Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org FRIEDRICH NIETZSCHE IN SEINEN WERKEN VON LOU ANDREAS-SALOM. MIT 2 BILDERN UND 3 FACSIMILIRTEN BRIEFEN NIETZSCHES. ZWEITE AUFLAGE. MOTTO: NIETZSCHES WAHLSPRUCH: Increscunt animi, virescit volnere virtus.-- Furius Antias bei Gellius. VERLAGSBUCHHANDLUNG CARL KONEGEN (ERNST STLPNAGEL). WIEN 1911. Nicht Willens mich auseinanderzusetzen, weder mit dem inzwischen verffentlichten Nachla Nietzsches, noch mit Andern ber Nietzsche, lasse ich diese Schrift in unverndertem (anastatischem) Druck neu auflegen. Lou Andreas-Salom. IN TREUEM GEDENKEN GEWIDMET EINEM UNGENANNTEN INHALTS-VERZEICHNISS. Sein Wesen Seine Wandlungen Das System Nietzsche [Illustration] Ein Brief Friedrich Nietzsches zum Vorwort. I. ABSCHNITT SEIN WESEN. MOTTO: Der Mensch mag sich noch so weit mit seiner Erkenntniss ausrecken, sich selber noch so objectiv Vorkommen: zuletzt trgt er doch Nichts davon, als seine eigene Biographie. (Menschliches, Allzumenschliches I. 513.) Mihi ipsi scripsi! ruft Friedrich Nietzsche in seinen Briefen wiederholt nach Vollendung eines Werkes aus. Und gewiss hat es etwas zu bedeuten, wenn der erste lebende Stilist dies von sich selber sagt, er, dem es, wie keinem Zweiten, gelungen ist, fr jeden seiner Gedanken, und noch fr die feinste Schattirung darin, den erschpfenden Ausdruck zu finden. Dem, der Nietzsches Schriften zu lesen weiss, ist es denn auch ein verrtherisches Wort: es deutet die Verborgenheit an, in welcher alle seine Gedanken stehen, die lebendige Hlle, die sie vielgestaltig umkleidet, es deutet an, dass er im Grunde nur fr sich dachte, fr sich schrieb, weil er nur sich selbst beschrieb, sein eignes Selbst in Gedanken umsetzte. * * * * * Die Bitte in der Frhlichen Wissenschaft, auf welche in dem vorstehend facsimilirten Briefe Bezug genommen ist, lautet: Ich kenne mancher Menschen Sinn Und weiss nicht, "Wer ich selber bin! Mein Auge ist mir viel zu nah-- Ich bin nicht, was ich seh und sah. Ich wollte mir schon besser ntzen, Knnt' ich mir selber ferner sitzen. Zwar nicht so ferne wie mein Feind! Zu fern sitzt schon der nchste Freund-- Doch zwischen dem und mir die Mitte! Errathet ihr, um was ich bitte? (Scherz, List und Rache 25.) Wenn es berhaupt die Aufgabe des Biographen ist, den Denker durch den Menschen zu erlutern, so gilt dies in ungewhnlich hohem Masse fr Nietzsche, denn bei keinem Andern fallen usseres Geisteswerk und inneres Lebensbild so vllig in Eins zusammen. Auf ihn trifft es ganz besonders zu, was er in dem vorangestellten Briefe von den Philosophen berhaupt ausspricht: dass man ihre Systeme auf die Personalacten ihrer Urheber hin prfen solle. Spter hat er der gleichen Auffassung in den Worten Ausdruck gegeben: Allmhlig hat sich mir herausgestellt, was jede grosse Philosophie bisher war: nmlich das Selbstbekenntniss ihres Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter mmoires. (Jenseits von Gut und Bse 6.) Dies war denn auch der leitende Gedanke in meinem in dem vorstehenden Briefe erwhnten Entwurf zu einer Charakteristik Nietzsches, den ich ihm im October 1882 vorlas und mit ihm durchsprach. Die Arbeit enthielt im Umriss den ersten Theil des vorliegenden Buches und einzelne Abschnitte des zweiten Theiles,--der Inhalt des dritten, das eigentliche System Nietzsche war damals noch nicht geboren. Im Laufe der Jahre erweiterte sich, im Anschlsse an die rasch aufeinander folgenden Werke, jene Charakteristik immer mehr, und Einzelnes daraus ist bereits in besonderen Aufstzen verffentlicht worden.[1] Es handelte sich fr mich ausschliesslich darum, die Hauptzge von Nietzsches geistiger Eigenart zu schildern, aus denen allein seine Philosophie und ihre Entwicklung begriffen werden knnen. Zu diesem Zwecke beschrnkte ich mich freiwillig sowohl nach der Seite der rein theoretischen Betrachtungsweise, als auch hinsichtlich der rein persnlichen Lebensbeschreibung. Beides durfte nicht zu weit gefhrt werden, wenn die Grundlinien seines Wesens deutlich hervortreten sollten. Wer Nietzsche auf seine Bedeutung als Theoretiker hin prfen wollte, auf das, was etwa die znftige Philosophie aus ihm zu lernen vermchte, der wrde sich enttuscht abwenden, ohne zum Kern seiner Bedeutung vorzudringen. Denn der Werth seiner Gedanken liegt nicht in ihrer theoretischen Originalitt, nicht in dem, was dialektisch begrndet oder widerlegt werden kann, sondern durchaus in der intimen Gewalt, mit welcher hier eine Persnlichkeit zur Persnlichkeit redet,--in dem, was nach seinem eigenen Ausdruck wohl zu widerlegen, aber doch nicht todtzumachen ist. Wer andererseits von Nietzsches usserem Erleben ausgehen wollte, um sein Inneres zu erfassen, der wrde ebenfalls nur eine leere Schale in der Hand behalten, aus welcher der Geist entwichen ist. Denn man kann von Nietzsche sagen, dass er nach aussen hin eigentlich nichts erlebte:[2] all sein Erleben war ein so tief innerliches, dass es sich nur im Gesprch, von Mund zu Mund, und in den Gedanken seiner Werke kundthat. Die Summe von Monologen, aus denen im Wesentlichen seine vielbndigen Aphorismensammlungen bestehen, bilden ein einziges grosses Memoirenwerk, dem sein Geistesbild zu Grunde liegt. Dieses Bild ist es, das ich hier zu zeichnen versuche: das _Gedanken-Erlebniss_ in seiner Bedeutung fr Nietzsches Geisteswesen--das _Selbstbekenntniss_ in seiner Philosophie. Obgleich Nietzsche seit einigen Jahren hufiger genannt wird als irgend ein anderer Denker, obgleich viele Federn damit beschftigt sind, theils Jnger fr ihn zu werben, theils gegen ihn zu polemisiren, so ist er doch in den Grundzgen seiner geistigen Individualitt nahezu unbekannt geblieben. Denn seitdem die kleine, zerstreute Schaar seiner Leser, die er stets besass, und die ihn wahrhaft zu lesen verstand, zu einer grossen Schaar von Anhngern angewachsen ist, seitdem weite Kreise sich seiner bemchtigt haben, ist ihm das Schicksal widerfahren, welches jedem Aphoristiker droht; einzelne seiner Ideen, aus dem Zusammenhang gelst und dadurch beliebig deutbar, sind zu Stich- und Schlagworten ganzer Richtungen gemacht worden, erklingen im Kampf von Meinungen, im Streit von Parteien, denen er selbst vllig fern stand. Wohl verdankt er diesem Umstand seinen raschen Ruhm, den pltzlichen Lrm um seinen stillen Namen,--aber im Besten, durchaus Einzigartigen und Unvergleichlichen, das er zu geben hat, ist er dadurch vielleicht bersehen worden und unbeachtet geblieben,--ja in eine vielleicht noch tiefere Verborgenheit zurckgetreten als vorher. Viele feiern ihn zwar noch laut, mit der ganzen Naivett glubiger Kritiklosigkeit, doch gerade sie gemahnen unwillkrlich an sein bitteres Wort: Der Enttuschte spricht: Ich horchte auf Widerhall, und ich. hrte nur Lob-- (Jenseits von Gut und Bse 99). Kaum Einer von ihnen ist ihm wahrhaft nachgegangen,--fernab von den Andern und ihrem Tagesstreit und allein in der Ergriffenheit seines eigenen Innern; kaum Einer hat diesen einsamen, schwer ergrndlichen, heimlichen und auch unheimlichen Geist begleitet, der Ungeheures zu tragen whnte und an einem ungeheuren Wahn zusammenbrach. Daher ist es, als stnde er da inmitten derer, die ihn am meisten preisen, wie ein Fremdling und Einsiedler, dessen Fuss sich in ihren Kreis nur verirrte, und von dessen verhllter Gestalt Keiner den Mantel gehoben,--ja, als stnde er da mit der Klage seines Zarathustra auf den Lippen: Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends ums Feuer sitzen, aber Niemand--denkt an mich! Dies ist die neue Stille, die ich lernte: ihr Lrm um mich breitet einen Mantel um meine Gedanken. _Friedrich Wilhelm Nietzsche_ ist am 15. October 1844 als der einzige Sohn eines Predigers in Rcken bei Ltzen geboren, von wo sein Vater spter nach Naumburg versetzt wurde. Seine Schulbildung empfing er in der nahegelegenen Schulpforta und ging dann als Student der classischen Philologie an die Universitt Bonn, wo damals der berhmte Philologe Ritschl lehrte. Er studirte fast ausschliesslich unter Ritschl, verkehrte auch persnlich viel mit ihm und folgte ihm im Herbst 1865 nach Leipzig. In seine Leipziger Studienzeit fllt Nietzsches erste persnliche Beziehung zu Richard Wagner, den er 1868 im Hause von dessen Schwester, der Frau Prof. Brockhaus, kennen lernte, nachdem er sich schon frher mit seinen Werken vertraut gemacht. Noch vor seiner Promotion berief 1869 die Universitt Basel den 24jhrigen Nietzsche auf den Lehrstuhl des Philologen Kiessling, der von dort an das Johanneum in Hamburg ging. Nietzsche erhielt erst eine ausserordentliche, kurz darauf eine ordentliche Professur fr classische Philologie, und die Universitt Leipzig verlieh ihm den Doctorgrad ohne vorhergehende Promotion. Neben seinen Universittscollegien bernahm er den Unterricht des Griechischen in der dritten (hchsten) Classe des Baseler Pdagogiums,--einer Mittelanstalt zwischen Gymnasium und Universitt,--an welcher noch andere Universittsprofessoren, wie der Culturhistoriker Jacob Burckhardt und der Philologe Mhly, lehrten. Hier gewann er grossen Einfluss auf seine Schler; sein seltnes Talent, junge Geister an sich zu fesseln und entwickelnd, anregend auf sie zu wirken, kam zu voller Geltung. Burckhardt sagte damals von ihm: einen solchen Lehrer habe Basel noch niemals besessen. Burckhardt gehrte zum engsten Freundeskreise Nietzsches, zu dem noch der Kirchenhistoriker Franz Overbeck und der Kantphilosoph Heinrich Romundt zhlten. Mit den beiden Letztem wohnte Nietzsche zusammen in einem Hause, welches nach Verffentlichung der Unzeitgemssen Betrachtungen in der Baseler Gesellschaft den Beinamen: Die Gifthtte erhielt. Gegen Schluss seines Baseler Aufenthalts lebte Nietzsche eine Zeit lang mit seiner einzigen, fast gleichaltrigen Schwester Elisabeth zusammen, die spter seinen Jugendfreund Bernhard Frster heiratete und mit diesem nach Paraguay ging. 1870 machte Nietzsche den deutschfranzsischen Krieg als freiwilliger Krankenpfleger mit; nicht lange darauf traten die ersten drohenden Anzeichen eines Kopfleidens hervor, das sich in periodisch wiederkehrenden heftigen Schmerzen und Uebelkeiten usserte. Will man Nietzsches eigenen, mndlichen Aeusserungen Glauben schenken, so war dieses Leiden erblicher Natur, und ist sein Vater demselben erlegen. Neujahr 1876 fhlte er sich bereits so kpf- und augenkrank, dass er sich im Pdagogium vertreten lassen musste, und von da ab verschlimmerte sich sein Zustand derartig, dass er mehrere Male dem Tode nahe war. Ein paar Mal den Pforten des Todes entwischt, aber frchterlich geqult,--so lebe ich von Tag zu Tage; jeder Tag hat seine Krankengeschichte. Mit diesen Worten schildert Nietzsche in einem Briefe an einen Freund die Leiden, unter welchen er ungefhr 15 Jahre zugebracht hat. Umsonst verlebte er den Winter 1876-1877 in dem milden Klima von Sorrent, wo er sich in Gesellschaft einiger Freunde befand: von Rom war seine langjhrige Freundin Malwida von Meysenbug (Verfasserin der bekannten Memoiren einer Idealistin und Anhngerin R. Wagners) zu ihm gekommen; von Westpreussen Dr. Paul Re, mit dem ihn schon damals Freundschaft und Gleichheit der Bestrebungen-verband. Dem kleinen gemeinschaftlichen Hauswesen hatte sich auch noch ein junger brustkranker Baseler, Namens Brenner, zugesellt, der jedoch bald darauf starb. Als auch der Aufenthalt im Sden ohne gnstige Wirkung auf seine Schmerzen blieb, gab Nietzsche 1878 seine Lehrthtigkeit am Pdagogium und 1879 seine Professur an der Universitt endgiltig auf. Seitdem fhrte er nur noch ein Einsiedlerleben, theils in Italien--meistens in Genua--theils im Schweizer Gebirge, namentlich in dem kleinen Engadiner Dorfe Sils-Maria, unweit des Maloja-Passes. Sein usserer Lebenslauf erscheint damit abgeschlossen und gleichsam beendet, whrend sein Denkerleben erst jetzt recht eigentlich beginnt: so dass uns der Denker Nietzsche, mit dem wir uns zu beschftigen haben, erst am Ausgang dieser Lebensereignisse vollkommen deutlich entgegentritt. Trotzdem werden wir auf alle Schicksalswendungen und Erlebnisse, die hier nur kurz skizzirt worden sind, bei Gelegenheit der verschiedenen Perioden seiner Geistesentwicklung noch ausfhrlicher zurckkommen mssen. Sein Leben und Schaffen zerfllt in der Hauptsache in drei ineinander bergreifende Perioden, die je ein Jahrzehnt umfassen: Zehn Jahre, 1869--1879, dauerte Nietzsches Lehrthtigkeit in Basel; diese philologische Wirksamkeit fllt der Zeit nach fast vllig zusammen mit dem Jahrzehnt seiner Jngerschaft Wagner gegenber und mit der Verffentlichung derjenigen Werke, welche von der Metaphysik Schopenhauers beeinflusst sind: sie whrte von 1868 bis 1878, in welchem Jahre er zum Zeichen seiner philosophischen Sinnesnderung Wagner sein positivistisches Erstlingswerk: Menschliches, Allzumenschliches bersandte. Seit dem Anfang der Siebzigerjahre bestand seine Verbindung mit Paul Re, die im Herbst 1882 ihren Abschluss fand,--gleichzeitig mit der Vollendung der Frhlichen Wissenschaft, des letzten derjenigen Werke Nietzsches, die noch auf positivistischer Grundlage ruhen. Im Herbst 1882 fasste Nietzsche den Entschluss, sich zehn Jahre lang aller schriftstellerischen Thtigkeit zu enthalten. In dieser Zeit tiefsten Schweigens wollte er seine neue, dem Mystischen sich zuwendende Philosophie auf ihre Richtigkeit prfen und dann 1892 als ihr Verkndiger auftreten. Diesen Vorsatz hat er nicht ausgefhrt, sondern gerade in den Achtzigerjahren eine fast ununterbrochene Productivitt entfaltet und ist dann noch vor Ablauf des von ihm angesetzten Jahrzehntes verstummt: 1889 setzte ein gewaltsamer Ausbruch seines Kopfleidens pltzlich aller weiteren Geistesarbeit ein Ziel. Der Zeitraum aber zwischen der Niederlegung seiner Baseler Professur und dem Aufhren aller geistigen Thtigkeit berhaupt umfasst wiederum ein Jahrzehnt, die Zeit von 1879--1889. Seitdem lebt Nietzsche als Kranker, nach einem vorbergehenden Aufenthalt in der Anstalt von Professor Binswanger in Jena, bei seiner Mutter in Naumburg. Die beiden diesem Buche beigegebenen Bilder zeigen Nietzsche inmitten dieser letzten zehn Leidensjahre. Und gewiss ist dies die Zeit gewesen, in welcher seine Physiognomie, sein ganzes Aeussere, am charakteristischesten ausgeprgt erschien: die Zeit, in welcher der Gesammtausdruck seines Wesens bereits vllig vom tief bewegten Innenleben durchdrungen war, und selbst noch in dem bezeichnend blieb, was er zurckhielt und verbarg. Ich mchte sagen: dieses Verborgene, die Ahnung einer verschwiegenen Einsamkeit,--das war der erste, starke Eindruck, durch den Nietzsches Erscheinung fesselte. Dem flchtigen Beschauer bot sie nichts Auffallendes; der mittelgrosse Mann in seiner beraus einfachen, aber auch beraus sorgfltigen Kleidung, mit den ruhigen Zgen und dem schlicht zurckgestrichenen braunen Haar konnte leicht bersehen werden. Die feinen, hchst ausdrucksvollen Mundlinien wurden durch einen vornbergekmmten grossen Schnurrbart fast vllig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, eine geruschlose Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang, wobei er sich ein wenig in den Schultern beugte; man konnte sich schwer diese Gestalt inmitten einer Menschenmenge vorstellen,--sie trug das Geprge des Abseitsstehens, des Alleinstehens. Unvergleichlich schn und edel geformt, so dass sie den Blick unwillkrlich auf sich zogen, waren an Nietzsche die Hnde, von denen er selbst glaubte, dass sie seinen Geist verriethen,--eine darauf zielende Bemerkung findet sich in Jenseits von Gut und Bse (288): Es giebt Menschen, welche auf eine unvermeidliche Weise Geist haben, sie mgen sich drehen und wenden, wie sie wollen, und die Hnde vor die verrtherischen Augen halten --als ob die Hand kein Verrther wre!--.[3] Wahrhaft verrtherisch sprachen auch die Augen. Halbblind, besassen sie dennoch nichts vom Sphenden, Blinzelnden, ungewollt Zudringlichen vieler Kurzsichtigen; vielmehr sahen sie aus wie Hter und Bewahrer eigener Schtze, stummer Geheimnisse, die kein unberufener Blick streifen sollte. Das mangelhafte Sehen gab seinen Zgen eine ganz besondere Art von Zauber dadurch, dass sie, anstatt wechselnde, ussere Eindrcke wiederzuspiegeln, nur das Wiedergaben, was durch sein Inneres zog. In das Innere blickten diese Augen und zugleich,--weit ber die nchsten Gegenstnde hinweg,--in die Ferne, oder besser: in das Innere wie in eine Ferne. Denn im Grunde war seine ganze Denkerforschung nichts als ein Durchforschen der Menschenseele nach unentdeckten Welten, nach ihren noch unausgetrunkenen Mglichkeiten (Jenseits von Gut und Bse 45), die er sich rastlos schuf und umschuf. Wenn er sich einmal gab, wie er war, im Bann eines ihn erregenden Gesprchs zu Zweien, dann konnte in seine Augen ein ergreifendes Leuchten kommen und schwinden;--wenn er aber in finsterer Stimmung war, dann sprach die Einsamkeit dster, beinahe drohend aus ihnen, wie aus unheimlichen Tiefen,--aus jenen Tiefen, in denen er immer allein blieb, die er mit Niemandem theilen konnte, vor denen ihn selbst bisweilen Grauen erfasste,--und in die sein Geist zuletzt versank. Einen hnlichen Eindruck des Verborgenen und Verschwiegenen machte auch Nietzsches Benehmen. Im gewhnlichen Leben war er von grosser Hflichkeit und einer fast weiblichen Milde, von einem stetigen, wohlwollenden Gleichmuth,--er hatte Freude an den vornehmen Formen im Umgang und hielt viel auf sie. Immer aber lag darin eine Freude an der _Verkleidung_,--Mantel und Maske fr ein fast nie entblsstes Innenleben. Ich erinnere mich, dass, als ich Nietzsche zum ersten Male sprach,--es war an einem Frhlingstage in der Peterskirche zu Rom,--whrend der ersten Minuten das gesucht Formvolle an ihm mich frappirte und tuschte. Aber nicht lange tuschte es an diesem Einsamen, der seine Maske doch nur so ungewandt trug, wie Jemand, der aus Wste und Gebirge kommt, den Rock der Allerweltsleute trgt; sehr bald tauchte die Frage auf, die er selbst in die Worte zusammengefasst hat: Bei Allem, was ein Mensch _sichtbar werden_ lsst, kann man fragen: was soll es _verbergen_? Wovon soll es den Blick ablenken? Welches Vorurtheil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht die Feinheit dieser Verstellung? Und worin vergreift er sich dabei? Dieser Zug stellt nur die Kehrseite der Einsamkeit dar, aus welcher Nietzsches Innenleben ganz herausbegriffen werden muss,--einer sich stetig steigernden Selbstvereinsamung und Selbstbeziehung auf sich. In dem Maasse, als sie zunimmt, wird alles nach Aussen gewandte Sein zum Schein,--zum blossen tuschenden Schleier, den die Einsamkeitstiefe nur um sich webt, um zeitweilig fr Menschenaugen erkennbare Oberflche zu werden. Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Andern als Komdianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst eine Oberflche anheucheln mssen. (Menschliches, Allzumenschliches II 232). Ja, man kann selbst Nietzsches Gedanken, sofern sie sich theoretisch aussprechen, noch mit zu dieser Oberflche rechnen, hinter der, abgrndig tief und stumm, das innere Erleben ruht, dem sie entstiegen sind. Sie gleichen einer Haut, welche Etwas verrth, aber noch mehr verbirgt (Jenseits von Gut und Bse 32); denn, sagt er entweder verstecke man seine Meinungen, oder man verstecke sich hinter seine Meinungen (Menschliches, Allzumenschliches II 338). Er findet eine schne Bezeichnung fr sich selbst, wenn er in diesem Sinne von den Verborgenen unter den Mnteln des Lichts redet (Jenseits von Gut und Bse 44),--von denen, die sich in ihre Gedankenklarheit verhllen. In jeder Periode seiner Geistesentwicklung finden wir daher Nietzsche in irgend einer Art und Form der Maskirung, und immer ist sie es, welche die jeweilige Entwicklungsstufe recht eigentlich charakterisirt. Alles, was tief ist, liebt die Maske.... Jeder tiefe Geist braucht eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wchst fortwhrend eine Maske (Jenseits von Gut und Bse 40). Wanderer, wer bist Du?-- -- --Ruhe Dich hier aus.-- -- --erhole Dich!-- -- --Was dient Dir zur Erholung?-- -- -- Zur Erholung? Zur Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da! Aber gieb mir, ich bitte-- -- Was? Was? sprich es aus!--Eine Maske mehr! Eine zweite Maske!... (Jenseits von Gut und Bse 278). Und zwar wird es sich uns aufdrngen, dass in dem Grade, als seine Selbstvereinsamung und grblerische Selbstbeziehung auf sich ausschliesslicher wird, auch die Bedeutung der jedesmaligen Verkleidung eine tiefere wird, und das wirkliche Wesen hinter seiner Aeusserungsform, das wirkliche Sein hinter dem vorgehaltenen Schein immer weniger sichtbar zurckweicht. Schon in Der Wanderer und sein Schatten (175) weist er auf die Mediocritt als Maske hin. Die Mediocritt ist die glcklichste Maske, die der berlegene Geist tragen kann, weil sie die grosse Menge, das heisst die Mediocren, nicht an Maskirung denken lsst--: und doch nimmt er sie gerade ihretwegen vor,--um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid und Gte. Von dieser Maske des Harmlosen an wechselt er sie bis zu der des Grauenhaften, die noch Grauenhafteres hinter sich verbirgt: --bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske fr ein unseliges allzu gewisses Wissen. (Jenseits von Gut und Bse 270),--und endlich bis zu einem tuschenden Lichtbild des gttlich Lachenden, das den Schmerz in Schnheit zu verklren strebt. So ist Nietzsche innerhalb seiner letzten philosophischen Mystik allmlig in jene letzte Einsamkeit versunken, in deren Stille wir ihm nicht mehr folgen knnen, die uns nur noch, wie Symbole und Wahrzeichen, seine lachenden Gedankenmasken und deren Deutung brig lsst, whrend er fr uns bereits zu dem geworden ist, als den er sich einmal in einem Briefe unterschreibt: Der auf ewig Abhandengekommene. (Brief vom 8. Juli 1881 aus Sils-Maria.) Dieses innere Alleinsein, diese Einsamkeit ist in allen Wandlungen Nietzsches der unvernderliche Rahmen, aus welchem sein Bild uns anschaut. Mag er sich verkleidet haben, wie er will,--immer trgt er die Einde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk mit sich, wohin er auch gehe. (Der Wanderer und sein Schatten 387.) Und es drckt daher auch nur das Bedrfniss aus, dass das ussere Dasein seiner einsamen Innerlichkeit entsprechen mge, wenn er einem Freunde schreibt: (Am 31 October 1880 aus Italien.) Als Recept, sowie als natrliche Passion erscheint mir immer deutlicher die Einsamkeit und zwar die vollkommene,--und den Zustand, in dem wir unser Bestes schaffen knnen, muss man hersteilen und viele Opfer dafr bringen knnen. Den zwingenden Anlass aber, sein inneres Alleinsein so vollkommen wie mglich zu einem usseren zu machen, bot ihm erst sein _krperliches Leiden_, welches ihn von den Menschen forttrieb und selbst den Verkehr mit einzelnen seiner Freunde,--immer einen seltenen Verkehr zu Zweien,--nur mit grossen Unterbrechungen mglich machte. Leiden und Einsamkeit,--das sind also die beiden grossen Schicksalszge in Nietzsches Entwicklungsgeschichte, immer strker ausgeprgt, je nher man dem Ende kommt. Und sie tragen bis an das Ende jenes wundersame Doppelgesicht, welches sie als ein usserlich _gegebenes Lebenslos_, und zugleich als eine rein psychisch bedingte, eine _gewollte innere_ Nothwendigkeit erscheinen lassen. Auch sein physisches Leiden, nicht minder als seine Verborgenheit und Einsamkeit, reflectirte und symbolisirte etwas Tiefinnerliches--und dies so unmittelbar, dass er es auch in seine ussere Schickung aufnahm wie einen ihm zugedachten ernsten Freund und Wegegenossen. So schreibt er einmal bei Gelegenheit einer Beileidsusserung (Ende August 1881 aus Sils-Maria): Es jammert mich immer zu hren, dass Sie leiden, dass Ihnen irgend etwas fehlt, dass Sie Jemanden verloren haben: whrend bei mir Leiden und Entbehrung _zur Sache_ gehren und nicht, wie bei Ihnen, zum Unnthigen und zur Unvernunft des Daseins. Hierauf beziehen sich die einzelnen, in seinen Werken zerstreuten Aphorismen ber den _Werth des Leidens fr die Erkenntniss_. Er schildert den Einfluss der Stimmungen des Kranken und des Genesenden auf das Denken, er begleitet die feinsten Uebergnge solcher Stimmungen bis ins Geistigste hinauf. Eine periodisch wiederkehrende Erkrankung, wie die seinige es war, scheidet bestndig eine Lebensperiode, und damit auch eine Gedankenperiode von der vorhergehenden. Sie gibt durch dieses Doppeldasein die Erfahrungen und das Bewusstsein zweier Wesenheiten. Sie lsst alle Dinge immer wieder auch dem Geiste neu werden,--_neu schmecken_ nennt er es einmal hchst treffend,--und setzt ganz neue Augen auch noch fr das Gewohnteste, Alltglichste ein. Ein Jegliches erhlt etwas von der Frische und dem lichten Thau der Morgenschnheit, weil _eine Nacht_ es vom vorhergehenden Tage getrennt hat. So wird jede Genesung ihm zu einer Palingenesis seiner selbst und darin zugleich des Lebens um ihn,--und immer wieder ist der Schmerz verschlungen in den Sieg. Deutet Nietzsche es schon selbst an, dass die Natur seines physischen Leidens sich gewissermassen in seinen Gedanken und Werken widerspiegle, so springt der enge Zusammenhang von Denken und Leiden noch aufflliger hervor, wenn man sein Schaffen und dessen Entwicklung als Ganzes betrachtet. Man steht nicht jenen allmligen Vernderungen des Geisteslebens gegenber, wie sie ein Jeder durchmacht, der seiner natrlichen Grsse entgegenwchst,-- nicht den Wandlungen des _Wachsthums_: sondern einem jhen Wandel und Wechsel, einem fast rhythmischen Auf und Nieder von Geisteszustnden, die letzten Grundes nichts Anderem zu entspringen scheinen, als einem _Erkranken an Gedanken und einem Genesen an Gedanken_. Nur aus der innersten Bedrftigkeit seiner ganzen Natur, nur aus dem qulendsten Heilungsverlangen heraus erschliessen sich ihm neue Erkenntnisse. Kaum aber ist er vllig in ihnen aufgegangen, kaum hat er an ihnen ausgeruht und sie seiner eignen Kraft assimilirt,--da ergreift es ihn auch schon wieder wie ein neues Fieber, etwas wie ein unruhig drngender Ueberschuss an innerer Energie, der zuletzt seinen Stachel gegen ihn selbst kehrt und ihn an sich selber erkranken lsst. Das Zuviel von Kraft erst ist der Beweis der Kraft, sagt Nietzsche im Vorwort zur Gtzen-Dmmerung (s. I);--in diesem Zuviel thut seine Kraft sich Schmerzen an, tobt sie sich aus in leidvollen Kmpfen, reizt sich auf zu den Qualen und Erschtterungen, an denen sein Geist fruchtbar werden will.[4] Mit der stolzen Behauptung: Was mich nicht umbringt, macht mich strker! (Gtzen-Dmmerung, Sprche und Pfeile 8) geisselt er sich,--nicht bis zum Umbringen, nicht bis zum Tode, aber eben bis zu jenen Fiebern und Verwundungen, deren er bedarf. Dieses Schmerzheischende zieht sich durch die ganze Entwicklungsgeschichte Nietzsches als die eigentliche Geistesquelle in ihr; er spricht es am treffendsten in den Worten aus: Geist ist das Leben, das selber ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das eigne Wissen,--wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glck ist dies: gesalbt zu sein und durch Thrnen geweiht zum Opferthier,-- wusstet ihr das schon?------Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Amboss nicht, der er' ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers! (Also sprach Zarathustra II 33.) Jene Spannung der Seele im Unglck,-- -- --ihre Schauer im Anblick des grossen Zgrundegehens, ihre Erfindsamkeit und Tapferkeit im Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausntzen des Unglcks, und was ihr nur je von Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist, List, Grsse geschenkt worden ist:--ist es nicht ihr unter Leiden, unter der Zucht des grossen Leidens geschenkt worden? (Jenseits von Gut und Bse 225.) Und immer wieder tritt Zweierlei an diesem Vorgang besonders auffllig hervor: Einmal der enge Zusammenhang von Gedankenleben und Seelenleben in seinem Wesen, die Abhngigkeit seines Geistes von den Bedrfnissen und Erregungen seines Innern. Dann aber die Eigenthmlichkeit, dass aus dieser so engen Zusammengehrigkeit sich immer von Neuem Leiden ergeben mssen; jedesmal bedarf es einer hhen Gluth der Seele, wo es zu hchster Klarheit, zu hellem Licht der Erkenntniss kommen soll,--aber nie darf diese Gluth in wohlthuender Wrme ausstrmen, sondern muss verwunden mit sengenden Feuern und brennenden Flammen: auch hier gehrt,--wie er es in dem oben angefhrten Briefe ausdrckt,--das Leiden zur Sache. Wie Nietzsches krperliches Leiden der Anlass zu seiner usseren Vereinsamung wurde, so muss auch in seinem psychischen Leidenszustand einer der tiefsten Grnde gesucht werden fr seinen scharf zugespitzten Individualismus, fr die strenge Betonung des Einzelnen als des Einsamen in Nietzsches besonderem Sinn. Die Geschichte des Einzelnen ist durchaus eine _Leidensgeschichte_ und nicht irgend welchem allgemeinen Individualismus zu vergleichen,--ihr Inhalt lautet viel weniger: Selbstgengsamkeit als: _Selbsterduldung_.Betrachtet man das leidensvolle Auf und Nieder seiner Geisteswandlungen, dann liest man die Geschichte eben so vieler Selbstverwundungen, und es verbirgt einen langen, schmerzlichen Heldenkampf mit sich selbst, wenn Nietzsche ber seine Philosophie die khnen Worte setzt: Dieser Denker braucht Niemanden, der ihn widerlegt: er gengt sich dazu selber! (Der Wanderer und sein Schatten 249.) Seine ausserordentliche Fhigkeit, sich immer wieder in die hrteste Selbstberwindung einzuleben, in jeder neuen Erkenntniss immer wieder heimisch zu werden, scheint nur da zu sein, um die Trennung vom Neuerrungenen jedesmal um so erschtternder zu gestalten. Ich komme! brich Deine Htte ab und wandre mir entgegen! gebietet ihm der Geist, und mit trotziger Hand macht er sich selbst obdachlos und sucht von Neuem das Dunkel, das Abenteuer und die Wste auf mit der Klage auf den Lippen: Ich muss den Fuss weiter heben, diesen mden, verwundeten Fuss: und weil ich muss, so habe ich oft fr das Schnste, das mich nicht halten konnte, einen grimmigen Rckblick,--weil es mich nicht halten konnte! (Frhliche Wissenschaft 309.) Sobald ihm in einer Anschauungsweise wahrhaft wohl geworden ist, erfllt sich an ihm selbst sein Wort: Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit ber dasselbe hinaus. (Jenseits von Gut und Bse 73.)[5] Der _Meinungswechsel_, der _Wandlungsdrang_ stecken daher der Philosophie Nietzsches tief im Herzen, sie sind durchaus bestimmend fr die Art seines Erkennens. Nicht umsonst nennt er sich im Schlusslied von Jenseits von Gut und Bse einen: Ringer, der zu oft sich selbst bezwungen,--Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt,-- --Durch eignen Sieg verwundet und gehemmt. Im Heroismus der Bereitwilligkeit, die eigne Ueberzeugung preiszugeben, nimmt dieser Drang in seinem Innern geradezu die Stelle der _Ueberzeugungstreue_[6] ein. Wir wrden uns fr unsere Meinungen nicht verbrennen lassen: heisst es in Der Wanderer und sein Schatten (333), wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafr, dass wir unsere Meinungen haben drfen und ndern drfen. Und in der Morgenrthe (370) spricht sich diese Gesinnung in den schnen Worten aus: Nie etwas zurckhalten oder Dir verschweigen, was _gegen Deinen Gedanken_ gedacht werden kann. Gelobe es Dir! Es gehrt zur ersten Redlichkeit des Denkens. Du musst jeden Tag auch Deinen Feldzug gegen Dich selber fhren. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr Deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,--aber auch Deine Niederlage ist nicht mehr Deine Angelegenheit! Darber steht als Titel: Inwiefern der Denker seinen Feind liebt. Aber diese Feindesliebe entspringt der dunklen Ahnung, dass im Feind ein knftiger Genosse verborgen sein knne, und dass nur des Unterliegenden neue Siege harren: sie entspringt der Ahnung, dass fr ihn der stets gleiche, schmerzliche Seelenprocess der Selbstverwandlung unumgngliche Bedingung aller Schaffenskraft sei. Der Geist ist es, der uns rettet, dass wir nicht ganz verglhen und verkohlen.-- --Vom Feuer erlst, schreiten wir dann, durch den Geist getrieben, von Meinung zu Meinung,-- --als _edle Verrther_ aller Dinge. (Menschliches, Allzumenschliches, I 637.) --wir _mssen_ Verrther werden, Untreue ben, unsere Ideale immer wieder preisgeben. (Menschliches, Allzumenschliches, I 629.) Dieser Einsame musste gleichsam sich selber vervielfltigen, in eine Mehrheit von Denkern zerfallen, in dem Masse, als er sich in sich selber abschloss;--nur so vermochte er geistig zu leben. Der Selbstverwundungstrieb war nur eine Art seines Selbsterhaltungstriebes: nur indem er sich immer wieder in Leiden strzte, entlief er seinen Leiden. Unverwundbar bin ich allein an meiner Ferse!-- -- -- -- --Und nur wo Grber sind, gibt es Auferstehungen!-- -- --Also sang Zarathustra; (II 46)--Er, zu dem das Leben einst dies Geheimniss redete: Siehe, sprach es, ich bin das, was sich immer selber berwinden muss (II 49).[7] Ueber nichts hat wohl Nietzsche so oft und so tief nachgedacht, wie ber dieses sein eignes Wesensrthsel, und ber nichts knnen wir uns daher aus seinen Werken so gut unterrichten wie gerade hierber: im Grunde waren ihm alle seine Erkenntnissrthsel nichts anderes. Je tiefer er sich selbst erkannte, desto rckhaltsloser wurde seine ganze Philosophie zu einer ungeheuren Widerspiegelung seines Selbstbildes,--und desto naiver legte er es dem Allbilde als solchem unter. Wie unter den Philosophen abstracte Systematiker ihre eignen Begriffe zu einer Weltgesetzlichkeit verallgemeinert haben, so verallgemeinert Nietzsche seine Seele zur Weltseele. Aber um sein Bild zu zeichnen, bedarf es nicht erst der Zurckfhrung seiner smmtlichen Theorien auf ihn selbst, wie es in den folgenden Theilen geschieht. Ein gewisses Verstndniss dafr ist auch schon hier mglich, wo Nietzsche lediglich in Bezug auf seine geistige Veranlagung betrachtet wird, Der Reichthum derselben ist zu mannigfaltig, als dass er in einer bestimmten Ordnung erhalten werden knnte; die Lebendigkeit und der Machtwillen jedes einzelnen Talentes und Geistestriebes fhren nothwendig zu einer nie beschwichtigten Nebenbuhlerschaft aller Talente. In Nietzsche lebten in stetem Unfrieden, nebeneinander und sich gegenseitig tyrannisirend, ein Musiker von hoher Begabung, ein Denker von freigeisterischer Richtung, ein religises Genie und ein geborener Dichter. Nietzsche selbst versuchte, daraus die Besonderheit seiner geistigen Individualitt zu erklren, und erging sich hufig in eingehenden Gesprchen darber. Er unterschied zwei grosse Hauptgruppen von Charakteren: solche, deren verschiedene Regungen und Triebe in Harmonie zueinander stehen, eine gesunde Einheit bilden, und solche, deren Triebe und Regungen sich gegenseitig hemmen und befehden. Die erste Gruppe verglich er,--innerhalb des einzelnen Individuums,--mit dem Zustande der Menschheit zur Zeit des Heerdenwesens, vor aller staatlichen Gliederung: wie dort der Einzelne seine Individualitt und sein Machtgefhl nur besitzt im geschlossenen Ganzen der Heerde, so hier die einzelnen Triebe im Ganzen der geschlossenen Persnlichkeit, deren Inbegriff sie bilden. Die Naturen der zweiten Gruppe dagegen leben in ihrem Innern, wie die Menschen bei einem Kriege Aller gegen Alle leben wrden;--die Persnlichkeit selbst lst sich gewissermassen in eine Unsumme von eigenmchtigen Triebpersnlichkeiten auf, in eine Subject-Vielheit. Dieser Zustand wird nur berwunden, wenn von aussen her eine hhere Macht, eine strkere Autoritt geschaffen werden kann, die ber Alle zu herrschen weiss: gleich einem Gesetz staatlicher Gliederung, fr das es nur unterworfene Gewalten gibt. Denn was in den zuerst geschilderten Naturen ganz instinctmssig vor sich geht--die Einordnung des Einzelnen ins Ganze,--das muss hier erst erobert und den tyrannischen Einzelgelsten abgezwungen werden als eine unerbittlich feste Rangordnung der Triebe untereinander.[8] Man sieht, hier ist der Punkt, an welchem Nietzsche die Mglichkeit einer Selbstbehauptung als_ Ganzes durch das Leiden alles Einzelnen_ aufgegangen ist. Hier liegt wie in einer Knospe eingeschlossen die ursprngliche Bedeutung seiner spteren Decadenz-Lehre mit dem Grundgedanken: es giebt die Mglichkeit eines hchsten Vermgens und Schaffens durch ein bestndiges Erdulden und Verwunden. Mit einem Wort: hier ging ihm die Bedeutung des _Heroismus als Ideal_ auf. Die eigene qualvolle Unvollkommenheit riss ihn dem Ideal und dessen Tyrannei entgegen: Unsere Mngel sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen. (Menschliches, Allzumenschliches, II 86). Was macht heroisch? zugleich seinem hchsten Leide und seiner hchsten Hoffnung entgegengehen sagt er (Frhliche Wissenschaft 268). Und ich fge dem noch drei Aphorismen bei, die er mir einmal niederschrieb, und die mir seine Auffassung mit besonderer Schrfe zu verdeutlichen scheinen: Der Gegensatz des heroischen Ideals ist das Ideal der harmonischen Allentwicklung,--ein schner Gegensatz und ein sehr wnschenswerther! Aber nur ein Ideal fr grundgute Menschen. (Zum Beispiel: Goethe).[9] Weiter: Heroismus--das ist die Gesinnung eines Menschen, der ein Ziel erstrebt, gegen welches gerechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt. Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbst-Untergang. Und als drittes: Menschen, die nach Grsse streben, sind gewhnlich bse Menschen; es ist ihre _einzige Art, sich zu ertragen_. Das Wort bse will hier ebenso wie oben das Wort gut weder im Sinn des landlufigen Urtheils noch berhaupt im Sinne eines Urtheils genommen werden, sondern blos als Bezeichnung eines Thatbestandes: und als eine solche bezeichnet es fr Nietzsche stets den innern Krieg in einer Menschenseele,--dasselbe, was er spter Anarchie in den Instincten nennt. In seiner letzten Schaffensperiode hat sich ihm, auf dem Wege einer bestimmten Gedankenentwicklung, das Bild dieses Seelenzustandes bis zum Culturbilde der Menschheit ausgedehnt; die Losungsworte heissen da: Innenkrieg = Dcadence, und Sieg = Selbstuntergang der Menschheit zur Erschaffung einer Uebermenschheit. Ursprnglich aber handelt es sich fr ihn um sein eigenes Seelenbild. Er unterscheidet nmlich die harmonische oder einheitliche und die heroische oder vielspltige Naturanlage als die beiden Typen des _handelnden_ und des _erkennenden_ Menschen, mit anderen Worten: den Typus seines Wesens-Gegensatzes und seinen eigenen. Zum handelnden Menschen wird ihm der Ungetheilte und Unzersetzte, der Instinct-Mensch, die Herrennatur. Wenn dieser seiner natrlichen Entwicklung folgt, muss sein Wesen sich immer selbstsicherer und fester zuspitzen und seine gedrngte Kraft in gesunden Thaten sich entladen. Die Hemmnisse, welche die Aussenwelt ihm mglicherweise entgegenstellt, enthalten zugleich eine Anregung und Frderung dafr: denn nichts ist ihm naturgemsser, als der tapfere Kampf nach aussen hin, in nichts erweist sich seine ungebrochene Gesundheit so sehr als in seiner Kriegstchtigkeit. Mag sein Intellect klein oder gross sein: in jedem Fall steht er im Dienst dieser frischen Wesenskraft und dessen, was ihr wohl thut und noth thut,-- er hat sich ihr in seinen Zielen nicht entgegengesetzt, er hat sie nicht zersetzt, er folgt nicht eignen Wegen. Ganz anders der erkennende Mensch. Anstatt nach einem festen Zusammenschluss seiner Triebe zu suchen, der sie schtzt und erhlt, lsst er sie so weit als irgend mglich auseinanderlaufen; je breiter das Gebiet, das sie zu umfassen lernen, desto besser, je mehr der Dinge, bis zu denen sie ihre Fhlhrner ausstrecken, und die sie betasten, sehen, hren, riechen, desto tchtiger sind sie ihm fr seine Zwecke,--fr die Zwecke des Erkennens. Denn ihm ist nunmehr das Leben ein Mittel der Erkenntniss (Frhliche Wissenschaft 324) und erruft seinen Genossen zu (Frhliche Wissenschaft 319): Wir selber wollen unsere Experimente und Versuchstiere sein! So gibt er sich selbst freiwillig als Einheit auf,--je polyphoner sein Subject, desto lieber ist es ihm: Scharf und milde, grob und fein, Vertraut und seltsam, schmutzig und rein, Der Narren und Weisen Stelldichein: Dies Alles bin ich, will ich sein, Taube zugleich, Schlange und Schwein! (Frhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 11.) Denn wir Erkennenden, sagt er, mssen dankbar sein gegen Gott, Teufel, Schaf und Wurm in uns,-- -- -- --mit Vorder- und Hinterseelen, denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vorder- und Hintergrnden, welche kein Fuss zu Ende laufen drfte, wir die geborenen, geschworenen, eiferschtigen Freunde der _Einsamkeit_-- --. (Jenseits von Gut und Bse 44.) Der Erkennende hat die Seele, welche die lngste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann,-- -- --die _umfnglichste_ Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen kann;-- -- --die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am sssesten zuredet: -- -- --die sich selber bebendste, in der alle Dinge ihr Strmen und Wiederstrmen und Ebbe und Fluth haben-- -- --. (Also sprach Zarathustra III 82.) Mit solcher Seele wird man zum Tausendfuss und Tausend-Fhlhorn (Jenseits von Gut und Bse 205), immer im Begriff, sich selbst zu entlaufen, um sich bis in fremdes Wesen hinein zu erstrecken: Wenn man erst sich selber gefunden hat, muss man verstehen, sich von Zeit zu Zeit zu _verlieren_--und dann wieder zu finden: vorausgesetzt, dass man ein Denker ist. Diesem ist es nmlich nachtheilig, immer an Eine Person gebunden zu sein. (Der Wanderer und sein Schatten 306.) Das Gleiche besagen die Verse (Frhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 33): Verhasst ist mir's schon, selber mich zu fhren! Ich liebe es, gleich Wald- und Meeresthieren, Mich fr ein gutes Weilchen zu verlieren, In holder Irrniss grblerisch zu hocken. Von ferne her mich endlich heimzulocken, Mich selber zu mir selber--zu verfhren. Das Versehen ist berschrieben Der Einsame, d. h. der von den Anforderungen und Kmpfen der Aussenwelt mglichst Abgeschiedene; denn kriegstchtig nach aussen hin wird ein solches Innenleben in dem Masse immer weniger, je vollkommener es benommen und bewegt ist von den Kriegen, Siegen, Niederlagen und Eroberungen innerhalb seiner eignen Triebe. In der Einsamkeit seiner geistigen Selbstversenkung und Selbsterweiterung sucht es vielmehr eine Hlle, die es schonend behte vor den lauten und verwundenden Lebensereignissen draussen,--steht es doch schon ohnedies in Kampf und Wunden; gilt doch von diesem Erkennenden die Schilderung:--das ist ein Mensch, der bestndig ausserordentliche Dinge erlebt, sieht, hrt, argwhnt, hofft, trumt; der von _seinen eigenen Gedanken wie von Aussen her_,-- --als von _seiner Art Ereignissen und Blitzschlgen_ getroffen wird. (Jenseits von Gut und Bse 292.) Denn die kriegerische Stellung der Triebe zu einander in seinem Innern ist damit nicht aufgehoben, sondern eher gesteigert: Wer aber die Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade hier als inspirirende Genien (oder Dmonen und Kobolde--) ihr Spiel getrieben haben mgen, wird finden,-- -- -- -- --dass jeder Einzelne von ihnen gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und als berechtigten _Herrn_ aller brigen Triebe darstellen mchte. Denn jeder Trieb ist herrschschtig und _als solcher_ versucht er zu philosophiren (Jenseits von Gut und Bse 6). Daher grade legt die Erkenntniss des Erkennenden ein entscheidendes Zeugniss dafr ab, _wer er ist_,--das heisst, in welcher Rangordnung die innersten Triebe seiner Natur zu einander gestellt sind (ebendaselbst). Trotzdem aber wird durch das Erkennen in diesem Innen-Krieg eine Verwandlung vollzogen, die demselben eine neue Bedeutung gibt,--eine rettende und erlsende Bedeutung: in der Erkenntniss ist ein allen Trieben gemeinsames Ziel gegeben, eine Richtung, der ein jeder von ihnen insofern zustrebt, als sie alle das Nmliche erobern wollen. Die Zersplitterung des Beliebens, die Tyrannei der Willkr ist damit gebrochen. Die Triebe halten an ihrer Subjects-Vielheit fest, aber sie unterstellen dieselbe einer hheren Macht, die ihnen als Dienern und Werkzeugen befiehlt; sie bleiben wild und kriegerisch, aber sie werden in ihrem Kriegs-Ziel unvermerkt zu Helden, die zu kmpfen und zu bluten berufen sind;--das heroische Ideal ist inmitten ihrer Selbstsucht aufgerichtet und zeigt den fr sie einzig mglichen Weg zur Grsse. So ist die Gefahr der Anarchie beseitigt zu Gunsten eines sichern Gesellschaftsbaues der Triebe und Affecte. Ich erinnere mich eines mndlichen Ausspruches von Nietzsche, der sehr bezeichnend diese Freude des Erkennenden an der umfassenden Breite und Tiefe seiner Natur ausdrckt,--die Lust, die daraus entspringt, dass er sein Leben nunmehr als ein Experiment des Erkennenden (Frhliche Wissenschaft 324) auffassen darf: Einer alten, wetterfesten Burg gleiche ich, die viele versteckte Keller und Unterkeller hat; in meine eignen verborgensten Dunkelgnge bin ich noch nicht ganz hinabgekrochen, in meine unterirdischen Kammern bin ich noch nicht gekommen. Sollte mit ihnen nicht alles unterbaut sein? sollte ich nicht aus meiner Tiefe zu allen Oberflchen der Erde hinaufklettern knnen? sollten wir nicht auf jedem Dunkelgang zu uns selber wiederkehren? Dasselbe Gefhl gibt auch in der Frhlichen Wissenschaft (249) der Aphorismus wieder, der die Ueberschrift trgt: Der Seufzer des Erkennenden: Oh ber meine Habsucht! In dieser Seele wohnt keine Selbstlosigkeit,-- vielmehr ein Alles begehrendes Selbst, welches durch viele Individuen wie durch _seine_ Augen sehen und wie mit _seinen_ Hnden greifen mchte,--ein auch die ganze Vergangenheit noch zurckholendes Selbst, welches nichts verlieren will, was ihm berhaupt gehren knnte! Oh ber diese Flamme-meiner Habsucht! Oh dass ich in hundert Wesen wiedergeboren wrde! Auf diese Weise wird das Umfassende und Verschlungene der unharmonischen, der stillosen Natur zu einem gewaltigen Vorzug: Wollten und wagten wir eine Architektur nach _unserer_ Seelen-Art,-- -- -- -- so msste das Labyrinth unser Vorbild sein! (Morgenrthe 169.)--aber kein Labyrinth, in welchem die Seele sich selbst verliert, sondern aus dessen Wirrnis sie zur Erkenntniss hindurchdringt. Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebren zu knnen,-- dieses Wort Zarathustras (I 15) gilt von ihr, die zum Sternendasein, zum Licht geboren ist als zu ihrem eigensten Wesensgenius, ihrer eigensten Verklrung. Nietzsche hat dies unter dem Namen: Eine lichte Art von Schatten geschildert (Der Wanderer und sein Schatten 258): Dicht neben den ganz nchtigen Menschen befindet sich fast regelmssig, wie an sie angebunden, eine Lichtseele. Sie ist gleichsam der negative Schatten, den jene werfen. Diese Lichtseele ist um so strahlender, je mchtiger und nchtiger, also je tyrannischer und gefhrlicher die Natur ist, welche sich gleichsam in ihr verbrennen lsst,--alle ihre Neigungen als Brennstoff in diese heilige Gluth wirft. Die Art, in welcher dies geschieht, wechselt mit dem Erkenntnissstandpunkt des Erkennenden: Nietzsches Auffassung dessen, was Erkenntnisse ist, ist in seinen verschiedenen Geistesperioden eine verschiedene, und dementsprechend verschiebt sich auch jedesmal das, was er die innere Rangordnung der Triebe nennt, innerhalb des wogenden Kampfes in dieser reichen Genie-Natur. Man kann sagen, dass aus den wechselnden Bildern solcher Verschiebungen sich die Geschichte seiner Entwicklung im Wesentlichen zusammensetzt, bis in seiner letzten Schaffensperiode sein ganzes Innenleben sich in philosophischen Theorien widerspiegelt: bis ihm Dunkelseele und Lichtseele zu Reprsentanten des Menschlichen und Uebermenschlichen werden. Der geschilderte Seelenprocess selbst aber bleibt durch alle Wandlungen hindurch in seinen Grundzgen der nmliche. Hat man Charakter, so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer wiederkommt, sagt Nietzsche (Jenseits von Gut und Bse 70). Nun, dieses ist sein typisches Erlebniss, das immer wiederkommt, an dem er sich immer wieder aufrichtete, ber sich selbst erhob,--an dem er auch endlich sich in sich selbst berschlug und zu Grunde ging. Und daran _musste_ er wohl zu Grunde gehen. Denn in dem gleichen Process, der ihm stets von neuem Heilung und Erhebung sicherte, lag auch schon das pathologische Moment dieser Art von Geistesentwicklung verborgen. Auf den ersten Blick fllt es nicht auf. Man sollte vielmehr meinen, in einer Kraft, die sich selber so zu heilen weiss, msse mindestens ebensoviel Gesundheit stecken wie in dem ruhigen Frieden einer harmonischen Krfteentfaltung. Ja, sogar eine weit grssere Gesundheit: denn sie ist im Stande, selbst an dem, was Wunden schlgt und Fieber erzeugt, sich noch zu befestigen und zu beweisen; sie ist im Stande, Krankheit und Kampf zu einem _Stimulans_ fr Leben und Erkennen umzuwandeln, zu einem Sporn und Hellsehen fr ihre Zwecke,--sie _umfasst_ also schadlos Kampf und Krankheit. Auf solche Weise wollte Nietzsche, namentlich zuletzt, namentlich als er am krankhaftesten war, seine Leidensgeschichte aufgefasst wissen: alseine _Genesungs_geschichte. Allerdings vermochte diese gewaltige Natur es, sich mitten aus Schmerzen und Widerstreit heraus in ihrem Erkenntnissideal selbst zu heilen und zusammenzufassen. Aber, nach erlangter Genesung, _bedurfte_ sie wiederum ebenso nothwendig der Leiden und Kmpfe, der Fieber und Wunden. Sie, die sich selbst Heilung geschafft, ruft jene wieder, hervor; sie wendet sich gegen sich selbst, schumt gleichsam ber, um sich in neue Krankheitszustnde zu ergiessen. Ueber jedem erreichten Erkenntnissziel, jedem erlangten Genesungsglck stehen immer wieder die Worte: Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit ber dasselbe hinaus, denn: sein Ueberglck ward ihm zum Ungemach (Frhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 47), und er fhlt sich: verwundet von seinem Glcke[10] (Also sprach Zarathustra II 2). _Sich Schmerzen machen_. Rcksichtslosigkeit des Denkens ist oft das Zeichen einer unfriedlichen inneren Gesinnung, welche Betubung begehrt. Menschliches, Allzumenschliches I 581. Die Gesundheit ist hier also nicht das Ueberlegene und Ueberragende, welches das Pathologische, als ein Nebenschliches, zu einem Werkzeug fr sich umschafft, sondern beide bedingen sich, ja _enthalten_ sich gegenseitig,--beide zusammen stellen thatschlich eine eigenthmliche _Selbstspaltung_ innerhalb ein und desselben Geisteslebens dar. Eine solche innere Spaltung liegt nmlich dem ganzen geschilderten Seelenprocess zu Grunde. Anscheinend zwar sollte in ihm die Vielspltigkeit, die Subjects-Vielheit der unharmonisch veranlagten Natur, in einer hohem Einheit, in einem richtunggebenden Ziel aufgehoben werden. Nun vollzieht sich aber dieser Vorgang _innerhalb_ der vielspltigen Seele in der Weise, dass ein einziger Trieb sich alle brigen unterordnet; mit anderen Worten: die Vielspltigkeit wird auf eine um so tiefer gehende _Zweispaltung_ reducirt. So wenig wie die Gesundheit hier berragend das Krankhafte mit _umfasst_, so wenig umfasst und berragt der herrschende Trieb wahrhaft das gesammte Innere, indem er es in den Dienst der Erkenntniss stellt: der Erkennende blickt wohl mit seinen Geistesaugen auf sich selbst wie auf eine zweite Wesenheit, aber er bleibt doch in der eigenen Wesenheit gefangen; er ist nur im Stande sie zu spalten, nicht ber sie hinauszugreifen. Die Macht der Erkenntniss also, weit davon entfernt, eine einigende zu sein, ist vielmehr eine trennende,--aber die Tiefe der Trennung erweckt den _Schein_, als lge das Ziel aller Regungen _ausser ihnen_. In Folge dieser Selbsttuschung drngen alle Krfte begeistert der Erkenntniss zu, als vermchten sie damit sich selbst und ihrem Zwiespalt zu entlaufen. Man sollte allerdings glauben, es werde wenigstens eine Art von Zusammenschluss des Gesammtlebens dadurch erreicht, dass auf der einen Seite das Triebleben, unter dem darauf gerichteten Erkenntnissblick, zu ungeheurer Bewusstheit gesteigert wird,--dass auf der anderen das Denken durch die Welt der Stimmungen und Triebe eine ungemeine Belebung erhlt. Aber das Resultat ist ein gerade entgegengesetztes, indem der Gedanke die Unmittelbarkeit aller inneren Regungen _zersetzt_, die Erregungen des Inneren hinwiederum die beherrschte Strenge des Gedankens bestndig _lockern_. So durchdringt thatschlich die Spaltung des Ganzen alles Einzelne nur immer weiter und tiefer. Was ist es nun, das trotzdem eine so hohe, geradezu erlsend wirkende Befriedigung aus einer so durchsichtigen Selbsttuschung quellen lsst? Was ist es, das einen Schein dazu befhigt, das ganze Sein, wenn auch unter steten Erkrankungen und Verwundungen, zu beseligen und zu verklren? Mit dieser Frage stehen wir vor dem eigentlichen Nietzsche-Problem; sie erst weist uns auf den geheimen Zusammenhang des Gesunden und Pathologischen in ihm. Indem nmlich die Vielheit unverbundener Einzeltriebe sich in zwei einander gleichsam gegenber stehende Wesenheiten zerspaltet, von denen die Eine herrscht, die Andere dient,--wird es dem Menschen ermglicht, zu sich selber nicht nur wie zu einem _anderen_, sondern auch wie zu einem _hhern_ Wesen zu empfinden. Indem er einen Theil seiner selbst sich selber zum Opfer bringt, ist er einer _religisen Exaltation_ nahe gekommen. In den Erschtterungen seines Geistes, in denen er das heroische Ideal eigener Preisgebung und Hingebung zu verwirklichen whnt, bringt er _an sich selbst einen religisen Affect_ zum Ausbruch. Von allen grossen Geistesanlagen Nietzsches gibt es keine, die tiefer und unerbittlicher mit seinem geistigen Gesammtorganismus verbunden gewesen wre, als sein religises Genie. Zu einer anderen Zeit, in einer andern Culturperiode wrde dasselbe diesem Predigerssohn sicherlich nicht gestattet haben, zum Denker zu werden. Unter den Einflssen unserer Zeit erhielt jedoch sein religiser Geist die Richtung aufs Erkennen und vermochte dasjenige, wonach es ihn instinctiv am drngendsten verlangte, wie nach dem natrlichen Ausdruck seiner Gesundheit, nur in krankhafter Weise zu befriedigen,--das heisst, er vermochte es nur vermittelst einer Rckbeziehung auf sich selbst anstatt auf eine ihn mit umfassende, ausser ihm liegende Lebensmacht. So erreichte er das gerade Gegentheil des Angestrebten: nicht eine hhere Einheit seines Wesens, sondern dessen innerste Zweitheilung, nicht den Zusammenschluss aller Regungen und Triebe zu einem einheitlichen Individuum, sondern ihre Spaltung zum _Dividuum_. Es war immerhin eine Gesundheit erreicht,--doch mit den Mitteln der Krankheit; eine wirkliche Anbetung, doch mit den Mitteln der Tuschung; eine wirkliche Selbstbehauptung und Selbsterhebung, doch mit den Mitteln der Selbstverwundung. Deshalb liegen in dem gewaltigen religisen Affect, aus dem ganz allein bei Nietzsche alle Erkenntniss hervorgeht, unlslich in einen Knoten verschlungen: eigne _Aufopferung_ und _eigne Apotheose_, Grausamkeit der eignen _Vernichtung_ und Wollust der eignen _Vergtterung_, leidvolles Siechen und siegende Genesung, glhender Rausch und khle Bewusstheit. Man fhlt hier die enge Verknpfung der Gegenstze, die einander unaufhrlich bedingen: man fhlt das Ueberschumen und freiwillige Hinabstrzen der aufs Hchste erregten und gespannten Krfte ins Chaotische, Dunkle, Schauerliche, und dann wieder aus diesem heraus ein Drngen ins Lichte, Zarteste,--das Drngen eines Willens, der sich-- --von der Noth der Flle und Ueberflle, vom Leiden der in ihm gedrngten Gegenstze lst,[11]--ein Chaos, das den Gott gebren mchte,--gebren _muss_. Im Menschen ist _Geschpf_ und _Schpfer_ vereint: im Menschen ist Stoff, Bruchstck, Ueberfluss, Lehm, Koth, Unsinn, Chaos; aber im Menschen ist auch Schpfer, Bildner, Hammer-Hrte, Zuschauer-Gttlichkeit und siebenter Tag.... (Jenseits von Gut und Bse 225.) Und hier zeigt sich, dass unablssiges Leiden und unablssige Selbstvergttlichung sich gegenseitig bedingen, indem ein jedes seinen eignen Gegensatz immer wieder neu erzeugt,-- wie es Nietzsche in der Geschichte des Knigs Vivamitra ausgedrckt findet, der aus tausendjhrigen Selbstmarterungen ein solches Machtgefhl und Zutrauen zu sich gewann, dass er es unternahm, einen _neuen Himmel_ zu bauen:-- -- --Jeder, der irgendwann einmal einen neuen Himmel gebaut hat, fand die Macht dazu erst in der eignen Hlle... (Genealogie der Moral III 10.) Eine andere Stelle, wo er dieser Sage gedenkt, steht in der Morgenrthe (113) und folgt unmittelbar auf die Schilderung jener machtdurstigen Leidenden, die als das wrdigste Object ihrer Vergewaltigungslust sich selbst auserlesen haben: Der Triumph des Asketen ber sich selber, sein dabei nach Innen gewendetes Auge, welches den Menschen zu einem Leidenden und zu einem Zuschauenden zerspaltet sieht und frderhin in die Aussenwelt nur hineinblickt, um aus ihr gleichsam Holz zum eigenen Scheiterhaufen zu sammeln, diese letzte Tragdie des Triebes nach Auszeichnung, bei der es nur noch Eine Person gibt, welche in sich selber _verkohlt_-- -- Dieser Abschnitt, der die Beschreibung aller bisherigen Askese und ihrer Motive enthlt, schliesst mit der Bemerkung: -- --ja, ist denn wirklich der Kreislauf im Streben nach Auszeichnung mit dem Asketen am letzten Ende angelangt und in sich abgerollt? Knnte dieser Kreis nicht noch einmal von Anfang an durchlaufen werden, mit der festgehaltenen Grundstimmung des Asketen und zugleich des mitleidenden Gottes? In Menschliches, Allzumenschliches (I 137) sagt er darber: Es gibt einen _Trotz gegen sich selbst_, zu dessen sublimirtesten Aeusserungen manche Formen der Askese gehren. Gewisse Menschen haben nmlich ein so hohes Bedrfniss, ihre Gewalt und Herrschsucht auszuben, dass sie-- -- --endlich darauf verfallen, _gewisse Theile ihres eigenen Wesens_-- -- --zu tyrannisiren.-- -- --Dieses Zerbrechen seiner selbst, dieser Spott ber die eigene Natur, dieses spernere se sperni, aus dem die Religionen so viel gemacht haben, ist eigentlich _ein sehr hoher Grad der Eitelkeit_.-- -- --Der Mensch hat eine wahre Wollust darin, sich durch bertriebene Ansprche zu vergewaltigen und _dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele nachher zu vergttern_.--und 138: -- --Eigentlich liegt ihm also nur an der Entladung seiner Emotion; da fasst er wohl, um seine Spannung zu erleichtern, die Speere der Feinde zusammen und begrbt sie in seine Brust,--und 142: -- --er geisselt seine Selbstvergtterung mit Selbstverachtung und Grausamkeit, er freut sich an dem wilden Aufruhre seiner Begierden,-- -- --er versteht es, seinem Affect, zum Beispiel dem der ussersten Herrschsucht, einen Fallstrick zu legen, so dass er in den der ussersten Erniedrigung bergeht und seine aufgehetzte Seele durch diesen Contrast aus allen Fugen gerissen wird;-- -- --es ist im Grunde eine seltene Art von Wollust, welche er begehrt, aber vielleicht jene Wollust, in der alle anderen in einen Knoten zusammengeschlungen sind. Novalis, eine der Autoritten in Fragen der Heiligkeit durch Erfahrung und Instinct, spricht das ganze Geheimniss einmal mit naiver Freude aus: Es ist wunderbar genug, dass nicht lngst die Association von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft und gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat. In der That ist eine rechte Nietzsche-Studie in ihrer Hauptsache eine _religionspsychologische_ Studie, und nur insoweit als das Gebiet der Religionspsychologie bereits aufgehellt ist, fallen auch helle Streiflichter auf die Bedeutung seines Wesens, seines Leidens und seiner Selbst-Beseligung. Seine ganze Entwicklung ging gewissermassen davon aus, dass er den Glauben verlor, also von der Emotion ber den Tod Gottes,--dieser ungeheuren Emotion, die bis in das letzte Werk hineinklingt, das Nietzsche, schon auf der Schwelle des Wahnsinns verfasste,-- bis in den vierten Theil seines: Also sprach Zarathustra. _Die Mglichkeit, einen Ersatz[12] fr den verlorenen Gott in den verschiedensten Formen der Selbstvergottung_ zu finden, das ist die Geschichte seines Geistes, seiner Werke, seiner Erkrankung. Es ist die Geschichte des _religisen Nachtriebes im Denker_, der noch mchtig bleibt, auch nachdem der Gott zerbrach, auf den er sich bezog, und auf den Nietzsches Worte Anwendung finden knnen: (Menschliches, Allzumenschliches I 223): Die Sonne ist schon hinunter gegangen, aber der Himmel unseres Lebens glht und leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen. Man lese darber den ergreifenden Gefhlsausbruch des tollen Menschen in der Frhlichen Wissenschaft (125). Wohin ist Gott? rief er, ich will es Euch sagen! _Wir haben ihn getdtet_!--ihr und ich! Wir Alle sind seine Mrder!-- -- -- -- -- --Hren wir noch nichts vom Lrm der Todtengrber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der gttlichen Verwesung?--auch Gtter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getdtet! Wie trsten wir uns, die Mrder aller Mrder? Das Heiligste und Mchtigste, was die Welt bisher besass, ist unter unseren Messern verblutet,--wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser knnten wir uns reinigen?-- -- -- --_Ist nicht die Grsse dieser That zu gross fr uns? Mssen wir nicht selber zu Gttern werden, um nur ihrer wrdig zu erscheinen_? Es gab nie eine grssere That,--und wer nur immer nach uns geboren wird, gehrt um dieser That willen in eine hhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!-- -- Die Antwort auf diesen Ausbruch von Qual und Sehnsucht gab sich Nietzsche in seiner letzten Schaffensperiode mit den Worten Zarathustras (I Schluss): Todt sind alle Gtter: nun wollen wir, dass der Uebermensch lebe!--und sprach damit den innersten Seelengrund seiner Philosophie aus. Die Gottsehnsucht wird in ihrer Qual zu einem Drang der Gott-Schpfung, und dieser musste sich nothwendig in Selbstvergottung ussern. Mit richtigem Blick erkannte Nietzsche im religisen Phnomen die ungeheure Auslebung des individuellsten Verlangens, den Willen zur hchsten Selbstbeseligung. Dieser Individualismus, der als Kern in allem Religisen steckt, dieser sublime Egoismus, der in allem Religisen frei und naiv ausstrmt, indem er sich auf eine von aussen gegebene Lebens-oder Gottesmacht zu beziehen glaubt, wurde in ihm, dem Erkennenden, auf sich selbst zurckgeworfen. Und so gelangt er dazu, sich die ihm vom Verstnde aufgedrungene Gottlosigkeit mit dem vermessenen Schlsse innerlich anzueignen: _Wenn_ es Gtter gbe, wie hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine Gtter. Diese Worte stehen im zweiten Theil des Also sprach Zarathustra (6); an sie lassen sich jene anderen anschliessen (55): _Und Anbetung wird noch in Deiner Eitelkeit sein_! In ihnen ist die ganze Gefahr ausgesprochen, die ber dem Einsamen und Einzelnen schwebt, der sich spalten und verdoppeln muss. Einer ist immer zu viel um mich.-- -- --Immer Einmal Eins--das gibt auf die Dauer Zwei! (Also sprach Zarathustra I 76.) Die Art, wie er sich zu dieser Zweiheit stellte, wie er sich gegen sie zur Wehre setzte oder ihr nachgab, und worin er sie jedesmal suchte,--das alles bedingt den Wandel seiner Erkenntniss, sowie die Eigenart seiner verschiedenen Geistesperioden--bis endlich seine Zweiheit ihm zu einer Hallucination und Vision, zu einer leibhaften Wesenheit wurde, die seinen Geist verdsterte, seinen Verstand erstickte. Er vermochte nicht sich lnger gegen sich selbst zu wehren: Dieses war das dionysiche Drama vom Schicksal der Seele (Zur Genealogie der Moral, Vorrede XIII) in Nietzsche selbst. Die Einsamkeit des Innenlebens, in welcher der Geist ber sich selbst hinausgelangen will, ist nirgends tiefer und schmerzvoller als zum Schluss. Man knnte sagen, die strkste Mauer in dieser verhngnissvollen Selbstvermaurung sei ein zarter, glnzender, gttlicher Schein, der sie umgaukelt, eine Luftspiegelung, die ihm die eigenen Grenzen verwischt und verbirgt. Jeder Gang nach aussen fhrt immer wieder in die Tiefe dieses Selbst zurck, das sich schliesslich zu Gott und Welt, zu Himmel und Hlle werden muss--jeder Gang fhrt es einen Schritt weiter in seine letzte Tiefe und in seinen Untergang. Diese Grundzge von Nietzsches Eigenart enthalten die Ursachen des zugleich _Raffinirten_ und _Exaltirten_, das auch dem Grossen und Bedeutenden in seiner Philosophie beigemischt ist gleich einer brennenden Wrze. Am schrfsten wird es wohl von der unverdorbenen Zunge junger und gesunder Geister herausgeschmeckt werden,--oder auch von denen, die, im ruhigen Frieden glaubensvoller Anschauungen geborgen, niemals den ganzen furchtbaren Kampf und Brand eines religis veranlagten Freigeistes am eignen Leibe erfahren haben. Aber es ist auch dasjenige, was Nietzsche in so hohem Masse zum Philosophen unserer Zeit hat werden lassen. Denn in ihm hat typische Gestalt gewonnen, was sie in ihrer Tiefe bewegt: jene Anarchie in den Instincten schpferischer und religiser Krfte, die zu gewaltig nach Sttigung begehren, um sich mit den Brosamen begngen zu knnen, welche vom Tisch der modernen Erkenntniss fr sie abfallen. Dass sie sich nicht mit ihnen begngen knnen. aber ebensowenig ihre Stellung zur Erkenntniss preisgeben,-- gleich unersttlich im leidenschaftlichen Verlangen wie unermdlich im Darben und Entbehren,--das ist der grosse und erschtternde Zug im Bilde der Philosophie Nietzsches. Das ist es auch, was sie in immer neuen Wendungen zum Ausdruck bringt:--eine Reihe von gewaltigen Versuchen, dieses Problem moderner Tragik, das Rthsel der modernen Sphinx zu lsen und sie in den Abgrund zu strzen. Aber deshalb ist es eben der _Mensch_ und nicht der _Theoretiker_, auf den wir unsern Blick richten mssen, um uns in den Werken Nietzsches zurechtzufinden,--und deshalb wird auch der Gewinn, das Resultat unserer Betrachtung nicht darin bestehen, dass uns ein neues theoretisches Weltbild in seiner Wahrheit aufgeht, sondern das Bild einer Menschenseele in ihrer Zusammensetzung von Grsse und Krankhaftigkeit. Zunchst scheint die philosophische Bedeutung in Nietzsches Wandlungen dadurch abgeschwcht zu werden, dass sich jedesmal genau derselbe innere Process abspielt. Aber sie wird vertieft und verschrft, weil der Wechsel der Ansichten immer wieder auf das Wesen bergreift. Nicht nur die usseren Umrisslinien einer Theorie sind jedesmal verndert, sondern die ganze Stimmung, Luft, Beleuchtung wandelt sich mit ihnen. Whrend wir Gedanken einander widerlegen hren, sehen wir Welten versinken, neue Welten emporsteigen. Gerade hierauf beruht die wahre Originalitt des Nietzscheschen Geistes: durch das Medium seiner Natur, die Alles auf sich und ihre intimsten Bedrfnisse bezieht, aber sich auch an Alles hingebend verliert, erschliessen sich ihm jene inneren Erlebnisse und Ergebnisse von Gedankenwelten, die wir sonst nur mit dem Verstnde streifen, ohne sie jemals in ihren Tiefen auszuschpfen und ohne daher an ihnen schpferisch zu werden. Theoretisch betrachtet, lehnt er sich hufig an fremde Muster und Meister an, aber das, worin diese ihre Reife, ihren Productionspunkt haben, wird ihm nur zum Anlass, daran zu eigner Productivitt zu gelangen.[13] Die geringste Berhrung, die sein Geist empfand, gengte, um in ihm eine Flle innern Lebens,--Gedanken-Erlebens, auszulsen. Er hat einmal gesagt: Es gibt zwei Arten des Genie's: eins, welches vor allem zeugt und zeugen will, und ein andres, welches sich gern befruchten lsst und gebiert. (Jenseits von Gut und Bse 248.) Zweifellos gehrte er der letzteren Art an. In Nietzsches geistiger Natur lag--ins Grosse gesteigert--etwas Weibliches;[14] aber er ist darin in einem solchen Masse Genie, dass es fast gleichgiltig erscheint, woher er die erste Anregung empfngt. Wenn wir alles zusammenlesen, was sein Erdreich befruchtet hat, dann haben wir einige unscheinbare Samenkrner vor uns: wenn wir in seine Philosophie eintreten, umrauscht uns ein Wald schattenspendender Bume, umfngt uns die verschwenderische Vegetation einer wildgrossen Natur. Seine Ueberlegenheit bestand darin, dass er jedem Samenkorn, welches in sein Inneres fiel, entgegenbrachte, was er selbst als das Kennzeichen des echten Genies anfhrt: den neuen, treibenden Fruchtboden mit einer urwaldfrischen unausgenutzten Kraft. (Der Wanderer und sein Schatten 118.) [1] Eine zusammenfassende Charakteristik Nietzsches, in der zum ersten Male die drei Perioden seiner geistigen Entwicklung unterschieden und bestimmt charakterisirt sind, erschien in der Sonntags-Beilage der Vossischen Zeitung 1891, Nr. 2, 3 und 4. Ausserdem brachte die Freie Bhne eingehendere Ausfhrungen einzelner Punkte unter dem Titel Zum Bilde Friedrich Nietzsches, Jahrg. II (1891), Heft 3, 4 und 5, Jahrg. III (1892), Heft 3 und 5; das Magazin fr Literatur 1892, October, Ein Apokalyptiker; Der Zeitgeist 1893, Nr. 20, Ideal und Askese. [2] Was das Leben--, die sogenannten Erlebnisse angeht,-- wer von uns hat dafr auch nur Ernst genug? Oder Zeit genug? Bei solchen Sachen waren wir, frchte ich, nie recht bei der Sache, wir haben eben unser Herz nicht dort--und nicht einmal unser Ohr! (Zur Genealogie der Moral, Vorrede III.) [3] Eine hnliche Bedeutung legte er seinen selten kleinen und feinmodellirten Ohren bei, von denen er sagte, sie seien die wahren Ohren fr Unerhrtes. (Zarathustra I 25.) [4] Giebt es--eine Vorneigung fr das Harte, Schauerliche, Bse, Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus berstrmender Gesundheit, aus der Ueberflle selbst?------Giebt es vielleicht--eine Frage fr Irrenrzte--_Neurosen der Gesundheit_? (Versuch einer Selbstkritik zur neuen Ausgabe der Geburt der Tragdie aus dem Geiste der Musik IV u. IX.) [5] Vgl. auch Die frhliche Wissenschaft 253, Eines Tages erreichen wir unser Ziel--und weisen nunmehr mit Stolz darauf hin, was fr lange Reisen wir dazu gemacht haben. Wir kamen aber dadurch so weit, dass wir an jeder Stelle whnten, zu Hause zu sein. [6] Daher nennt er die Ueberzeugungen _Feinde der Wahrheit_: Ueberzeugungen sind gefhrlichere Feinde der Wahrheit als Lgen. (Menschliches, Allzumenschliches, I 483). [7] Durch diesen Trieb entwickelte er sich mehr, als er es selbst wahr haben wollte, zu jenem Don Juan der Erkenntniss, den er (Morgenrthe 327) folgendermassen schildert: Er hat Geist, Kitzel und Genuss an Jagd und Intriguen der Erkenntniss--bis an die hchsten und fernsten Sterne der Erkenntniss hinauf!--bis ihm zuletzt Nichts mehr zu erjagen brig bleibt, als das absolut _Wehethuende_ der Erkenntniss, glefich dem Trinker, der am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So gelstet es ihn am Ende nach der Hlle,--es ist die letzte Erkenntniss, die ihn _verfhrt_. Vielleicht, dass auch sie ihn enttuscht, wie alles Erkannte! Und dann msste er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die Enttuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit der Erkenntniss, die ihm nie mehr zu Theil wird!--denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Hungrigen keinen Bissen mehr zu reichen. [8] Die Instincte bekmpfen _mssen_--das ist die Formel fr dcadence: so lange das Leben _aufsteigt_, ist Glck gleich Instinct, sagt er (Gtzen-Dmmerung, Das Problem des Sokrates 11), und unterscheidet so den Dekadenten von der geborenen Herrennatur. [9] Nietzsche fasst hier, nebenbei bemerkt, Goethe durchaus anders auf als einige Jahre spter (in der Gtzen-Dmmerung). Hier sieht er noch in ihm den Antipoden seiner eigenen, unharmonischen Natur--spter hingegen einen ihm tief verwandten Geist, der nicht harmonisch war, sondern sich durch Ausgestaltung und Hingabe seiner selbst zum Harmonischen _umschuf_. [10] Vgl. auch Jenseits von Gut und Bse 224: wir-- -- --sind erst dort in unsrer Seligkeit, wo wir auch am meisten--in Gefahr sind. [11] Versuch einer Selbstkritik, in der neuen Ausgabe der Geburt der Tragdie aus dem Geiste der Musik XI. [12] Siehe in der Frhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 38) ber die menschliche Bestimmung als erfllt in der Gottschpfung des Menschen: Der Fromme spricht: Gott liebt uns, weil er uns erschuf! Der Mensch schuf Gott! sagt drauf ihr Feinen. Und soll nicht lieben, was er schuf? Soll's gar, weil er es schuf, verneinen? Das hinkt, das trgt des Teufels Huf. [13] Auch wenn man von denjenigen Denkern absieht, welche die verschiedenen Phasen von Nietzsches Entwicklung direct bestimmt haben, lassen sich viele seiner Gedanken schon bei frheren Philosophen nachweisen. Auf diese fr die wahre Bedeutung Nietzsches durchaus unwesentliche Thatsache ist neuerdings mit dem grssten Lrm von Leuten hingewiesen worden, denen lediglich der Zufall das eine oder andere philosophische Buch in die Hnde gespielt hat. In der vorliegenden Schrift ist absichtlich auf die Stellung Nietzsches in der Geschichte der Philosophie kein Bezug genommen, da dies eine eingehende systematische Prfung seiner einzelnen Theorien auf ihren objectiven Werth zur Voraussetzung haben wrde, was einer besonderen Arbeit Vorbehalten bleiben muss. [14] Manchmal, wenn er dies besonders empfand, war er geneigt, das weibliche Genie als das eigentliche Genie zu nehmen. Die Thiere denken anders ber die Weiber, als die Menschen; ihnen gilt das Weibchen als das productive Wesen.-- -- -- -- --Die Schwangerschaft hat die Weiber milder, abwartender, furchtsamer, unterwerfungslustiger gemacht; und ebenso erzeugt die geistige Schwangerschaft den Charakter des Contemplativen, welcher dem weiblichen Charakter verwandt ist:--es sind die mnnlichen Mtter.-- (Die frhliche Wissenschaft 72.) II. ABSCHNITT SEINE WANDLUNGEN. MOTTO: Die Schlange, welche sich nicht huten kann, geht zu Grunde. Ebenso die Geister, welche man verhindert, ihre Meinungen zu wechseln; sie hren auf, Geist zu sein. (Morgenrthe 573) Die erste Wandlung, die Nietzsche in seinem Geistesleben durchkmpfte, liegt weit zurck in der Dmmerung seiner Kindheit oder doch wenigstens seiner Knabenjahre. Es ist der Bruch mit dem christlichen Kirchenglauben. In seinen Werken findet diese Trennung selten Erwhnung. Trotzdem kann sie als der Ausgangspunkt seiner Wandlungen angesehen werden, weil schon von ihr aus ein charakteristisches Licht auf die Eigenart seiner Entwicklung fllt. Seine Aeusserungen ber diesen Gegenstand, den ich besonders eingehend mit ihm besprochen habe, betrafen hauptschlich die Grnde, welche den Glaubensbruch hervorrufen. Weitaus die meisten religis veranlagten Menschen werden erst durch intellectuelle Grnde dahin gedrngt, sich in schmerzlichen Kmpfen von ihren Glaubensvorstellungen loszusagen. Wo aber, in selteneren Fllen, die erste Entfremdung vom Gemthsleben selbst ausgeht, da ist der Process ein kampfloser und schmerzloser; der Verstand zersetzt nur, was schon vorher abgestorben,--eine Leiche war. In Nietzsches Fall fand eine eigenthmliche Kreuzung dieser beiden Mglichkeiten statt: weder waren es nur intellectuelle Grnde, die ihn ursprnglich von den anerzogenen Vorstellungen frei machten, noch auch hatte der alte Glaube aufgehrt, den Bedrfnissen seines Gemths zu entsprechen. Vielmehr betonte Nietzsche immer wieder, dass das Christenthum des elterlichen Pfarrhauses seinem inneren Wesen glatt und weich angelegen habe--gleich einer gesunden Haut, und dass ihm die Erfllung all seiner Gebote so leicht geworden sei wie das Befolgen einer eignen Neigung. Dieses gleichsam angeborene, unverusserliche Talent zu aller Religion hielt er fr eine der Ursachen der Sympathie, die ihm ernste Christen selbst dann noch entgegenbrachten, als er bereits durch eine tiefe Geisteskluft von ihnen getrennt war. Der dunkle Instinct, der ihn hier zum ersten Mal aus lieb und theuer gewordnen Gedankenkreisen forttrieb, erwachte grade in diesem Heimathsgefhl, in diesem warmen Zu Hause, von dem sich Nietzsches Wesen darin umfangen fhlte. Um in machtvoller Entwicklung zu sich selbst zu gelangen, bedurfte sein Geist der seelischen Kmpfe, Schmerzen und Erschtterungen,--er bedurfte dessen, dass sein Gemth sich die Trennung von diesem ruhigen Friedenszustand _anthat_, weil seine Schaffenskraft von der Emotion und Exaltation seines Innern abhngig war: hier tritt uns die Erscheinung des _Schmerzheischenden_ in der Decadenten-Natur zum ersten Mal in Nietzsches Leben entgegen. Unter friedlichen Umstnden fllt der kriegerische Mensch ber sich selbst her, (Jenseits von Gut und Bse 76) und verbannt sich selbst in eine Gedankenfremde, in der er von nun an zu einem ewigen Wandern ohne Rast und Ruhe bestimmt ist. Aber in dieser Rastlosigkeit lebt von nun an eine unersttliche Sehnsucht in Nietzsche, die nach dem verlorenen Paradies zurckstrebt, whrend seine Geistesentwicklung ihn zwingt, sich in grader Linie immer weiter davon zu entfernen. Im Gesprch ber die Wandlungen, die schon hinter ihm lagen, usserte Nietzsche einmal halb im Scherz: Ja, so beginnt nun der Lauf und wird fortgesetzt,--bis wohin? wenn Alles durchlaufen ist,--wohin luft man alsdann? Wenn alle Combinationsmglichkeiten erschpft wren,--was folgte dann noch? wie? msste man nicht wieder beim Glauben anlangen? Vielleicht bei einem _katholischen_ Glauben? Und der Hintergedanke, der sich in dieser Aeusserung verbarg, trat in den ernst hinzugefgten Worten aus seinem Versteck: _In jedem Fall knnte der Kreis wahrscheinlicher sein als der Stillstand._ Eine in sich selbst zurcklaufende, niemals stillstehende Bewegung,--das ist in Wahrheit das Kennzeichen der ganzen Geistesart Nietzsches. Die Combinationsmglichkeiten sind keineswegs unendlich, sind im Gegentheil sehr begrenzt, da der vorwrts treibende, selbstverwundende Drang, der die Gedanken nicht zur Ruhe kommen lsst, ganz und gar der innern Eigenart der Persnlichkeit entspringt: so weit auch die Gedanken zu schweifen scheinen, so bleiben sie doch stets an die gleichen Seelenvorgnge gebunden, die sie immer wieder zurck unter die herrschenden Bedrfnisse zwingen. Wir werden sehen, inwiefern Nietzsches Philosophie in der That einen Kreis beschreibt, und wie zum Schlsse der Mann in einigen seiner intimsten und verschwiegensten Gedankenerlebnisse sich wieder dem _Knaben_ nhert, so dass von dem Gang seiner Philosophie die Worte gelten: siehe einen Fluss, der in vielen Windungen zurck zur Quelle fliesst! (Also sprach Zarathustra III 23.) Es ist kein Zufall, dass Nietzsche in seiner letzten Schaffensperiode zu seiner mystischen Lehre von einer ewigen Wiederkunft gelangte: das Bild des _Kreises,--eines ewigen Wechsels in einer ewigen Wiederholung,_--steht wie ein wundersames Symbol und Geheimzeichen ber der Eingangspforte zu seinen Werken. Als sein erstes literarisches Kinderspiel (Zur Genealogie der Moral, Vorrede VI) nennt Nietzsche einen Aufsatz aus seiner Knabenzeit, ber den Ursprung des Bsen, worin er, wie es billig ist, Gott zum _Vater_ des Bsen machte. Auch gesprchsweise erwhnte er diesen Aufsatz als Beweis dafr, dass er sich schon zu einer Zeit philosophischen Grbeleien hingegeben habe, wo er sich noch in dem philologischen Schulzwang der Schulpforte befand. Wenn wir Nietzsche aus seiner Kindheit in seine Lehrjahre und dann in die lange Zeit seiner philologischen Thtigkeit folgen, dann erkennen wir auch hier deutlich, wie seine Entwicklung von Anfang an auch rein usserlich unter dem Einfluss eines gewissen Selbstzwanges verluft. Schon die strenge philologische Schulung musste einen solchen Zwang fr den jungen Feuergeist enthalten, dessen reiche schpferische Krfte dabei leer ausgingen. Ganz besonders aber galt dies von der Richtung seines Lehrers Ritschl. Grade bei diesem wurde das Hauptaugenmerk, sowohl nach Seite der Methode wie nach Seite der Probleme, auf formale Beziehungen und ussere Zusammenhnge gerichtet, whrend die innere Bedeutung der Schriftwerke zurckstand. Fr Nietzsches ganze Eigenart aber war es bezeichnend, dass er spter seine Probleme ausschliesslich der Welt des Innern entnahm und geneigt war, das Logische dem Psychologischen unterzuordnen. Und doch war es eben hier, in dieser strengen Zucht und auf diesem steinigen Boden, dass sein Geist so frh reife Frucht trug und Ausgezeichnetes leistete. Eine Reihe vortrefflicher philologischer Untersuchungen[1] bezeichnet den Weg von seinen Studienjahren an bis zu der Baseler Professur. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine zu frhe Entfesselung des ganzen Geistesreichthums Nietzsches durch das Studium der Philosophie oder der Knste ihn von vornherein zu jener Zgellosigkeit verfhrt htte, der sich einige seiner letzten Werke nhern. So aber gab fr seine vielspltigen Triebe die khle Strenge philologischer Wissenschaft eine Zeit lang das einigende und zusammenhaltende Band ab, indem es fr Manches, das in ihm schlummerte, zur Fessel wurde. In welchem Grade jedoch Nietzsches unbercksichtigte starke Talente ihn qulten und strten, whrend er seinen Fachstudien nachging, das empfand er darum nicht minder als ein tiefes Leiden. Namentlich war es der Drang nach Musik, den er nicht abzuweisen vermochte, und oft musste er Tnen lauschen, whrend er Gedanken lauschen wollte. Wie eine tnende Klage begleiten jene ihn durch die Jahre hindurch, bis ihm sein Kopfleiden jede Ausbung der Musik unmglich machte. Aber wie gross auch der Gegensatz war, den Nietzsches Philologenthum zu seinem sptem Philosophenthum bildete, so fehlt es doch nicht an zahlreichen vermittelnden Zgen, die von der einen Periode zu der andern berleiten. Grade die Richtung Ritschls, welche diesen Gegensatz zu verschrfen scheint, kam in einer bestimmten Besonderheit Nietzsches Geistesart sogar entgegen, indem sie seinen Hang zum Produciren noch verstrkte und ausbildete. Es lag in ihr das Streben nach einer gewissen formell knstlerischen Abrundung und virtuosen Behandlung wissenschaftlicher Fragen, mglich gemacht durch strenge Begrenzung derselben und Concentrirung auf einen gegebenen Punkt. Bei Nietzsche stand nun das Bedrfniss, durch freiwillige und concentrirte Beschrnkung einer Aufgabe, dieselbe in rein knstlerischer Weise zum Abschluss zu bringen, in engem Zusammenhang mit dem Grundtrieb seiner Natur, ber das Selbstgeschaltene immer wieder hinauszugehen, es als ein endgltig Erledigtes, Vergangenes, von sich abzustossen. Fr den Philologen ist ein solcher Wechsel der Aufgaben und Probleme von selbst gegeben,--den fr Nietzsche charakteristischen Ausspruch: Eine Sache, die sich aufgeklrt hat, hrt auf, uns etwas anzugehen, (Jenseits von Gut und Bse 80)--knnte ein Philologe gethan haben, denn fr diesen wird thatschlich ein aufgeklrtes Dunkel zu einer vllig erledigten Sache, die ihn nicht lnger zu beschftigen braucht. Aber es sind hiervon tief verschiedene Grnde, die Nietzsches hufigen Gedankenwechsel bedingen, und daher ist es in hohem Grade interessant zu sehen, wie sich hier die Gegenstze des Philologenthums und Philosophenthums dennoch zu berhren scheinen, und wie Nietzsche auch in dieser ihm fremdesten Verkleidung,--der nchtern philologischen,-- in dieser ussersten geistigen Selbstunterordnung, sein Selbst durchsetzte. Der Philologe tritt einem Problem mit seiner Gesinnung, seinem innern Menschen, berhaupt nicht nahe, assimilirt es sich in keiner Weise und wird von ihm daher auch nur so lange festgehalten, als er zur Lsung der Aufgabe bedarf. Fr Nietzsche dagegen bedeutete Beschftigung mit einem Problem, bedeutete _erkennen_, vor allem andren: sich erschttern lassen; und von einer Wahrheit sich berzeugen bedeutete ihm: von einem Erlebniss berwltigt werden,--ber den Haufen geworfen werden, wie er es nannte. Er nahm einen Gedanken auf, wie man ein Schicksal auf sich nimmt, das den ganzen Menschen ergreift und in Bann schlgt: er _lebte_ den Gedanken noch viel mehr, als er ihn dachte, aber er that es mit einer so leidenschaftlichen Inbrunst, einer so maasslosen Hingebung, dass er sich an ihm erschpfte,-- und, gleich einem Schicksal, das ausgelebt ist, fiel der Gedanke wieder von ihm ab. Erst in der Ernchterung, wie sie naturgemss einer jeden derartigen Erregung folgen musste, Hess er seine berwundene Erkenntniss rein intellectuell auf sich wirken; erst dann ging er ihr mit still und klar nachprfendem Verstnde nach. Sein merkwrdiger Wandlungsdrang auf dem Gebiete philosophischer Erkenntniss war durch den ungeheuren Drang nach immer neuen Emotionen geistigster Art bedingt, und daher war fr ihn vollkommene Klarheit stets nur die Begleiterscheinung von Ueberdruss und Erschpfung. Aber selbst in dieser Erschpfung verlassen ihn seine _Probleme_ nicht, der Ueberdruss gilt nur ihren _Lsungen_, durch welche die Quelle der Erschtterung momentan verschttet worden ist. Die gefundene Lsung war deshalb fr Nietzsche jedesmal ein Signal zu einem _Gesinnungswechsel_, denn nur so liess sich das Problem festhalten, die Lsung von neuem versuchen. Mit wahrem _Hass_ verfolgte er hinterher Alles, was ihn zu ihr getrieben, Alles, was ihm geholfen hatte, sie zu finden. Da eine Sache, die sich aufgeklrt hat, aufhrt, uns etwas anzugehen, so wollte Nietzsche im Grunde nichts von der endgiltigen Aufklrung eines Problems wissen, und jenes Wort, das scheinbar die volle Befriedigung erfolgreichen Denkens zum Ausdruck bringt, bezeichnete fr ihn die Tragik seines Lebens: er wollte nicht, dass; die Probleme seiner Forschung jemals aufhren sollten, ihn etwas anzugehen, er wollte, dass sie fortfahren sollten, ihn im Tiefsten seiner Seele aufzuwhlen, und daher war er gewissermaassen der Auflsung gram, die ihm sein Problem raubte, daher warf er sich jedesmal auf sie mit der ganzen Feinheit und Ueberfeinheit seiner Skepsis und zwang sie schadenfroh,--seines eigenen Leids und des Schadens, den er sich damit zufgte, froh!--ihm seine Probleme wieder herauszugeben. Deshalb kann man von vorn herein mit einem gewissen Recht von Nietzsche sagen: was innerhalb einer Denkrichtung, einer Betrachtungsweise diesen leidenschaftlichen Geist dauernd festhalten, was einen neuen Wandel und Wechsel unmglich machen soll, das muss im letzten Grunde _unaufklrbar_ fr ihn bleiben, es muss der Energie aller Lsungsversuche widerstehen, seinen Verstand an tdtlichen Rthseln aufreiben,--an Rthseln gleichsam kreuzigen. Als endlich in der That auf diesem; Wege die Erschtterung seines Innern strker geworden war, als die durch sie gewaltsam gespornte Verstandeskraft, da erst gab es fr ihn kein Entrinnen und kein Entweichen mehr. Doch da verlor sich auch nothwendig das Ende in Dunkel, Schmerz und Geheimniss: in eine Besessenheit der Gedanken durch die Gefhlserregungen, die einem strmischen Meere gleich ber ihnen zusammenschlugen. Wer Nietzsches Zickzack-Pfaden bis zuletzt folgt, der tritt dicht an diesen Punkt heran, wo er sich, im Grauen vor einer letzten Aufklrung und Problemlsung, endgiltig in die ewigen Rthsel der Mystik hinabstrzt.-- Die Geistesbegabung Nietzsches zeichnete sich aber noch durch zwei Eigenschaften aus, die in gleicher Weise dem Philologen wie spter dem Philosophen zu statten kamen. Die erste war sein Talent fr Subtilitten, seine Genialitt in der Behandlung feinster Dinge, die von einer zarten und sichern Hand angefasst sein wollen, um nicht verwischt und entstellt zu werden. Es ist dasselbe, was ihn spter nach meinem Dafrhalten als Psychologen noch mehr _fein_ als _gross_ erscheinen lsst,--oder lieber: am grssten im Erfassen und Gestalten von Feinheiten. Hchst bezeichnend ist dafr der Ausdruck, den er einmal (Der Fall Wagner 3) von den Dingen gebraucht, wie sie sich dem Blick des Erkennenden darstellen: Das _Filigran_ der Dinge. In Verbindung mit diesem Zuge steht die Neigung, Verborgenem und Heimlichem nachzuspren, Verstecktes ans Licht zu ziehen--; der Blick fr das Dunkel, und die instinctiv ergnzende Anempfindung und Nachempfindung, wo dem Wissen Lcken bleiben. Ein grosser Theil von Nietzsches Genialitt beruht hierauf. Es hngt dies aufs engste mit seiner hohen knstlerischen Kraft zusammen, in der sich der Blick fr das Feine und Einzelne in wundervoller Weise zu einem grossen, freien Schauen des Zusammenhanges, des Gesammtbildes erweitert. Im Dienste strengphilologischer Kritik hat er dieses Talent gebt, um aus den Texten das Verblasste und Vergessene gewissenhaft herauszulesen,[2]--aber in diesem Bemhen ist er zugleich schon ber seine rein gelehrten Studien hinausgefhrt worden. Der Weg, auf dem dieses geschah, fhrt uns zu seiner bedeutendsten philologischen Arbeit, zu der Arbeit ber die Quellen des Diogenes Laertius. Denn die Beschftigung mit dieser Schrift wurde fr ihn der Anlass, dem Leben der alten griechischen Philosophen und seiner Beziehung zum Gesammtleben der Griechen nachzugehen. In seinen spteren Werken kommt er einmal darauf zu sprechen (Menschliches, Allzumenschliches I 261). Man sieht es, wie er ber den Trmmern der Ueberlieferung gesessen und gegrbelt haben mag, in die Lcken, in die entstellten Theile die verlornen Gestalten hineindichtend, sie nachschaffend und entzckt wandelnd unter Gebilden von mchtigstem und reinstem Typus. Er schaut hinein in die Dmmerung jener Zeiten wie in eine Bildner-Werksttte solcher Typen. Und es ergreift ihn wunderbar, sich vorzustellen, dass dort die Anstze gelegen haben mgen zu einem noch hhern Philosophentypus, wie ihn vielleicht Plato von der sokratischen Verzauberung frei geblieben gefunden htte. Dies Alles ist aber mehr als ein blosser Uebergang vom Philologen zum Philosophen. Was sich da in seinen sehnschtig schaffenden Gedanken verrieth, whrend er gezwungen war, trockene Kritik zu ben, legt schon den letzten und hchsten Punkt seines Ehrgeizes bloss; nicht umsonst ist es gewesen, dass Nietzsche in die Philosophie nicht auf dem Wege abstracter philosophischer Fachstudien eintrat, sondern auf dem einer tiefen Auffassung des philosophischen Lebens in seiner innersten Bedeutung. Und wenn wir das Ziel bezeichnen wollten, welchem durch alle Wandlungen hindurch die Kmpfe dieses unersttlichen Geistes galten, so vermchten wir dafr kein bezeichnenderes Wort zu finden als das von der ersehnten Entdeckung einer neuen, bis dahin unentdeckt gebliebenen Mglichkeit des philosophischen Lebens. (Menschliches, Allzumenschliches i 261.) So steht jene rein philologische Schrift dicht vor der ganzen Reihe der spteren Werke,--einer kleinen, in der Mauer halb verborgenen Pforte vergleichbar, die in ein umfangreiches Gebude einfhrt. Wenn wir sie ffnen, streift unser Blick schon die lange Flucht der Innenrume, bis zum letzten, zum dunkelsten. Und wer hier auf der Schwelle stehen bleibt und hindurchblickt, der vermag der gewaltigen Kraft nicht ohne Staunen zu gedenken, die Stein um Stein zu einem Ganzen fgte: einer Kraft, die jeden Einzeltheil mit verschwenderischem Reichthum ausschmckte, ihn spielend zu so zahllosen Seitengngen und verborgenen Verstecken ausbaute, als beabsichtige sie ein Labyrinth,--und die dennoch mit eiserner Consequenz stets in gerader Grundlinie an ihrem Werke weiter schuf. An seinen griechischen Studien ging aber Nietzsche nicht nur die Ahnung seines innerlichsten Strebens und die erste Fernsicht auf das Ziel seiner geheimen Sehnsucht auf, sondern sie wiesen ihm auch den Weg, auf dem er sich diesem Ziel nhern konnte. Denn sie waren es, die ihm das ganze Culturbild des alten Hellenenthums zeigten, die ihm jene Bilder einer versunkenen Kunst und Religion entrollten, in deren Anschauen er in durstigen Zgen frisches volles Leben trank. So stellt er seine philologische Gelehrsamkeit in den Dienst culturhistorischer, sthetischer, geschichtsphilosophischer Forschung und berwindet ihren Formalismus. Es verwandelt und vertieft sich fr ihn damit die Bedeutung der Philologie, die zwar weder eine Muse noch eine Grazie, aber eine Gtterbotin ist; und wie die Musen zu den trben, geplagten, botischen Bauern niederstiegen, so kommt sie in eine Welt voll dsterer Farben und Bilder, voll von allertiefsten und unheilbarsten Schmerzen, und erzhlt trstend von den lichten Gttergestalten eines fernen, blauen, glcklichen Zauberlandes. Diese Worte sind der Antrittsvorlesung Nietzsches an der Baseler Universitt Homer und die Klassische Philologie (24) entnommen, die (Basel 1869) nur fr Freunde gedruckt worden ist. Zwei Jahre spter erschien (Basel 1871) eine andere kleine Schrift derselben Geistesrichtung: Sokrates und die griechische Tragdie, welche indessen fast vollstndig, mit nur usserlichen Umstellungen des Gedankenzusammenhangs, in das 1872 verffentlichte erste grssere philosophische Werk Nietzsches: Die Geburt der Tragdie aus dem Geiste der Musik (Leipzig, E. W. Fritsch, jetzt C. G. Naumann)[3] aufgenommen worden ist. In diesen beiden Arbeiten baute Nietzsche seine culturphilosophischen Ausfhrungen noch auf streng philologischer Grundlage auf; und sie alle haben dazu beigetragen, seinen Namen unter den philologischen Fachgenossen zu verbreiten. Dennoch bezeichnen sie schon den Weg, den er, von seinem ursprnglichen Fachstudium aus, durch Kunst und Geschichte hindurch, zurckgelegt hatte, um schliesslich in die geschlossene Weltanschauung einer bestimmten Philosophie einzutreten. Es war die Weltanschauung Richard Wagners, die Verknpfung seines Kunststrebens mit Schopenhauers Metaphysik. Wenn wir das Werk aufschlagen, so befinden wir uns mitten im Bannkreis des Meisters von Bayreuth. Durch ihn erst vollzog sich fr Nietzsche die volle Verschmelzung von Philologenthum und Philosophenthum, wurde erst jenes Wort wahr, womit er seinen Homer und die klassische Philologie schliesst, indem er einen Ausspruch des Seneca umkehrt: philosophia facta est quae philologia fuit, damit soll ausgesprochen sein, dass alle und jede philologische Thtigkeit umschlossen und eingehegt sein soll von einer philosophischen Weltanschauung, in der alles Einzelne und Vereinzelte als etwas Verwerfliches verdampft und nur das Ganze und Einheitliche bestehen bleibt. Der Zauber, der Nietzsche auf Jahre hinaus zum Jnger Wagners machte, erklrt sich namentlich daraus, dass Wagner innerhalb des germanischen Lebens dasselbe Ideal einer Kunstcultur verwirklichen wollte, welches Nietzsche innerhalb des griechischen Lebens als Ideal aufgegangen war. Mit der Metaphysik Schopenhauers trat im Grunde nichts anderes hinzu, als eine Steigerung dieses Ideals ins Mystische, ins unergrndlich Bedeutungsvolle,--gleichsam ein Accent, den es durch die _metaphysische Interpretation_ alles Kunsterlebens und Kunsterkennens noch erhielt. Diesen Accent empfindet man am deutlichsten, wenn man den Sokrates und die griechische Tragdie vergleicht mit der Ergnzung und Erweiterung, die derselbe in dem Hauptwerk: Die Geburt der Tragdie aus dem Geiste der Musik erhalten hat. In diesem Buche sucht Nietzsche alle Kunstentwicklung auf die Bethtigung zweier entgegengesetzter Kunsttriebe der Natur zurckzufhren, die er nach den beiden Kunstgottheiten der Griechen als das Dionysische und das Apollinische bezeichnet. Unter ersterem versteht er das orgiastische Element, wie es sich in den wonnevollen Verzckungen, in der Mischung von Schmerz und Lust, von Freude und Entsetzen, in der selbstvergessenen Trunkenheit Dionysischer Feste auslebte. In ihnen sind die gewhnlichen Schranken und Grenzen des Daseins vernichtet, scheint das Individuum wieder mit dem Naturganzen zu verschmelzen; zerbrochen ist das Principium individuationis; der Weg zu den Mttern des Seins, zu dem innersten Kern der Dinge liegt offen (86). Nher gebracht wird uns das Wesen dieses Triebes durch die physiologische Erscheinung des Rausches. Die ihm entsprechende Kunst ist die Musik. Den Gegensatz bildet der formenbildende Trieb, der in Apollo, dem Gott aller bildnerischen Krfte, verkrpert ist. In ihm vereinigt sich maassvolle Begrenzung, Freiheit von allen wilderen Regungen und weisheitsvolle Ruhe. Er muss als der erhabene Ausdruck, als die Vergttlichung des Principii individuationis (16) betrachtet weiden, dessen Gesetz das Individuum, d. h. die Einhaltung der Grenzen desselben, das Maass im hellenischen Sinne ist (17). Die Macht des durch ihn symbolisirten Triebes offenbart sich physiologisch in dem schnen Schein der Welt des Traumes. Seine Kunst ist die plastische des Bildners. In der Vershnung und Verbindung dieser beiden sich anfnglich bekmpfenden Triebe erkennt Nietzsche Ursprung und Wesen der attischen Tragdie, die als die Frucht der Vershnung der beiden widerstrebenden Kunstgottheiten ebenso sehr dionysisches als apollinisches Kunstwerk ist. Entstanden aus dem dithyrambischen Chor, der die Leiden des Gottes feierte, ist sie ursprnglich nur Chor, dessen Snger durch die dionysische Erregung so verwandelt und verzaubert wurden, dass sie sich selbst als Diener des Gottes, als Satyrn, empfanden und als solche ihren Herrn und Meister Dionysos schauten. Mit dieser Vision, die der Chor aus sich erzeugt, gelangt sein Zustand zu apollinischer Vollendung. Das Drama als die apollinische Versinnlichung dionysischer Erkenntnisse und Wirkungen ist vollstndig. Jene Chorpartien, mit denen die Tragdie durchflochten ist, sind also gewissermassen der Mutterschoss des eigentlichen Dramas (41); sie sind das dionysische Element desselben, whrend der Dialog den apollinischen Bestandteil bildet. In ihm sprechen von der Scene aus die Helden des Dramas als die apollinischen Erscheinungen, in denen sich der ursprngliche tragische Held Dionysos objectivirt, als blosse Masken, hinter denen allen die Gottheit steckt. Wir werden am Schlsse unseres Buches sehen, in welch eigenthmlicher Weise Nietzsche ganz zuletzt noch einmal auf diesen Gedanken zurckgriff, indem er seine verschiedenen Entwicklungsperioden und Gesinnungswandlungen so darzustellen versuchte, als seien sie nicht unmittelbare Aeusserungen seines Geistes gewesen, sondern gewissermaassen nur willkrlich vorgehaltene Masken, apollinische Scheinbilder, hinter denen sein dionysisches Selbst, gttlich berlegen, das ewig gleiche geblieben sei. Die Ursachen dieser Selbsttuschung werden wir am Schlsse erkennen. Die Bedeutung, die Nietzsche dem Dionysischen beimisst, ist charakteristisch fr seine ganze Geistesart: als Philolog hat er mit seiner Deutung der Dionysoscultur einen neuen Zugang zur Welt der Alten gesucht; als Philosoph hat er diese Deutung zur Grundlage seiner ersten einheitlichen Weltanschauung gemacht; und ber alle seine sptem Wandlungen hinweg taucht sie noch in seiner letzten Schaffensperiode wieder auf; verwandelt zwar, insofern ihr Zusammenhang mit der Metaphysik Schopenhauers und Wagners zerrissen ist: aber sich doch gleich geblieben in dem, worin schon damals seine eignen verborgenen Seelenregungen nach einem Ausdruck suchten; verwandelt erscheint sie zu Bildern und Symbolen seines letzten, einsamsten und innerlichsten Erlebens. Und der Grund dafr ist, dass Nietzsche im Rausch des Dionysischen etwas seiner eignen Natur Homogenes herausfhlte: jene geheimnissvolle Wesenseinheit von Weh und Wonne, von Selbstverwundung und Selbstvergtterung,--jenes Uebermass gesteigerten Gefhlslebens, in welchem alle Gegenstze sich bedingen und verschlingen, und auf das wir immer wieder zurckkommen werden. Den schrfsten Contrast zum Dionysischen und der aus ihm geborenen Kunstcultur bildet die Geistesrichtung des theoretischen, aller Intuition entfremdeten Menschen, die auf den Namen des Sokrates getauft wird. In der Geburt der Tragdie sucht Nietzsche die Entwicklung dieser Geistesrichtung von Sokrates an durch die Philosophie und Wissenschaft aller Jahrhunderte bis auf unsere Zeit in grossen Zgen zu schildern. Mit Sokrates, dessen Vernunftlehre sich gegen die ursprnglichen hellenischen Instincte kehrte, um sie zu zgeln,--schlgt der griechische Geschmack zu Gunsten der Dialektik um, und es beginnt jener Triumphzug des Theoretischen, das durch Vernunft-Einsicht die letzten Grnde des Seins zu erforschen und dasselbe corrigiren zu knnen vermeint. Diesem Optimismus hat erst Kants Kritik ein Ende bereitet, indem sie auf die Grenzen des theoretischen Erkennens hinwies und, wie Nietzsche spter witzig bemerkt, die Philosophie zu einer Enthaltsamkeitslehre reducirt, die gar nicht ber die Schwelle hinwegkommt und sich peinlich, das Recht zum Eintritt _verweigert_ (Jenseits von Gut und Bse 204). Dadurch schaffte sie, nach Nietzsche, Raum fr die Regeneration der Philosophie durch Schopenhauer, der endlich einen Zugang zum unerforschten Sein und zu dessen Umgestaltung auf dem Wege der intuitiven Erkenntniss erschlossen habe. In den Jahren 1873--1876 verffentlichte Nietzsche im Geist und Sinn seines vorhergehenden Werkes, unter dem Gesammttitel: _Unzeitgemsse Betrachtungen_, vier kleinere Schriften,--bestimmt: gegen die Zeit, und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden Zeit, zu wirken. Die erste derselben, die den Titel fhrte: _David Strauss, der Bekenner und der Schriftsteller_, bestand in einer vernichtenden Kritik des damals beraus gefeierten Buches Der alte und der neue Glaube, und einer energischen Befehdung des einseitigen Intellectualismus unserer modernen Bildung. Von dauernderem Interesse ist die zweite hchst werthvolle Schrift: _Vom Nutzen und Nachtheil der Historie fr das Leben_, deren Grundgedanke in Nietzsches letzten Werken, wenn auch modificirt, aber darum nicht weniger deutlich wiederkehrt als seine Auffassung des Dionysischen. Das Wort Historie bezeichnet hier den Begriff des Gedankenlebens, ganz allgemein gefasst, im Gegensatz zum Instinctleben;--Erkennen des Vergangenen, Wissen vom Gewesenen, im Gegensatz zur vollen Lebenskraft des Gegenwrtigen und Werdenden. Die Schrift behandelt die Frage: Wie ist das Wissen dem Leben unterthan zu machen? und prcisirt den Standpunkt des Verfassers in dem Satze: Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen. Sie dient ihm aber nur so lange, als gegenber den zersetzenden, belastenden und berall eindringenden Einflssen des Gedanklichen die wichtigste Seelenfunction im Menschen noch vllig intact geblieben ist. -- --die _plastische Kraft_ eines Menschen, eines Volkes, einer Cultur,-- --ich meine jene Kraft, aus sich heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene Formen aus sich nachzuformen (10). Sonst entsteht in uns ein Chaos fremder, uns nur zugestrmter Reichthmer, die wir nicht zu bewltigen, nicht zu assimiliren im Stande sind, und deren Mannigfaltigkeit daher das Einheitliche und Organische unserer Persnlichkeit schwer gefhrdet. Wir werden dann zum passiven Schauplatz durcheinanderwogender Kmpfe, in denen sich die verschiedensten Gedanken, Stimmungen, Werthurtheile unaufhrlich befehden; wir leiden unter den Siegen der Einen wie unter den Niederlagen der Andern, ohne im Stande zu sein, unser Selbst zu ihrer Aller Herrn zu machen. Hier findet sich zum ersten Mal eine Hindeutung auf Nietzsches so viel besprochenen _Decadenzbegriff_, der in seinen spteren Werken eine so grosse Rolle spielt. Nicht umsonst gemahnt uns diese erste Beschreibung der Decadenzgefahr an die von uns gegebene Schilderung seines eignen Seelenzustandes;--wir knnen hier schon den seelischen Ursprung derselben deutlich erkennen: es ist die geheime Qual, die es diesem leidenschaftlichen Geist verursachte, den steten Andrang berwltigender Erkenntnisse und Gedankenstrmungen auszuhalten,-- Gewalt, mit der all sein Denken und Wissen auf sein Innenleben einwirkte, so dass die Flle innerer einander widerstreitender Erlebnisse die geschlossenen Grenzen der Persnlichkeit zu sprengen drohte. Er sagt selbst im Vorwort (V) zu jener Schrift: --Auch soll-- -- --nicht verschwiegen werden, dass ich die Erfahrungen, die mir jene qulenden Empfindungen erregten, meistens aus mir selbst und nur zur Vergleichung aus Anderen entnommen habe.[4] Was er in sich selbst vorfand, das wurde ihm zur allgemeinen Gefahr des ganzen Zeitalters,--und steigerte sich spter sogar zu einer Todesgefahr fr das ganze Menschenthum, die ihn zum Erlser und Erretter aufrief. Die Folge aber dieses Umstandes ist ein eigenthmlicher Doppelsinn, der durch die ganze Schrift hindurch geht und einem kundigen Nietzsche-Leser sofort auffllt: da nmlich dasjenige, was am herrschenden Zeitgeist seine Bedenken hervorrief, doch etwas wesentlich Anderes war als sein eigenes Seelenproblem, so wendet er sich ohne Unterschied gegen zwei voneinander vllig verschiedene Dinge: Einmal gegen die Verkmmerung eines vollen, reichen Seelenlebens durch den erkltenden und lhmenden Einfluss einseitiger Verstandesbildung: Der moderne Mensch schleppt zuletzt eine ungeheure Menge von unverdaulichen Wissenssteinen mit sich herum, die dann bei Gelegenheit ordentlich im Leibe rumpeln, wie es im Mrchen heisst (36). Im Inneren ruht dann wohl die Empfindung jener Schlange gleich, die ganze Kaninchen verschluckt hat und sich dann still gefasst in die Sonne legt und alle Bewegungen ausser den nothwendigsten vermeidet.-- --Jeder, der vorbergeht, hat nur den einen Wunsch, dass eine solche Bildung nicht an Unverdaulichkeit zu Grunde gehe (37).--Das andere Mal aber gerade gegen die allzu heftige, aufreizende und aufrhrerische Einwirkung des Gedanklichen auf das psychische Leben, gegen den dadurch hervorgerufenen Kampf zusammenhangloser wilder Triebkrfte. Es ist ein Unterschied wie zwischen Seelenstumpfsinn und Seelenwahnsinn. In Nietzsche selbst pflegten die abstractesten Gedanken sich in Gemthsmchte umzusetzen, die ihn mit unmittelbarer und unberechenbarer Gewalt fortrissen. In dem von ihm gezeichneten Bilde unseres Zeitalters mussten sich ihm daher die beiden entgegengesetzten Wirkungen des Intellectuellen vermischen, und in Bezug auf die eine von ihnen,--auf die chaotische Entfesselung des Seelenlebens,--verschmolzen ihm in hnlicher Weise zwei verschiedene Ursachen mit einander. Es handelt sich nmlich nicht nur um die rein intellectuellen Einflsse, nicht nur um die Gefahr des Verstandesmssigen fr das Instinctmssige, sondern auch um die uns vererbten und einverleibten Einflsse lngst verflossener Zeiten, die, einst einer intellectuellen Quelle entsprungen, jetzt nur in der Form von Trieben und Gefhlsschtzungen in uns leben. Der geschlossenen Persnlichkeit droht also nicht nur die Gefahr, die von aussen kommt, sondern auch diejenige, die sie in sich trgt, die mit ihr geboren ist,--jene Instinct-Widersprchlichkeit, die das Erbe aller Sptlinge ist, denn--Sptlinge sind Mischlinge. Die Ueberwindung des Nachtheils, den die Historie in diesem Sinn,--erlernt oder erlebt,--bringen kann, liegt in der Hinwendung auf das Unhistorische. Unter dem Unhistorischen versteht Nietzsche die Rckkehr zum Unbewussten, zum Willen des Nichtwissens, zum Horizont-Abschliessenden, ohne das es kein Leben gibt. Jedes Lebendige kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar werden (11),-- --Das Unhistorische ist einer umhllenden Atmosphre hnlich, in der sich Leben allein erzeugt.-- --Es ist wahr: erst dadurch, dass der Mensch denkend, berdenkend, vergleichend, trennend, zusammenschliessend jenes unhistorische Element einschrnkt, erst dadurch dass innerhalb jener umschliessenden Dunstwolke ein heller, blitzender Lichtschein entsteht, also erst durch die Kraft, das Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen: aber in einem, Uebermaasse von Historie hrt der Mensch wieder auf (12 f.). Seine Kraft misst sich an dem Maass des Historischen, das er vertrgt und besiegt,--an der Kraft des Unhistorischen in ihm: Je strkere Wurzeln die innere Natur eines Menschen hat, um so mehr wird er auch von der Vergangenheit sich aneignen oder anzwingen; und dchte man sich die mchtigste und ungeheuerste Natur, so wre sie daran zu erkennen, dass es fr sie gar keine Grenze des historischen Sinnes geben wrde, an der sie berwuchernd und schdlich zu wirken vermchte; alles Vergangene, eigenes und fremdestes, wrde sie an sich heran, in sich hineinziehen und gleichsam zu Blut umschaffen. Das was eine solche Natur nicht bezwingt, weiss sie zu vergessen; es ist nicht mehr da, der Horizont ist geschlossen und ganz, und nichts vermag daran zu erinnern, dass es noch jenseits desselben Menschen, Leidenschaften, Lehren, Zwecke gibt. (11) Ein solcher Geist treibt Historie auf alle drei Weisen, auf die sie berhaupt getrieben werden kann, ohne ihr nach irgend einer der drei Richtungen hin zu verfallen: er schaut sie an als _Monumentalgeschichte_, indem er seinen Blick auf den grossen Gestalten der Vorzeit ruhen lsst und sie auf sein Werk und sein Wollen bezieht, ohne sich jedoch an sie zu verlieren: als begeisternde Vorgnger und Genossen. Er vertieft sich in _antiquarische Geschichte_, indem er alles Vergangene durchwandert! wie die Sttte seines eignen Vorlebens,--wie Jemand, der die Sttte seiner eignen Kindheit betritt, an welcher ihm auch das Geringste werthvoll und bedeutsam erscheint:-- ----er versteht die Mauer, das gethrmte Thor, die Rathsverordnung, das Volksfest wie ein ausgemaltes Tagebuch seiner Jugend und findet sich selbst in diesem Allen, seine Kraft, seinen Fleiss, seine Lust, sein Urtheil, seine Thorheit und Unart wieder. Hier Hess es sich leben, sagt er sich, denn es lsst sich leben, hier wird es sich leben lassen, denn wir sind zh und nicht ber Nacht umzubrechen. So blickt er, mit diesem Wir, ber das vergngliche wunderliche Einzelleben hinweg und fhlt sich selbst als den Haus-, Geschlechts- und Stadtgeist (28). Er wird endlich drittens auch _kritisch_ auf die Geschichte blicken, um zum Aufbau einer Zukunft eine Vergangenheit umzubrechen, und hierzu bedarf er der grssten Lebenskraft, denn grsser als die Gefahr, ein Schwrmer oder ein Sammler zu werden, ist die, ein Verneinender zu bleiben. Es ist immer ein gefhrlicher, nmlich fr das Leben selbst gefhrlicher Process:-- -- --Denn da wir nun einmal die Resultate frherer Geschlechter sind,-- -- --ist (es) nicht mglich sich ganz von dieser Kette zu lsen.-- --Wir bringen es im besten Falle zu einem Widerstreite der ererbten, angestammten Natur und unserer Erkenntniss,-- -- --wir pflanzen eine neue Gewhnung, einen neuen Instinct, eine zweite Natur an, so dass die erste Natur abdorrt. Es ist ein Versuch, sich gleichsam a posteriori eine Vergangenheit zu geben, aus der man stammen mchte, im Gegensatz zu der, aus der man stammt-- -- --. Aber hier und da gelingt der Sieg doch, und es gibt-- -- -- -- --einen merkwrdigen Trost: nmlich zu wissen, dass auch jene erste Natur irgend wann einmal eine zweite Natur war und dass jede siegende zweite Natur zu einer ersten wird (33 f.).--Man kann diese drei Betrachtungsweisen der Historie in gewissem Sinne auf drei Perioden von Nietzsches eigener Entwicklung anwenden, indem man mit der antiquarischen, die dem Philologen zukommt, den Anfang macht, darauf die monumentale Auffassung folgen lsst, die ihn veranlasst, als Jnger zu Fssen grosser Meister zu sitzen, und endlich seine sptere positivistische Periode als die kritische bezeichnet. Nachdem aber Nietzsche auch diese letztere berwunden hatte, verschmolzen ihm alle drei Standpunkte zu einem einzigen, auf dem, wie sich zeigen wird, die in dieser Schrift enthaltenen Gedanken in geheimnissvoller und ergreifender Weise wiederkehren sollten, in der extremen und paradoxen Zuspitzung des Satzes: das Historische sei unterthan dem individuellen Leben, dessen stndige Bedingung das Unhistorische ist.--Die starke Natur, die er als zugleich historisch und unhistorisch beschreibt, ist somit ein Erbe aller Vergangenheit und dadurch ungeheuer in der Flle des Erlebens, aber ein Erbe, der seinen Reichthum wahrhaft fruchtbar zu machen weiss, weil er ihn wahrhaft besitzt, ber ihn gebietet,--nicht von ihm besessen und beherrscht wird. Ein solcher Erbe und Sptling ist dann immer zugleich der _Erstling_ einer neuen Cultur und, als Trger der Vergangenheit, ein Gestalter der Zukunft: der Reichthum, den er ausstreut, trgt noch den knftigen Zeiten Frchte. Er ist einer von den grossen Unzeitgemssen, welche in die fernste Vergangenheit niedertauchen, in die fernste Zukunft hinausweisen, in ihrer Zeit aber immer als Fremdlinge dastehen, obgleich in ihnen die Gegenwart ihre hchste Kraft sammelt und ausgibt. Hier liegt der erste Ansatz zu den Gedanken der letzten Schaffensperiode Nietzsches: ein Einzelner der Genius der gesammten Menschheit, allein, fhig, von der Gegenwart aus die Vergangenheit als Ganzes zu deuten und damit auch die Zukunft, als fernstes Ganzes, bis in alle Ewigkeit in ihrem Ziel und Sinn zu bestimmen. Rein usserlich betrachtet, reichen die Wurzeln dieser Anschauung hinab bis zu Nietzsches Philologenthum, welches ihn dazu fhrte, sich alter Culturen erkennend zu bemchtigen. Wissen und Sein waren seiner geistigen Eigenart stets Eins: und so hiess fr Nietzsche classischer Philologe sein so viel als Grieche sein. Gewiss musste dies die ihn qulende Instinctwidersprchlichkeit, welche sich fr ihn zum Gegensatz von Antik und Modern zuspitzte, noch verstrken, gleichzeitig aber auch die Mittel zu ihrer Bekmpfung enthalten, nmlich: durch die Vergangenheit, der Gegenwart berlegen, die Zukunft bauen; aus einem Mann der Zeit zu einem Sptling lterer Culturen und einem Erstling neuer Cultur werden.[5] Zweien solcher Unzeitgemssen,--das ist Vorzeitgemssen und Zukunftgemssen, sind die beiden letzten von Nietzsches Unzeitgemssen Betrachtungen geweiht: _Schopenhauer als Erzieher_, und _Richard Wagner in Bayreuth_. In diesen beiden, mit berstrmender Begeisterung aufgerichteten, Standbildern des Genius wird es besonders klar, 'bis zu welchem Grade die angestrebte Cultur des Unzeitgemssen in einem Cultus des Genies gipfelte. Im Genie besitzt die Menschheit nicht nur ihren Erzieher, ihren Fhrer, ihren Verknder, sondern auch ihren eigentlichen und ausschliesslichen Endzweck. Die Vorstellung von den erhabenen Einzelnen, um derentwillen allein die brige Fabrikwaare der Natur vorhanden sei, ist einer von jenen Schopenhauerischen Grundgedanken, die Nietzsche nie wieder losgelassen haben. Etwas in seinem innersten Geist drstete ebenso unersttlich nach der ungeheuren Steigerung des Egoistischen in das Idealselbstische, das darin liegt, als auch nach der dunklen Kehrseite dieses hchsten Menschenlooses, nach dem Einsamen und Heroischen. In seiner mittleren Schaffensperiode ging er scheinbar von dieser ursprnglichen Genievorstellung ab, weil sie ihren metaphysischen Hintergrund eingebsst hatte, von dem allein der grosse Einzelne sich in bermenschlicher Bedeutsamkeit abheben konnte,--wie eine Gestalt aus der hheren und wahren Welt. Aber der Gedanke des Geniecultus barg einen Ansatz zu dem, was Nietzsche, am Ende seiner Entwicklung, mit einem Griff genialen Wahnsinns, dann wieder aus ihm gestaltet hat. Denn zum Ersatz einer metaphysischen Deutung steigerte sich ihm der _positive Lebenswerth_ des Genies noch so hoch ber Schopenhauers Auffassung desselben hinaus, dass diese letztere nur ein schwaches Gegenbild zu der seinen bietet. Solange nmlich der Geniecultus ein Cultus des Metaphysischen in der menschlichen Physis blieb, erstreckte er sich auf eine fortlaufende Reihe, eine Kette solcher Einzelner, die einander in Sinn und Wesen ebenbrtig und gleichwerthig waren. Sie werden nicht als Bestandtheile einer Entwicklungslinie des Menschlichen betrachtet, sie: --setzen nicht etwa einen Prozess fort, sondern leben zeitlos-gleichzeitig,--sie bilden eine Art von Brcke ber den wsten Strom des Werdens. -- -- --ein Riese ruft dem anderen durch die den Zwischenrume der Zeiten zu, und ungestrt durch muthwilliges, lrmendes Gezwerge, welches unter ihnen wegkriecht, setzt sich das hohe Geistergesprch fort. (Nutzen u. Nachtheil d. Histor. 91). Weil es dieses Gezwerge ist, das die ganze Entwicklungsgeschichte sowohl in ihren Geschehnissen, wie in ihren Gesetzen bestimmt, so ist Eins sicher: Das Ziel der Menschheit kann nicht am Ende liegen,sondern nur in ihren hchsten Exemplaren. (A. a. O.) Aber da auch die hchsten Exemplare nur das zum Ausdruck bringen, was in der Tiefe des Menschlichen berhaupt, als sein metaphysisches Grundwesen, ruht, so unterscheiden sie sich von der Masse der Menschen weniger durch eine Wesens_verschiedenheit_, als vielmehr durch eine _Wesensenthllung_, durch eine gttliche Nacktheit,--whrend der Mensch der Masse tausend ber sein wahres Wesen gebreitete Schichten trgt, die alle der Welt und Lebensoberflche angehren und sich hier und da bis zur Undurchdringlichkeit verhrten. Wenn der grosse Denker die Menschen verachtet, so verachtet er ihre Faulheit: denn ihrethalben erscheinen sie als Fabrikware.-- --Der Mensch, welcher nicht zur Masse gehren will, braucht nur aufzuhren, gegen sich bequem zu sein (Schopenhauer als Erzieher 4). Daher ist liebevolle Erziehung und Bemhung um Alle die Folge dieser Anschauungsweise, die im tiefsten Sinn Alle gleichstellt, weil sie den metaphysischen Kern in jeder Schale ehrt; sie entfernt sich darum von nichts so weit als von Nietzsches spteren Forderungen der Sklaverei und Tyrannei. Ist aber wie in Nietzsches spterer Philosophie dieser metaphysische Hintergrund zerstrt, lst sich das bersinnliche Sein in das unendliche Werden des Wirklichen auf, so vermag sich der Einzelne ber die Masse nur durch einen Wesensunterschied zu erheben, der einem hchsten Gradesunterschied gleichkommt: indem er die Quintessenz dieses Werdeprocesses reprsentirt, umfasst er denselben mglichst in seiner Totalitt, whrend der Mensch der Masse ihn nur blind und bruchstckweise zu erleben und in sich darzustellen weiss. Dieser Einzelne wre gewissermassen als der Einziges imstande, der langen Entwicklung, die sich Geschichte nennt, einen Sinn zu geben; er selbst wre nicht wie der Schopenhauerische Mensch geschaffen aus bersinnlichem Stoff, aber dafr wre er durch und durch Schpfer und als solcher imstande, der Welt jene Bedeutsamkeit der Dinge zu ersetzen, an die der Metaphysiker glaubt. Anstatt vieler einander ebenbrtiger Einzelner, die sich wie ein gleichmssig hoher zusammenhngender Bergrcken ber dem Menschengetriebe erheben, gibt es daher in Nietzsches letzter Philosophie nur den grossen Einsamen, der sich als Gipfel des Ganzen darstellt; nach oben hin ist er noch viel einsamer als sie, denn er ist als Abschluss der Entwicklung das hchste Exemplar der Gattung, nach unten aber ist er viel hrter und herrischer als sie, denn die Masse und das Leben bedeuten an sich, oder metaphysisch, nichts; er muss ihnen erst bis an seinen Gipfel hinan eine bestimmte Rangordnung verleihen. Es ist leicht begreiflich, warum erst mit ihm der Geniecultus ins Ungeheure wchst, denn in Ermangelung der metaphysischen Deutung, durch die der Schopenhauerische Mensch von vornherein in eine hhere Ordnung der Dinge erhoben wird, kann Er nur durch das Mittel des Ungeheuren berzeugen. Folgendes sind die vier Gedanken der ersten philosophischen Periode Nietzsches, womit er sich, wenn auch in stets vernderter Auffassung bis zuletzt beschftigt hat: es sind das Dionysische, die Decadenz, das Unzeitgemsse, der Geniecultus. Wie wir ihn selbst, so werden wir auch sie immer wiederfinden, und in demselben Maasse, als er sich selbst immer persnlicher in seiner Philosophie zum Ausdruck bringt, gestaltet er auch sie immer charakteristischer. Betrachtet man seine Gedanken in ihrem Wechsel und ihrer Mannigfaltigkeit, dann erscheinen sie fast unbersehbar und allzu complicirt; versucht man hingegen aus ihnen herauszuschlen, was sich im Wechsel stets gleich bleibt, dann erstaunt man ber die Einfachheit und Bestndigkeit seiner Probleme. Immer ein Anderer und immer Derselbe! konnte Nietzsche von sich sagen. Dass die Wagner-Schopenhauerische Weltanschauung eine so tiefe Bedeutung fr Nietzsche gewann, dass er spter noch nach allen Kmpfen und von ganz entgegengesetzten Richtungen seines Geisteslebens aus sich wieder ihren Grundgedanken annherte, zeigt, wie sehr dieselbe seiner ganzen Natur entgegenkam, wie sehr sich in ihr aussprach, was in ihm schlummerte. Aus seinem Philologenthum in dieses Philosophenthum erhoben, fhlte er sich ohne Zweifel einem Gefangenen gleich, von dem die Ketten fallen. Waren doch vorher seine besten Krfte gebunden gewesen; jetzt durfte er aufathmen, jetzt wurde Alles in ihm befreit. Seine knstlerischen Instincte schwelgten in den Offenbarungen der Wagner'schen Musik; seine starke Veranlagung zu religisen und moralischen Exaltationen genoss in der metaphysischen Ausdeutung dieser Kunst eine bestndige Mglichkeit der Erhebung. Sein umfassendes grndliches Wissen diente der neuen Weltanschauung, die sich in seiner Auffassung des Griechenthums wiederspiegelte. Da in Wagners Person das Kunstgenie Thatsache geworden, in ihm gleichsam der erlsende Heiland gegeben war, so fiel Nietzsche die Stellung des Erkennenden, des wissenschaftlichen Vermittlers, zu: damit blieb er in der Aufgabe des Philosophen. Aber die gewonnene Erkenntniss selbst bildete nur den Anlass zur vollen Entfaltung seiner knstlerischen und religisen Eigenart, und eben dies bezeichnet ihren Werth fr seinen Geist. Wonach er sich schon whrend seiner philologischen Studien gesehnt hatte, als er dem Leben der alten Philosophen nachforschte, das war hier zur Wahrheit geworden: das Denken ein Erleben, die Erkenntniss ein Mitarbeiten und Mitschaffen an der neuen Cultur; im Gedanken durften alle Seelenkrfte Zusammenwirken: er forderte den ganzen Menschen. Nietzsche gibt nur dem befreienden Entzcken Ausdruck, das er hier genoss, wenn er am Schluss seines Sokrates und die klassische Philologie in die Worte ausbricht: Ach! Es ist der Zauber dieser Kmpfe, dass, wer sie schaut, sie auch kmpfen muss! Und wie seine einzelnen Geistesanlagen sich jetzt freier ausleben und entwickeln durften, so bot diese Periode in Nietzsches Leben auch jenem tiefsten, fast weiblichen Bedrfnisse seines Inneren nach persnlicher Anbetung, nach Aufblick, volle Befriedigung, das sich spter so schmerzlich an sich selbst befriedigen musste. Mochte die Wagner-Schopenhauerische Philosophie, ihrer ganzen Anschauungsweise nach, ihm ein noch so tiefes Glck gewhren, so war doch das Werthvollste fr ihn hier das persnliche Verhltniss zu Wagner, der unbedingte Aufblick zu ihm. Seine Begeisterung entzndete sich darin an einer ausser ihm stehenden Persnlichkeit, in der er gleichsam das Ideal seines eigenen Wesens verkrpert zu sehen glaubte. Das Glck eines solchen Glaubens breitet ber die Gedanken der ersten philosophischen Schriften Nietzsches etwas Gesundes, beinahe Naives, das von der Eigenart seiner spteren Werke scharf absticht. Es ist, als she man ihn erst an dem Bilde seines Meisters Wagner und dessen Philosophen Schopenhauer sich selbst begreifen und errathen. Denn mit instinctiver Scheu weist er noch jene Kunst zurck, sein eigenes Selbst in bewusster Weise zum Object und Experiment des Erkennenden zu machen, die Kunst, an der er spter so gross und so krank werden sollte. Wie kann sich der Mensch kennen? Er ist eine dunkle und verhllte Sache; und wenn der Hase sieben Hute hat, so kann der Mensch sich siebenmal siebzig abziehen und wird doch nicht sagen knnen das bist du nun wirklich, das ist nicht mehr Schaale. Zudem ist es ein qulerisches gefhrliches Beginnen, sich selbst derartig anzugraben und in den Schacht seines Wesens auf dem nchsten Wege gewaltsam hinabzusteigen. Wie leicht beschdigt er sich dabei so, dass kein Arzt ihn heilen kann (Schopenhauer als Erzieher 7). Und deshalb ruft er der Jugend, die nach Einsicht in ihr eigenes Selbst begehrt, die Worte zu: was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrscht und zugleich beglckt? Stelle dir die Reihe dieser verehrten Gegenstnde vor dir auf, und vielleicht ergeben sie dir-- -- --ein Gesetz, das Grundgesetz deines eigentlichen Selbst. Vergleiche diese Gegenstnde, sieh,-- -- --wie sie eine Stufenleiter bilden, auf welcher du bis jetzt zu dir selbst hingeklettert bist; denn dein wahres Wesen liegt nicht tief verborgen in dir, sondern unermesslich hoch ber dir -- -- --. (A. a. O.) Mit einer Offenheit, die ihm spter whrend der Zeit peinlichster Selbstanalyse ganz abhanden kam, legt er die Motive bloss, aus denen es ihn von Anfang an inbrnstig nach einer solchen Jngerschaft verlangt habe--nach einem berlegenen Wegweiser zugleich und Zuchtmeister (Schopenhauer als Erzieher 14): -- --darf ich ein wenig bei einer Vorstellung verweilen, welche in meiner Jugend so hufig und so dringend war, wie kaum eine andre. Wenn ich frher recht nach Herzenslust in Wnschen ausschweifte, dachte ich mir, dass mir die schreckliche Bemhung und Verpflichtung, mich selbst zu erziehen, durch das Schicksal abgenommen wrde: dadurch dass ich zur rechten Zeit einen Philosophen zum Erzieher fnde, einen wahren Philosophen, dem man ohne weiteres Besinnen gehorchen knnte, weil man ihm mehr vertrauen wrde als sich selbst. (Schopenhauer als Erzieher 8 f.) Es ist interessant, zu beobachten, wie er zu diesem Zwecke hinter dem Denker Schopenhauer einen Idealmenschen Schopenhauer zu entdecken sucht,[6] und wie er Wagner gegenber von einer tiefen Verwandtschaft ihrer beiderseitigen Naturen ausgeht. In der That berrascht die Uebereinstimmung der von ihm geschilderten natrlichen und geistigen Anlagen Wagners mit der Vielstimmigkeit seiner eigenen Anlagen, wie sie im ersten Theil dieses Buches dargelegt ist. So sagt er in Richard Wagner in Bayreuth (13): Jeder seiner Triebe strebte ins Ungemessene, alle daseinsfreudigen Begabungen wollten sich einzeln losreissen und fr sich befriedigen; je grsser ihre Flle, um so grsser war der Tumult, um so feindseliger ihre Kreuzung. Dann, beim Eintritt der geistigen und sittlichen Mannbarkeit Wagners, gelangt diese Vielheit zum Zusammenschluss und zugleich zu einer eigentmlichen Spaltung in sich. Seine Natur erscheint in furchtbarer Weise vereinfacht, in zwei Triebe oder Sphren auseinandergerissen. Zu unterst whlt ein heftiger Wille in jher Strmung, der gleichsam auf allen Wegen, Hhlen und Schluchten ans Licht will und nach Macht verlangt. (10.)-- -- -- -- -- --Der gesammte Strom strzte sich bald in dieses, bald in jenes Thal und bohrte in die dunkelsten Schluchten:--in der Nacht dieses halb unterirdischen Whlens erschien ein Stern hoch ber ihm-- -- (12.) Wir thun einen Blick in die _andere_ Sphre Wagners. Es ist die eigenste Urerfahrung, welche Wagner in sich selbst erlebt und wie ein religises Geheimniss verehrt:-- -- --jene wundervolle Erfahrung und Erkenntniss, dass die eine Sphre seines Wesens der andern treu blieb,-- -- --die schpferische, schuldlose lichtere Sphre der dunkelen, unbndigen, tyrannischen. (13.) Im Verhalten der beiden tiefsten Krfte zu einander, in der Hingebung der einen an die andere, lag die grosse Nothwendigkeit, durch welche er allein ganz und er selbst bleiben konnte. (13.) Gegen den Schluss der Schrift sucht Nietzsche auch die Musik Wagners aus dieser ihm selbst so verwandten Eigenart heraus zu begreifen, indem er das musikalische Genie Wagners als eine Art Wiederspieglung von dessen seelischen Zustnden auffasste: -- --wie seine Musik sich mit einer gewissen Grausamkeit des Entschlusses dem Gange des Dramas, der wie das Schicksal unerbittlich ist, unterwirft, whrend die feurige Seele dieser Kunst darnach lechzt, einmal ohne alle Zgel in der Freiheit und Wildniss umherzuschweifen. (82.) Ueber allen den tnenden Individuen und dem Kampfe ihrer Leidenschaften, ber dem ganzen Strudel von Gegenstzen, schwebt,-- --ein bermchtiger symphonischer Verstand, welcher aus dem Kriege fortwhrend die Eintracht gebiert. (79.) Nie ist Wagner mehr Wagner, als wenn die Schwierigkeiten sich verzehnfachen und er in ganz grossen Verhltnissen mit der Lust des Gesetzgebers walten kann. Ungestme, widerstrebende Massen zu einfachen Rhythmen bndigen, durch eine verwirrende Mannigfaltigkeit von Ansprchen und Begehrungen Einen Willen durchfhren--. (80.) Aber gerade diese Verwandtschaft ihrer beiderseitigen Naturen musste Nietzsche schliesslich zu einer Weiterentwicklung seines Geistes auf einsamen Bahnen fhren, sie musste ihn irgend wann einmal von Wagner losreissen. Sobald Nietzsche in dieser Periode den Hhepunkt erreicht hat, ist auch schon der erste Schritt vorgezeichnet, der ihn unvermeidlich abwrts fhren musste. Es erscheint als eine vllige Verkehrung des Sachverhalts, wenn er spter in seinem ungerechten Bchlein Der Fall Wagner behauptet: Mein grsstes. Erlebniss war eine _Genesung_. Wagner gehrt bloss zu meinen Krankheiten. (Vorwort.) Denn in das Krankhafte geht seine Entwicklung erst lange nach seinem Bruch mit Wagner, ja man kann von seiner Wagnerperiode in gewissem Sinne sagen, dass sie zu seinen berwundenen Gesundheiten gehrt habe. Trotzdem aber darf man das Wahre in seiner Behauptung nicht berhren: dass er nmlich damals seinen eigenen Hhepunkt noch nicht erreicht habe, wie gesund und glcklich er auch zu jener Zeit gewesen sei. Diese Gesundheit htte er sich nur erhalten knnen um den Preis der Grsse. Um aus dem Jnger ein Meister zu werden, musste er erst in sein Selbst einkehren; da aber seine Natur mit zwingender Nothwendigkeit nach einer Jngerschaft im religisen Sinne verlangte, so blieb nur die eine Mglichkeit, Jnger und Meister in sich selbst zu vereinigen,-- sei es auch, um daran zu leiden, sei es auch, um an einer krankhaften Verschmelzung Beider zu Grunde zu gehen. Von seinem Weg zur Grsse gilt Zarathustras Wort: Gipfel und Abgrund--das ist jetzt in Eins beschlossen! Man hat dem Abfall Nietzsches von Wagner die verschiedenartigsten Deutungen gegeben, man hat ihn aus rein idealen Beweggrnden--unwiderstehlichem Wahrheitsdrang--und auch aus menschlichen-allzumenschlichen Motiven zu erklren gesucht. In Wirklichkeit kreuzte sich aber wohl beides darin in ganz hnlicher Weise, wie dies schon in der allerersten Wandlung Nietzsches, in seiner Abwendung vom Glauben, der Fall gewesen war; gerade der Umstand, dass er volles Gengen, Seelenfrieden und eine Geistesheimat gefunden hatte, dass ihm Wagners Weltanschauung so weich und glatt anlag wie eine gesunde Haut, kitzelte ihn, sie sich abzustreifen, Hess ihm sein Ueberglck als Ungemach erscheinen, Hess ihn verwundet werden von seinem Glck. Auf diese Art der Entstehungseiner freigeisterischen Richtung findet seine Vermuthung ber den Ursprung der Freigeisterei berhaupt (Menschliches, Allzumenschliches I 232) Anwendung, die durch allzu starke Empfindungsseligkeit in der gegebenen Weltanschauung erzeugt werde: Ebenso wie die Gletscher zunehmen, wenn in den Aequatorialgegenden die Sonne mit grsserer Gluth als frher auf die Meere niederbrennt, so mag auch wohl eine sehr starke, um sich greifende Freigeisterei Zeugniss dafr sein, dass irgendwo die Gluth der Empfindung ausserordentlich gewachsen ist. Erst in der selbstgewollten, selbstgesuchten Peinigung wuchs seinem Geist die streitbare, harte Rstung, mit der gewappnet er dann gegen seine alten Ideale zu Felde zog. Gewiss empfand er es als eine Befreiung, sich mit dem Verzicht auf Erhebendes und Schnes zugleich aus einer letzten Abhngigkeit loszulsen; aber dennoch stellte diese Selbstbefreiung einen Act der Entsagung dar; er litt unter ihr, wie man unter Wunden leidet, auch wenn man sie sich selbst geschlagen hat. Der Bruch vollzog sich endgiltig und fr Wagner vllig unerwartet, als dieser mit seiner Parsifal-Dichtung bei katholisirenden Tendenzen angelangt--war, whrend Nietzsches Geistesentwicklung in einer jhen Wandlung sich der positivistischen Philosophie der Englnder und Franzosen zugewandt hatte. Der Abfall Nietzsches von Wagner bedeutete aber nicht nur eine Trennung der Geister, sondern zerriss zugleich ein Verhltniss, in welchem sich beide so nahe gestanden hatten, wie nur der Sohn dem Vater, der Bruder dem Bruder nahe steht. Ganz vergessen, ganz verschmerzen konnte es wohl keiner von ihnen. Noch im Herbst 1882, ein halbes Jahr vor dem Tode Wagners, wurde whrend der Bayreuther Festspiele,--der Erstauffhrung des Parsifal--, der Versuch gemacht, Nietzsche vor dem Meister zu erwhnen. Nietzsche weilte damals in der Nhe, in dem thringischen Drfchen Tautenburg bei Dornburg, und seine alte Freundin Frulein von Meysenbug meinte, obschon mit Unrecht, dass im Fall des Gelingens Nietzsche zu bewegen gewesen wre, nach Bayreuth zu kommen und Sich mit Wagner zu vershnen. Indessen der Versuch misslang; Wagner verliess in grosser Erregung das Zimmer und verbot, den Namen jemals wieder vor ihm auszusprechen. Aus ungefhr derselben Zeit stammt folgender in Facsimile wiedergegebene Brief Nietzsches, der seine eigene Stellung in dem Bruch mit Wagner beredt genug schildert: [Illustration] [Illustration] [Illustration] [Illustration] Wenn ich diese kurze Schilderung lese, dann sehe ich ihn selbst vor mir, wie er, whrend einer gemeinsamen Reise von Italien her durch die Schweiz, mit mir das Gut Triebschen bei Luzern besuchte, den Ort, an welchem er mit Wagner unvergessliche Zeiten verlebt hatte. Lange, lange sass er dort schweigend am Seeufer, in schwere Erinnerungen versunken; dann, mit dem Stock im feuchten Sande zeichnend, sprach er mit leiser Stimme von jenen vergangenen Zeiten. Und als er aufblickte, da weinte er. Mit seiner innern und ussern Loslsung von dem Wagnerthum und der Philosophie Schopenhauers fllt Nietzsches schwerstes krperliches Leiden zusammen. So lebte er damals, krperlich wie geistig, unter Strmen und Schmerzen, die ihn in die Nhe leiblichen wie seelischen Todes brachten. Seine Krankheit war zum Ausbruch gekommen in den Jahren gesteigertster Productivitt, allzu vielseitiger und aufreibender Beschftigung mit wissenschaftlichen Untersuchungen, philosophischen Problemen, mit der geistigen Bewegung der Gegenwart, der Kunst Wagners und mit der Musik selbst. Es ist gewiss nicht zufllig, dass auch der letzte, verhngnissvolle Ausbruch seines Kopfleidens am Ende der Achtziger Jahre ebenfalls auf eine Periode ungeheurer geistiger Schaffenskraft und Regsamkeit folgte. Wenn er sich am gesundesten und rstigsten, in der Vollkraft seiner Leistungsfhigkeit fhlte, dann kam er stets der Krankheit am nchsten; und die Zeiten unfreiwilliger Msse und Ruhe waren es, die ihm immer wieder Erholung brachten und die Katastrophe noch aufhielten. Dieser Vorgang spiegelt rein krperlich etwas von jenem eigenthmlich pathologischen Zuge der Uebergesundheit seines Geisteslebens wieder, welche in Krankheitszustnde berzustrmen pflegte, nachdem sie ihren Hhepunkt erreicht hatte. Aus ihnen rang er sich aber mit der zhen Kraft seiner ungeheuren Natur stets wieder zur Gesundheit durch. Solange er noch die Schmerzen bezwang und die volle Arbeitskraft in sich fhlte, konnte selbst das Leiden seiner lebensvollen Unverwstlichkeit und Selbstbehauptung noch nichts anhaben. Noch am 12. Mai 1878 schreibt er im Ton getrosten Muthwillens in einem Briefe aus Basel: Die Gesundheit schwankend und gefhrlich, aber--fast htte ich gesagt: was geht mich meine Gesundheit an? Aber dann folgt, am 14. December 1878, die Hindeutung auf den voraussichtlich nothwendigen Rcktritt von der Professur: Mein Zustand ist eine Thierqulerei und Vorhlle, ich kanns nicht leugnen. _Wahrscheinlich_ hrt es mit meiner akademischen Thtigkeit auf, _vielleicht_ mit der Thtigkeit berhaupt, _mglicherweise_ mit-- --u. s. w. Und dann die bittere Klage: Es scheint mir nichts mehr zu helfen, die Schmerzen waren gar zu toll.-- -- --Immer heisst es: Ertrage! Entsage! Ach, man bekommt die Geduld auch satt. Wir haben die Geduld zur Geduld nthig! Endlich, im Tone stiller Ergebung, ein Brief aus Genf, vom 15. Mai 1879: Mir geht es nicht gut, aber ich bin ein alter routinirter Leidtragender und werde meine Brde weiterschleppen,--aber _nicht_ mehr lange, so hoffe ich! Bald darauf legte er seine Professur nieder, und auf immer umfing ihn die Einsamkeit, Der Verzicht auf seine Lehrthtigkeit fiel ihm schwer,--war es doch im Grunde der Verzicht auf jede fernere strengwissenschaftliche Arbeit. Kopf und Augen,--er nennt sich selbst einen Kranken, der jetzt leider auch ein Sieben-Achtel-Blinder ist, und nicht mehr lesen kann, ausser mit Schmerzen und auf ein Viertelstndchen (Brief an Re)--, hinderten ihn nunmehr dauernd an einem stofflichen Ausbau seiner Gedanken durch ausgebreitete Studien. Wie umfangreich und vielseitig er seine Forschungen angelegt hatte, zeigt die grosse Mannigfaltigkeit seiner an der Universitt und am Pdagogium zu Basel gehaltenen Vorlesungen. Allerdings beschrnkte er sich damals noch auf die Erforschung des Hellenenthums und blieb philosophisch in den Fesseln eines bestimmten metaphysischen Systems gebunden. Aber seine sptere Selbstbefreiung vom Zwang dieses Systems htte unter andern Gesundheitsverhltnissen um so gnstiger wirken mssen. Das Culturbild des griechischen Lebens, aus dem er damals mit den Augen des Metaphysikers die tiefsten Grundzge des Weltbildes und Menschenlebens herauszulesen meinte, wrde sich ihm, auf dem Wege wissenschaftlicher Weiterarbeit, allmhlig zu einem Totalbilde der Weltentwicklung erweitert haben. In der Genialitt seiner feinen Anempfindung und knstlerischen Nachgestaltungskraft war er geradezu prdestinirt zu geschichtsphilosophischen Leistungen im Grossen. Sein Drang zum Produciren wre dadurch gehindert worden, sich allzusehr ins Subjective zu verlieren; empfand er es doch oftmals selbst, dass, je beflgelter, drngender und leidenschaftlicher geartet die Gedanken sind, desto umfassender und strenger der Stoff sein msse, an dem sie gebunden, von dem sie beherrscht werden. Daher begegnen wir in seinen Werken bis zuletzt immer wieder erneuten fruchtlosen Anstrengungen, sich nach aussen hin auszubreiten und sein Denken wissenschaftlich zu begrnden,--es ist etwas vom vergeblichen Flgelschlagen eines gefangenen Adlers darin. Er war durch seine Gesundheit _genthigt_, sich selbst zum Stoff seiner Gedanken zu nehmen, sein eignes Ich seinem philosophischen Weltbilde unterzulegen und dieses aus dem eignen Innern herauszuspinnen. Vielleicht htte er im andern Falle etwas so ganz Eigenartiges,--und daher so ganz Einzigartiges, nicht geleistet. Aber trotzdem vermag man nicht ohne das tiefste Bedauern auf diesen Wendepunkt in Nietzsches Schicksal zurckzublicken,--auf diesen unheimlichen _Zwang_ zur Selbstvereinsamung und Selbstabschliessung,--man vermag sich dem Gefhl nicht zu entziehen, dass er hier an einer Grsse, die ihm Vorbehalten war, _vorbergeht_. An dieser Stelle wird es um Nietzsche Nacht. Seine bisherigen Ideale, seine Gesundheit, seine Arbeitskraft, sein Wirkungskreis,--Alles, was seinem Leben Licht und Glanz und Wrme gegeben hatte, entschwand ihm eins nach dem andern. Es war ein ungeheurer Zusammenbruch, unter dessen Trmmern er wie begraben wurde. Es begannen seine _Dunkel-Zeiten_. (S. Der Wanderer u. sein Schatten 191.) Die jetzt folgenden Schriften sind nicht, wie die bisherigen, aus einer Flle herausgeschpft, die in ihm angesammelt und bereit lag, von einem Ziel aus verfasst, das er erreicht zu haben glaubte,--sie erzhlen vielmehr davon, wie er sich in seiner Nacht orientirt und langsam vorwrts tastet, sie sind die qualvollen, kampfvollen, endlich sieghaften Schritte nach einem dunklen Ziele hin. Als ich allein weiter ging, bekennt er viele Jahre spter (Einfhrende Vorrede zum zweiten Bande von Menschliches, Allzumenschliches) von dieser Zeit, zitterte ich: nicht lange darauf, und ich war krank, mehr als krank, nmlich mde, aus der unaufhaltsamen Enttuschung ber Alles, was uns modernen Menschen zur Begeisterung brig blieb-- --. Aber nicht als einen Klagenden sehen wir ihn sich durch die Trmmer hindurchkmpfen,--und mit Recht bezeichnet er dies als den Reiz jener Schriften: dass hier ein Leidender und Entbehrender redet, wie als ob er _nicht_ ein Leidender und Entbehrender sei. (Ebendaselbst.) Immer wieder wird er zu einem Neu-Schaffenden und Neu-Entdeckenden. Tief unter die Trmmerwelt steigt er hinab, er untergrbt und unterwhlt noch ihre letzten Fundamente und spht mit nachtgewhntem Auge nach den verborgenen Schtzen und Heimlichkeiten des Erdinnern aus. Ein zweiter Trophonius, listig aus-und einschlpfend, weiss er auch aus der Tiefe noch Aufschluss zu geben ber die Welt da droben und ihr Rthsel zu deuten. So sehen wir ihn: einen Unterirdischen, an der Arbeit, einen Bohrenden, Grabenden, Untergrabenden,-- --wie er langsam, besonnen, mit sanfter Unerbittlichkeit vorwrts kommt, ohne dass die Noth sich allzusehr, verriethe, welche jede lange Entbehrung von Licht und Luft mit sich bringt. Und darber kommt uns jene zuversichtliche Frage, mit der er selbst auf diese Jahre zurckblickte, und die die Betrachtung seiner ferneren Entwicklungsgeschichte uns beantworten soll: --Scheint es nicht, dass-- -- --er vielleicht seine eigne lange Finsterniss haben will, sein Unverstndliches, Verborgenes, Rtselhaftes, weil er weiss, was er auch haben wird: seinen eignen Morgen, seine-eigne Erlsung, seine eigne Morgenrte?... (Einfhrende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenrte.) [Illustration] [Illustration] [Illustration] [Illustration] Mit solchen Gefhlen von Selbstmitleid und Selbstbewunderung blickte Nietzsche auf die Geistesperiode zurck, vor welcher wir nunmehr stehen. Wir sehen: das Charakterische sind von vornherein die Kmpfe und Wunden, die es ihn kostete, sich die neue Weltanschauung anzueignen; es ist das tiefe Erkranken an ihr, aus dem er sich alsdann seine neue Gesundheit schuf. Seine Originalitt musste sich daher zunchst viel weniger in den Einsichten und Theorien selbst aussprechen, die sich ihm damals erschlossen, als vielmehr in der Kraft, mit der er sich vom alten Ideal losriss, um sie erfassen zu knnen. Er gelangte eben nicht wie die Meisten zum Bewusstsein erhhter Selbstndigkeit und eigenster Geistesthtigkeit auf Grund einer intellectuellen Entwicklung, die uns gleichgiltig und kalt stimmt gegenber den verlassenen unreiferen Gedanken. Er gelangte dazu nur durch eine gewaltsame Emprung gegen das Ehemalige, wobei die intellectuellen Grnde den Gesinnungswechsel weniger bedingten als begleiteten. Daher sehen wir anfnglich immer, dass Nietzsche die neuen Gedanken in einer gewissen Unselbstndigkeit so hinnimmt, wie er sie gerade vorfindet,--dass er sie zunchst wieder kritiklos empfngt; denn seine ganze Kraft ist inzwischen vollstndig in Anspruch genommen von den allerinnerlichsten Erlebnissen, und die neuen Theorien als solche bilden,--um einen Lieblingsausdruck von Nietzsche zu gebrauchen,--nur eine vorlufige Vordergrundsphilosophie, whrend im verborgenen Hintergrnde, den Kmpfen des Seelenlebens, sich der eigentlich entscheidende Process abspielt. Je fester er mit dem Alten verwachsen ist, je gewaltsamer der Sprung ins Neue eine vollstndige Entwurzelung aus dem heimischen Geistesboden verlangt, desto tiefer ist die innere Bedeutung der Wandlung. So kann man in gewissem Sinne sagen, dass gerade die scheinbare innere Unselbstndigkeit, mit welcher Nietzsche sich einer fremden Denkweise vorlufig hingiebt, eine Kraft heroischester Selbstndigkeit verbrgt. Whrend die theuersten Gedanken ihn heimlocken, berlsst er sich wehrlos Gedankenkreisen, denen gegenber er sich noch als Fremdling, ja insgeheim noch als Gegner fhlt,--aber mit jenem schnen Wort im Herzen: Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,--aber auch deine Niederlage ist nicht mehr deine Angelegenheit. (Morgenrthe 370 Inwiefern der Denker seinen Feind liebt.) Man muss dies im Auge behalten, wenn man Nietzsches unvermitteltem Gesinnungswechsel gerecht werden und die Entstehung seines positivistischen Erstlingswerkes begreifen will,--dieses Werkes, welches so berraschend und unerwartet seinem Geiste entsprang. Erst im Jahre 1876 war die letzte der Unzeitgemssen Betrachtungen, das in berstrmender Begeisterung geschriebene Bchlein Richard Wagner in Bayreuth, erschienen, und schon in dem Winter 1876/1877 entstand die erste seiner Aphorismensammlungen: _Menschliches, Allzumenschliches_. Ein Buch fr freie Geister. (Dem Andenken Voltaire's geweiht zur Gedchtniss-Feier seines Todestages, des 30. Mai 1778) nebst einem Anhang: Vermischte Meinungen und Sprche. (Verlag von Ernst Schmeitzner, Chemnitz, 1878.) Von keinem Buche gilt mit grsserm Recht das Wort, das er ber die Werke dieser Periode schrieb: Meine Schriften reden _nur_ von meinen _Ueberwindungen_: ich bin darin, mit Allem, was mir feind war.-- -- --Einsam nunmehr,-- --nahm ich-- --Partei _gegen_ mich und _fr_ Alles, was gerade mir wehe that und hart fiel. (Einfhrende Vorrede zur Neuen Ausgabe von Menschliches, Allzumenschliches II, VIII.) Jenes Werk spiegelt den damaligen Zustand seines Geistes so deutlich wieder, dass es zwei vllig von einander verschiedene Bestandtheile zu enthalten scheint: einerseits den noch unselbstndigen Positivisten Nietzsche, der uns in den neu bernommenen Theorien fast nichts Eigenes giebt, sondern uns nur darber orientirt, wo er sich jetzt befindet,--in welche neue Haut er sich fast passiv hat kleiden lassen; andererseits den Kmpfer und Dulder Nietzsche, der sich entschlossen von den ehemaligen Idealen losringt und uns in diesem Kampfe eine ergreifende Flle des originalsten Gedankenlebens durch die Inbrunst offenbart, mit welcher er sich gegen sein eigenes altes Selbst wehrt und sich selbst verwundet. Hieraus erklrt sich auch die Leidenschaftlichkeit und Rcksichtslosigkeit der Angriffe, die er gegen Wagner und dessen Ansichten richtet. Niemand ist weniger fhig zu ruhig abwgender Gerechtigkeit als der, welcher seinen Ueberzeugungswechsel gerade vollzieht,--und dies nicht aus rein intellectuellen Grnden, sondern selber aus der Tiefe des Menschlichen, Allzumenschlichen seiner eigenen Natur heraus. Keinen Gedanken schleudern wir so weit, so heftig von uns fort, als denjenigen, von dem wir uns soeben erst in schmerzlichem Widerstreit getrennt haben, und vor dem wir noch verletzt und erschttert, voll geheimer Wunden, die unser Stolz verbirgt, dastehen: es ist Hass darin als ein Nachklang unvergesslicher Liebe. Durchaus bezeichnend fr das Jhe und Innerliche der Wandlung Nietzsches ist es, dass sie auch diesmal ihren Ausgang von einem _persnlichen Verhltniss_ nahm. Wie der bitterste Stachel im Kampf gegen das alte Erkenntnissideal ein Freundschaftsbruch war, so verkrperte sich fr Nietzsche auch der neue Erkenntnisstypus wiederum in einer Persnlichkeit. Je leidensvoller die Einsamkeit, in welche der Freundschaftsbruch ihn zurckwarf, desto mehr Innigkeit gewann Nietzsches Beziehung zu Paul Re, denn fr einen solchen Einsamen ist der Freund ein kstlicherer Gedanke als fr die Vielsamen, wie er Re einmal schreibt. (31. October 1880, aus Italien.) War sein Verhltniss zu Richard Wagner durch die Ausschliesslichkeit gekennzeichnet, mit der Nietzsche in ihm aufging und zu ihm aufsah: durch seine _Jngerschaft_,--so bildet sein Freundschaftsbund mit Re mehr eine geistige _Genossenschaft_, die selbst dadurch nicht behindert wurde, dass die Freunde fern von einander lebten, und Re nur zeitweise seinen Wohnsitz in Westpreussen verlassen konnte, um mit Nietzsche an verschiedenen Orten zusammenzutreffen. Schon am 19. November 1877 klagt Nietzsche von Basel aus, wo er noch im Kreise von Gesinnungsgenossen lebte, ber diese Entfernung, welche ihn, infolge einer Erkrankung Res, fr lngere Zeit vom Freunde getrennt hielt: Mge ich bald von Ihnen, mein Freund, hren, dass die bsen Krankheitsgeister ganz von Ihnen gewichen sind; dann bliebe mir fr Ihr neues Lebensjahr nichts zu wnschen brig, als dass Sie bleiben, der Sie sind und dass Sie mir bleiben, der Sie im letzten Jahre waren,-- -- -- -- -- -- -- --ich muss Ihnen doch sagen, dass ich in meinem Leben noch nicht so viel Annehmlichkeiten von der Freundschaft gehabt habe, wie durch Sie in diesem Jahre, gar nicht von dem zu reden, was ich von Ihnen gelernt habe. Wenn ich von Ihren Studien hre, so wssert mir immer der Mund nach Ihrem Umgnge; wir sind geschaffen dafr, uns gut zu verstndigen, ich glaube, wir finden uns immer auf dem halben Wege schon, wie gute Nachbarn, die immer zur gleichen Zeit den Einfall haben, sich zu besuchen, und sich auf der Grenze ihrer Besitzungen einander entgegenzukommen. Vielleicht steht es ein wenig mehr in Ihrer Gewalt, als in meiner, die grosse rumliche Entfernung zu berwinden; darf ich in dieser Beziehung fr das neue Jahr hoffen? Ich selber bin gar zu elend und gebrechlich daran, als dass ich nicht um die beste Freude, die es giebt, bitten drfte, selbst wenn die Bitte unbescheiden ist--ein gutes Gesprch unter uns ber menschliche Dinge, ein persnliches Gesprch, nicht ein briefliches, zu dem ich immer untauglicher werde.-- -- -- -- -- Je mehr Nietzsches krperliches Leiden ihn in die Einsamkeit zwang, je einsiedlerischer, fern von allen Menschen, er leben musste, um dieses Leiden ertragen zu knnen, desto sehnschtiger verlangt er nach dem Freunde, der seine Einsamkeit zur Zweisamkeit machen solle: Zehnmal tglich wnsche ich bei Ihnen, mit Ihnen zu sein. (Brief aus Basel, December 1878.) Immer knpfe ich im Geist meine Zukunft mit der Ihrigen zusammen. (Aus Genf, Mai 1879.) Viele Wnsche habe ich aufgeben mssen, aber noch niemals _den_, mit Ihnen zusammenzuleben,--mein Garten Epikurs. (Aus Naumburg, den letzten October 1879.) Die heftigen Schmerzen und Anflle, unter denen Nietzsche litt, weckten damals Todesgedanken in ihm, und diese geben einem jeden Wiedersehen eine besonders tief empfundene Bedeutung. Wie viel Freude haben Sie min gemacht, mein lieber, ausserordentlich lieber Freund! ruft er nach einem solchen aus. Also ich habe Sie noch einmal gesehen und so gefunden, wie mein Herz mir die; Erinnerung bewahrt hatte; wie ein bestndiger, angenehmer Rausch wars, diese Tage hindurch. Ich gestehe Ihnen, ich hoffe nicht mehr auf ein Wiedersehn, die Erschtterung meiner Gesundheit ist zu tief, die Qual zu anhaltend, was ntzt mir alle Selbstberwindung und Geduld! Ja, in Sorrentiner Zeiten gab es noch zu hoffen, aber das ist vorbei. So preise ich denn, Sie gehabt zu haben, mein herzlich geliebter Freund.-- -- -- Die beiden Freunde gelangten in diesen Jahren zu um so bereinstimmenderen Ansichten, als ihre Studien vielfach gemeinsame waren. Re vermittelte Nietzsche meistens die Bcher, deren er bedurfte, las dem Augenleidenden vor und lebte mit ihm in einem stndigen, theils brieflichen, theils persnlichen Verkehr und Gedankenaustausch. Mein geliebter Freund! schreibt Nietzsche nach einer etwas lnger whrenden Trennung, Fr unser Zusammensein,-- falls ich dieses Glck doch noch erleben sollte, ist viel in mir prparirt. Auch ein Kistchen Bcher steht fr jenen Augenblick bereit, Realia betitelt, es sind gute Sachen darunter, ber die Sie sich freuen werden. Knnen Sie mir ein lehrreiches Buch, womglich englischer Abkunft,[7] aber ins Deutsche bersetzt und mit mit gutem, grossem Druck zusenden?--Ich lebe ganz ohne Bcher, als Sieben-Achtel-Blinder, aber ich nehme gern die verbotene Frucht aus Ihrer Hand.--Es lebe das Gewissen, weil es nun eine Historie haben wird und mein Freund an ihm zum Historiker geworden ist! Glck und Heil auf Ihren Wegen. Von Herzen Ihnen nahe Ihr Friedrich Nietzsche. So schreibt er dem Freunde immer wieder, in verschiedenen Wendungen: Bei allem Guten, das Sie thun oder Vorhaben, wird auch fr mich der Tisch gedeckt und mein Appetit ist sehr lebendig nach _Realismus_, das wissen Sie! So wurde denn der Realismus die ursprngliche Form, in der Nietzsche den philosophischen Realismus in sich aufnahm und den alten Idealismus begrub. Schon das anonym erschienene kleine Erstlingswerk Res (Berlin, Carl Duncker, 1875), dessen _Psychologische Beobachtungen_-- Sentenzen im Geist und Stil La Rochefoucaulds-- schtzte Nietzsche nicht nur, sondern er berschtzte es sogar, wie ein noch jetzt erhaltener Brief an den Verfasser bekundet. Res Lieblingsautoren wurden nun auch die seinigen: die franzsischen Aphoristiker, die La Rochefoucauld, La Bruyre, Vauvenargues, Chamfort, beeinflussten um diese Zeit ausserordentlich Nietzsches Stil und Denken. Von den philosophischen Schriftstellern Frankreichs bevorzugte er mit Re, Pascal und Voltaire, von den Novellisten Stendhal und Mrime. Von ungleich tieferer Bedeutung war jedoch fr ihn Res zweites Werk _Der Ursprung der moralischen Empfindungen_ (Chemnitz, Ernst Schmeitzner, 1877)[8], das fr die nchste Zeit gewissermassen Nietzsches positivistisches Glaubensbekenntnis bildete. Dadurch wurde er zu den englischen Positivisten gefhlt, an die Re sich angeschlossen hatte, und die auch Nietzsche bald allen hnlichen deutschen Werken vorzog. Die Hauptanziehungskraft, die der Positivismus auf ihn ausbte, lag vornehmlich in der Beantwortung jener einen Frage, die Re in seinem Buch behandelte, der Frage nach der Entstehung des moralischen Phnomens. Fr Re fiel sie zusammen mit der Frage _nach den Grnden der Sanction_ altruistischer Empfindungen; seine Untersuchungen richteten sich hauptschlich gegen die ethischen Systeme der bisherigen Metaphysik. Da nun die Ethik Wagners und Schopenhauers auf dem Altruismus und dessen metaphysischem Gefhlswerth fusst, so musste Nietzsche gerade in Res Buch die geeignetesten Waffen zu seinem Kampf gegen die verlassene Weltanschauung finden. Der Ursprung der moralischen Empfindungen wurde der eigentliche Gegenstand seiner Forschung, und man kann sein Erstlingswerk kurz als den Versuch bezeichnen, zur vollen Einsicht in die Nichtigkeit seiner ehemaligen Ideale zu gelangen durch die Einsicht in ihre _Entstehungsgeschichte_. Auf diesem Wege wird sein gesammtes Philosophiren zu einer Analyse und Geschichte menschlicher Vorurtheile und Irrthmer; der Metaphysiker wird zum Psychologen und Historiker und stellt sich auf den Boden eines nchternen und consequenten Positivismus. Er schloss sich aufs Engste der englischen positivistischen Schule an in ihrer bekannten Zurckfhrung der moralischen Werthurtheile und Phnomene auf den _Nutzen_, die _Gewohnheit_ und das _Vergessen_ der ursprnglichen Ntzlichkeitsgrnde; es bedarf daher keiner besonderen Erluterung seiner Theorien; es gengt auf die Richtung hinzuweisen, welcher er sie entnahm. Man vergleiche Stellen wie die folgende in Menschliches, Allzumenschliches: Die Geschichte der-- -- --moralischen Empfindungen verluft in folgenden Hauptphasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen gut oder bse ohne alle Rcksicht auf deren Motive, sondern allein der ntzlichen oder schdlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man die Herkunft dieser Bezeichnungen und whnt, dass den Handlungen an sich, ohne Rcksicht auf deren Folgen, die Eigenschaft gut oder bse innewohne. (I 39). Wie wenig moralisch she die Welt ohne die Vergesslichkeit aus! Ein Dichter knnte sagen, dass Gott die Vergesslichkeit als Thrhterin an die Tempelschwelle der Menschenwrde hingelagert habe. (I 92). Den Weg, auf dem die sogenannte Moralitt der Handlungen entstanden ist, kann man mit den Worten bezeichnen:--_jetzt_ aus Gewohnheit, Vererbung und Anerziehung, _ursprnglich_, weil (es)--_ntzlicher_ und _ehrebringender_ ist. (II 26). Ferner, Der Wanderer und sein Schatten (40): Die Bedeutung des Vergessens in der moralischen Empfindung: Die selben Handlungen, welche innerhalb der ursprnglichen Gesellschaft zuerst die Absicht auf gemeinsamen Nutzen eingab, sind spter von anderen Generationen auf andere Motive hin gethan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor Denen, die sie forderten und anempfablen, oder aus Gewohnheit, weil man sie von Kindheit an um sich hatte thun sehen, oder aus Wohlwollen, weil ihre Ausbung berall Freude und zustimmende Gesichter schuf, oder aus Eitelkeit, weil sie gelobt wurden. Solche Handlungen, an denen das Grundmotiv, das der Ntzlichkeit, _vergessen_ worden ist, heissen dann _moralische_. Der Inhalt unseres Gewissens ist Alles, was in den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmssig _gefordert_ wurde (52), indem dem einzelnen Menschen das, was in der Geschichte der Menschheit in der bezeichneten Weise entstanden ist, berliefert wird als eine Summe religis sanctionirter und festgeprgter Pflichtbegriffe. Die Sitte resprsentirt die Erfahrungen frherer Menschen ber das vermeintlich Ntzliche und Schdliche,--aber _das Gefhl fr die Sitte_ (Sittlichkeit) bezieht sich nicht auf jene Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die Indiscutabilitt der Sitte. (Morgenrthe 19). So zieht sich durch das ganze Werk hindurch, was schon der Titel charakteristisch andeutet: die Gedankenarbeit der Zerstrung, die rcksichtslose Blosslegung der Allzumenschlichkeit dessen, was bisher heilig, ewig, bermenschlich hiess. Um zu sehen, mit welcher schroffen Einseitigkeit und Uebertreibung sich Nietzsche hier gegen sich selbst wandte, lohnt es die Mhe, seinen nunmehrigen Anschauungen in Bezug auf diejenigen vier Punkte nachzugehen, die in seiner vorhergehenden philosophischen Periode eine entgegengesetzte Deutung erfahren hatten: in Bezug auf die Bedeutung des Dionysischen, des Dekadenz-Begriffs, des Unzeitgemssen, und des Geniecultus. An Stelle des Dionysos steht hier der frher so viel geschmhte Sokrates als Schirmherr und Tempelhter des neuen Wahrheitstempels da. Wenn Alles gut geht, wird die Zeit kommen, da man, um sich sittlich-vernnftig zu frdern, lieber die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt, als die Bibel, und wo Montaigne und Horaz als Vorlufer und Wegweiser zum Verstndniss des einfachsten und unvergnglichsten Mittler-Weisen, des Sokrates, benuzt werden. Zu ihm fhren die Strassen der verschiedendsten philosophischen Lebensweisen zurck, welche im Grunde die Lebensweisen der verschiedenen Temperamente sind, festgestellt durch Vernunft und Gewohnheit und allesammt mit ihrer Spitze hin nach der Freude am Leben und am eignen Selbst gerichtet.-- -- -- (Der Wanderer und sein Schatten 86). Dieser Sieg des Sokratischen, der Vernunft und weisen Leidenschaftslosigkeit, ber das Dionysische, ber die Affectsteigerung und den selbstvergessenen Lebensrausch, gipfelt in dem Satz, dass der wissenschaftliche Mensch die Weiterentwickelung des knstlerischen (Menschliches, Allzumenschliches I 222), und alles dessen sei, was auf dem Rausch anstatt auf der Einsicht beruht, denn: an sich ist-- --der Knstler schon ein zurckbleibendes Wesen. (Menschliches, Allzumenschliches I 159). Daher bedeutete fr Griechenland das Aufkommen des sokratischen Geistes einen _ungeheuren Fortschritt_. Die Formen aus der Fremde entlehnen, nicht schaffen, aber zum schnsten Schein umbilden--das ist griechisch: nachahmen, nicht zum Gebrauch, sondern zur knstlerischen Tuschung,-- -- --ordnen, verschnern, verflachen--so geht es fort von Homer bis zu den Sophisten des dritten und vierten Jahrhunderts der neuen Zeitrechnung, welche ganz Aussenseite, pomphaftes Wort, begeisterte Gebrde sind und sich an lauter ausgehhlte, schein-, klang- und effect-lsterne Seelen wenden.--Und nun wrdige man die Grsse jener Ausnahme Griechen, welche die _Wissenschaft_ schufen. Wer von ihnen erzhlt, erzhlt die heldenhafteste Geschichte des menschlichen Geistes! (Menschliches, Allzumenschliches II 221; Vergleiche auch Morgenrthe 544 ber das damalige Jauchzen ber die neue Erfindung des _vernnftigen_ Denkens.) Die _Abkunft alles Gefhlsmssigen_ von _Urtheilen_ und _ursprnglichen Gedankenschlssen_ wird deshalb Denen entgegengestellt, die dem Affectleben als dem hchsten Leben das Wort reden. --Gefhle sind nichts Letztes, Ursprngliches, hinter den Gefhlen stehen Urtheile und Werthschtzungen, welche in der Form von Gefhlen uns vererbt sind. _Die Inspiration, die aus dem Gefhle stammt, ist das Enkelkind eines Urtheils--und oft eines falschen!--und jedenfalls nicht deines eigenen! Seinem Gefhle vertrauen--das heisst seinem Grossvater und seiner Grossmutter und deren Grosseltern mehr gehre hen als den Gttern, die in uns sind: unserer Vernunft und unserer Erfahrung._ (Morgenrthe 35). Die edlen Schwrmer, welche die Unterordnung des Fhlens unter das vernnftige Denken zu verhindern suchen, verfhren dadurch zu einer _Lasterhaftigkeit des Intellectes._ (Morgenrthe 543). _Diesen schwrmerischen Trunkenbolden_ verdankt die Menschheit viel bles:-- -- --Zu alledem pflanzen jene Schwrmer mit allen ihren Krften den Glauben _an den Rausch als an das Leben im Leben_: einen furchtbaren Glauben! _Wie die Wilden jetzt schnell durch das Feuerwasser verdorben werden und zu Grunde gehen, so ist die Menschheit_-- -- --_langsam und grndlich durch die geistigen Feuerwsser trunken machender Gefhle_-- -- --_verdorben worden:_ (Morgenrthe 50).-- -- --daran denken sie nicht, dass die _Erkenntniss_ auch der hsslichsten Wirklichkeit schn ist,-- -- --Das Glck der Erkennenden mehrt die Schnheit der Welt-- -- --;-- --zwei so grundverschiedene Menschen, wie Plato und Aristoteles, kamen in dem berein, was _das hchste Glck_ ausmache,-- --: sie fanden es im _Erkennen_, in der Thtigkeit eines wohlgebten findenden und erfindenden _Verstandes_ (_nicht_ etwa in der Intuition, _nicht_ in der Vision, und ebenfalls _nicht_ im Schaffen,--)-- (Morgenrthe 550). Damit fllt der bisherige Genie-Cultus:[9] Ach, um den wohlfeilen Ruhm des Genie's! Wie schnell ist sein Thron errichtet, seine Anbetung zum Brauch geworden! Immer noch liegt man vor der Kraft auf den Knieen--nach alter _Sclaven-Gewohnheit_ --und doch ist, wenn der Grad von _Verehrungswrdigkeit_ festgestellt werden soll, nur _der Grad der Vernunft in der Kraft_ entscheidend. (Morgenrthe 548).--Es ist die Zeit angebrochen fr die strengen und schlichten Geister, die bermssige Verherrlichung der knstlerischen Genialitt steht der fortschreitenden Vermnnlichung der Menschheit entgegen. (Menschliches, Allzumenschliches I 147). Scheinbar kmpft das Genie wohl fr die hhere Wrde und Bedeutung des Menschen, es will sich die glnzenden, tiefsinnigen Deutungen des Lebens durchaus nicht nehmen lassen und wehrt sich gegen nchterne, schlichte Methoden und Resultate, anstatt zurckzutreten gegenber der hherstehenden wissenschaftlichen Hingebung an das Wahre in jeder Gestalt, erscheine diese auch noch so schlicht. (Menschliches, Allzumenschliches I 146). Wenn man die sogenannte Inspiration untersucht, so zeigt sich, dass nicht so sehr das Wunder einer zeugenden Phantasie, sondern ebenfalls nur die Urtheilskraft sichtend, ordnend, whlend, das Kunstwerk erzeugt,--wie man jetzt aus den Notizbchern Beethoven's ersieht, dass er die herrlichsten Melodien allmhlich zusammengetragen und aus vielfachen Anstzen gewissermaassen ausgelesen hat.-- -- -- -- --die knstlerische Improvisation steht tief im Verhltniss zum ernst und mhevoll erlesenen Kunstgedanken. (Menschliches, Allzumenschliches I 155) Daher ist Genie in viel hherem Grade _erlernbar_, als meist angenommen wird: Redet nur nicht von Begabung, angeborenen Talenten! Es sind grosse Mnner aller Art zu nennen, welche wenig begabt waren. Aber sie _bekamen_ Grsse, wurden Genie's,-- -- --: sie hatten Alle jenen tchtigen Handwerker-Ernst, welcher erst lernt, die Theile vollkommen zu bilden, bis er es wagt, ein grosses Ganzes zu machen; sie gaben sich Zeit dazu, weil sie mehr Lust am Gutmachen des Kleinen, Nebenschlichen hatten, als an dem Effecte eines blendenden Ganzen. (Menschliches, Allzumenschliches I 163). Der Drang, das Wunder der Genialitt zu erklren und herabzusetzen, ist hier, wo es in Nietzsches Gedanken dem Wagner-Wunder gilt, ebenso stark, wie spter, in seiner letzten Geistesperiode, der Drang, dem Genie--diesmal dem _eigenen_ Genie--das Wort zu sprechen und es auf das hchste zu glorificiren. Hier erscheint ihm sogar jede wahrhafte Grsse als ein Verhngniss, weil sie _viele schwchere Krfte_ und _Keime zu erdrcken_ sucht, whrend es nur gerecht und wnschenswerth sei, dass nicht nur einzelne Grosse leben, sondern dass ebenfalls den _schwcheren und zarteren Naturen auch Luft und Licht gegnnt_ (Menschliches, Allzumenschliches I 158) werde. Das Vorurtheil zu Gunsten der Grsse: Die Menschen berschtzen ersichtlich alles Grosse und Hervorstechende.-- -- --Die extremen Naturen erregen viel zu sehr die Aufmerksamkeit; aber es ist auch eine viel geringere Cultur nthig, um von ihnen sich fesseln zu lassen. (Menschliches, Allzumenschliches I 260). Er findet nicht Worte genug, um den Hochmuth derer zu geissein, die sich von der Allgemeinheit ausgenommen wissen wollen: es ist Phantasterei, von sich zu glauben, dass man eine Meile Wegs voraus sei und dass die gesammte Menschheit _unsere_ Strasse ziehe. Man soll der hochmthigen Vereinsamung nicht so leicht das Wort reden (Menschliches, Allzumenschliches I 375). Denn diese Phantasterei beruht meistens auf einer eitlen Selbsttuschung ber die Motive unseres Thuns und Lassens; der wahre Denker weiss, dass eine so starke Betonung der Rangunterschiede unter den Menschen unberechtigt ist, und dass das Menschliche, selbst in seinen edelsten und hchsten Regungen, noch ein Allzumenschliches bleibt. Kraft dieser Einsicht ist er imstande, sich mit allen Uebrigen auf Eine Stufe zu stellen und sich gerade dadurch denkend ber sein eignes unzulngliches Wesen zu erheben. Vielleicht, dass es eine Zukunft giebt, wo dieser Muth des Denkens so angewachsen sein wird, dass er als der usserste Hochmuth sich _ber_ den Menschen und Dingen fhlt,--wo der Weise als der am meisten Muthige _sich selber_ und das Dasein am meisten _unter sich_ sieht? (Morgenrthe 551). Deshalb besitzt der Weise die Neigung, die menschlichen Handlungen auf ihre Allzumenschlichkeit zu prfen: Man wird selten irren, wenn man extreme Handlungen auf Eitelkeit, mittelmssige auf Gewhnung und kleinliche auf Furcht zurckfhrt. (Menschliches, Allzumenschliches 174). Die Bedeutung der Eitelkeit als eines Hauptmotivs der menschlichen Handlungen wird immer neu betont und erwogen,--wie ihr auch in _Res_ Buch ein besonderes Capitel gewidmet war. Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewhnlich in so brutaler Form, dass er instinctiv vor ihr das Auge schliesst, um sich nicht verachten zu mssen. (Menschliches, Allzumenschliches II 38). Wie arm wre der menschliche Geist ohne die Eitelkeit! (Menschliches, Allzumenschliches I 79). Die Eitelkeit, das menschliche Ding an sich. (Menschliches, Allzumenschliches II 46). Die rgste Pest knnte der Menschheit nicht so schaden, als wenn eines Tages die Eitelkeit aus ihr entschwnde. (Der Wanderer und sein Schatten 285). Denn auch das, was wir uns gewhnt haben, fr Kraftgefhl und Machtbewusstsein inneren hchsten Werthes anzusehen, ist meistens nur ein Ausfluss der Eitelkeit, sich hervorzuthun. Der Mensch will fr mehr gelten, als er eigentlich seiner Kraft nach zu gelten berechtigt ist. Er merkt zeitig, dass nicht Das, was er _ist_, sondern Das, was er gilt, ihn trgt oder niederwirft: hier ist der Ursprung der _Eitelkeit_. (Der Wanderer und sein Schatten 181. Die Eitelkeit als die grosse Ntzlichkeit.),--wo Nietzsche den _Mchtigen_ gleichsetzt mit dem Eitlen, Listigen, Klugen, der die eigne Furchtsamkeit und Wehrlosigkeit dadurch verbirgt, dass er sich Ansehen verschafft. Die einschlgigen Aussprche stehen im schrfsten Gegensatz zu seiner sptem Anschauung der Sklaven- und Herrennaturen, sowie der ursprnglichen Gemeinwesen. (Vergl. auch den Aphorismus Eitelkeit als Nachtrieb des ungesellschaftlichen Zustandes in Der Wanderer und sein Schatten 31.) Die Eitelkeit schwindet in dem Maasse, als sich der hher stehende Mensch der Gleichheit oder doch der Aehnlichkeit menschlicher Motive bewusst wird und sich selbst in der ihn allen Andern gleichstellenden Allzumenschlichkeit seiner Triebe erkennt. Der einzige wahrhaft werthbestimmende Unterschied zwischen den Menschen liegt ausschliesslich in der Art und dem Grade ihres intellectuellen Vermgens; die Menschen _veredeln_ heisst demnach nichts anderes, als _Einsicht_ unter sie tragen. Selbst das, was vom moralischen Standpunkt aus als _bse_ bezeichnet wird, erweist sich meistens als bedingt durch geistige Verkmmerung und Verrohung. Viele Handlungen werden bse genannt und sind nur dumm, weil der Grad der Intelligenz, welcher sich fr sie entschied, sehr niedrig war. (Menschliches, Allzumenschliches I 107). Die Unfhigkeit, den Schaden oder das Weh, welches man Andern zufgt, richtig zu taxiren, lsst den sogenannten Verbrecher, den in seiner Geistesentwickelung Zurckgebliebenen, als besonders grausam und herzlos erscheinen. Ob der Einzelne den Kampf um das Leben so kmpft, dass die Menschen ihn _gut_, oder so, dass sie ihn _bse_ nennen, darber entscheidet das Maass und die Beschaffenheit seines Intellects. (Menschliches. Allzumenschliches I 104). Die Menschen, welche jetzt grausam sind, mssen uns als Stufen _frherer Culturen_ gelten,------. Es sind _zurckgebliebene_ Menschen, deren Gehirn, durch alle mglichen Zuflle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und vielseitig fortgebildet worden ist. (Menschliches, Allzumenschliches I 43). Es sind die Menschen des Niedergangs. Je vorgeschrittener aber ein Mensch, desto mehr verfeinert, mildert, ja verdnnt sich gewissermassen die rohe Instinctkraft der ursprnglichen Leidenschaften, aus der noch die Handlungen des Zurckgebliebenen quellen.--Gute Handlungen sind sublimirte bse; bse Handlungen sind vergrberte, verdummte, gute. -- -- --Die Grade der Urtheilsfhigkeit entscheiden, wohin Jemand sich-- -- --hinziehen lsst.-- -- -- --Ja, in einem bestimmten Sinne sind auch jetzt noch _alle_ Handlungen dumm, denn der hchste Grad von menschlicher Intelligenz-- -- --wird sicherlich noch berboten werden: und dann-- -- --wird der erste Versuch gemacht, ob die Menschheit aus einer moralischen sich in eine _weise Menschheit umwandeln knne_. (Menschliches, All-zurnenschliches I 107). Ihr Merkzeichen aber wird sein, dass in den Menschen der gewaltthtige Instinct schwcher, die Gerechtigkeit in Allen grsser wird, Gewalt und Sclaverei aufhrt. (Menschliches, Allzumenschliches I 452). Beneidenswerth sind Diejenigen, in denen sich durch generationenlange Gewhnung ein milder, mitleidsvoller und liebevoller Sinn vererbt hat: _Die Herkunft von guten Ahnen macht den chten Geburtsadel aus; eine einzige Unterbrechung in jener Kette, Ein bser Vorfallr also hebt den Geburtsadel auf. Man soll Jeden, welcher von seinem Adel redet, fragen: hast du keinen gewaltthtigen, habschtigen, ausschweifenden, boshaften, grausamen Menschen unter deinen Vorfahren_? Kann er darauf in gutem Wissen und Gewissen mit Nein antworten, so bewerbe man sich um seine Freundschaft. (Menschliches, Allzumenschliches I 456). Das beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: beim Erwachen daran zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tage eine Freude machen knne. Wenn dies als ein Ersatz fr die religise Gewhnung gelten drfte, so htten die Menschen einen Vortheil bei dieser Aenderung. Und diese Verherrlichung der zarten und mitleidigen Regungen auf Kosten nicht nur der brutalen Roheit, sondern auch der begeisterten Leidenschaft des religisen oder knstlerischen Rausches klingt aus in der schnen Begrndung der Religionslosigkeit: Es ist nicht genug Liebe und Gte in der Welt, um noch davon an eingebildete Wesen wegschenken zu drfen. (Menschliches, Allzumenschlichen 1129).[10] Wir werden spter sehen, wie stark sich Nietzsches letzte Philosophie gegen diese Auffassung der Mitleids Moral und der Abschwchung des Instinctlebens richtet, Und wie ihm nur derjenige der hchststehende Mensch heissen wird, der die ganze Flle der leidenschaftlichen Triebe und Instincte in sich birgt,--also der bse Mensch. Noch ist ihm aber ausserhalb der Gte und Selbstlosigkeit kein Menschenwerth denkbar, weil nur diese die Ueberwindung der thierischen Vergangenheit darstellen. Deshalb sollte man den Weisen allein zugleich gut nennen, nicht weil er anders geartet ist als der Unweise, sondern weil die ursprngliche menschliche Beschaffenheit in ihm vergeistigt und dadurch die Wildheit in seinen Anlagen besnftigt worden ist (Menschliches, Allzumenschliches I 56). Die volle Entschiedenheit des Denkens und Forschens, also die Freigeisterei, zur Eigenschaft des Charakters geworden, macht im Handeln massig: denn sie schwcht die Begehrlichkeit (Ebendaselbst 464). Dabei verschwindet immer mehr-- -- --die bermssige Erregbarkeit des Gemthes. Er (der Weise) geht zuletzt wie ein Naturforscher unter Pflanzen, so unter Menschen herum und nimmt sich selber als ein Phnomen wahr, welches nur seinen erkennenden Trieb stark anregt (Ebendaselbst 254). Alle menschliche Grsse beruht auf einer Verfeinerung des Instinctmssigen; der hchste Mensch entsteht durch das Abstreifen des Thierischen, als ein Nicht-mehr-Thier, rein negativ gedacht; er ist als das dialektische und vernnftige Wesen das Ueber-Thier (Menschliches, Allzumenschliches I 40), in dem sich eine neue Gewohnheit, die des Begreifens, Nicht-Liebens, Nicht-Hassens, Ueberschauens allmhlich anpflanzen kann (Ebendaselbst 107). Ein Ueber-Mensch hingegen, als ein Wesen von _positiven_ neuen und hheren Eigenschaften, galt Nietzsche damals als vollendete Phantasterei und seine Erfindung als der strkste Beweis menschlicher Eitelkeit. Es msste geistigere Geschpfe geben, als die Menschen sind, blos um den Humor ganz auszukosten, der darin liegt, dass der Mensch sich fr den Zweck des ganzen Weltendaseins ansieht, und die Menschheit sich ernstlich nur mit Aussicht auf eine Welt-Mission zufrieden giebt (Der Wanderer und sein Schatten 14). Ehemals suchte man zum Gefhl der Herrlichkeit des Menschen zu kommen, indem man auf seine gttliche _Abkunft_ hinzeigte: diess ist jetzt ein verbotener Weg geworden, denn an seiner Thr steht der Affe, nebst anderem greulichen Gethier, und fletscht verstndnissvoll die Zhne, wie um zu sagen: nicht weiter in dieser Richtung! So versucht man es jetzt in der entgegengesetzten Richtung: der Weg, _wohin_ die Menschheit geht, soll zum Beweise ihrer Herrlichkeit-- -- --dienen. Ach, auch damit ist es Nichts!-- -- -- -- --Wie hoch die Menschheit sich entwickelt haben mge--und vielleicht wird sie am Ende gar tiefer, als am Anfang stehen!--es giebt fr sie keinen bergang in eine hhere Ordnung, so wenig die Ameise und der Ohrwurm am Ende ihrer Erdenbahn zur Gottverwandtschaft und Ewigkeit emporsteigen. Das Werden schleppt das Gewesensein hinter sich her: warum sollte es von diesem ewigen Schauspiele eine Ausnahme geben! Fort mit solchen Sentimentalitten! (Morgenrthe 49). Vermchte ein Mensch das Leben ganz zu erkennen, so msste er am Werthe des Lebens verzweifeln; gelnge es ihm, das Gesammtbewusstsein der Menschheit in sich zu fassen und zu empfinden, er wrde mit einem Fluche gegen das Dasein zusammenbrechen,--denn die Menschheit hat im Ganzen _keine_ Ziele, folglich kann der Mensch-- -- --nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine Verzweiflung (Menschliches, Allzumenschliches I 33). Daher lautet der erste Grundsatz des neuen Lebens: man soll das Leben auf das Sicherste, Beweisbarste hin einrichten: nicht wie bisher auf das Entfernteste, Unbestimmteste, Horizont-Wolkenhafteste hin (Der Wanderer und sein Schatten 310). Man soll wieder zum guten Nachbar der nchsten Dinge (Der Wanderer und sein Schatten 16) werden und, anstatt im Unzeitgemssen der fernsten Vergangenheit und Zukunft zu schwelgen, die hchsten Erkenntnissgedanken der eigenen Zeit in sich verkrpern. Denn es ist der Menschheit nunmehr, anstelle all jener phantastischen Ziele, die Erkenntnis der Wahrheit als das einzige ungeheure Ziel' (Morgenrthe 45) vor Augen zu stellen. Dem Lichte zu--deine letzte Bewegung; ein Jauchzen der Erkenntniss--dein letzter Laut (Menschliches, Allzumenschliches I 292). Es ist mglich, dass ein solcher berhandnehmender Intellectualismus ihr Glck und ihre Lebensfhigkeit beeintrchtigt, dass er also in einem gewissen Sinne ein Decadenz-Symptom ist,--aber hier deckt sich der Begriff der Decadenz mit dem der edelsten Grsse: Vielleicht selbst, dass die Menschheit an dieser Leidenschaft der Erkenntniss zu Grunde geht!-- -- --Sind die Liebe und der Tod nicht Geschwister?-- --wir wollen Alle lieber den Untergang der Menschheit, als den Rckgang der Erkenntniss! (Morgenrthe 429). Ein solcher Tragdien-Ausgang der Erkenntniss (Morgenrthe 45) wre gerechtfertigt, denn fr sie ist kein Opfer zu gross: Fiat veritas, pereatvita! Dieses Wort fasste damals Nietzsches Erkenntnissideal zusammen,-- dasselbe Wort, gegen das er sich noch kurz zuvor mit der grssten Erbitterung gewendet hatte, und das er nur wenige Jahre spter wieder ebenso heftig bekmpfen sollte, so dass die _Umkehrung_ desselben als die Quintessenz sowohl seiner ursprnglichen als auch seiner spteren Lehre gelten kann. Das _Lebenwollen_ um jeden Preis, auch um den Preis der Lebenserkenntniss, --das ist die neue Lehre, die Nietzsche spter jener Lebensmdigkeit entgegenstellte, deren Einsicht in der Werthlosigkeit alles Geschaffenen gipfelt: In der Reife--des Lebens und des Verstandes berkommt den Menschen das Gefhl, dass sein Vater Unrecht hatte, ihn zu zeugen (Menschliches, Allzumenschliches I 386); denn Jeder Glaube an Werth und Wrdigkeit des Lebens beruht auf unreinem Denken (Ebendaselbst 33). Verfolgt man Nietzsches Gedanken in dieser Gruppe von Werken, so kann man deutlich herausempfinden, unter welchem inneren Zwange er sie zu immer schroffem Consequenzen zuspitzte, und mit welchem Grade von Selbstberwindung dies jedesmal geschah. Aber gerade infolge des _Gegensatzes_, in dem diese Erkenntnissrichtung zu seinem innersten Bedrfen und Verlangen stand, wurde die Erkenntniss der Wahrheit fr ihn zu einem _Ideal_,--gewann sie fr ihn die Bedeutung einer hheren, von ihm selbst unterschiedenen, ihm schlechthin berlegenen Macht. Der Zwang, dem er sich damit unterwarf, befhigte ihn ihr gegenber zu einem enthusiastischen,--fast _religisen_ Verhalten und ermglichte ihm jene 'religis motivirte _Selbstspaltung_, deren Nietzsche bedurfte,--jene Selbstspaltung, durch die der Erkennende auf sein eigenes Wesen und dessen Regungen und Triebe herabblicken kann wie auf ein _zweites_ Wesen. Indem er sich so gleichsam der Wahrheit als einer Idealmacht _opferte_, gelangte er zu einer Affect-Entladung religiser Art, die eine viel intensivere Gluth in ihm erzeugen musste, als sie sich jemals an einer warmen, kampflosen Befriedigung seiner innern Wnsche und Neigungen htte entznden knnen. So erscheint in dieser Periode, paradox genug, sein ganzer Kampf _wider den Rausch_, seine ganze Verherrlichung der Affectlosigkeit lediglich als ein Versuch, sich durch diese Selbstvergewaltigung zu berauschen. Daher vollzog er seine Wandlung in einem ussersten Extrem; ja man knnte sagen: die Energie, mit welcher er sich zu einem lauten, rckhaltlosen Ja! der neuen Denkweise gegenber aufrafft, stelle nur den Gewaltact eines Nein! dar, mit dem er seine eigne Natur und ihre tiefsten Bedrfnisse zu unterjochen strebt. Jene vorurteilslose Klte und Ruhe des Erkennenden, sein Ideal in dieser Geistesperiode, begriff fr ihn eine Art sublimer Selbstfolterung in sich, und er ertrug sie nur, indem er dabei die Leiden seines Seelenlebens entschlossen als eine Krankheit auffasste, als eine von den Krankheiten, in denen Eisumschlge noth thun (Menschliches, Allzumenschliches I 38),--und auch wohl thun,--denn die scharfe Klte ist so gut ein Reizmittel als ein hoher Wrmegrad. Deshalb tritt seine Uebereinstimmung mit R^es Gedankenrichtung nirgends so vollstndig zu Tage als gerade in dem Erstlingswerk Menschliches, Allzumenschliches, zu einer Zeit also, wo er am schwersten unter seiner Trennung von Wagner und dessen Metaphysik litt. Daher Hess er sich in seinem bertriebenen Intellectualismus vielfach von der persnlichen Eigenart Res leiten. Er formte sich auf Grund derselben ein ganz bestimmtes Idealbild, das ihm zur Richtschnur diente: die Ueberlegenheit des Denkers ber den Menschen, die Nichtachtung aller Schtzungen, welche dem Affectleben entspringen, die unbedingte und rckhaltlose Hingabe an die wissenschaftliche Forschung erstand vor ihm als ein _neuer und hherer Typus des erkennenden Menschen_ und verlieh seiner Philosophie ihr eigenthmliches Geprge. Im Bedrfniss, die rein wissenschaftlichen Gedanken, die er dem Positivismus entnahm, in einer menschlichen Form verkrpert zu denken, verfing er sich im Bild einer einzelnen, ganz bestimmten Persnlichkeit, die ihm selbst durchaus entgegengesetzt war, und marterte sich damit, die Zge dieses Bildes noch zu verschrfen. Dass er immer wieder zu seiner Entwickelung der Selbstverneinung, zu seiner Geistessteigerung der freiwilligen Schmerzen bedurfte, erklrt auch hier den scheinbaren Widerspruch, dass er, um seine Selbstndigkeit aus dem Bannkreise Wagners und der Metaphysik zu retten, sich wieder unter fremden Bann stellte, sein Selbst aufzugeben suchte. Denn weder im Charakter der philosophischen Richtung noch in dem des persnlichen Verhltnisses lag eine Veranlassung dazu; die Grnde blieben vielmehr rein innerlicher Natur. Sie allein trieben ihn zum engen Anschluss an einen Andern und dessen Gedanken; sietrieben ihn, gleichsam aus einem Collectivgeist (Menschliches, Allzumenschliches I 180) heraus zu denken und zu schaffen. In diesem Sinne konnte er bei Uebersendung seines Menschlichen, Allzumenschlichen dem Freunde schreiben: Ihnen gehrt's,--den Andern wird's geschenkt! und gleich darauf hinzufgen: Alle meine Freunde sind jetzt einmthig, dass mein Buch von Ihnen geschrieben sei und herstamme: weshalb ich zu dieser neuen Vaterschaft gratulire! Es lebe der Realismus! Es stellte sich eben zwischen den beiden Freunden eine eigenthmliche Art der Ergnzung heraus, die derjenigen ganz entgegengesetzt war, welche einst zwischen Nietzsche und Wagner bestanden hatte. Fr Wagner, als das Kunstgenie, musste Nietzsche der Denker und Erkennende sein, der wissenschaftliche Vermittler der neuen Kunstcultur. Jetzt hingegen war in Re der Theoetiker gegeben, und Nietzsche ergnzte ihn dadurch, dass er die praktischen Consequenzen der Theorien zog und ihre innere Bedeutung fr Cultur und Leben festzustellen suchte. An diesem Punkt, bei der Frage nach dem Werth, schied sich die geistige Eigenart der Freunde. So hrte der Eine da auf, wo der Andere anfing. Re, als Denker von schroffer Einseitigkeit, liess sich durch solche Fragen nicht beeinflussen; ihm ging der knstlerische, philosophische, religise Geistesreichthum Nietzsches ganz ab, dagegen war er von Beiden der schrfere Kopf. Mit Staunen und Interesse sah er, wie seiae fest und sauber gesponaenen Gedankenfden sich unter Nietzsches Zauberhnden in lebendige frischblhende Ranken verwandelten. Fr Nietzsches Werke ist es charakteristisch, dass selbst ihre Irrthmer und Fehler noch eine Flle von Anregung enthalten, die ihre allgemeine Bedeutung erhht, selbst wo jene ihren wissenschaftlichen Werth verringern. Im Gegensatz dazu ist es fr Res Schriften bezeichnend, dass sie mehr Mngel als Fehler besitzen; dies drckt wohl am klarsten aus der Schlusssatz des kurzen Vorwortes zum Ursprung der moralischen Empfindungen: In dieser Schrift sind Lcken, aber Lcken sind besser, als Lckenbsser! Nietzsches geniale Vielseitigkeit hingegen erschliesst neue Einblicke gerade in Gebiete, zu denen der Logik der Schlssel fehlt, in denen diese sich gezwungen sieht, dem Wissen seine Lcken zu lassen. Whrend fr Nietzsche die leidenschaftliche Verschmelzung des Gedankenlebens mit dem gesammten Innenleben charakteristisch war, bildete einen Grundzug von Res geistigem Wesen die schroffe und bis zum Aeussersten gehende Scheidung von Denken und Empfinden. Nietzsches Genialitt entsprang dem lebensvollen Feuer hinter seinen Gedanken, welches sie in einem so herrlichen Lichte ausstrablen liess, wie sie es auf dem Wege der logischen Einsicht allein nicht htten gewinnen knnen; Res Geistesstrke beruhte auf der kalten Unbeeinflussbarkeit des Logischen durch das Psychische, auf der Schrfe und klaren Strenge seines wissenschaftlichen Denkens. Seine Gefahr lag in der Einseitigkeit und Abgeschlossenheit dieses Denkens, in einem Mangel an jener weitgehenden und feinen Witterung, die mehr Verstndniss als Verstand verlangt; Nietzsches Gefahr lag gerade in seiner unbegrenzten Anempfindungsfhigkeit und der Abhngigkeit seiner Verstndeseinsichten von allen Regungen und Erregungen seines Gemths. Selbst da, wo seine jeweilige Denkweise momentan mit geheimen Wnschen und Herzenstrieben in Widerspruch zu gerathen schien, schpfte er doch seine hchste Erkenntnisskraft aus dem wilden Kampf und Widerstreit mit solchen Wnschen und Trieben. Res Geistesart hingegen schien selbst dann noch jede Betheiligung des Gemthslebens an Erkenntnissfragen auszuschliessen, wenn einmal das Erkenntnissresultat seinem individuellen Empfinden entsprach. Denn der Denker in ihm blickte berlegen und fremd auf den Menschen in ihm herab und saugte demselben dadurch gewissermaassen einen Theil seiner Energie aus, und mit der Energie den Egoismus. An dessen Stelle gab es in diesem Charakter nichts als eine tiefe, lautere, unbegrenzte Gte des Wesens, deren Aeusserungen in einem interessanten und ergreifenden Gegensatz standen zu der kalten Nchternheit und Hrte seines Denkens. Nietzsche aber besass umgekehrt jene hochfliegende Selbstliebe, die sich selbst so lange in ihre Erkenntnissideale hinein verlegt, bis sie sich fast mit ihnen verwechselt und der Welt mit der Begeisterung des Apostels und Bekehrers gegenbertritt. So lag hinter aller theoretischen Uebereinstimmung der Freunde eine um so tiefere Verschiedenheit des Empfindens unter der Gedankenhlle verborgen. Was durchaus der natrliche Ausdruck der geistigen Eigenart des Einen war, war fr den Andern der volle Gegensatz der seinigen; aber eben darum Beiden dasselbe Ideal. Nietzsche schtzte und berschtzte an Re, was ihm selbst am schwersten fiel, weil eben fr ihn in einem solchen Selbstzwang wieder die innere Bedeutung seiner Wandlung lag: Mein lieber Freund und Vollender! nennt er ihn deshalb in einem Briefe, wie sollte ich es auch aushalten, ohne von Zeit zu Zeit meine eigene Natur gleichsam in einem gereinigten Metall und in einer erhhtem Form zu sehen,--ich, der ich selber Bruchstck-- -- --bin und durch selten, selten gute Minuten in das bessere Land hinausschaue, wo die ganzen und vollstndigen Naturen wandeln! Aber diese von sich selbst absehende Hingebung ist nur der Weg, auf dem er sich innerhalb einer neuen Weltanschauung zu einem eigenen neuen Selbst durchringt; es ist nur der leidende Zustand, in dem er den aufgenommenen fremden Geistessamen zu seinem eignen lebensvollen Originalgeist umschafft und ausgestaltet. Es sind wie immer die Geburtswehen, die seine neue Schpfung begleiten und es ihm verbrgen, dass er sich mit; seinem ganzen Wesen und allen seinen Krften in ihr; ausleben und erneuern wird. Die Geschichte also, wie Nietzsche sich in dieser Wandlung entwickelt und sie wieder verlsst, ist wesentlich eine Geschichte seines innern Erlebens, seiner Seelenkmpfe. In den hierhergehrigen Werken,--von seinem Erstgeborenen und Schmerzenskinde Menschliches, Allzumenschliches an, bis hinein in die tiefbewegte freudige Stimmung der Frhlichen Wissenschaft, die gewissermassen schon der folgenden Geistesperiode angehrt, liegt diese Entwicklung vor uns ausgebreitet. In ihnen allen hat er in einer Reihe von Aphorismensammlungen das Bild und Ideal des Freigeistes aufrichten wollen, des freien Geistes in seinen Gedanken ber alle Gebiete des Wissens und des Lebens und noch mehr in der Flle seiner Gedankenerlebnisse selbst. Die Grundstimmung, aus der ein jedes dieser Bcher hervorgegangen ist, prgt sich jedesmal als das eigentlich Charakteristische an demselben schon im Titel aus. Niemals sind Nietzsches Titel zufllig, indifferent oder abstractem Stoff entnommen, sie sind ganz und gar Bilder innerer Vorgnge, ganz und gar Symbole. So fasste er auch den Grundinhalt seiner einsamen Denkerexistenz am Schluss der Siebzigerjahre in wenigen Worten zusammen, als er auf das Titelblatt des zweiten Werkes schrieb: Der Wanderer und sein Schatten (Chemnitz 1880, Ernst Schmeitzner). Aus der Hitze der ersten, leidenschaftlichen Kmpfe ist er hier in die Einsamkeit seiner selbst eingekehrt; aus dem Krieger wurde ein Wanderer, der statt feindseliger Angriffe auf die verlassene Geistesheimath nunmehr das Land seiner freiwilligen Verbannung danach durchforscht, ob der steinige Boden sich nicht anbauen lasse, ob nicht auch er irgendwo seine fette Erdkrume besitze. Der laute Zwiespalt mit dem Gegner hat sich in die Stille eines Zwiegesprchs mit sich selbst aufgelst: der Einsame hrt seinen eigenen Gedanken zu wie einer mehrstimmigen Unterhaltung, er lebt in ihrer Gesellschaft wie unter ihrem ihn berall hin begleitenden Schatten. Noch erscheinen sie ihm dster, einfrmig und gespenstisch, ja, so hoch und drohend emporgewachsen, wie es Schattengebilde nur sind, wenn die Sonne im Untergang steht. Aber nicht lange mehr, denn seine Nhe streift ihnen allmhlich alles Schattenhafte ab: was Gedanke war und farblose Theorie, das erhlt Klang und Blick, Gestalt und Leben. Ist dies doch der innere Process seiner Aneignung und Umschaffung des Neuen und Ungewohnten: dass er ihm Leben einhaucht, dass er ihm zu voller Lebensflle verhilft. Man mchte sagen: Nietzsche whlt sich die dstersten Gedankenschatten aus, um sie mit seinem eigenen Blut zu nhren, um sie, sei es auch unter Wunden und Verlusten, zuletzt dennoch zu seinem eigenen lebendigen Selbst verwandelt zu sehen, zu seinem Doppel-Selbst. In dem Maasse als die Gedanken, mit denen er sich umgiebt, von dem ganzen Reichthum seines Wesens in sich aufnehmen, in dem Maasse als sie sich langsam mit der ganzen wunderbaren Kraft und Gluth desselben sttigen, wird die Stimmung immer gehobener und getroster. Man fhlt: hier geht Nietzsche Schritt um Schritt den Weg zu sich selbst, beginnt heimisch zu werden in seiner neuen Haut, beginnt sich in seiner Eigenart auszuleben, ihm ist wie einem Wanderer, der nach harter Mhsal endlich nach Hause kommt. Er will nicht mehr dasselbe Ziel des Denkens erreichen, wie sein Genosse Paul Re, er will _das Seine_: dies hrt man sogar schon aus Briefen heraus, in denen er immer noch den Theoretiker bewundert: Immer mehr bewundere ich brigens, wie gut gewappnet Ihre Darstellung nach der logischen Seite ist. Ja, so etwas kann ich nicht machen; hchstens ein bischen seufzen oder singen,--aber beweisen, dass es Einem wohl im Kopfe wird, das knnen Sie, und daran ist hundertmal mehr gelegen. In solchem Singen und Seufzen hatte sich gerade die eigene Genialitt seinem Bewusstsein aufgedrngt, als die Gabe zu den herrlichsten Klagegesngen und Siegeshymnen, die jemals eine Gedankenschlacht begleiteten, als die Schpfergabe, auch noch den nchternsten, den hsslichsten Gedanken in innere Musik umzusetzen. Lebte doch der Musiker in ihm sich nicht mehr auf eigene Kosten aus, er ging mit auf, ein Einzelton, in der neuen grossen Melodie des Ganzen. Und dies giebt in der That seinen Werken und Gedanken zu dieser Zeit noch eine ganz besondere Bedeutung: die neue Einheitlichkeit, die sein Wesen dadurch gewonnen hat, dass alle seine Triebe und Talente allmhlich dem einen grossen Ziele des Erkennens dienstbar gemacht worden sind. Der Knstler, der Dichter, der Musiker Nietzsche, anfangs gewaltsam zurckgedrngt und unterdrckt, beginnt wieder sich Gehr zu verschaffen, aber unterthan dem Denker in ihm und dessen Zielen;-- --dies hat ihn dazu befhigt, von seinen neuen Wahrheiten in einer Weise zu singen und zu seufzen die ihn zum ersten Stilisten der Gegenwart erhoben haben.[11] Seinen Stil auf Ursachen und Bedingungen hin prfen ist daher mehr, als die blosse Ausdrucksform seiner Gedanken untersuchen: es bedeutet, Nietzsche in seinem innersten Grundwesen belauschen. Denn der Stil dieser Werke ist entstanden durch die opferwillige und begeisterte Verschwendung grosser knstlerischer Talente zu Gunsten des strengen Erkennens,--durch das Bestreben, _nur_ dieses strenge Erkennen und nichts als dieses auszusprechen, aber nicht in abstracter Allgemeinheit, sondern in individualisirtester Nancirung,--so wie es sich in allen Regungen einer ergriffenen und erschtterten Seele wiederspiegelt. Die lebendigste Innerlichkeit und Flle hatte Nietzsche schon in den Werken seiner ersten Geistesperiode in vollendete Form zu giessen verstanden,--aber erst jetzt lernte er, sie mit der Schrfe und Klte nchternen Denkens zu verbinden: wie ein goldener Ring umschliesst dieses die Lebensflle in einem jeden seiner Aphorismen und verleiht ihnen gerade hierdurch ihren eigenthmlichen Zauber. So schuf Nietzsche gewissermaassen einen _neuen Stil_ in der Philosophie, die bis dahin nur den Ton des Wissenschafters oder die dichterische Rede des Enthusiasten vernommen hatte: er schuf den Stil des _Charakteristischen_, der den Gedanken nicht nur als solchen, sondern mit dem ganzen Stimmungsreichthum seiner seelischen Resonanz ausspricht, mit all den feinen und geheimen Gefhlsbeziehungen, die ein Wort, ein Gedanke weckt. Durch diese Eigenart meistert Nietzsche nicht nur die Sprache, sondern hebt zugleich ber die Grenze sprachlicher Unzulnglichkeit hinaus, indem er durch die Stimmung miterklingen lsst, was sonst im Worte stumm bleibt. In keines Andern Geist aber konnte das bloss Gedachte so vllig zu etwas wirklich Erlebtem werden, wie in Nietzsches Geist, denn keines Andern Leben ging je so vllig darin auf, mit dem ganzen innern Menschen am Denken schpferisch zu werden. Seine Gedanken hoben sich nicht, wie es gewhnlich der Fall ist, vom wirklichen Leben und dessen Ereignissen _ab_: sie _machten_ vielmehr das eigentliche und einzige Lebensereigniss dieses Einsamen _aus_. Und dem gegenber erschien ihm auch der lebensvollste Ausdruck, den er fr sie fand, noch blass und leblos: Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten Gedanken! so klagt er in dem schnen Schluss-Aphorismus von Jenseits von Gut und Bse (296). Es ist nicht lange her, da wart ihr noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Wrzen, dass ihr mich niesen und lachen machtet--und jetzt?-- -- --Welche Sachen schreiben und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chinesischem Pinsel, wir Verewiger der Dinge, welche sich schreiben _lassen_, was vermgen wir denn allein abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk werden will und anfngt, sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende und erschpfte Gewitter und gelbe spte Gefhle! Ach, immer nur Vogel, die sich mde flogen und verflogen und sich nun mit der Hand haschen lassen,--mit _unserer_ Hand!--Und nur euer _Nachmittag_ ist es, ihr meine geschriebenen und gemalten Gedanken, fr den allein ich Farben habe, viel Farben vielleicht, viel bunte Zrtlichkeiten und fnfzig Gelbs und Brauns und Grns und Roths:--aber Niemand errth mir daraus, wie ihr in eurem Morgen aussahet, ihr pltzlichen Funken und Wunder meiner Einsamkeit, ihr meine alten, geliebten-- -- --_schlimmen_ Gedanken! Es gehrt ganz wesentlich dazu, dass man sich Nietzsche bei seinen stillen und einsamen Wanderungen vorstelle, ein paar Aphorismen mit sich herumtragend als das Resultat langer stummer Selbstunterhaltung,--nicht ber den Schreibtisch gebckt, nicht mit der Feder in der Hand: Ich schreib nicht mit der Hand allein: Der Fuss will stets mit Schreiber sein. singt er in der Frhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 52). Gebirge und Meer umgeben ihn bei seinen Gedanken-Wandelungen als der wirkungsvolle Hintergrund fr die Gestalt dieses Einsamen. Am Hafen von Genua trumte er seine Trume, sah eine neue Welt am verhllten Horizont empordmmern in der Morgenrthe und fand das Wort seines Zarathustra (II 5): -- --aus dem berflsse heraus ist es schn hinaus zu blicken auf ferne Meere. Im Engadiner Gebirge aber erkannte er sich selbst wie in einer Wiederspiegelung von Klte und Gluth, aus deren Mischung alle seine Kmpfe und Wandlungen hervorgegangen waren. In mancher Natur-Gegend entdecken wir uns selber wieder, mit angenehmem Grausen; es ist die schnste Doppelgngerei, sagt er davon (Der Wanderer und sein Schatten 338), -- -- --in dem gesammten-- -- -- Charakter dieser Hochebene, welche sich ohne Furcht neben die Schrecknisse des ewigen Schnees hingelagert hat, hier, wo Italien und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimath aller silbernen Farbentne der Natur zu sein scheint: Von diesem Ort mit seinen kleinen, abgelegenen Seen, aus denen ihn die Einsamkeit selber mit ihren Augen anzusehen schien, sagt er auch in einem Briefe: Seine Natur ist der meinigen verwandt, wir wundem uns nicht ber einander, sondern sind vertraulich zusammen. Aeusserlich betrachtet, hatte ihn allerdings sein Kopf- und Augenleiden gezwungen, rein aphoristisch zu arbeiten, aber auch seiner geistigen Eigenart entsprach es immer mehr, seine Gedanken nicht in der fortlaufenden Kette vor sich zu sehen, wie man sie, systematisch arbeitend, auf dem Papier fixirt, sondern ihnen zuzuhren wie in einem Gesprch zu Zweien, einem immer wieder abgebrochenen und immer wieder aufgenommenen, von Einzelheiten ausgehenden Dialog,--der seinen Ohren fr Unerhrtes (Also sprach Zarathustra I 25), vernehmbar wurde gleich gesprochenem Wort. Schreiben kann ich nicht, obschon ich es herzlich gern thun mchte, schreibt er auf einer Postkarte (Januar 1881 aus Italien). Ach, die _Augen_! Ich weiss mir damit gar nicht mehr zu helfen, sie halten mich frmlich _mit Gewalt ferne_ von der Wissenschaft--und was habe ich ausserdem! Nun, die Ohren! knnte man sagen. Aber mit diesem Lauschen und Horchen nahm er es sehr genau, und es giebt keinen Satz in seinen Bchern, auf den nicht Anwendung findet, was er einmal in einem seiner Briefe schreibt: Ich bin immer von sehr feinen Sprachdingen occupirt; die letzte Entscheidung ber den Text zwingt zum scrupulsesten Hren von Wort und Satz. Die Bildhauer nennen diese letzte Arbeit: ad unguem. Als Nietzsche im Jahre 1881 sein drittes Werk auf positivistischer Grundlage, die _Morgenrthe_ (Chemnitz 1881, Ernst Schmeitzner), vollendete, da war in ihm der Process einer Verlebendigung und Individualisirung der aufgenommenen Theorien schon vollkommen zum Abschluss gelangt Dieses Werk und in ebenso hohem Grade das nchstfolgende erscheinen mir daher als die bedeutendsten und gehaltvollsten seiner mittleren Geistesperiode. Denn in ihnen ist es ihm gelungen, praktisch den bertriebenen Intellektualismus zu berwinden, dem er sich in Menschliches, Allzumenschliches noch ohne Weiteres in freiwilliger Selbstmarterung unterworfen hatte,-- es ist ihm gelungen, denselben innerlich und individuell zu ergnzen und menschlich zu vertiefen, ohne die wissenschaftliche Grundlage, auf die er sich gestellt hatte, unter den Fssen zu verlieren,--ohne die Strenge der Erkenntnissmethode zu lockern, mit der er seinen Problemen nachging. Nietzsches eigene Natur hatte ihm geholfen, die Einseitigkeiten und Hrten seiner praktischen Philosophie zu widerlegen, und einen lebensvolleren Typus des Erkennenden aus den Gedankenkmpfen der letzten Jahre herauszugestalten. Denn die Unterordnung des Affektlebens unter das Denken hatte sich, wie wir sahen, in Nietzsche vermge einer so gewaltigen inneren Hingebung an das Wahrheitsideal vollzogen, dass gerade dadurch ihm die _Bedeutung des Affectlebens fr das Denken aufgehen musste_. Unmerklich verschob sich ihm damit der Hauptaccent von dem rein intellectuellen Vorgang auf die Macht des Gefhls, die sich in den Dienst auch noch der nchternsten und hsslichsten Wahrheiten zu stellen vermag, bloss weil sie _Wahrheiten_ sind. So beginnt denn schon wieder an Stelle der Verstandeskraft die Seelenkraft zu dem zu werden, was den Rang des Denkers als Menschen bestimmt. Und es ist leicht zu sehen, wie auf diesem Wege allmhlich der Werth einer ganz neuen Denkweise Nietzsche aufgehen musste,--einer allem Verstandesmssigen berhaupt abholden Philosophie. In keinem seiner Bcher lassen sich so sehr wie in der Morgenrthe die feinen Uebergnge und Gedankenverbindungen nachweisen, die von seiner positivistischen Geistesperiode in die darauf folgende einer mystischen Willensphilosophie hinberleiten. Der _Uebergang_ von einem Alten zu einem Neuen macht, hnlich wie im Menschlichen, Allzumenschlichen, den hohen Reiz und Werth des Buches aus. Aber in ganz entgegengesetzter Weise wie dort, wo wir _theoretisch_ der vollendeten Thatsache eines Gesinnungswechsels gegenberstehen, in den sich das leidende Gefhl erst allmhlich hineinzufinden sucht. Hier dagegen wird jede Mglichkeit einer _Theorien-Aenderung_ noch mit Heftigkeit zurckgewiesen als Versuchungen des wissenschaftlichen Menschen, whrend die Seele schon begehrlich und tastend ihre Fhlhrner immer wieder nach dem Verbotenen ausstreckt, wie sehr der Verstand es ihr auch verwehrt. So sind es Aeusserungen leisen Schwankens, einzelne Ausbrche tief erregten Seelenlebens, denen wir ahnungsvoll das Zuknftige entnehmen, weil sie in diesem Gemthszustand eine ungewollte Naivett und Unmittelbarkeit besitzen, die Nietzsche sonst vollstndig abgeht. Hier _verrth_ er sich fortwhrend, ohne es zu ahnen, indem er den Anlass zu jeder Versuchung prft und tadelt,--er entblsst das Geheime und Verborgene seines Innenlebens, sodass wir zu sehen glauben, wie sein vergangenes und sein zuknftiges Selbst mit einander hinter dem Rcken der scheinbar unangetasteten Verstandesphilosophie das Bekenntniss heimlichen Hffens und Verlangens austauschen. In der Auflehnung gegen dieses heimliche Hoffen und Verlangen ruft er sich in dem Aphorismus Nicht die Leidenschaft zum Argument der Wahrheit machen! (Morgenrthe 543) die Worte zu: Oh, ihr-- -- --edlen Schwrmer, ich kenne euch!-- -- -- -- --Bis zum Hass gegen die Kritik, die Wissenschaft, die Vernunft treibt ihr es!-- -- --Farbige Bilder, wo Vernunftgrnde noth thten! Gluth und Macht der Ausdrcke!-- -- --Ihr versteht euch darauf, zu beleuchten und zu verdunkeln, und mit Licht zu verdunkeln!-- -- -- -- --Wie drstet ihr darnach, Menschen in diesem Zustande --es ist der der Lasterhaftigkeit des Intellectes --zu finden und an ihrem Brande eure Flammen zu entznden!-- -- -- Erst in Nietzsches letzter Philosophie begreift man ganz, wie sehr er selbst es ist, an den er die Mahnung richtet: Nichts wre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissenschaft ber die ersten und letzten Dinge einmal endgltig feststellen wird,-- -- --Der Trieb, auf diesem Gebiete durchaus _nur Sicherheiten_ haben zu wollen, ist ein _religiser Nachtrieb_, nichts Besseres,-- (Der Wanderer und sein Schatten 16). Aber inmitten zahlreicher derartiger Auflehnungen gegen sich selbst, bricht dann auch vereinzelt der Ueberdruss durch an der strengen Selbstbescheidung des Verstandes-Erkennens und an--der Tyrannei des Wahren:--ich wsste nicht, warum die Alleinherrschaft und Allmacht der Wahrheit zu wnschen wre;-- -- -- --man muss sich von ihr im Unwahren ab und zu _erholen_ knnen,--sonst wird sie uns langweilig,-- (Morgenrthe 507). Und sehnschtig ruft er sogar den von ihm geschmhten Knstlern zu: Oh, wollten doch die Dichter wieder werden, was sie einstmals gewesen sein sollen:--_Seher_, die uns Etwas von dem _Mglichen_ erzhlen! Wollten sie uns von den _zuknftigen Tugenden_ Etwas vorausempfinden lassen! Oder von Tugenden, die nie auf Erden sein werden, obschon sie irgendwo in der Welt sein knnten,--von purpurnglhenden Sternbildern und ganzen Milchstrassen des Schnen! Wo seid ihr, ihr Astronomen des Ideals? (Morgenrthe 551). So sehen wir in der Morgenrthe nicht nur, wie er gegen die heimlich in ihm aufsteigenden Gelste ankmpft, sondern wie er ihnen auch schon nachgiebt, in der hingegebenen Sehnsucht nach etwas Neuem, in der Ahnung eines vor ihm aufsteigenden Erkerintnisszieles. Beides ist in charakteristischer Weise mit einander vermischt, insofern ja die hchste Gluth der Seele, die Nietzsche fr ein Erkenntnissideal aufwendet, bei ihm stets den bereits beginnenden Niedergang desselben Ideals anzeigt, dem er sich zur Zeit der Unbeirrtesten Ueberzeugung von dessen Wahrheit und Nothwendigkeit nur mit Widerstreben gefgt hatte. Dies ist die Sonnenbahn der Idee, wie er sie selbst auf Grund eigener Erfahrung geschildert hat: Wenn eine Idee am Horizonte eben aufgeht, ist gewhnlich die Temperatur der Seele dabei sehr kalt. Erst allmhlich entwickelt die Idee ihre Wrme, und am heissesten ist diese-- --, wenn der Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist. (Der Wanderer und sein Schatten 207.) Sich selbst aber charakterisirt er in derselben Schrift (331) mit den Worten: Jene Personen, welche langsam beginnen und schwer in einer Sache heimisch werden, haben nachher mitunter die Eigenschaft der sttigen Beschleunigung,--sodass zuletzt Niemand weiss, wohin der Strom sie noch reissen kann. Die Macht der langsam und schwer, aber um so verhngnissvoller und unwiderstehlicher entzndeten Innerlichkeit,-- diese berschumende Flle, musste ihn schliesslich dem Positivismus entfremden und zu neuen Gedankenfernen fhren. Schon sieht er im vollsten Gegensatz zur frher verherrlichten Affectlosigkeit sein Ideal darin, dass der Erkennende der Mensch Eines hohen Gefhls, die Verkrperung einer einzigen grossen Stimmung sei; es soll ihm eben Das der gewhnliche Zustand sein, was bisher als die mit Schauder empfundene Ausnahme hier und da einmal in unseren Seelen eintrat: eine fortwhrende Bewegung zwischen hoch und tief und das Gefhl von hoch und tief, ein bestndiges Wie-auf-Treppen-steigen und zugleich Wie-auf-Wolken-ruhen. (Frhliche Wissenschaft 288.) Vor einem solchen Erkennenden steht jetzt als Lockung" was ihm ehemals als Gefahr galt: Einmal den Boden verlieren! Schweben! Irren! Toll sein! (Frhliche Wissenschaft 46.) Und in der Morgenrthe (271) heisst es unter der Ueberschrift Feststimmung: Gerade fr jene Menschen, welche am hitzigsten nach Macht streben, ist es unbeschreiblich angenehm, sich _berwltigt_ zu fhlen! Pltzlich und tief in ein Gefhl, wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich die Zgel aus der Hand reissen zu lassen, und einer Bewegung wer weiss wohin? zuzusehen! In einer solchen Feststimmung des Ueberflusses und Ueberschusses, langsam aus den nchternsten Erkenntnissen herausgeschpft und angesammelt,--in einem solchen Zauber der Ausspannung und Erholung nach langem Arbeitstag, gleitet Nietzsche in eine Welt der Mystik hinein. In einer solchen Selbstberwltigung besiegt der eigene Sieg den Sieger. Es ist das _Glck des Gegensatzes_, das er darin sucht, des Gegensatzes zum Khlen, Strengen, Verstandesmssigen der positivistischen Denkweise: die Erkenntniss neu gegrndet auf die begeisterten Eingebungen des Gefhls, des Affectlebens, und unterthan gemacht dem Schaffensdrang des Willens. Diese Morgenrthe ist kein blasses, kaltes, rckwrts leuchtendes Aufklrungslicht mehr,--hinter ihr erhebt sich schon eine wrmende, lebenzeugende Sonne, und whrend er selbst noch im grauen Zwielicht der Dmmerung dasteht, sind seine Augen schon sehnschtig auf diesen hellen verheissenden Schein am Horizont gerichtet. Es gibt so viele Morgenrthen, die noch nicht geleuchtet haben! schrieb er mit den Worten des Rig-veda als Motto auf das Titelblatt, ohne dass er noch zu glauben wagte, er selbst sei berufen, ein solches Leuchten am Himmel der Erkenntniss zu entznden, Das Buch enthlt Gedanken ber die moralischen Vorurtheile, wie dem Titel ergnzend beigefgt ist, und damit will es scheinbar noch dem zersetzenden, negirenden Geiste der vorhergehenden Werke angehren; aber darber schwebt schon ein trumender, hoffender Geist, der zwar nur hier und da vollen Ausdruck findet, aber schweigend sinnt, wie es zu ermglichen wre, aus allen _Vorurtheilen_ heraus zu neuen _Werthurtheilen_ zu gelangen, wie es mglich wre, zum Schpfer neuer Werthe zu werden. Wenn endlich auch alle Bruche und Sitten vernichtet sind, auf welche die Macht der Gtter, der Priester und Erlser sich sttzt, wenn also die Moral im alten Sinne gestorben sein wird: dann kommt--ja was kommt dann? (Morgenrthe 96.) Der Sturz, der Abbruch des Alten ist eben kein Ende mehr, vielmehr ein Ausblick, ein Anfang und ein Appell an alle besten Geisteskrfte. Es kommt eben noch etwas,--die Hauptsache kommt noch! verspricht die Morgenrthe und wird immer heller und rther. Ein Jahr nach Verffentlichung der Morgenrthe schrieb Nietzsche denn auch zum ersten Mal wieder ber neue philosophische Hoffnungen und Femplne: -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Nun, liebste Freundin, Sie haben immer fr mich ein gutes Wort in Bereitschaft, es macht mir grosse Freude, Ihnen zu gefallen. Die frchterliche Existenz der Entsagung, welche ich fhren muss und welche so hart ist, wie je eine asketische Lebenseinschnrung, hat einige Trostmittel, die mir das Leben immer noch schtzenswerter machen als das Nichtsein. Einige grosse Perspectiven des geistig sittlichen Horizonts sind meine mchtigste Lebensquelle. Ich bin so froh darber, dass gerade auf diesem Boden unsere Freundschaft ihre Wurzeln und Hoffnungen treibt. Niemand kann so von Herzen sich ber Alles freuen, was von Ihnen gethan und geplant wird! Treulich Ihr Freund F. N. Und kurz darauf ruft er am Schlsse eines anderen Briefes aus: Auch ich habe jetzt Morgenrthen um mich, und keine gedruckten! Was ich nie mehr glaubte,-- -- -- --das erscheint mir jetzt als mglich,--als die goldene Morgenrthe am Horizonte all' meines zuknftigen Lebens-- -- --. Diese Stimmung, die mit der Gewalt der Sehnsucht eine neue Geisteswelt fern am Horizont heraufbeschwor, damit sie Ersatz bte fr alles, was Zweifel und Kritik zerstrt hatten, klingt am deutlichsten durch in den Schlussworten der Morgenrthe, in denen Nietzsche seine kritische und negirende Denkrichtung selber als einen _Wegweiser_ zu neuen Idealen aufzufassen sucht: Warum doch gerade in dieser Richtung, dorthin, wo bisher alle Sonnen der Menschheit _untergegangen_ sind? Wird man vielleicht uns einstmals nachsagen, dass auch wir, _nach Westen steuernd, ein Indien zu erreichen hofften_,--dass aber unser Loos war, an der Unendlichkeit zu scheitern? Oder, meine Brder? Oder--? (Morgenrthe, Schluss.) Als Nietzsche im Jahre 1882 seine Frhliche Wissenschaft vollendete, da war ihm sein Indien bereits zur Gewissheit geworden: er glaubte gelandet zu sein an den Ksten einer fremden, noch namenlosen, ungeheuren Welt, von der nichts anderes bekannt sei, als dass sie jenseits alles dessen liegen msse, was von Gedanken angefochten, von Gedanken zerstrt werden kann. Ein weites, scheinbar uferloses Meer zwischen ihm und jeder Mglichkeit einer erneuten begrifflichen Kritik,--jenseits aller Kritik meinte er festen Boden gefasst zu haben. Der bermthige Jubel dieser Gewissheit klingt in den Versen wieder, die er in das Widmungs-Exemplar seiner Frhlichen Wissenschaft schrieb: Freundin, sprach Columbus, traue Keinem Genuesen mehr! Immer starrt er in das Blaue Fernstes zieht ihn allzusehr! Wen er liebt, den lockt er gerne Weit hinaus in Raum und Zeit,-- eber uns glnzt Stern bei Sterne Um uns braust die Ewigkeit. Aber er irrte sich in Bezug auf die vllige Neuheit und Jenseitigkeit des Landes,--es war der umgekehrte Irrthum des Columbus, der, das Alte suchend, das Neue fand. Denn Nietzsche war in der That, ohne es zu bemerken, nach einer Weltumseglung von der entgegengesetzten Seite an die Kste eben desjenigen Landes zurckgelangt, von welchem er ursprnglich ausgegangen, und welches er fr immer im Rcken gelassen zu haben glaubte, als er sich von der Metaphysik abwandte. Wir werden es an allen Werken seiner letzten Geistesperiode erkennen, in wiefern sie wieder aus jenem alten Boden hervorgewachsen sind, wenn auch in ihrem Wachsthum und ihrer Eigenart beeinflusst durch die Erfahrungen der letzten Jahre. Unstreitig hatte ein Hauptwerth der positivistischen Denkrichtung fr Nietzsche darin gelegen, dass sie ihm wenigstens innerhalb gewisser Grenzen wirklich Spielraum fr alle diese Stimmungs-Uebergnge und Gefhlsschwankungen zu bieten vermochte und ihn dadurch eine Zeit lang festhielt. Sie schlug ihn nicht in Fesseln, wie es die Metaphysik nothwendig gethan hatte, sondern wies ihm nur eine Wegerichtung; sie brdete ihm nicht ein Erkenntnisssystem auf, sondern gab ihm im wesentlichen nur eine neue Erkenntnissmethode an die Hand. Darum war auch seine Emancipation von ihr keine so gewaltsame und pltzliche wie seine Wagnerwandlung, sie war, anstatt eines Fesselsprengens, ein allmhliches Sich-Verfliegen und Sich-Verlaufen,--all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen:--_fliegen_ allein will mein ganzer Wille! (Also sprach Zarathustra III 19.) Ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen! (I 54.) Aber wohl vollzog sie sich ebenso unaufhaltsam und unwiderruflich, wie die vorhergehende Wandlung. Denn ber die rein empiristische Betrachtungsweise seiner Probleme, ber die principielle Beschrnkung auf das Erfahrungsgebiet, musste Nietzsche irgend wann einmal wieder hinaus; einer Philosophie der letzten und hchsten Dinge in irgend einer Form konnte er, der ganzen Art seines Geistes nach, nicht dauernd entsagen. Es konnte sich im Grunde nur darum handeln, auf welchem stillen. Seitenweg er sich wieder dorthin zurckschleichen wrde,--wo die Gtter und die Uebermenschen hausen. Nietzsche schreibt einmal an Re: Ach, liebster, guter Freund, mit dem schmerzlichsten Bedauern lese ich-- -- --die Nachricht Ihres Krankseins. Was soll aus uns werden, wenn wir in unseren besten Jahren so elend dahinwelken?-- -- --_Will uns das Schicksal ein schnes Greisenalter aufsparen, weil unsere Denkweise diesem am natrlichsten, wie eine gesunde Haut, anliegt?_ Aber mssten wir da nicht zu lange warten? Die Gefahr wre, dass wir die Geduld verlren--. Er verlor sie vllig. Schon krmmt und bricht sich mir die Haut! sang er gleich darauf in einem schlechten Versehen der Frhlichen Wissenschaft, und unter der Greisenhaut des affectlosen Erkennenden regte sich machtvoll jener Verjngungsdrang, aus welchem heraus Nietzsche noch in seinem Untergange eine Apotheose des Lebens, des ewigen Lebens, schrieb. Das Schicksal brauchte ihm kein Greisenalter auf-zusparen--. Aber als die Basis der neuen Lehre, die er verknden wollte, als das einzige zuverlssige Fundament, auf dem sie errichtet werden knnte, dachte sich Nietzsche damals doch noch eine wissenschaftliche Begrndung. Gerade in dieser Zeit des Ueberganges sehen wir ihn daher von dem lebhaftesten Verlangen ergriffen, sich grossen zusammenhngenden Forschungen widmen zu drfen, denen er seit langen Jahren hatte entsagen mssen. Mit nimmermdem Interesse und Antheil verfolgte er die Studien, welche Re seit 1878 unternommen hatte, um durch sie die Grundgedanken seines ersten moralphilosophischen Buches zu erweitern und zu erhrten. Als dieser 1881 Nietzsche mittheilte, dass er sein neues Werk noch vor Ablauf des Jahres zu vollenden hoffe, empfing er die beglckte Antwort: Dieses selbe Jahr soll nun auch das Werk ans Licht bringen, an dem ich im Bilde des Zusammenhanges und der goldenen Kette meine arme, stckweise Philosophie vergessen darf! Welches herrliche Jahr 1881! Die in Frage stehende Schrift: Die Entstehung des Gewissens (Berlin 1885) wurde jedoch erst vier Jahre spter vllig beendigt, nachdem Nietzsche inzwischen lngst den letzten Rest seiner Freigeisterei von sich abgestreift und die abgelegte Haut auch schon mit der gewhnlichen Energie verbrannt hatte. Aber durch den regen Antheil, den er so lange an Res Studien zu jenem Buche genommen, hat es eine bestimmte Bedeutung fr sein Gedankenleben gewonnen. Doch sttzt er sich jetzt nicht in demselben Sinne auf Die Entstehung des Gewissens, wie er sich einst in Menschliches, Allzumenschliches auf den Ursprung der moralischen Empfindungen gesttzt hatte. Darauf beruht berhaupt ein Unterschied zwischen der letzten Geistesperiode Nietzsches und der vorhergehenden positivistischen, dass er sich nicht mehr darauf beschrnkt, einzelne gegebene Theorien in ihrer inneren Bedeutsamkeit zum Ausdruck zu bringen, sondern dass er sich der khnsten Entwickelung eines eigenen Systems hingiebt, dass er aus dem Aphoristischen, Vereinzelten hinausstrebt. Hatte die freigeisterische Richtung ihn dazu angetrieben, ihre Erkenntnisse in tiefstem Erleben und Empfinden zu verinnerlichen, so drngte nun die leidenschaftliche Gewalt dieses inneren Erlebens ihrerseits nach Entlastung in bestimmten Gedanken und Theorien; sie drngte danach, sich in neue geschlossene Weltbilder umzusetzen. Im Sommer 1882 wurde Nietzsche dadurch zu dem Entschlsse gefhrt, sich whrend einer Reihe von Jahren demjenigen Studium zu widmen, das ihm fr den systematischen Ausbau seiner Zukunftsphilosophie unentbehrlich zu sein schien, dem Studium der Naturwissenschaften. Er wollte zu diesem Zwecke sein Leben im Sden aufgeben, um in Paris, Wien oder Mnchen Vorlesungen zu hren. Zehn Jahre lang sollte jede schriftstellerische Thtigkeit eingestellt werden, bis das Neue in ihm nicht nur vllig ausgereift, sondern auch auf wissenschaftlichem Wege als richtig erwiesen wre. Etwas spter als Nietzsche fhlte auch Re das Bedrfniss, sich mit den Naturwissenschaften auseinanderzusetzen, die ihnen Beiden bisher fremd geblieben waren. Er jedoch wnschte sie nicht als Material zum Ausbau eigener philosophischer Hypothesen heranzuziehen, sondern hatte, nach Vollendung seines Buches, das Verlangen, neue Gedanken frei auf sich wirken zu lassen und vllig aus seinem engeren Specialgebiete herauszutreten. So wandte er sich denn der Medicin zu, studirte noch einmal, und machte sein Staatsexamen als praktischer Arzt, mit der Absicht, sich lngere Zeit der Psychiatrie zu widmen und auf diesem Umwege zu den Geisteswissenschaften zurckzukehren, Niemals standen sich die Freunde geistig ferner als damals, wo sie scheinbar noch einmal Dasselbe zu erstreben schienen: sie waren an den einander entgegengesetzten Polen ihres Wesens und Geistes angelangt.[12] Das spricht sich bezeichnend auch darin aus, dass die geplanten zehn Jahre des Schweigens fr Nietzsche gerade diejenigen seiner grssten Productivitt wurden, whrend Re bis jetzt den Punkt noch nicht erreicht hat, auf dem sein altes Schaffen und sein neues Wissen in Eins verschmelzen und ihn zu neuer erhhter Selbstthtigkeit anregen mssen. Nietzsche war durch sein Kopfleiden an der Ausfhrung seiner Entschlsse gehindert worden; schon der anbrechende Winter 1882 fand ihn wieder in seiner Einsiedlerklause zu Genua. Doch auch bei besserer Gesundheit wre das Vorhaben nicht ausfhrbar gewesen. Denn Nietzsche befand sich nicht mehr in jenem abwartenden Zustande, in welchem der Geist noch Fremdes aufnehmen, sich strenden Einsichten willig unterordnen kann; er war schon viel zu stark productiv erregt, um noch von irgend etwas berhrt zu werden, das ihn in seinem Drange zu schaffen htte aufhalten knnen. Whrend er zur Entfesselung seiner Schaffenskraft einer ersten Befruchtung von aussen her bedurfte, sei es selbst unter Schmerzen und Selbstberwindung, whrend er sich einer solchen fremden Erkenntniss gegenber hingebend verhielt, in der Inbrunst der Verschmelzung mit ihr sein Selbst preisgab, erscheint er--einmal befruchtet--um so unzugnglicher und unbeeinflussbarer. Er ist ganz benommen vom eigenen Zustand und von Dem, was Leben in ihm gewinnen will. Richtet sich aber seine Aufmerksamkeit nach aussen, so geschieht es nur noch, um fr das Leben, das aus ihm geboren werden soll, um jeden Preis Raum zu schaffen, keineswegs aber, um seine Existenzbedingungen noch einmal zu prfen und in Frage zu stellen. Der ihm durch seinen krperlichen Zustand zum zweiten Mal aufgezwungene Verzicht auf umfassende wissenschaftliche Studien fhrte dieses Mal zu dem entgegengesetzten Resultat wie zur Zeit seines Wagnerbruches und seiner positivistischen Periode. Damals war er die Veranlassung, dass Nietzsche, anstatt neue Theorien zu begrnden, die von Anderen aufgenommenen innerlich auszuschpfen und in ihren Seelenwirkungen festzustellen suchte. Jetzt hingegen wird er dadurch verleitet, die ihm fehlende theoretische Grundlage gewissermassen hinzuzudichten. Hierin liegt geradezu ein Grundzug der letzten Philosophie Nietzsches: das Bedrfniss, sich systematisch auszubreiten, als gelte es, den verschiedensten Wissensgebieten die Beweise fr die Richtigkeit seines schpferischen Gedankens zu entnehmen, in Wahrheit jedoch nur ein gewaltsames Raumschaffen fr denselben: ein so souvernes Ausleben seiner Innerlichkeit, dass sich ihm unwillkrlich das ganze Weltbild zu einer Wiege seiner Schpfung umgestaltet. Dementsprechend gewinnen von jetzt an alle seine Lehren, so paradox dies klingen mag, einen um so persnlicheren Charakter, je allgemeiner gefasst sie erscheinen, je allgemeingiltigere Bedeutung sie beanspruchen. Zuletzt verbirgt sich ihr Hauptkern unter so vielen Schalen, ihr letzter Geheimsinn unter so vielen Masken, dass die Theorien, in denen er zum Ausdruck kommt, fast nur noch Bilder und Symbole inneren Erlebens sind. Endlich fehlt jeder Wille zur Uebereinstimmung und zur Verstndigung mit Anderen,--Mein Urtheil ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht (Jenseits von Gut und Bse 43)--und doch wird gleichzeitig dieses Urtheil zum Weltgesetz decretirt, zu einem Befehl an die ganze Menschheit. Denn so vollstndig verschmilzt fr Nietzsche zum Schlsse innere Eingebung und Aussen-Offenbarung, dass er in seinem Innenleben das Weltganze zu umfassen whnt, und sein Geist in mystischer Weise den Inbegriff des Seienden in sich zu enthalten, aus sich zu gebren glaubt. Fr mich--wie gbe es ein Ausser-mir? Es gibt kein Aussen! (Also sprach Zarathustra III 95.) Entsprechend dem Umstande, dass Nietzsches letzte Schaffensperiode ganz und gar in der philosophischen Ausdeutung seines eigenen Seelenlebens besteht, nennt er Die frhliche Wissenschaft, das Werk, welches sie einleitet, in einem seiner Briefe das Persnlichste unter meinen Bchern, und klagt noch kurz vor dem Druck der Frhlichen Wissenschaft in einem anderen Briefe: Das Manuscript erweist sich seltsamer Weise als unedirbar. Das kommt vom Princip des mihi ipsi scribo! In der That hat er wohl niemals so vllig fr sich selbst geschrieben, als zu jener Zeit, wo er im Begriffe stand, seiner ganzen Weltbetrachtung sein eigenes Selbst unterzulegen, Alles aus seinem eigenen Selbst heraus zu erklren. So ist die Mystik der neuen Grundlehren Nietzsches wohl schon hier enthalten, aber noch verborgen im rein persnlichen Element, aus dem sie hervorging. In Folge dessen bilden diese Aphorismen Monologe, monologischer gemeint als sonst irgend etwas in Nietzsches Werken, gleichsam halblaute >Zwischenreden, ja oft nur gedacht als ein stummes geistiges Mienenspiel, das weit mehr verstecken als verrathen soll. Die Gedanken der Zukunftsphilosophie reden schon daraus zu uns, aber sie umgeben uns noch gleich verschleierten Gestalten, deren Blick dunkel und rthselhaft auf uns ruht, und dies nicht, weil sie, wie in der Morgenrthe, nur Ahnungen zum Ausdrcke bringen und noch der festen Zge und sicheren Umrisse entbehren, sondern weil ihnen mit Absicht ein Schleier bergeworfen und Schweigsamkeit anbefohlen wurde. Mit dem Finger an der Lippe scheint Nietzsche hier vor uns zu stehen, und gerade daraus entnehmen wir, dass er uns Viel, dass er uns Alles zu bekennen wnscht. Aber es wird ihm schwer, ohne Rckhalt davon zu sprechen, weil auch in diesem Falle sein Selbstbekenntniss zugleich wieder ein Schmerzensbekenntniss ist. Und in einem viel tieferen, viel schmerzvolleren Sinn als bisher fhrt uns diesmal die Philosophie Nietzsches hinein in die verborgenen Leiden und Qualen seines Erlebens, sodass, im Vergleiche hierzu, selbst die harten Kmpfe und Entsagungen seiner positivistischen Periode uns harmlos und gefahrlos Vorkommen werden. Auf den ersten Blick erscheint dies als ein Widerspruch, da Nietzsches letzte Philosophie gerade aus dem Drange he'rvorgegangen ist, an Stelle der ihm widerstrebenden positivistischen Theorien eine Weltanschauung aufzubauen, die seinem innersten Verlangen vllig entsprche. Insofern beginnt er in der That seine letzte Wandlung unter Jauchzen und Frohlocken. Aber man darf nicht vergessen, dass diese usserste Selbsteinkehr, dieser Versuch, das Weltbild aus seinem Eigenbild zu construiren, Nietzsches_ Leiden an sich selbst zu Tage_ treten lsst, aus dem sein tiefster Wesensgrund besteht. Bisher hat er in seinen Erkenntnisswandlungen diesem Leiden an sich selbst dadurch zu entrinnen gesucht, dass er den einen Theil seines Selbst durch den anderen qulte und tyrannisirte, aber bei allen Wandlungen des theoretischen Menschen blieb unverwandelt und sich ewig gleich der praktische Mensch mit seinen inneren Nthen. Jetzt erst, wo Nietzsche sich nicht mehr zwingt und kasteit, jetzt erst, wo er seiner Sehnsucht freie Worte giebt, begreift man ganz, in welcher Qual er lebte, hrt man endlich den Schrei nach _Erlsung von sich selbst_,--nach seinem _Wesens-Gegensatz_, nach vollstndiger und endgiltiger Verwandlung, Umwandlung,-- nicht einzelner Erkenntnisse nur, sondern des ganzen, des innersten Menschen. Man sieht frmlich, wie er hier, in Verzweiflung, aus sich selbst heraus und nach aussen greift, nach einem erlsenden Ideal, welches er aus einem solchen Wesens-Gegensatz zu formen sucht. Daher liess sich voraussehen: sobald Nietzsche seinen Seeleninhalt frei zum Weltinhalt umschuf, sobald er seinem intimsten Erleben die Weltgesetze entnahm, musste seine Philosophie ein tragisches Weltbild zeichnen: die Menschheit musste von ihm aufgefasst werden als eine an sich selbst leidende, an ihrer eigenen Entwicklung hoffnungslos krankende Zwittergattung, deren Daseinsberechtigung gar nicht in ihr selbst, sondern in einer schlechthin anderen, hheren, Uebermenschen-Gattung liege, zu der sie nur eine Brcke bilden solle. Das Endziel der Menschheit sei Untergang und Selbstaufopferung zu Gunsten dieses ihr entgegengesetzten Ideals. Erst am Eingang zu Nietzsches letzter Philosophie wird daher vllig klar, bis zu welchem Grade es der religise Grundtrieb ist, der sein Wesen und Erkennen stets beherrschte. Seine verschiedenen Philosophien sind ihm ebensoviele Gott-Surrogate, die ihm helfen sollen, ein mystisches Gott-Ideal ausser seiner selbst entbehren zu knnen. Seine letzten Lehren enthalten nun das Eingestndniss, dass er dies nicht vermag. Und gerade deshalb stossen wir in seinen letzten Werken wieder auf eine so leidenschaftliche Bekmpfung der Religion, des Gottesglaubens und des Erlsungsbedrfnisses, weil er sich ihnen so gefhrlich nhert. Hier spricht aus ihm ein Hass der Angst und der Liebe, mit dem er sich seine eigene Gottesstrke einreden, seine menschliche Hilflosigkeit ausreden mchte. Denn wir werden sehen, kraft welcher Selbsttuschung und geheimen List Nietzsche endlich den tragischen Conflict seines Lebens lst,--den Conflict, des Gottes zu bedrfen und dennoch den Gott leugnen zu mssen. Zuerst gestaltet er mit sehnsuchtstrunkener Phantasie, in Trumen und Verzckungen, visionengleich, das mystische Uebermenschen-Ideal, und dann, um sich vor sich selbst zu retten, sucht er, mit einem ungeheuren Sprung, sich mit demselben zu identificiren. So wird er zuletzt zu einer Doppelgestalt, halb kranker, leidender Mensch, halb erlster, lachender Uebermensch. Das Eine ist er als Geschpf, das Andere als Schpfer, das Eine als Wirklichkeit, das Andere als mystisch gedachte Ueberwirklichkeit. Oft aber, whrend man seinen Reden darber zuhrt, empfindet man mit Grauen, dass er als Gegenstand der Anbetung hinstellt, was in Wahrheit auch fr ihn nicht vorhanden ist, und man gedenkt seines Wortes, -- -- --wer weiss, ob sich nicht bisher in allen grossen Fllen eben das Gleiche begab: dass die Menge einen Gott anbetete,--und dass der Gott nur ein armes Opferthier war! (Jenseits von Gut und Bse 269.) Das Opferthier als Gott ist wahrlich ein Titel, der ber der letzten Philosophie Nietzsches stehen knnte und am deutlichsten den inneren Widerspruch enthllt, der in ihr liegt,--jene Exaltation von Schmerz und Wonne, in der beide ununterscheidbar in einander fliessen. Wir haben vorher gesehen, inwiefern es eine Feststimmung war, in der Nietzsche in seine letzte Geisteswandlung hinberglitt,-- eine Feierstimmung trumenden Rausches und Ueberflusses: wir sehen jetzt den Punkt, an welchem die Gewalt der inneren Erregung in den Schmerz berschlgt. Er war in jener ganzen Zeit, selbst in seinem Alltagsleben, erfllt von einer Stimmung usserster seelischer Ueberwltigung, in der man sogar der Ausgelassenheit fhig ist, aber nur weil alle Nerven beben, in der man leicht bis zum Scherzen und Lachen gelangt, aber nur mit zitternden Lippen. Bedurfte es doch jedesmal fr Nietzsche einer solchen Verschlingung von Wonne und Weh, von Begeisterung und Leiden, um ihn einer geistigen Wiedergeburt entgegenzufhren. Sein Glck musste erst zum Ueberglck, und in diesem Uebermass zum eigenen Gegner und Gegensatz geworden sein; Frieden und Heimatgefhl, wo er sie einmal innerhalb eines gewonnenen Erkenntnissgebietes mhsam errungen hatte, mussten ihn erst zu Selbstverwundung und Selbstvertreibung gereizt haben, damit sein Geist in sich selber schwelgen und sich in neuen Schpfungen entlasten konnte. Es ist dafr bezeichnend, dass er sein Werk, im Jauchzen seines Herzens, die frohe Botschaft, Die frhliche Wissenschaft nannte, zugleich aber ber den Schluss-Aphorismus desselben die dsteren Rthselworte setzte: Incipit tragoedia! Dieser Verbindung von tiefer Erschtterung und spielendem Uebermuth, von Tragik und Heiterkeit, welche fr die ganze Gruppe der letzten Werke charakteristisch ist, entspricht es auch, dass die Frhliche Wissenschaft, im schrfsten Gegensatz zu dem dunkeln Geheimniss der Schlussworte, ein Vorspiel in Versen besitzt: Scherz, List und Rache. Hier begegnen uns zum ersten Mal Verse in Nietzsches Schriften,--sie mehren sich aber in dem Maasse, als er seinem persnlichen Untergang zuzuschreiten glaubt. In Gesngen klingt sein Geist aus. Die Verse sind berraschend verschieden an Werth, zum Theil vollendet: Gedanken, die an ihrer eigenen Schnheit und Flle sich zu Gedichten wandelten;--zum Theil von einer so wunderlichen Unvollkommenheit, wie sie nur die Laune des Muthwillens vom Zaune bricht. Ueber ihnen allen aber ruht etwas seltsam Ergreifendes: Sind es doch Blumen, die sich ein Einsamer auf den Leidensweg streut, der seiner harrt, um den Schein zu erwecken, dass es ein Freudenweg sei. Frisch gebrochenen Rosen gleichen sie, auf die sein Fuss treten will, whrend er schon beschftigt ist, in seinen leidvollsten Erkenntnissen seinem Haupte die Dornenkrone zu flechten. Sie klingen wie ein Prludium zu dem erschtternden Schauspiel seiner hchsten Erhebung und seines Unterganges. Von diesem Schauspiel hebt auch die Philosophie Nietzsches den Vorhang nicht ganz. Was sie uns zeigt, ist nur, gleich einem Bilde auf diesem Vorhang, ein buntes Blumengewinde, aus dem, halb versteckt, die Worte gross und traurig hervorleuchten: Incipit tragoedia! [1] Die philologischen Arbeiten Nietzsches sind: _Zur Geschichte der Theognideischen Spruchsammlung_, im Rheinischen Museum, Bd. 22; _Beitrge zur Kritik der griechischen Lyriker, I. Der Danae Klage von Simonides_, im Rhein. Mus., Bd. 23; _De Laertii Diogenis Fontibus_, im Rhein. Mus., Bd. 23 und 24; _Analecta Laertiana_, im Rhein. Mus., Bd. 25; _Beitrge zur Quellenkunde und Kritik des Laertius Diogenes_, Gratulationsschrift des Pdagogiums zu Basel. Basel 1870.--_Certamen quod dicitur Homeri et Hesiodi e codice Florentino post H. Stephanum denuo_ ed. F. N., in den Acta societatis philologae Lipsiensis ed. Fr. Ritschl, Vol. I; dazu der florentinische Tractat ber _Homer und Hesiod_, ihr Geschlecht und ihren Wettkampf, im Rhein. Mus, Bd. 25 und 28. Auch rhrt das Registerheft zu den ersten 24 Bnden des Rheinischen Museums (1842-1869) von ihm her, das er nach Ritschls Disposition zusammenstellte. [2] Er hat so gelesen, wie er es einmal gut lesen nennt: --das heisst langsam, tief, vor- und rcksichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Thren, mit zarten Fingern und Augen lesen-- (Einfhrende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenrthe 11.) [3] Dieses Buch erregte bei seinem Erscheinen das lebhafteste Missfallen der philologischen Zunft; hatte der Verfasser es doch gewagt, seinen Ausfhrungen nicht nur die Lehren des verpnten Philosophen Arthur Schopenhauer, sondern auch die knstlerischen Anschauungen des damals noch ebenso geschmhten Zukunftsmusikers Richard Wagner zu Grunde zu legen. Ein junger philologischer Heisssporn, Ulrich v. Wilamowitz-Mllendorf, der jetzt zu den hervorragenden Vertretern der classischen Philologie in Deutschland gehrt, machte sich in nicht besonders glcklicher und geschmackvoller Weise zum Sprachrohr znftiger Einseitigkeit. Ohne der Eigenart des Nietzscheschen Buches irgendwie gerecht zu werden, griff er es in der Broschre Zukunftsphilologie! eine erwidrung auf F. N.'s gebrt der tragdie, Berlin 1872, von einem beschrnkt philologischen Standpunkte auf das heftigste an. Fr den Angegriffenen traten in die Schranken derjenige, an den vor Allen das Buch gerichtet war, Richard Wagner, der Knstler, in einem in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 23. Juni 1872 abgedruckten offenen Briefe an Friedrich Nietzsche, und Erwin Rohde, der bereits damals von seiner tiefen Kenntnis des griechischen Alterthums die vollgiltigsten Proben abgelegt hatte. In der ausgezeichnet geschriebenen Streitschrift: Afterphilologie. Sendschreiben eines Philologen an Richard Wagner, Leipzig 1872, stellte er sich auf den von dem Gegner gewhlten Boden und wies die von diesem gemachten Einwnde und Beschuldigungen zurck, worauf v. Wilamowitz dann noch mit einer Duplik, Zukunftsphilologie! Zweites Stck, eine erwidrung auf die rettungsversuche fr F. N.'s gebrt der tragdie, Berlin 1873, antwortete. [4] Vergleiche die einfhrende Vorrede zur Neuen Ausgabe des zweiten Bandes von Menschliches, Allzumenschliches, wo es IV heisst: --was ich gegen die historische Krankheit gesagt habe, das sagte ich als Einer, der von ihr langsam, mhsam genesen lernte-- -- --. [5] Vorwort V: Auch soll-- --nicht verschwiegen werden,-- -- -- --dass ich nur, sofern ich Zgling lterer Zeiten, zumal der griechischen bin, ber mich als ein Kind dieser jetzigen Zeit zu so unzeitgemssen Erfahrungen komme. [6] Vgl. Schopenhauer als Erzieher 19: ich ahnte, in ihm jenen Erzieher und Philosophen gefunden zu haben, den ich so lange suchte. Zwar nur als Buch: und das war ein grosser Mangel. Um so mehr strengte ich mich an, durch das Buch hindurch zu sehen und mir den lebendigen Menschen vorzustellen, dessen grosses Testament ich zu lesen hatte, und der nur solche zu seinen Erben zu machen verhiess, welche mehr sein wollten und konnten als nur seine Leser: nmlich seine Shne und Zglinge. [7] Nietzsche lebte damals in einer Bewunderung der englischen Gelehrten und Philosophen, die spter in ihr Gegentheil umschlug; in Menschliches, Allzumenschliches II 184 nennt er sie noch die ganzen, vollen und fllenden Naturen, und in einem Briefe an Re nennt er die englischen Philosophen der Gegenwart, den einzig gut philosophischen Umgang, den es jetzt giebt. Dementsprechend ist das Einzige, was er in dieser Periode an seinem ehemaligen Meister Schopenhauer noch hochschtzt: sein harter Thatsachen-Sinn, sein guter Wille zu Helligkeit und Vernunft, der ihn oft so englisch--erscheinen lsst. (Frhliche Wissenschaft 99.) [8] Erwhnt wird es von Nietzsche in Menschliches, Allzumenschliches I 37. [9] Vergleiche Menschliches, Allzumenschliches die Aphorismen ber Cultus des Genius' aus Eitelkeit (162) und Gefahr und Gewinn im Cultus des Genius'. (164). [10] Dieser Besitz von Liebe und Gte als der heilsamsten Kruter und Krfte im Verkehre der Menschen (Menschliches, Allzumenschliches I 48) ist noch mehr werth als die gepriesene grosse einzelne Aufopferung; noch mchtiger an der Cultur gebaut, hat jenes immerwhrende freundliche Wohlwollen, das des Lebens _Behagen_ schafft. (Menschliches, Allzumenschliches I 49) [11] Vergleiche die folgenden Aphorismen, die Nietzsche mir einmal aufschrieb: _Zur Lehre vom Stil._ 1. Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll _leben_. 2. Der Stil soll _dir_ angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der _doppelten Relation_.) 3. Man muss erst genau wissen: so und so wrde ich das sprechen und _vortragen_--bevor man schreiben darf. Schreiben muss eine Nachahmung sein. 4. Weil dem Schreibenden viele _Mittel_ des Vortragenden _fehlen_, so muss er im Allgemeinen eine _sehr ausdrucksvolle_ Art von Vortrag zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon nothwendig viel blsser ausfallen. 5. Der Reichthum an Leben verrth sich durch _Reichthum an Gebrden_. Man muss alles, Lnge und Krze der Stze, die Interpunctionen, die Wahl der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente--als Gebrden empfinden _lernen_. 6. Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht, die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den meisten ist die Periode eine Affectation. 7. Der Stil soll beweisen, dass man an seine Gedanken _glaubt_, und sie nicht nur denkt, sondern _empfindet_. 8. Je abstracter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muss man erst die _Sinne_ zu ihr verfhren. 9. Der Tact des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin, dicht an die Poesie heranzutreten, aber _niemals_ zu ihr berzutreten. 10. Es ist nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwnde vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und _sehr klug_, seinem Leser zu berlassen, die letzte Quintessenz unserer Weisheit _selber auszusprechen_. [12] Siehe in der Frhlichen Wissenschaft (279) unter der Ueberschrift Sternen-Freundschaft die schnen Worte, mit denen Nietzsche damals von dieser geistigen Genossenschaft Abschied nahm. III. ABSCHNITT. DAS "SYSTEM NIETZSCHE" MOTTO: Schaffen wollt ihr noch die Welt, vor der ihr knien knnt. (Also sprach Zarathustra II. 47). Geist? Was ist mir Geist! Was ist mir Erkenntniss! Ich schtze nichts als _Antriebe_,--und ich mchte schwren, dass wir darin unser Gemeinsames haben. Sehen Sie doch durch diese Phase _hindurch_, in der ich seit einigen Jahren gelebt habe,--sehen Sie _dahinter_! Lassen _Sie_ sich nicht ber mich tuschen--glauben doch nicht, dass der Freigeist mein Ideal ist!! _Ich bin_-- -- --Verzeihung! Liebste Lou! F. N. In dieser geheimnissvollen Weise bricht der vorstehende Brief Nietzsches ab, den er in der Zeit zwischen der Verffentlichung der Frhlichen Wissenschaft und derjenigen seiner mystischen Dichtung Also sprach Zarathustra geschrieben hat. In den wenigen Zeilen sind bereits die wesentlichsten Zge der letzten Philosophie Nietzsches angedeutet: auf dem Gebiet der Logik die principielle Abkehr von dem bisherigen reinlogischen Erkenntnissideal, von der theoretischen Strenge der verstandesmassigen Freigeisterei; auf dem Gebiet der Ethik, anstatt der bisherigen negirenden Kritik, die Verlegung der Wahrheitsbegrndung in die Welt der seelischen Antriebe, als der Quelle einer neuen Werthung und Abschtzung aller Dinge; ferner eine Art von _Rckkehr_ zu Nietzsches erster philosophischer Entwicklungsphase, die vor seinem positivistischen Freigeisterthum liegt,--nmlich zur Metaphysik der Wagner-Schopenhauerischen _Aesthetik_ und ihrer Lehre vom bermenschlichen Genie. Und hierauf endlich grndet sich, als auf den Kempunkt der neuen Zukunftsphilosophie, _das Mysterium einer ungeheuren Selbst-Apotheose_, das er in dem zgernden Wort Ich bin--sich noch scheut auszusprechen. Nietzsches letzte Geistesperiode umfasst fnf Werke: Die vierbndige Dichtung _Also sprach Zarathustra_ (I und II 1883; III 1884, Chemnitz, Ernst Schmeitzner; IV 1891, Leipzig, C. G. Naumann); _Jenseits von Gut und Bse_, Vorspiel einer Philosophie der Zukunft (1886, Leipzig, C. G. Naumann; 2. Auflage 1891); _Zur Genealogie der Moral_, eine Streitschrift (1887, Leipzig, C. G. Naumann); _Der Fall Wagner_, ein Musikanten-Problem (1888, Leipzig, C. G. Naumann); endlich die kleine Aphorismen-Sammlung _Gtzen-Dmmerung_ oder _Wie man mit dem Hammer philosophirt_ (1889, Leipzig, C. G. Naumann). Wir knnen hier aber nicht dem Gange seines philosophischen Denkens Schritt fr Schritt an der Hand jener Werke folgen, da sie nicht, wie die der vorhergehenden Periode, ebensoviele Entwicklungsstufen seines Gedankens darstellen, sondern zum ersten Mal alle dazu bestimmt sind, der Darlegung eines _Systems_ zu dienen, wenn auch nur eines Systems, das mehr auf ihrer Gesammtstimmung als auf der klaren Einheitlichkeit begrifflicher Deduction beruht. Der aphoristische Charakter, den seine Bcher auch hier bewahren, erscheint daher in diesem Fall als ein unleugbarer Mangel der Form seiner Darstellung, nicht, wie bisher, als ein eigenthmlicher Vorzug derselben. Was Nietzsche durch seine vollendete Meisterschaft in der aphoristischen Form gelang: einen jeden Gedanken in seiner seelischen Bedeutsamkeit voll auszuschpfen und mit allen seinen feinen inneren Nebenbeziehungen wiederzugeben, das reicht nicht aus fr die systematische Begrndung eigener Theorien, sondern lst sie hier und da in ein geistreiches Spiel mit blendenden Hypothesen auf. Nietzsche wurde sowohl durch sein Augenleiden als auch durch seine Gewhnung an sprunghaftes Denken dazu gezwungen, im Allgemeinen an seiner alten Schreibweise festzuhalten, aber immer wieder macht er,--sowohl in Jenseits von Gut und Bse, als auch in der Genealogie der Moral,--den Versuch, ber das Rein--Aphoristische hinauszukommen, seine Gedanken systematisch zu ordnen und vorzutragen, weil das, was ihm vorschwebt, ein einheitliches Ganzes geworden ist. Daher finden wir auch hier zum ersten Mal bei ihm eine Art von _Erkenntnisstheorie_, einen Ansatz dazu, sich mit den erkenntnisstheoretischen Problemen auseinanderzusetzen, nachdem er ihnen bisher immer aus dem Wege gegangen war, wie er berhaupt gern jedes Problem mied, dem sich nur auf rein begrifflichem Wege beikommen lsst. Jetzt erst bleibt er nicht mehr ohne Weiteres bei der praktischen Philosophie stehen, sondern hlt es fr nothwendig, auf die Mittel hinzuweisen, mit denen er sich das erkenntnisstheoretische Pfrtchen aufgebrochen habe, durch das er zu seinen Hypothesen gelangt. Ziemlich ausfhrliche Bemerkungen darber finden sich an den verschiedensten Stellen seiner Werke zerstreut. Es erscheint aber hchst charakteristisch, dass sie sich erst jetzt finden, wo er der Welt des Abstrakt-Logischen principielle Feindschaft erklrt und fest entschlossen ist, alle schwierigen Begriffsknoten, auf die er stossen knnte, mit einem Schwerthieb zu zerhauen: er befasst sich mit der Erkenntnisstheorie eben nur, um sie ber den Haufen zu werfen. Zur Zeit seines Wagnerthums war Nietzsche als Jnger Schopenhauers diesem seinem Meister in der bekannten Interpretirung und Modificirung Kants gefolgt, laut welcher die Fragen nach den hchsten und letzten Dingen ihre Beantwortung finden, zwar nicht durch den Verstand, sondern durch die hchsten Eingebungen und Erleuchtungen des Willenslebens. Spter stimmte Nietzsche, unter heftigem Protest gegen diese Annahme der Schopenhauerischen Metaphysik, der strengen Selbstbescheidung der Erfahrungswissenschaft zu, welche sich mit dem Verstandeserkennen auf den ihm zugnglichen Gebieten begngt. Aber Nietzsche hielt diese Zustimmung nur so lange aufrecht, als er mit Hilfe eines fanatischen Intellektualismus sich aus dem bescheidenen Verstandeserkennen ein ihn begeisterndes Wahrheitsideal zu schaffen vermochte, dem sich sein Wille und Seelenleben blind unterwarf. Sobald sein Fanatismus sich erschpft hatte, sobald seine Begeisterung die intellektuellen Ziele und Werthe nicht mehr in so ber-schwnglich-idealer Beleuchtung sah, wurde er derselben berhaupt berdrssig und verlangte nach neuen Idealen. In diesem Verlangen ging ihm nun innerhalb des Positivismus eine Einsicht auf, die er bisher nicht beachtet hatte: nmlich die Einsicht in die Relativitt alles Denkens, die Zurckfhrung alles Verstandeserkennens auf die rein praktische Grundlage des menschlichen Trieblebens, dem es entstammt und von dem es dauernd abhngig ist. Diesem Wege, der ihm von seinen eigenen philosophischen Genossen vorgezeichnet war, brauchte er nur mit gewohnter Exaltation zu folgen, um schliesslich zu seiner ursprnglichen Schtzung der Affekte zrckzugelangen. Denn was fr die Andern nur eine natrliche Consequenz war, welche die moderne Erkenntnisstheorie zieht, und welche die Methode und die Resultate der Erfahrungswissenschaft als solche gar nicht berhrt, daraus entnahm Nietzsche den Anstoss zu einem vlligen Gesinnungswechsel. Mit derselben ussersten Uebertreibung und demselben Fanatismus, mit denen er das streng begriffliche Denken als hchstes Wahrheitsideal angebetet hatte, verhhnt er es jetzt als etwas Geringes und Niedriges gegenber den Trieben, die es in Wahrheit regieren. Was sich inzwischen verndert hat, ist zwar nur seine _Stimmung_, nur seine _Gefhlsauffassung_ der Sachlage, aber eben dies besagt fr Nietzsche Alles: es veisst ihn allmhlich fort zu immer weitergehenden Folgerungen und wird so schliesslich zum Ausgangspunkt fr eine neue Weltanschauung. Dieser Verlauf ist typisch fr die Entstehung aller Grundgedanken in Nietzsches Zukunftsphifosophie-; ihm werden wir in seiner Erkenntnisstheorie wie in seiner Morallehre, in seiner esthetik wie in seiner letzten Mystik wieder begegnen und stets dieselben drei Entwicklungsstufen daran wahrnehmen: zuerst das Anknpfen an einzelne letzte Consequenzen der modernen Erfahrungswissenschaft, dann ein Umschlagen seiner Gemthsstimmung in der Auffassung solcher Ergebnisse, ihre Zuspitzung und Uebertreibung bis aufs Aeusserste, und endlich, daraus fliessend, seine eigenen, neuen Theorien. Hinsichtlich dieser sind aber zwei Seiten zu unterscheiden, einestheils ihr thatschlicher philosophischer Gehalt, anderntheils Nietzsches rein seelische Wieder-Spiegelung in ihnen, indem er sich in seinen Gedanken den Ausdruck fr sein tiefstes Wesen schafft. Diese Selbstwiederspiegelung fhrt uns zu dem Bilde Nietzsches zurck, wie es im ersten Theile dieser Arbeit entworfen ist. Der Gedankengehalt aber der neuen Lehre erweist sich als eine kunstvolle Verbindung der beiden philosophischen Phasen in Nietzsches Geistesentwicklung,--als ein Muster von zwei verschiedenen mit genialer Hand ineinandergeflochtenen Geweben: der Schopenhauerischen Willenslehre und der Entwicklungslehre der Positivistem Fr Nietzsches Erkenntnisstheorie, mit ihrer Bekmpfung der Bedeutung des Logischen und ihrer Zurckfhrung desselben auf das schlechthin Unlogische, kommt am meisten in Betracht sein Buch Jenseits von Gut und Bse, das in einzelnen Abschnitten ebensogut heissen knnte: Jenseits von Wahr und Falsch. Denn hier errtert er am ausfhrlichsten die _Unberechtigung der Werthgegenstze_ wahr und unwahr, die mit der Einsicht in ihren Ursprung nicht minder hinfllig werden, wie die Werthgegenstze gut und bse. Das Problem vom Werthe der Wahrheit trat vor uns hin,-- -- --Was in uns will eigentlich zur Wahrheit?-- -- --Gesetzt, wir wollen Wahrheit: _warum nicht lieber Unwahrheit?_-- -- (1.) Ja, was zwingt uns berhaupt zur Annahme, dass es einen wesenhaften Gegensatz von wahr und falsch giebt? Gengt es nicht, Stufen der Scheinbark eit anzunehmen-- --? (34.) In welcher seltsamen Vereinfachung und Flschung lebt der Mensch!-- -- -- erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit durfte sich--die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen, zum Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern--als seine Verfeinerung! (24.) Das Bewusstsein ist nicht in irgend einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven _entgegengesetzt_,--das meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte heimlich gefhrt und in bestimmte Bahnen gezwungen. (3.) Alle Logik ist letzten Endes nichts anderes als eine blosse Zeichen-Convention (Gtzen-Dmmerung III 3), alles Denken eine Art von Zeichensprache der Affekte, da wir zu keiner anderen Realitt hinab oder hinauf knnen als gerade zur Realitt unserer Triebe--denn Denken ist nur ein Verhalten dieser Triebe zu einander. (Jenseits von Gut und Bse 36). Und daraus folgt denn schon: -- --_je mehr_ Affekte wir ber eine Sache zu Worte kommen lassen, _je mehr_ Augen, verschiedne Augen wir uns fr dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollstndiger wird unser Begriff dieser Sache, unsre Objektivitt sein. Den Willen aber berhaupt eliminiren, die Affekte sammt und sonders aushngen, gesetzt, dass wir dies vermchten: wie? hiesse das nicht den Intellekt _castriren_?... (Zur Genealogie der Moral III 12). Hier ist der Punkt, an welchem Nietzsches Auffassung pltzlich von seiner ehemaligen abweicht und ihn zu der entgegengesetzten fhrt. Hat er frher davor gewarnt, irgend einem Affekt zu trauen, weil derselbe doch nur das Enkelkind alter vergessener und wahrscheinlich irrthmlicher Urtheilsschlsse sei, so beruft er sich jetzt auf die uralte Gefhlsgrundlage, der alle Urtheilsschlsse entstammen, und degradirt diese so zu unselbstndigen, abhngigen Enkelkindern des Gefhls. Fr beide Auffassungen findet er die gesuchte Begrndung noch in der positivistischen Weltanschauung, aber was dort friedlich neben einander besteht,--die Relativitt des Denkens und diejenige des Affektlebens,-- --das trennt sich fr ihn in zwei unvershnliche Gegenstze: auf der einen Seite steht der bis auf die Spitze getriebene Intellektualismus, dem er sich bis dahin hingegeben, und durch den er alles Leben dem Denken, alles Gemth dem Verstnde unterthan machen wollte,--auf der anderen Seite eine ebenfalls auf das Hchste gesteigerte Gefhlsexaltation, die sich fr ihre lange Unterdrckung rcht und in ihrem Lebensberschwang sich nur genug thun kann in einem fanatischen: fiat vita, pereat veritas! Darum heisst es weiter: Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein Urtheil;-- --Die Frage ist, wie weit es lebenfrdernd, lebenerhaltend -- --ist;-- -- --Verzichtleisten auf falsche Urtheile (wre) ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung des Lebens. (Jenseits von Gut und Bse 4.) Bei allem Werthe, der dem Wahren, dem Wahrhaftigen,-- --zukommen mag: es wre mglich, dass dem Scheine, dem Willen zur Tuschung, und der Begierde ein fr alles Leben hherer und grundstzlicherer Werth zugeschrieben werden msste. Es wre sogar noch mglich, dass, _was_ den Werth jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestnde, mit jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfngliche Weise verwandt, verknpft, verhkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein. (Jenseits von Gut und Bse 2.) -- -- --wir sind von Grund aus, von Alters her--_ans Lgen gewhnt_. Oder, um es tugendhafter und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrcken: man ist viel mehr Knstler als man weiss. (Ebendaselbst 192.) Und das Lebenerhaltendere der Lge ist es, das den Knstler hoch ber den wissenschaftlichen Menschen und dessen Wahrheitsforschung stellt. --die Kunst, in der gerade die Lge sich heiligt, der Wille zur Tuschung das gute Gewissen zur Seite hat, (Zur Genealogie der Moral III 25), ist es auch, um derentwillen jetzt pltzlich wieder die ehemals so geschmhten Metaphysiker weit vornehmer und schtzenswerther erscheinen, als die Wirklichkeits-Philosophaster, mit ihrer Gengsamkeit und Lappenhaftigkeit. (Jenseits von Gut und Bse 10.) An dieser erneuten Verherrlichung des Knstlerthums und selbst der Metaphysik erkennt man, wie weit Nietzsche schon zu einem neuen, entgegengesetzten Typus des Erkennenden durchgedrungen ist, und wie weit er sich bereits von den positivistischen Wirklichkeits-Philosophastern entfernt hat. Denn was diese als eine unvermeidliche _Zugabe_ zum erkennenden Denken betrachten und im Erkenntnissakt nach Mglichkeit zu _reduciren_ suchen: die Abhngig-keitdes Denkens vom menschlichen Triebleben,--das gerade bedarf, nach Nietzsche der hchstmglichen Steigerung. Die Einsicht in die Relativitt alles Denkens, in die engen Grenzen, die der Wahrheitserkenntniss gezogen sind, dien! ihm ausschliesslich zur Proklamirung einer neuen Grenzenlosigkeit des Erkennens, die demselben den absoluten Charakter wiedergeben soll. Weil Nietzsche der absoluten Ideale bedurfte, um sie anbeten und an ihnen seine Hingebung ausleben zu knnen, suchte er, sobald sein logisches Wahrheitsideal allzu bescheiden zusammenschrumpfte, Abhilfe in dessen Gegensatz, im Maasslosen des gesteigerten Affektlebens. Ist er vorher davon ausgegangen, das Wahrheitsstreben von einer letzten Illusion zu befreien, indem er es als relativ auffasste, so ffnet er sich nun einen neuen Zugang zu neuen Illusionen: durch Verlegung des Erkenntnissgebietes in das der Gefhlserregungen und Willenseingebungen. Damit sind alle zurckhaltenden, einschrnkenden Dmme niedergerissen und rckhaltlos darf das Affektleben darber hinfluthen. Nirgends Gewissheit oder berall Gewissheit, das kommt hier beinahe auf dasselbe hinaus; wo der Gedanke alle selbstndigen Erkenntnissrechte eingebsst hat, da schweift er, als Spielzeug und Werkzeug der ihn regierenden verborgenen Triebe bis in die fernsten Fernen, bis in die tiefsten Tiefen. Ist Nietzsche ursprnglich aus dem geheimnissvoll schimmernden Zaubergarten der Metaphysik in die nchterne Verstandeswelt empirischer Forschung eingetreten, so verliert er sich jetzt in den Irrgarten einer Wildniss, die, ungelichtet und undurchdringlich, diese Verstandeswelt umgiebt. Gerade der Umstand, dass in ihr noch keine Wege gebahnt sind, dem Denken noch keine Richtung gewiesen ist,--dass Alles in ihr noch herrenlos und gesetzlos ist, und der Willensmachtspruch Raum hat fr jegliches Schaffen,--gerade dies Abenteuerlich-Gefhrliche ist ihm Brgschaft fr den richtigen Weg, denn es erscheint als die Richtung mitten ins Innere des Lebens, mitten in seine Urkrfte hinein. Rthsel-Trunkene, Zwielicht-Frohe nennt daher Zarathustra seine Jnger, deren Seele mit Flten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:--denn nicht wollt ihr mit _feiger Hand einem Faden nachtasten_; und, wo ihr _errathen_ knnt, da hasst ihr es, zu _erschliessen_. (Also sprach Zarathustra III 6 f.) Auch im Erkennen fhle ich nur meines Willens Zunge und Werde-Lust (Ebendaselbst II 8); Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist! (Ebendaselbst I 43), denn das Leben spricht: Auch du, Erkennender, bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines Willens: wahrlich, mein Wille zur Macht wandelt auch auf den Fssen deines Willens zur Wahrheit! (Ebendaselbst II 50) Nietzsche, der so lange Zeit hindurch, zur Beschwichtigung und Zgelung seyier tieferregten Innerlichkeit und ihres Affektlebens, eine kalte und nchterne Denkweise benutzt hatte, erfuhr nun an sich selber, was er frher einmal vorahnend und warnend, in Menschliches, Allzumenschliches (II 275), geschildert: Hat man seinen Geist verwendet, um ber die Maasslosigkeit der Affekte Herr zu werden, so geschieht es vielleicht mit dem leidigen Erfolge, dass man die Maasslosigkeit auf den Geist bertrgt und frderhin im Denken und Erkennenwollen ausschweift.[1] In einem solchen Verlangen wild auszuschweifen, schafft er sich einen neuen Wahlspruch:Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt! (Zur Genealogie der Moral III. 24.) und preist den Werth der Tuschung, der willkrlichen Fiktion, des Unlogischen und Unwahren, als der im Grunde lebenfrdernden, willensteigernden Mchte. In der Vorstellung, dass ja in dem gesammten Weltbilde, so wie wir es um uns aufgebaut haben, wir selbst als die Schpfer mit unserer psychischen Eigenart drinstecken, und dass unser Erkennen letzten Endes doch nichts ist als eine Anmenschlichung der Dinge, schwelgt er so lange, bis das Weltganze sich ihm zu einem Traumbilde verflchtigt, das sich der Einzelne willkrlich ersonnen hat. Warum drfte die Welt, _die uns etwas angeht_--, nicht eine Fiktion sein? fragt er sich (Jenseits von Gut und Bse 34), mit dem Hintergedanken: _und also durch einen Gewaltakt umzuschaffen sein_? Hierauf bezieht sich ein kurzes interessantes Kapitel in der Gtzen-Dmmerung (IV), dessen Absicht aber nur im Zusammenhang mit den brigen zerstreuten Bemerkungen Nietzsches ber diesen Gegenstand ganz verstndlich wird. Es ist berschrieben: Wie die wahre Welt endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrthums. und enthlt eine Skizzirung des philosophischen Entwicklungsganges von den Alten bis zu uns. Die alte Philosophie fasste schon, wenn auch erst in naiver Weise, den Erkennenden und sein Weltbild, die Person und die Wahrheit, als identisch; sie gipfelte in der Umschreibung des Satzes: ich, Plato, _bin_ die Wahrheit. Die wahre Welt, im Gegensatz zur unwahren, scheinbaren, in der die Unweisen leben, ist, erreichbar fr den Weisen,--lebt in ihr, _er ist sie_. Im Christenthum trennt sich die Idee der wahren Welt fortschreitend von der Persnlichkeit, indem sie sich entmenschlicht und sublimirt, als Zukunftsverheissung, als Versprechen ber den Menschen auffliegt. Endlich, durch eine Reihe von metaphysischen Systemen hindurch, verblasst sie bei Kant zu einem blossen Schatten, unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar,--bis sie sich, mit der endgiltigen Abkehr von aller Metaphysik, vllig zu Nichts verflchtigt: Grauer Morgen. Erstes Ghnen der Vernunft. Hahnenschrei des Positivismus. Damit steigt die bisher, als scheinbar und unwahr gescholtene Welt im Preise, weil sie die einzig brigbleibende ist: Heller Tag; Frhstck; Rckkehr des bon sens und der Heiterkeit; Schamrthe Plato's; Teufelslrm aller freien Geister. Aber mit der Einsicht in die Entstehung der Fabel von der wahren Welt haben wir zugleich die Entstehungsweise des Weltbildes unserer Erkenntniss berhaupt eingesehen. Jetzt, wo der Glaube an eine mystische wahre Welt hinter der scheinbaren, durch Tuschung und Irrthum entstandenen, uns nicht mehr trstet, was bleibt uns noch brig? Mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft, die ja nur als deren Gegensatz mglich war. Wieder ist der Mensch auf sich selbst zurckgeworfen als auf den _Selbstschpfer aller Dinge_. Wieder ist die alte Fassung: Ich, Plato, bin die Welt, mglich geworden und steht als letzte Weisheit am Anfang aller Philosophie, nun aber nicht mehr in der naiven, noch ungebrochenen Identificirung von Person und Wahrheit, von Subjekt und Objekt, sondern als klar bewusste und gewollte Schpferthat Dessen, der sich selbst als den Weltentrger erkannt hat. Ich, Nietzsche-Zarathustra, bin die Welt, sie ist, weil ich bin, sie ist, wie ich will. Dieses Ergebniss wird nur angedeutet in den geheimnissvollen Schlussworten: _Mittag; Augenblick des krzesten Schattens; Ende des lngsten Irrthums. Hhepunkt der Menschheit; Incipit Zarathustra_. Hier lsst es sich schon deutlich verfolgen, wie sich neue und ins Mystische berschlagende Gedanken Nietzsches mit Elementen mischen und verknpfen, die er noch der modernen Erkenntnisstheorie entnimmt. Und damit ist bereits der Punkt erreicht, von dem aus sich seine neue Lehre aufbaut, und bei dem es sich nicht mehr um eine blosse Gefhlsbertreibung gewisser allgemeingiltiger Einsichten handelt. Denn aus der Thatsache der Begrenztheit und Relativitt alles menschlichen Erkennens, und aus der der Prioritt des menschlichen Trieblebens gegenber demselben formt sich ihm unvermerkt der neue Typus des Philosophen: das berlebensgrosse Bild eines Einzelnen, dessen Gewaltwille ber wahr und unahr entscheidet, und in dessen Hand das Verstandeserkennen der Menschen ein blosses Spielzeug ist. Man knnte sagen: dasjenige, was den Geist zu strenger Selbstbescheidung zwingt, was ihn von allen Seiten bedingt und beeinflusst, das personificirt sich Nietzsche unter dem Bilde einer zgellosen Allmacht, die er auf einen bermenschlichen Einzelnen bertrgt. Ja, in ihm sollen alle Triebe und Krfte alles Menschenthums dermaassen entfesselt und gesteigert gedacht werden, dass die Quintessenz des Lebens, der Kraft-Extract des Ganzen, in ihm gleichsam Person geworden ist, sodass er auch die Erkenntnissnormen umzuprgen und zu verrcken im Stande wre. Doch geschieht dies nicht in einem Act der Contemplation, sondern in einer schpferischen That, als Handlung und Befehl, der an die Welt ergeht. --_Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und Gesetzgeber_: sie sagen _so soll_ es sein! sie bestimmen erst das Wohin? und Wozu? des Menschen-- --,--sie greifen mit schpferischer Hand nach der Zukunft-- --. Ihr Erkennen ist _Schaffen_, ihr Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist--_Wille zur Macht_. (Jenseits von Gut und Bse 211.) Ihre Philosophie schafft immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders; Philosophie ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille zur Macht, zur Schaffung der Welt, zur causa prima (Ebendaselbst 9). Die csarischen Zchter und Gewaltmenschen der Cultur (Ebendaselbst 207) sind es, mit deren Erluterung und Beschreibung sich Nietzsches ganze Zukunftsphilosophie beschftigt, ja, in deren Bilde ihr gesammter Inhalt besteht. In seiner Erkenntnisstheorie wird ihnen nur der Boden bereitet, in seiner Ethik und Aesthetik wachsen sie aus diesem Boden immer hher hinauf in eine religise Mystik, in der Gott, Welt und Mensch zu einem einzigen ungeheuren Ueberwesen verschmelzen. Es ist leicht zu sehen, inwiefern sich Nietzsche mit dem Bilde dieses Schpfer-Philosophen seinen ehemaligen metaphysischen Anschauungen nhert, wie er aber dieselben zugleich durch seine spteren wissenschaftlichen Theorien zu modificiren sucht. Die idealen Wahrheiten der Metaphysik mit ihren erhebenden und trstenden Deutungen des Weltrthsels nimmt er nicht wieder auf, aber indem er berhaupt mit der Mglichkeit einer Wahrheit aufrumt, indem er die Skepsis in das Gebiet des Erkennens hineintrgt und sich auf den Standpunkt Alles ist unwahr stellt, schafft er sich Raum, um einen _Ersatz_ fr jene verlorenen idealen Wahrheiten und Trostgrnde herzustellen. Durch einen Machtspruch, durch einen Willensakt wird in die Dinge die Bedeutung hineingelegt, die sie an sich selbst nicht haben; aus dem Wahrheits-_Entdecker_, als welcher der Philosoph bisher galt, ist er gewissermassen zum Wahrheits-_Erfinder_ geworden, zu einem berreichen des Willens (Jenseits von Gut und Bse 212), der zwar Unwahrheiten und Tuschungen ausspricht, aber dessen schpferischer Wille sie wahr, d. h. zu berzeugenden Wirklichkeiten, zu machen weiss. Wer seinen Willen nicht in die Dinge zu legen weiss, der legt wenigstens einen _Sinn_ noch hinein (Gtzen-Dmmerung, Sprche und Pfeile 18). Damit kehrt er sich gegen die Metaphysiker, aber wie sie nimmt er sich das Recht zu einer Umdeutung und Umschaffung der Dinge auf Grund der ber die blosse Verstandeskraft hinausgehenden Eingebungen des Gemths. In dieser persnlich gedachten Ueberlegenheit des Affektlebens ber das Verstandesleben, in welcher schliesslich der Wahrheitsgehalt einer Erkenntniss als unwesentlich erachtet wird gegenber ihrem Willens- und Gefhlsgehalt, spiegelt sich rckhaltlos Nietzsches Geistesart, sein innerstes Wesen und Sehnen wieder. Nach dem langen Zwang im Dienste des strengen Wahrheitserkennens war dies eine Reaktion, deren Seligkeit ihn in einen Taumel der Mystik hineinriss. Seine eigene Seele gibt er jenem bermenschengrossen Schpfer-Philosophen, in dem des Lebens Flle und Ueberflle sich drngt und schpferisch nach Entlastung durch den Gedanken verlangt,--es ist der tropische Mensch, auf den die Worte passen, die wir bereits im ersten Theile dieses Buches auf Nietzsches tieferregtes Innenleben angewendet haben: die umfnglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen kann;-- -- --die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am sssesten zuredet: die sich selber bebendste, in der alle Dinge ihr Strmen und Wiederstrmen und Ebbe und Fluth haben (Also sprach Zarathustra III 82). Aber noch weiter geht diese unwillkrliche und gewaltsame Reaktion gegen die vorhergehende Geistesperiode, und geht die unbewusste Selbstwiderspiegelung in den Theorien, bis hinein in das persnlichste Empfinden Nietzsches. Denn in ihnen treffen wir auch auf jenen unheimlichen Zug in Nietzsches Seelenleben, wonach er sich nur in der Selbstopferung und Selbstvergewaltigung befriedigte und seiner Exaltation genug that. Wie er sich zuvor zur Unterwerfung unter die Forderungen eines strengen Intellektualismus gezwungen hatte, so zwingt er jetzt umgekehrt den Verstand, den Trieb zu rein intellektuellem Erkennen, unter den Machtwillen der Affekte. Hatte er zuvor seinen seelischen Menschen vergewaltigt, so vergewaltigt er jetzt den erkennenden Menschen in sich. Er ruht nicht eher, als bis der Triumph des entfesselten Lebenswillens zu einer Selbstverhhnung des Verstandes wird: in unheimlicher Weise resultirt schliesslich die hchste Erkenntniss aus einer Selbstpreisgebung alles logischen Erkennens,--der Denker wird heimlich durch seine Grausamkeit gelockt und vorwrts gedrngt, durch jene gefhrlichen Schauder der _gegen sich selbst_ gewendeten Grausamkeit.--er muss als Knstler und Verklrer der Grausamkeit walten (Jenseits von Gut und Bse 229). Der menschliche Geist taucht zuletzt freiwillig hinab in seine Vernichtung, denn nur so empfngt er die hchste Offenbarung,--er taucht hinab ins Grenzenlose, Maasslose, das ber ihm zusammenschlgt, denn nur so erfllt er sein Ziel. Wir werden in der ganzen letzten Philosophie Nietzsches, in der Ethik wie in der Aesthetik, den durchgehenden Grundgedanken wiederfinden: _dass der Untergang durch das Uebermass_ die Bedingung einer hchsten Neuschpfung sei, und daher mndet auch Nietzsches Erkenntnisstheorie in eine Art schauerlich--persnlicher Mystik aus, in der die Begriffe Wahn und Wahrheit unlslich verkettet sind, und das Uebermenschliche daher kommt als ein Blitz, der den Geist treffen und tdten, als ein Wahnsinn, mit dem sein Wahrheitssinn geimpft werden soll: Wollte ich doch, sie htten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde gingen!-- -- --Wahrlich ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit!-- --Und des Geistes Glck ist diess: gesalbt zu sein und durch Thrnen geweiht zum Opferthier,--wusstet ihr das schon? Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute,--wusstet ihr das schon? (Also sprach Zarathustra II 33). Aber dieses letzte Mysterium kann uns, wie das ganze Bild des Schpfer-Philosophen berhaupt, nur fortschreitend, in der Ethik und Aesthetik Nietzsches, vllig deutlich werden, indem es, von den abstrakten Grundlinien aus, stets krperhaftere Zge gewinnt, bis es endlich, als eine mystische Wesensverklrung Nietzsches selber, in seiner persnlichen Einzelgestalt vor unseren Augen steht. Dass erst die Ethik der Erkenntnisstheorie ihre rechte Erluterung und Begrndung giebt, erhellt schon aus dem Charakter des Erkennenden als des wahren Trgers des Lebenswillens,--des Erkennenden als des Handelnden und Schaffenden. Es gilt daher im hchsten Grade von Nietzsches Philosophie, was er von den Systemen der Philosophen berhaupt aussagt: dass die moralischen-- --Absichten-- --den eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze gewachsen ist (Jenseits von Gut und Bse 6). Dieser enge Zusammenhang des Philosophen mit dem Leben als solchem und mit dessen menschlichsten und persnlichsten Zwecken soll ihn am entschiedensten von allen Denen trennen, die das Leben anfeinden oder pessimistisch ansehen. Er soll der geborene Lebens-Apologet sein und seine Philosophie eo ipso eine Lebens-Apotheose, denn zu sich selbst kann das Leben nur immer wieder Ja sagen. In Wirklichkeit jedoch ist fast immer das Gegentheil der Fall gewesen (Gtzen-Dmmerung II I). ber das Leben haben zu allen Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt: _es taugt nichts_.... Immer und berall hat man aus ihrem Munde denselben Klang gehrt,--einen Klang voll Zweifel, voll Schwermuth, voll Mdigkeit am Leben, voll Widerstand gegen das Leben. War doch dieser geschwchte Lebenswille eine Folge der Verfeinerung und Sublimirung ihres menschlich-thierischen Wesens, der intellektuellen und beschaulichen Eigenart ihrer Natur,--war es doch, nach Nietzsches ehemaliger Auffassung, gewissermaassen zugleich ihr _Adelszeichen_, das sie von den geistig rohen Menschen, vom _Pbel_, unterschied und zu ihrer Fhrerrolle berechtigte. Hier hat sich nun die Auffassung dahin verndert, dass nicht mehr auf die Lebensdurchgeistigung, sondern auf die Lebensschwchung der Nachdruck gelegt wird. Die Menschen des Geistes erscheinen nunmehr als die Kranken und Entnervten, als die _Niedergangstypen_ eines jeden Zeitalters. Der von Nietzsche so geliebte und verherrlichte Philosoph, der bei den Griechen die Lehre von der Herrschaft der Vernunft ber die Naturinstinkte vertrat, Sokrates, wandelt sich ihm damit wieder zu der gefhrlichen und geschmhten Versucher-Gestalt, die er fr Nietzsche zur Zeit der Schopenhauerischen Periode war. Sokrates, der Hssliche, Missgestaltete unter den vornehmen, wohlgebildeten Griechen, trat unter ihnen auf als der erste grosse Decadent, er corrumpirte und verschnitt den ursprnglichen hellenischen Lebensinstinkt, indem er ihn der Vernunftlehre unterwarf (Vergleiche Gtzen-Dmmerung II Das Problem des Sokrates). Darin ist er das Urbild aller Denker, die das Leben durch das Denken meistern wollen, aber wie sie Alle beweist er damit Nichts gegen das Leben, sondern nur Etwas gegen das Denken. Denn wenn auch bisher alle Philosophen zur Missachtung des Daseins, zur Erschlaffung der lebenerhaltenden Instinkte beigetragen haben, so spricht sich darin nicht eine Wahrheit hinsichtlich des also geringgeschtzten Lebens aus, sondern nur der Widerspruch, in den sie mit sich selber gerathen sind, als das charakteristische Symptom eines Krankheitszustandes. Es lehrt nur, dass die Menschen des berwiegenden Intellekts sich von der Lebensquelle, die auch ihrem Intellekt erst Nahrung zufhrt, abgekehrt haben, dass sie Abgelebte, Mde, Sptlinge niedergehender Culturen sind, dass sie in sich nicht mehr die sieghafte, heilende, umformende Kraft besitzen, welche ber die Schden und Lcken des Daseins triumphirt und dasselbe zu hherer Entwicklung weiterfhrt. Ihnen allen gilt daher die argwhnische Frage: Waren sie vielleicht allesammt auf den Beinen nicht mehr fest? spt? wackelig? ddcadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden als Rabe, den ein kleiner Geruch von Aas begeistert?... (Gtzen-Dmmerung II 1.) Aber nicht nur ihnen gilt diese Frage, denn sie reprsentiren nur die usserste Spitze dessen, worin die ganze Entwicklung der Menschheit gipfelt. Der stumpfen und dumpfen Einheitlichkeit seines ursprnglichen Thierbewusstseins entrissen, ist der Mensch durch die Weiterbildung seiner Geistesfhigkeiten in Zwiespalt mit dem Naturgrund gerathen, in dem seine Kraft wurzelt. Er ist damit zu einer Halbheit, zu einem Zwitterding geworden, das ersichtlich seine Erklrung und Daseinsberechtigung nicht aus sich selber schpfen kann,--? er ist der verkrperte Uebergang zu Etwas, das noch nicht entdeckt, noch nicht geschaffen ist, und als ein solcher Uebergang ist der Mensch das krankhafteste,--das noch nicht _festgestellte_ Thier. (Jenseits von Gut und Bse 62). So haftet der Decadenz-Charakter dem Menschenthum als solchem an und nicht nur einer einzelnen Form, einem einzelnen Gebiet desselben. Wir finden demnach die ersten Anfnge der Decadenz, des Niederganges ungebrochenen Lebens, schon im Entstehen aller Cultur,--da wo sich die wilde Bestie Mensch, das menschliche Raubthier, durch den ersten socialen Zwang in seiner ungezgelten Freiheit beengt fhlt. Jene furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation gegen die alten Instinkte der Freiheit schtzte-- -- --brachten zu Wege, dass alle jene Instinkte des wilden freien schweifenden Menschen sich rckwrts, sich _gegen den Menschen selbst_ wandten. Alle Instinkte, welche sich nicht nach Aussen entladen, _wenden sich nach Innen_-- ist das, was ich die _Verinnerlichung_ des Menschen nenne: damit wchst erst das an den Menschen heran, was man spter seine Seele nennt. Die ganze innere Welt, ursprnglich dnn wie zwischen zwei Hute eingespannt, hat Tiefe, Breite, Hhe bekommen, als die Entladung des Menschen _nach Aussen_ gehemmt worden ist. Der Mensch, der sich, aus Mangel an usseren Feinden und Widerstnden, eingezwngt in eine drckende Enge und Regelmssigkeit der Sitte, ungeduldig selbst zerriss, verfolgte, annagte, aufstrte, misshandelte, dies an den Gitterstangen seines Kfigs sich wund stossende Thier,-- -- --. Mit ihm aber war die grsste und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des Menschen--_an sich_: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von der thierischen Vergangenheit, einer Kriegserklrung gegen die alten Instinkte, auf denen bis dahin seine Kraft, Lust und Furchtbarkeit beruhte. (Zur Genealogie der Moral II 16.) Wenn dementsprechend die Krankhaftigkeit des Menschen gewissermaassen sein Normalzustand, seine specifisch menschliche Natur selbst ist, und die Begriffe Erkrankung und Entwicklung als nahezu identisch gefasst werden, so mssen wir natrlich auch am _Ausgang_ einer langen culturellen Entwicklung wieder der nmlichen Decadenz als Resultat begegnen. Sie hat nur das Aussehen verndert. Es sind die Zeiten langer friedlicher Gewhnung, in denen sie in ihrer neuen Form auftritt, Zeiten, in denen das strenge Zusammenhalten, die harte Zucht und Unterordnung der Einzelnen nicht mehr als nothwendig erscheinen, sondern die Mittel zu einer sorgloseren und volleren Selbstauslebung reichlich vorhanden sind. Die starre Gleichfrmigkeit, zu der durch eine Jahrhunderte whrende Schulung Alle herangezchtet worden sind, beginnt sich aufzulsen und dem Spiel des Individuellen Platz zu machen. Die Variation, sei es als Abartung (in's Hhere, Feinere, Seltnere), sei es als Entartung und Monstrositt, ist pltzlich in der grssten Flle und Pracht auf dem Schauplatz, der Einzelne wagt einzeln zu sein und sich abzuheben. Lauter neue Wozu's, lauter neue Womit's, keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverstndniss und Missachtung mit einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die hchsten Begierden schauerlich verknotet, das Genie der Rasse aus allen Fllhrnern des Guten und Schlimmen berquellend, ein verhngnissvolles Zugleich von Frhling und Herbst. (Jenseits von Gut und Bse 262.) Wenn in der zuerst geschilderten ursprnglichen Decadenzform die Leidenschaften des Menschen sich gegen ihn selbst wenden, ihn bedrohen und zerfleischen, weil er sich nicht nach Aussen hin entladen, nicht wehren kann,--so gerathen sie jetzt aus dem entgegengesetzten Grunde in einen gleichen Innenkrieg miteinander, weil keine Verhltnisse mehr vorhanden sind, gegen die der Mensch sich zu wehren htte, nichts, was seine Kriegskraft nach Aussen hin abzuziehen vermchte. Im zahmen Frieden des geordneten Lebens hat der inzwischen so stark verinnerlichte Mensch nur noch sich selbst zum Kampfplatz seiner ungeberdigen Triebe. Sobald diese sich zu regen anfangen, beginnt er wiederum, an sich zu leiden, Dank den wild gegeneinander gewendeten, gleichsam explodirenden Egoismen, die sein beraus complicirt gewordenes Wesen in sich begreift, und durch die es allmlig alle Geschlossenheit der Persnlichkeit wieder einbsst. In diesem Stadium bildet der Mensch das Endglied einer einzigen ungeheuer langen Entwicklungskette, deren einzelne Ringe ihm alle einverleibt sind, als die Summe der gesammten allmlig angezchteten intellektuellen, moralischen und socialen Menschlichkeit nebst smmtlichen nur allzu lebendigen Instinkterinnerungen an die zurckliegende Thierheit. Aber wenn diese beiden Formen der Decadenz mit Nothwendigkeit der menschlichen Natur entspringen und unumgngliche Durchgangsphasen fr deren Weiterbildung zu etwas Hherem sind, so gibt es daneben noch eine dritte Art der Decadenz, welche die geschilderten Krankheitszustnde unheilbar zu machen und die Mglichkeit einer Wiedergenesung zu verhindern droht. Das ist die falsche Weltdeutung, die unrichtige Lebensauffassung, die durch jenes Leiden und jene Krankheit gezeitigt wird. Es ist die Aufforderung zur Askese in gleichviel welcher Form, zur Abkehr vom Leben und seinen Schmerzen, zur Hingebung an die Mdigkeit, die als Folge des immerwhrenden Krieges der man ist auftritt. Ein solches asketisches Ideal predigen nicht nur alle Religionen und Moralen, sondern auch jeder Intellektualismus, der das Denken auf Kosten des Lebens untersttzt und das Ideal der Wahrheit dem Ideal einer mglichsten Lebenssteigerung entgegensetzt. Das wahre Heilmittel fr diese um sich greifende Corruption bestnde gerade in der vollen Hinwendung zum Leben, damit aus dem chaotischen Reichthum durcheinander ringender Gegenstze eine neue hhere Gesundheit geboren werde. Man ist nur _fruchtbar_ um den Preis, an Gegenstzen reich zu sein (Gtzen-Dmmerung V 3), vorausgesetzt, dass noch gengende Kraft da ist, sie zu tragen, sie zu _ertragen_. Dann ist scheinbare Auflsung und Decadenz, dann ist alle sogenannte Corruption nur ein Schimpfname fr die Herbstzeiten,--d. h. fr die Zeiten der abfallenden Bltter, aber auch der reifenden Frchte. Insofern kann Decadenz und Fortschritt ein und dasselbe bedeuten: den Fortschritt dem nothwendigen Ende zu,--Es hilft nichts: man muss vorwrts, will sagen _Schritt fr Schritt weiter in der dcadence_.-- -- --Man kann diese Entwicklung _hemmen_ und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen, aufsammeln, vehementer und _pltzlicher_ machen: mehr kann man nicht. (Gtzen-Dmmerung IX 43.) Ein solches Ende, eine solche tragische Verknpfung von vorwrts und niederwrts wird dadurch erklrt, dass der Mensch nicht in sich selbst seine Erfllung findet, sondern ber sich selbst hinaus drngt nach etwas Hherem, als er ist. Es ist mit der Thatsache einer gegen sich selbst gekehrten, -- --Thierseele auf Erden etwas so Neues, Tiefes,-- --Widerspruchsvolles und _Zukunftsvolles_ gegeben,--dass daraus die Zuversicht auf eine mgliche, neue ber-Art des Menschlichen geschpft werden kann. Es ist, als ob sich damit Etwas ankndige, Etwas vorbereite, als ob der Mensch kein Ziel, sondern nur ein Weg, ein Zwischenfall, eine Brcke, ein grosses Versprechen sei. (Zur Genealogie der Moral II 16.) Der Mensch ist ein Seil, geknpft zwischen Thier und bermensch,--ein Seil ber einem Abgrunde.-- --Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brcke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein _bergang_ und ein _Untergang_ ist. (Also sprach Zarathustra I 12.) Die Decadenzerscheinungen knnen daher der Menschheit zu Zeiten des hereinbrechenden Unterganges und der sich ankndigenden Neugeburt ebenso wenig erspart bleiben als einem schwangeren Weibe die Widerlichkeiten und Wunderlichkeiten der Schwangerschaft: -- -- --als welche man vergessen muss, um sich des Kindes zu freuen. Die Einsicht in die durchgngige Allzumenschlichkeit der Triebe, die Nietzsche frher so stark betont hatte, wird hier also nicht aufgegeben, sondern noch mglichst _verschrft_ und zum Ausgangspunkt seiner neuen Menschheitstheorie genommen. Aus einer verstandeskalten Einsicht hat sie sich ihm zu einem _Gemthsaffekt_ gesteigert, und als solcher gewinnt sie eine so ungeheure Bedeutung, dass sie alle seine Seelen- und Gedankenkrfte aufwhlt, bis ihm in Zorn, Gram und Entsetzen neue Flgel und quellenahnende Krfte (Also sprach Zarathustra III 77) wachsen, mit denen er sich ber sie erhebt. Aus dem _Accent_, den er auf seine ehemalige Einsicht legt, aus den ussersten Consequenzen, die er aus ihr zieht, quillt ihm die bermchtige Sehnsucht nach seiner neuen Theorie, nach dem Gedanken einer Selbstopferung des Allzumenschlichen fr das Uebermenschliche. Wie sich in dem erkenntnisstheoretischen Theile von Nietzsches neuer Lehre die Abhngigkeit des Logischen vom Seelischen, des Gedankenlebens vom Gemthsleben wiederspiegelt, so tritt uns in jenem Menschheitsbilde einer leidenden Ueberflle zum Zweck einer Neugeburt die Erklrung seines eigenen Wesens entgegen: die Selbstopferung durcheinanderringender Triebe zur Entbindung hchster Schaffenskraft. Aus dem tiefen, ihm stets gegenwrtigen Gefhl eigener Krankhaftigkeit, eigenen Leidens ist seine Decadenzlehre hervorgegangen. Auch von ihr gilt, was von allen Theorien seiner letzten Philosophie gilt: die schmerzlichen psychischen Vorgnge, die bei ihm bisher die _Ursache_ und _Begleiterscheinung_ der verschiedenen Erkenntnissprocesse waren, werden nunmehr zum _Erkenntniss_-inhalt selbst. Der Gedanke einer berreich gewordenen, sich opfernden Menschheit ist es denn auch, von dem aus Nietzsche, zurckblickend, den ganzen Gang der Menschheits-Entwicklung begreift. Um desswillen allein war jene lange und peinvolle Zhmung ursprnglicher Thierwildheit nthig, obgleich sie den Menschen zum Decadenten heranzchtet, und er ihr schliesslich doch wieder entwchst. Ihr Sinn ist es gewesen, ihn mit der ganzen Flle seiner Innerlichkeit zu bereichern und ihn dann zum Herrn dieses Reichthums und seiner selbst zu machen. Das konnte nur durch einen langen harten Zwang geschehen, in dem sein Wille, als, der eines noch Unmndigen, gleichsam unter Schlgen und Strafen zur Mndigkeit erzogen wurde. So lernte der Mensch einen _lngeren_ und _tieferen_ Willen haben, als das vergessliche, vom Augenblick beherrschte, dem Augenblicksimpulse unterworfene Thier. Er lernte fr sein Wollen einstehen--er wurde das Thier, das _versprechen darf_. Alle Menschheitserziehung ist im Grunde eine Art von _Mnemotechnik_: sie lst das Problem, wie dem unberechenbaren Willen ein _Gedchtniss einzuverleiben_ sei. Fr sich gut sagen drfen und mit Stolz, also auch zu sich _Ja sagen drfen_--das ist--- eine _spte_ Frucht:--wie lange musste diese Frucht herb und sauer am Baume hngen! Stellen wir uns--ans Ende des ungeheuren Prozesses, dorthin, wo der Baum endlich seine Frchte zeitigt, wo die Societt und ihre Sittlichkeit der Sitte endlich zu Tage bringt, _wozu_ sie nur das Mittel war: so finden wir als reifste Frucht-- --das souveraine _Individuum_, das nur sich selbst gleiche,-- --, kurz den Menschen des eignen unabhngigen langen Willens, der _versprechen darf_. (Zur Genealogie der Moral II I ff.) Dieser Selbstgewissheit des freigewordenen, herrgewordenen Individuums entspricht eine neue Art von _Gewissen_, nachdem der Mensch den Moral Vorstellungen und Idealbegriffen des Herkommens--seinen strengen, nunmehr berflssig gewordenen Erziehern--entwachsen ist, und damit das alte Gewissen seine Wurzel und Berechtigung in ihm verloren hat. Auch die Willenstheorie Nietzsches weist eine Verschmelzung seiner ehemaligen metaphysischen Anschauungen mit einem wissenschaftlichen Determinismus auf. Als Jnger Schopenhauers unterschied Nietzsche gleich diesem zwischen dem mysterisen Willen an sich, der die Grundlage der Schopenhauerischen Metaphysik ausmacht, und dem Willen, wie er fr unsere menschliche Wahrnehmung in die Erscheinung tritt. Er nannte ihn also frei, insofern die letzten Grnde seines Seins und Wesens jenseits unserer gesammten Erfahrungswelt liegen, jenseits des fr diese geltenden Causalittsgesetzes; unfrei, insofern die einzelne Willenserscheinung uns nur wahrnehmbar wird innerhalb des unzerreissbaren Netzes des allgemeinen Causalzusammenhangs. Nachdem Nietzsche dann mehrere Jahre einem consequenten Determinismus gehuldigt hatte, hlt er auch jetzt noch an der Ansicht fest, dass der Wille sich am Gngelbande der ihn bestimmenden Einflsse sozusagen erst seinen Namen verdiene. Aber was er als Determinist hinsichtlich der mysterisen _Herkunft_ und Abstammung des Willens leugnet, das versucht er dafr an das _Ziel_ und _Ende_ der Willensentwicklung zu stellen. Ist nmlich in Folge der von ihm geschilderten langen Willenszchtung durch Zwang und ussere Beeinflussung ein reifer, selbstgewisser, dem Augenblick entwachsener und das Leben beherrschender Wille allmhlich _geschaffen worden_, so ist er damit in einem Sinne frei geworden, dem gegenber die Deterministen Unrecht bekommen: denn nun lassen sich seine Handlungen nicht lnger aus einer bestimmten Zeit und Umgebung ableiten, nun wird er durch nichts mehr als durch sich selbst, d. h. durch seine _gewaltig angewachsene und rcksichtslos explodirende Strke_ bestimmt,--er ist reines, von der Zeit gelstes Machtbewusstsein. Allerdings ist dieses sein Wesen nicht mehr _metaphysischer_ Natur, denn es ist geworden, es ist das _Resultat_ einer Entwicklungsreihe, und die erreichte Freiheit des Willens ist die Tochter der Nothwendigkeit und strengsten Bedingtheit des Willens. Aber es ist dennoch etwas Mystisches um diese Freiheit, denn sie wendet sich nunmehr als eine _unbedingte_ Macht umgestaltend und umschaffend _gegen_ eben die natrlichen Bedingungen, denen sie entsprungen. Die Welt der Wirklichkeit in ihrer uns allein zugnglichen und begreiflichen Entwicklung hatte Nietzsche in seiner positivistischen Zeit als das Werthvollste schtzen gelernt, indem er sich gegen die andersgesinnten Metaphysiker mit dem Wort kehrte: Alles Fertige, Vollkommene wird angestaunt, alles Werdende unterschtzt, (Menschliches, Allzumenschliches I 162)--blos weil man die Entstehungsursachen des ersteren nicht mehr nachprfen, nicht mehr durchschauen kann. Nun gelangt er zu dem gleichen Anstaunen des Fertiggewordenen und scheinbar Vollkommenen; und alles Werdende erscheint ihm nur noch schtzenswerth, insofern es der Weg dazu ist. Die Bedingtheit aller Dinge wird von ihm auch jetzt zugestanden, aber nur, weil aus ihr heraus irgend wann einmal eine ber alle Bedingtheit und Erfahrung hinausgehende mystische Bedeutsamkeit aller Dinge sich offenbaren soll. Von der Machtstrke des freigewordenen Willens hngt diese Bedeutsamkeit ab, denn von ihm wird sie in die Dinge hineinerschaffen; darum will Nietzsche an Stelle des freien und unfreien Willens der Deterministen den Ausdruck _starker_ und _schwacher_ Wille gesetzt sehen (Jenseits von Gut und Bse 21) und die gesammte Psychologie aufgefasst wissen als Morphologie und _Entwicklungslehre des Willens zur Macht_. (Ebendas. 23.) Der Willensmchtige ist also jederzeit der im hchsten Grade Unzeitgemsse, er ist Derjenige, in dem _Genie_ geworden ist, was sich durch lange Zeit hindurch in der Menschheit vorbereitet hat. Im Genie strmt frei aus, was von der Menschheit in Unfreiheit und Knechtschaft erlernt wurde. Genies sind wie Explosivstoffe, in denen eine ungeheure Kraft aufgehuft ist; ihre Voraussetzung ist immer, historisch und physiologisch, dass lange auf sie hin gesammelt, gehuft, gespart und bewahrt worden ist,-- -- --die Zeit, in der sie erscheinen, ist zufllig; dass sie fast immer ber dieselbe Herr werden, liegt nur darin, dass sie strker, dass sie _lter_ sind, dass lnger auf sie hin gesammelt worden ist;-- -- --die Zeit ist relativ immer viel jnger, dnner, unmndiger, unsicherer, kindischer.-- -- --Der grosse Mensch ist ein Ende;-- -- --Das Genie--in Werk, in That-- ist nothwendig ein Verschwender: _dass es sich ausgiebt_, ist seine Grsse.... Der Instinkt der Selbsterhaltung ist gleichsam ausgehngt; der bergewaltige Druck der ausstrmenden Krfte verbietet ihm jede solche Obhut und Vorsicht. (Gtzen-Dmmerung IX 44.) Im Genie tritt also, wenigstens nach einer bestimmten Richtung, in ausserordentlichem Grade das zu Tage was den Menschen befhigen soll, von seiner Art zu einer Ueber-Art fortzuschreiten, eine Selbstvergeudung zu Gunsten einer Neuschpfung, ein verschwenderischer Reichthum, in dessen Gaben sich die ganze Vergangenheit abgelagert hat, und in dem sie zugleich ganz und gar Fruchtbarkeit geworden ist,--Zukunftsbefruchtung. Denke man sich nun ein Genie, das nicht, gleich anderen Genies, seine Genialitt nur auf einem oder einigen Gebieten besitzt, sondern in Bezug auf das gesammte Menschheitsbewusstsein,--so etwa, dass in ihm wirksam und lebendig ausstrmt, was je in demselben gelebt und gewirkt: ein solches Genie wre das Bild des Menschen, aus dem der Uebermensch geboren wird. Es wrde in sich die ganze Vergangenheit berschauen und zusammenfassen, ja, es enthielte in sich die ganze Linie Mensch, bis zu ihm selbst hin noch, und deshalb msste sich in ihm pltzlich Weg und Ziel der Menschheitszukunft offenbaren. Zum ersten Mal erhielte durch den Machtwillen eines solchen Offenbarers die Menschheitsentwicklung Richtung, Ziel und Zukunft, alle Dinge eine innere und endgiltige Bedeutsamkeit:--mit einem Wort, zum ersten Mal erstnde der Philosoph als der Schaffende, wie Nietzsche ihn sich denkt: als der Willensmchtige, der Menschheitsgenius, der das Leben in sich Begreifende, an dem offenbar wird, was Nietzsche vom Denken berhaupt sagt: es sei in der That viel weniger ein Entdecken, als ein Wiedererkennen, Wiedererinnern, eine Rck- und Heimkehr in einen fernen uralten Gesammt-Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einstmals herausgewachsen sind:--Philosophien ist insofern eine Art von Atavismus hchsten Ranges. (Jenseits von Gut und Bse 20.) Alles Hchste eine Art von Atavismus,--darin liegt der wunderlich _reaktionre_ Charakter der ganzen letzten Philosophie Nietzsches, der sie am schrfsten von der seiner vorhergehenden Periode unterscheidet. Es ist ein Versuch, an Stelle der metaphysischen Verherrlichung bestimmter Dinge und Begriffe die ihres Alters und ihrer weit zurckliegenden Herkunft zu setzen. Er nimmt das Wiedererinnern und Wiedererkennen nur deshalb nicht im Sinne Platos, weil er meint, es durch die ungeheuer lange Zeitstrecke des Bestehens alles Denkens ebenso bedeutsam und bermenschlich fassen zu knnen. Deshalb gilt ihm, dass von allem Hochgearteten nur das Aelteste das Zukunftbestimmende sei,[2] dass Werth und Vornehmheit der Dinge ausschliesslich an das Alter gebunden seien: erst am Ende angelangt, weisen sie ihren Schatz auf, weisen sie sich als Macht, Freiheit und unabhngig gewordene Kraft aus. Wer (die guten Dinge) _hat_, ist ein Andrer, als wer sie erwirbt. Alles Gute ist Erbschaft: was nicht ererbt ist, ist unvollkommen, ist Anfang ... (Gtzen-Dmmerung IX 47), vornehm ist: was sich nicht improvisiren lsst. Nichts ist mithin pbelhafter, unvornehmer, als das Werdende und der Bringer des Werdenden und Neuen: der moderne Mensch und der moderne Geist, der von seiner Zeit ganz und gar bedingt und daher ganz und gar Sklavengeist ist. Herrengeist kann er erst werden, nachdem ihm Jahrhunderte und Jahrtausende einverleibt sind, und er dadurch selbst ein Unzeitgemsser, zeitlose Genialitt geworden ist. Demokratismus war jeder Zeit die Niedergangs-Form der organisirenden Kraft:-- -- --Damit es Institutionen giebt, muss es-- --Wille, Instinkt, Imperativ geben, antiliberal bis zur Bosheit: den Willen zur Tradition, zur Autoritt, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte hinaus, zur _Solidaritt_ von Geschlechter-Ketten vorwrts und rckwrts in infinitum. (Gtzen-Dmmerung IX 39.) Es ist interessant, durch Vergleichung der entsprechenden Stellen in Nietzsches vorhergehenden Werken zu sehen, welche Wandlung in der Auffassung einer Theorie der blosse Gefhlsumschlag bei ihm hervorzurufen vermag, und wie unvershnlich sich dadurch die Gegenstze sofort zuspitzen. Jetzt geisselt er die pbelhafte[3] Gleichmacherei aller Menschen und die zahmen Friedenszustnde, in denen keine rohen Barbarengewalten mehr aufkommen knnen, welche die gesunde Kraft alter Zeiten in die ermattete und entkrftete Gegenwart hinbertragen wrden. Barbaren sind die _ganzeren_ Menschen (was auf jeder Stufe auch so viel mit bedeutet, als die ganzeren Bestien--). (Jenseits von Gut und Bse 257.) Diese ganzeren Menschen und ganzeren Bestien erscheinen in einem solchen Gesellschaftszustand als bse und gefhrlich, sie werden zu Verbrechern gestempelt und demgemss behandelt,-- ja, sie _sind_ kraft ihrer strkeren Naturtriebe die geborenen Verbrecher und Biecher der bestehenden Ordnung. Der Verbrecher-Typus, das ist der Typus des starken Menschen unter ungnstigen Bedingungen,-- -- --Ihm fehlt die Wildniss, eine gewisse freiere und gefhrlichere Natur und Daseinsform, in der Alles, was Waffe und Wehr im Instinkt des starken Menschen ist, _zu Recht besteht_. Seine _Tugenden_ sind von der Gesellschaft in Bann gethan. (Gtzen-Dmmerung IX 45.) Das Freiheitsideal, wonach einem _Jeden_ eine gewisse Freiheit zukommt, das also auch den Schwchsten und Geringsten zur Freiheit der Bewegung gelangen lsst, steht dem seinen gerade entgegen: seine rcksichtslose Auslebung fordert immer die Vergewaltigung Anderer, seine Strke ussert sich unwillkrlich und nothwendig in einem Zertreten jeder ihn umgebenden Schwche. Der Grund aber dieser in ihm ausbrechenden Strke der Instinkte ist, dass er sozusagen von einer lteren Kultur-stufe herkommt, ein lteres Stck Menschenthum darstellt: dass er, mit einem Wort, gleich dem Willensmchtigen und dem Genie, im hchsten Grade atavistisch veranlagt ist. Mag diese ihm von Alters her innewohnende Instinktmacht an sich noch so unedler Natur sein, edel ist sie schon dadurch, dass sie einen Durchbruch lang angesammelter Flle, einen starken Explosivstoff darstellt, mit welchem die Vergangenheit die Zukunft befruchtet. Wo der Verbrecher sehr stark, wo er also zugleich ein Genie seiner Art und ein Willensfreier ist, da gelingt es ihm manchmal, die herrschende Zeitrichtung seiner atavistischen Sonderart entsprechend zu leiten und das ihm widerstrebende Zeitalter unter seinen Tyrannenwillen zu beugen. Ein Beispiel hierfr ist Napoleon, den Nietzsche hnlich auffasst wie Taine. Auch ihm erscheint es von der grssten Bedeutsamkeit, dass Napoleon ein Nachkomme der Tyrannen-Genies der Renaissance-Zeit ist, der, nach Corsica verpflanzt, in der Wildheit und Ursprnglichkeit der dortigen Sitten das Erbe seiner Vorfahren unangetastet in sich bewahren konnte, um endlich mit der Gewalt desselben das moderne Europa zu unterjochen, das ihm einen ganz anderen Spielraum der Kraftentladung bot, als einst Italien seinen Ahnen geboten hatte. Nietzsches Bewunderung fr den grossen Corsen gehrt seiner letzten Geistesperiode an, wie er auch die italienische Renaissance frher wesentlich anders auffasste.[4] In der Urgesundheit seiner gewaltthtigen Instinktkraft und seines rckhaltlosen Egoismus wurde Napoleon nun fr Nietzsche das Idealbild der geborenen Herrennatur, wie sie sein soll, und wie wir sie auch heute noch brauchen, um Alles auszurotten, was durch die Sklavennatur der modernen Menschen an moralischen Rcksichten und weichlichen Regungen grossgezogen worden ist. Wir kommen damit zu Nietzsches viel besprochener und vielfach berschtzter Unterscheidung zwischen Herren-Moral und Sklaven-Moral. Anfangs ging Nietzsche auch hier von positivistischen Anregungen aus. Wie schon erwhnt, gab Res damals im Werden begriffenes Werk Die Entstehung des Gewissens den Anlass, mit dem Freunde das ganze Material, dessen dieser fr seine eigenen Zwecke bedurfte, durchzusprechen,--namentlich auch den etymologischen und historischen Zusammenhang der Begriffe vornehm-stark-gut, niedrig-schwach-schlecht in der ltesten Moral oder auf der sozusagen vormoralischen Culturstufe. Die Art, wie diese Gesprche und gemeinsamen Studien noch einmal von den beiden Freunden aufgenommen wurden, war charakteristisch fr die Beziehung, in der Nietzsche auch jetzt noch zu den positivistischen Anschauungen stand: er hrte den Gedanken derselben noch einmal geduldig zu, entnahm ihnen hie und da die Anregung oder das Material zu eigenem Denken, wandte sich aber hierbei bereits feindlich gegen seine ehemaligen Genossen. In Res Werk wurde die historische Verschiebung des Urtheils zu Gunsten aller wohlwollenden, gleichmachenden Regungen als ein natrlicher und allmhlicher Uebergang zu hher entwickelten Gesellschaftsformen aufgefasst: die anfngliche Verherrlichung der raubthierhaften Kraft und Selbstsucht weicht immer mehr der Einfhrung milderer Sitten und Gesetze, bis endlich in der christlichen Moral das Mitleid und die Nchstenliebe als hchstes Gebot religis sanktionirt erscheint. In seiner persnlichen Abschtzung des moralischen Phnomens war Re indessen weit davon entfernt, sich auf die Seite der englischen Utilitarier zu stellen, denen er in seinen wissenschaftlichen Anschauungen sonst am nchsten kommt. Fr Nietzsche hingegen spitzte sich, in Folge seiner vernderten persnlichen Auffassung des Moralischen, der geschichtlich gegebene Unterschied zwischen den beiden verschiedenen Verthbestimmungen dessen, was gut heisst, zu zwei unvershnlichen Gegenstzen zu: zu einem Kampf zwischen Herren-Moral und Sklaven-Moral, der ungeschlichtet bis in unsere Tage hineinreicht. Die ungemein grosse Bedeutung, die alles Willensmchtige und Instinktstarke fr ihn gewonnen hatte, verleitete ihn, darin die einzig mgliche Quelle aller gesunden Moral zu erblicken, in der Sanktionirung wohlwollender Regungen hingegen ein tdtliches Uebel, an dem die ganze Menschheit bis heute kranke. Seine bisherige Zurckfhrung aller moralischen Werthurtheile auf den Nutzen, die Gewohnheit und das Vergessen der ursprnglichen Ntzlichkeitsgrnde erschien ihm nunmehr als unrichtig: eine solche Entstehung konnte sich hchstens fr die Sklaven-Moral schicken, fr die andere musste ein vornehmerer Ursprung gefunden werden. Denn vornehm ist es, ein Ding ohne Rcksicht auf den Nutzen gut oder schlecht zu nennen, und so verfhrt die Herrennatur: sie empfindet sich selbst in ihrem Wesen und allen ihren Regungen als gut und sieht auf Alles, was diesen nicht entspricht, also auf alles Schwache, Abhngige, Furchtsame, mit unwillkrlicher und halb unbewusster Geringschtzung als auf das Schlechte herab. Ganz anders entsteht die Sklaven-Moral dieser Geringgeschtzten, dieser Schlechten: sie entsteht nicht spontan und von sich selbst aus, sondern auf dem Boden des Ressentiment als eine Art Racheakt: sie nennt alles bse, hassenswerth, was den herrschenden Stnden angehrt, und erst von da aus erfindet sie, als etwas Abgeleitetes, _ihren_ Begriff gut fr smmtliche jenen _entgegengesetzte_ Eigenschaften,--also fr das Schwache, Unterdrckte, Leidende. Auf der einen Seite steht mithin das unschuldbewusste Raubthier, das starke, frohlockende Ungeheuer, das sogar die schlimmsten Thaten, wenn es sie selbst begeht, mit einem bermuthe und seelischen Gleichgewichte vollbringt, wie einen Studentenstreich (Zur Genealogie der Moral I 11), auf der anderen Seite der Unterdrckte, Hassgebte, dessen Seele ohnmchtig nach Rache drstet, whrend er die Moral des Mitleids und der erbarmenden Nchstenliebe zu predigen scheint. Zu einem vollkommenen Idealbild ist dieser letztere Typus im Christenthum ausgearbeitet worden, das Nietzsche ohne Weiteres als einen ungeheuren Racheakt des Judenthums an der selbstherrlichen antiken Welt auffasst. Dass die Juden den Stifter des Christenthums gekreuzigt und seine Religion verleugnet haben, soll die eigentliche Feinheit dieses Racheplanes gewesen sein, damit die anderen Vlker unbedenklich an diesem Kder anbeissen.[5] Es ist aber nicht nothwendig, Nietzsche in allen seinen Erklrungen und seiner bisweilen gewagten Geschichts-Interpretation nachzugehen, weil die eigentliche _Bedeutsamkeit_ dieser Anschauung fr seine Philosophie an anderer Stelle liegt, als wo man sie gemeinhin sucht. Im Bedrfniss, Alles mglichst zu verallgemeinern und wissenschaftlich zu begrnden, hat Nietzsche versucht, Etwas, dessen Bedeutung fr ihn innerhalb eines verborgenen seelischen Problems lag, aus der Menschheitsgeschichte zu entwickeln und in sie hineinzulegen. Deshalb ist es zu bedauern, wenn das Eigenartige in Nietzsches Gedankengang verwischt wird, indem man daran die falsche Seite ber Gebhr betont: die der Wissenschaftlichkeit. Auch von diesen Hypothesen Nietzsches gilt es, und ganz besonders von diesen, dass man sie nicht theoretisch nehmen darf, um den originellen Kern aus ihnen herauszuschlen. Nicht was die Seelengeschichte der Menschheit sei, sondern wie seine eigene Seelengeschichte als diejenige der ganzen Menschheit aufzufassen sei, das war fr ihn die Grundfrage. Im schrfsten Gegensatz zu der philologischen Genauigkeit, mit der er anfnglich und im Wesentlichen auch in der vorhergehenden Periode Geschichte und Philosophie interpretirt hatte, spielt jetzt die exakte wissenschaftliche Forschung keine Rolle mehr neben seinen genialen Einfllen und Ideen,--und sie konnte auch keine mehr spielen, weil Nietzsche verhindert war, wissenschaftlich zu arbeiten. Von allen Studien, die er jetzt noch streifen mochte, gelten daher seine Worte aus der Frhlichen Wissenschaft (166)--dass wir _Immer in unserer Gesellschaft bleiben_, auch wo wir whnen, Fremdes aufzunehmen: Alles, was meiner Art ist, in Natur und Geschichte, redet zu mir, lobt mich, treibt mich vorwrts, trstet mich--: das Andere hre ich nicht oder vergesse es gleich. _Grenze unseres Hrsinns_: Man hrt nur die Fragen, auf welche man im Stande ist, eine Antwort zu finden. (Ebendaselbst 196.) Wie gross auch die Habsucht meiner Erkenntniss ist: ich kann aus den Dingen nichts Anderes herausnehmen, als was mir schon gehrt,-- das Besitzthum Anderer bleibt in den Dingen zurck. (Ebendaselbst 242.) Bei einer so willkrlichen Behandlung des Materials zu Gunsten seiner philosophischen Hypothesen entfernte er sich viel weiter von sachlicher Beobachtung und Begrndung, wurde er viel subjektiver bestimmt in seinen Schlssen und Folgerungen, als in den Jahren, wo er sich noch bewusst auf das innerlich Erlebte beschrnkte. Jetzt wurde aus dem innerlich Bedeutsamen das nach Aussen hin Bestimmende und Gesetzgebende und er selber der grosse Gewalt-Herr, der gewitzte Unhold, der mit seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwnge und zwngte: bis es ihm Brcke wrde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei. (Also sprach Zarathustra III 74.) Fr Nietzsches seelisches Problem handelt es sich von vornherein weniger darum, den Gegensatz zwischen Herren-Moral und Sklaven-Moral geschichtlich richtig zu fixiren, als um Feststellung der Thatsache, dass der Mensch, so wie er bis heute von unten herauf geworden ist, _beide_ Gegenstze in sich trgt, dass er das leidende Resultat einer solchen Instinkt-Widersprchlichkeit, einer solchen Einverleibung von Doppel-Werthungen ist. Wenn wir uns Nietzsches Decadenz-Schilderung entsinnen, so finden wir in ihr den Menschen als geborene Herren-Natur, d. h. in ursprnglich ungezhmter Kraft und Wildheit, aber geknechtet und zum gehorchenden Sklaven gemacht durch den socialen Zwang, durch die Thatsache der beginnenden Kultur selbst. Alle Kultur als solche beruht fr Nietzsche auf einem solchen Krankmachen, Sklavischmachen des Menschen, und ausdrcklich bemerkt er, dass ohne diesen Vorgang, ohne gewaltsam gegen sich selbst gekehrt zu werden, die menschliche Seele flach und dnn geblieben wre. Seine ursprngliche Herren-Natur ist noch nichts als ein herrliches Thier-Exemplar und zur Weiterentwickelung erst befhigt durch die _Wunden_, die ihrer Kraft beigebracht werden,--denn in der Qual dieser Wunden muss sie lernen, sich selbst zu zerfleischen, sich an sich selbst zu rchen, ihre Ohnmacht in nach Innen gekehrten Leidenschaften auszulassen: _alles dies ausschliesslich auf dem Boden des sklavischen Ressentiment_. Das Wesentliche,-- -- --wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass lange und in Einer Richtung _gehorcht_ werde: dabei kommt-- --auf die Dauer immer Etwas heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf Erden zu leben. (Jenseits von Gut und Bse 188.) Nun gilt dieser Decadenz-Zustand Nietzsche allerdings nicht nur als berwindbar, sondern geradezu als die nothwendige Voraussetzung fr den daraus zu zchtenden willenslangen, affektstarken, selbstsicheren Menschen, aber man beachte wohl: Dieser vollendete Mensch mit seiner vertieften und individualisirten Herren-Natur soli keineswegs seinem naiven Egoismus leben, nicht die Vorurtheile und Sklavenketten abstreifen, um sich Selbstzweck zu sein, sondern er soll zum Erstling einer hheren Menschengattung werden und fr ihre Neugeburt sich opfern, denn, wie wir gesehen, stellte ja fr Nietzsche der Gipfel der Entwickelung den Untergang der Menschheit dar, indem diese nur der Uebergang zu etwas Hherem, eine Brcke, ein Mittel ist. Je grsser daher ein Mensch ist, je mehr Genie, je mehr Gipfel in einem jeden Sinne, um so mehr ist er auch ein Ende, eine Selbstvergeudung, ein Ausstrmen letzter Krfte,--zum Vernichten bereit im Siegen! (Also sprach Zarathustra III 91.) Er soll etwas Vollkommenes, zu-Ende-Gerathenes, Glckliches, Mchtiges, Triumphirendes, nur werden, damit er zu Neuem, zu noch Schwererem, Fernerem bereit sei, wie ein Bogen, den alle Noth immer nur noch straffer anzieht, (Zur Genealogie der Moral I 12) ein Bogen, dessen Pfeil nach dem Uebermenschen zielt. So wird er denn zu einem Kampfplatze widerstrebender und einander bekriegender Triebe, aus deren schmerzlicher Flle allein alle Entwickelung hervorgeht; es zeigt sich in ihm wieder jenes Durcheinander von Herrschenwollen und Dienen mssen, von Vergewaltigung des Einen durch den Andren,--woraus einst alle Kultur geworden, und woraus nun eine Ueber-Kultur als letzte und hchste Schpfung entstehen soll. Er ist kein Friedvoller und sich selbst Geniessender, sondern ein Kmpfender und Selbst-Untergang. Er wiederholt also _in sich_ und auf Grund seiner vollkommen individualisirten und geistesfreien Persnlichkeit genau dasselbe, was einst auf die Menschheit _von Aussen her_, durch Knechtung, als ein aufgezwungenes Erziehungsmittel wirkte,--wir finden in ihm wieder diese heimliche Selbst-Vergewaltigung, diese Knstler-Grausamkeit, diese Lust, sich selbst als einem schweren widerstrebenden leidenden Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein Nein einzubrennen, diese unheimliche und entsetzlich-lustvolle Arbeit einer mit sich selbst willig-zwiespltigen Seele, welche sich leiden macht, aus Lust am Leidenmachen. (Zur Genealogie der Moral II 18.) Denn gerade die vollendetste und umfassendste Seele muss am klarsten und unwid erruf lichsten das Grundgesetz des Lebens in sich zum Ausdruck bringen, welches heisst: Ich bin das, _was sich immer selber berwinden muss_. (Also sprach Zarathustra II 49.) Es ist nicht zu verkennen, wie sehr Nietzsche seinen eignen Seelenzustand diesen Theorien untergelegt, wie stark er sein eignes Wesen in ihnen wiedergespiegelt, und wie er endlich dem tiefsten Bedrfniss desselben das Grundgesetz des Lebens selbst entnommen hat. Seine leidvolle Seelen-Vielspltigkeit, seine gewaltsame Zweispaltung in einen sich opfernden, anbetenden und in einen beherrschenden, vergttlichten Wesenstheil liegt seinem gesammten Bilde der Menschheitsentwickelung zu Grunde. Ueberall, wo er von Herren- und Sklaven-Naturen spricht, muss man dessen eingedenk bleiben, dass er von sich selbst spricht, getrieben von der Sehnsucht einer leidenden und unharmonischen Natur nach ihrem Wesens-Gegensatz und von dem Verlangen, zu einem solchen als zu seinem Gott aufblicken zu knnen. Sein eigenes Ich schildert er, wenn er vom Sklaven sagt: sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthren, alles Versteckte muthet ihn an als _seine_ Welt, _seine_ Sicherheit, _sein_ Labsal; (Zur Genealogie der Moral I 10)--und er beschreibt sein Gegenbild in der handelnden, frohen, instinktsicheren, unbekmmerten Herren-Natur, dem ursprnglichen Thatenmenschen. Aber indem er das Eine die Voraussetzung des Andren sein lsst, indem er die Menschen-Natur als solche zu dem Schauplatz macht, auf dem sich diese beiden Gegenstze immer wieder treffen, um sich gegenseitig zu berwinden, fasst er sie als _Entwickelungsstufen innerhalb desselben Wesens_, die, historisch betrachtet, Gegenstze bleiben, sich aber im Einzelwesen, psychologisch betrachtet, als eine _Wesenstheilung innerhalb des entwickelungsfhigen Menschen erweisen_. Daher ist seine Auffassung des geschichtlichen Kampfes zwischen Herren- und Sklaven-Naturen in seiner ganzen Bedeutung nichts als eine vergrberte Illustration dessen, was im hchsten Einzelmenschen vorgeht, des grausamen Seelenprozesses, durch den dieser sich in Opfergott und Opferthier spalten muss. Erst jetzt lsst sich feststellen, was eigentlich Nietzsches Umwerthung aller Werthe, aller bisherigen Moralund Idealauffassungen bedeutet, und wie sie sich zum _asketischen Ideal_ verhlt, in dem jetzt alle religisen und moralischen Ideale fr Nietzsche zusammengefasst sind. Diese Umwerthung aller Werthe beginnt allerdings damit, dass sie jeglicher Askese den Krieg erklrt,--beginnt mit einer Heiligsprechung des Allzumenschlichen im Menschen, das bisher geschmht und unterdrckt wurde, weil das Natrliche und Sinnliche dem Ueber-natrlichen und Uebersinnlichen im Wege stand, an das man als an eine unumstsslich gegebene Thatsache glaubte. Nietzsches Zukunftsphilosoph aber glaubt nicht langer, dass irgend ein Uebermenschenthum _gegeben_ sei, es msste denn erst _geschaffen_ werden durch den Menschen selbst, und dazu verfgt er ja ber kein andres Material als ber die elementare Lebenskraft der Natur, wie sie ist. Es gilt also nicht mehr, das Diesseits in ein hheres Jenseits mglichst restlos zu verflchtigen, sondern die ganze Flle eines reichen, ungeahnt herrlichen Jenseits mitten aus dem Diesseits hervorzulocken.[6] Daher giebt er den verachteten, gefrchteten, misshandelten Trieben, den Leidenschaften des natrlichen noch von keiner Moral zurechtgestutzten Menschen ihr Existenzrecht wieder. Mit der Ueberzeugung, dass es nicht auf eine Scheidung von guten und bsen Krften ankomme, sondern auf eine Strkung und usserste Steigerung der Lebenskraft berhaupt, damit das Leben aus sich selbst heraus seinen hchsten Zweck verwirklichen knne, ist es gegeben, dass dem Menschen sein Bsestes nthig ist zu seinem Besten,--dass alles Bseste seine beste _Kraft_ ist und der hrteste Stein dem hchsten Schaffenden; und dass der Mensch besser _und_ bser werden muss. (Also sprach Zarathustra III 97.) Als ein Frsprecher des Lebens soll der Mensch sich in seiner Tugend ausgeben, preisgeben, verschwenden; aber indem er sein eigenes Selbst zu seiner Tugend umtauft, soll er sie zu einer Machtflle in sich steigern, die ihn endlich zersprengt gleich einem zu engen Gefss: er soll sie nur besitzen, um von ihr besessen zu werden. Zu einem so kraftquellenden Uebermaass anwachsend, verschlingt sie endlich ihn und seinen Einzelwillen in der Gluth und Empfindung des Ganzen,--wandelt sie sich ihm zur Brcke, auf welcher er dem Untergange zuschreitet: Der Mensch ist Etwas, das berwunden werden muss: und darum sollst du deine Tugenden lieben,--denn du wirst an ihnen zu Grunde gehen. (Ebendaselbst I 47.) Ich liebe Den, dessen Seele bervoll ist, so dass er sich selber vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle Dinge sein Untergang. (Ebendaselbst I 14.) So gleichbedeutend hiernach _egoistische Kraftauslebung_ und _Tugend_ im ersten Augenblick erscheinen mgen, so tief bleiben sie doch in Wahrheit von einander geschieden. Wohl ist der Werthunterschied zwischen den menschlichen Krften und Eigenschaften, den alle Moral als einen qualitativen auffasst, im Grunde vllig ins Quantitative verlegt, aber die willige und begeisterte Hingabe an diese das Selbst zerstrende Kraftsteigerung begreift darum nicht minder einen Werthunterschied der Gesinnung in sich. Die Verwerflichkeit der Gesinnung wird betont, wenn es heisst, dass nicht das Bse der Menschengrsse schlimmster Feind sei, sondern -dass sein Bsestes so gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar klein ist! (Ebendaselbst III 97.) Das _Uebermaass_ ist der Weg _zum Uebermenschlichen_, deshalb geht diesem der Ruf voran: Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden msstet?--Seht, ich lehre euch den bermenschen: der ist dieser Blitz, der ist dieser Wahnsinn!-- (Ebendaselbst I 11.) Daher darf man den Weg, den Nietzsche zur Erreichung seines Idealzieles whlt, nicht mit diesem Ziele selbst verwechseln; er betrachtet die Herrschaft der furchtbaren Instinkte nur als ein Mittel, dessen er fr den hchsten Endzweck bedarf. Ganz mit Unrecht und in grobem Missverstndniss ist ihm vorgeworfen worden, sein Uebermensch trage statt der Zge eines Jesus die eines Cesare Borgia, oder sonst eines lasterhaften Unmenschen. In Wahrheit ist der Unmensch dem Uebermenschen nicht Vorbild, sondern nur Sockel; er stellt sozusagen den unbehauenen Granitblock dar, der gefordert wird, um auf demselben eine Gtterstatue aufzurichten. Und diese Gtterstatue des Uebermenschen-Ideals ist in Art und Wesen nicht nur von ihm verschieden, sondern ihm geradezu entgegengesetzt. Dabei wird der Gegensatz so tief und scharf gefasst, wie es selbst in der asketischesten Moral nicht der Fall ist. Alle Moral strebt nur eine Verbesserung und Verschnerung des Menschlichen an, whrend Nietzsche davon ausgeht, dass eine ganz neue Species, eine Ueberart, geschaffen werden msse. Was bisher als ein Uebergang von Niederem zu Hherem galt, unter Beibehaltung des charakteristisch Menschlichen im Idealbilde, das fasst Nietzsche als einen vollstndigen Bruch, als den Kampf sich befehdender Gegenstze auf; was bisher nur ein Gradesunterschied zwischen dem natrlichen und dem moralischen Menschen innerhalb des beiden gemeinsamen Menschsems war, das wird bei Nietzsche zu einem absoluten Wesensgegensatz zwischen dem Naturmenschen und dem Uebeimenschen. Deshalb kann man sagen: Betrachtet man den _Moral-Weg_, den Nietzsche einschlgt, so ist fr denselben allerdings das Anti-Asketische bezeichnend, indem er nicht dem steilen und steinigen Pfade der Selbstentsagung gleicht, sondern mitten in eine tropische Wildniss unbekmmerten Selbstgenusses fhrt. Fasst man hingegen Nietzsches _Moral-Ziel_ genauer ins Auge, so erweist es sich als vllig asketischer Natur, indem es den Menschen nicht nur erheben, sondern vollstndig ber ihn hinausgehen, ihn nicht nur lutern, sondern ihn vollstndig aufheben will. Einerseits also bekmpft Nietzsche die bliche Moral wegen ihres asketischen Grund Charakters, wegen ihrer Geringachtung und Verdammung der untermenschlichen Begierden, denen er, als der Kraftquelle im Menschen, so hohen Werth zuspricht; "andrerseits aber bekmpft er die herrschende Moral nicht minder heftig in dem, worin sie ihm nicht asketisch genug ist. Er wendet sich grundstzlich gegen ihren optimistischen Glauben, als ob auf dem Wege einer bestimmten Luterung der Mensch einem Idealziele nahegebracht werden knne; denn der Mensch ist nach Nietzsches Meinung unfhig hierzu, und daher beruht alle sogenannte Veredelung auf einer blossen Schwchung der elementaren Lebenskraft. Nackt hatte ich einst Beide gesehn, den grssten Menschen und den kleinsten Menschen: allzuhnlich einander,--allzumenschlich auch den Grssten noch! (Also sprach Zarathustra III 98.) Der Versuch aller Moral, das Menschenwesen einem Idealwesen anzuhneln, ergiebt nur eine unwirkliche Nachahmung auf Kosten der wirklichen Kraft, und alle moralische Umwandlung ist deshalb nur eine Art von sthetischer Verschleierung des geschwchten, aber sonst vllig unvernderten menschlichen Wesens. Wie? Ein grosser Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines eignen Ideals. (Jenseits von Gut und Bse 97.) Ich suchte nach grossen Menschen, ich fand immer nur die _Affen_ ihres Ideals. (Gtzen-Dmmerung I 39.) Aus dieser pessimistischen Auffassung des Menschlichen entspringt der extrem-asketische Grundzug, den das Idealziel in Nietzsches Philosophie erhlt; dasselbe ist nur erreichbar durch den Untergang des Menschen. Und dieser Grundzug tritt in der Folge um so extremer hervor, je prinzipieller Nietzsche alles Asketische zu verleugnen und auszumerzen bemht ist. Je ausschliesslicher am Anfang die Steigerung der egoistischen Kraft gefordert wird, desto ungeheurer erscheint am Ende der Entwickelung die Forderung, das eigene Selbst aufzugeben, damit Raum fr den Uebermenschen geschafft werde. Hiess es zuerst: Der Mensch ist Etwas, das bse, wild und grausam werden muss, so heisst es schliesslich: Der Mensch ist Etwas, das berwunden werden muss,--alle erlangte Grausamkeit und Wildheit ist letzten Endes nur dazu da, um sich gegen den Menschen selbst zu kehren und ihn zu vernichten. So unvershnlich fallen die beiden Seiten von Nietzsches Ethik auseinander, die er in ein und demselben Gebot zusammenfasst,--in dem ersten und einzigen Moralgesetz, das in die neuen Werthtafeln eingegraben wird: Werdet hart! (Also sprach Zarathustra III 90 = Gtzen-Dmmerung, Schluss.) Aus dem Wort: Werdet hart! blickt in der That deutlich das Doppelantlitz der Nietzsche-Moral, mit seinen Zgen voll tyrannischer Grausamkeit und asketischer Entsagung. Denn hart werden bedeutet einmal die Widerstandskraft gegen alle weichen und wohlwollenden Regungen, die Versteinerung im egoistischen Selbstgenuss, kurz: Hrte gegen Andere, guten Willen zur Ausbung herrischer Macht; das andere Mal aber bedeutet es die Hrte gegen sich selbst, als den Untergehenden, der zermalmt werden muss,--es bedeutet: Euch adelt die Hrte in demselben Sinne, wie sie den Stein adelt, den der Knstler zu einem hohen Kunstwerk verarbeiten will. Alles drft ihr, nur Eines nicht, nicht nachgeben, nicht zerbrckeln whrend seiner Arbeit, sonst ist all euer Menschliches, wie hoch es auch in den Augen der alten Moral dastehen mag, nur noch gut fr den Kehrichthaufen, den man hinwreg fegt; es ist Abfall und verdorbenes Material. Einer solchen Bestimmung gegenber erscheint als das Verwerflichste die ngstliche Weichlichkeit des Gefhls, die zagende Bedenklichkeit angesichts des Furchtbaren, des Entscheidenden. Denn, so singt Zarathustra, der Zukunftsschpfer, --zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrnstiger Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine. Ach, ihr Menschen, im Steine schlft mir ein Bild, das Bild meiner Bilder! Ach, dass es im hrtesten, hsslichsten Steine schlafen muss! Nun wthet mein Hammer grausam gegen sein Gefngniss. Vom Steine stuben Stcke: was schiert mich das? (Also sprach Zarathustra II 8.) Hiermit stehen wir vor dem Rthsel und Geheimniss in den Lehren Nietzsches,--vor der Frage: Wie denn die Entstehung des Uebermenschlichen aus dem Unmenschlichen berhaupt mglich sei, wenn Beide als unvershnliche Gegenstze zu denken sind. Die Beantwortung dieser Frage erinnert unwillkrlich an ein altes moralisches Heilrezept, welches ungefhr so lautet: Um einen Fehler loszuwerden, gebe man ihm nach und bertreibe ihn so lange, bis er durch seine Uebertreibung und sein Uebermaass abschreckend wirkt. Das moralische Heilrezept, das Nietzsche fr die Menschheit schrieb, weil er fr sich selbst kein probateres wusste, besitzt eine gewisse Aehnlichkeit damit. Er wollte in der That den Menschen durch die Entfesselung aller wildesten Triebe in einen Zustand bringen, in dem der egoistische Selbstgenuss durch das Uebermaass und die Uebertreibung zu einem _Leiden am eignen Selbst_ wird. Aus der Qual eines solchen Leidens heraus sollte dann eine grenzenlose bermchtige Sehnsucht nach dem _eignen Gegensatz_ erwachsen,--die Sehnsucht des Starken, Unmssigen, Heftigen nach dem Zarten, Maassvollen, Milden; die Sehnsucht der Hsslichkeit und dunklen Begierde nach der Schnheit und lichten Reinheit,--die Sehnsucht des gequlten, von seinen wilden Trieben besessenen Menschen nach seinem Gott. Nietzsche hielt es fr mglich, dass aus einem solchen Gemthszustand thatschlich dessen Gegensatz durch die Uebergewalt eines Affektes hervorbrechen knne. So erscheint ihm einmal der Grossmthige als ein Mensch des ussersten Rachedurstes, dem eine Befriedigung sich in der Nhe zeigt und der sie so reichlich, grndlich und bis zum letzten Tropfen _schon in der Vorstellung_ austrinkt, dass ein ungeheurer schneller Ekel dieser schnellen Ausschweifung folgt,--er erhebt sich nunmehr ber sich, wie man sagt, und verzeiht seinem Feinde, ja segnet und ehrt ihn. Mit dieser Vergewaltigung seiner selber, mit dieser Verhhnung seines eben noch so mchtigen Rachetriebes giebt er aber nur dem neuen Triebe nach. (Die frhliche Wissenschaft 49.) Die Grundbedingung fr eine solche Darstellung des scheinbar Uebermenschlichen durch das eigne Selbst ist aber, dass dieses die wilde Kraft seines qualvollen Uebermaasses bewahre,--dass es sie nicht schwche, zgele, massige, lutere, um den Gegenstzen ihre schmerzliche Spannung zu nehmen. Je hher hinauf, zu den zartesten lthen des Schnen und Gttlichen es gelangen will, desto tiefer hinab in das schwrzeste Erdreich, in sein Unmenschliches, Untermenschliches muss es die Wurzeln seiner Kraft senken. Dadurch wird freilich das Uebermenschliche, das der Mensch erzeugt, zur Darstellung eines blossen, gttlichen Scheines, sozusagen eines Momentbildes, nicht zu der seines wirklichen, eignen Wesens, --aber nur in dieser Weise ist es berhaupt realisirbar. Da keine allmhliche Entwickelung, kein Uebergang die Gegenstze einander nhert, da sie sich vielmehr gerade kraft ihrer Gegenstzlichkeit bedingen und erzeugen, so bleibt ewig ein unberbrckbarer Abgrund zwischen ihnen bestehen; auf der einen Seite die bis zum Furchtbaren gesteigerte, bis zum Chaotischen aufgewhlte Lebenswirklichkeit der menschlichen Triebe,--auf der andren Seite ein blosses Scheinbild, eine leichte Wesenswiderspiegelung, gewissermaassen eine gttliche _Maske_, der gar keine selbstndige Wirklichkeit innewohnt. Und somit Hesse sich gegen diese Theorie Nietzsches im allerhchsten Grade derselbe Vorwurf erheben, den er der blichen Moralauffassung macht, nmlich, dass es genge, den Menschen einem vorgehaltenen Idealbilde anzuhneln: der Vorwurf, dass nur eine sthetische Verschleierung, nicht aber eine durchgreifende Umwandlung erzielt werde, dass also der Mensch zu einem blossen Schauspieler seines Ideals herabsinke. Wir begegnen hier genau derselben Erscheinung, die uns an Nietzsches Stellung zum Asketischen berraschte: was Nietzsche am grundstzlichsten zu bekmpfen scheint, das nimmt er schliesslich selbst am grundstzlichsten in seine Theorien auf,--aber nur in den ussersten Consequenzen und im extremsten Sinn. Was er auf seinem Wege als Mittel zum Zweck am entschiedensten verwirft, das benutzt er schliesslich, um es seinem Endzweck, seinem Ziele selbst einzuverleiben. Ja, man kann berall da, wo Nietzsche irgend etwas mit ganz besonderem Hasse verfolgt upd erniedrigt, mit Sicherheit annehmen, dass es irgendwie tief--tief im Herzen seiner eigenen Philosophie oder seines eigenen Lebens steckt. Dies gilt sowohl von Personen wie von Theorien. Meistens giebt Nietzsche in solchen Fllen selber zu, dass der von ihm bekmpfte Gegenstand eine Art von Werth besessen habe als Moment der Entwickelung zu seiner neuen Auffassung hin. Im vorliegenden Falle gesteht er: der Mensch habe seine _Fhigkeit_ zur Ueber-menschen-Darstellung erst allmhlich gewonnen durch seine Entwickelung innerhalb der herrschenden Moral, Kunst und Religion. Erst indem diese ihn an die Mglichkeit seiner Wesensveredelung glauben liess, lehrte sie ihn so sehr Kunst, Oberflche, Farbenspiel-- --werden, dass man an seinem Anblicke nicht mehr leidet; (Jenseits von Gut und Bse 59) sie hat uns die Schtzung des Helden, der in jedem von allen diesen Alltagsmenschen verborgen ist, und die Kunst gelehrt, wie man sich selber als Held, aus der Ferne und gleichsam vereinfacht und verklrt ansehen knne,--die Kunst, sich vor sich selber in Scene zu setzen. So allein kommen wir ber einige niedrige Details an uns hinweg! (Die frhliche Wissenschaft 78.) Der Unterschied zwischen dem bisherigen Menschen und dem von Nietzsche angestrebten bestnde demnach darin, dass letzterer sich nicht dem Glauben hingiebt, sein Wesen habe sich umgewandelt und verndert, seitdem er moralische, knstlerische und religise Zge in sich entwickelt; er bleibt sich dessen bewusst, dass er sozusagen nur als Dichter oder Schauspieler schafft, wenn er das Ideale zur Erscheinung bringt Aber diese Einsicht darf ihm erst kommen, wenn er das von Nietzsche vorausgesetzte Kraftmaass erreicht hat, wenn er stark genug, hart genug, Knstler genug geworden ist. Sonst wrde er die Wahrheit nicht ertragen, dass sein Wesen unabnderlich, sein bermenschliches Ideal nur ein geschautes Bild, sein hchstes sittliches Werk nur ein _Kunstwerk_ ist. So ist es zu verstehen, wenn Nietzsche sagt: -- --man knnte die homines religiosi mit unter die Knstler rechnen, als ihren _hchsten_ Rang. (Jenseits von Gut und Bse 59.) Denn das knstlerische Prinzip ist es, aus dem die lebendigen hchsten ethischen und religisen Werthunterschiede fliessen, und Nietzsches Jenseits von Gut und Bse, wie auch sein Jenseits von wahr und falsch, macht Halt vor dem Jenseits von schn und hsslich und dringt nicht bis zu diesem durch. Der Uebermensch ist nur mglich und begreiflich als das _Kunstwerk des Menschen_. Und wollen wir uns davon ein Bild machen, so giebt es dafr vielleicht kein besseres, als das von Nietzsche in seiner Geburt der Tragdie aus dem Geiste der Musik gebrauchte, wenn er vom Verhltniss des Dionysischen zum Apollinischen in der Kunstschpfung redet. Er vergleicht dort die apollinischen Visionen, welche aus dem orgiastischen Kraftleben des Dionysischen entstanden sind, jener bekannten optischen Erscheinung, bei welcher durch das Hineinstarren ins volle Gluthmeer der Sonne dunkle farbige Flecken gleichsam als Heilmittel vor unseren geblendeten Augen erzeugt werden, indem er das Phnomen in seiner Umkehrung benutzt: durch das Hinabtauchen in das schmerzvolle Dunkel entfesselten Uebermaasses, sich selbst verschlingender Urkrfte ersteht vor uns in gleicher Heilwirkung ein zartes strablendes Lichtbild des Uebermenschlichen. Und wie in der griechischen Tragdie, auf die Nietzsche sein Gleichniss anwendet, die apollinischen Lichtbilder, d. h. die Heldengestalten der hellenischen Bhne, im Grunde nur Masken des Einen Gottes Dionysos waren, so verkrpert auch dieses im Ueberdrang des Schpferischen erzeugte Bild des Uebermenschen im Grunde nur einen gttlichen Schein, ein Symbol im knstlerischen Sinn. Hinter ihm, abgrndig tief und in purpurner Finsterniss, ruht das dionysische Sein selber, die Elementargewalt des Lebens, deren es zu seiner Erzeugung immer wieder von neuem bedarf. So sehen wir, dass in Nietzsches Philosophie die Ethik unmerklich in die Aesthetik berfliesst,--in eine Art von religiser Aesthetik,--und dass die Lehre vom Guten ermglicht wird durch die Gttlichkeit des Schnen. Die feine Grenze, auf der sich der Schein dem Sein vermhlen muss, um das Ideal zu gestalten, macht die Welt des Schnen und ihrer phantastischen Selbsttuschung zum eigentlichen Mutterschooss idealer und imaginativer Ereignisse, zu denen der tiefste Impuls gerade dadurch gegeben wird, dass sie ewig unrealisirbar bleiben, dass die Sehnsucht ihnen keine wesenhafte Wahrheit und Wirklichkeit zu verleihen vermag. Es ist derselbe Zustand, den Nietzsche schildert, wenn er von einem Knstler sagt, er habe viel mehr von seinem--Unvermgen, als von seiner reichen Kraft.-- -- --eine ungeheure Lsternheit nach dieser Vision ist in seiner Seele zurckgeblieben, und aus ihr nimmt er seine ebenso ungeheure Beredtsamkeit des Verlangens und Heisshungers. (Die frhliche Wissenschaft 79.) Man muss sich also die Entstehung des bermenschlichen Scheines, das Mysterium von der pltzlichen Selbstentsagung und Selbstaufhebung, diese asketische Grundvorstellung, auf welche Nietzsches Ethik hinausluft,--als ein _sthetisches Phnomen_ denken, als eine so intensive Versenkung in die Qual des Uebermaasses, dass aus ihr die Sehnsucht den Gegensatz als eine geschaute und nachgelebte _Vision_ hervortreibt. -- --von Niemandem will ich so als von dir gerade Schnheit, du Gewaltiger: heisst es von dem starken, mit bermchtigen Affekten geladenen Menschen, aber gerade dem Helden ist das _Schne_ aller Dinge Schwerstes. Unerringbar ist das Schne allem heftigen Willen.-- --Diess nmlich ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held verlassen hat, naht ihr, im _Traume_,--der ber-Held (Uebermensch). (Also sprach Zarathustra II 54 f.) In seligem Traume stammelt sie dann: --ein Schatten kam zu mir--aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam--zu mir! Des bermenschen Schnheit kam zu mir als Schatten. (II 8.) Denn Alles Gttliche luft auf zarten Fssen!--Was wre denn schn, wenn nicht erst der Widerspruch sich selbst zum Bewusstsein gekommen wre, wenn nicht erst das Hssliche zu sich selbst gesagt htte: ich bin hsslich? In der Hsslichkeit jenes chaotischen Uebermaasses, bis zu welchem der Mensch seine wildesten Krfte entfesseln soll, bricht er zuletzt den Stab ber sich selbst, als ber den von Wesensgrund aus hsslichen. Ein _Hass_ springt da hervor:-- --Er hasst da aus dem tiefsten Instinkte der Gattung heraus; in diesem Hass ist Schauder, Vorsicht, Tiefe, Fernblick,--es ist der tiefste Hass, den es giebt. Um seinetwillen ist die Kunst _tief_.... (Gtzen-Dmmerung IX 20.) Sie ist tief, weil sie durch diesen Hass dem Menschen die grenzenlose Sehnsucht nach dem Schnen lehrt und so die Erzeugung des schnen Scheines aus der entfesselten Ueberflle des wirklichen Seins ermglicht; sie ist tief, weil sie einen ungeheuren Idealisirungsdrang weckt und den Menschenwillen durch die Vision der Schnheit zur Zeugung reizt, sodass er in leidenschaftlicher Begeisterung sich seinem eigenen Wesensgegensatz vermhlt. So wird die zgellose Kraft bis zum hchsten Uebermaass nur gesteigert, um in einen Rauschzustand der Begeisterung berzustrmen, der die. Bedingung zur schpferischen Erzeugung des Schnen ist. Das Wesentliche am Rausch ist das Gefhl der Kraftsteigerung und Flle. Aus diesem Gefhle giebt man an die Dinge ab, man _zwingt_ sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt sie,--man heisst diesen Vorgang _Idealisiren_. (Gtzen-Dmmerung IX 8.) Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen Flle: was man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrngt, stark, berladen mit Kraft. Der Mensch dieses Zustandes verwandelt die Dinge, bis sie seine Macht wiederspiegeln,-- --. Dies Verwandeln-_mssen_ in's Vollkommne ist--Kunst. (Ebendaselbst IX 9.) Trgt Nietzsches Ethik einen vorwiegend sthetisirenden Charakter, indem die Verwandlung ins Vollkommne nur einen schnen Schein ergiebt, so nhert sich dafr seine Aesthetik sehr stark dem Religis-Symbolischen, insofern sie aus dem Drang entsteht, die Menschen und Dinge zu _vergttlichen_, sie ins Gotthafte aufzulsen, um sie zu ertragen. Ueber diesen psychischen Vorgang hat Nietzsche nicht bloss eine Theorie aufgestellt und in zerstreuten Aphorismen angedeutet, sondern er hat auch den Versuch gemacht, selbst das grundlegende Erstlingswerk zu schaffen, in dem jene hohe Schpferthat des Menschen, die Erzeugung des Uebermenschlichen,--zum ersten Mal vollbracht wird. Dieses Werk ist seine Dichtung Also sprach Zarathustra. Die Zarathustra-Gestalt, als eine Selbstverklrung Nietzsches, als eine Widerspiegelung und Verwandlung seiner Wesensflle in einem gottartigen Lichtbilde, soll ein vollstndiges Analogon bilden zu der von ihm getrumten Entstehung des Uebermenschlichen aus dem Menschlichen. Zarathustra ist sozusagen der Nietzsche-Uebermensch, er ist der Ueber-Nietzsche. Infolgedessen trgt das Werk einen tuschenden Doppel-Charakter: es ist einerseits eine Dichtung in rein sthetischem Sinn und kann als solche von rein sthetischem Standpunkt aus verstanden und beurtheilt werden; andererseits aber will es nur in einem rein-mystischen Sinn Dichtung sein,--im Sinn eines religisen Schpfungsaktes, in dem die hchste Forderung der Ethik Nietzsches zum ersten Mal ihre Erfllung findet. Daraus erklrt es sich, dass das Zarathustra-Werk das am besten missverstandene unter allen Bchern Nietzsches geblieben ist, um so mehr, als meistens angenommen worden ist, es enthalte in dichterischer Form eine _Popularisirung_ dessen, was die brigen Schriften in strengerer philosophischer Form geben. In Wahrheit aber ist es das am wenigsten populr gemeinte seiner Werke; denn wenn es bei Nietzsche jemals eine esoterische Philosophie gab, die Niemandem vllig zugnglich werden sollte, so liegt sie hier, und dem gegenber gehrt Alles, was er sonst geschrieben, dem mehr exoterischen Theil seiner Lehre an. Daher erschliesst sich das tiefste Verstndniss des Zarathustra weniger auf dem Wege der Nietzsche-Philosophie, als auf dem der Nietzsche-Psychologie, indem man den verborgenen Seelenregungen nachsprt, die Nietzsches ethische und religise Vorstellungen bedingen und seiner seltsamen Mystik zu Grunde liegen. Dann zeigt es sich, dass die Theorien Nietzsches alle aus dem Bedrfniss der eigenen Selbsterlsung geflossen sind,--aus dem Sehnen, seiner tief bewegten und leidvollen Innerlichkeit jenen Halt z geben, den der Glubige in seinem Gott besitzt. Dieses gewaltige Wnschen und Verlangen erzwang sich schliesslich Befriedigung: es schuf den Gott oder doch ein gotthaftes Ueberwesen, in dem das Gegenbild des eigenen Wesens verusserlicht und verklrt wurde. Die Doppelgestalt, die Nietzsche sich damit selbst gab, und in der er sich als einen Zweiten anschaute, ist in seinem Zarathustra verkrpert, wandelt in ihm gleichsam auf eigenen Fssen. Seltsam schimmert an einzelnen Stellen der Dichtung das heimliche Eingestndniss durch, dass Zarathustra keine eigene Wesenswahrheit habe, sondern nur ein Dichtergeschpf sei, und selbst ein Dichter und Erdichtender: --was sagte dir einst Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lgen?--Aber auch Zarathustra ist ein Dichter. (II 68.) Doch es liegt ja schon in Nietzsches Auffassung des hchsten Ideals, dass der Schein das Recht hat, sich als Sein und Wesen zu geben,--ja, dass alle hchste Wahrheit in der _Scheinwirkung_, im Effekt auf Andere besteht. Der Mensch, in seiner mystischen Wesenswandlung, sucht ganz und gar zu einem lockenden, sehnsuchtweckenden und erziehenden Scheinbilde zu werden, dem nichts Hochgeartetes zu widerstehen vermag. Von ihm gilt das Wort: Wer von Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine Schler ernst,--sogar sich selbst. (Jenseits von Gut und Bse 63.) Damit ist in bewusster Weise eine Rechtfertigung der heiligen Tuschung gegeben, und nicht umsonst sagt Nietzsche wiederholt, dass es das Problem von der pia fraus sei, dem er am lngsten und tiefsten nachgegangen. Auch die Redlichkeit, als eine verhltnissmssig spte Tugend des modernen Wahrheitsmenschen, hat der grosse Unzeitgemsse, der frei ber die Tugenden aller Kulturen verfgt, in sich zu berwinden um seiner Zwecke willen, die ein weiches Gewissen nicht vertragen. In bezeichnenderweise steht schon in der frhlichen Wissenschaft (159): Wer jetzt unbeugsam ist, dem macht seine Redlichkeit oft Gewissensbisse: denn die Unbeugsamkeit ist die Tugend eines anderen Zeitalters, als die Redlichkeit. Zu Zarathustra aber spricht der kluge Bucklichte, der ihm zuhrt und ihm seine Gedanken abliest: --warum redet Zarathustra anders zu seinen Schlern--als zu sich selber? (II 91.) Und Zarathustra selber ruft diesen zu: Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch: schmt euch seiner! _Vielleicht betrog er euch_.-- -- -- --Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfllt? Htet euch, dass euch nicht eine Bildsule erschlage! (I 111.) Je vollstndiger aber nach dieser Seite hin alle Wirklichkeit und Wahrheit entschwan, je bewusster das Ideal als Scheinbild gedacht wurde, desto grsser Nietzsches Verlangen, ihm _religis_ eine Wahrheit zuzugestehen, es zu einer mystischen Selbstvergottung zu machen. Und hier sehen wir, wie sein Gedanke einen wunderlichen Kreis um sich selbst beschreibt: um der asketischen Selbstvernichtung aller Moral zu entgehen, lst er das moralische Phnomen in ein sthetisches auf, in dem die Grundnatur des Menschen neben seiner sthetischen Lichtgestalt unverndert bestehen bleibt; um aber dieser Lichtgestalt eine positive Bedeutung zu verleihen, erhebt er sie ins Mystische, Religise und ist dann, um diesen lichten Gegensatz herauszubringen, gezwungen, die wirkliche menschliche Grundnatur mglichst dunkel und leidvoll zu malen. Damit das erlsende Ueberwesen glaubhaft wrde, mussten die Gegenstze mglichst verschrft, musste es vom natrlich-menschlichen Wesen mglichst unterschieden werden. Jeder vermittelnde Uebergang htte die mystische Illusion zerstrt und den Menschen auf sich selbst zurckgeworfen; das Ueberwesen wre dann zu einer blossen Wesensentwickelung in ihm selbst geworden. Die Schatten mussten auf der einen--der menschlichen--Seite in demselben Maasse vertieft werden, als auf der anderen--der bermenschlichen--das Licht heller hervortreten und den Glauben erzwingen sollte, dass es vllig anderer Art sei. So entstand die Lehre, dass zur Erzeugung des Uebermenschen der Unmensch nthig sei, und dass nur aus dem Uebermaass der wildesten Begierden die sich selbst preisgebende Sehnsucht nach dem eigenen Gegensatz hervorgehe. Gegen diese mystische Gottschpfung lsst sich derselbe Vorwurf richten, den Nietzsche der _christlich-asketischen Gottschpfung_ gemacht hat: es sei in ihr des Menschen _Wille_ gewesen, ein Ideal aufzurichten -- -- -- --, um angesichts desselben seiner absoluten Unwrdigkeit handgreiflich gewiss zu sein. Und dann: Dies Alles ist interessant bis zum bermaass, aber auch von einer schwarzen dsteren entnervenden Traurigkeit,-- -- -- --. Hier ist _Krankheit_, es ist kein Zweifel, die furchtbarste Krankheit, die bis jetzt im Menschen gewthet hat:--und wer es noch zu hren vermag-- -- --wie in dieser Nacht von Marter und Widersinn der Schrei Liebe, der Schrei des sehnschtigsten Entzckens, der Erlsung in der _Liebe_ geklungen hat, der wendet sich ab, von einem unbesieglichen Grausen erfasst.... Im Menschen ist so viel Entsetzliches!... (Zur Genealogie der Moral II 22.) Dieser Zug zum Asketischen und Mystischen, der sich, inmitten des Kampfes wider das Asketische und Mystische, so stark als der geheime Grundzug der Philosophie Nietzsches ausweist, zeigt am deutlichsten die Rckwendung zu seiner ersten philosophischen Weltanschauung, der Schopenhauerisch-Wagnerischen. Aber indem er sich im Prinzip gegen alle bisherige Mystik und Askese auflehnt, giebt er in nicht geringerem Grade dem Einflsse nach, den die Erfahrungswissenschaft und die positivistische Theorie auf ihn ausgebt haben,--und so treten denn auch hier die beiden Hauptlinien seiner letzten Philosophie unverkennbar hervor. Die mystische und asketische Bedeutung des Aesthetischen ist in seinem System keine geringere als in dem Schopenhauers; bei Beiden fllt sie zusammen mit dem tiefsten ethischen und religisen Erleben, und nicht umsonst greift Nietzsche, um diese Bedeutung zu erlutern, auf Gedanken und Bilder seiner Geburt der Tragdie zurck. Aber bei Schopenhauer wird das sthetische Schauen aufgefasst als ein mystischer Durchblick in den metaphysischen Hintergrund der Dinge, in das Wesen des Dinges an sich, und setzt deshalb die Beschwichtigung des gesammten Seelenlebens, gewissermaassen die Abstreifung alles Irdischen, voraus. Bei Nietzsche hingegen, wo der metaphysische Hintergrund fehlt, und wo es gilt, dafr einen Ersatz mitten aus dem Ueberschwang irdischer Lebenskrfte heraus zu _schaffen_, ist die psychische Voraussetzung die gerade _entgegengesetzte_: das Schne soll das Willensleben im Tiefsten erregen, es soll alle Krfte entfesseln, brnstig machen und zur Zeugung reizen, denn es handelt sich nicht um die metaphysische Offenbarung von etwas ewig Seiendem, sondern um die mystische Schpfung von etwas nicht Vorhandenem; das Mystische bei Nietzsche ist daher stets so viel wie ins Ungeheure und folglich Uebermenschliche gesteigerte Lebenskraft. Genau aber so, wie bei Schopenhauer das Ueberirdische aus der asketischen Vernichtung des Irdischen resultirt, ist bei Nietzsche der mystische Lebensberschwang nur mglich als eine Folge des Unterganges alles Menschlichen und Gegebenen durch das Uebermaass. Und hier liegt der Haupt-Berhrungspunkt beider Anschauungen: beide gehen durch das _Tragische_ in das Selige ihrer Mystik ein. Die Geburt der Tragdie aus dem Geiste der Musik[7] hat sich verwandelt in eine Geburt der Tragdie aus dem Geiste des Lebens. Das Leben, als das, _was sich immer selber berwinden muss_, fordert immer wieder als Grundbedingung immer hherer Schpfungen den Untergang. Was tragisch erscheint vom Standpunkte dessen, der zu einem solchen Untergang bestimmt ist, wird als Seligkeit unerschpflicher Lebensflle empfunden vom Standpunkte des Daseins selbst oder dessen, der sich mit diesem identificirt, ber sich selbst siegt, indem er es in sich bis zum Uebermaass steigert. In charakteristischer Weise zeigt sich diese vernderte Auffassung des Tragischen in der Gtzen-Dmmerung, wo Nietzsche noch einmal sein altes Problem aus der Geburt der Tragdie, die Bedeutung der dionysischen Mysterien und des tragischen Gefhls der Griechen, bespricht. Ursprnglich war ihm der dionysische Orgiasmus das Entladungsmittel der Affekte, wodurch die fr das Schauen der apollinischen Bilder erforderliche Seelenstille hergestellt wurde,--jetzt ist er ihm der Schpfungsakt des Lebens selbst, das der Raserei und des Schmerzes bedarf, um aus ihnen heraus das Lichte und Gttliche zu gestalten.[8] Ursprnglich war er ihm ein Zeugniss fr die--in Schopenhauerischem Sinne--tief pessimistische Natur der Griechen, indem im Orgiasmus das Innerste des Lebens sich als Dunkel, Schmerz und Chaos enthllte; jetzt erscheint er ihm als der lebensdurstige hellenische Instinkt, der sich nur im Uebermaass genug thun konnte, und der auch noch in Schmerz, Tod und Chaos der triumphirenden Unerschpflichkeit des Lebens froh ward:-- -- -- --in den dionysischen Mysterien-- -- --spricht sich die _Grundthatsache_ des hellenischen Instinkts aus--sein Wille zum Leben. _Was_ verbrgte sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das _ewige_ Leben, die ewige Wiederkehr des Lebens; die Zukunft in der Vergangenheit verheissen und geweiht; das triumphirende Ja zum Leben ber Tod und Wandel hinaus; -- -- -- -- -- --In der Mysterienlehre ist der _Schmerz_ heilig gesprochen: die Wehen der Gebrerin heiligen den Schmerz berhaupt,-- -- --Damit es die ewige Lust des Schaffens giebt, damit der Wille zum Leben sich ewig selbst bejaht, _muss_ es auch ewig die Qual der Gebrerin geben.... Dies Alles bedeutet das Wort Dionysos:-- -- --. (Gtzen-Dmmerung X 4.) Dass alle Schnheit zur Zeugung reize (IX 22), ist das Religise an der Kunst, denn diese lehrt das Vollkommene schaffen. Die hchste, d. h. religiseste Kunst ist die tragische, denn in ihr zeugt der Knstler aus dem _Furchtbaren das Schne_. _Was theilt der tragische Knstler von sich mit_? Ist es nicht gerade der Zustand _ohne_ Furcht vor dem Furchtbaren und Fragwrdigen, das er zeigt?-- -- -- --Die Tapferkeit und Freiheit des Gefhls vor einem mchtigen Feinde, vor einem erhabenen Ungemach, vor einem Problem, das Grauen erweckt--dieser _siegreiche_ Zustand ist es, den der tragische Knstler auswhlt, den er verherrlicht. Vor der Tragdie feiert das Kriegerische in unserer Seele seine Saturnalien; wer Leid gewohnt ist, wer Leid aufsucht, der _heroische_ Mensch preist mit der Tragdie sein Dasein,--ihm allein kredenzt der Tragiker den Trunk dieser sssesten Grausamkeit.-- (IX 24.) Die Psychologie des Orgiasmus als eines berstrmenden Lebens- und Kraftgefhls, innerhalb dessen selbst der Schmerz noch als Stimulans wirkt, gab mir den Schlssel zum Begriff des _tragischen_ Gefhls,-- --Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und hrtesten Problemen; der Wille zum Leben, im _Opfer_ seiner hchsten Typen der eignen Unerschpflichkeit frohwerdend--_das_ nannte ich dionysisch, _das_ errieth ich als die Brcke zur Psychologie des _tragischen_ Dichters. _Nicht_ um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,-- -- --: sondern um, ber Schrecken und Mitleid hinaus, die ewige Lust des Werdens _selbst zu sein_,--jene Lust, die auch noch die _Lust am Vernichten_ in sich schliesst ...-- -- -- -- (X 5.) Diese Auffassung des Tragischen und des durch dasselbe bedingten Lebensgefhls machte es mglich, dass Nietzsche gerade bei seiner Rckkehr zur Schopenhauerischen Philosophie des Pessimismus und der Askese seine lebensfreudigste Lehre schuf,--seine Lehre von der _ewigen Wiederkunft aller Dinge_. So sehr Nietzsches System philosophisch wie psychologisch einen asketischen Grundzug forderte, ebensosehr erforderte es dessen Gegensatz, die Apotheose des Lebens, denn in Ermanglung eines metaphysischen Glaubens gab es ja nichts anderes als das leidende und leidvolle Leben selbst, das glorificirt und vergttlicht werden konnte. Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft ist niemals gengend betont und gewrdigt worden, obwohl sie gewissermaassen in seinem Gedankengebude sowohl das Fundament, als auch die Krnung bildet und diejenige Idee gewesen ist, von der er bei der Conception seiner Zukunftsphilosophie ausgegangen ist, und mit der er sie auch abschliesst. Wenn sie erst hier ihre Stelle findet, so geschieht dies, weil sie nur im Zusammenhnge des Ganzen verstndlich wird, und weil in der That Nietzsches Logik, Ethik und Aesthetik als Bausteine fr die Wiederkunftslehre gelten mssen. Den Gedanken einer mglichen Wiederkehr aller Dinge im ewigen Kreislauf des Seins hat Nietzsche schon in der frhlichen Wissenschaft, im vorletzten Aphorismus des Buches _Das grsste Schwergewicht_, als eine Vermuthung ausgesprochen: Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dmon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzhlige Male leben mssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge--und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht--und du mit ihr, Stubchen vom Staube!--Wrdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zhnen knirschen und den Dmon verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten wrdest: du bist ein Gott und nie hrte ich Gttlicheres! Wenn jener Gedanke ber dich Gewalt bekme, er wrde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem willst du diess noch einmal und noch unzhlige Male? wrde als das grsste Schwergewicht auf deinem Handeln liegen! Oder wie msstest du dir selber und dem Leben gut werden, um nach nichts _mehr zu verlangen_, als nach dieser letzten ewigen Besttigung und Besiegelung?-- Hier tritt der Grundgedanke deutlich hervor--fast deutlicher und unumwundener als irgendwann spter, denn Nietzsche ertrug es nicht, ganz ber das zu schweigen, was seinen Geist erfllte und erregte. Aber es erschtterte ihn noch so sehr, von dieser neuen Erkenntniss zu sprechen, dass er seinen Wiederkunftsgedanken ganz unauffllig wie einen harmlosen Einfall zwischen andere Einflle hineinschob, so dass wer darber hinliest, den Zusammenhang mit der ernsten Schlussbetrachtung _Incipit tragoedia_ nicht merkt,--so heimlich, dass alle Welt es berhrt, dass alle Welt _uns_ berhrt! (Einfhrende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenrthe 5.) So steht er denn da, inmitten der brigen Gedanken, gerade als der Verhllteste unter den Verhllten, und an dem feinen Maskenscherz, Etwas dadurch am besten zu verstecken, dass man es offen und nackt hinstellt, hat der an Heimlichkeiten so reiche und aller Heimlichkeit so frohe Geist Nietzsches trotz aller tiefen Seelenbewegung seinen Spass gehabt. Thatschlich trug er sich schon damals mit jenem Gedanken wie mit einem unentrinnbaren Verhngniss, das ihn verwandeln und zermalmen wollte; er rang nach dem Muth, ihn siqh selbst und den Menschen als unumstssliche Wahrheit in seiner ganzen Tragweite zu gestehen. Unvergesslich sind mir die Stunden, in denen er ihn mir zuerst, als ein Geheimniss, als Etwas, vor dessen Bewahrheitung und Besttigung ihm unsagbar graue, anvertraut hat: nur mit leiser Stimme und mit allen Zeichen des tiefsten Entsetzens sprach er davon. Und er litt in der That so tief am Leben, dass die Gewissheit der ewigen Lebenswiederkehr fr ihn etwas Grauenvolles haben musste. Die Quintessenz der Wiederkunftslehre, die strablende Lebensapotheose, welche Nietzsche nachmals aufstellte, bildet einen so tiefen Gegensatz zu seiner eigenen qualvollen Lebensempfindung, dass sie uns anmuthet wie eine unheimliche Maske. Verkndiger einer Lehre zu werden, die nur in dem Maasse ertrglich ist," als die Liebe zum Leben berwiegt, die nur da erhebend zu wirken vermag, wo der Gedanke des Menschen sich bis zur Vergtterung des Lebens aufschwingt, das musste in Wahrheit einen furchtbaren Widerspruch zu seinem innersten Empfinden bilden,--einen Widerspruch, der ihn endlich zermalmt hat. Alles, was Nietzsche seit der Entstehung seines Wiederkunfts-Gedankens gedacht, gefhlt, gelebt hat, entspringt diesem Zwiespalt in seinem Inneren, bewegt sich zwischen dem mit knirschenden Zhnen dem Dmon der Lebensewigkeit fluchen und der Erwartung jenes ungeheuren Augenblicks, der zu den Worten die Kraft giebt: du bist ein Gott und nie hrte ich Gttlicheres! Je hher er sich, als Philosoph, zur vollen Exaltation der Lebensverherrlichung erhob, je tiefer litt er, als Mensch, unter seiner eigenen Lebenslehre. Dieser Seelenkampf, die wahre Quelle seiner ganzen letzten Philosophie, den seine Bcher und Worte nur unvollkommen ahnen lassen, klingt vielleicht am ergreifendsten durch in Nietzsches Musik zu meinem Hymnus an das Leben, die er im Sommer 1882 componirte, whrend er mit mir in Thringen, bei Dornburg, weilte. Mitten in der Arbeit an dieser Musik wurde er durch einen seiner Krankheitsanflle unterbrochen, und immer wieder wandelte sich ihm der Gott in den Dmon, die Begeisterung fr das Leben in die Qual am Leben. Zu Bett. Heftiger Anfall. _Ich verachte das Leben_. F. N. So lautete einer der Zettel, die er mir zuschickte, wenn er an sein Lager gefesselt war. Und dieselbe Stimmung spricht sich in einem Briefe aus, den er kurz nach Vollendung jener Composition schrieb: Meine liebe Lou, Alles was Sie mir melden, thut mir sehr wohl. Uebrigens _bedarf_ ich etwas des Wohlthuenden! Mein Venediger Kunstrichter hat einen Brief ber meine Musik zu Ihrem Gedichte geschrieben; ich lege ihn bei--Sie werden Ihre Nebengedanken dabei haben. _Es kostet mich immerfort noch den grssten Entschluss, das Leben zu acceptiren. Ich habe viel vor mir, auf mir_, hinter mir;-- -- -- -- -- -- -- _Vorwrts_------_und aufwrts_!-- -- Damals war, wie gesagt, die Wiederkunfts-Idee fr Nietzsche noch keine Ueberzeugung geworden, sondern erst eine Befrchtung. Er hatte die Absicht, ihre Verkndigung davon abhngig zu machen, ob und wie weit sie sich wissenschaftlich werde begrnden lassen. Wir wechselten eine Reihe von Briefen ber diesen Gegenstand, und immer ging aus Nietzsches Aeusserungen die irrthmliche Meinung hervor, als sei es mglich, auf Grund, physikalischer Studien und der Atomenlehre, eine wissenschaftlich unverrckbare Basis dafr zu gewinnen. Damals war es, wo er beschloss, an der Wiener oder Pariser Universitt zehn Jahre ausschliesslich Naturwissenschaften zu studiren. Erst nach Jahren absoluten Schweigens wollte er dann, im Fall des gefrchteten Erfolges, als der Lehrer der ewigen Wiederkunft unter die Menschen treten. Es kam bekanntlich ganz anders. Innere und ussere Grnde machten Nietzsche die geplante Arbeit unmglich, trieben ihn wieder nach dem Sden und in die Einsamkeit zurck; Das Jahrzehnt des Schweigens aber wurde zum beredtesten und fruchtbarsten seines ganzen Lebens. Schon ein oberflchliches Studium zeigte ihm bald, dass die wissenschaftliche Fundamentirung der Wiederkunftslehre auf Grund der atomistischen Theorie nicht durchfhrbar sei; er fand also seine Befrchtung, der verhngnissvolle Gedanke werde sich unwiderleglich als richtig beweisen lassen, nicht besttigt und schien damit von der Aufgabe seiner Verkndigung, von diesem mit Grauen erwarteten Schicksal befreit zu sein. Aber nun trat etwas Eigenthmliches ein: weit davon entfernt, sich durch die gewonnene Einsicht erlst zu fhlen, verhielt sich Nietzsche gerade entgegengesetzt dazu; von dem Augenblick an, wo das gefrchtete Verhngniss von ihm zu weichen schien, nahm er es entschlossen auf sich und trug seine Lehre unter die Menschen: in dem Augenblick, wo seine bange Vermuthung unbeweisbar und unhaltbar wird, erhrtet sie sich ihm, wie durch einen Zauberspruch, zu einer unwiderlegbaren Ueberzeugung. Was wissenschaftlich erwiesene Wahrheit werden sollte, nimmt den Charakter einer mystischen Offenbarung an, und frderhin giebt Nietzsche seiner Philosophie berhaupt als endgiltige Grundlage, anstatt der wissenschaftlichen Basis, die innere Eingebung--seine eigene persnliche Eingebung. Was war es, das trotz des widerstrebenden Grauens auf der einen und des mangelnden Beweises auf der anderen Seite einen so umwandelnden Einfluss auf ihn ausbte? Erst die Lsung dieses Rthsels gewhrt uns einen Einblick in das verborgene Geistesleben Nietzsches, in die Entstehungsursache seiner Theorien. Eine _neue tiefere Bedeutsamkeit der Dinge_, ein neues Suchen und Fragen nach den letzten und hchsten Problemen--dies alles, was Nietzsche als Metaphysiker gekannt, als Empiriker aber schmerzlich vermisst hatte, das war es, was ihn in die Mystik seiner Wiederkunftslehre hineintrieb. Mochte auch diese Lehre mit neuen Seelenqualen fr ihn verbunden sein, mochte sie ihn sogar zermalmen, lieber nahm er das Leiden am Leben auf sich, als in der Entgtterung und Entgeistung desselben zu beharren. Ausser mit diesem Leiden konnte er mit allen anderen Leiden fertig werden,--ja er ertrug sie nicht nur, sondern wusste noch seinen Geist an ihnen zu spornen und zu stacheln, indem sie ihn lehrten, nach einem Sinn, nach dem tiefsten Geheimsinn des Lebens unablssig zu suchen und zu forschen. Hat man sein _warum_? des Lebens, so vertrgt man sich fast mit jedem _wie_? sagt Nietzsche in der Gtzen-Dmmerung (I 12). Aber sein warum? als die Grundsehnsuch seines Lebens, verlangte nach einer ausgiebigen Beantwortung und vertrug keine Selbstbescheidung. So begehrte der Philosoph in ihm auch hier nicht danach, von der Qual einer gefrchteten Lehre errettet, sondern nur, an ihr fruchtbar, an ihr zum Wissenden und Wahrseher zu werden,--und er begehrte dies so inbrnstig, dass, selbst mit dem Hinflligwerden der wissenschaftlichen Beweisgrnde, jener innere Grund Macht genug besass, um eine schwankende Muthmaassung zu begeisterter Ueberzeugung zu steigern. Daher wird auch der theoretische Umriss des Wiederkunfts-Gedankens eigentlich niemals mit klaren Strichen gezeichnet; er bleibt blass und undeutlich und tritt vollstndig zurck hinter den praktischen Folgerungen, den ethischen und religisen Consequenzen, die Nietzsche scheinbar aus ihm ableitet, whrend sie in Wirklichkeit die innere Voraussetzung fr ihn bilden. In einem seiner frhesten Werke, in der zweiten der Unzeitgemssen Betrachtungen (Vom Nutzen und Nachtheil der Historie fr das Leben), erwhnt Nietzsche einmal (23), vorbergehend, der Wiederkehrs-Philosophie der Pythagorer, als eines geeigneten Mittels, um jedes Factum in seiner genau gebildeten Eigenthmlichkeit und Einzigkeit zu unverlierbarer Bedeutung zu erheben, fgt aber hinzu, dass eine solche Lehre in unserem Denken nicht eher Raum beanspruchen knne, als bis die Astronomie wieder zu Astrologie geworden sei. Gewiss sind ihm die theoretischen Schwierigkeiten einer modernen Neubelebung dieser alten Idee in spteren Jahren nicht geringer erschienen, als zur Zeit seines Glaubens an Schopenhauers Metaphysik. Aber eben diese Metaphysik deutete ihm damals die Dinge des Lebens in erhebender Weise und machte damit jede mystische Grbelei berflssig. Das ewige Sein hinter dem ungeheuren Werdeprozess der Erscheinungswelt, das sich in einer jeden Gestaltung derselben objektivirt, gewissermaassen durch eine jede, als ihr hherer Sinn, hindurchschimmert, Hess nicht die Sehnsucht aufkommen, diesem Werdeprozess selbst, durch eine ewige Wiederholung desselben im Kreislauf des Seins, eine ber das Ephemere hinausgehende Bedeutung zuzuschreiben. Erst spter, als Nietzsche vor einer metaphysischen Weiterklrung absah und unwillkrlich nach einem Ersatz dafr verlangte, drngte sich ihm jener Gedanke wieder auf. Scheinbar freilich schwcht derselbe den Pessimismus der positivistischen Lebensauffassung um nichts ab, ja, eher verschrft er ihn noch; denn die Sinnlosigkeit einer ins Unendliche verlaufenden Werde-Linie erscheint wegen ihrer unzhlbaren verhllten Zukunftsmglichkeiten weniger niederdrckend, als eine stete Wiederholung des Sinnlosen in sich selbst. Aber charakteristischer Weise entsprang hieraus die neue Erlsungsphilosophie Nietzsches. Gerade durch die Verschrfung des Niederdrckenden und Trostlosen, das in einer nchternen und kalten Betrachtungsweise des Lebens liegt, gerade durch den harten Zwang, immer wieder zu einem solchen Leben zurckkehren zu mssen, sollte der Menschengeist zu seiner hchsten That angespornt werden: er sollte, gleichsam gepeitscht von Verdruss und Grauen, rriit gewaltigem Willen dem sinnlosen Leben einen Sinn, dem zuflligen Werdeprozess des Ganzen ein Ziel geben und damit die thatschlich nicht vorhandenen Lebenswerthe aus sich heraus erschaffen. So kann man sagen, dass Nietzsche, anstatt sich vom Pessimismus seiner Freigeisterei abzuwenden und zur trstlicheren Metaphysik zurckzukehren, diesen Pessimismus bis auf das Aeusserste steigert,--dass er es aber nur thut, um den ussersten Ueberdruss und Lebensschmerz als ein _Sprungbrett_ zu benutzen, von dem er sich in die Tiefen seiner Mystik hinabstrzen will. In der That schien der Wiederkunftsgedanke besonders dazu geeignet, eine solche Wirkung auszuben, insofern er sich auf das wirkliche Leben eines jeden Einzelnen bezieht und sich nicht nur an das philosophirende Denken, sondern mehr noch an den schaffenden Willen richtet. Dem Lebensganzen, als einem sinnlosen und zuflligen Ganzen, denkend gegenber zu stehen, ist etwas Anderes, als es im Einzelleben immer aufs neue sinnlos wiederholen zu mssen, ohne ihm jemals entrinnen zu knnen;--damit gewinnt die rein abstrakte Betrachtungsweise eine Richtung auf das Persnliche, und die philosophische Theorie wird in das empfindliche lebendige Fleisch hineingedrckt, gleich einem schmerzenden Sporn, der dazu antreiben soll, um jeden Preis eine neue Hoffnung, einen neuen Lebenssinn, ein neues Lebensziel zu schaffen. In Bezug auf diesen Optimismus ist Nietzsche's letzte Philosophie das genaue Gegenbild seiner ersten philosophischen Weltanschauung, der Schopenhauerischen Metaphysik mit ihrer Verherrlichung des buddhistischen Ideals der Askese, der Willensverneinung und Lebens-Abkehr. Die alte indische Lehre von einer ewigen Wiedergeburt in der Seelenwanderung, als des Fluches, dem ein jeder verfllt, der nicht bis zur Selbstverneinung durchgedrungen, ist von Nietzsche geradezu umgekehrt worden. Nicht _Befreiung_ von dem Wiederkunftszwange, sondern freudige _Bekehrung zu ihm_ ist das Ziel des hchsten sittlichen Strebens, nicht Nirwana, sondern Sansra der Name fr das hchste Ideal. Diese Korrektur vom Pessimistischen ins Optimistische ist der eigentliche Unterschied zwischen Nietzsches ursprnglichem und spterem Denken und stellt in der Entwickelung dieses einsamen Leidenden einen heldenmthigen Sieg der Selbstberwindung dar. Philosophisch aber ist sie durch die dazwischen liegende positivistische Geistesperiode Nietzsches vorbereitet worden, in der dieser das Dasein allerdings erst recht pessimistisch betrachten, zugleich aber sich auf die Lebenswirklichkeit beschrnken und allen metaphysischen Nebendeutungen derselben entsagen lernte. Denn sein Optimismus folgt, als philosophische Lebenslehre, aus der Betonung und Verewigung der Lebensthatsache selbst, als des obersten Prinzips; durch den gewaltsam bis ins Mystische gesteigerten _Accent_, den er ihr gab, schuf er sich ihre Vergttlichung. In den Kreislauf des Lebens unerbittlich verstrickt, auf ewig an ihn gebunden, mssen wir Ja sagen lernen zu allen seinen Gestaltungen, um sie zu ertragen; nur durch die Kraft und Freudigkeit eines solchen Ja vershnen wir uns mit dem Leben, indem wir uns mit ihm identificiren. Dann fhlen wir uns als einen schpferischen Theil seines Wesens, ja, als dieses Wesen selbst in seiner unersttlichen berquellenden Macht und Flle. Die _auf Lebenskraft gegrndete rckhaltlose Lebensliebe_ ist deshalb das einzige heilige Moralgesetz des neuen Gesetzgebers; die bis zum Rausch _entfesselte Lebens-Exaltation_ nimmt die Stelle ein der religisen _Erhebung_, ja, eines Gottes-Kultus. Ueber diesen Umschlag von Pessimismus in Optimismus und ber das neue Ideal der Weltbejahung spricht sich Nietzsche, in Jenseits von Gut und Bse (56), folgendermaassen aus: Wer, gleich mir, mit irgend einer rthselhaften Begierde sich lange darum bemht hat, den Pessimismus in die Tiefe zu denken und aus der halb christlichen, halb deutschen Enge und Einfalt zu erlsen, mit der er sich diesem Jahrhundert zuletzt dargestellt hat, nmlich in Gestalt der Schopenhauerischen Philosophie; wer wirklich einmal-- -- --in die weltverneinendste aller mglichen Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat-- -- -- --, der hat vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich wollte, sich die Augen fr das umgekehrte Ideal aufgemacht: fr das Ideal des bermthigsten, lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich nicht nur mit dem, was war und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat, sondern es, _so wie es war und ist_, wieder haben will, in alle Ewigkeit hinaus, _unersttlich da capo_ rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen Stcke und Schauspiele, und nicht nur zu einem Schauspiele, sondern im Grunde zu Dem, der gerade dies Schauspiel nthig hat--und nthig macht: weil er immer wieder sich nthig hat--und nthig macht-- --Wie? Und dies wre nicht--circulus vitiosus deus? In diesen Worten ist nicht nur angedeutet, wie ganz fr Nietzsche der Optimismus aus der Verschrfung und Uebertreibung des Pessimismus hervorgesprungen ist, sondern auch inwiefern seiner neuen Philosophie ein Charakter religiser Erhebung eigen ist. Der Mensch fhlt sich einerseits zum Weltganzen, zum Lebensganzen mystisch erweitert, sodass sein eigener Untergang, sowie seine eigene Lebenstragdie gar nicht mehr fr ihn vorhanden ist,--und andererseits wieder verleiht er diesem, an sich zuflligen und sinnlosen, Lebensganzen eine Verpersnlichung und Vergeistigung, durch die es zur Gottheit erhoben wird. Welt, Gott und Ich verschmelzen zu einem einzigen Begriff, aus dem sich nun fr das Einzelwesen ebenso gut, wie aus irgend einer Metaphysik, Ethik oder Religion, ableiten lassen: eine Norm des Handelns und eine hchste Anbetung. Den Hintergrund der ganzen Vorstellung aber bildet der Gedanke, dass das Weltganze eine Fiktion des Menschen sei, der es schafft und, in seinem Gottsein, d. h. in seiner Wesenseinheit mit der Lebensflle, es von sich und seinem schpferischen und wertheprgenden Willen abhngig weiss. So erklrt sich das geheimnissvolle Wort in Jenseits von Gut und Bse (150): Um den Helden herum wird Alles zur Tragdie (das heisst: der Mensch als solcher ist gerade in seiner hchsten Entwickelung der Untergehende und Geopferte), um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel (das heisst: in seiner vollen Hingebung an das Lebensganze lchelt er als ein Erhobener auf sein eigenes Schicksal herab); und um Gott herum wird Alles--wie? vielleicht zur Welt?-- (das heisst: durch die vollkommene Identificirung des Menschen mit dem Leben wird nicht nur er selbst vershnt in das Lebensganze aufgenommen, sondern wird auch dieses absolut in ihn hineingezogen, sodass er zum Gott wird, der die Welt aus sich entlsst und im Weltschaffen unausgesetzt sein Wesen ussert). Und hier stossen wir wieder auf den Grundgedanken in Nietzsches Philosophie, der die Wiederkunftslehre, wie alle seine Lehren, in ihm hat entstehen lassen: auf jene ungeheure Vergttlichung des Schpfer-Philosophen. In ihm ruhen Anfang und Ende dieser Philosophie, und map kann sagen, dass auch der abstrakteste Zug des Systems ein Versuch ist, seine gewaltigen Uebermenschen-Zge zu zeichnen. Wir haben gesehen, dass er, sowohl innerhalb der Logik wie der Ethik, zu einem Inbegriff des Lebensganzen erhoben wurde, als das Ueber-Genie, das alles Andere in sich trgt. Wir haben ferner gesehen, wie, in Nietzsches Aesthetik, seine Bedeutung ins Religis-Mystische derart zugespitzt wurde, dass er sich vom Bloss-Menschlichen unterschied und als Gotteswesen das Menschenwesen mit umfasste. Aber erst auf Grund der Wiederkunftslehre wchst Alles zu einer einzigen gigantischen Gestalt zusammen, denn nur der Umstand, dass der Weltverlauf kein _unendlicher_, sondern ein sich in seiner Begrenzung _stetig wiederholender_ ist, macht es mglich, ein Ueberwesen zu construiren, in dem der ganze Weltverlauf ruht und sich abschliesst. Nur durch ein solches gewinnt derselbe endgiltig Sinn und Ziel und die _Richtung_ auf die erlsende Schpfung des Uebermenschen,--nur so wird diese letztere zu mehr als einer Hypothese,--wird sie zu einer _That_. Daher sehen wir auch, dass Nietzsche diese seine fundamentalste und zugleich mystischeste Lehre sozusagen nicht in seinem eigenen Namen vortrgt, sondern in dem seines Zarathustra; nicht der Denker und Mensch soll sie vortragen, sondern Der, dem Gewalt vergehen ist, sie in beseligende Erlsung umzusetzen.[9] Streift aber Nietzsche je einmal in seinen Aphorismen den Wiederkunfts-Gedanken, danm verstummt er mit einer Geberde des Schreckens und der Ehrfurcht:--Aber was rede ich da? Genug! Genug! An dieser Stelle geziemt mir nur Eins, zu schweigen: ich vergriffe mich sonst an dem, was einem Jngeren allein freisteht, einem Zuknftigeren, einem Strkeren, als ich bin,--was allein _Zarathustra_ freisteht, _Zarathustra_ dem _Gottlosen_ ... (Zur Genealogie der Moral II 25.) Und die seelische Bedeutung der Zarathustra-Gestalt fr Nietzsches Wesen selbst wird ebenfalls erst vllig deutlich hier, wo sie als Trger der Wiederkunftslehre auftritt. Er glaubte sie in sich enthalten wie ein mystisches Wesen, aber unterschieden von seiner natrlichen und menschlichen Existenzform als Nietzsche. In seiner zuflligen Zeiterscheinung, krperlich und geistig bedingt durch die Umstnde und Wechselflle seines vorbergehenden Lebens, betrachtete Nietzsche sich als einen Dekadenten, gleich den Anderen, nur wert und dazu bestimmt unterzugehen. Aber andererseits hielt Nietzsche sich fr das, nothwendig krankhaft disponirte, Medium, durch welches die Ewigkeit aller Zeiten sich ihrer selbst und ihres Sinnes bewusst wird,--fr den fleischgewordenen Menschheitsgenius selbst, in dem die Vergangenheit der Gegenwart das Rthsel aller Zukunft lst. So glaubte er das in sich zu verkrpern, was er als hchste Bedeutung menschlicher Dekadenzform geschildert hatte: er fhlte sich krank in den Geburtswehen, die einem bermenschlichen Wesen galten, er fhlte sich als einen Untergehenden und Zerbrechenden zu Gunsten einer hchsten Neuschpfung, welche die Welt erlsen sollte:--Dass der Schaffende selber das Kind sei, das neu geboren werde, dazu muss er auch die Gebrerin sein wollen und der Schmerz der Gebrerin. (Also sprach Zarathustra II 7.) Zarathustra ist also das Kind, sowie gleichzeitig der Gott Nietzsches, sowohl die That oder Kunstschpfung eines Einzelnen, als auch die Zusammenfassung dieses Einzelmenschen mit der ganzen Linie Mensch, mit dem _Menschheitssinn_ selbst. Er ist Geschpf und Schpfer, der Strkere, Zuknftigere, der die leidende menschliche Nietzsche-Erscheinung berragt,--er ist der Ueber-Nietzsche. Aus ihm spricht deshalb auch nicht das Erleben und Verstehen eines Einzelnen, sondern das Menschheitsbewusstsein selbst von seinen fernsten Ursprngen an,-- --daher seine Worte: Ich gehre nicht zu Denen, welche man nach ihrem Warum fragen darf. Ist denn mein Erleben von Gestern? Das ist lange her, dass ich die Grnde meiner Meinungen erlebte. Msste ich nicht ein Fass sein von Gedchtniss, wenn ich auch meine Grnde bei mir haben wollte? (Also sprach Zarathustra II 68.) So entsteht ein wundersames Gedankenspiel, in dem Nietzsche und sein Zarathustra unablssig in einander berzugehen und sich wieder von einander zu lsen scheinen. Vollstndig durchsichtig wird dies fr den, der weiss, in wie vielen kleinen, rein persnlichen Zgen Nietzsche sich selbst in seinen Zarathustra hineingeheimnisst hat, und bis zu welch visionrer Verzckung sich ihm dieses ganze Mysterium steigerte. Hieraus erklrt sich auch das unerhrte Selbstbewusstsein, mit dem er von seinem Buche spricht, und das ihn einmal in die Worte ausbrechen lsst: ein Buch, so tief, so fremd, dass sechs Stze daraus verstanden, d. h. erlebt haben, in eine hhere Ordnung der Sterblichen erhebt! War seine Zarathustra-Dichtung fr ihn das Werk, durch das aus einem Menschlichen ein Uebermenschliches herausgeboren wurde, so mag er sein unverffentlichtes, nur im ersten Theile vollendetes Hauptwerk Der Wille zur Macht gewissermaassen als von der Zarathustra-Gestalt geschaffen gedacht haben,--d. h. von einem Ewigen und Freien, dem allein eine Umwerthung aller Werthe gelingen kann, weil er ausser jeder Zeit und jedes Einflusses dasteht, als ein schlechthin Unabhngiger, Alles in sich Begreifender und Umfassender. Nur so ist Nietzsches Behauptung in der Gtzen-Dmmerung (IX 51) zu verstehen: Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt, meinen _Zarathustra: ich gebe ihr ber kurzem das unabhngigste_.-- Im ersten Falle soll das Uebermenschliche den Tiefen des Nietzsche-Menschenthums entstiegen sein, im zweiten schwebt es bereits frei schaffend ber demselben. So mystisch-geheimnissvoll diese Zarathustra-Figur auch in ihrer Weltbedeutung gefasst ist, s streng logisch schliesst sie sich doch in ihrer Gestaltung an Nietzsches Ausfhrungen ber das Wesen des Genialen, des Willensfreien und des Atavistischen, als des Zukunftbedingenden, an. Die Betrachtung dieser Theorien hat gezeigt, dass sie alle auf die mgliche Erschaffung eines Ueberwesens hinzielen; und es ist interessant zu verfolgen, wie frh schon sich in Nietzsche verwandte Gedanken geregt haben, die sich spter, aus seiner ersten philosophischen Periode herbergenommen, durch seine positivistische Weltanschauung hindurchgearbeitet haben, um schliesslich in seiner letzten Philosophie zu neuem Leben erweckt zu werden. Das Genie der Ethik und Aesthetik umfasst bereits bei Schopenhauer Sinn und Wesensgrund der ganzen Welt und Menschheit und thutdies in einem jeden solchen Genius gleichwertig aufs neue, aber Sinn und Wesensgrund bedeuten bei diesem das hindurchleuchtende ewige Sein, das metaphysische Ding an sich, ganz losgelst von der thatschlichen Entwickelungsgeschichte von Welt und Menschheit. Nietzsche aber, der von diesen metaphysischen Vorstellungen absieht, braucht das Auftreten des Genius in einem einzigen, isolirten Ueberwesen, das eine Mehrzahl von seinesgleichen ausschliesst und die thatschlich gegebene Erscheinung von Welt und Menschheit in sich begreift. In Menschliches, Allzumenschliches (II 185) sagt er noch im Hinblick auf den Schopenhauerischen Gedanken, den er in positivistischem Sinne modificirt: Wenn Genialitt, nach Schopenhauers Beobachtung, in der zusammenhngenden und lebendigen Erinnerung an das Selbst-Erlebte besteht, so mchte im Streben nach Erkenntniss des gesammten historischen Gewordenseins-- -- --ein Streben nach Genialitt der Menschheit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet gedachte Historie wre kosmisches Selbstbewusstsein. Dazu stelle man auch die nachfolgenden Aeusserungen in der frhlichen Wissenschaft, so (34) den Aphorismus _Historia abscondita_: Jeder grosse Mensch hat eine rckwirkende Kraft: alle Geschichte wird um seinetwillen wieder auf die Wage gestellt, und tausend Geheimnisse der Vergangenheit kriechen aus ihren Schlupfwinkeln--hinein in _seine_ Sonne. Ferner (337): -- -- --wer die Geschichte der Menschen insgesammt als _eigene_ _Geschichte_ zu fhlen weiss, der empfindet in einer ungeheuren Verallgemeinerung allen jenen Gram des Kranken, der an die Gesundheit, des Greises, der an den Jugendtraum denkt, des Liebenden, der der Geliebten beraubt wird, des Mrtyrers, dem sein Ideal zu Grunde geht, des Helden am Abend der Schlacht, welche Nichts entschieden hat und doch ihm Wunden und den Verlust des Freundes brachte--; aber diese ungeheure Summe von ?Gram aller Art tragen, tragen knnen und nun doch noch der Held sein, der beim Anbruch eines zweiten Schlachttages die Morgenrthe und sein Glck begrsst, als der Mensch eines Horizontes von Jahrtausenden vor sich und hinter sich, als der Erbe aller Vornehmheit, alles vergangenen Geistes und der verpflichtete Erbe, als der Adeligste aller alten Edlen und zugleich der Erstling eines neuen Adels, dessen Gleichen noch keine Zeit sah und trumte: diess Alles auf seine Seele nehmen, Aeltestes, Neuestes, Verluste, Hoffnungen, Eroberungen, Siege der Menschheit: diess Alles endlich in Einer Seele haben und in Ein Gefhl zusammendrngen:--diess msste doch ein Glck ergeben, das bisher der Mensch noch nicht kannte,--eines Gottes Glck voller Macht und Liebe, voller Thrnen und voll Lachens, ein Glck, welches, wie die Sonne am Abend, ? fortwhrend aus seinem unerschpflichen Reichthume wegschenkt und in's Meer schttet und, wie sie, sich erst dann am reichsten fhlt, wenn auch der rmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dieses gttliche Gefhl hiesse dann--Menschlichkeit! Aber die menschliche Genialitt wird fr Nietzsche in immer geringerem Grade durch das Erkennen oder das erworbene Nachempfinden des historisch Gewordenen ausgelst, denn die Flle des Gewordenen liegt im Menschen selbst bereit und kann durch tiefere Selbstversenkung hervorgeholt und zum Bewusstsein gebracht werden. Schon in Menschliches, Allzumenschliches (I 14) weist er auf die Eigenschaft des Affektes, hin, rckwirkend Schlummerndes in uns zu wecken, das vergangenen Zustnden angehrt: Alle _strkeren_ Stimmungen bringen ein Miterklingen verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie whlen gleichsam das Gedchtniss auf. Aber nicht nur hinsichtlich der individuellen Vergangenheit mit ihren Affekten, sondern gleichzeitig auch dessen, was sich an Gedanken und Empfindungen im Laufe der Menschheits-Entwicklung abgesetzt hat,--denn der Einzelne ist ein Erzeugniss derselben und enthlt ihre verschiedenen Stufen noch fortdauernd in sich. Hierauf ist in der frhlichen Wissenschaft (54) Bezug genommen, in dem Aphorismus _Das Bewusstsein vom Scheine_: Wie wundervoll und neu und zugleich wie schauerlich und ironisch fhle ich mich mit meiner Erkenntniss zum gesammten Dasein gestellt! Ich habe fr mich _entdeckt_, dass die alte Mensch- und Thierheit, ja die gesammte Urzeit und Vergangenheit alles empfindenden Seins in mir fortdichtet, fortliebt, forthasst, fortschliesst,--ich bin pltzlich mitten in diesem Traume erwacht, aber nur zum Bewusstsein, dass ich eben trume und dass ich weitertrumen _muss_, um nicht zu Grunde zu gehen: wie der Nachtwandler weitertrumen muss, um nicht hinabzustrzen. Was ist mir jetzt Schein! Wahrlich nicht der Gegensatz irgend eines Wesens,--was weiss ich von irgend welchem Wesen auszusagen, als eben nur die Prdikate seines Scheines! Wahrlich nicht eine todte Maske, die man einem unbekannten aufsetzen und auch wohl abnehmen knnte! Schein ist fr mich das Wirkende und Lebende selber, das soweit in seiner Selbstverspottung geht, mich fhlen zu lassen, dass hier Schein und Irrlicht und Geistertanz und nichts Mehr ist,--dass unter allen diesen Trumenden auch ich, der Erkennende, meinen Tanz tanze, dass der Erkennende ein Mittel ist, den irdischen Tanz in die Lnge zu ziehen und insofern zu den Festordnern des Daseins gehrt, und dass die erhabene Consequenz und Verbundenheit aller Erkenntnisse vielleicht das hchste Mittel ist und sein wird, die Allgemeinheit der Trumerei und die Allverstndlichkeit aller dieser Trumenden unter einander und eben damit _die Dauer des Traumes aufrecht zu erhalten_. Hier hat Nietzsche schon die Wendung gemacht, die den Uebergang zu seiner spteren Mystik bildet. In dieser ist die Welt ihm zu einer Fiktion des Erkennenden geworden, der, wenn er, wie aus nachtwandelndem Traume, zum Bewusstsein der Fiktion erwacht, sich wohl als Herr und Schpfer fhlen kann, der den Sinn dieses Scheines, dieses Traumes gebieterisch bestimmt. Umgestaltet durch die mystische Vorstellung, dass das Erwachen aus dem Traume des Alllebens zugleich zu einer schpferischen welterlsenden That wird, kehrt derselbe Gedanke spter in wundervoll dichterischer Einkleidung in dem Lied der alten Brumm-Glocke (Also sprach Zarathustra III 110 f.) wieder, die in tiefer Mitternacht den beginnenden Tag des Erwachenden durch zwlf Schlge verkndet: _Eins_! Oh Mensch! gieb Acht! _Zwei_! Was spricht die tiefe Mitternacht? _Drei_! Ich schlief, ich schlief--, _Vier_! Aus tiefem Traum bin ich erwacht:-- _Fnf_! Die Welt ist tief, _Sechs_! Und tiefer als der Tag gedacht. _Sieben_! Tief ist ihr Weh--, _Acht_! Lust--tiefer noch als Herzeleid: _Neun_! Weh spricht: Vergeh! _Zehn_! Doch alle Lust will Ewigkeit--, _Elf_! --will tiefe, tiefe Ewigkeit! _Zwlf_! Die schliessliche Ausgestaltung dieser Vorstellungen enthlt wiederum starke Anklnge an Nietzsches Schopenhauerische Periode und an die indische Philosophie, jedoch immer mit der charakteristischen Modifikation, dass das Endziel sowie der dahin fhrende Weg, anstatt im _Lebenserlschen_, in der _Lebenssteigerung_ zu suchen sei. Aber wie sehr sich trotzdem diese beiden Gefhlsauffassungen des Daseinsproblems einander nhern, ergiebt sich nicht zum wenigsten daraus, dass, nach neuerer Auffassung, selbst die indische Lebensabkehr, dieser extremste Ausdruck der weltverneinenden Philosophie, eigentlich nicht die Befreiung vom Leben anstrebt, sondern nur die Erlsung vom Immer-wieder-sterben-mssen infolge der Seelenwanderung. Es ist schliesslich nichts als eine andere Form der Todesfurcht, die in den brigen Religionen das Motiv des Unsterblichkeitsglaubens abgegeben hat;--es ist eine Furcht, deren Beschwichtigung ebenso wohl erreicht werden kann durch ein Aufgehobensein in die Lebensewigkeit, bei voller Identificirung des Einzelnen mit der Kraft und Flle des Lebensganzen, als auch durch ein Abstreifen und Verflchtigen aller Lebenstriebe, mit denen Tod, Erlschen, Vergehen unabtrennbar verknpft sind.[10] Aber der Reiz, den fr Nietzsche eine mystische Auslegung von Traumzustnden und die Auffassung des Weltbewusstseins als eines Traumbewusstseins besass, hatte noch einen persnlichen Grund. In der That handelte es sich dabei fr ihn um mehr als nur um ein Gleichniss oder Analogon,--denn er war berzeugt, dass speciell in den Zustnden des Rausches und Traumes eine Flle von Vergangenheit im Menschen zur Gegenwart wieder erweckt werden knne. Trume spielten stets eine grosse Rolle in seinem Leben und Denken, und in seinen letzten Jahren entnahm er ihnen oft, wie einer Rthsellsung, den Inhalt seiner Lehre. In dieser Weise verwendet er zum Beispiel den in Also sprach Zarathustra (II 80 ff.) erzhlten Traum, den er im Herbst 1882 in Leipzig gehabt hatte; er wurde nicht mde, ihn deutend mit sich herumzutragen. Eine geistreiche oder dem Gefhl des Trumenden glcklich angepasste Interpretation konnte ihn dann beglcken und frmlich erlsen. So erklrt es sich, dass er schon frh sich mit diesem Gegenstnde beschftigt hat, aber indem er noch gewagte Deutungen abwies, wie er sie spter bevorzugte. Er hat ber ihn an verschiedenen Stellen von Menschliches, Allzumenschliches gesprochen. (Ivlan vergleiche beispielsweise den Aphorismus I 12 _Traum und Kultur_ und 113 _Logik der Traumes_.) Dort meint er noch, dass die Verworrenheit und das Ungeordnete der Vorstellungen im Traume, der Mangel an Klarheit und Logik und an richtigem Kausalzusammenhang, der im Schlfe unsere Art zu urtheilen und zu schliessen kennzeichne, an die Zustnde der frhesten Menschheit erinnern, die, ebenso wie noch heute die Wilden, _auch im Wachen_ so verfahren habe, wie wir jetzt im Traume. In der Morgenrthe hingegen spricht er schon nicht mehr von einer derartigen Analogie, sondern geradezu von der mglichen Reproducirung eines Stckes Vergangenheit im Traume. Und in der frhlichen Wissenschaft steigert sich ihm hier und da der Traum schon zu einem positiven Abbild des Lebens und der Weltvergangenheit im Einzelmenschen. Von hier war es nur noch ein Schritt zu einem dritten Gedanken, der die beiden vorhergehenden zusammenfasste: den einen, dass im Traume die Vergangenheit reproducirt werde,--den anderen, dass das Weltganze und die Lebensentwickelung philosophisch einer Traumfiktion zu vergleichen sei,--aus deren Verbindung sich dann ergab, dass der Traum, unter gewissen Umstnden, die Wiederbelebung alles gewesenen Lebens sei,--das Leben hinwiederum in seinem tiefsten Wesen ein Traum, dessen Sinn und Bedeutung wir, als Erwachende, zu bestimmen haben. Das Nmliche gilt von allen dem Traume verwandten Zustnden, von allen, die tief genug hinabfhren knnten in das Chaotische, Dunkle, Unergrndliche des Lebens-Untergrundes,--nicht nur der gewesenen Menschheit, sondern noch unter diese hinab bis zu Dem, woraus auch sie erst geworden ist. Denn der friedliche Traum reicht hierfr nicht aus; es bedarf eines viel wirklicheren und selbst furchtbareren Erlebens: das Chaos aufwhlender Leidenschaften und orgiastischer Dionysos-Zustnde,-- --ja, _der Wahnsinn selbst_, als ein Zurcksinken in die Unentwirrbarkeit aller Gefhle und Vorstellungen, erschien ihm als der letzte Weg zu den in uns ruhenden Urtiefen vergangener Menschheitsschichten. Schon frh hatte er ber die Bedeutung des Wahnsinns als einer mglichen Erkenntnissquelle gegrbelt, und ber den Sinn, der darin gelegen haben mge, dass die Alten ihn als ein Zeichen der Erwhlung ansahen. In der frhlichen Wissenschaft sagt er in Bezug darauf: Nur wer schreckt--fhrt, und in der Morgenrthe (312) stehen die folgenden, merkwrdigen Worte, die an seine sptere Vorstellung eines die gesammte Menschheits-Vergangenheit verkrpernden Zukunftsgenius erinnern: In den Ausbrchen der Leidenschaft und im Phantasiren des Traumes und des Irrsinns entdeckt der Mensch seine und der Menschheit Vorgeschichte wieder:-- -- --; sein Gedchtniss _greift einmal weit genug rckwrts_, whrend sein civilisirter Zustand sich aus dem Vergessen dieser Urerfahrungen, also aus dem Nachlassen jenes Gedchtnisses entwickelt. Wer als ein Vergesslicher hchster Gattung allem Diesen immerdar sehr fern geblieben ist, _versteht die Menschen nicht_. Damals wnschte jedoch Nietzsche, selbst ein solcher Vergesslicher zu sein, da er die menschliche Grsse noch im affektlosen Erkennenden suchte und in dem, was von der Vernunft geboren ist. Damals nannte er es noch eine grausige Verwirrung ehemaliger Zeiten, dass ihnen von neuen grossen Erkenntnissen der Wahnsinn so oft unabtrennbar erschienen sei: -- --wenn--trotzdem neue und abweichende Gedanken, Werthschtzungen, Triebe immer wieder herausbrachen, so geschah diess unter einer schauderhaften Geleitschaft: fast berall ist es der Wahnsinn, welcher dem neuen Gedanken den Weg bahnt, welcher den Bann eines verehrten Brauches und Aberglaubens bricht. Begreift ihr es, wesshalb es der Wahnsinn sein musste? Etwas in Stimme? und Gebrde so Grausenhaftes und Unberechenbares-- -- --? Etwas, das so sichtbar das Zeichen vlliger Unfreiwilligkeit trug,-- -- --, das den Wahnsinnigen dergestalt als Maske und Schallrohr einer Gottheit zu kennzeichnen schien?-- -- --Gehen wir noch einen Schritt weiter: allen jenen berlegenen Menschen, welche es unwiderstehlich dahin zog, das Joch irgend einer Sittlichkeit zu brechen und neue Gesetze zu geben, blieb, _wenn sie nicht wirklich wahnsinnig waren_, Nichts brig, als sich wahnsinnig zu machen oder zu stellen-- -- --. Wie macht man sich wahnsinnig, wenn man es nicht ist-- -- --? diesem entsetzlichen Gedankengange haben fast alle bedeutenden Menschen der lteren Civilisation nachgehangen;-- -- --Wer wagt es, einen Blick in die Wildniss bitterster und berflssigster Seelennthe zu thun, in welchen wahrscheinlich gerade die fruchtbarsten Menschen aller Zeiten geschmachtet haben! Jene Seufzer der Einsamen und Verstrten zu hren: Ach, so gebt doch Wahnsinn, ihr Himmlischen! Wahnsinn, dass ich endlich an mich selber glaube! Gebt Delirien und Zuckungen, pltzliche Lichter und Finsternisse, schreckt mich mit Frost und Gluth, wie sie kein Sterblicher noch empfand, mit Getse und umgehenden Gestalten, lasst mich heulen und winseln und wie ein Thier kriechen: nur dass ich bei mir selber Glauben finde! Der Zweifel frisst mich auf, ich habe das Gesetz getdtet, das Gesetz ngstigt mich wie ein Leichnam einen Lebendigen; wenn ich nicht mehr bin als das Gesetz, so bin ich der Verworfenste von Allen.-- -- -- --. (Morgenrthe 14.) Wie in der Morgenrthe so oft gerade Gedanken, die schon heimlich auf Nietzsche zu wirken begonnen hatten, erklrt oder widerlegt werden, so zeigt auch diese Schilderung, in welcher Weise ihm spter Rauschzustnde als Beweise besonderer Erwhlung galten. Er ging aus von der Trostlosigkeit und dem Grauenhaften alles Bestehenden, von einem Zerrbilde der Wirklichkeit, das aus einer Karikirung des Positivismus in ihm entstanden war, und wollte an dessen Stelle ein Neues und Herrliches _schaffen_. Aber da dieses Geschaffene ganz ausschliesslich auf ihm beruhte, so stand und fiel es mit seiner eigenen Zuversicht,--an sich war es ja gar nicht vorhanden. Tausendfltig mssen daher die Zweifel, die ihn qulten, gewesen sein, sobald die Stimmung auch nur auf einen Augenblick sank; unerbittlich das Verlangen, in dieser schwankenden, zweifelnden Menschlichkeit sich selbst von einem selbstsicheren, ewiggewissen Wesen, Nietzsche za unterscheiden von Zarathustra. Mochte dann jenem auch das Schauerlichste als Loos im zeitlich gegebenen Selbstuntergang zufallen,--fr diesen blieb es ein Zeichen der Erwhlung und Erhhung; mochte jener im Zustande des Schauerlich-Chaotischen selbst bis zu seiner Thierwerdung hinabsteigen mssen,--fr diesen war es nur der Ausdruck des Allumfassens, das auch das Niederste und Tiefste in sich aufnimmt. In diesem Sinne heisst es in der Gtzen-Dmmerung (13) vom Philosophen hchsten Ranges, dass er eine Art Verbindung von Thier und Gott sei, und ein verwandter Gedanke liegt auch in dem Ausspruch ber den Erkennenden als Schpfer-Philosophen (Jenseits von Gut und Bse 101): Heute mchte sich ein Erkennender leicht als Thierwerdung Gottes fhlen. Ja, diese Maske des Niedersten knnte vor den Menschen die passendste Darstellungsform des Hchsten sein, denn in ihr beschmt er sie nicht und verbirgt auf wirksame Weise seinen Glanz: Sollte nicht erst der _Gegensatz_ die rechte Verkleidung sein, in der die Scham eines Gottes einhergienge? (Jenseits von Gut und Bse 40). Hierin tritt uns der letzte Versuch des Sich-Verbergens bei Nietzsche entgegen, ein letztes Mal sein Verlangen nach der Maske. Scheinbar soll sie den Gott in ein allzumenschliches Gewand hllen, whrend ihr in Wahrheit das erschtternde Bedrfniss zu Grunde liegt, das furchtbare Schicksal, das Nietzsches Menschengeist drohte, ins Gttliche umzudeuten, um es zu ertragen. In dem Aphorismus _Hier ist die Aussicht frei_ (Gtzen-Dmmerung IX 46) giebt er eine Andeutung, dass es Grsse der Seele sein knne, _dem Unwrdigsten_ ohne Furcht entgegenzugehen: Ein Weib, das liebt, opfert seine Ehre; ein Erkennender, welcher liebt, opfert vielleicht seine Menschlichkeit; ein Gott, welcher liebte, ward Jude ... So sehen wir die Selbstopferung und Selbstvergewaltigung, die gewollte Qual der Zwiespltigkeit nicht nur gesteigert bis hinauf in das Geistigste, sondern auch hineingetragen bis in das Persnlichste. Immer deutlicher spitzt sich der ganze Gedankengang zu in einer selbstvernichtenden _That_, durch welche, in persnlichem Handeln und Erdulden, die Erlsung vollendet wird. Liess es sich deutlich verfolgen, wie Nietzsches Innenleben sich in seiner Zukunftslehre in philosophischen Formen ausspricht, so sind wir hier an den Punkt gelangt, wo seine Philosophie sich in ein allerpersnlichstes Erleben zurckverwandelt,--entsprechend dem Wort: ich trinke die Flammen in mich zurck, die aus mir brechen (Also sprach Zarathustra II 35). Und waren die Grundzge seines Denkens nur Linien, die sich, anstatt zu einem abstrakten System, zu den ungeheuren Umrissen einer Gottes-Gestalt, einer mystischen Selbst-Apotheose, zusammenschlcssen, so schlgt jetzt die Beseligung der Selbstvergttlichung um in die _rein menschliche Lebenstragdie_. Zarathustras erlsende Weltthat ist zugleich Nietzsches Untergang, Zarathustras gttliches Recht der Lebensdeutung und der Umwerthung aller Werthe wird nur um den Preis erlangt, einzugehen in jenen Urgrund des Lebens, der sich in Nietzsches Menschendasein darstellt als die dunkle Tiefe des Wahnsinns. Wer aber meiner Art ist, sagt Zarathustra (III 2), der entgeht einer solchen Stunde nicht: der Stunde, die zu ihm redet: Jetzo erst gehst du deinen Weg der Grsse! Gipfel und Abgrund--das ist jetzt in Eins beschlossen! Das Grauen Zarathustras vor diesem unergrndlichen Versinken, vor diesem Abgrunds-Gedanken, ist daher zugleich Nietzsches Grauen vor seinem persnlichen Schicksal; ununterscheidbar verschmilzt beides, in der Dichtung, die ja nichts ist als die Schilderung des verklrten Nietzsche-Lebens, des Ueber-Nietzschethums. Also rief mir Alles in Zeichen zu: es ist Zeit! Aber ich--hrte nicht: bis endlich mein Abgrund sich rhrte und mein Gedanke mich biss. Ach, abgrndlicher Gedanke, der du _mein_ Gedanke bist! Wann finde ich die Strke, dich graben zu hren und nicht mehr zu zittern? Bis zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben hre! Dein Schweigen noch will mich wrgen, du abgrndlich Schweigender! Noch wagte ich niemals, dich _herauf_ z rufen: genug schon, dass ich dich mit mir--trug! (Also sprach Zarathustra III 16). Dieser erschtternden Worte muss man eingedenk sein, wenn man in Nietzsches Dichtung die Beschreibung der stillsten Stunde liest, in der ihm das Leben selbst befiehlt, seinen Gedanken zu erleben und zu verknden,--das lachende selbstselige Leben, welches ber das Leid des Einzelnen hinweglacht, weil es in seiner eigenen Flle Seligkeit ist: Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden weicht und der Traum beginnt. Dieses sage ich euch zum Gleichniss. Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der Boden: der Traum begann. Der Zeiger rckte, die Uhr meines Lebens holte Athem--, nie hrte ich solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak. Dann sprach es ohne Stimme zu mir: _Du weisst es, Zarathustra_?--Und ich schrie vor Schrecken bei diesem Flstern, und das Blut wich aus meinem Gesichte:-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --Da geschah ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die Eingeweide zerriss und das Herz aufschlitzte!-- -- -- -- -- -- --Und wieder lachte es und floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer zwiefachen Stille. Ich aber lag am Boden, und der Schweiss floss mir von den Gliedern.-- -- -- -- Also sprach Zarathustra II 97 ff. Hieran schliesst sich (III 92 ff.) das Kapitel Der Genesende: Eines Morgens,-- -- --, sprang Zarathustra von seinem Lager auf wie ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und gebrdete sich, als _ob noch Einer_[11] auf dem Lager lge, der nicht davon aufstehn wolle;-- -- -- -- -- --Zarathustra aber redete diese Worte: Herauf, abgrndlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich schon wach krhen! Knpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hren! Auf! Auf! Hier ist Donners genug, _dass auch Grber horchen lernen_![12] Und wische den Schlaf und alles Blde, Blinde aus deinen Augen! Hre mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch fr Blindgeborne. Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist das _meine_ Art, Urgrossmtter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie heisse--weiterschlafen![13] Du regst dich, dehnst dich, rchelst? Auf! Auf! Nicht rcheln--reden sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose! Ich, Zarathustra, der Frsprecher des Lebens, der Frsprecher des Leidens, der Frsprecher des Kreises-- dich rufe ich, meinen abgrndlichsten Gedanken! Heil mir! Du kommst--ich hre dich! Mein Abgrund _redet_, meine letzte Tiefe habe ich an's Licht gestlpt! Heil mir! Heran! Gieb die Hand-- --ha! lass! Haha!-- --Ekel, Ekel, Ekel-- -- --wehe mir! Das Bild des Wahnsinns steht am Ende der Philosophie Nietzsches als eine grelle und furchtbare Illustration zu den erkenntnisstheoretischen Ausfhrungen, von denen er in seiner Zukunftsphilosophie ausgeht. Denn den Ausgangspunkt bildete die Auflsung alles Intellektuellen durch die Herrschaft des Chaotisch-Triebartigen, das jenem Grundlage und Sinn ist,--die Folgerung aber der Erkenntnisstheorie Nietzsches luft hinaus auf den Untergang des Erkennenden zum Behufe der Erfassung einer hchsten Lebensoffenbarung, auf das mit Wahnsinn sollst du geimpft werden alles Verstandeserkennens. In ergreifender Weise mischen sich die Ahnung des ihm bevorstehenden persnlichen Schicksals und die mystische Auffassung des Geisteslebens und seiner Bedeutung berhaupt in den Worten Zarathustras (II 33): Geist ist das Leben, das selber ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das eigne Wissen,--wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glck ist diess: gesalbt zu sein und durch Thrnen geweiht zum Opferthier,--wusstet ihr das schon? _Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute_,--wusstet ihr das schon? So sollte der Wahnsinn noch zeugen von der Macht der Lebenswahrheit, an deren Glanz der Menschengeist erblindet. Denn kein Verstand fhrt in die Tiefe der Lebensflle selbst hinein,--nicht hineinklettern lsst es sich in diese Flle, Stufe um Stufe, Gedanke um Gedanke: Und wenn dir nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, _noch auf deinen eigenen Kopf zu steigen_: wie wolltest du anders aufwrts steigen?-- -- -- -- --Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun und Hintergrund: so musst du schon ber dich selber steigen,--hinan, hinauf, bis du auch deine Sterne noch _unter_ dir hast! (Also sprach Zarathustra III 2 f.) Hiermit scheint ein Ende erreicht und die Entwickelung des Ganzen nothwendig abgeschlossen zu sein: der unersttliche leidenschaftliche Drang, der diesen Geist trieb und steigerte, hat ihn zuletzt aufgezehrt und in sich zurckverschlungen. Fr uns, die Draussenstehenden, umnachtet ihn von jetzt an vlliges Dunkel, tritt er ein in eine Welt allerindividuellsten inneren Erlebens, vor der die Gedanken, die ihn begleiteten, Halt machen mssen: ein tief erschtterndes Schweigen breitet sich fr uns darber aus. Aber nicht nur _knnen_ wir seinem Geiste in die letzte Verwandlung hinein nicht mehr folgen, welche er mit Darangabe seiner selbst erreicht, wir _sollen_ ihm auch nicht folgen: darin eben ruht ihm der Beweis seiner Wahrheit, die vllig eins geworden ist mit allen Geheimnissen und Verborgenheiten seiner Innerlichkeit. In seine letzte Einsamkeit hat er sich vor uns zurckgezogen und die Pforte hinter sich geschlossen. An ihrem Eingang aber leuchten uns die Worte entgegen: -nun ist deine letzte Zuflucht worden, was bisher deine _letzte Gefahr_ hiess! das muss nun dein bester Muth sein, dass es hinter dir keinen Weg mehr giebt!-- --hier soll dir Keiner nachschleichen! Dein Fuss selber lschte hinter dir den Weg aus, und ber ihm steht geschrieben: Unmglichkeit. (Also sprach Zarathustra III 2.) Und als einzige Kunde, dass auch noch hinter dieser Pforte eine uns unzugngliche Welt der Geisteswandlungen liegt, verhallt von innen her leise die Klage: Ach, meinen hrtesten Weg muss ich hinan! Ach, ich begann meine einsamste Wanderung!-- -- --Eben begann meine letzte Einsamkeit. Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese schwangere nchtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch muss ich nun _hinab_ steigen!-- -- --tiefer hinab in den Schmerz als ich jemals stieg, bis hinein in seine schwrzeste Fluth! So will es mein Schicksal: Wohlan! ich bin bereit. Woher kommen die hchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, dass sie aus dem Meere kommen. Diess Zeugniss ist in ihr Gestein geschrieben und in die Wnde ihrer Gipfel. _Aus dem Tiefsten muss das Hchste zu seiner Hhe kommen_.-- (III 2 ff.) So sind Tiefe und Hhe, Abgrund des Wahnsinns und Gipfel des Wahrheitssinns ineinander verschlungen: Vor meinem hchsten Berge stehe ich : _darum_ muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg (III 3). Und so feiert die hchste Selbstvergttlichung erst ihren vollen mystischen Sieg in der tiefsten Vernichtung, im Erliegen und Untergang des Erkennenden. Von den beiden symbolischen Thieren, die um Zarathustra sind, der Schlange der Erkenntniss und Klugheit und dem Adler des aufstrebenden kniglichen Stolzes, bleibt nur dieser ihm treu: Mchte ich klger sein! Mchte ich klug von Grund aus sein, gleich meiner Schlange! Aber Unmgliches bitte ich da: so bitte ich denn meinen Stolz, dass er immer mit meiner Klugheit gehe! Und wenn mich einst meine Klugheit verlsst:-- --mge mein Stolz dann noch mit meiner Thorheit fliegen! --Also begann Zarathustra's Untergang. (I 26.) So entschwindet uns Nietzsches Geist in einem Geheimniss von Untergang und Erhebung: in einer von Adlern umflogenen Dunkelheit. Es liegt hierin etwas Rhrendes und Ergreifendes, wie in der Rckkehr eines mden Kindes in seine ursprngliche Glaubensheimat, in der es noch keines Verstandes bedurfte, um der hchsten Segnungen und Offenbarungen theilhaftig zu werden. Nachdem der Geist alle Kreise durchlaufen und alle Mglichkeiten erschpft hat, ohne Genge zu finden, erkauft er sie sich endlich mit dem hchsten Opfer, der Opferung seiner selbst. Wir werden an jenes im zweiten Abschnitt (S. 49) erwhnte Wort Nietzsches erinnert: wenn Alles durchlaufen ist,--wohin luft man alsdann? wie? msste man nicht wieder beim Glauben anlangen? Vielleicht bei einem katholischen Glauben? _In jedem Fall knnte der Kreis wahrscheinlicher sein, als der Stillstand_. In der That beschreibt er in seiner Selbstwiederholung einen Kreis. Und es ist interessant, dass, in dem Maasse als er sich seinem ursprnglichen Ausgangspunkt nhert, und der Verstand als solcher bedeutungslos erscheint gegenber einem mystischen _glaubenheischenden_ Ueberwesen, seine Philosophie immer absolutere und reaktionrere Zge annimmt, indem er dem eigenen ehemaligen Individualismus die Wiederherstellung einer absolut geltenden Tradition entgegensetzt und die Selbstvergottung in religisen Absolutismus ausmnden lsst. Es ist deshalb so interessant, weil dieser Verlauf, trotz seiner pathologischen Voraussetzungen, psychologisch etwas geradezu Typisches hat: Wenn der religise Trieb, vom freien Denken genthigt, sich streng individuell auszuleben, sich zuletzt, wie bei Nietzsche, aus dem eigenen Selbst etwas Gttliches erschafft, dann erzwingt er sich damit sofort wieder die absolutesten und reaktionrsten Machtbefugnisse, die je einem objektiv gedachten Gotte zustanden,--bis er den Verstand selbst, dessen Erkenntnissdrang ihm ursprnglich die Richtung gab, _absetzt_ und ihm jeden ferneren Einspruch abschneidet. Aus dem Menschen soll der Gott erstehen, auch wenn der Mensch dies erst durch eine Rckkehr zu Kindheit und Unmndigkeit ermglichen msste. Erst in dieser Zweitheilung, die er um jeden Preis in sich vollzieht, feiert er seine Erlsung und mystische Selbstvereinigung im Glauben: -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei.... Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss, Das Fest der Feste: Freund Zarathustra kam, der Gast der Gste! Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss, Die Hochzeit kam fr Licht und Finsterniss wie es, am Schlsse von Jenseits von Gut und Bse, in dem wundervollen Nachgesang Aus hohen Bergen heisst. Das persnliche Schicksal Nietzsches fgt sich, als Schlussstein, diesem ganzen Gedankengebude derartig ein, dass man nicht an dem Einflsse zweifeln kann, den seine trben Vorahnungen auf die Gestaltung seiner Zukunftsphilosophie gehabt haben. Mit gewaltiger Hand hat er das, was ihn erwartete, hereingezwungen in den Plan des Ganzen und dienstbar gemacht dem letzten Geheimsinn seiner Philosophie. Von hier aus hat er, rckwrts blickend, zum ersten Mal sein Leben und Denken in dem Wechsel seiner Wandlungen als Ganzes berschaut und dem Werdegang seines Selbst nachtrglich einen einheitlichen Sinn von mystischer Bedeutung untergelegt,--gerade so wie der Schpfer-Philosoph dies in Bezug auf das Lebensganze der Menschheit thut. So ward er sich selbst zum deutenden Gott, der, wenn auch ein wenig gewaltsam, alle vergangenen Dinge zum Besten, d. h. zum hchsten Endziel, wendet. Das Vergangene zukunftdeutend zu machen, ist jetzt sein Wahlspruch, also das gerade Gegentheil dessen, was er vordem, inmitten seiner Wandlungen, angestrebt hatte, nmlich: das Vergangene immer wieder rasch abzustossen, um es mglichst vollkommen von einer immer neuen Zukunft zu trennen. Hierin ist auch schon der starke Einfluss seiner frheren Standpunkte auf die Gedanken seiner Zukunftsphilosophie begrndet. Ehemals sah er den Beweis geistiger Unabhngigkeit in der Fhigkeit, sich stets wieder von den ergriffenen Wahrheiten loslsen zu knnen, und es erschien ihm daher unwesentlich, ob er im Ergreifen derselben sich an Andere angelehnt hatte. Jetzt fordert seine allumfassende Unabhngigkeit, dass in allen vergangenen und widerlegten Gedanken sein eigenes Selbst und dessen Sinn festgehalten werde,--aber deshalb drfen sie nunmehr auch nur von diesem Selbst allein, nicht von Anderen, angeregt worden sein. Daher hat man Nietzsches letzten Werken gegenber, in denen er anscheinend am unabhngigsten ein eigenes System errichtet, so hufig die Empfindung, als stehe er mit rckwrts gewendetem Blick und Antlitz da, als nhere er sich wieder den verlassenen Sttten seiner alten Wandlungen, whrend er sich doch in der Selbststndigkeit seiner ganz individuell gewonnenen Hypothesen am weitesten von ihnen entfernt. Die Lsung dieses Widerspruches liegt darin, dass er seinen frheren Ueberzeugungen nur dasjenige entnimmt, worin sein individuelles Wesen, sein verborgenes Wollen zum Ausdruck kommt, dasjenige, was diesem leidenschaftlichen Geiste in allen, andern Denkern entnommenen Theorien im Grunde nur als unbewusster Vorwand, als unwillkrliche Gelegenheitsursache fr seine innere Entwickelung hatte dienen mssen. Am Ende der Entwickelung angelangt, fasst er sich in cler Einheitlichkeit seines ganzen Innenlebens zusammen, durchschaut und berschaut er dasselbe und betont nun die allen Wandlungen zu Grunde liegende Einheitlichkeit ebenso nachdrcklich, wie er ehemals ausschliesslich seine Wandlungsfhigkeit betont hatte. Wie jemand, der im Begriff steht, eine Reise anzutreten, von der es eine Wiederkehr nicht mehr giebt, wie jemand, der Abschied nehmen will und dazu Alles um sich sammelt, was einst sein Eigen war, so sehen wir Nietzsche jetzt das Seine zurcksammeln aus den verschiedenen Geistesphasen, die er durchlaufen hat. Er unternimmt ein Abschtzen des Erreichten und Gewollten, eine _Summirung_ des Lebens (Gtzen-Dmmerung IX 36), mit dem Bewusstsein: Es kehrt nur zurck, es kommt mir endlich heim--mein eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut unter alle Dinge und Zuflle. (Also sprach Zarathustra III 1.) Dies machte ihn ungerecht gegen seine ehemaligen Genossen und deren Ueberzeugungen; er _wollte_ vergessen, wie oft sie die Richtung seines Denkens bestimmt hatten: Man soll die Gerste wegnehmen, wenn das Haus gebaut ist (Der Wanderer und sein Schatten 335). Das ist die _Moral fr Huserbauer_, so dachte er und ignorirte, dass es fr seinen Bau je der Gerste bedurft hatte. Diese Ungerechtigkeit ist also jener frheren gerade entgegengesetzt, die dem leidenschaftlichen Wechsel der Gedanken entsprang, der Energie, mit der er jedesmal die abgelste Gedankenhaut vernichtete. Jetzt will er nicht mehr daran glauben, dass eine ihm fremde Haut ihm je habe fest anwachsen knnen. Dem Positivismus gegenber spricht sich diese Ungerechtigkeit ganz besonders in der Vorrede seines Buches Zur Genealogie der Moral sowie an vereinzelten Stellen der brigen Werke aus,--Wagner gegenber in der kleinen Schrift Der Fall Wagner. Die letztere fordert zu einem interessanten Vergleich auf zwischen der Art, wie Wagner in ihr, und wie er in Menschliches, Allzumenschliches bekmpft wird, zwischen dem Hass, mit dem er damals das Wagnerthum von sich schleuderte, und dem Hass, mit dem er jetzt sich ihm wieder nhert, um daraus sein geistiges Eigenthum herauszuholen, ohne seine Selbstndigkeit preiszugeben. Zuletzt fhrte ihn sein Verlangen, schon von Anfang an als selbstndig und einheitlich zu gelten, so weit, dass er, in der Vorrede (vom September 1886) zu dem zweiten Bande der zweiten Auflage von Menschliches, Allzumenschliches (1), erklrte, alle seine frheren Schriften seien _zurckzudatiren_, sie redeten _nur_ von dem, was er zur Zeit ihrer Entstehung bereits _berwunden_, was bereits _hinter_ ihm gelegen; der Autor, der berlegen ber ihnen gestanden, habe sich in einer absichtlichen Verkleidung gezeigt. So soll die vierte Unzeitgemsse Betrachtung Richard Wagner in Bayreuth in ihrer Verherrlichung Wagners nur eine Huldigung und Dankbarkeit gegen ein Stck Vergangenheit gewesen sein, und auch die positivistischen Schriften sollen in ihrem Eingehen auf Res Anschauungen nur die nachtrgliche Darstellung eines bereits Ueberlebten geben. Auf diesen Versuch Nietzsches, den Sinn seiner Werke umzuprgen, sie gleichsam mit einer neuen Jahreszahl zu berprgen, lsst sich sein eigenes Wort anwenden (Vorrede, vom Frhling 1886, zum ersten Bande der zweiten Auflage von Menschliches, Allzumenschliches 1): Vielleicht, dass man mir in diesem Betrachte mancherlei Kunst, mancherlei feinere Falschmnzerei vorrcken knnte. Es gehrte auch dies mit zu den vielen Maskirungen dieses Einsiedlers, dass er sich endlich eine Maske zuschrieb, die er nie getragen; aber begreiflich ist es und verzeihlich, meinte er doch auch hier in seinem Herzen mit jener Maske nur _sich selbst_, d. h. den Menschen Nietzsche, im Gegenstze zu Zarathustra, als dem mystischen Ueber-Nietzsche. Der menschliche Nietzsche konnte ja dann freilich bei seiner jedesmaligen Wandlung nichts von seinem eigenen Maskencharakter wissen,--das vermochte nur der Ueber-Nietzsche, den Nietzsche hinterher von Anbeginn in sich geahnt und empfunden haben wollte. Somit wre der Ueber-Nietzsche nichts als eine mystische Interpretirung des innersten Wesens und Verlangens Nietzsches, jenes verborgenen Grundwillens, der, wie wir sahen, ihm selbst vllig unbewusst, die Theorien Anderer zurechtschnitt, um sich in ihnen schliesslich mit voller Kraft selber durchzusetzen. Im Herbst 1888, nach Vollendung des ersten Buches der _Umwerthung aller Werthe_ (des Willens zur Macht), das noch nicht verffentlicht worden ist, glaubte Nietzsche sein Werk, wenigstens vorlufig, abgeschlossen zu haben. Denn die Gtzen-Dmmerung, deren Vorrede vom 30. September 1888 datirt ist, ist augenscheinlich aus einer Stimmung des Fertiggewordenseins und des Wartens auf das Letzte heraus geschrieben worden. In bezeichnenderweise lautete ihr erster Titel Mssiggang eines Psychologen, und in dem Vorwort nennt er sie geradezu eine Erholung. Sie ist indessen ein beraus interessanter Mssiggang, weil sie eines von denjenigen Bchern Nietzsches ist, in denen er sich am ftesten selber verrth und aus dem Geheimen seiner Seele plaudert. In dieser Beziehung hnelt sie, obschon stofflich viel unbedeutender, dem Menschlichen, Allzumenschlichen und der Morgenrthe. Legt Nietzsche in dem ersten dieser beiden Werke etwas von seinem Innenleben bloss durch die Art, wie er sich mit einer pltzlichen, aber endgiltig vollzogenen Wandlung seelisch abfindet,--und lsst er uns in dem zweiten dadurch einen Blick in sein Inneres thun, dass er neu auftauchende Wnsche und Gedanken analysirt und bekmpft, bevor er sich von ihnen in seine neue Philosophie fortreissen lsst, so wird in der Gtzen-Dmmerung ein vllig verschiedener Gemthszustand zum Verrther an ihm: der nachzitternde Affekt eines ungeheuren Vollbringens, eine Erschpfung, in die sich die Erwartung des Kommenden mischt.[14] In dieser Erschtterung sehen wir ihn aus der Gtzen-Dmmerung gleichsam in die eigene Geistesdmmerung hinbergleiten. Dieselbe Stimmung kennzeichnet auch den bereits im Jahre 1885 entstandenen vierten und letzten Theil der Zarathustra-Dichtung, der aber erst 1891 allgemein zugnglich gemacht worden ist. Aus seinen Seiten klingt das Lachen des Uebermenschen, doch hier und da schon schrill und in unheimlichen Dissonanzen. Diese letzten Reden Zarathustras sind, rein persnlich betrachtet, vielleicht das Ergreifendste, das Nietzsche geschrieben, weil sie ihn als den Untergehenden zeigen, der seinen Untergang hinter einem Lachen verbirgt. Durch diesen Ausgang erst wird uns in seiner ganzen Grossartigkeit der unvershnliche Widerspruch klar, der darin lag, dass Nietzsche seine Zukunftsphilosophie mit einer frhlichen Wissenschaft einleitete, dass er sie eine frohe Botschaft nannte, dazu bestimmt, das Leben in seiner ganzen Kraft, Flle und Ewigkeit fr immer zu rechtfertigen,--und dass er als ihren hchsten Gedanken die _ewige Wiederkunft_ des Lebens aufstellte. Erst jetzt erkennen wir vllig den sieghaften Optimismus, der ber seinen letzten Werken ruht, wie das rhrende Lcheln eines Kindes, der aber als Kehrseite das Antlitz eines Helden zeigt, der seine von Grauen entstellten Zge verhllt. Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen nicht ein Anklagen? Also redest du zu dir selber, und darum willst du, oh meine Seele, lieber lcheln, als dein Leid ausschtten, singt Zarathustra (Also sprach Zarathustra III 104), und daher geht er einher als der scharlachne Prinz jedes bermuths (Dionysos-Dithyramben 7). Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelchter. (Also sprach Zarathustra IV 87.) Das Grosse ist: er wusste, dass er unterging, und doch schied er--lachenden Mundes, rosenumkrnzt--das Leben entschuldigend, rechtfertigend, verklrend--. In dionysischen Dithyramben klang sein Geistesleben aus, und was sie in ihrem Jubel bertnen sollten, war ein Schmerzensschrei. Sie sind die letzte Vergewaltigung Nietzsches durch Zarathustra. Nietzsche hat einmal das paradoxe Wort ausgesprochen: Lachen heisst: schadenfroh sein, aber mit gutem Gewissen (Frhliche Wissenschaft 200). Eine solche berlegene Schadenfreude, die des eigenen Schadens froh zu werden, ja, ihn sich selbst zuzufgen imstande ist, geht als ein heroischer Selbstwiderspruch und ein heroisches Lachen durch Nietzsches ganzes Leben und Leiden. In der gewaltigen Seelenkraft aber, durch die er sich so hoch ber sich selbst zu stellen vermochte, lag, psychologisch betrachtet, fr ihn eine innere Berechtigung, sich als mystisches Doppelwesen anzusehen, und liegt fr uns der tiefste Sinn und Werth seiner Werke. Denn auch uns tnt ein erschtternder Doppelklang aus seinem Lachen entgegen: das Gelchter eines Irrenden--und das Lcheln des Ueberwinders. [1] Vergl. hierzu die folgenden Aeusserungen Nietzsches in den Werken seiner vorhergehenden Periode: Zwischen den sorgsam erschlossenen Wahrheiten und solchen geahnten Dingen bleibt unberbrckbar die Kluft, dass jene dem Intellekt, diese dem Bedrfniss verdankt werden.-- -- -- --man hat nur den inneren Wunsch, dass es so sein mge,--also dass das Beseligende auch das Wahre sei. Dieser Wunsch verleitet uns, schlechte Grnde als gute einzukaufen (Menschliches, Allzumenschliches I 131). Sich davon _verleiten lassen_ oder nicht,--das bestimmte damals fr ihn geradezu die Rangordnung der Menschen. Was ist mir-- --Feinheit und Genie, wenn der Mensch-- --schlaffe Gefhle im Glauben und Urtheilen bei sich duldet, wenn _das Verlangen nach Gewissheit_ ihm nicht als die innerste Begierde und tiefste Noth gilt,--als Das, was die hheren Menschen von den niederen scheidet! (Die Frhliche Wissenschaft 2). Und in der Morgenrthe (497) rhmt er noch als Kennzeichen _der wahren Grsse_ des Denkers, im Gegensatz zu der temperamentvollen Genialitt, das _reine, reinmachende Auge_, das nicht aus ihrem Temperament und Charakter gewachsen scheint, sondern unbeeinflusst von diesen die Dinge widerspiegelt. Htte es nicht allezeit eine Ueberzahl von Menschen gegeben, welche die Zucht ihres Kopfes--ihre Vernnftigkeit--als ihren Stolz, ihre Verpflichtung, ihre Tugend fhlten, welche durch alles Phantasiren und Ausschweifen des Denkens beleidigt oder beschmt wurden,-- -- --: so wre die Menschheit lngst zu Grunde gegangen! Ueber ihr schwebte und schwebt fortwhrend als ihre grsste Gefahr der ausbrechende _Irrsinn_--das heisst eben das Ausbrechen des Beliebens im Empfinden, Sehen und Hren, der Genuss in der Zuchtlosigkeit des Kopfes, die Freude am Menschen-Unverstande. Nicht die Wahrheit und Gewissheit ist der Gegensatz der Welt des Irrsinnigen, sondern die Allgemeinheit und Allverbindlichkeit eines Glaubens, kurz das Nicht-Beliebige im Urtheilen. Und die grsste Arbeit der Menschen bisher war die, ber sehr viele Dinge mit einander bereinzustimmen und sich ein Gesetz der Uebereinstimmung aufzulegen-- -- -- -- --schon das langsame Tempo, welches er (der Allerweltsglaube) -- -- --verlangt,-- -- -- --macht Knstler und Dichter zu Ueberlufern:--diese ungeduldigen Geister sind es, in denen eine frmliche Lust am Irrsinn ausbricht, weil der Irrsinn ein so frhliches Tempo hat! (Die Frhliche Wissenschaft 76). Und man meint, er richte sich gegen sein eigenes spteres Selbst, wenn er den Knstlern und Frauen jene Unwissenschaftlichkeit des Geistes vorwirft, die sich von allen Hypothesen fanatisiren lasse, welche den Eindruck des Geistreichen, Hinreissenden, _Belebenden, Krftigenden_ machen. Gleich ihnen wollen die Meisten stark fortgerissen werden, um dadurch selber einen _Kraftzuwachs_ zu erlangen, nur wenige haben jenes sachliche Interesse, das von persnlichen Vortheilen, auch von dem des erwhnten Kraftzuwachses absieht. Auf jene bei Weitem berwiegende Classe wird berall dort gerechnet, wo der Denker sich als Genie benimmt und bezeichnet, also we ein hheres Wesen dreinschaut, welchem Autoritt zukommt. Insofern das Genie jener Art die Glut der Ueberzeugungen unterhlt und Misstrauen gegen den vorsichtigen und bescheidenen Sinn der Wissenschaft weckt, ist es ein Feind der Wahrheit,--wenn es sich auch noch so sehr fr deren Freier halten sollte. (Menschliches, Allzumenschliches I 635.) [2] Vergleiche dagegen in Menschliches, Allzumenschliches I 147 Nietzsches Protest gegen _die Kunst als Todtenbeschwrerin_, weil sie die Gegenwart durch die Vorstellungskreise des Vergangenen beeinflussen will. Sie flicht,-- -- --, ein Band um verschiedene Zeitalter und macht deren Geister wiederkehren. Zwar ist es nur ein Scheinleben wie ber Grbern, welches hierdurch entsteht, doch wirkt dasselbe schdlich und rckbildend. Die Todtenerwecker und Todtenbeschwrer dieser Art betrachtete Nietzsche als eitle Menschen, denn sie schtzen ein Stck Vergangenheit von dem Augenblick an hher, von dem an sie es nachzuempfinden vermgen. (Morgenrthe I 59.) Wir mssen, so meinte er, dem Gefhlsberschwang mglichst entgegenwirken, der uns in verschiedenster Art von aller vergangenen Kultur allmhlich berkommen ist; sich darin gehen lassen, kme einer Annherung an Wahnsinn und Krankheit gleich: -- -- --die ganze Last unsrer Kultur ist so gross geworden, dass eine Ueberreizung der Nerven- und Denkkrfte die allgemeine Gefahr ist, ja dass die kultivirten Klassen der europischen Lnder durchweg neurotisch sind und fast jede ihrer grsseren Familien in einem Gliede dem Irrsinn nahe gerckt ist.-- -- --dennoch macht sich eine _Verminderung_ jener Spannung des Gefhls, jener niederdrckenden Kultur-Last nthig,-- -- -- --wir mssen den Geist der Wissenschaft beschwren, welcher klter und skeptischer macht-- -- -- -- -- --. (Menschliches, Allzumenschliches I 244.) Wird dieser Forderung der hheren Kultur nicht gengt, so ist fast mit Sicherheit vorherzusagen, welchen Verlauf diemenschliche Entwicklung nehmen wird: das Interesse am Wahren hrtauf, je weniger es Lust gewhrt; die Illusion, der Irrthum, die Phantastik erkmpfen sich-- -- --ihren ehemals behaupteten Boden: der Ruin der Wissenschaften, das Zurcksinken in Barbarei ist die nchste Folge. (I 251.) [3] Siehe z. B. in Der Wanderer und sein Schatten. Die demokratischen Einrichtungen sind Quarantne-Anstalten gegen die alte Pest tyrannenhafter Gelste. (289.)--Unmglichkeit frderhin, dass die Fruchtfelder der Kultur wieder ber Nacht von wilden und sinnlosen Bergwssern zerstrt werden! Steindmme und Schutzmauern gegen Barbaren, gegen Seuchen, gegen _leibliche und geistige Verknechtung_! (275). Ferner in Menschliches, Allzumenschliches: -- --die wildesten Krfte brechen Bahn,-- -- --damit spter eine mildere Gesittung hier ihr Haus aufschlage. Die schrecklichen Energien--Das, was man das Bse nennt--sind die cyklopischen Architekten und Wegebauer der Humanitt(I 246), bis die guten, ntzlichen Triebe, die Gewohnheiten des edleren Gemthes so sicher und allgemein geworden, dass es-- -- --keiner Hrten und Gewaltsamkeiten als mchtigster Bindemittel zwischen Mensch und Mensch, Volk und Volk bedarf. (I 245.) Gerade wie spter ist fr Nietzsche der gewaltthtige Mensch ein Zurckgebliebener und Atavist, aber eben darum ein auszurottender Rest, kein Fhrer in die Zukunft. Der unangenehme Charakter, der-- -- -- --, gegen abweichende Meinungen gewaltthtig und aufbrausend ist, zeigt an, dass er einer frheren Stufe der Kultur zugehrt, also ein Ueberbleibsel ist: denn die Art, in welcher er mit den Menschen verkehrt, war die rechte und zutreffende fr die Zustnde eines Faustrecht-Zeitalters; er ist ein _zurckgebliebener_ Mensch. Ein anderer Charakter, welcher reich an Mitfreude ist, berall Freunde gewinnt, _alles Wachsende und Werdende liebevoll empfindet_,--kein Vorrecht, das Wahre allein zu erkennen, beansprucht, sondern voll eines bescheidenen Misstrauens ist,--das ist ein vorwegnehmender Mensch, welcher einer hheren Kultur der Menschen entgegenstrebt. Der unangenehme Charakter stammt aus den Zeiten, wo die rohen Fundamente des menschlichen Verkehrs erst zu bauen waren; der andere lebt auf deren _hchsten Stockwerken, mglichst entfernt von dem wilden Thier_, welches in den Kellern, unter den Fundamenten der Kultur, eingeschlossen wthet und heult. (I 614.) [4] So sagt er in Menschliches, Allzumenschliches (I 237): Die italienische Renaissance barg in sich alle die positiven Gewalten, welchen man die _moderne Kultur_ verdankt: also _Befreiung des Gedankens, Missachtung der Autoritten. Sieg der Bildung ber den Dnkel der Abkunft, Begeisterung fr die Wissenschaft_. Ebenso entgegengesetzt war seine Auffassung von Napoleons Genie und Thatendrang, wie eine Stelle desselben Werkes zeigt (I 164): -- --Es ist jedenfalls ein gefhrliches Anzeichen, wenn den Menschen jener Schauder vor sich selbst berfllt, sei es nun jener berhmte Csaren-Schauder oder der-- --Genie Schauder;-- --so dass er zu schwanken und sich fr etwas Uebermenschliches zu halten beginnt.-- -- -- -- --In einzelnen seltenen Fllen mag dieses Stck Wahnsinn wohl auch das Mittel gewesen sein, durch welches eine solche nach allen Seiten hin excessive Natur fest zusammengehalten wurde: auch im Leben der Individuen haben die Wahnvorstellungen hufig den Werth von Heilmitteln, welche an sich Gifte sind; doch zeigt sich endlich, bei jedem Genie, das an seine Gttlichkeit glaubt, das Gift in dem Grade, als das Genie alt wird: man mge sich zum Beispiel Napoleon's erinnern, dessen Wesensicherlich gerade durch seinen Glauben an sich und seinen Stern und durch die aus ihm fliessende Verachtung der Menschen zu der mchtigen Einheit zusammenwuchs, welche ihn aus allen modernen Menschen heraushebt, bis endlich aber dieser selbe Glaube in einen fast wahnsinnigen Fatalismus bergieng, ihn seines Schnell- und Scharfblickes beraubte und die Ursache seines Unterganges wurde. In der Morgenrthe (549) fhrt er den rcksichtslosen Egoismus des Thatendranges in Napoleon auf dessen epileptische Krankheitsdisposition zurck, anstatt, wie spter, auf die ausbrechende Uebergesundheit dessen, der alle Gewaltinstinkte einer vergangenen Kultur im Leibe hat. [5] Gegenber Nietzsches spterer Verachtung des jdischen Charakters lese man in der _Morgenrthe_ (205) seinen Aphorismus _Vom Volke Israel_: -- --Wohin soll auch diese Flle angesammelter grosser Eindrcke,-- -- --, diese Flle von Leidenschaften, Tugenden, Entschlssen, Entsagungen, Kmpfen, Siegen aller Art,--wohin soll sie sich ausstrmen, wenn nicht zuletzt in grosse geistige Menschen und Werkel Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene Gefsse als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europischen Vlker krzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen vermgen--,-- -- -- --dann wird jener siebente Tag wieder einmal da sein, an dem der alte Judengott sich-- -- --, seiner Schpfung und seines auserwhlten Volkes _freuen_ darf,--und wir Alle, Alle wollen uns mit ihm freun! [6] Fr diesen Zustand einer freien Auslebung der Individualitt hat Nietzsche in seiner Zarathustra-Dichtung, die man das Hohe Lied modernen Individualismus nennen knnte, die schnsten Worte gefunden. Als besonders charakteristisch knnen die nachfolgenden Aussprche gelten: Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend. Wahrlich, ein neues Gutes und Bses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!-- -- -- -- Bleibt mir der Erde treu, meine Brder, mit der Macht eurer Tugend!-- -- -- Lasst sie nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flgeln gegen ewige Wnde schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend! Fhrt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurck--ja, zurck zu Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen Menschen-Sinn!-- -- -- -- Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschpft und unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde. (I 109 f.) -- --Willst du den Weg zu dir selber suchen?-- -- -- -- -- -- --So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!-- -- -- -- Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hren und nicht, dass du einem Joche entronnen bist.-- -- -- -- Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge knden: frei wozu? Kannst du dir selber dein Bses und dein Gutes geben und deinen Willen ber dich aufhngen wie ein Gesetz?-- -- -- (I 87 f.) -- --Dass euer Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im Kinde ist: das sei mir euer Wort von Tugend! (II 21.) Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend. (II 18.) --von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse Liebe zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand ich's. (III 14.) Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so hast du sie mit Niemandem gemeinsam. So sprich und stammle: -- -- -- -- Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine Menschen-Satzung und Nothdurft:-- -- -- Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze ich ihn,--nun sitzt er bei mir auf seinen goldnen Eiern.-- -- Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie bse. Aber jetzt hast du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften. Du legtest dein hchstes Ziel diesen Leidenschaften ans Herz: da wurden sie deine Tugenden und Freudenschaften. Und ob du aus dem Geschlechte der Jhzornigen wrest oder aus dem der Wollstigen oder der Glaubens-Wthigen oder der Rachschtigen: Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine Teufel zu Engeln. (I 45 f.) [7] Musik nach Schopenhauer gefasst als das tnende Abbild des Dinges an sich. [8] Ein verwandter Gedanke klingt in der frhlichen Wissenschaft (84) an, wenn Nietzsche die Wirkung der orgiastischen Culte darin sieht, dass die Menschen besnftigt und von ihren Leidenschaften befreit wurden, indem man den Taumel und die Ausgelassenheit ihrer Affekte aufs Hchste trieb, also den Rasenden toll, den Rachschtigen rachetrunken machte:--alle orgiastischen Culte wollen die ferocia einer Gottheit auf Ein Mal entladen und zur Orgie machen, damit sie hinterher sich freier und ruhiger fhle. [9] Im Zusammenhnge dieser Gedanken lese man die Schilderung der ewigen Wiederkunft in Also sprach Zarathustra (III 9 ff.) Vom Gesicht und Rthsel. Siehe diesen Thorweg!-- -- --: der hat zwei Gesichter. Zwei Wege kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende. Diese lange Gasse zurck: die whrt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse hinaus--das ist eine andre Ewigkeit. Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den Kopf:--und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen. Der Name des Thorwegs steht oben geschrieben: Augenblick. Aber wer Einen von ihnen weiter gienge--und immer weiter und immer ferner: glaubst du,--dass diese Wege sich ewig widersprechen?-- -- -- Muss nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn kann vonallen Dingen, schon einmal geschehn, gethan, vorbergelaufen sein? Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hltst du--von diesem Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon--dagewesen sein? Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht? _Also_--sich selber noch? Denn, was laufen _kann_ von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse _hinaus_--_muss_ es einmal noch laufen!-- Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammenflsternd, von ewigen Dingen flsternd--mssen wir nicht Alle schon dagewesen sein? --und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns, in dieser langen schaurigen Gasse--mssen wir nicht ewig wiederkommen?-- Also redete ich, und immer leiser: denn ich frchtete mich vor meinen eignen Gedanken und Hintergedanken.-- -- -- Hieran schliesst die Erzhlung vom heulenden Hunde, der fr einen Menschen um Hilfe ruft. Dem Menschen, einem jungen Hirten, ist eine Schlange in den Schlund gekrochen und hat sich dort festgebissen. Meine Hand riss die Schlange und riss:--umsonst! sie riss die Schlange nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: Beiss zu! Beiss zu! Den Kopf ab! Beiss zu!--so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass, mein Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem Schrei aus mir.-- -- -- --Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange--: und sprang empor.-- Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch,--ein Verwandelter, ein Umleuchteter, welcher _lachte_! Niemals noch auf Erden lachte je ein Mensch, wie ei lachte! Oh meine Brder, ich hrte ein Lachen, das keines Menschen Lachen war,----und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer stille wird. Die Schlange der im Kreise verlaufenden ewigen Wiederkehr ist es, von der Zarathustra den Menschen erlst, indem er ihr den Kopf abbeisst: indem er das Sinnlose und Grauenhafte an ihr aufhebt und den Menschen zu ihrem Herrn macht--zum Verwandelten, Umleuchteten, lachenden Uebermenschen: So rathet mir doch das Rthsel, das ich damals schaute, so deutet mir doch das Gesicht des Einsamsten! Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn:--_was_ sah ich damals im Gleichnisse? Und wer ist, der einst noch kommen muss? Vgl. (III 96): -- --wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und mich wrgte! Aber ich biss ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir. [10] Der Zufall wollte, dass eines der vermuthlich letzten wissenschaftlichen Werke, mit denen Nietzsche sich ganz eingehend beschftigt hat, dasjenige eines Schopenhauerianers strengster Observanz ber indische Philosophie war, und dieses ihn dem Ideenkreis seiner eigenen ehemaligen Weltanschauung noch einmal nahe brachte. Es ist das vortreffliche Buch von _Paul Deussen_ _Das System des Vedanta nach den Brahma-Stra's des Bdaryana und dem Commentare des ankara ber dieselben_. (Leipzig, Brockhaus 1883), in dem der Verfasser seinen Gegenstand zwar objektiv darstellt und interpretirt, ihn aber zugleich von seinem eigenen Standpunkte aus beurtheilt. Es ist unmglich, in Nietzsches seit 1883 verfassten Schriften den Einfluss dieses Bches zu verkennen, besonders hinsichtlich der Vergttlichung des Schpfer-Philosophen und dessen Gleichsetzung mit dem hchsten, allesumfassenden Lebensprinzip, sowie hinsichtlich der Vorstellung, dass dieser das Nacheinander alles Gewordenen gewissermaassen in einem seelischen Nebeneinander in sich enthalte, in einer rumlichen anstatt einer zeitlichen Seelenwanderung. Manchmal ist man versucht, wenn man die zerstreuten Ausfhrungen Nietzsches ber einzelne Seelenzustnde in ihrer halb mystischen Bedeutung zusammenhlt, Atman und Brahman zur Erklrung an den Rand zu schreiben. [11] Nietzsche--Zarathustra. [12] Die Grber des Vergangenen, alles Gewesenen. [13] Im Gegensatz zum blossen Erforschen und gedanklichen Erkennen des Vergangenen durch die Wissenschaft, die Nichts zu erlsen vermag. [14] Unverhllter noch spiegelt sich dieser Gemthszustand in den um dieselbe Zeit (Herbst 1888) entstandenen und hinter dem vierten Theile von Also sprach Zarathustra gedruckten Dionysos Dithyramben. Besonders bezeichnend sind u. a. die nachfolgenden Verse (5 ff.): Jetzt--einsam mit dir, _zwiesam im eignen Wissen_, _zwischen hundert Spiegeln_ _vor dir selber falsch_, _zwischen hundert Erinnerungen_ _ungewiss_, an jeder Wunde md, an jedem Froste kalt, in eignen Stricken gewrgt, _Selbstkenner!_ _Selbsthenker!_ Ein Kranker nun, der an Schlangengift krank ist; ein Gefangner nun, der das hrteste Loos zog: im eignen Schachte gebckt arbeitend, _in dich selber eingehhlt_, _dich selber an grabend_, _unbehlflich_, _steif_, _ein Leichnam_--, -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Lauernd, kauernd, Einer, der schon nicht mehr aufrecht steht! _Du verwchst mir noch mit deinem Grabe_, _verwachsener Geist!_... DIE BRIEFE Erster Briefe An Lou von Salome [Leipzig, vermutlich 16. September 1882] Meine liebe Lou, Ihr Gedanke einer Reduktion der philosophischen Systeme auf Personal-Akten ihrer Urheber ist recht ein Gedanke aus dem Geschwistergehirn: ich selber habe in Basel in diesem Sinne Geschichte der alten Philosophie erzhlt und sagte gern meinen Zuhrern: Dies System ist widerlegt und tot--aber die Person dahinter ist unwiderlegbar, die Person ist gar nicht tot zu machen.--Zum Beispiel Plato. Ich lege heute einen Brief des Professor Jacob Burckhardt bei, den Sie ja einmal kennenlernen wollten. Auch er hat etwas Unwiderlegbares in seiner Persnlichkeit; aber da er ein ganzer eigentlicher Historiker ist (der Erste unter allen lebenden), so hat er gerade daran, an dieser ewig ihm einverleibten Art und Person, kein Gengen, er mchte gar zu gerne einmal aus andern Augen sehen, zum Beispiel, wie der seltsame Brief verrt, aus den meinigen. brigens glaubt er an einen baldigen und pltzlichen Tod, durch Schlagflu, nach Art seiner Familie; vielleicht mchte er mich gerne als Nachfolger in seiner Professur?-- Aber ber mein Leben ist schon verfgt.-- Inzwischen hat der Prof. Riedel hier, der Prsident des deutschen Musik-Vereins, fr meine heroische Musik (ich meine Ihr Lebens-Gebet) Feuer gefangen--er will es durchaus haben, und es ist nicht unmglich, da er es fr seinen herrlichen Chor (einen der ersten Deutschlands, der Riedelsche Verein genannt) zurecht macht. Das wre so ein kleines Weglein, auf dem wir beide zusammen zur Nachwelt gelangten--andre Wege vorbehalten.-- Was Ihre Charakteristik meiner selber betrifft, welche wahr ist, wie Sie schreiben: so fielen mir meine Verschen aus der Frhlichen Wissenschaft ein--[II, 22] mit der berschrift Bitte. Erraten Sie, meine liebe Lou, um was ich bitte?--Aber Pilatus sagt: Was ist Wahrheit!-- Gestern nachmittag war ich glcklich; der Himmel war blau, die Luft mild und rein, ich war in Rosenthal, wohin mich Carmen-Musik lockte. Da sa ich drei Stunden, trank den zweiten Cognac dieses Jahres, zur Erinnerung an den ersten (ha! wie hlich er schmeckte!) und dachte in aller Unschuld und Bosheit darber nach, ob ich nicht irgendwelche Anlage zur Verrcktheit htte. Ich sagte schlielich nein. Dann begann die Carmen-Musik, und ich ging fr eine halbe Stunde unter in Trnen und Klopfen des Herzens.--Wenn Sie aber dies lesen, werden Sie schlielich sagen: ja! und eine Note zur Charakteristik meiner selber machen.-- Kommen Sie doch recht, recht bald nach Leipzig! Warum denn erst am 2. Oktober? Adieu, Zweiter Briefe An Lou von Salome: 16-07-1882. Nun, meine liebe Freundin, bis jetzt steht Alles gut, und Sonnabend ber 8 Tage sehen wir uns wieder. Vielleicht ist mein letzter Brief an Sie nicht in Ihre Hnde gelangt? Ich schrieb ihn Sonntag vor 14 Tagen. Was Bayreuth betriff, so bin ich zufrieden damit, nicht dort sein zu mssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft in Ihrer Nhe sein knnte, dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte mir sogar die Musik zum Parsifal ertrglich sein (sonst ist sie mir nicht ertrglich.) Ich mchte, da Sie vorher noch meine kleine Schrift Richard Wagner in Bayreuth lesen; Freund Ree besitzt sie wohl. Ich habe so viel in Bezug auf diesen Mann und seine Kunst erlebt--es war eine ganze lange Passion: ich finde kein anderes Wort dafr. Die letzten geschriebenen Worte Wagner's an mich stehen in einem schnen Widmungs-Exemplare des Parsifal Meinem theuren Freunde Friedrich Nietzsche. Richard Wagner, Ober-Kirchenrath. Genau zu gleicher Zeit traf, von mir gesendet, bei ihm mein Buch Menschliches Allzumenschliches ein--und damit war Alles klar, aber auch Alles zu Ende. Ich habe viel an Sie gedacht und im Geiste so mancherlei des Erhebenden, Rhrenden und Heiteren mit Ihnen getheilt, da ich wie mit meiner verehrten Freundin verbunden gelebt habe. Wenn Sie wten, wie neu und fremdartig mir alten Einsiedler das vorkommt!--Wie oft habe ich ber mich lachen mssen! Was Bayreuth betrifft, so bin ich zufrieden damit, nicht dort sein zu mssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft in Ihrer Nhe sein knnte, dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte mir sogar die Musik zum Parsifal ertrglich sein (sonst ist sie mir nicht ertrglich.) Und wie glcklich bin ich, meine geliebte Freundin Lou, jetzt in Bezug auf uns Beide denken zu drfen Alles im Anfang und doch Alles klar! Vertrauen Sie mir! Vertrauen wir uns! Mit den herzlichsten Wnschen fr Ihre Reise Ihr Freund Nietzsche. Dritter Briefe Tautenburg bei Dornburg Thringen. 3. Juli 1882 Meine liebe Freundin, Nun ist der Himmel ber mir hell! Gestern Mittags gieng es bei mir zu wie als ob Geburtstag wre: Sie sandten Ihre Zusage, das schnste Geschenk, das mir jetzt Jemand htte machen knnen--meine Schwester sandte Kirschen, Teubner sandte die drei ersten Druckbogen der frhlichen Wissenschaft; und zu alledem war gerade der allerletzte Theil des Manuscriptes fertig geworden und damit das Werk von 6 Jahren (1876-1882), meine ganze Freigeisterei! Oh welche Jahre! Welche Qualen aller Art, welche Vereinsamungen und Lebens-berdrsse! Und gegen Alles das, gleichsam gegen _Tod und_ Leben, habe ich mir diese meine Arznei gebraut, diese meine Gedanken mit ihrem kleinen kleinen Streifen _unbewlkten Himmels_ ber sich:--oh liebe Freundin, so oft ich an das Alles denke, bin ich erschttert und gerhrt und wei nicht, wie das doch hat gelingen knnen: Selbst-Mitleid und das Gefhl des Sieges erfllen mich ganz. Denn es ist ein Sieg, und ein vollstndiger--denn sogar meine Gesundheit des Leibes ist wieder, ich wei nicht woher, zum Vorschein gekommen, und Jedermann sagt mir, ich she jnger aus als je. Der Himmel behte mich vor Thorheiten!--Aber von jetzt ab, wo Sie mich berathen werden, werde ich gut berathen sein und brauche mich nicht zu frchten.-- Was den _Winter_ betrifft, so habe ich _ernstlich_ und _ausschlielich_ an Wien gedacht: die Winterplne meiner Schwester sind ganz unabhngig von den meinigen, es giebt dabei _keine_ Nebengedanken. Der Sden Europa's ist mir jetzt aus dem Sinn gerckt. Ich will nicht mehr einsam sein und wieder lernen, Mensch zu werden. Ah, an _diesem_ Pensum habe ich fast Alles noch zu lernen!-- Nehmen Sie meinen Dank, liebe Freundin! Es wird _Alles_ gut, wie Sie es gesagt haben. Unserem Re das Herzlichste! Ganz _Ihr_ F.N. End of the Project Gutenberg EBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by Lou Andreas-Salom License: Share Alike