderes bekannt. Sonderbar. Bis jetzt glaubte ich kein Spanisch zu verstehen. Man erfhrt auf Reisen die merkwrdigsten Dinge. Jedenfalls kommt mir noch heute die Geschichte von meinem Spanisch hchst -- spanisch vor. 14. BRIEF. BOLIVIEN. -- ORURO. -- LAPAZ. Wenn man auf die Karte von Sdamerika blickt, scheint Bolivien das Stiefkind unter den sdamerikanischen Republiken zu sein. Ohne Zugang zum Meere liegt es eingeschlossen zwischen den unwegsamen Einden der Kstenkordillere und den Schreckensgebieten des Gran Chaco, die auf den besten Karten noch wei, weil unexplored, sind, wo wilde Indianer hausen, die, wie man hier mit Sicherheit behauptet, zum Teil noch Menschenfresser sein sollen, und ber die berhaupt die abenteuerlichsten Gerchte zirkulieren von vergifteten Pfeilen und hnlichen fr reisende Europer wenig erheiternden Scherzartikeln. Auf den Reisenden, der von der Kste des Stillen Ozeans her ins Land hereinfhrt, macht Bolivien anfangs einen trostlosen Eindruck. Man kann nichts ahnen von den Reichtmern und Herrlichkeiten, die das Land birgt und die seinen Einwohnern unter allen Umstnden eine hchst angenehme Existenz sichern, obgleich sie von aller Welt abgeschnitten zu sein scheinen. Vierzig Stunden lang klettert der Eisenbahnzug von Antofogasta aus in die bolivianische Hochebene hinauf. Der Laie bemerkt an der Wste von Gestein und Gerll, die ihn umgibt, nichts Auergewhnliches, auer der bunten Frbung der Berge, ihren zum Teil pittoresken Formen. Sie sehen so aus, als htte der liebe Gott sie anmalen wollen und aus Versehen seinen Farbenkasten umgeworfen. Rote, blaue, gelbe, grne, violette Klexe berall. Noch sieht man stellenweise den schlanken Kegel irgend eines Vulkans rauchen, von ferne her gren die Schneekoppen der Hauptkordillere. Fr den Geologen dagegen ist das ganze Gebiet, das man durchfhrt, eine Quelle ununterbrochenen Entzckens. Zuerst geht es durch die Salpeterfelder mit ihrer weilich schimmernden caliche; dann durchquert die Bahn das Becken prhistorischer Gebirgsseen, die aussehen, als seien sie mit Zucker bestreut. Es ist reiner Borax, der einer englischen Kompanie, die diese Felder ausbeutet, hbsche Smmchen jhrlich abwirft. Sieht man den Schnee gelb schimmern, so wei man, da dahinter reiche Schwefelgruben stecken, und von den Zinn- und Silberminen, die ihren Besitzern fabelhafte Reichtmer einbringen, von den merkwrdigen Schichten, in denen das kostbare Wolfram-Metall gefunden wird, lt man sich von gesprchigen Mitreisenden Wunderdinge berichten. Staunend hrt man die Erzhlungen ber Silberminen, die durch unrationellen Betrieb dahingebracht werden, da das Grundwasser sie rettungslos zerstrt. Die Arbeiter hmmern, bis an die Brust im Wasser stehend, das kostbare Erz los, bis das steigende Wasser sie oder die Mine ersuft. Hier herrscht ja berall fast noch reiner Handbetrieb. Groe Maschinen lassen sich in die fabelhaften Hhen, in denen das Erz lagert, nicht hinauf bringen. Versucht man es, so kann es einem gehen, wie einer englischen Gesellschaft im tropischen Goldgebiete Boliviens. Sie machte eine Maschinen-Anlage fr Goldwschereien am Beniflu, die Millionen und Abermillionen kostete und nicht betrieben werden kann, weil alle wirtschaftlichen Vorbedingungen dazu fehlen. Und die englischen Ingenieure mit dem verpulverten Kapital mssen dasitzen und zusehen, wie irgend ein alter Inlnder gegenber am Flu sozusagen mit einem Tellerchen seine 500Pesos Gold monatlich aus dem Beni herauswscht, whrend ihre kostbare Patentbaggermaschine hoffnungslos versandet. Sitzt man im Eisenbahnzuge Antofogasta--Oruro, so merkt man von Stunde zu Stunde mehr, da Hhengrade erreicht werden, fr die unsere europischen Lungen ganz und gar nicht eingerichtet sind. Ohrensausen, Kopfschmerzen, die ersten Anzeichen der Bergkrankheit stellen sich mit tdlicher Sicherheit ein. Ein Gang aus dem Pullman-Car in den Speisewagen raubt einem nicht nur den letzten Rest von Atem, sondern leider auch den Appetit. Oruro liegt 4000 Meter hoch. Das schreibt sich leichter hin, als es sich ertragen lt. Nur langsam gewhnt man sich daran und an die damit verknpften verrckten klimatischen Verhltnisse, tagsber brennt einem die Tropensonne senkrecht auf den Kopf, abends wird es schneidend kalt, und kein berzieher ist dick genug gegen die dnne Luft. Dann greifen alle Einwohner der Stadt zu einem auch anderwrts bekannten Remedium gegen Klte -- dem Alkohol. Wenn die Sonne untergeht, findet man in den Bars an der Plaza kein Pltzchen mehr. Die gesamte mnnliche Einwohnerschaft Oruros versammelt sich dort, um dem Krper vermittelst unzhlbarer Cocktails die ntige Wrmemenge zuzufhren. Und die ganze Plaza wiederhallt vom Klappern der Wrfel, mit denen an allen Tischen diese Cocktails ausgespielt werden. So ohne weiteres bezahlt nmlich in Bolivien niemand sein Getrnk. Jedermann wrfelt mit 5-10 Gesinnungsgenossen die Runden aus. Und wenn man Pech hat, kann man vor dem Essen seine 15-20 Pesos in Cocktails anlegen. uerlich bietet Oruro gleich den meisten anderen bolivianischen Stdten ein merkwrdiges Bild. Anzeichen altspanischer Kultur vermengen sich mit moderner Physiognomielosigkeit, ein gewisser behbiger Wohlstand mit primitiver Armut. Neben wrdevollen Ziegelbauten in maurischem Stil stehen elende strohgedeckte Lehmhtten. An den Haustren sind berall noch die guten alten Trklopfer zu sehen, davor strahlen abends elektrische Bogenlampen. ber die zum grten Teil ungepflasterten Straen poltern vorsintflutliche Riesendroschken mit Maultieren bespannt und halten vor den Portalen hellerleuchteter Kinematographen-Theater. Die Bevlkerung besteht hauptschlich aus Indianern und Angehrigen der Mischrasse, die wenigen Europer sind Angestellte der auslndischen Banken und greren Handelshuser. Die bolivianischen Indianer sind als Menschenschlag nicht hlich. Jedenfalls sind sie Schnheiten im Vergleich zu den chilenischen Mapuches, an deren schlitzugig-mongolischem Aussehen, wie man sagt, ein in unvordenklichen Zeiten gestrandetes Schiff mit chinesischer Bemannung Schuld sein soll. Dieser mongolische Typus fehlt unter den bolivianischen Indianern vollstndig, sie haben runde Gesichter mit weichen Zgen. Zu der kupferbraunen Haut und den kohlschwarzen Haaren sehen die grellbunten Ponchos, die allen ausnahmslos ber die Schultern hngen, famos aus. Dank der farbenfrohen Kleidung der Indianer ist das Straenbild in den bolivianischen Stdten auerordentlich belebt. Mnner und Weiber wetteifern in der Auswahl der leuchtendsten Farben fr ihre Ponchos respektive Kleiderrcke. Sieht man sich dieses Giftgrn, Knallgelb, Feuerrot in der Nhe an, so tun einem die Augen weh. Eine der schnsten und beliebtesten Farben ist ein sattes, ziemlich helles Violett. Der brige Anzug besteht bei den Mnnern aus ebenso bunten gestrickten Zipfelmtzen, auf denen auerdem ein weier Filzhut aus dem Stoff der Bajazzomtzen sitzt, und Hosen, die unten bis zur halben Wade geschlitzt sind und in zwei Bahnen am Fu herabhngen. Diese merkwrdige Fasson erklrt sich durch die Notwendigkeit, die Hosen jeden Augenblick aufkrempeln zu mssen, nmlich bei den bergngen ber die Flsse und reienden Bche, von denen Weg und Steg im Gebirge durchkreuzt sind, und von denen auch ich bald ein Lied singen lernen sollte. Die Frauen sehen von den Hften abwrts alle wie verkappte Ballerinen aus. Sie tragen eine Unzahl Rcke, ziehen immer einen ber den anderen und nie einen aus, wird der oberste schlecht, so wird er durch einen neuen nur verdeckt, nicht ersetzt. Das ist weder appetitlich noch hygienisch, dafr aber bei dem hiesigen Klima zweckmig, weil wrmend. Auf dem Kopfe sitzt den Weibern ein hellgelber, kesselfrmiger Strohhut, darunter hngen immer zwei wundervolle, festgeflochtene schwarze Zpfe hervor. Das ganze Ensemble sieht aberwitzig aus, besonders bei den Cholofrauen, d.h. Mischlingen, die als Rasseabzeichen hohe Schnrstiefel mit spitzigen hohen Hacken unter den halblangen Rcken tragen. Vollblut-Indianer und Indianerinnen gehen immer barfu. Sehenswrdigkeiten im europischen Sinne bietet keine der bolivianischen Stdte. Sie sind selbst in ihrer Eigenart sehenswrdig genug. LaPaz, die Hauptstadt des Landes, Sitz der Regierung und des Prsidenten, hat genau denselben Charakter wie Oruro. Das Klima ist besser, denn LaPaz liegt nur 3600 Meter hoch. brigens ist die Lage der Stadt vom malerischen Standpunkt aus wundervoll. Tiefeingeschlossen in einem Talkessel, umrahmt von pittoresken Felsblcken liegen die Huser da, geordnet in winkelige Straen, die mitunter unglaublich steil bergauf und bergab fhren. Sogar fr die Plaza hat man keine wagerechte Ebene finden knnen. So sieht dieser schrg abfallende Platz aus, als sei er eben durch ein Erdbeben aus dem Gleichgewicht gebracht. Keines der Gebude, das ihn umgibt, hat eine gerade Fassade. Auch schimmert in LaPaz hin und wieder das Grn schner Platanen zwischen den Husern, whrend Oruro kahl wie ein Greisenschdel ist. Das Schnste in LaPaz aber ist der Illimani, der Riese der bolivianischen Kordillere, dessen leuchtend weies Haupt sich 7500 Meter hoch in den azurblauen Tropenhimmel erhebt. Der Zugang zur Stadt ist erst seit einigen Jahren erleichtert worden durch eine elektrische Bahn (ich glaube, die einzige in ganz Bolivien), die 400Meter herab vom sogenannten Alto zur Stadt hinunter fhrt. Als ich die schwindelnden Kurven dieser Bahn hinabfuhr, fiel mir eine ergtzliche Geschichte ein, die mir ein bolivianischer Parlamentarier auf dem Dampfer zwischen Valparaiso und Antofogasta erzhlt hatte. Vor nicht allzulanger Zeit machte sich der englische Ministerresident in LaPaz hchst unbeliebt. Als sein Treiben den Bolivianern zu bunt wurde, entledigten sie sich seiner auf eine sehr drastische Weise. Sie setzten ihn rckwrts auf einen Esel, gaben ihm den Schwanz in die Hand und fhrten ihn so zur Stadt hinaus zum Alto hinauf. England schnaubte Rache, doch was sollte man mit dem kleinen vorwitzigen Bolivien machen, dem zu einer Flottendemonstration, die England so liebt, die Meere fehlen! Da nahm man in London die Karte Sdamerikas zur Hand, strich Bolivien einfach aus und schrieb an seine Stelle das einzige aber vielsagende Wort savage hin. So die berlieferung. Ja, was soll man mit Bolivien machen, wenn es sich Dreistigkeiten herausnimmt, die anderswo nicht ungerochen bleiben wrden. Strategisch ist das Land von allen Seiten her absolut unzugnglich. Darauf bauend hat die Regierung sich bis zur letzten Zeit auch wenig um militrischen Schutz gekmmert. Erst die traurige Geschichte vom Verluste Antofogastas, die ich im vorigen Briefe erzhlte, hat diese Frage mehr in den Vordergrund des Interesses gerckt. Man gnnt Chile den Hafen nicht, und will ihn auf alle Flle zurckerobern. Dazu braucht man aber Soldaten, die man bis vor kurzem in Bolivien nicht hatte. Da hat man endlich mit der Erziehung einer Armee begonnen. Zuerst wurde diese schwierige Aufgabe -- gilt es doch hauptschlich Indianer zu drillen, die ausnahmslos Analphabeten sind und auer ihren zungenbrechenden Idiomen Aimara und Quechoa keine Silbe verstehen -- franzsischen Instruktoren anvertraut. Erst als damit gar nichts erreicht wurde, berief man nach dem Beispiel Chiles deutsche Offiziere. Diese haben in der bolivianischen Armee wahre Wunder zustande gebracht. Davon durfte ich mich selbst berzeugen. Auf die freundliche Einladung des Generalissimus der bolivianischen Armee, des preuischen MajorsK., wohnten mein Reisekamerad und ich einer Manverbung in Oruro bei. Die bung war gleichzeitig Schluprfung fr sogenannte Dreimonate-Rekruten, die nicht lnger von ihrer Feldarbeit ferngegehalten werden sollen. Was diese Burschen auf allen Gebieten militrischen Drills leisteten, war tatschlich erstaunlich. Die Exaktheit, mit der nicht nur Gewehrgriffe, sondern auch komplizierte Bewegungsmanver ausgefhrt wurden, htten einem beliebigen europischen Regiment zur Ehre gereicht. Famose Schtzen sind die Indianer mit ihren sprichwrtlichen Adleraugen natrlich allesamt. Eine Aufmerksamkeit, die uns der liebenswrdige Oberkommandierende bei dieser Gelegenheit erwies, mchte ich noch erwhnen. Beim Flaggensignalisieren zwischen zwei Truppenteilen berreichte uns der leitende Offizier die erste signalisierte Parole. Sie lautete: Boshe Zarja chrani. Diese Worte -- der Anfang der russischen Nationalhymne -- mgen in der bolivianischen Hochebene inmitten rothutiger Indianersoldaten zum ersten Male gehrt worden sein. In LaPaz hatten wir spter Gelegenheit, die bolivianische Kadettenschule zu besichtigen. Sie untersteht ebenfalls der Leitung eines deutschen Offiziers, des HauptmannsM. Es ist eine Freude zu sehen, mit welcher Lust diese krftigen braunen Jungen turnen, mit welch einem geradezu akrobatischen Geschick sie die schwierigsten Evolutionen an Reck und Barren ausfhren. Diese Vorfhrungen fanden zu Ehren einiger chilenischer Minister statt, die in diplomatischer Mission in LaPaz weilten. Als die Gesellschaft nachher bei einem Glase Champagner zusammensa oder vielmehr stand -- der erste Toast galt brigens wieder dem russischen Zaren -- passierte mir ein peinliches Miverstndnis, an das ich noch jetzt ungern zurckdenke. Ich unterhielt mich mit einem Herrn, der mir als S.Exzellenz der Herr Kriegsminister genannt worden war. In der sichern Annahme, es sei der chilenische, erging ich mich in Lobeshymnen ber das chilenische Militr, das ich in Santiago und Valparaiso gesehen hatte. Das Gesicht meines Partners wurde dabei zu meinem Erstaunen immer lnger, seine Miene immer saurer. Endlich unterbrach er meinen Redeschwall: Sie mgen recht haben, aber warum sagen Sie gerade mir das? Sprachs und drehte mir den Rcken. Es war der bolivianische Minister. Man mu das bertnchte Freundschaftsverhltnis beider Republiken kennen, um die Tragik dieser Anekdote zu verstehen. LaPaz, im Herzen Boliviens liegend, wird fr uns der Ausgangspunkt einer sechswchigen Tour in die Tropenebene das Landes. Man hlt hier solch einen Ausflug fr ein gewagtes Unternehmen. Wir wollen sehen, ob unsre Erlebnisse die Befrchtungen unsrer bolivianischen Freunde rechtfertigen werden. ~Tafel 5~ [Illustration: ~Oruro (Bolivien)~] [Illustration: ~Straentypen in Oruro~] [Illustration: ~Lamas in ngsten vor dem Kodak~] ~Tafel 6~ [Illustration: ~PROBEN ALTSPANISCHER ARCHITEKTUR IN LAPAZ (BOLIVIEN)~] 15. BRIEF. IM TROPISCHEN BOLIVIEN. 1. VON LAPAZ BIS ACHECACHI. Vom Anfang unserer Reise an war es beschlossene Sache einen Ausflug ins tropische Bolivien zu machen. Die einzige Frage, die uns Sorge machte, war die, von welcher Seite dieses Wunderland am besten zu erreichen sei. Der ursprngliche Plan, von Argentinien aus durch den sogenannten Gran Chaco in die Urwlder Boliviens einzudringen, mute aufgegeben werden, weil er in der Zeit, die uns zur Verfgung stand, nicht ausfhrbar war. Bei den hiesigen Verkehrsverhltnissen mu man sich daran gewhnen, da Wochen, ja Monate als quantits ngligeables behandelt werden. Reisen werden durch die Jahreszeiten bestimmt, wenn berhaupt. Es heit etwa: wenn Sie jetzt losgehen, knnen Sie noch im Winter da und da anlangen, ob das aber im Juni, Juli oder August sein wird, darber wagt man keine Vermutungen. Anfangs hlt man diese sehr unsicheren Zeitangaben fr eine Folgeerscheinung von Denkfaulheit, Indolenz und jenes trgen laisser aller, laisser passer, an dem die Sdamerikaner der lateinischen Rasse allerdings leiden. Hat man jedoch die Wege und Verkehrsverhltnisse im Innern des Kontinents aus eigener Anschauung kennen gelernt, so ist man geneigt, selbst diese primitiven Zeitbestimmungen fr unbegreiflichen Leichtsinn zu halten. Schneller als durch die argentinische Ebene ist das tropische Bolivien von der Kste aus zu erreichen, obgleich es hierbei gilt, den gewaltigen Hhenzug der Hauptkordillere zu bersteigen. Diesen Weg entschlossen auch wir uns zu nehmen. So wurde LaPaz zum Ausgangspunkt unserer Expedition. Dieser Ausdruck klingt etwas laut und anmaend, man sieht gleich ganze Herden bepackter Kamele und Lamas, Regimenter eingeborener Sklaven vor sich, denkt an blutige Kmpfe mit wilden Stmmen nackter Indianer, Tigerjagden und Riesenschlangen. Dieses Bild bot unsere Reise freilich nicht, obgleich sie fr europische Verhltnisse immerhin noch interessant genug verlief. Als einzige ernste Gefahr, abgesehen von den Strapazen der Reise, wurde uns in LaPaz warnend das berall im tropischen Bolivien herrschende Fieber vorgehalten. Davor glaubten wir jedoch durch eine rationelle Chinin-Prophylaxe ausreichend geschtzt zu sein. Leider war dies nicht der Fall, denn bei unserer Rckkehr nach LaPaz erkrankten doch zwei Mitglieder unserer Reisegesellschaft, glcklicherweise nur leicht, an einer Form des Tropenfiebers, der sogenannten Tertiana. Neben der Beschwerlichkeit, berhaupt in jene Gegenden vorzudringen, ist das Fieber wohl der Hauptgrund, weshalb der mit allen Reichtmern der Natur gesegnete Landstrich des tropischen Boliviens verhltnismig so wenig Anziehungskraft auf den Unternehmungsgeist der Bevlkerung ausbt. Wer nicht unbedingt mu, steigt nicht in die Tropen hinunter, zumal er vorher beinah in den Himmel, nmlich auf den Rcken der Hauptkordillere hinaufsteigen mu. Von regelmigen Verkehrsverhltnissen zwischen dem in der Hochebene gelegenen und dem tropischen Teile Boliviens ist unter solchen Bedingungen natrlich keine Rede. Daher der hochtnende Name Expedition fr jede Reise, die ins Innere des Landes fhrt. Auf eigene Faust eine solche Expedition zu wagen, ist fr einen mit den Landesverhltnissen nicht vertrauten Europer nicht nur schwer, sondern einfach unmglich. Auch uns wre sie nicht gelungen, htten nicht wieder einige Herren von der Deutschen berseeischen Bank, der deutsche Konsul und Vizekonsul in LaPaz, uns wenigstens im ideellen Sinne die Wege geebnet. Die Reisegesellschaft bestand aus vier Personen. Von unserem Unternehmungsgeist angesteckt, schlossen sich zwei deutsche Herren dem Ausflge an, der preuische BergassessorW. und der allzeit liebenswrdige und lebenslustige Prokurist der Deutschen Bank in Valparaiso, Sch. Am 5.April, 7Uhr morgens, ging die Reise los. Ein kurzes Streckchen noch durften wir die Errungenschaften der Kultur genieen. Wenn man das genieen nennen kann. In einer Elektrischen, bei der der Fuboden aus den Stiefeln anderer Leute zu bestehen schien, und alles brige aus Ellbogen und Knieen, ging es eine halbe Stunde hinauf durch die brauenden Morgennebel nach dem sogenannten Alto von LaPaz. Es ist der Endpunkt der Eisenbahn, die nach LaPaz fhrt, 400Meter ber der eigentlichen Stadt. Dort fanden wir unsere weiteren Fahrgelegenheiten vor. Unsere beiden Reisegefhrten stiegen in eine Diligence, die einmal wchentlich den Verkehr zwischen LaPaz und dem zehn bis zwlf Stunden entfernt liegenden Stdtchen Achecachi besorgt. Ich hatte es mir nicht gedacht, da ich solch einen herrlichen alten Postwagen wirklich noch einmal leibhaftig vor mir sehen wrde. Zwlf Menschen nahmen in ihm Platz, Suglinge an der Mutter Brust, oder hier auch, nach der indianischen Sitte, auf der Mutter Rcken, ungerechnet. Auf hohem Bock thront ein Kutscher, in beiden Fusten den Wirrwarr von Leinen, mit denen er seine sechs langgespannten Pferde lenkt. Der schne Wagen ist einst rot gewesen, jetzt schon etwas verwittert und nicht ganz bestimmbar mehr in der Farbe: sein Aussehen leidet auch ein wenig durch das Chaos undefinierbarer Gepckstcke, das sich auf dem Dache emportrmt. Fr uns stand eine vorsichtigerweise bestellte Extrakutsche bereit. Die ist zwar zehn Mal teurer, dafr aber auch zwanzig Mal bequemer. Allerdings hat sie nur vier Pferde. Doch unseren Kutscher beseelte ein lblicher Ehrgeiz, der ihm dazu verhalf, das Wettrennen bis Achecachi richtig mit einer Wagenlnge zu gewinnen. Da wir dabei einen Federbruch erlitten und die Diligence ein Rad verlor, beeintrchtigte den Spa nur wenig. Herrlich ist solch eine Wagenfahrt durch die bolivianische Hochebene! Die ganze Puna -- so lautet der spanische Ausdruck fr dieses Gebirgsflachland -- ist von warmem Sonnenschein berflutet. Man geniet ihn in der ruhigen Zuversicht, da es nie drckend hei werden kann, denn das lt die Hhe von 4200 Metern selbst in der tropischen Zone nicht zu. Solange die Wege gut und eben sind, werden die Pferde nicht geschont, meist geht es im Galopp, Troika-Stil. Bei den Flubergngen -- und ihrer sind zahllose -- haben sie Zeit sich auszuruhen. Dann rumpelt der Wagen ber das Gerll der breiten jetzt zu Anfang des Winters ausgetrockneten Flubetten. Hin und wieder freilich gilt es, die Beine hochzuziehen, denn das Wasser berflutet doch zuweilen das Fubrett des Wagens. Die Landschaft bleibt sich den ganzen Tag ber gleich und dennoch wird man nicht mde, sie anzusehen. Nach drei Seiten hin dehnt sich unbersehbar weit die Puna aus. Nur im Osten hat man die ganze Zeit den stolzen Zug der Knigskordillere zur Seite. Mit Recht trgt dieser Teil des sdamerikanischen Gebirges seinen Namen. Es sind wirklich zwei Knige der Gebirgswelt, der 7600 Meter hohe Llampu und der 7500 Meter hohe Illimani, die diesen Hhenzug im Sden und im Norden begrenzen. Zwischen ihnen recken in geschlossener Kette ihre zahllosen weihuptigen Trabanten, die zum grten Teil namenlos sind, ihre blitzenden Schneekronen in den tiefblauen Himmel hinein. Viel Leben und Abwechslung freilich sucht man auf der Puna vergebens. Von Zeit zu Zeit begegnet man einem Trupp Indianern, die ihre mit nickenden Mais- und Weizenbscheln beladenen Esel nach LaPaz treiben. Lustig sieht es aus, da auf jedem Esel ein Huhn, resp. ein Hahn als stolzer Reiter sitzt. Die Indianer nehmen auf diese Weise stets ihre ganze Hhnerzucht mit sich, um die frischen Eier fr horrende Preise in der Stadt zu verkaufen. In noch greren Abstnden passiert man eine und die andere indianische Ansiedlung. Elende aus Lehm zusammengeknetete Htten. Auf vielen steckt als Zeichen der siegreichen katholischen Kirche, meistens schief, ein mit Bindfaden zusammengebundenes Kreuz aus zwei Holzstbchen. Und dennoch verrt sich in diesen rmlichen Behausungen und in den Lehmmauern, von denen sie umgeben sind, eine Art Stil. Es ist ein einheitlicher Zug in der kunstlosen Architektur, in den Mustern der groben Friese, mit denen die Mauern und die Simse der fensterlosen Htten geschmckt sind. Eine dieser Mauern sahen wir brigens im Vorberfahren pltzlich lebendig werden. Es war eine Million riesengroer Erdratten, die daran hinauf, herunter, hinein und herauskrabbelten. Fr zarte Gemter kein sehr erfreulicher Anblick. In seinem prchtigen Buche ber die Chaco-Indianer behauptet Nordenskjld, da die Erdratte dort an einem Stbchen schn gebacken als besondere Delikatesse bei Festessen gilt. Hier scheint das nicht der Fall zu sein, sonst knnten sich diese grlichen Tiere nicht in so erschreckender Weise vermehren. Gegen Mittag wurde in einem dieser Indianerdrfer umgespannt. Die vier flinken Pferde machten ebenso vielen zwar weniger schnellen, dafr aber ausdauernden Maultieren Platz. Die Reisenden konnten sich unterdessen mit heiem Tee aus Thermosflaschen und einem kalten Hhnerbein strken. Nach berwindung einiger nicht bedeutender Steigungen, bekamen wir beim rtchen Posadas zum ersten Mal den Titicaca-See zu Gesicht, und zwar gleich in nchster Nhe. Von der Ebene aus gesehen, hat er noch nicht die wundervolle intensiv indigoblaue Farbe, in der sein Wasserspiegel nachher ins Hochgebirge hin aufleuchtet. Doch gibt sein hier unten grnlich schimmerndes Wasser mit dem rosenroten Gestein der umgebenden Hgel, dem blauen Himmel und dem violetten Dunst, der das ganze Bild verschleiert, immer noch eine ganz unwahrscheinlich schne Farbensymphonie ab. Auer seiner Schnheit ist der Titicacasee durch seinen Wildreichtum berhmt. Fr jedermann, der etwas Jgerblut in den Adern hat, ist das der Ort zum toll und rasend werden. Das sollte ich am eigenen Leibe erfahren. Mein Gewehr ruhte wohlverpackt in seinem Futteral, die dazu gehrigen Patronen steckten in den tiefen Grnden irgend eines Koffers. Trotzdem und trotz der Proteste des ehrgeizigen Kutschers, der sich durchaus nicht vom Postwagen berholen lassen wollte, wurde das ganze Schiezeug auf offener Strae in Bereitschaft gesetzt. Ich lie Wagen Wagen sein und Kutscher Kutscher, zumal wir der Diligence um mindestens 5-6 Meilen voraus waren und stieg zum Uferschilf hinab, in und ber dem ich es schwrzlich wimmeln sah. Das Resultat rechtfertigte diese Eskapade. In weniger als einer halben Stunde hatte ich eine Beute von 15 Wasservgeln von acht verschiedenen Sorten beisammen, darunter 5Enten, einen prchtigen Reiher und das Staatsstck -- einen schwarzen Adler. Allerdings mu ich meinen Jgerruhm durch die Bemerkung schmlern, da die Vgel des Titicacasees augenscheinlich keine Ahnung davon haben, was eine Flinte und ein Jger sind, denn ich habe keinen Schu weiter als auf 20Schritte abgegeben. Und von den Enten -- herrliche fette Tiere mit schwarzem Gefieder und roten Schnbeln, ber deren Ebarkeit die Gelehrten allerdings noch streiten -- htte ich ebenso leicht 50 statt 5 haben knnen, denn nach jedem Schu setzten sie sich wieder friedlich im Kreise rings um mich herum. Nur dem Reiher mute ich nachstellen, und zwar gelang mir das mit Hilfe eines Indianers, der nach dem ersten Schu eiligst in seiner schwanken schmalen, aus Bast geflochtenen Balza durchs Uferschilf herangestakt kam. In wildem Jagdeifer vertraute ich mich ohne weiteres diesem seelenverkuferischen Fahrzeuge an, kniete darauf nieder und lie mich, kunstvoll balancierend, in den See hinaus rudern, was der Indianer hinter mir stehend, mit zwei Hnden ein Ruder handhabend, auerordentlich geschickt besorgte. Fast htte ich bei dieser Fahrt das Schieen vergessen. Unter mir das tiefe klare Wasser, dem man bis auf den Grund sehen konnte, von dem aus sich wunderbar geformte grnlich-blaue Wasserpflanzen emporrankten, zu beiden Seiten das hohe Schilf, das ber unseren Kpfen zusammenschlug und darinnen ein Geschwirr von bunten Libellen, winzigen Vgeln, Kfern und allerhand zirpendem Getier. Eine liebliche Sommermittagstimmung! So recht geschaffen, um sich in dem schmalen Kahne auszustrecken und alles ringsumher zu vergessen... Der Kutscher empfing mich trotz der vielen schnen Vgel, die ich mitbrachte, mit Gebrumm. Einen Aufenthalt hatten wir wegen des erwhnten Federbruches schon gehabt und in der Ferne zeigte sich schon die Diligence. Die armen Maultiere muten daran glauben. Mit Hott und Hh ging es ber Stock und Stein. Wenigstens kam man auf diese Weise schnell vorwrts. Fast gleichzeitig hielten beide Wagen vor dem Hotel in Achecachi. Nicht alles was so heit, ist ein Hotel. Dieses war z.B. keines. Nicht einmal eine Herberge. ber einen dunklen Hof arbeiteten wir uns durch ein Gewirr von Maultierschnauzen zu einer bauflligen Treppe durch, die zum einzigen Fremdenzimmer dieses Hotels fhrte. Zerschlagen von der langen Wagenfahrt lieen wir die mden Glieder auf ein Kanapee fallen. Diese Unvorsichtigkeit war mit einigen blauen Flecken zu ben. Trost brachte ein aus rotem Landwein artistisch gebrauter Grog. Es ist, wie ich erklrend beifgen mu, in dieser Hhe abends hundekalt. Eine in einen Rahmen gespannte Tapete, eine Art Theaterdekoration, teilte das Fremdenzimmer des Hotels in Salon und Schlafgemach. Ein amsanter Zufall wollte es, da die Wand ber meines Gefhrten Bett ein Portrt des russischen Zaren schmckte. Ich ruhte unter dem sanften Blick Abdul-Hamids ebenso gut. ~Tafel 7~ [Illustration: ~Balza auf dem Titicaca-See (Bolivien)~] [Illustration: ~Fltenblasender Indianer~] 2. VON ACHECACHI NACH SORATA. Wir waren in Achecachi in der Dunkelheit angekommen, konnten die Stadt also erst am nchsten Morgen in Augenschein nehmen, nachdem uns der achtjhrige, einzige Kellner des Hotels prompt mit dem ersten Hahnenschrei geweckt hatte. Viel Zeit raubte diese Besichtigung der Stadt nicht. Es gibt in Achecachi ein einziges Gebude, das wert ist, angesehen und photographiert zu werden. Das ist eine alte Kirche aus der Zeit, als die spanischen Jesuiten den freien Geist Boliviens unterjochten. Fast in allen bolivianischen Stdten sieht man noch die festgefgten Baudenkmler dieser finsteren Zeit. Sie sind ohne Zweifel das Beste, was die Jesuiten hierzulande zuwege gebracht haben. Doch haben sie sich dadurch bei der indianischen Bevlkerung keine grere Beliebtheit erworben, als anderswo. Fr den Indianer ist der katholische Priester heutzutage noch ein Zauberer, der mit Zauberformeln, die niemand verstehen kann, Geburt, Ehe und Tod des Menschen bespricht. Heute noch halten die Indianer hartnckig an ihrem Aberglauben fest, dem nach die Jesuiten in den Monaten nach der Ernte als Gespenster, eine Art Vampyre, nachtwandeln und den Indianern nicht etwa das Blut, sondern das Fett aussaugen. Daher stammen, nach Ansicht der Indianer, die, auch hier hufigen, Embonpoints der Geistlichkeit. Wehe dem unglcklichen Priester, der nachts im Mrz oder April einem Indianer in den Weg luft. Von der nchsten Station, dem Stdtchen Sorata, das zum eigentlichen Ausgangspunkte unseres Tropenausfluges werden sollte, waren uns Maultiere entgegengeschickt worden. Da wir einen achtstndigen Ritt vor uns hatten, muten wir uns beeilen. Gleich wenn man aus Achecachi hinausreitet, ffnet sich ein wundervoller Blick auf den Llampu (in Geographiebchern wird dieser indianische Name meist durch den spanischen Sorata ersetzt). In seiner ganzen Pracht liegt der Riese da. Die Kappe von blendendweiem jungfrulichen Schnee scheint sich bis zu der Hhe herabzuziehen, auf der wir uns befinden. Mit einer Deutlichkeit, als schaue man durch ein Zeissobjektiv, zeichnet sich jede Schneefalte der enormen Gletschergefilde vom blitzblauen Himmel ab. Noch ist seine einsame Hhe von keines Menschen Fu entweiht worden. Weder der Illimani, noch der Llampu sind bestiegen. Es hat's kaum jemand versucht. Oder doch! Vor wenigen Jahren erschien in Begleitung zweier handfester, schweizer Bergfhrer eine gletscherschtige Englnderin in Bolivien, um die beiden Herrscher der Kordillerenwelt zu bezwingen. Sie kam jedoch nicht weiter als bis zum ersten Schneesattel des Illimani, der aus unerfindlichen Grnden den Namen Paris trgt. Dieser Paris fand an der unternehmenden Britin keinen Gefallen. Er jagte sie mit allen Schrecken der Gletscherwelt, Schneestrmen, Bergkrankheit und Frost in die Flucht. Sie verschwand sang- und klangloser als sie gekommen war aus Bolivien, und ist vielleicht eben dabei ihren Spleen am Gaurisankar auszulassen. Drei Stunden lang geht der Weg direkt auf den Llampu zu. Er fhrt, vollstndig eben, ber eine Art Damm, der im sumpfigen Ufergelnde des Titicacasees aufgeworfen ist. Diese Strae ist auerordentlich belebt, da sie die Verbindung mit allen Indianerdrfern am jenseitigen Ufer des Titicacasees herstellt. Ununterbrochen begegnen uns Trupps eseltreibender Indianer. Die Frauen sind hier meist ganz dunkel gekleidet, bis an die Fuspitzen verhllt. Aus den Rckentchern hrt man das Wimmern von Suglingen. Um so bunter angetan sind die Mnner. Ein Poncho in irgend einer Farbe, vor der die Augen weh tun, eine bunte gestrickte Schlafmtze, an der lange Ohrenklappen herabhngen, oft mit Perlen bestickt, darber noch ein runder weilichgelber Filzhut. Aus den geschlitzten Leinenhosen schauen ein paar krftige, kupferrote Beine hervor. Man sieht hier besonders unter den jngeren Indianern Gestalten von auerordentlicher Schnheit. Die Frauen laufen ausnahmslos zu Fu, wenn jemand reitet, so ist es der Mann. Wir hatten den ganzen Weg ber, und spter noch viel mehr, Gelegenheit uns zu berzeugen, wie unglaublich flinke und ausdauernde Lufer die Indianer sind. Obgleich wir stundenlang Trab ritten, blieb unser Fhrer, ein Vollblut-Indianer, der sogar kein Wort spanisch sprach, nicht um einen Meter hinter uns zurck. Eine willkommene Abwechslung waren die uns hufig begegnenden Lamatrupps. Ich kenne kein komischeres Tier, als dieses aristokratischste der Lasttiere, wie es ein franzsischer Schriftsteller nennt. So ein Lama sieht aus wie ein Schaf, dessen Urahne ein Techtelmechtel mit einem Kamel gehabt hat. Die Dummheit des Schafes verbunden mit dem Grenwahn des Kamels bildet eine hchst ridikle Mischung. Die altjngferliche Koketterie und prde Indignation, mit der jedes einzelne den begegnenden Reiter mustert, reizt einen jedesmal unwiderstehlich zum Lachen. Die Verteidigungsart dieser vierbeinigen Aristokraten ist brigens keine sehr vornehme. Sie wehren sich gegen Angriffe durch Spucken. Um von Achecachi nach Sorata zu kommen, mu man einen Pa von ca. 4tausend Meter berschreiten. Fr bolivianische Verhltnisse ist dies ein Kinderspiel. Uns schien der Fall doch schon recht ernst. Statt des ebnen Weges hatten wir bald eine ziemlich steil aufsteigende Wste von Gerll, Schiefersplittern und vom Wasser kugelrund gewaschenen Kieseln vor uns. In einem Indianerdorfe machten wir Halt, um zu frhstcken und die Tiere ausruhen zu lassen. Zu welchem Zweck sich die Indianer in dieser Hhe, in dieser den Wste, wo es weder Baum noch Strauch gibt, ansiedeln, ist mir bis zum heutigen Tage rtselhaft. Auch, wovon sie leben, bleibt unklar. Tatsache ist, da man weder fr Geld noch fr gute Worte irgend etwas Ebares von ihnen erhandeln kann, nicht einmal einen Maiskolben oder eine Handvoll Reis, von Brot ganz zu schweigen. Auerhalb der Stdte ist der Reisende hier ganz auf sich selbst, beziehungsweise auf seinen mehr oder weniger gut assortierten Ekorb angewiesen. Nur unserem Indio gelang es fr einen Silberling eine Handvoll trockener Kokabltter zu erstehen. Er erklrte uns durch Zeichen, da er fr den ganzen Tag weiter keine Nahrung bedrfe. Der Nhrwert der Kokabltter, aus denen die Indianer ihre Kraft -- im wahren Sinne des Wortes -- saugen, mu demnach eine auerordentliche sein. Schmecken tun sie dahingegen abscheulich, etwa wie ein Gemisch von Tee und Chinin. Gourmandise kann man den Indianern also auf keinen Fall vorwerfen. Je hher man steigt, desto schner wird der Blick nach allen Seiten. Endlich sieht man auch den ganzen Titicacasee wie ein himmelblaues Tuch zwischen den Bergen ausgebreitet, daliegen. Man bedauert, da man nicht schielt, um die ganze Zeit ber mit dem linken Auge den See, mit dem rechten den Llampu anschauen zu knnen. Doch wird es noch schner. Wenn man den Pa berschritten hat, ffnet sich der Blick auf das 2000 Meter tiefer liegende Sorata, das wie das sauber aufgestellte Spielzeug eines artigen Kindes aussieht. Zwischen dem saftigen Grn der Grten blitzen die weien Blechdcher in der Sonne. Der Abstieg ist sehr steil und dauert drei Stunden, doch wird er einem nicht zu lang. Sorata hat ein wundervolles Klima und wre es leichter zu erreichen, so stnde es unter den Luftkurorten der Welt wahrscheinlich an erster Stelle und htte allenfalls nur die Konkurrenz von Madeira zu befrchten. Durch die Berge von Winden geschtzt, aber durchaus nicht eingeengt, liegt Sorata ca. 2500 Meter ber dem Meeresspiegel. Die Tropensonne zaubert bei ewig blauem Himmel eine Vegetation von unglaublicher ppigkeit und halbtropischem Charakter hervor. Alle Bergabhnge sind bedeckt mit Feldern und Anpflanzungen, sie sehen wie phantastische Schachbretter aus, jedes Fleckchen ist ausgenutzt. Soviel Agrikultur, wie im Tale von Sorata, habe ich sonst in ganz Sdamerika nicht beisammen gesehen. Wir reiten durch -- buchstblich -- mannshohe Weizenfelder, Reis- und Maispflanzungen. Die Blumenpracht zu beiden Seiten des Weges ist unbeschreiblich. Leuchtend rote Kakteen, Bsche gelber und weier Margueriten, Hecken herrlicher weier Rosen, Magnolien, Gardenien von unwahrscheinlicher Gre, Fuchsien-Haine, irgendwelche leuchtend violette Schlingpflanzen, die sich bis hoch in die Baumkronen hinaufziehen. Der Weg ist zum Lachen malerisch. Bald fhrt er an berhngenden Felsgrotten vorbei, bald windet er sich, von Sturzbchen zerfressen, an steilen Abgrnden hin. Hier steht eine alte zerfallene Wassermhle von wucherndem Grn fast begraben, dort zwischen hohen Maisstauden eine verwitterte Indianerhtte. Immer wieder ffnet sich der Blick auf Sorata. Die Sonne ist im Untergehen. Tief herabhngende rosa-violette Wolken schweben auf den Bergkmmen. Als Introduktion nicht bel! Man durfte auf das Weitere gespannt sein. Wir erreichen Sorata noch vor Einbruch der Dunkelheit. Im gastlichen Hause des deutschen GrokaufmannsG., den man scherzweise El Rey de Sorata nennt, fanden wir freundliche Aufnahme. Auf dem Hofe sahen wir zum ersten Mal die groen schwarzen Gummiklumpen zu mchtigen Haufen zusammengetrmt daliegen -- der erste handgreifliche Gru aus den Gebieten, in die wir uns hineinwagen sollten. Wir vergngten uns ein Weilchen mit harmlosem Ballspiel, wozu sich die Rohgummi-Ballen als sehr geeignet erwiesen, um dann noch lange auf der Gartenterrasse des Hauses die balsamische Abendluft zu genieen. In Sorata galt es, den Plan zur Weiterreise reiflich zu berlegen und alles dazu Notwendige sorgfltig, mit Liebe und Verstand vorzubereiten. Dank dem auerordentlich freundlichen Entgegenkommen des HerrnG. gelang es uns, in der fr bolivianische Verhltnisse merkwrdig kurzen Zeit von zwei Tagen reisefertig zu sein. Vorerst mute das nchste Reiseziel festgesetzt werden. Das tropische Bolivien -- ja, aber das tropische Bolivien ist gro. Wo kann man dort irgend etwas in der Art eines Unterkommens finden, wo luft man am wenigsten Gefahr, am Beri-Beri, gelben Fieber oder irgend einem sonstigen Tropenkoller zu Grunde zu gehen? Gleich diese Frage entschied unser liebenswrdiger Wirt mit dem Vorschlage, nach seinen Gummi- und Kaffee-Plantagen im Gebiete des Mapiriflusses zu gehen und eine seiner Haziendas, San Carlos, zum Ausgangspunkte weiterer Ausflge und Unternehmungen zu machen. Damit war uns das nchste Reiseziel gegeben. Obgleich der Ort Mapiri selbst als total verseuchtes Fiebernest gilt, sollte es in der weiteren Umgebung des Mapiriflusses nicht so schlimm mit dieser Gefahr stehen. Auerdem schluckte ja jeder von uns schon seit LaPaz tglich sein halbes Gramm Chinin. Nun hie es, einen Ariero, d.h. Maultierreisen-Unternehmer, gefgig zu machen, uns das ntige vierbeinige Material zur Verfgung zu stellen. Das war auch leichter gedacht, als getan. Die Arieros sind auf diese Art Unternehmungen schlecht zu sprechen, da die Tiere dabei kolossal strapaziert werden und nicht selten als Beute fr die Kondore und Aasgeier im Gebirge liegen bleiben. Wir passierten nachher manches hliche Knochenfeld. Dank den energischen Bemhungen des HerrnG. fand sich endlich doch ein Mann, der den Kontrakt unterschrieb, uns mit vier mulas de sella (Reittieren) und vier mulas de carga (Lasttieren) nach San Carlos und zurck zu bringen. Leider unterlieen wir es dabei, den Rckweg genau zu bestimmen, und muten daher denselben Weg zurckkommen, den wir gegangen waren, da der Ariero sich weigerte, einen anderen durch das Tal des Goldflusses Tipuani zu nehmen, der allerdings, wie es hie, kaum passierbar sein sollte. Nachdem diese beiden wichtigen Fragen zu allseitiger Befriedigung gelst waren, wurde die Ausrstung in Angriff genommen. Auch hiermit wren wir ohne HerrnG. nicht weit gekommen. Auer seinen Gummi-Latifundien von der Gre eines mitteldeutschen Herzogtums besitzt dieser Knig von Sorata nmlich noch den Kaufladen der Stadt. Er ist nicht nur der Knig, sondern auch der Wertheim von Sorata. Das war ein lustiges Einkaufen! Am liebsten htten wir alles mitgenommen. Aus LaPaz hatten wir nur unsere Feldbetten und Schlafscke nach Sorata geschickt. Nun ging es ans Verproviantieren, Legionen Knorrscher Suppentafeln, Bouillonwrfel, Maggi -- alles Dinge, die mir bisher nur aus dem Annoncenteil der Lustigen Bltter bekannt waren -- Erbswrste, Gemsekonserven, Corned beef, Sardinen und andere Herrlichkeiten trmten sich auf dem Ladentisch auf und wurden suberlich in Kisten verpackt, dazu Spirituskocher, Kessel, Kannen, Becher, Pfannen usw. An jede Kleinigkeit mute gedacht werden. In der Nacht noch sprangen wir abwechselnd auf, um einen vergessenen Korkenzieher, Bchsenffner, oder sonst etwas zu notieren. Brot und Zwieback wurden in zwei mchtige Blechkasten verltet, und jedes Stck Brot kostete nachher einen zerschlagenen Daumen, oder ein zerschundenes Handgelenk. Lichte und Streichhlzer wurden in Glasflaschen verschlossen, da sie sonst in der feuchten Tropenhitze sofort unbrauchbar werden. Endlich das Zaumzeug und die Sttel, von denen ich noch ein Lied singen werde, Decken, regendichte Ponchos, kurz alles fr die persnliche Bequemlichkeit erforderliche, nicht zu vergessen eine umfangreiche Apotheke, vor allem Salmiak und sonstige Mittel gegen Moskitosstiche, sowie -- last not least -- den Alkohol, Whisky und Kognak, in ausreichender Quantitt, die sich nachher dennoch als knapp erwies, als wir auf dem Rckwege den Kordillerenpa im Schneesturm passierten. Mit einigem Bangen fr die Mularcken sahen wir zu, wie unser Gepck abends auf dem Hofe des G.'schen Hauses zusammengestapelt wurde. Man sollte meinen, da es fr ein Regiment Soldaten gereicht htte. Vier gesunde Mnner konsumieren in 4-5 Wochen was ganz Erkleckliches. Noch nach dem Schlafengehen waren wir mit unseren sorgenden Gedanken in der Tienda, d.h. im Kramladen, und von Zeit zu Zeit hrte man einen der Schlfer von geflltem Weikohl, petit pois, Bismarckheringen und hnlichen, schnen Dingen murmeln. 3. VON SORATA NACH SAN CARLOS. Am 8.April um 7Uhr morgens war unsere kleine Karawane reisefertig. Abenteuerlich genug sahen die vier Reiter aus: auf dem Kopfe ein Tropenhelm oder ein breitkrempiger spanischer Torreadorhut, um den Hals in kunstvollen Windungen geschlungen die Cancha, ein breiter endlos langer Schal -- in der Hhe ein absolut unentbehrliches Kleidungsstck -- hohe spanische Schnrstiefel mit mchtigen Zackensporen, wie man sie in Europa nur noch auf Portrts von Don Quichote sieht, Revolver und Messer im Grtel, auf dem Rcken Bchse oder Gewehr, resp. Feldstecher oder -flasche. So stak jeder in seinem Sattel, wie eine Fischgabel im Etui. Sitzen ist ein Ausdruck, der nicht anwendbar ist auf die Lage, in der sich der Reiter auf einem bolivianischen Gebirgssattel befindet. Man ist zwischen eine Art Brust- und Rckenwehr eingeklemmt, die Fe hngen senkrecht herunter, sie stecken in zwei aus Holz geschnitzten oder aus Leder genhten Steigbgeln, die man anfangs verflucht, und die man nachher, wenn selbst in strmendem Regen die Fe trocken bleiben, nicht genug segnen kann. berhaupt mu man diesen Stteln nachsagen, da sie mindestens ebenso praktisch wie unbequem sind. Was geht da nicht alles dran und drauf und drunter. Unten kommen zwei Decken hin, hinten wird der Poncho angeschnallt, solange man ihn nicht braucht. Ebendort hngen zwei gerumige Satteltaschen, in denen man die notwendigsten Gegenstnde unterbringen kann, etwas Proviant und die unentbehrliche Whiskyflasche. Vorne sind drei Riemen angebracht, an die man am zweckmigsten den Kodak, den Trinkbecher und die Patronentasche anhngt, auf dem Sattel liegt eine kleine Decke aus Schaffell, die man bei Nacht als Kopfkissen verwendet. Elegant ist das Gesamtbild einer derartig gesattelten Mula mit dem Reiter darauf nicht, dafr ist man aber gegen alle mglichen Vorkommnisse gewappnet. Mit gesenkten Kpfen stehen die Lasttiere da, sie tragen schwerer als die Reitmulas unter den Bettscken, Proviantkisten und Felleisen, sogenannten petacas, die unsere brigen Habseligkeiten enthalten. Groe Geschftigkeit entwickelt die Mannschaft, nmlich der Ariero, ein Cholo, d.h. Halbblutindianer, der spanisch spricht, obzwar kaum besser, als wir selbst und zwei waschechte Rothute, deren Hauptbeschftigung nachher darin bestand, die entlaufenen Carga-Mulas wieder einzufangen, wobei sie mit affenartigem Geschick die halsbrecherischen Felsabhnge hinauf und hinunter klettern, um den Tieren den Weg abzuschneiden, denn von hinten lt sich keine Mula, die etwas auf sich hlt, einfangen, wie ich aus eigener bittrer Erfahrung wei. Der Weg nach San Carlos war auf vier Tagereisen veranschlagt. Jeden Tag waren 45 bis 50 Kilometer zurckzulegen, was bei den kolossalen Steigungen als recht gute Leistung zu bezeichnen ist, weniger fr uns als fr die Tiere. Die tglichen Wegstrecken muten genau eingehalten werden, da auer den vorgemerkten Nachtquartieren keine Behausungen weiter unterwegs anzutreffen waren. Gleich am ersten Tage galt es, den Pa der Hauptkordillere zu berschreiten. Es ist der hchste Gebirgspa in ganz Sdamerika, ich glaube nicht, da er mit seinen 5500 Metern berhaupt irgendwo seinesgleichen hat. Mit Lust und Energie begannen die Maultiere den Aufstieg, hinterher mit Hott und Hh die Carga nebst den Indios. Aber das Vergngen dauerte nicht lange. Ist jemals einer meiner verehrten Leser auf einer Mula einen steilen Berg hinaufgeritten? Nur dann kann er nachfhlen, was man dabei zu leiden hat. Die Maultiere sind zwar sehr brave und ausdauernde Geschpfe, aber Reiter von nervsem Temperament knnen sie rasend machen. Je nach dem Steigungswinkel bleiben sie alle zwanzig, zehn oder fnf Schritte stehen, um Atem zu schpfen. Anfangs hat man Mitleid, denn man fhlt, wie die Flanken des Tieres unter einem schlagen. Man wartet also, bis es von selbst weitergeht. Beim nchsten Mal jedoch wird man schon ungeduldig. Man versucht es mit Zungenschnalzen, Pfeifen und allen spanischen Schmeichelnamen, die einem im Moment einfallen. Keine Reaktion. Nun schwingt man die Zgel und zieht dem Tiere mit dem, wie bei den russischen Iswoschtschiki verlngerten Ende der Leine, eins hinten ber. Keine Reaktion. Jetzt wird man heftig und fngt mit den Sporen an zu bohren und am Haarschopf zu ziehen. Nichts hilft. Nun bleibt einem nichts brig, als mit dem Revolver zu schieen, oder ruhig abzuwarten. Das erstere wre unklug, aber das zweite ist fr ungeduldige Gemter nicht leicht, zumal wenn andere Reiter mit krftigeren Tieren einen hohnlachend berholen. Man steigt also ab und geht zu Fu. Nun fngt man an die Mula zu verstehen. In dieser Hhe ist es nmlich tatschlich unmglich, mehr als zehn Schritte zu machen, ohne nach Luft zu schnappen. Wir waren vor der Bergkrankheit, der sogenannten Saroche gewarnt. Also steigt man doch lieber auf und wappnet sich mit Geduld, denn ruhig im Sattel hockend, sprt man die Wirkung der dnnen Luft fast gar nicht. Aber kalt wird es, empfindlich kalt. Man greift nach dem Poncho, wickelt den Schal fester, aber je hher es geht, desto klter wird es. Nur eines hilft -- der Sweater -- wenn man einen hat. In einem Anfall von Hellseherei hatte ich meinen von Moskau mitgenommen. Nach achtstndigem Aufstieg ist der hchste Punkt des Yachazani-Passes erreicht. Schon den ganzen Weg ber hatten wir wundervolle Gebirgslandschaften vor uns gehabt. Hier oben lt sich der Blick mit gar nichts vergleichen, was ich frher -- auch in den Kordilleren -- gesehen hatte. In greifbarer Nhe steht der Llampu vor einem. Wir hatten Glck. Kein Wlkchen verhllte sein majesttisches Haupt. Am liebsten htte man sich stundenlang von diesem Anblick nicht losgerissen. Aber es ist schneidend kalt, und wenn man im Schnee herumtanzte, um sich zu wrmen, ging einem doch sofort der Atem aus. Auerdem trieb der Ariero erbarmungslos zur Eile. Wir waren versptet oben angekommen. Damals wuten wir noch nicht, was fr Folgen eine jede Versptung in diesen Gegenden hat. Die mden Tiere werden also wieder bestiegen und weiter geht es, eine lange Strecke durch einen ziemlich eben scheinenden Gebirgskessel, dann abwrts. Es ist schon 5 und noch haben wir ein tchtiges Stck zu reiten. Ohne Erbarmen werden die Mulas wieder in Trab gesetzt. Aus dem Tal steigen dicke weie Nebelwolken hervor und hllen die ganze Landschaft ringsumher in einen undurchdringlichen Schleier. Es wird immer dunkler. Um6 ist es mit gewohnter Tropenprzision stockfinstere Nacht. Das letzte Stck des Weges -- glcklicherweise nur 1Stunden -- hat wohl niemand von uns als besonders gemtlich empfunden. Unsere einzige Hoffnung waren die Mulas. Zu Fu war kein Schritt mglich, da man in dieser sternenlosen Tropennacht nicht die Hand vor den Augen sah. Rechts hrte man das Brausen eines Gebirgsflusses, aber wo und wohin er fliet, sieht kein Mensch. Von Zeit zu Zeit erschallt in der Dunkelheit die Stimme des Ariero, der die Richtung angibt. Man segnete die Sprnase der Mulas, die Vorsicht, mit der sie Schritt vor Schritt machten und gelobte, am nchsten Tage die Sporen abzuschnallen. So langten wir im Indianerdorfe Injenio an, ohne es zu merken, denn nicht einmal die Konturen der Huser lieen sich in dieser rabenschwarzen Nacht unterscheiden. Aber die Mulas kannten ihren Weg. Als sie stehen blieben, wuten wir, da wir angelangt waren und abzusteigen hatten. In Injenio steht ein altes verlassenes und zerfallenes Haus, das einst einen wohlhabenden Besitzer gehabt haben mu, und jetzt, was selten genug vorkommt, von durchreisenden Fremden als Nachtquartier benutzt wird. Wir installierten uns in einem Zimmer, das zwar nur noch Fragmente von einem Fuboden, dafr jedoch Reste von Tapeten an den Wnden aufwies. Von Tischen, Sthlen oder sonstigen Bequemlichkeiten natrlich keine Spur. Wir erleuchteten dieses Gemach sofort prchtig vermittelst zweier bolivianischer Nachtleuchter, d.h. einfacher Stearinkerzen, die mit der ganzen erwrmten Lngsseite an die Wand gepappt wurden. Schnell wurden die Feldbetten aufgeschlagen, da sie zugleich Tische und Sthle ersetzen muten. Ein alter Indianer, den der Ariero unterdessen aufgestbert hatte, brachte Reisig, und im Nebenzimmer, das schon gar keine Andeutungen einer Bretterdiele mehr aufwies, wurde ein Feuer angemacht. Appetit hatte niemand von uns. Das pflegt einem am ersten Tage nach erlittenen Strapazen immer so zu gehen. Man begngte sich mit einer Tasse Tee oder Kakao, und konnte nicht schnell genug die mden Glieder in den Schlafsack und diesen und sich selbst auf das Feldbett strecken. Durch die zerbrochenen Fensterscheiben hrte man den Wind ums Haus gehen. Auf dem Hofe schnauften die Mulas, zwischen ihren Zhnen knirschte die frische Gerste, die wir ihnen vorgesetzt hatten. Sie hatten sie verdient. Guten Appetit! Am nchsten Morgen um 5Uhr hie es: aufstehen! Jetzt waren wir durch die Erfahrung gewitzigt und wren auch noch frher aufgesprungen, um einer Versptung aus dem Wege zu gehen. Es ist nicht leicht, in der Dunkelheit die Mulas einzufangen, sie zu satteln und zu bepacken. Whrend wir unseren Morgenimbi einnehmen, fngt es an zu dmmern. Wir sehen uns unser Nachtquartier an. Jetzt erscheint es schon weniger einladend, als gestern abend. Der Fuboden, oder das was ihn ersetzt, hat vielleicht vor zwei Jahren zuletzt eine Brste gesehen. Wenn man ihn nher untersucht, lt sich das Men frherer Reisegesellschaften mit ziemlicher Sicherheit bestimmen. ber der Tr hngt die Hlfte eines faulenden Balkons. Keine Fensterscheibe ist heil. (Whrend ich dies niederschreibe, denke ich lchelnd daran, da, als wir fnf Wochen spter nach Injenio zurckkehrten, mein Reisekamerad vor diesem Hause ausrief: Gott sei Dank, endlich wieder ein anstndiges Lokal!) Von den indianischen Ansiedlungen Boliviens ist Injenio unstreitig eine der interessantesten. Es ist ein altes Inka-Dorf. Aus dem Flu, den wir am Abend vorher hatten rauschen hren, haben vor langen Zeiten die Shne der Sonne unermeliche Reichtmer an reinem Golde herausgewaschen. Jetzt ist der Vorrat versiegt. Nur mit groer Mhe gelang es, von einem alten Indianer einige Krner Flugold zu erstehen. Oben in den Bergen hofft man, noch Gnge des edlen Erzes zu finden. Eine amerikanische Gesellschaft ist eben dabei, mit kolossalem Kostenaufwande oberhalb Injenios einen maschinellen Goldminenbetrieb einzurichten. Heute noch sieht man beim Durchschreiten des Dorfes, wie wert den Inkas Injenio gewesen ist. Imposante Dammarbeiten durchziehen die Gegend, Mauern aus mchtigen Quadern, in denen die Jahrhunderte keinen Stein haben lockern knnen. Von Zyklopen errichtet scheinen auch einzelne Huser zu sein. Die Inkas wollten hier fr die Ewigkeit bauen. Sie konnten es nicht wissen, da sie selbst so viel frher zugrunde gehen wrden, als ihre Werke. Noch eine lange Strecke auerhalb Injenios sieht man am Ufer des Flusses und an den Hngen der Berge die verlassenen Ruinen alter Inkaherrlichkeit einsam dastehen. Der Weg, der anfangs am Flu entlang fhrt, beginnt wieder sich einen Berg hinaufzuschlngeln. Bald ist die Vegetationsgrenze erreicht. Nur groe weie Sternblumen, gleich verkrppelten Margueriten ohne Stengel, und rote und violette Gebirgsglocken, unseren Alpenveilchen nicht unhnlich, bedecken die Abhnge. Diese zweite Tagereise ist ermdender, als die erste, geistig noch mehr als krperlich. Es geht ununterbrochen bergauf und bergab, ohne da man einen merklichen Hhenunterschied berwindet. Was man eben gewonnen hat, bt man in den nchsten fnf Minuten wieder ein. Schlielich wird man resigniert. Es ist den ganzen Tag ber neblig. Keine Spur von Aussicht. Man sieht nicht weiter, als hundert Schritte. Gleich feuchten Treibhausdmpfen steigen die Nebel empor. Sie kommen aus Palmenwldern und Bananenhainen. Der Weg wird immer schlechter. Sogar die Mulas stolpern. Alle Augenblicke mu man absteigen, damit die Mula nicht sich selbst die Beine und dem Reiter den Hals bricht. Gegen Mittag setzt ein feiner Regen ein, der immer strker und strker wird. Endlich schttet es wie aus Eimern. Der Weg ist so schlpfrig und glatt, da man jetzt selbst bei den gewagtesten Passagen den Mulahufen mehr vertraut, als den eigenen Stiefelsohlen. Man reitet gesenkten Hauptes, von der Hutkrempe geht es von Zeit zu Zeit wie ein Sturzbach nieder. Gegen diesen Wolkenbruch schtzt auch der regendichte Poncho nicht. Man fhlt sich langsam aber sicher durchweicht, und sorgenden Blicks sieht man, da dasselbe Schicksal auch die Schlafscke auf den carga-Tieren erreicht. Wenigstens verspten wir uns nicht. Um 5Uhr ist das zweite Nachtquartier, das Grand Hotel Tola Pampa, erreicht. Giftiger Hohn hat einer Scheune, die einsam auf Bergeshhe steht, einst diesen hochtnenden Namen gegeben, der ihr seither anhaftet. Als wir das Haus von Ferne sahen -- 50Kilometer im Umkreise gibt es kein anderes -- erhoben sich unsere Lebensgeister. Voller Energie ritten wir darauf zu. Prosit Mahlzeit! Besetzt! Das Grand Hotel -- vier Mauern mit einem Dach darber -- besteht aus zwei Rumen. In einem hatten sich sechs Bolivianer niedergelassen, so fragwrdigen Aussehens, da man unwillkrlich nach dem Revolver griff. Im anderen, kleineren, hockten frierend fnf Indianer. Was war zu machen? Die Bolivianer-Festung im Sturm zu nehmen, trauten wir uns nicht zu. Also muten die armen Indios daran glauben. Macht geht hier berall vor Recht, den Indianern gegenber natrlich ganz besonders. Wir konnten ihnen nicht helfen, die armen Burschen muten hinaus und sich unter der Dachtraufe niederlassen. Der eine mute sogar noch den Fuboden aus gestampftem Lehm reinfegen. Wenigstens sind die Braven an Trinkgeldern nicht zu kurz gekommen. Dem einen kauften wir fr 2Bobs (zirka 4Mark) einen Arm voll trocknen Holzes ab, das er, wei der Himmel von wo hergenommen hatte, dem andern einige Stck Brot, wobei allerdings ein ganzer Bob fr jedes Stck zu erlegen war. Der dritte holte uns Wasser von einer ziemlich entfernten Quelle. Jede Flasche erzielte annhernd den Preis von Mnchener Export-Bier! Wenigstens waren wir bis auf weiteres vor Wind und Wetter geschtzt. Das hatten wir aber auch sehr ntig. Schlafscke und Betten waren total durchweicht, wir selbst ebenfalls, das einzige Trockne waren die Decken, die unter den Stteln gelegen hatten. In keineswegs sehr gehobener Stimmung lieen wir uns auf unseren nassen Betten nieder. Im Raume nebenan schwelte das bolivianische Lagerfeuer. Der Rauch drang durch die Mauerritzen und beizte uns die Augen. Einen Schornstein, oder wenigstens ein Loch in der Decke hatte das Grand Hotel Tola Pampa nicht. Dennoch machten auch wir in unserer Nummer ein Feuer an, was schwierig war, da man sich in dem Rume, nachdem die Betten aufgestellt waren, kaum herumdrehen konnte. Immerhin hob sich der Lebensmut ganz betrchtlich, als wir in zwei Kesseln, die kunstreich an einem nassen Stabe bers Feuer gehngt waren, das Wasser brodeln hrten. Nun stellte sich zu unserer freudigen berraschung heraus, da preuische Bergassessoren auch mehr knnen, als Minen-Gutachten abgeben -- nmlich Suppe kochen! Unser AssessorW. jedenfalls braute aus Knorrs Suppentafeln, Liebigs Fleischextrakt, Wurstresten, Cornedbeef, Erbsenkonserven und den berbleibseln einer einst sehr schnen Hammelkeule eine Suppe zusammen, die dem matre d'hotel bei Adlon Trnen kollegialer Rhrung in die Augen getrieben htte. Dieses Meisterwerk der Kochkunst war unerreichbar. Und als dann das Wasser im zweiten Kessel sich in Grog verwandelt hatte, der immer mit Whisky verdnnt wurde, ward uns immer whler zu Mute, wie man hierzulande sagt. Um 8Uhr lagen wir auf den nassen Betten, der Ariero, der brigens seinem ominsen Namen -- Don Botello (die Flasche) -- alle Ehre machte, als Wchter quer vor der Tre. Um 4Uhr am nchsten Morgen rasselte der sorglich auf einem Emailleteller aufgestellte Wecker. Nicht ohne Bangen traten wir vor das Portal des Grand Hotel. Regnet es immer noch? Nein. Dem Schicksal sei Dank. Ein wolkenloser Sternenhimmel von groartiger Pracht spannt sich ber die Berge. Noch ist es Nacht. Als wir zum Ausritt bereit waren, begann ein Naturschauspiel von unvergelicher, geradezu berckender Schnheit -- der Sonnenaufgang. Im Westen am dunklen Himmel erblich der Mond, im Osten, von tiefschwarzen Silhouetten der Berge eingesumt, begann der Himmel sich rot zu frben, ein Rot von so dunklem satten Ton, als rhrte es von einem mchtigen Kohlenfeuer her. In dieser Farbe leuchteten pltzlich die Schneekoppen der Hauptkordillere auf. Zu unseren Fen dehnte sich unbersehbar weit ein brauendes Nebelmeer aus, das sich wie die Wellenbrandung eines mrchenhaften Ozeans durcheinanderschob, milchig, von fast blulichem Wei, bis auch hier der Lichtschein hindrang und die ganze grenzenlose Flche rosenrot frbte. Es war schwer hierbei seine fnf Sinne beisammenzubehalten und noch dazu auf die Mula aufzupassen, die im unsicheren Morgenlichte schnuppernd ihren Weg suchte. In der Ferne auf dem Kamm eines Berges sah man die winzig scheinende Gestalt eines Indianers stehen. Ich dachte daran, da diese Naturkinder, wie man mich versichert hat, heute noch alle Sonnenanbeter sind, trotzdem viele von ihnen, besonders in den Umgebungen der Stdte, natrlich getauft sind. Und ich dachte daran, da ihre Religion vielleicht doch nicht so ganz inferior ist, wie es uns von der Hhe unserer europischen Weisheit herab, vielleicht scheinen mag. Naiv genug ist er ja, der Sonnenkultus der Indianer. Sie bringen ihrem Gott nicht einmal Opfer. Sie beschrnken sich darauf, ihn als Erzeuger und Erhalter der Welt zu bewundern. Der Anschauung der Indianer nach gehren ihrem Gott alle Dinge, die er zuerst bescheint, das heit, alles was sich auf dem Gipfel der Berge befindet. Dieser Gedanke ist schn und billig zugleich. Vielleicht glaubt der Indianer auch, da auf den Hhen der Berge, die so wundervoll im Sonnenlicht glnzen, wer wei was fr Herrlichkeiten verborgen sind. Denn in den weiteren Postulaten seiner Weltanschauung ist der Indianer sehr bescheiden. Von den Produkten der Erde beansprucht er fr sich nur die gewhnlichsten, die ihm zur Nahrung, Kleidung und Behausung dienen. Alles was kostbar und schn ist, -- das Gold, die Vicunnas, aus deren samtweichem Fell man die schnen Decken macht, die noch zarteren Chinchillas usw., alles das gehrt ausschlielich den Shnen der Sonne, den Inkas. Der ordinre Indianer hat darauf kein Recht. Was es mit den Inkas eigentlich fr eine Bewandtnis hat, darber habe ich brigens in Bolivien ebensowenig sicheren Aufschlu finden knnen, wie in Europa. Die Geschichte des Landes setzt sich aus Legenden zusammen. Ziemlich allgemein nimmt man an, da der Stamm der Inkas auf die Bemannung eines gestrandeten Normannen-Schiffes zurckzufhren ist, die wegen ihrer hellen Haare und Augen als Sonnenabkmmlinge angesehen wurden. In Peru gibt es noch Indianer, die ihre Herkunft von den Inkas ableiten. Jetzt freilich ist ihre Haut braun, wie die der brigen Indianer. Doch sind es alles auffallend schne, hochgewachsene Gestalten mit edlen reinen Gesichtszgen. Von Tola Pampa begann ernstlich der Abstieg. Eine Stunde noch fhrte der Weg durch das steinige Felsgerll, das wir schon zur Genge kannten. Dann setzte die Vegetation ein, und zwar gleich mit vllig tropischem Charakter: Farrenbume, Fcherpalmen, zuerst alles noch recht winzig, kaum mannshoch, und vereinzelt. Doch mit jedem Schritt, den wir hinab tun, wchst und verdichtet sich der Wald. Von den Maultieren sind wir abgestiegen und lassen sie hinterher laufen. Beim Abstieg brauchen wir sie nicht. Vor uns liegt ein sonnenberglhter Grat, ein Weg von fast zwei Stunden. Er fhrt in leichter Neigung hinab. Nachdem wir ihn berschritten haben, kommen wir in Schatten. Gleichzeitig beginnt der Teil des Weges, der im Volksmunde mit Recht amargurani -- Bitternis -- heit. Ein geradezu grauenhaft schlechter, vom Regen total ausgewaschener, von breiten Felsspalten durchschnittener Weg. Oft ist man in Verlegenheit, wohin man beim nchsten Schritt den Fu setzen soll. Wenigstens geht es konstant abwrts. Es wird immer heier. Man hat bald die Empfindung, da man in dampfdurchglhter Treibhausluft vorwrts schreitet. Die Kleider kleben am Leibe. Der Schwei fliet in Strmen. Und dennoch vergit man alle krperlichen Beschwerden ber der vegetativen Pracht, die einen umgibt. Der Wald wird mit jedem Schritt dichter, endlich ist zu beiden Seiten des Weges richtiger undurchdringlicher Urwald. Was fr ein Wald! Kein Mrchen kann ihn schner schildern. Riesenfarren mit fcherartig ausgebreiteten sten, Schlingpflanzen, die wie Girlanden von Baum zu Baum und ber den Weg hngen. ppig wucherndes Buschwerk mit glnzenden, gleichsam lackierten Blttern; berall leuchten gelbe, rote, violette Blten hervor, einzeln und in schweren Dolden. Tausende von Pflanzen, die bei uns als kostbare Ziergewchse gezchtet werden, alles in riesengroen unwahrscheinlichen Dimensionen, mannshohe Schilfbltter, sogenannte Gummibume (die brigens mit dem Nutz-Gummibaum nicht das Geringste gemeinsam haben), gigantische Nesseln, deren Bltter von einer Seite samtgrn, von der anderen scharlachrot sind, Palmen von jeder Form und Gre, einzeln und in Gruppen, wie sie kein Kunstgrtner schner zusammenstellen kann. Ein Wirrwarr von saftigem Grn aller Schattierungen mit leuchtenden Farbenflecken dazwischen. Fast alle greren Bume sind mit Moosen bedeckt, Moosen von allen Farben, nilgrn, grau, blulich, ja dunkel weinrot. Und hier, welch eine Pracht! Aus dem Moose schauen die ersten Orchideen hervor. Man traut seinen Augen nicht. Man greift nach den Blten, und wenn man sie in der Hand hlt, lt sich ihre Existenz nicht mehr in Abrede stellen. Man kann sich nicht satt sehen an den feinen hellila und dunkelvioletten Blumen. Es sind wahre Wunderwerke der Natur, diese bizarren Kelche mit ihren exzentrischen Formen und herrlichen Farben. Am schnsten sind die groen, goldbraunen Dolden, an denen oft bis dreiig einzelne Blten sitzen. Man hat bald den ganzen Arm voll von dieser Bltenpracht und wei nicht, wohin damit. Es ist Frhstckszeit! An einem kleinen Sumpfe, den sogenannten Lagunillas wird Halt gemacht. Hier lernen wir die erste Schattenseite der Tropen kennen -- den Mangel an Trinkwasser. Die Thermosflaschen sind alle leer getrunken. Im ganzen Walde ist kein Stckchen trockenes Holz aufzutreiben, um Feuer zu machen und das Sumpfwasser zu kochen. Alle Versuche schlagen fehl. Der Durst wird immer qulender. Schlielich pfeift man auf Fieber und Typhus, schpft einen Becher voll des trben Wassers aus dem Sumpf, tut einen Desinfektionsschuß« Whisky hinein, und nimmt einen herzhaften Schluck. Wie das wohltut, obgleich es scheulich schmeckt. Nun kann die Reise weiter gehen. Gleich nach dem Frhstck hatte ich Glck. Ich blieb mit meinem Gewehr eine halbe Stunde zurck, da ich in den Baumkronen mancherlei flattern sah, was mich interessierte. In den Wald zu schieen, hat keinen Zweck, wenn man nicht mit einem Schlagmesser, einer sogenannten macheta ausgerstet ist, wie es hier jeder Indianer bei sich hat. Ohne dieses Instrument ist im Walde keine zwei Schritte vom Wege an ein Durchkommen zu denken. Man mu also geduldig warten, bis die erhoffte Beute ber den Weg fliegt. Da! ich schiee. Und vor mir auf dem Wege liegt ein regelrechter Papagei, prchtig grn und rot gefiedert. In der Freude meiner Seele werfe ich meine Papiros mitsamt meiner schnsten Bernsteinspitze in den Urwald -- ich habe sie nie wiedergefunden -- und hnge meine bunte Beute an den Sattelknopf. Die schnste Feder kommt an den Hut, der sich brigens im Laufe der Wochen in einen regelrechten indianischen Federkopfputz verwandelte. Dieses Mal bernachten wir in einer Indianer-Herberge. Noch um eine Nance primitiver als in Tola Pampa. Dafr stehen ums Haus herum wilde Zitronen- und Apfelsinenbume, und unten am Abhnge sehen wir eine Bananenpflanzung. Auch nicht zu verachten. Wir teilen den einzigen verfgbaren Raum, da er gro genug ist, mit einer Gesellschaft indianischer Packeseltreiber. Sie kochen in einer Ecke stumm -- Indianer reden nie, auer dem Allernotwendigsten miteinander -- ihren Reis, wir in der anderen geruschvoll unsere Suppe. Zu unseren Hupten ber den Feldbetten siedelten sich auf einer Stange smtliche Hhner des Hauses an und machten sich bald unangenehm bemerkbar. Zu dem durchlcherten Dach schaut der Sternenhimmel herein, durch den offenen Giebel das Kreuz des Sdens, das wir jetzt endlich kennen. Dieses Kreuz ist brigens ein bluff. Erstens ist es berhaupt nichts Besonderes und zweitens ist es kein Kreuz. Genau ebensogut knnte es einen Triumphwagen oder eine Kaffeekanne vorstellen. Es ist ein unregelmiges Parallelogramm von vier Sternen, deren einer ziemlich schwach leuchtet. Warum das ein Kreuz bedeuten soll, ist unerfindlich, jedenfalls wei das kein Mensch, auer dem Astronomen, der es so getauft hat. Theoretisch hatten wir von Lorenzo Pata, unserem letzten Nachtlager, bis San Carlos einen Tag. Praktisch wurden zwei daraus. Aber nicht durch unsere Schuld, denn um 5Uhr war die ganze Gesellschaft auf den Beinen, und um6 ritten wir aus, wohlgemut, trotz des strmenden Regens. Alles ringsumher trieft. Wir sehr bald ebenfalls. Der nageregnete Urwald bietet ein anziehendes Bild. Das Grn scheint noch saftiger. Man glaubt es ordentlich zu spren, wie die fruchtbaren Krfte sich darin regen. Die Moose schwellen, die Blumenkelche ffnen sich. Um 11Uhr klrte es sich auf. Die Tropensonne tat das ihrige, um uns schnell zu trocknen. Wir dampften richtig. Aus dem Tal -- wir sind ja immer noch 1Tausend Meter hoch -- steigen Nebelfetzen herauf und verfangen sich in den Baumkronen. Der Weg fhrt bergauf, bergab, bergab, bergauf. Eine gefhrliche Stelle ist noch zu berwinden -- der sogenannte tornillo (die Schraube), -- eine korkenzieherartig gewundene Wegstrecke, die an einem Abgrunde entlang fhrt. Den ganzen Weg, von Sorata an, war es uns aufgefallen, da auf dem Gipfel jeder Steigung ein mchtiger Steinhaufen aufgeschichtet war, von besonders riesigen Dimensionen bei den schwierigsten Stellen, am Jachazani-Pa, beim Beginn des Amargurani-Abstiegs, hier am Tornillo. Don Botello gab uns die Erklrung dafr. Wenn der Indianer einen Berg emporsteigt, nimmt er in jede Hand einen Stein, trgt ihn hinauf und legt ihn dann fein suberlich hin. Er glaubt, da ihm das Steigen erleichtert wird, wenn er die Steine nher zur Sonne bringt. Psychologisch ist dieser Aberglaube sehr verstndlich und berechtigt. Der Indianer denkt die ganze Zeit whrend des Aufstiegs an seine Steine, und das lenkt die Aufmerksamkeit von der eigenen Erschpfung ab. Im Laufe der Jahrzehnte bekommt ein jeder Gipfel auf diese Weise ein kunstloses, aber imposantes Denkmal. Bemerkenswert ist, da die Indianer ihre Steine oft in der Form eines Kreuzes anordnen. Um 3Uhr erreichten wir eine Finca, San Jos, des HerrnG., durch dessen Gebiet wir schon seit zwei Tagen ritten. Nun waren noch 3Stunden bis San Carlos. Nach kurzem Aufenthalt begannen wir den letzten, sehr steilen Abstieg. Allein wir hatten die Rechnung ohne den Regen gemacht, der am Morgen herabgestrmt war. Ein Gebirgsbach -- der Rio d'Oro -- der unten im Tal den Weg durchschnitt, war derart angeschwollen, da an ein Passieren gar nicht zu denken war. So muten wir den ganzen Weg wieder hinauf. Ich blieb unvorsichtiger Weise, vom Jagdeifer beseelt, zurck, scho auch richtig ein langschwnziges Ungeheuer, halb Papagei, halb Fasan und -- beinahe -- einen Affen. Doch mute ich dafr ben, nmlich den ganzen zweistndigen Aufstieg zu Fu machen. An diese Stunden denke ich ungern zurck. Ein siebenstndiger Weg, meist zu Fu, lag schon hinter uns. Halbtot langte ich in San Jos an. Die Kochkunst unseres vortrefflichen Assessors und eine Flasche wirklich echten Mnchener Bieres, das berall in den Tropen, wo es Menschen gibt, verzapft wird, freilich zu Phantasiepreisen, brachte mich nur langsam wieder auf die Beine. Trotz Hunden, Musen und einem Hahn, die sich in unserem Zimmer bekriegten, schlief ich wie ein Erschlagener. Am nchsten Morgen lieen wir uns nicht zurckhalten und nahmen auch glcklich das Hindernis, das uns in Gestalt des Rio d'Oro den Weg versperrte. Dennoch hatten wir auch jetzt, trotz des verhltnismig niedrigen Wasserstandes, beim Durchreiten des Stromes das Gefhl, gleich vom Strudel mitgerissen zu werden. Allein das Schicksal meinte es besser mit uns, und nur die Fe wurden na, ungeachtet der ingenisen Steigbgel. Gegen Mittag erreichten wir das gelobte Land -- San Carlos. ~Tafel 8~ [Illustration: ~Bolivianische Postkutsche~] [Illustration: ~Das Grand Hotel Tola Pampa~] ~Tafel 9~ [Illustration: ~Die Hacienda San Carlos (Bolivien)~] [Illustration: ~Indianer im Poncho vor einem Bananenhaine~] 4. SAN CARLOS. Die Hazienda San Carlos ist entzckend gelegen. Ich wrde sagen idyllisch, wre dieser Ausdruck nicht in den Tropen berhaupt und unter allen Umstnden deplaciert. In einem Talkessel, der die Aussicht nach einer Seite freilt, sind in regellosem Durcheinander die acht bis zehn Huser des Gutshofes hingebaut. An einer Seite zieht sich eine ppige Bananenpflanzung hin, deren Frchten wir mehr als einen exquisiten kulinarischen Genu verdanken. Von allen Pflanzen der Tropen ist die Bananenstaude, meinem Geschmack nach, die malerischste. Die ganz hell lichtgrnen Bltter von der Form riesiger Palmenwedel falten sich an der Spitze des Baumes zu einem breiten schattenspendenden Dache auseinander. Der Stamm geht von unten nach oben allmhlich aus einem brunlichen Rot in dasselbe Lichtgrn des Laubwerkes ber. Zwischen den Blttern lasten schwer die mchtigen Fruchtkolben, an denen sich die Bananen, je nach dem Stadium der Reife und der Sorte, grn, goldgelb oder kupferbraun auseinanderspreizen. An der anderen Seite der Hazienda ziehen sich die Kaffeeplantagen entlang. Schon von weitem sieht man die feuerroten Kaffeebohnen aus dem Laube hervorleuchten. Ums Wohnhaus herum stehen Orangen und Zitronenbume, ber und ber mit reifen Frchten bedeckt. Nur das Wohnhaus ist ein Bretterbau. Die Wnde der brigen Huser bestehen, wie berall unten in den Tropen, aus aneinandergereihten Bambusstben, die einfach in die Erde gesteckt und nur lose mit Bast zusammengeflochten werden. Fenster haben diese Bambuskfige, von denen ich noch zu erzhlen haben werde, nicht. Alle Gebude sind mit Palmstroh gedeckt. Oberhalb der Plantagen sind die sie umgebenden Hgel mit wundervollem dichten Urwald bestanden. Obgleich wir unangemeldet in San Carlos eintrafen, wurde uns ein beraus freundlicher Empfang seitens des Verwalters -- hier nennt man ihn gerente -- zuteil. Auf der luftigen Veranda, whrend unsere Zimmer zurecht gemacht wurden, bekamen wir sofort einen prchtigen rosenroten Cocktail aus Zuckerrohrschnaps vorgesetzt. Ohne das geht es hier nicht. Kein Verbrechen wird strenger gerochen, als wenn man die cocktail-time versumt. Nun, man lt es sich ja schlielich gefallen. Wenigstens braucht man, wenn man zu Gast ist, nicht um die Cocktails zu wrfeln, wie wir das in Oruro und LaPaz bis zur Besinnungslosigkeit tun muten. Vor dem Frhstck noch wurde uns ein langentbehrter Genu zuteil. Wir konnten baden. Hinter dem Hause hat sich nmlich der umsichtige und reinliche gerente mit Bedacht und Flei ein Schwimmbad hergerichtet. Es besteht aus einem groen Holzkasten, gerumig genug fr eine ganze Familie. Das krystallklare Wasser eines khlen Gebirgsstromes wird vermittelst zweier Holzrhren herein und wieder hinausgeleitet. Man pltschert also in flieendem Wasser. Da das Bad von einer gewaltigen Bananenstaude beschattet wird, gibt der ganzen Sache einen, dem Ort entsprechenden, uerst exotischen Charakter. Whrend der fnf Tage in den Kordilleren waren wir alle total verwildert, ganz en Schwein wie Heine sagen wrde, mit sprossenden Vollbrten. Wir erkannten uns gegenseitig kaum wieder, als wir uns sauber gewaschen und gekmmt an der Frhstckstafel zusammenfanden. Was die tropischen Mens anbetrifft, so mu man sich anfangs an mancherlei gewhnen, was man spter nicht mehr entbehren mchte. Dazu gehrt allerdings nicht die rote Ahi-Pfefferschote, vor der wir noch von Brasilien her einen Heidenrespekt hatten. Hier wurden die Speisen nur soweit gepfeffert, da man wenigstens nicht alle seine Trnen zu einer Mahlzeit zu vergieen brauchte. Vor der Suppe werden meist gekochte oder gerstete Bananen aufgetragen, oder eine mehlige kartoffelartige Wurzel juca, die mit Butter gegessen wird. Den Bananen haftet in dieser Form ein unangenehm slicher Geschmack an. Die grte Tropen-Delikatesse, die man sich gerne gefallen lt, ist ein Salat aus jungen Trieben der Palmen. Fr eine Schssel mssen vier Stmme gefllt werden. Das ist eigentlich ein Frevel, aber ein auerordentlich wohlschmeckender. Herrlich sind die tropischen Frchte hier, in Brasilien hatten sie mir gar nicht behagt. Da ist vor allen die chirimoja, die Knigsfrucht, die von auen ungefhr wie eine grne Zedernu aussieht, und deren schneeweies festes Fleisch einen beraus wrzigen, fein aromatischen Geschmack hat. Dann die grenadillos, Frchte der Passionsblume, die aussehen wie riesige Stachelbeeren und auch hnlich schmecken. Dann die palta, um deren Kern ein grnliches Fleisch von pikantem nuartigem Geschmack sitzt. Man it sie meist vor der Mahlzeit mit Salz und Pfeffer. Unangenehm schmeckt das weie, wollige und faserige Fleisch der pacais, die man bei uns in getrocknetem Zustande Johannisbrot nennt. Nicht zu verachten dagegen sind die papaillos, eine Sorte edler Krbisse, die ungefhr so behandelt werden, wie bei uns die Kartoffel. Keinen besonderen Geschmack konnte ich den sogenannten sen Zitronen abgewinnen, die berall zu Tausenden wild wachsen. Sie haben berhaupt keinen Geschmack, weder einen sen, noch einen sauren, noch sonst irgend einen, sind allerdings sehr saftig, was ihnen in wasserarmen Gegenden groen Wert verleiht. Whrend der fnf Tage, die wir in San Carlos verweilten, aen wir langsam aber sicher einen Ochsen auf, bis zu den Gedrmen inklusive, den sogenannten tripas, die hier hochgeschtzt, dennoch eine kulinarische Scheulichkeit sind. Im brigen verging die Zeit nur zu schnell in dem angenehmen Bewutsein, da man nichts zu tun hatte, als nichts zu tun. In den ersten Tagen strich ich viel mit dem Gewehr umher, brachte auch stets Beute heim, einige von den prchtigen feuerroten tuncis, einer ziemlich seltenen Papageisorte, celestinas, mit ihrem unwahrscheinlich schnen siebenfarbigen Gefieder, und viel Raubzeug. Die als Braten hochzupreisenden Bergpfauen -- pavo de monte -- habe ich wohl gehrt, aber nie zu Gesicht bekommen. Ebenso ging es mit den Affen. Es wird auf die Dauer langweilig, da man bei solchen Ausflgen nur auf die mehr oder weniger gebahnten Wege angewiesen ist. Im Walde selbst ist auch hier nirgends ein Durchkommen. Wagt man sich einen Schritt seitwrts, so ist man sofort rettungslos von tausend stachligen Schlingpflanzenarmen umgarnt. Der Jger kann dem Wild nicht nachstellen, sondern mu warten, bis es zu ihm kommt. Dazu gehrt mehr Geduld, als mancher besitzt. Lt man sich aber zu einem verfrhten Schu verleiten, so mu man es schwer ben. Auf dem Rckwege aus Mapiri hatte ich die seltene Gelegenheit einen mchtigen Kondor vor die Flinte zu bekommen. In der Aufregung scho ich zu frh, und er fiel vielleicht dreiig Schritte weit in den Wald hinein. Es dauerte mehr als 1Stunden bis wir uns zu zweit diese dreiig Schritte in das Dickicht hineingearbeitet hatten und noch eine weitere halbe Stunde bis es gelang, den Vogel aus der Palme, auf die er gefallen war, herauszuschtteln. Und endlich konnten wir ihn doch nicht mitnehmen, weil er zu schwer war, und es nicht anging, ihn durch das Gewirr von Schlingpflanzen durchzuschleppen. Die Jagdleidenschaft wurde durch eine harmlosere abgelst -- den Schmetterlingsfang. Zu hunderten gaukeln die bunten Riesenfalter in den Wldern umher und zwar vorzugsweise an den Wegen, da sie so poesielos sind, eine besondere Vorliebe fr Mulamist zu hegen. Es ist nicht so leicht ihrer habhaft zu werden. Erstens sie berhaupt zu fangen, und zweitens wenn man sie glcklich im Netz hat, sie nicht zu beschdigen, denn mit einem krftigen Flgelschlage kann ein solcher Falter die ganze Pracht seiner Zeichnung stren. Aber bung macht den Meister. Wenn man sehr geduldig, vorsichtig und leise ist, kann man den sitzenden Schmetterling mit den Fingern an den zusammengelegten Flgeln fassen. Allerdings ist er meist so infam, im allerletzten Augenblick zu entschlpfen, und es kann einem recht hei werden bei solch einer Jagd, die oft kilometerweit den Weg entlang fhrt, zumal Mittags in der Tropensonne. Im Verlaufe der ganzen Reise, vorzugsweise aber in San Carlos, gelang es uns, eine stattliche Sammlung von ber 160Sorten zusammenzubringen. Als wir nachher in LaPaz auspackten, hatten wir die Genugtuung, da selbst Dr.B., der Direktor des allerdings noch jungen bolivianischen Naturhistorischen Museums, eine ganze Reihe von unseren Faltern noch nicht besa. Die ersten Tropennchte schlft man schlecht. Sie sind zu schn, diese Nchte. Vor allem sind sie zu unruhig, zu enervierend, zu aufregend. Mit einer unglaublichen Pltzlichkeit brechen sie an. Man hat eben noch im Freien gelesen, da legen sich weiche schwarze Schatten rings auf Wald und Feld, ein khler Wind streicht durch die Bume, am dunkelblauen Himmel blitzt ein Stern nach dem anderen auf. Und nun gehts los, als wren alle guten und bsen Luft- und Nachtgeister entfesselt. Ein wahrhaft ohrenbetubendes Konzert beginnt. Legionen von Grillen, Zykaden, und anderem Nachtgetier zirpen, pfeifen, girren -- brllen, wrde ich am liebsten sagen. In den Bumen schluchzen und klagen die melancholischen Snger der Nacht. Das Gerusch wird endlich so stark, da man, wie beim Treswon der Moskauer Kremlglocken keine einzelnen Tne mehr unterscheiden kann. Ein rasender Liebestaumel scheint alles Lebende ergriffen zu haben. Das Locken und Schmeicheln nimmt kein Ende. Riesige Nachtfalter, Fledermuse, leise Nachtvgel tauchen schattenhaft im Dunkel auf, um gleich wieder zu verschwinden. Und nun beginnt die allabendliche Illumination des Waldes. Unzhlige Funken und Flmmchen blitzen berall auf -- es sind Millionen von Leuchtkfern. Alle Bergabhnge sind best mit ihnen, als wren die Sterne vom Himmel gefallen und knnten im duftenden Laub nicht verlschen. Doch ein Blick nach oben belehrt einen, da die Sterne noch an Ort und Stelle stehen. Und auch sie scheinen ihre Leuchtkraft verdoppeln zu wollen, als mten sie genau hinschauen, was dort unten auf der Erde eigentlich vor sich geht. Sie flimmern und flackern und knnen ihre Unruhe nicht bemeistern. Und unter solchen Umstnden soll man schlafen. Unmglich. Man liegt im Liegestuhl, stumm und wunschlos, und trgt mit einer Zigarette sein bescheidenes Scherflein zu der allgemeinen Illumination bei. Die schnen Tage von San Carlos vergingen nur zu schnell. Immer wieder gab es etwas anderes zu sehen. Wir gingen in die Kaffeeplantagen hinein und halfen die schnen roten Bohnen von den zierlichen Struchern pflcken. Dann sahen wir zu, wie die Bohnen von ihrer ueren Hlle gereinigt werden, was in einer Art Riesenkaffeemhle geschieht, die jedoch von Indianern mit der Hand betrieben wird. Grere Maschinenbetriebe sind hier unten natrlich unmglich, denn man kann hierher nichts transportieren, was ein greres Gewicht hat, als eine Mula auf dem Rcken tragen kann. Vor dem Wohnhaus in San Carlos ist eine groe Tenne angelegt, die ich anfangs fr einen vernachlssigten Tennisplatz hielt. Das war jedoch ein Irrtum. Auf diese Tenne werden die von ihrer ueren Hlle befreiten Kaffeebohnen geschttet und in der prallen Sonne getrocknet. Von Zeit zu Zeit laufen Indios mit nackten Beinen in dem Kaffee umher, um die Bohnen zu wenden und mit der Luft in Kontakt zu bringen. Nirgends in der Welt habe ich besseren Kaffee getrunken, als in San Carlos. Das Geheimnis seiner Zubereitung ist das, da der Kaffee in gar keine Berhrung mit irgend einem Metall kommt. Auf der Lehmflche des Ofens wird er gerstet, dann nicht gemahlen, sondern zwischen zwei Steinen zerrieben, in einem Tongef aufbewahrt und auch gekocht. Nur auf diese Weise erhlt sich sein Aroma ganz rein. Gekocht wird ein Extrakt von mnnermordender Strke. Er wird kalt serviert und ein Spitzglas davon in der Tasse mit heiem Wasser verdnnt. Das Resultat ist ein Getrnk, gegen das Nektar und Ambrosia Splwasser gewesen sein mu. Ehrgeizige Hausfrauen mgen das Rezept ausprobieren. Mit Indianern, die vermittelst ihrer sbelartigen machetos den Weg durchschlugen, drangen wir in den Urwald ein, um den Chinabaum zu finden, dessen Rinde hier frher ein wichtiger Exportartikel war, bis man sie von anderswo her billiger nach Europa schaffen konnte. Jetzt wird die bittere Rinde nur fr den Hausbedarf abgeschlt und verarbeitet. Man kmpft damit gegen das Fieber, ohne jedoch radikale Abhilfe schaffen zu knnen. Ein weiterer Ausflug fhrte uns nach den gomales, jenem Teil des Urwaldes, in dem der Gummi gewonnen wird, dem die hiesigen Haziendenbesitzer ihren Wohlstand verdanken. In den Wldern von San Carlos arbeiten mehr als 500 sogenannte picadores, Indianer, die tglich zweimal jeder einen Rayon von zirka einem Quadratkilometer abgehen und 100-150 Gummibume anzapfen. Sie schlagen mit einer spitzen Hacke hinein und befestigen unter der ffnung ein kleines Blechgef, in das der milchige Gummisaft abfliet. Bei der zweiten Runde werden all diese kleinen Becher, von denen an jedem Baum oft zehn bis zwanzig stecken, in einen greren Eimer entleert. Die weitere Bearbeitung des Gummis besteht darin, da er ber einem schwachen Holzfeuer -- im Walde noch -- geruchert wird. Dadurch wird er erstens schwarz und backt sich, zweitens, zusammen. Dann sind die rohen Klumpen zum Export fertig. Die Gummibume werden hier brigens nicht gepflanzt, sondern wachsen wild mitten im Urwalde. Die picadores mssen sich jeden Tag ihren Weg aufs neue durchschlagen, da die unglaublich schnell wuchernden Schlinggewchse ihn sofort wieder versperren. Von allen kultivierten Pflanzungen sind, nchst den Bananen, die Kakaoplantagen die schnsten und malerischsten. Der Kakaobaum ist sehr hochstmmig mit einer breiten Bltterkrone, unseren Eichen nicht unhnlich. Im dunkelolivengrnen Laube verstecken sich die Frchte. Eine leuchtend orangegelbe Schale umschliet die blulichen Bohnen. Das weie, weichlich-wollige Fleisch, das die Bohnen umhllt, wird von Liebhabern gegessen, zu denen ich mich jedoch nicht bekennen konnte. Hin und wieder fhrte unser Weg durch Reisfelder. Kurzsichtige knnen ihn fr Gerste oder Hafer halten. Er wird auch ebenso abgeerntet. Nur der Drusch bietet ein eigenartiges Bild. Das erste Mal glaubte ich, eine Horde Wahnsinniger, oder Angehrige der Springersekte vor mir zu haben. Doch waren es Indianerweiber, die mit wilden Gesten auf den Reisbscheln herumtanzten und stampften, und auf diese sehr primitive Weise die Krner aus den Halmen entfernten. Alle diese Ausflge wurden nebenbei zum Schmetterlingsfang benutzt. Unser Hauptaugenmerk richtete sich natrlich auf die groen blauschillernden Falter, die in Europa unter Laien unter dem Namen brasilianischer bekannt sind. Hier sind sie in drei Sorten vertreten, heller und dunkler gefrbt, mit samtschwarzem beziehungsweise goldbraun gewrfeltem Rande. Im Fluge bilden sie ein bezauberndes Bild, sie schweben so ruhig und aristokratisch daher, als seien sie berzeugt, da niemand die Dreistigkeit haben knnte, sie zu fangen. Dem Netz, das nach ihnen hascht, weichen sie nicht weiter aus, als unbedingt notwendig ist. Wer beschreibt unsere Freude, als wir eines Tages bei einem Spazierritt unter einem Baum japanischer Paradiespfel 40-60 dieser Riesenfalter beisammensitzen sahen. Zum berflu schien die ganze Gesellschaft vom Genu des Fallobstes berauscht zu sein. Sie lieen sich einer nach dem andern ruhig greifen. Wir hatten nicht genug Papiertten bei uns, um sie alle sorglich zu verpacken. Die am wenigsten sympathischen Bewohner des Urwaldes sind die Schlangen. Glcklicherweise haben sie vor dem Menschen genau ebensoviel Respekt, wie er vor ihnen, und kneifen beim leisesten Gerusch aus. Ich habe auf meinem Wege keine einzige gesehen. Doch schreckt man unwillkrlich zusammen, wenn man das Laub rascheln hrt. Es sind tausende von Eidechsen, die hier eine unwahrscheinliche Gre erreichen. Wie der Blitz huschen sie ber den Weg und verschwinden im Moose, man hat kaum Zeit, ihre grnschillernde Schwanzspitze zu sehen. Als wir eines Morgens auf die Veranda traten, prallten wir entsetzt zurck. Im Sande vor dem Hause lag eine enorme Riesenschlange. Erst bei nherem Hinsehen bemerkten wir, da sie keinen Kopf mehr hatte, obgleich sie sich noch den ganzen Tag ringelte und wand. Ein Indianer hatte das scheuliche Tier nicht weit vom Hause erschlagen. Ihre drei Meter lange, einen halben Meter breite, prchtig blau und grngolden schimmernde Haut bildet jetzt ein Staatsstck meiner Sammlung. Von den wilden Tieren des Urwaldes hrt man wenig und sieht man gar nichts. Abends tnt ab und zu der Schrei einer Wildkatze aus den Bergen herber. Alle Jubeljahre einmal stattet ein Leopard seine Visite ab, um dann freilich in einer Nacht eine ganze Schafherde umzubringen, denn er saugt den Tieren nur das Blut aus und lt die Kadaver liegen. ~Tafel 10~ [Illustration: ~Abschalen der China-Rinde~] [Illustration: ~Anzapfen eines Gummibaumes~] 5. MAPIRI UND GUANAY. Allmhlich wurde es Zeit fr uns, an die Weiterreise zu denken. Wir beschlossen zunchst nach Mapiri zu gehen und von dort aus fluabwrts bis Guanay zu fahren. Eine Tagereise lag vor uns, als wir uns am Morgen des 17.April auf den Weg machten. Der liebenswrdige gerente von San Carlos gab uns das Geleit. Da wir es der Fiebergefahr wegen vermeiden wollten, in Mapiri zu bernachten, kehrten wir unterwegs in San Antonio, der Hazienda eines bolivianischen Senators, ein. Wir wurden aufs freundlichste aufgenommen und beherbergt. Die Annehmlichkeit des Aufenthaltes wurde nur dadurch geschmlert, da wir veranlat wurden, nach hiesiger Sitte, unsere Bekanntschaft mit den Administratoren der Hazienda bis zur Bewutlosigkeit -- nicht im buchstblichen Sinne des Wortes -- mit Cocktails aus Zuckerrohrschnaps zu begieen. Am nchsten Tage hatten wir nur zwei Stunden bis Mapiri zu reiten, einen wunderschnen Weg, die malerisch bewaldeten Bergabhnge hinunter. Wenn nur die Hitze nicht gewesen wre, die mit jedem Schritt abwrts unertrglicher wurde. Wir hatten gedacht, in Mapiri ein stattliches Stdtchen vorzufinden, da es der Hauptschlssel zum ganzen Beni-Gebiete ist, von dem aus enorme Gummi- und Kaffeetransporte an die Kste befrdert werden. Statt dessen fanden wir ein elendes Nest vor, nicht grer als eine der Haziendas, die wir verlassen hatten. Der ganze Ort hat knapp hundert Einwohner, und auch die werden, so schien es uns, nicht lange mehr leben. Alle bis auf den letzten Mann sind schwer fieberkrank. Sie sehen entsetzlich aus, diese wandelnden Leichen, gelb, vertrocknet, hager mit glanzlosen Augen und erloschenem Blick. Den traurigsten Eindruck machten die Kinder mit ihren schlaffen Krpern, dnnen Armen und Beinen und greisenhaft ernsthaftem Aussehen. Mapiri besteht aus einer Strae, die mit flachen fensterlosen Husern -- den schon beschriebenen Bambuskfigen -- eingefat ist. Auf dieser Strae wuchert Unkraut, Nesseln und haushohe Disteln. Dazwischen spazieren Schweine umher und fressen die berall herumliegenden Bananenschalen. Hin und wieder sieht man ein Maultier oder einen Esel den Kopf unter dem glhenden Sonnenbrande senken. Vor einer Haustr spielt ein Indianerbube mit einem grauen langgeschwnzten Affen. Die Einwohnerschaft ist merkwrdig international. Man mu schon ein ganz verzweifelter Patron sein, um sich in diesem Fieberneste anzusiedeln. Wir trafen einen Dalmatiner dort, Chinesen und zwei Trken, deren einer durchaus seine Flinte und seine Frau verkaufen wollte. Fr die Flinte fand er auch bald einen Abnehmer. Die Frau war zu teuer. Sehr bald erfuhren wir, da unser Plan, gleich weiter zu fahren, unausfhrbar sei. Es wrde zwei Tage dauern, ein Boot fr uns instand zu setzen. Wir wappneten uns also mit Resignation, verdoppelten und verdreifachten die Chininrationen und gingen -- Schmetterlinge fangen. Hier wurde ein wunderschner, samtgrner, goldgemusterter Falter mit zierlichen Frackschen das Ziel unserer Sehnsucht. Dieser Grne hat uns nachher noch viel Sorgen und Aufregung gekostet, viel Anla zu Spott, Hohn und gegenseitigen Eiferschteleien gegeben, kurz, unsere schlechten Instinkte entfesselt. Unser Nachtquartier schlugen wir im Hause eines Hollnders auf, eines verbitterten, fieberkranken Krppels ohne Beine. Er besa einen Kramladen und fuhr unwirsch auf einem vierrdrigen Holzkarren, den er sein Automobil nannte, hinter dem Ladentisch her und hin, wenn er sich nicht mhselig sitzend, durch den Staub schleppte. Das ganze Milieu -- ein Cauchemar! Wenigstens gab es auch hier Mnchener Bier. Lwenbru! Lauwarm freilich, Kostenpunkt zirka 6Mark die Flasche, aber immerhin ein Labsal bei der Tropenglut. Und da weiter unten im reichen Beni-Gebiet, wie wir wuten, 10-15 Mark fr die Flasche bezahlt wird, muten wir es hier sogar billig finden. Als wir uns abends auf unsere Feldbetten gelegt hatten und noch darber nachdachten, wie wir uns am besten gegen die Moskitos, die Haupttrger der Infektion, schtzen sollten, drangen pltzlich Laute an mein Ohr. Ich horchte hin, -- kein Zweifel, das mute eine Art Musik sein. Wenn man eine Liebhaberei hat, so luft man ihr nach, egal, ob das auf dem Nordpol oder in den Tropen ist. Ich sprang natrlich auf und trat vor die Tr. Wundervoller Mondschein berflutet Mapiri. Selbst dieses elende Nest sieht im taghellen Silberschimmer des Tropenmondes ordentlich poetisch aus. Ich lausche, kein Zweifel, es ist irgend eine Musik zu hren, ganz deutlich lassen sich die Schlge einer groen Pauke unterscheiden. Ich werfe die notwendigsten Kleidungsstcke ber und gehe den Tnen nach. Sie werden immer deutlicher, Flten und Pfeifen sind dabei. Die ganze Sache klingt hchst sonderbar. Man wird nicht recht klug daraus, zehn Minuten vor der Stadt gelange ich auf eine Wiese. Dort bietet sich mir folgendes Bild dar: mitten auf der Wiese, vom Mondlicht hell beschienen, stehen zirka fnfzehn Indianer in engem Kreise und blasen auf Tod und Leben in ihre Panspfeifen und langen Flten hinein. Einer schlgt auf einer riesigen Trommel. Der Kerl hat Rhythmus! Smtliche Musikanten bewegen die Oberkrper gleichmig im Takt. Es stellt sich heraus, da eine Probe abgehalten wird zu einem Feste, das nach zwei Monaten stattfinden sollte. Ja, die Musik ist eine schwere Kunst, zumal das Orchesterspiel. Schon wollte ich fragen, ob sie nicht einen Dirigenten brauchen. Ich setzte mich ins Gras zu einer kleinen Gruppe anderer Musikliebhaber, und endlich gelang es mir doch, mich einigermaen in dem Chaos von Tnen zurechtzufinden. Zwei Indianer bliesen eine Melodie, wobei sie sich nach Art der alten russischen Hornmusikanten ablsten, d.h. wenn einem auf seiner Flte ein Ton fehlte, so blies ihn der andere. Die Schnelligkeit, mit der diese Ablsung geschah, war bewundernswert. Das ist gar nicht einfach. Es kostete meinem Reisekameraden und mir heies Bemhen, uns nachher in dieser Weise den Donau-Walzer auf zwei indianischen Panspfeifen einzustudieren. Doch das nur nebenbei. Die brigen zehn oder zwlf Musikanten bliesen zu dieser Melodie die abenteuerlichsten Kontrapunkte, dank denen mitunter ganz merkwrdige Harmonien entstanden. Es gelang mir, im Laufe der Probe, drei Melodien nachzuschreiben. Eine davon gefllt mir mit jedem Tage besser. Ich werde sie in Europa als symphonisches Thema feilbieten. Als ich tiefbefriedigt von diesem musikalischen Genusse heimkehrte, empfing mich in unserem Bambuskfig eine hchst aufregende Szene. Auf einer leeren Bierflasche schwankte ein Licht, meine smtlichen drei Gefhrten mit Stcken und Schmetterlingsnetzen bewaffnet jagten irgend einem Phantome an der Wand nach. Endlich erblickte auch ich es -- eine Vogelspinne. Die scheulichste Kreatur, die ich je in meinem Leben gesehen habe, faustgro mit zahllosen behaarten Beinen und zwei langen krummen Zhnen am glatten Bauch, in dem wahrscheinlich schon mancher schne Singvogel verdaut worden war. Ihr Bi ist absolut tdlich. Der tapfere Assessor erlegte sie nach langer Jagd mit einem wohlgezielten Hieb. Das Abenteuer lie uns lange nicht schlafen, man glaubte immer wieder, die langen haarigen Beine solch eines Scheusals auf der eignen Stirn oder Hand zu spren. Endlich begannen die Sinne sich doch zu verwirren. Die Moskitos schienen die schne Indianer-Melodie zu summen... Auerdem stachen sie leider auch! * * * * * _Aus meinem Tagebuche._ 20.April. Am Morgen um 7Uhr stiegen wir zum Flu hinab, um uns einzuschiffen. Unser Boot wartete schon. Es trgt den stolzen Namen Orion mit schwarzen Lettern an seinem grauschmutzigen Bug. Wir kommen nicht weg. Es geht hier alles nicht so schnell, obzwar die Mannschaft ums Boot herumwimmelt und unendlich geschftig tut. Es sind sieben indianische Jnglinge in weien Hemden und Hosen, barhuptig und barfig. Man nennt sie balzeros, auch wenn sie nicht auf einer Balza fahren. Es dauert eine Ewigkeit, bis unser Gepck verstaut ist. Die notwendigsten Sachen sind natrlich ganz nach unten geraten. Nur die berflssigen sind zur Hand. Auch haben wir Ladung. Kaffeescke. Das steht eigentlich nicht im Kontrakt. Erst um 9Uhr geht die Fahrt los. Uns zu Hupten kreist sehr niedrig ein Aasgeier. Die Flinte ist unter Kaffeescken begraben. Ich schiee mit dem Revolver nach ihm. Natrlich vorbei. Mit langen Stangen wird das Boot bis in die Mitte gestakt. Nun gehts fluabwrts. Heidi! ist das ein Tempo! Die Balzeros sitzen alle sieben auf dem Bootsrande, baumeln mit den Beinen im Wasser und lenken mit kurzen Rudern. Ein Steuer gibt es nicht. Das Boot fliegt vorwrts mit dem Strom. Oft scheint es direkt gegen die Felswnde des Ufers zu sausen, wendet sich seitwrts, dreht sich ganz um. Man wird schwindlich, macht seine Rechnung mit Gott und der Welt. An dieser Felsenkante mssen wir zerschellen. Nein. Im eleganten Bogen lenken die Balzeros herum. Sie sind doch vertrauenswrdiger als sie aussehen. Sie kennen den Flu, der nur aus Stromschnellen zu bestehen scheint, wie ihre fnf Finger. Allmhlich gewhnen wir uns an die rasende Geschwindigkeit. Liegen wie Bratheringe auf den Kaffeescken in der Sonne. Das Frhstck besteht aus Konservenwurst und corned-beef. Wir essen aus der Hand. Aus der eigenen natrlich. Die linke Handflche dient als Teller, die Finger der rechten -- als Gabel. Der Frhstckskorb ist mit der Flinte in den tiefsten Grnden des Bootes verloren gegangen. Die Ufer des Mapiri-Flusses sind malerisch, aber einfrmig, sie ziehen sich auf beiden Seiten ziemlich hoch hinauf. Viel Fcherpalmen. Schmetterlinge fliegen ums Boot, setzen sich auf die blendend weien Hemden der Balzeros, die sie augenscheinlich fr duftiger halten als sie sind. Ein Grner setzt sich W. auf den Rcken, Sch. bemerkt ihn, L. fngt ihn, ich tte ihn, als einziger Besitzer eines therflakons, jeder beansprucht das Eigentumsrecht. Die Geschichte von den zwei Knaben mit der Nu in komplizierterer Lesart! Gegen 5Uhr langten wir auf der Hazienda von Don CarlosS. gegenber Guanay an. Wir haben 120Kilometer in 8Stunden zurckgelegt ohne einen Ruderschlag zu tun. Vorlufig hat die Bootsfahrt ein Ende. Schade darum. Eine kleine vertrocknete Frau mit groen Fieberaugen und einem fieberkranken Kinde auf dem Arme empfngt uns. Ihr Mann -- der gerente -- ist in den Gommales. Wir bekamen Tee, welch ein Labsal, amsierten uns mit einem kleinen grnen Papagei, der in Freiheit dressiert auf Tisch und Sthlen herumspringt. Uns werden zwei Kammern des Bambuskfigs, hnlich denen in Mapiri, angewiesen. Gestampfter Lehmboden. Die Wnde sehr durchsichtig. Wir sehen uns nach Spinnen um, finden auch einige, aber harmlose. Als es dunkel wurde, kam der gerente heim. Ein Italiener mit langem roten Rbezahlbart. Das Mittagessen sehr bolivianisch. Altes Fleisch -- Stiefelsohlen! Auch hier keine frische Milch. Die grlichen Blechbchsen mit condensed milk, die wir schon seit LaPaz nicht mehr sehen knnen und dennoch tglich sehen mssen. Konservenbutter. Von 8Uhr an gttlicher Mondschein. Es wird fast taghell. Wunderschn sind die Silhouetten der hohen Palmen, die sich am silbernen Himmel scharf und deutlich abzeichnen. Wir sitzen stundenlang auf dem freien Platz vor dem Hause in Liegesthlen. Trinken die unvermeidlichen Cocktails, die hier brigens besser sind, und hren aus dem Hause ein wirklich vorzgliches -- Grammophon. Fast den ganzen Faust mit Geraldine Farrar und Caruso, auch die Tettrazini, Melba, Sembrich, Titto Ruffo, Tamagno. Pltzlich tnen russische Laute an unser Ohr, eine Arie aus Romeo und Juliette. Wir fahren auf -- Sobinow! Erraten! Ein ganz klein wenig patriotischer Stolz regte sich doch in uns. * * * * * Drei Tage genossen wir die Gastfreundschaft des im Beni-Gebiet abwesenden Don CarlosS., auf seiner Hazienda. Die Tage vergehen in den Tropen schneller als anderwo, weil um 6Uhr mit unerbittlicher Regelmigkeit die Nacht anbricht. Wir vertrieben uns die Zeit mit Jagd und Schmetterlingsfang. Tglich fuhren wir nach Guanay hinber, das sich eigentlich in nichts von Mapiri unterscheidet. Die Fluberfahrt ist jedesmal wegen der Stromschnellen ein aufregendes Unternehmen. Es wird dazu eine Balza benutzt, ein kleines Flo mit aufwrts gebogenem Schnabel, in der Mitte ein Sitz aus gespaltenem Schilfrohr, der sehr wenig dauerhaft aussieht und es wahrscheinlich auch nicht ist. Zwei Balzeros, die jetzt ihren Namen mit Recht tragen, lenken das Fahrzeug vermittels eines langen Bambusstabes und eines kurzen Ruders. Man mu ein tchtiges Stck aufwrts fahren und lt sich dann vom Strom auf die andere Seite reien. Das Anlegen ist ein Kunststck, das nicht jeder fertig bringt. Man kommt fast nie an der Stelle an Land, die man bei der Abfahrt in Aussicht genommen hat. Unterhalb Guanays mndet der Goldflu Tipuani in den Mapiri. Wir wanderten tglich dorthin, um ein Bad in dem wunderbar khlen, krystallklaren Wasser des Tipuani zu nehmen. Die schmutzigen graugelben Fluten des Mapiri sind wenig einladend zum Baden. * * * * * In Guanay lernten wir einen Deutschen, einen Mann mit einem merkwrdigen Schicksal kennen, in dessen Hause wir manche Stunde verplauderten. In Europa als angesehener Fabrikdirektor ohne eigenes Verschulden in Bankrott geraten, war er vor einigen Jahren ohne einen Pfennig in der Tasche in Buenos Aires angelangt. Die Anden berschritt er, indem er sich als Maurer, Anstreicher und Eisenbahnarbeiter den Lebensunterhalt verdiente. In Chile gelang es ihm eine kleine kaufmnnische Stellung zu finden, von dort wurde er, als man seine frhere Spezialitt erfuhr, mit sehr hohem Gehalt als Direktor an eine Fabrik berufen. Dort gab er entgegen den eigenen Interessen, der Administration den Rat, den Betrieb einzustellen, schnrte wieder sein Bndel und ging von Abenteuerlust ergriffen, auf die Wanderschaft -- prziser ausgedrckt -- Gold suchen. Da er keins fand und seine Ersparnisse aufgebraucht waren, strandete er in Guanay. Ein echt amerikanisches Lebensschicksal. In der Regel hat ja jeder Mensch nichtamerikanischer Nationalitt, den man in Amerika trifft, was zu erzhlen, und meistens Interessantes. Der Deutsche, dessen Lebenslauf ich eben kurz skizziert habe, war brigens ein beraus feiner Kopf, hochgebildet, von groer Energie und mit scharfer Beobachtungsgabe ausgerstet. Ich glaube an die Zukunft solch eines Menschen, trotz seiner Abenteuerlust und Phantasterei. Wenn wir auf den merkwrdigsten Sitzgelegenheiten in seiner mit allerhand undefinierbarem Kram angefllten Stube herumsaen, und eine kstliche Limonade aus selbstgepflckten Zitronen tranken, erfuhren wir mancherlei Interessantes ber das tropische Bolivien aus seinem Munde. Hier ist das Land, wo starke und rcksichtslose Naturen am vollkommensten zum Genu ihrer persnlichen Freiheit gelangen. Der Kampf ums Dasein wird mit Waffen gefhrt, die wir im zivilisierten Europa nicht kennen. Das einzige Recht, das Anspruch auf Geltung hat, ist das Faustrecht, moralisch und physisch. Eine andere Gerichtsbarkeit existiert nur dem Namen nach. Dort nicht weit am Flu, z.B., sitzt ein Mann auf einer Hazienda, die ihm nicht gehrt. In einem langwierigen Proze hat man ihm in LaPaz schon vor sechs Jahren das Eigentumsrecht abgesprochen. Dennoch geht er nicht hinaus, sondern exploitiert die Reichtmer der Hazienda ruhig weiter. Was soll man mit dem Manne machen? Eines schnen Tages erschienen zwanzig Polizisten, um ihn zu verhaften oder zu vertreiben. Er lie es darauf ankommen und setzte sich mit seiner treuen Dienerschaft zur Wehr. Die Polizisten spielten die Klgeren und gaben nach, da sie in der Minderzahl waren. Nach einigen Runden Cocktails schieden sie als die besten Freunde. Weiter hat der Vorfall keine Folgen gehabt. Man kann doch nicht wegen eines renitenten Haziendenbesitzers ein Regiment Soldaten ber die Kordillere schicken. Mord und Totschlag sind im allgemeinen an der Tagesordnung. Die Indianer, gutmtig so lange sie nchtern sind, morden in betrunkenem Zustande aus reiner Freude am Totschlag als solchem. Sie sind brigens feige und greifen ihre Opfer nie von vorne, sondern immer von hinten an. In Guanay und Umgegend leben zahllose notorische Mrder, sie leben unbehelligt, froh und munter, obgleich jedermann sie kennt, denn der einzige Polizist des Stdtchens hat natrlich keine Kourage, sie zu verhaften. Tatsache ist ferner, da in Guanay es niemand wagt, abends Licht in seinem Hause anzuznden, um meuchelmrderischen Flintenschssen der Indianer nicht als Zielscheibe zu dienen. Und diese Zustnde gelten als vollkommen normal. Kein Mensch regt sich mehr darber auf. Der allgemeine Kriegszustand ist Regel. Homo homini lupus est. An unseres freundlichen Wirtes Bettpfosten hingen zwei Karabiner und ebenso viele Revolver. In Guanay hrten wir so viel Interessantes und Anziehendes ber das Beni-Gebiet, besonders ber die Jagdgelegenheiten dort, da wir den Plan faten, von Guanay aus den ganzen Mapiri-Flu hinunter bis zum Beni, dann diesen abwrts bis zum Amazonenstrom und quer durch Brasilien nach Para im nordstlichen Winkel Sdamerikas zu fahren. Wir konnten den Plan nicht ausfhren. Jetzt sind wir ganz froh darber, denn in LaPaz hrten wir nachher, da die Krankheitsgefahr im Beni-Gebiet mit jedem Schritt, den man ins Innere tut, wchst. Ein deutscher Militrarzt, der vor nicht langer Zeit eine Militrexpedition nach dem Beni geleitet hatte, erzhlte uns, da er von 380Mann nur 120 zurckgebracht hatte. Alle brigen waren an Beri-Beri und verschiedenen Fieberformen, darunter auch dem gelben Fieber, zugrunde gegangen. Unser Vorhaben scheiterte an dem Umstande, da es sich als unmglich herausstellte, Geld von LaPaz oder Sorata nach Guanay zu bekommen. Eine regelmige Postverbindung existiert dort berhaupt nicht. Die Post nach Mapiri und Guanay wird abgesandt, wenn sich genug angesammelt hat, um einen Indio damit zu beladen. Das kann einmal wchentlich oder auch nur einmal monatlich sein. Wir saen gerade in Guanay vor dem Hause unseres deutschen Freundes als der Postbote erschien. Er brach buchstblich vor der Tre zusammen. Sechs Tage war er von Sorata bis Guanay gelaufen und schien schon so wie so nicht sehr kapitelfest zu sein -- ein alter knickebeiniger Indianergreis. Geld kann man dem natrlich nicht anvertrauen. Wir htten das wissen sollen, denn wir selbst wurden in jenen Gegenden als Geldbrieftrger benutzt, muten eine ziemlich groe Summe von LaPaz nach Sorata und ebensolcheine von Guanay nach Mapiri bringen. Das einzige Geld brigens, das hier unten, besonders von den Indianern akzeptiert wird, ist Silber und allenfalls Ein-Boliviano-Scheine, grere Banknoten werden nicht gewechselt. Mit einem Fnf-Boliviano-Schein kann man schon hnliches erleben, wie der Mann mit der Millionenpfund-Note bei Mark Twain. Kurz, wir muten uns entschlieen, denselben Weg zurckzugehen, den wir gekommen waren, da man einen anderen Weg, durch das Tal des Tipuani-Flusses, als absolut unpassierbar bezeichnete. So wurde denn der Orion wieder instand gesetzt, und die ntige Zahl Balzeros -- dieses Mal zehn -- angeworben. Am Morgen des 24.April waren wir reisefertig, kamen jedoch nicht zur Zeit weg, denn als wir im Begriff waren, unser Boot zu besteigen, ertnte ein Freudengeschrei am Ufer des Flusses: Don CarlosS. kehrte vom Beni heim. Bei der Biegung des Mapiri unterhalb Guanay zeigte sich sein Boot. Langsam schob es sich lngs dem Ufer herauf. Zwanzig Balzeros purzelten bereinander, um es schneller vorwrts zu bekommen. Diese Heimkehr war ein stolzer Anblick. Auf dem Mast des Bootes wehte die grn-gelb-weie bolivianische Flagge, hoch auf dem Sonnendach hockte ein mitgebrachter prchtiger, grauschwarzer Affe. Vorne am Bug auf einer Ladung mchtiger Gummiballen stand Don CarlosS., der reine Lohengrin, eine Hnenfigur mit kurzverschnittenem, blonden Bart, der wie ein Heiligenschein das schwarzbraun gebrannte Gesicht umgab. Vier Monate war der Hausherr abwesend gewesen. Seine Frau begrte der blonde Riese mit einem Hndedruck. Doch beider Augen leuchteten. Das ganze Personal der Hazienda berbot sich in Freudenuerungen bei der Begrung. Da konnten wir nicht zurckstehen. Ein Trunk Lwenbru besiegelte unsere Bekanntschaft. Dazu hrten wir allerlei interessante Geschichten ber das Beni-Gebiet, Tapirjagden, Affenfang und hnliches. Die Fahrt des Bootes fluaufwrts, die wir ein Stckchen mit angesehen hatten, gab uns einen Begriff davon, was uns bevorstand. Tatschlich brauchten wir fr die Strecke, die wir in 8Stunden abwrts gesaust waren, bei der Rckfahrt nicht mehr und nicht weniger, als genau sechs Mal 24Stunden. Die Zeit drngte, wir muten aufbrechen, wenn wir berhaupt noch wegkommen wollten. Gegen Mittag schieden wir mit krftigem Hndedruck von Don CarlosS. und seinen Leuten, die uns so freundliche Gastfreundschaft gewhrt hatten. * * * * * _Aus meinem Tagebuch._ 24.April. Da sind wir wieder an Bord des Orion. Das ganze Boot ist vollgepackt mit unseren Sachen. Es scheinen immer mehr zu werden. Um12 stoen wir ab. Aus Guanay winkt man uns Abschiedsgre zu. Die Fahrt stromaufwrts scheint wenig erheiternd zu werden. Das Boot ruckt, schwankt, stt, kratzt auf den Steinen. Wir fahren mit vier Balzeros ab, die brigen sammeln wir langsam am Ufer aus ihren Husern auf, reien sie, beziehungsweise, aus den Armen ihrer liebenden Gattinnen. Jeder bringt eine Bastmatte und ein Bndel Proviant mit. Vier Nchte am Ufer des Flusses ist das Wenigste, was man uns in Aussicht gestellt hat. Die Technik des Balzeros ist hchst mannigfaltig. Bald werden wir an langen, grauen Bindfden gezogen, bald gestakt mit langen Bambusstben, bald gerudert, bald geschoben. Zuweilen dreht sich das Boot um und fhrt trotz aller Bemhungen abwrts. Das passiert jedesmal, wenn wir das andere Ufer mit der geringeren Stromschnelligkeit gewinnen wollen. Die Balzeros sind oft bis an die Brust im Wasser. Sie springen wie die Ratten aus dem Boot und wieder hinein. Dabei bekommen wir jedesmal eine Douche. Mit affenartiger Geschwindigkeit wechseln die Burschen ihr Handwerkszeug. Das ist fr uns mit Lebensgefahr verbunden. Die Ruder fliegen uns um die Kpfe, die Stricke schlingen sich um unsere Beine, nchstens werden wir an den langen Stecken aufgespiet. Um 2Uhr machen wir eine Pause. Holen den Anfhrer unserer Balzeros ab. Wir mssen in seiner Htte einkehren. Sie liegt hchst malerisch, von Bananenstauden umgeben, dicht am Wasser. Seine Frau, ein hbsches, aber nicht ganz sauberes Indianerweib kredenzte uns Chicha, das nationale Indianergetrnk. Wir muten es trinken, nicht ohne heimliches Grausen. Eine Absage wre eine tdliche Beleidigung gewesen. Es schmeckt grlich, besonders wenn man die Zubereitungsart kennt. Der Hauptbestandteil ist gekauter -- jawohl gekauter -- Mais! Die Indianer sehen dort im Mapiri-Gebiete alle aus als ob sie die frchterlichsten Zahngeschwre htten. Jeder trgt einen Ballen Mais in der Backentasche, an dem er herumkaut. Abends wird der ganze Vorrat, den die Familie tagsber gekaut hat, zusammengeschttet, mit Wasser und etwas Schafsmilch versetzt und zum Gren gebracht. Das ist Chicha. Guten Appetit! Unser Balzero hat auch eine Schnapsdestillation, die er uns voller Stolz zeigte. Sie besteht aus einem Lehmofen und zwei Schweinetrgen. Das ist der ganze Apparat, den ein Weib bedient. Auf welche Weise darin aus Zuckerrohr zwanziggrdiger Spiritus gewonnen wird, bleibt rtselhaft. Wir nehmen einige Flaschen fr unsere Jungens mit. Hoffentlich betrinken sie sich nicht gleich von vorneherein. Kurz vor sechs Uhr legen wir an einer steinigen Uferstelle an. In der Dunkelheit ist man auf dem Flu vollstndig verloren. Die Balzeros bauen aus hohen Palmenschften zwei Dreiecke auf, die durch eine Stange verbunden werden. Darber wird ein Segeltuch gehngt -- unser Zelt ist fertig. Die vier Betten haben genau Platz darin! Wir sammeln Holz am Ufer und am Waldesrande. Sch.ist unser vereidigter Feuerwerker. Er bringt ein prchtiges Feuer zustande. AssessorW. kocht. Er hat seinen Beruf verfehlt. Men: Rumford-Suppe (irgend jemand behauptet, da sie so heit, weil man immer mit dem Lffel drin rumfohrt), corned-beef mit jungen Erbsen. Dann Tee, Tee in unendlichsten Quantitten. Zum Tee hatten wir noch einen Kessel reinen Wassers mit. Die Suppe wurde aus dem gelbschmutzigen sandigen Mapiriwasser gekocht. Die schchternen Versuche, das Wasser durch ein Taschentuch zu filtrieren, verliefen ziemlich ergebnislos. Mit viel List und Tcke wurden die Moskitonetze aufgehngt. Um 9Uhr steckten wir in den Schlafscken. 25.April. Um 5Uhr heraus. Fast gar nicht geschlafen. Erstens der Mondschein; zweitens -- die Ameisen! Scheuliche Bestien! Es gibt hier von allen Gren welche. Sie krabbeln an den Bettpfosten herauf unter das Netz. Keine Hilfe. Vor dem Frhstck ein herrliches Bad in einem Gebirgsbach, der in den Mapiri mndet. Das Boot liegt voller Bananen und ser Zitronen, die uns die Balzeros gebracht haben. Einer behauptet eben, sich ein Bein verstaucht zu haben. Ich glaube, er ist einfach faul und simuliert. Jetzt sitzt er mit einem Gesicht, als wre seine ganze Verwandtschaft gestorben, auf dem Deck des Bootes. Es geht kaum vorwrts, jeder Zentimeter des Stromes mu frmlich erobert werden. Die brigen sieben Jungens arbeiten groartig. Ratsch! Da sind die Nlinge wieder im Boot. Abends dasselbe Bild wie gestern. Erbswurstsuppe. Auch der Tee aus schmutzigem Wasser. Er schmeckt aber doch. Nach dem Essen machten wir das Feuer hoch und blieben bei einer Flasche Portwein lange wach. Am gegenberliegenden Ufer eine Million Leuchtkfer. Um unser Zelt ein betubendes Konzert von Grillen und anderem Nachtgetier. 26.April. Dank einer wahrhaft genial erdachten Konstruktion meines Moskitonetzes hatte ich diese Nacht auch vor Ameisen Ruhe. Die anderen sind recht verbeult. Die Balzeros haben uns heute ein tadelloses Sonnendach aus ihren Matten errichtet. Wir liegen uns zuzweit gegenber. Sch.schnitzt sich einen Bambusstock. W.erzhlt Soldatengeschichten, L.repariert ein Schmetterlingsnetz. Sonst das bliche Bild: sechs Balzeros im Wasser, ziehend, schiebend, stoend, einer mit einem langen Staken vorne am Bug, einer (der mit dem kranken Bein) sauer und bse am Heck. Es ist unglaublich hei. Wir zerflieen buchstblich. Hopp! Da sind Sch. und W. auch schon im Wasser. Am Nachmittag kamen wir an einer frischen Quelle vorber und versorgten uns mit Trinkwasser. Whrend der Frhstckspause machten wir Versuche, vermittelst Dynamitpatronen Fische zu fangen. Die Patronen explodierten zwar, aber meist erst dann, wenn die Fische, denen sie galten, schon 3Kilometer fluabwrts waren. An einer Insel versprach mir der Anfhrer der Balzeros eine Jagd auf Bergpfauen. Wir stiegen eine Stunde lang im Dickicht der Insel umher. Wer nicht da waren, waren die Bergpfauen. Dafr gelbe Papageien, und einige wilde Tauben, -- die ganze Beute. Abends machte Sch. ein wahres Hllenfeuer an. Die Landschaft ist entzckend. Eine stille Bucht. Fcherpalmen und eine Art Trauerweide, deren Zweige weit bers Wasser hinaushngen, das vom Wiederschein des Feuers blutig rot gefrbt ist. Soeben erffnete uns der Balzero-General, da wir noch mindestens drei Tage bis Mapiri haben. Nicht alle sind zufrieden damit. Mir ist es recht. Diese herrlichen Abende am Fluufer sind mit gar nichts zu vergleichen, man kann nicht genug davon erleben. Eine hchst romantische Lederstrumpf-Stimmung. W.bt Keulenschwingen mit glhenden Bambusstben am Waldesrande. Die funkelnden Kreise auf der schwarzen Laubwand sehen groartig phantastisch aus. ~Tafel 11~ [Illustration: ~Eine Balza auf dem Mapiri~] [Illustration: ~Unser Wohnhaus in Guanay~] ~Tafel 12~ [Illustration: ~Stromaufwrts~] [Illustration: ~Die Stadt Mapiri~] 6. DIE RCKKEHR. In derselben Tonart klingt mein Tagebuch weiter. Besondere Erlebnisse hatten wir keine. Wir genossen das Leben auf, in und an dem Flusse. In Mapiri langten wir am 1.Mai um die Mittagsstunde an. Wir fanden das ganze Bild unverndert, auch unseren hollndischen Freund ohne Beine. W.und ich machten uns sofort zu Fu nach San Carlos auf, da wir unsere Maultiere nicht vorfanden. Unterwegs erlegte ich einen Kondor, was ich schon, nicht ohne Stolz, erzhlt habe. Im brigen war die achtstndige Wanderung eine Qual. Wir hatten die Sonnenglut und die groe Steigung, die es zu berwinden galt, nicht in Betracht gezogen, als wir uns nach dem langen Sitzen im Boot, die Fe ein wenig vertreten wollten. Auerdem hatten wir die Zeit falsch berechnet und muten die letzte Wegstrecke von 7 bis 8 in absoluter Finsternis durch den Urwald tappen. Erst am Abend des nchsten Tages langten unsere Gefhrten mit dem Gepck an. Wir gnnten uns zwei Ruhetage in San Carlos. Dann muten wir wohl oder bel daran denken, wieder ber die Kordillere nach Hause, d.h. nach LaPaz, zu steigen. Die Zeit drngte insofern, als die Jahreszeit vorrckte. Der erste Wintermonat stand vor der Tr. Von Juni an ist der Yachazani-Pa berhaupt nicht mehr zu berschreiten. Ungern, sehr ungern schieden wir von San Carlos, seinen liebenswrdigen Bewohnern und -- den Schmetterlingen, die nun wieder Ruhe haben sollten. Unser braver Don Botello war mit dem langen Aufenthalte, den wir in dem tropischen Gebiete gehabt hatten, sehr unzufrieden. Seine Maultiere, gewhnt an die Hhenluft, vertrugen das Klima nicht und wurden von Tag zu Tag magerer und matter, obgleich sie ein faules Leben, herrlich und in Freuden, auf den saftigen Weidepltzen der Hazienda, fhrten. Mit einigem Bangen sahen wir die drren Gestelle an, als sie uns am Morgen des 2.Mai vorgefhrt wurden. Als wir uns aufsetzten, frchteten wir, da sie in die Knie brechen wrden. Doch konnten wir uns keine Tierschutzverein-Sentimentalitten erlauben. Die Kordillere mute berschritten werden und zwar sofort und ohne Aufenthalt, das weitere Schicksal der Maultiere durfte uns nicht interessieren. Die Befrchtung, da der Weg, den wir ja schon kannten, auf der Rckreise langweilig erscheinen wrde, besttigte sich nicht. Im Gegenteil, die Rckreise wurde kurzweiliger und unterhaltender, als wir voraussetzen konnten, meistenteils freilich in einem Sinne, der uns nicht recht lieb war. So muten wir, z.B. am zweiten Tage schon um 5Uhr morgens aus den Schlafscken kriechen: der Amargurani-Aufstieg lag vor uns. Hatten wir auf der Hinreise den Weg reichlich schlecht gefunden, so war uns der Name Amargurani doch etwas bertrieben erschienen, wenigstens im Vergleich zu anderen Wegstrecken, die reichlich ebenso bitter waren. Aber damals waren wir abwrts gestiegen. Auerdem milderten die wunderbaren ersten Eindrcke der einsetzenden tropischen Vegetation die Beschwerlichkeiten sehr erheblich. Man war viel zu beschftigt mit allen Details des eigenartigen, fr uns durchaus neuen landschaftlichen Bildes, um viel auf die Schwierigkeiten des Abstieges zu achten. Jetzt galt es, dieselbe Strecke hinaufzuklettern. Die Tropenpracht der Wlder war durch das im Mapiri-Gebiete Gesehene weit bertroffen worden, reizte das Interesse infolgedessen lngst nicht im frheren Mae. Auerdem war der Weg durch die inzwischen niedergegangenen Regengsse stellenweise buchstblich grundlos geworden. Von Reiten war keine Rede. Vierzehn Stunden sind wir von Lorenzo Pata bis Tola Pampa hinaufgekeucht. Obgleich wir um 4Uhr morgens aufbrachen, durfte keine Minute verloren werden, wenn wir nicht vor dem Ziel von der Dunkelheit berrascht werden wollten. Die Witterungsverhltnisse dabei waren folgende: wir ritten in rabenschwarzer Nacht aus, die Don Botello vergebens mit einem Lichtstmpfchen zu erleuchten bemht war. Man sah nicht die Ohren des eigenen Maultieres vor sich. Nach einer Viertelstunde ging ein Wolkenbruch auf uns nieder, wie ich ihn selbst in den Tropen noch nicht erlebt hatte. Im Nu war kein trockener Faden mehr an Ro und Reiter. Gleichzeitig brach ein Gewitter von unglaublicher Heftigkeit los. Nach jedem Schlag kniff man sich ins Bein, um sich zu vergewissern, da man nicht verkohlt war. Fr Sekunden erleuchteten die Blitze den Weg, der dann gleich darauf in dreifach verdichtete Finsternis getaucht war. Die zwei Stunden bis zum Sonnenaufgange dauerten eine Ewigkeit. Wir waren gerade am Fue des Hauptanstieges angelangt. Das Gewitter verzog sich. Dafr begann mit dem Sonnenaufgange die Tropenglut. Als unliebsame Begleiter stiegen mit uns dicke weie Nebeldmpfe aus dem Tal in die Hhe. Im Gebiete der Vegetationsgrenze verdichteten sie sich zu einer feuchten, undurchdringlich scheinenden Wand. Amagurani! Jetzt konnten wir die Bitternis Schritt fr Schritt schmecken. Als wir in dem schon geschilderten Grand Hotel Tola Pampa anlangten, fielen wir gleich toten Ratten auf unsere Betten und hatten das Gefhl, als mten wir die sich lockernden Muskeln mit Bindfaden an die Knochen binden. Der Nebel verlie uns in der Hhe nicht mehr. Der beginnende Winter machte sich geltend. Das wurde uns bald noch berzeugender zum Bewutsein gebracht. Von Injenio, dem alten Inka-Dorfe, das dieses Mal einen noch rauheren, phantastischeren Eindruck machte, begann der Aufstieg zum Yachazani-Pa. Nach drei Stunden trafen wir die ersten Spuren frisch gefallenen Schnees. Der feine Regen, in dem wir ausgeritten waren, verdichtete sich zu einem regelrechten Schneegestber. Der Eindruck, den die Kordillere bei solch einem Wetter macht, ist der einer fast bengstigenden, rauhen und schroffen Wildheit. Es war hundekalt. Weder Sweater noch Poncho, noch Lederjacke boten gengend Schutz gegen Frost, Wind und Schnee. Dabei das erbarmungslos langsame Begrbnistempo, in dem die Mulas den verschneiten Weg hinankrochen! Der schneidende Wind raubte ihnen augenscheinlich den letzten Rest von Atem, den sie noch hatten. Man glaubte jeden Augenblick, da einem die Fe abfrieren wrden. Absteigen war nicht ratsam, denn man htte bis an die halben Waden im Schnee waten mssen. Auf dem hchsten Punkte des Passes lie das Schneegestber nach. Die Wolken ballten sich zusammen und krnten die Bergspitzen, die uns umgaben. Der Himmel wurde klar. Eine Symphonie von Blau und Wei ringsumher, wie man sie in solch makelloser Reinheit und Schnheit wohl selten zu sehen bekommt. Schade, da es zu kalt war, um dieses einzigartige Bild lange zu genieen. Uns fehlten seit einigen Tagen auch die knstlichen Wrmemittel. Ein Gemisch aus Brennspiritus und Wasser war doch nur ein sehr mangelhafter Ersatz fr Whisky und Kognak. Abgestiegen und im Laufschritte hinunter! Die Wrme, nach der wir uns so sehnten, wurde uns bald im bermae zuteil. Die fnf Stunden Abstieg vom Yachazani-Pa nach Sorata bringen einen in dieser Jahreszeit aus Eis und Schnee direkt in die Tropentemperatur von 30-35 Grad Celsius -- ein Temperaturwechsel, wie man ihn schrfer anderswo kaum erleben kann. Ein Kleidungsstck nach dem anderen wurde den Mulas aufgeladen, bis das Tropen-Dshabill glcklich wieder erreicht war. Kurz vor Sorata, beim Passieren eines Indianerdorfes, hatten wir Gelegenheit, das hchst interessante Leben und Treiben bei einer indianischen Festlichkeit mitanzusehen. Es wurde eine Hochzeit gefeiert. Das gibt smtlichen Bewohnern des Dorfes Anla, nicht mehr und nicht weniger als eine volle Woche lang sich unentwegt zu betrinken und ebenso unentwegt zu tanzen. Was die Indianer im Tanzen leisten knnen, grenzt ans Unwahrscheinliche. Es gibt Burschen, die von Sonnenaufgang bis zur Dunkelheit in unausgesetzter Bewegung sind. Eine Art Extase, hnlich dem Delirium der indischen Drehderwische, scheint sie zu berkommen. In Gruppen von zehn bis fnfzehn Mann drehen sie sich in langsamen gemessenen Bewegungen, deren Tempo nur selten gesteigert wird, im Kreise und um die eigene Achse herum. Sie sind alle im Festtagskleide, oder irgend einem spezifisch indianischen, phantastischen Maskenanzuge. Hier ist eine Gruppe im herrlichsten Federschmuck, auf dem Kopf ein meterhoher Aufputz von vielfarbigen Papageifedern, der Oberkrper nackt, von der Taille bis zu den Knien wieder eine Art Ballettrckchen von grellgrnen oder roten, in dichten Krnzen aneinandergefgten Federn. Dort eine andere Gruppe hat sich mit Tigerfellen geschmckt. Sie haben eine Art Panzer aus den harten Fellen gebogen, der in Beulen von Rcken, Schultern und Brust absteht, die Beine stecken in Hosen und nur die Rckseite ist mit einer mchtigen grnen Federtournre ausgestattet. Die Kerls sehen aberwitzig aus, drehen sich stieren Blickes in die Runde, wobei sie sich auf langen Flten eine grauenhaft mitnende Musik selber liefern. Eine andere Gruppe hat abschreckende Tier- und Teufelsmasken vorgebunden, sie schwingen dreigezackte Kriegsspeere und springen mit unmelodischem Geheul regellos durcheinander. Der ganze Dorfplatz scheint sich zu drehen. Dem Zuschauer wird nach zehn Minuten schwindlich zu Mute, man begreift nicht, wie es die Tnzer stundenlang aushalten, ohne Rast und Ruhe in die Runde zu wirbeln. Hin und wieder verlt eine Gruppe den Platz, torkelt und taumelt im Gnsemarsch durch ein paar Straen, um jedoch bald wieder auf den Ausgangspunkt zurckzukommen. In einigen Gruppen machen Knaben von zehn Jahren aufwrts mit. Nur sekundenlang sind die Pausen, in denen ein tiefer Zug aus der kreisenden Flasche mit Patinno-Schnaps getan wird. Die Tnzer scheinen alle total vertiert, in Blick und Ausdruck haben sie nichts Menschliches mehr an sich. Seit vier Tagen erlebt keiner von ihnen eine nchterne Minute. Doch sind es ausschlielich Mnner, die sich an diesem wahnwitzigen Treiben beteiligen. Die Frauen halten sich zaghaft im Hintergrunde. Sie sehen mit glnzenden bewundernden Blicken ihre taumelnden Ehegesponse an und sind glcklich, wenn sie die vor Erschpfung niedersinkenden Tnzer mit einem Schluck khler Chicha wieder auf die Beine bringen drfen. Vor Zuschauern haben diese exotischen Tnzer brigens nicht die geringste Scheu, auch nicht vor photographischen Apparaten. Mir schien, da kein einziger von ihnen mehr begriff, was berhaupt um ihn herum vorging. Gegen 5Uhr nachmittags erreichten wir Sorata und das gastliche Haus seines KnigsG. Das Stdtchen erschien nach den kulturellen Entbehrungen der letzten fnf Wochen wie ein kleines Paris. Ich glaubte, nie einen herrlicheren Konzertflgel unter den Hnden gehabt zu haben, als das alte gelbgezhnte Scheusal von Pianino, das dem Salon des G.'schen Hauses als Zimmerzier diente. Wir waren in Sorata an einem aufregenden Tage angelangt, dem Tage der Prsidentenwahl. An diesem Tage herrschte in Sorata eine ganz frchterliche Besoffenheit. Soweit die indianischen Bewohner der Stadt nicht in der Gasse lagen, zogen sie mit Pfeifen, Singen und Gebrll durch die Straen und trugen den Kaufpreis ihrer Wahlzettel aus einer Kneipe in die andere. Bis in den frhen Morgen hrte man an allen Enden und Ecken der Stadt das unmelodische, sinnlose Geklimper der Charangos, einer Art Gitarre, deren Leib aus dem Panzer eines Grteltieres besteht, dem beliebtesten Instrument der stdtischen Indianer. Im gastfreien Hause des Knigs von Sorata durften wir uns, dank der beraus liebenswrdigen Einladung des Hausherrn, drei Ruhetage gnnen. Wir konnten sie nach den Strapazen des zweiten Kordilleren-berganges gut gebrauchen. Es wrde zu weit fhren, wollte ich noch alle die schnen Ausflge, die wir zu Fu und zu Maultier von Sorata aus machten, im einzelnen beschreiben. An den Abenden versammelten wir uns meist auf der luftigen Terrasse des Hauses, die in einen paradiesischen Tropengarten hineinragt, zu einem echt deutschen Skat. Das heit ganz deutsch war er nicht immer. Wenn der spanische Arzt des Stdtchens zu unseren Partnern gehrte, wurde auf spanisch gespielt. Die spezifisch deutschen Skatausdrcke nehmen sich in der Sprache des Cervantes hchst kurios aus: sastre (Schneider), negro (schwarz), curazon (Herzen) usw. Erst am vierten Tage wurde uns gestattet, von einer langentbehrten Kulturerrungenschaft -- dem Telegraphen -- Gebrauch zu machen, und eine Kutsche von LaPaz nach Achecachi zu bestellen. Bis Achecachi muten wir noch einen Tag per Maultier reisen. Nicht ohne Bedauern nahm ich -- sicherlich fr lange, wenn nicht fr immer -- von dieser Verkehrsmethode Abschied. Hat man sich erst an den Fischgabelsitz in den bolivianischen Gebirgsstteln gewhnt und sein Temperament dem des Maultieres angepat, so ist es ein Hochgenu, langsam und gemtlich durch die herrliche Gebirgswelt der Kordillere zu reiten. Auf den Weg braucht man nicht aufzupassen. Das besorgen die Tiere. Man geniet die wundervoll reine Luft, die wilde weite Aussicht und lt seine Gedanken weithin in die Ferne schweifen. Die Reise bis LaPaz verlief ohne bemerkenswerte Erlebnisse. Kurz vor der Stadt, noch im Wagen, berfiel meinen Gefhrten ein heftiger Fieberanfall, dasselbe Schicksal ereilte gleich nach der Ankunft in LaPaz noch einen Teilnehmer unserer Reise, den kerngesunden und vergngten Sch. brigens sind die unvergelichen Eindrcke solch einer Reise im Tropengebiete mit ein paar tchtigen Schttelfrsten nicht zu teuer bezahlt. ~Tafel 13~ [Illustration: ~Sonnenaufgang beim Yalhazani-Pa (Bolivien)~] [Illustration: ~Frhstckspause~] [Illustration: ~Indianisches Denkmal~] ~Tafel 14~ [Illustration: ~Indianisches Stubenmdchen in Sorata~] [Illustration: ~Der Balzero Sonnenschein~] [Illustration: ~Indianerin beim Maismahlen~] 16. BRIEF. IM SCHNELLZUG DURCH PERU. -- DER TITICACA-SEE. -- MOLLENDO. -- LIMA. Der Abschied von LaPaz wurde uns schwer. Nicht ohne Wehmut schieden wir von Bolivien. Erstens muten wir uns nun von unseren beiden Reisegefhrten und den zahlreichen lieben Freunden, die wir uns whrend des ziemlich langen Aufenthaltes in LaPaz erworben hatten, trennen. Zweitens scheint uns -- hoffentlich zu Unrecht -- da der interessanteste Teil der Reise jetzt hinter uns liegt. Die Verbindung zwischen LaPaz und der peruanischen Kste kann keineswegs bequem genannt werden. Sie besteht aus drei Etappen: Eisenbahnfahrt bis zum Titicaca-See, Dampferfahrt ber den See nach Puno, Eisenbahnfahrt vom Peruanischen Ufer des Sees bis zur Kstenstadt Mollendo. Nun scheinen leider die drei Betriebsgesellschaften in Fehde miteinander zu leben. Man kann nie mit Sicherheit darauf rechnen, da man Anschlu findet. Versptet man sich auf einer der beiden ersten Etappen, so ist man verloren, denn die Dampfer auf dem Titicaca-See und die peruanischen Schnellzge verkehren nur zweimal in der Woche. Gewartet wird nicht. Das ist besonders rgerlich, wenn man in Mollendo einen bestimmten von den auch nicht allzu hufig verkehrenden Kstendampfern erreichen will. Die bolivianische Hochebene, die wir zweimal im Wagen passiert hatten, durchquerten wir nun im Eisenbahn-Coup. Kein Mensch wird behaupten, da der enge Waggon mit seinen schlpfrigen Wachstuchpolstern bequemer wre, als der gerumige Phaeton. Aber reizvoll war die Fahrt auch so. Zum letzten Mal verabschiedeten wir uns vom majesttischen Illimani und seinen schneegekrnten Trabanten. Die interessanteste Station auf dieser Eisenbahnfahrt ist Tiguanaco -- eine uralte, von Einwohnern fast verlassene Inka-Stadt. Als der Zug hielt, strzte eine Horde schmutziger Indianerbuben in den Waggon herein. Mit ohrenbetubendem Geschrei priesen sie Reiseandenken an, zerbrochene Lffel und verrostete Stricknadeln, die sie fr Pfeilspitzen und prhistorischen indianischen Hausrat ausgaben. Als Goldplttchen alter Inka-Schtze konnte man zusammengeknetete Kapseln von Subercaseaux- und Santa Rita-Flaschen, chilenischen Weinsorten, erstehen. Ja, an diesen Pltzen eines lebhafteren Fremdenverkehrs mu man beim Einkauf von Antiquitten vorsichtig sein. Die Stadt Tiguanaco mit ihren grandiosen Inka-Ruinen, die nun allerdings fraglos echt sind, bietet von weitem einen sehr pittoresken Anblick. In der Nhe konnten wir sie leider nicht besehen. Den Titicaca-See erreichten wir nach Anbruch der Dunkelheit. Glcklicherweise verspteten wir uns nicht und fanden im Hafen einen zwar sehr kleinen, aber uerst appetitlichen Dampfer vor, der natrlich Inka hie. Die Piett, mit der man dieses durch die brutalen Eroberer ausgerotteten stolzen Volksstammes gedenkt, ist wirklich rhrend. Die berfahrt ber den Titicaca-See dauerte eine ganze Nacht. Es war herrlichster Mondschein, als der Inka seine Anker lichtete. Die schwarze Silhouette der Knigskordillere hob sich ordentlich gespenstisch vom hellen Nachthimmel ab. Wie ein silberner Strom teilte die glitzernde Mondstrae die unergrndlichen schwarzen Fluten des Sees. Allmhlich verdsterte sich jedoch der Himmel. Es wurde empfindlich kalt und windig, die Fahrt des Inka immer weniger stolz und immer unruhiger. Pltzlich setzte ein regelrechter Schneesturm ein. Nicht schnell genug konnte man in die winzige Kabine flchten. Kolossale Schneemassen fegten ber das Verdeck. Man mu in dieser Gegend auf die merkwrdigsten berraschungen gefat sein. Am nchsten Morgen noch lag auf Bug und Achterdeck des Dampfers eine dichte Schneedecke, die die Sonne freilich schnell zum Schmelzen brachte. Die Eisenbahnfahrt vom Ufer des Titicaca-Sees an die peruanische Kste des Stillen Ozeans ist sicherlich eine der schnsten, interessantesten und aufregendsten, die man auf den fnf Erdteilen machen kann. Der Hhenunterschied zwischen beiden Endstationen betrgt mehr als 4000 Meter. Man legt die Strecke in ca. 12Stunden zurck. Der Zug rast mit atemversetzender, echt amerikanischer Geschwindigkeit vorwrts, obgleich der Winkel des Geflles oft ein betrchtlicher ist, und khne Kurven das Geleise nur meterweit an ghnenden Abgrnden vorbeifhren. Die Passagiere des Pullman-Wagens fliegen von ihren Sesseln nicht selten unerwarteter und meistens unerwnschter Weise einander in die Arme. Zwischendurch promeniert der Schaffner und erzhlt in lssigem Spanisch wenig erheiternde Anekdoten von abgestrzten Eisenbahnzgen. Die ganze Fahrt ber hat man die herrlichste Hochgebirgs-Landschaft vor Augen. Ein Panorama mit den charakteristischen, schon oft geschilderten Farbenspielen der Kordillere. Hier ist die Frbung vorzugsweise hellrosa oder rtlich braun. Weite Strecken des Gerlls sind mit feinem hellgrauen Sande bedeckt. Es sieht aus, als htte man Decken aus zartestem schwedischen Leder ber die Berge gebreitet. In einigen Talkesseln fegt der Wind diesen Sand zusammen, und es bilden sich merkwrdige Hgel, die einander so genau gleichen, als seien sie aus einer Form gegossen. Sie hneln den Kratern kleiner Vulkane, oder den Brustwehren alter Burgen, denn von einer Seite -- woher der Wind weht -- sind sie offen. Natrlich wird diese Menge von Flugsand dem Bahnbetriebe oft gefhrlich. Der Zug hlt auch bei den wichtigsten Stationen, den Schwefelbdern Jura und der peruanischen Grostadt Arequipa nur wenige Minuten. Arequipa ist im fruchtbarsten Teil des peruanischen Kstengebietes gelegen (immerhin noch 2500 Meter hoch). Hier flieen eine ganze Menge kleiner Gebirgsflsse zusammen. Man kann ihren Lauf vom Eisenbahnwagen aus weithin verfolgen. Gleich schmalen grnen Bndern ziehen sie sich durch das de, unwirtliche Gestein. Fast unwahrscheinlich wirkt dank seiner absolut regelmigen, geradezu mathematisch genauen Kegelform der schneebedeckte Vulkan Misti, der das Landschaftsbild von Arequipa krnt. Ein grauenvolles kleines Nest ist die sonnendurchglhte Hafenstadt Mollendo. Hier mu man seine Ansprche auf Komfort auf ein nicht mehr zu unterbietendes Minimum herunterschrauben. In der Stadt selbst und in ihrer Umgebung fehlt, ebenso wie in den chilenischen Kstenstdten, jede Spur vegetativen Lebens. Die Sonnenstrahlen prallen berall auf nacktes Gestein und strahlen mit verdoppelter Glut zurck. Ganz wundervoll ist hier allerdings die Ozeanbrandung, die himmelhoch ber das weit in die See hineingebaute Hafenbollwerk herberschumt. So schn die Wellen der Brandung aus der Entfernung aussehen, so wenig angenehm sind sie, wenn man sich auf ihnen schaukeln mu. Und das mu man leider. Die Kstendampfer ankern weit drauen auf der Reede. Kleine Ruderbte, die wie Nuschalen auf den majesttisch dem Ufer zurollenden Wogen herumtanzen, besorgen den Verkehr mit dem Hafen. Nie in meinem Leben habe ich eine ungemtlichere Ruderpartie gemacht. Die Bte haben auer dem Ruderknecht noch eine andere stndige Bemannung: ein bis zwei Knaben, die das immerfort hereinschlagende Wasser ausschpfen. Eine nicht geringe Geschicklichkeit gehrt auch dazu, um zu verhindern, da das Boot beim Anlegen an die Falltreppe des Dampfers umkippt oder zerschellt. Als ich das gehrig schwankende Deck der Orissa betrat, kam es mir nach dieser frchterlichen Ruderpartie vor, als htte ich endlich wieder festen Boden unter den Fen. Die Kstenfahrt bietet keinerlei neue Eindrcke, sondern immer nur dasselbe Bild, das wir von der Fahrt zwischen Valparaiso und Antofogasta her schon genugsam kannten. In zwei Tagen brachte uns die Orissa nach Callao. Callao ist der Hafen der peruanischen Haupt- und Residenzstadt Lima. Hier zum ersten Male zeigt die pazifische Kste Sd-Amerikas ein etwas freundlicheres Aussehen. Mit Behagen ruht das Auge auf dem saftigen Grn der ppigen tropischen Vegetation, die sich bis dicht an den Ozean hinzieht. Callao und Lima sind durch eine elektrische Bahn verbunden. Die Fahrt dauert eine knappe halbe Stunde. Von allen Stdten der Westkste Sd-Amerikas ist Lima ohne Frage die europischste. Breite, gutgepflasterte Straen, konventionelle Regierungsgebude, anstndige Hotels, vorzgliche Lden, Droschken im Stil der Wiener Fiaker, Automobile, gute Restaurants, in denen die Speisenzubereitung nach den bolivianischen Stiefelsohlen geradezu raffiniert, lukullisch erscheint. Alles in allem: recht kulturell, aber -- uninteressant. Nur eine Merkwrdigkeit, eine Spezialitt von Lima kann ich nicht unerwhnt lassen. In einem fashionablen Laden wurde sie uns als Reiseandenken angeboten, jedenfalls war es das sonderbarste Souvenir, dem ich je begegnet bin, denn es war nichts anderes, als -- der Kopf, nicht Jochannaans, sondern eines indianischen Mdchens. Keine Nachahmung, kein Papier-mach, kein bluff, sondern echt. Der Kopf eines einst lebendig gewesenen Menschen, oder der Kopf einer Leiche, wie man will. Kein nackter Totenschdel, sondern ein virtuos balsamiertes menschliches Gesicht, mit Glasaugen und langem Haarschopf. Nur die Haut ein wenig verschrumpft. Mir schauderte, als ich mir dieses anmutige Reiseandenken auf meinem Schreibtisch als Briefbeschwerer, oder unter einer Glasglocke in der guten Stube vorstellte. Die Europer in Lima treiben mit diesen Scheulichkeiten einen schwunghaften Handel. Der Absatz ist enorm. Die Indianer, die sehr rasch begriffen, da ihre Leichenkpfe als Handelsartikel gut bezahlt wurden, fingen an, Freund und Feind hinzumorden, balsamierten ihre Kpfe ein und brachten sie in groen Mengen auf den Markt. Da erst legte sich die Regierung ins Mittel. Jetzt drfen nur alte Kpfe verkauft werden, whrend frische verpnt sind. Aber wer wagt es zu entscheiden, ob solch eine Mumie von gestern oder von anno dazumal stammt? Jedenfalls ist der Artikel rar geworden und infolgedessen im Preise gestiegen. Der Kopf, der uns angeboten wurde, sollte 50 englische Pfund kosten. Ich htte ebensoviel zugezahlt, um ihn nicht zu besitzen. Mit diesem unappetitlichen Eindruck schieden wir von Lima. Der peruanische Kstendampfer Guatemala nahm uns auf. In acht Tagen soll er uns nach Panama bringen. ~Tafel 15~ [Illustration: ~INDIANER IM FESTSTAAT (BOLIVIEN)~] 17. BRIEF. PANAMA UND EINE ALLIGATOR-JAGD. Durch drei Dinge ist Panama berhmt. Erstens durch den Panama-Kanal, zweitens durch den Panama-Skandal, drittens durch die Panama-Hte. Der Panama-Skandal ist nicht mehr aktuell. Der Panama-Kanal wird es bald sein, wenn er nmlich wirklich, wie es heit, im nchsten Jahre erffnet wird. Die Panama-Hte sind es immer und werden es so lange sein, als es fr vornehm gilt, was Besseres auf dem Kopfe, als drin zu haben. ber den Panama-Skandal werde ich mich nicht verbreiten. Wer sich daran erquicken will, lese in den betreffenden Jahrgngen der Pariser Zeitungen nach. Aber von den Panama-Hten und dem Panama-Kanal will ich erzhlen. Die Panama-Hte heien wahrscheinlich deshalb so, weil sie nicht in Panama gemacht werden. Ihr Entstehungsort ist die Republik Equador, besonders die Gegend um Guayaquil und Payta herum. Dort sitzen die fleiigen Indianerweiber, bleichen und spalten das haarfeine Palmstroh, aus dem ihre geschickten Finger die kostbaren Kopfbedeckungen flechten. In Panama selbst ist man dagegen so unnobel, die Hte, die den Namen der Stadt tragen, mit einem ziemlich hohen Einfuhrzoll zu belegen. Wer also glaubt, da man in Panama billig und gut Panama-Hte kaufen kann, wird an Ort und Stelle gar bald eines Besseren, oder vielmehr Schlechteren belehrt. Man zahlt in Panama genau denselben Preis fr einen Hut, wie in Europa, nicht unter 10Dollar fr mittelgute Ware. Natrlich gibt es auch hier Hte, fr die 200Dollar von dreisten Verkufern verlangt und von verrckten Amerikanern gezahlt werden. Die Zugehrigkeit von Panama-Hten zu Panama versucht man dadurch kenntlich und glaubhaft zu machen, da man alberne kleine Reisesouvenirs in Form von Puppen-Panamahten verkauft. Was nun den Panama-Kanal anbetrifft, so ist er allerdings sehr groartig in der Anlage, aber doch nicht so imposant, wie man ihn sich in Europa vorstellt, oder wie ich ihn mir wenigstens vorgestellt habe. Es ist kein einheitlicher, schnurgerader Durchstich, der nach dem Prinzip der krzesten Linie die Kste des Stillen Ozeans mit der des Atlantischen verbindet, sondern vielmehr eine Kombination von vielen einzelnen Kanlen und Schleusen-Systemen, wobei auch die den Isthmus bewssernden Flsse und einige kleine Binnenseen als Verbindungswege ausgenutzt sind. Wenn man also fragt: Wie breit ist der Kanal? so mu die Gegenfrage lauten: An welcher Stelle? Die Breite schwankt zwischen 300 und 1000 Fu, die Lnge betrgt genau 50 englische Meilen. Auch die Tiefe ist keine einheitliche. Das Minimum sind 41Fu, so da immerhin ganz gewaltige Passagierdampfer und die grten Kriegsschiffe ihn passieren knnen. Die flacheren Stellen des Kanals machen, besonders wenn, wie jetzt, kein Wasser drin ist, durchaus keinen imponierenden Eindruck. Wenn man sie betrachtet, so mu man sich die Milliarden ausgebaggerter Kubikmeter Erde vorstellen, um in den vom Fhrer verlangten Zustand der Andacht und Bewunderung zu geraten. Mit einem very nice, womit ihn englische und amerikanische Touristinnen unter ihrem Reiseschleier hervor beglcken, ist er nicht zufrieden. Am sichtbarsten ist die beim Durchstich geleistete enorme Arbeit, mit der brigens auch heute noch ber 40000 Menschen beschftigt sind, bei den Schleusen, die frei daliegen und mit ihren gewaltigen Mauern und Riesen-Dampfkrnen den Eindruck phantastischer Zyklopen-Festungen machen. Im Januar 1914 mu der Kanal bekanntlich, laut Kontrakt, dem Verkehr bergeben werden. Danach sieht er jedoch zurzeit nicht aus. Auf allen Strecken wird fieberhaft gearbeitet, auf keiner einzigen noch sind die Arbeiten schon ganz abgeschlossen. An den Schleusen wird gebaut und gemauert, in den Grben hocken Tausende von Arbeitern mit Spaten und Hacke, auf den Seen knattern und rumoren zahllose Baggermaschinen und frdern Millionen und Abermillionen von Eimern mit Schlamm und Sand ans Tageslicht. Es ist ein betubender Betrieb. Das ganze Gebiet des Kanales gleicht einem riesigen Ameisenhaufen, und ebensowenig wie bei einem solchen kann man hier bei flchtiger Betrachtung Plan und Ziel der gemeinsamen Arbeit feststellen. Ein uerst buntes Bild bietet die Schar der Arbeiter. Amerikaner, Japaner, Chinesen, Neger, Mulatten -- alles wimmelt durcheinander. Betrachtet man die krftigen halbnackten Gestalten, so denkt man mit Grausen daran, wieviele Menschenopfer diese Kraftprobe technischen Vorwitzes gekostet hat. Zu Hunderttausenden sind die Kanalarbeiter vom Sumpffieber jeder Art weggerafft worden. Eine Zeitlang stockte ja der Betrieb berhaupt, weil es unmglich war, Arbeiter zu finden, die fr hohen Lohn den sicheren Tod in den Kauf nehmen wollten. Dann erst ging man ernstlich daran, die fieberverpesteten Sumpfgebiete des Isthmus zu sanieren. Dieses schwierige Werk ist jetzt gelungen und zwar vermittelst selbstttiger Petroleum-Pulverisatoren, die in den Wldern und Smpfen aufgestellt sind und im Frhjahr alle Wasserflchen mit einer dnnen Schicht Petroleum berziehen, unter der sich die Moskitos nicht entwickeln knnen. Jetzt gibt es kein Fieber mehr in Panama, denn es gibt keine Moskitos, die die einzigen Trger der Infektion sind. Die Furcht vor ihnen ist aber noch nicht ganz geschwunden. Smtliche Huser im Kanalgebiete sind mit einem dichten Schutzgeflecht aus feinstem Draht umgeben. Die Huser sehen aus wie groe viereckige schwarze Kseglocken. In wirtschaftlicher und politischer Beziehung ist Panama ein Unikum. Der Aufenthalt dort hat fr den Fremden manche Schwierigkeit. Vor allen Dingen wei man nie, ob man sich im gegenwrtigen Augenblick in den Vereinigten Staaten von Nordamerika oder in der spanischen Republik Panama befindet. Seit zehn Jahren ist nmlich Panama -- ich wage nicht zu sagen bekanntlich -- eine selbstndige Republik. Nur ein schmaler Streifen Landes, die sogenannte Kanalzone, wurde damals den Vereinigten Staaten abgetreten. In dieser Kanalzone nun ist das beste und einzig komfortable Hotel Panamas gelegen. Dort lebt man natrlich, und befindet sich folglich in den Vereinigten Staaten, spricht englisch, zahlt mit Dollars und wird von amerikanischen Negern bedient. Ums Haus herum promeniert ein policeman in dem fr die nordamerikanische Polizei charakteristischen Tropenhelm. Macht man jedoch drei Schritte zum Hotelgarten hinaus, so befindet man sich pltzlich und unvermutet in der spanischen Republik Panama. Will man eine Auskunft haben, so mu man sie auf spanisch einholen, an den Straenecken stehen spanische Polizisten in khnen Torreadorhten, macht man einen Einkauf, so heit es mit spanischen Pesos bezahlen. Da man aber, vom Hotel kommend, nie spanische Pesos in der Tasche hat, wird man beim Wechseln amerikanischer Dollars mit notorischer Sicherheit bers Ohr gehauen. Im Hotel gibt es nur Goldwhrung, in der Stadt jedoch Gold-, Silber- und Papierwhrung. Kurz, es ist ein unbeschreiblicher Kohl, und schlielich kauft man lieber gar nichts mehr, um nicht eine halbe Stunde lang Rechenexempel mit Pesos und Dollars lsen zu mssen und in der nchsten halben Stunde doch zu merken, da man Golddollar statt Silberdollar bezahlt hat. Im brigen ist Panama ein ganz interessantes kleines Stdtchen mit schnen alten spanischen Kirchen, anstndigen Droschken und sogar Automobilen, die die engen Straen verpesten. Man hat im allgemeinen durchaus den Eindruck, da hier europische, respektive nordamerikanische Kultur mehr abgefrbt hat, als in allen Stdten der westlichen sdamerikanischen Republiken zusammengenommen. Wenige Minuten auerhalb der Stadt Panama und der Kanalzone ist das Land freilich noch ganz wild. Davon konnten wir uns berzeugen, als es uns eines schnen Tages gelang, ein Unternehmen in Szene zu setzen, auf das wir uns schon seit Brasilien gespitzt hatten -- eine Alligatorjagd. Alle derartige Unternehmungen sind hier stets mit solchen Schwierigkeiten verbunden, da man von besonderem Glck reden kann, wenn es gelingt, einen gefaten Plan auch wirklich auszufhren. Wer htte, z.B., gedacht, da man im Lande der Revolver einen offiziellen Erlaubnisschein zum Tragen von -- Jagdgewehren braucht. Ich will nicht schildern, was wir zu leiden hatten, bis wir diesen Erlaubnisschein bekamen. Wer einen russischen Utschastok kennt, wei genau, auch ohne da ich viele Worte mache, wie es in der Kanzlei des Alkaden von Panama hergeht. Doch Beharrlichkeit fhrte auch hier zum Ziel. Endlich war alles in Ordnung. Wohlausgerstet mit Bchsen, Patronen und Proviant machten wir uns auf den Weg. Dieser Weg ist nicht ganz kurz. Er fhrt quer ber die ganze Bucht von Panama, dann vier Stunden stromaufwrts in einem der vielen Flsse, die den Isthmus bewssern. Wir hatten ein Motorboot gemietet, dessen Besatzung aus zwei Mann bestand, die auf die stolzen Namen Kapitn und Mechaniker hrten. Leider rechtfertigten sie nachher ihre Titel in keiner Weise. Wir wuten noch nicht, was uns bevorstand, als unser Boot am Morgen fix und geschmeidig ber die Bucht von Panama dahinglitt, vorber an glitzernden kleinen Felseilanden und palmenbestandenen Mrcheninseln. Wir freuten uns ber die Morgensonne, die das Meer in eine Flche flssigen Silbers verwandelte, und ber die aberwitzigen langgeschnbelten Pelikane, die in Scharen unser Boot umschwrmten. Nach ungefhr fnf Stunden erreichten wir die Mndung des Flusses, dessen Namen, der nichts zur Sache tut, ich vergessen habe. Das Ufer ist zu beiden Seiten mit dichtem Urwalde bestanden. Man erwartet nicht, kaum 60Kilometer vom kultivierten Panama solch eine Wildnis zu finden. Dieselben dichten Wnde von Schlingpflanzen, die wir vom tropischen Bolivien her gengsam kannten, machen den Wald unpassierbar. Allerhand merkwrdiges Wassergetier flatterte von Zeit zu Zeit am Ufer auf. Ich konnte meine Schiegelste, die schon bei den Pelikanen erwacht waren, nicht bezhmen und machte einem wunderschnen schneeweien Reiher den Garaus. Allerdings hielt ich ihn (er verzeiht mir diesen Irrtum wohl noch nach dem Tode) fr eine wilde Gans. Er htte seinen stolzen langen Hals nicht einziehen sollen, wenn er fr das genommen werden wollte, was er war. Alligatoren gab es in dem breiten Strome, den wir uns hinaufarbeiteten, keine. Die sollten wir erst an der Mndung eines kleinen Nebenflusses, tiefer im Lande, finden. Mit begreiflicher Spannung sahen wir diesem Ziel entgegen. Endlich stoppte der Motor. Es ist 3Uhr nachmittags. Der Kapitn macht uns auf einige mchtige Baumstmme aufmerksam, die in einem schmalen Seitenflchen unter den berhngenden Schlinggewchsen des Ufergebsches daliegen. Hallo, da setzt sich einer von den Baumstmmen in Bewegung und rudert nach dem anderen Ufer hinber. Das also sind die Alligatoren. Donnerwetter! Klein sind sie nicht. Ich hatte sie mir ungefhr von der Gre der Nilkrokodile gedacht, aber diese fellows, wie sie der Kapitn zrtlich nennt, erreichen eine Lnge von mindestens 3-4 Metern. Imposante Kerle. Doch zeigen sie leider nur ihren Rcken. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man ein schlfrig blinzelndes Auge von der Gre einer Backpflaume. Und dahinein soll man treffen? Ausgeschlossen, wenigstens bei der Entfernung, in der wir uns vorlufig befanden, d.h. ca. 150Schritt. Um unseren Jagdeifer etwas zu dmpfen, gab uns der Kapitn auerdem die trstliche Versicherung, da es unter allen und jeden Umstnden unmglich sei, eines Alligators habhaft zu werden, mag man ihn noch so tot schieen. Er geht sofort unter Wasser und bleibt dort, bis ihn sein aufgeblasener Leib an die Oberflche hebt. Dann gab uns der offenbar sehr bewanderte Mann noch den Rat, zu warten, bis die Ebbe einsetzen wrde, d.h. ungefhr drei Stunden. Bei niedrigem Wasserstand sei Hoffnung, da sich die Alligatoren auf den Sandbnken sonnen wrden. Nun versuche man, ausgerstet mit einer trefflichen Winchester-Bchse, von Alligatoren rings umschwommen, drei Stunden ruhig zu warten. Schon nach zwanzig Minuten pfiffen wir auf Ebbe und Sandbnke und befahlen, unsere kleine Nuschale von Ruderboot ins Wasser zu lassen. Der Mechaniker wurde zum Ruderknecht. Die Bchse im Arm fuhren wir das Flchen hinauf. Die ersten zehn Schsse wurden aus einer Entfernung von 20-30 Metern abgegeben. Es erfolgte darauf prompt ein heilloser Skandal im Wasser, mchtige Wellenkreise erfaten unser kippendes und schwankes Boot, und wer nicht mehr zu sehen war, war der Alligator. Da sahen wir denn selbst ein, da die Sache auf diese Weise aussichtslos war. Wir wappneten uns also mit Geduld und Schweigen und glitten stumm und regungslos unter den Uferbschen dahin, jedes Gerusch mit den Rudern wurde vermieden. Ja ein emprter Blick des Ruderers traf mich, als ich mir eine Zigarette anznden wollte. Da, pltzlich wird er selbst unruhig. Mit einem mehr als ausdrucksvollen Minenspiel weist er nach einer Stelle des gegenberliegenden Ufers hin und lenkt den Kahn in der angedeuteten Richtung. Ich sehe gar nichts, mein Freund augenscheinlich auch nicht. Halt, da nicht weiter als drei Schritte vom Steuer ein dicker, grnlicher Balken -- der Kopf eines Alligators mit geschlossenen Augen. Ich kann mich nicht umwenden, um zu schieen. Mein Freund sitzt bequemer. Er nhert den Lauf seiner Bchse buchstblich auf einen halben Meter dem berhmten Auge und drckt los. Donnerschlag, der Radau, der sich erhob! Aus Lederstrumpf und Konsorten wute ich, da Alligatoren, wenn angeschossen, die Khne ihrer Jger mit Vorliebe vermittelst des Schwanzes umkippen. Ich sah mich im Geiste schon zerfleischt und verdaut im Magen des grnen Ungeheuers. Aber nein, Gott sei Dank, wir leben. Der Alligator leider auch. Mit donnerhnlichem Getse war er unter Wasser verschwunden. Also so geht die Sache auch nicht. Was tun? Wie recht hatte unser Kapitn! Wir beschlieen, das Flchen so weit als mglich hinaufzufahren, die Ebbe abzuwarten und dann mit der Strmung noch lautloser, als vorhin lngst einem Ufer hinabzugleiten. Der Ruderknecht legt sich fester in die Riemen. Ich tue mir keinen Zwang an, weder mit Zigarettenrauchen, noch mit Schieen. Mancher exotische Wasservogel mu sein Leben lassen. Das Flubild ringsherum ist von einer bezaubernden Romantik. ber unseren Kpfen schlagen die Kronen der Palmen und Riesenfarren fast zusammen. Der Flu fllt rapide. Der Wald am Ufer sieht aus, als sei er auf einem kunstvoll angelegten Damm aus braunen, schlammbedeckten Pfhlen erwachsen. An der nchsten Biegung scheint der Flu versperrt durch ein weiliches Gebirge. Bei genauerem Hinsehen entdeckten wir, da dieses Gebirge auf uns zuschwimmt. Es ist der himmelwrts gekehrte Bauch einer Alligatorleiche. Das Tier ist von einer unheimlichen Gre, wir mssen unser Boot dicht ans Ufer drngen, um den Kadaver vorbei zu lassen. Er nimmt die ganze Breite des Flusses ein. Darauf sitzt krchzend ein Schwarm von zwanzig oder dreiig Aasgeiern. Scheuliche, kahlhalsige Tiere. Ich tte mit einem Schrotschusse vier. Die anderen fliegen trge auf, setzen sich aber sofort wieder zum leckeren Mal auf das faulende stinkende Fleisch nieder. Bei der Abwrtsfahrt sehen wir an den Ufern des inzwischen durch die Ebbe stark verengten Flubettes eine Unmenge Alligatoren, aber immer nur Kopf und Rcken. Kein einziger wagt sich auf eine Sandbank hinauf, um seinen weichen Bauch als bequemere Zielscheibe darzubieten. Wir verschieen unseren ganzen Patronenvorrat, mehr aus Freude an dem daraufhin entstehenden Wasserbeben, als in Hoffnung auf Beute. Erst bei der Mndung des Flchens sehen wir den grnlich-blauen Riesenleib eines prchtigen Alligators, langhingestreckt auf dem sandigen Ufer. Aber ehe wir in Schuweite sind, gleitet auch die letzte Hoffnung stumm und lautlos ins Wasser. Ich glaube, das infame Tier hat uns dabei nicht ohne Sarkasmus angeblinzelt. Die Flintenkugel, die so ein Amphibium ins Gehirn bekommt, regt es wohl nur zu lebhafterem Denken an, ohne seine Lebensgeister ernstlich zu gefhrden. Und mit Kanonen hatten wir uns leider nicht bewaffnet. Es wurde dunkel, und wir rsteten uns zur Heimfahrt. Dabei hatten jedoch Kapitn und Mechaniker die Rechnung ohne die Ebbe gemacht. Kurz, nach einer halben Stunde saen wir fest. Regungslos, rettungslos, hoffnungslos. Drei Stunden galt es, zu warten, bis die Flut unser Boot wieder flott machte. Unsere Mannschaft fand das ganz in Ordnung. Wir nicht. Zumal wir fr solche Extrastationen durchaus nicht gengend verproviantiert waren und sich Hunger nie fhlbarer macht, als wenn man eine aufregende Jagd hinter sich hat. Endlich spren wir einen Ruck. Das Boot, siehe da -- es bewegt sich, schwebt. In weniger als zwei Stunden ist die Bucht erreicht. Vertrauensvoll lassen wir uns ins Meer hinaussteuern. Alles geht glatt, in der Ferne sieht man schon die Lichter von Panama aufblitzen. Da, auf einmal ruckt und huppt der Motor so merkwrdig, jetzt setzt er ganz aus, jetzt springt er wieder an, setzt wieder aus, noch einmal, die Pausen werden immer lnger, und endlich gibt er mit einem langen Seufzerhauche seinen letzten Lebensodem von sich. Selten ist mir ein Todesfall so nah gegangen. Was soll ich nun weiter von dieser traurigen Begebenheit erzhlen? Um es kurz zu machen: natrlich gelang es weder dem Mechaniker, noch dem Kapitn, den Motor wieder in Gang zu bringen. Diese wrdigen Meister ihres Faches erffneten uns kaltlchelnd, da wir die Nacht auf dem Wasser zubringen wrden und hoffen knnten, am nchsten Morgen von irgend einem zufllig vorbeifahrenden Dampfer aufgesammelt zu werden. Zwar hatte das Boot einen Mast und auch ein Segel und obgleich niemand zu segeln verstand (auch der Kapitn eingestandenermaen nicht), zogen wir es auf, aber in Ermangelung des leisesten Windhauches hing es schlaff und kraftlos herunter und war nicht dazu zu bewegen, sich zu blhen. So schaukelten wir denn auf den Wellen als willenloses Spielzeug der Ozeandnung. Das letzte Butterbrot war lngst verspeist, der letzte Tropfen Tee getrunken. Es gibt Stimmungen, die man weiglhende nennt. Als uns gegen 5Uhr morgens die Zigaretten ausgingen, glhte ich wei, schneewei, durchsichtig. Begegnungen mit der Mannschaft vermied ich, um nicht zum Mrder zu werden. An Schlaf war vor Wut und Hunger kein Gedanke. Das wundervolle Schauspiel des Sonnenaufganges konnte unter solchen Umstnden natrlich auch nicht gebhrend genossen und bewundert werden. Endlich um 10Uhr morgens erblickten wir am Horizonte ein anderes Motorboot, das direkt auf uns zusteuerte: der Besitzer unseres Bootes, von Sorge um unseren Verbleib erfllt (wir hatten noch nicht bezahlt), kam uns suchen. Freundlich war der Empfang, den wir ihm bereiteten, trotz aller Freude, nicht. Er nahm uns, schuldbewut, in Schlepptau, und nach drei langen Stunden kamen wir in Panama an, wo wir uns in die erste beste Hafenkneipe strzten. Darber, da wir keinen Alligator mithatten, war der Bootsbesitzer keineswegs erstaunt. Er erzhlte uns zum Trost, da er vor einigen Wochen zweiundzwanzig Amerikaner in dieselben Jagdgrnde expediert hatte, und da sie nach einem mrderischen Feuer von Tausend Schu ebenso beutelos heimgekehrt waren wie wir. Vor unserer Abfahrt hatte er uns diese lehrreiche Geschichte wohlweislich verschwiegen. Und die Moral von der Geschicht'? Fahr auf dem Meer auf Motorbooten nicht. 18. BRIEF. VON PANAMA NACH NEW YORK. -- JAMAIKA. -- CUBA. Da der Kanal noch nicht schiffbar ist, mu der Isthmus im Schnellzuge durchquert werden. Die Fahrt dauert knappe zwei Stunden. Aus dem bequemen Pullman-Car lt man noch einmal die wechselnden Bilder der Kanalbauten an sich vorberziehen, denn der Schienenstrang hlt ziemlich genau die Richtung des Durchstiches ein. Die weiten Smpfe, mit dichtem Tropen-Urwalde bestanden, bieten stellenweise ein beraus reizvolles landschaftliches Bild. Beruhigend hinsichtlich der Moskito-Gefahr wirken die mchtigen Petroleum-Behlter, an denen man von Zeit zu Zeit vorberfhrt. Colon, an der atlantischen Seite der Landenge gelegen, ist der wichtigste Hafen Mittel-Amerikas. Er ist der Knotenpunkt des gesamten Schiffahrt-Verkehrs zwischen Europa, den Westindischen Inseln, Nord- und Mittel-Amerika. Am Pier erwartete uns ein prchtiger neuer Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie Karl Schurz -- also benannt nach dem Klner Freiheitskmpfer, der in den Vereinigten Staaten zu der Stellung eines fhrenden Staatsmannes gelangte und dem krzlich ein prchtiges Standbild ber der Amsterdam-Avenue in New-York enthllt worden ist. Die achttgige Seefahrt von Colon bis NewYork gehrt zu den angenehmsten Erinnerungen unsrer Reise. Aus Dankbarkeit mchte ich die Hauptursache unseres Wohlbefindens an Bord des Karl Schurz erwhnen. Es war dies die auerordentliche Liebenswrdigkeit und Zuvorkommenheit des gesamten Schiffspersonals, vom Ober-Steward bis zum letzten Schiffsjungen. Alle Angestellten des Dampfers sorgten sich um jeden einzelnen Passagier so, als hinge von dessen Wohl und Wehe ihr eigenes Seelenheil ab. Herrlicher Zustand! Ich glaube, ich bin mein Lebtag nicht besser bedient worden, als im Rauchsalon und im Speisesaale des Karl Schurz. Auf der Route Colon--NewYork sind zwei Stationen vorgesehen: in Kingston auf Jamaika und in Santiago de Cuba. Auf Jamaica hatten wir einen ganzen Tag Aufenthalt. Diese Insel -- wenigstens soviel wir davon zu sehen bekamen -- ist ein bezauberndes Fleckchen Erde. Vom ersten Schritt an, den man auf Jamaica tut, sprt man mit Behagen, da die spanische Lotterwirtschaft, die einem manche Strecken Sd-Amerikas verekelt, aufgehrt hat. Englische Kultur weit und breit. Ihre Vorzge kann man erst richtig ermessen, wenn man sie sechs Monate lang entbehrt hat. Eine mehrstndige Automobilfahrt fhrte uns weite Strecken am Ufer der Insel entlang. Zum ersten Mal konnten wir ber die Herrlichkeiten einer _gepflegten_ Tropen-Flora staunen. Es ist bekanntlich eine Spezialitt der Englnder, die Natur in Parks zu verwandeln. Das haben sie auch auf Jamaika fertig gekriegt. Samtene Rasenflchen -- echte greens -- dehnen sich kilometerweit um die Fahrwege, die, nebenbei gesagt, von vorzglicher Beschaffenheit sind. Die Palmenhaine sind berall vom Unterholz sorglich gereinigt. Blhende Hecken phantastischer Tropenblumen ziehen sich an den Wegen entlang. Man erhlt den Eindruck, als sei die ganze Insel ein groer wohlgepflegter Garten. Aus dem Grn blickten berall saubere Villen hervor, deren Bauart vollkommen dem Stil englischer Landhuser hnelt. Das Ziel unserer Fahrt war eine hgelige, mit dichtem Walde bestandene Landzunge, die wir in den Ozean hineinragen sahen. Wer beschreibt unser Erstaunen, als wir erfuhren, da dies der Aufenthaltsort englischer Zwangsstrflinge sei! Wre nicht die in der Tropenglut doch einigermaen erhitzende Arbeit im nahen Steinbruch, so mchte man fast einen kleinen Einbruch verben, um fr ein Weilchen hierher deportiert zu werden. Die Stadt Kingston bietet nichts besonders Bemerkenswertes. Der Eindruck, den man von ihr davontrgt, ist der einer Farbe: Wei. Wei sind alle Huser, wei die Straen, wei ist der Staub, der von Automobilen und verschiedenerlei Fuhrwerken in sehr reichlicher Quantitt aufgewirbelt wird, wei ist die Kleidung aller Passanten mnnlichen und weiblichen Geschlechts. Nur eines ist nicht wei: die indigene Einwohnerschaft der Stadt. Die ist nmlich schwarz. brigens sind die Jamaika-Neger grauenhaft hlich, besonders die Frauen, die ja berhaupt bei allen wilden Vlkern nie und unter keinen Umstnden Anspruch darauf erheben knnen, das schnere Geschlecht zu sein. Ich ahne, da man von mir erwartet, ich solle nun etwas vom Jamaika-Rum erzhlen. Leider kann ich diesen Wunsch nicht erfllen. Von diesem Trost aller Grogtrinker habe ich auf Jamaika nicht mehr gesehen als in Europa. Eher weniger. Vielleicht, weil die dampfende Hitze hier jeden Nasenwrmer vllig berflssig macht. Als wir zum Dampfer zurckkehrten, erwartete uns ein eigenartiger Anblick: eine schier endlose Negerprozession wanderte vom Hafenquai zum Dampfer. Jeder trug einen Bananenkolben auf dem Kopfe. Vor dem Laderaum des Zwischendecks stand ein enormer Neger, mit einem langen Schlachtmesser bewaffnet. Damit hieb er nach dem Kopf jedes vorberziehenden Prozessionsmitgliedes. Man glaubte, sie mten alle enthauptet in die Luke purzeln. Das taten sie jedoch nicht. Es stellte sich heraus, da der grimmige Henker nur die Strnke der Bananenkolben abschlug. Jeder Neger nahm seinen Strunk wieder mit. Er mute ihn am Ladeplatz abliefern, um einen neuen herbertragen zu drfen. Eine hchst primitive, aber unfehlbare Ehrlichkeitskontrolle. An Kuba habe ich nur eine dumpfe Erinnerung, obgleich der Besuch dieser Insel wenige Tage zurckliegt. Mir kommt es immer noch merkwrdig vor, da ich Santiago wirklich lebend verlassen habe. So was an Hitze! Dagegen erschien die Treibhaus-Atmosphre des Mapiri-Tales als Eiskellerluft. Ein Halbkreis blendendweier Kalksteinfelsen umgibt die Stadt. In diesem Fokus sammelt die Sonne ihre sengenden Strahlen. Der Boden, den man betritt, scheint wei zu glhen. Den Druck der heien Luft auf dem Kopf empfindet man als physischen Schmerz. Um vom Hafen in die Stadt zu gelangen, mu man einen zirka zweihundert Schritte breiten Platz berschreiten, der den Sonnenstrahlen schutzlos preisgegeben ist. Trotz eines reichlichen Aufgebots von Energie konnte ich den Entschlu nicht fassen, mich auf diesen Platz hinauszuwagen. Ich fhlte, da ich die andere Seite nicht lebend erreichen wrde und umschlich ihn mit groem Bogen im kmmerlichen Schatten der Hauswnde. Kuba ist das Eldorado aller Tabakraucher. Die Kuba-Zigarren hatten auch mich verlockt, den Dampfer zu verlassen. Nachdem ich meinen Einkauf in halb besinnungslosem Zustande besorgt hatte, eilte ich -- soweit die Temperatur das zulie -- auf den Dampfer zurck. Von Santiago habe ich infolgedessen wenig gesehen. Hatte auch keine Sehnsucht, die Tiefen der engen Gassen zu erforschen. Die Stadt macht einen unappetitlichen, unordentlichen Eindruck. Sie scheint ein einziger groer Drogenladen zu sein: berall stehen Fsser, Kisten, Kasten, Warenballen, Tonnen, Flaschenkrbe umher. Die Straen werden, scheint's, nie gefegt. Spanische Wirtschaft! Entschdigt wird man dafr durch das reizvolle und malerische Bild, das die Insel darbietet, wenn der Dampfer in langsamer Fahrt die Bucht von Santiago verlt. Die Ausfahrt ist brigens so schmal, da man wetten wollte, unser Kapitn wrde sein Schiff nicht durchzwngen. Wider Erwarten gelang es doch. An einer Seite des Felsentores steht eine spanische Festung. Mit einer Batterie kann man hier eine ganze Armada in Schach halten. Auf der Fahrt von Colon nach NewYork erlebten wir unseren ersten regelrechten Sturm auf dem Ozean. Die Wellen, die bers Schiff sprangen, verwandelten das Promenadendeck in eine Schlittschuhbahn -- ein Umstand, der von allen Pikkolos und Schiffsjungen, soweit sie seefest waren, natrlich eifrigst ausgenutzt wurde. Den ganz Geschickten gelang es, unter dem Druck eines Windstoes ohne Aufenthalt vom Vorderdeck bis zum Heck zu schliddern. Ein pudelnasser, aber zweifellos sehr vergnglicher Sport. Er mute eingestellt werden, als der Dampfer sich gar zu steil zu bumen anfing. Es war ein wundervolles Schauspiel, wenn sich die Spitze des 6000-Tonnen-Schiffs so tief senkte, da es regelrecht Wasser schpfte, und der schumende Gischt sich wie ein Sturzbach vom Bug zum Steuer ergo. Das Betreten des Deckes war unter solchen Umstnden natrlich verboten. brigens gab es unter den Passagieren nur sehr wenige, die dieses Verbot htten bertreten knnen. Erst wenn man den Ozean im Sturm gesehen hat, wei man, wie groartig schn er sein kann. Nur den ganz Gewaltigen raubt ein Zornesausbruch nichts von ihrer Majestt. ~Tafel 16~ [Illustration: ~JAMAICA~] 19. BRIEF. NEW YORK. 1. DER ERSTE EINDRUCK. Schon vierundzwanzig Stunden, bevor man die Metropole der Vereinigten Staaten zu Gesicht bekommt, bemchtigt sich des Reisenden eine unerklrliche Unruhe. Selbst wenn man vorher unter den abenteuerlichsten Bedingungen einen ganz fremden, ebenso phantastischen wie interessanten Kontinent -- Sdamerika -- bereist hat. Trotzdem fhlt man es deutlich: das eigentliche Amerika, das Land der unbegrenzten Mglichkeiten beginnt erst mit den Vereinigten Staaten, prziser ausgedrckt mit -- NewYork. Dieses Vorgefhl trgt in der Tat nicht. berall in Sdamerika, in den Stdten und selbst in der Wildnis, gelingt es, wenngleich nicht immer ohne Anstrengung, irgendwelche Anknpfungspunkte mit dem europischen Leben zu finden. Die Vergleichsmglichkeit berhaupt ist gegeben. In NewYork dagegen mu man von vornherein darauf verzichten, mit den uns gewohnten Lebensbedingungen Vergleiche anzustellen. Mir wenigstens ist es so ergangen. Ich habe mich nirgendwo, weder in den argentinischen Pampas, noch in den Urwldern Boliviens, weder auf dem ungastlichen Rcken der Kordilleren noch im buntbewegten Panama so fremd, so wenig heimisch gefhlt, wie in NewYork. Und dieses Gefhl ist nicht geschwunden, obgleich ich in NewYork lnger geblieben bin und bessere Gelegenheit hatte, mich mit allen Lebensbedingungen vertraut zu machen, als in irgend einer der sdamerikanischen Stdte. Die Unruhe, die einen schon vor NewYork berkommt, verlt einen dort fr keinen Augenblick. Man hat die ganze Zeit das Gefhl, als stnde man unmittelbar vor irgendwelchen Katastrophen des allgemeinen oder persnlichen Lebens, man wird es erst los, wenn man das Schiff besteigt, um nach Europa zurck zu fahren. Dann atmet man ordentlich auf. Der Grund dieser sonderbaren Aufregung ist, glaube ich, nicht in der fabelhaften Groartigkeit des ueren Stadtbildes, auch nicht im schwindelerregenden Straenverkehr und im rasenden Tempo des geschftlichen Lebens zu suchen, obzwar auch dieses alles gengt, um in der ersten Zeit ein Durchschnittstemperament auer Rand und Band zu bringen. Aber schlielich sind London und Paris auch keine Drfer, und zu Zeiten geht es dort ebenfalls recht lebhaft her. Endlich gibt es keinen Radau, an den man sich nicht gewhnen knnte. Warum sollte also der NewYorker Straenverkehr eine Ausnahme machen? Nein, der Grund, weshalb man in NewYork innerlich nicht ruhig werden kann, liegt darin, da man den prinzipiellen Unterschied zwischen den Begriffen amerikanisch und europisch fhlt, und sich von Stunde zu Stunde mehr der unberbrckbaren Kluft bewut wird, die unseren guten alten Kontinent von der neuen Welt trennt, trotz des tglichen Verkehrs, der zwischen ihnen aufrecht erhalten wird. Dem Nordamerikaner ist die Psychologie des Europers ebenso fremd, wie diesem das Innenleben eines Schimpansen. Man versteht sich gegenseitig nicht, denn man ist aus ganz verschiedenem Material geknetet. Und ebensowenig, wie man den einzelnen Menschen versteht, begreift man die Formen, die das Leben dort angenommen hat. D.h. mit dem Verstande wohl, nicht aber mit dem Herzen. Das jedoch ist die Grundbedingung dazu, um sich irgendwo heimisch, oder auch nur gemtlich zu fhlen. Dieser Umstand braucht einen nicht zu hindern, den Vereinigten Staaten den Zoll aufrichtiger Bewunderung zu entrichten. Es ist ein wundervolles Land, und man bedauert vielleicht schmerzlich, da es einem innerlich immer verschlossen bleiben mu. * * * * * Einen unvergelichen Anblick bietet die Bucht von NewYork, wenn man an einem sonnigen Sommermorgen die Einfahrt passiert. Weithin sichtbar erhebt sich die kolossale Freiheitsstatue auf ihrem breiten Granitsockel. Ihr goldenes Haupt scheint Blitze zu sprhen. Unzhlige Dampfer, Segelschoner, Schaluppen schaukeln sich auf den Wellen, dazwischen schieen pfeilschnell in allen Richtungen Motorboote und die kleinen Dampfkutter, die den Verkehr zwischen der Stadt, den vielen Inseln der Bucht und den weiter gelegenen Vororten vermitteln. Es ist ein unwahrscheinlich buntes und belebtes Bild. Im Vergleich dazu scheint Cuxhaven der Vorhof einer Toteninsel. Bald wird die Aufmerksamkeit von der nchsten Umgebung des Dampfers abgelenkt: vom Morgennebel noch ein wenig verhllt zeichnet sich die Silhouette der Stadt in immer deutlicher werdenden Umrissen am Horizont ab. Im ersten Augenblick ist es schwer, sich ber die Linie dieser Silhouette klar zu werden. Sie hat so merkwrdig viele Ecken und gerade Linien, die hoch in den Himmel hineinragen. Wenn man nher kommt und einzelne Bauwerke unterscheiden kann, begreift man, was man vor sich hat. Das also sind die berhmten Wolkenkratzer! Vom Meer aus erfat man ihre Dimensionen noch ganz und gar nicht. Sie sehen nur so merkwrdig aus, weil sie vereinzelt dazustehen scheinen, denn die Huserzeile mit Gebuden unter zehn Stockwerken bleibt unbemerkt. Es dauert berhaupt eine ganze Weile, zum mindesten einige Tage, bis man das Straenbild von NewYork mit vollem Bewutsein in sich aufzunehmen vermag. Wir sind solche Dimensionen nicht gewhnt; der Blick gleitet darber hinweg, ohne da der Verstand erfat, was das Auge sieht. Erst allmhlich lernt man begreifen, was man vor sich hat, und erst dann kann man anfangen zu staunen. Alle Achtung vor den amerikanischen Architekten, deren berhmtester brigens -- eine Frau ist. Sie verstehen es, die kolossalen Steinmassen so zu gliedern, da man sich von den enormen Gebuden, die die Straen umsumen, keinen Augenblick bedrckt oder eingeengt fhlt. Zhlen lassen sich brigens die Stockwerke der Wolkenkratzer ebensowenig, wie etwa die Waggons eines vorberfahrenden Gterzugs. Man hat keine Anhaltspunkte. Ist man glcklich in die Gegend von zwanzig gekommen, so mu man sicherlich wieder von vorne anfangen. Kurz vor unserer Ankunft war das hchste Gebude NewYorks, auf das sogar die Amerikaner ganz besonders stolz sind, fertig geworden. Es steht in vollster Pracht, von Gersten befreit, am Broadway da. Es ist die Kleinigkeit von siebenundsechzig Stockwerken hoch, d.h. es soll so viele Etagen haben. Nachzhlen habe ich sie nicht knnen. Bei einem Zhlversuche mu hier auch das sicherste Auge versagen, aus dem einfachen Grunde, weil man in der schwindelnden Hhe der obersten zwanzig Stockwerke keine einzelnen Fenster unterscheiden kann, man mag noch so weitsichtig sein. Man kann sich von den Dimensionen des Gebudes annhernd eine Vorstellung machen, wenn man erfhrt, da es fast dreihundert Meter, d.h. beinahe ebenso hoch wie der Eifelturm ist. Da es trotzdem durchaus den Eindruck eines Hauses und nicht den eines Turmes macht, kann man sich denken, welch einen enormen Flchenraum es bedeckt. Wie mag es den Leuten zumute sein, die etwa im sechzigsten Stockwerke wohnen und eine Fernsicht fast bis Europa genieen? Unsereines htte sicherlich nicht die innere Ruhe fr solch ein luftiges pied--terre, das brigens in diesem Falle lieber pied-en-air heien sollte. Schon der Feuersgefahr wegen. Es brennt in NewYork tglich an allen Ecken und Enden, und zwar vorzugsweise in den Wolkenkratzern. Kein Mensch regt sich mehr darber auf. Die Zeitungen registrieren ganz geschftsmig die Zahl der Leichen. Die Wolkenkratzer in NewYork rangieren nicht als gleichberechtigt unter der groen Masse der brigen Huser. Sie sind Aristokraten, und werden individuell behandelt. Bei den Lebenden leugnet die demokratischste aller Nationen den Adel ab, unter toten Gebuden schafft sie ihn sich. Das uert sich darin, da jeder sky-scraper seinen Namen hat. Dieser Name bezeichnet entweder den Besitzer des Gebudes: Astor-Haus, oder eine Bestimmung: Rubber-building, Times-building, oder ist einfach aus freier Phantasie geschpft: Atalanta, Independencia usw. Dieser Name gengt natrlich als Adresse, sowohl der Post, als auch den Lenkern der Verkehrs-Vehikel. Das Wolkenkratzer-Viertel ist die Geschftsgegend der Stadt, NewYork-City. Es beschrnkt sich auf die Straen, die den Anfang des Broadway durchqueren. Dieser Broadway ist brigens eine unfaliche Strae, nach europischen Begriffen wenigstens. Er ist -- sage und schreibe -- 45Kilometer lang. Wenn man als Kind an einem Ende ausgeht, kommt man als Greis am andern an. Seine Huser individualisiert NewYork, die Straen dagegen nicht. Es gibt nur wenig Straen, die einen Namen haben. Die Numerierung der Straen erleichtert einem zwar das Orientieren in der Stadt, hat aber im brigen etwas Geistttendes an sich, ebenso, wie die Linien auf dem Wassili-Ostrow in Petersburg. Lngelang wird die Stadt vom Broadway und zwlf Avenuen durchschnitten, von denen nur eine einen Namen hat: die Amsterdam Avenue, quer durch gehen ca. 270Straen, deren jede ihre Nummer hat, durch zwei Zahlen und die Hausnummer lt sich also jede beliebige Stelle der Stadt genau fixieren. Dieses Verfahren ist ebenso bequem wie langweilig, was sich brigens auch von manchen anderen amerikanischen Einrichtungen sagen lt. Von den Avenuen ist die groartigste die berhmte Fnfte. Die verwegenste Rechenkunst mu an dem Exempel versagen, wieviele Milliarden schwer die Bewohner dieser Strae sind. Im Rayon der ersten siebzig bis achtzig Querstraen ist die 5.Avenue die vornehmste Kaufstrae NewYorks. Die ganze Rue de la paix und Avenue de l'Opra von Paris, die New-bond-street aus London haben hier ihre Filialen. Am meisten ins Auge stechen die fabelhaften Juwelierlden und die mrchenhaften Blumengeschfte. Nebenbei bemerkt, trgt jede fashionable NewYorkerin, die die 5.Avenue zu Fu oder im Auto passiert, einen ziemlich umfangreichen Blumenstrau im Grtel, meistens Orchideen oder Rosen. Beim sogenannten Central-Park, einem entzckend gepflegten Stadtgarten, beginnt die vornehmste Wohngegend New-Yorks, der Rayon der Einfamilienhuser. Hier hat sich unter anderem die ganze Dynastie Vanderbilt angesiedelt. Ein Palast steht neben dem anderen. Jeder Chauffeur nennt einem die Bewohner der einzelnen Huser und erzhlt gerne und ausfhrlich ihre Familiengeschichten. Die Palste der Dollarknige zeugen brigens von einigem Geschmack der -- Architekten. Nur dokumentiert sich in fast allen eine gewisse Vorliebe fr schwere klobige Steinmassen und wenig Lichtfreudigkeit. Die Huser sind meistenteils in etwas finster anmutendem romanischem Stil erbaut. Von den Bewohnern weilt brigens jetzt kein Mensch in der Stadt. Die ganze 5.Avenue hinauf sind alle Fenster ohne eine einzige Ausnahme verhngt. Ohne sie zu sehen, kennt man diese Bewohner, wenn man einen schwatzhaften Chauffeur hat. Man wei auch bald, wieviel Geld sie haben, ob sie in glcklicher oder unglcklicher Ehe leben, wieviel ihre Huser gekostet haben usw. Das teuerste Haus besitzt ein Sohn des berhmten Cornelius Vanderbilt. Es soll die Kleinigkeit von 7Millionen Dollar gekostet haben, sieht aber nicht danach aus. Einen verhltnismig bescheidenen Eindruck macht das Haus des jngst verstorbenen Pierpont Morgan. Es ist nicht an der 5.Avenue, sondern in einer ihrer Querstraen gelegen. Der Besitzer hat die wenig geschmackvolle Idee gehabt, mitten zwischen die umgebenden Mietskasernen einen griechischen Tempel fr seine weltberhmte Bildergalerie hinbauen zu lassen. Das ganz aus weiem Marmor aufgefhrte Gebude ist an sich wunderschn, ideal in den Proportionen, rein und edel in allen Linien, doch nimmt es sich an dieser Stelle aus, wie eine Edelpalme auf einem Kohlfelde. Von den ffentlichen Gebuden NewYorks ist das schnste die Carnegie-Hall, ein stilvoller Tempelbau in der vornehmen Umgebung der 5.Avenue. Er beherbergt unter anderem eine wundervolle Bibliothek, in deren Zeitungssaal ich tglich die hauptschlichen Moskauer Zeitungen lesen konnte. Schner noch als die 5.Avenue, wenngleich sie fr etwas weniger vornehm gilt, ist die sogenannte River-side, das hochgelegene Ufer des imposanten Hudson-River. Unter den herrlichen Villen, die dort stehen, erregt am meisten Bewunderung die Besitzung eines gewissen Mr. Schwab, des getreuen Mitarbeiters Andrew Carnegies. Es ist eine altdeutsche Burg, ungefhr von den Dimensionen des Mnchener Nationalmuseums. Entzckend sieht der Hudson-River mit seinen grnen Ufern an sonnigen Sommertagen aus. Unzhlige Segel- und Motor-Jachten beleben seine glnzende Wasserflche. Einen unbeschreiblich groartigen Eindruck machen die vier Riesenbrcken, die ihn berwlben und die Verbindung zwischen NewYork und Brooklyn herstellen. Der Anblick dieser zwei Kilometer langen Brcken, die in khnem Bogen die beiden gegenberliegenden Ufer verbinden, und mit ihren kolossalen Strebepfeilern fast in die Wolken hineinzuragen scheinen, benimmt einem geradezu den Atem. Von allen Stdten, die mir bis jetzt zu Gesicht gekommen sind, ist NewYork bei weitem die internationalste. Jedes Volk fast hat dort sein Stadtviertel, in dem es seine Eigenart vollkommen bewahrt. Am interessantesten sind die Stadtviertel der Italiener, Juden, Chinesen und Neger. 2. HOTELS, ZEITUNGSWESEN, REKLAME. Der Hotel-Komfort in Europa wird immer raffinierter und raffinierter. Das verdanken wir den Yankees. Sie sind es bei sich zu Hause so gewhnt und wollen es in Europa, wenn sie uns mit ihrem Besuch beehren, auch nicht schlechter haben. Und da drfen wir nun mitgenieen, obgleich wir es bei uns zu Hause durchaus nicht so gewhnt sind. Aber trotz aller unserer Anstrengungen gelingt es uns nicht, die Amerikaner in bezug auf Hotel-Luxus auch nur annhernd zu erreichen, geschweige denn zu bertrumpfen. Weder Cecil und Carlton in London, noch die glnzendsten Hotels in Paris, noch Adlon in Berlin knnen mit den amerikanischen Hotelpalsten konkurrieren. In Amerika geht bekanntlich alles ins Grandiose. Neben der Qualitt kommt auch die gemeine Quantitt zu ungebhrlicher Bedeutung. Die Sucht nach groen Zahlen beseelt das Leben und Streben der Amerikaner. Das gilt ganz besonders auch vom Hotel-Betriebe. Das Astor-Hotel in NewYork geniet den Ruf vornehm und ruhig zu sein. Was soll man nun dazu sagen, wenn man hrt, da in diesem ruhigen Hotel neun Orchester beschftigt werden, die zu allen Tages- und Nachtzeiten in den verschiedenen Speiseslen des Hauses konzertieren. Aber selbst damit ist dem unersttlichen Musikbedrfnis der Hotelleitung und ihrer Gste nicht Genge getan. Im Astor-Hotel steht im groen Bankett-Saal die grte Orgel der Vereinigten Staaten, ein wundervolles Werk amerikanischer Orgelbaukunst, auf der ein eigens angestellter Organist -- nebenbei gesagt ein Meister seines Faches, der mit seinen 6000 Dollar Gehalt gewi nicht zu hoch bezahlt ist -- die Tafelfreuden der reichen Yankees wrzt. Whrend unseres Aufenthaltes im Astor-Hotel wurde dort von verschiedenen offiziellen und inoffiziellen deutschen Vereinigungen das 25jhrige Regierungsjubilum Kaiser Wilhelms gefeiert. Der gewhnliche Betrieb des Hotels erlitt dadurch keine Einbue. Doch erzhlte der Direktor des Hotels nachher nicht ohne Stolz, da an diesem Abend Diners fr insgesamt 2800 Personen serviert worden waren, womit jedoch das Kchenpersonal des Hotels und die 600Kellner keineswegs beranstrengt wurden. Eine Sehenswrdigkeit von NewYork ist der roof-garden, des Astor-Hotels. Es gibt auch anderswo in der Welt Dachgrten, z.B. in Petersburg auf dem Hotel d'Europe. Doch kann er sich mit der vorwitzigen Probe amerikanischer Gartenbaukunst auf dem Dache des Astor-Hotels natrlich nicht im entferntesten messen. Schon den Dimensionen nach ist der Astor-roof-garden unendlich viel imposanter. Dort gibt es offene und geschlossene Wandelhallen, Squares mit wundervollen Blumenrabatten, ganze Palmenhaine und wei der Himmel was alles noch. Eine wahrhaft geniale Einrichtung kann man whrend der mit Recht berchtigten amerikanischen Hitzwellen nicht genug preisen. Ein groer Teil des Gartens hat nmlich ein Dach aus Glas, und ber dieses Dach rieselt ununterbrochen khles Wasser, wodurch die Temperatur dort immer ertrglich ist. berdies machen diese flieenden Wasser abends beim Lichte unzhliger bunter elektrischer Flammen einen hchst phantastischen Eindruck. Man whnt sich auf dem Grunde des Ozeans und wartet auf die Fische und Seesterne, die gleich vorbeischwimmen werden. Dekoration zu Rheingold, erster Akt. Und das alles in der Hhe des fnfzehnten Stockwerkes. Entsprechend diesem Restaurant-Luxus sind natrlich auch die Wohnrume des Hotels aufs raffinierteste eingerichtet und mit allen Bequemlichkeiten der modernen Hoteltechnik versehen. Da jedes Logis sein eigenes Badezimmer hat und auch im Waschtisch flieendes heies Wasser, versteht sich in Amerika von selbst. Weniger selbstverstndlich, aber ebenso angenehm ist das Telephon in jedem Logis, und zwar ein Telephon, mit dem man nicht nur die Dienstboten anruft, sondern Anschlu nach Chicago, Philadelphia, mit einem Wort berallhin, wo es Telephonleitungen gibt, haben kann. Elektrische Glocken sind brigens verpnt. Auf einen Anruf der Zentrale des Hotels erscheint prompt der gewnschte dienstbare Geist. Ein Patent des Astor-Hotels ist eine ingenise Einrichtung, vermittels derer jeder Hotelgast sofort erfhrt, wenn Post fr ihn da ist. Jede Nummer hat ihr Postfach. Wenn nun ein Brief oder auch nur eine Visitenkarte in das Postfach hineingeschoben wird, schliet sich eine elektrische Leitung, und in der betreffenden Nummer leuchtet an der Wand ein Menetekel in roter Schrift auf: mail for you in the office. Natrlich freut man sich diebisch ber diese frohe Botschaft, wenn man abends sein Zimmer betritt. Ein Ruf ins Telephon, und nach fnf Minuten ist man im Besitze seiner Briefe. Dennoch gab es in NewYork eine Zeit, in der wir sowohl die Post als auch das Telephon verwnschten. Das war whrend der ersten vier bis fnf Tage. Und verekelt wurden uns diese beiden ntzlichen und angenehmen Institutionen durch meine lieben Kollegen -- die NewYorker Journalisten. Das ist ein Kapitel fr sich und sein Inhalt ist tragikomisch. Wenn ich bei seiner Wiedergabe etwas persnlich werde, werden mir das meine verehrten Leser hoffentlich nicht verbeln. Die Amerikaner bilden sich bekanntlich ein, die demokratischste aller Nationen zu sein. Das hindert sie jedoch keineswegs, einem so dreisten und naiven Snobismus zu huldigen, wie er in Europa glcklicherweise nur noch ausnahmsweise vorkommt. Mein Reisekamerad fhrt vor seinem Namen einen nach amerikanischen Begriffen auerordentlich hohen Titel. Dieser Umstand gengte, um bei unserer Ankunft in NewYork an der Landungsbrcke der Hamburg-Amerika-Linie ein ganzes Heer von Reportern und Photographen zu versammeln, denn die Passagierliste des Dampfers war nach NewYork telegraphiert worden. Da wir auf diesen Ansturm vllig unvorbereitet waren, gaben wir den Herren bereitwilligst Auskunft ber alles, was sie wissen wollten, in der Annahme, da sie sich wirklich fr unsere Erlebnisse in den sdamerikanischen Tropen interessierten. Stutzig wurden wir, als auch bei unserer Ankunft im Hotel, wo wir ebenfalls telegraphisch angemeldet waren, uns die Visitenkarten einiger Berichterstatter amerikanischer Zeitungen berreicht wurden. Sie folgten uns auf Schritt und Tritt, wo wir gingen und standen, assistierten uns beim Frhstck, notierten sich eifrig das Men, fragten nach lauter Dingen, die sie ganz und gar nichts angingen und interessierten sich besonders fr unsere Meinung ber die amerikanischen Frauen. Am nchsten Morgen schon durften wir die Frchte dieser aus angeborener Hflichkeit gewhrten Interviews genieen. Alle NewYorker Zeitungen brachten spaltenlange Artikel, die sich aufs ausfhrlichste mit unserer Wenigkeit beschftigten. Die Phantasie der Reporter feierte dabei wahre Orgien. Von unseren sdamerikanischen Erlebnissen kein Wort, dagegen die Mitteilung von lauter zu sensationellen Ereignissen aufgebauschten Nichtigkeiten. Wir hatten unseren Koffer, der unsere Gesellschaftsanzge enthielt, nicht gleich bekommen knnen und waren infolgedessen gezwungen, in Jackettanzgen zum Mittagessen im Speisesaal des Hotels zu erscheinen: Daraus wurde ein fulminanter Artikel: Russian Prince dining in the Astor-Hotel in a white flannel suit. Der phantasiebegabte Journalist schilderte in lebhaften Farben das Entsetzen, das wir beim maitre d'htel hervorgerufen hatten, das Aufsehen, das wir bei der Tischgesellschaft erregten, zhlte die Glser wodki auf, die wir angeblich getrunken, und die Portionen Kaviar, die wir gegessen hatten, schilderte dann den Inhalt unserer vierzehn(!) Koffer, als wenn er sie selbst eingepackt htte, und schlo mit der weisen Sentenz, da wahre Vornehmheit sich auch in einer weien Flanelljacke nicht verleugnen knne. Von alledem war nur wahr, da wir statt in Smokings in blauen Anzgen klein und bescheiden in einer Ecke des Speisesaales zu Mittag gespeist hatten. Ein anderer Reporter ging gleich in medias res. Russian Prince in NewYork not for a bride but for study war sein Artikel mit Riesenlettern berschrieben. Darin standen die wunderbarsten Dinge, die wir angeblich ber die Frauen smtlicher Weltteile und besonders ber die amerikanischen Damen geuert hatten. Sittliche Entrstung hatten bei uns der Tango, der Turkey-Trot und wie alle diese geschlichenen, geschaukelten und geschwungenen amerikanischen Schiebetanz-Scheulichkeiten sonst noch heien, hervorgerufen. Dem Mondscheintanz(??) der bolivianischen Indianerinnen gaben wir entschieden den Vorzug. Diesen ganzen Unsinn hatte sich der khne Federheld bis auf den letzten i-Punkt aus den Fingern gesogen. Noch ein anderer schilderte in tragischen Tnen ein vllig belangloses Erlebnis: Real Russian Prince lost in the L-train, dem die wahre Begebenheit zugrunde lag, da wir uns am ersten Abend vergeblich bemht hatten, mit den Untergrund- und Hochbahnen nach Coney-lsland zu kommen, was milang, da wir stets in die falschen Wagen einstiegen und von den bis zur Grobheit unhflichen Yankees auf keine Weise eine vernnftige Auskunft erhalten konnten. Lange leutselige Gesprche, die mein Kamerad dabei mit den Schaffnern und Mitreisenden gefhrt hatte, erfuhren wir aus diesem Artikel zum erstenmal. Da meine Person als solche den amerikanischen Journalisten zu gering war, avancierte ich je nach Bedarf zum Baron oder Professor. Ein ganz dreister Reporter, den ich nie gesehen habe, leistete sich dabei eine wundervolle Beschreibung meiner ueren Erscheinung, wobei er sich lange bei der Schilderung meines wallenden weien Bartes aufhielt und voller Rhrung erzhlte, welch ein herrliches Verhltnis zwischen dem genial old gentleman, dem intimsten Freunde des Grafen Tolstoi (das war ich), und seinem Schutzbefohlenen (mein Reisekamerad) herrsche und mit welch einer Andacht der junge Springinsfeld von Prinz die Weisheit von den Lippen seines general adviser lese, der brigens zuweilen auch als safety-brake (Sicherheitsbremse) zu funktionieren habe. Zuerst amsierten wir uns ber den Unsinn, dann rgerten wir uns, endlich schnaubten wir Wut, besonders als uns auch aus anderen amerikanischen Stdten, Boston, Chicago, Philadelphia Zeitungsausschnitte zugingen, die denselben haarstrubenden Bldsinn, noch verbrmt und ausgeschmckt, enthielten. Den ganzen Tag rasselte das Telephon. Erst waren es nur Reporter, dann Photographen, die uns bei uns, bei sich, vor dem Hotel, im Auto, auf der Strae, immer unentgeltlich photographieren wollten, dann klingelten allerhand Agenten, Wucherer, Damen der Gesellschaft, die uns zu Fnfuhr-Tanzkrnzchen einluden, verkrachte Russen, darunter ebenfalls einige Frstinnen und Grfinnen, die die unglaublichsten Anliegen hatten usw. Denn alle Zeitungsartikel erschienen mit voller Nennung unserer Namen und genauer Angabe der Adresse. Da wir nur wenige gute Freunde in NewYork hatten, die der Hotel-Administration ausnahmslos bekannt waren, war es glcklicherweise nicht schwer, Gegenmaregeln zu ergreifen. Wir ordneten kurz entschlossen an, da kein Mensch, wer es auch sei, empfangen werde und da keine Telephonverbindung mit unserer Nummer herzustellen sei. Dann hatten wir endlich Ruhe. Aber der Russian Prince spukte noch lange in den amerikanischen Blttern. Fr den Snobismus der Amerikaner und ihr Zeitungswesen ist das Erzhlte sehr charakteristisch. Es gibt nur zwei Dinge, von denen sich die amerikanischen Journalisten nhren: Klatsch und Sensation. Sonst existiert fr sie nichts. Das Niveau aller amerikanischen Zeitungen -- auch der deutschen -- ist ein geradezu klgliches. Die verpntesten Pariser Klatschbltter sind trockene wissenschaftliche Revuen dagegen. brigens gibt es noch ein Drittes, wovon die amerikanischen Zeitungen schwellen und ihre Besitzer reich werden: die Reklame. ber das Reklame-Unwesen in Amerika lieen sich Bnde schreiben und sind wohl auch schon geschrieben worden. Doch zeigt es sich zuweilen in ganz amsanten und sogar hbschen Formen. Zu diesen gehrt die fabelhafte Lichtreklame, die abends und nachts in den Straen von NewYork getrieben wird. Man kann sich denken, welch wunderbare Flchen fr Elektrizitts-Orgien die Brandmauern der Wolkenkratzer abgeben. Diese Gelegenheit nutzen die Amerikaner denn auch grndlich aus. Ganz NewYork scheint am Abend in Flammen zu stehen. Die Beleuchtungstechnik feiert Triumphe. Die unglaublichsten Dinge spielen sich an den Wnden der Huser ab, dargestellt durch elektrische Lampen: Boxerkmpfe, Pferderennen, Tnze, wei der Himmel was alles noch. Diese Illumination bietet ein feenhaftes Bild, an dem man sich anfangs gar nicht satt sehen kann. Auerdem sind diese weithin leuchtenden Reklameschilder vortreffliche Orientierungstafeln fr alle Fremde. Zu unserem Leitstern wurde ein zirka dreiig Etagen hoher Frauenkopf, der freundlich mit dem linken Auge blinzelte. Er lud zum Einkauf von Spearmint ein. Das ist eine besonders beliebte Sorte des amerikanischen Kaugummis. In Amerika kaut nmlich jedermann von morgens frh bis abends spt Gummi. Hoffentlich ist das ebenso hygienisch, wie es unsthetisch ist. Der Fremde freilich verwnscht den Gummi in der Amerikaner Munde. Zu einer Konversation wird dieser Gummi nmlich nicht etwa herausgenommen oder ausgespuckt, sondern blo mit der Zunge beiseite geschoben. Nun spricht der Amerikaner sowieso sein Englisch als wenn er Brei im Munde htte. Dieser Gummiballen in der Backentasche verwandelt seine Aussprache vollends in eine Folge unartikulierter Laute und Gerusche. Wenn man gerade eine halbe Stunde lang mit einem Chauffeur oder Schutzmann geredet hatte, um ihr Kautschuk-Englisch endlich doch grndlich mizuverstehen und dann zu der freundlich blinzelnden Spearmint-Dame aufblickte, schien ihr Lcheln nur noch Spott und Schadenfreude auszudrcken, und man wute nicht, was man mehr verwnschen sollte, die Gummi-Industrie oder die elektrische Beleuchtungstechnik, die fr sie Reklame macht. 3. POLIZEIWESEN, DETEKTIVS, VERBRECHERKNEIPEN UND OPIUMHHLEN. Der Mord-, Spiel- und Skandalproze des amerikanischen Polizeileutnants Becker hat die NewYorker Polizei in den Augen Europas diskreditiert. Wir sind ja froh, wenn wir den Nachbarn jenseits des Groen Wassers nachsagen knnen, da bei ihnen irgend etwas faul ist. Mssen wir doch in vielen Dingen, wenn auch noch so ungern und widerstrebend, ihre berlegenheit zugeben. Aber auch in bezug auf die amerikanische Polizei sollte man sich hten, auf Grund sensationeller Zeitungsnachrichten ein vorschnelles Urteil zu fllen. Eine Eiterbeule beweist noch lange nicht, da der ganze Organismus krank ist. Tatsache ist jedenfalls, da die Einrichtungen der NewYorker Polizei ber jedes Lob erhaben sind. Wie diese Einrichtungen funktionieren, ist eine andere Frage, die man erst nach grndlichem Studium der einschlgigen Verhltnisse beantworten knnte. Bei flchtigem Einblick wirkt die Organisation der Kriminalpolizei in NewYork verblffend. Dank einer einflureichen Empfehlung durften wir die Einrichtungen des Haupt-Polizeiamts aufs Genaueste in Augenschein nehmen. Es scheint unmglich, da jemand, der einmal mit der NewYorker Kriminalpolizei in Berhrung gekommen ist, sich jemals wieder vor ihr verbergen knnte. Ein besonderer Raum enthlt die Verbrecher-Albums, d.h. Photographien-Schrnke, in denen an beweglichen Rahmen, sorglich geordnet und numeriert, die Portrts smtlicher Personen zu finden sind, die das Kriminalamt als verdchtig passiert haben. Jede Karte zeigt zwei Aufnahmen, die eine en face, die andere im Profil. Fr den Physiognomiker ist diese Portrt-Galerie natrlich eine wahre Fundgrube, aber auch dem Laien fllt es schwer, die Durchsicht der Schrnke einzustellen. Leider ist es unmglich, diese ganze, weit ber Hunderttausend Nummern umfassende Sammlung in Augenschein zu nehmen. Man findet unter den Verbrecher-Physiognomien auerordentlich interessante Gesichter. Man mchte gerne einen oder den anderen Kopf genauer betrachten. Und es reizt einen natrlich, die Geschichte der betreffenden Personen kennen zu lernen. Das ist dem Beschauer brigens leicht gemacht. Neben der Photographie befindet sich eine zweite Karte, die nicht nur das Signalement des Verbrechers enthlt, sondern auch eine kurze Angabe der Art und der Zahl seiner Verbrechen. Neben Raubmrdern finden sich dort harmlose Hochstapler, neben Dieben und Wechselflschern -- Heiratsschwindler und Falschmnzer. Eine Nummer auf der Karte verweist einen an einen der Schrnke des nebenanliegenden Archivs. Dort findet man in dem betreffenden Schubfache nicht nur das ganze Aktenmaterial, sondern auch alle Zeitungsnotizen ber den betreffenden Verbrecher und alle Darstellungen, die seine Schandtaten in der Presse gefunden haben. Oft ist es eine ganze kleine Bibliothek, die zu diesem oder jenem Verbrecherkopf gehrt. Wieder eine andere Nummer gibt die Stelle an, wo man das genaue Signalement des Mannes, die Resultate der an ihm vorgenommenen anthropometrischen Messungen und die Photographie seiner Fingerabdrcke finden kann. berall herrscht eine so musterhafte Ordnung, da sich jeder Laie sofort zurechtfinden kann, ohne fremder Beihilfe zu bedrfen. Ein Kapitel fr sich bilden die Fingerabdrcke. Der uns begleitende Kriminalbeamte konnte sich nicht genug tun in Lobpreisungen dieses angeblich unfehlbaren Mittels zur Diagnostik von Verbrechern. Das Liniensystem der Fingerspitzen ist jetzt minutis klassifiziert. Mit kabalistisch anmutenden Zahlen und Buchstaben kann jeder Fingerabdruck aufs genaueste rubrifiziert werden. Das erleichtert nachher seine Auffindung unter dem schon vorhandenen Material sehr erheblich. Unser Fhrer zeigte uns nachher die Abdrcke eines Zeige- und Mittelfingers, die krzlich am Tatort eines Verbrechens an einem silbernen Elffel nachgewiesen worden waren und die zur unfehlbaren Identifizierung des Verbrechers -- es handelte sich um einen ganz scheulichen Raubmord -- gefhrt hatte. Wenn man sich das Gewirr der Linien eines Fingerabdrucks unter der Lupe betrachtet, wird allerdings ohne weiteres klar, da eine genaue Wiederholung dieses komplizierten und bizarren Labyrinths an einem anderen Finger unmglich ist. Leider sind jetzt nur schon viele amerikanische Verbrecher so schlau, in Handschuhen zu arbeiten. Eine hchst wichtige Rolle im amerikanischen Kriminalwesen spielen die Detektivs. Es wimmelt in NewYork von Geheimpolizisten. Auf Schritt und Tritt begegnet man allerhand Nick Carters und Nat Pinkertons aus Fleisch und Bein. In allen Theatern und groen Kauflden, auf den Bahnhfen, in den Stadtbahnzgen, an allen ffentlichen Pltzen und in smtlichen groen Hotels sind sie in Massen zu finden. In der Halle des Astor-Hotels lernten wir sie, durch den Direktor aufmerksam gemacht, bald von anderen Hotelgsten unterscheiden. Mit einem, der ganz besonders vertrauenerweckend aussah, befreundeten wir uns sogar. Der Mann erzhlte so viel Interessantes von seiner Ttigkeit, da in meinem Reisekameraden und in mir der Wunsch erwachte, das Feld seiner frheren Ttigkeit, d.h. die eigentliche Verbrecher-Gegend NewYorks kennen zu lernen. Daraufhin machte uns der Brave den Vorschlag, uns eine Nacht in den verrufensten Sttten des dunkelsten NewYork herumzufhren. Nachdem uns die Hotel-Administration versichert hatte, da wir uns dem Mann ruhig anvertrauen knnten, nahmen wir diesen Vorschlag mit Freuden an. Am nchsten Abend um 12Uhr fuhr das Auto vor, und los ging es -- ins dunkelste NewYork. Dieser Ausdruck gilt zunchst im buchstblichen Sinn des Wortes. Durch eine Reihe von miserabel erleuchteten Straen erreichten wir das Neger-Viertel der Stadt. Das grte Kontingent der Verbrecher in den Vereinigten Staaten ist unter den Schwarzen zu suchen. Wenn man sieht, wie diese Leute behandelt werden, kann man es ihnen eigentlich nicht bel nehmen, da sie von Ha und Rachedurst gegen die Weien erfllt sind. Der weie Amerikaner sieht den Neger nicht als Menschen an, sondern als inferiores Wesen, vor dessen Berhrung ihn ekelt. Ich lernte in NewYork eine alte Dame kennen, die tglich die unzhligen Treppenstufen zu ihrer im achten Stockwerk gelegenen Wohnung hinauf keuchte, weil sie es fr nicht vereinbar mit ihrer menschlichen Wrde hielt, den Lift zu benutzen, der von einem Negerboy bedient wurde. Doch das nur nebenbei. Dieser Horror vor allem, was ein colored man ist, zwingt die Neger, in dem fr sie reservierten Stadtviertel zu leben und zu sterben. Wir suchten zuerst eine Negerkneipe dritten Ranges auf. Unser Nick Carter schien dort wohlgelitten zu sein. Der Wirt empfing ihn mit ausgesuchter Hflichkeit. Es ging in dem Lokal etwas laut, aber keineswegs anstig zu. In der Mitte des ziemlich kleinen Raumes drehten sich einige Negermdchen und -burschen im Tanz. Die Musik dazu lieferten ein schwarzer Pianist und zwei ebenso schwarze Gitarristen. Sie eroberten meine Sympathien sofort. Ich habe eine groe Schwche fr die originellen Rhythmen der Negermelodien. Sie enthllen ihren ganzen Reiz aber erst, wenn man sie von Negern selbst spielen hrt. Diese Selbstverstndlichkeit und Elastizitt der stets synkopierten Rhythmen bringt ein Europer nie und nimmer heraus, er mag noch so musikalisch sein. Furchtbar aber ist es, wenn die Neger anfangen zu singen. Leider tat das eine anwesende Negermaid. Sie hatte, wie alle ihre Stammesgenossen, eine grauenhafte Stimme, ein Mittelding zwischen einem schlecht geschmierten Wagenrad und einem verbeulten Giekannenrohr. Trotzdem erntete sie beim anwesenden Publikum rauschenden Beifall. Wir waren die einzigen Weien, und wurden von den Nebentischen aus scheel angesehen. Die Zuvorkommenheit des Wirtes, der uns selbst bediente, mag die Unzufriedenen im Zaum gehalten haben. Wenn man die Neger en masse beisammen sieht, kann man den animalischen Vorzgen ihrer Rasse seine Bewunderung nicht versagen. Es ist ein Vergngen, diese tadellos gebauten Gestalten anzusehen, deren Muskelkraft legendarisch ist. Auch die Gesichter der nordamerikanischen Neger sind nicht hlich. Die Nasen freilich sind nicht gerade von rmischem Schnitt, doch fehlen die abstoenden Lippenwlste der afrikanischen Schwarzen. Weie siedeln sich im Neger-Viertel von NewYork nur ausnahmsweise an. Es gibt nur wenige Weie, die die Neger gerne unter sich dulden. Dazu gehren alle Personen, die irgend etwas mit der Boxerwelt zu tun haben. Der Box ist das Gebiet, auf dem sich Weie und Schwarze am besten verstehen, vielleicht weil sie sich dabei von Zeit zu Zeit gegenseitig halb oder ganz totschlagen knnen. Der berhmte Ex-Boxer Tom Charkey, in gewissen Kreisen NewYorks eine der populrsten Persnlichkeiten, der in seinen besten Zeiten sogar den Joe Jeffries umgelegt hat, besitzt ein Caf im Neger-Viertel NewYorks. Ihm galt unsere zweite Visite. Im kleinen Lokal wimmelte es von Gestalten, denen man sonst wahrscheinlich mit groem Bogen aus dem Wege gegangen wre. Der berhmte Mann empfing uns mit huldvoller Herablassung, spie einen langen braunen Strahl -- das Resultat eifrigen Tabakkauens -- hinter den Ladentisch, unbekmmert darum, wohin er traf und setzte uns dann, ohne sich nach unseren Wnschen erkundigt zu haben, eine Flasche Sekt auf den Tisch. Die trank er dann nachher mit groem Wohlbehagen selbst aus. Der Mann war berhaupt klassisch. Er war so durchdrungen von der Unwiderstehlichkeit seiner Erscheinung, da er es nicht fr ntig befand, irgend etwas zu uern. Er sa da, stumm und groartig, spuckte von Zeit zu Zeit aus und lie sich bewundern. Doch bewunderten wir mehr die Tragfhigkeit seines Stuhles, der unter dieser unglaublichen Last nicht zusammenbrach. Unnachahmlich war die Geste, mit der er in gemessenen Zeitabstnden stumm und ernst seinen Arm ber den Tisch herberreichte, um uns seinen Bizeps befhlen zu lassen, wobei er wahrscheinlich erwartete, da wir in Krmpfe des Entzckens und der Bewunderung verfallen wrden. Wer beschreibt unser Erstaunen, als zu der leisen Musik eines unsichtbaren Orchesters dieser Mann pltzlich zu singen anfing, und zwar mit einem zittrigen dnnen Fistelstimmchen, das aus dem Mund eines schwachen Kindes zu kommen schien. Ihn selbst rhrte sein Gesang so, da ihm eine Trne ber das Gebirge seiner Backe lief. Es war augenscheinlich der letzte Trumpf, den er wohlberlegt ausspielte, um uns endgiltig aus der Fassung zu bringen. Das gelang ihm auch, aber in einem Sinne, der ihm schwerlich lieb war. Zwei Kouplets konnte ich mit dem ntigen Ernst anhren, doch als ich beim dritten die verzweifelten Muskelspannungen in meines Gefhrten Gesicht bemerkte, war meine Fassung tatschlich dahin. Ich mute aufspringen und mich auf die Strae retten, sonst wre ich zweifelsohne in nhere Berhrung mit dem soeben befhlten Bizeps geraten. Nun brachte uns das Auto quer durch NewYork in noch entlegenere Gegenden. An einer Straenecke hielt es. Den Rest des Weges muten wir, um nicht aufzufallen, zu Fu zurcklegen. Auf den Rat des Detektivs hatten wir uns schon beim Antritt dieser Fahrt bemht, unserm Aussehen einen etwas rowdyhaften Anstrich zu geben. Nun zogen wir die Mtzen noch tiefer herab, schlugen die Rockkragen hoch und schlichen an den Wnden entlang durch die dunklen Gassen. Hin und wieder begegneten uns hnliche Gestalten, die jedoch den Vorzug der Echtheit hatten. Vor einem Hoftor blieb unser Fhrer stehen. Nach langem vorsichtigen Klopfen wurde uns geffnet. Der sehr wenig einladend aussehende Zerberus lie uns herein, nachdem sich unser Fhrer ausgewiesen hatte. Durch eine kleine Hintertr betraten wir ein gerumiges Schenkzimmer. Am liebsten wren wir freilich sofort wieder umgekehrt. Ein lebendig gewordenes Verbrecher-Album aus dem Kriminalamt schien den Raum zu bevlkern. So in Freiheit vorgefhrt sind die Verbrecherfratzen doch sehr viel weniger anziehend, als auf dem schnen Glanzpapier der Photographie. Wir drckten uns scheu in eine Ecke mit dem schlechten Gewissen unbefugter Eindringlinge. Man sollte das Hausrecht jeder Gesellschaftsklasse respektieren. brigens wurden wir berhaupt nicht beachtet. In dem ganzen Lokal herrschte Totenstille. Die Leute saen einzeln und in Gruppen um die schmutzigen viereckigen Tische und stierten teilnahmslos vor sich hin. Wir befanden uns dort, wofr Gorki den wunderbar treffenden unbersetzbaren Ausdruck na dnje (auf der Neige) gefunden hat. Gewesene Menschen umgaben uns. Ihr erloschener Blick verriet keine Mglichkeit von Initiative mehr, nicht einmal zu einem neuen Verbrechen. Die meisten saen im Halbschlaf da, nur wenige hatten ein Riesenglas Bier vor sich stehen, das dort wohlfeil und schlecht zu 5Cents verschenkt wird. Unser Fhrer bedeutete uns, da die Besucher dieses Lokals ungefhrlich, obgleich der Polizei wohlbekannt seien. Es waren gewesene Verbrecher, deren Energie durch lange Zuchthausstrafe endgiltig gelhmt war, oder die einfach zu alt waren, um neue Schandtaten auszuhecken. Der Detektiv holte einige an unseren Tisch heran und fr ein Glas Bier erzhlten die Leute bereitwillig aus ihrem vielbewegten Leben. Ich mte ein Buch schreiben, wollte ich ihre zum Teil hochinteressanten Erzhlungen wiederholen. An einem der Nebentische war mir von Anfang an die Gestalt eines lteren Mannes aufgefallen, der mit einem trotzig-verchtlichen Ausdruck vor sich hinstarrte und unserem Erscheinen nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Wre er nicht so unrasiert gewesen und htte er einen weniger zerrissenen Rock und einen weniger schbigen Hut gehabt, so htte man in ihm ebenfalls einen neugierigen Besucher vermuten knnen. Ja, mehr als das. Der Mann sah richtig vornehm aus und hatte ein ganz auerordentliches intelligentes Gesicht. Ich fragte unsern Detektiv, ob er ihn nicht kenne. Freilich kannte er ihn. Vor zehn oder fnfzehn Jahren war dieser Bettler eine der geachtetsten Persnlichkeiten der NewYorker haute vole, Bankdirektor und ein schwer reicher Mann. Infolge einiger milungener grandioser Spekulationen wurde er Wechselflscher, kam ins Zuchthaus und jetzt sa er hier. Nur widerwillig folgte er der Einladung an unseren Tisch. Er sprach kaum ein Wort, nahm aber dankend ein Glas Bier an, da er sich selbst keines bezahlen konnte. Es machte einen niederdrckenden, trostlosen Eindruck, in dieser Umgebung einen Menschen zu finden, der in jeder Geste den Gentleman verriet und der sich mit einer gewohnheitsmigen Bewegung den schmutzigen Kragen zurechtschob, als er an unseren Tisch trat. Zu helfen war diesem Manne nicht, der jetzt nichts mehr sein konnte, als ein wandelndes Beispiel der Unerbittlichkeit und Grausamkeit amerikanischer Lebensverhltnisse. Dennoch verstand ich nur zu gut die Gefhlsregung meines Gefhrten, der gerade diesem Manne, als wir weggingen, seine ganze Barschaft heimlich in die Rocktasche steckte. Im nchsten Lokal, das wir aufsuchten, ging es vergngter zu. Von den gewesenen kamen wir zu den gegenwrtigen Verbrechern. Auch hier galt es, verschiedene Prliminarien zu erledigen, bevor wir -- wieder durch eine Hintertr -- in eine Restaurationsstube hineingelassen wurden, in der eine ausgelassene Frhlichkeit herrschte. Im dichten Tabaksqualm war anfangs nichts zu unterscheiden. Eine wenig liebenswrdige Gestalt -- vielleicht ein Meuchelmrder oder Leichenschnder -- klimperte auf einer Mandoline, einige junge Burschen stampften dazu einen wilden Niggertanz. Unser Erscheinen wurde mit Halloh begrt. Natrlich waren wir sofort als outsider erkannt, trotz der aufgeklappten Rockkragen und der Apachenmtzen. Vor dem Detektiv, der natrlich auch allen bekannt war, hatte man nicht die geringste Scheu. Hier waren die Verbrecher bei sich zu Hause. Um einen von ihnen herauszuholen, dazu htte es schon eines betrchtlichen Polizeiaufgebots bedurft, ein einzelner Geheimpolizist flte ihnen keinen Respekt ein. Da wir in der Minderzahl waren, beschlossen wir, uns mit den Herrschaften gut zu stellen, und lieen eine Runde Bier fr die ganze Gesellschaft auffahren. Wir wurden reichlich belohnt. Es wurden uns zu Ehren Tnze aufgefhrt und Lieder gesungen, die wir sonst sicherlich nie in unserem Leben zu sehen und zu hren bekommen htten. berhaupt kann ich nicht verhehlen, da die NewYorker Apachen, wenigstens die jngeren Jahrgnge, unter sich ein hchst unterhaltendes und gar nicht unsympathisches Vlkchen sind, d.h. solange sie einem nicht an die Gurgel fahren und die Hnde in den eigenen Taschen lassen. Da sie die gesellschaftliche Ordnung nicht respektieren, ist schlielich ihre Privatangelegenheit. Nicht ohne Freundschaftsbeteuerungen nahmen wir von den Galgenvgeln, deren Gesellschaft wir bald genugsam genossen hatten, Abschied. Ihre abgefeimten Gaunerphysiognomien bemhten sich dabei, ehrbar und anstndig zu blicken, was jedoch nur mangelhaft gelang. Auf den Straen dieser Gegend war uns entschieden ungemtlicher zumute, als in der verrucherten Kneipe. Das lichtscheue Gesindel, das unseren Weg auf Schritt und Tritt kreuzte, sah sehr wenig vertrauenerweckend aus. Als wir wieder im Auto saen, fhlten wir uns in Sicherheit. Die nchste Station war an der Peripherie der Chinesenstadt. Wieder hie es aussteigen und ein Gewirr von Gassen und Gchen zu Fu durchwandern. Vor einem finsteren alten Hause blieb unser Fhrer stehen. Wir traten durch das offene Hoftor ein. Durch dunkle Korridore, ber schmale Stiegen ging es immer tiefer ins alte Haus hinein. Wir muten leise auftreten. Endlich wurde Halt gemacht. Wir befanden uns in einem schmutzigen Flur, der durch eine Petroleumlampe -- welch ein Anachronismus anno 1913 in NewYork! -- nur sprlich erleuchtet wurde. Der Detektiv klopfte an eine kleine Tr. Nach geraumer Zeit wurden dahinter schlrfende Schritte laut. Ein schmaler Spalt ffnete sich. Als der Detektiv irgend ein geheimnisvolles Sesam, Sesam, tue dich auf hineingeflstert hatte, wurde er breiter. Eine alte Schlampe, auf deren Gesicht alle sieben Totsnden verzeichnet standen, lie uns eintreten. Ein merkwrdig penetranter slicher Geruch schlug uns entgegen. Die Bestimmung des Raumes, der uns aufnahm, lie sich nicht feststellen. Es war ein Mittelding zwischen Kche, Vorzimmer und Rumpelkammer. Auf dem Fuboden lagen zerschlagene Flaschen und zerbrochenes Geschirr, an den Wnden hingen allerhand phantastische Kleidungsstcke. Was sich sonst noch darin befand, lie sich im mystischen Halbdunkel nicht unterscheiden. Das alte Scheusal von Trhterin fhrte uns stumm in den nebenanliegenden Raum. Dort bot sich uns ein hchst eigenartiges Bild, wie man es sonst nur in bsen Trumen sieht. Die eine Hlfte des winzig kleinen Zimmers nahm eine mit weichen Kissen belegte Ruhebank ein. Darauf lagen zwei Chinesen und eine Frau mittleren Alters. Zwischen ihnen standen zwei Tabletts mit allerhand geheimnisvollen Gertschaften, auch zwei trbe brennende llampen, die als einzige Beleuchtungskrper dienten. Die Luft war von demselben slichen aber nicht unangenehmen Geruch geschwngert. Opium! Der eine Chinese regte sich nicht mehr. Vielleicht schlief er. Aber auch der andere verriet nicht die geringste Anteilnahme an dem, was um ihn herum vorging. Mit einer ganz mechanischen Bewegung griff er von Zeit zu Zeit nach einem Glasstbchen, tauchte das in ein Flakon mit der braunen Opium-Salbe, hielt es ohne hinzusehen ber die Flamme der Lampe, wo sich das Opium aufblhte, drehte dann ebenso mechanisch und teilnahmslos eine Pille, steckte sie in seine Pfeife, die den Kopf merkwrdigerweise in der Mitte hatte, und sog in fnf bis sechs langen Zgen mit einem ekelhaft schnarchenden Gerusch den giftigen Rauch ein. Dann sank er wieder erschlafft in die Kissen zurck, um nach fnf Minuten dieselbe Prozedur zu wiederholen. Genau dasselbe tat seine Nachbarin, die brigens ihrer Kleidung nach entschieden den besseren, wenn nicht gar den sehr guten Stnden NewYorks angehren mute. Der Chinese reagierte auf keinerlei Fragen. Dagegen zog mich die Dame, die neben ihm lag, selbst in ein Gesprch. Sie pries das Opium als das einzige Ding, das das Leben lebenswert mache. Sie selbst rauchte seit einigen Monaten und behauptete, seither der glcklichste Mensch der Welt zu sein. Jetzt lag sie seit einigen Tagen auf dieser Ruhebank, nahm fast gar keine Nahrung zu sich, schlief wenig, befand sich aber immer in einem Dmmerzustande, der ihr die hchsten Glcksempfindungen vortuschte. Einen Rausch stellte sie in Abrede. Das sei durchaus nicht die Wirkung des Opiums. Man verliere nicht fr einen Augenblick die Besinnung, geniee aber unausgesetzt das hchste krperliche und seelische Wohlbehagen. Man liebt alle Menschen, fhlt sich von allen geliebt, glaubt edel, gut und tugendhaft zu sein und verlangt vom Leben nichts weiter, als -- eine Pfeife und ein Flakon von dem sen braunen Gift. Je lnger man die Opiumdnste einatmet, desto verfhrerischer erscheint einem der Geruch. Nur mit Mhe konnte ich der Versuchung widerstehen, einige Zge aus der mir angebotenen Pfeife zu entnehmen. In NewYork wird das Opiumrauchen bekanntlich mit drakonischer Strenge bestraft. Auf den Vertrieb von Opium stehen als Strafe sieben Jahre Zuchthaus. Dennoch gelingt es nicht, des Lasters Herr zu werden. Wer ihm einmal ergeben ist, kann nicht davon lassen, auch wenn man ihn mit der Todesstrafe bedroht. Woher brigens unser Detektiv Zutritt zu dieser Opiumwirtschaft hatte, blieb unaufgeklrt. Als wir uns durch das Gewirr der Stiegen und Korridore wieder auf die Strae gefunden hatten, atmeten wir die frische Morgenluft wie ein langentbehrtes Labsal ein. Das Auto mute uns mit einem weiten Umwege nach Hause fahren. Aber das Opium ist zudringlich. Als wir uns die erste Papiros ansteckten, hatten wir wieder den slichen Geruch in der Nase, und noch zwei volle Tage lang verfolgte uns das penetrante Parfm als lebendiges Zeichen des Cauchemars, den wir erlebt hatten. 4. AMERIKANISCHER SPORT UND AMERIKANISCHE VERGNGUNGEN. Nirgends tritt der Gegensatz zwischen den beiden Lndern, die dieselbe Sprache reden, England und Nord-Amerika, schrfer hervor, als auf dem Gebiete des Sports. Aus dem Verhalten beider Nationen zum Sport kann man die weitgehendsten Schlufolgerungen ableiten. In England wird der Sport um seiner selbst willen getrieben. In Amerika ist er nur und in allen seinen Formen Mittel zum Zweck. Dieser Zweck ist die Wette. Ohne betting ist jeglicher Sport in Amerika undenkbar. Seit in den Vereinigten Staaten, laut Parlamentsbeschlu, allenthalben der Totalisator abgeschafft worden ist, ist der Rennsport dort bekanntlich total in Verfall geraten. Aber bei allen anderen Gattungen des Sports wird das betting, wenn auch nicht mit Hilfe des Totalisators, so doch unverfroren genug betrieben. In England gehrt der Sport zu den Bettigungen, und zwar zu den wichtigsten Bettigungen des gentleman. In Amerika wird er fast ausschlielich von professionals betrieben. Die gentlemen beschrnken sich aufs Zusehen und aufs -- Wetten. In England steht bekanntlich unter allen Sport-Spielen das Cricket weitaus an erster Stelle. Dem Lawn-Tennis und dem Fuball-Spiel kommt daneben nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Es gibt keinen Englnder, der nicht Cricket spielt, oder in seinen jungen Jahren wenigstens gespielt hat. Der Cricket-Match zwischen den Universitten Cambridge und Oxford gehrt zu den wichtigsten nationalen Ereignissen. Das ganze Land nimmt mit dem Herzen daran Teil. Professionelle Cricket-Spieler gibt es aber in England, soviel mir bekannt ist, nur zum Zweck des Trainings. Amerika hat auch sein nationales Spiel -- das base-ball--, doch wird dieses hchst interessante und aufregende Spiel fast ausschlielich von professionellen Spielern betrieben. Alle ffentlichen Wettspiele wenigstens vollziehen sich zwischen professionellen Kommandos. Dennoch ist die Rolle, die dieses Spiel im ffentlichen Leben Amerikas inne hat, mindestens der des Cricket in England zu vergleichen. Ich machte die erste Bekanntschaft mit dem base-ball-Spiel, von dem ich bis dato nichts gehrt hatte, ganz zuflliger Weise. Als ich whrend eines der ersten Tage meines Aufenthalts in NewYork den Broadway passierte, kam ich in der Nhe des Brooklyn-Squares buchstblich nicht vorwrts und nicht rckwrts mehr. Der ganze riesengroe Platz war von einer vieltausendkpfigen Menschenmenge dicht bestanden. Auch in allen Querstraen stauten sich die Passanten. Alle hatten die Kpfe erhoben und starrten in derselben Richtung auf die Fassade eines Wolkenkratzers. Von Zeit zu Zeit ging ein Gemurmel des Unwillens durch die Menge, oder sie wurde von Ausbrchen des Entzckens bewegt. Nachdem ich das alles eine Zeitlang verstndnislos mitangesehen hatte, entdeckte ich endlich die Zielscheibe aller Blicke. An besagtem Wolkenkratzer, ungefhr in der Hhe der sechsten Etage war eine viereckige grne Tafel angebracht, die man auf den ersten Blick fr einen aufrecht gestellten Billardtisch halten konnte. Auf dieser Tafel bewegten sich mit groer Geschwindigkeit einige weie und blaue Pflcke sowie eine kleine weie Kugel hin und her. Ein freundlicher Straenjunge lieferte mir die Erklrung zu diesem Schauspiel, an dem ich vorderhand nichts Bemerkenswertes oder gar Interessantes entdecken konnte. Er erklrte mir, da die weien Pflcke die Geants seien und die blauen die Yankees und da die weie Kugel einen Ball vorstelle, und das Ganze -- einen base-ball-Match, der soeben 60Kilometer auerhalb NewYorks ausgespielt werde. Der Gang des Spieles, jeder Ballwurf und jeder Schlag wird telephonisch bermittelt und auf elektrischem Wege auf der grnen Tafel reproduziert. Echt amerikanisch. Auf diese Weise kann man sich das Wettspiel ansehen und doch die Fahrkarte zum Spielplatz sparen. Da jeder der Zuschauer natrlich seinen Favoriten hatte, dessen Schicksal mit gewetteten 10Cents bis 10 und mehr Dollars eng verknpft war, so wurden auch die das Spiel begleitenden Ausrufe psychologisch verstndlich. In NewYork und Umgegend sind eine ganze Anzahl wundervoller base-ball-Spielpltze gelegen. Enorme Tribnen in amphitheatralischer Anordnung, auf denen 10-15000 Zuschauer Platz haben, schlieen die Rasenflche, auf der gespielt wird, ein. Jeden Tag wird irgend ein Match ausgefochten, und die Tribnen sind fast immer spickevoll besetzt. Wo in NewYork die vielen Tagediebe herkommen, die von3 bis 6 nichts zu tun haben, als base-ball-Spiele anzusehen, bleibt rtselhaft. Das Spiel, fr das die Amerikaner sich so begeistern, ist eigentlich nichts anderes, als ein qualifiziertes Ballschlagen. Nur ist es gefhrlicher. Denn der steinharte Ball fliegt aus der Hand der Spieler mit der Geschwindigkeit und Kraft einer Bchsenkugel. Die Zuschauer sind durch ein feinmaschiges Netz, das vor den Tribnen aufgespannt ist, vor ihm geschtzt. Es gehrt eine unfaliche Geschicklichkeit dazu, den Ball in seinem rapiden Fluge mit einer kurzen flachen Keule abzuschlagen, und ihn dabei so gut zu treffen, da man Zeit zu einem run in eine der vier Ecken des Grenzgebietes findet, bevor der Ball, mit kolossaler Geschwindigkeit von Hand zu Hand geschleudert, dort eintrifft. Die Begeisterung, die das amerikanische Publikum dem base-ball-Spiel entgegenbringt, hat es zu einem hchst lukrativen Geschft gemacht. Der Kapitn des berhmten Kommandos Yankees bezieht ein Ministergehalt, nmlich 30000 Dollar im Jahr. Die Bedeutung, die dieses Spiel in Amerika hat, erkennt man schon daraus, da alle amerikanischen Zeitungen an erster Stelle d.h. dort wo in vernnftigen Blttern die Leitartikel stehen, die Resultate smtlicher base-ball-Spiele buchen, die am vorhergehenden Tage in den Vereinigten Staaten abgehalten worden sind. Die Sport-Spiele, mit denen sich der amerikanische gentleman selbst befat, sind Polo und Golf. Sie sind schon deswegen in Amerika beliebt, weil es die teuersten aller Arten von Rasensport sind. Am Tage nach meiner Ankunft in NewYork wurde dort das Match zwischen dem besten amerikanischen und dem besten englischen Polo-Kommando ausgetragen. Das Interesse dafr war, natrlich nur auf Grund der abgeschlossenen Wetten, ein ganz auerordentliches. Die Billett-Aufkufer, die ihr Unwesen in NewYork genau ebenso dreist und unverfroren treiben, wie anderswo, verlangten 50Dollars und mehr fr einen annehmbaren Sitzplatz. Am Tage des Matches war auch fr diesen Preis keine Eintrittskarte mehr aufzutreiben. Doch konnte man die Aufregungen dieses Wettspiels in der Stadt genieen, ohne nach dem Polo-Ground hinauszufahren, denn der Gang des Spieles wurde alle fnf Minuten auf Riesenplakaten an den Wolkenkratzern der NewYorker Times und des Herald bekannt gegeben. Von der dichtgedrngten Menschenmenge, die diese Gebude umstand, wurde jedes Goal der Amerikaner mit frenetischem Beifall, jeder Erfolg der Englnder mit ohrenbetubendem Pfeifen und Johlen begrt. Dem Golf huldigen die NewYorker Millionre in reiferen Jahren ausnahmslos. Die nhere Umgebung von NewYork macht den Eindruck, als bestehe sie nur aus Golf-Greens. Mehr als hundert Golf-Klubs haben hier ihre ideal gepflegten Spielpltze. berall sieht man die samtweichen, kurz geschorenen Rasenflchen, sauber beschnittene Hecken, knstliche Hgel, durch Wiesen geleitete Wasserlufe mit knstlich hergerichteten Ufern aus feinem, weien Seesand. Dort erholen sich die businessleute von des Tages Last und Mhe. Die wundervolle Besitzung Rockefellers am Ufer des Hudson-River scheint auch ein einziger groer Golfplatz zu sein. Dieses Spiel ist bekanntlich die einzige Leidenschaft des reichsten Mannes der Welt, der von seinem Boy begleitet stundenlang den kleinen, weien Ball aus einem Loch ins andere treibt. Eine eigentmliche Stellung nimmt in Amerika der Box ein. In dem Staate NewYork ist er seit einigen Jahren verboten, weil bei den durch Rassenha geschrten Boxer-Kmpfen zwischen Negern und Weien alle Augenblicke ein Totschlag zu registrieren war. Dieses Verbot strt jedoch die findigen Amerikaner keineswegs, mindestens zweimal in der Woche auch in NewYork die aufregendsten Boxer-Kmpfe zu inszenieren. Man nennt sie offiziell exhibitions, und angeblich werden auf diesen Ausstellungen nur die Griffe, Ste und Schlge des regelrechten Box theoretisch und praktisch demonstriert. In Wahrheit jedoch vollziehen sich genau dieselben Kmpfe wie andernorts, es werden genau ebensoviele Physiognomien zerschlagen und kommen die gefhrlichsten knock-out's vor. Nachher heit es dann, das sei aus Versehen passiert, Staat und Polizei fallen auf diesen Bluff mit der gleichen Grazie hinein. Die sportlichen Veranstaltungen stehen unter den Vergngungen, die NewYork im Sommer bietet, an erster Stelle. Die brigen Amsements sind noch minderwertigerer Art. Die Kunst schweigt vollstndig. Aber schlielich ist es ja anderswo whrend der Sommerzeit auch nicht besser. In keinem einzigen ernsthaften Theater wird gespielt. Es gibt im Sommer weder Oper noch Schauspiel in NewYork. In den Variet-Theatern werden Revuen aufgefhrt, die zum Teil mit fabelhaftem Luxus inszeniert sind und bei denen der mit Recht so beliebte amerikanische Humor oft zu unwiderstehlicher Wirkung gelangt. Man verlt diese Theater meist mit Muskelschmerzen im Gesicht. brigens zeigt es sich, da die Amerikaner bei dem leichten Genre von Musik, die diese Vorstellungen begleitet, hchst Anziehendes zu erfinden und zu gestalten verstehen. Pikant ist die Bezeichnung, die auf die Melodik, Rhythmik und Harmonik dieser amerikanischen Musik in gleicher Weise anwendbar ist. Ich habe einige der amerikanischen Revuen aus diesem Grunde zwei und mehr Male mit Vergngen angehrt, zumal die Orchester in allen amerikanischen Variets nicht wie bei uns aus drei Violinen und einigen mehr oder weniger belanglosen Anhngseln bestehen, sondern den vollen Bestand eines symphonischen Orchesters mit 50-60 gutgeschulten Mitwirkenden darstellen. Im allgemeinen tut man jedoch besser daran, die sommerlichen Vergngungen in NewYork im Freien aufzusuchen. Schon um der Abendkhle wegen, die nach der barbarischen Hitze, die tagsber in NewYork herrscht, hchst erquickend wirkt. Wer es irgend ermglichen kann, flieht abends aus NewYork an die Kste des Ozeans, der sich z.B. bei Long-Beach oder bei Long-Island in seiner ganzen majesttischen Pracht vor einem ausbreitet. Wundervolle Automobilstraen, 50-100 Kilometer auerhalb der Stadt immer noch unter Asphalt, fhren dorthin. Exquisite Restaurants sorgen fr des Leibes Wohl. Die Eisenbahnzge, die alle zwei Minuten aus NewYork in jene Gegenden abgehen, sind allerdings derart berfllt, da ihre Benutzung mit Lebensgefahr verbunden ist. Am tollsten geht es natrlich auf den Verkehrswegen zu, die nach Coney-Island fhren. Dieses Eldorado der NewYorker Kleinbrgerschaft ist mit der Bahn oder per Dampfer in zirka einer halben Stunde zu erreichen. Auf Coney-lsland befindet sich das Urbild aller Luna-Parks der Welt, das von keiner Nachahmung erreicht, geschweige denn bertroffen worden ist. Der Anblick, den diese Amsier-Insel nachts gewhrt, ist tatschlich berwltigend. Eine Orgie von Elektrizitt, gegen die sogar die Straen-Illumination von New-York verblat, wird dort allabendlich gefeiert. Die Konturen smtlicher Vergngungspalste, Aussichtstrme, Restaurations- und Theaterbauten, die Wege der kilometerlangen Berg- und Talbahnen, Fesselballons- und Aeroplan-Karussels, Wasserrutschbahnen und Riesenschaukeln -- alles ist mit elektrischen Glhbirnen nachgezeichnet. Der ganze Nachthimmel scheint in Flammen zu stehen, wenn man sich ber die Hudson-Brcke Coney-lsland nhert. Der Ort hat die Dimensionen einer mittelgroen Provinzstadt und besteht ausschlielich aus Vergngungslokalen. Man wrde Wochen brauchen, um sie alle kennen zu lernen. Ein Dutzend Leipziger Messen, ebensoviele Mnchener Oktoberwiesen und russische Jahrmrkte wrden nur einen kleinen Teil von Coney-lsland bedecken. Ein betubender Radau herrscht in allen Straen. Fr alle Nationen ist gesorgt. Der Deutsche findet einige enorme Biergrten mit echtem und unechtem Mnchener und Pilsener, echten und unechten Tiroler Sngern, Ksestullen, Radis, deutschen Humoristen und hnlichen fr sein Amsierbedrfnis unerllichen Dingen. Der Italiener hat seine Osterias mit Mandolinen-Chren und Straensngern, der Spanier kann sich an spahaften Stiergefechten ergtzen, fr den Chinesen sind seine heimischen Ball- und Kugelspiele da, den Russen locken Balalaika-Klnge, Chorlieder und bertemperamentvolle Kosakentnze. Da der Franzose an Chansonetten nicht zu kurz kommt, versteht sich von selbst. Und der Amerikaner? Der nimmt, wie das ja berhaupt so seine Art ist, von allem ein wenig und zwar das Beste. Besondere Vorliebe bekundet er auerdem fr die sogenannten Wutstillungsbuden, in denen er fr 10Cents soviel Fayence-Geschirr zerschmettern darf, als er mit fnf Holzbllen zu treffen vermag. Wenn er seinen Rassenha auszutoben beabsichtigt, findet er sogar einen lebendigen Neger, nach dessen grinsender Fratze er fr 5Cents mit einem steinharten Kautschukball werfen darf. Nur ist der Neger viel zu geschickt, um sich treffen zu lassen. Das gelang in meinem Beisein nur einem augenscheinlich virtuosen base-ball-Spieler. Der Neger verschwand darauf mit verbundener Nase von der Bildflche, wurde jedoch sofort durch einen ebenso grinsenden und herausfordernd plattnasigen Stammesgenossen ersetzt. Eine weitere nationale Eigenschaft des Amerikaners ist die Vorliebe fr seine Schiebetnze. Denen kann er auf Coney-Island nach Herzenslust frhnen. Es gibt dort Tanzsle, in denen sich mehr als 2000 Paare gleichzeitig drehen knnen, ohne die gegenseitigen Hhneraugen als Tanzboden zu benutzen. Die Pausen werden dort durch Variet-Darbietungen ausgefllt, wobei die Bhne auf einer Art elektrischen Bahn um den Riesensaal herumfhrt, damit niemand vom Galerie-Publikum zu kurz komme. Bewundernswert und nicht genug zu loben ist der Anstand, der wie berall in Amerika, so auch auf Coney-Island herrscht. Der NewYorker Proletarier, der in seinem Privatleben vielleicht Stiefelputzer oder Schornsteinfeger ist, betrgt sich auf dem Tanzboden und bei den zum Teil sehr gewagten Vergngungen des Luna-Parks genau so wie jeder Gentleman in den Salons der sogenannten guten Gesellschaft. Wenn man dagegen daran denkt, was man unter Umstnden in den Luna-Parks von Paris und Berlin zu sehen bekommt, so kann man dem Anstandsgefhl des amerikanischen Brgers seine Hochachtung nicht versagen. Ob die innere Moral und Sittlichkeit der Amerikaner diesem ueren Bilde entspricht, ist natrlich eine andere Frage, deren Beantwortung jedoch ferner Stehende im Grunde genommen ganz und gar nichts angeht. 5. DAS JUGENDGERICHT. Zu meinen liebsten Erinnerungen an NewYork gehren die Stunden, die ich, dank der Vermittlung eines einflureichen Mannes, in einer der ntzlichsten und besten Institutionen der Vereinigten Staaten, dem Jugendgericht, zubringen durfte. Ich wohnte einer Sitzung bei, die von 10Uhr morgens bis 4Uhr nachmittags dauerte, doch ist mir die Zeit keinen Augenblick lang geworden, und das Einzige, was ich bedauerte, war, da ich am nchsten Tage abreisen mute, wodurch dieser erste Besuch im Jugendgericht leider auch zum einzigen wurde. Das niederdrckende Gefhl, eine Verantwortung zu bernehmen, die man eigentlich nicht verantworten kann, mu den Jugendrichter in viel strkerem Mae berkommen, als jeden anderen Rcher der gesellschaftlichen Ordnung. Denn er hat es ausschlielich mit Kindern zu tun, mit werdenden Menschen, die in den wenigsten Fllen selbst fr ihre Handlungen einstehen knnen. Und davon, wie er diesen oder jenen Fall angreift, hngt vielleicht das Schicksal eines oder vieler Menschenleben ab. Wenn man abends in den Straen von NewYork umherwandert, fllt es einem sofort auf, da man nach 10Uhr keinem Kinde mehr begegnet. Das Gesetz verbietet es Kindern unter 16Jahren, sich abends in den Straen herumzutreiben. Und dieses Gesetz wird mit groer Strenge gehandhabt, wie ich mich whrend der erwhnten Gerichtssitzung berzeugen konnte. Natrlich wre das Gesetz allein wahrscheinlich machtlos, wenn ihm nicht die in ganz Amerika weitverzweigte Kinderschutzgesellschaft zur Seite stnde. Diese Gesellschaft beschftigt in NewYork allein Tausende von Agenten und Agentinnen, die zum grten Teil aus reiner Liebe zur Sache ihrem schweren aber lohnenden Beruf nachgehen. Diese Agenten haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht jedes Kind, das ihnen abends in den Straen von NewYork begegnet, aufzugreifen und an die Kinderasyle abzuliefern. Und das schuldige Kind hat sich jedesmal vor dem Jugendgericht zu verantworten. Man gewinnt manch trostlosen Einblick in die amerikanischen Familienverhltnisse, wenn man den Verhandlungen solch einer Jugendgerichtssitzung folgt. In den allermeisten Fllen sind es die Eltern, die die Kinder dazu anhalten, das Gesetz zu bertreten und sich abends in den Straen umherzutreiben, sei es zu dem verhltnismig unschuldigen Zweck, Zeitungen und Streichhlzer zu verkaufen, oder um sich vorzeitig einem liederlichen Lebenswandel und leichten Gelderwerb zu ergeben. Man hat dem amerikanischen Kindergericht zum Vorwurf gemacht, da es die elterliche Autoritt untergrabe. Das tut es jedoch in den seltensten Fllen und nur, wenn es absolut notwendig ist. Der Richter wird jeden Augenblick in uerst schwierige Lagen versetzt. Es gehrt ein seltenes Feingefhl, groe Menschenkenntnis und ein unfehlbarer Takt dazu, um dieses Amt in wnschenswerter Weise zu versehen. Ein kleiner sechsjhriger Spatz wird vorgefhrt. Als er ins freundliche aber ernste Gesicht des Richters blickt, quellen ihm schon die hellen Trnen aus den Augen. Du hast gestern abend um11 am Herold-Square Zeitungen verkauft? Ein kaum hrbares Ja. Warum tatst du das? Du weit aus der Schule, da du abends nicht auf die Strae, sondern frh zu Bett gehen sollst. Die Mutter hat mich doch geschickt. Nun wird die Mutter aufgerufen. O diese Mtter! Meistens sind es polnische oder italienische Judenweiber. Die Auslnder und Einwanderer bestreiten, nebenbei gesagt, mehr als 80% aller Flle, die vor den Jugendgerichten in NewYork verhandelt werden. In irgend einem fremdsprachigen Idiom ergiet sich ein kaum einzudmmender Redeschwall ber den Richter. Ein Dolmetscher, der stets zur Hand ist, bersetzt das Notwendigste. Die Familiengeschichte mehrerer Generationen, die die redelustige Dame zum besten gibt, lt er natrlich fort. Solchen Mttern gegenber kann der Richter sehr unangenehm werden. Zum ersten Male bekommt sie eine uerst scharfe Verwarnung, zum zweiten Male schon nimmt man ihr das Kind fort und bringt es probeweise in einem der zahlreichen, groartig organisierten Kinderheime unter. Erfolgt spter noch ein Rezidiv, so bekommt sie ihr Kind berhaupt nicht mehr nach Hause, bis es erwachsen ist. Auf diese Weise schtzt sich der amerikanische Staat vor heranwachsenden Verbrechern. Freilich sind dazu drei Institutionen ntig, die aufs engste zusammengehren, obgleich sie vllig unabhngig voneinander arbeiten: die Kinderschutzgesellschaft, das Jugendgericht und die Gesellschaft fr Kinderheime und Besserungsanstalten fr jugendliche Verbrecher. Selbstverstndlich sind nicht alle Flle, die vors Jugendgericht kommen, so harmloser Art, wie der eben angefhrte. Viele der kleinen Delinquenten mssen sich fr Diebstahl, Betrug, Ttlichkeiten verantworten. Oder auch fr Straenraub und Mord. Aber Schuleschwnzen gehrt ebenfalls zu den Vergehen, die von diesem vielseitigen Gerichtshofe geahndet werden. Die Verhandlungen werden sehr leise gefhrt, um das Schamgefhl der Kinder zu schonen. Keiner von den jungen Galgenvgeln, die auf der Anklagebank sitzen, braucht zu wissen, was dem anderen zur Last gelegt wird. Auch das Publikum von Tanten und Verwandten kann schwerlich vernehmen, was vor dem Richtertisch verhandelt wird, es mag noch so sehr die Ohren spitzen. Ich hatte meinen Platz neben dem Richter erhalten. Daher entging mir kein Wort der Verhandlungen. Dieser Richter, ein verhltnismig junger Mann, hat einen unauslschlichen Eindruck auf mich gemacht. Fast mit einem Seherblick verstand er es, in die feinsten Geheimnisse der Kinderseele einzudringen. Sein Resumee entbehrte oft nicht eines gewissen Humors. Ein trotz seiner nicht gerade herkulischen Figur immerhin ganz stmmig aussehender jdischer Kleinkramhndler behauptete, von einem dreizehnjhrigen Jungen verprgelt worden zu sein. Als sachlichen Beweis zeigte er eine Beule an der Stirn. Darauf wurde der Angeklagte abgerufen. Es erschien ein schmchtiges, buchstblich braun und blau geschlagenes Brschlein. Der Angeklagte behauptete, der Angegriffene gewesen zu sein, stellte im brigen den Hieb, der die Beule an seines Widersachers Stirn verursacht hatte, nicht in Abrede, und sah so aus, als ob er neben diese erste Beule nicht ungern eine zweite setzen wrde. Die Zeugenaussagen neigten zu seinen Gunsten. Der Richter resmierte, da die Schuld der beiden Widersacher wahrscheinlich im umgekehrten Verhltnis stehe, wie die Gre ihrer Beulen, diktierte dem Jungen eine geringe Freiheitsstrafe zu, und der Jude mute zahlen, was ihm augenscheinlich sehr viel bitterere Schmerzen verursachte, als seine Beule. Der ernsteste Fall an diesem Verhandlungstage betraf einen vierzehnjhrigen Knaben, der tags zuvor seinen Spielkameraden erschossen hatte. Der Fall lag ziemlich kompliziert. Die beiden Jungen hatten eine alte rostige Pistole gefunden und sich um ihren Besitz heftig gestritten. Der Streit war in Ttlichkeiten ausgeartet und dabei war der unselige Schu gefallen. Der Angeklagte war sofort ausgerissen, fr zwei Tage verschwunden und erfuhr erst, als er sich am dritten Tage zu Hause einstellte, da er seinen Freund erschossen hatte. Die Mutter des Erschossenen bestand auf der Absichtlichkeit des Verbrechens, auch die Zeugenaussagen einiger Spielgefhrten und ihrer respektiven Mtter und Tanten ergaben wenig Gnstiges. Demgegenber stand nur die Aussage des Erschossenen selbst, der im Hospital kurz vor seinem Tode geuert hatte, sein Freund habe es ganz sicherlich im Versehen getan. Der Junge wurde vorgefhrt. Trotzig und wild sah er aus, und manchen dummen Streich mochte er auf dem Gewissen haben. Aber seine Augen, die jetzt voller Trnen standen, blickten so offen und ehrlich, da fr mich seine Schuldfrage sofort auer jedem Zweifel stand. Aber der Richter war weniger voreilig. Mit vorsichtigem Fragen, die mehr den Charakter einer freundschaftlichen Unterredung, als den eines Verhrs hatten, versuchte er dieser Knabenseele auf den Grund zu kommen. Ja, der Junge hatte auf den Freund gezielt, aber nur um ihn zu erschrecken, die Pistole sei losgegangen, er wisse selbst nicht wie. Viel mehr war aus ihm nicht herauszubekommen. Aber die Art und Weise, wie er seine Antworten gab, schnell, unberlegt, jungenhaft, gengte dem Richter. Er neigte sich zu mir: He is not a murderer. Aber der Fall war damit nicht erledigt. Es wurde noch eine Verhandlung angesetzt, da die Mutter des Erschossenen noch einige Zeugen fr die verbrecherischen Instinkte des Angeklagten vorbringen wollte. Und wenn sie ganz NewYork mobilisiert, -- he is not a murderer -- das war mir ebenso klar, wie dem Richter. Der Junge wurde bis zur zweiten Verhandlung der Obhut eines Kinderheims anvertraut, mehr damit sich seine Nerven etwas beruhigen sollten, als um ihn zu strafen und unschdlich zu machen. Die Agenten und Agentinnen der Kinderschutz-Gesellschaft spielen in den meisten Fllen, wenn es sich um einfache Verwahrlosung der Kinder handelt, die Rolle des Staatsanwaltes. Gegen ihre Anschuldigungen haben sich die Kinder, respektive ihre Eltern zu verteidigen. Sie auch fhren die Kinder, wenn sie aus den Besserungsanstalten entlassen werden, wieder dem Richter vor. Oft tun sie das nicht ohne Stolz. Der Richter behauptete, da die Kinder schon nach einer kurzen Besserungsfrist meist nicht wiederzuerkennen seien. Sie werden in den Anstalten fast ausschlielich durch Freundlichkeit und liebevolle Behandlung gebessert. Oft ist es nicht leicht, die Kinder den Eltern zu entreien. Eine alte triefugige Italienerin wehrte sich sozusagen mit Hnden und Fen dagegen, schrie und tobte, als man ihre beiden zwlf- und vierzehnjhrigen Tchter, die sie zu unsittlichen Lebenswandel anhielt, fortnahm. Die gebesserten Kinder versprechen dem Richter mit Wort und Handschlag, von nun an ein anstndiges Leben zu fhren. Der pdagogische Wert dieses feierlichen Augenblicks ist ohne Zweifel ein sehr groer. Und die Kinder scheinen sich dessen voll bewut zu sein. Ich habe nie ernsthaftere Kindergesichter gesehen, als bei diesen kleinen amerikanischen Vagabunden, wenn sie dem Richter ihre Hand entgegenstreckten. Ich glaube, man kann ohne Sentimentalitt behaupten, da diese Kindergerichte mit den dazu gehrigen Institutionen, der Kinderschutz-Gesellschaft und den Besserungsanstalten fr jugendliche Verbrecher, mehr Gutes schaffen und der menschlichen Gesellschaft ntzlicher sind, als die raffiniertesten und klgsten Zuchthaussysteme und die strengsten Strafen, die man erwachsenen Verbrechern gegenber anwendet. Denn hier, und nur hier, wird das bel an der Wurzel getroffen. 20. BRIEF. DER IMPERATOR. Und nun soll ich von der letzten Etappe unserer Reise erzhlen. Trotz der ersehnten Europanhe ist mir dabei fast trbselig zumute. Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen und ...... und mu sogar noch froh sein, wenn man nichts Schlimmeres davontrgt, als einen berlebensgro proportionierten Katzenjammer. In der ersten Minute auf nordamerikanischem Boden sollten wir einen Begriff von der dort herrschenden Anti-Gemtlichkeit bekommen. Als wir bei unserer Ankunft den Anlegeplatz der Hamburg-Amerika-Linie betraten, empfing uns ein Kommissionr des Hotels, in dem wir uns angemeldet hatten. Seine erste Frage lautete: Wann gedenken Sie abzureisen? In ungefhr zwei Wochen. Dann mssen Sie sich sofort Europa-Tickets besorgen. Kann das nicht vom Hotel aus geschehen? Sie miverstehen mich. Es mu _sofort_ geschehen. Wir fahren zuerst in die Office der Hamburg-Amerika-Linie, dann ins Hotel. Jetzt hatte ich verstanden. Time is money. Und einen eigenen Willen darf man in dieser amerikanischsten aller Fragen in Amerika nicht haben. Also fuhren wir direkt vom Pier zu dem prchtigen Gebude der Hamburg-Amerika-Linie am Broadway. Zwei Kabinen erster Klasse bis Hamburg. Zu wann soll es sein? In ungefhr zwei Wochen. Bedaure. Alles besetzt. Doch man hat zuweilen Dusel. Auch wir hatten welchen. Hinter seinem Pult strzte unvermutet ein bereifriger Clerk hervor. Heute morgen ist eine Staatskabine auf dem Imperator abgesagt worden. Er geht in drei Wochen. Es ist seine erste Reise. Natrlich nahmen wir die Kabine unbesehen. Zumal sich herausstellte, da sie erheblich billiger war, als die mit entsprechendem Komfort ausgestatteten Luxuskabinen andrer Dampfer. Das kommt daher, weil auf dem Imperator 150Staatskabinen mit eigenem Bad sind, auf den anderen Dampfern aber hchstens 5-10. Wir waren dem Kommissionr dankbar dafr, da er uns zur Eile angetrieben hatte. Denn erstens interessierte uns der Imperator genau ebenso, wie alle brigen Bewohner der alten und der neuen Welt, ist er doch das grte Schiff der Welt, der Stolz der deutschen Handelsflotte, das grte Wunder der Schiffsbautechnik und wei der Himmel, was sonst noch alles. Zweitens aber war der Fall besonders vielverheiend, denn es galt die erste berfahrt des Kolosses von Amerika nach Europa mitzumachen, jene erste Reise, fr die ein erfinderischer deutscher Journalist den entsetzlich geschmacklosen Namen Jungfernfahrt geprgt hat, von der man doch mit Fug und Recht ein auergewhnliches Vergngen erwarten darf. Die Ankunft des Imperator in NewYork war die Sensation des Tages und bildete fr mindestens eine Woche den alleinigen Gesprchsstoff in allen Salons und in allen Bars. Das war etwas fr den Gren-Fetischismus der Amerikaner, an dem sie ja alle mehr oder weniger leiden. Zu Hunderttausenden hatten sich Schaulustige in Hoboken versammelt, um die Majestt des Ozeans bei der Ankunft zu begren. Es ist eine undankbare Aufgabe, den Imperator zu beschreiben. Wem sagt es was, da er 919Fu lang ist? Oder macht man sich einen klareren Begriff von seinen Dimensionen, wenn man erfhrt, da er, auf der Steuerschraube aufgestellt, erheblich hher wre, als der Eifelturm und das 67Stockwerk hohe Wolworth-Building in NewYork? Wer hat berhaupt jemals in Gedanken ein Schiff auf der Steuerschraube aufgerichtet, oder ein Haus ins Meer gekippt? Wenn man anderthalb Mal ums Schiff herumgeht, hat man einen Spaziergang von einem Kilometer gemacht. Vielleicht gibt das eine richtige Vorstellung von der Gre des Ozeanriesen? Seine Maschine entwickelt 68000 Pferdekrfte. Wer hat eine Vorstellung davon, was 68000 Pferdekrfte leisten knnen? Nein, mit Grenverhltnissen und Zahlen will ich mich nicht aufhalten. Die kann man auerdem in jedem Prospekt nachlesen. Der Komfort, mit dem die Reisenden auf dem Imperator umgeben sind, grenzt ans Mrchenhafte. Die Kabinen sind keine Kabinen, sondern mollig eingerichtete Wohnzimmer. Breite, bequeme Betten, Etablissements weicher Sessel und Divans, Schreibtisch, Kleiderschrnke, Wscheschrnke bilden das Ameublement. Nebenan ein mit Kacheln ausgelegtes, gerumiges Badezimmer mit idealen Douche-Vorrichtungen. In den Waschtischen hat man Tag und Nacht flieendes heies und kaltes _S_wasser. Ein Leben aus dem Koffer kennt man auf dem Imperator nicht. Zwei Stunden nachdem man den Dampfer betreten und dem Steward seine Schlssel eingehndigt hat, findet man Kleider, Wsche und sonstige Bedarfsartikel in den Spinden und Schrnken der Kabine sauber aufgerumt vor. Die Koffer sind im Gepckraum verschwunden. Ein Bataillon Schneider an Bord sorgt dafr, da die Garderobe immer in Ordnung ist. Die Herrenwelt feiert zum dinner eine wahre Orgie in Bgelfalten. Wundervoll sind die Gesellschaftsrume des Dampfers: der enorme Tanzsaal mit 14Fu hohen Fenstern, die zierlich ausstaffierten Damensalons, das gemtliche, mit viel Geschmack eingerichtete Rauchzimmer, nicht zuletzt der enorme, durch zwei Etagen gebaute, von einer Galerie umgebene Speisesaal, in dem zweimal tglich fr 650Personen gedeckt wird. Das Tabled'hte-Prinzip ist abgeschafft. Es wird ausschlielich an kleinen Tischen lacarte gespeist. Die Verpflegung mu dem verwhntesten Gaumen gengen. Ein Beispiel zum Beweis: als hors d'oeuvre wird von Zeit zu Zeit fr alle 650Personen Astrachan-Kaviar von ganz exquisiter Qualitt serviert. Fr Gourmets und -- Snobs existiert auerdem noch ein Ritz-Carlton-Restaurant an Bord, in dem man fr Fabelpreise mit dem matre d'htel franzsisch sprechen und von Pariser Kchen zubereitete filets de sol essen kann. Ist man zu faul, seinen Frack zu Tisch anzuziehen, so kann man dasselbe Vergngen, noch teurer, im Grill-room haben. Hoch zu preisen ist der Palmengarten des Ritz-Carlton-Restaurants. Dort finden sich nach den Mahlzeiten auch die sparsamen Banausen aus dem allgemeinen Speisesaale ein, um bei einer Tasse Kaffee, einem fine champagne frapp und einer guten Import den Klngen eines rotbefrackten Pariser Streichorchesters zu lauschen. Man schlenkere sich dabei mglichst ungeniert in die breiten Klubsessel, lorgnettiere dreist die unerhrte Toilettenpracht der amerikanischen Schnen und streue die Zigarrenasche auf den kncheltiefen Smyrnateppich. Wenn man fr ganz was Feines gehalten werden will, bemhe man sich berhaupt, die amerikanischen Millionr- oder Milliardr-Jnglinge nachzuahmen, fr die die Begriffe impertinent und vornehm identisch sind. Der Clou des Imperator ist und bleibt doch das Rmische Schwimmbad. Ein mit feinstem Kunstsinn ausgestatteter Raum. Italienische Mosaiken schmcken die Wnde. Achtzehn pompejanische Sulen tragen eine gewlbte Galerie fr Zuschauer. Das Bassin -- gro genug, um darin Wasser-Polo zu spielen -- ist mit hellgrauem Marmor ausgelegt. Aus Marmor sind auch die Ruhebnke, die das Bassin umgeben. Mit Rauschen und Schumen strzt das Ozeanwasser, gleich einem Wasserfall, ins Bassin. Die Temperatur des Wassers wird knstlich auf 22-23 Grad Celsius gehoben. Dieses tgliche Schwimmbad ist ein unvergleichlicher Genu. In der heien Jahreszeit mu es geradezu ein Labsal sein. Da einem auf dem Promenadendeck behaglich zumute ist, dafr sorgt die See-Komfort-Gesellschaft mit Liegesthlen, Decken, Plaids und wundersam geformten Kissen, die sich den tiefsten und flachsten Krperbuchten gleich gut anpassen. Bei ungnstigem Wetter sieht man ganze Regimenter von Kopf bis zu Fu festeingewickelter Mumien in Reih und Glied auf den endlosen Promenadendecks des Dampfers aufgereiht daliegen. Kurz, wo immer man sich auf dem Imperator befindet, kann man sich in einem Winkel von Abrahams Schoe whnen. Und dennoch habe ich mich whrend der ganzen Amerika-Reise und whrend der 42Tage, die ich auf See zugebracht habe, nicht so ungemtlich gefhlt wie auf dem Imperator. In erster Linie war daran natrlich die Ideen-Assoziation schuld, die die Gedanken immer wieder zur Titanic hinleitete. Aber ganz abgesehen davon: dieser unter allen Umstnden eigentlich unerlaubte und zum grten Teil sinnlose Luxus kommt einem wie eine Herausforderung der Elemente vor. Man wartet nur darauf, da sie aufbrausen und diesen ganzen nichtigen menschlichen Tand in Trmmer zerschellen lassen. Betritt man den von tausend elektrischen Kerzen strahlend hell erleuchteten Speisesaal, in dem die Tische unter der Last der raffinierten Speisen und kostbaren Weine chzen und ein Meer von Blumen betubenden Wohlgeruch verbreitet, sieht man das Feuerwerk der blitzenden Juwelen, hrt man das Scherzen, Lachen und Knallen der Champagnerpfropfen, so beschleicht einen doch ein ungemtliches Gefhl, wenn man daran denkt, da nur eine dnne Wand diese ganze Pracht und Herrlichkeit von den grundlosen Tiefen des Ozeans trennt. Denkt man aber nicht daran, so kann man vollstndig vergessen, da man sich auf einem Dampfer befindet. Von der Bewegung des Schiffes ist nicht das Allergeringste zu spren. Man merkt nicht einmal, da es vorwrts geht, von irgend einer Schaukelbewegung des Schiffes ganz zu schweigen. Auch wenn man auf dem Promenadendeck steht, merkt man, besonders abends, nichts vom Schiff. Die Gesellschaftsrume des Imperator liegen ungefhr elf Etagen ber dem Meeresspiegel. Da es auf dem Atlantischen Ozean abends meistens neblig ist, so kann man vom Wasser nichts sehen, weder unter, noch vor, noch hinter sich. Was nun das Leben an Bord anbetrifft, so spielt es sich im allergewhnlichsten vornehmen Hotelstil ab. Infolgedessen lt sich wenig mehr davon sagen, als da es de, steif, ungesellig, zum Sterben langweilig ist. Von irgend einer Bordfreiheit kann hier ebensowenig die Rede sein, wie etwa in der hall des Hotels Adlon. Infolgedessen tat es einem keinen Augenblick leid, Abschied vom Imperator zu nehmen. Luxus kann man auf dem Festlande ebensogut und besser haben, und jenes spezifische etwas abenteuerliche cach des Bordlebens auf langen Seereisen war er uns schuldig geblieben. Dieser Umstand bewirkte, da man am Schlu der Seereise anfing, sich immer mehr auf Europa zu freuen. Der gute alte Kontinent empfing uns zwar mit einem mrrischen Regenwetter-Gesicht, doch wird er mich so bald nicht wieder in die Flucht schlagen. Wenn man sich die Sache recht berlegt, scheint was Wahres dran zu sein: das Beste am Reisen ist -- die Heimkehr. Druck von J. J. Augustin in Glckstadt und Hamburg. * * * * * * Hinweise zur Transkription Fehlende und falsch gesetzte Anfhrungszeichen wurden korrigiert. Die Bildtafeln wurde jeweils an das Ende des Kapitels oder Unterkapitels verschoben. Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Axe" -- "Achse", "danach" -- "darnach", "Titicaca-See" -- "Titicacasee", "unserer" -- "unsrer" mit folgenden Ausnahmen, Seite 9: "109" gendert in "104" (Indianer in Poncho vor einem Bananen-Haine 104) Seite 11: "--" eingefgt (DER STEAMER ARLANZA. -- VIGO.) Seite 16: "Auenrede" gendert in "Auenreede" (auf der Auenreede von Funchal) Seite 16: "Ruderbote" gendert in "Ruderboote" (einer Unmenge schmaler Ruderboote) Seite 25: "Peterburg" gendert in "Petersburg" (von der Breite des Newski-Prospekt in Petersburg) Seite 30: "gans" gendert in "ganz" (alles ganz europisch) Seite 33: "--" eingefgt (DIE ARGENTINISCHEN PAMPAS. -- DAS WEINLAND VON MENDOZA.) Seite 49: "--" eingefgt (TEMUCO. -- EIN AUFZUG DER ARAUKANER-INDIANER.) Seite 55: "aurakanisch" gendert in "araukanisch" (Unterredungen, die auf araukanisch gefhrt wurden) Seite 61: "su" gendert in "zu" (das Land urbar zu machen) Seite 66: "." vor "" entfernt (das Miverstehen europischer Kulturerrungenschaften.) Seite 67: "ttlich" gendert in "tdlich" (Grund ihres absurden, tdlich langweiligen Badelebens) Seite 70: "--" eingefgt (VON VALPARAISO NACH ANTOFOGASTA. -- DIE CHILENISCHE SALPETER-INDUSTRIE.) Seite 72: "Antafogasta" gendert in "Antofogasta" (Es bedarf von Antofogasta aus einer sechsstndigen Eisenbahnfahrt) Seite 72: "hies" gendert in "hie" (Auf einer der nchsten Stationen hie es aussteigen!) Seite 74: "ganses" gendert in "ganzes" (ein ganzes Arsenal voluminser Reservoirs) Seite 93: "Unternehungen" gendert in "Unternehmungen" (Ausflge und Unternehmungen zu machen) Seite 94: "mitteldeutchen" gendert in "mitteldeutschen" (von der Gre eines mitteldeutschen Herzogtums) Seite 94: "was" gendert in "war" (Das war ein lustiges Einkaufen!) Seite 96: "Halblutindianer" gendert in "Halbblutindianer" (der Ariero, ein Cholo, d.h. Halbblutindianer) Seite 104: "durchschnittenen" gendert in "durchschnittener" (von breiten Felsspalten durchschnittener Weg) Seite 109: "cocktail" gendert in "Cocktail" (prchtigen rosenroten Cocktail aus Zuckerrohrschnaps) Seite 110: "Daz" gendert in "Das" (Das ist eigentlich ein Frevel) Seite 110: "," hinter "aussehen" entfernt und hinter "grenadillos" eingefgt (die grenadillos, Frchte der Passionsblume, die aussehen wie riesige) Seite 114: "entfernen" gendert in "entfernten" (die Krner aus den Halmen entfernten) Seite 115: "fhren" gendert in "fahren" (von dort aus fluabwrts bis Guanay zu fahren) Seite 118: am Ende der Seite wurde ein Gedankenwechsel eingefgt Seite 126: "nnd" gendert in "und" (Mit viel List und Tcke) Seite 133: "G.schen" gendert in "G.'schen" (das dem Salon des G.'schen Hauses als Zimmerzier diente) Seite 135: "--" eingefgt (IM SCHNELLZUG DURCH PERU. -- DER TITICACA-SEE.) Seite 135: "Phateon" gendert in "Phaeton" (bequemer wre, als der gerumige Phaeton) Seite 136: "herin" gendert in "herein" (in den Waggon herein) Seite 138: "Antofagasta" gendert in "Antofogasta" (Fahrt zwischen Valparaiso und Antofogasta) Seite 143: "auszufhen" gendert in "auszufhren" (einen gefaten Plan auch wirklich auszufhren) Seite 145: "," entfernt hinter "schlfrig" (ein schlfrig blinzelndes Auge von der Gre einer Backpflaume) Seite 145: "gegenberliegengen" gendert in "gegenberliegenden" (nach einer Stelle des gegenberliegenden Ufers hin) Seite 149: "--" eingefgt (VON PANAMA NACH NEW YORK. -- JAMAIKA.) Seite 150: "Zie" gendert in "Ziel" (Das Ziel unserer Fahrt war eine hgelige) Seite 154: "verversteht" gendert in "versteht" (Man versteht sich gegenseitig nicht) Seite 154: "st" gendert in "ist" (Es ist ein wundervolles Land) Seite 158: "belegen" gendert in "gelegen" (in einer ihrer Querstraen gelegen) Seite 160: "recht" gendert in "Recht" (whrend der mit Recht berchtigten amerikanischen Hitzwellen) Seite 168: "belegenen" gendert in "gelegenen" (zu ihrer im achten Stockwerk gelegenen Wohnung) Seite 169: "wahr" gendert in "war" (Es war augenscheinlich der letzte Trumpf) Seite 184: "angefrte" gendert in "angefhrte" (so harmloser Art, wie der eben angefhrte) Seite 187: "sie" gendert in "Sie" (Wann gedenken Sie abzureisen?) Seite 191: "l" gendert in "lt" (Infolgedessen lt sich wenig mehr davon sagen)] License: Share Alike