Produced by Jens Sadowski EUGEN ROTH DIE DINGE DIE UNENDLICH UNS UMKREISEN LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG BCHEREI DER JNGSTE TAG BAND 53 GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRCKNER WEIMAR INHALT DER WEG Die Fahrt 7 Die Verwehten 8 Heimweg 9 Die Stadt 10 Die Brcke 11 Vorfrhling im Arbeiterviertel 12 Nebliger Abend 13 In diesen Nchten 14 Heimgang im Frhlingsmorgen 15 Stadt ohne Dich 16 Nchtlicher Weg 17 DER KRANZ Stanzen Du wirst mich immer rauschender durchtnen 18 Schon sind wir tiefer in uns selbst gemndet 19 Und es ist oft schon ein Hinberneigen 20 Da ich mich schon wie ein Gewlke ballte 21 Die Demut lie mich nicht mehr hher ragen 22 Die Dinge, die unendlich uns umkreisen 23 Die Glhenden 24 Frau am Fenster 25 Nchtliche Zwiesprache 26 Abend 27 Die Welle 28 DER BAU Gotischer Dom Am Morgen 29 Am Mittag 30 Am Abend 31 Regnerischer Herbsttag 32 Der Turm 33 Romanische Pforte 34 Der steinerne Heilige spricht 35 Das Licht 36 Der Bau 37 Nachtwache 38 Der Anfang 39 Verbrderung 40 Stimmen der Menschen Gesang der Jnglinge 41 Gesang der Frauen 42 DIE FAHRT Tagsber war Musik an allen Borden Und muntere Schiffe gaben Dir Geleit. Der Strom war schwer von rauschenden Akkorden; Doch ist es seitdem lange still geworden Und keinen findest Du zur Fahrt bereit. Sie gehn und scheiden; da ist kein Getreuer. Der Abend tnt, und einsam gleitest Du, Die mden Hnde hoffnungslos am Steuer, Vorbei dem letzten Turm und seinem Feuer, Des Meeres unermessnen Strmen zu. DIE VERWEHTEN Dies sind Tage, die uns langsam tten. Stunde geht um Stunde und zerbricht, Und kein neuer Tag bringt neue Sicht, Keines Morgens Antlitz will sich rten, Und wir finden uns're Wege nicht. Keiner Zukunft Winken kann uns trsten, Unentrinnbar in den Tag gedrngt, Der mit Schmerz und Freude so behngt, Da wir nie uns aus den Schleiern lsten, Gehen wir, in fremde Spur gezwngt. Wir beginnen schwer auf uns zu lasten, Fhlen mitten in der Jahre Flucht Jedes fallen, jh, in dumpfer Wucht, Wie wenn Winde in die Bume faten, Und es strzte ungereifte Frucht. Kaum, da Abende uns so verschnen Voll von Freundschaft und von Glanz der Frau'n, Da wir uns zu reiner Tiefe stau'n, Da wir wachsend in die Leere tnen Und die toten Stunden von uns tau'n. Wenn wir in dem Meer der Nacht zerflieen, Wird uns nur ein Traum von Glck zuteil. Nacht ist Bogensehne nur, um steil Uns in einen neuen Tag zu schieen Und wir sind nur Spur und irrer Pfeil. Nutzlos hingegossen in die Jahre Ganz entwachsen mtterlichem Scho Reien wir vom letzten Ufer los -- Schtteln Sehnsucht leise aus dem Haare, Stehen auf der Erde, fremd und gro. HEIMWEG O Einsamkeit des abendlichen Nachhausegehens! Die Scherben des zerbrochenen Tages Klirren bei jedem Schritt, und Schmerz fllt Weh aus Dir, wie Laub aus herbstlichen Bumen. Freundeswort sehnst Du und zrtliche Liebe der Frauen, Weit, da viele sind, die Dich trsten wollen, Aber Du weinst und willst nicht getrstet sein, Gehst, bis rauschend die Nacht ber Dich niederfllt Und Schmerz und Nacht, ein tnendes Meer, Weit Dich hinaus in Unendlichkeit wiegen. DIE STADT Wind blies die letzten Lichter aus der Stadt; Doch ist der Nebel wei vom Mond durchtruft, Im Straenwirrsal, das im Dunst verluft, Hngen die Huser, traumzerqult und matt. Nur meine Strae strmt erhaben breit Und ist ein Teppich zu dem steinern' Tor: Das ragt unendlich in die Nacht empor, Der hohe Bogen ist fr mich bereit. Palste stehen, wie Besiegte stumm, Erstarrt in Wrde, die sie nicht verlie. Und nur der Dom, der in den Himmel stie, Nahm einen Mantel wie von Demut um. Kaum da am Tor sich meine Schritte stau'n. Mein Gang wird hart, und ehern tret' ich ein: Und diese groe Stadt ist mein, ist mein Mit Haus und Turm, mit Schtzen, Schlaf und Frau'n. DIE BRCKE Sie steigt mit frostig eingekrmmtem Rcken Und mit gestelzten Beinen in den Flu, Mimutig, da sie sich nur immer bcken Und dies Gewhl von Leuten tragen mu. Erst wenn die Nacht mit ihren dunklen Netzen Die Menschen in die dunklen Huser fngt, Da sie sich nicht mehr durch die Straen hetzen: Dann steht die Brcke leicht und froh zersprengt. Ein einsam Schreitender kommt noch gegangen, Schaut in den Flu, oder ein Liebespaar, Die hlt wie eine Mutter sie umfangen Und wiegt sie auf den Wassern wunderbar, Da sie wie Trumende hinberschreiten. Die Brcke tnt wie eine Melodie, Indes die kleinen Wellen schluchzend gleiten Und leis und zrtlich um ihr wundes Knie. VORFRHLING IM ARBEITERVIERTEL Frauen Kommen leise an die Fenster, Wenn beglnzter Aus dem Blauen Weie Wolkenlmmer schauen. Fhlen lang verdorrte Sehnsucht tauen, Lcheln wieder, wie ganz junge Frauen, Sinken dann verlschend in das Haus. Aus der Tiefe des verzweigten Bau's Strmen Kinder, die sich lrmend stauen. Mdchen suchen im verwaschenen Gras Erste Blumen. In die kahlen Bume Hngen sie die zarten Frhlingstrume. Knaben suchen Wolken zu erfassen. -- Sonne ist noch kalt und dnn wie Glas. Und die grauen Huser strecken nach den blassen Kindern schon die welken Hnde aus. NEBLIGER ABEND Im Nebel schwimmt die lange Straenzeile. Unruhig schwankt ihr Ende, losgerissen -- Nur ein paar Lichter weisen in den Raum. Dein Blick steigt auf bis zu den letzten steilen Turmspitzen, die so hoch sind, da sie kaum Um unser Tasten in den Tiefen wissen. Doch, wie die Abendglocken niederklingen, Kommt Dir in all der Starrheit dunkler Glaube Der Dich unnennbar s als Traum durchbebt. Die Lampe hoch im Dunst scheint Gottes Taube, Die auf Dein Haupt verheiend niederschwebt Und tiefste Weihe will ins Knie Dich zwingen. IN DIESEN NCHTEN . . . In diesen Nchten wohnt ein Ungeheuer, Das frit die Sterne, die wir pflcken wollten, Schwelt in die Himmel seines Atems Feuer, Verpestet Luft der sen Abenteuer, Die eben uns mit Lust erfllen sollten. Aufzischen Lichter und verlschen jhe, Und Nebel tropft wie Gift auf jeden Pfad, Da keiner mehr des andern Drngen she, Nicht sprte mehr den Hauch der lstigen Nhe, Die Stimm' nicht fnde, die im Dunkel bat. Die Menschen gehen fremd durch tiefe Gassen, Gestrzt in Schluchten weher Einsamkeit; Sie fhlen ihre Hnde ganz verlassen, Keiner ist nahe, um sie anzufassen, Und keine Tre ist fr sie bereit. Nur wenige, die sich in heien Betten In Lust gepaart, zu engem Schlaf gesellen, Da ihrer Leiber Rausch die Nacht zerglhe, Vermgen vor dem Dunkel sich zu retten. Sie aber werden feindlich aufstehn und zerschellen Im sthlern Glanz der ersten reinen Frhe. HEIMGANG IM FRHLINGSMORGEN Wie war vom hundertfachen Gange Der Weg uns wie im Traum vertraut. Die Grten wurden vom Gesange Der ersten Amseln tnend laut. Der Morgen stand schon an der Schwelle, Wir schritten selig bis zum Tor; Da stie er brandend seine Helle In alle Himmel steil empor. Die Trme fingen an zu blhen, Licht brauste in der Straen Schacht, In alle Wolken stieg ein Glhen, Aus allen Fenstern fiel die Nacht. Wir standen, nah wie nie verbndet, Und mit dem Tag wuchs Dein Gesicht, In solcher Stunde Glanz gemndet, Umglitzert und umklirrt von Licht. Die ganze Stadt begann zu tnen, Die Straen wiesen weit hinaus, Die Bume wollten sich bekrnen -- Und wie ein Tempel stand Dein Haus. STADT OHNE DICH Alle Straen fallen md zusammen, Seit Dein Leuchten sie nicht mehr zerteilt; Keine Sonne kann sie mehr entflammen, Wie sie auch sich in die Schluchten keilt. Alle Huser haben tote Blicke, Seit Dein Glanz sie nicht mehr berschwemmt, Traurigkeit unendlicher Geschicke Fllt aus allen Fenstern starr und fremd. Menschen rinnen zh durch Einsamkeiten, Tausendfach im Boden dumpf verklebt; Keiner, dem sich so die Augen weiten, Da er sie verzckt zum Lichte hebt. Durch die Straen wehn viel hundert Frauen, Aber keine, Liebste, ist wie Du. Abendwolken, die ins Dunkel schauen, Fallen md wie meine Augen zu. NCHTLICHER WEG Von Nebeln ist die Stadt verstopft, Der Schritt, der sich an Husern bricht, Durch regenmde Straen klopft. Aus windbewegten Lampen tropft Auf unsern Weg ein dnnes Licht. In breiten Lachen liegt es dort, Zerrinnt am wssrigen Asphalt, Wir aber gehen immer fort. Du bist drei Schritte von mir fort, In Nacht ertrunkene Gestalt. Ich ahne, was Dein Mund jetzt spricht. Vielleicht ein liebes Wort zu mir. Ich bin wie Stein und hr' es nicht, Ich bin wie Glas und fhl' es nicht Und finde keinen Weg zu Dir Und ist nur dreien Schritte weit. Ich schreite starr, ich schreite stumm, Ich wei durch alle Einsamkeit, Ich geb' Dir durch die Nacht Geleit Und wei doch nicht warum. Fhlst Du denn nicht, wie tief und bang Mein Herz nach Deinem Herzen sucht? Dies ist der letzte, schwerste Gang. Der Weg ist nur drei Schritte lang: Doch ohne Ende ist die Flucht . . . Du wirst mich immer rauschender durchtnen, Bis deinem Sang die letzte Sehnsucht schweigt. Du wirst die mden Nchte mir verschnen, Silberner Mond, dem dunklen Teich geneigt. Du wirst ein Baum mich kahlen Felsen krnen Voll lichter Wunder, tausendfach verzweigt: O dunkles Wasser ich und starrer Stein! Was frommt mir Glanz? Brich ein in mich, brich ein! Schon sind wir tiefer in uns selbst gemndet, Voll sen Staunens schlieen wir uns ein. So unzertrennlich sind wir uns verbndet, Da jeder Schale ist und jeder Wein. Wie sich der bunte Kranz von Tagen rndet, Als mte ewig um uns Sonne sein. Sind wir nicht selber Licht, verzckt gestellt Mitten ins Dunkel dieser fremden Welt? Und es ist oft schon ein Hinberneigen Und eine drngend se Trunkenheit, Als rhrte Wind in fruchtbeschwerten Zweigen Im tiefen Wissen ihrer reifen Zeit. Wir fhlen unseres Blutes Sfte steigen Und wie des Lebens heie Inbrunst schreit! O Bume nur, darin die Winde wehen: Reif fllt die Frucht, wir bleiben dorrend stehen. Da ich mich schon wie ein Gewlke ballte, Hast Du wie Frhlingswind mich sanft zerstreut. Wie bot ich Deinem Hauch die letzte Falte, Wie hast Du mich durchdrungen und erneut. Und seliger Ton wardst Du, der mich durchhallte Wie fern von Turm zu Trmen ein Gelut. Befreiter Abend war ich hingegossen Durch den wie Vgel licht die Trume schossen. Die Demut lie mich nicht mehr hher ragen. Vor soviel Reinheit ward ich zum Gebet. Die alten Gtzen habe ich zerschlagen, Ich bin Altar, darauf Dein Bildnis steht. Doch bin ich fast zu bange, Dich zu tragen, Ein armer Mensch nur, der im Dunkeln geht: Da fllt ein Strahl von Deinem Angesichte Und ich bin gro und schreite frei im Lichte. Die Dinge, die unendlich uns umkreisen, Sie scheinen alle pltzlich still zu stehen. Da ist Musik von Tritten, wunderleisen, Du winkst mir, wie im Traum, zu dir zu gehen. Da stehst Du, einen Weg hinauszuweisen Und Deine Hnde leuchten vor Geschehen: Nun seh ich's auch: Gesprengt das Tor der Zeit Und lichte Brcken hngen himmelweit. DIE GLHENDEN Sie sind s von Sehnsucht berfallen, Und ein Zittern geht durch ihren Scho. Kleider sind wie Zunder: Sie steh'n blo In entflammter Nacktheit steil vor allen. Und sie spren Lust in allen Worten, Wind rhrt sie wie Hand und Lippe an. Allem Drngen sind sie aufgetan, Wie nur leise angelehnte Pforten. Und sie sind durchwhlt von heien Kssen, Hingestrzt in trunk'ner Trume Schacht, Wie ein Gott sinkt in sie ein die Nacht, Da sie sich im Bett verklammern mssen. FRAU AM FENSTER Um dein Gesicht Ist noch Gefunkel. Da strmt, des Tages letzte Spende, Berauscht das Licht. Doch Deine Hnde Tauchen verlschend schon ins Dunkel. Und dies bist Du: Dies, was mich qult: Dein lichtes Haupt zu sehen Die Augen zu In Glanz gesthlt Nicht Hnde, die wie Brcken gehen. Wer darf Dir nahen? Die Augen blinden, Die je Dich sahen. Den Weg kann keiner finden. O neige tief zum Schatten dein Gesicht, Die Hnde tauche segnend in das Licht. NCHTLICHE ZWIESPRACHE Deine Seele gleitet bla von ferne . . . Hrst Du nicht mein Rufen durch die Sterne? Wohl. Ich habe Dich vernommen, Rufer; Wir Entgleitenden sind ohne Ufer. Nacht fr Nacht, von weher Glut entzndet, Rage ich, da einer in mich mndet. Wir sind khl und Ihr habt heie Herzen: Wir sind Wind und lschen Eure Kerzen! Mich verzehrend mu ich so verbleichen. Lsche mich, statt in die Nacht zu weichen! Wir verlernten, ruhelos vertrieben, Meidend Hassen und umschlieend Lieben. Was man sehnt, will ferne sich entrcken. Was man hlt, vermag nicht zu beglcken. Was beglckt, oh, wer vermag's zu halten? Wer noch sehnt, mu lernen zu erkalten. ABEND Abendliche Seele, von der Last Unbarmherzigen Tagewerks entbunden, Hlt unendlich Rast. Tausend Wege durch das Dunkel weisen, Tausend Sterne in den Himmeln kreisen Doch sie hat mit sicheren und leisen Schritten tiefer in sich selbst gefunden, Hlt den Kranz der unberhrten Stunden Selig lchelnd wie im Traum umfat . . . DIE WELLE Und wir sind nur der krause Kamm der Welle, Zu unerhrtem Wollen aufgesteilt, Und tausendfach zerflieend und zerteilt, Aufdrngend in des Tages blaue Helle, Bald bereilend und bald bereilt. Doch wie wir wachsend uns zum Lichte heben, Fliet schon die dunkle Woge, schwer und breit, Und bersplt uns, rascher Schwall der Zeit, Dem neue Wasser rauschender entschweben: Und wir sind Tiefe und Vergangenheit. GOTISCHER DOM AM MORGEN Zerstubt in Sonne wirft der Dom Die steinern' Arme aufwrts wie Raketen. Mit allen Glocken fngt er an zu beten Und mit der Inbrunst seiner steilen Trme Greift er hinauf, da er den Gott bestrme. Tief unten in den Bau die Menschen treten, Und wachsen brandend an, ein dunkler Strom. Die Hallen reien auf von Orgelchren: Gott mu uns hren! Gesang von tausend Stimmen schreit. Und er steigt nieder bis zur steinern' Schwelle, Und schleudert wie ein Zeichen seine Helle Hin durch der Fenster bunte Dunkelheit. Und luft durch alle, eine heilige Welle, Und reit sie strmend in Unendlichkeit. AM MITTAG Nun, da der Gott, den er herabgefleht, Den er vom Himmel ri in reiner Frhe, Entfremdet auf der trgen Erde steht Und mde lchelnd durch die Gassen geht, Verdrngt von jedem Brger ohne Mhe: Wei nur der Dom um seine Majestt. Der Stein ist mittagsgrell, als ob er glhe, Und welk und schal, als eine zhe Wolke Des Morgens Weihrauch durch den Chor hinweht: Khl blieb der Hauch, der durch die Hallen geht. Und Gott tritt ein, froh, da er einsam steht Und da er sich gerettet vor dem Volke. AM ABEND Die Huser unten sind in Nacht gefallen. Die Lichter blinken demutbang im Grund: Da steht der Dom verachtend ber allen. Und berall erwachen alte Geister, Werkleute, noch nach Feierabendstund', Gerufen von dem unsichtbaren Meister: Und zuckend wachsen in das Licht Fialen. Und jeder Pfeiler strebt und wird zum Pfeil. Wimperge treiben ihren spitzen Keil Hinauf! Hinauf! Und jeder Stein steht steil Dem Gotte zu und seinen letzten Strahlen. Das Mawerk blht empor in tausend Zweigen, Und tausend Sulen steigen Ins Licht, das auf des Turmes Stirne steht. Der aber merkt es, da ihn Gott verlassen, Schon fhlt er sich erblinden und erblassen Und von dem kalten Hauch der Nacht durchweht. Und seiner Glocken Stimme wird zum Schrei. Die Menschen drunten whnen noch, es sei Gebet. Er aber brllt hinaus mit irrem Munde. Der Himmel schliet, gestirnt und sthlern blau. Da wei er es, dies ist die schwere Stunde, Und welk und grau Erloschen hngt in zhe Nacht der Bau. REGNERISCHER HERBSTTAG Er ist so unfroh heute aufzuragen Und steil zu sein. Er mchte heute wie die Huser unten Durchwrmt von bunten Heimlichen Lichtern sein, Und schwach und klein. So aber mu er, aufgetrmter Stein, Sich in das mde Grau des Herbstes wagen, Und ganz allein Und ohne Trost die tote Stunde tragen. Das Wasser rinnt und tropft von Stein zu Stein . . . Und von dem steilen Grat der Dcher schieen Rinnsale in der Wasserspeier Rachen. Doch seine Trme kann er nicht verschlieen, Der Regen steht in tiefen, stumpfen Lachen . . . Nun wird es Abend. Und kein Sonnenschein, Nur Nebel, die sich an den Pfeilern spieen . . . DER TURM Sie haben oft bei ihrem Werk gerastet, Als sie sich Stock um Stock hinaufgetastet, Und schon hat ihnen vor der Tat gegraut, Als sie behutsam Stein auf Stein gelastet. Sie sahen schwindelnd die Gerste steigen, Entwachsend schon der Stadt und Lrm und Laut Emporgeblht ins unermene Schweigen Und ganz vom neuen Tage berblaut. Da ahnten sie, da Gott in ihnen baut. Am letzten Tag, sie schwiegen mit dem Hmmern, Da faten sie es erst, was sie vollbracht. Sie sahen Stadt und Land im Dunst verdmmern Und ber ihnen wuchs die Sternennacht; Sie fhlten nher Gottes Atem wehen Und waren schon durchwhlt von seinem Sturm. Und ihnen war's, sie mten schweigend gehen Und sich die tausend Stufen abwrts drehen. Sie blickten scheu empor und sah'n ihn stehen Wie eine Himmelsleiter hoch: Den Turm. ROMANISCHE PFORTE Die Schwelle ist von tausend Fen abgeschliffen, Von tausend Hnden sind die Pfeiler abgegriffen, Demtiger Schacht durch harten Mauerstein. Als htten Beter durch ihr harrend Pochen In tausend Jahren erst den Weg erbrochen Zu ihres Gottes heiligem Schrein. DER STEINERNE HEILIGE SPRICHT: Ich stehe hier, gezwungen in den Stein, Und kann nur meine starren Hnde falten. Ich mchte wieder sein Verknder sein. Die Menschen strmen in die Kirche ein Und glauben, durch ihr Beten und ihr Singen Den Wirkenden in ihrem Kreis zu halten. Doch, wer ihn halten will, mu mit ihm ringen. Sie aber sitzen stumpf gedrngt und warten, Und haben Aug' und Ohr vor ihm verstopft, Bis er mit erznen Fusten ihre harten Gelassnen Schalen voller Zorn zerklopft Und seine Gnade leuchtend sie durchtropft. Noch aber sind sie nichts als toter Stein Und knnen nur die steilen Hnde falten. Drft ich noch einmal sein Verknder sein! DAS LICHT Wir haben ein Licht in die Mitte gestellt, Da uns das Dunkel nicht berfllt. Wir fassen die Nacht, doch sie fat uns nicht, Wir sind verbndet in diesem Licht, Das uns schwebend ber den Tiefen hlt, Dies einsame, singende Kerzenlicht: Um uns ist Welt. Wir Armen, wir stehn in der Mitte nicht, Wir Kreisenden, die kein Leuchter hlt. Wir sehen uns tief in das Angesicht, Und in jedem Gesicht ist ein Glanz von Licht, Der in die Herzen der anderen fllt. Und wenn wir uns wenden hinaus in die Welt, So wissen wir, hinter uns leuchtet das Licht, Und fhlen uns in die Mitte gestellt. Und wir sind Ruhe und sind Gewicht Und halten, von unserem Lichte erhellt, In Hnden die Welt. DER BAU Wir bauen schon an diesem Haus Seit tausend, abertausend Tagen, Und seh'n es wachsen hoch hinaus Und steigend in die Sterne ragen. Verloren ging des Meisters Wort, Und keiner ahnt: Wann wird es enden; Wir aber bauen immerfort Mit mdem Sinn und regen Hnden. Wir haben keine Zeit, zu ruh'n, Als ob wir es vollenden mten, Wir uns're harte Arbeit tun Und sterben hoch in den Gersten. Kaum, da von Sehnsucht jh geschwcht, Wir innehalten mit dem Fronen: Wann kommt das selige Geschlecht, Bereit zu ruhen und zu wohnen? NACHTWACHE Wir haben viel ergrndet Und haben viel erdacht, Wir haben uns verbndet Und unser Leid verkndet -- Und haben nichts vollbracht. Wir standen auf der Wacht. Das Licht war angezndet, Wir glaubten uns entfacht Und lschten aus. Gerndet Wuchs neu um uns die Nacht. Wohl ahnen wir die Nhe Und brechen dennoch nicht, Da Gott uns leuchten she Durch seine Nacht, die zhe, Mit unserm kleinen Licht. Wenn manchmal einer spricht, Entflammt durch eine jhe Erleuchtung das Gesicht: Ist's uns als ob's geschhe Und um uns wrde Licht. Dann sitzen wir mit bleichen Lippen und atmen schwer. Und dies ist wie ein Zeichen, Da wir die Hand uns reichen Und sind nicht Fremde mehr. Sind wie ein groes Heer Und wissen um die Gleichen, Und strmen wie ein Meer Dem alle Ufer weichen In Gottes Wiederkehr! DER ANFANG Brder, da wir die ersten sind, Lat uns beginnen! Um unsere Stirnen weht ein neuer Wind Und neues Feuer brennt in unseren Sinnen. Wir brauchen nicht mehr unsere Hnde falten. Wir drfen schon die gefllten Schalen halten. Fhlt den vieltausend Jahre alten Dunst vor unserem Schreiten zerrinnen, Seht, was wir nicht mehr sind! Wir, die wir gestern noch als ein Kind Der Alten, der Kalten, Erloschenen galten. Wir haben tausend Himmel zerspalten, Wir stehn vor dem Throne der hchsten Gewalten: Wir sind gekommen, wir sind! Eh' sich die Himmel zusammenfalten, Eh' unser Geist verbrennt, eh' unsere Herzen erkalten, Beginnt! Beginnt! VERBRDERUNG Bruder, gehst Du auch den Pfad, Da er steil uns aufwrts trage Aus dem Rauschen dieser gleichen Tage, Bis wir Gott genaht? Um mich drhnt die tiefe Stille. Wir zersprengten in der Dunkelheit: Hrst Du mich, wenn meine Seele schreit? Wie ein Weg ist mir Dein Wille, Wie ein Stab sei Dir, o Bruder, meine Tat, Bis wir Gott genaht. Warum, Bruder, mu ich oft nicht weinen, Wenn Du letzte Qual der Seele weinst? Weit Du auch, ob wir dasselbe meinen, Wenn Du Sehnsucht oder Gnade meinst? Bruder, sind wir noch so weit? Zwischen uns ist Welt und Taggeschehen. Sieh mich an. Und gib mir Deine Hand. La mich nah an Deiner Seite stehen: Ja, wir sind. Immer, Bruder, hab ich dich gekannt. Hergewandert sind wir durch die sausende Heiligalte Stille der Jahrtausende. Tage wehen wie ein Wind. Ich sehe steil Dein Antlitz aufgewandt: Sonne strzt sich jauchzend ins Gestein, Menschen strmen jubelglnzend ein, Greifen, Bruder, nach meiner und nach Deiner Hand. Gott hat seine brausende Stimme nach uns ausgesandt. STIMMEN DER MENSCHEN GESANG DER JNGLINGE Wir tragen die Speere In Hnden die Jugend, Wir gehn durch die Tage, Die unser noch nicht sind, Mit fremdem Blick. Die wissenden Augen Sehen ein Licht, Das fernher leuchtet. Wir ahnen die Stunde, Die kommen mu, Deren Gewalt uns Zusammenwirft In eine groe Verbrderung. Wir fhlen nahe Gttlichen Sturmwind. Wir wissen den Weg Und wollen nicht klagen, Da wir allein gehn, Von Welt zerklftet, Von tausendfachen Begierden umstellt. Noch sind uns Frauen Last nur und Untergang. Nicht drfen wir greifen Nach Schwesterhnden, Ehe wir nicht Unsere Brder gefunden. Da wir nicht Frauen, Die wartend am Wege stehn, Unsere Jugend In den Scho hinwerfen, Trumend davongehn, Schwer von Erinnerung Und arm wie Bettler An heiliger Kraft. Aber schon brennen Hher die Flammen, Unsere Speere Leuchten im Frhrot, Und wir durchbrechen Machtvoll die Himmel. Schwestern, Geliebte! Wir kommen als Sieger, Euch zu befreien Und lchelnd zu mnden In Euere Gte Und Eure Wollust, Um zu erfllen Unser Geschlecht! GESANG DER FRAUEN Wir mchten als Kmpfer Neben Euch schreiten Unendliche Wege. Wir mchten aufsteilen Zu Euerer Freiheit, Zu Euerer Kraft: Doch wir entwurzeln Ohne die Demut. Wir sehen Euch leiden Um uns auch, Brder Und wissen es dennoch, Entwachsen dem Schoe Darf Euer Weg nicht, Eh er vollendet, Zurck sich biegen In unseren Scho. Allzuoft fllt uns Die heie Lust an, Da wir Euch zgen von Eueren Taten In unsere Liebe. Ihr aber schreitet Weiter und lat uns Zerbrochen zurck --. Wir wollen die Flle Reif in uns sammeln Im tiefen Wissen: Ihr werdet kommen, Wenn unsere Zeit ist. Dann sind wir Erfllung, Eins mit Euch geworden Im neuen Geschlecht. End of the Project Gutenberg EBook of Die Dinge, die unendlich uns umkreisen, by Eugen Roth License: Share Alike